DIE TOCHTER VON ANDERSON CROW
von
GEORGE BARR MCCUTCHEON
Autor von Beverly of Graustark, Jane Cable etc.
Mit Illustrationen von B. Martin Justice
New York Dodd, Mead and Company
1907
INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL I. ANDERSON CROW, DETEKTIV II. DIE VERFOLGUNG BEGINNT III. DIE ÜBELTÄTER IV. ANDERSON BERICHTIGT EINEN IRRTUM V. DAS BABY AUF DER TÜRMATTE VI. NACHDENKEN UND SCHLUSSFOLGERN VII. DER GEHEIMNISVOLLE BESUCHER VIII. EINIGE JAHRE VERGEHEN IX. DIE KÖNIGIN DES DORFES X. ROSALIE HAT EIGENE PLÄNE XI. ELSIE BANKS XII. DER BUCHSTABIERWETTBEWERB XIII. EINE SENSATION IN TINKLETOWN XIV. EIN FALL VON VERWECHSLUNG XV. ROSALIE VERSCHWINDET XVI. DAS SPUKHAUS XVII. WICKER BONNER, HARVARD XVIII. DIE MÄNNER IM SCHLITTEN XIX. BEI DEN ENTFÜHRERN XX. IN DER HÖHLE XXI. DIE FALLTÜR XXII. JACK, DER RIESENTÖTER XXIII. TINKLETOWNS KRAMPF XXIV. DIE FLUCHT DER ENTFÜHRER XXV. WENN DAS HERZ ÄLTER WIRD XXVI. DIE LINKE HERZKAMMER XXVII. DAS HÖHNISCHE GRINSEN XXVIII. DIE AUGEN DES BLINDEN XXIX. DER GEHEIMNISVOLLE FRAGER XXX. DER ZUGRAUB AUF DER HEMISPHERE-LINIE XXXI. "WIE ES EUCH GEFÄLLT" XXXII. DAS GLÜCK DES ANDERSON CROW XXXIII. BILL BRIGGS ERZÄHLT EINE GESCHICHTE XXXIV. ELSIE BANKS KEHRT ZURÜCK XXXV. DIE GESCHICHTE WIRD ERZÄHLT XXXVI. ANDERSON CROWS RÜCKTRITT
ILLUSTRATIONEN
Anderson Crow (Frontispiz)
"„Zumindest für ein oder zwei Minuten sicher“, flüsterte er"
"Ein Baby, lebendig und warm, lag in die Decken gewickelt"
"Der September brachte Elsie Banks"
"Die Lehrerin war an diesem ereignisreichen Abend erstaunlich hübsch"
"„Was soll das alles bedeuten?“"
Das Spukhaus
Wicker Bonner
"Rosalie war der riesigen Frau nicht gewachsen"
"Sie wich vor einem weiteren Schlag zurück, der bevorzustehen schien"
"Überließ den jungen Mann der Obhut einer ausgezeichneten Krankenschwester"
"„Ich glaube, ich verstehe, Rosalie“"
"„Ich bitte um Verzeihung“, sagte er demütig"
"Es war eine weise, diskrete alte Eiche"
"Das riesige Automobil war auf die ausgespülte Stelle gefahren"
KAPITEL I
Anderson Crow, Detektiv
Er wirkte imposant, selbst in seiner Nachdenklichkeit. Es ließ sich nicht leugnen, dass er eine bedeutende Persönlichkeit in Tinkletown war, und für die Bewohner von Tinkletown bedeutete das eine ganze Menge, denn war ihr Dorf nicht ein ewiges Denkmal für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg? Selbst die allgemeinsten Historiker sahen sich gezwungen, der Schlacht von Tinkletown zumindest einen Absatz zu widmen, während einige der Aufgeklärteren ihr eine ganze Seite und ein Bild des Konflikts widmeten, der den verschlafenen Bewohnern Ruhm brachte, deren Vorfahren einst unternehmungslustig genug gewesen waren, eine ganze Kompanie britischer Rotröcke auszulöschen.
Trotz alledem bemerkte einmal ein besonders unangenehmer Besucher aus der Stadt im Beisein eines halben Dutzend Nachkommen (nachdem er zwanzig Minuten lang auf dem Postamt auf Briefmarken im Wert von zehn Cent gewartet hatte), dass Tinkletown zwar ein Denkmal sei, er aber nicht verstehen könne, warum man die Toten nicht begraben habe. Es gab allen Grund für Empörung, doch der junge Mann und seine Briefmarken waren längst über alle Berge, bevor die volle Wucht der Verleumdung in die Gehirne der Zuhörer gedrungen war.
Anderson Crow war so imposant und so schroff wie der höchste Marmorpfeiler auf dem kleinen Friedhof am Rande der Stadt. Niemand stellte seine Macht und Autorität in Frage, niemand unterschätzte seine Statur, und niemand übersah seine Würde. Achtundzwanzig Jahre lang hatte er Tinkletown und sich selbst in der dreifachen Funktion als Dorfpolizist, Feuerwehrchef und Straßenkommissar gedient. Er hatte ein Regierungssystem, das ihm ganz eigen war; und niemand besaß das Herz oder die Tollkühnheit, es umzustürzen, ungeachtet etwaiger politischer Anreize. Es wäre so, als würde man versuchen, die Naturgesetze zu verbessern, wenn man einen neuen Mann an seine Stelle setzte. Er war zu einem Inventarstück geworden, das nur die Auflösung entfernen konnte. Es sei jedoch gesagt, dass die „Auflösung“ nicht ihre allgemeine und akzeptierte Bedeutung hatte, wenn sie auf Anderson Crow angewandt wurde. Zum Beispiel äußerte Anderson bei der Erörterung der abscheulichen Gewohnheiten des verwahrlosesten Taugenichts der Stadt – Alf Reesling – mehr als einmal die Meinung, dass „er seine Auflösung nun wirklich zu weit treibe“.
Und war Anderson Crow nicht zu mehr als lokaler Bedeutung aufgestiegen? War sein Ruhm nicht in die Welt hinausgetragen worden? Er war nicht nur der Marschall von Tinkletown mit einem Gehalt von 200 Dollar im Jahr, sondern auch Präsident der Vereinigung der Pferdediebstahlsdetektive des Bezirks sowie ein lebenslanger Delegierter zum Staatskonvent der Söhne der Revolution. In diesem Zusammenhang sei hinzugefügt, dass jeder Elternteil in Tinkletown die Geburt einer Tochter beklagte, weil dieser einfache Umstand der Herkunft das Mitgliederverzeichnis der Gesellschaft um einen neuen Namen brachte.
Anderson Crow hatte im Alter von neunundvierzig Jahren eine stolze offizielle Bilanz hinter sich und eine garantierte Zukunft vor sich. Zweifellos war es daran, woran er dachte, als er nachdenklich gegen die Anbindestange der Stadt lehnte und vorsichtig auf dem Grashalm kaute, der unter den Kinnhaaren baumelte, die ihn schon seit zwanzig Jahren begleiteten. Der weltfremde Ausdruck in seinen wässrig-blauen Augen zeugte davon, dass er in der Rückschau ebenso groß war wie in seiner Person. So erfolgreich war seine Karriere als Bewahrer des Gesetzes, dass in den letzten Jahren kein Übeltäter mehr den Mut besessen hatte, seinen schändlichen Machenschaften in der Gemeinde nachzugehen. Der Stadttrunkenbold, Alf Reesling, erschien nur selten in seinem üblichen Zustand auf den Straßen, weil er, wie er kläglich bemerkte, bei einer Verhaftung und Einsperrung wegen „krimineller Nachlässigkeit“ belangt werden würde, wenn schon nicht wegen etwas anderem. Der Ruhm des Marschalls als Detektiv war längst aus den engen Grenzen von Tinkletown entflohen. Er war am Bezirkssitz wohlbekannt, und bei nicht weniger als drei Gelegenheiten war sein Name in den Zeitungen der „Großstadt“ in Verbindung mit der Verhaftung berüchtigter Pferdediebe erwähnt worden.
Und nun bebte die ganze Stadt vor neuer Aufregung, die der Anerkennung ihres dreifachen Beamten geschuldet war. Am Montagmorgen war er aus seinem Büro im längst verlassenen „Knast“ hervorgetreten, strahlend mit einem brandneuen, vernickelten Stern. Bis zum Mittag wusste jeder in der Stadt, dass er ein echter „Detektiv“ war, ein Mitglied der großen Organisation, die als New York Imperial Detective Association bekannt ist; und dass Tinkletown durch die Vermittlung einer Generation nach der Revolution diese neue Ehre zuteilgeworden war. Das Schöne daran war, dass Anderson kein bisschen seiner Gelassenheit verlor, wenn er erklärte, wie die Vereinigung ihn angefleht hatte, sich ihren Kräften anzuschließen, und sogar so weit gegangen war, ihn zu drängen, nach New York City zu kommen, wo er bei all ihren großen Operationen assistieren und beraten könne. Und außerdem hatte er nur zehn Dollar Mitgliedsbeitrag zahlen müssen, abgesehen vom Kauf des leuchtenden Sterns für die lächerliche Summe von drei Dollar und fünfundzwanzig Cents.
Jeder Passant bot an diesem hellen Frühlingsmorgen ein respektvolles „Hallo“ an Anderson Crow, dessen einzige Anerkennung ein langsames und imposantes Nicken des Kopfes war. Nur einmal sah er sich gezwungen, seine nachdenkliche Haltung aufzugeben, und das war, als eine unverschämte Schmeißfliege versuchte, sich für einen kurzen Moment auf dem vernickelten Stern auszuruhen. Nie war eine Schmeißfliege energischer in die Flucht geschlagen worden.
Doch selbst während der Pooh-Bah von Tinkletown in ruhender Vorherrschaft posierte, stürzten epochemachende Angelegenheiten auf ihn zu. Hoch oben im klaren, faulen Himmel bereitete sich ein Donnerkeil darauf vor, in das Herz von Tinkletown und direkt auf das Haupt von Anderson Crow zu stürzen.
Später wurde von aufmerksamen Bürgern daran erinnert, dass kurz vor Mittag – sieben Minuten vor zwölf, um genau zu sein – eine kleine Wolke, nicht größer als die sprichwörtliche Hand, eilig die Sonne überquerte, als hätte sie Angst zu verweilen. In genau diesem Augenblick fuhr ein Fremder an die Anbindestange und brachte sein schweißbedecktes Pferd so abrupt vor der Nase des Marschalls zum Stehen, dass der Hut des Würdenträgers nach hinten fiel.
„Hü!“ kam klar und unmissverständlich von den Lippen des Fremden, der die Zügel hielt. Ein halbes Dutzend Faulenzer auf den Stufen des Postamts waren sich sicher, dass er nichts weiter sagte, eine Tatsache, an die man sich später erinnerte.
„Hier!“, rief Anderson Crow zornig. „Wissen Sie, was Sie da tun, verdammt noch mal?“
„Ich bitte um Verzeihung“, hörte jeder, der in Hörweite war, den jungen Mann sagen. „Ist das die Stadt Tinkletown?“ Er sagte „Stadt“, darauf konnten sie schwören, jeder einzelne von ihnen.
„Ja, das ist sie“, antwortete der Marschall streng. „Was ist damit?“
„Das ist alles. Ich wollte es nur wissen. Wo ist der Laden?“
„Welcher Laden?“, fragte er ziemlich gereizt. Der Fremde schien dadurch verwirrt.
„Haben Sie mehr als – ach, natürlich. Ich meinte, wo ist der nächste Laden?“, entschuldigte sich der Fremde.
„Nun, das ist ein gutes Stück, würde ich sagen“, sagte Mr. Crow lakonisch und deutete auf das Postamt und den Gemischtwarenladen.
„Wären Sie so gut, mein Pferd zu halten, während ich für eine Minute hineinlaufe?“, fragte der Neuankömmling in der Stadt ruhig und sprang leichtfüßig aus dem schlammbedeckten Buggy. Anderson Crow schwankte fast unter dieser Unverschämtheit. Die Menge japste und wartete dann atemlos auf den vernichtenden Prozess.
„Warum – warum, verflucht noch mal, mein Herr, was halten Sie mich für – einen Anbindepfosten?“, explodierte es auf den Lippen des neuen Detektivs. Sein Gesicht war flammend rot.
„Sie müssen mich entschuldigen, mein guter Mann, aber ich dachte, ich hätte eine Anbindestange gesehen, als ich heranfuhr. Ah, hier ist sie. Wie unachtsam von mir. Aber sagen Sie, ich werde nicht länger als eine Sekunde im Laden sein, und es lohnt sich nicht, den alten Klepper anzubinden. Wenn Sie nur kurz auf ihn – oder sie – aufpassen könnten, wäre ich Ihnen sehr verbunden, und –“
„Passen Sie auf Ihr eigenes Pferd auf“, brüllte der Marschall donnernd.
„Werden Sie nicht gleich muffig“, rief der junge Mann fröhlich. „Es wird Ihnen ein Vierteldollar wert sein.“
„Wissen Sie, wer ich bin?“, verlangte Anderson Crow zu wissen, dessen Ziegenbart sich vor Zorn bis in die Wurzeln violett färbte.
„Ja, mein Herr; ich weiß es sehr wohl, aber ich weigere mich, es preiszugeben. Hier, nehmen Sie das Gebiss, alter Junge, und halten Sie Dobbin für etwa anderthalb Minuten“, fuhr der Fremde rücksichtslos fort; und bevor Anderson Crow wusste, wie ihm geschah, hielt er tatsächlich den schnaubenden Klepper am Gebiss. Der junge Mann nahm die Stufen drei auf einmal und stieß dabei fast Onkel Gideon Luce um, der nicht so flink wie die anderen gewesen war, um ihm aus dem Weg zu gehen. Die Menge hatte reichlich Zeit, das Gesicht, die Kleidung und das Gebaren dieses energischen jungen Mannes zu studieren.
Dass er aus der Stadt stammte, gut aussah und gut gekleidet war, daran gab es keinen Zweifel. Er war groß und sein Gesicht war unrasiert; das konnte man auf einen Blick sehen. Irgendwie schien er die ganze Zeit zu lachen – eine Tatsache, an die man sich später mit einer gewissen Überraschung und nicht ohne Entsetzen erinnerte. Zu der Zeit hielten die Faulenzer sein Lächeln für ein fröhliches, doch später beharrten sie darauf, dass in dem Grinsen regelrechte Schurkerei gelegen habe. Sein Mantel war sehr staubig, was bewies, dass er weit und schnell gefahren war. Drei oder vier der Faulenzer folgten ihm in den Laden. Er stand vor dem Tresen, über den Mr. Lamson sein Sodawasser servierte. In der einen Hand hielt er einen Umschlag und in der anderen seinen Strohhut. George Ray, der aufmerksamer war als der Rest, bemerkte, dass er sich mit dem Hut energisch Luft zufächelte.
„Ein einfaches Vanille – bitte beeilen Sie sich“, befahl der Fremde. Mr. Lamson, wenn möglich noch langsamer als die Stadt selbst, zeigte tatsächlich unverkennbare Anzeichen einer Beschleunigung. Nachdem er das Soda hinuntergestürzt hatte, trocknete der Fremde seine Lippen mit einem weiß gesäumten blauen Taschentuch. „Ist das hier das Postamt?“, fragte er.
„Jep“, sagte Mr. Lamson, der zu geizig war, um Worte zu verschwenden.
„Ist etwas für mich da?“, verlangte der Neuankömmling zu wissen.
„Ich werde nachsehen“, sagte der Postmeister und fing aus Gewohnheit an, den Stapel Briefe durchzusehen, ohne nach dem Namen des Mannes zu fragen. Mr. Lamson kannte jeden im Landkreis.
„Nichts da“, sagte er und nahm schlüssig seine Brille ab.
„Ich dachte mir schon, dass nichts da ist“, sagte der andere gelassen. „Geben Sie mir eine Flasche Hamamelis, eine Packung unsichtbare Haarnadeln und eine Schachtel Wohnzimmerstreichhölzer. Schnell, ich habe es eilig!“
„Sagten Sie Hutnadeln?“
„Nein, mein Herr; ich sagte Haarnadeln.“
„Wir haben keine, die nicht sichtbar sind. Wie wäre es mit Sicherheitsnadeln?“
„Schon gut, geben Sie mir die Flasche und die Streichhölzer“, sagte der andere und warf einen Blick auf eine sehr schöne goldene Uhr. „Hält der alte Mann immer noch mein Pferd?“, rief er einem Bürger in der Nähe der Tür zu. Sieben Hälse streckten sich gleichzeitig, um ihm zu Willen zu sein, und sieben Stimmen antworteten bejahend. Der Fremde öffnete ruhig die Schachtel mit den Streichhölzern, füllte sein silbernes Etui und warf dann die Schachtel zurück auf den Tresen, ein unerhörtes Stück Verschwendung in diesen Gegenden. „Sie brauchen die Flasche nicht einzuwickeln“, sagte er.
„Interessieren Sie diese Streichhölzer nicht?“, fragte Mr. Lamson mit milder Überraschung.
„Ich stifte sie der Kirche“, sagte der andere, warf eine Münze auf den Tresen und stürmte aus dem Laden. Die Menge ebte hinter ihm her. „Sanft wie ein Lamm, nicht wahr?“, rief er Anderson Crow zu, der immer noch das Gebiss umklammerte. „Vielen Dank, mein Herr; ich werde eines Tages dasselbe für Sie tun. Wenn Sie jemals in New York sind, suchen Sie mich auf, und ich werde dafür sorgen, dass Sie eine gute Zeit haben. Welche Straße nehme ich nach Crow's Cliff?“
„Biegen Sie hier links ab“, sagte Anderson Crow, bevor er nachdachte. Dann schimpfte er sich einen Narren, weil er dem Kerl so gefällig war.
„Wie weit ist es von hier?“
„Eineinhalb Meilen“, antwortete Mr. Crow wieder hilflos. Diesmal fluchte er fast leise vor sich hin.
„Aber er kommt dort nicht hin“, meldete sich einer der Umstehenden zu Wort.
„Warum kommt er dort nicht hin?“, verlangte der Marschall zu wissen.
„Die Brücke über den Turnip Creek ist weggeschwemmt. Haben Sie das vergessen?“
„Natürlich nicht“, antwortete Mr. Crow prompt, der es vergessen hatte; „Aber verdammt noch mal, er kann doch schwimmen, oder?“
„Sie sagen, die Brücke ist weg?“, fragte der Fremde sichtlich aufgeregt.
„Ja, und der Bach führt auch zu viel Wasser, um hindurchzufahren.“
„Nun, wie zum Teufel soll ich nach Crow's Cliff kommen?“
„Es gibt eine weitere Brücke vier Meilen flussaufwärts. Die steht noch“, sagte George Ray. Anderson Crow hatte sich verächtlich von der Angelegenheit distanziert.
„Verfluchtes Glück! Ich habe keine Zeit, so weit zu fahren. Ich muss um halb eins dort sein. Ich bin jetzt schon zu spät! Gibt es keinen Weg, über diesen elenden Bach zu kommen?“ Er saß jetzt im Buggy, die Peitsche in der Hand, und seine Augen zeigten einen ängstlichen Ausdruck. Einige der Männer schworen später, dass er regelrecht erschrocken aussah.
„Es gibt einen Baumstamm als Fußgängerbrücke, da können Sie hinübergehen, aber Sie bekommen Pferd und Buggy nicht hinüber“, sagte einer der Männer.
„Nun, das ist genau das, was ich tun muss. Sagen Sie, Herr Beamter, wie wäre es, wenn Sie mich zum Bach fahren und dann das Pferd zurück in einen Pferdestall bringen? Ich werde Sie gut dafür bezahlen. Ich muss in fünfzehn Minuten in Crow's Cliff sein.“
„Ich bin kein Laufbursche!“, rief Anderson Crow so zornig, dass zwei oder drei Jungen kicherten.
„Sie sind ein verdammt alter Griesgram, das sind Sie!“, rief der Fremde wütend. Alle japsten, und Mr. Crow schwankte zurück gegen die Anbindestange.
„Hören Sie mal, junger Mann, nichts da!“, spuckte er. „So können Sie nicht mit einem Beamten des Gesetzes reden. Ich werde –“
„Sie werden gar nichts tun, hören Sie? Aber wenn Sie wüssten, wer ich bin, würden Sie verdammt schnell etwas tun.“ Ein Dutzend Männer hörten ihn das sagen, und sie merkten es sich Wort für Wort.
„Kratzen Sie sich doch selbst!“, erwiderte Anderson Crow verächtlich. Das sollte eine schreckliche Herausforderung sein, doch der Fremde nahm keine Notiz davon.
„Was soll ich mit diesem Pferd und Buggy machen?“, brummte er halb zu sich selbst. „Ich habe das verdammte Ding in Boggs City glatt gekauft, nur weil der Stallbesitzer mich nicht kannte und mir kein Gespann leihen wollte. Jetzt nehme ich wohl den alten Klepper mit zum Bach und ertränke ihn, um ihn loszuwerden.“
Niemand widersprach. Er sah ein bisschen gefährlich aus mit seinen breiten Schultern und dem kantigen Kinn.
„Was geben Sie mir für das Gespann, Pferd, Buggy, Geschirr und alles? Ich verkaufe billig, wenn jemand ein schnelles Angebot macht.“ Die Umstehenden sahen sich ratlos an, und schließlich fiel der konzentrierte Blick auf den Pooh-Bah der Stadt. Der Fall schien einer zu sein, der seine Aufmerksamkeit erforderte; wahrlich, dieses erstaunliche Angebot sah nicht nach öffentlichem Eigentum aus.
„Was sind Sie so verdammt darauf erpicht zu verkaufen?“, verlangte Anderson Crow zu wissen, während er aus der Ferne lauschte, um festzustellen, ob er einen Mangel bei der Atmung des Pferdes entdecken konnte. Auf den ersten Blick sah der Buggy sicher genug aus.
„Ich bin darauf erpicht, für Bargeld zu verkaufen“, antwortete der Fremde; und Anderson war baff. Der Junge, der diesmal kicherte, hatte Grund dazu, es zu bereuen, denn Mr. Crow verhaftete ihn eine halbe Stunde später, weil er ein Blasrohr trug. „Ich habe in Boggs City hundert Dollar für das Gespann bezahlt“, fuhr der Fremde nervös fort. „Macht jemand ein Angebot – und schnell! Ich bin in Eile!“
„Ich gebe fünf Dollar!“, sagte einer der Zuschauer mit einem entschuldigenden Lachen. Das war das Streichholz, das das Feuer in den sparsamen Köpfen der besten Bürger von Tinkletown entfachte. Bevor sie es wussten, boten sie mit dem wahren „Pferdehändler“-Instinkt gegeneinander, und die Angebote hatten 21,25 Dollar erreicht, als der Fremde den Verkauf kurzerhand beendete, indem er rief: „Verkauft!“ Es lässt sich nicht sagen, wie hoch die Gebote hätten gehen können, wenn er eine halbe Stunde oder so hätte warten können. Onkel Gideon Luce sagte später, dass er „genauso gut“ vierundzwanzig Dollar hätte haben können. Sie überboten sich jeweils um einen Vierteldollar, und niemand schien aussteigen zu wollen. Der erfolgreiche Bieter war Anderson Crow.
„Sie können mich bezahlen, während wir losfahren. Springen Sie rein!“, rief der Fremde und blickte mit ziemlicher Aufregung auf seine Uhr. „Alles, was ich verlange, ist, dass Sie mich zum Baumstamm fahren, der den Bach überquert.“
KAPITEL II
Die Verfolgung beginnt
Fünfzehn Minuten später paradierte Anderson Crow stolz durch die Stadt. Er hatte den Fremden zum Bach gebracht und ihn über den Stamm zur gegenüberliegenden Seite eilen sehen, ausgestattet mit einer Wegbeschreibung, die ihn auf der kürzesten Route durch die Sümpfe und das Waldland nach Crow's Cliff führen würde. Der Fremde hatte Andersons Geld in der Tasche; doch Anderson hatte ein sehr ansehnliches Gespann, das er dafür vorweisen konnte. Seine Frau hielt ihm das Mittagessen bis zwei Uhr warm und schickte dann den jüngsten Crow hinaus, um ihrem Vater zu sagen, dass er bis zum Abendessen hungern müsse.
Es ist kein Wunder, dass Anderson es nicht schaffte, rechtzeitig zum Mittagessen nach Hause zu kommen. Er machte sich zwar ordentlich genug auf den Heimweg, aber welchen Fortschritt konnte er schon machen, wenn ihn jeder in der Stadt anhielt, um sich nach dem bemerkenswerten Geschäft zu erkundigen und einen Blick auf den Kauf zu werfen. Ohne eine einzige Gegenstimme sagte Tinkletown, Anderson habe bei weitem das „beste Geschäft“ gemacht. George Ray meinte es gut, als er sagte: „Ein Narr für das Glück“, doch er musste den Witz gründlich erklären, bevor der stolze Mr. Crow sich als besänftigt betrachten konnte.
Erst als er vor dem Gebäude des Weekly Banner vorfuhr, um dem Reporter „die Neuigkeit“ mitzuteilen, erhielt seine Gelassenheit ihren ersten Dämpfer. Er war ziemlich stolz auf das Geschäft, und darüber hinaus genoss er es, seinen Namen in der Zeitung zu sehen. In der Zwischenzeit diskutierte fast jeder in Tinkletown über die schreckliche Verschwendung des Fremden. Niemand war auf die Idee gekommen, sich zu fragen, warum er es so eilig gehabt hatte, Crow's Cliff zu erreichen, einen wilden, trostlosen Ort flussabwärts.
„Der Gaul allein ist locker fünfzig Dollar wert“, meldete sich Mr. Crow triumphierend zu Wort. Der Detektivabzeichen auf seiner geschwellten Brust schien vor Vergnügen zu funkeln.
„Sagen Sie, Anderson, ist es nicht ein bisschen komisch, dass er so billig verkauft hat?“, fragte Harry Squires, der Lokalreporter und Drucker.
„Was ist damit?“, verlangte Anderson Crow scharf zu wissen.
„Glauben Sie, es ist wirklich wahr, dass er den Gaul in Boggs City gekauft hat?“, fragte der Skeptiker. Mr. Crow bewegte seine Kautabakportion hilflos für ein oder zwei Minuten im Mund. Er konnte spüren, wie er blass wurde.
„Er hat es gesagt; reicht das nicht?“, schaffte er es zu poltern.
„Es scheint gereicht zu haben“, antwortete Harry, der zwei Jahre lang die Abendschule in Albany besucht hatte.
„Nun, was zum Teufel reden Sie dann?“, rief Anderson Crow und trieb das Pferd an.
„Ich wette drei Dollar, dass es ein gestohlenes Gespann ist!“
„Gehen Sie zum Teufel!“, schrie Anderson, aber sein Herz war kalt. Etwas sagte ihm, dass Harry Squires recht hatte. Er fuhr in einem Zustand schrecklicher Ungewissheit und Bedrängnis nach Hause. Irgendwie war sein Enthusiasmus verflogen.
„Verdammt!“, sagte er ohne Grund, während er das Pferd im Stall losband.
„Hey, Mr. Crow!“, rief eine schrille Stimme von der Straße. Er sah auf und sah einen kleinen Jungen angerannt kommen.
„Was ist los, Toby?“, fragte Mr. Crow, ganz zitternd. Er wusste es!
„Sie haben gerade einen Anruf aus Boggs City bekommen“, keuchte der Junge, „runter zum Büro vom Banner. Harry Squires sagt, Sie sollen schnell kommen – mit Buggy und allem. Es ist gestohlen worden.“
„Guter Gott!“, keuchte Anderson. Sein Abzeichen tanzte vor seinen Augen und schien dann zu schrumpfen.
Eine ziemliche Menschenmenge hatte sich vor dem Büro des Banner versammelt. Es herrschte plötzliche Stille, als der Marshal vorfuhr. Selbst das Pferd spürte die Intensität des Augenblicks. Es scheute vor einem Hund zurück, trat dann gegen das Armaturenbrett, brachte Anderson Crows spärliche Würde ins Wanken und tat beinahe dasselbe mit dem Gefährt.
„Du bist ein feiner Detektiv!“, höhnte Harry Squires; und der arme alte Anderson hasste ihn von da an für immer.
„Was hast du gehört?“, verlangte der Marshal zu wissen.
„Es gab einen schrecklichen Mord in Boggs City, das ist alles. Der Polizeichef hat uns gerade angerufen, dass ein Farmer namens Grover tot in einem Graben direkt außerhalb der Stadt gefunden wurde – durch den Kopf geschossen, seine Taschen durchwühlt. Es ist bekannt, dass er sich auf den Weg in die Stadt gemacht hatte, um vierhundert Dollar Schweinegeld auf der Bank einzuzahlen. Das Geld fehlt, ebenso wie sein Pferd und sein Buggy. Ein junger Kerl wurde heute Morgen in der Gegend gesehen – ein Fremder. Die Beschreibung des Chefs entspricht dem Mann, der dir das Gespann verkauft hat. Es ist bekannt, dass der Mörder in diese Richtung gefahren ist. Leute haben ihn fast im Galopp davonreiten sehen.“
Es erübrigt sich zu sagen, dass Tinkletown vor Aufregung völlig aus dem Häuschen war. Die gesamte Bevölkerung war bald beim Postamt, und jeder versuchte, Anderson Crow mit Verstand zu versorgen. Er hatte seinen eigenen verloren.
„Wir müssen diesen Kerl schnappen“, beschloss der Marshal schließlich. Es herrschte totenstille.
„Er hat eine Pistole“, wagte jemand einzuwerfen.
„Woher willst du das wissen?“, fragte Mr. Crow scharf. „Hast du sie gesehen?“
„Er kann diesen Kerl nicht ohne eine Waffe getötet haben.“
„Das ist ein Fakt“, stimmte Anderson Crow zu. „Nun, wir müssen ihn auf jeden Fall kriegen. Ich rufe zu Freiwilligen auf! Wer schließt sich mir bei der Suche an?“, rief der Marshal tapfer.
„Ich hasse es, ihm nach Crow’s Cliff zu folgen“, sagte George Ray. „Es ist ein einsamer Ort, und zwischen all den Bäumen und Felsen ist es so dunkel wie die Nacht.“
„Es ist unsere Pflicht, ihn zu fangen. Er ist ein Verbrecher, und außerdem hat er einen Mann getötet“, sagte Crow streng.
„Und er hat einundzwanzig Dollar von deinem Geld“, fügte Harry Squires hinzu. „Ich gehe mit dir, Anderson. Ich habe einen Revolver.“
„Pass auf da!“, brüllte Anderson Crow. „Das verdammte Ding könnte losgehen!“, fügte er hinzu, als der Reporter einen glänzenden Sechsschüsser aus seiner Tasche zog.
Das Beispiel, das ein mutiger Mann gab, hatte seinen Einfluss auf die Menge. Ein Dutzend oder mehr meldeten sich freiwillig, ungeachtet der Einwände ihrer Ehefrauen, und es dauerte nicht lange, bis Anderson Crow seine bunte Truppe von Spürhunden den Weg hinunter zum Holzsteg führte, über den der Desperado eine Stunde zuvor gegangen war.
Es war zu Beginn der Menschenjagd, dass verschiedene Bürger sich an bestimmte Handlungen und Eigenschaften des Fremden erinnerten, die sie von Anfang an misstrauisch gemacht hatten. Sein verschwenderischer Umgang mit der Schachtel Streichhölzer erschien den meisten als leichtsinniges Draufgängertum; seine Eile, seine Unruhe und ein einzelner Vorfall von leichtem Fluchen verrieten anderen seine Bösartigkeit. Ein Mann war sich sicher, die Uhrenkette des Fremden im Besitz von Farmer Grover gesehen zu haben; und ein anderer sah etwas Schwarzes an seinem Daumen, von dem er sich nun erinnerte, dass es ein Pulverfleck war.
„Mir sind all diese Dinge aufgefallen“, versicherte Anderson Crow, wieder einmal souverän.
„Aber was um Himmels willen wollte er mit diesen Haarnadeln?“, erkundigte sich George Ray.
„Nicht wichtig“, sagte Anderson geheimnisvoll. „Das wirst du schon bald herausfinden.“
„Weißt du es denn, Anderson?“, fragte jemand.
„Natürlich weiß ich das“, antwortete der Marshal hochnäsig.
„Nun, wofür waren sie dann?“
„Ich verrate keine Hinweise. Warte einfach eine Weile ab und schau, ob ich nicht recht habe.“
Und sie waren überzeugt, dass der Detektiv alles darüber wusste. Nachdem sie den Holzsteg überquert hatten, war die Gruppe geteilter Meinung, welche Richtung sie einschlagen sollte. Der Marshal sagte, der Mann sei nach Südosten gelaufen, aber aus unerfindlichen Gründen wollten eine ganze Reihe der Verfolger ihn im Nordwesten suchen. Schließlich wurde beschlossen, sich in Zehner-Trupps aufzuteilen, die sich alle so bald wie möglich bei Crow’s Cliff treffen sollten. Es gab genug doppelläufige Schrotflinten in der Gruppe, um eine Piratencrew zu besiegen.
Nach einer Stunde erreichten Anderson Crow und seine Delegation den schmalen Pfad, der zum Gipfel von Crow’s Cliff führte. Sie waren inzwischen sehr mutig geworden. Ein kleiner Junge erzählte ihnen, er habe den Flüchtigen um die Mittagszeit „genau da gesehen, wo ihr Kerle jetzt steht“.
„Hatte er Blut an sich?“, verlangte Anderson Crow zu wissen.
„Nein, Sir; nicht, es sei denn, es war unter seiner Kleidung.“
„Hat er irgendwas zu dir gesagt?“
„Er hat mich gefragt, wo dieser Pfad hinführt.“
„Seht ihr das, meine Herren!“, rief Anderson. „Ich wusste, dass ich recht hatte. Er wollte –“
„Nun, wo ist er hingegangen?“, verlangte Harry Squires zu wissen.
„Ich sagte, er führt zum Gipfel der Klippe. Und dann sagte er: ‚Wie kommt man zum Fluss?‘ Ich sagte ihm, er solle diesen Seitenpfad hier nehmen und um den Fuß des Hügels herumgehen.“
„Ist er nicht die Klippe hinaufgegangen?“, verlangte der Marshal zu wissen.
„Nein, Sir.“
„Nun, was zum Teufel hat er mich gefragt, wo die Klippe ist, wenn er –“
„Also ist er zum Fluss gegangen, was?“, unterbrach ihn Squires. „Kommt, Männer; er ist durch dieses Gestrüpp und das Tiefland gegangen.“
„Er hat sich wohl verlaufen“, warf der Junge ein.
„Was!“
„Weil er mich angeschrien hat, nachdem er ein Stück gegangen war, und gefragt hat – und gefragt hat –“ Der Junge hielt unsicher inne.
„Gefragt was?“
„Er hat mich gefragt, wo zur H---- der Pfad sei.“
„Beim Kuckuck, das ist er, ganz genau!“, rief Mr. Crow aufgeregt.
„Und dann sagte er, er würde mir einen Quarter geben, wenn ich ihm den Weg zeige; also habe ich –“
„Hat er dir den Quarter gegeben?“, fragte einer der Männer.
„Ja. Er hatte ein Geldbündel so dick wie mein Bein.“ Jeder schnappte nach Luft und dachte an Grovers Schweinegeld.
„Du bist mit ihm zum Fluss gegangen?“, fragte der Reporter.
