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Paul Clifford

by Lytton, Edward Bulwer Lytton, Baron · in German

PAUL CLIFFORD

Von Edward Bulwer-Lytton

VORWORT ZUR AUSGABE VON 1840.

Dieser Roman unterscheidet sich insofern von den anderen Romanen desselben Autors, als er sein Interesse eher aus praktischen als aus idealen Quellen zu schöpfen versucht. Unter etwa zwölf Romanen oder Erzählungen, die – wenn auch unzulänglich – eine große Vielfalt an Schauplätzen und Charakteren umfassen – von „Pelham“ bis zu den „Pilgrims of the Rhine“, von „Rienzi“ bis zu den „Last Days of Pompeii“ –, ist „Paul Clifford“ das einzige Werk, in dem ein Räuber zum Helden gemacht wurde oder in dem die eigenartigen Lebensphasen, die er veranschaulicht, in irgendeiner Weise prominent beschrieben wurden.

Ohne innezuhalten, um zu fragen, welches Reich der Sitten oder welche Art von Verbrechen und Leid der Kunst offensteht und dazu geeignet ist, den eigentlichen Zwecken der Dichtung zu dienen, mag mir die Bemerkung gestattet sein, dass das vorliegende Thema gewählt und der Roman mit einem zweifachen Ziel geschrieben wurde: Erstens, um auf zwei Fehler in unseren Strafvollzugsanstalten aufmerksam zu machen; nämlich eine verderbliche Gefängnisdisziplin und ein blutiges Strafgesetzbuch – die Gewohnheit, den Jungen gerade durch die Strafe zu verderben, die ihn eigentlich läutern sollte, und dann den Mann bei der ersten Gelegenheit aufzuhängen, als den einfachsten Weg, unsere eigenen Fehler loszuwerden. Zwischen dem Beispiel des Verbrechens, das der Anfänger von den Sträflingen im Gefängnishof lernt, und der schrecklichen Leichtfertigkeit, mit der sich der Pöbel in Newgate um den Galgen versammelt, besteht ein Zusammenhang, für den es einem Schriftsteller verziehen werden mag, wenn er die erhabeneren Regionen der Vorstellungskraft verlässt, um ihn aufzuspüren und aufzudecken. Soweit ist dieses Buch weniger ein Abbild der königlichen Landstraße als vielmehr der königliche Weg des Gesetzes zum Galgen – eine Satire auf den Schleichweg, der zwischen der Besserungsanstalt und der Todeszelle eingerichtet wurde. Ein zweites und leichteres Ziel des Romans „Paul Clifford“ (und daher die Einführung einer halb burlesken oder travestierenden Art in den früheren Kapiteln) bestand darin, zu zeigen, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen vulgären Lastern und modischen Lastern gibt und dass der Jargon des einen Kreises nur eine leichte Paraphrase der Heuchelei des anderen ist.

Die ergänzenden Essays mit dem Titel „Tomlinsoniana“, welche die Korollarien zu verschiedenen Problemen enthalten, die im Roman angedeutet werden, wurden für die vorliegende Ausgabe wieder eingefügt.

CLIFTON, 25. Juli 1840.

VORWORT ZUR AUSGABE VON 1848.

Die meisten Menschen, die mit einigem Ernst des Geistes die Geheimnisse unseres gesellschaftlichen Zustands untersuchen, werden vielleicht jene Stufe der Selbsterziehung durchlaufen, in der dieser Roman verfasst wurde. Der Kontrast zwischen konventionellen Betrügereien, die als Bestandteile des großen Systems der Zivilisation hingenommen werden, und den weniger täuschenden Eingriffen in die Gesetze, die das Mein vom Dein unterscheiden, reizt zu einer Satire, die nicht ohne ihre Berechtigung ist. Die tragischen Wahrheiten, die in dem verborgen liegen, was ich die Philosophie der Umstände nennen mag, schlagen durch unsere Philanthropie hindurch auf unsere Vorstellungskraft ein. Wir sehen Massen unserer Mitmenschen als Opfer von Umständen, über die sie keine Kontrolle hatten – im Kindesalter durch das Beispiel der Eltern kontaminiert, ihre Intelligenz entweder ausgelöscht oder gegen sie gewendet, je nachdem, ob das Gewissen in Unwissenheit erstickt oder zu Entschuldigungen für das Laster pervertiert wird. Ein Kind, das in Schande gewiegt wird, dessen Lehrmeister der Sträfling ist, dessen Akademie die Besserungsanstalt ist – das eine Atmosphäre atmet, in der die Tugend vergiftet ist und in die die Religion nicht vordringt –, wird weniger ein verantwortungsbewusster und denkender Mensch als vielmehr ein wildes Tier, das wir in der Wildnis umherstreifen lassen, bis es in der Nähe unserer Häuser schleicht und wir es zur Selbstverteidigung töten.

In dieser Hinsicht ist der Roman „Paul Clifford“ ein lauter Schrei an die Gesellschaft, die Umstände zu verbessern – das Opfer zu erlösen. Es ist ein Appell der Menschlichkeit an das Gesetz. Und darin war er, wenn er auch nicht vorgeben konnte, das Temperament der Zeit zu beeinflussen oder zu lenken, zumindest ein Vorzeichen eines kommenden Wandels. Zwischen der Literatur der Einbildungskraft und den praktischen Interessen eines Volkes besteht eine Harmonie, die ebenso vollkommen wie geheimnisvoll ist. Das Herz eines Autors ist der Spiegel seines Zeitalters. Der Schatten der Sonne wird lange bevor das Licht zum Gesetz vordringt, auf die stille Oberfläche der Literatur geworfen; aber es ist immer die Sonne, von der der Schatten ausgeht, und in dem Augenblick, in dem wir den Schatten sehen, können wir uns des Lichts sicher sein.

Seit dieses Werk geschrieben wurde, hat sich die Gesellschaft mit den Übeln beschäftigt, in denen sie damals stillschweigend verharrte. Die wahre Bewegung der letzten fünfzehn Jahre war das Voranschreiten einer Idee – die soziale Reform. Dort schreitet sie mit stetigem und lautlosem Schritt hinter jeder lauteren Frage des Verfassungswandels voran. Lasst uns unserer Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es gab Perioden glänzenderer Taten in den Schicksalen der Staaten, aber es gibt in der Geschichte keine sichtbare Zeit, in der es ein so ernstes und allgemeines Verlangen gab, die Lage der großen Masse des Volkes zu verbessern. In jedem Kreis der Gemeinschaft ist dieses heilsame Verlangen rege. Es vereint Menschen der gegensätzlichsten Parteien in einem Ziel; es bietet den attraktivsten Kern für öffentliche Versammlungen; es hat das Gesetzbuch von Blut gereinigt; es befreit die Welt vom Henker. Es beseelt die Geistlichen aller Sekten in den entlegensten Bezirken; es veranlasst den Gutsherrn dazu, Cottages zu verbessern und Parzellen zu verteilen. Schulen entstehen in jedem Dorf; in Büchern, selbst den leichtesten, färbt die Große Idee die Seite und hinterlässt die Moral. Die Regierung allein (trotz der Bekenntnisse, auf denen das gegenwärtige Ministerium gründete) bleibt vom gemeinsamen Geist der Zeit unberührt; aber in dieser Frage, mit all den Feinheiten, die sie beinhaltet, und den Experimenten, die sie erfordert – nicht etwa nach den Träumen einer wahnsinnigen Philosophie, sondern nach den unabänderlichen Gesetzen, die die Belohnungen der Arbeit ins Verhältnis zum Respekt vor dem Eigentum setzen –, muss schließlich eine Regierung gebildet werden.

In diesem Werk wird eine subtilere Frage angedeutet, aber nicht gelöst – jene Frage, die uns im großmütigen Eifer unserer frühen Jugend verwirrt –, die, so unbefriedigend wie alle Metaphysik, wir eher umgehen, als dass wir sie mit zunehmendem Alter entscheiden; nämlich: machen wir, welche Gesetze wir wollen, der Mensch, der innerhalb des Bereichs lebt, kann ebenso schlecht sein wie der, der außerhalb lebt. Vergleiche den Paul Clifford der Fiktion mit William Brandon – den gejagten Sohn mit dem geehrten Vater, den Ausgestoßenen des Gesetzes mit dem Spender des Gesetzes, den Sträfling mit dem Richter; und wenn sie sich am Ende gegenüberstehen – einer auf dem Richterstuhl, der andere auf der Anklagebank des Sträflings –, wer kann seine Hand aufs Herz legen und sagen, dass Paul Clifford ein schlechterer Mensch ist als William Brandon.

Es liegt keine Unmoral in einer Wahrheit, die diese Frage erzwingt; denn es sind genau jene Vergehen, in die die Gesellschaft nicht eingreifen kann, die die Gesellschaft von der Fiktion entlarvt haben will. Die Gesellschaft hat recht, auch wenn die Jugend zögert, es zuzugeben. Die Gesellschaft kann nur bestimmte Regeln aufstellen, die für ihre Selbstverteidigung notwendig sind – je weniger, desto besser –, die bestrafen, die eindringen, und die ungeschoren lassen, die sie respektieren. Aber die Fiktion folgt der Wahrheit in alle Festungen der Konvention; schlägt durch die Verkleidung hindurch, hebt die Maske, entblößt das Herz und hinterlässt eine Moral, wo immer sie eine Unwahrheit brandmarkt.

Aus diesem Bereich der Ideen ist der Geist des Autors vielleicht in eine Atmosphäre eingetreten, die er für die Kunst als geeigneter erachtet. Aber er kann nicht mehr bedauern, dass er sie durchschritten hat, als er bedauern kann, dass sein Herz, während er dort weilte, ebenso jung war wie seine Jahre. Mitleid mit dem Leiden, das am unmittelbarsten erscheint, Empörung über die Betrügereien, die am ehesten als Tugenden gelten, sind die natürlichen Gefühle der Jugend, wenn sie ernst ist. Später sensibler für die Vorrechte wie für die Elemente der Kunst, versucht der Autor zumindest, dorthin zu entfliehen, wo der Mensch es nicht kann, und auf die praktische Welt durch die serenere der Ideale zu blicken.

Mit der Vollendung dieses Werkes schloss eine Ära in der Selbsterziehung des Schreibers. Von „Pelham“ bis „Paul Clifford“ (vier Fiktionen, alle in sehr jungen Jahren geschrieben) beobachtet der Autor eher, als dass er imaginiert; befasst sich eher mit der gewöhnlichen Oberfläche des menschlichen Lebens, als dass er versucht, wenn auch noch so bescheiden, darüber hinaus zu steigen oder darunter zu tauchen. Von der Darstellung der Fehler der Gesellschaft in „Paul Clifford“ war es fast der natürliche Fortschritt der Reflexion, zu jenen überzugehen, die im einsamen menschlichen Herzen zum Verbrechen anschwellen – von den kühnen und offenen Übeln, die aus Unwissenheit und Beispiel entspringen, jene zu verfolgen, die in den Verstrickungen von verfeinerter Erkenntnis und spekulativem Stolz zusammengerollt liegen. Wenn ich aus dieser Entfernung der Jahre zurückblicke, kann ich so klar, als wäre es vor mir kartiert, die Pfade sehen, die über die Grenze der Erfindung von „Paul Clifford“ zu „Eugene Aram“ führten. Und, nachdem dieses letzte Werk vollbracht war, kann ich nicht weniger klar sehen, wo die ersten Strahlen einer schöneren Fantasie auf meinen Weg brachen und auf jenen idealeren Bildern ruhten, die ich mit schwacher Hand auf die „Pilgrims of the Rhine“ und die „Last Days of Pompeii“ zu übertragen suchte. Wir Autoren, wie die Kinder im Märchen, verfolgen unsere Reise durch das Labyrinth anhand der Kieselsteine, die wir entlang des Pfades streuen. Auf andere, die hinter uns wandern, mögen sie keine Beachtung finden oder, falls beachtet, ihnen nur durch die Laune des Zufalls verstreut erscheinen; aber wir, wenn unsere Erinnerung unsere Schritte zurückverfolgen will, betrachten in den bescheidenen Steinen die Zeugen unseres Fortschritts, die Wegweiser unseres Pfades.

Kenelworth, 1848.

PAUL CLIFFORD.

KAPITEL I.

Sagt, ihr von phantastischen Weh'n Bedrängten, Von manchem Nerv, der eure Ruh' vernichtet, Die ihr das weiche Bett drückt, während Sklaven Mit scheuem Blick des fernen Winkes harren, Die ihr mit trau'rigem Gebet den müden Arzt Um Nennung der namenlosen, stets neuen Krankheit fleht, Die ihr mit heuchelnder Geduld schreckliche Leiden ertragt, Die nur durch echten Schmerz, und nur durch ihn, zu heilen sind, Wie würdet ihr in echtem Schmerz zu liegen ertragen, Verachtet, vernachlässigt, allein gelassen zu sterben? Wie würdet ihr ertragen, euren letzten Atemzug zu tun, Wo alles Elende den Weg zum Tode ebnet? – Crabbe.

Es war eine dunkle und stürmische Nacht; der Regen fiel in Strömen, außer in gelegentlichen Intervallen, wenn er durch einen heftigen Windstoß aufgehalten wurde, der durch die Straßen fegte (denn es ist London, wo unser Schauplatz liegt), an den Hausdächern ratterte und die spärliche Flamme der Lampen, die gegen die Dunkelheit ankämpften, heftig aufwühlte. Durch eines der dunkelsten Viertel Londons und zwischen Orten, die bei den Herren der Polizei wenig beliebt waren, bahnte sich ein Mann, der offensichtlich den untersten Schichten angehörte, seinen einsamen Weg. Er blieb zwei- oder dreimal bei verschiedenen Läden und Häusern stehen, deren Beschreibung dem Anschein des Quartiers entsprach, in dem sie sich befanden, und erkundigte sich nach dem einen oder anderen Gegenstand, der nicht leicht zu finden zu sein schien. Alle Antworten, die er erhielt, waren negativ; und als er sich von jeder Tür abwandte, murmelte er vor sich hin, in keiner sehr eleganten Ausdrucksweise, seine Enttäuschung und Unzufriedenheit. Schließlich, bei einem Haus, fügte der Vermieter, ein stämmiger Metzger, nachdem er dieselbe Antwort gegeben hatte, die der Fragende bisher erhalten hatte, hinzu: „Aber wenn das hier auch geht, Dummie, steht es ganz zu Euren Diensten!“ Dummie hielt einen Moment nachdenklich inne und antwortete, er glaube, das angebotene Ding könne ebenso gut gehen; und als er es in seine geräumige Tasche steckte, schritt er mit so schneller Bewegung davon, wie es der Wind und der Regen erlaubten. Er kam bald zu einem Nest niedriger und schmutziger Gebäude, an deren Eingang in halb verwischten Zeichen „Thames Court“ geschrieben stand. Als er bei dem auffälligsten dieser Gebäude anhielt, einem Gasthaus oder einer Bierstube, durch deren halb geschlossene Fenster die Strahlen des gastlichen Herdes in rötlichem Komfort herausstrahlten, klopfte er hastig an die Tür. Er wurde von einer Dame im gewissen Alter eingelassen, die mit einer ansehnlichen Rundlichkeit von Gesicht und Gestalt ausgestattet war.

„Hast du es, Dummie?“ sagte sie schnell, als sie die Tür hinter dem Gast schloss.

„Noa, noa! nicht genau; aber ich denke, dass...“

„Pah, du Narr!“ rief die Frau und unterbrach ihn verdrießlich. „Ei, es hat keinen Zweck, mich zu täuschen. Du weißt, dass du nur von meiner Kneipe zu einer anderen gegangen bist, und du bist überhaupt nicht hinter dem Buch her gewesen. Da liegt nun die arme Kreatur und phantasiert und stirbt, und du...“

„Lass mich sprechen!“ unterbrach ihn Dummie seinerseits. „Ich sage dir, ich ging zuerst zu Mutter Bussblone, von der ich weiß, dass sie den jungen Damen morgens und abends die Schmöker vertickt, und ich frage dort nach einer Bibel; und sie sagt, sagt sie: 'Ich habe nur einen „Begleiter zum Galgen“, aber eine Bibel bekommst du, denke ich, bei Meister Talkins, dem Schuster, der predigt.' Also gehe ich zu Meister Talkins, und der sagt, sagt er: 'Ich habe keinen Bedarf für die Bibel – warum? Ich habe einen Bedarf ohne; aber vielleicht bekommst du sie beim Metzger gegenüber – warum? Der Metzger wird verdammt sein!' Also gehe ich zum Metzger gegenüber, und der sagt, sagt er: 'Ich habe keine Bibel, aber ich habe ein Theaterstück, das für die ganze Welt genau wie eine gebunden ist, und vielleicht merkt die arme Kreatur den Unterschied nicht.' Also nehme ich die Theaterstücke, Frau Margery, und hier sind sie gewiss! Und wie geht es der armen Judy?“

„Furchtbar! Sie wird die Nacht nicht überstehen, denke ich.“

„Gut, ich werde die Treppe hochsteigen!“

So sagend, stieg Dummie eine türlose Treppe hinauf, über deren Eingang eine Decke, die winklig von der Wand zum Schornstein gespannt war, eine Art Sichtschutz bot; und bald stand er in einem Zimmer, das der dunkle und schmerzvolle Geist von Crabbe mit Freude dargestellt hätte. Die Wände waren weiß getüncht, und an verschiedenen Stellen waren seltsame Figuren und groteske Zeichen von einem fröhlichen Insassen mit solch schwarzer Umrandung nachgezeichnet worden, wie sie das Ende eines verräucherten Stocks oder der Rand eines Stücks Holzkohle zu erzeugen pflegt. Das fahle und flackernde Licht einer Talgkerze verlieh diesen Leistungen der bildenden Kunst eine Art Düsterkeit und Bedrohlichkeit, besonders da sie mehr als einmal durch Porträts von Satan, wie er üblicherweise gezeichnet wird, ausgeschmückt wurden. Ein niedriges Feuer brannte düster im rußigen Kamin, und auf dem Herd zischte die „stille kleine Stimme“ eines eisernen Kessels. Auf einem runden Kieferntisch standen zwei Fläschchen, eine gesprungene Tasse, ein zerbrochener Löffel aus einem matten Metall, und auf zwei oder drei verstümmelten Stühlen waren verschiedene Kleidungsstücke für Frauen verstreut. Auf einem anderen Tisch, der unter einem hohen, schmalen, fensterladenlosen Fenster stand (über das anstelle eines Vorhangs eine karierte Schürze lose gehängt war, die nun in den Windstößen, die durch jede Ritze und jeden Spalt leicht eindrangen, unstet hin und her wehte), befanden sich ein Spiegel, verschiedene Toilettenartikel, eine Schachtel grobes Rouge, ein paar Ornamente von mehr Schein als Wert und eine Uhr, deren regelmäßiges und ruhiges Klicken jenes unbeschreiblich schmerzhafte Gefühl erzeugte, an das sich, wie wir fürchten, viele unserer Leser, die den Ton in einem Krankenzimmer gehört haben, leicht erinnern können. Ein großes Himmelbett stand gegenüber diesem Tisch, und der Spiegel spiegelte teilweise Vorhänge mit verblassten Streifen wider, und immer wieder (als die Position der Leidenden der rastlosen Bewegung eines verwirrten Geistes folgte) Einblicke in das Gesicht derjenigen, auf der der Tod schnell herbeieilte. Neben diesem Bett stand nun Dummie, ein kleiner, dünner Mann, bekleidet mit einem zerlumpten Plüschwams, von dem die Regentropfen langsam abtropften, und mit einer dünnen, gelben, listigen Physiognomie, die in ihren Zügen grotesk hässlich, aber im Ausdruck nicht direkt schurkisch war. Auf der anderen Seite des Bettes stand ein kleiner Junge von etwa drei Jahren, der gekleidet war, als gehöre er zu den besseren Klassen, obwohl das Gewand etwas zerlumpt und verfärbt war. Das arme Kind zitterte heftig und betrachtete offensichtlich mit einem Gefühl der Erleichterung den Eintritt von Dummie. Und nun hob sich langsam und mit vielen phthisischen Seufzern in Richtung des Fußendes des Bettes der schwere Körper der Frau, die Dummie unten angesprochen hatte und ihm, haud passibus aequis, in das Zimmer der Leidenden gefolgt war; sie stand mit einer Flasche Medizin in der Hand, schüttelte ihren Inhalt auf und ab und verbreitete mit einem gütigen, wenn auch schüchternen Mitleid ein Gesicht, das durch gewohnheitsmäßige Trankopfer gerötet war. Das machte die Szene aus – außer dass auf einem Stuhl am Bett eine Fülle langer, glänzender, goldener Locken lag, die vom Kopf der Leidenden abgeschnitten worden waren, als das Fieber begonnen hatte aufzusteigen, die sie aber mit einer Eifersucht, die die liebenswerte Kleinlichkeit eines eitlen Herzens darstellte, an sich gerissen hatte und darauf bestand, sie in ihrer Nähe zu behalten; und außer dass am Feuer, völlig unaufmerksam für das Ereignis, das sich in der Kammer abspielen sollte und dem wir zweibeinigen Wesen eine so schreckliche Bedeutung beimessen, eine große graue Katze lag, zu einer Kugel eingerollt und mit halb geschlossenen Augen dösend, deren Ohren von Zeit zu Zeit durch ein sanftes Zucken das Einwirken eines lauteren oder näheren Geräusches als gewöhnlich auf ihre lethargischen Sinne anzeigten. Die sterbende Frau achtete zunächst weder auf den Eintritt von Dummie noch der Frau am Fußende des Bettes, sondern drehte sich zum Kind um, ergriff heftig seinen Arm, zog ihn zu sich und starrte auf seine verängstigten Züge mit einem Blick, in dem Erschöpfung und eine übermäßige Blässe des Teints sogar auf schreckliche Weise durch das Glühen und die Energie des Deliriums kontrastiert wurden.

„Wenn du wie er bist“, murmelte sie, „werde ich dich erwürgen – werde ich! Ja, zittere, du solltest zittern, wenn deine Mutter dich berührt oder wenn er erwähnt wird. Du hast seine Augen, hast du! Raus mit ihnen, raus – der Teufel sitzt lachend darin! Oh, du weinst, nicht wahr, Kleiner? Nun, sei still, mein Liebling; sei ruhig! Ich würde dir kein Leid zufügen! Leid – oh Gott, er ist schließlich mein Kind!“ Und bei diesen Worten drückte sie den Jungen leidenschaftlich an ihre Brust und brach in Tränen aus.

„Komm nun, komm“, sagte Dummie besänftigend; „nimm das Zeug, Judith, und dann werden wir über den Bengel reden!“

Die Mutter lockerte ihren Griff um den Jungen, drehte sich zum Sprecher um und starrte ihn einige Momente lang mit verwirrtem Blick an; schließlich schien sie sich langsam an ihn zu erinnern, und sie sagte, während sie sich auf eine Hand stützte und die andere mit einer fragenden Geste auf ihn richtete: „Du hast das Buch gebracht?“

Dummie antwortete, indem er das Buch hochhob, das er vom ehrlichen Metzger mitgebracht hatte.

„Räum das Zimmer, dann“, sagte die Leidende mit jener für Wahnsinnige so typischen Art von Scheinbefehl. „Wir wollen allein sein!“

Dummie zwinkerte der guten Frau am Fußende des Bettes zu; und sie (obwohl sie im Allgemeinen keine Person war, die man leicht befehlen oder überzeugen konnte) verließ ohne Widerstreben das Krankenzimmer.

„Wenn sie beten will“, murmelte unsere Wirtin (denn dieses Amt bekleidete die gute Matrone), „dann kann ich mich tatsächlich ebenso gut verdrücken, denn es ist für Leute, die alt sind, nicht sehr angenehm, all das zu hören!“

Mit dieser frommen Überlegung stieg die Wirtin des „Mug“ – so hieß die Herberge – schwerfällig die knarrende Treppe hinunter. „Nun, Mann“, sagte die Leidende streng, „schwöre, dass du niemals verraten wirst – schwöre, sage ich! Und bei dem großen Gott, dessen Engel in dieser Nacht um uns sind, wenn du jemals den Eid brichst, werde ich zurückkommen und dich bis an deinen Todestag verfolgen!“

Dummies Gesicht wurde bleich, denn er war durch die Heftigkeit und die Sprache der sterbenden Frau abergläubisch beeinflusst, und er antwortete, während er die fingierte Bibel küsste, dass er schwöre, das Geheimnis zu bewahren, so weit er davon wisse, was, wie sie einsehen müsse, sagte er, sehr wenig sei. Während er sprach, fegte der Wind mit einem lauten und plötzlichen Stoß den Schornstein hinunter und schüttelte das Dach über ihnen so heftig, dass sich viele der bröckelnden Ziegel lösten, die einer nach dem anderen mit krachendem Geräusch auf das Pflaster darunter fielen. Dummie schreckte vor Schreck auf; und vielleicht stach ihn sein Gewissen wegen des Streichs, den er ihr in Bezug auf die falsche Bibel gespielt hatte. Aber die Frau, deren erregte und ungestimmte Nerven sie mit übernatürlicher Schnelligkeit von einem Thema zum anderen führten, sagte mit hysterischem Lachen: „Sieh, Dummie, sie kommen in Pracht für mich; gib mir die Haube – dort drüben – und bring mir den Spiegel!“

Dummie gehorchte; und die Frau, während sie mit leiser Stimme etwas über die unvorteilhafte Farbe der Bänder äußerte, rückte die Haube auf ihrem Kopf zurecht und sagte dann mit bedauernder und peinlicher Stimme: „Warum mussten sie mir die Haare abschneiden? So eine Entstellung!“, bat sie Dummie, Frau Margery zu bitten, noch einmal zu ihr heraufzusteigen.

Allein mit ihrem Kind gelassen, milderte sich der Gesichtsausdruck der elenden Mutter, als sie ihn betrachtete, und all die Leichtfertigkeiten und all die Heftigkeiten – wenn wir dieses Wort gebrauchen dürfen –, die im aufgewühlten Durcheinander ihres Deliriums an die Oberfläche ihres Geistes gespült worden waren, sanken nun allmählich, während der Tod sie mehr und mehr übermannte, und die Sorge einer Mutter stieg auf das natürliche Maß zurück, von dem sie abgelenkt und herabgewürdigt worden war. Sie nahm das Kind an ihre Brust und drückte es in ihre Arme, die mit jedem Augenblick schwächer wurden, und sie beruhigte es mit jener Art von Singsang, den Ammen über ihren unbändigen Säuglingen anstimmen; doch ihre Stimme war brüchig und hohl, und als sie spürte, dass dies der Fall war, füllten sich die Augen der Mutter mit Tränen. Frau Margery trat nun wieder ein; und die Sterbende wandte sich mit einer eindrucksvollen Ruhe der Art und Weise, die die Person, an die sie sich wandte, in Erstaunen versetzte und ehrfürchtig stimmte, an die Wirtin, deutete auf das Kind und sagte:

„Sie waren freundlich zu mir, sehr freundlich, und möge Gott Sie dafür segnen! Ich habe erfahren, dass diejenigen, die die Welt die Schlechtesten nennt, oft die Menschlichsten sind. Aber ich werde Ihnen nicht so danken, wie ich es tun sollte, sondern Sie um einen letzten und übergroßen Gefallen bitten. Beschützen Sie mein Kind, bis es erwachsen ist. Sie haben oft gesagt, Sie liebten ihn – Sie sind selbst kinderlos – und ein Bissen Brot und ein Obdach für die Nacht, was alles ist, worum ich Sie für ihn bitte, wird berechtigtere Anspruchsteller nicht verarmen lassen.“

Die arme Frau Margery, die hemmungslos schluchzte, schwor, sie wolle eine Mutter für das Kind sein und sie wolle sich bemühen, es anständig großzuziehen; wenngleich ein Wirtshaus, wie sie gestand, nicht der beste Ort für gute Beispiele sei.

„Nehmen Sie ihn“, rief die Mutter heiser, während ihre Stimme, da ihr die Kraft schwand, undeutlich ratterte und fast in ihr erlosch. „Nehmen Sie ihn, ziehen Sie ihn auf, wie Sie wollen, wie Sie können; jedes Beispiel, jedes Dach ist besser als –“ Hier waren die Worte unhörbar. „Und ach, möge es ein Fluch sein und ein – Geben Sie mir die Medizin; ich sterbe.“

Die Wirtin, alarmiert, beeilte sich, dem nachzukommen; doch bevor sie an das Bett zurückkehrte, war die Leidende besinnungslos – und sie erlangte weder Sprache noch Bewegung wieder. Nur ein leises und seltenes Stöhnen zeugte noch von fortbestehendem Leben, und innerhalb von zwei Stunden verstummte auch das, und der Geist war dahin. Zu jener Zeit war unsere gute Wirtin selbst jenseits der Dinge dieser äußeren Welt, nachdem sie ihren Geist während der Nachtwachen mit so vielen kleinen flüssigen Anregungsmitteln gestützt hatte, dass sie schließlich in jene Betäubung sanken, die gewöhnlich auf Erregung folgt. Vielleicht die Gelegenheit nutzend, die ihm die Bewusstlosigkeit der Wirtin bot, öffnete Dummie beim verlöschenden Schein der Kerze, die in der Sterbekammer brannte, hastig eine riesige Kiste (die gewöhnlich unter dem Bett verborgen war und die Garderobe der Verstorbenen enthielt) und wühlte mit respektloser Hand durch die Leinen und Seiden, bis er ganz unten im Koffer einige Briefbündel entdeckte; diese ergriff er und vergrub sie in den Taschen seiner Kleidung. Dann erhob er sich, schob die Kiste wieder an ihren Platz und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Uhr auf dem Frisiertisch, die aus Gold war; doch er wandte seinen Blick ab und bemerkte mit einem nörgelnden Seufzer bei sich selbst: „Die alte Blowen kennt sich damit aus, verflucht soll sie sein! Aber wie dem auch sei, das hier nehme ich mit: Wer weiß, ob es von Nutzen sein kann. Was heute Tannies ist, kann morgen schon smash sein!“ [Das heißt, was jetzt wertlos ist, kann später kostbar sein.] Und er legte seine grobe Hand auf die goldenen und seidigen Locken, die wir beschrieben haben. „Es ist eine vertrackte Sache und rätselhaft für mich; aber Mund halten ist die Devise für meinen eigenen kleinen colquarren [Hals].“

Mit diesem kurzen Selbstgespräch stieg Dummie die Treppe hinunter und ließ sich aus dem Haus.

KAPITEL II.

Die Phantasie beugt sich gerne nieder, um nachzuspüren Den Prachtentfaltungen jener festlichen Stätte. The Deserted Village.

Es gibt wenig, das in der Erzählung früher Kindheit von Interesse wäre, es sei denn natürlich, man schriebe über Erziehung. Wir werden daher nicht bei der Kindheit des mutterlosen Jungen verweilen, der dem Schutz von Frau Margery Lobkins oder, wie sie manchmal vertraut genannt wurde, Peggy oder Piggy Lob überlassen blieb. Die gute Dame, die ein mehr als ausreichendes Einkommen aus den Gewinnen eines Hauses bezog, das, wenn auch in einer obskuren Gegend gelegen, einen sehr allgemeinen und lukrativen Ruf genoss, und da sie eine einsame Witwe ohne Anhang oder Verwandtschaft war, hatte sie keine Versuchung, ihr Wort gegenüber der Verstorbenen zu brechen, und sie ließ den Waisen an Stärke und Verständnis wachsen bis zum Alter von zwölf Jahren – ein Zeitraum, zu dem wir ihn nun unseren Lesern wieder vorstellen werden.

Der Junge bewies große Härte des Gemüts und eine nicht unbeträchtliche Schnelligkeit des Verstandes. Was auch immer er versuchte, sein Erfolg war schnell, und eine bemerkenswerte Stärke der Glieder und Muskeln unterstützte gut die Gebote eines Ehrgeizes, der sich, man muss es gestehen, eher der körperlichen als der geistigen Anstrengung zuwandte. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass sein Jungenleben in ungebrochener Ruhe verlief. Obwohl Frau Lobkins im Großen und Ganzen eine gute Frau war und sehr an ihrem Schützling hing, war sie von gewalttätigem und grobem Temperament oder, wie sie es selbst schmeichelhafter ausdrückte, „ihre Gefühle waren unkimmonly stark“; und abwechselndes Streiten und Versöhnen bildeten die Hauptbeschäftigungen des häuslichen Lebens des Schützlings. Da er, bevor er das Mündel von Frau Lobkins wurde, nie eine andere Bezeichnung als „das Kind“ erhalten hatte, fiel die Pflicht, ihn zu taufen, unserer Wirtin vom Mug zu; und nach einigem Überlegen segnete sie ihn mit dem Namen Paul. Es war ein Name von glücklicher Vorbedeutung, denn er hatte dem Großvater von Frau Lobkins gehört, der dreimal deportiert und zweimal gehängt worden war (beim ersten Vorkommnis der letzteren Art war er von den Chirurgen wiederbelebt worden, sehr zum Ärger eines jungen Anatomen, der die Ehre gehabt hätte, ihn zu zerlegen). Der Junge schien nicht dazu anzutun, die vornehme Bezeichnung, die er trug, zu verdienen, denn er zeigte keine bemerkenswerte Veranlagung für das Eigentum anderer Leute. Ja, obwohl er manchmal die Taschen eines zufälligen Besuchers im Kaffeeraum von Frau Lobkins leerte, schien dies ein Akt zu sein, der eher aus einer Lust am Scherz als aus einem Wunsch nach Profit entsprang; denn nachdem die bestohlene Person ausreichend durch den Verlust etwa solch nützlicher Dinge wie einer Tabaksdose oder eines Taschentuchs gequält worden war; nachdem sie, zur geheimen Freude von Paul, jede Ecke des Zimmers durchsucht, gestampft, sich geärgert und sich durch ihre Gereiztheit den bitteren Vorwürfen von Frau Lobkins ausgesetzt hatte, pflegte unser junger Freund es still und plötzlich so einzurichten, dass der vermisste Gegenstand von selbst in die Tasche zurückkehrte, aus der er verschwunden war. Und so, wie unsere Leser zweifellos schon erfahren haben, wenn sie den Frieden eines ganzen Haushalts wegen des Verlusts irgendeines tragbaren Schatzes gestört haben, den sie später selbst wiederzufinden entdeckten, verfluchte das unglückliche Opfer von Pauls ehrlicher Findigkeit, der sich von einem Ankläger zu einem Überführten wandelte, insgeheim das unglückselige Los, das ihn nicht nur mit dem Verlust seines Eigentums quälte, sondern es auch noch ärgerlicher machte, es wiederzubekommen.

Ob es nun daran lag, dass Frau Lobkins bei der Entdeckung dieser Streiche für die künftige Richtung der Geschicklichkeit, die sie zeigten, zitterte, oder ob sie meinte, die Torheit des Stehlens ohne Gewinn erfordere eine schnelle und dauerhafte Korrektur, können wir nicht entscheiden; aber die gute Dame wurde schließlich äußerst besorgt, Paul die Segnungen einer liberalen Bildung zu sichern. Den Schlüssel zum Wissen (die Kunst des Lesens) hatte sie ihm zwar schon zwei Jahre vor dem heutigen Datum verschafft; aber das befriedigte ihr Gewissen bei weitem nicht – ja, sie fühlte, wenn sie ihm nicht auch die Diskretion verschaffen könnte, ihn zu benutzen, wäre es klug gewesen, sogar einen Schlüssel zurückzuhalten, den der Junge hartnäckig auf alle Schlösser außer den richtigen anzuwenden schien. Mit einem Wort, sie wünschte, dass er eine Bildung erhielte, die weit über derjenigen derer lag, die er um sich herum sah; und wie die meisten unwissenden Personen den Gelehrsamkeiten zu große Vorteile zuschrieb, glaubte sie, dass es, um so anständig wie der Pfarrer der Gemeinde zu leben, nur nötig sei, so viel Latein zu können.

Besonders an einem Abend, als die Dame an ihrem fröhlichen Feuer saß, war diese Quelle der Sorge in ihrem Geist ungewöhnlich aktiv, und immer wieder richtete sie unruhige und rastlose Blicke auf Paul, der auf einer Bank in der gegenüberliegenden Ecke des Kamins saß und fleißig damit beschäftigt war, das Leben und die Abenteuer des berühmten Richard Turpin zu lesen. Die Bank, auf der der Junge saß, war bis zu einer glasigen Glätte abgenutzt, ausgenommen an einigen Stellen, wo irgendein erfinderischer Müßiggänger sich damit vergnügt hatte, verschiedene Namen, Beinamen und epigrammatische Feinheiten der Sprache einzuschnitzen. Es wird gesagt, dass das Organ des Schnitzens auf Holz bei allen englischen Schädeln prominent ausgeprägt ist; und der kluge Herr Combe hat dieses Organ am Hinterkopf platziert, in Nebeneinanderstellung zu dem der Zerstörungswut, das bei unseren Landsleuten ebenso groß ist, wie sich deutlich an allen Geländern, Sitzen, Tempeln und anderen Dingen zeigt, die anderen Leuten gehören.

Gegenüber dem Kamin stand ein großer Kieferntisch, an dem Dummie, genannt Dunnaker, in der Nähe der Dame sitzend, ruhig über einem Glas Hollands und Wasser nachdachte. Weiter entfernt, an einem anderen Tisch in der Ecke des Raumes, rauchte ein Herr mit einer roten Perücke, sehr rostigen Kleidungsstücken und Leinen, das aussah, als sei es in Safran gekocht worden, seine Pfeife, abseits, schweigend und scheinbar in Meditation versunken. Dieser Herr war kein anderer als Herr Peter MacGrawler, der Herausgeber einer großartigen Zeitschrift mit dem Titel „The Asinaeum“, die geschrieben wurde, um zu beweisen, dass alles, was populär ist, notwendigerweise schlecht sei – eine wertvolle und tiefgründige Wahrheit, die „The Asinaeum“ zufriedenstellend demonstriert hatte, indem es drei Drucker ruinierte und einen Verleger demolierte. Wir müssen nicht hinzufügen, dass Herr MacGrawler Schotte von Geburt war, da wir glauben, dass es ziemlich gut bekannt ist, dass alle Zeitschriften dieses Landes seit undenklichen Zeiten von den Herren aus dem Land der Kuchen monopolisiert wurden. Wir wissen nicht, wie es Mode ist, besagte Kuchen in Schottland zu essen, aber hier scheinen die guten Auswanderer sie sorgfältig auf beiden Seiten gebuttert zu mögen. Neben dem Herausgeber stand ein großer Zinnkrug; über ihm hing ein Stich des „wunderbar fetten Ebers, der früher im Besitz von Herrn Fattem, Viehhändler, war“. Zu seiner Linken erhob sich die schmutzige Form einer dünnen, aufrechten Uhr in einem Eichengehäuse; jenseits der Uhr waren ein Bratspieß und eine Muskete parallel an der Wand befestigt. Unter diesen Zwillingssymbolen von Krieg und Kochkunst befanden sich vier Regale, die Teller aus Zinn und Delfter Keramik enthielten und zentaurenhaft in einer Art Anrichte endeten. Auf der anderen Seite dieser häuslichen Annehmlichkeiten befand sich ein Bild von Frau Lobkins in einem scharlachroten Oberteil und einem Hut mit Federbusch. Hinter der schönen Wirtin erstreckte sich die Decke, die wir bereits erwähnt haben. Als eine Auflockerung der monotonen Oberfläche dieses einfachen Sichtschutzes waren verschiedene Balladen und gelehrte Legenden an die Decke gesteckt. Dort konnte man in Versen, pathetisch und ungeschmückt, lesen, wie –

„Sally liebte einen Seemannsjungen, Der mit dem berühmten Shovel kämpfte!“

Dort konnte man lernen, falls man sich zweier solch lehrreicher Tatsachen zuvor nicht bewusst war, dass –

„Ben der Zecher liebte seine Flasche – Charley liebte nur die Mädchen!“

Wenn man von diesen und verschiedenen anderen poetischen Ergüssen etwas ermüdet war, boten einem die literarischen Fragmente in bescheidenerer Prosa gleiche Erbauung und Freude. Dort konnte man sich über die „Seltsamen und wunderbaren Nachrichten aus Kensington, einer vollkommenen und wahren Beziehung, wie ein dortiges Dienstmädchen am Mittwoch, dem 15. April zuletzt, gegen Mitternacht von einem bösen Geist entführt worden sein soll“ vollständig aufklären. Dort auch, nicht weniger interessant und nicht weniger wahrheitsgetreu, war jene ungewöhnliche Anekdote über den Anführer vieler thronender Mächte mit dem Titel „Der Teufel von Mascon; oder die wahre Beziehung der Hauptdinge, die ein unreiner Geist in Mascon, in Burgund, im Hause eines gewissen Herrn Francis Pereaud tat und sagte: nun ins Englische übersetzt von jemandem, der eine besondere Kenntnis der Wahrheit der Geschichte hat.“

Auch diese Materialien für satanische Geschichte waren nicht die einzigen prosaischen und getreuen Chroniken, die die bibliothekarische Decke bot. Ebenso wunderbar und ebenso unbestreitbar war der Bericht über „eine junge Dame, die Tochter eines Herzogs, mit drei Beinen und dem Gesicht eines Stachelschweins“. Nicht minder das „Ehrfurchtgebietende Urteil Gottes über Flucher, wie es am Beispiel von John Stiles veranschaulicht wurde, der nach einem großen Fluch tot umfiel; und als man den unglücklichen Mann entkleidete, fand man ‚Flucht nicht überhaupt‘ auf dem Saum seines Hemdes geschrieben!“

Zweimal hatte Frau Lobkins einen langen Seufzer ausgestoßen, als ihre Augen von Paul zum ruhigen Antlitz von Dummie Dunnaker wanderten, und nun, als sie sich wieder in ihrem Stuhl zurechtsetzte, während sich eine mütterliche Sorge über ihr Gesicht legte –

„Paul, mein ben cull“, sagte sie, „was für ein Kauderwelsch hast du da?“

„Turpin, der große Straßenräuber!“, antwortete der junge Student, ohne die Augen von der Seite zu heben, durch die er sich mühsam seinen lehrreichen Weg bahnte.

„Oh! Er ist ein Span vom richtigen Holz, Dame!“, sagte Herr Dunnaker, als er seine Pfeife an ein beleuchtetes Stück Papier hielt. „Er wird noch auf einem Pferd reiten, das von einem Eichelfohlen abstammt, das garantiere ich!“

Auf diese Prophezeiung antwortete die Dame nur mit einem Blick der Entrüstung; und während sie sich in ihrem riesigen Stuhl hin und her wiegte, verharrte sie einige Momente in stillem Nachdenken. Schließlich blickte sie wieder wehmütig auf den hoffnungsvollen Jungen, rief ihn an ihre Seite und teilte ihm mit deprimiertem Flüstern einen Auftrag mit. Paul verschwand, als er ihn erhielt, hinter der Decke und kehrte alsbald mit einer Flasche und einem Weinglas zurück. Mit einer geistesabwesenden Geste und einer Miene, die anhaltendes Nachdenken verriet, nahm die gute Dame das inspirierende Stärkungsmittel aus der Hand ihres jugendlichen Mundschenks –

„Und ehe ein Mensch die Kraft hatte zu sagen: ‚Seht!‘ Hatten die Kiefer von Lobkins es verschlungen: So schnell kommen helle Dinge in Verwirrung!“

Das nektargleiche Getränk schien auf das System der Matrone heiter zu wirken; und während sie ihre Hand auf den lockigen Kopf des Jungen legte, sagte sie (wie Andromache, dakruon gelasasa, oder, wie Scott es ausdrückt, „Mit einem Lächeln auf der Wange, aber einer Träne im Auge“): –

„Paul, dein Herz ist gut, dein Herz ist gut; du hast keinen Tropfen vom Tape verschüttet! Sag mir, mein Schatz, warum hast du Tom Tobyson geleckt?“

„Weil“, antwortete Paul, „er sagte, dass du schon vor langer Zeit hättest gehängt werden sollen.“

„Tom Tobyson ist ein Nichtsnutz“, erwiderte die Dame, „und verdient es, den tumbler zu schieben [Am Wagenende ausgepeitscht zu werden]; aber ach, mein Kind, sei nicht zu waghalsig darin, dich für eine blowen einzusetzen – das ist schon manchem Mann vor dir zum Verderben geworden; und wenn zwei Männer anfangen, sich wegen eines Weibes zu streiten, wissen sie nicht, worum sie sich streiten. Denk an dein Ende, Paul, und ehre die Alten, ohne zu fragen, was sie gewesen sind, bevor sie in das Tal der Jahre eingingen. Du kannst mir meine Pfeife holen, Paul – sie ist oben, unter dem Kissen.“

Während Paul diesen Auftrag ausführte, fixierte die Dame vom Mug ihre Augen auf Herrn Dunnaker und sagte: „Dummie, Dummie, wenn der kleine Paul noch gehängt werden sollte!“

„Wisch!“, murmelte Dummie und blickte über seine Schulter zu MacGrawler; „vielleicht dieser Herr –“ Hier wurde seine Stimme selbst für Frau Lobkins kaum noch hörbar; aber sein Flüstern schien eine Andeutung zu enthalten, dass der illustre Herausgeber von „The Asinaeum“ entweder ein Informant oder einer jener Helden sein könnte, von denen ein Informant lebt.

Die Antwort von Frau Lobkins, im gleichen Tonfall vorgetragen, schien Dunnaker zufrieden zu stellen, denn mit einem Blick großer Verachtung warf er den Kopf in den Nacken und sagte: „Oho! Das ist alles, ist es!“

Paul erschien hier wieder mit der Pfeife; und die Dame, nachdem sie das Röhrchen gefüllt hatte, lehnte sich vor und zündete das Virginische Kraut am Bläser von Herrn Dunnaker an. Als sich in dieser interessanten Beschäftigung die Köpfe der Wirtin und des Gastes einander näherten und das glühende Licht heiter auf das Antlitz beider spielte, lag in dem Bild eine ehrliche Einfachheit, die das rassige und kraftvolle Genie eines Cruikshank verdient hätte. Sobald der prometheische Funke vollständig auf das Röhrchen der Dame übergegangen war, wiederholte Frau Lobkins, die immer noch von der düsteren Vorstellung besessen war, die sie heraufbeschworen hatte: –

„Ach, Dummie, wenn der kleine Paul gehängt werden sollte!“

Dummie zog die Pfeife aus dem Mund, stieß einen sympathisierenden Puff aus, blieb aber stumm; und Frau Lobkins, die sich an Paul wandte, der bei diesem Unheil verkündenden Ausruf mit offenem Mund und aufgestellten Ohren dastand, sagte: –

„Glaubst du, Paul, sie hätten das Herz, dich zu hängen?“

„Ich glaube, sie hätten das Seil, Dame!“, erwiderte der Jüngling.

„Aber du brauchst ja nicht deinen Hals in die Schlinge zu stecken!“, sagte die Matrone; und dann, inspiriert vom Geist des Moralisierens, drehte sie sich zu dem Jüngling um, blickte auf seine aufmerksame Miene und wandte sich mit den folgenden Ermahnungen an ihn: –

„Denk an deinen Katechismus, Kind, und ehre das Alter. Stiehl niemals, besonders wenn jemand in der Nähe ist. Mach niemals gemeinsame Sache mit denen, die älter sind als du – warum? Je älter ein Kerl ist, desto mehr kümmert er sich um sich selbst und desto weniger um seinen Partner. Mit zwanzig betrügen wir die Öffentlichkeit; mit vierzig betrügen wir unsere Kumpane! Sei bescheiden, Paul, und bleib bei deiner Situation im Leben. Geh nicht mit feinen Tobymen, die wie eine Kerze abbrennen, die einen Dieb in sich hat – alles Flackern und in einem Hauch weg! Überlass den Schnaps den Alten, die ohne ihn nicht auskommen können. Tape erweist sich oft als Galgenstrick, und es gibt kein Verderben wie den blauen Ruin! Lies deine Bibel und sprich wie ein Frommer. Die Leute richten sich mehr nach deinen Worten als nach deinen Taten. Wenn du willst, was nicht dein Eigen ist, versuche ohne es auszukommen; und wenn du nicht ohne es auskommen kannst, nimm es durch Einschmeichelei, nicht durch Gepolter. Die, die schwindeln, tun mehr und riskieren weniger als die, die rauben; und wenn du meisterhaft betrügst, kannst du über den Galgen lachen. Und jetzt geh spielen.“

Paul griff nach seinem Hut, zögerte aber; und die Dame, die die Bedeutung der Pause erriet, holte die Summe von fünf Halbpennys und einem Farthing hervor und legte sie in die Hand des Jungen.

„Da, Junge“, sagte sie, und sie streichelte ihm liebevoll den Kopf, als sie sprach, „du hast recht, nicht umsonst zu spielen – es ist Zeitverschwendung; aber spiel mit denen, die kleiner sind als du, und dann kannst du sie schlagen, wenn sie sagen, dass du schummelst!“

Paul verschwand; und die Dame, die ihre Hand auf Dummies Schulter legte, sagte: –

„Es gibt nichts wie einen Freund in der Not, Dummie; und irgendwie denke ich, dass du mehr über die Herkunft dieses Jungen weißt als jeder von uns!“

„Ich, Dame!“, rief Dummie mit einem weiten Blick des Erstaunens aus.

„Ach, du! Du weißt, dass die Mutter kurz bevor sie starb mehr von dir sah als von jedem von uns. Na, nun, na, nun! Erzähl uns alles über ihn. Denkst du, sie hat ihn gestohlen?“

„Lauk, Mutter Margery, glaubst du, ich weiß das? Was bringt dich auf so einen Spleen?“

„Nun!“, sagte die Dame mit einem enttäuschten Seufzer, „ich dachte immer, du wüsstest mehr darüber, als du zugibst. Ach Gott, ach Gott, ich werde niemals die Nacht vergessen, als Judith das arme Geschöpf hierher brachte – du weißt, sie war schon einige Monate in meinem Haus, bevor ich den Bengel je sah; und als sie ihn brachte, sah sie so blass und geisterhaft aus, dass ich nicht das Herz hatte, ein Wort zu sagen, also starrte ich auf das Balg, und es streckte mir seine winzigen kleinen Hände entgegen. Und die Mutter runzelte die Stirn darüber und warf es mir in den Schoß.“

„Ach! Sie war eine schreckliche Frau, die da!“, sagte Dummie und schüttelte den Kopf. „Aber wie dem auch sei, der Bengel geriet in gute Hände; denn ich bin sicher, du warst eine bessere Mutter für ihn als die echte!“

„Ich war schon immer eine Närrin, was Kinder angeht“, erwiderte Frau Lobkins; „und ich denke, dass der kleine Paul gesandt wurde, um ein Trost für meinen Lebensabend zu sein! Füll das Glas, Dummie.“

„Ich habe gehört, dass Judith einst die Geliebte eines großen Lords war!“, sagte Dummie.

„Gut möglich!“, erwiderte Frau Lobkins – „gut möglich! Sie war schon immer eine Favoritin von mir, denn sie hatte einen Geist, so groß wie mein eigener; und sie zahlte ihre Miete wie ein anständiger Mensch, obwohl sie nicht bei Verstand war, oder so ähnlich.“

„Ja, ich weiß wohl, dass du sie mochtest – und warum? Es ist nicht deine Art, ein Zimmer an ein Weibsbild zu vermieten! Du sagst immer, das sei nicht anständig, und du hast es nur gern, wenn Männer den Mug besuchen!“

„Und ich mag auch nicht jeden, der hier hereinkommt!“, antwortete die Dame – „besonders nicht um Pauls willen; aber was kann eine alleinstehende Frau schon tun? Es kommen viele edle Straßenräuber hierher, deren Geld so gut ist wie das des Kirchspielsbeamten. Und wenn ich einen Schilling in der Hand halte, was schert es mich, in wessen Hand er vorher war?“

„Das nenne ich vernünftig und praktisch“, sagte Dummie anerkennend. „Und überhaupt, obwohl du so eine Mischung hast, kenne ich keine Schänke, in der ein Kerl besser unterhalten wird oder man an einem Sonntag illustreres Publikum antrifft als im Mug!“

Hier erhielt das Gespräch, das, wie der Leser wissen muss, in einer für Dritte unhörbaren Tonlage geführt worden war, einen Dämpfer durch Herrn Peter MacGrawler, der, nachdem er seine Träumerei und seinen Humpen beendet hatte, nun aufstand, um zu gehen. Zuvor jedoch trat er an Frau Lobkins heran, bemerkte, dass er seit einigen Tagen auf Kredit gelebt habe, und verlangte den Betrag seiner Rechnung. Die Dame warf einen Blick auf gewisse Kreidehieroglyphen an der Wand auf der anderen Seite des Kamins und antwortete, dass Herr MacGrawler ihr die Summe von einem Schilling und neun Pence und drei Farthings schulde.

Nach kurzem vorbereitendem Suchen in seinen Westentaschen jagte der Kritiker eine einsame halbe Krone in eine Ecke, und nachdem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger gefangen hatte, gab er sie Frau Lobkins und bat um Wechselgeld.

Sobald die Matrone fühlte, wie ihre Hand mit dem gesalbt wurde, was von einem genialen Johnson aus St. Giles als „das Öl der Palmen“ bezeichnet wurde, erweichte ihr Antlitz zu einem zufriedenen Lächeln; und als sie Herrn MacGrawler das Wechselgeld aushändigte, äußerte sie gnädig die Hoffnung, er möge den Mug der Öffentlichkeit weiterempfehlen.

„Darauf kannst du dich verlassen“, sagte der Herausgeber des „Asinaeum“. „Es gibt keinen Ort, an dem ich mich so sehr zu Hause fühle.“

Damit knöpfte der gelehrte Schotte seinen Rock zu und ging seines Weges.

„Wie boshaft die Welt doch ist!“, sagte Frau Lobkins nach einer Pause, „besonders wenn eine Frau eine Art vornehmes Wirtshaus führt! Als Judith starb, sagte Joe, der Hundefleischhändler, es sei mein Glück, und dass sie mir einen Schatz hinterlassen habe, um den Bengel großzuziehen. Man sollte meinen, ein solcher Schlag mache einen Mann reicher – warum nur? Jeder schlägt doch zu! Ich bekam nichts weiter als eine Uhr und zehn Guineen, als Judy starb, und das bezahlte kaum das Begräbnis.“

„Du vergisst die zwei Pfund, die ich dir für die Kiste mit Lumpen gab – was für einen Schatz ich da gefunden habe!“, sagte Dummie mit schmeichlerischer Spitzbübigkeit.

„Ja“, rief die Dame lachend, „ich glaube, du warst mit dem Handel nicht zufrieden. Ich dachte, du wärst ein zu alter Lumpenhändler, um so freigiebig mit dem Geld zu sein; wie dem auch sei, ich nehme an, es war der Flitterrock, der dich reingelegt hat!“

„So wie er schon manch einen klügeren Mann reingelegt hat als einen wie mich“, erwiderte Dummie, der zu seinen verschiedenen geheimen Berufen den offensichtlichen eines Lumpenhändlers und Händlers für zerbrochenes Glas hinzurechnete.

Die Erinnerung an ihr gutes Geschäft mit der Kiste voll Lumpen öffnete das Herz unserer Wirtin.

„Trink, Dummie“, sagte sie gutmütig – „trink; ich verschmähe es, einem Freund den Fusel anzurechnen.“

Dummie drückte seine Dankbarkeit aus, füllte sein Glas wieder auf, und die gastfreundliche Matrone, die die sterbende Asche aus ihrer Pfeife klopfte, fuhr fort:

„Du siehst, Dummie, obwohl ich den Jungen oft schlage, liebe ich ihn, als wäre ich seine leibliche Mutter – ich will ihn zu einer Ehre für sein Land machen und zu einer Ausnahme in meiner Familie!“

„Die alle ihre Zähne in der Anatomie von Surgeons' Hall bleckten!“, fügte der metaphorische Dummie hinzu.

„Wahr!“, sagte die Dame; „sie starben anständig, und ich schäme mich ihrer nicht. Aber ich schulde Pauls Mutter eine Pflicht, und ich möchte, dass Paul ein langes Leben hat. Ich würde ihn zur Schule schicken, aber du weißt ja, wie Jungen einander nur verderben. Und deshalb möchte ich einen anständigen Mann als Lehrer finden, um den Jungen Latein und Tugend zu lehren!“

„Meine Güte!“, rief Dummie, entsetzt über die Größe dieses Wunsches.

„Der Junge ist schlau genug und liebt das Lesen“, fuhr die Dame fort; „aber ich glaube nicht, dass ihn die Bücher, die er in die Finger bekommt, lehren werden, wie man alt wird.“

„Und wie kommt er überhaupt dazu, zu lesen?“

„Ranting Rob, der fahrende Schauspieler, hat ihm seine Buchstaben beigebracht und gesagt, er hätte eine Menge Genie.“

„Und warum sollte Ranting Rob dem Jungen nicht Latein und Tugend beibringen?“

„Weil Ranting Rob, der arme Kerl, wegen eines Einbruchs deportiert wurde!“, antwortete die Dame niedergeschlagen.

Es folgte ein langes Schweigen; es wurde von Herrn Dummie gebrochen. Mit der gestikulierenden Heftigkeit eines Ugo Foscolo auf den Schenkel schlagend, rief dieser Herr:

„Ich hab’s – ich habe an einen Lehrer für den kleinen Paul gedacht!“

„Wer ist das? Du erschrickst mich sehr; du hast kein Mitleid mit meinen Nerven“, sagte die Dame mürrisch.

„Nun, es ist der Herr, der schreibt“, sagte Dummie und legte den Finger an die Nase – „der Herr, der dich so großzügig bezahlt hat!“

„Was! Der schottische Herr?“

„Genau der!“, gab Dummie zurück.

Die Dame drehte sich in ihrem Stuhl um und füllte ihre Pfeife wieder. Es war an ihrem Gebaren erkennbar, dass Herrn Dunnakers Vorschlag Eindruck auf sie gemacht hatte. Aber sie erkannte zwei Zweifel bezüglich seiner Durchführbarkeit: erstens, ob der vorgeschlagene Herr der Aufgabe gewachsen wäre; zweitens, ob er gewillt wäre, sie zu übernehmen.

Mitten in ihren Überlegungen zu dieser Angelegenheit wurde die Dame durch das Eintreten einiger Leute unterbrochen, die Anspruch auf ihre Gastfreundschaft erhoben; und da Dummie kurz darauf ging, blieb die Ungewissheit in Frau Lobkins Gemüt bezüglich der Ausbildung des kleinen Pauls den ganzen Tag und die ganze Nacht völlig ungelöst.

Am nächsten Morgen, als die Sonne durch das trübe Fenster des Mug fiel und den Staub auf den vergilbten Regalen in ein unnatürliches Licht rückte, fasste die gute Frau Lobkins einen Entschluss. Sie war eine Frau von Tatkraft, wenn sie sich erst einmal für einen Weg entschieden hatte, und die Vorstellung, Paul zu einem gelehrten Gentleman zu machen, der eines Tages die Last des Geschäfts tragen könnte, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen, hatte etwas Bestechendes. Sie rief den Jungen zu sich, der gerade mit einem zerfledderten Roman in der Ecke saß, und betrachtete ihn mit einer Mischung aus mütterlicher Zuneigung und berechnender Strenge.

„Paul“, sagte sie und rückte ihre Schürze zurecht, „du bist kein Kind mehr, und die Zeit ist gekommen, dass du deinen Verstand gebrauchst, anstatt ihn in diesen schundigen Büchern zu begraben. Ich habe mich mit dem gelehrten Herrn MacGrawler beraten. Es ist beschlossen: Du wirst in die Lehre gehen. Nicht bei einem Handwerker, der nur seine Fingerfertigkeit schult, sondern bei jemandem, der dir beibringen kann, wie man mit den Großen dieser Welt verkehrt.“

Paul sah auf, die Augen geweitet vor Überraschung. „Bei Herrn MacGrawler, Mutter?“

„Nein, du Einfaltspinsel! Er ist zwar ein Gelehrter, aber er kann dir nicht beibringen, wie man sich in der Welt behauptet. Du wirst Unterricht bei jemandem erhalten, der die feinen Sitten kennt – jemandem wie diesem Herrn Tomlinson, von dem du mir so viel erzählt hast.“ Sie machte eine abweisende Handbewegung, als wollte sie die Welt der Lumpen und Diebe wegwischen. „Ich werde die Kosten tragen, doch wehe dir, wenn du das Geld zum Fenster hinauswirfst, wie du es bei deinen kleinen Spielereien in Fish Lane getan hast. Du wirst lernen, wie ein Gentleman zu sprechen, dich zu kleiden und dich zu bewegen. Und dann, Paul, wird sich zeigen, ob aus dir etwas Rechtes wird oder ob du dazu verdammt bist, ein Leben lang im Schatten zu bleiben.“

Paul spürte ein seltsames Klopfen in seiner Brust. Die Aussicht, sich von der Enge des Mug zu befreien und die Welt zu betreten, von der er in seinen Romanen gelesen hatte, ließ ihn alles vergessen, was ihn bisher zurückgehalten hatte. Er verneigte sich so galant, wie er es bei den Schauspielern in den Stücken gesehen hatte, die er so liebte. „Ich werde Euch nicht enttäuschen, Mutter. Ich werde mich bemühen, all das zu erlangen, was einen Mann in der Welt auszeichnet.“

Frau Lobkins schnaubte, doch ein leises Lächeln der Zufriedenheit huschte über ihr verhärmtes Gesicht. „Sieh zu, dass du es tust. Und jetzt geh. Ich habe Geschäfte zu führen, und du hast von nun an Wichtigeres zu tun, als hier herumzuhängen. Morgen wirst du deinen ersten Gang zu deinem neuen Lehrmeister antreten.“

Paul verließ den Raum mit einem neuen Schwung in seinem Schritt. Die Welt des Mug, die ihm bisher wie das ganze Universum erschienen war, begann in seinen Augen zu schrumpfen. Er dachte an die Worte von Herrn Tomlinson, an die glänzenden Schnallen und die vornehme Welt, die vor ihm lag. Er fühlte sich bereits ein Stück größer, ein Stück bedeutender. Die Straße, die er bisher mit dem Blick eines Jungen betrachtet hatte, der nichts zu verlieren hatte, sah er nun mit den Augen eines Mannes, der eine Bestimmung hatte. Er wusste, dass der Weg steinig sein würde, doch die Verlockung des Erfolgs, die Aussicht, vielleicht eines Tages selbst zu denjenigen zu gehören, die in London das Sagen hatten, war eine Kraft, die jede Furcht besiegte. Er ging in sein kleines Zimmer unter dem Dach, packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen und legte sich schlafen, während sein Geist bereits in den glänzenden Salons der großen Welt wanderte.

„Unsinn, komm mir nicht mit deinen Schulden und deiner Ehre, um mich einzuwickeln“, sagte die Dame in hellem Zorn. „Der lange Ned ist in den Fingern so lang wie im Rücken; soll ihn doch der Kuckuck holen! Und was diesen Dummie Dunnaker angeht, so wundert es mich, wie du, der du so fein aufgezogen wurdest und mit der allerbesten Erziehung gesegnet bist, dich mit solchen vulgären Gesellen abgeben kannst. Ich sage dir was, Paul: Du wirst gefälligst mit ihnen brechen, und zwar auf der Stelle, oder keinen Pfennig kriegst du jemals wieder von Peg Lobkins.“ Nachdem sie das gesagt hatte, drehte die alte Dame sich in ihrem Stuhl um und genehmigte sich eine Pfeife Tabak.

Paul ging zweimal im Zimmer auf und ab und blieb schließlich vor dem Stuhl der Dame stehen. Er war ein Jüngling von hohem Geist; und obgleich er ein warmes Herz hatte und Mrs. Lobkins liebte, was ihre Sorge und Zuneigung für ihn wohl verdienten, war er doch von rauem Gemüt und nicht immer sanft in seiner Ausdrucksweise. Es ist wahr, dass sein Herz ihn später stach, wann immer er etwas gesagt hatte, um Mrs. Lobkins zu verärgern, und er war immer der Erste, der um Versöhnung bat; aber harte Worte erzeugen kalten Respekt, und Reue für die Vergangenheit ist nicht immer wirksam, um die Zukunft zu bessern. Paul also, aufgeblasen von der Eitelkeit seiner vornehmen Bildung und der Freundschaft zum langen Ned (der ins Ranelagh ging und Strümpfe mit silbernen Zwickeln trug), blieb vor Mrs. Lobkins’ Stuhl stehen und sagte mit großer Feierlichkeit:

„Mr. Pepper, gnädige Frau, sagt sehr zu Recht, dass ich Geld brauche, um mich wie ein Gentleman zu unterhalten; und da Sie es mir nicht geben wollen, bin ich entschlossen, Ihnen vielmals für die vergangenen Gefälligkeiten zu danken, mich der Welt zu überlassen und mein Glück zu suchen.“

Wenn Paul auch kein öliges und sanftes Gemüt hatte, so hatte Dame Margaret Lobkins, wie man gesehen hat, darin keinen Vorteil. (Wir dürfen wohl annehmen, der Leser hat bemerkt, dass nichts die Leute, von denen man abhängt, so sehr in Wut versetzt, wie der ausgesprochene Entschluss, die Unabhängigkeit zu suchen.) Während Dame Lobkins also für einen Moment das offene, aber entschlossene Gesicht von Paul betrachtete, während das Blut in ihren Adern wie Feuer und Scharlach in ihre anschwellenden Wangen zu steigen schien, sagte sie:

„Bei Gott, Herr Stolz-in-Lumpen! Such dein Glück also selbst, willst du? Das kommt davon, wenn ich dich aufziehe und dich das Brot des Müßiggangs und der Wohltätigkeit essen lasse, du Kröte von tausend! Nimm das und fahr zur Hölle!“ Und während sie der Tat das Wort folgen ließ, pfiff das Rohr, das sie aus dem Mund genommen hatte, um ihren sanften Tadel auszusprechen, durch die Luft, streifte Pauls Wange und beendete seine irdische Laufbahn, indem es mit heftiger Wucht das rechte Auge von Dummie Dunnaker traf, der in genau diesem Augenblick das Zimmer betrat.

Paul war für einen Moment zurückgewichen, um dem Geschoss auszuweichen; im nächsten stand er vollkommen aufrecht. Seine Wangen glühten, seine Brust schwoll an; und das Eintreten von Dummie Dunnaker, der somit zum Zuschauer der Kränkung wurde, die er erfahren hatte, stachelte sein Blut zu tieferem Zorn und bittererer Selbsterniedrigung auf. All seine früheren Entschlüsse zur Abreise, all die harten Worte, die groben Anspielungen, die praktischen Beleidigungen, die er je erhalten hatte, stürmten auf einmal auf ihn ein. Er warf lediglich einen Blick auf die alte Frau, deren Wut nun zur Hälfte abgeklungen war, und wandte sich langsam und schweigend zur Tür.

Es liegt oft etwas Beunruhigendes in einem Ereignis, nur weil es das ist, was wir am wenigsten erwarten. Die scharfsinnige Mrs. Lobkins, die sich an das unverwüstliche Temperament und die feurigen Leidenschaften von Paul erinnerte, hatte einen Wutausbruch, eine heftige Antwort erwartet; und als sie mit dem einen schweifenden Auge seinen Abschiedsblick auffing und sah, wie er sich so passiv und stumm zur Tür wandte, sank ihr das Herz in die Schuhe, sie erhob sich aus ihrem Stuhl und ging auf ihn zu. Unglücklicherweise für ihre Aussicht auf Versöhnung hatte sie an diesem Tag ausgiebiger aus dem Becher getrunken als sonst; und die Anzeichen von Trunkenheit, die in ihrem unsicheren Gang, ihrem bedeutungslosen Blick, ihrem leeren Grinsen, ihrer rubinroten Wange sichtbar waren, flößten Paul Gefühle ein, die den Groll in diesem Augenblick in etwas verwandelten, das der Abneigung sehr nahekam. Er sprang ihrem Griff ausweichend zur Schwelle.

„Wo willst du hin, du Kobold der Welt?“, rief die Dame. „Komm wieder rein und sag kein Wort mehr über die Sache; sei ein braver Kerl – lass die Raufbolde sein, und du sollst die Knete haben!“

Doch Paul achtete nicht auf diese Einladung.

„Ich werde das Brot des Müßiggangs und der Wohltätigkeit nicht länger essen“, sagte er mürrisch. „Leb wohl; und wenn ich dir jemals zurückzahlen kann, was ich dich gekostet habe, werde ich es tun.“

Er wandte sich ab, während er sprach; und die Dame, entflammt von Groll über seine ungehörige Erwiderung auf ihre angebotene Güte, rief ihm hinterher und hieß jenen dunkelhäutigen Herrn, der unten das Feueramt führt, mit ihm zu gehen.

Vor Zorn, Stolz, Scham und einem halb freudigen Gefühl emanzipierter Unabhängigkeit schwellend, ging Paul weiter, er wusste nicht wohin, mit erhobenem Kopf und Beinen, die sich in einen militärischen Gang des Trotzes formierten. Er war nicht weit gekommen, als er seinen Namen hinter sich hören konnte; er drehte sich um und sah das klägliche Gesicht von Dummie Dunnaker.

Sehr unschuldig war diese respektable Person während des letzten Teils der Szene, die wir beschrieben haben, damit beschäftigt gewesen, ihr geplagtes Auge zu täuschen und philosophische Beobachtungen über die Gefahr zu murmeln, der sich all jene aussetzen, die mit Damen von cholerischem Temperament bekannt sind; als Mrs. Lobkins sich nach Pauls Fortgang umdrehte und die mitleiderregende Gestalt jenes Dummie Dunnaker sah, dessen Namen Paul, wie sie sich erinnerte, in seiner Eröffnungsrede erwähnt hatte, und den sie daher mit einer unlogischen Verwirrung der Gedanken als Partei in den letzten Streit betrachtete, lud sie all die Wut an ihm ab, die sie zu ihrem eigenen Wohl irgendwo loswerden musste.

Sie packte den kleinen Mann am Kragen – dem empfindlichsten aller Orte bei Gentlemen, die in ähnlicher Weise mit den Lebenswegen vertraut sind – und versetzte ihm einen Schlag, der sein anderes und bisher unbeschädigtes Auge traf, und rief:

„Ich werd dir schon beibringen, du Blutsauger, dich bei denen einzunisten, die Erwartungen haben! Ich werd dir beibringen, den Erben des Mug zu betrügen, du winselndes, molkengesichtiges Gespenst eines Pfenniglichts! Was! Du willst meinem Paul drei Kronen leihen, willst du, wo du doch weißt, dass du mir gesagt hast, du könntest mir nicht mal einen jämmerlichen Sechser bezahlen? Oh, du bist ein merkwürdiger Kauz, das versichere ich dir; aber Margery Lobkins kannst du nicht hinters Licht führen. Aus meinen Augen, du räudiger Hund! Aus meinen Augen; und wenn ich dich jemals wieder sehe, oder wenn ich jemals erfahre, dass du meinen Paul zu einem Narren machst, dann häng ich dir einen Hanfkragen um – ich häng dich auf, du Hund, das schwöre ich. Was! Du willst mir noch antworten, willst du? Oh, du Viper, scher dich weg!“

Es war vergebens, dass Dummie seine Unschuld beteuerte. Ein heftiger Tritt beendete jedes weitere Gerede. Er machte das Mug sauber leer; und die Wirtin desselben, die zurück zu ihrem Ohrensessel taumelte, suchte sich eine andere Pfeife und tröstete sich, wie alle fantasievollen Menschen, wenn es in der Welt schief läuft, über das Fehlen der Realität mit den Gebilden des Rauchs hinweg.

Unterdessen holte Dummie Dunnaker, der bittere Gedanken vor sich hin murmelte und brummte, Paul ein und beschuldigte den Jüngling, die Ursache der Verletzungen gewesen zu sein, die er gerade erlitten hatte. Paul war in diesem Augenblick nicht in der Stimmung, die sich am besten für das geduldige Ertragen von Anschuldigungen eignete. Er antwortete Mr. Dunnaker sehr kurz angebunden; und dieser respektable Mensch, der noch unter seinen Prellungen litt, erwiderte mit gleicher Schärfe. Die Worte wurden lauter, und schließlich ballte Paul, der das Gespräch beenden wollte, die Faust und sagte dem berüchtigten Dummie, dass er ihn „niederschlagen“ würde. Es liegt etwas besonders Hartes und Betäubendes in diesen drei harten, drahtigen, sturen, dickköpfigen einsilbigen Worten. Ihr bloßer Klang lässt einen die Faust ballen, wenn man ein Held ist, oder den Schritt beschleunigen, wenn man ein friedlicher Mensch ist. Sie wirkten sofort auf Dummie Dunnaker, unterstützt durch den Eindruck einer athletischen und jugendlichen Gestalt, die sich bereits rasch der Höhe von sechs Fuß näherte, einer geröteten Wange und einem Auge, das sowohl Leidenschaft als auch Entschlossenheit verriet. Die Stimme des Lumpenhändlers sank sofort, und mit dem Gesicht eines gekränkten Cassius wimmerte er hervor:

„Mich niederschlagen? Oh kleiner Paul, was sind das für gottlose Worte! Was! Dummie Dunnaker, der dich schon so oft auf dem Knie geschaukelt hat! Warum, das Herz des Kerls ist hart wie Tauwerk und so stolz wie der Hund eines Gärtners mit einem Blumenstrauß am Schwanz.“ Diese pathetische Ermahnung milderte Pauls Zorn.

„Na gut, Dummie“, sagte er lachend, „ich wollte dir nicht wehtun, und damit ist es gut; und es tut mir sehr leid wegen des schlechten Benehmens der Dame; also wünsche ich dir einen guten Morgen.“

„Warum, wohin trabst du denn, kleiner Paul?“, sagte Dummie und packte ihn am Rockzipfel.

„Zum Teufel, ich weiß es nicht“, antwortete unser Held; „aber ich glaube, ich werde beim langen Ned vorbeischauen.“

„Halt ein!“, sagte Dummie und sprach leise; „wenn du nicht ausplauderst, erzähle ich dir ein kleines Geheimnis. Ich habe gehört, dass der lange Ned heute Morgen nach Hampshire aufgebrochen ist, wegen einer Straßenraub-Sache!“

„Ha!“, sagte Paul, „dann soll mich der Teufel holen, wenn ich weiß, was ich tun soll!“

Als er diese Worte aussprach, überkam ihn ein gründlicheres Gefühl seiner Mittellosigkeit (falls er darauf beharrte, das Mug zu verlassen), als er es bisher empfunden hatte; denn Paul hatte geplant, sich für eine Weile auf die Gastfreundschaft seines patagonischen Freundes zu verlassen, und nun, da er feststellte, dass dieser Freund nicht in London war und sich auf einem so gefährlichen Unternehmen befand, war er ein wenig ratlos, was er mit diesem Schatz an Intellekt und Weisheit anfangen sollte, den er auf seinen Beinen mit sich herumtrug. Er hatte bereits genügend Durchblick erworben (denn Charles Trywit und Harry Finish waren ausgezeichnete Lehrmeister, um einen Mann in die Kenntnis der Welt einzuführen), um zu erkennen, dass eine Person, wie bewundernswert ihre Eigenschaften auch sein mögen, ohne einen Pfennig in der Tasche nicht so leicht willkommen geheißen wird. In der Nachbarschaft von Thames Court hatte er zwar viele Bekannte; aber die Feinheit seiner Sprache, die er durch seine Erziehung erworben hatte, und die Eleganz seines Auftretens, in der er versuchte, die galante Frechheit von Mr. Long Ned mit der graziösen Nachlässigkeit von Mr. Augustus Tomlinson in glücklicher Verbindung zu vereinen, hatten ihm unter diesen Bekannten viele Feinde gemacht; und er war nicht gewillt – so groß war der Stolz unseres Helden –, sich auf die Chance ihres Willkommens zu verlassen oder gleichsam seinen verbannten und niedergeschlagenen Zustand zu verkünden. Was jene Zechkumpane betraf, die ihm geholfen hatten, eine Wüste aus seinen Taschen zu machen, so hatte er bereits festgestellt, dass dies die einzige Art von Unterstützung war, die sie bereit waren, ihm zu leisten. Kurz gesagt, er konnte sich beim besten Willen nicht ausmalen, in welcher Gegend er Unterkunft und Verpflegung finden würde. Während er unschlüssig und grübelnd dastand, den Finger an der Lippe, aber zumindest in einer Sache fest entschlossen – nicht ins Mug zurückzukehren –, spähte der kleine Dummie, der im Grunde ein gutmütiger Kerl war, ihm ins Gesicht und sagte:

„Warum, Paul, mein Junge, du siehst ja niedergeschlagen aus; Kopf hoch, Sorge hat die Katze getötet!“

Da er bemerkte, dass diese treffende und ermutigende Tatsache der Naturgeschichte die Wolke auf Pauls Stirn nicht linderte, schritt der scharfsinnige Dummie Dunnaker sofort zum großen Allheilmittel gegen alle Übel, wie er es in seiner eigenen tiefen Einschätzung sah.

„Paul, mein guter Junge“, sagte er mit einem wissenden Augenzwinkern und stieß den jungen Gentleman in die linke Seite, „was sagst du zu einem Schluck billigem Fusel? Oder, da du es gern vornehm magst, ist es mir auch recht, wenn ich dir ein Glas Portwein ausgebe!“ Während Dunnaker diese Einladung aussprach, blitzte eine plötzliche Erinnerung in Paul auf: Er dachte sofort an MacGrawler; und er beschloss, sich unverzüglich zum Wohnsitz dieses illustren Weisen zu begeben und zumindest um Unterkunft für die kommende Nacht zu bitten. Sobald er zu diesem Entschluss gekommen war, schüttelte er den Griff des liebenswürdigen Dummie ab und lehnte dessen gastfreundliche Einladung mit vielen Dankesworten ab, wobei er ihn bat, aus dem Haus der Dame während einer der abendlichen Siestas der Matrone die Wäsche- und Kleidungsstücke, die Paul gehörten und leicht zu greifen waren, zu entwenden und bis zu seinem Abruf bei sich aufzubewahren. Der Händler versprach, den Auftrag alsbald auszuführen; und Paul, der ihm die Hand schüttelte, machte sich auf den Weg zum Haus des MacGrawler.

Wir müssen nun im natürlichen Verlauf unserer Erzählung etwas zurückgehen und feststellen, dass zu den kleineren Ursachen, die neben der großen des Glücksspiels dazu beigetragen hatten, unseren ausgezeichneten Paul in seine gegenwärtige Lage zu bringen, auch seine Vertrautheit mit MacGrawler gehörte; denn als Pauls zunehmende Jahre und umherstreifende Gewohnheiten ein Ende der Unterweisungen des Weisen gesetzt hatten, fiel damit auch die wöchentliche Summe von zwei Schilling und sechs Pence aus den Finanzen des Lehrers weg, ebenso wie die Freiheit des Kellers und der Speisekammer der Dame; und da die Menschen in der Reaktion der Gefühle und im perversen Lauf der menschlichen Angelegenheiten im Allgemeinen jene Handlungen am meisten bereuen, die sie einst am eifrigsten vollzogen haben, machte sich die arme Mrs. Lobkins, die sich einbildete, Pauls Unregelmäßigkeiten seien einzig und allein auf das Wissen zurückzuführen, das er durch MacGrawlers Unterweisungen erworben hatte, schwere Vorwürfe wegen ihrer früheren Torheit, für ihren Schützling eine höhere Bildung gesucht zu haben; ja, sie entlud sogar auf dem heiligen Haupt von MacGrawler selbst ihre Unzufriedenheit über die Ergebnisse seiner Unterweisungen. In ähnlicher Weise beschuldigen die Bildungsfeinde das Lesebuch des Mordes, wenn ein Mann, der buchstabieren kann, gehängt wird. Es folgten harte Worte zwischen der Bewunderin der unwissenden Unschuld und dem Verbreiter der intellektuellen Wissenschaft, die in MacGrawlers endgültiger Verbannung aus dem Mug endeten.

Es gibt einige junge Herren der heutigen Zeit, die der Übernahme von Lord Byrons Poesie mit der Änderung neuer Reime zugetan sind, die uns gnädigerweise darüber informieren, dass sie dazu geboren sind, der Ruin all jener zu sein, die sie lieben – eine interessante Tatsache zweifellos, die sie aber genauso gut für sich behalten könnten. Es scheint nach dem Inhalt dieses Kapitels, als ob dasselbe Unglück für Paul bestimmt wäre. Das Exil von MacGrawler, die Beleidigungen gegen Dummie Dunnaker – alles von ihm verursacht –, scheinen diese Meinung zu bestätigen. Unglücklicherweise war Paul zwar ein Dichter, aber kein großer Sentimentalist; und er hat uns nie die erbaulichen Ergüsse seiner Reue über diese Themen hinterlassen. Aber MacGrawler war, wie Dunnaker, entschlossen, dass unser Held den Fluch seines Schicksals erkennen sollte; und da er noch einen gewissen Einfluss auf den Geist seines ehemaligen Schülers behielt, waren seine Anschuldigungen gegen Paul als Ursprung seiner Verbannung von größerem Erfolg gekrönt als die Klagen von Dummie Dunnaker über ein ähnliches Unglück. Paul, der wie die meisten Leute, die zu nichts nütze sind, ein ausgezeichnetes Herz hatte, war über MacGrawlers Verbannung seinetwegen außerordentlich betrübt; und er versuchte, dies durch solche pekuniären Tröstungen wiedergutzumachen, wie er sie anzubieten vermochte. Diese nahm MacGrawler (rein, wie wir annehmen dürfen, aus einem wohlwollenden Wunsch, die Reue des Jungen zu lindern) ohne Bedenken an; und so, wie oft die Wirkungen von Tugend und Laster ähnlich sind, konspirierte der beispielhafte MacGrawler mit dem prinzipienlosen langen Ned und dem herzlosen Henry Finish, um jenen beneidenswerten Zustand der Leere herbeizuführen, der nun auf den Taschen von Paul lastete.

Als unser Held langsam auf das Heim des Weisen zuging und auf dessen Dankbarkeit und Freundschaft für eine vorübergehende Bleibe baute, schoss einer jener Gedankenblitze, die oft den tiefsten Abgrund des Leids erhellen, durch seinen Geist. Als er sich das Bild des Kritikers ins Gedächtnis rief, erinnerte er sich, dass er gesehen hatte, wie diese Zierde des „Asinaeum“ verschiedene Summen für seine kritischen Machwerke erhielt.

„Warum“, sagte Paul, ergriff diese Tatsache und blieb mitten auf der Straße stehen, „warum sollte ich nicht selbst Kritiker werden?“

Die einzige Person, der man jemals eine Frage mit einiger Sicherheit auf eine befriedigende Antwort stellt, ist man selbst. In dem Moment, als Paul diesen leuchtenden Vorschlag machte, schien es ihm, als hätte er die Minen von Potosi entdeckt. Brennend vor Ungeduld, mit dem großen MacGrawler die Durchführbarkeit seines Vorhabens zu erörtern, beschleunigte er seinen Schritt fast bis zum Lauf, und nach wenigen Minuten, nachdem er auf dem Weg nur einen Schornsteinfeger und zwei Apfelweiber umgeworfen hatte, kam er an der Tür des Weisen an.

KAPITEL V.

Ihr Reiche, noch dem menschlichen Blick verborgen, Ihr Stöcke, die ihr über die unglücklichen Hände fahrt, die schreiben, Ihr Kritiker-Fürsten – erlaubt mir zu berichten Von den mystischen Wundern eures stillen Standes!

VIRGIL, Aeneis, 6. Buch.

Das Glück hatte Mr. MacGrawler angelächelt, seit er die Ausbildung des Schützlings von Mrs. Lobkins übernommen hatte. Er bewohnte nun eine Wohnung im zweiten Stock und trotzte dem Sheriff und seinen bösen Geistern. Es war in der Abenddämmerung, dass Paul ihn zu Hause und allein antraf.

Vor dem mächtigen Mann stand ein Krug mit Londoner Porter; ein Licht, dessen Docht unbeachtet blieb, warf sein einsames Licht auf seine Arbeit; und eine junge Katze spielte ausgelassen an seinen gelehrten Füßen und vertrieb die müden Momente mit den Überresten der spiralförmigen Mütze, mit der der Kritiker bisher nächtlich seine Brauen anstelle von Lorbeer geschmückt hatte.

Sobald MacGrawler, durch den düsteren Nebel, der im Zimmer hing, hindurchblickend, die Gestalt des Eindringlings wahrnahm, legte sich eine Stirnrunzeln auf seine Brauen.

„Habe ich dir nicht gesagt, Bürschchen“, knurrte er, „dass du niemals das Zimmer eines Gentlemans betreten sollst, ohne anzuklopfen? Ich sage dir, mein Herr, dass Manieren für das menschliche Glück nicht weniger wesentlich sind als Tugend; daher störe niemals einen Gentleman bei seinen Verrichtungen und setz dich hin, ohne die Katze zu belästigen!“

Paul, der wusste, dass sein geschätzter Lehrer es nicht mochte, wenn jemand die Quelle des wunderbaren Geistes zurückverfolgte, den er in seine kritischen Kompositionen einfließen ließ, tat so, als bemerke er den zinnernen Hippokrene nicht, und setzte sich mit vielen Entschuldigungen für seine mangelnde vorbereitende Höflichkeit, wie angewiesen. Es war dann, dass das folgende erbauliche Gespräch entstand.

„Die Alten“, sagte Paul, „waren sehr große Männer, Mr. MacGrawler.“

„Das waren sie, mein Herr“, erwiderte der Kritiker; „wir machen es uns in unserem Beruf zur Regel, diese Tatsache zu behaupten.“

„Aber, mein Herr“, sagte Paul, „sie irrten sich hier und da.“

„Niemals, Ignoramus; niemals!“

„Sie priesen die Armut, Mr. MacGrawler!“, sagte Paul mit einem Seufzer.

„Hm!“, machte der Kritiker, ein wenig ins Wanken geraten; doch als er alsbald seinen charakteristischen Scharfsinn wiederfand, bemerkte er: „Es ist wahr, Paul; aber das war die Armut der anderen Leute.“

Es gab eine kurze Pause. „Kritik“, begann Paul wieder, „muss eine äußerst schwierige Kunst sein.“

„A-hem! Und welche Kunst gibt es, mein Herr, die nicht schwierig wäre – zumindest, um sie zu meistern?“

„Wahr“, seufzte Paul; „oder sonst –“

„Oder sonst was, Junge?“, wiederholte Mr. MacGrawler, da er sah, dass Paul zögerte, sei es aus Furcht vor seiner überlegenen Weisheit, wie die Eitelkeit des Kritikers nahelegte, oder aus (was ebenso wahrscheinlich war) Mangel an einem Wort, um seine Bedeutung auszudrücken.

„Nun, ich dachte, mein Herr“, sagte Paul mit jenem verzweifelten Mut, der allen, die ihr Schicksal auf eine Karte setzen oder zu setzen glauben, eine deutliche und laute Intonation der Stimme verleiht – „ich dachte, dass ich selbst Kritiker werden möchte!“

„W-h-e-w!“, pfiff MacGrawler und hob die Augenbrauen; „w-h-e-w! Große Dinge sind aus kleineren Anfängen hervorgegangen!“

So ermutigend diese Behauptung war, da sie von den Lippen eines so großen Mannes und so großen Kritikers kam, gerade in dem Augenblick, als man nichts weniger als ein Anathema gegen Arroganz und Anmaßung erwartete, das aus jenen Pforten der Weisheit kommen sollte, doch so ist die Trughaftigkeit aller menschlichen Hoffnungen, dass Pauls sicherlich ein wenig weniger erhaben gewesen wäre, hätte er, während seine Ohren den Balsam dieser gnädigen Worte tranken, in die Quelle blicken können, aus der sie entsprangen.

„Erkenne dich selbst!“ war ein Grundsatz, den der Weise MacGrawler zu befolgen sich bemüht hatte; folglich war das Ergebnis seines Gehorsams, dass man ihn selbst besser kannte als man ihm traute. Was er auch anderen gegenüber erscheinen mochte, in Wahrheit hegte er keinen eitlen Glauben an die Unfehlbarkeit seiner eigenen Talente und Mittel; ebenso gut könnte ein Fleischer sich für einen vollkommenen Anatomen halten, weil er häufig Hammelbeine zerlegt, wie der Kritiker des „Asinaeum“ sich „das schmeichelnde Salböl auf seine Seele“ hätte auftragen können, er sei wirklich bewandert in der Kunst der Kritik oder auch nur mit einer ihrer gewöhnlichsten Regeln vertraut, nur weil er in aller Eile jedes Werk zerstückeln und zerlegen konnte, vom kleinsten bis zum größten, vom oberflächlichsten bis zum erhabensten; und so kam es, dass es ihm nie an der Offenheit fehlte, sich über seine eigenen Talente nichts vorzumachen. Pauls Wunsch war daher kaum ausgesprochen, als ein vager, aber goldener Plan zukünftigen Gewinns das Gehirn MacGrawlers erleuchtete – mit einem Wort, er beschloss, dass Paul von nun an die Arbeit seiner Kritiken teilen sollte; und dass er, MacGrawler, die gesamten Gewinne als Gegenleistung für die Ehre empfangen sollte, die seinem Gehilfen dadurch zuteilwurde.

Mit wohlwollender Miene auf unseren Helden blickend, fuhr Mr. MacGrawler also fort:

„Ja, ich wiederhole es – große Ziele sind aus kleineren Anfängen entstanden! Rom wurde nicht an einem Tag erbaut; und ich, Paul, ich selbst war nicht immer der Herausgeber des ‚Asinaeum‘. Du sagst es weise, Kritik ist eine große Wissenschaft, eine sehr große Wissenschaft; und sie lässt sich in drei Zweige unterteilen – nämlich ‚kitzeln, zerfetzen und zukleistern‘. In jedem dieser drei bin ich, ohne Eitelkeit, ein tiefgründiger Kenner! Ich werde dich in alle einweihen. Deine Arbeit soll noch heute Abend beginnen. Ich habe drei Werke auf meinem Tisch; sie müssen bis morgen Abend abgefertigt sein. Ich werde das mühsamste übernehmen; ich überlasse dir die anderen. Die drei bestehen aus einem Roman, einem Epos in zwölf Büchern und einer Untersuchung über den menschlichen Geist in drei Bänden. Ich, Paul, werde den Roman kitzeln; du sollst noch heute Abend das Epos zukleistern und die Untersuchung zerfetzen!“

„Himmel, Mr. MacGrawler!“, rief Paul bestürzt, „was meint Ihr? Ich wäre niemals imstande, ein Epos in zwölf Büchern zu lesen, und ich würde bei der ersten Seite der Untersuchung einschlafen. Nein, nein, lasst mir den Roman und nehmt die anderen beiden unter Euren eigenen Schutz!“

Obwohl großes Genie immer wohlwollend ist, konnte Mr. MacGrawler ein Lächeln unsagbarer Verachtung über die Einfältigkeit seines Schülers nicht unterdrücken.

„Wisse, junger Herr“, sagte er feierlich, „dass der fragliche Roman gekitzelt werden muss; es ist rohen Anfängern nicht gegeben, dieses große Geheimnis unserer Wissenschaft zu ergründen.“

„Bevor wir weiter fortfahren, erklärt mir die Fachbegriffe“, sagte Paul ungeduldig.

„Höre also“, entgegnete MacGrawler; und während er sprach, warf die Kerze einen unheimlichen Schimmer auf sein Gesicht. „Zerfetzen heißt, grammatikalisch gesprochen, den Akkusativ oder Anklagefall anzuwenden; du musst dein Buch nach rechts und links, oben und unten, mit Stumpf und Stiel zerlegen. Ein Buch zukleistern heißt, den Dativ oder Gebefall anzuwenden; und du musst dem Werk alle Superlative der Sprache angedeihen lassen – du musst dein Lob dick und dünn auftragen und keine Ritze ohne Mörtel lassen. Aber kitzeln, mein Herr, ist ein umfassendes Wort, und es beinhaltet alle unendlichen Spielarten, die das Intervall zwischen Zerfetzen und Zukleistern füllen. Das ist die Feinheit der Kunst, und du kannst sie nur durch Übung erwerben; einige Beispiele werden genügen, um dir eine Vorstellung von ihrer Zartheit zu geben.

„Wir beginnen mit dem ermutigenden Kitzeln: ‚Obwohl dieses Werk voller Fehler ist – obwohl die Charaktere unnatürlich, die Handlung völlig unwahrscheinlich, die Gedanken abgedroschen und der Stil ungrammatisch sind –, so würden wir den Autor keineswegs davon abhalten, fortzufahren; und in der Zwischenzeit empfehlen wir sein Werk vertrauensvoll der Aufmerksamkeit des lesenden Publikums.‘

„Nimm nun das ratgebende Kitzeln: ‚Es ist ein gutes Stück Verdienst in diesen kleinen Bänden, obwohl wir die offensichtliche Eile bedauern müssen, in der sie geschrieben wurden. Der Autor könnte es besser machen – wir empfehlen ihm ein Studium der besten Schriftsteller‘; dann schließe mit einem lateinischen Zitat, das du aus einem der Mottos im ‚Spectator‘ entnehmen kannst.

„Nun, junger Herr, für eine Probe des metaphorischen Kitzelns: ‚Wir bitten diesen dichterischen Anwärter, sich an das Schicksal des Pyrenaeus zu erinnern, der, als er versuchte, den Musen nachzujagen, vergaß, dass er nicht die Flügel der Göttinnen besaß, sich vom höchsten Punkt stürzte, den er erreichen konnte, und umkam.‘

„Dies, siehst du, Paul, ist eine erhabenere und gelehrtere Art des Kitzelns und kann für eine der Quarterly Reviews reserviert werden. Verschwende niemals unnötigerweise einen Vergleich.

„Nun für eine Kostprobe des scherzhaften Kitzelns: ‚Mr. --- hat einen beachtlichen Ruf erlangt! Manche feine Damen halten ihn für einen großen Philosophen, und er wurde in unserem Beisein von einigen Cambridge-Gelehrten für seine Kenntnis der mondänen Gesellschaft gepriesen.‘

„Für diese Art des Kitzelns verwenden wir im Allgemeinen den Dümmsten aus unserer Zunft; und ich habe das vorstehende Beispiel aus den Kritiken eines angesehenen Schreibers im ‚Asinaeum‘ ausgewählt, den wir, par excellence, den Esel nennen.

„Es gibt eine Vielzahl anderer Kitzeleien – die vertraute, die vulgäre, die höfliche, die gutmütige, die bittere; aber im Allgemeinen darf man annehmen, dass alle Kitzeleien, wie auch immer getarnt, die eine oder andere dieser Bedeutungen haben: ‚Dieses Buch wäre überaus gut, wenn es nicht überaus schlecht wäre‘; oder ‚dieses Buch wäre überaus schlecht, wenn es nicht überaus gut wäre‘.

„Hast du nun, Paul, eine allgemeine Vorstellung von der überlegenen Kunst, die das Kitzeln erfordert?“

Unser Held signalisierte seine Zustimmung durch ein hysterisches Geräusch zwischen Lachen und Stöhnen. MacGrawler fuhr fort:

„Es gibt noch eine weitere große Schwierigkeit, die mit dieser Art der Kritik einhergeht – es ist im Allgemeinen erforderlich, einige Seiten des Werks zu lesen; denn wir kitzeln selten, ohne Auszüge zu machen, und es erfordert einiges Urteilsvermögen, den Kontext mit dem Auszug in Einklang zu bringen. Aber es ist nicht oft nötig, zu extrahieren, wenn du zerfetzt oder wenn du zukleisterst; wenn du zerfetzt, ist es im Allgemeinen besser, so zu schließen: ‚Nach dem, was wir gesagt haben, ist es unnötig hinzuzufügen, dass wir den Geschmack unserer Leser nicht mit irgendeinem Zitat aus diesem abscheulichen Müll beleidigen können.‘ Und wenn du zukleisterst, kannst du so enden: ‚Wir bedauern, dass unser Platz uns nicht erlaubt, Auszüge aus diesem wunderbaren und unvergleichlichen Werk zu geben. Wir müssen unsere Leser auf das Buch selbst verweisen.‘

„Und nun, mein Herr, denke ich, habe ich Euch einen ausreichenden Abriss der edlen Wissenschaft von Scaliger und MacGrawler gegeben. Zweifellos seid Ihr mit der Aufgabe versöhnt, die ich Euch zugewiesen habe; und während ich den Roman kitzele, wirst du die Untersuchung zerfetzen und das Epos zukleistern!“

„Ich werde mein Bestes tun, mein Herr!“, sagte Paul mit jener bescheidenen, doch edlen Einfachheit, die dem tugendhaft Ehrgeizigen ansteht; und MacGrawler gab ihm sogleich Feder und Papier und setzte ihn an sein Unterfangen.

Er hatte das Glück, MacGrawler zu gefallen, der, nachdem er einige Korrekturen am Stil vorgenommen hatte, erklärte, er lege ein besonderes Genie in diesem Zweig der Komposition an den Tag. Und dann war es, dass Paul, durch Lob eingebildet geworden, seinen Lehrer verächtlich ins Gesicht sah und seine Beine hin und her schwang:

„Und was, mein Herr, soll ich für das zugekleisterte Epos und die zerfetzte Untersuchung erhalten?“

Wie das Gesicht eines Schuljungen, der, wenn er das, was er für die richtige Bedeutung eines mysteriösen Wortes bei Cornelius Nepos hält, errät, nicht das gezuckerte Beiwort des Lobes empfängt, sondern einen plötzlichen Schlag über das *os humerosve* [Gesicht oder Schultern], ebenso leer, verwirrt und vom Donner gerührt, wurde das Gesicht von Mr. MacGrawler bei der plötzlichen und erstaunlichen Dreistigkeit Pauls.

„Erhalten!“, wiederholte er, „erhalten! Nun, du frecher, undankbarer Bengel, willst du deinem alten Meister das Brot aus dem Munde stehlen? Wenn ich für deine rohen Artikel eine Aufnahme in die illustren Seiten des ‚Asinaeum‘ erwirken kann, wirst du dann nicht durch die Ehre hinreichend bezahlt, mein Herr? Beantworte mir das. Ein anderer Mann, junger Herr, hätte dir eine Gebühr für seinen Unterricht berechnet; und hier habe ich dir in einer Lektion alle Geheimnisse der Wissenschaft vermittelt, und zwar umsonst! Und du redest mir von ‚erhalten! – erhalten!‘ Junger Herr, mit den Worten des unsterblichen Barden: ‚Mir wäre es ebenso lieb, Ihr hättet mir von Rattengift erzählt!‘“

„Kurz gesagt also, Mr. MacGrawler, bekomme ich nichts für meine Mühe?“, sagte Paul.

„Natürlich nicht, mein Herr; der allerbeste Schreiber im ‚Asinaeum‘ bekommt nur drei Schillinge pro Artikel!“ Fast mehr, als er verdient, hätte der Kritiker hinzufügen können; denn wer für niemanden schreibt, sollte nichts erhalten!

„Dann, mein Herr“, sagte der habgierige Paul gotteslästerlich, und als er aufstand, trat er mit einem Tritt die Katze, das Epos und die Untersuchung ans andere Ende des Zimmers, „dann, mein Herr, könnt Ihr alle zum Teufel gehen!“

Wir versuchen nicht, o sanfter Leser, dieses hastige Anathema zu entschuldigen. Die Gewohnheiten der Kindheit brechen manchmal trotz der späteren Segnungen der Erziehung hervor; und wir stellen Paul nicht zu deiner Nachahmung als jenes Vorbild an Tugend und Weisheit auf, das du in MacGrawler entdecken sollst.

Als jener große Kritiker bemerkte, dass Paul aufgestanden war und sich in höchster Entrüstung zur Tür zurückzog, stand auch er auf, wiederholte Pauls letzte Worte und sagte:

„‚Geh zum Teufel!‘ Nicht so schnell, junger Herr, *festina lente* – alles zu seiner Zeit. Was macht es schon, dass ich, erstaunt über deine vorzeitige Forderung, sagte, du solltest nichts erhalten; dennoch könnte meine große Liebe zu dir mich dazu bewegen, mich in deinem Namen zu bemühen. Das ‚Asinaeum‘ gibt zwar im Allgemeinen nur drei Schillinge pro Artikel; aber ich bin sein Herausgeber und werde mich bei den Eigentümern für dich einsetzen. Ja, ja; ich werde sehen, was sich machen lässt. Bleib ein bisschen, mein Junge.“

Paul war, obwohl sehr reizbar, leicht zu besänftigen; er setzte sich wieder, nahm MacGrawlers Hand und sagte:

„Verzeiht mir meine Gereiztheit, mein lieber Herr; aber um Euch die ehrliche Wahrheit zu sagen, ich bin im Moment sehr schlecht dran und muss irgendwie Geld verdienen – kurz gesagt, ich muss entweder Taschendiebstahl begehen oder (nicht unentgeltlich) für das ‚Asinaeum‘ schreiben.“

Und ohne weitere Einleitung schilderte Paul dem Kritiker seine gegenwärtige Lage, erklärte seinen Entschluss, nicht zum „Mug“ zurückzukehren, und erbat sich zumindest aus der Freundschaft seines alten Lehrers die Unterkunft für diese Nacht.

MacGrawler war überaus bestürzt, als er so einen schlechten Bericht über die Finanzen sowie die Aussichten seines Schülers hörte, denn er hatte insgeheim beabsichtigt, sich an jenem Abend mit einer Schale Punsch zu verwöhnen, für die Paul bezahlen sollte; da er aber die Schnelligkeit der Auffassungsgabe des jungen Herrn kannte, sowie die große Zuneigung, die Mrs. Lobkins für ihn hegte, die ihn aller Wahrscheinlichkeit nach am nächsten Tag um seine Rückkehr bitten würde, hielt er es für nicht unwahrscheinlich, dass Paul dasselbe Glück genießen würde, das über seinem felinen Gefährten waltete, der, obwohl er gerade ans andere Ende des Zimmers getreten worden war, nun seine frühere Beschäftigung wieder aufnahm, unverletzt und nicht weniger fröhlich als zuvor. Er hielt es daher für unklug, seinen ehemaligen Schüler trotz seiner gegenwärtigen Armut zu verstoßen; und außerdem, obwohl das erste glückliche Projekt, alle Gewinne aus Pauls Fleiß einzustecken, nun aufgegeben war, sah er immer noch große Leichtigkeit darin, einen Teil derselben Einnahmen einzustreichen. Er antwortete Paul daher sehr warmherzig, dass er in seiner gegenwärtigen melancholischen Lage voll und ganz mit ihm sympathisiere; dass er, was ihn beträfe, seinen letzten Schilling mit seinem geliebten Schüler teilen würde, dass er aber bedauere, in diesem Augenblick nur elf Pence und einen halben Penny in der Tasche zu haben; dass er sich jedoch bis zum Äußersten bemühen werde, eine Gelegenheit für Pauls literarisches Genie zu beschaffen; und dass, wenn Paul den Teil des Geschäfts mit dem Zerfetzen und Zukleistern übernehmen wolle, er ihn ihm bereitwillig überlassen und ihm alle Gewinne, wie auch immer sie ausfallen mochten, geben würde. *En attendant* bedauerte er, dass ihn ein heftiger Rheumatismus daran hindere, sein eigenes Bett seinem Schüler zu überlassen, aber er könne mit allem erdenklichen Vergnügen auf dem Vorleger vor dem Kamin schlafen. Paul war von dieser Güte des würdigen Mannes so gerührt, dass er, obwohl nicht sehr zu rührseligen Stimmungen geneigt, Tränen der Dankbarkeit vergoss. Er bestand jedoch darauf, nicht die gesamte Belohnung seiner Arbeit zu erhalten; und schließlich wurde vereinbart, wenn auch mit edlem Widerstreben seitens MacGrawlers, dass sie gleichermaßen zwischen dem Kritiker und dem Schützling des Kritikers aufgeteilt werden sollte – wobei die halben Gewinne billigerweise MacGrawler für seinen Unterricht und seine Empfehlung zugesprochen wurden.

KAPITEL VI.

Schlechte Ereignisse lugen aus dem Schwanz guter Absichten hervor. – Bartholomäusmarkt.

Es dauerte nicht lange, bis eine sichtbare Verbesserung auf den Seiten des „Asinaeum“ eintrat. Der zerfetzende Teil jener unvergleichlichen Zeitschrift wurde plötzlich mit einer Kraft und einem Geist konzipiert und durchgeführt, die die geheiligten Wenigen, die zu ihrer Verbreitung beitrugen, in Erstaunen versetzten. Es war nicht schwer zu erkennen, dass ein neuer Soldat in den Dienst eingetreten war; es lag etwas so Frisches und Herzhaftes in dem Missbrauch, dass er niemals aus der abgenutzten Herbheit eines alten Zerfetzer hätte stammen können. Sicherlich waren eine gewisse Unkenntnis gewöhnlicher Fakten und eine innovative Methode, Wörter auf Bedeutungen anzuwenden, die sie niemals bezeichnen sollten, hin und wieder in den Kritiken des neuen Achilles erkennbar; dennoch war es leicht, diese Besonderheiten einer originellen Denkweise zuzuschreiben; und der Anstieg des Blattes nach dem Erscheinen einer Reihe von Artikeln über zeitgenössische Autoren, geschrieben von dieser „eminenten Hand“, war so bemerkenswert, dass fünfzig Exemplare – eine Zahl, die in den Annalen des „Asinaeum“ völlig beispiellos war – innerhalb einer Woche tatsächlich verkauft wurden; in der Tat, eingedenk des Prinzips, auf dem es gegründet war, erklärte ein stämmiger alter Schreiber, die Zeitschrift würde bald für sich selbst sorgen und populär werden. Es gab eine bemerkenswerte Eigenart bei dem literarischen Debütanten, der sich „Nobilitas“ nannte: Er gab nicht nur alten Wörtern einen neuen Sinn, sondern er verwendete Wörter, die bei der allgemeinen Schar von Schreibern noch nie zuvor verwendet worden waren. Dies war besonders bemerkenswert bei der Anwendung harter Bezeichnungen auf Autoren. Einmal, als er einen populären Schriftsteller dafür tadelte, dass er dem Publikum gefiel und dadurch reich wurde, endete die „eminente Hand“ mit: „Wer heimlich *bustle* [Geld] anhäuft, ist in der Tat nichts Besseres als ein *buzz gloak* [Taschendieb]!“

Diese rätselhaften Wörter und tiefgründigen Phrasen verliehen dem Stil des neuen Kritikers einen großen Anstrich von Gelehrsamkeit; und angesichts der unverständlichen Erhabenheit seiner Diktion schien es zweifelhaft, ob er ein Dichter aus Highgate oder ein Philosoph aus Königsberg war. Jedenfalls wahrte der Rezensent sein Inkognito, und während sein Lob an nicht weniger als drei Teetischen erklang, erschien ihm selbst der Ruhm weniger köstlich als die Maskerade.

In diesem Inkognito, Leser, hast du Paul bereits entdeckt; und nun müssen wir dich mit einem Stück beispielloser Moralität bei dem vortrefflichen MacGrawler erfreuen. Jener würdige Mentor, der erkannte, dass in unserem Helden ein angeborener Hang zu Verschwendung und Extravaganz lag, beschloss großmütig, lieber die Sünden des Verrats und der unrechtmäßigen Aneignung auf sich zu nehmen, als seinen Freund und ehemaligen Schüler die der Verschwendung und Prasserei begehen zu lassen. Entgegen der mit Paul getroffenen Vereinbarung gab er diesem Jüngling statt der Hälfte der Gewinne aus seinen brillanten Geistesblitzen nur ein Viertel, und mit äußerster Zärtlichkeit für Pauls Seelenheil verwendete er die anderen drei Teile davon für seine eigenen Bedürfnisse. Die besten Taten werden, ach!, in dieser Welt oft missverstanden; und wir sind nun im Begriff, ein bemerkenswertes Beispiel für diese melancholische Wahrheit aufzuzeichnen.

Eines Abends, nachdem MacGrawler seine „Tugend befeuchtet“ hatte, auf die gleiche Weise, wie der große Cato es getan haben soll, gab er Paul in der Verwirrung, die ein solcher Vorgang manchmal in den bestregulierten Köpfen verursacht, was ihm als der Entwurf eines bestimmten Artikels erschien, den er zerfetzend ausgefüllt haben wollte, was aber in Wirklichkeit das folgende Schreiben des Herausgebers einer monatlichen Zeitschrift war:

HERR, – Da ich verstehe, dass mein Freund, Mr. ---, Eigentümer des „Asinaeum“, dem sehr angesehenen Schriftsteller, den Sie in der literarischen Welt eingeführt haben und der sich „Nobilitas“ nennt, nur fünf Schillinge pro Artikel gewährt, bitte ich Sie, ihm das Doppelte dieser Summe anzubieten. Der erforderliche Artikel wird von gewöhnlicher Länge sein.

Ich bin, mein Herr, usw.

Nun hatte MacGrawler Paul noch am selben Morgen von diesem Angebot unterrichtet, wobei er, aus den lobenswerten Beweggründen, die wir bereits erklärt haben, nur die Summe von zehn Schillingen in vier änderte; und kaum hatte Paul die Mitteilung gelesen, die wir dem Leser dargelegt haben, da empfand er, statt Dankbarkeit gegenüber MacGrawler für seine Rücksichtnahme auf Pauls moralische Schwächen, gegen diesen Gentleman den bittersten Groll. Er ließ seinen Gefühlen jedoch nicht sofort gegenüber dem Schotten freien Lauf – in der Tat, in diesem Augenblick, als der Weise in tiefem Schlaf unter dem Tisch lag, wäre es zwecklos gewesen, seiner Empörung Zügel schießen zu lassen –, aber er beschloss, ohne Zeitverlust das Heim des Kritikers zu verlassen. „Und tatsächlich“, sagte er in einem Selbstgespräch, „ich habe dieses Leben satt und werde sehr froh sein, eine andere Beschäftigung zu suchen. Glücklicherweise habe ich fünf Guineen und vier Schillinge gehortet; und mit dieser Unabhängigkeit in meinem Besitz, da ich dem Glücksspiel abgeschworen habe, kann ich nicht leicht verhungern.“

Auf dieses Selbstgespräch folgte eine misanthropische Träumerei über die Treulosigkeit von Freunden; und die Meditation endete damit, dass Paul ein kleines Bündel mit Kleidung usw. schnürte, die Dummie aus dem „Mug“ zu entfernen gelungen war und die Paul eines Morgens, als Dummie außer Haus war, aus dem Heim des Lumpenhändlers mitgenommen hatte.

Als diese leichte Aufgabe erledigt war, schrieb Paul eine kurze und vorwurfsvolle Notiz an seinen illustren Lehrer und ließ sie unversiegelt auf dem Tisch liegen. Dann kippte er die Tintenflasche auf MacGrawlers schlafendes Gesicht, verließ das Haus und schlenderte davon, ohne sich darum zu kümmern, wohin.

Der Abend neigte sich allmählich dem Ende zu, als Paul, während er an seinen bitteren Gedanken kaute, sich auf der London Bridge wiederfand. Er hielt dort inne und blickte, über die Brücke gelehnt, sehnsüchtig auf die düsteren Wasser, die vorwärts rollten, ohne sich auch nur ein bisschen um die zahlreichen bezaubernden jungen Damen zu scheren, die es für angemessen hielten, sich in jenen gnadenlosen Wellen zu ertränken, wodurch sie manch guter Herrin ein ausgezeichnetes Hausmädchen oder eine unschätzbare Köchin entzogen und manch treulosem Phaon Briefe, die mit „Meineidiger Schurke“ begannen und mit „Deine liebevolle, aber melancholische Molly“ endeten.

Während er so nachsann, wurde er plötzlich von einem Gentleman in Stiefeln und Sporen angesprochen, der eine Reitpeitsche in der einen Hand hielt, während die andere Hand in der Tasche seiner Beinkleider steckte. Der Hut des Galans war graziös und sorgfältig aufgesetzt, um eine Fülle dunkler Locken, die, vor Fett glänzend, nicht nur auf beiden Seiten des Gesichts, sondern auch auf den Nacken und sogar auf die Schultern des Besitzers fielen, so wenig wie möglich zu zerzausen. Das Gesicht war saturnin und stark ausgeprägt, aber gutaussehend und markant. Es lag eine Mischung aus Tand und Strenge in seinem Ausdruck – etwas zwischen Madame Vestris und T. P. Cooke, oder zwischen „lovely Sally“ und einem „kühnen Hauptmann aus Halifax“. Die Statur dieser Person war bemerkenswert hoch, und seine Figur war kräftig, muskulös und gut gebaut. Um schließlich sein Porträt zu vervollständigen und unseren Lesern der heutigen Zeit eine genaue Vorstellung von diesem Helden der Vergangenheit zu geben, fügen wir hinzu, dass er insgesamt die Art von Gentleman war, die man in der Burlington Arcade prahlen sieht, mit Haar und Hut auf einer Seite und einem Militärmantel über den Schultern; oder der gegen Abend, bärtig und zigarrenrauchend, in der Regent Street umherstreift.

Der Gentleman legte seine Hand auf die Schulter unseres Helden und sagte mit affektierter Stimmlage:

„Wie geht es, mein hübscher Bursche? Lange nicht gesehen! Verdammt, aber du siehst mitgenommen aus. Was hast du mit dir angestellt?“

„Ha!“, rief unser Held, als er den Gruß des Fremden erwiderte, „und ist es langer Ned, den ich da erblicke? Ich freue mich in der Tat, Euch zu treffen; und sag mal, mein Freund, ich hoffe, das, was ich über dich gehört habe, ist nicht wahr!“

„Still!“, sagte Long Ned, sah sich ängstlich um und senkte die Stimme; „sprich niemals über das, was du von Gentlemen hörst, es sei denn, du möchtest sie ihrer letzten Rede und Beichte zuführen. Aber komm mit mir, mein Junge; es gibt eine Schenke gleich hier um die Ecke, und wir können die Dinge genauso gut bei einem Pint Wein besprechen. Du siehst wahrlich verdammt heruntergekommen aus; aber ich kann Bill, dem Kellner – ein berühmter Kerl, dieser Bill! – sagen, dass du einer meiner Pächter bist, der gekommen ist, um sich über meinen Verwalter zu beklagen, der dich gerade wegen der Miete gepfändet hat, du Hund! Kein Wunder, dass du so abgerissen aussiehst. Komm, folge mir. Ich kann nicht mit dir spazieren gehen. Es sähe zu sehr so aus, als würden Northumberland House und das Schlachterhaus von nebenan gemeinsam einen Spaziergang machen.“

„Wirklich, Mr. Pepper“, sagte unser Held, wobei er errötete und keineswegs erfreut über den geistreichen Vergleich seines Freundes war, „wenn Ihr Euch für meine Kleidung schämt, von der ich zugebe, dass sie neuer sein könnte, werde ich Euch nicht mit meiner –“

„Pah! mein Junge, pah!“, rief Long Ned und unterbrach ihn; „sei niemals beleidigt. Ich bin es nie. Ich nehme niemals etwas außer Geld, außer natürlich Uhren. Ich will deine Gefühle nicht verletzen; wir alle waren einmal arm. Beim Kuckuck, ich erinnere mich, als ich keinen Lappen am Leib hatte; und nun, du siehst mich – du siehst mich, Paul! Aber komm, nur durch die Straßen musst du dich von mir fernhalten. Bleib ein wenig zurück, nur ein ganz kleines Stück; das wird genügen. Ja, das wird genügen“, wiederholte Long Ned murmelnd vor sich hin; „sie werden ihn für einen Gerichtsvollzieher halten. Es sieht heutzutage vornehm aus, so begleitet zu werden; es zeigt, dass man einst Kredit genoss!“

Unterdessen folgte Paul, wenn auch keineswegs erfreut über die Verachtung, die sein hochgewachsener Gefährte für sein äußeres Erscheinungsbild zum Ausdruck brachte, und von einem schärferen Bewusstsein denn je für die Verbrechen seines Mantels und die Laster seines anderen Kleidungsstücks – „Oh, nenne seinen Namen nicht!“ – niedergedrückt, mürrisch und verdrossen den stolzierenden Schritten des eitlen Mr. Pepper. Jene Persönlichkeit erreichte schließlich eine kleine Schenke und, einen Kellner anhaltend, der mit einer Schüssel Pökelfleisch durch den Flur in das Kaffeezimmer eilte, verlangte (zweifellos aus einer erfreulichen Vorwegnahme eines ähnlichen hängenden Unglücks) einen Teller derselben vortrefflichen Speise, der zusammen mit einer Flasche Portwein in ein privates Zimmer gebracht werden sollte. Kaum war er mit Paul allein, brach Mr. Ned in ein lautes Lachen aus und musterte seinen Kameraden von Kopf bis Fuß durch ein Monokel, das an einem blauen Band an seinem Knopfloch befestigt war.

„Nun, beim Kuckuck“, sagte er und hielt immer wieder inne, als ob er umso herzlicher lachen müsste, „beim Henker, aber du bist ein drolliger Kauz. Ich frage mich, was die Frauen sagen würden, wenn sie den schneidigen Edward Pepper, Esquire, Arm in Arm mit dir in Ranelagh oder Vauxhall spazieren sähen! Nein, Mann, sei nur nicht niedergeschlagen; wenn ich über dich lache, dann nur, damit du selbst ein wenig fröhlicher aussiehst. Warum, du siehst aus wie ein Buch meines Großvaters namens Burtons 'Anatomie der Melancholie'; und beim Glauben, ein schäbiger gebundenes Exemplar davon habe ich nie gesehen.“

„Diese Scherze sind ein wenig hart“, sagte Paul, der zwischen Zorn und dem Versuch zu lächeln kämpfte; und dann, an seine kürzlichen literarischen Beschäftigungen und die vielen Auszüge, die er aus den „Gleanings of the Belles Lettres“ gemacht hatte, um seinen Kritiken Eleganz zu verleihen, denkend, warf er theatralisch die Hand in die Luft und deklamierte mit feierlicher Miene: –

„'Von allen Sorgen, die den Betrübten plagen, Ist sicher der höhnische Scherz am schwersten zu ertragen!'“

„Nun, jetzt, ich bitte dich, vergib mir“, sagte Long Ned und beruhigte seine Gesichtszüge, „und sag mir einfach, was du die letzten zwei Monate getrieben hast.“

„Zerhackt und geflickt!“, sagte Paul mit bewusstem Stolz.

„Zerhackt und was? Der Junge ist verrückt. Was meinst du, Paul?“

„Mit anderen Worten“, sagte unser Held und sprach sehr langsam, „wisse, o sehr langer Ned! dass ich Kritiker für 'The Asinaeum' gewesen bin.“

Wenn Pauls Kamerad anfangs lachte, so lachte er jetzt zehnmal fröhlicher als je zuvor. Er warf seine volle Körperlänge auf ein benachbartes Sofa und wälzte sich buchstäblich vor Lachkrämpfen; noch ließen seine Lachreize nicht nach, bis der Einzug des Pökelfleischs ihn zur Besinnung brachte. Als er dann sah, dass eine Wolke auf Pauls Gesicht lastete, ging er mit so etwas wie Ernst auf ihn zu, bat ihn um Entschuldigung für seinen Mangel an Höflichkeit und forderte ihn auf, alle Unfreundlichkeit in einem Glas Portwein hinunterzuspülen. Paul, dessen ausgezeichnete Anlagen wir bereits zuvor erwähnen durften, war für die Entschuldigungen seines Freundes nicht unempfänglich. Er versicherte Long Ned, dass er ihm das Verspotten der hohen Stellung, die er (Paul) in der literarischen Welt genossen hatte, durchaus verzeihe; dass es die Pflicht eines öffentlichen Zensors sei, keinen Groll zu hegen, und dass er sehr froh sei, seinen Anteil an der Beisetzung des Pökelfleischs zu leisten.

Das Paar setzte sich nun zu ihrem Mahl nieder; und Paul, der in jenem Tempel der Athena, dem MacGrawler vorsaß, nur karg gespeist hatte, wurde den Speisen vor ihm vollauf gerecht. Nach und nach, während er aß und trank, öffnete sich sein Herz für seinen Begleiter; und unter Ablegung jener Asinaeum-Würde, die er anfangs für notwendig erachtet hatte anzunehmen, unterhielt er Pepper mit allen Einzelheiten des Lebens, das er in letzter Zeit geführt hatte. Er erzählte ihm von seinem Bruch mit Dame Lobkins, seiner Abmachung mit MacGrawler, dem Ruhm, den er erworben, und den Unrechten, die er erlitten hatte; und er schloss, als nun die zweite Flasche zum Vorschein kam, mit der Äußerung seines Wunsches, jene sesshafte Laufbahn, die er so vielversprechend begonnen hatte, gegen einen aktiveren Beruf einzutauschen.

Dieser letzte Teil von Pauls Geständnissen erfreute heimlich die Seele von Long Ned; denn jener erfahrene Sammler der Landstraßen – Ned war wahrlich keines geringeren edlen Berufs – hatte schon lange ein Auge auf unseren Helden geworfen, als jemanden, von dem er glaubte, dass er eine Ehre für jenen unternehmungslustigen Beruf, den er selbst ausübte, und ein nützlicher Assistent für ihn sein würde. Er hatte es in seiner früheren Bekanntschaft mit Paul, als der Jüngling unter dem Dach und der Überwachung der praktizierten und vorsichtigen Mrs. Lobkins stand, nicht für klug gehalten, die genaue Art seiner eigenen Betätigungen offenzulegen, und hatte sich damit begnügt, den Verstand und die Finanzen von Paul allmählich in jenen Zustand zu versetzen, in dem der Vorschlag eines Sprungs von einer Hecke die Person, der er gemacht wurde, nicht mehr allzu sehr empören würde. Er glaubte nun, dass diese Zeit nahe sei; und indem er das Glas unseres Helden bis zum Rand füllte, sprach er ihn so geschickt an: –

„Mut, mein Freund! Deine Erzählung hat mir ein spürbares Vergnügen bereitet; denn verdammt soll ich sein, wenn sie nicht meine Lieblingsmeinung gestärkt hat – dass alles zum Besten dient. Wäre es nicht um die Niedertracht jenes armseligen Kerls, MacGrawler, geschehen, wärst du vielleicht immer noch von dem erbärmlichen Ehrgeiz beseelt, ein paar Schillinge die Woche zu verdienen und einen Haufen armer Teufel in dem Wie-heißt-es, mit dem komplizierten Namen, zu verleumden; wohingegen ich nun, mein guter Paul, hoffe, deinem Genie eine neue Laufbahn eröffnen zu können, in der Guineen für das bloße Fragen zu haben sind – in der du feine Kleider tragen und den Damen in Ranelagh schöne Augen machen kannst; und wenn du Ruhm und Freiheit leid bist, Paul, nun, dann musst du nur einer Erbin oder einer Witwe mit einer stattlichen Leibrente deine Aufwartung machen und das Gewimmel der Menschen wie ein Cincinnatus verlassen!“

Obwohl Pauls Einsicht in die schwierigeren Zweige der Moral nicht sehr ausgeprägt war – und zu jener Zeit hatte der Portwein die wenigen Begriffe, die er über „die Schönheit der Tugend“ besaß, beträchtlich verwirrt –, konnte er doch wahrnehmen, dass Mr. Peppers insinuierter Vorschlag weit davon entfernt war, einer zu sein, den das Richterkollegium der Bischöfe oder eine Synode von Moralisten gewissenhaft gebilligt hätte. Er blieb folglich schweigsam; und Long Ned fuhr nach einer Pause fort: –

„Du kennst meine Genealogie, mein guter Kerl? Ich war der Sohn von Anwalt Pepper, einem scharfsinnigen alten Hund, aber so hitzköpfig wie Kalkutta; und der Enkel von Küster Pepper, einem großen Schriftsteller, der Verse auf Grabsteine schrieb und in Carlisle einen Stand für religiöse Traktate unterhielt. Mein Großvater, der Küster, war der Gutmütigste der Familie; denn wir alle neigen ein wenig dazu, hitzköpfig zu sein. Nun, mein feiner Kerl, mein Vater hinterließ mir seinen Segen und diesen verdammt guten Haarschopf. Ich lebte einige Jahre von meinen eigenen Mitteln. Ich fand es eine besonders unbequeme Lebensweise, und in letzter Zeit habe ich mich darauf verlegt, von der Öffentlichkeit zu leben. Mein Vater und mein Großvater taten es vor mir, wenn auch in einem anderen Metier. Es ist der angenehmste Plan der Welt. Folge meinem Beispiel, und dein Mantel soll so schmuck sein wie mein eigener. Meister Paul, auf deine Gesundheit!“

„Aber, o Längster aller Sterblichen!“, sagte Paul und füllte sein Glas wieder auf, „obwohl die Öffentlichkeit dir erlauben mag, für eine kurze Zeit dein Hammelfleisch von ihrem Rücken zu essen, werden sie schließlich ausschlagen und dich und dein Bankett umwerfen; mit anderen Worten (verzeih meine Metapher, lieber Ned, in Erinnerung an die Rolle, die ich kürzlich bei 'The Asinaeum' innehatte, jenem großartigsten und metaphorischsten aller Journale!), – mit anderen Worten, die Polizei wird dich schließlich schnappen; und du wirst das ausgezeichnete Schicksal haben, wie du bereits das unterscheidende Merkmal von Absalom hast!“

„Du meinst, dass ich gehängt werde“, sagte Long Ned, „das kann sein oder auch nicht; aber wer den Tod fürchtet, genießt nie das Leben. Bedenke, Paul, dass, obwohl Hängen ein schlimmes Schicksal ist, Verhungern ein schlimmeres ist; weshalb fülle dein Glas, und lass uns auf die Gesundheit jenes großen Esels, des Volkes, trinken, und möge es uns nie an Sätteln mangeln, um ihn zu reiten!“

„Auf den großen Esel“, rief Paul und stürzte sein Glas hinunter; „mögen deine Ohren genauso lang sein! Aber ich gestehe dir, mein Freund, dass ich mich nicht auf deine Pläne einlassen kann. Und als Zeichen meines Entschlusses werde ich nicht mehr trinken, denn meine Augen fangen schon an, in der Luft zu tanzen; und wenn ich länger deiner unwiderstehlichen Beredsamkeit zuhöre, könnten meine Füße dasselbe Schicksal teilen!“

So sagend, erhob sich Paul; noch konnte ihn irgendein Bitten von Seiten seines Gastgebers dazu bewegen, seinen Sitz wieder einzunehmen.

„Nun, wie du willst“, sagte Pepper, wobei er einen nonchalanten Ton annahm und seine Krawatte vor dem Spiegel zurechtrückte, – „nun, wie du willst. Ned Pepper bedarf keines Menschen Gesellschaft gegen dessen Willen; und wenn der edle Funke des Ehrgeizes nicht in deiner Brust glüht, hat es keinen Zweck, meinen Atem damit zu verschwenden, etwas anzufachen, das nur in meiner allzu schmeichelhaften Meinung von deinen Qualitäten existierte. Also dann, du schlägst vor, zu MacGrawler zurückzukehren (dem schäbigen alten Betrüger!) und den ruhmlosen Rest deines Lebens mit dem Verstümmeln von Autoren und dem Mord an der Grammatik zu verbringen? Geh, mein guter Kerl, geh! Kritzele wieder und für immer für MacGrawler, und lass ihn von deinem Verstand leben, anstatt zuzulassen, dass dein Verstand –“

„Halt!“, rief Paul. „Obwohl ich einige Bedenken haben mag, die mich daran hindern, jene aufstrebende Lebenslinie zu wählen, die du mir vorgeschlagen hast, so irrst du dich doch sehr, wenn du dir einbildest, ich sei so geistlos, mich länger den Betrügereien dieses Schurken MacGrawler zu unterwerfen. Nein! Meine gegenwärtige Absicht ist es, meiner alten Amme einen Besuch abzustatten. Es erscheint mir überaus seltsam, dass sie mich, obwohl ich sie vor so vielen Wochen verlassen habe, nie so weit bereut hat, dass sie mich aufgespürt hätte, was, wie man meinen sollte, keine schwierige Angelegenheit gewesen wäre; und jetzt, siehst du, bin ich ganz gut dran, da ich fünf Guineen und vier Schillinge mein Eigen nenne, und sie kann kaum glauben, dass ich ihr Geld brauche, mein Herz schmilzt bei ihr, und ich werde hingehen und um Verzeihung für meine Hast bitten!“

„Pah! Sentimental“, rief Long Ned, ein wenig beunruhigt bei dem Gedanken, dass Paul aus jenen Klauen schlüpfen könnte, von denen er glaubte, dass sie ihn nun so fest umschlossen hätten. „Warum, du willst doch sicher nicht, nachdem du einmal die Freuden der Unabhängigkeit gekostet hast, in die Kneipe zurückkehren und all die betrunkenen Wutanfälle von Mutter Lobkins ertragen! Besser, du wärst bei MacGrawler geblieben, wenn man die Wahl hat!“

„Du verstehst mich falsch“, antwortete Paul; „ich meine lediglich, mich mit ihr auszusöhnen und ihre Erlaubnis zu erhalten, die Welt zu sehen. Meine endgültige Absicht ist – zu reisen.“

„Richtig“, rief Ned, „auf der Landstraße – und zu Pferde, hoffe ich.“

„Nein, mein Koloss der Straßen! Nein. Ich bin im Zweifel, ob ich mich bei einem marschierenden Regiment einschreiben soll, oder – Gib mir deinen Rat dazu! Ich bilde mir ein, ich habe ein großes Talent für die Bühne, seit ich Garrick in 'Richard' gesehen habe. Soll ich ein Wanderkomödiant werden? Es muss ein lustiges Leben sein.“

„Oh, der Teufel!“, rief Ned. „Ich selbst habe einmal Cassio in einer Scheune gegeben, und jeder schwor, ich hätte die Betrunkenenszene zur Perfektion gebracht; aber du hast keine Vorstellung davon, was für ein jämmerliches Leben das für einen Mann mit etwas Empfindsamkeit ist. Nein, mein Freund, nein! Es gibt nur eine Zeile in all den alten Stücken, die deine Aufmerksamkeit verdient, –

„'Toby [Die Landstraße] oder nicht toby, das ist die Frage.'

„Den Rest habe ich vergessen!“

„Nun“, sagte unser Held und antwortete im selben scherzhaften Tonfall, „ich gestehe, ich habe 'den hohen Ehrgeiz des Schauspielers'. Es ist erstaunlich, wie mein Herz klopfte, als Richard rief: 'Kommt, eilt, eilt!' Ja, Pepper, weiche zurück! –

„'Tausend Herzen schlagen groß in meiner Brust.'“

„Nun, nun“, sagte Long Ned, indem er sich streckte, „da du so vernarrt in das Theater bist, was sagst du zu einem Ausflug dorthin heute Abend? Garrick spielt.“

„Abgemacht!“, rief Paul.

„Abgemacht!“, echote träge Long Ned und erhob sich mit jener abgeklärten Miene, die den gereiften Mann von Welt vom enthusiastischen Neuling unterscheidet, – „abgemacht! und wir werden uns anschließend zum White Horse begeben.“

„Aber bleib einen Moment“, sagte Paul; „wenn du dich erinnerst, schuldete ich dir eine Guinee, als ich dich das letzte Mal sah – hier ist sie!“

„Unsinn“, rief Long Ned und lehnte das Geld ab – „Unsinn! Du brauchst das Geld im Moment; zahl mir, wenn du reicher bist. Nein, sei nicht spröde deswegen; Ehrenschulden werden heute nicht mehr so bezahlt wie früher. Wir Jungs vom Fish Lane Club haben das alles geändert. Nun, nun, wenn ich muss!“

Und Long Ned, da er sah, dass Paul darauf bestand, steckte die Guinee ein. Als diese heikle Angelegenheit erledigt war – „Komm“, sagte Pepper, „komm, hol deinen Hut; aber, bewahre mich! Ich habe eine Sache vergessen.“

„Was?“

„Nun, mein feiner Paul, überlege mal. Das Theater ist ein vornehmer Ort; sieh dir deinen Mantel und deine Weste an, das ist alles!“

Unser Held war ob dieses argumentum ad hominem sprachlos. Aber Long Ned befreite ihn, nachdem er sich an seiner Verlegenheit erfreut hatte, davon, indem er ihm sagte, dass er einen ehrlichen Händler kenne, der einen Laden für Konfektionsware direkt am Theater führe und der ihn im Handumdrehen ausstatten könne.

Tatsächlich war Long Ned so gut wie sein Wort; er brachte Paul zu einem Schneider, der ihm für die Summe von dreißig Schillingen – halb bar, halb auf Kredit – einen grünen Rock mit angelaufenem Goldbesatz, eine rote Kniehose und eine pfeffer-und-salzfarbene Weste gab. Es ist wahr, sie waren etwas zu groß, denn sie hatten einst niemand Geringerem als Long Ned selbst gehört; aber Paul achtete damals nicht auf jene Feinheiten der Kleidung, wie er später von Gentleman George (einer Persönlichkeit, die dem Leser später vorgestellt werden soll) gelehrt wurde, und er ging ins Theater, ebenso zufrieden mit sich, als wäre er Mr. T---- oder der Graf de ---- gewesen.

Unsere Abenteurer sitzen nun ruhig im Theater; und wir werden es nicht für notwendig halten, die Darbietungen, die sie sahen, oder die Beobachtungen, die sie machten, im Einzelnen zu schildern. Long Ned war eines jener überlegenen Wesen der Landstraße, die sich um alles in der Welt nicht herabgelassen hätten, irgendwo anders als in den Logen zu erscheinen; und dementsprechend ergatterten die Freunde ein paar Plätze in der Rangloge. In der Loge neben der, die unsere Abenteurer zierten, bemerkten sie, mehr als den übrigen Zuschauerraum, einen Gentleman und ein junges Mädchen, die nebeneinander saßen; Letztere, die etwa dreizehn Jahre alt war, war so außergewöhnlich schön, dass Paul trotz seiner dramatischen Begeisterung seine Augen kaum von ihrem Antlitz auf die Bühne richten konnte. Ihr Haar, von einem hellen und blonden Kastanienbraun, hing in üppigen Locken um ihren Hals und warf einen weicheren Schatten auf einen Teint, in dem die Rosen gerade erst in eine Röte zu knospen schienen. Ihre Augen, groß, blau und eher schmachtend als brillant, waren von den dunkelsten Wimpern umrahmt; ihr Mund schien buchstäblich von Lächeln gesäumt, so zahlreich waren die Grübchen, die bei jedem Öffnen der vollen, reifen, taufrischen Lippen zum Vorschein kamen; und der Zauber der Grübchen wurde durch zwei Reihen von Zähnen unterstützt, die schillernder waren als die reichsten Perlen, die jemals auf einer Braut glänzten. Doch der Hauptreiz des Gesichts war sein überaus berührender Ausdruck von Unschuld und mädchenhafter Zartheit; man hätte ewig auf jene erste unaussprechliche Blüte blicken können, auf jenen völlig unberührten und makellosen Flaum, der schien, als könnte ein bloßer Hauch ihn beschädigen. Vielleicht mochte dem Gesicht die Lebhaftigkeit gefehlt haben; aber vielleicht gewann es auch gerade aus diesem Mangel einen Reiz. Die Ruhe der Züge war so weich und sanft, dass das Auge mit demselben Vergnügen dorthin wanderte und es mit demselben Widerwillen verließ, den es beim Verweilen auf oder beim Abwenden von jenen Farben erfährt, die am harmonischsten mit seinem Sehvermögen übereinstimmen. Aber während Paul seinen Blick an dieser jungen Schönheit nährte, hatten die scharfen Blicke von Long Ned ein nicht weniger faszinierendes Objekt in einer großen goldenen Uhr gefunden, die der Gentleman, der die junge Dame begleitete, immer wieder an sein Auge führte, als ob er ein wenig müde von der Länge der Stücke oder dem schleppenden Fortschreiten der Zeit würde.

„Was für ein wunderschönes Gesicht!“, flüsterte Paul.

„Ist das Gesicht dann auch golden, ebenso wie die Rückseite?“, flüsterte Long Ned zurück.

Unser Held fuhr zusammen, runzelte die Stirn und forderte ihn, trotz der gigantischen Statur seines Kameraden, sehr ärgerlich auf, sich ein anderes Thema für Späße zu suchen. Ned wiederum starrte, gab aber keine Antwort.

Unterdessen begann Paul, obwohl die Dame ein wenig zu jung war, um sich in sie zu verlieben, sich zu fragen, in welchem Verwandtschaftsverhältnis ihr Begleiter zu ihr stand. Obwohl der Gentleman insgesamt gut aussah, unterschieden sich seine Züge und der gesamte Charakter seines Gesichts doch sehr von denen, auf die Paul mit solchem Entzücken blickte. Er war scheinbar nicht älter als fünfundvierzig, aber seine Stirn war in viele Linien und Furchen gelegt; und das Licht in seinen Augen, obwohl suchend, war nüchterner und gesetzter, als es seinem Alter entsprach. Ein unangenehmer Ausdruck spielte um den Mund; und die Form des Gesichts, die lang und schmal war, beeinträchtigte beträchtlich die einnehmende Wirkung einer hübschen Adlernase, schöner Zähne und eines dunklen, männlichen, wenn auch fahlen Teints. Es lag eine Mischung aus Scharfsinn und Zerstreutheit im Ausdruck seines Gesichts. Er schien dem Theaterstück oder irgendetwas um ihn herum nur sehr wenig Aufmerksamkeit zu schenken; aber er bewies beträchtliche Emsigkeit, als das Stück zu Ende war, seiner jungen Begleiterin den Mantel umzulegen und sich den Weg durch die dichte Menschenmenge zu bahnen, die sich nun aus den Logen ergoss.

Paul und sein Begleiter folgten ihnen schweigend, jeder mit ganz anderen Beweggründen als der andere. Sie waren nun vor der Tür des Theaters.

Ein Diener trat vor und informierte den Gentleman, dass seine Kutsche ein paar Schritte entfernt sei, es aber einige Zeit dauern könne, bis sie vor das Theater vorfahren könne.

„Kannst du zur Kutsche gehen, meine Liebe?“, sagte der Gentleman zu seinem jungen Mündel; und da sie bejahte, verließen beide, dem Diener voran, das Haus.

„Komm mit!“, sagte Long Ned hastig und ging in dieselbe Richtung, die die Fremden eingeschlagen hatten. Paul stimmte bereitwillig zu. Sie holten die Fremden bald ein. Long Ned ging dem Gentleman am nächsten und streifte ihn beim Vorbeigehen. Plötzlich rief eine Stimme: „Haltet den Dieb!“, und Long Ned, der zu Paul sagte: „Sorge für dich selbst, lauf!“, stürmte von der Seite unseres Helden in die Menge und verschwand in einem Augenblick. Ehe Paul sein Erstaunen überwinden konnte, spürte er, wie er plötzlich am Kragen gepackt wurde; er drehte sich abrupt um und sah das dunkle Gesicht des Begleiters der jungen Dame.

„Schurke!“, rief der Gentleman, „meine Uhr!“

„Uhr!“, wiederholte Paul verwirrt und nur um der jungen Dame willen unterließ er es, seinen Festnehmer niederzuschlagen – „Uhr!“

„Ja, junger Mann!“, rief ein Kerl in einem Gehrock, der nun plötzlich auf der anderen Seite von Paul erschien; „die Uhr dieses Gentlemans. Zu Befehl, Euer Ehren“, wandte er sich an den Kläger, „ich bin auch ein Wächter; soll ich diesen Burschen mitnehmen?“

„Auf jeden Fall“, rief der Gentleman; „ich hätte meine Uhr nicht für den doppelten Wert verlieren mögen. Ich kann beschwören, dass ich sah, wie der Begleiter dieses Kerls sie aus meiner Westentasche riss. Der Dieb ist entkommen; aber wir haben immerhin den Komplizen. Ich übergebe ihn Ihnen hiermit in strikte Verwahrung, Wächter; tragen Sie die Konsequenzen, wenn Sie ihn entkommen lassen.“ Der Wächter antwortete mürrisch, er wolle sich nicht bedrohen lassen und wisse schon, wie er seine Pflicht zu erfüllen habe.

„Antworten Sie mir nicht, Bursche!“, sagte der Gentleman hochmütig; „tun Sie, was ich Ihnen sage!“ Und nach einer kurzen Unterredung fand sich Paul plötzlich zwischen zwei langen Kerlen abgeführt, die den Anschein erweckten, als hätten sie eine ungeheure Lust, ihn zu verspeisen. Inzwischen hatte er sich von seiner Überraschung und Bestürzung erholt. Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn, um zu erkennen, dass sein Begleiter tatsächlich das Delikt begangen hatte, dessen er beschuldigt wurde; und er sah auch voraus, dass dieser Umstand für ihn selbst unangenehme Folgen haben könnte. Unter Berücksichtigung aller Merkmale des Falles hielt er den Versuch einer Flucht für kein unkluges Vorgehen seinerseits; demgemäß wartete er, nachdem er sich einige Schritte sehr ruhig und passiv bewegt hatte, auf seine Gelegenheit, riss sich aus dem Griff des Gentlemans zu seiner Linken los und versetzte dem Gentleman zu seiner Rechten die Hand, die er so befreit hatte, mit so herzlichem Wohlwollen gegen die Wange, dass dieser seinen Griff lockerte und in schräger Position einige Schritte auf die Lichtschächte zurückwich. Doch diese Art von Rundumschlag mit der linken Faust ist sehr ungünstig für die Erhaltung eines festen Gleichgewichts; und bevor Paul sich genügend erholt hatte, um einen wirksamen Satz zu machen, wurde er durch einen Schlag des anderen, unbeschädigten Wächters zu Boden gestreckt, was ihn vollends seiner Sinne beraubte; und als er diese nützlichen Besitztümer wiedererlangte (auf deren Verlust ein Mensch mit Fug und Recht stolz sein kann, da es nur eine Minderheit ist, die sie überhaupt zu verlieren hat), fand er sich auf einer Bank im Wachhaus ausgestreckt.

KAPITEL VII.

Umgeben von manch tapfrem Sklaven, Geschmückt, wie es dem Kühnen ziemt, Saß der alte Giaffir in seinem Diwan: . . . . . . . Sehr zweifle ich, ob dieser eigensinnige Knabe Mir einst nicht noch mehr Verdruss bereiten wird. Die Braut von Abydos.

Es hat dem gelehrten und scharfsinnigen John Schweighaeuser (ein Name, der leicht zu schreiben und wohlklingend auszusprechen ist) gefallen, in jenem „Appendix continens particulam doctrinae de mente humana“, welcher den Band seiner „Opuscula Academica“ beschließt, zu bemerken (wir übersetzen aus dem Gedächtnis), dass „in der unendlichen Vielfalt der Dinge, die dem Menschen auf dem Schauplatz der Welt zur Betrachtung begegnen oder auf die eine oder andere Weise seinen Körper oder seinen Geist beeinflussen, der weitaus größte Teil so eingerichtet ist, dass er ihm eher ein Gefühl von Vergnügen als von Schmerz oder Unbehagen bereitet.“ Unter der Annahme, dass dies in wohlkonstituierten Naturen im Allgemeinen zutrifft, weisen wir auf ein bemerkenswertes Beispiel im Falle des inhaftierten Paul hin; denn obwohl sich dieser Jüngling im gegenwärtigen Augenblick in keiner angenehmen Lage befand und obwohl ihn aus den Aussichten der Zukunft nichts sonderlich Ermutigendes anlächelte, fand er, sobald er wieder zu Bewusstsein gekommen war und sich kräftig geschüttelt hatte, eine unmittelbare Quelle des Vergnügens darin, erstens zu entdecken, dass einige Damen und Herren ihm in seiner Gefangenschaft Gesellschaft leisteten; und zweitens darin, einen riesigen Wasserkrug in seiner Reichweite zu bemerken, den er, da sein erwachendes Empfinden das eines brennenden Durstes war, mit einem Zug entzückt leerte. Dann streckte er sich, sah sich mit sehnsüchtigem Ernst um und entdeckte einen ihm abgewandten, auf dem Boden liegenden Rücken, der ihm beim allerersten Blick vertraut erschien. „Wahrlich“, dachte er, „ich kenne diesen Friesrock und die eigenartige Wendung dieser schmalen Schultern.“ Während er so vor sich hin murmelte, richtete er sich auf, streckte sein Bein aus und stieß den liegenden Körper sanft mit dem Fuß. „Seltsame Flüche murmelnd“, drehte sich die Gestalt um, und während sie sich auf jenen gastunfreundlichen Teil des Körpers erhob, in dem das Einführen fremder Füße alles andere als eine Ehre gilt, richtete sie ihre trüben blauen Augen auf das Gesicht des Störers ihrer Schlummerruhe, öffnete sie allmählich immer weiter, bis sie sich zu Proportionen geweitet zu haben schienen, die geeignet waren, die wichtige Wahrheit zu verschlingen, die über sie hereinbrach, und dann ertönte aus dem Munde der Kreatur:

„Mich laust der Affe, wenn das nicht der kleine Paul ist!“

„Ja, Dummie, hier bin ich! Nicht lange gebraucht, um hinter Gitter zu kommen, wie du siehst! Das Leben ist kurz; wir müssen unsere Zeit so gut wie möglich nutzen!“

Daraufhin rappelte sich Mr. Dunnaker (es war keine geringere, respektable Person) vom Boden auf, setzte sich auf die Bank neben Paul und sagte in mitleidigem Ton:

„Ach du meine Güte! Wenn du dir nicht den Schädel eingehauen hast! Dein Kopf ist so blutig wie Murphys Visage, wenn ihm die Kehle durchgeschnitten wurde!“

[„Murphys Visage“, ungelehrter Leser, scheint in irischer Redewendung „Schweinskopf“ zu bedeuten.]

„Das ist nur das Glück des Krieges, Dummie, und eine bloße Kleinigkeit; die Köpfe, die im Thames Court hergestellt werden, sind nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Aber sag mir, wie kommst du hierher?“

„Ach, ich hatte kräftig einen hinter die Binde gekippt...“

„...bis du leicht im Kopf wurdest, was – und in die Gosse gefallen bist?“

„Ja.“

„Meine Sache ist schlimmer als das, fürchte ich“; und damit erzählte Paul dem treuen Dummie mit leiserer Stimme die Kette von Zufällen, die ihn in sein jetziges Asyl geführt hatten. Dummies Gesicht wurde länger, während er zuhörte; als die Erzählung jedoch zu Ende war, versuchte er es mit so tröstlichen Palliativen, wie sie ihm in den Sinn kamen. Er stellte erstens die Möglichkeit dar, dass der Gentleman sich nicht die Mühe machen würde zu erscheinen; zweitens die Gewissheit, dass bei Pauls Person keine Uhr gefunden worden war; drittens die Tatsache, dass Paul selbst nach dem Geständnis des Gentlemans nicht der eigentliche Täter gewesen war; viertens, wenn es hart auf hart käme, was seien schon ein paar Wochen oder gar Monate Gefängnis?

„Mich soll der Blitz beim Scheißen treffen!“, sagte Dummie, „wenn das nicht ein so guter Zeitvertreib ist, wie ihn ein Kerl, der es gemütlich mag, nur wünschen kann!“

Diese Bemerkung bot Paul keinen Trost, der mit all der jungfräulichen Schüchternheit eines Menschen, dem solche Verbindungen fremd sind, vor einer ehelichen Allianz mit der Gemütlichkeit des Zuchthauses zurückwich. Er vertraute eher auf eine andere Quelle des Trostes. Mit einem Wort, er nährte den schmeichelhaften Glauben, dass Long Ned, in der Erkenntnis, dass Paul an seiner statt geschnappt worden war, die Großmut besitzen würde, hervorzutreten und ihn von der Anklage freizusprechen. Als er Dummie diesen Gedanken andeutete, konnte dieser versierte „Mann von Welt“ eine Zeit lang nicht glauben, dass irgendein Einfaltspinsel so völlig unvertraut mit der Welt sein könne, um ernsthaft eine solch lächerliche Vorstellung zu hegen; und in der Tat ist es einigermaßen bemerkenswert, dass eine solche Hoffnung jemals ihre schmeichelhafte Geschichte jemandem erzählt haben sollte, der im Haus von Mrs. Margaret Lobkins aufgewachsen war. Aber Paul, das haben wir gesehen, hatte viele seiner Vorstellungen aus Büchern gebildet; und er hatte dieselben feinen Theorien von deinem „moralischen Schurken“, die die Köpfe junger Patrioten besitzen, wenn sie das College verlassen, um ins Unterhaus zu gehen, und Integrität für eine hübschere Sache halten als ein Amt.

Mr. Dunnaker drängte Paul ernsthaft, eine solch vage und kindische Laune aus seiner Brust zu verbannen und stattdessen darüber nachzudenken, welche Verteidigungslinie für ihn am besten einzuschlagen sei. Nachdem dieses Thema schließlich erschöpft war, kam Paul auf Mrs. Lobkins zurück und erkundigte sich, ob Dummie dieser Dame in letzter Zeit einen Besuch abgestattet habe.

Mr. Dunnaker antwortete, dass er dies getan habe, wenn auch mit großer Mühe, um ihren Zorn gegen ihn wegen seiner vermeintlichen Beihilfe zu Pauls Ausschweifungen zu besänftigen, und dass sie in letzter Zeit etliche Gespräche mit Dummie über unseren Helden selbst geführt habe. Beim weiteren Befragen Dummies erfuhr Paul die Gründe der guten Matrone, nicht jene Sorge um seine Rückkehr an den Tag zu legen, die unser Held vernünftigerweise erwartet hatte. Die Tatsache war, dass sie, da sie keinerlei Vertrauen in seine eigenen, von ihr unabhängigen Ressourcen hatte, nicht unglücklich über eine Gelegenheit gewesen war, jenen Stolz, der sie so empört hatte, wirksam zu demütigen, wie sie hoffte; und sie schmeichelte ihrer Eitelkeit mit der Vorwegnahme der Zeit, in der Paul, zur Unterwerfung gehungert, freudig und reumütig den Schutz ihres Daches wieder suchen und, gewissermaßen durch Erfahrung gezähmt, niemals wieder gegen das Joch aufbegehren würde, welches ihm ihre mütterliche Vorsicht für passend erachtete. Sie begnügte sich also damit, von Dummie die Nachricht zu erhalten, dass unser Held unter MacGrawlers Dach sei und somit außer aller unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben; und da sie die genialen Anstrengungen des Intellekts nicht vorhersehen konnte, durch die Paul sich selbst zum „Nobilitas“ des „Asinaeum“ gemacht und sich dadurch vor völliger Not gerettet hatte, war sie aufgrund ihrer Menschenkenntnis vollkommen überzeugt, dass der illustre MacGrawler den rebellischen Schützling nicht lange unter jenem Schutz halten würde, der ihrer Meinung nach sein einziger Schutz vor Taschendiebstahl oder Hungertod war. Gegen die erstere anständige Alternative hatte Paul, wie sie wusste, eine große und jugendliche Abneigung; und sie hatte folglich wenig Angst um seine Moral oder seine Sicherheit, indem sie ihn für eine Weile dem Zufall überließ. Jede Angst zudem, die sie andernfalls scharf hätte empfinden können, wurde durch die gewohnheitsmäßige Trunkenheit gedämpft, die mit dem Alter bei der guten Dame zunahm, und die, obwohl sie manchmal zu all ihrer charakteristischen Heftigkeit aufgestachelt werden konnte, ihre Sinne meist in einen lethischen Stupor versenkte, oder, um höflicher zu sprechen, in eine poetische Abstraktion von den Dingen der äußeren Welt.

„Aber“, sagte Dummie, als er seinem Gefährten nach und nach die Lösung des Verhaltens der Dame vermittelte, „aber ich hoffe, wenn du aus dieser Patsche heraus bist, kleiner Paul, dass du dir eine Warnung nimmst, die Bekanntschaft mit Meester Pepper fallen lässt (was, das muss ich sagen, ich immer ungern von dir gefördert sah) und nach Hause zum Mug gehst und die alte Frau bei der Hand nimmst, denn sie ist nicht mehr dieselbe Kreatur, seit du fort bist. Sie ist eine zartbesaitete Frau, diese Piggy Lob!“

Ein solch angemessener Lobgesang auf Mrs. Margaret Lobkins hätte zu einer anderen Zeit Pauls Lachmuskeln anregen können; aber in jenem Moment empfand er wirklich Reue für die ungezwungene Art und Weise, wie er sie verlassen hatte, und die Sanftheit reuevoller Zuneigung tauchte selbst das Bild von Piggy Lob in ihre heiligenden Farben.

In Gesprächen dieser intellektuellen und häuslichen Beschreibung verging die Nacht und der darauffolgende Morgen, bis Paul sich in der ehrfurchtgebietenden Gegenwart von Justice Burnflat befand. Bevor er an der Reihe war, wurden mehrere Fälle erledigt; und unter anderen erhielt Mr. Dummie Dunnaker seine Freilassung, wenn auch nicht ohne einen strengen Verweis wegen seiner Trunkenheitssünde, was den naiven Geist dieses edlen Charakters zweifellos spürbar berührte. Endlich kam Pauls Reihe. Als er seinen Platz einnahm, hörte er ein allgemeines Gemurmel. Zuerst bildete er sich ein, es gelte seiner eigenen interessanten Erscheinung; doch als er die Augen hob, bemerkte er, dass es sich um den Auftritt des Gentlemans handelte, der sein Ankläger werden sollte.

„Still“, sagte jemand in seiner Nähe, „das ist Anwalt Brandon. Ah, das ist ein ausgebuffter Kerl! Es wird schlecht ausgehen für die Person, über die er sich beschwert.“

Es gab eine glückliche Elastizität des Geistes bei unserem Helden; und obwohl er nicht das Glück hatte, ein „gebrochenes Herz“ zu besitzen – ein Umstand, der nach Ansicht der Dichter und Philosophen der heutigen Zeit einen Menschen mit wunderbarem Mut erfüllen und ihn für alle Unglücksfälle unempfänglich machen soll –, so hielt er sich doch mit wunderbarem Mut in seiner gegenwärtigen schwierigen Situation aufrecht und war keineswegs überwältigt, obwohl er durch die Bemerkung, die er gerade gehört hatte, sicherlich ein wenig gedämpft war.

Mr. Brandon war in der Tat ein Rechtsanwalt von beachtlichem Ruf und in der Welt in hohem Ansehen, nicht nur wegen seines Talents, sondern auch wegen einer großen Strenge der Sitten, die, obwohl ein wenig mit Härte und Schärfe für die Fehler anderer Menschen vermischt, aus diesem Grunde natürlich als umso lobenswerter angesehen wurde; da es, wie erfahrene Personen zweifellos wissen, zwei Abteilungen in der ersten Klasse der Moral gibt: erstens einen großen Hass auf die Laster des Nächsten; zweitens den Besitz von Tugenden bei sich selbst.

Mr. Brandon wurde von Justice Burnflat mit großer Höflichkeit empfangen; und als er mit der Uhr in der Hand (einer geliehenen Uhr) kam und sagte, seine Zeit sei fünf Guineen pro Augenblick wert, schritt der Richter unverzüglich zur Sache.

Nichts konnte klarer, kürzer oder befriedigender sein als die Beweisführung von Mr. Brandon. Die bestätigende Aussage des Wächters folgte; und dann wurde Paul zu seiner Verteidigung aufgerufen. Diese war ebenso kurz wie die Anklage; aber ach! sie war nicht ebenso befriedigend. Sie bestand in einer festen Erklärung seiner Unschuld. Sein Kamerad, gestand er, könne die Uhr gestohlen haben; aber er gab demütig zu bedenken, dass das genau der Grund sei, warum er sie nicht gestohlen habe.

„Wie lange, Bursche“, fragte Justice Burnflat, „kennen Sie Ihren Begleiter?“

„Etwa ein halbes Jahr.“

„Und wie ist sein Name und sein Beruf?“ Paul zögerte und lehnte eine Antwort ab.

„Eine traurige Angelegenheit!“, sagte der Richter in melancholischem Ton und schüttelte vielsagend den Kopf.

Der Anwalt stimmte dem Aphorismus zu, bemerkte aber mit großer Großmut, dass er nicht hart gegen den jungen Mann sein wolle. Seine Jugend sei zu seinen Gunsten, und sein Vergehen sei wahrscheinlich die Folge schlechter Gesellschaft. Er schlug daher vor, dass er, da er sich der Adresse seines Freundes vollkommen bewusst sein müsse, eine vollständige Begnadigung erhalten sollte, wenn er den Magistrat unverzüglich mit dieser Information beglückte. Er schloss mit der Bemerkung, mit singulärer Philanthropie, dass es nicht die Bestrafung des Jünglings, sondern die Wiedererlangung seiner Uhr sei, die er begehre.

Justice Burnflat, nachdem er unserem Helden die uneigennützige und christliche Barmherzigkeit des Klägers und die ewige Verpflichtung, die Paul ihm für deren Darlegung schulde, gebührend eingeprägt hatte, wiederholte nun mit doppelter Feierlichkeit jene Fragen nach dem Wohnort und Namen von Long Ned, die unser Held zuvor zu beantworten abgelehnt hatte.

Wir müssen betrübt gestehen, dass Paul, undankbar für die schöne Güte von Anwalt Brandon und von ihr völlig unberührt, in seinem hartnäckigen Leugnen, seinen Kameraden zu verraten, beharrte; und mit gleicher Unbeugsamkeit bestand er weiter auf seiner eigenen Unschuld und der unbescholtenen Rechtschaffenheit seines Charakters.

„Ihr Name, junger Mann?“, fragte der Richter. „Ihr Name, sagen Sie, ist Paul – Paul wer? Sie haben wohl manchen Decknamen, darauf wette ich.“

Hier zögerte der junge Herr erneut; schließlich antwortete er:

„Paul Lobkins, Euer Ehren.“

„Lobkins!“, wiederholte der Richter. „Lobkins! Kommen Sie her, Saunders; haben wir diesen Namen nicht in unseren schwarzen Büchern stehen?“

„Wie es beliebt, Euer Ehren“, sagte ein kleiner stämmiger Mann, der dem Festus der Polizei in vielerlei Hinsicht sehr nützlich war, „es gibt eine Peggy Lobkins, die eine Kneipe führt, eine Art Gaunerherberge namens ‚The Mug‘ im Thames Court – nicht genau auf unserer Streife, Euer Ehren.“

„Ho, ho!“, sagte Justice Burnflat und zwinkerte Mr. Brandon zu. „Das müssen wir ein wenig durchleuchten. Sagen Sie, Mr. Paul Lobkins, in welcher Verwandtschaft steht die gute Wirtin des ‚Mug‘ im Thames Court zu Ihnen?“

„In gar keiner, Sir“, sagte Paul hastig; „sie ist nur eine Freundin!“

Daraufhin gab es Gelächter im Gerichtssaal.

„Ruhe!“, rief der Richter. „Und ich wage zu behaupten, Mr. Paul Lobkins, dass diese Freundin von Ihnen die Rechtschaffenheit Ihres Charakters, auf den Sie so viel Wert legen, verbürgen wird?“

„Ich habe keinen Zweifel daran, Sir“, antwortete Paul; und es gab ein weiteres Gelächter.

„Und gibt es irgendeinen anderen ebenso gewichtigen und lobenswerten Freund von Ihnen, der Ihnen den gleichen Gefallen erweisen wird?“

Paul zögerte; und in diesem Augenblick, zur Überraschung des Gerichts, vor allem aber zur völligen und verblüffenden Überraschung seiner selbst, drängten sich zwei Herren, die nach der neuesten Mode gekleidet waren, vor, verneigten sich vor dem Richter und erklärten sich bereit, für die vollkommene Rechtschaffenheit und den unanfechtbaren Charakter von Mr. Paul Lobkins zu bürgen, den sie, wie sie sagten, seit vielen Jahren kannten und für den sie den größten Respekt hegten. Während Paul die Gestalten dieser freundlichen Freunde musterte, an die er sich im Laufe seines Lebens nie zuvor erinnert hatte, flüsterte der Anwalt, der ein sehr scharfsinniger Kerl war, dem Magistrat zu; und dieser Würdenträger nickte wie zur Zustimmung und musterte die Neuankömmlinge, während er nach den Namen von Mr. Lobkins' Zeugen fragte.

„Mr. Eustace Fitzherbert“ und „Mr. William Howard Russell“ lauteten die verschiedenen Antworten.

So aristokratische Namen erregten allgemeines Aufsehen. Aber der undurchdringliche Richter rief denselben Mr. Saunders, den er zuvor angesprochen hatte, und bat ihn, die Gesichter von Mr. Lobkins' Freunden genau zu prüfen.

Wie der Alguazil die Züge des denkwürdigen Don Raphael und des illustren Manuel Morales musterte, als jene versierte Persönlichkeit es für bequem hielt, die Reisewürde eines italienischen Prinzen anzunehmen, Sohn des Herrschers der Täler zwischen der Schweiz, dem Mailändischen und Savoyen, während der andere sich damit begnügte, Diener von Monseigneur le Prince zu sein; genau so, mit weit mehr Ernst als Respekt, musterte Mr. Saunders die Züge jener hochgeborenen Herren, Messrs. Eustace Fitzherbert und William Howard Russell; doch nach langer Prüfung zog er die Augen ab, machte eine unbefriedigende und nicht wiedererkennende Geste in Richtung des Magistrats und sagte:

„Wie es beliebt, Euer Ehren, sie gehören nicht zu meiner Herde; aber Bill Troutling weiß mehr über diese Art von feinen Kerlen als ich.“

„Befehlen Sie Bill Troutling zu erscheinen!“, lautete der lakonische Befehl.

