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The Confessions of St. Augustine

by Augustine, of Hippo, Saint · in German

Groß bist Du, o Herr, und hoch zu preisen; groß ist Deine Macht, und Deine Weisheit unermesslich. Und Dich will der Mensch preisen; der Mensch, nur ein Teilchen Deiner Schöpfung; der Mensch, der seine Sterblichkeit mit sich herumträgt, das Zeugnis seiner Sünde, das Zeugnis, dass Du den Hochmütigen widerstehst: Dennoch will der Mensch Dich preisen; er, nur ein Teilchen Deiner Schöpfung. Du weckst uns dazu, Gefallen an Deinem Lobpreis zu finden; denn Du hast uns für Dich geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Dir. Gewähre mir, Herr, zu wissen und zu verstehen, was das Erste ist: Dich anzurufen oder Dich zu preisen? Und wiederum: Dich zu erkennen oder Dich anzurufen? Denn wer kann Dich anrufen, wenn er Dich nicht kennt? Denn wer Dich nicht kennt, mag Dich als etwas anderes anrufen, als Du bist. Oder ist es vielmehr so, dass wir Dich anrufen, damit wir Dich erkennen? Aber wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Oder wie sollen sie glauben ohne einen Prediger? Und die den Herrn suchen, werden Ihn preisen; denn wer sucht, der findet Ihn, und wer findet, der wird Ihn preisen. Ich will Dich suchen, Herr, indem ich Dich anrufe; und ich werde Dich anrufen, indem ich an Dich glaube; denn uns bist Du gepredigt worden. Mein Glaube, Herr, soll Dich anrufen, den Du mir gegeben hast, womit Du mich durch die Menschwerdung Deines Sohnes, durch den Dienst des Predigers inspiriert hast.

Und wie soll ich meinen Gott, meinen Gott und Herrn, anrufen, da ich Ihn, wenn ich nach Ihm rufe, zu mir rufen werde? Und welcher Raum ist in mir, wohin mein Gott in mich kommen kann? Wohin kann Gott in mich kommen, Gott, der Himmel und Erde gemacht hat? Ist denn, o Herr, mein Gott, irgendetwas in mir, das Dich enthalten kann? Enthalten Dich etwa Himmel und Erde, die Du gemacht hast und in denen Du mich gemacht hast? Oder, weil nichts, was existiert, ohne Dich existieren könnte, enthält deshalb alles, was existiert, Dich? Da ich also auch existiere, warum suche ich, dass Du in mich eintreten sollst, der ich nicht wäre, wärest Du nicht in mir? Warum? Weil ich nicht in die Hölle hinabgestiegen bin, und doch bist Du auch dort. Denn wenn ich in die Hölle hinabsteige, bist Du dort. Ich könnte dann nicht sein, o mein Gott, könnte überhaupt nicht sein, wärest Du nicht in mir; oder vielmehr, wenn ich nicht in Dir wäre, von dem alle Dinge sind, durch den alle Dinge sind, in dem alle Dinge sind? Ebenso, Herr, ebenso. Wohin rufe ich Dich, da ich in Dir bin? Oder woher kannst Du in mich eintreten? Denn wohin kann ich über Himmel und Erde hinausgehen, dass von dort mein Gott in mich komme, der da gesagt hat: Ich erfülle den Himmel und die Erde.

Enthalten Dich also Himmel und Erde, da Du sie erfüllst? Oder erfüllst Du sie und fließt dennoch über, da sie Dich nicht enthalten? Und wohin gießt Du, wenn Himmel und Erde erfüllt sind, den Rest Deiner selbst aus? Oder hast Du es nicht nötig, dass irgendetwas Dich enthält, da Du alle Dinge enthältst, weil das, was Du erfüllst, Du durch das Enthalten erfüllst? Denn die Gefäße, die Du füllst, stützen Dich nicht, denn selbst wenn sie zerbrächen, würdest Du nicht ausgegossen. Und wenn Du über uns ausgegossen wirst, wirst Du nicht hinabgeworfen, sondern Du hebst uns empor; Du wirst nicht zerstreut, sondern Du sammelst uns. Aber Du, der Du alle Dinge erfüllst, erfüllst Du sie mit Deinem ganzen Selbst? Oder da alle Dinge Dich nicht ganz enthalten können, enthalten sie einen Teil von Dir? Und alle zugleich denselben Teil? Oder jedes seinen eigenen Teil, das Größere mehr, das Kleinere weniger? Und ist dann ein Teil von Dir größer, ein anderer kleiner? Oder bist Du überall ganz, während nichts Dich ganz enthält?

Was bist Du also, mein Gott? Was, außer dem Herrn Gott? Denn wer ist Herr außer dem Herrn? Oder wer ist Gott außer unserem Gott? Allerhöchster, allerbester, allmächtigster, allgewaltigster; barmherzigster und doch gerechtester; verborgenster und doch gegenwärtigster; schönster und doch stärkster; beständig und doch unfassbar; unveränderlich und doch alles verändernd; niemals neu, niemals alt; alles erneuernd und das Alter über die Stolzen bringend, und sie wissen es nicht; immer wirkend, immer ruhend; immer sammelnd und doch nichts bedürfend; stützend, erfüllend und überschirmend; erschaffend, nährend und vollendend; suchend und doch alles besitzend. Du liebst ohne Leidenschaft; bist eifersüchtig ohne Unruhe; bereust und doch grämst Du Dich nicht; bist zornig und doch gelassen; änderst Deine Werke, doch Dein Vorsatz bleibt unverändert; empfängst wieder, was Du findest, und hast es doch niemals verloren; niemals bedürftig und doch erfreust Du Dich am Gewinn; niemals habgierig und doch forderst Du Zinsen. Du nimmst über das Maß hinaus, damit Du schulden kannst; und wer hat irgendetwas, das nicht Dein ist? Du begleichst Schulden, ohne etwas zu schulden; erlässt Schulden, ohne etwas zu verlieren. Und was hatte ich nun gesagt, mein Gott, mein Leben, meine heilige Freude? Oder was sagt irgendein Mensch, wenn er von Dir spricht? Doch wehe dem, der nicht spricht, da selbst die Beredsamsten stumm sind.

O dass ich in Dir ruhen könnte! O dass Du in mein Herz einträtest und es berauschtest, damit ich meine Übel vergesse und Dich umarme, mein einziges Gut! Was bist Du mir? In Deiner Barmherzigkeit lehre mich, es auszusprechen. Oder was bin ich Dir, dass Du meine Liebe forderst, und, wenn ich sie Dir nicht gebe, über mich zürnst und mir schwere Leiden androhst? Ist es denn ein geringes Weh, Dich nicht zu lieben? O um Deiner Barmherzigkeit willen, sage mir, o Herr, mein Gott, was Du mir bist. Sage zu meiner Seele: Ich bin dein Heil. Sprich so, dass ich es höre. Siehe, Herr, mein Herz ist vor Dir; öffne dessen Ohren und sage zu meiner Seele: Ich bin dein Heil. Dieser Stimme nach will ich eilen und Dich ergreifen. Verbirg Dein Antlitz nicht vor mir. Lass mich sterben – damit ich nicht sterbe – lass mich nur Dein Antlitz sehen.

Eng ist das Haus meiner Seele; erweitere Du es, damit Du eintreten kannst. Es ist baufällig; repariere Du es. Es hat das in sich, was Deine Augen beleidigen muss; ich bekenne und weiß es. Aber wer soll es reinigen? Oder zu wem sollte ich schreien, außer zu Dir? Herr, reinige mich von meinen geheimen Fehlern und verschone Deinen Knecht vor der Gewalt des Feindes. Ich glaube, darum rede ich. Herr, Du weißt es. Habe ich nicht meine Übertretungen gegen mich selbst vor Dir bekannt, und Du, mein Gott, hast die Ungerechtigkeit meines Herzens vergeben? Ich streite nicht im Gericht mit Dir, der Du die Wahrheit bist; ich fürchte, mich selbst zu betrügen; damit meine Ungerechtigkeit sich selbst belügt. Deshalb streite ich nicht im Gericht mit Dir; denn wenn Du, Herr, auf Ungerechtigkeiten achtest, o Herr, wer wird bestehen?

Doch erlaube mir, zu Deiner Barmherzigkeit zu sprechen, mir, Staub und Asche. Doch erlaube mir zu sprechen, da ich zu Deiner Barmherzigkeit spreche und nicht zu einem spöttischen Menschen. Auch Du verachtest mich vielleicht, doch Du wirst Dich wenden und Erbarmen mit mir haben. Denn was sollte ich sagen, o Herr, mein Gott, außer dass ich nicht weiß, woher ich in dieses sterbende Leben (soll ich es so nennen?) oder lebende Sterben kam. Dann nahmen mich sogleich die Tröstungen Deines Erbarmens auf, wie ich hörte (denn ich erinnere mich dessen nicht), von den Eltern meines Fleisches, aus deren Substanz Du mich einst geformt hast. So empfingen mich die Tröstungen der mütterlichen Milch. Denn weder meine Mutter noch meine Ammen füllten ihre Brüste für mich; sondern Du hast mir die Nahrung meiner Kindheit durch sie verliehen, gemäß Deiner Ordnung, wodurch Du Deine Reichtümer durch die verborgenen Quellen aller Dinge verteilst. Du hast mir auch gegeben, nicht mehr zu begehren, als Du gabst; und meinen Ammen, willig zu geben, was Du ihnen gabst. Denn sie gaben mir mit einer himmlisch gelehrten Zuneigung willig, wovon sie durch Dich im Überfluss hatten. Denn dieses mein Gut von ihnen war gut für sie. Und wahrlich, nicht von ihnen war es, sondern durch sie; denn von Dir, o Gott, sind alle guten Dinge, und von meinem Gott ist all mein Heil. Das habe ich seitdem gelernt, als Du durch diese Deine Gaben in mir und außerhalb meiner Dich mir verkündet hast. Denn damals wusste ich nur zu saugen; zu ruhen in dem, was gefiel, und zu schreien bei dem, was mein Fleisch beleidigte; nichts weiter.

Danach begann ich zu lächeln; zuerst im Schlaf, dann im Wachen: denn so wurde mir von mir selbst erzählt, und ich glaubte es; denn wir sehen Ähnliches bei anderen Säuglingen, obwohl ich mich meiner selbst nicht erinnere. So wurde ich nach und nach bewusst, wo ich war; und hatte den Wunsch, meine Wünsche denen auszudrücken, die sie befriedigen konnten, und ich konnte es nicht; denn die Wünsche waren in mir, und sie außerhalb; noch konnten sie durch irgendeinen ihrer Sinne in meinen Geist dringen. Also warf ich willkürlich Glieder und Stimme umher, machte die wenigen Zeichen, die ich konnte, und solche, wie ich konnte, ähnlich, wenn auch in Wahrheit sehr wenig ähnlich, dem, was ich wünschte. Und wenn mir nicht sogleich gehorcht wurde (da meine Wünsche schädlich oder unverständlich waren), dann war ich aufgebracht gegen meine Älteren, weil sie sich mir nicht unterwarfen, gegen solche, die mir keinen Dienst schuldeten, weil sie mir nicht dienten; und rächte mich an ihnen durch Tränen. Solche habe ich gelernt, dass Säuglinge sind, durch Beobachtung; und dass ich selbst ein solcher war, haben sie mir, ganz unbewusst, besser gezeigt als meine Ammen, die es wussten.

Und siehe! Meine Kindheit starb vor langer Zeit, und ich lebe. Aber Du, Herr, der Du ewig lebst und in dem nichts stirbt: denn vor der Grundlegung der Welten und vor allem, was man "vorher" nennen kann, bist Du, und bist Gott und Herr über alles, was Du erschaffen hast: in Dir bleiben, für immer fest, die ersten Ursachen aller unbeständigen Dinge; und von allen veränderlichen Dingen bleiben die Quellen in Dir unveränderlich: und in Dir leben die ewigen Gründe aller vernunftlosen und zeitlichen Dinge. Sage, Herr, zu mir, Deinem Bittsteller; sage, Allbarmherziger, zu mir, Deinem Erbarmungswürdigen; sage, folgte meine Kindheit auf ein anderes Alter von mir, das vor ihr starb? War es das, das ich im Schoß meiner Mutter verbrachte? Denn davon habe ich ein wenig gehört und habe selbst Frauen mit Kind gesehen? Und was war vor jenem Leben wieder, o Gott, meine Freude, war ich irgendwo oder irgendwer? Denn dafür habe ich niemanden, der es mir sagt, weder Vater noch Mutter, noch Erfahrung anderer, noch mein eigenes Gedächtnis. Spottest Du meiner, weil ich danach frage, und heißt mich, Dich zu preisen und Dich anzuerkennen, weil ich es weiß?

Ich erkenne Dich an, Herr von Himmel und Erde, und preise Dich für meine ersten Anfänge des Seins und meine Kindheit, wovon ich nichts weiß; denn Du hast bestimmt, dass der Mensch von anderen vieles über sich selbst vermuten und vieles aufgrund der Stärke schwacher Frauen glauben sollte. Schon damals hatte ich Sein und Leben, und (am Ende meiner Kindheit) konnte ich nach Zeichen suchen, um anderen meine Empfindungen kundzutun. Woher konnte ein solches Wesen sein, außer von Dir, Herr? Soll irgendeiner sein eigener Schöpfer sein? Oder kann andernorts irgendeine Ader entspringen, die Wesen und Leben in uns fließen lassen kann, außer von Dir, o Herr, in dem Wesen und Leben eins sind? Denn Du selbst bist in höchstem Maße Wesen und Leben. Denn Du bist allerhöchster und wirst nicht verändert, noch geht in Dir der Tag zu Ende; doch in Dir kommt er zu Ende; weil alle solchen Dinge auch in Dir sind. Denn sie hatten keine Möglichkeit zu vergehen, wenn Du sie nicht gestützt hättest. Und da Deine Jahre nicht versagen, sind Deine Jahre ein Heute. Wie viele unserer und unserer Väter Jahre sind durch Dein "Heute" dahingeflossen und haben von ihm das Maß und die Form solchen Seins empfangen, wie sie es hatten; und noch andere werden dahinfließen und so die Form ihres Grades an Sein empfangen. Aber Du bist immer derselbe, und alle Dinge von morgen und alles darüber hinaus, und alles von gestern und alles dahinter, hast Du heute getan. Was ist es mir, ob irgendeiner dies nicht begreift? Er freue sich auch und sage: Was ist das für ein Ding? Er freue sich sogar so! Und sei lieber zufrieden, indem er durch das Nicht-Entdecken Dich entdeckt, als durch das Entdecken Dich nicht zu entdecken.

Höre, o Gott. Wehe der Sünde des Menschen! So spricht der Mensch, und Du erbarmst Dich seiner; denn Du hast ihn gemacht, aber die Sünde in ihm hast Du nicht gemacht. Wer erinnert mich an die Sünden meiner Kindheit? Denn in Deinen Augen ist keiner rein von Sünde, nicht einmal der Säugling, dessen Leben nur einen Tag auf Erden währt. Wer erinnert mich? Tut es nicht jedes kleine Kind, an dem ich sehe, was ich von mir selbst nicht erinnere? Was war dann meine Sünde? War es, dass ich an der Brust hing und schrie? Denn sollte ich das jetzt für Nahrung tun, die meinem Alter angemessen ist, würde ich zu Recht ausgelacht und getadelt werden. Was ich damals tat, war tadelnswert; aber da ich Tadel nicht verstehen konnte, verboten mir Gewohnheit und Vernunft, getadelt zu werden. Denn diese Gewohnheiten roden wir, wenn wir erwachsen sind, aus und werfen sie weg. Nun wirft kein Mensch, auch wenn er beschneidet, wissentlich weg, was gut ist. Oder war es damals gut, auch nur für eine Weile, nach dem zu schreien, was, wenn es gegeben würde, schaden würde? Bitterlich zu zürnen, dass Personen, die frei sind, und die eigenen Älteren, ja, die Urheber seiner Geburt selbst, ihm nicht dienten? Dass viele andere, weiser als es, dem Wink seines Wohlgefallens nicht gehorchten? Sein Bestes zu tun, um zu schlagen und zu verletzen, weil Befehle nicht befolgt wurden, die zu seinem Schaden befolgt worden wären? Die Schwäche dann der kindlichen Glieder, nicht sein Wille, ist seine Unschuld. Ich selbst habe sogar ein Baby neidisch gesehen und gekannt; es konnte nicht sprechen, doch es wurde blass und blickte bitter auf seinen Pflegebruder. Wer weiß das nicht? Mütter und Ammen sagen dir, dass sie diese Dinge durch ich weiß nicht welche Mittel lindern. Ist das auch Unschuld, wenn die Quelle der Milch in reichem Überfluss fließt, es nicht zu ertragen, dass einer daran teilhat, obwohl er in größter Not ist und dessen Leben selbst noch davon abhängt? Wir ertragen all dies sanft, nicht als wären es keine oder geringe Übel, sondern weil sie verschwinden werden, wenn die Jahre zunehmen; denn obwohl jetzt toleriert, sind dieselben Gemütsarten in reiferen Jahren völlig unerträglich.

Du dann, o Herr, mein Gott, der Du diesem meiner Kindheit Leben gabst, sie so mit Sinnen ausstattetest (wie wir sehen), den Körper, den Du gabst, zusammenfügtest, seine Glieder festigtest, seine Proportionen schmücktest und für sein allgemeines Wohl und seine Sicherheit alle lebenswichtigen Funktionen darin einpflanztest, Du heißt mich, Dich in diesen Dingen zu preisen, Dir zu beichten und Deinem Namen zu singen, Du Allerhöchster. Denn Du bist Gott, allmächtig und gut, selbst hättest Du nichts als nur dies getan, was keiner tun könnte außer Dir: dessen Einheit das Maß aller Dinge ist; der Du aus Deiner eigenen Schönheit alle Dinge schön machst; und alle Dinge durch Dein Gesetz ordnest. Dieses Alter dann, Herr, wovon ich keine Erinnerung habe, das ich auf anderer Wort glaube und von anderen Säuglingen vermute, die ich durchlebt habe, so wahr die Vermutung auch sein mag, ich bin doch abgeneigt, es in dieses mein Leben zu zählen, das ich in dieser Welt lebe. Denn nicht weniger als das, das ich im Schoß meiner Mutter verbrachte, ist es mir in den Schatten der Vergessenheit verborgen. Aber wenn ich in Ungerechtigkeit geformt wurde und meine Mutter mich in Sünde empfing, wo, ich bitte Dich, o mein Gott, wo, Herr, oder wann, war ich Dein Knecht schuldlos? Aber, siehe! Jene Zeit übergehe ich; und was habe ich jetzt mit dem zu tun, wovon ich keine Spur zurückrufen kann?

Von der Kindheit hierher kommend, kam ich zum Knabenalter, oder vielmehr kam es zu mir und verdrängte die Kindheit. Noch schied sie nicht – (denn wohin ging sie?) – und doch war sie nicht mehr. Denn ich war kein sprachloser Säugling mehr, sondern ein sprechender Knabe. Daran erinnere ich mich; und habe seitdem beobachtet, wie ich sprechen lernte. Es war nicht so, dass meine Älteren mich Wörter lehrten (wie bald darauf anderes Lernen) in irgendeiner festen Methode; sondern ich, der ich danach verlangte, durch Schreie und abgebrochene Laute und verschiedene Bewegungen meiner Glieder meine Gedanken auszudrücken, auf dass ich meinen Willen haben möge, und doch unfähig, alles auszudrücken, was ich wollte, oder wem ich wollte, übte selbst durch das Verständnis, das Du, mein Gott, mir gabst, die Laute in meinem Gedächtnis. Wenn sie irgendein Ding benannten und während sie sprachen, sich ihm zuwandten, sah ich und merkte mir, dass sie das, worauf sie deuten wollten, mit dem Namen nannten, den sie äußerten. Und dass sie dieses Ding meinten und kein anderes, war klar aus der Bewegung ihres Körpers, der natürlichen Sprache sozusagen aller Nationen, ausgedrückt durch den Gesichtsausdruck, Blicke des Auges, Gesten der Glieder und Töne der Stimme, welche die Affekte des Geistes anzeigten, wie er verfolgt, besitzt, zurückweist oder meidet. Und so sammelte ich durch ständiges Hören von Wörtern, wie sie in verschiedenen Sätzen vorkamen, allmählich, wofür sie standen; und nachdem ich meinen Mund an diese Zeichen gewöhnt hatte, gab ich dadurch meinem Willen Ausdruck. So tauschte ich mit denen um mich diese gängigen Zeichen unserer Willen aus und stieß so tiefer in den stürmischen Verkehr des menschlichen Lebens vor, doch abhängig von elterlicher Autorität und dem Wink der Älteren.

O Gott, mein Gott, welch Elend und Spott erfuhr ich nun, als Gehorsam gegenüber meinen Lehrern mir als angemessen für einen Knaben vorgeschlagen wurde, damit ich in dieser Welt gedeihe und in der Zungenwissenschaft glänze, die zum "Lob der Menschen" und zu trügerischen Reichtümern dienen sollte. Danach wurde ich zur Schule geschickt, um Lernen zu erlangen, wovon ich (armer Wicht) nicht wusste, welchen Nutzen es hatte; und doch, wenn ich im Lernen träge war, wurde ich geschlagen. Denn dies wurde von unseren Vorfahren als richtig erachtet; und viele, die denselben Kurs vor uns durchliefen, zimmerten uns mühsame Pfade, durch die wir hindurchgehen mussten; Mühsal und Gram auf die Söhne Adams vervielfältigend. Aber, Herr, wir fanden, dass Menschen Dich anriefen, und wir lernten von ihnen, an Dich (entsprechend unseren Kräften) als an einen Großen zu denken, der, obwohl vor unseren Sinnen verborgen, uns hören und uns helfen konnte. Denn so begann ich als Knabe, zu Dir, meiner Hilfe und Zuflucht, zu beten; und brach die Fesseln meiner Zunge, um Dich anzurufen, betend, obwohl klein, doch mit nicht geringem Ernst, dass ich in der Schule nicht geschlagen werden möge. Und als Du mich nicht hörtest (mich dadurch nicht der Torheit überlassend), spotteten meine Älteren, ja meine eigenen Eltern, die mir doch nichts Übles wünschten, meiner Streiche, meines damals großen und schweren Übels.

Gibt es, Herr, irgendeine Seele, die so groß ist und mit so intensiver Zuneigung an Dir hängt (denn eine Art von Stumpfsinn tut es gewissermaßen); aber gibt es jemanden, der durch frommes Anhangen an Dir mit so großem Geist begabt ist, dass er die Racks und Haken und andere Qualen (gegen die Menschen in allen Landen Dich mit äußerstem Grauen anrufen) so leicht nehmen kann, jener spottend, von denen sie am bittersten gefürchtet werden, wie unsere Eltern der Qualen spotteten, die wir im Knabenalter von unseren Meistern erlitten? Denn wir fürchteten unsere Qualen nicht weniger; noch beteten wir weniger zu Dir, ihnen zu entkommen. Und doch sündigten wir, indem wir schrieben oder lasen oder weniger studierten, als von uns verlangt wurde. Denn es fehlte uns, o Herr, nicht an Gedächtnis oder Fassungskraft, wovon Dein Wille genug für unser Alter gab; aber unsere einzige Freude war das Spiel; und dafür wurden wir von denen bestraft, die doch selbst das Gleiche taten. Aber die Trägheit der Älteren wird "Geschäft" genannt; die der Knaben, obwohl sie wirklich dieselbe ist, wird von jenen Älteren bestraft; und niemand bemitleidet weder Knaben noch Männer. Denn wird irgendeiner mit gesundem Urteilsvermögen billigen, dass ich als Knabe geschlagen wurde, weil ich durch das Spielen mit einem Ball weniger Fortschritt in Studien machte, die ich nur lernen sollte, damit ich als Mann ungebührlicher spielen könnte? Und was anderes tat der, der mich schlug? Der, wenn er in irgendeiner unbedeutenden Diskussion mit seinem Mit-Lehrer unterlag, verbitterter und eifersüchtiger war als ich, wenn ich beim Ballspiel von einem Spielgefährten geschlagen wurde?

Und doch sündigte ich hierin, o Herr Gott, Schöpfer und Ordner aller Dinge in der Natur, hinsichtlich der Sünde jedoch nur deren Ordner, o Herr, mein Gott, ich sündigte, indem ich die Gebote meiner Eltern und die meiner Lehrer übertrat. Denn was sie, aus welchem Beweggrund auch immer, mich lehren wollten, das hätte ich später wohl verwenden können. Ich aber gehorchte nicht, nicht aus einer besseren Wahl, sondern aus Liebe zum Spiel, indem ich den Stolz auf den Sieg in meinen Wettkämpfen liebte und meine Ohren mit lügnerischen Fabeln kitzeln wollte, damit sie nur umso mehr juckten; dieselbe Neugier flackerte aus meinen Augen mehr und mehr auf für die Schau- und Spiele meiner Älteren. Doch jene, die diese Spiele geben, sind in solchem Ansehen, dass fast alle dies auch für ihre Kinder wünschen, und sie sind doch sehr bereit, dass diese geschlagen werden, wenn jene Spiele sie von den Studien abhalten, durch die sie jene dazu bringen wollen, die Gebenden solcher Spiele zu werden. Schaue mit Erbarmen, Herr, auf diese Dinge und erlöse uns, die wir jetzt zu Dir rufen; erlöse auch jene, die noch nicht zu Dir rufen, auf dass sie zu Dir rufen und Du sie erlösen mögest.

Als Knabe also hatte ich schon von einem ewigen Leben gehört, das uns durch die Demut des Herrn, unseres Gottes, verheißen war, der sich zu unserem Stolze herabneigte; und schon aus dem Schoße meiner Mutter, die große Hoffnung auf Dich setzte, war ich mit dem Zeichen seines Kreuzes besiegelt und mit seinem Salz gesalzen. Du sahst, Herr, wie ich, noch als Knabe, einmal von einer plötzlichen Beklemmung des Magens ergriffen und dem Tode nahe – Du sahst, mein Gott (denn Du warst mein Hüter), mit welchem Eifer und mit welchem Glauben ich von der frommen Sorge meiner Mutter und Deiner Kirche, der Mutter unser aller, die Taufe Deines Christus, meines Gottes und Herrn, erbat. Woraufhin die Mutter meines Fleisches, sehr bekümmert (da sie, mit einem Herzen rein in Deinem Glauben, noch liebreicher um die Geburt meines Heiles rang), in eiligem Drang für meine Weihe und Reinigung durch die heilsbringenden Sakramente gesorgt hätte, um Dich, Herr Jesus, zur Vergebung der Sünden zu bekennen, hätte ich mich nicht plötzlich erholt. Und so wurde, als müsste ich, falls ich lebte, wieder befleckt werden, meine Reinigung aufgeschoben, weil die Befleckungen der Sünde nach jener Waschung eine größere und gefährlichere Schuld nach sich gezogen hätten. Ich glaubte damals bereits: und meine Mutter und das ganze Haus, außer meinem Vater; doch vermochte er nicht über die Macht der Frömmigkeit meiner Mutter in mir zu siegen, dass ich, da er noch nicht glaubte, auch nicht glauben sollte. Denn es war ihr ernster Wunsch, dass Du, mein Gott, eher als er mein Vater sein solltest; und darin hast Du ihr geholfen, über ihren Ehemann zu siegen, dem sie, als der Besseren, gehorchte, darin auch Dir gehorchend, der Du dies so geboten hast.

Ich flehe Dich an, mein Gott, ich möchte gerne wissen, wenn es Dein Wille ist, zu welchem Zweck meine Taufe damals aufgeschoben wurde? War es zu meinem Besten, dass die Zügel mir gleichsam locker gelassen wurden, damit ich sündigte? Oder wurden sie nicht locker gelassen? Wenn nicht, warum hallt es dann noch immer von allen Seiten in unseren Ohren: „Lass ihn, lass ihn tun, was er will, denn er ist noch nicht getauft!“? Doch was die körperliche Gesundheit betrifft, sagt niemand: „Lass ihn noch stärker verwundet werden, denn er ist noch nicht geheilt.“ Wie viel besser wäre es dann gewesen, ich wäre sofort geheilt worden; und dann wäre die wiedererlangte Gesundheit meiner Seele, durch meine Freunde und mich selbst, in Deiner Obhut bewahrt worden, die Du sie gabst. Wahrlich besser. Aber wie viele und große Wogen der Versuchung schienen nach meiner Knabenzeit über mir zu hängen! Diese sah meine Mutter voraus; und sie zog es vor, jenen Lehm, aus dem ich später geformt werden könnte, ihnen auszusetzen, als das bereits geformte Gefäß selbst.

In der Knabenzeit selbst jedoch (die mir so viel weniger gefürchtet war als die Jugend), liebte ich das Lernen nicht und hasste es, dazu gezwungen zu werden. Doch ich wurde gezwungen; und dies geschah gut an mir, aber ich handelte nicht gut; denn ohne Zwang hätte ich nicht gelernt. Aber niemand handelt gut gegen seinen Willen, selbst wenn das, was er tut, gut ist. Doch auch jene handelten nicht gut, die mich zwangen, aber das Gute kam mir von Dir, mein Gott. Denn es war ihnen gleichgültig, wie ich das verwenden sollte, zu dessen Lernen sie mich zwangen, außer um die unersättlichen Begierden einer wohlhabenden Bettelhaftigkeit und eines schändlichen Ruhmes zu sättigen. Du aber, durch den selbst die Haare unseres Hauptes gezählt sind, hast den Irrtum aller, die mich zum Lernen drängten, zu meinem Guten verwendet; und meinen eigenen, der ich nicht lernen wollte, hast Du zu meiner Strafe verwendet – eine angemessene Strafe für einen so kleinen Knaben und so großen Sünder. So hast Du durch jene, die nicht gut handelten, Gutes für mich gewirkt; und durch meine eigene Sünde hast Du mich gerecht bestraft. Denn Du hast geboten, und so ist es, dass jedes ungeordnete Verlangen seine eigene Strafe sei.

Warum aber hasste ich das Griechische so sehr, das ich als Knabe lernte? Ich weiß es noch nicht genau. Denn das Lateinische liebte ich; nicht das, was meine ersten Lehrer, sondern was die sogenannten Grammatiker mich lehrten. Denn jene ersten Lektionen, Lesen, Schreiben und Rechnen, hielt ich für eine ebenso große Bürde und Strafe wie jedes Griechische. Und doch, woher kam auch dies, wenn nicht aus der Sünde und Eitelkeit dieses Lebens, weil ich Fleisch war und ein Hauch, der dahingeht und nicht wiederkehrt? Denn jene ersten Lektionen waren sicherlich besser, weil sicherer; durch sie erlangte ich, und behalte sie noch immer, die Fähigkeit, das zu lesen, was ich geschrieben finde, und selbst zu schreiben, was ich will; während ich in den anderen gezwungen war, die Irrfahrten eines Äneas zu lernen, vergessend meiner eigenen, und um die tote Dido zu weinen, weil sie sich aus Liebe tötete; während ich mit trockenen Augen mein elendes Selbst ertrug, das inmitten dieser Dinge starb, fern von Dir, o Gott, mein Leben.

Denn was ist elender als ein elendes Wesen, das sich selbst nicht bemitleidet; den Tod der Dido aus Liebe zu Äneas beweinend, aber nicht seinen eigenen Tod aus Mangel an Liebe zu Dir, o Gott. Du Licht meines Herzens, Du Brot meiner innersten Seele, Du Kraft, die meinem Geist Stärke verleiht, die meine Gedanken belebt, ich liebte Dich nicht. Ich beging Hurerei gegen Dich, und um mich herum, die alle so hurten, hallte es: „Gut gemacht! Gut gemacht!“, denn die Freundschaft dieser Welt ist Hurerei gegen Dich; und „Gut gemacht! Gut gemacht!“ hallt es fort, bis man sich schämt, nicht so ein Mensch zu sein. Und für all das weinte ich nicht, ich, der ich um die erschlagene Dido weinte und „mit dem Schwert einen Streich und eine tiefe Wunde suchend“, während ich selbst eine schlimmere Tiefe suchte, die äußerste und niedrigste Deiner Geschöpfe, da ich Dich verlassen hatte, Erde, die in die Erde übergeht. Und wenn es mir verboten war, all dies zu lesen, war ich betrübt, dass ich nicht lesen durfte, was mich betrübte. Ein solcher Wahnsinn wird für eine höhere und reichere Bildung gehalten als jene, durch die ich lesen und schreiben lernte.

Doch nun, mein Gott, schreie Du laut in meiner Seele; und lass Deine Wahrheit mir sagen: „Nicht so, nicht so. Viel besser war jenes erste Studium.“ Denn siehe, ich würde bereitwillig die Irrfahrten des Äneas und all das Übrige vergessen, eher als das Lesen und Schreiben. Aber über dem Eingang der Lateinschule ist ein Schleier gezogen! Wahr; doch ist dies nicht so sehr ein Sinnbild für irgendetwas Verstecktes, als vielmehr ein Mantel des Irrtums. Lasst jene, die ich nicht länger fürchte, nicht gegen mich schreien, während ich Dir, mein Gott, beichte, was auch immer meine Seele will, und der Verurteilung meiner bösen Wege zustimme, damit ich Deine guten Wege lieben kann. Lasst weder Käufer noch Verkäufer von Grammatikwissen gegen mich schreien. Denn wenn ich sie frage, ob es wahr sei, dass Äneas einst nach Karthago kam, wie der Dichter erzählt, werden die weniger Gelehrten antworten, dass sie es nicht wissen, die Gelehrteren, dass er niemals dort war. Sollte ich aber fragen, mit welchen Buchstaben der Name „Äneas“ geschrieben wird, wird jeder, der dies gelernt hat, mir richtig antworten, hinsichtlich der Zeichen, die die Menschen konventionell festgelegt haben. Wenn ich weiter frage, was mit weniger Schaden für die Angelegenheiten des Lebens vergessen werden könnte, das Lesen und Schreiben oder diese poetischen Fiktionen? Wer sieht nicht voraus, was alle antworten müssen, die sich nicht gänzlich selbst vergessen haben? Ich sündigte also, als ich als Knabe jene leeren Studien den nützlicheren vorzog, oder vielmehr die einen liebte und die anderen hasste. „Eins und eins, zwei“; „zwei und zwei, vier“; dies war für mich ein hasserfülltes Singspielen: „das hölzerne Pferd, gefüllt mit bewaffneten Männern“ und „das Brennen Trojas“ und „Creusas Schatten und trauriges Gleichnis“ waren das auserlesene Schauspiel meiner Eitelkeit.

Warum also hasste ich die griechischen Klassiker, die ähnliche Geschichten haben? Denn auch Homer wob neugierig ähnliche Fiktionen und ist höchst süß-eitel, doch war er bitter für meinen kindlichen Geschmack. Und so, vermute ich, wäre auch Vergil für griechische Kinder, wenn sie gezwungen würden, ihn zu lernen, wie ich Homer. Schwierigkeit, wahrlich, die Schwierigkeit einer fremden Zunge, übergoß gleichsam mit Galle alle Süße der griechischen Fabel. Denn kein einziges Wort davon verstand ich, und um mich zum Verstehen zu bringen, wurde ich mit grausamen Drohungen und Strafen heftig gedrängt. Es gab auch eine Zeit (als Säugling), da kannte ich kein Latein; aber dies lernte ich ohne Furcht oder Leid, durch bloße Beobachtung, inmitten der Liebkosungen meiner Kinderstube und der Scherze von Freunden, die lächelnd und spielerisch mich ermutigten. Dies lernte ich ohne jeden Druck von Strafe, um mich anzutreiben, denn mein Herz drängte mich, seine Empfängnisse zu gebären, was ich nur tun konnte, indem ich Wörter lernte, nicht von denen, die mich lehrten, sondern von denen, die mit mir sprachen; in deren Ohren ich auch die Gedanken gebar, was immer ich empfing. Kein Zweifel also, dass eine freie Neugier mehr Kraft beim Lernen dieser Dinge hat als ein schrecklicher Zwang. Nur dieser Zwang zügelt die Ausschweifungen jener Freiheit, durch Deine Gesetze, o mein Gott, Deine Gesetze, vom Stock des Lehrers bis zu den Prüfungen der Märtyrer, fähig, für uns ein heilsames Bitteres zu mischen, das uns von jener tödlichen Lust, die uns von Dir lockt, zu Dir zurückruft.

Höre, Herr, mein Gebet; lass meine Seele nicht unter Deiner Züchtigung verschmachten, noch lass mich verschmachten im Beichten all Deiner Gnaden vor Dir, durch die Du mich aus all meinen bösesten Wegen herausgezogen hast, damit Du mir zu einer Wonne werden könntest über alle Verlockungen, die ich einst verfolgte; damit ich Dich vollkommen lieben und Deine Hand mit all meinen Zuneigungen ergreifen kann, und Du mich noch aus jeder Versuchung retten mögest, bis ans Ende. Denn siehe, o Herr, mein König und mein Gott, sei für Deinen Dienst alles Nützliche, was meine Kindheit lernte; für Deinen Dienst, dass ich spreche, schreibe, lese, rechne. Denn Du gewährtest mir Deine Züchtigung, während ich Eitelkeiten lernte; und meine Sünde, mich an jenen Eitelkeiten zu erfreuen, hast Du vergeben. In ihnen freilich lernte ich manch nützliches Wort, aber diese können ebenso gut in Dingen gelernt werden, die nicht eitel sind; und das ist der sichere Pfad für die Schritte der Jugend.

Aber wehe dir, du Strom menschlicher Gewohnheit! Wer soll dir widerstehen? Wie lange wirst du nicht austrocknen? Wie lange die Söhne Evas in jenen riesigen und abscheulichen Ozean rollen, den selbst jene kaum überqueren, die das Kreuz erklimmen? Las ich nicht in dir von Jupiter, dem Donnerer und dem Ehebrecher? Beides konnte er zweifellos nicht sein; aber so konnte der erdichtete Donner den wirklichen Ehebruch rechtfertigen und fördern. Und nun, welcher unserer in Roben gekleideten Meister leiht einem ein nüchternes Ohr, der aus ihrer eigenen Schule herausruft: „Dies waren Homers Fiktionen, die menschliche Dinge auf die Götter übertrugen; wollte, er hätte göttliche Dinge zu uns herabgebracht!“ Doch wahrhaftiger hätte er gesagt: „Dies sind wahrlich seine Fiktionen; aber er schreibt bösen Menschen eine göttliche Natur zu, damit Verbrechen keine Verbrechen mehr seien und wer sie begeht, nicht verkommene Menschen, sondern die himmlischen Götter nachzuahmen scheine.“

Und doch, du höllischer Strom, in dich werden die Menschensöhne mit reichen Belohnungen geworfen, für das Erlangen einer solchen Bildung; und eine große Feierlichkeit wird daraus gemacht, wenn dies auf dem Forum geschieht, im Angesicht von Gesetzen, die neben den Zahlungen der Schüler ein Gehalt festsetzen; und du peitschst deine Felsen und brüllst: „Daher lernt man Worte; daher Beredsamkeit; höchst notwendig, um seine Ziele zu erreichen oder Meinungen zu vertreten.“ Als ob wir niemals solche Wörter wie „goldener Regen“, „Schoß“, „betören“, „Tempel des Himmels“ oder andere in jener Passage gekannt hätten, wenn nicht Terenz einen liederlichen Jüngling auf die Bühne gebracht hätte, der Jupiter als sein Beispiel für Verführung aufstellte.

„Ein Bild betrachtend, wo die Geschichte gezeichnet war, Wie Jupiter in einem goldenen Regen herabstieg In Danaes Schoß, um eine Frau zu betören.“

Und dann beachte, wie er sich selbst zur Lust anstachelt, wie durch göttliche Autorität:

„Und welcher Gott? Der große Jupiter, Der die höchsten Tempel des Himmels mit seinem Donner erschüttert,

Und ich, armer sterblicher Mensch, sollte nicht dasselbe tun! Ich tat es, und von ganzem Herzen tat ich es.“

Um kein Haar leichter werden die Wörter durch all diese Niedertracht gelernt; aber durch sie wird die Niedertracht mit weniger Scham begangen. Nicht, dass ich die Wörter tadele, da sie gleichsam auserlesene und kostbare Gefäße sind; sondern jenen Wein des Irrtums, der uns in ihnen von berauschten Lehrern eingetrunken wird; und wenn wir nicht auch trinken, werden wir geschlagen und haben keinen nüchternen Richter, an den wir appellieren können. Doch, o mein Gott (in dessen Gegenwart ich mich nun ohne Schaden daran erinnern kann), all dies lernte ich unglücklicherweise willig mit großer Wonne, und dafür wurde ich als ein hoffnungsvoller Knabe gepriesen.

Ertrage mich, mein Gott, während ich einiges über meinen Verstand sage, Dein Geschenk, und über welchen Schwachsinn ich ihn verschwendete. Denn eine Aufgabe wurde mir gestellt, beschwerlich genug für meine Seele, unter der Bedingung von Lob oder Schande und der Furcht vor Hieben, die Worte Junos zu sprechen, wie sie tobte und trauerte, dass sie nicht konnte

„Diesen trojanischen Fürsten aus Latium wenden.“

Welche Worte ich gehört hatte, dass Juno sie niemals äußerte; aber wir wurden gezwungen, auf den Spuren dieser poetischen Fiktionen in die Irre zu gehen und in Prosa weitgehend das zu sagen, was er in Versen ausdrückte. Und dessen Sprechen wurde am meisten applaudiert, bei dem die Leidenschaften von Zorn und Schmerz am stärksten hervortraten und in die passendste Sprache gekleidet waren, die Würde des Charakters wahrend. Was bedeutet es mir, o mein wahres Leben, mein Gott, dass meine Deklamation vor so vielen meines Alters und Standes applaudiert wurde? Ist all dies nicht Rauch und Wind? Und gab es nichts anderes, woran ich meinen Verstand und meine Zunge üben konnte? Deine Lobpreisungen, Herr, Deine Lobpreisungen hätten den noch zarten Trieb meines Herzens durch die Stütze Deiner Heiligen Schrift stützen können; so wäre er nicht inmitten dieser leeren Kleinigkeiten dahingewelkt, eine befleckte Beute für die Vögel des Himmels. Denn auf mehr als eine Weise opfern die Menschen den rebellischen Engeln.

Doch welches Wunder, dass ich so zu Eitelkeiten mitgerissen wurde und aus Deiner Gegenwart hinausging, o mein Gott, wenn mir Menschen als Vorbilder vorgesetzt wurden, die, wenn sie bei der Erzählung einer ihrer Taten, die an sich nicht übel war, einen Barbarismus oder eine Sprachwidrigkeit begingen, bei Tadel beschämt waren; wenn sie aber in reicher und geschmückter und wohlgeordneter Rede ihr eigenes ungeordnetes Leben erzählten, bei Lobpreisung prunkten? Diese Dinge siehst Du, Herr, und schweigst; langmütig und reich an Erbarmen und Wahrheit. Wirst Du ewig schweigen? Und schon jetzt ziehst Du aus diesem schrecklichen Abgrund die Seele, die Dich sucht, die nach Deinen Wonnen dürstet, deren Herz zu Dir spricht: Ich habe Dein Antlitz gesucht; Dein Antlitz, Herr, will ich suchen. Denn verdunkelte Zuneigungen sind ein Entfernen von Dir. Denn es ist nicht durch unsere Füße oder einen Ortswechsel, dass Menschen Dich verlassen oder zu Dir zurückkehren. Oder hat jener jüngere Sohn Deiner nach Pferden oder Streitwagen oder Schiffen Ausschau gehalten, mit sichtbaren Flügeln geflogen oder durch die Bewegung seiner Glieder gereist, damit er in einem fernen Land in ausschweifendem Leben all das vergeuden konnte, was Du ihm bei seinem Aufbruch gabst? Ein liebender Vater, wenn Du gabst, und noch liebender zu ihm, als er leer zurückkehrte. So ist also in lustvollen, das heißt in verdunkelten Zuneigungen die wahre Entfernung von Deinem Antlitz.

Siehe, o Herr Gott, ja, siehe geduldig, wie Du es gewohnt bist, wie sorgfältig die Menschensöhne die verbrieften Regeln der Buchstaben und Silben beobachten, die sie von denen empfangen haben, die vor ihnen sprachen, während sie den ewigen Bund des ewigen Heiles vernachlässigen, den sie von Dir empfangen haben. Insofern wird ein Lehrer oder Lerner der ererbten Gesetze der Aussprache die Menschen mehr beleidigen, indem er ohne den Hauchlaut von einem „menschlichen Wesen“ spricht, entgegen den Gesetzen der Grammatik, als wenn er, ein „menschliches Wesen“, ein „menschliches Wesen“ hasst, entgegen Deinen. Als ob irgendein Feind verletzender sein könnte als der Hass, mit dem er gegen ihn entbrannt ist; oder den, den er verfolgt, tiefer verwunden könnte, als er seine eigene Seele durch seine Feindschaft verwundet. Gewiss kann keine Wissenschaft der Buchstaben so angeboren sein wie das Zeugnis des Gewissens, „dass er einem anderen antut, was er von einem anderen nur ungern erleiden würde“. Wie tief sind Deine Wege, o Gott, Du einzig Großer, der Du schweigend in der Höhe thronst und durch ein unermüdliches Gesetz strafende Blindheit an gesetzlose Begierden austeilst. Auf der Jagd nach dem Ruhm der Beredsamkeit wird ein Mensch, der vor einem menschlichen Richter steht, umgeben von einer menschlichen Menge, deklamierend gegen seinen Feind mit grimmigstem Hass, auf das Aufmerksamste darauf achten, dass er nicht durch einen Fehler der Zunge das Wort „menschliches Wesen“ ermordet; achtet aber nicht darauf, dass er durch die Wut seines Geistes das wirkliche menschliche Wesen ermordet.

Dies war die Welt, an deren Tor ich als Knabe unglücklich lag; dies die Bühne, wo ich mehr gefürchtet hatte, einen Barbarismus zu begehen, als jene zu beneiden, die keinen begangen hatten. Diese Dinge spreche und beichte ich Dir, meinem Gott; für die ich Lob erhielt von denen, denen zu gefallen ich damals für die höchste Tugend hielt. Denn ich sah nicht den Abgrund der Niedertracht, in den ich fern von Deinen Augen geworfen war. Vor ihnen, was war ich schon, das nicht noch abscheulicher war, missfallend selbst solchen wie mir? Mit zahllosen Lügen täuschte ich meinen Erzieher, meine Lehrer, meine Eltern, aus Liebe zum Spiel, Eifer, eitle Schaustellungen zu sehen, und Ruhelosigkeit, sie nachzuahmen! Diebstähle beging ich auch, aus der Speisekammer und vom Tisch meiner Eltern, versklavt von Gier, oder damit ich Knaben geben konnte, die mir ihr Spiel verkauften, das sie die ganze Zeit nicht weniger mochten als ich. In diesem Spiel suchte ich auch oft unfaire Siege, während ich selbst von eitler Begierde nach Vorrang besiegt wurde. Und was konnte ich so schlecht ertragen, oder, wenn ich es entdeckte, tadelte ich so heftig, wie dass ich es anderen antat? Und wofür ich, wenn ich entdeckt wurde, getadelt wurde, zog ich es vor zu streiten, als nachzugeben. Und ist dies die Unschuld der Knabenzeit? Nicht so, Herr, nicht so; ich schreie um Dein Erbarmen, mein Gott. Denn eben diese Sünden, wie reifere Jahre folgen, eben diese Sünden werden von Erziehern und Lehrern, von Nüssen und Bällen und Spatzen auf Magistrate und Könige, auf Gold und Ländereien und Sklaven übertragen, genau wie strengere Strafen den Stock ersetzen. Es war die geringe Statur der Kindheit also, die Du, unser König, als ein Sinnbild der Niedrigkeit lobtest, als Du sagtest: Von solchen ist das Himmelreich.

Doch Dir, Herr, dem Schöpfer und Lenker des Weltalls, dem Allgütigen und Allbesten, gebührte Dank, selbst wenn Du mir nur die Knabenzeit bestimmt hättest. Denn schon damals war ich, ich lebte und empfand, und eine eingepflanzte Vorsehung wachte über mein Wohlergehen – ein Abglanz jener geheimnisvollen Einheit, der ich entstammte; durch den inneren Sinn bewahrte ich die Unversehrtheit meiner Sinne, und in diesen kleinen Beschäftigungen und in meinem Nachdenken über kleine Dinge lernte ich, mich an der Wahrheit zu erfreuen, ich hasste es, getäuscht zu werden, besaß ein reges Gedächtnis, war sprachbegabt, fand Trost in der Freundschaft, mied Schmerz, Niedrigkeit und Unwissenheit. Was war an einem so kleinen Geschöpf nicht wunderbar, nicht bewundernswert? Doch all dies sind Gaben meines Gottes: Nicht ich habe sie mir gegeben; und dies ist gut, und dies alles zusammen bin ich. Gut also ist Er, der mich erschuf, und Er ist mein Gut; und vor Ihm will ich jauchzen für alles Gute, das ich als Knabe hatte. Denn es war meine Sünde, dass ich nicht in Ihm, sondern in Seinen Geschöpfen – in mir selbst und anderen – nach Vergnügen, Erhabenheit und Wahrheiten suchte und so kopfüber in Sorgen, Verwirrungen und Irrtümer stürzte. Dank sei Dir, meine Freude und mein Ruhm und meine Zuversicht, mein Gott, Dank sei Dir für Deine Gaben; doch bewahre sie mir. Denn so wirst Du mich bewahren, und jene Dinge werden vergrößert und vollendet werden, die Du mir gegeben hast, und ich selbst werde bei Dir sein, da Du mir sogar das Sein gegeben hast.

BUCH II

Ich will nun meine vergangene Unreinheit und die fleischlichen Verderbtheiten meiner Seele ins Gedächtnis rufen; nicht weil ich sie liebe, sondern damit ich Dich liebe, o mein Gott. Aus Liebe zu Deiner Liebe tue ich es; indem ich meine frevelhaften Wege in der Bitterkeit meines Gedenkens noch einmal durchlebe, damit Du mir süß werdest (Du Süße, die niemals vergeht, Du wonnige und gewissheitgebende Süße); und indem ich mich wieder sammle aus jener meiner Zerstreuung, in der ich in Stücke gerissen wurde, während ich, abgewandt von Dir, dem Einen Guten, mich in der Vielheit der Dinge verlor. Denn ich brannte schon in meiner Jugend bisher, um mich an den niederen Dingen zu sättigen, und ich wagte es, mit diesen mannigfaltigen und schattenhaften Lieben wieder zu verwildern: Meine Schönheit schwand dahin, und ich stank in Deinen Augen, während ich mir selbst gefiel und danach trachtete, in den Augen der Menschen zu gefallen.

Und woran hatte ich meine Freude, wenn nicht daran, zu lieben und geliebt zu werden? Doch ich hielt nicht das Maß der Liebe, von Geist zu Geist, die helle Grenze der Freundschaft; sondern aus der schlammigen Begierde des Fleisches und dem Brodeln der Jugend stiegen Dünste auf, die mein Herz umnebelten und verfinsterten, sodass ich den klaren Glanz der Liebe nicht von dem Nebel der Wollust unterscheiden konnte. Beides kochte verworren in mir und trieb meine unbeständige Jugend über den Abgrund gottloser Begierden und versenkte mich in einen Schlund von Schändlichkeiten. Dein Zorn hatte sich über mir zusammengebraut, und ich wusste es nicht. Ich war taub geworden durch das Klirren der Kette meiner Sterblichkeit, der Strafe für den Hochmut meiner Seele, und ich irrte weiter von Dir fort, und Du ließest mich gewähren, und ich wurde hin und her geworfen, vergeudet und zerstreut, und ich kochte über in meinen Unzuchten, und Du schwiegst, o Du meine zögerliche Freude! Du schwiegst damals, und ich wanderte immer weiter von Dir fort, in immer fruchtlosere Saatfelder der Sorgen, mit einem stolzen Niedergeschlagensein und einer rastlosen Müdigkeit.

O, hätte damals doch jemand meine Unordnung gemäßigt und die vergänglichen Schönheiten dieser, der äußersten Punkte Deiner Schöpfung, zu nutzen gewusst! Hätte ihren Reiz in Schranken gewiesen, damit die Wogen meiner Jugend sich an das Ufer der Ehe hätten werfen können, wenn sie schon nicht zu beruhigen waren und nicht innerhalb des Ziels einer Familie gehalten werden konnten, wie Dein Gesetz es vorschreibt, o Herr: Der Du auf diesem Weg die Nachkommen dieses unseres Todes bildest, indem Du mit sanfter Hand die Dornen zu stumpfen vermagst, die aus Deinem Paradies ausgeschlossen waren! Denn Deine Allmacht ist nicht fern von uns, selbst wenn wir fern von Dir sind. Sonst hätte ich wachsamer auf die Stimme aus den Wolken achten sollen: Dennoch werden solche Trübsal im Fleisch haben, ich aber schone euch. Und es ist gut für einen Menschen, kein Weib zu berühren. Und wer unverheiratet ist, der sorgt für das, was des Herrn ist, wie er dem Herrn gefalle; wer aber verheiratet ist, der sorgt für das, was der Welt ist, wie er seinem Weibe gefalle.

Auf diese Worte hätte ich aufmerksamer hören sollen, und um des Himmelreichs willen getrennt, hätte ich glücklicher Deine Umarmungen erwarten sollen; doch ich, Elender, schäumte wie ein aufgewühltes Meer, dem Andrang meiner eigenen Flut folgend, verließ Dich und überschritt alle Deine Grenzen; doch Deiner Geißeln entkam ich nicht. Denn welcher Sterbliche kann das schon? Denn Du warst immer mit mir barmherzig streng und bestreutest alle meine unerlaubten Vergnügen mit bitterster Beimischung: auf dass ich nach Vergnügen ohne Beimischung suchen möge. Doch wo ich solche finden könnte, konnte ich nicht entdecken, außer in Dir, o Herr, der Du durch Schmerz lehrst und uns verwundest, um zu heilen, und uns tötest, auf dass wir nicht von Dir sterben. Wo war ich, und wie weit war ich verbannt von den Wonnen Deines Hauses, in jenem sechzehnten Jahr des Alters meines Fleisches, als der Wahnsinn der Wollust (dem die menschliche Schamlosigkeit freies Geleit gibt, obwohl Deine Gesetze es nicht gestatten) die Herrschaft über mich übernahm und ich mich ihr gänzlich ergab? Meine Freunde kümmerten sich unterdessen nicht darum, meinen Fall durch eine Ehe abzuwenden; ihre einzige Sorge war, dass ich vortrefflich sprechen und ein überzeugender Redner werden sollte.

Denn jenes Jahr waren meine Studien unterbrochen; während nach meiner Rückkehr aus Madaura (einer Nachbarstadt, wohin ich gereist war, um Grammatik und Rhetorik zu lernen) die Ausgaben für eine weitere Reise nach Karthago für mich bereitgestellt wurden; und dies eher durch den Entschluss als durch die Mittel meines Vaters, der nur ein armer Bürger von Thagaste war. Wem erzähle ich das? Nicht Dir, mein Gott; sondern vor Dir meiner eigenen Art, jenem kleinen Teil der Menschheit, der auf diese meine Schriften stoßen mag. Und zu welchem Zweck? Damit jeder, der dies liest, darüber nachdenke, aus welchen Tiefen wir zu Dir schreien sollen. Denn was ist Deinen Ohren näher als ein bekennendes Herz und ein Leben im Glauben? Wer pries meinen Vater nicht dafür, dass er über seine Kräfte hinaus seinem Sohn alles Notwendige für eine weite Reise um der Studien willen zur Verfügung stellte? Denn viele weitaus wohlhabendere Bürger taten Dergleichen nicht für ihre Kinder. Doch dieser selbe Vater sorgte sich nicht darum, wie ich zu Dir hinwuchs oder wie keusch ich war; Hauptsache, ich war wortgewandt, wie unfruchtbar ich auch für Deine Kultur war, o Gott, der Du der einzige wahre und gute Herr Deines Feldes, meines Herzens, bist.

Doch während ich in jenem meinem sechzehnten Jahr bei meinen Eltern lebte und die Schule für eine Weile verließ (eine Zeit der Müßigganges, die durch die Enge des Vermögens meiner Eltern eingeschoben war), wucherten die Disteln unreiner Begierden über meinem Kopf, und es gab keine Hand, sie auszureißen. Als mein Vater mich in den Bädern sah, nun zum Mann heranwachsend und begabt mit einer rastlosen Jugendlichkeit, erzählte er es, hier schon seine Nachkommen vorwegnehmend, freudig meiner Mutter; er freute sich in jenem Aufruhr der Sinne, in dem die Welt Dich, ihren Schöpfer, vergisst und sich in Dein Geschöpf verliebt anstatt in Dich selbst, durch die Dünste jenes unsichtbaren Weins ihres Eigenwillens, sich abwendend und sich vor den allergeringsten Dingen beugend. Doch im Schoß meiner Mutter hattest Du bereits Deinen Tempel und das Fundament Deiner heiligen Wohnung begonnen, wohingegen mein Vater bis dahin nur ein Katechumene war, und das erst seit Kurzem. Sie erschrak dann mit heiliger Furcht und Beben; und obwohl ich noch nicht getauft war, fürchtete sie für mich jene krummen Wege, auf denen diejenigen wandeln, die Dir den Rücken kehren und nicht ihr Antlitz.

Wehe mir! Und wage ich zu sagen, dass Du schwiegst, o mein Gott, während ich weiter von Dir fortirrte? Schwigst Du damals wirklich zu mir? Und wessen Worte, wenn nicht Deine, waren es, die Du durch meine Mutter, Deine Gläubige, in meine Ohren sangst? Nichts davon drang so in mein Herz, dass es danach handelte. Denn sie wünschte und warnte mich, wie ich mich erinnere, unter vier Augen mit großer Angst, "nicht Unzucht zu treiben; vor allem aber niemals die Frau eines anderen zu beflecken." Dies erschienen mir weibische Ratschläge, derer ich mich schämen sollte, ihnen zu gehorchen. Doch sie waren Dein, und ich wusste es nicht: Und ich dachte, Du seiest stumm und sie sei es, die spräche; durch welche Du nicht stumm zu mir warst; und in ihr wurdest Du von mir verachtet, ihrem Sohn, dem Sohn Deiner Magd, Deines Dieners. Doch ich wusste es nicht; und rannte mit solcher Blindheit kopfüber, dass ich mich unter meinen Gleichen einer geringeren Schamlosigkeit schämte, wenn ich sie mit ihren Schändlichkeiten prahlen hörte, ja, und je mehr sie prahlten, desto tiefer sanken sie: Und ich fand Freude nicht nur am Vergnügen der Tat, sondern auch am Lob. Was ist eines Tadels würdig, wenn nicht das Laster? Doch ich machte mich schlechter, als ich war, damit ich nicht getadelt würde; und wenn ich in irgendeiner Sache nicht wie die Verkommenen gesündigt hatte, sagte ich, ich hätte getan, was ich nicht getan hatte, damit ich nicht verächtlich erscheine, je nachdem, wie unschuldig ich war; oder von geringerem Ansehen, je keuscher ich war.

Siehe, mit welchen Gefährten ich durch die Straßen von Babylon wandelte und mich im Schlamm derselben suhlte, als wäre es ein Bett aus Gewürzen und köstlichen Salben. Und damit ich umso fester an ihrem eigentlichen Mittelpunkt klebte, trat mich der unsichtbare Feind nieder und verführte mich, weil ich leicht zu verführen war. Auch achtete die Mutter meines Fleisches (die zwar bereits aus dem Mittelpunkt Babylons geflohen war, aber langsamer in den Außenbezirken wandelte, als sie mir zur Keuschheit riet) nicht darauf, was sie von ihrem Mann über mich gehört hatte, um mich in den Schranken ehelicher Zuneigung zu halten, wenn es sich schon nicht bis auf den Grund beschneiden ließ, was sie als gegenwärtig pestilenzialisch und für die Zukunft gefährlich empfand. Sie achtete nicht darauf, denn sie fürchtete, ein Weib könne sich als ein Klotz und Hindernis für meine Hoffnungen erweisen. Nicht jene Hoffnungen auf die kommende Welt, die meine Mutter in Dich setzte; sondern die Hoffnung auf Bildung, die beide meine Eltern nur allzu sehr wünschten, dass ich sie erlangte; mein Vater, weil er so gut wie keine Gedanken an Dich verschwendete und von mir nur eitle Vorstellungen hatte; meine Mutter, weil sie meinte, dass jene üblichen Bildungsgänge nicht nur kein Hindernis, sondern sogar eine gewisse Förderung sein könnten, um Dich zu erlangen. So vermute ich es, indem ich mich so gut ich kann auf die Gesinnung meiner Eltern besinne. Die Zügel wurden mir unterdessen gelockert, über jedes Maß gebührender Strenge hinaus, um meine Zeit mit Spielen zu verbringen, ja, bis hin zur Zügellosigkeit in allem, wonach mir der Sinn stand. Und in allem war ein Nebel, der mir, o mein Gott, den Glanz Deiner Wahrheit abschnitt; und meine Ungerechtigkeit brach hervor wie aus schierer Fettleibigkeit.

Diebstahl wird von Deinem Gesetz bestraft, o Herr, und von dem Gesetz, das in die Herzen der Menschen geschrieben ist, welches selbst die Ungerechtigkeit nicht auslöscht. Denn welcher Dieb duldet schon einen Dieb? Nicht einmal ein reicher Dieb, einer, der aus Not stiehlt. Dennoch begehrte ich zu stehlen, und tat es, getrieben von keinem Hunger und keiner Armut, sondern durch eine Übersättigung an Wohltun und eine Verzärtelung der Ungerechtigkeit. Denn ich stahl das, wovon ich genug und viel Besseres hatte. Auch lag mir nichts daran, das Gestohlene zu genießen, sondern ich fand Freude am Diebstahl und an der Sünde selbst. Ein Birnbaum stand in der Nähe unseres Weinbergs, beladen mit Früchten, die weder durch Farbe noch Geschmack verlockend waren. Um diesen zu schütteln und zu plündern, gingen einige von uns liederlichen jungen Burschen eines späten Abends (nachdem wir unserer pestilenzialischen Gewohnheit gemäß unsere Spiele auf den Straßen bis dahin ausgedehnt hatten) und nahmen riesige Lasten mit, nicht um sie zu essen, sondern um sie den Schweinen vorzuwerfen, nachdem wir sie nur gekostet hatten. Und das nur, um zu tun, was uns gefiel, weil es missfiel. Sieh mein Herz, o Gott, sieh mein Herz, das Du im Grunde des bodenlosen Abgrunds erbarmtest. Nun sieh, lass mein Herz Dir erzählen, was es dort suchte, dass ich grundlos böse sein sollte, keine Versuchung zum Übel habend als das Übel selbst. Es war garstig, und ich liebte es; ich liebte es, unterzugehen, ich liebte meinen eigenen Fehler, nicht das, weswegen ich fehlerhaft war, sondern meinen Fehler selbst. Garstige Seele, die aus Deinem Firmament in den völligen Untergang stürzt; die nichts durch die Schande sucht als die Schande selbst!

Denn es gibt einen Reiz an schönen Körpern, an Gold und Silber und allen Dingen; und bei körperlicher Berührung hat das Mitgefühl großen Einfluss, und jeder andere Sinn hat sein eigenes, angemessen temperiertes Objekt. Auch die weltliche Ehre hat ihren Anmut, und die Macht des Überwindens und des Herrschens; woraus auch der Durst nach Rache entspringt. Doch um all dies zu erlangen, dürfen wir uns nicht von Dir entfernen, o Herr, noch von Deinem Gesetz abweichen. Auch das Leben, das wir hier führen, hat seinen eigenen Zauber, durch ein gewisses eigenes Ebenmaß und eine Übereinstimmung mit allen Dingen, die hier unten schön sind. Auch die menschliche Freundschaft wird durch ein süßes Band versüßt, aufgrund der Einheit, die aus vielen Seelen gebildet wird. Aus Anlass all dieser und ähnlicher Dinge wird gesündigt, während durch eine maßlose Neigung zu diesen Gütern niederster Ordnung die besseren und höheren verlassen werden – Du, unser Herr Gott, Deine Wahrheit und Dein Gesetz. Denn diese niederen Dinge haben ihre Freuden, aber nicht wie mein Gott, der alles erschuf; denn an Ihm erfreut sich der Gerechte, und Er ist die Freude der Aufrichtigen im Herzen.

Wenn wir also fragen, warum ein Verbrechen begangen wurde, glauben wir es nicht, außer es scheint, dass ein gewisses Verlangen bestanden haben könnte, eines jener Güter zu erlangen, die wir als niedere bezeichneten, oder die Furcht, sie zu verlieren. Denn sie sind schön und lieblich; wenngleich sie, verglichen mit jenen höheren und seligmachenden Gütern, armselig und niedrig sind. Ein Mensch hat einen anderen ermordet; warum? Er liebte seine Frau oder seinen Besitz; oder er wollte rauben, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten; oder er fürchtete, durch ihn solche Dinge zu verlieren; oder er war, weil er Unrecht gelitten hatte, entbrannt, sich zu rächen. Würde irgendjemand ohne Grund morden, einfach nur, weil er Freude am Morden hätte? Wer würde das glauben? Denn was jenen wütenden und wilden Mann betrifft, von dem gesagt wird, er sei grundlos böse und grausam gewesen, so wird doch der Grund genannt: "Damit" (sagt er) "Hand oder Herz nicht durch Müßiggang untätig werden." Und zu welchem Zweck? Dass er durch diese Übung der Schuld, nachdem er die Stadt eingenommen hatte, Ehren, Herrschaft, Reichtümer erlangen und von der Furcht vor den Gesetzen und seinen Verlegenheiten durch häusliche Nöte sowie vom Bewusstsein seiner Schandtaten befreit werden könnte. So liebte also nicht einmal Catilina selbst seine eigenen Schandtaten, sondern etwas anderes, dessen willen er sie beging.

Was also liebte ich, der Elende, in dir, du mein Diebstahl, du Tat der Finsternis, in jenem sechzehnten Jahr meines Alters? Schön warst du nicht, denn du warst Diebstahl. Aber bist du überhaupt etwas, dass ich so zu dir spreche? Schön waren die Birnen, die wir stahlen, denn sie waren Deine Schöpfung, Du Schönster von allen, Schöpfer aller Dinge, Du guter Gott; Gott, das höchste Gut und mein wahres Gut. Schön waren jene Birnen, doch nicht sie begehrte meine elende Seele; denn ich hatte einen Vorrat an besseren, und jene sammelte ich nur, damit ich stehlen konnte. Denn als sie gesammelt waren, warf ich sie weg, wobei mein einziges Festmahl darin meine eigene Sünde war, an der ich mich zu erfreuen pflegte. Denn wenn irgendetwas von jenen Birnen in meinen Mund gelangte, so war es die Sünde, die es versüßte. Und nun, o Herr mein Gott, frage ich, was mich an jenem Diebstahl erfreute; und siehe, er hat keine Lieblichkeit; ich meine nicht eine solche Lieblichkeit, wie sie in Gerechtigkeit und Weisheit liegt; noch eine solche, wie sie im Geist und im Gedächtnis und in den Sinnen und im animalischen Leben des Menschen ist; noch auch, wie die Sterne herrlich und schön in ihren Bahnen sind; oder die Erde oder das Meer, voller embryonalem Leben, das durch seine Geburt das ersetzt, was vergeht; nein, nicht einmal jene falsche und schattenhafte Schönheit, die den täuschenden Lastern eigen ist.

Denn so ahmt der Stolz die Erhabenheit nach; wohingegen Du allein Gott bist, erhaben über alles. Was sucht der Ehrgeiz, wenn nicht Ehre und Ruhm? wohingegen Du allein vor allen geehrt werden musst und herrlich bist in Ewigkeit. Die Grausamkeit der Großen möchte gerne gefürchtet werden; doch wer ist zu fürchten als Gott allein, aus dessen Macht was entrissen oder entzogen werden kann? wann, oder wo, oder wohin, oder von wem? Die Zärtlichkeiten der Wollüstigen möchten gerne für Liebe gelten: doch nichts ist zärtlicher als Deine Nächstenliebe; noch wird irgendetwas heilsamer geliebt als jene Deine Wahrheit, hell und schön über alles. Neugier macht den Anschein eines Wissensverlangens; wohingegen Du überaus alles weißt. Ja, Unwissenheit und Torheit selbst wird unter dem Namen Einfalt und Unschädlichkeit verborgen; weil nichts einfacher gefunden wird als Du: und was ist weniger schädlich, da es seine eigenen Werke sind, die den Sünder verletzen? Ja, Trägheit möchte gerne ruhen; doch welche beständige Ruhe gibt es außer dem Herrn? Luxus gibt vor, Fülle und Überfluss genannt zu werden; doch Du bist die Fülle und der niemals versiegende Reichtum an unvergänglichen Vergnügungen. Verschwendung bietet einen Schatten der Freigebigkeit: doch Du bist der überfließendste Geber alles Guten. Habsucht möchte viele Dinge besitzen; und Du besitzt alle Dinge. Neid streitet um Vorzüglichkeit: Was ist vorzüglicher als Du? Zorn sucht Rache: Wer rächt gerechter als Du? Furcht schreckt vor Ungewohntem und Plötzlichem auf, das geliebte Dinge gefährdet, und sorgt für deren Sicherheit vor; doch was ist Dir ungewohnt oder plötzlich, oder wer trennt von Dir, was Du liebst? Oder wo, wenn nicht bei Dir, ist unerschütterliche Sicherheit? Trauer verzehrt sich um verlorene Dinge, die Wonne ihrer Begierden; weil sie nichts von sich genommen haben möchte, so wie von Dir nichts genommen werden kann.

So treibt die Seele Unzucht, wenn sie sich von Dir abwendet und außerhalb Deiner sucht, was sie nicht rein und unbefleckt findet, bis sie zu Dir zurückkehrt. So ahmen alle verkehrt Dich nach, die sich weit von Dir entfernen und sich gegen Dich erheben. Doch selbst durch dieses Nachahmen deuten sie darauf hin, dass Du der Schöpfer der gesamten Natur bist; weshalb es keinen Ort gibt, wohin man sich gänzlich vor Dir zurückziehen könnte. Was also liebte ich an jenem Diebstahl? Und worin ahamte ich meinen Herrn auch noch korrupt und verkehrt nach? Wollte ich etwa durch das Stehlen Deinem Gesetz zuwiderhandeln, weil ich es durch Macht nicht konnte, sodass ich, als Gefangener, eine verstümmelte Freiheit nachahmen könnte, indem ich ungestraft Dinge tat, die mir nicht erlaubt waren, ein verdunkeltes Abbild Deiner Allmacht? Sieh Deinen Diener, der vor seinem Herrn flieht und einen Schatten erlangt. O Fäulnis, o Ungeheuerlichkeit des Lebens und Tiefe des Todes! Konnte mir gefallen, was ich nicht durfte, nur weil ich es nicht durfte?

Was soll ich dem Herrn vergelten, dass meine Seele nicht davor erschrickt, während mein Gedächtnis diese Dinge zurückruft? Ich will Dich lieben, o Herr, und Dir danken und Deinen Namen bekennen; denn Du hast mir diese so großen und abscheulichen Taten von mir vergeben. Deiner Gnade schreibe ich es zu und Deiner Barmherzigkeit, dass Du meine Sünden dahingeschmolzen hast, als wäre es Eis. Deiner Gnade schreibe ich auch alles zu, was ich an Bösem nicht getan habe; denn was hätte ich nicht tun können, ich, der ich sogar eine Sünde um ihrer selbst willen liebte? Ja, ich bekenne, dass mir alles vergeben wurde; sowohl die Übel, die ich aus eigenem Willen beging, als auch jene, die ich unter Deiner Führung nicht beging. Wer ist der Mensch, der, wenn er seine eigene Gebrechlichkeit abwägt, es wagt, seine Reinheit und Unschuld seiner eigenen Stärke zuzuschreiben, damit er Dich weniger liebt, als hätte er Deine Barmherzigkeit weniger nötig, durch die Du denen Sünden vergibst, die sich zu Dir bekehren? Denn wer immer, von Dir gerufen, Deiner Stimme folgte und jene Dinge mied, von denen er liest, dass ich sie von mir selbst zurückrufe und bekenne, der verachte mich nicht, der ich krank war und geheilt wurde durch jenen Arzt, durch dessen Beistand es geschah, dass er nicht, oder vielmehr weniger krank war: und dafür liebe er Dich ebenso sehr, ja noch mehr; denn durch denselben, durch den er mich von solch tiefer Zehrung der Sünde wiederhergestellt sieht, sieht er sich selbst von einer gleichen Zehrung der Sünde bewahrt.

Welche Frucht hatte ich damals (elender Mensch!) an jenen Dingen, deren Erinnerung ich mich nun schäme? Besonders an jenem Diebstahl, den ich um des Diebstahls willen liebte; und er war zudem ein Nichts, und deshalb bin ich umso elender, da ich ihn liebte. Doch allein hatte ich ihn nicht begangen: so war ich damals, ich erinnere mich, allein hätte ich ihn niemals begangen. Ich liebte also darin auch die Gemeinschaft der Komplizen, mit denen ich es tat? Ich liebte damals also nichts anderes als den Diebstahl, ja vielmehr liebte ich nichts anderes; denn dieser Umstand der Gemeinschaft war ebenfalls ein Nichts. Was ist es in Wahrheit? Wer kann mich lehren, außer Er, der mein Herz erleuchtet und seine dunklen Winkel aufdeckt? Was ist es, das mir in den Sinn gekommen ist, zu erfragen, zu erörtern und zu bedenken? Denn hätte ich damals die Birnen geliebt, die ich stahl, und mich an ihnen erfreuen wollen, hätte ich es allein tun können, falls das bloße Begehen des Diebstahls ausgereicht hätte, um mein Vergnügen zu erlangen; noch hätte ich das Jucken meiner Begierden durch die Erregung von Komplizen entflammen müssen. Aber da mein Vergnügen nicht in jenen Birnen lag, lag es in dem Vergehen selbst, das die Gemeinschaft der Mitsünder verursachte.

Was war also dieses Gefühl? Denn wahrlich, es war allzu garstig: und wehe mir, der ich es hatte. Aber dennoch, was war es? Wer kann seine Irrtümer verstehen? Es war der Spaß, der gleichsam unsere Herzen kitzelte, dass wir jene zum Narren hielten, die wenig daran dachten, was wir taten, und es sehr missbilligten. Warum also war mein Vergnügen solcher Art, dass ich es nicht allein tat? Weil niemand gewöhnlich allein lacht? Gewöhnlich niemand; doch manchmal überkommt das Lachen Menschen allein und für sich, wenn sich ihren Sinnen oder ihrem Geist etwas sehr Lächerliches darbietet. Doch ich hätte dies nicht allein getan; allein hätte ich es niemals getan. Sieh, mein Gott, vor Dir, die lebhafte Erinnerung meiner Seele; allein hätte ich niemals jenen Diebstahl begangen, bei dem mir nicht das gefiel, was ich stahl, sondern dass ich stahl; noch hätte es mir allein gefallen, es zu tun, noch hätte ich es getan. O Freundschaft, allzu unfreundlich! Du unfassbare Verführerin der Seele, du Gier, aus Heiterkeit und Übermut Unfug zu stiften, du Durst nach fremdem Verlust, ohne Lust auf eigenen Gewinn oder Rache: aber wenn es heißt: „Lass uns gehen, lass es uns tun“, dann schämen wir uns, nicht schamlos zu sein.

Wer kann diesen verdrehten und verschlungenen Knoten entwirren? Garstig ist er: Ich hasse es, daran zu denken, ihn anzusehen. Aber Dich sehne ich mich, o Gerechtigkeit und Unschuld, schön und lieblich für alle reinen Augen und von unersättlicher Genugtuung. Bei Dir ist vollkommene Ruhe und unerschütterliches Leben. Wer in Dich eingeht, geht ein in die Freude seines Herrn: und wird nicht fürchten und wird vortrefflich handeln im All-Vortrefflichen. Ich sank weg von Dir, und ich irrte, o mein Gott, allzu sehr ab von Dir, meinem Halt, in diesen Tagen meiner Jugend, und ich wurde mir selbst zu einem unfruchtbaren Land.

BUCH III

Nach Karthago kam ich, wo mich ringsum in meinen Ohren ein Kessel unheiliger Lieben umsang. Ich liebte noch nicht, doch ich liebte das Lieben, und aus einem tiefsitzenden Mangel hasste ich mich selbst dafür, dass ich keinen Mangel hatte. Ich suchte, was ich lieben könnte, verliebt in das Lieben, und Sicherheit hasste ich und einen Weg ohne Schlingen. Denn in mir war ein Hunger nach jener inneren Speise, Dir selbst, mein Gott; doch durch jenen Hunger war ich nicht hungrig; sondern ich war ohne alles Verlangen nach unvergänglicher Nahrung, nicht weil ich damit gesättigt war, sondern je leerer, desto mehr verabscheute ich sie. Aus diesem Grund war meine Seele krank und voller Wunden, sie warf sich elend nach außen, begehrend, durch die Berührung der Dinge der Sinne wundgerieben zu werden. Doch wenn diese keine Seele hätten, wären sie keine Gegenstände der Liebe. Zu lieben also und geliebt zu werden, war mir süß; aber mehr noch, wenn ich es erlangte, den Menschen, den ich liebte, zu genießen, befleckte ich daher die Quelle der Freundschaft mit dem Schmutz der Begierde, und ich umwölkte ihre Helligkeit mit der Hölle der Wollust; und so garstig und unanständig wollte ich, aus übermäßiger Eitelkeit, fein und weltgewandt sein. Ich stürzte also kopfüber in die Liebe, in der ich mich verstricken wollte. Mein Gott, meine Barmherzigkeit, mit wie viel Galle hast Du aus Deiner großen Güte mir jene Süße besprengt? Denn ich wurde geliebt und gelangte heimlich zum Band des Genießens; und war mit Freude gefesselt mit schmerzhaltigen Banden, auf dass ich gegeißelt würde mit den eisernen brennenden Ruten der Eifersucht und Verdächtigungen und Ängste und Zornesausbrüche und Zänkereien.

Auch Bühnenspiele rissen mich mit, voll von Bildern meines Elends und von Brennstoff für mein Feuer. Warum ist es so, dass der Mensch wünscht, traurig gemacht zu werden, wenn er traurige und tragische Dinge anschaut, die er selbst doch keineswegs erleiden wollte? Und doch wünscht er als Zuschauer, bei ihnen Schmerz zu empfinden, und dieser Schmerz selbst ist sein Vergnügen. Was ist dies anderes als ein elender Wahnsinn? Denn ein Mensch ist umso mehr von diesen Handlungen betroffen, je weniger frei er von solchen Affekten ist. Wie dem auch sei, wenn er in seiner eigenen Person leidet, pflegt es als Elend bezeichnet zu werden: wenn er mit anderen mitleidet, dann ist es Barmherzigkeit. Aber welche Art von Mitleid ist dies für vorgetäuschte und theatralische Leidenschaften? Denn der Zuhörer ist nicht dazu aufgerufen, Abhilfe zu schaffen, sondern nur zu trauern: und er applaudiert dem Schauspieler dieser Fiktionen umso mehr, je mehr er trauert. Und wenn die Leiden jener Personen (ob aus alten Zeiten oder bloße Fiktion) so gespielt werden, dass der Zuschauer nicht zu Tränen gerührt wird, geht er angewidert und kritisierend weg; wird er aber zur Leidenschaft bewegt, bleibt er aufmerksam und weint vor Freude.

Werden also Schmerzen zu sehr geliebt? Wahrlich, alle begehren Freude. Oder während niemand es mag, elend zu sein, ist er dennoch erfreut, barmherzig zu sein? Da dies nicht ohne Leidenschaft sein kann, werden aus diesem Grund allein Leidenschaften geliebt? Dies entspringt auch jener Ader der Freundschaft. Aber wohin geht jene Ader? Wohin fließt sie? Warum läuft sie in jenen Strom aus Pech, der jene monströsen Fluten garstiger Wollust hervorblubbert, in die er willentlich verwandelt und umgewandelt wird, da er aus eigenem Willen aus seiner himmlischen Klarheit herabgestürzt und verdorben wurde? Soll Mitleid also abgetan werden? Auf keinen Fall. Mögen also Schmerzen zuweilen geliebt werden. Aber hüte dich vor Unreinheit, o meine Seele, unter dem Schutz meines Gottes, dem Gott unserer Väter, der über alles zu loben und zu erhöhen ist in Ewigkeit, hüte dich vor Unreinheit. Denn ich habe jetzt nicht aufgehört, Mitleid zu haben; aber damals in den Theatern freute ich mich mit Liebenden, wenn sie einander gottlos genossen, obwohl dies im Spiel nur eingebildet war. Und wenn sie einander verloren, trauerte ich, als wäre ich sehr mitleidig, mit ihnen, doch ich hatte mein Vergnügen an beiden. Aber jetzt bemitleide ich viel mehr den, der sich in seiner Gottlosigkeit freut, als den, der als leidend angesehen wird, weil er irgendein verderbliches Vergnügen vermisst und den Verlust einer elenden Glückseligkeit erleidet. Dies ist sicherlich die wahrere Barmherzigkeit, aber in ihr findet Schmerz kein Gefallen. Denn obwohl derjenige, der um die Elenden trauert, für sein Amt der Nächstenliebe gelobt wird; hätte derjenige, der aufrichtig mitleidig ist, doch lieber, es gäbe nichts, worüber er trauern müsste. Denn wenn gut wollen böse gewollt würde (was niemals sein kann), dann könnte derjenige, der wahrhaftig und aufrichtig mitleidet, wünschen, es gäbe einige Elende, damit er mitleiden könnte. Etwas Kummer mag also erlaubt sein, keiner geliebt. Denn so tust Du, o Herr Gott, der Du Seelen weit reiner liebst als wir und unvergänglicher Mitleid mit ihnen hast, doch von keiner Traurigkeit verwundet wirst. Und wer ist tüchtig zu diesen Dingen?

Ich aber, elend, liebte es damals zu trauern und suchte, worüber ich trauern konnte, wenn mich bei der fremden und dazu noch vorgetäuschten und gespielten Misere jenes Schauspiel am meisten erfreute und am stärksten anzog, das mir Tränen entlockte. Was für ein Wunder, dass ich als unglückliches Schaf, das von Deiner Herde abirrte und Deine Obhut nicht ertrug, mit einer garstigen Krankheit infiziert wurde? Und daher die Liebe zum Kummer; nicht so, dass er tief in mich eindringen sollte; denn ich liebte es nicht, zu leiden, was ich anzusehen liebte; sondern so, dass er beim Hören ihrer Fiktionen leicht die Oberfläche zerkratzen sollte; woraufhin, wie bei vergifteten Nägeln, entzündete Schwellungen, Geschwüre und eine verfaulte Wunde folgten. War mein Leben, das so war, Leben, o mein Gott?

Und Deine treue Barmherzigkeit schwebte aus der Ferne über mir. In welch schwere Ungerechtigkeiten verzehrte ich mich selbst, indem ich einer frevelhaften Neugier nachjagte, die mich, nachdem ich Dich verlassen hatte, zum tückischen Abgrund und zum betrügerischen Dienst der Teufel bringen sollte, denen ich meine bösen Taten opferte, und in all diesen Dingen geißeltest Du mich! Ich wagte es sogar, während Deine Feierlichkeiten innerhalb der Mauern Deiner Kirche begangen wurden, ein Geschäft zu begehren und zu betreiben, das den Tod für seine Früchte verdiente, wofür Du mich mit schweren Strafen geißeltest, obgleich nichts im Vergleich zu meinem Fehler, o Du meine übermäßige Barmherzigkeit, mein Gott, meine Zuflucht vor jenen schrecklichen Zerstörern, unter denen ich mit steifem Nacken umherirrte, mich weiter von Dir entfernend, meine eigenen Wege liebend und nicht Deine; eine vagabundierende Freiheit liebend.

Jene Studien auch, die als lobenswert galten, zielten darauf ab, an den Gerichtshöfen zu glänzen; je gelobter, desto listiger. Solche ist die Blindheit der Menschen, die sogar in ihrer Blindheit prahlen. Und nun war ich der Erste in der Rhetorikschule, worüber ich mich stolz freute, und ich schwoll an vor Anmaßung, obgleich (Herr, Du weißt es) weit ruhiger und gänzlich entfernt von den Umstürzen jener „Umstürzler“ (denn dieser unheilvolle und teuflische Name war das wahre Abzeichen der Verwegenheit), unter denen ich lebte, mit einer schamlosen Scham, dass ich nicht einmal so war wie sie. Mit ihnen lebte ich und war manchmal erfreut an ihrer Freundschaft, deren Tun ich jedoch immer verabscheute – d. h. ihre „Umstürze“, womit sie mutwillig die Bescheidenheit von Fremden verfolgten, die sie durch ein grundloses Spottgelächter störten, indem sie daran ihre bösartige Geburt nährten. Nichts kann den Handlungen der Teufel ähnlicher sein als dies. Wie hätten sie also treffender genannt werden können als „Umstürzler“? Sie selbst zuerst umgestürzt und gänzlich verkehrt, die täuschenden Geister, die sie heimlich verspotteten und verführten, worin sie sich selbst ergötzen, andere zu verspotten und zu täuschen.

Unter solchen wie diesen, in jenem unruhigen Alter von mir, lernte ich Bücher der Beredsamkeit, worin ich mich aus einem verdammungswürdigen und eitlen Ziel hervortun wollte, eine Freude an menschlicher Eitelkeit. Im gewöhnlichen Verlauf der Studien stieß ich auf ein gewisses Buch von Cicero, dessen Rede fast alle bewundern, nicht so sein Herz. Dieses Buch von ihm enthält eine Ermahnung zur Philosophie und heißt „Hortensius“. Aber dieses Buch veränderte meine Gesinnung und wandte meine Gebete zu Dir, o Herr; und ließ mich andere Absichten und Begierden haben. Jede eitle Hoffnung wurde mir auf einmal wertlos; und ich sehnte mich mit einem unglaublich brennenden Verlangen nach einer Unsterblichkeit der Weisheit und begann nun aufzustehen, damit ich zu Dir zurückkehren könnte. Denn nicht um meine Zunge zu schärfen (was ich mit den Zuwendungen meiner Mutter in jenem meinem neunzehnten Jahr, da mein Vater zwei Jahre zuvor gestorben war, zu erwerben schien), nicht um meine Zunge zu schärfen, verwendete ich jenes Buch; noch flößte es mir seinen Stil ein, sondern seinen Inhalt.

Wie brannte ich da, mein Gott, wie brannte ich, von irdischen Dingen zu Dir emporzusteigen, noch wusste ich nicht, was Du mit mir tun würdest? Denn bei Dir ist Weisheit. Aber die Liebe zur Weisheit heißt auf Griechisch „Philosophie“, womit mich jenes Buch entflammte. Es gibt einige, die durch Philosophie verführen, unter einem großen und glatten und ehrenwerten Namen ihre eigenen Irrtümer färbend und verbergend: und fast alle, die in jenem und früheren Zeitaltern solche waren, werden in jenem Buch getadelt und bloßgestellt: dort wird auch jener heilsame Rat Deines Geistes durch Deinen guten und frommen Diener deutlich gemacht: Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und eitlen Trug nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt und nicht nach Christus. Denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Und da mir damals (Du, o Licht meines Herzens, weißt es) die Apostolische Schrift nicht bekannt war, erfreute ich mich an jener Ermahnung nur insofern, als ich dadurch stark aufgerüttelt, entzündet und entflammt wurde, nicht diese oder jene Sekte zu lieben, zu suchen, zu erlangen, zu halten und zu umarmen, sondern die Weisheit selbst, was auch immer sie sein mochte; und dies allein hielt mich so Entflammten zurück, dass der Name Christi nicht darin war. Denn diesen Namen, gemäß Deiner Barmherzigkeit, o Herr, diesen Namen meines Erlösers, Deines Sohnes, hatte mein zartes Herz sogar mit der Muttermilch andächtig getrunken und tief bewahrt; und was immer ohne diesen Namen war, mochte es noch so gelehrt, geschliffen oder wahr sein, nahm mich nicht ganz gefangen.

Ich beschloss also, meinen Geist den heiligen Schriften zuzuwenden, damit ich sähe, was sie seien. Aber siehe, ich sehe eine Sache, die den Stolzen nicht verständlich ist, noch den Kindern offenbart, demütig im Zugang, in ihren Tiefen erhaben und mit Geheimnissen verschleiert; und ich war nicht so beschaffen, dass ich in sie hätte eingehen oder meinen Nacken beugen können, um ihren Schritten zu folgen. Denn nicht wie ich jetzt spreche, fühlte ich, als ich mich jenen Schriften zuwandte; sondern sie schienen mir unwürdig, mit der Hoheit des Tully verglichen zu werden: denn mein schwellender Stolz schreckte vor ihrer Niedrigkeit zurück, noch konnte mein scharfer Verstand ihr Inneres durchdringen. Doch waren sie solche, die in einem Kleinen wachsen würden. Aber ich verschmähte es, ein Kleiner zu sein; und, aufgeblasen vor Stolz, hielt ich mich für einen Großen.

Daher fiel ich unter Menschen, die stolz dahindämmerten, überaus fleischlich und schwatzhaft, in deren Mündern die Schlingen des Teufels waren, bestrichen mit der Mischung der Silben Deines Namens und unseres Herrn Jesus Christus und des Heiligen Geistes, des Trösters. Diese Namen wichen nicht aus ihrem Mund, doch nur insofern als Klang und Lärm der Zunge, denn das Herz war leer von Wahrheit. Doch schrien sie „Wahrheit, Wahrheit“ und sprachen viel davon zu mir, doch war sie nicht in ihnen: sondern sie sprachen Falsches, nicht nur von Dir (der Du wahrlich die Wahrheit bist), sondern sogar von jenen Elementen dieser Welt, Deinen Geschöpfen. Und ich hätte eigentlich sogar an Philosophen vorbeigehen sollen, die Wahres über sie sprachen, aus Liebe zu Dir, meinem Vater, höchst gut, Schönheit aller schönen Dinge. O Wahrheit, Wahrheit, wie inwendig lechzte sogar damals das Mark meiner Seele nach Dir, wenn sie oft und vielfältig und in vielen und riesigen Büchern von Dir mir widerhallten, obgleich es nur ein Echo war? Und dies waren die Gerichte, worin sie mir, der nach Dir hungerte, statt Deiner die Sonne und den Mond auftischten, schöne Werke von Dir, aber doch Deine Werke, nicht Du selbst, nein, noch nicht einmal Deine ersten Werke. Denn Deine geistigen Werke sind vor diesen körperlichen Werken, himmlisch zwar und leuchtend. Aber ich hungerte und dürstete nicht einmal nach jenen ersten Werken von Dir, sondern nach Dir selbst, der Wahrheit, in der keine Veränderung ist, noch ein Schatten der Umkehr: doch sie setzten mir immer noch in jenen Gerichten glitzernde Phantasien vor, als die es besser wäre, diese Sonne selbst zu lieben (die für unsere Sicht zumindest real ist), als jene Phantasien, die durch unsere Augen unseren Geist täuschen. Doch weil ich dachte, sie seien Du, nährte ich mich davon; nicht gierig, denn Du schmecktest mir in ihnen nicht, wie Du bist; denn Du warst nicht diese Leeren, noch wurde ich von ihnen genährt, sondern eher ausgezehrt. Speise im Schlaf zeigt sich sehr gleich unserer Speise im Wachen; doch werden jene im Schlaf nicht davon genährt, denn sie schlafen. Aber jene waren nicht einmal in irgendeiner Weise Dir gleich, wie Du jetzt zu mir gesprochen hast; denn jene waren körperliche Phantasien, falsche Körper, als die diese wahren Körper, himmlische oder irdische, die wir mit unserem fleischlichen Blick schauen, weit gewisser sind: diese Dinge unterscheiden die Tiere und Vögel ebenso wie wir, und sie sind gewisser, als wenn wir sie uns einbilden. Und wiederum bilden wir sie uns mit mehr Gewissheit ein, als wir durch sie andere gewaltigere und unendliche Körper vermuten, die kein Sein haben. Solche leeren Hülsen wurde ich damals genährt; und wurde nicht genährt. Aber Du, meiner Seele Liebe, bei deren Suche ich vergehe, auf dass ich stark werde, bist weder jene Körper, die wir sehen, obgleich im Himmel; noch jene, die wir dort nicht sehen; denn Du hast sie erschaffen, noch zählst Du sie unter die Höchsten Deiner Werke. Wie weit bist Du also von jenen meinen Phantasien entfernt, Phantasien von Körpern, die gänzlich nicht sind, als die die Bilder jener Körper, die sind, weit gewisser sind, und noch gewisser die Körper selbst, die Du doch nicht bist; nein, noch nicht einmal die Seele, die das Leben der Körper ist. So also ist besser und gewisser das Leben der Körper als die Körper. Aber Du bist das Leben der Seelen, das Leben der Leben, Leben in Dir selbst habend; und veränderst Dich nicht, Leben meiner Seele.