„Ich bin bis zur Lichtung gegangen, und dann sagte er mir, ich solle anhalten. Er sagte, er könne den Weg von dort aus finden. Danach rannte er das Ufer hoch, als ob jemand hinter ihm her wäre. Da war ein Boot, das unter der Klippe auf ihn wartete.“
„Ist er eingestiegen?“, rief Squires.
„Er hat mir gesagt, ich solle nicht hinsehen, sonst würde er mir das Genick brechen“, sagte der Junge. Die Suchtruppe betastete nervös ihr Arsenal.
„Aber du hast hingesehen?“
„Ja. Ich habe sie deutlich gesehen.“
„Sie? War da mehr als einer?“
„Da war eine Frau in dem Kahn.“
„Das ist nicht wahr!“, keuchte Squires.
„Verdammt noch mal, erzählt er es dir nicht gerade!“, stieß Anderson verächtlich aus.
Der Junge wurde an die Spitze der Suchtruppe eilig mitgenommen, die inzwischen verstärkt worden war. Er führte den Weg durch das düstere Dickicht und erzählte seine Geschichte, während sie gingen.
„Sie war auch verdammt hübsch“, sagte er. „Der Kerl winkte mit seinem Hut, als er sie sah, und sie winkte zurück. Er rannte hinunter und sprang in das Boot, und dann – und dann –“
„Dann was?“, explodierte Anderson Crow.
„Er hat sie geküsst!“
„Der v---- Mörder!“, brüllte Crow.
„Er packte die Ruder und ruderte über den Fluss und flussabwärts. Und er schüttelte seine Faust gegen mich, als er sah, dass ich zugeschaut hatte“, sagte der Junge, der nun, da ihm klar wurde, mit was für einem verzweifelten Charakter er es zu tun gehabt hatte, bereit war zu winseln.
„Wo ist er auf der anderen Seite gelandet?“, fragte der eifrige Reporter.
„Da unten bei den Weiden, etwa eine halbe Meile flussabwärts. Da ist der Kahn an einem Bäumchen festgebunden. Könnt ihr ihn nicht sehen?“
Tatsächlich ragte das Heck eines kleinen Bootes in den tiefen, breiten Fluss, während der Bug von den Büschen verdeckt wurde.
„Beide beeilten sich, den Hügel dort drüben hinaufzukommen, und das ist das Letzte, was ich von ihnen gesehen habe“, schloss der Junge.
Anderson Crow und seine Menschenjäger starrten hilflos auf den breiten, reißenden Fluss und sahen sich dann verzweifelt an. Es war kein Boot in Sicht außer dem des Mörders, und es gab keine Brücke im Umkreis von zehn Meilen.
Während sie knurrten, kam eine verspätete Abteilung von Jägern zum Flussufer, die sehr aufgeregt war.
„Eine telefonische Nachricht ist gerade in der Stadt eingegangen, dass es eine Belohnung von tausend Dollar geben würde“, kündigte einer der Neuankömmlinge an; und sofort gab es eine dringende Forderung nach Booten.
„Es gibt ein altes Floß flussaufwärts“, sagte der Junge, „aber ich weiß nicht, wie viele es tragen kann. Sie benutzen es, um Mais von Mr. Knoblocks Farm zu diesen großen Sommerhäusern da oben in den Hügeln überzusetzen.“
„Ist es stabil?“, verlangte Anderson Crow zu wissen.
„Muss es sein, sonst würden sie es nicht benutzen“, sagte Squires sarkastisch. „Wo ist es, Kleiner?“
Der Junge führte den Weg das Flussufer hinauf, die ganze Truppe trottete hinterher.
„Pst! Nicht so laut“, mahnte Anderson Crow. Fünfzehn Minuten später stach ein wackeliges Gefährt in See, bemannt mit einer handverlesenen Mannschaft entschlossener Bürger von Tinkletown. Als sie in der Flussmitte waren, kam ein lauter Ruf von dem Ufer, das sie hinter sich gelassen hatten. Als er zurückblickte, sah Anderson Crow aufgeregte Männer hin- und herrennen, die meisten von ihnen zeigten aufgeregt in die Hügel jenseits des Flusses. Nach einer gründlichen Suche erblickten die Augen der Männer auf dem Floß, was für ein Aufruhr am Fuße von Crow’s Cliff entstanden war.
„Da ist er!“, rief Anderson Crow mit ehrfürchtiger Stimme. Es gab kein Vertun bei der Identität des Mannes ohne Jacke am Hang. Ein Dutzend Männer erkannten ihn als den Mann, hinter dem sie her waren. Anderson Crow legte die Hände an den Mund und brüllte in Tönen, die mehr nach Angst als nach Befehl klangen:
„Hey!“
Es gab keine Antwort.
„Werden Sie sich friedlich ergeben?“, rief der Kapitän des Gefährts.
Es gab einen Moment der Unentschlossenheit beim Flüchtigen. Er sah seine Begleiterin an, und sie schüttelte den Kopf – sie sahen es alle.
Dann rief er seine Antwort zurück.
KAPITEL III
Die Schuldigen
„Schiff ahoi!“, rief der Fremde ohne Jacke zwischen seinen Handflächen.
„Ergeben Sie sich, oder wir füllen Sie voll mit Blei!“, rief Anderson Crow.
„Wer seid ihr – Piraten?“, antwortete der Flüchtige mit einem Lachen, das den Männern auf dem Floß das Mark in den Knochen gefrieren ließ.
„Ich zeige euch, wer wir sind!“, brüllte Anderson Crow. „Bringt sie ans Ufer, Jungs, schnell. Der verdammte Schuft soll uns nicht entkommen. Tot oder lebendig, wir müssen ihn haben.“
Als sie zum Ufer stakten, packte die Frau den Mann am Arm und zerrte ihn zurück zwischen die Bäume. Es wurde von allen bemerkt, dass sie schrecklich verängstigt war. Außerdem war sie überaus schön anzusehen – jung, hübsch und eine höchst unpassende Begleiterin für den blutigen Schurken, der sie in seiner Gewalt hatte. Das Floß stieß gegen das schilfige Ufer, und Anderson Crow war der erste Mann, der an Land ging.
„Kommt schon, Jungs; folgt mir! Seht zu, dass eure Waffen in Ordnung sind! Jetzt schnurstracks den Hügel hinauf und verteilt euch ein wenig, damit wir ihn einkreisen können!“, befahl er in einem hohen Diskant.
„Aber angenommen, er kreist uns ein“, keuchte ein vorsichtiger Verfolger auf halbem Weg den Hügel hinauf.
„Davor müssen wir uns in Acht nehmen“, entgegnete Anderson Crow. Die Suchtruppe fegte tapfer auf und über die Wiese; aber der Fuchs war weg: Es war weder von ihm etwas zu sehen noch zu hören. Es ist nur gerecht zu sagen, dass Müdigkeit für den tiefen Atem verantwortlich war, der von jedem Mitglied der Verfolgergruppe kam.
„In den Wald hinter ihm!“, schrie Anderson Crow. „Jagt ihn nieder wie eine Ratte!“
In der Zwischenzeit rannten ein junger Mann ohne Jacke und eine höchst reizende junge Frau zwischen den Eichen und dem Unterholz davon, verzehrt von Aufregung und einem nicht geringen Maß an Befürchtung.
„Sie scheinen es wirklich ernst zu meinen, Jack“, drängte die junge Frau beharrlich, um seinen etwas sarkastischen Kommentaren entgegenzuwirken.
„Wie zum Kuckuck meinst du, sind sie auf mich gekommen?“, stöhnte er. „Ich dachte, die Spuren wären wunderbar verwischt. Niemand hat etwas geahnt, da bin ich sicher.“
„Ich habe dir gesagt, Liebling, wie es ausgehen würde“, rief sie mit panischer Stimme.
„Guter Himmel, Marjory, wende dich nicht gegen mich! Es schien alles so einfach und sicher, Liebling. Kein Hauch von Verdacht. Was sollen wir tun? Ich bleibe stehen und kämpfe gegen die ganze Bande, wenn du nur meinen Arm loslässt.“
„Nein, das wirst du nicht, Jack Barnes!“, rief sie entschlossen, ihre hübschen blauen Augen weit vor Alarm. „Hast du sie nicht sagen hören, dass sie dich mit Blei füllen würden? Sie hatten Waffen und alles. Oh, Gott! oh, Gott! ist das nicht schrecklich?“
„Das Schlimmste ist, dass sie uns vom Fluss abgeschnitten haben“, sagte er unglücklich. „Wenn ich das Boot vor ihnen hätte erreichen können, hätten sie uns niemals fangen können. Ich könnte dieses alte Floß auf eine Meile abhängen.“
„Ich weiß, das könntest du, Liebling“, rief sie und betrachtete mit verzweifelter Bewunderung seine breiten Schultern und muskulösen, nackten Arme. „Aber das kommt jetzt nicht in Frage.“
„Macht nichts, Schatz; lass dich nicht so aufregen. Es wird schon alles gut werden, ich weiß es.“
„Oh, ich kann nicht weiterrennen“, keuchte sie verzweifelt.
„Armes kleines Ding! Soll ich dich tragen?“
„Du großer Dummkopf!“
„Wir sind mindestens drei Meilen von deinem Haus entfernt, Liebling, und umgeben von tödlichen Gefahren. Kannst du auf einen Baum klettern?“
„Ich kann – aber ich will nicht!“, verweigerte sie rundheraus, ihre Wangen sehr rot.
„Dann fürchte ich, wir müssen so weitermachen. Es ist eine verdammte Schande – das Ganze. Gerade als ich dachte, alles liefe so glatt. Es war alles nach des Königs Geschmack arrangiert – nichts war ausgelassen. Bracken sollte uns bei seinem Bootshaus da unten treffen, und – guter Himmel, da war ein Schuss!“
Der scharfe Knall eines Gewehrs durchschnitt die stille, milde Luft, wie man in den „Groschenromanen“ sagt, und die Flüchtigen sahen einander mit plötzlich erwachtem Entsetzen an.
„Die Narren!“, knirschte der Mann.
„Was meinen die damit?“, rief das atemlose Mädchen, sehr weiß im Gesicht.
„Sie versuchen nur, uns einzuschüchtern, das ist alles. Verdammt! Wenn ich nur die Beschaffenheit des Geländes kennen würde. Ich bin völlig verloren, Marjory. Weißt du genau, wo wir sind?“
„Unser Zuhause ist etwa drei Meilen nördlich. Wir sind fast gegenüber von Crow’s Cliff – dem wildesten Teil des Landes. Entlang dieses Teils des Flusses gibt es keine Häuser. Alle Sommerhäuser sind weiter oben oder auf der anderen Seite. Es ist zu hügelig hier. Da ist eine Eisenbahn etwa sechs Meilen entfernt. Es gibt kein Bootshaus oder Fischerhütte im Umkreis von zwei Meilen. Mr. Bracken bewahrt sein Boot an der Landspitze auf – mindestens zwei Meilen südlich.“
„Ja; da hätten wir hinfahren sollen – mit dem Boot. Verdammt noch mal! Warum haben wir jemals das Boot verlassen? Du kannst dich niemals durch all dieses Gestrüpp zu Brackens Platz durchschlagen; es ist alles, was ich tun kann. Sieh dir meine Arme an! Sie sind zerkratzt bis –“
„Oh, Gott! Es ist schrecklich, Jack. Du armer Kerl, lass mich –“
„Wir haben keine Zeit, Liebste. Beim Donner, ich würde diese Bauern jetzt nicht für den ganzen Bezirk den Weg abschneiden lassen. Die Deppen! Wie konnten sie uns bloß auf die Schliche kommen?“
„Irgendjemand muss es erzählt haben.“
„Aber niemand wusste es außer den Brackens, dir und mir.“
„Ich wette meinen Kopf, Bracken sagt da unten am Fluss Dinge, die sich gewaschen haben.“
„Er – er – flucht nicht, Jack“, keuchte sie.
„Warum, du bist bereit umzukippen! Kannst du keinen Schritt weiter gehen? Lass uns hier stehen bleiben und ihnen entgegentreten. Ich werde sie bluffen und wir kommen irgendwie zu Bracken. Aber ich gebe das Spiel nicht auf! Nicht für eine Million!“
„Dann können wir nicht anhalten. Du vergisst, dass ich zum Turnen gehe. Ich bin so stark wie nur irgendwas, nur bin ich – ich bin ein bisschen nervös. Oh, ich wusste, dass etwas schiefgehen würde!“, jammerte sie. Sie standen nun wie gefangene Hirsche in einem kleinen Dickicht und lauschten auf die Geräusche der Meute.
„Bereust du es, Liebling?“
„Nein, nein! Ich liebe dich, Jack, und ich gehe durch alles mit dir und für dich. Wirklich“, rief sie mit einer feinen Show von Enthusiasmus, „das ist ein Riesenspaß, nicht wahr? Wie echte Banditen gejagt zu werden –“
„Pst! Geh runter, Liebling! Da geht jemand über uns vorbei – hörst du ihn?“
Sie krochen mit viel weniger Würde als Hast in ein Labyrinth aus Haselnusssträuchern. Zwei Männer eilten einen Augenblick später vorbei, keuchend und knurrend.
„Für eine Minute oder zwei sicher“, flüsterte er, als die knirschenden Schritte für das Ohr verloren gingen. „Sie werden nicht wieder auf diesem Weg kommen, Liebling.“
„Sie hatten Waffen, Jack!“, flüsterte sie verängstigt.
„Ich verstehe es nicht, verdammt, wenn ich es tue“, sagte er und zog seine Brauen zu einem mächtigen Stirnrunzeln zusammen. „Sie sind hinter uns her wie ein Rudel Hunde. Das muss etwas bedeuten. Herr, aber wir scheinen ein Wespennest aufgestört zu haben!“
„Oh, Gott, ich wünschte, wir wären sicher bei –“, sie hielt inne.
„Zuhause?“, fragte er schnell.
„Bei Bracken“, vollendete sie; und wenn einer der Verfolger nah genug gewesen wäre, hätte er das unverkennbare Geräusch eines Kusses hören können.
„Ich fühle mich besser“, sagte er und straffte seine Schultern. „Jetzt lass mich nachdenken. Wir müssen diese Kerle austricksen, wer auch immer sie sind. Beim George, ich erinnere mich an einen von ihnen! Dieser alte Kerl, der das Pferd gekauft hat, ist bei ihnen. Das ist es! Das Pferd hat damit zu tun, ich wette meinen Kopf darauf.“ Sie saßen mehrere Minuten auf dem Boden, er tief in Gedanken versunken, sie lauschend mit ihren hübschen Ohren aufmerksam.
„Ich frage mich, ob sie jemanden zurückgelassen haben, um unser Boot zu bewachen?“, sagte er plötzlich. „Komm, Marjory; lass uns nachsehen! Beim George, es wäre genau ihre Art, es unbewacht zu lassen!“
Wieder bewegten sie sich vorsichtig durch das Gestrüpp, in Richtung Fluss. Mr. Jack Barnes, wer auch immer er war und was auch immer sein Verbrechen war, war ein einfallsreicher, kluger junger Mann. Er hatte die Intelligenz der Verfolger richtig eingeschätzt. Als er durch das Gebüsch am Flussufer spähte, sah er den Kahn im Schilf unten, genau so, wie sie ihn zurückgelassen hatten. Da war der Picknickkorb, der winzige Dampferkoffer mit all seinen Etiketten, ein Sonnenschirm und eine kleine Handtasche.
„Fein, fein!“, rief Marjory wie ein glückliches Kind.
„Zeig dich noch nicht, Liebling. Ich gehe sicher. Sie könnten einen Hinterhalt haben. Warte hier auf mich.“
Er schlich das Ufer hinunter und wieder zurück, bevor sie das gewaltige Klopfen, das sein Wagemut in ihrer linken Seite ausgelöst hatte, vollständig unterdrücken konnte.
„Es ist heil und sicher“, flüsterte er freudig. „Die Idioten haben das Boot vergessen. Schnell, Liebling; lass uns einen Sprint hinlegen! Ihr Floß ist hundert Yards flussaufwärts, und es ist ebenfalls verlassen. Wenn wir erst einmal gut über den Fluss kommen, können wir sie auslachen.“
„Aber sie könnten uns vom Ufer aus erschießen“, protestierte sie, während sie durch das Unkraut stürzten.
„Sie würden sicher keine Frau erschießen!“, rief er fröhlich.
„Aber du bist keine Frau!“
„Und ich habe keine Angst vor Mäusen oder Männern. Spring rein!“
Vom Schilf schoss der leichte Kahn ab. Das Wasser spritzte für einen Moment unter den ruckartigen Schlägen des Ruderers, und dann schoss das kleine Boot in den Fluss wie ein lebendiges Wesen. Marjory saß im Heck und hielt ihre Augen auf das Ufer gerichtet, das sie verließen. Jack Barnes legte jede Spur seiner Kraft in den Schlag; irgendwie ruderte er wie ein Mann, der es bei einer College-Mannschaft gelernt hatte. Sie waren auf halbem Weg über den breiten Fluss, bevor sie von den Hügeln aus gesehen wurden. Das halbe Dutzend Männer, das am Fuße von Crow’s Cliff verweilte, hatte den Alarm an ihre Freunde auf der anderen Seite geschrien, und die Flüchtigen wurden wieder gesichtet. Aber es war zu spät. Das Boot war weit außerhalb der Schussweite und machte rasche Fortschritte flussabwärts im Schutz der hohen Klippen unterhalb von Crow’s Cliff. Jack Barnes triefte vor Schweiß, aber sein Schlag wurde nicht schwächer.
„Sie sehen uns!“, rief sie.
„Zappel nicht so, Marjory – das Boot ausbalancieren!“, keuchte er. „Sie können uns nicht treffen, und wir können zwei Meilen für ihre eine schaffen.“
„Und wir können zu Bracken kommen!“, rief sie triumphierend. Eine tiefe Röte überzog ihr hübsches Gesicht.
„Hurra!“, rief er mit einem Grinsen reiner Freude. Weit entfernt am gegenüberliegenden Ufer versammelten sich Anderson Crow und seine Spürhunde, ihre verwirrten Blicke auf den Mann gerichtet, der ihnen aus den Händen geglitten war. Die Männer der Suchtruppe zeigten auf das Boot und stritten sich heftig; es gab deutliche Anzeichen eines Streits unter ihnen. Schließlich flogen zwei Waffen hoch, und dann kamen die Rauchwölkchen, die Knallgeräusche und kleine Wasserspritzer in der Nähe des flüchtenden Kahns.
„Oh, sie schießen!“, rief sie in Panik.
„Und Gewehre auch noch“, knirschte er und verdoppelte seinen Zug an den Rudern. Weitere Schüsse folgten, die alle zu kurz kamen. „Geh runter auf den Boden des Bootes, Marjory. Sitz nicht da oben und sei –“
„Ich sitze genau da, wo ich bin“, rief sie trotzig.
Anderson Crow winkte den Männern unter Crow’s Cliff zu, und sie begannen, sich mühsam entlang des Ufers in der Spur des Kahns fortzubewegen. Ein Teil der bewaffneten Truppe eilte hinunter und bestieg das Floß, während andere die Verfolgung zu Lande fortsetzten.
„Wir sind eine Meile vor ihnen bei Bracken“, rief Jack Barnes.
„Wenn sie uns nicht erschießen“, entgegnete sie. „Warum, ach, warum sind sie so versessen darauf, uns zu töten?“
„Sie wollen nicht, dass du Witwe wirst und – ein paar – Herzen brichst“, sagte er. „Wenn sie – mich jetzt treffen, wirst du – nicht so gefährlich als – Witwe sein.“
„Oh, du herzloses Ding! Wie kannst du nur darüber scherzen? Ich würde – ich würde sowieso Trauer tragen, Jack“, schloss sie nach kurzem Überlegen. „Wir sind praktisch schon verheiratet, weißt du.“
„Es ist nett – von dir, das zu sagen, Liebes – aber wir sind noch ein – weites Stück – von Bracken’s entfernt. Huch! Das war knapp!“
Eine Kugel klatschte keine drei Meter vom Boot entfernt ins Wasser. „Die Feiglinge! Sie versuchen tatsächlich, uns umzubringen!“ Zum ersten Mal nahm sein Gesicht einen alarmierten Ausdruck an und seine Augen wirkten verzweifelt. „Ich kann nicht zulassen, dass sie auf dich schießen, Marjory, Liebes! Was zum Teufel sie wollen, weiß ich nicht, aber ich werde mich ergeben.“ Er hatte aufgehört zu rudern und schickte sich an, sein weißes Taschentuch in die Höhe zu schwenken.
„Niemals!“, rief sie mit flammenden Augen. „Gib mir die Ruder!“ Sie rutschte auf den anderen Rudersitz und versuchte, ihm die Ruder aus den Dollen zu reißen.
„Bravo! Ich könnte dich tausendmal dafür küssen. Kommt nur, ihr Indianer! Du bist ein Schatz, Marjory.“ Wieder griffen die Ruder ins Wasser, und Jack Barnes’ weißes Taschentuch lag auf dem Boden des Bootes. Er ruderte um sein Leben, und ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.
Das Floß wurde weit zurückgelassen und die Schützen mit überraschender Leichtigkeit außer Reichweite gebracht. Fünfzehn Minuten später schoss der Kahn über den Fluss und an den Landungssteg von Bracken’s Bootshaus, während eine Meile zurück im Gebüsch Anderson Crow und seine Männer wutentbrannt die Verfolgung aufnahmen.
„Hey, Bracken! Jimmy!“, rief Jack Barnes und sprang auf den kleinen Kai. Marjory reichte ihm ihre Hände und wurde an Land und in seine Arme gezogen. „Lauf ins Bootshaus, Liebes. Ich zerre diesen Kram an Land. Wo zum Teufel ist Bracken?“
Die Bootshaustür öffnete sich langsam und ein verschlafener junger Mann sah heraus.
„Ich dachte, ihr kommt nie“, gähnte er.
„Wach auf, du alter Faulpelz! Wir sind da und werden verfolgt! Wo sind George und Amy?“, rief Mr. Barnes, während er Schwerstarbeit als Gepäckträger verrichtete.
„Verfolgt?“, rief der verschlafene junge Mann und war plötzlich hellwach.
„Ja, und beschossen!“, rief Marjory, die an ihm vorbeilief und in die Arme einer hübschen jungen Frau fiel, die gerade aus dem Haus kam.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren, Jimmy! Sie sind uns auf der Spur, Gott weiß wie. Sie sind nicht mehr als zehn Minuten hinter uns. Bring es hinter dich, Jimmy, um Himmels willen! Hier, George, pack den Koffer!“
KAPITEL IV
Anderson korrigiert einen Irrtum
Im Handumdrehen wurden die Flüchtlinge und ihr Eigentum in das Innere des geräumigen Bootshauses gebracht, die Türen verriegelt und George Crosby an einem Fenster postiert, um Ausschau zu halten.
„Ist es Ihr Vater?“, verlangte der Reverend James Bracken zu wissen und wandte sich an Marjory. Die junge Mrs. Crosby schaute erwartungsvoll zu.
„Mr. Brewster ist zu Hause und hat von alldem nicht den leisesten Schimmer“, rief Jack Barnes. „Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Hier ist die Lizenz, Jimmy. Bist du bereit, Marjory?“
„Das ist eine ziemlich heikle Angelegenheit, Jack –“, begann der junge Geistliche im Negligé-Hemd. Er zog sich beim Sprechen das Jackett an.
„Oh, beeil dich, Jimmy; bitte beeil dich!“, rief Marjory Brewster.
„Warte keine Sekunde länger, Jimmy Bracken!“, rief Amy Crosby, die vor Aufregung tänzelte. „Du kannst jetzt keinen Rückzieher mehr machen!“
Drei Minuten später gab es keine Marjory Brewster mehr, sondern eine Mrs. John Ethelbert Barnes – und sie küsste ihren Ehemann voller Leidenschaft.
„Nun, erzählt uns alles“, rief Mrs. Crosby nach den stürmischen Glückwünschen. Der Reverend „Jimmy“ Bracken von der Elften Presbyterianischen Kirche war der Einzige, der sich seiner Lage unsicher schien. Erstens war der alte Richter Brewster ein einflussreicher Mann in der Metropole, aus der alle geflohen waren, um sich in den Hügeln aufzuhalten. Er und seine Tochter waren Episkopale, aber das machte sie in den Augen von „Jimmy“ Bracken nicht weniger wichtig. Zweitens war Jack Barnes ein kämpfender Anwalt im Jahre des Herrn 1880 und von zu beanstandender Armut. Die jungen Männer waren College-Zimmergenossen gewesen. Die Freundschaft hatte in diesem Fall zumindest die Vernunft besiegt. Da die Tat vollbracht war, begann sich der junge Mr. Bracken zu fragen, ob sie nicht, sozusagen, übertrieben war.
„Ich wünschte, jemand würde es mir sagen!“, rief Jack Barnes mit einer ratlosen Stirnrunzeln. „Die verfluchten Kerle haben auf uns geschossen und all das. Man sollte meinen, ich sei ein Geächteter. Und sie haben auch auf Marjory gefeuert, verdammt noch mal!“
Marjory, zu aufgeregt, um wie eine errötende Braut zu wirken, nahm die Geschichte auf und erzählte alles, was geschehen war. George Crosby wurde so interessiert, dass er vergaß, Wache zu halten.
„Das ist ein komisches Durcheinander!“, rief er. „Da stimmt etwas nicht –“
„Hey, ihr da!“, ertönte ein Ruf von draußen.
„Da sind sie!“, rief Marjory und flog an die Seite ihres Mannes. „Was sollen wir tun?“
„Du meinst, was sollen sie tun? Wir sind verheiratet, und daran können sie nichts ändern, weißt du. Sollen sie nur kommen!“, rief der Bräutigam triumphierend. „Du bereust es doch nicht, oder, mein Schatz?“, fragte er recht besorgt. Sie lächelte ihn an, und er fühlte sich sehr sicher.
„Was wollt ihr Kerle?“, verlangte Crosby vom Fenster aus zu wissen. Anderson Crow stand wie ein echter Napoleon am Flussufer, flankiert von drei treuen Schützen.
„Wer seid ihr?“, fragte Anderson zurück. Er keuchte schwer und seine Beine zitterten.
„Das geht dich nichts an! Verschwindet sofort von diesem Grundstück; es ist Privatbesitz!“
„Keine Widerworte jetzt, junger Mann; ich bin ein Gesetzeshüter und obendrein Detektiv! Wir dulden keinen Unsinn. Der Ort ist umstellt und er kann nicht entkommen! Wo ist er?“
„Das kannst du selbst herausfinden, wenn du so ein guter Detektiv bist! Dies ist das Anwesen von David Bracken, und du kannst ihn in seinem Haus oben auf dem Hügel finden!“
„Frag ihn, was wir getan haben, George“, flüsterte Barnes.
„Wir sind nicht hinter Mr. Bracken her, junger Mann, aber Sie wissen, hinter wem wir her sind! Er ist da drin – Sie verstecken ihn – wir werden nicht mehr lange verhandeln! Schicken Sie ihn raus!“, sagte Anderson Crow.
„Wenn ihr einen Fuß näher kommt, werdet ihr direkt ins Jenseits befördert!“, schrie Crosby trotzig.
Die Insassen schnappten nach Luft, denn es gab keine einzige Schusswaffe im Haus.
„Sei vorsichtig!“, warnte der Reverend „Jimmy“ nervös.
„Ihr wollt Widerstand leisten, was? Nun, wir kriegen ihn; macht euch keine Sorgen; und diese garstige Frau von ihm auch!“
„Hast du das gehört?“, rief Jack Barnes. „Lass mich an den alten Rattenfänger ran.“ Er wollte gerade zur Tür gehen, als die beiden Frauen ihm den Weg versperrten. Beide waren außer sich vor Angst.
„Aber er hat dich als Frau bezeichnet!“, brüllte er.
„Nun, das bin ich ja auch!“, wimmerte sie jämmerlich.
„Wen sucht ihr?“, fragte Crosby vom Fenster aus.
„Das ist schon in Ordnung“, brüllte Anderson Crow; „bringt ihn sofort raus!“
„Ist das der Kerl?“, und Crosby zerrte den Reverend „Jimmy“ ins Sichtfeld. Es gab einen Moment der Prüfung des ausgemergelten Gesichts, dann schüttelten die Schnüffler die Köpfe.
„Nicht im Leben!“, sagte Mr. Crow. „Aber er ist da drin – Ike Smalley hat ihn und seine Begleitung die Stufen vom Anleger hochkommen sehen! Es wird nichts nützen, ihn zu verstecken, junger Mann; er ist –“
„Nun, lass mich dir etwas sagen. Du kommst zu spät – sie sind verheiratet!“, rief Crosby triumphierend.
„Es ist mir scheißegal, ob sie verheiratet sind und sechzehn Kinder haben!“, schrie der aufgebrachte Crow, wobei sein Abzeichen geradezu tanzte. „Er muss sich ergeben!“
„Oh, muss er das, ja?“
„Ja, verdammt noch mal; er muss aufgeben, tot oder lebendig! Bringt ihn sofort raus!“
„Ich habe nichts dagegen, Ihnen zu sagen, dass Mr. Barnes hier ist; aber ich würde gerne wissen, warum Sie ihn wie ein wildes Tier jagen, auf ihn und Miss – ich meine Mrs. Barnes – schießen. Das ist ein Skandal!“
„Oh, wir sind nicht die Einzigen, die töten und schlachten können! Sie ist genauso schlimm wie er, was das angeht – und Sie und dieser andere langgesichtige Geächtete da drin auch.“ Der Reverend „Jimmy“ schnappte nach Luft und wurde feuerrot.
„Hat er mich einen – sag mal!“, und er schob Crosby beiseite. „Ich möchte, dass Sie verstehen, dass ich ein Diener des Evangeliums bin – ich bin der Reverend James Bracken von –“
Ein Brüllen von Gelächter begrüßte seinen Erklärungsversuch; und es fielen ein paar Bemerkungen, die so wenig schmeichelhaft waren, dass der Mann Gottes in reiner Hoffnungslosigkeit zusammensank.
„Nun, ich werde ihnen einen Grund geben zu glauben, dass ich ein ziemlicher Desperado bin“, knurrte der Reverend „Jimmy“ und straffte seine Schultern. „Wenn sie versuchen, einen Fuß in das Haus meines Onkels zu setzen, werde ich – werde ich ein paar Köpfe einschlagen.“
„Bravo!“, rief Mrs. Crosby. Sie war seine Cousine und hatte bis dahin wenig Achtung für ihren sanftmütigen Verwandten gehabt.
„Er kann die Beerdigung predigen!“, schrie Ike Smalley. Inzwischen waren ein Dutzend Männer am Ufer unterhalb.
„Ich warne Sie eindringlich“, rief Anderson Crow eindrucksvoll. „Wir werden das Haus umstellen, und wir werden diesen Halunken holen, auch wenn wir die Bretter zu Sägemehl schießen müssen!“
„Aber was hat er getan, außer zu heiraten?“, rief Crosby, als die Truppe begann, sich auszubreiten.
„Glauben Sie etwa, ich wäre dumm genug, es Ihnen zu sagen, wenn Sie es nicht wissen?“, sagte Anderson Crow. „Genauso gut könnten Sie die tausend Dollar Belohnung beanspruchen, wenn Sie wüssten, dass sie ausgesetzt wurde! Verteilt euch, Jungs, und wir zeigen es ihnen verdammt schnell!“
Im Haus herrschte eine volle Minute lang Totenstille. Jedes Auge war weit aufgerissen und jeder Mund stand vor Überraschung und Bestürzung offen.
„Tausend Dollar Belohnung!“, keuchte Jack Barnes. „Dann, guter Gott, muss ich etwas getan haben!“
„Was hast du getan, Jack Barnes?“, rief seine Braut entsetzt.
„Ich muss einen Zug ausgeraubt haben“, sagte er niedergeschlagen.
„Nun, das ist schließlich ernst“, sagte Crosby. „Es ist kein durchgebranntes Paar, hinter dem sie her sind, sondern ein Desperado.“
„Vielleicht ein Entführer“, schlug seine Frau vor.
„Was sollen wir tun?“, verlangte Jack Barnes zu wissen.
„Zuerst einmal, alter Junge, was hast du wirklich getan?“, fragte der Reverend „Jimmy“.
„Nichts, das tausend Dollar wert wäre, da bin ich mir todsicher“, sagte Barnes bestimmt. „Bei Gott, Marjory, das ist ein schönes Schlamassel, in das ich dich hineingebracht habe!“
„Es ist alles in Ordnung, Jack; ich bin glücklicher als ich es jemals zuvor in meinem Leben war. Wir sind durchgebrannt, um zu heiraten, und ich gehe mit dir ins Gefängnis, wenn sie mich mitnehmen.“
„Dies ist keine Zeit zum Küssen“, wandte Crosby säuerlich ein. „Wir müssen herausfinden, was das alles bedeutet. Überlasst das mir.“
Es wurde dunkel im Zimmer, und die Schatten lagen schwer auf den Hügeln. Während die übrigen Mitglieder der belagerten Gruppe schweigend und deprimiert auf den Fässern und Kisten saßen, stand Crosby am Fenster und rief dem Feind zu.
„Ist er bereit, sich zu ergeben?“, donnerte Anderson Crow aus den Schatten.
Dann folgte ein kurzer und völlig unbefriedigender Dialog zwischen den beiden Wortführern. Anderson Crow blieb bei seiner Entscheidung, dass man dem Flüchtling nicht sagen müsse, was er getan habe; und George Crosby bestand ebenso beharrlich darauf, dass er es wissen müsse, bevor er entscheiden könne, ob er schuldig oder unschuldig sei.
„Wir werden ihn aushungern!“, sagte Anderson Crow.
„Aber hier sind Damen, mein guter Mann; Sie werden sie einer solchen Behandlung nicht aussetzen!“
„Ihr seid alle vom gleichen Schlag – wir werden den ganzen Haufen mitnehmen!“
„Was glauben Sie, wird Ihnen passieren, wenn Sie sich in der Person irren?“
„Wir irren uns nicht, verdammt noch mal!“
„Er könnte Sie auf jeden Dollar verklagen, den Sie besitzen. Ich weiß das, denn ich bin Anwalt!“
„Nun, jetzt bin ich sicher, dass Sie mit ihm unter einer Decke stecken. Ich nehme an, Sie werden versuchen, die Unzurechnungsfähigkeitsmasche abzuziehen! Es ist ein Nest von Dieben und Räubern! Sagen Sie, ich gebe Ihnen fünf Minuten, um sich zu ergeben; wenn nicht, stecken wir die verdammte Hütte in Brand!“
„Hört zu, Jungs“, sagte Jack Barnes plötzlich, „ich habe nichts getan und habe keine Angst davor, verhaftet zu werden. Ich werde mich stellen.“ Natürlich gab es einen Sturm des Protests und einen Strom von Tränen, aber der Schuldige blieb fest. „Sag dem alten Fossil, dass ich mich stelle, wenn er mir Sicherheit garantiert!“
Anderson war fast zu schnell mit dem Versprechen von Schutz.
„Fragen Sie ihn, ob er sich ergeben und mir ein Geständnis ablegen wird – ich bin Anderson Crow, mein Herr!“, war der taktvolle Vorschlag des Marshals.
„Er wird beides tun, Mr. Crow!“, antwortete Crosby.
„Wir müssen den ganzen Haufen von euch mitnehmen, junger Mann. Ihr seid alle der Verschwörung schuldig, die ganze Bande!“
„Aber die Damen, du verdammter alter Rube – sie können nicht –“
„Hören Sie mal, junger Mann, Sie können mir keine Vorschriften machen. Ich werde Sie dazu bringen –“
„Wir gehen alle mit!“, rief Mrs. Crosby leidenschaftlich.