Bei diesem Namen hätte eine gewisse bescheidene Verwirrung in den Gesichtern von Mr. Eustace Fitzherbert und Mr. William Howard Russell sichtbar sein können, wäre die Aufmerksamkeit des Gerichts nicht sofort auf einen anderen Fall gelenkt worden. Eine arme Frau war wegen eines Vorwurfs der Unanständigkeit für sieben Tage ins Zuchthaus eingewiesen worden. Ihr Ehemann, die am meisten betroffene Person, trat nun vor, um den Vorwurf zu entkräften; und mit Hilfe seiner Nachbarn gelang ihm dies auch.

„Das ist alles sehr wahr“, sagte Justice Burnflat; „aber da Ihre Frau, mein guter Kerl, in fünf Tagen ohnehin wieder frei sein wird, lohnt es sich kaum, sie jetzt freizulassen.“

[Eine Tatsache, die sich im Monat Januar 1830 ereignete. Siehe „The Morning Herald“.]

Eine so kluge Entscheidung konnte nicht verfehlen, den Ehemann zufriedenzustellen; und das Publikum wurde von diesem Augenblick an über eine sehr bemerkenswerte Wahrheit aufgeklärt – nämlich, dass fünf Tage von sieben in einem besonders kleinen Verhältnis zu den verbleibenden zwei stehen; und dass die Menschen in England eine so ungeheure Liebe zur Bestrafung haben, dass es zwar nicht die Mühe wert ist, eine unschuldige Frau fünf Tage früher aus dem Gefängnis zu entlassen, als man es sonst getan hätte, es aber außerordentlich wohl die Mühe wert ist, sie für sieben Tage ins Gefängnis zu stecken!

Als der Ehemann, der sich mit der rauen Hand über die Augen fuhr und die eine oder andere vulgäre Unverschämtheit vor sich hin murmelte, abgezogen war, sagte Mr. Saunders:

„Hier ist Bill Troutling, Euer Ehren!“

„Oh, nun gut“, sagte der Richter; „und jetzt, Mr. Eustace Fitz... Hallo, wie ist das! Wo sind Mr. William Howard Russell und sein Freund Mr. Eustace Fitzherbert?“

„Das Echo antwortete: wo?“

Diese edlen Herren, die eine natürliche Abneigung dagegen hatten, mit einer so niedrigen Person wie Mr. Bill Troutling konfrontiert zu werden, waren in dem Augenblick, als das öffentliche Interesse von ihnen abgelenkt wurde, stillschweigend von einem Schauplatz verschwunden, an dem ihr Rang im Leben so wenig beachtet wurde. Sollten Sie, Leser, begierig sein zu erfahren, aus welchem Teil der Welt die flüchtigen Besucher erschienen, so wissen Sie, dass sie Geister waren, die von jenem unnachahmlichen Magier Long Ned gesandt wurden, teilweise um zu berichten, wie es im Gericht zuging; denn Mr. Pepper war, in Verfolgung jener alten Politik, die lehrt, dass der Fuchs, je näher er bei den Jägern ist, desto eher die Chance hat, übersehen zu werden, unmittelbar nach seinem abrupten Abschied von Paul in ein Haus in genau der Straße eingetaucht, in der er seinen Scharfsinn zur Schau gestellt hatte und in dem Austern und Bier allnächtlich eine Versammlung anlockten und bewirteten, die, unparteiisch gesprochen, zahlreicher als ausgewählt war. Dort hatte er erfahren, wie ein Taschendieb wegen unerlaubter Zuneigung zur Uhr eines anderen Mannes gegriffen worden war; und dort, während er ruhig seine Austern würzte, hatte er mit seinem charakteristischen Scharfsinn seinen Geist durch die Überzeugung befriedigt, dass dieser verhaftete Unglückliche kein anderer als Paul sei. Teilweise also als Vorsichtsmaßnahme für seine eigene Sicherheit, damit er frühzeitige Nachricht erhielte, sollte Pauls Verteidigung einen Wohnungswechsel ratsam machen, und teilweise (aus der Freundschaft der Kameradschaft) um seinen Gefährten mit solcher Hilfe zu unterstützen, wie sie das günstige Zeugnis zweier gut gekleideter Personen, die „in der Stadt“ wenig bekannt waren, bieten konnte, hatte er jene himmlischen Wesen entsandt, die unter den sterblichen Namen Eustace Fitzherbert und William Howard Russell vor den kaiserlichen Hof von Justice Burnflat getreten waren. Nachdem wir so die Erscheinung (das Verschwinden bedarf keines Kommentars) von Pauls „Freunden“ erklärt haben, kehren wir zu Paul selbst zurück.

Ungeachtet der Gefahren, von denen er umgeben war, kämpfte unser junger Held bis zuletzt; doch der Richter war keineswegs gewillt, Mr. Brandon zu missfallen, und da er bemerkte, dass während der gesamten Verteidigung Pauls ein ungläubiges und beißendes Grinsen auf den Lippen jenes Herrn verweilte, konnte er nicht anders, als seine Entscheidung nach dem wohlbekannten Scharfsinn des berühmten Juristen zu formen. Paul wurde dazu verurteilt, sich für drei Monate in jenes Landhaus in Bridewell zurückzuziehen, in das die undankbaren Diener der Gerechtigkeit ihre aktivsten Bürger oft verbannen.

Sobald das Urteil gefällt war, erklärte Brandon, dessen scharfe Augen keine Hoffnung auf die Wiedererlangung seines verlorenen Schatzes sahen, dass der Schurke vollkommen das Gesicht eines Old-Bailey-Kunden habe und dass er nicht zweifle, sollte er jemals das Alter eines Richters erreichen, auch noch eine sehr unterschiedliche Art von Urteil über den Missetäter fällen zu können.

So sprechend, beschloss er, keine weitere Zeit zu verlieren, und verließ das Büro sehr abrupt, ohne anderen Trost als die Erinnerung daran, dass er den Jungen auf jeden Fall an einen Ort geschickt hatte, an dem er, auch wenn er im Augenblick noch so unschuldig sein mochte, mit Sicherheit genauso geneigt, schuldig zu werden, wieder herauskommen würde, wie es sich seine Freunde nur wünschen konnten; verbunden mit solch moralischen Überlegungen, wie sie die Tragödie von Bombastes Furioso ihm selbst in jener sentenziösen und knappen Zeile hätte bieten können:

„Deine Uhr ist fort – Uhren sind dazu da, zu gehen.“

Unterdessen wurde Paul in Begleitung zweier anderer Missetäter in feierlicher Weise in seinen Rückzugsort geführt – der eine ein Mann mittleren Alters, wenngleich ein sehr alter „Gauner“, der verurteilt worden war, weil er sich Geld unter falschen Vorspiegelungen erschlichen hatte, und der andere ein kleiner Junge, der schuldig befunden worden war, unter einer Kolonnade geschlafen zu haben; denn es ist die besondere Schönheit des englischen Gesetzes, keine fein gezeichneten und unsinnigen Unterschiede zwischen Laster und Unglück zu machen, und seine eigentümliche Art, den Ehrlichen zu schützen, besteht darin, in möglichst kurzer Zeit so viele Schurken wie möglich zu schaffen.

KAPITEL VIII.

Gesunder Menschenverstand. Was ist das Ziel der Bestrafung in Bezug auf das bestrafte Individuum?

Sitte. Es zu verbessern!

Gesunder Menschenverstand. Wie bestraft ihr junge Missetäter, die (aufgrund ihrer Jugend) besonders empfänglich für Beispiele sind und bei denen es daher leichter ist, sie entweder zu ruinieren oder zu reformieren als bei Erwachsenen?

Sitte. Wir schicken sie in das Arbeitshaus, damit sie mit den verdammtsten Schurken des Landes verkehren!

Dialog zwischen gesundem Menschenverstand und Sitte. – Sehr selten.

Da es schon ziemlich spät am Tag war, als Paul seinen ersten Einstand in Bridewell gab, verbrachte er die Nacht im „Aufnahmezimmer“. Am nächsten Morgen, sobald er vom Chirurgen untersucht und in die übliche Uniform gekleidet worden war, wurde er gemäß seiner Klassifizierung unter die gute Gesellschaft geführt, die als schuldig an jenem zusammenfassenden Vergehen, „einer Verfehlung“, betrachtet wurde. Hier kam ein großer Herr auf ihn zu und sprach ihn in einer gewissen Sprache an, die man die Freimaurerei der Ganoven nennen könnte und die Paul, obwohl er sie nicht wortwörtlich begriff, richtig als eine Erkundigung verstand, ob er ein durchtriebener Schurke und ein ganzer Gauner sei. Er antwortete halb verwirrt, halb zornig; und seine Erwiderung war so abträglich für jeden günstigen Einfluss, den er sonst auf den Fragesteller hätte ausüben können, dass letztere Persönlichkeit, nachdem sie ihn ins Ohr gekniffen hatte, „Ramp, ramp!“ rief, und bei diesem bedeutungsvollen und schrecklichen Wort sah sich Paul im Handumdrehen von einer ganzen Schar einfallsreicher Peiniger umgeben. Der eine zog an diesem Glied, ein anderer kniff jenes; einer schlug ihn von vorn, und ein anderer drischte von hinten auf ihn ein. Als Zwischenspiel zu dieser erfreulichen Beschäftigung beraubten sie ihn der wenigen Dinge, die er bei seinem Kleidungswechsel behalten hatte. Einer trug sein Taschentuch davon, ein zweiter sein Halstuch, und ein dritter, glücklicher als die anderen beiden, bemächtigte sich eines Paares Karneol-Hemdknöpfe, die Paul als Liebespfand von einer jungen Dame erhalten hatte, die in der Nähe des Tower Orangen verkaufte. Glücklicherweise, bevor dieser Initiationsprozess – fachsprachlich „Ramping“ genannt und an allen Neuankömmlingen ausgeübt, die einen Funken Anstand zu haben scheinen – die Knochen Pauls, der sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzte, in den Zustand von Magnesia versetzt hatte, erhob sich plötzlich ein Mann von ernstem Aussehen, der bis dahin in aller Stille sein Werg gezupft hatte, drängte sich zwischen das Opfer und die Angreifer und wies letztere wie jemand, der Autorität besitzt, an, den Jungen in Ruhe zu lassen und sich zum Teufel zu scheren.

Dieser Vorschlag, sich zur Zerstreuung an einen anderen Ort zu begeben, bewirkte, obwohl er in sehr ernster und ruhiger Weise geäußert wurde, jene augenblickliche Wirkung, die Ermahnungen von großen Schurken normalerweise auf kleine ausüben. Die Herren Rumper ließen von ihren Belustigungen ab; und der Anführer der Bande, der Paul kräftig auf den Rücken klopfte, erklärte, er sei ein prächtiger Kerl und es sei nur ein kleiner Spaß gewesen, von dem er hoffe, er habe keinen Anstoß erregt.

Paul, der immer noch die Faust ballte, war im Begriff, in keiner friedlichen Stimmung zu antworten, als ein Gefängniswärter, dem es völlig gleichgültig war, wie viele Männer er für ein Vergehen einsperrte, der aber die Mühe, einen seiner Schützlinge zu beaufsichtigen, um sicherzugehen, dass das Vergehen nicht begangen wurde, überhaupt nicht mochte, nun plötzlich unter der Gruppe erschien; und nachdem er sie wegen der übermäßigen Plage, die sie für ihn darstellten, ausgeschimpft hatte, führte er zwei der Ärmsten aus dem Mob in die Einzelhaft ab. Es ergab sich natürlich, dass diese beiden den kleinsten Anteil an dem Aufruhr gehabt hatten. Nachdem diese Szene vorüber war, kehrte die Gesellschaft zum Wergzupfen zurück; das Laufband, jene bewundernswert gerechte Erfindung, durch die ein starker Mann keine Ermüdung erleidet und ein schwacher seine Gesundheit für das Leben verliert, war damals noch nicht in unseren ausgezeichneten Einrichtungen zur Verbrechensbekämpfung eingeführt worden. Bitter und mit vielen dunklen und zornigen Gefühlen, in denen ihn allein das Gefühl der Ungerechtigkeit bei der Bestrafung gegen die Demütigungen aufrecht hielt, denen er unterworfen war – bitter und mit einem schwellenden Herzen, in dem sich die Gedanken, die zum Verbrechen führen, bereits durch einen Boden drängten, der plötzlich für ihr Wachstum erwärmt worden war, beugte sich Paul über seine Arbeit. Er fühlte sich am Arm berührt; er drehte sich um und sah, dass der Herr, der ihn so freundlich von seinen Peinigern befreit hatte, nun neben ihm saß. Paul starrte lange und eindringlich auf seinen Nachbarn, während er mit dem Gedanken kämpfte, dass er dieses kluge Gesicht in glücklicheren Zeiten gesehen hatte, obwohl es nun, ach!, verändert war, nicht nur durch Zeit und Wechselfälle, sondern durch jenen Ausdruck von Ernst, den die Sorgen des Mannesalters allmählich über das Gesicht des Unbekümmertsten ausbreiten – bis jeder Zweifel schwand und er ausrief:

„Sind Sie das, Mr. Tomlinson? Wie froh bin ich, Sie hier zu sehen!“

„Und ich“, erwiderte der ehemalige Mörder für die Zeitungen mit näselndem Tonfall, „wäre sehr froh, mich irgendwo anders zu sehen.“

Paul antwortete nicht; und Augustus fuhr fort:

„‚Für einen weisen Mann sind alle Orte gleich‘ – so ist es gesagt worden. Ich glaube es nicht, Paul – ich glaube es nicht. Aber Schluss mit den Reflexionen! Ich habe dich in dem Moment wiedererkannt, als ich dich sah, obwohl du erstaunlich gewachsen bist. Wie geht es meinem Freund MacGrawler? – arbeitet er noch hart für das ‚Asinaeum‘?“

„Ich glaube schon“, sagte Paul mürrisch und beeilte sich, das Gespräch zu wechseln; „aber sagen Sie mir, Mr. Tomlinson, wie sind Sie hierhergekommen? Ich hörte, Sie seien in den Norden Englands gegangen, um eine einträgliche Beschäftigung auszuüben.“

„Möglich! Die Welt stellt die Handlungen derer, die ständig vor ihr stehen, immer falsch dar.“

„Das ist sehr wahr“, sagte Paul; „und ich habe dasselbe selbst hundertmal im ‚Asinaeum‘ gesagt, denn wir waren nie allzu großzügig mit unseren Wahrheiten in jenem großartigen Journal. Es ist erstaunlich, wie weit wir mit drei Ideen kamen.“

„Du erinnerst mich an mich selbst und meine Zeitungsarbeit“, fügte Augustus Tomlinson hinzu. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich so viele wie drei Ideen übrig hatte; denn, wie du sagst, es ist erstaunlich, wie weit diese Anzahl bei richtiger Handhabung führen kann. Es ist bei Schriftstellern wie bei wandernden Schauspielern – dieselben drei Ideen, die in einer Szene für Türken herhielten, dienen in der nächsten für Hochländer; aber du musst mir eines Tages deine Geschichte erzählen, und du sollst meine hören.“

„Ich wäre Ihnen für Ihr Vertrauen außerordentlich verbunden“, sagte Paul, „und ich zweifle nicht daran, dass Ihr Leben außerordentlich unterhaltsam sein muss. Meines war bis jetzt nur fade. Das Leben von Literaten ist nicht voller Abenteuer; und ich frage mich, ob nicht jeder Schriftsteller im ‚Asinaeum‘ pretty nearly dasselbe Dasein geführt hat wie ich selbst.“

In Gesprächen dieser Art verbrachten unsere neu vereinten Freunde den Rest des Tages bis zur Stunde von halb fünf, wenn die Gefangenen annehmen müssen, dass die Nacht begonnen hat, und in ihren Schlafzimmern eingeschlossen werden. Tomlinson dann, der froh war, eine Person wiederzufinden, die ihn in seinen beaux jours gekannt hatte, sprach privat mit dem Gefängniswärter; und das Ergebnis des Gesprächs war, dass Paul und Augustus in dieselbe Kammer gesperrt wurden, eine Art steinerner Kasten, der im Allgemeinen drei Personen beherbergte und – denn wir haben ihn vermessen, wie wir die Zelle des Gefangenen von Chillon vermessen hätten – genau acht mal sechs Fuß maß.

Wir beabsichtigen nicht, Leser, durch breite Farben und in langer Ausführung den moralischen Verfall unseres Helden aufzuzeigen; denn wir haben durch Erfahrung gelernt, dass solche Mühen unsererseits kaum mehr bewirken, als dass du unsere Dummheit tadelst, anstatt unsere Absicht zu preisen. Wir werden daher unsere Moral nur durch subtile Andeutungen und kurze Kommentare ausarbeiten; und wir werden uns jetzt damit begnügen, dich daran zu erinnern, dass du bisher Paul trotz der Umstände als ehrlich erlebt hast. Trotz der Ansteckung durch den Mug, trotz seiner Bekannten in Fish Lane, trotz seiner Vertrautheit mit Long Ned, hast du gesehen, wie er der Versuchung trotzte und auf eine andere Laufbahn als die des Raubes oder Betrugs blickte. Ja, sogar in seiner Not, als er aus der Behausung seiner Kindheit vertrieben wurde, hast du beobachtet, wie er sich, anstatt zu einer angenehmeren oder liederlicheren Lebensweise zu greifen, sofort dem trüben Dach und den faden Beschäftigungen von MacGrawler zuwandte und es vorzog, seinen Lebensunterhalt ehrlich durch den Schweiß seines Gehirns zu verdienen, anstatt auf eine der zahlreichen Arten zurückzugreifen, von anderen zu leben, mit denen seine Erfahrung unter dem schlechtesten Teil der Gesellschaft übervoll gewesen sein musste und die, gelinde gesagt, für die Jungen und Abenteuerlustigen verlockender sind als die kargen Pfade literarischer Arbeit. Tatsächlich, um dir ein Geheimnis zu verraten, war es Pauls gewagter Ehrgeiz gewesen, sich zu einem würdigen Mitglied der Gemeinschaft zu erheben. Seine gegenwärtigen Umstände, das mag man später sehen, waren der Grund für eine große Veränderung in seinen Wünschen; und das Gespräch, das er in jener Nacht mit dem einfallsreichen und geschickten Augustus führte, trug mehr dazu bei, ihn als Helden dieses Werkes zu formen, als alle Gewohnheiten seiner Kindheit oder die Szenen seiner früheren Jugend. Junge Leute neigen irrtümlicherweise dazu, zu glauben, dass es eine schlechte Sache sei, überaus böse zu sein. Das Arbeitshaus heißt deshalb so, weil es ein Ort ist, an dem eine so lächerliche Vorstellung ausnahmslos korrigiert wird. Am nächsten Tag wurde Paul von einem Besuch von Mrs. Lobkins überrascht, die von seinem Schicksal und dessen Ursachen durch den freundlichen Dummie erfahren hatte und die es geschafft hatte, von Richter Burnflat eine Zutrittserlaubnis zu erhalten. Sie trafen sich, wie Pyramus und Thisbe, mit einer Mauer oder vielmehr einem Eisengitter zwischen sich; und Mrs. Lobkins brach nach einem Aufschrei der Verzweiflung über das Hindernis unter Tränen in den pathetischen Vorwurf aus:

„O Paul, du hast deine Schweine auf einen schönen Markt gebracht!“

„Es ist ein Markt, der für Schweine geeignet ist, liebe Dame“, sagte Paul, der, obwohl er eine Träne im Auge hatte, einen Witz nicht ablehnte, der so bitter wie unelegant war; „denn von allen anderen ist es der Ort, an dem ein Mann lernt, auf seinen Speck aufzupassen.“

„Halte den Mund!“, rief die Dame zornig. „Was hast du da zu plappern, während du im Limbo sitzt?“

„Ach, liebe Dame“, sagte Paul, „wir können diesen Stößen und Stolperern auf unserem Weg zum Erfolg nicht entgehen!“

„Weg zum Galgen!“, rief die Dame. „Ich sage dir, Kind, du wirst am Ende gehängt werden, trotz all meiner Sorge und Aufmerksamkeit für dich, obwohl ich dich als Gelehrten erzogen habe und immer gehofft habe, dass du einmal eine Ehre für deinen...“

„König und Vaterland“, unterbrach Paul. „Wir sagen immer, Ehre für König und Vaterland, was bedeutet, reich zu werden und Steuern zu zahlen. ‚Je mehr Steuern ein Mann zahlt, desto größer ist die Ehre, die er beiden erweist‘, wie Augustus sagt. Nun, liebe Dame, alles zu seiner Zeit.“

„Was! Du bist fröhlich, nicht wahr? Warum weinst du nicht? Dein Herz ist so hart wie ein Ziegelstein. Es sieht völlig unnatürlich und hyänenhaft aus, so egal-wie-es-ist zu sein!“ So sagend, sprudelten die Tränen der guten Dame mit der Bitterkeit einer verzweifelten Parisina hervor.

„Nein, nein“, sagte Paul, der, obwohl er weitaus intensiver litt, das Leiden weitaus leichter ertrug als seine Gönnerin, „wir können die Sache nicht durch Weinen verbessern. Versuchen Sie doch mal, was für mich getan werden kann. Ich wage zu sagen, Sie könnten es schaffen, das Urteil des Richters durch ein wenig ‚Palmenöl‘ zu mildern; und wenn Sie mich hier rausholen können, bevor ich völlig verdorben bin – ein oder zwei Tage länger an diesem höllischen Ort werden das Geschäft erledigen –, verspreche ich Ihnen, dass ich nicht nur selbst ehrlich leben werde, sondern auch mit Leuten, die auf dieselbe Weise leben.“

„Küss mich, Paul“, sagte die zärtliche Mrs. Lobkins, „küss mich – Oh! aber ich vergesse das Gitter. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Und hier, mein Junge, hier ist etwas für dich in der Zwischenzeit – ein Tropfen von dem ‚Gesöff‘, um deinem armen Magen Trost zu predigen. Pst! schmuggle es durch, sonst sehen sie es.“

Hier versuchte die Dame, eine Steinflasche durch die Gitterstäbe des Tores zu schieben; aber, ach! obwohl der Hals hindurchpasste, weigerte sich der Körper, und die Dame war gezwungen, das „Gesöff“ wieder zurückzuziehen. Daraufhin erneuerte die gutherzige Frau ihr Schluchzen; und so versunken war sie in ihren Kummer, dass sie anscheinend völlig vergaß, zu welchem Zweck sie die Flasche mitgebracht hatte, und sie an ihren eigenen Mund ansetzte und sich mit jenem Elixir Vitae tröstete, das sie ursprünglich für Paul vorgesehen hatte.

Dies beruhigte sie etwas; und nach einer höchst bewegenden Szene taumelte die Dame mit den für den Kummer typischen schwankenden Schritten davon und versprach, während sie ging, dass, wenn Liebe oder Geld Pauls Gefangenschaft verkürzen könnten, keines von beidem fehlen sollte. Wir sind etwas ratlos, den genauen Einfluss zu vermuten, den das erstere dieser Argumente, vorgetragen von der lieblichen Margaret, auf Richter Burnflat gehabt haben könnte.

Als die gute Dame gegangen war, beeilte sich Paul, sein Werg weiterzuzupfen und sich wieder seinem Freund anzuschließen. Er fand den würdigen Augustus dabei, wie er im Geheimen kleine elegante Luxusartikel verkaufte, wie Tabak, Gin und Rationen von feineren Speisen, als das Gefängnis erlaubte; denn Augustus, der mehr Geld hatte als der Rest seiner Gefährten, schaffte es durch die Freundschaft des Gefängniswärters, solche Annehmlichkeiten, nach denen die Gefangenen besonders verlangten, heimlich zu kaufen und mit etwa vierhundert Prozent Gewinn weiterzuverkaufen.

[Eine sehr verbreitete Praxis im Bridewell. Der Gouverneur in den Coldbath-Fields, anscheinend ein sehr intelligenter und aktiver Mann, in jeder Hinsicht für eine höchst mühsame Aufgabe geeignet, teilte uns in dem einzigen Gespräch, das wir die Ehre hatten, mit ihm zu führen, mit, dass er glaubte, in seinem Zuständigkeitsbereich diese illegale Handelsmethode fast oder ganz zerstört zu haben.]

„Ein Beweis“, sagte Augustus trocken zu Paul, „dass man durch Klugheit und Anstrengung selbst an Orten, an denen man sich kaum drehen kann, einen Groschen verdienen kann.“

KAPITEL IX.

„Erzähle ausführlich, mein gottgleicher Gast“, sagte sie, „Die griechischen Listen – die verratene Stadt!“ DRYDEN: Virgil, Äneis, zweites Buch.

Davon absteigend, entkamen sie! – Ebenda.

Eine große Verbesserung war im Charakter von Augustus Tomlinson eingetreten, seit Paul jenem illustren Mann zuletzt begegnet war. Damals hatte Augustus den Mann von Welt gespielt, den gelehrten Herumtreiber in der Stadt, den allvollendeten Perikles der Zeitungen, der fröhlich Horaz zitierte und gravitätisch eine Fliege vom Leitartikel von Lord Dunshunner verscheuchte. Nun hatte sich eine ernstere, wenn auch nicht weniger hochmütige Miene auf seinen Zügen festgesetzt; die Maske der Mode war der Maske der Weisheit gewichen; und aus dem Mann von Welt war Augustus Tomlinson zum Philosophen geworden. Mit dieser Erhebung allein gab er sich nicht zufrieden: er vereinte den Philosophen mit dem Politiker; und der einfallsreiche Schurke freute sich besonders darauf, sich damit zu brüsten, „ein gemäßigter Whig“ zu sein!

„Paul“, pflegte er zu bemerken, „glaub mir, gemäßigter Whiggismus ist ein vortreffliches Glaubensbekenntnis. Er passt sich jeder möglichen Veränderung an, jeder denkbaren Vielfalt der Umstände. Es ist die einzige Politik für uns, die wir die Aristokraten jener freien Körperschaft sind, die gegen tyrannische Gesetze rebellieren; denn, verdammt, ich bin keiner deiner Demokraten. Möge es Kerker und Gefängniswärter geben für die niedrigen Schurken, die Kleider von der Hecke peitschen, wo sie zum Trocknen hängen, oder in einen Lichtschacht steigen auf der Suche nach einem silbernen Löffel; aber Arbeitshäuser sind nicht für Männer gemacht, die eine aufgeklärte Erziehung erhalten haben – die deine kleinen Diebstähle genauso verabscheuen wie ein Friedensrichter es kann – die niemals als unehrlich in ihren Geschäften bezeichnet werden sollten, sondern, wenn sie entdeckt werden, als ‚unglücklich bei ihren Spekulationen‘! Eine hübsche Sache wahrlich, dass es Unterschiede im Rang unter anderen Mitgliedern der Gemeinschaft geben sollte und keine unter uns! Wo bleibt deine vielgepriesene britische Verfassung, möchte ich wissen, wo sind deine Privilegien der Aristokratie, wenn ich, der ich ein geborener Gentleman bin, Latein kann und in der besten Gesellschaft gelebt habe, in diesen abscheulichen Ort gesteckt werden sollte, zusammen mit einem schmutzigen Kerl, der in einem Keller geboren wurde und nie mehr auf einmal verdienen konnte, als für eine Wurst reichte? Nein, nein! Nichts von deinen Nivellierungsprinzipien für mich! Ich bin liberal, Paul, und liebe die Freiheit; aber, Gott sei Dank, ich verachte eure Demokratien!“

So, halb im Ernst, halb eine natürliche Neigung zum Sarkasmus verhüllend, konnte dieser gemäßigte Whig stundenlang während jener langen Nächte, die um halb fünf begannen und in denen er und Paul einander Gesellschaft leisteten, vor sich hin reden.

Eines Abends, als Tomlinson so bitterlich dazu aufgelegt war, weitschweifig zu sein, dass Paul sich von seiner Beredsamkeit etwas ermüdet fühlte, erinnerte unser Held, der sich eine Abwechslung im Gespräch wünschte, Augustus an sein Versprechen, seine Geschichte mitzuteilen; und der philosophische Whig, keineswegs abgeneigt, von sich selbst zu sprechen, räusperte sich und begann.

„Kümmere dich nicht darum, wer mein Vater war oder was mein Geburtsort! Mein erster Vorfahre war Tommy Linn (sein Erbe wurde Tom Linns Sohn) – du hast die Ballade gehört, die zu seinem Lobe gemacht wurde,

‚Tommy Linn ist ein Schotte von Geburt, Sein Kopf ist kahl und sein Bart ist geschoren; Er hatte eine Mütze aus Fell eines Hasen, Ein älterer Mann ist Tommy Linn!‘

Es gab eine Art Prophezeiung bezüglich der Nachkommen meines Vorfahren, die dunkel in der abschließenden Strophe dieser Ballade angedeutet wurde:

‚Tommy Linn und seine Frau und der Mutter seiner Frau, Sie fielen alle zusammen ins Feuer; Diejenigen, die unten lagen, bekamen eine heiße Haut –

Wir sind nicht genug!‘ sagte Tommy Linn.“

„Du siehst die Prophezeiung: Sie ist sowohl auf Gentleman-Schurken als auch auf gemäßigte Whigs anwendbar; denn beide sind die Untersten in der Welt, und beide schreien unaufhörlich: ‚Wir sind nicht genug!‘“

„Ich werde meine eigene Geschichte damit beginnen, dass ich auf eine Schule im Norden Englands ging, wo ich für meine Lernbegierde bekannt war; und für meine Geschicklichkeit im ‚Räuber und Gendarm‘ – beim Wort genommen, ich beabsichtigte kein Wortspiel! Ich war für die Kirche bestimmt. Da ich mich frühzeitig in ihren Zeremonien unterweisen wollte, überredete ich das Dienstmädchen meines Schulmeisters, mir bei der Vorbereitung einer Taufe behilflich zu sein. Mein Vater mochte diese vorzeitige Liebe zu den heiligen Riten nicht. Er holte mich nach Hause; und da er meinem klerikalen Eifer eine andere Richtung geben wollte, bereitete er mich auf das Verfassen von Predigten vor, indem er mir täglich ein Dutzend vorlas. Ich wurde dessen überdrüssig, so seltsam es Ihnen auch erscheinen mag. ‚Vater‘, sagte ich eines Morgens, ‚es hat keinen Zweck zu reden; ich werde nicht in die Kirche gehen – das steht fest. Gebt mir Euren Segen und hundert Pfund, und ich werde nach London gehen und mir einen Lebensunterhalt verdienen, statt einer Vikarstelle.‘ Mein Vater tobte; doch ich behielt schließlich die Oberhand. Ich sprach davon, Privatlehrer zu werden; schwor, ich hätte gehört, nichts sei so leicht – man brauche nur Schüler; und der einzige Weg, sie zu bekommen, sei, nach London zu gehen und meine Gelehrsamkeit bekannt zu machen. Mein armer Vater – nun, er ist fort, und ich bin jetzt froh darüber!“ Die Stimme des Sprechers zitterte. „Ich behielt die Oberhand, sage ich, und kam in die Stadt, wo ich einen Verwandten hatte, einen Buchhändler. Durch seine Vermittlung schrieb ich ein Buch über Reisen in Äthiopien für den Sohn eines Grafen, der ein Löwe werden wollte; und eine Abhandlung über die griechische Partikel, gewidmet dem Premierminister, für einen Dekan, der Bischof werden wollte – wobei Griechisch, gleich nach Beziehungen, der beste Weg zur Mitra ist. Diese beiden Errungenschaften wurden großzügig bezahlt; also nahm ich eine Wohnung im ersten Stock und beschloss, einen kühnen Streich für eine Ehefrau zu wagen. Was glauben Sie, was ich tat? – nein, raten Sie erst gar nicht; es wäre hoffnungslos. Erstens ging ich zum besten Schneider und ließ mir meine Kleidung auf den Leib nähen; zweitens lernte ich das Adelsverzeichnis und seine Genealogien auswendig; drittens marschierte ich eines Nachts, mit der größtmöglichen Seelenruhe, in das Haus einer Herzogin, die einen riesigen Empfang gab! Die Zeitungen hatten mich auf diese Idee gebracht. Ich hatte von den riesigen Menschenmengen gelesen, die eine Dame bei einem Empfang in ihr Haus zu locken suchte. Ich hatte von unpassierbaren Treppen gelesen und von Damen, die in Ohnmacht hinausgetragen wurden; und der gesunde Menschenverstand sagte mir, wie unmöglich es war, dass die schöne Gastgeberin mit der Rechtmäßigkeit jedes Imports vertraut sein konnte. Ich beschloss daher, mein Glück zu versuchen, und – betrat den Körper von Augustus Tomlinson als ein Stück gestohlener Ware. Wahrhaftig! Die erste Nacht war ich schüchtern – ich blieb an der Treppe kleben und machte einer alten Jungfer von Stand schöne Augen, von der ich gehört hatte, sie sei als Lady Margaret Sinclair angekündigt worden. Zweifellos waren ihr noch nie zuvor solche Blicke zugeworfen worden; und sie war sichtlich hingerissen von meinen Blicken. In der nächsten Nacht las ich von einem Ball bei der Gräfin von -------. Mein Herz schlug, als würde ich ausgepeitscht; aber ich fasste Mut und begab mich zum Haus ihrer Ladyschaft. Dort erblickte ich erneut die göttliche Lady Margaret; und als ich bemerkte, dass sie gelb anlief, sozusagen als Erröten, als sie mich sah, profitierte ich von dem Portwein, den ich zur Ermutigung für meinen Auftritt getrunken hatte, und schlenderte auf die modischste Art und Weise heran, erinnerte ihre Ladyschaft an eine Vorstellung, bei der ich sagte, ich sei einst beim Herzog von Dashwell geehrt worden, und bat um ihre Hand für die nächste Cotillion. Oh, Paul, stell dir meinen Triumph vor! Die alte Jungfer sagte mit einem Seufzer, sie erinnere sich sehr gut an mich, ha, ha, ha! – und ich führte sie wie ein zweiter Theseus, der eine zweite Ariadne entführt, zum Cotillion. Um mich bei diesem Teil meines Lebens nicht zu weitschweifig zu fassen: Ich ging Nacht für Nacht zu Bällen und Empfängen, für deren Zutritt die Hälfte der feinen Gentlemen in London ihre Ohren gegeben hätte. Und ich nutzte meine Zeit so gut bei Lady Margaret, die ihre eigene Herrin war und 5.000 Pfund besaß – ein verdammt schlechtes Erbteil für manche, aber keineswegs zum Lachen für mich –, dass ich anfing darüber nachzudenken, wann der glückliche Tag festgesetzt werden sollte. Währenddessen, da Lady Margaret mich einigen ihrer Freunde vorstellte und meine Unterkunft in guter Lage war, war ich mit einigen echten Einladungen beehrt worden. Die einzigen beiden Fragen, die mir jemals gestellt wurden, waren (beiläufig): ‚Sind Sie ein Einzelkind?‘ und auf meine wahrheitsgemäße Antwort ‚Ja!‘, ‚Was‘ (dies wurde wärmer gefragt) – ‚aus welcher Grafschaft stammen Sie?‘ Glücklicherweise war meine Grafschaft eine weite – Yorkshire; und jeder ihrer Einwohner, den die schönen Fragestellerinnen über mich hätten befragen können, hätte nur antworten können, ich sei nicht in ihrem Teil davon.

„Nun, Paul, ich wurde durch den Erfolg so kühn, dass der Teufel mir eines Tages in den Kopf setzte, zu einem großen Abendessen beim Herzog von Dashwell zu gehen. Ich ging, speiste – nichts geschah; ich ging wieder weg, und am nächsten Morgen las ich in den Zeitungen –

‚Geheimnisvolle Angelegenheit – eine Person, die in letzter Zeit herumgeht – in den ersten Häusern – bei den modischsten Gesellschaften – niemand kennt sie – gestern beim Herzog von Dashwell. Der Herzog wollte kein Aufsehen erregen – da königliche Hoheiten anwesend waren.‘

„Die Zeitung entglitt meinen Händen. In diesem Moment gab mir das Hausmädchen einen Zettel von Lady Margaret – sie spielte auf den Artikel an; fragte sich, wer ‚Der Fremde‘ sei; hoffte, mich heute Abend bei Lord A----- zu sehen, zu dessen Gesellschaft ich gesagt hatte, ich sei eingeladen; dort wolle sie ausführlicher über die Dinge sprechen, die ich angeschnitten hatte! – kurzum, lieber Paul, ein zärtliches Schreiben! Alle großen Männer sind Fatalisten – ich bin jetzt einer; das Schicksal machte mich zum Wahnsinnigen. Angesichts dieses ominösen Artikels nahm ich all meinen Mut zusammen und ging an jenem Abend zu Lord A-----. Die Tatsache ist, meine Angelegenheiten waren in Unordnung – ich war hoch verschuldet. Ich wusste, dass es notwendig war, meine Eroberung von Lady Margaret so schnell wie möglich zu vollenden; und Lord A-----s Haus schien der beste Ort für diesen Zweck zu sein. Nein, ich hielt das Zögern für so gefährlich, nach dem verdammten Artikel, dass ein einziger Tag mich entlarven könnte, und es wäre daher besser, keine Stunde damit zu verlieren, das Stück ‚Der Fremde‘ mit der Farce von ‚Die Flitterwochen‘ zu beenden. Sieh mich also bei Lord A----- an, wie ich Lady Margaret zum Tanz führe. Sieh mich, wie ich ihr die süßesten Dinge ins Ohr flüstere. Stell dir vor, wie sie um meine Werbung wirbt und mich sanft für das Reden von Gretna Green tadelt. Stell dir all das vor, mein lieber Freund, und genau auf dem Höhepunkt meines Triumphs, weite die Augen deiner Vorstellungskraft und sieh die stattliche Gestalt von Lord A-----, meinem noblen Gastgeber, der auf mich zumarschiert, während eine Stimme, die, obwohl leise und ruhig wie eine Abendbrise, mein Herz in die Schuhe sinken ließ, sagte: ‚Ich glaube, mein Herr, Sie haben keine Einladung von Lady A----- erhalten?‘

„Kein Wort konnte ich herausbringen, Paul – kein Wort. Wäre es die Landstraße statt eines Ballsaals gewesen, hätte ich laut genug reden können; aber ich stand unter einem Bann. ‚Ähm!‘ stammelte ich schließlich – ‚ä-h-m! Ein Missverständnis, ich – ich –‘ Da hielt ich inne.

„‚Mein Herr‘, sagte der Graf und betrachtete mich mit einer ernsten Strenge, ‚Sie sollten sich besser zurückziehen.‘

„‚Gott bewahre! Was ist das alles?‘ rief Lady Margaret, ließ meinen gelähmten Arm los und starrte mich an, als erwarte sie, dass ich wie ein Held spräche.

„‚Oh‘, sagte ich, ‚ä-h-m, ä-h-m, – ich werde morgen erklä-ren – ähm, ä-h-m.‘ Ich machte mich zur Tür auf; alle Augen im Raum schienen sich in Brenngläser zu verwandeln und versengten die Haut in meinem Gesicht. Ich hörte einen leisen Schrei, als ich das Zimmer verließ – Lady Margaret war wohl in Ohnmacht gefallen! Damit endete meine Werbung und meine Abenteuer in der ‚besten Gesellschaft‘.

„Ich fühlte mich melancholisch angesichts des Misserfolgs meines Plans. Sie müssen zugeben, es war ein großartiges Projekt. Was für moralischer Mut! Ich bewundere mich selbst, wenn ich daran denke. Ohne eine Vorstellung, ohne eine Seele zu kennen, durch meine eigene Entschlossenheit in die feinsten Häuser Londons zu gelangen, mit Grafentöchtern zu tanzen und fast selbst die Tochter eines Grafen als meine Frau zu entführen. Wenn ich es getan hätte, hätten die Freunde etwas für mich tun müssen; und Lady Tomlinson hätte den jugendlichen Geist ihres Augustus vielleicht dem Parlament oder dem Ministerium vorgestellt. Oh, was für ein Fall war das! Doch, wahrhaftig, ha, ha, ha! Ich konnte nicht umhin zu lachen, trotz meines Ärgers, als ich mich daran erinnerte, dass ich diese ‚delikaten Exklusiven‘ drei Monate lang getäuscht hatte und buchstäblich von vielen von ihnen eingeladen worden war, die nicht einmal die jüngeren Söhne ihrer eigenen Cousins eingeladen hätten, nur weil ich in einer guten Straße wohnte, mich als Einzelkind ausgab und von meinem Besitz in Yorkshire sprach! Ha, ha! Wie bitter müssen sich die habgierigen Betrogenen gefühlt haben, als die Entdeckung gemacht wurde! Was für eine Pille für die guten Matronen, die mein Bild mit dem einer frommen Mary oder Jane verknüpft hatten – ha, ha, ha! Der Triumph war die Demütigung fast wert. Wie ich jedoch bereits sagte, wurde ich melancholisch darüber, besonders als meine Gläubiger bedrohlich wurden. Also ging ich, um mich mit meinem Cousin, dem Buchhändler, zu beraten. Er empfahl mir, für die Zeitungen zu schreiben, und verschaffte mir ein Angebot. Ich arbeitete einige Zeit sehr geduldig und schloss einige angenehme Freundschaften mit Gentlemen, die ich in einer Gastwirtschaft in St. James's traf. Dennoch waren meine Gläubiger, obwohl ich sie mit kleinen Beträgen abzahlte, die Plage meines Lebens. Ich gestand dies einem meiner neuen Freunde. ‚Komm mit mir für eine Woche nach Bath‘, sagte er, ‚und du wirst so reich wie ein Jude zurückkehren.‘ Ich nahm das Angebot an und fuhr in der Kutsche meines Freundes nach Bath. Er nahm den Namen Lord Dunshunner an, ein irischer Peer, der noch nie außerhalb von Tipperary gewesen war und daher in Bath wohl nicht bekannt sein dürfte. Er mietete auch ein Haus für ein Jahr; füllte es mit Weinen, Büchern und einem Anrichteschrank voller Silbergeschirr. Da er vage davon sprach, seinen jüngeren Bruder bei der nächsten Parlamentswahl als Kandidaten für die Stadt aufzustellen, kaufte er diese Waren von den Stadtbewohnern, um ihren Handel zu fördern. Ich schaffte es heimlich, sie nach London zu transportieren und zu verkaufen; und da wir sie fünfzig Prozent unter dem Selbstkostenpreis veräußerten, waren unsere Kunden, die Pfandleiher, nicht sehr neugierig. Wir lebten ein fröhliches Leben in Bath für ein paar Monate und reisten eines Nachts ab, wobei wir unsere Haushälterin zurückließen, um alle Fragen zu beantworten. Wir hatten die Vorsichtsmaßnahme getroffen, Verkleidungen zu tragen, uns auszustopfen und die Farbe unserer Haare zu ändern. Mein nobler Freund war ein Meister in diesen Verwandlungen; und obwohl die Polizei in dieser Angelegenheit nicht schlief, stießen sie nie auf uns. Ich bin besonders froh, dass wir nicht entdeckt wurden, denn Bath gefiel mir außerordentlich; und ich habe die Absicht, eines Tages dorthin zurückzukehren und mich aus der Welt zurückzuziehen – mit einer Erbin!

„Nun, Paul, kurz nach diesem Abenteuer machte ich deine Bekanntschaft. Ich setzte meinen literarischen Beruf scheinbar fort, aber nur als Maske für die Arbeiten, die ich nicht vorgab. Ein Umstand zwang mich, London ziemlich überstürzt zu verlassen. Lord Dunshunner schloss sich mir in Edinburgh an. Verdammt, anstatt dort irgendetwas zu erreichen, wurden wir übers Ohr gehauen! Der kleinste Bengel, der jemals durch die High Street gekrochen ist, ist jedem noch so wissenschaftlichen Engländer überlegen. Bei uns ist es Kunst; bei den Schotten ist es Natur. Sie ziehen dir die Taschen leer, ohne die Finger dafür zu benutzen; und sie verhindern Vergeltung, indem sie nichts für dich zum Stehlen haben.

„Wir verließen Edinburgh mit sehr langen Gesichtern, und in Carlisle fanden wir es notwendig, uns zu trennen. Ich für meinen Teil ging als Kammerdiener zu einem Adligen, der gerade seinen letzten Diener in Carlisle durch ein Fieber verloren hatte; mein Freund gab mir die besten Referenzen! Mein neuer Herr war ein sehr kluger Mann. Er erstaunte die Leute beim Abendessen mit den Impromptus, die er beim Frühstück vorbereitete; kurz gesagt, er war ein Witzbold. Er sah bald, denn er war selbst gelehrt, dass ich eine klassische Ausbildung erhalten hatte, und er beschäftigte mich in der vertraulichen Kapazität, Zitate für ihn zu finden. Ich ordnete diese alphabetisch und unter drei Rubriken – ‚Parlamentarisch‘, ‚Literarisch‘, ‚Zum Ausgehen‘. Diese wurden weiter unterteilt in ‚Fein‘, ‚Gelehrt‘ und ‚Scherzhaft‘; sodass mein Herr sofort wusste, wo er nach Genie, Weisheit und Witz suchen musste. Er war entzückt von meinem Management seines Intellekts. Ihm zu Ehren schenkte ich der Politik mehr Aufmerksamkeit als zuvor; denn er war ein ‚großer Whig‘ und ungewöhnlich freigiebig in allem – außer Geld! Daher, Paul, stammt der Ursprung meiner politischen Prinzipien; und ich danke dem Himmel, dass es heute keinen Schurken in England gibt, der ein besserer – das heißt, ein mehr gemäßigter – Whig ist als euer bescheidener Diener! Ich blieb fast ein Jahr bei ihm. Er entließ mich wegen eines Fehlers, der meines Genies würdig war: andere Diener verlieren vielleicht die Uhr oder den Mantel ihres Herrn; ich ging auf edleres Wild und verlor ihm – seinen privaten Ruf!“

„Was meinst du damit?“

„Nun, ich war in eine Dame verliebt, die mich als Mr. Tomlinson nicht angesehen hätte; also nahm ich die Kleidung meines Herrn und gelegentlich seine Kutsche und machte meiner Nymphe als Lord den Hof. Ihre Eitelkeit machte sie unvorsichtig. Die Tory-Zeitungen bekamen Wind davon; und mein Herr wurde bei einem Ministerwechsel von Georg III. für ‚zu fröhlich für einen Schatzkanzler‘ erklärt. Ein alter Herr, der fünfzehn Kinder mit einer Frau wie einer Gorgone hatte, wurde anstelle meines Herrn gewählt; und obwohl der neue Minister in seiner öffentlichen Funktion ein Narr war, war die moralische Öffentlichkeit vollkommen zufrieden mit ihm, wegen seiner privaten Tugenden!

„Mein Herr war außer sich vor Wut, stellte die strengsten Nachforschungen an, fand mich heraus und warf mich ebenfalls hinaus!

„Ein Whig ohne Amt hat eine Entschuldigung dafür, die Verfassung zu missbilligen. Meine Not machte mich fast zum Republikaner; aber, meiner Überzeugung treu, muss ich gestehen, dass ich nur nach oben hätte ausgleichen wollen. Ich war besonders unzufrieden mit der Ungleichheit des Reichtums; ich blickte mürrisch auf jede Kutsche, die vorbeifuhr; ich runzelte sogar die Stirn wie ein zweiter Catilina beim Dampf der Küche eines Gentlemans! Meine letzte Anstellung war nicht lukrativ gewesen; ich hatte meine Nebeneinkünfte in meinem Eifer für die Politik vernachlässigt. Mein Herr weigerte sich zudem, mir ein Arbeitszeugnis auszustellen: Wer würde mich ohne eines nehmen?

„Ich stellte mir diese melancholische Frage eines Morgens, als ich plötzlich einem der feinen Freunde begegnete, die ich in meinem alten Treffpunkt, der Gastwirtschaft, in St. James's aufgelesen hatte. Sein Name war Pepper.“

„Pepper!“ rief Paul.

Ohne auf den Ausruf zu achten, fuhr Tomlinson fort: „Wir gingen in eine Taverne und tranken eine Flasche zusammen. Wein machte mich mitteilsam; er öffnete auch das Herz meines Kameraden. Er bat mich, jene Nacht mit ihm in Richtung Hounslow zu reiten. Ich tat es und fand einen Geldbeutel.“

„Wie glücklich! Wo?“

„In der Tasche eines Gentlemans. Ich war so erfreut über mein Glück, dass ich zweimal die Woche dieselbe Strecke fuhr, um zu sehen, ob ich noch mehr Geldbeutel auflesen konnte. Das Schicksal begünstigte mich, und ich lebte lange Zeit das Leben der Seligen. Oh, Paul, du weißt nicht – du weißt nicht, was für ein herrliches Leben das eines Straßenräubers ist; aber du wirst es eines Tages kosten – das wirst du, bei meiner Ehre.

„Ich lebte nun mit einem Club ehrlicher Kerle zusammen. Wir nannten uns ‚Die Exklusiven‘ – denn wir waren sehr zurückhaltend bei unseren Bekanntschaften, und nur diejenigen, die Geschäfte im großen Stil machten, wurden in unseren Kreis aufgenommen. Was mich betrifft, so mochte ich bei aller Liebe zu meinem Beruf den Einfallsreichtum noch mehr als die Gewalt und zog das, was der Pöbel Betrug nennt, sogar der Landstraße vor. Auf einem Beutezug dieser Art ritt ich einmal in eine Landstadt und sah eine Menschenmenge, die sich in einer Ecke versammelt hatte; ich schloss mich ihr an, und meine Gefühle! – ich sah meinen armen Freund Viscount Dunshunner, der gerade gehängt werden sollte! Ich ritt so schnell ich konnte davon – ich glaubte, Jack Ketch an meinen Fersen zu sehen. Mein Pferd warf mich bei einer Hecke ab, und ich brach mir das Schlüsselbein. In der darauffolgenden Gefangenschaft schwebten düstere Ideen vor mir. Ich wollte nicht gehängt werden; also argumentierte ich gegen meine Fehler und bereute. Ich erholte mich langsam, kehrte in die Stadt zurück und begab mich zu meinem Cousin, dem Buchhändler. Um die Wahrheit zu sagen, ich hatte ihm einen kleinen Streich gespielt: einige seiner Schulden durch ein Missverständnis eingezogen – sehr natürlich in der Verwirrung, die mit meinen Nöten einherging. Er war jedoch äußerst unfreundlich deswegen; und das Missverständnis, so natürlich es auch war, hatte mich seine Bekanntschaft gekostet.

„Ich ging nun mit dem büßenden Aspekt des verlorenen Sohnes zu ihm; und, bei Gott, er hätte keine schlechte Darstellung des gemästeten Kalbs abgegeben, das bei meiner Rückkehr geschlachtet werden sollte – so füllig sah er aus und so niedergeschlagen! ‚Gnadenloser Abtrünniger!‘ begann er, ‚dein armer Vater ist tot!‘ Ich war überaus erschüttert; aber – keine Sorge, Paul, ich werde nicht pathetisch werden. Mein Vater hatte sein Vermögen unter all seine Kinder aufgeteilt; mein Anteil betrug 500 Pfund. Der Besitz dieser Summe ließ meine Reue in den Augen meines guten Cousins bald viel aufrichtiger erscheinen; und nach einer sehr pathetischen Szene nahm er mich wieder in Gnaden auf. Ich beriet mich nun mit ihm über die beste Methode, mein Kapital anzulegen und meinen Ruf wiederherzustellen. Wir konnten bei der ersten Konferenz keinen Plan aushecken; aber als ich ihn das zweite Mal sah, sagte mein Cousin mit heiterem Gesicht: ‚Fasse Mut, Augustus, ich habe dir eine Stelle verschafft. Mr. Asgrave, der Bankier, wird dich als Schreiber nehmen. Er ist ein höchst würdiger Mann; und da er über viel Gelehrsamkeit verfügt, wird er dich für deine Kenntnisse respektieren.‘ Am selben Tag wurde ich Mr. Asgrave vorgestellt, der ein kleiner Mann mit einem feinen, kahlen, wohlwollenden Kopf war; und nach einer langen Unterhaltung, die er mit mir zu führen beliebte, wurde ich einer seiner Schreiber. Ich weiß nicht, wie es kam, aber nach und nach stieg ich in der Gunst meines Herrn. Ich versöhnte ihn, wie ich glaube, indem ich meine 500 Pfund nach seinem Rat anlegte; er investierte sie für mich, auf dem, was er als berühmte Sicherheit bezeichnete, in ein Landgut. Mr. Asgrave pflegte soziale Gewohnheiten – er hatte ein prächtiges Haus und exzellente Weine. Da er mit seiner Gesellschaft nicht sehr wählerisch war und nicht danach strebte, die Großen zu besuchen, erlaubte er mir oft, an seinem Tisch Platz zu nehmen, und freute sich, lange Diskussionen mit mir über die Alten zu führen. Ich fand bald heraus, dass mein Herr ein großer Moralphilosoph war; und da ich selbst bei schwacher Gesundheit war, gesättigt von den gewöhnlichen Bestrebungen der Welt, in denen meine Erfahrung meine Jahre vorweggenommen hatte, und von Natur aus von kontemplativem Temperament, wandte ich meine Aufmerksamkeit den moralischen Studien zu, die meinen Arbeitgeber so faszinierten. Ich las neun Regale voller Metaphysiker durch und wusste genau, an welchen Punkten diese illustren Denker miteinander stritten, zum großen Fortschritt der Wissenschaft. Mein Herr und ich pflegten viele lange Diskussionen über die Natur von Gut und Böse zu führen; da er mit Hilfe seiner wohlwollenden Stirn und einer klaren, hartnäckigen Stimme unserem Publikum immer als der weisere und bessere Mann von beiden erschien, war er mit unseren Streitigkeiten sehr zufrieden. Dieser Gentleman hatte eine einzige Tochter – eine schreckliche Xanthippe, mit einem Gesicht wie ein Beil –, aber Philosophen überwinden persönliche Mängel; und da ich nur an das Gute dachte, das ihr Reichtum es mir ermöglichen würde, meinen Mitmenschen zu tun, machte ich ihr heimlich den Hof. Du wirst sagen, das sei ein schäbiger Trick, den ich meinem Herrn für seine Güte gespielt habe. Überhaupt nicht; mein Herr selbst hatte mich überzeugt, dass es eine Tugend wie Dankbarkeit nicht gab. Es war ein Irrtum gewöhnlicher Moralisten. Ich gab seinen Argumenten nach und heiratete schließlich heimlich seine Tochter. Am Tag, nachdem dies geschehen war, rief er mich in sein Arbeitszimmer. ‚Also, Augustus‘, sagte er sehr sanft, ‚du hast meine Tochter geheiratet: nein, schau nicht verwirrt; ich habe schon vor langer Zeit gesehen, dass du dazu entschlossen warst, und ich war sehr froh darüber.‘

„Ich versuchte, so etwas wie Dank herauszustammeln. ‚Unterbrich mich nie!‘ sagte er. ‚Ich hatte zwei Gründe, froh zu sein – erstens, weil meine Tochter die Plage meines Lebens war und ich jemanden brauchte, der sie mir vom Hals schafft; zweitens, weil ich deine Unterstützung in einem bestimmten Punkt benötigte und ich es nicht wagen konnte, jemanden außer meinem Schwiegersohn darum zu bitten. Kurz gesagt, ich möchte dich in die Partnerschaft aufnehmen!‘

„‚Partnerschaft!‘ rief ich und fiel auf die Knie. ‚Edler, großzügiger Mann!‘“

„Bleib noch ein wenig“, fuhr mein Schwiegervater fort. „Welches Kapital hältst du für erforderlich, um eine Bank zu führen? Du siehst verwirrt aus! Nicht einen Schilling! Du wirst genau so viel einlegen wie ich. Du wirst sogar etwas mehr einlegen; denn du hast einst 500 Pfund eingelegt, die längst ausgegeben sind. Ich lege keinen Schilling aus eigener Tasche bei. Ich lebe von meinen Klienten, und ich biete dir sehr bereitwillig die Hälfte von ihnen an!“

„Stell dir, lieber Paul, mein Erstaunen, meine Bestürzung vor! Ich sah mich mit einem scheußlichen Xanthippen verheiratet – als Schwiegersohn eines mittellosen Schurken und um mein ganzes Vermögen betrogen! Vergleiche diese Sicht der Dinge mit jener, die mich so blendend erfüllt hatte, als ich in Erwägung zog, Schwiegersohn des reichen Mr. Asgrave zu werden. Ich tobte anfangs. Mr. Asgrave nahm Bacons ‚Über den Fortschritt der Wissenschaften‘ zur Hand und gab keine Antwort, bis ich mich durch meine Explosion abgekühlt hatte. Du wirst verstehen, dass ich, als die Leidenschaft abebbte, zwangsläufig einsah, dass mir nichts anderes übrig blieb, als den Vorschlag meines Schwiegervaters anzunehmen. So wurde ich durch das Verhängnis, das mich gerade in der Zeit begleitete, als ich mich bessern wollte, in die Schurkerei gezwungen und durch den Zufall, Schwiegersohn eines großen Moralisten zu sein, dazu getrieben, eine große Anzahl von Personen zu betrügen. Da Mr. Asgrave ein träger Mann war, der seine Vormittage mit Spekulationen über die Tugend verbrachte, wurde ich zum aktiven Teilhaber gemacht. Ich verbrachte den Tag im Kontor; und wenn ich zur Erholung nach Hause kam, zerkratzte mir meine Frau das Gesicht.“

„Aber wurdest du in deiner neuen Funktion nie als ‚der Fremde‘ oder ‚der Abenteurer‘ erkannt?“

„Nein; denn natürlich legte ich bei all meinen Veränderungen sowohl Decknamen als auch Verkleidungen an. Und um die Wahrheit zu sagen, meine Ehe veränderte mich so sehr, dass ich, mit einem tabaksfarbenen Rock und einer braunen Zottelperücke, dazu eine Feder hinter dem rechten Ohr, das reinste Bild gesetzter Ehrbarkeit abgab. Mein Gesicht wurde jeden Tag einen Zoll länger. Nichts ist so ehrbar wie ein langes Gesicht; und ein gedrückter Gesichtsausdruck ist das sicherste Zeichen für geschäftlichen Wohlstand. Nun, wir machten etwa ein Jahr lang glänzend weiter. In der Zwischenzeit hatte ich mich in der Philosophie wunderbar verbessert. Du hast keine Ahnung, wie eine zänkische Ehefrau den Verstand läutert und verfeinert. Donner reinigt die Luft, weißt du! Schließlich starb meine Frau, zum Unglück für meinen Ruhm (denn ich hatte eine großartige moralische Geschichte des Menschen geplant, die ich vollendet hätte, wäre sie ein Jahr länger am Leben geblieben), im Kindbett. Mein Schwiegervater und ich sprachen gerade über das Ereignis und beklagten die Zivilisation wegen der entnervenden Gewohnheiten, durch die Frauen an ihren Kindern sterben, statt sie zur Welt zu bringen, ohne sich des Umstandes auch nur bewusst zu sein, als ein Stück Papier, das schief versiegelt war, meinem Partner übergeben wurde. Er sah es durch, beendete die Diskussion und teilte mir dann mit, unsere Bank habe die Zahlungen eingestellt. ‚Nun, Augustus‘, sagte er und zündete sich seine Pfeife an dem Stück Papier an, ‚da siehst du, wie gut es ist, nichts zu verlieren zu haben.‘“

„Wir zahlten nicht einmal sechs Pence auf das Pfund; aber mein Partner galt als so unglücklich, dass die britische Öffentlichkeit eine Sammlung für ihn veranstaltete, und er zog sich von einer Leibrente zurück, hoch geachtet und sehr bemitleidet. Da ich nicht so bekannt als Moralist war und nicht den gewinnenden Vorteil eines kahlen, wohlwollenden Kopfes hatte, wurde nichts für mich getan, und ich war wieder einmal auf der weiten Welt ausgesetzt, um über die Wechselfälle des Schicksals zu sinnieren. Mein Cousin, der Buchhändler, war nicht mehr am Leben, und sein Sohn schnitt mich. Ich nahm eine Dachkammer im Warwick Court, und mit ein paar Büchern, meinem einzigen Trost, versuchte ich, meinen Geist für die Zukunft zu stählen. Es war zu dieser Zeit, Paul, dass mir meine Studien wirklich von Nutzen waren. Ich meditierte viel und wurde ein wahrer Philosoph, das heißt ein praktischer. Meine Handlungen waren fortan von Prinzipien geleitet; und irgendwann werde ich dich davon überzeugen, dass der Weg wahrer Moral niemals die Taschen deines Nächsten meidet. Sobald mein Geist die große Entdeckung gemacht hatte, die Mr. Asgrave vor mir gemacht hatte, dass man nach einem System leben sollte – denn wenn du Unrecht tust, dann ist es dein System, das irrt, nicht du –, begab ich mich auf die Straße, ohne jene Stiche des Gewissens, die mich bisher bei solchen Abenteuern geplagt hatten. Ich schloss mich einem ausgezeichneten Kreis von ‚Freien Agenten‘ an, die ich dir eines Tages vorstellen werde, und stieg bald zu Ansehen unter ihnen auf. Aber vor etwa sechs Wochen versuchte ich, da ich die Nebenwege den Hauptstraßen nicht weniger als früher vorzog, mich in den Besitz einer Kutsche zu bringen, um sie unter Preis zu verkaufen. Ich wurde vom Vorwurf des Verbrechens freigesprochen, aber von Richter Burnflat wegen Vergehens hierher geschickt. Soweit, mein junger Freund, ist bisher das Leben des Augustus Tomlinson verlaufen.“ Die Geschichte dieses Herrn machte einen tiefen Eindruck auf Paul. Der Eindruck wurde durch die Gespräche verstärkt, die er anschließend mit Augustus führte. Dieser werte Herr war ein gefährlicher und subtiler Überredungskünstler. Er hatte wirklich eine Menge Geschichte und etwas Moral gelesen; und er besaß eine geistreiche Art, seine schurkischen Praktiken durch Syllogismen aus Letzterer und Beispiele aus Ersterer zu verteidigen. Diese Theorien untermauerte er sozusagen durch einen Verweis auf die bestehende Politik des Tages. Betrüger, die das Publikum unter falschen Vorwänden täuschten, nannte er gern „gemäßigte Whigs“; Tyrannen, die einem die Börse abverlangten, waren „hohe Tories“; und das Stehlen in Banden war „die Wirkung des Parteigeistes“. Es gab diesen Unterschied zwischen Augustus Tomlinson und Long Ned – Ned war der handelnde Schurke, Augustus der vernünftelnde; und wir können daher bei einigem Nachdenken sehen, dass Tomlinson ein weitaus gefährlicherer Gefährte war als Pepper –, denn effektvolle Theorien sind für junge und kluge Leute immer verführerischer als überzeugende Beispiele, und die Eitelkeit der Jugend macht es ihnen angenehmer, von einer Sache überzeugt zu werden, als zu ihr verführt zu werden.

Ein oder zwei Tage nach der Erzählung von Mr. Tomlinson erhielt Paul erneut Besuch von Mrs. Lobkins – denn die Vorschriften gegen häufige Besucher wurden damals nicht so streng durchgesetzt, wie sie es heute sind; und die gute Dame kam, um den Misserfolg ihrer Unterredung mit Richter Burnflat zu beklagen.

Wir ersparen dem zartbesaiteten Leser eine Einzelheit der ergreifenden Unterredung, die folgte. In der Tat war es nur eine Wiederholung derjenigen, die wir bereits geschildert haben. Wir werden nur, als Beweis für Pauls Herzensgüte, sagen, dass seine Stimme zitterte und ihm die Tränen in den Augen standen, als er Abschied von der guten Matrone nahm und ihr „Gott segne Euch“ wünschte – genau wie es bei Georg III. zu geschehen pflegte, wenn es jener exzellenten Majestät beliebte, gnädig eine Zugabe von „God save the King!“ zu fordern.

„Ich werde gehängt werden“, sprach unser Held zu sich selbst, während er sich langsam auf den Weg zu dem subtilen Augustus machte – „ich werde gehängt werden (hm! die Verurteilung ist prophetisch), wenn ich mich nicht so dankbar für die Fürsorge der alten Dame fühle, als hätte sie mich nie schlecht behandelt. Was meine Eltern betrifft, so glaube ich, dass ich in dieser Hinsicht wenig Grund zur Dankbarkeit oder zum Stolz habe. Meine arme Mutter scheint nach allem, was man hört, kaum die tierische Tugend mütterlicher Zärtlichkeit besessen zu haben; und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach werde ich nie erfahren, ob ich einen Vater oder fünfzig hatte. Aber was macht das schon? Ich bin lieber unabhängig; und was bekommen neun Zehntel von uns jemals von ihren Eltern außer einem hässlichen Namen und Ratschlägen, die uns, wenn wir ihnen folgen, unglücklich machen und wenn wir sie vernachlässigen, enterbt werden?“

Indem er sich mit diesen Gedanken tröstete, die vielleicht ihren philosophischen Anstrich von den Gesprächen hatten, die er kürzlich mit Augustus geführt hatte, und die in das gemurmelte Lied übergingen –

„Warum sollten wir uns um Reichtümer streiten?“

begab sich Paul an seine gewohnten Verrichtungen.

In der dritten Woche der Gefangenschaft unseres Helden teilte ihm Tomlinson einen Fluchtplan mit, der seinem klugen Gehirn entsprungen war. In dem Hof, der für die Vergnügungen der Herren „Vergehenstäter“ bestimmt war, befand sich ein Wasserrohr, das an der Mauer entlang über die Tür führte, durch die jeden Morgen die frommen Gefangenen auf ihrem Weg zur Kapelle gingen. Hierauf wollte Tomlinson fliehen; denn zu dem Rohr, das in einer schrägen und leichten Richtung von der Tür zur Mauer führte, gab es eine Art Fußleiste; und ein geschickter und flinker Mann konnte sich leicht mit Hilfe dieser Leiste entlang des Rohrs bewegen, bis der Verlauf dieses nützlichen Leiters (der glücklicherweise sehr kurz war) durch den Gipfel der Mauer gestoppt wurde, wo er eine Fortsetzung in einem anderen Rohr fand, das auf der gegenüberliegenden Seite der Mauer zum Boden hinabführte. Nun befand sich auf dieser gegenüberliegenden Seite der Garten des Gefängnisses; in diesem Garten war ein Wächter, und dieser Wächter war das Schreckgespenst von Tomlinsons Plan – „Denn angenommen, wir wären sicher im Garten“, sagte er, „was sollen wir mit diesem verdammten Kerl anfangen?“

„Aber das ist noch nicht alles“, fügte Paul hinzu; „denn selbst wenn es keinen Wächter gäbe, so gibt es eine schreckliche Mauer, die ich letzte Woche besonders bemerkt habe, als wir im Garten arbeiten mussten, und die kein Rohr hat, außer einem senkrechten, das man nur mit den Beinen einer Fliege hinaufklettern könnte!“

„Unsinn!“, erwiderte Tomlinson; „ich zeige dir, wie man die störrischste Mauer der Christenheit erklimmt, wenn man nur freie Bahn hat. Es ist der Wächter, der Wächter, den wir…“

„Was?“, fragte Paul und bemerkte, dass sein Kamerad den Satz nicht beendete.

Es dauerte einige Zeit, bis der weise Augustus antwortete; dann sagte er in nachdenklichem Ton:

„Ich habe darüber nachgedacht, Paul, ob es mit der Tugend und jenem strengen Moralkodex, nach dem alle meine Handlungen geregelt sind, vereinbar wäre, den Wächter zu… erschlagen!“

„Um Himmels willen!“, rief Paul entsetzt.

„Und ich habe entschieden“, fuhr Augustus feierlich fort, ohne auf den Ausruf zu achten, „dass die Tat vollkommen gerechtfertigt wäre!“

„Schurke!“, rief Paul und wich bis zum anderen Ende der Steinkiste zurück – denn es war Nacht –, in der sie zusammengepfercht waren.

„Aber“, fuhr Augustus fort, der Selbstgespräche zu führen schien und dessen Stimme, die ruhig und nachdenklich klang wie die von Young in dem berühmten Monolog in „Hamlet“, andeutete, dass er die unhöfliche Unterbrechung nicht beachtete – „aber die Meinung beeinflusst nicht immer das Verhalten; und obwohl es tugendhaft sein mag, den Wächter zu ermorden, habe ich nicht das Herz dazu. Ich vertraue darauf, dass ich in meiner zukünftigen Geschichte von einsichtigen Moralisten nicht zu streng für eine Schwäche verurteilt werde, an der allein mein physisches Temperament schuld ist!“

Trotz der Wendung des Selbstgesprächs dauerte es lange, bis Paul sich wieder zu einem weiteren Gespräch mit Augustus bewegen ließ; und erst der Glaube, dass der Moralist nur in einer scherzhaften Stimmung gewesen war, brachte ihn dazu, die Beratung fortzusetzen.

Die Verschwörer kamen jedoch in jener Nacht zu keiner endgültigen Entscheidung über ihren Plan. Am nächsten Tag mussten Augustus, Paul und einige andere aus der Gesellschaft im Garten arbeiten; und Paul bemerkte dann, dass sein Freund, der eine Schubkarre dicht an der Stelle vorbeischob, an der der Wächter stand, deren Inhalt umkippte. Der Wächter war gutmütig genug, ihm beim Wiederauffüllen der Karre zu helfen; und Tomlinson nutzte die Gelegenheit so gut, dass er Paul in jener Nacht wissen ließ, dass sie von der Wachsamkeit des Wächters nichts mehr zu befürchten hätten. „Er hat versprochen“, sagte Augustus, „für gewisse Ent-schä-di-gun-gen, mir zu erlauben, ihn niederzuschlagen; er hat auch versprochen, so sehr verletzt zu sein, dass er sich nicht bewegen kann, bis wir über der Mauer sind. Unsere Hauptschwierigkeit ist jetzt also der erste Schritt – nämlich das Rohr unbemerkt hinaufzuklettern!“

„Was das angeht“, sagte Paul, der bei der ganzen Planung ein Maß an Scharfsinn, Kühnheit und Erfindungsreichtum entwickelte, das seinen Freund entzückte und sicherlich gut für seine zukünftige Karriere versprach – „was das angeht, so glaube ich, dass wir den ersten Aufstieg mit weniger Gefahr bewältigen können, als du dir vorstellst. Die Morgenstunden waren in letzter Zeit sehr neblig; sie sind fast dunkel, wenn wir zur Kapelle gehen. Lass uns beide den Schluss der Reihe bilden: das Rohr führt direkt über der Tür vorbei; unsere Hände können es, wie wir ausprobiert haben, erreichen; und ein Sprung von nicht allzu großer Beweglichkeit wird es uns ermöglichen, uns auf einen Stand auf dem Rohr und der Fußleiste zu heben.“

„Das Klettern ist dann einfach; und bei dem dichten Nebel und unserer eigenen Schnelligkeit, denke ich, werden wir wenig Schwierigkeiten haben, den Garten zu erreichen. Die einzigen Vorsichtsmaßnahmen, die wir treffen müssen, sind, auf einen sehr dunklen Morgen zu warten und sicherzustellen, dass wir die Letzten in der Reihe sind, damit niemand hinter uns Alarm schlagen kann –“

„Oder versuchen kann, unserem Beispiel zu folgen und den Kuchen durch eine überflüssige Pflaume zu verderben!“, fügte Augustus hinzu. „Du rätst bewundernswert; und eines Tages, falls du in der Zwischenzeit nicht gehängt wirst, wirst du, wage ich zu prophezeien, ein großer Logiker sein.“

Der nächste Morgen war klar und frostig; aber der darauf folgende war, um Tomlinsons Gleichnis zu gebrauchen, „so dunkel, als wären alle Neger Afrikas in die Luft eingekocht worden.“ „Man hätte den Nebel mit einem Messer schneiden können“, wie das Sprichwort sagt. Paul und Augustus konnten nicht einmal sehen, wie bedeutungsvoll jeder den anderen ansah.

Es war ein bemerkenswerter Zug des wagemutigen Temperaments des Ersteren, dass es, so jung er auch war, feststand, dass er den Versuch anführen sollte. Zur Zeit für die Kapelle gingen die Gefangenen also wie gewohnt durch die Tür. Als Paul an der Reihe war, zog er sich mit den Händen zum Rohr hoch und gewann dann, an dessen gewundenem Verlauf entlangkriechend, die Mauer, bevor er überhaupt wieder zu Atem gekommen war. Etwas ungeschickter folgte Augustus dem Beispiel seines Freundes. Einmal rutschte sein Fuß ab, und er wäre beinahe abgestürzt. Er streckte unwillkürlich die Hände aus und ergriff Paul am Bein. Glücklicherweise hatte unser Held da die Mauer erreicht, an der er sich festklammerte; und ausnahmsweise einmal hob sich ein Schurke, ohne einen anderen umzuwerfen. Siehe da, Tomlinson und Paul saßen nun für einen Augenblick auf der Mauer, um zu Atem zu kommen; Letzterer dann – der Abstieg zum Boden war nicht sehr groß –, ließ seinen Körper an den Händen hinunter und ließ sich in den Garten fallen.

„Verletzt?“, fragte der vorsichtige Augustus in einem heiseren Flüstern, bevor er von seiner „bösen Höhe“ herabstieg, da er sogar bereit war –

„Lieber die Übel, die wir haben, zu ertragen, Als zu anderen zu fliehen, die wir nicht kennen“

„Nein!“, ohne jede vorherige Vorsichtsmaßnahme, die in seiner Macht stand, zu treffen, war die Antwort in derselben Stimme, und Augustus sprang hinunter.

Sobald dieser Letztere den Schock seines Sturzes überwunden hatte, verlor er keine Minute und rannte zum anderen Ende des Gartens. Paul folgte. Unterwegs hielt Tomlinson an einem Schutthaufen an und hob einen riesigen Stein auf. Als sie zu dem Teil der Mauer kamen, den sie zu erklimmen vereinbart hatten, fanden sie den Wächter vor – um den sie sich übrigens nicht hätten sorgen müssen; denn wäre nicht vereinbart gewesen, dass er sie treffen sollte, hätte der dichte Nebel ihn effektiv daran gehindert, sie zu sehen. Diesen treuen Wächter schlug Augustus nieder, nicht mit einem Stein, sondern mit zehn Guineen; dann zog er aus seiner Kleidung eine dicke Schnur, die er sich einige Tage zuvor vom Kerkermeister besorgt hatte, und band den Stein fest an ein Ende, woraufhin er dieses Ende über die Mauer warf. Nun hatte die Mauer (wie Mauern von großer Stärke meist haben) eine überhängende Art von Zinnen auf beiden Seiten; und der Stein, als er hinübergeworfen und an das Ende der Schnur gezogen wurde, an der er befestigt war, verhakte sich notwendigerweise an diesem Vorsprung; und so war die Schnur sozusagen an der Mauer befestigt, und Tomlinson konnte sich an ihr auf die Spitze der Barriere ziehen. Er vollführte dieses Kunststück mit turnerischer Geschicklichkeit, wie einer, der es oft geübt hatte; obgleich der diskrete Abenteurer in seiner Erzählung gegenüber Paul keine frühere Gelegenheit für diese Übung erwähnt hatte. Sobald er die Spitze der Mauer erreicht hatte, warf er seinem Gefährten die Schnur hinunter und gab, in Anbetracht von Pauls Unerfahrenheit in dieser Art des Kletterns, der Befestigung des Seils eine zusätzliche Sicherheit, indem er sie selbst festhielt. Mit Langsamkeit und Mühe hievte sich Paul hinauf; und dann, durch das Versetzen des Steins auf die andere Seite der Mauer, wo er natürlich eine ähnliche Verhakung ergab, konnten unsere beiden Abenteurer nacheinander hinuntergleiten und ihre Flucht aus dem Besserungshaus vollenden.

„Folge mir jetzt!“, sagte Augustus, als er die Beine in die Hand nahm; und Paul folgte ihm durch ein Labyrinth von Gassen und Wegen, durch die er mit einer wechselhaften und flüchtigen Schnelligkeit schoss und auswich, dass er, hätte Paul nicht dicht hinter ihm gehalten, zusammen mit dem Nebel sehr bald den Augen seines jungen Verbündeten entschwunden wäre. Glücklicherweise verhinderten die Unreife des Morgens, die Dunkelheit der durchquerten Straßen und vor allem die extreme Finsternis der Atmosphäre jene Entdeckung und Verhaftung, die ihnen das Gefangenenkleid ansonsten garantiert hätte. Schließlich fanden sie sich auf den Feldern wieder; und an Hecken entlangschleichend und die Hauptstraße fleißig meidend, flohen sie weiter, bis sie mehrere Meilen in „das Eingeweide des Landes“ vorgedrungen waren. Zu jener Zeit begannen die „Eingeweide“ des Augustus Tomlinson ihn an ihre Bedürfnisse zu erinnern; und er schlug dementsprechend die Wünschbarkeit vor, den ersten Bauern zu überfallen, dem sie begegneten, und ihn zu veranlassen, die Kleidung mit einem der Flüchtlinge zu tauschen, der auf diese Weise in die Lage versetzt würde, ein Wirtshaus zu betreten und für ihre gemeinsamen Bedürfnisse zu sorgen. Paul stimmte diesem Vorschlag zu, und so beobachteten sie ihre Gelegenheit und fingen einen Pflüger. Augustus entkleidete ihn seines Kittels, Hutes und seiner wollenen Strümpfe; und Paul, gehärtet durch Not und Kameradschaft, half dabei, den armen Pflüger an einen Baum zu binden. Sie setzten ihren Weg dann für etwa eine Stunde fort, und als die Schatten des Abends über sie fielen, entdeckten sie ein Wirtshaus. Augustus trat ein und kehrte nach wenigen Minuten beladen mit Brot und Käse sowie einer Flasche Bier zurück. Gefängniskost heilt einen Mann von wählerischer Art, und die beiden Flüchtlinge speisten mit diesen einfachen Lebensmitteln mit beträchtlicher Zufriedenheit. Sie setzten dann ihre Reise fort und erreichten schließlich, ermüdet von der Anstrengung, einen einsamen Heuhaufen, wo sie beschlossen, für ein oder zwei Stunden zu ruhen.

KAPITEL X.

Anders als der Spötter, dessen zügelloser Scherz Den Schmaus verunreinigt und den Gast beleidigt, Von Reichtum und Pracht leicht herabzusteigen, Freust du dich, den Herrn im Freunde zu verlieren. Wir sehen um dein Brett die fröhlichen Diener, heiter – mit dem Lächeln sanfter Gleichheit; Keine soziale Sorge verschmäht der gnädige Herr; Liebe regt zu Liebe an, und Ehrfurcht gewinnt Ehrfurcht.

Übersetzung von LUCAN an Paso, Vorangestellt dem zwölften Blatt des „Rambler“.

Scheu schienen die schüchternen Sterne auf unsere Abenteurer herab, als sie sich nach einem kurzen Nickerchen hinter dem Heuhaufen streckten und, einander anblickend, in ein unwillkürliches und ausgelassenes Gelächter über den glücklichen Ausgang ihres Streichs ausbrachen.

Bisher waren sie zu sehr beschäftigt gewesen, zuerst durch ihre Flucht, dann durch Hunger, dann durch Erdigkeit, um sich selbst zu gratulieren; nun rieben sie sich die Hände und scherzten wie weggelaufene Schuljungen über ihre Flucht.

Allmählich wandten sich ihre Gedanken von der Vergangenheit in die Zukunft; und „Sag mir, mein lieber Freund“, sagte Augustus, „was du zu tun gedenkst. Ich vertraue darauf, dass ich dich schon vor langer Zeit davon überzeugt habe, dass es keine Sünde ist, ‚unseren Freunden zu dienen‘ und ‚unserer Partei treu zu sein‘; und deshalb nehme ich an, dass du dich dazu entschließen wirst, dich auf die Straße zu begeben.“

„Es ist sehr seltsam“, antwortete Paul, „dass mir nach deinen Vorlesungen über das Thema noch irgendwelche Skrupel geblieben sind; aber ich gestehe dir offen, dass ich irgendwie Zweifel habe, ob Diebstahl wirklich das ehrlichste Gewerbe ist, das ich ausüben könnte.“

„Hör mir zu, Paul“, antwortete Augustus; und seine Erwiderung ist nicht der Beachtung unwert. „Jedes Verbrechen und jede Vortrefflichkeit hängen von einer guten Wortwahl ab. Ich sehe, du wirkst verwirrt; ich werde es dir erklären. Wenn du der Öffentlichkeit Geld nimmst und sagst, du hättest geraubt, hast du zweifellos ein großes Verbrechen begangen; tust du jedoch dasselbe und sagst, du hättest die Not der Armen gelindert, so hast du eine vortreffliche Tat vollbracht. Wenn du dieses Geld anschließend mit deinen Gefährten teilst und sagst, du hättest Beute verteilt, hast du gegen die Gesetze deines Landes verstoßen; bemerkst du jedoch, dass du die Gewinne deines Fleißes mit deinen Freunden geteilt hast, so hast du eine der edelsten Handlungen der Menschheit vollzogen. Einem Mann den Schädel einzuschlagen ist weder tugendhaft noch schuldig, sondern es hängt von der Sprache ab, die man auf die Tat anwendet, um sie zu einem Mord oder zu Ruhm zu machen. Warum also nicht sagen, dass du den Mut eines Helden bewiesen hast, anstatt die Gräueltat eines Schurken? Das ist vollkommen klar, nicht wahr?“

[Wir beobachten in einem Absatz einer amerikanischen Zeitung, der ohne Kommentar in die „Morning Chronicle“ übernommen wurde, einen sonderbaren Beweis für die Wahrheit von Tomlinsons Philosophie! „Mr. Rowland Stephenson“, so lautet der Auszug, „der berühmte englische Bankier, hat gerade ein beträchtliches Stück Land erworben“, usw. Wie philosophisch von dem Verfasser des Absatzes! „Berühmter englischer Bankier!“ – dieser Satz ist eine bessere Illustration für verbale Trugschlüsse als alle Traktate Benthams zusammengenommen. „Berühmt!“ O Merkur, was für ein geschicktes Beiwort!]

„Es scheint so“, antwortete Paul.

„Es ist so offensichtlich, dass es die Art und Weise ist, wie alle Regierungen geführt werden. Deshalb, mein guter Paul, tun wir nur das, was alle anderen Gesetzgeber tun. Wir sind niemals Schurken, solange wir uns ehrliche Kerle nennen, und wir begehen niemals ein Verbrechen, solange wir es als eine Tugend bezeichnen können. Was sagst du nun?“

Paul lächelte und schwieg einige Augenblicke, bevor er antwortete: „Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass du Unrecht hast; doch wenn du Unrecht hast, so hat es die ganze übrige Welt auch. Es hat keinen Sinn, das einzige weiße Schaf in der Herde zu sein. Deshalb, mein lieber Tomlinson, werde ich in Zukunft ein vortrefflicher Bürger sein, die Not der Armen lindern und die Gewinne meines Fleißes mit meinen Freunden teilen.“

„Bravo!“, rief Tomlinson. „Und nun, da das geklärt ist, je eher du eingeweiht wirst, desto besser. Seit das Sternenlicht hervorgebrochen ist, sehe ich, dass ich mich an einem Ort befinde, den ich sehr gut kennen sollte; oder, wenn du misstrauisch sein willst, darfst du glauben, dass ich dich absichtlich in diese Richtung geführt habe. Aber lass mich zuerst fragen, ob du den großen Wunsch verspürst, die Nacht bei diesem Heuschober zu verbringen, oder ob dir ein Lied und die Punschschale fast genauso lieb wären wie die freie Natur, mit der Aussicht, in einer Prise Heu von irgendeiner umherstreifenden Kuh aufgefressen zu werden.“

„Du kannst dir meine Wahl vorstellen“, antwortete Paul.

„Nun denn, es gibt hier in der Nähe einen ausgezeichneten Kerl, der eine Gastwirtschaft führt und ein fester Verbündeter sowie großzügiger Gönner der Jungen vom Kreuz ist. Zu bestimmten Zeiten halten sie wöchentliche Treffen in seinem Haus ab: Dies ist eine dieser Nächte. Was sagst du? Soll ich dich im Club vorstellen?“

„Ich werde sehr froh sein, wenn sie mich aufnehmen“, erwiderte Paul, den viele und widersprüchliche Gedanken lakonisch machten.

„Oh! Keine Sorge deswegen, unter meinen Auspizien. Um die Wahrheit zu sagen, obwohl wir eine tolerante Truppe sind, heißen wir jeden neuen Proselyten mit Begeisterung willkommen. Aber bist du müde?“

„Ein wenig; das Haus ist nicht weit, sagst du?“

„Etwa eine Meile entfernt“, antwortete Tomlinson. „Lehn dich an mich.“

Unsere Wanderer verließen nun den Heuschober und schlugen sich über einen Teil des Finchley Common; denn die Behausung des werten Gastwirts war glücklich gelegen, und der Ort, an dem seine Gäste ihre Festlichkeiten feierten, befand sich in unmittelbarer Nähe zu jenem, an dem sie oft ihre Heldentaten vollbrachten.

Während sie weitergingen, befragte Paul seinen Freund nach dem Namen und dem Charakter des „Wirtes“; und der alleswissende Augustus Tomlinson antwortete ihm quäkerhaft mit einer Gegenfrage:

„Hast du noch nie von Gentleman George gehört?“

„Was! Das bekannte Oberhaupt einer verruchten Gastwirtschaft auf dem Land? Sicher habe ich das, oft; meine arme Amme, Dame Lobkins, pflegte zu sagen, er sei der wortgewandteste Mann im ganzen Gewerbe!“

„Ja, das ist er immer noch. In seiner Jugend war George ein sehr gutaussehender Bursche, aber ein wenig zu vernarrt in sein Mädel und seine Flasche, um seinem Vater zu gefallen – ein sehr gesetzter alter Herr, der sonntags in einer Perücke mit Zopf und mit einem goldbeknopften Stock umherging und an Wochentagen ein viel besserer Farmer war, als er ein Wirtshausbesitzer war. George pflegte ein bemerkhaft elegant gekleideter Kerl zu sein, und das ist er bis auf den heutigen Tag. Er besitzt eine Menge Witz, ist ein sehr guter Whist-Spieler, hat einen erstklassigen Keller und ist so erpicht darauf, seine Freunde betrunken zu sehen, dass er vor einiger Zeit ein großes Zinnmaß gekauft hat, in dem sechs Männer aufrecht stehen können. Die Mädchen, oder besser gesagt die alten Weiber, denen gegenüber er viel höflicher war als den ersteren, mochten ihn immer; sie sagen, nichts sei so fein wie seine feinen Reden, und sie geben ihm den Titel ‚Gentleman George‘. Er ist in vielerlei Hinsicht ein netter, warmherziger Mann. Gott bewahre, dass wir keinen Grund haben werden, ihn zu vermissen, wenn er einmal von uns geht! Aber um dir die Wahrheit zu sagen, er nimmt mehr als seinen Anteil aus unserer gemeinsamen Börse.“

„Was! Ist er habgierig?“

„Ganz im Gegenteil; aber er ist so verflucht vernarrt ins Bauen, dass er all sein Geld (und er will, dass wir all unseres investieren) in Häuser steckt; und da ist ein verfluchter Hund von einem Maurer, der ihm schreckliche Rechnungen aufmacht – ein Kerl namens ‚Cunning Nat‘, der ebenso geschickt darin ist, Grundstücke zu verderben wie Grundrenten zu verbessern.“

„Was meinst du damit?“

„Ach! Daran hängt eine Geschichte. Aber wir sind jetzt in der Nähe des Ortes; du wirst eine sonderbare Gesellschaft sehen.“

Als Tomlinson dies sagte, näherte sich das Paar einem Haus, das einsam stand und scheinbar keine andere Behausung in der Umgebung hatte. Es war von seltsamer und grotesker Gestalt, weiß gestrichen, mit einem gotischen Schornstein, einem chinesischen Wegweiser (auf dem ein Herr beim Angeln abgebildet war, mit den Worten „The Jolly Angler“ darunter geschrieben) und einer Vorhalle, die griechisch gewesen wäre, wenn sie nicht niederländisch wäre. Es stand auf einem kleinen Feld, mit einer Hecke dahinter und dem Gemeindeland davor. Augustus blieb an der Tür stehen; und während er innehielt, ertönten drinnen fröhliche Gelächter.

„Ah, die lustigen Jungs!“, murmelte er; „ich sehne mich danach, bei ihnen zu sein;“ und dann klopfte er mit der geballten Faust viermal an die Tür. Es trat eine plötzliche Stille ein, die etwa eine Minute dauerte und von einer Stimme im Inneren unterbrochen wurde, die fragte, wer da sei. Tomlinson antwortete mit einem kabbalistischen Wort; die Tür wurde geöffnet und ein kleiner Junge präsentierte sich.

„Nun, mein Junge“, sagte Augustus, „und wie geht es deinem Herrn? Kräftig und munter, wenn ich nach seiner Stimme urteilen darf.“

„Ja, Meister Tommy, ja, er zecht in einer feinen Weise im Hinterzimmer mit Mr. Pepper und Fighting Attie und einem Dutzend anderer von ihnen. Er wird verdammt froh sein, dich zu sehen, das wette ich.“

„Führe diesen Herrn in die Bar“, erwiderte Augustus, „während ich hingehe und dem ehrlichen Geordie meine Aufwartung mache.“

Der Junge machte eine Art Verbeugung und, während er unseren Helden in die Bar führte, übergab er ihn der Obhut von Sal, einer feschen Schankmaid, die dem Geschmack des Wirtes Ehre machte und die Paul mit deutlicher Auszeichnung und einem Schluck Branntwein empfing.

Paul musste nicht lange den Liebenswürdigen spielen, bevor Tomlinson sich wieder zu ihm gesellte mit der Information, dass Gentleman George sich sehr freuen würde, ihn im Hinterzimmer zu sehen, und dass er dort einen alten Freund in der Person von Mr. Pepper finden würde.

„Was! Ist er hier?“, rief Paul. „Der elende Schuft, mich an seiner Stelle einsperren zu lassen!“

„Sanft, sanft; keine falsche Verwendung von Begriffen!“, sagte Augustus. „Das war keine Schurkerei; das war Klugheit, die größte aller Tugenden und die seltenste. Aber komm mit, Pepper wird es morgen erklären.“

Durch einen Gang oder Korridor schreitend, ging Augustus unserem Helden voran, öffnete eine Tür und führte ihn in einen langen, niedrigen Raum, wo um einen Tisch, der mit Pfeifen und Getränken gedeckt war, etwa zehn oder ein Dutzend Männer saßen, während am Kopfende des Tisches, in einem Lehnstuhl, Gentleman George den Vorsitz führte. Dieser Würdenträger war ein beleibter und stattlicher Herr mit einem wissenden Blick und einer walisischen Perücke, die, wie die „Morning Chronicle“ vom Hut Seiner Majestät sagt, „in einer dégage-Manier, auf einer Seite“ getragen wurde. Da er unter Gicht litt, ruhte sein linker Fuß auf einem Schemel; und die Haltung entblößte, trotz eines Lammwollstrumpfes, die Überreste eines außerordentlich guten Beins.

Da Gentleman George eine Person von majestätischer Würde unter den Rittern des Kreuzes war, hoffen wir, dass man uns nicht für respektlos hält, wenn wir ein paar der Worte, mit denen die besagte „Morning Chronicle“ Seine Majestät an dem Tag schilderte, als er den ersten Stein für das Denkmal seines Vaters legte, auf die Beschreibung von Gentleman George anwenden.

„Er trug einen stattlichen blauen Rock und eine weiße Weste;“ außerdem „lachte er höchst gutmütig“, als er sich zu Augustus Tomlinson wandte und ihn grüßte mit:

„Also das ist der Jüngling, den du uns präsentierst? Willkommen im Jolly Angler! Gib uns deine Hand, junger Herr; ich werde mich freuen, eine Wolke mit dir zu blasen.“

„Mit aller gebührenden Unterwerfung“, sagte Mr. Tomlinson, „denke ich, es wäre vielleicht zuerst das Beste, meinen Schüler und Freund seinen zukünftigen Gefährten vorzustellen.“

„Du sprichst wie ein gewiefter Kerl“, rief Gentleman George, während er immer noch die Hand unseres Helden drückte; und in seinem Armlehnstuhl umdrehend, deutete er auf jedes Mitglied, während er seine Gäste einzeln Paul vorstellte.

„Hier“, sagte er, „hier ist ein feiner Kerl an meiner rechten Hand“ (die so bezeichnete Person war eine dünne, militärisch aussehende Figur, in einem schäbigen Reitrock und mit einem herrschsüchtigen, kühnen, aquilinen Gesichtsausdruck, der ein wenig gelitten hatte), „hier ist ein feiner Kerl für dich! Fighting Attie nennen wir ihn; er ist ein Teufel auf der Straße. ‚Halt – heraus damit – muss und soll – kann nicht und will nicht – tu, wie ich dir befehle, oder fahr zur Hölle!‘ Das ist alles, was Fighting Atties Geschwätz ausmacht; und, beim Tode, es hat eine wunderbare Art, auf den Punkt zu kommen! Ein berühmter Kerl ist mein Freund Attie – ein alter Soldat – hat die Welt gesehen und weiß, was Sache ist; hat eine Menge Grips und nicht das geringste bisschen Schmeichelei. Wie dem auch sei, die Highflyers mögen ihn nicht; und wenn er Leuten Geld abnimmt, muss er dabei nicht ganz so grob sein. Attie, lass mich dir einen neuen Kumpel vorstellen.“ Paul verbeugte sich.

„Ruhig stehen, Mann!“, gebot der Veteran, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen.

Gentleman George fuhr dann fort; und nachdem er auf vier oder fünf der Anwesenden gedeutet hatte (unter denen unser Held zu seiner Überraschung seine alten Freunde Mr. Eustace Fitzherbert und Mr. William Howard Russell entdeckte), kam er schließlich zu einem mit einem sehr roten Gesicht und einem kräftigen Körperbau. „Dieser Herr“, sagte er, „ist Scarlet Jem; ein gefährlicher Kerl für einen Überfall, obwohl er sagt, er raube jetzt lieber allein, denn ein allgemeiner Überfall ist nicht halb so gut wie früher. Du hast keine Ahnung, was für ein Meister der Verkleidung Scarlet Jem ist. Er hat eine alte Perücke, mit der er normalerweise seine Geschäfte erledigt; und du würdest ihn nicht wiedererkennen, wenn er sich unter der Perücke versteckt. Oh, er ist ein kostbarer Schurke, der Scarlet Jem! Was den Kerl auf der anderen Seite angeht“, fuhr der Wirt des Jolly Angler fort und deutete auf Long Ned, „alles, was ich von ihm sagen kann, ob gut, schlecht oder gleichgültig, ist, dass er einen ungewöhnlich feinen Schopf Haare hat; und nun, Jüngling, da du ihn kennst, wie wäre es, wenn du dich zu ihm setzt, und er wird dich dem Rest vorstellen; denn, beim Kuckuck!“ (Gentleman George fluchte ein wenig) „wenn ich nicht müde bin; und deshalb auf deine Gesundheit; und wenn dein Name Paul ist, mögest du immer Peter [einen Geldbeutel] berauben, um Paul zu bezahlen!“

Da dieser Witz des Wirtes außerordentlich gut aufgenommen wurde, ging Paul unter allgemeinem Gelächter, um den leeren Platz neben Long Ned einzunehmen. Jener große Herr, der bis dahin (wie Homer Jupiter nennt) in tiefem Schweigen Wolken geblasen hatte, wandte sich nun mit herzlichster Verbindlichkeit an Paul, erklärte sich überglücklich, seinen alten Freund wiederzutreffen, und beglückwünschte ihn gleichermaßen zu seiner Flucht aus Bridewell wie zu seiner Aufnahme in die Räte von Gentleman George. Aber Paul, eingedenk jener Ausübung von „Klugheit“ seitens Mr. Pepper, durch die er seinem Schicksal und der Gnade von Richter Burnflat überlassen worden war, nahm seine Annäherungsversuche sehr mürrisch entgegen. Diese Kühle erzürnte Ned, der von Natur aus jähzornig war, so sehr, dass er unserem Helden den Rücken zukehrte und, da er von aristokratischem Geist war, etwas von „aufstrebenden und vulgären Taschendieben, die in die Gesellschaft feiner Straßenräuber aufgenommen werden“, murmelte. Dieses Murmeln trieb Paul das ganze Blut in die Wangen; denn obwohl er als Taschendieb (oder Clyfaker) bestraft worden war, wusste niemand besser als Long Ned, ob er unschuldig war oder nicht; und ein Vorwurf von ihm kam daher mit doppelter Ungerechtigkeit und Härte. In seinem Zorn packte er Mr. Pepper am Ohr und forderte ihn, nachdem er ihm gesagt hatte, er sei ein schäbiger Schurke, zum Kampf heraus.

Da eine so erfreuliche Einladung nicht sotto voce, sondern in einem Ton verkündet wurde, der der Wichtigkeit des Vorschlags entsprach, hörte es jeder in der Runde; und bevor Long Ned antworten konnte, donnerte die volle Stimme von Gentleman George hervor:

„Frieden halten da, du Jüngling! Was! Du bist gerade erst in unsere Lustbarkeiten aufgenommen worden und musst schon wieder streiten? Hört her, meine Herren, ich bin mit euren Streitereien schon lange genug geplagt worden; und der erste Kerl, der die gegenwärtige Ruhe im Jolly Angler bricht, wird hochkant hinausgeworfen – nicht wahr, Attie?“

„Rechts um, marsch!“, sagte der Held.

„Ja, das ist das Wort, Attie“, sagte Gentleman George. „Und nun, Mr. Pepper, wenn es böses Blut zwischen dir und dem Jungen da gibt, wasche es in einem Becher Bingo weg, und lass uns kein Wort mehr darüber hören.“

„Ich bin bereit“, rief Long Ned mit der unterwürfigen Miene eines Höflings und reichte Paul die Hand. Unser Held, etwas beschämt durch die Neuheit seiner Situation und den Tadel von Gentleman George, nahm, wenn auch mit einigem Zögern, die dargebotene Höflichkeit an.

Nachdem die Ordnung so wiederhergestellt war, begann das Gespräch der Zecher eine höchst faszinierende Richtung einzuschlagen. Sie sprachen mit unendlicher Begeisterung über die Summen, die sie der Öffentlichkeit abgeknöpft hatten, und die Veruntreuungen, die sie für das, was der eine das Wohl der Gemeinschaft nannte und der andere die etablierte Ordnung – womit sie sich selbst meinten –, begangen hatten. Es war leicht zu erkennen, in welcher Schule der scharfsinnige Augustus Tomlinson den Wert der Worte gelernt hatte.

Es war etwas Erbauliches, die Schurken zu hören! So fein war ihre Sprache und so ehrlich ihr Enthusiasmus für ihre eigenen Interessen, dass man sich hätte vorstellen können, man lausche einer Clique von Kabinettsministern, die über Steuern berieten oder über Nebenverdienste debattierten.

„Mögen die Gemeinen lange blühen!“, rief der wortspielende Georgie und füllte sein Glas; „es ist durch die Gemeinen, dass wir ernährt werden, und mögen sie niemals Kultivierung erfahren!“

„Dreimal drei!“, brüllte Long Ned; und der Toast wurde ausgebracht, wie Mr. Pepper es vorschlug.

„Eine kleine maßvolle Kultivierung der Gemeinen, um offen zu sprechen“, sagte Augustus Tomlinson bescheiden, „wäre vielleicht nicht verkehrt; denn es würde die Leute in den Glauben locken, dass sie sicher reisen könnten; und schließlich ist eine Hecke oder ein Gerstenfeld für uns genauso gut wie eine öde Heide, wo wir keinen Schutz haben, wenn wir einmal verfolgt werden!“

„Du redest Unsinn, du Dummkopf!“, rief ein bekannter Räuber namens Bagshot; der, da er alt war und ein Laufbursche eines Anwalts gewesen war, manchmal „Old Bags“ genannt wurde. „Du redest Unsinn; diese neuartigen Pflüge sind unser Ruin. Jeder Kornhalm auf einem Gemeindeland ist ein Übergriff auf die Verfassung und die Rechte der edlen Straßenräuber. Ich bin alt und werde diese Dinge vielleicht nicht mehr erleben; aber merkt euch meine Worte, es wird eine Zeit kommen, in der ein Mann von Lunnun bis Johnny Groat's reisen kann, ohne einen Pfennig an einen von uns zu verlieren; wenn Hounslow sicher sein wird und Finchley geborgen. Meine Augen, was für eine traurige Sache wird das für uns sein!“

Der ehrwürdige alte Mann wurde plötzlich still und Tränen traten in seine Augen. Gentleman George hatte ein großes Entsetzen vor der Melancholie und mochte besonders alle unangenehmen Themen nicht.

„Donner und Doria, Old Bags!“, fluchte der Wirt des Jolly Angler, „das wird so nichts; wir sind alle hier versammelt, um fröhlich zu sein, und nicht, um deinen melancholischen Sermon anzuhören. Ich sage, Ned Pepper, wie wäre es, wenn du uns ein Lied zum Besten gibst, und ich den Takt mit meinen Knöcheln schlage.“

Long Ned, der die Pfeife aus dem Mund nahm, versuchte, wie Walter Scotts Lady Heron, ein oder zwei nette Entschuldigungen; da diese jedoch von einem allgemeinen Gebrüll übertönt wurden, gab der stattliche Gauner das folgende Lied zum Besten, zur Melodie von „Time has not thinned my flowing hair“.

LONG NEDS LIED.

Oh, wenn meine Hände am Bargeld kleben, Sind meine Handschuhe wenigstens rein, Und selten hat man die feinen Leute In schmuckerer Kleidung gesehen.

Süßes Publikum, da eure Truhen Unsere Bedürfnisse lindern müssen, Oh! Beruhigt es nicht, den Staub Einem so bezaubernden Dieb zu überlassen?

„‚Und John mag über meine lachen‘ – ausgezeichnet!“, rief Gentleman George, zündete seine Pfeife an und zwinkerte Attie zu; „ich höre, du seist ein berühmter Kerl bei den Mädels.“

Ned lächelte und antwortete: „Kein Mann sollte prahlen; aber –“ Pepper hielt bedeutungsvoll inne und sagte dann, zu Attie hinüberblickend: „Wenn wir von Mädels sprechen, ist es an mir, einen Gentleman für ein Lied zu benennen, und ich benenne Fighting Attie.“

„Ich singe nie“, sagte der Krieger.

„Verrat, Verrat!“, rief Pepper. „Es ist das Gesetz, und du musst dem Gesetz gehorchen; also fang an.“

„Es ist wahr, Attie“, sagte Gentleman George.

Es gab kein Berufungsrecht gegen den Befehl des ehrlichen Wirtes; also sang der Krieger, in einer schnellen und lakonischen Art, da es Atties liebstes Dogma war, dass das, was am wenigsten gesagt wird, am schnellsten geheilt wird, wie folgt:

FIGHTING ATTIES LIED.

Melodie: „He was famed for deeds of arms.“

Ich raubte nie eine einzige Kutsche Außer mit der Art eines Liebhabers; Und obwohl du meinen Lauf tadeln magst, Konntest du niemals mein Haar tadeln.

Aufstehen um sechs, speisen um zwei, Beraube deinen Mann ohne Umstände, Das sind meine Maximen; wenn du zweifelst An ihrer Weisheit, dann kehrt um!

(Winkt einem fahlen Gentleman auf derselben Seite des Tisches, die Branntweinschale herüberzureichen.)

Reicht das Bingo herum, ihr modriger, finsterer, heiserer Sohn! John Bull, der einen harmlosen Witz liebt, Grinst gerne über mich; Aber warum böse sein auf lachende Leute, Wenn sie nicht lachen und gewinnen? John Bull hat Geld in seiner Kiste; Und obwohl sein Witz göttlich ist, Lass mich doch über Johnnys Locken lachen, Und John mag über meine lachen.

[Vieles von dem Vergnügen, das durch die (wir hoffen) nicht gehässigen Travestien gewisser prominenter Charaktere in diesem Teil unseres Werkes bei der ersten Veröffentlichung hervorgerufen wurde, verliert wie alle politischen Anspielungen an Schärfe und wird dunkel, wenn die Anwendungen nicht mehr vertraut sind. Es ist vielleicht schon notwendig zu sagen, dass Fighting Attie hier den abrupten Rücktritt von Mr. Huskisson durch den Herzog von Wellington typisiert oder illustriert.]

DER FAHLE GENTLEMAN (mit heiserer Stimme).

Attie, das Bingo ist jetzt bei mir; Ich kann es noch nicht abgeben, verstehst du!

ATTIE (die Schale ergreifend).

Abgeben, gib es ab – hör auf mit dem Staub! (Er reißt sie an sich und betrachtet den fahlen Gentleman grimmig.) Du hast es abgegeben, und du musst.

CHOR.

Du hast es abgegeben, und du musst.

Während der Chor, über den beschämten Zecher lachend, die nachdrücklichen Worte des heldenhaften Attie herausbrüllte, leerte diese Persönlichkeit den Branntwein in einem Zug, nahm seine Pfeife wieder auf und forderte Bagshot mit so wenigen Worten wie möglich zu einem Lied auf. Der ausgezeichnete alte Straßenräuber gehorchte der Bitte mit großer Bescheidenheit, räusperte sich und legte mit einem Liedchen los, das etwa auf die Melodie von „The Old Woman“ ging.

OLD BAGS' LIED.

Sind die Tage nun vorbei, als wir auf Hounslow Heath Unsere Gäule glänzen ließen, Als die tapfersten Herzen bebten vor Der Stimme von Bags? Nie war meine Arbeit halb getan, damit ich nicht geschnappt würde Langsam war der alte Bags, aber er hörte nie auf Bis das Ganze geraubt war.

CHOR. Bis das Ganze geraubt war.

Als die langsame Kutsche hielt und die Herren stürmten, Trug ich die Last; Und der einzige Laut, den meine ernsten Lippen formten, War „flüssig“, – immer noch „flüssig“!

Ach, jene fröhlichen Tage sind niemals vergessen! Doch das Band läuft zäh – Wenn ich erst tot bin, trinkt ihr einen Krug Auf den armen alten Bags!

CHOR. Auf den armen alten Bags!

„Ja, das werden wir, mein lieber Bagshot“, rief Gentleman George gerührt; doch als er eine Träne im Auge des braven alten Kerls bemerkte, fügte er hinzu: „Kopf hoch! Was, ho! Kopf hoch! Die Zeiten werden sich bessern, und die Vorsehung mag uns noch ein gutes Jahr senden, in dem es dir wieder so gut geht wie eh und je. Du schüttelst deinen Kopf. Nun, lass dich nicht ins Bockshorn jagen, sondern hau einen feinen Pinkel um.“

Der Veteran wischte den Tropfen der Rührung fort und haute Gentleman George kurzerhand selbst um.

„Oh, verdammt!“, sagte George mit würdiger Miene, „ich sollte mich eigentlich drücken, da ich den Fusel stelle; aber wie dem auch sei, auf geht’s.“

GENTLEMAN GEORGES LIED.

Weise: „Old King Cole.“

Ich bin der Kerl, der fröhliche alte Kerl, Von dessen Stoff alle Ganoven singen; Und ein saufender Kerl, so denk ich, beim Jupiter, Ist so groß wie ein nüchterner König!

CHOR. Ist so groß wie ein nüchterner König!

Was auch für Lärm von den Jungs gemacht wird An der Bar, während sie sich volllaufen lassen, Kein Teufel von Lärm trübt meinen Frieden, Solange die Halunken zahlen!

CHOR. Solange die Halunken zahlen!

Was, wenn ich meine Steine und Ziegel mit Mörtel Zusammenklebe, den ich den Snobs abnehme? Jeder, der Sinn für das Gemeinwohl hat, Mag es, wenn die Kneipe floriert.

CHOR. Mag es, wenn die Kneipe floriert.

„So, ihr feinen Herren!“, sagte der Wirt und hielt inne, „das ist des Pudels Kern, und bei meiner Perücke, mir geht jetzt die Puste aus. Also lasst den Branntwein kreisen, Augustus; du schlauer Hund, du behältst ja alles für dich.“

Inzwischen war die ganze Versammlung mehr als angeheitert, oder, wie Augustus Tomlinson es ausdrückte, „ihre strengeren Wesenszüge waren durch eine erfreuliche und unschuldige Nachgiebigkeit gelockert“. Pauls Augen rollten, und seine Zunge löste sich. Allmählich schwamm der Raum um ihn herum, die Gesichter seiner Kameraden veränderten sich, die Miene von Old Bags nahm einen furchterregenden und drohenden Ausdruck an. Er glaubte, Long Ned habe ihn beleidigt, und Old Bags ergriff Partei für den Angreifer, ballte die Faust und drohte, des Klägers Birne in den „Chancery“-Griff zu nehmen, falls er den Frieden der Versammlung störe. Verschiedene andere eingebildete Übel bedrängten ihn. Er glaubte, er habe in Gesellschaft von Pepper eine Postkutsche ausgeraubt; dass Tomlinson ihn verraten habe und dass Gentleman George ihn zum Erhängen verurteilt habe; kurzum, er litt unter einem vorübergehenden Delirium, verursacht durch einen plötzlichen Umschwung des Schicksals – von Wasser zu Branntwein; und das Letzte, woran er sich erinnerte, bevor er unter den Tisch sank, in Gesellschaft von Long Ned, Scarlet Jem und Old Bags, war, wie er seinen Teil zum Refrain dessen beitrug, was ihm als ein Chor von letzten Abschiedsreden und Beichten erschien, was aber in Wirklichkeit ein Lied war, das zu Ehren von Gentleman George gemacht und von seinen dankbaren Gästen als krönender Abschluss der Festlichkeiten gesungen wurde. Es lautete wie folgt:

DER GROSSE TOAST DES RÄUBERS.

Ein Becher Fusel, füll, füll ihn für mich! Roter Wein, wer ihn mag, mag ihn leeren; Doch was auch der Stoff, ein voller Becher muss es sein, Wenn wir nie wieder einen vollen Becher trinken! Nun – nun in der Bude, wo ein Ganove ruhen mag, Ohne Angst, dass die Bullen ihn bedrängen, Mit einem Tropfen im Mund und einem Tropfen im Auge, Hier ist auf Gentleman George – Gott segne ihn! Gott segne ihn, Gott segne ihn! Hier ist auf Gentleman George – Gott segne ihn!

Unter den Kumpanen des Fürsten, so hab ich gehört, ist es Sitte, Bevor sie genug gezecht haben, Ihren Punsch mit dem besten Curaçao aufzupeppen, Um das Zeug feiner zu machen. Ich rühme mich nicht solcher Getränke; aber wer sein Glas Nicht mag, den will ich verdammt sein, wenn ich ihn dränge! Aufgestanden, ihr Bengel – rund, rund soll es gehen! Hier ist auf Gentleman George – Gott segne ihn! Gott segne ihn, Gott segne ihn! Hier ist auf Gentleman George – Gott segne ihn!

Seht, seht, der feine Kerl wird schwach auf den Beinen; Helft ihm, ihr Halunken, zu stehen! Warum, ihr rührt euch keinen Schritt! Seid ihr alle deprimiert? Fighting Attie, geh, leih ihm eine Hand!

(Die Räuber drängen sich um Gentleman George, wobei jeder unter dem Vorwand, ihn zu stützen, ihn bald in die eine, bald in die andere Richtung zieht.)

Komm, lehn dich auf mich – zu deinen Diensten bin ich! Weg von seinem Ellbogen, du Welpe! Du Wirst ihn nur umwerfen – diese Kerle da tun nur so! Hier ist auf Gentleman George – Gott helfe ihm! Gott helfe ihm, Gott helfe ihm! Hier ist auf Gentleman George, Gott helfe ihm!

KAPITEL XI.

Ich rühme kein Lied, das von magischen Wundern strotzt; Doch, o Natur! Gibt es nichts zu schätzen, Vertraut in deinen Busen-Szenen des Lebens? Und wohnt an des Tages Wahrheit heilsamen Himmeln Keine Form, mit der die Seele sympathisieren mag? Jung, unschuldig, auf deren süßer, milder Stirn Die gescheitelte Locke in einfachster Weise glänzte, Ein Gast im Heim von Albert lächelte, Oder segnete seinen Spaziergang am Mittag – sie war sein einziges Kind.

Gertrude of Wyoming.

O Zeit, du hast seltsame Streiche mit uns gespielt; und wir segnen die Sterne, die uns zu einem Romanschriftsteller gemacht haben, und uns nun erlauben, uns zu revanchieren. Wir lassen Paul bei den Unterweisungen von Augustus Tomlinson und den Festlichkeiten des Jolly Angler zurück und gestatten ihm, in langsamen, aber sicheren Schritten die Anmut und den Ruf des vollendeten und perfekten Aneigners fremden Besitzes zu erwerben, wir werden den Lauf der Jahre mit derselben achtlosen Schnelligkeit übergehen, mit der sie über uns hinweggeglitten sind, und unseren Leser zu einem ganz anderen Schauplatz rufen als jenen, die ihn wahrscheinlich begrüßen würden, wenn er den Abenteuern unseres neuen Telemach folgen würde. Und du, lieber Leser, den wir zum Schiedsrichter zwischen uns und jenen machen, die niemals lesen – den Kritikern; du, der du im wahren Geist guter Erziehung mit uns an Orte gegangen bist, wo die Neuheit der Szene, wie wir fürchten, die Grobheit kaum wiedergutgemacht hat, ohne dir die Allüren einer wählerischen Zofe zu geben – ohne wie ein Lakai über die niedrige Gesellschaft zu schwatzen, der du begegnet bist – du, lieber und freundlicher Leser, wirst auch keinen Grund haben zu fürchten, dass wir deine Geduld durch eine „verdammte Wiederholung“ derselben Lokalitäten ermüden werden. Indem wir einen Augenblick innehalten, um über die Einteilungen unserer Geschichte zu blicken, die vor uns liegt wie eine Landkarte, fühlen wir, dass wir versprechen können, dich in Zukunft durch Aspekte der Gesellschaft zu führen, die deinen Gewohnheiten vertrauter sind; wo Ereignisse durch Landschaften von erfreulicherer Vielfalt und unter Stämmen einer luxuriöseren Zivilisation ihrem zugeteilten Abgrund zuströmen.

An den Ufern eines der schönsten Flüsse Englands, etwa fünfzig Meilen von London entfernt, steht noch immer ein altmodisches Anwesen, das wir hier Warlock Manorhouse nennen wollen. Es ist ein Ziegelbau, abgesetzt mit Steinumrandungen und größtenteils mit Efeu und Jasmin bewachsen. Um ihn herum liegen die Ruinen des älteren Teils des Gebäudes; und diese sind in ihrem Ausmaß und ihrem bedeutenden Aussehen ausreichend, um zu bezeugen, dass das Herrenhaus einst nicht ohne Ansprüche auf Pracht war. Diese Überreste von Macht, von denen einige bis in die Regierungszeit Heinrichs III. zurückreichen, werden durch den Charakter der Landschaft in unmittelbarer Nähe des alten Herrenhauses bestätigt. Ein riesiges Stück Ödland, durchsetzt mit Hainen aus antikem Kopfholz und hier und da unregelmäßigen und gewundenen Erdwällen, kündet dem erfahrenen Auge von einer aufgelassenen Jagd oder einem Park, der ursprünglich von nicht gewöhnlichen Ausmaßen gewesen sein muss. Auf einer Seite des Hauses neigt sich der Rasen zum Fluss hin, getrennt von einer Terrasse, die die wichtigste Verschönerung der Außenanlagen bildet, durch jenen Zaun, dem der geistreiche und bezeichnende Name „Ha-ha!“ gegeben wurde. Ein paar verstreute Bäume von riesigem Wuchs sind die einzigen Hindernisse, die den Blick auf den Fluss unterbrechen, der uns an dieser bestimmten Stelle seines Laufs oft mit ungewöhnlicher Ruhe und Gelassenheit dahinzuziehen schien. Auf der gegenüberliegenden Seite des Stroms befindet sich eine Reihe steiler Hügel, berühmt für nichts Romantischeres als ihre Eigenschaft, den Herden, die auf diesem kurzen und scheinbar kargen Gras weiden, einen Geschmack zu verleihen, der den Liebhabern jenes Weidetiers, das nach seinem Ableben seinen Namen in Hammelfleisch ändert, besonders angenehm ist. Auf diesen Hügeln ist die Spur menschlicher Behausung nicht sichtbar; und zu Zeiten, wenn kein Boot die einsame Glätte des Flusses entstellt und der Abend die Geräusche der Arbeit und des Lebens gestillt hat, kennen wir wenige Szenen, die so gänzlich friedlich, so in Stille getaucht sind, wie die, welche durch das alte, eigenartig gestaltete Haus und seine antiken Anlagen geboten wird – der glatte Rasen, der stille und (um die Wahrheit zu sagen, wenn auch abfällig) etwas träge Fluss, zusammen mit den großen Hügeln (denen wir, aus einfachen, wenn auch metaphysischen Gründen, eine so vollkommene Idee von Ruhe und Unbeweglichkeit beimessen) und den weißen Herden – jenen friedlichsten aller Geschöpfe Gottes –, die in wolligen Büscheln den Anstieg säumen.

In Warlock House lebte zu der Zeit, auf die wir uns beziehen, ein Herr namens Brandon. Er war Witwer und hatte sein fünfzigstes Lebensjahr erreicht, ohne der Vergangenheit viel Wehmut entgegenzubringen oder viel Angst für die Zukunft zu empfinden. Mit einem Wort, Joseph Brandon war einer jener sorglosen, ruhigen, gleichgültigen Männer, bei denen ein Gedanke an irgendein Thema niemals ohne eine sehr dringende Notwendigkeit wiederkehrt. Er war gutmütig, harmlos und schwach; und wenn er kein unvergleichlicher Bürger war, so war er zumindest ein ausgezeichnetes Gewächs. Er stammte aus einer Familie von hohem Alter und ehemals beträchtlichem Ansehen. In den letzten vier oder fünf Generationen jedoch hatten die Besitzer von Warlock House, die allmählich sowohl von ihren Ländereien als auch von ihrem Ansehen eingebüßt hatten, ihren Nachkommen keinen höheren Rang als den eines kleinen Landjunkers hinterlassen. Einer war ein Jakobit gewesen und hatte ein halbes Dutzend Höfe zu Ehren von „Charley über dem Wasser“ vertrunken; „Charley über dem Wasser“ war keine sehr gefährliche Person, aber „Charley über dem Wein“ war etwas ruinöser. Der nächste Brandon war ein Fuchsjäger gewesen, und Fuchsjäger leben ebenso ausgiebig wie patriotische Politiker. Pausanias sagt uns, dass dieselben Leute, die am berüchtigtsten für ihre Liebe zum Wein waren, auch am berüchtigtsten für ihre Vernachlässigung von Angelegenheiten waren. Die Zeiten haben sich seit Pausanias nicht sehr verändert, und die Bemerkung gilt bei den Engländern genauso wie bei den Phigaleiern. Nach diesem Brandon kam einer, der zwar den Sportler nicht verachtete, aber eher den feinen Herrn mimte. Er heiratete eine Erbin, die ihm natürlich half, ihn zu ruinieren; da er bei einer so angenehmen Beschäftigung keine Hilfe wünschte, stürzte er sie (vielleicht nicht mit Absicht) in einer neuen Art von Kutsche, die er gerade zu fahren lernte, um, und die gute Dame war auf der Stelle tot. Sie hinterließ dem feinen Herrn zwei Söhne – Joseph Brandon, den gegenwärtigen Grundherrn – und einen Bruder, einige Jahre jünger. Der Ältere wurde, als er das entsprechende Alter erreicht hatte, zur Schule geschickt und entging so einigermaßen der Ansteckung des väterlichen Hauses. Aber der jüngere Brandon, der zum Zeitpunkt des Todes seiner Mutter erst sein fünftes Jahr erreicht hatte, wurde zu Hause behalten. Ob er hübsch oder klug oder frech war oder wie sein Vater um die Augen (das größte aller Verdienste), wissen wir nicht; aber der Witwer wurde so vernarrt in ihn, dass er ihn erst spät und nur sehr widerwillig der Vorsehung einer Schule anvertraute.

Unter Huren und Spielern und Lords und Betrügern und Herren der Garde, zusammen mit ihren häufigen Begleitern – nämlich den Wachen der Herren, den Gerichtsvollziehern –, verbrachte William Brandon die erste Phase seiner Kindheit. Er war etwa dreizehn, als er zur Schule geschickt wurde; und da er ein Junge von bemerkenswerten Talenten war, holte er die verlorene Zeit so gut auf, dass er, als er im Alter von neunzehn Jahren an die Universität ging, kaum ein einziges Semester dort verbracht hatte, bevor er zwei der höchsten Preise für akademische Verdienste errungen hatte. Von der Universität brach er zur „Grand Tour“ auf, die damals als so notwendig erachtet wurde, um den Gentleman zu vervollständigen; er reiste in Begleitung eines jungen Adligen, dessen Freundschaft er an der Universität gewonnen hatte, blieb mehr als zwei Jahre im Ausland und ließ sich nach seiner Rückkehr für den Anwaltsberuf nieder.

Unterdessen starb sein Vater, und da sein Vermögen als jüngerer Bruder buchstäblich so gut wie gar nichts war und das Familienanwesen (denn sein Bruder war nicht abgeneigt, ihm zu helfen) schrecklich verschuldet war, glaubte man, dass er einige Jahre mit sehr schwierigen und kargen Umständen zu kämpfen hatte. Während dieses Lebensabschnitts war er jedoch von London abwesend und wurde von seinem Bruder für jemanden gehalten, der auf den Kontinent zurückgekehrt sei; schließlich, so scheint es, profitierte er von einer Erneuerung seiner Freundschaft mit dem jungen Adligen, der ihn ins Ausland begleitet hatte, erschien wieder in der Stadt und erhielt durch seinen adligen Freund ein oder zwei juristische Stellen von ansehnlichem Einkommen. Kurz darauf erhielt er ein Mandat in einem Prozess, bei dem ein Major ein Korps für seinen Offizierskameraden aufgestellt hatte, mit dem besseren Einverständnis der Ehefrau des Offizierskameraden als des Offizierskameraden selbst. Brandons Fähigkeiten fanden hier zum ersten Mal in seinem Beruf ein angemessenes Ventil; sein Ruf schien auf einen Schlag gemacht, er stieg schnell in seinem Beruf auf, und zu der Zeit, von der wir jetzt sprechen, segelte er auf der vollen Flut von Ruhm und Reichtum, der Neid und das Orakel aller jungen Templer und Anwälte, die, nachdem sie selbst zehn Jahre lang gehungert hatten, nun begannen, auf die Möglichkeit zu kalkulieren, ihre Klienten hungern zu lassen. Schon früh in seiner Laufbahn hatte er durch die guten Dienste des Adligen, den wir erwähnt haben, einen Sitz im Unterhaus erhalten; und obwohl seine Beredsamkeit von einer Art war, die besser zur Anwaltschaft als zum Senat passte, hatte er sich dennoch in letzterem einen sehr beträchtlichen Ruf erworben und wurde von vielen als jemand angesehen, der wahrscheinlich die gleichen glänzenden Erfolge erringen würde wie der höfische Mansfield – ein großer Mann, dessen politische Prinzipien und gewandte Art Brandon sich besonders als sein eigenes Vorbild angeeignet haben soll. Von unbescholtener Integrität im öffentlichen Leben – denn da er alle existierenden Dinge mit der unnachgiebigsten Starrheit unterstützte, konnte man ihm keine Inkonsequenz vorwerfen –, galt William Brandon (wie wir an einer früheren Stelle von unglücklicher Erinnerung für unseren Helden gesagt haben) im Privatleben als der ehrenhafteste, moralischste, ja sogar der strengste aller Männer; und sein ernster und strenger Ruf in dieser Hinsicht, gepaart mit dem Glanz seiner Beredsamkeit und seiner forensischen Kräfte, hatte den Groll der parteipolitischen Feindseligkeit weitgehend entkräftet und ihm einen Ruf für Tugenden eingebracht, der fast so hoch und so beneidenswert war wie der, den er für seine Fähigkeiten erworben hatte.

Während William so eine beachtete und ehrenvolle Laufbahn einschlug, hatte sein älterer Bruder, der in die Familie eines Geistlichen eingeheiratet und seine Gattin bald verloren hatte, mit seinem einzigen Kind, einer Tochter namens Lucy, in seinem väterlichen Anwesen in ungestörter Verborgenheit gelebt. Der diskreditierende Charakter und die Gewohnheiten der früheren Herren von Warlock, die ihre Achtbarkeit im County sowie ihr Vermögen geschmälert hatten, hatten die umliegenden Gentry wenig darauf ausgehen lassen, die Vertrautheit mit dem derzeitigen Besitzer zu pflegen; und der schwere Geist und die zurückgezogenen Manieren von Joseph Brandon waren nicht dazu geeignet, die Fehler seiner Vorväter auszugleichen oder den Namen Brandon in seiner alten Popularität und Wertschätzung wiederherzustellen. Obwohl stumpf und wenig gebildet, fehlte es dem Junker nicht an „gehörigem Stolz“; er versuchte nicht, sich dort aufzudrängen, wo er unerwünscht war, mied County-Versammlungen und County-Bälle, rauchte seine Pfeife mit dem Pfarrer und nicht selten mit dem Chirurgen und dem Anwalt und erlaubte seiner Tochter Lucy, sich mit Hilfe der Frau des Pfarrers selbst zu bilden und (denn die Natur war ihr gnädiger als die Kunst) zu dem hübschesten Mädchen heranzureifen, das das ganze County – wir sehnen uns danach zu sagen, das ganze Land – zu jener Zeit aufweisen konnte. Nie gab ein Spiegel ein schöneres Bild wieder als das von Lucy Brandon im Alter von neunzehn Jahren. Ihr kastanienbraunes Haar fiel in reichster Fülle über eine Stirn, die niemals gerunzelt war, und eine Wange, auf der das Blut niemals schlief; in jedem Augenblick veränderte sich die Farbe, und bei jeder Veränderung schien diese glatte, reine, jungfräuliche Wange noch schöner als zuvor. Sie hatte das schönste Lachen, das man sich bei jemandem, der Musik liebte, vorstellen konnte – silbrig, leise und doch so voller Freude! Alle ihre Bewegungen, wie der alte Pfarrer sagte, schienen mit diesem Lachen Schritt zu halten, denn Heiterkeit machte einen großen Teil ihres unschuldigen und kindlichen Gemüts aus; und doch war die Heiterkeit weiblich, niemals laut, noch wie die von jungen Damen, die in Highgate-Seminaren den letzten Schliff erhalten hatten. Alles Freudige berührte sie, und zwar sofort – Luft, Blumen, Sonnenschein, Schmetterlinge. Im Gegensatz zu Heldinnen im Allgemeinen weinte sie sehr selten, und sie fand nichts Reizvolles daran, die „Vapours“ zu haben. Aber sie sah nie so schön aus wie im Schlaf; und wenn der leichte Atem von ihren geöffneten Lippen kam, und die elfenbeinernen Lider sich über jene Augen schlossen, die nur im Schlaf stumm waren – und ihre Haltung im Schlaf jene unaussprechliche Anmut annahm, die allein der Kindheit oder der frischen Jugend eigen ist, in die die Kindheit übergeht –, war sie genau das, was man sich unter einer schlafenden Margarete vorstellen konnte, bevor diese einfachste und sanfteste aller dichterischen Visionen von Weiblichkeit Faust begegnet war oder ihre Schlummer mit einem Traum von Liebe getrübt worden waren.

Wir können nicht viel über Lucys intellektuelle Errungenschaften sagen; sie konnte, dank der Frau des Pfarrers, mittelmäßig gut buchstabieren und eine passable Handschrift schreiben; sie machte Konserven und manchmal Rätsel – es war schwieriger, die Exzellenz der ersteren in Frage zu stellen, als die Fragen der letzteren zu beantworten. Sie arbeitete zur Bewunderung aller, die sie kannten, und wir erlauben uns zu sagen, dass wir dies für „eine ausgezeichnete Sache bei einer Frau“ halten. Sie machte Hauben für sich und Kleider für die Armen, und hin und wieder vollbrachte sie die eher literarische Arbeit eines verirrten Romans, der zum Herrenhaus gewandert war, oder einen Auszug aus der alten Geschichte, in dem alles außer den Eigennamen weggelassen war. Zu diesen Errungenschaften fügte sie ein gewisses Maß an Geschick auf dem Spinett hinzu und die Fähigkeit, alte Lieder mit der reichsten und süßesten Stimme zu singen, die jemals jemandes Augen befeuchtet oder jemandes Herz zum Schlagen gebracht hat.

Ihre moralischen Qualitäten waren ausgeprägter entwickelt als ihre geistigen. Sie war die gütigste aller Menschen; selbst der Hund, der sie noch nie zuvor gesehen hatte, wusste das auf den ersten Blick und verlor keine Zeit, ihre Bekanntschaft zu machen. Die Güte ihres Herzens ruhte auf ihrem Gesicht wie Sonnenschein, und die alte Frau an der Loge sagte poetisch und wahr von der Wirkung, die sie hervorrief, dass „man sich warm fühlte, wenn man sie ansah“. Wenn wir von der Beschreibung eine gewisse kühlende Transparenz abziehen könnten, könnten die folgenden exquisiten Verse eines vergessenen Dichters die Reinheit und den Glanz ihres Antlitzes ausdrücken:

„Ihr Gesicht war wie die Milchstraße am Himmel, Ein Zusammentreffen sanfter Lichter ohne Namen.“

Sie war von Haustieren aller Art umgeben, hässlichen und schönen – von Ralph dem Raben bis Beauty dem Fasan, und von Bob, dem Hütehund ohne Schwanz, bis Beau, dem Blenheim mit blauen Bändern um den Hals; alles liebte sie, und sie liebte alles. Es schien zu jener Zeit zweifelhaft, ob sie jemals genügend Beständigkeit und Stärke des Charakters haben würde. Ihre Schönheit und ihr Charakter erschienen so wesentlich weiblich – sanft und doch lebhaft, beschwingt und doch schmeichelnd –, dass man ihr kaum jene moralische Abhängigkeit zuschreiben konnte, die man bei einem Charakter tun könnte, der weniger liebenswert, aber weniger nachgiebig weiblich ist. Zeit und Umstände jedoch, die verändern und verhärten, sollten entscheiden, ob die innere Natur nicht einige latente und noch unentdeckte Eigenschaften besaß. So war Lucy Brandon im Jahr ----; und in diesem Jahr, an einem schönen herbstlichen Abend, stellen wir sie unseren Lesern zum ersten Mal persönlich vor.

Sie saß auf einer Gartenbank am Flussufer bei ihrem Vater, der bedächtig die Abendzeitung einer früheren Woche studierte und die alten Nachrichten gravitätisch mit den Inspirationen jenes Krauts würzte, das die königliche Entrüstung unseres britischen Salomo so bitterlich erregte. Es fügt sich, unglücklicherweise für uns – denn äußerliche Eigenheiten sind kaum die Würde wert, nach der die Komödie, ob im Drama oder in der Erzählung, strebt –, dass Junker Brandon so wenige unterscheidende Wesenszüge des Geistes besaß, dass er seinem Schilderer wenig lässt, womit er ihn bezeichnen könnte, außer einer verworrenen und parenthetischen Sprechweise, durch die er denen, die nicht von langer Erfahrung oder genauer Beobachtung profitierten, sehr oft genau und einigermaßen lächerlich das zu sagen schien, was er nicht ausdrücken wollte.

„Ich sage dir, Lucy“, bemerkte Mr. Brandon, ohne jedoch den Blick von der Zeitung zu heben – „ich sage dir, das Getreide ist im Preis gefallen; denk einmal darüber nach, mein Kind, denk darüber nach! Diese Zeiten, meiner Meinung nach (ja, und auch nach der Meinung klügerer Köpfe als dem meinen, obgleich ich damit nicht sagen will, dass ich nicht einige Erfahrung in diesen Dingen hätte, was man nun wahrlich nicht von allen unseren Nachbarn behaupten kann), sind sehr sonderbar und sogar gefährlich.“

„Tatsächlich, Papa!“, antwortete Lucy.

„Und ich sage dir, liebe Lucy“, fuhr der Junker nach einer kurzen Pause fort, „es hat (und das ist sehr merkwürdig, wenn man die dicht besiedelte Nachbarschaft bedenkt – behüte mich! Was sind das für Zeiten!) einen schockierenden Mord gegeben an (dem Tabakstopfer, da ist er ja) – denk nur, mein Kind – direkt bei Epping! Einem alten Herrn!“

„Ach, wie schrecklich! Von wem?“

„Ja, das ist die Frage! Die Leichenschau hat (was für ein Segen es doch ist, in einem zivilisierten Land zu leben, wo ein Mensch nicht stirbt, ohne dass man das Warum und Wieso erfährt!) den Körper begutachtet und erklärt (es ist sehr seltsam, aber sie scheinen nicht viel herausgefunden zu haben; denn warum? Wir wussten vorher genauso viel), dass die Leiche gefunden wurde (sie wurde auf dem Boden gefunden, Lucy), ermordet; Mörder oder Mörder (im Sekretär, der aufgebrochen wurde, fanden sie das Geld völlig unberührt) unbekannt!“

Hier gab es wieder eine kurze Pause; Mr. Brandon blätterte zur anderen Seite der Zeitung und fuhr in einem rascheren Ton fort: „Ha! Nun, das ist seltsam! Aber er ist ein verdammt cleverer Kerl, Lucy! Dieser mein Bruder hat (und zwar auf eine sehr ehrenhafte Weise, was, wie ich sicher bin, dem Ansehen der Familie sehr zugutekommt, obgleich er mir in letzter Zeit nicht allzu viel Beachtung geschenkt hat – ein Umstand, über den ich, wenn man bedenkt, dass ich sein älterer Bruder bin, ein wenig verärgert bin) sich durch eine Rede ausgezeichnet, die, wie die Zeitung schreibt, durch ihr großes juristisches (ich frage mich übrigens, ob William mir dieses Weidegeld verschaffen könnte! Es ist eine schwere Sache, das zu verlieren; aber vor Gericht zu ziehen, wie mein armer Vater immer zu sagen pflegte, ist wie mit Guineen nach Gründlingen zu angeln [kein schlechter kleiner Fisch; wir könnten ein paar zum Abendbrot haben]) Wissen sowie durch ihre glänzende und überwältigende (ich liebe Will wirklich dafür, dass er die Familienehre aufrechterhält; ich bin sicher, das ist mehr, als ich getan habe, heigh-ho!) Beredsamkeit bemerkenswert ist!“

„Und über welches Thema hat er gesprochen, Papa?“

„Oh, ein sehr feines Thema; was du eine (es ist erstaunlich, dass es in diesem Land einen solchen Wunsch gibt, Leuten ihren Ruf zu nehmen, was, wie ich für meinen Teil finde, nicht ein bisschen unterhaltsamer ist als das, was du ständig tust – mit diesen dummen Vögeln zu spielen) Verleumdung nennst!“

„Aber kommt mein Onkel William denn nicht zu Besuch? Er hat es versprochen, und es hat dich zwei Tage lang ganz glücklich gemacht, Papa. Ich hoffe, er wird dich nicht enttäuschen; und ich bin sicher, es ist nicht seine Schuld, wenn er dich jemals zu vernachlässigen scheint. Als ich ihn sah, sprach er in der gütigsten und liebevollsten Weise von dir. Ich glaube wirklich, mein lieber Vater, dass er dich sehr liebt.“

„Ahem!“, sagte der Junker, sichtlich geschmeichelt und doch nicht überzeugt. „Mein Bruder Will ist ein sehr scharfsinniger Kerl, und ich mache mir – mein liebes kleines Mädchen – keine Frage, dass (wenn du so viel von der Welt gesehen hast wie ich, wirst du misstrauisch werden) er dachte, dass jedes gute Wort, das mir gegenüber meiner Tochter gesagt wird (du siehst, Lucy, ich bin so scharfsichtig wie meine Nachbarn, auch wenn ich mich nicht so aufspiele wie sie; was ich sehr wohl tun könnte, wenn man bedenkt, dass mein Ur-Ur-Ur-Großvater Hugo Brandon seine Hand bei der Aufdeckung der Pulververschwörung im Spiel hatte), mir wieder zu Ohren kommen würde!“

„Nein, aber ich bin ganz sicher, dass mein Onkel nie in dieser Absicht mit mir über dich gesprochen hat.“

„Möglicherweise, mein liebes Kind; aber wann (die Abende sind viel kürzer, als sie es waren!) hast du mit deinem Onkel über mich gesprochen?“

„Oh, als ich bei Mrs. Warner in London war; natürlich ist das sechs Jahre her, aber ich erinnere mich genau. Ich entsinne mich insbesondere, dass er Lord Mauleverer gegenüber sehr freundlich von dir sprach, der eines Abends bei ihm zu Gast war, als ich dort war und mein Onkel so freundlich war, mich ins Theater mitzunehmen. Hinterher tat es mir sehr leid, dass er so gutmütig war, da er (du erinnerst dich, ich habe dir die Geschichte erzählt) eine sehr wertvolle Uhr verlor.“

„Ja, ja, ich erinnere mich an alles, und so (wie lange die Freundschaft bei manchen Leuten hält!) hat Lord Mauleverer mit William zu Abend gegessen! Was für eine feine Sache für einen Mann (das habe ich tatsächlich nie getan; ich bin gerne das, was man den ‚Hahn im Korb‘ nennt – lass sehen, jetzt wo ich daran denke, Pillum kommt heute Abend, um eine Partie Backgammon zu spielen), früh im (obwohl Will das nicht sehr früh getan hat, armer Kerl! Er kämpfte zuerst mit einer Menge Sorgen – Schwierigkeiten, das heißt) Leben Freunde mit einem großen Mann zu werden! Es ist schon viele Jahre her, seit Will mit meinem (er ist ein bisschen ein Welpe) Lord Mauleverer per Du ist. Was hieltest du von seiner Lordschaft?“

„Von Lord Mauleverer? Ich habe ihn kaum beachtet; aber er schien ein gut aussehender Mann zu sein und war sehr höflich. Mrs. Warner sagte, er sei in jungen Jahren ein sehr böser Mensch gewesen, aber jetzt scheint er gutmütig genug zu sein, Papa.“

„Übrigens“, sagte der Junker, „seine Lordschaft ist gerade zum (diese neue Regierung scheint sehr anders zu sein als die alte, was mich ziemlich verwirrt; denn ich halte es für meine Pflicht, verstehst du, Lucy, immer für die Regierung Seiner Majestät zu stimmen, besonders wenn man bedenkt, dass der alte Hugo Brandon bei der Aufdeckung der Pulververschwörung seine Hand im Spiel hatte; und es ist ein wenig seltsam – zumindest auf den ersten Blick –, das jetzt für gut zu halten, was man immer zuvor für abscheulich gehalten hat) Lord Lieutenant der Grafschaft ernannt worden.“

„Lord Mauleverer unser Lord Lieutenant?“

„Ja, Kind; und da seine Lordschaft ein solcher Freund meines Bruders ist, sollte ich meinen, besonders wenn man bedenkt, was für eine alte Familie wir in der Grafschaft sind – nicht dass ich mich aufdrängen wollte, wo man mich nicht für so fein hält wie die anderen –, dass er aufmerksamer zu uns sein würde als Lord -------- es war; aber das, meine liebe Lucy, erinnert mich an Pillum; und so hättest du vielleicht Lust, zum Pfarrer zu spazieren, da es ein schöner Abend ist. John soll dich um neun Uhr mit (der Mond ist dann noch nicht aufgegangen) der Laterne abholen.“

Sich auf den willigen Arm seiner Tochter stützend, erhob sich der gute alte Mann dann und ging heimwärts; und sobald sie seinen Ohrensessel herumgedreht, das Backgammonbrett auf den Tisch gestellt und dem alten Herrn einen leichten Sieg über seinen erwarteten Gegner, den Apotheker, gewünscht hatte, band Lucy ihren Hut fest und machte sich auf den Weg zum Pfarrhaus.

Als sie das geistliche Anwesen erreichte und das Wohnzimmer betrat, war sie überrascht, die Frau des Pfarrers, eine gute, einfache, lethargische alte Dame, auf sich zulaufen zu sehen, die anscheinend in einem Zustand großer nervöser Erregung war und rief:

„Oh, meine liebe Miss Brandon! Welchen Weg sind Sie gekommen? Sind Sie niemandem auf der Straße begegnet? Oh, ich bin so erschrocken! So ein Unfall für den armen lieben Dr. Slopperton! Auf der Königsstraße angehalten, beraubt um etwas Zehntgeld, das er gerade von Farmer Slowforth erhalten hatte! Wenn dieser liebe Engel, dieser gute junge Mann, nicht gewesen wäre, weiß Gott allein, ob ich bis jetzt nicht eine untröstliche Witwe hätte sein können!“

Während die liebevolle Matrone so vor sich hin redete, entdeckte Lucys Blick, der durch den Raum schweifte, in einem Sessel die runde und ölige kleine Gestalt von Dr. Slopperton, dessen Gesicht, von dem alle fleischfarbenen Töne bis auf einen kreisförmigen Auswuchs am Nasenorgan, der wie die letzte Rose des Sommers einsam blühte, in eine bleiche, elende Blässe verblasst waren. Der kleine Mann versuchte, ein Lächeln hervorzuzaubern, während seine Frau sein Unglück schilderte, und einige Worte der Gleichgültigkeit zu murmeln; doch er sah trotz seiner Prahlerei so überaus verängstigt aus, dass Lucy trotz ihres Bemühens lauthals aufgelacht hätte, wenn ihr Blick nicht auf der Gestalt eines jungen Mannes geruht hätte, der neben dem ehrwürdigen Herrn gesessen hatte, aber bei Lucys Eintreten aufgestanden war und nun sie aufmerksam, aber mit einer Miene von großem Respekt betrachtete. Tief und unwillkürlich errötend, wandte sie hastig den Blick ab und erkundigte sich beim guten Doktor nach seinem momentanen Nervenzustand, wobei sie einen ernsteren Ton anschlug, als sie es eine Minute zuvor für möglich gehalten hätte.

„Ach! Mein liebes junges Fräulein“, sagte der Doktor und drückte ihre Hand, „ich – ich darf sagen, die Kirche – denn bin ich nicht ihr Diener? – war in unmittelbarer Gefahr – aber dieser vortreffliche Herr verhinderte den Frevel, zumindest zu einem großen Teil. Ich habe nur einige meiner Gebühren verloren – meine rechtmäßigen Gebühren –, womit ich mich mit dem Gedanken tröste, dass der infame und verkommene Schurke im Jenseits dafür büßen wird.“

„Daran kann es nicht den geringsten Zweifel geben“, sagte der junge Mann. „Hätte er nur die Postkutsche ausgeraubt oder in das Haus eines Gentlemans eingebrochen, wäre das Vergehen vielleicht sühnbar gewesen; aber einen Geistlichen und noch dazu einen Rektor auszurauben! – Oh, der frevelhafte Hund!“

„Ihr Eifer gereicht Ihnen zur Ehre, mein Herr“, sagte der Doktor, der sich nun zu erholen begann; „und ich bin sehr stolz darauf, die Bekanntschaft eines Gentlemans von so wahrhaft religiösen Ansichten gemacht zu haben.“

„Ach!“, rief der Fremde, „meine Schwäche, mein Herr – wenn ich das so sagen darf –, ist eine Art enthusiastischer Eifer für die protestantische Staatskirche. Nein, mein Herr, ich gehe nie am Kirchenschiff vorbei, ohne ein unbeschreibliches Gefühl zu empfinden – eine Art Mitgefühl, sozusagen – mit – mit – Sie verstehen mich, mein Herr – ich fürchte, ich drücke mich schlecht aus.“

„Keineswegs, keineswegs!“, rief der Doktor: „Solche Gefühle sind bei einem so jungen Menschen selten.“

„Mein Herr, ich habe sie früh im Leben von einem Freund und Lehrer von mir, Mr. MacGrawler, gelernt, und ich hoffe, sie mögen mich bis an mein Lebensende begleiten.“

Hier trat der Diener des Doktors mit (wir entleihen einen Ausdruck aus dem Roman von ----------) „dem Tee-Service“ ein; und Mrs. Slopperton, die sich dessen Beaufsichtigung zuwandte, erkundigte sich mit mehr Fassung, als sie bisher an den Tag gelegt hatte, was für eine Art von Kreatur der Rüpel gewesen sei.

„Ich werde es Ihnen sagen, meine Liebe, ich werde es Ihnen sagen, Miss Lucy, alles darüber. Ich ging von Mr. Slowforth nach Hause, mit seinem Geld in meiner Tasche, und dachte, meine Liebe, daran, Ihnen jenes Topaskreuz zu kaufen, das Sie sich gewünscht haben.“

„Lieber, guter Mann!“, rief Mrs. Slopperton; „was für ein Teufel muss das gewesen sein, eine so vortreffliche Kreatur auszurauben!“

„Und“, fuhr der Doktor fort, „es kam mir auch in den Sinn, dass der Madeira fast zur Neige ging – der Madeira, meine ich, mit dem roten Siegel; und ich dachte, es wäre nicht übel, einen Teil des Geldes dafür zu verwenden, sechs Dutzend mehr zu kaufen; und den Rest, meine Liebe, was etwa ein Pfund achtzehn ausmachen würde, dachte ich, würde ich verteilen – ‚denn wer den Armen gibt, der leiht dem Herrn!‘ – unter den dreißig armen Familien auf dem Gemeindeland; das heißt, wenn sie sich gut benahmen und die Äpfel im hinteren Garten nicht verbrecherisch entwendet wurden!“

„Vortrefflicher, wohltätiger Mann!“, rief Mrs. Slopperton aus. „Während ich so nachdachte, hob ich die Augen und sah vor mir zwei Männer – einer von außergewöhnlicher Größe und mit einer Fülle von Haaren um die Schultern; der andere war kleiner und trug seinen Hut tief in das Gesicht gezogen: es war ein sehr großer Hut. Meine Aufmerksamkeit wurde durch die Einzigartigkeit des Haares der großen Person erregt, und während ich über dessen Üppigkeit lächelte, hörte ich ihn zu seinem Begleiter sagen: ‚Nun, Augustus, da du ein solcher Moralapostel bist, ist er in deiner Sparte, nicht in meiner; also überlasse ich ihn dir.‘ Ich dachte nicht im Geringsten daran, dass sich diese Worte auf mich bezogen. Kaum waren sie ausgesprochen, sprang der große Schurke über ein Tor und verschwand; der andere Kerl marschierte dann auf mich zu, fragte mich sehr geschmeidig nach dem Weg zur Kirche, und während ich ihm erklärte, er solle zuerst rechts und dann links abbiegen und so weiter – denn der beste Weg ist, wissen Sie, überaus krumm –, packte mich der heuchlerische Schuft am Kragen und rief: ‚Geld oder Leben!‘ Ich versichere Ihnen, dass ich noch nie so sehr gezittert habe – nicht, meine liebe Miss Lucy, um meinetwillen, als vielmehr um der dreißig armen Familien auf dem Gemeindeland willen, deren Not zu lindern meine Absicht gewesen war. Ich gab das Geld heraus, da ich merkte, dass meine Gebete und Vorstellungen vergeblich waren; und der Hund sagte dann, während er einen gewaltigen Knüppel über meinem Kopf schwang – was für eine abscheuliche Sprache! –: ‚Ich glaube, Doktor, ich werde einem Leben ein Ende setzen, das Ihrer selbst unwürdig und für andere nutzlos ist.‘ In diesem Moment sprang der junge Herr neben mir über genau das Tor, durch das der große Schurke verschwunden war, und rief: ‚Halt, Schurke!‘ Als er meinen Retter sah, wich der Feigling zurück und stürzte in einen nahen Wald. Der gute junge Gentleman verfolgte ihn einige Minuten lang, kehrte dann aber zu meiner Rettung zurück und geleitete mich nach Hause; und wie wir in der Schule zu sagen pflegten –

„‚Te rediisse incolumem gaudeo‘ –

was übersetzt bedeutet (mein Herr, entschuldigen Sie ein Wortspiel, ich bin sicher, ein so großer Freund der Kirche versteht Latein), dass ich sehr froh bin, sicher zu meinem Tee zurückgekehrt zu sein. He! He! Und nun, Miss Lucy, müssen Sie jenem jungen Gentleman dafür danken, dass er das Leben Ihres geistlichen Lehrers gerettet hat, was zweifellos am Jüngsten Tag in Erinnerung bleiben wird!“

Als Lucy zum Fremden hinüberblickte und etwas Komplimentierendes sagte, bemerkte sie ein vages und sozusagen verstecktes Lächeln auf seinem Gesicht, das sofort und wie durch Sympathie eines auf ihr eigenes hervorrief. Der Held des Abenteuers erwiderte ihr Kompliment jedoch in sehr ernstem Ton, während er sich tief verneigte:

„Erwähnen Sie es nicht, gnädige Frau! Ich wäre des Namens eines Briten und eines Mannes unwürdig, könnte ich die Landstraße passieren, ohne die Not zu lindern oder die Last eines Mitmenschen zu erleichtern. Und“, fuhr der Fremde nach einer kurzen Pause fort, wobei er beim Sprechen errötete und in der hochtrabenden Galanterie des Tages schloss: „mir dünkt, es wäre Belohnung genug, hätte ich die ganze Kirche gerettet, statt nur eines ihrer wertvollsten Mitglieder, den Dank einer Dame zu erhalten, die ich vernünftigerweise für eines jener himmlischen Wesen halten könnte, denen die Kirche, wie wir fromm gelehrt wurden, besonders am Herzen liegt!“

Obgleich an diesem übertriebenen Kompliment, gepaart mit der Rettung von Dr. Slopperton, etwas wahrhaft Lächerliches gewesen sein mochte, erschien es ihr, aus dem Munde eines Mannes kommend, den Lucy für die schönste Person hielt, die sie je gesehen hatte, alles andere als absurd; und für eine sehr lange Zeit danach bebte ihr Herz vor Vergnügen, wenn sie daran dachte, dass die Wange des Sprechers geglüht und seine Stimme gezittert hatte, als er es sagte.

Das Gespräch, das nun von Räubern im Besonderen abwich, verweilte bei Raubüberfällen im Allgemeinen. Es war erbaulich, die aufrichtige Entrüstung zu hören, mit der der Fremde über die gesetzlosen Räuber sprach, von denen das Land in jenen Tagen der Macheaths befallen war.

„Ein Haufen infamer Schurken!“, sagte er in hellem Eifer, „die versuchen, ihre Missetaten durch das Beispiel ehrlicher Männer zu rechtfertigen, und die sagen, sie täten nicht mehr, als was von Anwälten und Ärzten, Soldaten, Geistlichen und Staatsministern getan wird. Erbärmliche Täuschung oder vielmehr schamlose Heuchelei!“

„Das kommt alles von der Erziehung der Armen“, sagte der Doktor. „In dem Augenblick, in dem sie vorgeben, das Verhalten ihrer Vorgesetzten beurteilen zu wollen, ist es mit aller Ordnung vorbei! Sie sehen nichts Heiliges in den Gesetzen, auch wenn wir die Hunde noch so schnell hängen; und selbst die Peers des Landes, geistliche wie weltliche, hören auf, in ihren Augen ehrwürdig zu sein.“

„Wo wir gerade von Peers sprechen“, sagte Mrs. Slopperton, „ich höre, dass Lord Mauleverer heute Abend auf seinem Weg zum Mauleverer Park diese Straße passieren soll. Kennen Sie seine Lordschaft, Miss Lucy? Er ist sehr eng mit Ihrem Onkel befreundet.“

„Ich habe ihn nur einmal gesehen“, antwortete Lucy.

„Sind Sie sicher, dass seine Lordschaft diese Straße nehmen wird?“, fragte der Fremde beiläufig. „Ich habe heute Morgen etwas davon gehört, wusste aber nicht, dass es feststeht.“

„Oh, durchaus!“, entgegnete Mrs. Slopperton. „Der Diener seiner Lordschaft schrieb wegen Postpferden, um seine Lordschaft heute Abend um zehn Uhr in Wyburn, etwa drei Meilen auf der anderen Seite des Dorfes, abzuholen. Seine Lordschaft ist sehr ungeduldig bei Verspätungen.“

„Bitte“, sagte der Doktor, der diese Wendung im Gespräch nicht sonderlich beachtet hatte und nun „mit gastfreundlichen Sorgen beschäftigt“ war – „bitte, mein Herr, wenn es nicht indiskret ist, sind Sie zu Besuch oder logieren Sie in der Nachbarschaft; oder möchten Sie bei uns übernachten?“

„Sie sind äußerst freundlich, mein lieber Herr, aber ich fürchte, ich muss Ihnen bald einen guten Abend wünschen. Ich muss mich um ein kleines Anwesen kümmern, das ich einige Meilen von hier habe, was mich in der Tat in diesen Teil der Welt geführt hat.“

„Anwesen! – In welcher Richtung, mein Herr, wenn ich fragen darf?“, sagte der Doktor; „ich kenne die Gegend seit vielen Meilen.“

„Wirklich? Wo mein Anwesen ist, sagen Sie? Nun, es ist ziemlich schwierig zu beschreiben, und es ist schließlich eine bloße Kleinigkeit; es ist nur etwas Gemeindeland in der Nähe der Landstraße, und ich bin hergekommen, um den Versuch mit dem Einzäunen und Entwässern zu wagen.“

„Es ist ein guter Plan, wenn man Kapital hat und keine schnelle Rendite erwartet.“

„Ja; aber man mag gute Zinsen für den Verlust des Kapitals, und eine schnelle Rendite ist immer wünschenswert – obwohl sie, ach!, oft mit Risiko verbunden ist!“

„Ich hoffe, mein Herr“, sagte der Doktor, „dass Ihr Anwesen Sie, wenn Sie uns so bald verlassen müssen, oft in unsere Nachbarschaft führen wird.“

„Sie überwältigen mich mit so viel unerwarteter Güte“, antwortete der Fremde. „Um die Wahrheit zu sagen, nichts kann mir größeres Vergnügen bereiten, als jene wiederzutreffen, die mir einmal einen Dienst erwiesen haben.“

„Die Sie vielmehr verpflichtet haben!“, rief Mrs. Slopperton; und fügte dann in einem lauten Flüstern zu Lucy hinzu: „Wie bescheiden! Aber so ist es immer bei wahrem Mut!“

„Ich versichere Ihnen, gnädige Frau“, erwiderte der wohltätige Fremde, „dass ich nie zweimal über die kleinen Gefälligkeiten nachdenke, die ich meinen Mitmenschen erweise; meine einzige Hoffnung ist, dass sie genauso vergesslich sein mögen wie ich.“

Entzückt von so viel unbeeinflusster Güte des Wesens, stimmten der Doktor und Mrs. Slopperton nun eine Art Duett des Lobes auf ihren Gast an: nachdem er ihre Anerkennungen und Komplimente einige Minuten lang mit viel Grimassieren der Ablehnung und Bescheidenheit ertragen hatte, schien die Bescheidenheit des Fremden schließlich unter dem Übermaß ihrer Dankbarkeit zu leiden; und dementsprechend auf die Uhr zeigend, die nur noch wenige Minuten vor neun anzeigte, sagte er:

„Ich fürchte, mein geschätzter Gastgeber und meine bewunderte Gastgeberin, dass ich Sie nun verlassen muss; ich habe einen weiten Weg vor mir.“

„Aber haben Sie selbst keine Angst vor den Wegelagerern?“, rief Mrs. Slopperton und unterbrach ihn.

„Die Wegelagerer!“, sagte der Fremde lächelnd; „nein; ich fürchte sie nicht; außerdem habe ich wenig bei mir, das es wert wäre, ausgeraubt zu werden.“

„Beaufsichtigen Sie Ihr Anwesen selbst?“, sagte der Doktor, der seine eigene Pfründe bewirtschaftete und der, da er sich nicht von einem so reizenden Gast trennen wollte, ihn nun am Knopf festhielt.

„Beaufsichtige es selbst! Nun, nicht genau. Da ist ein Verwalter, dessen Ansichten über die Dinge nicht mit meinen übereinstimmen und der mir hin und wieder eine Menge Ärger bereitet.“

„Warum entlassen Sie ihn dann nicht ganz?“

„Ach! Ich wünschte, ich könnte es; aber es ist ein notwendiges Übel. Wir Landbesitzer, mein lieber Herr, müssen immer von so etwas geplagt werden. Ich für meinen Teil habe festgestellt, dass diese verfluchten Verwalter, wenn sie könnten, all das kleine Vermögen wegnehmen würden, das man versucht hat anzuhäufen. Aber“, fügte er, seine Art abrupt in eine von großer Sanftheit ändernd, „könnte ich dieser jungen Dame nicht meine Dienste und meine Begleitung anbieten? Würde sie mir erlauben, sie nach Hause zu geleiten und diesen Tag in der Tat als einen der wenigen erfreulichen in meiner Erinnerung zu verankern, die ich je gekannt habe?“

„Danke, lieber Herr“, sagte Mrs. Slopperton und antwortete sofort für Lucy; „es ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen. – Und ich bin sicher, meine Liebe, ich könnte nicht daran denken, Sie nach einem solchen Abenteuer des armen lieben Doktors allein mit dem alten John nach Hause gehen zu lassen.“

Lucy begann eine Entschuldigung, die die gute Dame jedoch nicht hören wollte. Da aber der Bedienstete, den Mr. Brandon mit einer Laterne schicken sollte, um seine Tochter nach Hause zu begleiten, noch nicht eingetroffen war, und da Mrs. Slopperton, trotz ihrer Voreingenommenheit zugunsten des Retters ihres Ehemannes, es keinen Augenblick in Erwägung zog, dass er ihre junge Freundin ohne weitere Begleitung zu jener ungewöhnlichen Stunde über die Felder nach Hause bringen sollte, sah sich der Fremde vorerst gezwungen, seinen Platz wieder einzunehmen. Ein offenes Cembalo an einem Ende des Raumes gab ihm Gelegenheit, eine Bemerkung über die Musik zu machen; und da dies zu einer Lobrede auf Lucys Stimme seitens Mrs. Sloppertons führte, endete es notwendigerweise in der Bitte an Miss Brandon, den Fremden mit einem Lied zu erfreuen. Niemals zuvor hatte Lucy, die kein schüchternes Mädchen war – sie war zu unschuldig, um verlegen zu sein –, Nervosität beim Singen vor einem Fremden verspürt; doch nun zögerte sie, stammelte und durchlief eine ganze Reihe kleiner, natürlicher Affektiertheiten, bevor sie der Bitte nachkam. Sie wählte ein Lied, das in etwa nach der alten englischen Schule komponiert war, die zu jener Zeit gerade wieder in Mode kam. Das Lied, obwohl es eine Art geistreiche Spielerei enthielt, war vielleicht nicht gänzlich frei von Zärtlichkeit; es war ein Lieblingslied von Lucy, sie wusste kaum warum, und es lautete wie folgt:

LUCYS LIED.

Warum schlaft ihr, sanfte Blumen, ach, warum, Wenn der zarte Abend niedersinkt, Und Sternenlicht den frohen Seufzer trinkt Von Winden, die nach Elfen rufen? Rufen mit leisem und klagendem Ton, Fast wie eine Turteltaube, die zürnt, Oder eine Flöte, fern gehört von fernem Kahn, Der über glatteste Wasser gleitet. Seht, um euch stiehlt sich die werbende Brise; Seht, auf euch fällt der Tau! O ihr Süßen, erwacht, denn kaum vermögen diese Zu bezaubern, solange sie euch missen! Erwacht ihr noch nicht, während schnell unter euch Die silberne Zeit entflieht? O mein Herz, jene Blumen zeigen nur Dein eigenes zufriedenes Dasein. Die Dämmerung bewahrt nur die Blüte, Die Sonne kann nur verwelken; Die Wärme, die den reichen Duft bringt, Raubt nur das Leben hinweg. O Herz, genieße deine gegenwärtige Ruhe, Ruh' friedlich im Schatten, Und fürchte die Sonne, die zwar Balsam gibt, Doch auch die Blüte verblassen lässt.

Als Lucy endete, war das Lob des Fremden weniger laut als das des Doktors oder seiner Frau; aber wie viel süßer war es! Und zum ersten Mal in ihrem Leben machte Lucy die Entdeckung, dass Augen ebenso gut loben können wie Lippen. Unsererseits haben wir oft gedacht, dass diese Entdeckung eine Epoche im Leben darstellt.

Es war nun, dass Mrs. Slopperton ihre feste Überzeugung erklärte, der Fremde könne selbst singen. Er habe etwas an sich, sagte sie, das sie dessen gewiss mache.