Wo warst Du also damals für mich und wie weit von mir? Weit wahrlich irrte ich von Dir ab, ausgeschlossen von den Hülsen der Schweine, die ich mit Hülsen nährte. Denn wie viel besser sind die Fabeln der Dichter und Grammatiker als diese Schlingen? Denn Verse und Gedichte und „Medea, die fliegt“, sind wahrlich nützlicher als die fünf Elemente dieser Männer, vielfältig verkleidet, fünf Höhlen der Finsternis entsprechend, die kein Sein haben, doch den Gläubigen töten. Denn Verse und Gedichte kann ich in wahre Nahrung verwandeln, und „Medea, die fliegt“, obgleich ich es sang, hielt ich nicht dafür; obgleich ich es singen hörte, glaubte ich es nicht: aber jene Dinge glaubte ich. Wehe, wehe, durch welche Stufen wurde ich in die Tiefen der Hölle hinabgezogen! mühend und quälend durch Mangel an Wahrheit, da ich nach Dir suchte, mein Gott (Dir bekenne ich es, der Du Erbarmen mit mir hattest, die ich noch nicht bekannte), nicht nach dem Verständnis des Geistes, worin Du wolltest, dass ich die Tiere übertreffe, sondern nach dem Sinn des Fleisches. Aber Du warst innerlicher als mein innerster Teil; und höher als mein Höchster. Ich stieß auf jene kühne Frau, einfach und nichts wissend, in Salomo dargestellt, an der Tür sitzend und sagend: Esst willig Brot der Heimlichkeiten und trinkt gestohlene Wasser, die süß sind: sie verführte mich, weil sie meine Seele fand, die im Auge meines Fleisches wohnte und solche Nahrung wiederkäute, wie ich sie durch es verschlungen hatte.

Denn anders als dies wusste ich nicht, was wahrhaft ist; und ich ließ mich gleichsam durch Scharfsinn dazu überreden, törichten Verführern zuzustimmen, wenn sie mich fragten: „Woher kommt das Böse?“ „Ist Gott durch eine körperliche Gestalt begrenzt und hat er Haare und Nägel?“ „Sind jene als gerecht zu achten, die viele Frauen zugleich hatten, Menschen töteten und lebende Geschöpfe opferten?“ Darüber war ich in meiner Unwissenheit sehr bekümmert, und indem ich von der Wahrheit abwich, schien ich mir ihr näherzukommen; denn ich wusste noch nicht, dass das Böse nichts anderes ist als ein Mangel an Gutem, bis schließlich etwas ganz aufhört zu sein; wie sollte ich das auch erkennen, deren Augen nur bis zu den Körpern reichten und deren Geist nur bis zu einem Trugbild? Und ich wusste nicht, dass Gott ein Geist ist, nicht einer, der Teile hat, die sich in Länge und Breite erstrecken, oder dessen Wesen eine Masse ist; denn jede Masse ist in einem Teil kleiner als im Ganzen: und wäre sie unendlich, so müsste sie in einem solchen Teil, der durch einen bestimmten Raum begrenzt ist, kleiner sein als in ihrer Unendlichkeit; und so ist sie nicht ganz und gar überall, wie ein Geist, wie Gott. Und was das in uns sein sollte, wodurch wir Gott ähnlich waren und mit Recht als nach dem Ebenbild Gottes geschaffen bezeichnet werden konnten, davon war ich gänzlich unwissend.

Auch kannte ich jene wahre innere Gerechtigkeit nicht, die nicht nach Sitte urteilt, sondern aus dem rechtmäßigsten Gesetz Gottes, des Allmächtigen, wodurch die Wege der Orte und Zeiten gemäß jenen Zeiten und Orten geordnet wurden; während sie selbst unterdessen immer und überall dieselbe bleibt, nicht ein Ding an einem Ort und ein anderes an einem anderen; gemäß welcher Abraham und Isaak und Jakob und Mose und David gerecht waren und alle jene, die aus dem Munde Gottes gelobt wurden; die aber von törichten Menschen als ungerecht beurteilt wurden, die nach menschlichem Urteil urteilten und die moralischen Gewohnheiten des gesamten Menschengeschlechts an ihren eigenen kleinlichen Gewohnheiten maßen. Als ob jemand in einer Rüstkammer, der nicht wüsste, was für welchen Teil geeignet sei, seinen Kopf mit Beinschienen bedecken oder versuchen würde, sich mit einem Helm zu beschuhen, und sich beklagte, dass sie nicht passten: oder als ob sich an einem Tag, an dem das Geschäft am Nachmittag öffentlich ruht, jemand darüber ärgerte, dass er seinen Laden nicht offen halten dürfe, weil er ihn am Vormittag offen hatte; oder wenn er in einem Haus beobachtet, wie ein Diener etwas in die Hand nimmt, womit der Kellermeister nicht hantieren darf; oder etwas außerhalb des Hauses erlaubt ist, was im Speisezimmer verboten ist; und sich darüber ärgern würde, dass in einem Haus und einer Familie nicht überall und für alle das Gleiche bestimmt ist. Ebenso sind jene, die sich darüber grämen, zu hören, dass etwas für gerechte Männer früher erlaubt gewesen sei, was es jetzt nicht mehr ist; oder dass Gott aus bestimmten zeitlichen Gründen ihnen das eine gebot und diesen ein anderes, wobei beide derselben Gerechtigkeit gehorchten: während sie doch sehen, dass bei ein und demselben Menschen, an ein und demselben Tag und in ein und demselben Haus verschiedene Dinge für verschiedene Glieder angemessen sind und eine früher erlaubte Sache nach einer gewissen Zeit nicht mehr zulässig ist; in einem Winkel erlaubt oder geboten, in einem anderen aber zu Recht verboten und bestraft. Ist die Gerechtigkeit deshalb verschieden oder wandelbar? Nein, aber die Zeiten, über die sie herrscht, fließen nicht gleichmäßig, weil sie Zeiten sind. Aber Menschen, deren Tage auf Erden wenige sind, können, weil sie mit ihren Sinnen die Ursachen der Dinge in früheren Zeitaltern und anderen Nationen, von denen sie keine Erfahrung hatten, nicht mit jenen in Einklang bringen können, von denen sie Erfahrung haben, während sie in ein und demselben Leib, Tag oder derselben Familie leicht sehen, was für jedes Glied, jede Zeit, jeden Teil und jede Person angemessen ist; bei den einen erheben sie Einwände, den anderen unterwerfen sie sich.

Diese Dinge kannte ich damals nicht, noch beachtete ich sie; sie fielen mir von allen Seiten ins Auge, und ich sah sie nicht. Ich dichtete Verse, in denen ich nicht jeden Versfuß überall setzen durfte, sondern unterschiedlich in verschiedenen Metren; noch nicht einmal in einem einzigen Metrum denselben Versfuß an allen Stellen. Doch die Kunst selbst, nach der ich dichtete, hatte keine unterschiedlichen Prinzipien für diese verschiedenen Fälle, sondern fasste alles in einem zusammen. Dennoch sah ich nicht, wie jene Gerechtigkeit, der gute und heilige Männer gehorchten, auf weit vortrefflichere und erhabenere Weise in einem alle jene Dinge enthielt, die Gott gebot, und in keinem Teil variierte; obwohl sie in sich wandelnden Zeiten nicht alles auf einmal vorschrieb, sondern zuteilte und befahl, was für jedes passend war. Und ich in meiner Blindheit tadelte die heiligen Väter nicht nur dort, wo sie von den Dingen der Gegenwart Gebrauch machten, wie Gott es ihnen gebot und eingab, sondern auch dort, wo sie Zukünftiges vorhersagten, wie Gott es in ihnen offenbarte.

Kann es jemals oder irgendwo ungerecht sein, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Sinn zu lieben; und seinen Nächsten wie sich selbst? Deshalb sind jene abscheulichen Vergehen, die gegen die Natur sind, überall und zu allen Zeiten zu verabscheuen und zu bestrafen; wie es jene der Männer von Sodom waren: welche, sollten sie alle Nationen begehen, sie alle des gleichen Verbrechens schuldig wären nach dem Gesetz Gottes, der die Menschen nicht so geschaffen hat, dass sie einander so missbrauchen sollten. Denn selbst jener Umgang, der zwischen Gott und uns sein sollte, wird verletzt, wenn dieselbe Natur, deren Urheber Er ist, durch die Perversität der Lust besudelt wird. Aber jene Handlungen, die Verstöße gegen die Sitten der Menschen sind, sind gemäß den jeweils herrschenden Sitten zu vermeiden; so dass eine Sache, die durch Sitte oder Gesetz einer Stadt oder Nation vereinbart und bestätigt ist, nicht durch das gesetzlose Belieben eines jeden, ob Einheimischer oder Fremder, verletzt werden darf. Denn jeder Teil, der nicht mit seinem Ganzen harmoniert, ist anstößig. Wenn aber Gott gebietet, etwas gegen die Sitten oder den Vertrag eines Volkes zu tun, so ist es zu tun, auch wenn es von ihnen bisher niemals getan wurde; und wenn es unterbrochen wurde, ist es wiederherzustellen; und wenn es nie angeordnet wurde, ist es nun anzuordnen. Denn wenn es für einen König in dem Staat, über den er herrscht, rechtmäßig ist, das zu befehlen, was niemand vor ihm, noch er selbst bisher befohlen hatte, und ihm zu gehorchen kann nicht gegen das Gemeinwohl des Staates sein (ja, es wäre dagegen, wenn man ihm nicht gehorchte, denn den Fürsten zu gehorchen ist ein allgemeiner Vertrag der menschlichen Gesellschaft); um wie viel zögerlicher sollten wir Gott gehorchen, in allem, was Er befiehlt, dem Herrscher aller Seiner Geschöpfe! Denn wie unter den Gewalten in der menschlichen Gesellschaft der größeren Autorität vor der geringeren gehorcht wird, so muss Gott über allen gehorcht werden.

So auch bei Gewalttaten, wo der Wunsch besteht, zu verletzen, sei es durch Schmähung oder Verletzung; und diese entweder aus Rache, wie ein Feind gegen den anderen; oder für irgendeinen Vorteil, der einem anderen gehört, wie der Räuber beim Reisenden; oder um ein Übel zu vermeiden, wie gegenüber jemandem, den man fürchtet; oder aus Neid, wie einer, der weniger vom Glück begünstigt ist, gegen einen, der es mehr ist, oder einer, der in irgendetwas gut gediehen ist, gegen denjenigen, von dem er fürchtet oder bei dem er sich grämt, dass er ihm gleichgestellt ist; oder aus bloßem Vergnügen am Schmerz eines anderen, wie Zuschauer von Gladiatoren oder Spötter und Verhöhner anderer. Dies sind die Häupter der Ungerechtigkeit, die aus der Lust des Fleisches, der Lust der Augen oder dem Stolz auf Herrschaft entspringen, entweder einzeln, oder zwei verbunden, oder alle zusammen; und so leben die Menschen schlecht gegen die drei und sieben, jenes Psalterium mit zehn Saiten, Deine Zehn Gebote, o Gott, Allerhöchster und Allersüßester. Aber welche abscheulichen Vergehen kann es gegen Dich geben, der Du nicht befleckt werden kannst? Oder welche Gewalttaten gegen Dich, der Du nicht geschädigt werden kannst? Aber Du rächst, was die Menschen gegen sich selbst begehen, da sie, wenn sie gegen Dich sündigen, auch böse gegen ihre eigenen Seelen handeln und die Ungerechtigkeit sich selbst Lügen straft, indem sie ihre Natur verdirbt und verkehrt, die Du geschaffen und geordnet hast, oder durch einen maßlosen Gebrauch von erlaubten Dingen, oder indem sie in unerlaubten Dingen brennen, zu jenem Gebrauch, der gegen die Natur ist; oder sie werden schuldig befunden, indem sie mit Herz und Zunge gegen Dich toben, gegen den Stachel löcken; oder wenn sie, indem sie die Schranken der menschlichen Gesellschaft sprengen, sich kühn an eigenwilligen Verbindungen oder Trennungen erfreuen, je nachdem, welches Ziel sie erreichen oder welches Ärgernis sie erregen wollen. Und diese Dinge geschehen, wenn Du verlassen wirst, o Quell des Lebens, der Du der einzige und wahre Schöpfer und Regierer des Universums bist, und durch einen eigenwilligen Stolz irgendein falsches Ding daraus ausgewählt und geliebt wird. So kehren wir dann durch eine demütige Frömmigkeit zu Dir zurück; und Du reinigst uns von unseren bösen Gewohnheiten und bist barmherzig gegenüber den Sünden derer, die bekennen, und hörst das Seufzen des Gefangenen und löst uns von den Ketten, die wir uns selbst geschmiedet haben, wenn wir nicht die Hörner einer unwirklichen Freiheit gegen Dich erheben und den Verlust von allem erleiden, aus Habgier nach mehr, indem wir unser eigenes privates Gut mehr lieben als Dich, das Gut aller.

Inmitten dieser Vergehen der Abscheulichkeit und Gewalt und so vieler Ungerechtigkeiten gibt es Sünden von Menschen, die im Ganzen Fortschritte machen; welche von jenen, die recht urteilen, nach der Regel der Vollkommenheit zwar missbilligt werden, die Personen aber in der Hoffnung auf künftige Frucht gelobt werden, wie bei dem grünen Halm des wachsenden Getreides. Und es gibt einige, die den Vergehen der Abscheulichkeit oder Gewalt gleichen, die aber keine Sünden sind; weil sie weder Dich, unseren Herrn Gott, noch die menschliche Gesellschaft beleidigen; wenn nämlich Dinge, die für einen bestimmten Zeitraum passend sind, für den Dienst am Leben erlangt werden, und wir nicht wissen, ob aus einer Lust am Haben; oder wenn Dinge zur Korrektur von einer eingesetzten Autorität bestraft werden, und wir nicht wissen, ob aus einer Lust am Verletzen. Manche Handlung also, die in den Augen der Menschen missbilligt wird, wird durch Dein Zeugnis gebilligt; und viele, die von Menschen gelobt werden, werden (da Du Zeuge bist) verurteilt: weil das äußere Erscheinungsbild der Handlung, der Geist des Handelnden und die unbekannte Notwendigkeit des Zeitraums jeweils variieren. Aber wenn Du plötzlich ein ungewohntes und ungeahntes Ding befiehlst, ja, obwohl Du es manchmal verboten hast, und für die Zeit den Grund Deines Befehls verbirgst, und es gegen die Ordnung irgendeiner Gesellschaft von Menschen ist, wer zweifelt daran, dass es getan werden muss, da jene Gesellschaft von Menschen gerecht ist, die Dir dient? Aber gesegnet sind sie, die Deine Befehle kennen! Denn alle Dinge wurden von Deinen Dienern getan; entweder um etwas für die Gegenwart Notwendiges zu zeigen oder Zukünftiges vorherzusagen.

Da ich diese Dinge nicht wusste, verspottete ich jene Deine heiligen Diener und Propheten. Und was gewann ich durch das Verspotten ihrer, außer dass ich von Dir verspottet wurde, indem ich unmerklich und Schritt für Schritt in jene Torheiten hineingezogen wurde, wie zu glauben, dass ein Feigenbaum weinte, wenn er gepflückt wurde, und der Baum, seine Mutter, milchige Tränen vergoss? Hätte dennoch irgendein manichäischer Heiliger diese Feige (gepflückt durch eines anderen, nicht seine eigene Schuld) gegessen und mit seinem Inneren vermengt, so sollte er aus ihr Engel ausatmen, ja, es sollten Teilchen der Gottheit hervorbrechen, bei jedem Seufzer oder Stöhnen in seinem Gebet, welche Teilchen des höchsten und wahren Gottes in jener Feige gebunden geblieben wären, wenn sie nicht durch die Zähne oder den Bauch irgendeines „erwählten“ Heiligen befreit worden wären! Und ich, Elender, glaubte, dass den Früchten der Erde mehr Barmherzigkeit entgegenzubringen sei als den Menschen, für die sie geschaffen wurden. Denn wenn irgendein Hungernder, kein Manichäer, um ein Stück Brot bitten würde, so würde dieser Bissen gleichsam zur Todesstrafe verurteilt scheinen, wenn er ihm gegeben würde.

Und Du sandtest Deine Hand von oben und zogst meine Seele aus jener tiefen Finsternis, meine Mutter, Deine Gläubige, weinte zu Dir für mich, mehr als Mütter um den leiblichen Tod ihrer Kinder weinen. Denn sie erkannte durch jenen Glauben und Geist, den sie von Dir hatte, den Tod, in dem ich lag, und Du hörtest sie, o Herr; Du hörtest sie und verachtetest ihre Tränen nicht, wenn sie herabströmten und den Boden unter ihren Augen an jedem Ort bewässerten, an dem sie betete; ja, Du hörtest sie. Denn woher kam jener Traum, durch den Du sie tröstetest; sodass sie mir erlaubte, bei ihr zu leben und am selben Tisch in dem Haus zu essen, vor dem sie zu schaudern begonnen hatte, indem sie die Blasphemien meines Irrtums verabscheute und verabscheute? Denn sie sah sich auf einer hölzernen Richtschnur stehen und einen strahlenden Jüngling auf sich zukommen, fröhlich und ihr zulächelnd, während sie selbst trauerte und von Kummer überwältigt war. Er aber, nachdem er (um zu belehren, wie es ihre Art ist, nicht belehrt zu werden) sie nach den Gründen ihres Kummers und ihrer täglichen Tränen gefragt hatte, und sie antwortete, dass sie mein Verderben beweine, hieß er sie zufrieden sein und sagte ihr, sie solle schauen und beobachten: „Dass dort, wo sie sei, auch ich sei.“ Und als sie schaute, sah sie mich neben sich auf derselben Richtschnur stehen. Woher kam dies, wenn nicht daher, dass Deine Ohren ihrem Herzen zugeneigt waren? O Du Guter, Allmächtiger, der Du für jeden von uns so sorgst, als ob Du nur für ihn allein sorgtest; und so für alle, als ob sie nur einer wären!

Woher kam auch dies, dass, als sie mir diese Vision erzählte und ich sie dahingehend zu deuten versuchte, „dass eher sie nicht verzweifeln sollte, eines Tages das zu sein, was ich war“, sie sofort, ohne jedes Zögern, antwortete: „Nein; denn es wurde mir nicht gesagt: ‚Wo er, da auch du‘, sondern ‚Wo du, da auch er‘“? Ich bekenne Dir, o Herr, dass sich nach meiner besten Erinnerung (und ich habe oft darüber gesprochen) jene Deine Antwort durch meine wache Mutter – dass sie durch die Plausibilität meiner falschen Auslegung nicht verwirrt wurde und so schnell sah, was zu sehen war, und was ich sicherlich vor ihrem Sprechen nicht wahrgenommen hatte – schon damals mehr bewegte als der Traum selbst, durch den eine Freude für die heilige Frau, die erst so lange Zeit später erfüllt werden sollte, zur Tröstung ihres damaligen Kummers schon so lange vorher vorgezeichnet wurde. Denn fast neun Jahre vergingen, in denen ich im Schlamm jener tiefen Grube und der Finsternis der Falschheit wühlte, oft versuchend aufzustehen, aber umso schmerzlicher zurückgeschleudert wurde. Die ganze Zeit über hörte jene keusche, gottesfürchtige und besonnene Witwe (wie Du sie liebst), nun mehr durch Hoffnung ermutigt, doch in ihrem Weinen und Trauern in nichts nachlassend, nicht auf, zu allen Stunden ihrer Andachten mein Anliegen vor Dir zu beklagen. Und ihre Gebete drangen in Deine Gegenwart; und doch ließest Du zu, dass ich noch immer in jene Finsternis verstrickt und verstrickt blieb.

Du gabst ihr unterdessen eine andere Antwort, an die ich mich erinnere; denn vieles übergehe ich, in Eile zu jenen Dingen, die mich mehr drängen, Dir zu beichten, und vieles erinnere ich nicht. Du gabst ihr dann eine andere Antwort durch einen Priester von Dir, einen gewissen Bischof, der in Deiner Kirche erzogen und in Deinen Büchern wohl bewandert war. Als diese Frau ihn angefleht hatte, sich herabzulassen, mit mir zu sprechen, meine Irrtümer zu widerlegen, mir das Schlechte abzugewöhnen und das Gute zu lehren (denn dies pflegte er zu tun, wenn er Personen fand, die bereit waren, es aufzunehmen), weigerte er sich, weise, wie ich später erkannte. Denn er antwortete, dass ich noch nicht belehrt werden könne, da ich mit der Neuheit jener Häresie aufgeblasen sei und bereits verschiedene unerfahrene Personen mit fangartigen Fragen verwirrt hätte, wie sie ihm erzählt hatte: „Aber lass ihn eine Weile in Ruhe“, sagte er, „bete nur zu Gott für ihn, er wird von selbst durch Lesen finden, was dieser Irrtum ist und wie groß seine Gottlosigkeit.“ Zur selben Zeit erzählte er ihr, wie er selbst als Kleiner von seiner verführten Mutter den Manichäern übergeben worden war und nicht nur gelesen, sondern häufig fast alle ihre Bücher abgeschrieben hatte und (ohne jedes Argument oder Beweis von jemandem) gesehen hatte, wie sehr diese Sekte zu meiden sei; und er hatte sie gemieden. Als er dies gesagt hatte und sie sich nicht zufrieden geben wollte, sondern ihn mehr bedrängte, mit Bitten und vielen Tränen, dass er mich sehen und mit mir sprechen möge, sagte er, ein wenig verärgert über ihre Zudringlichkeit: „Geh deiner Wege und Gott segne dich, denn es ist nicht möglich, dass der Sohn dieser Tränen verloren geht.“ Diese Antwort nahm sie (wie sie oft in ihren Gesprächen mit mir erwähnte), als ob sie vom Himmel her erklungen wäre.

BUCH IV

Für diesen Zeitraum von neun Jahren (von meinem neunzehnten bis zu meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr) lebten wir verführt und verführend, getäuscht und täuschend, in verschiedenen Lüsten; offen, durch Wissenschaften, die sie liberal nennen; geheim, mit einer falsch benannten Religion; hier stolz, dort abergläubisch, überall eitel. Hier, der Leere des populären Lobes nachjagend, bis hin zu theatralischen Applausen und poetischen Preisen und Wettstreiten um grasige Kränze und den Torheiten von Shows und der Unmäßigkeit der Begierden. Dort, wünschend, von diesen Befleckungen gereinigt zu werden, indem wir Speise zu jenen brachten, die „Auserwählte“ und „Heilige“ genannt wurden, aus denen sie in der Werkstatt ihrer Mägen für uns Engel und Götter schmieden sollten, durch die wir gereinigt werden könnten. Diese Dinge verfolgte ich und praktizierte sie mit meinen Freunden, die von mir und mit mir getäuscht wurden. Die Arroganten mögen mich verspotten und jene, die nicht zum Heil ihrer Seele von Dir, o mein Gott, geschlagen und niedergeworfen wurden; aber ich möchte dennoch Dir meine eigene Schande zu Deinem Lob beichten. Erlaube mir, ich bitte Dich, und gib mir die Gnade, in meiner gegenwärtigen Erinnerung die Irrfahrten meiner vergangenen Zeit durchzugehen und Dir das Opfer des Dankes darzubringen. Denn was bin ich mir selbst ohne Dich, außer ein Führer zu meinem eigenen Untergang? Oder was bin ich selbst im besten Fall, außer einem Säugling, der die Milch trinkt, die Du gibst, und sich von Dir nährt, der Speise, die nicht vergeht? Aber was für ein Mensch ist irgendein Mensch, da er nur ein Mensch ist? Mögen nun die Starken und Mächtigen über uns lachen, aber wir Armen und Bedürftigen wollen Dir beichten.

In jenen Jahren lehrte ich Rhetorik und verkaufte, von Habsucht überwunden, eine Geschwätzigkeit, um damit zu siegen. Dennoch bevorzugte ich (Herr, Du weißt es) ehrliche Schüler (wie sie geachtet werden), und diese lehrte ich ohne Kunstgriffe Kunstgriffe, nicht um sie gegen das Leben der Schuldlosen anzuwenden, wenngleich manchmal für das Leben der Schuldigen. Und Du, o Gott, nahmst mich von ferne wahr, wie ich auf jenem schlüpfrigen Pfad strauchelte und inmitten von viel Rauch einige Funken der Treue aussandte, die ich in jener meiner Führung derer zeigte, die Eitelkeit liebten und dem Trug nachjagten, selbst ihr Begleiter. In jenen Jahren hatte ich eine – nicht in dem, was man rechtmäßige Ehe nennt, sondern die ich in einer eigensinnigen Leidenschaft gefunden hatte, ohne Verstand; doch nur eine, der ich treu blieb; an der ich in meinem eigenen Fall erfuhr, welcher Unterschied besteht zwischen der Selbstbeherrschung des Ehebundes, um der Nachkommenschaft willen, und dem Handel einer lustvollen Liebe, wo Kinder gegen den Willen ihrer Eltern geboren werden, obwohl sie, einmal geboren, die Liebe erzwingen.

Ich erinnere mich auch, dass, als ich beschlossen hatte, in den Wettbewerb um einen Theaterpreis einzutreten, mich irgendein Zauberer fragte, was ich ihm geben würde, um zu gewinnen; aber ich, solche abscheulichen Mysterien verabscheuend und hassend, antwortete: „Selbst wenn der Kranz aus unvergänglichem Gold wäre, würde ich nicht zulassen, dass eine Fliege getötet wird, um ihn mir zu gewinnen.“ Denn er wollte einige lebende Geschöpfe bei seinen Opfern töten und durch jene Ehren die Teufel einladen, mir gewogen zu sein. Aber auch dieses Übel wies ich zurück, nicht aus einer reinen Liebe zu Dir, o Gott meines Herzens; denn ich wusste nicht, wie ich Dich lieben sollte, da ich nicht wusste, wie ich etwas außerhalb eines materiellen Glanzes begreifen sollte. Und begeht nicht eine Seele, die nach solchen Fiktionen seufzt, Unzucht gegen Dich, vertraut auf unwirkliche Dinge und nährt den Wind? Dennoch wollte ich fürwahr keine Opfer für mich von Teufeln dargebracht wissen, denen ich mich selbst durch jene Superstition opferte. Denn was anderes ist es, den Wind zu nähren, als sie zu nähren, das heißt, durch das Irregehen zu ihrem Vergnügen und Spott zu werden?

Jene Betrüger dann, die sie Mathematiker nennen, befragte ich ohne Bedenken; denn sie schienen keine Opfer darzubringen, noch zu irgendeinem Geist für ihre Weissagungen zu beten: eine Kunst, welche jedoch der Christ und die wahre Frömmigkeit beständig ablehnt und verdammt. Denn es ist eine gute Sache, Dir zu beichten und zu sagen: Erbarme Dich meiner, heile meine Seele, denn ich habe gegen Dich gesündigt; und Deine Barmherzigkeit nicht als Freibrief zur Sünde zu missbrauchen, sondern sich der Worte des Herrn zu erinnern: Siehe, du bist gesund geworden, sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. All diesen heilsamen Rat bemühen sie sich zu zerstören, indem sie sagen: „Der Grund deiner Sünde ist unvermeidlich im Himmel bestimmt“; und: „Dies tat Venus, oder Saturn, oder Mars“: damit der Mensch, fürwahr, Fleisch und Blut und stolze Verderbtheit, schuldlos sei; während der Schöpfer und Ordner des Himmels und der Sterne die Schuld tragen soll. Und wer ist Er anders als unser Gott? die wahre Süße und der Quell der Gerechtigkeit, der einem jeden nach seinen Werken vergilt: und ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du nicht verachten.

Es gab in jenen Tagen einen weisen Mann, sehr erfahren in der Heilkunst und darin wohlbekannt, der mit seiner eigenen prokonsularischen Hand den agonalen Kranz auf mein krankes Haupt gelegt hatte, doch nicht als Arzt: denn diese Krankheit heilst nur Du, der Du den Stolzen widerstehst und den Demütigen Gnade gibst. Aber hast Du mich auch durch jenen alten Mann nicht verlassen oder unterlassen, meine Seele zu heilen? Denn nachdem ich ihn besser kennengelernt hatte und beharrlich und fest an seinen Worten hing (denn obgleich in einfachen Ausdrücken, waren sie lebendig, anschaulich und ernst), und er aus meiner Rede entnahm, dass ich den Büchern der Sterndeuter zugetan sei, riet er mir freundlich und väterlich, sie fortzuwerfen und nicht fruchtlos eine Sorgfalt und einen Fleiß, die für nützliche Dinge notwendig wären, auf diese Eitelkeiten zu verschwenden; er sagte, er habe in seinen frühesten Jahren jene Kunst studiert, so sehr, dass er sie zum Beruf machte, womit er seinen Lebensunterhalt bestreiten sollte, und dass er, da er den Hippokrates verstand, ein solches Studium wie dieses bald hätte verstehen können; und doch habe er es aufgegeben und sich der Heilkunst zugewandt, aus keinem anderen Grund, als dass er sie als völlig falsch erkannt habe; und er, ein gesetzter Mann, wolle seinen Lebensunterhalt nicht durch das Täuschen der Menschen verdienen. „Aber du“, sagt er, „hast die Rhetorik, um dich zu erhalten, sodass du dies aus freier Wahl verfolgst, nicht aus Notwendigkeit: umso mehr solltest du mir hierin Glauben schenken, der ich mich bemühte, sie so vollkommen zu erlernen, dass ich allein damit meinen Lebensunterhalt bestritt.“ Als ich ihn fragte, wie dann viele wahre Dinge durch sie vorhergesagt werden könnten, antwortete er mir (so gut er konnte), „dass die Kraft des Zufalls, die in der gesamten Ordnung der Dinge verbreitet ist, dies bewirke. Denn wenn ein Mensch aufs Geratewohl die Seiten eines Dichters aufschlägt, der etwas ganz anderes sang und dachte, fiele oft ein Vers heraus, der wunderbar auf die gegenwärtige Angelegenheit passe: so wäre es nicht zu verwundern, wenn aus der Seele des Menschen, unbewusst dessen, was in ihr vorgeht, durch einen höheren Instinkt eine Antwort gegeben würde, durch Zufall, nicht durch Kunst, entsprechend den Geschäften und Handlungen des Fragenden.“

Und so viel, entweder von ihm oder durch ihn, hast Du mir vermittelt und in mein Gedächtnis eingeprägt, was ich später für mich selbst untersuchen könnte. Aber zu jener Zeit konnten weder er noch mein liebster Nebridius, ein Jüngling von außergewöhnlicher Güte und heiliger Furcht, der die gesamte Zunft der Weissagung verspottete, mich überreden, sie beiseitezulegen, da die Autorität der Verfasser mich noch mehr bestimmte, und ich hatte bis dahin keinen sicheren Beweis gefunden (wie ich ihn suchte), wodurch ohne allen Zweifel offenbar würde, dass das, was von jenen Befragten wahr vorhergesagt worden war, das Ergebnis des Zufalls sei und nicht der Kunst der Sternseher.

In jenen Jahren, als ich begann, in meiner Vaterstadt Rhetorik zu lehren, hatte ich einen zum Freund gewonnen, doch zu teuer für mich, aufgrund der Gemeinsamkeit der Bestrebungen, in meinem Alter, und wie ich selbst, in der ersten aufblühenden Jugend. Er war von Kindesbeinen an mit mir aufgewachsen, und wir waren sowohl Mitschüler als auch Spielgefährten gewesen. Aber er war noch nicht mein Freund, wie er es später wurde, noch selbst damals so, wie wahre Freundschaft ist; denn wahr kann sie nicht sein, außer bei solchen, die Du zusammenfügst, indem sie an Dir haften, durch jene Liebe, die durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist, in unsere Herzen ausgegossen wird. Dennoch war sie nur zu süß, gereift durch die Wärme verwandter Studien: denn vom wahren Glauben (den er als Jüngling nicht gesund und gründlich in sich aufgenommen hatte), hatte ich ihn auch zu jenen abergläubischen und verderblichen Fabeln verkehrt, um derentwillen mich meine Mutter beweinte. Mit mir irrte er nun im Geiste, und meine Seele konnte nicht ohne ihn sein. Aber siehe, Du warst nahe auf den Schritten Deiner Flüchtlinge, zugleich Gott der Rache und Quell der Barmherzigkeit, der uns durch wunderbare Mittel zu Dir selbst lenkte; Du nahmst jenen Menschen aus diesem Leben, als er kaum ein ganzes Jahr meiner Freundschaft erfüllt hatte, die mir süßer war als alle Süße jenes meines Lebens.

Wer kann all Deine Lobpreisungen aufzählen, die er an sich selbst erfahren hat? Was tatest Du damals, mein Gott, und wie unergründlich ist der Abgrund Deiner Urteile? Denn lange, schwer krank an einem Fieber, lag er sinnlosen Geistes in einem Todeskampf; und da an seiner Genesung verzweifelt wurde, wurde er getauft, ohne es zu wissen; ich selbst achtete derweil wenig darauf und vermutete, dass seine Seele eher behalten würde, was sie von mir empfangen hatte, nicht was an seinem unbewussten Körper gewirkt wurde. Aber es erwies sich als weit anders: denn er erholte sich und wurde wiederhergestellt. Sogleich, sobald ich mit ihm sprechen konnte (und ich konnte es, sobald er dazu fähig war, denn ich verließ ihn nie, und wir hingen nur zu sehr aneinander), versuchte ich, mit ihm zu scherzen, als ob er mit mir über jene Taufe scherzen würde, die er empfangen hatte, als er völlig abwesend an Geist und Empfindung war, von der er aber nun verstanden hatte, dass er sie empfangen habe. Aber er schreckte so vor mir zurück, wie vor einem Feind; und mit einer wunderbaren und plötzlichen Freiheit befahl er mir, wenn ich sein Freund bleiben wolle, solche Reden gegen ihn zu unterlassen. Ich, ganz erstaunt und verblüfft, unterdrückte alle meine Gefühle, bis er genesen würde und seine Gesundheit stark genug wäre, dass ich mit ihm umgehen könnte, wie ich wollte. Aber er wurde von meiner Raserei fortgenommen, damit er bei Dir für meinen Trost bewahrt bliebe; wenige Tage später, in meiner Abwesenheit, wurde er erneut vom Fieber befallen und schied so dahin.

Bei diesem Schmerz wurde mein Herz vollkommen verfinstert; und was ich auch erblickte, war der Tod. Meine Heimat war mir eine Qual, und meines Vaters Haus ein fremdes Unglück; und was auch immer ich mit ihm geteilt hatte, ohne ihn, wurde zu einer zermürbenden Folter. Meine Augen suchten ihn überall, aber er wurde ihnen nicht gewährt; und ich hasste alle Orte, weil sie ihn nicht hatten; noch konnten sie mir nun sagen: „Er kommt“, wie als er lebendig und abwesend war. Ich wurde mir selbst zu einem großen Rätsel und fragte meine Seele, warum sie so traurig sei und warum sie mich in höchster Not beunruhigte: aber sie wusste nicht, was sie mir antworten sollte. Und wenn ich sagte: Vertraue auf Gott, so gehorchte sie mir mit Recht nicht; weil jener liebste Freund, den sie verloren hatte, als Mensch wahrer und besser war als jenes Trugbild, auf das sie vertrauen sollte. Nur Tränen waren mir süß, denn sie traten in meinen innigsten Zuneigungen an die Stelle meines Freundes.

Und nun, Herr, sind diese Dinge vergangen, und die Zeit hat meine Wunde gelindert. Möge ich von Dir lernen, der Du die Wahrheit bist, und das Ohr meines Herzens an Deinen Mund legen, damit Du mir sagen kannst, warum das Weinen den Elenden süß ist? Hast Du, obgleich Du überall gegenwärtig bist, unser Elend weit von Dir geworfen? Und Du bleibst in Dir selbst, doch wir werden in mannigfaltigen Prüfungen umhergetrieben. Und dennoch, wenn wir nicht in Deine Ohren klagten, hätten wir keine Hoffnung mehr übrig. Woher wird dann süße Frucht aus der Bitterkeit des Lebens geerntet, aus Seufzen, Tränen, Schluchzen und Klagen? Versüßt es dies, dass wir hoffen, Du hörst es? Dies gilt für das Gebet, denn darin liegt ein Verlangen, sich Dir zu nähern. Aber ist es auch so beim Gram über eine verlorene Sache und beim Kummer, von dem ich damals überwältigt war? Denn ich hoffte weder, dass er zum Leben zurückkehren würde, noch wünschte ich dies mit meinen Tränen; sondern ich weinte nur und trauerte. Denn ich war elend und hatte meine Freude verloren. Oder ist das Weinen tatsächlich eine bittere Sache, und aus reinem Überdruss an den Dingen, die wir zuvor genossen haben, gefällt es uns dann, wenn wir vor ihnen zurückschrecken?

Aber was rede ich von diesen Dingen? Denn jetzt ist nicht die Zeit zu fragen, sondern Dir zu beichten. Elend war ich; und elend ist jede Seele, die durch die Freundschaft vergänglicher Dinge gebunden ist; sie wird zerrissen, wenn sie diese verliert, und dann spürt sie das Elend, das sie schon hatte, ehe sie sie verlor. So war es damals mit mir; ich weinte bitterlich und fand meine Ruhe in der Bitterkeit. So war ich elend, und jenes elende Leben hielt ich lieber als meinen Freund. Denn obwohl ich es bereitwillig geändert hätte, war ich doch mehr abgeneigt, mich von ihm zu trennen als von ihm; ja, ich weiß nicht, ob ich mich selbst für ihn getrennt hätte, wie von Pylades und Orestes berichtet wird (wenn nicht erdichtet), dass sie gerne füreinander oder miteinander gestorben wären, da ein Leben ohne den anderen für sie schlimmer war als der Tod. Aber in mir war ein unerklärliches Gefühl entstanden, das dem nur zu sehr widersprach, denn ich verabscheute es zugleich überaus zu leben und fürchtete zu sterben. Ich vermute, je mehr ich ihn liebte, desto mehr hasste und fürchtete ich (als einen grausamsten Feind) den Tod, der mich um ihn gebracht hatte: und ich bildete mir ein, er würde alsbald ein Ende mit allen Menschen machen, da er Macht über ihn hatte. So war es mit mir, ich erinnere mich. Siehe mein Herz, o mein Gott, siehe und schaue in mich hinein; denn ich erinnere mich wohl daran, o meine Hoffnung, die Du mich von der Unreinheit solcher Zuneigungen reinigst, indem Du meine Augen auf Dich richtest und meine Füße aus der Schlinge ziehst. Denn ich wunderte mich, dass andere, dem Tode unterworfen, lebten, da jener, den ich liebte, als ob er niemals sterben sollte, tot war; und ich wunderte mich noch mehr, dass ich selbst, der ich ihm ein zweites Selbst war, leben konnte, da er tot war. Wohl sagte einer von seinem Freund: „Du Hälfte meiner Seele“; denn ich fühlte, dass meine Seele und seine Seele „eine Seele in zwei Körpern“ waren: und deshalb war mein Leben ein Grauen für mich, weil ich nicht halbiert leben wollte. Und deshalb fürchtete ich vielleicht zu sterben, damit nicht jener, den ich sehr geliebt hatte, ganz und gar sterbe.

O Wahnsinn, der nicht weiß, wie man Menschen liebt, wie Menschen es sollten! O törichter Mensch, der ich damals war, der ich das Los der Menschen ungeduldig ertrug! Ich grämte mich damals, seufzte, weinte, war zerstreut; hatte weder Ruhe noch Rat. Denn ich trug eine zerschlagene und blutende Seele mit mir herum, ungeduldig, von mir getragen zu werden, doch wo ich sie zur Ruhe betten sollte, fand ich nicht. Nicht in stillen Hainen, nicht bei Spielen und Musik, nicht an wohlriechenden Orten, nicht bei erlesenen Gastmählern, noch in den Freuden des Bettes und des Ruhelagers; noch (schließlich) in Büchern oder Dichtkunst fand sie Ruhe. Alles sah grässlich aus, ja, das Licht selbst; was nicht war, was er war, war abstoßend und verhasst, außer Schluchzen und Tränen. Denn in diesen allein fand ich eine kleine Erfrischung. Aber wenn meine Seele von ihnen abgezogen wurde, drückte mich eine riesige Last des Elends nieder. Zu Dir, o Herr, hätte sie erhoben werden sollen, damit Du sie erleichterst; ich wusste es; aber weder konnte noch wollte ich; umso mehr, da Du für mich, wenn ich an Dich dachte, kein festes oder substanzielles Ding warst. Denn Du warst nicht Du selbst, sondern ein bloßes Trugbild, und mein Irrtum war mein Gott. Wenn ich versuchte, meine Last darauf abzuladen, damit sie ruhe, glitt sie durch das Leere und kam wieder auf mich herabgestürzt; und ich war mir selbst ein unglückseliger Ort geblieben, wo ich weder sein konnte, noch von dort weg. Denn wohin sollte mein Herz vor meinem Herzen fliehen? Wohin sollte ich vor mir selbst fliehen? Wohin nicht mir selbst folgen? Und doch floh ich aus meiner Heimat; denn so sollten meine Augen weniger nach ihm Ausschau halten, wo sie ihn nicht zu sehen gewohnt waren. Und so kam ich von Thagaste nach Karthago.

Die Zeiten verlieren keine Zeit; noch rollen sie müßig dahin; durch unsere Sinne wirken sie seltsame Operationen auf den Geist. Siehe, sie gingen und kamen Tag für Tag, und durch das Kommen und Gehen führten sie andere Vorstellungen und andere Erinnerungen in meinen Geist ein; und Stück für Stück flickten sie mich wieder zusammen mit meiner alten Art von Ergötzungen, denen jener mein Kummer wich. Und doch folgten darauf, wenn auch nicht andere Schmerzen, so doch die Ursachen anderer Schmerzen. Denn woher hatte jener frühere Schmerz so leicht meine innerste Seele erreicht, außer dass ich meine Seele auf den Staub ausgeschüttet hatte, indem ich einen liebte, der sterben musste, als ob er niemals sterben würde? Denn was mich hauptsächlich wiederherstellte und erfrischte, waren die Tröstungen anderer Freunde, mit denen ich liebte, was ich anstelle von Dir liebte; und dies war eine große Fabel und langwierige Lüge, durch deren ehebrecherischen Reiz unsere Seele, die an unseren Ohren juckte, befleckt wurde. Aber jene Fabel wollte mir nicht sterben, sooft irgendeiner meiner Freunde starb. Es gab andere Dinge, die in ihnen meinen Geist mehr gefangen nahmen; miteinander zu reden und zu scherzen, einander freundliche Dienste zu erweisen, gemeinsam honigsüße Bücher zu lesen, zusammen zu scherzen oder ernst zu sein, zuweilen ohne Missvergnügen uneins zu sein, wie ein Mensch es mit sich selbst sein könnte; und selbst mit der Seltenheit dieser Uneinigkeiten unsere häufigeren Übereinstimmungen zu würzen; manchmal zu lehren und manchmal zu lernen; sich ungeduldig nach den Abwesenden zu sehnen und die Kommenden mit Freude zu begrüßen. Diese und ähnliche Äußerungen, die aus den Herzen derer kamen, die liebten und wieder geliebt wurden, durch die Miene, die Zunge, die Augen und tausend gefällige Gesten, waren so viel Brennstoff, um unsere Seelen miteinander verschmelzen zu lassen und aus vielen nur eine zu machen.

Dies ist es, was an Freunden geliebt wird; und so geliebt, dass das Gewissen eines Menschen sich selbst verurteilt, wenn er den nicht liebt, der ihn wieder liebt, oder den nicht wieder liebt, der ihn liebt, und von seiner Person nichts anderes erwartet als Anzeichen seiner Liebe. Daher jene Trauer, wenn einer stirbt, und Verdunkelungen des Kummers, jenes Tränken des Herzens in Tränen, alle Süße in Bitterkeit verwandelt; und beim Verlust des Lebens des Sterbenden, der Tod des Lebenden. Gesegnet, wer Dich liebt und seinen Freund in Dir und seinen Feind für Dich. Denn er allein verliert keinen, der ihm teuer ist, dem alle teuer sind in Ihm, der nicht verloren werden kann. Und wer ist dies anders als unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde erschuf und sie erfüllt, weil Er sie durch ihre Erfüllung erschuf? Dich verliert niemand, es sei denn, er verlässt Dich. Und wer Dich verlässt, wohin geht oder wohin flieht er, außer von Dir, der Du wohlgefällig bist, zu Dir, der Du missfällig bist? Denn wo findet er nicht Dein Gesetz in seiner eigenen Strafe? Und Dein Gesetz ist Wahrheit, und die Wahrheit bist Du.

Bekehre uns, o Gott der Heerscharen, zeige uns Dein Angesicht, und wir werden gesund werden. Denn wohin sich die Seele des Menschen auch wendet, wenn nicht zu Dir, ist sie an Schmerzen geheftet, ja selbst wenn sie an Dinge geheftet ist, die schön sind. Und doch waren sie, außerhalb von Dir und außerhalb der Seele, nicht, wären sie nicht von Dir. Sie gehen auf und unter; und durch das Aufgehen beginnen sie gleichsam zu sein; sie wachsen, auf dass sie vollendet werden; und vollendet, altern sie und verwelken; und nicht alle altern sie, aber alle verwelken sie. Wenn sie also aufgehen und danach streben zu sein, so eilen sie, je schneller sie wachsen, um zu sein, umso mehr, nicht mehr zu sein. Dies ist ihr Gesetz. So viel hast Du ihnen zugemessen, weil sie Teile der Dinge sind, die nicht alle auf einmal existieren, sondern indem sie vergehen und aufeinanderfolgen, vervollständigen sie gemeinsam jenes Weltall, dessen Teile sie sind. Und genau so wird unsere Rede durch Zeichen vollendet, die einen Klang von sich geben: aber dies wiederum wird nicht vollendet, es sei denn, ein Wort vergeht, wenn es seinen Teil geklungen hat, damit ein anderes folgen kann. Aus all diesen Dingen soll meine Seele Dich preisen, o Gott, Schöpfer aller Dinge; doch soll meine Seele nicht mit dem Leim der Liebe durch die Sinne des Körpers an diesen Dingen haften. Denn sie gehen dahin, wohin sie gehen sollten, damit sie nicht seien; und sie zerreißen sie mit pestilenzialischem Verlangen, weil sie sein will, doch liebt, in dem zu ruhen, was sie liebt. Aber in diesen Dingen ist kein Ort der Ruhe; sie bleiben nicht, sie fliehen; und wer kann ihnen mit den Sinnen des Fleisches folgen? ja, wer kann sie ergreifen, wenn sie nahe sind? Denn der Sinn des Fleisches ist langsam, weil er der Sinn des Fleisches ist; und dadurch ist er begrenzt. Er genügt für das, wofür er geschaffen wurde; aber er genügt nicht, um Dinge aufzuhalten, die ihren Lauf von ihrem bestimmten Ausgangspunkt bis zum bestimmten Ende nehmen. Denn in Deinem Wort, durch das sie erschaffen sind, hören sie ihren Beschluss: „bis hierher und nicht weiter“.

Sei nicht töricht, o meine Seele, noch werde taub im Ohr deines Herzens durch den Tumult deiner Torheit. Horche auch du. Das Wort selbst ruft dich zur Rückkehr: und dort ist der Ort der unerschütterlichen Ruhe, wo die Liebe nicht verlassen wird, wenn sie sich selbst nicht verlässt. Siehe, diese Dinge vergehen, damit andere sie ersetzen, und so dieses untere Weltall durch alle seine Teile vervollständigt werde. Aber gehe ich irgendwohin fort? spricht das Wort Gottes. Dort befestige deine Wohnung, vertraue dort alles an, was du von dorther hast, o meine Seele, zumindest jetzt, da du mit Eitelkeiten ermüdet bist. Vertraue der Wahrheit an, was auch immer du von der Wahrheit hast, und du wirst nichts verlieren; und dein Verfall wird wieder aufblühen, und alle deine Krankheiten werden geheilt, und deine sterblichen Teile werden umgestaltet und erneuert und um dich gebunden werden: noch werden sie dich dorthin legen, wohin sie selbst hinabsteigen; sondern sie werden fest mit dir stehen und ewig bleiben vor Gott, der da bleibt und ewig feststeht.

Warum also verkehrt sein und deinem Fleische folgen? Möge es bekehrt werden und dir folgen. Was auch immer du durch es wahrnimmst, ist in Teilen; und das Ganze, wovon diese Teile sind, kennst du nicht; und doch erfreuen sie dich. Aber hätte der Sinn deines Fleisches eine Fähigkeit, das Ganze zu begreifen, und wäre er nicht selbst auch, zu deiner Strafe, zu Recht auf einen Teil des Ganzen beschränkt, so würdest du wollen, dass alles, was gegenwärtig existiert, vergehe, damit das Ganze dir besser gefalle. Denn was wir auch sprechen, hörst du mit demselben Sinn des Fleisches; doch würdest du nicht wollen, dass die Silben bleiben, sondern davonfliegen, damit andere kommen und du das Ganze hören kannst. Und so immer, wenn ein Ding aus vielen zusammengesetzt ist, die nicht alle zusammen existieren, würden alle zusammengenommen mehr gefallen als einzeln, könnten alle zusammengenommen wahrgenommen werden. Aber weit besser als diese ist Er, der alles erschuf; und Er ist unser Gott, noch vergeht Er, denn auch folgt Ihm nichts nach.

Wenn dich Körper erfreuen, so lobe Gott bei ihrer Betrachtung und wende deine Liebe zurück auf ihren Schöpfer; damit du nicht in den Dingen, die dir gefallen, missfällst. Wenn dich Seelen erfreuen, so seien sie in Gott geliebt: denn auch sie sind wandelbar, aber in Ihm sind sie fest gegründet; sonst würden sie vergehen und dahinschwinden. In Ihm also seien sie geliebt; und führe mit dir zu Ihm, welche Seelen du kannst, und sprich zu ihnen: „Ihn lasst uns lieben, Ihn lasst uns lieben: Er hat diese gemacht, noch ist Er fern. Denn Er machte sie nicht und ging dann hin, sondern sie sind aus Ihm und in Ihm. Siehe, dort ist Er, wo die Wahrheit geliebt wird. Er ist im Innersten des Herzens, dennoch ist das Herz von Ihm abgeirrt. Kehrt um in euer Herz, ihr Übertreter, und haltet fest an Ihm, der euch gemacht hat. Steht mit Ihm, und ihr werdet feststehen. Ruht in Ihm, und ihr werdet Ruhe finden. Wohin geht ihr auf rauen Wegen? Wohin geht ihr? Das Gute, das ihr liebt, ist von Ihm; aber es ist gut und lieblich nur in Bezug auf Ihn, und mit Recht wird es euch verbittert werden, denn ungerecht ist alles geliebt, was von Ihm ist, wenn man Ihn dafür verlässt. Zu welchem Ende wollt ihr noch und noch diese schwierigen und mühseligen Wege gehen? Es gibt keine Ruhe, wo ihr sie sucht. Sucht, was ihr sucht; aber es ist nicht dort, wo ihr sucht. Ihr sucht ein glückseliges Leben im Land des Todes; es ist nicht dort. Denn wie sollte ein glückseliges Leben dort sein, wo das Leben selbst nicht ist?

„Aber unser wahres Leben kam hierherab und trug unseren Tod und erschlug ihn aus der Fülle seines eigenen Lebens: und Er donnerte und rief uns laut zu, von hier zu Ihm zurückzukehren an jenen geheimen Ort, von wo Er zu uns hervorging, zuerst in den Schoß der Jungfrau, worin Er die menschliche Schöpfung, unser sterbliches Fleisch, vermählte, damit es nicht für immer sterblich sei, und von dort wie ein Bräutigam, der aus seiner Kammer kommt, sich freuend wie ein Riese, seine Bahn zu laufen. Denn Er säumte nicht, sondern lief und rief laut durch Worte, Taten, Tod, Leben, Abstieg, Himmelfahrt; laut schreiend zu uns, zu Ihm zurückzukehren. Und Er schied von unseren Augen, damit wir in unser Herz zurückkehren und Ihn dort finden könnten. Denn Er ging hin, und siehe, Er ist hier. Er wollte nicht lange bei uns sein, doch verließ Er uns nicht; denn Er ging dorthin, von wo Er niemals schied, weil die Welt durch Ihn geschaffen wurde. Und in dieser Welt war Er, und in diese Welt kam Er, um Sünder zu retten, denen meine Seele beichtet, und Er heilt sie, denn sie hat gegen Ihn gesündigt. O ihr Menschenkinder, wie lange seid ihr noch so trägen Herzens? Wollt ihr selbst jetzt, nach dem Abstieg des Lebens zu euch, nicht aufsteigen und leben? Aber wohin steigt ihr auf, wenn ihr in der Höhe seid und euren Mund gegen den Himmel richtet? Steigt herab, damit ihr aufsteigen könnt, und steigt auf zu Gott. Denn ihr seid gefallen, indem ihr gegen Ihn aufgestiegen seid.“ Sag ihnen dies, damit sie im Tal der Tränen weinen und so führe sie mit dir hinauf zu Gott; denn aus Seinem Geist sprichst du so zu ihnen, wenn du sprichst, brennend mit dem Feuer der Nächstenliebe.

Diese Dinge wusste ich damals nicht, und ich liebte diese niederen Schönheiten, und ich sank in die tiefsten Abgründe, und zu meinen Freunden sagte ich: „Lieben wir etwas anderes als das Schöne? Was ist dann das Schöne? Und was ist Schönheit? Was ist es, das uns anzieht und für die Dinge gewinnt, die wir lieben? Denn gäbe es in ihnen nicht einen Anmut und Schönheit, könnten sie uns keinesfalls zu sich ziehen.“ Und ich merkte und nahm wahr, dass in den Körpern selbst eine Schönheit war, die daraus stammte, dass sie eine Art Ganzes bildeten, und wiederum eine andere aus der passenden und gegenseitigen Entsprechung, wie etwa eines Körperteils mit seinem Ganzen oder eines Schuhs mit einem Fuß und dergleichen. Und diese Überlegung entsprang meinem Geist, aus meinem innersten Herzen, und ich schrieb „Über das Schöne und Passende“, ich glaube, zwei oder drei Bücher. Du weißt es, o Herr, denn es ist mir entschwunden; denn ich habe sie nicht, sondern sie sind mir abhandengekommen, ich weiß nicht wie.

Aber was bewegte mich, o Herr, mein Gott, diese Bücher dem Hierius zu widmen, einem Redner aus Rom, den ich dem Gesicht nach nicht kannte, aber liebte wegen des Rufs seiner Gelehrsamkeit, die in ihm hervorragte, und einiger Worte von ihm, die ich gehört hatte und die mir gefielen? Aber noch mehr gefiel er mir, weil er anderen gefiel, die ihn hoch priesen und staunten, dass aus einem Syrer, der zuerst in griechischer Beredsamkeit unterwiesen wurde, später ein wunderbarer lateinischer Redner geformt werden konnte, und einer, der in den Dingen der Philosophie höchst gelehrt war. Einer wird gelobt, und ungesehen wird er geliebt: Dringt diese Liebe aus dem Mund des Lobenden in das Herz des Hörenden? Nicht so. Sondern durch einen, der liebt, wird ein anderer entzündet. Denn von daher wird geliebt, wer gelobt wird, wenn geglaubt wird, dass der Lobende ihn mit aufrichtigem Herzen preist; das heißt, wenn einer, der ihn liebt, ihn rühmt.

Denn so liebte ich damals Menschen, nach dem Urteil von Menschen, nicht Deinem, o mein Gott, in dem kein Mensch getäuscht wird. Aber warum denn nicht wegen Eigenschaften, wie denen eines berühmten Wagenlenkers oder eines Kämpfers mit wilden Tieren im Theater, die durch eine vulgäre Popularität weithin bekannt sind, sondern ganz anders, und ernsthaft, und so, wie ich selbst gelobt werden möchte? Denn ich wollte nicht wie Schauspieler gelobt oder geliebt werden (obwohl ich sie selbst lobte und liebte), sondern wollte lieber unbekannt sein, als so bekannt; und eher gehasst, als so geliebt. Wo sind nun die Impulse zu solch verschiedenen und unterschiedlichen Arten der Liebe in einer Seele aufbewahrt? Warum liebe ich, da wir gleichermaßen Menschen sind, an einem anderen, was ich, wenn ich es nicht hasste, von mir selbst wegstoßen und verwerfen würde? Denn es gilt nicht, dass, weil ein gutes Pferd von dem geliebt wird, der nicht, auch wenn er könnte, dieses Pferd sein möchte, dasselbe von einem Schauspieler gesagt werden kann, der unsere Natur teilt. Liebe ich also an einem Menschen, was ich zu sein hasse, der ich ein Mensch bin? Der Mensch selbst ist eine große Tiefe, deren Haare Du alle zählst, o Herr, und sie fallen nicht ohne Dich zur Erde. Und doch sind die Haare seines Hauptes leichter zu zählen als seine Gefühle und das Schlagen seines Herzens.

Aber jener Redner war von der Art, die ich liebte, da ich wünschte, selbst so zu sein; und ich irrte durch einen anschwellenden Stolz und wurde von jedem Wind hin und her geworfen, aber doch von Dir gesteuert, wenn auch sehr geheim. Und woher weiß ich, und woher bekenne ich Dir vertrauensvoll, dass ich ihn mehr aus Liebe zu seinen Lobrednern geliebt hatte als wegen der Dinge selbst, derentwegen er gelobt wurde? Weil ich, wäre er ungepriesen gewesen und hätten dieselben Männer ihn getadelt und mit Tadel und Verachtung genau dieselben Dinge von ihm erzählt, niemals so entzündet und aufgeregt gewesen wäre, ihn zu lieben. Und doch wären die Dinge nicht andere gewesen, noch er selbst ein anderer; sondern nur die Gefühle der Erzählenden. Sieh, wo die ohnmächtige Seele liegt, die noch nicht durch die Festigkeit der Wahrheit gestützt wird! Genau wie die Winde der Zungen aus der Brust der Meinungsvollen wehen, so wird sie hierhin und dorthin getragen, vorwärts und rückwärts getrieben, und das Licht ist vor ihr verhüllt und die Wahrheit ungesehen. Und siehe, sie ist vor uns. Und es war mir eine große Sache, dass mein Diskurs und meine Arbeiten jenem Mann bekannt sein sollten: Würde er sie billigen, wäre ich umso mehr entzündet; würde er sie aber missbilligen, wäre mein leeres Herz, frei von Deiner Festigkeit, verwundet gewesen. Und doch verweilte ich mit Vergnügen bei dem „Schönen und Passenden“, worüber ich ihm schrieb, betrachtete es und bewunderte es, obwohl sich niemand daran beteiligte.

Aber ich sah noch nicht, worauf diese gewichtige Angelegenheit in Deiner Weisheit beruhte, o Du Allmächtiger, der Du allein Wunder tust; und mein Geist schweifte durch körperliche Formen; und „schön“ definierte und unterschied ich das, was in sich selbst so ist, und „passend“, dessen Schönheit in der Entsprechung zu einer anderen Sache liegt: und dies stützte ich durch körperliche Beispiele. Und ich wandte mich der Natur des Geistes zu, aber die falsche Vorstellung, die ich von geistigen Dingen hatte, ließ mich die Wahrheit nicht sehen. Doch die Kraft der Wahrheit blitzte von selbst in meine Augen, und ich wandte meine keuchende Seele von der körperlosen Substanz ab zu Linien, Farben und massigen Größen. Und da ich diese im Geist nicht sehen konnte, dachte ich, ich könne meinen Geist nicht sehen. Und während ich in der Tugend den Frieden liebte und im Lasterhaften die Zwietracht verabscheute; beobachtete ich in der ersten eine Einheit, in der anderen aber eine Art Spaltung. Und in jener Einheit begriff ich die vernünftige Seele und die Natur der Wahrheit und des höchsten Gutes als bestehend; in dieser Spaltung aber imaginierte ich elenderweise eine unbekannte Substanz eines vernunftlosen Lebens und die Natur des höchsten Übels, das nicht nur eine Substanz, sondern auch wirkliches Leben sein sollte und doch nicht von Dir abgeleitet, o mein Gott, von dem alle Dinge sind. Und doch nannte ich jenes erste eine Monade, als wäre es eine Seele ohne Geschlecht; das letztere aber eine Duade: Zorn in Taten der Gewalt und in Schändlichkeit Lust; nicht wissend, wovon ich sprach. Denn ich hatte nicht gewusst oder gelernt, dass weder das Übel eine Substanz war, noch unsere Seele jenes höchste und unwandelbare Gut.

Denn wie Taten der Gewalt entstehen, wenn jene Regung der Seele verdorben ist, aus der stürmisches Handeln entspringt, das sich frech und zügellos aufbäumt; und Lüste, wenn jene Zuneigung der Seele unbeherrscht ist, wodurch fleischliche Begierden in sich aufgenommen werden, so beflecken Irrtümer und falsche Meinungen den Umgang, wenn die vernünftige Seele selbst verdorben ist; wie es damals bei mir war, der ich nicht wusste, dass sie von einem anderen Licht erleuchtet werden muss, damit sie teilhaftig der Wahrheit werde, da sie selbst nicht jene Natur der Wahrheit ist. Denn Du wirst meine Leuchte anzünden, o Herr, mein Gott, Du wirst meine Finsternis erleuchten: und aus Deiner Fülle haben wir alle empfangen, denn Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt; denn in Dir gibt es keine Wandelbarkeit, noch einen Schatten der Veränderung.

Aber ich drängte zu Dir und wurde von Dir weggestoßen, damit ich den Tod koste: denn Du widerstehst den Stolzen. Was aber ist stolzer, als dass ich mit einem fremden Wahnsinn behaupte, von Natur aus das zu sein, was Du bist? Denn während ich dem Wandel unterworfen war (so viel war mir offenbar, da mein Verlangen, weise zu werden, der Wunsch war, aus Schlechtem Besser zu werden), wählte ich dennoch eher, Dich als dem Wandel unterworfen zu imaginieren und mich selbst als nicht das, was Du bist. Deshalb wurde ich von Dir zurückgewiesen, und Du widerstandest meiner eitlen Halsstarrigkeit, und ich imaginierte körperliche Formen, und, selbst Fleisch, klagte ich das Fleisch an; und, ein Wind, der vergeht, kehrte ich nicht zu Dir zurück, sondern ich schritt immer weiter zu Dingen, die kein Sein haben, weder in Dir, noch in mir, noch im Körper. Noch wurden sie für mich durch Deine Wahrheit geschaffen, sondern durch meine Eitelkeit aus körperlichen Dingen erdacht. Und ich pflegte Deine gläubigen Kleinen, meine Mitbürger, zu fragen (von denen ich, ohne es zu wissen, verbannt war), ich pflegte töricht und geschwätzig sie zu fragen: „Warum irrt dann die Seele, die Gott schuf?“ Aber ich wollte nicht gefragt werden: „Warum irrt dann Gott?“ Und ich behauptete, Deine unwandelbare Substanz irre aus Zwang, anstatt zu bekennen, dass meine wandelbare Substanz freiwillig abgeirrt war und nun, zur Strafe, im Irrtum lag.

Ich war damals etwa sechs oder siebenundzwanzig Jahre alt, als ich jene Bände schrieb; in mir körperliche Fiktionen wälzend, die in den Ohren meines Herzens summten, das ich, o süße Wahrheit, zu deinem inneren Wohlklang wandte, meditierend über das „Schöne und Passende“ und mich sehnend, zu stehen und auf Dich zu hören und mich sehr über die Stimme des Bräutigams zu freuen, konnte es aber nicht; denn durch die Stimmen meiner eigenen Irrtümer wurde ich nach außen gejagt, und durch die Last meines eigenen Stolzes sank ich in die unterste Grube. Denn Du hast mich nicht Freude und Wonne hören lassen, noch frohlockten die Gebeine, die noch nicht gedemütigt waren.

Und was nützte es mir, dass mir kaum zwanzigjährig ein Buch des Aristoteles in die Hände fiel, das sie die zehn Prädikamente nennen (an dessen Namen ich hing wie an etwas Großem und Göttlichem, so oft mein Rhetoriklehrer aus Karthago und andere, die für gelehrt gehalten wurden, es mit vor Stolz berstenden Wangen aussprachen), das ich las und ohne Hilfe verstand? Und bei meiner Rücksprache mit anderen, die sagten, dass sie es kaum mit sehr fähigen Lehrern verstanden, die es nicht nur mündlich erklärten, sondern viele Dinge in den Sand zeichneten, konnten sie mir nicht mehr darüber sagen, als ich gelernt hatte, indem ich es allein las. Und das Buch schien mir sehr klar von Substanzen zu sprechen, wie „Mensch“, und von ihren Qualitäten, wie die Gestalt eines Menschen, von welcher Art sie ist; und Statur, wie viele Fuß hoch; und seine Beziehung, wessen Bruder er ist; oder wo platziert; oder wann geboren; oder ob er steht oder sitzt; oder beschuht oder bewaffnet sei; oder etwas tut oder erleidet; und all die unzähligen Dinge, die unter diese neun Prädikamente, von denen ich einige Beispiele gegeben habe, oder unter jenes Hauptprädikament der Substanz eingeordnet werden könnten.

Was half mir all dies, da es mich sogar hinderte? Wenn ich, indem ich imaginierte, alles, was war, sei unter jenen zehn Prädikamenten begriffen, versuchte, o mein Gott, auch Deine wunderbare und unwandelbare Einheit so zu verstehen, als ob auch Du Deiner eigenen Größe oder Schönheit unterworfen wärst; so dass (wie bei Körpern) sie in Dir existieren sollten als in ihrem Subjekt: wohingegen Du selbst Deine Größe und Schönheit bist; aber ein Körper ist nicht groß oder schön dadurch, dass er ein Körper ist, da er, selbst wenn er weniger groß oder schön wäre, dennoch ein Körper sein würde. Aber es war Falschheit, die ich von Dir konzipierte, nicht Wahrheit, Fiktionen meines Elends, nicht die Wirklichkeiten Deiner Glückseligkeit. Denn Du hattest befohlen, und es geschah in mir, dass die Erde mir Dornen und Disteln hervorbringen sollte, und dass ich im Schweiße meines Angesichts mein Brot essen sollte.

Und was nützte es mir, dass ich alle Bücher, die ich der sogenannten freien Künste beschaffen konnte, ich, der elende Sklave elender Begierden, allein las und verstand? Und ich erfreute mich an ihnen, wusste aber nicht, woher alles kam, das darin wahr oder gewiss war. Denn ich hatte meinen Rücken zum Licht und mein Gesicht zu den erleuchteten Dingen; woher mein Gesicht, mit dem ich die erleuchteten Dinge unterschied, selbst nicht erleuchtet war. Was auch immer geschrieben war, sei es über Rhetorik oder Logik, Geometrie, Musik und Arithmetik, verstand ich allein ohne große Schwierigkeit oder irgendeinen Lehrer, Du weißt es, o Herr, mein Gott; denn sowohl Schnelligkeit des Verstehens als auch Scharfsinn im Unterscheiden ist Deine Gabe: doch opferte ich Dir nicht deswegen. So diente es also nicht meinem Nutzen, sondern vielmehr meinem Verderben, da ich mich bemühte, einen so guten Teil meiner Substanz in meinen eigenen Besitz zu bekommen; und ich bewahrte meine Kraft nicht für Dich, sondern wanderte von Dir fort in ein fernes Land, um sie an Huren zu verschwenden. Denn was nützten mir gute Fähigkeiten, die nicht zu gutem Nutzen gebraucht wurden? Denn ich spürte nicht, dass jene Künste selbst von Studierenden und Talentierten nur mit großer Schwierigkeit erlangt wurden, bis ich versuchte, sie solchen zu erklären; wobei jener am meisten darin hervorrach, der mir nicht allzu langsam folgte.

Aber was half mir dies, da ich imaginierte, dass Du, o Herr Gott, die Wahrheit, ein riesiger und heller Körper wärst und ich ein Fragment dieses Körpers? Zu große Verkehrtheit! Aber so war ich. Noch erröte ich, o mein Gott, Dir Deine Barmherzigkeit gegen mich zu bekennen und Dich anzurufen, der ich damals nicht errötete, Menschen meine Blasphemien zu bekennen und gegen Dich zu bellen. Was nützte mir damals mein flinker Verstand in jenen Wissenschaften und all jenen knotenreichsten Bänden, die von mir ohne Hilfe menschlicher Unterweisung entwirrt wurden; da ich doch so schändlich und mit solcher frevlerischen Schamlosigkeit in der Lehre der Frömmigkeit irrte? Oder welches Hindernis war ein weitaus langsamerer Verstand für Deine Kleinen, da sie sich nicht weit von Dir entfernten, damit sie im Nest Deiner Kirche sicher flügge werden und die Flügel der Nächstenliebe durch die Nahrung eines gesunden Glaubens nähren konnten. O Herr, unser Gott, unter dem Schatten Deiner Flügel lass uns hoffen; beschütze uns und trage uns. Du wirst uns tragen, sowohl wenn wir klein sind, und selbst bis in das graue Haar wirst Du uns tragen; denn unsere Festigkeit, wenn sie Du bist, dann ist sie Festigkeit; wenn sie aber unsere eigene ist, ist sie Gebrechlichkeit. Unser Gut lebt immer bei Dir; von dem, wenn wir uns abwenden, werden wir abgewandt. Lass uns nun, o Herr, zurückkehren, damit wir nicht umgestürzt werden, denn bei Dir lebt unser Gut ohne jeden Verfall, welches Gut Du bist; noch müssen wir fürchten, dass es keinen Ort gibt, wohin wir zurückkehren können, weil wir von ihm gefallen sind: denn durch unsere Abwesenheit fiel unsere Wohnung nicht – Deine Ewigkeit.

BUCH V

Nimm das Opfer meiner Bekenntnisse aus dem Dienst meiner Zunge entgegen, die Du geformt und angeregt hast, Deinem Namen zu bekennen. Heile Du alle meine Gebeine, und lass sie sagen: O Herr, wer ist wie Du? Denn wer Dir beichtet, lehrt Dich nicht, was in ihm vorgeht; da ein verschlossenes Herz Dein Auge nicht ausschließt, noch kann die Hartherzigkeit des Menschen Deine Hand zurückstoßen: denn Du löst sie nach Deinem Willen in Mitleid oder in Rache, und nichts kann sich vor Deiner Hitze verbergen. Aber lass meine Seele Dich loben, damit sie Dich liebe; und lass sie Dir Deine eigenen Barmherzigkeiten bekennen, damit sie Dich lobe. Deine ganze Schöpfung hört nicht auf, noch schweigt sie in Deinem Lob; weder der Geist des Menschen mit der an Dich gerichteten Stimme, noch die belebte oder unbelebte Schöpfung durch die Stimme derer, die darüber nachdenken: damit so unsere Seelen aus ihrer Müdigkeit zu Dir aufsteigen, indem sie sich auf die Dinge stützen, die Du geschaffen hast, und zu Dir selbst weitergehen, der Du sie wunderbar gemacht hast; und dort ist Erfrischung und wahre Stärke.

Lass die Rastlosen, die Gottlosen, von Dir fortgehen und fliehen; dennoch siehst Du sie und teilst die Finsternis. Und siehe, das Universum mit ihnen ist schön, obwohl sie hässlich sind. Und wie haben sie Dir geschadet? Oder wie haben sie Deine Regierung geschändet, die, vom Himmel bis zu dieser untersten Erde, gerecht und vollkommen ist? Denn wohin flohen sie, als sie vor Deinem Angesicht flohen? Oder wo findest Du sie nicht? Aber sie flohen, damit sie Dich nicht sähen, wie Du sie siehst, und, verblendet, über Dich stolpern könnten (weil Du nichts verlässt, das Du gemacht hast); damit die Ungerechten, sage ich, über Dich stolpern und mit Recht verletzt werden; indem sie sich von Deiner Sanftmut zurückziehen und an Deiner Aufrichtigkeit stolpern und auf ihre eigene Rauheit fallen. Unwissend in der Tat, dass Du überall bist, den kein Ort umfasst! Und Du allein bist nahe, selbst denen, die sich weit von Dir entfernen. Lass sie sich dann bekehren und Dich suchen; denn nicht so, wie sie ihren Schöpfer verlassen haben, hast Du Deine Schöpfung verlassen. Lass sie sich bekehren und Dich suchen; und siehe, Du bist dort in ihrem Herzen, im Herzen derer, die Dir beichten und sich auf Dich werfen und in Deinem Schoß weinen, nach all ihren rauen Wegen. Dann wischst Du sanft ihre Tränen ab, und sie weinen umso mehr und freuen sich im Weinen; eben weil Du, Herr – nicht ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern – Du, Herr, der Du sie gemacht hast, sie neu machst und tröstest. Aber wo war ich, als ich Dich suchte? Und Du warst vor mir, aber ich war von Dir weggegangen; noch fand ich mich selbst, wie viel weniger dann Dich!

Ich möchte vor meinem Gott jenes neunundzwanzigste Jahr meines Lebens darlegen. Damals war ein gewisser Bischof der Manichäer nach Karthago gekommen, namens Faustus, eine große Schlinge des Teufels, und viele waren durch ihn in jenem Lockmittel seiner glatten Sprache verstrickt: die ich zwar lobte, doch vermochte ich sie von der Wahrheit der Dinge zu trennen, welche ich eifrig zu lernen bestrebt war; auch achtete ich nicht so sehr auf die Kunst der Rhetorik als auf die Wissenschaft, die mir dieser unter den Ihrigen so gepriesene Faustus zur Nahrung vorlegte. Der Ruf war ihm vorausgeeilt, er sei überaus bewandert in aller wertvollen Gelehrsamkeit und vortrefflich geschult in den freien Künsten. Und da ich von den Philosophen viel gelesen hatte und mich wohl daran erinnerte, verglich ich manches von ihnen mit jenen langen Fabeln der Manichäer und fand jene als die wahrscheinlicheren; auch wenn sie nur so weit gelangen konnten, ein Urteil über diese niedere Welt zu fällen, den Herrn derselben konnten sie keineswegs ausfindig machen. Denn Du bist groß, o Herr, und hast Acht auf die Demütigen, doch die Stolzen schaust Du von ferne an. Auch nahest Du Dich nur den zerknirschten Herzen und wirst von den Stolzen nicht gefunden, nein, auch dann nicht, wenn sie mit neugieriger Kunst die Sterne und den Sand zählen, den gestirnten Himmel vermessen und die Bahnen der Planeten verfolgen könnten.

Denn mit ihrem Verstand und Scharfsinn, den Du ihnen verliehen hast, erforschen sie diese Dinge; und vieles haben sie herausgefunden; und schon viele Jahre zuvor Sonnen- und Mondfinsternisse vorausgesagt – an welchem Tag und zu welcher Stunde und um wie viele Grade –, und ihre Berechnung schlug nicht fehl; und es geschah, wie sie weissagten; und sie schrieben die Regeln nieder, die sie gefunden hatten, und diese werden bis auf den heutigen Tag gelesen, und aus ihnen weissagen andere, in welchem Jahr und Monat des Jahres, an welchem Tag des Monats und zu welcher Stunde des Tages und an welchem Teil seines Lichtes Mond oder Sonne verfinstert werden soll, und so geschieht es, wie es vorhergesagt ist. Über diese Dinge staunen und wundern sich Menschen, die diese Kunst nicht kennen, und die sie kennen, frohlocken und sind aufgeblasen; und in gottloserem Hochmut von Dir weichend und Deines Lichtes verlustig gehend, sehen sie ein Versagen des Sonnenlichtes voraus, das so lange Zeit vorher geschehen wird, doch ihr eigenes, das bereits ist, sehen sie nicht. Denn sie suchen nicht ehrfürchtig, woher sie den Scharfsinn haben, womit sie dies erforschen. Und da sie finden, dass Du sie erschaffen hast, geben sie sich nicht Dir hin, um das zu bewahren, was Du erschaffen hast, noch opfern sie Dir, was sie aus sich selbst gemacht haben; noch töten sie ihre eigenen aufsteigenden Einbildungen wie die Vögel des Himmels, noch ihre forschende Neugier (womit sie wie die Fische des Meeres auf den unbekannten Pfaden des Abgrunds umherschweifen), noch ihre Wollust wie das Vieh auf dem Felde, auf dass Du, Herr, ein verzehrendes Feuer, jene ihre toten Sorgen verbrennen und sie selbst unsterblich neu erschaffen mögest.

Doch sie kannten nicht den Weg, Dein Wort, durch das Du diese Dinge erschufst, die sie zählen, und sie selbst, die sie zählen, und den Sinn, durch den sie wahrnehmen, was sie zählen, und den Verstand, aus dem heraus sie zählen; oder dass es von Deiner Weisheit keine Zahl gibt. Doch der Eingeborene selbst ist für uns zur Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligung geworden und wurde unter uns gezählt und zahlte Tribut an den Kaiser. Sie kannten diesen Weg nicht, um von sich selbst zu Ihm hinabzusteigen und durch Ihn zu Ihm aufzusteigen. Sie kannten diesen Weg nicht und wähnten sich unter den Sternen erhöht und leuchtend; und siehe, sie fielen auf die Erde, und ihr törichtes Herz wurde verfinstert. Sie erörtern vieles Wahre über die Kreatur; doch die Wahrheit, den Schöpfer der Kreatur, suchen sie nicht in Frömmigkeit, und deshalb finden sie Ihn nicht; oder wenn sie Ihn finden, da sie wissen, dass Er Gott ist, verherrlichen sie Ihn nicht als Gott, noch sind sie dankbar, sondern werden eitel in ihren Einbildungen und geben vor, weise zu sein, indem sie sich selbst zuschreiben, was Dein ist; und dadurch befleißigen sie sich mit der verkehrtesten Blindheit, Dir das zuzurechnen, was ihr eigenes ist, indem sie Lügen über Dich schmieden, der Du die Wahrheit bist, und die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild verwandeln, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln, den vierfüßigen Tieren und den kriechenden Dingen gleicht, indem sie Deine Wahrheit in eine Lüge verwandeln und die Kreatur mehr verehren und ihr dienen als dem Schöpfer.

Dennoch behielt ich von diesen Männern viele Wahrheiten über die Kreatur bei und sah den Grund dafür in Berechnungen, im Lauf der Zeiten und in den sichtbaren Zeugnissen der Sterne; und ich verglich sie mit den Aussagen des Manichäus, die er in seinem Wahn über diese Themen höchst ausführlich niedergeschrieben hatte; doch entdeckte ich keinerlei Rechenschaft über die Sonnenwenden, die Tagundnachtgleichen oder die Finsternisse der großen Himmelslichter, noch irgendetwas dergleichen, was ich in den Büchern der weltlichen Philosophie gelernt hatte. Aber mir war befohlen zu glauben; und doch stimmte es nicht mit dem überein, was durch Berechnungen und meine eigene Anschauung feststand, sondern war gänzlich entgegengesetzt.

Gefällt Dir denn, o Herr, Gott der Wahrheit, wer diese Dinge weiß? Sicherlich ist derjenige unglücklich, der all dies weiß und Dich nicht kennt: doch glücklich ist, wer Dich kennt, auch wenn er diese nicht weiß. Und wer sowohl Dich als auch jene kennt, ist nicht um jener willen glücklicher, sondern allein um Deinetwillen, wenn er Dich, da er Dich kennt, als Gott verherrlicht und dankbar ist und nicht eitel wird in seinen Einbildungen. Denn wie derjenige besser dran ist, der einen Baum zu besitzen weiß und Dir für dessen Nutzen dankt, auch wenn er nicht weiß, wie viele Ellen hoch er ist oder wie weit er sich ausbreitet, als jener, der ihn vermessen und alle seine Zweige zählen kann, ihn aber weder besitzt noch seinen Schöpfer kennt oder liebt: so ist es, wenn ein Gläubiger, dem diese ganze Welt des Reichtums gehört und der, obwohl er nichts hat, doch alles besitzt, indem er an Dir hängt, dem alle Dinge dienen, auch wenn er nicht einmal die Kreise des Großen Bären kennt, eine Torheit, daran zu zweifeln, dass er sich in einem besseren Zustand befindet als einer, der den Himmel vermessen, die Sterne zählen und die Elemente abwägen kann, doch Dich vernachlässigt, der Du alle Dinge nach Maß, Zahl und Gewicht erschaffen hast.

Doch wer hieß jenen Manichäus, auch über diese Dinge zu schreiben, deren Kenntnis kein Element der Frömmigkeit war? Denn Du hast zum Menschen gesagt: Siehe Frömmigkeit und Weisheit; von denen er unwissend sein konnte, selbst wenn er vollkommenes Wissen über jene Dinge besessen hätte; doch da er diese Dinge nicht wusste und dennoch höchst unverschämt zu lehren wagte, konnte er offensichtlich keine Kenntnis von Frömmigkeit haben. Denn es ist Eitelkeit, diese weltlichen Dinge selbst dann zu bekennen, wenn man sie kennt; doch das Bekenntnis zu Dir ist Frömmigkeit. Deshalb sprach dieser Umherirrende zu diesem Zweck viel über diese Dinge, damit er, durch jene überführt, die sie wahrhaft gelernt hatten, offenbarte, welches Verständnis er von den anderen, tieferen Dingen hatte. Denn er wollte nicht, dass man gering von ihm dachte, sondern ging daran, die Menschen zu überreden: "Dass der Heilige Geist, der Tröster und Bereicherer Deiner Getreuen, mit voller Vollmacht persönlich in ihm sei." Als er dann als jemand überführt wurde, der Falsches über den Himmel und die Sterne sowie über die Bewegungen von Sonne und Mond gelehrt hatte (obwohl diese Dinge nicht zur Lehre der Frömmigkeit gehören), wurde seine frevelhafte Anmaßung doch hinlänglich deutlich, da er Dinge, die er nicht nur nicht wusste, sondern die sogar falsch waren, mit einer solch wahnsinnigen Eitelkeit des Hochmuts vortrug, dass er sie sich selbst als einer göttlichen Person zuschreiben wollte.

Denn wenn ich einen christlichen Bruder höre, der diese Dinge nicht kennt und sich in ihnen irrt, kann ich geduldig zusehen, wie ein solcher Mann seine Meinung vertritt; noch sehe ich, dass irgendeine Unwissenheit über die Lage oder Beschaffenheit der körperlichen Schöpfung ihm schaden kann, solange er nichts Deiner unwürdiges glaubt, o Herr, Schöpfer aller Dinge. Doch es schadet ihm, wenn er sich einbildet, es gehöre zur Form der Lehre der Frömmigkeit, und er das, was er nicht weiß, allzu hartnäckig behaupten will. Und doch wird selbst eine solche Schwachheit im Kindesalter des Glaubens von unserer Mutter Liebe ertragen, bis der Neugeborene zu einem vollkommenen Mann heranwachsen kann, sodass er nicht von jedem Wind der Lehre umhergetrieben wird. Aber bei jemandem, der sich derart anmaßte, Lehrer, Quelle, Führer, Haupt all jener zu sein, die er so überzeugen konnte, dass jeder, der ihm folgte, glaubte, nicht einem bloßen Menschen, sondern Deinem Heiligen Geist zu folgen; wer würde da nicht urteilen, dass ein solcher Wahnsinn, sobald er überführt war, etwas Falsches gelehrt zu haben, verabscheut und gänzlich zurückgewiesen werden müsse? Aber ich hatte noch nicht klar festgestellt, ob die Wechsel der längeren und kürzeren Tage und Nächte und von Tag und Nacht selbst, zusammen mit den Finsternissen der großen Lichter und was immer dergleichen ich in anderen Büchern gelesen hatte, in Einklang mit seinen Aussagen erklärt werden könnten; so dass es, falls sie es auf irgendeine Weise könnten, für mich immer noch eine Frage bleiben sollte, ob es nun so sei oder nicht; doch ich könnte aufgrund seiner gerühmten Heiligkeit meinen Glauben auf seine Autorität stützen.

Und fast während all jener neun Jahre, in denen ich mit unruhigem Geist ihr Jünger gewesen war, hatte ich allzu sehnsüchtig auf das Kommen dieses Faustus gewartet. Denn die Übrigen der Sekte, auf die ich zufällig gestoßen war, hielten mir, wenn sie meine Einwände bezüglich dieser Dinge nicht lösen konnten, immer das Kommen dieses Faustus entgegen, durch dessen Unterredung diese und größere Schwierigkeiten, falls ich sie hätte, auf das Leichteste und Reichlichste ausgeräumt würden. Als er dann kam, fand ich ihn als einen Mann von angenehmer Rede, der fließend und in besseren Worten sprechen konnte, doch es waren immer noch dieselben Dinge, die sie zu sagen pflegten. Doch was nützte mir die größte Sauberkeit des Mundschenks für meinen Durst nach einem kostbareren Trank? Meine Ohren waren bereits von dergleichen übersättigt, und sie schienen mir deshalb nicht besser, weil sie besser gesagt waren; noch deshalb wahr, weil sie beredt waren; noch die Seele deshalb weise, weil das Gesicht wohlgestaltet und die Sprache anmutig war. Doch jene, die ihn mir entgegenhielten, waren keine guten Richter der Dinge; und deshalb erschien er ihnen verständig und weise, weil er in Worten gefällig war. Ich spürte jedoch, dass eine andere Art von Menschen selbst der Wahrheit gegenüber misstrauisch war und sich weigerte, ihr zuzustimmen, wenn sie in einer glatten und wortreichen Rede vorgetragen wurde. Aber Du, o mein Gott, hattest mich bereits auf wunderbaren und geheimen Wegen gelehrt, und deshalb glaube ich, dass Du mich gelehrt hast, weil es Wahrheit ist, noch gibt es außer Dir einen Lehrer der Wahrheit, wo oder wann immer sie uns auch erscheinen mag. Von Dir selbst also hatte ich nun gelernt, dass weder etwas wahr gesprochen zu sein scheint, nur weil es beredt ist; noch deshalb falsch, weil der Ausdruck der Lippen unharmonisch ist; noch wiederum deshalb wahr, weil es grob vorgetragen wird; noch deshalb falsch, weil die Sprache reichhaltig ist; sondern dass Weisheit und Torheit wie bekömmliche und unbekömmliche Speisen sind; und geschmückte oder ungeschmückte Sätze wie höfische oder bäuerliche Gefäße; beide Arten von Speisen können in beiden Arten von Geschirr serviert werden.

Jene Gier also, mit der ich seit so langer Zeit auf jenen Mann gewartet hatte, ergötzte sich wahrlich an seinem Auftreten und Empfinden beim Disputieren sowie an seiner Wahl und Bereitschaft der Worte, um seine Gedanken zu kleiden. Ich war damals entzückt und lobte und pries ihn mit vielen anderen und mehr als diese. Es beunruhigte mich jedoch, dass es mir in der Versammlung seiner Zuhörer nicht erlaubt war, jene Fragen, die mich bedrückten, einzubringen und in vertrautem Gespräch mit ihm zu erörtern. Als ich es konnte und mit meinen Freunden begann, seine Ohren zu solchen Zeiten in Anspruch zu nehmen, in denen es für ihn nicht ungehörig war, mit mir zu diskutieren, und ich jene Dinge vorgebracht hatte, die mich bewegten; fand ich ihn zunächst völlig unwissend in den freien Künsten, außer der Grammatik, und diese nur auf gewöhnliche Weise. Aber weil er einige Reden des Tullius gelesen hatte, sehr wenige Bücher des Seneca, manches von den Dichtern und solch wenige Bände seiner eigenen Sekte, die in Latein und wohlgesetzt geschrieben waren, und er täglich im Sprechen geübt war, erwarb er sich eine gewisse Beredsamkeit, die sich als umso gefälliger und verführerischer erwies, weil sie unter der Führung eines guten Verstandes und mit einer Art natürlicher Anmut einherging. Ist es nicht so, wie ich es erinnere, o Herr, mein Gott, Du Richter meines Gewissens? Vor Dir ist mein Herz und mein Gedenken, Du, der Du mich damals durch das verborgene Geheimnis Deiner Vorsehung lenktest und jene schändlichen Irrtümer mein vor mein Angesicht stelltest, damit ich sie sähe und hasste.

Denn nachdem klar war, dass er jene Künste nicht kannte, in denen ich ihn für überlegen hielt, begann ich daran zu verzweifeln, dass er die Schwierigkeiten, die mich bedrückten, eröffnen und lösen würde (von denen er zwar, auch wenn unwissend, die Wahrheiten der Frömmigkeit hätte halten können, wäre er kein Manichäer gewesen). Denn ihre Bücher sind voll von weitschweifigen Fabeln über den Himmel und die Sterne, Sonne und Mond, und ich glaubte nun nicht mehr, dass er zufriedenstellend entscheiden könne, was ich sehr wünschte, ob nämlich im Vergleich dieser Dinge mit den Berechnungen, die ich anderswo gelesen hatte, die in den Büchern des Manichäus gegebene Darstellung vorzuziehen oder zumindest ebenso gut sei. Als ich vorschlug, dies zu erwägen und zu diskutieren, wich er, insofern bescheiden, vor der Last zurück. Denn er wusste, dass er diese Dinge nicht wusste, und schämte sich nicht, es einzugestehen. Denn er war nicht einer jener schwatzhaften Menschen, von denen ich viele ertragen hatte, die sich unterfingen, mich diese Dinge zu lehren, und nichts sagten. Aber dieser Mann hatte ein Herz, wenn auch nicht recht gegen Dich, so doch auch nicht gänzlich tückisch gegen sich selbst. Denn er war sich seiner Unwissenheit nicht gänzlich unbewusst, noch wollte er sich leichtfertig in einen Streit verwickeln lassen, aus dem er weder fliehen noch sich ehrenvoll befreien konnte. Schon deshalb mochte ich ihn besser leiden. Denn ehrbarer ist die Bescheidenheit eines aufrichtigen Geistes als das Wissen um jene Dinge, die ich begehrte; und als solchen fand ich ihn in allen schwierigeren und subtileren Fragen.

Mein Eifer für die Schriften des Manichäus war nun abgestumpft, und da ich an ihren anderen Lehrern noch mehr verzweifelte, nachdem er, so berühmt unter ihnen, sich in mancherlei Dingen, die mich bedrückten, als solcher erwiesen hatte, begann ich mich mit ihm im Studium jener Literatur zu befassen, auf die auch er sehr erpicht war (und die ich als Rhetoriklehrer damals jungen Studenten in Karthago lehrte), und mit ihm zu lesen, entweder was er selbst hören wollte oder was ich für sein Talent als geeignet erachtete. Doch all meine Bemühungen, durch die ich in jener Sekte bei der Erkenntnis jenes Mannes voranzukommen beabsichtigt hatte, fanden ein gänzliches Ende; nicht dass ich mich gänzlich von ihnen losgesagt hätte, sondern als einer, der nichts Besseres fand, hatte ich mich entschlossen, einstweilen mit dem zufrieden zu sein, was mir auf irgendeine Weise zugefallen war, es sei denn, durch Zufall würde mir etwas Wählbareres dämmern. So hatte jener Faustus, für so viele eine Schlinge des Todes, nun, ohne es zu wollen oder zu wissen, begonnen, das zu lockern, worin ich gefangen war. Denn Deine Hände, o mein Gott, ließen in dem geheimen Ratschluss Deiner Vorsehung meine Seele nicht im Stich; und aus dem Herzblut meiner Mutter, durch ihre Tränen, die Tag und Nacht vergossen wurden, wurde ein Opfer für mich an Dich dargebracht; und Du handeltest mit mir auf wundersamen Wegen. Du hast es getan, o mein Gott: denn die Schritte eines Menschen werden vom Herrn geordnet, und Er bestimmt seinen Weg. Oder wie sollen wir das Heil erlangen, wenn nicht aus Deiner Hand, die neu macht, was sie erschuf?