„Bis zum bitteren Ende!“, fügte die neue Mrs. Barnes hinzu.
„Was wird dein Vater sagen?“, verlangte der Bräutigam zu wissen.
„Er wird mich sowieso verstoßen, Liebes, also was macht das für einen Unterschied?“
„Es ist ziemlich ärgerlich für einen Geistlichen –“, begann der Reverend „Jimmy“ und setzte seinen Hut auf.
„Wir werden für dich ein gutes Wort einlegen!“, rief Mrs. Crosby ironisch.
„Aber ich gehe auch ins Gefängnis“, schloss er grimmig.
„In Ordnung“, rief Crosby vom Fenster aus; „wir kommen!“
Und heraus marschierte das verzweifelte Quintett, drei stämmige junge Männer und zwei sehr hübsche und nervöse junge Frauen. Sie wurden von Anderson Crow und einem Dutzend bewaffneter Männer aus Tinkletown empfangen, von denen jeder vor Angst zitterte. Die unbändige Mrs. Crosby rief plötzlich „Buh!“, und die Hälfte der Truppe schreckte hoch, als ob jemand eine Bombe auf sie geworfen hätte.
„Nun, ich verlange eine Erklärung für diesen Skandal“, sagte Jack Barnes wild. „Was soll das heißen, auf mich und meine – meine Frau zu schießen und uns zu verhaften und all das?“
„Das wirst du früh genug erfahren, wenn du dafür aufgehängt wirst“, knurrte Anderson Crow. „Und du wirst gefälligst das Geld herausrücken, das ich für das Pferd und den Buggy bezahlt habe. Ich werde dir beibringen, wie man Diebesgut an mich verkauft.“
„Oh, ich bin ein Pferdedieb, ja? Das ist köstlich. Und sie werden mich aufhängen, was? Als Nächstes wirst du mich beschuldigen, diesen Farmer oben bei Boggs City umgebracht zu haben.“
„Nun, bei Gott! Du bist ein cooler Hund!“, stieß Anderson Crow hervor. „Ich nehme an, du wirst die Unzurechnungsfähigkeitsmasche versuchen.“
„Es ist mein Glück, dass sie ihn geschnappt haben“, sagte Barnes, während sich die Menge der Gefangenen auf die Reihe von Booten zubewegte, die an Mr. Brackens Kai festgebunden waren.
„Komm schon!“, rief Squires, der Reporter, verächtlich. „Wir haben dich durchschaut, alles klar.“
„Was! Glaubst du, ich sei der Mann, der – nun, heilige Makrele! Sagt mal, ihr Grabsteine, hört ihr hier draußen nie Neuigkeiten? Wach auf! Sie haben den Mörder in Billsport geschnappt, keine fünf Meilen von eurem Kaff entfernt. Ich bin durch die Stadt gefahren, als sie ihn reingebracht haben. Das ist es, was mich aufgehalten hat, Liebes“, sagte er zu Marjory.
„Ja, und ich wette meine Seele, dass hier jemand mit der Nachricht kommt“, rief George Crosby, der bis zu diesem Augenblick nichts von der Tragödie gehört hatte.
Ein Ruderboot mit drei Männern hielt auf den Landungssteg zu. Irgendwie spürten Anderson Crow und seine Truppe, wie der Boden unter ihnen nachgab. Kein Mann gab einen Laut von sich, bis einer der Neuankömmlinge aus dem Boot rief:
„Ist Anderson Crow da?“
„Ja, mein Herr; was gibt es?“, verlangte Crow mit wackeliger Stimme zu wissen.
„Ihre Frau will wissen, wann zum Donnerwetter Sie nach Hause kommen.“ In diesem Moment stieß der Kahn gegen den Landungssteg.
„Sagen Sie ihr, sie soll zum Teufel scheren!“, entgegnete Anderson Crow. „Ist das alles, was Sie wollen?“
„Sie haben den Mörder da oben in Billsport gegen elf Uhr geschnappt“, sagte Alf Reesling, der Stadttrinker. „Wir dachten, wir rudern runter und sagen es Ihnen, damit Sie nicht die ganze Nacht nach dem Kerl suchen, der – hallo, Sie haben ihn, was?“
„Lügt ihr Kerle?“, rief der arme Anderson Crow.
„Nicht im Leben. Wir wussten von der Gefangennahme in der Stadt etwa eine halbe Stunde, nachdem Sie heute Nachmittag über den Fluss gefahren sind.“
„Ihr – vor vier Stunden? Ihr – ihr –“, prustete der Marshal. „Und warum habt ihr uns das nicht früher wissen lassen?“
„Es gab ein Baseballspiel auf Hastys Grundstück, und –“, begann einer der Neuankömmlinge kleinlaut.
„Nun, ich bin wohl verdammt!“, keuchte Anderson Crow und setzte sich plötzlich hin.
* * * * *
Anderthalb Stunden später wurden Mr. und Mrs. John Ethelbert Barnes in Mr. David Brackens Wagen zum Landsitz von Richter Brewster gefahren. Sie wurden von Mr. und Mrs. George Crosby begleitet und führten die Pläne aus, wie sie im ursprünglichen Programm skizziert waren.
„Wo ist Papa?“, fragte Marjory zittrig den Diener im Flur.
„Er wartet im Bibliothekszimmer auf Sie, Miss – ich sollte sagen Mrs. Barnes“, antwortete der Mann, und eine Spur von Aufregung lag auf seinem Gesicht.
„Mrs. Barnes!“, riefen vier Stimmen gleichzeitig.
„Wer hat es Ihnen gesagt, William?“, rief Marjory und stützte sich bei Jack ab.
„Ein Mr. Anderson Crow war vor einer halben Stunde hier, Ma’am, um Mr. Brewster zu versichern, dass sein neuer Schwiegersohn in keinerlei Verbindung mit dem Mord dort oben stehe. Er sagte, er habe den Fall persönlich untersucht, Miss – Ma’am, und Mr. Brewster könne sich auf sein Wort verlassen, Mr. Jack sei nicht der Mann. Er erzählte ihm, dass Sie im Bootshaus geheiratet hätten.“
„Ja – und dann?“, rief Marjory eifrig.
„Mr. Brewster sagte, dass Mr. Jack nicht dazu geboren sei, gehängt zu werden, und ich solle heute Abend einen Extrateller für ihn decken lassen“, schloss William mit einem ausdrucksvollen Grinsen.
KAPITEL V
Das Baby auf der Türschwelle
Es war Mitternacht in Tinkletown, viele Monate nach den Ereignissen, die in den vorangegangenen Kapiteln erwähnt wurden, und ein Schneesturm tobte. Der Februarwind pfiff durch die kahlen Bäume, kreischte um die Ecken der unbeleuchteten Häuser und peitschte mit der Wut eines Löwen durch den wirbelnden Schnee. Der Schnee flog aufgrund der klirrenden Kälte nicht in großen Flocken, sondern sauste wie winzige Kugeln dahin und schnitt in das Fleisch von Mensch und Tier wie der Stich von Wespen. Es war eine gute Nacht, um drinnen bei einem prasselnden Feuer oder im Bett zwischen zusätzlichen Decken zu sein. Niemand, sofern er nicht durch einen Notfall dazu gezwungen war, hatte die Kühnheit, in dieser Nacht unterwegs zu sein.
Die Familie Crow döste bequem trotz des kreischenden Windes. Das Heim des Stadtmarshals war in Frieden gehüllt, und der Wind hatte keine Schrecken für seine Bewohner. Sie schliefen den Schlaf der Satten. Die Fenster mochten ein wenig gerappelt haben, vielleicht, und die Fensterläden mochten ein wenig zu unerbittlich geschlagen haben, aber die Crows ließen sich nicht stören.
Die große, altmodische Uhr in der Halle unten schlug zwölf, als Anderson Crow mit einem Ruck erwachte. Er war verblüfft, denn mitten in der Nacht aufzuwachen, war für ihn ein unerhörtes Vorkommnis. Er vernahm jedoch den Klang der letzten fünf Schläge der Uhr und tröstete sich mit dem Glauben, es sei schließlich fünf Uhr, als seine Frau nervös sich regte.
„Bist du wach, Anderson?“, fragte sie leise.
„Ja, Eva, und es ist Zeit aufzustehen. Es hat gerade fünf geschlagen. Verdammt, es stürmt draußen, nicht wahr?“, gähnte er.
„Fünf? Es ist zwölf – nun sag mir nicht, dass du die Schläge gezählt hast, denn das habe ich selbst getan. Ist es nicht merkwürdig, dass wir beide zu dieser gottverlassenen Stunde wach geworden sind?“
„Nun“, murmelte er schläfrig, jetzt da es nicht fünf Uhr war, „es ist eine verdammt gute Stunde, um wieder einzuschlafen, nehme ich an.“
„Ich dachte, ich hätte draußen ein Geräusch gehört“, beharrte sie.
„Ich mache dir keinen Vorwurf“, sagte er kichernd. „Es ist schon die ganze Nacht da draußen.“
„Ich meine etwas anderes als den Wind. Es klang, als ob jemand auf der Veranda geht.“
„Nun, hör mal, Eva, du wirst mich nicht in diesem Schneesturm da rausbringen – in meinen Socken – auf der Suche nach Räubern –“
„Trotzdem, Anderson, ich bin sicher, ich habe jemanden gehört. Vielleicht ist es ein armes Geschöpf, das erfriert und in Not ist. Wenn ich du wäre, würde ich da rausgehen und nachsehen. Bitte tu es.“
„Verdammt, Eva, wenn du ich wärst, würdest du schlafen, anstatt in einer Nacht wie dieser nach Ärger zu suchen. Da draußen ist nichts, und du – aber, beim Kuckuck! Vielleicht hast du recht. Angenommen, da draußen ist ein armer Kerl, der nach einem Schlafplatz sucht. Ich werde nachsehen;“ und Mr. Crow, der gutmütigste Mann der Welt, kroch zitternd, aber schnell aus dem warmen Bett. In seinen Socken – Anderson schlief in diesen eisigen Nächten in Socken – machte er sich auf den Weg die Vordertreppe hinunter, brummelnd, aber entschlossen. Mrs. Crow folgte ihm dicht auf den Fersen, begierig darauf, die Behauptung zu bestätigen, die ihn aus seinem Nest vertrieben hatte.
„Es könnte ein Räuber sein“, klapperte sie mit den Zähnen, als er einen Vorhang am vorderen Fenster beiseite schob. Anderson wich hastig zurück.
„Nun, warum zum Donnerwetter hast du das nicht schon vorher gesagt?“, keuchte er. „Verflixt, Eva, so geht das aber nicht! Er hätte durch das Fenster auf mich schießen können.“
„Aber er ist inzwischen im Haus, wenn es ein Räuber war“, flüsterte sie. „Er würde doch nicht die ganze Nacht auf der Veranda stehen bleiben.“
„Das stimmt“, flüsterte er als Antwort. „Du bist doch eine gute Schlussfolgerin. Ich wünschte, ich hätte meine Sturmlaterne. Verdammt noch mal!“ Er stieß sich den Zeh an der Nähmaschine. Es gibt nichts, was mehr schmerzt als ein unbeabsichtigter Kontakt mit einer Nähmaschine. „Warum zum Henker machst du kein Licht an, Eva? Wie soll ich denn –“
„Hör!“, flüsterte sie schrill. „Hörst du das? Anderson, da läuft jemand auf der Veranda!“
„Ach du meine Güte!“, stammelte er. „So sicher wie das Amen in der Kirche! Du wartest hier, Eva, bis ich nach oben gehe und mein Abzeichen anstecke, und dann werde ich –“
„Ich werde gar nichts dergleichen tun. Mich kriegst du hier unten nicht alleine zurück“, und sie krallte sich in den Rücken seines Nachthemds, als er sich in Richtung Treppe wandte.
„Ach was! Wovor hast du denn Angst? Ich hole auch meinen Revolver. Ich habe noch nie ein solches Feiglingskalb gesehen wie –“
In diesem Moment gab es ein gewaltiges Hämmern an der Haustür, gefolgt vom Knarren von Schritten auf der gefrorenen Veranda, einem Klappern die Stufen hinunter und dann dem gleichen alten Heulen des Windes. Die Crows sprangen fast aus ihren spärlichen Kleidungsstücken und verharrten dann, als wären sie am Boden festgefroren. Es dauerte eine ganze Minute, bis Anderson seine Stimme wiederfand – und zwar noch vor Mrs. Crow, was mehr als erstaunlich war.
„Was war das?“, klapperte er.
„Ein Klopfen!“, keuchte sie.
„Ein Nachbar ist krank.“
„Die alte Mrs. Luce. Oh, du meine Güte, wie mein Herz klopft!“
„Warum machst du nicht die Tür auf, Eva?“
„Warum machst du es nicht? Das ist deine Aufgabe.“
„Aber, verdammt noch mal, kannst du denn nicht sehen – ich meine fühlen –, dass ich kaum Kleidung anhabe? Ich würde mir den Tod holen, und außerdem –“
„Nun, ich habe nicht so viel an wie du. Du hast Socken an und –“
„Aber angenommen, es ist eine Frau“, protestierte er. „Du würdest doch nicht wollen, dass eine Frau mich so sieht, oder? Geh du nur und –“
„Ich nehme an, du hättest gerne, dass ein Mann mich so sieht. Ich bin es nicht gewohnt, Männer in – aber sag mal, wer auch immer es war, er ist weg. Hast du die Schritte nicht gehört? Mach die Tür auf, Anderson. Schau nach, was es ist.“
Und so öffnete Anderson Crow nach gutem Zureden endlich den Riegel seiner Haustür und drehte den Knauf. Der Wind erledigte den Rest. Er riss die Tür fast aus den Angeln und warf Mr. und Mrs. Crow gegen die Wand. Ein Schneesturm fegte über sie hinweg.
„Hui!“, keuchte Anderson und zog die Zehen ein. Mrs. Crow spähte unter seinem Arm hervor.
„Schau dort!“, rief sie. Dicht bei der Tür lag ein großes Bündel.
„Ein Geschenk von jemandem!“, mutmaßte Mr. Crow; doch es vergingen einige Sekunden, bis er sich bückte, um es aufzuheben. „Komische Zeit für den Weihnachtsmann, um vorbeizuschauen. Ob er wohl denkt, es ist schon wieder Weihnachten?“
„Sei vorsichtig, Anderson; vielleicht ist es eine Höllenmaschine!“, rief seine Frau.
„Nun, es ist geladen, verdammt“, brummte er, als er sich im Angesicht des Sturms aufrichtete. „Mach die Tür zu, Eva! Siehst du nicht, dass es schneit?“
„Ich wette, das war Joe Ramsey, der uns einen Sack Hickorynüsse dagelassen hat“, sagte sie eifrig und schlug die Tür zu.
„Du solltest besser den Riegel vorschieben. Er könnte es sich anders überlegen und zurückkommen, um sie zu holen“, bemerkte ihr Mann. „Es fühlt sich nicht nach Hickorynüssen an. Warum, Eva, es ist ein Korb – ein ganz gewöhnlicher Wäschekorb. Was zum Donnerwetter soll –“
„Lass uns am Küchenfeuer Licht machen. Hier ist es zu kalt.“
Gemeinsam eilten sie mit dem geheimnisvollen Angebot aus dem Schneesturm in die Küche. Im Ofen brannte ein Feuer, das Anderson nachlegte, während Eva begann, die Decken und Packungen aus dem Korb zu entfernen, den sie auf den Herd gestellt hatte. Anderson sah eifrig zu.
„Gott!“, entfuhr es den Lippen beider, als der Inhalt des Korbes ihrem Blick preisgegeben wurde.
Ein Baby, lebendig und warm, lag in die Decken gewickelt, tief schlafend und glücklich. Für eine unendlich lange Zeit standen die Crows, en dishabille, da und starrten mit offenem Mund und voller Ehrfurcht auf den kleinen Fremden. Zehn Minuten später, nach all den Ausrufen und Vermutungen, nach den Tränen und Flüchen, nachdem das ganze Haus aufgeweckt worden war, stürzte Anderson Crow freundlich, aber ziellos durch den Schneesturm auf der Suche nach dem herzlosen Scheusal, das den Säugling vor seiner Tür ausgesetzt hatte. Seine hohen Stiefel huschten eine Stunde lang die Straße auf und ab, durch Gärten und Scheunenhöfe, doch obwohl er seine Sturmlaterne bei sich trug und wie ein indianischer Bluthund ihre Fährte suchte, fand er keine Spur des leichtfertigen Besuchers. In der Zwischenzeit hatte Mrs. Crow, unterstützt von der ganzen Familie, den Säugling, ein sechs Wochen altes Mädchen, in ein warmes Bett gesteckt und sich nach besten Kräften um seine kargen, aber lautstarken Bedürfnisse gekümmert. In dieser Nacht gab es im Haus der Crows keinen Schlaf mehr. Das Oberhaupt des Hauses weckte ein halbes Dutzend Nachbarn aus dem Schlaf, um ihnen von dem erstaunlichen Ereignis zu berichten, mit dem ganz natürlichen Ergebnis, dass alle herbeieilten, um das Baby zu sehen und die Einzelheiten zu erfahren.
Am nächsten Morgen war Tinkletown von einer so heftigen Aufregung erfüllt, dass sie in einem städtischen Zusammenbruch zu enden drohte. Anderson Crows Haus wurde belagert. Der Schnee in seinem Vorgarten war von den unzähligen Fußabdrücken, die darauf fielen, zu einer eisigen Masse festgetreten; das Innere des Hauses war mit Schlamm und Schneematsch „besudelt“ und drei Fensterscheiben waren durch die Nasen neugieriger, aber ungebetener Zuschauer zerbrochen. Alles in allem war es eine Sensation, die in der Geschichte des Dorfes ihresgleichen suchte. Während alledem blinzelte, weinte und gurrte das Baby in vollkommenem Frieden, bewacht von Mrs. Crow und der treuen Nachkommenschaft, die vom Storch und nicht von einem geheimnisvollen Fremden gebracht worden war.
Die Missionsvereine wollten etwas Heldenhaftes tun, aber Mrs. Crow hielt sie davon ab; der Nähkreis machte sich bereit, die Angelegenheiten zu übernehmen, aber Mrs. Crow machte dem Projekt einen Strich durch die Rechnung; im übertragenen Sinne brannten die Kirchen darauf, das Kind in ihre Obhut zu nehmen, doch Mrs. Crow stellte sich dazwischen. Und ganz Tinkletown forderte Anderson Crow auf, das Geheimnis zu lösen, bevor es einen Tag älter wurde.
„Es ist verdammt schwer, ein Geheimnis zu lösen, das mir sechs Wochen voraus ist“, sagte Anderson verzweifelt, „aber ich werde es versuchen, darauf könnt ihr wetten. Das verflixte Ding hat irgendwo im Universum einen Elternteil oder zwei, und ich werde sie ausfindig machen oder irgendetwas in die Luft jagen. Ich habe selbst eine private Meinung dazu.“
Was auch immer diese private Meinung gewesen sein mochte, sie wurde nicht preisgegeben. Möglicherweise könnte etwas damit zusammenhängen, was die vorübergehende Verärgerung erklärte, die fast jede respektable Frau in Tinkletown empfand. Der Marshal musterte jede einzelne von ihnen, ungeachtet ihrer Stellung, ihres Zustands oder ihres Alters, mit einem derart anklagenden Blick, dass selbst die Frommesten unter ihnen erröteten und dann erstarrten. Diese gerechten Blicke waren so wissend, dass jede Frau im Dorf noch vor Einbruch der Nacht gezwungen war, das Schlimmste von ihrer Nachbarin zu glauben, und fast ebenso bereit war, mit Misstrauen auf sich selbst zu blicken.
Eines war sicher – das Geschäft in Tinkletown stand still. Die alten Männer vergaßen ihre Schach- und Damenspiele im Eckladen; junge Männer vernachlässigten ihre Liebesgeschichten; Frauen vergaßen, übereinander zu reden; Kinder froren sich lieber die Ohren ab, als das Gerede zu verpassen, das durch die winterlichen Straßen ging; jeder stellte die Frage: „Wessen Baby ist das?“
Doch die größte Sensation ereignete sich spät am Tag, als Mrs. Crow beim Durchsehen der Kleidung, die der Säugling trug, einen Zettel fand, der an Anderson Crow adressiert war. Er war an das Kleidchen des Babys genäht und bewies zweifelsfrei, dass der seltsame Besucher der letzten Nacht nicht nur das Haus, sondern auch die Person ausgewählt hatte. Der Zettel kam auf den Punkt. Er lautete:
„18. Februar 1883.
ANDERSON CROW: In Ihre gute und barmherzige Obhut übergibt eine unglückliche Kreatur diesen hilflosen, aber sehr geliebten Säugling. Die ganze Welt kennt Sie als einen zärtlichen, liebevollen, selbstlosen Mann und Vater. Der Schreiber fleht Sie demütig und inständig an, sich um dieses Baby zu kümmern, wie Sie es für eines Ihrer eigenen tun würden. Es ist das Beste, wenn ihre Herkunft ein Geheimnis bleibt. Sorgen Sie für sie, hegen Sie sie wie Ihre eigene, und am Ende eines jeden Jahres wird Ihnen die Summe von tausend Dollar gezahlt, solange sie als Mitglied Ihres Haushalts bei Ihnen lebt. Versuchen Sie nicht, ihre Eltern zu finden. Es wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Möge Gott Sie und die Ihren segnen, und möge Gott für Rosalie sorgen und sie beschützen – der Name, den sie tragen soll.“
Offensichtlich gab es keine Unterschrift und absolut keinen Hinweis auf die Identität des Schreibers. Zwei Arbeiter der Telegrafenleitung, die während der Nacht in der Nähe von Crows Haus gearbeitet und die durch den Schneesturm verursachten Schäden repariert hatten, verbreiteten die Nachricht, dass sie kurz vor Mitternacht eine in einen Mantel gehüllte und geheimnisvoll aussehende Frau in der Nähe der methodistischen Kirche hatten stehen sehen, die offensichtlich den Wüten des Sturms trotzte. Der Anblick war so ungewöhnlich, dass die Männer innehielten und sie mehrere Minuten lang anstarrten. Einer von ihnen wollte gerade auf sie zugehen, als sie sich umdrehte und die Seitenstraße in der Nähe hinunterlief.
„Trug sie ein großes Bündel?“, fragte Anderson Crow.
Die Männer verneinten.
„Dann kann sie nicht die gesuchte Person gewesen sein. Diejenige, hinter der wir her sind, hatte ganz sicher ein großes Bündel.“
„Aber Mr. Crow, ist es nicht möglich, dass diese Männer sie sahen, nachdem sie den Korb bei –“, begann der presbyterianische Pastor.
„So schlussfolgere ich das nicht“, bemerkte der Stadt-Detektiv scharf. „Erstens hätte sie nicht einfach so herumgestanden, wenn die Arbeit erledigt gewesen wäre, oder? Wäre sie nicht nach Hause geeilt? Natürlich wäre sie das.“
„Vielleicht hat sie in der Nähe der Kirche gewartet, um zu sehen, ob Sie das Kind hereinnehmen“, beharrte der Geistliche.
„Aber sie hätte meine Veranda nicht vom hinteren Ende der Kirche aus sehen können.“
„Niemand hat gesagt, dass sie hinter der Kirche stand“, sagte der Monteur.
„Was ist das? Das meinen Sie nicht im Ernst?“, rief Anderson und zog sich tapfer aus der Affäre. „Das macht den ganzen Unterschied der Welt. Warum haben Sie nicht gesagt, dass sie vor der Kirche war? Können Sie denn nicht sehen, dass wir hier Zeit verschwendet haben, nur weil Sie nicht genug Verstand hatten, um –“
„Jeder sollte das wissen, ohne dass man es ihm sagen muss, du alter Bauerntölpel“, knurrte der Monteur, der aus Boggs City kam.
„Halt, mein Herr, das reicht! Ich lasse mir von niemandem –“
„Anderson, sei still!“, mahnte Mrs. Crow. „Du weckst das Baby!“ Dies löste einen neuen Gedankengang in Andersons verwirrtem Geist aus.
„Vielleicht hat sie dort gewartet, während jemand – ihr Ehemann zum Beispiel – den Korb abstellte“, meldete sich Isaac Porter demütig zu Wort.
„Stör mich nicht, Ike; ich denke gerade an was anderes“, murmelte Anderson. „Ehemann, von wegen! Glaubst du etwa, sie hätte an so einer schrecklichen Nacht wie dieser einem dummen Ehemann dieses Baby anvertraut? Meine Damen und Herren, dieses Baby hier wurde von einer weiblichen Bewohnerin dieser Stadt ausgesetzt.“ Seine Zuhörer keuchten und sahen ihn mit aufgerissenen Augen an. „Wenn sie einen Ehemann hat, weiß er gar nicht, dass er der Vater dieses Babys ist. Versteht ihr denn nicht, dass eine Frau keinen schweren Korb über eine weite Strecke hätte tragen können? Sie hätte ihn nicht aus Boggs City, New York oder Baltimore hierher schleppen können, oder? Sie wäre nicht stark genug gewesen. Nein, mein Herr; sie musste nicht weit kommen, Leute. Und sie war eine Frau, denn wird nicht das gesamte Maschinenschreiben von Frauen erledigt? Man hört nichts von männlichen Schreibmaschinenbedienern, oder? Die Leute würden sie nicht haben wollen. Nun, das Erste, was ich jetzt tun muss, ist eine Haus-zu-Haus-Suche, um zu sehen, ob ich irgendwo eine Schreibmaschine ausfindig machen kann. Geh aus dem Weg, Toby. Verflixt, ihr Jungs, könnt ihr denn nicht sehen, dass ich mit diesem Auftrag anfangen will?“
„Sag mal, Anderson“, sagte Harry Squires, der Reporter, „ich würde gerne wissen, ob es in Tinkletown jemanden gibt, männlich oder weiblich, der es sich leisten kann, dir tausend Dollar im Jahr dafür zu zahlen, dass du dich um dieses Kind kümmerst?“
„Was war das?“, sickerte langsam aus Andersons Lippen.
„Du hast gehört, was ich gesagt habe. Sag mal, weißt du nicht, dass man in dieser Stadt ein Kind für elf oder zwölf Dollar im Jahr großziehen kann?“
„Du weißt nicht, wovon du redest“, platzte es aus Andersons empörten Lippen, aber er fand sofort eine Ausrede, um sich aus dem Kreis der Spekulanten zurückzuziehen. Ein paar Minuten später lasen er und seine Frau heimlich den Zettel erneut, beide erfüllt von der Angst, dass dort 10 Dollar statt 1000 Dollar stand.
KAPITEL VI
Nachdenken und Schlussfolgern
„Beim Kuckuck, da steht wirklich tausend“, rief Anderson, sichtlich erleichtert. „Harry Squires ist ein Dummkopf. Er hat gerade gesagt, dass es für elf oder zwölf Dollar zu machen sei. Glaubst du nicht, Eva, dass die Mutter dieses Kindes weiß, was es kostet, sie großzuziehen? Natürlich weiß sie das. Wenn ich sie finde, werde ich ihr aus ihrem eigenen Mund beweisen, dass sie es weiß. Aber stör mich nicht weiter, Eva; ich muss raus und sie aufspüren. Das ist der größte Fall, den ich seit Jahren hatte.“
„Hör mal, Anderson“, sagte seine Frau nachdenklich und ein wenig verstohlen, „lass es uns langsam angehen mit dieser Sache. Warum willst du sie überhaupt finden?“
„Warum – warum, verflixt noch mal, Eva, wovon redest du da?“, begann er erstaunt.
„Nun, es ist einfach so: Ich glaube nicht, dass wir tausend Dollar im Jahr einfacher verdienen können, als indem wir uns um dieses Kind kümmern. Verstehst du nicht? Angenommen, wir behalten sie zwanzig Jahre lang. Das bedeutet zwanzigtausend Dollar, nicht wahr? Das schlägt eine Rente um Längen.“
„Nun, beim Kuckuck!“, keuchte Anderson, der das vage begriff. „Fünfzig Jahre würden fünfzigtausend Dollar bedeuten, nicht wahr? Meine Güte, Eva!“
„Ich glaube nicht, dass wir sie so lange behalten können.“
„Nein“, nachdenklich; „die Chancen stehen gut, dass sie innerhalb dieser Zeit heiraten will. Das tun sie immer –“
„Darum geht es nicht, Anderson. Du und ich müssten über hundert Jahre alt werden.“
„Das stimmt. Wir sind auch keine jungen Küken mehr, oder, Liebling?“
Sie legte ihre harte, knochige Hand in seine und es gab einen Anflug von Feuchtigkeit in den gütigen alten Augen.
„Ich höre so gerne, wenn du mich ‚Liebling‘ nennst, Anderson. Wir werden nie zu alt dafür.“
Er hustete und tätschelte dann etwas verwirrt ihre Hand. Anderson hatte längst die Bedeutung von Gefühlen vergessen, aber er war überrascht festzustellen, dass er nicht vergessen hatte, seine Frau zu lieben.
„Ach was!“, murmelte er tapfer. „Wir werden uns noch wie ein paar junge Turteltauben küssen, ehe wir uns versehen. Verflixt, es ist schon komisch, wie ein Baby, selbst wenn es von jemand anderem ist, einen Kerl alberner macht, als er es eigentlich vorhat.“ Hand in Hand beobachteten sie einige Minuten lang die schlafende Unschuld. Schließlich schüttelte sich der Detektiv und sprach:
„Nun, Eva, ich muss so tun, als würde ich herausfinden, wessen Baby das ist, oder? Mein Ruf steht auf dem Spiel. Ich muss einfach ermitteln.“
„Ich sehe nicht, dass daraus ein Schaden entstehen kann, Anderson“, antwortete sie, und beide erkannten nicht den unbeabsichtigten Sarkasmus, der darin lag.
„Ich werde keine weitere Minute verschwenden“, kündigte er prompt an. „Ich bleibe bei meiner Theorie, dass die Eltern in Tinkletown leben.“
„Unsinn!“, schnaubte Mrs. Crow angewidert und ließ ihn dann zurück, um den zornigen Ärger zu kultivieren, den ihr Ausruf ausgelöst hatte.
„Verflixt, ich wünschte, ich hätte ihre Hand nicht getätschelt“, klagte er. „Sie hat es nicht verdient. Verdammt, eine Frau tut immer etwas, um alles zu verderben.“
Und so machte er sich mit seinen Abzeichen und Sternen auf den Weg, pflichtbewusst, wenn auch ohne Erfolg. Die ganze Stadt wusste bald, dass er einer Spur folgte, aber die ganze Stadt war im Unklaren über deren Charakter, Ursprung und Glaubwürdigkeit. Ein Dutzend Leute sahen ihn vor Lamsons Laden die junge Mrs. Perkins anhalten, und dieselben Zuschauer sahen seine Federn hängen, als sie ihren Zorn über ihn ausgoss und mit hoch erhobener Nase und Wangen, die weitaus scharlachroter waren als zu dem Zeitpunkt, als Boreas sie geküsst hatte, davonzog – und das alles als Reaktion auf eine einzige Bemerkung des treuen Detektivs. Er betrat einen Moment später den Laden von Lamson, merklich beschämt und mit rotem Gesicht.
„Verflixt“, bemerkte er, als er sah, dass eine Erklärung erwartet wurde, „sie hätte wissen können, dass ich nur Spaß gemacht habe.“
Ein paar Minuten später hatte er Alf Reesling, den Stadttrunkenbold, in einer hinteren Ecke des Ladens und sprach in einem höchst gebieterischen Ton auf ihn ein. Es mag erwähnenswert sein, dass Alf sich so weit vergessen hatte, über die vorübergehende Verlegenheit des Marshals durch Mrs. Perkins zu lachen.
„Alf, hast du wieder ein Baby bei dir zu Hause gehabt, ohne es mir zu sagen?“, verlangte Anderson bestimmt zu wissen.
„Anderson“, antwortete Alf, während ihm rührselige Tränen in die Augen traten, „es ist nicht nett von dir, meine Gefühle so aufzuwühlen. Du weißt, dass ich seit drei Jahren Witwer bin.“
„Ich möchte, dass du eines verstehst, Alf Reesling. Ein Detektiv weiß nie etwas, bis er es beweist. Lass mich dich warnen, mein Herr, du stehst unter Verdacht. Und jetzt lass mich dir noch eins sagen. Verflixt, du mieser Kerl, lach nie wieder so, wie du es gerade getan hast, oder ich werde –“
In diesem Moment flog die Tür mit einem Knall auf und Edna Crow, Andersons Älteste, purzelte fast in den Laden, ihre Mütze in der Hand, die Augen traten ihr aus dem Kopf. Sie war die ganze Strecke von zu Hause aus in höchstem Tempo gerannt.
„Dad“, keuchte sie. „Mum sagt, du sollst sofort nach Hause kommen! Sie sagt, du sollst rennen!“
Anderson legte die Strecke zwischen Lamsons Laden und seinem eigenen Haus in Rekordzeit zurück. Tatsächlich schlug Edna, die so schnell flog, wie ihre schlanken Beine sie tragen konnten, ihren Vater nur knapp bis zur Vordertür. Mr. Crow war vollkommen klar, dass etwas Ungewöhnliches passiert sein musste, sonst hätte Mrs. Crow ihn nicht so gebieterisch herbeigerufen.
Sie wartete im Flur im Erdgeschoss auf seine Ankunft, sichtlich aufgeregt. Ohne ein Wort zu sagen, zerrte sie ihn in das kleine Wohnzimmer und schloss die Tür. Sie waren allein.
„Ist es tot?“, keuchte er.
„Nein, aber was glaubst du, Anderson?“, fragte sie aufgeregt.
„Ich hatte noch keine Zeit zum Denken. Du willst doch nicht etwa sagen, dass es angefangen hat zu sprechen und sagen kann, wer es ist“, stammelte er.
„Himmlischer Vater nein – und es ist erst sechs Wochen alt.“
„Nun, was zum Donnerwetter ist dann passiert?“
„Ein Detektiv war hier.“
„Ach du meine Güte!“
„Ja, ein echter Detektiv. Er ist da draußen in der Küche und wärmt sich die Füße am Backofen. Er sagt, er sucht nach einem sechs Wochen alten Baby. Anderson, wir werden diese zwanzigtausend verlieren.“
„Weine nicht, Eva; vielleicht finden wir eines Tages noch ein Baby. Hat er das – das – es gesehen?“ Anderson hielt sich zur Stütze am Treppenpfosten fest.
„Noch nicht, aber er sagt, er wisse, dass wir hier eines haben, das noch nicht markiert wurde – das ist es, was er sagte – ‚markiert‘. Was meint er damit?“
„Warum – warum, siehst du denn nicht? Sobald er es markiert hat, ist es das. Verflixt, ich frage mich, ob es einen rechtlichen Unterschied machen würde, wenn ich es zuerst markiere.“
„Er ist ein seltsam aussehender Kerl, Anderson. Sagt, er sei verkleidet, und er sieht sicherlich wie ein richtiger Schurke aus.“
„Ich werde ihn mir ansehen und nach seinem Abzeichen fragen.“ Marshal Crow marschierte mutig in die Küche, wo der fremde Mann die jüngeren Crows mit Unterhaltung versorgte, während er sich genüsslich an Kuchen und anderen, gehaltvolleren Dingen labte.
„Sind Sie Mr. Crow?“, fragte er lässig, als Anderson vor ihm erschien.