„Wahrlich, liebe gnädige Frau“, sagte er mit seinem gewohnten, undefinierbaren, halb offenen, halb verborgenen Lächeln, „meine Stimme ist nur mittelmäßig, und mein Gedächtnis so gleichgültig, dass ich selbst bei den einfachsten Passagen bald ins Stocken gerate. Meine besten Töne liegen im Falsett; und was meine Ausführung betrifft – aber davon wollen wir nicht sprechen.“

„Nein, nein; Sie sind so bescheiden“, sagte Mrs. Slopperton. „Ich bin sicher, Sie könnten uns verpflichten, wenn Sie nur wollten.“

„Ihr Befehl“, sagte der Fremde, während er zum Cembalo trat, „ist vollkommen ausreichend; und da Sie, gnädige Frau“, wandte er sich an Lucy, „ein Lied nach der alten Schule gewählt haben, darf ich auf Verzeihung hoffen, wenn ich dasselbe tue? Meine Auswahl stammt freilich aus einem gesetzlosen Liederbuch und soll eine Ballade von Robin Hood sein oder zumindest von einem seiner fröhlichen Männer – eine sehr andere Sorte von Gesetzlosen als die Schurken, die Sie angegriffen haben, mein Herr!“

Mit diesem Vorwort sang der Fremde zu einer wilden, doch jovialen Weise mit ordentlicher Stimme die folgende Erguss:

DIE LIEBE ZU UNSEREM HANDWERK; ODER DAS LEBEN DES RÄUBERS.

Auf dem Strom der Welt treibt des Räubers Leben Auf der fröhlichsten Welle dahin; Bald springt es ins Licht in frohem Streit, Bald lacht es in seiner versteckten Höhle.

Am Gitter seiner Liebsten zügelt er den Lauf; Wie still steht sein stolzer Renner (Doch still wie ein Wind, wenn er über dem Meer Im Schoß der drohenden Wolke hängt),

Mit dem zerkauten Gebiss und dem gewölbten Kamm, Und dem Auge eines lauschenden Hirsches, Wie Tapferkeit, am unruhigsten in der Ruhe, Am wenigsten gereizt, wenn auf der Flucht.

Passender Sklave für einen Herrn, den alle sonst In seiner verzweifelten Not zu retten verweigern; Bei meiner Treu! Ich denke, einer, den die Welt verfolgt, Hat ein Anrecht auf ein stolzes Ross.

„Fort, meine Geliebte, ich höre ihre Schritte! Ich hauche dir einen Kuss zu, meine Schöne, Und ich verspreche dir, wenn wir uns das nächste Mal sehen, Ein Band für dein hübsches Haar zu bringen.

Hurra! Für die Beute! – mein Ross, hurra! Durch Busch, durch Gestrüpp ziehen wir; Und der scheue Mond lächelt auf unseren fröhlichen Weg, Wie meine eigene Liebe – zaghaft.“

Der Pfarrer reitet mit klirrendem Beutel, Wie er von den Beraubten schwätzt! Der Höfling lümmelt in seiner vergoldeten Kutsche, – Wie sie nach einer Pfründe schmeckt!

Der Anwalt wälzt in seiner wirbelnden Chaise Süße Gedanken an vollbrachtes Unheil; Und die Dame, die ihre Karten zu spielen weiß, Zählt ihre gewonnenen Guineen!

„He, gnädige Frau! – Was, holla, ihr sündlosen Männer! Meinen Anspruch könnt ihr kaum verweigern; Denn wenn ehrliche Leute von ihren Nächsten leben, dann Dringen sie in des Räubers Gebühr ein!“

Die Dame wechselte die Gesichtsfarbe wie ein schüchternes Mädchen, Der Anwalt redete wundersam fein, Der Pfarrer fluchte, und der Höfling betete, Und der Räuber trug seinen Teil davon.

„Hurra! Für den Schmaus! Mein Ross, hurra! Durch Busch, durch Gestrüpp ziehen wir! Es ist immer eine Tugend, wenn andere zahlen,

Sich fröhlich zu brüsten!“

Oh, es gab nie ein Leben wie das des Räubers, – so fröhlich und kühn und frei! Und sein Ende – nun, ein Jubel von der Menge unten, Und ein Sprung von einem blattlosen Baum!

Als dieses sehr moralische Lied beendet war, erklärte Mrs. Slopperton, es sei ausgezeichnet; obwohl sie gestand, sie hielte die Gesinnung für etwas locker. Vielleicht könne der Herr dazu bewogen werden, sie mit einem Lied von feinerer und modernerer Art zu erfreuen – kurzum, etwas Sentimentales. Mit einem Seitenblick auf Lucy antwortete der Fremde, er kenne nur ein Lied von der Art, die Mrs. Slopperton spezifizierte, und es sei so kurz, dass er ihre Geduld kaum strapazieren könne, wenn er ihrem Wunsch entspreche.

In diesem Augenblick schimmerte der Fluss, der von den Fenstern des Zimmers aus leicht zu erkennen war, im Sternenlicht; und indem er seine Blicke auf das Wasser richtete, als ob die Szene ihm die Verse eingegeben hätte, die er sang, trug er die folgenden Strophen in einem sehr leisen, süßen Ton vor und mit einem weitaus reineren Geschmack, als es vielleicht zum vorherigen und raueren Lied gepasst hätte.

DER WUNSCH.

Wie der träumende Abend unten schläft, Hält sein heiligster Stern oben Wache, Und jene Welle beginnt zu glühen, Wie Freundschaft, die zur Liebe erstrahlt!

Ach, wäre dein Busen doch jener Strom, Niemals umworben als von jungfräulicher Luft! – Ach, wäre ich doch jener Stern, dessen Strahl Herabsieht und sein Ebenbild dort findet!

Kaum war das Lied beendet, da wurde die Ankunft des Bediensteten von Miss Brandon gemeldet; und ihr auserkorener Begleiter sprang auf und half ihr galant in ihren Umhang und ihre Kapuze – zweifellos glücklich, den überwältigenden Komplimenten seiner Gastgeber ein Stück weit zu entkommen.

„Aber“, sagte der Doktor, während er ihrem Retter die Hand schüttelte, „unter welchem Namen soll ich mich an den Herrn erinnern und“ (er hob seine ehrwürdigen Augen) „für ihn beten, dem ich so viel schulde?“

„Sie sind sehr gütig“, sagte der Fremde; „mein Name ist Clifford. Gnädige Frau“, wandte er sich an Lucy, „darf ich Ihnen meine Hand die Treppe hinunter anbieten?“

Lucy nahm die Höflichkeit an; und der Fremde war bereits auf halber Treppe, als der Doktor seinen kleinen Hals reckte und ausrief:

„Guten Abend, mein Herr! Ich hoffe sehr, wir werden uns wiedersehen.“

„Fürchten Sie nicht!“, sagte Mr. Clifford und lachte fröhlich; „ich bin ein zu großer Reisender, als dass diese Hoffnung ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Passen Sie auf, gnädige Frau – noch ein Schritt.“

Die Nacht war ruhig und ziemlich klar, obwohl der Mond noch nicht aufgegangen war, als Lucy und ihr Begleiter durch die Felder schritten, wobei der Bedienstete mit der Laterne in kurzem Abstand voranging.

Nach einer längeren Pause sagte Clifford mit ein wenig Zögern: „Ist Miss Brandon mit dem berühmten Rechtsanwalt ihres Namens verwandt?“

„Er ist mein Onkel“, sagte Lucy; „kennen Sie ihn?“

„Nur Ihr Onkel?“, sagte Clifford lebhaft und wich Lucys Frage aus. „Ich fürchtete – häm! häm! – das heißt, ich dachte, er könnte ein näherer Verwandter sein.“ Es folgte eine weitere, aber kürzere Pause, als Clifford mit leiser Stimme fortfuhr: „Wird Miss Brandon mich für sehr anmaßend halten, wenn ich sage, dass ein Antlitz wie das ihre, einmal gesehen, niemals vergessen werden kann; und ich glaube, vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, sie in London im Theater zu sehen? Es war nur ein flüchtiger und ferner Blick, den ich damals erhaschen konnte; und doch“, fügte er bedeutungsvoll hinzu, „genügte er!“

„Ich war vor einigen Jahren, als ich in London war, nur einmal im Theater“, sagte Lucy etwas verlegen; „und in der Tat ist ein unangenehmer Vorfall, der meinem Onkel, bei dem ich war, widerfuhr, ausreichend, um mich daran zu erinnern.“

„Ha! Und was war das?“

„Nun, beim Verlassen des Schauspielhauses wurde ihm seine Uhr von einem geschickten Taschendieb gestohlen.“

„Wurde der Schurke gefasst?“, fragte der Fremde.

„Ja; und wurde am nächsten Tag nach Bridewell geschickt. Mein Onkel sagte, er sei äußerst jung und doch schon ganz verhärtet. Ich erinnere mich, dass ich töricht genug war, als ich von seinem Urteil hörte, sehr inständig zu bitten, dass mein Onkel sich für ihn einsetzen möge; doch vergeblich.“

„Haben Sie sich tatsächlich für ihn eingesetzt?“, sagte der Fremde in so ernstem Ton, dass Lucy zum zwanzigsten Mal an jenem Abend errötete, ohne die Notwendigkeit für das Erröten zu sehen. Clifford fuhr in einem heiteren Ton fort: „Nun, es ist überraschend, wie Schurken zusammenhalten. Ich wäre nicht sehr überrascht, wenn die Person, die Ihren Onkel bestahl, aus derselben Bande stammte wie der Halunke, der Ihren werten Freund, den Doktor, so in Schrecken versetzte. Aber ist dieser stattliche alte Ort Ihr Zuhause?“

„Dies ist mein Zuhause“, antwortete Lucy; „aber es ist ein altmodischer, seltsamer Ort; und nur wenige Menschen, für die er nicht durch Erinnerungen teuer geworden ist, würden ihn für stattlich halten.“

„Verzeihen Sie!“, sagte Lucys Begleiter, blieb stehen und betrachtete mit großem Interesse das eigenartige Gebäude, das nun dicht vor ihnen stand; seine dunklen Ziegel, Giebel und efeuüberwucherten Mauern, gefärbt vom Sternenlicht des Himmels und kontrastiert durch den Fluss, der in der Stille unterhalb dahinfloss. Die Fensterläden zum großen Erkerfenster des Zimmers, in dem der Gutsherr gewöhnlich saß, waren noch nicht geschlossen, und das beständige und warme Licht des Zimmers strahlte nach außen und warf einen Schein bis hin zu den glatten Wassern des Flusses; im selben Moment hörte man auch das freundliche Bellen des Hofhundes, als wolle er sie willkommen heißen; gefolgt vom Klang der großen Glocke, die die Stunde für die letzte Mahlzeit der altmodischen und gastfreundlichen Familie ankündigte.

„Es liegt ein Vergnügen darin“, sagte der Fremde unbewusst und mit einem halben Seufzer; „ich wünschte, ich hätte ein Zuhause!“

„Und haben Sie kein Zuhause?“, sagte Lucy naiv. „Vielleicht so sehr, wie ein Junggeselle es haben kann“, antwortete Clifford und gewann ohne Anstrengung seine Heiterkeit und Selbstbeherrschung zurück. „Aber Sie wissen, uns Wanderern ist derselbe Stolz nicht erlaubt wie den glücklicheren Benedikten; wir senden unsere Herzen auf die Suche nach einem Zuhause, und wir verlieren das eine, ohne das andere zu gewinnen. Doch ich halte Sie in der Kälte, und wir sind jetzt an Ihrer Tür.“

„Sie kommen natürlich herein!“, sagte Miss Brandon, „und nehmen an unserer Abendmahlzeit teil.“

Der Fremde zögerte einen Augenblick und sagte dann mit raschem Ton:

„Nein! Vielen, vielen Dank; es ist bereits spät. Will Miss Brandon meine Dankbarkeit für ihre Herablassung annehmen, mir, einem ihr Unbekannten, die Begleitung zu gestatten?“ Während er dies sprach, verbeugte sich Clifford tief über die Hand seiner schönen Begleiterin; und Lucy wünschte ihm eine gute Nacht und eilte mit leichtem Schritt an die Seite ihres Vaters.

Währenddessen wandte sich Clifford, nachdem er noch eine Minute verweilt hatte, als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, abrupt ab; und vor sich hin murmelnd, machte er sich mit raschen Schritten auf den Weg zu dem Ziel, das er nun vor Augen hatte.

KAPITEL XII.

Auf, erhebt euch dann, Meine fröhlichen, fröhlichen Männer! – JOANNA BAILLIE.

Als der Mond in jener Nacht aufging, gab es einen Ort, auf den sie bleich herabstrahlte, etwa zehn Meilen von Warlock entfernt, den der gewarnte Reisende nicht begierig gewesen wäre zu passieren, der aber vielleicht keine schlechte Studie für jene Künstler abgegeben hätte, die vom wilden Maler der Apenninen die Liebe zum Wilden und Abenteuerlichen geerbt haben. Dunkle Bäume, weit verstreut über einem zerklüfteten, aber grünen Rasen, bildeten den Hintergrund; der Mond schimmerte durch die Zweige, als sie langsam aus ihrem Wolkenpavillon hervorkam und einen breiteren Lichtstrahl auf zwei Gestalten goss, die gerade hinter den Bäumen hervorgetreten waren. Deutlicher von ihren Strahlen ins Licht gerückt als sein Gefährte, betrachtete hier ein Reiter, der in einen kurzen Umhang gehüllt war, der kaum die Kruppe seines Rosses bedeckte, die Zündpfanne einer großen Pistole, die er gerade aus seinem Holster genommen hatte. Ein Schlapphut und eine Maske aus schwarzem Flor trugen, zusammen mit der Handlung, dazu bei, einen natürlichen Verdacht auf die Absichten des Reiters zu lenken. Sein Pferd, ein wunderschöner, dunkler Schimmel, stand vollkommen bewegungslos, mit gewölbtem Hals und kurz hin und her zuckenden Ohren, was jene kluge und erwartungsvolle Aufmerksamkeit bewies, die das edelste aller gezähmten Tiere auszeichnet; man hätte die Ungeduld des Rosses nicht bemerkt, wäre nicht der weiße Schaum, der sich um das Gebiss sammelte, und ein gelegentliches, seltenes Kopfwerfen gewesen. Hinter diesem Reiter, teilweise in den dunklen Schatten der Bäume geworfen, war ein anderer Mann, ähnlich gekleidet, damit beschäftigt, die Sattelgurte eines Pferdes von großer Stärke und Größe anzuziehen. Während er dies tat, summte er mit nicht unmusikalischem Murmeln die Weise eines populären Trinkliedes.

„Beim Tod, Ned!“, sagte sein Kamerad, der einige Zeit in stilles Nachdenken versunken gewesen war – „Beim Tod! Warum kannst du deine Liebe zu den schönen Künsten nicht in einem Augenblick wie diesem unterdrücken? Dein Summen wird mit jedem Augenblick lauter; schließlich erwarte ich, dass es in ein volles Gebrüll ausbricht. Erinnere dich, wir sind jetzt nicht bei Gentleman George!“

„Umso mehr ist es schade, Augustus“, antwortete Ned. „Soho, Little John; woaho, mein Herr! Eine schöne lange Nacht wie diese ist eigens zum Trinken gemacht. Wirst du, mein Herr? Dann bleib still!“

„Der Mensch ist nie, doch immer zu segnen“, sagte der moralisierende Tomlinson; „du siehst, du sehnst dich nach anderen Szenen, selbst wenn du eine schöne Nacht und die Chance auf ein Gottesgeschenk vor dir hast.“

„Ja, die Nacht ist schön genug“, sagte Ned, der eher ein Griesgram war, als er, nachdem er seine pferdepflegerische Tätigkeit beendet hatte, nun langsam aufstieg. „Verdammt, Oliver! [Der Mond] schaut so breit heraus, als ob er ausplaudern wollte. Was mich betrifft, ich liebe eine dunkle Nacht, mit einem Stern hier und da, der uns zuzwinkert, als wollte er sagen: 'Ich sehe euch, meine Jungs, aber ich werde kein Wort darüber verlieren', und einen kleinen, prasselnden, nieselnden, feuchten Regen, der verhindert, dass Little Johns Hufe gehört werden, und unseren Rückzug sozusagen deckt. Außerdem, wenn man ein wenig nass ist, ist es immer notwendig, mehr zu trinken, um die Kälte vom Magen fernzuhalten, wenn man nach Hause kommt.“

„Oder mit anderen Worten“, sagte Augustus, der einen Sinnspruch von Herzen liebte, „leichtes Nasses nährt schweres Nasses!“

„Gut!“, sagte Ned und gähnte. „Verdammt, ich wünschte, der Kapitän käme. Weißt du, wie spät es ist? Nicht viel vor elf, vermute ich?“

„Ungefähr! Stille, ist das eine Kutsche? Nein, es ist nur ein plötzlicher Windstoß.“

„Sehr selbstgefällig von Mr. Wind, sich ohne unsere Hilfe erheben zu dürfen!“, sagte Ned; „übrigens, wir gehen natürlich zurück zur Roten Höhle?“

„So sagt Kapitän Lovett. Sag mir, Ned, was hältst du von dem neuen Mieter, den Lovett in die Höhle gesteckt hat?“

„Oh, da habe ich seltsame Zweifel“, antwortete Ned und schüttelte die haarige Zierde seines Hauptes. „Mir gefällt das nicht recht; bedenke, die Höhle ist unsere Festung und sollte nur bekannt sein –“

„Männern von bewährter Tugend“, unterbrach ihn Tomlinson. „Ich stimme dir zu; ich muss versuchen, Lovett dazu zu bringen, seinen sonderbaren Schützling, wie die Franzosen sagen, wieder loszuwerden.“

„Beim Himmel, Augustus, woher hast du so viel Bildung? Du kennst alle Dichter auswendig, ganz zu schweigen von Latein und Französisch.“

„Oh, verdammt, ich wurde, wie der Kapitän, für ein literarisches Leben erzogen.“

„Das ist es wohl, was dich so dick mit ihm macht, nehme ich an. Er schreibt (und singt auch) ein ordentliches Lied und ist sicherlich ein verdammt cleverer Kerl. Was für einen Aufstieg in der Welt er gemacht hat! Erinnerst du dich, in welch armseligem Zustand er war, als du ihn bei Gentleman George eingeführt hast? Und jetzt ist er der Kapitän Crank der Bande.“

„Der Bande! Der Gesellschaft, meinst du. Bande, in der Tat! Man könnte meinen, du sprächst von einem Haufen Taschendiebe. Ja, Lovett ist ein cleverer Kerl; und, dank mir, ein sehr anständiger Philosoph!“ Es ist unmöglich, unserem Leser die ernste Miene der Wichtigkeit zu vermitteln, mit der Tomlinson seine abschließende Lobrede hielt. „Ja“, sagte er nach einer Pause, „er hat eine kühne, schlichte Art, die Dinge zu betrachten, und wie Voltaire wird er durch seinen gesunden Menschenverstand zum Philosophen! Stille! Sieh auf die Ohren meines Pferdes! Jemand kommt, obwohl ich ihn nicht höre! Haltet Wache!“

Die Räuber verstummten; das Geräusch ferner Hufe war undeutlich zu hören, und als es näher kam, gab es ein Krachen von Zweigen, als sei man durch eine Hecke geritten. Bald darauf glänzte der Mond malerisch auf der Gestalt eines Reiters, der sich durch das Unterholz im Rücken der Räuber näherte.

Jetzt war er halb zu sehen zwischen den Windungen seines Waldpfades; jetzt in voller Sicht, jetzt ganz verborgen; dann wieherte sein Pferd ungeduldig; jetzt kam er wieder in Sicht, und einen Augenblick später hatte er sich dem Paar angeschlossen! Der Neuankömmling war von hoher und sehniger Gestalt und in der ersten Blüte des Mannesalters. Ein Rock von Dunkelgrün, mit einer schmalen silbernen Borte eingefasst und vom Hals bis zur Mitte zugeknöpft, verlieh einer aufrechten Haltung, einer breiten Brust und einer schlanken, aber abgerundeten Taille, die keiner Schnürung durch den Schneider bedurfte, die gebührende Wirkung. Ein kurzer Reitermantel, der am Hals mit einer silbernen Schnalle geschlossen war, hing malerisch über einer Schulter, während seine unteren Gliedmaßen in Militärstiefeln steckten, die, obwohl sie bis über das Knie reichten, offensichtlich weder schwer noch hinderlich für die kräftigen Sehnen des Reiters waren. Die Ausstattung des Rosses – das Gebiss, der Zügel, der Sattel, das Holster – entsprach der anerkanntesten Mode des Tages; und das Ross selbst war in bestem Zustand und von bemerkenswerter Schönheit. Die Haltung des Reiters war aufrecht und kühn; ein kleiner, aber kohlschwarzer Schnurrbart unterstrich den entschlossenen Ausdruck seiner kurzen, geschwungenen Lippe; und unter dem großen Hut, der seine Stirn überschattete, entflohen seine langen Locken und wehten dunkel in der scharfen Nachtluft. Alles in allem boten Reiter und Pferd eine galante und sogar ritterliche Erscheinung, die Stunde und Szenerie zu einer dramatischen und romantischen Wirkung steigerten.

„Ha! Lovett.“

„Wie geht es euch, meine fröhlichen Männer?“, waren die Grüße, die ausgetauscht wurden.

„Was gibt es Neues?“, sagte Ned.

„Großartige Nachrichten! Gebt acht. Sein Lord und seine Kutsche werden in höchstens zehn Minuten vorbeikommen.“

„Hast du noch etwas aus dem Pfarrer herausbekommen, den ich so glorreich erschreckt habe?“, fragte Augustus.

„Nein; mehr davon später. Jetzt zu unserer neuen Beute.“

„Bist du sicher, dass unser edler Freund so bald zur Hand sein wird?“, sagte Tomlinson und tätschelte sein Ross, das nun vor aufgeregter Heiterkeit scharrte.

„Sicher! Ich sah ihn die Pferde wechseln; ich war zu der Zeit auf dem Stallhof. Er stieg für eine halbe Stunde aus, um zu essen, bilde ich mir ein. Seid gewiss, dass ich ihm in der Zwischenzeit einen Streich gespielt habe.“

„Wozu?“, fragte Ned.

„Für mich und den Diener.“

„Die Postillione?“

„Ja, die habe ich vergessen. Macht nichts, ihr müsst sie erschrecken.“

„Vorwärts!“, schrie Ned; und sein Pferd sprang von seinem bewaffneten Absatz vorwärts.

„Einen Moment“, sagte Lovett; „ich muss meine Maske aufsetzen. Soho, Robin, soho! Nun los – vorwärts!“

Als die Bäume rasch hinter ihnen verschwanden, ritten die Reiter im Handgalopp auf einen breiten Landstrich aus Brachland, durchsetzt mit Gräben und gelegentlich Hürdenzäunen, über die ihre Pferde wie Vierbeiner sprangen, die an solche Heldentaten wohl gewöhnt waren.

Sicherlich können wir uns in diesem Augenblick, angesichts der frischen Luft, des unbeständigen Mondlichts, das sich nun breit hervorwagte, dann wieder in einer ziehenden Wolke verlor, der anregenden Bewegung und jenem prickelnden, tanzenden Wallen des Blutes, das jede Tat, ob sie nun ihrer Natur nach böse oder edel ist, in unseren Adern hervorruft; angesichts all dessen können wir uns der Faszination dieses gesetzlosen Lebens nicht entziehen – einer Faszination, die so groß ist, dass einer der berühmtesten Gentleman-Straßenräuber seiner Zeit, ein Mann zudem, der eine ausgezeichnete Erziehung genossen hatte und in keiner minderwertigen Gesellschaft verkehrte, auf dem Weg zum Galgen, als der gute Geistliche ihn ermahnte, sein übel verbrachtes Leben zu bereuen, gesagt haben soll: „Übel verbracht, ihr Hund! Bei Gott!“ (während er mit der Zunge schnalzte) „es war köstlich!“

„Pfui! Pfui! Mr. -------, richten Sie Ihre Gedanken zum Himmel!“

„Aber ein Galopp über das Gemeindeland – oh!“, murmelte der Verbrecher; und seine Seele galoppierte in die Ewigkeit davon.

So munter sprang das Herz des Anführers der drei, dass er, als sie nun in Sichtweite der Hauptstraße kamen und das ferne Rad einer Kutsche an sein Ohr summte, mit einer freudigen Geste die rechte Hand in die Höhe warf und in einen jungenhaften Ausbruch von Heiterkeit und Entzücken verfiel.

„Pst, Kapitän!“, sagte Ned und zügelte seine eigene Stimmung mit einer gespielten Miene von Ernsthaftigkeit, „lasst uns wie Gentlemen benehmen; nur eure niedrigen Kerle geraten in solch verflucht überschwängliche Stimmung; Weltmänner wie wir sollten alles so tun, als ob ihre Herzen gebrochen wären.“

„Melancholie ist stets die Zechbruderin der Erhabenheit, und Mut ist erhaben“, sagte Augustus mit dem Pomp eines Sinnsprüche-Klopfers.

[Ein Sinnspruch, der Madame de Staël gefallen hätte, die meinte, Philosophie bestünde aus feinen Gefühlen. In dem „Leben des Lord Byron“, das soeben von Mr. Moore herausgegeben wurde, stellt der ausgezeichnete Biograph eine ähnliche Behauptung auf wie der weise Augustus: „Wann ist jemals ein erhabener Gedanke in der Seele entsprungen, in dessen Nachbarschaft nicht die Melancholie zu finden war, wie verborgen sie auch sein mochte?“ Nun, bei gebührender Hochachtung vor Mr. Moore, dies ist ein sehr kränkliches Stück Unsinn, für das nicht einmal ein Atom Wahrheit spricht. „Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht!“ – wir wüssten zu gerne, wo die Melancholie dieses erhabenen Satzes liegt. „Die Wahrheit“, sagt Platon, „ist der Körper Gottes, und das Licht ist sein Schatten.“ Im Namen des gesunden Menschenverstandes, in welchem Winkel in der Nähe jenes erhabenen Bildes lauert das gelbsüchtige Gesicht dieser ewigen Bête noire von Mr. Moore? Gibt es ferner in jener erhabensten Passage der erhabensten lateinischen Dichter (Lukrez), die zu Ehren Epikurs hervorbrach, irgendetwas, das zu uns von Traurigkeit spricht? Im Gegenteil, in den drei Passagen, auf die wir uns bezogen haben, insbesondere in den beiden zuerst zitierten, liegt etwas herrlich Leuchtendes und Erheiterndes. Freude ist oft eine große Quelle des Erhabenen; die Plötzlichkeit ihrer Entäußerungen würde allein genügen, sie dazu zu machen. Was kann erhabener sein als die triumphierenden Psalmen Davids, berauscht von einer fast delirierenden Verzückung? Selbst in den düstersten Passagen der Dichter, in denen wir Erhabenheit erkennen, finden wir nicht oft Melancholie. Wir sind von Schrecken getroffen, von Ehrfurcht gelähmt, aber selten in Traurigkeit erweicht. Tatsächlich gehört die Melancholie eher zu einer anderen Klasse von Gefühlen als jenen, die durch eine erhabene Passage erregt werden oder die ihre Komposition hervorbringen. Einerseits fordern wir einen Kritiker heraus, in den höchsten Flügen von Homer, Milton und Shakespeare diese „Bleichsucht“ zu entdecken, die Mr. Moore in die Pracht der Pest verwandeln möchte. Andererseits, wo ist der Beweis, dass Melancholie das gewohnte Temperament dieser göttlichen Männer ausmachte? Von Homer wissen wir nichts; von Shakespeare und Milton haben wir Grund zu der Annahme, dass das gewöhnliche Temperament konstitutionell fröhlich war. Letzterer rühmt sich dessen. Tausend Beispiele, im Widerspruch zu einer Behauptung, die nicht der Mühe wert wäre zu widersprechen, wäre sie nicht so allgemein beliebt, so hoch sanktioniert und so überaus verderblich für alles, was im literarischen Schaffen männlich und edel ist, stürmen in unser Gedächtnis. Aber wir glauben, wir haben bereits genug zitiert, um den Satz zu widerlegen, den der berühmte Biograph selbst in mehr als zwanzig Passagen widerlegt hat, die, wenn es ihm beliebt zu vergessen, wir dem Himmel danken, dass die Nachwelt dies niemals tun wird. Da wir nun beim Thema dieses Lebens sind, das in vielerlei Hinsicht so ausgezeichnet ist, können wir nicht umhin zu bemerken, dass wir den gesamten Umfang seiner Philosophie für der vollendeten Denkweise des Verfassers völlig unwürdig halten; die Philosophie besteht in einer unverzeihlichen Verzerrung allgemeiner Wahrheiten, um den Eigentümlichkeiten eines Individuums gerecht zu werden, das zwar edel, aber sprichwörtlich krankhaft und exzentrisch ist. Ein treffendes Beispiel hierfür findet sich in der mühsamen Behauptung, Dichter gäben nur jämmerliche häusliche Charaktere ab. Wie! Weil Lord Byron ein schlechter Ehemann gewesen sein soll, war (um nicht weiter in die Vergangenheit zurückzugehen) – war Walter Scott ein schlechter Ehemann, oder war es Campbell, oder ist es Mr. Moore selbst? Warum, im Namen der Gerechtigkeit, sollte unterstellt werden, dass Milton ein schlechter Ehemann war, wenn, soweit man die Sache beurteilen kann, Mrs. Milton die schlechte Ehefrau war? Und warum, oh warum sollte uns Mr. Moore – ein Mann, der, urteilt man nach Captain Rock und dem Epikureer, weder Gelehrsamkeit noch Sorgfalt vermissen lässt – warum sollte uns mit besonderem Nachdruck gesagt werden, dass Lord Bacon niemals geheiratet habe, wo Lord Bacon nicht nur heiratete, sondern seine Ehe so vorteilhaft war, dass sie eine absolute Epoche in seiner Laufbahn darstellte? Wirklich, wirklich, man beginnt zu glauben, dass es so etwas wie eine Tatsache auf der Welt gar nicht gibt!]

„Nun zur Hecke!“, rief Lovett, ohne seine Kameraden zu beachten; und sein Pferd sprang auf die Straße.

Die drei Männer hielten nun ganz still und regungslos am Rande der Hecke. Die breite Straße lag vor ihnen und bog sich auf beiden Seiten aus dem Sichtfeld; der Boden wurde unter einer ersten Frostneigung hart, und das klare Klingen herannahender Hufe ertönte in den Ohren der Räuber, unheilvoll, vielleicht ein Vorbote des Klimperns von „attraktiverem Metall“, das, wenn die Hoffnung keine schmeichelhafte Lügengeschichte erzählte, bald ihr eigen sein sollte.

Bald erschien das lang erwartete Gefährt an der Straßenbiegung und rollte schnell hinter vier flinken Postpferden heran.

„Du, Ned, mit deinem großen Ross, halte die Pferde an; du, Augustus, schüchtere die Postillione ein; überlass mir den Rest“, sagte der Kapitän.

„Wie abgemacht“, erwiderte Ned lakonisch. „Nun, sieh mich an!“ und das Pferd des eitlen Straßenräubers sprang aus seinem Versteck. So unmittelbar waren die Operationen dieser erfahrenen Taktiker, dass Lovetts Befehle fast in kürzerer Zeit ausgeführt wurden, als er gebraucht hatte, um sie zu erteilen.

Die Kutsche wurde gestoppt, die Postillione waren bleich und zitternd, mit zwei Pistolen (gehalten von Augustus und Pepper), die auf ihre Köpfe zielten; Lovett stieg ab, riss die Tür der Kutsche auf und sprach den Insassen in sehr höflichem Ton und mit sehr schmeichelhafter Ansprache an.

„Seien Sie nicht beunruhigt, mein Herr, Sie sind vollkommen sicher; wir benötigen nur Ihre Uhr und Ihre Brieftasche.“

„Wirklich“, antwortete eine Stimme, noch sanfter als die des Räubers, während ein markantes und etwas französisches Gesicht, gekrönt von einer Pelzmütze, zum Anhalter heraussah – „Wirklich, mein Herr, Ihre Anfrage ist so bescheiden, dass ich schlimmer als grausam wäre, sie Ihnen zu verweigern. Mein Geldbeutel ist nicht sehr voll, und Sie können ihn genauso gut haben wie einer meiner schurkischen Gläubiger; aber an meiner Uhr hänge ich, und –“

„Ich verstehe Sie, mein Herr“, unterbrach ihn der Straßenräuber. „Was schätzen Sie Ihre Uhr?“

„Hm! Für Sie mag sie etwa zwanzig Guineen wert sein.“

„Erlauben Sie mir, sie zu sehen!“

„Ihre Neugier ist äußerst erfreulich“, erwiderte der Adlige, als er mit großem Widerwillen eine goldene Repetieruhr hervorholte, die, wie es damals manchmal Mode war, mit Edelsteinen besetzt war. Der Straßenräuber betrachtete das Schmuckstück flüchtig.

„Ihr Lordschaft“, sagte er mit großer Ernsthaftigkeit, „waren zu bescheiden in Ihrer Einschätzung; Ihr Geschmack gereicht Ihnen zu größerer Ehre. Erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, dass Ihre Uhr für uns mindestens fünfzig Guineen wert ist. Um Ihnen zu zeigen, dass ich dies aufrichtig meine, werde ich sie entweder behalten, und wir verlieren kein weiteres Wort darüber; oder ich werde sie Ihnen zurückgeben gegen Ihr Ehrenwort, dass Sie mir einen Scheck über fünfzig Guineen ausstellen, zahlbar durch Ihre tatsächliche Bank an den Überbringer für mich selbst. Treffen Sie Ihre Wahl; es ist mir völlig gleichgültig!“

„Auf mein Ehrenwort, mein Herr“, sagte der Reisende, während sich einiges Erstaunen auf seinen Zügen abzeichnete, „Ihre Kühle und Selbstbeherrschung sind ganz bewundernswert. Ich sehe, Sie kennen die Welt.“

„Ihr Lordschaft schmeicheln mir!“, erwiderte Lovett und verneigte sich. „Wie entscheiden Sie sich?“

„Nun, ist es möglich, Entwürfe ohne Tinte, Feder oder Papier zu schreiben?“

Lovett trat zurück, und während er in seinen Taschen nach Schreibutensilien suchte, die er immer bei sich trug, nutzte der Reisende die Gelegenheit, entriss plötzlich eine Pistole aus der Tasche der Kutsche und zielte direkt auf den Kopf des Räubers. Der Reisende war ein ausgezeichneter und geübter Schütze – er war fast in Armlänge von seinem beabsichtigten Opfer – seine Pistolen waren der Neid all seiner irischen Freunde. Er drückte den Abzug – das Pulver blitzte in der Pfanne; und der Straßenräuber, ohne auch nur die Miene zu verziehen, zog ein kleines Tintenfässchen hervor, steckte eine Stahlfeder hinein und reichte sie dem Adligen, wobei er mit unvergleichlichem Sangfroid sagte: „Möchten Sie, mein Herr, die andere Pistole ausprobieren? Wenn ja, verpflichten Sie mich zu einem schnellen Zielen, da Sie die Notwendigkeit der Eile einsehen müssen. Wenn nicht, hier ist die Rückseite eines Briefes, auf der Sie den Entwurf schreiben können.“

Der Reisende war kein Mann, der bei irgendetwas außer seinen Umständen in Verlegenheit geriet; aber er fühlte sich sicherlich ein wenig verstört und verwirrt, als er das Papier nahm und, einige abgebrochene Worte murmelnd, den Scheck schrieb. Der Straßenräuber warf einen Blick darauf, sah, dass er formgerecht geschrieben war, gab dann mit einer Verbeugung von kühlem Respekt die Uhr zurück und schloss die Tür der Kutsche.

Unterdessen hatte der Diener vorne gefroren, in jener einsamen Bequemlichkeit eingepfercht, die, nicht wohlklingend, als Kutschbock bezeichnet wird. Ihn sprach der Räuber nun kurz an.

„Was hast du bei dir, das deinem Herrn gehört?“

„Nur seine Pillen, Euer Ehren! Die habe ich vergessen in die – zu tun“

„Pillen! – Wirf sie mir zu!“ Der Kammerdiener holte zitternd aus seiner Seitentasche eine kleine Schachtel, die er hinunterwarf, und Lovett fing sie mit der Hand auf.

Er öffnete die Schachtel, zählte die Pillen – „Eins, zwei, vier, zwölf – aha!“ Er öffnete wieder die Kutschentür. „Sind das Ihre Pillen, mein Herr?“

Der staunende Peer, der begonnen hatte, sich wieder in der Ecke seiner Kutsche zurechtzusetzen, antwortete, dass dies so sei.

„Mein Herr, ich sehe, Sie sind in einem hohen Fieberzustand; Sie waren vorhin ein wenig delirierend, als Sie einem Freund eine Pistole vor das Gesicht hielten. Erlauben Sie mir, Ihnen ein Rezept zu empfehlen – schlucken Sie all diese Pillen!“

„Mein Gott!“, rief der Reisende, aufgeschreckt zu Ernsthaftigkeit; „was meinen Sie? – Zwölf dieser Pillen würden einen Mann töten!“

„Hört ihn!“, sagte der Räuber an seine Kameraden gewandt, die vor Lachen brüllten. „Was, mein Herr, würden Sie gegen Ihren Arzt rebellieren? Pfui, pfui! Lassen Sie sich überzeugen.“

Und mit einer beruhigenden Geste streckte er die Pillendose der zurückweichenden Nase des Reisenden entgegen. Doch obwohl der Reisende ein Mann war, der ebenso gut wie jeder andere das Beste aus einer schlechten Lage machen konnte, war er besonders auf seine Gesundheit bedacht; und so stur war er, wo das betroffen war, dass er sich lieber der wirksamen Operation einer Kugel unterzogen hätte, als das Risiko der zufälligen Operation einer zusätzlichen Pille einzugehen. Er entriss daher mit großer Empörung, als die Schachtel noch immer auf ihn zugehalten wurde, sie der Hand des Räubers, schleuderte sie über die Straße und sagte mit Würde:

„Tun Sie Ihr Schlimmstes, ihr Schurken! Aber wenn Sie mich am Leben lassen, werden Sie die Beleidigung bereuen, die Sie einem Mitglied des Haushalts Seiner Majestät angetan haben!“ Dann, als ob er sich der Lächerlichkeit bewusst würde, in seiner gegenwärtigen Lage zu viel zu heucheln, fügte er in verändertem Ton hinzu: „Und nun, um Himmels willen, schließen Sie die Tür; und wenn Sie jemanden töten müssen, da ist mein Diener auf dem Bock – der ist dafür bezahlt.“

Diese Rede brachte die Räuber mehr als je zuvor zum Lachen; und Lovett, der einen Scherz noch lieber mochte als eine Brieftasche, schloss sofort die Kutschentür und sagte:

„Adieu, mein Herr; und lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben: Wenn Sie jemals in einem Landgasthof aussteigen und eine halbe Stunde bleiben, während Ihre Pferde gewechselt werden, nehmen Sie Ihre Pistolen mit, sonst könnte es passieren, dass die Ladung herausgezogen wird.“

Mit dieser Ermahnung zog sich der Räuber zurück; und als er sah, dass der Kammerdiener ihm einen langen grünen Geldbeutel hinhielt, sagte er, während er sanft den Kopf schüttelte:

„Schurken sollten sich nicht gegenseitig ausrauben, mein guter Freund. Du bestiehlst deinen Herrn; das tun wir auch. Lass jeden behalten, was er bekommen hat.“

Langer Ned und Tomlinson zügelten dann ihre Pferde, die Kutsche wurde befreit; und die Postillione starteten mit einem Tempo davon, das weniger Rücksicht auf das Leben zu zeigen schien, als die Räuber selbst bewiesen hatten.

Unterdessen stieg der Kapitän wieder auf sein Ross, und die drei Verbündeten, die in galanter Manier über die Hecke sprangen, durch die sie zuvor die Straße erreicht hatten, galoppierten in derselben Richtung davon, aus der sie gekommen waren; der Mond brachte immer wieder ihre fliegenden Gestalten zum Vorschein, und der Klang manch freudigen Gelächters hallte durch die Ferne entlang der frostigen Luft.

KAPITEL XIII

Was ist hier? –

Gold?

So viel davon macht Schwarz zu Weiß, Unrein zu Rein.

Timon von Athen.

Kam da ein gewisser Lord, sauber, schmuck gekleidet, Frisch wie ein Bräutigam.

Heinrich der Vierte.

Ich kenne keinen Mann, den ich meiden sollte, So sehr wie diesen mageren Cassius! Er liest viel. Er ist ein großer Beobachter; und er blickt Vollständig durch die Taten der Menschen hindurch. Oft lächelt er; doch lächelt er auf eine Art, Als ob er sich selbst verspottete oder seinen Geist verachtete, Der dazu bewegt werden konnte, über irgendetwas zu lächeln.

Julius Caesar.

Am nächsten Tag, spät am Mittag, als Lucy bei ihrem Vater saß, nicht wie gewöhnlich mit Arbeit oder Lesen beschäftigt, sondern scheinbar ganz untätig, mit ihrem hübschen Fuß auf dem Gicht-Schemel des Gutsherrn und den Augen auf den Teppich gerichtet, während ihre Hände (nie waren Hände so weich und so klein wie Lucys, obwohl sie an Weiße übertroffen worden sein mochten) leicht ineinandergelegt und lustlos auf ihren Knien ruhten – trat der Chirurg des Dorfes abrupt mit einem Gesicht voller Neuigkeiten und Entsetzen ein. Der alte Gutsherr Brandon war eine jener Personen, die Neuigkeiten, was auch immer sie sein mochten, immer später erfuhren als alle ihre Nachbarn; und erst als alle Klatschmäuler der Nachbarschaft das Thema bis auf die Knochen abgenagt hatten, wurde er nun durch Mr. Pillum darüber informiert, dass Lord Mauleverer in der vorangegangenen Nacht auf dem Weg zu seinem Landsitz von drei Straßenräubern angehalten und um einen beträchtlichen Betrag ausgeraubt worden war.

Da der Ruhm des Missgeschicks des würdigen Dr. Slopperton längst weit und breit verbreitet war, wurde die ganze Nachbarschaft natürlich in große Bestürzung versetzt. Magistratspersonen wurden benachrichtigt, große Hunde ausgeliehen, Donnerbüchsen gereinigt und eine Subskription in der ganzen Gemeinde zur Aufstellung einer Patrouille vorgenommen. Es gab wenig Zweifel daran, dass die Täter in beiden Fällen Mitglieder derselben Horde waren; und Mr. Pillum war in seinem Inneren fest davon überzeugt, dass sie beabsichtigten, in sein Geschäft einzudringen und alle umliegenden Hausbesitzer zu vernichten, die die Mühe wert waren.

Die nächste Woche verging mit den eifrigsten Bemühungen seitens der benachbarten Magistrate und Landbewohner, die Räuber aufzuspüren und festzunehmen; aber ihre Mühen waren völlig fruchtlos; und ein Friedensrichter, der besonders aktiv gewesen war, wurde selbst vollständig „ausgenommen“ von einem alten Herrn, der unter dem Namen Mr. Bagshot – ein eher unheilvoller Beiname – anbot, den arglosen Magistrat zu genau der Stelle zu führen, an der die Übeltäter gefasst werden könnten. Kaum hatte er jedoch den armen Richter von seinen Kameraden in einen einsamen Teil der Straße weggelockt, als er ihn bis auf das Hemd auszog. Er ließ dem Hochwohlgeborenen nicht einmal seine Flanellunterhose, obwohl das Wetter so bitter war wie in den Hundstagen von 1829.

„Das ist nicht meine Art“, sagte der greise Schurke, als der Richter zumindest um das letztere Kleidungsstück bat – „das ist nicht meine Art. Ich bin zwar langsam bei meiner Arbeit, aber ich tue sie gründlich; also runter mit deinen Lumpen, Alter.“

Dies war jedoch der einzige zusätzliche Fall von Übergriff in der Nähe von Warlock Manor-house; und nach und nach, als der Herbst abnahm und keine weiteren Gräueltaten mehr verübt wurden, begannen die Leute, nach einem neuen Gesprächsthema Ausschau zu halten. Dieses wurde ihnen durch ein unerwartetes Glück für Lucy Brandon geboten:

Mrs. Warner – eine alte Dame, mit der sie entfernt verwandt war und bei der sie während ihres kurzen und einzigen Besuchs in London gewohnt hatte – starb plötzlich und erklärte Lucy in ihrem Testament zu ihrer alleinigen Erbin. Das Vermögen, das in Fonds angelegt war und sich auf 60.000 Pfund belief, sollte Miss Brandon unmittelbar nach Erreichen ihres einundzwanzigsten Lebensjahres genießen; unterdessen sollten die Testamentsvollstrecker der jungen Erbin den jährlichen Betrag von 600 Pfund zahlen. Die Freude, die diese Nachricht in Warlock Manor-house auslöste, lässt sich leicht vorstellen. Der Gutsherr plante hier Verbesserungen und dort Reparaturen; und Lucy, das arme Mädchen, das keine Vorstellung von Geld für sich selbst hatte, außer dem Kauf eines neuen Ponys oder eines Kleides aus London, unterstützte mit liebevollem Vergnügen alle Vorschläge ihres Vaters und erfreute sich an dem Gedanken, dass jene feinen Pläne, die die Brandons größer machen sollten, als die Brandons jemals zuvor waren, durch ihr eigenes, eigenes Geld verwirklicht werden sollten! Es war genau zu dieser Zeit, dass die umliegenden Adligen eine gleichzeitige und großartige Entdeckung machten – nämlich die erstaunlichen Vorzüge und den großen gesunden Menschenverstand von Mr. Joseph Brandon. Es sei schade, bemerkten sie, dass er von so reservierter und schüchterner Art sei – es stehe einem Gentleman einer so alten Familie nicht an; aber warum sollten sie nicht versuchen, ihn aus seinem Ruhestand in jene öffentlichen Szenen zu ziehen, die er zweifellos gut zu schmücken wisse?

Dementsprechend trafen, sobald der erste Trauermonat abgelaufen war, mehrere Kutschen, Streitwagen, Chaisen und Pferde, die noch nie zuvor in Warlock Manor-house gesehen worden waren, nacheinander auf die freundlichste Weise, die man sich vorstellen konnte, dort ein. Ihre Besitzer bewunderten alles – das Haus sei ein so feines Relikt alter Zeiten! – ihrerseits mochten sie eine Eichentreppe! – und diese schönen alten Fenster! – und was für ein schöner Pfau! – und, Gott bewahre! dieser prächtige Kastanienbaum sei einen Wald wert! Mr. Brandon wurde gebeten, an der Jagd des Landkreises teilzunehmen, nicht, dass er selbst noch jagte, sondern dass sein Name der Sache ein solches Gewicht verleihen würde! Miss Lucy müsse eine Woche bei ihren lieben Freunden, den Honourable Misses Sansterre, verbringen! Augustus, ihr Bruder, habe ein so süßes Damenpferd! Kurz gesagt, die übliche Veränderung, die im Charakter von Menschen nach dem Erwerb eines Vermögens stattfindet, fand im Charakter von Mr. und Miss Brandon statt; und wenn Menschen plötzlich liebenswürdig werden, ist es kein Wunder, dass sie plötzlich einen großen Zuwachs an Freunden gewinnen.

Aber Lucy war, obwohl sie so wenig von der Welt gesehen hatte, nicht ganz blind; und der Gutsherr war, obwohl etwas begriffsstutzig, nicht ganz ein Dummkopf. Wenn sie auch nicht unhöflich zu ihren neuen Besuchern waren, so waren sie keineswegs von Dankbarkeit für deren Herablassung überwältigt. Mr. Brandon lehnte es ab, die Jagd zu unterstützen, und Miss Lucy lachte dem Honourable Augustus Sansterre ins Gesicht. Unter ihren neuen Gästen war jedoch einer, der zu großer Weltkenntnis eine extreme und sogar brillante Schliffenheit der Manieren verband, die zumindest verhinderte, dass Täuschung unangenehm war, wenn sie nicht ganz unbemerkt blieb; dies war der neue Leutnant des Landkreises, Lord Mauleverer.

Obwohl Lord Mauleverer über einen immensen Grundbesitz in diesem Bezirk verfügte, hatte er bisher nur wenig auf seinen Gütern gelebt. Er war einer jener vergnügungssüchtigen Lords, wie sie heutzutage, nachdem das Mannesalter erreicht ist, in diesem Land etwas ungewöhnlich sind; Männer, die ein leichtlebiges und ausschweifendes Dasein führen, eher unter ihren Schmarotzern als unter ihresgleichen, und die dennoch durch die Hilfe angenehmer Umgangsformen, natürlicher Talente und einer gewissen graziösen und leichten geistigen Bildung (die nicht weniger gefällig ist, weil sie allenthalben von Weltläufigkeit und einer eher amüsanten als anstößigen Selbstbezogenheit gefärbt ist) niemals ihren legitimen Stand in der Gesellschaft verlieren; Männer, die Orakel in Sachen Kleidung, Fuhrwerke, Kochkunst und Schönheit sind und, da sie selbst keinen Charakter besitzen, in der Lage sind, jedem anderen mit einem einzigen Wort einen solchen zu verleihen. Während Mauleverer also eher das ausschweifende Leben eines jungen Adligen führte, der die Gesellschaft angenehmer Halbwelt-Damen der von langweiligen Herzoginnen vorzieht, als den anständigen Stand wahrte, der einem reifen Alter und einem immensen Einfluss auf dem Lande entsprochen hätte, war er bei Hofe, wo er eine Stellung im Haushalt innehatte, durchaus ebenso beliebt wie hinter den Kulissen des Theaters, wo er jede Schauspielerin auf der richtigen Seite der vierzig verzauberte. Ein Wort von ihm in den rechtmäßigen Machtzentren wog schwerer als die flammende Rede eines anderen; und selbst die Prüden – zumindest all jene, die Töchter hatten – gestanden ein, dass seine Lordschaft ein sehr interessanter Charakter sei. Wie Brandon, sein vertrauter Freund, war er in der Welt aufgestiegen (vom irischen Baron zum englischen Earl), ohne jemals seine politische Gesinnung geändert zu haben, die ultra-toryistisch war; und wir brauchen nicht weiter zu bemerken, dass er, wie Brandon, als ein Muster öffentlicher Integrität galt. Er war im Besitz zweier Regierungsämter, sechs Stimmen im Unterhaus und acht Pfründen der Kirche; und wir müssen seiner loyalen und religiösen Gesinnung zuliebe hinzufügen, dass es in den drei Königreichen keinen festeren Freund der bestehenden Einrichtungen gab.

Wann immer ein Adliger nicht heiratet, versuchen die Leute, seinen Ruf zu untergraben. Lord Mauleverer hatte niemals geheiratet. Die Whigs waren in dieser Hinsicht sehr bissig gewesen; sie spielten im Unterhaus sogar darauf an – in jener keuschen Versammlung, wo der unfehlbare Vorwurf gegen Mr. Pitt darin bestand, kein amouröses Temperament zu besitzen –, doch sie hatten bisher gegen den sturen Zölibat des Earls nichts ausrichten können. Es ist wahr, dass er, wenn er auch keine Ehefrau besaß, sich reichlich Ersatz gesichert hatte; sein Beruf war der eines Mannes von Welt; und obwohl er die Töchter mied, geschah dies nur, um den Müttern den Hof zu machen. Doch seine Lordschaft hatte nun ein gewisses Alter erreicht, und es machte unter seinen Freunden schließlich die Runde, dass er die Absicht hege, sich nach einer Lady Mauleverer umzusehen.

„Sparen Sie sich Ihre Liebkosungen“, sagte sein Ober-Schmeichler zu einer gewissen Herzogin, die drei mitgiftlose Töchter hatte; „Mauleverer hat geschworen, dass er nicht aus Ihrem Stand wählen wird. Sie kennen seine hochgesteckten politischen Ansichten, und Sie werden sich nicht wundern, dass er sich, in der Ehe wie in der Moral, gegen eine Gütergemeinschaft ausspricht.“

Die Ankündigung der Heiratsabsichten des Earls und die Verbreitung dieser Anekdote versetzten alle Pfarrerstöchter Englands in ein loderndes Erwartungsfieber; und als Mauleverer nach der Verleihung der Statthalterschaft in die Grafschaft kam, um seine Güter zu besuchen und die Freundschaft seiner Nachbarn zu pflegen, gab es keine vierzigjährige „alte junge Dame“, die im Kreuzstich stickte und nie länger als eine Woche am Stück in London gewesen war, die sich nicht für genau die Art von Person hielt, die seine Lordschaft sicher faszinieren würde.

Es war später Nachmittag, als die Reisekutsche dieser vornehmen Persönlichkeit, vorausgefahren von zwei Vorreitern in der schlichten, dunkelgrünen Livree des Earls, vor der Haustür von Warlock House hielt. Der Squire war zu Hause, im eigentlichen wie im übertragenen Sinne; denn er dachte nie daran, irgendjemandem, ob vornehm oder einfach, den Zutritt zu verweigern. Als die Tür der Kutsche geöffnet wurde, entstieg ihr ein kleiner, schmächtiger Mann, reich gekleidet (denn Spitzen- und Seidengewänder waren damals noch nicht ganz abgelegt, wenn auch allmählich weniger in Mode), von einem eher gewinnenden und distinguierten als würdevollen Auftreten. Seine Jahre – denn sein Gesicht, obwohl gutaussehend, war tief gezeichnet und zeigte die Spuren der Ausschweifung – schienen zahlreicher, als sie in Wahrheit waren; und obwohl er nicht eigentlich über das mittlere Alter hinaus war, hätte Lord Mauleverer Fug und Recht das wenig schmeichelhafte Epitheton eines älteren Herrn erhalten können. Dennoch war sein Schritt fest, sein Gang aufrecht, und seine Figur war beträchtlich jugendlicher als seine Physiognomie. Nachdem die ersten Komplimente des Tages ausgetauscht waren und Lord Mauleverer sein Bedauern darüber geäußert hatte, dass seine lange und häufige Abwesenheit von der Grafschaft ihn bisher daran gehindert habe, die Bekanntschaft von Mr. Brandon zu machen, dem Bruder eines seiner ältesten und geschätztesten Freunde, wurde das Gespräch beiderseits zu einer gewissen Anstrengung. Mr. Brandon brachte zunächst das Thema des Wetters und der Rüben zur Sprache; erkundigte sich, ob seine Lordschaft nicht sehr gerne jage (er selbst habe es früher getan, doch in letzter Zeit habe ihn der Rheumatismus daran gehindert; er hoffe, seine Lordschaft sei nicht anfällig für dieses Leiden)!

Da er nur die letzten Worte aufschnappte – denn neben der schrecklichen Komplexität der Sätze des Squires litt Mauleverer leicht an dem aristokratischen Leiden der Schwerhörigkeit –, antwortete der Earl mit einem Lächeln:

„Das Leiden der Jagd! Sehr gut, in der Tat, Mr. Brandon; es ist selten, dass ich eine so geistreiche Phrase gehört habe. Nein, ich bin nicht im Geringsten von dieser Epidemie geplagt. Es ist eine Krankheit, die in dieser Grafschaft sehr verbreitet ist.“

„Mein Lord!“, sagte der Squire, etwas verwirrt; und als er bemerkte, dass Mauleverer nicht fortfuhr, hielt er es für zweckmäßig, ein anderes Thema anzuschneiden.

„Ich war überaus betrübt zu hören, dass Ihre Lordschaft auf der Reise nach Mauleverer Park (das ist eine sehr hässliche Straße durch das Ödland; die Straßen in diesem Land sind im Allgemeinen ziemlich gut – was mich betrifft, als ich Friedensrichter war, war ich in dieser Hinsicht sehr streng) ausgeraubt wurde. Sie haben, wie ich glaube, die Schurken noch nicht gefasst (ich selbst denke, obwohl ich nicht behaupte, ein großer Politiker zu sein, dass in Sachen Raub eine große Nachlässigkeit bei den Ministern herrscht)!“

„Unser Freund ist staatsfeindlich gesinnt!“, dachte der Lord-Lieutenant, in der Annahme, der letzte schmähliche Begriff beziehe sich auf die in der Klammer genannten respektablen Persönlichkeiten. Mauleverer verneigte sich mit einem polierten Lächeln vor dem Squire und antwortete laut, er sei außerordentlich betrübt, dass ihr Verhalten (die Minister gemeint) nicht auf die Billigung von Mr. Brandon stoße.

„Nun“, dachte der Squire, „das ist Höflingsgehabe par excellence! – Auf meine Billigung stoßen!“, sagte er warm; „wie konnte Ihre Lordschaft denken, dass ich (denn obwohl ich keiner Ihrer Heiligen bin, bin ich, so hoffe ich, ein guter Christ; ein ausgezeichneter, Ihren Worten nach zu urteilen, muss Ihre Lordschaft sein!) so parteiisch für das Verbrechen wäre!“

„Ich parteiisch für das Verbrechen!“, erwiderte Mauleverer, der glaubte, er sei unversehens auf einen empörenden Demokraten gestoßen, doch so sanft wie üblich lächelnd; „Sie urteilen hart über mich, Mr. Brandon! Sie müssen mir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, und das können Sie nur, indem Sie mich besser kennenlernen.“

Welche unglückliche Antwort der Squire sonst noch hätte geben können, wurde durch das Eintreten von Lucy unterbrochen; und der Earl, insgeheim erfreut über die Unterbrechung, erhob sich, um ihr seine Aufwartung zu machen und sie an die Einführung zu erinnern, die er früher durch die Freundschaft von Mr. William Brandon hatte erhalten dürfen – eine „Freundschaft“, sagte der galante Adlige, „der ich schon oft zu Dank verpflichtet war, die sich aber in meinem Namen noch nie so angenehm ausgewirkt hat.“

Daraufhin antwortete Lucy, die, obwohl sie bei ihrem Treffen mit Mr. Clifford so schmerzlich schüchtern gewesen war, keine überwältigende Befangenheit in der Gegenwart einer so viel größeren Person verspürte, lachend, und der Earl erwiderte mit einem zweiten Kompliment. Das Gespräch war nun keine Anstrengung mehr; und Mauleverer, der vollendetste aller Feinschmecker, den selbst das Königshaus nur mit Vorbereitung einzuladen wagte, nahm, als er vom ahnungslosen Squire zum Familienessen eingeladen wurde, die Einladung eifrig an. Es war lange her, dass die ritterlichen Mauern von Warlock durch die Anwesenheit eines so höfischen Gastes beehrt worden waren. Der gute Squire häufte seinen Teller mit einer Fülle von gekochtem Rindfleisch voll; und während der arme Earl mit Bestürzung die Alpen über Alpen betrachtete, die er zu verschlingen genötigt war, entwendete der grauhaarige Butler, eifrig bemüht, ihm mit Schnelligkeit zu dienen, den überladenen Teller und brachte ihn alsbald zurück, noch erstaunlicher überladen mit einer zusätzlichen Welt einer Komposition von steinartiger Farbe und schweißtreibendem Aussehen, die der Earl, nachdem er sie einige Augenblicke in stummem Staunen betrachtet und sorgfältig so weit wie möglich an den äußersten Rand seines Tellers geschoben hatte, als Talgpudding identifizierte.

„Sie essen ja gar nichts, mein Lord“, rief der Squire; „lassen Sie mich Ihnen – das hier ist weniger durchgebraten;“ während er zwischen Klinge und Gabel in der Luft ein abscheuliches Fragment von Scharlachrot hielt, das seine blutigen Locken schüttelte – „noch eine Scheibe geben.“

Schnell wie das Wort senkte sich der Harpyienfinger und der rücksichtslose Daumen des grauhaarigen Butlers auf Mauleverers Teller. „Keinen Bissen mehr“, rief der Earl, im Kampf mit dem mörderischen Hausdiener. „Mein lieber Herr, entschuldigen Sie mich; ich versichere Ihnen, ich habe noch nie zuvor ein solches Abendessen gegessen – niemals!“

„Nun aber!“, sagte der Squire, Einspruch erhebend, „Sie essen wirklich (und diese Luft ist so beißend, dass Ihre Lordschaft Ihren Appetit verwöhnen sollte, wenn Sie dem Rat des Arztes folgen) nichts!“

Wieder war Mauleverer in Bedrängnis.

„Die Ärzte haben Recht, Mr. Brandon“, sagte er, „sehr Recht, und ich bin gezwungen, enthaltsam zu leben; in der Tat weiß ich nicht, ob ich, wenn ich an Ihrem gastfreundlichen Tisch über die Stränge schlüge und all das angriffe, was Sie mir darreichen würden, jemals wieder genesen würde. Sie müssten einen neuen Statthalter für Ihre charmante Grafschaft suchen, und auf das Grab des letzten Mauleverer würde der heuchlerische und nicht verwandte Erbe schreiben: 'Gestorben an der Heimsuchung durch Rindfleisch, John, Earl, etc.'“

So deutlich die Bedeutung dieser Rede für andere auch hätte erscheinen mögen, der Squire lachte nur über den femininen Appetit des Sprechers und neigte dazu, ihn für einen ausgezeichneten Kerl zu halten, weil er so gutmütig über seine eigene körperliche Gebrechlichkeit scherzte. Doch Lucy besaß den Takt ihres Geschlechts und hatte Mitleid mit der misslichen Lage des Earls, auch wenn sie deren Ausmaß sicherlich nie ahnte. Sie stieg mit so viel Anmut und Leichtigkeit in das Gespräch ein, das er zwischen ihnen anzuknüpfen suchte, dass Mauleverers Diener, der bisher durch den Eifer des grauhaarigen Butlers beiseite gedrängt worden war, Gelegenheit fand, während der Squire lachte und der Butler starrte, den überladenen Teller unbemerkt und ungesehen zu entwenden.

Trotz dieser Übel bei Tisch und Unterkunft war Mauleverer mit seinem Besuch überaus zufrieden; und er beendete ihn erst, als sich die Schatten der Nacht zu schließen begannen und die Entfernung von seinem eigenen Wohnsitz ihn zusammen mit seiner Erfahrung daran erinnerte, dass es möglich war, dass die Kühnheit eines Straßenräubers selbst das Fuhrwerk eines Lord Mauleverer angriff. Er stieg dann widerwillig wieder in seine Kutsche, wies die Postillone an, so schnell wie möglich zu fahren, hüllte sich in seinen Roquelaire und teilte seine Gedanken zwischen Lucy Brandon und dem Homard au gratin, mit dem er sich unmittelbar nach seiner Heimkehr zu trösten gedachte. Doch das Schicksal, das unsere meistgehegten Hoffnungen verspottet, verfügte, dass der Eigentümer bei seiner Ankunft in Mauleverer Park plötzlich von Appetitlosigkeit, Kälte in den Gliedern, Schmerzen in der Brust und verschiedenen anderen ungnädigen Symptomen einer drohenden Krankheit befallen wurde. Lord Mauleverer ging geradewegs zu Bett; er blieb dort einige Tage, und als er genesen war, verordneten ihm seine Ärzte Baden. Die Whig-Methodisten, die ihn hassten, schrieben seine Krankheit der Vorsehung zu; und seine Lordschaft war der festen Überzeugung, dass sie dem Rindfleisch und dem Pudding zuzuschreiben sei. Wie dem auch sei, das war vorerst das Ende der Hoffnungen der vierzigjährigen jungen Damen und der geplanten Festlichkeiten in Mauleverer Park.

„Gütiger Himmel!“, sagte der Earl, als sich die Räder seiner Kutsche von seinen Toren abwandten, „welch ein Verlust für die ortsansässigen Gewerbetreibenden kann durch ein Stück nicht ganz durchgebratenes Rindfleisch entstehen, besonders wenn es gekocht ist!“

Etwa eine vierzehntägige Zeit war seit Mauleverers meteorhaftem Besuch in Warlock House vergangen, als der Squire von seinem Bruder folgendes Schreiben erhielt:

MEIN LIEBER JOSEPH – Sie kennen meine zahlreichen Verpflichtungen und werden mir, inmitten der Geschäftigkeit, die mich umgibt, sicherlich verzeihen, dass ich ein sehr nachlässiger und säumiger Korrespondent bin. Dennoch versichere ich Ihnen, dass niemand aufrichtiger an dem Glück teilnehmen kann, das meiner charmanten Nichte widerfahren ist und von dem Ihr letzter Brief mich unterrichtete, als ich es tue. Bitte übermitteln Sie ihr meine herzlichsten Grüße und sagen Sie ihr, wie gelassen ich dem glänzenden Aufsehen entgegensehe, das sie erregen wird, wenn ihre Schönheit erst einmal auf jenem Rang thront, den sie, da bin ich mir ganz sicher, eines Tages beherrschen wird.

Sie sind sich vielleicht nicht bewusst, mein lieber Joseph, dass ich mich seit einiger Zeit in einem sehr schwachen und kränkelnden Gesundheitszustand befinde. Das alte Nervenleiden in meinem Gesicht hat mich in letzter Zeit schwer angegriffen, und der Schmerz ist manchmal so groß, dass ich ihn kaum zu ertragen vermag. Ich glaube, die große Anforderung, die mein Beruf an einen Körperbau stellt, der nie stark war und nun vorzeitig die Gebrechen der Zeit zu spüren beginnt, ist die wahre Ursache meiner Leiden. Endlich jedoch muss ich unbedingt meinen Geldbeutel bestrafen und meine Neigungen durch eine kurze Atempause von der Mühsal verwöhnen. Die Ärzte – geschworene Freunde, Sie wissen schon, der Anwälte, da sie gemeinsame Sache gegen die Menschheit machen – haben mir kategorisch befohlen, mich zu schonen und eine kurze Kur mit Luft, Bewegung, gesellschaftlichen Vergnügungen und den Wassern von Bath zu versuchen. Glücklicherweise ist jetzt Zeit für Urlaub, und ich kann es mir leisten, ein paar Wochen Einkommen zu verlieren, um vielleicht viele Jahre Lebenszeit zu sichern. Ich habe daher die Absicht, Anfang nächster Woche in jenes melancholische Reservoir der Fröhlichen aufzubrechen, wo die Menschen aus dem Leben tanzen und über den Styx gefiedelt werden. Mit einem Wort, ich werde einer der Abenteurer auf der Suche nach Gesundheit sein, die die Göttin in King Bladuds Pump-Room aufsuchen. Wollen Sie und die liebe Lucy sich mir dort anschließen? Ich bitte Sie darum im Namen unserer Freundschaft, und ich bin mir ganz sicher, dass keiner von Ihnen entsetzt vor dem Vorschlag zurückschrecken wird, Ihrem kranken Verwandten Trost zu spenden. Während ich meine Gesundheit wiedererlange, wird meine hübsche Nichte den Pluto rächen, indem sie an meiner Stelle viele bessere und jüngere Helden in sein Reich befördert. Und es wird mir eine doppelte Freude sein, all die Herzen, etc. zu sehen – ich breche ab, denn was kann ich zu diesem Thema sagen, das die kleine Kokette nicht schon vorausahnt? Es ist höchste Zeit, dass Lucy die Welt sieht; und obwohl es in Bath, vor allem dort, viele gibt, für die die Erbin ein Objekt interessierter Aufmerksamkeit sein wird, so gibt es in dieser überfüllten Stadt auch viele, die ihre Beachtung keineswegs unverdient fänden. Was sagen Sie, mein lieber Joseph? Aber ich weiß es bereits: Sie werden es nicht ablehnen, mir bei meinem kleinen Urlaub Gesellschaft zu leisten; und Lucys Augen funkeln bereits bei der Vorstellung von neuen Hüten, der Milsom Street, tausend Anbetern und dem Pump-Room.

Stets, mein lieber Joseph, der Ihre in Zuneigung,

WILLIAM BRANDON.

P. S. Ich finde, dass mein Freund Lord Mauleverer in Bath ist; ich gestehe, das ist ein zusätzlicher Grund für mich, dorthin zu reisen; aus einem Brief von ihm, den ich neulich erhielt, ersehe ich, dass er Ihnen einen Besuch abgestattet hat, und er schwärmt nun von seinem Gastgeber und der Erbin. Ah, Miss Lucy, Miss Lucy! Sind Sie im Begriff, denjenigen zu bezwingen, den ganz London seit Jahren, mehr als ich zu sagen wage (doch nicht viele, denn Mauleverer ist noch jung), vergeblich bestürmt hat? Antworten Sie mir!

Dieser Brief erzeugte erhebliche Aufregung in Warlock House. Der alte Squire hing sehr an seinem Bruder und war tief betrübt zu erfahren, dass er sich so entmutigend über seine Gesundheit äußerte. Auch zögerte der Squire keinen Augenblick, den Vorschlag anzunehmen, sich zu seinem vornehmen Verwandten in Bath zu gesellen. Auch Lucy – die für ihren Onkel, möglicherweise wegen seiner überschwänglichen, doch keineswegs unfeinen Schmeicheleien, eine sehr große Hochachtung und ein sehr großes Interesse hegte, obwohl sie ihn nur wenig gesehen hatte – drängte den Squire, keine Zeit mit der Regelung ihrer Abreise zu verlieren, damit sie vor dem Anwalt eintreffen und alles für seine Ankunft vorbereiten konnten. Da Vater und Tochter sich so einig waren, gab es wenig Anlass zum Verzug; eine Antwort auf den Brief des Kranken wurde per Post zurückgeschickt, und am vierten Tag nach Erhalt des besagten Schreibens waren der gute alte Squire, seine Tochter, ein Landmädchen als Zofe, der grauhaarige Butler und zwei oder drei lebende Haustiere in einer Größe und mit Gewohnheiten, die für Reisen am bequemsten waren, auf dem Weg in eine Stadt, die damals zumindest fröhlicher, wenn auch etwas weniger prächtig als die Metropole war.

Am zweiten Tag ihrer Ankunft in Bath stieß Brandon (wie wir den jüngeren Bruder künftig nennen werden, um Verwirrung zu vermeiden, während wir dem älteren seinen patriarchalen Titel des Squires belassen) zu ihnen.

Er war ein Mann, der scheinbar etwas Gefallen am Prunk fand, obwohl er ihn im Grunde seines Herzens ablehnte und verachtete. Er kam zu ihrer Unterkunft, die nicht im allerbesten Teil der Stadt gewählt worden war, in einer Kutsche mit sechs Pferden, aber nur von einem bevorzugten Diener begleitet.

Sie fanden ihn in besserem Aussehen und besserer Stimmung vor, als sie erwartet hatten. Wenige Personen konnten, wenn sie es wollten, angenehmer sein als William Brandon; doch bisweilen mischte sich in seine Unterhaltung ein bitterer Sarkasmus, wahrscheinlich eine Angewohnheit, die er sich in seinem Beruf angeeignet hatte, oder ein gelegentlicher Anflug von mürrischer und hochmütiger Traurigkeit, möglicherweise die Folge seiner kränklichen Gesundheit. Dennoch schien sein Leiden, das sich ein wenig jener schmerzhaften Affektion, dem Tic douloureux, näherte – auch wenn die Anfälle seltener auftraten als bei diesem Leiden üblich –, nicht einmal für einen Augenblick auf seine Stimmung zu wirken, wie auch immer diese sein mochte. Jene Krankheit arbeitete im Verborgenen; kein Muskel in seinem Gesicht schien zu zucken; das Lächeln wich niemals von seinem Mund, die Sanftheit seiner Stimme wurde niemals schwach vor Schmerz, und inmitten intensivster Qual bezwang sein entschlossener und strenger Geist jedes äußere Anzeichen; noch hätte der aufmerksamste Fremde den Augenblick bemerken können, in dem der Anfall ihn befiel oder wieder von ihm abließ. Es lag etwas Unergründliches in diesem Mann. Man hatte das Gefühl, man nehme seinen Charakter auf Treu und Glauben an, nicht aufgrund eigener Erkenntnis. Die Bekanntschaft von Jahren hätte einen ebenso im Dunkeln gelassen, was seine Laster oder seine Tugenden betraf. Er veränderte sich oft, doch in jeder Veränderung war er gleichermaßen unentdeckbar. Führte er eine Reihe von Rollen auf, oder waren es die gewöhnlichen Wandlungen des wahren Temperaments eines Menschen, die man an ihm erblickte? Gewöhnlich sanft, ruhig, aufmerksam, schmeichelnd im sozialen Umgang, war er im Senat und an den Gerichtshöfen für eine kalte Schärfe und ein ätzendes Gift bekannt, das selbst in jenen Arenen des Streits kaum seinesgleichen fand. Es schien, als ob er die bitteren Gefühle, die er im Privatleben zügelte, in der Öffentlichkeit mit Vergnügen auslebte. Doch selbst dort gab er sich keiner momentanen Gereiztheit oder hervorbrechenden Leidenschaft hin; alles schien bei ihm systematischer Sarkasmus oder gewohnheitsmäßige Strenge zu sein. Er verletzte keine Form der Zeremonie oder der Gesellschaft. Er stach, ohne den Stachel bewusst zu zeigen; und sein Gegner wand sich nicht mehr unter der Folter seines Spotts als unter der zermalmenden Verachtung seiner Selbstbeherrschung. Kühl, bereit, an allen Punkten gerüstet und verteidigt, fundiert im Wissen, unfehlbar in der Beobachtung, gleichermaßen vollendet in der Sophisterei, wenn sie von ihm benötigt wurde, und unmittelbar im Aufspüren von Sophisterei bei anderen; keine Kunst verschmähend, wie schmerzhaft sie auch sein mochte; keine Mühe scheuend, wie gewichtig sie auch sein mochte; detailliert in der Kleinigkeit, doch nicht weniger das Ganze in einem Griff begreifend – ein solcher war der juristische und öffentliche Charakter, den sich William Brandon aufgebaut hatte, und ein solcher war der Ruhm, den er mit der unbefleckten Reinheit seines moralischen Rufes verband. Doch für seine Freunde schien er nur der angenehme, kluge, lebhafte und, wenn wir den Ausdruck unschuldig verwenden dürfen, der weltliche Mann zu sein – niemals eine überlegene Heiligkeit heuchelnd oder eine übertriebene Sorge um Formen, außer bei großen Gelegenheiten; und er machte seine Strenge der Sitten umso bewunderter, weil er sie so frei von Heuchelei erscheinen ließ.

„Nun“, sagte Brandon, als er nach dem Abendessen allein mit seinen Verwandten saß und gesehen hatte, wie sich die Augen seines Bruders im täglichen Schlummer schlossen, „sagen Sie mir, Miss Lucy, was halten Sie von Lord Mauleverer; finden Sie ihn angenehm?“

„Sehr; tatsächlich zu sehr!“

„Zu sehr! Das ist ein ungewöhnlicher Fehler, Lucy, es sei denn, Sie wollen unterstellen, dass Sie ihn für Ihren Seelenfrieden als zu angenehm empfinden.“

„Oh, nein! Davon ist kaum zu befürchten. Alles, was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass er es zur einzigen Lebensaufgabe zu machen scheint, gefällig zu sein, und dass man sich vorstellen kann, er habe dieses Ziel durch den Verlust gewisser Eigenschaften erreicht, die einem lieber gewesen wären.“

„Hm! Und welche wären das?“

„Wahrheit, Aufrichtigkeit, Unabhängigkeit und geistige Ehrlichkeit.“

„Meine liebe Lucy, es ist das berufliche Studium meines Lebens gewesen, den Charakter eines Mannes, besonders was die Wahrheit betrifft, in so kurzer Zeit wie möglich zu ergründen; aber Sie übertreffen mich an Intuition, wenn Sie beim ersten Zusammentreffen mit einem Höfling beurteilen können, ob Aufrichtigkeit in seinem Charakter steckt.“

„Dennoch bin ich mir in meiner Meinung sicher“, sagte Lucy lachend; „und ich werde Ihnen ein Beispiel nennen, das ich unter hundert anderen beobachtet habe. Lord Mauleverer ist ziemlich schwerhörig, und er bildete sich im Gespräch ein, mein Vater hätte etwas gesagt – es handelte sich um ein sehr unbedeutendes Thema, die Rede irgendeines Parlamentsmitglieds [der Anwalt lächelte], – während er in Wirklichkeit etwas anderes sagen wollte. Lord Mauleverer stimmte ihm auf die herzlichste Art der Welt zu, schien vollkommen seiner Meinung zu sein, beklatschte seine Ansichten und wünschte, das ganze Land wäre seiner Meinung. Plötzlich sprach mein Vater; Lord Mauleverer neigte sein Ohr herab und stellte fest, dass die Ansichten, die er so sehr gepriesen hatte, genau diejenigen waren, die mein Vater am wenigsten billigte. Kaum hatte er diese Entdeckung gemacht, als er sich wieder drehte – geschickt und graziös, das gebe ich zu; er verurteilte alles, was er zuvor in den Himmel gehoben hatte, und pries alles, was er zuvor geschmäht hatte!“

„Und das ist alles, Lucy?“, sagte Brandon mit einem schärferen Hohn auf den Lippen, als der Anlass es gerechtfertigt hätte. „Nun, das ist es, was jeder tut; nur manche ernster als andere. Mauleverer in der Gesellschaft, ich bei Gericht, der Minister im Parlament, Freund zum Freund, Liebhaber zur Geliebten, Geliebte zum Liebhaber – die Hälfte von uns ist damit beschäftigt zu sagen, Weiß sei Schwarz, und die andere Hälfte damit zu schwören, dass Schwarz Weiß sei. Es gibt nur einen Unterschied, meine hübsche Nichte, zwischen dem klugen Mann und dem Narren: Der Narr sagt das Falsche, während ihm die Farben ins Gesicht starren und ihn der Lüge überführen; aber der kluge Mann nimmt gewissermaßen einen Pinsel und verwandelt das Schwarz buchstäblich in Weiß und das Weiß in Schwarz, bevor er die Behauptung aufstellt, die dann wahr ist. Der Narr wechselt und ist ein Lügner; der kluge Mann lässt die Farben wechseln und ist ein Genie. Aber das ist noch nichts für Ihre jungen Jahre, Lucy.“

„Aber ich kann die Notwendigkeit nicht sehen, den Leuten zuzustimmen zu scheinen“, sagte Lucy schlicht; „sicher wären sie genauso zufrieden, wenn man ihnen höflich und respektvoll widerspräche?“

„Nein, Lucy“, sagte Brandon, immer noch höhnisch; „um gemocht zu werden, ist es nicht nötig, etwas anderes zu sein als gefällig. Lügen Sie, betrügen Sie, machen Sie jedes Wort zur Falle und jeden Akt zur Fälschung; aber widersprechen Sie niemals. Stimmen Sie den Leuten zu, und sie bereiten Ihnen ein Ruhebett in ihren Herzen. Sie kennen die Geschichte von Dante und dem Hofnarren. Beide wurden am Hofe des eitlen Pedanten unterhalten, der sich Fürst Scaliger nannte – der erstere kärglich, der letztere üppig. ‚Wie kommt es‘, sagte der Hofnarr zum Dichter, ‚dass ich so reich bin und du so arm?‘ ‚Ich werde so reich sein wie du‘, lautete die stechende und wahre Antwort, ‚wann immer ich einen Gönner finde, der mir so ähnlich ist wie Fürst Scaliger dir!‘“

„Doch meine Vögel“, sagte Lucy und liebkoste den Stieglitz, der sich an ihren Busen schmiegte, „sind nicht wie ich, und ich liebe sie. Nein, ich denke oft, ich könnte diejenigen besser lieben, die am meisten von mir verschieden sind. Ich empfinde es bei Büchern so – wenn ich zum Beispiel einen Roman oder ein Theaterstück lese; und Sie, Onkel, mag ich fast in dem Maße, in dem ich bei mir selbst nichts Gemeinsames mit Ihnen wahrnehme.“

„Ja“, sagte Brandon, „Sie haben mit mir gemeinsam die Liebe zu den alten Geschichten von Sir Hugo und Sir Rupert und all den anderen ‚Sirs‘ unseres vermoderten und vergangenen Geschlechts. Also werden Sie mir die Ballade von Sir John de Brandon singen und dem Drachen, den er im Heiligen Land erschlug. Wir wollen uns in den Salon zurückziehen, um Ihren Vater nicht zu stören.“

Lucy stimmte zu, nahm den Arm ihres Onkels, begab sich in den Salon, setzte sich an das Cembalo und sang zu einer mitreißenden, doch etwas derben Weise die Familienballade, die ihr Onkel verlangt hatte.

Es wäre amüsant gewesen, in dem starren Gesicht des verhärteten und gewohnheitsmäßigen Mannes der Ruhe und der Pergamente eine gewisse Begeisterung zu bemerken, die immer wieder seine Wange streifte, wenn die Verse der Ballade auf einer Anspielung auf das ritterliche Haus Brandon und seinen alten Ruhm ruhten. Es war ein frühes Vorurteil, das trotz seiner selbst hervortrat – ein Funke von Charakter, der aus dem harten Fossil geschlagen wurde, in das er eingebettet war. Man hätte annehmen können, dass der albernste aller Stolze (denn der Stolz auf Geld, obwohl gemeiner, ist weniger sinnlos), der Familienstolz, die letzte Schwäche sei, die der gefühllose und scharfsinnige Anwalt zu jener Zeit selbst sich gegenüber eingestanden hätte.

„Lucy“, sagte Brandon, als das Lied verstummte und er seine schöne Nichte mit einem gewissen Stolz im Blick betrachtete, „ich sehne mich danach, Ihr erstes Erscheinen in der Welt mitzuerleben. Diese Unterkunft, meine Liebe, ist nicht angemessen – Aber verzeihen Sie! Was ich sagen wollte, ist dies: Ihr Vater und Sie sind auf meine Einladung hier, und in meinem Haus müssen Sie wohnen; Sie sind meine Gäste, nicht meine Wirte. Ich habe daher bereits meinen Diener angewiesen, mir ein Haus zu sichern und die notwendige Einrichtung zu besorgen; und da er ein flinker Kerl ist, zweifle ich nicht daran, dass innerhalb von drei Tagen alles bereit sein wird. Sie müssen dann der Magnet meines Heimes sein, Lucy; und in der Zwischenzeit müssen Sie dies meinem Bruder erklären und – da Sie seine eifersüchtige Gastfreundschaft kennen – sein Einverständnis einholen.“

„Aber –“, begann Lucy.

„Kommen Sie mir nicht mit Aber“, sagte Brandon schnell, aber mit einem liebevollen Ton von Eigensinn; „und da ich mich von meiner Reise sehr ermüdet fühle, müssen Sie mir nun erlauben, mein eigenes Zimmer aufzusuchen.“

„Ich werde Sie selbst dorthin geleiten“, sagte Lucy, denn sie war bestrebt, dem Bruder ihres Vaters die Sorgfalt und Voraussicht zu zeigen, die sie auf ihre Vorbereitungen für seinen Komfort verschwendet hatte. Brandon folgte ihr in ein Zimmer, von dem sein Auge auf den ersten Blick wusste, dass es jener weiblichen Aufsicht unterzogen worden war, die aus dem, was Männer als unbedeutend verwerfen, solchen Nutzen zieht; und er dankte ihr mit mehr als seiner üblichen Annehmlichkeit für die Anmut, die ihre Vorbereitungen geleitet, und die Güte, die sie diktiert hatte. Sobald er allein gelassen wurde, schob er seinen Armlehnstuhl nahe an das klare, helle Feuer und stützte sein Gesicht auf die Hand, in der Haltung eines Mannes, der sich sozusagen auf den Genuss der Meditation vorbereitet, und murmelte:

„Ja! Diese Frauen sind zuerst das, was die Natur aus ihnen macht, und das ist gut; danach das, was der Nutzen aus ihnen macht, und das ist böse! Könnte ich mich nun überzeugen, dass wir wählerisch sein sollten hinsichtlich des Nutzens, den wir mit diesen armen Marionetten treiben, so würde ich davor zurückschrecken, das Schicksal zu erzwingen, das ich für dieses Mädchen markiert habe. Aber das ist eine klägliche Überlegung, und er ist nur ein alberner Spieler, der sein Geld verliert, um seine Spielmarken zu bewahren. Also muss das junge Fräulein als weiterer Punkt auf die Rechnung des Vermögens von William Brandon gehen. Wer leidet schließlich? Nicht sie. Sie wird Reichtum, Rang, Ehre haben. Ich werde leiden, ein so hübsches und reines Juwel dem Diadem von – Pfui! Wie ich diesen Hund verachte; aber wie ich ihn hassen, zerquetschen, zerfleischen könnte, wenn ich glauben könnte, dass er mich verachtet! Könnte er das? Hm! Nein, ich habe mich überzeugt, dass das unmöglich ist. Nun, lassen Sie mich hoffen, dass diese eheliche Angelegenheit beigelegt wird; und nun lassen Sie mich überlegen, welchen nächsten Schritt ich für mich selbst tun soll – für mich selbst, ja, nur für mich selbst! Mit mir stirbt der letzte männliche Brandon; aber das Licht soll nicht unter einem Scheffel ausgehen.“

Als er dies sagte, versank der Selbstgesprächler in eine tiefere und stillere Träumerei, aus der er durch das Eintreten seines Dieners gestört wurde. Brandon, der niemals ein Träumer war, außer wenn er allein war, brach sofort aus seinen Reflexionen aus.

„Du hast meine Befehle befolgt, Barlow?“, sagte er.

„Ja, mein Herr“, antwortete der Diener. „Ich habe das beste Haus genommen, das noch unbewohnt war; und wenn Mrs. Roberts [Brandons Haushälterin] aus London eintrifft, wird alles, so hoffe ich, genau nach Ihren Wünschen sein.“

„Gut! Und hast du mein Schreiben an Lord Mauleverer übergeben?“

„Mit meinen eigenen Händen, mein Herr; seine Lordschaft wird den ganzen morgigen Tag zu Hause auf Sie warten.“

„Sehr gut! Und nun, Barlow, sieh zu, dass dein Zimmer in Rufweite liegt [Klingeln waren, obwohl bekannt, zu jener Zeit nicht gebräuchlich], und gib bekannt, dass ich zu Bett gegangen bin und nicht gestört werden darf. Wie spät ist es?“

„Gerade auf den Schlag zehn, mein Herr.“

„Stelle auf diesen Tisch meine Mappe und das Tintenfass. Schau um halb zwei vorbei, um mir beim Entkleiden zu helfen; ich werde zu dieser Stunde zu Bett gehen. Und – bleib – vergewissere dich, Barlow, dass mein Bruder glaubt, ich hätte mich für die Nacht zurückgezogen. Er kennt meine Gewohnheiten nicht und wird sich grämen, wenn er denkt, dass ich bei meinem gegenwärtigen Gesundheitszustand so lange aufbleibe.“

Der Diener rückte den Tisch mit seinen Schreibutensilien nah an seinen Herrn und überließ Brandon wieder seinen Gedanken oder Beschäftigungen.

KAPITEL XIV.

Diener. Geh weg, sag ich, mit dieser scheußlichen Glocke.

Punch. Nennst du das eine Glocke? (er klopft darauf.) Es ist eine Orgel.

Diener. Ich sage, es ist eine Glocke – eine scheußliche Glocke!

Punch. Ich sage, es ist eine Orgel (schlägt ihn damit). Was sagst du, was es jetzt ist?

Diener. Eine Orgel, Mr. Punch!

Die tragische Komödie von Punch und Judy.

Am nächsten Morgen, bevor Lucy und ihr Vater ihre Zimmer verlassen hatten, hatte Brandon, der ein bemerkenswert früher Aufsteher war, den luxuriösen Mauleverer aus seinem ersten Schlummer gestört. Obwohl der Höfling einige Meilen von Bath entfernt eine Villa besaß, zog er eine Unterkunft in der Stadt vor, sowohl weil sie wärmer war als ein selten bewohntes Landhaus, als auch weil sie für einen trägen Mann unmittelbar bequemer für die Vergnügungen und die Wasser der medizinischen Stadt war. Sobald der Graf seine Augen gerieben, sich gestreckt und sich auf das unzeitige Gespräch vorbereitet hatte, ergoss Brandon seine Entschuldigungen für die Stunde, die er für einen Besuch gewählt hatte. „Erwähnen Sie es nicht, mein lieber Brandon“, sagte der gutmütige Edelmann mit einem Seufzer; „ich bin zu jeder Stunde froh, Sie zu sehen, und ich bin mir sehr sicher, dass das, was Sie mitzuteilen haben, immer hörenswert ist.“

„Es war nur eine geschäftliche Angelegenheit, wenn auch von etwas wichtigerer Art als gewöhnlich, weshalb ich es wagte, Sie zu stören“, antwortete Brandon und setzte sich auf einen Stuhl am Bett. „Heute Morgen, vor einer Stunde, erhielt ich per privatem Eilboten einen Brief aus London, der besagt, dass im Kabinett definitiv eine neue Regelung getroffen wird – ja, er nennt sogar die Beförderungen und Änderungen selbst. Ich gestehe, dass ich, da mein Name, wie auch Ihr eigener, in diesen Nominierungen vorkam, darauf bedacht war, den Vorteil Ihres notwendigerweise genauen Wissens über das Thema sowie Ihres Rates zu haben.“

„Wirklich, Brandon“, sagte Mauleverer mit einem halb mürrischen Lächeln, „jede andere Stunde des Tages hätte für ‚die Geschäfte der Nation‘ ausgereicht, wie die Zeitungen diese mühsame Farce nennen, die wir durchlaufen; und ich hatte mir vorgestellt, Sie würden meine nächtliche Ruhe nur für etwas von wirklicher Bedeutung unterbrochen haben – die Entdeckung einer neuen Schönheit oder die Erfindung eines neuen Gerichts.“

„Weder das eine noch das andere hätten Sie von mir erwarten können, mein lieber Lord“, erwiderte Brandon. „Sie kennen die trockenen Kleinigkeiten, in denen sich das Leben eines Anwalts verzehrt; und Schönheiten und Gerichte haben keinen Reiz für uns, außer die ersteren seien verlassene Jungfrauen und die letzteren verletzte Patente. Aber meine Neuigkeit ist immerhin hörenswert, es sei denn, Sie hätten sie bereits gehört.“

„Nicht ich! Aber ich nehme an, ich werde sie im Laufe des Tages hören. Bitte Himmel, ich werde nicht gerufen, um irgendeiner Plage von Rat beizuwohnen. Beginnen Sie!“

„Erstens beschließt Lord Duberly zurückzutreten, falls diese Verhandlung um Frieden nicht zur Kabinettsfrage gemacht wird.“

„Pah! Soll er zurücktreten. Ich habe den Frieden so lange bekämpft, dass er außer Frage steht. Natürlich wird Lord Wansted nicht daran denken, und er kann auf meine Wahlbezirke zählen. Ein Frieden! – beschämender, schändlicher, feiger Vorschlag!“

„Aber mein lieber Lord, mein Brief besagt, dass diese unerwartete Standhaftigkeit von Lord Duberly für ein solches Aufsehen gesorgt hat, dass der König, da er die Unmöglichkeit einsieht, ohne ihn ein dauerhaftes Kabinett zu bilden, den Verhandlungen zugestimmt hat und Duberly bleibt!“

„Der Teufel! – was kommt als Nächstes?“

„Raffden und Sternhold gehen zugunsten von Baldwin und Charlton, und in der Hoffnung, dass Sie Ihre Unterstützung leihen werden, um –“

„Ich!“, sagte Lord Mauleverer sehr wütend – „Ich leihe meine Unterstützung Baldwin, dem Jakobiner, und Charlton, dem Sohn eines Brauers!“

„Sehr wahr!“, fuhr Brandon fort. „Aber in der Hoffnung, dass Sie überzeugt werden könnten, die neuen Anordnungen mit einem nachsichtigen Auge zu betrachten, ist man im Gespräch, anstelle des Herzogs von für den vakanten Hosenbandorden und das Amt des Kammerherrn.“

„Das meinen Sie nicht!“, rief Mauleverer und fuhr aus seinem Bett hoch.

„Ein paar andere (aber, wie ich höre, hauptsächlich juristische) Beförderungen sollen vorgenommen werden. Unter anderem soll mein gelehrter Bruder, der Demokrat Sarsden, einen Seidenrock bekommen; Cromwell soll Generalstaatsanwalt werden; und unter uns gesagt, sie haben mir ein Richteramt angeboten.“

„Aber der Hosenbandorden!“, sagte Mauleverer, der den Rest der Nachrichten des Anwalts kaum hörte – „das ganze Ziel, Streben und Ehrgeiz meines Lebens. Wie wahrhaft gütig vom König! Schließlich“, fuhr der Graf lachend fort und warf sich zurück, „sind Meinungen veränderlich, Wahrheit ist nicht einheitlich. Die Zeiten ändern sich, nicht wir; und wir müssen Frieden statt Krieg haben!“

„Ihre Maximen sind unbestreitbar, und die Schlussfolgerung, zu der Sie kommen, ist ausgezeichnet“, sagte Brandon.

„Nun, Sie und ich, mein lieber Freund“, sagte der Graf, „die wir die Menschen kennen und die wir unser ganzes Leben in der Welt gelebt haben, müssen hinter den Kulissen über das Geschwätz lachen, das wir in Flitter wickeln und hinausschicken, um über die Bühne zu schreiten. Wir wissen, dass unser Coriolanus der Tory-Integrität ein von einer Prostituierten gehaltener Gefreiter ist und der Brutus der Whig-Freiheit ein Lakai, der wegen Diebstahls der Löffel aus dem Dienst gejagt wurde; aber wir dürfen das nicht der Welt erzählen. Also, Brandon, müssen Sie mir eine Rede für die nächste Sitzung schreiben, und sehen Sie zu, dass sie viele allgemeine Maximen enthält und mit ‚mein blutendes Vaterland!‘ endet.“

Der Anwalt lächelte. „Sie stimmen also der Ausweisung von Sternhold und Raffden zu? Denn das ist schließlich die Frage. Unser britisches Schiff, wie die verdammten Metaphern-Händler den Staat nennen, führt das öffentliche Wohl sicher im Bauch wie Branntwein; und erst wenn Angst, Sturm oder der Teufel die Schurken dazu bringen, sich untereinander zu streiten und die Fässer aufzubrechen, bekommt man mehr als einen Fingerhut voll auf einmal. Wir würden ewig weiter gegen den Rest der Welt kämpfen, wenn die Minister nicht angefangen hätten, untereinander zu kämpfen.“

„Was Sternhold betrifft“, sagte der Graf, „das ist ein vulgärer Hund, der für wirtschaftliche Reformen gestimmt hat. Außerdem kenne ich ihn nicht; er kann zum Teufel gehen, was mich betrifft; aber Raffden muss anständig behandelt werden, oder ich werde trotz des Hosenbandordens zu den Whigs zurückkehren, die immerhin erträgliche Abendessen geben.“

„Aber warum, mein Lord, muss Raffden besser behandelt werden als sein Mit-Widerspenstiger?“

„Weil er mir auf die bestmögliche Art ein Fass dieses wundervollen Madeira geschickt hat, den ich, wie Sie wissen, für die Hauptzierde meiner Keller halte, und er gab eine Kanalbauvorlage auf, die seine ganze Grafschaft bereichert hätte, als er wusste, dass es mein Eigentum geschädigt hätte. Nein, Brandon, verdammt das öffentliche Geschwätz! Wir wissen, was das ist. Aber wir sind Gentlemen, und unsere privaten Freunde dürfen nicht über Bord geworfen werden – es sei denn, wir tun es auf die höflichste Weise, die wir können.“

„Fürchten Sie nicht“, sagte der Anwalt; „Sie müssen nur das Wort sagen, und das Kabinett kann eine Gesandtschaft nach Owhyhee zusammenbrauen und Raffden mit einem Gehalt von fünftausend Pfund im Jahr dorthin schicken.“

„Ah! Das ist gut durchdacht; oder wir könnten ihm eine Schenkung von hunderttausend Morgen in einer der Kolonien geben oder ihn Kronland mit einem Abschlag von achtzig Prozent kaufen lassen. Also, das ist erledigt.“

„Und nun, mein lieber Freund“, sagte Brandon, „werde ich Ihnen offen sagen, warum ich so früh komme; ich muss eine hastige Antwort auf den Vorschlag geben, den ich erhalten habe, nämlich das Richteramt. Ihre Meinung?“

„Ein Richteramt! Sie ein Richter? Was! Ihre glänzende Karriere für eine so geringfügige Würde aufgeben? Sie scherzen!“

„Überhaupt nicht. Hören Sie zu. Sie wissen, wie erbittert ich diesen Frieden bekämpft habe und welch heiße Feinde ich mir unter den neuen Freunden der Regierung gemacht habe. Einerseits bestehen diese Feinde darauf, mich zu opfern; und andererseits, wenn ich im Unterhaus bliebe und für das spräche, was ich zuvor bekämpft habe, würde ich die Unterstützung eines großen Teils meiner eigenen Partei verwirken. Gehasst von der einen Seite und misstraut von der anderen, ist ein Sitz im Unterhaus kein Ziel mehr. Es wird vorgeschlagen, dass ich mich in die Würde eines Richters zurückziehe, mit dem positiven und zugesicherten, wenn auch geheimen Versprechen der ersten Vakanz unter den Chefs. Der Posten des Obersten Richters oder Obersten Barons ist in der Tat die einzige faire Vergütung für meinen Verzicht auf die Gewinne meines Berufs und die Aufgabe meiner parlamentarischen und juristischen Karriere; der Titel, der natürlich damit verbunden sein wird, könnte (zumindest durch einen Einsatz von Einfluss) an den ältesten Sohn meiner Nichte gehen – falls sie einen Bürgerlichen heiratete – oder“, fügte er nach einer Pause hinzu, „ihren zweiten Sohn, falls sie einen Peer heiratete.“

„Ha, wahr!“, sagte Mauleverer schnell und als ob er von einem plötzlichen Gedanken getroffen wäre; „und Ihre bezaubernde Nichte, Brandon, wäre jeder Ehre wert, sei es für ihre Kinder oder sie selbst. Sie wissen nicht, wie beeindruckt ich von ihr war. Es liegt etwas so Anmutiges in ihrer Schlichtheit; und in ihrer Art, die kleinen Unebenheiten von Warlock House zu glätten, lag eine so echte und so leichte Würde, dass ich erkläre, ich hielt mich fast für wieder jung und fähig zu dem Selbstbetrug, mich für verliebt zu halten. Aber, oh! Brandon, stellen Sie sich mich an der Tafel Ihres Bruders vor – mich, für den Ortolane zu substanziell sind und der, wenn ich trete, die geringste Ungleichheit in den Teppichen von Tournay spüre – stellen Sie sich mich, lieber Brandon, in einem schwarzen holzgetäfelten Raum vor, behangen mit Ihren Vorfahren in braunen Perücken mit Sträußchen im Knopfloch; ein riesiges Feuer auf der einen Seite und ein Durchzug auf der anderen; ein riesiger Rinderbraten vor mir, rauchend wie der Vesuv und doppelt so groß; ein Teller voll (der Teller war Zinn – gibt es nicht ein Metall, das so heißt?) von dieser vermischten Flamme und Lava, mir unter die Nase geschoben, und bei Strafe des Ungehorsams durch meinen eigenen Mund zu befördern; ein alter Herr in Cordhosen und Wollarbeitsstrümpfen, als Butler, der mir ein Kännchen Ale einschenkt, und Ihr werter Bruder, der mich fragt, ob ich nicht Portwein bevorzugen würde; ein magerer Lakai in Livree – eine solche Livree, ihr Götter! – scharlachrot, blau, gelb und grün, ein schlecht gemachter Regenbogen! – auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, der den ‚Lord‘ mit Augen und Mund gleichermaßen offen ansieht, groß genug, um mich zu verschlingen; und Ihr vortrefflicher Bruder selbst am Kopf des Tisches, leuchtend durch den Nebel des Rindfleischs wie die aufgehende Sonne auf einem Wirtshausschild; und dann, Brandon, wenden Sie sich von diesem Bild ab, erblicken Sie neben mir die faire, zarte, aristokratische, doch schlichte Lieblichkeit Ihrer Nichte, und – Aber Sie sehen zornig aus; habe ich Sie beleidigt?“

Es war höchste Zeit für Mauleverer, diese Frage zu stellen, denn während der gesamten Erzählung des Earls hatte das dunkle Gesicht seines Begleiters buchstäblich vor Zorn geglüht; und hier können wir beobachten, wie sehr der Egoismus, der den Weltmann ausmacht, seinen Besitzer durch eine Art Paradoxon daran hindert, ein vollendeter solcher zu sein. Denn Mauleverer, eingenommen von dem Vergnügen, das er an seinem eigenen Witz empfand, und ohne jene magische Sympathie für andere, die den unaufhörlich scharfen Beobachter ausmacht, hatte keinen Augenblick daran gedacht, dass er den verborgenen Stolz des Juristen bis aufs Blut beleidigte. Ja, er ahnte so wenig von Brandons wahren Schwächen, dass er ihn für einen Philosophen hielt, der gleichermaßen über Prinzipien wie über Menschen gelacht hätte, wie nahe ihm letztere auch stehen und wie wichtig erstere auch sein mochten. Indem er mit einer einzigen Anstrengung, die seine Wangen wieder in ihre gewohnte, ruhige Farbe zurückversetzte, die äußeren Zeichen seines Missfallens beherrschte, entgegnete Brandon:

„Sie beleidigen mich! Keineswegs, mein lieber Lord. Ich wundere mich nicht über Ihre schmerzliche Lage im Hause eines alten Landedelmanns, das seit Jahrhunderten keine Szenen mehr geboten hat, die der Gegenwart eines so ausgezeichneten Gastes würdig wären – niemals, darf ich sagen, seit der Zeit, als Sir Charles de Brandon die Elizabeth in Warlock bewirtete und Ihr Vorfahr (Sie kennen meine alten, verstaubten Studien zu diesen Fragen dunkler Altertümer), John Mauleverer, der ein bekannter Londoner Goldschmied war, das Silbergeschirr für diesen Anlass lieferte.“

„Treffend erwidert“, sagte Mauleverer lächelnd; denn obwohl der Earl eine große Verachtung für niedrige Herkunft in hohen Stellungen bei anderen Menschen hegte, war er völlig frei von Stolz auf seine eigene Familie – „treffend erwidert! Aber ich wollte nichts anderes, als über die Haushaltsführung Ihres Bruders lachen – ein Scherz, der einem Mann wohl erlaubt sein sollte, dessen eigene Wählerischkeit in diesen Dingen ein stehender Witz ist. Aber, beim Himmel, Brandon! um von diesen Themen abzukommen: Ihre Nichte ist das hübscheste Mädchen, das ich seit zwanzig Jahren gesehen habe; und wenn sie vergessen würde, dass ich der Nachkomme von John Mauleverer, dem bekannten Goldschmied aus London, bin, dann kann sie Lady Mauleverer werden, sobald es ihr beliebt.“

„Nun, lassen Sie uns ernst sein und über das Richteramt sprechen“, sagte Brandon, der vorgab, den Vorschlag als Scherz zu behandeln.

„Bei der Seele von Sir Charles de Brandon, ich meine es ernst!“ rief der Earl; „und als Beweis dafür hoffe ich, Sie werden mir erlauben, meiner Nichte heute meine Aufwartung zu machen – noch nicht mit meinem Antrag in der Hand, denn es muss auf beiden Seiten eine Liebesheirat sein.“ Und der Earl, der zu einem gegenüberliegenden Spiegel hinüberblickte, welcher seine hageren, aber ansehnlichen Züge unter seiner mit Mechelner Spitze besetzten Samtschlafmütze wiedergab, lachte halb triumphierend, während er sprach.

Ein höhnisches Lächeln huschte nur über Brandons Lippen und verschwand ebenso schnell wieder, während Mauleverer fortfuhr:

„Und was das Richteramt angeht, lieber Brandon, so rate ich Ihnen, es anzunehmen, obwohl Sie das am besten wissen; und ich glaube wirklich, kein Mann wird bessere Aussichten auf das Amt des Obersten Richters haben – oder, auch wenn es für ‚gewöhnliche‘ Anwälte etwas ungewöhnlich ist, warum nicht gleich den Lordkanzlerstuhl selbst? Wie Sie sagen, könnte der zweite Sohn Ihrer Nichte die Würde eines Peerage erben!“

„Nun, ich werde es wohlwollend in Betracht ziehen“, sagte Brandon; und kurz darauf verließ er den Adligen, damit dieser seine unterbrochene Ruhe fortsetzen konnte.

„Ich kann über diesen Mann nicht lachen“, sagte Mauleverer zu sich selbst, als er sich in seinem Bett umdrehte, „obwohl er vieles an sich hat, worüber ich bei einem anderen lachen würde; und bei Gott, es gibt eine kleine Sache, für die ich ihn wohl verachten könnte, wenn ich kein Philosoph wäre. Es ist ein hübsches Mädchen, seine Nichte, und mit der richtigen Anleitung könnte sie einem Ehre machen; außerdem hat sie 60.000 Pfund Bargeld; und bei Gott, ich habe keinen Schilling für mein eigenes Vergnügen, obwohl ich fünfzigtausend Pfund im Jahr für das meines Haushalts habe – oder ach, hatte! Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie die Erbin des Anwalts sein, und er muss mindestens genauso viel wie ihr Erbteil gemacht haben; noch dazu ist er, der arme Teufel, keine sehr gute Partie im Sinne der Lebensdauer. Außerdem, wenn er in den Adelsstand aufsteigt? Und der zweite Sohn – nun! nun! Es wird auch für den Nachkommen des Goldschmieds keine so schlechte Partie sein!“

Mit diesem Gedanken schlief Lord Mauleverer ein. Er stand gegen Mittag auf, kleidete sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt und war gerade im Begriff, Miss Brandon einen Besuch abzustatten, als ihm plötzlich einfiel, dass ihr Onkel weder ihre Adresse noch seine eigene erwähnt hatte. Er schlug in dem Schreiben des Anwalts vom Vorabend nach; keine Anschrift war darauf vermerkt; und Mauleverer sah sich mit großem Verdruss gezwungen, für diesen Tag auf das Vergnügen zu verzichten, das er sich versprochen hatte.

In Wahrheit war der vorsichtige Anwalt, der, wie wir bereits sagten, Pomp und Äußerlichkeiten ebenso sehr verachtete wie jeder andere, sich dennoch ihrer Wirkung selbst in den Augen eines Liebhabers bewusst; zudem war Lord Mauleverer jemand, dessen Lebensgewohnheiten geeignet waren, selbst bei den Unaufmerksamsten ein gewisses Maß an Wachsamkeit in Bezug auf häuslichen Prunk zu wecken. Brandon beschloss daher, dass Lucy von ihrem Verehrer erst besucht werden sollte, wenn der Umzug in ihre neue Bleibe vollzogen war; und erst am dritten Tag nach jenem, an dem Mauleverer das von uns aufgezeichnete Gespräch mit Brandon geführt hatte, erhielt der Earl ein Schreiben von Brandon, das sich scheinbar nur mit politischen Angelegenheiten befasste, aber mit der Adresse und Anschrift in vollständiger Form versehen war.

Mauleverer antwortete persönlich. Er traf Lucy zu Hause an, schöner denn je; und von diesem Tag an war sein Entschluss gefasst, wie die Mütter zu sagen pflegen, und seine Besuche wurden beständig.

KAPITEL XV.

Es gibt ein Fest, wo Ritter und Damen, und alles, was Reichtum oder hoher Adel beansprucht, erscheinen.

Er ist es – wie kam er dorthin? Was tut er hier? Lara.

Es gibt zwei bezaubernde Lebenslagen für eine Frau – die eine, die erste Frische als Erbin und Schönheit; die andere, die jugendliche Witwenschaft mit einer großen Leibrente. Es war zumindest Lucys Glück, die erste zu genießen. Kaum war sie in die glanzvolle Welt eingeführt, wurde sie zum Objekt allgemeiner Vergötterung. Menschenmengen folgten ihr, wohin sie sich auch bewegte; von nichts wurde gesprochen oder geträumt, auf nichts wurde angestoßen oder gewettet als auf Lucy Brandon; selbst ihre Schlichtheit und völlige Unkenntnis der Künste des feinen Lebens erhöhten den Glanz ihres Rufes. Irgendwie sind junge Leute des weiblichen Geschlechts selten ungebildet, selbst in ihren Exzentrizitäten; und oft liegt eine große Anmut in der Unerfahrenheit. Ihr Onkel, der sie überallhin begleitete und selbst kein unbedeutender Magnet für Aufmerksamkeit war, betrachtete ihren Erfolg mit einem zufriedenen Triumph, den er niemanden außer ihrem Vater oder ihr selbst entdecken ließ. Nichts hätte der glatten Kühle seines Wesens fremder erscheinen können als Stolz auf die Aufmerksamkeit, die eine Schönheit erregte, oder Jubel über irgendeine Gunst, die den Launen der Mode abgerungen wurde. Was den guten alten Squire betrifft, so hätte man ihn für weit kränklicher halten können als seinen Bruder. Er war kaum jemals zu sehen; denn obwohl er überallhin ging, gehörte er zu jenen Menschen, die in eine Ecke sinken, sobald sie ein Zimmer betreten. Wer ihn in seinem Versteck entdeckte, hielt die Hände aus und rief: „Gott steh mir bei! Sie hier! Wir haben Sie seit Ewigkeiten nicht gesehen!“ Hin und wieder, wenn in einer sehr dunklen Nische des Raumes ein Kartentisch aufgestellt worden war, mühte sich der würdige Herr durch ein unbedeutendes Whist-Spiel; aber häufiger saß er mit gefalteten Händen und offenem Mund da, zählte die Anzahl der Kerzen im Raum oder überlegte, „wann diese dumme Musik wohl vorbei wäre.“

Lord Mauleverer, obwohl ein kultivierter und höflicher Mann, dessen großes Ziel es notwendigerweise sein musste, sich beim Vater seiner angehenden Braut einzuschmeicheln, hatte ein Entsetzen davor, sich zu langweilen, das alle anderen Gefühle in seinem Geist übertraf. Er konnte sich daher nicht dazu durchringen, sich der melancholischen Pflicht zu unterziehen, den „langatmigen Reden“ des Squires zuzuhören. Er glitt immer an der Stelle des ehrlichen Mannes vorbei, scheinbar in größter Eile, mit einem: „Ah, mein lieber Herr, wie geht es Ihnen? Wie erfreut bin ich, Sie zu sehen! Und Ihre unvergleichliche Tochter? Oh, da ist sie ja! Verzeihen Sie mir, lieber Herr – Sie sehen meine Anziehungskraft.“

Lucy, die tatsächlich niemals jemanden vergaß (außer sich selbst gelegentlich), suchte den Rückzugsort ihres Vaters, so oft sie konnte; aber ihre Verpflichtungen waren so unaufhörlich, dass sie, kaum dass sie einen Partner verloren hatte, von einem anderen beansprucht und fortgeführt wurde. Der Squire ertrug seine Einsamkeit jedoch mit ziemlicher Heiterkeit und erklärte stets, dass er sich „sehr gut amüsiert habe; obwohl Bälle und Konzerte für jemanden, der von einem schönen alten Anwesen wie dem Warlock Manor-house kam, notwendigerweise ein wenig langweilig seien, und es nicht dasselbe sei, was jungen Damen gefalle (denn für sie mochte dieses Fiedeln und Kichern bis zwei Uhr morgens eine sehr hübsche Art sein, die Zeit totzuschlagen) und ihren Vätern!“

Was Lucys Berühmtheit beträchtlich steigerte, war die bemerkenswerte Beachtung und Bewunderung eines Mannes von so hohem Rang und Stand wie Lord Mauleverer. Jene Persönlichkeit, die sich noch viel von einem jugendlichen Geist und Temperament bewahrt hatte und die von Natur aus eher sorglos als hochmütig war, wahrte in ihrem Umgang mit den gesellschaftlichen Vergnügungssüchtigen in Bath wenig oder gar keine Etikette. Es kümmerte ihn nicht, wohin er ging, solange er nur im Gefolge der jungen Schönheit war; und der wählerischste Adlige des englischen Hofes wurde in jeder zweit- und drittklassigen Gesellschaft eines großen Kurortes gesehen – als Begleiter, als Flirt und oft als Gespött der Tochter eines unbedeutenden und fast unbedeutenden Landedelmanns. Trotz der Ehre eines so vornehmen Verehrers und trotz all der Neuheiten ihrer Lage war das hübsche Köpfchen von Lucy Brandon bis jetzt jedoch vollkommen unverdreht; und was ihr Herz betraf, so war der einzige Eindruck, den es jemals empfangen hatte, von jenem wandernden Gast des Dorfpfarrers gemacht worden, den sie nie wieder gesehen hatte, der ihr aber dennoch im Gedächtnis blieb, ausgestattet nicht nur mit all den Reizen, die er aufgrund einer außergewöhnlich gutaussehenden Gestalt besaß, sondern auch mit solchen, auf die er niemals Anspruch erheben konnte – was für ihren Frieden umso gefährlicher war, eben weil sie ihrem eigenen Wunschdenken entsprangen und nicht seinen Verdiensten.

Sie waren nun schon einige Zeit in Bath, und Brandons kurzer Urlaub war so gut wie abgelaufen, als ein öffentlicher Ball von ungewöhnlicher und vielfältiger Anziehungskraft angekündigt wurde. Er sollte nicht nur durch die Anwesenheit aller umliegenden Familien beehrt werden, sondern auch durch die der königlichen Familie selbst; denn es ist eine anerkannte Tatsache, dass die Leute viel besser tanzen und viel mehr zu Abend essen, wenn ein Verwandter eines Königs anwesend ist.

„Ich muss für diesen Ball bleiben, Lucy“, sagte Brandon, der nach einem Tag bei Lord Mauleverer in einer Stimmung heimkehrte, die heiterer als gewöhnlich war – „ich muss für diesen einen Ball bleiben, Lucy, und deinen vollständigen Triumph miterleben, auch wenn es notwendig sein wird, dich schon am nächsten Morgen zu verlassen.“

„So bald!“ rief Lucy.

„So bald!“ wiederholte der Onkel mit einem Lächeln. „Wie gut von dir, so zu einem alten Hypochonder zu sprechen, dessen Gesellschaft dich zu Tode gelangweilt haben muss! Nein, keine hübschen Dementis! Aber das große Ziel meines Besuchs an diesem Ort ist erreicht: Ich habe dich gesehen, ich habe dein Debüt in der großen Welt miterlebt, mit, ich darf sagen, mehr als väterlichem Stolz, und ich kehre zu meinen trockenen Beschäftigungen zurück mit der Genugtuung, dass unser alter und verdorrter Stammbaum eine Blüte hervorgebracht hat, die seines frischesten Tages würdig ist.“

„Onkel!“ sagte Lucy tadelnd und hob ihren schlanken Finger mit einem schelmischen Lächeln, das sich mit einer Röte vermischte, in der die Eitelkeit einer Frau sprach, ohne dass sie es selbst wusste.

„Und warum dieser Blick, Lucy?“ sagte Brandon.

„Weil – weil – nun, es macht nichts! Du bist in dem Handwerk erzogen worden, in dem, wie du selbst sagst, Männer für andere Unwahrheiten erzählen, bis sie alle Wahrheit für sich selbst verlieren. Aber lass uns von dir sprechen, nicht von mir; bist du wirklich gesund genug, uns zu verlassen?“

So einfach und fast kühl die Worte von Lucys Frage schriftlich erscheinen, so zärtlich und besorgt klangen sie in ihrem Mund, dass Brandon, der weder Freund noch Ehefrau noch Kind hatte, noch jemanden in seinem Haushalt, bei dem Interesse an seiner Gesundheit oder seinem Wohlergehen eine Selbstverständlichkeit war, und der daher den Tonfall der Güte überhaupt nicht gewohnt war, sich plötzlich berührt und getroffen fühlte.

„Warum, in der Tat, Lucy“, sagte er mit einer weniger künstlichen Stimme als der, in der er gewöhnlich sprach, „ich würde noch gerne von deiner Fürsorge profitieren und meine Gebrechen und Schmerzen in deiner Gesellschaft vergessen; aber ich kann es nicht: Der Strom der Ereignisse, wie der der Natur, wartet nicht auf unser Vergnügen!“

„Aber wir können uns unsere eigene Zeit nehmen, um die Segel zu setzen!“ sagte Lucy.

„Ja, das kommt vom Reden in Metaphern“, entgegnete Brandon lächelnd; „diejenigen, die damit anfangen, ziehen immer den Kürzeren. In klaren Worten, liebe Lucy, ich kann meinen eigenen Leiden keine Zeit mehr widmen. Ein Anwalt kann während der Gerichtszeiten nicht schwänzen, ohne –“

„Ein paar Guineen zu verlieren!“ sagte Lucy und unterbrach ihn.

„Schlimmer als das – seine Praxis und seinen Namen.“

„Besser das als Gesundheit und Seelenfrieden.“

„Weg mit dir, nein!“ sagte Brandon schnell und fast heftig. „Wir verschwenden die ganze Frische und Markkraft unseres Lebens damit, nach einer angesehenen Sklaverei zu streben; und wenn sie erreicht ist, dürfen wir nicht denken, dass eine bescheidene Unabhängigkeit besser gewesen wäre. Wenn wir diesen Gedanken jemals zulassen, was für Narren, was für verschwenderische Narren wir gewesen sind! Nein!“ fuhr Brandon nach einer kurzen Pause fort, und in einem Tonfall, der milder und heiterer war, wenn auch nicht weniger bezeichnend für die Starrsinnigkeit des Mannes, „nachdem ich alle Freuden der Jugend und die Muße des Mannesalters verloren habe, damit im Alter der Geist, der alles erobernde Geist, sich endlich Bahn bricht in die anerkennenden Meinungen der Menschen, wäre ich wahrlich ein verweichlichter Müßiggänger, würde ich zulassen, dass dieser schwache Körper – solange seine zusammenhängenden Teile halten oder solange ich die Macht habe, seine Glieder zu befehligen – die Arbeit seines besseren und edleren Teils vereitelt und dasjenige befiehlt, dem er dienen soll.“

Lucy wusste nicht, während sie halb in Furcht, halb in Bewunderung ihrem eigenartigen Verwandten zuhörte, dass in genau dem Moment, als er so sprach, seine Krankheit in einer ihrer gnadenlosesten Phasen an ihm zehrte, ohne dass es ihr gelang, ihm auch nur ein äußeres Zeichen seiner Qual zu entlocken. Aber sie brauchte nichts, um ihr Mitleid und ihre Zuneigung für einen Mann zu verstärken, der aufgrund seiner gewöhnlichen, weltlichen und kalten Art, die er nach außen hin zeigte, niemals versäumte, einen unauslöschlichen Eindruck bei allen zu hinterlassen, die jemals gesehen hatten, wie dieses Temperament von tieferen, wenn auch oft von böseren Gefühlen durchbrochen wurde.

„Wirst du zu Lady --------s Empfang gehen?“ fragte Brandon und glitt leicht wieder zu alltäglichen Themen zurück. „Lord Mauleverer bat mich, dich zu fragen.“

„Das hängt von dir und meinem Vater ab.“

„Wenn es von mir abhängt, antworte ich ja“, sagte Brandon. „Ich höre Mauleverer gerne zu, besonders unter Leuten, die ihn nicht verstehen. Es liegt ein raffinierter und subtiler Sarkasmus in den Gemeinplätzen seiner Unterhaltung, der die guten Toren schneidet wie das unsichtbare Schwert in der Fabel, das Köpfe abtrennte, ohne bei den Eigentümern ein anderes Gefühl als ein angenehmes und selbstgefälliges Kitzeln zu erzeugen. Wie unermesslich überlegen ist er in Art und Auftreten allen, die wir hier treffen! Fällt dir das nicht auf?“

„Ja – nein – ich kann nicht gerade sagen, dass es das tut“, entgegnete Lucy.

„Ist diese Verwirrung zärtlich?“ dachte Brandon.

„Kurz gesagt“, fuhr Lucy fort, „Lord Mauleverer ist jemand, den ich ohne Faszination ansprechend und ohne Brillanz amüsant finde. Er ist offensichtlich geistreich und von graziösem Auftreten, und obendrein die uninteressanteste Person, die ich je getroffen habe.“

„Frauen haben das nicht oft so gesehen“, sagte Brandon. „Ich kann nicht glauben, dass sie anders denken können.“

Ein gewisser Ausdruck, der an Hohn grenzte, spielte über Brandons harte Züge. Es war ein bemerkenswerter Zug an ihm, dass er, während er am meisten darauf bedacht war, Lucy eine günstige Meinung von Lord Mauleverer einzuflößen, niemals ganz in der Lage war, eine gewisse Befriedigung bei jedem Scherz auf Kosten des Earls oder bei jeder Meinung, die seinem allgemeinen Ruf, dem anderen Geschlecht zu gefallen, abträglich war, zu verbergen; und diese Befriedigung war, kaum empfunden, sogleich bekämpft durch den Ärger, den er darüber empfand, dass Lucy seinen eigenen Wunsch, sie solle die Frau des Höflings werden, nicht zu teilen schien. Es schien, als gäbe es in dieser Hinsicht einen Wettstreit in seinem Geist zwischen Interesse auf der einen Seite und persönlicher Abneigung oder Verachtung auf der anderen.

„Du beurteilst Frauen falsch!“ sagte Brandon. „Damen kennen einander nie; von allen Personen ist Mauleverer am besten geeignet, sie zu gewinnen, und die Erfahrung hat meine Behauptung bewiesen. Das stolzeste Los, das ich für eine Frau kenne, wäre die vollständige Eroberung von Lord Mauleverer; aber es ist unmöglich. Er mag galant sein, aber er wird niemals bezwungen werden. Er trotzt der ganzen weiblichen Welt, und das mit Recht und Straflosigkeit. Genug von ihm. Sing mir etwas vor, liebe Lucy.“

Die Zeit für den Ball nahte; und Lucy, die ein bezauberndes Mädchen war und nichts von einem Engel an sich hatte, liebte die Fröhlichkeit, das Tanzen, die Musik und die Bewunderung genug, um ihr Herz in Erwartung des Ereignisses höher schlagen zu lassen.

Endlich kam der Tag selbst. Brandon speiste allein mit Mauleverer, nachdem er die Vereinbarung getroffen hatte, dass er zusammen mit dem Earl seinen Bruder und seine Nichte auf dem Ball treffen würde. Mauleverer, der staatstragendes Gehabe hasste, außer bei großen Anlässen, bei denen niemand es mit mehr Anmut zur Schau stellte, ließ seine Diener niemals beim Abendessen aufwarten, wenn er allein war oder mit einem seiner besonderen Freunde. Die Bediensteten blieben draußen und wurden nach Belieben durch eine Glocke herbeigerufen, die neben dem Gastgeber lag.

Das Gespräch war ungezwungen.

„Ich bin vollkommen sicher, Brandon“, sagte Mauleverer, „dass Sie, wenn Sie einigermaßen gut leben würden, Ihre nervösen Beschwerden bald überwinden würden. Es ist alles Blutarmut, glauben Sie mir. Noch etwas von den Flossen, eh? – Nein! Oh, verdammt sei Ihre Enthaltsamkeit; es ist verdammt unfreundlich, so wenig zu essen! Apropos Flossen und Freunde, der Himmel bewahre mich davor, jemals wieder eine Vertrautheit mit einem pedantischen Epikureer einzugehen, besonders wenn er Wortspiele macht!“

„Warum, was hat ein Pedant mit Flossen zu tun?“

„Ich werde es Ihnen sagen – ah, dieser Madeira – ich schlug Lord Dareville, der den Gourmet spielt, vor, was für eine großartige Sache ein Gericht nur aus Flossen (Steinbuttflossen) sein könnte. 'Großartig!' sagte er begeistert; 'essen Sie es morgen mit mir.' 'Volontiers!' sagte ich. Am nächsten Tag, nachdem ich den ganzen Morgen in einer angenehmen Träumerei darüber geschwelgt hatte, wie Darevilles Koch, der nicht ohne Genie ist, die großartige Idee umsetzen würde, begab ich mich pünktlich zu meiner Verabredung. Würden Sie es glauben? Als der Deckel abgenommen wurde, hatte der frevelhafte Hund von einem Gastgeber Ciceros 'De Finibus' in die Schüssel gelegt. 'Da ist ein Werk voller Flossen!' sagte er.“ „Abscheulicher Scherz!“ rief Brandon feierlich aus.

„War er nicht? Wann immer die Gastronomen eine religiöse Inquisition einrichten, hoffe ich, dass sie jeden gottlosen Schurken rösten, der das göttliche Mysterium mit Leichtsinn behandelt. Wortspiele über das Kochen, wirklich! Apropos Dareville, er soll in die Regierung eintreten.“

„Sie erstaunen mich!“ sagte Brandon. „Das habe ich nie gehört; ich kenne ihn nicht. Er hat sehr wenig Macht; hat er irgendein Talent?“

„Ja, ein sehr großes – erworben, wohlgemerkt.“

„Was ist es?“

„Eine hübsche Frau!“

„Mein Lord!“ rief Brandon abrupt aus und erhob sich halb von seinem Sitz.

Mauleverer sah hastig auf und lief tiefrot an, als er den Ausdruck im Gesicht seines Begleiters sah; es herrschte für einige Augenblicke Schweigen.

„Sagen Sie mir“, sagte Brandon gleichgültig, während er sich Gemüse nahm, denn Fleisch rührte er selten an; und ein amüsanterer Kontrast lässt sich kaum vorstellen als der zwischen dem ernsthaften Epikureismus Mauleverers und der gleichgültigen Verachtung für die erhabene Kunst, die sein Gast an den Tag legte – „sagen Sie mir, Sie, der notwendigerweise alles weiß, ob die Regierung wirklich feststeht – ob Sie das Hosenbandorden-Abzeichen bekommen und ich (beachten Sie den Unterschied!) das Richteramt.“

„Nun, so, nehme ich an, wird es arrangiert werden; nämlich, wenn Sie einwilligen, die Schurken aufzuhängen, anstatt von den Narren zu leben!“

„Man kann beides vereinen!“ erwiderte Brandon. „Aber ich glaube, im Allgemeinen ist es umgekehrt; denn wir leben von den Schurken, und nur die Narren können wir aufhängen. Sie fragen mich, ob ich das Richteramt annehmen werde. Ich würde nicht – nein, ich würde mir lieber die Hand abhacken“, und der Anwalt sprach mit großer Bitterkeit, „meine derzeitige Laufbahn aufgeben, trotz all der Hindernisse, die sie jetzt belasten, wenn ich glaubte, dass dieser elende Körper mir erlauben würde, sie noch zwei Jahre länger zu verfolgen.“

„Sie schockieren mich!“, sagte Mauleverer, ein wenig bewegt, doch während er mit seiner gewohnt unfehlbaren Taktgefühl-Präzision das Cayennepfeffer auf seine Gurke streute: „Sie schockieren mich; aber Sie sind bedeutend besser, als Sie es waren.“

„Es ist nicht“, fuhr Brandon fort, der eher zu sich selbst sprach als zu seinem Freund, „es ist nicht so, dass ich unfähig wäre, den Schmerz zu bezwingen und die abtrünnigen Nerven zu meistern; aber ich fühle, wie ich unter der ständigen Anstrengung meiner verbliebenen Kräfte schwächer und schwächer werde, und ich werde sterben, bevor ich die Hälfte meiner Ziele erreicht habe, wenn ich die Arbeiten nicht aufgebe, die mich buchstäblich in Stücke reißen.“

„Aber“, sagte Lord Mauleverer, der der untätigste aller Männer war, „das Richteramt ist kein leichtes Pfründnerdasein.“

„Nein; aber in dieser Stellung gibt es weniger Anforderungen an den Geist als in meiner jetzigen“, und Brandon hielt inne, bevor er fortfuhr. „Offen gesagt, Mauleverer, Sie glauben doch nicht, dass sie mich täuschen werden – Sie glauben doch nicht, dass sie mich diesem politischen Tod überlassen wollen, ohne ein 'Resurgam' auf das Grabwappen zu schreiben?“

„Das wagen sie nicht!“, sagte Mauleverer und stürzte sein viertes Glas Madeira hinunter.

„Nun, ich habe mich für meinen Lebenswandel entschieden“, sagte der Anwalt mit einem leichten Seufzer.

„So auch ich für meinen Meinungswechsel“, stimmte der Graf ein. „Ich will Ihnen sagen, woran mich Meinungen erinnern.“

„Woran?“, fragte Brandon geistesabwesend.

„An Bäume!“, antwortete Mauleverer wunderlich. „Wenn sie durch Stehenbleiben nützlich gemacht werden können, trennen Sie sich nicht von einem Zweig; aber wenn sie von einem Wuchs sind, der sich gut verkauft, oder wann immer sie eine schöne Aussicht versperren, fällen Sie sie und schaffen Sie sie auf jede erdenkliche Weise fort! Und nun zum zweiten Gang.“

„Ich frage mich“, sagte der Graf, als unsere politischen Würdenträger wieder allein waren, „ob es jemals einen Minister gab, der sich einen Deut um das Volk scherte; viele sorgen sich um ihre Partei, aber was das Land angeht –“

„Das ist alles Kokolores!“, fügte der Anwalt mit mehr Bedeutung als Anmut hinzu.

„Richtig; es ist alles Kokolores, wie Sie es treffend ausdrücken. König, Verfassung und Kirche für immer! Was, wohl ausgelegt, bedeutet: erstens König oder Einfluss der Krone, Richterämter und Hosenbandorden; zweitens Verfassung oder Gebühren für den Anwalt, Posten für den Staatsmann, Gesetze für die Reichen und Wilddiebstahlgesetze für die Armen; drittens Kirche oder Pfründen für unsere jüngeren Söhne und Hungerdasein für deren Vikare!“

„Ha, ha!“, sagte Brandon und lachte sardonisch; „wir kennen die menschliche Natur!“

„Und wie man sie hinters Licht führen kann!“, sagte der Höfling. „Hier ist ein Hoch auf Ihre Nichte; und möge es nicht lange dauern, bis Sie sie als die Braut Ihres Freundes begrüßen dürfen!“

„Braut, et cetera“, sagte Brandon mit einem spöttischen Lächeln, das nur seiner eigenen Befriedigung galt. „Aber merken Sie sich meine Worte, mein lieber Lord, seien Sie sich ihrer nicht zu sicher. Sie ist ein eigenwilliges Mädchen und unabhängiger als die Mehrheit der Frauen. Sie wird nicht an Ihren Rang und Stand denken, wenn sie Sie einschätzt; sie wird nur an deren Besitzer denken; und verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen, der das Geschlecht so gut kennt, einen Plan vorschlage, den zu verfolgen nicht unratsam sein mag. Lassen Sie sie nicht glauben, Sie seien ganz ihr eigen; wecken Sie ihre Eifersucht, stacheln Sie ihren Stolz an, lassen Sie sie glauben, Sie seien unbezwingbar, und wenn sie nicht anders ist als alle anderen Frauen, wird sie Sie erobern wollen.“

Der Graf lächelte. „Ich muss es darauf ankommen lassen!“, sagte er mit zuversichtlichem Tonfall.

„Der greise Geck!“, murmelte Brandon zwischen den Zähnen; „nun wird seine Torheit alles verderben.“

„Und das erinnert mich daran“, fuhr Mauleverer fort, „dass die Zeit schwindet und das Abendessen noch nicht vorüber ist; lassen Sie uns nicht eilen, sondern schweigen, um es umso mehr zu genießen. Diese Trüffel in Champagner – probieren Sie sie doch; sie würden die Toten auferwecken.“

Der Anwalt lächelte und nahm die Freundlichkeit an, obwohl er die Delikatesse unberührt ließ; und Mauleverer, dessen Seele auf seinem Teller lag, bemerkte die herzlose Zurückweisung nicht.

Währenddessen hatte die jugendliche Schönheit bereits den Schauplatz des Vergnügens betreten und saß nun mit dem Gutsherrn am oberen Ende des halb gefüllten Ballsaals.

Eine vergnügungssüchtige Dame der damaligen Mode und jenem halbseidenen Stand zugehörig, zu dem die Aristokratie von Bath gehörte – eine jener kuriosen Personen, denen wir in den bewundernswerten Romanen von Miss Burney als Angehörige der feinen Damenwelt begegnen –, bildete das Trio mit unserer Erbin und ihrem Vater und wies ihnen namentlich die verschiedenen Charaktere nach, die den Saal betraten. Sie war noch mitten im vollen Strom des Klatsches, als in der Umgebung der Tür eine ungewöhnliche Regung bemerkbar wurde; drei Fremde von ausgeprägter Miene, auffälliger Kleidung und einem Auftreten, das, obwohl bei jedem verschieden, bei allen gleichermaßen durch eine Art „schneidiger“ Sicherheit bemerkenswert war, machten ihren Einzug. Einer war von ungewöhnlicher Größe und besaß einen außerordentlich schönen Schopf Haar; ein anderer hatte ein ruhigeres und anspruchsloseres Aussehen, trug aber dennoch einen überheblichen, wenn auch nicht übel gelaunten Ausdruck im Gesicht; der dritte war viele Jahre jünger als seine Gefährten, auffallend hübsch in Gesicht und Gestalt, insgesamt von besserem Geschmack in der Kleidung und besaß ein Benehmen, das, obwohl es ebenso ungezwungen war, nicht gleichermaßen durch Unverschämtheit und Prahlerei auffiel.

„Wer mag das wohl sein?“, sagte Lucys Freundin mit staunendem Ton. „Ich habe sie noch nie zuvor gesehen – es müssen große Leute sein – sie haben das ganze Gebaren von Standespersonen! Himmel, wie sonderbar, dass ich sie nicht kenne!“

Während die gute Dame, die wie alle guten Damen dieses Schlages glaubte, Standespersonen hätten Gebaren, so ihre Unkenntnis über die Neuankömmlinge beklagte, kursierte bereits ein allgemeines Flüstern ähnlicher Art durch den Raum: „Wer sind sie?“, und die allgemeine Antwort lautete: „Kann ich nicht sagen – noch nie zuvor gesehen!“

Unsere Fremden schienen keineswegs unzufrieden mit dem offensichtlichen und unmittelbaren Eindruck, den sie gemacht hatten. Sie standen am auffälligsten Teil des Raumes und erfreuten sich an einem leisen Gespräch untereinander, das häufig von Lachanfällen unterbrochen wurde – Anzeichen, wie wir nicht hinzufügen müssen, ihrer überaus guten Kinderstube. Die hübsche Gestalt des jüngsten Fremden und die einfache und scheinbar unbewusste Anmut seiner Haltung waren jedoch nicht unwürdig der Bewunderung, die er erregte; und selbst sein Lachen, so derb es auch war, zeigte ein so blendendes Gebiss und wurde von solch strahlenden Augen begleitet, dass es kaum eine junge Dame unter neununddreißig Jahren gab, die nicht geneigt gewesen wäre, sich in ihn zu verlieben, bevor er zehn Minuten im Raum war.

Anscheinend unbekümmert um die verschiedenen Bemerkungen, die an ihre Ohren drangen, schlenderten unsere Fremden, nachdem sie von ihrem Standort aus die Schönheiten des Balls hinreichend gemustert hatten, Arm in Arm durch die Räume. Nachdem sie durch den Ball- und den Kartensaal geschlendert waren, passierten sie die Tür, die zum Eingangskorridor führte, und starrten mit anderen Herumlungernden auf die Neuankömmlinge, die die Treppe hinaufstiegen. Hier erneuerten die beiden jüngeren Fremden ihr geflüstertes Gespräch, während der Älteste, der auch der Größte war, sorglos an die Wand gelehnt, sich einige Augenblicke damit beschäftigte, seine Finger durch sein Haar zu fahren. Beim Beenden dieser Beschäftigung drängte sich der eigentümliche Zustand seiner Manschetten der Beobachtung unseres Herrn auf, der, nachdem er einige Augenblicke auf einen neidischen Riss in der rechten Manschette gestarrt hatte, einige undeutliche Worte murmelte, wie „der Hahn dieser verdammten Pistole“, und dann das verstümmelte Schmuckstück mit einer besonders flinken Bewegung der Finger seiner linken Hand hochsteckte; im nächsten Augenblick, abgelenkt durch eine neue Sorge, wandte der Fremde seine digitalen Glieder dem Ordnen und Streicheln einer bemerkenswert prächtigen Brosche zu, die im Busen eines Hemdes steckte, dessen grobe Textur einen sonderbaren Kontrast zu der Pracht der Verzierung und der Feinheit der einen Manschette bildete, die unser moderner Hyperion unter seinem zimtfarbenen Rockärmel zum Vorschein kommen ließ. Diese kleinen persönlichen Vorkehrungen abgeschlossen und eine blendende Schnupftabakdose aus der Enge einer Seitentasche befreit, dreimal beklopft und von zwei Prisen ihres kitzelnden Luxus erleichtert, richtete der Fremde nun, mit dem wachsamen Auge der Freundschaft, einen suchenden Blick auf die Kleidung seiner Freunde. Dort schien alles seiner strengsten Prüfung würdig, außer dass der überheblich aussehende Fremde, der gerade seine Handschuhe hervorgezogen hatte, das Futter seiner Manteltasche – das obendrein ziemlich schmutzig war – nicht wieder an seinen inneren Platz zurückgebracht hatte; der große Fremde, der diese kleine Uneleganz bemerkte, stieß freundlich mit einem plötzlichen und leichten Tauchgang drei Finger in die Tasche seines Freundes und wehrte wirksam die Vorwitzigkeit des aufdringlichen Futters ab. Der überhebliche Fremde fuhr bei der Berührung zusammen und flüsterte seinem geschäftigen Begleiter zu:

„Was! Unter Freunden, Ned! Pfui, zügle deine Natur für mindestens eine Nacht.“

Bevor der mit den fließenden Locken antworten konnte, trat der Zeremonienmeister, der die Fremden seit drei Minuten durch sein Monokel gemustert hatte, mit einer gleitenden Verbeugung vor; und der gutaussehende Herr, der die Überlegenheit und den Vorrang vor seinen Kameraden für sich beanspruchte, erwiderte als Erster die Höflichkeit. Er tat dies mit so viel Anmut und einem so erfreulichen Gesichtsausdruck, dass der Zensor der Verbeugungen sofort bezaubert war und mit einer zweiten, tieferen Verbeugung sich selbst und sein Amt ankündigte. „Sie möchten wahrscheinlich tanzen, meine Herren?“, fragte er, wobei er jeden ansah, seine Worte aber an denjenigen richtete, der ihn eingenommen hatte.

„Sie sind sehr gütig“, sagte der stattliche Fremde; „und meinerseits werde ich Ihnen für die Ausübung Ihrer Kräfte in meinem Namen äußerst verbunden sein. Erlauben Sie mir, mit Ihnen zum Ballsaal zurückzukehren, und ich kann Ihnen dort die Objekte meiner besonderen Bewunderung zeigen.“

Der Zeremonienmeister verneigte sich wie zuvor, und er und sein neuer Bekannter schlenderten, gefolgt von den beiden Kameraden des Letzteren, in den Ballsaal.

„Sind Sie schon lange in Bath, mein Herr?“, erkundigte sich der Monarch der Räume.

„Nein, wahrlich nicht! Wir sind erst heute Abend angekommen.“

„Aus London?“

„Nein; wir haben eine kleine Reise durch das Land gemacht.“

„Ah! Sehr angenehm, dieses schöne Wetter.“

„Ja; besonders abends.“

„Oho! Romantisch!“, dachte der Mann der Bälle, während er laut hinzufügte: „Nun, die Nächte sind angenehm, und der Mond ist uns besonders gewogen.“

„Nicht immer!“, sagte der Fremde.

„Wahr, wahr, vorgestern Nacht war es dunkel; aber im Allgemeinen war der Mond doch sicher sehr hell.“

Der Fremde wollte antworten, hielt sich aber zurück und neigte einfach den Kopf zur Zustimmung.

„Ich frage mich, wer sie sind!“, dachte der Zeremonienmeister. „Sagen Sie, mein Herr“, sagte er mit leiser Stimme, „ist dieser Herr, dieser große Herr, in irgendeiner Weise mit Lord ---------- verwandt? Ich kann nicht umhin zu glauben, eine familiäre Ähnlichkeit zu sehen.“

„Keineswegs mit seiner Lordschaft verwandt“, antwortete der Fremde; „aber er entstammt einer Familie, die in der Welt von sich reden gemacht hat; obwohl er, genau wie mein anderer Freund, lediglich ein Bürgerlicher ist!“, wobei er das letzte Wort betonte.

„Nichts, mein Herr, kann achtbarer sein als ein Bürgerlicher von Geblüt“, erwiderte der höfliche Mr. ------- mit einer Verbeugung.

„Ich stimme Ihnen zu, mein Herr“, antwortete der Fremde mit einer weiteren. „Aber, Himmel!“ – und der Fremde fuhr zusammen; denn in diesem Moment erblickte sein Auge zum ersten Mal am anderen Ende des Raumes das jugendliche und strahlende Antlitz von Lucy Brandon – „Sehe ich recht, oder ist das Miss Brandon?“

„Es ist tatsächlich diese liebliche junge Dame“, sagte Mr. -------. „Ich gratuliere Ihnen dazu, eine so Bewunderte zu kennen. Ich nehme an, da Sie mit ihr bekannt sind, bedürfen Sie nicht der Formalität meiner Einführung?“

„Hm!“, sagte der Fremde ziemlich kurz und unhöflich. „Nein! Vielleicht ist es besser, Sie stellen mich vor!“

„Auf welchen Namen soll ich diese Ehre haben, mein Herr?“, erkundigte sich der Nomenklator diskret.

„Clifford!“, antwortete der Fremde; „Captain Clifford!“ Daraufhin bahnte sich der vornehme Zeremonienmeister seinen Weg durch den nun schnell voll werdenden Raum und näherte sich Lucy, um Mr. Cliffords Bitte zu erfüllen. Unterdessen hielt jener Herr, bevor er den Schritten des Schutzgeistes des Ortes folgte, inne und sagte zu seinen Freunden in einem Ton, der sorglos, aber nicht ohne Befehl war: „Hört her, meine Herren; erweist mir den Gefallen, so höflich und schweigsam zu sein, wie ihr könnt; und drängt euch mir nicht auf, wie ihr es zu tun pflegt, wann immer ihr keine Gelegenheit seht, mir diese Ehre mit dem geringsten Anschein von Anstand zu erweisen!“ So sprechend, und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Mr. Clifford dem Zeremonienmeister hinterher.

„Unser Freund wird mächtig gebieterisch!“, sagte der lange Ned, den unsere Leser bereits in dem großen Fremden wiedererkannt haben.

„Das ist die Art der aufstrebenden Genies“, antwortete der moralisierende Augustus Tomlinson. „Angenommen, wir gehen in den Kartensaal und spielen eine Partie!“

„Gut gedacht“, sagte Ned gähnend – eine Sache, die er in Gesellschaft sehr gerne tat; „und ich wünsche denjenigen, die sich an unseren Partien versuchen, nichts Schlimmeres, als dass sie ordentlich von ihnen ausgenommen werden.“ Nach diesem Witz stolzierte der Koloss der Straßen, auf den Spiegel blickend, Arm in Arm mit seinem Begleiter in den Kartensaal.

Während dieses kurzen Gesprächs war die Wiedereinführung von Mr. Clifford (dem Fremden vom Pfarrhaus und Retter von Dr. Slopperton) bei Lucy Brandon erfolgt, und die Hand der Erbin war, dem Brauch jener Zeit entsprechend, bereits für die zwei folgenden Tänze vergeben.

Es war etwa zwanzig Minuten nach der oben genannten Vorstellung, dass Lord Mauleverer und William Brandon die Räume betraten; und das Gemurmel hatte sich kaum gelegt, bevor die königliche Persönlichkeit, die die „festliche Szene“ (wie die Zeitungen über einen großen Raum mit vielen elend aussehenden Menschen sagen) zieren sollte, eintraf. Die attraktivsten Personen Europas finden sich in der königlichen Familie von England, und die große Persönlichkeit, die damals in Bath weilte, wollte infolge gewisser politischer Intrigen gerade zu jener Zeit so beliebt wie möglich werden. Nachdem er die Runde bei den alten Damen gemacht und ihnen versichert hatte, wie das „Court Journal“ den alten Damen heutzutage versichert, dass sie „Morgensterne“ und „schwanengleiche Wunder“ seien, erspähte der Prinz Brandon und winkte ihm sofort mit einer vertrauten Geste zu. Der sanfte, aber finstere Anwalt näherte sich der königlichen Gegenwart mit der ihm eigenen Art, die in nicht unanmutiger Mischung eine Art Steifheit, die in der Menge als angeborene Unabhängigkeit galt, mit einer geschmeidigen Einschmeichelung verband, die gewöhnlich als Zeichen latenter Herzensgüte angesehen wurde. Es lag tatsächlich etwas in Brandons Auftreten, das den Großen stets gefiel; und sie mochten ihn umso mehr, weil er zwar auf keinen müßigen politischen Standpunkten beharrte, bloßen Differenzen in der Sichtweise um Haaresbreite – wie etwa ein Korngesetz oder eine katholische Gesetzesvorlage, Änderungen in der Kirche oder eine Parlamentsreform –, aber dennoch stets so wie ein Ehrenmann sprach (außer wenn er mit Mauleverer zusammen war), dass seine Urbanität wie Anhänglichkeit an Individuen und seine Zugeständnisse an die Macht wie Opfer privater Meinung wirkten, um seinen Freunden zu Gefallen zu sein.

„Es freut mich in der Tat sehr“, sagte die königliche Persönlichkeit, „Mr. Brandon wieder so viel besser aussehen zu sehen. Nie hatte die Krone seine Dienste dringender nötig; und wenn das Gerücht nicht lügt, werden sie bald in einer anderen Abteilung seines Berufsstandes benötigt werden.“

Brandon verneigte sich und antwortete:

„Wenn es Eurer königlichen Hoheit gefällt, so werden sie immer dem Befehl eines Königs zu Diensten sein, von dem ich so viel Güte erfahren habe, in jeder Eigenschaft, für die Seine Majestät sie für geeignet hält.“

„Es ist also wahr!“, sagte seine königliche Hoheit bedeutungsvoll. „Ich gratuliere Ihnen! Die stille Würde der Richterbank muss Ihnen wie eine große Veränderung nach einer so geschäftigen und unruhigen Laufbahn vorkommen.“

„Ich fürchte, das werde ich anfangs so empfinden, Eure königliche Hoheit“, antwortete Brandon, „denn ich mag sogar die Mühsal meines Berufs; und in diesem Moment, wo ich in voller Praxis stehe, mehr denn je – Aber“ (sich sofort unterbrechend) „die Wünsche Seiner Majestät und meine Zufriedenheit, ihnen zu entsprechen, sind mehr als genug, um jedes flüchtige Bedauern zu beseitigen, das ich sonst beim Aufgeben jener Mühsale, die mir nun zur zweiten Natur geworden sind, hätte empfinden können.“

„Es ist möglich“, erwiderte der Prinz, „dass Seine Majestät den empfindlichen Gesundheitszustand in Betracht zog, den – wie ich zum Leidwesen der gesamten Öffentlichkeit in den Zeitungen lesen musste – einer der bedeutendsten Zierden der Anwaltschaft zugeschrieben wird.“

„Wenn es Eurer königlichen Hoheit gefällt“, antwortete Brandon kühl und mit einem Lächeln, das das stechendste Auge nicht für die Maske der Qual hätte halten können, die damals an seinen Nerven nagte, „so liegt es im Interesse meiner Rivalen, die kleinen Gebrechen einer schwachen Konstitution zu übertreiben. Ich danke der Vorsehung, dass ich nun vollständig genesen bin; und zu keiner Zeit meines Lebens war ich weniger unfähig, – soweit meine angeborenen und geistigen Unzulänglichkeiten es erlauben – die Pflichten irgendeiner Beschäftigung, wie beschwerlich sie auch sein mag, zu erfüllen. Nein, so wie das Tier sich an die Mühle gewöhnt, so habe ich mich an die Arbeit gewöhnt; und selbst die kurze Entspannung, die ich mir jetzt gegönnt habe, erscheint mir eher lästig als angenehm.“

„Ich freue mich, Sie so sprechen zu hören“, antwortete seine königliche Hoheit herzlich; „und ich vertraue darauf, dass wir für viele Jahre“, fügte er mit leiserer Stimme hinzu, „in der höchsten Kammer des Senats von Ihren Talenten profitieren können. Die Zeiten sind solche, in denen viele Gelegenheiten auftreten, die alle wahren Freunde der Verfassung zwingen, geringfügigere Beschäftigungen für jene große verfassungsmäßige Aufgabe aufzugeben, die uns alle betrifft, die höchsten wie die geringsten; und“ (die königliche Stimme sank noch tiefer) „ich fühle mich gerechtfertigt, Ihnen zu versichern, dass das Amt des Oberrichters allein von Seiner Majestät nicht als ausreichende Belohnung für Ihr großmütiges Opfer gegenwärtigen Ehrgeizes zugunsten der Schwierigkeiten der Regierung angesehen wird.“

Brandons stolzes Herz schwoll an, und in diesem Augenblick wären die ärgsten Qualen der Hölle kaum zu spüren gewesen.

Während der aufstrebende Ränkeschmied so angenehm beschäftigt war, bahnte sich Mauleverer, der mit jener Anmut durch die Menge glitt, die jeden, ob alt oder jung, bezauberte, und an alle, die er kannte, eine lebhafte oder liebevolle Bemerkung richtete, seinen Weg zu den Tanzenden, unter denen er gerade einen flüchtigen Blick auf Lucy erhascht hatte. „Ich frage mich“, dachte er, „mit wem sie tanzt. Ich hoffe, es ist dieser lächerliche Kerl Mossop, der eine gute Geschichte gegen sich selbst erzählt; oder dieser hübsche Esel Belmont, der auf seine eigenen Beine starrt, anstatt so auszusehen, als hätte er nur Augen für seine Partnerin. Ah! Wenn Tarquin die Frauen nur so gut gekannt hätte wie ich, hätte er keinen Grund gehabt, grob zu Lukretia zu sein. Es ist jammerschade, dass die Erfahrung, bei Frauen wie in der Welt, erst dann kommt, wenn sie uns nicht mehr von Nutzen ist!“

Während er diese moralischen Reflexionen anstellte, erreichte Mauleverer die Tanzenden und sah Lucy, wie sie mit niedergeschlagenen Augen und sichtlich erröteten Wangen einem jungen Mann zuhörte, von dem Mauleverer sofort zugab, dass er einer der bestaussehendsten Kerle war, die er je gesehen hatte. Das Antlitz des Fremden war zwar trotz einer extremen Dunkelheit des Teints aufgrund der großen Regelmäßigkeit der Gesichtszüge eher weibisch; aber andererseits verriet seine Gestalt, obwohl schlank und anmutig, dem erfahrenen Auge ein außergewöhnliches Maß an Sehnen und Muskeln; und selbst der Anflug von Weiblichkeit im Gesicht war von einer so männlichen und aufrichtigen Ausstrahlung begleitet und so vollkommen frei von aller Geckerei oder Selbstgefälligkeit, dass es die einnehmende Wirkung seines Erscheinens in keiner Weise schmälerte. Ein zorniger und bitterer Schmerz schoss durch jenen Teil von Mauleverers Körper, den der Graf mangels eines anderen Namens sein Herz zu nennen beliebte. „Wie verflucht zufrieden sie aussieht!“, murmelte er. „Bei Himmel! Dieser verstohlene Blick unter dem linken Augenlid, so plötzlich gesenkt wie erhoben; und er – ha! Wie fest er diese kleine Hand hält! Ich glaube, ich sehe ihn damit spielen; und dann der ernste, intensive Blick des Hundes – und sie ganz errötet, obwohl sie nicht wagt aufzublicken, um seinem Blick zu begegnen, ihn aber intuitiv spürt. Oh, die sittsame, bescheidene, schamschüchterne Heuchlerin! Wie schweigsam sie ist! Sie kann genug zu mir plappern! Ich gäbe mein versprochenes Hosenband, wenn sie nur mit ihm reden würde. Reden, reden, lachen, plappern, nur lächeln, um Gottes Willen, und ich wäre glücklich. Aber dieses schüchterne, errötende Schweigen – es ist unerträglich. Gott sei Dank, der Tanz ist vorbei! Gott sei Dank, nochmals! Ich habe nicht solche Schmerzen gefühlt seit dem letzten Albtraum, den ich nach dem Abendessen bei ihrem Vater hatte!“

Mit einem Gesicht voller Lächeln, aber mit einer Miene, in der mehr Würde lag, als er gewöhnlich an den Tag legte, bewegte sich Mauleverer nun auf Lucy zu, die sich auf den Arm ihres Partners stützte. Der Graf, der über reichlich Taktgefühl verfügte, wo sein vollkommener Egoismus es nicht trübte, wusste wohl, wie man den Liebhaber spielt, ohne in die lächerliche Torheit zu verfallen, den greisen Verehrer zu mimen. Er suchte eher lebhaft als sentimental zu sein und hinter dem Witz den Freier zu verbergen.

Nachdem er also mit einer sorglosen Galanterie seine ersten Komplimente entrichtet hatte, entspann er ein so lebhaftes Gespräch, durchsetzt mit so vielen naiven und doch augenscheinlich treffenden Beobachtungen über die anwesenden Persönlichkeiten, dass er vielleicht noch nie zuvor in so glänzendem Lichte erschienen war. Als schließlich die Musik wieder einsetzen sollte, sagte Mauleverer mit einem flüchtigen Blick auf Lucys Partner: „Wird Miss Brandon mir nun die angenehme Pflicht gestatten, sie zu ihrem Vater zu geleiten?“

„Ich glaube“, antwortete Lucy, und ihre Stimme wurde plötzlich schüchtern, „dass ich nach den Regeln des Hauses diesem Herrn für einen weiteren Tanz versprochen bin.“

Clifford stimmte mit sicherem und ungezwungenem Ton zu.

Während er sprach, würdigte Mauleverer ihn einer genaueren Prüfung, als er ihm bisher zuteilwerden ließ; und ob nun ein Ausdruck von Verachtung oder Hochmut in diesem Blick lag oder nicht, es genügte, um das empörte Blut in Cliffords Wangen steigen zu lassen. Er erwiderte den Blick mit gleicher Münze und sagte zu Lucy: „Ich glaube, Miss Brandon, dass der Tanz beginnt“, und Lucy, dem Wink folgend, überließ den aristokratischen Mauleverer seinen eigenen Meditationen.

In diesem Augenblick kam der Zeremonienmeister vorübergeschritten, sich verneigend; er scheute sich, eine so große Persönlichkeit wie Mauleverer anzusprechen, wollte aber seinen Respekt durch die Tiefe seiner Verbeugung zeigen.

„Aha! mein lieber Mr. -------!“, sagte der Graf und streckte dem Lykurg der Säle beide Hände entgegen; „wie geht es Ihnen? Sagen Sie, können Sie mir mitteilen, wer dieser junge Mann ist, der gerade mit Miss Brandon tanzt?“

„Das ist – lassen Sie mich sehen – oh! das ist ein Captain Clifford, Mylord! Ein sehr feiner junger Mann, Mylord! Hat Euer Lordschaft ihn noch nie getroffen?“

„Niemals! Wer ist er? Steht er unter Ihrem besonderen Schutz?“, sagte der Graf lächelnd.

„Nun, wahrhaftig nicht!“, antwortete der Zeremonienmeister mit einem geschmeichelten Lächeln; „ich weiß selbst kaum, wer er ist; der Captain ist heute Abend zum ersten Mal hier erschienen. Er kam mit zwei anderen Herren – ah! da sind sie!“ und er lenkte die prüfende Aufmerksamkeit des Grafen auf die eleganten Gestalten von Mr. Augustus Tomlinson und Mr. Ned Pepper, die gerade aus den Spielsälen traten. Das Gehabe des Letzteren war von einer so sonderbaren Wichtigkeit, dass Mauleverer, so verärgert er auch war, sich ein Lachen kaum verkneifen konnte. Der Zeremonienmeister bemerkte den Gesichtsausdruck des Grafen und bemerkte, dass „dieser gut aussehende Mann dazu neige, sich wichtig zu machen“.

„Dem Äußeren des Herrn nach zu urteilen“, sagte der Graf trocken (Neds Gesicht verriet, um die Wahrheit zu sagen, seine Zuneigung zum Glas), „sollte ich mir vorstellen, dass er sehr viel mehr daran gewöhnt ist, sich tüchtige Schlucke zu gönnen!“

„Ah!“, erwiderte der Arbiter Elegantiarum, der Mauleverers Bemerkung, die in sehr leisem Ton gefallen war, nicht gehört hatte – „ah! das scheinen echte Draufgänger zu sein!“

„Draufgänger!“, wiederholte Mauleverer; „richtig, Krämerseelen!“ Der lange Ned nun, der sich im Zuge seines Berufs am Spieltisch recht ordentlich geschlagen hatte, meinte, er habe sich das Recht erkauft, durch die Säle zu paradieren und den Damen zu zeigen, aus welchem Holz ein Pepper geschnitzt sei.

Sich mit der linken Hand auf Tomlinsons Arm stützend und die rechte dazu benutzend, sich mit seinem riesigen Chapeau bras heftig Luft zuzufächeln, schritt der langgewachsene Abenteurer langsam dahin, setzte bald das eine, bald das andere Bein schwungvoll vor und beäugte „die Damen“ mit einer Art irischem Blick – das heißt, einem Blick zwischen Augenzwinkern und Starren.

Befreit von der Anwesenheit Cliffords, der seine Gefährten in gewissen Schranken hielt, wurde die Erscheinung Neds grell auffällig; und wo immer er vorbeiging, folgte ihm ein allgemeines Flüstern.

„Wer mag das sein?“, sagte die Witwe Matemore. „Es ist ein drolliges Geschöpf; aber was für eine Haarpracht!“

„Was mich betrifft“, antwortete die alte Jungfer Sneerall, „so halte ich ihn für einen verkleideten Tuchhändler; denn ich hörte ihn zu seinem Begleiter von ‚Band‘ sprechen.“

„Nun, nun“, dachte Mauleverer, „es wäre nur freundlich, Brandon aufzusuchen und ihn wissen zu lassen, in welcher Gesellschaft seine Nichte zu geraten scheint!“ Und in diesem Gedanken glitt er zu der Ecke, wo der scharfsinnige Jurist mit einem grauhaarigen alten Politiker über die Angelegenheiten Europas brütete.

In der Zwischenzeit war der zweite Tanz beendet, und Clifford geleitete Lucy zu ihrem Platz – beide entzückt voneinander –, als er plötzlich auf den Rücken getippt wurde. Er fuhr erschrocken herum – denn solche Berührungen waren ihm nicht unbekannt –, und er sah die kühle Miene des langen Ned, der sich einen Finger vielsagend an die Nase legte.

„Was nun?“, sagte Clifford durch zusammengebissene Zähne; „habe ich dir nicht gesagt, du sollst diesen riesigen Leib von mir so fern wie möglich halten?“

„Humph!“, stieß Ned hervor; „wenn das mein Dank ist, kann ich meine Freundlichkeit auch für mich behalten; aber wisse, mein Junge, dass Anwalt Brandon hier ist und in diesem Augenblick durch die Menge späht, um einen Blick auf dein Frauengesicht zu erhaschen.“

„Ha!“, antwortete Clifford in sehr hastigem Ton; „dann geh! Ich werde dich sogleich draußen vor den Sälen treffen.“ Clifford wandte sich nun an seine Partnerin und verneigte sich sehr tief, in Wahrheit, um sein Gesicht vor jenen scharfen Augen zu verbergen, die es einst im Gericht von Justice Burnflat gesehen hatten, und sagte: „Ich hoffe, gnädige Frau, ich werde die Ehre haben, Sie wiederzusehen. Darf ich fragen, ob Sie bei Ihrem berühmten Onkel wohnen oder –“

„Bei meinem Vater“, antwortete Lucy und beendete den Satz, den Clifford unvollendet gelassen hatte; „aber mein Onkel war bei uns, wenngleich ich fürchte, dass er uns morgen verlässt.“

Cliffords Augen funkelten; er gab keine Antwort, verneigte sich erneut, zog sich in die Menge zurück und verschwand. Mehrmals in jener Nacht schweiften die hellsten Augen von Somersetshire ängstlich durch die Säle auf der Suche nach unserem Helden; doch er wurde nicht mehr gesehen.

Es war auf der Treppe, dass Clifford auf seine Kameraden stieß; er nahm jeden bei einem Arm und erreichte die Tür ohne jedes nennenswerte Abenteuer, außer dass der moralisierende Augustus Tomlinson, der die gemäßigten Whigs ehrte, indem er sich in ihre Reihen einschrieb, die Zeit damit vertrieb, pour passer le temps, einen hohen goldbeknöpften Stock in die Hand zu nehmen. Er wog ihn mit nachdenklicher Miene in der Hand und sagte: „Ach! unter unseren Anhängern treffen wir oft Köpfe, die ebenso schwer sind, aber von welch anderem Metall!“ Die Menge machte nun Platz, und Augustus ging mit seinen Gefährten davon, wobei er in jener für Philosophen charakteristischen Geistesabwesenheit unbewusst das goldbeknöpfte Objekt seiner Betrachtung mit sich trug, als ein stattlicher Lakai auf ihn zutrat und sagte: „Mein Herr, mein Stock!“

„Stock, Bursche!“, sagte Tomlinson. „Ah, ich bin so zerstreut! Hier ist dein Stock. Denk nur, dass ich des Mannes Stock mitgenommen habe, Ned! Ha, ha!“

„In der Tat zerstreut!“, brummte ein kundiger Sesselträger, der die sich entfernenden Gestalten der drei Herren beobachtete; „beim Kuckuck! aber es war der Stock, der im Begriff war, abwesend zu sein!“

KAPITEL XVI.