Du handeltest mit mir, dass ich überredet wurde, nach Rom zu gehen und dort eher zu lehren, was ich in Karthago lehrte. Und wie ich dazu überredet wurde, werde ich nicht versäumen, Dir zu beichten; denn auch hierin müssen die tiefsten Gründe Deiner Weisheit und Deine allgegenwärtige Barmherzigkeit zu uns betrachtet und bekannt werden. Ich wollte daher nicht nach Rom gehen, weil mir von meinen Freunden, die mich dazu überredeten, höhere Gewinne und höhere Würden zugesichert wurden (obwohl auch diese Dinge zu jener Zeit einen Einfluss auf meinen Geist hatten), sondern mein Haupt- und fast einziger Grund war, dass ich hörte, dass junge Männer dort friedlicher studierten und durch die Zügel einer regelmäßigeren Disziplin ruhig gehalten wurden; sodass sie nicht nach Belieben und ungestüm in die Schule eines Lehrers stürzten, dessen Schüler sie nicht waren, noch ohne seine Erlaubnis zugelassen wurden. Während in Karthago unter den Schülern eine höchst schändliche und zügellose Freiheit herrscht. Sie brechen kühn ein und stören mit fast wahnsinnigen Gebärden jede Ordnung, die jemand zum Wohl seiner Schüler errichtet hat. Verschiedene Frevel begehen sie mit einer wunderbaren Stumpfheit, die gesetzlich strafbar wären, würde der Brauch sie nicht stützen; jener Brauch, der sie umso elender erscheinen lässt, da sie nun als rechtmäßig tun, was nach Deinem ewigen Gesetz niemals rechtmäßig sein wird; und sie meinen, sie täten es ungestraft, während sie doch durch eben die Blindheit bestraft werden, mit der sie es tun, und weit Schlimmeres erleiden, als was sie selbst tun. Die Sitten also, die ich als Student nicht zu meinen eigenen machen wollte, musste ich als Lehrer an anderen ertragen: und so war ich wohl zufrieden, dorthin zu gehen, wo mir alle, die es kannten, versicherten, dass Derartiges nicht geschah. Aber Du, meine Zuflucht und mein Teil im Lande der Lebendigen; damit ich meine irdische Wohnung zum Heil meiner Seele wechseln möge, hast Du mich in Karthago gestachelt, damit ich dadurch von dort losgerissen würde; und in Rom hast Du mir Verlockungen angeboten, wodurch ich dorthin gezogen werden könnte, von Menschen, die in ein sterbendes Leben verliebt waren, die einen Wahnsinniges tuend, die anderen Eitles versprechend; und um meine Schritte zu korrigieren, hast Du heimlich ihre und meine eigene Verkehrtheit benutzt. Denn sowohl jene, die meine Ruhe störten, waren mit einem schändlichen Wahn verblendet, als auch jene, die mich anderswohin einluden, schmeckten nach Erde. Und ich, der ich hier das wirkliche Elend verabscheute, suchte dort das unwirkliche Glück.

Warum ich aber von dannen ging und dorthin zog, das wusstest Du, o Gott, doch Du offenbartest es weder mir noch meiner Mutter, die meine Reise tief betrübt beklagte und mir bis ans Meer folgte. Ich täuschte sie jedoch, als sie mich mit Gewalt festhielt, auf dass sie mich entweder zurückhielte oder mit mir zöge, und ich gab vor, ich hätte einen Freund, den ich nicht verlassen könne, bis er einen günstigen Wind zur Überfahrt fände. Und ich log meine Mutter an, und das eine solche Mutter, und entkam: denn auch dies hast Du mir barmherzig verziehen und mich, so voller abscheulicher Unreinheiten, vor den Wassern des Meeres bewahrt für das Wasser Deiner Gnade; durch welches ich gereinigt, die Ströme der Augen meiner Mutter getrocknet werden sollten, mit denen sie täglich den Boden unter ihrem Antlitz für mich bewässerte. Und da sie sich dennoch weigerte, ohne mich zurückzukehren, überredete ich sie nur mit Mühe, jene Nacht an einem Ort nahe unserem Schiff zu bleiben, wo ein Bethaus zum Andenken an den seligen Cyprianus stand. In jener Nacht schlich ich mich heimlich davon, sie aber blieb im Weinen und Beten nicht zurück. Und was, o Herr, erbat sie mit so vielen Tränen von Dir, als dass Du mich nicht übers Meer fahren ließest? Doch Du, in der Tiefe Deiner Ratschlüsse und den Kern ihres Verlangens vernehmend, achtetest nicht auf das, was sie damals erbat, auf dass Du mich zu dem machtest, was sie stets erbat. Der Wind blies und blähte unsere Segel und entzog das Ufer unserem Blick; und sie war am nächsten Morgen dort, wahnsinnig vor Schmerz, und erfüllte Deine Ohren mit Klagen und Seufzern, Du aber achtetest ihrer damals nicht; während Du mich durch meine Begierden dahin eiltest, alle Begierde zu beenden, und der irdische Teil ihrer Zuneigung zu mir durch die ihr zugemessene Geißel der Leiden gezüchtigt wurde. Denn sie liebte mein Beisammensein, wie Mütter es tun, doch weit mehr als viele; und sie wusste nicht, welch große Freude Du aus meiner Abwesenheit für sie zu wirken im Begriff warst. Sie wusste es nicht; darum weinte und klagte sie, und in dieser Qual offenbarte sich in ihr das Erbe Evas, die mit Schmerz suchte, was sie mit Schmerz geboren hatte. Und doch, nachdem sie meinen Verrat und meine Herzenshärte angeklagt hatte, wandte sie sich wieder Dir zu, um für mich bei Dir Fürsprache einzulegen, ging an ihren gewohnten Ort, und ich nach Rom.

Und siehe, dort wurde ich von der Geißel körperlicher Krankheit empfangen, und ich fuhr hinab zur Hölle, all die Sünden mit mir tragend, die ich begangen hatte, sowohl gegen Dich als auch gegen mich selbst und andere, viele und schwere, zusätzlich zu jenem Band der Erbsünde, durch welches wir alle in Adam sterben. Denn Du hattest mir nichts von alledem in Christus vergeben, noch hatte Er durch Sein Kreuz die Feindschaft getilgt, die ich mir durch meine Sünden Dir gegenüber zugezogen hatte. Denn wie hätte Er das können durch die Kreuzigung eines Phantoms, für das ich Ihn hielt? So wahr war also der Tod meiner Seele, wie jener Seines Fleisches mir als falsch erschien; und wie wahr der Tod Seines Leibes war, so falsch war das Leben meiner Seele, die daran nicht glaubte. Und nun, da das Fieber stieg, schied ich dahin und ging auf ewig von dannen. Denn wäre ich damals von hinnen geschieden, wohin wäre ich gegangen, wenn nicht in Feuer und Qualen, wie es meine Missetaten in der Wahrheit Deiner Anordnung verdienten? Und dies wusste sie nicht, betete aber in der Abwesenheit für mich. Doch Du, überall gegenwärtig, hörtest sie, wo sie war, und wo ich war, hattest Du Erbarmen mit mir; auf dass ich die Gesundheit meines Leibes wiedererlangte, wenngleich noch wahnsinnig in meinem frevelhaften Herzen. Denn ich begehrte in all jener Gefahr nicht Deine Taufe; und ich war als Knabe besser gewesen, als ich sie von der Frömmigkeit meiner Mutter erflehte, wie ich es zuvor dargelegt und bekannt habe. Ich aber war zu meiner eigenen Schande herangewachsen und spottete wahnsinnig über die Vorschriften Deiner Arznei, Du aber wolltest nicht zulassen, dass ich, so beschaffen, einen doppelten Tod stürbe. Wäre das Herz meiner Mutter von dieser Wunde durchbohrt worden, es hätte niemals geheilt werden können. Denn ich kann die Zuneigung nicht ausdrücken, die sie für mich hegte, und mit welch heftigerer Qual sie nun im Geiste um mich in Wehen lag, als bei meiner Geburt im Fleische.

Ich sehe also nicht, wie sie hätte geheilt werden können, hätte ein solcher Tod von mir die Eingeweide ihrer Liebe durchbohrt. Und wo wären jene ihre so starken und unaufhörlichen Gebete gewesen, die ununterbrochen an Dich allein ergingen? Doch würdest Du, Gott der Erbarmungen, das zerknirschte und gedemütigte Herz jener keuschen und besonnenen Witwe verschmähen, die so häufig Almosen gab, so voller Pflicht und Dienst an Deinen Heiligen war, keinen Tag die Darbringung an Deinem Altar ausließ, zweimal täglich, morgens und abends, ohne Unterlass in Deine Kirche kam, nicht für müßiges Geschwätz und Weiberfabeln, sondern damit sie Dich in Deinen Reden hörte und Du sie in ihren Gebeten? Könntest Du die Tränen einer solchen von Deiner Hilfe verschmähen und abweisen, mit denen sie Dich nicht um Gold oder Silber bat, noch um irgendein wandelbares oder vergängliches Gut, sondern um das Heil der Seele ihres Sohnes? Du, durch deren Gabe sie so war? Niemals, Herr. Ja, Du warst nahe, Du hörtest und handntest, in jener Ordnung, in der Du zuvor bestimmt hattest, dass es geschehen solle. Fern sei es, dass Du sie in Deinen Gesichten und Antworten täuschtest, von denen ich einige erwähnt, andere nicht genannt habe, die sie in ihrem treuen Herzen bewahrte und stets betend bei Dir einforderte, als wären sie Deine eigene Handschrift. Denn Du, weil Deine Barmherzigkeit ewig währt, gewährst jenen, denen Du alle ihre Schulden erlässt, auch durch Deine Verheißungen Dein Schuldner zu werden.

Du stelltest mich dann von jener Krankheit wieder her und heiltest den Sohn Deiner Magd, für die Zeit am Leibe, auf dass er lebe, damit Du ihm eine bessere und bleibendere Gesundheit schenken könntest. Und selbst dann, in Rom, schloss ich mich jenen täuschenden und getäuschten „Heiligen“ an; nicht nur ihren Jüngern (zu deren Zahl jener gehörte, in dessen Hause ich erkrankt und genesen war), sondern auch jenen, die sie „Die Auserwählten“ nennen. Denn ich glaubte immer noch, „dass nicht wir es sind, die sündigen, sondern dass ich weiß nicht welche andere Natur in uns sündigte“; und es schmeichelte meinem Hochmut, frei von Schuld zu sein; und wenn ich etwas Böses getan hatte, nicht zu bekennen, dass ich es getan hatte, auf dass Du meine Seele heiltest, weil sie gegen Dich gesündigt hatte: sondern ich liebte es, es zu entschuldigen und irgendetwas anderes anzuklagen, das bei mir war, aber das ich nicht war. Doch in Wahrheit war ich es ganz und gar, und meine Gottlosigkeit hatte mich gegen mich selbst gespalten: und jene Sünde war umso unheilbarer, als ich mich selbst nicht für einen Sünder hielt; und es war abscheuliche Missetat, dass ich lieber wollte, dass Du, Du, o Gott Allmächtiger, in mir zu meinem Verderben überwunden würdest, als dass ich von Dir zum Heil überwunden würde. Noch hattest Du damals keine Wache vor meinen Mund gesetzt und eine Tür der Bewahrung um meine Lippen, damit mein Herz sich nicht zu bösen Reden wende, um Entschuldigungen für Sünden zu finden, mit Menschen, die Unrecht tun; und deshalb war ich immer noch mit ihren Auserwählten vereint.

Doch nun, da ich verzweifelte, in jener falschen Lehre Fortschritte zu machen, hielt ich auch jene Dinge (mit denen ich mich, falls ich keine besseren fände, zufrieden zu geben beschlossen hatte) nun lockerer und sorgloser. Denn es keimte halb ein Gedanke in mir auf, dass jene Philosophen, die sie Akademiker nennen, weiser seien als die übrigen, weil sie dafürhielten, dass der Mensch an allem zweifeln müsse, und festlegten, dass keine Wahrheit vom Menschen begriffen werden könne: denn so, da ich damals selbst ihre Bedeutung nicht verstand, war auch ich fest davon überzeugt, dass sie so dachten, wie allgemein von ihnen berichtet wird. Doch riet ich jenem meinem Gastgeber frei und offen von jener Überheblichkeit ab, die ich an ihm wahrnahm, welche er in jenen Fabeln hatte, mit denen die Bücher des Manichaeus voll sind. Dennoch lebte ich in vertrauterer Freundschaft mit ihnen als mit anderen, die nicht dieser Häresie angehörten. Auch verteidigte ich sie nicht mit meinem alten Eifer; dennoch machte mich meine Vertrautheit mit jener Sekte (da Rom viele von ihnen heimlich beherbergte) langsamer darin, irgendeinen anderen Weg zu suchen: zumal ich verzweifelte, die Wahrheit, von der sie mich abgewandt hatten, in Deiner Kirche zu finden, o Herr von Himmel und Erde, Schöpfer aller Dinge, sichtbarer und unsichtbarer: und es erschien mir sehr ungeziemend, zu glauben, Du habest die Gestalt von menschlichem Fleisch und seiest durch die körperlichen Umrisse unserer Glieder begrenzt. Und da ich, wenn ich an meinen Gott denken wollte, nicht wusste, was ich denken sollte, außer einer Masse von Körpern (denn was nicht dergleichen war, schien mir nicht zu sein), war dies die größte und fast einzige Ursache meines unvermeidlichen Irrtums.

Denn von daher glaubte ich, dass auch das Böse eine solche Art von Substanz sei und seinen eigenen faulen und abscheulichen Umfang habe; sei es ein grober, den sie Erde nannten, oder ein dünner und subtiler (wie der Körper der Luft), von dem sie sich einbilden, er sei ein bösartiger Geist, der durch jene Erde krieche. Und weil eine Frömmigkeit, wie sie nun einmal war, mich zwang zu glauben, dass der gute Gott niemals eine böse Natur erschaffen habe, ersann ich zwei Massen, einander entgegengesetzt, beide unbegrenzt, doch das Böse schmaler, das Gute umfassender. Und von diesem pestartigen Anfang folgten die anderen frevelhaften Vorstellungen auf mich. Denn wenn mein Geist bestrebt war, zum katholischen Glauben zurückzukehren, wurde ich zurückgestoßen, da dies nicht der katholische Glaube war, für den ich ihn hielt. Und ich erschien mir ehrfürchtiger, wenn ich von Dir, meinem Gott (dem Deine Barmherzigkeit aus meinem Munde bekennt), als unbegrenzt glaubte, zumindest nach anderen Seiten hin, wenngleich ich an jener einen Seite, wo die Masse des Bösen Dir gegenüberstand, gezwungen war, Dich als begrenzt zu bekennen; als wenn ich mir vorstellen sollte, Du seiest nach allen Seiten durch die Form eines menschlichen Körpers begrenzt. Und es schien mir besser zu glauben, Du habest kein Böses erschaffen (was mir Unwissendem nicht bloß einiges, sondern eine körperliche Substanz zu sein schien, weil ich mir Geist nicht anders als als einen subtilen Körper vorstellen konnte, der in bestimmten Räumen verbreitet ist), als zu glauben, die Natur des Bösen, wie ich sie mir vorstellte, könne von Dir kommen. Ja, und unseren Erlöser selbst, Deinen Eingeborenen, glaubte ich, sei (gleichsam) aus der Masse Deiner hellsten Substanz zu unserem Heil hervorgegangen, sodass ich von Ihm nichts glaubte, als was ich mir in meiner Eitelkeit vorstellen konnte. Da Seine Natur nun eine solche war, dachte ich, könne Er nicht von der Jungfrau Maria geboren werden, ohne mit dem Fleische vermischt zu sein: und wie das, was ich mir so ausgemalt hatte, vermischt werden konnte, ohne befleckt zu werden, sah ich nicht. Ich fürchtete daher, an Seine Geburt im Fleische zu glauben, damit ich nicht gezwungen würde, an Seine Befleckung durch das Fleisch zu glauben. Nun werden Deine geistlichen Söhne milde und liebevoll über mich lächeln, wenn sie diese meine Bekenntnisse lesen. Doch so war ich.

Überdies dachte ich, dass das, was die Manichäer an Deinen Schriften bemängelten, nicht verteidigt werden könne; doch bisweilen hatte ich wahrlich den Wunsch, über diese einzelnen Punkte mit jemandem zu konferieren, der in jenen Büchern sehr bewandert war, und zu prüfen, was er darüber dachte; denn die Worte eines gewissen Helpidius, wie er von Angesicht zu Angesicht gegen besagte Manichäer sprach und stritt, hatten begonnen, mich schon in Karthago aufzuwühlen: da er Dinge aus der Schrift vorgebracht hatte, denen nicht leicht zu widersprechen war, deren Antwort darauf mir schwach erschien. Und diese Antwort wollten sie nicht öffentlich geben, sondern nur uns im Privaten. Sie lautete, dass die Schriften des Neuen Testaments von ich weiß nicht wem verfälscht worden seien, der das Gesetz der Juden in den christlichen Glauben einpfropfen wollte: doch sie selbst brachten keine unverfälschten Exemplare bei. Ich aber, der ich nur von körperlichen Dingen dachte, wurde hauptsächlich niedergehalten, heftig bedrückt und gewissermaßen erstickt von jenen „Massen“; unter denen ich nach dem Hauch Deiner Wahrheit keuchend, ihn nicht rein und unbefleckt einatmen konnte.

Ich begann dann fleißig das auszuüben, weshalb ich nach Rom gekommen war, nämlich Rhetorik zu lehren; und zuerst, einige in mein Haus zu versammeln, denen und durch die ich begonnen hatte, bekannt zu werden; als ich siehe, in Rom andere Vergehen begangen fand, denen ich in Afrika nicht ausgesetzt war. Zwar wurden diese „Umstürze“ durch ausschweifende junge Männer hier nicht praktiziert, wie mir gesagt wurde: aber plötzlich, so hieß es, verschworen sich eine Anzahl von Jünglingen, um das Honorar ihres Lehrers nicht zu bezahlen, und zogen zu einem anderen; – Wortbrecher, die aus Geldliebe die Gerechtigkeit gering schätzen. Diese auch hasste mein Herz, wenn auch nicht mit einem vollkommenen Hass: denn vielleicht hasste ich sie mehr, weil ich durch sie zu leiden hatte, als weil sie Dinge taten, die gänzlich ungesetzlich waren. Wahrlich, solche sind niederträchtige Menschen, und sie huren von Dir fort, liebend diese flüchtigen Spötteleien der zeitlichen Dinge und den schmutzigen Gewinn, der die Hand beschmutzt, die ihn ergreift; das flüchtige Weltliche umschlingend und Dich verachtend, der Du bleibst und zurückrufst und der ehebrecherischen Seele des Menschen vergibst, wenn sie zu Dir zurückkehrt. Und nun hasse ich solche verdorbenen und krummen Menschen, obwohl ich sie liebe, wenn sie besserungsfähig sind, sodass ich das Wissen, das sie erwerben, dem Geld vorziehe, und dem Wissen Dich, o Gott, die Wahrheit und Fülle des sicheren Gutes und den reinsten Frieden. Aber damals missfielen sie mir eher um meinetwillen, als dass ich ihnen um Deinetwillen Gutes gewünscht hätte.

Als daher die Mailänder an den Stadtpräfekten von Rom sandten, um sich einen Rhetoriklehrer für ihre Stadt zu beschaffen, und ihn auf öffentliche Kosten entsandten, bewarb ich mich (durch jene selben Personen, die von manichäischen Eitelkeiten berauscht waren, von denen ich befreit werden sollte, wenn ich ging, was wir jedoch beide nicht wussten), dass Symmachus, damals Stadtpräfekt, mich prüfen möge, indem er mir ein Thema stellte, und mich so entsandte. Nach Mailand kam ich, zu Ambrosius dem Bischof, der als einer der besten Menschen der ganzen Welt bekannt war, Dein ergebener Diener; dessen wortgewaltige Rede damals Deinem Volk reichlich das Mehl Deines Weizens, die Freude Deines Öls und die besonnene Trunkenheit Deines Weins darbot. Zu ihm wurde ich unwissend von Dir geführt, auf dass ich durch ihn wissentlich zu Dir geführt würde. Jener Mann Gottes empfing mich wie ein Vater und erwies mir bei meiner Ankunft eine bischöfliche Freundlichkeit. Von da an begann ich ihn zu lieben, anfangs zwar nicht als einen Lehrer der Wahrheit (an der ich in Deiner Kirche gänzlich verzweifelte), sondern als eine Person, die mir wohlgesinnt war. Und ich hörte ihm fleißig zu, wie er zum Volke predigte, nicht mit jener Absicht, die ich hätte haben sollen, sondern gleichsam seine Beredsamkeit prüfend, ob sie dem Ruhme entsprach, oder ob sie voller oder flacher floss, als berichtet wurde; und ich hing aufmerksam an seinen Worten; doch hinsichtlich der Sache war ich ein gleichgültiger und spöttischer Zuschauer; und ich erfreute mich an der Süße seiner Rede, die gehaltvoller, wenn auch in der Art weniger gewinnend und harmonisch war als die des Faustus. Was die Sache betraf, gab es jedoch keinen Vergleich; denn der eine irrte in manichäischen Wahnvorstellungen umher, der andere lehrte das Heil höchst fundiert. Doch das Heil ist fern von den Sündern, als welche ich damals vor ihm stand; und doch näherte ich mich Schritt für Schritt, ohne es zu wissen.

Denn obwohl ich mir keine Mühe gab, zu lernen, was er sprach, sondern nur, wie er sprach (denn diese leere Sorge war mir allein geblieben, da ich an einem für den Menschen offenen Weg zu Dir verzweifelte), kamen doch zusammen mit den Worten, die ich wählen wollte, auch die Dinge in meinen Sinn, die ich ablehnen wollte; denn ich konnte sie nicht trennen. Und während ich mein Herz öffnete, um zuzulassen, „wie beredt er sprach“, drang auch ein, „wie wahr er sprach“; dies jedoch nach und nach. Denn erstens hatten diese Dinge nun begonnen, mir verteidigungsfähig zu erscheinen; und den katholischen Glauben, für den ich gedacht hatte, dass nichts gegen die Einwände der Manichäer gesagt werden könne, glaubte ich nun, könne man ohne Schamlosigkeit aufrechterhalten; besonders nachdem ich gehört hatte, wie die eine oder andere Stelle des Alten Testaments erklärt wurde, und oft „im Gleichnis“, was, wenn ich es buchstäblich verstand, mich geistig erschlug. Nachdem also sehr viele Stellen jener Bücher erklärt worden waren, tadelte ich nun meine Verzweiflung, da ich geglaubt hatte, es könne keine Antwort gegeben werden für jene, die das Gesetz und die Propheten hassten und verspotteten. Doch sah ich deshalb damals noch nicht ein, dass der katholische Weg einzuhalten sei, nur weil er auch gelehrte Verteidiger finden konnte, die ausführlich und mit einigem Anschein von Vernunft auf Einwände antworten konnten; noch dass das, was ich vertrat, deshalb zu verurteilen sei, weil beide Seiten vertreten werden konnten. Denn die katholische Sache schien mir auf solche Weise nicht besiegt, als sie noch nicht siegreich war.

Hierauf lenkte ich meinen Geist ernsthaft darauf, zu sehen, ob ich auf irgendeine Weise durch einen sicheren Beweis die Manichäer der Lüge überführen könne. Hätte ich nur einmal eine geistige Substanz begreifen können, wären all ihre Festungen niedergerissen und gänzlich aus meinem Geist vertrieben gewesen; doch ich konnte es nicht. Dennoch, was die Gestalt dieser Welt und die ganze Natur betrifft, welche die Sinne des Fleisches erreichen können, so urteilte ich, als ich die Dinge mehr und mehr bedachte und verglich, dass die Lehren der meisten Philosophen viel wahrscheinlicher seien. So also, nach der Art der Akademiker (wie man annimmt), an allem zweifelnd und zwischen allem schwankend, legte ich mich so weit fest, dass die Manichäer aufzugeben seien; urteilend, dass ich selbst während des Zweifelns nicht in jener Sekte verharren dürfe, der ich bereits einige der Philosophen vorzog; denen ich jedoch, weil sie ohne den rettenden Namen Christi waren, gänzlich ablehnte, die Heilung meiner kranken Seele anzuvertrauen. Ich beschloss daher, so lange Katechumene in der katholischen Kirche zu bleiben, der ich von meinen Eltern empfohlen worden war, bis etwas Sicheres mir dämmerte, wohin ich meinen Kurs steuern könnte.

O Du, meine Hoffnung von Jugend auf, wo warst Du mir, und wohin warst Du gegangen? Hattest Du mich nicht erschaffen und mich von den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels unterschieden? Du hattest mich weiser gemacht, doch ich wandelte in Finsternis und auf schlüpfrigem Pfade und suchte Dich außerhalb meiner selbst und fand nicht den Gott meines Herzens; und ich war in die Tiefen des Meeres gelangt und misstraute und verzweifelte daran, jemals die Wahrheit zu finden. Meine Mutter war nun zu mir gekommen, entschlossen durch Frömmigkeit, mir über Meer und Land folgend, in allen Gefahren auf Dich vertrauend. Denn in Gefahren auf dem Meer tröstete sie die Schiffsleute selbst (durch welche Reisende, die mit der Tiefe nicht vertraut sind, eher getröstet zu werden pflegen, wenn sie beunruhigt sind), und versicherte ihnen eine sichere Ankunft, weil Du sie durch ein Gesicht darum versichert hattest. Sie fand mich in schwerer Gefahr durch die Verzweiflung, jemals die Wahrheit zu finden. Doch als ich ihr offenbart hatte, dass ich nun kein Manichäer mehr sei, wenn auch noch kein katholischer Christ, da war sie nicht außer sich vor Freude wie über etwas Unerwartetes; obwohl sie nun beruhigt war bezüglich jenes Teils meines Elends, um dessentwillen sie mich wie einen Toten beweinte, wenn auch dazu bestimmt, von Dir wiedererweckt zu werden, indem sie mich auf der Bahre ihrer Gedanken hinaustrug, auf dass Du zum Sohne der Witwe sagen möchtest: Jüngling, ich sage dir, stehe auf; und er sollte wieder lebendig werden und anfangen zu sprechen, und Du solltest ihn seiner Mutter übergeben. Ihr Herz wurde daher nicht von stürmischem Jubel erschüttert, als sie hörte, dass das, was sie täglich unter Tränen von Dir erbeten hatte, bereits zu einem so großen Teil verwirklicht war; darin, dass ich, obwohl ich die Wahrheit noch nicht erlangt hatte, doch aus der Falschheit gerettet war; sondern, da sie gewiss war, dass Du, der Du das Ganze versprochen hattest, eines Tages den Rest geben würdest, antwortete sie mir ganz gelassen und mit einem Herzen voller Zuversicht: „Sie glaube an Christus, dass sie vor ihrem Hinscheiden aus diesem Leben mich als einen katholischen Gläubigen sehen werde.“ Dies zu mir. Doch zu Dir, dem Quell der Erbarmungen, goss sie reichlichere Gebete und Tränen aus, auf dass Du Deine Hilfe beschleunigen und meine Finsternis erleuchten mögest; und sie eilte umso eifriger zur Kirche und hing an den Lippen des Ambrosius, betend um den Quell jenes Wassers, das aufquillt zum ewigen Leben. Jenen Mann aber liebte sie wie einen Engel Gottes, weil sie wusste, dass ich durch ihn gegenwärtig in jenen zweifelhaften Zustand des Glaubens gebracht worden war, in dem ich mich nun befand, durch welchen sie mit größter Zuversicht vorausahnte, dass ich von der Krankheit zur Gesundheit übergehen würde, nach dem Anfall, gleichsam eines heftigeren Fiebers, welches die Ärzte „die Krise“ nennen.

Als nun meine Mutter einst, wie sie es in Afrika gewohnt war, zu den Kirchen, die zum Gedächtnis der Heiligen errichtet waren, gewisse Kuchen, Brot und Wein gebracht hatte und vom Türhüter daran gehindert wurde; sobald sie wusste, dass der Bischof dies verboten hatte, nahm sie seine Wünsche so fromm und gehorsam an, dass ich selbst mich wunderte, wie bereitwillig sie ihre eigene Gewohnheit verurteilte, anstatt sein Verbot zu erörtern. Denn Weinseligkeit belagerte ihren Geist nicht, noch reizte sie die Liebe zum Wein zum Hass gegen die Wahrheit, wie es allzu viele tun (Männer wie Frauen), die vor einer Lektion der Nüchternheit zurückweichen wie Betrunkene vor einem mit Wasser verdünnten Trank. Sie aber, wenn sie ihren Korb mit der gewohnten Festtagsspeise gebracht hatte, um von ihr selbst nur gekostet und dann verschenkt zu werden, fügte dem niemals mehr als einen kleinen Becher Wein bei, verdünnt nach ihren eigenen enthaltsamen Gewohnheiten, den sie aus Höflichkeit zu kosten pflegte. Und wenn es viele Kirchen der verstorbenen Heiligen gab, die auf diese Weise geehrt werden sollten, so trug sie immer denselben einen Becher mit sich herum, um überall benutzt zu werden; und diesen, obwohl er nicht nur stark gewässert, sondern durch das Umhertragen unangenehm erwärmt war, verteilte sie in kleinen Schlucken an die Umstehenden; denn sie suchte dort Andacht, nicht Vergnügen. Sobald sie also fand, dass diese Sitte von jenem berühmten Prediger und frömmsten Prälaten verboten worden war, selbst denen, die sie nüchtern ausüben wollten, damit nicht so eine Gelegenheit zu Übermaß den Trunkenen gegeben werde; und da diese gleichsam jährlichen Begräbnisfeierlichkeiten sehr der Aberglauben der Heiden ähnelten, unterließ sie es nur zu gern: und für einen Korb, gefüllt mit Früchten der Erde, hatte sie gelernt, den Kirchen der Märtyrer eine Brust zu bringen, die mit geläuterten Bitten gefüllt war, und das, was sie konnte, den Armen zu geben; damit so die Gemeinschaft des Leibes des Herrn dort recht gefeiert würde, wo nach dem Beispiel Seines Leidens die Märtyrer geopfert und gekrönt worden waren. Aber dennoch scheint es mir, o Herr, mein Gott, und so denkt mein Herz darüber in Deinen Augen, dass sie vielleicht nicht so bereitwillig dem Abschneiden dieser Sitte nachgegeben hätte, wäre es von einem anderen verboten worden, den sie nicht so liebte wie Ambrosius, den sie um meines Heiles willen aufs Innigste liebte; und er sie wiederum für ihren höchst religiösen Wandel, durch den sie in guten Werken, so eifrig im Geiste, beständig in der Kirche war; sodass er, wenn er mich sah, oft in ihr Lob ausbrach; mir dazu gratulierend, dass ich eine solche Mutter hätte; nicht wissend, was für einen Sohn sie an mir hatte, der an all diesen Dingen zweifelte und sich einbildete, der Weg zum Leben könne nicht gefunden werden.

Noch stöhnte ich nicht in meinen Gebeten, dass Du mir helfen mögest; sondern mein Geist war ganz auf das Lernen gerichtet und unruhig im Disputieren. Und Ambrosius selbst schätzte ich, wie die Welt Glückseligkeit zählt, als einen glücklichen Mann, den so große Persönlichkeiten in solchem Ansehen hielten; nur sein Zölibat schien mir ein schmerzlicher Weg. Doch welche Hoffnung er in sich trug, welche Kämpfe er gegen die Versuchungen hatte, die gerade seine Vorzüge bedrängten, oder welchen Trost in Widerwärtigkeiten und welche süßen Freuden Dein Brot für den verborgenen Mund seines Geistes hatte, wenn er es wiederkäute, das konnte ich weder vermuten noch hatte ich es erfahren. Auch kannte er nicht die Gezeiten meiner Gefühle oder den Abgrund meiner Gefahr. Denn ich konnte ihn nicht fragen, was ich wollte, wie ich wollte, da ich sowohl von seinem Ohr als auch von seiner Rede durch Scharen geschäftiger Menschen ausgeschlossen war, deren Schwächen er diente. Wenn er mit diesen nicht beschäftigt war (was nur eine kurze Zeit war), erfrischte er entweder seinen Körper mit der unbedingt notwendigen Nahrung oder seinen Geist mit Lesen. Wenn er aber las, glitt sein Auge über die Seiten, und sein Herz erforschte den Sinn, aber seine Stimme und Zunge ruhten. Oftmals, wenn wir gekommen waren (denn niemandem war es verboten einzutreten, noch war es seine Gewohnheit, dass jeder, der kam, ihm angekündigt würde), sahen wir ihn so für sich lesen und niemals anders; und nachdem wir lange schweigend gesessen hatten (denn wer wagte es, einen so Vertieften zu stören?), mussten wir wieder gehen, vermutend, dass er in dem kleinen Zwischenraum, den er frei vom Lärm anderer Geschäfte zur Erholung seines Geistes gewann, nicht gestört werden wollte; und vielleicht fürchtete er, falls der Autor, den er las, etwas undeutlich vorbrächte, ein aufmerksamer oder verwirrter Zuhörer könnte ihn bitten, es auszulegen oder einige der schwierigeren Fragen zu erörtern; sodass er, wenn seine Zeit so verbracht würde, nicht so viele Bände durchblättern könnte, wie er wünschte; obwohl die Schonung seiner Stimme (die ein sehr wenig Sprechen schwächen würde) der wahrere Grund für sein Lesen für sich allein sein mochte. Aber mit welcher Absicht er es auch tat, sicherlich war es bei einem solchen Manne gut.

Ich jedoch hatte gewiss keine Gelegenheit, das, was ich wünschte, bei jenem so heiligen Orakel Deiner, seiner Brust, anzufragen, es sei denn, die Sache könnte kurz beantwortet werden. Aber jene Gezeiten in mir, die vor ihm ausgegossen werden sollten, erforderten seine volle Muße und fanden sie niemals. Ich hörte ihn zwar jeden Tag des Herrn, das Wort der Wahrheit recht auslegend unter dem Volk; und ich war mehr und mehr überzeugt, dass alle Knoten jener listigen Verleumdungen, die jene unsere Verführer gegen die Göttlichen Bücher geknüpft hatten, aufgelöst werden konnten. Als ich aber zugleich verstand, dass „der Mensch, von Dir nach Deinem Ebenbilde erschaffen“, von Deinen geistlichen Söhnen, die Du durch die Gnade aus der katholischen Mutter wiedergeboren hast, nicht so verstanden wurde, als ob sie glaubten und sich Dich als durch menschliche Gestalt begrenzt vorstellten (obwohl ich von einer geistigen Substanz nicht einmal einen vagen oder schattenhaften Begriff hatte); dennoch errötete ich vor Freude, so viele Jahre nicht gegen den katholischen Glauben, sondern gegen die Erdichtungen fleischlicher Einbildungen gebellt zu haben. Denn so vermessen und gottlos war ich gewesen, dass ich über das, was ich durch Fragen hätte lernen sollen, geurteilt und es verurteilt hatte. Denn Du, Allerhöchster und Allernächster; Geheimster und Allgegenwärtigster; der Du nicht Glieder hast, einige größer, einige kleiner, sondern ganz und gar überall bist und nirgendwo im Raume, bist nicht von solcher körperlicher Gestalt, doch hast Du den Menschen nach Deinem Ebenbilde erschaffen; und siehe, von Kopf bis Fuß ist er im Raume enthalten.

Da ich nun nicht wusste, wie dieses Dein Bild bestehen sollte, hätte ich anklopfen und den Zweifel vortragen sollen, wie es zu glauben sei, statt es beleidigend zu bekämpfen, als ob es geglaubt würde. Der Zweifel also, was für gewiss zu halten sei, nagte umso schärfer an meinem Herzen, je mehr ich mich schämte, dass ich so lange durch das Versprechen von Gewissheiten getäuscht und betrogen, mit kindischem Irrtum und Ungestüm von so vielen Ungewissheiten dahergeredet hatte. Denn dass sie Lügen waren, wurde mir später klar. Jedenfalls war ich gewiss, dass sie ungewiss waren, und dass ich sie früher für gewiss gehalten hatte, als ich in blindem Streit die katholische Kirche anklagte, die ich nun entdeckte, zwar noch nicht als wahr lehrend, aber zumindest nicht das lehrend, dessen ich sie schwer beschuldigt hatte. So war ich verwirrt und bekehrt: und ich freute mich, o mein Gott, dass die Eine einzige Kirche, der Leib Deines einzigen Sohnes (in dem mir der Name Christi als Kind aufgelegt worden war), keinen Sinn für kindische Vorstellungen hatte; noch in ihrer gesunden Lehre irgendeinen Grundsatz vertrat, der Dich, den Schöpfer aller, im Raume begrenzen würde, wie groß und weit auch immer, doch überall durch die Grenzen einer menschlichen Gestalt beschränkt.

Ich freute mich auch, dass die alten Schriften des Gesetzes und der Propheten mir vorgelegt wurden, nicht mehr mit jenem Auge zu lesen, dem sie vorher absurd erschienen, als ich Deine Heiligen schmähte, weil sie so dachten, während sie in der Tat nicht so dachten: und mit Freude hörte ich Ambrosius in seinen Predigten an das Volk, oftmals höchst fleißig diesen Text als Regel empfehlen: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig; während er den mystischen Schleier beiseite zog und geistlich darlegte, was dem Buchstaben nach zu lehren schien, etwas Unhaltbares; wobei er darin nichts lehrte, was mich beleidigte, obgleich er lehrte, was ich noch nicht wusste, ob es wahr sei. Denn ich bewahrte mein Herz davor, irgendetwas zuzustimmen, aus Furcht, kopfüber zu stürzen; aber durch das Schweben in der Schwebe wurde ich umso schlimmer getötet. Denn ich wollte von den Dingen, die ich nicht sah, ebenso gewiss sein, wie ich es war, dass sieben und drei zehn sind. Denn ich war nicht so verrückt zu denken, dass selbst dies nicht begriffen werden könne; aber ich wünschte, andere Dinge ebenso klar zu haben wie dies, seien es körperliche Dinge, die meinen Sinnen nicht gegenwärtig waren, oder geistige, von denen ich nicht wusste, wie ich sie mir vorstellen sollte, außer körperlich. Und durch Glauben hätte ich geheilt werden können, damit das Augenlicht meiner Seele geklärt, in irgendeiner Weise auf Deine Wahrheit gelenkt werden könnte, die immer bleibt und in keinem Teil fehlt. Aber wie es geschieht, dass einer, der einen schlechten Arzt versucht hat, fürchtet, sich einem guten anzuvertrauen, so war es mit der Gesundheit meiner Seele, die nicht geheilt werden konnte, außer durch Glauben, und aus Furcht, Falschheiten zu glauben, sich weigerte, geheilt zu werden; Deinen Händen widerstrebend, die Du die Arzneien des Glaubens bereitet und sie auf die Krankheiten der ganzen Welt angewandt und ihnen so große Autorität verliehen hast.

Da ich jedoch dazu geführt wurde, die katholische Lehre vorzuziehen, fühlte ich, dass ihr Vorgehen anspruchsloser und ehrlicher sei, insofern sie verlangte, Dinge zu glauben, die nicht bewiesen waren (sei es, dass sie in sich bewiesen werden konnten, aber nicht bestimmten Personen, oder überhaupt nicht konnten), während bei den Manichäern unsere Leichtgläubigkeit durch das Versprechen sicheren Wissens verspottet wurde und dann so viele höchst fabelhafte und absurde Dinge auferlegt wurden, geglaubt zu werden, weil sie nicht bewiesen werden konnten. Dann hast Du, o Herr, nach und nach mit zärtlichster und barmherzigster Hand mein Herz berührend und ordnend, mich überzeugt – wenn ich bedachte, wie unzählige Dinge ich glaubte, die ich nicht sah, noch bei denen ich zugegen war, als sie geschahen, wie so viele Dinge in der weltlichen Geschichte, so viele Berichte von Orten und Städten, die ich nicht gesehen hatte; so viele von Freunden, so viele von Ärzten, so viele beständig von anderen Menschen, die wir, wenn wir sie nicht glauben würden, in diesem Leben überhaupt nichts tun würden; zuletzt, mit welch unerschütterlicher Gewissheit ich glaubte, von welchen Eltern ich geboren war, was ich nicht wissen könnte, hätte ich es nicht auf Hörensagen geglaubt – wenn ich all das bedachte, hast Du mich überzeugt, dass nicht sie, die Deine Bücher glaubten (die Du in so großer Autorität bei fast allen Nationen eingesetzt hast), sondern sie, die sie nicht glaubten, zu tadeln seien; und dass sie nicht zu hören seien, die zu mir sagen sollten: „Woher weißt du, dass jene Schriften der Menschheit durch den Geist des einen wahren und wahrhaftigsten Gottes übermittelt wurden?“ Denn eben dies war von allem am meisten zu glauben, da keine Streitsucht blasphemischer Fragen, von all jener Menge, die ich in den sich widersprechenden Philosophen gelesen hatte, diesen Glauben von mir abringen konnte: „Dass Du bist“, was auch immer Du warst (was ich nicht wusste), und „Dass die Regierung der menschlichen Dinge Dir gehört“.

Dies glaubte ich, manchmal stärker, manchmal schwächer; doch ich glaubte immer, sowohl dass Du seiest, als auch dass Du für uns sorgtest; obwohl ich unwissend war, sowohl was von Deiner Substanz zu denken sei, als auch welcher Weg zu Dir führte oder zurückführte. Da wir nun zu schwach waren, durch abstrakte Vernunftschlüsse die Wahrheit zu finden: und gerade aus diesem Grund die Autorität der Heiligen Schrift brauchten; hatte ich nun begonnen zu glauben, dass Du niemals eine solche Vorzüglichkeit der Autorität dieser Schrift in allen Landen gegeben hättest, hättest Du nicht gewollt, dadurch geglaubt zu werden, dadurch gesucht zu werden. Denn nun, welche Dinge in der Schrift seltsam klangen und mich zu kränken pflegten, nachdem ich gehört hatte, wie verschiedene davon zufriedenstellend ausgelegt wurden, bezog ich auf die Tiefe der Geheimnisse, und ihre Autorität erschien mir umso ehrwürdiger und religiösen Glaubens würdiger, insofern sie, während sie für alle zum Lesen offen lag, die Majestät ihrer Geheimnisse in ihrem tieferen Sinn bewahrte, sich in der großen Schlichtheit ihrer Worte und Niedrigkeit ihres Stils zu allen herabneigte, doch den intensivsten Eifer derer hervorrief, die nicht leichtfertigen Herzens sind; dass sie so alle in ihrem offenen Busen empfangen und durch schmale Durchgänge einige wenige zu Dir hinüberleiten könnte, doch weit mehr, als wenn sie nicht auf einer solchen Höhe der Autorität stünde, noch Scharen durch ihre heilige Niedrigkeit in ihren Busen zöge. Über diese Dinge dachte ich nach, und Du warst bei mir; ich seufzte, und Du hörtest mich; ich schwankte, und Du führtest mich; ich wanderte durch den breiten Weg der Welt, und Du verließt mich nicht.

Ich lechzte nach Ehren, Gewinnen, Ehe; und Du verlachtest mich. In diesen Begierden unterzog ich mich bittersten Kreuzen, wobei Du umso gnädiger warst, je weniger Du zuließest, dass mir irgendetwas süß wurde, das nicht Du warst. Sieh mein Herz, o Herr, der Du wolltest, dass ich mich an all dies erinnere und Dir beichte. Lass meine Seele an Dir kleben, nun da Du sie von jenem festhaltenden Vogelleim des Todes befreit hast. Wie elend war sie! Und Du reiztest das Gefühl ihrer Wunde, damit sie, alles andere verlassend, zu Dir bekehrt würde, der Du über allem bist und ohne den alle Dinge nichts wären; bekehrt würde und geheilt würde. Wie elend war ich damals, und wie hast Du mit mir gehandelt, um mich mein Elend an jenem Tag fühlen zu lassen, als ich mich darauf vorbereitete, einen Panegyrikus auf den Kaiser vorzutragen, worin ich viele Lügen vorbringen sollte, und lügend, von jenen beklatscht werden sollte, die wussten, dass ich log, und mein Herz keuchte vor diesen Ängsten und siedete vor der Fieberhaftigkeit verzehrender Gedanken. Denn als ich durch eine der Straßen von Mailand ging, bemerkte ich einen armen Bettler, damals, vermute ich, mit vollem Bauch, scherzend und fröhlich: und ich seufzte und sprach zu den Freunden um mich her von den vielen Leiden unseres Wahnsinns; denn dass wir durch alle solche Anstrengungen unsererseits, wie jene, worin ich damals mühsam unter dem Stachel des Verlangens die Last meines eigenen Elends mitschleppte und sie durch das Schleppen noch vergrößerte, dennoch hofften, nur zu jener Fröhlichkeit zu gelangen, zu der jener Bettler vor uns gelangt war, der sie vielleicht niemals erreichen würde. Denn was er durch ein paar erbetene Pfennige erlangt hatte, danach trachtete ich durch manch mühsame Wendung und Windung; die Freude einer vorübergehenden Glückseligkeit. Denn er hatte wahrlich nicht die wahre Freude; aber ich mit jenen meinen ehrgeizigen Entwürfen suchte eine weit weniger wahre. Und sicherlich war er fröhlich, ich ängstlich; er frei von Sorgen, ich voll von Ängsten. Aber sollte mich jemand fragen, ob ich lieber fröhlich oder ängstlich wäre? Ich würde antworten, fröhlich. Wiederum, wenn er fragte, ob ich lieber so wäre wie er, oder was ich damals war? Ich würde wählen, ich selbst zu sein, wenn auch abgenutzt von Sorgen und Ängsten; aber aus falschem Urteil; denn war es die Wahrheit? Denn ich sollte mich ihm nicht vorziehen, weil ich gelehrter war als er, da ich keine Freude daran hatte, sondern durch sie den Menschen gefallen wollte; und das nicht um zu belehren, sondern einfach um zu gefallen. Weshalb Du auch meine Knochen mit dem Stab Deiner Züchtigung brachst.

Weg also mit jenen aus meiner Seele, die zu ihr sagen: „Es macht einen Unterschied, woher die Freude eines Menschen kommt. Jener Bettler freute sich in der Trunkenheit; Du begehrtest dich in Ruhm zu freuen.“ Welchem Ruhm, Herr? Dem, der nicht in Dir ist. Denn ebenso wie seine keine wahre Freude war, so war das kein wahrer Ruhm: und er stürzte meine Seele noch mehr. Er sollte jene Nacht seine Trunkenheit verdauen; aber ich hatte mit meiner geschlafen und war wieder aufgestanden und sollte wieder schlafen und wieder mit ihr aufstehen, wie viele Tage, weißt Du, Gott. Aber „es macht einen Unterschied, woher die Freude eines Menschen kommt“. Ich weiß es, und die Freude einer treuen Hoffnung liegt unvergleichlich jenseits solcher Eitelkeit. Ja, und so war er damals jenseits von mir: denn er war wahrlich der Glücklichere; nicht nur, weil er völlig in Heiterkeit getränkt war, ich ausgeweidet von Sorgen: sondern er hatte durch gute Wünsche Wein bekommen; ich suchte durch Lügen nach leerem, schwellendem Lob. Vieles in dieser Absicht sagte ich damals zu meinen Freunden: und ich bemerkte oft an ihnen, wie es mir erging; und ich fand, dass es mir schlecht erging, und betrübte mich und verdoppelte eben jenes Übel; und wenn irgendein Glück mir zulächelte, war ich abgeneigt, danach zu greifen, denn fast bevor ich es ergreifen konnte, flog es davon.

Diese Dinge beklagten wir gemeinsam, die wir als Freunde zusammenlebten, doch am meisten und vertrautesten sprach ich darüber mit Alypius und Nebridius, von denen Alypius in derselben Stadt wie ich geboren war, aus vornehmstem Hause dort, doch jünger als ich. Denn er hatte bei mir studiert, sowohl als ich zuerst in unserer Stadt lehrte, als auch später in Karthago, und er liebte mich sehr, weil ich ihm gütig und gelehrt erschien; und ich ihn wegen seiner großen Hinneigung zur Tugend, die bei jemandem in so jungen Jahren schon bemerkenswert war. Doch der Strudel karthagischer Sitten (unter denen jene müßigen Schauspiele leidenschaftlich verfolgt werden) hatte ihn in den Wahnsinn des Zirkus gezogen. Während er jedoch darin elend umhergeworfen wurde und ich dort Rhetorik lehrte und eine öffentliche Schule führte, nutzte er meinen Unterricht noch nicht, wegen einer gewissen Verstimmung, die zwischen seinem Vater und mir entstanden war. Ich hatte damals bemerkt, wie tödlich er dem Zirkus verfallen war, und war tief betrübt, dass er ein so großes Versprechen zu verlieren schien; doch ich hatte kein Mittel, ihn zu beraten oder mit einer Art Zwang zurückzuholen, weder durch die Güte eines Freundes noch durch die Autorität eines Lehrers. Denn ich nahm an, dass er von mir dachte, wie sein Vater es tat; doch er war nicht so; als er dann die Gesinnung seines Vaters in dieser Angelegenheit ablegte, begann er mich zu grüßen, kam manchmal in meinen Hörsaal, hörte ein wenig zu und ging wieder.

Ich jedoch hatte versäumt, auf ihn einzuwirken, damit er nicht durch ein blindes und kopfloses Verlangen nach eitlen Zeitvertreiben einen so guten Verstand zugrunde richte. Aber Du, o Herr, der Du den Lauf von allem lenkst, was Du erschaffen hast, hattest ihn nicht vergessen, der eines Tages unter Deinen Kindern, Priester und Verwalter Deines Sakraments, sein sollte; und damit seine Besserung klar Dir selbst zugeschrieben würde, bewirktest Du sie durch mich, ohne dass ich es wusste. Denn als ich eines Tages an meinem gewohnten Platz saß, mit meinen Schülern vor mir, trat er ein, grüßte mich, setzte sich und wandte seinen Geist dem zu, was ich gerade behandelte. Ich hatte zufällig eine Stelle zur Hand, während deren Erläuterung mir ein Vergleich mit den Zirkusrennen in den Sinn kam, der geeignet schien, das, was ich vermitteln wollte, angenehmer und klarer zu machen, gewürzt mit beißendem Spott über jene, die von jenem Wahnsinn gefesselt waren; Gott, Du weißt, dass ich damals nicht daran dachte, Alypius von dieser Infektion zu heilen. Doch er bezog es ganz auf sich selbst und dachte, dass ich es einfach seinetwegen sagte. Und wo ein anderer Anlass zur Beleidigung durch mich genommen hätte, nahm jener rechtschaffene Jüngling es als Grund, sich über sich selbst zu ärgern und mich inbrünstiger zu lieben. Denn Du hattest es längst gesagt und in Dein Buch geschrieben: Weise einen Weisen zurecht, und er wird Dich lieben. Ich aber hatte ihn nicht zurechtgewiesen, sondern Du, der Du alle gebrauchst, ob wissend oder unwissend, in jener Ordnung, die Du selbst kennst (und diese Ordnung ist gerecht), machtest aus meinem Herzen und meiner Zunge brennende Kohlen, durch die der hoffnungsvolle Geist, der so dahinsiechte, entzündet und so geheilt werden sollte. Er möge schweigen in Deinem Lob, der Deine Barmherzigkeiten nicht bedenkt, welche Dir aus meiner innersten Seele beichten. Denn er brach nach jener Rede aus jener tiefen Grube aus, in die er sich willentlich gestürzt hatte und von deren elenden Zeitvertreiben er geblendet war; und er erschütterte seinen Geist mit einer starken Selbstbeherrschung; woraufhin aller Schmutz der Zirkusbelustigungen von ihm abfiel, noch kam er wieder dorthin. Daraufhin setzte er bei seinem unwilligen Vater durch, dass er mein Schüler sein durfte. Er gab nach und fügte sich. Und Alypius, der wieder begann, mein Hörer zu sein, wurde in denselben Aberglauben mit mir verstrickt, indem er bei den Manichäern jenen Schein von Enthaltsamkeit liebte, den er für wahr und ungeheuchelt hielt. Während es doch eine sinnlose und verführende Enthaltsamkeit war, die kostbare Seelen fing, die noch nicht die Tiefe der Tugend erreichen konnten, sich aber leicht von der Oberfläche dessen täuschen ließen, was nur eine schattenhafte und nachgeahmte Tugend war.

Er, der jenen weltlichen Weg, zu dem seine Eltern ihn gedrängt hatten, nicht verließ, war mir nach Rom vorausgegangen, um Rechtswissenschaft zu studieren, und dort wurde er unglaublich mit einem unglaublichen Eifer für die Spiele der Gladiatoren mitgerissen. Denn obwohl er Schauspiele völlig ablehnte und verabscheute, begegneten ihm eines Tages zufällig mehrere seiner Bekannten und Kommilitonen, die vom Mittagessen kamen, und sie zerrten ihn mit vertrauter Gewalt, obwohl er heftig ablehnte und sich sträubte, in das Amphitheater, während jener grausamen und tödlichen Spiele, wobei er so protestierte: „Obwohl ihr meinen Körper an jenen Ort zerrt und mich dort hinsetzt, könnt ihr mich auch zwingen, meinen Geist oder meine Augen jenen Schauspielen zuzuwenden? Ich werde dann abwesend sein, während ich anwesend bin, und so werde ich sowohl euch als auch sie besiegen.“ Sie, die dies hörten, führten ihn dennoch weiter, vielleicht in dem Wunsch, genau das zu erproben, ob er tun könne, wie er sagte. Als sie dorthin gekommen waren und ihre Plätze eingenommen hatten, wie sie konnten, entflammte der ganze Ort von jenem wilden Zeitvertreib. Er aber, indem er den Zugang seiner Augen verschloss, verbot seinem Geist, umherzuschweifen nach solchem Übel; und hätte er doch auch seine Ohren verschlossen! Denn im Kampf, als einer fiel, traf ihn ein gewaltiger Schrei des ganzen Volkes, und von Neugier überwunden, und als ob er darauf vorbereitet wäre, es zu verachten und überlegen zu sein, was auch immer es sei, selbst wenn er es sähe, öffnete er seine Augen und wurde an seiner Seele von einer tieferen Wunde getroffen als der andere, den er zu sehen begehrte, an seinem Körper; und er fiel elender als jener, bei dessen Fall jener gewaltige Lärm erhoben wurde, der durch seine Ohren drang und seine Augen aufschloss, um den Weg zu ebnen für das Schlagen und Niederschlagen einer Seele, die eher kühn als standhaft war, und die schwächer war, weil sie sich auf sich selbst verlassen hatte, was sie auf Dich hätte stützen sollen. Denn sobald er jenes Blut sah, trank er damit Wildheit in sich hinein; er wandte sich nicht ab, sondern fixierte seinen Blick, trank unversehens in den Wahnsinn und erfreute sich an jenem schuldbeladenen Kampf und war berauscht von dem blutigen Zeitvertreib. Er war nun nicht mehr der Mann, der er gekommen war, sondern einer aus der Menge, zu der er gekommen war, ja, ein wahrer Gefährte derer, die ihn dorthin gebracht hatten. Warum mehr sagen? Er sah zu, schrie, entflammte, trug den Wahnsinn von dannen, der ihn antreiben sollte, nicht nur mit denen zurückzukehren, die ihn zuerst dorthin gezogen hatten, sondern auch vor ihnen, ja und andere hineinzuziehen. Dennoch hast Du ihn von dort mit einer sehr starken und sehr barmherzigen Hand herausgezogen und ihn gelehrt, nicht auf sich selbst, sondern auf Dich zu vertrauen. Aber das war später.

Aber dies wurde bereits in seinem Gedächtnis aufbewahrt, um ein Heilmittel für die Zukunft zu sein. So war es auch damit, dass, als er noch bei mir in Karthago studierte und am Mittag auf dem Marktplatz darüber nachdachte, was er auswendig vortragen sollte (wie Schüler zu üben pflegen), Du zuließest, dass er von den Beamten des Marktplatzes für einen Dieb gehalten wurde. Aus keinem anderen Grund, glaube ich, ließest Du, unser Gott, es zu, als damit er, der später ein so großer Mann werden sollte, bereits zu lernen beginnen sollte, dass bei der Beurteilung von Fällen der Mensch nicht vorschnell aus leichtfertiger Leichtgläubigkeit von Menschen verurteilt werden dürfe. Denn als er allein vor dem Richterstuhl mit seinem Notizbuch und Stift auf und ab ging, siehe, da kam ein junger Mann, ein Jurist, der eigentliche Dieb, heimlich herbei, brachte ein Beil mit, drang ein, von Alypius unbemerkt, bis zu den Bleigittern, die die Silberschmiedeläden einzäunen, und begann, das Blei wegzuschneiden. Doch da das Geräusch des Beils zu hören war, begannen die Silberschmiede unterhalb, sich zu regen, und sandten jemanden aus, um jeden zu ergreifen, den sie finden würden. Er aber, als er ihre Stimmen hörte, lief davon und ließ sein Beil zurück, aus Furcht, damit erwischt zu werden. Alypius nun, der ihn nicht hatte eintreten sehen, bemerkte sein Gehen und sah, mit welcher Eile er sich davonmachte. Und da er die Sache wissen wollte, betrat er den Ort; wo er das Beil fand, stand er und wunderte sich und betrachtete es, als siehe, jene, die ausgesandt worden waren, fanden ihn allein mit dem Beil in der Hand, dessen Geräusch sie aufgeschreckt und dorthin gebracht hatte. Sie ergriffen ihn, zerrten ihn fort und versammelten die Bewohner des Marktplatzes, brüsteten sich damit, einen berüchtigten Dieb gefasst zu haben, und so wurde er weggeführt, um vor den Richter gebracht zu werden.

Aber bis hierhin sollte Alypius unterwiesen werden. Denn alsbald, o Herr, halfst Du seiner Unschuld, deren Zeuge Du allein warst. Denn als er entweder ins Gefängnis oder zur Strafe geführt wurde, begegnete ihnen ein gewisser Architekt, der die Hauptaufsicht über die öffentlichen Gebäude hatte. Froh waren sie, ihm zu begegnen, insbesondere, da sie von ihm gewohnt waren, verdächtigt zu werden, die auf dem Marktplatz verlorenen Güter gestohlen zu haben, als ob sie ihm endlich zeigen könnten, von wem diese Diebstähle begangen wurden. Er jedoch hatte Alypius schon mehrmals im Haus eines Senators gesehen, zu dem er oft ging, um seine Aufwartung zu machen; und als er ihn sofort erkannte, nahm er ihn bei der Hand beiseite und erkundigte sich nach dem Anlass eines so großen Unheils, hörte die ganze Angelegenheit und befahl allen Anwesenden, unter vielem Aufruhr und Drohungen mit ihm zu gehen. So kamen sie zum Haus des jungen Mannes, der die Tat begangen hatte. Dort war vor der Tür ein Junge, so jung, dass er, keinen Schaden für seinen Herrn befürchtend, wahrscheinlich alles offenbaren würde. Denn er hatte seinen Herrn zum Marktplatz begleitet. Als Alypius sich an ihn erinnerte, sagte er es dem Architekten: und dieser zeigte dem Jungen das Beil und fragte ihn: „Wessen ist das?“ „Unseres“, sagte er sogleich: und als er weiter befragt wurde, deckte er alles auf. So wurde das Verbrechen auf jenes Haus übertragen und die Menge schämte sich, die begonnen hatte, Alypius zu beleidigen, und er, der ein Verwalter Deines Wortes und ein Prüfer vieler Fälle in Deiner Kirche sein sollte, ging besser erfahren und unterwiesen fort.

Ihn hatte ich also in Rom gefunden, und er hing an mir mit einem sehr starken Band und ging mit mir nach Mailand, sowohl damit er mich nicht verließe, als auch damit er etwas von dem Recht ausüben konnte, das er studiert hatte, mehr um seinen Eltern zu gefallen als sich selbst. Dort hatte er dreimal als Beisitzer gesessen, mit einer Unbestechlichkeit, über die andere sich sehr wunderten, während er sich eher über andere wunderte, die Gold der Ehrlichkeit vorziehen konnten. Sein Charakter wurde zudem geprüft, nicht nur mit dem Köder der Habsucht, sondern mit dem Stachel der Furcht. In Rom war er Beisitzer des Grafen der italienischen Schatzkammer. Es gab zu jener Zeit einen sehr mächtigen Senator, dessen Gunst viele verpflichtet waren und den viele sehr fürchteten. Er wollte mit seiner gewohnten Macht eine Sache durchsetzen, die nach den Gesetzen nicht erlaubt war. Alypius leistete Widerstand: ein Bestechungsgeld wurde versprochen; aus tiefstem Herzen verschmähte er es: Drohungen wurden ausgestoßen; er trat sie mit Füßen: alle wunderten sich über einen so ungewohnten Geist, der weder die Freundschaft noch die Feindschaft eines so Großen und wegen zahlloser Mittel, Gutes oder Böses zu tun, so mächtig Berühmten begehrte oder fürchtete. Und der Richter selbst, dessen Ratgeber Alypius war, obwohl er auch nicht wollte, dass es geschah, lehnte dennoch nicht offen ab, sondern schob die Sache auf Alypius ab und behauptete, er erlaube ihm nicht, es zu tun: denn in Wahrheit, hätte der Richter es getan, hätte Alypius anders entschieden. Mit dieser einen Sache in Bezug auf das Lernen war er beinahe verführt worden, dass er sich Bücher zu prätorianischen Preisen hätte abschreiben lassen können, doch indem er die Gerechtigkeit befragte, änderte er seinen Entschluss zum Besseren; er achtete die Billigkeit, durch die er gehindert wurde, für gewinnbringender als die Macht, durch die ihm etwas erlaubt worden wäre. Dies sind geringfügige Dinge, aber wer im Kleinen treu ist, der ist auch im Großen treu. Noch kann das in keiner Weise nichtig sein, was aus dem Munde Deiner Wahrheit hervorging: Wenn ihr nicht treu gewesen seid im ungerechten Mammon, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr nicht treu gewesen seid in dem, was eines anderen ist, wer wird euch das geben, was euer eigenes ist? Er, der so war, hing damals an mir und schwankte mit mir in der Absicht, welcher Lebensweg einzuschlagen sei.

Nebridius auch, der seine Heimat in der Nähe von Karthago, ja sogar Karthago selbst verlassen hatte, wo er viel gelebt hatte, sein ausgezeichnetes Familienerbe und Haus verlassend und eine Mutter zurücklassend, die ihm nicht folgen sollte, war nach Mailand gekommen, aus keinem anderen Grund, als dass er mit mir in einer sehr inbrünstigen Suche nach Wahrheit und Weisheit leben könnte. Wie ich seufzte er, wie ich schwankte er, ein inbrünstiger Sucher nach dem wahren Leben und ein sehr scharfsinniger Prüfer der schwierigsten Fragen. So waren da die Münder von drei Bedürftigen, die einander ihre Nöte seufzend klagten und auf Dich warteten, dass Du ihnen ihre Speise zur rechten Zeit gäbst. Und in all der Bitterkeit, die durch Deine Barmherzigkeit unseren weltlichen Angelegenheiten folgte, als wir auf das Ende blickten, warum wir all dies erleiden sollten, begegnete uns Dunkelheit; und wir wandten uns stöhnend ab und sagten: Wie lange sollen diese Dinge sein? Dies sagten wir auch oft; und indem wir es sagten, verließen wir sie nicht, denn noch dämmerte nichts Gewisses auf, das wir, nachdem wir diese verlassen hätten, umfassen könnten.

Und ich, der ich die Dinge betrachtete und wieder betrachtete, wunderte mich am meisten über die Länge der Zeit seit meinem neunzehnten Jahr, in dem ich begonnen hatte, mit dem Verlangen nach Weisheit zu entflammen, fest entschlossen, wenn ich sie gefunden hätte, alle leeren Hoffnungen und lügnerischen Wahnsinnigkeiten eitler Begierden aufzugeben. Und siehe, ich war nun in meinem dreißigsten Jahr, steckte im selben Schlamm, gierig danach, gegenwärtige Dinge zu genießen, die vergingen und meine Seele verzehrten; während ich zu mir selbst sagte: „Morgen werde ich es finden; es wird sich klar zeigen und ich werde es ergreifen; siehe, Faustus der Manichäer wird kommen und alles klären! O ihr großen Männer, ihr Akademiker, es ist also wahr, dass keine Gewissheit für die Lebensführung erlangt werden kann! Nein, lasst uns fleißiger suchen und nicht verzweifeln. Siehe, die Dinge in den kirchlichen Büchern sind uns jetzt nicht mehr absurd, die manchmal absurd erschienen, und können anders aufgefasst werden, und zwar in gutem Sinne. Ich werde meinen Standpunkt dort einnehmen, wo mich meine Eltern als Kind hingestellt haben, bis die klare Wahrheit gefunden ist. Aber wo soll sie gesucht werden oder wann? Ambrosius hat keine Muße; wir haben keine Muße zu lesen; wo finden wir überhaupt die Bücher? Woher oder wann sie beschaffen? Von wem sie ausleihen? Lasst feste Zeiten bestimmt und bestimmte Stunden für das Heil unserer Seele geordnet werden. Eine große Hoffnung ist aufgegangen; der katholische Glaube lehrt nicht das, was wir dachten und wofür wir ihn vergeblich beschuldigten; ihre unterwiesenen Mitglieder halten es für profan, zu glauben, Gott sei durch die Gestalt eines menschlichen Körpers begrenzt: und zweifeln wir daran, anzuklopfen, damit das Übrige geöffnet werde? Die Vormittage nehmen unsere Schüler in Anspruch; was tun wir in der übrigen Zeit? Warum nicht dies? Aber wann machen wir dann unseren großen Freunden den Hof, deren Gunst wir brauchen? Wann komponieren wir das, was wir den Schülern verkaufen können? Wann erfrischen wir uns, indem wir unseren Geist von dieser Anspannung der Sorge lösen?

„Vergehe alles, lassen wir diese eitlen Eitelkeiten fahren und begeben wir uns auf die eine Suche nach der Wahrheit! Das Leben ist eitel, der Tod ungewiss; wenn er uns plötzlich überfällt, in welchem Zustand werden wir von hier scheiden? Und wo werden wir lernen, was wir hier vernachlässigt haben? Und werden wir nicht eher die Strafe dieser Nachlässigkeit erleiden? Was, wenn der Tod selbst alle Sorge und alles Empfinden abschneidet und beendet? Dann muss dies geklärt werden. Aber Gott bewahre davor! Es ist keine eitle und leere Sache, dass die ausgezeichnete Würde der Autorität des christlichen Glaubens die ganze Welt überzogen hat. Niemals würden solche und so große Dinge von Gott für uns gewirkt werden, wenn mit dem Tod des Körpers das Leben der Seele ein Ende fände. Warum also zögern, weltliche Hoffnungen aufzugeben und uns ganz der Suche nach Gott und dem seligen Leben hinzugeben? Aber wartet! Selbst diese Dinge sind angenehm; sie haben eine gewisse, und keine geringe Süße. Wir dürfen sie nicht leichtfertig aufgeben, denn es wäre eine Schande, wieder zu ihnen zurückzukehren. Seht, es ist jetzt keine große Sache mehr, irgendeine Stellung zu erlangen, und was sollten wir uns dann noch mehr wünschen? Wir haben einen Vorrat an mächtigen Freunden; wenn nichts anderes sich bietet und wir in großer Eile sind, kann uns zumindest eine Präsidentschaft gegeben werden: und eine Frau mit etwas Geld, damit sie unsere Lasten nicht vermehre: und dies soll das Maß des Verlangens sein. Viele große Männer, die des Nachahmens höchst würdig sind, haben sich im Stande der Ehe dem Studium der Weisheit gewidmet.“

Während ich diese Dinge durchging und diese Winde mein Herz hierhin und dorthin schoben und trieben, verging die Zeit, aber ich zögerte, mich zum Herrn zu wenden; und von Tag zu Tag schob ich es auf, in Dir zu leben, und schob es nicht täglich auf, in mir selbst zu sterben. Ein glückliches Leben liebend, fürchtete ich es in seiner eigenen Wohnstatt und suchte es, indem ich vor ihm floh. Ich dachte, ich wäre zu elend, wenn ich nicht in weiblichen Armen geborgen wäre; und an die Arznei Deiner Barmherzigkeit, um jene Schwäche zu heilen, dachte ich nicht, da ich sie nicht versucht hatte. Was die Enthaltsamkeit betraf, so nahm ich an, sie stünde in unserer eigenen Macht (obwohl ich diese Macht bei mir selbst nicht fand), indem ich so töricht war, nicht zu wissen, was geschrieben steht: Niemand kann enthaltsam sein, es sei denn, Du gibst es; und dass Du es geben würdest, wenn ich mit innerem Seufzen an Deine Ohren klopfte und mit festem Glauben meine Sorge auf Dich würfe.

Alypius hinderte mich in der Tat am Heiraten; er behauptete, dass wir so keineswegs mit ungestörter Muße in der Liebe zur Weisheit zusammenleben könnten, wie wir es lange gewünscht hatten. Denn er selbst war schon damals in diesem Punkt höchst rein, sodass es wunderbar war; und das umso mehr, da er zu Beginn seiner Jugend in jenen Lebenswandel eingetreten war, aber nicht darin steckengeblieben war; vielmehr hatte er Reue und Widerwillen dagegen empfunden und lebte von da an bis heute höchst enthaltsam. Ich aber hielt ihm die Beispiele derer entgegen, die als verheiratete Männer die Weisheit gepflegt, Gott wohlgefällig gedient, ihre Freunde behalten und sie treu geliebt hatten. An deren Größe des Geistes fehlte es mir bei weitem; und gefesselt von der Krankheit des Fleisches und ihrer tödlichen Süße, schleppte ich meine Kette hinter mir her, fürchtend, losgelassen zu werden, und als wäre meine Wunde aufgerieben, wies ich seine guten Ermahnungen zurück, gleichsam die Hand dessen, der mich losketten wollte. Zudem sprach die Schlange durch mich zu Alypius selbst, webte und legte mit meiner Zunge angenehme Schlingen auf seinen Pfad, in denen seine tugendhaften und freien Füße sich verfangen konnten.

Denn als er sich wunderte, dass ich, den er nicht gering schätzte, so fest im Vogelleim jenes Vergnügens stecken sollte, dass ich (so oft wir darüber diskutierten) beteuerte, ich könne niemals ein lediges Leben führen; und ich zu meiner Verteidigung anführte, als ich ihn sich wundern sah, dass ein großer Unterschied bestehe zwischen seiner flüchtigen und kaum erinnerlichen Kenntnis jenes Lebens, das er so leicht verachten könne, und meiner fortwährenden Bekanntschaft, zu der, wenn der ehrenvolle Name der Ehe hinzugefügt würde, er sich nicht wundern sollte, warum ich jenen Weg nicht verachten könne; da begann auch er sich zu wünschen, verheiratet zu sein; nicht als einer, der vom Verlangen nach solchem Vergnügen überwunden wäre, sondern aus Neugier. Denn er wollte gerne wissen, sagte er, was das sei, ohne das mein Leben, das ihm so angenehm war, mir nicht als Leben, sondern als Strafe erscheinen würde. Denn sein Geist, frei von jener Kette, staunte über meine Knechtschaft; und durch jenes Staunen geriet er in das Verlangen, es zu erproben, daraus in die Erprobung selbst und daraus vielleicht, in jene Knechtschaft zu versinken, über die er sich wunderte, da er bereit war, einen Bund mit dem Tod zu schließen; und wer die Gefahr liebt, der wird in sie fallen. Denn welche Ehre auch immer im Amt liegt, ein Eheleben und eine Familie wohl zu ordnen, bewegte uns nur wenig. Aber mich quälte zumeist die Gewohnheit, einen unersättlichen Appetit zu befriedigen, während sie mich gefangen hielt; ihn hielt ein bewunderndes Staunen gefangen. So waren wir, bis Du, o Allerhöchster, der Du unseren Staub nicht verlässt, unserer Elenden Dich erbarmend, uns durch wunderbare und geheime Wege zu Hilfe kamst.

Stets bemühte man sich, mich zu verheiraten. Ich warb, ich wurde versprochen, hauptsächlich durch das Bestreben meiner Mutter, damit ich, einmal verheiratet, durch die heilsame Taufe gereinigt würde, auf die ich mich, wie sie frohlockte, täglich vorbereitete, und sie bemerkte, dass ihre Gebete und Deine Verheißungen in meinem Glauben erfüllt würden. Zu jener Zeit wahrlich, sowohl auf mein Bitten als auch auf ihr eigenes Verlangen hin, flehte sie täglich mit starkem Herzensschrei zu Dir, Du mögest ihr durch ein Gesicht etwas über meine zukünftige Heirat offenbaren; Du wolltest es niemals. Sie sah freilich einige eitle und phantastische Dinge, wie sie der menschliche Geist, wenn er damit beschäftigt ist, zusammenbringt; und diese erzählte sie mir, nicht mit jener Zuversicht, die sie pflegte, wenn Du ihr etwas zeigtest, sondern sie gering achtend. Denn sie könne, sagte sie, durch ein gewisses Gefühl, das sie mit Worten nicht ausdrücken könne, zwischen Deinen Offenbarungen und den Träumen ihrer eigenen Seele unterscheiden. Dennoch wurde die Sache vorangetrieben, und ein Mädchen wurde um ihre Hand gebeten, zwei Jahre unter dem heiratsfähigen Alter; und man wartete, da es gefiel, auf sie.

Und viele von uns Freunden, die wir über die stürmischen Wirren des menschlichen Lebens berieten und sie verabscheuten, hatten darüber debattiert und waren nun fast entschlossen, fernab von Geschäften und dem Trubel der Menschen zu leben; und dies sollte folgendermaßen erreicht werden: Wir sollten alles, was wir einzeln erwerben könnten, zusammenbringen und einen gemeinsamen Haushalt aus allen machen; so dass durch die Aufrichtigkeit unserer Freundschaft nichts einem Einzelnen besonders gehören sollte, sondern das Ganze, das so aus allen stammte, als Ganzes jedem gehören sollte, und alles allen. Wir dachten, es könnten etwa zehn Personen in dieser Gesellschaft sein; einige davon waren sehr reich, besonders Romanianus, unser Landsmann, von Kindheit an ein sehr vertrauter Freund von mir, den die schweren Verwicklungen seiner Angelegenheiten an den Hof geführt hatten; er setzte sich am eifrigsten für dieses Projekt ein; und darin hatte seine Stimme großes Gewicht, weil sein beträchtliches Vermögen das jedes anderen bei weitem übertraf. Wir hatten auch festgelegt, dass zwei jährliche Beamte, sozusagen, für alles Notwendige sorgen sollten, während die Übrigen ungestört blieben. Doch als wir zu bedenken begannen, ob die Ehefrauen, die einige von uns bereits hatten, andere zu haben hofften, dies erlauben würden, zerfiel all dieser Plan, der so wohlgeformt war, in unseren Händen, wurde völlig zerschlagen und beiseitegeworfen. Von da an ergaben wir uns dem Seufzen und Stöhnen, und unsere Schritte folgten den breiten und ausgetretenen Wegen der Welt; denn viele Gedanken waren in unserem Herzen, aber Dein Ratschluss besteht in Ewigkeit. Aus diesem Ratschluss heraus verspottest Du den unseren und bereitetest Deinen eigenen; in der Absicht, uns Speise zur rechten Zeit zu geben und unsere Seelen mit Segen zu füllen.

Unterdessen vermehrten sich meine Sünden, und da meine Konkubine als Hindernis für meine Heirat von meiner Seite gerissen wurde, war mein Herz, das an ihr hing, zerrissen, verwundet und blutend. Und sie kehrte nach Afrika zurück, indem sie Dir gelobte, niemals einen anderen Mann zu erkennen, und ließ mir meinen Sohn von ihr zurück. Ich aber, Unglückseliger, der ich eine Frau nicht nachahmen konnte, ungeduldig vor Verzögerung, da ich erst nach zwei Jahren diejenige erhalten sollte, die ich suchte – da ich nicht so sehr ein Liebhaber der Ehe war als vielmehr ein Sklave der Wollust –, schaffte mir eine andere an, wenn auch keine Ehefrau, damit durch die Knechtschaft einer beständigen Gewohnheit die Krankheit meiner Seele in ihrer Kraft erhalten und fortgesetzt oder sogar in die Herrschaft der Ehe gesteigert würde. Auch wurde jene meine Wunde, die durch das Abschneiden der früheren entstanden war, nicht geheilt, sondern nach Entzündung und höchstem Schmerz verfaulte sie, und meine Schmerzen wurden weniger akut, aber verzweifelter.

Dir sei Lob, Ehre sei Dir, Quell der Barmherzigkeit. Ich wurde elender, und Du näher. Deine rechte Hand war beständig bereit, mich aus dem Schlamm zu ziehen und mich gründlich zu waschen, und ich wusste es nicht; noch rief mich irgendetwas von einem noch tieferen Abgrund fleischlicher Genüsse zurück als die Furcht vor dem Tod und Deinem kommenden Gericht; das inmitten all meiner Wandlungen niemals von meiner Brust wich. Und in meinen Streitgesprächen mit meinen Freunden Alypius und Nebridius über das Wesen von Gut und Böse hielt ich dafür, dass Epikur in meinem Sinn den Sieg davongetragen hätte, hätte ich nicht geglaubt, dass nach dem Tod ein Leben für die Seele verbliebe und Orte der Vergeltung nach der Menschen Verdienst, was Epikur nicht glauben wollte. Und ich fragte: "Wären wir unsterblich und dazu bestimmt, in ewigem körperlichen Vergnügen zu leben, ohne Furcht, es zu verlieren, warum sollten wir nicht glücklich sein, oder was sollten wir sonst suchen?" nicht wissend, dass in eben dieser Sache ein großes Elend lag, dass ich, so versunken und verblendet, jenes Licht der Vortrefflichkeit und Schönheit nicht unterscheiden konnte, das um seiner selbst willen zu umarmen ist, welches das Auge des Fleisches nicht sehen kann und nur der innere Mensch schaut. Auch bedachte ich, Unglücklicher, nicht, aus welcher Quelle es entsprang, dass ich selbst über diese Dinge, so schmutzig sie auch waren, mit Vergnügen mit meinen Freunden sprach, noch konnte ich, selbst nach den Vorstellungen, die ich damals vom Glück hatte, ohne Freunde glücklich sein, inmitten welch überreichen Überflusses an fleischlichen Genüssen auch immer. Und doch liebte ich diese Freunde nur um ihrer selbst willen, und ich fühlte, dass ich von ihnen wiederum nur um meinetwillen geliebt wurde.

O krumme Pfade! Wehe der verwegenden Seele, die hoffte, durch das Verlassen Deiner, etwas Besseres zu gewinnen! Sie hat sich gewendet und wieder gewendet, auf Rücken, Seiten und Bauch, doch alles war schmerzhaft; und Du allein bist Ruhe. Und siehe, Du bist nahe und erlöst uns von unseren elenden Irrwegen und stellst uns auf Deinen Weg und tröstest uns und sprichst: "Lauft; ich werde euch tragen; ja, ich werde euch hindurchbringen; auch dorthin werde ich euch tragen."

BUCH VII

Vergangen war nun jene meine böse und abscheuliche Jugend, und ich ging in das frühe Mannesalter über; je älter ich wurde, desto mehr befleckt durch eitle Dinge, da ich mir keine andere Substanz vorstellen konnte als jene, die man mit diesen Augen zu sehen pflegt. Ich dachte nicht an Dich, o Gott, unter der Gestalt eines menschlichen Körpers; seit ich irgendetwas von Weisheit zu hören begann, vermied ich dies immer; und freute mich, dieselbe im Glauben unserer geistlichen Mutter, Deiner katholischen Kirche, gefunden zu haben. Aber was ich mir sonst unter Dir vorstellen sollte, wusste ich nicht. Und ich, ein Mensch, und was für ein Mensch, suchte mir Dich, den höchsten, einzigen, wahren Gott, vorzustellen; und ich glaubte in meinem innersten Herzen, dass Du unvergänglich und unverletzlich und unveränderlich seiest; denn obwohl ich nicht wusste, woher oder wie, sah ich doch klar und war gewiss, dass das, was korrumpiert werden kann, dem unterlegen sein muss, was es nicht kann; was nicht verletzt werden konnte, zog ich unbedenklich dem vor, was Verletzung empfangen konnte; das Unveränderliche dem, was dem Wechsel unterworfen ist. Mein Herz schrie leidenschaftlich gegen all meine Phantome auf, und mit diesem einen Schlag suchte ich alles, was jene unreine Schar, die darum summte, vom Auge meines Geistes wegzuschlagen. Und siehe, kaum vertrieben, im Nu sammelten sie sich wieder dicht um mich, flogen mir ins Gesicht und umwölkten es; so dass ich, wenn auch nicht unter der Form des menschlichen Körpers, doch gezwungen war, mir Dich (jenes Unvergängliche, Unverletzliche und Unveränderliche, das ich dem Vergänglichen, Verletzlichen und Veränderlichen vorzog) als im Raum befindlich vorzustellen, sei es in die Welt eingegossen oder unendlich außerhalb derselben verbreitet. Denn was immer ich mir vorstellte, das dieses Raumes beraubt war, erschien mir als nichts, ja als völlig nichts, nicht einmal als Leere, so als ob ein Körper von seinem Platz genommen würde und der Platz leer bliebe von jedem Körper überhaupt, von Erde und Wasser, Luft und Himmel, doch würde es ein leerer Ort bleiben, gleichsam ein geräumiges Nichts.

Da ich nun so schwerfälligen Herzens war, nicht einmal mir selbst gegenüber klar, hielt ich alles, was sich nicht über gewisse Räume erstreckte, noch verbreitet, noch verdichtet, noch aufgebläht war, oder nicht eine dieser Dimensionen empfing oder empfangen konnte, für völlig nichts. Denn über solche Formen, wie meine Augen sie zu durchstreifen pflegen, ließ ich damals mein Herz schweifen: noch sah ich, dass dieser selbe Begriff des Geistes, wodurch ich eben jene Bilder formte, nicht von dieser Art war, und doch hätte er sie nicht formen können, wäre er nicht selbst etwas Großes gewesen. So bemühte ich mich auch, mir Dich, Leben meines Lebens, als riesig vorzustellen, wie Du durch unendliche Räume auf jeder Seite die ganze Masse des Universums durchdringst und darüber hinaus, in jede Richtung, durch unermessliche, grenzenlose Räume; so dass die Erde Dich habe, der Himmel Dich habe, alle Dinge Dich haben, und sie in Dir begrenzt seien, und Du nirgendwo begrenzt seiest. Denn wie der Körper dieser Luft, die über der Erde ist, das Licht der Sonne nicht daran hindert, hindurchzugehen, es zu durchdringen, nicht durch Zerreißen oder durch Schneiden, sondern indem sie es ganz erfüllt: so dachte ich, der Körper nicht nur des Himmels, der Luft und des Meeres, sondern auch der Erde, sei für Dich durchlässig, so dass er in all seinen Teilen, den größten wie den kleinsten, Deine Gegenwart zulasse, durch eine geheime Eingebung, inwendig und auswendig, alles lenkend, was Du erschaffen hast. So vermutete ich, nur weil ich unfähig war, mir etwas anderes vorzustellen, denn es war falsch. Denn so müsste ein größerer Teil der Erde einen größeren Anteil von Dir enthalten, und ein kleinerer einen kleineren: und alle Dinge sollten auf solche Weise voll von Dir sein, dass der Körper eines Elefanten mehr von Dir enthalten müsste als der eines Sperlings, insofern er größer ist und mehr Raum einnimmt; und so würdest Du die einzelnen Teile Deiner selbst den einzelnen Teilen der Welt gegenwärtig machen, in Stücken, groß für die Großen, gering für die Geringen. Aber solch bist Du nicht. Doch noch hattest Du meine Finsternis nicht erleuchtet.

Es genügte mir, Herr, jenen betrogenen Betrügern und stummen Schwätzern entgegenzuhalten – da Dein Wort nicht aus ihnen ertönte –, es genügte das, was Nebridius schon vor langer Zeit, während wir noch in Karthago waren, vorzubringen pflegte, worüber wir alle, die wir es hörten, ins Staunen gerieten: "Jene besagte Nation der Finsternis, die die Manichäer Dir als eine entgegengesetzte Masse gegenüberzustellen pflegen, was hätte sie Dir antun können, hättest Du Dich geweigert, mit ihr zu kämpfen? Denn wenn sie antworteten: 'Sie hätte Dir irgendeinen Schaden zugefügt', dann wärest Du Verletzung und Korruption unterworfen; wenn sie aber antworteten: 'Sie konnte Dir keinen Schaden zufügen', dann wurde kein Grund für Deinen Kampf mit ihr vorgebracht; und so zu kämpfen, dass ein gewisser Teil oder ein Glied von Dir oder ein Sprössling Deiner eigenen Substanz mit entgegengesetzten Mächten vermengt würde, und mit Naturen, die nicht von Dir erschaffen wurden, und durch sie so weit korrumpiert und zum Schlechteren verändert würde, dass er aus Glückseligkeit in Elend verwandelt würde und Hilfe bedürfe, wodurch er befreit und gereinigt werden könnte; und dass dieser Sprössling Deiner Substanz die Seele sei, die, gefangen gehalten, befleckt, korrumpiert, durch Dein Wort, frei, rein und ganz, erlöst werden könnte; wobei jenes Wort selbst noch korruptibel wäre, weil es von ein und derselben Substanz war. Sollten sie also behaupten, Du seiest, was immer Du auch bist, das heißt Deine Substanz, durch die Du bist, unvergänglich, dann wären all diese Aussagen falsch und verabscheuungswürdig; wenn aber vergänglich, so zeigte die Aussage selbst, dass sie falsch und empörend ist." Dieses Argument des Nebridius genügte also gegen jene, die es völlig verdienten, aus dem überladenen Magen ausgespien zu werden; denn sie hatten keinen Ausweg, ohne schreckliche Gotteslästerung des Herzens und der Zunge, so von Dir zu denken und zu sprechen.

Aber auch ich, obwohl ich festhielt und fest davon überzeugt war, dass Du unser Herr, der wahre Gott, der nicht nur unsere Seelen, sondern auch unsere Körper erschuf, und nicht nur unsere Seelen und Körper, sondern alle Wesen und alle Dinge, unbefleckbar und unveränderlich seiest und in keiner Weise wandelbar, verstand doch nicht klar und ohne Schwierigkeit die Ursache des Bösen. Und doch, was immer es war, nahm ich wahr, dass es auf eine solche Weise zu erforschen sei, die mich nicht dazu zwinge, den unveränderlichen Gott für wandelbar zu halten, damit ich nicht selbst jenes Übel würde, das ich suchte. Ich suchte es also, soweit frei von Angst, gewiss über die Unwahrheit dessen, was jene hielten, vor denen ich mit ganzem Herzen zurückwich: denn ich sah, dass sie durch das Erforschen des Ursprungs des Bösen mit Bösem erfüllt wurden, indem sie lieber dachten, dass Deine Substanz Übles erleide, als dass ihre eigene es begehe.

Und ich strengte mich an zu begreifen, was ich nun hörte, dass der freie Wille die Ursache dafür sei, dass wir Übles tun, und Dein gerechtes Urteil der Grund dafür, dass wir Übles erleiden. Aber ich vermochte es nicht klar zu unterscheiden. Als ich also versuchte, das Gesicht meiner Seele aus jener tiefen Grube zu ziehen, wurde ich wieder hineingestoßen, und da ich es oft versuchte, wurde ich ebenso oft zurückgestoßen. Aber dies hob mich ein wenig in Dein Licht, dass ich ebenso wohl wusste, dass ich einen Willen hatte, wie dass ich lebte: wenn ich also etwas wollte oder nicht wollte, war ich höchst gewiss, dass kein anderer als ich selbst wollte oder nicht wollte: und ich sah fast, dass dort die Ursache meiner Sünde lag. Was ich aber gegen meinen Willen tat, das sah ich eher als erlitten denn als getan an, und ich urteilte, das sei nicht mein Fehler, sondern meine Strafe; wobei ich Dich jedoch für gerecht hielt, bekannte ich mich schnell dazu, nicht ungerecht bestraft zu werden. Aber wieder sagte ich: Wer machte mich? Nicht mein Gott, der nicht nur gut ist, sondern die Güte selbst? Woher kam es dann, dass ich Böses wollte und Gutes nicht wollte, sodass ich so gerecht bestraft werde? Wer pflanzte dies in mich ein und pfropfte mir diese Pflanze der Bitterkeit auf, da ich doch ganz von meinem süßesten Gott gebildet wurde? Wenn der Teufel der Urheber war, woher kommt dann jener Teufel? Und wenn er auch durch seinen eigenen verkehrten Willen von einem guten Engel zu einem Teufel wurde, woher kam wieder in ihm jener böse Wille, durch den er zum Teufel wurde, da doch die ganze Natur der Engel von jenem gütigsten Schöpfer erschaffen wurde? Durch diese Gedanken wurde ich wieder hinabgezogen und erstickt; doch nicht hinabgestoßen in jene Hölle des Irrtums (wo kein Mensch Dir beichtet), eher zu denken, dass Du Übles erleidest, als dass der Mensch es tut.

Denn ich bemühte mich auf solche Weise, das Übrige herauszufinden, wie einer, der bereits gefunden hatte, dass das Unvergängliche notwendigerweise besser sein müsse als das Vergängliche: und Dich daher, was immer Du auch seiest, bekannte ich als unvergänglich. Denn niemals war eine Seele, noch wird eine sein, die fähig ist, sich etwas vorzustellen, das besser sein könnte als Du, der Du das höchste und beste Gut bist. Da aber höchst wahr und gewiss das Unvergängliche dem Vergänglichen vorzuziehen ist (wie ich es nun vorzog), dann, wärest Du nicht unvergänglich, hätte ich in Gedanken zu etwas gelangen können, das besser ist als mein Gott. Wo ich also sah, dass das Unvergängliche dem Vergänglichen vorzuziehen ist, da sollte ich nach Dir suchen und dort beobachten, "worin das Böse selbst liege"; das heißt, woher die Korruption kommt, durch die Deine Substanz keineswegs beeinträchtigt werden kann. Denn Korruption beeinträchtigt unseren Gott in keiner Weise; durch keinen Willen, durch keine Notwendigkeit, durch keinen unvorhergesehenen Zufall: weil Er Gott ist, und was Er will, ist gut, und Er selbst ist jenes Gute; aber korrumpiert zu werden ist nicht gut. Auch wirst Du nicht gegen Deinen Willen zu irgendetwas gezwungen, da Dein Wille nicht größer ist als Deine Macht. Aber größer wäre er, wärest Du selbst größer als Du selbst. Denn der Wille und die Macht Gottes ist Gott selbst. Und was kann für Dich unvorhergesehen sein, der Du alles weißt? Noch gibt es irgendeine Natur in den Dingen, die Du nicht kennst. Und was sollten wir mehr sagen, "warum jene Substanz, die Gott ist, nicht korruptibel sein sollte", da sie, wäre sie es, nicht Gott wäre?

Und ich suchte "woher das Böse sei", und suchte auf eine böse Weise; und sah das Böse nicht in meinem Suchen selbst. Ich stellte nun vor den Blick meines Geistes die ganze Schöpfung, was immer wir darin sehen können (wie Meer, Erde, Luft, Sterne, Bäume, sterbliche Geschöpfe); ja, und was auch immer wir darin nicht sehen, wie das Firmament des Himmels, alle Engel darüber hinaus und alle geistigen Bewohner desselben. Aber diese Wesen selbst, als wären sie Körper, ordnete meine Phantasie im Raum an, und ich machte eine große Masse aus Deiner Schöpfung, unterschieden nach den Arten der Körper; einige, wirkliche Körper, andere, was ich mir selbst für Geister ausgedacht hatte. Und diese Masse machte ich riesig, nicht wie sie war (was ich nicht wissen konnte), sondern wie ich es für angemessen hielt, doch in jeder Weise endlich. Dich aber, o Herr, stellte ich mir vor, wie Du sie überall umgabst und durchdrangst, wenn auch in jeder Weise unendlich: als ob es überall ein Meer gäbe, und nach allen Seiten hin, durch unermesslichen Raum, ein einziges grenzenloses Meer, und es enthielte in sich irgendeinen Schwamm, riesig, aber begrenzt; jener Schwamm müsste notwendigerweise in all seinen Teilen von jenem unermesslichen Meer erfüllt sein: so begriff ich Deine Schöpfung, selbst endlich, voll von Dir, dem Unendlichen; und ich sagte: Siehe Gott, und siehe, was Gott erschaffen hat; und Gott ist gut, ja, mächtiger und unvergleichlich besser als all diese: aber doch hat Er, der Gute, sie gut erschaffen; und siehe, wie Er sie umgibt und erfüllt. Wo ist dann das Böse, und woher, und wie schlich es sich hier ein? Was ist seine Wurzel, und was sein Same? Oder hat es kein Sein? Warum fürchten und vermeiden wir dann, was nicht ist? Oder wenn wir es eitel fürchten, dann ist jene Furcht selbst böse, wodurch die Seele so eitel gestachelt und gemartert wird. Ja, und umso größeres Übel, als wir nichts zu fürchten haben und doch fürchten. Daher ist entweder das Böse, was wir fürchten, oder aber das Böse ist, dass wir fürchten. Woher ist es dann? Da doch Gott, der Gute, all diese Dinge gut erschaffen hat. Er wahrlich, das größere und oberste Gut, hat diese geringeren Güter erschaffen; dennoch sind sowohl Schöpfer als auch Geschöpf allesamt gut. Woher ist das Böse? Oder gab es irgendeine böse Materie, aus der Er sie machte und formte und ordnete, aber etwas darin beließ, das Er nicht in das Gute verwandelte? Warum so dann? Hatte Er keine Macht, das Ganze zu wenden und zu ändern, so dass kein Übel darin bliebe, da Er doch allmächtig ist? Schließlich, warum wollte Er überhaupt etwas daraus machen und nicht vielmehr durch dieselbe Allmacht bewirken, dass es überhaupt nicht sei? Oder konnte es dann gegen Seinen Willen sein? Oder wenn es von Ewigkeit her war, warum duldete Er es so für unendliche Zeiten in der Vergangenheit, und war es Ihm gefällig, so lange danach etwas daraus zu machen? Oder wenn es Ihm plötzlich jetzt gefiel, etwas zu bewirken, so hätte der Allmächtige vielmehr bewirken sollen, dass diese böse Materie nicht sei, und Er allein das ganze, wahre, höchste und unendliche Gute sei. Oder wenn es nicht gut war, dass Er, der gut war, nicht auch etwas formte und erschuf, das gut wäre, dann hätte Er, nachdem jene böse Materie weggenommen und zu nichts gebracht worden war, gute Materie formen können, wovon Er alle Dinge erschaffen hätte. Denn Er wäre nicht allmächtig, wenn Er nicht etwas Gutes erschaffen könnte ohne die Hilfe jener Materie, die Er selbst nicht erschaffen hatte. Diese Gedanken wälzte ich in meinem elenden Herzen, überladen mit nagendsten Sorgen, damit ich nicht stürbe, ehe ich die Wahrheit gefunden hätte; doch war der Glaube an Deinen Christus, unseren Herrn und Erlöser, wie er in der katholischen Kirche bekannt wird, fest in meinem Herzen verankert, in vielen Punkten zwar noch ungeformt und von der Regel der Lehre schwankend; doch verließ mein Geist ihn nicht völlig, sondern nahm vielmehr täglich mehr und mehr davon auf.