„Das bin ich. Wer sind Sie?“
„Ich bin Hawkshaw, der Detektiv“, antwortete der Mann mit vollem Mund, während er Brombeerkuchen aß.
„Hui!“, keuchte Anderson. „Eva, es ist der berühmte Hawkshaw.“
„Richtig, mein Herr. Ich bin hinter dem Kind her.“
„Sie werden es identifizieren müssen“, inspirierte ihn etwas dazu, zu sagen.
„Klar. Das ist einfach. Es ist das, das letzte Nacht auf Ihrer Türschwelle zurückgelassen wurde“, sagte der Mann gewandt.
„Nun, ich denke, Sie haben recht“, begann Anderson trostlos.
„Junge oder Mädchen?“, verlangte Mrs. Crow scharfsinnig und sehr schnell zu wissen. Sie hatte den Mann genauer als zuvor gemustert, und die weibliche Intuition sagte ihr eine Wahrheit, die Anderson übersah. Mr. Hawkshaw war nicht nur sehr heruntergekommen, sondern auch sehr betrunken.
„Madame“, antwortete er hochmütig, „es ist nichts weiter als ein bloßes Kind.“
„Ich gebe Ihnen genau eine Minute, um dieses Haus zu verlassen“, sagte Mrs. Crow scharf, zu Andersons Bestürzung. „Wenn Sie nicht weg sind, übergieße ich Sie mit diesem Kessel kochendem Wasser. Öffne die Hintertür, Edna. Er soll nicht noch einmal seinen schmutzigen Körper durch mein Wohnzimmer schleppen. _Öffne diese Tür, Edna!_“
Edna, halb gelähmt vor Erstaunen, öffnete die Küchentür gerade noch rechtzeitig. Mr. Hawkshaw war nicht so betrunken, dass er das Unheil nicht hätte kommen sehen können, als es in der Nähe schwebte. Als sie den dampfenden Kessel vom Herd hob, machte er einen fliegenden Satz zur Tür. Der Luftzug, der ihn begleitete, als er durch die Öffnung schoss, fegte Edna beinahe von den Füßen. In zehn Sekunden kletterte der zerlumpte Hawkshaw über den Gartenzaun und legte lebhafte, wenn auch ungenaue Spuren durch das Kohlbeet vom letzten Jahr.
KAPITEL VII
Der geheimnisvolle Besucher
Die gesamte Familie Crow beobachtete ihn wie erstarrt, bis er in der Gasse verschwand, die zu Hapgoods Wäldchen führte. Erst da, und nicht früher, holte Anderson Crow wieder Luft.
„Guter Gott, Eva, was soll das bedeuten?“, keuchte er.
„Bedeuten?“, kreischte sie fast. „Anderson Crow, hast du diesen Kerl nicht erkannt? Er ist kein bisschen mehr Detektiv als du oder ich. Er ist genau derselbe Landstreicher, den du letzte Woche in den Arrest gesteckt hast, und die Woche davor auch. Ich dachte schon, ich hätte sein hässliches Gesicht schon einmal gesehen. Er ist –“
„Beim großen Kuckuck!“, brüllte der Stadtmarschall. „Jetzt erinnere ich mich an ihn. Er ist derjenige, der sagte, er sei den Pocken ausgesetzt gewesen und wolle den ganzen Winter über dort bleiben, wo es warm sei. Nun, ich werde – ich werde –“
„Sag es nicht, Pa. Das hat er für dich erledigt, als er da draußen über den Stacheldrahtzaun geklettert ist“, rief Edna vergnügt.
Auf diese interessante Episode folgten mehrere Tage voller Unruhe und Tatendrang. In dieser Zeit versuchten zwei Landstreicher, im Haus der Crows Nahrung und Obdach zu finden, der eine unter dem Vorwand, er sei der Vater des unglücklichen Kindes, der andere als Beamter des Findelkindheims aus Boggs City. Drei Babys wurden auf der Türschwelle zurückgelassen – zwei in einer Nacht –, wobei ihre liebenden Mütter in Briefen gestanden, sie wüssten Andersons bekannte wohltätige Neigungen zu schätzen und flehten ihn an, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, als wären es seine eigenen. Der geplagte Marschall hatte einige Schwierigkeiten, die Mütter dazu zu bewegen, ihre Kinder wieder mitzunehmen.
In jedem Fall wurde er von den achtenswerten Damen beschimpft, die ihn allesamt der absoluten Herzlosigkeit bezichtigten. Mrs. Crow eilte ihm zu Hilfe und erklärte den enttäuschten Müttern, dass das kochende Wasser bereitstünde, falls sie ihre Körbe mit Babys nicht schleunigst mitnehmen würden. Es mag für den Ruf von Tinkletown gut sein zu erwähnen, dass eine der Spenderinnen Mrs. Raspus war, eine schwarze Wäscherin, die für die „Dagoes“ arbeitete, welche ganz in der Nähe die Eisenbahn bauten; eine andere war die Ehefrau von Antonio Galli, einem Mitglied der Planierkolonne, und die dritte war Mrs. Pool, die Witwe eines Fischers, der sich kürzlich im Alkohol ertränkt hatte.
Es ist gut möglich, dass Anderson die drei Säuglinge dauerhaft an der Backe gehabt hätte, wenn die Mütter nicht so begierig darauf gewesen wären, ihr Schicksal zu erfahren. Sie erschienen persönlich am frühen nächsten Morgen, um nachzusehen, ob die Babys auf der Türschwelle erfroren waren. Mrs. Pool ging sogar so weit, einige zusätzliche Babykleider zu holen, die sie vergessen hatte, bei ihrem männlichen Findelkind dazulassen. Mrs. Raspus kam wegen ihres Korbes und behauptete, es sei der einzige, den sie habe, um die Wäsche für die Männer zu „schleppen“.
Nach diesen lästigen, aber belebenden Zwischenfällen durfte Anderson sich von seiner Benommenheit erholen und die Symptome eines Nervenzusammenbruchs ablegen. Tinkletown kehrte zu seiner ruhigen Haltung zurück und die Dame-Spiele begannen wieder zu gedeihen. Die kleine Rosalie war eine Woche älter als bei ihrer Ankunft, aber es dauerte fünf Wochen, bis etwas geschah, das den gleichmäßigen Gang des Pflegevaters störte. Er hatte fleißig daran gearbeitet, die Eltern des Babys zu finden, jedoch ohne Ergebnis. Zwei oder drei aufgebrachte Ehemänner in Tinkletown hatten gedroht, ihm das Gehirn herauszupusten, sollte er weiterhin ihre Frauen auf seine anzügliche Art befragen, und eines der Küchenmädchen im Dorfgasthaus bewarf ihn bei seinem dritten Erkundungsbesuch mit einer Pfanne. Eine schwarze Frau im Dienst des Baptistenpastors bestritt, dass Rosalie ihr Kind sei, stimmte aber, als er darauf beharrte, mit feiner Ironie zu, „drüberzugehen und einen Blick darauf zu werfen“, nachdem er ihr versichert hatte, dass es vollkommen weiß sei.
„Eva, ich habe den Fall gründlich untersucht“, sagte er schließlich, „und es gibt keine Lösung für das Geheimnis. Das Einzige, was ich schlussfolgern kann, ist, dass das Kind hier ist und wir uns um sie kümmern müssen. Nun frage ich mich, ob die Frau wirklich meinte, was sie sagte, als sie meinte, wir bekämen am Ende jedes Jahres tausend Dollar. Verdammt noch mal, ich wünschte, das Jahr wäre schon um, nur um nachzusehen.“
„Wir müssen warten, Anderson, das ist alles“, sagte Mrs. Crow. „Ich liebe das Baby so sehr, dass es keine Rolle spielen kann. Ich bin froh, dass du mit den Untersuchungen fertig bist. Es war sehr anstrengend für mich. Die Hälfte der Frauen in der Stadt spricht nicht mehr mit mir.“
Am Ende von Rosalies fünfter Woche als Mitglied der Familie geschah etwas. Spät in einer Nacht, als Anderson die Vordertür öffnete, um die Katze rauszulassen, stieg eine schwer verschleierte Frau die Stufen hinauf und sprach ihn an. In einiger Bestürzung wich er zurück und hätte die Tür geschlossen, wenn sie nicht eifrig protestiert hätte.
„Ich muss Sie sprechen, Mr. Crow“, rief sie mit leiser, erregter Stimme.
„Wer sind Sie?“, verlangte er zu wissen. Sie war ganz in Schwarz gekleidet.
„Ich bin gekommen, um Sie wegen des Babys zu sprechen.“
„Das zieht nicht, gnädige Frau. Es waren schon drei Landstreicher hier, um uns hinters Licht zu führen, und ich –“
„Ich muss sie sehen, Mr. Crow“, flehte die Fremde, und er war beeindruckt vom Wohlklang ihrer Stimme.
„Sehr merkwürdig, wie mir scheint“, murmelte er zögernd. „Sind Sie mit ihr verwandt?“
„Ich bin sehr interessiert.“
„Beim Kuckuck, ich glaube, Sie sind diejenige, die sie hier gelassen hat“, rief der Detektiv. „Sind Sie eine Schreibkraft?“
„Ich werde Ihre Fragen beantworten, wenn Sie mich hereinlassen. Es ist sehr kalt hier draußen.“
Anderson Crow trat beiseite und die große, schwarze Gestalt betrat den Flur. Er führte sie in das warme Wohnzimmer und gab ihr einen Stuhl vor dem „Etagenofen“.
„Hier, Mr. Crow, ist ein Umschlag mit zweihundertfünfzig Dollar. Das beweist meine guten Absichten. Ich kann Ihnen weder sagen, wer ich bin, noch in welchem Verhältnis ich zu dem Baby stehe. Ich bin mir vollkommen bewusst, dass Sie nicht versuchen werden, mich aufzuhalten, denn es ist keine leichte Angelegenheit, in diesem Teil der Welt tausend Dollar im Jahr zu verdienen. Ich gehe nächste Woche ins Ausland und erwarte nicht, für eine sehr, sehr lange Zeit zurückzukehren. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte nicht gehen, ohne das Kind zu sehen. Ich werde Sie nicht zehn Minuten um den Schlaf bringen, und Sie und Ihre Frau können anwesend sein, während ich Rosalie in meinen Armen halte. Ich weiß, dass sie in guten Händen ist, und ich habe nicht die Absicht, sie mitzunehmen. Bitte rufen Sie Mrs. Crow.“
Anderson war zu verblüfft, um sofort zu handeln. Er fing an, fragend herumzustottern, aber die Besucherin hielt ihn barsch auf.
„Sie verschwenden Zeit, Mr. Crow, wenn Sie versuchen, meine Autorität oder Identität in Frage zu stellen. Niemand muss wissen, dass ich diesen Besuch abgestattet habe. Sie sind vollkommen sicher in dem Versprechen, tausend Dollar im Jahr zu erhalten; warum sollten Sie zögern? Solange sie bei Ihnen lebt, ist das Geld Ihr. Ich zahle den Betrag, den Sie jetzt haben, im Voraus, damit für ihre unmittelbaren Bedürfnisse gesorgt ist. Sie sind nicht verpflichtet, über das an Sie gezahlte Geld Buch zu führen. Es gibt Mittel und Wege, um sofort festzustellen, ob sie gut versorgt ist und von Ihnen erzogen wird, und falls sich herausstellt, dass Sie Ihre Pflicht nicht erfüllen, wird sie aus Ihrer Obhut entfernt. Von Zeit zu Zeit können Sie schriftliche Anweisungen von – von jemandem, der sie liebt, erwarten.“
„Ich wollte nur fragen, ob Sie in Tinkletown wohnen?“, brachte Anderson hervor.
„Das tue ich nicht“, antwortete sie nachdrücklich.
„Nun, dann lüften Sie Ihren Schleier. Wenn Sie nicht hier wohnen, werde ich Sie nicht erkennen.“
„Ich ziehe es vor, mein Gesicht bedeckt zu halten, Mr. Crow; glauben Sie mir und vertrauen Sie mir. Bitte lassen Sie mich sie sehen.“ Das Flehen war so ernst, dass Andersons Herz einen großen Schlag der Erkenntnis tat.
„Beim Kuckuck, Sie sind ihre Mutter!“, keuchte er. Mrs. Crow kam in diesem Moment herein, und sie erfasste die Situation weitaus schneller als ihr Ehemann. Es lag ihr auf der Zunge, die Frau offen für ihre Herzlosigkeit anzuprangern, aber ihre natürliche Sparsamkeit schob einen Riegel davor. Sie würde nichts tun, was den goldenen Löffel aus dem Mund der Familie entfernen könnte.
Das Trio schlich nach oben in das warme Schlafzimmer. Dort, während Anderson Crow und seine Frau von einer entlegenen Ecke des Zimmers aus zusahen, kniete die große Frau in Schwarz neben dem Kinderbett, das eine ganze Generation von Crows beherbergt hatte. Die schlafende Rosalie wusste nichts von den sanften Küssen, die über ihre kleine Wange huschten. Sie spürte nicht die Tränen, die fielen, als die Besucherin ihren Schleier lüftete, noch hörte sie das Flüstern, das auf die Lippen der Frau stieg.
„Das ist alles“, murmelte die geheimnisvolle Fremde schließlich und ließ ihren Schleier fallen, als sie aufstand. Sie taumelte, als sie sich auf den Weg zur Tür machte, fing sich aber sofort wieder. Ohne ein Wort verließ sie den Raum, und die Crows folgten ihr schweigend die Treppe hinunter. Unten hielt sie inne und streckte dem alten Ehepaar die Hände entgegen. Ihre Stimme zitterte, als sie sprach.
„Lassen Sie mich Ihre Hände halten und lassen Sie mich Ihnen sagen, dass meine Liebe und meine Gebete für immer Ihnen und diesem kleinen Wesen dort oben gelten. Danke. Ich weiß, Sie werden gut zu ihr sein. Sie ist von gutem Stand. Ihr Blut ist so gut wie das beste. Vor allem, Mrs. Crow, sie ist nicht unehelich. Sie können leicht vermuten, dass ihre Eltern wohlhabend sind, sonst könnten sie nicht so gut für ihre Pflege bezahlen. Eines Tages wird das Geheimnis, das sie umgibt, gelüftet werden. Es mag noch viele Jahre dauern. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass sie für mindestens zwanzig Jahre in Ihrer Obhut bleiben wird. Eines Tages werden Sie wissen, warum Rosalie nicht existieren darf. Gott segne Sie.“
Sie war verschwunden, bevor sie ein Wort sagen konnten. Sie beobachteten, wie sie schnell in der Dunkelheit verschwand; wenige Minuten später erklang plötzlich das Geräusch von Wagenrädern in der Luft. Anderson Crow und seine Frau standen vor dem „Etagenofen“, und in ihren nachdenklichen Augen standen Tränen.
„Sie sagte zwanzig Jahre, Eva. Lass mal sehen, wir haben jetzt 1883. Was ergibt das dann?“
„Ungefähr 1903 oder 1904, Anderson.“
„Nun, ich schätze, wir können warten, wenn es andere Leute auch können“, sinnierte er. Dann gingen sie langsam nach oben und ins Bett.
KAPITEL VIII
Einige Jahre vergehen
Tinkletown unterstützte Anderson als Einheit bei seinem Antrag auf Vormundschaft. Sie wurden unmittelbar nach dem geheimen Besuch der geheimnisvollen Frau eingereicht; das Bezirksgericht in Boggs City ordnete nach Anhörung der Beweise sofort die Bestellung von Mr. Crow an. Als das Gericht mit leichter Überraschung fragte, warum er das Kind nicht adoptiere, sahen Anderson und Eva sich verlegen an und schwiegen eine ganze Minute lang. Dann sagte Anderson etwas heiser:
„Nun, sehen Sie, Herr Richter, ihr Name müsste dann Crow sein, und obwohl es ein guter Name ist und ein geehrter, passt er nicht recht zu dem jungen Ding. Sie scheint eher ein Kanarienvogel als eine Krähe zu sein, im übertragenen Sinne, und Eva und ich haben einfach beschlossen, ihr einen anderen Nachnamen zu geben, wenn wir einen finden könnten. Mir scheint, Rosie Canary wäre ein guter Name, aber Eva und die Kinder sind gegen mich. Sie haben beschlossen, sie Rosalie Gray zu nennen, und ich schätze, damit ist die Sache erledigt. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, denke ich, dass dieser Name in die Unterlagen eingetragen werden kann. Außerdem müssen Sie bedenken, dass sie eines Tages eine Menge Eigentum haben könnte, und es scheint mir angemessener, Vormund zu sein als Pflegevater, falls diese Zeit jemals kommt. Es wird leichter sein, Abschied zu nehmen, wenn sie uns verlassen will.“
Am selben Tag zahlte Anderson zweihundertfünfzig Dollar auf sein Konto bei der First National Bank ein und sagte zu seiner Frau, während er vom Schalter wegging: „Ich schätze, Rosalie kann nicht verhungern, bis die Bank pleitegeht, und vielleicht nicht einmal dann.“
Natürlich wusste Tinkletown, dass Anderson eine Geldsumme erhalten hatte, aber niemand wusste, dass sie ihm persönlich von einer interessierten Partei übergeben worden war. Hätten Anderson und seine Frau auch nur geflüstert, dass ein solcher Besuch stattgefunden hatte, wäre die Stadt in einen Zornesausbruch verfallen; das Podest des Marschalls wäre ihm ohne Skrupel oder Gnade unter den Füßen weggezogen worden. Eva ermahnte ihn, sowohl dem Kind als auch ihrer selbst zuliebe mehr als schweigsam über das Thema zu sein, und Anderson erkannte die Weisheit in ihrem Rat. Er ließ sogar in seiner erklärten Absicht nach, das Geheimnis zu lösen oder bei dem Versuch zu sterben. Eine scharfe Erinnerung in Form eines Artikels im Banner stellte seine Energien wieder her, und er nahm den Fall erneut mit einem Elan in Angriff, der selbst ihn überraschte. Alles, was auch nur im Entferntesten nach Elan roch, überraschte seine Frau.
Harry Squires, der Reporter, der sich von Zeit zu Zeit mehr oder weniger über Anderson lustig machte, weil er die „Macht der Presse hinter sich“ hatte, schrieb einige Wochen später den folgenden Artikel über das „Baby-Geheimnis“, wie er es nannte, in großer Schrift:
„Es gibt keine Neuigkeiten bezüglich des Kindes, das im vergangenen Februar auf der Türschwelle unseres geschätzten Mitbürgers Anderson Crow gefunden wurde. Der Artikel über seine Entdeckung erschien erstmals in den Spalten des Banner, wie sich unsere vielen Leser erinnern werden. Detektiv Crow versprach vor einiger Zeit Entwicklungen, aber sie sind nicht aufgetaucht. Es geht das Gerücht um, er habe einen neuen Hinweis, aber das lässt sich nicht belegen. Der allgemeine Eindruck ist, dass er nicht weiß, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Wir raten Mr. Crow, langsam zu machen. Er sollte die Zeit nicht vergessen, als er vor zwei Jahren Mr. John Barnes wegen des Mordes an Mr. Grover verhaftete und später feststellte, dass der junge Herr lediglich mit Richter Brewsters Tochter durchgebrannt war, was kein Verbrechen darstellte. Wir haben das Mädchen gesehen. Diejenigen unserer Leser, die damals schon lebten, erinnern sich zweifellos an die Aufregung dieser Menschenjagd vor zwei Jahren. Mr. Barnes, so unschuldig wie ein ungeborenes Kind, kam in unsere kleine Stadt und beschäftigte sich mit dem unschuldigen Zeitvertreib des Heiraten-Wollens. Zur gleichen Zeit wurde berichtet, dass in diesem Bezirk ein Mord begangen worden sei. Mr. Crows Verdacht wurde geweckt, er verfolgte Mr. Barnes flussabwärts und verhaftete ihn. Es war ein feines Stück Detektivarbeit. Aber zum Unglück für Mr. Crow war der wahre Mörder in der Zwischenzeit gefasst worden. Mr. Barnes war nur schuldig, Richter Brewsters Tochter gestohlen und sie geheiratet zu haben. Das Letzte, was man von ihnen hörte, war, dass sie in New York glücklich seien. Sie haben Mr. Crow sogar verziehen, wie berichtet wird. Es ist zu hoffen, dass unser kluger Detektiv bald auf die herzlosen Eltern dieses unschuldigen Kindes herabstürzen wird, aber es ist auch zu hoffen, dass er mindestens viermal nachdenkt, bevor er springt.“
Zu sagen, dass das vorangegangene Leitartikel den Gleichmut von Mr. Crows Gemüt störte, wäre noch untertrieben. In der Abgeschiedenheit seines Scheunenplatzes vollführte Anderson einen Kriegstanz, der Tecumseh beschämt hätte. Er drohte, Harry Squires „von Kopf bis Fuß“ zu vernichten, weil er die niederträchtige Verleumdung veröffentlicht hatte.
„Verdammt noch mal“, brüllte der arme Anderson, „für zwei Cent würde ich alles erzählen, was ich darüber weiß, dass er vor drei Jahren in Boggs City sturzbetrunken war. Er konnte damals keinen halben Zoll weit gehen, ohne zu tanken. Wie dem auch sei, ich hätte Mr. Barnes damals nicht gejagt, wenn Harry Squires nicht gewesen wäre. Er hat mich angestachelt, verdammt noch mal. Wenn er nicht diesen großen Schriftsetzer aus Albany im Banner-Büro hätte, der ihn unterstützt, würde ich rübergehen und ihm die Nase zertrümmern. Nach all den Artikeln, die ich ihm gegeben habe, auch noch. Das ist der ganze Dank, den man bekommt, wenn man für diese verfluchten Reporter Nachrichten beschafft. Aber ich werde es ihm zeigen! Ich frage mich, was er denken würde, wenn ich das Baby direkt zu seinem eigenen – Was ist das, Eva? Nun, du weißt auch nichts darüber, also halt den Mund. Harry Squires ist ein ziemlich schlitzohriger Kerl. Vielleicht ist es seins. Das sollst du gar nicht wissen. Lass mich nur meine eigenen Schlüsse ziehen. Ich will keine verfluchte Frau, die mir sagt, wen ich beschatten soll. Und du auch nicht, Edner; geh mir aus dem Weg, verdammt noch mal! Als Nächstes wirst du mir noch sagen, was ich zu tun habe – und ich bin immerhin dein Vater!“
Und deshalb nahm Anderson Crow seine Suche nach den Eltern von Rosalie Gray wieder auf. Nicht, dass er hoffte oder erwartete, sie zu finden, sondern um den schädlichen Einfluss von Harrys „Artikel“ auszugleichen. Viele Tage lang folgte er den unmöglichsten Hinweisen, einige davon widerspenstig, um ein eher ungewöhnliches Beschreibungswort zu verwenden. Mit anderen Worten: Sie reagierten mit einer Heftigkeit, die ihn oft unvorbereitet, aber gelassen fand. Konsequenzen kümmerten Anderson in jenen Tagen der verschmähten Geschäftigkeit nur wenig.
Es ist nicht notwendig, auf die Vorfälle der folgenden Jahre einzugehen, in denen Rosalie vom Säuglings- zum Kindesalter krabbelte und dann stolz durch ihre Teenagerjahre schritt, mit einer Federkraft, die für Gevatter Zeit nichts Gutes verhieß. Regelmäßig jeden darauffolgenden Februar erhielt Anderson Crow ein Paket mit Zwanzig-Dollar-Scheinen im Wert von tausend Dollar, wobei die Post unergründlich blieb. Die Familie Crow gedieh entsprechend, aber dahinter steckte eine großzügige Sparsamkeit, die Rosalie zugutekam, als die Zeit der Abrechnung gekommen war. Anderson und Eva legten einen beträchtlichen Teil des Geldes für das Kind beiseite, das sie wie ihr eigenes Fleisch und Blut liebten. Dem Unterricht in der Bezirksschule folgte später eine Internatsausbildung im Süden des Staates, und dann kamen der letzte Schliff bei Miss Brown in New York.
Rosalie wuchs zu einer seltenen Blume heran, so zierlich wie die Rose, so pikant wie das Gänseblümchen. Das unverkennbare Zeichen des Adels leuchtete in ihrem Gesicht, die feinen Spuren blauen Blutes zierten jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Töne und Blicke. Zu der Zeit, als sie – wie übrigens jeder andere in Tinkletown auch – zwanzig Jahre älter war als bei ihrer ersten Ankunft in Andersons Haus, finden wir sie als Königin des Dorfes, sein einziger reicher menschlicher Besitz, sein einziger wahrhaft kultivierter Bewohner. Anderson Crow und seine Frau waren so stolz auf sie, dass sie ihre Pflicht gegenüber ihrem eigenen Nachwuchs vergaßen; doch wenn die Crow-Kinder dies übel nahmen, zeigte sich dies nicht in den Ausdrücken von Liebe und Bewunderung für ihre Pflegeschwester. Edna Crow, die älteste der Mädchen – Anderson nannte sie „Edner“ – war Rosalies ergebenste Sklavin, während Roscoe, der zwölfjährige Junge, der das hintere Glied von Andersons kleiner Armee bildete, so beständig vor ihrem Schrein kniete, dass er in seinen Studien weit zurückfiel und zwei Jahre lang beim dritten Lesebuch hängen blieb.
Anderson war in all diesen Jahren nicht untätig gewesen. Er näherte sich rasch seinem siebzigsten Jubiläum, aber er war im Geiste keinen Tag älter als bei unserer ersten Begegnung. Zwar war sein Haar dünner und weißer, und seine Koteletten struppten etwas nachlässiger als in anderen Tagen, aber er war so jung und aktiv wie ein Jüngling von zwanzig Jahren. Schwere Zeiten beunruhigten ihn ebenso wenig wie häusliche Sorgen. Mrs. Crow gab oft zu, dass sie ihr Bestes versuchte, ihn zu beunruhigen, aber es war wie „Wasser auf den Rücken einer Ente“. Er ging glückselig seinen Weg, erntete Lob für sich selbst und Ehren für Tinkletown. Es gab kein schweres Verbrechen, das in dem Land begangen wurde, für das er nicht einen klar definierten Plan zur Ergreifung der Täter gehabt hätte. Seine „Schlussfolgerungen“ in Lamsons Laden verfehlten nie ihr Ziel, große Zuschauermengen anzuziehen und zu fesseln, und niemand bestritt seine Theorien öffentlich. Die Tatsache, dass er von Zeit zu Zeit für die Verhaftung verschiedener Schweine-, Pferde- und Hühnerdiebe verantwortlich war und für die ständige Festnahme der beiden stadtbekannten Trunkenbolde Tom Folly und Alf Reesling, hielt seinen Ruf unbefleckt, trotz der zahlreichen Fehler bei der Ausführung und Unterlassung, die sich einschlichen.
Dass Rosalie mysteriöse Freunde – oder Feinde, wie es gewesen sein mochte – hatte, die sie genau und aufmerksam bewachten, zeigte sich von Zeit zu Zeit. Einmal, als Anderson sehr schwer an Typhus erkrankt war, lag dem Umschlag mit den Geldscheinen ein nicht unterzeichneter, maschinengeschriebener Brief bei. Der Verfasser teilte mit, dass Mr. Crows Gesundheitszustand wegen Rosalie Anlass zur Sorge gebe – das Kind war damals sechs Jahre alt – und man hoffe, dass keine ernsthaften Folgen eintreten würden. Ein anderes Mal wies der seltsame Absender in einem Brief aus Paris Mr. Crow an, Rosalie in ein bestimmtes Internat zu schicken und dafür zu sorgen, dass sie von kompetenten Lehrern in Französisch, Deutsch und Musik unterrichtet werde. Wiederum, kurz bevor das Mädchen für ihren zweijährigen Aufenthalt in Miss Browns Schule nach New York ging, kam ein Paket mit 2500 Dollar für ihren persönlichen Gebrauch. Rosalie sprach gegenüber Anderson oft von diesem geheimnisvollen Absender als der „guten Fee“; doch der alte Marshal hatte eine tiefere und bedeutungsvollere Meinung dazu.
Vielleicht war die Zeit, in der Anderson Crow am meisten besorgt war, als Rosalie etwa zehn Jahre alt war. Ein neuer Sheriff war im Bramble County gewählt worden, und er spielte sich als Reformer auf. Seine Schwester unterrichtete in Tinkletown, und Rosalie war ihre Lieblingsschülerin. Sie interessierte sich so sehr für das Kind, dass dies fast den Ruin von Mr. Crows Wohlstand bedeutet hätte. In dem Glauben, dem Mädchen einen Gefallen zu tun, wandte sich die Lehrerin an ihren Bruder, den Sheriff, und drängte ihn, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Der Sheriff sah eine Chance, sich zu profilieren. Er holte sich die Hilfe eines aggressiven Staatsanwalts, der ebenfalls neu im Amt war, und machte sich daran, den Fall zu untersuchen.
Die beiden Gesetzeshüter fielen eines Tages über Tinkletown her und begannen, kategorische Fragen zu stellen. Sie gingen dabei derart anmaßend und herrisch vor, dass Anderson in Alarmbereitschaft versetzte und sein Herz wie Blei sank. Vor seinem geistigen Auge sah er den völligen Zusammenbruch all seiner Hoffnungen, das Entgleiten seines Bechers der Muße und das Umwerfen der Pläne der „guten Fee“. Er nahm seinen ganzen Verstand zusammen und setzte alles daran, den Angriff der Einmischer zu vereiteln. Ob es seine Schlauheit war, ihnen Hindernisse in den Weg zu legen, oder ob er die Bewohner dazu zwang, die Ermittlungen des Sheriffs zu blockieren, spielt keine Rolle. Es genügt zu sagen, dass der dienstbeflissene Herr aus Boggs City die Suche schließlich angewidert aufgab und in die Bedeutungslosigkeit verschwand, wie es bei Bezirksbeamten üblich ist, die versuchen, fortschrittlich zu sein. Es dauerte jedoch viele Wochen, bis Anderson wieder fest schlief. Er war wieder einmal glücklich in dem Bewusstsein, dass Rosalie vor dem Unheil bewahrt worden war und dass er seine Pflicht ihr gegenüber erfüllt hatte.
„Ich wüsste zu gerne, wie diese verflixten Kerle aus Boggs City erwarten, irgendetwas über dieses Kind herauszufinden, wenn ich es nicht einmal geschafft habe“, knurrte Mr. Crow eines Abends in Lamsons Laden. „Wenn sie nur ihre verdammten Nasen aus dieser Angelegenheit heraushalten, werde ich eines Tages schon herausfinden, wer ihre Eltern sind. Es braucht Zeit, um solchen Dingen auf den Grund zu gehen. Ich schätze, ich weiß, was ich tue, nicht wahr, Jungs?“
„Das tun Sie, Anderson“, sagte Mr. Lamson, als Anderson hinübergriff und eine Handvoll Lakritzbonbons aus dem Glas auf dem Tresen nahm.
KAPITEL IX
Die Dorfkönigin
Das Frühjahr 1903 brachte Rosalie nach ihrem zweiten und letzten Jahr bei Miss Brown in New York City zurück nach Tinkletown. Die Sonne schien heller, die Vögel sangen fröhlicher, die Blumen verbreiteten einen neuen Duft und das Dorf putzte sich heraus, als wäre der Sonntag der einzige Tag in der Woche. Die jungen Männer der Stadt zitterten, wenn sie an ihnen vorüberging, und nicht wenige von ihnen wurden dünn und ausgemergelt vor Mangel an Essen und Schlaf, da sie durch einen Rückfall in die Liebe sowohl Appetit als auch Ruhe verloren hatten. Ihr Lächeln war wie eh und je, ihre fröhliche Begrüßung die gleiche, und doch standen die Dorfburschen tagelang in Ehrfurcht vor dieser feinen jungen Aristokratin. Allmählich dämmerte ihnen, dass sie trotz ihrer New Yorker Ausbildung doch nur ein Mensch war, und sie nahmen langsam die altbewährte Art des Werbens wieder auf, die ausschließlich mit den Augen stattfand.
Einige der Wagemutigeren – wenn auch nicht die Eifrigsten – baten sie zum Spazierengehen, zum Ausfahren oder zu den „gesellschaftlichen Abenden“ der Kirche, und es entstand ein Wettbewerb in der Stadt, der den Handel zu stören drohte. Es gab kein Theater in Tinkletown, aber sie freuten sich über ihre Beschreibungen der prächtigen Theaterhäuser in New York. Die Stadthalle erschien ihnen kleiner denn je. Die jüngeren Kaufleute und ihre Angestellten vernachlässigten ihre Geschäfte mit bezaubernder Unparteilichkeit, und der Handel ging „den Bach hinunter“, bis Rosalie sich weigerte, George Rawlins, den Sohn des Pfarrers, zu heiraten. Er galt als der Auserwählte; doch sie wies ihn auf eine so entschiedene Art zurück, dass alle anderen die Hoffnung und den Mut verloren. Es ist verbrieft, dass Tinkletown am Tag nach Georges Abfuhr einen kompletten geschäftlichen Purzelbaum vollzog. Noch nie zuvor hatte man den Kunden eine solche Aufmerksamkeit geschenkt; Kaufleute und Angestellte gleichermaßen fügten sich in das Unvermeidliche und versuchten, Rosalies Gesicht von den Preisschildern und Handelsmarken ihres langweiligen, merkantilen Klosters zu verbannen. Sogar Tony Brink, der Lehrling des Schmieds, verfiel in Arbeitsgewohnheiten, jedoch mit einer Zerstreutheit, die dazu führte, dass er durch eine Trennwand in der Schmiede getreten wurde, als er versuchte, das Fesselgelenk von Mr. Martins Fohlen statt dessen Huf zu beschlagen.
Die Familie Crow gewann an neuer Würde. Anderson spendete fünfzig Dollar an die Foreign Missionary Society der Presbyterianischen Kirche und behauptete, eine ausländische Erziehung habe für seine Mündel so viel bewirkt; und Mrs. Crow gelang es, zwei große Nachmittagstees zu veranstalten, bevor Rosalie die Zügel anziehen konnte.
Eines Nachts saß Anderson bis fast zehn Uhr auf – ein unerhörter Vorgang für ihn. Rosalie war mit den älteren Crow-Mädchen, Edna und Susie, mit einer Gruppe junger Männer und Frauen zu einer verlängerten Versammlung gegangen. Die jüngeren Kinder waren im Bett, und Mrs. Crow gähnte gewaltig. Sie ging nie zu Bett, bevor Anderson nicht bereit war, dasselbe zu tun. Plötzlich dämmerte es ihr, dass er ungewöhnlich still und gedankenverloren war. Sie saßen auf der mondbeschienenen Veranda.
„Was ist los, Anderson? Geht es dir nicht gut?“, fragte sie schließlich.