Whackum. Meine lieben Schurken, meine lieben Jungen, Bluster und Dingboy! Ihr seid die tapfersten Gesellen, die jemals auf Raubzug gingen! — SHADWELL: Scourers.

Cato, der Thessalier, pflegte zu sagen, dass manches ungerecht geschehen kann, dass aber vieles gerecht geschehen kann. — LORD BACON (als Rechtfertigung jeder Schandtat).

Obwohl unsere drei Würdenträger sich eine prächtige Unterkunft in der Milsom Street genommen hatten, die – Ned zuliebe – über einem Friseurladen lag, kehrten sie nicht dorthin zurück, noch suchten sie jene Schenken auf, die ihrem Stil und ihrer Kleidung am ehesten angemessen erschienen wären, sondern sie schlugen sofort einen Weg aus den vergnügten Teilen der Stadt ein und hielten nicht inne, bis sie ein ärmlich aussehendes Wirtshaus in einem entlegenen Vorort erreichten.

Die Tür wurde ihnen von einer älteren Dame geöffnet; und Clifford, der vor seinen Gefährten in ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses schritt, fragte, ob die anderen Herren schon eingetroffen seien.

„Nein“, antwortete die Dame. „Der alte Mr. Bags kam vor etwa zehn Minuten herein; aber als er hörte, dass noch Arbeit zu verrichten sei, ging er wieder hinaus.“

„Bring den Fusel und die Pfeifen, altes Weib!“, rief Ned und warf sich auf eine Bank; „an Gesellschaft mangelt es uns nie!“

„Du jedenfalls kannst nie daran Mangel leiden, da du untrennbar mit dem Gegenstand deiner Bewunderung verbunden bist“, sagte Tomlinson trocken und nahm eine alte Zeitung auf. Ned, der zwar jähzornig, aber ein prächtiger Kerl war und einen Scherz über sich selbst vertragen konnte, lächelte, zog ein kleines Paar Scheren hervor und begann, seine Nägel zu stutzen.

„Verdammt“, sagte er nach einem kurzen Schweigen, „wenn das nicht ein verfluchtes Stück angenehmer ist, als in jenem großen Saal den feinen Herrn zu spielen, mit einer Rose im Knopfloch! Was sagst du, Meister Lovett?“

Clifford (wie wir unseren Helden von nun an, ungeachtet seiner anderen Decknamen, nennen wollen), der sich am anderen Ende des Raumes der Länge nach auf eine Bank geworfen hatte und in finstere Träumereien versunken zu sein schien, blickte nun für einen Augenblick auf, wandte sich dann um, präsentierte dem langen Ned die Kehrseite seines Körpers und murmelte: „Fisch!“

„Hör mal, Meister Lovett!“, sagte der lange Ned und errötete. „Ich weiß nicht, was in letzter Zeit mit dir los ist; aber ich möchte, dass du lernst, dass Gentlemen Anspruch auf Höflichkeit und manierliches Verhalten haben; und deshalb, verstehst du, wenn du mir gegenüber auf deinem hohen Ross sitzt, dann will ich verdammt sein, wenn ich mir das nicht gefallen lasse!“

„Pst, Mann! sei still“, sagte Tomlinson philosophisch und putzte die Kerzen –

„‚Dass Gefährten sich streiten, Ist höchst ungebührlich.‘

Siehst du nicht, dass der Captain in Gedanken versunken ist? Welcher gute Mann lässt sich schon gerne bei seinen Meditationen stören? Selbst Alfred der Große konnte es nicht ertragen! Vielleicht plant der Captain in diesem Augenblick mit der wahren Besorgnis eines würdigen Anführers etwas für unser Wohl!“

„Captain, in der Tat!“, murmelte der lange Ned und warf einen zornigen Blick auf Clifford, der sich nicht herabgelassen hatte, Mr. Peppers Drohung irgendeine Beachtung zu schenken; „was mich betrifft, so kann ich mir nicht vorstellen, was mit uns los war, als wir diesen grünen Zweig des Galgenbaums zu unserem Distrikt-Captain wählten. Sicher, am Anfang hat er es ganz gut gemacht, und dieser Raub bei dem alten Lord war nicht schlecht geplant; aber in letzter Zeit –“

„Nein, nein“, sagte Augustus und unterbrach den riesenhaften Nörgler; „die Natur des Menschen neigt zur Unzufriedenheit. Gib zu, dass unser gegenwärtiger Plan, den schönen Lothario zu spielen und unser Glück in Bath bei einer Erbin zu versuchen, ebenso sehr Lovetts Geistesgegenwart wie unserem Einfallsreichtum zu verdanken ist.“

„Und was für ein Gutes soll dabei herauskommen?“, entgegnete Ned, während er seine Pfeife anzündete; „beantworte mir das. War ich nicht so fein gekleidet wie ein Lord, und bin ich nicht dreimal in jenem großen Saal auf und ab gegangen, ohne dass es mir das Geringste gebracht hätte?“

„Ah! aber du weißt nicht, wie viele geheime Eroberungen du gemacht haben magst. Einen Preis kann man nicht gewinnen, indem man ihn nur betrachtet.“

„Humph!“, grummelte Ned und widmete sich missmutig der jungen Existenz seiner Pfeife.

„Was den Partner des Captains betrifft“, fuhr Tomlinson fort, der es boshaft genoss, die Eifersucht des gutaussehenden „Steuereintreibers“ anzustacheln – denn das war die Bezeichnung, mit der Augustus sich und seine Gefährten zu nennen pflegte –, „ich werde zum Tory, wenn sie nicht schon halb in ihn verliebt ist; und hast du den alten Herrn gehört, der bei unserem Kartenspiel eingestiegen ist, als er sagte, was für ein schönes Vermögen sie habe? Beim Glauben, Ned, es ist ein Glück für uns beide, dass wir alle übereingekommen sind, unsere Heiratsspekulationen zu teilen; ich fürchte, der würdige Captain wird es für ein schlechtes Geschäft für sich halten.“

„Da bin ich mir nicht so sicher, Mr. Tomlinson“, sagte der lange Ned und beäugte seinen Kameraden säuerlich. „Manche Frauen lassen sich vielleicht durch eine glatte Haut und ein auffälliges Auftreten fangen; aber echte männliche Schönheit – Augen, Farbe und Haar, Mr. Tomlinson – muss sich letztlich durchsetzen; also reich mir den Branntwein und hör auf mit deinem Geschwätz.“

„Nun, nun“, sagte Tomlinson, „ich gebe dir einen Trinkspruch: ‚Das hübscheste Mädchen in England‘, und das ist Miss Brandon!“

„Keinen solchen Trinkspruch wirst du ausbringen, Sir!“, sagte Clifford und sprang von der Bank auf. „Was zum Teufel geht dich Miss Brandon an? Und jetzt, Ned“, er sah, dass der lange Held ihn mit ungünstigem Blick betrachtete, „hier ist meine Hand; vergib mir, wenn ich unhöflich war. Tomlinson wird dir in einer Maxime sagen, dass Menschen wankelmütig sind. Auf deine Gesundheit; und es soll nicht mein Fehler sein, Gentlemen, wenn wir keinen fröhlichen Abend haben!“

Diese Rede, kurz wie sie war, fand großen Beifall bei den beiden Freunden; und Clifford positionierte sich als Präsident in einem riesigen Stuhl am Kopfende des Tisches. Kaum hatte er diese Würde angetreten, öffnete sich die Tür, und ein halbes Dutzend der genossenschaftlichen Gentlemen trottete etwas geräuschvoll in das Zimmer.

„Sanft, sanft, meine Herren“, sagte der Präsident, der seine ganze verfassungsmäßige Heiterkeit wiedererlangte, sie aber mit einem gewissen nachlässigen Befehlston vermischte – „Respekt vor dem Stuhl, wenn ich bitten darf! So ist es bei allen Versammlungen, bei denen der öffentliche Beutel ein Gegenstand von untertänigem Interesse ist!“

„Hört ihn euch an!“, rief Tomlinson.

„Was, mein alter Freund Bags!“, sagte der Präsident; „du bist nicht mit leeren Händen gekommen, das will ich schwören; dein ehrliches Gesicht ist wie das Inhaltsverzeichnis der guten Dinge in deinen Taschen!“

„Ah, Captain Clifford“, sagte der Veteran, stöhnte und schüttelte sein ehrwürdiges Haupt, „ich habe Tage gesehen, da gab es keinen Burschen in England, der so großzügig, so umfassend zugegriffen hat wie ich. Aber, wie König Lear im Common Garden sagt: ‚Ich bin jetzt alt!‘“

„Aber dein Eifer ist so jugendlich wie eh und je, mein guter Kerl“, sagte der Captain beschwichtigend; „und wenn du das Publikum auch nicht mehr so gründlich ausnimmst wie früher, so liegt das nicht an deinen Neigungen.“

„Nein, das liegt es nicht!“, riefen die „Steuereintreiber“ einstimmig.

„Und wenn jemals eine Tasche sauber, leise und effektiv geleert werden muss“, fügte der schmeichelnde Clifford hinzu, „so kenne ich bis zum heutigen Tag, in allen drei Königreichen, kein saubereres, leiseres und effektiveres Paar Finger als das des alten Bags!“

Der Veteran verneigte sich ablehnend und nahm seinen Platz unter den herzlichen guten Wünschen der gesamten Versammlung ein.

„Und nun, Gentlemen“, sagte Clifford, sobald die Zecher sich mit ihren gewohnten Luxusgütern, dem Trank und dem Rauch, versorgt hatten, „lasst uns eure Abenteuer hören und unsere Augen an ihrem Ertrag erfreuen. Der tapfere Attie soll beginnen; aber zuerst, ein Trinkspruch: ‚Mögen diejenigen, die über eine Hecke springen, niemals vom Baum springen!‘“

Nachdem dieser Trinkspruch mit enthusiastischem Applaus getrunken worden war, begann Fighting Attie mit der Erzählung seiner kleinen Geschichte.

„Ihr seht, Captain“, sagte er, brachte sich in eine kriegerische Pose und sah Clifford fest ins Gesicht, „dass ich nicht viel zum Schwatzen neige. Wenig Schrei und viel Wolle ist mein Motto. Um zehn Uhr morgens sah ich den Feind – in Gestalt eines Doktors der Theologie. ‚Hol mich der Kuckuck‘, sage ich zu Old Bags, ‚ich mach mir den Pfaffen gefügig!‘ ‚Hol mich der Kuckuck‘, sagt Old Bags, ‚das wirst du nicht – du lässt uns noch hängen, wenn du die Kirche anrührst.‘ ‚Meine Großmutter!‘ sage ich. Bags erzählt es den Kumpanen – alles ganz aufgeregt deswegen –, was schert mich das? Ich ziehe mich anständig an und gehe zum Doktor als ein heruntergekommener Soldat, der die Geschäfte in der Drechslerei beliefert. Seine Ehrwürden – ein fetter, fröhlicher Hund, wie man ihn nur selten sieht – war beim Essen über einem feinen Braten; also erzähle ich ihm, dass ich zu Hause ein paar Schnäppchen für ihn hätte. Ich will verdammt sein, wenn der Doktor nicht dachte, er hätte einen Gewinn gemacht; also zieht er seine Stiefel an und kommt mit mir zu meinem Haus. Aber als ich ihn in eine Gasse gelotst hatte, kamen meine Pistolen zum Vorschein. ‚Heraus damit, Doktor‘, sage ich; ‚andere müssen jetzt die Güter der Kirche teilen.‘ Ihr habt keine Ahnung, was für einen Aufstand er machte; aber ich habe die Sache durchgezogen, und damit ist es vorbei.“

„Bravo, Attie!“, rief Clifford; und das Wort hallte durch den Raum. Attie legte einen Geldbeutel auf den Tisch, und der nächste Herr wurde zur Beichte gerufen.

„Es nützt nichts, es lohnt nicht“, sanfteste Leser, jede der Erzählungen aufzuzeichnen, die nun aufeinander folgten. Besonders der alte Bags bewahrte seinen wohlverdienten Ruf, indem er sechs Taschen leerte, die mit jeder erdenklichen Art von kleinem Wertsachen gefüllt waren. Bauer und Fürst schienen gleichermaßen durch seine Hände gegangen zu sein; und vielleicht hatte der gute alte Mann in der Stadt mehr dazu beigetragen, eine Gleichheit der Güter zwischen den verschiedenen Ständen herbeizuführen, als alle Reformer von Cornwall bis Carlisle. Doch so groß war sein Appetit auf den Sport, dass der Veteranen-Aneigner regelrecht in Tränen ausbrach, weil er nicht „mehr gefischt“ hatte.

„Ich liebe einen warmherzigen Enthusiasmus“, rief Clifford, während er die beweglichen Güter in die Hand nahm und den alten Dieb liebevoll betrachtete. „Mögen uns neue Fälle niemals vergessen lassen, wer Old Bags ist!“

Sobald dieser „Sentimentalsatz“ gebührend getrunken war und Mr. Bagshot seine Tränen getrocknet und sich seinem Lieblingsgetränk gewidmet hatte – welches übrigens „Blue Ruin“ war –, fand die Arbeit der Aufteilung statt. Die Diskretion und Unparteilichkeit des Captains in diesem mühsamen Teil seiner Pflicht erregte allgemeine Bewunderung; und nachdem jeder Gentleman seinen Anteil sorgfältig eingesteckt hatte, räusperte sich der jugendliche Präsident dreimal, und die Gesellschaft wurde sich einer beabsichtigten Rede bewusst.

„Gentlemen!“, begann Clifford – und sein wichtigster Unterstützer, der weise Augustus, rief: „Hört!“ – „Gentlemen, Sie alle wissen, dass, als Sie sich vor einigen Monaten – teils auf Anregung von Gentleman George – Gott segne ihn! –, teils aufgrund der übertriebenen guten Meinung, die meine Freunde von mir äußerten, dazu entschlossen, mich mit der hohen Ehre zu betrauen, diesen Distrikt zu befehligen, ich selbst keineswegs ehrgeizig war, diesen Rang anzunehmen, von dem ich wohl wusste, dass er weit über meine Verdienste hinausging, und diese Verantwortung, von der ich mit gleicher Sicherheit wusste, dass sie für meine Kräfte zu gewichtig war. Ihre Stimmen jedoch überstimmten meine eigenen; und wie Mr. Muddlepud, der große Metaphysiker, in jenem exzellenten Blatt, ‚The Asinaeum‘, zu bemerken pflegte: ‚Die Empfänglichkeiten, angeboren, erweiterbar, unfassbar und ewig‘, die in meinem Busen existieren, waren unendlich viel mächtiger als die flachen Vorschläge der Vernunft – jenes lächerliche Ding, das alle weisen Männer und urteilsfähigen Asinaeaner eifrig ersticken.“

„Die Pest soll den Mann holen! Wovon redet er da?“, sagte der lange Ned, von dem wir gesehen haben, dass er ein neidischer Charakter war, flüsternd zu Old Bags. Old Bags schüttelte den Kopf.

„Kurz gesagt, Gentlemen“, fuhr Clifford fort, „Ihre Güte hat mich überwältigt; und trotz meiner kühleren Neigungen akzeptierte ich Ihren schmeichelhaften Vorschlag. Seitdem habe ich mich bemüht, soweit ich konnte, Ihre Interessen voranzubringen; ich habe ein wachsames Auge auf alle meine Nachbarn gehabt; ich habe von Grafschaft zu Grafschaft zahlreiche Korrespondenten etabliert; und unsere Bemühungen wurden mit einer Schnelligkeit durchgeführt, die den Erfolg sicherte.

„Gentlemen, ich möchte nicht prahlen; aber an diesen Nächten der periodischen Treffen, wenn jedes Quartal uns dazu bringt, halbe-halbe zu machen – wenn wir uns privat treffen, um die Angelegenheiten der Öffentlichkeit zu besprechen, unsere Einnahmen gleichsam im Geheimrat vorzuzeigen und sie freundschaftlich gleichsam im Kabinett zu teilen [‚Hört! hört!‘ von Mr. Tomlinson] –, ist es üblich, dass Ihr jeweiliger Captain Sie an seine Dienste erinnert, Sie um Verzeihung für seine Mängel bittet und um Ihre guten Wünsche für seine zukünftigen Bemühungen. Gentlemen, ist jemals von Paul Lovett gesagt worden, er hätte von einem Preis gehört und vergessen, Ihnen seine Neuigkeiten mitzuteilen? [‚Niemals! niemals!‘ lauter Jubel.] Ist jemals von ihm gesagt worden, er habe andere ausgesandt, um die Beute zu ergreifen, und sei zu Hause geblieben, um sich zu überlegen, wie sie ausgegeben werden sollte? [‚Nein! nein!‘ wiederholter Jubel.] Ist jemals von ihm gesagt worden, er habe einen geringeren Anteil an Ihrer Gefahr übernommen als seinen gerechten, und mehr an Ihren Guineen? [Rufe der Verneinung, begleitet von heftigem Applaus.] Gentlemen, ich danke Ihnen für diese schmeichelhaften und vernehmlichen Zeugnisse zu meinen Gunsten; aber die Punkte, auf die ich eingegangen bin, mögen sie auch für meine Ehre notwendig sein, würden für meine Verdienste nur wenig beweisen; sie mögen bei Ihrem Kameraden bemerkenswert sein, Sie verlangen subtilere Pflichten von Ihrem Anführer. Gentlemen, ist jemals von Paul Lovett gesagt worden, er habe tapfere Männer auf Himmelfahrtskommandos geschickt; er habe Ihre eigenen Köpfe durch unüberlegte Versuche beim Erwerb von Bildern von König George riskiert; dass Eifer, kurz gesagt, größer in ihm war als Vorsicht, oder dass seine Liebe zu einem Quid (einer Guinee) ihn jemals nachlässig gegenüber Ihrer gerechten Abneigung gegen ein Quod (ein Gefängnis) machte?“ [Einstimmiger Jubel.]

„Gewiss nicht!“, rief Tomlinson. „Und deshalb, meine Freunde, da wir wissen, dass unser Anführer, wie der berühmte römische Feldherr, ‚immer auf der Hut ist‘, da wir wissen, dass er die Welt kennt und die Welt ihn nicht kennt – oder zumindest nicht in einer Weise, die uns alle in Schwierigkeiten bringen könnte –, schlage ich vor, dass wir unsere Gläser leeren und auf seine Gesundheit trinken, verbunden mit dem Wunsch, dass er uns noch lange erhalten bleibe, um uns durch die dunklen Pfade des Lebens zu führen, die, wie wir alle wissen, mit sehr viel mehr Gold gepflastert sind, als man auf den ersten Blick meinen möchte.“

Es war spät, und die Versammlung begann sich in einem Zustand wohlwollender Trunkenheit aufzulösen. Die letzten Lichter erloschen, während die Schatten derer, die einst die Straßen unsicher gemacht hatten, in die Nacht hinausglitten, jeder mit dem Bewusstsein seiner eigenen Wichtigkeit und der Hoffnung auf neue Beute.

Clifford und Augustus blieben als Letzte zurück. Sie saßen in der Stille des Raumes, der noch immer von den Echos ihrer Kameraden widerhallte. Augustus lehnte sich zurück, die Beine weit von sich gestreckt, und betrachtete den Wein in seinem Glas mit einer Miene, die zwischen philosophischer Schwermut und heiterer Gleichgültigkeit schwankte.

„Denkst du wirklich“, fragte Clifford leise, „dass sie die Gefahr begreifen? Dass sie die Notwendigkeit verstehen, die wir uns auferlegt haben?“

Tomlinson lächelte, ein dünnes, fast unmerkliches Lächeln. „Mein lieber Paul, das Volk, ob es nun in den Salons von Bath oder in den Gassen von London lebt, begreift selten etwas, das über den unmittelbaren Genuss hinausgeht. Sie sehen die Beute, sie sehen den Glanz, aber das Kalkül dahinter? Das überlassen sie uns. Und solange wir ihnen das geben, was sie wollen – eine Identität, einen Zweck und ein wenig Hoffnung auf ein Vermögen –, werden sie uns folgen. Wir sind ihre Legenden, Paul. Und Legenden haben eine Pflicht: Sie müssen glänzen, auch wenn das Gold nur geliehen ist.“

Clifford nickte nachdenklich. „Ich wünschte, ich könnte die Dinge mit deiner Leichtigkeit betrachten.“

„Das wirst du, sobald du die letzte Hürde genommen hast“, erwiderte Augustus. „Wenn du diese Heirat erst einmal vollzogen hast, wenn du dein Leben in ein neues Gewand kleidest, wirst du sehen, dass die Vergangenheit nur noch ein Schatten ist, der in den Lichtern des Erfolgs verblasst. Aber bis dahin, mein Freund, bis dahin müssen wir weiter spielen. Und jetzt, lass uns gehen. Die Nacht ist zu kostbar, um sie mit Grübeleien zu verschwenden, die uns ohnehin nicht weiterbringen.“

Sie erhoben sich, zwei Männer, die in einer Welt aus Schein und Schatten lebten, und traten hinaus in die kühle Luft von Bath. Der Mond stand hoch über den Dächern, ein stiller Zeuge ihrer Pläne, während sie sich in unterschiedliche Richtungen wandten, jeder auf seinem eigenen Weg zu jenem Ziel, das sie sich mit so viel List und Kühnheit gesteckt hatten.

„Niemals! Bedenkt, in welch ungleich erhabenere Sphären des Lebens ich geworfen wurde; und wer könnte den Schlaukopf Paul in einer Jacke aus Fustian in dem Gentleman Paul mit einer bestickten Weste wiedererkennen? Überdies habe ich fleißig jeden Ort gemieden, an dem ich jenen hätte begegnen können, die mich in meiner Kindheit sahen. Ihr wisst, wie selten ich zwielichtige Spelunken aufsuche und wie gewissenhaft ich bei der Aufnahme neuer Verbündeter in unsere Bande bin; Ihr und Pepper seid die einzigen beiden meiner Gefährten – abgesehen von meinem Schützling, wie Ihr es nennt, der die Höhle niemals verlässt –, die um meine Identität mit dem verlorenen Paul wissen; und da Ihr beide jenen schrecklichen Eid auf Verschwiegenheit geleistet habt, dessen Bruch, solange ich nicht tatsächlich im Gefängnis oder am Galgen bin, beinahe einem Meuchelmord gleichkäme, glaube ich kaum, dass mein Geheimnis preisgegeben wird, es sei denn mit meiner eigenen Zustimmung.“

„Wahrhaftig“, sagte Augustus und nickte; „noch ein Glas, und dann zu Bett, Herr Vorsitzender.“

„Ich trinke auf Euer Wohl, mein Freund; unser letztes Glas soll philanthropisch geleert werden: ‚Auf alle Narren, und möge ihr Geld sie bald verlassen!‘“

„Auf alle Narren!“, rief Tomlinson und füllte ein volles Glas; „doch ich streite die Weisheit Eures Trinkspruchs ab. Mögen Narren reich sein, und Schurken werden niemals arm sein! Ich würde von einem reichen Narren besser leben als von einem ererbten Landgut.“

So sprach der nachdenkliche und stets scharfsinnige Tomlinson, stürzte sein Glas hinunter; und das Paar, nachdem es den Körper von Long Ned freundlicherweise durch Fußtritte in eine sichere und stille Ecke des Zimmers gerollt hatte, stieg Arm in Arm die Treppe hinauf, auf der Suche nach einer nächtlichen Bleibe.

SIEBTZEHNTES KAPITEL

Der Kontrast des Verhärteten und Reifen, Die ruhige Stirn, die dunkle Pläne sinnt, Mit dem klaren, liebenden Herzen und dem reinen Geist Der Jugend – ich liebe es, doch hasse ich es, es zu betrachten!

H. FLETCHER.

Am Vormittag des Tages nach dem Ball stand die Kutsche von William Brandon, gepackt und bereit, vor der Tür seines Domizils in Bath; währenddessen war der Anwalt mit seinem Bruder eingeschlossen.

„Mein lieber Joseph“, sagte der Barrister, „ich verlasse Euch nicht, ohne mir der Güte voll bewusst zu sein, die Ihr mir erwiesen habt, sowohl dadurch, dass Ihr entgegen Euren Gewohnheiten hierhergekommen seid, als auch, dass Ihr mich überallhin begleitet habt, ungeachtet Eurer Vorlieben.“

„Erwähne es nicht, mein lieber William“, sagte der gütige Gutsherr, „denn Eure reizvolle Gesellschaft ist für mich die angenehmste (und das kann ich nur von sehr wenigen Menschen wie Euch sagen; denn ich für meinen Teil finde die klügsten Männer meist die unangenehmsten) der Welt! Und ich denke, Anwälte im Besonderen (wirklich ganz anders als Euer Schlag seid Ihr!) sind vollkommen unerträglich!“

„Ich habe nun“, sagte Brandon, der mit seiner gewohnten nervösen Schnelligkeit mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab ging und die Komplimente seines Bruders kaum wahrnahm, „ich habe nun eine weitere Bitte an Euch. Betrachtet dieses Haus und diese Dienerschaft für den nächsten Monat oder zwei zumindest als die Euren. Unterbrecht mich nicht – es ist kein Kompliment –, ich spreche zum Wohle unserer Familie.“ Und dann, als er sich neben den Sessel seines Bruders setzte, denn ein Gichtanfall machte den Gutsherrn zu einem festen Gefangenen, entfaltete Brandon vor seinem Bruder seinen gehegten Plan, Lucy mit Lord Mauleverer zu verheiraten. Ungeachtet der Beständigkeit der Aufmerksamkeiten des Grafen gegenüber der Erbin hatte der ehrliche Gutsherr niemals von deren offenkundigem Ziel geträumt; und er war von Überraschung überwältigt, als er die Erwartungen des Anwalts hörte.

„Aber, mein lieber Bruder“, begann er, „eine so großartige Partie für meine Lucy, der Lord-Lieutenant der Grafsch–“

„Und was ist damit?“, rief Brandon stolz und unterbrach seinen Bruder. „Ist das Geschlecht der Brandon, das seine Sprösslinge mit dem Adel vermählt hat, nicht weit edler als das des Emporkömmlings Mauleverer? Was ist daran anmaßend, die Hoffnung zu hegen, dass der Nachkomme der Earls of Suffolk einen verblassten Namen mit etwas von dem kostbaren Staub der vormaligen Londoner Silberschmiede neu vergolden könnte? Überdies“, fuhr er nach einer Pause fort, „wird Lucy reich sein, sehr reich, und vor Ablauf von zwei Jahren mag mein Rang möglicherweise von demselben Orden sein wie der Mauleverers!“

Der Gutsherr starrte ihn an; und Brandon, der ihm keine Zeit zum Antworten ließ, fuhr fort. Es ist unnötig, das Gespräch im Einzelnen wiederzugeben; es genügt zu sagen, dass der gerissene Anwalt seinen Bruder nicht verließ, bevor er sein Ziel erreicht hatte – bis Joseph Brandon versprochen hatte, in Bath im Besitz des Hauses und der Einrichtung seines Bruders zu bleiben; dem Werben Mauleverers kein Hindernis in den Weg zu legen; wie bisher die Gesellschaft zu pflegen; und vor allem, Lucy, die offensichtlich Mauleverer noch nicht ausschließlich bevorzugte, nicht durch Andeutungen über die Hoffnungen und Erwartungen ihres Onkels und Vaters zu beunruhigen. Brandon verabschiedete sich nun von seinem Bruder und stieg in den Salon, um nach Lucy zu suchen. Er fand sie über dem vergoldeten Käfig eines ihrer gefiederten Lieblinge gebeugt und zu dem kleinen Insassen in jener hübschen und spielerischen Sprache sprechend, in die alle Gedanken, unschuldig und doch liebevoll, gekleidet sein sollten. So schön erschien Lucy, wie sie so mit ihrer mädchenhaften und zärtlichen Beschäftigung befasst war, und so völlig unähnlich jemandem, der dazu geeignet wäre, das Werkzeug ehrgeiziger Pläne und das Opfer weltlicher Berechnungen zu sein, dass Brandon innehielt, plötzlich im Herzen getroffen, als er sie betrachtete. Er brauchte jedoch nicht lange, um sich wieder zu fassen; er näherte sich. „Glücklich derjenige“, sagte der Weltmann, „für den Liebkosungen und Worte wie diese aufgespart sind!“

Lucy wandte sich um. „Er ist krank!“, sagte sie und zeigte auf den Vogel, der mit steifen und aufgerichteten Federn dasaß, stumm und achtlos selbst gegenüber jener Stimme, die so musikalisch war wie seine eigene.

„Armer Gefangener!“, sagte Brandon; „selbst vergoldete Käfige und süße Töne können dir den Verlust der Luft und der wilden Wälder nicht ersetzen!“

„Aber“, sagte Lucy besorgt, „es ist nicht die Gefangenschaft, die ihn krank macht! Wenn Ihr das glaubt, werde ich ihn sofort freilassen.“

„Wie lange hast du ihn schon?“, fragte Brandon.

„Seit drei Jahren!“, sagte Lucy.

„Und ist er dein liebster Liebling?“

„Ja; er singt nicht so hübsch wie der andere, aber er ist weitaus vernünftiger und so anhänglich!“

„Kannst du ihn dann freilassen?“, fragte Brandon lächelnd. „Wäre es nicht besser, ihn in deiner Obhut sterben zu sehen, als ihn leben zu lassen und ihn nie mehr wiederzusehen?“

„Oh, nein, nein!“, sagte Lucy eifrig; „wenn ich jemanden oder etwas liebe, wünsche ich, dass es glücklich ist, nicht ich!“

Während sie dies sagte, nahm sie den Vogel aus dem Käfig; und als sie ihn zum offenen Fenster trug, küsste sie ihn und hielt ihn auf ihrer Hand in die Luft. Der arme Vogel drehte ein mattes und kränkliches Auge umher, als ob der Anblick der gedrängten Häuser und geschäftigen Straßen nichts Vertrautes oder Einladendes böte; und erst als Lucy ihn mit zärtlichem Mut sanft von sich schüttelte, machte er von der angebotenen Freiheit Gebrauch. Er flog zuerst zu einem gegenüberliegenden Balkon; und dann, nach einer kurzen und gleichsam überraschten Pause, vollzog er einen kurzen Rundflug über den Häusern; und nachdem er für einige Minuten verschwunden war, flog er zurück, umkreiste das Fenster, trat wieder ein, setzte sich erneut auf die schöne Gestalt seiner Herrin und schmiegte sich an ihren Busen.

Lucy bedeckte ihn mit Küssen. „Ihr seht, er will mich nicht verlassen!“, sagte sie.

„Wer kann das?“, sagte der Onkel warmherzig, für den Augenblick von jedem Gedanken befreit außer dem der Güte für das junge und zarte Geschöpf vor ihm – „wer kann das“, wiederholte er mit einem Seufzer, „außer einem alten und verdorrten Asketen wie mir? Ich muss Euch tatsächlich verlassen; seht, meine Kutsche steht vor der Tür! Wird meine schöne Nichte unter den Vergnügungen, die sie umgeben, sich hin und wieder herablassen, an den mürrischen Anwalt zu denken und ihm durch eine Zeile ihre Gesundheit und ihr Glück zu versichern? Obwohl ich selten andere Notizen schreibe als die über Rechtsfälle, könnt Ihr zumindest einer Antwort gewiss sein. Und sagt mir, Lucy, ob es in dieser ganzen Stadt jemanden gibt, der so töricht ist zu glauben, dass diese müßigen Edelsteine, die nur dazu dienen, meinem Stolz auf Euch Luft zu machen, einen einzigen Reiz zu einer Schönheit hinzufügen könnten, die über allen Schmuck erhaben ist?“

So sprechend holte Brandon ein ledernes Etui hervor; und als er eine Feder berührte, brach der imperiale Glanz von Diamanten, der manches patrizische Herz erfreut hätte, blendend auf Lucys Augen nieder.

„Kein Dank, Lucy“, sagte Brandon als Antwort auf die abwehrende und zurückweichende Dankbarkeit seiner Nichte; „ich erweise mir selbst die Ehre, nicht Euch; und nun segne Euch Gott, mein liebes Mädchen. Lebt wohl! Sollte sich irgendeine Gelegenheit bieten, bei der Ihr einen sofortigen Ratgeber benötigt, der zugleich gütig und weise ist, so beschwöre ich Euch, meine liebste Lucy, als Abschiedsbitte, keinerlei Hemmungen zu haben, Lord Mauleverer zu konsultieren. Neben seiner Freundschaft für mich ist er sehr an Euch interessiert, und Ihr könnt ihn mit umso mehr Sicherheit und Gewissheit konsultieren; denn“ (und der Anwalt lächelte) „er ist vielleicht der einzige Mann auf der Welt, in den sich meine Lucy nicht verlieben könnte. Seine Galanterie mag wie Schmeichelei erscheinen, aber sie ist niemals mit Liebe verwandt. Versprecht mir, dass Ihr dabei nicht zögern werdet.“

Lucy gab das Versprechen bereitwillig; und Brandon fuhr in einem beiläufigen Ton fort: „Ich höre, dass Ihr gestern Abend mit einem jungen Gentleman getanzt habt, den niemand kannte und dessen Begleiter ein sehr seltsames Aussehen hatten. An einem Ort wie Bath ist die Gesellschaft zu gemischt, als dass nicht die größte Vorsicht bei der Anbahnung von Bekanntschaften absolut notwendig wäre. Ihr müsst mir verzeihen, meine liebste Nichte, wenn ich anmerke, dass eine junge Dame es nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Verwandten schuldig ist, die strengste Zurückhaltung im Betragen zu wahren. Dies ist eine böse Welt, und der pfirsichartige Glanz des Charakters ist leicht abgerieben. In diesen Punkten kann Mauleverer Euch von großem Nutzen sein. Seine Menschenkenntnis, sein Durchblick in Männer und sein Takt im Benehmen sind unfehlbar. Bitte lasst Euch von ihm leiten; vor wem auch immer er Euch warnt, könnt Ihr sicher sein, dass er Eurer Bekanntschaft unwürdig ist. Gott segne Euch! Ihr werdet mir oft und offen schreiben, liebe Lucy; erzählt mir alles, was Euch zustößt – alles, was Euch interessiert, ja, alles, was Euch missfällt.“

Brandon, der die Röte, mit der Lucys Wangen während seiner Rede überzogen waren, scheinbar nicht beachtet hatte, schloss seine Nichte in die Arme und eilte, als wollte er seine Gefühle verbergen, in seine Kutsche. Als die Pferde die Straße eingebogen waren, wies er die Postillone an, bei Lord Mauleverer zu halten. „Nun“, sagte er zu sich selbst, „wenn ich diesen klugen Geck dazu bringe, meine Pläne zu unterstützen und nach meinem Spiel zu spielen und nicht nach seiner eigenen Eitelkeit, dann werde ich einen Hosenbandorden-Ritter als Schwiegersohn haben!“

Unterdessen lief Lucy, ganz in Tränen, denn sie liebte ihren Onkel sehr, hinunter zum Gutsherrn, um ihm Brandons großartiges Geschenk zu zeigen.

„Ach“, sagte der Gutsherr mit einem Seufzer, „wenige Männer wurden mit mehr guten, großzügigen und großartigen Eigenschaften geboren (nur schade, dass sein Hauptwunsch war, in der Welt voranzukommen; ich für meinen Teil glaube, kein Motiv bringt größere und kühlere Schurken hervor) als mein Bruder William!“

ACHTZEHNTES KAPITEL.

Warum liebte sie ihn? Neugieriger Tor, sei still! Ist menschliche Liebe das Wachstum menschlichen Willens? Für sie mochte er Sanftmut sein!

LORD BYRON.

Drei Wochen nach seiner Ankunft war Captain Clifford der meistbewunderte Mann in Bath. Es stimmt, die Herren, die ein schnelleres Gespür für die Seriosität ihres eigenen Geschlechts haben als Frauen, hätten ihn vielleicht etwas misstrauisch angesehen, hätte er sich nicht selbst besonders davor gehütet, aufdringlich zu erscheinen, und in der Tat eher die Gesellschaft von Männern gemieden als sie gesucht; sodass er, nachdem er ein Duell mit einem Baronet (dem Sohn eines Schusters), der ihn einen Clifford genannt hatte, ausgefochten und ein flohstichiges Pferd vorgeführt hatte, das als das schönste in Bath galt, unmerklich in ein gewisses Maß an Respekt beim einen Geschlecht sowie Popularität beim anderen aufstieg. Aber was immer den Argwohn erregte und aufrechterhielt, war seine Vertrautheit mit einem so eigenartigen und schneidigen Gentleman wie Mr. Edward Pepper. Die Leute konnten über eine gewisse Offenheit in Cliffords Auftreten hinwegsehen, aber selbst die Nachsichtigsten waren verblüfft über das Gehabe von Long Ned. Clifford jedoch, der für den Spott, der an seinen Bekannten haftete, nicht unempfänglich war, schaffte es bald, seine Beschäftigungen allein zu verfolgen; ja, er nahm sich eine eigene Unterkunft und überließ Long Ned und Augustus Tomlinson (letzteren, um als Kontrolle über ersteren zu fungieren) dem ruhigen Genuss der Räumlichkeiten des Friseurs. Er selbst besuchte alle öffentlichen Vergnügungen; und sein Gebaren sowie der Anschein von Wohlstand, den er aufrechterhielt, verschafften ihm Zugang zu mehreren privaten Kreisen, die vorgaben, exklusiv zu sein – als ob Leute, die Töchter hatten, jemals exklusiv sein könnten! Viele waren die freundlichen Blicke, und nicht wenige die einladenden Briefe, die er erhielt; und wäre sein einziges Ziel gewesen, eine Erbin zu heiraten, hätte er keine Schwierigkeiten gehabt, es zu erreichen. Aber er widmete sich ganz Lucy Brandon; und um einen Blick von ihr zu gewinnen, hätte er auf alle Erbinnen im Königreich verzichtet. Höchst glücklich für ihn war, dass Mauleverer, dessen Gesundheit leicht gestört war, genau an dem Tag krank wurde, als William Brandon Bath verließ; und seine Lordschaft war somit unfähig, die Bewegungen von Lucy zu beobachten und den Erfolg ihres Liebhabers zu untergraben oder ganz zu verhindern. Miss Brandon hatte zwar anfangs, geschmolzen von der Güte ihres Onkels und beeindruckt von der Vernünftigkeit seiner Ermahnung (denn sie war kein eigensinniges junges Fräulein, das entschlossen war, verliebt zu sein), die Annäherungsversuche von Captain Clifford mit einer Kälte empfangen, die ihrem Auftreten am ersten Abend, als sie sich in Bath trafen, entsprach und ihn nicht weniger überraschte als beschämte. Er zog sich zurück und fiel auf den Gutsherrn zurück, der, geduldig und kühn wie immer, in seinem Lieblingseck abgeschieden war. Durch Zufall trat Clifford auf den gichtkranken Zeh des Gutsherrn; und als er sich für die Beleidigung entschuldigte, war er so beeindruckt von der Gutmütigkeit und der Eigenart des alten Herrn, sich auszudrücken, dass er, ohne zu wissen, wer er war, ein Gespräch mit ihm begann. Es gab eine Art lockere Lebhaftigkeit und Offenheit, um nicht zu sagen Witz, bei Clifford, die immer einen Reiz für ältere Menschen hatte, die im Allgemeinen Offenheit über alle Kardinaltugenden stellen; der Gutsherr war außerordentlich von ihm angetan. Die Bekanntschaft, einmal begonnen, wurde natürlich ohne Schwierigkeit fortgesetzt, als Clifford erfuhr, wer sein neuer Freund war; und am nächsten Morgen, als sie sich im Pump-Room trafen, lud der Gutsherr Clifford zum Abendessen ein. Der Zutritt zum Haus war damit gewonnen, der Rest war leicht. Lange bevor Mauleverer seine Gesundheit wiedererlangte, war der Schaden, den sein Rivale angerichtet hatte, fast nicht mehr wiedergutzumachen; und das Herz der reinen, der einfachen, der anhänglichen Lucy Brandon war mehr als halb an den gesetzlosen und vagabundierenden Kavalier verloren, der als Held dieser Erzählung fungiert.

Eines Morgens schlenderten Clifford und Augustus zusammen hinaus. „Lass uns“, sagte letzterer, der in melancholischer Stimmung war, „die geschäftigen Straßen verlassen und einem philosophischen Gespräch über das Wesen des Menschen frönen, während wir ein wenig frische Luft auf dem Land genießen.“ Clifford stimmte dem Vorschlag zu, und das Paar schlenderte langsam einen der Hügel hinauf, die die Stadt Bladud umgeben.

„Es gibt gewisse Augenblicke“, sagte Tomlinson und blickte nachdenklich auf seine Gamaschen aus Kaschmir, „in denen wir wie der Fuchs im Kinderreim sind: ‚Der Fuchs hatte eine Wunde, er wusste nicht wo‘ – wir fühlen uns extrem unglücklich, und wir wissen nicht warum. Eine dunkle und traurige Melancholie wächst über uns; wir meiden das Angesicht des Menschen; wir hüllen uns in unsere Gedanken wie Seidenraupen; wir murmeln die Enden düsterer Lieder; Tränen treten in unsere Augen; wir erinnern uns an all das Unglück, das uns jemals widerfahren ist; wir gehen gebückt und vergraben unsere Hände in unseren Hosentaschen; wir sagen: ‚Was ist das Leben? – ein Stein, den man in einen Pferdeteich wirft!‘ Wir sehnen uns nach einem gleichgesinnten Herzen und haben ein juckendes Verlangen, prodigiös über uns selbst zu sprechen; alle anderen Themen scheinen müde, schal und unprofitabel. Wir fühlen uns, als könnte uns eine Fliege niederschlagen, und sind in einer Stimmung, uns zu verlieben und daraus eine sehr traurige Angelegenheit zu machen. Doch bei all dieser Schwäche haben wir in diesen Augenblicken eine feinere Meinung von uns selbst als je zuvor. Wir nennen unsere Schwermut die Melancholie einer erhabenen Seele, die Sehnsüchte einer Verdauungsstörung bezeichnen wir als Sehnsüchte nach Unsterblichkeit, ja, manchmal sogar als ‚einen Beweis für die Natur der Seele!‘ Möge ich einen Biographen finden, der solche Empfindungen gut versteht, und möge er jene schmelzenden Emotionen als die Ausgeburt des poetischen Charakters bezeichnen, die in Wirklichkeit die Ausgeburt – eines Hammelkoteletts sind!“

[Vgl. Moores „Life of Byron“, in dem zufriedenstellend gezeigt wird, dass wenn ein Mann achtundvierzig Stunden fastet, dann drei Hummer isst und der Himmel weiß wie viele Flaschen Claret trinkt; wenn er am nächsten Morgen aufwacht, sieht er sich von der Hälfte der Zeitschriften des Landes als Dämon beschimpft – wenn er mit einem Wort in seiner Gesundheit ruiniert, in seinen Gewohnheiten unregelmäßig, in seinen Angelegenheiten unglücklich, in seinem Zuhause unzufrieden ist, und wenn er dann so extrem exzentrisch sein sollte, niedergeschlagen und misanthropisch zu sein, dann sind der Niedergeschlagenheit und der Misanthropie keineswegs die oben genannten angenehmen Umstände zuzuschreiben, sondern, Gott weiß, dem „poetischen Charakter“!]

„Du scherzt recht vergnüglich über deine Niedergeschlagenheit“, sagte Clifford; „aber ich habe einen Grund für meine.“

„Was denn?“, rief Tomlinson. „Umso leichter ist es, sie zu heilen. Der Geist kann die Übel heilen, die aus dem Geist entspringen. Er ist nur ein Narr und ein Quacksalber und ein Sabberer, wenn er vorgibt, die Übel zu heilen, die aus dem Körper entspringen. Meine trüben Gedanken entspringen dem Körper; folglich kämpft mein Geist, der, wie du weißt, ein besonders weiser Geist ist, nicht gegen sie an. Sag mir offen“, erneuerte Augustus nach einer Pause, „bereust du jemals? Denkst du jemals, wenn du ein Ladenjunge mit einer weißen Schürze um deine Mitte gewesen wärst, dass du ein glücklicherer und besserer Teil der Gesellschaft gewesen wärst, als du es jetzt bist?“

„Bereuen!“, sagte Clifford grimmig; und seine Antwort öffnete mehr von seinem geheimen Herzen, seinen Motiven, seinen Überlegungen und seinen Eigenarten, als oft erkennbar waren – „bereuen! das ist das müßigste Wort in unserer Sprache. Nein; in dem Moment, in dem ich bereue, in dem Moment reformiere ich mich! Niemals kann es mir als Sühne für ein Verbrechen erscheinen, es lediglich zu bedauern. Mein Geist würde mich nicht zum Bedauern führen, sondern zur Wiedergutmachung! Bereuen! nein, noch nicht. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich von den Menschen und den Berufen des sozialen Lebens, desto mehr ekelt mich, einen offenen Schurken, vor der geschönten und verdeckten Unehrlichkeit um mich herum an. Ich erkenne keine Treue zur Gesellschaft an. Von meiner Geburt bis zu dieser Stunde habe ich keine einzige Gunst von ihren Bräuchen oder ihren Gesetzen erhalten; offen führe ich Krieg gegen sie, und geduldig werde ich ihre Rache ertragen. Das mag ein Verbrechen sein; aber es erscheint leicht in meinen Augen, wenn ich mich umsehe und auf allen Seiten die maskierten Verräter betrachte, die große Schulden gegenüber der Gesellschaft anerkennen, die vorgeben, ihren Gesetzen zu gehorchen, ihre Institutionen anzubeten und vor allem – oh, wie rechtschaffen! – alle anzugreifen, die sie angreifen, und die dennoch lügen und betrügen und betrügen und veruntreuen – öffentlich alle Annehmlichkeiten erntend, privat alle Gewinne stibitzend. Bereuen! – wofür? Ich komme freundlos und arm in die Welt; ich finde eine Reihe von Gesetzen, die dem Freundlosen und dem Armen feindlich gesinnt sind! Diesen Gesetzen, die mir feindlich sind, erkenne ich dann meinerseits Feindseligkeit an. Zwischen uns sind die Bedingungen des Krieges. Sollen sie eine Schwäche offenbaren – ich bestehe auf meinem Recht, den Vorteil zu ergreifen; sollen sie mich besiegen, so gestehe ich ihnen ihr Recht zu, mich zu vernichten.“ – [Der Autor muss, wie er hofft, nicht bemerken, dass diese Ansichten Mr. Paul Cliffords sind, nicht seine.]

„Leidenschaft“, sagte Augustus kühl, „ist der gewöhnliche Feind der Vernunft; in deinem Fall ist sie der Freund.“

Das Paar hatte nun den Gipfel eines Hügels erreicht, der einen Blick auf die Stadt unter ihnen bot. Hier hielt Augustus, der ein wenig kurzatmig war, an, um zu Atem zu kommen. Sobald er dies getan hatte, deutete er mit dem Zeigefinger auf die Szenerie unter sich und sagte enthusiastisch: „Was für ein Gegenstand zur Kontemplation!“

Clifford wollte gerade antworten, als plötzlich das Geräusch von Lachen und Stimmen hinter ihnen zu hören war. „Lass uns fliehen!“, rief Augustus; „an diesem Tag der Laune erfreut mich der Mensch nicht – oder die Frau auch nicht.“

„Bleib!“, sagte Clifford mit zitternder Stimme; denn unter diesen Stimmen erkannte er eine, die bereits eine unwiderstehliche und bezaubernde Macht über ihn gewonnen hatte. Augustus seufzte und blieb widerwillig unbeweglich. Bald brachte eine Windung im Weg eine Ausflugsgruppe zum Vorschein, einige zu Fuß, einige zu Pferd, andere in den kleinen Fahrzeugen, die schon damals die Kurorte heimsuchten und sich „Fliegen“ oder „Schwalben“ nannten.

Doch unter dem fröhlichen Zug hatte Clifford nur Augen für eine! Während sie mit jenem federnden Schritt, der so selten die erste Epoche der Jugend überdauert, neben dem schweren Stuhl herging, in dem ihr Vater gezogen wurde, verlieh die helle Schönheit der Lucy Brandon – zumindest in den Augen ihres Liebhabers – der ganzen Gruppe einen Zauber und einen Glanz. Er stand einen Augenblick still, beruhigte das Herz, das bei ihrem strahlenden Anblick und der Fröhlichkeit ihres unschuldigen Lachens höher schlug; dann, als er sich gefasst hatte, ging er langsam und mit einem gewissen Bewusstsein für die Wirkung seiner eigenen, außergewöhnlich stattlichen Erscheinung auf die Gesellschaft zu. Der gute Squire empfing ihn mit seiner gewohnten Güte und informierte ihn, gemäß jener lucidus ordo, die er so besonders schätzte, über alle Einzelheiten ihres Ausflugs. Die Szene in diesem Augenblick war eines Künstlers Skizze wert: der alte Squire in seinem Stuhl, mit seinem wohlwollenden Gesicht zu Clifford gewandt und den Händen auf seinem Stock ruhend; Clifford selbst, der sein stolzes Haupt neigte, um die Ausführungen des Vaters zu hören; die schöne Tochter auf der anderen Seite des Stuhls, deren Lachen plötzlich verstummt war, deren Gang unmerklich gefasster wirkte und deren Wangen sich unter der glatten, pfirsichartigen Lieblichkeit mit wechselnder Röte überzogen; die Gesellschaft von allen Größen, Altern und in jeder Kleidung, was dem Karikaturisten reichlich Spielraum bot; und die nachdenkliche Gestalt des Augustus Tomlinson (der übrigens dem Liston außerordentlich ähnlich sah), die abseits der anderen auf der Kuppe des Hügels stand, wo Clifford ihn zurückgelassen hatte, und über den bunten Zug moralisierte, mit einer Hand in der Weste verborgen und die andere sein Kinn streichelnd, das sich langsam und pendelnd mit dem Rest seines Kopfes auf und ab bewegte.

Als sich die Gesellschaft der Hügelkuppe näherte, war der Blick auf die Stadt unter ihnen so eindrucksvoll, dass es zu einer allgemeinen Pause zwecks Rundschau kam. Insbesondere eine junge Dame zückte ihren Bleistift und begann zu skizzieren, während ihre Mama wohlgefällig zusah und geistesabwesend ein Sandwich verzehrte. Es war in dieser Zeit, in der allgemeinen Pause, dass Clifford und Lucy sich – der Himmel weiß wie! – nebeneinander befanden und in genügendem Abstand zum Squire und dem Rest der Gesellschaft, um sich einigermaßen allein zu fühlen. Es herrschte ein Schweigen zwischen beiden, das keiner zu brechen wagte; als Lucy, nachdem sie eine Blume betrachtet und mit ihr gespielt hatte, die sie von dem Ort mitgebracht hatte, den die Gesellschaft besucht hatte, sie versehentlich fallen ließ; und als Clifford und sie sich im selben Moment bückten, um sie aufzuheben, berührten sich ihre Hände. Unwillkürlich hielt Clifford die weichen Finger in den seinen fest; seine Augen, die auf die ihren trafen, bannten und fesselten sie so sehr, dass sie für einmal nicht vor seinem Blick sanken; seine Lippen bewegten sich, doch viele und heftige Regungen erstickten seine Stimme so sehr, dass kein Laut entwich. Doch das ganze Herz lag in den Augen eines jeden; dieser Moment bestimmte ihr Schicksal. Von nun an gab es eine Ära, von der sie eine neue Existenz datierten; einen Kern, um den sich ihre Gedanken, ihre Erinnerungen und ihre Leidenschaften klammerten. Der große Abgrund war überschritten; sie standen am selben Ufer und fühlten, dass, obwohl sie noch getrennt und uneins waren, an diesem Ufer kein lebendes Wesen war außer ihnen selbst! Währenddessen brach Augustus Tomlinson, als er sich von Personen umringt sah, die begierig waren zu schauen und zu lauschen, aus seiner mürrischen Zurückhaltung aus. Er blickte seinen nächsten Nachbarn direkt an, fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft herum, bis er sie in Richtung der Häuser und Schornsteine unter ihnen ruhen ließ, und wiederholte jenen moralischen Ausruf, der bei Clifford wirkungslos geblieben war, mit einer feierlicheren und weniger leidenschaftlichen Schwere als zuvor: „Was für ein Thema, gnädige Frau, zur Kontemplation!“

„Sehr vernünftig gesagt, wahrlich, mein Herr“, sagte die angesprochene Dame, die eher von ernster Natur war.

„Ich sehe niemals“, fuhr Augustus in einem lauteren Ton fort und sah sich nach Zuhörern um, „ich sehe niemals eine große Stadt vom Gipfel eines Hügels, ohne an ein Apothekergeschäft zu denken!“

„Gott, mein Herr!“ sagte die Dame. Tomlinsons Ziel war erreicht. Von der Eigentümlichkeit des Gedankens getroffen, versammelte sich augenblicklich eine kleine Menge um ihn, um ihn weiter ausführen zu hören.

„An ein Apothekergeschäft, gnädige Frau!“, wiederholte Tomlinson. „Dort liegen Eure einfachen Mittel und Eure Abführmittel und Eure Stärkungsmittel und Eure Gifte – alles, um zu heilen und zu stärken und zu zerstören. Es gibt genug Drogen in dieser Sammlung, um euch zu retten, um euch alle zu heilen; aber niemand von euch weiß, wie man sie gebraucht, noch welche Arzneien man verlangen soll, noch welche Portionen man nehmen muss; so dass der größere Teil von euch eine falsche Dosis schluckt und an dem Heilmittel stirbt!“

„Aber wenn die Stadt das Apothekergeschäft ist, was steht dann, in Ihrem Gedankengebäude, für den Apotheker?“, fragte ein alter Herr, der begriff, worauf Tomlinson hinauswollte.

„Der Apotheker, mein Herr“, antwortete Augustus, der seine Idee von Clifford stahl und seine Stimme senkte, damit der wahre Eigentümer ihn nicht überhörte (Clifford war anderweitig beschäftigt), „der Apotheker, mein Herr, ist das GESETZ! Es ist das Gesetz, das hinter dem Ladentisch steht und jedem Menschen die Dosis verabreicht, die er einnehmen soll. Den Armen gibt es schlechte Drogen unentgeltlich; den Reichen Pillen, um den Appetit anzuregen; den Letzteren Prämien für den Luxus; den Ersteren nur schnelle Zufluchtsorte vor dem Leben! Ach! Entweder ist euer Apotheker nur ein unwissender Quacksalber, oder seine Wissenschaft selbst steckt noch in den Kinderschuhen. Er begeht so viele Fehler, wie ihr es tun würdet, wenn ihr euch selbst überlassen bliebet. Diejenigen, die ihn zu Hilfe rufen, sprechen selten dankbar von seiner Kunst. Er erleichtert euch, das stimmt – aber um euer Geld, nicht um euer Leiden; und der einzige Zweig seines Berufs, in dem er ein Fachmann ist, ist jener, der ihn befähigt, euch zur Ader zu lassen! O Menschheit!“, fuhr Augustus fort, „was für edle Geschöpfe solltet ihr sein! Ihr habt Schlüssel zu allen Wissenschaften, allen Künsten, allen Geheimnissen, außer einem! Ihr habt keine Vorstellung davon, wie ihr regiert werden solltet; ihr könnt kein erträgliches Gesetz formulieren, um euer Leben und eure Seele! Ihr macht euch das Leben so unbehaglich wie möglich durch allerlei zermürbende und lästige Institutionen, und ihr schiebt die Schuld auf das ‚Schicksal‘. Ihr stellt Regeln auf, die unmöglich zu begreifen, geschweige denn zu befolgen sind; und ihr nennt einander Monster, weil ihr die Unmöglichkeit nicht besiegen könnt! Ihr erfindet allerlei Laster unter dem Vorwand, Gesetze zur Erhaltung der Tugend zu machen; und die anomalen Künstlichkeiten des Verhaltens, die ihr selbst hervorbringt, nennt ihr angeboren; ihr baut eine Maschine durch die perverseste Kunst, die euch einfallen kann, und nennt sie, mit einem Seufzer, ‚Menschliche Natur‘. Mit einer Menge guter Anlagen, die in eurer Brust ringen, besteht ihr darauf, den Allmächtigen zu verleumden und zu erklären, dass er wollte, dass ihr böse seid. Ja, ihr nennt sogar den Mann boshaft und aufrührerisch, der euch anfleht und bittet, auch nur einen Deut besser zu sein, als ihr seid. O Menschheit! Ihr seid wie ein Blumenstrauß, der im Covent Garden gekauft wurde. Die Blumen sind reizend, der Duft köstlich. Betrachtet diesen herrlichen Farbton; betrachtet dieses aufbrechende Blütenblatt! Wie schön, wie duftend nach Gesundheit, nach Natur, nach dem Tau und Hauch und Segen des Himmels seid ihr alle! Aber was das schmutzige Stück Schnur angeht, das euch zusammenbindet, so könnte man meinen, ihr hättet es aus der Gosse aufgelesen.“

So sagend, wandte Tomlinson sich auf dem Absatz um, löste sich aus der Menge und stieg feierlich den Hügel hinab. Die Ausflugsgruppe folgte langsam; und Clifford, der eine Einladung vom Squire erhielt, an seinem Familienessen teilzunehmen, ging an der Seite von Lucy und fühlte sich, als wäre sein Geist berauscht von den Lüften Edens.

Ein befreundeter Squire, der unter den Vergnügungen von Bath fast so verlassen war wie Joseph Brandon selbst, nahm an der Gastfreundschaft des Herrn von Warlock teil. Als die drei Herren sich in den Salon zurückzogen, setzten sich die beiden älteren zu einer Partie Backgammon, und Clifford blieb der ungestörten Freude an Lucys Unterhaltung überlassen. Sie saß am Fenster, als Clifford zu ihr stieß. Auf dem Tisch an ihrer Seite lagen verstreut Bücher, deren Reiz (es war hauptsächlich Poesie) sie erst in letzter Zeit zu entdecken gelernt hatte; dort waren auch verschiedene kleine Meisterwerke weiblichen Geschicks verstreut, in denen die feenhaften Finger der Lucy Brandon besonders zu glänzen vermochten. Die Schatten des Abends verdunkelten rasch die leeren Straßen; und am Himmel, der wolkenlos und transparent klar war, kamen die Sterne allmählich einer nach dem anderen hervor, bis –

„Wie Wasser einen Schwamm, so erfüllte ihr sanftes Licht Die leere, hohle, universelle Luft.“

Schöner Abend! (wenn wir, ebenso wie Augustus Tomlinson, einer Apostrophe frönen dürfen) – schöner Abend! Für dich haben alle Dichter ein Lied gehabt und dich mit Rinnsalen und Wasserfällen und Tauen und Blumen und Schafen und Fledermäusen und Melancholie und Eulen umgeben; doch müssen wir gestehen, dass du für uns, die wir in diesem sehr sentimentalen Zeitalter eine geschäftige, weltliche, hartgesinnte Person sind, die ihre Nachbarn wegstößt und an den Hauptvorteil denkt – für uns bist du niemals so bezaubernd, als wenn wir dich in deiner grauen Kapuze durch die sich leerenden Straßen und inmitten der sterbenden Geräusche einer Stadt wandeln sehen. Wir lieben es, die Stille zu spüren, wo alles, zwei Stunden zuvor, Getöse war. Wir lieben es, die schmutzigen Wohnstätten von Handel und Luxus – jene unruhigen Patienten des ständigen Fiebers der Erde – im Kontrast und überdacht von einem Himmel voller Reinheit und Stille und Frieden zu sehen. Wir lieben es, unsere Gedanken mit Spekulationen über den Menschen zu füllen, selbst wenn der Mensch der Muffin-Mann ist, statt mit unbelebten Objekten – Hügeln und Strömen – Dingen, von denen man träumen, nicht über die man meditieren soll. Der Mensch ist das Thema weitaus edlerer Betrachtung, weitaus glühenderer Hoffnung, weitaus reinerer und erhabenerer Stimmung als alle „Fluten und Felsen“ im Universum; und das, süßer Abend! ist ein Grund, warum wir es mögen, dass die ernsten und zarten Gedanken, die du in uns weckst, eher von den Arbeiten und Zeichen unserer Spezies umgeben sind als von Schafen und Fledermäusen und Melancholie und Eulen. Aber ob du, gesegnetster Abend! uns auf dem Land oder in der Stadt erfreust, du stimmst uns gleichermaßen dazu, Liebe zu machen und zu fühlen! Du bist die Ursache für mehr Ehen und mehr Scheidungen als jede andere Zeit in den vierundzwanzig Stunden! Augen, die uns zuvor gewöhnliche Augen waren, werden, berührt von deinen bezaubernden und magischen Schatten, inspiriert und predigen uns vom Himmel. Eine Weichheit legt sich auf Züge, die uns rau waren, während die Sonne schien; ein mildes „Licht der Liebe“ ruht auf dem Teint, den wir bei Tag „fünf Klafter tief“ in ein Meer von Mrs. Gowlands Lotion getaucht hätten. Was also, du bescheidene Heuchlerin! bringst du denen, die bereits und tief lieben – was also an Gefahr und Paradies bringst du?

Schweigend und den Atem anhaltend, der beide schnell und stoßweise hob, saßen Lucy und Clifford zusammen. Die Straßen waren völlig verlassen; und die Einsamkeit, als sie nach unten blickten, ließ sie umso intensiver nicht nur die Gefühle spüren, die in ihnen anschwollen, sondern auch die undefinierte und elektrische Sympathie, die sie vereinte und von der Welt trennte. Die Ruhe um sie herum wurde durch einen fernen Klang roher Musik unterbrochen; und als er näher kam, wurden zwei Gestalten nicht poetischer Ordnung sichtbar. Die eine war ein armer blinder Mann, der seiner Flöte Töne entlockte, bei denen die melancholische Schönheit der Weise jeden Mangel (der Mangel war nur gering) in der Ausführung ausglich. Eine Frau, viel jünger als der Musiker und mit einer gewissen Schönheit im Gesicht, begleitete ihn, hielt einen zerlumpten Hut und blickte sehnsüchtig zu den Fenstern der stillen Straße hinauf. Wir sagten zwei Gestalten; wir taten einem anderen die Ungerechtigkeit des Vergessens – einem rauen und einfachen Freund, es ist wahr, aber einem, den sowohl der Spielmann als auch seine Frau aus vielen und bewegenden Gründen zu lieben hatten. Dies war ein kleiner, drahtiger Terrier mit dunklen, durchdringenden Augen, die schnell und scharfsinnig unter der struppigen Decke, die sie umgab, in alle Richtungen blickten. Langsam bewegte sich das Tier vorwärts, zog sanft an der Schnur, an der es gehalten wurde und mit der es seinen Herrn führte. Einmal wurde seine Treue versucht: Ein anderer Hund lud ihn zum Spielen ein; der arme Terrier blickte ängstlich und zweifelnd umher, und dann, ein leises Knurren der Ablehnung ausstoßend, setzte er fort:

„Der lautlose Gang seines Weges.“

Der kleine Zug hielt unter dem Fenster, an dem Lucy und Clifford saßen; denn das schnelle Auge der Frau hatte sie wahrgenommen, und sie legte ihre Hand auf den Arm des blinden Mannes und flüsterte ihm zu. Er nahm den Hinweis auf und änderte seine Weise in eine der Liebe. Clifford blickte zu Lucy; ihre Wange war von Rötung durchzogen. Die Weise war zu Ende; eine andere folgte – sie war von der gleichen Art; eine dritte – der Refrain war noch immer unverändert; und dann warf Clifford ein Geldstück auf die Straße, und der Hund wedelte mit seinem verkürzten und verkümmerten Schwanz, stürmte vorwärts und nahm es mit dem Mund auf; und die Frau (sie hatte ein freundliches Gesicht!) tätschelte den diensteifrigen Freund, noch bevor sie dem Spender dankte, und dann ließ sie das Geld mit einem aufmunternden Wort oder zwei in die Tasche des blinden Mannes fallen, und die drei Wanderer zogen langsam weiter. Bald kamen sie an eine Stelle, wo die Straße ausgebessert worden war und die Steine verstreut umherlagen. Hier vertraute die Frau nicht mehr auf die Führung des Hundes, sondern eilte besorgt zu dem Musiker und führte ihn mit sichtbarer Zärtlichkeit und minuziöser Wachsamkeit über den rauen Weg. Als sie die Gefahr passiert hatten, hielt der Mann an; und bevor er die Hand losließ, die ihn geführt hatte, drückte er sie dankbar, und dann beugten sich sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau nieder und liebkosten den Hund. Diese kleine Szene – eine jener groben Kopien der Lieblichkeit menschlicher Zuneigungen, von denen so viele an den Landstraßen der Welt verstreut sind – hatten beide Liebenden unwillkürlich beobachtet; und nun, als sie ihre Augen abwandten – ruhten diese Augen aufeinander –, schwammen Lucys in Tränen.

„Von der geliebt und gepflegt zu werden, die ich liebe“, sagte Clifford mit leiser Stimme, „würde ich blind und barfuß über die ganze Erde gehen!“

Lucy seufzte sehr sanft; und indem sie ihre hübschen Hände (die eine über die andere verschränkt) auf ihr Knie legte, blickte sie sehnsüchtig auf sie herab, gab aber keine Antwort. Clifford rückte seinen Stuhl näher und betrachtete sie, wie sie da saß; die langen dunklen Wimpern sanken über ihre Augen und bildeten einen Kontrast zu den elfenbeinernen Lidern; ihr feines Profil halb von ihm abgewandt, lieh sie eine berührendere Schönheit von dem sanften Licht, das auf ihr ruhte; und ihr voller, doch noch kaum entwickelter Busen hob sich bei Gedanken, die sie nicht analysierte, sondern zufrieden war, sie zugleich vage und köstlich zu empfinden. Er blickte, und seine Lippen zitterten; er sehnte sich zu sprechen; er sehnte sich danach, nur jene Worte zu sagen, die vermitteln, was Bände auszudrücken versucht und nur durch Details geschwächt haben – „Ich liebe“. Wie er dem Verlangen seines Herzens widerstand, wissen wir nicht – aber er widerstand; und Lucy, nach einer verwirrten und verlegenen Pause, nahm eines der Gedichte vom Tisch und stellte ihm einige Fragen zu einer bestimmten Passage in einer alten Ballade, die er ihr einst zur Beachtung gezeigt hatte. Die Passage bezog sich auf einen Grenzhäuptling, einen der Armstrongs aus alter Zeit, der, von den Engländern ergriffen und zum Tode verurteilt, seine letzten Gefühle in einer leidenschaftlichen Ansprache an sein eigenes Heim – seinen rauen Turm – und seine frisch angetraute Braut ausstieß. „Glauben Sie“, sagte Lucy, als ihr Gespräch zu fließen begann, „dass jemand, der so gesetzlos und begierig auf Blutvergießen und Streit ist, wie dieser Räuber beschrieben wird, so fähig zu zarten Zuneigungen sein könnte?“

„Das tue ich“, sagte Clifford, „weil er sich nicht bewusst war, dass er so kriminell war, wie Sie ihn einschätzen. Wenn ein Mensch die Vorstellung hegt, dass seine Handlungen nicht böse sind, wird er alle ihre besseren und sanfteren Empfindungen in seinem Herzen bewahren, als hätte er niemals gesündigt. Der Wilde ermordet seinen Feind, und wenn er nach Hause zurückkehrt, ist er nicht weniger seinem Freund ergeben oder weniger besorgt um seine Kinder. Um die freundlichen Anlagen zu härten und zu verrohen, müssen wir nicht nur der Schuld frönen, sondern fühlen, dass wir schuldig sind. Oh! Viele, die die Welt mit ihrem Schimpf belädt, sind zu Taten fähig – ja, haben Taten begangen –, die die Welt in anderen verehren und anbeten würde. Wollen Sie wissen, ob das Herz eines Menschen der Kraft der Liebe verschlossen ist – fragen Sie nicht, was er zu seinen Feinden ist, sondern zu seinen Freunden!“ Verbrechen auch“, fuhr Clifford fort, schnell und heftig sprechend, während seine Augen blitzten und das dunkle Blut in seine Wangen schoss – „Verbrechen – was ist Verbrechen? Menschen verkörpern ihre schlimmsten Vorurteile, ihre übelsten Leidenschaften in einem heterogenen und widersprüchlichen Kodex; und alles, was diesen Kodex bricht, nennen sie ein Verbrechen. Wenn sie keinen Unterschied in der Strafe machen – das heißt, in der Einschätzung –, die sowohl dem Mord als auch einem kleinen Diebstahl zugemessen wird, der dem schwachen Willen durch Hunger auferlegt wurde, so brauchen wir nichts anderes, um uns davon zu überzeugen, dass sie unwissend über das Wesen der Schuld selbst sind und dass sie den Mangel an Weisheit durch Grausamkeit ausgleichen.“

Lucy blickte alarmiert auf das lebhafte und feurige Gesicht des Sprechers. Clifford fasste sich nach einer kurzen Pause und erhob sich von seinem Sitz mit dem heiteren und offenen Lachen, das eines seiner besonderen Merkmale war. „Es gibt eine Eigentümlichkeit in der Politik, Miss Brandon“, sagte er, „die Sie, wie ich wage zu sagen, oft beobachtet haben – nämlich, dass diejenigen, die am wenigsten wichtig sind, immer am lautesten sind, und dass die Hauptleute, die ihre Beherrschung verlieren, diejenigen sind, die nichts als Gegenleistung zu gewinnen haben.“

Als Clifford sprach, wurden die Türen aufgestoßen, und einige Besucher für Miss Brandon wurden angekündigt. Der gute Squire war noch immer in die Wechselfälle seines Spiels vertieft; und die einzige Aufgabe, „die Gesellschaft“, wie die Zimmermädchen sagen, zu empfangen und zu unterhalten, fiel wie üblich auf Lucy. Glücklicherweise für sie war Clifford einer jener seltenen Menschen, die in hervorragendem Maße über die Talente der Gesellschaft verfügten. Es lag viel in seinem heiteren und galanten Temperament, begleitet von Sentimentalität und Eifer, das unserem Ideal jener Chevalier glich, die normalerweise auf dem Kontinent eigen sind – Helden gleichermaßen im Salon wie auf dem Feld. Aufmerksam, zuvorkommend, witzig und bewandert in den verschiedenen Errungenschaften, die (diese seltenste aller Verbindungen!) Lebhaftigkeit mit Anmut vereinen, war er besonders für jene glänzende Welt geschaffen, von der seine Umstände ihn auszuschließen tendierten. Unter anderen Vorzeichen hätte er sein können – Puh! Wir verfallen in einen ganz sinnlosen Gemeinplatz; was könnte irgendein Mensch unter anderen Vorzeichen sein als denen, von denen sein Leben geleitet wurde? Musik folgte bald auf die Unterhaltung, und Cliffords Stimme wurde notwendigerweise beansprucht. Miss Brandon war gerade vom Cembalo aufgestanden, als er sich setzte, um seinen Teil aufzuführen; und sie stand mit dem Rest der Gruppe bei ihm, während er sang. Nur zweimal stahl sich sein Auge zu jenem Fleck, den ihr Atem und ihre Gestalt ihm heilig machten; einmal, als er begann, und einmal, als er sein Lied beendete. Vielleicht inspirierte ihn die Erinnerung an ihr Gespräch; sicherlich haftete es ihm in diesem Moment im Gedächtnis – warf eine reichere Röte über seine Stirn und flößte seinem Ton eine bedeutungsvollere und herzlichere Weichheit ein.

STROPEN.

Wenn ich dich verlasse, oh! frage nicht die Welt, was das Herz Das dich anbetet, für andere sein mag! Ich weiß, dass ich sündige, wenn ich von dir gehe, Doch meine Schuld soll nicht auf dich fallen!

Mein Leben ist ein Fluss, der einen Strahl spiegelt, Der herabzusteigen sich herabgelassen hat von oben; Was auch immer die Ufer sein mögen, die seinen Weg beschatten, Er spiegelt das Licht deiner Liebe wider.

Obgleich die Wellen hoch gehen mögen, wenn der Nachtwind erwacht, Und den Strom zu seinem Fall eilt; Obgleich gebrochen und wild die Wogen sein mögen, die er macht, Dein Bild bebt noch immer auf allen!“

Während diese unheilvolle Liebe zwischen Clifford und Lucy bei jeder Begegnung und jeder Gelegenheit neue Nahrung fand, führte der unglückliche Mauleverer, fest davon überzeugt, dass sein Leiden ein Rückfall dessen war, was er als „Warlock-Dyspepsie“ bezeichnete, einen grimmigen Krieg gegen die Reste von Rindfleisch und Pudding, von denen er seinen Ärzten unter Tränen versicherte, sie würden „in seiner Konstitution lauern“. Da Mauleverer zwar, wie die meisten Männer von unverkennbarem Rang, gegenüber allen seinen Bekannten, ungeachtet ihres Standes, gefällig war, jedoch nur sehr wenige Freunde besaß, die intim genug waren, um sein Krankenzimmer zu betreten, und sich keiner dieser Wenigen in Bath aufhielt, wird man leicht erkennen, dass er in glückseliger Unwissenheit über das wachsende Glück seines Rivalen schwebte. Und um die reine Wahrheit zu sagen: Die Krankheit, die die Gedanken eines Mannes sehr auf sich selbst richtet, verbannte viele der zärtlichsten Ideen, die gewöhnlich in seinem Geist um das Bild der Lucy Brandon kreisten. Seine Pille verdrängte seine Leidenschaft; und er fühlte, dass es Tränke auf der Welt gibt, die in ihrer Wirkung mächtiger sind als jene in den Phiolen des Alcidonis. -- [Siehe Marmontels hübsche Erzählung „Les Quatres Flacons“.] -- Er dachte zwar sehr oft daran, wie angenehm es für Lucy wäre, sein Kopfkissen aufzuschütteln und diese Arznei zuzubereiten; aber dann hatte Mauleverer einen ausgezeichneten Kammerdiener, der darauf hoffte, die Rolle zu spielen, die Gil Blas gegenüber dem ehrlichen Lizentiaten innehatte, und ein Vermächtnis zu pflegen, während er seinen Herrn pflegte. Und der Graf, der von ziemlich gutem Gemüt war, musste gestehen, dass es kaum für jemanden möglich wäre, „seine Gewohnheiten besser zu kennen als Smoothson“. So trübte während seiner Krankheit die holde Gestalt seiner zukünftigen Braut den Frieden des edlen Verehrers nur wenig. Und erst als er sich wieder in der Lage fand, drei gute Abendessen hintereinander mit erträglichem Appetit zu verzehren, erinnerte sich Mauleverer, dass er heftig verliebt war. Sobald dieser Gedanke in seinem Gedächtnis wieder vollkommen verankert war und ihm sein Arzt gestattet hatte, sich „ein wenig heitere Gesellschaft“ zu gönnen, beschloss Mauleverer, für ein oder zwei Stunden in die Gesellschaftsräume zu gehen.

Man kann beobachten, dass die meisten großen Persönlichkeiten einen bevorzugten Ort haben, ein gehegtes Baiae, an dem sie ihren Stand ablegen und lieber den Liebenswürdigen als den Prächtigen spielen; und Bath war seinerzeit aufgrund seiner Heiterkeit, seiner Leichtigkeit, der Vielfalt der Charaktere, die in seinen Treffpunkten zu finden waren, und der gefälligen Art, wie solche Charaktere sich selbst der Lächerlichkeit preisgaben, genau der richtige Ort, um einen Mann wie Mauleverer zu erfreuen, der es liebte, zugleich bewundert zu werden und zu satirisieren. Er war daher eine vergötterte Person in der Stadt Bladud; und als er die Räume betrat, wurde er von einer ganzen Schar von Nachahmern und Schmeichlern umringt, die erfreut waren, seine Lordschaft so viel besser aussehen zu sehen und ihn für so genesen zu erklären. Sobald der Graf sich verbeugt, gelächelt und genügend Hände geschüttelt hatte, um seinen Ruf zu wahren, schlenderte er in Richtung der Tanzenden, um nach Lucy zu suchen. Er fand sie nicht nur genau an derselben Stelle, an der er sie zuletzt erblickt hatte, sondern auch tanzend mit exakt demselben Partner, der zuvor schon den ganzen Neid und Zorn des galanten Edelmanns provoziert hatte. Mauleverer, obwohl keineswegs süchtig danach, seine Komplimente im Voraus vorzubereiten, hatte sich gerade eine delikate Rede für Lucy zurechtgelegt; doch kaum blitzte die Gestalt ihres Partners vor ihm auf, da verschwand die ganze Schmeichelei auf der Stelle aus seiner Erinnerung. Er fühlte, wie er bleich wurde; und als Lucy sich umdrehte, ihn in seiner Nähe sah und ihn in dem besorgten und sanften Ton ansprach, den sie für die Genesung eines Freundes ihres Onkels für angemessen hielt, verbeugte sich Mauleverer, verwirrt und schweigsam; und jene grünäugige Leidenschaft, die den Geist eines wahren Liebhabers erschüttert hätte, störte, indem sie den Lauf ihrer Wut ein wenig veränderte, auf wirksame Weise das Auftreten des Höflings.

In einen abgelegenen Teil des Raumes zurückweichend, wo er alles sehen konnte, ohne aufzufallen, beschäftigte sich Mauleverer nun damit, die Bewegungen und Blicke des jungen Paares zu beobachten. Er war von Natur aus ein durchdringender und scharfer Beobachter, und in diesem Fall schärfte die Eifersucht seine Talente; er sah genug, um sich davon zu überzeugen, dass Lucy bereits an Clifford hing; und da er durch diese Überzeugung voll und ganz davon überzeugt war, dass Lucy für sein eigenes Glück notwendig sei, beschloss er, keinen Augenblick zu verlieren, um Captain Clifford aus ihrer Gegenwart zu verbannen oder zumindest solche Nachforschungen über die Verwandtschaft, den Rang und die Seriosität dieses Herrn anzustellen, die, so hoffte er, eine solche Verbannung zu einer notwendigen Folge der Untersuchung machen würden.

Von diesem Entschluss erfüllt, begab sich Mauleverer sofort zum Rückzugsort des Gutsherrn, verwickelte ihn in ein Gespräch und fragte ihn geradeheraus, mit wem zum Teufel Miss Brandon da tanze.

Der Gutsherr, ein wenig gereizt durch diese Brüskheit, antwortete mit einem langen Loblied auf Paul; und Mauleverer, nachdem er es sich mit dem lieblichsten Lächeln, das man sich vorstellen kann, bis zum Ende angehört hatte, erklärte dem Gutsherrn sehr höflich, er sei sicher, dass Mr. Brandons Gutmütigkeit ihn in die Irre geführt habe. „Clifford!“, sagte er und wiederholte den Namen, „Clifford! Es ist einer jener Namen, die besonders von Personen gewählt werden, die niemand kennt – erstens, weil der Name gut klingt, und zweitens, weil er gewöhnlich ist. Meine lange und teure Freundschaft mit Ihrem Bruder lässt mich besonders besorgt sein in jedem Punkt, der seine Nichte betrifft; und in der Tat, mein lieber William, habe ich – vielleicht mein Wissen über die Welt und meinen Einfluss in der Gesellschaft überschätzend, doch nicht meine Zuneigung zu ihm – mich dazu gedrängt, die Freiheit zu ergreifen, mich als einen Freund, ja sogar als einen Verwandten von Ihnen und Miss Brandon zu betrachten; sodass ich darauf vertraue, dass Sie meine Vorsicht nicht als ungebührlich betrachten.“

Der geschmeichelte Gutsherr versicherte ihm, er fühle sich besonders geehrt, weit davon entfernt, seine Lordschaft (was bei so vornehmen Leuten wie seiner Lordschaft, zumal!) für ungebührlich zu halten.

Lord Mauleverer, durch diese Rede ermutigt, setzte listig nach und hatte Erfolg, wenn nicht damit, den Gutsherrn davon zu überzeugen, dass der gutaussehende Kapitän eine verdächtige Figur sei, so doch zumindest damit, ihn davon zu überzeugen, dass der gesunde Menschenverstand es erfordere, dass er genau herausfinde, wer der gutaussehende Kapitän sei, zumal er die Gewohnheit hatte, dreimal die Woche mit dem Gutsherrn zu speisen und jeden Abend mit Lucy zu tanzen.

„Sehen Sie“, sagte Mauleverer, „er nähert sich Ihnen jetzt; ich werde mich auf den Stuhl am Kamin zurückziehen, und Sie werden ihn ins Kreuzverhör nehmen – ich zweifle nicht daran, dass Sie dies mit der äußersten Delikatesse tun werden.“

So sagend nahm Mauleverer einen Platz ein, von dem aus er (leicht schwerhörig, wie er war) das folgende Gespräch nicht ganz außer Hörweite war, obwohl ihn die Position seines Sitzes vor Blicken verbarg. Mauleverer galt im Privatleben als ein Mann von pünktlichster Ehre, und er wäre für alles in der Welt nicht dabei gesehen worden, wie er den Gesprächen anderer Leute lauschte.

Mit einem Räuspern und indem er sich zurechtrückte, als Clifford näher kam, begann der Gutsherr so geschickt den Angriff: „Ah, ha! Mein guter Captain Clifford, wie geht es Ihnen? Ich habe Sie (und ich freue mich sehr, mein Freund, wie jeder andere auch, Sie zu sehen) aus der Ferne gesehen. Und wo haben Sie meine Tochter gelassen?“

„Miss Brandon tanzt mit Mr. Muskwell, mein Herr“, antwortete Clifford.

„Oh! Tut sie das? Mr. Muskwell – humph! Gute Familie die Muskwells – stammten aus Primrose Hall. Sagen Sie, Captain, nicht dass ich es um meiner selbst willen wissen wollte, denn ich bin eine seltsame, sonderbare Person, glaube ich, und ich bin vollkommen überzeugt (manche Leute sind tadelnd, und andere, Gott sei Dank, nicht!) von Ihrer Seriosität – aus welcher Familie kommen Sie? Sie werden meine – meine Vorsicht nicht für ungebührlich halten?“, fügte der schlaue alte Herr hinzu, indem er jene Phrase borgte, die er im Munde von Lord Mauleverer so freundlich fand.

Clifford errötete für einen Moment, antwortete aber mit einem stillen Schalk im Blick: „Familie! Oh, mein lieber Herr, ich stamme aus einer alten Familie – einer sehr alten Familie in der Tat.“

„Das dachte ich immer; und in welchem Teil der Welt?“

„Schottland, mein Herr – alle unsere Familie stammt aus Schottland; nämlich alle, die lange leben – der Rest stirbt jung.“

„Ja, besondere Luft bekommt besonderen Konstitutionen. Ich zum Beispiel könnte nicht in allen Ländern leben; nicht – Sie verstehen mich – im Norden!“

„Wenig ehrliche Männer können dort leben“, sagte Clifford trocken.

„Und“, fuhr der Gutsherr fort, ein wenig verlegen durch die Art seiner Aufgabe und die kühle Sicherheit seines jungen Freundes, „und sagen Sie, Captain Clifford, welchem Regiment gehören Sie an?“

„Regiment? – Oh, die Rifles!“, antwortete Clifford. („Der Teufel steckt in mir“, murmelte er, „wenn ich einem Scherz widerstehen kann, selbst wenn ich mir das Genick dabei breche.“)

„Eine sehr tapfere Truppe von Männern“, sagte der Gutsherr.

„Kein Zweifel daran, mein Herr!“, entgegnete Clifford.

„Und glauben Sie, Captain Clifford“, erneuerte der Gutsherr, „dass es ein gutes Korps ist, um voranzukommen?“

„Es ist ein eher schlechtes, um wegzukommen“, murmelte der Kapitän; und dann laut: „Nun, wir haben nicht viel Einfluss bei Hofe, mein Herr.“

„Oh! Aber dann gibt es einen weiteren Spielraum, wie mein Bruder, der Anwalt, sagt – und niemand weiß es besser – für Verdienste. Ich wette, Sie haben schon manchen Mann gesehen, der aus den Rängen befördert wurde?“

„Nichts ist gewöhnlicher, mein Herr, als eine solche Beförderung; und so groß ist die Tugend unseres Korps, dass ich auch nicht wenige gekannt habe, die bereit waren, die Ehre auf ihre Kameraden zu übertragen.“

„Das sagen Sie nicht!“, rief der Gutsherr und riss die Augen auf bei solch uneigennütziger Großmut.

„Aber“, sagte Clifford, der zu glauben begann, er könnte das Zweideutige zu weit treiben, und der trotz seines Scherzens dachte, es sei möglich, eine angenehmere Art des Gesprächs einzuschlagen – „aber, mein Herr, wenn Sie sich erinnern, Sie haben noch nicht jene jugendliche Jagdgeschichte von Ihnen beendet, als die Meute bei Burnham Copse verloren ging.“

„Oh, sehr wahr“, rief der Gutsherr, der seine späten Verdächtigungen völlig vergaß; und alsbald begann er eine Geschichte, die zu versprechen schien, so lang zu werden wie die Jagd, von der sie berichtete. So bezaubert war er, als er sie beendet hatte, von dem Charakter des Gentlemans, der ihm so entzückt zugehört hatte, dass er beim Wiedersehen mit Mauleverer dem Grafen mit wichtiger Miene erzählte, er habe den jungen Kapitän streng geprüft und sich vollkommen von der Exzellenz seiner Familie sowie der Rechtschaffenheit seiner Sitten überzeugt. Mauleverer hörte mit einer Miene höflichen Unglaubens zu; er hatte nur wenig von dem Gespräch gehört, das zwischen den beiden stattgefunden hatte; aber als er den Gutsherrn nach mancherlei Einzelheiten über Cliffords Geburt, Abstammung und Vermögen befragte, fand er ihn genau so unwissend wie zuvor. Der Höfling jedoch, da er sah, dass weiteres Einreden vergeblich war, begnügte sich damit, dem Gutsherrn auf die Schulter zu klopfen und mit geheimnisvoller Urbanität zu sagen: „Ach, mein Herr, Sie sind zu gut!“

Mit diesen Worten wandte er sich um und suchte, noch immer nicht verzweifelnd, die Tochter. Er fand Miss Brandon gerade vom Tanzen befreit und bot ihr mit einer Art väterlicher Galanterie seinen Arm an, um durch die Räume zu flanieren. Nach einiger einleitender Floskel und dem tausendsten Hinweis auf seine Freundschaft zu William Brandon sprach der Graf mit ihr über diesen „gut aussehenden jungen Mann, der sich Captain Clifford nennt“.

Unglücklicherweise für Mauleverer wurde er ein wenig zu unvorsichtig, als seine Verstimmung über die Einmischung Cliffords mit seiner Sprache wärmer wurde, und er ließ in seinem Zorn ein oder zwei Worte der Warnung fallen, die die Empfindlichkeit von Miss Brandon besonders beleidigten.

„Nehmen Sie sich in Acht, wie ich jemanden ermutige, mein Lord!“, sagte Lucy mit glühenden Wangen und wiederholte die Worte, die sie so beleidigt hatten, „ich muss Sie wirklich bitten –“

„Sie meinen, liebste Miss Brandon“, unterbrach Mauleverer und drückte ihre Hand mit respektvoller Zärtlichkeit, „dass Sie mich bitten müssen, mich für meinen unbedachten Ausdruck zu entschuldigen. Ich tue es aufrichtig. Hätte ich weniger Interesse an Ihrem Glück empfunden, glauben Sie mir, wäre ich in meiner Sprache vorsichtiger gewesen.“

Miss Brandon verbeugte sich steif, und der Höfling sah mit heimlichem Zorn, dass die Schönheit vom Lande nicht so leicht zu besänftigen war, selbst nicht durch eine Entschuldigung von Lord Mauleverer. „Ich habe Zeiten erlebt“, dachte er, „da hätten junge unverheiratete Damen eine Kränkung durch mich als eine Ehre betrachtet! Sie wären bei einer Entschuldigung in Hysterie verfallen!“ Bevor er Zeit hatte, seinen Frieden zu machen, gesellte sich der Gutsherr zu ihnen; und Lucy, die den Arm ihres Vaters nahm, drückte ihren Wunsch aus, nach Hause zurückzukehren. Der Gutsherr war erfreut über diesen Vorschlag. Es wäre nur höflich von Mauleverer gewesen, seine Hilfe bei jenen kleinen Aufmerksamkeiten anzubieten, die dem Aufbruch der Damen von Bällen vorausgehen. Er zögerte für einen Moment. „Es hält einen so lange in diesen verfluchten Zugluft-Gängen auf“, dachte er fröstelnd. „Außerdem ist es gerade möglich, dass ich sie nicht heirate, und es ist nicht gut, eine Erkältung (vor allem zu Beginn des Winters) umsonst zu riskieren!“ Von dieser vorsichtigen Taktik erfüllt, übergab Mauleverer Lucy ihrem Vater und murmelte ihr ins Ohr, dass „ihr Missfallen ihn zum elendesten aller Menschen mache“, und schloss seinen Abschied mit einer bußfertigen, graziösen Verbeugung.

Etwa fünf Minuten später zog er sich selbst zurück. Während er seinen körperlichen Schatz in seinen Sable-Umhang hüllte, bevor er sich in seinen Sessel begab, hatte er die Demütigung, Lucy zu sehen, die mit ihrem Vater aus irgendeinem Grund in der Halle aufgehalten worden war, wie sie von Captain Clifford in die Kutsche geholfen wurde. Hätte der Graf genauer zugesehen, als es ihm die sorgenvollen Gedanken an sich selbst erlaubten, hätte er zu seinem Trost bemerkt, dass Lucy ihre Hand mit einer abgewandten und kühlen Miene gab und dass Cliffords ausdrucksstarke Gesichtszüge eher die Anzeichen von Demütigung als von Triumph trugen.

Er sah jedoch nicht mehr als die Handlung; und als er mit seinen Fackeln und Dienern voran und dem wachsamen Smoothson an der Seite des kleinen Gefährts heimwärts getragen wurde, murmelte er seinen Entschluss, mit der nächsten Post an Brandon seinen ganzen Zorn über Lucy und seine ganze Eifersucht auf ihren offensichtlichen Liebhaber zu schreiben.

Während dieser tapfere Entschluss die große Seele Mauleverers beseelte, erreichte Lucy ihr eigenes Zimmer, verriegelte die Tür und warf sich auf ihr Bett, in einen langen und bitteren Tränenausbruch. So ungewöhnlich waren solche Besucher für ihr glückliches und lebhaftes Temperament, dass etwas fast Alarmierendes in dem Ernst und der Hartnäckigkeit lag, mit der sie nun weinte.

„Was!“, sagte sie bitter, „habe ich meine Zuneigung auf einen Mann von ungewissem Charakter gesetzt, und ist meine Verblendung so offensichtlich, dass ein Bekannter es wagt, auf ihre Unklugheit anzuspielen? Und doch sein Auftreten – sein Ton! Nein, nein, es kann keinen Grund zur Scham geben, ihn zu lieben!“ Und als sie dies sagte, stach ihr das Herz wegen der Kälte ihres Auftretens gegenüber Clifford bei seinem Abschied am Abend. „Bin ich“, dachte sie und weinte noch heftiger als zuvor, „bin ich so weltlich, so niederträchtig, mich ihm gegenüber verändert zu fühlen, sobald ich ein Wort gegen seinen Namen gehaucht höre? Sollte ich nicht im Gegenteil an seinem Bild mit einer größeren Liebe festgehalten haben, wenn er von anderen angegriffen wurde? Aber mein Vater, mein lieber Vater, und mein freundlicher, kluger Onkel – ihnen schulde ich etwas; und sie würden ihre Herzen brechen, wenn ich jemanden liebte, den sie für unwürdig hielten. Warum sollte ich nicht Mut fassen und ihm von den Verdächtigungen bezüglich seiner Person erzählen? Ein ehrliches Wort würde sie zerstreuen. Sicherlich wäre es nur freundlich von mir ihm gegenüber, ihm eine Gelegenheit zu geben, alle falschen und entehrenden Vermutungen zu widerlegen. Und warum diese Zurückhaltung, wenn er so oft durch Blick und Andeutung, wenn nicht durch offenes Bekenntnis, erklärt hat, dass er mich liebt, und weiß – er muss wissen –, dass er mir nicht gleichgültig ist? Warum spricht er nie von seinen Eltern, seinen Verwandten, seinem Zuhause?“

Und Lucy, als sie diese Frage stellte, zog aus einem Busen, dessen Farbe und Form jener hätte Konkurrenz machen können, die Cymon dazu gewann, weise zu werden – [Siehe Drydens Gedicht „Cymon und Iphigenia“] – eine Zeichnung, die sie selbst heimlich von ihrem Liebhaber angefertigt hatte und die, obwohl ungeschickt und sogar grob ausgeführt, doch die Inspiration der Erinnerung eingefangen hatte und genau die Züge und das Wesen atmete, die bereits unauslöschlich in ein Herz eingeprägt waren, das zu heilig für ein so beschmutztes Idol war. Sie starrte auf das Porträt, als könne es ihre Frage nach dem Original beantworten; und während sie schaute und schaute, hörten ihre Tränen langsam auf, und ihre unschuldige Miene verfiel allmählich in ihre gewöhnliche und beredte Gelassenheit. Niemals hätte Lucys eigenes Porträt vielleicht zu einem günstigeren Zeitpunkt aufgenommen werden können. Die unbewusste Anmut ihrer Haltung; ihre gelockerte Kleidung; die bescheidene und jugendliche Wollust ihrer Schönheit; die zarte Wange, zu der die jungfräuliche Blüte, die für eine Weile verschwunden war, nun ganz glühend zurückkehrte; die kleine weiße weiche Hand, auf die sich diese Wange stützte, während die andere das Bild enthielt, an dem sich ihre Augen labten; das halbe Lächeln, das gerade auf ihre vollen, roten, taufrischen Lippen gezaubert war und den Moment darauf schon wieder verschwunden, doch erneut wiederhergestellt war – all das ergab ein Bild von solch bezaubernder Lieblichkeit, dass wir bezweifeln, ob Shakespeare selbst eine irdische Gestalt hätte erfinden können, die mehr dazu angetan gewesen wäre, die Vision einer Miranda oder einer Viola zu verkörpern. Die ruhige und mädchenhafte Ordentlichkeit des Zimmers verlieh dem Charme Nachdruck; und es lag eine Poesie sogar in den schneeweißen Möbeln des Bettes, den teilweise geöffneten Fensterläden, die einen Blick auf den silbernen Mond gewährten, und der einsamen Lampe, die gerade mit dem reineren Strahl des Himmels kämpfte und so ein gemischtes und gemildertes Licht um die Kammer warf.

Sie starrte noch immer auf die Zeichnung, als ein schwacher Strom von Musik durch die Luft unter ihrem Fenster stahl, und er schwoll allmählich an, bis der Klang einer Gitarre deutlich und klar wurde, der zur mondbeschienenen Stille der Nacht passte, sie aber nicht störte. Die Galanterie und Romantik einer früheren Zeit, obwohl zur Zeit unserer Geschichte im Abklingen, waren nicht ganz verschwunden; und nächtliche Serenaden unter den Fenstern einer angesehenen Schönheit kamen keineswegs selten vor. Aber Lucy errötete, als die Musik an ihr Ohr drang, immer tiefer, als ob sie eine liebere Quelle für ihr Herz hätte als gewöhnliche Galanterie; und sich von ihrer liegenden Position auf einen Arm erhebend, lehnte sie sich vor, um den Klang mit größerer und sichererer Gewissheit aufzufangen.

Nach einem Vorspiel von einigen Momenten begleitete eine klare und süße Stimme das Instrument, und die Worte des Liedes waren wie folgt: –

CLIFFORDS SERENADE.

Es gibt eine Welt, wo jede Nacht Mein Geist mit deinem trifft und geht; Und Hoffnungen, die ich dir nicht zu sagen wage, entzünden, Wie Sterne der Liebe, jene Welt von mir!

Schlaf! – der wachenden Welt ist mein Herz Nun, dünkt mich, ein Fremder geworden; Ach, schlaf! auf dass ich fühlen mag, du bist In einer Welt, die meine eigene ist.

Als die Musik verklang, sank Lucy noch einmal zurück, und die Zeichnung, die sie hielt, wurde (mit glühenden Wangen, wenn auch ungesehen bei diesem Akt) an ihre Lippen gepresst. Und obwohl der Charakter ihres Liebhabers ungeklärt blieb, obwohl sie selbst zu keinem deutlichen Entschluss gekommen war, ihn auch nur über die Gerüchte gegen seinen Namen zu informieren, war ihr Vertrauen in ihn so leicht wiederhergestellt, und so lindernd war allein der Gedanke an seine Wachsamkeit und seine Liebe, dass ihre Augen, bevor eine Stunde vergangen war, im Schlaf geschlossen waren. Die Zeichnung war als Zauber gegen den Kummer unter ihr Kopfkissen gelegt worden; und in ihren Träumen murmelte sie seinen Namen und lächelte zärtlich, während sie dies tat, unbewusst der Wirklichkeit und der Zukunft!

KAPITEL XIX.

Kommt, die Handlung verdichtet sich! Und eine weitere Falte Des warmen Mantels des Geheimnisses hüllt uns ein. .................. Und was ihre Liebe betrifft? Seht, das Siegel ist auf ihnen!

Tanner of Tyburn.

Wir dürfen nicht annehmen, dass Cliffords Art und Tonfall gegenüber Lucy Brandon so waren, wie sie anderen erschienen. Liebe veredelt jede Rauheit; und jene Wahrheit, die Zärtlichkeit nährt, ist niemals frei von Anmut. Was auch immer die Gewohnheiten und Gefährten in Cliffords Leben gewesen sein mochten, er trug im Herzen viele gute und großmütige Eigenschaften. Es stimmt, sie waren nicht oft wahrnehmbar – erstens, weil er von einem fröhlichen und leichtsinnigen Schlag war; zweitens, weil er sich nicht leicht von äußeren Umständen beeinflussen ließ; und drittens, weil er die Klugheit besaß, unter seinen Kameraden nur jene Eigenschaften zur Schau zu tragen, die ihm bei ihnen Einfluss verschafften. Dennoch brach sein besserer Genius immer dann hervor, wenn sich eine Gelegenheit bot. Obwohl kein „Korsar“, romantisch und unwirklich, ein Ossianischer Schatten, der umso gewaltiger wird, je weiter er sich von der Substanz entfernt; obwohl keine großartig erdachte Lüge gegenüber den schönen Proportionen der menschlichen Natur, sondern ein irrender Mann in einer sehr prosaischen und schlichten Welt – vermengte Clifford dennoch eine gewisse Großmut und einen ritterlichen Unternehmungsgeist selbst mit den Praktiken seines Berufs. Obwohl der Name Lovett, unter dem er hauptsächlich bekannt war, einer war, der in den Annalen der Abenteurer besonders ausgezeichnet war, war er niemals mit Gerüchten von Grausamkeit oder Gewalttaten verbunden worden; und er wurde oft mit Anekdoten von Mut, Höflichkeit, Humor oder Nachsicht in Verbindung gebracht. Er war jemand, den eine echte Liebe besonders dazu veranlassen konnte, sich zu mildern und zu erlösen. Die Kühnheit, die Offenheit, die Selbstlosigkeit seines Wesens waren Bestandteile seiner Natur, auf die Zuneigung ausnahmslos einen starken und tiefen Einfluss ausübt. Zudem war Clifford von eifrigem und aufstrebendem Naturell; und das gleiche Temperament und die gleichen Fähigkeiten, die ihn in wenigen Jahren in Einfluss und Popularität weit über die gesamte ritterliche Bande erhoben hatten, mit der er verbunden war, waren, sobald sie einmal durch eine höhere Leidenschaft entflammt und erhoben wurden, dazu geeignet, seinen Ehrgeiz vom Niveau seiner gegenwärtigen Bestrebungen zu wecken und ihn, ehe es zu spät war, zu einem nützlichen, ja sogar zu einem ehrenwerten Mitglied der Gesellschaft zu reformieren. Wir vertrauen darauf, dass der Leser bereits erkannt hat, dass trotz seiner frühen Lebensumstände seine Art und sein Auftreten nicht dergestalt waren, ihn für die Liebe einer Dame untauglich zu machen. Die verhältnismäßige Kultiviertheit seines Äußeren ist leicht zu erklären, denn er besaß eine natürliche und angeborene Vornehmheit, einen schnellen Blick für Beobachtungen, einen bereiten Sinn sowohl für das Lächerliche als auch für das Anmutige; und dies sind Materialien, die schnell und leicht aus Grobheit in Schliff verwandelt werden. Er war zudem unter die Anführer und Helden seiner Bande geworfen worden; viele waren nicht absolut niedriger Herkunft, noch in ihren Gewohnheiten verkommen. Er hatte mit den Barringtons jener Tage verkehrt – Gentlemen, die in Ranelagh bewundert wurden und Reden hielten, die eines Cicero würdig waren, wenn sie vor Gericht geladen wurden. Er hatte seine Rolle an öffentlichen Orten gespielt; und wie Tomlinson in seiner klassischen Art zu sagen pflegte: „Die Triumphe, die im Feld errungen wurden, waren im Ballsaal geplant worden.“ Kurz gesagt, er war einer jener vollendeten und eleganten Straßenräuber, von denen wir noch heute Wunder lesen und von denen man sich mit Vergnügen hätte berauben lassen: und die Gewandtheit des Verstandes, die bei seinen Freunden zu Witz heranwuchs, milderte sich bei seiner Angebeteten zu Gefühl. Es liegt auch etwas in der Schönheit (und Cliffords Person besaß, wie wir bereits sagten, sogar ungewöhnliche Reize), das einen Bettler in den Adel erhebt; und es gab eine Vornehmheit in seinem Gang und Blick, die den Anschein von Rang und den Ton der Höfe verlieh. Männer freilich, die wie Mauleverer in der Feinheit der Manieren geübt waren, hätten vielleicht leicht in ihm das Fehlen jener unbeschreiblichen Essenz entdecken können, die nur Personen besitzen, die in guter Gesellschaft aufgewachsen sind; aber da dieses Fehlen von so vielen Personen unbestrittener Geburt und Vermögens geteilt wurde, brachte es keinen besonderen Vorwurf mit sich. Für Lucy freilich, die in Zurückgezogenheit erzogen worden war und in Warlock niemanden sah, der dazu geeignet gewesen wäre, ihren Geschmack im Hinblick auf die Mode einer Haltung oder Phrase auf einen sehr wählerischen Grad der Vollkommenheit zu verfeinern, war dieser Mangel vollkommen unmerklich; sie bemerkte an ihrem Liebhaber nur eine Gestalt, die überall ihresgleichen suchte, ein Auge, das stets beredt von Bewunderung war, einen Schritt, von dem Anmut niemals getrennt werden konnte, eine Stimme, die in einer silbernen Tonlage sprach und Schmeicheleien äußerte, die in ihrem Gedanken zart und in ihren Worten poetisch waren; selbst eine gewisse Originalität des Geistes, der Bemerkung und des Charakters, die gelegentlich ans Bizarre grenzte, manchmal aber auch ans Erhabene, übte einen Reiz auf die Fantasie eines jungen und nicht unenthusiastischen weiblichen Wesens aus und kontrastierte eher vorteilhaft als umgekehrt mit der stumpfen Geistlosigkeit derer, die sie gewöhnlich sah. Auch sind wir nicht sicher, ob das Geheimnis, das ihn umgab – so lästig es für sie war und so diskreditierend es auf andere wirkte – gänzlich wirkungslos blieb, ihre Liebe zu dem Abenteurer zu verstärken; und so schwoll das Schicksal, das in seinem magischen Tiegel alle entgegengesetzten Metalle in das eine verwandelt, welches es zu erzeugen wünscht, den Reichtum einer fehlgeleiteten und unheilvollen Leidenschaft durch eben jene Umstände an, die sie hätten konterkarieren und zerstören sollen.

Wir sind gewillt, mit dem, was wir gesagt haben, Clifford nicht zu verteidigen, sondern Lucy in der Meinung unserer Leser zu rehabilitieren, weil sie so unweise liebte; und wenn sie an ihre Jugend, ihre Erziehung, den Mangel an einer Mutter, an jeder weiblichen Freundschaft, ja sogar an der wachsamen und unermüdlichen Sorge eines Beschützers des anderen Geschlechts denken, glauben wir nicht, dass das, was so natürlich war, von irgendjemandem als unentschuldbar angesehen wird.

Mauleverer erwachte am Morgen nach dem Ball bei besserer Gesundheit als gewöhnlich und folglich verliebter denn je. Gemäß seinem Entschluss vom Vorabend setzte er sich hin, um einen langen Brief an William Brandon zu schreiben: Er war wie gewöhnlich amüsant und geistreich; aber es gelang dem gerissenen Adligen, unter dem Deckmantel des Witzes, Brandon die ernste Sorge zu vermitteln, dass sein gehegtes Heiratsprojekt gänzlich scheitern könnte. Die Schilderung von Lucy und Captain Clifford in der Epistel träufelte in der Tat eine doppelte Portion Bitterkeit in den beruflich scharfen Verstand des Anwalts; und da es sich gerade so traf, dass er den Brief kurz vor seinem Erscheinen vor Gericht bei einem Fall las, in dem er Kronanwalt war, bekamen die Zeugen auf der Gegenseite die volle Wirkung der schlechten Laune des Barristers zu spüren. Der Fall war einer, bei dem der Angeklagte in Betrugsgeschäfte in sehr großem Umfang verwickelt gewesen war; und unter seinen Agenten und Gehilfen befand sich eine Person aus den untersten Schichten, die jedoch, da sie scheinbar große Verbindungen genoss und über natürliche Scharfsinnigkeit und Gewandtheit verfügte, von großem Nutzen gewesen zu sein schien, um Waren zu empfangen und weiterzuverkaufen, die betrügerisch erlangt worden waren. Als Zeuge gegen letztere Person erschien ein Pfandleiher, der bestimmte Gegenstände vorlegte, die ihm zu verschiedenen Zeiten von diesem einfachen Agenten verpfändet worden waren. Nun wurde Brandon bei der Befragung des schuldigen Vermittlers umso schrecklicher streng, je mehr der Mann jenen Anschein unbewusster Stumpfheit an den Tag legte, den die unteren Schichten so genial annehmen können und der so besonders dazu geeignet ist, die Herren der Anwaltschaft zu erzürnen und zu verwirren. Als Brandon schließlich die sture Heuchelei des Schuldigen völlig unterdrückte und bezwang, warf ihm der Mann einen Blick zwischen Zorn und Flehen zu und murmelte:

„Aha! Wenn das so ist, Herr Rechtsanwalt Prandon, wenn Sie wüssten, was ich weiß. Sie würden nicht hingehen und mich so schikanieren!“

„Und sagen Sie mal, mein guter Freund, was ist es, das Sie wissen und das mich dazu bringen sollte, Sie so zu behandeln, als hielte ich Sie für einen ehrlichen Mann?“

Der Zeuge war nun wieder in Verstimmtheit verfallen und antwortete nur mit einer Art Grunzen. Brandon, der nur zu gut wusste, wie man einen Zeugen zu Mitteilsamkeit stachelt, setzte seine Befragung fort, bis der Zeuge, wieder in Zorn und vielleicht in Unbesonnenheit versetzt, mit leiser Stimme sagte:

„Fragen Sie Herrn Swoppem, den Pfandleiher, was ich ihm am 15. Februar vor genau dreiundzwanzig Jahren verkauft habe.“ Brandon wich zurück, seine Lippen wurden weiß, er ballte seine Hände mit einem krampfhaften Zucken; und während alle seine Gesichtszüge vor einer ernsten und doch furchtsamen Intensität der Erwartung verzerrt schienen, stieß er eine Flut von Fragen aus, die so zusammenhangslos und so irrelevant waren, dass er sofort von seinem gelehrten Bruder auf der Gegenseite zur Ordnung gerufen wurde. Nichts Weiteres konnte dem Zeugen entlockt werden. Der Pfandleiher wurde erneut vorgeladen: Er erschien etwas aus der Fassung gebracht durch einen Appell an sein Gedächtnis, das dreiundzwanzig Jahre zurückreichte; aber nachdem er sich einige Zeit zum Nachdenken genommen hatte, während der die Erregung des gewöhnlich kalten und gefassten Brandon für das ganze Gericht bemerkenswert war, erklärte er, dass er sich zu jener Zeit an keinerlei Transaktion mit dem Zeugen erinnern könne. Vergebens waren alle Anstrengungen Brandons, eine aufschlussreichere Antwort zu erhalten. Der Pfandleiher war undurchdringlich, und der Anwalt war gezwungen, ihn widerwillig zu entlassen. In dem Moment, als der Zeuge den Zeugenstand verließ, versank Brandon in eine düstere Geistesabwesenheit – er schien die Geschäfte und Pflichten des Gerichts völlig zu vergessen; und so nachlässig fuhr er fort, den Fall abzuschließen, so ziellos war der Rest seiner Befragung und Kreuzverhörung, dass die Sache gänzlich verdorben wurde und die Geschworenen ein „Nicht schuldig“ urteilten.

Sobald er das Gericht verließ, begab sich Brandon zum Pfandleiher; und nach einem Gespräch mit Herrn Swoppem, in dem er diesen ehrlichen Geschäftsmann davon überzeugte, dass sein Ziel eher darin bestand, zu belohnen als einzuschüchtern, gestand Swoppem, dass der Zeuge ihn vor dreiundzwanzig Jahren in einem Wirtshaus im Devereux Court in Begleitung von zwei anderen Männern getroffen und ihm mehrere Gegenstände aus Silber, Schmuck usw. verkauft habe. Der Großteil dieser Gegenstände hatte natürlich längst die Bleibe des Pfandleihers verlassen; aber er glaubte, ein verirrtes Schmuckstück oder zwei, das nicht wertvoll genug war, um neu gefasst oder umgearbeitet zu werden, und nicht modisch genug, um einen schnellen Absatz zu finden, verweile noch in seinen Schubladen. Eifrig und mit zitternden Händen wühlte Brandon durch den kunterbunten Inhalt der Mahagonibehälter, die der Pfandleiher nun seiner Prüfung unterzog. Nichts auf der Welt ist ein so melancholischer Anblick wie die Schublade eines Pfandleihers! Diese kleinen, sonderbaren, wertlosen Ornamente – diese Knoten der Liebenden, diese ovalen Medaillons, diese zerbeulten Ringe, umgeben von Initialen oder einer kurzen Inschrift der Zuneigung oder der Trauer – welche Geschichten von vergangenen Zuneigungen, Hoffnungen und Sorgen erzählen sie nicht! Aber kein Gefühl einer solch allgemeinen Art hatte jemals den harten Geist von William Brandon betrübt, und nun weniger als zu irgendeiner anderen Zeit hätten solche Reflexionen bei ihm aufkommen können. Ungeduldig warf er eins nach dem anderen die Tandstücke auf den Tisch, die einst vielleicht mit zärtlichstem Respekt gehütet worden waren, bis schließlich seine Augen funkelten und er mit nervösem Griff nach einem alten Ring ergriff, der mit Buchstaben versehen war und ein Herz mit Haar umschloss. Die Inschrift war schlicht: „W. B. an Julia.“ Seltsam und dunkel war der Ausdruck, der sich auf Brandons Gesicht festsetzte, als er dieses scheinbar wertlose Schmuckstück betrachtete. Nach einem Moment des Starrens stieß er einen unartikulierten Ausruf aus und schob es in seine Tasche, während er seine Suche erneuerte. Er fand ein oder zwei weitere Kleinigkeiten ähnlicher Art; eine war eine schlecht gemachte Miniatur, die in Silber gefasst war und auf der Rückseite verschiedene halb verblasste Buchstaben trug, die Brandon sofort (obwohl kein anderes Auge dies konnte) als „Sir John Brandon, 1635, AEtat. 28“ deutete; das andere war ein Siegel, das mit dem edlen Wappen des Hauses Brandon geprägt war: „Ein Stierkopf, herzoglich gekrönt und bewehrt, Gold.“ Sobald Brandon sich in den Besitz dieser Schätze gebracht hatte und zu der Überzeugung gelangt war, dass der Ort nicht mehr hergab, versicherte er dem gewissenhaften Swoppem seiner Sorge um dessen Sicherheit, belohnte ihn freigebig und machte sich auf den Weg zur Bow Street für einen Haftbefehl gegen den Zeugen, der ihn an den Pfandleiher verwiesen hatte. Auf dem Weg dorthin kam ihm ein neuer Entschluss. „Warum alles öffentlich machen“, murmelte er zu sich selbst, „wenn es vermieden werden kann? Und es kann vermieden werden!“ Er hielt einen Moment inne, ging dann den Weg zum Pfandleiher zurück und kehrte nach einer kurzen Anweisung an Herrn Swoppem nach Hause zurück. Im Laufe desselben Abends wurde der Zeuge, auf den wir uns beziehen, von Herrn Swoppem in das Haus des Anwalts gebracht und führte dort ein langes und privates Gespräch mit Brandon; das Ergebnis schien ein Pakt zu ihrer beiderseitigen Zufriedenheit zu sein, denn der Mann ging sicher davon, mit einem schweren Beutel und leichtem Herzen, obwohl verschiedene Schatten und Zweifel das Letztere sicherlich immer wieder durchzogen; während Brandon sich mit der triumphierenden Miene eines Mannes in seinen Sitz zurückwarf, der eine große Maßnahme vollbracht hat, und sein dunkles Gesicht verriet in jedem Zug eine Freude und Hoffnung, die, das muss man zugeben, weder in seinem Antlitz noch in seinem Herzen häufige Gäste waren.

Ein so guter Geschäftsmann jedoch war William Brandon, dass er es nicht zuließ, dass das Ereignis jenes Tages seine Aufmerksamkeit für seine Pläne zur Vergrößerung seiner Nichte und seines Hauses über die Nacht hinaus verzögerte. Bei Tagesanbruch des nächsten Morgens hatte er an Lord Mauleverer, an seinen Bruder und an Lucy geschrieben. An Letztere war sein Brief, der in der ganzen Ängstlichkeit der Zärtlichkeit und der Vorsicht liebevoller Erfahrung verfasst war, wohl dazu geeignet, jene gemischte Scham und Wundheit zu verursachen, von der der vorsichtige Anwalt zu Recht urteilte, dass sie der wirksamste Feind einer beginnenden Leidenschaft sein würde. „Ich habe zufällig“, schrieb er, „von einem Freund von mir, der gerade aus Bath angekommen ist, von den auffälligen Aufmerksamkeiten gehört, die Ihnen ein Captain Clifford erweist; ich will Sie, meine liebste Nichte, nicht verletzen, indem ich wiederhole, was ich auch über Ihre Art, sie entgegenzunehmen, gehört habe. Ich kenne die Bösartigkeit und den Neid der Welt; und ich bilde mir keinen Moment lang ein, dass meine Lucy, auf die ich so zu Recht stolz bin, aus einer kleinlichen Koketterie die Avancen eines Mannes unterstützen würde, den sie niemals heiraten könnte, oder einem Freier eine Zuneigung zeigen würde, die ihren Verwandten unbekannt ist und sicherlich in ein Viertel gerichtet ist, das niemals ihre Billigung finden könnte. Ich glaube nicht an die Berichte der Müßiggänger, meine liebe Nichte; aber wenn ich ihnen nicht glaube, dürfen Sie sie nicht gering schätzen. Ich appelliere an Ihre Klugheit, Ihre Zartheit, Ihre Diskretion, Ihren Sinn für das Rechte, allen unverschämten Gerüchten ein sofortiges und wirksames Ende zu bereiten: Tanzen Sie nicht mehr mit diesem jungen Mann; lassen Sie ihn an keinem Ort der Unterhaltung, ob öffentlich oder privat, zu Ihrer Gesellschaft gehören; vermeiden Sie es sogar, ihn zu sehen, wenn Sie können, und legen Sie in Ihre Art ihm gegenüber jene entschiedene Kälte, die die Welt nicht missverstehen kann.“ Vieles mehr schrieb der geschickte Onkel, aber alles zum gleichen Zweck und zur Förderung des gleichen Entwurfs. Sein Brief an seinen Bruder war nicht weniger kunstvoll. Er teilte ihm sofort mit, dass Lucys Bevorzugung des Werbens eines gut aussehenden Glücksritters das Gerede der Leute sei, und bat ihn, keinen Moment zu verlieren, das Gerücht zu ersticken. „Sie können das leicht tun“, schrieb er, „indem Sie den jungen Mann meiden; und sollte er sehr zudringlich sein, kehren Sie sofort nach Warlock zurück. Das Wohlergehen Ihrer Tochter muss Ihnen teurer sein als alles andere.“

An Mauleverer antwortete Brandon mit einem Brief, der sich zuerst mit öffentlichen Angelegenheiten befasste und dann beiläufig in das Thema der Informationen des Grafen glitt.

Unter den Ermahnungen, die er Mauleverer zu geben wagte, verweilte er, nicht ohne Grund, beim Mangel an Taktgefühl, den der Graf an den Tag legte, indem er jenen Pomp und jene Zurschaustellung nicht manifestierte, zu denen ihn seine Stellung im Leben befähigte. „Denken Sie daran“, drängte er, „Sie befinden sich nicht unter Ihren Gleichen, von denen unnötige Parade als eine ostentative Vulgarität betrachtet wird. Die sicherste Methode, unsere Untergebenen zu blenden, ist durch Pracht, nicht durch Geschmack. Alle jungen Personen – alle Frauen insbesondere – werden von Schau gefangen und sind in Pracht verliebt. Nehmen Sie einen größeren Staat an, und Sie werden mehr von sich reden machen; und Berühmtheit gewinnt das Herz einer Frau mehr als Schönheit oder Jugend. Sie haben, verzeihen Sie mir, zu lange den Jungen gespielt; eine gewisse Würde ziemt Ihrem Mannesalter; Frauen werden Sie nicht respektieren, wenn Sie sich erlauben, für vulgäre Gesellschaft ‚abgestanden und billig‘ zu werden. Sie sind wie ein Mann, der fünfzig Vorteile hat und nur einen davon nutzt, um sein Ziel zu erreichen, wenn Sie sich auf Ihre Konversation und Ihre Manieren verlassen und die Ressourcen Ihres Reichtums und Ihrer Stellung wegwerfen. Jeder Privatmann kann liebenswürdig und geistreich sein; aber nicht jeder Privatmann kann die Aladdin-Lampe zu Hilfe rufen, die in England ein wohlhabender Peer besitzt. Achten Sie darauf, mein lieber Lord! Lucy ist im Herzen eitel, oder sie ist keine Frau. Blenden Sie sie dann – blenden Sie! Liebe mag blind sein, aber sie muss durch ein Übermaß an Licht dazu gemacht werden. Sie haben ein Landhaus wenige Meilen von Bath entfernt. Warum schlagen Sie dort nicht Ihren Wohnsitz auf, statt in einer armseligen Unterkunft in der Stadt? Geben Sie prunkvolle Unterhaltungen – machen Sie es für alle Welt notwendig, sie zu besuchen –, schließen Sie natürlich diesen Captain Clifford aus; Sie werden dann Lucy ohne einen Rivalen treffen. Gegenwärtig kämpfen Sie, abgesehen von Ihrem Titel, auf ebenem Boden mit diesem Abenteurer, anstatt von einer Anhöhe aus, von der Sie ihn in einem Augenblick hinwegfegen könnten. Nein, er ist stärker als Sie; er hat die Möglichkeiten, die durch eine Partnerschaft bei Bällen geboten werden, bei denen Sie nicht vorteilhaft erscheinen können; er ist, wie Sie sagen, in der ersten Blüte der Jugend, er ist gut aussehend. Denken Sie nach! Ihr Schicksal, soweit Lucy betroffen ist, liegt in Ihren Händen. Ich wende mich anderen Themen zu“, usw. Als Brandon diesen letzten Brief las, bevor er ihn unterschrieb, saß ein bitteres Lächeln auf seinen harten und doch schönen Zügen. „Wenn“, sagte er innerlich, „ich dieses Ziel erreichen kann – wenn Mauleverer dieses Mädchen heiratet –, warum, umso besser, dass sie einen anderen, einen schöneren und einen willkommeneren Liebhaber hat. Durch das große Prinzip des Spotts in mir, das es mir ermöglicht hat, über das zu höhnen, was schwächere Geister verehren, und aus jener weltlichen Ehre, die Narren als Thron aufstellen, einen Fußschemel zu machen, wäre es für mich süßer als Ruhm – ja, oder sogar als Macht –, diesen fein gesponnenen Lord zum Gespött im Munde der Menschen zu sehen – ein Hahnrei, ein Hahnrei!“ Und als er das letzte Wort sagte, lachte Brandon laut auf. „Und er glaubt auch“, fügte er hinzu, „dass er meines Vermögens sicher ist; andernfalls würde er, der Nachkomme des Goldschmieds, vielleicht unser Haus nicht mit seinen Vorschlägen beehren; aber er mag sich da irren – er mag sich da irren“, und, sein Selbstgespräch beendend, beendete Brandon auch seinen Brief mit – „Adieu, mein lieber Lord, Ihr herzlichster Freund“!

Es ist nicht schwer, die Wirkung zu erraten, die Brandons Brief auf Lucy hatte. Er machte sie elend; sie weigerte sich tagelang, auszugehen; sie schloss sich in ihrem Zimmer ein und verbrachte die Zeit mit Tränen und Kämpfen mit ihrem eigenen Herzen. Manchmal siegte das, was sie für ihre Pflicht hielt, und sie beschloss, ihrem Liebhaber abzuschwören; aber die Nacht machte die Arbeit des Tages zunichte – denn nachts, jede Nacht, schmolz der Klang der Stimme ihres Liebhabers, begleitet von Musik, ihre Entschlossenheit dahin und machte sie wieder ganz zu Zärtlichkeit und Vertrauen. Auch die Worte, die unter ihrem Fenster gesungen wurden, waren besonders geeignet, sie zu beeinflussen; sie atmeten eine Melancholie, die sie umso mehr berührte, als sie mit ihren eigenen Gedanken harmonierte. Einmal beklagten sie die Abwesenheit, ein anderes Mal deuteten sie auf Vernachlässigung hin; aber es lag immer ein Ton der Demütigung in ihnen, nicht des Vorwurfs; sie zeugten von einem Gefühl der Unwürdigkeit beim Liebhaber und gestanden, dass selbst die Liebe ein Verbrechen sei: Und in dem Maße, wie sie den Mangel an Verdienst zugaben, klammerte sich Lucy umso fester an den Glauben, dass ihr Liebhaber verdienstvoll sei.

Der alte Squire war durch den Brief seines Bruders sehr beunruhigt. Obwohl er, wie die meisten Landadligen, von der Idee der eigenen Bedeutung und der Liebe zu halbwegs reinem Blut beeindruckt war, hegte er keineswegs Ambitionen für seine Tochter. Im Gegenteil: Dasselbe Gefühl, das ihn in Warlock dazu bewogen hatte, seine Gefährten unter dem niederen Adel zu wählen, ließ ihn davor zurückschrecken, einen Schwiegersohn aus dem Hochadel zu bekommen. Trotz Mauleverers Gutmütigkeit war ihm die bloße Ungezwungenheit des Earls lästig, und er fühlte sich in dessen Gesellschaft nie wohl. Für Clifford hegte er große Zuneigung; und da er sich überzeugt hatte, dass an dem jungen Gentleman nichts auszusetzen war, sah er keinen triftigen Grund, warum ein so angenehmer Gefährte nicht auch ein angenehmer Schwiegersohn sein sollte. „Wenn er arm ist“, dachte der Squire, „obwohl er nicht so scheint, ist Lucy doch reich!“ Und diese Binsenweisheit schien ihm jede Einwendung zu entkräften. Dennoch besaß William Brandon einen bemerkenswerten Einfluss auf den schwächeren Geist seines Bruders; und der Squire beschloss, wenn auch mit großem Widerwillen, dessen Rat zu befolgen. Er verschloss seine Türen vor Clifford, und wenn er ihn auf der Straße traf, ging er, statt ihn mit der gewohnten Herzlichkeit zu begrüßen, mit einem hastigen „Guten Tag, Captain!“ an ihm vorbei, was sich nach dem ersten oder zweiten Tag in ein distanziertes Nicken verwandelte. Immer wenn sehr gutherzige Menschen unhöflich sind, und das auch noch ungerechtfertigt, ist diese Unhöflichkeit extrem. Der Squire empfand es als so mühsam, weniger vertraut als bisher mit Clifford zu sein, dass sein einzig verbleibender Wunsch nun darin bestand, den Kontakt ganz abzubrechen; und auf diesen Abschluss der Bekanntschaft schien der allmählich erkaltende Gruß schnell zuzusteuern. Währenddessen begann Clifford, unfähig, Lucy zu sehen, von ihrem Vater gemieden und auf alle Fragen nur grobe Blicke von dem Diener erntend, den nur die entschlossenste Beherrschung seiner Muskeln davon abhielt, ihn niederzuschlagen, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu spüren, dass ein zwielichtiger Charakter zumindest kein zwielichtiges Unglück ist. Um sein Leid zu vergrößern, schwanden „die Erträge seines früheren Fleißes“ – wir gebrauchen den Ausdruck, den der weise Tomlinson so schätzte – allmählich unter den Ausgaben von Bath; und die murrenden Stimmen seiner beiden Kameraden begannen bereits, ihrem Anführer seine ruhmlose Untätigkeit vorzuwerfen und auf die Notwendigkeit einer baldigen Anstrengung hinzuweisen.

KAPITEL XX.

Whackum. Seht doch nur! Nun, ganz Europa kann nicht einen Kreis feinerer Köpfe und tapferer Gentlemen aufweisen.

Dingboy. Beim Glauben, es sind ziemlich schlaue Männer.

SHADWELL: Scourers.

Die Welt von Bath war plötzlich durch die Nachricht erfreut, dass Lord Mauleverer nach Beauvale (dem schönen Landsitz, den jener Adlige in der Nachbarschaft von Bath besaß) gezogen war, mit der Absicht, dort eine Reihe prächtiger Empfänge zu veranstalten.

Die ersten Personen, denen der fröhliche Earl seine „gastfreundliche Absicht“ verkündete, waren Mr. und Miss Brandon; er besuchte ihr Haus und erklärte seine Entschlossenheit, es nicht eher zu verlassen, bis Lucy (die sich in ihrem Zimmer befand) sich dazu bereit erklärte, ihn mit einer Unterredung zu erfreuen und das Versprechen zu geben, die Königin seines geplanten Festes zu sein. Lucy, von ihrem Vater gequält, kam mutlos und blass in den Salon hinab; und der Earl, beeindruckt von der Veränderung ihres Aussehens, nahm ihre Hand und erkundigte sich mit einem so interessanten und gefühlvollen Anschein von Güte, dass er den Vater zum ersten Mal zu seinen Gunsten einnahm und sogar die Tochter berührte. So ernst war auch seine Bitte, dass sie seine Festlichkeiten mit ihrer Anwesenheit beehren möge, und mit so geschickter Schmeichelei wurde sie vorgetragen, dass der Squire sich dazu entschloss, das Versprechen in ihrem Namen zu geben; und als der Earl, erklärend, er sei mit diesem Versprechen von anderer Seite nicht zufrieden, an Lucy selbst appellierte, schmolz ihre Ablehnung bald in eine positive, wenn auch widerwillige Zustimmung.

Entzückt von seinem Erfolg und mehr als je zuvor von Lucys Lieblichkeit beeindruckt, die durch ihre Blässe noch verfeinert wurde, verließ Mauleverer das Haus und berechnete mit größerer Genauigkeit als bisher das wahrscheinliche Vermögen, das Lucy von ihrem Onkel erben würde.

Kaum waren die Einladungskarten für Lord Mauleverers Fest ausgegeben, wurde in den Kreisen, die man in Bath „die Welt“ zu nennen beliebte, von nichts anderem mehr gesprochen.

Doch in der Zwischenzeit wurden in Bath Hauben gemacht und Gespräche geführt; und als man feststellte, dass Lord Mauleverer – der gutmütige Lord Mauleverer, der gefällige Lord Mauleverer – wirklich exklusiv sein würde und von tausend Bekannten nur achthundert auswählen wollte, war es erstaunlich, wie sich seine Popularität zu Respekt vertiefte. Nun kamen Angst und Triumph; diejenige, die eingeladen war, kehrte derjenigen den Rücken, die es nicht war – alte Freundschaften lösten sich auf –, Independence schrieb Briefe für eine Eintrittskarte – und da England das freieste Land der Welt ist, baten alle Mistresses Hodges und Snodges sich die Freiheit aus, ihre jüngsten Töchter mitbringen zu dürfen.

Lassen wir den beneidenswerten Mauleverer – den gottgleichen Anlass so vieler Freude und Wehklage, Triumph und Niedergeschlagenheit – zurück und steigen mit uns, o Leser, in jene eleganten Wohnräume über dem Laden des Friseurs hinauf, die von Mr. Edward Pepper und Mr. Augustus Tomlinson bewohnt wurden. Es war Abend; Captain Clifford hatte mit seinen beiden Freunden gespeist; das Tischtuch war abgeräumt, und das Gespräch floss über einen Tisch, der mit zwei Flaschen Portwein, einer Schüssel Punsch zur besonderen Erörterung durch Mr. Pepper, zwei Tellern Haselnüssen, einem weiteren mit pikant gewürztem Gebäck und einem vierten mit drei pomeranzartigen Rohheiten, die niemand anrührte, geziert war.

Der Kamin war sauber gefegt, das Feuer brannte hoch und klar, die Vorhänge waren herabgelassen und das Licht ausgeschlossen. Unsere drei Abenteurer und ihre Zimmer wirkten wie das Bild der Gemütlichkeit. So dachte Mr. Pepper; denn während er sich im Zimmer umsah und seine Füße auf den Kamingitter stellte, sagte er:

„Würde mein Porträt gemalt werden, meine Herren, so würde ich genau so gezeichnet werden wollen, wie ich jetzt bin!“

„Und“, sagte Tomlinson, während er seine Haselnüsse knackte – Tomlinson liebte Haselnüsse –, „würde ich ein Zuhause wählen, so wäre es in einem solchen Heim, in dem ich immer einquartiert sein wollte.“

„Ach, meine Herren“, sagte Clifford, der seit geraumer Zeit geschwiegen hatte, „es ist mehr als wahrscheinlich, dass beide eure Wünsche erhört werden und dass ihr gezeichnet, gevierteilt und noch etwas anderes, an eben jenem Ort, den ihr verdient, werdet!“

„Nun“, sagte Tomlinson und lächelte sanft, „es freut mich zu hören, dass Ihr wieder scherzt, Captain, auch wenn es auf unsere Kosten geht.“

„Kosten!“, wiederholte Ned; „ja, da liegt der Hund begraben! Wer zum Teufel soll die Kosten für unser Abendessen bezahlen?“

„Und unsere Abendessen der letzten Woche?“, fügte Tomlinson hinzu. „Diese leere Nuss sieht unheilvoll aus; sie hat sicherlich ein großes Merkmal, das frappierend meinen Taschen ähnelt.“

„Heigho!“, seufzte Long Ned und kehrte den Inhalt seiner Westentaschen mit einer bezeichnenden Geste nach außen, während der gewandte Tomlinson, der eine Schwäche für klagende Poesie hatte, auf die trostlosen Leeren deutete und ausrief:

„Selbst wenn der Mode hellste Künste locken, Das Herz, verzagt, fragt, ob dies Freude sei!“

„In der Tat, meine Herren“, fügte er hinzu, während er seine Nussknacker feierlich auf den Tisch legte und, wie es seine Gewohnheit war, wenn er im Begriff war, leuchtend zu erscheinen, seinen rechten Finger auf seine linke Handfläche legte – „in der Tat, meine Herren, die Angelegenheiten werden ernst für uns, und es wird notwendig, unverzüglich einige sichere Mittel zu ersinnen, um ein anständiges Auskommen zu beschaffen.“

„Ich werde verdammt noch mal angemahnt“, rief Ned.

„Und“, fuhr Tomlinson fort, „keine Person von Feingefühl lässt sich gerne der Zudringlichkeit vulgärer Gläubiger aussetzen; wir müssen daher Geld für die Tilgung unserer Schulden aufbringen. Captain Lovett, oder Clifford, wie auch immer Ihr genannt werdet, wir fordern Euch auf, uns bei einem so lobenswerten Vorhaben zu unterstützen.“

Clifford richtete seine Augen erst auf den einen und dann auf den anderen, antwortete aber nicht.

„Imprimis“, sagte Tomlinson, „lasst uns jeder unseren Bestand offenlegen; meinerseits bin ich frei zu gestehen – denn welche Schande liegt in jener Armut, die unsere Anstrengungen zu lindern im Begriff sind? –, dass ich nur zwei Guineen, vier Schillinge und dreieinhalb Pence besitze!“

„Und ich“, sagte Long Ned, während er ein Porzellanornament vom Kaminsims nahm und dessen Inhalt in seine Hand leerte, „befinde mich in einer noch kläglicheren Lage. Seht, ich habe nur drei Schillinge und eine schlechte Guinee. Ich gab die Guinee gestern dem Kellner im White Hart; der Hund brachte sie mir heute zurück, und ich war gezwungen, sie gegen meinen letzten Schimmer einzutauschen. Die Pest hole das Ding! Ich habe sie einem Juden für vier Schillinge abgekauft und durch das Geschäft ein Pfund fünf verloren.“

„Das Schicksal vereitelt unsere klügsten Pläne“, entgegnete der moralisierende Augustus. „Captain, wollt Ihr die dürftigen Überreste Eures Wohlstands vorlegen?“

Clifford warf, immer noch schweigend, einen Beutel auf den Tisch. Augustus leerte ihn sorgfältig und zählte fünf Guineen ab; ein Ausdruck ernster Überraschung legte sich auf Tomlinsons nachdenkliche Stirn, und während er die Münzen Clifford entgegenstreckte, sagte er in melancholischem Ton:

„All Eure Schönen? Sagtet Ihr alle?“

Ein Blick von Clifford beantwortete die interessante Frage. „Dies also“, sagte Tomlinson, während er das gemeinsame Vermögen in seiner Hand sammelte – „dies also sind alle unsere verbleibenden Schätze!“ Während er sprach, ließ er die Münzen klagend in seiner Handfläche klimpern, und während er sie mit väterlicher Miene betrachtete, rief er aus:

„Ach! Ungeachtet ihres Schicksals spielen die kleinen Opfer!“

„Oh, verdammt!“, sagte Ned, „keine Sentimentalitäten! Lasst uns sofort zum Geschäft kommen. Um die Wahrheit zu sagen, ich für meinen Teil habe diese Erbinnenjagd satt, und ein Mann kann ein Vermögen bei der Jagd ausgeben, bevor er eines gewinnen kann.“

„Ihr verzweifelt also endgültig an der Witwe, um die Ihr so lange geworben habt?“, fragte Tomlinson.

„Völlig“, erwiderte Ned, dessen Werben sich ausschließlich auf die Damen der mittleren Klasse beschränkt hatte und der sich einst, wie er wortspielend ausdrückte, einer lieben Rippe aus Cheapside sicher geglaubt hatte – „völlig; sie war anfangs sehr höflich zu mir, aber als ich um ihre Hand anhielt, bat sie mich errötend um meine ‚Referenzen‘. ‚Referenzen?‘ sagte ich; ‚warum, ich will den Platz Eures Ehemannes, meine Schöne, nicht Eures Dieners!‘ Die Dame war unerbittlich, sagte, sie könne mich ohne Zeugnisse nicht nehmen, deutete aber an, dass ich statt des Bräutigams der Liebhaber sein könnte; und als ich diesen Vorschlag verschmähte und auf den Pfarrer drängte, sagte sie mir rundheraus, mit ihrer unglückseligen städtischen Aussprache: ‚dass sie mich niemals zum Galgen begleiten würde!‘“

„Ha, ha, ha!“, rief Tomlinson lachend. „Man kann es der guten Dame kaum verübeln. Liebe verträgt selten solche dauerhaften Bindungen. Aber habt Ihr keine andere Dame im Auge?“

„Nicht für die Ehe – alle Wege außer denen zur Kirche!“ Während dieses liederliche Paar sich so unterhielt, lehnte Clifford gegen die Wandtäfelung und hörte ihnen mit einem kranken und bitteren Gefühl der Erniedrigung zu, das ihm bis vor kurzem fremd gewesen war. Er wurde schließlich aus seinem Schweigen durch Ned gerissen, der sich vorwärts beugte, seine Hand auf Cliffords Knie legte und abrupt sagte:

„Kurz gesagt, Captain, Ihr müsst uns wieder einmal zum Ruhm führen. Wir haben noch unsere Pferde, und ich bewahre meine Maske in meinem Taschenbuch auf, zusammen mit meinem Kamm. Lasst uns morgen Nacht den Weg einschlagen, querfeldein in Richtung Salisbury jagen und nach einem kurzen Besuch in jener Nachbarschaft bei einer Bande alter Freunde von mir – tapfere Kerle, die selbst den Teufel aufgehalten hätten, als er gerade bei Stonehenge am Werk war –, eine Rundreise über Reading und Henley machen und mit einem Sprung nach London enden.“

„Ihr habt gut gesprochen, Ned!“, sagte Tomlinson anerkennend. „Nun, edler Captain, Eure Meinung?“

„Messieurs“, antwortete Clifford, „ich heiße Euren geplanten Ausflug sehr gut und bedauere nur, dass ich nicht Euer Begleiter sein kann.“

„Nicht! Und warum?“, rief Mr. Pepper erstaunt.

„Weil ich hier Geschäfte zu erledigen habe, die es unmöglich machen; vielleicht kann ich mich Euch schon bald in London anschließen.“

„Nun“, sagte Tomlinson, „es besteht keine Notwendigkeit für uns, nach London zu gehen, wenn Ihr hier bleiben wollt; auch müssen wir derzeit nicht auf ein so verzweifeltes Mittel wie den Weg zurückgreifen – ein wenig ruhiges Geschäft in Bath wird unseren Zweck erfüllen; und was mich betrifft, wie Ihr wohl wisst, liebe ich es, meinen Verstand bei einem Plan einzusetzen, der seiner würdiger ist als die Landstraße – ein Beruf, der eher für einen Grobian als für einen genialen Menschen geeignet ist. Lasst uns also, Captain, ein Projekt der Bereicherung auf Kosten eines leichtgläubigen Kaufmanns planen! Warum zu groben Mitteln greifen, solange wir leichte Narren finden können?“

Clifford schüttelte den Kopf. „Ich will es Euch offen gestehen“, sagte er, „dass ich derzeit nicht an Euren Heldentaten teilhaben kann; nein, als Euer Anführer muss ich Euch den ausdrücklichen Befehl erteilen, jede Ausübung Eurer Talente in Bath zu unterlassen. Raubt, wenn Ihr wollt: Die Welt steht Euch offen; aber diese Stadt ist heilig.“

„Beim Leib mein!“, rief Ned errötend, „aber das ist zu viel des Guten. Ich lasse mir auf diese Weise nicht diktieren.“

„Aber, Sir“, antwortete Clifford, der in seinem oligarchischen Beruf gelernt hatte, wie man befehligt – „aber, Sir, Ihr werdet, oder wenn Ihr meutert, verlasst Ihr unsere Truppe, und dann wird der Henker keine geringe Chance auf Eure eigene Haut haben. Kommt, kommt! Undankbar wie Ihr seid, was wärt Ihr ohne mich? Wie oft habe ich schon diesen langen Kadaver von Euch vor dem Strick bewahrt, und nun wollt Ihr die Niedertracht besitzen, zu rebellieren? Hinaus mit Euch!“

Obwohl Mr. Pepper immer noch zornig war, biss er sich in mürrischem Schweigen auf die Lippe und ließ seinem Zorn nicht freien Lauf; während Clifford, nach einer kurzen Pause aufstehend, fortfuhr: „Hört zu, Mr. Pepper, Ihr kennt meine Befehle; betrachtet sie als endgültig. Ich wünsche Euch Erfolg und Fülle! Lebt wohl, meine Herren!“

„Verlasst Ihr uns schon?“, rief Tomlinson. „Ihr seid beleidigt.“

„Sicherlich nicht!“, antwortete Clifford, während er sich zur Tür zurückzog. „Aber eine Verpflichtung anderswo, wisst Ihr!“

„Ja, ich verstehe Euch“, sagte Tomlinson, folgte Clifford aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. „Ja, ich verstehe Euch!“, fügte er flüsternd hinzu, als er Clifford oben an der Treppe aufhielt. „Aber sagt mir, wie kommt Ihr mit der Erbin voran?“

Clifford unterdrückte das Gefühl in seinem Herzen, das ihn, so leichtsinnig er auch war, jedes Mal in Wut und Scham versetzte, wenn durch die Lippen seiner Kameraden eine Anspielung auf Lucy Brandon kam, und antwortete: „Ich fürchte, Tomlinson, dass ich bereits vom alten Squire verdächtigt werde! Plötzlich meidet er mich, verschließt seine Tür vor mir; Miss Brandon geht nirgendwo hin, und selbst wenn sie es täte, was könnte ich nach dieser plötzlichen Veränderung des Vaters von ihr erwarten?“

Tomlinson blickte ratlos und bestürzt. „Aber“, sagte er nach einem Moment des Schweigens, „warum nicht gute Miene zum bösen Spiel machen, zum Squire gehen und ihn nach dem Grund seiner Unfreundlichkeit fragen?“

„Nun, seht Ihr, mein Freund; ich bin bei allen anderen kühn genug, aber dieses Mädchen hat mich in allem, was sie selbst betrifft, so verschüchtert wie ein junges Mädchen gemacht. Nein, es gibt Momente, in denen ich glaube, ich könne jedes egoistische Gefühl besiegen und mich für sie freuen, dass sie mir entgangen ist. Könnte ich sie nur noch einmal sehen, könnte ich – ja! Ich fühle – ich fühle, ich könnte – sie für immer aufgeben!“

„Humph!“, sagte Tomlinson; „und was soll aus uns werden? Wirklich, mein Captain, Euer Pflichtgefühl sollte Euch dazu führen, Euch anzustrengen; Eure Freunde hungern vor Euren Augen, während Ihr wegen Eurer Geliebten zaudert. Habt Ihr kein Mitleid mit der Freundschaft?“

„Schluss mit diesem Unsinn!“, sagte Clifford wütend.

„Es ist Vernunft – nüchterne Vernunft – und auch Traurigkeit“, entgegnete Tomlinson. „Ned ist unzufrieden, unsere Schulden sind gebieterisch. Angenommen nun – nur angenommen –, dass wir uns bei Mondschein aus Bath davonmachen, wird das ein gutes Licht auf Euch werfen, den wir zurücklassen? Doch dies müssen wir tun, wenn Ihr keinen Weg findet, unsere Börsen wieder zu füllen. Entweder also stimmt zu, Euch uns bei einem Plan anzuschließen, der unseren Bedürfnissen entspricht, oder bezahlt unsere Schulden in dieser Stadt, oder flieht mit uns nach London und vertreibt alle Gedanken an jene Liebe, die so selten freundlich zu den Projekten des Ehrgeizes ist.“

Ungeachtet der Art und Weise, wie Tomlinson diesen dreifachen Vorschlag machte, konnte Clifford nicht umhin, den darin enthaltenen Sinn und die Gerechtigkeit anzuerkennen; und ein Blick auf die Angelegenheit genügte, um zu zeigen, wie ruinös für seinen Charakter und damit für seine Hoffnungen die Flucht seiner Kameraden und das Geschrei ihrer Gläubiger wäre.

„Ihr sprecht gut, Tomlinson“, sagte er zögernd; „und doch kann ich Euch beim besten Willen nicht bei einem Plan helfen, der uns durch Entdeckung entehren könnte. Nichts kann mich mit der Befürchtung versöhnen, dass Miss Brandon herausfindet, wer und was ihr Verehrer war.“

„Ich fühle mit Euch“, sagte Tomlinson, „aber gebt mir und Pepper zumindest die Erlaubnis, für uns selbst zu sorgen; vertraut auf meine bekannte Klugheit, einen Weg zu finden, den Wind zu erheben, ohne Staub aufzuwirbeln; mit anderen Worten (dieser verfluchte Pepper macht einen so vulgär!), die Öffentlichkeit auszurauben, ohne entdeckt zu werden.“

„Ich sehe keine Alternative“, antwortete Clifford widerwillig; „aber wenn möglich, seid vorerst ruhig. Geduldet Euch noch ein paar Tage mit mir, gebt mir nur genügend Zeit, Miss Brandon noch einmal zu sehen, und ich verpflichte mich, Euch aus Euren Schwierigkeiten zu befreien!“

„Gesprochen wie Ihr selbst, freimütig und edel“, erwiderte Tomlinson; „niemand hat größeres Vertrauen in Euer Genie, wenn es erst einmal eingesetzt wird, als ich!“

So sagend, schüttelten sich die beiden die Hände und trennten sich. Tomlinson schloss sich Mr. Pepper wieder an.

„Nun, habt Ihr etwas geregelt?“, fragte dieser.

„Nicht genau; und obwohl Lovett versprochen hat, sich in ein paar Tagen anzustrengen, habe ich wenig Vertrauen in seine Versprechen, da der arme Mann verliebt ist und sein Genie unter einer Wolke liegt.“

„Und ich habe gar keines!“, sagte Pepper; „außerdem drängt die Zeit! Ein paar Tage! – ein paar Teufel! Wir sind hier sicherlich aufgespürt worden, und ich laufe wie ein Bierfass an Weihnachten herum, in stündlicher Befürchtung, angezapft zu werden!“

„Es ist sehr seltsam“, sagte der philosophische Augustus; „aber ich glaube, es gibt einen Instinkt bei Kaufleuten, an dem sie einen Schurken auf den ersten Blick erkennen können; und ich kann (selbst wenn ich mich noch so gut kleide) bei meiner Wäscherin nicht mehr Kredit bekommen, als meine Freunde, die Whigs, beim Volk.“

„Kurz gesagt also“, sagte Ned, „müssen wir sofort auf den Weg zurückgreifen; und übermorgen wird es eine ausgezeichnete Gelegenheit geben. Der alte Earl mit dem harten Namen gibt ein Frühstück, oder Fest, oder irgendeinen solchen Mummenschanz. Ich verstehe, dass die Leute bis nach Einbruch der Dunkelheit bleiben werden; lasst uns unsere Gelegenheit abwarten, wir sind glänzend beritten, und irgendeine Kutsche, die später als der allgemeine Zug fährt, könnte uns mit allem versorgen, was unsere Herzen begehren!“

„Bravo!“, rief Tomlinson und schüttelte Mr. Pepper herzlich die Hand; „ich freue mich über Euren Einfallsreichtum, und Ihr könnt darauf vertrauen, dass ich danach unseren Frieden mit Lovett mache. Jedes Unternehmen, das ihm galant erscheint, ist er immer bereit zu verzeihen; und da er keinen anderen Zweig des Berufs ausübt als den der Landstraße (was ich, wie ich gestehe, für töricht halte), wird er eher bereit sein, über unsere Heldentaten in dieser Hinsicht hinwegzusehen als in jeder anderen, die subtiler, aber weniger heroisch ist.“

„Nun, ich überlasse es Euch, den Kerl zu besänftigen oder nicht, wie Ihr wollt; und jetzt, da wir den Hauptpunkt geklärt haben, lasst uns den Stoff fertig trinken!“

„Und“, fügte Augustus hinzu, während er ein Kartenspiel vom Kaminsims nahm, „wir können in der Zwischenzeit ein ruhiges Spielchen Cribbage um Schillinge spielen.“

„Abgemacht!“, rief Ned und räumte das Dessert ab.

Wenn die kühnen Herzen von Mr. Edward Pepper und jenem Ulysses der Räuber, Augustus Tomlinson, höher schlugen, als die Stunden Lord Mauleverers Fest herbeiführten, so war ihr Anführer nicht ohne Angst und Erwartung für dasselbe Ereignis. Er war zwar nicht zu dem fröhlichen Schauplatz eingeladen; aber er hatte in der Öffentlichkeit gehört, dass Miss Brandon, von ihrer letzten Krankheit genesen, sicherlich dort sein würde; und Clifford, zerrissen von Ungewissheit und begierig darauf, noch einmal, wenn auch zum letzten Mal, die einzige Person zu sehen, die jemals seine Seele mit einem scharfen Gefühl für seine Fehler oder Verbrechen durchdrungen hatte, beschloss, alle Hindernisse zu riskieren und sie bei Mauleverer zu treffen.

„Mein Leben“, sagte er, als er allein in seinem Zimmer saß und die verglimmende Asche seines stillen, matten Feuers betrachtete, „mag sich bald seinem Ende nähern; es ist in der Tat kaum noch möglich, dass ich dem Verhängnis meines Zustands lange entgehe; und als ich hierher kam, als einen letzten Hoffnungsschimmer, um mich aus meiner verzweifelten Lage zu Rechtschaffenheit und Besserung zu erheben, und den Plan fasste, mir durch eine Heirat Unabhängigkeit zu erkaufen, da war ich blind für die verdammte Niedertracht dieses Vorhabens! Glücklich bin ich doch, dass meine Absichten auf jemanden gerichtet waren, den ich so bald und so anbetungsvoll lieben lernte! Hätte ich um jemanden geworben, den ich weniger liebte, hätte ich vielleicht keine Skrupel gehabt, sie durch Täuschung in die Ehe zu locken. So aber – nun, es ist müßig für mich, so über meinen Entschluss nachzudenken, wenn ich nicht einmal die Wahl habe; wenn ihr Vater vielleicht bereits den Schleier von meinen angemaßten Würden gelüftet hat und die Tochter bereits mit Abscheu vor meinem Namen zurückweicht. Doch ich werde sie sehen! Ich werde noch einmal auf dieses Engelsantlitz schauen, ich werde aus ihren eigenen Lippen das Geständnis ihrer Verachtung hören, ich werde sehen, wie dieser helle Blick Hass auf mich schleudert, und dann kann ich mich wieder meiner verhängnisvollen Laufbahn zuwenden und vergessen, dass ich je bereut habe, sie begonnen zu haben. Doch welche andere Alternative hätte ich gehabt? Freundlos, heimatlos, namenlos – ein Waisenkind, schlimmer als ein Waisenkind – der Sohn einer Dirne, mein Vater sogar unbekannt; und doch verflucht mit frühem Ehrgeiz und Rastlosigkeit, einem schwachen Schimmer von Wissen und einem maßlosen Verlangen nach allem, was nach Unternehmung aussah – was für ein Wunder, dass ich alles andere wählte als tägliche Arbeit und ewige Schmach? Letztlich liegt die Schuld bei dem Schicksal und der Welt, nicht bei mir! Oh, Lucy! Wäre ich nur in deinem Stande geboren, besäße ich nur den Anspruch, dich zu verdienen, was hätte ich nicht alles getan und gewagt und erobert um deinetwillen!“

Solche oder ähnliche Gedanken gingen Clifford während der Zeit zwischen seinem Entschluss, Lucy zu sehen, und dessen Ausführung durch den Kopf. Die Gedanken waren nicht erfreulich, wenngleich von aufregender Natur; auch wurden sie nicht wesentlich dadurch gelindert, dass er sich geschickt in die Vorstellung hineinlog, wenn er ein Straßenräuber sei, so sei dies gänzlich die Schuld der Straßen.

KAPITEL XXI.

Traum. Lass mich sie nur sehen, lieber Leontins. Humorous Lieutenant.

Hempskirke. Er war es, fürwahr. Wolfort. Wer seid Ihr, Bursche? Beggar's Bush.

O du göttlicher Geist, der in jeder Brust brennt und jeden mit dem erhabenen Verlangen anstachelt, fein zu sein; der die Großen dazu antreibt, klein zu werden, um größer zu erscheinen, und der eine Herzogin dazu bringt, Beleidigungen als Empfehlungsschreiben zu buhlen – du, der du Gefallen an so vielen Gestalten findest, vielfältig und doch einerlei; Geist, der du die Hohen verächtlich machst und den Herrn gemeiner als seinen Kammerdiener; gleichermaßen groß, ob du einen Freund betrügst oder einen Vater hintergehst; alles, was du berührst, mit einer hellen Vulgarität lackierend, die deine Anhänger für Gold halten – du, der du die Wenigen auf modische Bälle und die Vielen auf modische Romane schickst; der du das Genie ebenso triffst wie die Torheit und die Lieblinge der Götter dazu bringst, eher mit einer Bekanntschaft zu prahlen, die sie nicht haben, mit den Anmuten eines Pilz-Adels, als mit dem Wissen, das sie von den Musen eines ewigen Helikons besitzen – du, der du im großen Ozean unserer Sitten keinen trockenen Fleck für den Fuß der Unabhängigkeit lässt; der du das ermüdete Auge mit einem bewegten und sich windenden Panorama beschmierter Niedertracht sättigst und die Seelen freigeborener Briten zu einem Pulver zerreibst, kleiner als die Engel, die zu Myriaden auf einer Nadelspitze tanzen – ob du dich nun, o Geist, Mode nennst oder Ton, oder Ehrgeiz oder Eitelkeit oder Heuchelei oder Frömmelei oder irgendeinen anderen ebenso hohen und erhabenen Titel – wünschte, wir könnten von deinen Flügeln nur eine einzige Feder gewinnen! Gerne würden wir in angemessener Weise die Festlichkeiten jenes denkwürdigen Tages beschreiben, an dem der wohlwollende Lord Mauleverer das bewundernde Universum von Bath empfing und segnete.

Doch um weniger poetisch zu sein, wie gewisse Schriftsteller sagen, wenn sie Unsinn geschrieben haben – doch um weniger poetisch und genauer zu sein: Der Morgen war, obwohl mitten im Winter, hell und klar, und Lord Mauleverer befand sich bei besonders guter Gesundheit. Nichts hätte besser geplant sein können als die Gesamtheit seiner Vorkehrungen. Anders als jene, die gewöhnlich aus dem ausdrücklichen Grund gewählt werden, so fremd wie möglich der Natur unseres Klimas zu sein, waren bei Lord Mauleverer alle der Atmosphäre Grönlands angepasst. Die Tempel und Sommerhäuser, die über das Gelände verstreut waren, wurden eingerichtet, einige als Eskimohütten, andere als russische Pavillons; Feuer wurden sorgfältig unterhalten; für die Musiker sorgte Mauleverer dafür, dass sie so viel Wein bekamen, wie sie wollten; sie wurden geschickt an Orten platziert, an denen sie nicht zu sehen, aber zu hören waren. Ein oder zwei provisorische Gebäude wurden für diejenigen errichtet, die gerne tanzten; und da Mauleverer, sich in den Grundsätzen der menschlichen Natur verrechnend, glaubte, Gentlemen könnten einer zur Schau gestellten Vorführung abgeneigt sein, hatte er Personen engagiert, die zur Unterhaltung der Schlittschuhläufer auf seinen Seen Menuette und Achterfiguren auf Schlittschuhen liefen. Alle Leute, die so freundlich waren, sich in seltsame Kostüme zu kleiden und merkwürdige Geräusche zu machen, die sie Singen nannten, hatte der Graf sorgfältig verpflichtet und an den besten Plätzen postiert, damit sie noch seltsamer wirkten, als sie ohnehin schon waren.

Es gab auch reichlich zu essen und mehr als reichlich zu trinken. Mauleverer wusste wohl, dass unsere Landsmänner und Landsfrauen, ungeachtet ihres Ranges, ihre Stimmung gerne gehoben sehen. Kurz, das gesamte Déjeuner war so bewundernswert arrangiert, dass die Gäste während der Belustigungen wahrscheinlich nicht viel melancholischer dreinblickten, als sie es getan hätten, wenn sie anderweitig bei einem Begräbnis beschäftigt gewesen wären.

Lucy und der Squire gehörten zu den ersten Ankömmlingen. Mauleverer, der sich Vater und Tochter mit seiner höfischsten Art näherte, bestand darauf, Letztere unter seine eigene Obhut zu nehmen und ihr Cicerone durch den Reigen der Vorbereitungen zu sein.

Als die Menge zunahm und man beobachtete, wie galant die Aufmerksamkeit war, die der Gastgeber Lucy entgegenbrachte, waren die Flüstertöne der Gäste zahlreich und neidisch! Jene guten Leute, natürlich erbost bei dem Gedanken, dass zwei Individuen heiraten sollten, teilten sich in zwei Parteien: die einen verleumdeten Lucy, die anderen Lord Mauleverer; erstere beschimpften ihre List, Letztere seine Torheit. „Ich dachte, sie würde ihre Karten gut ausspielen, das betrügerische Geschöpf!“, sagte die eine Partei. „Januar und Mai“, murmelte die andere; „der Mann ist sechzig!“ Es fiel auf, dass die Partei gegen Lucy hauptsächlich aus Damen bestand, die gegen Mauleverer aus Männern; das Verhalten muss in der Tat abscheulich sein, das die Entrüstung des eigenen Geschlechts auf sich zieht!

Ihrer Verbrechen unbewusst, bewegte sich Lucy vorwärts, auf den Arm des galanten Grafen gestützt, und lächelte matt, mit dem Herzen weit weg, über seine Bemühungen, sie zu amüsieren. Es lag etwas Interessantes in dem bloßen Kontrast des Paares; so rührend erschien die Schönheit des jungen Mädchens mit ihrer zarten Wange, ihrer mädchenhaften Gestalt, dem gesenkten Augenlid und der stillen Einfachheit ihres Wesens im Vergleich zu dem weltgewandten Gesichtsausdruck und der künstlichen Anmut ihres Begleiters.

Nach einiger Zeit, als sie sich in einem abgeschiedenen Teil des Geländes befanden, bemerkte Mauleverer, dass niemand in der Nähe war, und betrat eine einfache Hütte; und so fasziniert war er in diesem Moment von der Schönheit seiner Begleiterin, und so passend erschien ihm die Gelegenheit zu seinem Geständnis, dass er mit Mühe das Bekenntnis unterdrückte, das ihm auf den Lippen lag, und den vorsichtigeren Plan fasste, erst einmal vorzufühlen und sozusagen den Weg zu bereiten.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, meine liebe Miss Brandon“, sagte er und drückte leicht die schöne Hand, die auf seinem Arm ruhte, „wie glücklich ich bin, Sie als Gast – ja, als Königin – meines Hauses zu sehen! Ach! Könnte doch die Blüte der Jugend mit ihren Gefühlen zurückkehren! Die Zeit ist niemals so grausam, als wenn sie uns, während sie uns die Macht zu gefallen stiehlt, das unglückliche Privileg lässt, entzückt zu sein!“

Mauleverer erwartete zumindest einen errötenden Widerspruch auf die implizierte Anwendung eines so gefühlvoll ausgedrückten Gefühls: Er wurde enttäuscht. Lucy, weniger empfänglich als sonst für das Sentimentale oder dessen Gegenteil, nahm seinen Sinn kaum wahr und antwortete schlicht, dass dies sehr wahr sei. „Das kommt davon, wenn man, wie mein Freund Burke, zu raffiniert für sein Publikum ist“, dachte Mauleverer und zuckte ein wenig zusammen bei der unerwarteten Antwort. „Und doch!“, fuhr er fort, „ich möchte meine Fähigkeit zu bewundern nicht aufgeben, so vergeblich, ja, so schmerzhaft sie auch ist. Selbst jetzt, während ich Sie betrachte, sagt mir mein Herz, dass das Vergnügen, das ich genieße, in Ihrer Macht steht, sofort und für immer in Elend zu verwandeln; aber während es mir das sagt, betrachte ich Sie!“

Lucy erhob ihre Augen, und etwas von ihrem natürlichen Übermut spielte in ihrem Ausdruck.

„Ich glaube, Mylord“, sagte sie und entfernte sich aus der Hütte, „dass es besser wäre, uns wieder Ihren Gästen anzuschließen: Wände haben Ohren; und was wäre der Selbstvorwurf des fröhlichen Lord Mauleverer, wenn er noch einmal von seinen feinen Komplimenten an –“

„Die bezauberndste Person in Europa!“, rief Mauleverer heftig; und die Hand, die er zuvor berührte, umschloss er nun. In diesem Augenblick sah Lucy gegenüber, halb verborgen von einem Gebüsch aus Immergrün, die Gestalt von Clifford. Sein Gesicht, das bleich und hager wirkte, war nicht auf den Ort gerichtet, an dem sie stand, und er bemerkte Mauleverer oder sie offensichtlich nicht; doch so groß war die Wirkung, die dieser flüchtige Blick auf Lucy hatte, dass sie heftig zitterte und, unbewusst einen leisen Schrei ausstoßend, ihre Hand aus der von Mauleverer riss.

Der Graf fuhr zusammen, und als er den Ausdruck ihrer Augen auffing, wandte er sich augenblicklich nach der Stelle, auf die ihr Blick wie gefesselt schien. Er hatte das Rauschen der Zweige nicht gehört, aber er sah mit seiner gewohnten Schnelligkeit der Wahrnehmung, dass sie noch zitterten, als seien sie gerade erst beiseite geschoben worden; und er erhaschte durch ihre Zwischenräume den flüchtigen Blick einer zurückweichenden Gestalt. Er sprang mit einer für seine gewohnten Bewegungen sehr ungewöhnlichen Agilität vorwärts; doch bevor er das Gebüsch erreichte, war jede Spur des Eindringlings verschwunden.