Zu dieser Zeit hatte ich auch die lügnerischen Weissagungen und gottlosen Verwirrungen der Astrologen verworfen. Möge Deine eigene Barmherzigkeit aus dem tiefsten Grunde meiner Seele auch hierfür Dir beichten, o mein Gott. Denn Du, Du ganz und gar (denn wer sonst ruft uns aus dem Tod aller Irrtümer zurück als das Leben, das nicht sterben kann, und die Weisheit, die, keines Lichtes bedürftig, die Geister erleuchtet, die seiner bedürfen, wodurch das Weltall gelenkt wird, bis hin zu den wirbelnden Blättern der Bäume?) – Du sorgtest für meine Widerspenstigkeit, mit der ich gegen Vindicianus stritt, einen scharfsinnigen alten Mann, und gegen Nebridius, einen jungen Mann von bewundernswerten Talenten; der erste behauptete es leidenschaftlich, der letztere aber sagte oft (wenn auch mit einigem Zweifel): „Dass es keine solche Kunst gebe, zukünftige Dinge vorherzusehen, sondern dass die Vermutungen der Menschen eine Art Lotterie seien, und dass von vielen Dingen, von denen sie sagten, sie würden eintreffen, manche tatsächlich eintrafen, ohne dass die Sprecher es wussten, die durch ihr häufiges Reden zufällig darauf stießen.“

Du sorgtest also für einen Freund für mich, der kein nachlässiger Befrager der Astrologen war, wenn auch in jenen Künsten nicht wohl bewandert, sondern (wie ich sagte) ein neugieriger Befrager bei ihnen, und doch etwas wissend, das er, wie er sagte, von seinem Vater gehört habe, wobei er nicht wusste, wie weit dies dazu beitrug, die Einschätzung jener Kunst zu stürzen. Dieser Mann also, Firminus mit Namen, der eine freie Erziehung genossen hatte und in der Rhetorik wohl unterrichtet war, befragte mich als jemanden, der ihm sehr teuer war, was ich gemäß seinen sogenannten Sternbildern über gewisse Angelegenheiten von ihm dächte, in denen seine weltlichen Hoffnungen gestiegen waren; und ich, der ich hierin nun begonnen hatte, mich der Meinung des Nebridius zuzuneigen, weigerte mich nicht ganz, zu vermuten und ihm zu sagen, was meinem unentschlossenen Geist in den Sinn kam; fügte aber hinzu, dass ich nun fast überzeugt sei, dies seien nur leere und lächerliche Torheiten. Daraufhin erzählte er mir, dass sein Vater sehr neugierig auf solche Bücher gewesen sei und einen Freund gehabt habe, der ebenso eifrig darin war wie er selbst, welche durch gemeinsames Studium und Besprechung die Flamme ihrer Zuneigung zu diesen Spielereien anfachten, sodass sie die Augenblicke beobachteten, in denen sogar die stummen Tiere, die um ihre Häuser herum gezüchtet wurden, zur Welt brachten, und dann die relative Stellung des Himmels beobachteten, um dadurch neue Experimente in dieser sogenannten Kunst anzustellen.

Er sagte also, er habe von seinem Vater gehört, dass zu der Zeit, als seine Mutter kurz vor der Entbindung von ihm, Firminus, stand, eine Dienstmagd jenes Freundes seines Vaters ebenfalls schwanger war, was ihrem Herrn nicht entgehen konnte, der mit größter Sorgfalt darauf achtete, die Geburten sogar seiner Welpen zu kennen. Und so geschah es, dass (der eine für seine Frau, der andere für seine Magd, mit sorgfältigster Beobachtung Tage, Stunden, ja, die kleineren Einteilungen der Stunden berechnend) beide im selben Augenblick niederkamen; sodass beide gezwungen waren, dieselben Sternbilder zuzugeben, bis in die kleinsten Punkte, der eine für seinen Sohn, der andere für seinen neugeborenen Sklaven. Denn sobald die Frauen in den Wehen lagen, gaben sie einander Bescheid, was in ihren Häusern geschehen war, und hatten Boten bereit, um einander zu benachrichtigen, sobald sie Kenntnis von der tatsächlichen Geburt hatten, wofür sie leicht Vorsorge getroffen hatten, jeder in seiner eigenen Provinz, um sofortige Nachricht zu geben. So trafen also die Boten der jeweiligen Parteien, wie er versicherte, in einem solchen gleichen Abstand von beiden Häusern ein, dass keiner von ihnen irgendeinen Unterschied in der Stellung der Sterne oder irgendeinen anderen kleinsten Punkt ausmachen konnte; und doch durchlief Firminus, geboren in einem hohen Stande im Hause seiner Eltern, seinen Lebensweg auf vergoldeten Pfaden, vermehrte seinen Reichtum, wurde zu Ehren erhoben; wohingegen jener Sklave seinen Herren diente, ohne jede Erleichterung seines Joches, wie Firminus, der ihn kannte, mir erzählte.

Nachdem ich diese Dinge von jemandem von solcher Glaubwürdigkeit gehört und geglaubt hatte, wich mein gesamter Widerstand; und zuerst versuchte ich, Firminus selbst von dieser Neugier abzubringen, indem ich ihm sagte, dass ich bei der Prüfung seiner Sternbilder, wenn ich wahrhaftig weissagen wollte, in ihnen Eltern hätte sehen müssen, die unter ihren Nachbarn hervorragen, eine edle Familie in ihrer eigenen Stadt, hohe Geburt, gute Erziehung, freie Gelehrsamkeit. Hätte mich aber jener Diener über dieselben Sternbilder befragt, da sie auch die seinen waren, hätte ich wiederum (um auch ihm die Wahrheit zu sagen) in ihnen eine Abstammung von der untersten Art sehen müssen, einen sklavischen Zustand und alles andere, was im völligen Widerspruch zum Ersteren steht. Woher also sollte ich, wenn ich die Wahrheit spräche, aus denselben Sternbildern Verschiedenes sagen, oder wenn ich dasselbe spräche, lügen: Daraus folgte mit Sicherheit, dass alles, was bei der Betrachtung der Sternbilder wahr gesprochen wurde, nicht aus Kunst, sondern aus Zufall gesprochen wurde; und alles, was falsch gesprochen wurde, nicht aus Unwissenheit in der Kunst, sondern aus dem Scheitern des Zufalls.

Nachdem ein solcher Anfang gemacht war und ich bei mir selbst über dergleichen nachdachte, damit keiner jener Toren (die von einem solchen Handwerk lebten und die ich anzugreifen und mit Spott zu widerlegen sehnte) gegen mich vorbringen könnte, Firminus habe mich falsch informiert oder sein Vater ihn, lenkte ich meine Gedanken auf diejenigen, die als Zwillinge geboren werden, die meist so kurz nacheinander aus dem Mutterleib kommen, dass der kleine Zwischenraum (welche Kraft man der Natur der Dinge auch zuschreiben mag) nicht durch menschliche Beobachtung bemerkt oder in jenen Figuren, die der Astrologe prüfen soll, um wahrhaftig zu sprechen, überhaupt ausgedrückt werden kann. Dennoch können sie nicht wahr sein: Denn beim Blick in dieselben Figuren müsste er von Esau und Jakob dasselbe vorhergesagt haben, während ihnen doch nicht dasselbe geschah. Daher muss er falsch sprechen; oder wenn wahr, dann darf er beim Blick in dieselben Figuren nicht dieselbe Antwort geben. Nicht durch Kunst also, sondern durch Zufall würde er wahr sprechen. Denn Du, o Herr, gerechtester Lenker des Weltalls, wirkst – während Befrager und Befragte es nicht wissen –, durch Deine verborgene Eingebung, dass der Befrager das hört, was er gemäß den verborgenen Verdiensten der Seelen aus der unerforschlichen Tiefe Deines gerechten Urteils hören sollte, zu dem kein Mensch sage: Was ist das? Warum jenes? Das sage er nicht, denn er ist Mensch.

Nun also, o mein Helfer, hattest Du mich von jenen Fesseln gelöst: und ich suchte „woher das Übel sei“, und fand keinen Weg. Aber Du ließest nicht zu, dass ich durch irgendwelche Schwankungen des Denkens vom Glauben weggetragen würde, durch den ich glaubte, dass Du sowohl bist als auch Dein Wesen unveränderlich ist, und dass Du Sorge für die Menschen trägst und sie richten wirst, und dass Du in Christus, Deinem Sohn, unserem Herrn, und in den heiligen Schriften, die die Autorität Deiner katholischen Kirche mir nahelegte, den Weg zum Heil des Menschen dorthin bestimmt hast, zu jenem Leben, das nach diesem Tode sein wird. Da diese Dinge sicher und unerschütterlich in meinem Geist feststanden, suchte ich angstvoll „woher das Übel sei“. Welche Qualen durchlief mein drängendes Herz, welche Seufzer, o mein Gott! Doch auch da waren Deine Ohren offen, und ich wusste es nicht; und wenn ich in der Stille heftig suchte, waren jene stillen Zerknirschungen meiner Seele laute Schreie zu Deiner Barmherzigkeit. Du wusstest, was ich litt, und kein Mensch. Denn was war das, was von da durch meine Zunge in die Ohren meiner vertrautesten Freunde tröpfelte? Erreichte sie der ganze Aufruhr meiner Seele, für den weder Zeit noch Ausdruck ausreichte? Doch stieg alles zu Deinem Gehör empor, alles, was ich aus den Stöhnen meines Herzens brüllte; und mein Verlangen war vor Dir, und das Licht meiner Augen war nicht mit mir: denn jenes war drinnen, ich draußen; noch war jenes an einen Ort gebunden, doch war ich auf Dinge fixiert, die an Orten enthalten sind, aber dort fand ich keine Ruhestätte, noch nahmen sie mich so auf, dass ich sagen könnte: „Es ist genug“, „es ist wohl“: noch ließen sie mich umkehren, wo es mir wohl genug sein könnte. Denn diesen Dingen war ich überlegen, Dir aber unterlegen; und Du bist meine wahre Freude, wenn ich Dir unterworfen bin, und Du hattest mir unterworfen, was Du unter mir erschufst. Und dies war das wahre Gleichmaß und der mittlere Bereich meines Heils, in Deinem Bild zu verharren und durch das Dienen an Dir den Körper zu beherrschen. Als ich mich aber stolz gegen Dich erhob und mit dem Nacken gegen den Herrn rannte, mit den dicken Buckeln meines Schildes, da wurden selbst diese niederen Dinge über mich gesetzt und drückten mich nieder, und nirgendwo gab es Ruhe oder Raum zum Atmen. Sie trafen meinen Blick von allen Seiten in Haufen und Scharen, und im Gedanken stellten sich ihre Bilder ungebeten dar, als ich zu Dir zurückkehren wollte, als ob sie zu mir sagen wollten: „Wohin gehst du, Unwürdiger und Befleckter?“ Und diese Dinge waren aus meiner Wunde gewachsen; denn Du „demütigtest den Stolzen wie einen Verwundeten“, und durch meine eigene Schwellung war ich von Dir getrennt; ja, mein stolz geschwollenes Gesicht verschloss meine Augen.

Aber Du, Herr, bleibst in Ewigkeit, doch nicht ewig bist Du zornig auf uns; weil Du unseren Staub und unsere Asche bemitleidest, und es war wohlgefällig in Deinen Augen, meine Missgestalten zu reformieren; und durch innere Stacheln hast Du mich aufgeweckt, dass ich unruhig sein sollte, bis Du meinem inneren Blick offenbart würdest. So wurde durch die geheime Hand Deiner Heilung meine Schwellung gemindert, und das trübe und verdunkelte Sehvermögen meines Geistes wurde durch die brennenden Salbungen heilsamer Sorgen von Tag zu Tag geheilt.

Und Du, der Du mir zuerst zeigen wolltest, wie Du den Stolzen widerstehst, aber den Demütigen Gnade gibst, und durch welch großen Akt Deiner Barmherzigkeit Du den Menschen den Weg der Demut vorgezeichnet hattest, indem Dein Wort Fleisch wurde und unter den Menschen wohnte: – Du verschafftest mir durch einen mit unnatürlichstem Stolz aufgeblähten Menschen gewisse Bücher der Platoniker, die aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt waren. Und darin las ich, zwar nicht mit denselben Worten, aber in demselben Sinne, bekräftigt durch viele und verschiedene Gründe, dass Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort: Dasselbe war im Anfang bei Gott: alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht: was durch dasselbe gemacht ist, ist Leben, und das Leben war das Licht der Menschen, und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. Und dass die Seele des Menschen, obgleich sie Zeugnis gibt für das Licht, doch selbst nicht jenes Licht ist; sondern das Wort Gottes, da es Gott ist, ist jenes wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Und dass Er in der Welt war, und die Welt durch Ihn gemacht ist, und die Welt Ihn nicht erkannte. Dass Er aber in Sein Eigentum kam und die Seinen Ihn nicht aufnahmen; wie viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden, wie viele an Seinen Namen glaubten; dies las ich dort nicht.

Wiederum las ich dort, dass Gott, das Wort, nicht aus Fleisch noch aus Blut, noch aus dem Willen des Mannes, noch aus dem Willen des Fleisches, sondern aus Gott geboren wurde. Dass aber das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte, las ich dort nicht. Denn ich las in jenen Büchern, dass auf viele und verschiedene Weise gesagt wurde, dass der Sohn in der Gestalt des Vaters sei und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, weil Er von Natur aus dasselbe Wesen sei. Dass Er sich aber selbst entäußerte, Knechtsgestalt annahm, in der Gleichheit der Menschen gemacht und in der Gestalt als ein Mensch gefunden wurde, sich selbst erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuze: weshalb Gott Ihn von den Toten erhöhte und Ihm einen Namen gab, der über alle Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind; und dass jede Zunge bekenne, dass der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist; das haben jene Bücher nicht. Denn dass vor allen Zeiten und über allen Zeiten Dein Eingeborener Sohn unveränderlich bleibt, mit Dir koewig, und dass Seelen aus Seiner Fülle empfangen, damit sie selig seien; und dass sie durch die Teilhabe an der in ihnen bleibenden Weisheit erneuert werden, sodass sie weise sind, das steht dort. Dass Er aber zu seiner Zeit für die Gottlosen starb; und dass Du Deinen einzigen Sohn nicht verschontest, sondern Ihn für uns alle dahingabst, steht nicht dort. Denn Du verbargst diese Dinge vor den Weisen und offenbartest sie den Unmündigen; damit die, die mühselig und beladen sind, zu Ihm kommen möchten und Er sie erquicke, weil Er sanftmütig und von Herzen demütig ist; und die Sanftmütigen leitet Er im Gericht und die Sanften lehrt Er Seine Wege, indem Er auf unsere Niedrigkeit und Not blickt und alle unsere Sünden vergibt. Diejenigen aber, die auf dem hohen Pfad irgendeiner vermeintlich erhabeneren Gelehrsamkeit erhoben sind, hören Ihn nicht, der da spricht: Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Obgleich sie Gott erkannten, verherrlichten sie Ihn nicht als Gott, noch waren sie dankbar, sondern verfielen in Eitelkeit in ihren Gedanken; und ihr törichtes Herz wurde verfinstert; indem sie sich für weise ausgaben, wurden sie zu Toren.

Und deshalb las ich dort auch, dass sie die Herrlichkeit Deiner unvergänglichen Natur verwandelt hatten in Götzen und verschiedene Gestalten, in das Bild eines vergänglichen Menschen, und von Vögeln, und vierfüßigen Tieren, und kriechendem Getier; nämlich in jene ägyptische Speise, für die Esau sein Erstgeburtsrecht verlor, weil Dein erstgeborenes Volk das Haupt eines vierfüßigen Tieres anstatt Deiner anbetete; sich im Herzen nach Ägypten zurückwendend; und Dein Bild, ihre eigene Seele, vor dem Bild eines Kalbes beugten, das Heu frisst. Diese Dinge fand ich dort, aber ich nährte mich nicht von ihnen. Denn es gefiel Dir, o Herr, die Schmach der Minderung von Jakob zu nehmen, dass der Ältere dem Jüngeren dienen sollte: und Du riefst die Heiden in Dein Erbe. Und ich war unter den Heiden zu Dir gekommen; und ich richtete meinen Sinn auf das Gold, das Du Dein Volk aus Ägypten nehmen ließest, da es Dein war, wo immer es auch sei. Und zu den Athenern sagtest Du durch Deinen Apostel, dass wir in Dir leben, uns bewegen und sind, wie einer ihrer eigenen Dichter gesagt hatte. Und wahrlich, diese Bücher kamen von dort. Aber ich richtete meinen Sinn nicht auf die Götzen Ägyptens, denen sie mit Deinem Gold dienten, die die Wahrheit Gottes in Lüge verwandelten und das Geschöpf mehr verehrten und ihm dienten als dem Schöpfer.

Und dadurch ermahnt, zu mir selbst zurückzukehren, trat ich in mein innerstes Selbst ein, wobei Du mein Führer warst: und ich konnte es, denn Du warst mein Helfer geworden. Und ich trat ein und schaute mit dem Auge meiner Seele (wie es nun einmal war), über demselben Auge meiner Seele, über meinem Geist, das Unveränderliche Licht. Nicht dieses gewöhnliche Licht, das alles Fleisch schauen kann, noch gleichsam ein größeres derselben Art, als ob die Helligkeit dieses Lichts um ein Vielfaches heller wäre und mit seiner Größe den ganzen Raum einnähme. Nicht ein solches war dieses Licht, sondern ein anderes, ja, weit anderes als diese. Noch war es über meiner Seele wie Öl über Wasser, noch wie der Himmel über der Erde: sondern es war über meiner Seele, weil es mich gemacht hatte; und ich unter ihm, weil ich von ihm gemacht war. Wer die Wahrheit kennt, der weiß, was jenes Licht ist; und wer es kennt, der kennt die Ewigkeit. Die Liebe kennt es. O Wahrheit, die Du die Ewigkeit bist! Und Liebe, die Du die Wahrheit bist! Und Ewigkeit, die Du die Liebe bist! Du bist mein Gott, zu Dir seufze ich Tag und Nacht. Als ich Dich zuerst erkannte, da hobst Du mich empor, damit ich sähe, dass es etwas gebe, das ich sehen könnte, und dass ich noch nicht so weit sei, es zu sehen. Und Du schlugst die Schwäche meines Blickes zurück, indem Du Deine Strahlen des Lichtes am stärksten auf mich ausstrahltest, und ich bebte vor Liebe und Ehrfurcht: und ich nahm wahr, dass ich fern von Dir war, in der Region der Unähnlichkeit, als hörte ich diese Deine Stimme von oben: „Ich bin die Speise der Erwachsenen; wachse, und du wirst Mich speisen; noch wirst du Mich wie die Speise deines Fleisches in dich verwandeln, sondern du wirst in Mich verwandelt werden.“ Und ich lernte, dass Du den Menschen wegen seiner Ungerechtigkeit züchtigst, und Du ließest meine Seele zergehen wie eine Spinne. Und ich sagte: „Ist die Wahrheit deshalb nichts, weil sie nicht durch endlichen oder unendlichen Raum ausgebreitet ist?“ Und Du riefst mir aus der Ferne zu: „Ja, wahrlich, ICH BIN, DER ICH BIN.“ Und ich hörte es, wie das Herz hört, noch hatte ich Raum zu zweifeln, und ich würde eher zweifeln, dass ich lebe, als dass die Wahrheit nicht ist, die klar gesehen wird, indem sie durch jene Dinge verstanden wird, die gemacht sind.

Und ich schaute auf die anderen Dinge unter Dir, und ich nahm wahr, dass sie weder ganz sind, noch ganz nicht sind; denn sie sind, weil sie von Dir sind, aber sie sind nicht, weil sie nicht das sind, was Du bist. Denn das ist wahrhaftig, was unveränderlich bleibt. Es ist also gut für mich, an Gott festzuhalten; denn wenn ich nicht in Ihm bleibe, kann ich es nicht in mir selbst; Er aber, in sich selbst bleibend, erneuert alles. Und Du bist der Herr, mein Gott, da Du meiner Güte nicht bedarfst.

Und es wurde mir offenbart, dass jene Dinge gut sind, die dennoch verderbt sind; welche weder oberste Güter waren, noch könnten sie verderbt werden, wenn sie nicht gut wären: denn wären sie oberste Güter, so wären sie unvergänglich; wären sie gar nicht gut, so gäbe es nichts in ihnen, das verderbt werden könnte. Denn Verderbnis schadet, aber wenn sie nicht die Güte mindern würde, könnte sie nicht schaden. Entweder also schadet die Verderbnis nicht, was nicht sein kann; oder, was am gewissesten ist, alles, was verderbt wird, wird der Güte beraubt. Wenn sie aber aller Güte beraubt wären, würden sie aufhören zu sein. Denn wenn sie sein sollen und nun nicht mehr verderbt werden können, so werden sie besser sein als zuvor, weil sie unvergänglich bleiben werden. Und was ist ungeheuerlicher, als zu behaupten, Dinge würden besser, indem sie all ihre Güte verlieren? Deshalb, wenn sie aller Güte beraubt sein sollen, werden sie nicht mehr sein. Solange sie also sind, sind sie gut: daher ist alles, was ist, gut. Jene Übel also, die ich suchte, woher sie sind, sind keine Substanz: denn wäre es eine Substanz, so müsste sie gut sein. Denn entweder wäre sie eine unvergängliche Substanz und somit ein höchstes Gut: oder eine verderbliche Substanz; welche, wäre sie nicht gut, nicht verderbt werden könnte. Ich nahm also wahr, und es wurde mir offenbart, dass Du alles gut gemacht hast, noch gibt es irgendeine Substanz überhaupt, die Du nicht gemacht hättest; und weil Du nicht alle Dinge gleich gemacht hast, deshalb sind alle Dinge; weil jedes gut ist und alles zusammen sehr gut, weil unser Gott alles sehr gut gemacht hat.

Und für Dich ist absolut nichts böse: ja, nicht nur für Dich, sondern auch für Deine Schöpfung als Ganzes, da es nichts außerhalb gibt, das einbrechen und jene Ordnung verderben könnte, die Du ihr bestimmt hast. Doch in ihren Teilen werden manche Dinge, weil sie mit anderen nicht im Einklang stehen, als böse erachtet: während ebendiese Dinge mit anderen im Einklang stehen und gut sind; und in sich selbst sind sie gut. Und all diese Dinge, die nicht zusammenstimmen, stimmen doch mit dem niederen Teil überein, den wir Erde nennen, die ihren eigenen wolkigen und windigen Himmel hat, der mit ihr im Einklang steht. Fern sei es also von mir, zu sagen: „Diese Dinge sollten nicht sein“: denn sähe ich nichts als diese, so würde ich zwar nach dem Besseren verlangen; dennoch müsste ich selbst für diese allein Dich preisen; denn dass Du zu preisen bist, zeigen von der Erde her Drachen und alle Tiefen, Feuer, Hagel, Schnee, Eis und stürmischer Wind, die Dein Wort erfüllen; Berge und alle Hügel, fruchtbare Bäume und alle Zedern; Tiere und alles Vieh, kriechendes Getier und fliegendes Gefieder; Könige der Erde und alle Völker, Fürsten und alle Richter der Erde; Jünglinge und Jungfrauen, Greise und Kinder, sie preisen Deinen Namen. Aber wenn vom Himmel her diese Dich preisen, preisen Dich, unseren Gott, in der Höhe alle Deine Engel, alle Deine Heerscharen, Sonne und Mond, alle Sterne und das Licht, der Himmel der Himmel und die Wasser, die über den Himmeln sind, sie preisen Deinen Namen; ich verlangte nun nicht mehr nach besseren Dingen, weil ich alle begriff: und mit einem gesünderen Urteil erkannte ich, dass die Dinge droben besser waren als diese hier unten, aber alles zusammen besser als jene droben für sich allein.

Es ist keine Gesundheit in denen, denen irgendetwas von Deiner Schöpfung missfällt: so wie auch nicht in mir, als mir vieles missfiel, das Du erschaffen hast. Und weil meine Seele nicht wagte, von ihrem Gott missfallen zu sein, wollte sie das, was ihr missfiel, nicht für Dein halten. Daher war sie in die Meinung von zwei Substanzen verfallen und fand keine Ruhe, sondern redete töricht. Und von dort zurückkehrend, hatte sie sich einen Gott gemacht durch unendliche Maße allen Raumes; und hielt ihn für Dich und setzte ihn in ihr Herz; und war wieder zum Tempel ihres eigenen Götzen geworden, der Dir ein Gräuel ist. Aber nachdem Du mein Haupt besänftigt hattest, ohne dass ich es wusste, und meine Augen geschlossen hattest, damit sie die Eitelkeit nicht sähen, ließ ich ein wenig von meinem früheren Selbst ab, und mein Wahnsinn wurde in den Schlaf gewiegt; und ich erwachte in Dir und sah Dich unendlich, aber auf eine andere Weise, und dieser Anblick stammte nicht vom Fleisch.

Und ich blickte auf andere Dinge zurück; und ich sah, dass sie ihr Dasein Dir verdankten; und alle in Dir begrenzt waren: aber auf eine andere Weise; nicht als wären sie im Raum; sondern weil Du alle Dinge in Deiner Hand in Deiner Wahrheit hältst; und alle Dinge sind wahr, insofern sie sind, noch gibt es eine Falschheit, außer wenn das für seiend gehalten wird, was nicht ist. Und ich sah, dass alle Dinge harmonierten, nicht nur mit ihren Orten, sondern auch mit ihren Zeiten. Und dass Du, der Du allein ewig bist, nicht erst zu wirken begannest, nachdem unzählige Zeiträume vergangen waren; denn alle Zeiträume, sowohl die, die vergangen sind, als auch die, die vergehen werden, gehen nicht und kommen nicht, sondern durch Dich, wirkend und bleibend.

Und ich nahm wahr und fand es nicht seltsam, dass Brot, das einem gesunden Gaumen angenehm ist, einem Kranken ekelhaft ist: und kranken Augen ist das Licht anstößig, das dem Gesunden erfreulich ist. Und Deine Gerechtigkeit missfällt den Gottlosen; umso mehr der Viper und dem Kriechtier, die Du gut erschaffen hast, passend zu den niederen Teilen Deiner Schöpfung, mit denen auch die sehr Gottlosen übereinstimmen; und das umso mehr, je unähnlicher sie Dir sind; mit den höheren Geschöpfen aber, je ähnlicher sie Dir werden. Und ich fragte, was Ungerechtigkeit sei, und fand sie als keine Substanz, sondern als die Verkehrtheit des Willens, der sich von Dir, o Gott, dem Höchsten, abwandte hin zu diesen niederen Dingen und sein Inneres ausstieß und sich nach außen hin aufblähte.

Und ich wunderte mich, dass ich nun Dich liebte und kein Trugbild für Dich. Und doch drängte ich nicht darauf, meinen Gott zu genießen; sondern wurde durch Deine Schönheit zu Dir emporgehoben und bald durch meine eigene Schwere von Dir hinabgezogen, mit Trauer in diese niederen Dinge sinkend. Diese Schwere war die fleischliche Gewohnheit. Doch wohnte in mir ein Gedenken an Dich; noch zweifelte ich in irgendeiner Weise daran, dass es Einen gab, an dem ich hangen konnte, aber dass ich noch nicht so weit war, an Dir zu hangen: denn der Leib, der verwest, drückt die Seele nieder, und das irdische Zelt beschwert den Geist, der über vieles nachsinnt. Und ich war mir am gewissesten, dass Deine unsichtbaren Werke seit Erschaffung der Welt klar gesehen werden, verstanden durch die Dinge, die gemacht sind, ja Deine ewige Kraft und Gottheit. Denn als ich untersuchte, woher es kam, dass ich die Schönheit der himmlischen oder irdischen Körper bewunderte; und was mir dabei half, über Veränderliches gesund zu urteilen und auszusprechen: „Dies sollte so sein, dies nicht“; als ich untersuchte, sage ich, woher es kam, dass ich so urteilte, da ich ja so urteilte, hatte ich die unveränderliche und wahre Ewigkeit der Wahrheit über meinem veränderlichen Geist gefunden. Und so schritt ich nach und nach von den Körpern zur Seele fort, die durch die leiblichen Sinne wahrnimmt; und von dort zu ihrer inneren Fähigkeit, welcher die leiblichen Sinne die äußeren Dinge darstellen, wohin die Fähigkeiten der Tiere reichen; und von dort wieder zur vernünftigen Fähigkeit, an die das verwiesen wird, was von den Sinnen des Leibes empfangen wurde, um beurteilt zu werden. Diese, als sie fand, dass auch sie in mir ein veränderliches Ding war, erhob sich zu ihrem eigenen Verständnis und zog meine Gedanken von der Macht der Gewohnheit ab, indem sie sich von jenen Scharen widersprüchlicher Trugbilder zurückzog; damit sie fände, was jenes Licht sei, von dem sie benetzt wurde, als sie ohne alles Zweifeln ausrief: „Dass das Unveränderliche dem Veränderlichen vorzuziehen sei“; woher sie auch jenes Unveränderliche kannte, das sie, hätte sie es nicht irgendwie gekannt, nicht auf sicherem Grund hätte dem Veränderlichen vorziehen können. Und so gelangte sie mit dem Blitz eines zitternden Blickes zum, DAS DA IST. Und dann sah ich Deine unsichtbaren Dinge, verstanden durch die Dinge, die gemacht sind. Aber ich konnte meinen Blick nicht darauf festigen; und meine Schwachheit wurde zurückgeschlagen, ich wurde wieder auf meine gewohnten Gewohnheiten zurückgeworfen und trug nur eine liebende Erinnerung daran mit mir und ein Verlangen nach dem, wovon ich gleichsam den Duft wahrgenommen, aber noch nicht fähig war, mich zu nähren.

Dann suchte ich einen Weg, Stärke zu erlangen, die hinreicht, Dich zu genießen; und fand ihn nicht, bis ich jenen Mittler zwischen Gott und den Menschen umfing, den Menschen Christus Jesus, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit, der mir zurief und sprach: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und der jene Speise, die ich nicht zu empfangen vermochte, mit unserem Fleisch vermengte. Denn das Wort ward Fleisch, auf dass Deine Weisheit, durch die Du alles erschaffen hast, Milch für unseren kindlichen Zustand bereithalte. Denn ich hielt mich nicht an meinen Herrn Jesus Christus, ich, der Gedemütigte, an den Demütigen; noch wusste ich, wohin Seine Schwachheit uns führen würde. Denn Dein Wort, die ewige Wahrheit, weit über den höheren Teilen Deiner Schöpfung, erhebt die Unterworfenen zu Sich Selbst: aber in dieser niederen Welt baute es sich eine niedrige Wohnstatt aus unserem Lehm, um von sich selbst jene herabzusetzen, die unterworfen werden wollten, und sie zu Sich Selbst hinüberzuführen; ihr Schwellen zu lindern und ihre Liebe anzufachen; auf dass sie nicht weiter im Selbstvertrauen fortgingen, sondern eher zustimmten, schwach zu werden, da sie vor ihren Füßen die Göttlichkeit schwach sahen, indem sie unsere härene Kleider annahm; und ermüdet konnten sie sich auf sie werfen, und sie, indem sie auferstand, konnte sie aufheben.

Ich dachte aber anders; ich begriff meinen Herrn Christus nur als einen Menschen von vortrefflicher Weisheit, dem niemand gleichkommen konnte; besonders deshalb, weil Er, wunderbar von einer Jungfrau geboren, in Übereinstimmung damit durch die göttliche Fürsorge für uns jene große Überlegenheit an Autorität erlangt zu haben schien, als ein Beispiel der Verachtung des Zeitlichen für die Erlangung der Unsterblichkeit. Aber welches Geheimnis darin lag: „Das Wort ward Fleisch“, konnte ich mir nicht einmal vorstellen. Nur hatte ich aus dem gelernt, was uns in der Schrift von Ihm überliefert ist, dass Er aß, trank, schlief, wandelte, sich im Geiste freute, betrübt war, lehrte; dass jenes Fleisch nicht von selbst an Deinem Wort klebte, sondern mit der menschlichen Seele und dem menschlichen Geist. Das wissen alle, die die Unveränderlichkeit Deines Wortes kennen, die ich nun kannte, soweit ich konnte, noch zweifelte ich daran in keiner Weise. Denn nun die Glieder des Leibes durch den Willen zu bewegen, nun nicht, nun von irgendeiner Regung bewegt zu werden, nun nicht, nun weise Sprüche durch menschliche Zeichen zu verkünden, nun zu schweigen, gehört zur Seele und zum Geist, die der Veränderung unterworfen sind. Und sollten diese Dinge falsch über Ihn geschrieben sein, würden auch alle übrigen die Anklage riskieren, noch bliebe in jenen Büchern irgendein rettender Glaube für das Menschengeschlecht. Da sie also wahr geschrieben sind, erkannte ich einen vollkommenen Menschen in Christus; nicht nur den Leib eines Menschen, noch, mit dem Leib, eine empfindende Seele ohne eine vernünftige, sondern wahrhaft Mensch; den ich, nicht nur als eine Gestalt der Wahrheit, sondern wegen einer gewissen großen Vortrefflichkeit der menschlichen Natur und einer vollkommeneren Teilhabe an der Weisheit, für vorzüglicher gegenüber anderen hielt. Aber Alypius wähnte, die Katholiken glaubten, Gott sei derart mit Fleisch bekleidet, dass außer Gott und Fleisch überhaupt keine Seele in Christus sei, und dachte nicht, dass Ihm ein menschlicher Geist zugeschrieben werde. Und weil er wohl überzeugt war, dass die von Ihm aufgezeichneten Taten nur von einem lebendigen und vernünftigen Geschöpf vollbracht werden konnten, bewegte er sich langsamer zum christlichen Glauben. Aber als er später verstand, dass dies der Irrtum der apollinarischen Häretiker war, freute er sich und wurde dem katholischen Glauben gleichförmig. Doch etwas später, das bekenne ich, lernte ich, wie in jenem Wort: Das Wort ward Fleisch, die katholische Wahrheit von der Falschheit des Photinus unterschieden wird. Denn die Zurückweisung der Häretiker lässt die Lehrsätze Deiner Kirche und die gesunde Lehre deutlicher hervortreten. Denn es muss auch Häresien geben, damit die Bewährten offenbar werden unter den Schwachen.

Aber nachdem ich jene Bücher der Platoniker gelesen und daraus gelernt hatte, nach unkörperlicher Wahrheit zu suchen, sah ich Deine unsichtbaren Dinge, verstanden durch jene Dinge, die gemacht sind; und obgleich zurückgeworfen, nahm ich wahr, was das war, an dessen Betrachtung ich durch die Finsternis meines Geistes gehindert wurde, versichert, „dass Du wärst und unendlich wärst, und doch nicht im Raum zerstreut, weder endlich noch unendlich; und dass Du wahrlich Der bist, Der Du bist, der immer derselbe ist, in keinem Teil noch in keiner Bewegung sich ändernd; und dass alle anderen Dinge von Dir sind, auf diesem sichersten Grund allein, dass sie sind.“ Dieser Dinge war ich gewiss, doch zu ungewiss, um Dich zu genießen. Ich schwätzte wie einer, der wohlbewandert ist; aber hätte ich nicht Deinen Weg in Christus, unserem Retter, gesucht, wäre ich nicht bewandert, sondern umgekommen. Denn nun hatte ich begonnen, weise erscheinen zu wollen, erfüllt von meiner eigenen Strafe, doch ich trauerte nicht, sondern verachtete vielmehr, aufgebläht durch Wissen. Denn wo war jene Liebe, die auf dem Fundament der Demut baut, welches Christus Jesus ist? Oder wann sollten mich diese Bücher sie lehren? Darauf, so glaube ich, ließest Du mich deshalb stoßen, bevor ich Deine Heilige Schrift studierte, damit es meinem Gedächtnis eingeprägt würde, wie mir bei ihnen zumute war; und dass ich später, wenn mein Geist durch Deine Bücher gezähmt und meine Wunden von Deinen heilenden Fingern berührt waren, zwischen Anmaßung und Bekenntnis unterscheiden und erkennen könnte; zwischen denen, die sahen, wohin sie gehen sollten, aber den Weg nicht sahen, und dem Weg, der dazu führt, nicht nur zu schauen, sondern im beglückenden Lande zu wohnen. Denn wäre ich zuerst in Deiner Heiligen Schrift gebildet worden und wärst Du mir im vertrauten Gebrauch derselben süß geworden, und wäre ich dann auf jene anderen Bände gestoßen, hätten sie mich vielleicht vom festen Grund der Frömmigkeit weggezogen, oder, hätte ich in jener heilsamen Verfassung verharrt, die ich daraus getrunken hatte, hätte ich denken können, dies könne durch das Studium jener Bücher allein erlangt werden.

Eifriger ergriff ich also jene ehrwürdige Schrift Deines Geistes; und vor allem den Apostel Paulus. Daraufhin verschwanden jene Schwierigkeiten, in denen er mir einst zu widersprechen schien und der Wortlaut seines Vortrags nicht mit den Zeugnissen des Gesetzes und der Propheten übereinzustimmen. Und das Angesicht jenes reinen Wortes erschien mir als ein und dasselbe; und ich lernte mit Zittern mich zu freuen. So begann ich; und welche Wahrheit ich auch in jenen anderen Büchern gelesen hatte, fand ich hier inmitten des Lobes Deiner Gnade; damit, wer sieht, sich nicht so rühmt, als hätte er nicht empfangen, nicht nur was er sieht, sondern auch, dass er sieht (denn was hat er, das er nicht empfangen hätte?), und damit er nicht nur ermahnt werde, Dich zu schauen, der Du immer derselbe bist, sondern auch geheilt werde, Dich zu halten; und damit der, der nicht in die Ferne sehen kann, doch auf dem Weg wandle, auf dem er gelangen und Dich schauen und halten kann. Denn, obgleich ein Mensch sich am Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen ergötzt, was soll er mit jenem anderen Gesetz in seinen Gliedern anfangen, das wider das Gesetz seines Sinnes streitet und ihn in die Gefangenschaft unter das Gesetz der Sünde bringt, das in seinen Gliedern ist? Denn Du bist gerecht, o Herr, aber wir haben gesündigt und Ungerechtigkeit begangen und gottlos gehandelt, und Deine Hand ist schwer auf uns geworden, und wir sind mit Recht jenem alten Sünder, dem König des Todes, überantwortet worden; weil er unseren Willen überredete, seinem Willen gleich zu sein, durch den er nicht in Deiner Wahrheit blieb. Was soll der elende Mensch tun? Wer wird ihn von dem Leibe dieses Todes erlösen, als nur Deine Gnade durch Jesus Christus, unseren Herrn, den Du als mit Dir ewig gezeugt und im Anfang Deiner Wege gebildet hast, in dem der Fürst dieser Welt nichts fand, das des Todes würdig wäre, und doch tötete er Ihn; und der Schuldbrief, der gegen uns war, wurde ausgetilgt? Dies enthalten jene Schriften nicht. Jene Seiten bieten nicht das Bild dieser Frömmigkeit, die Tränen des Bekenntnisses, Dein Opfer, einen betrübten Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz, das Heil des Volkes, die Brautstadt, das Unterpfand des Heiligen Geistes, den Kelch unserer Erlösung. Niemand singt dort: Soll sich meine Seele nicht Gott unterwerfen? denn von Ihm kommt mein Heil. Denn Er ist mein Gott und mein Heil, mein Beschützer, ich werde nicht mehr wanken. Niemand hört dort Ihn rufen: Kommt her zu Mir, alle, die ihr mühselig seid. Sie verschmähen es, von Ihm zu lernen, weil Er sanftmütig und von Herzen demütig ist; denn diese Dinge hast Du vor den Weisen und Klugen verborgen und hast sie den Unmündigen offenbart. Denn es ist eines, vom struppigen Gipfel des Berges das Land des Friedens zu sehen und keinen Weg dorthin zu finden; und vergeblich durch unwegsame Pfade zu versuchen, die von Flüchtlingen und Überläufern unter ihrem Hauptmann, dem Löwen und dem Drachen, besetzt und belagert sind: und ein anderes, auf dem Weg zu bleiben, der dorthin führt, bewacht von der Heerschar des himmlischen Feldherrn; wo jene nicht rauben, die aus dem himmlischen Heer desertiert sind; denn sie meiden ihn wie die reine Qual. Diese Dinge drangen wunderbar in mein Inneres, als ich jenen Geringsten Deiner Apostel las und über Deine Werke nachdachte und außerordentlich bebte.

BUCH VIII

O mein Gott, lass mich mit Danksagung Deiner Barmherzigkeit an mir gedenken und Dir bekennen. Lass meine Gebeine von Deiner Liebe benetzt werden und lass sie zu Dir sagen: Wer ist wie Du, o Herr? Du hast meine Bande zerrissen, ich will Dir das Opfer des Lobes darbringen. Und wie Du sie zerrissen hast, will ich verkünden; und alle, die Dich anbeten, wenn sie dies hören, werden sagen: „Gelobt sei der Herr, im Himmel und auf Erden, groß und wunderbar ist sein Name.“ Deine Worte hatten sich tief in mein Herz eingegraben, und ich war von allen Seiten von Dir umzäunt. Deines ewigen Lebens war ich nun gewiss, obgleich ich es im Gleichnis und wie durch einen Spiegel sah. Doch hatte ich aufgehört zu zweifeln, dass es eine unvergängliche Substanz gab, woher alle andere Substanz war; noch verlangte ich nun, Deiner gewisser zu werden, sondern standhafter in Dir. Aber was mein zeitliches Leben betraf, so war alles schwankend, und mein Herz musste von dem alten Sauerteig gereinigt werden. Der Weg, der Retter Selbst, gefiel mir wohl, aber noch schreckte ich davor zurück, durch seine Enge zu gehen. Und Du gabst mir in den Sinn, und es schien in meinen Augen gut, zu Simplicianus zu gehen, der mir als ein guter Diener von Dir erschien; und Deine Gnade leuchtete in ihm. Ich hatte auch gehört, dass er von Jugend auf Dir am meisten hingegeben gelebt hatte. Nun war er in Jahren fortgeschritten; und aufgrund eines so großen Alters, das in so eifriger Nachfolge Deiner Wege verbracht wurde, schien er mir viel Erfahrung gelernt zu haben; und so war es auch. Aus diesem Schatz wollte ich, dass er mir (indem ich ihm meine Ängste darlegte) sage, welcher der geeignetste Weg für einen in meinem Fall sei, auf Deinen Pfaden zu wandeln.

Denn ich sah die Kirche voll; und einer ging diesen Weg, der andere jenen. Aber es missfiel mir, dass ich ein weltliches Leben führte; ja nun, da mich meine Begierden nicht mehr wie ehedem mit Hoffnungen auf Ehre und Gewinn entflammten, war es eine sehr schwere Bürde, eine so schwere Knechtschaft zu ertragen. Denn im Vergleich mit Deiner Süßigkeit und der Schönheit Deines Hauses, die ich liebte, erfreuten mich jene Dinge nicht mehr. Aber noch war ich durch die Liebe zum Weibe gefesselt; noch verbot mir der Apostel nicht zu heiraten, obgleich er mir zu etwas Besserem riet, indem er vor allem wünschte, dass alle Menschen wären wie er selbst. Ich aber, der ich schwach war, wählte den nachgiebigeren Platz; und deshalb allein wurde ich in allem anderen hin und her geworfen, matt und verzehrt von welkenden Sorgen, weil ich in anderen Dingen gezwungen war, mich wider meinen Willen einem Eheleben anzupassen, dem ich hingegeben und verfallen war. Ich hatte aus dem Munde der Wahrheit gehört, dass es einige Eunuchen gäbe, die sich selbst zu Eunuchen gemacht hatten um des Himmelreiches willen: aber, spricht Er, wer es fassen kann, der fasse es. Sicherlich sind alle Menschen eitel, die Gott nicht kennen und aus den guten Dingen, die man sieht, nicht Den finden konnten, der gut ist. Aber ich war nicht mehr in jener Eitelkeit; ich hatte sie überwunden; und durch das gemeinsame Zeugnis all Deiner Geschöpfe hatte ich Dich, unseren Schöpfer, gefunden und Dein Wort, Gott bei Dir, und zusammen mit Dir einen Gott, durch den Du alles erschaffen hast. Es gibt noch eine andere Art von Gottlosen, die Gott kannten, Ihn aber nicht als Gott verherrlichten noch Ihm dankten. Hinein war auch ich gefallen, aber Deine Rechte hielt mich auf und nahm mich von dort, und Du setztest mich dorthin, wo ich genesen konnte. Denn Du hast zum Menschen gesagt: Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und begehre nicht, weise zu scheinen; denn die, die sich für weise ausgaben, wurden zu Narren. Aber ich hatte nun die köstliche Perle gefunden, die ich, alles verkaufend, was ich hatte, hätte kaufen sollen, und ich zögerte.

Zu Simplicianus also ging ich, dem Vater des Ambrosius (der nun Bischof war) in der Empfangnahme Deiner Gnade, und den Ambrosius wahrhaftig wie einen Vater liebte. Ihm erzählte ich von den Irrwegen meiner Umherschweifungen. Als ich jedoch erwähnte, dass ich gewisse Schriften der Platoniker gelesen hätte, die Victorinus, einst Professor der Rhetorik in Rom (der, wie ich gehört hatte, als Christ gestorben war), ins Lateinische übersetzt hatte, bezeugte er seine Freude darüber, dass ich nicht auf die Schriften anderer Philosophen gestoßen war, die voll von Trugschlüssen und Täuschungen nach den Grundsätzen dieser Welt sind, wohingegen die Platoniker auf mancherlei Weise zum Glauben an Gott und Sein Wort führten. Um mich dann zur Demut Christi zu ermahnen, die vor den Weisen verborgen und den Kleinen geoffenbart ist, sprach er von Victorinus selbst, den er während seines Aufenthalts in Rom aufs Innigste gekannt hatte; und von ihm berichtete er, was ich nicht verschweigen will. Denn es enthält ein großes Lob Deiner Gnade, das Dir gegenüber zu bekennen ist, wie jener betagte Mann, höchst gelehrt und bewandert in den freien Künsten, der so viele Werke der Philosophen gelesen und abgewogen hatte; der Lehrer so vieler edler Senatoren, der auch, als ein Denkmal seiner vortrefflichen Amtsführung, (was die Menschen dieser Welt für eine hohe Ehre halten) sowohl verdient als auch erhalten hatte, mit einer Statue auf dem römischen Forum geehrt zu werden; er, bis zu jenem Alter ein Verehrer von Götzen und Teilnehmer an den frevelhaften Riten, denen fast der gesamte Adel Roms verfallen war und die das Volk mit der Liebe zu

Anubis, dem bellenden Gott, und all Den Monstergöttern jeder Art, die einst Gegen Neptun, Venus und Minerva stritten:

erfüllt hatten, die Rom einst besiegte, nun aber anbetete – all dies hatte der betagte Victorinus so viele Jahre mit donnernder Beredsamkeit verteidigt; er errötete nun nicht, das Kind Deines Christus und der neugeborene Säugling Deines Quells zu sein; er beugte seinen Nacken unter das Joch der Demut und unterwarf seine Stirn der Schmach des Kreuzes.

O Herr, Herr, der Du die Himmel neigtest und herabstiegest, die Berge berührtest und sie rauchten, auf welche Weise hast Du Dich in jene Brust begeben? Er pflegte (wie Simplicianus sagte) die heilige Schrift zu lesen, erforschte und durchsuchte aufs Eifrigste alle christlichen Schriften und sagte zu Simplicianus (nicht offen, sondern unter vier Augen und als Freund): „Wisse, dass ich bereits Christ bin.“ Worauf dieser antwortete: „Ich werde es nicht glauben, noch werde ich Dich unter die Christen einreihen, ehe ich Dich in der Kirche Christi sehe.“ Jener erwiderte im Scherz: „Machen denn Mauern Christen?“ Und dies sagte er oft, dass er bereits Christ sei; und Simplicianus machte ebenso oft dieselbe Antwort, und der Einfall von den „Mauern“ wurde vom anderen ebenso oft erneuert. Denn er fürchtete, seine Freunde zu kränken, stolze Dämonenverehrer, von deren Höhe babylonischer Würde, wie von den Zedern des Libanon, die der Herr noch nicht niedergebrochen hatte, er vermutete, die Last der Feindseligkeit würde auf ihn herabfallen. Nachdem er aber durch Lesen und ernstes Nachdenken Festigkeit gewonnen hatte und fürchtete, von Christus vor den heiligen Engeln verleugnet zu werden, sollte er sich nun scheuen, Ihn vor den Menschen zu bekennen, und sich selbst einer schweren Verfehlung schuldig fühlte, indem er sich der Sakramente der Demut Deines Wortes schämte, sich aber der frevelhaften Riten jener stolzen Dämonen nicht schämte, deren Stolz er nachgeahmt und deren Riten er angenommen hatte, wurde er freimütig gegen die Eitelkeit und schamhaft gegenüber der Wahrheit und sagte plötzlich und unerwartet zu Simplicianus (wie er selbst mir erzählte): „Lass uns in die Kirche gehen; ich möchte Christ werden.“ Dieser aber, sich vor Freude nicht fassend, ging mit ihm. Und nachdem er zum ersten Sakrament zugelassen worden und Katechumene geworden war, gab er nicht lange darauf seinen Namen an, damit er durch die Taufe wiedergeboren würde; Rom staunte, die Kirche jubelte. Die Stolzen sahen es und zürnten; sie knirschten mit den Zähnen und vergingen. Aber der Herr, Gott, war die Hoffnung Deines Knechtes, und er achtete nicht auf Eitelkeiten und lügnerischen Wahn.

Um es kurz zu machen: Als die Stunde gekommen war, das Glaubensbekenntnis abzulegen (welches in Rom diejenigen, die sich Deiner Gnade nähern wollen, von einem erhöhten Platz aus, im Angesicht aller Gläubigen, in einer festgelegten, auswendig gelernten Form von Worten vortragen), boten die Presbyter dem Victorinus (wie es bei solchen geschah, bei denen man fürchtete, sie könnten aus Schüchternheit in Alarm geraten) an, sein Bekenntnis privater abzulegen: Er aber zog es vor, sein Heil in der Gegenwart der heiligen Menge zu bekennen. „Denn es war nicht das Heil, das er in der Rhetorik lehrte, und doch hatte er dies öffentlich bekannt: Wie viel weniger sollte er dann, wenn er Dein Wort ausspricht, Deine sanftmütige Herde fürchten, der er, als er seine eigenen Worte vortrug, eine wahnsinnige Menge nicht gefürchtet hatte!“ Als er nun hinaufging, um sein Bekenntnis abzulegen, flüsterten alle, die ihn kannten, einander seinen Namen mit der Stimme des Glückwunsches zu. Und wer kannte ihn dort nicht? Und ein leises Murmeln lief durch alle Münder der jubelnden Menge: „Victorinus! Victorinus!“ Plötzlich war der Ausbruch des Entzückens, dass sie ihn sahen; plötzlich verstummten sie, damit sie ihn hören konnten. Er sprach den wahren Glauben mit vortrefflicher Kühnheit aus, und alle wünschten, ihn in ihr innerstes Herz zu ziehen; ja, durch ihre Liebe und Freude zogen sie ihn dorthin, solche Hände waren es, mit denen sie ihn zogen.

Guter Gott! Was geschieht im Menschen, dass er sich mehr über das Heil einer Seele freut, an der man verzweifelt war und die aus größerer Gefahr befreit wurde, als wenn es immer Hoffnung für sie gegeben hätte oder die Gefahr geringer gewesen wäre? Denn so freust Du Dich auch, barmherziger Vater, mehr über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Und mit großer Freudigkeit hören wir, so oft wir hören, mit welcher Freude das Schaf, das sich verirrt hatte, auf den Schultern des Hirten zurückgebracht wird und der Groschen Deiner Schatzkammer zurückgegeben wird, während die Nachbarn sich mit der Frau freuen, die ihn gefunden hat; und die Freude des feierlichen Gottesdienstes in Deinem Hause zwingt zu Tränen, wenn in Deinem Haus von Deinem jüngeren Sohn gelesen wird, dass er tot war und wieder lebt; verloren war und gefunden wurde. Denn Du freust Dich in uns und in Deinen heiligen Engeln, die heilig sind durch heilige Liebe. Denn Du bist immer derselbe; denn alles, was nicht dasselbe bleibt und nicht ewig ist, kennst Du auf ewig in derselben Weise.

Was geschieht also in der Seele, wenn sie sich mehr darüber freut, die Dinge, die sie liebt, zu finden oder wiederzuerlangen, als wenn sie sie jemals besessen hätte? Ja, auch andere Dinge zeugen hiervon; und alles ist voll von Zeugen, die ausrufen: „So ist es.“ Der siegreiche Feldherr triumphiert; doch hätte er nicht gesiegt, wenn er nicht gekämpft hätte; und je mehr Gefahr in der Schlacht war, umso mehr Freude ist im Triumph. Der Sturm wirft die Seeschiffer hin und her, droht mit Schiffbruch; alle werden bleich angesichts des nahenden Todes; Himmel und Meer beruhigen sich, und sie sind überaus erfreut, da sie überaus gefürchtet hatten. Ein Freund ist krank, und sein Puls droht mit Gefahr; alle, die sich nach seiner Genesung sehnen, sind mit ihm krank im Geiste. Er ist wiederhergestellt, wenngleich er noch nicht mit seiner früheren Kraft geht; doch gibt es eine solche Freude, wie sie nicht war, als er zuvor gesund und stark ging. Ja, selbst die Vergnügungen des menschlichen Lebens erlangen die Menschen durch Schwierigkeiten, nicht nur jene, die uns unerwartet und gegen unseren Willen zustoßen, sondern sogar durch selbstgewählte und vergnügungssüchtige Mühsal. Essen und Trinken bereiten kein Vergnügen, es sei denn, es geht das Stechen von Hunger und Durst voraus. Menschen, die dem Trunke ergeben sind, essen gewisse salzige Speisen, um eine lästige Hitze hervorzurufen, deren Linderung durch das Getränk Vergnügen bereitet. Es ist auch so geordnet, dass die verlobte Braut nicht sofort gegeben werden sollte, damit er sie als Ehemann nicht gering achte, nach der er als Verlobter nicht geseufzt hatte.

Dieses Gesetz gilt für unreine und verfluchte Freude; dieses für erlaubte und rechtmäßige Freude; dieses für die reinste Vollendung der Freundschaft; dieses für denjenigen, der tot war und wieder lebte; verloren war und gefunden wurde. Überall wird die größere Freude durch den größeren Schmerz eingeleitet. Was bedeutet dies, o Herr, mein Gott, während Du doch ewiglich Freude für Dich selbst bist und manche Dinge um Dich her sich immerdar in Dir freuen? Was bedeutet dies, dass dieser Teil der Dinge so abwechselnd abnimmt und zunimmt, missmutig und versöhnt? Ist dies ihr zugemessenes Maß? Ist dies alles, was Du ihnen zugewiesen hast, während Du doch von den höchsten Himmeln bis zur untersten Erde, vom Anfang der Welt bis zum Ende der Zeiten, vom Engel bis zum Wurm, von der ersten Bewegung bis zur letzten, jedes an seinen Platz setzt und jedes zu seiner Zeit verwirklichst, alles gut nach seiner Art? Wehe mir! Wie hoch bist Du in den Höchsten, und wie tief in den Tiefsten! Und Du gehst niemals fort, und wir kehren kaum zu Dir zurück.

Auf, Herr, und handle; rege uns an und rufe uns zurück; entzünde und ziehe uns; entflamme, werde uns süß, lass uns nun lieben, lass uns eilen. Kehren nicht viele aus einer tieferen Hölle der Blindheit als Victorinus zu Dir zurück, nähern sich und werden erleuchtet, indem sie jenes Licht empfangen, welches, wer es empfängt, von Dir die Macht erhält, Deine Söhne zu werden? Aber wenn sie den Völkern weniger bekannt sind, freuen sich auch jene, die sie kennen, weniger über sie. Denn wenn viele sich gemeinsam freuen, hat auch jeder eine überschwänglichere Freude, weil sie sich gegenseitig entzünden und entflammen. Wiederum, weil jene, die vielen bekannt sind, die Mehreren zum Heil beeinflussen und den Weg weisen, dem viele folgen. Und deshalb freuen sich auch jene, die ihnen vorausgingen, sehr über sie, weil sie sich nicht über sie allein freuen. Denn fern sei es, dass in Deiner Stube die Person der Reichen vor den Armen oder der Vornehmen vor den Unvornehmen angenommen würde; da Du doch vielmehr die Schwachen der Welt erwählt hast, um die Starken zuschanden zu machen; und das Niedrige dieser Welt und das Verachtete hast Du erwählt, und das, was nicht ist, damit Du zunichtemachst, was ist. Und doch, selbst jener Geringste Deiner Apostel, durch dessen Zunge Du diese Worte hast erschallen lassen, als durch seinen Kampf Paulus, der Prokonsul, dessen Stolz besiegt war, dazu gebracht wurde, unter das leichte Joch Deines Christus zu gehen, und ein Provinzbewohner des großen Königs wurde; er freute sich auch, für seinen früheren Namen Saul nun Paulus genannt zu werden, zum Zeugnis eines so großen Sieges. Denn der Feind wird mehr in dem einen überwunden, dessen er mehr habhaft ist; durch den er mehr in Händen hält. Aber der Stolzen ist er mehr habhaft durch ihre Vornehmheit; und durch sie wiederum mehr durch ihre Autorität. Um wie viel willkommener das Herz des Victorinus geachtet wurde, welches der Teufel als einen uneinnehmbaren Besitz gehalten hatte, die Zunge des Victorinus, mit welcher mächtigen und scharfen Waffe er viele erschlagen hatte; umso reichlicher sollten sich Deine Söhne freuen, denn unser König hat den Starken gebunden, und sie sahen seine Gefäße ihm entrissen und gereinigt und bereitet für Deine Ehre; und brauchbar geworden für den Herrn, zu jedem guten Werk.

Als aber jener Deinige, Simplicianus, mir dies von Victorinus erzählte, brannte ich darauf, ihn nachzuahmen; denn zu diesem Zweck hatte er es mir erzählt. Als er aber auch noch hinzufügte, wie in den Tagen des Kaisers Julian ein Gesetz erlassen wurde, wodurch es Christen verboten war, die freien Künste oder Redekunst zu lehren; und wie er, diesem Gesetz gehorchend, es vorzog, die wortreiche Schule aufzugeben als Dein Wort, durch das Du die Zungen der Stummen beredt machst, da schien er mir nicht nur entschlossen, sondern vielmehr selig, da er so Gelegenheit gefunden hatte, nur Dir zu dienen. Wonach ich seufzte, gebunden, wie ich war, nicht mit fremden Eisen, sondern durch meinen eigenen eisernen Willen. Meinen Willen hielt der Feind, und daraus hatte er mir eine Kette geschmiedet und mich gebunden. Denn aus einem vorwitzigen Willen wurde Begierde, und die Begierde, der man diente, wurde zur Gewohnheit; und der Gewohnheit, der man nicht widerstand, wurde zur Notwendigkeit. Durch diese Glieder, wie ineinandergefügt (weshalb ich es eine Kette nannte), hielt mich eine harte Knechtschaft gefangen. Aber jener neue Wille, der in mir zu entstehen begonnen hatte, Dir frei zu dienen und Dich genießen zu wollen, o Gott, die einzig sichere Lieblichkeit, war noch nicht imstande, meinen früheren, durch das Alter gestärkten Eigensinn zu überwinden. So rangen meine zwei Willen, einer neu und der andere alt, einer fleischlich und der andere geistlich, in mir; und durch ihre Zwietracht zerrütteten sie meine Seele.

So verstand ich aus eigener Erfahrung, was ich gelesen hatte, wie das Fleisch wider den Geist begehrt und der Geist wider das Fleisch. Wahrlich, ich war es auf beiden Seiten; doch mehr ich selbst in dem, was ich an mir billigte, als in dem, was ich an mir missbilligte. Denn in letzterem war ich es nun meistenteils nicht mehr selbst, weil ich in vielem eher gegen meinen Willen erduldete, als willentlich handelte. Und doch war es durch mich, dass die Gewohnheit diese Macht erlangt hatte, gegen mich zu streiten, weil ich willentlich dorthin gekommen war, wohin ich nicht wollte. Und wer hat irgendein Recht, dagegen zu sprechen, wenn gerechte Strafe dem Sünder folgt? Auch hatte ich nun nicht länger meinen früheren Vorwand, dass ich deshalb noch zögerte, über der Welt zu stehen und Dir zu dienen, weil mir die Wahrheit noch nicht gänzlich gewiss wäre; denn nun war sie es. Aber ich, noch im Dienst der Erde, weigerte mich, unter Deinem Banner zu kämpfen, und fürchtete mich ebenso sehr, von allen Lasten befreit zu werden, wie wir uns fürchten würden, mit ihnen belastet zu sein. So wurde ich mit dem Gepäck dieser gegenwärtigen Welt angenehm festgehalten, wie im Schlaf: und die Gedanken, in denen ich über Dich nachdachte, waren wie die Anstrengungen derer, die erwachen wollen, die aber, von einer schweren Schläfrigkeit überwältigt, wieder darin versinken. Und wie niemand für immer schlafen möchte und nach eines jeden vernünftigem Urteil das Wachen besser ist, doch der Mensch meistenteils, eine schwere Lethargie in allen seinen Gliedern verspürend, es aufschiebt, den Schlaf abzuschütteln, und obwohl halb missmutig, dennoch, selbst nachdem es Zeit zum Aufstehen ist, mit Vergnügen nachgibt, so war ich überzeugt, dass es für mich weit besser wäre, mich Deiner Liebe hinzugeben, als mich meiner eigenen Begierde zu überlassen; aber obwohl der erstere Weg mich befriedigte und die Oberhand gewann, gefiel mir der letztere und hielt mich gefesselt. Noch hatte ich nichts zu antworten, als Du mir zuriefst: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Und als Du mir von allen Seiten zeigtest, dass das, was Du sagtest, wahr sei, hatte ich, von der Wahrheit überzeugt, überhaupt nichts zu antworten, sondern nur jene stumpfen und schläfrigen Worte: „Gleich, gleich“, „jetzt gleich“, „lass mir nur noch ein wenig“. Aber „gleich, gleich“ hatte kein Jetzt, und mein „ein wenig“ zog sich in die Länge; vergeblich erfreute ich mich an Deinem Gesetz nach dem inneren Menschen, während ein anderes Gesetz in meinen Gliedern gegen das Gesetz meines Verstandes stritt und mich gefangen führte unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern war. Denn das Gesetz der Sünde ist die Gewalt der Gewohnheit, durch die der Geist gezogen und gehalten wird, selbst gegen seinen Willen; aber wohlverdientermaßen, weil er willentlich hineinfiel. Wer sollte mich also, den Elenden, vom Leibe dieses Todes erlösen, außer Deine Gnade allein durch Jesus Christus, unseren Herrn?

Und wie Du mich aus den Banden der Begierde befreitest, mit denen ich aufs Engste an fleischliche Lust gebunden war, und aus der Knechtschaft weltlicher Dinge, das will ich nun verkünden und bekennen vor Deinem Namen, o Herr, mein Helfer und mein Erlöser. Inmitten wachsender Unruhe erledigte ich meine gewohnten Geschäfte und seufzte täglich zu Dir. Ich besuchte Deine Kirche, wann immer ich frei war von den Geschäften, unter deren Last ich stöhnte. Alypius war bei mir, nun nach der dritten Sitzung von seinen Rechtsgeschäften entbunden, und wartete darauf, wem er seinen Rat verkaufen könne, so wie ich die Kunst des Sprechens verkaufte, wenn Lehren sie überhaupt vermitteln kann. Nebridius hatte nun, in Rücksicht auf unsere Freundschaft, eingewilligt, unter Verecundus zu lehren, einem Bürger und Grammatiker von Mailand und einem sehr engen Freund von uns allen; der dies dringend wünschte und aus dem Recht der Freundschaft von unserer Gemeinschaft einen solchen treuen Beistand einforderte, dessen er sehr bedurfte. Nebridius wurde also nicht durch irgendein Verlangen nach Vorteil dazu gezogen (denn er hätte mit seinem Wissen viel mehr verdienen können, wenn er gewollt hätte), sondern als ein höchst gütiger und sanfter Freund wollte er einem guten Dienst nicht fernbleiben und unsere Bitte nicht gering achten. Er handelte jedoch dabei sehr diskret, indem er es mied, den im Sinne dieser Welt Großen bekannt zu werden, die Zerstreuung des Geistes, die daraus folgte, vermeidend und wünschend, ihn frei und ungebunden zu haben, so viele Stunden wie möglich, um etwas über die Weisheit zu suchen, zu lesen oder zu hören.

An einem Tag also, als Nebridius abwesend war (ich entsinne mich nicht, warum), siehe, da kamen Pontitianus, ein Landsmann von uns, insofern er ein Afrikaner war, der ein hohes Amt am Hofe des Kaisers bekleidete, um mich und Alypius zu besuchen. Was er von uns wollte, weiß ich nicht, aber wir setzten uns zum Gespräch nieder, und es traf sich, dass er auf einem Tisch für irgendein Spiel vor uns ein Buch bemerkte, es nahm, öffnete und gegen seine Erwartung den Apostel Paulus darin fand; denn er hielt es für eines jener Bücher, mit denen ich mich beim Lehren abmühte. Darüber lächelnd und mich anblickend, drückte er seine Freude und Verwunderung darüber aus, dass er plötzlich dieses Buch gefunden habe, und dieses allein vor meinen Augen. Denn er war Christ und getauft und beugte sich oft vor Dir, unserem Gott, in der Kirche in häufigen und anhaltenden Gebeten. Als ich ihm dann sagte, dass ich auf jene Schriften sehr große Mühe verwandte, entstand ein Gespräch (angeregt durch seine Erzählung) über Antonius, den ägyptischen Mönch: dessen Name in hohem Ansehen unter Deinen Dienern stand, uns aber bis zu jener Stunde unbekannt war. Als er dies entdeckte, verweilte er umso mehr bei diesem Thema, indem er uns über einen so Bedeutenden aufklärte und unsere Unkenntnis darüber bestaunte. Wir aber standen staunend da, als wir Deine wunderbaren Werke in so jüngster Zeit und fast in unserer eigenen, gewirkt im wahren Glauben und in der katholischen Kirche, vollauf bezeugt hörten. Wir alle wunderten uns; wir, dass sie so groß waren, und er, dass sie uns nicht erreicht hatten.

Daraus wandte sich seine Rede zu den Herden in den Klöstern und ihrem heiligen Wandel, einem wohlgefälligen Wohlgeruch für Dich, und zu den fruchtbaren Wüsten der Einöde, von denen wir nichts wussten. Und es gab ein Kloster in Mailand, voll guter Brüder, außerhalb der Stadtmauern, unter der fürsorglichen Obhut des Ambrosius, und wir wussten nichts davon. Er fuhr fort mit seiner Erzählung, und wir lauschten in gespannter Stille. Er berichtete uns dann, wie er eines Nachmittags in Trier, als der Kaiser bei den Zirkusspielen weilte, mit drei anderen, seinen Gefährten, in den Gärten nahe den Stadtmauern spazieren ging, und wie sie dort, da sie zufällig paarweise gingen, einer sich mit ihm absonderte, während die anderen beiden für sich wanderten; und diese, in ihrem Umherwandern, stießen auf eine gewisse Hütte, bewohnt von einigen Deiner Diener, arm im Geiste, deren das Himmelreich ist, und dort fanden sie ein kleines Buch, das das Leben des Antonius enthielt. Dies begann einer von ihnen zu lesen, zu bewundern und sich daran zu entzünden; und während er las, begann er darüber nachzudenken, ein solches Leben anzunehmen und seinen weltlichen Dienst aufzugeben, um Dir zu dienen. Und diese beiden gehörten zu jenen, die man Staatsbeamte nennt. Dann plötzlich, erfüllt von heiliger Liebe und nüchterner Scham, blickte er im Zorn auf sich selbst zu seinem Freund und sagte: „Sag mir doch, bitte, was wollen wir mit all diesen unseren Mühen erreichen? Worauf zielen wir ab? Wozu dienen wir? Können unsere Hoffnungen am Hof höher steigen, als Günstlinge des Kaisers zu sein? Und was ist daran nicht hinfällig und voller Gefahren? Und durch wie viele Gefahren gelangen wir zu einer größeren Gefahr? Und wann gelangen wir dorthin? Aber ein Freund Gottes, wenn ich es will, werde ich sogleich.“ So sprach er. Und im Schmerz über die Wehen eines neuen Lebens wandte er seine Augen wieder auf das Buch, las weiter und wurde innerlich verwandelt, wo Du es sahst, und sein Geist wurde der Welt entkleidet, wie sich bald zeigte. Denn während er las und die Wellen seines Herzens auf und ab wogte, wetterte er eine Weile gegen sich selbst, dann unterschied er und entschloss sich zu einem besseren Weg; und nun, da er Dein war, sagte er zu seinem Freund: „Jetzt habe ich mich von jenen unseren Hoffnungen losgerissen und bin entschlossen, Gott zu dienen; und dies beginne ich von dieser Stunde an, an diesem Ort. Wenn es dir nicht gefällt, mich nachzuahmen, so widersetze dich nicht.“ Der andere antwortete, er wolle ihm anhängen, um an einem so herrlichen Lohn, einem so herrlichen Dienst teilzuhaben. So waren beide nun Dein und bauten den Turm zu den notwendigen Kosten, indem sie alles verließen, was sie hatten, und Dir nachfolgten. Dann kamen Pontitianus und der andere, der mit ihm in anderen Teilen des Gartens spazieren gegangen war, auf der Suche nach ihnen an denselben Ort; und als sie sie fanden, erinnerten sie sie an die Rückkehr, denn der Tag war bereits weit fortgeschritten. Doch sie berichteten von ihrem Entschluss und Vorsatz und wie dieser Wille in ihnen begonnen und gefestigt sei, und baten sie, wenn sie sich ihnen nicht anschließen wollten, sie nicht zu behelligen. Doch die anderen, obwohl in ihrem früheren Wesen unverändert, beklagten sich dennoch (wie er versicherte) und beglückwünschten sie fromm, empfahlen sich ihren Gebeten; und so gingen sie mit Herzen, die noch an der Erde hingen, zum Palast zurück. Die anderen beiden aber, deren Herz am Himmel hing, blieben in der Hütte. Und beide hatten verlobte Bräute, die, als sie davon hörten, ebenfalls ihre Jungfräulichkeit Gott weihten.

Dies war die Geschichte des Pontitianus; Du aber, o Herr, wandtest mich während seines Sprechens zu mir selbst um, nahmst mich von hinter meinen Rücken, wo ich mich platziert hatte, nicht willens, mich zu beobachten; und stelltest mich vor mein Gesicht, damit ich sähe, wie unrein ich war, wie krumm und befleckt, besudelt und voller Geschwüre. Und ich schaute und stand entsetzt; und wohin ich vor mir selbst fliehen sollte, fand ich nicht. Und wenn ich versuchte, mein Auge von mir abzuwenden, fuhr er mit seinem Bericht fort, und Du stelltest mich erneut mir selbst gegenüber und stießest mich vor meine Augen, damit ich meine Ungerechtigkeit erkenne und sie hasse. Ich hatte sie gekannt, aber so getan, als sähe ich sie nicht, hatte die Augen davor verschlossen und sie vergessen.

Doch nun, je inbrünstiger ich jene liebte, von deren heilvollen Regungen ich hörte, dass sie sich ganz Dir ergeben hatten, um geheilt zu werden, desto mehr verabscheute ich mich selbst, wenn ich mich mit ihnen verglich. Denn viele meiner Jahre (etwa zwölf) waren nun seit meinem neunzehnten verstrichen, als ich durch das Lesen von Ciceros Hortensius zu einer ernsten Liebe zur Weisheit angeregt wurde; und immer noch schob ich es auf, das bloße irdische Glück zu verwerfen und mich der Suche nach jener zu widmen, von der nicht nur das Finden, sondern schon das Suchen den Schätzen und Reichen der Welt vorzuziehen war, selbst wenn sie bereits gefunden wären, und den Vergnügungen des Leibes, selbst wenn sie mir nach Belieben zu Gebote stünden. Aber ich Elender, Allererbärmlichster, hatte schon zu Beginn meiner frühen Jugend Keuschheit von Dir erfleht und gesagt: „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, nur noch nicht gleich.“ Denn ich fürchtete, Du könntest mich bald erhören und mich bald von der Krankheit der Begierde heilen, die ich lieber gestillt als ausgelöscht wissen wollte. Und ich war auf krummen Wegen in einem frevlerischen Aberglauben umhergeirrt, zwar nicht dessen gewiss, aber als ob ich ihn den anderen vorzöge, die ich nicht religiös suchte, sondern bösartig bekämpfte.

Und ich hatte geglaubt, ich schöbe es deshalb von Tag zu Tag auf, die Hoffnungen dieser Welt zu verwerfen und allein Dir zu folgen, weil nicht ersichtlich war, wohin ich meinen Lauf richten sollte. Und nun war der Tag gekommen, an dem ich mir selbst entblößt werden sollte und mein Gewissen mir Vorwürfe machen musste. „Wo bist du jetzt, meine Zunge? Du sagtest, dass du um einer ungewissen Wahrheit willen das Gepäck der Eitelkeit nicht abwerfen wolltest; nun ist es gewiss, und doch drückt dich jene Last noch immer, während jene, die sich weder so sehr mit der Suche danach abgemüht haben, noch zehn Jahre und mehr darüber nachgedacht haben, ihre Schultern erleichtert und Flügel erhalten haben, um davonzufliegen.“ So wurde ich innerlich zerfressen und war von schrecklicher Scham überaus verwirrt, während Pontitianus so sprach. Und er, nachdem er seine Erzählung und das Geschäft, dessentwegen er gekommen war, zum Abschluss gebracht hatte, ging seines Weges; und ich in mich selbst. Was sagte ich nicht gegen mich selbst? Mit welchen Geißeln der Verdammnis peitschte ich nicht meine Seele, dass sie mir folgen möge, im Bestreben, Dir nachzueifern! Doch sie wich zurück; sie weigerte sich, aber sie entschuldigte sich nicht. Alle Argumente waren erschöpft und widerlegt; es blieb ein stummes Zurückweichen; und sie fürchtete, wie den Tod, von dem Fluss jener Gewohnheit abgehalten zu werden, durch die sie sich zu Tode verzehrte.

Dann, in diesem großen Streit meines inneren Wohnens, den ich stark gegen meine Seele erhoben hatte, in der Kammer meines Herzens, verwirrt in Sinn und Antlitz, wandte ich mich an Alypius. „Was fehlt uns?“, rief ich aus: „Was ist es? Was hast du gehört? Die Ungebildeten stehen auf und nehmen den Himmel mit Gewalt, und wir mit unserer Gelehrsamkeit und ohne Herz, siehe, wie wir in Fleisch und Blut suhlen! Schämen wir uns zu folgen, weil andere vorangegangen sind, und schämen wir uns nicht einmal, nicht zu folgen?“ Solche Worte stieß ich hervor, und mein Fieber des Geistes riss mich von ihm fort, während er, mich staunend anblickend, schwieg. Denn es war nicht mein gewohnter Ton; und meine Stirn, meine Wangen, Augen, Farbe, Tonfall sprachen meinen Geist mehr aus als die Worte, die ich äußerte. Ein kleiner Garten gehörte zu unserer Unterkunft, den wir benutzen durften, wie das ganze Haus; denn der Herr des Hauses, unser Gastgeber, wohnte nicht dort. Dorthin hatte mich der Tumult meiner Brust getrieben, wo kein Mensch die hitzige Auseinandersetzung behindern konnte, in die ich mich eingelassen hatte, bis sie so enden würde, wie Du wusstest, ich aber nicht. Nur war ich heilsam verstört und im Sterben begriffen, um zu leben; wissend, was für ein böses Ding ich war, und nicht wissend, was für ein gutes Ding ich in Bälde werden würde. Ich zog mich also in den Garten zurück, und Alypius folgte meinen Schritten. Denn seine Anwesenheit linderte nicht meine Einsamkeit; oder wie hätte er mich so verstört verlassen können? Wir setzten uns so weit wie möglich vom Haus entfernt nieder. Ich war im Geiste beunruhigt, höchst vehement aufgebracht, dass ich nicht in Deinen Willen und Bund einging, o mein Gott, in den einzugehen all meine Gebeine mich anriefen und den sie in den Himmel lobten. Und darin gehen wir nicht mit Schiffen oder Wagen oder Füßen ein, nein, bewegen uns nicht so weit, wie ich vom Haus zu jenem Ort gekommen war, wo wir saßen. Denn nicht nur zu gehen, sondern dort einzugehen, war nichts anderes als zu wollen, zu gehen, aber zu wollen, entschlossen und gründlich; nicht sich zu drehen und zu wenden, hierhin und dorthin, ein verstümmelter und halb geteilter Wille, der kämpft, wobei ein Teil sank, während ein anderer sich erhob.

Zuletzt, in dem Fieber meiner Unentschlossenheit, vollführte ich mit meinem Körper viele solcher Bewegungen, wie Menschen sie manchmal wollen, aber nicht können, wenn sie entweder die Glieder nicht haben, oder diese mit Banden gefesselt, mit Schwäche entkräftet oder auf andere Weise behindert sind. So, wenn ich mir die Haare raufte, meine Stirn schlug, wenn ich meine Finger verschränkte und mein Knie umklammerte; ich wollte, ich tat es. Aber ich hätte wollen und es nicht tun können; wenn die Kraft der Bewegung in meinen Gliedern nicht gehorcht hätte. So viele Dinge tat ich also, als „zu wollen“ an sich nicht „fähig zu sein“ war; und ich tat nicht, was ich unvergleichlich mehr zu tun verlangte und was ich kurz darauf, wenn ich wollte, würde tun können; weil ich kurz darauf, wenn ich wollte, gründlich wollen würde. Denn in diesen Dingen war das Können eins mit dem Wollen, und zu wollen war zu tun; und doch wurde es nicht getan: und leichter gehorchte mein Körper dem schwächsten Wollen meiner Seele, indem er seine Glieder auf ihren Wink bewegte, als die Seele sich selbst gehorchte, um im Wollen allein diesen ihren bedeutsamen Willen zu vollbringen.

Woher kommt diese Ungeheuerlichkeit? Und zu welchem Ende? Lass Deine Barmherzigkeit aufleuchten, damit ich frage, ob vielleicht die geheimen Strafen der Menschen und jene dunkelsten Qualen der Söhne Adams mir antworten mögen. Woher kommt diese Ungeheuerlichkeit? Und zu welchem Ende? Der Geist befiehlt dem Körper, und er gehorcht sofort; der Geist befiehlt sich selbst, und er leistet Widerstand. Der Geist befiehlt der Hand, sich zu bewegen; und eine solche Bereitschaft ist da, dass Befehl kaum von Gehorsam unterschieden ist. Dennoch ist der Geist Geist, die Hand ist Körper. Der Geist befiehlt dem Geist, seinem eigenen Selbst, zu wollen, und doch tut er es nicht. Woher diese Ungeheuerlichkeit? Und zu welchem Ende? Er befiehlt sich selbst, sage ich, zu wollen, und würde nicht befehlen, wenn er nicht wollte, und was er befiehlt, wird nicht getan. Aber er will nicht vollständig: deshalb befiehlt er nicht vollständig. Denn insofern befiehlt er, als er will: und insofern wird das Befohlene nicht getan, als er nicht will. Denn der Wille befiehlt, dass ein Wille da sei; nicht ein anderer, sondern er selbst. Aber er befiehlt nicht vollständig, deshalb ist das, was er befiehlt, nicht. Denn wäre der Wille vollständig, würde er nicht einmal befehlen, dass er sei, weil er bereits wäre. Es ist daher keine Ungeheuerlichkeit, teilweise zu wollen, teilweise nicht zu wollen, sondern eine Krankheit des Geistes, dass er sich nicht ganz erhebt, von der Wahrheit getragen, von der Gewohnheit niedergedrückt. Und deshalb gibt es zwei Willen, weil einer von ihnen nicht vollständig ist: und was dem einen mangelt, hat der andere.

Mögen sie vergehen vor Deinem Angesicht, o Gott, wie vergehen eitle Schwätzer und Verführer der Seele: die, beobachtend, dass es beim Beraten zwei Willen gibt, behaupten, es gäbe zwei Geister in uns von zweierlei Art, einen guten, den anderen bösen. Sie selbst sind wahrlich böse, wenn sie diese bösen Dinge halten; und sie selbst werden gut werden, wenn sie die Wahrheit halten und der Wahrheit zustimmen, dass Dein Apostel zu ihnen sagen kann: Ihr wart einst Finsternis, nun aber Licht im Herrn. Aber sie, die Licht sein wollen, nicht im Herrn, sondern in sich selbst, sich einbildend, die Natur der Seele sei das, was Gott ist, werden durch einen schrecklichen Hochmut zu noch dichterer Finsternis; denn sie gingen weiter zurück von Dir, dem wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt. Gebt Acht, was ihr sagt, und schämt euch: nahet euch Ihm und werdet erleuchtet, und eure Angesichter sollen nicht beschämt sein. Ich selbst, als ich darüber beriet, dem Herrn, meinem Gott, nun zu dienen, wie ich es lange geplant hatte, ich war es, der wollte, ich, der nicht wollte, ich, ich selbst. Ich wollte weder vollständig, noch wollte ich nicht vollständig. Deshalb war ich im Streit mit mir selbst und von mir selbst zerrissen. Und dieser Riss geschah mir gegen meinen Willen, und zeigte doch nicht das Vorhandensein eines anderen Geistes an, sondern die Strafe meines eigenen. Deshalb war es nicht mehr ich, der es wirkte, sondern die Sünde, die in mir wohnte; die Strafe einer Sünde, die freier begangen wurde, insofern ich ein Sohn Adams war.

Denn wenn es so viele entgegengesetzte Naturen gibt, wie es widerstreitende Willen gibt, dann wird es nun nicht nur zwei, sondern viele geben. Wenn ein Mensch berät, ob er zu ihrem Konventikel oder zum Theater gehen soll, schreien diese Manichäer: Siehe, hier sind zwei Naturen: eine gute, zieht hierhin; eine schlechte, zieht dorthin zurück. Denn woher sonst ist dieses Zögern zwischen widerstreitenden Willen? Ich aber sage, beide seien schlecht: die, welche zu ihnen zieht, wie die, welche zum Theater zurückzieht. Aber sie glauben nicht, dass jener Wille ein anderer als ein guter sei, der zu ihnen zieht. Was also, wenn einer von uns beraten würde und inmitten des Streits seiner zwei Willen in einer Zwangslage wäre, ob er zum Theater oder zu unserer Kirche gehen sollte? Wären diese Manichäer dann nicht auch in einer Zwangslage, was zu antworten? Denn entweder müssen sie bekennen (was sie nicht gern täten), dass der Wille, der zu unserer Kirche führt, gut ist, ebenso wie ihrer, die die Mysterien der ihren empfangen haben und von ihnen gehalten werden: oder sie müssen zwei böse Naturen und zwei böse Seelen annehmen, die in einem Menschen widerstreiten, und es wird nicht wahr sein, was sie sagen, dass es eine gute und eine andere schlechte gibt; oder sie müssen zur Wahrheit bekehrt werden und nicht mehr leugnen, dass, wo einer berät, eine Seele zwischen entgegengesetzten Willen schwankt.

Mögen sie nun nicht mehr sagen, wenn sie zwei widerstreitende Willen in einem Menschen wahrnehmen, dass der Konflikt zwischen zwei entgegengesetzten Seelen stattfindet, aus zwei entgegengesetzten Substanzen, aus zwei entgegengesetzten Prinzipien, einem guten und dem anderen schlechten. Denn Du, o wahrer Gott, widerlegst, prüfst und überführst sie; wie wenn, da beide Willen schlecht sind, einer berät, ob er einen Menschen durch Gift oder durch das Schwert töten soll; ob er dieses oder jenes Gut eines anderen an sich reißen soll, wenn er nicht beides kann; ob er Vergnügen durch Luxus kaufen oder sein Geld durch Geiz behalten soll; ob er zum Zirkus oder zum Theater gehen soll, wenn beide an einem Tag geöffnet sind; oder drittens, das Haus eines anderen zu berauben, wenn er die Gelegenheit dazu hat; oder viertens, Ehebruch zu begehen, wenn er gleichzeitig die Mittel dazu hat; alle diese treffen im selben Zeitpunkt zusammen, und alle werden gleichermaßen begehrt, was nicht zu einer Zeit gehandelt werden kann: denn sie zerreißen den Geist inmitten von vier, oder sogar (inmitten der riesigen Vielfalt der begehrten Dinge) mehr, widerstreitenden Willen, noch behaupten sie deshalb, dass es so viele verschiedene Substanzen gibt. So auch bei Willen, die gut sind. Denn ich frage sie, ist es gut, Gefallen am Lesen des Apostels zu finden? oder gut, Gefallen an einem nüchternen Psalm zu finden? oder gut, über das Evangelium zu sprechen? Sie werden auf jedes antworten: „Es ist gut.“ Was also, wenn alle gleiches Gefallen bereiten, und alle zugleich? Zerstreuen nicht verschiedene Willen den Geist, während er berät, welches er eher wählen sollte? doch sind sie alle gut und stehen im Widerspruch, bis eines gewählt ist, wohin sich der eine vollständige Wille tragen kann, der zuvor in viele geteilt war. So auch, wenn uns oben die Ewigkeit erfreut und das Vergnügen des zeitlichen Gutes uns unten festhält, ist es dieselbe Seele, die nicht dies oder jenes mit einem vollständigen Willen will; und deshalb wird sie mit schmerzlichen Verwirrungen zerrissen, während sie aus der Wahrheit heraus dies an die erste Stelle setzt, aber aus Gewohnheit jenes nicht beiseite schiebt.

So seelenkrank war ich und gepeinigt, mich selbst viel schwerer beschuldigend als gewöhnlich, mich in meiner Kette wälzend und drehend, bis jene ganz zerbrochen wäre, durch die ich nun zwar nur noch wenig, aber doch noch gehalten wurde. Und Du, o Herr, drücktest mich in meinen inneren Teilen durch eine strenge Barmherzigkeit, verdoppeltest die Peitschenhiebe der Furcht und Scham, damit ich nicht wieder nachgäbe und durch das Nichtzerreißen ebendieses leichten verbleibenden Bandes es wieder Kraft gewänne und mich fester bände. Denn ich sagte bei mir selbst: „Geschehe es jetzt, geschehe es jetzt.“ Und während ich sprach, vollbrachte ich es beinahe: ich tat es beinahe und tat es nicht: sank jedoch nicht in meinen früheren Zustand zurück, sondern hielt an meinem Stand fest und schöpfte Atem. Und ich versuchte es erneut, und es fehlte etwas weniger daran, und etwas weniger, und ich berührte es beinahe und ergriff es; und doch gelangte ich nicht dazu, noch berührte oder ergriff ich es; zögernd, dem Tod zu sterben und dem Leben zu leben: und das Schlechte, an das ich gewöhnt war, wog bei mir schwerer als das Bessere, an das ich ungewohnt war: und der Augenblick, in dem ich ein anderer werden sollte, als ich war, je näher er mir kam, desto größeres Entsetzen flößte er mir ein; doch stieß er mich nicht zurück, noch wandte er mich ab, sondern hielt mich in Schwebe.

Die bloßen Spielereien der Spielereien und Eitelkeiten der Eitelkeiten, meine alten Herrinnen, hielten mich noch immer; sie zupften an meinem fleischlichen Gewand und flüsterten leise: „Wirst du uns verstoßen? Und von diesem Augenblick an werden wir nie mehr bei dir sein für immer? Und von diesem Augenblick an wird dies oder jenes für dich nicht mehr erlaubt sein für immer?“ Und was war es, was sie andeuteten, indem ich sagte „dies oder jenes“, was deuteten sie an, o mein Gott? Möge Deine Barmherzigkeit es von der Seele Deines Dieners abwenden. Welche Befleckungen deuteten sie an! welche Scham! Und nun hörte ich sie weit weniger als halb, und nicht offen sich zeigend und mir widersprechend, sondern gleichsam hinter meinem Rücken murmelnd und mich heimlich zupfend, als ich im Begriff war zu gehen, doch auf sie zurückzublicken. Dennoch hielten sie mich auf, sodass ich zögerte, mich loszureißen und mich von ihnen zu befreien und dorthin zu springen, wohin ich gerufen wurde; eine gewaltsame Gewohnheit sagte zu mir: „Glaubst du, du kannst ohne sie leben?“

Doch nun sprach sie nur noch sehr leise. Denn auf jener Seite, der ich mein Gesicht zugewandt hatte und wohin zu gehen ich bebte, erschien mir die keusche Würde der Enthaltsamkeit, heiter, jedoch nicht schlaff, freudig, mich ehrlich lockend, zu ihr zu kommen und nicht zu zweifeln; und sie streckte ihre heiligen Hände aus, voll von einer Menge guter Beispiele, um mich zu empfangen und zu umarmen: Es waren so viele Jünglinge und Jungfrauen hier, eine Menge der Jugend und jeden Alters, ehrbare Witwen und betagte Jungfrauen; und die Enthaltsamkeit selbst war in all dem nicht unfruchtbar, sondern eine fruchtbare Mutter von Kindern der Freude durch Dich, ihren Gatten, o Herr. Und sie lächelte mich mit einer überzeugenden Verspottung an, als wollte sie sagen: „Kannst du nicht, was diese Jünglinge, was diese Jungfrauen können? Oder können sie es aus sich selbst und nicht vielmehr im Herrn, ihrem Gott? Der Herr, ihr Gott, hat mich ihnen gegeben. Warum stehst du auf dir selbst und stehst so nicht? Wirf dich auf Ihn, fürchte dich nicht, Er wird sich nicht zurückziehen, dass du fallest; wirf dich furchtlos auf Ihn, Er wird dich empfangen und dich heilen.“ Und ich errötete aufs Höchste, weil ich noch das Gemurmel jener nichtigen Dinge vernahm und in Schwebe hing. Und sie schien abermals zu sagen: „Verstopfe deine Ohren gegen jene deine unreinen Glieder auf Erden, auf dass sie abgetötet werden. Sie erzählen dir von Genüssen, doch nicht wie das Gesetz des Herrn, deines Gottes.“ Dieser Widerstreit in meinem Herzen war nur ein Ich gegen ein Ich. Alypius aber, der dicht an meiner Seite saß, erwartete schweigend den Ausgang meiner ungewohnten Erregung.

Als aber eine tiefe Betrachtung aus dem geheimen Grund meiner Seele all mein Elend vor den Augen meines Herzens zusammengezogen und aufgehäuft hatte, erhob sich ein mächtiger Sturm, der einen gewaltigen Strom von Tränen mit sich brachte. Damit ich diesen gänzlich in seinem natürlichen Ausdruck vergießen konnte, stand ich von Alypius auf: Einsamkeit erschien mir als passender für das Geschäft des Weinens; so zog ich mich so weit zurück, dass selbst seine Gegenwart mir keine Last sein konnte. So stand es damals um mich, und er bemerkte etwas davon; denn ich glaube, ich hatte etwas gesagt, wobei meine Stimme vor Weinen erstickt klang, und war deshalb aufgestanden. Er blieb dann dort, wo wir gesessen hatten, höchst erstaunt zurück. Ich warf mich, ich weiß nicht wie, unter einen Feigenbaum und ließ meinen Tränen freien Lauf; und die Fluten meiner Augen ergossen sich, ein angenehmes Opfer für Dich. Und, wenn auch nicht mit diesen Worten, so doch in diesem Sinne, sprach ich viel zu Dir: Und Du, o Herr, wie lange? Wie lange, Herr, wirst Du ewiglich zürnen? Gedenke nicht unserer früheren Missetaten, denn ich fühlte, dass ich von ihnen festgehalten wurde. Ich sandte diese klagenden Worte empor: Wie lange, wie lange, „morgen und morgen“? Warum nicht jetzt? Warum ist dieser Stunde kein Ende für meine Unreinheit gesetzt?