„Nein, ich denke nur nach“, antwortete er ziemlich trübsinnig. „Verflixt, ich kriege es einfach nicht aus dem Kopf, Eva.“
„Was kriegst du nicht aus dem Kopf?“
„Das mit Rosalie.“
„Nun, was ist mit ihr?“
„Das ist typisch Frau – immer die wichtigsten Dinge der Welt vergessen. Weißt du denn nicht, dass die zwanzig Jahre um sind?“
„Natürlich weiß ich das, aber das beunruhigt mich keineswegs. Sie ist immer noch hier, nicht wahr? Niemand ist gekommen, um sie wegzuholen. Die tausend Dollar kamen letzten Februar doch auch an, oder? Also, was soll die Sorge?“
„Vielleicht hast du recht, aber ich habe schreckliche Angst, dass jemand auftaucht und Anspruch auf sie erhebt, oder dass ein großes Vermögen abgewickelt wird, oder etwas Schreckliches wie das. Das Geld macht mir nichts aus, Eva; ich hasse nur den Gedanken, sie zu verlieren, jetzt, wo sie uns so viel Ehre macht. Außerdem stehe ich wegen nächstem Jahr völlig auf dem Schlauch.“
„Nun, was passiert dann?“
„Verdammt, wenn ich das wüsste. Genau das beunruhigt mich.“
„Ich verstehe nicht, warum du…“
„Natürlich verstehst du das nicht. Das tust du nie. Ich muss das ganze Denken für diese Familie übernehmen. Nächstes Jahr ist sie einundzwanzig Jahre alt und ihre eigene Chefin, nicht wahr? Ich bin danach nicht mehr ihr Vormund, oder? Was passiert dann, das würde ich gerne wissen.“
„Du musst dich nur mit dem Gericht einigen, ihr das auszahlen, was ihr gehört, und die tausend Dollar jeden Frühling trotzdem behalten. Ihre Leute, wer immer sie auch sein mögen, bezahlen dich dafür, dass du sie bei dir hast, und nicht sie dafür, dass sie hierbleibt. Es ist nicht anzunehmen, dass sie ein gutes Zuhause wie dieses verlassen will, oder? Mach dir keine Sorgen, bis die Zeit gekommen ist, Anderson.“
„Das ist genau der Punkt. Sie hat in New York gelebt und sich daran gewöhnt. Sie hat feine Ideen; selbst ihre Kleidung scheint anders zu sitzen. Glaubst du etwa, dass dieses hübsche Mädchen mit all ihrem New Yorker Zierrat in einer dämlichen kleinen Stadt wie dieser bleiben wird? Von wegen! Sie wird sich aus dem Staub machen, sobald sie eine Chance bekommt; und sie wird genau dort leben, wo ihr Herz ihr sagt, dass sie hingehört – in der Metropole New York. Sie gehört nicht in so ein Provinznest wie dieses. Verflixt, Eva, ich hasse es, sie gehen zu sehen!“
In der Bemerkung des alten Constables lag ein solcher Wehklang der Bitterkeit, dass Mrs. Crow selbst die Tränen in die Augen traten. Letzten Endes war es das Mädchen, das sie beide wollten – nicht das Geld. Rosalie, die einige Zeit später mit ihrer Gruppe nach Hause kam, fand das alte Ehepaar immer noch auf der Veranda sitzen. Die jungen Leute konnten ihre Überraschung nicht verbergen.
„Zählst du die Sterne, Paps?“, fragte Edna Crow.
„Er wartet auf die Sonnenfinsternis“, rief der lärmende Ed Higgins, der Gehilfe des Lebensmittelhändlers. „Sie ist für nächsten Winter fällig. Wie geht’s, Anderson?“
„Wie bitte?“, war Andersons Rüge.
„Ich meine Mr. Crow“, korrigierte Ed mit einem nervösen Blick auf Rosalie, die den Abend über seine Begleiterin gewesen war.
„Oh, mir geht es ganz gut“, bemerkte Anderson, wieder besänftigt. „Wie war die Party?“
„Es war keine Party, Daddy Crow“, lachte Rosalie und setzte sich vor ihn auf das Verandageländer. „Es war ein Erfahrungsbericht. Alf Reesling hat sich wieder reformiert. Er hat uns alles über seinen letzten Anfall von Delirium tremens erzählt.“
„Das sagst du nicht! Nun, Sir, ich hätte nie gedacht, dass Alf die Zeit finden könnte, sich wieder zu reformieren. Er ist zu sehr damit beschäftigt, sich zu betrinken“, sinnierte Anderson. „Aber ich schätze, das Reformieren kann genauso zur Gewohnheit werden wie alles andere.“
„Ich glaube, er war heute Abend ein wenig benebelt“, wagte 'Rast Little einzuwerfen.
„Ein wenig was?“
„Betrunken“, erklärte 'Rast, ohne Zeit zu verschwenden. 'Rast hatte das Synonym im vorangegangenen Herbst auf dem Karneval der Geschäftsleute in Boggs City aufgeschnappt. Manchmal ersetzte er es durch Begriffe wie „blau“, „dicht“, „abgefüllt“ usw., nur um seine Weltgewandtheit zu zeigen.
Nachdem die jungen Männer gegangen waren und die Crow-Mädchen mit ihrer Mutter nach oben gegangen waren, schlich Rosalie auf die Veranda und setzte sich auf das Knie ihres trostlosen Vormunds.
„Du bist wegen irgendetwas besorgt, Daddy Crow“, sagte sie sanft. „Nun, sprich schon, Sir. Was ist es?“
„Es ist Zeit, dass du ins Bett gehst“, schimpfte Anderson und zupfte nervös an seinen Koteletten.
„Oh, ich bin jung, Daddy. Ich brauche keinen Schlaf. Aber du warst noch nie so lange auf, seit ich dich kenne.“
„Ich war schon länger auf, als du den Keuchhusten hattest, das kannst du mir glauben.“
„Was bedrückt dich, Daddy?“
„Oh, nichts – absolut gar nichts. Verflixt, kann ein Mann nicht auf seiner eigenen Veranda sitzen, ohne dass…“
„Verzeih mir, Daddy. Soll ich weggehen und dich allein lassen?“
„Um Himmels willen, nein!“, keuchte er. „Das ist es ja, was mich beunruhigt – oh, du meintest nicht für immer. Du meintest nur für heute Abend? Du meine Güte, du hast mir einen Schrecken eingejagt!“ Er sank mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung zurück.
„Warum, ich habe nie vor, dich für immer zu verlassen“, rief sie und streichelte sein spärliches Haar. „Du könntest mich nicht vertreiben. Das hier ist mein Zuhause, und du warst all die Jahre viel zu gut zu mir. Vielleicht möchte ich nach einer Weile reisen, aber ich werde immer zu dir zurückkommen, Daddy Crow.“
„Ich bin – ich bin sehr froh, das von dir zu hören, Rosie. Siehst du – siehst du, deine Mutter und ich haben angefangen, dich lieb zu gewinnen, und – und…“
„Aber Daddy Crow, du dummer alter Ganter! Du weinst ja fast!“
„Was ist das? Nun, sprich nicht so mit mir, du kleiner Dreikäsehoch, oder du gehst schleunigst ins Bett. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht geweint“, knurrte Anderson mit großem Getöse.
„Nun, dann lass uns über etwas anderes sprechen – über mich zum Beispiel. Weißt du, Daddy Crow, ich bin zu stark, um ein müßiges Leben zu führen. Es gibt keinen Grund, warum ich keinen Beruf haben sollte. Ich will arbeiten – etwas erreichen.“
Anderson schwieg lange, um seine Nerven zu beruhigen. „Du möchtest nicht etwa Detektivin werden, oder?“, fragte er trocken.
KAPITEL X
Rosalie hat ihre eigenen Pläne
„Sei doch ernst, Daddy. Ich möchte etwas Sinnvolles tun. Ich könnte unterrichten oder…“
„Von wegen! Dazu bist du nicht gemacht. Weißt du denn nicht, dass jeder Lehrer hasst, wenn er erwachsen ist? Jerusalem, wie ich die alte Rachel Kidwell immer noch hasse! Und dabei ist sie schon seit fast dreißig Jahren tot. Sie war meine erste Lehrerin. Du wurdest nicht geboren, um von allen Jungs im Bezirk gehasst zu werden. Ich verstehe nicht, was dich auf die Idee gebracht hat, arbeiten zu wollen. Du hast etwa achttausend Dollar auf der Bank und…“
„Aber ich bestehe darauf, dass das Geld dir gehört, Daddy. Meine gute Fee hat es dir bezahlt, damit du mich beherbergst, kleidest und erziehst. Es gehört nicht mir.“
„Du redest, als wäre ich ein Internat und nicht dein Vormund. Nein, mein Fräulein; es ist dein Geld, und damit hat es sich. Du bekommst es, wenn du einundzwanzig bist.“
„Wir werden sehen, Daddy“, antwortete sie mit einem sturen Glanz in ihren dunklen Augen. „Aber ich möchte etwas Sinnvolles lernen. Wenn ich eine Million hätte, wäre es genau dasselbe.“
„Du wirst etwas zu tun haben, wenn du heiratest“, bemerkte er scharf.
„Unsinn!“
„Ich nehme an, du wirst sagen, dass du nie vorhast zu heiraten. Das sagen sie alle – und dann nehmen sie den ersten Kerl, der daherkommt.“
„Ich habe nicht den ersten genommen, oder den zweiten, oder den dritten, oder den…“
„Warte mal! Um Himmels willen, hast du schon so viele gehabt? Nun, warum machst du dich nicht als Heiratsvermittlerin selbstständig? Das ist doch ein Beruf.“
„Oh, keiner von ihnen meinte es ernst, Daddy“, sagte sie naiv.
„Du könntest alle Männer im Bezirk haben!“, erklärte er stolz. „Nur“, fügte er schnell hinzu, „das würde nicht gerade richtig und angemessen erscheinen.“
„Es gab vor einem Jahr bei Miss Brown ein Mädchen, das Unmengen an Geld hatte, und doch erklärte sie, sie wolle einen Beruf ergreifen. Niemand wusste viel über sie oder warum sie die Schule plötzlich mitten im Semester verließ. Ich mochte sie, denn sie war sehr nett zu mir, als ich das erste Mal dort war, eine Fremde. Mr. Reddon – du hast mich von ihm sprechen hören – war ihr sehr zugetan, und ich bin sicher, sie mochte ihn auch. Erst gestern habe ich von ihr gehört. Sie wird nächsten Winter in diesem Bezirk unterrichten.“
„Und sie hat Geld?“
„Ich bin sicher, sie hatte damals welches. Es ist das Seltsamste auf der Welt, dass sie ausgerechnet hierherkommen soll, um in der Schule Nr. 5 zu unterrichten. Der Kongressabgeordnete Ritchey habe die Ernennung für sie erwirkt, sagt sie. Der Treuhänder des Bezirks – wie auch immer er heißen mag – bestand lange Zeit darauf, dass er einen Lehrer aus Tinkletown ernennen müsse und keinen Außenstehenden. Ich bin froh, dass sie hierherkommt, weil – nun, Daddy, weil sie wie die Mädchen ist, die ich in der Stadt kannte. Sie hat mich gebeten, mich nach einem Pensionsplatz für den nächsten Winter umzusehen. Kennst du jemanden, Daddy, der ihr ein schönes Zimmer vermieten könnte?“
„Ich wette meinen Kopf darauf, dass du am liebsten hättest, dass deine Mutter sie direkt hier aufnimmt. Aber ich sehe nicht, wie das gehen soll, Rosie-Posie. Wir sind jetzt schon so verdammt viele, und…“
„Oh, das meinte ich nicht, Daddy. Sie könnte nicht hierherkommen. Aber glaubst du nicht, dass Mrs. Jim Holabird sie für den Winter aufnehmen würde?“
„Vielleicht. Sie ist Witwe. Sie könnte ihr Jims Zimmer geben, jetzt, wo es leer steht. Du könntest morgen hingehen und sie danach fragen. Es ist gut, dass sie eine Freundin von dir ist, Rosalie, denn wenn sie es nicht wäre, müsste ich ihre Ernennung bekämpfen.“
„Warum denn, Daddy!“, sagte sie vorwurfsvoll.
„Nun, sie ist eine Ausländerin, und ich halte es nicht für richtig, ihr einen Job zu geben, wenn wir so viele einheimische Produkte haben, die die Stelle wollen und die unbeliebt genug aussehen, um die Anforderungen zu erfüllen. Ich bin jedes Mal für die heimische Industrie, besonders da dieses Mädchen die Stelle anscheinend nicht nötig hat. Ich verstehe sowieso nicht, was es den Kongressabgeordneten Ritchey angeht, an unserem Schulsystem herumzudoktern. Er sollte lieber die Zölle senken oder die Renten in Washington erhöhen.“
„Da stimme ich dir vollkommen zu, Daddy Crow“, sagte Rosalie mit einer Diplomatie, die ihr immer zum Sieg verhalf. Sie wusste genau, wie sie ihren Vormund anzupacken hatte, und das war der Grund, warum sie gewann, wo seine eigenen Töchter scheiterten. „Und nun gute Nacht, Daddy. Geh ins Bett und mach dir keine Sorgen um mich. Du wirst mich noch viel länger an der Backe haben, als du denkst oder willst. Wie spät ist es?“
Anderson tätschelte ihr nachdenklich den Kopf, als er feierlich seine riesige silberne Taschenuhr aus einer unbestimmten Tasche zog. Er hielt sie in das helle Mondlicht.
„Du meine Güte!“, rief er aus. „Es ist elf Uhr neunundvierzig!“ Anderson Crows Strategie war es, die Dinge immer durch das kleine Ende des Teleskops zu betrachten.
Der langsame, heiße Sommer verging, und für Rosalie war es der längste, den sie je erlebt hatte. Sie war müde von dem endlosen Geschwätz von Tinkletown, seinem Strom an „Missionen“, „gesellschaftlichen Abenden“, „Kutschenpferden“, „George Rawlins’ neuem Anzug“, „Erntezeit“ und „Politik“ – denn sogar die Kinder sprachen über Politik. Auch die eifrigen Aufmerksamkeiten der jungen Männer des Dorfes hatten nicht die Macht, die Tage für sie zu verkürzen – und sie verlängerten die Nächte zweifellos. Sie mochte sie, weil sie von Anfang an ihre Freunde waren – und Rosalie war keine Snob-Frau. Um nichts in der Welt hätte sie die Gefühle einer armen, demütigen, verehrenden Seele in Tinkletown verletzt; und während ihr Lächeln nicht weniger süß und ihr Lachen nicht weniger fröhlich war, gab es in ihrem Herzen die verborgene Sehnsucht, die nur in Träumen lächelte. Sie sehnte sich nach dem Tag, der Elsie Banks dazu bringen würde, bei Mrs. Holabird zu wohnen, denn mit ihr würde ein Hauch der Welt kommen, die sie zwei Jahre lang gekannt und die sie so sehr zu lieben gelernt hatte.
In drei Monaten hatten sieben Männer sie gebeten, sie zu heiraten. Von den sieben hatte nur einer die Mittel oder die Aussicht auf Mittel, um sie zu versorgen. Er war ein verwitweter Mann mit fünf erwachsenen Kindern. Anderson nahm dies zum Anlass, sie vor Witwern zu warnen.
„Warum“, sagte er, „sie sind genau wie Witwen. Du kennst doch Dave Smith, der die Kneipe die Straße runter führt, nicht wahr? Nun, verflixt, wenn er nicht tatsächlich eine Witwe mit sieben Kindern und einem Ehemann geheiratet hat, und er führt seitdem ein Hundeleben.“
„Sieben Kinder und einen Ehemann? Daddy Crow!“
„Ja. Ihr verfluchter Ehemann wollte sich nicht scheiden lassen, als er herausfand, dass Dave eine Familie dieser Größe ernähren konnte. Er rechnete sich aus, dass es genauso einfach sei, für acht zu sorgen wie für sieben, also hängte er sich höflich an Daves Küche und fing an, sich zu Tode zu essen. Dave wollte, dass seine Frau eine weitere Scheidung beantragt und den Namen leer lässt, damit er den Ehemann eintragen konnte, falls es hart auf hart käme, aber ich habe ihn davon abgebracht. Er wurde den Kerl schließlich los, indem er ihn eines Tages bat, das Büro auszufegen. Essen konnte er zwar gut, aber es lag ihm nicht im Blut zu arbeiten, also machte er sich aus dem Staub. Das nächste, was ich von ihm hörte, war, dass er eine Witwe geheiratet hatte, die eine Rente bezog, weil ihr erster Ehemann für sein Land gekämpft hatte. Die Regierung strich die Rente, sobald sie wieder geheiratet hatte, und dann fing dieser verfluchte Kerl an, für sie zu waschen. Er blieb an Waschtagen von zu Hause weg, aber da jeder Tag für sie ein Waschtag war, sah er sie drei Jahre lang nicht bei Tageslicht. Sie starb, und jetzt ist er wieder bei Dave. Er nennt Dave seinen Schwager im Geiste.“
Es erforderte all Andersons soziale und offizielle Diplomatie, eine Protestversammlung zu verhindern, als bekannt gegeben wurde, dass eine Fremde, Miss Banks, ausgewählt worden war, die Schule Nr. 5 zu unterrichten. Es gab Gerede, den Bezirkstreuhänder und das Board of County Commissioners zu lynchen, aber Anderson sicherte sich die Namen der aggressivsten Redelsführer und drohte, sie wegen Verschwörung „einzusperren“.
„Warum, Anderson“, jammerte George Ray fast, „dieses Mädchen kommt aus der Stadt. Was weiß sie schon über Grammatik und Geschichte und all das? Sie unterrichten in den Städten nichts als Französisch und Italienisch, und das weißt du.“
„Pah!“, schnaubte Anderson. „Ich hasse Grammatik und habe es schon immer getan. Ich kann jetzt schon besser Italienisch als Grammatik, und ich hoffe, Miss Banks wird jedem Kind im Bezirk beibringen, wie man Französisch spricht. Du solltest Rosalie mal Französisch sprechen hören. Außerdem sagt Rosie, sie sei ein nettes Mädchen und – und brauche den Job.“ Anderson log tapfer, aber er schluckte zweimal dabei.
Der September brachte Elsie Banks, um Rosalie das Leben wieder lebenswert zu machen. Die beiden Mädchen waren ständig zusammen, sprachen über die alten Zeiten und darüber, was die neuen bringen würden, besonders für Miss Gray, die das Holzschnitzen als vorübergehende Beschäftigung wieder aufgenommen hatte. Miss Banks war mehr denn je abgeneigt, ihre eigenen Angelegenheiten zu erörtern, und Rosalie war nach einigen Versuchen taktvoll genug, deren stummen Appell zu respektieren. Es ist zweifelhaft, ob eines der Mädchen den Namen des großen, gut aussehenden Tom Reddon erwähnte – Tom, der in seiner College-Mannschaft gerudert hatte; aber man kann mit Sicherheit sagen, dass beide in jenen langen, milden Herbstnächten mehr als einmal an ihn dachten – Nächte, in denen die Verehrer von Tinkletown sich förmlich überschlugen, um das Leben in New York im Vergleich dazu wie einen flüchtigen Schatten erscheinen zu lassen.
KAPITEL XI
Elsie Banks
Anderson Crow stand in weiter Ferne – zwischen den kahlen, blattlosen Bäumen von Badger's Grove – und blickte nachdenklich, ja ernst auf das kleine rote Schulhaus mit seinem hohen Backsteinschornstein und dem schneebedeckten Dach. Ein beißender Januarwind schnitt durch seine Koteletten und wärmte seine Nase zu einem halb gebratenen Rot. Am Revers seines Mantels glänzten seine sozialen und offiziellen Abzeichen, ergänzt durch ein neues und besonders glänzendes Ehrenzeichen, das ihm von den Bürgern Tinkletowns verliehen worden war.
Zunächst war man in der Stadt der Meinung gewesen, ein Denkmal zur Anerkennung seines Anteils an der Gefangennahme der Pferdebande aus Bramble County zu errichten, aber ein sparsames und rücksichtsvolles Komitee von fünf Leuten ersetzte es durch ein schickes goldenes Abzeichen mit passenden Inschriften auf beiden Seiten, die ihn bis in den Himmel lobten, „lange bevor er selbst dorthin ging“ (um Onkel Gideon Luce zu zitieren, dessen Wahrnehmungsvermögen ein hartnäckiger Prophet war, wenn es darum ging, den Standort von Mr. Crows Himmel auszuwählen). Einen vollen halben Stunden lang hatte der Marshal von Tinkletown zwischen den Bäumen gestanden und das Schulhaus am Fuße des Abhangs beobachtet. Wenn sich seine gefrorenen Wangen und tränenden Augen nach der Wärme sehnten, die die Rauchkringel dazu drängte, von der Schornsteinspitze aufzusteigen, so verriet seine Haltung dies nicht. Er beobachtete und dachte nach, und wenn Anderson an eine Sache dachte, dachte er nie gleichzeitig an eine andere.
„Es wird bald Zeit für die Pause sein“, überlegte er. „Dann gehe ich da runter und tue so, als würde ich einen gesellschaftlichen Besuch bei der Lehrerin machen. Beim Kuckuck, ich glaube, sie ist diejenige! Es wird ein verflucht gutes Stück Arbeit erfordern, die Wahrheit über sie herauszufinden, aber ich schätze, das kriege ich schon hin. Das Einzige, worauf ich achten muss, ist, dass niemand sonst von dem Geheimnis erfährt, das sie umgibt. Herrje! Das wird einige Leute hier überraschen, besonders Rosalie. Und vielleicht wird der Treuhänder der Gemeinde es nicht bereuen, die Schule dieses Jahr einem fremden Mädchen gegeben zu haben statt Jane Rankin oder Effie Dickens! Kongressabgeordneter Ritchey hätte sich sowieso nicht in unsere Angelegenheiten einmischen dürfen, egal, ob diese Lehrerin hier eine Freundin seiner Familie ist. Er hat irgendeinen Einfluss auf diese Treuhänder hier – beim Kuckuck, ich würde gerne wissen, was das ist. Er kann sie sich einfach um den Finger wickeln und sie dazu bringen, jeden zu ernennen, den er will. Muss Politik sein. So, es ist Pause! Ich mache mich auf den Weg und statt dem Schulhaus einen kleinen Besuch ab.“
In einer geräumigen und offiziellen Tasche von Mr. Crows Mantel ruhte ein Brief einer Anwaltskanzlei aus Chicago. Er fragte an, ob sich in den letzten zwei Jahren eine junge Frau um eine Stelle als Lehrerin an den Gemeindeschulen in Tinkletown beworben habe. Der Anfrage lag eine Beschreibung bei, doch es wurde eingeräumt, dass sie sich unter einem Namen beworben haben könnte, der nicht ihr eigener war, nämlich Marion Lovering. Zur Erklärung hieß es in dem Brief, sie habe ihr Zuhause in Chicago ohne die Zustimmung ihrer Tante verlassen, beseelt von der Vorstellung, dass sie sich lieber selbst versorgen wolle, als von der Wohltätigkeit dieser würdigen, wenn auch wohlhabenden Verwandten abhängig zu sein. Die Tante war kürzlich verstorben, und der Anwalt des Nachlasses versuchte, Beweise über das Handeln und den Aufenthaltsort von Miss Lovering seit ihrem Weggang aus Chicago zu erlangen.
Die junge Frau hatte oft gesagt, sie würde Lehrerin, Privatlehrerin, Erzieherin oder Gesellschafterin werden, und es war bekannt, dass sie ihren Weg in jenen Teil der Welt gefunden hatte, der von Anderson Crow regiert wurde – obwohl die angesehenen Anwälte es nicht mit diesen Worten ausdrückten. Eine Belohnung von fünfhundert Dollar für gesicherte Informationen über das „Leben des Mädchens“, während sie in „dieser oder irgendeiner anderen Gemeinschaft“ war, wurde versprochen.
Miss Banks’ Anstellung kam durch die Vermittlung des Kongressabgeordneten des Bezirks zustande, in dessen Haus sie eine Zeit lang als Erzieherin tätig gewesen war. Zudem entsprach sie der Beschreibung, da sie jung, hübsch und kultiviert war. Anderson Crow hatte das Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein; er war nun mit einem so hübschen Stück Detektivarbeit beschäftigt, wie es ihm noch nie zuvor zugefallen war, und er würde es nicht durch Eile und übermäßiges Selbstvertrauen verderben.
Warum Anderson Crow das Schulhaus „beschattete“ und nicht den vorübergehenden Wohnsitz der Lehrerin, hätte niemand außer ihm selbst wissen können – und es ist zweifelhaft, ob er es wusste. Er nahm sich vor, den Brief aus Chicago nicht zu beantworten, bis er ganz bereit war, das Mädchen und den gewünschten Beweis zu präsentieren.
„Ich wäre ein verfluchter Dummkopf, sie auf meine Vermutungen aufmerksam zu machen und mich dann von ihnen um die Belohnung prellen zu lassen“, reflektierte er scharf. „Man kann diesen Anwälten aus Chicago nicht über den Weg trauen. Verdammt noch mal, ich werde nie diesen Kerl vergessen, der mir damals im Central Park meine Brieftasche abgenommen hat. Er sagte mir fest, er sei ein Anwalt aus Chicago und habe ein Büro im Y.M.C.A.-Gebäude. Und die Idee, dass er mir erzählte, er wolle sehen, ob meine Brieftasche ein besseres Leder habe als seine!“
Die Tatsache, dass die Schulkinder, ob groß oder klein, Miss Banks liebten, hatte keinerlei Einfluss auf die älteren Damen der Stadt. Sie rümpften ihre Tinkletown-Nasen und schnaubten über sie, weil sie eine „eitle Kreatur“ sei, die mehr daran denke, „die Männer anzuziehen, als an irgendetwas anderes auf der Welt“. Und das alles trotz der Tatsache, dass sie die enge Freundin der Stadtgöttin Rosalie Gray war.
Jeder in der Schule Nr. 5 über sieben Jahren war tief und eifersüchtig in Miss Banks verliebt. So mancher gefrorene Schneeball verrichtete aus dem Hinterhalt sein tödliches Werk aufgrund dieser ohnmächtigen Eifersucht.
Aber die lustigste Rivalität war die, die sich zwischen Ed Higgins, dem Beau Brummel von Tinkletown, und ’Rast Little entwickelte, dessen Vater die größte Farm in Bramble County besaß. Wenn sie von den verzweifelten Bemühungen der beiden Freier, den jeweils anderen auszustechen, amüsiert war, war sie zu taktvoll, um ihre Gefühle zu zeigen. Vielleicht war sie mehr davon unterhalten, wie die Weiblichkeit von Tinkletown ihren Groll mit männlicher Bewunderung paarte.
„Morgen, Miss Banks“, war Andersons Begrüßung, als er geräuschvoll in den Raum stampfte. Er vergaß, dass er ihr guten Morgen gesagt hatte, als sie auf dem Weg zum Schulhaus bei Rosalie vorbeischaute. Die Kinder beendeten ihr Spiel im Freien und spähten eifrig durch die Fenster, wohlwissend, dass der Besuch dieses Würdenträgers von größter Bedeutung war. Miss Banks blickte von den Papieren auf, die sie korrigierte, und die Falte auf ihrer hübschen Stirn verschwand wie durch Zauberhand.
„Guten Morgen, Mr. Crow. Was machen Sie denn hier draußen auf dem Land? Jimmy“ – an einen kleinen Jungen gewandt – „bitte schließ die Tür.“ Anderson hatte sie offen gelassen, und es war ein rauer Januarwind, der ihm in den Raum folgte.
„Entschuldigung“, murmelte er. „Scheint, als hätte ich nicht genug Verstand, um eine Tür zuzumachen. Meine Frau sagt – aber das interessiert Sie sicher nicht, oder? Oh, ich bin nur mal reingeschneit“, antwortete er schließlich auf ihre Frage. Er nahm auf einer Bank nahe dem großen Ofen Platz und breitete seine Hände vor der Wärme des Eisenofens aus. „Ich erledige eine kleine Angelegenheit, das ist alles. Ziemlich kühl, nicht wahr?“
„Sehr.“ Sie stand auf der gegenüberliegenden Seite des Ofens, verwirrt über diesen unerwarteten Besuch, und betrachtete ihn mit unverhohlener Neugier.
„Waren Sie schon mal in Chicago?“, fragte Anderson plötzlich, in der Hoffnung, sie unvorbereitet zu erwischen.
„Oh, ja. Ich habe dort gelebt“, antwortete sie bereitwillig. Er verlagerte seine Beine zweimal und zog hastig an seinen Koteletten.
„Das habe ich mir gedacht. Warum gehen Sie nicht wieder dorthin zurück?“
„Weil ich hier Schule unterrichte, Mr. Crow.“
„Nun, ich schätze, das ist eine gute Ausrede. Ich dachte, vielleicht hätten Sie eine andere.“
„Was meinen Sie damit?“
„Oh, ich weiß nicht. Ich habe nur gefragt.“
„Sie sind ein Detektiv, nicht wahr?“, fragte Miss Banks, hell und verständnisvoll lächelnd.
„Oh, hin und wieder mache ich ein bisschen Detektivarbeit. Sehen Sie mein Abzeichen?“
„Werde ich eines abscheulichen Verbrechens verdächtigt?“, fragte sie so abrupt, dass er nach Luft schnappte. „Wollen Sie nicht Ihre Mütze abnehmen, Mr. Crow?“ Er nahm sie verlegen ab.
„Gott, nein!“, rief er verwirrt. „Ich meine das Verbrechen – nicht die Mütze. Nun, ich glaube, ich gehe besser. Die Schule fängt gleich an, schätze ich. Wir sehen uns später, Miss Banks.“ Er setzte seine Mütze wieder an ihren gewohnten Platz und ging auf die Tür zu, ein wenig benommen und verwirrt.
„Was ist es, das Sie herausfinden wollen, Mr. Crow?“, rief sie ihm plötzlich nach. Er hielt an und drehte sich so schnell um, dass seine Antwort wie aus der Pistole geschossen kam.
„Ich bin auf der Suche nach einem Mädchen – und sie wird so reich sein wie die Crows, wenn ich sie nur finden kann. Ich darf ihren Namen jetzt noch nicht verraten“, fuhr er fort und ging langsam zurück, „weil ich nicht will, dass die Leute – oder sie selbst, was das angeht – hinter meinen Plan kommen. Aber warten Sie nur ab.“ Er stand jetzt ganz nah bei ihr und sah ihr direkt ins Gesicht. „Sie sind sicher, dass Sie nichts über sie wissen?“
„Warum sollte ich? Sie haben mir nichts gesagt.“
„Sie haben ziemlich gute Kleidung für eine einfache Schullehrerin“, warf er ihr in aggressivem, unverschämtem Ton vor, aber die warme Farbe, die ihr schnell in die Wangen stieg, zwang ihn, seine Worte zurückzunehmen, denn er milderte sie hastig ab mit: „Äh, zumindest sagen das alle Frauen hier.“
„Oh, also hat jemand über meine Angelegenheiten gesprochen? Einige Ihrer vorzüglichen Frauen wollen mehr über mich wissen als –“
„Regen Sie sich nicht auf, Miss Banks“, unterbrach er sie; „die Frauen haben damit nichts zu tun – ich meine, das ist nichts für sie. Ich –“
„Mr. Crow“, unterbrach sie ihn, „wenn es etwas gibt, das Sie oder irgendjemand in Tinkletown über mich wissen will, werden Sie es selbst ableiten müssen. Ich glaube, so nennen Sie das – ableiten? Und nun auf Wiedersehen, Mr. Crow. Die Pause ist vorbei“, sagte sie betont; und Mr. Crow schlich hinaus, während die Kinder hineingaloppierten.
An diesem Abend kamen Ed Higgins und ’Rast Little zu Besuch, aber sie entschuldigte sich wegen ihrer Korrespondenz. In ihrem kleinen Zimmer im Obergeschoss schrieb sie Brief um Brief, einen insbesondere sehr umfangreich. Mrs. Holabird, die an ihrer Tür vorbeiging, hörte sie deutlich laut auflachen. Es war ein Punkt, an den man sich später mit einigem Nachdenken erinnern würde. Später ging sie nach unten, warm eingehüllt, für einen Spaziergang zum Postamt. Ed Higgins war noch im Wohnzimmer und unterhielt sich mit der Familie. Er brachte hastig sein Gesuch vor, sie begleiten zu dürfen, und es wurde geistesabwesend gewährt. Dann blickte er verstohlen und triumphierend durch das Fenster, wobei ihn die Szene draußen hörbar erfreute. ’Rast stand am Vordertor und unterhielt sich mit Anderson Crow. Miss Banks bemerkte, als sie an den verwirrten Zweien am Tor vorbeigingen, dass Anderson seine Sturmlaterne bei sich trug.
„Irgendeine Spur von der Erbin, Mr. Crow?“, fragte sie fröhlich.
„Verflixt noch mal“, murmelte Anderson, „sie wird alles ausplaudern!“
„Was ist das?“, fragte ’Rast.
„Nichts Besonderes“, sagte Anderson, um den Schaden zu beheben. „Ed hat dir heute Abend den Rang abgelaufen, ’Rast, das ist alles!“
„Ich hätte sie heute Abend zum Reiten mitnehmen können, wenn ich gewollt hätte“, log ’Rast prompt. „Ich werde sie morgen Abend zum Buchstabierwettbewerb in die Schule mitnehmen.“
„Hat sie gesagt, dass sie mit dir geht?“
„Noch nicht. Ich wollte sie heute Abend erst fragen.“
„Vielleicht fragt Ed sie gerade.“
„Verdammt noch mal, das stimmt! Vielleicht tut er das“, wimmerte ’Rast fast; und Anderson tat er leid, als er vom Tor und seinem liebeskranken Wächter davonschlurfte.
KAPITEL XII
Der Buchstabierwettbewerb
Der junge Mr. Higgins fand seine Begleiterin voller Lebhaftigkeit. Ihr hübsches Kinn war in der Luft und jedes Wort versprach ein Lachen. Er erinnerte sich später an eine kleine Begebenheit ihres Spaziergangs durch die frostige Nacht und wiederholte sie gegenüber Anderson Crow mit mehr Ehrfurcht, als nötig schien. Sie kamen auf dem Weg zum Postamt an der Stadtpumpe vorbei. Die Straße war dunkel und verlassen.
„Gosh!“, sagte Ed, „ich wette, die Stadtpumpe ist zugefroren!“
„Es scheint nicht sehr kalt zu sein“, sagte sie fröhlich.
„Gee! Es ist unter Null! Ich wette, ’Rast denkt, es ist verdammt kalt da oben an deinem Tor.“
„Armer ’Rast! Seine Mutter sollte ihn an solchen Abenden im Haus behalten.“ Ed lachte laut und lange, und ein Schauer des Glücks durchzuckte seinen vormals zitternden Körper. „Mir ist überhaupt nicht kalt“, fuhr sie fort. „Schau – fühl meine Hand. Ich trage nicht einmal Handschuhe.“
Ed Higgins ergriff vorsichtig die kleine Hand, aber sie wurde sofort zurückgezogen. Er fand sie warm wie Toast. Worte der Liebe drängten auf seine bescheidenen Lippen; seine Knie hatten die Tendenz, sich hastig zum gefrorenen Gehweg zu senken; er war bereit, ihr zu Füßen zu kriechen – und er fragte sich, ob sie so warm wie Toast waren. Aber ’Rast Little tauchte in diesem Augenblick auf und die Chance war vertan.
„Verdammt!“, entwich es Ed unbewusst, aber bitter.
„Darf ich Ihre Begleitung zum Buchstabierwettbewerb morgen Abend sein, Miss Banks?“, platzte es ungebeten aus dem Mund des Neuankömmlings hervor.
„Danke, ’Rast. Ich habe mich gerade gefragt, wie ich zum Schulhaus kommen soll. Sie sind sehr freundlich. Wir fahren mit dem Schlitten der Holabirds.“
„Verdammt!“, kam es fast wie ein Wimmern aus Ed. Er hätte ’Rast für das triumphierende Lachen, das folgte, umbringen können.
In der Zwischenzeit bereitete sich Anderson Crow darauf vor, zu Hause zwischen die eisigen Laken zu kriechen. Mrs. Crow war bei der alten Mrs. Luce „aufgeblieben“, die nebenan krank war.