Welche Sklaven wir des Augenblicks sind! Als Mauleverer sich umdrehte, um zu Lucy zurückzukehren, die, fast bis zur Ohnmacht erschüttert, gegen die raue Wand der Hütte gelehnt stand, hätte er ebenso gut ans Fliegen denken können wie an das großmütige Angebot seiner selbst usw., das zu machen er im Augenblick zuvor gebrannt hatte. Die Eitlen sind immer empfindlich eifersüchtig; und Mauleverer, der sich an Clifford und Lucys Erröten beim Tanzen mit ihm erinnerte, erklärte sich sofort ihre Erregung und deren Ursache. Mit sehr ernster Miene näherte er sich dem Objekt seiner jüngsten Anbetung und erkundigte sich, ob es nicht ein plötzlicher Eindringling gewesen sei, der ihre Beunruhigung verursacht habe. Lucy, kaum wissend, was sie sagte, antwortete mit leiser Stimme, dass dies tatsächlich der Fall gewesen sei, und bat darum, sofort wieder zu ihrem Vater zurückzukehren. Mauleverer bot ihr mit großer Würde seinen Arm an; und das Paar begab sich in den belebten Teil des Geländes, wo Mauleverer wieder in Lächeln und Höflichkeit für alle um ihn herum aufblühte.

„Er ist sicherlich akzeptiert!“, sagte Mr. Shrewd zu Lady Simper.

„Was für ein ungeheures Treffer für das Mädchen!“, war Lady Simper's Antwort.

Inmitten der Musik, des Tanzes, des Gedränges und des Lärms fiel es Lucy leicht, sich zu fassen; und als sie ihren Vater bemerkte, löste sie ihren Arm von Lord Mauleverer, schloss sich dem Squire an und blieb eine geduldige Zuhörerin seiner Bemerkungen, bis es am späten Nachmittag als ausgemacht galt, dass man sich in einen langen Saal begeben solle, um zu essen und zu trinken. Mauleverer, nun der Pflichten seiner Lage bewusst und über Lucy außerordentlich verärgert, war mit der Etikette, die ihn zwang, für seine gastfreundliche Fürsorge eine alte verwitwete Herzogin anstelle der Schönheit des Festes auszuwählen, versöhnter, als er es sonst vielleicht gewesen wäre; er achtete jedoch darauf, dem Squire die Plätze für sich und seine Tochter zuzuweisen, die zwar in einiger Entfernung vom Grafen, aber unter dem Schutz seiner wachsamen Aufsicht lagen.

Während Mauleverer die verwitwete Herzogin vergötterte und seinen Geist mit einem Hühnchen und einem medizinischen Glas Madeira erfrischte, wandte sich das Gespräch in Lucys Nähe zu ihrer unendlichen Bestürzung auf Clifford. Jemand hatte ihn auf dem Gelände gesehen, in Stiefeln und in einem Reitanzug (zu jener Zeit ritten und tanzten die Leute selten in derselben Anzugform); und da Mauleverer ein genauer Mensch in diesen kleinen Etikette-Fragen war, wurde diese Nachlässigkeit Cliffords zu einem regelrechten Diskussionsthema. Allmählich ging das Gespräch in die alte Frage über, wer dieser Captain Clifford eigentlich sei; und gerade als es diesen Punkt erreicht hatte, gelangte es auch an die sanft tauben Ohren von Lord Mauleverer.

„Sagen Sie, Mylord“, sagte die alte Herzogin, „da er einer Ihrer Gäste ist, können Sie, der Sie wissen, wer und was jeder ist, uns vielleicht über die wahre Familie dieses schönen Mr. Clifford Auskunft geben?“

„Einer meiner Gäste, sagten Sie?“, antwortete Mauleverer, weit über seine übliche Ruhe hinaus gereizt. „Wahrlich, Ihre Gnaden tun mir Unrecht. Er mag ein Gast meines Kammerdieners sein, aber meiner ist er sicherlich nicht; und sollte ich ihm begegnen, werde ich es meinem Kammerdiener überlassen, ihm ebenso seinen Abschied wie seine Einladung zu erteilen!“

Mauleverer, der seine Stimme hob, als er über den Tisch hinweg ein abwechselndes Blasswerden und Erröten auf Lucys Gesicht bemerkte, was alle zornigeren Leidenschaften, die in ihm gewöhnlich schlummernd waren, zu Gift anstachelte, blickte beim Abschluss mit einem hochmütigen und sarkastischen Ausdruck umher. So laut war sein Ton gewesen, so gezielt die Beleidigung und so totenstill war es bei Tisch, während er sprach, dass jeder spürte, die Kränkung müsse sofort an Cliffords Gehör getragen werden, sollte er im Raum sein. Und nachdem Mauleverer geendet hatte, herrschte eine allgemeine, nervöse und unbestimmte Erwartung einer Antwort und einer Szene; alles war still, und bald wurde es zur Gewissheit, dass Clifford nicht im Zimmer war. Als Mr. Shrewd sich vollkommen von dieser Tatsache überzeugt hatte – denn Clifford besaß einen wagemutigen Geist, den nur wenige herausfordern wollten –, unterbrach diese Person die Pause mit der Bemerkung, dass kein Mann, der vorgäbe, ein Gentleman zu sein, sich ungefragt und ungewollt in eine Gesellschaft drängen würde; und Mauleverer, der die Bemerkung aufgriff, sagte (während er gleichzeitig Wein mit Mr. Shrewd trank), dass ein solches Verhalten zweifellos die Gerüchte über Mr. Clifford vollauf rechtfertige und ihn gänzlich aus jenem Rang ausschließe, von dem man zuvor mehr als vermutet hatte, dass er keinen Anspruch darauf habe.

Eine solch leuchtende und befriedigende Meinung aus einer solchen Autorität, einmal geäußert, wurde sofort und allgemein aufgegriffen; und lange bevor das Mahl vorüber war, schien man stillschweigend übereingekommen zu sein, dass Captain Clifford nach Coventry geschickt werden sollte, und falls er über das Exil murrte, hätte er kein Recht darauf zu bestehen, von dort zum Teufel geschickt zu werden.

Der gute alte Squire, eingedenk seiner früheren Freundschaft für Clifford und nicht dazu neigend, sich zu wenden, wollte gerade eine Rede bei dieser Gelegenheit beginnen, als Lucy seinen Arm berührte und ihn anflehte, zu schweigen; und so gespenstisch war die Blässe ihrer Wangen, während sie sprach, dass sich die Augen des Squires, so stumpf er im Allgemeinen auch war, auf einmal für das wahre Geheimnis ihres Herzens öffneten. Sobald ihm die Wahrheit blitzartig klar wurde, wunderte er sich, als er sich an Cliffords große körperliche Schönheit und deutliche Aufmerksamkeit erinnerte, dass es ihm nicht früher aufgefallen war; und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und versank in eine der unangenehmsten Träumereien, die er je empfunden hatte.

Auf ein gegebenes Signal begann die Musik für die Tänzer erneut, und auf einen entsprechenden Wink des Gastgebers erhoben sich die Leute ohne Umstände, um sich anderen Vergnügungen zuzuwenden und es jenen Gästen, die bisher vom Essen ausgeschlossen waren, zu ermöglichen, den Platz derer einzunehmen, die ihn räumten. Lucy, froh zu entkommen, war eine der Ersten, die ihren Platz aufgab, und mit dem Squire kehrte sie zum Gelände zurück. Während des Banketts war der Abend hereingebrochen, und die Szene wurde nun wahrhaft märchenhaft und malerisch; Lampen hingen an so manchem Baum und reflektierten das Licht in den reichsten und weichsten Farben; die Musik selbst klang musikalischer als während des Tages; Zigeunerzelte waren an wilden Ecken und Gebüschen aufgeschlagen, und die hellen Holzfeuer, die in ihnen brannten, loderten munter in der kalten und doch heiteren Luft der zunehmenden Nacht. Der Anblick war wirklich neuartig und einladend; und da es als ausgemacht galt, dass die Damen Pelze, Mäntel und Stiefel mitbringen sollten, bildeten alle jene, die glaubten, in einem solchen Aufzug gut auszusehen, kleine Gruppen und verteilten sich auf dem Gelände und in den Zelten. Diejenigen hingegen, bei denen „das purpurne Licht der Liebe“ durch den Frost dazu neigte, von den Wangen zum zentralen Schmuckstück des Gesichts getrieben zu werden, oder die ein Feuer im Zimmer für ebenso angenehm hielten wie ein Feuer in einem Zelt, blieben drinnen und betrachteten die Szene durch die offenen Fenster.

Lucy sehnte sich danach, nach Hause zurückzukehren, und auch der Squire war nicht abgeneigt; doch leider fehlte noch eine Stunde bis zu der Zeit, für die die Kutsche bestellt worden war, und sie schloss sich mechanisch einer Gruppe von Gästen an, die den gutmütigen Squire dazu überredet hatten, seine Gicht zu vergessen und sich hinauszuwagen, um die Beleuchtungen zu betrachten. Ihrer Gesellschaft schlossen sich bald andere an, und die Gruppe wuchs allmählich zu einer Menge an; der Strom blieb einige Minuten vor einem kleinen Tempel stehen, in dem gerade ein Feuerwerk begonnen hatte, das eine zusätzliche Attraktion für die Szene darstellte. Gegenüber diesem Tempel sowie in seinem Rücken waren die Wege und Bäume absichtlich in relativer Dunkelheit gelassen worden, um die Wirkung des Feuerwerks zu verstärken.

„Ich erkläre“, sagte Lady Simper und blickte eine der Alleen hinunter, die sich in die Schwärze zu erstrecken schien – „ich erkläre, es scheint ein richtiger Pfad für Liebende zu sein. Wie gütig von Lord Mauleverer! – eine so feine Aufmerksamkeit –“

„Für Ihre Ladyschaft!“, fügte Mr. Shrewd mit einer Verbeugung hinzu. Während Lucy, eine aus dieser Menge, geistesabwesend die langen Lichtstreifen beobachtete, die immer wieder gegen den Himmel schossen, spürte sie, wie ihre Hand plötzlich ergriffen wurde, und gleichzeitig flüsterte eine Stimme: „Um Himmels willen, lesen Sie das jetzt und gewähren Sie meine Bitte!“

Die Stimme, die aus dem tiefsten Herzen des Sprechers zu kommen schien, erkannte Lucy sofort; sie zitterte heftig und blieb einige Minuten mit Augen stehen, die es nicht wagten, vom Boden aufzublicken. Ein Zettel, das spürte sie, war ihr in die Hand gelegt worden; und der gequälte und eindringliche Ton jener Stimme, die ihr teurer war als die Fülle aller Musik, machte sie ungeduldig und doch ängstlich, ihn zu lesen. Als sie wieder Mut fasste, blickte sie um sich, und da sie sah, dass die Aufmerksamkeit aller auf das Feuerwerk gerichtet war und dass besonders ihr Vater, auf seinen Stock gestützt, das Schauspiel mit kindlicher, versunkener Freude zu genießen schien, glitt sie leise davon, und während sie unbemerkt eine der Alleen betrat, las sie bei einer einsamen Lampe, die an deren Eingang brannte, die folgenden Zeilen, mit Bleistift und in hastiger Handschrift geschrieben, anscheinend auf einem Blatt, das aus einem Taschenbuch gerissen war:

Ich flehe Sie an, ich beschwöre Sie, Miss Brandon, mich zu sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Ich habe vor, mich von dem Ort loszureißen, an dem Sie wohnen, ins Ausland zu gehen, selbst den Fleck zu verlassen, der durch Ihre Fußstapfen geheiligt ist. Nach dieser Nacht wird meine Anwesenheit, meine Anmaßung Sie nicht mehr entehren. Aber diese Nacht, um der Barmherzigkeit willen, sehen Sie mich, oder ich werde wahnsinnig! Ich will nur einen Augenblick mit Ihnen sprechen: das ist alles, worum ich bitte. Wenn Sie mir dieses Gebet gewähren, wird der Weg zur Linken, wo Sie stehen, an dessen Eingang eine purpurne Lampe steht, Ihrer Barmherzigkeit eine Gelegenheit bieten. Ein paar Meter weiter auf diesem Weg werde ich Sie treffen – niemand kann uns sehen oder hören. Werden Sie mir dies gewähren? Ich weiß es nicht, ich wage es nicht zu denken; doch wie dem auch sei, Ihr Name soll der letzte auf meinen Lippen sein. P. C.

Während Lucy dieses hastige Gekritzel las, blickte sie zu der Lampe über ihr auf und sah, dass sie versehentlich genau den Weg betreten hatte, der in dem Zettel angegeben war. Sie hielt inne, sie zögerte; die Unschicklichkeit, die Sonderbarkeit der Bitte schossen ihr augenblicklich durch den Kopf; andererseits klingelte ihr die angstvolle Stimme noch immer in den Ohren, die zusammenhanglose Heftigkeit der Notiz, das Risiko, die Schande, die Clifford einzig und allein – so flüsterte ihr Herz – auf sich genommen hatte, um sie zu sehen; all das unterstützte ihr schlichtes Gemüt, ihre gütigen Gefühle und ihre Liebe zu dem Bittsteller und bewog sie zuzustimmen. Sie warf einen Blick zurück – alle schienen mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, als sie zu beachten; sie schaute angstvoll nach vorne – alles wirkte düster und verschwommen; doch plötzlich entdeckte sie in einiger Entfernung eine dunkle Gestalt in Bewegung. Sie spürte, wie ihre Knie unter ihr zitterten, ihr Herz schlug heftig; sie ging ein paar Schritte weiter, hielt erneut inne und blickte zurück. Die Gestalt vor ihr schien sich auf sie zuzubewegen; sie fasste wieder Mut und schritt voran – die Gestalt war an ihrer Seite.

„Wie großmütig, wie herablassend ist diese Güte von Miss Brandon!“, sagte die Stimme, die so sehr mit einem geheimen und starken Gefühl rang, dass Lucy sie kaum als die Cliffords wiedererkannte. „Ich wagte es nicht zu erwarten; und nun – nun, da ich Sie treffe –“ Clifford hielt inne, als suche er nach Worten; und Lucy bemerkte selbst durch die Dunkelheit, dass ihr seltsamer Begleiter stark erregt war; sie wartete darauf, dass er fortfuhr, doch als sie bemerkte, dass er schweigend weiterging, sagte sie, wenn auch mit bebender Stimme: „Wahrlich, Mr. Clifford, ich fürchte, es ist sehr, sehr unschicklich von mir, Sie auf diese Weise zu treffen; nichts als die starken Ausdrücke in Ihrem Brief – und – und – kurzum, meine Angst, dass Sie irgendeinen verzweifelten Plan verfolgten, von dem ich nichts ahnen konnte, brachte mich dazu, Ihrem Wunsch nach einer Unterredung nachzugeben.“ Sie hielt inne, und da Clifford weiterhin schwieg, fügte sie mit etwas Kälte im Ton hinzu: „Wenn Sie mir wirklich etwas zu sagen haben, so müssen Sie mir gestatten, Sie zu bitten, es schnell zu tun. Dieses Gespräch, das müssen Sie einsehen, sollte fast in dem Augenblick enden, in dem es beginnt.“

„Hören Sie mich also an!“, sagte Clifford, seine Verlegenheit überwindend und mit fester, klarer Stimme sprechend; „ist es wahr, was ich soeben erst vernommen habe – ist es wahr, dass in Ihrer Gegenwart in beleidigender und kränkender Weise von mir gesprochen wurde?“

Nun war es an Lucy, sich verlegen zu fühlen; aus Furcht, Schmerz zu bereiten, und doch in Sorge, Clifford möge von der Geringschätzung und dem Verdacht erfahren, die das Geheimnis um seine Person auf seinen Namen zogen, stammelte sie zwischen beiden Gefühlen hin und her und erreichte, ohne das letztere zu befriedigen, ihr Ziel, die Furcht vor dem ersteren zu verwirklichen.

„Genug!“, sagte Clifford in einem Ton tiefer Demütigung, als sein scharfes Gehör die Bedeutung ihrer gestammelten und verwirrten Antwort auffing und interpretierte, noch erniedrigender als die Wahrheit – „genug! Ich sehe, dass es wahr ist und dass das einzige menschliche Wesen auf der Welt, um dessen gute Meinung ich nicht gleichgültig bin, Zeuge der beleidigenden Art und Weise war, in der andere es gewagt haben, über mich zu sprechen!“

„Aber“, sagte Lucy eifrig, „warum den Neidischen oder den Müßiggängern einen Vorwand geben? Warum lassen Sie Ihre Abstammung und Familie nicht öffentlich bekannt werden? Warum sind Sie hier“ – und ihre Stimme sank eine Oktave tiefer – „gerade heute, ungebeten, und damit den Krittelleien all jener ausgesetzt, die die geringe Auszeichnung einer Einladung für eine Ehre halten? Verzeihen Sie mir, Mr. Clifford; vielleicht beleidige ich Sie. Ich verletze Sie, indem ich so offen spreche; doch Ihr guter Name liegt bei Ihnen selbst, und Ihre Freunde können nicht anders, als sich darüber zu ärgern, dass Sie leichtfertig mit ihm umgehen.“

„Madam“, sagte Clifford; und Lucys Augen, die sich nun an die Dunkelheit gewöhnten, bemerkten ein bitteres Lächeln auf seinen Lippen, „mein Name, ob gut oder schlecht, ist mir wenig wichtig. Ich habe von Philosophen gelesen, die sich darauf etwas einbilden, den Meinungen der Welt keinen Wert beizumessen. Rechnen Sie mich dieser Sekte zu. Aber ich bin – ich gestehe es – darauf bedacht, dass Sie allein, von allen Menschen auf der Welt, mich nicht verachten sollten; und nun, da ich fühle, dass Sie es tun, dass Sie es tun müssen, ist alles, wofür es sich zu leben oder zu hoffen lohnt, dahin!“

„Sie verachten!“, sagte Lucy, und ihre Augen füllten sich mit Tränen; „wahrlich, Sie tun mir und sich selbst Unrecht. Doch hören Sie mich an, Mr. Clifford. Ich habe zwar wenig von der Welt gesehen, doch habe ich genug gesehen, um mir zu wünschen, ich hätte für immer in der Zurückgezogenheit leben können. Die seltenste Eigenschaft bei beiden Geschlechtern, obwohl sie die einfachste ist, scheint mir die Freundlichkeit zu sein; und die einzige Beschäftigung derer, die man ‚modische Leute‘ nennt, scheint darin zu bestehen, schlecht übereinander zu reden. Nichts gibt dem Skandal so viel Spielraum wie Geheimniskrämerei; nichts entwaffnet ihn so sehr wie Offenheit. Ich weiß, Ihre Freunde wissen, Mr. Clifford, dass Ihr Charakter einer Überprüfung standhalten kann; und ich für meinen Teil glaube dasselbe von Ihrer Familie. Warum erklären Sie dann nicht, wer und was Sie sind?“

„Diese Offenheit wäre in der Tat mein bester Verteidiger“, sagte Clifford in einem Ton, der Lucy unangenehm in den Ohren klang; „aber in Wahrheit, Madam, wiederhole ich, ist es mir keinen Tropfen dieses wertlosen Blutes wert, was die Menschen über mich sagen: diese Zeit ist vergangen, und zwar für immer; vielleicht hat sie für mich nie ernsthaft existiert – einerlei. Ich kam hierher, Miss Brandon, ohne einen Gedanken an diese widerlichen Albernheiten oder an den greisen Müßiggänger zu verschwenden, von dem sie gegeben werden. Ich kam hierher, nur um Sie noch einmal zu sehen, Sie sprechen zu hören, Sie sich bewegen zu sehen, Ihnen zu sagen“ – und die Stimme des Sprechers zitterte so sehr, dass sie kaum noch vernehmbar war – „Ihnen zu sagen, falls sich irgendein Grund für diese Enthüllung bot, dass ich die Kühnheit, das Verbrechen besessen habe, Sie zu lieben – Sie zu lieben – o Gott! Sie anzubeten; und dann, um Sie für immer zu verlassen!“

Blass, bebend, kaum davor bewahrt, durch den Baum, an den sie sich lehnte, zu Boden zu sinken, hörte Lucy dieses abrupte Bekenntnis. „Darf ich diese Hand berühren?“, fuhr Clifford fort, als er niederkniete und sie zaghaft und ehrfürchtig nahm. „Sie wissen nicht, Sie können nicht ahnen, wie unwürdig derjenige ist, der sich solches anmaßt; doch nicht ganz unwürdig, solange er sich eines so tiefen, so heiligen Gefühls bewusst ist, wie das, das er für Sie hegt. Gott segne Sie, Miss Brandon! – Lucy, Gott segne Sie! Und wenn Sie später hören, dass ich einem noch schwärzeren Verdacht oder einer strengeren Prüfung unterzogen werde, als ich sie jetzt ertrage; wenn selbst Ihre Nächstenliebe und Güte keine Verteidigung für mich finden können; wenn der Verdacht zur Gewissheit wird und die Prüfung in einer Verurteilung endet – dann glauben Sie zumindest, dass Umstände mich über mein Wesen hinausgetrieben haben und dass ich unter glücklicheren Vorzeichen hätte anders sein können, als ich bin!“

Lucys Träne fiel auf Cliffords Hand, während er sprach; und während sein Herz in ihm schmolz, als er sie spürte und sich seines eigenen verzweifelten und unerlösten Zustands bewusst wurde, fügte er hinzu:

„Jeder wirbt um Sie – die Stolzen, die Reichen, die Jungen, die Hochgeborenen – alle liegen Ihnen zu Füßen! Sie werden einen aus dieser Zahl zu Ihrem Ehemann wählen; möge er über Sie wachen, wie ich es getan hätte! – lieben, wie ich es tue, kann er Sie nicht! Ja, ich wiederhole es“, fuhr Clifford vehement fort, „er kann es nicht! Keiner aus der fröhlichen, glücklichen, seidenen Menge Ihrer Ebenbürtigen und Verehrer kann für Sie jene einzelne und alles beherrschende Leidenschaft empfinden, die Sie für mich zu dem macht, was alles zusammen – Heimat, Macht, Reichtum, Ansehen, ein ehrbarer Name, Frieden, allgemeine Sicherheit, die Ruhe der gewöhnlichen Luft – für alle anderen sind, gleichermaßen der geringste Segen wie der größte! Noch einmal, möge Gott im Himmel über Sie wachen und Sie bewahren! Ich reiße mich, während ich Sie verlasse, von allem los, was mich erheitert, segnet, erhebt oder hätte retten können! Lebwohl!“

Die Hand, die Lucy ihrem seltsamen Verehrer überlassen hatte, wurde leidenschaftlich an seine Lippen gepresst, im selben Augenblick losgelassen, und sie wusste, dass sie wieder allein war.

Doch Clifford, der hastig durch die Bäume eilte, bahnte sich seinen Weg zum nächstgelegenen Tor, das von Lord Mauleverers Anwesen wegführte; als er es erreichte, besetzte eine Menge der älteren Gäste den Eingang, und eine von ihnen war eine Dame von solchem Rang, dass Mauleverer sich trotz seiner Abneigung gegen jede überflüssige Aussetzung an der Nachtluft dazu gezwungen sah, sie zu ihrer Kutsche zu geleiten. Er war in sehr übler Stimmung wegen dieser erzwungenen Höflichkeit, zumal die Kutsche sehr langsam war, ihn von seiner Last zu befreien, als er im Lampenlicht Clifford an sich vorbeigehen und seinen Weg zum Tor bahnen sah. Ganz seine weltliche Klugheit vergessend, die ihn eigentlich davon hätte abhalten sollen, Szenen mit irgendjemandem zu machen, insbesondere mit einem flüchtenden Feind und einem Mann, bei dem, wenn er recht glaubte, wenig Ruhm im Sieg, geschweige denn im Kampf zu gewinnen war; und nur an Cliffords Rivalität und seinen eigenen Hass auf ihn wegen der Anmaßung denkend, machte Mauleverer der Dame an seinem Arm eine hastige Entschuldigung, trat vor, versperrte Clifford den Weg und sagte mit einer Verbeugung voll ruhiger Beleidigung: „Verzeihen Sie, mein Herr, aber ist es auf meine Einladung hin oder auf die eines meiner Bediensteten, dass Sie mich heute mit Ihrer Gesellschaft beehrt haben?“

Cliffords Gedanken waren zum Zeitpunkt dieser Unterbrechung von jener Art, vor der alle kleinen Missgeschicke zu nichts zusammenschrumpfen; wenn er also bei der Anrede des Grafen einen Moment lang zusammenzuckte, so verriet er doch keine Verlegenheit in seiner Antwort, sondern verbeugte sich mit einem Anflug von Respekt und nahm keine Notiz von der Beleidigung, die in Mauleverers Rede impliziert war, und antwortete:

„Ihr Lordship braucht nur einen Blick auf meine Kleidung zu werfen, um zu sehen, dass ich mich nicht in der Absicht, Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, auf Ihr Gelände begeben habe. Die Tatsache ist – und ich vertraue auf die Höflichkeit Ihres Lordship, diese Entschuldigung zuzulassen –, dass ich diese Gegend morgen für einige Zeit verlasse. Eine Person, die ich sehr gerne sehen wollte, bevor ich ging, war einer Ihrer Gäste; ich hörte davon und wusste, dass ich keine andere Gelegenheit haben würde, die betreffende Person vor meiner Abreise zu treffen; und ich muss mich nun auf die wohlbekannte Höflichkeit von Lord Mauleverer verlassen, eine Freiheit zu entschuldigen, die aus einer Angelegenheit entspringt, die einer Notwendigkeit sehr nahe kommt.“

Lord Mauleverers Ansprache an Clifford hatte eine unmittelbare Menge erwartungsvoller Zuhörer versammelt; aber so ruhig respektvoll und wahrhaft gentlemanlike waren Cliffords Auftreten und Tonfall bei seiner Entschuldigung, dass die ganze Schar von einer plötzlichen Enttäuschung befallen wurde.

Lord Mauleverer selbst, überrascht von der Gemütsruhe und dem Auftreten des ungebetenen Gastes, war einen Moment lang ratlos; und Clifford war gerade dabei, diesen Moment zu nutzen und davonzuschlüpfen, als Mauleverer mit einer zweiten Verbeugung, höflicher als die erste, sagte:

„Ich kann nicht anders, als mich zu freuen, mein Herr, dass mein bescheidener Ort Ihnen eine Annehmlichkeit geboten hat; aber wenn ich nicht allzu unverschämt bin, gestatten Sie mir, den Namen meines Gastes zu erfragen, mit dem Sie eine Zusammenkunft wünschten?“

„Mein Lord“, sagte Clifford, indem er sich aufrichtete und ernst und streng sprach, wenn auch noch immer mit einer gewissen Ehrerbietung, „ich brauche Ihr Lordship sicher nicht darauf hinzuweisen, dass Ihre Frage selbst einen Zweifel und damit eine Kränkung impliziert und dass ihr Tonfall nicht so beschaffen ist, dass er das Zugeständnis meinerseits rechtfertigen würde, das die weitere Erklärung, die Sie verlangen, implizieren würde!“

Nur wenige ausgesprochene Sarkasmen konnten so bitter sein wie jener stumme, den Mauleverer mit einem Lächeln beherrschen konnte, und mit diesem komplementären Ausdruck auf seinen dünnen Lippen und den erhobenen Brauen antwortete der Graf: „Mein Herr, ich ehre die Geschicklichkeit, die Ihre Antwort bezeugt; sie muss das Ergebnis einer profunden Erfahrung in diesen Angelegenheiten sein. Ich wünsche Ihnen, mein Herr, eine sehr gute Nacht; und das nächste Mal, wenn Sie mich mit einem Besuch beehren, bin ich mir ganz sicher, dass Ihre Beweggründe, mich so zu erfreuen, nicht weniger ehrenhaft für Sie sein werden als gegenwärtig.“

Mit diesen Worten wandte sich Mauleverer ab, um sich wieder seiner schönen Begleiterin anzuschließen. Doch Clifford war ein Mann, der in kurzer Zeit sehr viel von der Welt gesehen hatte und die Theorien der Gesellschaft recht gut kannte, wenn auch nicht die Praxis ihrer Feinheiten; zudem war er von einem scharfsinnigen und entschlossenen Wesen, und diese Eigenschaften des Geistes, natürliche wie erworbene, sagten ihm, dass er sich nun in einer Situation befand, in der es notwendiger geworden war, zu trotzen als zu beschwichtigen. Anstatt sich also zurückzuziehen, ging er bedächtig auf Mauleverer zu und sagte:

„Mein Lord, ich werde es dem Urteil Ihrer Gäste überlassen zu entscheiden, ob Sie die Rolle eines Adligen und eines Gentellmans gespielt haben, indem Sie hier, auf Ihrem Besitztum, jemanden beleidigen, der Ihnen eine solche Erklärung für sein Eindringen gegeben hat, wie sie ihn in den Augen aller rücksichtsvollen oder höflichen Personen vollkommen entschuldigen würde. Ich werde es auch ihnen überlassen zu entscheiden, ob der Ton Ihrer Anfrage mir erlaubte, Ihnen irgendeine weitere Entschuldigung zu geben. Aber ich werde es auf mich nehmen, mein Lord, von Ihnen eine sofortige Erklärung für Ihre letzte Rede zu verlangen.“

„Unverschämter!“, rief Mauleverer, vor Empörung errötend und fast zum ersten Mal in seinem Leben die absolute Kontrolle über sein Temperament verlierend; „schwingen Sie mit mir Reden? Gehen Sie, oder ich werde meine Bediensteten befehlen, Sie fortzujagen!“

„Gehen Sie, mein Herr! Gehen Sie!“, riefen mehrere Stimmen als Echo auf Mauleverer von jenen Personen, die es nun an der Zeit hielten, Partei für den Mächtigen zu ergreifen.

Clifford blieb standhaft und blickte sich mit einem Ausdruck von zorniger und trotziger Verachtung um, der, verbunden mit seinem athletischen Körperbau, seinem dunklen und grimmigen Blick und einer schweren Reitpeitsche, die er wie mechanisch halb hob, die Murrer wirksam davon abhielt, zur Gewalt überzugehen.

„Armer Prätendent auf gute Erziehung und Verstand!“, sagte er abfällig, während er sich Mauleverer zuwandte; „mit einem Schlag dieser Peitsche könnte ich Sie für immer beschämen oder Sie zwingen, von der Stufe Ihres Ranges auf meine herabzusteigen, und die Handlung wäre nur eine milde Erwiderung auf Ihre Sprache. Doch ich liebe es lieber zu lehren als zu züchtigen. Nach meinem Credo, mein Lord, besiegt derjenige in guter Erziehung am meisten, der am meisten nachgibt – Verachtung befähigt mich nachzugeben! Adieu!“

Damit wandte Clifford sich auf dem Absatz um und schritt davon. Ein Murren, das fast einem Stöhnen glich, von dem jüngeren oder törichteren Teil der Parasiten (die Reifen und Vernünftigen haben keine überschüssige Emotion zu verschwenden), folgte ihm, als er verschwand.

KAPITEL XXII.

Gesetzloser. Halt, mein Herr, und wirf uns hin, was du bei dir hast!

Val. Schurken, unterlasst diese rohe, unzivilisierte Berührung!

Die beiden Veroneser.

Als er den Schauplatz verließ, an dem er ein so unwillkommener Gast gewesen war, eilte Clifford zu dem kleinen Wirtshaus, wo er sein Pferd gelassen hatte. Er stieg auf und kehrte nach Bath zurück. Seine Gedanken waren abwesend, und er ließ unbewusst dem Pferd seinen Lauf, wohin es wollte. Dies war natürlich der nächstgelegene Rastplatz, an den sich das Tier erinnerte; und dieser Rastplatz war in jenem illustren Wirtshaus in den Vororten der Stadt, in dem wir bereits Cliffords Wiederwahl zur Würde des Anführers gewürdigt haben. Es war ein Haus mit langjährigem Ruf; und hier waren Neuigkeiten von jedem der abwesenden Verbündeten immer zu erfahren. Dieser Umstand, zusammen mit der Vortrefflichkeit seines Getränks, seiner Bequemlichkeit und der elektrischen Kette früherer Gewohnheiten, machte es zu einem beliebten Treffpunkt, sogar trotz ihrer gegenwärtigen fröhlichen und modischen Bestrebungen, bei Tomlinson und Pepper; und hier war Clifford, wenn er das Paar zu ungewöhnlichen Stunden aufsuchte, meist sicher, sie anzutreffen. Als seine Meditationen durch das plötzliche Anhalten seines Pferdes unter dem wohlbekannten Schild unterbrochen wurden, murmelte Clifford einen wütenden Fluch über das Tier und spornte es in Richtung seines eigenen Zuhauses an. Er hatte bereits das Ende der Straße erreicht, als sich sein Entschluss zu ändern schien, und murmelte vor sich hin: „Ja, ich könnte genauso gut noch heute Nacht unseren Aufbruch arrangieren!“, wendete er den Kopf seines Pferdes zurück und war wieder vor der Wirtshaustür. Er warf den Zügel über ein Eisengeländer und klopfte mit einem besonderen Geräusch an die Tür, worauf er bald eingelassen wurde.

„Sind ------ und ------- hier?“, fragte er die alte Frau, als er eintrat, und nannte die Cant-Begriffe, unter denen Tomlinson und Pepper bei Freunden gewöhnlich bekannt waren.

„Sie sind beide heute Abend auf Beutezug“, antwortete die alte Dame und hob ihre unbeschnittene Kerze mit einem intelligenten Blick zum Gesicht des Sprechers; „Oliver (der Mond) ist schläfrig, und die Burschen werden seinen Mittagsschlaf ausnutzen.“

„Meinen Sie“, antwortete Clifford im gleichen Tonfall, den wir uns erlauben zu paraphrasieren, „dass sie auf irgendeiner tatsächlichen Expedition sind?“

„Sicher“, erwiderte die Dame. „Diejenigen, die spät auf der Straße zurückbleiben, brauchen vielleicht Geld fürs Abendessen!“

„Ha! Welche Straße?“

„Sie sind ein hübscher Bursche für einen Kapitän!“, erwiderte die Dame mit einem gutmütigen Sarkasmus in ihrem Ton. „Warum, Kapitän Gloak, der arme Kerl! kannte jede Wendung seiner Männer bis aufs Haar und musste nie fragen, was sie gerade machten. Ach, er war ein Kerl! keiner von euren mädchengesichtigen Mudgers, die Damen den Hof machen, fürwahr – eine hübsche Frau brauchte nicht weit nach einem Kuss zu suchen, wenn er im Raum war, das garantiere ich, egal wie grob ihre Lumpen auch sein mochten; und lauk! aber der Kapitän war ein vernünftiger Mann und mochte eine Kuh genauso sehr wie ein Kalb.“

„So, so! Sie sind also unterwegs?“, rief Clifford nachdenklich, ohne den angedeuteten Angriff auf seinen Anstand zu beachten. „Aber antworten Sie mir, was ist der Plan? Machen Sie schnell!“

„Nun“, antwortete die Dame, „da gibt es irgendeinen feinen Lord, der heute ein großes Fest gibt; und die Burschen, die lieben Seelen! denken daran, irgendeinen Nachzügler auszunehmen.“

Ohne ein Wort zu sagen, stürmte Clifford aus dem Haus und war wieder aufgestiegen, bevor die alte Dame Zeit hatte, sich von ihrer Überraschung zu erholen.

„Wenn Sie sie sehen wollen“, rief sie, als er seinem Pferd die Sporen gab, „sie haben mir befohlen, das Abendessen bereitzuhalten um------“ Die Hufe des Pferdes übertönten die letzten Worte der Dame; und während sie die Tür sorgfältig verriegelte und einen gehässigen Vergleich zwischen Kapitän Clifford und Kapitän Gloak murmelte, kehrte die gute Wirtin zu jenen kulinarischen Operationen zurück, die dazu bestimmt waren, die Herzen von Tomlinson und Pepper zu erfreuen.

Kehren wir selbst zu Lucy zurück. Es fügte sich so, dass die Kutsche des Squires als letzte ankam; denn der Kutscher, der unter den Schatten von Warlock lange nicht in die Ausschweifungen des modischen Lebens eingeweiht war, trat bei seinem Debüt in Bath mit der ganzen heftigen Glut gereifter Leidenschaften, die zum ersten Mal entfesselt wurden, in die Festlichkeiten des Wirtshauses ein, und da er einen milderen Herrn hatte als die meisten seiner Kameraden, war die Furcht vor Missfallen im Herzen des Kutschers weniger stark als die Liebe zur Geselligkeit; so dass Lucy während der Zeit, in der sich dieser Herr amüsierte, reichlich Gelegenheit hatte, all die tausendundein Berichte über die Szene zwischen Mauleverer und Clifford zu genießen, die ihre Ohren erfreuten. Dennoch, was auch immer ihre Gefühle bei diesen erfreulichen Berichten gewesen sein mochten, eine gewisse vage Freude überwog alles. Ein Mann empfindet nur im Vergleich geringes Glück, wenn er geliebt wird, wenn er weiß, dass es vergeblich ist; doch für eine Frau reicht dieses einfache Wissen aus, um die Erinnerung an tausend Nöte zu zerstören, und erst wenn sie ihrem Herzen immer wieder gesagt hat, dass sie geliebt wird, wird sie überhaupt anfangen zu fragen, ob es vergeblich sei.

Es war eine teilweise sternenklare, doch trübe und dunkle Nacht, denn der Mond war in der letzten Stunde oder zwei von Nebel und Wolken umgeben gewesen, als die Kutsche endlich ankam; und Mauleverer, der zum zweiten Mal an diesem Abend den Eskort spielte, geleitete Lucy zum Fahrzeug. Begierig darauf, zu erfahren, ob sie Clifford gesehen oder von ihm angesprochen worden war, verweilte der gerissene Graf, als er sie zum Tor führte, besonders bei dem Eindringen dieser Person, und aus dem Zittern der Hand, die auf seinem Arm ruhte, zog er kein köstliches Omen für seine eigenen Hoffnungen. „Wie dem auch sei“, dachte er, „der Mann geht morgen, und dann ist das Feld frei; das Mädchen ist noch ein Kind, und ich verzeihe ihr ihre Torheit.“ Und mit einer Miene ritterlicher Verehrung verbeugte Mauleverer das Objekt seiner Verzeihung in ihre Kutsche.

Sobald Lucy sich mit ihrem Vater allein fühlte, verschafften sich die Gefühle, die so lange in ihr zurückgehalten worden waren, Luft, und während sie sich gegen die Kutsche zurücklehnte, weinte sie, wenn auch schweigend, Tränen, brennende Tränen des Kummers, des Trostes, der Erregung, der Angst.

Der gute alte Squire bemerkte die Erregung seiner Tochter nur langsam; sie wäre ihm gänzlich entgangen, hätte er sie nicht, angetrieben von einer gütigen Wärme in seinem Herzen, die in seinem neuen Verdacht über ihre Liebe zu Clifford wurzelte, in den Arm genommen; und diese unerwartete Liebkosung zerrüttete ihre Nerven so sehr, dass Lucy sich sofort an die Brust ihres Vaters warf und ihr bis dahin so leises Weinen deutlich und hörbar wurde.

„Sei getröstet, mein liebes, liebes Kind!“, sagte der Squire, selbst fast zu Tränen gerührt; und seine Erregung, die ihn aus seiner gewohnten geistigen Verwirrung riss, machte seine Worte weniger verschlungen und zweideutig, als sie es sonst zu sein pflegten. „Und nun hoffe ich sehr, dass du dich nicht grämst; der junge Mann ist in der Tat – und ich versichere dir, das habe ich immer gedacht – ein sehr charmanter Herr, das lässt sich nicht leugnen. Aber was können wir tun? Du siehst ja, was sie alle von ihm sagen, und es war wirklich – das müssen wir zugeben – sehr unschicklich von ihm, ohne Einladung zu kommen. Überdies, mein liebstes Kind, ist es sehr falsch, sehr falsch sogar, jemanden zu lieben, ohne zu wissen, wer er ist; und – und – aber weine nicht, mein liebes Kind, weine nicht so; alles wird sehr gut werden, da bin ich sicher – ganz sicher!“

Während er dies sagte, zog der gütige alte Mann seine Tochter näher an sich, und da er spürte, wie ihn etwas, das sie unbemerkt trug und das gegen seine Hand drückte, verletzte, erkundigte er sich, mit dem Verdacht, dass die Liebe zu Liebesgaben geführt haben könnte, was es sei.

„Es ist das Bild meiner Mutter“, sagte Lucy schlicht und legte es beiseite.

Der alte Squire hatte seine Frau zärtlich geliebt; und als Lucy diese Antwort gab, überkamen ihn all die liebevollen und warmen Erinnerungen seiner Jugend. Er dachte auch daran, wie inständig jene Frau auf ihrem Sterbebett ihrem wachsamen Schutz ihr einziges Kind empfohlen hatte, das nun an seiner Brust weinte: er erinnerte sich daran, wie sie, bei dem verweilend, was allen Frauen als die große Epoche des Lebens erscheint, gesagt hatte: „Lass niemals zu, dass mit ihren Gefühlen gespielt wird – lass dich niemals von deinem ehrgeizigen Bruder dazu überreden, sie dorthin verheiraten zu lassen, wo sie nicht liebt, oder ihr ohne triftigen Grund entgegenzutreten, wo sie es tut: auch wenn sie jetzt nur ein Kind ist, kenne ich sie gut genug, um überzeugt zu sein, dass sie, wenn sie jemals liebt, zu sehr für ihr eigenes Glück lieben wird, selbst wenn alles zu ihren Gunsten steht.“ Diese Worte, diese Erinnerungen, verbunden mit dem Gedenken an den kaltherzigen Plan von William Brandon, den er sich erlaubt hatte zu begünstigen, und an seine eigene Trägheit gegenüber Lucys wachsender Liebe zu Clifford, bis Widerstand zugleich notwendig und zu spät wurde, trafen ihn alle mit reumütigem Kummer, und selbst heftig schluchzend sagte er: „Deine Mutter, Kind! Ach, wäre sie doch am Leben, sie hätte dich niemals so vernachlässigt, wie ich es getan habe!“

Die Selbstvorwürfe des Squires ließen Lucys Tränen augenblicklich versiegen; und während sie die Hände ihres Vaters mit Küssen bedeckte, antwortete sie nur mit heftigen Anschuldigungen gegen sich selbst und Lobpreisungen seiner allzu großen väterlichen Güte und Zuneigung. Dieser kleine Ausbruch ehrlicher und herzlicher Liebe auf beiden Seiten endete in einer Stille voller zärtlicher und gemischter Gedanken; und während Lucy noch an der Brust des alten Mannes hing, so ungeschickt er in seinem Wesen auch war, intellektuell unter dem Durchschnitt und insgesamt die letzte Person, die an Alter, Verstand oder Gewohnheit geeignet schien, ein Vertrauter in der Liebe eines jungen und enthusiastischen Mädchens zu sein, empfand sie die alte, schlichte Wahrheit, dass es in dieser hohlen Welt trotz aller Nachteile nur wenige gibt, denen man so sicher vertrauen kann, wenige, die das Vertrauen so zart und fein achten, wie diejenigen, denen wir entsprungen sind.

Vater und Tochter schwiegen einige Minuten, und ersterer wollte gerade das Wort ergreifen, als die Kutsche plötzlich anhielt. Der Squire hörte eine raue Stimme an den Köpfen der Pferde; er schaute aus dem Fenster, um durch den nächtlichen Nebel zu sehen, was wohl los sein könne, und bei dieser Aktion stieß er, nur einen Zoll von seiner Stirn entfernt, auf den hervorgestreckten und glänzenden Lauf einer Pistole. Wir dürfen glauben, ohne seinen Mut in Frage zu stellen, dass Mr. Brandon mit aller erdenklichen Eile in seine Kutsche zurückwich; und im selben Moment wurde die Tür geöffnet, und eine Stimme sagte, nicht in drohendem, sondern in sanftem Ton:

„Meine Damen und Herren, es tut mir leid, Sie zu stören, aber die Not ist gebieterisch; beehren Sie mich mit Ihrem Geld, Ihren Uhren, Ihren Ringen und anderen kleinen Dingen ähnlicher Art!“

Einem so zarten Ersuchen hatte der Squire nicht das Herz zu widerstehen, zumal er wusste, dass er keine Verteidigungswaffen bei sich hatte; dementsprechend zog er einen Beutel hervor, der, wie man zugeben muss, nicht sehr voll war – zusammen mit einer riesigen silbernen Jagduhr, an der ein Stück schwarzes Band befestigt war.

„Da, mein Herr“, sagte er mit einem Stöhnen, „erschrecken Sie die junge Dame nicht.“

Der sanfte Bittsteller, der in Wahrheit kein anderer als der blendende Augustus Tomlinson war, schob den Beutel in seine Westentasche, nachdem er den Inhalt mit schnellen und geübten Fingern ertastet hatte.

„Ihre Uhr, mein Herr“, sagte er – und während er sprach, schob er sie achtlos in seine Manteltasche, wie ein Schuljunge einen Kreisel hineinstecken würde –, „ist schwer; aber da ich mich auf die Erfahrung verlasse, da mir eine genaue Untersuchung verwehrt ist, fürchte ich, sie ist durch ihr Gewicht wertvoller als durch ihre Verarbeitung: wie dem auch sei, ich will Ihre Eitelkeit nicht verletzen, indem ich so tue, als wäre ich wählerisch. Aber sicherlich hat die junge Dame, wie Sie sie nennen – denn ich mache Ihnen das Kompliment, Ihrem Wort bezüglich ihres Alters zu glauben, insofern die Nacht zu dunkel ist, um mir das Glück einer persönlichen Inspektion zu erlauben –, sicherlich ein kleines Schmuckstück, auf das sie verzichten kann. ‚Schönheit, wenn ungeschmückt‘, wissen Sie, etc.“

Lucy, die zwar sehr erschrocken war, verlor weder ihre Sinne noch ihre Geistesgegenwart, sondern antwortete nur, indem sie einen kleinen Seidenbeutel hervorholte, der noch weniger enthielt als die lederne Bequemlichkeit des Squires; dazu fügte sie eine goldene Kette hinzu; und Tomlinson, der sie mit einem liebevollen Händedruck und einer höflichen Entschuldigung entgegennahm, wollte gerade abziehen, als seine scharfsinnigen Augen plötzlich vom Schimmer von Juwelen getroffen wurden. Die Tatsache war, dass Lucy beim Ändern der Position des Bildnisses ihrer Mutter, das in den wenigen erblichen Diamanten gefasst war, die der Lord of Warlock besaß, zugelassen hatte, dass es auf der Außenseite ihres Kleides hing, und da sie sich nach vorne beugte, um dem Räuber ihre anderen Besitztümer zu geben, kamen die Diamanten sofort in volle Sicht und funkelten in der Dunkelheit der Nacht umso verlockender.

„Ah, Madam“, sagte Tomlinson und streckte seine Hand aus, „Sie wollten mich hintergehen, nicht wahr? Verrat sollte niemals ungestraft bleiben. Beglücken Sie mich unverzüglich mit dem kleinen Schmuckstück um Ihren Hals!“

„Ich kann nicht – ich kann nicht!“, sagte Lucy und umklammerte ihren Schatz mit beiden Händen; „es ist das Bild meiner Mutter, und meine Mutter ist tot!“

„Die Bedürfnisse anderer, Madam“, erwiderte Tomlinson, der es um alles in der Welt nicht ertragen konnte, unmoralisch zu rauben, „sind immer Ihrer Aufmerksamkeit würdiger als familiäre Vorurteile. Im Ernst, geben Sie es her, und zwar sofort; wir sind in Eile, und Ihre Pferde bäumen sich auf wie Teufel: sie werden Ihre Kutsche im Nu zertrümmern – beeilen Sie sich!“

Der Squire war im Großen und Ganzen ein tapferer Mann, wenn auch kein Held; und die Nerven eines alten Fuchsjägers erholen sich bald von einem kleinen Schreck. Das Bild seiner verstorbenen Frau war für ihn noch unschätzbarer als für Lucy, und bei dieser neuen Forderung erwachte sein Geist in ihm.

Er ballte die Fäuste und, sich sozusagen auf seinem Sitz aufrichtend, rief er mit lauter Stimme:

„Geh weg, Kerl! Ich habe dir – für meinen Teil glaube ich das – bereits zu viel gegeben; und bei Gott, das Bild sollst du nicht haben!“

„Zwingen Sie mich nicht, Gewalt anzuwenden“, sagte Augustus; und während er einen Fuß auf die Trittstufe der Kutsche setzte, brachte er seine Pistole bis auf wenige Zoll an Lucys Brust heran, wobei er vielleicht richtig urteilte, dass das Vortäuschen einer Gefahr für sie die beste Methode sei, den Squire einzuschüchtern. In diesem Augenblick fühlte sich der tapfere Moralist plötzlich mit einem kraftvollen Griff an der Schulter gepackt; und eine leise, vor Leidenschaft zitternde Stimme zischte ihm ins Ohr. Was auch immer die Worte gewesen sein mochten, die seine Sinne aufschreckten, sie wirkten wie ein unmittelbarer Zauber; und zu ihrem Erstaunen sahen der Squire und Lucy, wie ihr Angreifer abrupt abließ. Die Tür der Kutsche wurde zugeschlagen, und kaum waren zwei Minuten vergangen, als der Räuber wieder aufgestiegen war und sein Kamerad, der bisher an den Köpfen der Pferde stationiert war, seinem eigenen Ross die Sporen gab, und das willkommene Geräusch weichender Hufe drang an die verwirrten Ohren des Vaters und der Tochter.

Die Tür der Kutsche wurde erneut geöffnet; und eine Stimme, die Lucy blasser machte als der vorangegangene Schrecken, sagte:

„Ich fürchte, Mr. Brandon, die Räuber haben Ihre Tochter erschreckt. Es gibt jetzt jedoch nichts mehr zu fürchten; die Schurken sind fort.“

„Gott behüte mich!“, sagte der Squire; „nun, ist das Captain Clifford?“

„Er ist es; und er hält sich für zu glücklich, Mr. und Miss Brandon den kleinsten Dienst erwiesen zu haben.“

Nachdem er sich überzeugt hatte, dass er es in der Tat Mr. Clifford zu verdanken hatte, dass er selbst sowie seine Tochter, die er in einer weitaus größeren Gefahr glaubte, als sie tatsächlich war – denn um dir die Wahrheit zu sagen, Leser, die Pistole von Tomlinson war eher zum Schein als zum Gebrauch gedacht, da sie einen besonders langen hellen Lauf hatte, in dem sich nichts befand –, in Sicherheit war, war der Squire völlig ratlos, wie er seine Dankbarkeit ausdrücken sollte; und als er sich an Lucy wandte, um sie zu bitten, dem tapferen Retter selbst zu danken, fand er, dass sie, überwältigt von verschiedenen Gefühlen, zum ersten Mal in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen war.

„Guter Himmel!“, rief der alarmierte Vater, „sie ist tot – meine Lucy, meine Lucy, sie haben sie getötet!“

Die Tür in Lucys Nähe zu öffnen und sie in seinen Armen aus der Kutsche zu tragen, war für Clifford das Werk eines Augenblicks. Völlig unbewusst der Anwesenheit eines anderen – unbewusst sogar dessen, was er sagte –, stieß er tausend wilde, leidenschaftliche und doch halb hörbare Ausdrücke hervor; und als er sie zu einer Bank am Straßenrand trug und sich setzte und sie an seiner Brust stützte, wäre es vielleicht schwer zu sagen, ob nicht etwas von Entzücken – von brennendem und prickelndem Entzücken – mit seiner Angst und seinem Schrecken vermischt war. Er rieb ihre kleinen Hände in seinen eigenen; sein Atem, ganz zitternd und warm, glühte auf ihrer Wange; und einmal, aber auch nur einmal, näherten sich seine Lippen, und während er die zerzauste Fülle ihrer Locken beiseite hauchte, hafteten sie in einem langen und stillen Kuss auf ihren eigenen.

Unterdessen stieg der Squire mit Hilfe des Dieners, der seine erstaunten Sinne nun einigermaßen wiedererlangt hatte, aus seiner Kutsche und näherte sich mit schwankenden Schritten dem Ort, an dem seine Tochter ruhte. In dem Augenblick, als er ihre Hand nahm, begann Lucy wieder zu sich zu kommen; und ihre erste Handlung in der verwirrten Bewusstlosigkeit des Erwachens war es, ihren Arm um den Hals ihres Stützers zu legen.

Könnten alle Stunden und Realitäten von Hoffnung, Freude und Vergnügen in Cliffords bisherigem Leben in ein einziges Gefühl geschmolzen und konzentriert worden sein, so wäre dieses Gefühl nur zahm gewesen gegenüber dem Entzücken von Lucys flüchtiger und unschuldiger Liebkosung! Und zu einem späteren, aber nicht allzu fernen Zeitpunkt, als im Kerker des Verbrechers das grimmige Gesicht des Todes ihn anstarrte, mag man sich fragen, ob seine Gedanken nicht weitaus öfter an der Erinnerung an jenen herrlichen Moment hafteten als an der Bitterkeit und Schande eines nahenden Verhängnisses.

„Sie atmet – sie bewegt sich – sie erwacht!“, rief der Vater; und Lucy, die versuchte aufzustehen und die Stimme des Squires erkannte, sagte schwach:

„Gott sei Dank, mein lieber Vater, du bist nicht verletzt! Und sind sie wirklich fort? – und wo – wo sind wir?“

Der Squire, der Clifford von seiner Last befreite, schloss sein Kind in die Arme, während er sie auf seine eigene, erklärende Weise darüber informierte, wo sie seien und mit wem. Die Liebenden standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber; aber welch köstliche Röte verbarg die Nacht, die alles außer den Umrissen ihrer Gestalten verschleierte, vor den Augen Cliffords!

Das ehrliche und gütige Herz von Mr. Brandon war froh über eine Erleichterung der nachsichtigen Gefühle, die er immer für den verdächtigten und verleumdeten Clifford gehegt hatte, und wandte sich nun von Lucy ab, um sich regelrecht über ihren Retter zu ergießen. Er ergriff seine Hand warmherzig und bestand darauf, dass er sie in der Kutsche nach Bath begleite und dem Diener erlaube, sein Pferd zu reiten. Dieses Angebot stand noch zur Debatte, als der Diener, der nach dem Wohlbefinden und Komfort seines Mitbediensteten gesehen hatte, kam, um die Gesellschaft mit bekümmertem Ton über etwas zu informieren, was sie in der Verwirrung und Dunkelheit der Nacht noch nicht erfahren hatten – nämlich, dass die Pferde und der Kutscher fort waren!

„Fort!“, sagte der Squire, „fort! Nun, die Schurken können sie (für meinen Teil, ich glaube nie an diese Taschenspielertricks, obwohl ich solche Wunder gehört habe) nicht eingesteckt haben!“

Hier war ein leises Stöhnen vernehmbar; und der Diener, der sympathisch zu der Stelle geleitet wurde, von der es ausging, fand den riesigen Körper des Kutschers sicher abgeladen, mit dem Gesicht nach unten, mitten im Rinnstein. Nachdem dieser Würdige auf seine Beine gehoben worden war und sich in die Besinnung geschüttelt hatte, stellte sich heraus, dass der Kutscher, als der Räuber die Pferde aufgehalten hatte – er, der nur wenig brauchte, um seine kriegerischen Fähigkeiten zu bezwingen –, – er selbst sagte, durch einen heftigen Schlag des Schurken, obwohl die Ursache vielleicht näher lag – vom Kutschbock in den Rinnstein gewichen war, die Pferde wurden ängstlich, und nachdem sie sich aufgebäumt und geschlagen hatten, bis er sich nicht mehr mit ihrer Festnahme beschäftigen wollte, hatte der Straßenräuber sehr ruhig die Stränge durchschnitten, und zur gegenwärtigen Stunde war es nicht unmöglich, dass die Pferde fast vor der Tür ihrer Ställe in Bath waren.

Der Diener, der den Squire von diesem Unglück in Kenntnis gesetzt hatte, war, anders als die meisten Nachrichtenüberbringer, der Erste, der Trost anbot. „Da ist ein ausgezeichnetes Wirtshaus“, sagte er, „etwa eine halbe Meile weiter, wo Euer Ehren Pferde bekommen könnten; oder, vielleicht, wenn Miss Lucy, armes Herz, ohnmächtig ist, möchten Sie vielleicht für die Nacht anhalten.“

Obwohl ein Fußmarsch von einer halben Meile in einer dunklen Nacht und unter anderen Umständen kein dankenswerter Vorschlag gewesen wäre, schien er jetzt, wo die Fantasie des Squires sich nur die Alternativen ausgemalt hatte, die Nacht in der Kutsche zu verbringen oder zu Fuß nach Bath zu kriechen, nur eine sehr unbedeutende Härte; und während er den Arm seiner Tochter in seinen eigenen legte und Clifford mit sanfter Stimme sagte, „sie auf der anderen Seite zu stützen“, ordnete der Squire an, dass der Diener mit Cliffords Pferd den Weg weisen und der Kutscher folgen solle oder zum Teufel gehen könne, wie es ihm beliebte.

Schweigend bot Clifford Lucy seinen Arm an, und schweigend nahm sie die Höflichkeit an. Der Squire war der einzige Redner; und das Thema, das er wählte, war Lucy nicht unangenehm, denn es war das Lob ihres Geliebten. Aber Clifford hörte kaum zu, denn tausend Gedanken und Gefühle stritten in ihm; und die leichte Berührung von Lucys Hand auf seinem Arm hätte allein schon ausgereicht, seine Aufmerksamkeit abzulenken und zu verwirren. Die Dunkelheit der Nacht, die vorangegangene Aufregung, der gestohlene Kuss, der noch immer auf seinen Lippen glühte, die Erinnerung an Lucys schmeichelhafte Erregung in der Szene mit ihr bei Lord Mauleverer, die noch wärmere an jene unbewusste Umarmung, die noch immer durch jeden Nerv seines Körpers prickelte, all das verschwor sich mit dem köstlichen Gefühl, das er jetzt bei ihrer Anwesenheit und ihrem Kontakt erlebte, um ihn zu berauschen und zu entflammen. Oh, diese brennenden Momente in der Liebe, wenn die Romantik gerade zur Leidenschaft gereift ist und ohne etwas von ihrer luxuriösen Unbestimmtheit zu verlieren, den Enthusiasmus ihrer Träume mit den leidenschaftlichen Verlangen der Realität und der Erde vermischt! Das ist genau die Zeit, in der die Liebe ihren höchsten Punkt erreicht hat – wenn alle Gefühle, alle Gedanken, die ganze Seele und der ganze Verstand ergriffen und in Anspruch genommen werden –, wenn jede Schwierigkeit, die in der Gegenschale gewogen wird, leichter als Staub erscheint –, wenn der Verzicht auf das geliebte Objekt das tödlichste und dauerhafteste Opfer ist – und wenn in so vielen Brüsten, in denen Ehre, Gewissen, Tugend weit stärker sind, als wir glauben können, dass sie jemals bei einem Kriminellen wie Clifford waren, Ehre, Gewissen und Tugend plötzlich und auf einmal vor diesem mächtigen und unwiderstehlichen Feuer zu Asche zerfallen sind.

Der Diener, der frühere Gelegenheiten gehabt hatte, die Topografie des „Wirtshauses“, von dem er sprach, zu erkunden, und der vielleicht einigermaßen mit seinem letzten Schrecken versöhnt war in der Vorfreude, seine Vertrautheit mit „den Geistern der Vergangenheit“ zu erneuern, lenkte nun die Aufmerksamkeit unserer Reisenden auf ein kleines Gasthaus direkt vor ihnen. Der Wirt hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, und es war nicht nötig, zweimal zu klopfen, bevor die Tür geöffnet wurde.

Ein helles Feuer, eine geschäftige Wirtin, ein mitleidiger Wirt, ein warmes Getränk und das Versprechen auf ausgezeichnete Betten schienen unserem Squire mehr als genug Entschädigung für die Nachricht zu sein, dass das Gasthaus keine Lizenz für Postpferde hatte; und nachdem der Wirt versprochen hatte, sofort zwei kräftige Burschen, ein Seil und ein Kaltblutpferd zu schicken, um die Kutsche in Sicherheit zu bringen (denn der Squire schätzte das Gefährt, weil es zwanzig Jahre alt war), und zudem das Geschirr reparieren zu lassen und die Pferde für eine frühe Stunde des nächsten Tages bereitzuhalten, stieg die gute Laune von Mr. Brandon in positive Heiterkeit. Lucy zog sich unter der Obhut der Wirtin ins Bett zurück; und der Squire, der eine Schüssel Bishop getrunken und tausend neue Tugenden an Clifford entdeckt hatte, insbesondere die, niemals eine gute Geschichte zu unterbrechen, klopfte dem Captain auf die Schulter und ließ ihn versprechen, das Gasthaus nicht zu verlassen, bis er ihn wiedergesehen habe, und zog sich ebenfalls zur Ruhe seines Kissens zurück. Clifford blieb noch einige Zeit unten und blickte geistesabwesend in das Feuer; und erst als das schläfrige Stubenmädchen ihn zum dritten Mal auf die vorbereiteten Annehmlichkeiten seines Bettes hingewiesen hatte, begab er sich in seine Kammer. Selbst dann scheint der Schlaf seine Augenlider nicht besucht zu haben; denn ein wohlhabender Viehzüchter, der im Raum darunter lag, beklagte sich am nächsten Morgen bitterlich über jemanden, der oben herumging „mit allen möglichen Schritten, gerade so wie eine Erscheinung in Stiefeln.“

KAPITEL XXIII.

Viola. Und liebst du mich? Lysander.... Dich lieben, Viola? Fliehe ich dich nicht, wenn mein Sein Licht aus deinen Augen trinkt? – dieser Flug ist meine ganze Antwort!

Die Braut, Akt ii. Sz. 1.

Die nächtlichen Meditationen des Squires waren nicht ohne das Ergebnis eines Entschlusses geblieben. Sein warmes Herz öffnete sich sofort wieder für die Zuneigung, die er früher für Clifford gehegt hatte; er sehnte sich nach einer Gelegenheit, seine vergangene Unfreundlichkeit wiedergutzumachen und seine gegenwärtige Dankbarkeit zu bezeugen; überdies fühlte er sich zugleich empört über und beschämt für sein letztes Verhalten, sich der populären und, wie er nun fest glaubte, grundlosen Voreingenommenheit gegen seinen jungen Freund anzuschließen, und vor einem gegenwärtigeren und stärkeren Gefühl verblasste seine gewohnte Ehrerbietung für die Ratschläge seines Bruders leicht. Verbunden mit diesen positiven Gefühlen gegenüber Clifford waren seine scharfsinnigen Vermutungen, oder besser Gewissheit, über Lucys Zuneigung zu ihrem gutaussehenden Retter; und er besaß zumindest genügend Scharfsinn, um zu erkennen, dass sie ihn nach dem Abenteuer der Nacht nicht weniger lieben würde. Hinzu kam die zärtliche Erinnerung an die Abschiedsworte seiner Frau; und die Tränen und die verräterische Erregung von Lucy in der Kutsche reichten für seinen schlichten Verstand, der nicht wusste, wie leicht die Tränen eines Mädchens vergossen und getrocknet werden, aus, um die Vorhersage der lieben Verstorbenen zu bestätigen. Auch waren die großzügigeren und freundlicheren Gefühle des Squires nicht völlig frei von egoistischen Erwägungen. Stolz, aber keineswegs ehrgeizig, war er immer eher bereit, eine Ehre zu verleihen als eine zu empfangen, und im Grunde war er insgeheim froh bei dem Gedanken, den polierten und fremden Mauleverer als Schwiegersohn gegen den angenehmen und geselligen Clifford auszutauschen. So, in „bewunderter Unordnung“, waren die Gedanken, die durch das fruchtbare Gehirn von Joseph Brandon rollten; und bevor er sich auf seine linke Seite gedreht hatte, was er immer tat, um sich dem Schlaf hinzugeben, war der Squire zu einem Entschluss gekommen, der für die Pläne des Anwalts und die Hoffnungen des Grafen höchst fatal war.

Am nächsten Morgen, als Lucy strickte

„Die lose Schleppe ihres bernsteintropfenden Haares“

vor dem kleinen Spiegel ihres Zimmers, der selbst durch sein mattes und verdunkeltes Glas ein Gesicht zurückwarf, das eine griechische Vision der Aurora beschämt hätte, kündigte ein sanftes Klopfen an ihrer Tür ihren Vater an. Es lag in seinem rosigen und wohlgefälligen Antlitz jener Ausdruck, der gemeinhin für einen Mann charakteristisch ist, der mit sich selbst zufrieden ist und davon überzeugt ist, im Begriff zu sein, Vergnügen zu bereiten.

„Mein liebes Kind“, sagte der Squire, während er liebevoll über die Fülle von Lucys Haar strich und ihre damastene Wange küsste, „ich bin gekommen, um ein wenig mit dir zu plaudern. Setz dich nun, und (ich meinerseits liebe es, in aller Ruhe zu sprechen; und nebenbei bemerkt, schließ das Fenster, meine Liebe, es ist ein Ostwind), ich wünschte, dass wir zu einem klaren und deutlichen Verständnis gelangen. Hem! – gib mir deine Hand, mein Kind – ich denke, bei diesen Dingen kann man kaum zu präzise und zielgerichtet sprechen; obwohl ich mir wohl bewusst bin (denn ich meinerseits wünsche immer, jedem gegenüber, dir ganz besonders, mein liebstes Kind, mit der größten Rücksichtnahme zu handeln), dass wir mit ebenso viel Feingefühl wie Kürze ans Werk gehen müssen. Du kennst diesen Captain Clifford – es ist ein tapferer Jüngling, nicht wahr? Nun – nein, erröte nur nicht so tief; es gibt nichts (denn in diesen Dingen kann man nicht alle seine Wünsche erfüllt sehen, man kann nicht alles haben), wofür man sich schämen müsste! Sag mir nun, Kind, glaubst du, dass er in dich verliebt ist?“

Wenn Lucy auch nicht unmittelbar mit Worten antwortete, so bewegten sich ihre hübschen Lippen doch, als könnte sie bereitwillig erwidern; und schließlich formten sie sich zu einem so süßen und so sicheren Lächeln, dass der Squire, so sehr er auch „präzise“ Informationen liebte, keiner weiteren Antwort auf seine Frage bedurfte.

„Ja, ja, junge Dame“, sagte er und betrachtete sie mit der ganzen Zuneigung eines Vaters, „ich sehe, wie es steht. Und nun komm, warum wendest du dich ab? Glaubst du, wenn – wie ich glaube, obwohl es neidische Menschen auf der Welt gibt, wie es sie immer gibt, wenn ein Mann gutaussehend oder klug oder tapfer ist –, obwohl sie übrigens, was in meinen Augen eine sehr drollige Sache ist, einen Mann nicht darum beneiden, wenn er ein Lord oder reich ist, sondern ganz im Gegenteil, Rang und Geld scheinen sie glauben zu lassen, man besitze alle Kardinaltugenden. Humph! Wenn, sage ich, dieser Mr. Clifford sich als ein Gentleman von Geblüt herausstellen sollte – denn du weißt, das ist wesentlich, da die Brandons, wie mein Bruder dir wahrscheinlich gesagt hat, schon vor vielen Jahrhunderten ein großes Geschlecht waren –, glaubst du, mein Kind, dass du diesen alten Lord aufgeben (die Katze ist aus dem Sack) und einen einfachen Gentleman heiraten könntest?“

Die Hand, die der Squire gehalten hatte, wurde nun mit einer scherzhaften Zärtlichkeit an seinen Mund geführt, und als er sie erneut ergriff, verbarg Lucy ihr glühendes Gesicht an seiner Brust; und nur durch ein Flüstern, als sei die Luft selbst geschwätzig, konnte er (denn nun bestand er auf einer mündlichen Antwort) ihre glückliche Antwort hervorlocken.

Wir haben keine Angst, dass unser Leser uns dafür tadeln wird, dass wir den Rest der Unterredung zwischen Vater und Tochter nicht im Detail wiedergeben: Sie dauerte nicht länger als eine weitere Stunde; denn der Squire erklärte, dass er seinerseits mehr Worte als nötig verabscheue. Mr. Brandon war der Erste, der zum Frühstück hinunterging, wobei er beim Heruntergehen der Treppe murmelte: „Nun also, hol mich der Kuckuck, wenn ich nicht froh bin, dass das (denn ich mag nicht viel über eine so alberne Angelegenheit nachdenken) von meinem Herzen ist. Und was meinen Bruder betrifft, so werde ich es ihm nicht sagen, bis alles vorbei und geregelt ist. Und wenn er wütend ist, dann können er und der alte Lord, auch wenn ich nicht bruderlos sein will, zusammen zum Teufel gehen!“

Als die drei am Frühstückstisch versammelt waren, hätte man vielleicht nirgendwo einen stärkeren Kontrast finden können als jenen, den das strahlende Gesicht von Lucy zu dem hageren und verlebten Ausdruck bot, der die hübschen Züge ihres Liebhabers entstellte. So ausgeprägt war die Veränderung, die eine Nacht bei Clifford bewirkt zu haben schien, dass selbst der Squire darüber erschrak und beunruhigt war. Aber Lucy, deren unschuldige Eitelkeit sich damit schmeichelte, die Veränderung zu erklären, tröstete sich mit der Hoffnung, bald einen sehr anderen Ausdruck im Gesicht ihres Liebhabers zu sehen; und obwohl sie schwieg und ihr Glück still und tief in ihr ruhte, lag doch in ihren Augen und auf ihren Lippen etwas, das Clifford wie eine Beleidigung seines eigenen Elends erschien und ihn bis ins Herz stach. Dennoch bemühte er sich, auf die Unterhaltung des Squires einzugehen und die Anzeichen des Konflikts, der noch immer in ihm tobte, so gut er konnte zu verbergen.

Der Morgen war nass und düster; es war jener nieselige und neblige Regen, der für das Wachstum von trübsinnigen Gedanken besonders förderlich ist, und der fröhliche Squire versäumte es nicht, seinen jungen Freund wegen seiner weiblichen Empfänglichkeit für die Einflüsse des Wetters aufzuziehen. Clifford antwortete scherzhaft; und der Scherz, wenn auch schlecht, war gut genug, um den Spötter zufriedenzustellen. Auf diese scherzhafte Weise verging die Zeit, bis Lucy auf Bitten ihres Vaters den Raum verließ, um sich für ihre Heimreise vorzubereiten.

Nachdem er seinen Stuhl näher zu Clifford gerückt hatte, begann der Squire in echtem und liebevollem Ernst mit seinen Vorhaben – diese hatte er bereits geplant – in der folgenden Reihenfolge: Erstens, sich nach Cliffords Rang, Familie und Aussichten zu erkundigen und diese in Erfahrung zu bringen; zweitens, nachdem die Angemessenheit des äußeren Mannes festgestellt war, den Zustand des inneren zu prüfen; und drittens, sollte unser geschickter Fragesteller seine Vermutungen über Cliffords Zuneigung zu Lucy bestätigt finden, die schüchterne Angst vor einer Zurückweisung, die der Squire als natürlich genug einräumte, zu vertreiben und den Gegenstand der Untersuchung zu einer Erkenntnis des Glücks zu führen, das, sofern Lucy einwilligte, für ihn bereithalten könnte. Während der Squire mit seinem gewohnten Einfallsreichtum seine wohlwollenden Absichten verfolgte, blieb Lucy in ihrem eigenen Zimmer, in solchem Nachdenken und solchen Träumen, wie sie für ein so zuversichtliches und enthusiastisches Herz natürlich waren.

Sie war länger als eine halbe Stunde allein, als das Zimmermädchen des Gasthauses an ihre Tür klopfte und ihr eine Nachricht des Squires überbrachte, in der er sie bat, zu ihm in den Salon zu kommen. Mit einem Herzen, das so heftig schlug, dass es fast schien, als würde es sein eigenes Leben aufzehren, stieg Lucy langsam und mit zitternden Schritten in den Salon hinab. Beim Öffnen der Tür sah sie Clifford in der Fensternische stehen; sein Gesicht war teilweise von ihr abgewandt und seine Augen waren niedergeschlagen. Der gute alte Squire saß in einem Lehnstuhl, und eine Art ratloser und halb zufriedener Selbstgefälligkeit verlieh seinen Zügen Ausdruck.

„Komm her, Kind“, sagte er und räusperte sich; „Captain Clifford – ahem! – hat dir die Ehre erwiesen, zu – und ich wage zu sagen, du wirst sehr überrascht sein – nicht, dass ich meinerseits finde, dass es viel zu wundern gäbe, aber das mag meine voreingenommene Meinung sein (und sie ist bei mir sicherlich sehr natürlich) –, dir eine Liebeserklärung zu machen. Er erklärt zudem, dass er der elendeste aller Menschen sei und dass er lieber sterben würde, als die Anmaßung zu haben, zu hoffen. Daher siehst du, meine Liebe, ich habe nach dir geschickt, um ihm die Erlaubnis zu geben, sich auf jede beliebige Weise selbst zu zerstören; und ich überlasse es ihm, Gründe dafür anzuführen, warum (es ist ein Schicksal, das früher oder später all seine Mitmenschen ereilt) das Todesurteil nicht gegen ihn vollstreckt werden sollte.“ Nachdem er diese Rede mit mehr Wortgewandtheit gehalten hatte, als ihm gewöhnlich zuteilwurde, stand der Squire hastig auf und humpelte aus dem Zimmer.

Lucy sank in den Stuhl, den ihr Vater verlassen hatte; und Clifford, der auf sie zuging, sagte mit heiserer und leiser Stimme:

„Ihr Vater, Miss Brandon, hat Recht, dass ich lieber sterben würde, als meine Augen hoffnungsvoll zu Ihnen zu erheben. Ich dachte gestern, ich hätte Sie zum letzten Mal gesehen; der Zufall, nicht meine eigene Torheit oder Anmaßung, hat mich wieder vor Sie gebracht; und selbst die wenigen Stunden, die ich unter demselben Dach wie Sie verbracht habe, haben mich fühlen lassen, als hätte meine Liebe, mein Wahnsinn, bis jetzt noch nie seinen Höhepunkt erreicht. Oh, Lucy!“, fuhr Clifford in einem leidenschaftlicheren Ton fort, und als ob er einem plötzlichen und unwiderstehlichen Impuls folge, warf er sich zu ihren Füßen, „wenn ich hoffen könnte, Sie zu verdienen – wenn ich hoffen könnte, mich zu erheben – wenn ich – Aber nein, nein, nein! Ich bin von aller Hoffnung abgeschnitten, und zwar für immer!“

Es lag eine so tiefe, so bittere, so herzliche Qual und Reue in der Stimme, mit der diese letzten Worte gesprochen wurden, dass Lucy, aus der Fassung gebracht und alles in wunderndem Mitgefühl und Erbarmen vergessend, antwortete und ihre Hand nach Clifford ausstreckte, der, immer noch kniend, sie ergriff und mit feurigen Küssen bedeckte:

„Sprechen Sie nicht so, Mr. Clifford; beschuldigen Sie sich nicht dessen, was ich sicher, ganz sicher weiß, dass Sie es nicht verdienen können. Vielleicht – verzeihen Sie mir – sind Ihre Herkunft, Ihr Vermögen unter Ihren Verdiensten, und Sie haben die Schwäche meines Vaters in diesem Punkt durchschaut; oder vielleicht haben Sie selbst nicht alle Fehler vermieden, in die Menschen hineingetrieben werden – vielleicht waren Sie unvorsichtig oder gedankenlos, vielleicht haben Sie (die Mode ist ansteckend) über Ihre Verhältnisse gespielt oder Schulden gemacht: das sind zwar Fehler, das ist wahr, und sie sind zu bedauern, aber sicherlich nicht unheilbar.“

Kann man sich für diesen Augenblick wundern, dass all Cliffords Entschlossenheit und Selbstverleugnung ihn verließen, und als er seine Augen, strahlend vor Freude und Dankbarkeit, zu dem Gesicht erhob, das sich in wohlwollender Unschuld zu ihm neigte, rief er aus:

„Nein, Miss Brandon! – nein, Lucy! – liebe, engelhafte Lucy! Meine Fehler sind weniger verzeihlich als diese, aber vielleicht sind sie nicht weniger die Folge von Umständen und Ansteckung; vielleicht ist es nicht zu spät, sie wiedergutzumachen. Würden Sie – würden Sie sich tatsächlich herablassen, mein Vormund zu sein, ich könnte nicht verzweifeln, gerettet zu werden!“

„Wenn“, sagte Lucy, tief errötend und zu Boden blickend, während sie schnell und eifrig sprach, als wolle sie vermeiden, ihn durch ihr Angebot zu demütigen, „wenn, Mr. Clifford, der Mangel an Wohlstand Sie in irgendeiner Weise beunruhigt hat oder – oder zu einem Irrtum verleitet hat, so glauben Sie mir – ich meine uns – so sehr Ihre Freunde, dass Sie nicht einen Augenblick zögern sollten, uns von einem kleinen Teil unserer Schulden der letzten Nacht bei Ihnen zu entlasten.“

„Liebes, edles Mädchen!“, sagte Clifford, während sich auf seinen Lippen eines jener Lächeln von starkem Sarkasmus wand, das manchmal seine Züge verzerrte und Lucy auf erschütternde Weise an jemanden erinnerte, der einen sehr anderen Ruf und Charakter als ihr Liebhaber hatte – „schreiben Sie mein Unglück nicht einer so geringfügigen Quelle zu; es ist nicht Geld, das ich brauchen werde, solange ich lebe, obwohl ich bis zu meinem letzten Atemzug an diese Zartheit bei Ihnen denken und sie mit gewissen niederen Erinnerungen in meinem eigenen Geist vergleichen werde. Ja! Alle vergangenen Gedanken und Erinnerungen werden mich fortan noch mehr als jetzt dazu bringen, Sie anzubeten; während sie in Ihrem Herzen – es sei denn, der Himmel gewährt mir ein Gebet – Sie dazu bringen werden, mich zu verachten und zu hassen!“

„Um Himmels willen, sprechen Sie nicht so!“, sagte Lucy und starrte mit unbestimmtem Alarm auf die dunklen und bewegten Züge ihres Liebhabers. „Verachten, Sie hassen! Unmöglich! Wie könnte ich das, nach der Erinnerung an die letzte Nacht?“

„Ja! an die letzte Nacht“, sagte Clifford und sprach durch zusammengebissene Zähne, „es liegt viel in dieser Erinnerung, das in uns beiden lange fortleben wird; aber Sie – Sie – schöner Engel“ (und alle Härte und Ironie verschwanden auf einmal aus seiner Stimme und seinem Gesicht, wichen einer zärtlichen und tiefen Traurigkeit, vermischt mit einem Respekt, der an Ehrfurcht grenzte), „Sie hätten sich nie mehr als Mitleid für jemanden wie mich träumen lassen können – Sie hätten sich nie von Ihrer hohen und blendenden Reinheit herablassen können, um für mich einen Gedanken zu hegen, wie den, der in meinem Herzen für Sie brennt – Sie – Ja, ziehen Sie Ihre Hand zurück, ich bin es nicht wert, sie zu berühren!“ Und seine eigenen Hände vor seinem Gesicht verschränkend, wurde er plötzlich still; aber seine Gefühle waren nur schlecht verborgen, und Lucy sah, wie sich der muskulöse Körper vor ihr hob und bebte unter Leidenschaften, die deshalb noch intensiver und zerreißender waren, weil sie nur für wenige Augenblicke seinen Eigenwillen besiegten und sich Bahn brachen.

Wenn Lucy später, aber lange später, bei der Erinnerung an das Geheimnis seiner Worte sich selbst eingestand, dass sie Schuld verrieten, so war sie damals zu sehr ergriffen, um an etwas anderes als ihre Liebe und seine Erregung zu denken. Sie beugte sich nieder und legte mit einer mädchenhaften und zärtlichen Selbstaufgabe, der niemand hätte widerstehen können, beide Hände auf die seinen. Clifford schreckte auf, sah auf, und im nächsten Augenblick hatte er sie an sein Herz gedrückt; und während die einzigen Tränen, die er seit seiner Laufbahn des Verbrechens vergossen hatte, schnell und heiß auf ihr Gesicht fielen, küsste er ihre Stirn, ihre Wange, ihre Lippen in einer leidenschaftlichen und wilden Verzückung. Seine Stimme starb in ihm – er konnte sich nicht darauf verlassen, zu sprechen; nur ein einziger Gedanke, selbst in jener scheinbaren Vergessenheit ihrer selbst und seiner selbst, regte sich und sprach in seiner Brust: Flucht. Je mehr er fühlte, dass er liebte, je zärtlicher und vertrauensvoller der Gegenstand seiner Liebe war, desto dringender wurde die Notwendigkeit, sie zu verlassen. Alle anderen Pflichten waren vernachlässigt worden, aber er liebte mit einer echten Liebe; und die Liebe, die ihn eine Pflicht lehrte, trug ihn triumphierend durch ihre bittere Prüfung.

„Sie werden heute Abend von mir hören“, murmelte er; „glauben Sie, dass ich wahnsinnig, verflucht, kriminell bin, aber nicht völlig ein Monster! Ich bitte um kein barmherzigeres Urteil!“ Er zog sich aus seiner gefährlichen Lage zurück und ging abrupt fort.

Als Clifford sein Zuhause erreichte, fand er seine würdigen Mitstreiter vor, die mit Alarm und Schrecken im Gesicht auf ihn warteten. Eine alte Tat, bei der sie sich ausgezeichnet hatten, hatte lange Zeit die starre Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen, und bestimmte Beamte waren nun in Bath gesehen worden, und bestimmte Nachforschungen waren angestellt worden, die nichts Gutes für die Sicherheit des scharfsinnigen Tomlinson und des tapferen Pepper verhießen. Sie kamen, demütig und bußfertig um Verzeihung für ihren unbewussten Übergriff auf die Kutsche des Squires bittend und um den sofortigen Rat ihres Kapitäns flehend. Wenn Clifford zuvor in seinem uneigennützigen Entschluss geschwankt hatte – wenn Visionen von Lucy, von Glück und Reform zu oft und zu leuchtend auf seinem einsamen Ritt vor seinen Augen geschwebt hatten –, so reichte der Anblick dieser Männer, ihre Unterhaltung, ihre Gefahr aus, um seine Entschlossenheit wiederherzustellen. „Barmherziger Gott!“, dachte er, „und ist es dem Kameraden solcher gesetzloser Schurken, einem Mann, wie sie, stündlich den schändlichsten Toden ausgesetzt, dem ich für einen Augenblick davon geträumt habe, das unschuldige und großmütige Mädchen zu überlassen, deren Vertrauen oder Liebe das einzige Verbrechen ist, das sie um ihr glänzendstes Schicksal bringen könnte?“

Kurz waren Cliffords Anweisungen an seine Anhänger, und so sehr tun wir Dinge mechanisch, dass sie mit seiner gewohnten Voraussicht und Präzision geliefert wurden. „Ihr werdet die Stadt sofort verlassen; begebt euch um euer Leben nicht nach London oder um euch wieder mit einem eurer Kameraden zu vereinigen. Reitet zur Red Cave; dort sind Vorräte gelagert, und seit unserer letzten Veränderung des Inneren wird sie ausreichend Platz bieten, um eure Pferde zu verbergen. In der Nacht des zweiten Tages von heute an werde ich mich euch anschließen. Aber stellt sicher, dass ihr die Höhle bei Nacht betretet und sie unter keinen Umständen verlasst, bis ich komme!“

„Ja!“, sagte er, als er allein war, „ich werde mich euch wieder anschließen, aber nur, um euch zu verlassen. Noch ein Vergehen gegen das Gesetz, oder zumindest eine Summe, die den geschwollenen Händen der Reichen entrissen wurde, ausreichend, um mich für eine ausländische Armee auszurüsten, und ich verlasse das Land meiner Geburt und meiner Verbrechen. Wenn ich Lucy Brandon nicht verdienen kann, werde ich etwas weniger unwürdig sein. Vielleicht – warum nicht? Ich bin jung, meine Nerven sind nicht schwach, mein Gehirn ist nicht stumpf – vielleicht kann ich auf einem Feld ehrenvoller Abenteuer einen Namen gewinnen, den ich vor meinem Sterbebett nicht beschämt sein werde, ihr gegenüber zu bekennen!“

Während dieser Entschluss in Cliffords Brust hochschlug, setzte Lucy traurig und schweigend ihre kurze Reise nach Bath mit dem Squire fort. Letzterer war sehr neugierig zu wissen, warum Clifford gegangen war und was er gestanden hatte; und Lucy, kaum in der Lage zu antworten, schob alles auf den versprochenen Brief der Nacht.

„Ich bin froh“, murmelte der Squire ihr zu, „dass er schreiben will; denn irgendwie, obwohl ich ihn sehr scharf befragte, schlüpfte er durch mein Kreuzverhör und brach sofort mit seiner Liebe zu dir hervor, was mich über ihn so klug zurückließ, wie ich zuvor war: zweifellos (ich meinerseits sehe nicht, was ihn daran hindern sollte, ein großer Mann im Inkognito zu sein) wird dieser Brief alles erklären!“

Spät in jener Nacht kam der Brief. Lucy war, glücklicherweise für sie, allein in ihrem Zimmer; sie öffnete ihn und las Folgendes:

CLIFFORDS BRIEF.

Ich habe versprochen, dir zu schreiben, und ich setze mich nieder, um dieses Versprechen zu erfüllen. In diesem Augenblick ist die Erinnerung an deine Güte, an deine großmütige Rücksichtnahme, warm in mir: Und während ich ruhige und gewöhnliche Worte wählen muss, um das auszudrücken, was ich sagen sollte, ist mein Herz abwechselnd geschmolzen und zerrissen von Gedanken, die nach Worten verlangten, oh, wie ganz anderen! Dein Vater hat mich oft nach meiner Abstammung und Geburt befragt – ich habe seine Fragen bisher umgangen. Erfahre nun, wer ich bin. In einer elenden Behausung, umgeben von den Bewohnern der Armut und des Lasters, entsinne ich mich meiner frühesten Erinnerungen. Mein Vater ist mir so unbekannt wie jedem anderen; meine Mutter – dir gegenüber wage ich nicht zu erwähnen, wer oder was sie war –, sie starb in meiner Kindheit. Ohne Namen, aber nicht ohne Erbe (mein Erbe war groß – es war Schande!), wurde ich in die Welt hinausgeworfen. Ich hatte zufällig eine gewisse Bildung erhalten und einige Ideen in mich aufgenommen, die für meine Lage nicht natürlich waren; seitdem habe ich viele Rollen im Leben gespielt. Bücher und Menschen habe ich nicht so vernachlässigt, dass ich nicht in Abständen ein wenig Wissen aus beiden hätte gewinnen können. Wenn ich dir daher besser erschien, als ich bin, wirst du den Grund erkennen. Die Umstände machten mich bald zu meinem eigenen Herrn; sie machten mich auch zu jemandem, den ehrliche Menschen nicht gerne ansehen; mein Handeln war und mein Charakter ist auf einer Stufe mit meiner Geburt und meinem Schicksal. Ich kam in der edlen Hoffnung, mich zu erheben und zu erlösen, indem ich mein Geschick durch eine reiche Heirat vergoldete, in diese Stadt. Ich sah dich, der ich schon einmal begegnet war. Ich hörte, du seist reich. Hasse mich, Miss Brandon, hasse mich! – Ich beschloss, deinen Ruin zur Ursache meiner Erlösung zu machen. Glücklicherweise für dich kannte ich dich kaum, bevor ich dich liebte; diese Liebe vertiefte sich – sie erlangte etwas Reines und Erhabenes durch dich. Mein Entschluss verließ mich; selbst jetzt könnte ich mich auf die Knie werfen und Gott danken, dass du – du, das liebste und edelste aller menschlichen Wesen – nicht meine Frau bist. Ist mein Verhalten nun klar für dich? Wenn nicht, dann stelle dir mich als alles vor, was schurkisch ist, außer in einem Punkt, der dich betrifft, und nicht der Schatten eines Geheimnisses wird bleiben. Dein gütiger Vater, der den geringfügigen Dienst, den ich dir erwies, überbewertete, hätte eingewilligt, mein Schicksal deiner Entscheidung zu unterwerfen. Ich erröte empört für ihn – für dich –, dass irgendein lebender Mensch eine solche Entweihung für Miss Brandon hätte träumen können. Doch ich selbst wurde mitgerissen und berauscht von einer so plötzlichen und so sanften Hoffnung – selbst ich wagte es, meine Augen zu dir zu erheben, dich an dieses schuldige Herz zu drücken, mich selbst zu vergessen und zu träumen, dass du mein sein könntest! Kannst du mir diesen Wahnsinn verzeihen? Und kannst du dich später, in deiner hohen und glitzernden Sphäre des ehelichen Glücks, an meine Anmaßung erinnern und deinen Hohn zügeln? Vielleicht denkst du, dass ich dich durch ein so spätes Geständnis bereits getäuscht habe. Ach! Du weißt nicht, was es mich jetzt kostet, zu beichten! Ich hatte nur eine Hoffnung im Leben – es war, dass du mich vielleicht noch, lange nachdem du aufgehört hast, mich zu sehen, nicht gänzlich unter dem Pack, mit dem du lebst, wähnen mögest. Diese brennende und doch selbstsüchtige Eitelkeit reiße ich von mir, und nun gehe ich dorthin, wohin mich keine Hoffnung verfolgen kann. Keine Hoffnung für mich selbst, außer einer, die den Namen kaum verdient, denn es ist eher ein roher und visionärer Wunsch als eine Erwartung – es ist, dass du unter einem anderen Namen und unter anderen Vorzeichen zu einer fernen Zeit von mir hören magst; und wenn ich dir mitteile, dass du unter diesem Namen jemanden wiedererkennen magst, der dich mehr liebt als alle geschaffenen Dinge, magst du dann zumindest keinen Grund zur Scham wegen deines Liebhabers empfinden. Was wirst du dann sein? Eine glückliche Ehefrau, eine Mutter, der Mittelpunkt tausender Freuden, geliebt, bewundert, gesegnet, wenn das Auge dich sieht und das Ohr dich hört! Und das ist es, was ich hoffen sollte, das ist der Trost, der mich aufheitern sollte; vielleicht wird er das in einiger Zeit. Nicht, dass ich dich weniger lieben werde, aber ich werde dich weniger brennend und daher weniger selbstsüchtig lieben. Ich habe dir nun alles geschrieben, was es für dich geziemt, von mir zu empfangen. Mein Pferd wartet unten, um mich aus dieser Stadt und für immer aus deiner Nähe zu tragen. Für immer! – ja, du bist der einzige Segen, der mir für immer verwehrt ist. Reichtum mag ich erlangen, einen guten Namen, vielleicht mag ich sogar nach Ruhm streben – zum Himmel selbst mag ich einen Pfad finden; aber von dir können mir selbst meine Träume nicht den Schatten einer Hoffnung geben. Ich sage nicht, wenn du meine Seele durchdringen könntest, während ich schreibe, dass du mich bemitleiden würdest. Du magst es seltsam finden, aber ich wollte dein Mitleid nicht für alles in der Welt; ich glaube, ich wollte sogar lieber deinen Hass – Mitleid scheint so sehr wie Verachtung. Aber wenn du wüsstest, welche Anstrengung es mich gekostet hat, meine Sprache zu zähmen, meine Gedanken zu zügeln, mich davon abzuhalten, das zu verkörpern, was nun mein Gehirn zum Wirbeln bringt und meine Hand fühlen lässt, als verzehre sie lebendiges Feuer; wenn du wüsstest, was es mir ermöglicht hat, über den Wahnsinn in meinem Herzen zu triumphieren und dir das zu ersparen, was, wenn geschrieben oder gesprochen, wie das Rasen eines Irnsinnigen erscheinen würde, du würdest mich nicht verachten können, auch wenn du mich verabscheuen magst.

Und nun behüte und segne dich der Himmel! Nichts auf Erden könnte dir schaden. Und selbst die Bösen, die auf dich geblickt haben, lernen zu beten – ich habe für dich gebetet!

So, abrupt und ohne Unterschrift, endete der erwartete Brief. Lucy kam am nächsten Morgen zur gewohnten Stunde herab, und abgesehen davon, dass sie sehr blass war, schien nichts an ihrer Erscheinung vergangene Trauer oder Erschütterung anzukündigen. Der Squire fragte sie, ob sie den versprochenen Brief erhalten habe. Sie antwortete mit klarer, wenn auch schwacher Stimme, dass sie dies habe – dass Mr. Clifford gestanden habe, von zu niedriger Herkunft zu sein, um auf eine Heirat mit Mr. Brandons Familie hoffen zu können; dass sie darauf vertraue, der Squire werde sein Geheimnis bewahren; und dass das Thema von beiden nie wieder erwähnt werden möge. Wenn in dieser Rede etwas lag, das Lucys aufrichtigem Charakter fremd und ihrem Geist schmerzlich war, so empfand sie es als eine Pflicht gegenüber ihrem früheren Liebhaber, nicht das ganze Geständnis zu verraten, das ihm so bitter abgerungen worden war. Vielleicht lag auch in diesem Brief ein Zauber, der ihr zu heilig erschien, um irgendjemandem offenbart zu werden; und Geheimnisse waren selbst einer Liebe nicht ausgeschlossen, die so unpassend und scheinbar so vergänglich war wie die ihre.

Lucys Antwort traf den Squire an seinem schwachen Punkt. „Ein Mann von entschieden niedriger Herkunft“, gab er zu, „kam absolut nicht in Frage; dennoch bewies der junge Mann bei seiner Offenbarung eine große Menge an Offenheit.“ Er versprach bereitwillig, niemals ein Thema anzuschneiden, das notwendigerweise so unangenehm war; und obwohl er seufzte, als er seine Rede beendete, beruhigte ihn die äußerste Ruhe von Lucys Art; und als er wahrnahm, dass sie, wenn auch lustlos, ihre gewohnten Beschäftigungen wieder aufnahm, hegte er kaum einen Zweifel daran, dass sie bald die Erinnerung an das, was er für eine mädchenhafte und flüchtige Laune hielt, überwinden würde. Er gab ihrem Vorschlag, nach Warlock zurückzukehren, bereitwillig nach; und in derselben Woche, in der Lucy den geheimnisvollen Brief ihres Liebhabers erhalten hatte, traten Vater und Tochter ihre Heimreise an.

KAPITEL XXIV.

Butler. Was sind dies, Herr?

Yeoman. Und welcher Art, zu welchem Gebrauch?

Latroc. Stell dir vor. Die Tragödie von Rollo.

Quickly. Er ist in Arthurs Schoß, wenn je ein Mensch in Arthurs Schoß einging. Heinrich V.

Der Strom unserer Erzählung führt uns nun zurück zu William Brandon. Die zuvor beabsichtigten Rechtsbeförderungen waren abgeschlossen; und zur Überraschung der Öffentlichkeit hatte der beneidete Rechtsanwalt, indem er die Herabstufung zum Rittertum auf sich nahm, zu der Zeit, da wir zu ihm zurückkehren, gerade seine mühsamen Beschäftigungen gegen die heitere Würde des Richterstuhls eingetauscht. Welches Bedauern dieser schlaue und aufstrebende Intrigant angesichts einer Erhebung, die beträchtlich weniger ausgezeichnet war, als er vernünftigerweise hätte erwarten können, sonst auch gefühlt haben mochte, wurde gänzlich durch die Hoffnung entfernt, die ihm auf eine baldige Versetzung in ein glänzenderes Amt geboten wurde: Es wurde unter jenen, die nicht unwahrscheinlich solche Ereignisse vorhersehen konnten, geflüstert, dass das Interesse der Regierung seine Talente im Oberhaus erfordere. Gerade in diesem Moment war auch die tückische Krankheit, deren Verwüstungen Brandon so eifersüchtig wie möglich vor der Öffentlichkeit zu verbergen suchte, plötzlich der Kunst eines neuen Arztes gewichen; und durch die Verabreichung von Medikamenten, vor deren Anwendung ein weniger strenger oder entschlossener Mann gezittert hätte (so mächtig und größtenteils tödlich war ihre Natur), ging er von einem Zustand fast unerträglicher Qual in ein Elysium der Ruhe und Leichtigkeit über. Vielleicht jedoch veränderten die Medikamente auch seine Konstitution, während sie sie zugleich schwächten; und es war bemerkenswert, dass in zwei Fällen, in denen der Arzt einen ähnlichen Erfolg durch dieselben Mittel erzielt hatte, die Patienten plötzlich starben, genau zu der Zeit, als ihre Heilung endgültig vollendet schien. Wie dem auch sei, Sir William Brandon schien wenig Gefahren zu erwarten. Sein Auftreten wurde heiterer und ausgeglichener, als es jemals zuvor gewesen war; es lag eine gewisse Leichtigkeit in seinem Gang, eine gewisse Berauschtheit in seiner Stimme und seinem Auge, die die Zeichen eines Menschen schienen, von dem eine schwere Last plötzlich genommen worden war und der nicht länger durch die in Anspruch nehmenden Forderungen eines körperlichen Schmerzes an der Eifer der Hoffnung gehindert wurde. Er war in der Gesellschaft immer freundlich gewesen, aber nun atmete seine Höflichkeit weniger von List – sie nahm einen herzlicheren Ton an. Eine weitere Veränderung war an ihm erkennbar, und das war genau das Gegenteil von dem, was man hätte erwarten können. Er wurde sparsamer, aufmerksamer auf die Ausgaben des Lebens, als er es gewesen war. Obwohl er ein Verächter von Prunk und Zurschaustellung und viel zu hart war, um luxuriös zu sein, war er doch ein zu wissenschaftlicher Architekt der Schwächen anderer, um nicht während seiner öffentlichen Laufbahn ein opulentes Erscheinungsbild und eine gastfreundliche Tafel aufrechterhalten zu haben. Der Beruf, den er ergriffen hatte, erfordert vielleicht weniger Äußerlichkeiten, um ihn zu unterstützen, als jeder andere; dennoch hatte Brandon vorgegeben, sowohl parlamentarische als auch rechtliche Bedeutung zu wahren; und obwohl sein Haus in einem rein beruflichen Viertel lag, war er daran gewöhnt gewesen, um seine gastfreundliche Tafel alle zu versammeln, die in seiner politischen Partei durch Rang oder Talent hervorragten. Jetzt jedoch, wo Gastfreundschaft und eine gewisse Großzügigkeit der Ausgaben seinem Stand besser anstanden, wurde er in seiner Wirtschaftlichkeit knapper und genauer. Brandon hätte niemals zu einem Geizhals degenerieren können; Geld konnte für jemanden, der so habituell weise war wie er, niemals von einem Mittel zum Zweck geworden sein; aber er hatte offensichtlich aus dem einen oder anderen Grund den Entschluss gefasst, zu sparen. Einige sagten, es sei das Ergebnis der zurückkehrenden Gesundheit und der Hoffnung auf ein verlängertes Leben, für das viele Objekte, für die Reichtum wünschenswert ist, auftreten könnten. Aber als beiläufig festgestellt wurde, dass Brandon mehrere Erkundigungen bezüglich eines großen Anwesens in der Nachbarschaft von Warlock angestellt hatte, das früher im Besitz seiner Familie gewesen war, mangelte es den Klatschmäulern (denn Brandon war ein Mann, über den man klatschte) nicht mehr an einem Motiv, sei es falsch oder wahr, für die Sparsamkeit des Richters.

Es war kurz nach seiner Erhebung zum Richterstuhl, und ehe diese Anzeichen einer Veränderung bemerkbar geworden waren, dass derselbe seltsame Lumpensammler, den wir zuvor erwähnt haben, als er von Mr. Swoppem zu einer privaten Konferenz mit Brandon eingeführt wurde, in die Gegenwart des Richters zugelassen wurde.

„Nun“, sagte Brandon ungeduldig, in dem Augenblick, als die Tür geschlossen war, „deine Neuigkeiten?“

„Vy, euer Gnaden“, sagte der Mann verlegen und drehte ein Ding, das als Stellvertreter für einen Hut diente, „ich denke, dass ich in der Lage sein werde, die Gnade Eurer Herrschaft zufriedenzustellen!“ Dann, indem er sich dem Richter näherte und eine wichtige Miene annahm, flüsterte er: „Es ist so, wie ich dachte!“

„Mein Gott!“, rief Brandon mit Vehemenz. „Und er lebt – und wo?“

„Ich glaube“, antwortete der anständige Vertraute von Sir William Brandon, „dass er am Leben ist; und wenn er am Leben ist, möge ich meine Hauer in einem Glaskasten zeigen, wenn ich ihn nicht aufstöbere; aber was das Anbelangt, zu sagen, wo er in diesem Augenblick ist, zerschmettert mich, wenn ich das kann!“

„Ist er in diesem Land“, sagte Brandon; „oder glaubst du, dass er ins Ausland gegangen ist?“

„Vy, viel von dem einen und nicht ein wenig von dem anderen!“, sagte der wohlklingende Vertraute.

„Wie! Sprich deutlich, Mann; was meinst du?“

„Vy, ich meine, euer Gnaden, dass ich nicht sagen kann, wo er ist.“

„Und dies“, sagte Brandon mit einem gemurmelten Fluch – „dies ist deine gepriesene Nachricht, nicht wahr? Hund! Verdammter, verdammter Hund! Wenn du mit mir spielst oder mich hintergehst, werde ich dich hängen – beim lebendigen Gott, das werde ich!“

Der Mann wich unwillkürlich vor Brandons rachsüchtiger Stirn und den entzündeten Augen zurück; aber mit der für niedriges Laster eigentümlichen List antwortete er, wenn auch in einem demütigeren Ton:

„Und vet, was wird das eurer Herrschaft nützen? Wenn ihr mich aufknüpft, wird euch das auf den Weg bringen, ihn zu finden?“

Niemals gab es ein Hindernis in der Grammatik, durch das eine stämmige Wahrheit nicht hätte brechen können; und Brandon sagte nach einer mürrischen Pause mit milderer Stimme:

„Ich wollte dich nicht erschrecken! Kümmere dich nicht darum, was ich gesagt habe; aber du kannst sicherlich erraten, wo er sich ungefähr aufhält oder welcher Lebensweise er nachgeht. Vielleicht“ – und eine flüchtige Blässe überzog Brandons dunkles Gesicht – „vielleicht ist er in die Unehrlichkeit getrieben worden, um sich zu erhalten!“

Der Informant antwortete mit großer Naivität, dass eine solche Sache nicht unmöglich sei! Und Brandon ließ sich daraufhin auf eine Reihe von scheinbar nachlässigen, aber kunstvollen Kreuzverhören ein, die entweder die Unwissenheit oder die List des Mannes ihm zu vereiteln ermöglichten. Nach einiger Zeit gab Brandon, enttäuscht und unzufrieden, seine berufliche Aufgabe auf; und nachdem er dem Mann viele kluge und detaillierte Anweisungen sowie eine sehr großzügige Spende gegeben hatte, sah er sich gezwungen, seinen geheimnisvollen Besucher zu entlassen und sich mit der versicherten Behauptung zu begnügen, dass, falls der Gegenstand seiner Nachforschungen noch nicht zum Teufel gegangen sei, der seltsame Herr, der damit beauftragt war, ihn zu entdecken, ihn sicherlich früher oder später dem Richter bringen würde.

Diese Behauptung und das ihr vorausgehende Gespräch flößten Sir William Brandon sicherlich ein Gefühl wie Selbstzufriedenheit ein, obwohl es mit einer beträchtlichen Legierung vermischt war.

„Ich sehe nicht“, dachte er, als er seine Meditationen abschloss, als er allein gelassen wurde – „ich sehe nicht, was ich sonst noch tun kann! Da es scheint, dass der Junge nicht einmal einen Namen hatte, als er allein von seiner elenden Behausung aufbrach, fürchte ich, dass eine Anzeige kaum eine Chance hätte, ihn zu bezeichnen, geschweige denn zu finden, nach so langer Abwesenheit. Außerdem könnte es mich zum Raub für Betrüger machen; und aller Wahrscheinlichkeit nach hat er entweder das Land verlassen oder eine Lebensweise angenommen, die ihn daran hindern würde, es zu wagen, sich zu offenbaren!“ Dieser Gedanke stürzte den Selbstgesprächler in eine düstere Abstraktion, die mehrere Minuten dauerte und aus der er laut murmelnd auffuhr:

„Ja, ja! Ich wage es zu glauben, darauf zu hoffen. Nun zum Minister und zum Adelsstand!“ Und von dieser Zeit an breitete sich die Wurzel von Sir William Brandons Ehrgeiz mit einem festeren und umfassenderen Griff über seinen Geist aus.

Wir bedauern sehr, dass der Lauf unserer Geschichte uns nun verpflichtet, ein Ereignis aufzuzeichnen, das wir uns gerne erspart hätten, zu erzählen. Der gute alte Squire von Warlock Manor-house hatte kaum sein Heim bei seiner Rückkehr aus Bath erreicht, bevor William Brandon den folgenden Brief von des Bruders grauhaarigem Butler erhielt:

GEEHRTER HERR – Ich sende dies mit aller Eile, wenn auch mit schwerem Herzen, um Sie über die plötzliche (und es wird von seinen liebenden Freunden und Wohlwünschern, welche letztere, um sicher zu sein, alle sind, die ihn kennen, befürchtet) gefährliche Krankheit des Squire zu unterrichten. Er wurde ergriffen, armer lieber Herr (denn Gott hat nie einen Besseren geschaffen, keine Beleidigung für Eure Gnaden), in dem Moment, als er seinen Fuß in seine eigene Halle setzte, und was seitdem wie ein Mühlstein an mir hängt, ist, dass er, anstatt zu sagen: „Wie geht es Ihnen, Sampson?“, wie es seine Art war, wann immer er von fremden Teilen zurückkehrte, wie Bath, London und dergleichen, sagte: „Gott segne dich, Sampson!“, was mich irgendwie denken lässt, dass es seine letzten Worte sein werden; denn er hat seitdem nie wieder gesprochen, obwohl Miss Lucy die ganze Zeit an seinem Krankenbett ist. Sie, arme Liebe, nimmt sich gar nichts an, was Weinen und solche Frauenarbeit angeht, sieht aber dennoch, um alles in der Welt, genau aus wie ein Leichnam. Ich sende Tom den Postillion mit diesem Express, wissend, dass er ein guter Handwerker im Galopp ist, da er vor nicht sechzehn Jahren einige der Besten unter ihnen bei einem Rennen geschlagen hat. Hoffend, dass Eure Gnaden keine Zeit verlieren werden, in dieses „Haus der Trauer“ zu kommen, verbleibe ich mit allem Respekt, Eurer Gnaden untertäniger Diener zu Befehl, JOHN SAMPSON.

[Der Leser, der zweifellos bemerkt hat, wie unveränderlich Diener mit langer Dienstzeit einen gewissen Ton von dem ihres Herrn annehmen, mag beobachten, dass der ehrliche John Sampson vom Squire die Gewohnheit der parenthetischen Komposition angenommen hatte.]

Sir William Brandon gab sich nicht die Zeit, diesen Brief noch einmal zu lesen, um ihn verständlicher zu machen, bevor er an einen seiner beruflichen Standesgenossen schrieb und ihn bat, seinen Platz während seiner unvermeidlichen Abwesenheit bei dem traurigen Anlass des erwarteten Todes seines Bruders einzunehmen; und nachdem er dies getan hatte, brach er sofort nach Warlock auf. Unerklärlich war ihm selbst dieses Gefühl, das dem wirklichen Kummer so nahe kam, das der weltliche Anwalt bei der Aussicht verspürte, seinen arglosen und nicht spekulierenden Bruder zu verlieren. Ob es nun daran liegt, dass turbulente und ehrgeizige Geister bei der Wahl ihrer schwankenden Zuneigungen gerade die Gegensätze zu sich selbst fühlen (beim Verlust der Gemeinschaft jener ruhigen, hellen Charaktere, die niemals ihren rauen Pfad gekreuzt haben), als ob sie beim Verlust dieser eine Art Zufluchtsort für ihre eigenen ruhelosen Gedanken und sturmgepeitschten Pläne verlören! – wie dem auch sei, sicher ist es, dass, als William Brandon vor der Tür seines Bruders ankam und von dem alten Butler, der zum ersten Mal langsam war, ihn zu begrüßen, informiert wurde, dass der Squire gerade seinen letzten Atemzug getan hatte, seine strenge Natur ihn sofort verließ, und er den Schock mit einer Schwere empfand, die vielleicht noch schärfer war als jene, die ein gemütlicheres und liebevolleres Herz empfunden hätte.

Sobald er seine Selbstbeherrschung wiedererlangt hatte, erkundigte sich Sir William nach seiner Nichte; und da er feststellte, dass nach einer unermüdlichen Wache während der gesamten kurzen Krankheit des Squire die Natur bei seinem Tod versagt hatte und sie bewusstlos aus seiner Kammer in ihre eigene getragen worden war, ging Brandon mit einem Schritt, der sich weit von seinem üblichen stattlichen Gang unterschied, in den Raum, in dem sein Bruder lag. Es war eines der ältesten Zimmer im Haus, und viel von der alten Pracht, die zu dem Anwesen gehörte, ehe seine Größe mit dem Vermögen seiner aufeinanderfolgenden Eigentümer reduziert worden war, zeichnete die Kammer noch immer aus. Der riesige Kaminsims, der in grotesken Pilastern zur geschnitzten Decke aufstieg, und Schnörkelarbeit aus schwärzestem Eichenholz, mit dem geviertelten Wappen von Brandon und Saville im Zentrum; die getäfelten Wände aus demselben dunklen Wandvertäfelung; der Waffenschrank aus Ebenholz; die Stühle mit hoher Rückenlehne und ihren gepolsterten Sitzen; das hoch aufragende Bett mit seinen leichenwagenartigen Federn und Vorhängen aus einem purpurnen Damast, das, so massig war der Stoff und so prominent die Blumen, schien, als sei es eher eine Schnitzerei als eine Seide – alles trug mit der Größe des Raumes dazu bei, ihm eine feudale Feierlichkeit zu verleihen, die vielleicht nicht zum Rest des Hauses passte, aber gut berechnet war, um eine düstere Ehrfurcht in die Brust des weltlichen und stolzen Mannes zu schlagen, der nun die Sterbekammer seines Bruders betrat.

William Brandon winkte die Bediensteten schweigend fort, setzte sich ebenso schweigend an das Bett und blickte lange und wehmütig auf das ruhige und sanfte Gesicht des Verstorbenen. Es ist schwer zu erraten, was in ihm vorging, während er ganz allein in jenem Zimmer verweilte. Das Gemach selbst hätte er zu einer anderen Zeit nicht ohne geheime Regung bewohnen können. Es war dasjenige, in dem er als Knabe selbst zu schlafen pflegte; und schon damals ein Ränkemacher und Aufstrebender, genügte allein der Anblick des Raumes, um all die Hoffnungen und Visionen, die rastlosen Pläne und fieberhaften Begierden zurückzurufen, die ihn nun in den beneideten Zustand einer anerkannten Berühmtheit und eines gebrochenen Körpers geführt hatten. Es muss etwas Entsetzliches in der Verbindung dieser lebhaften Erinnerungen mit dem Grund gelegen haben, der ihn in jenes Zimmer geführt hatte; und in der heiteren Miene des Toten lag eine Predigt, die eindringlicher zum Herzen des Lebenden sprach, als William Brandon jemals hätte zugeben wollen. Er war schon über eine Stunde im Raum, und der Abend hatte bereits begonnen, tiefe Schatten durch die kleinen Scheiben des halb geschlossenen Fensters zu werfen, als Brandon durch ein leises Geräusch aufgeschreckt wurde. Er blickte auf und erblickte Lucy gegenüber von sich. Sie sah ihn nicht; doch sie warf sich auf das Bett, ergriff die kalte Hand des Verstorbenen und brach nach langem Schweigen in einen Strom von Tränen aus.

„Mein Vater!“, schluchzte sie. „Mein lieber, guter Vater! Wer wird mich nun lieben?“

„Ich!“, sagte Brandon, tief bewegt; er ging um das Bett herum und schloss seine Nichte in die Arme: „Ich werde dein Vater sein, Lucy, und du – die Letzte unseres Geschlechts – sollst mir wie eine Tochter sein!“

KAPITEL XXV.

Falschheit war bei ihm nicht die nutzlose Lüge Von prahlendem Stolz oder lachender Eitelkeit: Es war die gewinnbringende, die überredende Kunst usw.

CRABBE.

Weiter mit den Pferden – auf nach Canterbury, Trab, trab über Kiesel, und platsch, platsch durch Pfützen; Hurra! wie schnell eilt die Post so fröhlich! ............... „Hier sind die Gesetze unantastbar: niemand legt Fallen für den Reisenden; jede Landstraße ist frei; Hier –“ wurde er durch ein Messer unterbrochen, Mit „Verdammt! Dein Geld oder dein Leben!“

Don Juan.

Unglücksfälle sind wie die Schöpfungen des Kadmos – sie zerstören einander! Erweckt aus der geistigen Erstarrung, die der Verlust ihres Geliebten bei der plötzlichen Erkrankung des Gutsherrn verursacht hatte, hatte Lucy keinen Gedanken für sich selbst, keinen Gedanken für irgendwen oder irgendetwas außer für ihren Vater, bis lange nachdem die Erde seine Überreste bedeckt hatte. Die bloße Geschäftigkeit der letztgenannten Trauer war weniger gefährlich als die Stille der ersteren; und als die erste Schärfe des Schmerzes verging und ihr Geist allmählich und mechanisch zur Erinnerung an Clifford zurückkehrte, geschah dies mit einer Intensität, die weniger stark und weniger verhängnisvoll für ihre Gesundheit und ihr Glück war als zuvor. Sie empfand es als unnatürlich und sträflich, sich durch irgendetwas anderes quälen zu lassen, während sie einen so heiligen Kummer wie den ihres Verlustes trug; und ihr Geist, der einmal zum Widerstand gegen die Leidenschaft aufgeweckt worden war, bewies eine ursprüngliche Stärke, die man von ihrem äußeren Wesen kaum hätte erwarten können. Sir William Brandon verlor nach der Beisetzung seines Bruders keine Zeit, in die Stadt zurückzukehren. Er bestand darauf, seine Nichte mitzunehmen; und obwohl sie nur widerstrebend nachgab, willigte sie in seine Wünsche ein und begleitete ihn. Durch das Testament des Gutsherrn war Sir William in der Tat zum Vormund für Lucy ernannt worden, und ihr fehlte noch mehr als ein Jahr bis zur Mündigkeit. Brandon sorgte mit einer für ihn, was Frauen betraf (denn er war ein eingefleischter Frauenhasser), sehr ungewöhnlichen Feinheit für alles, was ihrer Bequemlichkeit dienen konnte. Er ließ in seinem Hause verstehen, dass sie dessen Herrin sei. Er ordnete und möblierte nach seinem Ermessen ihres Geschmacks eine Suite von Zimmern für ihre alleinige Nutzung; eine eigene Kutsche und eigenes Personal wurden ihr zugewiesen; und er versuchte durch ständige Geschenke von Büchern, Blumen oder Musik, ihre Gedanken zu beschäftigen und sie für die Einsamkeit zu entschädigen, zu der ihn seine beruflichen Pflichten so beständig zu verdammen zwangen. Diese Aufmerksamkeiten, die diesen seltsamen Mann in einem neuen Licht zeigten, schienen viele kleine, verborgene Liebenswürdigkeiten hervorzubringen, die normalerweise unter den Schwielen seiner steinigen Natur eingebettet waren; und selbst ungeachtet ihrer Gründe für Trauer und der tiefen Melancholie, die sie verzehrte, war Lucy gerührt von einer Güte, die bei jemandem, der, so urban und poliert er auch war, keineswegs zu den kleinen Aufmerksamkeiten neigte, die von Frauen so sehr geschätzt werden, für die sie den Spender jedoch oft verachten, während sie ihn mögen, doppelt lindernd wirkte. Es lag viel in Brandon, das sich unmerklich um das Herz wand. Für jemanden, der erfahrener war als Lucy, wäre diese unfreiwillige Anziehungskraft vielleicht nicht unvereinbar mit Misstrauen gewesen und hätte kaum mit Hochachtung in Verbindung gebracht werden können; und doch existierte diese Anziehungskraft für alle, die ihn genau kannten, selbst für den durchschauenden und egoistischen Mauleverer. Prinzipienlos, schlau, heuchlerisch, ja niederträchtig, wenn es seinem Zweck diente; heimlich über die von ihm getäuschten Narren spottend und keinen Kodex kennend außer dem des eigenen Vorteils und Ehrgeizes; Menschen nur als Maschinen und Meinungen nur als Leitern betrachtend – gab es doch einen Ton machtvoller Empfindung, der manchmal aus einem Herzen hervorgelockt wurde, das im selben Augenblick ein ganzes Volk einem nichtigen persönlichen Ziel hätte opfern können: und manchmal vertiefte sich bei Lucy die Beredsamkeit oder Ironie seiner Unterhaltung in eine Melancholie, eine halb unterdrückte Sanftheit des Gefühls, die mit dem Zustand ihres eigenen Gemüts übereinstimmte und ihre gütigen Empfindungen mächtig für ihn einnahm. Es waren diese Eigenheiten in seinem Gespräch, die Lucy dazu brachten, ihm gern zuzuhören; und sie lernte allmählich, mit düsterem Vergnügen jene Stunde zu erwarten, in der er sich nach den Beschäftigungen des Tages zu ihr zu gesellen pflegte.

„Ihr seht heute Abend unwohl aus, Onkel“, sagte sie, als er eines Abends mit müderem Ausdruck als gewöhnlich das Zimmer betrat; sie erhob sich, beugte sich zärtlich über ihn und küsste seine Stirn.

„Ja!“, sagte Brandon, völlig unbeeindruckt von der Liebkosung, ja sie sogar übersehend, „unsere Lebensweise geht bald in das welke und gelbe Blatt über; und als Macbeth darüber klagte, dass er nicht das zu erwarten habe, was das Alter begleiten sollte, war er senil geworden und klagte über etwas Wertloses.“

„Nein, Onkel, ‚Ehre, Liebe, Gehorsam, Scharen von Freunden‘, war es nicht wert, sich danach zu sehnen?“

„Pah! Keinen einzigen Seufzer wert! Die törichten Wünsche, die wir in der Jugend hegen, haben etwas Edles und etwas Körperliches an sich; aber die des Alters sind vollkommene Schatten, und die Schatten von Pygmäen! Nun, was ist Ehre schließlich? Was ist dieser gute Name unter den Menschen? Nur eine Art heidnischer Götze, der aufgestellt wurde, um von der einen Sorte Narren angebetet und von der anderen verspottet zu werden. Bemerkt Ihr nicht, Lucy, dass der Mann, den Ihr heute von der Partei am meisten gelobt hört, bei derjenigen, die Ihr morgen trefft, am meisten geschmäht wird? Männer des öffentlichen Lebens werden nur von ihrer Partei gelobt; und ihre Partei, süße Lucy, besteht aus solch niederträchtigen Lakaien, dass es einen vor Zorn bewegt, daran zu denken, dass man so klein ist, ihnen nützlich zu sein. So ist ein guter Name nur der gute Name einer Sekte, und die Mitglieder dieser Sekte sind nur wunderbar rechtmäßige Schurken.“

„Aber die Nachwelt tut denen Gerechtigkeit, die Ruhm wirklich verdienen.“

„Nachwelt! Könnt Ihr glauben, dass ein Mann, der weiß, was das Leben ist, sich nach seinem Tod um die Pfeifchen der herangewachsenen Kinder kümmert? Nachwelt, Lucy – nein! Die Nachwelt ist nur dieselbe Beständigkeit von Narren und Schurken; und selbst wenn Gerechtigkeit durch ihre Hände wünschenswert wäre, könnten sie sie nicht austeilen. Sind sich die Menschen einig, ob Charles Stuart ein Lügner oder ein Märtyrer war? Seit wie vielen Jahrhunderten glauben wir, Nero sei ein Ungeheuer! Ein Schriftsteller fragt nun, als ob er ein Problem beweise, welcher wirkliche Historiker daran zweifeln könne, dass Nero ein Musterbeispiel war? Die Patriarchen der Schrift wurden von der modernen Philosophie zu einer Reihe astronomischer Hieroglyphen erklärt; und mit größerem Anschein von Wahrheit versichert man uns, dass der Patriot Tell niemals existiert habe! Nachwelt! Das Wort hat die Menschen genug betrogen, ohne dass ich zur Zahl derer beitrage. Ich, der ich die Lebenden verabscheue, kann die Ungeborenen kaum verehren. Lucy, glaubt mir, dass kein Mann sich im politischen Leben stark unter die Menschen mischen kann, ohne alles zu verachten, was er in der Jugend verehrte! Das Alter lässt uns nur ein Gefühl – Verachtung!“

„Werdet Ihr dann verleumdet?“, sagte Lucy und zeigte auf eine Zeitung, das Organ der Brandon feindlich gesinnten Partei: „Werdet Ihr verleumdet, wenn Ihr hier ‚ehrgeizig‘ genannt werdet? Wenn sie Euch ‚selbstsüchtig‘ und ‚habgierig‘ nennen, weiß ich, dass sie Euch Unrecht tun; aber ich gestehe, dass ich Euch für ehrgeizig gehalten habe; doch kann derjenige, der die Menschen verachtet, ihre gute Meinung wünschen?“

„Ihre gute Meinung!“, wiederholte Brandon spöttisch: „wollen wir das Wiehern der Esel, die wir reiten? Nein!“, fuhr er nach einer Pause fort. „Es ist Macht, nicht Ehre; es ist die Hoffnung, sich in jeder Hinsicht zu erheben, in der Welt draußen wie in der Welt des eigenen Geistes: Es ist diese Hoffnung, die mich arbeiten lässt, wo ich ruhen könnte, und die die Arbeit bis zu meinem Grab fortsetzen wird. Lucy“, fuhr Brandon fort und fixierte seine Nichte mit scharfen Augen, „habt Ihr keinen Ehrgeiz – haben Macht und Prunk und Stellung keinen Reiz für Euren Geist?“

„Keinen!“, sagte Lucy ruhig und einfach.

„Wirklich! Doch es gibt Zeiten, in denen ich glaubte, mein Blut in Euren Adern wiederzuerkennen. Ihr stammt aus einem einst adligen, aber gefallenen Geschlecht. Seid Ihr jemals empfänglich für die Schwäche des Ahnenstolzes?“

„Ihr sagt“, antwortete Lucy, „dass wir uns nicht um diejenigen sorgen sollten, die nach uns leben; noch weniger, so denke ich, sollten wir uns um diejenigen sorgen, die vor Jahrhunderten gelebt haben!“

„Hübsch geantwortet“, sagte Brandon lächelnd. „Ich werde Euch bei Gelegenheit erzählen, welche Wirkung jene Schwäche, die Ihr bereits verachtet, einmal lange nach Eurem Alter auf mich hatte. Ihr seid in manchen Punkten frühweise; profitiert von meiner Erfahrung und seid es in allen.“

„Das heißt, alle Menschen und alle Dinge zu verachten!“, sagte Lucy und lächelte ebenfalls.

„Nun, kümmert Euch nicht um mein Glaubensbekenntnis – Ihr mögt nach Eurem eigenen weise sein; aber vertraut jemandem, liebste Lucy, der Euch rein und uneigennützig liebt und der auf eine Haaresbreite genau alle Vorteile abgewogen hat, die von einer Erde zu ernten sind, von der ich wahrhaftig glaube, dass die Ernte eingefahren wurde, bevor wir darauf ausgesetzt wurden – vertraut mir, Lucy, und denkt niemals, dass Liebe, dieser Mädchentraum, so wertvoll sei wie Rang und Macht: Überlegt wohl, bevor Ihr der ersteren nachgebt; nehmt die letzteren an, sobald sie Euch angeboten werden. Liebe legt Euch zu Füßen eines anderen, und dieser andere ist ein Tyrann; Rang legt andere zu Euren Füßen, und all jene, die so unterworfen sind, sind Eure Sklaven!“

Lucy rückte ihren Stuhl so, dass die neue Position ihr Gesicht verbarg, und antwortete nicht; und Brandon fuhr in verändertem Ton fort:

„Würdet Ihr denken, Lucy, dass ich einmal töricht genug war, mir einzubilden, dass Liebe ein Segen sei und es wert, eifrig danach zu suchen? Ich gab meine Hoffnungen auf, meine Chancen auf Reichtum, auf Auszeichnung – alles, was von den Jahren meiner Kindheit an in mein Herz gebrannt hatte. Ich wählte Armut, Unbekanntheit, Demütigung; aber ich wählte auch die Liebe. Was war mein Lohn? Lucy Brandon, ich wurde betrogen – betrogen!“

Brandon hielt inne; und Lucy nahm seine Hand liebevoll, brach aber das Schweigen nicht. Brandon fuhr fort:

„Ja, ich wurde betrogen! Aber ich meinerseits hatte eine Rache, eine angemessene Rache; denn es war nicht die Rache des Hasses, sondern“ (und der Sprecher lachte sardonisch) „der Verachtung. Genug davon, Lucy! Was ich Euch sagen wollte, ist dies – erwachsene Männer und Frauen wissen mehr über die Wahrheit der Dinge, als Ihr jungen Leute denkt. Liebe ist ein bloßes Spielzeug, und kein Mensch hat jemals einen soliden Vorteil gegen sie eingetauscht, ohne es zu bereuen. Glaubt das; und wenn Rang sich jemals unter diese hübschen Füße legt, seht zu, dass Ihr den Fußschemel nicht verschmäht.“

So sagend, mit einem leichten Lachen, entzündete Brandon sein Licht und verließ für die Nacht das Zimmer.

Sobald der Advokat sein eigenes Gemach erreicht hatte, verfasste er an Lord Mauleverer das folgende Schreiben:

„Nun, lieber Mauleverer, warum kommt Ihr nicht in die Stadt? Ich brauche Euch, Eure Partei braucht Euch; vielleicht braucht der K--g Euch; und sicherlich, wenn es Euch mit meiner Nichte ernst ist, sollte die Sorge um Euer eigenes Liebeswerben Euch dazu bewegen, selbst hierher kommen zu wollen. Ich habe den Weg für Euch geebnet; und ich glaube, mit ein wenig Geschick könnt Ihr einen baldigen Erfolg erwarten. Aber Lucy ist ein seltsames Mädchen; und vielleicht ist es trotz allem, auch wenn Ihr vor Ort sein solltet, besser, Ihr überlasst sie so weit wie möglich meinen Händen. Ich kenne die menschliche Natur, Mauleverer, und dieses Wissen ist das Instrument, mit dem ich Euren Triumph herbeiführen werde. Was den jungen Liebhaber betrifft, so bin ich nicht ganz sicher, ob es für unsere Sache nicht besser ist, dass Lucy in dieser Hinsicht eine Enttäuschung erlebt hat; denn wenn eine Frau einmal geliebt hat und die Liebe völlig hoffnungslos ist, vertreibt sie alle vagen Vorstellungen von anderen Liebhabern gänzlich aus ihrem Kopf; sie begnügt sich mit einem Ehemann, den sie achten kann! Süße Galoppade! Aber Ihr, Mauleverer, wollt, dass Lucy Euch liebt! Und das wird sie – nachdem Ihr sie geheiratet habt! Sie wird Euch teilweise wegen der Vorteile lieben, die sie durch Euch genießt, teilweise aus Gewohnheit (ganz zu schweigen von Euren guten Eigenschaften). Meinerseits denke ich, dass Häuslichkeit so weit geht, dass ich glaube, eine Frau sei immer geneigt, einem Mann gegenüber zärtlich zu sein, den sie einmal in seiner Nachtmütze gesehen hat. Wie dem auch sei, Ihr solltet in die Stadt kommen; der kürzliche Tod meines armen Bruders erlaubt uns, niemanden zu empfangen – die Küste wird frei von Rivalen sein; Kummer hat das Herz meiner Nichte weich gemacht; mit einem Wort, eine bessere Gelegenheit könntet Ihr nicht haben. Kommt!

Übrigens, Ihr sagt, einer der Gründe, die Euch dazu brachten, schlecht über diesen Captain Clifford zu denken, sei Euer Eindruck gewesen, dass Ihr in der Gestalt eines seiner Kameraden etwas erkannt habt, das Euch an einen der Kerle zu erinnern schien, die Euch vor ein paar Monaten ausgeraubt haben. Ich verstehe, dass die Polizei in diesem Augenblick aktiv Jagd auf drei höchst versierte Räuber macht; und ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn in eben diesem Clifford der Anführer der Bande gefunden würde, nämlich der berüchtigte Lovett. Ich höre, dass dieser Anführer ein kluger und gutaussehender Kerl mit vornehmen Manieren sei und dass seine allgemeinen Gefährten zwei Männer genau von jenem Schlag sind, den Ihr mir so amüsant beschrieben habt. Ich hörte dies gestern von Nabbem, dem Polizeibeamten, mit dem ich einst bei einem Prozess Bekanntschaft gemacht habe; und in meinem Groll gegen Euren Rivalen deutete ich meine Vermutung an, dass er, Captain Clifford, nicht unmöglich dieser Rinaldo Rinaldini der Landstraßen sein könnte. Nabbem griff meinen Hinweis sofort auf; so dass, falls er auf einer wahren Vermutung beruht, ich mein Gewissen ebenso wie meine Freundschaft mit der Hoffnung schmeicheln kann, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, diesen Adonis meiner Nichte aufzuhängen. Ob meine Vermutung wahr ist oder nicht, Nabbem sagt, er sei sicher, diesen Lovett zu fassen; denn einer aus seiner Bande habe versprochen, ihn zu verraten. Zum Henker mit diesen aufstrebenden Hunden! Ich dachte, Verrat sei auf die Politik beschränkt; und dieser Gedanke lässt mich mich den öffentlichen Angelegenheiten zuwenden, in denen sich alle Menschen mit der erbaulichsten Schnelligkeit wenden....“

Sir William Brandons Schreiben fand Mauleverer in einer Stimmung, die für Lucy und für London passend war. Unser würdiger Peer war durch Lucys plötzliche Abreise aus Bath nicht wenig verärgert gewesen; und während er zweifelte, ob er ihr folgen sollte oder nicht, hatten ihn die Zeitungen über den Tod des Gutsherrn informiert. Da sich Mauleverer der Unmöglichkeit, sein Werben sofort fortzusetzen, voll bewusst war, versuchte er, wie der wahre Philosoph, der er war, sich mit seiner aufgeschobenen Hoffnung zu versöhnen. Wenige Menschen waren leichter für Trost empfänglich als Lord Mauleverer. Er fand eine angenehme Dame, deren Gesicht weniger verblüht war als ihr Ruf, der er die Sorge anvertraute, seine Mußestunden von Langeweile zu befreien; und da sie eine lebhafte Frau war, erledigte die Vertraute die Aufgabe zur großen Zufriedenheit Lord Mauleverers für die Dauer einer vierzehntägigen Frist, sodass er natürlicherweise begann, seine Liebe zu Lucy durch Abwesenheit und andere Bindungen allmählich schwinden zu fühlen; doch gerade als der Triumph der Zeit über die Leidenschaft entscheidend zu werden drohte, verließ die Dame Bath in Begleitung eines großen Gardeoffiziers, und Mauleverer erhielt Brandons Brief. Diese beiden Ereignisse erinnerten unseren ausgezeichneten Liebhaber an seine Treuepflicht; und da es nun in Bath keinen besonderen Reiz mehr gab, der der Glut seiner Zuneigung entgegenstand, bestellte Lord Mauleverer die Pferde für seine Kutsche und brach, nur von seinem Kammerdiener begleitet, nach London auf.

Nichts könnte wohl ein besseres Porträt des verwöhnten Lieblings der Welt liefern als der Anblick von Lord Mauleverers dünnen, wählerischen Zügen, die aus dem geschlossenen Fenster seines luxuriösen Reisewagens hervorschauten; der Rest des äußeren Mannes war sorgfältig in Pelze gehüllt, ein halbes Dutzend Romane bestreuten den Sitz der Kutsche, und ein magerer französischer Hund, seinem Herrn überaus ähnlich, schnüffelte vergeblich nach der frischen Luft, die in der Einbildung Mauleverers mit allerlei Asthma und Katarrhen bevölkert war! Mauleverer stieg in Salisbury aus seinem Wagen, um sich die Glieder zu strecken und sich mit einem Kotelett zu amüsieren. Unser Edelmann war auf den Straßen wohlbekannt; und da niemand leutseliger sein konnte, war er ebenso beliebt. Der emsige Wirt eilte in den Raum, um seiner Herrschaft persönlich aufzuwarten und alle Neuigkeiten des Ortes zu erzählen.

„Nun, Mr. Cheerly“, sagte Mauleverer und warf einen prüfenden Blick auf sein Kotelett, „die schlechten Zeiten haben, wie ich sehe, Euren Koch nicht ruiniert.“

„In der Tat, mein Herr, Eure Herrschaft ist sehr gütig, und die Zeiten sind in der Tat sehr schlecht – sehr schlecht in der Tat. Ist genug Soße da? Vielleicht möchte Eure Herrschaft die eingelegten Zwiebeln probieren?“

„Die was? Zwiebeln! – Oh! Ah! Nichts kann besser sein; aber ich rühre sie niemals an. Also, sind die Straßen gut?“

„Eure Herrschaft hat sie doch hoffentlich bis Salisbury gut gefunden?“

„Ah! Ich glaube schon. Oh! gewiss, ausgezeichnet bis Salisbury. Aber wie sind sie nach London? Wir hatten in letzter Zeit nasses Wetter, glaube ich!“

„Nein, mein Herr. Hier war das Wetter trocken wie ein Knochen.“

„Oder ein Kotelett!“, murmelte Mauleverer; und der Wirt fuhr fort:

„Was die Straßen selbst angeht, mein Herr, soweit es die Straßen betrifft, so sind sie ziemlich gut, mein Herr; aber ich kann nicht sagen, dass es nicht etwas an ihnen gäbe, das verbessert werden könnte.“

„Keineswegs unwahrscheinlich! Ihr meint die Gasthäuser und die Mautstationen?“, entgegnete Mauleverer.

„Eure Herrschaft beliebt scherzhaft zu sein; nein! Ich meinte etwas Schlimmeres als sie.“

„Was! Die Köche?“

„Nein, mein Herr, die Straßenräuber!“

„Die Straßenräuber! Wirklich?“, sagte Mauleverer besorgt; denn er hatte eine Schatulle mit Diamanten bei sich, die zu jener Zeit bei großen Anlässen oft als Schmuck der Herrenkleidung in Form von Knöpfen, Schnallen usw. dienten. Er hatte auch eine ziemlich große Summe Bargeld bei sich – ein Segen, den er in letzter Zeit als sehr selten zu finden begonnen hatte. „Übrigens, die Schurken haben mich schon einmal auf dieser Straße ausgeraubt. Meine Pistolen sollen diesmal geladen sein. Mr. Cheerly, Ihr bestellt besser die Pferde; man kann genauso gut dem Einbruch der Nacht entgehen.“

„Gewiss, mein Herr, gewiss. – Jem, die Pferde sofort! – Eure Herrschaft möchte noch ein Kotelett?“

„Keinen Bissen!“

„Eine Torte?“

„Zum Teuf--! Nicht um alles in der Welt!“

„Bringt den Käse, John!“

„Sehr verbunden, Mr. Cheerly, aber ich habe gespeist; und wenn ich Eurer guten Bewirtung nicht gerecht geworden bin, so dankt es Euch selbst und den Straßenräubern. Wo überfallen einen diese Straßenräuber?“

„Nun, mein Herr, die Gegend von Reading ist, glaube ich, der schlimmste Teil; aber sie sind den ganzen Weg bis Salthill sehr lästig.“

„Verdammt! Genau die Gegend, in der mich die Schurken schon einmal ausgeraubt haben! Ihr könnt sie mit Recht lästig nennen! Warum zum Teufel räumt die Polizei das Land nicht von solch einer beweglichen Sorte von Ärger?“

„In der Tat, mein Herr, ich weiß es nicht; aber man sagt, Captain Lovett, der berühmte Räuber, sei einer aus der Bande; und niemand kann ihn fangen, fürchte ich!“

„Weil der Hund, nehme ich an, den Verstand hat, zu bestechen ebenso wie zu drangsalieren. Wie groß ist die allgemeine Zahl dieser Schurken?“

„Nun, mein Herr, manchmal einer, manchmal zwei, aber selten mehr als drei.“

Mauleverer richtete sich auf. „Meine lieben Diamanten und mein hübscher Beutel!“, dachte er; „ich kann euch vielleicht noch retten!“

„Seid Ihr schon lange von den Kerlen geplagt?“, fragte er nach einer Pause, während er seine Rechnung bezahlte.

„Nun, mein Herr, wir haben und wir haben nicht. Ich bilde mir ein, sie haben eine Art Spuk in der Nähe von Reading, denn manchmal sind sie genau dort unerträglich, und manchmal sind sie monatelang ganz still! Zum Beispiel, mein Herr, wir dachten vor einiger Zeit, sie wären alle weg; aber in letzter Zeit haben sie regelmäßig jeden angehalten, obwohl ich höre, dass sie noch keine große Beute gemacht haben sollen.“

Hier kündigte der Kellner die Pferde an, und Mauleverer stieg langsam wieder in seine Kutsche, unter den Verbeugungen und dem Lächeln der entzückten Geister des Gasthauses.

Während des Tages dachte Mauleverer, der von Natur aus ein tapferes und furchtloses Gemüt hatte, nicht mehr an die Straßenräuber – eine Art von Gefahr, die zu jener Zeit so gewöhnlich war, dass die Männer es fast für beschämend hielten, die Furcht davor zu einem Grund für eine Verzögerung auf der Reise zu machen. Reisende hielten es selten für das Beste, Zeit zu verlieren, um Geld zu sparen; und sie trugen ein mutiges Herz und ein Paar Pistolen bei sich, anstatt die ganze Nacht auf der Straße zu schlafen. Mauleverer, ein ziemlicher preux chevalier, war genau von dieser Art von Wanderern; und eine Nacht in einem Gasthaus, wenn es möglich war, sie zu vermeiden, war für ihn, wie für die meisten reichen Engländer, eine langweilige Qual, die eifrig gemieden werden musste. Es kam daher unserem vortrefflichen Edelmann trotz seiner Erfahrung nie in den Sinn, dass seine Diamanten und sein Geldbeutel vor jeder Gefahr bewahrt werden könnten, wenn er sich bereit erklären würde, sie mitsamt seiner eigenen Person an einem Ort gastlicher Aufnahme zu hinterlegen; noch war es tatsächlich so, bis er eine Station vor Reading war und die Dämmerung völlig eingebrochen war, dass er sich deswegen den Kopf zerbrach. Aber während die Pferde angespannt wurden, rief er die Postillione zu sich; und nachdem er ihre Mienen mit dem Auge eines Mannes betrachtet hatte, der gewohnt war, Physiognomien zu lesen, redete er sie so beredt an:

„Meine Herren, ich bin informiert worden, dass die Gefahr besteht, zwischen dieser Stadt und Salthill ausgeraubt zu werden. Nun, ich darf Ihnen mitteilen, dass ich es für nahezu unmöglich halte, dass vier Pferde, wenn sie richtig gelenkt werden, von weniger als vier Männern angehalten werden können. Dieser Anzahl werde ich mich wahrscheinlich beugen; einer geringeren Anzahl werde ich mit Sicherheit nichts als Kugeln geben. Verstehen Sie mich?“

Die Postillione grinsten, berührten ihre Hüte; und Mauleverer fuhr langsam fort:

„Wenn daher – merken Sie sich das! – ein, zwei oder drei Männer Ihre Pferde anhalten und ich feststelle, dass der Gebrauch Ihrer Peitschen und Sporen wirkungslos ist, die Tiere aus dem Griff der Räuber zu befreien, beabsichtige ich, mit diesen Pistolen – Sie bemerken sie! – auf die Herren zu schießen, die Sie aufhalten; aber da mein Sehvermögen im Dunkeln ein wenig schwankt, obwohl ich im Allgemeinen ein todsicherer Schütze bin, halte ich es für sehr gut möglich, dass ich das Unglück haben könnte, Sie, meine Herren, anstatt der Räuber zu erschießen! Sie sehen, die Schurken werden dicht bei Ihnen sein, ausreichend nah, um Sie in Gefahr zu bringen, es sei denn natürlich, Sie schlagen sie mit dem Kolben Ihrer Peitschen nieder. Ich erwähne das nur, damit Sie vorbereitet sind. Sollte ein solches Missgeschick geschehen, brauchen Sie sich im Voraus nicht zu beunruhigen, denn ich werde für Ihre Witwen bestmöglich sorgen; sollte es nicht geschehen und sollten wir Salthill wohlbehalten erreichen, beabsichtige ich, mein Empfinden für die Vortrefflichkeit Ihrer Fahrkünste durch ein Geschenk von zehn Guineen pro Kopf zu bezeugen! Meine Herren, ich bin mit Ihnen fertig. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich mit dem, was ich Ihnen gesagt habe, im Ernst bin. Erweisen Sie mir die Ehre, aufzusitzen.“

Mauleverer rief dann seinen Lieblingsdiener, der auf dem Dienerbock vorne saß (da Rumble-Tumbles damals nicht in Gebrauch waren). „Smoothson“, sagte er, „das letzte Mal, als wir auf genau dieser Straße überfallen wurden, haben Sie sich verdammt schlecht benommen. Sorgen Sie dafür, dass Sie es diesmal besser machen, oder es könnte schlecht für Sie ausgehen. Sie haben heute Nacht Pistolen bei sich, was? Nun, das ist richtig! Und Sie sind sicher, dass sie geladen sind? Sehr gut! Nun denn, wenn wir angehalten werden, verlieren Sie keine Sekunde. Springen Sie herunter und feuern Sie eine Ihrer Pistolen auf den ersten Räuber ab. Behalten Sie die andere für einen sicheren Schuss. Der erste Schuss dient der Einschüchterung, der zweite dem Töten. Sie verstehen? Meine Pistolen sind in ausgezeichnetem Zustand, nehme ich an. Leihen Sie mir den Ladestock. So, so! Keine Tricks diesmal!“

„Sie würden eine Fliege töten, mein Herr, vorausgesetzt, Euer Lordschaft zielte gerade darauf.“

„Ich zweifle nicht an Ihnen“, sagte Mauleverer; „zünden Sie die Laternen an und sagen Sie den Postillionen, sie sollen weiterfahren.“

Es war eine frostige und ziemlich klare Nacht. Das Zwielicht der Dämmerung war unter dem gerade aufgegangenen Mond geschmolzen, und der graue Reif glitzerte auf den Büschen und dem Rasen und brach sich in tausend Diamanten, als er die Strahlen der Sterne auffing. Die Pferde trabten munter voran, ihr Atem dampfte in der frischen Luft, und ihre Hufe klangen fröhlich auf dem harten Boden. Die schnelle Bewegung der Kutsche, die erfrischende Kühle der Nacht und die Aufregung, die durch die Angst und das Vorausahnen der Gefahr verursacht wurde, trugen alle dazu bei, das träge Blut von Lord Mauleverer in ein kräftiges und beschwingtes Gefühl zu versetzen, das in der Jugend seinem Charakter entsprach, aber völlig im Widerspruch zu der Natur stand, die er durch die Sitten seines Mannesalters angenommen hatte.

Er tastete nach seinen Pistolen, und seine Hände zitterten ein wenig dabei – nicht im Geringsten vor Furcht, sondern aufgrund jener Rastlosigkeit und Eifrigkeit, die für nervöse Personen in einer neuen Situation eigen ist.

„In diesem Land“, sagte er zu sich selbst, „bin ich im Laufe meines Lebens nur einmal ausgeraubt worden. Es war damals ein wenig meine Schuld; denn bevor ich zu meinen Pistolen griff, hätte ich sicher sein müssen, dass sie geladen sind. Heute Nacht werde ich einen ähnlichen Fehler sicher vermeiden; und meine Pistolen haben eine Beredsamkeit in ihren Läufen, die überaus bewegend ist. Humpf, noch ein Meilenstein! Diese Kerle fahren gut; aber wir kommen in eine hübsch aussehende Gegend für Messieurs, die Jünger von Robin Hood!“

Es war in der Tat ein malerischer Fleck, durch den die Kutsche nun rasant wirbelte. Einige Meilen von Maidenhead entfernt, an der Henley Road, werden sich unsere Leser wahrscheinlich an ein kleines Stück waldartiges Land erinnern, das auf beiden Seiten der Straße liegt. Zur Linken erstreckt sich das grüne Ödland zwischen den Bäumen und Büschen; und wer sich in der Gegend auskennt, kann von dort aus durch eine Landschaft, die so wenig bewohnt ist, wie es das grüne Sherwood früher einmal war, in die Ketten aus wildem Gemeinland und tiefen Buchenwäldern gelangen, die einen gewissen Teil von Oxfordshire begrenzen und so schön mit den allgemeinen Charakteristika dieser Grafschaft kontrastieren.

Zu der Zeit, von der wir sprechen, war die Gegend sogar noch weit wilder als heute; und genau an dem Punkt, an dem die Straßen von Henley und Reading zusammentreffen, gab es einen Ort (der damals mit dem von uns beschriebenen Ödland in Verbindung stand), für den es vielleicht nur wenige Orte gab, die besser für die Zwecke solch wahrer Männer geeignet waren, die auf das ursprüngliche Naturgesetz zurückgreifen. Gewiss war es, dass Mauleverer an diesem Teil der Straße ängstlicher aus seinem Fenster blickte, als er es bis dahin getan hatte, und anscheinend blieb die gesteigerte Ernsthaftigkeit seiner Untersuchung nicht ganz ohne Belohnung.

Etwa hundert Meter zur Linken waren drei dunkle Objekte gerade im Schatten erkennbar; einen Moment später tauchten die Objekte auf und nahmen die Gestalt von drei Männern an, die gut beritten waren und in einem munteren Trab ritten.

„Nur drei!“, dachte Mauleverer, „das ist gut“; und während er sich mit einer Pistole in jeder Hand aus dem vorderen Fenster lehnte, rief Mauleverer den Postillionen in strengem Ton zu: „Fahrt weiter und erinnert euch, was ich euch gesagt habe! – Denkt daran!“, fügte er an seinen Diener gewandt hinzu. Die Postillione blickten kaum zurück; aber ihre Sporen bohrten sich in ihre Pferde, und die Tiere flogen wie der Blitz davon.

Die drei Fremden hielten inne, als ob sie sich berieten; ihre Entscheidung war prompt. Zwei schwenkten von ihrem Kameraden ab und stürmten im vollen Galopp an der Kutsche vorbei. Mauleverers Pistole ragte bereits aus dem vorderen Fenster, als er zu seinem Erstaunen und zur völligen Vereitelung seiner geistreichen Ermahnung an seine Kutscher mitansehen musste, wie die beiden Postillione einer nach dem anderen mit einer Schnelligkeit von ihren Pferden geschlagen wurden, die ihm kaum einen Ausruf gestattete; und bevor er seine Fassung wiedererlangt hatte, schreckten die Pferde auf (und ihr Schrecken wurde von den Straßenräubern geschickt ausgenutzt), die Kutsche wurde regelrecht in einen Graben auf der rechten Straßenseite gewirbelt und kippte um. Währenddessen war Smoothson von seinem Platz vorne gesprungen; und nachdem er, wenn auch ohne Wirkung, auf den dritten Räuber gefeuert hatte, der drohend auf ihn zuging, gewann er die Zeit, die Kutschentür zu öffnen und seinen Herrn zu befreien.

In dem Moment, als Mauleverer festen Boden unter den Füßen hatte, bereitete er seinen Mut für offensive Maßnahmen vor; und er und Smoothson, die Seite an Seite vor dem unglückseligen Gefährt standen, boten dem Feind keinen wenig furchteinflößenden Anblick. Die beiden Räuber, die sich so entschieden der Postillione entledigt hatten, handelten mit nicht weniger Entschlossenheit gegenüber den Pferden. Einer von ihnen stieg ab, schnitt die Zügel durch und ließ die aufbäumenden Vierbeiner laufen, wohin sie wollten. Diese Maßnahme wurde jedoch nicht ungestraft gelassen; eine Kugel aus Mauleverers Pistole durchschlug den Hut des Straßenräubers mit einem so geringfügigen Zielen, dass sie mit einem Geräusch, das dem erstaunten Helden nicht weniger aus Liebe zu seinem Kopf als aus Sorge um sein Haar einen Schrecken einjagte, zwischen seinen Locken hindurchpfiff. Der Schock ließ ihn einen Moment taumeln; und ein zweiter Schuss aus den Händen Mauleverers hätte wahrscheinlich seine irdische Laufbahn beendet, wenn sich der dritte Räuber, der bisher fast untätig geblieben war, nicht von seinem Pferd geworfen hätte, das, zu solcher Gelehrigkeit erzogen, vollkommen ruhig stehen blieb, und mit kühnem Schritt und gezogener Pistole auf Mauleverer und seinen Diener zuging und mit entschlossener Stimme sagte: „Meine Herren, es ist nutzlos zu kämpfen; wir sind gut bewaffnet und entschlossen, unseren Zweck zu erreichen. Ihre Personen sollen sicher sein, wenn Sie Ihre Waffen niederlegen, und auch den Teil Ihres Eigentums, den Sie besonders zu behalten wünschen; aber wenn Sie Widerstand leisten, kann ich für Ihr Leben nicht garantieren!“

Mauleverer hatte sich diese Rede geduldig angehört, um mehr Zeit für die Justierung seines Ziels zu haben. Seine Antwort war eine Kugel, die die Seite des Sprechers streifte und die Haut aufriss, ohne eine gefährlichere Wunde zuzufügen. Einen Fluch über das Fehlgehen seines Ziels murmelnd und bis zuletzt entschlossen, sobald sein Blut erst einmal in Wallung geraten war, wich Mauleverer einen Schritt zurück, zog seinen Degen und warf sich in die Haltung eines Kämpfers, der im Gebrauch des Instruments, das er trug, wohlbewandert war.

Aber diese unvergleichliche Persönlichkeit war auf dem besten Weg festzustellen, welches Glück im Jenseits für einen Mann reserviert ist, der keine Mühen gescheut hat, es sich in dieser Welt bequem zu machen. Denn die zwei ersten und aktivsten Räuber, die die Arbeit an den Pferden beendet hatten, näherten sich nun Mauleverer; und der größere von ihnen, immer noch empört über die späte Gefahr für sein Haar, rief mit stentorischer Stimme:

„Beim Jupiter! Du alter Narr, wenn du deine Bratgabel nicht wegwirfst, mache ich dich einen Kopf kürzer!“

Der Sprecher ließ der Tat das Wort folgen, indem er eine riesige Pistole spannte. Mauleverer blieb standhaft; aber Smoothson wich zurück und fiel, über das Rad der Kutsche stolpernd, rückwärts; im nächsten Augenblick hatte der zweite Straßenräuber die Pistolen des Kammerdieners an sich gebracht und, ruhig auf dem Bauch des gefallenen Mannes sitzend, amüsierte er sich damit, den Inhalt der Taschen des Dieners zu untersuchen. Mauleverer war nun allein; und seine Sturheit erzürnte den großen Raufbold so sehr, dass seine Hand bereits am Abzug war, als der dritte Räuber, dessen Seite Mauleverers Kugel gestreift hatte, sich zwischen die beiden schob.

„Halt, Ned!“, sagte er und drückte die Pistole seines Kameraden zurück. „Und Sie, mein Lord, deren Tollkühnheit Sie Ihr Leben kosten sollte, lernen Sie, dass Männer großmütig rauben können.“ So sagend, flog Mauleverers Degen mit einem geschickten Schlag der Reitpeitsche des Räubers nach oben und landete in einer Entfernung von zehn Metern von seinem Besitzer.

„Nähert euch nun“, sagte der Sieger zu seinen Kameraden. „Plündert die Kutsche, und zwar mit aller Eile!“

Der große Straßenräuber beeilte sich, diesen Befehl auszuführen; und der kleinere, der die Untersuchung von Mr. Smoothsons Taschen zufriedenstellend beendet hatte, zog aus seinem eigenen Beutel ein ziemlich dickes Seil; damit fesselte er die Hände des am Boden liegenden Kammerdieners, wobei er, während er das Seil um die Handgelenke des gefallenen Mannes wickelte, in folgendem erbaulichen Tonfall moralisierte:

„Bleiben Sie ruhig, mein Herr – bleiben Sie ruhig, ich beschwöre Sie! Alle weisen Männer sind Fatalisten; und kein Sprichwort ist prägnanter als das, das besagt: ‚Was nicht geheilt werden kann, muss erduldet werden.‘ Bleiben Sie ruhig, sage ich Ihnen! Vielleicht denken Sie nur wenig daran, dass Sie eine der edelsten Funktionen der Menschheit erfüllen; ja, mein Herr, Sie füllen die Taschen der Bedürftigen; und durch mein jetziges Handeln bewahre ich Sie vor jeglicher Schwäche des Fleisches, die ein so lobenswertes Ziel behindern und damit die Vortrefflichkeit Ihres Tuns gefährden könnte. So, mein Herr, Ihre Hände sind fest – bleiben Sie ruhig und denken Sie nach.“

Als er dies sagte, rollte der Moralist Mr. Smoothson mit drei sanften Tritten in den Graben und eilte, sich seinem langgewachsenen Kameraden bei seiner angenehmen Beschäftigung anzuschließen.

In der Zwischenzeit standen Mauleverer und der dritte Räuber (der, im wahren Geiste der Regierung, würdevoll und untätig blieb, während seine Anhänger plünderten, wovon er sicher plante, den Anteil zu erhalten, wenn nicht gar alles zu monopolisieren) nur wenige Fuß voneinander entfernt, von Angesicht zu Angesicht.

Mauleverer hatte sich nun davon überzeugt, dass jeder Versuch, sein Eigentum zu retten, aussichtslos war, und er hatte zudem den Trost, zu denken, er habe sein Bestes getan, um es zu verteidigen. Er hieß daher alle seine Gedanken zur Sorge um seine Person zurückkehren. Er rückte seinen Pelzkragen mit großer Kaltblütigkeit um seinen Hals, zog seine Handschuhe an und tätschelte seinen verängstigten Pudel, der mit einer erhobenen und nervös zitternden Pfote auf dem Hinterteil saß und bebte, und sagte:

„Sie, mein Herr, scheinen eine zivile Person zu sein, und ich hätte es wirklich sehr bedauert, wenn ich das Unglück gehabt hätte, Sie zu verwunden. Sie sind nicht verletzt, hoffe ich. Sagen Sie mir, wenn ich fragen darf, wie soll ich nun weiterverfahren? Meine Kutsche liegt im Graben, und meine Pferde sind bis jetzt wahrscheinlich am Ende der Welt.“

„Was das angeht“, sagte der Räuber, dessen Gesicht, wie die seiner Kameraden, in der bewährten Manier der Straßenräuber jener Tage eng maskiert war, „glaube ich, dass Sie nach Maidenhead laufen müssen – es ist nicht weit, und die Nacht ist schön!“

„Eine wahrlich unbedeutende Härte!“, sagte Mauleverer ironisch; aber sein neuer Bekannter gab keine Antwort, noch schien er im Geringsten darauf bedacht zu sein, sich auf ein weiteres Gespräch mit Mauleverer einzulassen.

Der Graf wandte sich daher, nachdem er einige Augenblicke die Operationen der anderen Räuber beobachtet hatte, auf dem Absatz um und blieb mit würdevoller Gleichgültigkeit eine Opernmelodie summend stehen, bis das Paar das Plündern der Kutsche beendet hatte und, Mauleverer ergreifend, dazu überging, ihn zu plündern.

Mit gekräuselter Lippe und erhobener Braue ließ sich jene höchste Persönlichkeit, wie es der größere Räuber ausdrückte, „ausnehmen“. Seine Uhr, seine Ringe, sein Geldbeutel und seine Schnupftabaksdose, alles ging verloren. Es war lange her, dass die Schurken eine solche Beute gemacht hatten.

Sie waren kaum fertig, als die Postillione, die sich nun umzusehen begannen, einen gleichzeitigen Schrei ausstießen, und in einiger Entfernung sah man einen Wagen schwerfällig herannahen. Mauleverer brauchte sein Geld wirklich, ganz zu schweigen von seinen Diamanten; und sobald er Hilfe in greifbarer Nähe bemerkte, flammte eine neue Hoffnung in ihm auf. Sein Degen lag noch auf dem Boden; er sprang darauf zu, ergriff ihn, stieß einen Hilferuf aus und stürzte sich erbittert auf den Straßenräuber, der ihn entwaffnet hatte; aber der Räuber, der die Klinge mit seiner Peitsche abwehrte, wich zu seinem Sattel zurück, den er trotz Mauleverers Ausfällen ungestraft wieder zu erreichen wusste.

Die anderen beiden waren bereits aufgesessen, und eine Minute später war keine Spur des Trios mehr sichtbar. „Das ist das, was man mit Fug und Recht als einsame Glückseligkeit bezeichnen kann!“, sagte Mauleverer, als er seinen nutzlosen Degen fallen ließ und seine Hände in die Taschen steckte.

Wir lassen unseren unvergleichlichen Peer zu Fuß seinen Weg nach Maidenhead finden, begleitet (ganz zu schweigen von dem Pudel) von einem Fuhrmann, zwei Postillionen und dem befreiten Mr. Smoothson, die ihn alle vier mit ihrem Beileid erfreuten, und folgen mit unserer Geschichte den Schritten der drei alieni appetentes.

KAPITEL XXVI.

Die Schurken waren sehr lustig über ihre Beute. Sie sagten tausend Dinge, die die Bosheit ihrer Moral zeigten. — Gil Blas.

Sie suchten einen Ort aus, wo sie eine Höhle machten, die groß genug war, um sie und ihre Pferde aufzunehmen. Diese Höhle war von einer Art Dickicht aus Büschen und Brombeeren umschlossen. Von dieser Station aus pflegten sie auszureiten usw. — Memoiren von Richard Turpin.

Es dauerte einige Minuten nach Beginn ihrer Flucht, bis ein Gespräch zwischen den Räubern stattfand. Ihre Pferde flogen wie der Wind; und die Landschaft, durch die sie ritten, bot ihrer Schnelligkeit kein anderes Hindernis als gelegentliche Hecken oder eine Abkürzung durch die Dickichte eines unbelaubten Buchenwaldes. Die Sterne verliehen ihnen ein fröhliches Licht, und die Stimmung von zumindest zweien von ihnen stand voll und ganz im Einklang mit der Ausgelassenheit des Tempos und der Luft. Vielleicht trug bei dem dritten eine gewisse Vorahnung, dass das gegenwärtige Abenteuer weniger fröhlich enden würde, als es begonnen hatte, zusammen mit anderen Gründen für Düsterkeit dazu bei, jene Erhebung des Blutes zu dämpfen, die im Allgemeinen auf eine erfolgreiche Heldentat folgt.

Der Pfad, den die Räuber einschlugen, wand sich an den Seiten langer Wälder entlang oder über große Flächen unkultivierten Landes; und sie begegneten auf der Straße nichts Lebendigem, außer hin und wieder einer einsamen Eule, die ihren grauen Körper um die Ränder der kahlen Wälder kreiste, oder gelegentlich Gruppen von Kaninchen, die in den Feldern ihren Spielen nachgingen und ihre Mitternachtsnahrung genossen.

„Himmel!“, rief der große Räuber, dessen Inkognito wir nicht länger wahren müssen und der, wie unsere Leser zweifellos wissen, auf den Namen Pepper hörte – „Himmel!“, rief er, während er in einer Art Ekstase zu den Sternenhimmeln aufblickte, „was für ein lustiges Leben das ist! Manche Kerle mögen die Jagd; zum Teufel! welche Jagd ist wie die Straße? Wenn es Sport ist, einen garstigen Fuchs zu jagen, wie viel mehr ist es dann, die Kutsche eines netten, sauberen Edelmanns zu jagen! Wenn es Freude ist, eine Bürste zu ergattern, wie viel mehr ist es dann, einen Geldbeutel zu ergattern! Wenn es angenehm ist, bei hellem Tageslicht über eine Hecke zu fliegen, dann hänge man mich auf, wenn es nicht zehnmal feinerer Sport ist, sie bei Nacht zu überfliegen – los geht’s! Sieh nur, wie die Hecken vor uns davonlaufen! Und der alberne alte Mond tanzt herum, als ob der Anblick von uns die gute Dame in Stimmung versetzte! Diese alten Jungfern freuen sich immer, ein Auge auf solch feine, schneidige junge Kerle zu haben.“

„Ja“, rief der gelehrtere und sentenziösere Augustus Tomlinson, der durch den Erfolg aus seiner üblichen philosophischen Nüchternheit geweckt wurde; „keine Arbeit ist so angenehm wie die Nachtarbeit, und die Hexen, die unsere Vorfahren verbrannten, hatten Recht, auf ihren Besenstielen mit den Eulen und den Sternen auszureiten. Wir sind ihre Nachfolger jetzt, Ned. Wir sind eure wahren Nachtschwärmer!“

„Nur“, sagte Ned, „sind wir verdammt viel cleverer als sie waren; denn sie spielten ihr Spiel, ohne auch nur ein bisschen reicher davon zu werden, und wir – sag mal, Tomlinson, wo zum Teufel hast du das rote Maroquin-Etui hingetan?“

„Erfahrung erleuchtet niemals die Törichten“, sagte Tomlinson, „sonst hättest du gewusst, ohne zu fragen, dass ich es in die sicherste Tasche meines Mantels gesteckt habe. Meine Güte, wie schwer es ist!“

„Nun“, rief Pepper, „ich kann nicht sagen, dass ich wünschte, es wäre leichter! Denk nur daran, dass wir meinen Lord zweimal ausgeraubt haben, und noch dazu auf derselben Straße!“

„Ich sage dir, Lovett“, rief Tomlinson, „war es nicht seltsam, dass wir so unzeremoniell über unseren Bath-Freund gestolpert sind? Ein Glück für uns, dass wir so streng darauf achten, in Masken zu rauben! Er hätte nicht besser von der Gesellschaft in Bath gedacht, wenn er unsere Gesichter gesehen hätte.“

Lovett, oder vielmehr Clifford, war bisher still gewesen. Er wandte sich nun langsam im Sattel und sagte: „Wie es war, wäre der arme Teufel fast erledigt worden. Der lange Ned machte kurzen Prozess mit ihm, wenn ich nicht dazwischengegangen wäre!“

„Und warum hast du das getan?“, sagte Ned.