So sprach und weinte ich in der bittersten Zerknirschung meines Herzens, als ich – siehe! – aus einem benachbarten Haus eine Stimme hörte, wie von einem Knaben oder Mädchen, ich weiß es nicht, die sang und oft wiederholte: „Nimm und lies; nimm und lies.“ Sogleich veränderte sich mein Antlitz, und ich begann aufs Eifrigste nachzudenken, ob Kinder in irgendeiner Art von Spiel solche Worte zu singen pflegten: doch konnte ich mich nicht erinnern, jemals dergleichen gehört zu haben. So unterdrückte ich den Strom meiner Tränen, stand auf und deutete es als nichts anderes als einen Befehl Gottes, das Buch zu öffnen und das erste Kapitel zu lesen, das ich finden würde. Denn ich hatte von Antonius gehört, dass er, als er während der Lesung des Evangeliums hereinkam, die Mahnung erhielt, als ob das, was gelesen wurde, zu ihm gesprochen wäre: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach: und durch solch ein Orakel wurde er sogleich zu Dir bekehrt. Eilig kehrte ich dann an den Ort zurück, wo Alypius saß; denn dort hatte ich das Buch des Apostels niedergelegt, als ich von dort aufstand. Ich ergriff es, öffnete es und las schweigend den Abschnitt, auf den meine Augen zuerst fielen: Nicht in Gelagen und Trunkenheit, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und treibet nicht Vorsorge für das Fleisch in Begierden. Weiter wollte ich nicht lesen; noch brauchte ich es: denn augenblicklich am Ende dieses Satzes verschwand alle Finsternis des Zweifels durch ein Licht gleichsam von Gelassenheit, das in mein Herz eingegossen wurde.

Dann legte ich meinen Finger dazwischen oder ein anderes Zeichen, schloss das Buch und tat es mit gefasstem Antlitz dem Alypius kund. Und was in ihm gewirkt wurde, was ich nicht wusste, zeigte er mir so. Er bat mich, zu sehen, was ich gelesen hatte: Ich zeigte es ihm; und er blickte noch weiter, als ich gelesen hatte, und ich wusste nicht, was folgte. Dies folgte: Den Schwachen im Glauben nehmt auf; was er auf sich bezog und mir offenbarte. Und durch diese Mahnung wurde er gestärkt; und durch einen guten Entschluss und Vorsatz, der seinem Charakter vollkommen entsprach, worin er sich immer sehr weit von mir unterschied, zum Besseren, schloss er sich mir ohne jedes stürmische Zögern an. Von dort gehen wir zu meiner Mutter; wir erzählen es ihr; sie freut sich: wir berichten der Reihe nach, wie es geschah; sie frohlockt und triumphiert und preist Dich, der Du zu tun vermagst, was über das hinausgeht, was wir bitten oder verstehen; denn sie nahm wahr, dass Du ihr mehr für mich gegeben hattest, als sie durch ihr klägliches und höchst schmerzliches Seufzen zu erbitten pflegte. Denn Du bekehrtest mich zu Dir selbst, sodass ich weder ein Weib noch irgendeine Hoffnung dieser Welt suchte, indem ich in jener Glaubensregel stand, in der Du mich ihr in einem Gesicht vor so vielen Jahren gezeigt hattest. Und Du verwandeltest ihr Trauern in Freude, viel reichlicher, als sie es sich gewünscht hatte, und auf eine viel kostbarere und reinere Weise, als sie einst durch Enkel von meinem Leibe erbeten hatte.

NEUNTES BUCH

O Herr, ich bin Dein Knecht; ich bin Dein Knecht und der Sohn Deiner Magd: Du hast meine Fesseln zerrissen. Ich will Dir das Opfer des Lobes darbringen. Mein Herz und meine Zunge sollen Dich loben; ja, alle meine Gebeine sollen sagen: O Herr, wer ist Dir gleich? Sie sollen es sagen, und Du antworte mir und sprich zu meiner Seele: Ich bin dein Heil. Wer bin ich, und was bin ich? Was für ein Übel ist nicht entweder meine Tat gewesen, oder, wenn nicht meine Tat, meine Worte, oder, wenn nicht meine Worte, mein Wille? Aber Du, o Herr, bist gut und barmherzig, und Deine rechte Hand nahm Rücksicht auf die Tiefe meines Todes und leerte aus dem Grunde meines Herzens jenen Abgrund der Verderbnis. Und dies war Deine ganze Gabe: nicht zu wollen, was ich wollte, und zu wollen, was Du wolltest. Aber woher wurde durch all jene Jahre und aus welch niedrigem und tiefem Winkel mein freier Wille in einem Augenblick hervorgerufen, wodurch ich meinen Nacken Deinem leichten Joch und meine Schultern Deiner leichten Last unterwarf, o Christus Jesus, mein Helfer und mein Erlöser? Wie süß wurde es mir auf einmal, die Süßigkeiten jener nichtigen Dinge zu entbehren! Und wovon ich fürchtete, getrennt zu werden, das zu lassen war nun eine Freude. Denn Du hast sie von mir vertrieben, Du wahre und höchste Süßigkeit. Du hast sie vertrieben, und für sie bist Du selbst eingekehrt, süßer als alles Vergnügen, wenn auch nicht für Fleisch und Blut; strahlender als alles Licht, aber verborgener als alle Tiefen, höher als alle Ehre, aber nicht für die, die in ihrem eigenen dünkel hochmütig sind. Nun war meine Seele frei von den nagenden Sorgen des Werbens und Erwerbens und vom Wälzen im Schmutz und vom Abkratzen des Juckreizes der Lust. Und meine kindliche Zunge sprach frei zu Dir, meinem Glanz und meinem Reichtum und meinem Heil, dem Herrn, meinem Gott.

Und ich beschloss vor Deinen Augen, nicht stürmisch zu zerreißen, sondern sanft den Dienst meiner Zunge von den Märkten der Lippenarbeit zurückzuziehen: damit die Jungen, die keine Schüler in Deinem Gesetz noch in Deinem Frieden sind, sondern in lügnerischen Torheiten und Gesetzesstreitereien, nicht länger an meinem Munde Waffen für ihren Wahnsinn kauften. Und sehr gelegen kam es, dass es nun nur noch sehr wenige Tage bis zu den Weinferien waren, und ich beschloss, sie zu erdulden, um dann auf ordentliche Weise Abschied zu nehmen und, von Dir erkauft, nicht mehr zum Verkauf zurückzukehren. Unser Vorsatz war Dir also bekannt; aber den Menschen, außer unseren eigenen Freunden, war er nicht bekannt. Denn wir waren unter uns übereingekommen, ihn niemandem preiszugeben: obwohl Du uns, die wir nun aus dem Jammertal aufstiegen und jenes Stufenlied sangen, scharfe Pfeile und vernichtende Kohlen gegen die listige Zunge gegeben hattest, die uns, als ob sie uns beriete, im Wege stehen und uns aus Liebe verschlingen wollte, wie sie es mit ihrer Speise tut.

Du hattest unsere Herzen mit Deiner Liebe durchbohrt, und wir trugen Deine Worte gleichsam in unserem Inneren befestigt: und die Beispiele Deiner Diener, die Du für Schwarz hell und für tot lebendig gemacht hattest, wurden im Behälter unserer Gedanken aufgetürmt, entzündeten und verbrannten jene unsere schwere Trägheit, damit wir nicht in den Abgrund sänken; und sie befeuerten uns so heftig, dass alle Stürme der listigen Zungen der Widersprechenden uns nur noch heftiger entflammen, nicht auslöschen konnten. Nichtsdestoweniger, weil um Deines Namens willen, den Du auf der ganzen Erde geheiligt hast, dieses unser Gelübde und dieser Vorsatz auch einige finden könnte, die es loben, schien es wie Prahlerei, nicht die nun so nahe Ferienzeit abzuwarten, sondern vorzeitig einen öffentlichen Beruf aufzugeben, der vor den Augen aller lag; sodass alle, die auf diese meine Tat blickten und bemerkten, wie nahe die Zeit der Weinlese war, die ich vorwegnehmen wollte, viel von mir reden würden, als hätte ich als ein Großer erscheinen wollen. Und was hätte es mir genützt, dass die Leute über meinen Vorsatz urteilten und stritten und dass unser Gutes verleumdet würde?

Überdies hatte es mich zuerst beunruhigt, dass in diesem Sommer meine Lungen inmitten allzu großer literarischer Arbeit nachzugeben begannen und schwer und tief atmeten und durch den Schmerz in meiner Brust zeigten, dass sie verletzt waren, und jedes volle oder langwierige Sprechen verweigerten; dies hatte mich beunruhigt, denn es zwang mich fast aus Notwendigkeit, jene Last des Lehrens niederzulegen, oder, falls ich geheilt werden und mich erholen könnte, sie zumindest zu unterbrechen. Aber als der volle Wunsch nach Muße, damit ich sehen könnte, wie Du der Herr bist, in mir aufstieg und feststand; mein Gott, Du weißt es, begann ich mich sogar darüber zu freuen, dass ich diese zweitrangige und nicht geheuchelte Ausrede hatte, die den Anstoß, den diejenigen nahmen, die um ihrer Söhne willen wünschten, dass ich niemals die Freiheit Deiner Söhne hätte, etwas mildern mochte. Voll solcher Freude harrte ich also aus, bis jener Zeitabschnitt abgelaufen war; es mögen etwa zwanzig Tage gewesen sein, doch sie wurden männlich erduldet; erduldet, denn die Habsucht, die zuvor einen Teil dieses schweren Geschäfts getragen hatte, hatte mich verlassen, und ich blieb allein und wäre überwältigt worden, hätte die Geduld nicht ihren Platz eingenommen. Vielleicht mögen einige Deiner Diener, meine Brüder, sagen, dass ich darin gesündigt habe, dass ich es mit einem Herzen, das voll und ganz auf Deinen Dienst ausgerichtet war, zuließ, auch nur eine Stunde auf dem Stuhl der Lügen zu sitzen. Und ich will nicht streitsüchtig sein. Aber hast Du nicht, o barmherzigster Herr, diese Sünde auch mit meinen anderen schrecklichsten und tödlichsten Sünden im heiligen Wasser verziehen und erlassen?

Verecundus war von Sorge um diese unsere Glückseligkeit aufgerieben, weil er, von Banden festgehalten, mit denen er am engsten gebunden war, sah, dass er von uns getrennt werden würde. Denn er selbst war noch kein Christ, seine Frau aber eine Gläubige; und doch war er dadurch, starrer als durch jede andere Kette, von der Reise abgehalten und gehindert, die wir nun unternommen hatten. Denn er wollte, sagte er, auf keine andere Weise Christ sein als auf die, auf die er es nicht konnte. Dennoch bot er uns höflich an, in seinem Landhaus zu bleiben, solange wir dort weilen würden. Du, o Herr, wirst es ihm bei der Auferstehung der Gerechten vergelten, da Du ihm bereits das Los der Gerechten gegeben hast. Denn obgleich er in unserer Abwesenheit, da wir nun in Rom waren, von körperlicher Krankheit ergriffen und darin Christ und ein Gläubiger geworden war, aus diesem Leben schied; so hattest Du dennoch Erbarmen nicht nur mit ihm, sondern auch mit uns: damit wir nicht, der übergroßen Güte unseres Freundes gegen uns gedenkend, ihn aber nicht unter Deine Herde zählen könnend, mit unerträglichem Schmerz gequält würden. Dank sei Dir, unser Gott, wir sind Dein: Deine Eingebungen und Tröstungen sagen uns, Treuer in den Verheißungen, Du vergiltst nun dem Verecundus für sein Landhaus von Cassiacum, wo wir uns vom Fieber der Welt in Dir ausruhten, mit der ewigen Frische Deines Paradieses: denn Du hast ihm seine Sünden auf Erden vergeben, auf jenem reichen Berg, jenem Berg, der Milch gibt, Deinem eigenen Berg.

Er hatte damals also Kummer, Nebridius aber Freude. Denn obgleich auch er, noch kein Christ, in die Grube jenes verderblichsten Irrtums gefallen war, indem er das Fleisch Deines Sohnes für ein Trugbild hielt: so glaubte er, als er daraus hervorging, wie wir; noch nicht mit irgendeinem Sakrament Deiner Kirche ausgestattet, aber ein höchst eifriger Erforscher der Wahrheit. Den, nicht lange nach unserer Bekehrung und Wiedergeburt durch Deine Taufe, da er auch ein gläubiges Mitglied der katholischen Kirche war und Dir in vollkommener Keuschheit und Enthaltsamkeit unter den Seinen in Afrika diente, nachdem sein ganzes Haus durch ihn zuerst christlich geworden war, hast Du vom Fleisch erlöst; und nun lebt er in Abrahams Schoß. Was immer das auch sei, was durch diesen Schoß bezeichnet wird, dort lebt mein Nebridius, mein süßer Freund und Dein Kind, o Herr, ein Adoptivkind eines Freigelassenen: dort lebt er. Denn welchen anderen Ort gibt es für eine solche Seele? Dort lebt er, wonach er mich, einen armen, unerfahrenen Menschen, vieles fragte. Nun legt er nicht mehr sein Ohr an meinen Mund, sondern seinen geistigen Mund an Deine Quelle und trinkt, so viel er empfangen kann, Weisheit im Verhältnis zu seinem Durst, unendlich glücklich. Auch glaube ich nicht, dass er davon so berauscht ist, dass er meiner vergisst; da Du, Herr, den er trinkt, unser gedenkst. So waren wir damals, trösteten Verecundus, der betrübt war, soweit es die Freundschaft erlaubte, dass unsere Bekehrung von solcher Art war; und ermahnten ihn, gläubig zu werden, nach seinem Maß, nämlich dem eines Ehestandes; und erwarteten, dass Nebridius uns folge, was er, da er so nahe war, fast tat: und so, siehe! jene Tage vergingen endlich; denn lang und zahlreich schienen sie, ob der Liebe, die ich zur ruhigen Freiheit trug, damit ich Dir aus innerstem Mark singen könnte: Mein Herz hat zu Dir gesagt, ich habe Dein Angesicht gesucht: Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.

Nun war der Tag gekommen, an dem ich tatsächlich von meiner Rhetorikprofessur befreit werden sollte, wovon ich im Gedanken schon befreit war. Und es geschah. Du rettetest meine Zunge, von wo Du zuvor mein Herz gerettet hattest. Und ich pries Dich, frohlockend; und zog mich mit allen Meinen in die Villa zurück. Was ich dort schriftlich tat, das nun in Deinen Dienst gestellt war, obgleich noch, in dieser Zeit des Aufatmens sozusagen, keuchend von der Schule des Hochmuts, mögen meine Bücher bezeugen, sowohl was ich mit anderen erörterte, als auch was mit mir allein, vor Dir: was mit Nebridius, der abwesend war, bezeugen meine Episteln. Und wann werde ich Zeit haben, all Deine großen Wohltaten an uns in jener Zeit zu wiederholen, besonders da ich zu noch größeren Gnaden eile? Denn mein Gedächtnis ruft mich zurück, und es ist mir angenehm, o Herr, Dir zu beichten, durch welche inneren Stacheln Du mich zähmtest; und wie Du mich geebnet hast, die Berge und Hügel meiner hohen Einbildungen senkend, meine Krümmungen geraderichtend und meine rauen Wege glättend; und wie Du auch den Bruder meines Herzens, Alypius, dem Namen Deines Eingeborenen, unseres Herrn und Heilands Jesus Christus, unterworfen hast, den er anfangs nicht in unsere Schriften aufzunehmen würdigte. Denn lieber wollte er, dass sie nach den hohen Zedern der Schulen schmeckten, die der Herr nun niedergebrochen hat, als nach den heilsamen Kräutern der Kirche, dem Gegenmittel gegen Schlangen.

O in welch Worten sprach ich zu Dir, mein Gott, als ich die Psalmen Davids las, jene treuen Lieder und Klänge der Andacht, die keinen aufgeblasenen Geist dulden, noch als Katechumene und Neuling in Deiner wahren Liebe, ruhend in jener Villa, mit Alypius als Katechumenen, meine Mutter an uns haftend, in weiblicher Tracht mit männlichem Glauben, mit der Gelassenheit des Alters, mütterlicher Liebe, christlicher Frömmigkeit! O welch Worte sprach ich zu Dir in jenen Psalmen, und wie wurde ich durch sie zu Dir entflammt, und brannte darauf, sie, wenn möglich, durch die ganze Welt zu wiederholen, gegen den Hochmut der Menschen! Und doch werden sie durch die ganze Welt gesungen, noch kann sich jemand vor Deiner Hitze verbergen. Mit welch heftigem und bitterem Schmerz zürnte ich über die Manichäer! und wieder bemitleidete ich sie, denn sie kannten jene Sakramente, jene Arzneien nicht und waren wahnsinnig gegen das Gegenmittel, das sie von ihrem Wahnsinn hätte heilen können. Wie hätte ich gewollt, dass sie damals irgendwo in meiner Nähe gewesen wären und, ohne dass ich wüsste, dass sie da waren, mein Antlitz hätten schauen und meine Worte hätten hören können, als ich jenen vierten Psalm in jener Zeit meiner Ruhe las, und wie jener Psalm auf mich wirkte: Als ich rief, erhörte mich der Gott meiner Gerechtigkeit; in Bedrängnis hast Du mich erweitert. Sei mir gnädig, o Herr, und höre mein Gebet. Wäre es doch, dass sie, was ich bei diesen Worten äußerte, hören könnten, ohne dass ich wüsste, ob sie es hörten, damit sie nicht glaubten, ich spräche es um ihretwillen! Denn in Wahrheit würde ich weder dieselben Dinge noch auf dieselbe Weise sprechen, wenn ich wahrnähme, dass sie mich hörten und sähen; noch würden sie, wenn ich sie spräche, sie so empfangen, wie wenn ich für mich und vor Dir sprach, aus den natürlichen Gefühlen meiner Seele.

Ich bebte vor Furcht und entflammte wieder vor Hoffnung und vor Freude in Deiner Barmherzigkeit, o Vater; und alles kam sowohl durch meine Augen als auch durch meine Stimme hervor, als Dein guter Geist, sich uns zuwendend, sprach: Ihr Menschenkinder, wie lange seid ihr schweren Herzens? Warum liebt ihr Eitelkeit und sucht Lügen? Denn ich hatte Eitelkeit geliebt und Lügen gesucht. Und Du, o Herr, hattest bereits Deinen Heiligen verherrlicht, Ihn von den Toten auferweckt und zu Deiner Rechten gesetzt, von wo Er aus der Höhe Deine Verheißung senden sollte, den Tröster, den Geist der Wahrheit. Und Er hatte Ihn bereits gesandt, aber ich wusste es nicht; Er hatte Ihn gesandt, weil Er nun verherrlicht war, auferstanden von den Toten und aufgefahren in den Himmel. Denn bis dahin war der Geist noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Und der Prophet ruft aus: Wie lange, schwere Herzens? Warum liebt ihr Eitelkeit und sucht Lügen? Wisset dies, dass der Herr Seinen Heiligen verherrlicht hat. Er ruft aus: Wie lange? Er ruft aus: Wisset dies: und ich, so lange nicht wissend, liebte Eitelkeit und suchte Lügen: und deshalb hörte ich und bebte, weil es zu solchen gesprochen wurde, wie ich mich erinnerte, gewesen zu sein. Denn in jenen Trugbildern, die ich für Wahrheiten gehalten hatte, war Eitelkeit und Lüge; und ich sprach laut vieles ernst und eindringlich, in der Bitterkeit meines Gedenkens. Hätten es doch jene gehört, die noch Eitelkeit lieben und Lügen suchen! Sie wären vielleicht beunruhigt worden und hätten es ausgekotzt; und Du würdest sie hören, wenn sie zu Dir riefen; denn durch einen wahren Tod im Fleisch starb Er für uns, der nun für uns bei Dir eintritt.

Ich las weiter: Zürnet, und sündiget nicht. Und wie wurde ich da bewegt, o mein Gott, der ich nun gelernt hatte, über mich selbst wegen vergangener Dinge zu zürnen, auf dass ich in der kommenden Zeit nicht sündigte! Ja, mit Recht zu zürnen; denn es war nicht eine andere Natur eines Volkes der Finsternis, welches für mich sündigte, wie jene sagen, die nicht über sich selbst zürnen und sich Zorn aufhäufen für den Tag des Zorns und der Offenbarung Deines gerechten Gerichtes. Auch waren meine Güter nun nicht mehr außerhalb, noch suchte ich sie mit den Augen des Fleisches in jener irdischen Sonne; denn wer von außen Freude empfangen will, wird bald eitel und verzehrt sich an den sichtbaren und zeitlichen Dingen und leckt in seinen verhungerten Gedanken seine eigenen Schatten. O dass sie doch ermüdet wären von ihrem Hunger und sprächen: Wer wird uns Gutes zeigen? Und wir würden sagen, und sie würden hören: Das Licht Deines Angesichts ist über uns versiegelt. Denn wir sind nicht jenes Licht, das jeden Menschen erleuchtet, sondern wir werden von Dir erleuchtet; auf dass wir, die wir einst Finsternis waren, Licht in Dir seien. O dass sie doch das ewige Innere schauen könnten, von dem ich, nachdem ich es gekostet hatte, betrübt war, es ihnen nicht zeigen zu können, solange sie mir ihr Herz in ihren Augen brachten, die schweifend fern von Dir waren, während sie sagten: Wer wird uns Gutes zeigen? Denn dort, wo ich in mir selbst in meiner Kammer zürnte, wo ich innerlich gestochen wurde, wo ich geopfert hatte, indem ich meinen alten Menschen erschlug und den Vorsatz eines neuen Lebens begann, mein Vertrauen auf Dich setzend – dort hattest Du begonnen, mir süß zu werden, und hattest Freude in mein Herz gelegt. Und ich rief aus, als ich dies äußerlich las, und fand es innerlich. Auch wollte ich nicht vermehrt werden durch weltliche Güter, die Zeit verschwendend und von der Zeit verschwendet; wohingegen ich in Deinem ewigen, einfachen Wesen anderes Getreide, Wein und Öl hatte.

Und mit einem lauten Schrei meines Herzens rief ich im nächsten Vers aus: O in Frieden, o für Das-Selbe! O was sagte er, ich werde mich niederlegen und schlafen, denn wer wird uns hindern, wenn jenes Wort geschieht, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen vom Sieg? Und Du bist in überragender Weise Das-Selbe, der Du nicht verändert wirst; und in Dir ist Ruhe, die alle Mühsal vergisst, denn es ist kein anderer bei Dir, noch haben wir jene vielen anderen Dinge zu suchen, die nicht sind, was Du bist: sondern Du, Herr, allein hast mich in Hoffnung wohnen lassen. Ich las und entbrannte; noch fand ich nicht, was ich mit jenen Tauben und Toten tun sollte, von denen ich selbst einer gewesen war, ein schädlicher Mensch, ein bitterer und blinder Schreier gegen jene Schriften, die mit dem Honig des Himmels gesüßt und mit Deinem eigenen Licht erleuchtet sind: und ich war verzehrt vor Eifer gegen die Feinde dieser Schrift.

Wann soll ich alles zurückrufen, was in jenen heiligen Tagen geschah? Doch habe ich weder die Strenge Deiner Züchtigung noch die wunderbare Schnelligkeit Deiner Barmherzigkeit vergessen, noch werde ich sie übergehen. Du peinigtest mich damals mit Schmerzen in meinen Zähnen; als dies einen solchen Grad erreichte, dass ich nicht sprechen konnte, kam es mir in den Sinn, alle meine Freunde zu bitten, für mich zu Dir zu beten, dem Gott jeder Gesundheit. Und dies schrieb ich auf Wachs und gab es ihnen zu lesen. Sogleich, kaum dass wir mit demütiger Andacht unsere Knie gebeugt hatten, wich jener Schmerz. Aber welcher Schmerz? Oder wie wich er? Ich erschrak, o mein Herr, mein Gott; denn von Kindheit an hatte ich dergleichen nie erfahren. Und die Kraft Deines Winkes wurde mir tief vermittelt, und in Glauben frohlockend pries ich Deinen Namen. Und jener Glaube ließ mich nicht ruhen hinsichtlich meiner vergangenen Sünden, die mir durch Deine Taufe noch nicht vergeben waren.

Als die Weinleseferien endeten, gab ich den Mailändern bekannt, sie sollten ihren Schülern einen anderen Lehrer verschaffen, um ihnen Worte zu verkaufen; denn ich hatte mich dazu entschlossen, Dir zu dienen, und war durch meine Atembeschwerden und Schmerzen in der Brust dem Lehramt nicht gewachsen. Und durch Briefe teilte ich Deinem Prälaten, dem heiligen Mann Ambrosius, meine früheren Irrtümer und gegenwärtigen Wünsche mit und bat ihn um Rat, was von Deinen Schriften ich am besten lesen sollte, um bereit und geeigneter für den Empfang einer so großen Gnade zu werden. Er empfahl den Propheten Jesaja: Ich glaube, weil er vor den anderen ein klarerer Verkünder des Evangeliums und der Berufung der Heiden ist. Ich aber, da ich die erste Lektion in ihm nicht verstand und mir vorstellte, das Ganze sei wie diese, legte ihn beiseite, um ihn wieder aufzunehmen, wenn ich besser in den Worten unseres Herrn selbst geübt wäre.

Als dann die Zeit gekommen war, da ich meinen Namen nennen sollte, verließen wir das Land und kehrten nach Mailand zurück. Es gefiel auch Alypius, mit mir in Dir wiedergeboren zu werden, da er bereits mit der Deinen Sakramenten geziemenden Demut bekleidet war; und er war ein höchst tapferer Bändiger des Körpers, sodass er mit ungewohntem Wagemut den gefrorenen Boden Italiens mit bloßen Füßen betrat. Wir nahmen den Knaben Adeodatus zu uns, der nach dem Fleisch aus meiner Sünde geboren war. Trefflich hattest Du ihn geschaffen. Er war noch nicht fünfzehn und übertraf an Geist viele ernste und gelehrte Männer. Ich bekenne Dir Deine Gaben, o Herr, mein Gott, Schöpfer aller Dinge, der Du wohl imstande bist, unsere Missgestalten zu bessern: denn ich hatte keinen Anteil an jenem Knaben außer der Sünde. Dass wir ihn in Deiner Zucht erzogen, das warst Du, niemand sonst, der uns dazu inspiriert hatte. Ich bekenne Dir Deine Gaben. Es gibt ein Buch von uns mit dem Titel Der Meister; es ist ein Dialog zwischen ihm und mir. Du weißt, dass alles dort, was der Person zugeschrieben wird, die sich mit mir unterhält, seine Gedanken in seinem sechzehnten Jahr waren. Vieles andere, und noch Bewundernswerteres, fand ich an ihm. Jene Begabung flößte mir Ehrfurcht ein. Und wer außer Dir konnte der Werkmeister solcher Wunder sein? Bald nahmst Du sein Leben von der Erde: und ich gedenke seiner nun ohne Angst und fürchte nichts für seine Kindheit oder Jugend oder sein ganzes Wesen. Ihn nahmen wir zu uns, unseren Zeitgenossen in der Gnade, um ihn in Deiner Zucht zu erziehen: und wir wurden getauft, und die Angst um unser vergangenes Leben schwand von uns. Auch war ich in jenen Tagen nicht gesättigt von der wunderbaren Süße, die Tiefe Deiner Ratschlüsse hinsichtlich der Errettung der Menschheit zu erwägen. Wie weinte ich bei Deinen Hymnen und Lobgesängen, tief berührt von den Stimmen Deiner lieblich gestimmten Kirche! Die Stimmen flossen in meine Ohren, und die Wahrheit träufelte in mein Herz, woraus sich die Regungen meiner Andacht ergossen und Tränen herabliefen, und glücklich war ich darin.

Nicht lange hatte die Kirche von Mailand begonnen, diese Art von Trost und Ermahnung zu gebrauchen, wobei die Brüder eifrig mit Einklang der Stimmen und Herzen teilnahmen. Denn es war ein Jahr oder kaum mehr, dass Justina, die Mutter des Kaisers Valentinian, eines Kindes, Deinen Diener Ambrosius verfolgte, um ihrer Häresie willen, zu der sie von den Arianern verführt worden war. Das gläubige Volk hielt Wache in der Kirche, bereit, mit ihrem Bischof, Deinem Diener, zu sterben. Dort lebte meine Mutter, Deine Magd, die einen Hauptteil jener Sorgen und Wachen trug, im Gebet. Wir, noch nicht erwärmt von der Glut Deines Geistes, waren dennoch aufgewühlt durch den Anblick der erstaunten und beunruhigten Stadt. Damals wurde zuerst eingeführt, dass nach der Art der Ostkirchen Hymnen und Psalmen gesungen werden sollten, damit das Volk nicht vor der Mühsal der Trauer erschlaffe: und von jenem Tag bis heute wird dieser Brauch beibehalten, wobei verschiedene (ja, beinahe alle) Deine Gemeinden in anderen Teilen der Welt hierin folgen.

Dann enthülltest Du durch ein Gesicht Deinem vorgenannten Bischof, wo die Leiber der Märtyrer Gervasius und Protasius verborgen lagen (die Du in Deinem geheimen Schatzhaus so viele Jahre unversehrt aufbewahrt hattest), von wo Du sie zu gelegener Zeit hervorbringen konntest, um die Wut einer Frau, aber einer Kaiserin, zu unterdrücken. Denn als sie entdeckt und ausgegraben und mit gebührender Ehre in die Ambrosianische Basilika überführt wurden, wurden nicht nur jene, die von unreinen Geistern geplagt waren (wobei die Teufel sich selbst bekannten), geheilt, sondern ein gewisser Mann, der seit vielen Jahren blind war, ein Bürger, der Stadt wohlbekannt, sprang auf, als er den Grund für die verwirrte Freude des Volkes fragte und hörte, und bat seinen Führer, ihn dorthin zu bringen. Dorthin geführt, bat er darum, mit seinem Taschentuch die Bahre Deiner Heiligen berühren zu dürfen, deren Tod in Deinen Augen kostbar ist. Als er dies getan und an seine Augen gelegt hatte, wurden sie sogleich geöffnet. Von da verbreitete sich der Ruhm, von da glühten und leuchteten Deine Lobe; von da wurde der Sinn jener Feindin, wenn auch nicht zur Gesundheit des Glaubens bekehrt, doch von ihrer Wut des Verfolgens zurückgewendet. Dank sei Dir, o mein Gott. Wohin hast Du mein Gedenken von dort aus geführt, dass ich Dir auch diese Dinge bekennen sollte? Die ich, obwohl sie groß sind, in Vergessenheit hatte vorbeiziehen lassen. Und doch liefen wir damals, als der Geruch Deiner Salben so duftete, nicht hinter Dir her. Deshalb weinte ich umso mehr inmitten des Gesanges Deiner Hymnen, vormals nach Dir seufzend und schließlich in Dir atmend, soweit der Atem in dieses unser Haus aus Gras dringen mag.

Du, der Du die Menschen einträchtig in einem Hause wohnen lässt, fügtest uns auch Euodius hinzu, einen jungen Mann aus unserer eigenen Stadt. Der, da er ein Hofbeamter war, vor uns zu Dir bekehrt und getauft wurde: und er verließ seinen weltlichen Kriegsdienst und rüstete sich für Deinen. Wir waren zusammen, im Begriff, in unserem frommen Vorsatz zusammenzuwohnen. Wir suchten, wo wir Dir am nützlichsten dienen könnten, und kehrten gemeinsam nach Afrika zurück: als wir auf dem Weg dorthin so weit wie Ostia gekommen waren, schied meine Mutter aus diesem Leben. Vieles lasse ich aus, da ich sehr eile. Empfange meine Bekenntnisse und Danksagungen, o mein Gott, für unzählige Dinge, von denen ich schweige. Aber ich werde nicht auslassen, was immer meine Seele über jene Deine Magd vorbringen möchte, die mich hervorbrachte, sowohl im Fleisch, auf dass ich in dieses zeitliche Licht geboren würde, als auch im Herzen, auf dass ich in das ewige Licht geboren würde. Nicht von ihren Gaben, sondern von Deinen in ihr möchte ich sprechen; denn weder machte noch erzog sie sich selbst. Du erschufst sie; noch wussten ihr Vater und ihre Mutter, was für eine aus ihnen hervorgehen würde. Und das Zepter Deines Christus, die Zucht Deines eingeborenen Sohnes, in einem christlichen Hause, ein gutes Glied Deiner Kirche, erzog sie in Deiner Furcht. Doch pflegte sie für ihre gute Erziehung nicht so sehr den Fleiß ihrer Mutter zu loben als den einer gewissen vergreisten Magd, die ihren Vater als Kind getragen hatte, wie die Kleinen von älteren Mädchen getragen zu werden pflegten. Aus diesem Grund, sowie wegen ihres hohen Alters und ihres ausgezeichneten Wandels, wurde sie in jener christlichen Familie von deren Häuptern wohl geachtet. Daher wurde ihr auch die Aufsicht über die Töchter ihres Herrn anvertraut, worauf sie eifrig achtete, sie bei Bedarf ernsthaft mit heiliger Strenge zügelnd und sie mit ernster Besonnenheit lehrend. Denn außer zu jenen Stunden, in denen sie am Tisch ihrer Eltern sehr mäßig gespeist wurden, gestattete sie ihnen nicht, selbst wenn sie vor Durst brannten, auch nur Wasser zu trinken; einer üblen Gewohnheit vorbeugend und diesen heilsamen Rat hinzufügend: „Ihr trinkt jetzt Wasser, weil ihr keinen Wein zur Verfügung habt; aber wenn ihr verheiratet sein werdet und Herrinnen über Keller und Schränke seid, werdet ihr Wasser verschmähen, aber die Gewohnheit des Trinkens wird bleiben.“ Durch diese Methode der Unterweisung und die Autorität, die sie hatte, zügelte sie die Gier der Kindheit und formte ihren Durst zu einer solchen ausgezeichneten Mäßigung, dass sie nicht wollten, was sie nicht sollten.

Und doch (wie Deine Magd mir, ihrem Sohn, erzählte) hatte sich eine Liebe zum Wein bei ihr eingeschlichen. Denn als sie (wie es Sitte war) von ihren Eltern wie ein nüchternes Mädchen geheißen wurde, Wein aus dem Fass zu zapfen, hielt sie das Gefäß unter die Öffnung, und bevor sie den Wein in den Krug goss, nippte sie ein wenig mit der Spitze ihrer Lippen; denn mehr ließ ihr natürliches Empfinden nicht zu. Dies tat sie nicht aus Verlangen nach Trinken, sondern aus der Überfülle der Jugend, durch die es in fröhlichen Streichen überkocht, die bei jugendlichem Gemüt durch den Ernst der Älteren im Zaum gehalten zu werden pflegen. Und so war sie durch das Hinzufügen von täglichen Kleinigkeiten zu jenem Wenigen (denn wer das Kleine verachtet, wird allmählich fallen) in eine solche Gewohnheit gefallen, dass sie gierig ihr kleines Gefäß fast randvoll mit Wein austrank. Wo war damals jene besonnene alte Frau und ihr ernstes Verbot? Würde etwas gegen eine geheime Krankheit helfen, wenn Deine heilende Hand, o Herr, nicht über uns wachte? Vater, Mutter und Aufseher abwesend, Du anwesend, der Du erschaffst, der Du rufst, der Du auch durch jene, die über uns gesetzt sind, etwas zur Errettung unserer Seelen wirkst, was tatest Du damals, o mein Gott? Wie heiltest Du sie? Wie gesundetest Du sie? Brachtest Du nicht aus einer anderen Seele einen harten und scharfen Vorwurf hervor, wie ein Skalpell aus Deinem geheimen Vorrat, und entferntest mit einer Berührung all jenen üblen Stoff? Denn eine Magd, mit der sie in den Keller zu gehen pflegte, geriet (wie es vorkommt) mit ihrer kleinen Herrin in Wortstreit, als sie allein mit ihr war, und warf ihr diesen Fehler mit bitterster Beleidigung vor, indem sie sie eine Weinsäuferin nannte. Durch diesen Vorwurf, der sie ins Mark traf, sah sie die Hässlichkeit ihres Fehlers und verurteilte und ließ ihn augenblicklich. Wie schmeichlerische Freunde verderben, so korrigieren beleidigende Feinde meist. Doch nicht das, was Du durch sie wirkst, sondern was sie selbst beabsichtigten, vergiltst Du ihnen. Denn sie suchte in ihrem Zorn ihre junge Herrin zu kränken, nicht sie zu bessern; und tat es unter vier Augen, entweder weil Zeit und Ort des Streits sie so fanden; oder damit sie selbst nicht auch Zorn haben sollte, weil sie es so spät entdeckte. Du aber, Herr, Regierer aller Dinge im Himmel und auf Erden, der Du die tiefsten Ströme und die beherrschte Aufruhr der Gezeiten der Zeiten Deinen Zwecken zuführst, heiltest durch die Ungesundheit der einen Seele die andere; damit niemand, wenn er dies beobachtet, es seiner eigenen Kraft zuschreibe, selbst wenn ein anderer, den er reformiert sehen wollte, durch seine Worte reformiert wird.

So bescheiden und nüchtern erzogen und eher von Dir ihren Eltern untertan gemacht als von ihren Eltern Dir, diente sie, sobald sie heiratsfähig war, ihrem Ehemann als ihrem Herrn; und sie gab sich Mühe, ihn für Dich zu gewinnen, indem sie Dir durch ihren Wandel predigte; durch welchen Du sie schmücktest, indem Du sie ehrfurchtsvoll liebenswert und bewundernswert für ihren Mann machtest. Und sie ertrug die Kränkung ihres Bettes so, dass sie deswegen niemals Streit mit ihrem Mann hatte. Denn sie erwartete Deine Barmherzigkeit für ihn, dass er, an Dich glaubend, keusch würde. Aber darüber hinaus war er hitzig, sowohl in seinen Neigungen als auch im Zorn: sie aber hatte gelernt, einem zornigen Ehemann nicht zu widerstehen, nicht nur nicht in der Tat, sondern nicht einmal im Wort. Nur wenn er beruhigt und ruhig war und in einer Stimmung, es aufzunehmen, würde sie Rechenschaft über ihre Handlungen ablegen, falls er sich etwa vorschnell beleidigt gefühlt hatte. Kurz gesagt, während viele Ehefrauen, die mildere Männer hatten, dennoch Male der Schande in ihren Gesichtern trugen und im vertrauten Gespräch das Leben ihrer Ehemänner tadelten, tadelte sie deren Zungen und gab ihnen, wie im Scherz, ernsten Rat: „Dass sie von der Zeit an, da sie die Eheverträge hörten, sie als Indenturen betrachten sollten, durch die sie zu Dienerinnen gemacht wurden; und so, ihrer Bedingung gedenkend, sollten sie sich nicht gegen ihre Herren auflehnen.“ Und wenn sie, wissend, was für einen jähzornigen Ehemann sie ertrug, sich wunderten, dass man nie gehört oder durch irgendein Anzeichen wahrgenommen hatte, dass Patricius seine Frau geschlagen hätte oder dass es zwischen ihnen irgendeine häusliche Differenz gegeben hätte, auch nur für einen Tag, und vertraulich nach dem Grund fragten, lehrte sie sie ihre oben erwähnte Praxis. Jene Ehefrauen, die es beobachteten, fanden das Gute und sagten Dank; jene, die es nicht beobachteten, fanden keine Linderung und litten.

Ihre Schwiegermutter auch, die zuerst durch das Geflüster böser Diener gegen sie aufgehetzt war, überwand sie durch Gehorsam und ausdauerndes Ertragen und Sanftmut so, dass diese von sich aus ihrem Sohn die störenden Zungen offenbarte, durch die der häusliche Frieden zwischen ihr und ihrer Schwiegertochter gestört worden war, und ihn bat, sie zu korrigieren. Dann, als er auf Wunsch seiner Mutter und zur guten Ordnung der Familie jene Entdeckten mit Hieben korrigiert hatte, nach dem Willen derer, die sie entdeckt hatte, versprach sie den gleichen Lohn jedem, der, um ihr zu gefallen, schlecht über ihre Schwiegertochter zu ihr sprechen würde: und da es nun niemand mehr wagte, lebten sie zusammen mit einer bemerkenswerten Süße gegenseitiger Güte.

Diese große Gabe verliehest Du auch, o mein Gott, meine Barmherzigkeit, jener guten Magd von Dir, in deren Schoß Du mich erschufst, dass sie sich zwischen allen uneinigen und zwieträchtigen Parteien, wo sie konnte, als eine solche Friedensstifterin erwies, dass sie, obwohl sie von beiden Seiten bitterste Dinge hörte, wie sie schwellender und unverdaulicher Zorn auszubrechen pflegt, wenn die Rohheiten von Feindschaften in sauren Reden bei einem anwesenden Freund gegen einen abwesenden Feind ausgeatmet werden, niemals etwas von dem einen dem anderen offenbarte, außer was zu ihrer Versöhnung beitragen konnte. Ein kleines Gut mag dies erscheinen, wenn ich nicht zu meinem Leidwesen unzählige Personen kennen würde, die durch eine schreckliche und weit verbreitete Ansteckung der Sünde nicht nur gegenseitig Erbitterten Dinge offenbaren, die im Zorn gesagt wurden, sondern dazu noch Dinge hinzufügen, die niemals gesprochen wurden, während es der menschlichen Menschlichkeit als eine leichte Sache erscheinen sollte, nicht durch üble Worte den bösen Willen zu schüren oder zu mehren, es sei denn, man bemühe sich zugleich, ihn durch gute Worte zu löschen. Solche war sie, Du selbst, ihre innerste Lehrerin, die sie in der Schule des Herzens lehrte.

Schließlich gewann sie ihren eigenen Ehemann, gegen das Ende seines irdischen Lebens, für Dich; noch musste sie sich als Gläubige über das beklagen, was sie vor seinem Glauben von ihm ertragen hatte. Sie war auch die Dienerin Deiner Diener; wer auch immer von ihnen sie kannte, lobte und ehrte und liebte in ihr Dich sehr; denn durch das Zeugnis der Früchte eines heiligen Wandels nahmen sie Deine Gegenwart in ihrem Herzen wahr. Denn sie war die Ehefrau eines Mannes gewesen, hatte ihren Eltern vergolten, ihr Haus fromm verwaltet, war wohlberichtet von guten Werken, hatte Kinder erzogen, so oft in Geburtsschmerzen für sie ringend, als sie sah, dass sie von Dir abwichen. Zuletzt sorgte sie von uns allen, Deinen Dienern, o Herr (denen Du aus Anlass Deiner eigenen Gabe erlaubst zu sprechen), uns, die wir vor ihrem Entschlafen in Dir vereint lebten, nachdem wir die Gnade Deiner Taufe empfangen hatten, so für uns, als wäre sie die Mutter von uns allen gewesen; diente uns, als wäre sie das Kind von uns allen gewesen.

Als nun der Tag näher rückte, an dem sie aus diesem Leben scheiden sollte (welchen Tag Du wohl kanntest, wir nicht), begab es sich, da Du es, wie ich glaube, durch Deine geheimen Wege so fügtest, dass sie und ich allein standen, gelehnt in einem gewissen Fenster, das in den Garten des Hauses blickte, wo wir nun in Ostia ruhten; wo wir, entfernt vom Lärm der Menschen, uns von den Strapazen einer langen Reise für die Überfahrt erholten. Wir sprachen damals zusammen, allein, sehr lieblich; und vergaßen, was dahinten ist, und streckten uns aus nach dem, was vorne ist, und erkundigten uns zwischen uns im Angesicht der Wahrheit, die Du bist, welcher Art das ewige Leben der Heiligen sein würde, das kein Auge gesehen, noch Ohr gehört, noch in das Herz des Menschen gekommen ist. Aber dennoch keuchten wir mit dem Munde unseres Herzens nach jenen himmlischen Strömen Deiner Quelle, der Quelle des Lebens, die bei Dir ist; damit wir, von dort nach unserem Fassungsvermögen benetzt, in gewisser Weise über ein so hohes Geheimnis nachsinnen könnten.

Und als unsere Rede zu jenem Punkte gelangt war, dass die allerhöchste Wonne der leiblichen Sinne im reinsten leiblichen Lichte im Vergleich mit der Süßigkeit jenes Lebens nicht nur keiner Vergleichung, sondern auch keiner Erwähnung wert sei, erhoben wir uns mit glühenderem Verlangen nach dem „Sich-Selbst-Gleichen“ und durchschritten stufenweise alle leiblichen Dinge, selbst den Himmel, von wo Sonne, Mond und Sterne auf die Erde scheinen; ja, wir stiegen noch höher empor durch inneres Nachsinnen und Reden und Bewundern Deiner Werke; und wir kamen zu unserem eigenen Geiste und überschritten ihn, damit wir in jene Gegend nie versiegenden Überflusses gelangten, wo Du Israel ewiglich nährst mit der Speise der Wahrheit, und wo das Leben jene Weisheit ist, durch die all diese Dinge geschaffen sind, und was gewesen ist und was sein wird; sie selbst aber ist nicht geschaffen, sondern ist so, wie sie gewesen ist, und so wird sie ewig sein; ja vielmehr sind „Gewesen-Sein“ und „Künftig-Sein“ nicht in ihr, sondern nur „Sein“, da sie ewig ist. Denn „Gewesen-Sein“ und „Künftig-Sein“ sind nicht ewig. Und während wir davon redeten und nach ihr lechzten, berührten wir sie ein wenig mit dem ganzen Streben unseres Herzens; und wir seufzten

Aber Du, mein innerster Arzt, mache mir deutlich, welche Frucht ich durch dieses Tun ernten mag. Denn die Bekenntnisse meiner vergangenen Sünden, die Du vergeben und zugedeckt hast, damit Du mich in Dir segnen mögest, indem Du meine Seele durch den Glauben und Dein Sakrament wandelst, regen, wenn sie gelesen und gehört werden, das Herz an, damit es nicht in Verzweiflung schlafe und sage: „Ich kann nicht“, sondern erwache in der Liebe zu Deiner Barmherzigkeit und der Süße Deiner Gnade, durch welche der Schwache stark wird, wenn er sich durch sie seiner eigenen Schwäche bewusst wird. Und die Guten freuen sich, von den vergangenen Übeln derer zu hören, die nun von ihnen befreit sind, nicht weil es Übel sind, sondern weil sie gewesen sind und nicht mehr sind. Mit welcher Frucht also, o Herr, mein Gott, dem mein Gewissen täglich beichtet, mehr auf die Hoffnung Deiner Barmherzigkeit vertrauend als auf seine eigene Unschuld, mit welcher Frucht, so bitte ich, bekenne ich durch dieses Buch auch den Menschen in Deiner Gegenwart, was ich jetzt bin, nicht was ich gewesen bin? Denn jene andere Frucht habe ich gesehen und von ihr gesprochen. Was ich aber jetzt bin, zu eben der Zeit, da ich diese Bekenntnisse ablege, begehren verschiedene zu wissen, die mich kennen oder nicht kennen, die von mir oder über mich gehört haben; doch ihr Ohr ist nicht bei meinem Herzen, wo ich bin, was auch immer ich bin. Sie wünschen also, mich bekennen zu hören, was ich im Inneren bin; wohin weder ihr Auge, noch ihr Ohr, noch ihr Verstand reichen kann; sie wünschen es, bereit zu glauben – doch werden sie es wissen? Denn die Nächstenliebe, durch die sie gut sind, sagt ihnen, dass ich in meinen Bekenntnissen nicht lüge; und sie in ihnen glaubt mir.

Doch zu welcher Frucht möchten sie dies hören? Begehren sie, sich mit mir zu freuen, wenn sie hören, wie nahe ich durch Deine Gabe Dir komme? Und für mich zu beten, wenn sie hören, wie sehr ich durch mein eigenes Gewicht zurückgehalten werde? Solchen will ich mich offenbaren. Denn es ist keine geringe Frucht, o Herr, mein Gott, dass durch viele Dank dargebracht werde für uns, und Du von vielen für uns angefleht werdest. Möge der brüderliche Sinn in mir lieben, was Du lehrst, dass es zu lieben sei, und in mir beklagen, was Du lehrst, dass es zu beklagen sei. Möge ein brüderlicher, kein fremder Sinn, nicht jener der fremden Kinder, deren Mund von Eitelkeit redet und deren Rechte eine Rechte der Ungerechtigkeit ist, sondern jener brüderliche Sinn, der sich freut, wenn er mich gutheißt, und sich grämt, wenn er mich missbilligt; denn ob er gutheißt oder missbilligt, er liebt mich. Solchen will ich mich offenbaren: Sie werden bei meinen guten Taten aufatmen, über meine bösen seufzen. Meine guten Taten sind Deine Anordnungen und Deine Gaben; meine bösen sind meine Verfehlungen und Deine Urteile. Mögen sie bei den einen aufatmen, bei den anderen seufzen; und mögen Hymnen und Weinen vor Dein Angesicht steigen, aus den Herzen meiner Brüder, Deiner Räuchergefäße. Und Du, o Herr, habe Wohlgefallen am Weihrauch Deines heiligen Tempels, habe Erbarmen mit mir gemäß Deiner großen Barmherzigkeit um Deines Namens willen; und da Du auf keine Weise verlässt, was Du begonnen hast, vollende meine Unvollkommenheiten.

Dies ist die Frucht meiner Bekenntnisse darüber, was ich bin, nicht was ich gewesen bin, dies zu bekennen, nicht nur vor Dir, in geheimem Frohlocken mit Zittern und geheimem Kummer mit Hoffnung; sondern auch in den Ohren der gläubigen Söhne der Menschen, Teilhaber meiner Freude und Gefährten in meiner Sterblichkeit, meine Mitbürger und Mitpilger, die vorangegangen sind oder nachfolgen werden, Gefährten auf meinem Weg. Dies sind Deine Diener, meine Brüder, von denen Du willst, dass sie Deine Söhne seien; meine Herren, denen Du mir befiehlst zu dienen, wenn ich mit Dir, von Dir leben will. Doch dieses Dein Wort wäre gering, würde es nur durch Reden befehlen und nicht im Handeln vorangehen. Dies also tue ich in Tat und Wort, dies tue ich unter Deinen Flügeln; in allzu großer Gefahr, wäre meine Seele Dir unter Deinen Flügeln nicht untertan und meine Schwachheit Dir nicht bekannt. Ich bin ein Kleiner, doch mein Vater lebt ewig, und mein Wächter genügt mir. Denn Er ist derselbe, der mich gezeugt hat und mich verteidigt: und Du selbst bist all mein Gut; Du, Allmächtiger, der Du mit mir bist, ja, bevor ich mit Dir bin. Solchen also, denen Du mir befiehlst zu dienen, will ich offenbaren, nicht was ich gewesen bin, sondern was ich jetzt bin und was ich noch bin. Doch auch ich selbst richte mich nicht. So also möchte ich gehört werden.

Denn Du, Herr, richtest mich: denn obgleich kein Mensch weiß, was im Menschen ist, außer dem Geist des Menschen, der in ihm ist, so gibt es doch etwas am Menschen, das selbst der Geist des Menschen, der in ihm ist, nicht weiß. Aber Du, Herr, weißt alles an ihm, der Du ihn geschaffen hast. Doch ich, obgleich ich mich vor Deinem Angesicht verachte und mich für Staub und Asche halte; so weiß ich doch etwas von Dir, das ich nicht von mir selbst weiß. Und wahrlich, jetzt sehen wir durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, noch nicht von Angesicht zu Angesicht. Solange ich also fern von Dir bin, bin ich mir selbst näher als Dir; und doch weiß ich von Dir, dass Du auf keine Weise leidend bist; aber was ich an Versuchungen widerstehen kann, was ich nicht kann, das weiß ich nicht. Und es gibt Hoffnung, denn Du bist treu, der Du uns nicht zulassen wirst, über unser Vermögen versucht zu werden; sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wirst, dass wir es ertragen können. Ich will also bekennen, was ich von mir weiß, ich will auch bekennen, was ich nicht von mir weiß. Und das deshalb, weil das, was ich von mir weiß, ich durch Dein Leuchten über mich weiß; und was ich nicht von mir weiß, das weiß ich solange nicht, bis meine Finsternis wie der Mittag werde in Deinem Angesicht.

Nicht mit Zweifeln, sondern mit gewissem Bewusstsein liebe ich Dich, Herr. Du hast mein Herz mit Deinem Wort getroffen, und ich liebte Dich. Ja, auch Himmel und Erde und alles, was darin ist, siehe, von überall her heißen sie mich, Dich zu lieben; und hören nicht auf, es allen zu sagen, damit sie ohne Entschuldigung seien. Doch wirst Du Dich tiefer erbarmen, über wen Du Dich erbarmen willst, und Mitleid haben, mit wem Du Mitleid gehabt hast: sonst sprechen Himmel und Erde Deine Lobpreisungen in taube Ohren. Aber was liebe ich, wenn ich Dich liebe? Nicht die Schönheit der Körper, nicht den schönen Einklang der Zeit, nicht den Glanz des Lichts, so erfreulich unseren Augen, nicht süße Melodien verschiedener Lieder, nicht den wohlriechenden Duft von Blumen und Salben und Gewürzen, nicht Manna und Honig, nicht Glieder, die den Umarmungen des Fleisches angenehm sind. Nichts von alledem liebe ich, wenn ich meinen Gott liebe; und doch liebe ich eine Art von Licht, und Melodie, und Duft, und Speise, und Umarmung, wenn ich meinen Gott liebe, das Licht, die Melodie, den Duft, die Speise, die Umarmung meines inneren Menschen: wo meiner Seele leuchtet, was Raum nicht enthalten kann, und wo klingt, was Zeit nicht hinwegträgt, und wo duftet, was Hauch nicht zerstreut, und wo schmeckt, was Essen nicht vermindert, und wo anhaftet, was Sättigung nicht trennt. Dies ist es, was ich liebe, wenn ich meinen Gott liebe.

Und was ist dies? Ich fragte die Erde, und sie antwortete mir: „Ich bin nicht Er“; und alles, was auf ihr ist, bekannte dasselbe. Ich fragte das Meer und die Tiefen und die kriechenden Lebewesen, und sie antworteten: „Wir sind nicht dein Gott, suche über uns.“ Ich fragte die bewegte Luft; und die ganze Luft mit ihren Bewohnern antwortete: „Anaximenes hat sich geirrt, ich bin nicht Gott.“ Ich fragte die Himmel, Sonne, Mond, Sterne: „Auch wir (sagen sie) sind nicht der Gott, den du suchst.“ Und ich entgegnete allen Dingen, die die Tür meines Fleisches umgeben: „Ihr habt mir von meinem Gott erzählt, dass ihr nicht Er seid; sagt mir etwas von Ihm.“ Und sie schrien mit lauter Stimme: „Er hat uns gemacht.“ Mein Befragen ihrer war mein Nachdenken über sie: und ihre Form der Schönheit gab die Antwort. Und ich wandte mich zu mir selbst und sagte zu mir: „Wer bist du?“ Und ich antwortete: „Ein Mensch.“ Und siehe, in mir präsentieren sich mir Seele und Leib, das eine draußen, das andere drinnen. Durch welches von diesen sollte ich meinen Gott suchen? Ich hatte Ihn im Leib gesucht von der Erde bis zum Himmel, soweit ich Boten aussenden konnte, die Strahlen meiner Augen. Doch besser ist das Innere, denn ihm als dem Vorsitzenden und Richtenden berichteten alle körperlichen Boten die Antworten des Himmels und der Erde und aller Dinge darin, die sagten: „Wir sind nicht Gott, sondern Er hat uns gemacht.“ Diese Dinge wusste mein innerer Mensch durch den Dienst des äußeren: Ich, der Innere, wusste sie; ich, der Verstand, durch die Sinne meines Körpers. Ich fragte das ganze Gefüge der Welt nach meinem Gott; und es antwortete mir: „Ich bin nicht Er, sondern Er hat mich gemacht.“

Ist diese körperliche Gestalt nicht für alle offensichtlich, deren Sinne vollkommen sind? Warum spricht sie dann nicht zu allen dasselbe? Tiere klein und groß sehen sie, aber sie können sie nicht fragen: denn keine Vernunft ist über ihre Sinne gesetzt, um über das zu urteilen, was sie berichten. Doch Menschen können fragen, sodass die unsichtbaren Dinge Gottes durch die erschaffenen Dinge klar gesehen und verstanden werden; doch durch die Liebe zu ihnen werden sie ihnen unterworfen; und Unterworfene können nicht urteilen. Doch antworten die Geschöpfe nicht denen, die fragen, es sei denn, sie können urteilen; noch ändern sie ihre Stimme (das heißt ihre Erscheinung), wenn nur einer sieht, ein anderer Sehender fragt, sodass sie dem einen so, dem anderen so erscheint, sondern da sie beiden gleich erscheint, ist sie stumm zu diesem, spricht zu jenem; ja vielmehr spricht sie zu allen; doch nur jene verstehen, die ihre von außen empfangene Stimme mit der Wahrheit im Inneren vergleichen. Denn die Wahrheit sagt zu mir: „Weder Himmel noch Erde noch irgendein anderer Körper ist dein Gott.“ Dies sagt ihre Natur selbst dem, der sie sieht: „Sie sind eine Masse; eine Masse ist in einem Teil geringer als im Ganzen.“ Nun zu dir spreche ich, o meine Seele, du bist mein besserer Teil: denn du belebst die Masse meines Körpers und gibst ihr Leben, was kein Körper einem Körper geben kann: aber dein Gott ist sogar für dich das Leben deines Lebens.

Was also liebe ich, wenn ich meinen Gott liebe? Wer ist Er über dem Haupt meiner Seele? Durch meine Seele selbst werde ich zu Ihm aufsteigen. Ich werde jene Kraft hinter mir lassen, durch die ich mit meinem Körper verbunden bin und sein ganzes Gefüge mit Leben erfülle. Auch kann ich durch diese Kraft meinen Gott nicht finden; denn so könnten Pferd und Maultier, die keinen Verstand haben, Ihn finden; da es dieselbe Kraft ist, durch die sogar ihre Körper leben. Doch es gibt eine andere Kraft, nicht nur jene, durch die ich belebe, sondern auch jene, durch die ich meinem Fleisch Sinne verleihe, das der Herr für mich gebildet hat: indem Er dem Auge befiehlt, nicht zu hören, und dem Ohr, nicht zu sehen; sondern dem Auge, dass ich durch es sehe, und dem Ohr, dass ich durch es höre; und den anderen Sinnen einzeln, was für jeden ihr eigener Sitz und ihre eigene Aufgabe ist; welche, da sie verschieden sind, ich, der eine Verstand, durch sie vollziehe. Ich werde auch diese meine Kraft hinter mir lassen; denn diese haben auch das Pferd und das Maultier, denn auch sie nehmen durch den Körper wahr.

Ich werde also auch diese Kraft meiner Natur hinter mir lassen und stufenweise zu Ihm emporsteigen, der mich gemacht hat. Und ich komme zu den Feldern und geräumigen Palästen meines Gedächtnisses, wo die Schätze unzähliger Bilder sind, die aus Dingen aller Art, die durch die Sinne wahrgenommen wurden, in es gebracht wurden. Dort ist aufgespeichert, was immer wir sonst denken, sei es durch Vergrößerung oder Verkleinerung oder jede andere Veränderung der Dinge, zu denen der Sinn gelangt ist; und was immer sonst anvertraut und niedergelegt wurde, was das Vergessen noch nicht verschlungen und begraben hat. Wenn ich dort eintrete, verlange ich, dass hervorgebracht werde, was ich will, und etwas kommt sogleich; andere müssen länger gesucht werden, die sozusagen aus einem inneren Behältnis hervorgeholt werden; andere stürmen in Scharen hervor, und während etwas gewünscht und verlangt wird, springen sie hervor, als wollten sie sagen: „Bin ich es vielleicht?“ Diese vertreibe ich mit der Hand meines Herzens vom Antlitz meiner Erinnerung; bis das, was ich wünsche, enthüllt wird und aus seinem geheimen Ort zum Vorschein kommt. Andere Dinge kommen bereitwillig in ununterbrochener Folge, wie sie gerufen werden; die vorderen machen den folgenden Platz; und während sie Platz machen, sind sie dem Blick verborgen, bereit zu kommen, wenn ich will. All dies geschieht, wenn ich eine Sache auswendig hersage.

Dort sind alle Dinge deutlich und unter allgemeinen Begriffen bewahrt, von denen jedes durch seinen eigenen Zugang eingetreten ist: wie Licht und alle Farben und Formen der Körper durch die Augen; durch die Ohren alle Arten von Klängen; alle Gerüche durch den Zugang der Nasenlöcher; alle Geschmäcker durch den Mund; und durch die Empfindung des ganzen Körpers, was hart oder weich ist; heiß oder kalt; oder rau; schwer oder leicht; entweder äußerlich oder innerlich für den Körper. All dies empfängt jener große Hafen des Gedächtnisses in seinen zahllosen geheimen und unaussprechlichen Windungen, um bei Bedarf hervorgeholt und herausgebracht zu werden; jedes tritt durch sein eigenes Tor ein und wird dort niedergelegt. Doch treten die Dinge selbst nicht ein; nur die Bilder der wahrgenommenen Dinge sind dort in Bereitschaft, damit der Gedanke sie abrufe. Welche Bilder, wie sie geformt werden, wer kann das sagen, obgleich es klar erscheint, durch welchen Sinn jedes eingebracht und aufgespeichert wurde? Denn selbst während ich in Dunkelheit und Stille verweile, kann ich in meinem Gedächtnis Farben hervorbringen, wenn ich will, und zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden und was andere ich will: doch dringen Klänge nicht ein und stören nicht das Bild, das durch meine Augen aufgenommen wurde, welches ich gerade betrachte, obgleich sie auch dort sind, schlafend liegen und sozusagen beiseitegelegt sind. Denn auch diese rufe ich, und sogleich erscheinen sie. Und obgleich meine Zunge still ist und meine Kehle stumm, so kann ich singen, soviel ich will; noch drängen sich jene Bilder von Farben, die dennoch da sind, auf und unterbrechen nicht, wenn ein anderer Vorrat gerufen wird, der durch die Ohren eingeflossen ist. So rufe ich die anderen Dinge, die durch die anderen Sinne angehäuft wurden, nach meinem Belieben ab. Ja, ich unterscheide den Hauch von Lilien von Veilchen, obwohl ich nichts rieche; und ich ziehe Honig dem süßen Wein vor, Glattes dem Rauhen, zu der Zeit weder schmeckend noch tastend, sondern nur erinnernd.

Diese Dinge tue ich im Inneren, in jenem weiten Hof meines Gedächtnisses. Denn dort sind bei mir Himmel, Erde, Meer und alles, was ich darin denken konnte, außer dem, was ich vergessen habe. Dort begegne ich auch mir selbst und erinnere mich meiner selbst, und wann, wo und was ich getan habe und unter welchen Gefühlen. Dort ist alles, dessen ich mich erinnere, sei es aus meiner eigenen Erfahrung oder dem Zeugnis anderer. Aus demselben Vorrat kombiniere ich selbst mit der Vergangenheit immer wieder frische Gleichnisse von Dingen, die ich erfahren habe, oder, von dem, was ich erfahren habe, geglaubt habe: und daraus schließe ich wieder auf zukünftige Handlungen, Ereignisse und Hoffnungen, und über all diese denke ich wieder nach, als wären sie gegenwärtig. „Ich werde dies oder jenes tun“, sage ich zu mir selbst, in jenem großen Behältnis meines Geistes, das mit den Bildern so vieler und so großer Dinge gefüllt ist, „und dies oder jenes wird folgen.“ „O dass dies oder jenes geschehen möge!“ „Gott wende dies oder jenes ab!“ So spreche ich zu mir selbst: und wenn ich spreche, sind die Bilder von allem, wovon ich spreche, aus demselben Schatz des Gedächtnisses gegenwärtig; noch würde ich von irgendetwas davon sprechen, wären die Bilder nicht vorhanden.

Groß ist diese Kraft des Gedächtnisses, überaus groß, o mein Gott; eine weite und grenzenlose Kammer! Wer hat jemals ihren Grund ausgelotet? Doch dies ist eine Kraft von mir und gehört zu meiner Natur; noch begreife ich selbst alles, was ich bin. Deshalb ist der Geist zu eng, um sich selbst zu enthalten. Und wo sollte das sein, was er nicht von sich selbst enthält? Ist es außerhalb und nicht innerhalb? Wie begreift er sich dann nicht selbst? Eine wunderbare Bewunderung überrascht mich, Staunen ergreift mich darüber. Und die Menschen gehen aus, um die Höhen der Berge, die gewaltigen Wogen des Meeres, die breiten Ströme der Flüsse, den Umfang des Ozeans und die Umläufe der Sterne zu bewundern, und gehen an sich selbst vorbei; und wundern sich nicht, dass, als ich von all diesen Dingen sprach, ich sie nicht mit meinen Augen sah, doch nicht von ihnen hätte sprechen können, wenn ich nicht damals tatsächlich die Berge, Wogen, Flüsse, Sterne, die ich gesehen hatte, und jenen Ozean, von dem ich glaube, dass er ist, innerlich in meinem Gedächtnis sähe, und das, mit denselben riesigen Abständen dazwischen, als sähe ich sie draußen. Doch habe ich sie nicht durch das Sehen in mich hineingezogen, als ich sie mit meinen Augen betrachtete; noch sind sie selbst bei mir, sondern nur ihre Bilder. Und ich weiß, durch welchen Sinn des Körpers jedes auf mich eingeprägt wurde.

Doch nicht diese allein bewahrt die unermessliche Aufnahmefähigkeit meines Gedächtnisses. Hier ist auch alles, was ich von den freien Künsten gelernt habe und noch nicht vergessen habe; sozusagen an einen inneren Ort verschoben, der doch kein Ort ist: noch sind es die Bilder davon, sondern die Dinge selbst. Denn was ist Literatur, was die Kunst des Disputierens, wie viele Arten von Fragen es gibt, was auch immer ich davon weiß, existiert in einer Weise in meinem Gedächtnis, dass ich nicht das Bild aufgenommen und das Ding weggelassen habe, oder dass es wie eine Stimme, die durch jenen Eindruck, durch den sie abgerufen werden konnte, am Ohr befestigt war, geklungen und vergangen wäre, wie wenn es klänge, wenn es nicht mehr klang; oder wie ein Geruch, während er vorbeizieht und in die Luft verdunstet, den Geruchssinn beeinflusst, von wo er in das Gedächtnis ein Bild seiner selbst überträgt, welches wir beim Erinnern erneuern, oder wie Speise, die wahrlich im Bauch nun keinen Geschmack mehr hat, und doch im Gedächtnis in gewisser Weise noch schmeckt; oder wie irgendein Ding, das der Körper durch Tasten wahrnimmt, und das, wenn es von uns entfernt wird, das Gedächtnis noch begreift. Denn jene Dinge werden nicht in das Gedächtnis übertragen, sondern ihre Bilder nur werden mit bewundernswerter Schnelligkeit aufgefangen und sozusagen in wunderbaren Kästen aufbewahrt und von dort wunderbar durch den Akt des Erinnerns hervorgebracht.

Doch wenn ich nun höre, dass es drei Arten von Fragen gibt: „Ob das Ding ist? Was es ist? Von welcher Art es ist?“, so halte ich in der Tat die Abbilder der Laute fest, aus denen diese Worte zusammengesetzt sind, und weiß, dass jene Laute mit einem Geräusch durch die Luft gingen und nun nicht mehr sind. Die Dinge selbst aber, die durch jene Laute bezeichnet werden, habe ich niemals mit irgendeinem Sinn meines Körpers erreicht, noch habe ich sie anders als in meinem Geist unterschieden; dennoch habe ich in meinem Gedächtnis nicht ihre Abbilder, sondern sie selbst niedergelegt. Wie sie in mich eingingen, mögen sie sagen, wenn sie können; denn ich bin alle Wege meines Fleisches durchgegangen, kann aber nicht finden, durch welchen sie eingingen. Denn die Augen sagen: „Wenn jene Abbilder farbig waren, haben wir Bericht von ihnen erstattet.“ Die Ohren sagen: „Wenn sie klingen, haben wir Kunde von ihnen gegeben.“ Die Nasenlöcher sagen: „Wenn sie riechen, zogen sie an uns vorüber.“ Der Geschmack sagt: „Wenn sie keinen Wohlgeschmack haben, frage mich nicht.“ Der Tastsinn sagt: „Wenn es keine Größe hat, habe ich es nicht betastet; wenn ich es nicht betastet habe, habe ich keine Nachricht davon gegeben.“ Woher und wie gelangten diese Dinge in mein Gedächtnis? Ich weiß es nicht. Denn als ich sie lernte, schenkte ich nicht eines anderen Menschen Geist Glauben, sondern erkannte sie in meinem eigenen wieder; und indem ich sie als wahr guthieß, vertraute ich sie ihm an und legte sie sozusagen nieder, von wo ich sie hervorholen konnte, wann ich wollte. In meinem Herzen also waren sie, noch bevor ich sie lernte, aber in meinem Gedächtnis waren sie nicht. Wo dann? Oder warum, als sie ausgesprochen wurden, erkannte ich sie an und sagte: „So ist es, es ist wahr“, wenn sie nicht schon im Gedächtnis waren, aber so weit zurückgeworfen und gleichsam in tieferen Winkeln begraben, dass ich sie vielleicht nicht hätte begreifen können, hätte nicht die Anregung eines anderen sie hervorgezogen?

Daraus ersehen wir, dass das Lernen jener Dinge, von denen wir nicht die Abbilder durch unsere Sinne aufnehmen, sondern die wir inwendig für sich selbst ohne Abbilder wahrnehmen, wie sie sind, nichts anderes ist, als durch Begriff aufzunehmen und durch Beachten darauf zu achten, dass jene Dinge, die das Gedächtnis zuvor ungeordnet und regellos enthielt, gleichsam zur Hand in eben jenem Gedächtnis niedergelegt werden, wo sie zuvor unbekannt, zerstreut und vernachlässigt lagen, und dem Geist, der mit ihnen vertraut geworden ist, so bereitwillig einfallen. Und wie viele Dinge dieser Art trägt mein Gedächtnis, die bereits gefunden und, wie ich sagte, gleichsam zur Hand gelegt wurden, die wir gelernt und kennen gelernt haben sollen; würde ich für eine kurze Zeit aufhören, sie mir ins Gedächtnis zu rufen, so sind sie wieder so begraben und gleiten gleichsam in die tieferen Winkel zurück, dass sie von dort wieder wie neu erdacht werden müssen, denn eine andere Wohnung haben sie nicht: sie müssen wieder zusammengebracht werden, damit sie erkannt werden können; das heißt, sie müssen gleichsam aus ihrer Zerstreuung gesammelt werden: woher das Wort „Cogitatio“ (Denken) abgeleitet ist. Denn „cogo“ (sammeln) und „cogito“ (wieder sammeln) stehen in demselben Verhältnis zueinander wie „ago“ und „agito“, „facio“ und „factito“. Aber der Geist hat sich dieses Wort (Cogitatio) so angeeignet, dass nicht das, was irgendwie „gesammelt“ ist, sondern das, was im Geist „wieder gesammelt“, das heißt zusammengebracht ist, eigentlich als „cogitari“ oder bedacht bezeichnet wird.

Das Gedächtnis enthält auch Gründe und Gesetze der Zahlen und Dimensionen, von denen keines einen körperlichen Sinn beeindruckt hat; da sie weder Farbe, noch Klang, noch Geschmack, noch Geruch, noch Tastsinn haben. Ich habe den Klang der Worte gehört, durch die sie bei der Erörterung bezeichnet werden: aber die Klänge sind etwas anderes als die Dinge. Denn die Klänge sind im Griechischen anders als im Lateinischen; die Dinge aber sind weder griechisch, noch lateinisch, noch in irgendeiner anderen Sprache. Ich habe die Linien der Architekten gesehen, die feinsten, wie ein Spinnennetz; aber jene sind dennoch anders, sie sind nicht die Abbilder jener Linien, die das Auge des Fleisches mir zeigte: er kennt sie, wer immer ohne irgendeinen Begriff von einem Körper sie in sich selbst wiedererkennt. Ich habe auch die Zahlen der Dinge wahrgenommen, mit denen wir alle Sinne meines Körpers zählen; aber jene Zahlen, mit denen wir zählen, sind anders, und sie sind nicht die Abbilder dieser, und deshalb sind sie in der Tat. Wer sie nicht sieht, der verhöhne mich, weil ich diese Dinge sage, und ich werde ihn bemitleiden, während er mich verhöhnt.

An all diese Dinge erinnere ich mich, und wie ich sie lernte, erinnere ich mich. Viele Dinge auch, die höchst falsch gegen sie eingewandt wurden, habe ich gehört und erinnere mich ihrer; obwohl sie falsch sind, so ist es doch nicht falsch, dass ich mich ihrer erinnere; und ich erinnere mich auch, dass ich zwischen jenen Wahrheiten und diesen Falschheiten, die ihnen entgegengehalten wurden, unterschieden habe. Und ich nehme wahr, dass das gegenwärtige Unterscheiden dieser Dinge anders ist als das Erinnern daran, dass ich sie oftmals unterschieden habe, wenn ich oft über sie nachdachte. Ich erinnere mich also sowohl daran, diese Dinge oft verstanden zu haben; und was ich jetzt unterscheide und verstehe, lege ich in mein Gedächtnis, damit ich mich in Zukunft daran erinnern kann, dass ich es jetzt verstehe. So erinnere ich mich also auch daran, mich erinnert zu haben; als ob ich mich in Zukunft daran erinnern werde, dass ich mich jetzt dieser Dinge habe erinnern können, werde ich es durch die Kraft des Gedächtnisses ins Gedächtnis zurückrufen.

Dasselbe Gedächtnis enthält auch die Regungen meines Geistes, nicht auf dieselbe Weise, wie mein Geist selbst sie enthält, wenn er sie empfindet, sondern weit anders, gemäß einer eigenen Kraft. Denn ohne Freude erinnere ich mich daran, mich gefreut zu haben; und ohne Trauer rufe ich mir meine vergangene Trauer ins Gedächtnis. Und was ich einst fürchtete, betrachte ich ohne Furcht; und ohne Begehren rufe ich mir ein vergangenes Begehren ins Gedächtnis. Manchmal hingegen erinnere ich mich mit Freude an meine vergangene Trauer und mit Trauer an Freude. Was nicht wunderbar ist, was den Körper betrifft; denn Geist ist das eine, Körper das andere. Wenn ich mich daher mit Freude an irgendeinen vergangenen körperlichen Schmerz erinnere, ist das nicht so wunderbar. Nun aber, da dieses Gedächtnis selbst Geist ist (denn wenn wir eine Sache zur Verwahrung in das Gedächtnis geben, sagen wir: „Sieh zu, dass du es im Geist behältst“; und wenn wir vergessen, sagen wir: „Es ist mir nicht in den Sinn gekommen“ und „Es ist mir aus dem Sinn entglitten“, wobei wir das Gedächtnis selbst als den Geist bezeichnen); da dies so ist, wie kommt es, dass, wenn ich mich mit Freude an meine vergangene Trauer erinnere, der Geist Freude hat, das Gedächtnis aber Trauer; der Geist über die Freudigkeit, die in ihm ist, freudig ist, das Gedächtnis aber über die Traurigkeit, die in ihm ist, nicht traurig ist? Gehört das Gedächtnis vielleicht nicht zum Geist? Wer wird das sagen? Das Gedächtnis ist also gleichsam der Bauch des Geistes, und Freude und Traurigkeit sind wie süße und bittere Speisen; die, wenn sie dem Gedächtnis anvertraut werden, gleichsam in den Bauch übergehen, wo sie untergebracht werden können, aber nicht schmecken können. Es ist lächerlich, sich diese als gleich vorzustellen; und doch sind sie nicht völlig ungleich.

Aber siehe, aus meinem Gedächtnis bringe ich es hervor, wenn ich sage, es gibt vier Erschütterungen des Geistes: Begehren, Freude, Furcht, Trauer; und was auch immer ich darüber streiten kann, indem ich jede in ihre untergeordneten Arten einteile und definiere, in meinem Gedächtnis finde ich, was zu sagen ist, und von dort bringe ich es hervor: dennoch werde ich von keiner dieser Erschütterungen erschüttert, wenn ich mich ihrer durch das ins Gedächtnis Rufen erinnere; ja, und bevor ich sie zurückrief und hervorbrachte, waren sie dort; und deshalb konnten sie durch das Erinnern von dort hervorgebracht werden. Vielleicht also, wie Speise durch das Wiederkäuen aus dem Bauch heraufgebracht wird, so diese durch das Erinnern aus dem Gedächtnis. Warum aber schmeckt der Streitende, der sich so erinnert, im Mund seines Nachdenkens nicht die Süße der Freude oder die Bitterkeit der Trauer? Ist der Vergleich darin ungleich, weil er nicht in jeder Hinsicht gleich ist? Denn wer würde bereitwillig davon sprechen, wenn wir, so oft wir Schmerz oder Furcht nennen, gezwungen wären, traurig oder furchtsam zu sein? Und doch könnten wir nicht von ihnen sprechen, wenn wir nicht in unserem Gedächtnis nicht nur die Klänge der Namen gemäß den Abbildern, die durch die Sinne des Körpers eingeprägt wurden, fänden, sondern Begriffe der Dinge selbst, die wir niemals durch irgendeinen Weg des Körpers empfangen haben, sondern die der Geist selbst durch die Erfahrung seiner eigenen Leidenschaften wahrnehmend dem Gedächtnis anvertraute, oder die das Gedächtnis von sich aus behielt, ohne ihm anvertraut worden zu sein.

Aber ob durch Abbilder oder nicht, wer kann das leicht sagen? So nenne ich einen Stein, ich nenne die Sonne, wobei die Dinge selbst nicht meinen Sinnen gegenwärtig sind, wohl aber ihre Abbilder meinem Gedächtnis. Ich nenne einen körperlichen Schmerz, doch er ist mir nicht gegenwärtig, wenn nichts schmerzt: doch wenn nicht sein Abbild meinem Gedächtnis gegenwärtig wäre, wüsste ich nicht, was ich davon sagen sollte, noch könnte ich beim Erörtern Schmerz von Vergnügen unterscheiden. Ich nenne körperliche Gesundheit; da ich gesund am Körper bin, ist das Ding selbst mir gegenwärtig; doch wenn nicht auch sein Abbild meinem Gedächtnis gegenwärtig wäre, könnte ich keineswegs zurückrufen, was der Klang dieses Namens bedeuten soll. Auch würde der Kranke, wenn Gesundheit genannt würde, nicht erkennen, was gesprochen wird, wenn nicht dasselbe Abbild durch die Kraft des Gedächtnisses bewahrt würde, obwohl das Ding selbst dem Körper abwesend wäre. Ich nenne Zahlen, mit denen wir zählen; und nicht ihre Abbilder, sondern sie selbst sind meinem Gedächtnis gegenwärtig. Ich nenne das Abbild der Sonne, und jenes Abbild ist meinem Gedächtnis gegenwärtig. Denn ich rufe nicht das Abbild ihres Abbildes zurück, sondern das Abbild selbst ist mir, wenn ich es ins Gedächtnis rufe, gegenwärtig. Ich nenne das Gedächtnis, und ich erkenne, was ich nenne. Und wo erkenne ich es, wenn nicht im Gedächtnis selbst? Ist es ihm selbst durch sein Abbild gegenwärtig und nicht durch sich selbst?

Was, wenn ich Vergessenheit nenne und zugleich erkenne, was ich nenne? Woher sollte ich es erkennen, wenn ich mich nicht daran erinnerte? Ich spreche nicht vom Klang des Namens, sondern von dem Ding, das er bezeichnet: hätte ich es vergessen, könnte ich nicht erkennen, was jener Klang bedeutet. Wenn ich mich also an das Gedächtnis erinnere, ist das Gedächtnis selbst durch sich selbst sich selbst gegenwärtig: wenn ich mich aber an Vergessenheit erinnere, sind sowohl das Gedächtnis als auch die Vergessenheit gegenwärtig; das Gedächtnis, durch das ich mich erinnere, die Vergessenheit, an die ich mich erinnere. Aber was ist Vergessenheit anderes als der Entzug des Gedächtnisses? Wie ist sie dann gegenwärtig, dass ich mich an sie erinnere, da ich mich, wenn sie gegenwärtig ist, nicht erinnern kann? Wenn wir aber das, woran wir uns erinnern, im Gedächtnis halten, wir uns aber, wenn wir uns nicht an die Vergessenheit erinnerten, beim Hören des Namens niemals das damit bezeichnete Ding erkennen könnten, dann wird die Vergessenheit vom Gedächtnis bewahrt. Sie ist also gegenwärtig, damit wir nicht vergessen, und da sie das ist, vergessen wir. Daraus ist zu verstehen, dass die Vergessenheit, wenn wir uns an sie erinnern, dem Gedächtnis nicht durch sich selbst gegenwärtig ist, sondern durch ihr Abbild: denn wäre sie durch sich selbst gegenwärtig, würde sie uns nicht veranlassen, uns zu erinnern, sondern zu vergessen. Wer soll das nun erforschen? Wer soll begreifen, wie es sich verhält?

Herr, ich wahrlich mühe mich darin, ja, ich mühe mich in mir selbst; ich bin zu einem schweren Acker geworden, der allzu viel Schweiß der Stirn erfordert. Denn wir erforschen jetzt nicht die Regionen des Himmels oder messen die Abstände der Sterne oder erkunden das Gleichgewicht der Erde. Ich bin es selbst, der sich erinnert, ich, der Geist. Es ist nicht so wunderbar, wenn das, was ich selbst nicht bin, fern von mir ist. Aber was ist mir näher als ich selbst? Und siehe, die Kraft meines eigenen Gedächtnisses wird von mir nicht begriffen; obwohl ich mich nicht einmal ohne sie nennen kann. Denn was soll ich sagen, wenn es mir klar ist, dass ich mich an die Vergessenheit erinnere? Soll ich sagen, dass das nicht in meinem Gedächtnis ist, woran ich mich erinnere? Oder soll ich sagen, dass die Vergessenheit zu diesem Zweck in meinem Gedächtnis ist, damit ich nicht vergesse? Beides wäre höchst absurd. Welchen dritten Weg gibt es? Wie kann ich sagen, dass das Abbild der Vergessenheit von meinem Gedächtnis bewahrt wird, nicht die Vergessenheit selbst, wenn ich mich ihrer erinnere? Wie könnte ich auch das sagen, da doch, wenn das Abbild irgendeines Dinges dem Gedächtnis eingeprägt wird, das Ding selbst notwendig zuerst gegenwärtig sein muss, damit jenes Abbild eingeprägt werden kann? Denn so erinnere ich mich an Karthago, so an alle Orte, an denen ich gewesen bin, so an die Gesichter der Menschen, die ich gesehen habe, und an Dinge, die von den anderen Sinnen berichtet wurden; so an die Gesundheit oder Krankheit des Körpers. Denn als diese Dinge gegenwärtig waren, empfing mein Gedächtnis von ihnen Abbilder, die ich, da sie mir gegenwärtig waren, betrachten und in meinem Geist zurückrufen konnte, wenn ich mich in ihrer Abwesenheit an sie erinnerte. Wenn also diese Vergessenheit durch ihr Abbild im Gedächtnis bewahrt wird, nicht durch sich selbst, dann war sie offensichtlich einst gegenwärtig, damit ihr Abbild genommen werden konnte. Aber als sie gegenwärtig war, wie schrieb sie ihr Abbild in das Gedächtnis ein, da doch die Vergessenheit durch ihre Anwesenheit selbst das auslöscht, was sie bereits notiert findet? Und doch, auf welche Weise auch immer, obwohl jene Weise nicht zu begreifen und zu erklären ist, so bin ich gewiss, dass ich mich auch an die Vergessenheit selbst erinnere, durch die das, woran wir uns erinnern, ausgelöscht wird.

Groß ist die Kraft des Gedächtnisses, eine furchtbare Sache, mein Gott, eine tiefe und grenzenlose Mannigfaltigkeit; und diese Sache ist der Geist, und das bin ich selbst. Was bin ich dann, mein Gott? Welche Natur bin ich? Ein Leben, vielfältig und mannigfaltig, und überaus unermesslich. Siehe, in den Ebenen, und Höhlen, und Kavernen meines Gedächtnisses, zahllos und zahllos voll von zahllosen Arten von Dingen, entweder durch Abbilder, wie alle Körper; oder durch tatsächliche Anwesenheit, wie die Künste; oder durch gewisse Begriffe oder Eindrücke, wie die Regungen des Geistes, die das Gedächtnis bewahrt, selbst wenn der Geist sie nicht empfindet, während doch alles, was im Gedächtnis ist, auch im Geist ist – über all diese laufe ich, ich fliege; ich tauche nach dieser und jener Seite, so weit ich kann, und es gibt kein Ende. So groß ist die Kraft des Gedächtnisses, so groß die Kraft des Lebens, selbst im sterblichen Leben des Menschen. Was soll ich dann tun, o Du mein wahres Leben, mein Gott? Ich werde sogar über diese meine Kraft hinausgehen, die Gedächtnis genannt wird: ja, ich werde über sie hinausgehen, damit ich Dir nahen kann, o süßes Licht. Was sagst Du mir? Siehe, ich steige durch meinen Geist empor zu Dir, der Du über mir verweilst. Ja, ich werde nun über diese meine Kraft hinausgehen, die Gedächtnis genannt wird, begierig, bei Dir anzukommen, von wo aus Du erreicht werden kannst; und an Dir zu kleben, von wo aus man an Dir kleben kann. Denn sogar Tiere und Vögel haben ein Gedächtnis; sonst könnten sie nicht zu ihren Höhlen und Nestern zurückkehren, noch zu vielen anderen Dingen, an die sie gewöhnt sind: noch könnten sie in der Tat an irgendetwas gewöhnt sein, als durch das Gedächtnis. Ich werde also auch über das Gedächtnis hinausgehen, damit ich bei Dem ankomme, der mich von den vierfüßigen Tieren unterschieden und mich weiser gemacht hat als die Vögel des Himmels. Ich werde auch über das Gedächtnis hinausgehen, und wo werde ich Dich finden, Du wahrhaft gute und gewiss süße Freude? Und wo werde ich Dich finden? Wenn ich Dich außerhalb meines Gedächtnisses finde, dann bewahre ich Dich nicht in meinem Gedächtnis. Und wie soll ich Dich finden, wenn ich mich nicht an Dich erinnere?

Denn die Frau, die ihre Drachme verloren hatte und sie mit einem Licht suchte; hätte sie sich nicht an sie erinnert, hätte sie sie niemals gefunden. Denn als sie gefunden war, woher hätte sie wissen sollen, ob es dieselbe war, wenn sie sich nicht an sie erinnert hätte? Ich erinnere mich, so manches gesucht und gefunden zu haben; und dies weiß ich dadurch, dass ich, als ich eines von ihnen suchte und gefragt wurde: „Ist es dieses?“, „Ist es jenes?“, so lange „Nein“ sagte, bis mir das angeboten wurde, was ich suchte. Hätte ich mich nicht an es erinnert (was auch immer es war), hätte ich es, selbst wenn es mir angeboten worden wäre, doch nicht gefunden, weil ich es nicht hätte erkennen können. Und so ist es immer, wenn wir ein verlorenes Ding suchen und finden. Dennoch, wenn irgendein Ding zufällig dem Blick verloren geht, nicht dem Gedächtnis (wie irgendein sichtbarer Körper), so wird sein Abbild dennoch inwendig bewahrt, und es wird gesucht, bis es dem Blick wiedergegeben wird; und wenn es gefunden ist, wird es durch das Abbild, das inwendig ist, erkannt: noch sagen wir, dass wir gefunden haben, was verloren war, es sei denn, wir erkennen es; noch können wir es erkennen, wenn wir uns nicht an es erinnern. Aber dieses war den Augen verloren, aber im Gedächtnis bewahrt.

Was aber, wenn das Gedächtnis selbst irgendein Ding verliert, wie es vorkommt, wenn wir vergessen und suchen, damit wir uns wieder erinnern? Wo suchen wir am Ende, wenn nicht im Gedächtnis selbst? Und dort, wenn vielleicht das eine statt des anderen angeboten wird, weisen wir es zurück, bis uns das begegnet, was wir suchen; und wenn es dies tut, sagen wir: „Das ist es“; was wir nicht täten, wenn wir es nicht erkennten, noch erkennten wir es, wenn wir uns nicht an es erinnerten. Sicherlich hatten wir es also vergessen. Oder war uns nicht das Ganze entgangen, sondern wurde durch den Teil, den wir festhielten, der verlorene Teil gesucht; indem das Gedächtnis fühlte, dass es nicht alles zusammen trug, was es gewohnt war, und gleichsam verstümmelt durch die Verkürzung seiner alten Gewohnheit, die Wiederherstellung dessen forderte, was es vermisste? Zum Beispiel, wenn wir jemanden sehen oder an jemanden denken, der uns bekannt ist, und, nachdem wir seinen Namen vergessen haben, versuchen, ihn wiederzuerlangen; was auch immer sonst noch auftaucht, verbindet sich nicht damit; weil es nicht gewohnt war, zusammen mit ihm bedacht zu werden, und deshalb zurückgewiesen wird, bis sich jenes darbietet, worauf das Wissen gleichmäßig ruht als sein gewohntes Objekt. Und woher bietet sich jenes dar, wenn nicht aus dem Gedächtnis selbst? Denn selbst wenn wir es erkennen, wenn wir durch einen anderen daran erinnert werden, kommt es von dort. Denn wir glauben es nicht als etwas Neues, sondern erlauben beim Erinnern, dass das, was genannt wurde, richtig sei. Wäre es aber völlig aus dem Geist getilgt, würden wir uns nicht einmal dann daran erinnern, wenn wir daran erinnert würden. Denn wir haben noch nicht völlig das vergessen, an das wir uns erinnern, vergessen zu haben. Was wir also völlig vergessen haben, können wir, auch wenn es verloren ist, nicht einmal suchen.

Wie also suche ich Dich, o Herr? Denn wenn ich Dich suche, mein Gott, so suche ich ein glückliches Leben. Ich will Dich suchen, damit meine Seele lebe. Denn mein Leib lebt durch meine Seele, und meine Seele durch Dich. Wie also suche ich ein glückliches Leben, da ich es nicht habe, bis ich dort, wo ich es sagen sollte, sagen kann: „Es ist genug“? Wie suche ich es? Durch Erinnerung, als hätte ich es vergessen, mich erinnernd, dass ich es vergessen hatte? Oder begehrend, es zu lernen als eine unbekannte Sache, sei es, dass ich sie nie kannte, oder so vergessen hatte, dass ich mich nicht einmal daran erinnerte, dass ich es vergessen hatte? Ist ein glückliches Leben nicht das, was alle wollen, und niemand will es gänzlich nicht? Wo haben sie es erkannt, dass sie es so sehr wollen? Wo gesehen, dass sie es so sehr lieben? Wahrlich, wir haben es, wie, das weiß ich nicht. Ja, es gibt einen anderen Weg, auf dem einer, wenn er es hat, glücklich ist; und es gibt solche, die sind selig in der Hoffnung. Diese haben es in einer geringeren Art als jene, die es in der Tat haben; doch sind sie besser dran als jene, die weder in der Tat noch in der Hoffnung glücklich sind. Doch selbst diese, hätten sie es nicht in irgendeiner Weise, würden nicht so sehr danach verlangen, glücklich zu sein, was sie aber zweifellos tun. Sie haben es also gekannt, ich weiß nicht wie, und besitzen es so durch eine Art von Wissen, welches, das weiß ich nicht, und ich bin ratlos, ob es im Gedächtnis ist, was, wenn es so wäre, bedeutete, dass wir einst glücklich waren; ob alle einzeln, oder in jenem Menschen, der zuerst sündigte, in dem wir alle starben und aus dem wir alle mit Elend geboren sind, das untersuche ich jetzt nicht; sondern nur, ob das glückliche Leben im Gedächtnis ist? Denn wir würden es auch nicht lieben, wüssten wir es nicht. Wir hören den Namen, und wir alle bekennen, dass wir die Sache begehren; denn wir erfreuen uns nicht an dem bloßen Klang. Denn wenn ein Grieche ihn auf Latein hört, erfreut er sich nicht, da er nicht weiß, was gesprochen wird; wir Lateiner aber freuen uns, wie er sich auch freuen würde, wenn er es auf Griechisch hörte; denn die Sache selbst ist weder griechisch noch lateinisch, wonach Griechen und Lateiner und Menschen aller anderen Zungen so inständig verlangen. Bekannt ist es also allen, denn würde man sie mit einer Stimme fragen, „ob sie glücklich sein wollen?“, so würden sie zweifellos antworten, „sie wollten es“. Und dies könnte nicht sein, es sei denn, die Sache selbst, von der es der Name ist, wäre in ihrem Gedächtnis bewahrt.