„Sie ist ein Mädchen mit einer Vergangenheit“, reflektierte Anderson. „Sie ist ein Geheimnis, das ist sie; aber ich werde sie entwirren. Sie hatte einen verdammt guten Grund, mich heute da draußen abzusägen. Ich kam ihr zu nahe. Sie hat gesehen, dass ich drauf und dran war, sie in die Enge zu treiben. Beim Kuckuck, ich hoffe, sie ahnt nichts! Sie hat herausgefunden, dass Ed Higgins einen guten Job bei Lamsons Laden hat, und sie wirft ein Auge auf ihn. Das zeigt, dass sie lieber in der Stadt als auf dem Land leben will – also ist es mit ’Rast vorbei. Das beweist, dass sie aus Chicago oder einem anderen großen Ort kommt. Ed verdient acht Dollar die Woche bei Lamsons. Beim Kuckuck, der Junge macht sich gut! Ich dachte früher, aus dem wird nichts. Das zeigt, dass selbst die Besten von uns sich ab und zu in einem Kerl täuschen. Morgen Abend gehe ich zum Buchstabierwettbewerb, und wenn sich die Gelegenheit bietet, schiebe ich mich an sie heran und flüstere ihr ihren richtigen Namen ins Ohr. Ich wette vier Dollar und fünfzig Cent, dass sie das ziemlich prompt aus der Reserve locken wird. Verdammt, diese Laken hier sind kalt! Es sind vierzig Grad unter Null hier in diesem Bett.“
Anderson Crow schlief bald ein, aber er träumte nicht von der Tragödie, die der nächste Abend über Tinkletown bringen sollte, noch von der Prüfung, die seine Fähigkeiten bestehen mussten.
Der nächste Abend und der „Buchstabierwettbewerb“ in der Schule Nr. 5 kamen schnell heran. Es war bitterkalt und sternenklar. Gegen acht Uhr war das warme Schulhaus bequem mit den „Buchstabierern“ aus der Nachbarschaft gefüllt, deren Zahl durch Teilnehmer aus Tinkletown selbst erhöht wurde. In der Menge waren Männer und Frauen, die immer wieder ganze Gruppen „ausbuchstabiert“ hatten und die auf den Konflikt brannten. Sie hatten tagelang für das Buchstabieren „geübt“ in Erwartung einer harten Schlacht bei den Wörtern. Mrs. Borum und Mrs. Cartwill, beide berühmt für ihre Siege und für die Rivalität, die zwischen ihnen bestand, wurden als Kapitäne der gegnerischen Seiten ausgewählt, und Miss Banks selbst sollte die Wörter „herausgeben“. Die Kapitäne wählten ihre Kräfte aus und suchten abwechselnd aus der gespannten Menge der Erwachsenen aus. Es waren keine Kinder da, denn es war vereinbart, dass große Wörter ausgegeben würden – Wörter, die Kinder nicht aussprechen, geschweige denn buchstabieren konnten.
Die Lehrerin war an diesem ereignisreichen Abend erstaunlich hübsch. Sie war gekleidet, wie sich keine andere Frau in Bramble County, außer Rosalie Gray, hätte kleiden können – schlicht, geschmackvoll, fein. Ihr Gesicht war gerötet und eifrig, und die Lebensfreude leuchtete in jedem Zug. Ed Higgins und ’Rast Little waren von dieser Vision von Gesundheit und Liebreiz sprach- und kraftlos. Anderson Crow gab sich verstohlen zu, dass sie eine Fremde in einem fremden Land war; sie gehörte nicht zu Tinkletown oder irgendeinem ähnlichen Ort.
Gerade als die Kapitäne ihre Auswahl der Buchstabierer beendeten, öffnete sich die Tür und drei Fremde betraten das Schulzimmer, bis zu den Nasenspitzen in Pelz eingehüllt – zwei Männer und eine Frau. Als Miss Banks nach vorne eilte, um sie zu begrüßen – sie hatte sie offensichtlich erwartet –, hielt die überraschte Versammlung den Atem an und starrte. Zur weiteren Verblüffung aller eilte Rosalie an ihre Seite und schloss sich dem überschwänglichen Willkommen an. Jedes Wort der freudigen Begrüßung wurde von den erstaunten Zuhörern gehört, und jedes Wort der Fremden war ebenso deutlich. Sicherlich waren die Neuankömmlinge langjährige Freunde. Als ihre schweren Mäntel abgelegt wurden, stand das Trio vor einem so neugierigen Publikum, wie es jemals gebannt dagesessen hatte. Die Männer waren jung, gut gekleidet und gutaussehend; die Frau eine Schönheit vom verwegensten Typ. Tinkletowns beste Buchstabierer zitterten vor Aufregung.
„Meine Damen und Herren“, sagte Miss Banks, ihre Stimme bebte vor Eifer, „lassen Sie mich meine Freunde vorstellen: Mrs. Farnsworth, Mr. Farnsworth und Mr. Reddon. Sie sind hergefahren, um am Buchstabierwettbewerb teilzunehmen.“ Ed Higgins und ’Rast Little beobachteten mit sinkenden Herzen, dass es Mr. Reddon war, den sie an der Hand nach vorne führte, und sie verfluchten ihn innerlich für den Blick, den er ihr zuwarf – weil sie unter ihm errötete.
„Sie wohnen nicht in Boggs City“, bemerkte Mr. Crow, der sich selbst zum Sprecher ernannte. „Das kann ich ableiten, denn Sie tragen Reisetaschen und Koffer.“
„Mr. Crow ist ein berühmter Detektiv“, erklärte Miss Banks. Anderson versuchte, eine unbewusste Pose einzunehmen, aber beim Zurücklehnen verfehlte er das Ende der Bank und landete ausgestreckt auf dem Schoß von Mrs. Harbaugh. Da Mrs. Harbaugh kaum über einen Schoß verfügte, von dem man sprechen könnte, wurde sein Abwärtsdrang umgelenkt, aber nicht gestoppt. Er landete mit einem Grunzen auf dem Boden, das gleichzeitig mit dem Quietschen der Dame ausbrach; einen Bruchteil einer Sekunde später fegte ein Brüllen von Gelächter durch den Raum. Es dauerte viele Minuten, bis die Ruhe wiederhergestellt war und der „Wettbewerb“ eröffnet werden konnte. Mrs. Cartwill wählte Mrs. Farnsworth, und ihre Rivalin wählte den Ehemann der verwegenen jungen Frau. Mr. Reddon kündigte fest und bedeutungsvoll seine Absicht an, nahe der Lehrerin zu sitzen, „um die Ordnung aufrechtzuerhalten“, und nicht an dem Wortwettstreit teilzunehmen.
Vielleicht war es die Anwesenheit der Fremden, die die berühmten Buchstabierer beider Seiten verunsicherte, denn es dauerte nicht lange, bis die Reihen auf fast nichts zusammengeschrumpft waren. Drei oder vier arrogante Konkurrenten standen da und buchstabierten tapfer Wörter wie „Popocatepetl“, „Tschaikowsky“, „terpsichorean“, „Yang-tse-Kiang“, „Yseult“ und Scharen von Wörtern, die kaum von der Lehrerin selbst ausgesprochen werden konnten. Aber schließlich, gerade als die schläfrigen Beobachter anfingen, am härtesten zu nicken und zu gähnen, stand Mrs. Cartwill allein und siegreich da, nachdem ihre einzige Gegnerin beim Wort „Sassafras“ gescheitert war. Anderson Crow war früh im Wettbewerb „ausgeschieden“, indem er „Kerosin“ als „Kerry-seen“ buchstabierte. Ed Higgins folgte mit „ceriseen“, und ’Rast Little hatte es explosiv als „Kohleöl“.
Während des Trubels, der mit dem Auflösen der versammelten Scharen einherging, bahnte sich Miss Banks ihren Weg zu ’Rast Littles Seite und informierte ihn, dass die Farnsworths sie in ihrem großen Schlitten zu Mrs. Holabirds bringen würden. ’Rast war am Boden zerstört. Als er anfing, zu protestieren und darauf beharrte, ihre „Begleitung“ zu sein, griff der große Tom Reddon ein und zog Miss Banks aus dem Zorn ihres Verehrers weg.
„Aber mir tut er so leid, Tom“, protestierte sie reumütig. „Er hat mich hierher gebracht – auf eine Weise.“
„Nun, ich bringe dich auf eine andere Weise nach Hause“, sagte der gut aussehende Mr. Reddon. Es wurde auch bemerkt, dass Rosalie Gray viel Vertrauliches mit Miss Banks zu besprechen hatte, als sie sich für den Abend trennten, sie, um mit Blucher Peabodys neuem Schlitten nach Hause zu fahren.
’Rast und Ed Higgins gerieten draußen am Anbindegestell fast aneinander, wo letzterer anfing, seinen in die Enge getriebenen Rivalen aufzuziehen. Anderson Crow hielt sie auseinander.
„Ich werde diesen großen Kerl umbringen“, knurrte ’Rast. „Er hat hier nichts zu suchen und Ärger zwischen ihr und mir anzuzetteln. Merk dir meine Worte, ich werde ihn mir vorknöpfen, bevor die Nacht vorbei ist, verflixt noch mal!“
Mindestens ein Dutzend Männer, darunter Alf Reesling, hörten diese Drohung, und nicht einer von ihnen sollte sie so bald vergessen. Anderson Crow bemerkte, dass Mrs. Holabirds Schlitten davonfuhr, ohne dass Miss Banks oder ’Rast Little in seinen geräumigen Tiefen Platz genommen hatten. Miss Banks verkündete, dass sie und ihre drei Freunde aus der Stadt zurückbleiben würden, um das Schulhaus abzuschließen und alles in Ordnung zu bringen. Es war Freitagabend, und bis zum folgenden Montag würde kein Unterricht stattfinden. Mr. Crow war sehr schläfrig für einen Detektiv. Er schnarchte den ganzen Weg nach Hause.
Am nächsten Morgen fuhren zwei Farmer wie verrückt nach Tinkletown mit der erschütternden Nachricht, dass im Schulhaus Nr. 5 jemand ermordet worden sei. Als sie kurz nach Tagesanbruch an dem Ort vorbeikamen, hatten sie Blut auf dem Schnee am Straßenrand bemerkt. Die Tür des Schulzimmers stand halb offen, und sie traten ein. Große Blutmengen verschmierten den Boden in der Nähe des Ofens, doch von einem Menschen, ob lebendig oder tot, fehlte jede Spur. Miss Banks’ Taschentuch wurde auf dem Boden gefunden, durchtränkt.
Überdies wurde die Lehrerin vermisst. Sie war am Abend zuvor nicht in das Haus von Mrs. Holabird zurückgekehrt. Um das Entsetzen noch schrecklicher zu machen, identifizierte Anderson Crow, der zum Schulhaus geeilt war, das Blut zweifelsfrei als das von Miss Banks.
KAPITEL XIII
Eine Tinkletown-Sensation
Sensationen häuften sich in den nächsten Stunden in Tinkletown. Nachforschungen ergaben, dass ’Rast Little nirgends zu finden war. Er war nach dem Buchstabierwettbewerb nicht nach Hause zurückgekehrt, noch war er seitdem gesehen worden. Mrs. Holabird war ihm auf ihrem Heimweg im Schlitten begegnet. Auf ihre Aufforderung hin, „einzusteigen“, sagte er mürrisch, er werde den Heimweg über eine „Abkürzung“ durch die Wälder zu Fuß antreten. Ein Farmer hatte den eleganten Farnsworth-Schlitten um halb zwölf Uhr nachts in rasender Fahrt nach Norden fahren sehen, die Insassen dicht zusammengedrängt, als wollten sie sich vor der beißenden Kälte schützen. Der Zeuge konnte zwar nicht sagen, „wer wer“ im Schlitten war, aber er verlieh der Situation zusätzliche Spannung, indem er feierlich versicherte, dass eine der Personen auf dem Rücksitz „mehr eingepackt“ sei als die anderen und offensichtlich nicht in der Lage war, aufrecht zu sitzen.
Seiner Erzählung nach lehnte die Gestalt gegen den anderen Insassen des Sitzes. Er war sich außerdem sicher, dass auf dem Vordersitz drei Gestalten saßen! Wer war die zusätzliche Person? Das war die Frage, die den Zuhörern durch den Kopf schoss. Ein kleiner Junge kam am Morgen um neun Uhr zum Schulhaus mit ’Rast Littles neuem Derby-Hut. Er hatte ihn am Straßenrand unweit des Schulhauses und in der Richtung, die die Farnsworth-Gesellschaft eingeschlagen hatte, aufgehoben.
Anderson gab Anweisung, dass kein Wort von der Katastrophe zu Rosalie dringen durfte, die am Morgen nach dem Buchstabierwettbewerb mit Fieber im Bett lag. Sie hatte Husten, und der Arzt hatte gesagt, man solle nichts sagen oder tun, was sie aufregen könnte.
Die Menschenmenge am Schulhaus wurde größer, als der Vormittag verstrich. Jeder sprach flüsternd; jeder war über alle Maßen ratlos. Alle Augen richteten sich auf Anderson Crow, der abseits stand und grübelte, wie er noch nie zuvor gegrübelt hatte. In der einen Hand hielt er das blutige Taschentuch von Miss Banks und in der anderen ein gewöhnliches Schulbuch über Physiologie. Seine Abzeichen und Sterne schwelgten förmlich in ihrer eigenen Wichtigkeit.
„Belästigt ihn nicht mit Fragen“, warnte Isaac Porter und wandte sich an Alf Reesling, den Stadttrunkenbold, der gerade eingetroffen war.
„Aber ich habe etwas, das ich ihm sagen muss“, beharrte Alf eifrig. Zwei oder drei kräftige Männer hielten ihn zurück.
„Verflucht noch mal, Alf“, flüsterte Elon Jones, „siehst du nicht, dass er sich etwas ausrechnet? Du bringst ihn womöglich völlig vom Kurs ab, wenn du auch nur ein Wort zu ihm sagst.“
„Nun, das ist etwas, das er wissen sollte“, wimmerte Alf fast und rieb sich die erfrorenen Ohren.
„Psst!“, murmelten die Umstehenden, und der arme Alf verstummte. Er wurde unsanft in den Hintergrund gedrängt, als Mr. Crow sich vom Fenster zur Gruppe hinbewegte.
„Meine Herren“, sagte Anderson ernst, „hier stimmt etwas nicht.“ Es ist kaum anzunehmen, dass dies für die Menge eine Neuigkeit war, aber wie auf Kommando tauschten sie kollektiv und einzeln Blicke des Verständnisses aus. „Ich habe ein wenig über den menschlichen Körper gelesen und habe eine Sache für mich selbst zweifelsfrei bewiesen.“
„Das kannst du wohl sagen, Anderson“, sagte Elon Jones. „Es ist alles geklärt. Gehen wir nach Hause.“
„Geklärt ist gar nichts!“, sagte der Marshal. „Es hat gerade erst angefangen. Hier ist meine Schlussfolgerung: Miss Banks ist ein Gewaltverbrechen widerfahren. Ist das nicht ihr Blut, und hat sie nicht ihr eigenes Taschentuch benutzt, um es zu stillen? Es ist Blut direkt aus ihrem Herzen, meine Herren!“
„Ich sehe nicht, wie…“, begann Ed Higgins; aber Anderson brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.
„Natürlich siehst du das nicht, aber das würdest du, wenn du so lange Detektiv wärst wie ich. Was zum Teufel glaubst du wohl, warum ich diese Abzeichen und diese Medaillen habe? Dafür, dass ich es nicht sehe? Nein, mein Lieber! Ich habe sie, weil ich es sehe; genau deshalb!“
„Aber, Andy…“
„Nenn mich nicht ‚Andy‘“, befahl Mr. Crow.
„Nun gut, Anderson, ich würde gerne wissen, wie zum Kuckuck sie ihr eigenes Taschentuch benutzen konnte, wenn sie mitten ins Herz gestochen wurde“, protestierte Ed. Er hatte die halbe Zeit geweint. Anderson war für einen Moment fassungslos.
„Warum – warum – also hör mal, Ed Higgins, ich habe keine Zeit, einem verdammten Dummkopf wie dir die Dinge zu erklären. Jeder andere versteht, wie, nicht wahr?“, und er wandte sich an die Menge. Jeder sagte ja. „Nun, das zeigt nur, was für ein Narr du bist, Ed. Belästige mich nicht länger. Ich habe Arbeit zu tun.“
„Sag mal, Anderson“, begann Alf Reesling aus dem äußeren Kreis, „ich habe etwas Wichtiges zu sagen…“
„Wer ist das? Alf Reesling?“, rief Anderson zornig.
„Ja; ich möchte dich privat sprechen, Anderson. Es ist wichtig“, bettelte Alf.
„Wie oft muss ich dich noch zurechtweisen, Alf Reesling?“, explodierte Anderson. „Verflixt, ich würde gerne wissen, wie ein Mann Geheimnisse lösen soll, wenn er die halbe Zeit herumstehen und sich Familiengräuel anhören muss. Sag deiner Frau, ich werde…“
„Das ist kein Familiengräuel. Außerdem habe ich keine Frau. Es geht um das hier…“
„Das reicht jetzt, Alf! Kein Wort mehr von dir!“, befahl Anderson finster.
„Aber, verdammt noch mal, Anderson“, explodierte Alf, „ich muss es dir sagen…“
Doch Anderson hob eine Hand.
„Fluch nicht in Gegenwart der Toten“, sagte er feierlich. „Du bist betrunken, Alf; geh nach Hause!“ Und Alf, samt Neuigkeit, wurde von einem selbsternannten Komitee aus zehn Mann vom Schulhaus weggebracht.
„Nun, wir werden nach der Leiche suchen“, verkündete Anderson. „Geh aus dem Weg, Bud!“
„Ich stehe nicht darauf“, protestierte der zwölfjährige Bud Long.
„Nun, du stehst verdammt nah an diesen Blutflecken und…“
„Ja, und ist Blut nicht ein Teil des Körpers?“, gab Isaac Porter spöttisch zurück; woraufhin Bud in den äußeren Kreis zurückwich.
„Zuerst sehen wir im Keller nach“, sagte Mr. Crow. „Wo ist der Keller?“
„Es gibt keinen“, antwortete Elon Jones.
„Was? Kein Keller? Nun, wo zum Teufel haben sie dann die Leiche versteckt?“
„Es gibt einen Dachboden“, wagte Joe Perkins einzuwerfen.
Eine Suchmannschaft unter der Leitung von Anderson Crow kletterte die Leiter zum niedrigen Dachboden hinauf. Es war keine Spur einer Leiche zu finden, und die Sucher kamen einigermaßen erleichtert wieder herunter. Dann durchsuchten sie unter Mr. Crows Anleitung die Holzstapel, die Wälder und die Felder viele Ruten weit in alle Richtungen. Mittags versammelten sie sich am Schulhaus. Alf Reesling war da.
„Gefunden?“, sagte er mit belegter Stimme und einem verschlagenen Grinsen. Er hatte getrunken. Anderson war versucht, ihn fast zu Tode zu prügeln, aber stattdessen schickte er ihn mit Joe Perkins nach Hause und weigerte sich absolut, sich anzuhören, was der Stadttrunkenbold zu sagen hatte.
„Nun, du wirst dir wünschen, du hättest mir zugehört“, hielt Alf ominös schluckaufend fest; und als letzten Schuss: „Ich würde es dir jetzt nicht einmal für achtzehn Dollar in bar sagen. Du kannst mich mal!“ Das war Majestätsbeleidigung, aber die Menge tat nichts weiter, als den Störenfried anzustarren.
Bevor er die Spur des großen Schlittens aufnahm, sandte Anderson diese Nachricht per Telegramm an die Anwälte in Chicago:
„_Ich habe das Mädchen gefunden, das Sie suchen, aber die Leiche ist verschwunden. Wäre es Ihnen genauso recht, wenn sie tot wäre wie lebendig?_
„ANDERSON CROW.“
In einem großen Schlitten machten sich der Marshal und ein ausgewähltes Sextett von Männern um ein Uhr auf den Weg, den der andere Schlitten viele Stunden zuvor genommen hatte. Anderson hatte das vermutete Verbrechen nicht dem Sheriff in Boggs City gemeldet und arbeitete allein an dem Rätsel. Er sagte, er wolle nicht, dass sich jemand aus der Stadt in seine Angelegenheiten einmische.
„Sag mal, Andy – Anderson“, sagte Harry Squires, jetzt Redakteur des Banner, „vielleicht jagen wir der falschen Leiche und den falschen Leuten hinterher.“
„Was meinst du damit?“
„Nun, wird nicht ’Rast Little vermisst? Vielleicht wurde er getötet, eh? Und sag mal, besteht nicht die Möglichkeit, dass er den Mord begangen hat? Hat er nicht gesagt, er würde diesen Stadtkerl umbringen? Nun, angenommen, er hat es getan. Wir sind auf der falschen Spur, oder nicht?“
„Verdammt noch mal, Harry, das passt nicht in meine Schlussfolgerungen“, jammerte Anderson. „Ich wünschte, du würdest mich in Ruhe lassen. ’Rast mag den Mord begangen haben, aber es ist unsere Aufgabe, die Leiche zu finden, nicht wahr? Wer auch immer erschlagen wurde, wurde letzte Nacht im Schlitten weggebracht. Angenommen, es war Mr. Reddon! Nun, verflixt noch mal, hat er nicht einen Körper wie jeder andere auch? Wir müssen einfach jemandes Leiche finden, das ist alles. Wir müssen das corpus delicti beweisen. Vorwärts, Bill!“
Mit einer Beharrlichkeit, die zwar für das Durchhaltevermögen des Detektivs sprach, aber schlecht für seinen Verstand, eilte der Schlitten ziellos dahin. Es war lächerlich, daran zu denken, einen Schlitten auf einer viel befahrenen Straße zu verfolgen, und erst als sie die Kreuzung erreichten, schlug Harry Squires vor, sich bei den Farmern in der Umgebung umzuhören. Nach eifrigen Bemühungen wurde ein Farmer entdeckt, der sagte, er habe um Mitternacht die Schlittenglocken gehört und beim Blick aus dem Fenster einen flüchtigen Blick auf die Gruppe erhascht, die an der Kreuzung nach Süden abbog.
„Genau wie ich dachte!“, rief Anderson aus. „Sie sind nach Süden gefahren, um Boggs City zu umgehen. Jungs, sie haben ihre Leiche oder ’Rast’s Leiche oder die Leiche dieses anderen Kerls bei sich, und sie rasen diese Straße hinunter, um zur großen Brücke zu gelangen. Meine Idee ist, dass sie vorhatten, die Leiche in den Fluss zu werfen, der nicht komplett zugefroren ist.“
„Mensch! Wir sollen doch nicht den ganzen Grund des Flusses absuchen, oder, Anderson?“, fröstelte Isaac Porter, der Pumpenreparateur.
„Ich nicht“, sagte der Anführer, „aber ich kann jeden dazu verpflichten, den ich will.“
Und so eilten sie zur sechsfeldrigen Brücke, die den eisbeladenen Fluss überspannte. Als sie schweigend, ehrfürchtig und zitternd auf dem mittleren Brückenbogen standen und in das schwarze Wasser mit seiner Armee aus wirbelnden Eisschollen hinabstarrten, wurde selbst Anderson Crows Herz kalt und schwach.
„Jungs“, sagte er, „wir haben die Spur verloren! Nicht einmal ein Bluthund könnte sie in diesem Wasser aufspüren.“
„Bluthund?“, schnaubte Harry Squires. „Ein Nilpferd meinst du wohl.“
Sie waren hungrig und kalt, und sie waren bereit, heimwärts zu kehren. Anderson sagte, er „glaube“, er werde den Fall dem Sheriff und seinen Männern übergeben. Offensichtlich war er viel zu hungrig, um noch weiter zu verfolgen. Außerdem hatte er schon seit über einer Stunde an das warme Holzfeuer zu Hause gedacht. Bill Rubley gab den Pferden die Peitsche, als ein Mann hoch zu Ross vom entgegengesetzten Ende der Brücke angeritten kam. Er war weit und in Eile gekommen und erkannte Anderson Crow.
„Sag mal, Anderson!“, rief er, „jemand ist letzte Nacht in Colonel Randalls Sommerhaus eingebrochen, und sie sind immer noch da. Haben in allen Öfen Feuer brennen und machen sich einen riesigen Spaß. Sie haben dort nichts zu suchen, weil das Haus für den Winter geschlossen ist. Aleck Burbank ist rübergegangen, um sie rauszuschmeißen; einer der Kerle sagte, er würde ihm den Kopf einschlagen, wenn er sich nicht verziehe. Ich glaube, es ist eine Bande!“
Ein hastiges Gespräch brachte die Tatsachen ans Licht. Die Eindringlinge waren lange vor der Morgendämmerung in einem großen Schlitten gekommen, und – aber das genügte. Anderson und seine Männer kehrten zur Jagd zurück, eifrig und ihrer Beute sicher. Die Dunkelheit war über sie hereingebrochen, als sie Colonel Randalls Landsitz in den Hügeln in Sicht bekamen. In den Fenstern brannten Lichter, und die Leute drinnen waren vergnügt; während draußen die nachsetzende Nemesis und seine Männer sich fragten, wie und wo sie die Festung stürmen sollten.
„Ich werde einfach hingehen und an die Tür klopfen“, sagte Anderson Crow, „und so tun, als sei ich ein Landstreicher. Ich werde um etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen bitten. Während ich da draußen in der Küche esse, könnt ihr Kerle euch anschleichen und uns umzingeln. Dann könnt ihr so tun, als würdet ihr mich suchen, weil ich einen Hühnerstall oder so etwas ausgeraubt habe, und das wird sie unvorsichtig machen. Sobald wir alle mit diesen Schrotflinten im Haus sind, haben wir sie da, wo wir sie haben wollen. Dann werde ich sie zwingen, die Leiche herauszugeben.“
„Kriegen wir auch was zu essen?“, fragte Isaac Porter schwach.
„Die Pferde haben auch nichts zu essen bekommen, Ike“, sagte Anderson. „Bist du nicht so gut wie ein Pferd?“
KAPITEL XIV
Ein Fall von Identitätsverwechslung
Detektiv Crow fand wenig Schwierigkeiten, Zutritt zu Colonel Randalls Sommerhaus zu erhalten. Er hatte sein Abzeichen versteckt, und es war wahrlich ein bemitleidenswerter Landstreicher, der an der Küchentür um einen Happen zu essen bat.
Drei oder vier junge Frauen waren in dieser Abteilung des Hauses mit Chafing Dishes beschäftigt, und einige gut aussehende junge Männer sahen zu und belästigten sie mit Aufmerksamkeiten. Im vorderen Teil des Hauses lachten und feierten etwa zwanzig Leute.
„Mensch!“, sagte der neue Landstreicher und zwirbelte seine Kinnbärtchen, „wie viele seid ihr eigentlich?“
„Oh, es gibt noch viele mehr wie uns zu Hause“, trillerte eine der jungen Frauen fröhlich. „Sie kommen genau richtig, Sie armer alter Mann, um etwas vom Kuchen der zukünftigen Braut zu bekommen.“
„Ich glaube, ich bin im falschen Haus“, murmelte Anderson verständnislos. „Ist es eine Hochzeit?“
„Nein; aber in wenigen Tagen wird eine stattfinden. Es ist nur ein Wiedersehen. Wie ich wünschte, Rosalie Gray wäre hier!“, rief ein anderes Mädchen.
Gerade in diesem Moment hämmerte es an die Tür, und einen Augenblick später schritt Isaac Porter an der Spitze der Bürgerwehr herein.
„Hände hoch!“, rief Anderson und wandte sich an die Bürgerwehr, deren Mitglieder vor blankem Erstaunen innehielten. Einige von ihnen streckten pflichtbewusst die Hände in die Höhe. „Was wollt ihr hier?“
„Wir – wir – wir suchen einen Landstreicher, der sagte, er habe einen Hühnerstall ausgeraubt“, stammelte Isaac Porter.
„Was soll das alles bedeuten?“, rief eine kräftige Stimme aus dem Esszimmer, und die verblüfften Tinkletown-Bewohner drehten sich um, um Colonel Randall selbst gegenüberzustehen, dem Besitzer des Hauses.
„Verdammt, wenn ich das wüsste!“, murmelte Anderson Crow; und er sprach die Wahrheit.
„Warum, das ist Anderson Crow!“, rief eine fröhliche junge Stimme.
„Potzblitz!“, stieß der Detektiv aus; „es ist die Leiche!“
„Die Lehrerin!“, riefen die überraschten Tinkletown-Bewohner, während sie mit ihren Augen begannen, die Gestalt vor ihnen nach Blutflecken abzusuchen. Aber kaum waren die chorisch gesprochenen Worte über ihre Lippen gekommen, da erkannten sie, wie schrecklich banal ihr tollpatschiger Ausdruck im Vergleich zur makellos fachmännischen Ausdrucksweise ihres Anführers war; und von Scham überwältigt, sehnte sich die Bürgerwehr danach, sie zurückzunehmen; denn dass der korrekte Fachbegriff von jemandem verwendet wurde, der jahrelang in der Terminologie seines Berufs geschult war, war für diese sensiblen Seelen, die nun von Neid verzehrt wurden, nur ein schwacher Trost.
In der Zwischenzeit stand die Beute, wenn wir sie so bezeichnen dürfen, vor ihnen, so hübsch wie ein Bild. An ihrer Seite war Tom Reddon, und ein Dutzend Gäste des Hauses stellten sich hinter sie.
„Hat Rosalie es dir erzählt?“, forderte Miss Banks. „Das gemeine Ding! Sie sagte, sie würde es nicht tun.“
„Ro – Rosalie!“, keuchte Anderson; „erzähl mir was?“, nervös.
„Dass ich – ich mit Tom hierherkomme. Hat sie es dir nicht erzählt?“
„Ich sollte wohl meinen, nein. Wenn sie es mir gesagt hätte, glaubst du nicht, ich wäre bei diesem Wetter nicht umsonst hierher gefahren, oder? Donnerwetter! Wusste sie davon?“
„Natürlich, Mr. Crow. Sie hat bei den Plänen geholfen.“
„Nun, du meine Güte! Und wir haben ihr die schreckliche Nachricht vorenthalten, aus Angst, es könnte einen Rückfall verursachen.“
„Schreckliche Nachricht! Was meinst du damit? Oh, du machst mir schreckliche Angst!“
„Verflixt noch mal! Ich glaube nicht, dass Rosalie überhaupt krank war“, fuhr Anderson fort, ganz ungeachtet der Ungeduld seiner Zuhörer; „sie wollte sich nur davor drücken, Fragen zu beantworten. Sie hat einfach jeden glauben lassen, du seist abgeschlachtet worden, und hat nie den Mund aufgemacht.“
„Abgeschlachtet!“, riefen ein halbes Dutzend Leute.
„Sicher! Hast du nichts von dem Mord gehört?“
„Mord?“, besorgt von den aufgeregten New Yorkern.
„Ja – die Lehrerin von Schulhaus Nr. 5 wurde letzte – letzte – Nacht brutal abgeschlachtet – von –“
„Mach langsam, Anderson! Halt besser deine Pferde zurück!“, mahnte Harry Squires. „Vergiss nicht, die Leiche ist lebendig und tritt…“, und er hielt inne, in der Hoffnung, dass sein Versprecher der Aufmerksamkeit der Lehrerin entgehen möge, und ersetzte es verwirrt durch: „und hier.“
Andersons Kinnlade fiel herunter, aber die Bewegung war kaum wahrnehmbar, die Verlegenheit nur vorübergehend, denn für den analytischen Geist des großen Detektivs war die Tatsache, dass ein Mord begangen worden war, durch die Entdeckung des Blutes vollständig bewiesen. Dass ein Körper für die Fortführung weiterer Ermittlungen offensichtlich notwendig war, gab er sich selbst gegenüber freimütig zu; und nicht einen Augenblick lang würde irgendeine Vermutung oder Erklärung außer dem Attentat toleriert werden. Und mit unerschütterlicher Überzeugung erklärte er:
„Nun, irgendjemand wurde erschlagen, nicht wahr? Das ist so klar wie die Nase in deinem Gesicht. Widersprich mir nicht, Harry Squires. Ich glaube, Anderson Crow weiß, wie Blut aussieht, wenn er es sieht.“
„Willst du mir weismachen, dass du uns den ganzen Tag verfolgt hast, in dem Glauben, einer von uns hätte jemanden umgebracht?“, forderte Tom Reddon.
Harry Squires erklärte die Situation, da Anderson zu weit weg war, um in die Bresche zu springen. Es mag von Interesse sein zu erwähnen, dass der Tinkletown-Detektiv die Sensation der Stunde war. Die Menge, wieder fröhlich, lobte ihn in den höchsten Tönen für die Art und Weise, wie die vermeintlichen Täter aufgespürt worden waren, und die Wichtigtuerei des Marshals wuchs fast bis zum Bersten.
„Aber was ist mit dem Blut?“, verlangte er zu wissen.
„Ja“, sagte Harry Squires mit einem verschmitzten Grinsen, „es wurde zweifelsfrei als deines identifiziert, Miss Banks.“
„Nun, das ist das erste Mal, dass ich hinters Licht geführt wurde“, gestand Anderson flink. „Das muss ich zugeben. Das Blut gehörte eigentlich ’Rast Little. Jungs, die Zigarren gehen auf mich.“
„Nein, die gehen auf mich“, rief Tom Reddon und holte eine Schachtel Perfectos hervor.
„Aber, Miss Banks, Sie werden in Chicago gesucht“, bestand Anderson darauf. Reddon unterbrach ihn.
„Ganz genau, mein lieber Sherlock, und ich werde sie dorthin bringen, sobald ich kann. Dafür bin ich in den Osten gekommen.“
„Bist du nicht – ich meine, warst du nicht Miss Lovering?“, murmelte Anderson Crow.
„Guter Himmel, nein!“, rief Miss Banks. „Wer ist das – eine Ladendiebin?“
„Ich erzähle Ihnen die Geschichte, Mr. Crow, wenn Sie mitkommen“, sagte Mr. Farnsworth und trat mit einem Augenzwinkern vor.
In der Bibliothek erzählte er der Tinkletown-Bürgerwehr, dass Tom Reddon Miss Banks kennengelernt hatte, als sie in New York zur Schule ging. Er war der Sohn eines Chicagoer Millionärs und sie die Tochter wohlhabender New Yorker Leute. Ihre Mutter war begierig darauf, dass die jungen Leute heirateten, aber das Mädchen bildete sich damals ein, in einen anderen Mann verliebt zu sein. Aus Trotz verließ sie die Schule und machte sich auf, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Jahr voller Entbehrungen als Gouvernante in der Familie von Kongressabgeordnetem Ritchey und die anschließende Ernüchterung als Landschullehrerin brachten sie zur Besinnung, und sie erkannte, dass ihr Tom Reddon doch etwas bedeutete. Sie und Miss Gray bereiteten gemeinsam den Brief vor, der Reddon verriet, wo sie zu finden war, und dieser eifrige junge Herr erledigte den Rest. Er hatte monatelang auf genau eine solche Nachricht von ihr gewartet. In der Nacht des Buchstabierwettbewerbs überredete er sie, zu Colonel Randalls Haus zu kommen, und nun sollte die ganze Hausgesellschaft, einschließlich Miss Banks, am nächsten Tag nach New York aufbrechen. Die Hochzeit würde in wenigen Wochen stattfinden.