„Weil ich kein Töten will; es ist der Fluch der edlen Kunst unseres Berufs, leidenschaftliche Professoren wie dich zu haben.“

„Leidenschaftlich!“ wiederholte Ned. „Nun, ich bin ein wenig jähzornig, das gebe ich zu; aber das ist auf der Landstraße kein so großer Fehler wie beim Einbruch. Ich kenne nichts, das so viel Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung erfordert, wie ein Haus von oben bis unten auszuräumen – still und höflich, wohlgemerkt!“

„Das ist wohl der Grund“, sagte Augustus, „weshalb du diese Laufbahn gänzlich aufgegeben hast. Dein erstes Abenteuer war, wenn ich mich recht entsinne, ein Einbruch. Ich gestehe, es war ein vulgäres Debüt – deiner nicht würdig!“

„Nein! Harry Cook hat mich verführt; aber das Exemplar, das ich in jener Nacht sah, hat mir das Schlösserknacken verleidet; es bringt einen mit solch niederen Gefährten in Berührung. Man denke nur, da war ein Kaufmann, ein Lumpenhändler, einer aus der Bande!“

„Pfui!“ sagte Tomlinson mit feierlichem Abscheu.

„Ja, du darfst wohl die Lippe kräuseln; ich habe nie wieder in ein Haus eingebrochen.“

„Wer waren deine anderen Gefährten?“, fragte Augustus. „Nur Harry Cook – [Ein bekannter Straßenräuber.] – und eine sehr sonderbare Frau –“

Hier wurde Neds Erzählung durch einen dunklen Engpass in einem Wald unterbrochen, der jeweils nur einem Reiter Platz bot. Sie folgten diesem düsteren Pfad mehrere Minuten lang, bis er sie schließlich an den Rand einer großen Mulde brachte, die mit Büschen bewachsen war und sich in der Form eines groben Halbkreises ausbreitete. Hier stiegen die Räuber ab und führten ihre dampfenden Pferde den Abhang hinunter. Der lange Ned, der voranging, hielt bei einer Ansammlung von Büschen inne, die so dicht schienen, dass sie jedem Eindringen trotzten, die aber, als sie sich der erfahrenen Hand des Räubers auf beiden Seiten fügten, den Eingang einer Höhle freigaben. Ein paar Schritte durch den Durchgang dieses Schlundes führten sie zu einer Tür, die selbst beim Fackelschein in Farbe und Material so genau den rauen Wänden zu beiden Seiten geglichen hätte, dass sie jedes arglose Auge getäuscht hätte, und die in der gewöhnlichen Finsternis, die über ihr brütete, jahrhundertelang unentdeckt geblieben wäre. Als er einen geheimen Riegel berührte, öffnete sich die Tür, und die Räuber befanden sich in den sicheren Räumlichkeiten der „Roten Höhle“. Es mag in Erinnerung bleiben, dass unter den frühen Studien unseres beispielhaften Helden die Memoiren von Richard Turpin einen beachtlichen Teil ausgemacht hatten; und es mag auch in Erinnerung bleiben, dass bei den bunten Abenteuern jenes Herrn nichts die jugendliche Fantasie des Studenten mehr erfreut hatte als die Beschreibung der Waldhöhle, in der der tapfere Turpin sich, seinen Freund, sein Pferd zu verstecken pflegte,

„Und jene süße Heilige, die an Turpins Seite lag;“

oder, um häuslicher zu sprechen, die respektable Mrs. Turpin. So stark hatte jene frühe Erinnerung unseren Helden in ihren Bann gezogen, dass er, kaum war er unter seinen Freunden zu Ansehen gelangt, das Projekt seiner Kindheit in die Tat umgesetzt hatte. Er hatte für den Schauplatz seines Einfallsreichtums einen bewundernswerten Ort ausgewählt. In einer dünn besiedelten Gegend, umgeben von Gemeindeland und Wäldern, und doch, wie Mr. Robins sagen würde, wenn er ihn versteigern müsste, „nur einen leichten Ritt“ von volkreichen und gut befahrenen Straßen entfernt, besaß er alle Vorteile der Geheimhaltung für sich selbst und der Bequemlichkeit für Raubzüge. Nur sehr wenige aus der Bande, und auch nur jene, die bei ihrem Bau beschäftigt waren, wurden in das Geheimnis dieser Höhle eingeweiht; und da unsere Abenteurer sie nur selten aufsuchten, und nur bei dringendem Bedarf oder zur sicheren Verborgenheit, war sie seit mehr als zwei Jahren unentdeckt und unverdächtig geblieben.

Die Höhle, ursprünglich von der Natur ausgehöhlt, verdankte der Kunst nur wenig an Ausschmückung; dennoch wurde die Rauheit der Wände durch einen groben, aber komfortablen Teppich aus Flechtwerk verborgen; vier oder fünf Sitze, wie sie die Räuber selbst zimmern konnten, waren um ein kleines, aber helles Holzfeuer gruppiert, das, da es keinen Schornstein gab, eine dünne Rauchwolke über den Raum verbreitete. Die Höhe der Höhle, gepaart mit dem universellen Versöhner (die Gewohnheit), verhinderte jedoch, dass dieses Übel ernsthaft unangenehm wurde; und in der Tat, wie die Bewohner einer irischen Hütte, maßen die Insassen einem Umstand, der mit ihren liebsten häuslichen Assoziationen verbunden war, vielleicht ein gewisses Maß an Behaglichkeit bei. Ein Tisch, geformt aus einem grob gehobelten Brett und gestützt von vier Beinen ungleicher Länge, die durch das Einschieben von Blöcken oder Keilen zwischen Bein und Boden ausgeglichen wurden, stand sich am Feuer wärmend. In einer Ecke bildete ein abgedeckter Karren ein auffälliges Möbelstück, zweifellos nützlich, um entweder Beute oder Proviant zu befördern; neben den Rädern waren nachlässig zwei oder drei grobe Zimmermannswerkzeuge sowie die kriegerischeren Utensilien einer Donnerbüchse, eines Gewehrs und zweier Breitschwerter hingeworfen. In der anderen Ecke befand sich ein offener Schrank mit Reihen von Zinntellern, Krügen usw. Gegenüber dem Kamin, der sich links vom Eingang befand, war eine Ausgrabung in einen Schlafplatz verwandelt worden; und gegenüber dem Eingang befanden sich ein Paar breite, starke Holzstufen, die zu einem großen Hohlraum etwa acht Fuß über dem Boden führten. Dies war der Eingang zu den Ställen; und sobald ihre Besitzer die Zügel der Pferde losließen, schritten die gelehrigen Tiere eines nach dem anderen gemächlich die Stufen hinauf, nach der Art von Vierbeinern, die im öffentlichen Institut von Astley ausgebildet wurden, und verschwanden in der Öffnung.

Diese Stufen machten, wenn sie hochgezogen wurden – was allerdings aufgrund ihrer extremen Schwerfälligkeit die vereinte Kraft zweier gewöhnlicher Männer erforderte und nicht das augenblickliche Werk war, das es hätte sein sollen –, den Ort oben zu einer ziemlich starken Festung; denn die Wand war vollkommen senkrecht und eben, und nur indem ein aktiver Angreifer seine Hände auf den Vorsprung legte und sich so gymnastisch in die Höhe hievte, hätte er die Anhöhe erreichen können – ein Unterfangen, das die ebenso aktiven Verteidiger, wie man sich leicht vorstellen kann, wohl kaum zugelassen hätten.

Diese obere Höhle – denn unsere Räuber schenkten ihren Pferden mehr Aufmerksamkeit als sich selbst, da sie die edleren Tiere der beiden Arten waren – war offensichtlich mit einiger Mühe eingerichtet worden. Die Boxen waren grob unterteilt, die Einstreu aus trockenem Farn war sauber, die Tröge waren mit Hafer gefüllt, und ein großer Zuber war von einem nahe gelegenen Teich aus versorgt worden. Ein Karrengeschirr und einige alte Fuhrleutekittel waren an Haken an der Wand befestigt; während sich am anderen Ende dieser sonderbaren Ställe eine stark verriegelte Tür befand, die gerade groß genug war, um den Körper eines Mannes durchzulassen. Die Verbündeten hatten es zu einem ausdrücklichen Gesetz gemacht, ihr Domän niemals durch diese Tür zu betreten oder sie zu benutzen, außer zur Flucht, sollte die Höhle jemals angegriffen werden; in diesem Fall könnte, während einer oder zwei den Eingang von der inneren Höhle aus verteidigten, ein anderer die Tür entriegeln, und da sie auf den dichtesten Teil des Waldes führte, durch den mit großem Einfallsreichtum ein labyrinthartiger Pfad geschlagen worden war, der von unwissenden Verfolgern nicht leicht zu verfolgen war, hatten diese Vorkehrungen der Straßenräuber eine faire Hoffnung auf zumindest eine vorübergehende Flucht vor etwaigen eindringenden Feinden geboten.

Dies waren die häuslichen Einrichtungen der Roten Höhle; und es wird zugegeben werden, dass zumindest etwas Geschick bei der Wahl des Ortes bewiesen wurde, wenn es auch an Geschmack bei dessen Schmuck fehlte.

Während die Pferde ihren nächtlichen Aufstieg vollzogen, begaben sich unsere drei Helden, nachdem sie die Tür gesichert hatten, sofort zum Feuer. Und dort, o Leser! wurden sie von einem begrüßt – einem alten und verehrten Bekannten von dir –, den wiederzusehen dich an einem solchen Ort gleichermaßen in Erstaunen versetzen und schmerzen wird.

Wisse also – Doch zuerst werden wir dir die Beschäftigung und die Kleidung der erhabenen Persönlichkeit beschreiben, auf die wir anspielen. Über einen großen Grill gebeugt, der köstlich mit Steaks vom gemästeten Hinterteil belegt war, stand das INDIVIDUUM, den rechten Arm über dem Ellbogen entblößt, die rechte Hand um jenen nachgeahmten Dreizack geschlossen, der den Gastronomen unter dem einsilbigen Namen „Gabel“ bekannt ist. Sein perückenloses Haupt war mit einer baumwollenen Schlafmütze geschmückt. Sein oberes Kleidungsstück war abgelegt, und eine weißliche Schürze floss graziös über seinen Mittelteil. Seine Strümpfe waren unstrumpfbandig und erlaubten zwischen Knie und Wade interessante Blicke auf das rohe Fleischliche. Ein Filzschuh und einer aus Leder umhüllten seine stattlichen Füße. Unternehmungslust oder der edle Glanz seines gegenwärtigen kulinarischen Berufs verbreiteten eine noch rosigere Röte über ein Gesicht, das früh von großzügigen Libationen gefärbt worden war, und unter dem Vorhang seiner blassen Wimpern leuchteten seine großen und runden Augen blendend auf die Neuankömmlinge. Solch, o Leser! war das Aussehen und die Beschäftigung des ehrwürdigen Mannes, den wir dich vor langer Zeit bewundern gelehrt haben; solch, ach, die Wandelbarkeit der Erde! war – Nur ein neues Kapitel kann den Namen enthalten.

KAPITEL XXVII.

Caliban. Bist du nicht vom Himmel gefallen? Der Sturm.

PETER MacGRAWLER!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

KAPITEL XXVIII.

Gott segne unseren König und das Parlament, Und sende, dass er solche Schurken zur Umkehr bewege! Loyale Lieder gegen das Rumpfparlament.

Ha, Verrat! meine Wachen, mein Krummsäbel! BYRON.

Als der respektlose Mr. Pepper seine Hände hinreichend gewärmt hatte, um sie vom Feuer entfernen zu können, hob er die rechte Handfläche und sprach mit einer unanständigen Heiterkeit des Geistes das ehemalige Schmuckstück des „Asinaeum“ mit einem tönenden Schlag auf den Rücken oder einen ähnlichen Teil seiner Konstitution an.

„Ah, alter Junge!“, sagte er, „ist das die Art, wie du für uns den Haushalt führst? Ein Feuer, das nicht groß genug ist, um eine Laus zu braten, und ein Abendessen, zu klein, um sie vorher zu mästen! Aber wie zum Henker solltest du wissen, wie man für Gentlemen Proviant beschafft? Ich wette, du dachtest, du wärst in Schottland!“

„Vielleicht dachte er das, als er dich ansah, Ned!“, sagte Tomlinson ernst; „nur selten außerhalb Schottlands sieht man einen so großen Schurken auf so engem Raum!“

Mr. MacGrawler, in dessen Augen die Handgreiflichkeit des langen Ned Tränen aufrichtigen Gefühls getrieben hatte, und der bisher den betroffenen Teil gerieben hatte, brummte nun hervor:

„Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, Mr. Pepper, aber es ist in meinem Land nicht oft zu sehen, dass Genies die Rolle des Kochs für Räuber spielen!“

„Nein!“, rief Tomlinson, „sie spielen die gewinnbringendere Rolle der Räuber für Köche, eh!“

„Verdammt, du liegst falsch“, rief der lange Ned, „denn in jenem Land gibt es entweder keine Räuber, weil es nichts zu rauben gibt; oder die Bewohner sind alle Räuber, die einander geplündert und mit der Beute davongemacht haben!“

„Möge der Teufel dich holen!“, sagte MacGrawler, bis ins Mark getroffen – denn wie alle Schotten war er ein Patriot; nach demselben Prinzip wie eine Frau, die die schlechtesten Kinder hat, die beste Mutter abgibt.

„Der Teufel“, sagte Ned und ächzte den „silbernen Klang“ nach, wie Sir W. Scott es sich so scherzhaft erlaubt hatte, die „Bergsprache“ zu nennen (die Schotten im Allgemeinen scheinen zu glauben, sie sei silbern, so sorgfältig bewahren sie sie) – „der Teufel – MacTeufel, meinst du wohl, sicher, der Herr muss ein Schotte gewesen sein!“

Der Weise grinste vor Groll; aber eingedenk der Geduld des Epiktet, als er ein Sklave war, und auch des starken Arms des langen Ned eingedenk, zügelte er sein Temperament und wendete die Steaks mit seiner Gabel.

„Nun, Ned“, sagte Augustus, warf sich in einen Stuhl, den er an das Feuer rückte, während er sanft die riesigen Glieder von Mr. Pepper tätschelte, als wollte er ihn mahnen, dass sie nicht so durchsichtig wie Glas seien, „lass uns das Feuer betrachten; und übrigens ist es deine Reihe, dich um die Pferde zu kümmern.“

„Verflucht noch mal!“, rief Ned; „es ist immer meine Reihe, glaube ich. Holla, du Schotte vom Topf! kannst du nicht beweisen, dass ich die Tiere zuletzt gestriegelt habe? Ich gebe dir eine Krone, wenn du es tust.“

Der kluge MacGrawler spitzte die Ohren.

„Eine Krone!“, sagte er – „eine Krone! Willst du mich beleidigen, Mr. Pepper? Aber sicher, du hast dich zuletzt um die Pferde gekümmert; und dieser würdige Herr, Mr. Tomlinson, muss sich auch daran erinnern.“

„Wie!“, rief Augustus; „du irrst dich, und ich gebe dir eine halbe Guinee, wenn du es beweisen kannst.“

MacGrawler öffnete die Augen immer weiter, so wie man sehen kann, wie sich ein kleiner Kreis im Wasser zur Ungeheuerlichkeit weitet, wenn man die Gleichmäßigkeit der Oberfläche durch das Eindringen eines fremden Körpers stört.

„Eine halbe Guinee!“, sagte er; „nein, nein, du scherzt. Ich bin nicht käuflich. Ihr denkt, ich sei es! Pah, pah! Ihr irrt Euch; ich bin ein Mann, der es gut meint, ein Mann der Wahrhaftigkeit, und ich werde die Wahrheit sagen, trotz aller halben Guineen auf der Welt. Aber sicher, jetzt wo ich darüber nachdenke, Mr. Tomlinson hat sich zuletzt um die Kreaturen gekümmert; und, Mr. Pepper, es ist deine Reihe.“

„Ein wahrer Daniel!“, sagte Tomlinson und gluckste auf seine übliche trockene Art. „Ned, hörst du nicht die Pferde wiehern?“

„Oh, häng die Pferde auf!“, sagte der sprunghafte Pepper, alles andere vergessend, als er seine Hände in die Taschen steckte und die Gewinne der Nacht spürte; „lasst uns zuerst unsere Gewinne betrachten!“

So sagend, marschierte er zum Tisch und leerte seine Taschen darauf. Tomlinson, keineswegs abgeneigt, folgte dem Beispiel. Himmel! welch Ausrufe der Freude drangen von den Lippen der Schurken, als sie einer nach dem anderen ihre neuen Errungenschaften inspizierten!

„Hier ist ein prächtiges Geschöpf!“, rief Ned und hantierte mit jener großartigen, mit Juwelen besetzten Uhr, die der arme Graf schon einmal vergeblich eingelöst hatte – „eine Repetieruhr, beim Jupiter!“

„Ich hoffe nicht“, sagte der phlegmatische Augustus; „Repetieruhren werden für deine Konversation nicht gut sein, Ned! Aber, alle Mächte! sieh dir diesen Ring an – ein Diamant reinsten Wassers!“

„Oh, der Funkler! Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen wie ihm selbst. Zum Teufel, hier ist eine kostbare Dose für einen Schnupfer – ein Bild innen und Rubine außen! Der alte Kerl hatte exzellenten Geschmack; es würde ihn entzücken zu sehen, wie sehr wir uns über seine Wahl des Schmucks freuen!“

„Wo wir gerade von Schmuck sprechen“, sagte Tomlinson, „ich hatte fast das Maroquin-Etui vergessen. Zwischen dir und mir, ich bilde mir ein, wir haben da einen Preis; es sieht aus wie ein Juwelenkästchen!“

So sagend, öffnete der Räuber das Etui, das an so manchem Festtag dem polierten Äußeren von Mauleverer Glanz verliehen hatte. Oh, Leser, der Ausbruch von Entzücken, der folgte! Stell ihn dir vor! Wir können ihn nicht ausdrücken. Wie der griechische Maler legen wir einen Schleier über Gefühle, die zu tief für Worte sind.

„Aber hier“, sagte Pepper, als sie ihre Verzückung beim Anblick der Diamanten fast erschöpft hatten – „hier ist eine Börse, fünfzig Guineen! Und was ist das? Banknoten, beim Jupiter! Wir müssen sie morgen wechseln, bevor sie gesperrt werden. Verflucht seien diese Kerle bei der Bank! Sie ahmen uns immer nach, wir stoppen ihr Geld, und sie verlieren keinen Moment, es ebenfalls zu stoppen. Dreihundert Pfund! Kapitän, was sagst du zu unserem Glück?“ Clifford hatte während der Operationen der Räuber düster zugesehen; er nahm nun, eine entsprechende Heiterkeit annehmend, eine passende Antwort vor, und nach einiger allgemeiner Unterhaltung fand das Werk der Teilung statt.

„Wir sind die besten Arithmetiker der Welt“, sagte Augustus, als er seinen Anteil einsteckte; „Addition, Subtraktion, Division, Reduktion – wir haben sie alle so parat wie den ‚Assistenten des Tutors‘; und was besser ist, wir machen sie alle auf die Regel de Tri anwendbar.“

„Du hast die Multiplikation ausgelassen!“, sagte Clifford lächelnd. „Ah! weil diese anders funktioniert. Die anderen Regeln gelten für die Spezies des Königreichs; aber was die Multiplikation betrifft, fürchte ich, wir multiplizieren keine Spezies außer unserer eigenen!“

„Pfui, meine Herren!“, sagte MacGrawler streng – denn es gibt eine wunderbare Wohlanständigkeit bei euren wahren Schotten. „Handlungen sind Kleinigkeiten; nichts kann sauberer sein als ihre Worte!“

„Oh, du wirfst deine Weisheit ein, tust du das?“, sagte Ned. „Ich nehme an, du willst deinen Teil der Beute!“

„Teil!“, sagte der spitzfindige Tomlinson. „Er hat schon neunmal so viele Teile wie wir. Ist er nicht ein Kritiker, und hat er nicht die Wortarten an seinen Fingerspitzen?“

„Unsinn!“, sagte MacGrawler und hob instinktiv seine Hände, wobei die Gabel zwischen die ausgestreckten Finger der rechten Handfläche fiel.

„Unsinn du selbst“, rief Ned; „du hast einen Anteil an dem, was du nie genommen hast! Ein hübscher Kerl, wahrlich! Kümmere dich um deine Angelegenheiten, Mr. Schotte, und gabel nichts als die Steaks!“

Damit wandte sich Ned den Ställen zu und verschwand bald unter den Pferden; aber Clifford, der das enttäuschte und gierige Gesicht des kulinarischen Weisen betrachtete, nahm zehn Guineen von seinem eigenen Anteil und schob sie in Richtung seines ehemaligen Tutors.

„Da!“, sagte er nachdrücklich.

„Nein, nein“, grunzte MacGrawler; „ich will das Geld nicht – es ist meine Art, solchen Abfall zu verschmähen!“ So sagend, steckte er die Münzen ein und wandte sich, vor sich hin murmelnd, der Erneuerung seiner festlichen Vorbereitungen zu.

Unterdessen fand ein geflüstertes Gespräch zwischen Augustus und dem Kapitän statt, das andauerte, bis Ned zurückkehrte.

„Und die nächtlichen Speisen dampften entlang der Tafel!“

Seelen von Don Raphael und Ambrose Lamela, was für eine bezaubernde Sache es ist, für eine kleine Zeit ein Schurke zu sein! Wie fröhlich die Menschen sind, wenn sie ihre Brüder betrogen haben! Eure unschuldigen Milchgesichter haben nie so ein fröhliches Abendessen bereitet wie unsere Helden der Straße. Clifford spielte vielleicht eine Rolle, aber die Heiterkeit seiner Kameraden war ungekünstelt. Es war ein köstlicher Kontrast – das lärmende „ha, ha!“ des langen Ned und das geheime, trockene, kalkulierende Glucksen von Augustus Tomlinson. Es war Rabelais gegen Voltaire. Sie vereinten sich nur in den Objekten ihrer Scherze, und das vorderste dieser Objekte (Weisheit ist stets die Zielscheibe der Frivolen!) war der große Peter MacGrawler.

Die gottlosen Hunde waren besonders lustig über das Thema der früheren Beschäftigung des Weisen.

„Komm, Mac, schneide du diesen Schinken an“, sagte Ned; „du hast Übung im Zerlegen.“

Der gelehrte Mann, dessen Name auf diese respektlose Weise abgekürzt wurde, machte sich daran, das zu tun, wozu er aufgefordert wurde. Er war im Begriff, sich zu diesem Zweck zu setzen, als Tomlinson ihm schlau den Stuhl wegzog – der Weise fiel.

„Keine Scherze über MacGrawler“, sagte der boshafte Augustus; „was auch immer seine Fehler als Kritiker sein mögen, du siehst, dass er gut geerdet ist, und er kommt sofort zum Kern einer Sache. Mac, nimm an, dein nächstes Werk trägt den Titel ‚Ein Schwanz des Wehs‘!“

Männer, die einen großen Geist haben, sind selten flexibel – sie nehmen einen Scherz nicht bereitwillig auf; so war es mit MacGrawler. Er erhob sich in heftigem Zorn; und wären die Räuber durchdringender gewesen, als sie sich herabließen zu sein, hätten sie etwas Gefährliches in seinem Auge bemerken können. So aber griff Clifford, der schon oft zuvor der Beschützer seines Tutors gewesen war, für ihn ein, zog dem Weisen einen Sitz in seine Nähe und füllte seinen Teller für ihn. Es war interessant, diese Ehrerbietung der Macht vor der Gelehrsamkeit zu sehen! Es war Alexander, der Aristoteles huldigte!

„Es gibt nur eine Sache, die ich bedauere“, rief Ned mit vollem Mund, „wegen des alten Lords – es war tausendmal schade, dass wir ihn nicht tanzen ließen! Ich erinnere mich an den Tag, Kapitän, als du darauf bestanden hättest. Was für ein fröhlicher Kerl du einmal warst! Erinnerst du dich, an einem hellen Mondscheinabend, genau wie dem gegenwärtigen, zum Beispiel, als wir in der Nähe von Staines Dienst taten, wie du schworst, dass jede Person, die wir anhielten und die über fünfzig Jahre alt war, ein Menuett mit dir tanzen sollte?“

„Ja!“, fügte Augustus hinzu, „und die erste war ein Bischof in einer weißen Perücke. Bei Gott, wie steif seine Lordschaft es tanzte! Und wie ernst Lovett sich vor ihm verneigte, den Hut abnehmend, als alles vorbei war, und ihm seine Uhr und zehn Guineen zurückgab – es war das Opfer wert!“

„Und die nächste war eine alte Jungfer von Stand“, sagte Ned, „so mager wie ein Anwalt. Erinnerst du dich, wie sie tänzelte?“

„Sicher“, sagte Tomlinson; „und du nanntest sie sehr witzig eine Hopfenstange!“

„Wie erfreut sie war über die Gewandtheit des Kapitäns! Als er ihr ihre Ohrringe und ihre Aigrette zurückgab, bat sie ihn mit einem zärtlichen Seufzer, sie für ihr Andenken zu behalten – ha! ha!“

„Und der dritte war ein Beau!“, rief Augustus; „und Lovett überließ mir sein Recht auf Partnerschaft. Erinnerst du dich, wie ich seine Beau-schaft in den Graben tanzte? Ach! wir waren damals verrückte Kerle; aber wir werden satt – blasés, wie die Franzosen sagen –, wenn wir älter werden!“

„Wir sehen jetzt nur noch auf die Hauptchance“, sagte Ned. „Habgier ersetzt Unternehmungslust“, fügte der wortreiche Augustus hinzu.

„Und unser Kapitän nimmt Wein mit einem h nach dem w!“, fuhr der metaphorische Ned fort.

„Komm, wir sind melancholisch“, sagte Tomlinson und leerte einen Becher. „Mich dünkt, wir werden wirklich alt, wir werden bald bereuen, und der nächste Schritt wird – das Hängen sein!“

„Bei Gott!“, sagte Ned, während er sich bediente, „sei nicht so krächzend. Es gibt zwei Klassen von verleumdeten Herrschaften, die immer besonders darauf achten sollten, gewisse Farben bei der Kleidung zu vermeiden; ich hasse es, einen wahren Jungen in Schwarz oder einen Teufel in Blau zu sehen. Aber hier ist mein letztes Glas für heute Abend! Ich bin verdammt schläfrig, und wir stehen morgen früh auf.“

„Richtig, Ned“, sagte Tomlinson; „gib uns ein Lied, bevor du dich zurückziehst, und lass es jenes sein, das Lovett komponierte, als wir das letzte Mal hier waren.“

Ned, der sich immer freute, wenn er sich in Szene setzen konnte, räusperte sich und kam der Bitte nach.

EIN LIED AUS SHERWOOD.

I. Lacht mit uns über den Prinzen und den Palast, Im wilden Waldleben gibt es besseren Wein; Wollt Ihr Eure Heiterkeit vor des Nachbarn Tücke bewahren, So sammelt sie hier in unseren Speichern ein. Manche Könige pressen ihren Untertanen den Reichtum ab, Während sie bei ihren Feinden nur ärmer werden; Frei ziehen die Männer des weisen Waldkönigs, Und nur unsere Feinde lassen wir für uns zehren. Überlasst die Betrügereien des Handels der gerissenen Hausfrau, Lasst die Alten in Ruhe ihre Schurkenstücke treiben; Hinweg mit der Flut jenes hastigen Lebens, Das von einem steten Windzug aufgewühlt wird!

II. Lacht mit uns, wenn Ihr hört, wie verlogene Und heuchlerische Schurken Euch erzählen, was für Halunken wir sind; Handel und Gesetz haben eine Methode zu stehlen, Die schlimmer ist als ein Überfall am Baum des Geächteten. Sagt, wird das Mädchen, das wir lieben, die Galane verachten, Die wenigstens zueinander treu sind? Ich gestehe, dass wir gesetzliche Bande mit Füßen treten, Doch ich habe gehört, dass die Liebe sie auch verschmäht. Mut also – Mut, Ihr fröhlichen Jungen, Die der Narr mit den schurkischen Abgaben belegt! Oh! Wer, der von der Welt geliebt wird, genießt Halb so viel wie der Mann, den sie hasst?

„Bravissimo, Ned!“, rief Tomlinson und trommelte auf den Tisch; „bravissimo! Deine Stimme ist heute Abend großartig, und dein Lied bewundernswert. Wirklich, Lovett, es gereicht deinem poetischen Genie zur großen Ehre; ganz philosophisch, auf meine Ehre.“

„Bravissimo!“, sagte MacGrawler und nickte feierlich mit dem Kopf. „Mr. Peppers Stimme ist so süß wie ein Dudelsack! Ach! Ein solches Lied wäre von unschätzbarem Wert für ‚The Asinaeum‘ gewesen, als ich die Ehre hatte, zu...“

„Der Vikar von Bray für diese Einrichtung zu sein“, unterbrach ihn Tomlinson. „Sag mal, MacGrawler, warum nennen sie Edinburgh eigentlich das moderne Athen?“

„Wegen der gelehrten und großen Männer, die es hervorbringt“, erwiderte MacGrawler mit bewusstem Stolz.

„Pah! Pah! – Du denkst an das alte Athen. Deine Stadt wird das moderne Athen genannt, weil ihr alle den modernen Athenern so ähnlich seid – den größten Schurken, die man sich vorstellen kann, sofern die Reisenden sie nicht verleumden.“

„Nein“, unterbrach Ned, der durch das Lob des Kritikers besänftigt war, „Mac ist ein guter Kerl, verschone ihn. Meine Herren, auf Euer Wohl. Ich gehe zu Bett, und ich nehme an, Ihr werdet nicht lange hinter mir bleiben.“

„Verlass dich darauf“, antwortete Tomlinson; „der Hauptmann und ich werden die Angelegenheiten für morgen besprechen und uns dir im Nu anschließen, wie man so treffend sagt.“

Ned gähnte sein letztes „Gute Nacht“ und verschwand im Schlafsaal. Auch MacGrawler gähnte, doch mit einem würdevolleren Gähnen, wie es seiner Weisheit entsprach, und machte sich an die Pflicht, das Abendgeschirr wegzuräumen: Nachdem er einige Minuten geschäftig und bedächtig hin und her gelaufen war, ließ er ein Schrankbett in der Ecke der Höhle herunter (denn er schlief nicht im Quartier der Räuber), entkleidete sich und lag bald begraben im Schoß des Morpheus. Doch der Anführer und Tomlinson rückten ihre Sitze näher an die erlöschende Glut, trotzten dem trägen Gott und begannen mit leisen Tönen ein vertrauliches und ernstes Gespräch.

„Also dann“, sagte Augustus, „jetzt, da du genügend Mittel für deine Zwecke zusammengebracht hast, wirst du uns wirklich verlassen? Hast du das Für und Wider gut abgewogen? Bedenke, dass für unseren Stand nichts so gefährlich ist wie Reformen; in dem Moment, in dem ein Mann ehrlich wird, lässt ihn die Bande im Stich; der Magistrat vermisst seine Gebühr; der Informant verrät ihn; und der Widerspenstige hängt.“

„Ich habe all dies wohl abgewogen“, antwortete Clifford, „und mich für meinen Weg entschieden. Ich habe nur so lange gewartet, bis meine Mittel meinen Willen unterstützen konnten. Mit meinem Anteil an unserer gegenwärtigen und letzten Beute werde ich mich auf den Kontinent begeben. Preußen bietet jedem, der in seinen Dienst tritt, leichtes Vertrauen und schnelle Beförderung. Aber diese Sprache, mein lieber Freund, scheint mir seltsam aus deinem Mund. Sicherlich wirst du dich mir bei der Trennung von der Truppe anschließen? Was! Du schüttelst den Kopf! Bist du nicht derselbe Tomlinson, der in Bath mit mir übereinstimmte, dass wir durch den Neid unserer Kameraden in Gefahr seien und dass der Rückzug für unsere Sicherheit notwendig geworden sei? War dies nicht sogar dein Hauptargument für unsere eheliche Expedition?“

„Nun, sieh doch, lieber Lovett“, sagte Augustus, „wir sind alle nur Klötze aus Materie, geformt aus den Atomen der Gewohnheit; mit anderen Worten, wir sind ein Mechanismus, bei dem die Gewohnheit die Feder ist. Was könnte ich in einer ehrlichen Laufbahn anfangen? Ich bin viele Jahre älter als du. Ich habe als Schurke gelebt, bis ich keine andere Natur mehr habe als die Schurkerei. Ich bezweifle, ob ich nicht ein Feigling wäre, wenn ich Soldat würde. Ich bin sicher, ich wäre der vollendetste aller Schurken, wenn ich vorgäbe, ehrlich zu sein. Nein: Ich habe mich getäuscht, als ich von Trennung sprach. Ich muss wohl mit meinen alten Kameraden weiterziehen und auf meine alte Weise; bis ich in die Hanfschlinge oder – eine melancholische Alternative! – in die eheliche Schlinge trabe.“

„Das ist reine Torheit“, sagte Clifford, dessen nervöser und männlicher Geist Gewohnheiten leicht abschütteln konnte. „Wir haben nicht so viele Jahre lang alle sklavischen Gesetze anderer abgelegt, um die erbärmlichen Sklaven unserer eigenen Schwächen zu sein. Komm, mein lieber Freund, raff dich auf. Gott weiß, würde ich der Schwäche meines eigenen Herzens nachgeben, ich wäre wahrlich verloren. Und vielleicht, so tapfer ich auch ringe, kann ich das nicht abstreifen, was in mir haftet und mich töten wird, wenn auch zentimeterweise. Aber lass uns keine Feiglinge sein und das Schicksal uns ertränken lassen, anstatt zu schwimmen. Mit einem Wort: Flieh mit mir, bevor es zu spät ist. Ein Schmugglerboot wartet vor der Küste von Dorset auf mich: In drei Tagen segle ich los. Sei mein Gefährte. Wir beide können ein feuriges Pferd zügeln und ein gutes Schwert führen. Solange die Menschen gegeneinander Krieg führen, werden diese Fertigkeiten ihren Besitzer davor bewahren, zu verhungern oder...“

„Wenn sie auf dem Schlachtfeld eingesetzt werden, nicht auf der Landstraße“, unterbrach ihn Tomlinson mit einem Lächeln, „davor bewahren, zu hängen. Aber es kann nicht sein! Ich wünsche dir alle Freude, allen Erfolg in deiner Laufbahn. Du bist jung, kühn und fähig; und du hattest schon immer einen erhabeneren Geist als ich. Ein Schurke bin ich, und ein Schurke muss ich bis zum Ende des Kapitels bleiben!“

„Wie du willst“, sagte Clifford, der kein Mann vieler Worte war, doch er sprach mit Widerwillen: „Wenn es so ist, muss ich mein Glück allein suchen.“

„Wann verlässt du uns?“, fragte Tomlinson.

„Morgen, vor Mittag. Ich werde London für ein paar Stunden besuchen und dann sofort zur Küste aufbrechen.“

„London!“, rief Tomlinson; „was, die wahre Höhle der Gefahr? Pah! Du weißt nicht, was du sagst: Oder hältst du es für kindlich, Mutter Lobkins zu liebkosen, bevor du gehst?“

„Nicht das“, antwortete Clifford. „Ich habe mich bereits vergewissert, dass sie über alle Not erhaben ist; und ihre Tage, arme Seele!, können, fürchte ich, nicht mehr viele sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie mich kaum erkennen; denn ihre Lebensgewohnheiten können ihr Gedächtnis nicht sehr verbessert haben. Ich wünschte, ich könnte dasselbe von ihren Nachbarn sagen! Würde man mich in den Bezirken der kleinen Diebstähle sehen, weißt du so gut wie ich, dass irgendein Taschendieb den berüchtigten Captain Lovett verraten würde.“

„Was führt dich dann in die Stadt? Ah! Du wendest dein Gesicht ab. Ich ahne es! Nun, die Liebe hat schon manchen Helden zuvor ruiniert; mögest du nicht schlechter dran sein durch diesen Gott!“

Clifford antwortete nicht, und das Gespräch machte eine plötzliche und lange Pause; Tomlinson brach sie.

„Weißt du, Lovett“, sagte er, „obwohl ich so wenig Herz habe wie die meisten Männer, fühle ich für dich mehr, als ich für möglich gehalten hätte. Ich würde mich dir gerne anschließen; es gibt verdammt guten Tabak in Deutschland, glaube ich; und letztendlich ist der Unterschied zwischen dem Leben eines Diebes und dem eines Soldaten gar nicht so groß.“

„Profitiere von einer so vernünftigen Bemerkung“, sagte Clifford. „Denk nach! Wie sicher ist der Weg, den du jetzt beschreitest, der Weg zur Vernichtung; der Galgen und die Sträflingsschiffe sind die einzigen Ziele!“

„Die Aussichten sind nicht erfreulich, das gebe ich zu“, sagte Tomlinson; „noch ist es wünschenswert, für ein weiteres Jahrhundert in der Unsterblichkeit eines Glaskastens in der Surgeons' Hall konserviert zu werden, grinsend von einem Ohr zum anderen, als hätte man das lustigste Finale vollbracht, das man sich vorstellen kann. Nun! Ich werde darüber schlafen, und morgen sollst du meine Antwort haben; aber der arme Ned?“

„Würde er sich uns nicht anschließen?“

„Sicherlich nicht; sein Hals ist für einen Strick gemacht und sein Verstand für das Old Bailey. Es gibt keine Hoffnung für ihn; dennoch ist er ein ausgezeichneter Kerl. Wir dürfen ihm nicht einmal von unserer geplanten Desertion erzählen.“

„Auf keinen Fall. Ich werde unserem Londoner Anführer einen Brief hinterlassen; er wird alles erklären. Und nun ins Bett. Ich betrachte deine Begleitung als beschlossene Sache.“

„Humph!“, sagte Augustus Tomlinson.

So endete die Konferenz der Räuber. Ungefähr eine Stunde nachdem sie geendet hatte, und als kein Geräusch außer dem schweren Atem des langen Ned die Stille der Nacht unterbrach, erhob sich das intelligente Gesicht von Peter MacGrawler langsam von dem einsamen Kissen, auf dem es geruht hatte.

Allmählich versteifte sich der Rücken des Weisen in die Senkrechte, und er saß einige Augenblicke aufrecht auf seinem Ehrenplatz, offenbar in lauschender Überlegung. Zufrieden mit der tiefen Stille, die, abgesehen von der einzigen Unterbrechung, die wir erwähnt haben, um ihn herum herrschte, erhob sich der gelehrte Schüler von Vatel sanft vom Bett, eilte in seine Kleidung, schlich auf Zehenspitzen zur Tür, entriegelte sie mit lautloser Hand und verschwand. Süßer Leser! Während du dich über seine Abwesenheit wunderst, lass uns sein Erscheinen erklären.

Eines Abends hatten Clifford und sein Begleiter Augustus das vernünftige Vergnügen in Ranelagh genossen und verließen gerade diesen berühmten Ort, als sie von einer Menschenmenge am Eingang aufgehalten wurden. Diese Menge war um einen Taschendieb versammelt; und dieser Taschendieb – oh Tugend, oh Weisheit, oh Asinaeum! – war Peter MacGrawler! Wir haben bereits gesagt, dass Clifford ein gutes Auftreten und eine imposante Art besaß, und diese Vorteile waren zu jener Zeit besonders wirksam, unseren Orbilius vor der Pumpe zu bewahren. Kaum erkannte Clifford das richterliche Gesicht des weisen Schotten, als er sich mutig in die Mitte der Menge drängte und den unternehmungslustigen Bürger, der MacGrawler am Kragen gepackt hatte, festhielt und erklärte, er sei bereit, für die Ehrlichkeit der sehr respektablen Person zu bürgen, deren Identität offensichtlich so grob verwechselt worden sei. Augustus, der wahrscheinlich eine geniale List seines Begleiters vorausahnte, unterstützte sofort die Verteidigung. Der Mob, der niemals einen Unterschied zwischen Unverschämtheit und Wahrheit wahrnimmt, wich zurück; ein Polizist kam hinzu, ergriff Partei für den Freund zweier so tadellos gekleideter Herren; unsere Freunde gingen davon; die Menge bereute ihre Übereilung und tunkte zur Wiedergutmachung den Gentleman, dessen Taschen bestohlen worden waren. Es war vergeblich für ihn, sich zu verteidigen, denn er hatte einen Sprachfehler; und Messieurs der Mob, nachdem sie ihn einmal wegen seiner Schuld getunkt hatten, tunkten ihn ein zweites Mal wegen seiner Verlegenheit.

In der Zwischenzeit hatte Clifford seinen einstigen Mentor in das Asyl eines Kaffeehauses zurückgezogen; und während sich MacGrawlers Seele durch Wein erweiterte, schilderte er die Ursachen seines Dilemmas. Es scheint, dass jenes unvergleichliche Journal „The Asinaeum“, trotz einer Reihe höchst populärer Artikel über die Schriften von „Aulus Prudentius“, denen eine exquisite Reihe von Dialogen hinzugefügt wurde, die in einem Ton von breitem Humor geschrieben waren, nämlich breitem Schottisch (für Schotten ist es dasselbe), trotz dieser unschätzbaren Sammelwerke, ganz zu schweigen von einigen herrlichen politischen Artikeln, in denen zur Zufriedenheit der Reichen klar bewiesen wurde, dass die armen Teufel umso besser für ihre Konstitutionen dran sind, je weniger sie essen – trotz, sagen wir, dieser großen Errungenschaften der britischen Literatur, wankte „The Asinaeum“, fiel, begrub seinen Buchhändler und zermalmte seinen Autor. Nur MacGrawler – der entkam, wie Theodor aus dem riesigen Helm von Otranto – nur MacGrawler überlebte. „Liebe“, sagt Sir Philip Sidney, „lässt einen Mann besser sehen als ein Paar Brillengläser.“ Die Liebe zum Leben hat eine ganz andere Wirkung auf die Optik – sie lässt einen Mann kläglich trüb in der Wahrnehmung werden und veranlasst ihn manchmal dazu, sein eigenes Eigentum im Geldbeutel eines anderen Mannes zu sehen! Hat diese deceptio visus Peter MacGrawler getäuscht? Er ging nach Ranelagh. Leser, du kennst den Rest!

Nachdem Wein und der Einfallsreichtum der Räuber diese Erzählung aus MacGrawler herausgelockt hatten, waren die Barrieren überflüssiger Zimperlichkeit leicht beseitigt.

Unsere Helden boten dem Weisen eine Einführung in ihren Club an; das Angebot wurde angenommen; und MacGrawler, nachdem er zuerst betrunken gemacht worden war, wurde als nächstes zu einem Räuber gemacht. Die Bande beschäftigte ihn mit verschiedenen kleinen Angelegenheiten, bei denen wir mit Bedauern berichten müssen, dass, obwohl seine Absichten ausgezeichnet waren, sein Erfolg so schlecht war, dass er seine Arbeitgeber gründlich erzürnte; ja, sie waren einmal, als sie die Justiz versöhnen wollten, kurz davor, ihn der weltlichen Macht auszuliefern, als Clifford zu seinen Gunsten intervenierte. Vom Räuber schrumpfte der Weise zum Handlanger; niedere Dienste (die Räuber, die lügenden Schurken, erklärten, solche Dienste passten am besten zum Genie seines Landes!) folgten auf noble Heldentaten, und der schlechteste aller Räuber wurde der beste aller Köche. Wie eitel ist alle Weisheit außer der der langen Erfahrung! Obwohl Clifford ein vernünftiger und scharfsinniger Mann war, obwohl er wusste, dass unser Weiser ein Schurke war, träumte er nie davon, dass er ein Verräter sein könnte. Er hielt ihn für zu träge, um boshaft zu sein, und – kurzsichtige Menschheit! – für zu albern, um gefährlich zu sein. Er vertraute dem Weisen das Geheimnis der Höhle an; und Augustus, der ein wenig ein Feinschmecker war, fügte sich, wenn auch mit Vorahnungen, der Wahl, wegen der Geschicklichkeit des Schotten beim Braten.

Doch MacGrawler verbarg, wie Brutus, ein intrigantes Herz unter einer stoischen Fassade. Die Ergreifung des bekannten Lovett war zu einem ernsthaften Wunsch geworden; die Polizei war nicht mehr zu bestechen, nein, sie war jetzt eifrig bereit, zu bestechen. MacGrawler hatte seine Zeit abgewartet, seinen Anführer verkauft und war nun auf dem Weg nach Reading, um Mr. Nabbem von Bow Street und vier seiner Begleiter zu treffen und zur Höhle zu führen.

Nachdem wir nun so schnell wie möglich die Ursachen nachgezeichnet haben, die den unvergleichlichsten aller Kritiker so überraschend vor Eure Aufmerksamkeit brachten, kehren wir nun, Leser, zu unseren Räubern zurück.

„Hist, Lovett!“, sagte Tomlinson, halb schlafend, „mir deuchte, ich hörte etwas in der äußeren Höhle.“

„Es ist der Schotte, nehme ich an“, antwortete Clifford: „Du hast natürlich nach der Tür gesehen?“

„Sicherlich!“, murmelte Tomlinson, und in zwei Minuten war er eingeschlafen.

Nicht so Clifford: Viele und angstvolle Gedanken hielten ihn wach. Einerseits, als er den Beginn einer neuen Laufbahn voraussah, machte ihn etwas von dem aufwühlenden und hohen Geist, der sich noch immer inmitten der schuldigen und verwirrten Gewohnheiten seines Geistes bewegte, fiebrig und seine Glieder unruhig; andererseits verbannte eine qualvolle Erinnerung – die Erinnerung an Lucy in all ihrem Zauber, ihrer Schönheit, ihrer Liebe, ihrem zärtlichen und unschuldigen Herzen –, Lucy, vollkommen und für immer für ihn verloren, jeden anderen Reflexionsgedanken und ließ ihm nur das kranke Gefühl der Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. „Was nützt mein Ringen um einen besseren Namen?“, dachte er. „Was auch immer mein zukünftiges Schicksal sein mag, sie kann es niemals teilen. Meine Strafe ist festgesetzt – sie ist schlimmer als ein Tod in Schande; es ist ein Leben ohne Hoffnung! Jeden Augenblick spüre ich, und werde ich bis zuletzt spüren, den Druck einer Kette, die vielleicht nie zerbrochen oder gelockert werden kann! Und doch, Narr, der ich bin! Ich kann dieses Land nicht verlassen, ohne sie noch einmal zu sehen, ohne ihr zu sagen, dass ich sie wirklich zum letzten Mal angesehen habe. Aber habe ich ihr das nicht schon zweimal gesagt? Seltsame Schicksalhaftigkeit! Zweimal habe ich zu ihr von Liebe gesprochen, und jedes Mal war es, um mich im Moment meines Geständnisses von ihr zu reißen. Und selbst jetzt zwingt mich etwas, dem ich keine Widerstandskraft entgegenzusetzen habe, zu derselben müßigen und schwachen Nachgiebigkeit. Drängt mich das Schicksal? Ja, vielleicht in meine Vernichtung! Jede Stunde umgeben mich tausend Tode. Ich habe nun alles erlangt, weswegen ich zu verweilen schien. Ich habe durch ein neues Verbrechen genug gewonnen, um mich in ein anderes Land zu tragen und mir dort ein Soldatenschicksal zu sichern. Ich sollte keine Stunde mit der Flucht verlieren, doch ich stürze in das Nest meiner Feinde, nur für ein einziges nutzloses Wort mit ihr; und das, nachdem ich ihr bereits Lebewohl gesagt habe! Ist das Schicksal? Wenn es so ist, was spielt es für eine Rolle? Ich kümmere mich nicht länger um ein Leben, das ich ohnehin vergeblich reformieren würde, wenn ich es nicht für sie reformieren könnte; doch – doch, selbstsüchtig und verloren, wie ich bin! Wird es nichts bedeuten, später zu denken, dass ich sie von der Schande befreit habe, einen Ausgestoßenen und einen Verbrecher geliebt zu haben? Wenn ich Ehre erlangen kann, wird sie nicht, zumindest in meinem eigenen Herzen – wird sie nicht, wenn auch nur schwach und aus der Ferne, auf sie zurückstrahlen?“

Solches waren, verwirrt, unbefriedigend, doch immer noch getränkt in die Farben jener wahren Liebe, die selbst den Niedrigsten erhebt, die nächtlichen Meditationen Cliffords; sie endeten gegen Morgen in einem unruhigen und sprunghaften Schlummer. Aus diesem wurde er durch ein lautes Gähnen aus der Kehle des langen Ned geweckt, der immer der früheste Aufsteher seiner Gruppe war.

„Hallo!“, sagte er, „es ist fast Tagesanbruch; und wenn wir unsere Banknoten einlösen und die Juwelen des alten Lords wegschaffen wollen, sollten wir schon auf dem Sprung sein.“

„Eine Plage über dich!“, sagte Tomlinson unter der Decke seiner wollenen Schlafmütze; „es war erst in diesem Augenblick, als ich träumte, dass du gehängt werden würdest, und jetzt weckst du mich im angenehmsten Teil des Traums!“

„Du sollst erschossen werden!“, sagte Ned und streckte ein Bein aus dem Bett; „übrigens hast du letzte Nacht mehr als deinen Anteil genommen, denn du schuldest mir drei Guineen für unser letztes Cribbage-Spiel! Du wirst mich bitte bezahlen, bevor wir uns heute trennen: Kurze Abrechnungen machen lange Freunde!“

„Wie wahr diese Maxime auch sein mag“, erwiderte Tomlinson, „ich kenne eine, die noch wahrer ist – nämlich: lange Freunde machen kurze Abrechnungen! Du musst Jack Ketch an diesem Tag im nächsten Monat fragen, ob ich mich irre!“

„Das ist es, was du Witz nennst, nehme ich an!“, entgegnete Ned, als er nun, in seine Beinkleider kämpfend, den Weg in die äußere Höhle ertastete.

„Was, ho, Mac!“, rief er, während er ging, „bewege diese Klöppel von dir, die du gerne Beine nennst; zünde ein Licht an, und verdammt seist du!“

„Ein Licht für dich“, sagte Tomlinson gotteslästerlich, als er widerwillig sein Lager verließ, „wird in der Tat ein ‚Licht sein, die Heiden zu erleuchten!‘“

„Warum, Mac, Mac!“, schrie Ned, „warum antwortest du nicht? Bei Gott, ich glaube, der Schotte ist tot!“

„Ergebt euch! – Legt die Waffen nieder, ihr Herren!“, rief eine strenge, plötzliche Stimme aus dem Dunkel; und in diesem Augenblick wurden zwei dunkle Laternen gedreht, und ihr Licht strömte voll auf die verblüfften Gestalten von Tomlinson und seinem hageren Kameraden! Im dunklen Schatten des Hintergrunds waren auch vier oder fünf Gestalten undeutlich sichtbar; und der Strahl der Laternen schimmerte auf den Klingen von Entermessern und den Läufen von Waffen, denen man noch weniger leicht widerstehen konnte.

Tomlinson war der Erste, der seine Selbstbeherrschung wiederfand. Das Licht schimmerte gerade auf der ersten Stufe der Treppe, die zu den Ställen führte, und ließ den Rest im Schatten. Er machte einen Schritt zu dem Platz neben dem Wagen, wo, wie wir gesagt haben, einige der Waffen der Räuber lagen; er war zuvorgekommen worden – die Waffen waren weg. Im nächsten Moment war Tomlinson die Stufen hinaufgesprungen.

„Lovett! Lovett! Lovett!“, schrie er.

Der Hauptmann, der seinen Kameraden in die Höhle gefolgt war, befand sich bereits im Griff zweier Männer. Von nur wenigen gewöhnlichen Sterblichen konnte man jedoch zwei auswählen, die gegen einen Mann wie Clifford eine furchterregende Übermacht darstellten – einen Mann, bei dem ein weit größerer Anteil an Sehnen und Muskeln, als selbst den Starken normalerweise beschieden ist, durch ständige Übung zu einer Konsistenz und eisernen Festigkeit gehärtet worden war, die Kraft und Aktivität zu einer Einheit verbanden, die kaum weniger bemerkenswert war als die, welche in der herrlichen Schönheit des skulptierten Gladiators verewigt ist. Seine rechte Hand liegt auf der Kehle eines Angreifers; seine linke umschließt wie in einem Schraubstock das Handgelenk des anderen; man hat kaum Zeit zu atmen! Ersterer liegt am Boden, die Pistole des letzteren wird ihm aus dem Griff gewunden, Clifford ist auf der Stufe; eine Kugel – noch eine – saust an ihm vorbei! Er ist an der Seite des treuen Augustus!

„Öffne die geheime Tür!“, flüsterte Clifford seinem Freund zu; „ich werde die Stufen allein hochziehen.“

Kaum hatte er gesprochen, da stiegen die Stufen bereits, wenn auch langsam, unter der verzweifelten Kraft des Räubers empor. Währenddessen kämpfte Ned, so gut er konnte, mit zwei stämmigen Offizieren, die anscheinend davor zurückschreckten, ihre Waffen ohne absolute Notwendigkeit einzusetzen, und die versuchten, ihren Widersacher mit reiner Körperkraft zu fangen und festzuhalten.

„Achtet gut auf die Tür!“, rief die Stimme des leitenden Beamten, „und bringt mehr Licht herbei!“

Zwei oder drei zusätzliche Laternen wurden eilig herangetragen; und über den gesamten Innenraum der Höhle kreiste nun schnell ein mattes, aber ausreichendes Licht, das der Szene und den Kämpfenden ein malerisches und wildes Aussehen verlieh.

Das schnelle Auge des Hauptbeamten bemerkte im selben Augenblick den Aufstieg der Stufen und den Vorteil, den die Räuber sich dadurch verschafften. Er und zwei seiner Männer warfen sich vor, ergriffen die Leiter, wenn man sie so nennen darf, zerrten sie ein weiteres Mal zu Boden und stiegen hinauf. Doch Clifford, der mit beiden Händen die zerbrochene Deichsel eines Karrens ergriff, die in Reichweite lag, empfing den vordersten Angreifer mit einem Gruß, der ihn bewusstlos und der Länge nach unter seine Gefährten zurückwarf. Dem Zweiten erging es ebenso; und der stämmige Anführer der Feinde, der sich wie ein wahrer General im Hintergrund gehalten hatte, hielt nun in der Mitte der Stufen inne, gleichermaßen bestürzt über den Empfang seiner Freunde wie über die athletische Gestalt, die mit erhobenen Waffen und drohender Haltung über ihm aufragte. Vielleicht erschien dieser Moment dem besonnenen Mr. Nabbem günstiger für eine Verhandlung als für einen Konflikt. Er räusperte sich und wandte sich wie folgt an den Feind:

„Sie, mein Herr, Captain Lovett, alias Howard, alias Jackson, alias Cavendish, alias Solomons, alias Teufel – denn ich kenne Sie genau und könnte Sie mit einem halben Auge wiedererkennen, ob in Ihren Kleidern oder ohne –, legen Sie Ihren Knüppel da nieder und lassen Sie mich an Ihre Seite treten, dann werden Sie mich so sanft finden wie ein Lamm; denn ich bin mein Leben lang den Umgang mit feinen Herren gewohnt und weiß, wie man sie behandelt, wenn man sie erst einmal hat!“

„Aber wenn ich Sie nicht ‚an meine Seite treten‘ lasse, was dann?“

„Nun, dann muss ich eine dieser hier durch Ihren Schädel jagen, das ist alles!“

„Nein, Mr. Nabbem, das wäre zu grausam! Sie würden doch sicher niemandem etwas zuleide tun, der solche Hochachtung vor Ihnen hegt? Erinnern Sie sich nicht an die Art und Weise, wie ich Sie vor Justice Burnflat herausgepaukt habe, als Sie beschuldigt wurden, Sie wissen, ob zu Recht oder –“

„Sie sind ein Lügner, Captain!“, rief Nabbem wütend, fürchtend, dass etwas ans Licht kommen könnte, das nicht für die Ohren seiner Begleiter bestimmt war. „Sie wissen, dass Sie es sind! Kommen Sie herunter oder lassen Sie mich hinauf; andernfalls kann ich für die Konsequenzen nicht garantieren!“

Clifford warf einen Blick über die Schulter. Ein Strahl des grauen Tageslichts schimmerte bereits durch einen Spalt in der geheimen Tür, die Tomlinson nun entriegelt hatte und im Begriff war zu öffnen.

„Hören Sie mir zu, Mr. Nabbem“, sagte er, „und vielleicht gewähre ich Ihnen, was Sie verlangen! Was würden Sie mit mir tun, wenn Sie mich hätten?“

„Sie sprechen jetzt wie ein vernünftiger Mann“, antwortete Nabbem, „und das ist ganz nach meinem Geschmack. Nun, sehen Sie, Captain, Ihre Zeit ist gekommen, und Sie können sich nicht länger unschlüssig zeigen. Sie haben sich voll ausgelebt; Ihre Jahre sind um, und Sie müssen wie ein Mann sterben! Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Gentleman, dass ich Sie, wenn Sie sich ergeben, so zärtlich zu den Leuten des Friedensrichters bringen werde, als bestünden Sie aus Baumwolle.“

„Weichen Sie einen Augenblick zurück“, sagte Clifford, „damit ich die Stufen fester für Sie aufstellen kann.“

Nabbem zog sich auf den Boden zurück; und Clifford, der gutmütig genug gewesen war, einen so wertvollen Funktionär nicht unnötig zu beschädigen, ließ sich die Gelegenheit, die sich ihm nun bot, nicht entgehen. Donnernd stürzten die Stufen herab, klapperten schwer zwischen den anderen Beamten und fielen wie eine Lawine auf die Schulter eines der Männer, die Long Ned festnehmen wollten.

Unterdessen sprang Clifford Tomlinson durch die Öffnung nach und fand sich – in Gegenwart von vier Beamten wieder, die von dem gerissenen MacGrawler angeführt wurden. Ein Schlag mit einem Knüppel gegen die rechte Wange und Schläfe von Augustus streckte diesen Helden nieder. Doch Clifford setzte über den Körper seines Kameraden hinweg, wich dem Schlag aus, der auf ihn selbst gezielt war, fing den Schlag eines anderen Angreifers mit der offenen Hand ab, entriss dem Beamten den Knüppel, schlug ihn mit seiner eigenen Waffe zu Boden und stürmte weiter durch das Labyrinth des Waldes, wobei er seine Flucht mit einem Schritt begann, der zu schnell war, um Hoffnung auf eine erfolgreiche Verfolgung zu lassen.

KAPITEL XXIX.

„Kurz gesagt, Isabella, ich biete Ihnen mich selbst an!“ „Himmel!“, rief Isabella, „was höre ich da? Ihr, mein Lord?“ Schloss von Otranto.

Ein Roman ist wie ein Wetterglas – wo der Mann zu einer Zeit erscheint, die Frau zu einer anderen. Wandelbar wie die Atmosphäre, stellen die Wendungen unserer Geschichte nun Lucy dem Leser wieder vor.

Diese bezaubernde junge Person – von der man anmerken kann, dass sie (ihren Vater ausgenommen) der einzige unverstellte und unbefleckte Charakter auf den Seiten einer Geschichte ist, die in gewissem Maße dazu bestimmt ist, in der Verdorbenheit der Charaktere die Verdorbenheit jenes gesellschaftlichen Zustands aufzuzeigen, in dem Charaktere geformt werden –, saß allein in ihrem Gemach zu der Zeit, in der wir zu ihr zurückkehren. Da die Zeit und jener angeborene und unmerkliche Vorrat an Heilung, den die Natur in die Busen der Jungen gelegt hat, damit ihr großes Gesetz, das Vergehen des Alten, keine allzu bleibende und tiefe Wunde hinterlasse, ihren ersten Schmerz über den Tod ihres Vaters gelindert hatten, gewann die Erinnerung an Clifford wieder ihre alte Herrschaft in ihrem Herzen zurück. Die Einsamkeit ihres Lebens, das Fehlen von Zerstreuung, ja selbst die Empfindsamkeit und die Mattigkeit, die auf die Trauer folgen, trugen dazu bei, das Bild ihres Geliebten in ein zärtlicheres und eindrucksvolleres Gewand zu hüllen. Sie rief sich seine Worte, seine Taten, seine Briefe in Erinnerung und verbrachte ganze Stunden, ganze Tage und Nächte damit, deren Geheimnis zu entschlüsseln. Wer, der jemals geliebt wurde, wird nicht die sonderbare und gewaltige Kraft anerkennen, mit der ein Mädchen, das selbst unschuldig ist, an den Glauben an die Unschuld ihres Geliebten klammert? In jungen, der Welt noch unbekannten Brüsten gibt es eine so reine Leichtgläubigkeit an die Existenz des reinen Guten, ein so festes Widerstreben, zu denken, dass dort, wo wir lieben, etwas sein könne, das wir nicht schätzen würden, oder wo wir bewundern, etwas sein könne, das wir tadeln sollten, dass man es fast für ein Argument zugunsten unserer natürlichen Kraft halten könnte, eine größere Höhe an Tugend zu erreichen, als die Gewohnheiten und Künste der bestehenden Welt uns zugestehen. Vielleicht ist es nicht paradox zu sagen, dass wir kaum an Vollkommenheit bei anderen glauben könnten, wäre der Keim der Vervollkommnung nicht in unseren eigenen Köpfen! Wenn ein Mann einige Jahre inmitten der tatsächlichen Kämpfe der Parteien gelebt hat, ohne die Vorurteile ebenso wie die Erfahrung aufzusaugen, wie staunend lächelt er dann über seine Anbetung früherer Götzen, welch andere Farbe trägt die Geschichte für ihn, wie vorsichtig ist er nun beim Loben, wie langsam beim Bewundern, wie geneigt zum Kritteln! Die menschliche Natur ist zur menschlichen Natur der Kunst geworden; und er beurteilt sie nicht nach dem, was sie sein könnte, sondern nach dem, was sie in den Korruptionen einer Halb-Zivilisation ist! Doch auf dieselbe Weise, wie der junge Student an dem Glauben festhält, dass der Weise oder der Bänkelsänger, der seinen Verstand erleuchtet oder seine Einbildungskraft gefesselt hat, in seinem Charakter wie in seinem Genie über der gewöhnlichen Herde steht, frei von den Leidenschaften, den Frivolitäten, den kleinen Gemeinheiten und den verdunkelnden Lastern, die dem gewöhnlichen Fleisch eigen sind, so klammert sich eine Frau, die zum ersten Mal liebt, an die eingebildete Vortrefflichkeit dessen, den sie liebt. Wenn Evelina so schockiert ist bei der Vorstellung eines gelegentlichen Anfalls von Trunkenheit bei ihrem „edlen, ihrem unvergleichlichen“ Geliebten, wer erkennt dann nicht, wie natürlich ihre Gefühle waren? Wäre Evelina sechs Jahre verheiratet und der gleiche Geliebte, dann ihr Ehemann, tatsächlich dessen schuldig, was sie vermutete, wer fühlt dann nicht, dass es sehr unnatürlich gewesen wäre, auch nur im Geringsten über das Vorkommnis schockiert zu sein? Sie hätte ihn nicht weniger geliebt, noch weniger bewundert, noch wäre er weniger „der Edle und Unvergleichliche“ gewesen – er hätte einen über den Durst getrunken, am nächsten Morgen über das Ereignis gewitzelt, und die sanfte Evelina hätte ihm eine Tasse Tee gemacht; doch was beim Ehemann ein Grund zur Heiterkeit gewesen wäre, wäre beim Geliebten ein Grund zur Verdammnis gewesen. Aber zurück zu Lucy.

Wenn es so schwer, so abstoßend ist, einen Geliebten selbst eines trivialen Fehlers für schuldig zu halten, so können wir leicht annehmen, dass Lucy keinen Moment lang die Vermutung zuließ, Clifford habe sich tatsächlich eines groben Fehlers oder eines vorsätzlichen Verbrechens schuldig gemacht. Wahr, dass Ausdrücke in seinem Brief mehr als verdächtig waren; doch es liegt immer ein Reiz in der Offenheit der Selbstverurteilung. So wie es schwer ist, an die Vorzüglichkeit derer zu glauben, die sich selbst loben, so schwer ist es, sich diejenigen als verbrecherisch vorzustellen, die sich verurteilen. Was ist zudem der Prozess des weiblichen Denkens? Ach! Sie ist eine zu leichtgläubige Physiognomin. Die Biegung eines Halses ist für sie das untrügliche Zeichen von Edelmut; und niemand kann einer Sünde schuldig sein, der mit einer schönen Stirn gesegnet ist! Wie innig, wie fanatisch liebte Lucy! Sie hatte einen kostbaren und geheimen Schatz zusammengetragen – einen Handschuh, eine Feder, ein Buch, ein verwelktes Rosenblatt –, Schätze, die unschätzbar wurden, weil er sie berührt hatte; aber mehr als alles andere besaß sie die Reihe seiner Briefe – vom ersten förmlichen Schreiben an ihren Vater, für sie bestimmt, in dem er eine Einladung beantwortete und um die Annahme der Musik bat, die Miss Brandon sich gewünscht hatte, bis hin zu dem letzten wilden und für sie unerklärlichen Brief, in dem er für immer auf sie verzichtete. An diesen Reliquien labten sich ihre Augen stundenlang; und während sie sie studierte, und während sie über Gedanken brütete, die zu tief waren, nicht nur für Tränen, sondern für jegliche Äußerung oder Vermittlung, hätte man fast buchstäblich das Verblassen ihrer reichen Wangen und das Verkümmern ihrer runden und geschmeidigen Gestalt beobachten können.

Es war genau in einer solchen Stimmung, in der sie versunken war, als ihr Onkel an ihre Tür klopfte, um Einlass zu begehren. Sie räumte ihre Schätze hastig weg und beeilte sich, ihn hereinzulassen und zu begrüßen.

„Ich bin gekommen“, sagte er lächelnd, „um um die Ehre deiner Gesellschaft für einen alten Freund zu bitten, der heute bei uns speist. Aber halt, Lucy, dein Haar ist schlecht frisiert. Lass mich eine so wichtige Beschäftigung wie deine Toilette nicht stören; zieh dich an, meine Liebe, und stoß zu uns.“

Lucy wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer dem Spiegel zu. Der Onkel verweilte einige Augenblicke und betrachtete sie mit einer Mischung aus Stolz und Zweifel; dann verließ er langsam das Zimmer.

Lucy stieg kurz darauf in das Wohnzimmer hinab und erblickte mit ein wenig Überraschung (denn sie hatte nicht genug Neugier aufgebracht, um nach dem Namen des Gastes zu fragen) die schlanke Gestalt und die wohlgefälligen Züge von Lord Mauleverer. Der Earl näherte sich mit derselben Anmut, die ihn in seiner früheren Jugend fast unwiderstehlich gemacht hatte, die aber jetzt, durch den Kontrast von Jahren und Manieren, eine leichte Beimischung des Komischen enthielt. Er machte ihr seine Komplimente und erklärte dabei, er müsse es seinem Freund, Sir William, überlassen, all die Gefahren zu erklären, die er gewagt habe, nur um sich zu vergewissern, dass Miss Brandon nicht weniger lieblich sei als bei seinem letzten Anblick.

„Ja, wahrlich“, sagte Brandon mit einem kaum wahrnehmbaren spöttischen Lächeln, „Lord Mauleverer hat buchstäblich die bewegten Unfälle von Wasser und Land ertragen – denn er wurde beinahe von einem Straßenräuber ausgerottet und wäre in einem Graben fast ertrunken!“

„Empfiehl mich einem Freund, wenn es darum geht, einen ins beste Licht zu rücken“, sagte Mauleverer fröhlich. „Anstatt dein Mitgefühl zu erregen, siehst du, würde Brandon mich deinem Spott preisgeben; urteile selbst, ob ich ihn verdiene!“ Und Mauleverer fuhr fort, mit all der Lebhaftigkeit, die seinem Charakter eigen war, die Einzelheiten jenes Abenteuers zu schildern, mit dem der Leser so gut vertraut ist. Er empfand, das können wir sicher sein, keine Skrupel, sich selbst und seine Tapferkeit in den günstigsten Farben darzustellen.

Die Geschichte war kaum zu Ende, als das Abendessen angekündigt wurde. Während dieser Mahlzeit bemühte sich Mauleverer mit unendlichem Geschick, liebenswürdig zu sein. Da er seine Unterhaltung mehr als bisher dem Gemüt von Lucy anpasste und mehr darauf bedacht war, zu mildern als zu blenden, erschien er ihr sicherlich noch nie so anziehend. Wir sind verpflichtet hinzuzufügen, dass dieser Anziehungspunkt nicht über das Eingeständnis hinausging, dass er ein sehr angenehmer alter Mann war.

Vielleicht, wäre da nicht ein gewisser halb-melancholischer Zug in seinem Gespräch gewesen, der seiner Lordschaft möglicherweise weniger unangenehm war durch die Erinnerung an seine verlorenen Diamanten und den Eindruck, dass Sir William Brandons Koch beträchtlich schlechter war als sein eigener, hätte er bei Lucy nicht so viel Erfolg gehabt. Was ihn betrifft, so kehrten all die früheren Eindrücke, die sie auf ihn gemacht hatte, in noch lebhafteren Farben zurück; selbst der zarte und gedämpfte Hauch von Schönheit, der auf ihre frühere Brillanz gefolgt war, war für seinen wählerischen und höfischen Geschmack weitaus reizvoller als ihr einstiges Strahlen von Lebenskraft und Gesundheit. Er fühlte sich während des Abendessens sehr verliebt; und nachdem es vorüber war und Lucy sich zurückgezogen hatte, sagte er zu Brandon mit leidenschaftlicher Miene, er verehre seine Nichte bis zur Raserei!

Der schlaue Richter tat so, als nähme er die Mitteilung mit Gleichgültigkeit auf; doch da er wusste, dass eine zu lange Abwesenheit schädlich für eine große Leidenschaft ist, hielt er Mauleverer nicht allzu lange bei seinem Wein.

Der Earl kehrte verzückt in das Wohnzimmer zurück und flehte Lucy mit einer Stimme, in der die gespielte Leidenschaft fast vor Entzücken ohnmächtig wurde, an, ihm ein Lied zu schenken. Mehr und mehr bezaubert von ihrer Zustimmung, zog er den Klavierhocker an das Cembalo, stellte einen Stuhl neben sie und schien alsbald in Entzücken versunken. Unterdessen bedeckte Brandon mit dem Rücken zum Paar sein Gesicht mit seinem Taschentuch und gab sich allem Anschein nach der Üppigkeit einer Ruhe nach dem Essen hin.

Lucys Liederbuch schlug zufällig bei einem Lied auf, das von Clifford gelobt worden war; und während sie sang, nahm ihre Stimme einen reicheren und zärtlicheren Ton an, als sie in Mauleverers Gegenwart jemals zuvor angenommen hatte.

DIE KLAGE DER VEILCHEN, DIE IM MAI IHREN DUFT VERLIEREN.

Im Schatten, der vom stillen Hügel fällt, Schliefen wir in grünen Rückzugsorten, Und die Aprilregen pflegten zu füllen Unsere Herzen mit Süße.

Und obwohl wir in einer bescheidenen Laube lagen, Doch alle Dinge liebten uns sehr, Und die erwachende Biene verließ ihre schönste Blume, Um bei uns zu wohnen.

Doch der warme Mai kam in seinem Stolz, um zu werben Um den Reichtum unseres Honigvorrats; Und unsere Herzen spürten gerade seinen Hauch und kannten Ihre Süße nicht mehr!

Und der Sommer regiert an dem stillen Ort, Wo wir wohnen, und seine Sonnen und Regen Bringen Balsam für die Herzen unserer Schwestern, aber nicht – Ach! Nicht für unsere.

Wir leben, wir blühen, doch für immer vorbei Ist der Zauber der Erde und des Himmels; Zu unserem Leben, ihr Himmel, stellt jenen Balsam wieder her, Oder – heißt uns sterben!

Als Lucy mit augen, die von vielen Erinnerungen überflossen, und einer Stimme, die in einer unbeschreiblichen und erschütternden Wehmut dahinschmolz, ihren Gesang beendete, nahm Mauleverer, bezaubert über sich selbst hinaus, sanft ihre Hand, und während er den weichen Schatz in seiner eigenen, kaum weniger weichen hielt, murmelte er:

„Engel, sing weiter! Das Leben wäre wie deine eigene Musik, wenn ich es zu deinen Füßen aushauchen könnte!“

Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Lucy bei dieser Erklärung laut aufgelacht; und selbst so spielte ein unterdrücktes und halb verschmitztes Lächeln in den Grübchen ihres schönen Mundes und kontrastierte bezaubernd mit der schwimmenden Weichheit ihrer Augen.

Ein eher irrtümliches Omen aus dem Lächeln ziehend, fuhr Mauleverer hingerissen fort, während er die Hand, die Lucy zu entziehen versuchte, festhielt:

„Ja, bezaubernde Miss Brandon! Ich, der ich mich so viele Jahre lang meiner unverwundbaren Herzens gerühmt habe, bin endlich besiegt. Ich habe lange, sehr lange gegen meine Zuneigung zu Ihnen angekämpft. Ach! Es ist vergebens; und Sie sehen mich nun völlig Ihrer Gnade ausgeliefert. Machen Sie mich zum elendesten der Männer oder zum beneidenswertesten. Zauberin, sprechen Sie!“

„Wirklich, mein Lord“, sagte Lucy zögernd, doch aufstehend und sich aus seiner Hand befreiend, „ich finde es schwierig, Sie für ernsthaft zu halten; und vielleicht ist dies lediglich eine Galanterie mir gegenüber, um an anderen zu üben.“

„Süße Lucy, wenn ich Sie so nennen darf“, antwortete Mauleverer mit einem feurigen Blick, „tun Sie nicht, ich beschwöre Sie, auch nur einen Moment lang so, als würden Sie mich missverstehen! Scherzen Sie nicht einen Moment lang über das, was für mich Fluch oder Segen des Lebens ist! Wage ich zu hoffen, dass meine Hand und mein Herz, die ich Ihnen nun anbiete, nicht Ihres Spotts würdig sind?“

Lucy betrachtete ihren Anbeter mit einem Blick ernster Nachfrage; Brandon schien immer noch zu schlafen.

„Wenn Sie es ernst meinen, mein Lord“, sagte Lucy nach einer Pause, „dann tut es mir aufrichtig und zutiefst leid. Für den Freund meines Onkels werde ich immer Achtung empfinden; glauben Sie, dass ich die Ehre, die Sie mir erweisen, aufrichtig erkenne, wenn ich mein Bedauern hinzufüge, dass ich kein anderes Gefühl als Achtung haben kann.“

Eine leere und verwirrte Ratlosigkeit trübte für einen Moment die ausdrucksvollen Züge von Mauleverer; sie verging. „Wie süß ist Ihr Tadel!“, sagte er. „Ja; ich verdiene noch kein anderes Gefühl als Achtung. Man darf Sie nicht überstürzt gewinnen; eine lange Prüfung, ein langer Weg der Aufmerksamkeit, eine lange Kenntnis meiner ergebenen und feurigen Liebe allein werden mich berechtigen, auf ein wärmeres Gefühl in Ihrer Brust zu hoffen. Legen Sie also selbst Ihre Zeit der Brautwerbung fest, engelhafte Lucy! – eine Woche, nein, einen Monat! Bis dahin werde ich Sie nicht einmal drängen, jenen Tag zu bestimmen, der für mich der weißeste meines Lebens sein wird!“

„Mein Lord!“, sagte Lucy und lächelte nun nicht mehr halb verschmitzt, „Sie müssen mir verzeihen, wenn ich glaube, Ihr Antrag könne nichts weiter als ein Scherz sein; aber hier, ich beschwöre Sie, lassen Sie es für immer ruhen. Erwähnen Sie dieses Thema nie wieder vor mir.“

„Beim Himmel!“, rief Mauleverer, „das ist zu grausam. Brandon, legen Sie für mich ein gutes Wort bei Ihrer Nichte ein.“

Sir William schreckte, ganz natürlich, aus seinem Schlummer auf, und Mauleverer fuhr fort:

„Ja, setzen Sie sich für mich ein; Sie, mein ältester Freund, seien Sie mein größter Wohltäter! Ich werbe um Ihre Nichte; sie tut so, als würde sie mir nicht glauben. Wollen Sie sie von meiner Wahrheit, meiner Ergebenheit, meiner Anbetung überzeugen?“

„Ihnen nicht glauben!“, sagte der sanfte Richter mit demselben heimlichen Spott, der gewöhnlich in den Mundwinkeln lauerte. „Ich wundere mich nicht, dass sie zögerlich ist, die Ehre zu glauben, die Sie ihr erwiesen haben und nach der die edelsten Jungfrauen in England vergeblich geseufzt haben. Lucy, wollen Sie grausam gegen Lord Mauleverer sein? Glauben Sie mir, er hat mir oft seine Liebe zu Ihnen anvertraut; und wenn die Erfahrung einiger Jahre etwas gilt, so gibt es keinen Zweifel an seiner Ehre und seiner Wahrheit. Ich überlasse sein Schicksal in Ihre Hände.“

Brandon wandte sich zur Tür.

„Bleiben Sie, lieber Herr“, sagte Lucy, „und statt für Lord Mauleverer einzutreten, treten Sie für mich ein.“ Ihr Blick festigte sich nun zu einem Ausdruck ruhiger und entschiedener Ernsthaftigkeit. „Ich fühle mich durch den Antrag seiner Lordschaft sehr geschmeichelt, von dem ich, wie Sie sagen, wohl bezweifeln könnte, dass er ernst gemeint sei. Ich wünsche ihm alles Glück mit einer Dame von höherem Verdienst; aber ich spreche aus einer unabänderlichen Entschlossenheit, wenn ich sage, dass ich die Würde, mit der er mich bekleiden möchte, niemals annehmen kann.“

So sagend, ging Lucy rasch zur Tür und verschwand, wobei sie die beiden Freunde zurückließ, das Verhalten ihrer Nichte zu kommentieren, wie sie wollten.

„Sie haben alles mit Ihrer Übereilung verdorben“, sagte der Onkel.

„Übereilung! Verdammt, was wollen Sie denn? Ich habe fünfzig Jahre gebraucht, um mich zum Heiraten zu entschließen; und jetzt, wo ich keinen Tag zu verlieren habe, sprechen Sie von Übereilung!“, antwortete der Liebhaber und warf sich in einen Sessel.

„Aber Sie haben nicht fünfzig Jahre gebraucht, um sich zu entschließen, meine Nichte zu heiraten“, sagte Brandon trocken.

„Von einem Landmädchen abgewiesen, kategorisch abgewiesen!“, fuhr Mauleverer fort, laut vor sich hin redend; „und das auch noch in meinem Alter und mit all meiner Erfahrung! – ein Landmädchen ohne Rang, Ton, Errungenschaften! Beim Himmel! Es ist mir egal, wenn es die ganze Welt hört – denn keine Seele auf der Welt wird es jemals glauben.“

Brandon saß sprachlos da und betrachtete das gekränkte Gesicht des Höflings mit boshafter Selbstzufriedenheit, und es entstand eine Pause von mehreren Minuten. Sir William, der das seltsame Gefühl meisterte, das ihn immer frohlocken ließ, wenn etwas seinen Freund lächerlich machte, näherte sich, legte seine Hand freundlich auf Mauleverers Schulter und sprach ihm Trost und Ermutigung zu. Der Leser wird glauben, dass Mauleverer kein Mann war, den man nicht ermutigen konnte.

Bevor er kam, liebte mich alles, und ich hatte mehr Dinge zu lieben, als ich an den Haaren auf meinem Haupt zählen konnte. Nun fühle ich, dass ich nur eines lieben kann, und dieses eine hat mich verlassen.... Nun, sei es so, – lass sie zugrunde gehen, lass sie alles sein, nur nicht mein! – Melmoth.

Am frühen nächsten Morgen war Sir William Brandon lange Zeit mit seiner Nichte in ein vertrauliches Gespräch vertieft, bevor er sich zu den Pflichten seines Amtes begab. Besorgt und alarmiert um den Erfolg eines der geliebten Projekte seines Ehrgeizes, ließ er in seinem Gespräch mit Lucy keine Kunst aus, die seine große Eloquenz und sein wunderbarer Einblick in die menschliche Natur ihm eingeben konnten, um zumindest ein Fundament für den Aufbau seines Plans zu gewinnen. Unter anderen Mitteln seiner weltgewandten Taktik deutete er auf Lucys Liebe zu Clifford hin; und (obgleich dunkel und subtil, wie es sich für die Reinheit derjenigen geziemte, die er ansprach) scheute sich dieser verworfene und listige Mensch nicht, auch auf die Möglichkeit anzuspielen, jener Liebe nach der Heirat nachzugehen; obgleich er das Verbrechen, sie davor zu ermutigen, als das Letzte aller Unschicklichkeiten anprangerte. Dieser Hinweis jedoch verhallte wirkungslos an Lucys unschuldigem Ohr. Sie begriff nicht im Entferntesten dessen Bedeutung; sie empfand nur, mit glühender Wange und schmollender Lippe, Groll über die Anspielung auf eine Liebe, von der sie glaubte, es sei frech von jedem, sie auch nur zu vermuten.

Als Brandon das Zimmer verließ, war seine Stirn umwölkt und sein Blick geistesabwesend und nachdenklich: Es war offensichtlich, dass es in der Unterredung mit seiner Nichte wenig gegeben hatte, was ihn erfreut oder zufriedengestellt hätte. Miss Brandon selbst war sehr aufgeregt; denn es lag in der Natur ihres Onkels jenes stille und beeindruckende Geheimnis, andere zu beeinflussen oder zu beherrschen, das fast ausnahmslos und doch so leise die Wünsche seines Besitzers erreicht; und Lucy, die ihn aufrichtig liebte und bewunderte – vielleicht nicht weniger wegen eines gewissen Maßes an Furcht –, war sehr betrübt darüber zu sehen, wie tief in ihm der Wunsch nach jener Ehe verwurzelt war, die sie als eine moralische Unmöglichkeit empfand. Doch wenn Brandon das Geheimnis der Überzeugungskraft besaß, so war Lucy kaum weniger außergewöhnlich mit dem Geheimnis des Widerstands begabt. Man mag sich erinnern, dass wir bei der Beschreibung ihres Charakters von ihr als jemandem sprachen, der auf Oberflächliche zu nachgiebig und weichgemütig wirkte. Doch die Umstände straften den Anschein Lügen und bewiesen, dass sie in herausragendem Maße eine stille Festigkeit und latente Entschlossenheit besaß, die ihrem Geist einen Edelmut und eine vertrauenswürdige Kraft verliehen, die von jenen, die ihr auf den gewöhnlichen Pfaden des Lebens begegneten, niemals vermutet worden wären.

Brandon war noch nicht lange fort, als Lucys Zofe kam, um ihr mitzuteilen, dass ein Herr, der den dringenden Wunsch äußerte, sie zu sehen, unten warte. Das Blut wich aus Lucys Wangen bei dieser Ankündigung, so einfach sie auch schien. „Welcher Herr könnte den Wunsch haben, sie zu sehen? War es – war es Clifford?“ Sie blieb einige Augenblicke regungslos und buchstäblich unfähig, sich zu bewegen; schließlich fasste sie Mut und, über eine Vorstellung lächelnd, die ihr nach kurzem Nachdenken völlig absurd erschien, stieg sie in den Salon hinab. Der erste Blick, den sie auf den Fremden warf, der mit verschränkten Armen am Kamin stand, reichte aus – es war unmöglich, sich zu täuschen, obwohl das Gesicht abgewandt war, die unvergleichliche Gestalt ihres Geliebten zu verkennen. Sie trat eifrig mit einem schwachen Schrei vor, hielt inne und sank auf das Sofa.

Clifford wandte sich ihr zu und heftete seine Augen mit einem intensiven und melancholischen Blick auf ihr Gesicht, doch er brachte keine Silbe hervor; und Lucy, nachdem sie in Erwartung seiner Stimme innegehalten hatte, blickte auf und bemerkte voller Alarm das seltsame und eigentümliche Aussehen seiner Züge. Er näherte sich ihr langsam und immer noch schweigend; doch sein Blick schien ernster und wehmütiger zu werden, je näher er kam.

„Ja“, sagte er schließlich mit einer gebrochenen und undeutlichen Stimme, „ich sehe dich noch einmal, nach all meinen Versprechen, dich für immer zu verlassen – mein feierlicher Abschied, nach allem, was ich dich gekostet habe; denn, Lucy, du liebst mich, du liebst mich, und ich schaudere, während ich es fühle; nachdem ich selbst alles ertragen und bekämpft habe, komme ich noch einmal vorsätzlich in deine Gegenwart! Wie habe ich für diesen Augenblick gebrannt und gelitten! Wie habe ich gesagt: 'Lass mich sie noch einmal erblicken, nur noch einmal, und das Schicksal mag dann sein Schlimmstes tun!' Lucy! teure, teure Lucy! Vergib mir meine Schwäche. Es ist nun in bitterer und strenger Wirklichkeit das allerletzte Mal, dass ich mich schuldig machen kann!“

Während er sprach, sank Clifford neben sie. Er nahm beide ihre Hände in seine und hielt sie, wenn auch ohne Druck, während er wieder leidenschaftlich auf ihr unschuldiges und doch beredtes Gesicht blickte. Es schien, als sei er über alle gewöhnlichen Gefühle des Wiedersehens und der Liebe hinaus bewegt. Er versuchte nicht, die Hände, die er hielt, zu küssen; und obwohl die Berührung durch jede Ader und Faser seines Körpers zitterte, war sein Griff so leicht wie jener, in dem die erste Schüchternheit einer Knabenliebe sich zu verewigen wagt!

„Du bist blass, Lucy“, sagte er wehmütig, „und deine Wange ist viel hagerer, als sie war, als ich dich das erste Mal sah. Als ich dich das erste Mal sah! Ach! Um deinetwillen wünschte ich, das wäre niemals geschehen! Dein Gemüt war damals leicht, Lucy; dein Lachen kam von Herzen, dein Schritt spurnte die Erde. Freude strahlte aus deinen Augen, alles, was um dich herum atmete, schien voll von Glück und Fröhlichkeit; und nun, blicke mich an, Lucy! Hebe diese sanften Augen und lehre sie, Entrüstung und Verachtung auf mich zu blitzen! Oh, nicht so, nicht so! Ich könnte dich glücklich verlassen – ja, buchstäblich gesegnet –, wenn ich mir dich weniger verzeihend, weniger sanft, weniger engelhaft vorstellen könnte!“

„Was habe ich zu vergeben?“, sagte Lucy zärtlich.

„Was! Alles, wofür ein menschliches Wesen einem anderen verzeihen kann. Sind nicht Täuschung und Verletzung meine Verbrechen gegen dich? Deinen Seelenfrieden, deine Gelassenheit, deine Lebensfreude – habe ich diese nicht zerstört?“

„Oh, Clifford!“, sagte Lucy, indem sie sich über sich selbst und über alle selbstsüchtigen Gedanken erhob, „warum, warum willst du mir nicht vertrauen? Du kennst mich nicht, wahrlich, du tust es nicht – du bist sogar unwissend über das wahre Wesen einer Frau, wenn du mich deiner Zuversicht für unwürdig hältst! Glaubst du, ich könnte sie verraten, oder denkst du, wenn du das getan hättest, wofür die ganze Welt dich verstieß, könnte ich dich verstoßen?“

Lucys Stimme zitterte bei den letzten Worten; doch sie sank, wie ein Stein in tiefes Wasser sinkt, bis in den Kern von Cliffords Herz. Hinweggerissen von aller Entschlossenheit und aller Zurückhaltung, schlang er seine Arme um sie in einer langen und leidenschaftlichen Liebkosung; und Lucy, als sich ihr Atem mit seinem vermischte und ihre Wange auf seine Brust sank, fühlte in der Tat, als könne die Vergangenheit kein Geheimnis enthalten, das mächtig genug wäre, die Zuneigung, mit der ihr Herz an seinem hing, auch nur zu schwächen. Sie war die Erste, die sich aus ihrer Umarmung löste. Sie zog ihr Gesicht von seinem zurück und lächelte ihn durch ihre Tränen hindurch an, mit einer Helligkeit, die das Lächeln ihrer frühesten Jugend nie übertroffen hatte, und sagte: –

„Hör mir zu. Erzähle mir deine Geschichte oder nicht, wie du willst. Aber glaube mir, der Verstand einer Frau ist oft kein zu verachtender Ratgeber. Diejenigen, die sich selbst am bittersten anklagen, sind nicht oft diejenigen, denen es am schwierigsten ist zu verzeihen; und du musst mir verzeihen, wenn ich das Ausmaß der Schuld bezweifle, das du dir so verschwenderisch zuschreiben willst. Ich bin jetzt allein auf der Welt“ (hier verblasste das Lächeln von Lucys Lippen). „Mein armer Vater ist tot. Ich kann niemanden durch mein Handeln verletzen; es gibt niemanden auf Erden, dem ich durch Pflicht gebunden bin. Ich bin unabhängig, ich bin reich. Du behauptest, mich zu lieben. Ich bin töricht und eitel, und ich glaube dir. Vielleicht habe ich auch die törichte Hoffnung, die so oft Frauen zu Betrogenen macht – die Hoffnung, dass, wenn du geirrt hast, ich dich zurückgewinnen kann; wenn du unglücklich warst, ich dich trösten kann! Ich weiß, Mr. Clifford, dass ich das sage, wofür viele mich verachten würden, und wofür ich mich vielleicht selbst verachten sollte; aber es gibt Zeiten, in denen wir nur so sprechen, als ob eine Kraft in unseren Herzen uns trotz unserer selbst dazu zwingt – und so habe ich jetzt zu dir gesprochen.“

Es war mit einer für sie sehr ungewohnten Miene, dass Lucy ihre Ansprache beendet hatte, denn ihr übliches Merkmal war eher Sanftheit als Würde; aber, als ob sie die Bedeutung ihrer Worte korrigieren wollte, die sonst unmädchenhaft erscheinen könnten, lag in ihrem Blick und Auftreten eine keusche, stolze, und doch nicht weniger zärtliche und süße Angemessenheit und würdevolle Offenheit; sodass es für jemanden, der sie hörte, völlig unmöglich gewesen wäre, der Vornehmheit ihrer Motive nicht gerecht zu werden oder sich nicht sowohl durch Respekt als auch durch jedes wärmere oder vertrautere Gefühl berührt und durchdrungen zu fühlen.

Clifford, der aufgestanden war, während sie sprach, hörte mit einem Gesichtsausdruck zu, der sich bei jedem Wort, das sie äußerte, veränderte – bald voller Hoffnung, bald voller Verzagtheit. Als sie schwieg, erhärtete sich der Ausdruck zu einer festen und zwingenden Entschlossenheit.

„Es ist gut!“, sagte er murmelnd. „Ich bin dessen würdig – sehr, sehr würdig! Großmütiges, edles Mädchen! Wäre ich ein Kaiser gewesen, hätte ich mich vor dir in Anbetung niedergeworfen; aber dich herabzusetzen, zu entwürdigen – nein! nein!“

„Gibt es eine Entwürdigung in der Liebe?“, murmelte Lucy.

Clifford blickte sie mit einer Art enthusiastischem und selbstgefälligem Stolz an; vielleicht empfand er es als Grund zum Stolz, so geliebt zu werden und von einem solchen Geschöpf, selbst unter den niedrigsten Umständen, denen er jemals ausgesetzt sein könnte. Er holte schwer Atem, biss die Zähne zusammen und antwortete: –

„Du könntest also einen Ausgestoßenen lieben, ohne Herkunft, Vermögen oder Charakter? Nein! Du glaubst das jetzt, aber du könntest es nicht.

„Könntest du dein Land, deine Freunde und dein Zuhause verlassen – alles, wofür du geboren und geeignet bist? Könntest du jemanden, über dem das Schwert hängt, durch ein Leben begleiten, das jede Stunde der Entdeckung und Schande unterworfen ist? Könntest du dich selbst der Launenhaftigkeit einer bösen Erinnerung und der düsteren Stille der Reue unterwerfen? Könntest du das Opfer eines Mannes sein, der kein Verdienst hat als seine Liebe zu dir, und der, wenn diese Liebe dich zerstört, völlig erlöst wird? Ja, Lucy, ich habe geirrt – ich will dir Gerechtigkeit widerfahren lassen; all das, ja, mehr, könntest du ertragen, und deine großmütige Natur würde das Opfer verschmähen. Aber soll ich nur selbstsüchtig sein und du ganz ergeben? Sollst du mir alles überlassen, und ich soll alles annehmen und nichts aufgeben? Ach! Ich habe nur ein Gut, einen Segen aufzugeben, und das bist du. Lucy, ich verdiene dich; ich übertreffe dich an Großmut. Alles, was du für mich aufgeben würdest, ist nichts – O Gott! – nichts im Vergleich zu dem Opfer, das ich für dich bringe! Und nun, Lucy, ich habe dich gesehen, und ich muss dir noch einmal Lebwohl sagen; ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu verlassen. Ich werde in einen ausländischen Dienst eintreten. Vielleicht“ (und Cliffords dunkle Augen blitzten vor Feuer) „wirst du noch von mir hören und nicht erröten, wenn du es hörst! Aber“ (und seine Stimme zitterte, denn Lucy, ihr Gesicht mit beiden Händen verbergend, gab ihren Tränen und ihrer Aufregung nach), „aber in einer Hinsicht hast du gesiegt. Ich hatte geglaubt, dass du niemals mein sein könntest – dass mein vergangenes Leben mich für immer dieser Hoffnung beraubt hatte! Ich beginne nun, mit einem Entzücken, das mich durch alle Prüfungen tragen kann, eine gewagtere Vision zu formen. Ein Makel mag getilgt werden – ein böser Name mag eingelöst werden – die Vergangenheit ist nicht festgelegt und besiegelt, ohne die Macht, das Geschriebene zu widerrufen. Wenn ich mir das Recht verdienen kann, deine Gnade zu verdienen, werde ich mich ihr vorbehaltlos zu Füßen werfen; bis dahin, oder bis zum Tode, wirst du mich nicht mehr sehen!“

Er fiel auf die Knie, hinterließ seinen Kuss und seine Tränen auf Lucys kalter Hand; im nächsten Moment hörte sie seinen Schritt auf der Treppe, die Tür schloss sich schwer und krachend hinter ihm, und Lucy verspürte einen bitteren Stich, und, für einige Zeit zumindest, verspürte sie nichts mehr!

KAPITEL XXXI.

Vieles fällt zwischen den Becher und den Lippenrand! Euer Mann gefällt mir Mit seinem Dünkel. ............... Es kommt Chanon Hugh, ausgerüstet wie Ihr seht, Verkleidet! Und so soll ich den Konstabler narren? Nun, auf euch, ihr Mannsbilder. ............... Der Oberkonstabler war mehr, obwohl Er Dick Tator an die Fersen legte. BEN JONSON – Tale of a Tub.

Währenddessen schritt Clifford rasch durch die Straßen, die das Haus des Richters umgaben, und bog in ein dunkleres Viertel der Stadt ein, wo er eine düstere Gasse oder einen schmalen Weg betrat. Hier wurde er plötzlich von einem Mann angesprochen, der in einen zotteligen Mantel gehüllt war und ein etwas verdächtiges Aussehen hatte.

„Aha, Kapitän!“, sagte er, „du bist über deiner Zeit, aber alles ist gut!“

Clifford, der mit mäßigem Erfolg die lockere Selbstbeherrschung versuchte, die gewöhnlich seine Ansprache an seine Gefährten kennzeichnete, wiederholte die Worte des Fremden und antwortete: –

„Alles gut! Was! Sind die Gefangenen freigelassen?“

„Nein, beim Glauben!“, antwortete der Mann mit einem rauen Lachen, „noch nicht; aber alles zu seiner Zeit. Es ist ein wenig zu viel verlangt, von den Richtern zu erwarten, dass sie unsere Arbeit erledigen, obwohl, beim Lord Harry, wir oft ihre erledigen!“

„Was dann?“, fragte Clifford ungeduldig.

„Nun, die armen Kerle waren in die Stadt ----- gebracht und vor den 'queer cuffin' (Magistrat) geführt worden, ehe ich ankam, obwohl ich mich in dem Moment aufmachte, als du es mir sagtest, und die Reise in vier Stunden machte. Das Verhör dauerte den ganzen gestrigen Tag, und sie wurden bis heute zurückgestellt – lass sehen, es ist noch nicht Mittag; wir können dort sein, bevor es vorbei ist.“

„Und das nennst du gut!“, sagte Clifford ärgerlich. „Nein, Kapitän, sei nicht 'glimflashy'! Du hast noch nicht alles gehört! Es scheint, dass das Einzige, was ihnen schwer zur Last gelegt wurde, von einem stämmigen Viehhändler kam, dem man 'Halt!' zugerufen hatte, etwa fünfzig Meilen von der Stadt entfernt; also denkt der 'queer cuffin' daran, die armen Kerle in das Gefängnis des Bezirks zu schicken, wo sie das Geschäft erledigt haben!“

„Ah! Das könnte ihnen einige Hoffnungen lassen! Wir müssen scharf auf ihre Reise achten; wenn sie erst einmal im Gefängnis sind, sind ihre einzigen Chancen die Feile und das Bestechungsgeld. Unglücklicherweise hat keiner von ihnen bei diesem Handwerk so viel Glück wie ich!“

„Nein, wahrlich, es gibt keine Steinmauer in England, durch die der große Kapitän Lovett nicht kriechen könnte, das schwöre ich!“, sagte der bewundernde Gefolgsmann.

„Sattelt die Pferde und ladet die Pistolen! Ich werde mich euch in zehn Minuten anschließen. Habt meine Bauernkleidung bereit, das falsche Haar usw. Wählt eure eigene Ausstattung. Beeilt euch; die 'Three Feathers' ist der Treffpunkt.“

„Und in nur zehn Minuten, Kapitän?“

„Pünktlich!“

Der Fremde bog um eine Ecke und war außer Sicht. Clifford murmelte: „Ja, ich war der Grund für ihre Verhaftung; ich war der Gesuchte; es ist nur fair, dass ich einen Schlag für ihre Flucht führe, bevor ich meine eigene versuche“, und setzte seinen Weg fort, bis er zu der Tür eines Wirtshauses kam. Das Schild eines Seemanns schwenkte hoch oben und stellte den lustigen Matrosen mit einem feinen Zinnkrug in der Hand dar, der beträchtlich größer war als sein eigener Umfang. Ein riesiger Mops saß an der Tür und ließ die Zunge heraushängen, als ob er, nachdem er sich bis zur Zunge vollgestopft hatte, gezwungen wäre, dieses nützliche Glied aus seinem richtigen Platz zu drehen. Die Fensterläden waren halb geschlossen, aber die Geräusche grober Fröhlichkeit drangen vergnügt nach außen.

Clifford verscheuchte den Mops; und als er die Schwelle überschritt, rief er mit lauter Stimme: „Janseen!“

„Hier!“, antwortete eine raue Stimme; und Clifford ging weiter und kam in ein kleines Wohnzimmer, das an die Schankstube angrenzte. Dort, an einem runden Eichentisch sitzend, fand er den Wirt – eine rote, grimmige, wettergegerbte, aber aufgedunsen aussehende Gestalt, wie Dick Hatteraick mit Wassersucht.

„Wie nun, Kapitän!“, rief er mit kehligem Akzent und durchsetzte seine Rede mit gewissen holländischen Anmutungen, die wir mit Erlaubnis unseres Lesers auslassen, da wir sie nicht buchstabieren können; „wie nun! – noch nicht fort!“

„Nein! Ich breche morgen zur Küste auf; Geschäfte halten mich heute hier. Ich kam, um zu fragen, ob man sich voll auf Mellon verlassen kann?“

„Ja, ehrlich bis auf die Knochen.“

„Und du bist sicher, dass er trotz meiner späten Verzögerungen das Dorf nicht verlassen haben wird?“

„Sicher! Was sollte ich sonst sein? Kenne ich Jack Mellon nicht seit zwanzig Jahren! Er würde zehn Monate lang wie ein Baumstamm bei Windstille liegen bleiben, ohne sich ein Haarbreit zu bewegen, wenn er unter Befehl stünde.“

„Und sein Schiff ist schnell und gut bemannt, für den Fall einer Verfolgung durch einen Offizier?“

„Die 'Black Molly' schnell? Frag deine Großmutter. Die 'Black Molly' würde einen Hai abhängen.“

„Dann lebe wohl, Janseen; hier ist etwas, um deine Pfeife am Brennen zu halten. Wir werden uns innerhalb der drei Meere nicht mehr begegnen, denke ich. England ist für mich genauso zu heiß wie Holland für dich!“

„Du bist ein prächtiger Kerl!“, rief der Wirt und schüttelte Clifford die Hand; „und wenn die Jungs erfahren, was sie verloren haben, werden sie wissen, dass sie den tapfersten und treuesten Burschen verloren haben, der je das 'toby' (die Landstraße) unsicher gemacht hat; also lebe wohl, und verdammt seist du!“

Mit diesem Abschiedssegen entließ der Wirt Clifford; und der Räuber eilte zu seinem Treffpunkt bei den 'Three Feathers'.

Er fand alles vorbereitet. Er legte hastig seine Verkleidung an; und sein Gefährte führte sein Pferd heraus – ein edles Tier von der großen irischen Rasse, von bemerkenswerter Stärke und Knochenbau, und bis auf die Tatsache, dass es etwas scharf an den Hinterteilen war (ein Fehler, den diejenigen, die sowohl Geschwindigkeit als auch Anmut suchen, leicht verzeihen werden), von unvergleichlicher Schönheit in seiner Symmetrie und seinen Proportionen.

Wohl kannte der Renner seinen Herrn, und stolz erwies er ihm seine Ehrerbietung; schnaubend vor Ungeduld und sich gegen die Hand des begleitenden Räubers aufbäumend, befreite sich das kluge Tier vom Zügel, und als es seine lange Mähne im Wind der frischen Luft schüttelte, kam es trabend zu dem Platz, wo Clifford stand.

„So ho, Robin! So ho! Was, du bist aufgebracht, dass ich deinen Gefährten bei der 'Red Cave' zurückgelassen habe! Ihn werden wir vielleicht nie mehr sehen. Aber solange ich lebe, werde ich dich nicht verlassen, Robin!“ Mit diesen Worten streichelte der Räuber liebevoll den glänzenden Hals seines Lieblingsrosses; und als das Tier die Liebkosung erwiderte, indem es seinen Kopf gegen die Hände und die athletische Brust seines Herrn rieb, spürte Clifford in seinem Herzen etwas von jenem alten, temperamentvollen Blutwallen, das einst für ihn der Hauptreiz seines kriminellen Berufs gewesen war und das er in der jüngsten Veränderung seiner Gefühle fast vergessen hatte.

„Nun, Robin, nun“, erneuerte er, als er das Gesicht seines Rosses küsste, „nun, wir werden noch einige Tage wie unsere alten haben; du sollst 'Ha! Ha!' zur Trompete sagen und deinen Herrn zu ruhmreicheren Unternehmungen tragen, als er dir bisher für das Teilen gedankt hat. Du wirst nun mein einziger Vertrauter sein, mein einziger Freund, Robin; wir zwei werden Fremde in einem fremden Land sein. Aber du wirst dich leichter willkommen machen als dein Herr, Robin; und du wirst die alten Tage und deine alten Kameraden und deine alten Lieben vergessen, wenn – Ha!“ und Clifford wandte sich abrupt an seinen Gefährten, der ihn ansprach; „Es ist spät, sagst du. Wahr! Sieh her, es wird für uns beide unklug sein, London gemeinsam zu verlassen. Du kennst den sechsten Meilenstein; triff mich dort, und wir können in Begleitung weiterziehen!“

Nicht abgeneigt, für einen Abschiedstrunk zu verweilen, stimmte der Kamerad der Klugheit des vorgeschlagenen Plans zu; und nach ein oder zwei zusätzlichen Worten der Vorsicht und des Rates stieg Clifford auf und ritt aus dem Hof des Gasthauses. Als er durch die hohen hölzernen Tore auf die Straße ritt, wobei der unvollkommene Schein der winterlichen Sonne auf ihn und sein Ross fiel, war es kaum möglich, selbst trotz seiner Verkleidung und rauen Kleidung ein tapfereres und auffälligeres Exemplar des gesetzlosen und verwegeneren Stammes, dem er angehörte, zu begreifen; die Größe, Stärke, Schönheit und die exquisite Pflege, die an dem Ross sichtbar waren; das funkelnde Auge, das kühne Profil, die sehnige Brust, die anmutigen Gliedmaßen und die sorglose und geübte Reitkunst des Reiters.

Dem Räuber nachblickend mit einem langen und bewundernden Blick, sagte der Pferdeknecht des Gasthauses, ein gealterter und verwelkter Mann, der neun Generationen von Straßenräubern kommen und verschwinden gesehen hatte: –

„Da, Joe, wann hast du jemals einen Helden wie diesen gesehen? Das tapferste Herz, die offenste Hand, der beste Kenner eines Pferdes und der schönste Mann, der je Hounslow Ehre gemacht hat!“

„Trotz alledem“, erwiderte der Pferdeknecht, schüttelte sein zitterndes Haupt und wandte sich wieder der Schankstube zu, „trotz alledem, Herr, seine Zeit ist um. Merkt Euch meine Worte, Captain Lovett wird das Jahr nicht überstehen – nein, und vielleicht auch nicht den Monat!“

„Was, du alter Schurke, was macht dich so weise? Du wirst doch wohl nicht verraten, nehme ich an!“

„Ich verraten! Gott bewahre! Aber es hat noch nie einen Edelmann der Landstraße gegeben, ob groß oder klein, ob schlau oder dumm, der sein siebtes Jahr überlebt hätte. Und für den Captain ist es das siebte, kommt der 21. des nächsten Monats; aber er ist ein feiner Kerl, und ich werde bei seinem Hängen dabei sein!“

„Pah!“, sagte der Räuber gereizt – er selbst näherte sich gerade dem Ende seines sechsten Jahres –, „pah!“

„Denkt dran, ich sage es Euch, Herr; und irgendwie denke ich – und ich habe Erfahrung mit solchen Dingen –, nach dem Vorzeichen in seinem Blick und dem Herabhängen seiner Lippe, dass die Zeit des Captains heute um ist!“

Hier verlor der Räuber jede Geduld, stieß den greisen Unheilspropheten gegen die Wand, wandte sich auf dem Absatz um und suchte sich einen angenehmeren Gefährten, um seinen Abschiedstrunk zu teilen.

Es war am Morgen des Tages nach jenem, an dem die oben erwähnten Unterhaltungen stattgefunden hatten, als der scharfsinnige Augustus Tomlinson und der tapfere Edward Pepper, in Handschellen und Fußfesseln, in einer Postkutsche die Straße entlangholperten, wobei Mr. Nabbem an die Seite des Ersteren gequetscht war und zwei weitere Herren im Vertrauen von Mr. Nabbem auf dem Kutschbock saßen, was – wie der lange Ned brummend bemerkte – die „Schönheit der Aussicht“ jämmerlich beeinträchtigte.

„Ach, nun!“, sagte Nabbem, während er unvermeidlich seinen Ellbogen in Tomlinsons Seite stieß, seine Schnupftabakdose hervorzog und sich reichlich an dem berauschenden Staub bediente; „Sie sollten sich am besten auf einen Wechsel der Aussichten gefasst machen, Mr. Pepper. Ich glaube, dass es wenig gibt, was Ihnen in ‚Guod‘ [Gefängnis] gefallen wird.“

„Nichts macht Menschen so schlagfertig wie das Unglück anderer!“, sagte Augustus, moralisierend und sich so gut er konnte drehend, um seinen Körper von dem spitzen Ellbogen des Mr. Nabbem zu befreien. „Wenn ein Mann in der Welt unten ist, werden alle Umstehenden, die vorher sehr stumpfsinnige Kerle waren, plötzlich zu Witzbolden!“

„Sie spielen auf mich an“, sagte Mr. Nabbem. „Nun, das bedeutet keinen Pfifferling; denn sobald wir unsere Pflicht tun, werden Sie Burschen schrecklich undankbar!“

„Undankbar!“, sagte Pepper; „was zum Teufel haben wir denn, wofür wir dankbar sein sollten? Ich nehme an, Sie denken, wir sollten Ihnen sagen, dass Sie der beste Freund sind, den wir haben, weil Sie uns wie für Weihnachten gemästet Truthähne Hals über Kopf in dieses schreckliche Loch gezwängt haben. Zum Kuckuck! Man hat die Haare plattgedrückt wie einen Pfannkuchen; und was die Beine angeht, so wäre es besser gewesen, Sie hätten sie gleich abgeschnitten, anstatt sie an einem Ort von einem Quadratfuß zusammenzustauchen – ganz zu schweigen von diesen schurkischen Eisen!“

„Die einzigen Eisen, die in deinen Augen verzeihlich sind, Ned“, sagte Tomlinson, „sind die Lockenwickler, was?“

„Nun, wenn das nicht zu viel ist!“, rief Nabbem verdrießlich; „Sie weigern sich, wie der Rest Ihrer Zunft in einem Karren zu fahren; und wenn ich mir die Mühe mache, Ihnen mit einer Kutsche zu Willen zu sein, dann beschimpfen Sie mich dafür!“

„Friede, guter Nabbem!“, sagte Augustus mit der Würde eines Weisen; „Sie müssen ein wenig schlechte Laune bei Männern in einer so unglücklichen Lage, wie wir sie haben, schon zulassen.“

Eine sanfte Antwort vertreibt den Zorn. Tomlinsons Antwort stimmte Nabbem milder; und zur Versöhnung hielt er seinem unglücklichen Gefangenen die Schnupftabakdose unter die Nase. Tomlinson schloss die Augen, schniefte lange und inbrünstig an der Köstlichkeit, und sobald der Beamte mit seinem eigenen gelb getupften Tuch einige verbliebene Körnchen von der Nase gewischt hatte, sprach Tomlinson wie folgt:

„Sie sehen uns jetzt, Mr. Nabbem, in einem Zustand der geschlagenen Opposition; aber unsere Geister sind nicht auch gebrochen. In unserer Zeit hatten wir einiges mit der Verwaltung zu tun; und unser Trost ist derzeit der Trost gestürzter Minister!“

„Oho! Sie waren also bei den Methodisten, bevor Sie sich auf die Landstraße begaben?“, sagte Nabbem.

„Nicht doch!“, antwortete Augustus ernst. „Wir waren die Methodisten der Politik, nicht der Kirche; das heißt, wir lebten von unserer Herde ohne eine gesetzliche Befugnis dazu, und was das Gesetz uns vorenthielt, das gaben uns unsere Köpfe. Aber sagen Sie mir, Mr. Nabbem, sind Sie der Politik zugetan?“

„Nun, man sagt es mir nach“, sagte Mr. Nabbem mit einem Grinsen; „und meinerseits denke ich, dass alle, die dem König dienen, für ihn einstehen und für ihre kleinen Familien sorgen sollten!“

„Sie sprechen aus, was andere denken!“, antwortete Tomlinson und lächelte ebenfalls. „Und ich werde Ihnen nun, da Sie Politik mögen, aufzeigen, was Sie, wie ich wage zu sagen, bisher nicht bemerkt haben.“

„Was ist das?“, sagte Nabbem.

„Eine wunderbare Ähnlichkeit zwischen dem Leben der Herren, die den Senat seiner Majestät schmücken, und dem Leben der Herren, die Sie gerade in das Gefängnis seiner Majestät führen.“

DIE VERLEUMDERISCHE PARALLELE DES AUGUSTUS TOMLINSON.

„Wir beginnen unsere Laufbahn, Mr. Nabbem, so wie Ihre angehenden Minister ins Parlament eintreten – durch Bestechung und Korruption. Es gibt freilich diesen Unterschied zwischen den beiden Fällen: Wir werden durch die Bestechung und Korruption anderer dazu verlockt; sie treten spontan durch die Kraft ihrer eigenen ein. Zuerst, getäuscht durch romantische Visionen, gefällt uns der Ruhm unserer Laufbahn besser als der Gewinn, und in unserer jugendlichen Großzügigkeit geben wir vor, die Reichen allein aus Rücksicht auf die Armen anzugreifen! Nach und nach, wenn wir abgehärteter werden, lachen wir über diese jungenhaften Träume – Bauer oder Prinz ergeht es bei unseren unparteiischen Händen gleich; wir greifen nach dem Eimer, aber wir verschmähen nicht den Fingerhut voll; wir benutzen das Wort ‚Ruhm‘ nur als Falle für Proselyten und Lehrlinge; unsere Finger, wie eine Bürotür, sind offen für alles, was möglicherweise in sie gelangen kann; wir betrachten die Wohlhabenden als unser Gehalt, die Armen als unsere Nebeneinkünfte. Was ist das anderes als ein Bild Ihres Parlamentsabgeordneten, der zum Minister heranreift, Ihres Patrioten, der sich zum Beamten mildert? Und merken Sie sich, Mr. Nabbem! Ist nicht die Sprache beider so ähnlich wie die Taten? Was ist die Phrase, die wir beide so gerne gebrauchen? ‚Befreien‘. Wovon? ‚Vom Publikum‘. Und befreien sie es nicht beide ausnahmslos von derselben Sache – nämlich seinem Geldbeutel? Brauchen wir eine Entschuldigung dafür, das Gold unserer Nachbarn zu teilen oder sie zu beschimpfen, wenn sie Widerstand leisten? Ist nicht unser gemeinsames, unser treffendstes Argument: ‚Not‘? Sicher, Ihr Patriot nennt es ‚Not des Landes‘; aber meint er jemals, auch nur einen Deut mehr als wir, irgendeine Not außer seiner eigenen? Wenn wir tief gesunken sind und unsere Mäntel schäbig sind, schütteln wir dann nicht beide den Kopf und sprechen von ‚Reform‘? Und wenn, oh! wenn wir obenauf sind, treten wir dann nicht beide die ‚Reform‘ zum Teufel? Wie oft ‚räumt‘ Ihr Parlamentsmann ‚seinen Sitz‘, nur um ihn mit einem schwereren Geldbeutel wieder einzunehmen! Wie oft, lieber Ned, sind unsere Sitze aus dem gleichen Grund geräumt worden! Manchmal beendet er seine Karriere wirklich, indem er die ‚Hundreds‘ annimmt – es ist durch das ‚Annehmen der Hundreds‘, dass auch unsere beendet werden kann! [Ned stieß einen langen Seufzer aus.] Betrachten Sie uns nun, Mr. Nabbem, auf dem Zenit unseres Wohlstands – wir haben unsere Taschen gefüllt, wir sind im Munde unserer Partei groß geworden. Unsere Kumpane bewundern uns und unsere Weiber verehren uns. Was tun wir in diesem kurzlebigen Sommer? Sparen und haushalten? Ach nein! Wir müssen unsere Abendessen geben und unser Gesäuf leichtfertig behandeln. Wir treiben Sport mit Pferden auf der Rennbahn und spielen uns vor der Menge auf, die wir übervorteilt haben. Ist das nicht Ihr Minister, der ins Amt gekommen ist? Erinnert Sie das nicht an seine Kutschen, seinen Palast, sein Silbergeschirr? In beiden Fällen leicht gewonnen, verschwenderisch vergeudet; und die Öffentlichkeit, deren Bargeld wir befingert haben, mag zumindest das Vergnügen haben, über die Figur zu staunen, die wir damit machen! Dies also ist unsere Ernte des Glücks; unsere Feinde, unsere Freunde sind bereit, uns vor Neid zu fressen – doch was ist so wenig beneidenswert wie unsere Stellung? Haben wir nicht beide unsere gemeinsamen Ärgernisse und unsere gegenseitigen Unruhen? Bestechen wir nicht beide [Nabbem schüttelte den Kopf und knöpfte seine Weste zu] unsere Feinde, schmeicheln unseren Parteigängern, schikanieren unsere Untergebenen und streiten mit unseren einzigen Freunden – nämlich uns selbst? Ist nicht die geheime Frage bei jedem: ‚Es ist alles verdammt schön; aber wie lange wird es dauern?‘ Nun, Mr. Nabbem, merken Sie sich – kehren Sie das Porträt um: Wir sind gefallen, unsere Laufbahn ist vorbei – die Straße ist uns verschlossen, und neue Plünderer rauben die Kutschen, die wir einst ausraubten. Ist das nicht das Schicksal der – Nein, nein! Ich täusche mich! Ihre Minister, Ihre Geschäftemacher melken die Kuh des Volkes meist, solange noch ein Tropfen im Euter ist. Ihr Kanzler geht in den Ruhestand mit einer Pension; Ihr Minister magert ab bei einer Zuwendung; die Füße Ihrer großen Schurken mögen von den Bänken der Schatzkammer verschwunden sein, aber sie haben ihre kleinen Finger in der Schatzkammer. Ihre vergangenen Dienste werden von seiner Majestät in Erinnerung behalten; unsere nur vom Richter notiert. Sie retten sich selbst, denn sie hängen aneinander; wir fahren zum Teufel, denn wir hängen an uns selbst. Wir haben unseren kleinen Tag mit der Öffentlichkeit, und alles ist vorbei; aber bei ihnen ist es nie vorbei. Wir beide jagen denselben Fuchs; aber wir sind Ihre ehrlichen Reiter, sie sind Ihre Schlitzohren – wir nehmen den Sprung, und unsere Hälse sind gebrochen; sie schleichen durch die Tore und halten durch bis zum Ende!“

Als er schloss, sank Tomlinsons Kopf auf seine Brust, und es war leicht zu sehen, dass schmerzhafte Vergleiche, vielleicht vermischt mit heimlichem Murren über die Ungerechtigkeit des Schicksals, in seiner Brust nagten. Der lange Ned saß in düsterem Schweigen; und selbst das harte Herz des strengen Mr. Nabbem wurde durch die bewegende Parallele, der er zugehört hatte, erweicht. Sie waren zwei oder drei Meilen ohne ein Wort zu sagen gefahren, als der lange Ned, seine Augen auf Tomlinson fixierend, ausrief:

„Weißt du, Tomlinson, ich halte es für eine brennende Schande, dass Lovett uns wie Schafe fortschleppen ließ, ohne zu versuchen, uns unterwegs zu retten! Es ist alles seine Schuld, dass wir hier sind; denn er war es, den Nabbem wollte, nicht uns.“

„Sehr wahr“, sagte der schlaue Polizist; „und wenn ich Sie wäre, Mr. Pepper, verflucht, wenn ich mich nicht wie ein Mann von Geist benehmen und so wenig Sorge um ihn zeigen würde, wie er um Sie zeigt! Warum, Herrgott nochmal, ich will Sie nicht locken; aber das weiß ich, die Friedensrichter sind sehr darauf erpicht, Lovett zu fangen; und wer ihn ausliefert und ein oder zwei Worte über seinen Charakter verliert, so dass die Verurteilung sicher ist, der kann sich selbst einer freien Begnadigung für alle kleinen Eskapaden und so weiter sicher sein!“

„Ach!“, sagte der lange Ned mit einem Seufzer, „das ist alles sehr schön, Mr. Nabbem, aber ich werde wie ein Gentleman zum Galgen gehen und meine Kameraden nicht verraten; und jetzt, wo ich darüber nachdenke, hätte Lovett uns kaum helfen können. Ein Mann allein, selbst Lovett, so clever er auch ist, hätte uns nicht aus den Klauen von Ihnen und Ihren Myrmidonen zwingen können, Mr. Nabbem! Und als wir erst einmal in ----- waren, haben sie ausgezeichnet auf uns achtgegeben. Aber sagen Sie mir jetzt, mein lieber Nabbem“, und die Stimme des langen Ned schmeichelte sich in etwas wie Sanftheit ein –, „sagen Sie mir, glauben Sie, dass der Viehhändler die Sache zu Ende bringen wird?“

„Kein Zweifel daran“, sagte der ungerührte Nabbem. Das Gesicht des langen Ned fiel. „Und was, wenn er es tut?“, sagte er; „sie können uns nur deportieren!“

„Täuschen Sie sich nicht, Master Pepper!“, sagte Nabbem: „Sie sind ein zu alter Hase für den Herings-Teich. Sie sind entschlossen, aus all solchen ‚Nonpareils‘ wie Ihnen Galgenvögel zu machen!“

Ned warf dem Beamten einen finsteren Blick zu.

„Ein schöner Tröster sind Sie!“, sagte er. „Ich bin in einer Postkutsche mit einem angenehmeren Kerl gefahren, ich schwöre es! Sie können mich einen Apfel nennen, wenn Sie wollen, aber ich glaube, ich bin kein Apfel, den Sie gerne geschält sehen würden.“

Mit diesem pugilistischen und bedrohlichen Wortspiel verfiel der langgewachsene Held in nachdenkliches Schweigen.

Unsere Reisenden kamen nun auf eine Straße, die auf der einen Seite von einem Gemeindeland von gewisser Ausdehnung und auf der anderen Seite von einer dichten Hecke gesäumt war, die durch ihre Lücken gelegentlich Blicke auf Waldland und Brachland freigab, durchsetzt mit Querstraßen und winzigen Bächen.

„Da geht ein lustiger Kerl!“, sagte Nabbem und deutete auf einen athletisch aussehenden Mann, der vor der Kutsche ritt, in Bauernkleidung gekleidet und auf einem großen und kräftigen Pferd irischer Zucht. „Ich wette, er ist mit Ihrem Viehhändler gut bekannt, Mr. Tomlinson; er sieht sterblich nach einem vom gleichen Schlag aus; und hier kommt noch ein Bursche“ (als sich der Fremde einem kurzen, stämmigen, rotgesichtigen Mann in einem Fuhrmannskittel anschloss, der auf einem Pferd ritt, das weniger auffällig war als das seines Gefährten, aber von der langgestreckten, dünnen, hageren, doch muskulösen Rasse, auf die ein kundiger Jockey gerne wetten würde). „Nun, das nenne ich einen schmucken Burschen!“, fuhr Nabbem fort und deutete auf den letzteren Reiter; „keiner von Ihren dünngesichtigen, dunklen, strammen Kerlen wie dieser Captain Lovett, von dem die Weiber schwärmen, sondern ein netter, straffer kleiner Körper mit einem Gesicht wie eine Karotte! Das ist eine Schönheit für mein Geld! Ehrlichkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, Mr. Tomlinson! Ich wette“ (und der Beamte grinste, denn er war in seinen eigenen Tagen ein Junge von der Schattenseite gewesen), „ich wette, der arme unschuldige Dummkopf kennt keine der Wege der Stadt Lunnun; und wenn er auch kein so lustiges Leben führt wie manche Leute, vielleicht mag er ein längeres haben. Aber ein lustiges für immer für solche Burschen wie uns, Mr. Pepper! Sag mal, hast du gehört, wie Bill Fang nach ‚Scratchland‘ [Schottland] ging und wegen des Ausgebens falscher Scheine gestreckt wurde [das heißt, gehängt für das Inumlaufbringen gefälschter Noten]? Er starb verdammt tapfer; denn als sein Vater, der ein grauhaariger Pfarrer war, ihn nach dem Urteil besuchen kam, sagte er zum Gouverneur: ‚Gib uns ein Trinkgeld, Alter, um die Kosten zu bezahlen, und stirb anständig.‘ Der Pfarrer rückte ihm zehn Goldstücke heraus, während er predigte wie ein Weltmeister. Bob lässt eine der Guineen zwischen seinen Fingern fallen und sagt: ‚Holla, Dad, du hast uns nur neun von den gelben Jungs gegeben! Gerade eben hast du gesagt, es wären zehn!‘ Daraufhin zieht der Gemeindebulle, der so arm war, als wäre er eine Kirchenmaus anstatt der Kaplan, eine weitere heraus; und Bob, sich zum Gefängniswärter umdrehend, schreit: ‚Habe den Gouverneur um eine Guinee geprellt, bei Gott!‘ – [Tatsache] – Nun, das nenne ich, es bis zum Ende durchzuziehen!“

Mr. Nabbem hatte diese Anekdote kaum beendet, als der bäuerlich aussehende Fremde, der sich an der Seite der Kutsche gehalten hatte, plötzlich zum Fenster ritt, seine Mütze berührte und mit einem Norfolk-Akzent sagte:

„Gehörten die Herren, die wir auf der Straße trafen, zu Ihrer Partei? Sie fragten nach einer Kutsche mit zwei Pferden.“

„Nein!“, sagte Nabbem, „es gibt keine Herren, die zu unserer Partei gehören!“ So sagend, gab er dem Bauern ein wissendes Augenzwinkern und blickte über seine Schulter auf die Gefangenen.

„Was! Sie fahren ganz allein?“, sagte der Bauer.

„Ja, sicher“, antwortete Nabbem; „nicht viel Gefahr, denke ich, bei Tage, mit der Sonne draußen so groß wie ein Sechspfennigstück, was so groß ist, wie ich sie jemals in diesem Land gesehen habe!“

In jenem Augenblick warf sich der kürzere Fremde, dessen Erscheinung das Lob von Mr. Nabbem auf sich gezogen hatte (jene Person war selbst sehr kurz und rotgesichtig), und der bisher dicht bei den Postpferden geritten war und mit den Beamten auf dem Bock gesprochen hatte, plötzlich von seinem Ross und schlug im selben Augenblick, in dem er die Pferde der Kutsche anhielt, den Postillon mit einem kurzen, schweren Knüppel, den er aus seinem Kittel zog, zu Boden. Ein Pfiff wurde gehört und wie auf ein Signal beantwortet: Drei mit Knüppeln bewaffnete Kerle sprangen aus der Hecke; und in der Zwischenzeit riss der angebliche Bauer, absitzend, die Tür der Kutsche auf und packte Mr. Nabbem am Kragen und schwang ihn mit einer Schnelligkeit zu Boden, die eher der kreisförmigen Rundung der Figur des Polizisten entsprach als der bedächtigen Würde seines würdevollen Amtes.

So schnell und unmittelbar dieses Werk war, es blieb nicht ohne Gegenwehr. Obwohl die Polizeibeamten nicht von einer Rettung am helllichten Tag und auf der Landstraße geträumt hatten, war ihr Beruf nicht der, der sie leicht überraschen ließ. Die beiden Wächter auf dem Bock sprangen flink zu Boden; aber bevor sie Zeit hatten, ihre Schusswaffen zu benutzen, schlossen sich zwei der neuen Angreifer, die aus der Hecke erschienen waren, auf sie und brachten sie zu Boden. Während dieses Handgemenge stattfand, hatte der Bauer den am Boden liegenden Nabbem entwaffnet und, ihn dem verbleibenden Verbündeten übergebend, Tomlinson und seinen Kameraden aus der Kutsche befreit.

„Psst!“, sagte er flüsternd, „hüte dich vor meinem Namen; meine Verkleidung verbirgt mich derzeit. Stützt Euch auf mich – nur durch die Hecke; ein Karren wartet dort, und Ihr seid in Sicherheit!“

Mit diesen abgebrochenen Worten unterstützte er die Räuber, so gut er konnte, trotz ihrer Handschellen, durch denselben Teil der Hecke, aus dem die drei Verbündeten hervorgesprungen waren. Sie waren bereits durch das Hindernis hindurch – nur die langen Beine von Ned Pepper blieben zurück –, als am fernen Ende der Straße, die vollkommen gerade war, eine Gentleman-Kutsche sichtbar wurde. Eine starke Hand aus dem Inneren der Hecke packte Pepper und zog ihn hindurch; und Clifford – denn der Leser muss nicht erfahren, wer der Bauer war –, die herannahende Verstärkung bemerkend, rief sofort zur Flucht auf. Der Räuber, der Nabbem bewacht hatte und der in der Tat niemand anderes als Old Bags war, verlor, so langsam er gewöhnlich war, keinen Augenblick damit, für sich selbst zu sorgen; bevor man „Laudamus“ sagen konnte, war er auf der anderen Seite der Hecke. Die beiden Männer, die mit den Polizeibeamten beschäftigt waren, waren zu keiner gleichen Schnelligkeit fähig; aber Clifford, der sich in den Kampf stürzte und die Polizisten beschäftigte, gab den Räubern die Gelegenheit zur Flucht. Sie kletterten durch den Zaun; die Beamten, zähe Kerle und scharf, klammerten sich kräftig an sie, bis einer von Clifford niedergeschlagen wurde und der andere, an einem Stumpf hängen bleibend, gezwungen war, seinen Griff zu lösen; er sprang dann zurück auf die Straße und machte sich bereit für Clifford, der sich nun jedoch eher mit flüchtigen als mit kriegerischen Maßnahmen beschäftigte. Währenddessen, in dem Moment, als die anderen Retter den Rubikon der Hecke überschritten hatten, begann ihre Flucht und die der Herren, die vor ihnen hindurchgegangen waren. Auf dieser mystischen Seite der Hecke befand sich eine Querstraße, die sofort durch einen komplizierten und bewaldeten Teil des Landes führte, was schnelle und reichliche Gelegenheiten zur Zerstreuung bot. Hier erwartete ein leichter Karren, gezogen von zwei schnellen Pferden in Tandem-Art, die Flüchtlinge. Der lange Ned und Augustus wurden am Boden dieses Fahrzeugs verstaut; drei Kerle feilten an ihren Eisen, und ein vierter, der bis dahin ruhmlos beim Karren geblieben war, gab die Peitsche – und er gab sie ordentlich – den Rennern. Davon ratterte das Gefährt; und so war eine Flucht vollbracht, die noch heute in den Annalen der Erwählten denkwürdig ist und lange als eine der kühnsten und gewagtesten Heldentaten zitiert wurde, die ein unerlaubtes Unternehmen je vollbracht hat.

Clifford und sein reiterlicher Gefährte verblieben allein auf dem Feld, oder vielmehr auf der Straße. Ersterer schwang sich sogleich auf sein Pferd; Letzterer folgte diesem Beispiel alsbald. Doch der Polizist, von dem gesagt wurde, dass er, nachdem er bei der Festnahme der Flüchtlinge an der Hecke gescheitert war, zurück auf die Straße gesprungen war, blieb unterdessen nicht untätig. Als er sah, dass Clifford zum Aufsitzen ansetzte, griff er, statt zu versuchen, den Feind zu ergreifen, zu seiner Pistole, die er im vorangegangenen Handgemenge nicht hatte benutzen können, und zielte sicher auf Clifford, den er sofort als den Anführer der Befreiungsaktion ausmachte; er jagte dem Räuber eine Kugel in die rechte Seite, just in dem Moment, als dieser seinem Pferd die Sporen gab und zur Flucht wendete. Cliffords Kopf sank auf den Sattelknauf. Wild sprang das Pferd davon. Der Räuber bemühte sich, ungeachtet seiner schwindenden Sinne, sich im Sattel zu halten; einmal hob er den Kopf, einmal spannte er seine erschlafften und kraftlosen Glieder an, und dann, mit einem schwachen Stöhnen, fiel er zur Erde. Das Pferd machte nur noch einen einzigen Sprung und blieb, der Ausbildung getreu, die es erhalten hatte, abrupt stehen. Clifford erhob sich mit großer Mühe auf einen Arm; mit der anderen Hand zog er eine Pistole hervor. Er richtete sie bedächtig auf den Beamten, der ihn verwundet hatte. Der Mann stand regungslos, kauernd und wie gebannt unter dem weit aufgerissenen Blick des Räubers. Es war nur für einen Augenblick, dass der Mann Grund zur Furcht hatte; denn Clifford murmelte zwischen zusammengebissenen Zähnen: „Warum sie an einen Feind verschwenden?“ und wandte die Mündung auf den Kopf des bewusstlosen Rosses, das sich traurig und sehnsüchtig zu ihm hinzuneigen schien. „Du“, sagte er, „die ich gefüttert und geliebt habe, sollst niemals Not durch einen anderen erfahren!“ Und mit einer barmherzigen Grausamkeit schleppte er sich einen Schritt näher zu seinem geliebten Ross, stieß ein wohlbekanntes Wort aus, das die gelehrige Kreatur an seine Seite brachte, und nachdem er die Mündung der Pistole dicht an dessen Ohr gesetzt hatte, feuerte er und fiel vor Anstrengung bewusstlos zurück. Das Tier taumelte und brach tot zusammen.

Währenddessen war Cliffords Gefährte, der die Überraschung und das plötzliche Panikmoment des Beamten ausnutzte, bereits außer Reichweite; er jagte über die Gemeindewiese, und er sowie sein struppiger Renner waren alsbald verschwunden.

KAPITEL XXXII

Verliere ich nicht Mit ihm, was das Schicksal im Leben zuteilen konnte? Verliere ich nicht die Hoffnung, den Lebensbalsam? .............. Tatsächlich waren die Lehren, die er aus der Vorsicht zog, In seinen Geist geschrieben wie in ein Buch; Dort las er, was zu tun und was zu meiden sei, Und alles Befohlene wurde prompt erledigt. Er schien ohne Leidenschaft voranzuschreiten, .............. Doch manche glaubten, jene Leidenschaften schlüfen nur! CRABBE.

Überbleibsel der Liebe und des Frühlingszaubers des Lebens! A. WATTS: Über das Verbrennen eines Bündels Briefe.

Viele und traurige und tiefe Waren die Gedanken, gefaltet in deiner stillen Brust! Auch du konntest wachen und weinen! MRS. HEMANS.

Während Sir William Brandon seine ehrgeizigen Pläne verfolgte und, ungeachtet Lucys fester und beständiger Ablehnung Lord Mauleverers, nach wie vor auf dieser ungleichen Ehe beharrte; während Mauleverer selbst Tag für Tag im Hause des Richters erschien und, obschon er nicht von Liebe sprach, sie mit all seiner Macht ausstrahlte – wurde es jedem außer dem Liebhaber und dem Vormund offensichtlich, dass Lucy selbst äußerlich und gesundheitlich rasch verfiel. Seit jenem Tag, an dem sie Clifford zuletzt gesehen hatte, hatten sich ihre Lebensgeister, die zuvor bereits schwer erschüttert waren, geweigert, auch nur eine Ähnlichkeit mit ihrem natürlich fröhlichen und glücklichen Ton wiederzuerlangen. Sie wurde schweigsam und geistesabwesend; selbst ihre Sanftmut wandelte sich zuweilen in eine mürrische und reizbare Stimmung. Weder zu Büchern noch zu Musik, noch zu irgendeiner Kunst, durch die die Zeit vertrieben wird, griff sie, um eine kurzzeitige Linderung der bitteren Gefühle in ihrem Herzen oder ein flüchtiges Vergessen ihres Stachels zu finden. Die ganze Welt ihres Geistes war erschüttert worden. Ihr Stolz war verwundet, ihre Liebe gereizt; ihr Glaube an Clifford wich schließlich einem düsteren und dunklen Argwohn. Nichts, so fühlte sie nun, als ein Name sowie ein völlig verlorenes Vermögen hätte ihn für die Starrheit des Herzens rechtfertigen können, mit der er geflohen war und sie verlassen hatte. Ihre eigene Freisprechung tröstete sie im Leid nicht länger. Sie verurteilte sich selbst für ihre Schwäche, von der Geburt ihrer unglückseligen Zuneigung bis zu dem Krisenpunkt, den sie nun erreicht hatte. „Warum habe ich nicht von Anfang an mit ihr gerungen?“, sagte sie bitter. „Warum habe ich mir erlaubt, so leicht jemanden zu lieben, der mir unbekannt war und dessen Stand zweideutig war, ungeachtet der Warnungen meines Onkels und des Flüsterns der Welt?“ Ach, Lucy bedachte nicht, dass sie zu der Zeit, als sie dieser Schwäche schuldig wurde, noch nicht gelernt hatte, so zu urteilen, wie sie es seitdem tat. Ihre Fähigkeiten waren nur unvollkommen erwacht; ihre Erfahrung mit der Welt war völlige Unwissenheit. Sie wusste kaum, dass sie liebte, und sie wusste überhaupt nicht, dass das köstliche und aufgeregte Gefühl, das ihr Wesen erfüllte, jemals so verhängnisvoll und gefahrvoll werden könnte, wie es nun geschehen war; und selbst wenn ihr Verstand weiter entwickelt und ihre Entschlossenheit stärker gewesen wäre, nützt die Anstrengung von Vernunft und Entschlossenheit immer gegen die alles beherrschende Leidenschaft? Liebe, es ist wahr, ist nicht unbezwingbar; doch wie wenige haben jemals, mit Geist und Seele, diesen Sieg begehrt! Enttäuschung leistet ein Gelübde, doch das Herz verzeichnet es nicht. Oder in dem edlen Bildnis einer, die so zärtlich und so wahrhaft die Gefühle ihres eigenen Geschlechts dargestellt hat –

„Wir machen Eine Leiter aus unseren Gedanken, auf der Engel schreiten, Doch schlafen selbst am Fuße!“ [The History of the Lyre, von L. E. L.]

Bevor Clifford sie zuletzt gesehen hatte, haben wir beobachtet, dass Lucy (und es war ein Trost) an dem Glauben festgehalten hatte, dass trotz der Erscheinungen und seines eigenen Geständnisses sein vergangenes Leben nicht so beschaffen gewesen war, ihn außerhalb des Bereichs ihrer gerechten Zuneigung zu stellen; und es gab häufige Momente, in denen sie, eingedenk dessen, dass der Tod ihres Vaters den einzigen Menschen beseitigt hatte, der einen unwiderlegbaren Anspruch auf die Bestimmung ihrer Handlungen erheben konnte, dachte, Clifford könnte, da er vernahm, dass ihre Hand völlig ihrer eigenen Verfügung unterstand, wieder erscheinen und erneut um eine Verbindung werben, die, wie er fühlte, nur wenige Umstände sie veranlassen könnten abzulehnen. All dieser halb eingestandene und doch ernsthafte Gedankengang und die Hoffnung schwanden von dem Augenblick an, als er das Haus ihres Onkels verlassen hatte. Seine Worte ließen keinen Raum für Fehlinterpretationen. Er hatte nicht einmal ihrer eigenen Herablassung nachgegeben, und ihre Wange brannte, als sie sich daran erinnerte. Doch er liebte sie. Sie sah es, sie wusste es in jedem seiner Worte und Blicke! Bitter und dunkel muss dann jene Reue sein, die jedes Argument hätte besiegen können, außer dem, das ihn drängte, sie zu verlassen, wo er sie für immer hätte beanspruchen können. Wahr ist, dass, als sein Brief sie formell verabschiedete, dieselbe selbstanklagende Sprache bemüht wurde, dieselben dunklen Andeutungen und Anspielungen auf Schande oder Schuld; doch niemals zuvor hatte sie sie so streng ausgelegt, und niemals zuvor hatte sie davon geträumt, wie weit ihre Bedeutung reichen konnte. Dennoch, welche Verbrechen konnte er begangen haben? Die wahren kamen Lucy niemals in den Sinn. Sie schauderte davor, sich selbst zu fragen, und erstickte ihre Zweifel in einem düsteren und dumpfen Schweigen. Doch durch all ihre Anschuldigungen gegen sich selbst und durch all ihre erwachten Verdächtigungen gegen Clifford konnte sie nicht anders, als anzuerkennen, dass etwas Edles und ihrer nicht Unwürdiges in sein Handeln einfloss und seinen Widerstand gegen sie und gegen sich selbst verursachte; und dieser Glaube, vielleicht, reizte sie, selbst während er sie rührte, und hielt ihre Gefühle in einem ständigen Kampf und Konflikt, den ihr zarter Körper und ihr weicher Geist nur schwer ertragen konnten. Wenn die Nerven erst einmal brechen, wie bricht da der Charakter mit ihnen! Wie viele Asketen, verhärmt und verbittert, begegnen wir in der Welt, die, wäre nicht ein Schock für Herz und Gestalt gewesen, auf der Seite der Sanftmut geirrt hätten! Ob es nun durch Weh oder Krankheit kommt, der Schlag, der eine einzige Faser zerrüttet, richtet seltsame Verwüstungen im Geist an. Sklaven sind wir unserer Muskeln und Marionetten am Sprung des launischen Blutes; und die große Seele, mit all ihren Kapazitäten, ihren feierlichen Attributen und tönenden Ansprüchen, ist, solange sie auf Erden weilt, nur ein Witz für diesen Gaukler – den Körper –, vom Traum, der eine Stunde mit ihr spielt, bis zum Wahnsinn, der sie in einen Schwachkopf zerschmettert, der lacht, während er mit seinen eigenen Fragmenten spielt, und benommen und erblindet dem Grab zutaumelt!

Wir haben zuvor gesagt, dass Lucy sowohl ihren Onkel als auch seine Gesellschaft schätzte; und immer noch, wann immer das Thema Lord Mauleverer und sein Werben unberührt blieb, gab es in der Unterhaltung von Sir William Brandon etwas, das ein Interesse in ihrem Geist weckte, so sehr dieser auch vereinnahmt und zehrend geworden war. Kummer, wahrlich, und Kummers Gefährte, das Nachdenken, machten sie mehr und mehr fähig, einen sehr subtilen und komplizierten Charakter zu begreifen. Es gibt kein Geheimnis, um das menschliche Herz zu entdecken, wie das Leid, besonders das Leid, das aus Leidenschaft entspringt. Erschreckt Sie ein Schriftsteller mit seinem Einblick in Ihre Natur, seien Sie gewiss, dass er getrauert hat; solches Wissen ist die Alchemie der Tränen. Daher die unsinnige und fast allgemeine Ideenverwirrung, die Melancholie mit Tiefe verwechselt und nur hohle Nichtigkeit im Symbol eines Lachens findet. Erbarmungswürdiger Irrtum! Nachdenken führt uns zuerst in die Düsternis, doch seine nächste Stufe ist die Helle. Der lachende Philosoph hatte das Ziel der Weisheit erreicht; Heraklit wimmerte am Startpunkt. Doch für Lucy war es genug, auch nur das Vestibül der Philosophie zu erreichen.

Ungeachtet der Wundheit, die wir natürlicherweise gegenüber allen empfinden, die hartnäckig ein unangenehmes Thema aufbringen, und trotz Brandons Förderung von Mauleverers Werbung fühlte sich Lucy seltsamerweise und mit etwas wie einer kindlichen Zuneigung zu diesem rätselhaften Wesen hingezogen; trotz auch all der kalten und abgemessenen Lasterhaftigkeit seines Charakters – der harten und winterlichen Grauheit des Herzens, mit der er das Wohlergehen anderer oder die Substanzen von Wahrheit, Ehre und Tugend betrachtete –, der Gefühllosigkeit seiner versteinerten Zuneigungen, die kein Mensch auch nur für einen Moment erweichte und kein warmer und gesunder Impuls traf, außer in einem flüchtigen und eitlen Aufflackern; – trotz dieser vollendeten Verhärtung und Weltlichkeit des Temperaments ist es nicht paradox zu sagen, dass es etwas in dem Mann gab, das Lucy zuweilen analog zu ihrem eigenen lebendigen und großmütigen Selbst fand. Dies war jedoch nur bemerkbar, wenn sie ihn dazu brachte, über frühere Tage zu sprechen, und wenn der sarkastische Anwalt allmählich die Gegenwart vergaß und eloquent wurde, nicht über die Handlungen, sondern über die Gefühle der Vergangenheit. Er sprach stundenlang zu ihr von seinen jugendlichen Träumen, seinen Beschäftigungen oder seinen Projekten als Junge. Vor allem liebte er es, mit ihr über Warlock zu sprechen, seine Überreste alter Pracht, die grünen Ufer des ruhigen Flusses, der seine Domänen bereicherte, und die sommerliche Pracht von Wald und Heide, inmitten derer seine Visionen des Mittags genährt worden waren.

Wenn er von diesen Szenen und Tagen sprach, milderte sich sein Antlitz, und etwas in seinem Ausdruck, das Lucy das Bild eines noch Teureren in Erinnerung rief, machte sie umso sehnsüchtiger nach ihm. Ein Eis schien von seinem Geist zu brechen, und Ströme befreiter und sanfter Gefühle, vermischt mit gütiger und großmütiger Gesinnung, flossen hervor. Plötzlich brachte ihn ein Gedanke, ein Wort, zurück in die Gegenwart – seine Züge verkümmerten abrupt zu ihrer kalten Gelassenheit oder ihrem latenten Spott; das Siegel verschloss sich plötzlich über dem gebrochenen Zauber, und wie das Opfer eines Märchens, das verdammt ist, zu einer bestimmten Stunde eine andere Gestalt anzunehmen, schien das Wesen, dem man gerade noch zugehört hatte, verschwunden und ersetzt durch eines, das zu schauen man erschrak. Doch es gab eine Epoche seines Lebens, über die er stets schwieg, und das war sein erster Aufbruch in die tatsächliche Welt – die Zeit seines frühen Ringens um Reichtum und Ruhm. All jene Zeitspanne schien ein dunkler Abgrund, über den er gegangen war und sich sogleich verändert hatte – wie ein Reisender, der in einem fremden Klima landet und, sobald er dessen Ufer berührt, dessen Tracht und Sprache annehmen mag.

Alle Menschen – auch die bescheidensten – haben eine gemeinsame Schwäche; doch es ist eine, die oft Domino und Maske annimmt – Stolz! Brandon war jedoch stolz in einem Maße, das bei Männern, die in der Welt aufgestiegen sind und floriert haben, sehr selten ist. Aus den Trümmern aller anderen Gefühle schuf dieser imperiale Überlebende einen großen Palast für seine Residenz und nannte das Gebäude „Verachtung“. Hohn war das wahre Wesen von Brandons Natur; selbst in den sanftesten Verkleidungen, der Glätte seiner Stimme, der Eindringlichkeit seines Lächelns, den populären und geschmeidigen Anmuten seiner Manieren schwebte ein öliger Spott, selten erkennbar, zugegeben, doch sein Stärke und Quantum proportional zu der Ruhe, die er erzeugte.

In der Zwischenzeit, während sein Charakter sich im Privatleben auf diese Weise zeigte und widersprach, stieg sein Ruhm in der öffentlichen Einschätzung rasch an. Anders als viele seiner Kollegen hatte der brillante Anwalt die Erwartungen übertroffen und glänzte noch auffälliger in den weniger durch Zufall unterstützten Pflichten des Richters. Selbst der Neid – und Brandons politische Virulenz hatte ihm trotz seiner persönlichen Leutseligkeit viele Feinde gemacht – war gezwungen, die Tiefe seiner juristischen Kenntnisse anzuerkennen und die Art und Weise zu bewundern, in der die besonderen Funktionen seiner neuen Würde ausgeübt wurden. Kein jugendlicher Anwalt schüchterte ihn ein, kein routinierter Sophist brachte ihn in Verlegenheit; selbst seine Aufmerksamkeit wich nie von dem langweiligsten Fall ab, der seinem Tribunal unterlag. Ein Maler, der darauf aus war, auf seiner Leinwand das Porträt eines aufrechten Richters zu verewigen, hätte kaum eine feinere Verwirklichung für sein Ideal finden können als das strenge, gesammelte, scharfe und doch majestätische Antlitz von Sir William Brandon, wie es in der Amtskleidung und vom Richterstuhl aus erschien.

Die Zeitungen säumten nicht, die singuläre Gefangennahme des berüchtigten Lovett zu vermelden. Die Kühnheit, mit der er die Befreiung seiner Kameraden geplant und ausgeführt hatte, verbunden mit der Spannung, in der seine Wunde die Öffentlichkeit eine Zeit lang hielt, was seine Flucht vor dem einen Tod durch das Hintertor eines anderen anging, verursachte ein sehr beträchtliches Gären und Erregung im populären Geist; und um diesen Impuls zu nähren, waren die Journalisten wenig träge darin, jede Anekdote, ob wahr oder falsch, nachzuerzählen, die sie über die vergangenen Abenteuer des waghalsigen Straßenräubers sammeln konnten. So manches gute Stück kam dann ans Licht, das ebenso sehr vom Komischen wie vom Tragischen hatte – denn nicht ein einziges der Abenteuer des Räubers war von Grausamkeit oder Blutvergießen gezeichnet; viele von ihnen deuteten eher auf einen heiteren und fröhlichen Geist unternehmungslustiger Heiterkeit hin. Es schien, als hätte er die Landstraße für einen prächtigen Schauplatz für Witze gehalten und nur aus purer Freude am Spaß geraubt. Die Leute empfanden es fast als Sünde, mit einem Mann von so fröhlichem Naturell streng zu sein; und es war besonders bemerkenswert, dass keine der Damen, die vom Räuber beraubt worden waren, dazu bewegt werden konnte, Strafanzeige zu erstatten; im Gegenteil, sie sprachen stets von dem Ereignis als einer der angenehmsten Erinnerungen in ihrem Leben und schienen eher eine provozierende Dankbarkeit gegenüber dem stattlichen Missetäter zu empfinden als Groll. Nicht alle Herren waren jedoch von solch versöhnlichem Temperament; und zwei stämmige Farmer, nebst einem Viehhändler, waren bereit, „auf Biegen und Brechen“ auf die Identität des Gefangenen mit einem Reiter zu schwören, der jeden von ihnen auf ihren verschiedenen Heimreisen von gewissen Messen eine Stunde lang höflich begleitet hatte, und der, so behaupteten sie sehr ernsthaft, das Vergnügen seiner Gesellschaft weit über einen Scherz hinaus getrieben habe; so dass der Stand der Angelegenheiten des Gefangenen eine sehr düstere Wendung nahm, und der Anwalt – ein alter Hase –, dem sein Fall anvertraut war, erklärte vertraulich, dass es keine Chance gebe. Doch eine noch gewichtigere Anklage, weil sie aus einer viel nobleren Richtung kam, erwartete Clifford. In der Räuberhöhle wurden mehrere Gegenstände gefunden, die genau auf die Beschreibung derjenigen Wertgegenstände passten, die Lord Mauleverer auf verbrecherische Weise abhandengekommen waren. Jener Adlige erschien, um die Gegenstände zu begutachten und den Gefangenen zu betrachten. Ersteres vermochte er mit sehr beruhigtem Gewissen zu beschwören; Letzteren erblickte er fiebrig, abgemagert und in einem Moment des Deliriums auf dem Krankenlager, auf das ihn seine Wunde gebracht hatte. Er hatte jedoch keine Mühe, in dem inhaftierten Verbrecher den fröhlichen und erobernden Clifford wiederzuerkennen, den er einst sogar mit seinem Neid beehrt hatte. Obwohl seine früheren dunklen und vagen Verdächtigungen bezüglich Clifford somit bestätigt waren, empfand der gutmütige Peer einiges leichte Bedenken, als dessen Ankläger aufzutreten. Diese Bedenken verschwanden jedoch in dem Moment, als er das Krankenzimmer des Mannes verließ; und nach einer kleinen patriotischen Unterhaltung mit den Magistraten über die Notwendigkeit der öffentlichen Pflicht – ein Thema, das tugendhafte Tränen in die Augen dieser respektablen Funktionäre brachte –, bestieg er wieder seine Kutsche, kehrte in die Stadt zurück und begab sich, nach einem lebhaften Tête-à-tête-Abendessen mit einer alten Chère Amie, die von all ihren Reizen nur die Anziehungskraft der Konversation und die Fähigkeit, eine Salami zu genießen, bewahrt hatte, noch am selben Abend seiner Rückkehr zum Haus von Sir William Brandon.

Als er die Halle betrat, begegnete ihm Barlow, der Lieblingsdiener des Richters, mit einer etwas verwirrten und geheimnisvollen Miene und hielt ihn, als er gerade in Brandons Bibliothek schlendern wollte, mit der Information auf, dass Sir William besonders beschäftigt sei, sich aber Seiner Lordschaft im Salon anschließen werde. Während Barlow noch sprach und Mauleverer sein rechtes Ohr (mit dem er am besten hörte) zu ihm hinneigte, öffnete sich die Bibliothekstür, und ein Mann in sehr grober und rüpelhafter Aufmachung verbeugte sich unbeholfen hinaus.

„Das ist also die besondere Beschäftigung“, dachte Mauleverer – „ein seltsamer Sir Pandarus; doch diese alten Burschen haben drollige Geschmäcker.“

„Ich kann jetzt hineingehen, mein guter Mann, nehme ich an?“, sagte seine Lordschaft zu Barlow; und ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er die Bibliothek. Er fand Brandon allein, und er beugte sich ernst über einige Briefe, die auf seinem Tisch verstreut lagen. William hob den Kopf, als er die Bewegung hörte; und Mauleverer, so leichtsinnig diese Persönlichkeit auch war, war erschüttert und fast ehrfürchtig angesichts des Ausdrucks im Gesicht seines Freundes. Brandons Gesicht war eines, das, wie geschmeidig auch immer, fast immer einen alles durchdringenden Charakter trug – Ruhe; ob in der Glätte gesellschaftlicher Höflichkeit, oder der Strenge seines offiziellen Standes, oder dem bitteren Sarkasmus, der ihm in nicht seltenen Abständen entwich, dennoch drückte eine gewisse harte und unnachgiebige Trockenheit sowohl seine Züge als auch sein Auftreten aus. Doch zu dieser Zeit rang eine Vielfalt von Gefühlen, die im äußeren Menschen gewöhnlich nicht beredt sind, in seinem dunklen Gesicht, Ausdruck aller Energie und Leidenschaft seiner mächtigen und maskulinen Natur; aus seinen Zügen und Augen schien etwas von Scham und Zorn und Triumph und Reue und Hohn zu sprechen. All diese verschiedenen Emotionen, von denen es fast ein Paradoxon scheint zu behaupten, sie träfen im selben Ausdruck zusammen, waren dennoch so individuell und fast erschreckend eingeprägt, dass sie Mauleverers Geist sofort ihre Bedeutung vermittelten. Er blickte zu den Briefen, deren Schrift schwach und durch Zeit oder Feuchtigkeit verfärbt schien; und als er dann noch einmal das Gesicht von Brandon betrachtete, sagte er in etwas ängstlichem und gedämpftem Ton:

„Himmel, Brandon! Sind Sie krank; oder ist etwas passiert? Sie beunruhigen mich!“

„Erkennen Sie diese Locken?“, sagte Brandon mit hohler Stimme; und unter den Briefen zog er einige Locken von kastanienbraunem Farbton hervor und schob sie mit abgewandtem Gesicht in Richtung Mauleverer.

Der Graf nahm sie auf, betrachtete sie einige Augenblicke, veränderte die Farbe, schüttelte jedoch den Kopf mit einer verneinenden Geste, als er sie erneut auf den Tisch legte.

„Diese Handschrift also?“, erneuerte der Richter mit noch beeindruckenderer und schmerzlicherer Stimme; und er deutete auf die Briefe.

Mauleverer hob einen davon auf und hielt ihn zwischen sein Gesicht und die Lampe, sodass das, was seine Züge hätten verraten können, vor seinem Begleiter verborgen blieb. Schließlich ließ er den Brief mit einer gekünstelten Nonchalance fallen und sagte:

„Ah, ich kenne die Handschrift selbst nach dieser langen Zeit; dieser Brief ist an Sie gerichtet!“

„Das ist er; das sind sie alle“, sagte Brandon mit derselben Stimme von übernatürlicher und angespannter Fassung. „Sie sind nach einer Abwesenheit von fast fünfundzwanzig Jahren zu mir zurückgekehrt; es sind die Briefe, die sie mir in den Tagen unserer Werbung schrieb“ (hier lachte Brandon spöttisch), „sie nahm sie mit sich, Sie wissen wann; und (ein hübscher Klumpen Beständigkeit ist das Weib!) sie bewahrte sie, wie es scheint, bis zu ihrem sterbenden Tag auf.“

Das Thema der Erörterung, was auch immer es sein mochte, schien für Mauleverer ein wunder Punkt zu sein; er drehte sich unruhig auf seinem Stuhl und sagte schließlich:

„Nun, armes Geschöpf! Das sind schmerzliche Erinnerungen, da es so unglücklich ausging; aber es war nicht unsere Schuld, lieber Brandon. Wir waren Männer von Welt; wir kannten den Wert der – der Frauen und behandelten sie dementsprechend!“

„Richtig! Richtig! Richtig!“, rief Brandon heftig und lachte in einem wilden und lauten Hohn, dessen intensive Kraft zu beschreiben vergeblich wäre. „Richtig! Und, beim Glauben, mein Lord, ich gräme mich nicht und bereue auch nicht.“

„So, so, das ist gut!“, sagte Mauleverer, der sich immer noch nicht wohl fühlte und sich beeilte, das Gespräch zu wechseln. „Aber mein lieber Brandon, ich habe seltsame Neuigkeiten für dich! Du erinnerst dich an diesen Kerl Clifford, der die Unverschämtheit besaß, sich an deine bezaubernde Nichte heranzumachen? Ich sagte dir, dass ich den Verdacht hegte, dieser lange Freund von ihm habe meine Bekanntschaft etwas unangenehm gemacht, und daher hegte ich Zweifel an Clifford selbst. Nun, mein lieber Freund, dieser Clifford ist – wer glaubst du? – kein Geringerer als Mr. Lovett, der durch Newgate Berühmtheit erlangte!“

„Das sagst du nicht!“, erwiderte Brandon teilnahmslos, während er langsam seine Papiere zusammenraffte und sie in eine Schublade legte.

„Es ist in der Tat wahr; und was mehr ist, Brandon, dieser Kerl ist einer der identischen Straßenräuber, die mich auf meinem Weg von Bath ausgeraubt haben. Zweifellos hat er mir denselben Gefallen auf meinem Weg zum Mauleverer Park erwiesen.“

„Möglich“, sagte Brandon, der in eine Träumerei versunken zu sein schien.

„Ei!“, antwortete Mauleverer, der über diese Gleichgültigkeit gekränkt war. „Aber siehst du nicht die Folgen für deine Nichte?“

„Meine Nichte!“, wiederholte Brandon und raffte sich auf.

„Gewiss. Ich sage es nur ungern, mein lieber Freund, aber sie war jung, sehr jung, als sie in Bath war. Sie gestattete diesem Kerl, sich ihr allzu offen zu nähern. Ja – denn ich will offen sein –, sie stand im Verdacht, in ihn verliebt zu sein!“

„Sie war in ihn verliebt“, sagte Brandon trocken und heftete die bösartige Kälte seines Blickes auf den Freier. „Und, soviel ich weiß“, fügte er hinzu, „ist sie es in diesem Augenblick noch.“

„Du bist grausam!“, sagte Mauleverer, aus der Fassung gebracht. „Ich hoffe nicht, um meiner fortgesetzten Werbung willen.“

„Mein lieber Lord“, sagte Brandon und nahm höflich die Hand des Höflings, während das *anguis in herba* seines Spottes um seine zusammengepressten Lippen spielte – „mein lieber Lord, wir sind alte Freunde und brauchen uns nicht zu täuschen. Du willst meine Nichte heiraten, weil sie eine Erbin mit großem Vermögen ist, und du nimmst an, dass mein Reichtum aller Wahrscheinlichkeit nach den ihrigen vergrößern wird. Zudem ist sie schöner als jede andere junge Dame deiner Bekanntschaft und kann, durch dein Beispiel geschliffen, deinem Geschmack wie auch deiner Klugheit Ehre machen. Unter diesen Umständen wirst du, da bin ich mir ganz sicher, ihre mädchenhaften Irrtümer mit Milde betrachten und sie nicht weniger lieben, weil ihre törichte Einbildung ihr vorgaukelt, sie sei in einen anderen verliebt.“

„Ähem!“, sagte Mauleverer, „du betrachtest die Sache mit mehr Verstand als Gefühl; aber schau, Brandon, wir müssen versuchen, um unser beider Willen, wenn möglich, die Identität von Lovett mit Clifford geheim zu halten. Ich sehe nicht ein, warum es bekannt werden sollte. Zweifellos war er auf der Hut, während er den Galanten spielte, und beging in Bath keine Gräueltaten. Der Name Clifford ist bislang vollkommen unbefleckt. Weder Betrug noch Gewalt haften dieser Bezeichnung an; und wenn der Schurke nur den Mund hält, können wir ihn aus dem Weg räumen, ohne dass das Geheimnis durchsickert.“

„Aber wenn ich mich recht entsinne“, sagte Brandon, „sagen die Zeitungen, dass dieser Lovett nur etwa siebzig oder achtzig Meilen von Bath entfernt vor Gericht gestellt wird, und das gibt eine Chance auf Wiedererkennung.“

„Ja, aber er wird verteufelt verändert sein, stelle ich mir vor; denn seine Wunde war bisher nur ein schlechter Verschönerer für sein Gesicht. Zudem, wenn der Hund irgendeine Zartheit besitzt, wird er es natürlich ablehnen, als der Galan jener heiteren Stadt bekannt zu werden, wo er so erfolgreich glänzte, und er wird sich so gut er kann verstellen. Ich höre Wunderdinge von seinen Fähigkeiten zur Selbstverwandlung.“

„Aber er könnte sich zwischen jetzt und seiner Verhandlung selbst verraten“, sagte Brandon.