Ist es aber so, wie einer sich an Karthago erinnert, der es gesehen hat? Nein. Denn ein glückliches Leben wird nicht mit dem Auge gesehen, weil es kein Körper ist. Erinnern wir uns also an Zahlen? Nein. Denn wer diese in seinem Wissen hat, sucht nicht weiter danach, sie zu erlangen; ein glückliches Leben aber haben wir in unserem Wissen und lieben es deshalb und begehren doch immer noch, es zu erlangen, damit wir glücklich sein können. Erinnern wir uns also an Beredsamkeit? Nein. Denn obgleich beim Hören dieses Namens auch manche sich an die Sache erinnern, die selbst noch nicht beredt sind, und viele, die es sein wollen, woraus hervorgeht, dass sie in ihrem Wissen ist; so haben diese doch durch ihre leiblichen Sinne beobachtet, dass andere beredt sind, und haben sich daran erfreut und begehren, ihnen gleich zu sein (obwohl sie sich in Wahrheit nicht erfreuen würden, gäbe es nicht ein inneres Wissen darum, noch wünschten sie, ihnen gleich zu sein, wären sie nicht so erfreut); während wir ein glückliches Leben durch keinen leiblichen Sinn an anderen erfahren. Erinnern wir uns also an Freude? Vielleicht; denn an meine Freude erinnere ich mich, selbst wenn ich traurig bin, wie an ein glückliches Leben, wenn ich unglücklich bin; noch habe ich jemals mit leiblichem Sinn meine Freude gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt oder betastet; sondern ich erfuhr sie in meinem Geist, als ich mich freute; und das Wissen darum haftete an meinem Gedächtnis, sodass ich sie zuweilen mit Ekel, zuweilen mit Sehnsucht zurückrufen kann, je nach der Art der Dinge, in denen ich mich erinnere, Freude empfunden zu haben. Denn selbst an unreinen Dingen habe ich mich in einer Art Freude versunken gefunden; die ich jetzt, wenn ich mich ihrer erinnere, verabscheue und verfluche; andere Male an guten und ehrbaren Dingen, an die ich mich mit Sehnsucht erinnere, obwohl sie vielleicht nicht mehr gegenwärtig sind; und deshalb erinnere ich mich mit Traurigkeit an vergangene Freude.

Wo also und wann erfuhr ich mein glückliches Leben, dass ich mich seiner erinnern, es lieben und danach verlangen sollte? Und nicht ich allein, oder einige wenige andere, sondern wir alle wollten gerne glücklich sein; was wir, wenn wir es nicht durch ein gewisses Wissen wüssten, nicht mit einem so gewissen Willen begehren würden. Aber wie kommt es, dass, wenn zwei Menschen gefragt werden, ob sie in den Krieg ziehen wollen, der eine vielleicht antworten würde, er wolle es, der andere, er wolle es nicht; wenn sie aber gefragt würden, ob sie glücklich sein wollten, beide augenblicklich ohne jedes Zögern sagen würden, sie wollten es; und aus keinem anderen Grund würde der eine in den Krieg ziehen und der andere nicht, als um glücklich zu sein. Ist es vielleicht so, dass, wie einer seine Freude in dieser Sache sucht, ein anderer in jener, alle in ihrem Verlangen, glücklich zu sein, übereinstimmen, so wie sie (würden sie gefragt) zustimmen würden, dass sie Freude haben möchten, und diese Freude nennen sie ein glückliches Leben? Obgleich also einer diese Freude auf die eine Weise erlangt, ein anderer auf eine andere, haben alle ein Ziel, das sie zu erreichen streben, nämlich Freude. Da dies eine Sache ist, von der alle sagen müssen, dass sie sie erfahren haben, findet sie sich daher im Gedächtnis und wird wiedererkannt, sobald der Name eines glücklichen Lebens genannt wird.

Fern sei es, Herr, fern sei es vom Herzen Deines Dieners, der hier Dir beichtet, fern sei es, dass ich, was immer diese Freude sein mag, mich deshalb für glücklich hielte. Denn es gibt eine Freude, die nicht den Gottlosen gegeben wird, sondern denen, die Dich um Deinetwillen lieben, deren Freude Du selbst bist. Und dies ist das glückliche Leben, sich an Dir, von Dir, für Dich zu erfreuen; dies ist es, und es gibt kein anderes. Denn die, die meinen, es gäbe ein anderes, jagen einer anderen und nicht der wahren Freude nach. Doch ist ihr Wille nicht von einem Anschein von Freude abgewandt.

Es ist also nicht gewiss, dass alle glücklich sein wollen, insofern als jene, die sich nicht an Dir erfreuen wollen, was das einzige glückliche Leben ist, nicht wahrhaft das glückliche Leben begehren. Oder begehren es alle Menschen, aber weil das Fleisch gegen den Geist begehrt und der Geist gegen das Fleisch, können sie nicht tun, was sie wollen, und so verfallen sie dem, was sie können, und sind damit zufrieden; denn was sie nicht zu tun vermögen, das wollen sie nicht so stark, wie es ausreichte, um sie fähig zu machen? Denn ich frage jeden: Würde er lieber an der Wahrheit Freude haben oder an der Lüge? Sie werden ebenso wenig zögern zu sagen „an der Wahrheit“, wie zu sagen, „dass sie glücklich sein wollen“, denn ein glückliches Leben ist Freude an der Wahrheit: denn dies ist ein Sich-Freuen an Dir, der Du die Wahrheit bist, o Gott, mein Licht, Heil meines Angesichts, mein Gott. Dies ist das glückliche Leben, das alle begehren; dieses Leben, das allein glücklich ist, begehren alle; an der Wahrheit sich zu erfreuen, begehren alle. Ich bin vielen begegnet, die täuschen wollten; wer aber getäuscht werden wollte, niemand. Wo also erkannten sie dieses glückliche Leben, außer dort, wo sie auch die Wahrheit erkennen? Denn sie lieben sie auch, da sie nicht getäuscht werden wollen. Und wenn sie ein glückliches Leben lieben, das nichts anderes ist als die Freude an der Wahrheit, dann lieben sie auch die Wahrheit; die sie jedoch nicht lieben würden, gäbe es nicht eine gewisse Kenntnis davon in ihrem Gedächtnis. Warum also erfreuen sie sich nicht daran? Warum sind sie nicht glücklich? Weil sie stärker von anderen Dingen in Anspruch genommen werden, die mehr Macht haben, sie unglücklich zu machen, als jene, an die sie sich so schwach erinnern, um sie glücklich zu machen. Denn es ist noch ein wenig Licht in den Menschen; lasst sie wandeln, lasst sie wandeln, damit die Finsternis sie nicht überhole.

Aber warum erzeugt „Wahrheit Hass“ und der Mann Gottes, der die Wahrheit verkündet, wird ihnen zum Feind? Während ein glückliches Leben geliebt wird, das nichts anderes ist als die Freude an der Wahrheit; es sei denn, dass die Wahrheit in jener Art geliebt wird, dass diejenigen, die etwas anderes lieben, gerne hätten, dass das, was sie lieben, die Wahrheit sei: und weil sie nicht getäuscht werden wollen, nicht überzeugt werden möchten, dass sie es sind? Deshalb hassen sie die Wahrheit um jener Sache willen, die sie anstelle der Wahrheit liebten. Sie lieben die Wahrheit, wenn sie erleuchtet; sie hassen sie, wenn sie zurechtweist. Denn da sie nicht getäuscht werden wollen und doch täuschen möchten, lieben sie sie, wenn sie sich ihnen offenbart, und hassen sie, wenn sie sie offenbart. Woher sie es ihnen so vergelten wird, dass sie jene, die nicht von ihr offengelegt werden wollten, sowohl gegen ihren Willen offenkundig macht, als auch selbst ihnen nicht offenkundig wird. So, so, ja so wünscht der Geist des Menschen, so blind und krank, unrein und hässlich, verborgen zu sein, aber dass ihm etwas verborgen sein sollte, will er nicht. Doch das Gegenteil wird ihm vergolten, dass er selbst vor der Wahrheit nicht verborgen sei; aber die Wahrheit ist ihm verborgen. Doch selbst so elend, möchte er lieber an Wahrheiten Freude haben als an Lügen. Glücklich aber wird er sein, wenn, ohne dass eine Ablenkung dazwischentritt, er sich an jener einzigen Wahrheit erfreuen wird, durch die alle Dinge wahr sind.

Siehe, welch einen Raum ich in meinem Gedächtnis durchmessen habe, Dich suchend, o Herr; und ich habe Dich außerhalb desselben nicht gefunden. Noch habe ich irgendetwas über Dich gefunden, als was ich im Gedächtnis behalten habe, seitdem ich Dich lernte. Denn seit ich Dich lernte, habe ich Dich nicht vergessen. Denn wo ich die Wahrheit fand, da fand ich meinen Gott, die Wahrheit selbst; die ich, seit ich sie lernte, nicht vergessen habe. Seit ich Dich also lernte, wohnst Du in meinem Gedächtnis; und dort finde ich Dich, wenn ich mich an Dich erinnere und mich an Dir erfreue. Dies sind meine heiligen Freuden, die Du mir in Deiner Barmherzigkeit gegeben hast, indem Du auf meine Armut Rücksicht nahmst.

Aber wo in meinem Gedächtnis wohnst Du, o Herr, wo wohnst Du dort? Welche Art von Herberge hast Du Dir bereitet? Welche Art von Heiligtum hast Du Dir erbaut? Du hast meinem Gedächtnis diese Ehre erwiesen, in ihm zu wohnen; aber in welchem Teil desselben Du wohnst, das überlege ich. Denn beim Nachdenken über Dich ging ich über jene Teile desselben hinaus, die auch die Tiere haben, denn ich fand Dich dort nicht unter den Bildern körperlicher Dinge: und ich kam zu jenen Teilen, denen ich die Neigungen meines Geistes anvertraute, noch fand ich Dich dort. Und ich trat in den Sitz meines Geistes selbst ein (den er in meinem Gedächtnis hat, insofern der Geist sich auch selbst erinnert), noch warst Du dort: denn wie Du kein körperliches Bild bist, noch die Neigung eines lebendigen Wesens (wie wenn wir uns freuen, mitleiden, begehren, fürchten, uns erinnern, vergessen oder Ähnliches); so bist Du auch nicht der Geist selbst; weil Du der Herr Gott des Geistes bist; und all diese Dinge sind wandelbar, aber Du bleibst über allem unwandelbar, und hast Dich dennoch herabgelassen, in meinem Gedächtnis zu wohnen, seit ich Dich lernte. Und warum suche ich nun, an welchem Ort desselben Du wohnst, als ob es dort Orte gäbe? Gewiss bin ich, dass Du darin wohnst, da ich mich an Dich erinnere, seit ich Dich lernte, und dort finde ich Dich, wenn ich mich an Dich erinnere.

Wo also fand ich Dich, dass ich Dich lernen konnte? Denn in meinem Gedächtnis warst Du nicht, bevor ich Dich lernte. Wo also fand ich Dich, dass ich Dich lernen konnte, außer in Dir über mir? Ort gibt es keinen; wir gehen rückwärts und vorwärts, und es gibt keinen Ort. Überall, o Wahrheit, schenkst Du Gehör allen, die Dich um Rat fragen, und antwortest sogleich allen, obwohl sie Dich über vielfältige Dinge um Rat fragen. Klar antwortest Du, obwohl nicht alle klar hören. Alle beraten sich mit Dir über das, was sie wollen, obwohl sie nicht immer hören, was sie wollen. Er ist Dein bester Diener, der nicht so sehr darauf aus ist, von Dir das zu hören, was er selbst will, als vielmehr das zu wollen, was er von Dir hört.

Zu spät habe ich Dich geliebt, o Du Schönheit der alten Tage, doch immer neu! Zu spät habe ich Dich geliebt! Und siehe, Du warst drinnen, und ich draußen, und dort suchte ich nach Dir; missgestaltet stürzte ich mich inmitten jener schönen Formen, die Du erschaffen hattest. Du warst mit mir, aber ich war nicht mit Dir. Dinge hielten mich fern von Dir, die, wären sie nicht in Dir, gar nicht wären. Du riefst, und schriest, und durchbrachst meine Taubheit. Du blitztest, leuchtest, und zerstreutest meine Blindheit. Du hauchtest Düfte, und ich sog den Atem ein und lechzte nach Dir. Ich schmeckte, und hungere und dürste. Du berührtest mich, und ich entbrannte nach Deinem Frieden.

Wenn ich mit meinem ganzen Selbst an Dir haften werde, werde ich nirgendwo mehr Schmerz oder Mühe haben; und mein Leben wird ganz leben, da es ganz von Dir erfüllt ist. Aber nun, da Du denjenigen, den Du erfüllst, emporhebst, bin ich, weil ich nicht von Dir erfüllt bin, eine Last für mich selbst. Klagende Freuden streiten mit freudigen Sorgen: und auf welcher Seite der Sieg ist, weiß ich nicht. Wehe mir! Herr, hab Erbarmen mit mir. Meine bösen Sorgen streiten mit meinen guten Freuden; und auf welcher Seite der Sieg ist, weiß ich nicht. Wehe mir! Herr, hab Erbarmen mit mir. Wehe mir! Sieh, ich verberge meine Wunden nicht; Du bist der Arzt, ich der Kranke; Du barmherzig, ich elend. Ist das Leben des Menschen auf Erden nicht lauter Versuchung? Wer wünscht sich Mühsal und Schwierigkeiten? Du gebietest, sie zu ertragen, nicht sie zu lieben. Niemand liebt, was er erträgt, auch wenn er es liebt, es zu ertragen. Denn obgleich er sich freut, dass er erträgt, wäre ihm lieber, es gäbe nichts, das er zu ertragen hätte. Im Unglück sehne ich mich nach Glück, im Glück fürchte ich das Unglück. Welchen Mittelweg gibt es zwischen diesen beiden, wo das Leben des Menschen nicht lauter Versuchung ist? Wehe den Glücksgütern der Welt, ein ums andere Mal, aus Furcht vor dem Unglück und der Verderbnis der Freude! Wehe den Unglücksfällen der Welt, ein ums andere Mal, und zum dritten Mal, aus der Sehnsucht nach Glück, und weil das Unglück selbst eine harte Sache ist, und damit es nicht die Ausdauer zerschlage. Ist das Leben des Menschen auf Erden nicht lauter Versuchung, ohne jede Unterbrechung?

Und all meine Hoffnung ist nirgendwo anders als in Deiner überaus großen Barmherzigkeit. Gib, was Du gebietest, und gebiete, was Du willst. Du gebietest uns Enthaltsamkeit; und als ich wusste, sagt einer, dass niemand enthaltsam sein kann, wenn Gott es nicht gibt, war dies auch ein Teil der Weisheit, zu wissen, wessen Gabe sie ist. Durch Enthaltsamkeit wahrlich werden wir zusammengebunden und in das Eine zurückgebracht, von wo wir in das Viele zerstreut wurden. Denn zu wenig liebt Dich, wer irgendetwas mit Dir liebt, das er nicht um Deinetwillen liebt. O Liebe, die Du immer brennst und niemals verzehrst! O Barmherzigkeit, mein Gott, entzünde mich. Du gebietest Enthaltsamkeit: gib mir, was Du gebietest, und gebiete, was Du willst.

Wahrlich, Du gebietest mir Enthaltsamkeit von der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und der Hoffart der Welt. Du gebietest Enthaltsamkeit von der Unzucht; und für die Ehe selbst hast Du zu etwas Besserem geraten, als Du erlaubt hast. Und da Du es gabst, geschah es, noch bevor ich ein Verwalter Deines Sakraments wurde. Aber es leben noch in meinem Gedächtnis (wovon ich viel gesprochen habe) die Bilder solcher Dinge, die meine böse Gewohnheit dort festgesetzt hat; die mich heimsuchen, kraftlos, wenn ich wach bin: aber im Schlaf, nicht nur so, dass sie Vergnügen bereiten, sondern sogar Zustimmung erlangen, und was der Wirklichkeit sehr ähnlich ist. Ja, so weit reicht die Täuschung des Bildes in meiner Seele und in meinem Fleisch, dass im Schlaf falsche Visionen zu dem überreden, wozu im Wachen die wahren es nicht können. Bin ich dann nicht ich selbst, o Herr mein Gott? Und doch ist so viel Unterschied zwischen mir und mir selbst, innerhalb jenes Augenblicks, in dem ich vom Wachen zum Schlafen übergehe oder vom Schlafen zum Wachen zurückkehre! Wo ist dann die Vernunft, die im Wachen solchen Eingebungen widersteht? Und sollten ihr die Dinge selbst vorgehalten werden, bliebe sie unerschüttert. Ist sie mit den Augen verschlossen? Ist sie mit den Sinnen des Leibes eingeschläfert? Und woher kommt es, dass wir oft selbst im Schlaf widerstehen und eingedenk unseres Vorsatzes, in ihm keusch verharrend, solchen Verlockungen keine Zustimmung geben? Und doch ist so viel Unterschied, dass wir, wenn es anders geschieht, beim Erwachen zum Frieden des Gewissens zurückkehren: und durch diesen Unterschied entdecken, dass wir nicht taten, was wir jedoch bedauern, dass es in irgendeiner Weise in uns geschah.

Bist Du nicht mächtig, Gott Allmächtiger, so dass Du alle Krankheiten meiner Seele heilen und durch Deine überströmende Gnade selbst die unreinen Regungen meines Schlafes löschen kannst! Du wirst, Herr, Deine Gaben mehr und mehr in mir mehren, damit meine Seele mir zu Dir folge, losgelöst vom Vogelleim der Begierde; damit sie nicht gegen sich selbst aufbegehre und selbst in Träumen nicht nur nicht durch Bilder der Sinne jene erniedrigenden Verderbnisse bis zur Befleckung des Fleisches begehe, sondern ihnen nicht einmal zustimme. Denn dass nichts dergleichen über die reinen Neigungen selbst eines Schlafenden den geringsten Einfluss haben sollte, nicht einmal einen solchen, den ein Gedanke zurückhalten würde – dies zu bewirken, nicht nur während des Lebens, sondern selbst in meinem jetzigen Alter, ist für den Allmächtigen nicht schwer, der Du vermagst, über alles zu tun, was wir bitten oder verstehen. Aber was ich in dieser Art meines Übels noch bin, habe ich meinem guten Herrn gebeichtet; mit Zittern mich freuend über das, was Du mir gegeben hast, und beklagend, worin ich noch unvollkommen bin; hoffend, dass Du Deine Barmherzigkeit in mir vollenden wirst, bis zum vollkommenen Frieden, den mein äußerer und innerer Mensch mit Dir haben wird, wenn der Tod verschlungen sein wird im Sieg.

Es gibt ein anderes Übel des Tages, von dem ich wünschte, es wäre ihm genug. Denn durch Essen und Trinken reparieren wir die täglichen Abnutzungen unseres Leibes, bis Du sowohl den Bauch als auch die Speise vernichten wirst, wenn Du meine Leere mit einer wunderbaren Fülle erschlagen und dieses Vergängliche mit einer ewigen Unvergänglichkeit bekleiden wirst. Aber nun ist mir die Notwendigkeit süß, gegen deren Süßigkeit ich kämpfe, damit ich nicht gefangen genommen werde; und ich führe einen täglichen Krieg durch Fasten; oft meinen Leib unterwerfend; und meine Schmerzen werden durch Vergnügen gelindert. Denn Hunger und Durst sind in gewisser Weise Schmerzen; sie brennen und töten wie ein Fieber, wenn nicht die Medizin der Nahrung uns zu Hilfe kommt. Da diese aber durch die Tröstungen Deiner Gaben bereitsteht, mit denen Erde, Wasser und Luft unserer Schwachheit dienen, wird unser Elend Genuss genannt.

Dies hast Du mich gelehrt, dass ich mich darauf einstellen sollte, Nahrung als Arznei zu nehmen. Aber während ich von der Unbehaglichkeit der Leere zur Zufriedenheit der Sättigung übergehe, überfällt mich in diesem Übergang selbst der Fallstrick der Begierde. Denn dieser Übergang ist Vergnügen, noch gibt es einen anderen Weg, dorthin zu gelangen, wohin wir notwendigerweise gelangen müssen. Und da Gesundheit der Grund für das Essen und Trinken ist, gesellt sich als Begleiter ein gefährliches Vergnügen hinzu, das meist versucht, ihr vorauszugehen, sodass ich um ihretwillen tun mag, was ich sage, dass ich es tue, oder zu tun wünsche, um der Gesundheit willen. Noch haben beide nicht das gleiche Maß; denn was für die Gesundheit genug ist, ist für das Vergnügen zu wenig. Und oft ist es ungewiss, ob es die notwendige Sorge um den Leib ist, die noch um Nahrung bittet, oder ob eine wollüstige Trugtücke der Gier ihre Dienste anbietet. In dieser Ungewissheit freut sich die unglückliche Seele und bereitet darin eine Entschuldigung vor, um sich zu schützen, froh, dass es nicht offenbar wird, was für die Mäßigung der Gesundheit genügt, damit sie unter dem Mantel der Gesundheit die Sache des Genusses verbergen kann. Diesen Versuchungen versuche ich täglich zu widerstehen, und ich rufe Deine Rechte an, und auf Dich beziehe ich meine Ratlosigkeit; denn ich habe diesbezüglich noch keinen festen Rat.

Ich höre die Stimme meines Gottes, die da gebietet: „Die Herzen sollen euch nicht beschwert werden durch Fressen und Saufen.“ Trunkenheit ist ferne von mir; Du wirst Erbarmen haben, dass sie sich mir nicht nahe. Doch das Übermaß an Speise schleicht sich bisweilen an Deinen Knecht heran; Du wirst Erbarmen haben, dass es ferne von mir sei. Denn niemand kann enthaltsam sein, es sei denn, Du gibst es. Vieles gibst Du uns, wenn wir darum bitten; und welch Gutes wir auch empfangen haben, bevor wir baten, von Dir haben wir es empfangen; ja, auf dass wir dies später erkennen möchten, haben wir es zuvor empfangen. Ein Trunkenbold war ich nie, doch habe ich Trunkenbolde gekannt, die durch Dich nüchtern wurden. Von Dir also war es, dass jene, die nie solche waren, es nicht werden sollten, wie es von Dir war, dass jene, die es waren, nicht ewig so bleiben sollten; und von Dir war es, dass beide erkennen konnten, von Wem es war. Ich hörte eine andere Stimme von Dir: „Gehe nicht hinter deinen Begierden her, und wende dich von deinem Vergnügen ab.“ Ja, durch Deine Gnade habe ich das gehört, was ich sehr geliebt habe; denn wenn wir essen, werden wir nicht Überfluss haben, und wenn wir nicht essen, werden wir keinen Mangel leiden; das heißt, weder wird mich das eine sättigen, noch das andere elend machen.

Ich hörte auch eine andere: „Denn ich habe gelernt, mich darin zu begnügen, wie ich es habe; ich weiß, Überfluss zu haben, und ich weiß, Mangel zu leiden. Ich vermag alles durch Christus, der mich stärkt.“ Siehe einen Soldaten des himmlischen Lagers, nicht den Staub, der wir sind. Aber gedenke, Herr, dass wir Staub sind und dass Du aus Staub den Menschen gemacht hast; und er war verloren und ist gefunden. Noch konnte er dies aus sich selbst tun, denn der, den ich so liebte, als er dies durch den Hauch Deiner Eingebung sprach, war von demselben Staub. „Ich vermag alles“ (spricht er) „durch Ihn, der mich stärkt.“ Stärke mich, dass ich es vermag. Gib, was Du gebietest, und gebiete, was Du willst. Er bekennt, empfangen zu haben, und wenn er sich rühmt, so rühmt er sich im Herrn. Einen anderen habe ich gehört, der darum flehte, dass er empfangen möge. „Nimm von mir“ (spricht er) „die Begierden des Bauches“; woraus hervorgeht, o mein heiliger Gott, dass Du gibst, wenn das geschieht, was Du zu tun gebietest.

Du hast mich gelehrt, guter Vater, dass den Reinen alles rein ist; dass es aber dem Menschen böse ist, der mit Ärgernis isst; und dass jedes Deiner Geschöpfe gut ist und nichts zu verwerfen, was mit Danksagung empfangen wird; und dass uns die Speise nicht bei Gott empfiehlt; und dass uns niemand richten soll wegen Speise oder Trank; und dass der, welcher isst, den nicht verachten soll, der nicht isst; und der, welcher nicht isst, soll nicht den richten, der isst. Dies habe ich gelernt, Dank sei Dir, Lob sei Dir, mein Gott, mein Meister, der Du an meine Ohren klopfst, mein Herz erleuchtest; erlöse mich aus aller Versuchung. Ich fürchte nicht die Unreinheit der Speise, sondern die Unreinheit der Begierde. Ich weiß, dass Noah erlaubt war, alles Fleisch zu essen, das zur Nahrung gut war; dass Elia mit Fleisch gespeist wurde; dass er, begabt mit bewundernswerter Enthaltsamkeit, nicht durch das Essen lebender Wesen, Heuschrecken, befleckt wurde. Ich weiß auch, dass Esau durch das Verlangen nach Linsen betrogen wurde; und dass David sich selbst tadelte, weil er nach einem Schluck Wasser verlangte; und dass unser König versucht wurde, nicht wegen Fleisches, sondern wegen Brotes. Und deshalb verdiente das Volk in der Wüste auch zurechtgewiesen zu werden, nicht weil es Fleisch begehrte, sondern weil es im Verlangen nach Nahrung gegen den Herrn murrte.

Inmitten dieser Versuchungen stehend, strebe ich täglich gegen die Begierde im Essen und Trinken. Denn sie ist nicht von der Art, dass ich mich entschließen könnte, sie ein für alle Mal abzuschneiden und nie wieder anzurühren, wie ich es bei der Unzucht konnte. Der Zügel des Schlundes muss also zwischen Nachlässigkeit und Starrheit im Gleichgewicht gehalten werden. Und wer ist es, o Herr, der nicht ein wenig über die Grenzen der Notwendigkeit hinausgeht? Wer immer es ist, er ist ein Großer; er mache Deinen Namen groß. Aber ich bin nicht so, denn ich bin ein sündiger Mensch. Doch auch ich verherrliche Deinen Namen; und Er, der die Welt überwunden hat, legt Fürbitte für meine Sünden bei Dir ein und zählt mich zu den schwachen Gliedern Seines Leibes; denn Deine Augen haben an Ihm das gesehen, was unvollkommen ist, und in Deinem Buch wird alles geschrieben stehen.

Mit den Verlockungen der Düfte befasse ich mich nicht sehr. Wenn sie abwesend sind, vermisse ich sie nicht; wenn sie gegenwärtig sind, weise ich sie nicht zurück; doch bin ich immer bereit, ohne sie zu sein. So scheine ich mir selbst; vielleicht täusche ich mich. Denn das ist auch eine traurige Finsternis, wodurch meine Fähigkeiten in mir vor mir selbst verborgen sind; so dass mein Geist, wenn er sich selbst nach seinen eigenen Kräften befragt, nicht leichtfertig wagt, sich selbst zu glauben; weil selbst das, was darin ist, meist verborgen bleibt, es sei denn, die Erfahrung offenbart es. Und niemand sollte sich in jenem Leben sicher fühlen, das ganz eine Prüfung genannt wird, damit nicht der, der fähig war, vom Schlechteren besser zu werden, nicht ebenso vom Besseren schlechter werden kann. Unsere einzige Hoffnung, einzige Zuversicht, einziges sicheres Versprechen ist Deine Barmherzigkeit.

Die Ergötzungen des Gehörs hatten mich fester verstrickt und unterworfen; doch Du hast mich gelöst und befreit. Nun, in jenen Melodien, denen Deine Worte Leben einhauchen, wenn sie mit süßer und wohlklingender Stimme gesungen werden, finde ich ein wenig Ruhe; doch nicht so, dass ich davon gefangen gehalten würde, sondern dass ich mich losmachen kann, wann ich will. Aber die Worte selbst, die ihr Leben sind und wodurch sie Einlass in mich finden, suchen in meinen Neigungen einen Platz von einiger Bedeutung, und ich kann ihnen kaum einen angemessenen zuweisen. Denn zuweilen scheint es mir, als gäbe ich ihnen mehr Ehre, als sich geziemt, da ich empfinde, dass unsere Seelen durch die heiligen Worte selbst, wenn sie so gesungen werden, heiliger und inbrünstiger zur Flamme der Andacht entflammt werden, als wenn sie nicht gesungen würden; und dass die verschiedenen Regungen unseres Geistes durch eine süße Abwechslung ihre eigenen rechten Maße in der Stimme und im Gesang haben, durch eine geheime Entsprechung, mit der sie aufgewühlt werden. Doch diese Zufriedenheit des Fleisches, der die Seele nicht preisgegeben werden darf, um nicht entnervt zu werden, täuscht mich oft, da der Sinn der Vernunft nicht so sehr dient, ihr geduldig zu folgen; sondern nachdem er nur um ihretwillen zugelassen wurde, strebt er sogar danach, ihr vorauszueilen und sie zu führen. So sündige ich in diesen Dingen unversehens, doch danach werde ich mir dessen bewusst.

Zu anderen Zeiten, indem ich diese Täuschung allzu ängstlich meide, irre ich in zu großer Strenge; und manchmal bis zu dem Grad, dass ich mir wünsche, die ganze Melodie süßer Musik, die für Davids Psalter verwendet wird, aus meinen Ohren und auch aus der Kirche verbannt zu sehen; und jene Weise scheint mir sicherer, von der ich mich erinnere, dass sie mir oft von Athanasius, dem Bischof von Alexandria, erzählt wurde, der den Leser des Psalms ihn mit so leichter Beugung der Stimme vortragen ließ, dass es mehr dem Sprechen als dem Singen nahekam. Doch wenn ich mich wieder an die Tränen erinnere, die ich beim Psalmodieren Deiner Kirche zu Beginn meines wiedererlangten Glaubens vergoss; und wie ich zu dieser Zeit bewegt werde, nicht durch den Gesang, sondern durch das Besungene, wenn es mit klarer Stimme und angemessenster Modulation gesungen wird, erkenne ich den großen Nutzen dieser Einrichtung an. So schwanke ich zwischen der Gefahr des Vergnügens und der bewährten Heilsamkeit; mehr geneigt (obwohl nicht als ein unwiderrufliches Urteil aussprechend), den Gebrauch des Singens in der Kirche zu billigen; damit durch die Ergötzung der Ohren die schwächeren Gemüter zur Empfindung der Andacht aufsteigen mögen. Wenn es mir jedoch widerfährt, mehr von der Stimme als von den gesungenen Worten bewegt zu werden, bekenne ich, strafbar gesündigt zu haben, und möchte dann lieber keine Musik hören. Siehe nun meinen Zustand; weint mit mir und weint für mich, ihr, die ihr eure Regungen innerlich so regelt, dass eine gute Handlung folgt. Denn für euch, die ihr nicht handelt, berühren diese Dinge euch nicht. Aber Du, o Herr, mein Gott, höre; schaue und siehe und erbarme Dich und heile mich, Du, in dessen Gegenwart ich mir selbst zu einem Rätsel geworden bin; und das ist meine Schwachheit.

Es bleibt das Vergnügen dieser Augen meines Fleisches, über das ich meine Bekenntnisse vor den Ohren Deines Tempels, jenen brüderlichen und andächtigen Ohren, ablegen muss; und so die Versuchungen der Fleischeslust abschließen, die mich noch bedrängen, indem ich ernsthaft seufze und begehre, mit meinem Hause vom Himmel überkleidet zu werden. Die Augen lieben schöne und abwechslungsreiche Formen und helle und sanfte Farben. Lass diese nicht meine Seele einnehmen; lass Gott sie vielmehr einnehmen, der diese Dinge gemacht hat, die zwar sehr gut sind, doch Er ist mein Gut, nicht sie. Und diese beeinflussen mich, wenn ich wach bin, den ganzen Tag, noch wird mir von ihnen irgendeine Ruhe gewährt, wie es sie von musikalischen gibt, manchmal in der Stille, von allen Stimmen. Denn diese Königin der Farben, das Licht, das alles badet, was wir schauen, wo immer ich am Tag auch bin, an mir vorübergleitend in vielfältigen Formen, besänftigt mich, wenn ich mit anderen Dingen beschäftigt bin und es nicht bemerke. Und so stark verwebt es sich, dass, wenn es plötzlich entzogen wird, es mit Sehnsucht gesucht wird, und wenn es lange abwesend ist, das Gemüt betrübt.

O Du Licht, das Tobias sah, als er, mit geschlossenen Augen, seinen Sohn den Weg des Lebens lehrte; und selbst mit den Füßen der Nächstenliebe voranging, niemals abweichend. Oder das Isaak sah, als seine fleischlichen Augen vom Alter schwer und geschlossen waren und es ihm gewährt wurde, nicht wissentlich seine Söhne zu segnen, sondern durch das Segnen sie zu erkennen. Oder das Jakob sah, als er, ebenfalls blind durch hohes Alter, mit erleuchtetem Herzen, in den Personen seiner Söhne Licht auf die verschiedenen Völker der Zukunft warf, in ihnen vorgezeichnet; und seine Hände, mystisch gekreuzt, auf seine Enkel durch Joseph legte, nicht wie deren Vater sie mit seinem äußeren Auge korrigierte, sondern wie er selbst innerlich unterschied. Das ist das Licht, es ist eins, und alle sind eins, die es sehen und lieben. Aber jenes körperliche Licht, von dem ich sprach, würzt das Leben dieser Welt für ihre blinden Liebhaber mit einer verführerischen und gefährlichen Süße. Aber die, die wissen, Dich dafür zu preisen, „o allschöpferischer Herr“, nehmen es in Deine Hymnen auf und werden nicht von ihm in ihrem Schlaf eingenommen. Solcherart möchte ich sein. Diesen Verführungen der Augen widerstehe ich, damit meine Füße, mit denen ich auf Deinem Weg wandle, nicht verstrickt werden; und ich erhebe meine unsichtbaren Augen zu Dir, dass Du meine Füße aus der Schlinge ziehen mögest. Du ziehst sie immer wieder heraus, denn sie sind verstrickt. Du hörst nicht auf, sie herauszuziehen, während ich mich oft in den Schlingen verstricke, die überall ausgelegt sind; denn der, der Israel behütet, der wird weder schlummern noch schlafen.

Welch unzählige Spielereien, durch verschiedene Künste und Fabrikate in unserer Kleidung, Schuhen, Geräten und allen Arten von Werken, auch in Bildern und verschiedenen Abbildungen, und diese weit über alles notwendige und mäßige Maß und alle fromme Bedeutung hinaus, haben die Menschen hinzugefügt, um ihre eigenen Augen damit zu versuchen; äußerlich dem folgend, was sie selbst machen, innerlich Den verlassend, von dem sie selbst gemacht wurden, und das zerstörend, was sie selbst geworden sind! Aber ich, mein Gott und meine Herrlichkeit, singe auch deshalb ein Loblied auf Dich und weihe Lob Dem, der mich weiht, weil jene schönen Muster, die durch die Seelen der Menschen in ihre geschickten Hände gelangen, von jener Schönheit kommen, die über unseren Seelen ist, nach der meine Seele Tag und Nacht seufzt. Aber die Schöpfer und Anhänger der äußeren Schönheiten leiten daraus die Regel ab, sie zu beurteilen, nicht aber sie zu gebrauchen. Und Er ist da, obwohl sie Ihn nicht wahrnehmen, auf dass sie nicht umherirren, sondern ihre Kraft für Dich bewahren und sie nicht in lustvoller Müdigkeit zerstreuen. Und ich, obwohl ich dies sage und sehe, verstricke meine Schritte mit diesen äußeren Schönheiten; aber Du ziehst mich heraus, o Herr, Du ziehst mich heraus; denn Deine Güte ist vor meinen Augen. Denn ich bin elend gefangen, und Du ziehst mich barmherzig heraus; manchmal ohne es zu bemerken, wenn ich sie nur leicht berührt hatte; andere Male mit Schmerz, weil ich an ihnen haften geblieben war.

Dazu kommt eine andere Form der Versuchung, die in vielfältigerer Weise gefährlich ist. Denn abgesehen von jener Begierde des Fleisches, die im Genuss aller Sinne und Vergnügungen besteht, worin ihre Sklaven, die weit von Dir gehen, vergehen und zugrunde gehen, hat die Seele durch dieselben Sinne des Körpers ein gewisses eitles und neugieriges Verlangen, verschleiert unter dem Titel von Wissen und Gelehrsamkeit, nicht um sich am Fleisch zu ergötzen, sondern um Experimente durch das Fleisch zu machen. Da der Sitz davon im Verlangen nach Wissen liegt und das Sehen der vornehmlich gebrauchte Sinn für das Erlangen von Wissen ist, wird es in göttlicher Sprache „die Lust der Augen“ genannt. Denn zu sehen gehört eigentlich den Augen; doch gebrauchen wir dieses Wort auch für die anderen Sinne, wenn wir sie bei der Suche nach Wissen einsetzen. Denn wir sagen nicht: Horch, wie es blitzt, oder rieche, wie es glüht, oder schmecke, wie es strahlt, oder fühle, wie es leuchtet; denn all dies wird gesagt, gesehen zu werden. Und doch sagen wir nicht nur: Sieh, wie es glänzt, was allein die Augen wahrnehmen können; sondern auch: Sieh, wie es klingt, sieh, wie es riecht, sieh, wie es schmeckt, sieh, wie hart es ist. Und so wird die allgemeine Erfahrung der Sinne, wie gesagt wurde, „die Lust der Augen“ genannt, weil das Amt des Sehens, worin die Augen das Vorrecht haben, die anderen Sinne nach Art einer Ähnlichkeit an sich nehmen, wenn sie nach irgendeinem Wissen suchen.

Aber hieran lässt sich deutlicher erkennen, worin Vergnügen und worin Neugier das Objekt der Sinne ist; denn das Vergnügen sucht Objekte, die schön, wohlklingend, duftend, wohlschmeckend, weich sind; die Neugier aber, um des Versuchs willen, auch das Gegenteil, nicht um des Leidens willen, sondern aus der Lust am Versuch und am Kennenlernen. Denn welches Vergnügen hat es, in einem verstümmelten Kadaver zu sehen, was einen schaudern lässt? Und doch, wenn er in der Nähe liegt, strömen sie dorthin, um traurig zu werden und bleich zu werden. Selbst im Schlaf haben sie Angst, es zu sehen. Als ob sie im Wachen jemand zwänge, es zu sehen, oder irgendein Bericht von seiner Schönheit sie dorthin zöge! So auch bei den anderen Sinnen, die zu durchlaufen lange dauern würde. Aus dieser Krankheit der Neugier stammen all jene seltsamen Schauspiele, die im Theater dargeboten werden. Daher gehen die Menschen dazu über, die verborgenen Kräfte der Natur zu erforschen (was außerhalb unseres Ziels liegt), deren Wissen nicht nützt und worin die Menschen nichts anderes begehren, als zu wissen. Daher auch, wenn mit jenem gleichen Ziel des pervertierten Wissens magische Künste erforscht werden. Daher auch wird in der Religion selbst Gott versucht, wenn Zeichen und Wunder von Ihm gefordert werden, nicht aus irgendeinem guten Grund begehrt, sondern bloß, um einen Versuch damit zu machen.

In dieser so riesigen Wüste, voll von Schlingen und Gefahren, siehe, viele von ihnen habe ich abgeschnitten und aus meinem Herzen verstoßen, wie Du es mir gegeben hast, o Gott meines Heils. Und doch, wann wage ich zu sagen, da so viele Dinge dieser Art in unserem täglichen Leben von allen Seiten summen – wann wage ich zu sagen, dass nichts dieser Art meine Aufmerksamkeit beansprucht oder in mir ein müßiges Interesse hervorruft? Wahr, die Theater reißen mich jetzt nicht mit, noch kümmert es mich, die Laufbahnen der Sterne zu kennen, noch hat meine Seele jemals verstorbene Geister befragt; alle sakrilegischen Mysterien verabscheue ich. Von Dir, o Herr, mein Gott, dem ich demütigen und aufrichtigen Dienst schulde, mit welchen Kunstgriffen und Einflüsterungen geht der Feind mit mir um, damit ich irgendein Zeichen begehre! Aber ich flehe Dich an durch unseren König und durch unsere reine und heilige Heimat, Jerusalem, dass, wie jegliche Zustimmung dazu fern von mir ist, sie immer ferner und ferner sei. Aber wenn ich Dich für das Heil eines anderen anrufe, ist mein Ziel und meine Absicht weit anders. Du gibst und wirst mir geben, Dir willig zu folgen und zu tun, was Du willst.

Dennoch, in wie vielen kleinsten und verächtlichsten Dingen wird unsere Neugier täglich versucht, und wie oft geben wir nach, wer kann das aufzählen? Wie oft beginnen wir, als ob wir Leute tolerierten, die eitle Geschichten erzählen, damit wir die Schwachen nicht kränken; dann gewinnen wir nach und nach Interesse daran! Ich gehe jetzt nicht zum Zirkus, um zu sehen, wie ein Hund einen Hasen jagt; aber auf dem Feld, wenn ich vorbeigehe, wird mich diese Jagd womöglich sogar von irgendeinem gewichtigen Gedanken ablenken und mich hinter sich herziehen: nicht, dass ich den Körper meines Tieres abwende, doch neige ich meinen Geist immer noch dorthin. Und wenn Du, der Du mich meine Schwachheit hast sehen lassen, mich nicht alsbald ermahnt hättest, entweder durch den Anblick selbst in irgendeiner Betrachtung zu Dir aufzusteigen, oder ihn ganz zu verachten und vorübergehen zu lassen, stünde ich stumpf darin fest. Was ist, wenn ich zu Hause sitze und eine Eidechse Fliegen fängt oder eine Spinne sie beim Hineinstürmen in ihre Netze verstrickt, nimmt dies oft meine Aufmerksamkeit in Anspruch? Ist die Sache anders, weil es nur kleine Geschöpfe sind? Ich gehe von ihnen dazu über, Dich, den wunderbaren Schöpfer und Ordner aller Dinge, zu preisen, aber das zieht nicht zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich. Es ist eine Sache, schnell aufzusteigen, eine andere, nicht zu fallen. Und von solchen Dingen ist mein Leben voll; und meine einzige Hoffnung ist Deine wunderbare große Barmherzigkeit. Denn wenn unser Herz zum Auffangbecken solcher Dinge wird und mit Scharen dieser reichlichen Eitelkeit beschwert ist, dann sind auch unsere Gebete dadurch oft unterbrochen und abgelenkt, und während wir in Deiner Gegenwart die Stimme unseres Herzens auf Deine Ohren richten, wird dieses so große Anliegen durch das Hereinstürmen von ich weiß nicht welchen müßigen Gedanken abgebrochen. Sollen wir dies also auch unter die Dinge von geringer Bedeutung zählen, oder soll uns irgendetwas zur Hoffnung zurückbringen, außer Deiner vollkommenen Barmherzigkeit, da Du begonnen hast, uns zu wandeln?

Und Du weißt, wie sehr Du mich bereits gewandelt hast, der Du mich zuerst von der Lust, mich selbst zu rechtfertigen, geheilt hast, damit Du alle meine übrigen Ungerechtigkeiten vergeben und alle meine Schwachheiten heilen und mein Leben von der Verderbnis erlösen und mich mit Barmherzigkeit und Mitleid krönen und mein Verlangen mit guten Dingen sättigen mögest: Du, der Du meinen Stolz mit Deiner Furcht gezügelt und meinen Nacken an Dein Joch gewöhnt hast. Und nun trage ich es, und es ist leicht für mich, weil Du es so verheißen hast und es so gemacht hast; und fürwahr, so war es, und ich wusste es nicht, als ich fürchtete, es auf mich zu nehmen.

Aber, o Herr, Du allein Herr ohne Stolz, weil Du der einzige wahre Herr bist, der keinen Herrn hat; ist diese dritte Art der Versuchung auch von mir gewichen, oder kann sie während dieses ganzen Lebens weichen? Nämlich von Menschen gefürchtet und geliebt werden zu wollen, zu keinem anderen Zweck, als dass wir darin eine Freude haben mögen, die keine Freude ist? Ein elendes Leben dies und eine abscheuliche Prahlsucht! Daher kommt es vor allem, dass die Menschen Dich weder rein lieben noch fürchten. Und deshalb widerstehst Du den Stolzen und gibst den Demütigen Gnade: ja, Du donnerst herab auf die Ehrgeizigen der Welt, und die Fundamente der Berge erbeben. Weil nun gewisse Ämter der menschlichen Gesellschaft es notwendig machen, von Menschen geliebt und gefürchtet zu werden, bedrängt uns der Widersacher unserer wahren Seligkeit schwer und breitet überall seine Schlingen des „Wohlgetan, wohlgetan“ aus; damit wir, gierig nach ihnen haschend, unversehens gefangen werden, unsere Freude von Deiner Wahrheit trennen und sie in die Täuschung der Menschen setzen; und Gefallen daran finden, geliebt und gefürchtet zu werden, nicht um Deinetwillen, sondern an Deiner Statt: und da er uns so sich gleichgemacht hat, mag er sie für sich haben, nicht in den Banden der Liebe, sondern in den Banden der Strafe: er, der sich vornahm, seinen Thron im Norden aufzustellen, damit sie ihm dunkel und erkaltet dienen, indem sie Dich verkehrt und krumm nachahmen. Aber wir, o Herr, siehe, wir sind Deine kleine Herde; besitze uns als Deine, breite Deine Flügel über uns aus, und lass uns unter ihnen fliegen. Sei Du unser Ruhm; lass uns um Deinetwillen geliebt werden und Dein Wort in uns gefürchtet. Wer von Menschen gelobt werden will, wenn Du tadelst, der wird nicht von Menschen verteidigt werden, wenn Du richtest; noch befreit, wenn Du verurteilst. Wenn aber – nicht der Sünder in den Begierden seiner Seele gelobt wird, noch der gesegnet ist, der gottlos handelt, sondern – ein Mensch für eine Gabe gelobt wird, die Du ihm verliehen hast, und er sich mehr über das Lob für sich selbst freut, als dass er die Gabe hat, für die er gelobt wird, so wird auch er gelobt, während Du tadelst; besser ist der, der lobte, als der, der gelobt wurde. Denn jener hatte Freude an der Gabe Gottes im Menschen; dieser hatte mehr Gefallen an der Gabe des Menschen als an der Gottes.

Durch diese Versuchungen werden wir täglich angefochten, o Herr; ohne Unterlass werden wir angefochten. Unser täglicher Schmelzofen ist die Zunge der Menschen. Und auf diese Weise gebietest Du uns auch Enthaltsamkeit. Gib, was Du gebietest, und gebiete, was Du willst. Du kennst in dieser Angelegenheit das Stöhnen meines Herzens und die Ströme meiner Augen. Denn ich kann nicht erkennen, wie weit ich von dieser Plage gereinigt bin, und ich fürchte sehr meine geheimen Sünden, die Deine Augen kennen, meine aber nicht. Denn bei anderen Arten der Versuchung habe ich eine gewisse Art, mich selbst zu prüfen; bei dieser kaum eine. Denn wenn ich meinen Geist von den fleischlichen Lüsten und müßiger Neugier fernhalte, sehe ich, wie viel ich erreicht habe, wenn ich ohne sie auskomme; indem ich auf sie verzichte oder sie nicht habe. Denn dann frage ich mich, wie viel lästiger es für mich ist, sie nicht zu haben? Dann der Reichtum, der begehrt wird, damit er einer oder zwei oder allen drei Begierden dienen kann; wenn die Seele nicht unterscheiden kann, ob sie ihn, wenn sie ihn hat, verachtet, mag er beiseitegelegt werden, damit sie sich selbst erproben kann. Aber ohne Lob zu sein und darin unsere Kräfte zu erproben, müssen wir schlecht leben, ja so verworfen und abscheulich, dass uns niemand kennen dürfte, ohne uns zu verabscheuen? Welche größere Torheit lässt sich sagen oder denken? Wenn aber Lob ein gutes Leben und gute Werke begleiten soll und muss, so sollten wir ebenso wenig auf seine Begleitung verzichten wie auf das gute Leben selbst. Doch ich weiß nicht, ob ich gut oder schlecht ohne etwas sein kann, es sei denn, es ist abwesend.

Was also beichte ich Dir in dieser Art der Versuchung, o Herr? Was anderes, als dass ich mich am Lob erfreue, aber an der Wahrheit selbst mehr als am Lob? Denn würde mir vorgeschlagen, ob ich, in allem in Irrtum verfallen, von allen Menschen gelobt werden wollte, oder, in der Wahrheit beständig und fest gegründet, von allen getadelt, ich sehe, was ich wählen würde. Dennoch möchte ich gerne, dass die Anerkennung eines anderen nicht einmal meine Freude über irgendetwas Gutes in mir mehrt. Doch ich gestehe, sie mehrt sie, und nicht nur das, auch Tadel vermindert sie. Und wenn ich über dieses mein Elend bekümmert bin, fällt mir eine Entschuldigung ein, von welchem Wert sie ist, weißt Du, o Gott, denn sie lässt mich im Ungewissen. Denn da Du uns nicht allein Enthaltsamkeit geboten hast, das heißt, wovon wir unsere Liebe fernhalten sollen, sondern auch Gerechtigkeit, das heißt, worauf wir sie richten sollen, und Du gewollt hast, dass wir nicht nur Dich lieben, sondern auch unseren Nächsten; scheine ich mir oft, wenn ich mich an verständigem Lob erfreue, an der Tüchtigkeit oder dem guten Willen meines Nächsten zu erfreuen, oder betrübt zu sein über das Böse in ihm, wenn ich höre, wie er tadelt, was er entweder nicht versteht oder gut ist. Denn manchmal betrübt mich mein eigenes Lob, entweder wenn Dinge an mir gelobt werden, die mir an mir selbst missfallen, oder wenn geringere und unbedeutende Güter höher geschätzt werden, als sie sollten. Aber wieder, woher weiß ich, ob ich deshalb so empfinde, weil ich nicht möchte, dass der, der mich lobt, in Bezug auf mich anderer Meinung ist als ich; nicht weil ich von Sorge um ihn beeinflusst bin, sondern weil dieselben guten Dinge, die mir an mir selbst gefallen, mir mehr gefallen, wenn sie auch einem anderen gefallen? Denn irgendwie werde ich nicht gelobt, wenn mein Urteil über mich selbst nicht gelobt wird; insofern als entweder jene Dinge gelobt werden, die mir missfallen; oder jene mehr, die mir weniger gefallen. Bin ich also in dieser Sache meiner selbst ungewiss?

Siehe, in Dir, o Wahrheit, sehe ich, dass ich nicht um meinetwillen von meinem eigenen Lob bewegt werden sollte, sondern zum Wohl meines Nächsten. Und ob dies bei mir so ist, weiß ich nicht. Denn hierin weiß ich weniger von mir als von Dir. Ich flehe nun, o mein Gott, offenbare mir auch mich selbst, damit ich meinen Brüdern, die für mich beten sollen, beichten kann, worin ich mich verstümmelt finde. Lass mich mich selbst noch einmal sorgfältiger prüfen. Wenn ich bei meinem Lob durch das Wohl meines Nächsten bewegt werde, warum bin ich dann weniger bewegt, wenn ein anderer zu Unrecht getadelt wird, als wenn es mich selbst betrifft? Warum sticht mich der Vorwurf, der mir selbst gemacht wird, mehr als der, der einem anderen mit derselben Ungerechtigkeit vor mir gemacht wird? Weiß ich das auch nicht? Oder ist es am Ende so, dass ich mich selbst täusche und die Wahrheit nicht vor Dir in meinem Herzen und mit meiner Zunge tue? Diese Torheit sei fern von mir, o Herr, damit nicht mein eigener Mund mir das Öl des Sünders sei, um mein Haupt fett zu machen. Ich bin arm und bedürftig; doch am besten, während ich in verborgenem Stöhnen mir selbst missfalle und Deine Barmherzigkeit suche, bis das, was in meinem mangelhaften Zustand fehlt, erneuert und vollendet wird, hin zu jenem Frieden, den das Auge der Stolzen nicht kennt.

Doch das Wort, das aus dem Mund kommt, und die Taten, die den Menschen bekannt sind, bringen durch die Liebe zum Lob eine höchst gefährliche Versuchung mit sich: welche, um eine gewisse eigene Vortrefflichkeit zu begründen, um die Stimmen der Menschen wirbt und sie sammelt. Sie versucht sogar dann, wenn sie von mir selbst in mir getadelt wird, gerade aus dem Grund, dass sie getadelt wird; und brüstet sich oft eitler mit der Verachtung der Eitelkeit selbst; und so ist es nicht länger Verachtung der Eitelkeit, womit sie sich brüstet; denn sie verachtet nicht, wenn sie sich brüstet.

Inwendig auch, inwendig ist ein anderes Übel, das aus einer ähnlichen Versuchung entspringt; wodurch Menschen eitel werden und sich selbst gefallen, selbst wenn sie anderen nicht gefallen, missfallen oder sich nicht darum scheren, zu gefallen. Aber indem sie sich selbst gefallen, missfallen sie Dir sehr, nicht nur, indem sie an Dingen Gefallen finden, die nicht gut sind, als wären sie gut, sondern auch an Deinen guten Dingen, als wären es ihre eigenen; oder selbst wenn sie sie als die Deinen ansehen, doch als wären sie aufgrund ihrer eigenen Verdienste; oder selbst wenn sie sie als aus Deiner Gnade stammend ansehen, doch nicht mit brüderlicher Freude, sondern anderen diese Gnade neidend. In all diesen und ähnlichen Gefahren und Mühsalen siehst Du das Zittern meines Herzens; und ich fühle eher, dass meine Wunden von Dir geheilt werden, als dass sie nicht von mir zugefügt wurden.

Wo bist Du nicht mit mir gewandelt, o Wahrheit, und hast mich gelehrt, wovor ich mich hüten und was ich begehren soll; als ich auf Dich bezog, was ich hier unten entdecken konnte, und Dich befragte? Mit meinen äußeren Sinnen habe ich, so gut ich konnte, die Welt betrachtet und das Leben beobachtet, das mein Körper von mir hat, und diese meine Sinne. Von dort drang ich in die Winkel meines Gedächtnisses ein, jene vielfältigen und geräumigen Kammern, wunderbar ausgestattet mit unzähligen Vorräten; und ich betrachtete und stand entsetzt; unfähig, irgendetwas von diesen Dingen ohne Dich zu erkennen, und keines von ihnen als Dich findend. Noch war ich es selbst, der diese Dinge herausfand, der sie alle durchging und sich bemühte, alles zu unterscheiden und nach seiner Würde zu bewerten, indem ich einige Dinge auf den Bericht meiner Sinne hin annahm, andere befragte, die ich als mit mir vermischt empfand, die Berichterstatter selbst zählte und unterschied, und in dem großen Schatzhaus meines Gedächtnisses einige Dinge umwälzte, andere aufbewahrte, andere herauszog. Noch war ich es selbst, als ich dies tat, d. h. jene meine Kraft, durch die ich es tat, noch warst Du es, denn Du bist das bleibende Licht, das ich bezüglich all dieser Dinge befragte, ob sie seien, was sie seien und wie sie zu bewerten seien; und ich hörte Dich mich leiten und befehlen; und dies tue ich oft, dies erfreut mich, und soweit ich von notwendigen Pflichten befreit sein kann, nehme ich zu diesem Vergnügen Zuflucht. Noch kann ich in all diesen Dingen, die ich im Befragen Deiner durchlaufe, keinen sicheren Ort für meine Seele finden als in Dir; wohin meine zerstreuten Glieder gesammelt werden können und nichts von mir von Dir abweiche. Und manchmal lässt Du mich eine Zuneigung erfahren, sehr ungewöhnlich, in meiner innersten Seele; aufsteigend zu einer seltsamen Süße, die, wenn sie in mir vollendet wäre, ich nicht weiß, was in ihr nicht zum zukünftigen Leben gehören würde. Aber durch meine elenden Verstrickungen sinke ich wieder hinab in diese niederen Dinge, und werde von der alten Gewohnheit zurückgerissen, und werde festgehalten, und weine sehr, aber werde sehr festgehalten. So sehr drückt uns die Last einer bösen Gewohnheit nieder. Hier kann ich bleiben, will es aber nicht; dort will ich, kann es aber nicht; beides ist elend.

So habe ich also die Krankheiten meiner Sünden in jener dreifachen Begierde betrachtet und Deine rechte Hand zu meiner Hilfe gerufen. Denn mit verwundetem Herzen habe ich Deine Helligkeit geschaut, und zurückgeschlagen sagte ich: „Wer kann dorthin gelangen? Ich bin von dem Anblick Deiner Augen verstoßen.“ Du bist die Wahrheit, die über allem thront, aber ich wollte in meiner Begierde Dich zwar nicht verlassen, aber mit Dir eine Lüge besitzen; so wie kein Mensch auf eine Weise lügen würde, dass er selbst die Wahrheit nicht kennt. So also verlor ich Dich, weil Du Dich nicht mit einer Lüge besitzen lässt.

Wen konnte ich finden, der mich mit Dir versöhnt? Sollte ich zu den Engeln Zuflucht nehmen? Mit welchen Gebeten? Mit welchen Sakramenten? Viele, die versuchten, zu Dir zurückzukehren, und aus sich selbst unfähig waren, haben, wie ich höre, dies versucht und sind in das Verlangen nach neugierigen Visionen gefallen und wurden für würdig befunden, getäuscht zu werden. Denn sie, hochmütig, suchten Dich durch den Stolz der Gelehrsamkeit, sich eher aufblähend, als an ihre Brüste zu schlagen, und zogen so durch die Übereinstimmung ihres Herzens die Fürsten der Luft an sich, die Mitverschwörer ihres Stolzes, von denen sie durch magische Einflüsse getäuscht wurden, auf der Suche nach einem Mittler, durch den sie gereinigt werden könnten, und es war keiner. Denn der Teufel war es, der sich in einen Engel des Lichts verwandelte. Und es lockte das stolze Fleisch sehr, dass er keinen fleischlichen Körper hatte. Denn sie waren sterblich und Sünder; aber Du, Herr, mit dem sie sich stolz zu versöhnen suchten, bist unsterblich und ohne Sünde. Aber ein Mittler zwischen Gott und den Menschen muss etwas haben, das Gott gleicht, etwas, das den Menschen gleicht; damit er, wenn er in beidem dem Menschen gleicht, nicht fern von Gott sei: oder wenn er in beidem Gott gleicht, zu ungleich dem Menschen: und so kein Mittler sei. Jener trügerische Mittler also, durch den in Deinen geheimen Gerichten der Stolz verdient hat, getäuscht zu werden, hat eines mit dem Menschen gemein, das ist die Sünde; ein anderes scheint er mit Gott gemein haben zu wollen; und da er nicht mit der Sterblichkeit des Fleisches bekleidet war, wollte er sich als unsterblich brüsten. Aber da der Sold der Sünde der Tod ist, hat er dies mit den Menschen gemein, dass er mit ihnen zum Tod verdammt sein sollte.

Aber der wahre Mittler, den Du in Deiner geheimen Barmherzigkeit den Demütigen gezeigt und gesandt hast, damit sie durch Sein Beispiel auch dieselbe Demut lernen, jener Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, erschien zwischen sterblichen Sündern und dem unsterblichen Gerechten; sterblich mit den Menschen, gerecht mit Gott: damit Er, weil der Sold der Gerechtigkeit Leben und Frieden ist, durch eine mit Gott verbundene Gerechtigkeit jenen Tod der Sünder, die nun gerecht geworden sind, zunichtemache, den Er mit ihnen gemein haben wollte. Daher wurde Er den heiligen Männern der Vorzeit gezeigt; damit sie durch den Glauben an Sein zukünftiges Leiden, wie wir durch den Glauben an das vergangene, gerettet werden könnten. Denn als Mensch war Er ein Mittler; aber als das Wort nicht in der Mitte zwischen Gott und Mensch, weil Er Gott gleich war, und Gott bei Gott, und zusammen ein Gott.

Wie hast Du uns geliebt, guter Vater, der Du Deinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns Gottlose hingegeben hast! Wie hast Du uns geliebt, für die Er, der es nicht für Raub hielt, Dir gleich zu sein, sich bis zum Tod am Kreuz unterwarf, Er allein, frei unter den Toten, der Macht hatte, Sein Leben zu lassen, und Macht, es wieder zu nehmen: für uns vor Dir sowohl Sieger als auch Opfer, und deshalb Sieger, weil das Opfer; für uns vor Dir Priester und Opfergabe, und deshalb Priester, weil die Opfergabe; der uns für Dich aus Knechten zu Söhnen machte, indem Er aus Dir geboren wurde und uns diente. Wohl ist also meine Hoffnung stark in Ihm, dass Du alle meine Gebrechen heilen wirst, durch Ihn, der zu Deiner Rechten sitzt und Fürbitte für uns einlegt; sonst müsste ich verzweifeln. Denn viele und groß sind meine Gebrechen, viele sind sie und groß; aber Deine Medizin ist mächtiger. Wir könnten uns vorstellen, Dein Wort sei fern von jeder Vereinigung mit dem Menschen, und an uns selbst verzweifeln, wenn Er nicht Fleisch geworden wäre und unter uns gewohnt hätte.

Erschrocken über meine Sünden und die Last meines Elends, hatte ich in meinem Herzen erwogen und mir vorgenommen, in die Wüste zu fliehen: aber Du verwehrtest es mir und stärktest mich, indem Du sagtest: Darum ist Christus für alle gestorben, damit die, die leben, nun nicht mehr sich selbst leben, sondern Ihm, der für sie gestorben ist. Sieh, Herr, ich werfe meine Sorge auf Dich, damit ich lebe und über die wunderbaren Dinge aus Deinem Gesetz nachsinne. Du kennst meine Unwissenheit und meine Gebrechen; lehre mich und heile mich. Er, Dein einziger Sohn, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind, hat mich mit Seinem Blut erlöst. Lass die Stolzen nicht schlecht von mir reden; denn ich sinne über mein Lösegeld nach und esse und trinke und teile es mit; und arm, begehrte ich, von Ihm gesättigt zu werden, unter denen, die essen und gesättigt werden, und sie werden den Herrn preisen, die Ihn suchen.

BUCH XI

Herr, da die Ewigkeit Dein ist, bist Du unwissend über das, was ich zu Dir sage? Oder siehst Du in der Zeit, was in der Zeit geschieht? Warum also lege ich vor Dir so viele Berichte dar? Nicht, wahrlich, damit Du sie durch mich lernen mögest, sondern um meine eigene Andacht und die meiner Leser Dir gegenüber zu wecken, damit wir alle sagen: Groß ist der Herr und überaus zu preisen. Ich habe es schon gesagt; und werde es wieder sagen, aus Liebe zu Deiner Liebe tue ich dies. Denn wir beten auch, und doch hat die Wahrheit gesagt: Euer Vater weiß, was ihr braucht, ehe ihr ihn bittet. Es sind also unsere Regungen, die wir vor Dir offenlegen, indem wir unsere eigene Misere und Deine Barmherzigkeit uns gegenüber bekennen, damit Du uns ganz befreist, da Du begonnen hast, damit wir aufhören, elend in uns selbst zu sein, und selig in Dir; da Du uns gerufen hast, arm im Geiste zu werden, und sanftmütig, und Leidtragende, und hungrig und dürstend nach Gerechtigkeit, und barmherzig, und rein im Herzen, und Friedfertige. Sieh, ich habe Dir viele Dinge gesagt, wie ich konnte und wie ich wollte, weil Du zuerst wolltest, dass ich Dir, meinem Herrn und Gott, beichte. Denn Du bist gut, denn Deine Barmherzigkeit währt ewiglich.

Aber wie werde ich mit der Zunge meiner Feder ausreichen, all Deine Ermahnungen auszusprechen, und all Deine Schrecken, und Tröstungen, und Führungen, wodurch Du mich brachtest, Dein Wort zu predigen und Dein Sakrament an Dein Volk auszuteilen? Und wenn ich ausreichen würde, sie der Reihe nach auszusprechen, die Tropfen der Zeit sind mir kostbar; und lange habe ich gebrannt, in Deinem Gesetz nachzusinnen und darin Dir meine Geschicklichkeit und Unwissenheit zu beichten, das Morgengrauen Deiner Erleuchtung und die Reste meiner Finsternis, bis die Gebrechlichkeit von der Stärke verschlungen wird. Und ich möchte nicht, dass irgendetwas anderes jene Stunden stiehlt, die ich frei finde von den Notwendigkeiten der Erquickung meines Körpers und der Kräfte meines Geistes, und von dem Dienst, den wir den Menschen schulden, oder den wir, obwohl wir ihn nicht schulden, dennoch leisten.

O Herr, mein Gott, neige Dein Ohr meinem Gebet, und lass Deine Barmherzigkeit meinem Verlangen Gehör schenken: denn es ist nicht nur um meinetwillen besorgt, sondern möchte der brüderlichen Liebe dienen; und Du siehst mein Herz, dass es so ist. Ich möchte Dir den Dienst meines Denkens und meiner Zunge opfern; gib Du mir, was ich Dir darbringen kann. Denn ich bin arm und bedürftig, Du reich für alle, die Dich anrufen; der Du, unzugänglich für Sorge, für uns sorgst. Beschneide meine inneren und äußeren Lippen von aller Vermessenheit und allem Lügen: Lass Deine Schriften meine reinen Ergötzungen sein: Lass mich nicht in ihnen getäuscht werden, noch durch sie täuschen. Herr, höre und erbarme Dich, o Herr, mein Gott, Licht der Blinden und Stärke der Schwachen; ja auch Licht derer, die sehen, und Stärke der Starken; höre auf meine Seele und höre sie aus der Tiefe schreien. Denn wenn Deine Ohren nicht auch bei uns in der Tiefe sind, wohin sollen wir gehen? Wohin schreien? Dein ist der Tag, und Dein ist die Nacht; auf Dein Winken entfliehen die Augenblicke. Gewähre einen Raum dafür für unsere Meditationen über die verborgenen Dinge Deines Gesetzes, und schließe ihn nicht vor uns, die wir anklopfen. Denn nicht umsonst wolltest Du die finsteren Geheimnisse so vieler Seiten geschrieben haben; noch sind jene Wälder ohne ihre Hirsche, die sich dorthin zurückziehen und umherschweifen und wandeln; weiden, ruhen und wiederkäuen. Vollende mich, o Herr, und offenbare sie mir. Siehe, Deine Stimme ist meine Freude; Deine Stimme übertrifft die Fülle der Freuden. Gib, was ich liebe: denn ich liebe; und dies hast Du gegeben: verlass Deine eigenen Gaben nicht, noch verschmähe Dein grünes Kraut, das dürstet. Lass mich Dir alles beichten, was ich in Deinen Büchern finden werde, und die Stimme des Lobes hören, und in Dir trinken, und über die wunderbaren Dinge aus Deinem Gesetz nachsinnen; vom Anfang an, worin Du den Himmel und die Erde machtest, bis zur ewigen Herrschaft Deiner heiligen Stadt mit Dir.

Herr, erbarme Dich meiner und erhöre mein Verlangen. Denn es ist, so glaube ich, nicht von der Erde, nicht von Gold und Silber und Edelsteinen, oder prächtigen Gewändern, oder Ehren und Ämtern, oder den Freuden des Fleisches, oder den Notwendigkeiten für den Leib und für dieses Leben unserer Pilgerschaft: all dies wird denen hinzugefügt werden, die nach Deinem Reich und Deiner Gerechtigkeit suchen. Siehe, o Herr mein Gott, worin mein Verlangen besteht. Die Gottlosen erzählten mir von Ergötzungen, doch nicht von solchen wie Dein Gesetz, o Herr. Siehe, worin mein Verlangen besteht. Siehe, Vater, siehe, und schaue und billige; und sei es wohlgefällig vor Deiner Barmherzigkeit, dass ich Gnade vor Dir finde, damit mir das Innere Deiner Worte geöffnet werde, wenn ich anklopfe. Ich bitte Dich bei unserem Herrn Jesus Christus, Deinem Sohne, dem Manne Deiner Rechten, dem Menschensohn, den Du für Dich eingesetzt hast als Deinen Mittler und den unsrigen, durch Den Du uns suchtest, die wir Dich nicht suchten, sondern uns suchtest, auf dass wir Dich suchten – Dein Wort, durch Das Du alle Dinge machtest, und unter ihnen auch mich; – Dein Eingeborenes, durch Das Du das glaubende Volk zur Kindschaft riefest, und darin auch mich; – ich bitte Dich bei Ihm, der zu Deiner Rechten sitzt und für uns bei Dir eintritt, in Dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind. Diese suche ich in Deinen Büchern. Von Ihm schrieb Moses; dies sagt Er Selbst; dies sagt die Wahrheit.

Ich möchte hören und verstehen, wie „Am Anfang Du den Himmel und die Erde machtest“. Moses schrieb dies, schrieb und schied dahin, ging von hier von Dir zu Dir; noch ist er jetzt vor mir. Denn wäre er es, ich würde ihn festhalten und ihn fragen und ihn bei Dir anflehen, mir diese Dinge zu offenbaren, und ich würde die Ohren meines Leibes an die Töne legen, die aus seinem Munde hervorbrachen. Und sollte er Hebräisch sprechen, so würde es vergeblich an meine Sinne schlagen, noch würde irgendetwas davon meinen Geist berühren; spräche er aber Latein, so würde ich wissen, was er sagte. Doch woher sollte ich wissen, ob er die Wahrheit sprach? Ja, und wüsste ich auch dies, wüsste ich es von ihm? Wahrlich, in mir, im Inneren, in der Kammer meiner Gedanken, würde die Wahrheit – weder Hebräisch, noch Griechisch, noch Lateinisch, noch barbarisch, ohne Organe der Stimme oder Zunge oder Klang von Silben – sagen: „Es ist Wahrheit“, und ich würde sogleich vertrauensvoll zu jenem Deinem Manne sagen: „Du sagst wahrlich.“ Da ich ihn nun nicht befragen kann, Dich, Dich bitte ich, o Wahrheit, von der voll Er die Wahrheit sprach, Dich, mein Gott, bitte ich, vergib meine Sünden; und Du, der Du ihm, Deinem Diener, gabst, diese Dinge zu sagen, gib auch mir, sie zu verstehen.

Siehe, die Himmel und die Erde sind; sie verkünden, dass sie erschaffen wurden; denn sie verändern und wandeln sich. Wohingegen alles, was nicht gemacht worden ist und doch ist, nichts in sich hat, was es zuvor nicht hatte; und dies heißt sich verändern und wandeln. Sie verkünden auch, dass sie sich nicht selbst gemacht haben: „Darum sind wir, weil wir gemacht worden sind; wir waren also nicht, bevor wir waren, sodass wir uns hätten selbst machen können.“ Nun ist der Beweis der Sache die Stimme der Sprechenden. Du also, Herr, hast sie gemacht; der Du schön bist, denn sie sind schön; der Du gut bist, denn sie sind gut; der Du bist, denn sie sind; doch sind sie nicht schön noch gut, noch sind sie, wie Du ihr Schöpfer bist; im Vergleich zu Dem sie weder schön, noch gut, noch sind. Dies wissen wir, Dank sei Dir. Und unsere Erkenntnis, verglichen mit Deiner Erkenntnis, ist Unwissenheit.

Doch wie machtest Du den Himmel und die Erde? Und was war das Werkzeug Deines so mächtigen Gefüges? Denn es war nicht wie bei einem menschlichen Handwerker, der einen Körper aus einem anderen formt, gemäß dem Ermessen seines Geistes, der eine solche Form, wie er sie in sich selbst mit dem inneren Auge sieht, irgendwie anlegen kann. Und woher sollte er fähig sein, dies zu tun, wenn Du nicht jenen Geist gemacht hättest? Und er legt eine Form an, was bereits existiert und ein Sein hat, wie Ton oder Stein oder Holz oder Gold oder dergleichen. Und woher sollten sie sein, hättest Du sie nicht bestimmt? Du machtest den Handwerker, seinen Körper, Du den Geist, der die Glieder befiehlt, Du die Materie, woraus er irgendetwas macht; Du die Auffassungsgabe, womit er seine Kunst aufnimmt und im Inneren sieht, was er im Äußeren tut; Du den Sinn seines Leibes, womit er, wie durch einen Dolmetscher, vom Geist zur Materie das übertragen kann, was er tut, und seinem Geist berichten kann, was getan ist; damit er im Inneren die Wahrheit befragen kann, die über ihm selbst thront, ob es gut getan ist oder nicht. All diese preisen Dich, den Schöpfer aller Dinge. Doch wie machst Du sie? Wie, o Gott, machtest Du Himmel und Erde? Wahrlich, weder im Himmel noch auf der Erde machtest Du Himmel und Erde; noch in der Luft oder den Wassern, da diese auch zum Himmel und zur Erde gehören; noch in der ganzen Welt machtest Du die ganze Welt; denn es war kein Ort, wo man sie hätte machen können, bevor sie gemacht war, damit sie sein konnte. Noch hieltest Du irgendetwas in Deiner Hand, woraus Du Himmel und Erde hättest machen können. Denn woher hättest Du dies haben sollen, das Du nicht gemacht hattest, um daraus irgendetwas zu machen? Denn was ist, außer weil Du bist? Darum sprachst Du, und sie wurden gemacht, und in Deinem Wort machtest Du sie.

Doch wie sprachst Du? Auf die Art, wie die Stimme aus der Wolke kam und sagte: Dies ist mein geliebter Sohn? Denn jene Stimme ging vorüber und verging, begann und endete; die Silben erklangen und vergingen, die zweite nach der ersten, die dritte nach der zweiten und so fort der Reihe nach, bis zur letzten nach den übrigen, und Stille nach der letzten. Woraus es überaus klar und deutlich ist, dass die Bewegung eines Geschöpfes sie ausdrückte, selbst zeitlich, Deinem ewigen Willen dienend. Und diese Deine Worte, für eine Zeit erschaffen, berichtete das äußere Ohr der vernünftigen Seele, deren inneres Ohr Deinem Ewigen Wort lauschte. Doch sie verglich diese in der Zeit erklingenden Worte mit jenem Deinem Ewigen Wort in der Stille und sagte: „Es ist anders, weit anders. Diese Worte sind weit unter mir, noch sind sie, weil sie fliehen und vergehen; aber das Wort meines Herrn bleibt über mir in Ewigkeit.“ Wenn Du also in erklingenden und vergehenden Worten sagtest, dass Himmel und Erde gemacht werden sollten, und so Himmel und Erde machtest, gab es ein körperliches Geschöpf vor Himmel und Erde, durch dessen Bewegungen in der Zeit jene Stimme ihren Lauf in der Zeit nehmen konnte. Aber es gab nichts Körperliches vor Himmel und Erde; oder wenn es das gäbe, hättest Du sicherlich ohne eine solche vergehende Stimme dasjenige geschaffen, woraus diese vergehende Stimme zu machen wäre, durch welche zu sagen: Es werden der Himmel und die Erde gemacht. Denn was auch immer das wäre, woraus eine solche Stimme gemacht würde, wenn es nicht durch Dich gemacht wäre, könnte es überhaupt nicht sein. Durch welches Wort also sprachst Du, dass ein Körper gemacht werden könnte, wodurch diese Worte wiederum gemacht werden könnten?

Du rufst uns also, das Wort zu verstehen, Gott, bei Dir Gott, Das ewig gesprochen wird, und durch Das alle Dinge ewig gesprochen werden. Denn was gesprochen wurde, wurde nicht nacheinander gesprochen, eines abgeschlossen, damit das nächste gesprochen werden könnte, sondern alles zugleich und ewig. Sonst hätten wir Zeit und Wandel; und nicht eine wahre Ewigkeit noch wahre Unsterblichkeit. Dies weiß ich, o mein Gott, und sage Dank. Ich weiß, ich bekenne es Dir, o Herr, und mit mir weiß und segnet Dich, wer auch immer gegen die Wahrheit nicht undankbar ist. Wir wissen, Herr, wir wissen; denn insofern etwas nicht ist, das war, und ist, das nicht war, insofern stirbt es und entsteht es. Nichts also von Deinem Wort macht Platz oder ersetzt, weil Es wahrlich unsterblich und ewig ist. Und deshalb sprichst Du zu dem mit Dir koewigen Wort zugleich und ewig alles, was Du sagst; und was auch immer Du sagst, dass es gemacht werden soll, wird gemacht; noch machst Du anders, als durch Sagen; und doch sind nicht alle Dinge zugleich gemacht oder ewig, die Du durch Sagen machst.

Warum, bitte ich Dich, o Herr mein Gott? Ich sehe es auf eine Weise; aber wie ich es ausdrücken soll, weiß ich nicht, es sei denn, dass was auch immer zu sein beginnt und aufhört zu sein, dann beginnt und dann aufhört, wenn es in Deiner ewigen Vernunft erkannt wird, dass es beginnen oder aufhören sollte; in welcher Vernunft nichts beginnt oder aufhört. Dies ist Dein Wort, das auch der „Anfang ist, weil Es auch zu uns spricht“. So spricht Er im Evangelium durch das Fleisch; und dies erklang äußerlich in den Ohren der Menschen; damit es geglaubt und innerlich gesucht werde und in der ewigen Wahrheit gefunden werde; wo der gute und einzige Meister alle seine Jünger lehrt. Dort, Herr, höre ich Deine Stimme zu mir sprechen; denn Er spricht zu uns, der uns lehrt; aber Er, der uns nicht lehrt, spricht nicht zu uns, auch wenn Er spricht. Wer lehrt uns nun, außer der unwandelbaren Wahrheit? Denn selbst wenn wir durch ein wandelbares Geschöpf ermahnt werden, so werden wir doch nur zur unwandelbaren Wahrheit geführt; wo wir wahrhaft lernen, während wir stehen und Ihn hören und uns sehr freuen wegen der Stimme des Bräutigams, der uns zu Ihm zurückführt, von Dem wir sind. Und deshalb der Anfang, weil es, wenn Er nicht bliebe, kein Wohin zur Rückkehr gäbe, wenn wir in die Irre gingen. Wenn wir aber vom Irrtum zurückkehren, geschieht es durch das Erkennen; und damit wir erkennen können, lehrt Er uns, weil Er der Anfang ist und zu uns spricht.

In diesem Anfang, o Gott, hast Du Himmel und Erde gemacht, in Deinem Wort, in Deinem Sohne, in Deiner Kraft, in Deiner Weisheit, in Deiner Wahrheit; wunderbar sprechend und wunderbar machend. Wer wird es begreifen? Wer es verkünden? Was ist das, das durch mich hindurchglänzt und mein Herz trifft, ohne es zu verletzen; und ich schaudere und entbrenne? Ich schaudere, insofern ich Ihm unähnlich bin; ich entbrenne, insofern ich Ihm ähnlich bin. Es ist Weisheit, die Weisheit selbst, die durch mich hindurchglänzt; meine Trübung durchtrennend, die mich jedoch wieder einhüllt, da ich vor ihr ohnmächtig werde durch die Finsternis, die sich zur Strafe über mich zusammenzieht. Denn meine Kraft ist in der Not niedergeworfen, sodass ich meine Segnungen nicht ertragen kann, bis Du, Herr, der Du all meinen Ungerechtigkeiten gnädig warst, alle meine Gebrechen heilen wirst. Denn Du wirst auch mein Leben von der Verderbnis erlösen und mich mit Gnade und Barmherzigkeit krönen und mein Verlangen mit guten Dingen sättigen, weil meine Jugend wie die eines Adlers erneuert werden wird. Denn in Hoffnung sind wir gerettet, weshalb wir durch Geduld auf Deine Verheißungen warten. Wer es vermag, höre Dich innerlich aus Deinem Orakel sprechen: Ich will kühn ausrufen: Wie wunderbar sind Deine Werke, o Herr, in Weisheit hast Du sie alle gemacht; und diese Weisheit ist der Anfang, und in jenem Anfang machtest Du Himmel und Erde.

Siehe, sind sie nicht voll von ihrem alten Sauerteig, die zu uns sagen: „Was tat Gott, bevor Er Himmel und Erde machte? Denn wenn (sagen sie) Er untätig war und nicht arbeitete, warum tut Er es dann nicht auch fortan und für immer, wie Er es bisher tat? Denn wäre irgendeine neue Bewegung in Gott entstanden und ein neuer Wille, ein Geschöpf zu machen, das Er nie zuvor gemacht hatte, wie wäre dann dies eine wahre Ewigkeit, wo ein Wille entsteht, der nicht war? Denn der Wille Gottes ist kein Geschöpf, sondern vor dem Geschöpf; da nichts erschaffen werden konnte, es sei denn, der Wille des Schöpfers wäre vorausgegangen. Der Wille Gottes gehört also zu Seinem eigenen Wesen. Und wenn irgendetwas in Gottes Wesen entstanden ist, das zuvor nicht war, kann jenes Wesen nicht wahrhaft ewig genannt werden. Wenn aber der Wille Gottes von Ewigkeit her gewesen ist, dass das Geschöpf sein sollte, warum war dann das Geschöpf nicht auch von Ewigkeit her?“

Die so sprechen, verstehen Dich noch nicht, o Weisheit Gottes, Licht der Seelen, verstehen noch nicht, wie die Dinge gemacht sind, die durch Dich und in Dir gemacht sind: doch streben sie danach, ewige Dinge zu begreifen, während ihr Herz zwischen den Bewegungen der vergangenen und kommenden Dinge flattert und noch instabil ist. Wer wird es halten und fixieren, dass es eine Weile zur Ruhe komme und eine Weile die Herrlichkeit jener ewig feststehenden Ewigkeit erhasche und sie mit den Zeiten vergleiche, die niemals feststehen, und sehe, dass sie nicht verglichen werden kann; und dass eine lange Zeit nicht lang werden kann, außer aus vielen vorübergehenden Bewegungen, die nicht insgesamt verlängert werden können; sondern dass in der Ewigen nichts vergeht, sondern das Ganze gegenwärtig ist; wohingegen keine Zeit ganz zugleich gegenwärtig ist: und dass alle vergangene Zeit von der kommenden Zeit angetrieben wird und alle kommende auf die vergangene folgt; und alle vergangene und kommende erschaffen ist und aus dem fließt, was ewig gegenwärtig ist? Wer wird das Herz des Menschen halten, dass es stillstehe und sehe, wie die Ewigkeit, die ewig stillsteht, weder vergangen noch kommend, die vergangenen und kommenden Zeiten ausspricht? Kann meine Hand dies tun, oder die Hand meines Mundes durch Rede eine so große Sache bewirken?

Siehe, ich antworte dem, der fragt: „Was tat Gott, bevor Er Himmel und Erde machte?“ Ich antworte nicht, wie mancher (den Druck der Frage umgehend) scherzhaft getan haben soll: „Er bereitete die Hölle (sagte er) für die Erforscher von Geheimnissen.“ Es ist eine Sache, Anfragen zu beantworten, eine andere, sich über die Fragenden lustig zu machen. So antworte ich nicht; denn lieber möchte ich antworten: „Ich weiß es nicht“, was ich nicht weiß, als so, dass ich ein Lachen über den erhebe, der tiefe Dinge fragt, und Lob für den gewinne, der falsche Dinge antwortet. Aber ich sage, dass Du, unser Gott, der Schöpfer eines jeden Geschöpfes bist: und wenn unter dem Namen „Himmel und Erde“ jedes Geschöpf verstanden wird, sage ich kühn: „dass Gott, bevor Er Himmel und Erde machte, nichts machte.“ Denn wenn Er machte, was machte Er anderes als ein Geschöpf? Und ich wünschte, ich wüsste, was immer ich zu meinem Nutzen wissen möchte, so wie ich weiß, dass kein Geschöpf gemacht wurde, bevor irgendein Geschöpf gemacht wurde.

Doch wenn irgendein schweifender Geist über den Bildern vergangener Zeiten herumirrt und sich wundert, dass Du, der allmächtige und alles schaffende und alles erhaltende Gott, Schöpfer von Himmel und Erde, für unzählige Zeitalter von einem so großen Werk abgelassen hast, bevor Du es machen wolltest; der möge erwachen und bedenken, dass er sich über falsche Vorstellungen wundert. Denn woher könnten unzählige Zeitalter vorübergehen, die Du nicht machtest, Du, der Urheber und Schöpfer aller Zeitalter? Oder welche Zeiten sollten es sein, die nicht von Dir gemacht wurden? Oder wie sollten sie vorübergehen, wenn sie niemals waren? Da Du also der Schöpfer aller Zeiten bist, warum sagen sie, dass Du vom Wirken abgelassen hast, wenn irgendeine Zeit war, bevor Du Himmel und Erde machtest? Denn jene Zeit selbst machtest Du, noch konnten Zeiten vorübergehen, bevor Du jene Zeiten machtest. Wenn es aber vor Himmel und Erde keine Zeit gab, warum wird dann gefordert, was Du damals tatest? Denn es gab kein „damals“, als es keine Zeit gab.

Noch gehst Du der Zeit durch Zeit voraus: sonst würdest Du nicht allen Zeiten vorausgehen. Aber Du gehst allen vergangenen Dingen voraus durch die Erhabenheit einer ewig gegenwärtigen Ewigkeit; und übertreffst alle zukünftigen, weil sie zukünftig sind, und wenn sie kommen, werden sie vergangen sein; aber Du bist derselbe, und Deine Jahre nehmen kein Ende. Deine Jahre kommen nicht und gehen nicht; wohingegen unsere sowohl kommen als auch gehen, damit sie alle kommen mögen. Deine Jahre stehen beisammen, weil sie bestehen; noch werden sie nicht durch kommende Jahre verdrängt, denn sie vergehen nicht; aber unsere werden alle sein, wenn sie nicht mehr sein werden. Deine Jahre sind ein Tag; und Dein Tag ist nicht täglich, sondern Heute, da Dein Heute nicht dem Morgen Platz macht, denn er ersetzt auch nicht das Gestern. Dein Heute ist Ewigkeit; darum zeugtest Du den Koewigen, zu dem Du sprachst: Heute habe Ich Dich gezeugt. Du hast alle Dinge gemacht; und vor allen Zeiten bist Du: weder in irgendeiner Zeit war Zeit nicht.

Zu keiner Zeit also hattest Du nichts gemacht, weil Du die Zeit selbst machtest. Und keine Zeiten sind mit Dir koewig, weil Du bleibst; wenn sie aber blieben, wären sie keine Zeiten. Denn was ist Zeit? Wer kann dies leicht und kurz erklären? Wer kann es auch nur im Gedanken begreifen, sodass er ein Wort darüber sagen kann? Aber was erwähnen wir im Gespräch vertrauter und wissender als Zeit? Und wir verstehen, wenn wir davon sprechen; wir verstehen auch, wenn wir hören, wie ein anderer davon spricht. Was ist also Zeit? Wenn niemand mich fragt, weiß ich es: wenn ich es jemandem erklären möchte, der fragt, weiß ich es nicht: dennoch sage ich kühn, dass ich weiß, dass, wenn nichts vorüberginge, Zeit nicht vergangen wäre; und wenn nichts käme, eine kommende Zeit nicht wäre; und wenn nichts wäre, Zeit nicht gegenwärtig wäre. Jene zwei Zeiten also, vergangene und kommende, wie sind sie, da das Vergangene nun nicht ist und das Kommende noch nicht ist? Das Gegenwärtige aber, sollte es immer gegenwärtig sein und niemals in die vergangene Zeit übergehen, wahrlich, es sollte nicht Zeit sein, sondern Ewigkeit. Wenn die gegenwärtige Zeit (wenn sie Zeit sein soll) nur ins Dasein kommt, weil sie in die vergangene Zeit übergeht, wie können wir sagen, dass entweder dies ist, dessen Grund des Seins ist, dass es nicht sein soll; so nämlich, dass wir nicht wahrhaft sagen können, dass Zeit ist, außer weil sie dazu tendiert, nicht zu sein?

Und doch sagen wir „eine lange Zeit“ und „eine kurze Zeit“; dennoch nur von Zeit, die vergangen oder kommend ist. Eine lange vergangene Zeit (zum Beispiel) nennen wir hundert Jahre her; und eine lange kommende Zeit, hundert Jahre später. Aber eine kurze vergangene Zeit nennen wir (annehmen) oft Tage her; und eine kurze kommende Zeit, oft Tage später. Aber in welchem Sinne ist das lang oder kurz, was nicht ist? Denn das Vergangene ist jetzt nicht; und das Zukünftige ist noch nicht. Lasst uns also nicht sagen: „sie ist lang“; sondern von der Vergangenheit: „sie ist lang gewesen“; und von der Zukunft: „sie wird lang sein“. O mein Herr, mein Licht, wird hier nicht auch Deine Wahrheit den Menschen verspotten? Denn jene vergangene Zeit, die lang war, war sie lang, als sie nun vergangen war, oder als sie noch gegenwärtig war? Denn dann mochte sie lang sein, als das war, was lang sein konnte; aber als sie vergangen war, war sie nicht länger; weshalb auch das nicht lang sein konnte, was überhaupt nicht war. Lasst uns also nicht sagen: „Zeit, die vergangen ist, ist lang gewesen“: denn wir werden nicht finden, was lang gewesen ist, da sie, seit sie vergangen ist, nicht mehr ist, sondern lasst uns sagen: „jene gegenwärtige Zeit war lang“; denn als sie gegenwärtig war, war sie lang. Denn sie war noch nicht vorübergegangen, sodass sie nicht mehr wäre; und deshalb war da, was lang sein konnte; aber nachdem sie vergangen war, hörte auch das auf lang zu sein, was aufhörte zu sein.

Lass uns also sehen, du Seele des Menschen, ob die gegenwärtige Zeit lang sein kann: denn dir ist es gegeben, die Länge der Zeit zu fühlen und zu messen. Was wirst du mir antworten? Sind hundert Jahre, wenn sie gegenwärtig sind, eine lange Zeit? Sieh zuerst, ob hundert Jahre gegenwärtig sein können. Denn wenn das erste dieser Jahre gerade abläuft, ist es gegenwärtig, aber die anderen neunundneunzig sind zukünftig, und daher sind sie noch nicht; wenn aber das zweite Jahr abläuft, ist eines bereits vergangen, ein anderes gegenwärtig, die übrigen zukünftig. Und so, wenn wir irgendein mittleres Jahr dieser hundert als gegenwärtig annehmen, ist alles davor vergangen, alles danach zukünftig; weshalb hundert Jahre nicht gegenwärtig sein können. Aber sieh wenigstens, ob das eine, das jetzt abläuft, selbst gegenwärtig ist; denn wenn der laufende Monat sein erster ist, sind die übrigen zukünftig; wenn der zweite, ist der erste bereits vergangen, und die übrigen sind noch nicht. Daher ist auch das jetzt laufende Jahr nicht gegenwärtig; und wenn es als Ganzes nicht gegenwärtig ist, dann ist das Jahr nicht gegenwärtig. Denn zwölf Monate sind ein Jahr; von denen jeder, der gerade läuft, gegenwärtig ist; die übrigen sind vergangen oder zukünftig. Obgleich auch jener laufende Monat nicht gegenwärtig ist, sondern nur ein einziger Tag; die übrigen sind zukünftig, wenn es der erste ist; vergangen, wenn der letzte; wenn es irgendeiner der mittleren ist, dann liegt er zwischen Vergangenem und Zukünftigem.

Sieh, wie die gegenwärtige Zeit, die allein, wie wir fanden, lang genannt werden könnte, auf die Länge von kaum einem Tag verkürzt wird. Aber lass uns auch das untersuchen; denn auch ein Tag ist nicht als Ganzes gegenwärtig. Denn er setzt sich aus vierundzwanzig Stunden von Nacht und Tag zusammen: von denen die erste die übrigen als zukünftig hat; die letzte hat sie als vergangen; und jede der mittleren hat diejenigen vor sich als vergangen, diejenigen hinter sich als zukünftig. Ja, jene eine Stunde vergeht in flüchtigen Teilchen. Was auch immer von ihr dahingeflogen ist, ist vergangen; was auch immer übrig bleibt, ist zukünftig. Wenn ein Augenblick der Zeit begriffen wird, der nicht in die kleinsten Teilchen von Momenten geteilt werden kann, dann ist das allein das, was gegenwärtig genannt werden kann. Welcher jedoch mit solcher Schnelligkeit von der Zukunft in die Vergangenheit fliegt, dass er nicht mit dem geringsten Verweilen verlängert werden kann. Denn wäre er es, so würde er in Vergangenheit und Zukunft geteilt. Die Gegenwart hat keinen Raum. Wo ist also die Zeit, die wir lang nennen können? Ist sie zukünftig? Von ihr sagen wir nicht: „Sie ist lang“, weil sie noch nicht ist, sodass sie lang sein könnte; sondern wir sagen: „Sie wird lang sein.“ Wann wird sie also sein? Denn wenn sie auch dann, wenn sie noch zukünftig ist, nicht lang sein wird (weil das, was lang sein kann, noch nicht ist), und sie also erst dann lang sein wird, wenn sie aus der Zukunft, die noch nicht ist, nun zu sein beginnt und gegenwärtig geworden ist, damit so existiere, was lang sein kann; dann schreit die gegenwärtige Zeit mit den Worten von vorhin, dass sie nicht lang sein kann.