„Ich akzeptiere Ihre Erklärung“, sagte Mr. Crow gelassen, als er eine Handvoll Zigarren nahm. „Nun, ich glaube, ich mache mich auf den Rückweg. Es wird schon ziemlich spät.“
Ein Telegramm lag im Pferdestall für ihn bereit, als er diesen Hort der Wärme und Ruhe in Tinkletown am nächsten Morgen gegen Morgengrauen erreichte. Es war aus Chicago und mit „Porto zahlt Empfänger“ gekennzeichnet.
„Von welchem Mädchen und wessen Körper“, hieß es darin, „sprechen Sie? Miss Lovering ist seit zwei Jahren tot, und wir wickeln den Nachlass im Namen der anderen Erben ab. Wir versuchten, ihren Wohnsitz zu ermitteln. Kümmern Sie sich nicht um den Körper, den Sie verloren haben.“
* * * * *
„Verflixt“, sagte Anderson und kicherte laut, „das war ein verdammt guter Witz auf Kosten von 'Rast, nicht wahr?“
Die Stallknechte standen um ihn herum und sahen ihn mit hilflos herabhängenden Kiefern an. Die Luft schien von einer düsteren Ungewissheit geladen, die noch nicht bis zum Wesen von Marshal Crow vorgedrungen war.
„Ist es von ihr?“, fragte Ike Smith schließlich heiser, während seine Lippen bebten.
„Von welcher ihr?“
„Rosalie.“
„Donnerwetter, nein! Es ist von meinen Anwälten in Chicago.“
„Haben Sie denn – haben Sie denn nichts davon gehört?“, stöhnte Ike halb und wich zurück, als erwartete er etwas Unheilvolles.
„Was zum Teufel wollt ihr Kerle eigentlich?“, forderte Anderson. Der Rest seines Suchtrupps verließ den glühend heißen Ofen und näherte sich mit dem instinktiven Gefühl, dass etwas Schreckliches geschehen war.
„Ro – Rosalie wird seit heute Nacht vermisst. Sie wurde von irgendeinem Kerl in der Nähe von Mrs. Luce gepackt, in einen großen Wagen geworfen und aus der Stadt gejagt, bevor Ros Crow einen Schrei ausstoßen konnte. Einfach gestohlen – pass auf! Fangt ihn, Joe!“
Anderson ließ sich schlaff in die Arme eines Stallknechts fallen.
KAPITEL XV
Rosalie verschwindet
In dieser Nacht waren Dinge in Tinkletown geschehen. Alf Reesling fand schließlich jemanden, der sich seine Geschichte anhören wollte. Er erzählte es dem Pfarrer, und der Pfarrer versetzte die Stadt in Alarmbereitschaft. Kurz gesagt, Alf gab zu, dass 'Rast Little bei ihm zu Hause am Rande des Dorfes lag, außer Gefecht gesetzt mit einem gebrochenen Arm und einer tiefen Wunde oben am Kopf.
„Er kroch gegen sechs Uhr morgens zu meinem Haus“, erklärte Alf, „und ich nahm den armen Kerl auf. Das wollte ich Anderson erzählen, aber der alte Dickschädel wollte mir ja nicht zuhören. Es scheint, als hätte 'Rast gestern Abend in der Nähe des Schulhauses gewartet, um diesen Kerl aus der Stadt zu erwischen. Miss Banks und ihre drei Freunde saßen noch etwa eine Stunde nach dem Weggang der Menge um den Ofen im Schulhaus, und 'Rast wurde so kalt, dass er draußen im Holzschuppen fast gestorben wäre.
„Bald kamen sie alle heraus, und 'Rast schlich quer über das Grundstück, um durch das Feuer im Haus wieder warm zu werden. Er war so verdammt kalt, dass ihm gar nicht nach Schlägereien zumute war. Als sie nicht hinsahen, schlich er hinein. Gerade als er sich am Ofen aufwärmen wollte, hörte er Miss Banks und einen der Männer zurückkommen. Er kletterte gerade noch rechtzeitig die Leiter zum Dachboden hoch. Sie kamen herein und der Kerl zündete eine Lampe an. 'Rast konnte sie reden hören. Sie sagte dem Schulhaus für immer Lebewohl, und der Kerl küsste sie ein paar Mal. 'Rast hätte bei dem Anblick fast laut geflucht. Dann sagte sie, sie würde einen Zettel für die Treuhänder auf ihrem Schreibtisch hinterlassen, um ihre Stelle zu kündigen, oder wie auch immer sie das nannte. Er hörte, wie sie dem Mann den Zettel vorlas, und da stand irgendetwas davon, dass sie unerwartet verreisen würde, um zu heiraten. 'Rast sagt, wenn Anderson in den Schreibtisch geschaut hätte, hätte er den Zettel gefunden.
„Dann packte sie ein paar Bücher zusammen und sie und der Kerl gingen hinaus. 'Rast war wie gelähmt. Er hörte die Schlittenglocken klingeln und dann kam er wieder zu sich. Er wollte so schnell die Leiter runter, dass er abrutschte und kerslam ganz nach unten fiel. Verflixt, wenn er nicht auch noch auf seinem Kopf gelandet wäre. Er weiß nicht, wie lange er da lag, aber schließlich war er soweit wieder beisammen, dass er zum Ofen kriechen konnte. Sein Arm war gebrochen und er blutete wie ein abgestochenes Schwein. Miss Banks hatte ihr Taschentuch auf dem Schreibtisch liegen lassen, und er sagt, er hätte versucht, sich den Kopf damit zu verbinden, aber es war verdammt nochmal zu klein. Irgendwie kam er nach draußen und irrte lange Zeit wie verrückt umher, bis er schließlich bei meinem Haus landete, verdammt nochmal fast zu Tode gefroren und so schwach, dass er nicht mehr laufen konnte. Er hatte seinen Hut, seine Ohrenschützer und den Weg gleichzeitig verloren. Wenn Anderson mich heute Morgen hätte reden lassen, hätte er gewusst, dass es kein Mord war. Es war nur eine Liebschaft.“
Stunden vergingen, bevor Anderson wieder er selbst war und die Einzelheiten der Geschichte begreifen konnte, die das Verschwinden seines Mündels betraf. Es sickerte langsam in sein Bewusstsein, als er mit starren Augen und benommen vor dem Küchenfeuer saß, dass dies das Mittel war, mit dem ihre geheimnisvollen Leute sie seiner Vormundschaft entzogen hatten. Die zwanzig Jahre waren abgelaufen, und sie waren gekommen, um ihr Eigentum zurückzufordern. Im Haus von Anderson Crow herrschte Trübsal – eine so dichte Trübsal, dass der Tod im Vergleich dazu hell erschienen wäre. Mrs. Crow war am Boden zerstört, Anderson in einem Zustand geistigen und körperlichen Zusammenbruchs, die Kinder hysterisch.
Ganz Tinkletown stand eng zusammen und kümmerte sich stumm um das Elend der Hinterbliebenen, unternahm jedoch keinen Versuch, den Entführern zu folgen oder sie aufzuhalten. Die Stadt schien so hilflos wie der Marshal, nicht aus bösem Willen oder Vorsatz, sondern weil man ihn so lange als Anführer gekannt hatte, dass niemand die Kühnheit besaß, auch nur in einer Notlage an seine Stelle zu treten.
Eine dumpfe Lähmung erfasste die Bürger, ob groß oder klein. Es war, als sei eine allgemeine Paralyse dazu bestimmt gewesen, die Glieder und Gehirne von Tinkletown zu lähmen, bis die Stunde für die Wiederherstellung von Anderson Crow selbst schlagen würde. Niemand schlug einen Schritt in irgendeine Richtung vor – tatsächlich fühlte sich niemand danach, sich überhaupt zu bewegen. Alles stand still, während Anderson sich langsam wieder aufrappelte; alles wartete stumm darauf, dass sein eigener komatöser Zustand von dem Mann vertrieben wurde, den es am härtesten getroffen hatte.
Erst am späten Nachmittag erwachte Blucher Peabody, der Apotheker, aus seiner Lethargie und bewegte sich, als wolle er die Initiative ergreifen. „Blootch“ war Rosalies hartnäckigster Bewunderer. Er hatte die Apotheke und das Kurzwarengeschäft seines Vaters geerbt und galt als eine der besten Partien der Stadt. Er näherte sich der halb erfrorenen Menge, die sich vor dem Gartentor der alten Mrs. Luce drängte. In dieser Menge befanden sich einige der angesehenen Männer der Stadt, junge wie alte; sie verließen alle halbe Stunde ihre Arbeitsplätze und wanderten ziellos zu dem inzwischen historischen Ort, als wären sie von einem Magneten angezogen. Warum sie sich dort versammelten, konnte niemand erklären und niemand versuchte es. Vermutlich, weil die ganze Stadt ihre Gedanken auf einen von zwei Orten konzentrierte – die Stelle, an der Rosalie gepackt wurde, oder das Haus von Anderson Crow. Wenn sie nicht am Tor von Mrs. Luce waren, stampften sie durch Andersons Vorgarten und in sein Haus.
„Sagt mal“, sagte „Blootch“ so laut, dass die Menge sich gedrängt fühlte, ihn zurechtzuweisen, „was soll das alles eigentlich?“
Niemand antwortete. Niemand war dazu auf die Schnelle fähig.
„Wir müssen etwas anderes tun, als nur herumzustehen und zu flüstern“, sagte er. „Wir müssen Rosalie Gray finden.“
„Aber du lieber Himmel!“, stieß Isaac Porter aus, „die haben uns fast einen ganzen Tag Vorsprung.“
„Nun, das spielt keine Rolle. Anderson würde dasselbe für uns tun. Lasst uns in die Gänge kommen.“
„Aber wohin zum Teufel sollen wir suchen?“, murmelte George Ray.
„Bis ans Ende der Welt“, verkündete Blootch, blähte seine Brust auf und schlug sich heftig darauf, ein merkwürdig persönlicher Vorgang, der unbeachtet blieb. Er war zu dem Schluss gekommen, dass seine Chance, ein Held zu sein, gekommen war und nicht verschmäht werden durfte. Hier war die Gelegenheit, alle seine Konkurrenten im Rennen um Rosalies Gunst zu übertreffen. Man muss wohl zugeben, dass seine Pläne trotz all seiner guten Absichten hoffnungslos vage waren. Die Gruppe richtete sich bei den heldenhaften Worten ein wenig auf.
„Aber die verdammte Sache ist rund“, war das Einzige, was Ed Higgins dazu einfiel. Ed, so wankelmütig wie der Wind, war wieder einmal unsterblich in Rosalie verliebt, nachdem er unmittelbar nach dem Besuch bei Colonel Randall von Miss Banks zu ihr gewechselt war.
„Ach, geh doch nach Guinea!“, war Blootchs beleidigende Antwort. Nichts hätte abfälliger sein können, aber Ed revanchierte sich nicht. „Lasst uns ein Komitee ernennen, das Anderson aufsucht und herausfindet, was wir seiner Meinung nach tun sollten.“
„Aber Anderson ist nicht –“, begann jemand. Blootch winkte ihn ruhig zum Schweigen.
„Was er braucht, ist Ermutigung und nicht eine Menge Suppe und Brühe und Limonade. Er ist nicht krank. Er ist genauso körperlich fit wie ich. Jede Frau in der Stadt hat ihm heute Mittag Suppe gebracht. Er braucht einen ordentlichen Schluck Whiskey und ein Komitee, das ihn aufheitert. Ich habe 'Rast Little gestern Abend eine Flasche gebracht und er wirkte wie ein anderer Mensch.“
Schließlich wurde beschlossen, dass ein Komitee zuerst Anderson aufsuchen sollte, um seine Wünsche in dieser Angelegenheit zu ermitteln, und dann versuchen sollte, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Bei der Bildung dieses Komitees ignorierten die weisen Männer der Stadt Mr. Peabody, und er wäre vielleicht ganz übergangen worden, wenn er nicht dazwischengegangen wäre und sich selbst zum Vorsitzenden ernannt hätte.
Die fünf guten und aufrechten Männer stürmten den Marshal am späten Nachmittag, halb aus Furcht vor dem Ergebnis, aber entschlossen. Sie fanden ihn, wie er langsam aus seiner Lethargie erwachte. Er begrüßte sie mit einem feierlichen Nicken. Seit dem frühen Morgen war er sich eines langen Stroms von Sympathisanten bewusst gewesen, die durch das Haus zogen, aber erst jetzt fühlte er sich der Aufgabe gewachsen, irgendeinen von ihnen zu erkennen.
Sein Sohn Roscoe hatte ihm gerade die Geschichte der Entführung erzählt. Roscoes ehrfürchtiger Tonfall und seine geröteten Augen hatten großes Gewicht, und zum zehnten Mal an diesem Tag hatte er seine Schwestern zu Tränen gerührt. Mit jeder Wiederholung wuchsen die Einzelheiten, bis am Ende nur noch wenig von dem ursprünglichen Ereignis übrig blieb, eine Tatsache, die seine eigene Familie geflissentlich übersah.
„Meine Herren“, sagte Anderson, als käme er plötzlich aus einer Trance, „das war nicht das Werk von Tinkletown-Halunken.“ Woraufhin sich das Komitee mächtig erleichtert fühlte. Der Marshal zeigte Anzeichen einer zurückkehrenden Energie, die Gutes für das Unternehmen verhieß. Nachdem der Vorsitzende eindrucksvoll verkündet hatte, dass etwas getan werden müsse und dass er bereit sei, seine kleine Truppe bis vor die Tore des Todes zu führen – und bei Bedarf darüber hinaus –, zerschlug Mr. Crow ihre Hoffnungen auf pathetische Weise, indem er sagte, er habe ein solches Unglück schon lange kommen sehen und es könne nichts getan werden.
„Sie haben die Nacht gewählt, in der ich nicht hier war, um sie zu beschützen“, klagte er. „Es zeigt, dass sie mich die ganze Zeit beobachtet haben. Die Tat wurde von Personen begangen, die im Dienste ihrer Familie standen, und sie wurde heimlich entführt, damit ich nicht herausfinde, wer und was ihre Eltern waren. Versteht ihr denn nicht? Ihre Mutter – oder ihr Vater, was das betrifft – konnten es sich nicht leisten, einfach herauszukommen und zu sagen, dass sie ihr Kind nach all diesen Jahren zurückwollten. Der einzige Weg war, sie wegzuholen, ohne sich zu verraten. Das war der Plan von Anfang an. Es hat keinen Zweck, nach ihr zu suchen, meine Herren. Sie ist inzwischen in New York, und vielleicht ist sie bereit für eine Reise nach Europa.“
„Aber ich sollte meinen, sie würde Ihnen ein Telegramm schicken“, sagte Blootch.
„Telegramm, deine Großmutter! Glaubst du, sie hätten sie gestohlen, wenn sie die Absicht gehabt hätten, sie irgendjemandem ein Telegramm schicken zu lassen? Von wegen. Sie entführen sie, bis ihr Nachlass geregelt ist. Nach einer Weile wird alles herauskommen, und ihr werdet sehen, ob ich nicht recht habe. Aber sie ist weg. Sie haben sie mir weggenommen und – und wir müssen das ertragen, das ist alles. Ich – ich – kann es nicht ertragen, daran zu denken. Es hat mir das Herz fast gebrochen. Nehmt es mir nicht übel, wenn – ich – weine, Jungs. Ihr würdet es auch tun, wenn ihr an meiner Stelle wärt.“
Da das Komitee kurz darauf abreiste, ohne dass aus dem Gespräch mit dem deprimierten Marshal irgendein Handlungsplan entstanden wäre, ist es vielleicht angebracht, den Leser mit der Geschichte der Entführung vertraut zu machen, wie sie von Roscoe Crow und seinem engsten Freund Bud Long erzählt wurde – gründlich gesäubert.
Den Anweisungen folgend erwähnte niemand in der Familie Crow gegenüber Rosalie das seltsame Verschwinden von Elsie Banks. Auch von der Verfolgung durch den Marshal und seinen Suchtrupp wurde ihr nichts erzählt. Das Mädchen, das keineswegs an Fieber litt, blieb nun tatsächlich aus Kummer über den Weggang ihrer Freundin und Begleiterin in ihrem Zimmer. Sie weinte die ganze Nacht und den nächsten Tag und litt sehr unter ihrem Verlust. Rosalie wusste nicht, dass die Lehrerin Tinkletown heimlich verlassen würde, bis nach dem Buchstabierwettbewerb. Die hinterlistige, errötende Ankündigung kam als Schock, aber sie war ihrer Freundin gegenüber loyal, und kein Wort der Enthüllung entwich ihren Lippen. Natürlich wusste sie nichts von den sensationellen Entwicklungen, die auf die grundlose Flucht von Elsie Banks folgten.
Kurz nachdem das Abendgeschirr abgeräumt war, kam Rosalie nach unten und kündigte an, dass sie zur alten Mrs. Luce gehen würde, um ihr vorzulesen, die bettlägerig war. Die Abwesenheit ihres Vormunds wurde ihr nicht erklärt, und sie ahnte nicht im Geringsten, dass er den ganzen Tag auf einem Narrengang unterwegs gewesen war. Roscoe und Bud begleiteten sie bis zur Haustür von Mrs. Luce, schwer gebunden durch Versprechen, bezüglich Miss Banks den Mund zu halten.
„Wir ließen sie dort bei der alten Mis' Luce“, berichtete Roscoe, „und gingen dann zum Robertson's Pond zum Schlittschuhlaufen. Sie sagte uns, wir sollten gegen neun Uhr bei ihr vorbeischauen, nicht wahr, Bud? Oder war es acht?“ Er sah die Notwendigkeit für Genauigkeit.
„Zehn“, korrigierte Bud bedächtig.
„Nun, Paps, wir hielten bei ihr an, und – und –“
„Hör auf mit dem Geheule, Roscoe“, befahl Anderson so streng er konnte.
„Und holten sie“, schloss Roscoe. „Sie zog ihren Schal und ihre Handschuhe an und sagte, sie würde mit uns um die Wette bis nach Hause laufen. Wir machten uns alle direkt vor dem Tor der alten Mis' Luce bereit zum Start. Bud blieb stehen und sagte: ‚Da kommt Tony Brink.‘ Wir schauten uns alle um, und tatsächlich kam ein kräftiger Kerl auf uns zu. Es sah aus wie Tony, aber als er bei uns war, sah ich, dass er es nicht war. Er fragte uns, ob wir ihm sagen könnten, wo Mr. Crow wohnt –“
„Er muss ein Fremder gewesen sein“, folgerte Anderson mechanisch.
„– und Bud sagte, Sie wohnten gleich weiter vorne, wo die Straßenlaternen waren. Gerade da bog ein großer Schlitten aus der Gasse hinter Mis' Luces Haus und fuhr dorthin, wo wir standen. Bud stand genau so da – ich hier und Rosalie ein Stück zur Seite. Angenommen, dieser Stuhl wäre sie und –“
„Ja – ja, mach weiter“, von Anderson.
„Der Schlitten hielt an, und da waren zwei Kerle drin. Es gab auch zwei Sitze.“
„Vorne und hinten?“
„Ja, Sir.“
„Ich verstehe. Es war ein zweispänniger“, schlussfolgerte der Marshal wieder.
„Und dann, beim Kuckuck, bevor wir ‚Jack Robinson‘ sagen konnten, sprang einer der Kerle heraus und packte Rosalie. Der Kerl am Boden, der stand auf und gab mir einen Schlag ans Ohr. Ich fiel hin, und Bud auch –“
„Er schlug mir oben auf den Kopf“, korrigierte Bud säuerlich.
„Ich hörte Rosalie anfangen zu schreien, aber in der nächsten Minute hatten sie eine Decke über ihrem Kopf und sie wurde auf den Rücksitz geworfen. Alles war in einer Sekunde vorbei. Ich stand auf, aber bevor ich laufen konnte, brüllte ein Kerl: ‚Fangt ihn!‘ Und ein anderer Kerl tat es. ‚Lasst sie nicht entkommen‘, sagte der Fahrer mit leiser, zischender Stimme –“
„Richtige Schurken“, schwor Anderson.
„Ja, Sir. ‚Lasst sie nicht entkommen, sonst wecken sie die Stadt auf.‘ ‚Was sollen wir mit ihnen machen?‘ fragte der Kerl, der uns beide festhielt. ‚Umlegen?‘ Gosh, ich hatte Schiss. Keiner von uns konnte schreien, weil er uns am Hals hatte, und er war verdammt stark. ‚Schmeißt sie hier rein und ich kümmere mich um sie‘, sagte der Fahrer. Das Nächste, was wir wussten, war, dass wir vorne im Schlitten saßen, und das ganze Gespann war weg wie ein durchgehendes Pferd. Sie sagten, sie würden uns umbringen, wenn wir Lärm machen würden, und das haben wir nicht. Ich wünschte, ich hätte mein Gewehr gehabt, verflixt noch mal! Ich hätte es ihnen gezeigt.“
„Sie fuhren wie der Blitz etwa zwei Meilen Richtung Boggs City“, sagte Bud, der so lange geschwiegen hatte, wie die menschliche Natur es zuließ. „Dann hielten sie an und warfen uns auf der Straße raus. ‚Geht nach Hause, ihr Teufel, und erzählt niemandem von uns, sonst komme ich eines Tages zurück und trete euch in die Rippen.‘“
„Rippen?“, murmelte Anderson.
„Das ist kurz für Rippenbögen“, erklärte Bud hochnäsig.
„Nun, warum konnte er nicht einfach Rippen sagen und gut ist?“, beschwerte sich Anderson.
„Dann peitschten sie die Pferde an und bogen westlich in die Landstraße ein“, fuhr Bud fort. „Wir rannten den ganzen Weg nach Hause und erzählten es Mr. Lamson, und der –“
„Wo war Rosalie die ganze Zeit?“, fragte Anderson.
„Lag auf dem Rücksitz, zugedeckt mit einer Decke, genau wie wenn sie tot wäre. Ich hörte sie etwas von Chloroform sagen. Wie riecht Chloroform, Mr. Crow?“
„Genau wie jedes Medikament. Es sind Drogen drin. Sie benutzen es, um Zähne zu ziehen. Nun, was dann?“
„Nun“, warf Roscoe ein, „Mr. Lamson schlug Alarm, und fast jeder in der Stadt stand aus dem Bett auf. Sie telegrafierten nach Boggs City und überall hin, aber es schien nichts zu nützen. Die Pferde waren schneller als Telegramme.“
„Habt ihr diese Kerle schon einmal gesehen?“
„Nein, Sir; aber ich glaube, ich würde sie mit abgenommenen Masken wiedererkennen.“
„Waren sie maskiert?“
„Ihre Gesichter waren es.“
„Oh, meine arme kleine Rosalie!“, schluchzte der alte Anderson hoffnungslos.
KAPITEL XVI
Das Spukhaus
Tage vergingen ohne ein Wort oder ein Zeichen von dem vermissten Mädchen. Der Marshal suchte das Postamt und den Bahnhof heim, in der Hoffnung mit seinem armen alten Herzen, dass eine Nachricht von ihr käme; aber der Brief war nicht da, noch war ein Telegramm am Bahnhof, als er dorthin schlenderte. Die Beamten des Landkreises in Boggs City kamen herunter und begannen eine oberflächliche Untersuchung, aber Andersons nachdrückliche, wenn auch klagende Meinungen brachten sie schnell davon ab, und sie gaben die Suche auf. Es gab nichts zu tun, als sich zurückzulehnen und zu warten.
In diesen drei Tagen wurde Anderson Crow grauer und älter, obwohl er einen prächtigen Anschein von Ergebenheit wahrte. Er hatte ein formelles Angebot einer Belohnung für Rosalie, tot oder lebendig, gemacht, aber er wusste die ganze Zeit, dass es fruchtlos sein würde. Mark Riley, der Plakatkleber, klebte die grellen Belohnungsanzeigen bis zu den Telegrafenmasten im Clay County. Der Welt wurde zu verstehen gegeben, dass 1000 Dollar Belohnung für Rosalies Rückkehr oder für Informationen gezahlt würden, die zur Ergreifung und Gefangennahme ihrer Entführer führten.
Es gab einen sehr mysteriösen Punkt im Zusammenhang mit der Angelegenheit – etwas so Seltsames, dass es an das Übernatürliche grenzte. Kein Mensch im Bramble County außer den beiden Jungen hatte den zweisitzigen Schlitten gesehen. Er war verschwunden, als wäre er von der Erde selbst verschluckt worden.
„Nun, es hat keinen Zweck, über verschüttete Milch zu weinen“, sagte Anderson tapfer. „Sie ist weg, und ich hoffe nur, dass sie nicht schlecht behandelt wird. Ich sehe nicht ein, warum sie ihr schaden sollten. Sie hat niemandem je ein Leid zugefügt. Wahrscheinlich wurde sie an einen angenehmen Ort in New York gebracht, und wir werden von ihr hören, sobald sie sich von dem Schock erholt hat. Es hat keinen Zweck, nach ihr zu suchen, das weiß ich, aber ich kann nicht anders, als ein wenig herumzuschnüffeln. Vielleicht kann ich ihre Spur finden. Ich würde alles geben, was ich auf dieser Welt habe, um zu wissen, dass sie sicher und gesund ist, selbst wenn ich sie nie wiedersehen sollte.“
Der hungrige Blick in seinen Augen vertiefte sich, und niemand machte mehr Witze mit ihm, wie es früher üblich war.
* * * * *
Es gab nicht viele Landstreicher, die in diesem Teil des Staates ihr Unwesen trieben. Anderson Crow verkündete stolz, dass sie Tinkletown wegen seiner Tapferkeit weiträumten; aber die vagabundierende Zunft sah die Frage ganz anders. Sie suchten den nördlichen Teil des Staates aus dem einfachen, aber beredten Grund nicht heim, weil es für sie den Hungertod bedeutete. Die Farmer zwangen den müden Wanderer, den ganzen Tag wie ein geliehenes Pferd für eine einzige Mahlzeit am „zweiten Tisch“ zu arbeiten. Es gab so etwas wie „Hand-outs“, wie es im Wortschatz der Landstreicher bekannt ist, dort nicht. Es ist daher nicht außergewöhnlich, dass Landstreicher die Gemeinde so unattraktiv fanden, dass sie fröhlich meilenweit liefen, um sie zu meiden. Ein besonders gut informierter Vagabund charakterisierte den Farmer im Norden einmal als so „geizig, dass er sich nie rasierte, weil es eine Verschwendung von Haaren war“.
Es ist kaum notwendig, angesichts der Haltung sowohl des Farmers als auch des Landstreichers festzustellen, dass der fehlgeleitete Vagabund, der sich dorthin verirrte, das Ziel deutlicher, wenn auch nicht vornehmer Neugier war. Auf den Landstraßen wurde er mit einer Bösartigkeit angestarrt, die ihm den Appetit raubte, egal wie lange er ihn sich auch auf kargem Boden angezüchtet haben mochte. In den Straßen von Tinkletown und sogar am Sitz des Bezirks war er ein Objekt derart erstaunlicher Besorgnis, dass er sich vor lauter Verlegenheit davonstahl. Es war wahrlich ein naiver Landstreicher, der glaubte, in Bramble County auch nur einen Tag und eine Nacht lang gedeihen zu können. Vor dem Gemischtwarenladen und Postamt in Tinkletown stand ein Wegweiser, auf dem Anderson Crow die folgenden Worte gemalt hatte:
„Keine Landstreicher oder Vieh auf diesen Straßen erlaubt. Auf Anordnung von A. CROW, Marshal.“
Das Vieh missachtete den Befehl, aber der Landstreicher nahm ihn sich zu Herzen. In seltenen Fällen mag er durch einige der Häuser in Tinkletown gegangen sein, aber wenn er durch die Straßen ging, wusste es niemand. Anderson Crow fing ihn feierlich, aber eifrig in den Außenbezirken ab, und er schlug eine andere Richtung ein. Zweimal in seiner Laufbahn vertrieb er Landstreicher, die am helllichten Tag in die Häuser prominenter Bürger eingebrochen waren, aber was spielte das schon für eine Rolle, solange die „Hoboes“ davon abgehalten wurden, die Hauptstraße der Stadt zu entweihen? Mr. Crows offizieller Stern, zusammen mit seiner Plakette der New Yorker Detektei, seiner Anstecknadel der „Sons of the Revolution“ und seinem Abzeichen der G.A.R., machte ihn zu einer Person, die man fürchten musste. Wenn das Wetter zu heiß für Jackett und Weste wurde, befestigte der stolze Würdenträger die Abzeichen an seinen Hosenträgern, und deren Anwesenheit verherrlichte die ansonsten bescheidenen „Galluses“.
Am vierten Tag nach der Entführung wurde Marshal Crow plötzlich aus seiner Lethargie durch die Nachricht geweckt, dass die Ruhe und Sicherheit der Nachbarschaft beeinträchtigt werde.
„Zum Kuckuck, was sagst du da!“, bemerkte er und ließ seinen ständigen Griff an seinen struppigen Kinnhaaren los.
„Ja, Sir“, antwortete der aufgeregte kleine Junge, der zusammen mit zwei Gefährten völlig außer Atem durch die ganze Stadt gerannt war, bevor er den Beamten bei Harkins Schmiede fand.
„Nun, verdammt noch mal!“, sagte Mr. Crow eindrucksvoll.
„Wir sind im Sumpf Schlittschuh gelaufen, als wir sie so deutlich wie am Tag gehört haben“, sagte der andere Junge. „Du kannst wetten, dass ich nie wieder in die Nähe dieses Hauses gehe.“
„Ach was! Bud, es gibt keine Geister“, sagte Mr. Crow; „das sind Landstreicher.“
„Du weißt doch, dass das Haus verhext ist“, protestierte Bud. „Wurde nicht die alte Mrs. Rank dort von ihrem Schwiegersohn erschlagen? Wurde sie nicht in Stücke gehackt und dort direkt in ihrem eigenen Keller vergraben?“
„Donnerwetter, Junge, das war vor dreißig Jahren!“
„Nun, niemand hat seitdem in dem verhexten Haus gelebt, oder? Hat nicht Jim Smith einmal versucht, dort eine Wette lang zu schlafen, und hat er nicht so schreckliche Geräusche gehört, dass er fast verrückt geworden wäre?“, beharrte Bud.
„Ich erinnere mich zwar daran, dass Jim zwei Meilen an seinem eigenen Haus vorbeigerannt ist, bevor er anhalten konnte, so sehr hatte er es eilig, von dem Ort wegzukommen. Aber Jim hat nichts gesehen. Außerdem ist das zwanzig Jahre her. Geister halten sich nicht an einem Ort auf, wenn es dort nichts zu spuken gibt. Ihr Schwiegersohn wurde aufgehängt, und sie hat niemanden mehr, den sie belästigen könnte. Ich sage dir, das sind Landstreicher.“
„Nun, wir dachten nur, wir sagen es dir, Mr. Crow“, sagte der erste Junge.
In wenigen Minuten war im Geschäftszentrum von Tinkletown bekannt, dass Landstreicher ihr Zuhause im verhexten Haus unten am Fluss aufgeschlagen hatten und dass Anderson Crow auf seinem Fahrrad ausreiten würde, um sie zu vertreiben. Das verhexte Haus lag drei Meilen von der Stadt entfernt in einem der trostlosesten Abschnitte des Niederlandes. Es war nur durch den tückischen Sumpf auf der einen Seite oder mittels des Flusses auf der anderen Seite zugänglich. Erst nach der Ermordung seiner Besitzerin und Erbauerin, der alten Johanna Rank, gab es eine Erklärung für die Existenz eines Heims in einer solch ungesunden Gegend.
Bundesbehörden entdeckten, dass sie und ihr Schwiegersohn, Dave Wolfe, an der Spitze einer großen Fälscherbande standen und dass sie dort oben jahrelang in Sicherheit gearbeitet und hunderte von falschen Münzen hergestellt hatten. Eines Nachts stand Dave auf und tötete seine Schwiegermutter und wurde für seine gute Tat aufgehängt, bevor er für seine schlechten bestraft werden konnte. Seit dreißig Jahren war die wettergegerbte, baufällige alte Hütte im Sumpf unbewohnt, abgesehen von Vögeln, Eidechsen und anderen Bewohnern der Einsamkeit – natürlich immer einschließlich des Geistes der alten Mrs. Rank.
Da Dave sie in kleine Stücke hackte und sie im Keller vergrub, während ihre eigene Tochter die Laterne hielt, war es nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Atome der unbetrauerten Johanna von den Suchern niemals ausgegraben wurden. Es wurde in der Gemeinde allgemein geglaubt, dass Mrs. Ranks Geist alle naselang zurückkehrte, um im Schmutz des Kellers nach solchen Teilen ihrer Person zu schnüffeln, die nicht anständig auf dem Dorffriedhof beerdigt worden waren.
Geheimnisvolle Geräusche waren um das Haus zur tiefsten Mitternachtsstunde gehört worden, und geisterhafte Lichter waren an den Kellerfenstern vorbeigehuscht. Ganz Tinkletown war sich einig, dass der Ort verhext war, und hielt einen respektvollen Abstand. Die drei kleinen Jungen, die Marshal Crow aus seinem Grübeln aufgeschreckt hatten, waren den Fluss hinuntergegangen, um Schlittschuh zu laufen, anstatt zur Schule zu gehen. Sie schworen, dass gedämpfte Stimmen aus dem Inneren der Hütte drangen, in deren Nähe sie versehentlich gewandert waren. Obwohl Dave Wolfe seit dreißig Jahren tot war, war einer der jüngsten der Burschen überzeugt, dass er die Stimme des Desperados erkannte. Und sofort floh das Trio von dem „verfluchten Ort“ und brachte die schreckliche Nachricht zu Anderson Crow. Der Detektiv wurde sofort gerufen, um das geisterhafte Geheimnis zu lösen.
Marshal Crow ging zuerst nach Hause und legte seinen blauen Rock an, wobei er die Sterne und Abzeichen auf das fettige Revers des Kleidungsstücks übertrug. Er besorgte sich auch seine dunkle Laterne und den offiziellen Stock des Dorfes, aber warum er einen Stock auf einem Fahrradausflug bei sich haben sollte, wusste nur er selbst. Gefolgt von einer Horde kleiner Jungen und einigen angesehenen Bürgern von Tinkletown auf altertümlichen Rädern, pedalierte Mr. Crow majestätisch nach Süden. Den Sumpf säumend, näherte sich die Gruppe dem verhexten Haus über den schmalen Pfad, der am Flussufer entlangführte. Einmal in Sichtweite der baufälligen Hütte, die sich mit aller Scheu des Übernatürlichen immer weiter in die dichten Schatten des späten Nachmittags zurückzuziehen schien, rief der Marshal zum Halt und verkündete seine Pläne.
„Ihr Kinder geht hinauf und sagt diesen Kerlen, dass ich sie sehen will“, befahl er. Die Jungen wichen zurück und machten sich bereit zu wimmern.
„Ich will nicht“, protestierte Bud.
„Warum gehst du nicht hin und sagst es ihnen selbst, Anderson?“, verlangte Isaac Porter, der Pumpenreparateur.
„Donnerwetter, Ike, wer führt hier das Regiment?“, entgegnete Anderson Crow. „Ich habe das Recht, jeden jederzeit zu bevollmächtigen. Glaubst du nicht, dass ich weiß, wie man einen Job wie diesen anpackt? Ich habe meine eigenen Vorstellungen, wie ich diese Schurken abfange, und ich denke, ich bin lange genug im Detektivgeschäft, um zu wissen, wie man mit einem verfluchten Landstreicher umgeht, nicht wahr? Wie ist das? Wer sagt, dass ich es nicht bin?“
„Niemand hat ein Wort gesagt, Anderson“, bemerkte Jim Borum sanftmütig.