„Ich denke daran, herauszufinden, wie wahrscheinlich das ist, indem ich meinen Kammerdiener zu ihm schicke (du weißt, man behandelt diese Herren Straßenräuber mit einer gewissen Rücksicht und hängt sie mit allem gebührenden Respekt vor ihren Gefühlen), um anzudeuten, dass es ihm unter seinen ‚gegenwärtigen unglücklichen Umständen‘ (ist das nicht der Ausdruck?) zweifellos sehr unangenehm sein wird, als der Herr bekannt zu werden, der in Bath eine so wohlverdiente Beliebtheit genoss, und dass ich, obwohl ‚die Gesetze meines Landes mich zwingen‘, ihn anzuklagen, ihn dennoch, sollte er es wünschen, seiner Geheimhaltung versichern werde. Nun, Brandon, was sagst du zu diesem Manöver? Es wird meinen Zweck erfüllen und den Herrn – denn zweifellos ist er ganz Empfindsamkeit – Tränen über meine großzügige Nachsicht vergießen lassen!“

„Es ist keine schlechte Idee“, sagte Brandon. „Ich lobe dich dafür. Auf jeden Fall ist es notwendig, dass meine Nichte nichts von der Lage ihres Liebhabers erfährt. Sie ist ein Mädchen von eigenartiger Gemütsart, und das Schicksal hat sie unabhängig gemacht. Wer weiß, ob sie nicht die eine oder andere Dummheit begehen, Gnadengesuche an den König schreiben und mich bitten könnte, sie zu überreichen, oder – denn sie hat eine Welt voller Romantik in sich – ins Gefängnis gehen könnte, um ihn zu trösten; oder sie würde mich jedenfalls um meine gütige Fürsprache bitten – eine Bitte, die besonders peinlich ist, da ich aller Wahrscheinlichkeit nach die Ehre haben werde, ihn abzuurteilen.“

„Ja, wo du es gerade sagst, das wirst du. Und ich denke, die Verwegenheit des armen Schurken wird dich nicht weniger streng machen, als du es gewöhnlich bist. Man sagt, du versprichst, mehr menschliche Pendel zu machen als jeder deiner Amtsbrüder.“

„Das sagen sie, nicht wahr?“, sagte Brandon. „Nun, ich gebe zu, ich habe Galle gegen meine Spezies; ich verabscheue ihre Torheit und ihre halben Laster. ‚Ridet et odit‘ [„Er lacht und hasst“] – ist mein Motto; und ich gebe zu, das ist nicht die Philosophie, die Männer barmherzig macht!“

„Nun, Juvenals Weisheit sei deine, meine sei die von Horaz!“, erwiderte Mauleverer, während er sich die Zähne stocherte; „aber ich bin froh, dass du die absolute Notwendigkeit siehst, dieses Geheimnis vor Lucys Verdacht zu bewahren. Sie liest nie die Zeitungen, nehme ich an? Mädchen tun das nie!“

„Nein! Und ich werde dafür sorgen, dass sie ihr nicht in die Hände gelangen; und da sie infolge des kürzlichen Todes meines armen Bruders niemanden außer uns sieht, besteht wenig Aussicht, falls Lovetts Anspruch auf den Namen Clifford entdeckt wird, dass es ihre Ohren erreicht.“

„Aber diese verfluchten Diener?“

„Wahr genug! Aber bedenke, dass die Zeitungen es erfahren werden, bevor sie es tun; so dass wir, falls nötig, unsere eigene Zeit haben werden, sie zu warnen. Ich muss nur zu Lucys Zofe sagen: ‚Ein armer Herr, ein Freund des verstorbenen Gutsherrn, mit dem deine Herrin zu tanzen pflegte und den du gesehen haben musst – Captain Clifford – soll wegen seines Lebens vor Gericht gestellt werden. Es wird sie, die Arme, in ihrem gegenwärtigen Gesundheitszustand erschüttern, ihr von einem so traurigen Ereignis für den Freund ihres Vaters zu berichten; sei also schweigsam, wenn dir dein Platz und zehn Guineen lieb sind‘ – und ich kann der Vorsicht ziemlich sicher sein!“

„Du solltest Vorsitzender des Ausschusses für Wege und Mittel sein!“, rief Mauleverer. „Mein Geist ist nun beruhigt; und wenn der arme Clifford erst einmal weg ist – gefallen von einem hohen Stand –, können wir ihr die Sache behutsam eröffnen; und da ich beabsichtige, dabei sehr respektvoll, sehr feinfühlig usw. zu sein, kann sie gar nicht anders, als meine Güte und aufrichtige Zuneigung zu bemerken!“

„Und wenn ein lebendiger Hund besser ist als ein toter Löwe“, fügte Brandon hinzu, „dann ist ein Lord im Dasein sicherlich besser als ein gehängter Straßenräuber!“

„Nach gewöhnlicher Logik“, erwiderte Mauleverer, „ist dieser Syllogismus klar genug; und obwohl ich glaube, dass ein Mädchen hin und wieder an der Erinnerung an einen verstorbenen Liebhaber hängen mag, glaube ich nicht, dass sie es tun wird, wenn die Erinnerung mit Schande behaftet ist. Liebe ist nichts anderes als erfreute Eitelkeit; verletze die Eitelkeit, und du zerstörst die Liebe! Lucy wird gezwungen sein, nachdem sie eine so schlechte Wahl des Liebhabers getroffen hat, eine gute als Ehemann zu treffen, um ihre Selbstachtung wiederzuerlangen!“

„Und deshalb bist du ihrer sicher!“, sagte Brandon ironisch.

„Dank meinem Stern – meinem Hosenbandorden – meinem Vorfahren, dem ersten Baron, und mir selbst, dem ersten Grafen –, hoffe ich, das bin ich“, sagte Mauleverer; und das Gespräch wandte sich. Mauleverer blieb nicht viel länger bei dem Richter; und Brandon, allein gelassen, kehrte noch einmal zur Lektüre seiner Briefe zurück.

Wir wissen kaum, welche Empfindungen es bei jemandem ausgelöst hätte, der Brandon nur in seinen späteren Jahren gekannt hatte, hätte er diese Briefe lesen können, die sich auf ein so viel früheres Datum bezogen. Es gab im scharfen und trockenen Charakter des Mannes so wenig, das an irgendeine Vorstellung von Werbung oder jugendlicher Galanterie erinnert hätte, dass eine Korrespondenz dieser Art fast so unnatürlich erschienen wäre wie die Liebe der Pflanzen oder die amourösen Erweichungen eines Minerals. Die Korrespondenz, die nun vor Brandon lag, beschrieb verschiedene Gefühle, aber alle gehörten derselben Klasse an; die meisten von ihnen waren offensichtliche Antworten auf Briefe von ihm. Einmal antworteten sie zärtlich auf Liebkosungen, deuteten aber einen Zweifel an, ob die Schreiberin imstande sein würde, sein künftiges Glück zu begründen und für gewisse Opfer an Geburt und Vermögen und ehrgeizige Aussichten, auf die sie anspielte, zu büßen: zu anderen Zeiten schien ein Zug von latenter Koketterie den Stil zu durchziehen – ein unbeschreiblicher Hauch von Kühle und Zurückhaltung kontrastierte mit früheren Passagen in der Korrespondenz und war dazu angetan, dem Leser den Eindruck zu vermitteln, dass die Gefühle des Liebhabers nicht ganz angemessen erwidert wurden. Häufig warf die Schreiberin ihm, als ob Brandon sich dieser Überzeugung bewusst geworden wäre, ungerechte Eifersucht und unwürdigen Argwohn vor. Und der Ton des Vorwurfs variierte in jedem Brief; manchmal war er heiter und satirisch; zu anderen Zeiten weich und ermahnend; zu anderen ernst argumentierend und oft hochmütig entrüstet. Dennoch gab es während der gesamten Korrespondenz seitens der Geliebten ein ausreichendes Gepräge von Individualität, um einem scharfsinnigen Prüfer eine wahrscheinliche Vermutung über den Charakter der Schreiberin zu ermöglichen. Er hätte sie vielleicht für fähig zu starkem und leidenschaftlichem Empfinden gehalten, aber gewöhnlich von leichter und launischer Art, und scheinbar geneigt, Kränkung zu vermuten und zu übel zu nehmen. Mit diesen Briefen vermischten sich andere in Brandons Handschrift – von welch unterschiedlicher, welch leidenschaftlicher Beschreibung! Alles, was ein tiefer, stolzer, nachdenklicher, fordernder Charakter von geschenkter Liebe träumen oder von erwiderter Liebe verlangen konnte, wurde brennend über die Seiten ergossen; dennoch waren sie voller Vorwürfe, Eifersucht, einer feinen und quälenden Beobachtung, ebenso geeignet zu verletzen wie der Eifer geeignet sein mochte zu bezaubern; und oft brach die bittere Tendenz zum Hohn, die sein Temperament auszeichnete, durch den innigsten Enthusiasmus der Werbung oder die weichsten Ergüsse der Liebe.

„Du hast mich gestern nicht gesehen“, schrieb er in einem Brief, „aber ich habe dich gesehen; den ganzen Tag war ich an deiner Seite: du hast keinen Blick getan, der mir entgangen wäre; du hast keine Bewegung gemacht, die ich nicht in meinem Gedächtnis verzeichnet hätte. Julia, zitterst du, wenn ich dir das sage? Ja, wenn du ein Herz hast, weiß ich, dass diese Worte es bis in den Kern erstechen würden! Du magst vorgeben, mir entrüstet zu antworten! Kluge Verstellerin! Es ist sehr geschickt, sehr, Zorn vorzutäuschen, wenn du keine Antwort hast. Ich wiederhole, während der ganzen Gesellschaft (Vergnügen! Nun, deine Geschmäcker, das muss anerkannt werden, sind exquisit!), die du gestern genossen hast und zu der du mich so schwach eingeladen hast, war mein Auge auf dich gerichtet. Du wusstest nicht, dass ich im Wald war, als du das Grinsen des unvergleichlichen Digby mit einer so hübschen Miene der Bestürzung aufnahmst, in dem Moment, als die Schlange, die mein Fuß aufscheuchte, über deinen Pfad glitt. Du wusstest nicht, dass ich in Hörweite des Zeltes war, wo du ein so angenehmes Mahl einnahmst und von wo dein Lachen so viele und so zahlreiche Salven entsandte. Lachen! O Julia, kannst du mir sagen, dass du liebst, und doch glücklich sein, ja sogar heiter, wenn ich weg bin! Liebe! O Gott, wie anders ist mein Empfinden! Mein Empfinden bildet mein ganzes Lebensprinzip! Deines! Ich sage dir, dass ich in Momenten denke, ich würde lieber deinen Hass haben als das laue Gefühl, das du für mich hegst und das du mit dem Namen Zuneigung beehrst. ‚Nettes Wort! Ich habe keine Zuneigung für dich! Gib mir nicht dieses kränkliche Wort; sondern versuche mit mir, Julia, irgendeinen Ausdruck zu erfinden, der noch nie eine armselige Bedeutung durch die Lippen eines anderen gefiltert hat! Zuneigung! Warum, das ist ein Wort für eine Schwester, ein Wort für ein Mädchen für ihr Schoßhörnchen! Niemals wurde es für diesen rubinroten und reifsten Mund geschaffen! Soll ich heute Abend zu dir kommen? Deine Mutter hat mich gefragt, und du – du hast sie gehört und nichts gesagt. Oh! Aber das war mädchenhafte Zurückhaltung, nicht wahr? Und mädchenhafte Zurückhaltung veranlasste dich, ein Buch zur Hand zu nehmen, in dem Moment, als ich dich verließ, als ob meine Gesellschaft nur ein gewöhnlicher Zeitvertreib wäre, der sofort durch einen anderen ersetzt werden müsste! Wenn ich dich gesehen habe, sind mir Gesellschaft, Bücher, Essen, alles verhasst; aber du, süße Julia, du kannst lesen, nicht wahr? Warum, als ich dich verließ, verweilte ich stundenlang am Fenster des Salons bis zur Dämmerung, und du hast nicht ein einziges Mal deine Augen gehoben, noch gesehen, wie ich hin und her ging. Zumindest dachte ich, du hättest meine Schritte beobachtet, als ich das Haus verließ; aber ich irre, bezaubernde Moralistin! Dir zufolge wäre diese Wachsamkeit Niedertracht gewesen.“

In einem anderen Teil der Korrespondenz rang ein ernsterer, wenn auch nicht tieferer Ausbruch von Gefühlen um Ausdruck.

„Du sagst, Julia, dass du, wenn du jemanden heiraten würdest, der so viel daran denkt, was er für dich aufgibt, und der von dir selbst eine so große Erwiderung der Liebe verlangt, um das zukünftige Glück von uns beiden zittern würdest. Julia, die Abgedroschenheit dieser Angst beweist, dass du überhaupt nicht liebst. Ich zittere nicht um unser zukünftiges Glück; im Gegenteil, die Intensität meiner Leidenschaft für dich lässt mich wissen, dass wir niemals glücklich sein können, niemals über den ersten Rausch unserer Vereinigung hinaus. Glück ist ein ruhiges und gelassenes Gefühl. Kein Gefühl, das ich möglicherweise für dich hegen kann, wird jemals diese Beinamen erhalten – ich weiß, dass ich elend und verflucht sein werde, wenn ich mit dir vereint bin. Erschrick nicht! Ich werde dir sogleich sagen, warum. Aber ich träume nicht von Glück, noch (könntest du einen Tropfen des dunklen und grenzenlosen Ozeans meiner Emotionen ergründen) würdest du mir dieses Wort nennen. Es ist nicht die merkantile und gefühllose Berechnung von Chancen für ‚künftige Glückseligkeit‘ (welche Homilie hat dich mit einem so auserlesenen Begriff versorgt?), die in das Herz eingeht, das eine alles durchdringende Liebe hegt. Leidenschaft blickt nur auf ein Objekt, auf nichts darüber hinaus; ich dürste, ich verzehre mich, nicht nach Glück, sondern nach dir. Wäre dein Besitz unvermeidlich dazu bestimmt, mich in einen Abgrund aus Qual und Schande zu führen, glaubst du, ich würde ihn um einen Deut weniger begehren! Wenn du einen Gedanken, eine Hoffnung, eine vage Einbildung über das Ereignis hinaus trägst, das dich mein macht, magst du der Achtung anderer würdiger sein, aber du bist meiner Liebe gänzlich unwürdig.“

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„Ich werde dir jetzt sagen, warum ich weiß, dass wir nicht glücklich sein können. Erstens, wenn du sagst, dass ich stolz auf meine Herkunft bin, dass ich krankhaft ehrgeizig bin, dass ich darauf bedacht bin, in der großen Welt zu glänzen, und dass ich nach dem ersten Rausch der Liebe Bitterkeit gegen eine empfinden werde, die meinen Stolz so gedemütigt und meine Aussichten verdunkelt hat, bin ich nicht sicher, dass du völlig irrst. Aber ich bin sicher, dass das sofortige Heilmittel in deiner Macht liegt. Hast du Geduld, Julia, eine Art Geschichte von mir selbst oder vielmehr von meinen Gefühlen anzuhören? Wenn ja, ist das vielleicht die beste Methode, alles zu erklären, was ich vermitteln möchte. Du wirst dann sehen, dass mein Familienstolz und mein weltlicher Ehrgeiz nicht ganz auf jenen Fundamenten beruhen, die bei einem anderen mein Lachen erregen; wenn meine Gefühle diesbezüglich jedoch wirklich, wie du unterstellen möchtest, gleichermaßen Grund zum Spott sind, sieh her, meine Julia, ich kann gleichermaßen über sie lachen! So angenehm ist mir Verachtung, dass ich lieber mich selbst verachte, als niemanden zu haben, den ich verachten kann! Aber zu meiner Erzählung! Du musst wissen, dass wir nur zu zweit sind, Söhne eines Gutsherrn, aus alter Familie, die einst großen Besitz und einiges an historischem Ruhm besaß. Wir lebten in einem alten Landsitz; mein Vater war ein geselliger Hund, ein Fuchsjäger, ein Säufer, dennoch auf seine Art ein feiner Herr – und ein sehr verrufenes Mitglied der Gesellschaft. Die ersten Gefühle ihm gegenüber, an die ich mich erinnern kann, waren die der Scham. Nicht viel Stoff für Familienstolz hier, wirst du sagen! Wahr, und genau das ist der Grund, der mich dazu brachte, Familienstolz anderswo zu hegen. Das Haus meines Vaters war mit Gästen gefüllt – einige hoch und einige niedrig; sie alle vereinten sich im Spott über den Gastgeber. Ich entdeckte bald das Gelächter, und du kannst dir vorstellen, dass es mir nicht gefiel. Unterdessen erzählte mir der alte Jäger, dessen Familie ungefähr so alt war wie unsere und dessen Vorfahren seit undenklichen Zeiten in dieser Eigenschaft für die Vorfahren seines Herrn gedient hatten, eine Geschichte nach der anderen über die Brandons von einst. Ich wandte mich von den Geschichten zu legitimerer Geschichte und fand, dass die Legenden einigermaßen wahr waren. Ich lernte bei dieser Entdeckung zu glühen; der Stolz, gedemütigt, als ich mich an meinen Erzeuger erinnerte, lebte wieder auf, als ich mich an meine Vorfahren erinnerte. Ich wurde entschlossen, sie nachzuahmen, einen gesunkenen Namen wiederherzustellen, und schwor eine Welt von Unsinn über dieses Thema. Die Gewohnheit, über diese Ideen nachzudenken, wuchs in mir. Ich hörte nie einen Scherz über meinen väterlichen Vormund machen, ich erhaschte nie den trüben Blick seiner taumelnden Augen, noch lauschte ich irgendeiner exquisiten Leere von seinen besoffenen Lippen, ohne dass meine Gedanken sofort zurück zu den Sir Charleses und den Sir Roberts meiner Rasse flogen, und ich tröstete mich mit der Hoffnung, dass die gegenwärtige Entartung vorübergehen würde. Daher, Julia, mein Familienstolz; daher auch ein anderes Gefühl, das du an mir missbilligst – Verachtung! Ich lernte zuerst, meinen Vater, den Gastgeber, zu verachten, und dann verachtete ich meine Bekannten, seine Gäste; denn ich sah, während sie über ihn lachten, dass sie schmeichelten und dass ihre Fröhlichkeit nicht das Einzige war, was auf seine Kosten genährt wurde. So wuchs die Verachtung mit mir auf, und ich hatte nichts, um sie im Zaum zu halten; denn als ich mich umsah, sah ich kein einziges lebendes Wesen, das ich achten konnte. Dieser Vater von mir hatte den Verstand zu denken, dass ich kein Idiot sei. Er war stolz (der arme Mann!) auf ‚meine Talente‘, nämlich auf Preise, die in der Schule gewonnen wurden, und Glückwunschschreiben meiner Lehrer. Er schickte mich aufs College. Mein Geist machte dort einen Sprung; ich werde dir, Schönste, sagen, welcher es war! Bevor ich dorthin ging, hatte ich einige feine vage Visionen von Tugend. Ich dachte daran, meine angestammten Ehren durch Güte wiederzubeleben; kurzum, ich war ein Embryo-König Pippin. Ich erwachte aus diesem Traum an der Universität. Dort nahm ich zum ersten Mal die wirkliche Konsequenz des Ranges wahr.

„In der Schule, weißt du, Julia, kümmern sich Jungen nicht um einen Lord. Ein guter Cricketspieler, ein ausgezeichneter Kerl, ist mehr wert als alle Grafen im Adelsverzeichnis. Aber am College hört all das auf; Schläger und Bälle versinken in das Nichts, in das Korallen und Glöckchen zuvor versunken waren. Man wird männlich und verehrt Kronen und Kutschen. Ich sah, es war eine feine Sache, einen Preis zu bekommen, aber es war zehnmal feiner, sich mit einem Peer zu betrinken. Als ich also das Erste getan hatte, veranlasste mich mein Entschluss, meiner Ahnen würdig zu sein, das Zweite zu tun – nicht, wohlgemerkt, genau; ich habe mich nie betrunken: mein Vater widerte mich schon früh mit diesem Laster an. Seiner Völlerei verdanke ich meine vegetarische Ernährung und seiner Trunkenheit mein Suchtverhalten zum Wasser. Nein, ich habe mich nicht mit Peers betrunken; aber ich war ihnen genauso angenehm, als wäre ich gleichermaßen verroht. Ich kannte intim alle ‚Hüte‘ an der Universität, und ich wurde fortan von den ‚Kappen‘ aufgesehen, als ob mein Kopf die Höhe jedes Hutes erreicht hätte, den ich kannte.

[In Cambridge ist es den Söhnen von Adligen und den ältesten Söhnen von Baronets gestattet, Hüte statt der akademischen Kappe zu tragen.]

Aber ich tat dies nicht sofort. Ich muss dir zwei kleine Anekdoten erzählen, die mich zuerst in das Geheimnis wirklicher Größe einweihten.“

„Die erste war diese: Ich saß beim Abendessen mit einigen Kollegen eines Colleges zusammen, ernsten und klugen Männern. Zwei von ihnen, die mich nicht kannten, unterhielten sich über mich; sie hätten gehört, sagten sie, dass ich niemals ein so guter Kerl wie mein Vater werden würde – niemals einen solchen Weinkeller haben oder einen solchen Haushalt führen würde. ‚Ich habe dort sechs Grafen und einen Markgrafen getroffen‘, behauptete der andere Senior. ‚Und sein Sohn‘, erwiderte der erste Don, ‚gibt sich, glaube ich, nur mit Sizars ab.‘ ‚Nun denn‘, sagte ich zu mir selbst, ‚um selbst das Lob kluger Männer zu verdienen, muss man gute Weine haben, viele Grafen kennen und den Sizars abschwören.‘ Nichts konnte wahrer sein als meine Schlussfolgerung.

Die zweite Anekdote ist diese: An dem Tag, als ich einen hohen Universitätspreis gewann, lud ich meine Freunde zum Essen ein. Vier von ihnen lehnten ab, weil sie bereits anderweitig verabredet waren (sie waren gefragt worden, nachdem ich sie gefragt hatte) – zu wem? Zum reichsten Mann der Universität. Diese Vorfälle, die zur gleichen Zeit geschahen, versetzten mich in ein tiefes Nachdenken. Ich erwachte und wurde ein Mann von Welt. Ich nahm mir nicht länger vor, tugendhaft zu sein und dem Ruhm eurer Römer und eurer Athener nachzujagen – ich nahm mir vor, reich, mächtig und von weltlichem Ansehen zu werden.

Ich schwor meinen ehrlichen Sizars ab und, wie ich bereits sagte, ich hofte einigen reichen ‚Hüten‘. Sieh da meinen ersten großen Schritt in der Welt! Ich wurde zum Parasiten und Schmeichler. Was! Würde mein Stolz dies dulden? Wahrlich, ja, mein Stolz ergötzte sich daran; denn es beruhigte meinen Geist der Verachtung, diese feinen Kerle für meine Zwecke einzuspannen! Es tat mir wohl zu sehen, wie leicht ich sie überreden konnte und für welch eine Vielfalt von Zwecken ich selbst den ermüdenden Überdruss ihrer Bekanntschaft nutzen konnte. Nichts ist törichter, als zu sagen, die müßigen Großen seien zu nichts nütze; sie können für jeden beliebigen Zweck verwendet werden, den ein kluger Mann mit ihnen zu verfolgen geneigt ist. Nun, Julia, siehe! Mein Charakter war bereits geformt; der familiäre Stolz, die Geringschätzung und der weltliche Ehrgeiz – da hast du ihn. Spätere Umstände verstärkten nur den bereits gemachten Eindruck. Ich wollte nach dem College ins Ausland gehen; mein Vater hatte kein Geld, das er mir geben konnte. Was bedeutete das? Ich sah mich sorglos nach einer wohlhabenderen Annehmlichkeit um als den väterlichen Tisch; ich fand sie in einem Lord Mauleverer. Er war mit mir auf dem College gewesen, und ich ertrug ihn leicht als Gefährten – denn er besaß Bildung, Witz und ein gutes Wesen. Ich brachte ihn dazu, ins Ausland reisen zu wollen, und ließ ihn glauben, er müsse vor Langeweile sterben, wenn ich ihn nicht begleitete. Seiner diesbezüglichen Bitte gab ich widerwillig nach und sah auf seine Kosten alles in Europa, was er zu sehen versäumte. Was mich am meisten belustigte, war die Erkenntnis, dass ich, der Parasit, von ihm respektiert wurde; und er, der Gönner, von mir verspottet wurde! Es wäre nicht so gewesen, wenn ich von ‚meiner Tugend‘ abhängig gewesen wäre. Nun, süßeste Julia, die Welt, wie ich sagte, verlieh meiner College-Erfahrung eine heilige Autorität. Ich kehrte nach England zurück; und mein Vater starb, hinterließ mir keinen Pfennig und meinem Bruder ein Gut, das so hoch verschuldet war, dass er es nicht genießen konnte, und so eingeschränkt, dass er es nicht verkaufen konnte. Nun war es für mich an der Zeit, von der Erfahrung zu profitieren, mit der ich mich brüstete. Ich sah, dass es notwendig war, einen Beruf zu ergreifen. Berufe sind die Masken für den mittellosen Schurken; sie verleihen dem Betrug Anständigkeit und dienen als Diplom, um von anderen zu zehren. Ich analysierte meine Talente und betrachtete die Sitten meines Landes; das Ergebnis war mein Entschluss, die juristische Laufbahn einzuschlagen. Ich besaß eine unerschöpfliche Fähigkeit zur Anwendung; ich war scharf, gerissen und kühn. All diese Eigenschaften ‚ziehen‘ an den Gerichtshöfen. Ich hielt meine vorgeschriebene Anzahl von Semestern ein; ich wurde zugelassen; ich bereiste den Gerichtsbezirk; ich erhielt kein einziges Mandat – kein einziges Mandat, Julia! Meine Gesundheit, die nie robust war, brach unter Studium und Reizbarkeit zusammen. Mir wurde befohlen, mich auf das Land zurückzuziehen. Ich kam in dieses Dorf, da es sowohl gesund als auch abgelegen war. Ich logierte im Haus deiner Tante; du kamst täglich hierher – ich sah dich – den Rest weißt du. Aber wo waren all die Zeit meine noblen Freunde? wirst du sagen. Beim Tode, seit wir das College verlassen hatten, hatten sie ein wenig von der Weisheit gelernt, die ich damals besaß; sie waren nicht geneigt, etwas für nichts zu geben; sie hatten jüngere Brüder, Vettern und Geliebte und, fürchte ich, Kinder, für die sie sorgen mussten. Zudem hatten sie ihre eigenen Ausgaben; je reicher ein Mann ist, desto weniger hat er zu geben. Einer von ihnen hätte mir eine Pfründe gewährt, wenn ich in die Kirche gegangen wäre; ein anderer ein Offizierspatent, wenn ich seinem Regiment beigetreten wäre. Aber ich wusste, dass die Zeit sowohl für den Priester als auch für den Soldaten vorbei war; und es ging mir nicht nur darum zu leben, nein, auch nicht darum, bequem zu leben, sondern Macht zu genießen, das war mein Begehren; also lehnte ich diese Angebote ab. Andere meiner Freunde wären entzückt gewesen, mich in ihrem Haus zu behalten, mich zu bewirten, mit mir zu scherzen, mit mir zu reiten, nichts weiter! Aber ich hatte bereits den Verstand einzusehen, dass, wenn ein Mann sich durch Tanzen zu Ansehen bringt, es niemals durch die Schritte der Gefolgschaft geschieht. Man muss Gefälligkeiten annehmen und Gönner hofieren, aber es muss mit der Haltung eines unabhängigen Mannes geschehen. Da meine alten Freunde somit nutzlos geworden waren, verboten mir meine juristischen Studien, neue zu knüpfen, ja, sie entfremdeten mich sogar von den alten; denn die Leute mögen sagen, was sie wollen darüber, dass eine Ähnlichkeit der Meinungen für eine Freundschaft notwendig sei – eine Ähnlichkeit der Gewohnheiten ist es weitaus mehr. Es ist der Mann, mit dem du speist, frühstückst und logierst, mit dem du spazierst, reitest, spielst oder stiehlst, der dein Freund ist; nicht der Mann, der Vergil genauso mag wie du und der deiner Bewunderung für Händel zustimmt. Währenddessen war meine Hauptbeute, Lord Mauleverer, fort; er hatte die Dulcinea eines anderen Mannes genommen und sich eine Laube in Italien gesucht. Von jener Zeit an habe ich nie wieder von ihm gehört noch ihn gesehen; ich kenne nicht einmal seine Adresse. Mit Ausnahme einiger weniger verstreuter Zuwendungen meines Bruders, den ich, guter, bequemer Mann!, mehr ausplündern könnte, wäre ich nicht entschlossen, den Familienbesitz nicht zu ruinieren, war ich auf mich selbst gestellt; das Ergebnis ist, dass ich, obwohl so klug wie meine Gefährten, dem Verhungern nur knapp entgangen bin – wären meine Bedürfnisse weniger einfach gewesen, wäre von Entgehen keine Rede gewesen; aber ein Mann verhungert nicht leicht, der Wasser trinkt und nach Gramm isst. Ein wirksameres Schicksal hätte mich ereilen können. Enttäuschung, Zorn, vereitelte Hoffnung, gekränkter Stolz, all das, was an meinem Herzen nagte, hätte es längst verzehren können; ich hätte wie ein Kleidungsstück vergehen können, das die Motte frisst, wäre da nicht dieser Vorrat an hartnäckiger und eiserner Härte, den die Natur – ich bitte um Verzeihung, es gibt keine Natur – die Umstände mir verliehen haben. Dies hat mich aufrecht gehalten und wird mich noch durch Zeit und Schande und körperliche Schwäche und geistiges Fieber tragen, bis mein Ehrgeiz eine gewisse Höhe erreicht hat und meine Verachtung menschlicher Kleinlichkeit sich an den äußeren Quellen des Glücks ebenso berauscht hat wie an einem inneren Quell bitterer und selbstgenährter Tröstung. Doch, oh, Julia! Ich weiß nicht, ob selbst dies mich gestützt hätte, wenn mein Herz in jener Lebensphase, als ich am meisten verwundet, am meisten körperlich getroffen, am meisten geistig verbittert war, nicht deines gefunden und sich an deines geklammert hätte. Ich sah dich, liebte dich; und das Leben wurde für mich zu einem neuen Ziel. Selbst jetzt, während ich dir schreibe, verschwinden all meine Bitterkeit, mein Stolz; alles, wonach ich mich gesehnt habe, verschwindet; mein ganzer Ehrgeiz ist dahin. Ich habe keine Hoffnung außer für dich, Julia; schöne, angebetete Julia! Wenn ich dich liebe, liebe ich sogar meine Art. Oh, du weißt nicht, welche Macht du über mich besitzt! Verrate sie nicht; du kannst mich noch zu all dem machen, wovon mein Jünglingsalter einst träumte, oder du kannst jeden Gedanken, jedes Gefühl, jede Empfindung zu Stein erstarren lassen.

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Ich sollte dir sagen, warum ich in unserer Verbindung kein Glück suche. Du hast nun mein Wesen gesehen. Du hast die Geschichte meines Lebens verfolgt, indem du die Geschichte meines Charakters verfolgt hast. Du siehst, was ich aufgebe, indem ich dich gewinne. Ich leugne das Opfer nicht. Ich gebe die wesentlichen Grundlagen meines gegenwärtigen Geistes und meiner Seele auf. Ich höre auf, weltlich zu sein. Ich kann mich nicht erheben, ich kann meinen angestammten Namen nicht wiederbeleben; nein, ich werde ihn für immer aufgeben. Ich werde einen getarnten Namen annehmen. Ich werde in eine andere Lebensschicht hinabsinken. In irgendeinem abgelegenen Dorf müssen wir, durch einen bescheideneren Beruf als den, den ich jetzt ausübe, unseren Lebensunterhalt verdienen und über den Ehrgeiz lächeln. Ich sage dir offen, Julia, wenn ich die Augen meines Herzens schließe, wenn ich dich meinem Blick entziehe, schreckt mich dieses Opfer. Aber selbst dann drängst du dich vor mich, und ich fühle, dass ein einziger Blick aus deinem Auge mir mehr wert ist als alles andere. Wenn du es mit mir aushalten könntest – wenn du mich beruhigen könntest – wenn du, wenn eine Wolke über mir liegt, sie unbeachtet vorüberziehen lassen könntest und mich anlächeln würdest, sobald sie fort ist – oh Julia! Dann gäbe es keine noch so große Armut, keine noch so große Erniedrigung des Schicksals, keine Aufgabe früherer Träume, die mir nicht wie Entzücken erscheinen würde, wenn sie mit dem Glück gepaart ist, zu wissen, dass du mein bist. Niemals sollten meine Lippen, niemals sollte mein Auge dir sagen, dass es auf Erden etwas gibt, wonach ich mich sehne oder wonach ich Verlangen tragen könnte. Nein, Julia, könnte ich mein Herz mit dieser Hoffnung schmeicheln, würdest du mich nicht von Unglück und unserer Vereinigung träumen sehen. Aber ich zittere, Julia, wenn ich an dein Temperament und mein eigenes denke; du wirst einen finsteren Blick von einem, der niemals fröhlich ist, als eine Beleidigung auffassen, und du wirst jeden Ausbruch von Leidenschaft gegen das Schicksal oder gegen andere als einen Vorwurf an dich empfinden. Dann kannst du dich auch nicht in mein Wesen hineinversetzen; du kannst nicht in seine Höhlen hinabsteigen; du kannst die fordernde und luchsäugige Eifersucht, die dort wohnt, nicht erblicken, geschweige denn würdigen, sie zu stillen. Süßeste Julia! Nach jedem deiner Atemzüge, jeder deiner Berührungen, jedem deiner Blicke sehne ich mich mehr als jede Mutter sich nach dem Kind sehnt, das ihr seit Jahren entrissen wurde. Dein Kopf lehnte an einem alten Baum (erinnerst du dich daran, in der Nähe von ------?), und ich ging jeden Tag, nachdem ich dich gesehen hatte, hin, um ihn zu küssen. Wundert es dich, dass ich eifersüchtig bin? Wie kann ich dich so lieben, wie ich es tue, und anders sein! Mein ganzes Wesen ist von dir berauscht!

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Dies also, dein Stolz und meiner, dein Vergnügen an der Bewunderung anderer, deine Leichtfertigkeit, Julia, lassen mich eine ewige und sprudelnde Quelle der Qual für meinen Geist vorhersehen. Es ist mir gleichgültig; mir ist alles gleichgültig, solange du mein bist, wenn auch nur für eine Stunde.“

Es scheint, dass trotz der seltsamen, manchmal ungeliebten und grimmig egoistischen Natur dieser Briefe von Brandon, etwas von einem echten Ton der Leidenschaft – vielleicht ihre Originalität –, zweifellos unterstützt durch eine gewisse artikulierte Beredsamkeit des Schreibers und eine tückische Neigung seitens der Geliebten, letztlich siegte; und dass eine Verbindung, die so wenig Aussicht hatte, das Lächeln eines glücklichen Sterns zu empfangen, schließlich geschlossen wurde. Der Brief, der die Korrespondenz beendete, stammte von Brandon: Er wurde am Abend vor der Hochzeit geschrieben, die, wie aus demselben Brief hervorging, privat und geheim stattfinden sollte. Nach einem stürmischen Ausbruch von Hoffnung und Freude fuhr er so fort:

„Ja, Julia, ich widerrufe meine Worte; ich habe keinen Glauben, dass du oder ich jemals Grund für Unglück haben werden. Jene Augen, die so zärtlich auf meinen ruhten; jene Hand, deren Druck noch in jeder Nervenfaser meines Körpers nachklingt; jene Lippen, die sich so spröde, doch, soll ich sagen, widerwillig von mir abwandten – alles sagt mir, dass du mich liebst; und meine Ängste sind verbannt. Die Liebe, die mein Wesen bezwang, wird das Einzige bezwingen, was ich an deinem verändert sehen möchte. Nichts könnte mich jemals dazu bringen, dich weniger anzubeten, obwohl du vorgibst, es zu fürchten – nichts außer der Erkenntnis, dass du meiner unwürdig bist, dass du einen Gedanken für einen anderen hast; dann sollte ich dich nicht hassen. Nein; das Privileg meiner vergangenen Existenz würde wieder aufleben; ich würde in einem Luxus der Verachtung schwelgen, ich würde dich verachten, ich würde dich verspotten, und ich würde wieder einmal das sein, was ich war, bevor ich dich kannte. Aber warum rede ich so? Meine Braut, mein Segen, verzeih mir!“

Beim Abschluss unserer Auszüge aus dieser Korrespondenz wünschen wir, dass der Leser erstens beachtet, dass die von Brandon bekundete Liebe von jener heftigen und körperlichen Natur zu sein scheint, die, während sie oft die am wenigsten dauerhafte ist, oft am empfänglichsten für die grimmigsten Extreme von Hass oder gar Ekel ist; zweitens, dass der Charakter, der durch diese sarkastische Offenheit enthüllt wird, bei einer Geliebten offensichtlich entweder eine völlige Hingabe oder ein geschicktes Verhalten erforderte; und drittens, dass wir solche Qualitäten bei der schönen Korrespondentin angedeutet haben, die nicht zuversichtlich eine dieser wesentlichen Voraussetzungen zu versprechen schienen.

Während der strenge und sarkastische Brandon mit einer gekräuselten, doch oft bebenden Lippe sich langsam dazu zwang, die Aufgabe zu erfüllen, diese Denkmäler vergangener Torheit und jugendlicher Emotion durchzugehen, breitet sich vor uns die weitere Erläuterung jener Ereignisse, die nun schnell auf eine fatale und schreckliche Katastrophe zudrängen, als eine Erzählung aus, die sich viele Jahre vor der Zeit ereignete, in der wir uns gegenwärtig befinden.

KAPITEL XXXIII.

Clem. Heb den dunklen Schleier der Jahre! Dahinter, was wartet? Ein menschliches Herz. Gewaltige Stadt, wo wohnen Alle Herrlichkeiten und alle Niederträchtigkeiten; während faul, Doch stumm, durch das Tosen der Leidenschaften rollt Der Strom der Lieblingstat, und trägt Ein Leben und doch ein Gift auf seiner Flut. .............. Clem. Deine Frau?

Vict. Fort! Ich habe dieses Wort in „Hohn“ verwandelt!

Clem. Dein Kind?

Vict. Ja, das trifft ins Mark – mein Kind, mein Kind!

Liebe und Hass, von --------

In eine abgelegene Stadt in ------shire kam ein junges Ehepaar zu wohnen, dessen Erscheinung und Gewohnheiten eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit der benachbarten Tratschtanten auf sich zogen. Sie trugen den Namen Welford. Der Mann ergriff den Beruf eines Rechtsanwalts. Er kam ohne Empfehlung oder Fürsprache; seine Lebensweise sprach von Armut; sein Auftreten war reserviert und sogar mürrisch; und trotz der Beachtung und Prüfung, mit der er betrachtet wurde, gewann er keine Mandanten und führte keine Prozesse. Das Fehlen all jener anständigen Scharlatanerien, die Männer jedes Berufs fast gezwungen sind anzuwenden, und die plötzliche und unangekündigte Art seines Kommens waren vielleicht die Ursache für diesen Misserfolg. „Sein Haus war zu klein“, sagten die Leute, „für Anständigkeit.“ Und wenig Gutes war von einem Anwalt zu erwarten, dessen Treppengeländer vor der Tür so dringend einen neuen Anstrich nötig hatten! Dann machte sich auch Mrs. Welford eine große Anzahl von Feinden. Sie war über alle Maßen schön; und es lag eine gewisse Koketterie in ihrem Wesen, die zeigte, dass sie sich ihrer Reize bewusst war. Alle Damen von ------- hassten sie. Ein paar Leute besuchten das junge Paar. Welford empfing sie kühl; ihre Einladungen wurden nicht angenommen, und, was noch schlimmer war, sie wurden nie erwidert. Der Teufel selbst hätte unter solchen Umständen einen Anwalt nicht unterstützen können. Reserviert, schäbig, arm, unhöflich, ohne Empfehlung, ein schlechtes Haus, ein ungestrichenes Geländer und eine schöne Frau! Nichtsdestotrotz, obwohl Welford nicht beschäftigt wurde, wurde er, wie wir gesagt haben, beobachtet. Bei ihrer ersten Ankunft, die im Sommer stattfand, sah man das junge Paar oft zusammen in den Feldern oder Hainen spazieren, die ihr Heim umgaben. Manchmal gingen sie liebevoll zusammen, und es wurde bemerkt, mit welcher Sorgfalt Welford den Umhang oder Schal seiner Frau um ihre schlanke Gestalt legte, wenn die Kühle des Abends zunahm. Doch oft wurde sein Arm zurückgezogen; er blieb zurück, und sie setzten ihren Spaziergang fort oder kehrten schweigend und getrennt heim. Allmählich verbreiteten sich Gerüchte in der Stadt, dass das frisch verheiratete Paar keineswegs glücklich lebe. Die Männer gaben dem streng aussehenden Ehemann die Schuld; die Frauen dem Flittchen von einer Ehefrau. Die einzige Dienstbotin jedoch, die sie hielten, erklärte, dass, obwohl Mr. Welford manchmal die Stirn runzelte und Mrs. Welford manchmal weinte, sie einander außerordentlich zugetan seien und nur aus Liebe stritten. Das Dienstmädchen hatte selbst schon vier Liebhaber gehabt und war möglicherweise in solchen Dingen erfahren. Sie empfingen keine Besucher, weder aus der Nähe noch aus der Ferne; und der Postbote erklärte, er habe nie einen Brief gesehen, der an einen von beiden adressiert war. So hing eine Art Geheimnis über dem Paar und machte sie noch mehr bestaunt und noch mehr unbeliebt – was viel heißen will –, als sie es sonst gewesen wären. So arm Welford auch war, sein Auftreten und sein Gang sprachen in hohem Maße von dem, was einfache Leute Gentility nennen. Und darin hatte er einen großen Vorteil gegenüber seiner schönen Frau, die, obwohl an ihrem Äußeren sicherlich nichts Vulgäres oder Pöbelhaftes war, gänzlich die Verfeinerung von Manier, Blick und Ausdruck vermissen ließ, die Welford kennzeichnete. Etwa zwei Jahre lang lebten sie auf diese Weise, und zwar so sparsam und ruhig, dass, obwohl Welford keine sichtbaren Mittel zum Lebensunterhalt hatte, niemand sich recht wundern konnte, wovon sie eigentlich lebten. Gegen Ende dieser Zeit legte Welford plötzlich eine kleine Summe in einer Spekulation des Bezirks an. Im Verlauf dieses Abenteuers bewies er zur großen Überraschung seiner Nachbarn einen außergewöhnlichen Sinn für Berechnungen, und seine Gewohnheiten verrieten deutlich einen Mann von Geschäftssinn und Fähigkeit. Diese Kapitalverfügung brachte einen ausreichenden Ertrag ein, um die Welfords, wenn sie so gewollt hätten, in einem etwas besseren Stil als bisher zu unterstützen. Sie verblieben jedoch in nahezu demselben Zustand; und der einzige Unterschied, den das Ereignis bewirkte, war der Rückzug von Mr. Welford aus dem Beruf, den er ergriffen hatte. Er war kein Rechtsanwalt mehr! Man muss zugeben, dass er mit diesem Rückzug keine großen Vorteile aufgab. Um diese Zeit waren einige Offiziere in ------ einquartiert; und einer von ihnen, ein gutaussehender Leutnant, war so beeindruckt von den Reizen von Mrs. Welford, die er in der Kirche sah, dass er keine Gelegenheit ausließ, seine Bewunderung zu bezeugen. Es wurde boshaft, aber nicht unbegründet bemerkt, dass Mrs. Welford, obwohl keine absolute Unangemessenheit in ihrem Verhalten festgestellt werden konnte, keineswegs unzufrieden mit der offensichtlichen Huldigung des jungen Leutnants schien. Ein Erröten färbte ihre Wange, wenn sie ihn sah; und der galante Geck behauptete, das Erröten sei nicht immer ohne ein Lächeln gewesen. Ermutigt durch die Auslegungen seiner Eitelkeit und im Kontrast, wie jeder andere auch, zu seinem eigenen animierten Gesicht und seiner glitzernden Kleidung mit der asketischen und finsteren Miene, der nachlässigen Kleidung und dem strengen Gang, der bei Welford die Wirkung einer eigentlich gutaussehenden Gestalt zunichtemachte, hielt unser Leutnant es für angebracht, seine Leidenschaft durch einen Brief auszudrücken, den er in den Kirchenstuhl von Mrs. Welford schmuggelte. Mrs. Welford ging an jenem Tag nicht in die Kirche; der Brief wurde von einem gutmütigen Nachbarn gefunden und dem Ehemann anonym zugestellt.

Was auch immer in der Verschwiegenheit des häuslichen Verkehrs über diesen Vorfall geschah, blieb notwendigerweise unbekannt; doch am nächsten Sonntag wurde das Gesicht von Mr. Welford, das zuvor noch nie in der Kirche erschienen war, von einem wachsamen Nachbarn – wahrscheinlich dem anonymen Freund – entdeckt, nicht im selben Kirchenstuhl wie seine Frau, sondern in einem entlegenen Winkel des heiligen Hauses. Und einmal, als der Leutnant darauf lauerte, im Gesicht von Mrs. Welford eine Antwort auf seine Epistel zu lesen, erklärte derselbe zuvorkommende Beobachter, dass Welfords Miene ein sardonisches und vernichtendes Grinsen annahm, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wie dem auch sei, der Leutnant verließ seine Unterkunft, und der Ruf von Mrs. Welford blieb auf unbefriedigende Weise unbefleckt. Kurz darauf scheiterte die Spekulation des Countys, und es hieß, die Welfords stünden kurz davor, die Stadt zu verlassen, wohin, wusste niemand – einige sagten ins Gefängnis; doch dann konnten unglücklicherweise keine Schulden entdeckt werden. Ihre Rechnungen waren „so gut wie nichts“ gewesen; aber immerhin waren sie regelmäßig bezahlt worden. Doch bevor die gemunkelte Auswanderung stattfand, ereignete sich ein Umstand, der für die guten Leute von ebenso wunderbar war. An einem hellen Frühlingsmorgen zog eine Vergnügungsgesellschaft aus einem großen Haus in der Nähe durch jene Stadt. Am auffälligsten unter ihnen war ein junger Reiter, reich gekleidet und von bemerkenswert prächtiger und hübscher Erscheinung. Nicht wenig bewusst der Sensation, die er erregte, verweilte dieser Kavalier hinter seinen Gefährten, um bestimmte Damen, die in einem Fenster postiert waren und nur zu bereit waren, seine Blicke mit Zinsen zu erwidern, eingehender zu betrachten. In diesem Moment scheute das Pferd, das sich heftig gegen den Zügel sträubte, der es von seinen Artgenossen zurückhielt, vor einem Messerschleifer, sprang heftig zur Seite, und der anmutige Kavalier, der nicht an die Haltung gedacht hatte, die am besten geeignet war, sein Gleichgewicht zu bewahren, sondern seine Figur zur Schau zu stellen, wurde mit einiger Wucht auf einen Haufen Ziegelsteine und Schutt geworfen, der schon lange, zum Ärgernis der Nachbarschaft, vor den ungestrichenen Geländern um Mr. Welfords Haus gestanden hatte. Welford selbst kam zu jener Zeit heraus und fühlte sich genötigt – denn er war keineswegs jemand, dessen sympathische Gefühle leicht flossen –, einen Blick auf den Zustand eines Mannes zu werfen, der regungslos vor seiner eigenen Tür lag. Der Reiter kam schnell wieder zu sich, konnte aber nicht aufstehen; eines seiner Beine war gebrochen. Gestützt in den Armen seines Reitknechts sah er sich um, und sein Blick traf den von Welford. Ein sofortiges Erkennen belebte das Gesicht des Ersteren und warf eine dunkle Röte auf die mürrischen Züge des Letzteren.

„Himmel!“, sagte der Kavalier, „ist das –“

„Hist, mein Herr!“, rief Welford, ihn schnell unterbrechend und sich umblickend. „Aber Sie sind verletzt – wollen Sie mein Haus betreten?“

Der Reiter signalisierte seine Zustimmung und wurde zwischen dem Reitknecht und Welford durch die schäbige Tür des Ex-Anwalts getragen. Der Reitknecht wurde dann mit einer Entschuldigung zur Gesellschaft geschickt, von denen viele bereits zum Haus eilten; und obwohl ein oder zwei sich über die ungastliche Schwelle drängten, so begnügten sie sich, sobald sie ein paar Flüche ausgestoßen hatten und fühlten, wie ihr Starren unter der mürrischen und eisigen Schärfe des Gastgebers versank, mit der Erkenntnis, dass es zwar verdammt unglücklich für ihren Freund sei, sie aber gegenwärtig nichts für ihn tun könnten; und mit dem Versprechen, am nächsten Tag nach ihm zu fragen, stiegen sie wieder auf und ritten heimwärts, mit einem Auge, das aufmerksamer als gewöhnlich auf die Bewegungen ihrer Rösser achtete. Sie gingen jedoch nicht, bevor der Chirurg der Stadt erschienen war und erklärt hatte, dass der Patient unter keinen Umständen bewegt werden dürfe. Das Bein eines Lords war ein Glücksfall, der dem Chirurgen von nicht jeden Tag widerfuhr. Während all dieser Zeit können wir uns den Zustand der Angst in der Stadt vorstellen und die qualvolle Ausdauer jener ländlichen Nerven, die in spärlich besiedelten Gebieten entstehen und eine solch Taliacotische Anteilnahme an den Angelegenheiten anderer Leute haben. Ein Tag, zwei Tage, drei Tage, eine Woche, eine vierzehntägige Frist, ja, ein Monat verging, und der Lord war immer noch der Bewohner von Mr. Welfords Domizil. Während wir die Klatschbasen ihrer Neugier überlassen – „Kannibalen ihrer eigenen Herzen“ –, müssen wir einen Blick in das Innere des ungastlichen Herrenhauses des Ex-Anwalts werfen.

Es war gegen Abend, der Leidende wurde auf einem Sofa gestützt, und die schöne Mrs. Welford, die als seine Krankenschwester fungiert hatte, legte das Kissen unter das zerschmetterte Glied. Er selbst versuchte, ihre Hand zu ergreifen, die sie spröde zurückzog, und äußerte Dinge, die süßer und kultivierter waren, als sie jemals zuvor gehört hatte. In diesem Moment trat Welford leise ein; er wurde von keinem der beiden bemerkt; und er stand an der Tür und betrachtete sie mit einem Lächeln von ruhigem und selbstgefälligem Hohn. Das Gesicht von Mephistopheles, wie er Margarete und Faust betrachtet, könnte eine gewisse Vorstellung von dem Bild vermitteln, das wir zu malen beabsichtigen; aber die Miene von Welford war edler und auch schöner im Charakter, wenn auch nicht weniger bösartig im Ausdruck als jene, die der unvergleichliche Retsch dem spottenden Teufel verliehen hat. So vollkommen, so beglückwünschend, so herrschaftlich war die Verachtung auf Welfords dunklen und markanten Zügen, dass, obwohl er sich in jener Situation befand, in der Lächerlichkeit gewöhnlich an dem Ehemann haftet, es der Kavalier und die Ehefrau waren, die dem Betrachter in einem demütigenden und beneidenswerten Licht erschienen wären.

Nach einer kurzen Pause näherte sich Welford mit schwerem Schritt. Die Ehefrau schreckte auf; doch mit einem sanften und geschmeidigen Ausdruck, der seit seinem Aufenthalt in der Stadt nur selten in seinem Antlitz sichtbar gewesen war, gesellte sich der Gastgeber zu dem Paar, lächelte die Krankenschwester an und gratulierte dem Patienten zu seinem Fortschritt bei der Genesung. Der Adlige, wohl vertraut mit den Gepflogenheiten der Welt, antwortete leicht und fröhlich; und das Gespräch floss munter weiter, bis die Ehefrau, die geistesabwesend und abseits gesessen hatte, ab und zu scheue Blicke zu ihrem Ehemann und Blicke von weicherer Bedeutung zum Patienten stahl, sich aus dem Raum zurückzog. Welford lenkte dann das Gespräch in eine andere Richtung; er erinnerte den Adligen an die angenehmen Tage, die sie in Italien verbracht hatten – an die Abenteuer, die sie geteilt, und die Intrigen, die sie genossen hatten. Als das Gespräch wärmer wurde, nahm es eine freiere und zügellosere Wendung; und wir glauben, nicht wenig wären die guten Leute von erstaunt gewesen, hätten sie den fröhlichen Späßen und den libertinen Maximen lauschen können, die von den dünnen Lippen jenes kalten und strengen Welford flossen, dessen Miene der Fröhlichkeit Lügen strafte. Über Frauen im Allgemeinen sprachen sie mit jener lebhaften Verachtung, die der übliche Ton bei Männern von Welt ist; nur bei Welford nahm sie eine bittere, tiefere und philosophischere Färbung an als bei seinem lebhafteren, doch weniger energischen Gast.

Der Adlige schien von seinem Freund bezaubert; das Gespräch entsprach genau seinem Geschmack; und als Welford ihn ins Bett gestützt hatte, schüttelte er jener Person herzlich die Hand und hoffte, ihn bald unter ganz anderen Umständen zu sehen. Als die Tür des Peers hinter Welford geschlossen war, stand er einige Augenblicke regungslos; dann stieg er mit sanftem Schritt in sein eigenes Gemach hinauf. Seine Frau schlief fest; neben dem Bett stand die Wiege des Kindes. Als seine Augen auf Letztere fielen, entspannte sich die starre Ironie, die nun seine Züge beherrschte; er beugte sich lange und in tiefem Schweigen über die Wiege. Das Gesicht der Mutter, vermischt mit dem des Vaters, war auf dem schlafenden und engelhaften Antlitz vor ihm eingeprägt; und als er schließlich, aus seiner Träumerei erwachend, es sanft küsste, murmelte er:

„Wenn ich dich ansehe, will ich glauben, dass sie mich einst geliebt hat. Pah!“, sagte er plötzlich und erhob sich, „dieses väterliche Gefühl für das Opfer eines – ist exquisit an mir!“ So sprechend, ohne einen Blick auf seine Frau zu werfen, die, durch die Lautstärke seiner letzten Worte gestört, sich unruhig bewegte, verließ er den Raum und stieg in den hinab, in dem er mit seinem Gast gesprochen hatte. Er schloss die Tür vorsichtig und, im bescheidenen Gemach auf und ab schreitend, ließ er seinen Gedanken freien Lauf, aufgereiht in etwa in der gebrochenen Ordnung, in der sie nun dem Leser erscheinen:

„Ja, ja, sie ist mein Ruin gewesen! Und wäre ich einer eurer schwachen Narren, die das Evangelium aus den albernsten und weinerlichsten Torheiten dieses sozialen Zustands machen, wäre sie jetzt meine Schande; aber statt meiner Schande werde ich sie zu meinem Fußschemel für Ehre und Reichtum machen. Und dann, zum Teufel mit dem Fußschemel! Ja! Zwei Jahre lang habe ich ertragen, was genug war, um mein ganzes Blut in Galle zu verwandeln – Untätigkeit, Hoffnungslosigkeit, ein verschwendetes Herz und Leben in mir selbst; Schmähung von der Welt; Kälte, Gezänk, Undankbarkeit von der einen, für die (oh, Esel, der ich war!) ich den geschätztesten Teil meines Wesens aufgab – vielmehr mein Wesen selbst! Zwei Jahre habe ich dies ertragen, und nun will ich meine Rache. Ich werde sie verkaufen – verkaufen! Gott! Ich werde sie wie das gewöhnlichste Marktvieh verkaufen! Und dieses armselige Stück Falschmünzerei soll mir – meine Welt kaufen! Die Rache anderer Männer kommt aus Hass – ein niedriges, unüberlegtes, unphilosophisches Gefühl! Meine kommt aus Verachtung – der einzige kluge Zustand, in dem der Verstand ruhen kann. Die Rache anderer Männer ruiniert sie selbst; meine soll mich retten! Ha! Wie mein Herz kichert, wenn ich dieses erbärmliche Paar ansehe, das glaubt, ich sehe sie nicht, und weiß, dass jede ihrer Bewegungen auf einem Netz meines Gewebes beruht! Doch“, und Welford hielt langsam inne, „doch ich kann nicht anders, als mich selbst zu verspotten, wenn ich an den Erzbetrug denke, den dieses Wahnsinns des Jungen, die Liebe – Liebe, wahrlich! das Wort allein lässt mich vor Ekel krank werden – aus mir gemacht hat. Hätte jene Frau, albern, schwach, automatengleich wie sie ist, mich wirklich geliebt; hätte sie den unsagbaren Opfergang begriffen, den ich für sie vollbracht habe (Antonius’ war nichts dagegen – er verlor nur eine reale Welt; meine war die Welt der Einbildung); hätte sie sich nur herabgelassen, mein Wesen zu erlernen, den Teufel der Frau in ihr selbst zu unterwerfen – ich hätte für immer in dieser plappernden Einsiedelei weiterleben können und mich für glücklich und ergeben halten können – ich hätte ein anderes Wesen werden können. Ich bilde mir ein, ich hätte das werden können, was eure Moralisten (Quacksalber!) ‚gut‘ nennen. Aber diese zermürbende Leichtfertigkeit des Herzens, diese Lust nach Narrenlob, diese Reizbarkeit des Temperaments, diese Mürrischkeit als Antwort auf den grüblerischen Gedanken, den sie bei mir weder ergründete noch vergab, dieses vulgäre, tägliche, stündliche Jammern über die armseligen Nöte der körperlichen Armut, das häusliche Wimmern, die Klagen im Haushalt – wenn ich – ich habe keinen Gedanken für solche armseligen Prüfungen der Zuneigung; und die ganze Zeit meine Flüche, meine begrabene Hoffnung und mein verstellter Geist und mein gesunkener Name nicht bedacht; die Größe meiner Aufgabe für sie nicht einmal begriffen; nein, ihre ‚Unannehmlichkeiten‘ – ein trüber Herd, vermute ich, oder ein schmuckloser Tisch – verglichen, ja, absolut verglichen mit allem, was ich für sie aufgegeben habe! Als wäre es nicht genug – wäre ich ein Narr gewesen, ein ambitionsloser, seelenloser Narr –, der bloße Gedanke, dass ich meinen Namen mit dem eines Kaufmanns verbunden hatte – ich bitte um Verzeihung, eines Kaufmanns im Ruhestand! – als wäre dieses Wissen – ein Wissen, ich würde meine ganze Sippe erdrosseln, jeden, der mich jemals getroffen, gesehen hat, eher als dass sie es durchschauten – nicht genug, wenn sie vom ‚Vergleichen‘ spricht, um mich das Fleisch von meinen Knochen nagen zu lassen! Nein, nein, nein! Nie gab es eine so glänzende Wendung in meinem Schicksal, als dieser betitelte Geck mit seiner sanften Stimme und seinem grellen Tand hierher kam! Ich werde sie zu einem Werkzeug machen, um meine Flucht aus dieser Höhle zu schnitzen, in die sie mich gestürzt hat. Ich werde die Leidenschaft ‚meines Lords‘ schüren, bis ‚mein Lord‘ glaubt, ‚die Leidenschaft‘ (die Leidenschaft eines Schmetterlings!) sei jeden Preis wert. Ich werde dann meine eigenen Bedingungen stellen, ‚meinen Lord‘ zur Geheimhaltung verpflichten und meine Frau, meine Schande und die Obskurität von Mr. Welford für immer loswerden. Helle, helle Aussichten! Lasst mich meine Augen schließen, um sie zu genießen! Aber sachte! Mein edler Freund nennt sich einen Mann von Welt, bewandert in der menschlichen Natur und ein Spötter ihrer Vorurteile; wahr genug, auf seine eigene kleine Art – nicht dank erweiterter Ansichten, sondern einer lasterhaften Erfahrung – so ist er! Das Buch der Welt ist ein riesiges Sammelsurium; er ist zweifellos vollkommen vertraut mit jenen Seiten, die von den Moden handeln – tiefgreifend bewandert, das garantiere ich, im ‚Magasin des Modes‘, das an das Ende des Index geheftet ist. Aber werde ich, selbst mit all der Meisterschaft, die mein Verstand über seinen ausüben muss – werde ich in der Lage sein, mich in den Gedanken dieses ‚Ebenbürtigen der Welt‘ gänzlich von einer erniedrigenden Erinnerung zu befreien? Hahnrei! Hahnrei! Es ist ein hässliches Wort; ein bequemer, williger Hahnrei, hm! – es gibt keine Größe, keinen philosophischen Firnis in der Phrase. Lass mich sehen – ja! Ich habe ein Mittel für all das. Ich wurde heimlich verheiratet – gut! unter verstellten Namen – gut! Es war eine gestohlene Ehe, weit weg von ihrer Stadt – gut! Zeugen, die ihr unbekannt sind – gut! Beweise, die leicht in meinem Besitz zu sichern sind – ausgezeichnet! Der Narr soll glauben, es sei eine gefälschte Ehe, eine geistreiche Galanterie meinerseits; ich werde den Fleck ‚Hahnrei‘ mit dem Wasser eines anderen Wortes wegwaschen; ich werde aus einer Mätresse Markt machen, nicht aus einer Ehefrau. Ich werde ihn warnen, sie nicht in dieses Geheimnis einzuweihen; lass mich überlegen, aus welchem Grund – oh! die Legitimität meines Sohnes mag mir später nützlich sein. Er wird den Grund verstehen, und ich werde seine ‚Ehre‘ diesbezüglich haben. Und übrigens, ich sorge mich um diese Legitimität und werde die Beweise hüten. Ich liebe mein Kind – ehrgeizige Männer lieben ihre Kinder. Ich mag selbst ein Lord werden und mag wünschen, dass ein Lord mir nachfolgt; und dieser Sohn ist mein, Gott sei Dank! Ich bin mir sicher in diesem Punkt – das einzige Kind auch, das jemals aus mir hervorgehen wird. Niemals, das schwöre ich, werde ich mich wieder außerhalb meiner eigenen Macht stellen! Mein ganzes Wesen, bis auf eine Leidenschaft, habe ich bisher gemeistert; diese Leidenschaft soll von nun an mein Sklave sein, mein einziger Gedanke sei Ehrgeiz, meine einzige Herrin sei die Welt!“

Als so die Träumerei eines Mannes endete, den die sozialen Umstände der Welt, wie systematisch, dazu bestimmten, in eminentem und niedrigem Maße böse zu sein, stieg Welford langsam die Treppe hinauf und betrat wieder sein Gemach. Seine Frau schlief noch immer. Ihre Schönheit war von der hellen und mädchenhaften und harmonischen Art, die Liebende und Dichter mit dem Wort „engelhaft“ ausdrücken würden; und als Welford auf ihr Gesicht blickte, still und fast geheiligt durch den Schlummer, hätte man eine gewisse Schwäche und Entschlusslosigkeit in den starken Linien seiner hochmütigen Züge erkennen können. In jenem Moment, als wollte er für immer die Rückkehr von Hoffnung oder Tugend für einen von beiden zerstören, bewegten sich ihre Lippen, sie sprachen ein Wort aus – es war der Name von Welfords höfischem Gast.

Etwa drei Wochen nach jenem Abend brannte Mrs. Welford mit dem jungen Adligen durch, und am Morgen nach diesem Ereignis verschwand der verstörte Ehemann mit seinem Kind für immer aus der Stadt. Von jenem Tag an erreichten keinerlei Nachrichten über ihn die kitzelnden Ohren seiner besorgten Nachbarn; und Zweifel, Neugier, Diskussionen festigten sich allmählich in dem Glauben, dass seine Verzweiflung ihn in den Selbstmord getrieben habe.

Obwohl die unglückliche Mrs. Welford in Wirklichkeit von leichtfertiger und frivoler Art war und vor allem empfänglich für persönliche Eitelkeit, war sie nicht ohne glühende Zuneigungen und scharfe Empfindlichkeiten. Ihre Ehe war eine aus Liebe gewesen – das heißt, ihrerseits die gewöhnliche Liebe von Mädchen, die nicht durch tatsächliches und natürliches Gefühl lieben, sondern durch erzwungene Veranlagung. Ihre Wahl war auf jemanden gefallen, der ihr in der Geburt überlegen war und, vor allem, in Person und Auftreten, dem sie gewohnheitsmäßig begegnet war. So hatte ihre Eitelkeit ihre Zuneigung unterstützt, und etwas Seltsames und Exzentrisches im Temperament und Geist von Welford hatte, obwohl es zuweilen ihre Furcht erregte, sehr dazu beigetragen, ihre Vorstellungskraft zu entflammen. Dann war er auch, obwohl kein höfischer, ein leidenschaftlicher und romantischer Liebhaber gewesen. Sie war sich bewusst, dass er für sie vieles aufgab, was er zuvor als notwendig für seine Existenz erachtet hatte; und sie hielt nicht inne, um zu fragen, wie lange diese Hingabe wohl dauern würde oder welches Verhalten ihrerseits die Gefühle, aus denen sie entsprang, am besten verewigen könnte. Sie war mit ihm durchgebrannt. Sie hatte in eine heimliche Ehe eingewilligt. Sie hatte einen glücklichen Monat verbracht, und dann verschwand die Täuschung! Mrs. Welford war keine Frau, die der Realität den gleichen Reiz wie der Täuschung verleihen oder darin finden konnte. Sie war vollkommen unfähig, den komplizierten und gefährlichen Charakter ihres Ehemannes zu begreifen.

Sie besaß weder den Schlüssel zu seinen Tugenden noch den Zauberspruch für seine Laster. Auch war die Lage, in die sie die Armut zwang, wenig geeignet für jene zarte Meditation, die durch Abwesenheit gesteigert und in Muße gehegt wird und die dem Liebenden so oft das Geheimnis vom Wesen des Geliebten offenbart. Obwohl Mrs. Welford ihrem Mann an Herkunft oder frühen Aussichten nicht gleichgestellt war, war sie an gewisse Annehmlichkeiten gewöhnt, die oft von denjenigen aus den niederen Klassen stärker empfunden werden als von jenen der höheren, die beim Verlust eines Luxusguts oft fröhlich auf alles verzichten. Eine feine Dame kann mehr Entbehrungen ertragen als ihre Zofe; und jeder Gentleman, der reist, lächelt über die Entbehrungen, die seinen Kammerdiener quälen. Die Armut und ihre grimmigen Gefährten ebneten den Weg für eine ganze Schar kleinlicher Irritationen und mürrischer Klagen; und da kein Gast oder Besucher je die häusliche Unzufriedenheit linderte oder die häuslichen Zänkereien unterbrach, endeten sie meist in jener launischen Verdrießlichkeit, die in der Reue so oft das Grab der Liebe findet. Nichts macht Menschen einander so überdrüssig wie eine Vertrautheit, die Nachlässigkeit im Streit und Grobheit in der Klage zulässt. Das beißende Hohngelächter Welfords verlieh dem Murren seiner Frau Schärfe; und sobald jeder den anderen für den Übeltäter hielt oder sich selbst für den Benachteiligten, war es vergeblich zu hoffen, dass der eine vorsichtiger oder der andere nachsichtiger sein würde. Beide forderten zu viel, und die Ehefrau im Besonderen gestand zu wenig ein. Mrs. Welford war durch und durch und nachdrücklich das, was ein Wüstling eine „Frau“ nennt – so wie eine frivole Erziehung eine Frau macht –, großzügig in großen Dingen, kleinlich in kleinen; eitel, reizbar, erfüllt von der Nichtigkeit ihrer selbst und ihrer Klagen, bereit, sich mit ihrem Liebhaber in einen Abgrund zu stürzen, aber ebenso bereit, alle Liebe mit Vorwürfen zu zermürben, wenn der Sprung erst getan war. Von allen Männern konnte Welford dies am wenigsten ertragen. Eine Frau mit einem größeren Herzen, einer gefestigteren Erfahrung und einem Intellekt, der fähig war, seinen Charakter zu würdigen und alle seine Qualitäten auszuloten, hätte ihn vielleicht zu einem nützlichen und großen Mann machen können, und zumindest zu ihrem Liebhaber auf Lebenszeit. Inmitten einer Ernte böser Gefühle machte ihn die bloße Kraft seines Wesens besonders fähig zu intensivem Empfinden und großmütiger Regung. Wer sich auf ihn verließ, war sicher; wer gegen ihn rebellierte, vertraute nur auf die Laune seines Spotts. Dennoch kämpfte die Liebe zwei Jahre lang, wenn auch mit jeder Stunde schwächer werdend, in beider Brust, und konnte kaum als gänzlich besiegt gelten bei der Ehefrau, selbst als sie mit ihrem gutaussehenden Verführer durchbrannte. Ein französischer Schriftsteller hat treffend genug gesagt: „Vergleichen Sie einen Augenblick die Apathie eines Ehemanns mit der Aufmerksamkeit, der Galanterie, der Anbetung eines Liebhabers, und können Sie da nach dem Ergebnis fragen?“ Er war ein französischer Schriftsteller; aber Mrs. Welford hatte in ihrem Temperament viel von einer Französin. Ein leidender Patient, jung, gutaussehend, wohlbewandert in den Künsten der Intrige, im Kontrast zu einem düsteren Ehemann, den sie nie begriffen, lange gefürchtet und an dessen Abneigung sie neuerdings gezweifelt hatte – ach! ein viel schwächerer Kontrast hat schon manche viel bessere Frau zum Futter für die Anwälte gemacht! Mrs. Welford brannte durch; doch sie empfand eine wiedererwachte Zärtlichkeit für ihren Mann genau an dem Morgen, an dem sie es tat. Sie nahm seine Liebesbriefe mit sowie ihre eigenen, die sie, als sie gerade geheiratet hatten, in einer Stunde der Anhänglichkeit gesammelt hatte – damals ein unschätzbarer Schatz! – und nie erhielt ihr neuer Liebhaber von ihren schönen Lippen auch nur halb so leidenschaftliche Küsse, wie sie sie auf der Wange ihres Kindes hinterließ. Einige Monate lang genoss sie mit ihrem Buhlen alles, wonach sie sich in ihrem Heim gesehnt hatte. Derjenige, für den sie ihre rechtmäßigen Bande verlassen hatte, war eine Person, die so gewohnheitsmäßig fröhlich, höflich und das, was man gewöhnlich „gutmütig“ nennt (obwohl er so viel vom Wesen des Egoismus in sich hatte, wie ein Edelmann anständig haben kann), war, dass er ohne Anstrengung galant zu ihr blieb, lange nachdem er begonnen hatte, es für möglich zu halten, einer so lieblichen Gestalt überdrüssig zu werden. Doch es gab Momente, in denen die wankelmütige Ehefrau sich mit Bedauern an ihren Mann erinnerte, und als sie ihn mit ihrem Verführer verglich, fand sie nicht alle Färbungen des Kontrasts schmeichelhaft für Letzteren. Es liegt etwas in einem kraftvollen und ausgeprägten Charakter, das Frauen und alle schwachen Naturen gezwungen sind zu respektieren; und Welfords Charakter stand so in kühner und daher vorteilhafter, wenn auch düsterer Reliefwirkung, wenn er den Leichtsinnigkeiten und Schwächen des jetzigen Anbeters dieser schuldigen Frau gegenübergestellt wurde. Wie dem auch sei, das Los war geworfen; und es wäre klug gewesen für die Dame, das Beste aus ihrem jetzigen Spiel zu machen. Aber sie, die als Ehefrau gemurrt hatte, war als Mätresse nicht gefällig. Vorwürfe bildeten ein Zwischenspiel zu Liebkosungen, was der noble Liebhaber keineswegs bewunderte. Er war kein Mann, der erwiderte, er war zu träge; aber er war auch keiner, der zurückwich. „Meine reizende Freundin“, sagte er eines Tages nach einer Szene, „Sie werden meiner überdrüssig – nichts natürlicher! Warum einander quälen? Sie sagen, ich habe Sie ruiniert; meine süße Freundin, lassen Sie mich Wiedergutmachung leisten. Werden Sie unabhängig; ich werde Ihnen eine Rente aussetzen; fliehen Sie mich – suchen Sie Ihr Glück anderswo und überlassen Sie Ihren unglücklichen, verzweifelnden Liebhaber seinem Schicksal.“

„Verhöhnen Sie mich, mein Herr?“ rief die zornige Schöne; „oder glauben Sie, dass Geld die Rechte ersetzen kann, deren Sie mich beraubt haben? Können Sie mich wieder zu einer Ehefrau machen – einer glücklichen, einer geachteten Ehefrau? Tun Sie dies, mein Herr, und Sie sühnen es mir!“

Der Edelmann lächelte und zuckte mit den Schultern. Die Dame wiederholte noch zorniger ihre Frage. Der Liebhaber antwortete mit einer Anspielung, die sie zugleich erstaunte und doppelt erzürnte. Sie forderte eifrig eine Erklärung; und seine Lordschaft, die weiter gegangen war, als er beabsichtigt hatte, verließ das Zimmer. Doch seine Worte waren tief in die Brust dieser unglücklichen Frau gesunken, und sie beschloss, eine Aufklärung zu erzwingen. Gemäß der Taktik, die den Reisenden der Fabel seines Mantels entledigte, legte sie den Sturm ab und zog den Sonnenschein vor: Sie passte einen Moment der Zärtlichkeit ab, nutzte die Gelegenheit und brachte nach und nach ein Geheimnis in Erfahrung, das sie vor Scham, Ekel und Bestürzung krank machte. Verkauft! Verschachert! Das Objekt einer verächtlichen Händelei für den Käufer und den Verkäufer, verkauft zudem mit einer Lüge, die sie auf der Stelle zu einem Objekt herabwürdigte, für das selbst Mitleid mit Spott vermengt war! Schon beraubt des Namens und der Ehre einer Ehefrau, und als Hure von den müden Armen eines Liebhabers zu den launischen Liebkosungen eines anderen weitergereicht! Solch war das Bild, das vor ihr aufstieg; und während es im einen Moment all ihre wilderen Leidenschaften bis zum Wahnsinn aufstachelte, demütigte es im nächsten ihre Eitelkeit bis in den Staub. Sie, die die herrschende Leidenschaft Welfords kannte, sah auf einen Blick das Objekt des Spotts und der Verhöhnung, zu dem sie für ihn geworden war. Während sie sich für die Betrügerin hielt, war sie betrogen worden; sie sah lebhaft vor sich (und schauderte, als sie es sah) das eisige Lächeln ihres Ehemannes, sein Schlangenauge, seine Züge, getränkt in Sarkasmus, und all seine spottende Seele eingeprägt in das Gesicht, dessen leichteste Verhöhnung so quälend war. Sie wandte sich von diesem Bild ab und sah das höfische Gesicht des Käufers – sein unterdrücktes Lächeln bei ihren Vorwürfen – seinen verborgenen Hohn auf ihre Ansprüche auf einen Stand, von dem er durch den Erz-Intriganten gelehrt worden war zu glauben, dass sie ihn nie besessen habe. Sie sah seine frühe Müdigkeit über ihre Reize, ausgedrückt zwar mit Respekt – einem beleidigenden Respekt –, aber gefühlt ohne einen Skrupel von Reue. Sie sah in beiden – wie um sich herum – nur eine Erwiderung von Verachtung. Sie steckte in einem Netz tiefster Erniedrigung. Selbst jener hochmütige Gram des Gewissens für ein an einem anderen begangenes Verbrechen, der, wenn er sticht, doch nicht demütigt, wurde verschlungen von einem weit qualvolleren Gefühl für eine so Eitle wie die Ehebrecherin – dem brennenden Schamgefühl, selbst während sie sündigte, die Getäuschte und Betrogene gewesen zu sein. Ihre ganze Seele war entsetzt über ihre Demütigung. Der Fluch von Welfords Rache lag auf ihr, und er wurde bis zum Äußersten vollstreckt! Welches freundliche Gefühl sie auch gegenüber ihrem Beschützer empfunden haben mochte, es wurde durch diese Entdeckung augenblicklich verschlungen. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dem Blick eines Mannes zu begegnen, der durch diesen schändlichen Tausch gewonnen hatte; die Schwächen und Unzulänglichkeiten des Liebhabers nahmen eine verabscheuungswürdige wie auch hasserfüllte Färbung an. Und indem sie sich selbst erniedrigt fühlte, verabscheute sie ihn. Den Tag, nachdem sie die Entdeckung gemacht hatte, auf die wir uns bezogen haben, verließ Mrs. Welford das Haus ihres Beschützers, niemand wusste wohin. Zwei Jahre lang von diesem Datum an verlor sich jede Spur ihrer Geschichte. Was war Welford am Ende dieser Zeit? Ein Mann, der schnell in der Welt aufstieg, ausgezeichnet bei der Anwaltschaft, wo ihn sein erstes Mandat in die Aufmerksamkeit gehoben hatte, eine schmeichelhafte Laufbahn im Senat beginnend, lukrative und ehrenvolle Ämter innehabend, geschätzt für die strenge Rechtlichkeit seines moralischen Charakters, die goldenen Meinungen aller Männer sammelnd, während er vorwärtsschritt zu öffentlichem Ruf. Er hatte seinen erblichen Namen wieder angenommen; seine frühe Geschichte war unbekannt; und niemand in der dunklen und entfernten Stadt ------ hatte je geahnt, dass der einfache Welford der William Brandon war, dessen Lob in so vielen Journalen widerhallte und dessen aufsteigendes Genie von allen anerkannt wurde. Jene Schroffheit, Rauheit und Düsterkeit, die ihn bei ------ ausgezeichnet hatten und die, da sie ihm natürlich waren, er nicht zu verbergen würdigte in einer Stellung, die seinen Talenten nicht entsprach und unter seinen Hoffnungen lag, waren nun glänzend übertüncht von einer Heuchelei, die wohl berechnet war, seinem Ehrgeiz zu dienen. So gelehrt konnte sich dieser einzigartige Mann an andere anpassen, dass nur wenige unter den Großen ihn als Begleiter trafen, ohne die Stimmung zu haben, sein Freund zu werden. Durch seinen noblen Rivalen – das heißt (um unseres Lesers „Sicherheit doppelt sicher“ zu machen), durch Lord Mauleverer – hatte er sein erstes lukratives Amt erlangt, eine gewisse Protektion der Regierung und seinen Sitz im Parlament. Wenn er bei der Anwaltschaft beharrt hatte, anstatt sich gänzlich Staatsintrigen zu widmen, dann nur, weil seine Talente eminent mehr darauf ausgerichtet waren, ihn auf dem erstgenannten Pfad zu Ehren zu bringen als auf dem letztgenannten. So ergeben war er dem öffentlichen Leben geworden, dass er sich nur eine einzige private Quelle des Vergnügens erlaubt hatte – seinen Sohn. Da niemand, nicht einmal sein Bruder, wusste, dass er verheiratet gewesen war (während der zwei Jahre seines getarnten Namens hatte man ihn im Ausland vermutet), bildete das Erscheinen dieses Sohnes das einzige Stück Skandal, das gegen die starre Moral seines guten Rufs geflüstert wurde; aber er selbst, seine eigene Zeit abwartend, um einen legitimen Erben anzuerkennen, gab an, es sei das Waisenkind eines lieben Freundes, den er im Ausland gekannt habe; und die puritanische Sittsamkeit nicht nur des Lebens, sondern auch des Auftretens, die er annahm, verschaffte der Aussage einen ziemlich großen Glauben. Diesen Sohn vergötterte Brandon. Wie wir ihn selbst sagen ließen, sind ehrgeizige Männer gewöhnlich von ihren Kindern angetan, über die Zuneigung anderer Väter hinaus. Der ständige Bezug, den die Ehrgeizigen zur Nachwelt herstellen, ist vielleicht der Hauptgrund. Aber Brandon war auch allgemein von Kindern angetan; Philoprogenitivität war ein markanter Zug seines Charakters und würde die Härte und Künstlichkeit, die zu diesem Charakter gehörten, Lügen strafen, wäre dieselbe Liebe nicht so häufig bei den Harten und Künstlichen bemerkbar. Es scheint, als ob ein halb bewusstes, aber erfreuliches Gefühl, dass auch sie einst sanft und unschuldig waren, sie daran erfreuen lässt, jede Sympathie mit ihrem frühen Zustand wiederzubeleben.

Oft nach dem Applaus und der Arbeit des Tages zog sich Brandon in die Kammer seines Sohnes zurück und beobachtete stundenlang dessen Schlaf; oft, bevor seine morgendliche Mühsal begann, pflegte er das Kind in seinen Armen mit all der natürlichen Zärtlichkeit und sprudelnden Freude einer Frau; und oft, während eine ernstere und charakteristischere Stimmung ihn überkam, sagte er geistig: „Du sollst unseren zerbrochenen Namen auf einem besseren Fundament aufbauen als dein Vater. Ich beginne zu spät im Leben, und ich arbeite mich auf einem schmerzhaften und steinigen Weg empor; aber ich werde die Reise zum Ruhm für dich glatt und zugänglich machen. Nie auch, während du nach Ehren strebst, sollst du dein Herz zur Ruhe stählen. Für dich, mein Kind, sollen die Freuden des Heims und der Liebe sein, und ein Geist, der nicht vor der Vergangenheit krank wird und aus bloßer Vergesslichkeit nach einer einsamen und unfruchtbaren Auszeichnung für die Zukunft strebt. Nicht nur, was dein Vater gewinnt, sollst du genießen, sondern was ihn verflucht hat, soll seine Wachsamkeit dich meiden lehren!“

Es war also nicht nur so, dass seine sanfteren Gefühle, sondern alle besseren und edleren, die selbst im schlimmsten und härtesten Busen Wurzeln finden, sich seinem Kind zuwandten, und dass der hohle und lasterhafte Mann versprach, ein liebevoller und vielleicht weiser Vater zu werden.

Eines Nachts kehrte Brandon zu Fuß von einem Minister-Dinner nach Hause zurück. Die Nacht war frostig und klar, die Stunde war spät, und sein Weg führte durch die längsten und am besten beleuchteten Straßen der Metropole. Er war, wie üblich, in Gedanken versunken, als er plötzlich durch eine leichte Berührung an seinem Arm aus seiner Träumerei geweckt wurde. Er drehte sich um und sah eine der unglücklichen Personen, die die Mitternachtsstraßen der Städte heimsuchen, direkt vor seinem Weg stehen. Der Blick beider fiel auf den anderen; und so kam es, zum ersten Mal, seit sie ihre Köpfe auf dasselbe Kissen gelegt hatten, dass der Ehemann die Ehefrau traf. Der Himmel war ungemein klar, und das Laternenlicht fiel hell und ruhig auf die Gesichter beider. Es gab keinen Zweifel im Geist des einen wie des anderen. Plötzlich und mit erschrecktem und grässlichem Bewusstsein erkannten sie einander. Die Ehefrau schwankte und klammerte sich zur Stütze an einen Pfosten; Brandons Blick war ruhig und unbewegt. Die Stunde, nach der sich sein bitterer und bösartiger Geist gesehnt hatte, war gekommen; seine Nerven weiteten sich in einer wollüstigen Ruhe, als wollte er sich einen bewussten Genuss seiner erfüllten Hoffnung gönnen. Was auch immer die Worte waren, die in jener unbezeugten und fast ehrfurchtgebietenden Zusammenkunft zwischen ihnen fielen, wir können sicher sein, dass Brandon nicht ein Atom seiner Macht sparte. Die verlorene und verlassene Ehefrau kehrte nach Hause zurück; und ihr ganzes Wesen, durch Schuld und niederträchtige Gewohnheiten verroht, verhärtete sich zu Rache – jenem übernatürlichen Gefühl, das man die Hoffnung der Verzweiflung nennen kann.

Drei Nächte nach dieser Begegnung wurde in Brandons Haus eingebrochen. Wie die Häuser vieler Juristen lag es in einem gefährlichen und dünn besiedelten Außenbezirk der Stadt und war leicht für Raub zugänglich. Er wurde durch ein Geräusch geweckt; er fuhr hoch und fand sich im Griff zweier Männer. Am Fuß des Bettes stand eine weibliche Gestalt, die ein Licht anhob; und ihr Gesicht, ausgezehrt von versengenden Leidenschaften und grässlich von der leprösen Weiße der Krankheit und des nahenden Todes, starrte ihn voll an.

„Jetzt bin ich an der Reihe“, sagte die Frau mit einem Grinsen des Spotts, das Brandon selbst hätte beneiden können; „du hast mich verflucht, und ich erwidere den Fluch! Du hast mir gesagt, dass mein Kind mich nie nennen soll, ohne zu erröten. Narr! Ich triumphiere über dich; ihn wirst du bis an dein Lebensende niemals kennen! Du hast mir gesagt, dass meinem Kind und des Kindes Kind (eine lange Übertragung von Verfluchung) mein Name – der Name der Ehefrau, die du niederträchtig an Ruin und Hölle verkauft hast – als ein Vermächtnis von Abscheu und Schande bleiben soll! Mann, du sollst diesem Kind keine weitere Lektion mehr erteilen: Du sollst nicht wissen, ob er lebt oder stirbt oder Kinder hat, um deine gepriesene Rasse fortzuführen; oder ob, falls er sie hat, diese Kinder keine Ausgestoßenen der Erde sind, verflucht von Mensch und Gott, die passenden Nachkommen des Dings, das du aus mir gemacht hast. Elender! Ich schleudere die Denunziation auf dich zurück, mit der du, als wir uns vor drei Nächten trafen, das Opfer deiner eigenen Treulosigkeit hättest zermalmen wollen. Du sollst den Pfad deines Ehrgeizes kinderlos, ziellos und hoffnungslos beschreiten. Krankheit soll ihr Siegel deinem Körper aufdrücken. Der Wurm soll sich von deinem Herzen nähren. Du sollst Ehren haben und sie nicht genießen; du sollst deinen Ehrgeiz gewinnen und verzweifeln; du sollst dich nach deinem Sohn sehnen und ihn nicht finden; oder wenn du ihn findest, sollst du die Stunde verfluchen, in der er geboren wurde. Merke dir, Mann – ich sterbe, während ich spreche – ich weiß, dass ich eine Prophetin in meinem Fluch bin. Von dieser Stunde an bin ich gerächt, und du bist mein Spott!“

So wie die härtesten Naturen vor dem steinigen Blick eines Wahnsinnigen entsetzt zusammensinken, so wich in der Totenstille der Nacht, gefesselt von Schurken, die wilde und feierliche, von Leidenschaft und partiellem Wahnsinn geschärfte Stimme der grässlichen Gestalt vor ihm, die ihm durch die Adern gerann, selbst der hochmütige und kühne Charakter William Brandons! Er brachte kein Wort hervor. Am nächsten Morgen fand man ihn mit starken Seilen an sein Bett gebunden. Er sprach nicht, als er befreit wurde, sondern ging schweigend zur Kammer seines Kindes – das Kind war fort! Mehrere Wertgegenstände waren ebenfalls gestohlen worden; die verzweifelten Werkzeuge, die die Mutter eingesetzt hatte, arbeiteten vielleicht nicht ohne ihren eigenen Lohn.

Wir müssen kaum hinzufügen, dass Brandon jeden Hebel und Kanal der Justiz für die Entdeckung seines Sohnes in Bewegung setzte. All die besondere Scharfsinnigkeit und Schärfe seines eigenen Charakters, unterstützt durch seine berufliche Erfahrung, setzte er jahrelang für dieselbe Verfolgung ein. Jede Nachforschung war völlig vergeblich; nicht die entfernteste Spur zur Entdeckung konnte verfolgt werden, bis (wir haben aufgezeichnet, wann) einige der gestohlenen Gegenstände gefunden wurden. Das Schicksal bewahrte in seinem düsteren Schoß, völlig unbemerkt vom Menschen, die Stunde und den Schauplatz auf, in denen der sehnlichste Wunsch William Brandons verwirklicht werden sollte.

KAPITEL XXXIV.

O Fortuna, viris invida fortibus Quam non aqua bonis praemia dividis. SENECA. ............ Und wie ein Hase, den Hunde und Hörner verfolgen, Keucht zu dem Ort, von wo er zuerst floh. ............ Hier, für das obdachlose Kind der Not, Ist meine Tür noch immer offen. GOLDSMITH.

Langsam schwand für Lucy die Wochen eines Winters, der für sie der trostloseste Teil des Lebens war, den sie je verbracht hatte. Es wurde die Zeit für den Richter, eine jener periodischen Heimsuchungen wahrzunehmen, die so voller Schrecken und Bestürzung für die elenden Insassen der dunklen Behausungen sind, die die komplexen Gesetze dieses Landes so freigebig bereitstellen – jene Zeiten großer Heiterkeit und Schlemmerei für die juristische Zunft –

„Die von Verbrechen speisen und an Not sich mästen, Und aus dem letzten Übermaß des Leidens gemeine Lust erzwingen.“

Ach! vortreffliche Ordnung der Welt, die zu stören so böse ist! Wie wunderbar schön muss jenes System sein, das Wein aus den sengenden Tränen der Schuld macht; und aus der erstickenden Ungewissheit, der gequälten Angst, dem erzwungenen und sich selbst verspottenden Mut, dem schrecklichen Urteil, dem verzweifelten Todeskampf des einen Mannes die grinsende Erwartung von Gebühren, das joviale Treffen und den merkantilen Feiertag für einen anderen bereitet! „Vom Gesetz kann nichts weniger gesagt werden, als dass sein Sitz der Busen Gottes ist.“ – [Hookers Ecclesiastical Polity.] – Sicherlich nicht; Richard Hooker, Sie haben vollkommen recht. Die Göttlichkeit einer Sitzung und die Inspiration des Old Bailey sind unbestreitbar!

Die Fürsorge von Sir William Brandon hatte Lucy die Kunde von der schmählichen Lage ihres Geliebten wirksam vorenthalten. In der Tat erkannten selbst das harte Auge Brandons und der gedankenlose Blick Mauleverers angesichts ihres zarten Gesundheitszustandes die Gefahr einer solchen Entdeckung. Der Earl, der nun den Hauptangriff auf Lucy auf die Zeit nach dem endgültigen Fall des Vorhangs für Clifford verschob, ging bei seinem Werben um die auserwählte Braut mit großer Vorsicht und Feingefühl vor. Er übte sich umso geduldiger in Geduld, als er bei seinem Freund Sir William bereits einen Teil des Vermögens der Erbin vorab in Anspruch genommen hatte; und er gab bereitwillig zu, dass er unterdessen keinen besseren Anwalt finden könne als in Brandon. So überzeugend und subtil war die Beredsamkeit dieses fähigen Sophisten, dass er bei seinen kunstvollen Gesprächen mit seiner Nichte selbst im unverdorbenen und starken, wenn auch schlichten Geist Lucys einen unruhigen und rastlosen Eindruck hinterließ, den die Zeit zu einer Neigung zu den weltlichen Vorteilen der ihr angetragenen Ehe hätte reifen lassen können. Brandon war kein ungeschickter Vermittler oder gewaltsamer Verfolger. Er schien sich in ihre Ablehnung Mauleverers zu fügen. Er kam kaum auf das Ereignis zurück. Er lobte den Earl selbst nur selten, abgesehen von den offensichtlichen Eigenschaften der Lebhaftigkeit und des guten Wesens. Doch sprach er mit allen lebhaften Farben, die er seinen Worten nach Belieben verleihen konnte, von den Freuden und Pflichten des Rangs und des Reichtums. Wohl verstand er es, gleichermaßen an alle Vorurteile und alle Schwächen der menschlichen Brust zu appellieren und die Tugend durch ihre Schwächen zu lenken. Lucy war, wie die Töchter der meisten Landadeligen alter Familie, in einem übermäßigen und müßigen Bewusstsein höherer Abstammung erzogen worden; und sie war keineswegs unzugänglich für die Wärme und das Gefühl (denn hier war Brandon aufrichtig), mit denen ihr Onkel von der Pflicht sprach, einen glorreichen, aber in Verruf geratenen Namen wieder aufzurichten und die eigenen Neigungen für die Wiederherstellung des verblichenen Glanzes derer zu opfern, die vor uns gegangen sind. Wenn die durch eine vage Pompösität des Ausdrucks verursachte Verwirrung der Gedanken oder die frühkindliche Einflößung eines Gefühls, das für eine Tugend gehalten wird, so oft Narren aus den Weisen in Bezug auf die Abstammung macht; wenn es selbst den sarkastischen und scharfen Sinn Brandons trübte, so können wir seinen Einfluss auf ein Mädchen verzeihen, das so wenig in der Kunst vernünftigen Denkens bewandert war wie die arme Lucy, von der man sagen kann, dass sie nie gelernt hatte zu denken, bevor sie gelernt hatte zu lieben. Der Eindruck, den Brandon in seinen glücklichsten Momenten der Überzeugung hinterließ, war jedoch noch flüchtig; er verflog beim ersten Gedanken an Clifford und legte ihr nicht einmal einen Zweifel an dem Werben Mauleverers nahe.

Als der Tag für Sir William Brandon kam, um zur Gerichtsreise aufzubrechen, rief er Barlow zu sich und trug diesem scharfsinnigen und intelligenten Diener äußerste Vorsicht in Bezug auf Lucy auf. Er befahl ihm, sie für jeden, ungeachtet des Ranges, abzuweisen und jede Zeitung, die ihr gebracht wurde, sorgfältig zu prüfen, ebenso wie jeden Brief zurückzuhalten, außer denen, die in der Handschrift des Richters selbst an sie adressiert waren. Lucys Zofe hatte Brandon bereits zum Schweigen verpflichtet; und der Onkel schmeichelte sich nun mit dem Gedanken, dass er jeder Chance auf Entdeckung einen wirksamen Riegel vorgeschoben hatte. Die Identität von Lovett mit Clifford war noch nicht einmal gemunkelt worden; und Mauleverer hatte Clifford richtig eingeschätzt, als er glaubte, der Gefangene würde selbst jede Vorsichtsmaßnahme gegen die Aufdeckung dieser Tatsache treffen. Clifford beantwortete den Brief des Earls und versprach dies in einer Weise, die einen so bewegenden und doch so männlichen Ton der Dankbarkeit anschlug, dass selbst Brandon gerührt war, als er ihn las. Und seit seiner Inhaftierung und teilweisen Genesung hatte sich der Gefangene eng abgeschlossen gehalten und alle Besucher abgewiesen. Ermutigt durch diese Überlegung und den Glauben an die Sicherheit seiner Vorsichtsmaßnahmen verabschiedete sich Brandon von Lucy. „Leb wohl!“, sagte er, während er sie liebevoll umarmte. „Sei sicher, dass du mir schreibst, und verzeih mir, wenn ich dir nicht pünktlich antworte. Pass auf dich auf, meine süße Nichte, und lass mich bei meiner Rückkehr eine frischere Farbe auf dieser weichen Wange sehen!“

„Pass lieber du auf dich auf, mein lieber, lieber Onkel“, sagte Lucy, klammerte sich an ihn und weinte, wie es ihre geschwächten Nerven in letzter Zeit bei der geringsten Aufregung verursachten. „Warum darf ich nicht mit dir kommen? Du schienst mir die letzten drei oder vier Tage blasser als gewöhnlich, und gestern hast du dich beklagt. Lass mich doch mit dir gehen. Ich werde keine Mühe machen, gar keine; aber ich bin sicher, du brauchst eine Pflegerin.“

„Du willst mich erschrecken, meine hübsche Lucy“, sagte Brandon und schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bin wohlauf, sehr wohlauf. Es stimmt, ich spürte gestern einen seltsamen Blutandrang zum Kopf; aber heute fühle ich mich stärker und leichter als seit Jahren. Noch einmal, Gott segne dich, mein Kind!“

Und Brandon riss sich los und begann seine Reise.

Der umherirrende und dramatische Verlauf unserer Geschichte führt uns nun zu einer dunklen Gasse in der Metropole, die zur Themse führt, und macht uns zu Zuschauern eines bewegenden Abschieds zwischen zwei Personen, die die Ungerechtigkeit des Schicksals und die Verfolgungen der Menschen vielleicht für immer trennen würden.

„Adieu, mein Freund!“, sagte Augustus Tomlinson, während er voller Blick auf das Segment des Gesichts von Edward Pepper stand, das von einem riesigen Hut und einem roten Belcher-Taschentuch unverborgen blieb. Tomlinson selbst war in die volle Tracht eines würdigen Geistlichen gekleidet. „Adieu, mein Freund, da du in England bleiben willst – adieu! Ich bin, das sage ich voller Stolz, kein weniger aufrichtiger Patriot als du. Der Himmel sei mein Zeuge, wie lange ich mich sträubte, Lovetts Vorschlag anzunehmen, mein geliebtes Land zu verlassen. Aber alle Hoffnung auf ein Leben hier ist nun vorbei; und wirklich, während der letzten zehn Tage wurde ich so von Ecke zu Ecke gejagt, so geplagt von höflichen Einladungen, ähnlich denen, die eine Bauersfrau ihren Enten zuruft: 'Dilly, dilly, dilly, komm und lass dich schlachten!', dass mein Patriotismus prodigiös abgekühlt ist und ich vor den Gedanken an eine Selbstverbannung nicht mehr zurückschrecke. 'Die Erde', mein lieber Ned, wie ein griechischer Weiser sehr wohl bemerkt hat – 'die Erde ist überall gleich!' und wenn man mich nach meiner Heimat fragt, kann ich wie Anaxagoras auf den Himmel zeigen!“

„Bei meiner Seele, du rührst mich!“, sagte Ned, dessen Stimme dick klang, sei es vor Kummer oder durch den Druck des Belcher-Taschentuchs auf seinem Mund; „es ist ganz wunderschön, dich reden zu hören!“

„Fass Mut, mein lieber Freund“, fuhr Tomlinson fort; „fass Mut gegen deine gegenwärtigen Leiden. Was sind für einen Mann, der sich durch Vernunft und durch Nachdenken über die Kürze des Lebens stärkt, die kleinen Heimsuchungen des Körpers? Was ist Gefangenschaft oder Verfolgung oder Kälte oder Hunger? Übrigens, du hast nicht vergessen, die Sandwiches in meine Manteltasche zu stecken!“

„Psst!“, flüsterte Ned und bewegte sich unwillkürlich; „ich sehe einen Mann am anderen Ende der Straße.“

„Lass uns unseren Schritt beschleunigen“, sagte Tomlinson; und das Paar schritt in Richtung des Flusses.

„Und nun“, begann Ned, der dachte, er könne genauso gut etwas über sich selbst sagen; denn bisher hatte Augustus im Eifer seiner Freundschaft nur seine eigenen Pläne erörtert – „und nun – das heißt, wenn ich dich verlasse – werde ich mich beeilen, in den Untergrund zu tauchen, bis der Sturm vorüber ist. Ich lebe nicht sehr gern in einem Keller und trage einen Kittel; aber diese Verstecke haben doch etwas Interessantes an sich! Der sicherste und gemütlichste Ort, den ich kenne, ist das Pays Bas, in der Nähe des Thames Court; also denke ich daran, ein Apartment unter der Erde zu mieten und meine Mahlzeiten in Lovetts alten Räumen, dem Mug, einzunehmen – die Polizei wird niemals daran denken, in diesen vulgären Spelunken nach einem Mann meines Schlages zu suchen.“

„Du kannst dich also nicht von England losreißen?“, sagte Tomlinson.

„Nein, verdammt! Die Kerle auf der anderen Seite des Wassers sind so verflucht unmännlich. Ich hasse ihren Wein und ihr Parley-vous. Außerdem gibt es dort keinen Spaß.“

Tomlinson, der in seine eigenen Gedanken versunken war, kommentierte die vortrefflichen Gründe seines Freundes gegen das Reisen nicht; und das Paar näherte sich nun dem Ufer des Flusses. Ein Boot wartete, um den illustren Auswanderer aufzunehmen und zu dem Schiff zu bringen, auf dem er seinen Platz nach Calais gebucht hatte. Doch als Tomlinsons Blick plötzlich auf die groben Bootsleute und das kleine Boot fiel, das ihn von seiner Heimat wegtragen sollte; als er auch über die blauen Wasser blickte, die ein frischer Wind wild aufpeitschte, und daran dachte, wie viel rauer es auf See sein würde, wo „seine Seele“ unweigerlich „bei der wogenden Welle erkrankte“ – da überflutete ihn eine ganze Woge tiefer und trauriger Emotionen.

Er wandte sich ab. Der Ort, an dem er stand, war ein Grundstück, das (wie ein Schild verkündete) zur Bebauung freigegeben war; darunter führten die Stufen hinab, die ihn zum Boot bringen sollten; ringsum erlaubte ihm der trostlose Raum, in weiter und breiter Ausdehnung die Türme und Kuppeln und Schornsteine der großen Stadt zu sehen, deren Bewohner er vielleicht nie wieder ausplündern würde. Während er blickte und blickte, traten ihm die Tränen in die Augen, und mit einem Ausbruch von Enthusiasmus, der wenig zu seinem gemäßigten und philosophischen Charakter passte, hob er seine rechte Hand aus der schwarzen Hosentasche und brach in den folgenden Abschied an die Metropole seiner heimatlichen Küsten aus:

„Leb wohl, mein geliebtes London, leb wohl! Wo werde ich jemals eine Stadt wie dich finden? Niemals zuvor habe ich gefühlt, wie unaussprechlich teuer du mir warst. Du warst mein Vater und mein Bruder und meine Geliebte und mein Schneider und mein Schuhmacher und mein Hutmacher und mein Koch und mein Weinhändler! Du und ich haben uns niemals missverstanden. Ich habe nicht gegrummelt, als ich sah, welch schöne Häuser und gute, starke Kassen du anderen Männern gabst. Nein! Ich freute mich über ihren Wohlstand. Ich war entzückt, einen reichen Mann zu sehen – meine einzige Enttäuschung war es, über einen armen zu stolpern. Du gabst Reichtümer meinen Nachbarn; aber, o großzügiges London, du gabst diese Nachbarn mir! Prächtige Straßen, alle christlichen Tugenden wohnen in euch! Wohltätigkeit ist so alltäglich wie Rauch! Wo, in welchem Winkel der bewohnbaren Welt, werde ich Menschen mit so vielen Überflüssigkeiten finden? Wo werde ich so leicht diese Überflüssigkeiten aus wohlwollender Leichtgläubigkeit für mich selbst abzweigen können? Der Himmel allein weiß, mein teures, liebes, geliebtes London, was ich in dir verliere! O öffentliche Wohltätigkeit! O öffentliche Institutionen! O Banken, die mathematische Axiome Lügen strafen und aus dem Nichts Vermögen machen! O alte Verfassung, die immer in Frage gestellt werden muss! O moderne Verbesserungen, die niemals funktionieren! O Spekulationen! O Gesellschaften! O Wuchergesetze, die vor Wucherern schützen, indem sie so viele wie möglich davon erschaffen! O Kirchen, in denen niemand profitiert, außer dem Pfarrer und den alten Weibern, die abends Kirchenstühle vermieten! O superbe Theater, zu klein für Parks, zu enorm für Häuser, die Komödie und Komfort ausschließen und ein Monopol darauf haben, Unsinn gigantisch aufzuführen! O Häuser aus Gips, die an einem Tag gebaut werden! O Paläste, vier Meter hoch, mit einer Kuppel in der Mitte, die unsichtbar sein soll!

[Wir dürfen nicht annehmen, dass dieser Apostroph ein Anachronismus ist. Tomlinson bezieht sich natürlich auf irgendeinen Palast seiner Zeit; eine der Schachteln – Weihnachtsgeschenke –, die dem König von seiner sparsamen Nation von Krämern gegeben wurden. Wir nehmen an, dass es längst abgerissen oder vom Winde verweht ist; es ist zweifellos bis jetzt vergessen, außer von Antiquaren. Nichts ist so vergänglich wie große Häuser, die vom Volk gebaut wurden. Eure Könige treiben ihr Unwesen mit ihren Spielzeugen!]

O Läden, Tausende wert, und o Ladenbesitzer, keinen Schilling wert! O Kreditsystem, durch das Bettler Fürsten sind und Fürsten Bettler! O Schuldgefängnis, das die Stute stehlen lässt und dann den Zügel wegschließt! O Betrüger, Seifenblasen, Senatoren, Dandys, Tavernen, Bordelle, Clubs, Häuser, private und öffentliche! – O LONDON, mit einem Wort, empfange mein letztes Adieu! Mögest du lange in Frieden und Überfluss blühen! Mögen deine Schurken witzig und deine Narren reich sein! Mögest du nur zwei Dinge ändern – deine verdammten Tricks des Transports und des Aufhängens! Das sind deine einzigen Fehler; aber für diese würde ich dich niemals verlassen. Adieu!“

Hier wandte Tomlinson seinen Kopf ab und schüttelte dann hastig die Hand von Long Ned mit einem zitternden und warmen Griff, eilte die Stufen hinunter und stieg in das Boot. Ned blieb einige Augenblicke regungslos und folgte ihm mit den Augen, während er am Ende des Bootes saß und ein weißes Taschentuch schwenkte. Endlich riss ihn eine Reihe von Lastkähnen aus dem Blickfeld des Zurückbleibenden; und Ned, der sich langsam abwandte, murmelte: „Ja, ich habe immer gehört, dass Dame Lobkins' die sicherste Zuflucht für Unglück wie das meine sei. Ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach einer Unterkunft machen, und morgen werde ich mein Frühstück im Mug einnehmen!“

Es sei unsere erfreuliche Aufgabe, lieber Leser, dem guten Räuber zuvorzukommen und zur Stunde des Sonnenaufgangs am Tag nach Tomlinsons Abreise zum Schauplatz zurückzukehren, an dem unsere Geschichte begann. Wir befinden uns nun wieder einmal im Haus von Mrs. Margery Lobkins.

Der Raum, der so vielen Zwecken diente, war noch immer derselbe wie damals, als Paul ihn zur Arena seiner schelmischen Streiche machte. Das Anrichte-Regal, mit seinen Regalen voller gemischtem Delfter Porzellan und Zinn, nahm seinen alten und wichtigen Platz ein. Nur mochte man bemerken, dass das Zinn stumpfer war als früher und dass verschiedene Risse ihre eigenwilligen Wanderungen über die gelbe Oberfläche des Delfter Porzellans machten. Das Auge der Herrin war weniger scharf geworden als bisher, und die Sorgfalt der Dienstmagd hatte notwendigerweise nachgelassen. Die hohe Uhr tickte noch immer in monotoner Warnung; der Deckenschirm, vielleicht seit wir ihn das letzte Mal beschrieben haben, frei von Seife, vielstöckig und voller Balladen, entfaltete noch immer seine reichlichen Blätter, „reich mit der Beute der Zeit“; der Bratspieß und die Muskete hingen noch immer in freundschaftlicher Nachbarschaft an der Wand. Und die lange, glatte Bank, „mit so manchem heiligen Text darauf bestreut“, bot noch immer dem müden Wanderer Ruhe und ein Objekt für den leeren Blick von Mrs. Margery Lobkins, während sie auf ihrem gegenüberliegenden Sitz lümmelte und die Welt vergaß. Aber die arme Piggy Lob! – da war die Veränderung! Die Seele der Frau war fort; der Geist war aus der menschlichen Flasche verdampft! Sie saß mit offenem Mund und glasigem Auge in ihrem Stuhl, wiegte sich hin und her, mit dem leisen, quengeligen Ton von mürrischem Alter und körperlichem Schmerz; manchmal schärfte sich dieses nörgelnde Murmeln zu einem schrillen, aber bedeutungslosen Schelten: „Da hast du es, du Galgenvogel! Du hast den Trunk genommen, ohne anzukreiden; du willst die arme Witwe betrügen; aber ich sehe dich, das tue ich! Die Vorsehung beschützt die Alten und Unschuldigen – Oh, oh! diese Stiche werden mein Tod sein. Wo ist Martha? Du Schlampe, du! du viperhafte Hexe, bring das Band; siehst du nicht, wie ich leide? Hast du kein Erbarmen, eine arme christliche Kreatur aus Mangel an Hilfe sterben zu lassen! So sind sie, das ist der Weg! Niemand kümmert sich jetzt um mich – niemand hat Respekt vor dem grauen Haar der Alten!“ Und dann schrumpfte die Stimme in das wimmernde „Tenor ihres Weges“ zusammen.

Martha, ein strammes Weibsbild mit rotem Haar, das über ihre „Schneehügel“ strömte, war jedoch nicht unaufmerksam gegenüber den Bedürfnissen ihrer Herrin. „Wer weiß“, sagte sie zu einem Mann, der am Herd saß, Tee aus einem blauen Krug trank und mit großer Sorgfalt zwei oder drei riesige Brotscheiben für seine eigene private und spezielle Nahrung röstete – „wer weiß“, sagte sie, „wohin wir selbst kommen können?“ Und während sie das sagte, stellte sie einen glühenden Becher an den Ellbogen ihrer Herrin.

Doch in der versunkenen Niedergeschlagenheit ihres Intellekts war die alte Frau selbst für diesen Trost unempfänglich. Sie nippte und trank zwar; aber als ob der Strom die betäubte Region, durch die er floss, nicht erwärmte, fuhr sie fort, in einem verrückten und stöhnenden Ton zu murmeln:

„Ist das deine Dankbarkeit, du Schlange! Warum bringst du nicht das Band, sage ich dir? Bin ich in einem Alter, Wasser zu trinken wie ein Gaul, du garstiges Ding! Oh, daran zu denken, dass ich jemals erleben sollte, verlassen zu werden!“

Unaufmerksam gegenüber diesem Murmeln, das sie für unvernünftig hielt, verließ die ausgelassene Martha nun den Raum, um sich ihren „oberen häuslichen“ Verrichtungen zu widmen. Der Mann am Herd war der einzige Gefährte, der der Witwe blieb. Während er sie einen Moment lang betrachtete, wie sie jammernd dasaß, mit einer groben Anteilnahme in seinem Auge, und langsam seinen Toast mampfte, den er nun gebuttert und auf einen Delfter Teller auf dem Herd gelegt hatte, begann diese Person auf diese beruhigende Weise:

„Ah, Dame Lobkins, wenn es doch nur so wäre, dass der kleine Paul bei dir wäre, es wäre ein galgenmäßiger Trost für dich an deinem Lebensende!“

Der Name Paul ließ die gute Frau ihren Kopf zum Sprecher neigen; ein Strahl von Bewusstsein schoss durch ihr abgestumpftes Gehirn.

„Kleiner Paul – eh, mein Herr! wo ist Paul? Paul, sage ich, mein guter Junge. Ach! er ist fort – hat seine arme alte Pflegerin verlassen, um wie eine Katze in einem Keller zu sterben. Oh, Dummie, werde niemals alt, Mann! Sie lassen uns allein und nehmen dann den ganzen Fusel mit sich! Ich habe keinen Tropfen Trost in der ganzen Welt!“

Dummie, der in diesem Moment seine eigenen Gründe hatte, die Dame zu beruhigen, und begierig darauf war, die Gelegenheit eines Gesprächs zu nutzen, das so unbelauscht war wie das gegenwärtige, antwortete zärtlich und mit einer List, die wahrscheinlich seinem Ziel förderlich war, und warf Paul bitter vor, die Dame niemals über seinen Aufenthaltsort und seine Unternehmungen informiert zu haben. „Aber komm, Dame“, schloss er, „komm, ich rate mal, dass er besser ist als all das, und dass du dir nicht den Kopf zerbrechen musst, wo er liegt oder was er tut. Schlag mich tot, Mutter Lob – ich bitte um Verzeihung, Mrs. Margery, sollte ich sagen –, wenn ich nicht fünf Schilling geben würde, ja, und fünf obendrauf, um zu wissen, was der arme Junge macht; ich nehme einen sterblichen Anteil an diesem Kerl!“

„Oh! oh!“, stöhnte die alte Frau, auf deren gelähmten Verstand die scharfsinnigen Fragen von Dummie Dunnaker harmlos fielen; „mein armer sündiger Kadaver! in was für einem Zustand er ist!“

Listig erneuerte Dummie Dunnaker erneut seinen Angriff, ohne besiegt zu sein; aber das Glück begünstigt nicht immer die Weisen, und es ließ Dummie nun aus einem zweifachen Grund im Stich – erstens, weil es der Dame nicht möglich war, ihn zu verstehen; zweitens, weil sie, selbst wenn es so gewesen wäre, nichts zu offenbaren hatte. Einige von Cliffords finanziellen Zuwendungen waren anonym übermittelt worden, alle ohne Absender oder Datum; und größtenteils waren sie von der weisen Martha, in deren Hände sie fielen, für ihre eigenen privaten Zwecke angeeignet worden. Noch brauchte die Dame Cliffords dankbare Wohltätigkeit; denn sie war eine Frau, die in dieser Welt ziemlich gut gestellt war, wenn man bedenkt, wie nahe sie einer anderen kam. Länger hätte Dummie jedoch seinen erfolglosen Weg versuchen können, hätte nicht die Tür des Gasthauses in ihren Angeln geknarrt, und die sperrige Gestalt eines großen Mannes in einem Kittel, aber mit einem bemerkenswert schönen Haarwuchs, die Schwelle verdunkelt. Er beehrte die Dame, die einen glanzlosen Blick auf ihn warf, mit einem mürrischen und doch ambrosialen Nicken, ergriff eine Flasche Spirituosen und einen Becher, zündete eine Kerze an, zog eine kleine deutsche Pfeife und eine Tabakdose aus seinem Beutel, stellte diese verschiedenen Luxusartikel auf einen kleinen Tisch, schob ihn in eine ferne Ecke des Raumes und warf sich in einen Stuhl, die Beine auf einen anderen, und genoss das Ergebnis seiner Mühen in einer mürrischen und hochmütigen Stille. Lange und ernsthaft starrte der sanftmütige Dummie auf das Gesicht des Gentleman vor ihm. Es waren einige Jahre vergangen, seit er es zuletzt gesehen hatte; aber es war eines, das nicht leicht aus dem Gedächtnis schwand; und obwohl sein Besitzer ein Mann war, der in der Welt aufgestiegen war und den Gipfel seines Berufs erreicht hatte (eine Stellung weit jenseits der täglichen Sphäre von Dummie Dunnaker), und der bescheidene Taschendieb daher erstaunt war, ihm in diesen niederen Regionen zu begegnen, so trug Dummies Erinnerung ihn doch zurück zu einem Tag, als sie ohne Ansehen der Person gemeinsam geteilt und recht fröhliche Partner im praktischen Spiel „Bettler mein Nachbar“ gewesen waren. Während jedoch Dummie Dunnaker, der ein wenig dazu neigte, schüchtern zu sein, darüber nachdachte, ob es angemessen sei, Bekanntschaft zu beanspruchen, trat ein schmutziger Junge mit einem Gesicht, das, wie Dummie selbst sagte, den Frost anzeigte wie eine Pflaume, die an Scharlach starb, mit einer Zeitung in seiner rechten Pfote in den Raum.

„Große Neuigkeiten! Große Neuigkeiten!“, schrie der Straßenjunge, wobei er seine lautstarken Vorbilder auf der Straße nachahmte; „alles über den berühmten Captain Lovett, lebensgroß!“

„Halt dein loses Mundwerk, du Plappermaul!“, sagte Dummie tadelnd und griff nach der Zeitung.

„Der Meister sagt, er muss sie haben, um sie nach Clapham zu schicken, und kann sie nicht länger als eine Stunde entbehren!“, sagte der Junge, als er sich zurückzog.

„Ich erinnere mich an den Tag“, sagte Dummie mit dem Eifer eines Stammesgenossen, „als der Mug noch eine Zeitung ganz für sich allein nahm, statt sie sich stundenweise zu mieten wie jetzt!“

Daraufhin öffnete er die Zeitung mit einem Schnippen und gab sich ganz der Lektüre hin. Doch der hochgewachsene Fremde fuhr halb aufstehend zusammen und rief:

„Haben Sie denn gar keine Manieren, um mitteilsam zu sein? Glauben Sie, niemanden außer Ihnen kümmert es, was aus Captain Lovett wird?“ Daraufhin drehte Dummie sich auf seinem Stuhl um und begann mit einem „Verdammt noch mal, Sie sind natürlich willkommen“ wie folgt (wir kopieren die Zeitung, nicht die Ausdrucksweise des Lesers):

„Der Prozess gegen den berüchtigten Lovett beginnt an diesem Tag. Große Anstrengungen wurden von Leuten aller Klassen unternommen, um Plätze in der Stadthalle zu ergattern, die in einem Ausmaß gefüllt sein wird, wie es in dieser friedlichen Provinz noch nie zuvor erlebt wurde. Nicht weniger als sieben Anklageschriften sollen auf den Gefangenen warten; es wurde vereinbart, dass der Raubüberfall auf Lord Mauleverer als erster verhandelt wird. Als Hauptbelastungszeuge in diesem Fall gegen den Gefangenen gilt der Kronzeuge MacGrawler. Bisher sind noch keine Neuigkeiten über die mutmaßlichen Komplizen Augustus Tomlinson und Edward Pepper verbreitet worden. Es wird angenommen, dass Ersterer das Land verlassen hat und Letzterer sich in den niederen Zufluchtsorten des Verbrechens verbirgt, mit denen das Herz der Metropole überfüllt ist. Berichte sprechen in den höchsten Tönen von der Person und den Manieren Lovetts. Er gilt zudem als ein Mann von einigem Talent und war früher für eine obskure, von MacGrawler herausgegebene Zeitschrift tätig, die ‚Althenaeum‘ oder ‚Asinaeum‘ genannt wurde. Dennoch vermuten wir, dass seine Herkunft bemerkenswert niedrig und seiner Art der Beschäftigung angemessen ist. Der Gefangene wird bei einem Richter sehr viel Glück haben. Niemals hat jemand, der dasselbe hohe Amt bekleidete wie Sir William Brandon, in so kurzer Zeit einen so großen Ruf erworben. Die Whigs pflegen uns zu verspotten, wenn wir auf den privaten Tugenden unserer öffentlichen Männer bestehen. Sie sollten auf Sir William Brandon schauen und gestehen, dass die strengste Moral mit dem fundiertesten Wissen und dem brillantesten Geist verbunden sein kann. Die Eröffnungsrede des gelehrten Richters an die Geschworenen in [...] ist vielleicht das eindrucksvollste und feierlichste Stück Beredsamkeit in der englischen Sprache!“

Ein Grund für diese Lobrede ließe sich womöglich an anderer Stelle der Zeitung finden, wo es hieß:

„Wie wir aus den höheren Kreisen erfahren, ist das Gerücht umgegangen, dass Sir William Brandon auf eine höhergestellte Bühne in seine alte parlamentarische Karriere zurückgerufen werden soll. Die Talente dieses Herrn werden von Seiner Majestät und den Ministern so sehr respektiert, dass sie, wie berichtet wird, bestrebt sind, sich seine Unterstützung im House of Lords zu sichern!“

Als Dummie seinen „mühsamen Marsch“ durch den ersten der obigen Auszüge vollendet hatte, wandte er sich dem hochgewachsenen Fremden zu und sagte, während er ihn mit einer Art zwinkernder Bedeutung ansah:

„Also singt MacGrawler – lässt seine Kumpane auffliegen, was? Nun, ich habe diesen Hundesohn immer verdächtigt! Wissen Sie, er war viele Tage im Mug und hat unseren kleinen Paul unterrichtet, und ich sagte zu Piggy Lob, ich sagte: ‚Verdammt noch mal, dieser Kerl ist ein sonderbarer Vogel! Und wenn er nicht am Galgen endet‘, sagte ich, ‚dann nur, weil er sich querstellt und einen seiner Kumpane dranhängt!‘ Also sehen Sie“ (hier sah sich Dummie um und seine Stimme sank zu einem Flüstern), „also sehen Sie, Meester Pepper, da war ich kein Narr!“

Long Ned ließ seine Pfeife fallen und sagte mürrisch und mit einem argwöhnischen Stirnrunzeln: „Was! Du kennst mich?“

„Na sicher und gewiss kenne ich dich“, antwortete der kleine Dummie und ging zu dem Tisch, an dem der Räuber saß. „Kennst du mich denn nicht?“

Ned betrachtete den Fragesteller mit einem finsteren Blick, der allmählich in Wiedererkennen überging. „Ah!“, sagte er mit der Attitüde eines Brummel, „Mr. Bummie oder Dummie, glaube ich, was? Gib Pfötchen – ich freue mich, dich zu sehen. Erinnerst du dich, das letzte Mal, als ich dich sah, hast du mich ziemlich beleidigt. Macht nichts. Ich nehme an, du hast es nicht so gemeint.“

Ermutigt durch diesen leutseligen Empfang des Straßenräubers, wenn auch ein wenig verlegen wegen Neds Anspielung auf sein früheres Verhalten, das er als berechtigt empfand, grinste Dummie, schob einen Hocker in Neds Nähe, setzte sich und vermied sorgfältig jede direkte Antwort auf Neds Beschwerden, indem er erwiderte:

„Weißt du, Meester Pepper, du hast mich völlig von den Socken gehauen! Ich hätte nicht gedacht, dass du dich heutzutage herablassen würdest, in den Mug zu kommen, wo ich dich zuvor nur einmal gesehen habe. Gott segne dich, man sagt, du gehst in alle feinen Häuser in Rüschen, mit einem Paar silberner Pistolen in der Westentasche! Warum, die Jungs hier in der Gegend sagen, dass du und Meester Tomlinson und dieser arme Teufel im Knast die feinsten Herren der Stadt seid; und, Herr, wenn ich an deine Zuvorkommenheit gegenüber einem armseligen Lumpensammler wie mir denke!“

„Ah!“, sagte Ned ernst, „es sind traurige Prinzipien im Umlauf heutzutage. Sie wollen alle Standesunterschiede abschaffen – einen Herzog nicht besser stellen als seinen Kammerdiener und einen Gentleman-Straßenräuber mit einem Taschendieb in einen Topf werfen. Aber, verdammt, wenn ich nicht glaube, dass das Unglück uns alle genug nivelliert; und das Unglück führt mich hierher, kleiner Dummie.“

„Ah! Du willst dich von den Bullen fernhalten!“

„Richtig. Seit der arme Lovett hinter Schloss und Riegel sitzt – was, wie ich sagen muss, die Schuld seines eigenen verfluchten, gentlemanhaften Verhaltens mir und Augustus gegenüber war (du hast von Guz gehört, sagst du) –, scheint unser Kreis völlig zerrissen. Die eigenen Freunde scheinen geneigt, einem in den Rücken zu fallen; und wirklich, die Schnüffler sind so scharf auf uns, dass ich es für sicher hielt, mich für eine Weile zu ducken. Also habe ich mir in einem Keller ein Quartier genommen und beabsichtige, die nächsten drei Monate im Mug zu essen. Ich habe gehört, dass ich mich darauf verlassen kann, hier sicher unterzutauchen. Dummie, auf deine Gesundheit! Gib uns den Tabak.“

„Ich sag dir was, Meester Pepper“, sagte Dummie und räusperte sich, als er der Bitte nachgekommen war, „kannst du mir sagen, ob du auf deinen Reisen unseren kleinen Paul getroffen hast? Armer Kerl! Du weißt ja, wie und warum er von Justice Burnflat in den Knast geschickt wurde. Nun, als er rauskam, ist er zum Teufel gegangen, oder so etwas Ähnliches, und wir haben seitdem kein Wort mehr von ihm gehört. Du erinnerst dich an den Jungen – ein verdammt feiner Kerl, groß und gerade wie eine Egge!“

„Warum, du Narr“, sagte Ned, „weißt du denn nicht“ – dann hielt er sich plötzlich zurück – „Ah, bei der Gelegenheit, dieser elende Schwur! Ich sollte es nicht erzählen; obwohl es jetzt, fürchte ich, egal ist! Es nützt nichts, nach dem Siegel zu schauen, wenn der Brief verbrannt ist.“

„Verdammt“, schrie Dunnaker mit unverstellter Heftigkeit, „ich sehe, du weißt, was aus ihm geworden ist! Ich werde dir manchen guten Dienst erweisen, wenn du es mir nur sagst.“

„Warum, schuldet er dir ein Dutzend Schilling oder was, Dummie?“, sagte Ned.

„Nicht er – nicht er“, rief Dummie.

„Was dann, willst du ihm irgendwie schaden?“

„Dem kleinen Paul schaden!“, stieß Dummie hervor. „Warum, ich kenne den Kerl, seit er so hoch war! Nein, aber ich will ihm einen großen Dienst erweisen, Meester Pepper, und mir selbst auch – und dir obendrein, für alles, was ich weiß, Meester Pepper.“

„Humph!“, sagte Ned. „Humph! Was meinst du damit? Ich weiß zwar, wo Paul ist; aber du musst mir erst sagen, warum du das wissen willst, andernfalls kannst du mich mal gernhaben.“

Ein langer, scharfer, wehmütiger Rundblick warf Mr. Dummie Dunnaker um sich, bevor er antwortete. Alles schien sicher und günstig für eine vertrauliche Mitteilung. Die schlaffen Züge von Mrs. Lobkins waren in eine schläfrige Erstarrung versunken; selbst die graue Katze, die am Feuer lag, war in die Umarmung des Morpheus eingerollt. Dennoch sprach Dummie in einem engen Flüsterton.

„Ich wette, Meester Pepper, dass du dich gut daran erinnerst, als Harry Cook, der große Straßenräuber – armer Kerl! Er ist dahin gegangen, wo wir alle hingehen müssen –, dich, damals noch ein Grünschnabel, zum ersten Mal in das kleine Hinterzimmer im Cock and Hen, Devereux Court, mitbrachte?“

Ned nickte zustimmend.

„Und du erinnerst dich, wie ich Harry und dich dort traf, und ich hatte solche Angst vor dir – warum? Weil ich dich vorher noch nie gesehen hatte, und wir wollten den Laden eines feinen Pinkels knacken. Und Harry legte ein gutes Wort für dich ein und sagte, dass du, obwohl du gerade erst in der Stadt angefangen hattest, schon meisterhaft im Täuschen warst. Du erinnerst dich, was?“

„Ja, ich erinnere mich an alles“, sagte Ned. „Es war das erste und einzige Haus, an dessen Einbruch ich beteiligt war. Harry war ein Kerl mit niederen Gewohnheiten; also gab ich seinen Umgang auf und widmete mich ausschließlich der Straße oder gelegentlicher Gelegenheitsarbeit. Ich habe nichts für einen Gentleman übrig, der zum Einbrecher wird.“

„Nun, also bist du mit uns gegangen, und wir haben dich durch eine Scheibe im Küchenfenster geschoben. Du warst der Kleinste von uns, so groß du jetzt auch bist; und du bist herumgegangen und hast uns die Tür geöffnet; und als du die Tür geöffnet hattest, hast du gesehen, dass sich uns eine Frau angeschlossen hatte, und du hattest Angst und bist draußen geblieben, um Wache zu halten, während wir reingingen.“

„Gut, gut“, rief Ned, „was zum Teufel hat all dieses Gerede mit Paul zu tun?“

„Nun sei nicht so ungeduldig, sondern lass mich direkt zum Punkt kommen. Nun, als wir rauskamen, erinnerst du dich, dass die Frau ein Bündel in den Armen hielt, und du hast sie angesprochen; und sie hat dich barsch abgewiesen und uns alle verlassen und ist direkt nach Hause gegangen; und wir sind los und haben die Beute noch in derselben Nacht versetzt und danach unseren Anteil kassiert. Und sicher hast du uns herzhaft zum Lachen gebracht, Meester Pepper, als du sagtest, du sagtest: ‚Das da ist eine verrückte Braut.‘ Das war sie auch, Meester Pepper!“

[Der Leser hat wahrscheinlich die Verwendung der irischen Ausdrucksweise oder Aussprache durch Dummie und Mrs. Lobkins bemerkt. Dies ist ein bemerkenswertes Merkmal im Dialekt der untersten Schichten in London, was wir, so nehmen wir an, ihrer ständigen Verbindung mit Einwanderern von der „ersten Blume der Erde“ zuschreiben. Vielleicht ist es eine modische Affektiertheit unter der feinen Gesellschaft von St. Giles, genau wie wir unsere Muttersprache in Mayfair mit Französisch anreichern.]

„Oh, verschone mich“, sagte Ned affektiert, „und mach schnell; du hältst mich völlig im Dunkeln. Übrigens erinnere ich mich, dass du mich wegen des Bündels aufgezogen hast; und als ich fragte, was die Frau darin eingewickelt hatte, hast du geschworen, es sei ein Kind. Wahrscheinlicher, dass das Mädchen, wer auch immer sie war, ein Kind zurückgelassen hätte, als eines mitgenommen!“ Das Gesicht von Dummie schwoll vor bewusster Wichtigkeit an.

„Nun, du hättest uns nicht geglaubt; aber es war alles wahr. Dieses Bündel war das Kind der Frau – ich vermute, ein uneheliches von dem Gentleman; sie ließ uns ins Haus unter der Bedingung, dass wir ihr halfen, es wegzuschaffen. Und, verdammt noch mal, wir haben uns für unsere Mühe gut bezahlt gemacht. Diese Frau war ein seltsames Geschöpf; man sagt, sie sei die Geliebte eines Lords gewesen; aber wie dem auch sei, sie war so hitzköpfig und seltsam, wie man nur sein konnte. Es gab einen Höllenlärm wegen der Angelegenheit, und die Belohnung für unsere Entdeckung war so groß, dass, da du noch nicht viel auf dem Kerbholz hattest, Harry es für das Beste hielt, dich mit ihm aufs Land zu nehmen, und dir erzählte, es sei alles nur Flunkerei mit dem Kind im Bündel gewesen!“

„Beim Glauben“, sagte Ned, „ich habe es ihm bereitwillig genug geglaubt; und der arme Harry wurde kurz darauf aufgehängt, und ich ging zur Sicherheit nach Irland, wo ich zwei Jahre blieb – und verdammt guten Wein habe ich da bekommen!“

„Also, während du dort warst“, fuhr Dummie fort, „starb die arme Judy, die Frau – sie starb in diesem Haus und überließ das Waisenkind der Zuneigung von Piggy Lob, die es sicherlich verdammt gern hatte! Oh, aber ich erinnere mich, was für eine Nacht es war, als die arme Judy starb; der Wind pfiff wie verrückt, und der Regen trommelte, als hätte er Urlaub; und da lag das arme Geschöpf und phantasierte direkt über diesem Raum, in dem wir jetzt sitzen! Laus-a-me, was für ein Anblick das war!“

Hier hielt Dummie inne und schien sich die Szene, deren Zeuge er gewesen war, in der Vorstellung ins Gedächtnis zu rufen; doch über den Geist von Long Ned brach langsam ein Lichtstrahl herein.

„Hui!“, sagte er und hob den Zeigefinger, „hui! Ich rieche Lunte; dieses gestohlene Kind war also niemand anderes als Paul. Aber, sag mir, wem gehörte das Haus? Denn diese Tatsache hat Harry mir nie mitgeteilt. Ich hörte nur, der Besitzer sei ein Anwalt oder Pfarrer oder so etwas gewesen.“

„Warum, jetzt werde ich es dir sagen, aber sei nicht ungeduldig. Also, siehst du, als Judy starb und Harry gehängt wurde, war ich der Einzige, der das Geheimnis kannte; und als Mutter Lob einen Schluck nahm, um sich zu trösten, als Judy dahinging, öffnete ich eine große Kiste, in der die arme Judy ihre Sachen und Tand aufbewahrte, und sicher finde ich am Boden der Kiste so viele Briefe und dergleichen – denn ich wusste, dass sie da waren; also klaute ich die und nahm sie mit nach Hause, und bald darauf verkaufte mir Mutter Lob die Kiste mit den Sachen für zwei Pfund – warum? Ich war Lumpensammler. Also beschloss ich jetzt, da das Geheimnis ganz in meinem eigenen Besitz war, es so dicht wie möglich zu halten; denn erstens, du siehst, hatte ich Angst, dass ich gehängt würde, wenn ich es ausplauderte – warum? Ich habe eine Uhr gestohlen und vieles mehr, genau wie der Bengel; und zweitens hatte ich Angst, dass die Mutter zurückkommen und mich heimsuchen könnte, so wie Sall den Villy heimgesucht hat, denn es war eine schreckliche Nacht, als ihre Seele davonflog. Und darüber hinaus, Meester Pepper, dachte ich, dass sich nach und nach etwas ergeben könnte, bei dem es das Beste für mich wäre, mein eigenes Geheimnis zu bewahren und die Belohnung zu kassieren, falls ich mich jemals trauen sollte, mich zu erkennen zu geben.“

Hier fuhr Dummie fort zu erzählen, wie verängstigt er gewesen war, dass Ned alles entdecken könnte, als er (wie man sich erinnern mag, Pepper teilte es Paul zu Beginn dieser Geschichte mit) diesem Würdenträger im Haus von Dame Lobkins begegnete; wie diese Angst ihn dazu veranlasst hatte, gegenüber Pepper die Kälte und Unhöflichkeit an den Tag zu legen, die den hochmütigen Straßenräuber so erzürnt hatte; und wie groß seine Erleichterung und Freude gewesen war, als er feststellte, dass Ned nicht mehr in den Mug zurückkehrte. Er fuhr als Nächstes fort, seinen neuen Vertrauten über sein Treffen mit dem Vater (der kluge Leser weiß wo und wann) zu informieren und darüber, was bei diesem Ereignis geschah. Er erzählte, wie er bei seiner ersten Verhandlung mit dem Vater, klugerweise entschlossen, die Informationen, die er besaß, nur tröpfchenweise preiszugeben, außer dem Geständnis seiner Beteiligung an dem Raubüberfall lediglich angab, dass er glaube, das Haus usw. zu kennen, in das das Kind gebracht worden war – und dass es, falls dem so sei, noch am Leben sei; aber dass er nachforschen würde. Er berichtete dann, wie der optimistische Vater, der erkannte, dass die Aufhängung von Dummie für den Raub an seinem Haus vielleicht keine so wahrscheinliche Methode wäre, seinen Sohn wiederzubekommen, wie Bestechung und Versöhnung, ihm nicht nur seinen früheren Übergriff verzieh, sondern seinen Appetit auf die Suche anregte, indem er ihn für seine Enthüllungen belohnte. Er fuhr dann fort zu erklären, wie er, unfähig, Paul irgendwo zu finden oder eine Spur von ihm zu entdecken, den Vater von Zeit zu Zeit mit erfundenen Ausreden bei Laune hielt; wie ihn die Beträge, die er anfangs erhielt, keineswegs dazu veranlassten, eine Entdeckung zu beschleunigen, die solch zufriedenstellende Einnahmen beenden würde; wie schließlich die Höhe der angebotenen Belohnung, gepaart mit den Drohungen des Vaters, ihn ernsthaft dazu bewogen hatte, das wahre Schicksal und den gegenwärtigen „Aufenthaltsort“ von Paul zu erfahren; wie er beim letzten Mal, als er den Vater gesehen hatte, zur Sühne und als ersten Ertrag alle Papiere zu ihm gebracht hatte, die die unglückliche Mutter hinterlassen und die er selbst versteckt gehalten hatte; und wie er nun erfreut war festzustellen, dass Ned mit Pauls Adresse vertraut war. Da er daran verzweifelte, Paul allein durch seine eigenen Bemühungen zu finden, wurde er weniger hartnäckig in Bezug auf sein Geheimnis; und er bot Ned nun, bei Auffindung von Paul, ein Drittel jener Belohnung an, deren Gesamtheit er einst gehofft hatte, für sich allein zu beanspruchen.

Neds Augen und Mund öffneten sich bei diesem Vorschlag. „Aber der Name – der Name des Vaters? Den hast du mir noch nicht verraten!“, rief er ungeduldig.

„Nein, nein!“, sagte Dummie spitzbübisch, „ich erzähle dir nicht alles, bis du mir etwas erzählst. Wo ist der kleine Paul, sage ich; und wo kommen wir an ihn heran?“

Ned stieß einen Seufzer aus.

„Was den Schwur betrifft“, sagte er nachdenklich, „es wäre eine Sünde, ihn zu halten, jetzt, da es ihm nicht schaden kann, ihn zu brechen, und ihm vielleicht nützen kann, insbesondere da der Schwur im Falle von Gefangenschaft oder Tod nicht als bindend angesehen wird; doch ich fürchte, es ist zu spät für die Belohnung. Der Vater wird dir kaum für das Auffinden seines Sohnes danken! – Wisse, Dummie, dass Paul im Gefängnis sitzt und dass er ein und dieselbe Person wie Captain Lovett ist!“ Erstaunen hatte sich noch nie mit lesbareren Zeichen auf den rauen Zügen von Dummie Dunnaker niedergeschrieben, als sie jetzt zu sehen waren. So stark sind die Sympathien eines Berufsstandes im Vergleich zu allen anderen, dass Dummies erster verwirrter Gedanke der des Stolzes war. „Der große Captain Lovett!“, stammelte er.

„Der kleine Paul an der Spitze des Berufs! Herr, Herr! Ich habe immer gesagt, dass er den Ehrgeiz hat, aufzusteigen!“

„Nun, gut, aber der Name des Vaters?“

Bei dieser Frage fiel der Ausdruck von Dummies Gesicht ab; ein plötzliches Entsetzen rang in seinen Augen –

KAPITEL XXXV.

Warum ist es so, dass uns in Augenblicken eine Ehrfurcht, ein Schrecken überkommt, überwältigend, aber undefiniert? Warum schaudern wir ohne Grund und fühlen, wie das warme Lebensblut in seinen Bahnen stillsteht? Sind die Toten zu nah? FALKLAND

Ha! Sagst du! Abscheulicher Gedanke, ich fühle, wie er sich windet Über mein gefrorenes Herz, wie sich um seine Beute windet Die sichere und tödliche Schlange! ............ Was! In der Stille und in der Einsamkeit Ist jene grausame Seele dahingegangen? Liebe und Hass.

Den Abend vor jenem Morgen, an dem sich das obige Gespräch ereignete, verbrachte Brandon allein in seinem Quartier in [...]. Er hatte sich zu unwohl gefühlt, um dem üblichen Gelage beizuwohnen, und er saß untätig in der Einsamkeit des altmodischen Zimmers, in dem er untergebracht war, und sinnierte vor sich hin. Dort kämpften zwei Wachskerzen auf dem glatten, urigen Tisch schwach gegen die Düsternis der schweren Wandverkleidungen an, die in unregelmäßigen Abständen durch Porträts in Eichenrahmen aufgelockert wurden, schmutzig, herb und wichtig mit dem Pomp geschnürter Kleidungsstücke und fließender Perücken. Die Vorliebe der Vermieterin für modernen Geschmack hatte tatsächlich auf jeder Seite des riesigen Kamins neuere Meisterwerke der bildenden Kunst aufgehängt. In emblematischer Pracht hingen die Bilder der vier Jahreszeiten, üppige Dirnen alle, außer dem Winter, der missgestaltet in der Gestalt eines alten Kerls dargestellt war. Diese wurden unterbrochen von einem Stich von Lord Mauleverer, dem Leutnant der benachbarten Grafschaft, der in seinen Roben als Peer äußerst majestätisch aussah; und von drei Typifizierungen von Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe – Damen, mit denen der lebenslustige Earl wohl noch nie zuvor eine so enge Vertrautheit gepflegt hatte. Vorhänge aus jenem antiken Chintz, bei dem sich Streifenbündel mit Blumenreihen abwechselten, füllten die Zwischenräume von drei Fenstern; ein schweres Anrichte-Buffet nahm den größeren Teil einer Seite des Zimmers ein; und auf der gegenüberliegenden Seite, hinter Brandon, erstreckte sich ein riesiger Wandschirm in seiner langsamen Länge und milderte die unbewohnte und sozusagen trostlose Gemütlichkeit der Wohnung.

Bleich und ungleichmäßig fiel das Licht auf Brandons Gesicht, als er in seinem großen Sessel saß, die Wange auf eine Hand gestützt, und mit der unbewussten Ernsthaftigkeit der Geistesabwesenheit in das klare Feuer starrte. In diesem Augenblick zog eine ganze Phalanx düsterer Gedanken in ununterbrochener Reihenfolge durch seinen Geist. Sein früher Ehrgeiz, seine unheilvolle Ehe, die Ursachen für seinen späteren Aufstieg in der falsch urteilenden Welt, das erste Dämmern seines Ruhmes, seine raschen und schmeichelhaften Erfolge, seine gegenwärtige Stellung, seine strebsame Hoffnung auf ein weit höheres Amt und mehr patrizische Ehren – all diese Phantasmen zogen in wechselndem Licht und Schatten an ihm vorüber; doch mit jedem schritt stets eine beunruhigende und dunkle Erinnerung einher: der Verlust seines einzigen Sohnes.

Da er seinen Ehrgeiz mit dem Wunsch verwebte, den Stolz seines erblichen Namens wiederzubeleben, machte ihn jeder Gewinn an Vermögen oder Ruhm nur noch begieriger darauf, den Einzigen zu finden, der diese hohlen Auszeichnungen für sein Geschlecht verewigen konnte.

„Ich werde ihn noch zurückgewinnen!“, brach es plötzlich laut aus ihm hervor. Während er sprach, rannte ein schneller, stechender, krampfartiger Schmerz schaudernd durch seinen ganzen Körper und setzte sich dann für einen Moment mit einem Griff wie die Krallen eines Vogels auf seinem Herzen fest; er verging wieder und wurde von einer tödlichen Übelkeit gefolgt. Brandon erhob sich, füllte sich einen großen Becher mit Wasser und trank gierig. Die Übelkeit verging wie der vorangegangene Schmerz; doch das Gefühl war Brandon in letzter Zeit oft gekommen und er hatte es ignoriert – denn nur wenige Menschen waren weniger mit der Selbstquälerei der Hypochondrie behaftet; aber nun, in dieser Nacht, ob es nun heftiger war als sonst oder ob seine Gedanken die Saite berührt hatten, die von Natur aus bei den erschreckendsten menschlichen Vorahnungen erklingt, wissen wir nicht, doch als er seinen Platz wieder einnahm, schoss der Gedanke an sein nahendes Ende wie ein Eiszapfen durch seine Brust.

So sehr war dieser planende Mann auf die lebendigen Ziele der Welt fixiert und so wenig waren seine Gedanken daran gewöhnt, sich dem letzten Ziel aller Dinge zuzuwenden, dass dieser Gedanke, der sich ihm so jäh aufdrängte, ihn mit einer gespenstischen Scheu erschreckte. Er fühlte, wie die Farbe von seinen Wangen wich und ein kribbelnder, unwillkürlicher Schmerz durch die Bahnen seines Blutes wanderte, von den Haarwurzeln bis zu den Fußsohlen. Doch die strenge Seele Brandons war keine, die von Schatten lange in Schrecken versetzt werden konnte. Er straffte sich, um dem grimmigen Gedanken zu begegnen, der seinem geistigen Auge so aufgezwungen wurde, und er betrachtete ihn mit einem stetigen und ausdauernden Blick.

„Nun“, dachte er, „naht meine Stunde, oder habe ich noch die gewöhnliche Frist sterblicher Natur zu erwarten? Es ist wahr, ich habe in letzter Zeit diese seltsamen Erschütterungen des Körpers mit einer gewissen alarmierenden Häufigkeit erlitten; vielleicht hat dieses Medikament, das die Qual eines Gebrechens heilte, ein anderes hervorgebracht, das unmittelbar tödlicher ist. Doch warum sollte ich das denken? Mein Schlaf ist gesund und ruhig, meine Gewohnheiten mäßig, mein Verstand tätig und klar wie in seinen besten Tagen. In meiner Jugend habe ich nie Verrat an meiner Konstitution geübt; warum sollte sie mich an der Schwelle meines Alters verlassen? Nein, nein, dies sind nur vorübergehende Zuckungen, Schauer des Blutes, das dünner zu werden beginnt. Soll ich lernen, weniger streng mit meiner Diät zu sein? Vielleicht belohnt der Wein meine Enthaltsamkeit bei den Genüssen, indem er zu einem Stärkungsmittel für meine Notwendigkeiten wird! Ja, ich werde mich beraten – ich werde mich beraten, ich darf noch nicht sterben. Ich habe – lass sehen, drei – vier Stufen zu erklimmen, bevor die Leiter vollendet ist. Und vor allem muss ich mein Kind zurückgewinnen! Lucy verheiratet mit Mauleverer, ich selbst ein Peer, mein Sohn vermählt mit – wem? Gott bewahre, dass er nicht schon verheiratet ist! Meine Neffen und meine Kinder Adlige! Das Haus Brandon wiederhergestellt, meine Macht hoch im aufwärts gerichteten Blick der Menschen, mein Ruhm auf eine dauerhaftere Basis gestellt als auf Geschick in den Winkelzügen des Rechts – das alles steht noch bevor; das werde ich nicht sterben, bevor ich es genossen habe! Menschen sterben nicht, bevor ihre Schicksale erfüllt sind. Der Geist, der in mir schwillt und sich aufschwingt, sagt, dass das Schicksal des William Brandon erst zur Hälfte begonnen hat!“

Mit diesem Schluss suchte Brandon sein Kopfkissen. Was waren die Reflexionen des Gefangenen, über den er richten sollte? Müssen wir das fragen? Lassen wir uns seine erschütterte Gesundheit ausmalen, die Trägheit der Krankheit, die die Düsternis verstärkt, welche die Luft eines Gefängnisses ausmacht; seine Gewissheit über das Urteil, das über ihn gefällt werden würde; sein Wissen, dass der Onkel von Lucy Brandon sein Richter sein würde, dass Mauleverer sein Ankläger sein würde und dass nach aller menschlichen Wahrscheinlichkeit die einzige Frau, die er je geliebt hatte, früher oder später von der Kriminalität seines Lebens und der Schande seines Todes erfahren müsste; werfen wir nur einen Blick auf die oben genannte Schwärze der Umstände, die ihn umgaben, und es scheint kaum Zweifel an der Beschaffenheit seiner Gedanken zu geben! Vielleicht leuchtete in jener schrecklichen und trostlosen Stunde tatsächlich ein süßes Gesicht auf ihn herab „und verscheuchte die Dunkelheit gänzlich“. Vielleicht brachten ihm auch, wie auch immer die Stiche seines Gewissens sein mochten, ein einziger Gedanke, eine einzige Erinnerung an eine überwundene Versuchung und eine vermiedene Sünde Tränen in die Augen, die in ihrem Ursprung süß und heilend waren. Aber das Herz eines Mannes in Cliffords schrecklicher Lage ist dunkel und unergründlich; und oft, wenn uns die wildesten und düstersten äußeren Umstände umgeben, schläft ihr Spiegelbild wie ein Schatten, ruhig und still auf dem Geist.

Am nächsten Morgen bot die ganze Stadt (eine Stadt, in der, wie wir bedauernd mitteilen müssen, uns ein Unfall einst für drei elende Tage festhielt und von der wir daher aus profunder Erfahrung behaupten können, dass sie in gewöhnlichen Zeiten die melancholischste und menschenleer wirkende Ansammlung von Häusern ist, die sich eine nüchterne Vorstellungskraft ausmalen kann) ein Bild der Betriebsamkeit, der Lebhaftigkeit und der jovialen Unruhe, wie sie nur ein Prozess auf Leben und Tod eines Mitmenschen in den phlegmatischen Brüsten der Engländer wecken kann. Um das Gericht herum verdichtete sich die Menge mit jedem Augenblick, bis der gesamte Marktplatz, an dem das Rathaus lag, zu einer einzigen lebenden Masse wurde. Die Fenster der Häuser waren voller Frauen, von denen einige die Gelegenheit genutzt hatten, Frühstücksgesellschaften zu bilden; und kleine runde Tische mit Tee und Toast darauf fielen den grinsenden Schaulustigen ins Auge, während sie ungeduldig nach oben gafften.

„Ben“, sagte ein stämmiger Pächter, warf einen halben Penny in die Luft und fing die besagte Münze mit seiner rechten Hand, die er sofort mit der linken abdeckte – „Ben, Kopf oder Zahl, dass Lovett gehängt wird; Kopf gehängt, Zahl nicht, um eine Krone.“

„Unterröcke, natürlich“, sagte Ben und aß einen Apfel; und es war Kopf!

„Verdammt, du hast verloren!“, rief der Pächter und rieb sich vergnügt die rauen Hände.

Es wäre ein herrlicher Anblick für Asmodeus gewesen, hätte er sich auf eines der Hausdächer des Marktplatzes von -------- setzen und auf das murmelnde und wogende Meer der Sterblichen unter sich blicken können. Oh! Der Anblick einer Menge um ein Gericht oder einen Galgen sollte den Teufel vor Lachen bersten lassen.

Während der Mob sich ärgerte, drängte, fluchte, grinste, wettete, Taschen stahl, auf Füßen herumtrampelte, Kleider zerriss und sich immer näher an die Türen und Fenster des Gerichts schob, beendete Brandon langsam seine genügsame Mahlzeit, um sich auf seine richterlichen Pflichten vorzubereiten. Sein Diener trat mit einem Brief ein. Sir William überflog flüchtig das Siegel (eines jener immensen Wachsopfer, wie sie damals üblich waren), das mit einem riesigen Wappen geschmückt war, gekrönt von einer Grafenkrone und auf beiden Seiten mit jenen Haltern verziert, die dem heraldischen Geschmack so teuer sind. Er riss dann den Brief auf und las wie folgt:

MEIN LIEBER SIR WILLIAM – Sie wissen, dass ich in dem letzten Gespräch, das ich die Ehre hatte, mit Ihnen zu führen, wenn auch vielleicht etwas distanziert, auf die Wertschätzung anspielte, die seine Majestät persönlich für Ihre Prinzipien und Talente zum Ausdruck gebracht hat, und auf seinen Wunsch, dies bei der ersten Gelegenheit zu beweisen. Es wird, wie Ihnen zweifellos bekannt ist, eine unmittelbare Schaffung von vier Peerages geben. Ihr Name steht an zweiter Stelle auf der Liste. Die Wahl des Titels überlässt seine Majestät gnädig Ihnen; doch er hat angedeutet, dass das respektable Alter Ihres Geschlechts ihn am meisten erfreuen würde, wenn Sie den Namen Ihres eigenen Stammsitzes wählten, welcher, wenn ich mich nicht irre, Warlock ist. Sie werden mich nach Belieben darüber unterrichten, wie das Patent in Bezug auf die Nachfolge usw. ausgestellt werden soll. Vielleicht (entschuldigen Sie die Lizenz eines alten Freundes) könnte dieses Ereignis Sie dazu bewegen, Ihr lang gehegtes Zölibat aufzugeben. Ich brauche nicht hinzuzufügen, dass dieser Rangzuwachs mit einer beruflichen Beförderung einhergehen wird. Sie werden den Zeitungen entnehmen, dass der Tod von -------- die Würde des Chief Baron vakant lässt; und ich bin nun endlich bevollmächtigt, Ihnen einen Posten anzubieten, der Ihrem Charakter und Ihren Talenten angemessen ist.

Mit großer Hochachtung glauben Sie mir, mein lieber Sir, sehr aufrichtig der Ihre,

Privat und vertraulich.

Brandons dunkles Auge glitt schnell von der Unterschrift des Premierministers, die unter dieser Mitteilung prangte, zum Spiegel ihm gegenüber. Er schritt darauf zu und untersuchte sein eigenes Antlitz mit einem langen und wehmütigen Blick. Niemals, so glauben wir, blickte ein jugendlicher Galan, der sich zum Stelldichein begeben wollte, bei dem ein schönes Aussehen den größten aller irdischen Vorteile darstellt, ängstlicher in das unparteiische Glas als nun der asketische und spöttische Richter; und niemals, so glauben wir, zog das Auge jenes Galans mit einem zufriedeneren und triumphierenderen Ausdruck ab.

„Ja, ja!“, murmelte der Richter, „kein Zeichen von Gebrechlichkeit ist hier noch geschrieben; das Blut fließt klar und warm genug; die Wange sieht auch fest aus, und ziemlich voll, für jemanden, der immer zu den mageren Kühen gehörte. Aha! Dieser Brief ist ein Stärkungsmittel, ein Elixir vitae. Ich fühle mich, als wäre dem widerwilligen Mieter ein neuer Pachtvertrag gewährt worden. Lord Warlock, der erste Baron von Warlock, Lord Chief Baron – was kommt als Nächstes?“

Während er sprach, schritt er unbewusst davon und verschränkte die Arme mit jener Art freudiger und selbstzufriedener Geste, die den Gedanken eines Mannes impliziert, der sich in stillem Entzücken selbst umarmt. Gewiss, hätte der geschickteste Arzt damals auf das feurige und rundum erleuchtete Gesicht, den festen Schritt, den elastischen und muskulösen Körper, die kraftvolle Ausstrahlung Brandons geblickt, während er mental seinen Monolog fortsetzte, hätte er ihm eine ebenso gute Aussicht auf Langlebigkeit prophezeit, wie es die Zufälle des sterblichen Lebens erlauben. Er wurde durch das Eintreten des Dieners unterbrochen.

„Es ist fünfundzwanzig Minuten nach neun, Sir“, sagte er respektvoll.

„Sir – Sir!“, wiederholte Brandon. „Ah, nun! So spät!“

„Ja, Sir, und die Kutsche des Sheriffs ist fast vor der Tür.“

„Humph! Minister – Peer – Warlock – Nachfolge. Mein Sohn, mein Sohn! Wollte Gott, ich könnte dich finden!“

Das waren Brandons letzte Gedanken, als er den Raum verließ. Es war mit großer Schwierigkeit verbunden, so dicht war die Menge, dass der Richter zum Gericht fuhr. Als die Kutsche langsam passierte, drängten die Zuschauer an die Fenster des Fahrzeugs und stellten sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf den berühmten Juristen zu erhaschen. Brandons Gesicht, das nie lange seine Gefühle verriet, hatte sich nun auf seine übliche Ernsthaftigkeit eingestellt; und die strenge Erhabenheit seines Blickes kühlte die Neugier der Menge, während sie sie zugleich befriedigte. Es war angeordnet worden, dass niemand zugelassen werden sollte, bis der Richter seinen Platz auf der Richterbank eingenommen hatte; und diese Anordnung verursachte so viel Verzögerung, aufgrund des angestauten Drucks der riesigen und bunt gemischten Gruppe, dass es mehr als eine halbe Stunde dauerte, bis das Gericht jene anständige Ordnung erlangen konnte, die der Feierlichkeit des Anlasses entsprach. Fünf Minuten vor zehn kündigte eine allgemeine und unbeschreibliche Bewegung an, dass der Gefangene vor die Schranken geführt wurde. Wir lesen in einer der Zeitungen jenes Tages, dass „der Gefangene beim Vorführen vor die Schranken mit einem langen und ängstlichen Blick um sich blickte, der schließlich auf dem Richter ruhte und dann abfiel, während beobachtet wurde, wie der Gefangene leicht die Miene verzog. Lovett war in einem schlichten dunklen Anzug gekleidet; er schien etwa sechs Fuß groß zu sein; und obwohl dünn und abgemagert, wahrscheinlich durch die Wirkung seiner Wunde und Gefangenschaft, ist er bemerkenswert wohl gebaut und weist das äußere Erscheinungsbild jener großen persönlichen Stärke auf, die er besitzen soll und die nicht selten das Merkmal verwegener Krimineller ist. Sein Gesicht ist gut aussehend und einnehmend, seine Augen und Haare dunkel und sein Teint blass, möglicherweise durch die Auswirkungen seiner Haft; während des größten Teils des Prozesses lag eine gewisse Strenge in seinem Gesichtsausdruck. Sein Verhalten war bemerkenswert gefasst und gelassen. Der Gefangene hörte mit größter Aufmerksamkeit der Anklageschrift zu, die der Leser an anderer Stelle unserer Zeitung findet und die ihn des Raubüberfalls auf der Landstraße auf Lord Mauleverer in der Nacht des ------ des letzten ------ beschuldigt. Er neigte seinen Körper gelegentlich nach vorne und drehte sein Ohr in Richtung des Gerichts; und es wurde beobachtet, wie er, während die Geschworenen vereidigt wurden, jedem fest ins Gesicht sah. Er atmete schwer und stoßweise, als die verschiedenen Decknamen, die er angenommen hatte – Howard, Cavendish, Jackson usw. – verlesen wurden; lächelte aber mit einem unerklärlichen Ausdruck, als die Liste vervollständigt war, als ob er über die Vielfalt seines Einfallsreichtums triumphierte. Um fünfundzwanzig Minuten nach zehn legte Mr. Dyebright, der Anwalt der Krone, den Fall den Geschworenen dar.“

Mr. Dyebright war ein Anwalt von großem Ansehen; er war sein Leben lang ein Whig gewesen, war aber in letzter Zeit für seine Unaufrichtigkeit und Unterwürfigkeit gegenüber den Wünschen der höheren Mächte bekannt geworden. Seine Talente waren eigenartig und effektiv. Wenn er wenig Beredsamkeit besaß, so hatte er doch viel Kraft; und sein juristisches Wissen war fundiert und umfassend. Viele seiner Kollegen übertrafen ihn an Darstellungskunst; aber niemand besaß wie er das Geheimnis, die Geschworenen anzusprechen. Einnehmend vertraut; scheinbar in einem Maße aufrichtig, das seiner Sache kaum gerecht wurde, als ob er in Todesangst wäre, man könnte ihn dazu überreden, sich um ein Haarbreit mehr auf seine Seite des Falls zu neigen, als die Gerechtigkeit erlauben würde; scheinbar ganz aus gutem, heimeligem, tugendhaftem Gefühl zusammengesetzt, eine uneigennützige Achtung vor der Wahrheit, eine stumpfe, aber zärtliche Ehrlichkeit, gewürzt mit ein paar liebenswerten Vorurteilen vom häuslichen Herd, die immer die Herzen der Familienväter und der durch und durch britischen Gemüter ansprechen; bewandert in allen Feinheiten der Sprache und der Magie der Namen; wenn er ein Verbrechen verteidigte, nannte er es vorsichtig ein Unglück; wenn er ein Unglück angriff, nannte er es ständig ein Verbrechen – Mr. Dyebright war genau der Mann, der dazu geboren war, die Gerechtigkeit zu pervertieren, Geschworene zu kitzeln, die Wahrheit mit einem freundlichen Lächeln zu betrügen und einen riesigen Ruf als exzellenter Anwalt zu erlangen. Er begann mit einem langen vorbereitenden Schnörkel über die Bedeutung des Falls. Er sagte, er werde mit der skrupulösesten Delikatesse jede Bemerkung vermeiden, die dazu angetan sei, unnötiges Vorurteil gegen den Gefangenen zu erwecken. Er werde nicht auf seine unglückselige Bekanntheit und seine Verbindungen mit dem untersten Abschaum anspielen. (Hier sprang der Anwalt für den Gefangenen auf, und Mr. Dyebright wurde zur Ordnung gerufen.) „Gott weiß“, nahm der gelehrte Herr wieder auf und blickte wehmütig zu den Geschworenen, „dass mein gelehrter Freund sich diese Warnung hätte sparen können. Gott weiß, dass ich lieber sähe, wie fünfzig der elenden Insassen dieses Bezirksgefängnisses ungeschoren davonkämen, als dass auch nur ein Haar des Gefangenen, den Sie hier vor den Schranken sehen, zu Unrecht gekrümmt würde. Das Leben eines Menschen steht auf dem Spiel; wir selbst würden uns eines Verbrechens schuldig machen, bei dessen bloßem Gedanken wir auf dem Sterbebett zittern müssten, wenn wir zuließen, dass irgendeine Erwägung, sei es aus Interesse oder Vorurteil oder ungebührlicher Angst um unser eigenes Eigentum und Leben, uns auch nur um ein Strohhalmbreit gegen den unglücklichen Gefangenen beeinflusste. Meine Herren, wenn Sie finden, dass ich auch nur einen Zoll von meinem Fall abweiche – wenn Sie finden, dass ich ein einziges Wort sage, das dazu berechnet ist, dem Gefangenen in Ihren Augen zu schaden, und das nicht durch die Beweise gestützt wird, die ich vorlegen werde – dann flehe ich Sie an, sich nicht auf die Wachsamkeit meines gelehrten Freundes zu verlassen, sondern diese meine Fehler in Ihrer Erinnerung zu bewahren und sie als Argumente zugunsten des Gefangenen zu betrachten. Wenn ich mir, meine Herren, auch nur im Entferntesten vorstellen könnte, dass Ihr Urteil zugunsten des Gefangenen ausfallen würde, so kann ich Ihnen unbefangen und aus tiefstem Herzen erklären, dass ich mich freuen würde; ein Prozess mag verloren sein, aber ein Mitmensch wäre gerettet! So gefühllos wir vom juristischen Berufsstand auch gehalten werden, wir haben Gefühle wie Sie; und ich frage jeden von Ihnen, meine Herren Geschworene, jeden, der jemals die Freuden des sozialen Miteinanders, die Freude der Wohltätigkeit, die Belohnung des Herzens durch Güte gespürt hat – ich frage jeden von Ihnen, ob, wenn er sich in der mühsamen Lage befände, die ich jetzt innehabe, nicht alle Überredungskünste der Eitelkeit augenblicklich aus seinem Geist verschwinden würden und ob seine Niederlage als Anwalt ihm nicht durch die gemeinsamen und fleischlichen Sympathien eines Menschen lieb wäre. Aber, meine Herren“ (Mr. Dyebrights Stimme vertiefte und schwankte sofort), „es gibt eine Pflicht, eine schmerzhafte Pflicht, die wir unserem Land schulden; und niemals, im langen Lauf meiner beruflichen Erfahrung, erinnere ich mich an einen Fall, in dem sie mehr gefordert war als im vorliegenden. Gnade, meine Herren, ist uns allen teuer, sehr teuer; aber es ist der tödlichste Schaden, den wir der Menschheit zufügen können, wenn sie auf Kosten der Gerechtigkeit erkauft wird.“

Der gelehrte Herr fuhr dann, nach einigen weiteren einleitenden Bemerkungen, damit fort darzulegen, wie Lord Mauleverer in der Nacht des ------- letzten von drei maskierten Männern angehalten und um eine Geldsumme von über 350 Pfund, eine Diamant-Schnupftabakdose, Ringe, eine Uhr und ein Kästchen mit wertvollsten Juwelen beraubt wurde – wie Lord Mauleverer, in dem Versuch, sich zu verteidigen, eine Kugel durch die Kleidung eines der Räuber geschossen hatte – wie bewiesen werden würde, dass die Kleidungsstücke des Gefangenen, die in einer Höhle in Oxfordshire gefunden und von einem Zeugen, den er vorbringen würde, positiv beeidet wurden, einen Riss aufwiesen, der dem entsprach, den eine Kugel verursachen würde – wie zudem von demselben Zeugen positiv beeidet werden würde, dass der Gefangene Lovett mit zwei Komplizen, die seit ihrer Rettung durch den Gefangenen nicht mehr gefasst wurden, in die Höhle gekommen war und mit dem Raub geprahlt hatte, den er gerade begangen hatte; dass in der Kleidung und im Schlafquartier des Räubers die von Lord Mauleverer gestohlenen Gegenstände gefunden wurden; und dass der Beutel mit den Banknoten über 300 Pfund, das Einzige, was der Gefangene wahrscheinlich an dem Morgen, an dem die Höhle von den Polizisten betreten wurde, noch Zeit gehabt haben konnte mitzunehmen, an seinem Körper an dem Tag gefunden wurde, an dem er den Rettungsversuch seiner Kameraden unternommen hatte und bei diesem Versuch gefasst wurde. Er erklärte ferner, dass das in der Höhle gefundene Kleidungsstück, das von einem Zeugen, den er vorbringen würde, als Eigentum des Gefangenen beeidet wurde, exakt der Beschreibung der Kleidung entsprach, die der Haupträuber trug und die von Lord Mauleverer, seinem Diener und den Postillionen beeidet wurde. Auf gleiche Weise entsprach die Farbe eines der in der Höhle gefundenen Pferde der des Pferdes, das der Straßenräuber ritt. Auf diesen Indizienbeweisen, unterstützt durch die unmittelbare Aussage des Kronzeugen (jenes Zeugen, den er vorbringen würde), baute er einen Fall auf, der, wie er versicherte, bei den Geschworenen keine Zweifel lassen könne. Solcherart kurz und schlicht behauptet, bildete dies den Inhalt der Details, auf die der gelehrte Anwalt einging, der dann fortfuhr, seine Zeugen aufzurufen. Die Aussage von Lord Mauleverer (der sich im Mauleverer Park aufhielt, der nur wenige Meilen von -- entfernt lag) war kurz und klar (es wurde als eigenartiger Umstand bemerkt, dass der Gefangene am Ende der Beweisaufnahme dem Lord respektvoll zunickte). Die Aussage der Postillionen und des Kammerdieners war nicht weniger prägnant; noch konnte die ganze Findigkeit von Cliffords Anwalt irgendeinen Teil ihrer Aussage im Kreuzverhör erschüttern. Der Hauptzeuge, auf den sich die Krone stützte, wurde nun geladen, und das feierliche Antlitz von Peter MacGrawler erschien vor den Augen der Geschworenen. Ein Blick kalter und vernichtender Verachtung traf ihn aus den Augen des Gefangenen, der sich während seiner gesamten Vernehmung nicht dazu herabließ, ihn erneut zu beachten.