Und doch, Herr, nehmen wir Zeitintervalle wahr, vergleichen sie und sagen, einige seien kürzer und andere länger. Wir messen auch, um wie viel länger oder kürzer diese Zeit als jene ist; und wir antworten: „Diese ist doppelt oder dreifach; und jene nur einfach, oder nur gerade so viel wie jene.“ Aber wir messen Zeiten, während sie vergehen, indem wir sie wahrnehmen; aber vergangene, die nun nicht mehr sind, oder zukünftige, die noch nicht sind, wer kann die messen? es sei denn, ein Mensch würde sich anmaßen zu sagen, dass das gemessen werden kann, was nicht ist. Wenn also Zeit vergeht, kann sie wahrgenommen und gemessen werden; aber wenn sie vergangen ist, kann sie es nicht, weil sie nicht ist.

Ich frage, Vater, ich behaupte nicht: O mein Gott, regiere und leite mich. „Wer wird mir sagen, dass es nicht drei Zeiten gibt (wie wir als Knaben lernten und Knaben lehrten), Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; sondern nur die Gegenwart, weil jene zwei nicht sind? Oder sind sie auch; und wenn sie aus der Zukunft gegenwärtig wird, kommt sie aus irgendeinem geheimen Ort hervor; und so, wenn sie zurückweicht, wird sie aus der Gegenwart vergangen? Denn wo sahen sie diejenigen, die Zukünftiges vorhersagten, wenn es noch nicht ist? Denn das, was nicht ist, kann nicht gesehen werden. Und diejenigen, die Vergangenes berichten, könnten es nicht berichten, wenn sie es nicht im Geist erkannten, und wenn sie nicht wären, könnten sie auf keine Weise erkannt werden. Dinge also, die vergangen sind und die zukünftig sind, sind.“

Erlaube mir, Herr, weiter zu suchen. O meine Hoffnung, lass meinen Vorsatz nicht zuschanden werden. Denn wenn vergangene und zukünftige Zeiten sind, möchte ich wissen, wo sie sind. Wenn ich das jedoch nicht kann, so weiß ich doch, wo auch immer sie sind, sie sind dort nicht als zukünftig oder vergangen, sondern als gegenwärtig. Denn wenn sie auch dort zukünftig wären, wären sie dort noch nicht; wenn sie auch dort vergangen wären, wären sie dort nicht mehr. Wo auch immer also ist, was auch immer ist, es ist nur als gegenwärtig. Obgleich, wenn vergangene Tatsachen berichtet werden, nicht die Dinge selbst, die vergangen sind, aus dem Gedächtnis gezogen werden, sondern Worte, die, konzipiert durch die Bilder der Dinge, diese im Vorübergehen durch die Sinne als Spuren im Geist hinterlassen haben. So ist meine Kindheit, die nun nicht mehr ist, in der vergangenen Zeit, die nun nicht mehr ist: aber jetzt, wenn ich ihr Bild hervorrufe und davon erzähle, schaue ich es in der Gegenwart an, weil es noch in meinem Gedächtnis ist. Ob es eine ähnliche Ursache auch für das Vorhersagen zukünftiger Dinge gibt; dass von Dingen, die noch nicht sind, die Bilder vorher wahrgenommen werden können, schon existierend, das, gestehe ich, o mein Gott, weiß ich nicht. Dies freilich weiß ich, dass wir im Allgemeinen über unsere zukünftigen Handlungen nachdenken und dass dieses Vordenken gegenwärtig ist, aber die Handlung, über die wir nachdenken, ist noch nicht, weil sie zukünftig ist. Wenn wir uns dieser jedoch angenommen haben und begonnen haben zu tun, was wir vordenkten, dann wird jene Handlung sein; denn dann ist sie nicht länger zukünftig, sondern gegenwärtig.

Auf welche Weise auch immer dieses geheime Vorherwahrnehmen zukünftiger Dinge sei; nur das kann gesehen werden, was ist. Was aber jetzt ist, ist nicht zukünftig, sondern gegenwärtig. Wenn also zukünftige Dinge als gesehen bezeichnet werden, sind es nicht sie selbst, die noch nicht sind (das heißt, die sein werden), sondern ihre Ursachen vielleicht oder Zeichen werden gesehen, die bereits sind. Daher sind sie nicht zukünftig, sondern gegenwärtig für diejenigen, die jetzt das sehen, woraus das Zukünftige, im Geist vorgefasst, vorhergesagt wird. Welche Vorfassungen wiederum jetzt sind; und diejenigen, die jene Dinge vorhersagen, schauen die Vorfassungen als gegenwärtig vor sich an. Lass mich nun die zahlreiche Vielfalt der Dinge mir irgendein Beispiel liefern. Ich schaue das Tagesanbrechen an, ich sage voraus, dass die Sonne aufgehen wird. Was ich schaue, ist gegenwärtig; was ich vorzeichne, zukünftig; nicht die Sonne, die bereits ist, sondern der Sonnenaufgang, der noch nicht ist. Und doch, hätte ich mir nicht im Geist den Sonnenaufgang selbst vorgestellt (wie jetzt, während ich davon spreche), könnte ich ihn nicht vorhersagen. Aber auch jenes Tagesanbrechen, das ich am Himmel wahrnehme, ist nicht der Sonnenaufgang, obgleich es ihm vorausgeht; noch jene Vorstellung meines Geistes; welche zwei jetzt gegenwärtig gesehen werden, damit das andere, das sein wird, vorhergesagt werden kann. Zukünftige Dinge sind also noch nicht: und wenn sie noch nicht sind, sind sie nicht: und wenn sie nicht sind, können sie nicht gesehen werden; dennoch können sie vorhergesagt werden aus gegenwärtigen Dingen, die bereits sind und gesehen werden.

Du also, Herrscher Deiner Schöpfung, auf welchem Weg lehrst Du Seelen zukünftige Dinge? Denn Du hast Deine Propheten gelehrt. Auf welchem Weg lehrst Du, dem nichts zukünftig ist, zukünftige Dinge; oder lehrst Du eher von der Zukunft her gegenwärtige Dinge? Denn was nicht ist, kann auch nicht gelehrt werden. Zu weit ist dieser Weg für mein Verständnis: er ist zu mächtig für mich, ich kann ihn nicht erreichen; aber von Dir kann ich es, wenn Du es gewähren wirst, o süßes Licht meiner verborgenen Augen.

Was nun klar und deutlich ist, ist, dass weder zukünftige noch vergangene Dinge sind. Auch wird nicht richtig gesagt: „Es gibt drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“: doch vielleicht könnte man richtig sagen: „Es gibt drei Zeiten; eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem und eine Gegenwart von Zukünftigem.“ Denn diese drei existieren auf irgendeine Weise in der Seele, aber anderswo sehe ich sie nicht; Gegenwart von Vergangenem, Gedächtnis; Gegenwart von Gegenwärtigem, Anschauung; Gegenwart von Zukünftigem, Erwartung. Wenn uns so zu sprechen erlaubt ist, sehe ich drei Zeiten, und ich gestehe, es gibt drei. Lass auch gesagt werden: „Es gibt drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“: in unserer ungenauen Weise. Sieh, ich widerspreche nicht, noch sage ich dagegen, noch finde ich Fehler, wenn das, was so gesagt wird, nur so verstanden wird, dass weder das, was sein wird, jetzt ist, noch das, was vergangen ist. Denn nur wenige Dinge gibt es, die wir richtig aussprechen, die meisten Dinge ungenau; dennoch werden die beabsichtigten Dinge verstanden.

Ich sagte also eben, wir messen Zeiten, während sie vergehen, um sagen zu können, diese Zeit ist zweimal so viel wie jene; oder, diese ist gerade so viel wie jene; und so von allen anderen Teilen der Zeit, die messbar sind. Deshalb, wie ich sagte, messen wir Zeiten, während sie vergehen. Und wenn mich jemand fragen sollte: „Woher weißt du das?“, könnte ich antworten: „Ich weiß, dass wir messen, noch können wir Dinge messen, die nicht sind; und vergangene und zukünftige Dinge sind nicht.“ Aber die gegenwärtige Zeit, wie messen wir sie, da sie keinen Raum hat? Sie wird gemessen, während sie vergeht, aber wenn sie vergangen sein wird, wird sie nicht gemessen; denn es wird nichts geben, das gemessen werden könnte. Aber woher, auf welchem Weg und wohin vergeht sie, während sie gemessen wird? woher, wenn nicht aus der Zukunft? Welcher Weg, wenn nicht durch die Gegenwart? wohin, wenn nicht in die Vergangenheit? Von dem also, das noch nicht ist, durch das, das keinen Raum hat, in das, das nun nicht mehr ist. Doch was messen wir, wenn nicht Zeit in irgendeinem Raum? Denn wir sagen nicht einfach, und doppelt, und dreifach, und gleich, oder auf irgendeine andere Weise, wie wir von Zeit sprechen, außer von Räumen der Zeiten. In welchem Raum messen wir also die vergehende Zeit? In der Zukunft, aus der sie herübervergeht? Aber was noch nicht ist, messen wir nicht. Oder in der Gegenwart, durch die sie vergeht? aber da sie keinen Raum hat, messen wir nicht: oder in der Vergangenheit, in die sie übergeht? Aber auch die messen wir nicht, die nun nicht mehr ist.

Meine Seele brennt danach, dieses höchst komplizierte Rätsel zu kennen. Schließe es nicht ein, o Herr mein Gott, guter Vater; durch Christus bitte ich Dich, schließe diese gewöhnlichen, doch verborgenen Dinge nicht vor meinem Verlangen ein, dass es daran gehindert werde, in sie einzudringen; sondern lass sie durch Deine erleuchtende Barmherzigkeit dämmern, o Herr. Wen soll ich bezüglich dieser Dinge befragen? und wem soll ich meine Unwissenheit fruchtbarer bekennen als Dir, dem diese meine Studien, so heftig entflammt gegenüber Deinen Schriften, nicht lästig sind? Gib, was ich liebe; denn ich liebe, und das hast Du mir gegeben. Gib, Vater, der wahrhaftig weiß, gute Gaben zu geben an Deine Kinder. Gib, weil ich mich darauf eingelassen habe zu wissen, und Mühe ist vor mir, bis Du es mir öffnest. Durch Christus bitte ich Dich, in Seinem Namen, Heiliger der Heiligen, lass mich niemand stören. Denn ich glaubte, darum rede ich. Dies ist meine Hoffnung, dafür lebe ich, dass ich die Wonne des Herrn betrachten möge. Sieh, Du hast meine Tage alt gemacht, und sie vergehen, und wie, weiß ich nicht. Und wir sprechen von Zeit, und Zeit, und Zeiten, und Zeiten: „Wie lange Zeit ist es her, seit er dies sagte“; „wie lange Zeit seit er dies tat“; und „wie lange Zeit seit ich jenes sah“; und „diese Silbe hat doppelte Zeit gegenüber jener einfachen kurzen Silbe“. Diese Worte sprechen wir, und diese hören wir, und sie werden verstanden, und wir verstehen. Höchst offensichtlich und gewöhnlich sind sie, und dieselben Dinge sind wiederum allzu tief verborgen, und die Entdeckung ihrer wäre neu.

Ich hörte einst von einem gelehrten Mann, dass die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Sterne die Zeit ausmachten, und ich stimmte nicht zu. Denn warum sollten nicht die Bewegungen aller Körper eher Zeiten sein? Oder, wenn die Lichter des Himmels aufhören sollten und ein Töpferrad sich drehte, gäbe es dann keine Zeit, durch die wir jene Drehungen messen und sagen könnten, dass es sich entweder mit gleichen Pausen bewegte, oder wenn es sich manchmal langsamer, manchmal schneller drehte, dass einige Runden länger, andere kürzer waren? Oder, während wir dies sagten, würden wir nicht auch in der Zeit sprechen? Oder gäbe es in unseren Worten einige Silben kurz, andere lang, nur weil jene in einer kürzeren Zeit erklangen, diese in einer längeren? Gott, gewähre den Menschen, in einer kleinen Sache Anzeichen zu sehen, die großen und kleinen Dingen gemeinsam sind. Die Sterne und Lichter des Himmels sind auch zu Zeichen, und zu Zeiten, und zu Jahren, und zu Tagen; sie sind; doch sollte ich weder sagen, dass das Umhergehen jenes hölzernen Rades ein Tag sei, noch er, dass es deshalb keine Zeit sei.

Ich begehre, die Kraft und Natur der Zeit zu kennen, durch die wir die Bewegungen der Körper messen und sagen (zum Beispiel), diese Bewegung ist zweimal so lang wie jene. Denn ich frage: Da „Tag“ nicht nur das Verweilen der Sonne über der Erde bezeichnet (gemäß dem der Tag eins ist, die Nacht ein anderes); sondern auch ihren ganzen Umlauf von Osten nach Osten wieder; gemäß dem wir sagen: „es vergingen so viele Tage“, wobei die Nacht eingeschlossen ist, wenn wir sagen: „so viele Tage“, und die Nächte nicht getrennt gezählt werden; – da also ein Tag vollendet wird durch die Bewegung der Sonne und durch ihren Umlauf von Osten nach Osten wieder, frage ich, macht die Bewegung allein den Tag, oder das Verweilen, in dem jene Bewegung vollendet wird, oder beides? Denn wenn das erste der Tag wäre; dann sollten wir einen Tag haben, auch wenn die Sonne diesen Lauf in einem so kleinen Zeitraum vollendete, wie eine Stunde ausmacht. Wenn das zweite, dann sollte dies keinen Tag ausmachen, wenn zwischen einem Sonnenaufgang und einem anderen nur ein so kurzes Verweilen wäre, wie eine Stunde ausmacht; sondern die Sonne müsste vierundzwanzigmal umhergehen, um einen Tag zu vollenden. Wenn beides, dann könnte auch jenes nicht ein Tag genannt werden; wenn die Sonne ihre ganze Runde im Zeitraum einer Stunde laufen sollte; noch jenes, wenn, während die Sonne stillstünde, so viel Zeit verginge, wie die Sonne gewöhnlich ihren ganzen Lauf macht, von Morgen bis Morgen. Ich will also jetzt nicht fragen, was das ist, das Tag genannt wird; sondern, was Zeit ist, wodurch wir, den Umlauf der Sonne messend, sagen sollten, dass er in der halben Zeit vollendet wurde, als er gewohnt war, falls er in einem so kleinen Raum wie zwölf Stunden vollendet wurde; und beide Zeiten vergleichend, diese eine einfache Zeit nennen sollten, jene eine doppelte Zeit; selbst angenommen, die Sonne liefe ihre Runde von Osten nach Osten, manchmal in jener einfachen, manchmal in jener doppelten Zeit. Lass mich also niemand sagen, dass die Bewegungen der Himmelskörper Zeiten ausmachen, denn als auf das Gebet eines Mannes die Sonne stillstand, bis er seine siegreiche Schlacht vollenden konnte, stand die Sonne still, aber die Zeit ging weiter. Denn in ihrem eigenen zugewiesenen Zeitraum wurde jene Schlacht geschlagen und beendet. Ich nehme Zeit also als eine gewisse Ausdehnung wahr. Aber nehme ich sie wahr, oder scheine ich sie wahrzunehmen? Du, Licht und Wahrheit, wirst es mir zeigen.

Heißest Du mich zustimmen, wenn jemand Zeit als „Bewegung eines Körpers“ definiert? Du heißt es mich nicht. Denn dass kein Körper bewegt wird, außer in der Zeit, höre ich; dies sagst Du; aber dass die Bewegung eines Körpers Zeit ist, höre ich nicht; Du sagst es nicht. Denn wenn ein Körper bewegt wird, messe ich durch die Zeit, wie lange er sich bewegt, von der Zeit an, da er begann sich zu bewegen, bis er aufhörte? Und wenn ich nicht sähe, woher er begann; und er fortführe sich zu bewegen, sodass ich nicht sehe, wann er endet, kann ich nicht messen, außer vielleicht von der Zeit an, da ich begann, bis ich aufhöre zu sehen. Und wenn ich lange schaue, kann ich nur aussprechen, dass es eine lange Zeit ist, aber nicht wie lange; weil wir, wenn wir sagen „wie lange“, dies durch Vergleich tun; wie: „diese ist so lange wie jene“, oder „zweimal so lange wie jene“, oder dergleichen. Aber wenn wir die Abstände der Orte markieren können, wohin und woher der bewegte Körper geht, oder seine Teile, wenn er sich wie auf einer Drehbank bewegte, dann können wir genau sagen, in wie viel Zeit die Bewegung jenes Körpers oder seines Teils, von diesem Ort zu jenem, vollendet wurde. Da also die Bewegung eines Körpers ein Ding ist, dasjenige aber, wodurch wir messen, wie lange sie ist, ein anderes; wer sieht nicht, welches der beiden eher Zeit genannt werden soll? Denn wenn ein Körper manchmal bewegt wird, manchmal stillsteht, dann messen wir nicht nur seine Bewegung, sondern auch sein Stillstehen durch die Zeit; und wir sagen: „er stand still, so viel wie er sich bewegte“; oder „er stand still zweimal oder dreimal so lange, wie er sich bewegte“; oder irgendeinen anderen Raum, den unser Messen entweder festgestellt oder erraten hat; mehr oder weniger, wie wir zu sagen pflegen. Zeit also ist nicht die Bewegung eines Körpers.

Und ich gestehe Dir, o Herr, dass ich noch immer nicht weiß, was Zeit ist, und wieder gestehe ich Dir, o Herr, dass ich weiß, dass ich dies in der Zeit sage, und dass, nachdem ich lange von der Zeit gesprochen habe, jene „lange“ nicht lang ist, außer durch das Verweilen der Zeit. Wie weiß ich also dies, da ich nicht weiß, was Zeit ist? oder ist es vielleicht, dass ich nicht auszudrücken weiß, was ich weiß? Wehe mir, die ich nicht einmal weiß, was ich nicht weiß. Sieh, o mein Gott, vor Dir lüge ich nicht; aber wie ich spreche, so ist mein Herz. Du wirst meine Kerze anzünden; Du, o Herr mein Gott, wirst meine Finsternis erleuchten.

Bekennt meine Seele Dir nicht wahrhaftig, dass ich die Zeiten messe? Messe ich also, o mein Gott, und weiß nicht, was ich messe? Ich messe die Bewegung eines Körpers in der Zeit; und die Zeit selbst, messe ich die nicht? Oder könnte ich wohl die Bewegung eines Körpers messen, wie lange sie währt und in welchem Raum er von diesem Ort zu jenem gelangen kann, ohne die Zeit zu messen, in der er bewegt wird? Wie messe ich also diese selbe Zeit? Messen wir mit einer kürzeren Zeit eine längere, wie mit der Länge einer Elle die Länge einer Rute? Denn so scheinen wir in der Tat mit der Dauer einer kurzen Silbe die Dauer einer langen Silbe zu messen und zu sagen, dass diese doppelt so lang sei wie jene. So messen wir die Längen von Strophen an den Längen der Verse, und die Längen der Verse an den Längen der Versfüße, und die Längen der Versfüße an den Längen der Silben, und die Längen der langen an der Länge der kurzen Silben; nicht indem wir nach Seiten messen (denn dann messen wir Räume, nicht Zeiten); sondern wenn wir die Worte aussprechen und sie vorüberziehen, und wir sagen: „Es ist eine lange Strophe, weil sie aus so vielen Versen zusammengesetzt ist; lange Verse, weil sie aus so vielen Versfüßen bestehen; lange Versfüße, weil sie durch so viele Silben gedehnt werden; eine lange Silbe, weil sie doppelt so lang ist wie eine kurze.“ Aber auch auf diesem Wege erlangen wir kein sicheres Maß für die Zeit; denn es kann sein, dass ein kürzerer Vers, der voller ausgesprochen wird, mehr Zeit in Anspruch nimmt als ein längerer, der hastig ausgesprochen wird. Und so verhält es sich mit einem Vers, einem Versfuß, einer Silbe. Woher es mir schien, dass Zeit nichts anderes sei als Ausdehnung; aber wovon, das weiß ich nicht; und ich wundere mich, ob es nicht die Ausdehnung des Geistes selbst ist? Denn was, so bitte ich Dich, o mein Gott, messe ich, wenn ich entweder unbestimmt sage: „Dies ist eine längere Zeit als jene“, oder bestimmt: „Dies ist doppelt so lang wie jenes“? Dass ich Zeit messe, weiß ich; und doch messe ich nicht die zukünftige Zeit, denn sie ist noch nicht; nicht die gegenwärtige, weil sie durch keinen Raum ausgedehnt wird; nicht die vergangene, weil sie nun nicht mehr ist. Was messe ich also? Verstreichende Zeiten, nicht vergangene? Denn so habe ich es gesagt.

Fasse Mut, mein Geist, und dränge mächtig voran. Gott ist unser Helfer, Er hat uns geschaffen, und nicht wir uns selbst. Dränge dorthin, wo die Wahrheit zu dämmern beginnt. Angenommen nun, die Stimme eines Körpers beginnt zu erklingen, und sie erklingt, und sie klingt fort, und horch, sie verstummt; nun ist es Stille, und jene Stimme ist vergangen und ist keine Stimme mehr. Bevor sie erklang, war sie zukünftig und konnte nicht gemessen werden, weil sie noch nicht war, und jetzt kann sie es nicht, weil sie nicht mehr ist. Damals also, während sie erklang, konnte sie es; denn da war etwas, das gemessen werden konnte. Aber selbst da stand sie nicht still; denn sie verging und schwand dahin. Konnte sie deshalb eher gemessen werden? Denn während sie verstrich, wurde sie in einen gewissen Zeitraum ausgedehnt, sodass sie gemessen werden konnte, da die Gegenwart keinen Raum hat. Wenn sie also damals konnte, dann siehe, angenommen, eine andere Stimme hat begonnen zu erklingen und klingt fort in einem kontinuierlichen Ton ohne jede Unterbrechung; lass uns sie messen, während sie klingt; da sie, wenn sie aufgehört hat zu klingen, vergangen sein wird und nichts mehr zu messen übrig bleibt; lass uns sie wahrhaftig messen und sagen, wie groß sie ist. Aber sie klingt noch, und sie kann nicht gemessen werden, außer von dem Augenblick an, in dem sie begann, bis zu dem Ende, an dem sie aufhörte. Denn der Raum dazwischen ist es, den wir messen, nämlich von einem Anfang bis zu einem Ende. Deshalb kann eine Stimme, die noch nicht geendet hat, nicht gemessen werden, sodass man sagen könnte, wie lang oder kurz sie ist; noch kann sie als einer anderen gleich, oder als doppelt so lang wie eine einzelne, oder dergleichen bezeichnet werden. Aber wenn sie geendet hat, ist sie nicht mehr. Wie kann sie dann gemessen werden? Und doch messen wir Zeiten; aber eben weder jene, die noch nicht sind, noch jene, die nicht mehr sind, noch jene, die nicht durch eine Pause gedehnt werden, noch jene, die keine Grenzen haben. Wir messen weder zukünftige, noch vergangene, noch gegenwärtige, noch verstreichende Zeiten; und doch messen wir Zeiten.

„Deus Creator omnium“, dieser Vers von acht Silben wechselt zwischen kurzen und langen Silben. Die vier kurzen also, die erste, dritte, fünfte und siebte, sind nur einfach im Vergleich zu den vier langen, der zweiten, vierten, sechsten und achten. Jede von diesen zu jeder von jenen hat die doppelte Zeit: Ich spreche sie aus, berichte über sie und finde es so, wie es der schlichte Verstand wahrnimmt. Durch den schlichten Verstand also messe ich eine lange Silbe an einer kurzen, und ich finde sinnlich wahrnehmbar, dass sie zweimal so viel ist; aber wenn die eine nach der anderen erklingt, wenn die erste kurz ist, die zweite lang, wie soll ich die kurze festhalten, und wie soll ich sie, messend, auf die lange anwenden, damit ich finde, dass diese zweimal so viel hat, da die lange nicht zu klingen beginnt, wenn die kurze nicht aufhört zu klingen? Und jene lange messe ich als gegenwärtig, da ich sie nicht messe, bis sie geendet hat? Nun ist ihr Ende ihr Vergehen. Was also messe ich? Wo ist die kurze Silbe, mit der ich messe? Wo die lange, die ich messe? Beide sind erklungen, sind entflogen, vergangen, sind nicht mehr; und doch messe ich und antworte zuversichtlich (soweit man sich auf einen geübten Verstand verlässt), dass diese Silbe dem Zeitraum nach nur einfach, jene doppelt ist. Und doch könnte ich dies nicht tun, wenn sie nicht bereits vergangen und geendet wären. Es sind also nicht sie selbst, die nun nicht mehr sind, die ich messe, sondern etwas in meinem Gedächtnis, das dort fest bleibt.

In dir, mein Geist, messe ich die Zeiten. Unterbrich mich nicht, das heißt, unterbrich dich nicht selbst mit dem Getümmel deiner Eindrücke. In dir messe ich die Zeiten; der Eindruck, den die Dinge, während sie vorüberziehen, in dir verursachen, bleibt, auch wenn sie dahin sind; diesen messe ich, während er noch gegenwärtig ist, nicht die Dinge, die vorüberziehen, um diesen Eindruck zu erzeugen. Dies messe ich, wenn ich Zeiten messe. Entweder also ist dies Zeit, oder ich messe keine Zeiten. Was, wenn wir Stille messen und sagen, dass diese Stille so lange Zeit gehalten hat wie jene Stimme? Dehnen wir nicht unseren Gedanken aus auf das Maß einer Stimme, als ob sie klänge, damit wir von den Intervallen der Stille in einem gegebenen Zeitraum berichten können? Denn obwohl Stimme und Zunge schweigen, gehen wir doch in Gedanken Gedichte, Verse und jede andere Rede oder Bewegungsausdehnung durch und berichten über die Zeiträume, wie viel dies im Vergleich zu jenem ist, nicht anders, als wenn wir sie laut aussprechen würden. Wenn ein Mensch einen gedehnten Ton von sich geben wollte und in Gedanken festgelegt hätte, wie lange er sein soll, hat er in der Stille bereits einen Zeitraum durchmessen und, indem er ihn dem Gedächtnis anvertraut, beginnt er jene Rede auszusprechen, die erklingt, bis sie an das vorgesehene Ende gebracht ist. Ja, sie ist erklungen und wird erklingen; denn so viel davon, wie vollendet ist, ist bereits erklungen, und der Rest wird erklingen. Und so schreitet sie voran, bis die gegenwärtige Absicht das Zukünftige in das Vergangene überführt; das Vergangene nimmt ab durch die Verminderung des Zukünftigen, bis durch den Verbrauch des Zukünftigen alles vergangen ist.

Aber wie wird jenes Zukünftige vermindert oder verbraucht, das noch nicht ist? Oder wie wird jenes Vergangene vermehrt, das nun nicht mehr ist, außer dadurch, dass im Geiste, der dies vollbringt, drei Dinge geschehen? Denn er erwartet, er betrachtet, er erinnert sich; damit das, was er erwartet, durch das, was er betrachtet, in das übergeht, dessen er sich erinnert. Wer leugnet also, dass Zukünftiges noch nicht ist? Und doch gibt es im Geiste eine Erwartung zukünftiger Dinge. Und wer leugnet, dass vergangene Dinge nun nicht mehr sind? Und doch ist da noch im Geiste ein Gedächtnis vergangener Dinge. Und wer leugnet, dass die gegenwärtige Zeit keinen Raum hat, weil sie in einem Augenblick vergeht? Und doch dauert unsere Betrachtung fort, durch die das, was gegenwärtig sein wird, dazu übergeht, abwesend zu werden. Es ist also nicht die zukünftige Zeit, die lang ist, denn sie ist noch nicht: sondern eine lange Zukunft ist „eine lange Erwartung der Zukunft“, noch ist es die vergangene Zeit, die nun nicht mehr ist, die lang ist; sondern eine lange Vergangenheit ist „ein langes Gedächtnis der Vergangenheit“.

Ich bin im Begriff, einen Psalm zu wiederholen, den ich kenne. Bevor ich beginne, erstreckt sich meine Erwartung über das Ganze; aber wenn ich begonnen habe, wird so viel davon, wie ich in die Vergangenheit abgetrennt habe, entlang meines Gedächtnisses ausgedehnt; so ist das Leben dieser meiner Handlung geteilt zwischen meinem Gedächtnis hinsichtlich dessen, was ich wiederholt habe, und meiner Erwartung hinsichtlich dessen, was ich wiederholen werde; aber die „Betrachtung“ ist bei mir gegenwärtig, damit durch sie das, was zukünftig war, überführt werden kann, um vergangen zu werden. Was, je öfter es geschieht, umso mehr dazu führt, dass die Erwartung verkürzt und das Gedächtnis vergrößert wird: bis die gesamte Erwartung schließlich erschöpft ist, wenn jene ganze Handlung beendet ist und in das Gedächtnis übergegangen sein wird. Und dies, was im ganzen Psalm geschieht, geschieht ebenso in jedem einzelnen Teil davon und jeder einzelnen Silbe; dasselbe gilt für jene längere Handlung, wovon dieser Psalm ein Teil sein mag; dasselbe gilt für das ganze Leben des Menschen, wovon alle Handlungen des Menschen Teile sind; dasselbe gilt durch das ganze Zeitalter der Söhne der Menschen, wovon alle Leben der Menschen Teile sind.

Aber weil Deine Güte besser ist als alle Leben, siehe, mein Leben ist nur eine Zerstreuung, und Deine rechte Hand hielt mich fest, in meinem Herrn, dem Sohne des Menschen, dem Mittler zwischen Dir, dem Einen, und uns vielen, vielen auch durch unsere vielfältigen Zerstreuungen inmitten vieler Dinge, damit ich durch Ihn in Dem ergriffen werde, in Dem ich ergriffen worden bin, und von meinem alten Wandel wieder gesammelt werde, um dem Einen zu folgen, vergessend, was dahinten ist, und nicht ausgedehnt, sondern erstreckt, nicht auf Dinge, die sein werden und vergehen werden, sondern auf jene Dinge, die vorne sind, nicht zerstreut, sondern aufmerksam, jage ich dem Preis meiner himmlischen Berufung nach, wo ich die Stimme Deines Lobes hören und Deine Wonne betrachten kann, die weder kommt noch vergeht. Aber nun sind meine Jahre in Trauer vergangen. Und Du, o Herr, bist mein Trost, mein Vater in Ewigkeit, aber ich bin inmitten von Zeiten getrennt worden, deren Ordnung ich nicht kenne; und meine Gedanken, selbst das innerste Innere meiner Seele, sind zerrissen und zerfleischt durch stürmische Vielfalt, bis ich in Dich hineinfließe, geläutert und geschmolzen durch das Feuer Deiner Liebe.

Und nun will ich stehen und fest werden in Dir, in meiner Form, Deiner Wahrheit; noch werde ich die Fragen der Menschen ertragen, die durch eine strafende Krankheit nach mehr dürsten, als sie fassen können, und sagen: „Was tat Gott, bevor Er Himmel und Erde schuf?“ Oder: „Wie kam es Ihm in den Sinn, irgendetwas zu erschaffen, da Er zuvor niemals etwas erschaffen hatte?“ Gib ihnen, o Herr, wohl zu bedenken, was sie sagen, und zu finden, dass „niemals“ nicht ausgesagt werden kann, wenn „Zeit“ nicht ist. Dass Er also „niemals erschaffen“ haben soll; was ist das anderes zu sagen, als „in keiner Zeit erschaffen“ zu haben? Mögen sie also sehen, dass Zeit nicht ohne ein Geschöpf sein kann, und aufhören, diese Eitelkeit zu sprechen. Mögen sie sich auch zu jenen Dingen hin erstrecken, die vorne sind; und Dich verstehen vor allen Zeiten, den ewigen Schöpfer aller Zeiten, und dass keine Zeiten mit Dir gleich ewig sind, noch irgendein Geschöpf, selbst wenn irgendein Geschöpf vor allen Zeiten wäre.

O Herr, mein Gott, was für eine Tiefe ist jener Schlupfwinkel Deiner Geheimnisse, und wie weit haben mich die Folgen meiner Übertretungen davon fortgeschleudert! Heile meine Augen, damit ich an der Freude Deines Lichts teilhaben kann. Sicherlich, wenn es einen Geist gäbe, der mit so umfassendem Wissen und Vorherwissen begabt ist, dass er alle vergangenen und zukünftigen Dinge wüsste, so wie ich einen wohlbekannten Psalm kenne, wahrlich, dieser Geist wäre überaus wunderbar und furchtbar erstaunlich; insofern als ihm nichts Vergangenes, nichts Zukünftiges in künftigen Zeiten mehr verborgen wäre, als mir, als ich jenen Psalm sang, verborgen war, was und wie viel davon vom Anfang an vergangen war, was und wie viel davon bis zum Ende verblieb. Aber fern sei es, dass Du, der Schöpfer des Universums, der Schöpfer von Seelen und Körpern, fern sei es, dass Du auf solche Weise alle vergangenen und zukünftigen Dinge wüsstest. Weit, weit wunderbarer und weit geheimnisvoller weißt Du sie. Denn nicht, wie die Gefühle dessen, der singt, was er weiß, oder ein wohlbekanntes Lied hört, durch Erwartung der kommenden Worte und das Erinnern der vergangenen verändert werden und seine Sinne geteilt sind – nicht so geschieht Dir, unwandelbar Ewigem, das heißt, dem ewigen Schöpfer der Geister, irgendetwas. So wie Du also im Anfang Himmel und Erde kanntest, ohne irgendeine Veränderung Deines Wissens, so schufst Du im Anfang Himmel und Erde, ohne irgendeine Zerstreuung Deines Handelns. Wer es versteht, der bekenne sich zu Dir; und wer es nicht versteht, der bekenne sich zu Dir. Oh wie hoch bist Du, und doch sind die Demütigen des Herzens Deine Wohnstätte; denn Du richtest die auf, die gebeugt sind, und sie fallen nicht, deren Erhöhung Du bist.

BUCH XII

Mein Herz, o Herr, berührt von den Worten Deiner Heiligen Schrift, ist sehr beschäftigt inmitten dieser Armut meines Lebens. Und deshalb ist die Armut des menschlichen Verstandes zumeist wortreich, weil das Fragen mehr zu sagen hat als das Finden, und das Nachforschen länger dauert als das Erlangen, und unsere Hand, die anklopft, mehr zu tun hat als unsere Hand, die empfängt. Wir halten das Versprechen, wer soll es zunichtemachen? Wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein? Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn ein jeder, der bittet, empfängt; und wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan. Dies sind Deine eigenen Versprechen: und wer brauchte zu fürchten, getäuscht zu werden, wenn die Wahrheit verspricht?

Die Niedrigkeit meiner Zunge bekennt sich zu Deiner Hoheit, dass Du Himmel und Erde geschaffen hast; diesen Himmel, den ich sehe, und diese Erde, auf der ich wandle, woher ist diese Erde, die ich an mir trage; Du hast sie geschaffen. Aber wo ist jener Himmel der Himmel, o Herr, von dem wir in den Worten des Psalms hören: „Der Himmel der Himmel gehört dem Herrn; die Erde aber hat Er den Menschenkindern gegeben“? Wo ist jener Himmel, den wir nicht sehen, zu dem all dies, was wir sehen, Erde ist? Denn dieses körperliche Ganze, da es nicht überall ganz ist, hat auf solche Weise seinen Anteil an Schönheit in diesen niederen Teilen erhalten, wovon der unterste diese unsere Erde ist; aber für jenen Himmel der Himmel ist selbst der Himmel unserer Erde nur Erde: ja, beide diese großen Körper können nicht abwegig als Erde bezeichnet werden gegenüber jenem unbekannten Himmel, der des Herrn ist, nicht der Menschensöhne.

Und nun war diese Erde unsichtbar und gestaltlos, und es war da, ich weiß nicht, welche Tiefe des Abgrunds, über dem kein Licht war, weil er keine Gestalt hatte. Deshalb hast Du geboten, zu schreiben, dass Finsternis über der Tiefe war; was anderes als die Abwesenheit von Licht? Denn wäre Licht gewesen, wo hätte es sein sollen, außer indem es über allem, droben und erleuchtend war? Wo also kein Licht war, was war die Anwesenheit der Finsternis, wenn nicht die Abwesenheit von Licht? Finsternis war also über ihr, weil kein Licht über ihr war; wie dort, wo kein Klang ist, Stille ist. Und was heißt es, dort Stille zu haben, wenn nicht, keinen Klang dort zu haben? Hast nicht Du, o Herr, seine Seele gelehrt, die sich zu Dir bekennt? Hast nicht Du mich gelehrt, Herr, dass vor dem, da Du diese gestaltlose Materie formtest und vielfältig machtest, nichts war, weder Farbe, noch Gestalt, noch Körper, noch Geist? Und doch nicht gänzlich nichts; denn es war eine gewisse Gestaltlosigkeit, ohne jede Schönheit.

Wie sollte sie also genannt werden, damit sie jenen von stumpferem Geist einigermaßen vermittelt werden konnte, wenn nicht durch ein gewöhnliches Wort? Und was, unter allen Teilen der Welt, kann näher an einer absoluten Gestaltlosigkeit gefunden werden als Erde und Tiefe? Da sie die unterste Stufe einnehmen, sind sie weniger schön als die anderen höheren Teile, die allesamt durchsichtig und leuchtend sind. Warum also kann ich mir die Gestaltlosigkeit der Materie (die Du ohne Schönheit geschaffen hattest, aus der diese schöne Welt zu machen war) nicht passend durch den Namen der unsichtbaren und gestaltlosen Erde angedeutet vorstellen?

Sodass, wenn der Gedanke sucht, was der Sinn darunter fassen kann, und zu sich selbst sagt: „Es ist keine intellektuelle Form, wie Leben oder Gerechtigkeit; denn es ist die Materie der Körper; noch ein Objekt des Sinnes, denn da sie unsichtbar und gestaltlos war, gab es darin kein Objekt des Sehens oder des Sinnes“ – während der menschliche Gedanke dies zu sich selbst sagt, mag er versuchen, sie entweder zu kennen, indem er sie nicht kennt; oder nicht zu kennen, indem er sie kennt.

Ich aber, Herr, wenn ich durch meine Zunge und meine Feder Dir das Ganze bekennen wollte, was Du selbst mich über jene Materie gelehrt hast – deren Namen ich früher gehört und nicht verstanden hatte, als jene, die ihn nicht verstanden, mir davon erzählten, und so stellte ich sie mir vor als unzählige und vielfältige Formen habend, und deshalb begriff ich sie gar nicht, mein Geist wälzte abscheuliche und schreckliche „Formen“ durcheinander, aus aller Ordnung, aber doch „Formen“, und ich nannte es gestaltlos, nicht weil ihr alle Form fehlte, sondern weil sie solche hatte, von denen sich mein Geist abwenden würde, wenn sie ihm präsentiert würden, als ungewohnt und misstönend, und die menschliche Gebrechlichkeit wäre darüber beunruhigt. Und dennoch war das, was ich mir vorstellte, gestaltlos, nicht weil es jeder Form beraubt war, sondern im Vergleich zu schöneren Formen; und die wahre Vernunft überzeugte mich, dass ich sie gänzlich von allen Überresten jeglicher Form entblößen müsse, wenn ich die Materie absolut ohne Form begreifen wollte; und ich konnte nicht; denn eher hätte ich mir vorstellen können, dass das überhaupt nicht sei, was jeder Form beraubt sein sollte, als ein Ding zwischen Form und Nichts zu begreifen, weder geformt noch nichts, ein gestaltloses Beinahe-Nichts. So gab mein Geist das Fragen darüber mit meinem Geist auf, da er mit den Bildern geformter Körper gefüllt war und sie veränderte und variierte, wie er wollte; und ich wandte mich den Körpern selbst zu und blickte tiefer in ihre Veränderlichkeit, durch die sie aufhören, das zu sein, was sie waren, und beginnen, das zu sein, was sie nicht waren; und dieses Hin- und Herwechseln von Form zu Form vermutete ich durch einen gewissen gestaltlosen Zustand, nicht durch ein bloßes Nichts; doch dies sehnte ich mich zu wissen, nicht nur zu vermuten. Wenn also meine Stimme und Feder Dir das Ganze bekennen würden, welche Knoten Du auch immer für mich in dieser Frage gelöst hast, welcher Leser würde es aushalten, das Ganze in sich aufzunehmen? Noch soll mein Herz trotz alledem aufhören, Dir Ehre zu erweisen und ein Lied des Lobes für jene Dinge, die es nicht auszudrücken vermag. Denn die Veränderlichkeit der veränderlichen Dinge ist selbst fähig für all jene Formen, in die diese veränderlichen Dinge verwandelt werden. Und diese Veränderlichkeit, was ist sie? Ist sie Seele? Ist sie Körper? Ist sie das, was Seele oder Körper ausmacht? Könnte man sagen: „ein Nichts-Etwas“, ein „Sein, das nicht ist“, ich würde sagen, das wäre es: und doch war es auf irgendeine Weise schon damals, da es fähig war, diese sichtbaren und zusammengesetzten Gestalten aufzunehmen.

Doch woher hatte es dieses Maß an Sein, wenn nicht von Dir, von Dem alle Dinge sind, insofern sie sind? Aber umso weiter von Dir entfernt, je unähnlicher Dir; denn es ist nicht eine Ferne des Ortes. Du also, Herr, der Du nicht in einem Ort Eins bist und anderswo anders, sondern Derselbe, und Derselbe, und Derselbe, Heilig, Heilig, Heilig, Herr, Gott, Allmächtiger, hast im Anfang, der aus Dir ist, in Deiner Weisheit, die aus Deiner eigenen Substanz geboren wurde, etwas erschaffen, und zwar aus dem Nichts. Denn Du erschufst Himmel und Erde; nicht aus Dir selbst, denn so wären sie Deinem eingeborenen Sohne gleich gewesen, und dadurch auch Dir; während es keineswegs recht wäre, dass irgendetwas Dir gleich sei, das nicht aus Dir wäre. Und außer Dir war nichts, woraus Du sie hättest erschaffen können, o Gott, Eine Dreifaltigkeit, und dreifaltige Einheit; und deshalb hast Du aus dem Nichts Himmel und Erde erschaffen; eine große Sache und eine kleine Sache; denn Du bist allmächtig und gut, um alle Dinge gut zu machen, selbst den großen Himmel und die nichtige Erde. Du warst, und nichts war außer Dir, woraus Du Himmel und Erde erschaffen hättest; Dinge zweierlei Art; eines nahe bei Dir, das andere nahe beim Nichts; eines, dem Du allein überlegen sein solltest; das andere, dem nichts unterlegen sein sollte.

Doch jener Himmel der Himmel war für Dich selbst, o Herr; aber die Erde, die Du den Menschenkindern gabst, um gesehen und gefühlt zu werden, war nicht so, wie wir sie jetzt sehen und fühlen. Denn sie war unsichtbar, gestaltlos, und es war ein Abgrund, über dem kein Licht war; oder, Finsternis war über dem Abgrund, das heißt, mehr als im Abgrund. Denn dieser Abgrund der Wasser, der jetzt sichtbar ist, hat selbst in seinen Tiefen ein seiner Natur angemessenes Licht; wahrnehmbar in welchem Grade auch immer für die Fische und das kriechende Getier auf seinem Boden. Aber jener ganze Abgrund war beinahe nichts, weil er bis dahin gänzlich ohne Gestalt war; dennoch war schon das vorhanden, was geformt werden konnte. Denn Du, Herr, machtest die Welt aus einer gestaltlosen Materie, die Du aus dem Nichts zum Beinahe-Nichts machtest, um daraus jene großen Dinge zu schaffen, über die wir Menschenkinder staunen. Denn sehr wunderbar ist dieser körperliche Himmel; von dessen Firmament zwischen Wasser und Wasser Du am zweiten Tage, nach der Erschaffung des Lichtes, sagtest: Es werde, und es ward gemacht. Welches Firmament Du Himmel nanntest; den Himmel nämlich für diese Erde und das Meer, die Du am dritten Tage machtest, indem Du der gestaltlosen Materie, die Du vor allen Tagen machtest, eine sichtbare Gestalt gabst. Denn schon hattest Du beide, einen Himmel, vor allen Tagen gemacht; aber das war der Himmel dieses Himmels; denn im Anfang hattest Du Himmel und Erde gemacht. Aber diese selbe Erde, die Du machtest, war gestaltlose Materie, weil sie unsichtbar und ohne Gestalt war, und Finsternis war über dem Abgrund; aus welcher unsichtbaren und gestaltlosen Erde, aus welcher Gestaltlosigkeit, aus welchem Beinahe-Nichts Du all jene Dinge machen konntest, aus denen diese veränderliche Welt besteht, aber nicht bestünde; deren Veränderlichkeit gerade darin erscheint, dass Zeiten in ihr beobachtet und gezählt werden können. Denn Zeiten werden durch die Veränderungen der Dinge gemacht, während die Gestalten, deren Materie die vorgenannte unsichtbare Erde ist, variiert und gewendet werden.

Und deshalb spricht der Geist, der Lehrer Deines Dieners, wenn Er erzählt, dass Du im Anfang Himmel und Erde erschaffen hast, nichts von Zeiten, nichts von Tagen. Denn wahrlich, jener Himmel der Himmel, den Du im Anfang erschufst, ist ein gewisses geistiges Geschöpf, das, obwohl Dir, der Dreifaltigkeit, keineswegs mitewig, dennoch an Deiner Ewigkeit teilhat und durch die Süße jener überaus glücklichen Betrachtung Deiner selbst seine eigene Veränderlichkeit stark zurückhält; und seit seiner ersten Erschaffung ohne jeglichen Fall, eng an Dir haftend, jenseits aller rollenden Wandlung der Zeiten platziert ist. Ja, auch diese Gestaltlosigkeit der Erde, unsichtbar und ohne Gestalt, wird nicht unter die Tage gezählt. Denn wo keine Gestalt noch Ordnung ist, da kommt nichts, und geht nichts; und wo dies nicht ist, da gibt es offenkundig keine Tage noch irgendeine Wandlung von Zeiträumen.

O lass das Licht, die Wahrheit, das Licht meines Herzens, nicht meine eigene Finsternis, zu mir sprechen. Ich fiel ab in jene und wurde verfinstert; aber selbst von dort, selbst von dort liebte ich Dich. Ich irrte umher und gedachte Deiner. Ich hörte Deine Stimme hinter mir, die mir rief, umzukehren, und hörte sie kaum durch den Tumult der Feinde des Friedens. Und nun, siehe, ich kehre zurück, bekümmert und nach Deiner Quelle lechzend. Niemand verwehre es mir! Davon will ich trinken und so leben. Lass mich nicht mein eigenes Leben sein; aus mir selbst lebte ich übel, Tod war ich mir selbst; und ich lebe wieder auf in Dir. Sprich Du zu mir, erörtere Du mir. Ich habe Deinen Büchern geglaubt, und ihre Worte sind voll von Geheimnissen.

Schon hast Du mir mit starker Stimme gesagt, o Herr, in mein inneres Ohr, dass Du ewig bist, der Du allein Unsterblichkeit hast; da Du weder an Gestalt noch an Bewegung verändert werden kannst, noch Dein Wille durch Zeiten gewandelt wird: da kein Wille, der sich wandelt, unsterblich ist. Dies ist vor Deinen Augen klar für mich, und lass es mehr und mehr geklärt werden für mich, ich flehe Dich an; und lass mich in der Offenbarung dessen mit Nüchternheit unter Deinen Flügeln bleiben. Du hast mir auch mit starker Stimme gesagt, o Herr, in mein inneres Ohr, dass Du alle Naturen und Substanzen gemacht hast, die nicht sind, was Du selbst bist, und doch sind; und dass nur das nicht von Dir ist, was nicht ist, und die Bewegung des Willens von Dir, der Du bist, hin zu dem, was in geringerem Grade ist, weil eine solche Bewegung Übertretung und Sünde ist; und dass keines Menschen Sünde weder Dir schadet noch die Ordnung Deiner Regierung stört, weder die erste noch die letzte. Dies ist vor Deinen Augen klar für mich, und lass es mehr und mehr geklärt werden für mich, ich flehe Dich an: und lass mich in der Offenbarung dessen mit Nüchternheit unter Deinen Flügeln bleiben.

Du hast mir auch mit starker Stimme in mein inneres Ohr gesagt, dass jene Kreatur Dir nicht mitewig ist, deren Glück Du allein bist, und die mit einer ausdauerndsten Reinheit, ihre Nahrung aus Dir ziehend, an keinem Ort und zu keiner Zeit ihre natürliche Wandelbarkeit hervorbringt; und, da Du ihr immer gegenwärtig bist, Du, an Dem sie sich mit ihrer ganzen Zuneigung festhält, weder eine Zukunft zu erwarten hat, noch in die Vergangenheit überträgt, woran sie sich erinnert, weder durch irgendeine Änderung verändert noch in irgendwelche Zeiten zerstreut wird. O gesegnete Kreatur, wenn es eine solche gibt, weil sie an Deiner Seligkeit haftet; gesegnet in Dir, ihrem ewigen Bewohner und ihrem Erleuchter! Auch finde ich nicht, mit welchem Namen ich den Himmel der Himmel, der des Herrn ist, eher nennen sollte als Dein Haus, das Deine Wonnen betrachtet ohne irgendein Abfallen durch das Ausgehen zu einem anderen; ein reiner Geist, höchst harmonisch einer, durch jenen gefestigten Zustand des Friedens heiliger Geister, der Bürger Deiner Stadt an himmlischen Orten; weit über jenen himmlischen Orten, die wir sehen.

Hierdurch mag die Seele, deren Pilgerschaft weit und fern gemacht ist, hierdurch mag sie verstehen, wenn sie nun nach Dir dürstet, wenn ihr ihre Tränen nun zum Brot geworden sind, während sie täglich zu ihr sagen: Wo ist dein Gott? wenn sie nun von Dir eines sucht und begehrt, dass sie wohnen möge in Deinem Hause alle Tage ihres Lebens (und was ist ihr Leben, wenn nicht Du? und was Deine Tage, wenn nicht Deine Ewigkeit, wie Deine Jahre, die nicht vergehen, weil Du immer derselbe bist?); hierdurch also mag die Seele, die es vermag, verstehen, wie weit Du über allen Zeiten ewig bist; da Dein Haus, das zu keiner Zeit in ein fernes Land zog, obwohl es Dir nicht mitewig ist, doch durch ständiges und unfehlbares Haften an Dir keiner Veränderlichkeit der Zeiten unterliegt. Dies ist vor Deinen Augen klar für mich, und lass es mehr und mehr geklärt werden für mich, ich flehe Dich an, und lass mich in der Offenbarung dessen mit Nüchternheit unter Deinen Flügeln bleiben.

Es gibt, siehe, ich weiß nicht welche Gestaltlosigkeit in jenen Veränderungen dieser letzten und niedersten Geschöpfe; und wer wird mir sagen (es sei denn einer, der durch die Leere seines eigenen Herzens unter seinen eigenen Einbildungen staunt und sich hin und her wirft?), wer außer einem solchen würde mir sagen, dass, wenn jede Gestalt so verzehrt und aufgezehrt wäre, dass nur jene Gestaltlosigkeit übrig bliebe, durch die das Ding von einer Gestalt zur anderen verändert und gewendet wurde, dass jene die Wandlungen der Zeiten aufweisen könnte? Denn offenkundig könnte sie das nicht, weil es ohne die Vielfalt der Bewegungen keine Zeiten gibt: und keine Vielfalt, wo keine Gestalt ist.

Diese Dinge erwogen, so viel Du gibst, o mein Gott, so viel Du mich anreizest anzuklopfen, und so viel Du mir öffnest, da ich anklopfe, finde ich zwei Dinge, die Du gemacht hast, nicht innerhalb des Bereichs der Zeit, von denen keines Dir mitewig ist. Eines, das so geformt ist, dass es ohne jegliches Aufhören der Betrachtung, ohne irgendein Intervall der Veränderung, obwohl veränderlich, doch nicht verändert, Deine Ewigkeit und Unveränderlichkeit vollkommen genießen kann; das andere, das so gestaltlos war, dass es nicht das hatte, was von einer Form in eine andere verändert werden konnte, sei es durch Bewegung oder durch Ruhe, um so der Zeit unterworfen zu werden. Aber dieses hast Du nicht so gestaltlos gelassen, denn vor allen Tagen hast Du im Anfang Himmel und Erde erschaffen; die zwei Dinge, von denen ich sprach. Aber die Erde war unsichtbar und ohne Gestalt, und Finsternis war über dem Abgrund. In welchen Worten uns die Gestaltlosigkeit vermittelt wird (damit solche Fassungskräfte dadurch allmählich herangezogen werden, die noch nicht fähig sind, eine völlige Beraubung aller Gestalt zu begreifen, ohne dabei zum Nichts zu gelangen), aus der ein anderer Himmel erschaffen werden könnte, zusammen mit einer sichtbaren und wohlgeformten Erde: und die Wasser mannigfaltig geordnet, und was immer sonst in der Formation der Welt verzeichnet ist, nicht ohne Tage erschaffen worden zu sein; und das, da es von solcher Natur ist, dass die aufeinanderfolgenden Änderungen der Zeiten in ihnen stattfinden können, da sie den festgesetzten Änderungen der Bewegungen und der Gestalten unterworfen sind.

Dies also ist es, was ich begreife, o mein Gott, wenn ich Deine Schrift sagen höre: Im Anfang machte Gott Himmel und Erde: und die Erde war unsichtbar und ohne Gestalt, und Finsternis war über dem Abgrund, und nicht erwähnend, an welchem Tag Du sie erschufst; dies ist es, was ich begreife, dass wegen des Himmels der Himmel – jener geistige Himmel, dessen Intelligenzen alles auf einmal wissen, nicht in Teilen, nicht dunkel, nicht durch einen Spiegel, sondern als Ganzes, in Offenbarung, von Angesicht zu Angesicht; nicht: dieses Ding jetzt und jenes Ding dann; sondern (wie ich sagte) alles auf einmal wissen, ohne irgendeine Abfolge von Zeiten; – und wegen der Erde, unsichtbar und ohne Gestalt, ohne irgendeine Abfolge von Zeiten, welche Abfolge „dieses Ding jetzt, jenes Ding dann“ darstellt; weil, wo keine Gestalt ist, da keine Unterscheidung der Dinge ist: – es ist also wegen dieser beiden, eines ursprünglich Geformten und eines ursprünglich Gestaltlosen; das eine Himmel, aber der Himmel des Himmels, das andere Erde, aber die Erde unsichtbar und ohne Gestalt; wegen dieser beiden, so begreife ich, sagte Deine Schrift ohne Erwähnung von Tagen: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Denn sogleich fügte sie hinzu, von welcher Erde sie sprach; und auch darin, dass das Firmament am zweiten Tage als erschaffen verzeichnet ist und Himmel genannt wird, vermittelt sie uns, von welchem Himmel Er zuvor sprach, ohne Erwähnung von Tagen.

Wundersame Tiefe Deiner Worte! deren Oberfläche, siehe! vor uns ist, die Kleinen einladend; dennoch sind sie eine wundersame Tiefe. O mein Gott, eine wundersame Tiefe! Es ist ehrfurchtgebietend, hineinzublicken; eine Ehrfurcht der Ehre und ein Zittern der Liebe. Ihre Feinde hasse ich heftig; o dass Du sie mit Deinem zweischneidigen Schwert erschlügest, dass sie ihr nicht länger Feinde seien: denn so liebe ich es, dass sie sich selbst getötet werden, damit sie Dir leben. Aber siehe andere, keine Tadler, sondern Verherrlicher des Buches Genesis; „Der Geist Gottes“, sagen sie, „Der durch Seinen Diener Moses diese Dinge schrieb, wollte nicht, dass jene Worte so verstanden werden; Er wollte nicht, dass es so verstanden wird, wie du sagst, sondern anders, wie wir sagen.“ Diesen antworte ich, da Du selbst, o Du Gott alles, Richter bist, auf diese Weise.

„Wollt ihr behaupten, das sei falsch, was mir die Wahrheit mit starker Stimme in mein inneres Ohr sagt, betreffend die Ewigkeit des Schöpfers, dass Seine Substanz keineswegs durch Zeit verändert wird, noch Sein Wille von Seiner Substanz getrennt ist? Weshalb Er nicht das eine jetzt, das andere dann will, sondern einmal, und auf einmal, und immer, Er alles will, was Er will; nicht wieder und wieder, noch jetzt dies, jetzt jenes; noch will Er danach, was Er zuvor nicht wollte, noch will Er nicht, was Er zuvor wollte; weil ein solcher Wille ist und kein veränderliches Ding ewig ist: aber unser Gott ist ewig. Wiederum, was Er mir in mein inneres Ohr sagt, die Erwartung der Dinge, die da kommen, wird zum Anblick, wenn sie gekommen sind, und dieser selbe Anblick wird zum Gedächtnis, wenn sie vergangen sind. Nun ist jeder Gedanke, der sich so verändert, wandelbar; und kein wandelbares Ding ist ewig: aber unser Gott ist ewig.“ Diese Dinge schließe ich und füge sie zusammen und finde, dass mein Gott, der ewige Gott, nicht aufgrund eines neuen Willens irgendein Geschöpf gemacht hat, noch lässt Sein Wissen irgendetwas Vorübergehendes zu. „Was wollt ihr dann sagen, o ihr Widersprecher? Sind diese Dinge falsch?“ „Nein“, sagen sie; „Was dann? Ist es falsch, dass jede Natur, die bereits geformt ist, oder Materie, die fähig zur Form ist, nicht ist, außer von Ihm, der höchst gut ist, weil Er höchst ist?“ „Auch das leugnen wir nicht“, sagen sie. „Was dann? leugnet ihr dies, dass es ein gewisses erhabenes Geschöpf gibt, das mit einer so keuschen Liebe an dem wahren und wahrhaft ewigen Gott haftet, dass es, obwohl ihm nicht mitewig, doch nicht von Ihm losgelöst ist, noch in die Vielfalt und Wandlung der Zeiten aufgelöst, sondern in der wahrsten Betrachtung Seiner allein ruht?“ Weil Du, o Gott, dem, der Dich so sehr liebt, wie Du gebietest, Dich zeigst und ihm genügst; und deshalb weicht er nicht von Dir, noch zu sich selbst. Dies ist das Haus Gottes, nicht von irdischem Bau, noch von himmlischer körperlicher Masse, sondern geistig, und teilhaftig Deiner Ewigkeit, weil ohne Abfall für immer. Denn Du hast es fest gemacht für immer und ewig, Du hast ihm ein Gesetz gegeben, das es nicht überschreiten wird. Doch ist es nicht mitewig mit Dir, o Gott, weil nicht ohne Anfang; denn es wurde gemacht.

Denn obwohl wir keine Zeit vor ihm finden, denn die Weisheit wurde vor allen Dingen erschaffen; nicht jene Weisheit, die Dir, unserem Gott, Seinem Vater, gänzlich gleich und mitewig ist, und durch die alle Dinge erschaffen wurden, und in der, als dem Anfang, Du Himmel und Erde erschufst; sondern jene Weisheit, die erschaffen ist, das heißt, die geistige Natur, die durch die Betrachtung des Lichtes Licht ist. Denn diese, obwohl erschaffen, wird auch Weisheit genannt. Aber welcher Unterschied besteht zwischen dem Licht, das erleuchtet, und dem, das erleuchtet wird, soviel besteht zwischen der Weisheit, die erschafft, und der, die erschaffen ist; wie zwischen der Gerechtigkeit, die rechtfertigt, und der Gerechtigkeit, die durch Rechtfertigung gemacht wird. Denn auch wir werden Deine Gerechtigkeit genannt; denn so spricht ein gewisser Diener von Dir: Auf dass wir gemacht würden zur Gerechtigkeit Gottes in Ihm. Da also eine gewisse erschaffene Weisheit vor allen Dingen erschaffen wurde, der vernünftige und geistige Verstand jener keuschen Stadt von Dir, unserer Mutter, die droben ist, und frei und ewig in den Himmeln ist (in welchen Himmeln, wenn nicht in jenen, die Dich preisen, dem Himmel der Himmel? Denn dies ist auch der Himmel der Himmel für den Herrn); – obwohl wir keine Zeit vor ihr finden (weil das, was vor allen Dingen erschaffen wurde, auch dem Geschöpf der Zeit vorausgeht), so ist doch die Ewigkeit des Schöpfers selbst vor ihr, von Dem, da sie erschaffen wurde, sie den Anfang nahm, nicht freilich der Zeit (denn die Zeit selbst war noch nicht), sondern ihrer Erschaffung.

Daher ist sie so von Dir, unserem Gott, dass sie gänzlich anders ist als Du, und nicht Derselbe: denn obwohl wir Zeit weder vor ihr noch in ihr finden (da es angemessen ist, immer Dein Antlitz zu schauen, und sie niemals davon weggezogen wird, weshalb sie nicht durch irgendeine Änderung gewandelt wird), so ist doch in ihr eine Anfälligkeit zur Veränderung, woher sie dunkel und kalt werden würde, wäre sie nicht durch eine starke Zuneigung, die an Dir haftet, wie ewiger Mittag, leuchtend und glühend von Dir. O Haus, überaus lichtvoll und wonnevoll! Ich habe deine Schönheit geliebt und den Ort der Behausung der Herrlichkeit meines Herrn, deines Erbauers und Besitzers. Lass meine Wanderschaft nach dir seufzen, und ich sage zu Ihm, der dich machte, lass Ihn auch mich in dir in Besitz nehmen, da Er mich gleichermaßen gemacht hat. Ich bin in die Irre gegangen wie ein verlorenes Schaf: doch auf den Schultern meines Hirten, deines Erbauers, hoffe ich, zu dir zurückgebracht zu werden.

„Was sagt ihr mir, o ihr Widersprecher, zu denen ich sprach, die ihr dennoch glaubt, Moses sei der heilige Diener Gottes gewesen und seine Bücher die Orakel des Heiligen Geistes? Ist dieses Haus Gottes nicht, zwar nicht mitewig mit Gott, doch nach seinem Maße, ewig in den Himmeln, wenn ihr vergeblich nach Veränderungen der Zeiten sucht, weil ihr sie nicht finden werdet? Denn das, dem es immer gut ist, fest an Gott zu haften, übertrifft jede Ausdehnung und alle kreisenden Zeiträume.“ „Es ist“, sagen sie. „Was ist dann mit all dem, was mein Herz laut zu meinem Gott äußerte, als es innerlich die Stimme Seines Lobes hörte, welchen Teil davon behauptet ihr als falsch? Ist es, dass die Materie ohne Gestalt war, in der, weil keine Gestalt war, keine Ordnung war? Aber wo keine Ordnung war, da konnte keine Wandlung der Zeiten sein: und doch war dieses ‚Beinahe-Nichts‘, insofern es nicht gänzlich nichts war, sicherlich von Ihm, von Dem alles ist, in welchem Grade auch immer es ist.“ „Auch das“, sagen sie, „leugnen wir nicht.“

Mit diesen unterrede ich mich nun ein wenig in Deiner Gegenwart, o mein Gott, die alle diese Dinge als wahr zugeben, welche Deine Wahrheit meiner Seele zuflüstert. Denn jene, die diese Dinge leugnen, mögen bellen und sich selbst taub machen, soviel sie wollen; ich will versuchen, sie zur Ruhe zu überreden und in ihnen einen Weg für Dein Wort zu öffnen. Wenn sie sich aber weigern und mich abweisen; ich flehe Dich an, o mein Gott, sei mir nicht stumm. Sprich Du wahrhaftig in meinem Herzen; denn nur Du sprichst so: und ich will sie allein lassen, wie sie draußen auf den Staub blasen und ihn in ihre eigenen Augen wirbeln: und ich selbst will in meine Kammer eintreten und dort ein Lied der Liebe zu Dir singen; stöhnend mit unaussprechlichem Seufzen, auf meiner Wanderschaft, und Jerusalems gedenkend, mit erhobenem Herzen zu ihm, Jerusalem, mein Vaterland, Jerusalem, meine Mutter, und Du, der Du über es herrschst, der Erleuchter, Vater, Wächter, Bräutigam, die reine und starke Wonne, und feste Freude, und alle Güter unaussprechlich, ja alle auf einmal, weil das Eine höchste und wahre Gut. Und ich werde nicht abgewendet werden, bis Du alles, was ich bin, aus diesem zerstreuten und ungeordneten Zustand in den Frieden jener unserer teuersten Mutter sammelst, wo die Erstlinge meines Geistes bereits sind (wovon ich der Gewissheit dieser Dinge teilhaftig bin), und Du es für immer gestaltest und befestigst, o mein Gott, meine Barmherzigkeit. Aber jene, die nicht alle diese Wahrheiten als falsch behaupten, die Deine heilige Schrift ehren, die vom heiligen Moses dargelegt wurde, indem sie sie, wie wir, auf den Gipfel der Autorität stellen, dem zu folgen ist, und mir doch in manchem widersprechen, antworte ich so: Durch Dich selbst richte, o unser Gott, zwischen meinen Bekenntnissen und den Widersprüchen dieser Männer.

Denn man sagt: „Obgleich dies wahr ist, so hat Moses doch nicht diese beiden gemeint, als er durch Offenbarung des Geistes sagte: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Er bezeichnete unter dem Namen Himmel nicht jenes geistige oder intellektuelle Geschöpf, das allzeit das Antlitz Gottes schaut, noch unter dem Namen Erde jene gestaltlose Materie.“ „Was dann?“ „Jener Mann Gottes“, sagen sie, „meinte das, was wir sagen; dies erklärte er mit jenen Worten.“ „Was?“ „Unter dem Namen Himmel und Erde wollte er zunächst allgemein und zusammenfassend diese ganze sichtbare Welt bezeichnen, um sodann durch die Aufzählung der einzelnen Tage all jene Dinge, die der Heilige Geist so zu verkünden beliebte, im Einzelnen und gleichsam Stück für Stück zu ordnen. Denn das Volk, zu dem er sprach, war so roh und fleischlich, dass er es für angemessen hielt, ihm nur das Wissen um solche Werke Gottes anzuvertrauen, die sichtbar waren.“ Sie stimmen jedoch darin überein, dass man unter den Worten der unsichtbaren und gestaltlosen Erde und jenem finsteren Abgrund (aus dem, wie später gezeigt wird, all diese sichtbaren Dinge, die wir alle kennen, während jener Tage erschaffen und geordnet wurden) nicht unpassenderweise jene gestaltlose Urmaterie verstehen kann.

Was aber, wenn ein anderer sagte, dass „dieselbe Gestaltlosigkeit und Verwirrung der Materie deshalb zuerst unter dem Namen Himmel und Erde zusammengefasst wurde, weil aus ihr diese sichtbare Welt mit all jenen Naturen, die am offenkundigsten in ihr erscheinen und oft mit dem Namen Himmel und Erde bezeichnet werden, erschaffen und vollendet wurde“? Was aber, wenn ein anderer sagt, dass „die unsichtbare und die sichtbare Natur in der Tat nicht unpassend Himmel und Erde genannt werden; und dass so die gesamte Schöpfung, die Gott in seiner Weisheit, das heißt im Anfang, gemacht hat, unter jenen beiden Worten begriffen war? Da jedoch alle Dinge nicht aus der Substanz Gottes, sondern aus dem Nichts gemacht sind (weil sie nicht dasselbe sind, was Gott ist, und in ihnen allen eine wandelbare Natur liegt, ob sie nun bestehen, wie das ewige Haus Gottes, oder verändert werden, wie die Seele und der Leib des Menschen), wurde die gemeinsame Materie aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge (noch ungeformt, doch der Form fähig), aus der sowohl Himmel wie Erde (d. h. das unsichtbare und das sichtbare Geschöpf, wenn sie geformt sind) erschaffen werden sollten, mit denselben Namen belegt, die der unsichtbaren und gestaltlosen Erde und der Finsternis über dem Abgrund gegeben wurden, jedoch mit der Unterscheidung, dass unter der unsichtbaren und gestaltlosen Erde die körperliche Materie verstanden wird, bevor sie durch irgendeine Form bestimmt wurde; und unter der Finsternis über dem Abgrund die geistige Materie, bevor sie irgendeine Beschränkung ihrer unbegrenzten Flüssigkeit erfuhr oder irgendein Licht von der Weisheit empfing?“

Es bleibt einem Menschen noch zu sagen, falls er will, dass „die bereits vollendeten und geformten Naturen, sichtbar und unsichtbar, unter dem Namen Himmel und Erde nicht gemeint sind, wenn wir lesen: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, sondern dass der noch ungeformte Anfang der Dinge, der Stoff, der bereit ist, Form und Gestaltung anzunehmen, mit diesen Namen bezeichnet wurde, weil darin verwirrt all jene Dinge enthalten waren, die, noch nicht durch ihre Eigenschaften und Formen unterschieden, nun in eine Ordnung gebracht, Himmel und Erde genannt werden, wobei das eine die geistige, das andere die körperliche Schöpfung ist.“

Nachdem all dies gehört und wohl erwogen wurde, werde ich nicht um Worte streiten: denn das nützt zu nichts, als zum Umsturz derer, die zuhören. Das Gesetz aber ist gut, um zu erbauen, wenn man es rechtmäßig gebraucht: denn sein Ziel ist die Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben. Und unser Meister wusste wohl, an welche zwei Gebote Er das ganze Gesetz und die Propheten hängte. Und was schadet es mir, o mein Gott, Du Licht meiner Augen im Verborgenen, wenn ich diese Dinge eifrig bekenne, da unter diesen Worten verschiedene Dinge verstanden werden können, die doch alle wahr sind – was, sage ich, schadet es mir, wenn ich anders denke, als ein anderer denkt, dass der Verfasser gedacht habe? Wir alle, die wir lesen, bemühen uns wahrlich, den Sinn dessen zu ergründen und zu verstehen, den wir lesen; und da wir glauben, dass er die Wahrheit spricht, wagen wir nicht zu meinen, er habe etwas gesagt, was wir selbst entweder wissen oder für falsch halten. Wenn sich nun jeder bemüht, in der Heiligen Schrift dasselbe zu verstehen, was der Verfasser verstand, welchen Schaden nimmt er, wenn er versteht, was Du, das Licht aller wahrhaft sprechenden Geister, ihm als wahr zeigst, obwohl der, den er liest, dies nicht verstand, da er doch auch eine Wahrheit verstand, wenn auch nicht diese Wahrheit?

Denn wahr ist es, o Herr, dass Du Himmel und Erde gemacht hast; und wahr ist auch, dass der Anfang Deine Weisheit ist, in welcher Du alles erschaffst: und wieder wahr, dass diese sichtbare Welt zu ihrem größeren Teil den Himmel und die Erde hat, die kurz alle gemachten und erschaffenen Naturen umfassen. Und wahr auch, dass alles, was wandelbar ist, uns einen gewissen Mangel an Form zu verstehen gibt, wodurch es eine Form empfängt oder verändert oder gewendet wird. Es ist wahr, dass jenes keiner Zeit unterworfen ist, das so an der unwandelbaren Form hängt, dass es, obgleich dem Wandel unterworfen, niemals verändert wird. Es ist wahr, dass jene Gestaltlosigkeit, die fast nichts ist, nicht dem Wechsel der Zeiten unterworfen sein kann. Es ist wahr, dass jenes, woraus ein Ding gemacht ist, nach einer gewissen Redeweise mit dem Namen des Dinges genannt werden kann, das daraus gemacht wurde; woher jene Gestaltlosigkeit, aus der Himmel und Erde gemacht wurden, Himmel und Erde genannt werden konnte. Es ist wahr, dass von den geformten Dingen keines dem Zustand des Formlosen näher ist als die Erde und der Abgrund. Es ist wahr, dass Du nicht nur jedes erschaffene und geformte Ding, sondern alles, was fähig ist, erschaffen und geformt zu werden, gemacht hast, von Dem alles ist. Es ist wahr, dass alles, was aus dem geformt ist, was keine Form hatte, ungeformt war, bevor es geformt wurde.

Aus diesen Wahrheiten, an denen jene nicht zweifeln, deren inneres Auge Du befähigt hast, solche Dinge zu sehen, und die unerschütterlich glauben, dass Dein Diener Moses im Geiste der Wahrheit gesprochen hat – aus all diesen also nimmt einer das eine, der da sagt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; das heißt: „In seinem Wort, das Ihm gleichewig ist, schuf Gott das Geistige und das Sinnliche, oder das geistige und das körperliche Geschöpf.“ Ein anderer das, der da sagt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; das heißt: „In seinem Wort, das Ihm gleichewig ist, machte Gott die allgemeine Masse dieser körperlichen Welt, zusammen mit all jenen erscheinenden und bekannten Geschöpfen, die sie enthält.“ Ein anderer das, der da sagt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; das heißt: „In seinem Wort, das Ihm gleichewig ist, machte Gott die gestaltlose Materie der geistigen und körperlichen Geschöpfe.“ Ein anderer das, der da sagt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; das heißt: „In seinem Wort, das Ihm gleichewig ist, schuf Gott die gestaltlose Materie des körperlichen Geschöpfes, worin Himmel und Erde noch verwirrt lagen, die wir, nun unterschieden und geformt, heutzutage in der Masse dieser Welt sehen.“ Ein anderer, der da sagt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; das heißt: „Am allerersten Anfang des Erschaffens und Wirkens machte Gott jene gestaltlose Materie, die verwirrt in sich sowohl Himmel als auch Erde enthielt; aus der sie, geformt, nun hervortreten und offenbar sind, mit allem, was in ihnen ist.“

Und was das Verständnis der folgenden Worte betrifft, so wählt er aus all jenen Wahrheiten eine für sich, der da sagt: Die Erde aber war unsichtbar und ohne Form, und Finsternis war über dem Abgrund; das heißt: „Jenes körperliche Ding, das Gott machte, war noch eine gestaltlose Materie der körperlichen Dinge, ohne Ordnung, ohne Licht.“ Ein anderer der, welcher sagt: Die Erde war unsichtbar und ohne Form, und Finsternis war über dem Abgrund; das heißt: „Dies alles, was Himmel und Erde genannt wird, war noch eine gestaltlose und finstere Materie, aus der der körperliche Himmel und die körperliche Erde gemacht werden sollten, mit allen Dingen darin, die unseren körperlichen Sinnen bekannt sind.“ Ein anderer der, welcher sagt: Die Erde war unsichtbar und ohne Form, und Finsternis war über dem Abgrund; das heißt: „Dies alles, was Himmel und Erde genannt wird, war noch eine gestaltlose und finstere Materie; aus der sowohl jener verständliche Himmel, anderswo der Himmel der Himmel genannt, als auch die Erde, das heißt die ganze körperliche Natur, gemacht werden sollte, unter welchem Namen auch dieser körperliche Himmel begriffen ist; mit einem Wort, aus der jedes sichtbare und unsichtbare Geschöpf erschaffen werden sollte.“ Ein anderer der, welcher sagt: Die Erde war unsichtbar und ohne Form, und Finsternis war über dem Abgrund, „die Schrift nannte jene Gestaltlosigkeit nicht mit dem Namen Himmel und Erde; sondern jene Gestaltlosigkeit, sagt er, war bereits, die er die unsichtbare, gestaltlose Erde und Finsternis über dem Abgrund nannte; von der er zuvor gesagt hatte, dass Gott Himmel und Erde gemacht habe, nämlich das geistige und das körperliche Geschöpf.“ Ein anderer der, welcher sagt: Die Erde war unsichtbar und ohne Form, und Finsternis war über dem Abgrund; das heißt: „Es war bereits eine gewisse gestaltlose Materie, von der die Schrift zuvor sagte, dass Gott Himmel und Erde gemacht habe; nämlich die ganze körperliche Masse der Welt, unterteilt in zwei große Teile, obere und untere, mit allen gemeinsamen und bekannten Geschöpfen darin.“

Denn sollte jemand versuchen, gegen diese beiden letzten Meinungen so zu streiten: „Wenn ihr nicht zugebt, dass diese Gestaltlosigkeit der Materie mit dem Namen Himmel und Erde bezeichnet zu sein scheint; ergo war da etwas, das Gott nicht gemacht hatte, woraus Er Himmel und Erde machen konnte; denn auch die Schrift hat uns nicht gesagt, dass Gott diese Materie gemacht habe, es sei denn, wir verstehen sie unter dem Namen Himmel und Erde oder Erde allein bezeichnet, wenn es heißt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; damit wir im Folgenden: und die Erde war unsichtbar und ohne Form (obgleich es Ihm gefiel, die gestaltlose Materie so zu nennen), keine andere Materie verstehen, als jene, die Gott machte, wovon oben geschrieben steht: Gott schuf Himmel und Erde.“ Die Verfechter einer der beiden letztgenannten Meinungen werden daraufhin antworten: „Wir leugnen nicht, dass diese gestaltlose Materie in der Tat von Gott erschaffen ist, jenem Gott, von dem alle Dinge sind, die sehr gut sind; denn wie wir sagen, dass das ein größeres Gut ist, was erschaffen und geformt ist, so bekennen wir, dass das ein geringeres Gut ist, was der Erschaffung und Form fähig gemacht ist, aber immer noch gut. Wir sagen jedoch, dass die Schrift nicht niedergelegt hat, dass Gott diese Gestaltlosigkeit gemacht habe, wie auch viele andere nicht; wie die Cherubim und Seraphim und jene, von denen der Apostel deutlich spricht: Throne, Herrschaften, Fürstentümer, Gewalten. Dass Gott all dies machte, ist höchst offenkundig. Oder wenn in dem, was gesagt wird: Er machte Himmel und Erde, alles begriffen ist, was sollen wir von den Wassern sagen, über denen der Geist Gottes schwebte? Denn wenn sie in diesem Wort Erde begriffen sind; wie kann dann gestaltlose Materie in jenem Namen Erde gemeint sein, wenn wir sehen, dass die Wasser so schön sind? Oder wenn es so verstanden wird; warum ist dann geschrieben, dass aus derselben Gestaltlosigkeit die Feste gemacht und Himmel genannt wurde; und dass die Wasser gemacht wurden, ist nicht geschrieben? Denn die Wasser bleiben nicht gestaltlos und unsichtbar, da wir sie in so geziemender Weise fließen sehen. Wenn sie aber jene Schönheit erst empfingen, als Gott sagte: Es sollen die Wasser unter der Feste zusammenfließen, sodass das Zusammenfließen selbst die Formung ihrer war; was soll man zu jenen Wassern über der Feste sagen? Da sie, wenn sie gestaltlos wären, einer so ehrenvollen Stätte nicht würdig gewesen wären, noch ist geschrieben, durch welches Wort sie geformt wurden. Wenn also Genesis darüber schweigt, dass Gott irgendetwas gemacht habe, was doch Gott gemacht hat, woran weder ein gesunder Glaube noch ein wohlbegründetes Verständnis zweifelt, noch wieder irgendeine nüchterne Lehre wagen wird zu behaupten, dass diese Wasser Gott gleichewig seien, auf dem Grund, dass wir finden, dass sie im Buch Genesis erwähnt werden, wir aber nicht finden, wann sie erschaffen wurden; warum (da uns die Wahrheit belehrt) sollten wir nicht verstehen, dass jene gestaltlose Materie (die diese Schrift die unsichtbare und gestaltlose Erde und den finsteren Abgrund nennt) von Gott aus dem Nichts erschaffen wurde und daher Ihm nicht gleichewig ist; obwohl diese Geschichte ausgelassen hat zu zeigen, wann sie erschaffen wurde?“

Nachdem diese Dinge gehört und wahrgenommen wurden, entsprechend der Schwäche meines Fassungsvermögens (was ich Dir bekenne, o Herr, der Du es weißt), sehe ich, dass zwei Arten von Meinungsverschiedenheiten entstehen können, wenn eine Sache von wahrhaftigen Berichterstattern in Worten erzählt wird: die eine, die Wahrheit der Dinge betreffend, die andere, den Sinn des Berichterstatters betreffend. Denn wir fragen auf die eine Weise nach dem Schaffen des Geschöpfes, was wahr sei; auf eine andere, was Moses, jener vortreffliche Diener Deines Glaubens, seinen Leser und Hörer mit jenen Worten verstehen lassen wollte. Für die erste Art, weg mit all jenen, die sich einbilden, etwas als Wahrheit zu wissen, was falsch ist; und für diese andere, weg mit all jenen auch, die sich einbilden, Moses habe Dinge geschrieben, die falsch sind. Aber lass mich in Dir vereint sein, o Herr, mit jenen und mich in Dir erfreuen mit jenen, die sich von Deiner Wahrheit nähren, in der Weite der Liebe, und lass uns gemeinsam an die Worte Deines Buches herantreten und in ihnen nach Deinem Sinn suchen, durch den Sinn Deines Dieners, mit dessen Feder Du sie ausgeteilt hast.

Aber wer von uns wird unter jenen so vielen Wahrheiten, die den Fragenden in jenen Worten begegnen, da sie verschieden verstanden werden, jenen einen Sinn so entdecken, dass er behaupten kann: „Dies dachte Moses“, und „dies wollte er in jener Geschichte verstanden wissen“; mit derselben Zuversicht wie: „Dies ist wahr“, ob Moses nun dies oder jenes dachte? Denn siehe, o mein Gott, ich, Dein Diener, der ich in diesem Buch ein Opfer des Bekenntnisses an Dich gelobt habe, und bete, dass ich durch Deine Barmherzigkeit meine Gelübde an Dich bezahlen möge, kann ich mit derselben Zuversicht, mit der ich bejahe, dass Du in Deiner unwandelbaren Welt alles Sichtbare und Unsichtbare erschufst, auch bejahen, dass Moses nichts anderes meinte als dies, als er schrieb: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde? Nein. Weil ich in seinem Geist nicht sehe, dass er dies dachte, als er diese Dinge schrieb, so wie ich es in Deiner Wahrheit als gewiss sehe. Denn er könnte seine Gedanken beim Anfang Gottes mit dem Schaffen gehabt haben, als er sagte: Im Anfang; und mit Himmel und Erde könnte er an dieser Stelle keine geformte und vollendete Natur gemeint haben, weder geistige noch körperliche, sondern beide als angefangen und noch gestaltlos. Denn ich nehme wahr, dass, was auch immer von beiden gesagt worden wäre, es wahrhaftig gesagt worden wäre; aber was von beiden er in diesen Worten dachte, das nehme ich nicht so wahr. Obwohl, ob es nun eines von diesen war oder irgendein anderer Sinn (den ich hier nicht erwähnt habe), den dieser so große Mann in seinem Geist sah, als er diese Worte äußerte, so zweifle ich nicht daran, dass er es wahrhaft sah und treffend ausdrückte.

Niemand belästige mich also, indem er sagt: Moses dachte nicht, wie du sagst, sondern wie ich sage: denn wenn er mich fragen sollte: „Woher weißt du, dass Moses das dachte, was du aus seinen Worten schließt?“ so sollte ich es wohlwollend aufnehmen und würde vielleicht wie oben antworten oder etwas ausführlicher, wenn er unnachgiebig wäre. Wenn er aber sagt: „Moses meinte nicht, was du sagst, sondern was ich sage“, aber nicht leugnet, dass das, was jeder von uns sagt, beides wahr sein kann, o mein Gott, Leben der Armen, in dessen Schoß kein Widerspruch ist, gieße einen erweichenden Tau in mein Herz, dass ich solche, die mir dies sagen, geduldig ertrage, nicht weil sie einen göttlichen Geist haben und im Herzen Deines Dieners gesehen haben, was sie sprechen, sondern weil sie stolz sind; nicht die Meinung des Moses kennend, sondern ihre eigene liebend, nicht weil sie Wahrheit ist, sondern weil sie ihre ist. Sonst würden sie eine andere wahre Meinung ebenso lieben, wie ich liebe, was sie sagen, wenn sie Wahres sagen: nicht weil es ihre ist, sondern weil es wahr ist; und auf diesem Grund gerade nicht ihre, weil es wahr ist. Wenn sie es aber deshalb lieben, weil es wahr ist, dann ist es sowohl ihre als auch meine; da es allen Liebhabern der Wahrheit gemeinsam ist. Da sie aber behaupten, Moses habe nicht das gemeint, was ich sage, sondern das, was sie sagen, das gefällt mir nicht, liebe ich nicht: denn selbst wenn es so wäre, so gehört ihre Vermessenheit nicht zur Erkenntnis, sondern zum Übermut, und nicht Einsicht, sondern Eitelkeit war ihr Elternteil. Und deshalb, o Herr, sind Deine Urteile schrecklich; da Deine Wahrheit weder meine noch seine noch eines anderen ist; sondern uns allen gehört, die Du öffentlich dazu aufrufst, daran teilzuhaben, indem Du uns schrecklich warnst, sie nicht als unser Privateigentum zu betrachten, damit wir nicht darum gebracht werden. Denn wer das als sein Eigenes beansprucht, was Du allen zum Genuss anbietest, und das zu seinem eigenen machen will, was allen gehört, der wird von dem, was gemeinsam ist, zu seinem Eigenen getrieben; das heißt, von der Wahrheit zur Lüge. Denn wer eine Lüge spricht, der spricht sie aus dem Eigenen.

Höre, o Gott, Du bester Richter; Wahrheit selbst, höre, was ich diesem Widersprecher sagen werde, höre, denn vor Dir spreche ich, und vor meinen Brüdern, die Dein Gesetz rechtmäßig gebrauchen, zum Ziel der Liebe: höre und siehe, wenn es Dir gefällt, was ich ihm sagen werde. Denn dieses brüderliche und friedliche Wort gebe ich Ihm zurück: „Wenn wir beide sehen, dass das wahr ist, was du sagst, und beide sehen, dass das wahr ist, was ich sage, wo, bitte ich dich, sehen wir das? Weder ich in dir, noch du in mir; sondern beide in der unwandelbaren Wahrheit selbst, die über unseren Seelen ist.“ Da wir also nicht um das Licht des Herrn Gottes selbst streiten, warum streiten wir um die Gedanken unseres Nächsten, die wir nicht so sehen können, wie die unwandelbare Wahrheit gesehen wird: denn wenn Moses selbst uns erschienen wäre und gesagt hätte: „Dies meinte ich“; auch dann würden wir es nicht so sehen, sondern wir würden es glauben. Lasst uns also nicht aufgeblasen sein, einer für den anderen, über das hinaus, was geschrieben steht: lasst uns den Herrn, unseren Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Sinn: und unseren Nächsten wie uns selbst. Im Hinblick auf diese zwei Gebote der Liebe, wenn wir nicht glauben, dass Moses meinte, was immer er in jenen Büchern meinte, werden wir Gott zum Lügner machen, indem wir uns vom Sinn unseres Mitknechtes anders eine Vorstellung machen, als er uns gelehrt hat. Siehe nun, wie töricht es ist, in einer solchen Fülle von wahrhaftigsten Bedeutungen, wie sie aus jenen Worten gewonnen werden können, vorschnell zu behaupten, welche davon Moses hauptsächlich meinte; und mit verderblichen Streitigkeiten die Liebe selbst zu kränken, um deren willen er alles sprach, deren Worte wir zu erklären unternehmen.

Und doch, o mein Gott, Du Erheber meiner Demut und Ruhe meiner Mühsal, der Du meine Bekenntnisse hörst und meine Sünden vergibst: Da Du mir gebietest, meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst, kann ich nicht glauben, dass Du Deinem treuen Diener Moses ein geringeres Geschenk gemacht hast, als ich es mir von Dir wünschte oder erbeten hätte, wäre ich in seiner Zeit geboren und hättest Du mich in jenes Amt eingesetzt, dass durch den Dienst meines Herzens und meiner Zunge jene Bücher ausgeteilt würden, die noch so lange danach allen Nationen zum Nutzen gereichen und durch die ganze Welt hin, von einer solchen Höhe der Autorität aus, alle Aussprüche falscher und stolzer Lehren überragen sollten. Ich hätte fürwahr gewünscht, wäre ich damals Moses gewesen (denn wir alle entstammen demselben Klumpen, und was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst?), ich hätte dann, wäre ich damals, was er war, und von Dir beauftragt gewesen, das Buch Genesis zu schreiben, eine solche Ausdruckskraft und einen solchen Stil von Dir erbeten, dass weder jene, die noch nicht zu begreifen vermögen, wie Gott erschuf, die Aussprüche als über ihre Fassungskraft hinausgehend ablehnen könnten; noch jene, die es bereits erlangt haben, feststellen müssten, dass irgendeine wahre Meinung, zu der sie durch Nachdenken gelangt waren, in jenen wenigen Worten Deines Dieners übergangen worden wäre: und sollte ein anderer Mensch durch das Licht der Wahrheit eine weitere entdeckt haben, so dürfte auch diese in eben jenen Worten nicht unauffindbar sein.

Denn wie eine Quelle in engem Umkreis ergiebiger ist und eine Flut für mehr Ströme über größere Räume liefert als jeder einzelne dieser Ströme, der nach weitem Abstand aus derselben Quelle abgeleitet wird; so fließt der Bericht jenes Deines Verwalters, der vielen zugutekommen sollte, die darüber disputieren würden, aus einem schmalen Maß an Sprache in Ströme klarster Wahrheit über, woraus jeder für sich selbst solche Wahrheit schöpfen mag, wie er sie zu diesen Themen vermag, der eine diese, der andere jene, durch weitläufigere Umschreibungen des Diskurses. Denn manche, wenn sie diese Worte lesen oder hören, stellen sich vor, dass Gott wie ein Mensch oder eine Masse, die mit unbegrenzter Macht ausgestattet ist, durch einen neuen und plötzlichen Entschluss außerhalb seiner selbst, gleichsam in einer gewissen Entfernung, Himmel und Erde schuf, zwei große Körper über und unter sich, worin alle Dinge enthalten sein sollten. Und wenn sie hören: Gott sprach, es werde, und es ward; so stellen sie sich Worte vor, die anfangen und enden, in der Zeit erklingen und vergehen; nach deren Vergehen das ins Dasein trat, was zu tun befohlen wurde; und was immer dergleichen die Vertrautheit der Menschen mit der materiellen Welt nahelegen mag. In ihnen, die noch kleine Kinder und fleischlich sind, während ihre Schwäche durch diese demütige Art der Rede wie im Schoß einer Mutter getragen wird, wird ihr Glaube auf heilsame Weise erbaut, wodurch sie für gewiss halten, dass Gott alle Naturen schuf, die ihr Auge in bewundernswerter Vielfalt um sich her erblickt. Wenn aber jemand diese Worte als zu einfach verachtet und sich mit stolzer Schwäche über das schützende Nest hinausstreckt, wird er, ach, elendiglich fallen. Habe Erbarmen, o Herr Gott, damit nicht jene, die des Weges kommen, auf den flüggen Vogel treten, und sende Deinen Engel, ihn zurück in das Nest zu setzen, damit er lebe, bis er fliegen kann.

Andere aber, denen diese Worte kein Nest mehr sind, sondern tiefe, schattige Fruchtlauben, sehen die darin verborgenen Früchte, fliegen freudig umher und suchen sie mit fröhlichen Lauten und pflücken sie. Denn wenn sie diese Worte lesen oder hören, sehen sie, dass alle vergangenen und kommenden Zeiten von Deinem ewigen und beständigen Bleiben übertroffen werden; und doch, dass kein in der Zeit geformtes Geschöpf existiert, das nicht von Dir geschaffen wäre. Dessen Wille, weil er derselbe ist, der Du bist, schufst Du alle Dinge, nicht durch irgendeine Änderung des Willens, noch durch einen Willen, der zuvor nicht war, und dass diese Dinge nicht aus Dir selbst in Deiner eigenen Ähnlichkeit waren, welche die Form aller Dinge ist; sondern aus dem Nichts, einer formlosen Unähnlichkeit, die durch Deine Ähnlichkeit geformt werden sollte (indem sie gemäß ihrer zugewiesenen Fassungskraft zu Deiner Einheit zurückkehrt, soweit es jedem Ding in seiner Art verliehen ist), und allesamt sehr gut gemacht werden konnten; ob sie um Dich verweilen oder in Abstufungen nach Zeit und Ort entfernt, die schönen Variationen des Universums bilden oder durchlaufen. Diese Dinge sehen sie und freuen sich, in dem geringen Maße, wie sie es hier vermögen, im Lichte Deiner Wahrheit.

Ein anderer richtet seinen Geist auf das, was gesagt ist: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; und erblickt darin die Weisheit, den Anfang, weil Sie auch zu uns spricht. Ein anderer wiederum richtet seinen Geist auf dieselben Worte und versteht unter Anfang den Beginn der geschaffenen Dinge; Im Anfang schuf Er, als ob gesagt wäre: Er schuf zuerst. Und unter jenen, die Im Anfang so verstehen, dass es bedeutet: „In Deiner Weisheit schufst Du Himmel und Erde“, glaubt der eine, die Materie, aus der Himmel und Erde geschaffen werden sollten, werde dort Himmel und Erde genannt; ein anderer, bereits geformte und unterschiedene Naturen; ein anderer, eine geformte Natur, und zwar eine geistige, unter dem Namen Himmel, die andere formlos, eine körperliche Materie, unter dem Namen Erde. Jene wiederum, die unter den Namen Himmel und Erde die noch formlose Materie verstehen, aus der Himmel und Erde geformt werden sollten, verstehen sie ebenfalls nicht auf eine Weise; sondern der eine, jene Materie, aus der sowohl das verständliche als auch das sinnliche Geschöpf vollendet werden sollte; ein anderer, nur jene, aus der diese sinnliche körperliche Masse gemacht werden sollte, die in ihrem weiten Schoß diese sichtbaren und gewöhnlichen Naturen enthält. Auch jene, die glauben, die Geschöpfe seien bereits geordnet und angeordnet und würden an dieser Stelle Himmel und Erde genannt, verstehen nicht dasselbe; sondern der eine, sowohl das unsichtbare als auch das sichtbare, der andere nur das sichtbare, in dem wir diesen lichtvollen Himmel und die dunkle Erde mit den darin enthaltenen Dingen erblicken.

Wer aber Im Anfang schuf nicht anders versteht, als ob gesagt wäre: Zuerst schuf Er, der kann Himmel und Erde nur wahrhaftig von der Materie von Himmel und Erde verstehen, das heißt von der universalen verständlichen und körperlichen Schöpfung. Denn wenn er darunter das Universum als bereits geformt verstehen wollte, kann man ihn mit Recht fragen: „Wenn Gott dies zuerst schuf, was schuf Er danach?“ und nach dem Universum wird er nichts finden; worauf er gegen seinen Willen eine weitere Frage hören muss: „Wie schuf Gott dies zuerst, wenn danach nichts war?“ Wenn er aber sagt, Gott schuf zuerst die formlose Materie, dann die geformte, so liegt darin keine Absurdität, sofern er nur fähig ist zu unterscheiden, was durch Ewigkeit vorangeht, was durch Zeit, was durch Wahl und was dem Ursprung nach. Durch Ewigkeit, wie Gott vor allen Dingen ist; durch Zeit, wie die Blume vor der Frucht; durch Wahl, wie die Frucht vor der Blume; durch Ursprung, wie der Klang vor der Weise. Von diesen vier sind die erste und die letzte mit äußerster Schwierigkeit zu verstehen, die beiden mittleren leicht. Denn es ist eine seltene und allzu erhabene Vision, Deine Ewigkeit zu schauen, o Herr, wie sie unveränderlich veränderliche Dinge erschafft; und dadurch vor ihnen ist. Und wer ist wiederum von so scharfem Verständnis, um ohne große Mühe zu unterscheiden, wie der Klang deshalb vor der Weise ist, weil eine Weise ein geformter Klang ist; und ein Ding, das nicht geformt ist, kann existieren; wohingegen das, was nicht existiert, nicht geformt werden kann. So ist die Materie vor dem gemachten Ding; nicht weil sie es macht, da sie selbst eher gemacht ist; noch geht sie durch Zeitabstand voran; denn wir bringen nicht zuerst in der Zeit formlose Töne hervor, ohne zu singen, und passen sie nachträglich an oder gestalten sie in die Form eines Gesangs, wie Holz oder Silber, woraus eine Truhe oder ein Gefäß gestaltet wird. Denn solche Materialien gehen auch der Zeit nach den Formen der Dinge voran, die aus ihnen gemacht sind, aber beim Singen ist es nicht so; denn wenn es gesungen wird, wird sein Klang gehört; denn es gibt nicht zuerst einen formlosen Klang, der später zu einem Gesang geformt wird. Denn jeder Klang vergeht, sobald er gemacht ist, noch kannst du etwas finden, das du zurückrufen und durch Kunst komponieren könntest. So ist also der Gesang in seinem Klang konzentriert, welcher sein Klang seine Materie ist. Und diese ist in der Tat geformt, damit sie eine Weise sei; und deshalb (wie ich sagte) ist die Materie des Klangs vor der Form der Weise; nicht vor ihr durch irgendeine Kraft, die sie hätte, sie zu einer Weise zu machen; denn ein Klang ist in keiner Weise der Werkmeister der Weise; sondern ist etwas Körperliches, unterworfen der Seele, die singt, woraus eine Weise zu machen ist. Noch ist er zuerst in der Zeit; denn er wird zusammen mit der Weise hervorgebracht; noch zuerst in der Wahl, denn ein Klang ist nicht besser als eine Weise, da eine Weise nicht nur ein Klang ist, sondern ein schöner Klang. Aber er ist zuerst dem Ursprung nach, weil eine Weise keine Form empfängt, um ein Klang zu werden, sondern ein Klang eine Form empfängt, um eine Weise zu werden. An diesem Beispiel möge der, der es vermag, verstehen, wie die Materie der Dinge zuerst gemacht und Himmel und Erde genannt wurde, weil Himmel und Erde aus ihr gemacht wurden. Dennoch wurde sie nicht zuerst in der Zeit gemacht; weil die Formen der Dinge den Anlass zur Zeit geben; aber sie war ohne Form, ist aber jetzt in der Zeit ein Objekt des Sinnes zusammen mit ihrer Form. Und doch kann von jener Materie nichts berichtet werden, als wäre sie zeitlich früher, wohingegen sie dem Wert nach die letzte ist (weil geformte Dinge den formlosen Dingen überlegen sind) und von der Ewigkeit des Schöpfers vorangegangen wird: damit aus dem Nichts etwas vorhanden sei, woraus etwas geschaffen werden könne.

In dieser Vielfalt der wahren Meinungen lasse die Wahrheit selbst Eintracht erzeugen. Und unser Gott erbarme sich unser, damit wir das Gesetz recht gebrauchen, das Ende des Gebots, reine Liebe. Wenn ein Mensch mich darum fragt: „Welches von diesen war die Meinung Deines Dieners Moses?“; dies wäre nicht die Sprache meiner Bekenntnisse, sollte ich Dir nicht bekennen: „Ich weiß es nicht“; und doch weiß ich, dass jene Sinne wahr sind, ausgenommen die fleischlichen, von denen ich sprach, was notwendig schien. Und selbst jene hoffnungsvollen Kleinen, die so denken, haben diesen Vorteil, dass die Worte Deines Buches sie nicht erschrecken, da sie Hohes niedrig und mit wenigen Worten einen gehaltvollen Sinn übermitteln. Und wir alle, die wir, wie ich bekenne, die in jenen Worten dargelegte Wahrheit sehen und ausdrücken, lasst uns einander lieben und gemeinsam Dich, unseren Gott, die Quelle der Wahrheit, lieben, wenn wir nach ihr dürsten und nicht nach Eitelkeiten; ja, lasst uns diesen Deinen Diener, den Verwalter dieser Schrift, erfüllt von Deinem Geist, so ehren, dass wir glauben, er habe, als er durch Deine Offenbarung diese Dinge schrieb, das beabsichtigt, was unter ihnen sowohl wegen des Lichts der Wahrheit als auch wegen der Fruchtbarkeit des Nutzens am meisten hervorsticht.

Wenn also einer sagt: „Moses meinte, was ich meine“; und ein anderer: „Nein, sondern was ich meine“, so vermute ich, dass ich ehrerbietiger spreche: „Warum nicht eher beides, wenn beides wahr ist?“ Und wenn es einen dritten oder einen vierten gibt, ja, wenn irgendein anderer eine andere Wahrheit in jenen Worten sieht, warum sollte man ihm nicht glauben, dass er all dies gesehen habe, durch den der Eine Gott die heiligen Schriften auf die Sinne vieler abgestimmt hat, die darin wahre, aber verschiedene Dinge sehen sollten? Denn ich gewiss (und furchtlos spreche ich es aus meinem Herzen), wenn ich etwas zu Papier bringen müsste, das höchste Autorität besitzt, würde ich es vorziehen, so zu schreiben, dass jede Wahrheit, die irgendeiner zu diesen Themen auffassen könnte, in meinen Worten vermittelt würde, anstatt meine eigene Meinung so klar darzulegen, dass der Rest ausgeschlossen bliebe, der, da er nicht falsch ist, mich nicht kränken könnte. Ich werde daher, o mein Gott, nicht so töricht sein, nicht zu glauben, dass Du jenem großen Mann so viel gewährt hast. Er nahm ohne Zweifel, als er jene Worte schrieb, jede Wahrheit wahr und dachte an sie, die wir zu finden vermocht haben, ja und was immer wir nicht zu finden vermochten, noch bisher vermögen, die aber in ihnen gefunden werden kann.

Zuletzt, o Herr, der Du Gott bist und nicht Fleisch und Blut, wenn ein Mensch weniger sah, könnte Deinem guten Geist (der mich in das Land der Aufrichtigkeit führen wird), etwas verborgen sein, was Du selbst durch jene Worte den Lesern in kommenden Zeiten offenbaren wolltest, auch wenn er, durch den sie gesprochen wurden, vielleicht unter vielen wahren Bedeutungen an eine einzige dachte? Was, wenn dies so ist, lasse jenes, an das er dachte, von allen das höchste sein. Uns aber, o Herr, offenbare Du entweder dieselbe oder eine andere wahre, die Dir gefällt; damit, ob Du uns dieselbe offenbarest wie jenem Deinem Diener oder eine andere bei Gelegenheit jener Worte, Du uns speisen mögest, nicht Irrtum uns täusche. Siehe, o Herr mein Gott, wie viel wir über wenige Worte geschrieben haben, wie viel, ich beschwöre Dich! Welche Stärke von uns, ja welche Zeitalter würden für all Deine Bücher auf diese Weise ausreichen? Erlaube mir dann, in diesen kürzer zu Dir zu bekennen und irgendeinen wahren, sicheren und guten Sinn zu wählen, den Du mir eingibst, auch wenn viele vorkommen sollten, wo viele vorkommen können; dies sei das Gesetz meines Bekenntnisses, dass, wenn ich das sagen sollte, was Dein Diener beabsichtigte, das recht und am besten ist; denn dies sollte ich anstreben, was wenn ich es nicht erreichen sollte, so sollte ich doch das sagen, was Deine Wahrheit durch seine Worte mir zu sagen wollte, die auch ihm offenbarte, was Sie wollte.

BUCH XIII

Ich rufe Dich an, o mein Gott, meine Barmherzigkeit, der Du mich schufst und meiner nicht vergaßt, da ich Dich vergaß. Ich rufe Dich in meine Seele, die Du durch das Verlangen, das Du selbst in sie eingibst, für Dich bereitest. Verlass mich nicht, da ich Dich anrufe, der Du mir zuvorkamst, bevor ich rief, und mich mit großer Vielfalt wiederholter Rufe drängtest, dass ich Dich aus der Ferne hören und mich bekehren und Dich anrufen möge, der Du mir nachriefst; denn Du, Herr, tilgtest alle meine bösen Verdienste, so dass Du sie mir nicht in meine Hände zurückzahltest, womit ich von Dir abfiel; und Du bist allen meinen guten Verdiensten zuvorgekommen, so dass Du das Werk Deiner Hände, womit Du mich schufst, vergaltst; denn bevor ich war, warst Du; noch war ich irgendetwas, dem Du hättest gewähren können zu sein; und doch siehe, ich bin, aus Deiner Güte, all dem zuvorkommend, das Du aus mir gemacht hast und woraus Du mich gemacht hast. Denn weder hattest Du mich nötig, noch bin ich ein solches Gut, um Dir, meinem Herrn und Gott, hilfreich zu sein; nicht im Dienst an Dir, als ob Du im Wirken ermüden würdest; oder als ob Deine Macht geringer sein könnte, wenn mein Dienst fehlte: noch kultiviere ich Deinen Dienst wie ein Land, das unkultiviert bleiben müsste, wenn ich Dich nicht kultivierte: sondern ich diene und verehre Dich, damit ich ein Wohlergehen von Dir empfange, von dem es kommt, dass ich ein Wesen habe, das des Wohlergehens fähig ist.

Denn aus der Fülle Deiner Güte besteht Dein Geschöpf, damit ein Gut, das Dir in keiner Weise nützen konnte, noch von Dir war (damit es Dir nicht gleich sei), doch sein konnte, da es von Dir gemacht werden konnte. Denn was verdienten Himmel und Erde, die Du im Anfang schufst, um Dich? Lass jene geistigen und körperlichen Naturen, die Du in Deiner Weisheit schufst, sagen, worin sie es um Dich verdient haben, davon abzuhängen (selbst in jenem ihrem jeweiligen angefangenen und formlosen Zustand, ob geistig oder körperlich, bereit, in eine maßlose Freiheit und eine weit entfernte Unähnlichkeit zu Dir zu fallen;--das Geistige, wenn auch ohne Form, dem Körperlichen überlegen, wenn auch geformt, und das Körperliche, wenn auch ohne Form, besser, als wäre es völlig nichts), und so von Deinem Wort abzuhängen, als formlos, es sei denn, sie würden durch dasselbe Wort zu Deiner Einheit zurückgeführt, mit Form ausgestattet und von Dir, dem Einen Höchsten Gut, allesamt sehr gut gemacht. Wie verdienten sie es um Dich, auch nur ohne Form zu sein, da sie nicht einmal dies gewesen wären, wenn nicht von Dir?

Wie verdiente körperliche Materie es um Dich, auch nur unsichtbar und ohne Form zu sein? Da sie nicht einmal dies wäre, wenn Du sie nicht geschaffen hättest, und deshalb, weil sie nicht war, es nicht um Dich verdienen konnte, geschaffen zu werden. Oder wie konnte das angefangene geistige Geschöpf es um Dich verdienen, auch nur wie der Abgrund finster zu ebben und zu fluten -- Dir unähnlich, wenn es nicht durch dasselbe Wort zu Dem gewendet worden wäre, von Dem es geschaffen wurde, und durch Ihn so erleuchtet, Licht wurde; wenn auch nicht gleich, doch konform zu jener Form, die Dir gleich ist? Denn wie es in einem Körper nicht dasselbe ist, zu sein und schön zu sein, sonst könnte er nicht verformt sein; so ist es ebenso für einen geschaffenen Geist nicht dasselbe, zu leben und weise zu leben; sonst wäre er unveränderlich weise. Aber es ist gut für ihn, immer an Dir festzuhalten; damit er nicht, was er an Licht durch die Wendung zu Dir erlangt hat, durch die Abwendung von Dir verliere und in ein Leben zurückfalle, das dem dunklen Abgrund gleicht. Denn auch wir selbst, die wir der Seele nach ein geistiges Geschöpf sind, von Dir, unserem Licht, abgewandt, waren in jenem Leben einst Finsternis; und mühen uns noch inmitten der Überreste unserer Finsternis, bis wir in Deinem Einzigen Deine Gerechtigkeit werden, wie die Berge Gottes. Denn wir sind Deine Urteile gewesen, die wie der große Abgrund sind.

Das, was Du am Anfang der Schöpfung sagtest: Es werde Licht, und es ward Licht; verstehe ich nicht unpassend vom geistigen Geschöpf: weil schon eine Art Leben da war, das Du erleuchten konntest. Aber da es keinen Anspruch auf Dich auf ein Leben hatte, das erleuchtet werden konnte, so hatte es auch jetzt, da es war, keinen, erleuchtet zu werden. Denn weder konnte sein formloser Zustand Dir gefallen, es sei denn, er würde Licht, und das nicht durch bloßes Dasein, sondern durch das Schauen des erleuchtenden Lichts und das Anhaften daran; so dass es, dass es lebte und glücklich lebte, nichts anderem als Deiner Gnade verdankt, da es durch eine bessere Wandlung zu Dem gewendet wurde, der nicht zum Schlechteren oder Besseren gewandelt werden kann; was Du allein bist, weil Du allein einfach bist; wobei es für Dich nicht ein Ding ist zu leben, ein anderes selig zu leben, da Du selbst Deine eigene Seligkeit bist.

Was also könnte Deinem Gut fehlen, das Du selbst bist, auch wenn diese Dinge entweder niemals gewesen wären oder ohne Form geblieben wären; die Du machtest, nicht aus irgendeinem Mangel, sondern aus der Fülle Deiner Güte, sie einschränkend und sie zur Form bekehrend, nicht als ob Deine Freude durch sie erfüllt würde? Denn Dir, der Du vollkommen bist, ist ihre Unvollkommenheit missfällig, und daher wurden sie von Dir vollendet und gefallen Dir; nicht als wärst Du unvollkommen und würdest durch ihre Vollendung auch vollendet werden. Denn Dein guter Geist schwebte wahrlich über den Wassern, nicht getragen von ihnen, als ob Er auf ihnen ruhte. Denn jene, auf denen Dein guter Geist ruhen soll, lässt Er in sich selbst ruhen. Aber Dein unvergänglicher und unveränderlicher Wille, in sich selbst für sich selbst vollkommen ausreichend, schwebte über jenem Leben, das Du geschaffen hattest; für welches Leben nicht dasselbe ist wie glückliches Leben, da es auch lebt, ebbend und flutend in seiner eigenen Finsternis: für welches es bleibt, zu Ihm bekehrt zu werden, von Dem es geschaffen wurde, und mehr und mehr aus der Quelle des Lebens zu leben und in Seinem Licht Licht zu sehen und vollendet und erleuchtet und verschönert zu werden.

Siehe, nun erscheint mir die Dreifaltigkeit in einem Rätsel, das bist Du mein Gott, weil Du, o Vater, in Ihm, der der Anfang unserer Weisheit ist, welche Deine Weisheit ist, aus Dir selbst geboren, Dir gleich und mitewig, das heißt, in Deinem Sohn, Himmel und Erde erschufst. Viel haben wir nun vom Himmel der Himmel gesagt, und von der Erde, unsichtbar und gestaltlos, und von der finsteren Tiefe, in Bezug auf die wandernde Unstetigkeit ihrer geistigen Missgestalt, es sei denn, sie wäre zu Ihm bekehrt worden, von Dem sie ihren damaligen Grad an Leben hatte, und durch Sein Erleuchten ein schönes Leben wurde, und der Himmel jenes Himmels, der danach zwischen Wasser und Wasser gesetzt wurde. Und unter dem Namen Gott hielt ich nun den Vater, der diese Dinge machte, und unter dem Namen Anfang, den Sohn, in dem Er diese Dinge machte; und glaubend, wie ich es tat, an meinen Gott als die Dreifaltigkeit, suchte ich weiter in Seinen heiligen Worten, und siehe, Dein Geist schwebte über den Wassern. Siehe die Dreifaltigkeit, mein Gott, Vater, und Sohn, und Heiliger Geist, Schöpfer aller Schöpfung.

Aber was war die Ursache, o wahrhaft sprechendes Licht? – zu Dir erhebe ich mein Herz, lass es mich keine Eitelkeiten lehren, vertreibe seine Finsternis; und sage mir, ich flehe Dich an, bei unserer Mutter Liebe, sage mir den Grund, ich flehe Dich an, warum nach der Erwähnung des Himmels, und der Erde, unsichtbar und gestaltlos, und der Finsternis über der Tiefe, Deine Schrift dann endlich Deinen Geist erwähnen sollte? War es, weil es schicklich war, dass die Erkenntnis von Ihm vermittelt würde, als sei er „schwebend über“; und dies konnte nicht gesagt werden, es sei denn, jenes wäre zuerst erwähnt worden, über dem Dein Geist verstanden werden kann, geschwebt zu haben. Denn weder schwebte Er über dem Vater, noch dem Sohn, noch könnte Er mit Recht als schwebend über bezeichnet werden, wenn Er über nichts schwebte. Zuerst also war von jenem zu sprechen, über dem Er schweben konnte; und dann von Ihm, von dem es nicht anders schicklich war zu sprechen, als dass Er schwebte. Aber warum war es nicht schicklich, dass die Erkenntnis von Ihm nicht anders vermittelt würde, als dass Er schwebte?

Hiernach folge, wer es kann, mit seinem Verständnis Deinem Apostel, wo er so spricht: Weil Deine Liebe ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist: und wo er hinsichtlich geistiger Gaben uns einen vorzüglicheren Weg der Liebe lehrt und zeigt; und wo er seine Knie vor Dir beugt für uns, damit wir die alles überragende Erkenntnis der Liebe Christi kennen mögen. Und deshalb war Er von Anbeginn überragend über den Wassern schwebend. Zu wem soll ich dies sprechen? Wie von der Last böser Begierden sprechen, hinab zum steilen Abgrund; und wie die Liebe wieder emporhebt durch Deinen Geist, der über den Wassern schwebte? Zu wem soll ich es sprechen? Wie es sprechen? Denn es ist nicht im Raum, dass wir versinken und auftauchen. Was kann ähnlicher sein und doch was unähnlicher? Es sind Regungen, es sind Lieben; die Unreinheit unseres Geistes, die mit der Liebe zu Sorgen abwärts fließt, und die Heiligkeit Deiner, die uns durch die Liebe zur sorgenfreien Ruhe aufwärts hebt; auf dass wir unsere Herzen zu Dir erheben, wo Dein Geist über den Wassern schwebt; und zu jener alles überragenden Ruhe gelangen, wenn unsere Seele die Wasser durchschritten haben wird, die keinen Halt gewähren.

Engel fielen ab, die Seele des Menschen fiel ab, und wies dadurch auf den Abgrund in jener dunklen Tiefe, bereit für die gesamte geistige Schöpfung, hättest nicht Du von Anbeginn gesagt: Es werde Licht, und es wäre Licht geworden, und jede gehorsame Intelligenz Deiner himmlischen Stadt hätte an Dir gehangen und in Deinem Geist geruht, der unveränderlich über allem Veränderlichen schwebt. Andernfalls wäre selbst der Himmel der Himmel in sich eine finstere Tiefe gewesen; nun aber ist er Licht im Herrn. Denn selbst in jener elenden Ruhelosigkeit der Geister, die abfielen und ihre eigene Finsternis entdeckten, als sie vom Gewand Deines Lichtes entblößt wurden, offenbarst Du hinlänglich, wie edel Du das vernunftbegabte Geschöpf machtest; dem nichts zu einer glücklichen Ruhe genügt als Du; und so nicht einmal es selbst. Denn Du, o unser Gott, wirst unsere Finsternis erleuchten: von Dir steigt unser Gewand des Lichtes auf; und dann wird unsere Finsternis sein wie der Mittag. Gib Dich mir, o mein Gott, stelle Dich mir wieder her: siehe ich liebe, und wenn es zu wenig ist, möchte ich stärker lieben. Ich kann nicht messen, um zu wissen, wie viel Liebe mir noch fehlt, ehe mein Leben in Deine Umarmungen laufen kann, noch mich abwenden, bis es verborgen ist im verborgenen Ort Deiner Gegenwart. Dies nur weiß ich, dass wehe mir ist außer in Dir: nicht nur außerhalb, sondern auch in mir selbst; und alle Fülle, die nicht mein Gott ist, ist für mich Leere.

Aber schwebte nicht entweder der Vater oder der Sohn über den Wassern? Wenn dies im Raum bedeutet, wie ein Körper, dann schwebte auch der Heilige Geist nicht; wenn aber die unveränderliche Überragung der Göttlichkeit über alles Veränderliche gemeint ist, dann schwebten sowohl Vater, als auch Sohn, als auch Heiliger Geist über den Wassern. Warum wird dies dann nur von Deinem Geist gesagt, warum nur von Ihm? Als ob Er im Ort gewesen wäre, der nicht im Ort ist, von dem allein geschrieben steht, dass Er Deine Gabe ist? In Deiner Gabe ruhen wir; dort genießen wir Dich. Unsere Ruhe ist unser Ort. Liebe hebt uns dorthin empor, und Dein guter Geist hebt unsere Niedrigkeit aus den Toren des Todes. In Deinem Wohlgefallen ist unser Friede. Der Körper strebt durch sein eigenes Gewicht zu seinem eigenen Ort. Gewicht macht nicht nur abwärts, sondern zu seinem eigenen Ort. Feuer strebt aufwärts, ein Stein abwärts. Sie werden durch ihr eigenes Gewicht gedrängt, sie suchen ihre eigenen Orte. Öl, unter Wasser gegossen, wird über das Wasser gehoben; Wasser, auf Öl gegossen, sinkt unter das Öl. Sie werden durch ihre eigenen Gewichte gedrängt, ihre eigenen Orte zu suchen. Wenn sie außerhalb ihrer Ordnung sind, sind sie ruhelos; in die Ordnung zurückgeführt, sind sie in Ruhe. Mein Gewicht ist meine Liebe; dadurch werde ich getragen, wohin auch immer ich getragen werde. Wir werden entflammt, durch Deine Gabe werden wir angezündet; und werden aufwärts getragen; wir glühen innerlich und gehen voran. Wir besteigen Deine Wege, die in unserem Herzen sind, und singen ein Lied der Stufen; wir glühen innerlich mit Deinem Feuer, mit Deinem guten Feuer, und wir gehen; weil wir aufwärts gehen zum Frieden Jerusalems: denn erfreut war ich in denen, die zu mir sagten: Wir werden zum Hause des Herrn hinaufgehen. Dort hat Dein Wohlgefallen uns platziert, dass wir nichts anderes begehren, als dort für immer zu bleiben.

Gesegnetes Geschöpf, das selbst ein anderes ist als Du, keinen anderen Zustand gekannt hat, als dass es, sobald es gemacht wurde, ohne irgendein Intervall, durch Deine Gabe, die über allem Veränderlichen schwebt, emporgehoben wurde durch jenen Ruf, durch den Du sagtest: Es werde Licht, und es war Licht. Während dies bei uns zu verschiedenen Zeiten geschah, insofern wir Finsternis waren und Licht gemacht werden: aber von jenem wird nur gesagt, was es gewesen wäre, wäre es nicht erleuchtet worden. Und dies wird so ausgesprochen, als wäre es zuvor unstet und finster gewesen; damit die Ursache, wodurch es anders gemacht wurde, erscheinen möge, nämlich, dass es, zum unfehlbaren Licht gekehrt, Licht wurde. Wer es kann, der verstehe dies; er frage Dich. Warum sollte er mich beunruhigen, als könnte ich irgendeinen Menschen erleuchten, der in diese Welt kommt?

Welcher von uns begreift die allmächtige Dreifaltigkeit? Und doch, wer spricht nicht von Ihr, wenn es denn wirklich Sie ist? Selten ist die Seele, die, während sie von Ihr spricht, weiß, wovon sie spricht. Und sie streiten und ringen, doch ohne Frieden sieht kein Mensch jene Vision. Ich wollte, die Menschen würden diese drei erwägen, die in ihnen selbst sind. Diese drei sind freilich weit anders als die Dreifaltigkeit: Ich sage nur, wo sie sich üben können, und dort prüfen und fühlen, wie fern sie sind. Nun, die drei, von denen ich sprach, sind: Sein, Erkennen und Wollen. Denn ich bin, und erkenne, und will: Ich bin erkennend und wollend: und ich weiß, dass ich bin, und dass ich will: und ich will sein und erkennen. In diesen drei also erkenne, wer kann, welch unzertrennliches Leben da ist, ja ein Leben, ein Geist, und ein Wesen, ja zuletzt welch unzertrennliche Unterscheidung da ist, und doch eine Unterscheidung. Sicherlich hat ein Mensch dies vor sich; er schaue in sich selbst hinein, und sehe, und sage es mir. Aber wenn er etwas von diesen entdeckt und sagen kann, so meine er deshalb nicht, er habe das gefunden, was über diesen ist: das Unveränderliche, das unveränderlich ist, und unveränderlich erkennt, und unveränderlich will; und ob wegen dieser drei auch in Gott eine Dreifaltigkeit ist, oder ob alle drei in Jedem sind, sodass die drei zu Jedem gehören; oder ob beides zugleich, wunderbar, einfach und doch mannigfaltig, Selbst eine Grenze für sich selbst innerhalb seiner selbst, doch unbegrenzt; wodurch Es ist, und sich selbst erkannt ist und sich selbst genügt, unveränderlich dasselbe, durch die überströmende Größe seiner Einheit – wer kann dies leicht begreifen? Wer könnte es in irgendeiner Weise ausdrücken? Wer würde in irgendeiner Weise voreilig darüber urteilen?

Fahre fort in deinem Bekenntnis, sage zum Herrn deinem Gott, o mein Glaube, Heilig, Heilig, Heilig, o Herr mein Gott, in Deinem Namen sind wir getauft worden, Vater, Sohn und Heiliger Geist; in Deinem Namen taufen wir, Vater, Sohn und Heiliger Geist, weil unter uns auch, in Seinem Christus, Gott Himmel und Erde machte, nämlich das geistige und fleischliche Volk Seiner Kirche. Ja und unsere Erde, bevor sie die Form der Lehre empfing, war unsichtbar und gestaltlos; und wir waren bedeckt mit der Finsternis der Unwissenheit. Denn Du züchtigtest den Menschen für die Ungerechtigkeit, und Deine Urteile waren wie die große Tiefe für ihn. Aber weil Dein Geist über den Wassern schwebte, verließ Deine Barmherzigkeit unser Elend nicht, und Du sagtest: Es werde Licht, tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe. Tut Buße, es werde Licht. Und weil unsere Seele in uns beunruhigt war, gedachten wir Deiner, o Herr, vom Lande Jordan her, und jenem Berg, Dir gleich, aber klein um unseretwillen: und unsere Finsternis missfiel uns, wir kehrten uns zu Dir und es war Licht. Und, siehe, wir waren einst Finsternis, nun aber Licht im Herrn.

Aber noch durch Glauben und nicht durch Schauen, denn durch Hoffnung sind wir gerettet; Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung. Noch ruft Tiefe der Tiefe zu, aber nun in der Stimme Deiner Wasserstürze. Noch denkt der, der spricht: Ich konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, auch er noch nicht, ergriffen zu haben, und vergisst, was dahinten ist, und streckt sich aus nach dem, was vorne ist, und seufzt, belastet seiend, und seine Seele dürstet nach dem Lebendigen Gott, wie der Hirsch nach den Wasserbächen, und spricht: Wann werde ich kommen?, begehrend, bekleidet zu werden mit seinem Haus, das vom Himmel ist, und ruft diese untere Tiefe an und spricht: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes. Und: Seid nicht Kinder im Verständnis, sondern in der Bosheit seid Kinder, damit ihr im Verständnis vollkommen seid; und: O törichte Galater, wer hat euch bezaubert? Aber nun nicht mehr in seiner eigenen Stimme; sondern in Deiner, der Du Deinen Geist von oben sandtest; durch Ihn, der in die Höhe auffuhr und die Schleusen Seiner Gaben öffnete, dass die Kraft Seiner Ströme die Stadt Gottes erfreue. Ihn ersehnt dieser Freund des Bräutigams, da er nun die Erstlinge des Geistes bei Ihm hinterlegt hat, doch noch in sich selbst seufzend, wartend auf die Kindschaft, nämlich die Erlösung seines Leibes; zu Ihm seufzt er, ein Glied der Braut; um Ihn eifert er, als ein Freund des Bräutigams; um Ihn eifert er, nicht für sich selbst; denn in der Stimme Deiner Wasserstürze, nicht in seiner eigenen Stimme, ruft er jener anderen Tiefe zu, über der er eifernd fürchtet, dass, wie die Schlange Eva durch ihre Arglist verführte, so ihre Sinne verderbt würden von der Reinheit, die in unserem Bräutigam, Deinem einzigen Sohn, ist. O welch ein Licht der Schönheit wird das sein, wenn wir Ihn sehen werden, wie Er ist, und jene Tränen vergangen sein werden, die meine Speise waren bei Tag und bei Nacht, während sie täglich zu mir sagen: Wo ist nun Dein Gott?

Siehe, auch ich sage, o mein Gott, Wo bist Du? Siehe, wo Du bist! In Dir atme ich ein wenig, wenn ich meine Seele bei mir selbst ausschütte in der Stimme der Freude und des Lobes, dem Schall dessen, der das Fest begeht. Und doch ist es wieder traurig, weil es zurückfällt und eine Tiefe wird, oder vielmehr sich selbst noch immer als eine Tiefe wahrnimmt. Zu ihr spricht mein Glaube, den Du entzündet hast, um meine Füße in der Nacht zu erleuchten: Warum bist du traurig, o meine Seele, und warum beunruhigst du mich? Hoffe auf den Herrn; Sein Wort ist eine Leuchte für deine Füße: hoffe und erdulde, bis die Nacht, die Mutter der Gottlosen, bis der Zorn des Herrn vorübergeht, deren Kinder auch wir einst waren, die wir einst Finsternis waren, Überbleibsel davon tragen wir in unserem Leib umher, tot wegen der Sünde; bis der Tag anbricht und die Schatten fliehen. Hoffe auf den Herrn; am Morgen werde ich in Deiner Gegenwart stehen und Dich betrachten: ich werde Dir ewiglich bekennen. Am Morgen werde ich in Deiner Gegenwart stehen und das Heil meines Angesichts sehen, meinen Gott, der auch unsere sterblichen Leiber lebendig machen wird, durch den Geist, der in uns wohnt, weil Er in Barmherzigkeit über unserer inneren finsteren und flutenden Tiefe geschwebt hat: von Dem wir auf dieser Pilgerschaft ein Unterpfand empfangen haben, dass wir nun Licht sein sollten: während wir durch Hoffnung gerettet sind und Kinder des Lichtes sind und Kinder des Tages, nicht Kinder der Nacht, noch der Finsternis, die wir doch einst waren. Zwischen denen und uns, in dieser Ungewissheit menschlichen Wissens, scheidest nur Du; Du, der Du unsere Herzen prüfst und das Licht Tag nennst und die Finsternis Nacht. Denn wer unterscheidet uns, außer Du? Und was haben wir, das wir nicht von Dir empfangen haben? Aus demselben Klumpen werden Gefäße zur Ehre gemacht, wovon andere auch zur Schande gemacht werden.

Oder wer, außer Du, unser Gott, machte für uns jenes Firmament der Autorität über uns in Deiner Heiligen Schrift? Wie gesagt wird: Denn der Himmel wird zusammengefaltet werden wie eine Schriftrolle; und nun ist er wie ein Fell über uns ausgespannt. Denn Deine Heilige Schrift ist von erhabenerer Autorität, seit jene Sterblichen, durch die Du sie uns austeilst, die Sterblichkeit erfuhren. Und Du weißt, Herr, Du weißt, wie Du Menschen mit Fellen bekleidetest, als sie durch die Sünde sterblich wurden. Woher Du wie ein Fell das Firmament Deines Buches ausgespannt hast, das ist: Deine harmonisierenden Worte, die Du durch den Dienst sterblicher Menschen über uns ausbreitest. Denn durch ihren Tod wurde jenes feste Firmament der Autorität, in Deinen durch sie dargelegten Reden, überragender über alle, die unter ihm sind, ausgedehnt; was, während sie hier lebten, nicht so überragend ausgedehnt war. Du hattest den Himmel noch nicht wie ein Fell ausgebreitet; Du hattest die Herrlichkeit ihres Todes noch nicht nach allen Richtungen vergrößert.

Lass uns auf die Himmel schauen, das Werk Deiner Finger; reinige von unseren Augen jene Wolke, die Du unter sie ausgebreitet hast. Dort ist Dein Zeugnis, das den Kleinen Weisheit gibt: vollende, o mein Gott, Dein Lob aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge. Denn wir kennen keine anderen Bücher, die so den Stolz zerstören, die so den Feind und den Verteidiger zerstören, der Deiner Versöhnung widersteht, indem er seine eigenen Sünden verteidigt. Ich kenne nicht, Herr, ich kenne keine anderen derart reinen Worte, die mich so überzeugen, zu bekennen, und meinen Nacken beugsam machen für Dein Joch, und mich einladen, Dir umsonst zu dienen. Lass mich sie verstehen, guter Vater: gewähre dies mir, der ich unter ihnen platziert bin: denn für jene, die unter ihnen platziert sind, hast Du sie eingesetzt.

Andere Wasser gibt es über diesem Firmament, ich glaube unsterbliche, und abgesondert von irdischer Verderbnis. Sie sollen Deinen Namen preisen, sie sollen Dich preisen, das überhimmlische Volk, Deine Engel, die nicht nötig haben, zu diesem Firmament aufzuschauen, oder durch Lesen von Deinem Wort zu wissen. Denn sie schauen allezeit Dein Antlitz und lesen dort ohne irgendwelche Silben in der Zeit, was Dein ewiger Wille will; sie lesen, sie wählen, sie lieben. Sie lesen allezeit; und das vergeht niemals, was sie lesen; denn durch Wählen und durch Lieben lesen sie die Unveränderlichkeit Deines Ratschlusses. Ihr Buch ist niemals geschlossen, noch ihre Schriftrolle zusammengefaltet; da Du selbst dies für sie bist, und ewig bist; weil Du sie über dieses Firmament geordnet hast, das Du fest über die Schwachheit des niederen Volkes gesetzt hast, wo sie aufschauen und Deine Barmherzigkeit lernen konnten, indem sie in der Zeit Dich verkündeten, der Du die Zeiten machtest. Denn Deine Barmherzigkeit, o Herr, ist in den Himmeln, und Deine Wahrheit reicht bis zu den Wolken. Die Wolken vergehen, aber der Himmel bleibt. Die Prediger Deines Wortes gehen aus diesem Leben in ein anderes; aber Deine Schrift ist über das Volk ausgebreitet, bis ans Ende der Welt. Doch Himmel und Erde werden vergehen, aber Deine Worte werden nicht vergehen. Weil die Schriftrolle zusammengerollt werden wird: und das Gras, über das sie ausgebreitet war, wird mit der Schönheit davon vergehen; aber Dein Wort bleibt in Ewigkeit, das uns nun unter dem dunklen Bild der Wolken erscheint, und durch den Spiegel der Himmel, nicht wie es ist: weil wir auch, obschon die Geliebten Deines Sohnes, es noch nicht erschienen ist, was wir sein werden. Er schaut durch das Gitter unseres Fleisches, und Er sprach zärtlich zu uns, und entzündete uns, und wir liefen hinter Seinen Düften her. Aber wenn Er erscheinen wird, dann werden wir Ihm gleich sein, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist. Wie Er ist, Herr, wird unsere Sicht sein.

Denn gänzlich, wie Du bist, weißt nur Du; der Du unveränderlich bist, und unveränderlich weißt, und unveränderlich willst. Und Dein Wesen weiß und will unveränderlich; und Dein Wissen ist und will unveränderlich; und Dein Wille ist und weiß unveränderlich. Noch scheint es recht in Deinen Augen, dass, wie das Unveränderliche Licht sich selbst erkennt, es so von dem erkannt werden sollte, was erleuchtet und veränderlich ist. Deshalb ist meine Seele wie ein ausgedörrtes Land, weil sie sich, wie sie sich nicht von selbst erleuchten kann, auch nicht von selbst sättigen kann. Denn so ist die Quelle des Lebens bei Dir, wie in Deinem Licht werden wir Licht sehen.

Wer sammelte die Bittergewordenen zusammen in eine Gesellschaft? Denn sie haben alle ein Ende, eine zeitliche und irdische Glückseligkeit, für deren Erlangung sie alles tun, obgleich sie mit einer zahllosen Vielfalt von Sorgen auf und ab schwanken. Wer, Herr, außer Dir, sprach: Es sammeln sich die Wasser an einen Ort, und es erscheine das trockene Land, das nach Dir dürstet? Denn auch das Meer ist Dein, und Du hast es gemacht, und Deine Hände bereiteten das trockene Land. Auch ist nicht die Bitterkeit des menschlichen Willens, sondern die Versammlung der Wasser Meer genannt; denn Du zügelst die bösen Begierden der Seelen der Menschen und setzt ihnen ihre Grenzen, wie weit ihnen gestattet sein mag zu gehen, dass ihre Wellen eine gegen die andere brechen: und so machst Du es zum Meer, durch die Ordnung Deiner Herrschaft über alle Dinge.

Doch die Seelen, die nach Dir dürsten und die vor Dir erscheinen (indem sie durch andere Grenzen von der Gemeinschaft des Meeres geschieden sind), tränkst Du durch eine süße Quelle, auf dass die Erde ihre Frucht hervorbringe, und Du, Herr Gott, so gebietend, unsere Seele Werke der Barmherzigkeit nach ihrer Art hervorsprießen lasse, indem sie den Nächsten in der Linderung seiner leiblichen Nöte liebt, in sich selbst Samen habend nach ihrem Gleichnis, wenn wir aus dem Gefühl unserer Schwachheit heraus so Mitleid empfinden, dass wir den Bedürftigen lindern; ihnen helfend, wie wir Hilfe empfangen möchten, wären wir in gleicher Not; nicht nur in Dingen, die leicht sind, wie im Kraut, das Samen trägt, sondern auch im Schutz unseres Beistands, mit unserer besten Kraft, wie der Baum, der Frucht trägt: das heißt, Gutes tun, indem wir den, der Unrecht leidet, aus der Hand des Mächtigen retten und ihm durch die gewaltige Stärke gerechten Urteils den Schirm des Schutzes gewähren.

So, Herr, so, ich flehe Dich an, lass es hervorsprießen, wie Du es wirkst, wie Du Heiterkeit und Fähigkeit schenkst, lass Wahrheit aus der Erde hervorsprießen und Gerechtigkeit vom Himmel herabschauen, und lass Lichter am Firmament sein. Lasst uns unser Brot mit den Hungrigen teilen und die obdachlosen Armen in unser Haus bringen. Lasst uns die Nackten bekleiden und die, die unser eigenes Fleisch sind, nicht verachten. Welche Früchte, nachdem sie aus der Erde hervorgegangen sind, siehe, es ist gut: und lass unser zeitliches Licht hervorbrechen; und mögen wir selbst, von dieser niederen Fruchtbarkeit des Handelns zur Entzückung der Betrachtung gelangend und das Wort des Lebens von oben empfangend, wie Lichter in der Welt erscheinen, am Firmament Deiner Schrift klebend. Denn dort unterweist Du uns, zwischen den Dingen des Verstandes und den Dingen der Sinne zu unterscheiden, wie zwischen Tag und Nacht; oder zwischen Seelen, die sich entweder den Dingen des Verstandes oder den Dingen der Sinne hingeben, sodass nun nicht nur Du im Geheimnis Deines Urteils, wie vor der Erschaffung des Firmaments, zwischen Licht und Finsternis unterscheidest, sondern auch Deine geistigen Kinder, die im selben Firmament geordnet und aufgereiht sind (nun, da Deine Gnade in der ganzen Welt offenbart ist), auf Erden leuchten und zwischen Tag und Nacht unterscheiden und als Zeichen für die Zeiten dienen mögen, dass das Alte vergangen ist und siehe, alles neu geworden ist: und dass unser Heil näher ist, als da wir glaubten: und dass die Nacht weit fortgeschritten und der Tag nahe ist: und dass Du Dein Jahr mit Segen krönen wirst, indem Du die Arbeiter Deiner Güte in Deine Ernte sendest, bei deren Aussaat andere gearbeitet haben, und auch in ein anderes Feld sendest, dessen Ernte am Ende sein wird. So gewährst Du die Gebete dessen, der bittet, und segnest die Jahre des Gerechten; doch Du bist derselbe, und in Deinen Jahren, die nicht vergehen, bereitest Du eine Scheune für unsere vergänglichen Jahre. Denn Du verleihst durch einen ewigen Ratschluss zu ihren rechten Zeiten himmlische Segnungen auf die Erde. Denn dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, gleichsam als das kleinere Licht: einem anderen der Glaube; einem anderen die Gabe mit dem Licht der klaren Wahrheit, gleichsam für die Herrschaft des Tages. Einem anderen das Wort der Erkenntnis durch denselben Geist, gleichsam als das kleinere Licht: einem anderen der Glaube; einem anderen die Gabe der Heilung; einem anderen das Wirken von Wundern; einem anderen die Prophetie; einem anderen die Unterscheidung der Geister; einem anderen mancherlei Arten von Zungen. Und all diese gleichsam als Sterne. Denn all dies wirkt der eine und derselbe Geist, der einem jeden austeilt, wie Er will; und bewirkt, dass Sterne offenkundig erscheinen, zum Nutzen für alle. Doch das Wort der Erkenntnis, in dem alle Sakramente enthalten sind, die sich in ihren Zeiten wandeln wie der Mond, und jene anderen Kenntnisse der Gaben, die der Reihe nach aufgezählt werden wie Sterne, insofern sie hinter jener Helligkeit der Weisheit zurückbleiben, welche den vorgenannten Tag erfreut, sind nur für die Herrschaft der Nacht bestimmt. Denn sie sind notwendig für jene, zu denen Dein klügster Diener nicht wie zu Geistlichen sprechen konnte, sondern wie zu Fleischlichen; er selbst, der Weisheit unter denen spricht, die vollkommen sind. Doch der natürliche Mensch, gleichsam als ein Kind in Christus und mit Milch genährt, bis er für feste Speise gestärkt sei und sein Auge fähig werde, die Sonne zu schauen, er wohne nicht in einer Nacht, die von allem Licht verlassen ist, sondern begnüge sich mit dem Licht des Mondes und der Sterne. So sprichst Du zu uns, unser allweiser Gott, in Deinem Buch, Deinem Firmament; auf dass wir alle Dinge in bewundernswerter Betrachtung unterscheiden mögen; wenn auch noch in Zeichen und in Zeiten und in Tagen und in Jahren.

Doch zuerst, wascht euch, seid rein; tut das Böse aus euren Seelen und von vor meinen Augen hinweg, auf dass das trockene Land erscheine. Lernt Gutes tun, richtet für die Waisen, tretet ein für die Witwe, auf dass die Erde das grüne Kraut zur Speise hervorbringe und den Baum, der Frucht trägt; und kommt, lasst uns miteinander rechten, spricht der Herr, auf dass Lichter seien am Firmament des Himmels und sie auf die Erde leuchten. Jener Reiche fragte den guten Meister, was er tun solle, um das ewige Leben zu erlangen. Lass ihn der gute Meister lehren (den er für nicht mehr als einen Menschen hielt; doch Er ist gut, weil Er Gott ist), lass Ihn ihn lehren, wenn er in das Leben eingehen wolle, müsse er die Gebote halten: er solle die Bitterkeit der Bosheit und der Schlechtigkeit von sich tun; nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis reden; auf dass das trockene Land erscheine und die Ehrung von Vater und Mutter hervorbringe, und die Liebe zum Nächsten. All dies (sagt er) habe ich gehalten. Woher dann so viele Dornen, wenn die Erde fruchtbar ist? Gehe hin, rote die ausbreitenden Dickichte der Habsucht aus; verkaufe, was du hast, und werde mit Frucht gefüllt, indem du den Armen gibst, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und folge dem Herrn, wenn du vollkommen sein willst, verbunden mit jenen, unter denen Er Weisheit spricht, Er, der weiß, was dem Tag und was der Nacht zuzuteilen ist, auf dass auch du es wissest und für dich Lichter am Firmament des Himmels seien; was nicht sein wird, es sei denn, dein Herz wäre dort: noch wird jenes sein, es sei denn, dort wäre dein Schatz; wie du vom guten Meister gehört hast. Doch jene unfruchtbare Erde war betrübt; und die Dornen erstickten das Wort.

Doch ihr, auserwähltes Geschlecht, ihr Schwachen der Welt, die ihr alles verlassen habt, damit ihr dem Herrn folgen könnt; geht Ihm nach und beschämt die Mächtigen; geht Ihm nach, ihr schönen Füße, und leuchtet am Firmament, auf dass die Himmel Seine Herrlichkeit verkünden, indem ihr zwischen dem Licht der Vollkommenen, wenn auch nicht wie die Engel, und der Finsternis der Kleinen, wenn auch nicht verachtet, unterscheidet. Leuchtet über der Erde; und lass der Tag, von der Sonne erhellt, dem Tag die Rede der Weisheit äußern; und die Nacht, mit dem Mond leuchtend, der Nacht das Wort der Erkenntnis zeigen. Der Mond und die Sterne leuchten für die Nacht; doch die Nacht verdunkelt sie nicht, da sie ihr Licht in ihrem Maße spenden. Denn siehe, wie Gott gleichsam spricht: Es werde Licht am Firmament des Himmels; da kam plötzlich ein Brausen vom Himmel, als wäre es das Rauschen eines gewaltigen Windes, und es erschienen zerteilte Zungen wie von Feuer, und es setzte sich auf einen jeden von ihnen. Und es wurden Lichter am Firmament des Himmels gemacht, die das Wort des Lebens haben. Lauft hin und her überallhin, ihr heiligen Feuer, ihr schönen Feuer; denn ihr seid das Licht der Welt, und ihr werdet nicht unter den Scheffel gestellt; Er, an dem ihr klebt, ist erhöht und hat euch erhöht. Lauft hin und her und werdet allen Völkern kund.

Lass auch das Meer empfangen und eure Werke hervorbringen; und lass die Wasser das kriechende Getier hervorbringen, das Leben hat. Denn ihr, die ihr das Kostbare vom Nichtigen scheidet, seid zum Mund Gottes gemacht, durch den Er spricht: Lass die Wasser hervorbringen, nicht das lebendige Wesen, das die Erde hervorbringt, sondern das kriechende Getier, das Leben hat, und die Vögel, die über der Erde fliegen. Denn Deine Sakramente, o Gott, sind durch den Dienst Deiner Heiligen inmitten der Wellen der Versuchungen der Welt bewegt worden, um die Heiden in Deinem Namen in Deiner Taufe zu heiligen. Und inmitten dieser Dinge wurden viele große Wunder gewirkt, gleichsam große Wale: und die Stimmen Deiner Boten, die über der Erde fliegen, im offenen Firmament Deines Buches; da sie über sie gesetzt waren, als ihre Autorität, unter der sie fliegen sollten, wohin auch immer sie gingen. Denn es gibt keine Rede noch Sprache, wo ihre Stimme nicht gehört wird: da ihr Schall ausgegangen ist in alle Lande und ihre Worte bis an die Enden der Welt, weil Du, Herr, sie durch Segen gemehrt hast.

Spreche ich Unwahres, oder vermenge und verwirre ich und unterscheide nicht zwischen der hellen Erkenntnis dieser Dinge am Firmament des Himmels und den materiellen Werken im wogenden Meer und unter dem Firmament des Himmels? Denn von jenen Dingen, deren Erkenntnis wesentlich und definiert ist, ohne jegliche Zunahme durch Zeugung, gleichsam Lichter der Weisheit und Erkenntnis, doch selbst von ihnen sind die materiellen Wirkungen viele und vielfältig; und eines aus dem anderen wachsend, werden sie gemehrt durch Deinen Segen, o Gott, der Du die Überdrüssigkeit der sterblichen Sinne erfrischt hast; sodass eines im Verständnis unseres Geistes auf viele Arten durch die Bewegungen des Körpers dargelegt und ausgedrückt werden kann. Diese Sakramente haben die Wasser hervorgebracht; doch in Deinem Wort. Die Nöte der Menschen, die der Ewigkeit Deiner Wahrheit entfremdet sind, haben sie hervorgebracht, doch in Deinem Evangelium; weil die Wasser selbst sie auswarfen, deren krankhafte Bitterkeit die Ursache war, warum sie in Deinem Wort ausgesandt wurden.

Nun ist alles schön, was Du gemacht hast; doch siehe, Du selbst bist unsagbar schöner, der Du alles gemacht hast; von dem, wäre Adam nicht gefallen, die Brackigkeit des Meeres niemals von ihm ausgeflossen wäre, das heißt, das Menschengeschlecht, so abgrundtief neugierig und stürmisch anschwellend und rastlos auf und ab wogend; und dann hätte es Deiner Verwalter nicht bedurft, in vielen Wassern auf körperliche und sinnliche Weise geheimnisvolle Taten und Worte zu wirken. Denn solche kriechenden und fliegenden Geschöpfe scheinen mir nun zu bedeuten, dass Völker, die durch körperliche Sakramente eingeweiht und geheiligt wurden, nicht weiter fortkommen würden, es sei denn, ihre Seele hätte ein geistiges Leben und es sei denn, sie blickte nach dem Wort der Aufnahme auf die Vollkommenheit voraus.

Und hierdurch, in Deinem Wort, bringt nicht die Tiefe des Meeres, sondern die Erde, geschieden von der Bitterkeit der Wasser, nicht das kriechende Getier hervor, das Leben hat, sondern die lebendige Seele. Denn nun bedarf sie nicht mehr der Taufe, wie die Heiden sie bedürfen und wie sie selbst sie bedurfte, als sie mit den Wassern bedeckt war; (denn es gibt keinen anderen Eingang in das Himmelreich, seit Du bestimmt hast, dass dies der Eingang sein soll): noch sucht sie nach der Wunderbarkeit von Zeichen, um Glauben zu wirken; denn sie ist nicht von der Art, dass sie, wenn sie nicht Zeichen und Wunder sieht, nicht glauben wird, nun, da die gläubige Erde von den Wassern geschieden ist, die mit Unglauben bitter waren; und Zungen sind ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen. Weder bedarf dann jene Erde, die Du auf den Wassern gegründet hast, jener fliegenden Art, welche die Wasser auf Dein Wort hin hervorbrachten. Sende Dein Wort durch Deine Boten in sie hinein: denn wir sprechen von ihrem Wirken, doch Du bist es, der in ihnen wirkt, damit sie eine lebendige Seele in ihr wirken. Die Erde bringt sie hervor, weil die Erde die Ursache ist, dass sie dies in der Seele wirken; wie das Meer die Ursache war, dass sie an den kriechenden Getieren, die Leben haben, und den Vögeln, die unter dem Firmament des Himmels fliegen, wirkten, deren die Erde nicht bedarf; obwohl sie sich von jenem Fisch nährt, der aus der Tiefe genommen wurde, von jenem Tisch, den Du bereitet hast im Angesicht derer, die glauben. Denn darum wurde Er aus der Tiefe genommen, damit Er das trockene Land speise; und der Vogel, obwohl im Meer gezeugt, wird doch auf der Erde gemehrt. Denn der ersten Predigten der Evangelisten war des Menschen Unglaube die Ursache; doch werden auch die Gläubigen durch sie mannigfaltig ermahnt und gesegnet, von Tag zu Tag. Doch die lebendige Seele nimmt ihren Anfang von der Erde: denn es nützt nur denen, die bereits unter den Gläubigen sind, sich von der Liebe dieser Welt zu enthalten, auf dass ihre Seele Dir lebe, die tot war, während sie in Vergnügungen lebte; in todbringenden Vergnügungen, Herr, denn Du, Herr, bist die lebendigmachende Wonne des reinen Herzens.

Nun denn, lasst Deine Diener auf der Erde wirken – nicht wie auf den Wassern des Unglaubens, durch Predigen und Sprechen durch Wunder und Sakramente und mystische Worte; worin die Unwissenheit, die Mutter der Bewunderung, in Ehrfurcht vor jenen geheimen Zeichen auf sie gerichtet sein mochte. Denn solches ist der Eingang zum Glauben für die Söhne Adams, die Dein vergessen, während sie sich vor Deinem Angesicht verbergen und zu einer finsteren Tiefe werden. Doch – lasst Deine Diener nun wie auf trockenem Land wirken, geschieden von den Strudeln der großen Tiefe: und lasst sie den Gläubigen ein Vorbild sein, indem sie vor ihnen leben und sie zur Nachahmung anspornen. Denn so hören die Menschen, um nicht nur zu hören, sondern auch zu tun. Suchet den Herrn, so wird eure Seele leben, auf dass die Erde die lebendige Seele hervorbringe. Stellt euch nicht dieser Welt gleich. Enthaltet euch ihrer: die Seele lebt, indem sie das meidet, woran sie stirbt, wenn sie es begehrt. Enthaltet euch von der ungezügelten Wildheit des Stolzes, der trägen Wollust der Üppigkeit und dem falschen Namen der Erkenntnis: auf dass die wilden Tiere gezähmt, das Vieh unter das Joch gebracht, die Schlangen harmlos werden. Denn dies sind die Bewegungen unseres Geistes unter einer Allegorie; das heißt, die Hochmut des Stolzes, die Wonne der Begierde und das Gift der Neugier sind die Bewegungen einer toten Seele; denn die Seele stirbt nicht so, dass sie alle Bewegung verliert; weil sie stirbt, indem sie den Quell des Lebens verlässt, und so von dieser vergänglichen Welt aufgenommen und ihr gleichgestaltet wird.

Doch Dein Wort, o Gott, ist der Quell des ewigen Lebens; und vergeht nicht: darum wird dieses Abweichen der Seele durch Dein Wort gezügelt, wenn zu uns gesagt wird: Stellt euch nicht dieser Welt gleich; auf dass die Erde im Quell des Lebens eine lebendige Seele hervorbringe; das heißt, eine Seele, die durch Deine Evangelisten in Deinem Wort enthaltsam gemacht wurde, indem sie den Nachfolgern Deines Christus folgt. Denn dies ist nach seiner Art; weil ein Mensch gewohnt ist, seinen Freund nachzuahmen. Seid (sagt er) wie ich bin, denn auch ich bin wie ihr seid. So sollen in dieser lebendigen Seele gute Tiere sein, in Sanftmut des Handelns (denn Du hast geboten: Gehe mit deinen Geschäften in Sanftmut um, so wirst du von allen Menschen geliebt werden); und gutes Vieh, das, wenn es frisst, nicht übermaßig wird, noch, wenn es nicht frisst, Mangel leidet; und gute Schlangen, nicht gefährlich, um zu schaden, sondern klug, um sich zu hüten; und die nur so viel Forschung in diese zeitliche Natur treiben, wie genügen mag, dass die Ewigkeit klar geschaut werde, verstanden durch die Dinge, die gemacht sind. Denn diese Geschöpfe sind der Vernunft gehorsam, wenn sie davon abgehalten werden, tödlich über uns zu herrschen, sie leben und gut sind.

Denn siehe, o Herr, unser Gott, unser Schöpfer, wenn unsere Zuneigungen von der Liebe zur Welt abgehalten wurden, durch die wir durch böses Leben starben; und wir begannen, eine lebendige Seele zu sein, durch gutes Leben; und Dein Wort, das Du durch Deinen Apostel sprachst, in uns erfüllt ist: Stellt euch nicht dieser Welt gleich: da folgt auch das, was Du sogleich anfügtest, indem Du sagtest: Sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes; nicht nun nach eurer Art, als ob ihr eurem Nächsten folgt, der vor euch ging, noch wie nach dem Beispiel eines besseren Menschen lebend (denn Du sagtest nicht: "Lass den Menschen nach seiner Art machen", sondern: Lass uns den Menschen nach unserem Bild und Gleichnis machen), auf dass wir prüfen könnten, was Dein Wille ist. Denn zu diesem Zweck sagte jener Verwalter von Dir (der Kinder durch das Evangelium zeugte), damit er sie nicht für immer als Kinder habe, die er mit Milch speisen und wie eine Amme pflegen müsste: werdet verwandelt (sagt er) durch die Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen möget, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes sei. Darum sagst Du nicht: "Lass den Menschen machen", sondern: Lass uns den Menschen machen. Auch sagtest Du nicht: "nach seiner Art"; sondern: nach unserem Bild und Gleichnis. Denn der Mensch, der in seinem Sinn erneuert ist und Deine Wahrheit schaut und versteht, bedarf nicht des Menschen als seines Führers, um ihm nach seiner Art zu folgen; sondern durch Deine Führung prüft er, was jener gute, wohlgefällige und vollkommene Wille von Dir ist: ja, Du lehrst ihn, der nun fähig gemacht ist, die Dreifaltigkeit in der Einheit und die Einheit in der Dreifaltigkeit zu unterscheiden. Darum ist zu jenem, das im Plural gesagt wurde: Lass uns den Menschen machen, dennoch im Singular angefügt: Und Gott machte den Menschen: und zu jenem, das im Plural gesagt wurde: Nach unserem Gleichnis, ist im Singular angefügt: Nach dem Bilde Gottes. So wird der Mensch in der Erkenntnis Gottes erneuert, nach dem Bilde dessen, der ihn schuf: und geistig gemacht, richtet er alle Dinge (alle Dinge, die zu richten sind), doch er selbst wird von keinem Menschen gerichtet.

Doch dass er alle Dinge richtet, dies entspricht seinem Herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Vieh und über alle wilden Tiere und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Denn dies tut er durch das Verständnis seines Geistes, wodurch er die Dinge des Geistes Gottes wahrnimmt; während ansonsten der Mensch, der in Ehren gesetzt ist, kein Verständnis hatte und den Viechern gleich ist und ihnen gleich geworden ist. In Deiner Kirche daher, o unser Gott, gemäß Deiner Gnade, die Du ihr verliehen hast (denn wir sind Dein Werk, geschaffen zu guten Werken), nicht nur jene, die geistig vorgesetzt sind, sondern auch jene, die geistig jenen unterworfen sind, die vorgesetzt sind – denn auf diese Weise machtest Du den Menschen als Mann und Weib, in Deiner Gnade geistig, wo, gemäß dem Geschlecht des Leibes, weder Mann noch Weib ist, weil weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier. Geistige Personen (ob solche, die vorgesetzt sind, oder solche, die gehorchen); richten geistig; nicht über jene geistige Erkenntnis, die am Firmament leuchtet (denn sie sollen nicht über eine so höchste Autorität richten), noch mögen sie über Dein Buch selbst richten, selbst wenn dort etwas nicht klar leuchtet; denn wir unterwerfen unser Verständnis ihm und halten für gewiss, dass selbst das, was unserem Blick verschlossen ist, dennoch recht und wahr gesprochen ist. Denn so sollte der Mensch, obwohl nun geistig und erneuert in der Erkenntnis Gottes nach dem Bilde dessen, der ihn schuf, ein Täter des Gesetzes sein, nicht ein Richter. Weder richtet er über jene Unterscheidung von geistigen und fleischlichen Menschen, die Deinen Augen bekannt sind, o unser Gott, und die sich uns noch nicht durch Werke offenbart haben, auf dass wir sie an ihren Früchten erkennen könnten: doch Du, Herr, kennst sie schon jetzt und hast sie im Geheimen geschieden und gerufen, noch bevor das Firmament gemacht wurde. Auch richtet er, obwohl geistig, nicht die unruhigen Menschen dieser Welt; denn was hat er damit zu tun, über die zu richten, die draußen sind, da er nicht weiß, welcher von ihnen künftig in die Süße Deiner Gnade kommen wird; und welcher in der ewigen Bitterkeit der Gottlosigkeit verharren wird?

Der Mensch also, den Du nach Deinem eigenen Ebenbilde geschaffen hast, erhielt nicht die Herrschaft über die Lichter des Himmels, noch über jenen verborgenen Himmel selbst, noch über den Tag und die Nacht, die Du vor der Grundlegung des Himmels nanntest, noch über die Sammlung der Wasser, die das Meer ist; wohl aber empfing er die Herrschaft über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über alles Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Denn er richtet und billigt, was er für recht befindet, und er verwirft, was er für unrecht hält, sei es bei der Feier jener Sakramente, durch die jene eingeweiht werden, welche Deine Barmherzigkeit in vielen Wassern aufsucht; oder in dem, worin jener Fisch dargelegt wird, den die fromme Erde verzehrt, nachdem er aus der Tiefe gezogen wurde; oder in den Ausdrücken und Zeichen der Worte, die der Autorität Deines Buches unterworfen sind – solche Zeichen, die aus dem Munde hervorgehen und erklingen, indem sie gleichsam unter dem Firmament fliegen, sei es durch Auslegung, Erläuterung, Erörterung, Streitgespräche, Weihen oder Gebete an Dich, auf dass das Volk mit Amen antworten möge. Das stimmliche Aussprechen all dieser Worte wird durch die Tiefe dieser Welt und die Blindheit des Fleisches verursacht, das die Gedanken nicht sehen kann; so dass es notwendig ist, laut in die Ohren zu sprechen; so dass, obgleich sich die fliegenden Vögel auf der Erde vermehren, sie doch ihren Ursprung aus den Wassern herleiten. Der geistige Mensch richtet auch, indem er das Rechte billigt und das Unrechte missbilligt, in den Werken und dem Leben der Gläubigen; ihre Almosen, die gleichsam wie die Erde Frucht hervorbringen; und hinsichtlich der lebendigen Seele, die durch die Bezähmung der Begierden in Keuschheit, in Fasten und in heiligen Betrachtungen lebt; und hinsichtlich der Dinge, die durch die Sinne des Leibes wahrgenommen werden. Über all dies wird er nun als richtend bezeichnet, wobei er auch die Macht zur Zurechtweisung hat.

Aber was ist dies und welch eine Art von Geheimnis ist das? Siehe, Du segnest das Menschengeschlecht, o Herr, damit sie wachsen und sich mehren und die Erde erfüllen; gibst Du uns dadurch nicht einen Wink, etwas zu verstehen? Warum hast Du nicht ebenso das Licht gesegnet, das Du Tag nanntest; noch das Firmament des Himmels, noch die Lichter, noch die Sterne, noch die Erde, noch das Meer? Ich könnte sagen, dass Du, o Gott, der Du uns nach Deinem Ebenbilde schufst, dass es Dein Wohlgefallen gewesen wäre, diesen Segen in besonderer Weise dem Menschen zu verleihen; hättest Du nicht in gleicher Weise die Fische und die Wale gesegnet, dass sie wachsen und sich mehren und die Wasser des Meeres erfüllen sollten, und dass die Vögel sich auf Erden vermehren sollten. Ich könnte ebenso sagen, dass dieser Segen sich eigentlich auf solche Geschöpfe beziehe, die aus ihrer eigenen Art hervorgehen, hätte ich ihn bei den Fruchtbäumen, den Pflanzen und den Tieren der Erde gefunden. Nun aber ist weder zu den Kräutern, noch zu den Bäumen, noch zu den Tieren, noch zu den Schlangen gesagt: Wachset und mehret euch; obwohl all diese ebenso wie die Fische, Vögel oder Menschen durch Zeugung wachsen und ihre Art fortsetzen.

Was soll ich also sagen, o Wahrheit, mein Licht? "Dass es müßig und ohne Bedeutung gesagt wurde?" Nicht so, o Vater der Frömmigkeit, fern sei es von einem Diener Deines Wortes, dies zu sagen. Und wenn ich nicht verstehe, was Du mit diesem Ausspruch meinst, so mögen meine Besseren, das heißt, jene, die mehr Verständnis haben als ich, besseren Gebrauch davon machen, so wie Du, mein Gott, es jedem Menschen zu verstehen gegeben hast. Aber lass auch mein Bekenntnis in Deinen Augen wohlgefällig sein, worin ich Dir bekenne, dass ich glaube, o Herr, dass Du dies nicht umsonst gesprochen hast; noch will ich verschweigen, was diese Lektion mir nahelegt. Denn es ist wahr, und ich sehe nicht, was mich hindern sollte, die bildlichen Aussprüche Deiner Bibel so zu verstehen. Denn ich weiß, dass eine Sache durch körperliche Ausdrücke mannigfaltig bezeichnet wird, die vom Geist auf eine Weise verstanden wird; und dass dasjenige im Geiste mannigfaltig verstanden wird, was durch einen körperlichen Ausdruck auf eine Weise bezeichnet wird. Siehe, die einzige Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten, durch welch mannigfaltige Sakramente und zahllose Sprachen, und in jeder einzelnen Sprache, in welch zahllosen Arten des Sprechens, wird sie körperlich ausgedrückt. So wachsen und mehren sich die Nachkommen der Wasser. Betrachte wiederum, wer auch immer dies liest; siehe, was die Schrift liefert und die Stimme nur auf eine Weise verkündet: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; wird dies nicht mannigfaltig verstanden, nicht durch irgendeine Täuschung des Irrtums, sondern durch verschiedene Arten wahrer Sinne? So wachsen und mehren sich die Nachkommen des Menschen.

Wenn wir daher die Naturen der Dinge selbst betrachten, nicht allegorisch, sondern eigentlich, dann trifft der Ausspruch wachset und mehret euch auf alle Dinge zu, die aus Samen entstehen. Wenn wir aber die Worte als bildlich gesprochen behandeln (was ich eher für die Absicht der Schrift halte, die diese Segnung sicherlich nicht überflüssig nur den Nachkommen der Wassertiere und dem Menschen zuschreibt); dann finden wir, dass die "Menge" sowohl geistigen als auch körperlichen Geschöpfen angehört, wie in Himmel und Erde; und Gerechten und Ungerechten, wie in Licht und Finsternis; und heiligen Autoren, die uns die Diener des Gesetzes waren, wie in dem Firmament, das zwischen den Wassern und den Wassern errichtet ist; und der Gemeinschaft der Menschen, die noch in der Bitterkeit des Unglaubens sind, wie im Meer; und dem Eifer heiliger Seelen, wie in der trockenen Erde; und den Werken der Barmherzigkeit, die zu diesem gegenwärtigen Leben gehören, wie in den Kräutern, die Samen tragen, und in den Bäumen, die Früchte tragen; und den geistigen Gaben, die zur Erbauung dargelegt sind, wie in den Lichtern des Himmels; und den Zuneigungen, die zur Mäßigung geformt sind, wie in der lebendigen Seele. In all diesen Beispielen begegnen wir Mengen, Fülle und Zuwachs; aber was sich derart vermehren und mehren soll, dass eine Sache auf viele Arten ausgedrückt und ein Ausdruck auf viele Arten verstanden werden kann, das finden wir nicht, außer in Zeichen, die körperlich ausgedrückt sind, und in Dingen, die geistig begriffen werden. Durch körperlich ausgesprochene Zeichen verstehen wir die Zeugungen der Wasser, die notwendigerweise durch die Tiefe des Fleisches veranlasst sind; durch geistig begriffene Dinge die menschlichen Zeugungen, aufgrund der Fruchtbarkeit der Vernunft. Und zu diesem Zweck glauben wir, Herr, dass Du zu diesen Arten gesagt hast: Wachset und mehret euch. Denn in diesem Segen, so glaube ich, hast Du uns eine Kraft und eine Fähigkeit verliehen, sowohl auf verschiedene Weise auszudrücken, was wir nur auf eine Weise verstehen, als auch auf verschiedene Weise zu verstehen, was wir nur dunkel überliefert lesen. So werden die Wasser des Meeres erfüllt, die nicht anders als durch verschiedene Bedeutungen bewegt werden: so wird mit menschlichem Zuwachs auch die Erde erfüllt, deren Trockenheit in ihrem Verlangen erscheint, und die Vernunft herrscht über sie.

Ich möchte auch sagen, o Herr, mein Gott, woran mich die folgende Schrift erinnert; ja, ich will es sagen und mich nicht fürchten. Denn ich werde die Wahrheit sagen, da Du selbst mir eingibst, was Du wolltest, dass ich aus jenen Worten verkünde. Aber durch keine andere Eingebung als die Deine glaube ich, die Wahrheit zu sprechen, da Du die Wahrheit bist und jeder Mensch ein Lügner. Wer also eine Lüge spricht, der spricht aus dem Eigenen; damit ich also die Wahrheit spreche, werde ich aus dem Deinen sprechen. Siehe, Du hast uns zur Speise gegeben jedes Kraut, das Samen trägt, welches auf der ganzen Erde ist; und jeden Baum, in dem die Frucht eines Baumes ist, der Samen bringt. Und nicht uns allein, sondern auch allen Vögeln des Himmels und den Tieren der Erde und allem Gewürm; aber den Fischen und den großen Walen hast Du sie nicht gegeben. Nun sagten wir, dass durch diese Früchte der Erde die Werke der Barmherzigkeit bezeichnet und allegorisch dargestellt wurden, die aus der fruchtbaren Erde für die Notdurft dieses Lebens bereitgestellt werden. Eine solche Erde war der fromme Onesiphorus, dessen Hause Du Barmherzigkeit erwiesest, weil er Deinen Paulus oft erquickte und sich seiner Fesseln nicht schämte. So taten auch die Brüder, und solche Frucht brachten sie hervor, die aus Mazedonien ausglichen, was ihm mangelte. Aber wie grämte er sich um manche Bäume, die ihm die schuldige Frucht nicht darbrachten, wo er sagt: Bei meiner ersten Verantwortung stand mir niemand bei, sondern alle verließen mich. Ich bitte Gott, dass es ihnen nicht zugerechnet werde. Denn diese Früchte gebühren solchen, die uns die geistliche Lehre aus ihrem Verständnis der göttlichen Geheimnisse darreichen; und sie gebühren ihnen als Menschen; ja, sie gebühren ihnen auch als der lebendigen Seele, die sich selbst als Beispiel gibt in aller Enthaltsamkeit; und sie gebühren ihnen auch als fliegende Geschöpfe für ihre Segnungen, die auf Erden vermehrt sind, denn ihr Schall ist ausgegangen in alle Lande.

Aber sie werden von diesen Früchten gespeist, die an ihnen Gefallen finden; noch finden jene Gefallen an ihnen, deren Gott ihr Bauch ist. Denn auch bei denen, die sie darbringen, sind die dargebrachten Dinge nicht die Frucht, sondern mit welchem Sinn sie sie darbringen. Wer also Gott diente und nicht seinem eigenen Bauch, bei dem sehe ich deutlich, warum er sich freute; ich sehe es und freue mich mit ihm. Denn er hatte von den Philippern empfangen, was sie durch Epaphroditus zu ihm gesandt hatten: und doch nehme ich wahr, warum er sich freute. Denn worüber er sich freute, davon speiste er; denn, in Wahrheit sprechend, freute ich mich (spricht er) sehr in dem Herrn, dass nun endlich eure Sorge für mich wieder aufgeblüht ist, worin ihr auch besorgt wart, aber es war euch beschwerlich geworden. Diese Philipper waren also nun durch eine lange Mühsal vertrocknet und gleichsam verwelkt, was das Hervorbringen dieser Frucht eines guten Werkes betraf; und er freut sich für sie, dass sie wieder aufblühten, nicht für sich selbst, dass sie seinen Mangel ausglichen. Deshalb fügt er hinzu: Nicht dass ich wegen des Mangels spreche, denn ich habe gelernt, in welchem Zustand ich auch bin, mich darin zu begnügen. Ich weiß, erniedrigt zu sein, und ich weiß, Überfluss zu haben; überall und in allen Dingen bin ich unterwiesen, sowohl satt zu sein als auch zu hungern; sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden. Ich vermag alles durch Den, der mich stärkt.

Worüber freust du dich dann, o großer Paulus? Worüber freust du dich? Wovon speist du, o Mensch, erneuert in der Erkenntnis Gottes, nach dem Bilde dessen, der dich erschuf, du lebendige Seele, von so großer Enthaltsamkeit, du Zunge wie fliegende Vögel, die Geheimnisse spricht? (Denn solchen Geschöpfen gebührt diese Speise;) was ist es, das dich speist? Freude. Hören wir, was folgt: Doch ihr habt wohl daran getan, dass ihr teilhattet an meiner Trübsal. Hierüber freut er sich, davon speist er; weil sie wohl getan hatten, nicht weil seine Bedrängnis gelindert wurde, der zu Dir spricht: Du hast mich weit gemacht, als ich in Bedrängnis war; denn er wusste Überfluss zu haben und Mangel zu leiden in Dir, der Du ihn stärkst. Denn auch ihr Philipper wisst (sagt er), dass am Anfang des Evangeliums, als ich aus Mazedonien abzog, keine Gemeinde mich teilhaben ließ im Geben und Nehmen, als nur ihr allein. Denn auch in Thessalonich sandtet ihr einmal und zweimal für meinen Bedarf. Über diese guten Werke freut er sich nun, dass sie zurückgekehrt sind; und ist erfreut, dass sie wieder aufblühten, wie wenn ein fruchtbares Feld wieder grün wird.

War es für seine eigenen Bedürfnisse, weil er sagte: Ihr sandtet für meinen Bedarf? Freut er sich darüber? Wahrlich nicht darüber. Aber woher wissen wir das? Weil er selbst sogleich sagt: Nicht dass ich das Geschenk begehre, sondern ich begehre die Frucht. Ich habe von Dir, meinem Gott, gelernt, zwischen einem Geschenk und der Frucht zu unterscheiden. Ein Geschenk ist die Sache selbst, die er gibt, der uns diese Notwendigkeiten darreicht; wie Geld, Speise, Trank, Kleidung, Obdach, Hilfe: aber die Frucht ist der gute und rechte Wille des Gebers. Denn der gute Meister sagte nicht nur: Wer einen Propheten aufnimmt, sondern fügte hinzu: im Namen eines Propheten: noch sagte Er nur: Wer einen Gerechten aufnimmt, sondern fügte hinzu: im Namen eines Gerechten. So wahrlich wird der eine den Lohn eines Propheten empfangen, der andere den Lohn eines Gerechten: noch sagt Er nur: Wer einem dieser Kleinen einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt; sondern fügte hinzu: im Namen eines Jüngers: und schließt so: Wahrlich, ich sage euch, er wird seinen Lohn nicht verlieren. Das Geschenk ist, einen Propheten aufzunehmen, einen Gerechten aufzunehmen, einem Jünger einen Becher kalten Wassers zu geben: aber die Frucht, dies im Namen eines Propheten, im Namen eines Gerechten, im Namen eines Jüngers zu tun. Mit Frucht wurde Elia von der Witwe gespeist, die wusste, dass sie einen Mann Gottes speiste, und ihn deshalb speiste: aber durch den Raben wurde er mit einem Geschenk gespeist. Noch wurde der innere Mensch des Elias so gespeist, sondern nur der äußere; welcher auch aus Mangel an jener Speise hätte vergehen können.

Ich will also sagen, was in Deinen Augen wahr ist, o Herr, dass wenn fleischliche Menschen und Ungläubige (zu deren Gewinnung und Einweihung die einleitenden Sakramente und die mächtigen Wirkungen von Wundern notwendig sind, was wir durch den Namen Fische und Wale bezeichnet glauben) die leibliche Erquickung unternehmen oder Deinem Diener sonstwie mit etwas Nützlichem für dieses gegenwärtige Leben beistehen; da sie aber unwissend sind, warum dies zu tun ist und zu welchem Ende; speisen sie weder diese, noch werden diese von ihnen gespeist; weil weder die einen es aus heiliger und rechter Absicht tun; noch die anderen sich an ihren Gaben erfreuen, deren Frucht sie noch nicht schauen. Denn davon wird der Geist gespeist, worüber er sich freut. Und deshalb speisen sich die Fische und Wale nicht von solchen Speisen, die die Erde nicht eher hervorbringt, als bis sie von der Bitterkeit der Meereswellen getrennt und geschieden wurde.

Und Du, o Gott, sahst alles, was Du gemacht hattest, und siehe, es war sehr gut. Ja, auch wir sehen dasselbe, und siehe, alles ist sehr gut. Von den verschiedenen Arten Deiner Werke, als Du gesagt hattest "es werde", und sie wurden, sahst Du jedes, dass es gut war. Siebenmal habe ich es geschrieben gezählt, dass Du sahst, dass das, was Du machtest, gut war: und dies ist das achte Mal, dass Du alles sahst, was Du gemacht hattest, und siehe, es war nicht nur gut, sondern auch sehr gut, da es nun insgesamt war. Denn einzeln waren sie nur gut; aber insgesamt sowohl gut als auch sehr gut. Alle schönen Körper drücken dasselbe aus; weil ein Körper, der aus Gliedern besteht, die alle schön sind, weitaus schöner ist als dieselben Glieder für sich allein, durch deren wohlgeordnete Mischung das Ganze vollendet wird; ungeachtet dessen, dass die Glieder einzeln auch schön sind.

Und ich suchte genau, ob Du sieben- oder achtmal sahst, dass Deine Werke gut waren, wenn sie Dir gefielen; aber in Deinem Sehen fand ich keine Zeiten, wodurch ich hätte verstehen können, dass Du so oft sahst, was Du machtest. Und ich sagte: "Herr, ist nicht diese Deine Schrift wahr, da Du wahr bist und als Wahrheit sie dargelegt hast? Warum sagst Du mir dann: 'dass in Deinem Sehen keine Zeiten sind'; während diese Deine Schrift mir sagt, dass Du, was Du an jedem Tag machtest, sahst, dass es gut war: und als ich sie zählte, fand ich, wie oft." Hierauf antwortest Du mir, denn Du bist mein Gott, und sagst mit starker Stimme Deinem Diener in sein inneres Ohr, meine Taubheit durchbrechend und rufend: "O Mensch, was meine Schrift sagt, sage ich: und doch spricht jene in der Zeit; aber Zeit hat keine Beziehung zu meinem Wort; weil mein Wort in gleicher Ewigkeit mit mir selbst existiert. So sehe ich die Dinge, die ihr durch meinen Geist seht; wie ich die Dinge spreche, die ihr durch meinen Geist sprecht. Und so, wenn ihr jene Dinge in der Zeit seht, sehe ich sie nicht in der Zeit; wie wenn ihr in der Zeit sprecht, spreche ich sie nicht in der Zeit."

Und ich hörte, o Herr, mein Gott, und trank einen Tropfen Süße aus Deiner Wahrheit und verstand, dass es gewisse Menschen gibt, die Deine Werke missbilligen; und sagen, dass Du viele von ihnen durch die Notwendigkeit gezwungen machtest; wie das Gefüge der Himmel und die Harmonie der Sterne; und dass Du sie nicht aus dem machtest, was Dein war, sondern dass sie anderswoher und aus anderen Quellen geschaffen waren, damit Du sie zusammenbrächtest und zusammenfügtest und vereinigtest, als Du aus Deinen besiegten Feinden die Mauern des Universums errichtetest; damit sie, durch die Struktur gebunden, nicht wieder gegen Dich rebellieren könnten. Von anderen Dingen sagen sie, Du hättest sie weder gemacht noch zusammengefügt, wie alles Fleisch und alle sehr kleinen Geschöpfe und was auch immer seine Wurzel in der Erde hat; sondern dass ein Geist, der mit Dir im Feindesbilde steht, und eine andere Natur, nicht von Dir geschaffen und Dir entgegengesetzt, diese Dinge in diesen niederen Stufen der Welt gezeugt und gestaltet habe. Wahnsinnig sind sie, die so sprechen, weil sie Deine Werke nicht durch Deinen Geist sehen, noch Dich in ihnen erkennen.

Aber diejenigen, die diese Dinge durch Deinen Geist sehen, die siehst Du in ihnen. Wenn sie daher sehen, dass diese Dinge gut sind, siehst Du, dass sie gut sind; und was auch immer um Deinetwillen gefällt, das gefällt Dir in ihnen, und was uns durch Deinen Geist gefällt, das gefällt Dir in uns. Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als der Geist Gottes. Nun haben wir (sagt er) nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und ich werde ermahnt: "Wahrlich, was in Gott ist, weiß niemand als der Geist Gottes: wie wissen wir dann auch, was uns von Gott geschenkt ist?" Mir wird geantwortet: "Weil die Dinge, die wir durch seinen Geist wissen, auch diese niemand weiß als der Geist Gottes. Denn wie es denen, die durch den Geist Gottes sprechen sollten, mit Recht gesagt wird: Nicht ihr seid es, die ihr sprecht: so wird es denen, die durch den Geist Gottes wissen, mit Recht gesagt: 'Nicht ihr seid es, die ihr wisst.' Und nicht weniger wird es denen, die durch den Geist Gottes sehen, mit Recht gesagt: 'Nicht ihr seid es, die ihr seht'; so was auch immer sie durch den Geist Gottes als gut sehen, nicht sie sind es, sondern Gott sieht, dass es gut ist." Es ist also eines, wenn ein Mensch meint, das sei schlecht, was gut ist, wie die Vorgenannten; ein anderes, dass ein Mensch sehe, dass das, was gut ist, gut ist (wie Deine Geschöpfe vielen gefallen, weil sie gut sind, denen Du aber dennoch in ihnen nicht gefällst, wenn sie es vorziehen, sie zu genießen, statt Dich); und ein anderes, dass, wenn ein Mensch eine Sache sieht, dass sie gut ist, Gott in ihm sehe, dass sie gut ist, so nämlich, dass Er in dem geliebt werde, was Er machte, der nicht geliebt werden kann, außer durch den Heiligen Geist, den Er gegeben hat. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist: durch den wir sehen, dass alles, was in irgendeinem Maße ist, gut ist. Denn von Ihm ist es, der selbst nicht in einem Maße ist, sondern was Er ist, das ist Er.

Dir sei Dank, o Herr. Wir schauen Himmel und Erde an, ob den körperlichen Teil, den oberen und den unteren, oder das geistige und körperliche Geschöpf; und in der Ausschmückung dieser Teile, aus denen der allgemeine Bau der Welt, oder vielmehr die allgemeine Schöpfung besteht, sehen wir das Licht erschaffen und von der Finsternis geschieden. Wir sehen die Feste des Himmels, sei es jener erste Körper der Welt zwischen den geistigen oberen Wassern und den niederen körperlichen Wassern, oder (da auch dies Himmel genannt wird) jenen Raum der Luft, durch den die Vögel des Himmels wandern, zwischen jenen Wassern, die in Dünsten über ihnen getragen werden und in klaren Nächten als Tau herabträufeln, und jenen schwereren Wassern, die entlang der Erde fließen. Wir schauen ein Antlitz von Wassern, die in den Gefilden des Meeres versammelt sind; und das trockene Land, sowohl leer als auch so gestaltet, dass es sichtbar und wohlgefügt ist, ja, und den Stoff der Kräuter und Bäume. Wir schauen die Lichter, die von oben scheinen: die Sonne, um für den Tag zu genügen, den Mond und die Sterne, um die Nacht zu erheitern; und dass durch all dies die Zeiten gezeichnet und bezeichnet werden sollten. Wir schauen von allen Seiten ein feuchtes Element, erfüllt mit Fischen, Tieren und Vögeln; denn die Grobheit der Luft, welche den Flug der Vögel trägt, verdichtet sich durch die Ausdünstung der Wasser. Wir schauen das Antlitz der Erde, geschmückt mit irdischen Geschöpfen, und den Menschen, erschaffen nach Deinem Bild und Gleichnis, eben durch dieses Dein wahres Bild und Gleichnis (das heißt die Kraft der Vernunft und des Verstandes), gesetzt über alle vernunftlosen Geschöpfe. Und wie es in seiner Seele eine Kraft gibt, die durch Lenkung herrscht, und eine andere, die unterworfen wurde, damit sie gehorche; so wurde für den Menschen, auch körperlich, eine Frau erschaffen, die im Sinn ihres vernünftigen Verstandes eine Gleichheit der Natur haben sollte, im Geschlecht ihres Leibes aber in gleicher Weise dem Geschlecht ihres Mannes untertan sein sollte, wie das Begehren zu handeln bereit ist, die Geschicklichkeit des rechten Handelns aus der Vernunft des Geistes zu empfangen. Diese Dinge schauen wir an, und sie sind einzeln gut und insgesamt sehr gut.

Lass Deine Werke Dich preisen, auf dass wir Dich lieben; und lass uns Dich lieben, damit Deine Werke Dich preisen, die vom Anfang und Ende, Aufgang und Untergang, Wachstum und Verfall, Form und Beraubung der Zeit sind. Sie haben also ihre Abfolge von Morgen und Abend, teils verborgen, teils offenbar; denn sie wurden aus dem Nichts gemacht, durch Dich, nicht aus Dir; nicht aus irgendeinem Stoff, der nicht Dein wäre oder der zuvor war, sondern aus einem mitgeschaffenen Stoff (das heißt, zur selben Zeit von Dir erschaffen), denn seinem Zustand ohne Form gabst Du ohne jeden Zeitabstand Form. Denn da der Stoff des Himmels und der Erde ein Ding ist und die Form ein anderes, machtest Du den Stoff aus dem bloßen Nichts, die Form der Welt aber aus dem Stoff ohne Form: doch beides zusammen, sodass die Form dem Stoff ohne jeden Aufschub folgen sollte.

Wir haben auch untersucht, was Du wolltest, dass es veranschaulicht werde, sei es durch die Schöpfung oder durch das Verhältnis der Dinge in einer solchen Ordnung. Und wir haben gesehen, dass die Dinge einzeln gut sind und zusammen sehr gut, in Deinem Wort, in Deinem Eingeborenen, sowohl Himmel als auch Erde, das Haupt und der Leib der Kirche, in Deiner Vorherbestimmung vor allen Zeiten, ohne Morgen und Abend. Aber als Du begannst, in der Zeit die vorherbestimmten Dinge auszuführen, damit Du verborgene Dinge offenbaren und unsere Unordnungen berichtigen könntest; denn unsere Sünden hingen über uns, und wir waren in die dunkle Tiefe gesunken; und Dein guter Geist wurde über uns getragen, um uns zur rechten Zeit zu helfen; und Du hast die Gottlosen gerechtfertigt und sie von den Bösen geschieden; und Du machtest die Feste der Autorität Deines Buches zwischen denen, die oben platziert waren, die Dir gelehrig sein sollten, und denen darunter, die ihnen untertan sein sollten: und Du versammeltest die Gemeinschaft der Ungläubigen zu einer Verschwörung, damit der Eifer der Gläubigen offenbar werde und sie Werke der Barmherzigkeit hervorbringen könnten, indem sie sogar ihre irdischen Reichtümer an die Armen verteilen, um himmlische zu erlangen. Und danach entzündetest Du gewisse Lichter an der Feste, Deine Heiligen, die das Wort des Lebens haben; und leuchtend mit einer hervorragenden Autorität, hochgesetzt durch geistige Gaben; danach wieder, zur Einweihung der ungläubigen Heiden, brachtest Du aus körperlichem Stoff die Sakramente hervor und sichtbare Wunder und Formen von Worten gemäß der Feste Deines Buches, durch welche die Gläubigen gesegnet und vermehrt werden sollten. Als Nächstes bildetest Du die lebendige Seele der Gläubigen durch Neigungen, die wohlgeordnet sind durch die Kraft der Enthaltsamkeit: und nach diesem hast Du den Verstand, der allein Dir unterworfen ist und keiner menschlichen Autorität nachahmen muss, nach Deinem Bild und Gleichnis erneuert; und Du hast seine vernünftigen Handlungen der Vortrefflichkeit des Verstandes unterworfen, wie die Frau dem Manne; und für alle Ämter Deines Dienstes, die für die Vollendung der Gläubigen in diesem Leben notwendig sind, wolltest Du, dass für ihre zeitlichen Bedürfnisse gute Dinge, die ihnen in der kommenden Zeit fruchtbar sind, von denselben Gläubigen gegeben werden. All dies sehen wir, und sie sind sehr gut, weil Du sie in uns siehst, der Du uns Deinen Geist gegeben hast, durch den wir sie sehen und in ihnen Dich lieben können.

O Herr Gott, gib uns Frieden: (denn Du hast uns alles gegeben;) den Frieden der Ruhe, den Frieden des Sabbats, der keinen Abend hat. Denn all diese überaus schöne Ordnung der Dinge, die sehr gut sind, wird, nachdem sie ihre Läufe vollendet haben, vergehen, denn in ihnen war Morgen und Abend.

Aber der siebte Tag hat keinen Abend, noch hat er einen Untergang; denn Du hast ihn zu einem ewigen Fortbestand geheiligt; dass das, was Du nach Deinen Werken tatest, die sehr gut waren, indem Du am siebten Tag ruhtest, obwohl Du sie in ununterbrochener Ruhe machtest, dass dies die Stimme Deines Buches uns im Voraus verkünde, dass auch wir nach unseren Werken (darum sehr gut, weil Du sie uns gegeben hast), in Dir ebenfalls ruhen werden im Sabbat des ewigen Lebens.

Denn dann wirst Du in uns ruhen, wie Du jetzt in uns wirkst; und so wird das Deine Ruhe durch uns sein, wie dies Deine Werke durch uns sind. Aber Du, Herr, wirkst immer und ruhst immer. Auch siehst Du nicht in der Zeit, noch wirst Du in der Zeit bewegt, noch ruhst Du in einer Zeit; und doch machst Du Dinge, die in der Zeit gesehen werden, ja die Zeiten selbst und die Ruhe, die aus der Zeit hervorgeht.

Wir sehen daher diese Dinge, die Du machtest, weil sie sind: sie sind aber, weil Du sie siehst. Und wir sehen von außen, dass sie sind, und von innen, dass sie gut sind, aber Du sahst sie dort, als sie gemacht wurden, wo Du sie sahst, als sie noch zu machen waren. Und wir wurden zu einer späteren Zeit bewegt, Gutes zu tun, nachdem unsere Herzen Deinen Geist empfangen hatten; aber in der früheren Zeit wurden wir bewegt, Böses zu tun, indem wir Dich verließen; aber Du, der Eine, der gute Gott, hörtest niemals auf, Gutes zu tun. Und auch wir haben einige gute Werke, als Dein Geschenk, aber nicht ewig; nach ihnen vertrauen wir darauf, in Deiner großen Heiligung zu ruhen. Aber Du, der Du das Gute bist, das keines Gutes bedarf, ruhst immer, weil Deine Ruhe Du selbst bist. Und welcher Mensch kann den Menschen lehren, dies zu verstehen? Oder welcher Engel einen Engel? Oder welcher Engel einen Menschen? Lass es von Dir erbeten werden, in Dir gesucht, bei Dir angeklopft werden; so, so wird es empfangen werden, so wird es gefunden werden, so wird aufgetan werden. Amen.

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