Die Aussage von MacGrawler wurde mit einer Wichtigtuerei vorgetragen, die des ehemaligen Herausgebers des „Asinaeum“ würdig war. Dennoch wurde sie durch die Geschicklichkeit von Mr. Dyebright als eine Geschichte dargestellt, die klar genug war, um bei den Geschworenen einen Eindruck zu hinterlassen, der für die Interessen des Gefangenen verhängnisvoll war. Der Anwalt auf der Gegenseite zögerte nicht, den Boden zu erkennen, den die gegnerische Partei gewonnen hatte; also räusperte er sich und erhob sich mit spöttischer Miene zum Kreuzverhör.

„So, so“, begann Mr. Botheram, setzte ein Paar bemerkenswert großer Brillengläser auf, mit denen er den Zeugen herausfordernd musterte – „so, so, Mr. MacGrawler – ist das Ihr Name, he, he? Ah, das ist er, nicht wahr? Ein sehr respektabler Name, das muss ich sagen. Nun, mein Herr, sehen Sie mich an. Und nun, bei Ihrem Eide, denken Sie daran, waren Sie jemals der Herausgeber einer gewissen Sache, die jeden Mittwoch erschien und ‚Athenaeum‘ oder ‚Asinaeum‘ oder so ähnlich hieß?“

Mit dieser hinterlistigen und selbstbelastenden Frage begann der gelehrte Rechtsbeistand nun so kunstfertig, wie er nur konnte, eine Reihe von Verhören, die darauf abzielten, den Charakter, den respektablen Charakter des MacGrawler zu schädigen und seine Zeugenaussage in den Augen der Geschworenen zu schwächen. Es gelang ihm, bei den Zuschauern jenes Gefühl der Heiterkeit zu wecken, mit dem das gemeine Volk die stumpfe Ernsthaftigkeit der Hinrichtung eines Menschen stets so gerne auflockert. Doch obwohl die Geschworenen selbst grinsten, waren sie nicht überzeugt. Der Schotte zog sich aus dem Zeugenstand zurück, vielleicht „gezeichnet“ in seinem Ruf, aber nicht „getötet“ in seiner Zeugenaussage. Kurz bevor dieser Zeuge seine Aussage beendete, ließ Lord Mauleverer dem Richter einen kleinen Zettel zustecken, der lediglich diese mit Bleistift geschriebenen Worte enthielt:

TEURER BRANDON – Ein Abendessen wartet auf Sie im Mauleverer Park, nur drei Meilen von hier entfernt. Lord – und der Bischof von – treffen Sie dort. Reichlich Neuigkeiten aus London und ein Brief über Sie, den ich niemandem zeigen werde, bis wir uns sehen. Beeilen Sie sich und hängen Sie diesen armen Kerl, damit ich Sie umso eher sehe; es ist für uns beide schlecht, lange auf eine ordentliche Mahlzeit wie das Abendessen zu warten. Ich kann nicht länger bleiben, es ist so heiß, und meine Nerven waren schon immer empfindlich.

Ihr, MAULEVERER.

Wenn Sie kommen, geben Sie mir ein Zeichen. Sie kennen meine Stunde – sie ist immer die gleiche.

Der Richter warf einen Blick auf die Notiz und neigte sein Haupt ehrerbietig dem Grafen zu, der sich entfernte; und eine Minute später legte sich eine schwere und atemlose Stille über den gesamten Gerichtssaal. Der Gefangene wurde aufgefordert, sich zu verteidigen: Es war sonderbar, welch ein anderes Gefühl als das, das noch einen Augenblick zuvor in ihren Herzen geherrscht hatte, erschütternd durch die Zuschauer zog. Gehorsam erstarb jedes Flüstern, verschwunden war jedes Lächeln, das das vorangegangene Kreuzverhör hervorgerufen hatte; ein plötzliches und frostiges Gefühl von der schrecklichen Bedeutung des Tribunals machte sich bei jedem Anwesenden unmittelbar bemerkbar.

Vielleicht machte die nahe Nachbarschaft von Schmerz und Heiterkeit, wie in der düsteren Satire von Hogarth (dem moralischen Mephistopheles unter den Malern), erstere umso schmerzlicher und unmittelbarer im Herzen spürbar; wie dem auch sei, eine eisige Angst, die den Puls betäubte und durch die Luft wogte, ließ jeden in dieser vielfältigen Menge eine Anteilnahme voll Ehrfurcht mit seinem Nachbarn empfinden, mit Ausnahme des abgebrühten Richters, der abgestumpften Advokaten und eines Zuschauers – eines Idioten, der sich mit dem allgemeinen Gedränge hineingeschoben hatte und wenige Schritte vom Gefangenen entfernt stand, unbewusst grinste und hin und wieder mit einem glasigen Auge zu jemandem in der Ferne zwinkerte, dessen Wachsamkeit er wahrscheinlich entgangen war.

Das Gesicht, das Aussehen und sogar die Haltung des Gefangenen waren sehr dazu angetan, die Wirkung zu verstärken, die bei jedem Menschen unter einem solch furchtbaren Schicksal von Natur aus entstanden wäre. Er stand ganz vorne an der Schranke, und seine große und edle Gestalt war bis zur vollen Höhe aufgerichtet; ein Glanz von Erregung breitete sich allmählich über seine Züge aus, die jederzeit eindrucksvoll waren, und ließ ein Auge aufleuchten, das von Natur aus beredt war und dem verschiedene Gefühle in diesem Augenblick einen ungewöhnlich tiefen und eindrucksvollen Ausdruck verliehen. Er begann so:

„Mein Lord, ich habe wenig zu sagen, und ich kann die Besorgnis meines Anwalts, der mich nun erwartungsvoll ansieht, sogleich lindern und hinzufügen, dass dieses Wenige kaum den Zweck einer Verteidigung erfüllen wird. Warum sollte ich mich verteidigen? Warum sollte ich versuchen, ein Leben in die Länge zu ziehen, das einige Tage mehr oder weniger nach den gewöhnlichen Berechnungen des Zufalls beenden wird? So wie es ist und war, ist mein Leben dem Gesetz geweiht, und das Gesetz wird das Opfer fordern. Könnte ich dieser Anklage entkommen, so weiß ich, dass sieben weitere auf mich warten und dass durch die eine oder die andere von ihnen meine Verurteilung und mein Urteil kommen muss. Das Leben mag für uns alle süß sein, mein Lord; und wäre es möglich, dass meines noch eine Weile geschont würde, könnte dieses fortgesetzte Leben eine bessere Sühne für vergangene Taten sein als ein Tod, der, abrupt und vorzeitig, zur Reue aufruft, während er Wiedergutmachung verwehrt.

Doch wenn die dunkle Seite der Dinge unsere einzige Wahl ist, ist es nutzlos, die helle zu betrachten; müßig, unsere Augen auf das Leben zu heften, wenn der Tod vor der Tür steht; nutzlos, von Reue zu sprechen, wenn uns deren Beweis verwehrt ist. Es ist die übliche Taktik von Gefangenen in meiner Lage, an die Gefühle der Geschworenen zu appellieren und ihre Vorurteile zu schmeicheln; von der Vortrefflichkeit unserer Gesetze zu schwärmen, während sie versuchen, sie zu entwaffnen; die Gerechtigkeit zu preisen und doch Gnade zu fordern; davon zu sprechen, einen Freispruch zu erwarten, und doch damit zu prahlen, sich ohne Murren der Verurteilung zu beugen. Für mich, für den alle irdischen Interessen tot sind, ist diese Taktik müßig und überflüssig. Ich zögere nicht, Ihnen, mein Herr Richter, zu sagen – Ihnen, meine Herren Geschworenen, zu verkünden –, dass ich die Gesetze, die ich mein Leben lang gebrochen habe, im Tode verachte! Ihre Gesetze sind nur in zwei Klassen unterteilt; die eine schafft Kriminelle, die andere bestraft sie. Ich habe unter der einen gelitten; ich werde durch die andere zugrunde gehen.

Mein Lord, es war der Zufall eines Strohhalms, der mich zu dem machte, was ich bin. Vor sieben Jahren wurde ich in die Besserungsanstalt geschickt für ein Vergehen, das ich nicht begangen hatte. Ich ging dorthin als Junge, der nie ein einziges Gesetz verletzt hatte; ich kam nach wenigen Wochen als ein Mann heraus, der bereit war, alle Gesetze zu brechen! Woher kam dieser Wandel? War es meine Schuld oder die meiner Verurteiler? Sie hatten mich zuerst durch eine Strafe unrecht behandelt, die ich nicht verdient hatte; Sie haben mich noch tiefer unrecht behandelt, als ich (selbst wenn ich des ersten Vergehens schuldig gewesen wäre) dazu verurteilt wurde, mit abgehärteten Straftätern und Absolventen in Lastern und Methoden der Lasterunterstützung zusammenzutreffen. Die Gesetze selbst veranlassten mich, die Gesetze zu brechen: erstens, indem sie in mir das stachelnde Gefühl der Ungerechtigkeit einpflanzten; zweitens, indem sie mich der Korruption durch Beispiele aussetzten. So wiederhole ich – und ich hoffe, meine Worte werden sich feierlich in die Herzen aller Anwesenden senken –, Ihre Gesetzgebung machte mich zu dem, was ich bin; und sie zerstört mich nun, wie sie Tausende zerstört hat, weil ich das bin, wozu sie mich gemacht hat! Wäre dieser erste Übergriff auf mich nicht gewesen, hätte ich das sein können, was die Welt ehrlich nennt – ich hätte bis ins hohe Alter und zu einem friedlichen Grab gelangen können durch die harmlosen Betrügereien des Handels oder die geehrten Unwahrheiten eines Berufsstandes. Ja, ich hätte die Gesetze unterstützen können, denen ich nun getrotzt habe; wie der Anwalt, der mir gegenübersteht, hätte ich an den Lastern anderer fett werden und zu Ehren aufsteigen können durch meinen Einfallsreichtum, meine Mitmenschen zu hängen! Der heuchlerische und vorverurteilende Teil der Presse hat versucht, Ihnen die Vorzüge von ‚ehrlicher Fähigkeit‘ oder ‚mühevoller Arbeit‘ im Gegensatz zu meinen Verfehlungen vor Augen zu führen. Was, ich bitte Sie, sind die Stützen Ihrer ‚ehrlichen‘ Bemühungen, die Profite des ‚Handels‘? Gibt es keine Bestechung von Dienstboten? Gibt es keine Verfälschung von Waren? Werden die Reichen niemals beim Preis betrogen, den sie zahlen? Werden die Armen niemals bei der Qualität benachteiligt, die sie erhalten? Gibt es Ehrlichkeit in dem Brot, das Sie essen, in einer einzigen Notwendigkeit, die Sie kleidet, ernährt oder wärmt? Lassen Sie diejenigen, die das Gesetz schützt, es als Beschützer betrachten: Wann hat es mich jemals geschützt? Wann hat es jemals den armen Mann geschützt? Die Regierung eines Staates, die Institutionen des Rechts geben vor, für alle jene zu sorgen, die ‚gehorchen‘. Merken Sie auf! Ein Mensch hungert – ernähren Sie ihn? Er ist nackt – kleiden Sie ihn? Wenn nicht, brechen Sie Ihren Bund, treiben Sie ihn zurück zum ersten Gesetz der Natur, und Sie hängen ihn nicht, weil er schuldig ist, sondern weil Sie ihn nackt und hungernd zurückgelassen haben!“ [Ein Gemurmel unter dem Pöbel weiter unten, das nur mit großer Mühe zum Schweigen gebracht wurde.] „Eines möchte ich noch hinzufügen, und zwar nicht, um Ihr Mitleid zu erregen – nein, auch nicht, um mein Schicksal mit einem müßigen und flüchtigen Interesse auszustatten –, sondern weil es einige Menschen auf dieser Welt gibt, die mich nicht als den Kriminellen kannten, der vor Ihnen steht, und die die Nachricht von meinem Schicksal dereinst erreichen mag; und ich möchte nicht, dass diese Personen mich in schwärzeren Farben sehen, als ich es verdiene. Unter all den Gerüchten, meine Herren, die Sie erreicht haben, durch all die Geschichten und Fabeln, die aus meiner unglücklichen Berühmtheit und meinem nahenden Ende entfacht wurden, fordere ich Sie auf, mir zu sagen, ob Sie gehört haben, dass ich eine blutige Tat oder einen ruinösen und vorsätzlichen Betrug begangen habe. Sie haben gehört, dass ich vom Raub der Reichen gelebt habe – ich leugne die Anklage nicht. Vom Aussaugen der Armen, der gewohnheitsmäßigen Übervorteilung oder dem systematischen Diebstahl an meinen Nachbarn ist mein Gewissen ebenso frei wie von dem Vorwurf der Grausamkeit und des Blutvergießens. Diese Fehler überlasse ich der ehrlichen Mittelmäßigkeit oder dem tugendhaften Streben! Sie werden vielleicht auch feststellen, dass mein Leben nicht ohne einige wohltätige Spuren auf dem Weg durch eine Laufbahn voller Gewalttaten verlaufen ist. Indem Sie mich zerstören, ist es wahr, werden Sie den Trost haben zu denken, dass zu den Vorteilen, die Sie aus meinem Urteil ziehen, die heilsame Ermutigung gehört, die Sie anderen Straftätern geben, bis zum Äußersten zu sündigen und der Gewalttat keine einzige Erschwerung zu nehmen! Aber wenn Ihnen das kein sehr starker Anreiz zu sein scheint, mögen Sie innehalten, bevor Sie einem Mann, der weder völlig verhärtet noch gänzlich der Sühne entrückt scheint, jede Besserung abschneiden. Mein Lord, mein Anwalt hätte Zeugen rufen wollen – einige, um für versöhnliche Punkte in meinem Charakter zu bürgen, andere, um den Eid des Zeugen gegen mich zu entkräften – einen Mann, den ich vor der Vernichtung bewahrte, damit er mich vernichten konnte. Ich halte beides nicht für notwendig. Die öffentliche Presse hat bereits über mich gesagt, was wenig Gutes der Wahrheit nicht widerspricht; und hätte ich nicht etwas von jenen Eigenschaften besessen, die die Gesellschaft nicht verachtet, hätten Sie mich zu dieser Stunde nicht hier gesehen! Hätte ich mich ebenso gut gerettet wie meine Gefährten, hätte ich dieses Land vielleicht für immer verlassen und im Ausland eine ganz andere Laufbahn begonnen. Ich beging Straftaten; ich entzog mich Ihnen; ich beging das, was in meinem Fall ein Akt der Pflicht war: Ich werde ergriffen, und ich gehe zugrunde. Doch die Schwäche meines Körpers zerstört mich, nicht die Stärke Ihrer Bosheit. Hätte ich“ (und während der Gefangene sprach, machten die stolze und rasche Bewegung, das Sich-Aufrichten der Gestalt, die durch die Leidenschaft des Augenblicks hervorgerufen wurden, die bemerkenswerte Kraft seines Körpers für alle eindrucksvoll sichtbar), „hätte ich nur meine gewohnte Gesundheit, meine gewohnte Beherrschung dieser Glieder und dieser Adern, hätte ich keinen Freund, keinen Verbündeten gebeten, meine Flucht zu begünstigen. Ich sage euch, Werkzeuge und Wächter des Gesetzes, dass ich eure Ketten verspottet und euren Mauern getrotzt hätte, wie ihr wisst, dass ich sie schon früher verspottet und ihnen getrotzt habe. Doch mein Blut kriecht jetzt nur noch in Tropfen durch seine Bahnen; und das Herz, das ich einst hatte, regt sich schwach und schwer in mir.“ Der Gefangene hielt einen Augenblick inne und fuhr in verändertem Ton fort: „Indem ich also meinen eigenen Charakter dem Urteil der Berichte überlasse, kann ich vielleicht nichts Besseres tun, als dem gleichen Maßstab auch den des Zeugen gegen mich zu überlassen. Ich will offen gestehen, dass es unter anderen Umständen hätte anders sein können. Ich will offen bekennen, dass ich dann die Mittel hätte nutzen können, die Ihr Gesetz mir gewährt, um einen Freispruch zu erwirken und mein Dasein zu verlängern – wenn auch an einem neuen Ort; wie es nun ist, was spielt die Ursache eine Rolle, für die ich mein Urteil erhalte? Ja, es ist sogar besser, durch das erste zu leiden, als bis zum letzten zu darben. Es ist ein Trost, nicht noch einmal dort stehen zu müssen, wo ich jetzt stehe; die demütigenden Feierlichkeiten durchlaufen zu müssen, die ich an diesem Tag ertragen habe; das Lächeln der einen zu sehen und das Stirnrunzeln der anderen zu erwidern; mit der Angst des Herzens zu ringen und von der Laune der erregten Nerven abzuhängen. Es ist etwas wert, zu fühlen, dass ein Teil des Dramas der Schande vorbei ist und dass ich in meiner Höhle unbehelligt warten kann, bis ich zum einzigen Mal wieder der Zielscheibe der Gedankenlosen und dem Ungeheuer der Menge ausgeliefert bin. Mein Lord, ich bin nun fertig! Ihnen, den das Gesetz für den Anwalt des Gefangenen hält – Ihnen, meine Herren Geschworenen, denen es sein Schicksal übertragen hat –, überlasse ich die Chancen meines Lebens.“

Der Gefangene schwieg; doch die gleiche schwere Stille, die, abgesehen von einem einzigen Murmeln, während seiner Rede über dem Gericht gelegen hatte, hielt selbst noch einige Augenblicke an, nachdem diese tiefe und feste Stimme im Ohr verklungen war. So verschieden war die Verteidigung des Gefangenen von dem, was erwartet worden war; so sicher nahmen die routinierteren Teile des Publikums, selbst während er fortfuhr, an, dass er durch irgendeine kunstvolle Wendung schließlich in die üblichen Bahnen der Verteidigung einlenken würde – dass, als seine unerschütterlichen und fast strengen Akzente verstummten, die Menschen nicht darauf vorbereitet waren zu fühlen, dass seine Rede beendet war, und die Pause wirkte unfreiwillig störend als unzeitig und abrupt. Als schließlich jeder Zuschauer langsam zu der Überzeugung erwachte, dass der Gefangene seine Ansprache tatsächlich beendet hatte, kreiste eine Bewegung, die beredt von Gefühlen zeugte, die aus einer Anspannung befreit waren, die vielleicht umso ernster und mit Ehrfurcht vermischt war, je kühner und neuartiger die Worte waren, an denen sie hing, durch den Gerichtssaal. Die Geschworenen sahen sich verwirrt an, aber keiner von ihnen sprach, nicht einmal flüsternd; ihre Gefühle, die durch die Rede des Gefangenen geweckt worden waren, waren aufgrund ihrer Kürze, ihrer Einzigartigkeit und der stolzen Unklugheit ihres Tons nicht so sehr durch ihren Verlauf gelenkt worden, dass sie sich in einer für ihn klar günstigen oder ungünstigen Stimmung gefestigt hätten; so wartete jeder Mann darauf, dass sein Nachbar zuerst spräche, damit er gleichsam in einem anderen eine Art Anhaltspunkt für die unbestimmten und aufgewühlten Gefühle finden könne, die in ihm selbst nach Ausdruck verlangten.

Der Richter, der von Anfang an von der Ausstrahlung und dem Aspekt des Gefangenen angezogen worden war, hatte vielleicht trotz seiner geistigen Härte der Verteidigung zustimmender zugehört als jeder andere Anwesende; denn in der Verachtung für die hohlen Institutionen und die vorgetäuschte Ehrlichkeit des gesellschaftlichen Lebens, die der Gefangene so trotzig an den Tag legte, erkannte Brandon Elemente des Geistes, die den seinen bemerkenswert verwandt waren; und diese Sympathie wurde noch verstärkt durch die Härte der physischen Nerven und die moralische Unerschrockenheit, die der Gefangene an den Tag legte – Eigenschaften, die unter Männern von ähnlichem Schlag oft das stärkste Motiv der Wertschätzung bilden und manchmal (wie wir beim kaiserlichen Korsen und seinen Feldherrn lesen) der einzige Anziehungspunkt sind! Brandon wurde jedoch bald durch ein Murmeln vagen Beifalls, das durch die einfache Menge kreiste, in sein kaltes Selbst zurückgerufen; bei ihnen äußert sich der allgemeine Impuls immer zuerst, und bei ihnen kamen die Meinungen des Gefangenen, wenn auch nur unvollkommen verstanden, unmittelbarer an, als dies bei den besseren und reicheren Schichten der Zuschauer der Fall war. Stets auf die Anstandsregeln bedacht, gebot Brandon augenblicklich Stille im Gericht; und als sie wiederhergestellt war und man allgemein verstand, dass die Verteidigung des Gefangenen geschlossen war, ging der Richter zur Zusammenfassung über.

Es ist bemerkenswert, dass viele der geistigen Eigenschaften, die im Privatleben am wenigsten liebenswert erscheinen, oft mit einer bemerkenswerten Glückseligkeit zu den Zielen der Öffentlichkeit führen; und so war die steinerne Festigkeit, die für Brandon charakteristisch war, ein Hauptgrund dafür, dass er als Richter bewundernswert war – denn Männer in Ämtern irren nicht weniger durch ihre Gefühle als durch ihre Interessen.

Einen Blick auf seine Notizen werfend, neigte sich der Richter zu den Geschworenen und begann mit jener silbern klingenden Stimme, die Brandons Beredsamkeit besonders auszeichnete und in hohen Positionen einen so majestätischen und aufrichtigen Ton der Überzeugung mit sich trug. Er wies mit klarer Kürze auf die verschiedenen Punkte der Beweisaufnahme hin; er verweilte einen Augenblick bei dem Versuch, die Glaubwürdigkeit von MacGrawler in Misskredit zu bringen, lenkte aber die gebührende Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass dieser Versuch weder durch Zeugen noch durch Beweise gestützt worden war. Während er fortfuhr, schmolz der Eindruck, den der Gefangene auf die Geschworenen gemacht hatte, langsam dahin; und vielleicht wirkte es sich – so sehr erweichen Menschen, wenn sie klar das Gesicht eines Mitmenschen sehen, der für sein Leben von ihnen abhängt – zum Nachteil für Clifford aus, dass er sich während der Zusammenfassung auf der Anklagebank zurücklehnte und verhinderte, dass sein Gesicht gesehen wurde. Als die Beweisaufnahme abgeschlossen war, schloss der Richter wie folgt:

„Der Gefangene, der in seiner Verteidigung (über deren Prinzipien und Meinungen ich mich nun nicht äußern will) sicherlich die Anzeichen einer überlegenen Bildung und einer hohen, wenn auch fehlgeleiteten Fähigkeit gezeigt hat, hat auf die von der Presse verbreiteten Berichte angespielt und einiges Gewicht auf die verschiedenen Anekdoten gelegt, die zu seinem Vorteil tendieren und von denen er annimmt, dass sie Ihre Ohren erreicht haben. Ich bin keineswegs gewillt, dass dem Gefangenen der Nutzen entzogen wird, der aus einer solchen Quelle gezogen werden könnte; aber es ist weder an diesem Ort noch in diesem Augenblick, dass er ihm nützen kann. Alles, was Sie zu bedenken haben, ist die Beweislage, die vor Ihnen liegt. Alles, worüber Sie zu entscheiden haben, ist, ob der Gefangene des Raubes, dessen er beschuldigt wird, schuldig ist oder nicht. Sie dürfen keinen Gedanken daran verschwenden, was ein vermeintliches Verbrechen mildert oder verschlimmert – Sie müssen nur über das Verbrechen selbst entscheiden. Legen Sie, ich bitte Sie, alles aus Ihrem Sinn, was den Hauptfall behindert. Legen Sie auch alle Überlegungen zu anderen möglichen Anklagen, auf die der Gefangene angespielt hat, mit denen Sie aber notwendigerweise nicht vertraut sind, aus Ihren Entscheidungsmotiven beiseite. Wenn Sie die Beweise bezweifeln, sei es eines Zeugen oder aller, so muss der Gefangene von Ihnen den Nutzen dieses Zweifels erhalten. Wenn nicht, so sind Sie einem feierlichen Eid verpflichtet, der Ihnen gebietet, alle nebensächlichen Erwägungen außer Acht zu lassen – der Sie zwingt, genau darauf zu achten, dass Sie nicht von den Schwächen beeinflusst werden, die uns allen natürlich sind, die aber bei Ihnen verbrecherisch wären, wenn Sie sich auf die Seite einer Gnade neigen würden, die durch Ihren Eid zu einem Meineid vor Gott und durch Ihre Pflicht als unparteiische Bürger zu einem Verrat an Ihrem Land würde. Ich entlasse Sie zur ernsten Erwägung des wichtigen Falles, den Sie gehört haben; und ich vertraue darauf, dass Er, dem alle Herzen offen stehen und alle Geheimnisse bekannt sind, Ihnen das Gemüt und das Urteilsvermögen verleihen wird, eine richtige Entscheidung zu treffen!“

Es lag im majestätischen Aspekt und der erschütternden Stimme von Brandons etwas, das die gewöhnlichste Form von Worten feierlich und eindrucksvoll machte; und der Heuchler, der sich dieser glücklichen Art bewusst war, verlieh, wie auch jetzt, seinen abschließenden Worten durch eine religiöse Anspielung oder eine biblische Ausdrucksweise zusätzliches Gewicht. Er schwieg; und die Geschworenen, die sich von der Wirkung seiner Anmahnung erholten, berieten sich einen Augenblick untereinander. Der Obmann wandte sich dann im Namen seiner Mitgeschworenen an das Gericht und bat um die Erlaubnis, sich zur Beratung zurückziehen zu dürfen. Da ein begleitender Gerichtsdiener vereidigt wurde, lesen wir in den Journalen des Tages, die die Zeitabschnitte mit jener üblichen Gewissenhaftigkeit notierten, die durch die Reflexion, wie bald alle Zeit und alle Jahreszeiten für den Helden der Szene vergehen können, schrecklich wurde, dass „es fünfundzwanzig Minuten vor zwei Uhr war, als sich die Geschworenen zurückzogen.“

Vielleicht gibt es im gesamten Verlauf eines Strafprozesses keinen schrecklicheren Zeitraum als jenen, der von der Beratung der Geschworenen eingenommen wird. Im vorliegenden Fall verharrte der Gefangene, als sei er sich seiner Lage nur allzu bewusst, im hinteren Teil der Anklagebank und vergrub sein Gesicht in den Händen. Diejenigen jedoch, die in seiner Nähe standen, beobachteten, dass sich seine Brust nicht mit der konvulsivischen Erregung zu heben schien, die für Personen in seinem Zustand üblich ist, und dass nicht einmal ein Seufzer oder eine erregte Bewegung ihn entwich. Die Geschworenen waren etwa zwanzig Minuten abwesend, als im Gerichtssaal ein verworrenes Geräusch zu hören war. Das Gesicht des Richters wandte sich mit gebieterischer Strenge der Richtung zu, aus der es kam. Er bemerkte einen Mann in grober Kleidung und von ärmlichem Aussehen, der versuchte, sich grob und gewaltsam durch die Menge in Richtung der Richterbank durchzudrängen, und im selben Augenblick sah er einen der Gerichtsdiener, der sich dem Störer der Ruhe in wenig freundlicher Absicht näherte. Der Mann, der sich der Absicht des Konstabels bewusst war, rief mit großer Vehemenz: „Ich werde das meinem Herrn, dem Richter, geben, hol mich der Kuckuck, wenn ich das nicht tue!“ Und während er sprach, hob er hoch über seinem Kopf einen beschmutzten Zettel, der unbeholfen in die Form eines Briefes gefaltet war. In dem Augenblick, als Brandons Auge die rauen Züge des aufdringlichen Fremden erfasste, gab er mit etwas weniger als seiner üblichen Langsamkeit der Geste einem seiner offiziellen Satelliten ein Zeichen. „Bringen Sie mir sofort dieses Papier!“, flüsterte er.

Der Beamte verneigte sich und gehorchte. Der Mann, der ein wenig betrunken schien, übergab es mit einem Blick von lächerlichem Triumph und Selbstwichtigkeit.

„Gehen Sie weg, Mann!“, fügte er an den Konstabel gewandt hinzu, der nun Hand an seinen Kragen legte. „Sie werden sehen, was der Richter zu diesem Stück Papier sagt; und das wird auch der Gefangene, armer Kerl!“

Diese Szene, die der Würde des Gerichts so unwürdig war, erregte die Aufmerksamkeit und (unmittelbar um den Eindringling herum) die Heiterkeit der Menge; und manches Auge richtete sich auf Brandon, als er mit ruhiger Gelassenheit den Zettel öffnete und die Inhalte überflog. In einer großen Schuljungenhandschrift – es war die Hand von Long Ned – standen diese wenigen Worte geschrieben:

MEIN HERR RICHTER, – Ich nehme mir die Freiheit zu bitten, Sie mögen alles in Ihrer Macht Stehende für den Gefangenen auf der Anklagebank tun, da er kein anderer ist als der „Paul“, von dem ich Eurer Ehren erzählte. Sie wissen, was ich meine.

DUMMIE DUNNAKER.

Während er diese Notiz las, konnte man beobachten, wie das Haupt des Richters plötzlich sank, als wäre er von einer Krankheit oder einem Krampf befallen; doch er erholte sich augenblicklich und flüsterte dem Beamten zu, der ihm die Notiz gebracht hatte: „Sehen Sie zu, dass dieser Wahnsinnige unverzüglich aus dem Gerichtssaal entfernt und allein eingesperrt wird. Er ist so geistig verwirrt, dass er gefährlich ist!“

Der Beamte verlor keinen Augenblick damit, die Anordnung ausführen zu lassen. Drei stämmige Konstabel zerrten den verblüfften Dummie im Nu aus dem Gerichtssaal, noch rücksichtsloser aufgrund seines Ausrufs:

„Eh, meine Herren, was ist das? Ich sage euch, ich habe des Richters eigenes Fleisch und Blut gerettet! Nun, sachte da; ihr werdet das noch bereuen, mein feiner Freund! Mach dir nichts draus, Paul, mein Junge; ich habe dir einen verdammt guten Dienst erwiesen –“

„Ruhe!“, verkündete die Stimme des Richters; und diese Stimme kam mit einem solch gebieterischen Ton der Macht hervor, dass sie Dummie trotz seiner Trunkenheit einschüchterte. Einen Augenblick später, noch bevor er sich erholen konnte, war er außerhalb des Gerichtssaals. Während dieses seltsamen Tumults, der kaum länger als zwei oder drei Minuten dauerte, hatte der Gefangene nicht ein einziges Mal den Kopf gehoben, noch schien er in irgendeiner Weise aus seiner Träumerei erwacht zu sein; und kaum war der Eindringling entfernt worden, kehrten die Geschworenen zurück.

Das Urteil lautete, wie alle vorausgesehen hatten: „Schuldig“; doch es war mit einer dringenden Empfehlung zur Begnadigung verbunden.

Der Gefangene wurde daraufhin in der üblichen Form gefragt, ob er etwas dazu zu sagen habe, warum das Todesurteil nicht gegen ihn verhängt werden solle.

Als diese furchtbaren Worte an sein Ohr drangen, erhob sich der Gefangene langsam. Er richtete zuerst einen kurzen und scharfen Blick auf die Geschworenen, und seine Augen ruhten dann voll und mit strenger Bedeutung auf dem Gesicht seines Richters.

„Mein Herr“, begann er, „ich habe nur einen Grund gegen das Urteil des Gesetzes anzuführen. Wenn Sie den Einfluss haben, es zu verhindern oder abzumildern, dann wird dieser Grund, so denke ich, ausreichen, um Sie für meine Sache zu gewinnen. Ich sagte, der erste Grund für jene Vergehen gegen das Gesetz, die mich auf diese Anklagebank bringen, war meine Inhaftierung aufgrund einer Anschuldigung, von der ich vollkommen unschuldig war! Mein Herr Richter, Sie waren der Mann, der mich dieser Anschuldigung bezichtigte und mich dieser Inhaftierung unterzog! Sehen Sie mich gut an, mein Herr, und Sie mögen in dem Antlitz des abgehärteten Verbrechers, den Sie zum Tode verurteilen wollen, die Züge eines Jungen erkennen, den Sie vor etwa sieben Jahren vor einem Londoner Magistrat des Diebstahls Ihrer Uhr beschuldigten. Auf den Eid eines Mannes, der einen Schritt auf der Schwelle zum Tod steht: diese Anschuldigung war ungerecht. Und, passender Diener der Gesetze, die Sie vertreten! Sie, der Sie nun über mein Schicksal entscheiden – Sie waren die Ursache meiner Verbrechen! Mein Herr, ich bin fertig. Ich bin bereit, der langen und dunklen Liste von Opfern ein weiteres hinzuzufügen, die von der Blindheit und Ungerechtigkeit menschlicher Gesetzbücher erst befleckt und dann geopfert werden!“

Während Clifford sprach, wandte sich jedes Auge von ihm dem Richter zu, und jeder war entsetzt über die gespenstische und furchterregende Veränderung, die über Brandons Gesicht gekommen war. Männer sagten später, sie hätten dort in schrecklicher Deutlichkeit die Zeichen des Todes geschrieben gesehen; und es schien wahrlich etwas Schreckliches und Übernatürliches in der blutleeren und hageren Gelassenheit seiner stolzen Züge zu liegen. Doch sein Auge wich nicht zurück, noch zuckten die Muskeln seiner Lippen; und mit noch mehr als seiner gewohnten Erhabenheit begegnete er dem Blick des Gefangenen. Doch als der Richter und der Kriminelle als Einzige in der bewegungslosen und atemlosen Menge einander anstarrten und die Augen der Zuschauer zwischen beiden hin und her wanderten, traf ein erschütternder und elektrisierender Eindruck einer starken Ähnlichkeit zwischen dem Verurteilten und dem Verurteilenden zum ersten Mal während des gesamten Prozesses die Zuhörer und verstärkte, wenn sie auch kaum wussten warum, das Gefühl von Schmerz und Grauen, das die letzten Worte des Gefangenen ausgelöst hatten. Vielleicht mochte es hauptsächlich aus einem gemeinsamen Ausdruck heftiger Emotionen entstanden sein, die durch einen eisernen und strengen Charakter bezwungen wurden; oder vielleicht, da nun die aschfahl-blasse Erschöpfung die erregte Röte auf dem Gesicht des Gefangenen abgelöst hatte, machte die Ähnlichkeit der Gesichtsfarbe die Übereinstimmung deutlicher als zuvor; oder vielleicht hatten die Zuschauer bisher keinen so forschenden oder, wenn wir so sagen dürfen, so abwechselnden Blick auf die beiden gerichtet. Wie dem auch sei, die Ähnlichkeit zwischen den Männern, die sich in so grundlegend verschiedenen Umständen befanden – jene Ähnlichkeit, die, wie wir angedeutet haben, Lucy in gewissen Momenten erschreckend aufgefallen war – war offensichtlich und unvermeidlich frappierend: dieselbe dunkle Tönung ihrer Haut; dieselbe stolze und römische Umrisslinie ihrer Gesichter; dieselbe Höhe der Stirn; ja, selbst dieselbe unangenehme und sarkastische Starrheit des Mundes, die das auffälligste Merkmal bei Brandon war und der einzige Punkt, der die außergewöhnliche Schönheit Cliffords beeinträchtigte. Aber vor allem war es derselbe unnachgiebige, herausfordernde, sture Geist, der sich in beiden eingeprägt hatte, auch wenn er bei Brandon den feierlichen Anschein von Majestät annahm und bei Clifford wie die verzweifelte Strenge eines Bravo wirkte. Obwohl Clifford schwieg, nahm er nicht wieder Platz, sondern verharrte in derselben Haltung, in der er die Ordnung der Dinge umgekehrt und den Bittsteller in den Ankläger verwandelt hatte; und Brandon selbst fuhr, ohne zu sprechen oder sich zu bewegen, fort, ihn zu betrachten; so blickten sie mit aufrechten Fronten und marmornen Gesichtern, in denen das Herausfordernde und Entschlossene den menschlichen Bodensatz von Schmerz und Grauen nicht gänzlich unterdrücken konnte, wie die beiden Männer in der östlichen Erzählung, die die Macht besaßen, einander zu Tode zu starren.

Was in jenem Moment in Brandons Herzen tobte, ist vergebens zu erraten. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass er vor sich seinen lange verlorenen, seinen sehnlichst gesuchten Sohn erblickte! Jede Faser, jeder Winkel seiner komplexen und düsteren Seele wurde davon mit einer grässlichen und unwiderstehlichen Helligkeit erreicht und vernichtet. Das früheste, vielleicht das stärkste, wenn auch oft am wenigsten anerkannte Prinzip seines Geistes war das Verlangen, die gefallenen Ehren seines Hauses wiederaufzubauen; dessen letzten Spross sah er nun vor sich, bedeckt mit der dunkelsten Schmach des Gesetzes! Er hatte nach weltlichen Ehren gegiert; er sah ihren legitimen Nachfolger in einem verurteilten Verbrecher! Er hatte die wenigen Zuneigungen, die er von den Objekten des Stolzes und Ehrgeizes verschont hatte, in seinem Sohn gesammelt. Diesen Sohn war er im Begriff, dem Galgen und dem Henker zu überantworten! In letzter Zeit hatten sich die Hoffnungen auf die Wiedererlangung seines verlorenen Schatzes bis zu einer triumphierenden Gewissheit gesteigert. Siehe da! Die Hoffnungen hatten sich erfüllt! Wie? Während diese Gedanken in einer Weise, die wir nicht einmal mit einem Epitheton zu beschreiben wagen, in ihm kämpften, mögen wir einen flüchtigen Blick auf das Grauen der Verschlimmerung werfen, das sie erlitten, als er den Gefangenen sagen hörte, er selbst sei die Ursache seines jetzigen Schicksals, und er sich zugleich als Mörder und Richter seines Sohnes fühlte!

Minuten waren vergangen, seit die Stimme des Gefangenen verstummt war; und Brandon zog nun das schwarze Käppchen hervor. Als er es langsam über seine Stirn legte, wurde die zunehmende, leichenhafte Blässe seines Gesichts durch den Kontrast, den diese schreckliche Kopfbedeckung bot, noch deutlicher sichtbar. Zweimal, als er zu sprechen versuchte, versagte ihm die Stimme, und ein undeutliches Murmeln drang aus seinen farblosen Lippen und verhallte wie ein unbeständiger und schwacher Wind. Doch mit dem dritten Versuch siegte die Entschlossenheit und die lange Selbstbeherrschung des Mannes, und seine Stimme drang klar und unerschütterlich durch die Menge, obwohl die strenge Süße ihrer gewohnten Töne verschwunden war und sie seltsam und hohl an die Ohren drang, die sie aufnahmen.

„Gefangener auf der Anklagebank! Es ist meine Pflicht geworden, Ihnen das Ende Ihrer sterblichen Laufbahn zu verkünden. Sie wurden eines gewagten Raubes beschuldigt, und nach einem unparteiischen Prozess haben eine Jury Ihrer Landsleute und die Gesetze Ihres Landes gegen Sie entschieden. Die Empfehlung zur Begnadigung“ (hier, und nur hier während seiner gesamten Rede, rang Brandon konvulsivisch nach Atem), „die von der Jury so menschlich hinzugefügt wurde, soll an die höchste Instanz weitergeleitet werden; doch ich kann Ihnen nicht viel Hoffnung auf Erfolg machen.“ (Die Anwälte blickten einander mit einiger Überraschung an; sie hatten ein weit unmissverständlicheres Gebot erwartet, jede Hoffnung aus der Empfehlung der Jury abzuschwören.) „Gefangener, für die Meinungen, die Sie geäußert haben, sind Sie nun nur noch Ihrem Gott verantwortlich; ich unterlasse es, sie anzuklagen. Für die Anschuldigung, die Sie gegen mich erhoben haben, ob wahr oder falsch, und für die Qual, die sie mir bereitet hat, mögen Sie Vergebung an einem anderen Tribunal finden! Es bleibt mir nur – unter einem Vorbehalt, der zu geringfügig ist, wie ich sagte, um Ihnen ein faires Versprechen auf Hoffnung zu geben – nur zu – zu“ (alle Augen waren auf Brandon gerichtet; er spürte es, strengte sich für eine letzte Anstrengung an und fuhr fort) – „das scharfe Urteil des Gesetzes über Sie auszusprechen! Es lautet, dass Sie zurück in das Gefängnis gebracht werden sollen, aus dem Sie kamen, und von dort (wenn die höchste Autorität es bestimmt) an den Hinrichtungsort, um dort am Hals gehängt zu werden, bis Sie tot sind; und der Herr, Gott der Allmächtige, erbarme sich Ihrer Seele!“

Mit dieser Ansprache endete jener ereignisreiche Prozess; und während die Menge in hastigem und lärmendem Getümmel zum Ausgang drängte, zog sich Brandon, der bis zuletzt mit spartanischer Tapferkeit die Qual verbarg, die an seinem Inneren nagte, von dem schrecklichen Schauspiel zurück. Die nächste halbe Stunde war er mit dem seltsamen Eindringling in den Gerichtsprozess eingesperrt. Am Ende dieser Zeit wurde der Fremde entlassen; und in etwa der doppelten Zeit ließ Brandons Diener ihn wieder herein, in Begleitung eines anderen Mannes mit einem Schlapphut und im Kittel eines Fuhrmanns. Der Leser muss nicht erst erfahren, dass der Neuankömmling der freundliche Ned war, dessen Zeugenaussage in der Tat eine wertvolle Bestätigung für Dummie darstellte und dessen Zuneigung zu Clifford, unterstützt von einem Appetit auf Belohnungen, ihn dazu bewogen hatte, sich in die Stadt ----- zu wagen, obwohl er sich in einem sicheren Vorort verborgen hielt, bis er durch ein schriftliches Versprechen Brandons von Sicherheit für seine Person und eine Summe beruhigt wurde, für die wir fast bezweifeln könnten, ob er nicht (da er so lange Mittel mit dem Zweck verwechselt hatte) eingewilligt hätte, sich selbst hängen zu lassen. Brandon hörte sich die Details dieser Verschwörer an; und als sie fertig waren, richtete er das Wort an sie: „Ich habe euch angehört und bin überzeugt, dass ihr Lügner und Betrüger seid. Da ist das Geld, das ich euch versprochen habe“ (indem er ein Taschenbuch hinwarf), – „nehmt es; und hört gut zu, wenn ihr es jemals wagt, auch nur ein Flüstern, ja, auch nur einen Hauch der abscheulichen Lüge, die ihr nun erfunden habt, von euch zu geben, seid gewiss, dass ich euch aus dem Winkel oder der Nische der Infamie, in der ihr eure Köpfe verstecken mögt, zerren und für die Verbrechen hängen lassen werde, die ihr bereits begangen habt. Ich bin nicht der Mann, der sein Wort bricht. Geht! Verlasst diese Stadt sofort! Wenn ihr in zwei Stunden von jetzt an noch hier gefunden werdet, so sei euer Blut auf euren eigenen Häuptern! Geht, sage ich!“

Diese Worte, unterstützt von einer Miene, die jederzeit gut für Ausdrücke eines bedrohlichen und rücksichtslosen Charakters geeignet war, verblüfften und erschreckten die Komplizen zugleich. Sie verließen das Zimmer in hastiger Verwirrung; und Brandon, nun allein, schritt mit ungleichmäßigen Schritten (deren beängstigende Schwäche und Schwanken er selbst nicht spürte) im Zimmer auf und ab. Die Hölle seiner Brust war seinen Zügen eingeprägt, doch er sprach nur einen einzigen Gedanken laut aus:

„Ich kann – ja, ja – ich kann diese Schande für meinen Namen vielleicht noch verbergen!“

Sein Diener klopfte an die Tür, um zu sagen, dass die Kutsche bereit stünde und dass Lord Mauleverer ihn daran erinnern lasse, dass man pünktlich zur festgesetzten Stunde speise.

„Ich komme!“, sagte Brandon mit einer langsamen und erschreckenden Betonung jedes Wortes. Doch zuerst setzte er sich nieder und schrieb einen Brief an die offizielle Stelle, in dem er die Empfehlung der Geschworenen nachdrücklich unterstützte; und wir können uns vorstellen, wie der Stolz bis zuletzt an ihm haftete, als er auf die Umwandlung der Todesstrafe in lebenslange Verbannung drängte! Sobald er diesen Brief gesiegelt hatte, rief er einen Eilboten, gab seine Anweisungen kühl und deutlich und versuchte, mit seiner gewohnten Würde des Schrittes durch einen langen Flur zur Außentür zu gehen. Er bemerkte, dass er versagte. „Kommen Sie hierher“, sagte er zu seinem Diener, „geben Sie mir Ihren Arm!“

Alle Bediensteten Brandons, bis auf den, der bei Lucy zurückgeblieben war, standen in Ehrfurcht vor ihm; und mit einigem Zögern erkundigte sich sein Diener, ob sein Herr sich wohl fühle.

Brandon sah ihn an, gab aber keine Antwort. Er stieg mit leichter Schwierigkeit in seine Kutsche, und nachdem er dem Kutscher befohlen hatte, so schnell wie möglich zu fahren, zog er (eine allgemeine Gewohnheit bei ihm) alle Fensterblenden herunter.

Unterdessen erwartete Lord Mauleverer mit sechs Freunden ungeduldig die Ankunft des siebten Gastes.

„Unser erhabener Freund lässt auf sich warten!“, sagte der Bischof von -------, während er seine Hände über seinem geräumigen Magen faltete. „Ich fürchte, der Steinbutt, von dem Euer Lordschaft sprach, wird durch die Dauer des Prozesses nicht besser werden.“

„Armer Kerl!“, sagte der Earl of -------- und gähnte leicht.

„Wen meinen Sie?“, fragte Lord Mauleverer mit einem Lächeln – „den Bischof, den Richter oder den Steinbutt?“

„Keinen der drei, Mauleverer – ich sprach von dem Gefangenen.“

„Ah, der feine Hund! Ich hatte ihn vergessen“, sagte Mauleverer. „Wirklich, jetzt, wo Sie ihn erwähnen, muss ich gestehen, dass er mir großes Mitleid einflößt; aber in der Tat ist es sehr falsch von ihm, den Richter so lange aufzuhalten!“

„Diese abgehärteten Elenden haben so schrecklich viel zu sagen“, murmelte der Bischof säuerlich.

„Wahr!“, sagte Mauleverer; „ein religiöser Schurke hätte ein wenig Erbarmen mit dem Zustand der hungernden Kirche gehabt.“

„Ist es wirklich wahr, Mauleverer“, fragte der Earl of ------, „dass Brandon Erfolg haben wird?“

„So höre ich“, sagte Mauleverer. „Himmel, wie hungrig ich bin!“

Ein Stöhnen des Bischofs hallte der Klage wider.

„Ich nehme an, es wäre gegen alles Dekorum, ohne ihn zu Tisch zu setzen?“, sagte Lord --------.

„Warum, wirklich, ich fürchte so“, erwiderte Mauleverer. „Aber unsere Gesundheit – unsere Gesundheit steht auf dem Spiel; wir warten nur noch fünf Minuten. Bei Jove, da ist die Kutsche! Ich bitte um Verzeihung für meinen heidnischen Fluch, mein Herr Bischof.“

„Ich vergebe Ihnen!“, sagte der gute Bischof lächelnd.

Die Gesellschaft, die so in ein Gespräch vertieft war, befand sich an einem Fenster, das auf die Kiesstraße führte, entlang derer sich die Kutsche des Richters nun schnell näherte; dieses Fenster war nur wenige Meter vom Vordach entfernt und war teilweise geöffnet worden, um das Herannahen des erwarteten Gastes besser auskundschaften zu können.

„Er lässt die Blenden immer noch unten! Geistesabwesenheit oder Scham über die Unpünktlichkeit – was ist die Ursache, Mauleverer?“, sagte einer der Gesellschaft.

„Nicht Scham, fürchte ich!“, antwortete Mauleverer. „Selbst die unanständige Unmoral, unser Abendessen zu verzögern, könnte kaum ein Erröten auf die Pergamenthaut meines gelehrten Freundes bringen.“

Hier hielt die Kutsche am Vordach; die Kutschentür wurde geöffnet.

„Es scheint eine seltsame Verzögerung zu geben“, sagte Mauleverer missmutig. „Warum steigt er nicht aus?“

Während er sprach, drang ein Murmeln unter den Begleitern, die sich etwas seltsam um die Kutsche zu drängen schienen, an die Ohren der Gesellschaft.

„Was sagen sie – was?“, sagte Mauleverer und legte die Hand ans Ohr.

Der Bischof antwortete hastig; und Mauleverer vergaß, als er die Antwort hörte, für einmal seine Kälteempfindlichkeit und eilte zur Kutschentür. Seine Gäste folgten.

Sie fanden Brandon, wie er sich gegen die hintere Ecke der Kutsche lehnte – eine Leiche. Eine Hand hielt die Zugschnur, als ob er versucht hätte, sie unwillkürlich, aber erfolglos zu ziehen. Die rechte Seite seines Gesichts war teilweise verzerrt, wie durch einen Krampf oder eine Lähmung; doch nicht so sehr, dass jener bemerkenswerte Ausdruck von Erhabenheit und Strenge zerstört worden wäre, der die Züge im Leben charakterisiert hatte. Zugleich hatte sich die Verzerrung, die die Muskeln des Mundes auf einer Seite nach oben gezogen hatte, zu einer erschreckenden Breite des halbspöttischen Grinsens vertieft, das gewöhnlich um den unteren Teil seines Gesichts lauerte. So zeugenlos und abrupt war die Trennung von Ton und Geist eines Mannes gewesen, der, wenn er auch als ein kühner, berechnender, sturer, unerschütterlicher Heuchler durch das Leben ging, nicht ohne etwas Hohes selbst inmitten seiner Niederträchtigkeit, seines Egoismus und seiner Laster war; der weniger die Sünde geliebt zu haben schien, als vielmehr durch eine seltsame Verkehrung der Vernunft die Tugend verachtet zu haben, und der durch eine feierliche und schreckliche Plötzlichkeit des Schicksals (denn wer will es wagen, das Urteil der hohen und unsichtbaren Vorsehung zu deuten, selbst wenn es dem sterblichen Auge am wenigsten verhüllt erscheint?) die Träume, die Objekte, die Triumphe der Hoffnung gewann, nur um im Moment ihres Erwerbs von ihnen vernichtet zu werden!

Wie wenn ein Landbewohner, der sich für einen flüchtigen Urlaub weit entfernt von den Sorgen der Welt und dem strepitumque Romae – dem „Lärm Roms“ – in den süßen Schatten von Pentonville oder auf die entlegeneren Ebenen von Clapham zurückgezogen hat, einen erfreuten Besucher durch die Verschlungenheiten jenes dädalischen Meisterwerks führt, das er sein Labyrinth oder seinen Irrgarten zu nennen pflegt – bald verstohlen über die Ratlosigkeit seines Gastes lächelnd, bald mit ruhiger Überlegenheit dessen vergeblichen und irrenden Vermutungen lauschend, bald ihn bösartig einen schmeichelhaften Pfad entlangbegleitend, auf dem der verwirrte Abenteurer plötzlich vor dem leeren Antlitz einer sackgassenartigen Hecke zum Stehen kommt, bald zitternd, wenn er sieht, wie der Gast versehentlich auf den richtigen Weg gerät, und bald erleichtert, wenn er ihn nach kurzem Überlegen in den falschen abbiegen sieht –, genau so, o angenehmer Leser, führt dich der weise Romanautor durch das Labyrinth seiner Erzählung, amüsiert sich über deine Selbsttäuschungen und spinnt in weitschweifigem Vergnügen den ruhigen Faden seiner Unterhaltung aus den Verwicklungen, die deine quälende Eifer und Ratlosigkeit hervorrufen. Doch wie wenn – dank der Gutmütigkeit oder Erschöpfung des Gastgebers – das Geheimnis erst einmal gelüftet und dem Gast erlaubt wird, bis in das verborgene Ende des laubreichen Irrgartens vorzudringen, der biedere Bürger, zufrieden mit der angenehmen Mühe, die er seinem Besucher bereits bereitet hat, ihm nicht die Arbeit auferlegt, die Schritte, die er so erratisch gegangen ist, zurückzuverfolgen, sondern ihn in drei Schritten und über einen einfacheren Pfad direkt zum Ausgang des Labyrinths führt und ihn andernorts zur Unterhaltung entlässt; genau so wird der kluge Erzähler, wenn die Verwicklungen seines Handlungsstrangs erst einmal entfaltet sind, seinem ermüdeten Leser keine abgestandenen und nutzlosen Verzögerungen bereiten, sondern ihn mit so viel Kürze, wie es bequem ist, aus dem Labyrinth führen, das aufgehört hat, das Interesse an einem Geheimnis zu wahren.

Wir werden daher, im Einklang mit der Politik des Bürgers, so schnell wie möglich jenen Teil unserer Erzählung berichten, der noch unerzählt geblieben ist. Bei Brandons Person wurde das Papier gefunden, das eine so verhängnisvolle Nachricht über seinen Sohn enthalten hatte; und als es Lord Mauleverer überbracht wurde, erschienen die Worte dieser Person (der wusste, dass Brandon nach seinem verlorenen Sohn gesucht hatte, von dem wir gesehen haben, dass man ihn gelehrt hatte, ihn für illegitim zu halten, obwohl es wahrscheinlich ist, dass bei seinem natürlichen Scharfsinn viele Zweifel daran aufgetreten sein müssen, ob er nicht getäuscht worden war) als wichtig genug, um eine Nachforschung über den Schreiber wert zu sein. Dummie war leicht zu finden, denn er hatte dem Ort noch nicht den Rücken gekehrt, als die Nachricht vom plötzlichen Tod des Richters dorthin zurückgebracht wurde; und da er diesen Umstand ausnutzte, blieb der freundliche Dunnaker ganz in der Stadt (obwohl sein langjähriger Begleiter sie so hastig wie möglich verließ) und vertrieb sich die Zeit, indem er sich im Gefängnis meldete und nach einigen erfolglosen Versuchen zu Clifford vordrang. Leicht aufzuspüren durch den Namen, den er dem Gefängnisgouverneur gegeben hatte, wurde er am selben Tag zu Lord Mauleverer geführt; und seine Erzählung, so verworren sie auch war und selbst aus einer so verdächtigen Quelle stammend, durchdrang jene Verdauungsorgane, die bei Mauleverer den Ersatz für ein Herz bildeten, mit Gefühlen, die so sehr Ehrfurcht und Entsetzen glichen, wie unser guter Peer sie zu empfinden imstande war. Bereits durch den Tod Brandons in seiner weltlichen Philosophie der Gleichgültigkeit erschüttert, war er in diesem Moment empfänglicher für einen reuevollen und heilsamen Eindruck, als er es zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sein können; und er konnte nicht ohne einige Gewissensbisse an den Ruin denken, den er über die Mutter des Wesens gebracht hatte, das er gerade erst in den Tod geschickt hatte. Er entließ Dummie, und nach kurzem Überlegen bestellte er seine Kutsche, und während er die Vorbereitungen für die Beerdigung seines Freundes seinem Geschäftsmann überließ, machte er sich auf den Weg nach London, insbesondere zum Haus des Innenministers. Wir möchten dem edlen Büßer nicht absichtlich Unrecht tun; aber wir wagen den Verdacht, dass er ein persönliches Gnadengesuch für den Gefangenen nicht einem schriftlichen vorgezogen hätte, wenn er nicht gewisse unangenehme Beklemmungen bei dem Gedanken verspürt hätte, in einem Landhaus zu bleiben, das von so düsteren Zeremonien wie denen des Todes überschattet war. Der Brief Brandons und das Gesuch Mauleverers erwirkten für Clifford eine Strafmilderung. Er wurde zur ewigen Deportation verurteilt. Ein Schiff stand bereits kurz vor der Abfahrt; und Mauleverer, zufrieden damit, sein Leben gerettet zu haben, war keineswegs darauf erpicht, dass seine Abreise aus dem Land mit unnötiger Verzögerung belastet würde.

Unterdessen war das erste Gerücht, das London bezüglich Brandons Schicksal erreichte, dass er einen Anfall erlitten habe und gefährlich krank bei Mauleverer liege; und bevor die zweite und verhängnisvoller sichere Nachricht eintraf, hatte Lucy aus der sichtbaren Bestürzung von Barlow, den sie ängstlich ins Kreuzverhör nahm und der, da er seinen Herrn wirklich liebte, leicht zu einer Mitteilung zu bewegen war, die erste und schmeichelhaftere Nachricht erfahren. Zu Barlows heimlicher Freude bestand sie sofort darauf, zu dem vermeintlich Kranken aufzubrechen; und begleitet von Barlow und ihrer Zofe eilte das liebevolle Mädchen am Abend nach dem Tag, an dem der Graf das Haus verlassen hatte, zu Mauleverers Wohnsitz. Lucy war noch nicht weit gekommen, als Barlow aus dem Klatsch der Straße den wahren Sachverhalt erfuhr. Tatsächlich näherte er sich bereits an der ersten Station mit betrübtem Gesicht der Kutschentür und bat Lucy, da er die Sinnlosigkeit des Weiterreisens verkündete, umzukehren. Sobald Miss Brandon den ersten Schock überwunden hatte, den diese Nachricht bei ihr auslöste, sagte sie mit Ruhe:

„Nun, Barlow, wenn es so ist, haben wir dennoch eine Pflicht zu erfüllen. Sag den Postillonen, sie sollen weiterfahren!“

„Wahrlich, gnädige Frau, ich kann nicht sehen, welchen Nutzen es haben soll, sich zu grämen – und Ihr seid so schwach. Wenn Ihr mich gehen lasst, werde ich dafür sorgen, dass den Überresten meines armen Herrn alle Aufmerksamkeit zuteilwird.“

„Als mein Vater tot dalag“, sagte Lucy mit einer ernsten und traurigen Strenge in ihrer Art, „sandte derjenige, der nun nicht mehr ist, keinen Stellvertreter, um die letzten Pflichten eines Bruders zu erfüllen; ebenso wenig werde ich einen senden, um die einer Nichte zu erfüllen und zu beweisen, dass ich die Dankbarkeit einer Tochter vergessen habe. Fahrt weiter!“

Wir haben gesagt, dass es Zeiten gab, in denen ein Geist in Lucy erwachte, der ihr im Allgemeinen wenig eigen war; und nun ruhte das Gebot ihres Onkels auf ihrer Stirn. Die Pferde eilten davon, und für mehrere Minuten blieb Lucy stumm. Ihre Zofe wagte nicht zu sprechen. Endlich wandte sich Miss Brandon um, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in ein so heftiges Weinen aus, dass es ihre Begleiterin noch mehr beunruhigte als ihre vorherige Stille. „Mein armer, armer Onkel!“, schluchzte sie; und das waren alle ihre Worte.

Wir müssen Lucys Ankunft in Lord Mauleverers Haus übergehen; wir müssen die müden Tage übergehen, die vergingen, bis jener bewusstlose Körper der Erde übergeben wurde, mit der er sich, hätte er auch nur einen Funken seines stolzen Geistes bewahren können, geweigert hätte, seine Atome zu vermischen. Sie hatte den Verstorbenen unvergleichlich über seine Verdienste hinaus geliebt, und allen Gegenreden und allen Formen des gewöhnlichen Brauchs zum Trotz wohnte sie selbst der trostlosen Zeremonie bei, die die sterblichen Überreste von William Brandon der Ruhe und dem Wurm vermachte. Am selben Tag erhielt Clifford die Strafmilderung, und an jenem Tag erwartete Lucy eine weitere Prüfung. Wir gedenken dem Leser kurz zu vermitteln, was jene Szene war; wir brauchen nur anzumerken, dass Dummie Dunnaker, gelockt durch seine große Liebe für den kleinen Paul, von dem er entzückt sagte, er finde ihn nicht im Geringsten „eingebildet durch seinen großen Ruhm und seine Erhebung“, immer noch in der Stadt verweilte und nicht nur von der Verwandtschaft der Cousins wusste, sondern auch von Long Ned, als sie nach ------ reisten, die Zuneigung erfahren hatte, die Clifford für Lucy hegte. Von der Art und Weise, wie die Mitteilung Lucy erreichte, müssen wir nicht sprechen; es genügt zu sagen, dass sie an dem Tag, an dem sie die letzte Pflicht für ihren Onkel erfüllt hatte, zum ersten Mal die Lage ihres Liebhabers erfuhr.

An jenem Abend trafen sich die Cousins in der Zelle des Sträflings.

Ihre Unterredung war leise, denn der Gefängniswärter stand in Hörweite; und sie wurde durch Lucys konvulsivische Schluchzer unterbrochen. Aber die Stimme dessen, dessen eiserne Nerven der Nachkommenschaft von William Brandon nicht unwürdig waren, war für ihr Ohr klar und vernehmlich, auch wenn sie in einem Flüstern ausgesprochen wurde, das kaum seine Lippen bewegte. Es schien, als ob Lucy, bis ins Innerste ihres Herzens getroffen von der Großmut, mit der ihr Liebhaber sich von ihr losgerissen hatte, in einer Zeit, in der ihr Reichtum ihn in jedem anderen Land weit über die Gefahren und Verbrechen seiner Laufbahn in diesem hätte erheben können; als ob sie, nun zum ersten Mal und mit aller Macht die Ursachen seines geheimnisvollen Verhaltens erkennend; geschmolzen durch ihre Verwandtschaft und sich selbst in der Trostlosigkeit und dunklen Lage völlig vergessend, in der sie jemanden sah, der, was auch immer seine Verbrechen waren, ihr gegenüber nicht kriminell gewesen war – es schien, als ob sie, mitgerissen von diesen Emotionen, sich völlig der Zärtlichkeit und Hingabe ihres Wesens hingegeben hätte –, dass sie Heimat und Freunde und Vermögen verlassen und mit ihm seine Strafe und seine Schande teilen wollte.

„Warum“, stammelte sie –, „warum – warum nicht? Wir sind alles, was uns auf der Welt geblieben ist! Dein Vater und meiner waren Brüder; lass mich dir wie eine Schwester sein. Was bleibt mir hier noch? Nicht ein Wesen, das ich liebe oder das sich um mich sorgt – nicht eines!“

Da rief Clifford all seinen Mut zusammen, als er antwortete. Vielleicht, da er nun spürte (obwohl sein Wissen hier notwendigerweise verworren und unvollständig war), dass seine Herkunft der ihren nicht unebenbürtig war; da er nun auf ihrer blassen Wange und ihrem ausgemergelten Körper las oder zu lesen glaubte, dass die Trennung von ihr der Tod sei und dass Großmut und Selbstaufopferung zu spät geworden waren – vielleicht eroberten und unterwarfen diese Gedanken, zusammenfallend mit einer Liebe in ihm, die über alle Worte erhaben war, und einer Liebe in ihr, der zu widerstehen über die menschliche Natur ging, ihn völlig. Doch wie wir gesagt haben, hauchte seine Stimme ruhig in ihrem Ohr; und nur sein Auge, das in einer steten und entschlossenen Hoffnung aufleuchtete, verriet seinen Geist. „Lebe also!“, sagte er, als er schloss. „Meine Schwester, meine Geliebte, meine Braut, lebe! In einem Jahr von diesem Tag an – ich wiederhole es – verspreche ich es dir!“

Das Gespräch war beendet, und Lucy kehrte mit festem Schritt heim. Sie war zu Fuß. Der Regen fiel in Strömen, doch selbst in ihrem prekären Zustand litt ihre Gesundheit nicht; und als sie innerhalb einer Woche von jener Zeit an las, dass Clifford an den Ort seiner Strafe aufgebrochen war, las sie die Nachricht mit stetigem Auge und einer Lippe, die zwar blasser wurde, aber nicht bebte.

Kurz nach dieser Zeit reiste Miss Brandon in eine abgelegene Stadt am Meer; und dort, jede Gesellschaft ablehnend, blieb sie wohnen. Da die Geburt Cliffords nur wenigen bekannt war und seine Legitimität von niemandem außer vielleicht von Mauleverer bezweifelt wurde, trat Lucy das große Vermögen ihres Onkels an; und dieser Umstand machte sie mehr denn je zu einem Objekt der Anziehung in den Augen ihres edlen Verehrers. Da er sie nicht sehen konnte, schrieb er ihr mehr als einen bewegenden Brief; doch da Lucy unnachgiebig blieb, stellte er schließlich, angeekelt von ihrem Mangel an Geschmack, seine Verfolgung ein und fügte sich in die anhaltende Sterilität des unverheirateten Lebens. Als die Monate schwanden, schien Miss Brandon ihrer Zurückgezogenheit überdrüssig zu werden; und unmittelbar nachdem sie ihre Volljährigkeit erreicht hatte, was etwa acht Monate nach Brandons Tod geschah, übertrug sie den Großteil ihres Vermögens nach Frankreich, wo man (denn es war unmöglich, dass das Gerücht bei einer Erbin und einer Schönheit schlafen sollte) verstand, dass sie in Zukunft zu wohnen gedachte. Sogar Warlock (jenen Zauberbann für das stolze Herz ihres Onkels) behielt sie nicht mehr. Es wurde dem nächsten Verwandten der Familie zu einer Summe angeboten, bei der er nicht zögerte zuzugreifen; und durch die üblichen Wechselfälle des Schicksals ist das Anwesen der alten Brandons nun, wie wir einer Wochenzeitung entnehmen, gerade in die Hände eines wohlhabenden Stadtrats übergegangen.

Es war fast ein Jahr seit Brandons Tod vergangen, als ein Brief mit einem ausländischen Poststempel bei Lucy eintraf. Von jener Zeit an stieg ihre Stimmung – die zuvor, wenn auch anfällig für Anfälle von Abwesenheit, gleichmäßig und gedämpft, nicht traurig gewesen war – zu der ganzen Fröhlichkeit und Lebhaftigkeit ihrer frühesten Jugend auf. Sie beschäftigte sich eifrig mit den Vorbereitungen für ihre Abreise aus diesem Land; und schließlich wurde der Tag festgelegt und das Schiff gebucht. Jeden Tag bis zu jenem ging Lucy ans Meer und verbrachte, die höchste Klippe ersteigend, Stunden bis zum Einbruch des Abends damit, mit scheinbar müßigem Blick die Schiffe zu beobachten, die das Meer durchzogen; und mit jedem Tag schien ihre Gesundheit zu erstarken und die sanfte und klare Farbe, die sie einst getragen hatte, auf ihrer Wange wieder aufzublühen.

Vor ihrer Abreise entließ Miss Brandon ihre Bediensteten und stellte nur eine einzige Frau, eine Ausländerin, ein, um sie zu begleiten. Ein gewisser Ton ruhiger Bestimmtheit, der ihr früher unbekannt war, kennzeichnete diese Maßnahmen, die so gewagt unabhängig für jemanden ihres Geschlechts und Alters waren. Der Tag kam – es war der Jahrestag ihres letzten Gesprächs mit Clifford. Beim Betreten des Schiffes bemerkte man, dass sie heftig zitterte und dass ihr Gesicht totenblass war. Ein Fremder, der abseits in seinen Mantel gehüllt gestanden hatte, stürzte vor, um ihr zu helfen; das war das Letzte, was ihre entlassenen und weinenden Bediensteten von ihr sahen, als sie auf dem Pier standen, um ihr nachzublicken.

Nichts Weiteres wurde in diesem Land jemals vom Schicksal der Lucy Brandon bekannt; und da ihr Kreis von Bekannten eng war und das Interesse an ihrem Schicksal lebhaft in niemandem außer in wenigen bescheidenen Herzen bestand, wurde die Vermutung nie scharf geweckt und kühlte bald zur Vergessenheit ab. Wenn sie nach Ablauf der Jahre irgendeiner Vorstellung mehr als einer anderen zuneigte, dann der, dass sie unter den Opfern der Französischen Revolution umgekommen sei.

Werfen wir unterdessen einen Blick auf das Schicksal unserer untergeordneten Bekannten.

Augustus Tomlinson war es bei der Trennung von Long Ned gelungen, Calais zu erreichen; und nach einer schnellen Reise durch den Kontinent begab er sich letztendlich in eine gewisse literarische Stadt in Deutschland, wo er sich durch seinen metaphysischen Scharfsinn auszeichnete und eine Schule der Moral nach griechischem Vorbild eröffnete, die in französischer Sprache gelehrt wurde. Es gelang ihm, durch die Schirmherrschaft, die er erhielt, und die Schüler, die er aufklärte, ein sehr anständiges Einkommen zu erzielen; und da er ein Folio gegen Locke schrieb, bewies, dass die Menschen angeborene Gefühle hätten, und bekräftigte, dass wir alles nicht der Vernunft, sondern den Empfindungen der Seele zuschreiben sollten, wurde er für seine außerordentliche Tugend hoch geachtet. Nach seinem Tod wurden einige kleine Entdeckungen gemacht, die vielleicht den allgemeinen Geruch seiner Heiligkeit etwas geschmälert hätten, wenn die Bewunderer seiner Schule die Angelegenheit nicht sorgfältig vertuscht hätten, wahrscheinlich aus Respekt vor den „Empfindungen der Seele!“

Pepper, den die Polizei nicht so ängstlich vernichten wollte wie seine beiden Gefährten, hätte es vielleicht noch viele Jahre lang geschafft, auf den öffentlichen Weiden zu grasen, wäre nicht ein Brief, der etwas unvorsichtig geschrieben war, in falsche Hände geraten. Dieser lebte, obwohl er nach einigem Aufruhr anscheinend in Vergessenheit geriet, im Gedächtnis der Polizei fort und verschwor sich schließlich mit verschiedenen Verfehlungen, seinen Untergang herbeizuführen. Er wurde ergriffen, vor Gericht gestellt und zu sieben Jahren Deportation verurteilt. Er nutzte seine Zeit in Botany Bay so vorteilhaft und richtete die Dinge dort so bequem für sich ein, dass er sich nach Ablauf seiner Strafe weigerte, heimzukehren. Er machte eine ausgezeichnete Partie, baute sich ein ausgezeichnetes Haus und blieb bis ans Ende seiner Tage im „Land der Seligen“, bekannt bis zuletzt für die Fülle seines Haares und eine gewisse grausame Geckerei des Aussehens.

Was Fighting Attie und Gentleman George, Scarlet Jem und Old Bags betrifft, so gestehen wir, dass wir keinerlei sichere Informationen über ihr Ende haben. Wir können nur in Bezug auf Fighting Attie hinzufügen: „Viel Glück begleite ihn, wohin er auch geht!“ und für den Wirt des Jolly Angler, dass wir, auch wenn wir nicht die körperliche Konstitution besitzen, „ein Glas Schnaps“ zu leeren, sehr glücklich wären, bei jedem erträglichen Wein und in Gesellschaft eines angenehmen Zechergefährten unseren Teil zum polierten Chor beizutragen:

„Auf Gentleman George, Gott segne ihn!“

Mrs. Lobkins schied wie ein Lamm aus diesem Leben; und Dummie Dunnaker erhielt eine Lizenz, das Geschäft im Thames Court weiterzuführen. Er prahlte bis zuletzt mit seiner Bekanntschaft mit dem großen Kapitän Lovett und mit der Leutseligkeit, mit der diese ausgezeichnete Persönlichkeit ihn behandelte. Er hatte auch Geschichten über Richter Brandon, aber niemand glaubte ein Silbe davon; und Dummie, empört über den Unglauben, steigerte aus Heftigkeit das Wunderbare der Geschichten, sodass schließlich das Hinzugefügte fast das Ursprüngliche verschlang und Dummie selbst hätte verwirrt sein können, sein eigenes Gewissen darüber zu beruhigen, was falsch und was wahr war.

Der gelehrte Peter MacGrawler, der nach Schottland zurückkehrte, verschwand unterwegs. Eine Person, die dem Weisen auf seltsame Weise ähnelte, wurde später in Carlisle gesehen, wo er die nützlichen und lobenswerten Pflichten eines Henkers ausübte. Ob dieser respektable Funktionär nun unser identischer Simon Pure, unser Ex-Redakteur des „Asinaeum“ war, wollen wir nicht selbst zu behaupten wagen.

Lord Mauleverer, der sich endgültig für ein lediges Leben entschied, verbrachte den Rest seiner Jahre in träger Ruhe. Als er starb, behaupteten die Zeitungen, dass seine Majestät tief von dem Verlust eines so alten und geschätzten Freundes betroffen sei. Seine Möbel und Weine erzielten bemerkenswert hohe Preise; und ein Großer, sein besonderer Vertrauter, der seine Bücher kaufte, erschrak, als er durch Bleistiftmarkierungen feststellte, dass der edle Verstorbene einige davon gelesen hatte, und rief, nicht ganz ohne Wahrheit aus:

„Ach! Mauleverer hätte ein verdammt cleverer Kerl sein können – wenn er gewollt hätte!“

Der Graf pflegte als Kuriosität einen Ring von großem Wert zu zeigen, den er auf eine recht sonderbare Weise erhalten hatte. Eines Morgens wurde ihm ein Päckchen gebracht, das, wie er feststellte, eine Geldsumme, den erwähnten Ring und einen Brief des berüchtigten Lovett enthielt, in dem diese Person, indem sie seiner Lordschaft die Summen zurückbat, um die er ihn zweimal mitgeraubt hatte, ihm mit ernster Wärme für die Rücksicht dankte, die er ihm gegenüber bewiesen hatte, indem er seine Identität mit Kapitän Clifford nicht enthüllte; und wagte es, als ein kleines Zeichen des Respekts, den besagten Ring mit der zurückgegebenen Summe beizulegen.

Etwa zu der Zeit, als Mauleverer dieses kuriose Päckchen erhielt, erschienen mehrere Anekdoten ähnlicher Art in den öffentlichen Zeitungen; und es schien, dass Lovett nach einem allgemeinen Prinzip der Wiedergutmachung gehandelt hatte – nicht immer, das muss zugegeben werden, das Ergebnis der Reue eines Räubers. Während die Müßiggänger über diese Anekdoten staunten, kam die verspätete Nachricht, dass Lovett nach nur einmonatigem Aufenthalt an seinem Verdammnisort auf die kühnste und sonderbarste Weise seine Flucht vollbracht hatte. Ob er auf seinem Weg ins Landesinnere von den Eingeborenen verhungert oder erschlagen worden war, oder ob er, glücklicher, letztendlich die Mittel gefunden hatte, die Meere zu überqueren, war noch unbekannt. Dort endeten die Abenteuer des tapferen Räubers; und so war durch einen seltsamen Zufall dasselbe Geheimnis, das das Schicksal von Lucy umhüllte, auch das ihres Liebhabers. Und hier, lieber Leser, könnten wir den Vorhang über unserer Schlussszene fallen lassen, wenn wir nicht dächten, dass es dir gefallen könnte, ihn noch einen Augenblick hochzuhalten und dir einen weiteren Blick auf die Welt dahinter zu gewähren.

In einer gewissen Stadt jenes Großen Landes, wo die Schuhe nur unvollkommen geputzt werden – [Siehe Captain Halls neuestes Werk über Amerika] – und Meinungen nicht strafrechtlich verfolgt werden, lebte zwanzig Jahre nach dem Zeitpunkt von Lucy Brandons Abreise aus England ein Mann, der allgemeine und hohe Achtung genoss, nicht nur wegen der Rechtschaffenheit seines Betragens, sondern auch wegen der Energien seines Geistes und der Ziele, auf die diese gerichtet waren. Fragte man, wer jenes Ödland urbar gemacht habe, so lautete die Antwort: „Clifford!“ Wer die Gründung jenes Krankenhauses bewirkt habe: „Clifford!“ Wer die Abhilfe eines solchen öffentlichen Missstandes erwirkt habe: „Clifford!“ Wer für einen solchen allgemeinen Nutzen gestritten und ihn errungen habe: „Clifford!“ Im sanfteren Teil seiner Projekte und Unternehmungen – vor allem in jenem Teil, der die Kranken oder Bedürftigen betraf – wurde dieser nützliche Bürger unterstützt, oder vielmehr übertroffen, von einem Wesen, über dessen überragende Lieblichkeit die Zeit mit einem sanften und bezaubernden Flügelschlag hinweggegangen zu sein schien. Es lag etwas Bemerkenswertes und Rührendes in der Liebe, die dieses Paar (denn die Frau, auf die wir uns beziehen, war Cliffords Gattin) füreinander hegte; wie die Pflanze in den Ebenen von Hebron brachte die Zeit, die dieser Liebe zusätzliche Stärke verlieh, ihr auch ein weicheres und frischeres Grün. Obwohl ihre derzeitigen Nachbarn mit den Ereignissen ihres früheren Lebens vor ihrer Ansiedlung in ---------- nicht vertraut waren, wusste man, dass sie wohlhabend gewesen waren, als sie sich dort niederließen, und dass sie durch eine Reihe von Schicksalsschlägen alles verloren hatten. Doch Clifford hatte sich mannhaft gegen das Schicksal gestemmt; und in einem neuen Land, wo Männer, die Arbeit der Abhängigkeit vorziehen, nicht leicht verhungern können, war es ihm gelungen, sich durch die harten Stadien der Armut und Not mit einer Ehrlichkeit und Charakterstärke emporzuarbeiten, die ihm vielleicht eine herzlichere Achtung für jede aufeinanderfolgende Anstrengung einbrachte, als ihm die Zurschaustellung seines verlorenen Reichtums jemals hätte erwerben können. Seine Mühen und seine Fähigkeiten erzielten allmählichen, aber sicheren Erfolg; und er genoss nun die Segnungen eines Wohlstands, der mit skrupulösester Integrität erworben und mit gütigster Wohlwollen ausgegeben wurde. Eine Spur der Prüfungen, die sie durchlaufen hatten, war an jedem von ihnen erkennbar; jene Prüfungen hatten die Rose von der Wange der Ehefrau gestohlen und hatten verfrühte Falten auf die breite Stirn Cliffords gesät. Es gab auch Momente, doch waren es nur Momente, in denen Letzterer von seiner gewohnten elastischen und gesunden Heiterkeit des Geistes in eine düstere und geistesabwesende Träumerei versank; doch diese Momente bewachte die Ehefrau mit einer eifersüchtigen und zärtlichen Sorge, und ein einziger Ton ihrer süßen Stimme hatte die Macht, deren Einfluss zu bannen; und wenn Clifford seine Augen erhob und von ihrem zärtlichen Lächeln sein glückliches Heim und seine heranwachsenden Kinder betrachtete, oder durch die Fenster seines Zimmers die öffentlichen Wohltaten erblickte, die er geschaffen hatte, glühte etwas von Stolz und Freude auf seinem Antlitz, und er sagte, wenn auch mit glänzenden Augen und gedämpfter Stimme, während seine Blicke wieder zu seiner Frau zurückkehrten: „Ich schulde diese dir!“

Ein Wesenszug charakterisierte Clifford besonders: Nachsicht für die Fehler anderer. „Umstände schaffen Schuld“, pflegte er zu sagen; „lasst uns versuchen, die Umstände zu korrigieren, bevor wir über die Schuld schimpfen!“ Seine Kinder versprachen, auf demselben nützlichen und ehrenhaften Pfad zu wandeln, den er selbst beschritt. Glücklich galt jene Familie, die die Hoffnung hatte, sich mit seiner zu verbinden.

Dies war das spätere Schicksal von Clifford und Lucy. Wer wird uns verurteilen, weil wir die Moral dieses Schicksals jener Moral vorziehen, die vom Galgen und den Sträflingsschiffen erpresst wird – die Vogelscheuchen macht, keine Wegweiser; die unsere Schwäche erschreckt, nicht unsere Vernunft erwärmt. Wer gibt nicht zu, dass es besser ist, wiedergutzumachen als zu verderben – besser auch, als Bürger zu büßen, als als Eremit zu bereuen? Oh, John Wilkes, Stadtrat von London und Drawcansir der Freiheit, dein Leben war nicht um ein Jota zu perfekt – dein Patriotismus hätte unendlich reiner sein können, deine Moral hätte unbegrenzte Verbesserung zugelassen, du bist kein großer Liebling bei uns oder beim Rest der Welt – aber du sagtest eine ausgezeichnete Sache, für die wir dich mit Wohlwollen, ja, fast mit Respekt betrachten. Wir wissen kaum, ob wir über ihren Witz lächeln oder über ihre Weisheit seufzen sollen. Beachtet diese Wahrheit, all ihr Gentlemen von England, die ihr Gesetze machen wollt, wie die Römer die Fasces machten – ein Bündel Ruten mit einem Beil in der Mitte –, beachtet sie und erinnert euch! Lange möge sie leben, verbunden mit Hoffnung in uns selbst, aber mit Dankbarkeit in unseren Kindern – lange nachdem das Buch, das sie nun „schmückt“ und „hervorhebt“, in seinen staubigen Schlummer gegangen ist – lange, lange nachdem die fieberhafte Hand, die sie nun niederschreibt, sie nicht mehr verteidigen oder durchsetzen kann: „DER ALLERSCHLECHTESTE GEBRAUCH, DEN MAN VON EINEM MENSCHEN MACHEN KANN, IST IHN AUFZUHÄNGEN!“

ANMERKUNG.

In der zweiten Ausgabe dieses Romans waren hier zwei „Charaktere“ von „Fighting Attie“ und „Gentleman George“ eingefügt, die in der nachfolgenden Ausgabe, die von Mr. Bentley in den „Standard Novels“ veröffentlicht wurde, weggelassen wurden. Auf Wunsch einiger Bewunderer jener herausragenden Persönlichkeiten, welche die erwähnten biographischen Skizzen für sich genommen als unparteiisch betrachteten und zum Abschluss des Entwurfs beitrugen, für den so illustre Männer eingeführt wurden, sind sie hier beibehalten, wenn auch in der ehrenvolleren Form einer separaten und ergänzenden Notiz.

FIGHTING ATTIE.

Wenn er stirbt, wird die Landstraße einen großen Mann verloren haben, dessen Fuß selten nicht im Steigbügel war und dessen klarer Kopf eine kühne Hand führte. Er trieb den gesunden Menschenverstand zur Vollendung und machte den geraden Weg zum Erhabensten. Seine Worte waren wenige, seine Taten waren viele. Er war der Spartaner unter den Tobymen, und Lakonismus war die kurze Seele seiner beruflichen Gesetzgebung!

Auf welche Weise man ihn auch betrachtet, man sieht jene Eigenschaften des Geistes, die das Glück befehligen; wenige Gedanken, die sich nicht gegenseitig verwirren – einfache Elemente und kühn. Sein Charakter in der Tat lässt sich in zwei Phrasen zusammenfassen: „eine Tatsache ergriffen und ein Schlag ausgeführt“. Wäre sein Intellekt luxuriöser gewesen, wäre seine Entschlossenheit vielleicht weniger hart gewesen; und seine Härte machte seine Größe. Er war einer jener, die nur in der Tat glänzen – Schornsteine (um das Gleichnis von Sir Thomas More anzupassen), die nutzlos erscheinen, bis man das Feuer entzündet. So träumte man in ruhigen Momenten nicht von seiner Nützlichkeit, und erst auf der Straße war man stumm vor dem Ausbruch seines Genies. In welche Situation er auch gerufen wurde, man fand in ihm das, was man bei anderen vergeblich suchte; denn sein starker Verstand gab Attie das, was lange Erfahrung geben sollte, aber ihren Besitzern oft nicht zu geben vermag. Seine Energie triumphierte über das Gefühl neuer Umstände, und er durchbrach in einem Augenblick die Spinnweben, die schwächere Naturen jahrelang verstrickten. Sein Auge sah ein Endergebnis und missachtete das Detail. Er beraubte seinen Mann ohne Schikane; und nahm seine Börse, indem er darum bat, statt zu planen. Wenn seine Feinde seinem Verdienst etwas absprechen wollen – ein Verdienst, das groß, blendend und doch solide ist –, so mögen sie vielleicht sagen, dass sein Genie ihn eher dazu befähigte, Heldentaten fortzusetzen, als sie zu ersinnen; und dass er somit, neben dem Ruhm, den er mit Recht beanspruchen darf, oft jenen Ruhm völlig für sich in Anspruch nahm, der von anderen hätte geteilt werden sollen: Er nahm das Unternehmen auf, wo es bei der Arbeit aufhörte, und trug es dorthin weiter, wo es mit Ruhm belohnt wurde. Selbst dieser Vorwurf beweist einen neuen Vorzug des Geschicks und mindert nicht den weniger komplizierten Verdienst, den man ihm zuvor zugestanden hat. Der Ruhm, den er erworben hat, mag unsere Nacheiferung anregen; der Neid, den er nicht beschwichtigt hat, mag uns für die Dunkelheit trösten.

Eine Strophe griechischer Dichtung – so, nicht allzu energisch, von Mr. West übersetzt –:

„Doch in Irrtum gehüllt ist der menschliche Geist, Und menschliches Glück ist immer unsicher – Wissen wir, welches Schicksal danach verbleibt? Wissen wir, wie lange das Gegenwärtige andauern wird?“

GENTLEMAN GEORGE.

Für dich, Gentleman George, für dich, welches abschließende Abschiedswort bleibt? Ach! Seit wir die seltsame und mummenschanzartige Szene begannen, in der du zuerst eingeführt wurdest, hat der grimmige Feind dreimal an deine Tore geklopft; und nun, während wir schreiben – [Im Jahr 1830] – bist du von dort geschieden – du bist nicht mehr! Ein neuer Herr sitzt in deinem Lehnstuhl, eine neue Stimme erklingt von deinem fröhlichen Tisch – du bist vergessen! Du bist bereits, wie diese Seiten, eine Geschichte, die einem Gedächtnis erzählt wird, das nicht behält! Wo sind deine Scherze und Kapriolen; wo deine stattliche Eitelkeit und dein königlicher Prunk? Dein Haus und deine Pagode, dein gotischer Schornstein und dein chinesisches Wegweiser – diese verlangen noch die abschließende Hand. Deine Hand ist kalt; ihre Vollendung und der Genuss, den die Vollendung gewährt, sind für einen anderen! Du säst, und dein Nachfolger erntet; du baust, dein Nachfolger hält; du pflanzt, und dein Erbe sitzt im Schatten deiner Bäume –

„Neque harum, quas colis, arborum Te, praeter invisas cupressos, Ulla brevem dominum sequetur!“

[„Und keine dieser Bäume, die du pflegtest, wird dir, dem kurzlebigen Herrn, folgen, außer den hasserfüllten Zypressen.“]

In diesem Augenblick ist dein Leben – denn du warst ein Großer Mann deines Standes, und sie haben deine Biografie der von Abershaw und Sheppard hinzugefügt – dein Leben vor uns. Was für eine Homilie in seinen Ereignissen! Fröhlich lachtest du in deine Jugend und durchliefst die Bahnen deines Mannesalters. Witz saß an deinem Tisch, und Genie war dein Kamerad. Schönheit war deine Zofe; und Frivolität spielte um dich herum – ein Narr, den du verspottetest und beim Verspotten genossest! Wer unter uns kann auf deine glänzende Ära zurückblicken und nicht seufzen bei dem Gedanken, dass die wunderbaren Männer, die dich umgaben, und inmitten derer du ein Zentrum und ein Kernpunkt warst, für ihn nur Dinge der Geschichte und Gespenster einer körperlosen Tradition sind? Jene glänzenden Abendessen, glitzernd vor Schönheit, deren Erinnerung einen Ort (der noch von Bachelor Bill bewohnt wird) zu einem verhexten und märchenhaften Boden macht; alle, die sich in diesem Kreis von Armida versammelten – die Grammonts und die Beauvilliers und die Rochefoucaulds von England und der Landstraße –, wer fühlt nicht, dass es ein Triumph für die irdischeren Gefühle seines Alters gewesen wäre, diese gesehen zu haben, wenn auch nur, wie Gil Blas die Festlichkeiten seiner Schauspieler sah, vom Anrichtetisch und hinter dem Stuhl? Was muss es dann gewesen sein, sie so zu sehen, wie du sie sahst – du, der Verstorbene und Vergessene! – sie gesehen zu haben von der Höhe deiner Jugend und Macht und deines Ranges (denn früh warst du Wirt eines öffentlichen Hauses), und leichtsinnige Geister und kräftige Kapazitäten der Freude? Welche Vergnügungen, wo die Sinne ihre ungezählten Varietäten verschwendeten? Welche Gelage, wo Wein die geringste Aufregung war?

Lass die Szene wechseln. Wie aufregend ist der Wandel! Triumph und Glanz und Eroberung! Denn dein Publikum war ein Publikum von Renommee; dorthin kamen die Krieger des Rings – die Helden des Kreuzes – und du, ihr Gönner, wurdest auf ihrem Ruhm erhoben! „Principes pro victoria pugnant, comites pro Principe.“ – [Für den Sieg kämpfen die Anführer, für die Anführer die Gefährten] – Welche Visionen ziehen an uns vorbei! Welche Herrlichkeiten hast du bezeugt! Über welche Eroberungen hast du den Vorsitz geführt! Die mächtigste Epoche, die wunderbarsten Ereignisse, die die Welt, deine Welt, jemals kannte – waren diese nicht in der Tat und blendend dein,

„Den Triumph zu teilen und den Wind zu genießen“?

Lass die Szene wechseln. Das Mannesalter wird vom Alter berührt; aber Lust wird von Luxus „auf den Fersen verfolgt“, und Prunk ist der Erbe der Freude; Nippes und Flitter, statt Ruhm, umgeben, erfreuen und schmeicheln dir bis zuletzt. Dort erheben sich deine Gebäude; dort liegen, geheim, aber prächtig, die Tabernakel deiner Muße; und die Einnahmen deiner Freunde und die Reichtümer der Menschen, die sie plündern, sind Wasser für deinen kaiserlichen Strudel. Du bist in Bequemlichkeit eingehüllt wie eine Seidenraupe; und Überfluss fließt aus deinem hohen und unsichtbaren Asyl, wie der Regen aus einer Wolke strömt. – Viel hast du getan, um Schornsteinspitzen zu verschönern, viel, um die gemütlichen Ecken zu schmücken, in denen du wohntest. Das Stehlen nahm bei dir eine substantielle Form an; und die Raubüberfälle des Publikums gingen in eine Metempsychose aus Mörtel über und wurden zu öffentlichen Häusern. So dort und auf diese Weise, bauend und planend, spannst du dein letztes Garn, bis der Tod dich ereilte; und als wir uns umsahen, siehe! dein Bruder war auf deinem Herd. Und deine Parasiten und deine Kameraden und deine alten Kumpane und deine stämmigen Dirnen, sie machten ein Murmeln, und sie packten ihre Sachen; aber sie kehrten sich um, bevor sie gingen, und sie hätten deinen Bruder verehrt, wie sie dich verehrten – aber er wollte nicht! Und dein Wegweiser ist bereits fort und verfault; und dem Jolly Angler ist der Jolly Tar gefolgt! Und dein Bild verschwindet schnell aus den Druckläden und dein Name aus den Mündern der Menschen! Und dein Bruder, den niemand lobte, während du lebtest, ist auf einem Kirchturm der Lobrede gebaut, der über dem Kirchhof thront, der dein Grab enthält. O wechselhafte und flatterhafte Herzen der Menschen! Wer möchte Wirt eines öffentlichen Hauses sein? Wer den Wein und die Säfte ausschenken, die erheitern, wenn in dem Moment, da der Puls der Menge aufhört, der Wein und die Säfte vergessen sind?

Der Geschichte – denn dein Name wird in jener Aufzeichnung bewahrt bleiben, die, sei es das Kalenderblatt von Newgate oder der Nationen, uns gleichermaßen erzählt, wie Menschen leiden und sündigen und verderben – der Geschichte überlassen wir die Summe und Bilanz deiner Verdienste und deiner Fehler. Die Sünden, die die deinen waren, waren jene des Mannes, dem das Vergnügen alles in allem ist: Du warst, von der Wurzel bis zum Zweig, im Saft und im Herzen, das, was Moralisten den Libertin nennen; daher das leichte Werben, das schnelle Verlassen, der gebrochene Glaube, die organisierte Treulosigkeit, die dein Benehmen gegenüber jenen sanfteren Geschöpfen manifestierte, die dich 'Gentleman George' nannten. Niemals hast du dich gegenüber einer einzigen Frau, bis zur letzten stumpfen Flamme deines Alters, so verhalten, dass du keinen Grund zur Klage und keine Stimme für das Unrecht gabst. Aber wer soll sagen: Sei ehrlich zu einer, aber lache über Treulosigkeit gegenüber einer anderen? Wer soll Verrat auf ein Geschlecht beschränken, wenn er bei diesem Geschlecht Verrat für kein Vergehen hält? So gab es in dir, wie in all deinem Stamm, eine Laxheit des Prinzips, eine Unaufrichtigkeit des Glaubens, selbst gegenüber Männern: Deine Freunde konntest du verlassen, wenn es die Gelegenheit erforderte; und deine Luxusgüter waren dir teurer als Gerechtigkeit gegenüber denen, die sie lieferten. Menschen, die das Vergnügen lieben und für es leben wie du, sind gewöhnlich gutmütig; denn ihre Hingabe an das Vergnügen entspringt der Stärke ihrer Konstitution, und die Stärke ihrer Konstitution bewahrt sie vor den Irritationen schwächerer Nerven. So warst du gutmütig und oft großzügig; und oft verbandest du mit deiner Großzügigkeit eine Zartheit, die zeigte, dass du ein ursprüngliches und zärtliches Mitgefühl mit den Menschen hattest. Aber da jene, die dem Vergnügen nachjagen, vor allen anderen ungeduldig gegenüber Unterbrechungen sind, so zeigtest du gegenüber solchen, die dein Hauptziel störten, einen tiefen, einen dauerhaften und einen rachsüchtigen Zorn. Doch lass solche Laster des Temperaments nicht allzu streng beurteilt werden! Denn dir waren die zwei überzeugendsten Versucher des Menschen gegeben, physisch und moralisch – Gesundheit und Macht! Deine Talente, wie sie auch waren – und es waren die Talente eines Mannes von Welt –, führten dich eher in die Irre, als dass sie dich leiteten, denn sie gaben deinem Geist jene Demiphilosophie, jene Gleichgültigkeit gegenüber erhabenen Motiven, die man gewöhnlich bei einem cleveren Lebemann findet. Deine Bildung war erbärmlich; du hattest einen Anflug von Horaz, aber du konntest kein Englisch schreiben, und deine Briefe verraten, dass du kläglich unwissend in Logik warst. Die Feinheit deines Geschmacks ist übertrieben worden; du warst mit der Noblesse der Einfachheit nicht vertraut; deine Idee von einem Ganzen war grotesk und überladen, und deine Fantasie in Details war grell und meretrizisch. Aber du hattest deine Hand ständig im öffentlichen Geldbeutel, und du hattest Pläne und Berater für immer vor dir; mehr als alles andere fandest du die Häuser in der Nachbarschaft, in der du bautest, so übernatürlich scheußlich, dass du nur wenig Wissenschaft benötigtest, um in deinen Kreationen weniger schrecklich zu sein. Wenn du dein Heimatdorf und deine verschiedenen Heime auch nicht mit einem soliden, einem erhabenen und einem noblen Geschmack verbessert hast, so hast du dich dennoch sehr sonderbar verbessert. Und deine Nachwelt wird, wenn sie die Fehler deines Mauerwerks vermeidet, für die Auswirkungen deines Ehrgeizes dankbar sein. Dieselbe Demiphilosophie, die dich im Privatleben beeinflusste, übte eine weitaus gutartigere und glücklichere Macht über dich in der Öffentlichkeit aus. Du warst nicht unnütz ärgerlich in Kirchengemeinderäten, noch gewöhnlich tyrannisch in deiner Gemeinde; wenn du jemals willkürlich warst, dann nur, wenn dein Vergnügen gehemmt oder deine Eitelkeit verwundet war. Zu anderen Zeiten ließest du den Ereignissen ihren legitimen Lauf, sodass du in deinen späteren Jahren in deiner Gemeinde zu Recht beliebt warst; und im Grab wird dein großes Glück deine wenigen schlechten Eigenschaften überstrahlen, und die Menschen werden von dir mit einem gütigen, nicht mit einem irrenden Urteil sagen: „Im Privatleben war er nicht schlimmer als die Rufers, die an diese Bar kamen; im öffentlichen Leben war er besser als jene, die vor ihm ein öffentliches Haus führten.“ Horch! Diese Jubelrufe! Was ist die Last dieses Chors? Oh, dankbare und niemals zeitservile Briten, habt ihr schon für einen anderen das Lied modifiziert, das ihr so ausschließlich zu Ehren von Gentleman George gemacht habt: und müssen wir, damit wir nicht die Kundschaft der Öffentlichkeit und die guten Dinge der Schankstube verlieren – müssen wir mit Kehlen brüllen, die noch heiser von unserer Inbrunst für die alten Worte, unserer Begeisterung für die neuen sind –

„Auf Mariner Bill, Gott segne ihn! Gott segne ihn! Gott segne ihn! Auf Mariner Bill, Gott segne ihn!“

TOMLINSONIANA;

ODER,

DIE NACHGELASSENEN SCHRIFTEN

DES BERÜHMTEN

AUGUSTUS TOMLINSON,

PROFESSOR DER MORALPHILOSOPHIE AN DER UNIVERSITÄT VON -------

ADRESSIERT AN SEINE SCHÜLER,

UND UMFASSEND

I MAXIMEN ÜBER DIE POPULÄRE KUNST DES ERSCHAFFENS, ILLUSTRIERT DURCH ZEHN CHARAKTERE, EINE EINFÜHRUNG IN JENE EDLE WISSENSCHAFT, DURCH DIE JEDER MANN SEIN EIGENER GAUNER WERDEN KANN.

II BRACHYLOGIA; ODER, ESSAYS KRITISCH, SENTIMENTAL, MORALISCH UND ORIGINAL.

EINFÜHRUNG.

Da ich in letzter Zeit in Deutschland gereist bin, verbrachte ich einige Zeit an jener Universität, an der Augustus Tomlinson als Professor der Moralphilosophie den Vorsitz führte. Ich fand heraus, dass dieser große Mann nach langer Krankheit zu Beginn des Jahres 1822 starb, vollkommen ergeben seinem Schicksal und selbst auf dem Sterbebett noch über die göttlichen Geheimnisse der Ethischen Philosophie konversierend. Ungeachtet der kleinen Peccadillos, auf die ich auf den letzten Seiten von „Paul Clifford“ angespielt habe und die seine Schüler für ratsam hielten, vor –

„Dem grellen, schwatzhaften und reuelosen Tag“

zu verbergen, wurde sein Andenken immer noch mit zärtlicher Verehrung bewahrt. Vielleicht machen, wie im Falle des illustren Burns, die Fehler eines großen Mannes seine Genialität liebenswert. In seinen letzten Tagen pflegte der PROFESSOR einen hellgrünen seidenen Morgenmantel zu tragen und, da er vollkommen kahlköpfig war, eine kleine schwarze Samtkappe; seine Beinkleider waren pfeffer- und salzfarben. Diese interessanten Fakten erfuhr ich von einem seiner Schüler. Sein Alter verzehrte sich in Vorlesungen, in Unterhaltung und in der Komposition der kleinen Morceaux der Weisheit, die wir der Öffentlichkeit präsentieren. In diesen Essays und Maximen, kurz wie sie sind, scheint er die Weisheit seines fleißigen und ehrenhaften Lebens konzentriert zu haben. Mit großer Schwierigkeit verschaffte ich mir von seinen Nachlassverwaltern die Manuskripte, die damals für die deutsche Presse vorbereitet wurden. Eine wertvolle Gegenleistung bewog jene Herren, philanthropisch zu werden und die unschätzbaren Segnungen zu bedenken, die sie diesem Land erweisen würden, indem sie mir gestatteten, die folgenden Essays in ihrem ursprünglichen und englischen Gewand am selben Tag dem Licht zu übergeben, an dem sie in Deutschland in den Reizen der fremden Maskerade erscheinen.

In einem Zeitalter, in dem, während die Heuchelei durch das Land schleicht, lächelt, sich seitwärts schiebt, stolziert und humpelt, auch die Wahrheit beginnt, ihre Widersacherin bei jeder Bewegung zu beobachten, kann ich nicht anders, als diese Lektionen des Augustus Tomlinson für besonders zeitgemäß zu halten. Ich füge sie als passenden Anhang zu einem Roman hinzu, der nicht unangemessen als eine Abhandlung über soziale Betrügereien bezeichnet werden kann; und wenn sie in sich den Beweis fleißiger Aufmerksamkeit und jenes Prinzip des Guten enthalten, in dem die Satire des Lasters nur der Keim seiner Entdeckung ist, mögen sie vielleicht nicht gänzlich unbeachtet bleiben; noch zu jenem hastigen Lesen verurteilt sein, in dem die Gleichgültigkeit von heute nur das Vorspiel zur Vergesslichkeit von morgen ist.

INHALT.

MAXIMEN ÜBER DIE POPULÄRE KUNST DES BETRÜGENS, Illustriert durch Zehn Charaktere, eine Einführung in jene edle Wissenschaft, durch die jeder Mann sein eigener Gauner werden kann

BRACHYLOGIA: Über die Moral, die die Reichen den Armen lehren Nacheiferung Warnung vor den Spöttern des „Humbug“ Populärer Zorn über individuelle Unbesonnenheit Dum deflnat Amnis Selbstverherrlicher Gedanken über das Glück Witz und Wahrheit Autotheologie Glorreiche Verfassung Antwort auf den populären Kant, dass Güte bei einem Staatsmann besser sei als Fähigkeit Gesunder Menschenverstand Liebe und Schriftsteller über die Liebe Das Große Erbe Die Regeneration eines Schurken Stil

MAXIMEN

ÜBER

DIE POPULÄRE KUNST DES BETRÜGENS,

ILLUSTRIERT DURCH ZEHN CHARAKTERE;

EINE EINFÜHRUNG IN JENE EDLE WISSENSCHAFT, DURCH DIE JEDER MANN SEIN EIGENER GAUNER WERDEN KANN.

Setze einen Dieb ein, um einen Dieb zu fangen. — Sprichwort.

I.

Wann immer Ihr im Begriff seid, etwas erstaunlich Falsches von Euch zu geben, beginnt stets mit: „Es ist eine anerkannte Tatsache“ usw. Sir Robert Filmer war ein Meister dieser Schreibweise. Mit welch ernster Miene versuchte jener große Mann doch zu betrügen! „Es ist eine unbestreitbare Wahrheit, dass es keine wie auch immer geartete Menge von Menschen geben kann, ob groß oder klein, usw., ohne dass in derselben Menge ein Mensch unter ihnen ist, der von Natur aus das Recht hat, König über alle anderen zu sein – als der nächste Erbe Adams!“

II.

Wenn Ihr vom Publikum etwas wollt, schiebt die Schuld für Euer Ersuchen auf das heiligste Prinzip, das Ihr finden könnt. Ein gewöhnlicher Bettler kann Euch dazu erlesene Lektionen erteilen, ist dies doch die wichtigste Maxime in der Kunst des populären Betrugs. „Um der Liebe Gottes willen, mein Herr, einen Penny!“

III.

Wann immer Ihr Euch in irgendeiner moralischen, sentimentalen oder politischen Angelegenheit völlig unwissend findet, sprecht sogleich von den „Gesetzen der Natur“. Da diese Gesetze nirgendwo geschrieben stehen – [Locke] –, sind sie niemandem bekannt. Sollte Euch jemand fragen, woher Ihr eine solche oder solche Lehre als Diktat der Natur zu kennen glaubt, legt die Hand auf Euer Herz und sagt: „Hier!“

IV.

Gebt den Neigungen eines Mannes nach, und er wird Eurem Interesse nachgeben.

V.

Wenn Ihr zu Halbweisen sprecht, schwatzt; wenn Ihr zu Unwissenden sprecht, prahlt; wenn Ihr zu Verständigen sprecht, seht sehr demütig aus und fragt nach ihrer Meinung.

VI.

Denkt immer daran, meine geliebten Schüler, dass die Mittel zum Lebensunterhalt nicht von den Tugenden, sondern von den Lastern anderer abhängen. Der Anwalt, der Staatsmann, der Henker, der Arzt werden von unseren Sünden bezahlt; ja, selbst die gewöhnlicheren Berufe – der Schneider, der Kutschenbauer, der Tapezierer, der Weinhändler – beziehen ihr Vermögen, wenn nicht gar ihre Existenz, aus jenen kleineren Lastern, unseren Schwächen. Eitelkeit ist die Ziffer, die den Nullen der Notwendigkeit vorangestellt ist. Deshalb, oh meine geliebten Schüler! Kümmert Euch nicht darum, was die Tugenden eines Mannes sind; verschwendet keine Zeit damit, sie zu erlernen. Heftet Euch sogleich an seine Gebrechen. Tut dem Einzelnen das, was Ihr, wärt Ihr ein ehrlicher Mann, den Vielen antun würdet. Dies ist der Weg, individuell ein Schurke zu sein, so wie ein Anwalt professionell ein Schurke ist. Spitzbuben sind wie Kritiker – [Nullum simile est quod idem. – HERAUSGEBER.] – „Fliegen, die sich von den wunden Stellen nähren und nichts zu leben hätten, wäre der Körper gesund.“ – [Tatler].

VII.

Jeder Mann findet es bisweilen wünschenswert, Tränen in den Augen zu haben – man empfindet Sympathie für feuchte Lider. Die Vorsehung hat vorteilhafterweise für dieses Bedürfnis gesorgt und jedem Menschen in ihrer göttlichen Voraussicht Unglücke beschert, deren Erinnerung schmerzhaft ist. Daher wohl jene menschlichen Katastrophen, über die der Atheist schimpft! Wenn Ihr also Eurem beabsichtigten Opfer ein ergreifendes Gefühl offenbart, denkt an das größte Unglück, das Ihr je in Eurem Leben hattet; die Gewohnheit wird die Verbindung von Tränen und jener melancholischen Erinnerung bald beständig beglücken. Ich kannte, meine lieben Schüler, einen höchst intelligenten Franzosen, der durch das Aufsagen der Verse eines alten Dichters mit strömenden Augen ein bezauberndes Vermächtnis von ihm erhielt. „Wie konntet Ihr auf Befehl weinen?“, fragte ich (ich war damals jung, meine Schüler). „Je pensois“, antwortete er, „à mon pauvre père, qui est mort.“ Die Verbindung von Gefühl mit der Fähigkeit zum Betrug machte jenen Franzosen zu einem höchst faszinierenden Geschöpf!

VIII.

Begeht niemals den Fehler der allzu Schlauen und haltet die menschliche Natur für schlechter, als sie ist. Die menschliche Natur ist so verdammt gut, dass wir Schurken nicht leben könnten, gäbe es nicht die menschliche Kunst. Die primären Elemente des menschlichen Geistes erhalten uns nicht; es ist das, was er „der Sorgfalt seiner Erziehung“ und „den Segnungen der zivilisierten Gesellschaft“ verdankt!

IX.

Wann immer Ihr daran zweifelt, meine Schüler, ob Euer Mann ein Quacksalber ist oder nicht, entscheidet den Punkt, indem Ihr seht, ob er ein positiver Behaupter ist. Nichts deutet so sehr auf Hochstapelei hin wie Zuversicht. Volney sagt treffend, „dass der berühmteste der Scharlatane – [Mahomet] – und der kühnste der Tyrannen sein außergewöhnliches Gewebe aus Lügen mit diesen Worten beginnt: ‚Es gibt keinen Zweifel in diesem Buch!‘“

X.

Es gibt eine Art des Betrügens, die den Britischen Inseln eigentümlich ist und die ich Euch, meine Schüler, eindringlich empfehle, hier einzuführen – Betrug durch Zeichnung. Die Menschen werden gerne in Gesellschaft geplündert; aus dem Betrogensein wird dann ein Parteigeist. So bat ein Quacksalber sehr ernsthaft Leute, für ihn ein Schiff auszurüsten und ihn als dessen Kapitän um die Welt zu schicken, um Entdeckungen zu machen; und ein anderer schlug patriotisch vor, 10.000 Pfund zu zeichnen – wofür? – um ihn ins Parlament zu bringen! Keiner dieser Kerle hätte einem Einzelnen einen Schilling abgeluchst, hätte er ihn in einer Ecke darum gebeten; aber eine gedruckte Liste, mit „Seiner Königlichen Hoheit“ an der Spitze, spielt mit englischen Guineen den Teufel. Eine Zeichnung für Einzelpersonen kann als eine Gesellschaft zur ostentativen Förderung von Müßiggang, Unverschämtheit, Bettelei, Hochstapelei und anderen öffentlichen Tugenden betrachtet werden!

XI.

Wann immer Ihr das Leben eines großen Mannes lest, ich meine einen eminent erfolgreichen Mann, werdet Ihr erkennen, dass alle ihm zugeschriebenen Eigenschaften jene sind, die selbst ein mittelmäßiger Schurke benötigt. „Er besaß“, sagt der Biograph, „das größte Geschick [nämlich die Fähigkeit zur Schmeichelei]; den bewundernswürdigsten Mut [nämlich die Fähigkeit zur Einschüchterung]; die edelste Standhaftigkeit [nämlich die Fähigkeit, sich einschüchtern zu lassen]; die einzigartigste Vielseitigkeit [nämlich die Fähigkeit, dem einen das eine zu sagen und dem anderen das Gegenteil]; und die wunderbarste Beherrschung des Geistes seiner Zeitgenossen [nämlich die Fähigkeit, ihre Geldbörsen zu schröpfen oder ihre Handlungen zu verführen].“ Wenn Euch das Glück also in ein bescheidenes Leben führt, studiert eifrig die Biographien der Großen, um Euch als Schurken zu vervollkommnen; befindet Ihr Euch in den gehobeneren Kreisen der Gesellschaft, seid gründlich bewandert in den Leben der Schurkischen: So werdet Ihr Euch befähigen, bedeutend zu sein!

XII.

Die Heuchelei der Tugend, meine geliebten Schüler, ist heutzutage ein wenig aus der Mode gekommen; manchmal ist es besser, die Heuchelei des Lasters vorzutäuschen. Erscheint großzügig ausschweifend und schwört mit herzlichem Gesicht, dass Ihr nicht vorgebt, besser zu sein als die Allgemeinheit Eurer Nachbarn. Aufrichtigkeit ist kein geringerer Deckmantel als das Lügen; ein Friesrock hüllt Euch ebenso gut ein wie ein spanischer Mantel.

XIII.

Wenn Ihr einen großen Plan auszuführen und eine Reihe von Personen zu betrügen gedenkt, lasst die ersten ein oder zwei der vorgesehenen Zahl die klügsten, schlauesten Kerle sein, die Ihr finden könnt. Ihr habt dann eine Referenz, die allein schon den Rest der Welt täuschen wird. „Dass dieser Herr Lynx zufrieden ist“, wird vollauf genügen, um Herrn Mole von der Ehrlichkeit Eurer Absichten zu überzeugen! Auch sind schlaue Männer nicht am schwersten hereinzulegen; sie verlassen sich auf ihre Stärke: Unverwundbare Helden sind notwendigerweise die tapfersten. Sprecht mit ihnen geschäftsmäßig und verweist Euer Vorhaben sogleich an ihren Anwalt. Mein Freund John Shamberry war ein Modell für diesen großen Kunstgriff. Er schwindelte zwölf Leute um einige Tausend Pfund, mit nicht mehr Mühe, als es ihn zuerst kostete, wen wohl zu betrügen? – den Sekretär der Gesellschaft zur Unterdrückung des Schwindels!

XIV.

Teilt Eure Künste in zwei Klassen ein – jene, die Euch wenig Mühe kosten, und jene, die viel kosten. Die ersten – Schmeichelei, Aufmerksamkeit, das Beantworten von Briefen postwendend, das Überqueren einer Straße, um dem Mann einen Gefallen zu tun, den Ihr ruinieren wollt; all dies dürft Ihr niemals vernachlässigen. Der geringste Mann ist es wert, mit geringem Aufwand gewonnen zu werden. Und außerdem, während Ihr Euch selbst dient, erwerbt Ihr zugleich den Ruf von Höflichkeit, Fleiß und Gutmütigkeit. Aber die Künste, die Euch viel Mühe kosten – eine lange Unterwürfigkeit unter ein reizbares Individuum; das Nachahmen des Scheins einer Tugend, einer Eigenschaft oder eines Wissenszweiges, den Ihr nicht besitzt, gegenüber einer Person, die schwer zu blenden ist – all dies beginnt niemals, außer für große Ziele, die nicht nur den Verlust an Zeit, sondern auch das Risiko der Entdeckung wert sind. Große Mühe für kleinen Gewinn ist die Maxime des Geizhalses. Der Schurke sollte mehr grandeur d'ame [Größe der Seele] besitzen!

XV.

Vergebt immer.

XVI.

Wenn ein Mann Euch eine Summe Geld schuldet – Schüler meiner Wenigkeit, die Ihr seid, mag es vorkommen, dass Ihr einmal in Eurem Leben so dumm seid, zu leihen – und Ihr Schwierigkeiten habt, es zurückzubekommen, appelliert nicht an seine Gerechtigkeit, sondern an seine Wohltätigkeit. Die Bestandteile der Gerechtigkeit schmeicheln wenigen Menschen! Wer mag schon ein Unannehmlichkeit hinnehmen, weil er es sollte – ohne Lob, ohne auch nur Selbstzufriedenheit? Aber Wohltätigkeit, meine lieben Freunde, kitzelt die menschliche Prahlerei auf köstliche Weise. Wohltätigkeit impliziert Überlegenheit; und das Gefühl von Überlegenheit ist der sozialen Natur höchst angenehm. Daher die Verbreitung der Wohltätigkeit im Verhältnis zu anderen Tugenden auf der ganzen Welt; und daher werdet Ihr besonders bemerken, dass die Menschen, je hochmütiger und arroganter sie sind, das Almosengeben preisen und wohltätige Einrichtungen fördern werden.

XVII.

Eure vornehmen Schurken beobachten die Schlauheit der vulgären nicht hinreichend. Der tatsächliche Bettler nutzt jede Wunde aus; aber der moralische Betrüger ist unverzeihlich stumpf gegenüber dem Glück eines körperlichen Gebrechens. Um einen Gefallen zu erhalten, vernachlässigt keine Methode, die Mitleid erregen könnte. Ich kannte einen würdigen Vikar, der zwei Pfründen durch die Glückseligkeit eines hektischen Hustens erhielt, und einen jüngeren Bruder, der zehn Jahre lang von seiner Familie aufgrund eines langsamen Schwindsucht-Leidens lebte.

XVIII.

Wenn Ihr Euch eine kleine Summe aneignen wollt, erinnert Euch daran, dass die kleine Summe in Gegenüberstellung mit einer großen gesetzt werden sollte. Ich drücke mich nicht klar aus – nehmt ein Beispiel. In London gibt es Spitzbuben, die inserieren, 70.000 Pfund zu vier Prozent zu verleihen; nur mit den Kapitalgebern selbst werde verhandelt. Der Herr, der eine solche Summe auf Hypothek wünscht, geht hin, um den Inserenten zu sehen; der Inserent sagt, er müsse schnell hinunterfahren und sich die Immobilie ansehen, auf die das Geld geliehen werden soll; seine Reise und Auslagen würden ihn eine bloße Kleinigkeit kosten – sagen wir, zwanzig Guineen. Lasst ihn zuversichtlich sprechen; lasst den Herrn das Geld zu dem angegebenen Zinssatz dringend benötigen, und es steht drei zu eins, dass unser Spitzbube die zwanzig Guineen bekommt – eine so unbedeutende Summe im Vergleich zu 70.000 Pfund, obwohl es eine so ernste Summe wäre, ginge es um Pfennige!

XIX.

Lord Coke hat gesagt: „Einen Irrtum bis zu seiner Quelle zurückzuverfolgen, heißt, ihn zu widerlegen.“ Nun, meine jungen Schüler, ich setze voraus, dass Ihr am Erhalt des Irrtums interessiert seid; Ihr wünscht also nicht, dass er bis zu seiner Quelle zurückverfolgt wird. Wann immer Ihr also einen schlauen Kerl seht, der ihn aufspürt, habt Ihr zwei Wege, die Angelegenheit zu regeln. Ihr könnt mit einem Lächeln sagen: „Nein, nun, mein Herr, Ihr werdet spekulativ – ich bewundere Euren Einfallsreichtum“; oder aber schaut ernst, werdet rot und sagt: „Ich glaube, mein Herr, es gibt für diese Behauptung keine Rechtfertigung in der heiligsten aller Autoritäten!“ Der Teufel kann die Schrift zitieren, wisst Ihr; und ein sehr vernünftiger Teufel ist er obendrein!

XX.

Rochefoucauld hat gesagt: „Der Hass auf Günstlinge ist nichts anderes als die Liebe zur Gunst.“ Die Idee ist ein wenig eingeengt; der Hass, den wir gegen irgendeinen Menschen hegen, ist nur das Ergebnis unserer Liebe für ein Gut, von dem wir uns einbilden, er besitze es, oder das, da es in unserem Besitz ist, er angegriffen hat. So entsteht Neid, die gewöhnlichste Art des Hasses, aus unserer Wertschätzung für den Ruhm, das Tafelsilber oder die Zufriedenheit, die wir erblicken; und Rache wird aus unserer Rücksicht auf unseren Ruhm geboren, der verwundet wurde, oder unsere Äcker, die belästigt wurden, oder unsere Rechte, die verletzt wurden. Aber der lärmendste aller Hassgefühle ist der Hass auf die Reichen aus Liebe zum Reichtum. Beobachtet den armen Teufel gut, der immer gegen Kutschen und Viergespanne schimpft! Bucht ihn als einen Mann, den man bestechen kann!

XXI.

Meine geliebten Schüler, nur wenige haben bisher ausreichend die Kunst studiert, durch die die Praxis der Witze der Wissenschaft der Schwindler dienstbar gemacht wird. Das Herz eines Untergebenen ist immer von einem Scherz fasziniert. Die Menschen wissen das bei der Gaunerei von Wahlen. Wisst es nun, meine Schüler, bei der Gaunerei des Lebens! Wenn Ihr jenen Schuster so liebevoll auf den Rücken klopft, ist es Eure eigene Schuld, wenn Ihr Euer Ziel nicht gleichzeitig in ihn hineinklopft. Beachtet, wie Shakespeare (den studiert Tag und Nacht – kein Mensch hat die Mysterien der Schurkerei besser dargelegt!), seinen großartigsten und vollkommensten Schurken, Richard III., seine guten Freunde, die Mörder, mit einer scherzhaften Lobrede auf jene Härte des Herzens ansprechen lässt, auf die sich jene armen Kerle zweifellos am meisten einbildeten –

„Eure Augen lassen Mühlsteine fallen, wo die Augen der Narren Tränen vergießen – Ich mag euch, Burschen!“

Könnt Ihr Euch nicht das wissende Grinsen vorstellen, mit dem die Hunde dieses Kompliment entgegennahmen, und den kleinen, schelmischen Stoß in den Magen, mit dem Richard diese liebevollen Worte „Ich mag euch, Burschen!“ fallen ließ?

XXII.

Wie Gutmütigkeit das Merkmal des Betrogenen ist, so sollte gute Laune das Merkmal des Schurken sein; die beiden passen ineinander wie Gelenke. Glücklicherweise ist Gutmütigkeit ein Narziss und verliebt sich in ihr eigenes Ebenbild. Und gute Laune ist zur Gutmütigkeit das, was die Florimel aus Schnee zur Florimel aus Fleisch war – ein exaktes Abbild aus den kältesten Materialien.

XXIII.

DAS LOB DER GAUNEREI.

Ein Gauner ist ein Philosoph, obgleich ein Philosoph nicht notwendigerweise ein Gauner ist. Was hat ein Gauner mit Leidenschaften zu tun? Jedes unregelmäßige Verlangen muss er unterdrücken; jede Schwäche muss er ausmerzen; sein ganzes Leben verbringt er mit der Erlangung von Wissen: denn was ist Wissen? – Die Entdeckung menschlicher Irrtümer! Er ist der einzige Mensch, der stets konsequent und doch immer prüfend ist; er kennt nur ein Ende, erforscht jedoch jedes Mittel; Gefahr, übler Ruf, alles, was andere Menschen erschreckt, schreckt ihn nicht; er trotzt allem, wird aber von allem bewahrt: denn ich halte dafür, dass ein Gauner aufhört, ein Gauner zu sein – er ist zum Narren geworden –, in dem Augenblick, da ihm Unheil widerfährt. Er bekennt sich zur Kunst des Betrügens; aber die Kunst des Betrügens besteht darin, ohne Gefahr zu betrügen. Er ist teres et rotundus; Schläge prallen von der Schlüpfrigkeit seiner Politur und den Verschiebungen seiner kreisförmigen Formation ab. Wer sich des Ruhms seines Berufs nicht bewusst ist, wer nur für den Profit offen ist, ist kein Schüler von mir. Ich halte von der Gaunerei, wie Platon von der Tugend gesagt hat: „Könnte sie leibhaftig gesehen werden, sie würde eine persönliche Anbetung hervorrufen!“ Niemand außer jenen, die von einem großzügigen Enthusiasmus inspiriert sind, wird von den obigen Maximen profitieren, noch (und hier warne ich Euch feierlich vor dem heiligen Boden, bis Euer Haupt entblößt und Eure Füße in der Ehrfurcht der Verehrung bar sind) mit Gewinn in die folgenden Charakterbeschreibungen eintreten – jenen Tempel der Zehn Statuten, in dem ich die kostbarsten Relikte meiner gereisten Gedanken und meiner gesammelten Erfahrung aufbewahrt und geheiligt habe.

ZEHN CHARAKTERE.

I.

Der milde, entscheidungsschwache, gutmütige und träge Mann. Diese Eigenschaften gehen mit guten Gefühlen, aber keinen Prinzipien einher. Der Mangel an Festigkeit beweist auch den Mangel an irgendeinem eigenartigen oder tief verwurzelten Denksystem. Ein Mann, der über ein einziges und bevorzugtes Meditationsthema nachsinnt, wächst mit der einen oder anderen der Meinungen zusammen, um die er kreist. Ein allgemein entscheidungsschwacher Mann hat meist ein zielloses Leben geführt und seine Aufmerksamkeit nie lange genug auf eine Sache gerichtet. Dies ist ein Mann, der am leichtesten zu betrügen ist, meine geliebten Freunde; Ihr betrügt ihn sogar mit offenen Augen. Trägheit ist ihm teurer als alles andere; und wenn Ihr ihn allein trefft und ihm eine Frage direkt und unverblümt stellt, kann er nicht mit Nein antworten.

II.

Der schüchterne, misstrauische, egoistische und kalte Mann. Im Allgemeinen ist ein Charakter dieser Art ein ausgezeichneter Geschäftsmann und würde auf den ersten Blick den genialsten Schwindler in Verlegenheit bringen. Aber Ihr habt eine Hoffnung – ich habe selten erlebt, dass sie mich täuscht –, dieser Mann ist gewöhnlich prahlerisch. Ein kalter, ein ängstlicher, doch weltlicher Mensch hat immer ein Auge auf andere; er bemerkt die Wirkung, die bestimmte Dinge auf sie haben; er ist bestrebt, ihre Meinungen zu erfahren, damit er nicht überschreitet; er mag es zu wissen, was die Welt von ihm sagt; ja, seine Schüchternheit macht ihn bestrebt, seinen Egoismus auf deren gutes Urteil zu stützen. Daher wird er prahlerisch, mag jene Wirkung, von der vorteilhaft gesprochen wird, und jenen Glanz, der Anerkennung gewinnt. Packt ihn an diesem Punkt, meine Schüler!

III.

Der melancholische, zurückgezogene, sensible, intellektuelle Charakter. Ein sehr gutes Subjekt für Eure Gaunereien, meine jungen Freunde, obgleich es große Unterscheidungskraft und Feingefühl erfordert. Dieser Charakter besitzt einen beträchtlichen Teil krankhaften Misstrauens und Reizbarkeit – davor müsst Ihr Euch hüten; gleichzeitig ist sein vorherrschendes Merkmal eine mächtige, aber nicht eingestandene Eitelkeit. Es ist meist eine gute Meinung von sich selbst und das Gefühl, von anderen nicht gewürdigt zu werden, die einen Menschen zurückhaltend machen; er hält sich aufgrund der Zartheit seines Temperaments und des Mangels an entsprechender Gefühlslosigkeit bei denen, die er sieht, für ungeeignet für die Welt! Das ist Euer Hebel, um zu arbeiten. Er ist zudem besonders geschmeichelt in Bezug auf Hingabe und Zuneigung; er verlangt in der Liebe, wie von der Welt, zu viel. Er ist ein Lara, dessen Frauen Medoras sein müssen; und selbst seine männlichen Freunde sollten Kaleds sehr ähnlich sein! Armer Mann! Ihr seht, wie leicht er getäuscht werden kann. Bemerkung: Unter Personen dieses Charakters finden sich meist jene Sonderbarkeiten, Launen und Eigentümlichkeiten, die jede für sich ein Hebel sind. Kein Mensch lebt ungestraft außerhalb der Welt in Bezug auf die Festigkeit seines eigenen Charakters. Jeder neue Auslass für die Laune ist ein neuer Einlass für das Herz.

IV.

Der kühne, großzügige, offene und liebevolle Mann – gewöhnlich eine Person von robuster Gesundheit. Seine Konstitution erhält ihn bei Laune, und seine Laune bei Mut und Wohlwollen. Er ist offensichtlich kein harter Charakter, meine guten jungen Freunde, für Euch zu täuschen; denn es fehlt ihm an Misstrauen, und all seine guten Eigenschaften machen ihn für Euch zugänglich. Aber hütet Euch vor seinem Zorn, wenn er Euch durchschaut! Er ist ein schrecklicher Othello, wenn seine Natur erst einmal gestochen ist. Bemerkung: Eine gute Art von Charakter, um ihn zu illegalen Praktiken zu verführen; gibt einen erträglichen Verräter oder einen erstklassigen Schmuggler ab. Ihr selbst dürft niemals ein illegales Vergehen begehen – gibt es nicht Handlanger für die Kastanien? Da alle Gesetze Unterdrückungen sind (nur notwendige und oft heilige Unterdrückungen, die Ihr ihm nicht erklären müsst) und sein Charakter besonders feindselig gegenüber Unterdrückung ist, verführt Ihr den von uns beschriebenen Menschen leicht dazu, den Gesetzen seines Landes zu trotzen. Ja! Der kühne, großzügige, offene und liebevolle Mann muss nur in bescheidenen Verhältnissen geboren sein, um sich des Galgens sicher zu sein!

V.

Der kühne, egoistische, verschlossene, habgierige Mann wird Euch aller Wahrscheinlichkeit nach betrügen, meine lieben Freunde. Denn ein solcher Charakter bildet den Meister-Schurken, den Stoff, aus dem die Natur einen Richard den Dritten formt. Ihr solltet einen solchen Mann besser völlig in Ruhe lassen. Er ist sogar schlecht, um ihm zu dienen. Er zerbricht seine Werkzeuge, wenn er mit ihnen fertig ist. Nein, Ihr könnt mit ihm nichts anfangen, meine guten jungen Männer!

VI.

Der essende, trinkende, gedankenlose, sinnliche, mechanische Mensch – das gewöhnliche Tier. Ein solches Geschöpf hat List und ist entweder feige oder grausam; selten bewahrt es in diesen Eigenschaften ein Mittelmaß. Er ist keineswegs leicht zu täuschen. Die Natur verteidigt ihre geistigen Tiere durch die Dicke ihres Fells. Gewinnt seine Geliebte, wenn möglich; sie ist die beste Person, um ihn zu handhaben. Solche Geschöpfe sind die natürliche Beute gerissener Frauen; ihre bloße Stumpfheit deckt alles außer der Sinnlichkeit ab. Dem Samson die Delilah.

Der fröhliche, betrügerische, schlaue, weltgewandte, fähige Mann – der Höfling, der Mann von Welt. Im öffentlichen und bewegten Leben ist dies der passende Gegenspieler – oft der erfolgreiche und triumphierende Rivale von Charakter V. Sie werden bemerken, dass ein solcher Mann in seinem Intellekt so stark variiert – vom bloßen Schmetterlingstalent bis zum seltensten Genie, von der Person, die Sie beim Kartenspiel sehen, bis zu der, die Sie in Kabinetten antreffen, vom ----- bis zum Chesterfield, vom Chesterfield bis zum Perikles –, dass es schwierig ist, Ihnen eine genaue Vorstellung von den Schwachpunkten eines so vielfältigen Charakters zu vermitteln. Doch während er seine Ebenbürtigen und seine Vorgesetzten täuscht, halte ich ihn, meine aufmerksamen Schüler, keineswegs für einen Charakter, der für einen Untergebenen schwer zu täuschen wäre. Und auf diese Weise müssen Sie es anstellen. Versuchen Sie es nicht mit Heuchelei; er wird sie im Handumdrehen durchschauen. Lassen Sie ihn auf den ersten Blick glauben, Sie seien ein Schurke. Seien Sie diesbezüglich selbst offen; aber lassen Sie ihn glauben, Sie seien ein nützlicher Schurke. Dienen Sie ihm gut und eifrig; aber geben Sie zu, dass Sie dies tun, weil Sie Ihr Interesse darin verwickelt sehen. Diese Argumentation stellt ihn zufrieden; und da Männer dieses Charakters gewöhnlich großzügig sind, wird er deren Gerechtigkeit anerkennen, indem er Ihnen reichlich Brocken zuwirft und Sie mit freigiebigen Stärkungsmitteln anspornt. Sollte er Sie damit nicht zufriedenstellen, stellen Sie sich zufrieden; und profitieren Sie davon, ihn zu verraten (das ist der beste Weg, ihn zu betrügen), nicht durch seine Fehler, sondern durch die Gelegenheit. Beobachten Sie nicht seinen Charakter, sondern Ihre Zeit.

VIII.

Der eitle, arrogante, mutige, verliebte, auffällige Charakter. Diese Art von Charakter schrieben wir früher den Franzosen zu, und er ist auf dem Kontinent noch immer verbreiteter als auf jener geliebten Insel, die ich nie wiedersehen werde! Ein Geschöpf dieser Beschreibung besteht aus vielen falschen Tugenden; vor allem anderen ist es stets freigebig, wo an seinen Egoismus appelliert wird, andernfalls nicht. Sie müssen also herausfinden, was ihm gefällt, und seinen Vorlieben schmeicheln. So werdet Ihr es betrügen – oder Ihr werdet es auch betrügen, indem Ihr die falschen Tugenden vortäuscht, die es selbst bewundert – schminken Sie Ihre Gefühle dick auf und lassen Sie sie mit hochmütigem Gebaren stolzieren; drittens, meine guten jungen Männer, werdet Ihr es durch ausgiebige Schmeichelei betrügen und indem Ihr es insbesondere „den Spiegel der Ritterschaft“ nennt.

IX.

Der einfache, vernünftige, ehrliche Mann – ein günstiges, aber kein erhabenes Exemplar unserer Rasse. Diesen Charakter, meine geliebten Schüler, könnt Ihr einmal hereinlegen, aber niemals zweimal. Auch könnt Ihr einen solchen Mann nicht als Fremden hereinlegen; er muss Euer Freund oder Verwandter sein oder einen Teil Eurer Familie gut gekannt haben. Ein Mann dieses Charakters ist immer offen, wenn auch in mäßigem und ruhigem Maße, für die Pflichten und Bindungen des Lebens. Er wird immer etwas tun, um seinem Freund, seinem Bruder oder dem Mann zu helfen, dessen Vater seinen Vater aus dem Serpentine gezogen hat. Versucht bei ihm keinen Firnis; wendet keine Arglist an, wenn Ihr versucht, seine Unterstützung zu erhalten. Äußert offen Euren Wunsch nach diesem oder jenem Dienst, legt vernünftig Eure Ansprüche dar, deutet bescheiden Eure Dankbarkeit an. So mögt Ihr ihn einmal täuschen, dann lasst ihn für immer in Ruhe!

X.

Der gutmütige, alberne, leichtgläubige Mann, ganz Impuls und keine Reflexion – wie schwillt mein Herz, wenn ich diesen exzellenten Charakter betrachte! Welches Kanaan bietet er Euch! Ich beneide Euch darum, mit der zuversichtlichen Hoffnung in die Welt hinauszuziehen, alle Menschen so vorzufinden! Entzückender Enthusiasmus der Jugend – wollte Gott, die Hoffnung ließe sich verwirklichen! Hier ist die leibhaftige Verkörperung der Leichtgläubigkeit. Ihr müsst ihn nur dazu bringen, Euch zu lieben, und kein Igel hat je ein Ei so aussaugen können, wie Ihr ihn aussaugen könnt. Fürchtet niemals seine Entrüstung; geht immer und immer wieder zu ihm; werft Euch nur an seinen Hals und weint. Ihn einmal zu betrügen bedeutet, ihn immer zu betrügen; erlangt seinen ersten Schilling und berechnet dann, was Ihr mit dem Rest seines Vermögens anfangen werdet. Verlasst niemals einen so guten Mann für neue Freunde; das wäre undankbar von Euch! Und nehmt bei der Gelegenheit, meine guten jungen Herren, diese abschließende Maxime mit: Menschen sind wie Ländereien; Ihr werdet mehr gewinnen, wenn Ihr all Eure Arbeit immer und immer wieder auf das leichte Land verschwendet, als wenn Ihr neuen Boden im unfruchtbaren umpflügt! Gesetzgeber – weise, gute, fromme Männer –, die Däumlinge der Moralwissenschaft, die erst Riesen erschaffen und sie dann töten –, Ihr haltet die obigen Lektionen für schändlich. Ich ehre Eure Scharfsinnigkeit. Sie sind keine Beweise für meine Schurkerei, sondern für Eure Torheit! Seht sie Euch noch einmal an, und Ihr werdet erkennen, dass sie dazu bestimmt sind zu zeigen, dass, während Ihr jeden Tag Tausende einsperrt, deportiert und aufhängt, ein Mann mit einem anständigen Maß an List jede einzelne dieser Lektionen praktizieren könnte, die Euch so abscheulich erscheinen, und kein einziges Eurer Gesetze könnte ihn belangen!

BRACHYLOGIA;

ODER,

ESSAYS, KRITISCH, SENTIMENTAL, MORALISCH UND ORIGINELL.

AN SEINE SCHÜLER GERICHTET

VON AUGUSTUS TOMLINSON.

Die Ironie in den vorangegangenen Essays wird in den gegenwärtigen oft aus den Augen verloren. Die Krankheit dieses großen Mannes, die während der Abfassung dieser kleinen Kostbarkeiten auftrat, machte ihn vielleicht ernsthafter, als er es bei robuster Gesundheit gewesen wäre. – Anmerkung des Herausgebers.

ÜBER DIE MORAL, DIE DIE REICHEN DEN ARMEN LEHREN.

Sobald der kleine Bettlerjunge aus dem Haus wackeln kann, wird ihm beigebracht, seinen Hut zu ziehen und sich bei den Vornehmen zu verneigen. „Ein braver kleiner Junge“, sagt der Gutsherr; „da hast du einen halben Penny.“ Der brave kleine Junge glüht vor Stolz. Dieser halbe Penny flößt tief die Lektion der Demut ein. Nun geht unser Bengel zur Schule. Dann kommt der Sonntagsunterricht – vor der Kirche –, der die Armen dazu anhält, demütig zu sein und jeden Menschen zu ehren, der es besser hat als sie selbst. Ein Pfund Ehre für den Gutsherrn und eine Unze für den Amtsdiener. Dann wächst der Junge heran; und der Gutsherr belehrt ihn wie folgt: „Sei ein braver Junge, Tom, und ich werde dir wohlgesinnt sein. Tritt in die Fußstapfen deines Vaters; er war ein ausgezeichneter Mann und ein großer Verlust für die Gemeinde; er war ein sehr höfliches, hart arbeitendes, wohlverhaltenes Geschöpf; kannte seinen Platz; – pass auf, und mach es ihm nach!“ So sorgen ewige harte Arbeit und reichlich Kriecherei dafür, dass die althergebrachten Tugenden bei den Bauern bis zum Jüngsten Gericht fortbestehen! Eine weitere heimtückische Destillation von Moral wird durch ein allgemeines Lob der Armen vermittelt. Ihr hört falsche Freunde des Volkes, die sich Liberale und Tories nennen, die eine Vorstellung von Moral haben, die halb ritterlich, halb pastoral ist, und die sich darin einig sind, die unglücklichen Geschöpfe zu preisen, die sie für sich arbeiten lassen. Aber achtet auf die Tugenden, für die die Armen immer gelobt werden sollen – Fleiß, Ehrlichkeit und Zufriedenheit. Die erste Tugend wird in den Himmel gehoben, weil Fleiß den Reichen alles gibt, was sie haben; die zweite, weil Ehrlichkeit verhindert, dass auch nur ein Jota von besagtem Alles wieder weggenommen wird; und die dritte, weil Zufriedenheit diese armen Teufel daran hindern soll, jemals Einwände gegen ein Los zu erheben, das für die Personen, die davon profitieren, so komfortabel ist. Dies, meine Schüler, ist die Moral, die die Reichen den Armen lehren!

WETTEIFER.

Der große Fehler des Wetteifers ist dieser: Wir eifern Wirkungen nach, ohne nach den Ursachen zu fragen. Wenn wir von den großen Taten eines Mannes lesen, brennen wir darauf, dieselben Heldentaten zu vollbringen, ohne zu versuchen, die genauen Qualitäten zu ermitteln, die es dem Mann, den wir nachahmen, ermöglichten, die Taten zu begehen, die wir bewundern. Könnten wir diese entdecken, wie oft würden wir feststellen, dass ihr Ursprung eine gewisse Körperbeschaffenheit, eine gewisse Besonderheit der Konstitution war, und dass wir, wenn wir denselben Erfolg wünschten, eher die Natur unserer Körper untersuchen sollten, anstatt die Fähigkeiten unseres Geistes zu schärfen – vielleicht Hanteln statt Bücher benutzen sollten; ja, andererseits uns eher ein schweres Leiden zuziehen sollten, anstatt unsere moralische Gesundheit zu vervollkommnen. Wer sollte sagen, ob Alexander ein Held gewesen wäre, wenn sein Hals gerade gewesen wäre; oder Boileau ein Satiriker, wenn er niemals von einem Truthahn gepickt worden wäre? Es wäre erfreulich, Euch, meine geliebten Schüler, nach der Lektüre von „Quintus Curtius“ dabei zuzusehen, wie Ihr Euch gegenseitig die Kehle zudrückt; oder, frisch von Boileau, in den Hühnerhof zu eilen, in der Hoffnung, durch Verstümmelung zur Aufführung eines zweiten „Lutrin“ gebracht zu werden.

WARNUNG VOR DEN SPÖTTERN ÜBER DEN „HUMBUG“.

Meine geliebten Schüler, es gibt eine Gruppe von Menschen auf der Welt, die täglich wächst, vor der Ihr Euch sehr in Acht nehmen müsst; es geht eine Faszination von ihnen aus. Es sind Leute, die sich vehement gegen Humbug erklären – feine, liberale Kerle, klarsehend, doch freimütig. Wenn diese Gesinnungen aus Reflexion entstehen, wohl und gut – sie sind die besten Gesinnungen der Welt; aber viele nehmen sie aus zweiter Hand an. Sie sind sehr einladend für die Faulheit des Haufens von Herren, die die Romantik eines edlen Prinzips sehen, nicht dessen Nutzen. Wenn ein Mann alles durch diese verzerrte Philosophie betrachtet, hat alles ein großes Maß an Humbug. Ihr lacht mit ihm, wenn er den Humbug in der Religion, den Humbug in der Politik, den Humbug in der Liebe, den Humbug in den Plausibilitäten der Welt verspottet; aber Ihr könntet weinen, meine lieben Schüler, wenn er das verspottet, was es oft am sichersten ist, praktisch zu verspotten – den Humbug in der gewöhnlichen Ehrlichkeit! Menschen sind ehrlich aus Religion, Weisheit, Vorurteil, Gewohnheit, Furcht und Dummheit; aber nur wenige sind weise; und die Personen, von denen wir sprechen, verspotten die Religion, stehen über Vorurteilen, unbeeindruckt von Gewohnheit, zu gleichgültig für Furcht und zu erfahren für Dummheit.

VOLKSZORN ÜBER INDIVIDUELLE UNBESONNENHEIT.

Ihr müsst wissen, meine lieben jungen Freunde, dass, während der Anschein von Großmut sehr wohl ansteht und so weiter, es Euch eine Menge üblen Willens einbringen wird, wenn Ihr versucht, ihn zu Eurem eigenen Nachteil zu praktizieren. Eure Nachbarn sind so ausnahmslos, wenn auch vielleicht unbewusst, vom Eigeninteresse geleitet – Eigeninteresse – [Mr. Tomlinson irrt hier; aber seine Ethik war zu sehr auf utilitaristische Prinzipien eingeengt. – HERAUSGEBER.] – ist so vollständig, obwohl jeder Schwätzer es leugnet, die Achse der moralischen Welt –, dass sie in Wut geraten über denjenigen, der es zu missachten scheint. Wenn ein Mann sich ruiniert, hört Euch nur den Missbrauch an, den er erhält; seine Nachbarn nehmen es als persönliche Beleidigung!

DUM DEFLUAT AMNIS.

Ein Hauptgrund, warum Männer, die groß waren, enttäuscht sind, wenn sie sich ins Privatleben zurückziehen, ist dieser: Das Gedächtnis macht eine Hauptquelle des Genusses für diejenigen aus, die aufhören, eifrig zu hoffen; aber das Gedächtnis der Großen erinnert nur an das öffentliche Leben, das sie angeekelt hat. Ihr Privatleben ist unmerklich dahingeglitten und hinterließ schwache Spuren des Kummers oder der Freude, die sie zu beschäftigt fanden, um auf die einfachen und stillen Eindrücke bloßer häuslicher Wechselfälle zu achten.

SELBSTVERHERRLICHER.

Die Vorsehung scheint es bei einer gewissen Gruppe von Personen – die ihre eigenen Dinge immer durch ein Vergrößerungsglas betrachten, ihr Haus für das beste der Welt halten, ihre Flinte für die treffsicherste, ihren Vorstehhund selbst für ein Wunder – so gemacht zu haben, wie Colonel Hanger den Ökonomen vorschlug: nämlich jeden ihrer Diener mit einer großen Brille auszustatten, sodass eine Lerche so groß wie ein Geflügel und ein Zwei-Penny-Brot so groß wie ein Viertelpfundbrot erscheinen mag.

GEDANKE ÜBER DAS GLÜCK.

Es ist oft der einfachste Zug, der das Spiel vollendet. Das Glück ist wie die Dame, die ein Liebhaber allen seinen Rivalen entführte, indem er seinen Livreen eine zusätzliche Spitze hinzufügte.

WITZ UND WAHRHEIT.

Die Leute mögen davon sprechen, dass Fiktion die Quelle der Phantasie sei und Witz im Widerspruch zur Wahrheit stehe. Nun, einige der witzigsten Dinge der Welt sind einzig aufgrund ihrer Wahrheit witzig. Wahrheit ist die Seele eines guten Spruchs. „Sie behaupten“, bemerkt der Sokrates der Neuzeit, „dass wir eine virtuelle Repräsentation haben; sehr wohl, lassen Sie uns auch eine virtuelle Besteuerung haben!“ Hier liegt der Witz in der Treue des Schlussfolgerung. Als Kolumbus das Ei zerbrach, wo war da der Witz? In der Vollständigkeit der Überzeugung im zerbrochenen Ei.

AUTO-THEOLOGIE.

Nicht nur jede Sekte, sondern jeder Einzelne modifiziert die allgemeinen Attribute der Gottheit zur Angleichung an seinen eigenen Charakter: Der gerechte Mann verweilt bei der Gerechtigkeit, der Strenge beim Zorn; die Attribute, die dem Anbeter nicht gefallen, vergisst er unmerklich. Deshalb, o meine Schüler, werdet Ihr nicht lächeln, wenn Ihr bei Barnes lest, dass die Pygmäen erklärten, Jupiter selbst sei ein Pygmäe. Die fromme Eitelkeit des Menschen lässt ihn seine eigenen Qualitäten unter dem Vorwand verehren, die seines Gottes anzubeten.

HERRLICHE VERFASSUNG.

Ein Satz ist manchmal so gut wie ein Band. Wenn ein Mann Euch bittet, ihm eine Vorstellung von den Gesetzen Englands zu geben, ist die Antwort kurz und einfach: In den Gesetzen Englands gibt es etwa einhundertfünfzig Gesetze, durch die ein armer Mann gehängt werden kann, aber nicht eines, durch das er umsonst Gerechtigkeit erlangen kann!

ANTWORT AUF DEN GEMEINEN KANT, DASS GÜTE BEI EINEM STAATSMANN BESSER SEI ALS FÄHIGKEIT.

Da wir in der Welt auf Taten achten müssen, nicht auf Motive, so ist ein Schurke der Mann, der Euch schadet; und Ihr fragt nicht, ob der Schaden die Frucht von Bosheit oder Notwendigkeit ist. Setzt also einen Narren an die Macht, und er wird unbewusst zum Schurken. Mr. Addington stolperte über die zwei allerschlechtesten und schändlichsten Steuern, die menschliche Bosheit hätte erfinden können – eine auf Medikamente, die andere auf Gerechtigkeit. Welcher Tyrannen furchterregender Einfallsreichtum könnte uns mehr quälen, als gleichzeitig Abhilfe für unser Unrecht und Heilung für unsere Krankheiten zu behindern? Mr. Addington war der Narr an sich und daher der Schurke im Amt; aber, bewahre Euch! Er hat es nie so gemeint!

GESUNDER MENSCHENVERSTAND.

Gesunder Menschenverstand – gesunder Menschenverstand – von allen Phrasen, allen Schlagworten ist dies oft das täuschendste und gefährlichste. Betrachtet insbesondere den gesunden Menschenverstand misstrauisch, wann immer er einer Entdeckung entgegensteht. Gesunder Menschenverstand ist die Erfahrung des Alltags. Entdeckung ist etwas gegen die Erfahrung des Alltags. Kein Wunder also, dass, als Galilei eine große Wahrheit verkündete, der allgemeine Schrei lautete: „Pah! Der gesunde Menschenverstand sagt dir das Gegenteil.“ Sprecht zum ersten Mal mit einem vernünftigen Mann über die Theorie des Sehens und hört, was sein gesunder Menschenverstand dazu sagen wird. In einem Brief aus der Zeit von Bacon sagt der Verfasser, der selbst kein unbedeutender Intellektueller war: „Es ist ein Jammer, dass der Kanzler seine Meinung gegen die Erfahrung so vieler Jahrhunderte und die Diktate des gesunden Menschenverstandes stellen sollte.“ Der gesunde Menschenverstand, so nützlich in häuslichen Angelegenheiten, ist im legislativen und wissenschaftlichen Bereich weniger nützlich, als allgemein angenommen wurde. Naturgemäß der Anwalt für das, was ausprobiert wurde, und abgeneigt gegenüber dem, was spekulativ ist, widersetzt er sich der neuen Philosophie, die an die Vernunft appelliert, und klammert sich an die alte, die durch Sanktionen gestützt wird.

LIEBE UND SCHRIFTSTELLER ÜBER DIE LIEBE.

Meine warmen, hitzköpfigen, leidenschaftlichen jungen Freunde, Ihr steht in der Blüte Eures Lebens und schreibt Verse über die Liebe – lasst uns ein Wort zu diesem Thema sagen. Es gibt zwei Arten von Liebe, die allen Menschen und den meisten Tieren gemeinsam sind – [Den meisten Tieren; denn manche scheinen für die Liebe der Gewohnheit unempfänglich] – die eine entspringt den Sinnen, die andere wächst aus der Gewohnheit. Nun, keine von beiden, meine lieben jungen Freunde, ist die Liebe, die Ihr vorzugeben glaubt – die Liebe der Liebenden. Eure Leidenschaft, die ihre Grundlage (und diese nicht anerkannt) nur in den Sinnen hat, verdankt alles andere der Einbildungskraft. Nun, die Einbildungskraft der Mehrheit ist in jedem Land und in jedem Zeitalter in Farbe und Grad verschieden; ebenso und folglich ist auch die Liebe der Einbildungskraft. Als Beweis beachtet, dass Ihr mit der romantischen Liebe anderer Zeiten oder Nationen nur in dem Maße sympathisiert, wie Ihr mit ihrer Poesie und ihrer phantasievollen Literatur sympathisiert. Die Liebe, die durch die „Arcadia“ oder „Amadis von Gallien“ stolziert, ist für die große Masse der Leser kalt fad oder feierlich lächerlich. Ach! Als diese Werke Enthusiasmus erregten, tat dies auch die Liebe, die sie beschreiben. Die langen Reden, die eisigen Komplimente drückten das Gefühl des Tages aus. Die Liebesmadrigale der Zeit von Shenstone oder die Brokat-Galanterien der französischen Dichter des letzten Jahrhunderts würde jede Frau heute als hohl oder kindisch, schwachsinnig oder künstlich betrachten. Einst waren die Lieder natürlich und die Liebe verführerisch. Und nun, meine jungen Freunde, im Jahr 1822, in dem ich schreibe und wahrscheinlich sterben werde, die Liebe, die durch Moore glitzert und so ehrgeizig mehrdeutig durch die Verse von Byron wandelt; die Liebe, die Ihr jetzt für so tief und so wahr haltet; die Liebe, die durch die Herzen Eurer jungen Damen kribbelt und Euch junge Herren dazu bringt, auf den Abendstern zu starren – all diese Liebe wird auch einer späteren Zeit fremd oder lächerlich werden; und die jungen Bestrebungen und die Mondscheinträume und das vage Gedudel, das Ihr jetzt für so rührend und so erhaben haltet, werden, meine lieben Jungen, dorthin gehen, wo Cowleys „Mistress“ und Wallers „Sacharissa“ vorangegangen sind – sie gehen mit den Sapphos und den Chloes, den eleganten „reizenden Schönen“ und den ritterlichen „schönsten Prinzessinnen“! Die einzige Liebeslyrik, die alle Zeiten überdauert und alle Herzen anspricht, ist die, die auf einer oder beiden Arten der Liebe gründet, die allen Menschen natürlich sind – die Liebe der Sinne und die Liebe der Gewohnheit. In letzterer ist das enthalten, was Männer mittleren Alters die vernünftige Bindung nennen, der Charme verwandter Geister, ebenso wie die schlichte und wärmere Ansammlung kleiner Erinnerungen an einfache Freundlichkeit oder die bloße tierische Gewohnheit, ein Gesicht zu sehen, wie man einen Stuhl sehen würde. Diese, manchmal einzeln, manchmal geschickt vermischt, bilden das Thema derer, die vielleicht am ehrlichsten und am menschlichsten geliebt haben; diese machen Tibullus noch immer pathetisch und Ovid zum Meister zärtlicher Zuneigungen; und diese machen vor allem jene unwiderstehliche und alles berührende Inspiration aus, die den Romantiker, den Kalkulierenden, den Alten, den Jungen, den Höfling, den Bauern, den Dichter, den Geschäftsmann in der herrlichen Liebeslyrik von Robert Burns unterwirft.

DAS GROSSE ERBE.

Das große Erbe des Menschen ist ein Gemeinwesen der Fehler. Eine Rasse verbringt ihr Leben damit, die Fehler zu flicken, die ihnen von einer anderen überliefert wurden; und die Hauptursache aller politischen, das heißt aller schlimmsten und allgemeinsten Fehler ist diese – dieselbe Regel, die wir auf individuelle Fälle anwenden, wollen wir nicht auf öffentliche anwenden. Alle Menschen stimmen darin überein, dass Betrug bei einem Pferd Betrug ist – sie bestrafen den Schuldigen und verurteilen den Fehler. Aber in einem Staat gibt es keine solche Einstimmigkeit. Betrug, Herr steh uns bei! wird mit irgendeinem feinen Namen belegt; und Schwindel wird großsprecherisch und nennt sich „Politik“. Infolge dessen gibt es immer einen Kampf zwischen denen, die die Dinge bei ihren richtigen Namen nennen, und denen, die ihnen beharrlich die falschen geben. Daher alle Arten von Verwirrung. Diese Verwirrung erstreckt sich sehr bald auf die Gesetze, die für individuelle Fälle gemacht wurden; und so gibt es in alten Staaten, obwohl die Welt sich immer noch einig ist, dass privater Betrug privater Betrug ist, die größte Schwierigkeit der Welt, den Betrug der Öffentlichkeit zu bestrafen. Die Kunst des Betrugs ist heute eine andere Sache als die Kunst des Betrugs vor hundert Jahren; aber die Gesetze bleiben dieselben. Anpassung in privaten Fällen ist Innovation in öffentlichen; also machen sie neue Gesetze, ohne alte aufzuheben. Manchmal sind diese wirksam, aber öfter nicht. Nun, meine geliebten Schüler, ein Gesetz ist eine Flinte, die, wenn sie eine Taube verfehlt, immer eine Krähe tötet; wenn sie nicht den Schuldigen trifft, trifft sie jemand anderen. Da jedes Verbrechen ein Gesetz schafft, schafft wiederum jedes Gesetz ein Verbrechen; und so vermehren wir Sünden und Übel, Fehler und Irrtümer, bis die Gesellschaft zur organisierten Unordnung zum Taschendiebstahl wird.

DIE REGENERATION EINES SCHURKEN.

Ein Mann, der als Narr ins Leben startet, endet oft als Schurke; aber wer als Schurke beginnt, wenn er ein reicher Mann ist (und daher nicht gehängt wird), mag, meine geliebten Schüler, als frommes Geschöpf enden. Und dies ist der Grund: „Ein früher Schurke“ erlangt bald Kenntnis von der Welt. Ein Laster, das sich abgenutzt hat, macht uns weiser als fünfzig Tutoren. Aber Weisheit lässt uns die Ruhe lieben, und in der Ruhe sündigen wir nicht. Wer weise ist und nicht sündigt, kann kaum umhin, Gutes zu tun; denn lasst ihn nur eine neue Wahrheit aussprechen, und selbst seine Einbildungskraft kann sich die Grenzen des Guten, das er dem Menschen getan haben mag, nicht vorstellen!

Was Paul Clifford betrifft, so ist er nun ein wohlhabender und, sofern die Welt nicht irrt, ein ehrenhafter Mann. Er hat sich in eine abgelegene Gegend zurückgezogen, wo er mit seiner Lucy in einem häuslichen Glück lebt, das nur durch die Erinnerungen an die Vergangenheit getrübt wird, die man nie ganz aus dem Gedächtnis tilgen kann. Er hat die Welt verlassen, doch die Welt hat ihn nicht vergessen; denn in den Salons, in denen er einst glänzte, wird sein Name oft mit jenem rätselhaften Interesse genannt, das die Zeit denjenigen entgegenbringt, deren Laufbahn so wechselhaft war wie die seine.

Was Brandon betrifft, so endete sein Leben, wie es gelebt wurde, in einem Sturm von Ehrgeiz und einem Ruin von Hoffnungen. Er starb, ohne ein Testament zu hinterlassen, und sein gewaltiges Vermögen fiel an den Staat, da kein rechtmäßiger Erbe gefunden werden konnte. Man sagt, dass sein Geist in den Korridoren des Gerichtshofs, in denen er so oft mit unerbittlicher Strenge geurteilt hatte, noch immer ruhelos umherwandert, auf der Suche nach einer Gerechtigkeit, die er im Leben so oft für seine eigenen Zwecke gebeugt hatte.

Die übrigen Akteure dieses Dramas sind in den Schatten der Vergessenheit getreten oder haben sich in den gewöhnlichen Lauf der Dinge eingefügt. Langueville lebt noch immer in seinem vergnügten Müßiggang, und Dummie Dunnaker hat sich, wie man hört, in einer abgelegenen Provinz zur Ruhe gesetzt, wo er seine Erlebnisse mit einer solchen Übertreibung erzählt, dass sie selbst für die leichtgläubigen Bewohner des Dorfes zu einer Legende geworden sind.

So schließt sich der Vorhang über dieses Bild menschlicher Torheit und menschlichen Leids. Wenn der Leser in diesen Seiten eine Lehre gefunden hat, so möge sie ihn daran erinnern, dass die Umstände oft den Mann formen, doch dass das Herz, wenn es aufrichtig ist, trotz aller Versuchungen den Weg zur Rechtschaffenheit finden kann. Denn am Ende zählt nicht der Ruhm, den wir in der Welt erlangen, noch der Reichtum, den wir anhäufen, sondern der Friede, den wir mit uns selbst und denen, die wir lieben, schließen.

ENDE.

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