„Nun, ich dachte, jemand hätte es getan. Und ich will auch nicht, dass sich jemand in die Arbeit eines Beamten einmischt. Bud, du und diese beiden Heffner-Jungen geht hinauf und sagt diesen Faulenzern, sie sollen ganz fix hier runterkommen, sonst komme ich hoch und kümmere mich darum.“
„Gott, Mr. Crow, ich habe Angst davor!“, wimmerte Bud. Die Heffner-Jungen machten sich im Laufschritt auf den Heimweg.
„Angst davor?“, schnaubte Anderson. „Und dein Urgroßvater war auch in der Revolution. Tausendundeine Nacht, wenn du mein Junge wärst, würde ich dir etwas geben, wovor du Angst haben kannst! Nun, Bud, dir kann nichts passieren. Bin ich nicht hier?“
„Aber angenommen, sie kommen nicht, wenn ich es ihnen sage?“
„Ja, und angenommen, es sind keine Landstreicher, sondern Geister?“, warf Mr. Porter ein und entfernte sich mit seinem Fahrrad. Es war nun ziemlich dunkel und bedrohlich dort, wo die Hütte stand. Als Ergebnis einer halben Stunde Diskussion rückte die ganze Gruppe langsam auf das Haus vor, Anderson Crow vorneweg, seine dunkle Laterne in der einen Hand, seinen Stock in der anderen. Auf halbem Weg zum Haus blieb er abrupt stehen und wandte sich an Bud.
„Gottverdammt noch mal, Bud! Ich glaube nicht, dass du überhaupt irgendein Geräusch da drin gehört hast! Es hat keinen Sinn, damit weiterzumachen, meine Herren. Die verdammten Jungen haben gelogen. Wir könnten genauso gut nach Hause gehen.“ Und er wäre nach Hause aufgebrochen, hätte Isaac Porter nicht einen furchtbaren Stöhnen ausgestoßen und wäre zur Stütze gegen ein Sumpfschilf zurückgetaumelt, wobei seine entsetzten Augen an ein Fenster im Blockhaus geklebt waren. Das Schilf war unzureichend, und Isaac fiel rückwärts um.
Eine volle Minute lang starrte die Gesellschaft stumm auf das undeutliche kleine Fenster, wobei Lähmung jeden Sinn außer dem des Sehens befiel. Nach Ablauf einer weiteren Minute war der Ort verlassen, und Anderson Crow war der erste, der die Fahrräder weit oben am Flussufer erreichte. Jedes Gesicht war weiß wie Kreide, und jede Stimme zitterte. Mr. Crows Würde machte sich bemerkbar, gerade als die tapfere Truppe sich darauf vorbereitete, in wilder Flucht die Räder zu „besteigen“.
„Halt!“, keuchte er. „Ich habe meine dunkle Laterne da unten verloren. Geh zurück und hol sie, Bud.“
„Du meine Güte! Hast du je so etwas gesehen?“, japste Jim Borum und versuchte, auf das Rad eines zehnjährigen Jungen zu steigen, anstatt auf sein eigenes.
„Ich möchte, dass mir jemand sagt, dass es keine Geister gibt“, stammelte Onkel Jimmy Borton, der immer gesagt hatte, es gäbe keine. „Lass los, da! Aua!“ Der Befehl und der nachfolgende Ausruf waren das unvermeidliche Ergebnis seines erfolglosen Versuchs, mit Elon Jones auf dasselbe Rad zu steigen.
„Was habe ich dir gesagt, Anderson?“, rief Isaac Porter aus. „Habe ich nicht gesagt, es seien Geister? Keine Landstreicher! Ein Landstreicher würde keine Sekunde in diesem Haus überleben. Es spukt seit dreißig Jahren, und es wird immer schlimmer. Was sollen wir als Nächstes tun?“
Sogar der tapfere Mr. Crow befürwortete eine sofortige Rückkehr nach Tinkletown, und die Truppe versuchte gerade, ihr Sammelsurium an Fahrrädern zu entwirren, als eine Unterbrechung von einer unerwarteten Seite kam – eine tiefe, männliche Stimme erhob sich von dem eisbedeckten Fluss in der Nähe, fast direkt unterhalb des Abschnitts des Ufers, auf dem Anderson und seine Freunde zusammengepfercht waren. Das Ergebnis war erschreckend. Jeder Mann sprang einen Fuß in die Höhe und jedes Haar stand zu Berge; Fahrräder klirrten und stießen zusammen, und Ed Higgins, völlig verwirrt, fing an, in Richtung des verhexten Hauses zu rennen.
KAPITEL XVII
Wicker Bonner, Harvard
„Hallo, da oben!“, war das, was die tiefe, männliche Stimme vom Fluss heraufrief. Anderson Crow war der Erste, der die Gestalt des Sprechers ausmachte, und er brauchte nicht lange, um zu entscheiden, dass es weit davon entfernt war, geisterhaft zu sein. Mit einem Befehlswort brachte er seine desorganisierte Truppe aus dem Chaos heraus und drängte sie zusammen, als wolle man einem Angriff widerstehen.
„Was ist mit euch los?“, verlangte er zu wissen und wandte sich mit lauter Stimme an seine Männer. „Werdet nicht nervös!“
„Sprechen Sie mit mir?“, rief die frische Stimme von unten.
„Wer sind Sie?“, verlangte Mr. Crow zurück.
„Niemand Bestimmtes. Was ist da oben los? Was ist das für ein Aufruhr?“
„Kommen Sie hoch und finden Sie es heraus.“ Dann wandte sich Mr. Crow, als er bemerkte, dass der Mann unten Anstalten machte, dem zu folgen, an seinen Trupp und sprach mit leiser, ernster Stimme. „Dieser Kerl ist zu beobachten. Er steckt irgendwie in dieser Sache drin. Sonst warum wandert er hier in der Nähe des Hauses herum? Ich werde ihn verhören.“
„Bei Gott, er ist kein Geist!“, murmelte Ed Higgins und beäugte den Neuankömmling, als er das Ufer hinaufkroch. „Sag mal, hast du mich vor einer Minute gesehen? Wenn ihr Kerle mitgekommen wärt, wäre ich direkt hingegangen, um dieses Haus von oben bis unten zu durchsuchen. Wart ihr alle zu feige, um mitzukommen?“
„Ach, du!“, sagte Anderson Crow mit tiefer Verachtung.
Im nächsten Augenblick stand ein stämmiger junger Kerl vor dem Marshal, der ihn scharf, ja sogar herrisch musterte. Das gutaussehende Gesicht des Neuankömmlings mit seinen kräftigen Zügen wurde von einem Lächeln von überragender Freundlichkeit erhellt.
„Es ist einsam wie Donnerwetter hier unten, nicht wahr? Freut mich, euch zu sehen, meine Herren. Was ist los – ein Fahrradrennen?“
„Nein, Sir; wir haben hier ein wenig zu tun, das ist alles“, antwortete Anderson Crow diplomatisch. „Was machen Sie hier?“
„Schlittschuhlaufen. Mein Name ist Wicker Bonner, und ich besuche meinen Onkel, den Kongressabgeordneten Bonner, auf der anderen Seite des Flusses. Sie kennen ihn, wage ich zu behaupten. Ich bin seit einer Woche hier zum Jagen und habe in all der Zeit nicht ein Quäntchen Glück gehabt. Es ist zum Kotzen! Aha, ich sehe, dass Sie ein Beamter sind, Sir – ein Detektiv sogar. Bei Georg, kann es möglich sein, dass Sie nach jemandem suchen? Wenn Sie es sind, lassen Sie mich daran teilhaben. Ich sterbe vor Aufregung.“
Das Gesicht des jungen Mannes war begierig und seine Stimme klang ehrlich. Außerdem war er ein großer, sportlicher Bursche mit muskulösen Armen und einem breiten Rücken. Alles in allem wäre er ein großartiger Rekrut, dachte Anderson Crow. Er war in grobe Kniebundhosen aus Cord gekleidet, das dicke Jackett bis zu seinem umwickelten Hals zugeknöpft. Eine Wollmütze reichte ihm bis über die Ohren und ein Paar Schlittschuhe baumelten an seinem Arm.
„Ja, Sir; ich bin ein Detektiv, und wir sind hier oben, um ein wenig zu ermitteln. Sie sind aus Chicago, wie ich sehe.“
„Was lässt Sie das glauben?“
„Sie können mich nicht täuschen. Ich kann es immer sagen. Sie sagten ‚I've bean hangin‘ statt ‚I've ben hangin‘. Sehen Sie? Sie sagen ‚bean‘ in Chicago. Ha! Ha! Sie dachten nicht, dass ich das ableiten könnte, oder?“
„Ich muss gestehen, das dachte ich nicht“, sagte Mr. Bonner mit einem trockenen Lächeln. „Ich bin jedoch aus Boston.“
„Sicher“, warf Isaac Porter ein; „dort kommen die Bohnen her, Anderson.“
„Nun, das ist weder hier noch da“, sagte Mr. Crow und wechselte hastig das Thema. „Wir verschwenden Zeit.“
„Hier bleiben, meinen Sie?“, fragte Ed Higgins, der zum Aufbruch bereit war. Unwillkürlich wandten sich die Augen der Truppe dem Haus zwischen den Weiden zu. Der Fremde sah den gemeinsamen Blick und stellte Fragen. Daraufhin erzählte Mr. Crow, unterstützt von sieben Männern und fünf kleinen Jungen, Mr. Wicker Bonner, ehemals Harvard, was sie aus Tinkletown zum verhexten Haus geführt hatte und was sie bei ihrer Ankunft gesehen hatten. Das Gesicht des jungen Bonner strahlte vor Freude über die Aufregung.
„Großartig!“, rief er und heftete seine glücklichen Augen auf das verhasste Ding zwischen den Bäumen. „Lasst uns das Haus durchsuchen. Bei Georg, das ist herrlich!“
„Nicht um alles in der Welt!“, sagte Ed Higgins. „Du kriegst mich nicht in dieses Haus. Wahrscheinlich würde ein Kerl nie lebend wieder herauskommen.“
„Nun, bessere Männer als wir sind gestorben“, sagte Mr. Bonner gelassen. „Kommen Sie; ich gehe zuerst hinein. Es ist alles Quatsch, dass es dort spukt. Auf jeden Fall treiben sich Geister nicht zu dieser Tageszeit herum. Es ist kaum Dämmerung.“
„Aber, Gottverdammt noch mal“, explodierte Anderson Crow, „wir haben es gesehen!“
„Ich habe es zuerst gesehen“, sagte Isaac Porter stolz.
„Aber ich habe es zuerst gehört“, piepste Meister Bud.
„Ihr habt alle harten Apfelwein oder Limonade oder so etwas in der Art getrunken“, sagte der stämmige Spötter.
„Nun, schauen Sie hier, Sie werden frech, und...“, begann der Marshal und blähte sich auf wie eine Taube.
„Passen Sie hinter Ihnen auf!“, rief Mr. Bonner, und Anderson sprang fast aus seinen Schuhen und zerriss sich zudem das Hemd am Rücken, so plötzlich drehte er sich um.
„Ach du meine Güte!“, keuchte er.
„Drehen Sie niemals einem unbekannten Feind den Rücken zu“, ermahnte der junge Mann gelassen. „Seien Sie bereit, ihm zu begegnen.“
„Wenn man in die andere Richtung gedreht ist, kann man einen schnelleren Start hinlegen, wenn man rennen will“, schlug Jim Borum vor und stemmte sich mit einer frischen Portion Kautabak ab.
„Wie spät ist es?“, fragte Wicker Bonner.
Anderson Crow blinzelte durch die blattlosen Baumwipfel zur untergehenden Sonne; dann betrachtete er den Schatten eines Schösslings unten am Ufer.
„Es ist etwa sieben Minuten nach fünf – am Abend“, sagte er abschließend. Bonner war unhöflich genug, seine Uhr zur Überprüfung herauszuziehen.
„Sie gehen eine Minute vor“, bemerkte er; aber er blickte Anderson mit einer neuen und respektvollen Bewunderung an.
„Er kann alles unter der Sonne aufspüren“, sagte Porter mit einem schwachen Lachen über seinen eigenen Witz.
„Nun, lassen Sie uns hinaufgehen und diese alte Hütte durchsuchen“, kündigte Bonner an und machte sich auf den Weg zu den Weiden. Die Menge hielt sich zurück. „Ich gehe allein, wenn ihr Angst habt mitzukommen“, fuhr er fort. „Ich bin fest davon überzeugt, dass ihr nichts gesehen habt und das Geräusch, das ihr Jungen gehört habt, der Wind war, der durch die Bäume pfiff. Nun, sagt die Wahrheit, wie viele von euch haben es gesehen?“
„Ich habe es“, kam es aus jeder Kehle so einstimmig, dass Jim Borums ergänzender Schwur allein und kraftvoll als Höhepunkt hervorstach.
„Dann ist es eine Untersuchung wert“, kündigte der Bostoner an. „Es ist sicherlich eine sehr geheimnisvolle Angelegenheit, und Sie, zumindest Mr. Stadtmarschall, sollten mich bei dem Versuch unterstützen, sie zu lösen. Sagen Sie mir noch einmal genau, was Sie gesehen haben und wie es aussah.“
„Ich lasse mir von keinem Mann vorschreiben, was meine Pflichten sind“, schnaubte Anderson, dessen Sterne vor verletztem Stolz zitterten. „Natürlich werde ich das Geheimnis lösen. Wir müssen sehen, was in diesem Haus ist. Ich dachte zuerst, es wären Landstreicher.“
„Nun, gehen Sie voran, dann folge ich!“, sagte Bonner mit einem Grinsen.
„Ich dachte, Sie wären so begierig darauf, zuerst zu gehen!“, rief Anderson mit feinem Taktgefühl aus. „Gehen Sie selbst voran, wenn Sie so verdammt mutig sind. Ich fordere Sie heraus.“
Bonner lachte laut genug, um jeden Geist in Bramble County aufzuwecken, und schritt dann schnell auf das Haus zu. Anderson Crow folgte langsam und der Rest trottete hinterher, alle wachsam auf das erste Anzeichen von Widerstand.
„Ich wünschte, ich könnte diese verdammte Laterne finden“, sagte Anderson und suchte fleißig im tiefen Gras, während er dahin ging, und gestattete unterdessen Bonner, die grimmige alte Türöffnung weit vor ihm zu erreichen.
„Kommen Sie!“, rief der unerschrockene Anführer zurück, als er sah, dass alle außer dem Marshal angehalten hatten. „Sie brauchen die Laterne nicht. Es ist immer noch Tageslicht, alter Junge. Wir werden herausfinden, was es war, das ihr alle im Fenster gesehen habt.“
„Das ist das Letzte von ihm“, murmelte Isaac Porter, als der breite Rücken durch die niedrige Öffnung verschwand, die man Tür nannte. Es gab keine Fensterrahmen oder Scheiben im Haus, und die Tür war längst von den Angeln verrottet.
„Er wird nie wieder herauskommen. Lass uns nach Hause gehen“, fügte Ed Higgins abschließend hinzu.
„Kommt ihr?“, rief Bonner aus dem Inneren des Hauses. Seine Stimme klang prophetisch grabesartig.
„Verflucht, könnt ihr nicht eine Minute warten?“, antwortete Anderson Crow, der immer noch tapfer, aber konsequent nach der dringend benötigten dunklen Laterne suchte.
„Es ist alles in Ordnung hier drinnen. Seit Jahren war kein Mensch mehr im Haus. Kommt rein; es ist in Ordnung!“
Anderson Crow wagte sich schließlich bis zur Türöffnung und spähte hinein. Bonner stand in der Nähe des baufälligen Kamins und zündete sich gelassen eine Zigarette an.
„Das ist ein feiner Scherz, den Sie mit mir getrieben haben“, knurrte er. „Ich dachte, hier wäre etwas los. Hier ist keine Seele, und das war auch noch nie jemand.“
„Donnerwetter, Mann, man kann keine Geister sehen, wenn sie nicht wollen, dass man es tut!“, sagte Anderson Crow. „Es war ein Geist, das steht fest. Ich wusste es die ganze Zeit. Nichts Menschliches sah jemals so aus, und nichts Lebendiges hat jemals so gejammert wie es.“
Inzwischen hatte der Rest der Gruppe die Hüttentür erreicht. Die weniger Ängstlichen wagten sich hinein, während andere sich damit begnügten, durch die kleinen Fenster zu schauen.
„Nun, wenn Sie sicher sind, dass Sie wirklich etwas gesehen haben, sollten wir das Haus und das Gelände gründlich durchsuchen“, sagte Bonner und begann umgehend, in den beiden Räumen herumzuschnüffeln.
Die Dielen waren morsch und der Ort roch nach verfaultem Holz. Schimmel haftete an den halb verputzten Wänden, Spinnweben verklebten die Decken, und verrottete Pilze bedeckten den Schmutz in den Ecken. Alles in allem war es ein höchst einladungsfreies Loch, in dem sich kein Geist mit Selbstachtung niedergelassen hätte. Als es an der Zeit war, in den kleinen Dachboden hinaufzusteigen, rebellierten Bonners Begleiter. Er war gezwungen, allein zu gehen und die Laterne zu tragen, die einer der kleinen Jungen gefunden hatte. Dieser Teil des Hauses war noch abscheulicher als der untere Bereich, und es wäre unmöglich, seinen Zustand zu beschreiben. Er sah kein Lebenszeichen und zog sich in völligem Abscheu zurück. Dann kam der Gang in den Keller. Wieder hatte er keine Begleiter, da sich die Männer aus Tinkletown nachdrücklich weigerten, dorthin hinabzusteigen, wo der Körper der alten Mrs. Rank begraben worden war. Bonner lachte über sie und ging allein hinunter. Es war Übelkeit erregend vor Alter und dem Geruch von feuchter Erde, aber es war dort sauberer als in den Stockwerken darüber. Der Keller war kleiner als jedes der Wohnzimmer und nur durch die Küche zu erreichen. Es gab keinen Ausgang, der direkt ins Freie führte, aber ein kleines Fenster am südlichen Ende. Bonner untersuchte den Raum sorgfältig und schloss sich dann wieder der Gruppe an. Aus irgendeinem Grund hatte sich die Truppe ins Freie zurückgezogen, sobald er sie verlassen hatte, um nach unten zu gehen. Niemand wusste genau warum, aber wenn einer losging, folgten die anderen mit mehr oder weniger Eifer.
„Haben Sie etwas gesehen?“, verlangte der Marshal zu wissen.
„Wie sah die alte Mrs. Rank aus, als sie noch lebte?“, fragte Bonner mit einer herrlich geheimnisvollen Miene. Niemand antwortete; aber es gab ein plötzliches Zurückweichen der Füße, während sich auf jedem Gesicht ein Ausdruck von alarmiertem Erstaunen zeigte. „Treten Sie nicht rückwärts in diesen offenen Brunnen“, warnte der belustigte junge Mann in der Tür. Anderson Crow blickte scharf hinter sich und errötete empört, als er sah, dass der Brunnen mindestens fünfzig Fuß entfernt war. „Ich habe da unten etwas gesehen, das wie ein Zeh einer Frau aussah“, fuhr Bonner sehr ernst fort.
„Gott im Himmel! Was habe ich Ihnen gesagt?“, rief der Marshal und wandte sich an seine Freunde. So sehr sie sich auch bemühten, sie konnten sich nicht erinnern, dass Anderson ihnen irgendetwas gesagt hatte, aber die ganze Gruppe nickte einmütig zustimmend.
„Ich vermute allerdings, es war der Geist eines Zehs, denn als ich versuchte, ihn aufzuheben, zappelte er davon, und ich glaube, er kicherte. Er verschwand – was ist los? Wo gehen Sie hin?“
Es ist nur notwendig festzustellen, dass der Marshal und seine Truppe sich in guter Ordnung zu einem weit entfernten Ort zurückzogen, wo es nicht ganz so dunkel war, um dort die Ankunft von Wicker Bonner abzuwarten, der gemächlich, aber lachend das Äußere des Hauses und das angrenzende Gelände inspizierte. Da er nichts Ungewöhnliches fand, abgesehen vom Verfall, schloss er sich der Gruppe mit sichtbarem Missfallen im Gesicht wieder an.
„Nun, ich glaube, ich gehe zurück zum Eis“, sagte er; „dieser Ort ist so still wie ein Grab. Ihr seid eine nette Bande von Witzbolden, und ich gebe zu, dass das Lachen auf meiner Seite ist.“
Aber Bonner war verwirrt, unsicher. Er hatte das Haus gründlich von oben bis unten durchsucht und nichts Ungewöhnliches gesehen, aber diese Männer und Jungen waren so überzeugt, dass er nicht glauben konnte, dass die Augen aller getäuscht worden waren.
„Das interessiert mich“, sagte er schließlich. „Ich sage Ihnen, was wir tun, Mr. Crow. Sie und ich werden heute Nacht hierherkommen, ein Zelt oder etwas Ähnliches aufschlagen und uns bis zum Morgen abwechseln. Wenn es etwas zu sehen gibt, werden wir herausfinden, was es ist. Ich werde ein paar Strohmatratzen aus unserem Bootshaus holen und –“
„Ich habe Rheuma, Mr. Bonner, und es wäre mein Tod, in diesem Sumpf zu schlafen“, wandte Anderson hastig ein.
„Nun, dann komme ich allein. Ich habe keine Angst. Ich will damit nicht sagen, dass ich in dieser alten Hütte schlafen werde, aber ich werde hier draußen im Wald kampieren. Kein menschliches Wesen könnte an diesem Ort schlafen. Will sich jemand freiwillig melden, um mir Gesellschaft zu leisten?“
Stille.
„Ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Es braucht Nerven, das gebe ich zu. Meine einzige Bedingung ist, dass Sie morgen früh früh aus dem Dorf hierherkommen. Ich habe vielleicht etwas Wichtiges zu berichten, Mr. Crow.“
„Wir werden seine Leiche finden“, stöhnte der alte Mr. Borton.
„Sagen Sie, Mister“, piepste eine schrille Stimme, „ich bleibe bei Ihnen.“ Es war Bud, der sprach, und ganz Tinkletown sollte später von Geschichten über seine Tapferkeit widerhallen. Der Junge hatte den kühnen Sportler aus der Stadt Boston still bewundert und war bereit, sein Schicksal in diesem Abenteuer mit ihm zu teilen. Er war vor Vergnügen ganz aufgeregt, als der große Held ihm auf den Rücken klopfte und ihn den einzigen Mann in der Menge nannte.
Um acht Uhr abends kamen Bonner und der entschlossene, aber zitternde Bud vom Fluss das Ufer herauf und schlugen ein Zelt zwischen den Bäumen in der Nähe des Spukhauses auf. Vom Schlitten auf dem Fluss unterhalb schleppten sie ihre Bettwäsche und ihre Vorräte herauf. Bud hatte eine alte einläufige Schrotflinte, ein Messer und eine Pfeife, die er gerade erst zu rauchen lernte; Bonner brachte eine Navajo-Decke, einen Revolver und einen schweren Spazierstock mit. Er hatte auch einen großen Flakon mit Whiskey und die Pfeife, die mit ihm zusammen in Harvard ihren Abschluss gemacht hatte.
Um neun Uhr brachte er einen sehr kranken Jungen in eines der frostigen Nester, der nur ungern zugab, dass die Pfeife zu stark für ihn war, der sich aber sehr erleichtert fühlte, als er fest in die Decken eingewickelt war und seinen Kopf vollständig außer Sichtweite versteckt hatte. Bud hatte die Stunde damit verbracht, Bonner mit der Geschichte von Rosalie Grays Entführung und seinem eigenen heldenhaften Verhalten in diesem Fall zu unterhalten. Er gestand, dass er einen der Schurken niedergeschlagen hatte, aber sie waren zu viele für ihn. Bonner hörte höflich zu und brachte dann – den Helden ins Bett.
Bonner döste um Mitternacht ein. Etwa eine Stunde später setzte er sich plötzlich kerzengerade auf, hellwach und aufmerksam. Er hatte den vagen Eindruck, dass ihm totenkalt war und seine Haare zu Berge standen.
KAPITEL XVIII
Die Männer im Schlitten
Lassen Sie uns zu der Nacht zurückkehren, in der Rosalie ergriffen und vom Gartentor von Mrs. Luce entführt wurde, trotz des tapferen Widerstands ihrer jugendlichen Verteidiger.
Rosalie hatte der alten Dame Thackeray vorgelesen, bis beide eingenommen waren, und es war in der Tat eine willkommene Erleichterung, als Roscoes schallendes Pochen an die Vordertür ertönte. Mrs. Luce war zu alt, um sich vor Schreck um ein Jahr zu verjüngen, aber es ist durchaus sicher, ihr zuzustimmen, dass der Lärm sie mindestens drei Monate kostete.
Völlig niedergeschlagen über den Abfall von Elsie Banks, hatte Rosalie drinnen wenig gefunden, um ihren Abend aufzuheitern, aber die frische, klare Luft ließ ihre Stimmung sofort aufblühen, als sie die Tür von Mrs. Luce von außen schloss. Wir müssen uns nur auf Roscoes lebhaften Bericht beziehen, um den Beweis dafür zu haben, was fast augenblicklich folgte. Sie wurde gepackt, ihr Kopf fest in einen dicken Umhang oder eine Decke gewickelt; dann wurde sie in einen Schlitten geworfen und wusste nichts weiter als ein erstickendes Gefühl und den Geruch von Chloroform.
Als sie das Bewusstsein wiedererlangte, lag sie auf dem Boden unter freiem Himmel, die dunkle Nacht um sie herum. Drei Männer standen in der Nähe, aber es war kein Gefährt zu sehen. Sie versuchte aufzustehen, war aber aufgrund ihrer Fesseln dazu nicht in der Lage. Das Sprechen wurde durch das Tuch verhindert, das ihre Lippen fest verschloss. Nach einer Weile begann sie die Bedeutung der gemurmelten Worte zu begreifen, die zwischen den Männern gewechselt wurden.
„Du hast das Gespann gut untergebracht, Bill – du bist sicher, dass niemand dich gehört oder gesehen hat?“, waren die ersten Fragen, die sie verstehen konnte und die offensichtlich aus einem früheren Bericht oder einer Erklärung stammten.
„Sicher. Jeder in dieser Gegend geht bei Sonnenuntergang zu Bett. Die haben hier oben nichts zu tun, außer zu schlafen.“
„Niemand weiß, dass wir den Schlitten und die Pferde dieses Kerls draußen hatten – niemand wird es jemals erfahren“, sagte der große Mann, offensichtlich der Anführer. Sie bemerkte, dass sie ihn Sam nannten.
„Das Nächste ist, sie über den Fluss zu bringen, ohne Spuren zu hinterlassen. Wir sind jetzt nicht auf einer befahrenen Straße, Kumpel; wir müssen vorsichtig sein. Ich trage sie zum Ufer; aber achtet darauf, genau in meine Fußstapfen zu treten – es wird so aussehen, als wären sie von einem Mann gemacht worden. Verstehst du?“
„Der Fluss ist zugefroren und wir können auf dem Eis nicht verfolgt werden. Es ist auch zu dunkel, als dass uns jemand sehen könnte. Geh voran, Sammy; es ist verdammt kalt hier.“
Der große Mann hob sie vom Boden auf, als wäre sie eine Feder, und sie war sich bewusst, dass sie schnell durch ein Stück abfallendes Waldgebiet hinunter zum Flussufer getragen wurde, eine Reise von, wie es schien, zwei- oder dreihundert Yards. Hier hielt die Gruppe viele Minuten inne, bevor sie sich auf die weite Fläche des gefrorenen Flusses wagte, offensichtlich um sicherzugehen, dass der Weg frei war. Rosalie, deren Sinne mittlerweile völlig wiederhergestellt waren, begann die Situation mit einer Klarheit und Ruhe zu analysieren, die später Gegenstand erheblichen Erstaunens für sie selbst war. Anstatt hysterisch vor Angst zu sein, erlebte sie tatsächlich den Nervenkitzel einer echten Emotion. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihre Entführer Personen waren, die von jenen angeheuert wurden, die mit ihrer frühen Geschichte in Verbindung standen, und, so seltsam es scheinen mag, sie konnte nicht glauben, dass ihr nach all diesen Jahren heimlicher Aufmerksamkeit seitens derjenigen, die so tief, wenn auch entfernt, interessiert waren, körperlicher Schaden zustoßen sollte.
Irgendwie raste die berauschende Überzeugung durch ihr Gehirn, dass das Geheimnis ihrer Herkunft endlich geklärt werden würde und damit alles, was wie ein geschlossenes Buch gewesen war. Kein Gedanke an den Tod kam ihr zu dieser Zeit in den Sinn. Später sollte sie fühlen, dass der Tod sehr willkommen wäre, egal wie er kam.
Ihre Entführer machten die Reise über den Fluss in totenstiller Stille. Es gab keinen Mond und die Nacht war pechschwarz. Die unbedeckten Teile ihres Gesichts prickelten vor Kälte, aber sie war so dick in die Decke eingewickelt, dass ihr Körper die Auswirkungen des Gefrierpunkts nicht spürte.
Endlich war die eisige Strecke überwunden, und nachdem sie einige Minuten geruht hatten, begann Sam, das steile Ufer mit ihr in den Armen zu erklimmen. Warum sie nicht gehen durfte, wusste sie damals wie auch später nicht. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, dass die Männer dachten, ihre Gefangene sei bewusstlos. Sie tat nichts, um sie eines Besseren zu belehren. Wieder gingen sie durch Bäume, wobei Sams Begleiter wie zuvor in seine Fußstapfen traten. Ein weiterer Halt und ein kurzer Befehl an Davy, voranzugehen und sicherzustellen, dass die Küste frei war, kamen nach einem langen und qualvollen Kampf durch das Unterholz. Zweimal schienen sie im Dunkeln die Orientierung verloren zu haben, aber schließlich kamen sie auf eine Lichtung.
„Da sind wir!“, grunzte Sam, als sie über die Lichtung eilten. „Eine harte Nachtarbeit, Kumpel, aber ich glaube, wir sind jetzt auf der sicheren Seite. Geh voran, Davy, und öffne die Falle!“
Davy fluchte einen mächtigen, aber zischenden Fluch und drängte seine dicke, hässliche Gestalt vor die anderen.
Einen Moment später schritten die Desperados und ihr Opfer durch eine Tür und in eine Dunkelheit, die noch schwärzer war als die draußen. Davy klopfte vorsichtig auf den Boden des Raumes, in dem sie standen. Plötzlich verbreitete sich ein schwaches Licht im Raum und eine heisere, raue Stimme flüsterte:
„Habt ihr sie?“
„Geh aus dem Weg – wir sind fast erfroren“, antwortete Davy barsch.
„Geh da runter, Bill, und nimm sie; ich bin es leid, diese hundertzwanzig Pfund schwere Person zu tragen“, knurrte Sam.
Im nächsten Augenblick wurde Rosalie bewusst, dass sie durch eine Falltür im Boden hinabgelassen wurde und dann schnell durch einen langen, engen Gang getragen wurde, der flackernd von den Strahlen einer Laterne in den Händen eines vierten und bisher ungesehenen Mitglieds der Bande beleuchtet wurde.
„Da!“, sagte Bill und ließ seine Last unhöflich auf einen Strohhaufen in der Ecke der ziemlich ausgedehnten Höhle am Ende des Ganges fallen; „ich frage mich, ob das kleine dumme Ding tot ist. Sie müsste langsam wieder zu sich kommen.“
„Sie hat ihre Augen weit offen“, äußerte die raue Stimme auf der gegenüberliegenden Seite; und Rosalie wandte ihre Augen in diese Richtung. Sie starrte eine volle Minute lang, wie gebannt vor Entsetzen, ihr Blick konzentriert auf das abstoßendste menschliche Gesicht, das sie je gesehen hatte – das Gesicht von Davys Mutter.
Die Frau war eine Riesin, ein riesiges, scheußliches Geschöpf mit dem Gesicht eines Mannes, behaart und aufgedunsen. Ihr ungepflegtes Haar war grau, fast bis zur Weißheit, ihre Zähne waren Stümpfe und ihre Augen fast unter der struppigen Braue verborgen. Es lag ein Glanz brutaler Befriedigung in ihnen, der das Mädchen entsetzte.
Zum ersten Mal seit Beginn des Abenteuers versagte ihr das Herz, und sie schauderte spürbar, als ihre Lider zufielen.
„Was zur Hölle erschreckst du sie so, Ma“, knurrte Davy. „Schau sie nicht so an, oder –“
„Hör mal, mein Junge, sprich nicht so zu mir, wenn du nicht willst, dass ich dir den Kopf dort, wo du stehst, abtrete. Ich bin deine Mutter, Davy, und –“
„Das reicht. Das ist keine Zeit, um zu streiten“, murmelte Sam. „Wir sind am Ende. Besorg uns etwas zu essen und etwas zu trinken, altes Weib; gib dem Mädchen auch einen Schluck. Ich glaube, sie ist in Ohnmacht gefallen. Beeil dich; ich will mich hinlegen.“
„Besser, wir binden ihre Hände los – sieh nach, ob sie erfroren ist“, fügte Bill wild hinzu.
Grob schnitt die alte Frau die Fesseln von den Händen und Füßen des Mädchens und blickte dann schief zu Sam, der nicht weit entfernt seine Hände über einem Petroleumofen wärmte. Er nickte mit dem Kopf, und sie löste sofort das Tuch, das Rosalies Mund bedeckte.
„Es nützt nichts zu schreien, Mädchen. Niemand wird dich hören außer uns – und wir sind deine Freunde“, knurrte die alte Frau.
„Lass sie schreien, wenn sie will, Maude. Es mag sie ein wenig erleichtern“, sagte Sam, der es gut meinte. Instinktiv sah sich Rosalie nach der Person um, die als Maude angesprochen wurde. Es gab nur eine Frau in der Bande. Maude! Das war der Name des Geschöpfes. Anstatt zu weinen oder zu schreien, lachte Rosalie laut auf.
Bei dem Klang des Lachens wich die Frau hastig zurück.
„Beim Kuckuck!“, keuchte sie; „die – die ist verrückt geworden!“
Die Männer drehten sich mit Verwunderung im Gesicht zu ihnen um. Bill war der Erste, der es begriff. Er sah, wie sich das Gesicht des Mädchens mit Mühe beruhigte, und erkannte, dass sie ihre Belustigung unterdrückte, weil sie sicher Anstoß erregen würde.
„Ach“, grinste er, „ich mache ihr keinen Vorwurf, dass sie lacht! Sag, was du willst, Maude, dein Name passt nicht zu dir.“
„Er ist so gut wie jeder andere Name –“, begann die alte Hexe und funkelte ihn an; aber Sam unterbrach sie mit dem Befehl, ihnen etwas heißen Kaffee zu holen, während er ein Gespräch mit dem Mädchen führen wollte. „Setz dich auf!“, sagte er grob zu Rosalie. „Wir werden dir nicht wehtun.“
Rosalie kämpfte sich in eine sitzende Haltung, ihre Glieder und ihr Rücken waren steif vor Kälte und Untätigkeit. „Stell keine Fragen, denn sie werden nicht beantwortet. Ich will dir nur einen Rat geben, wie du dich verhalten musst, während du unser Gast bist. Du musst wie ein Familienmitglied sein. Vielleicht bleiben wir einen Tag hier, vielleicht eine Woche, aber länger wird es nicht sein.“
„Würden Sie mir sagen, wo ich bin und was das alles bedeutet? Warum haben Sie dieses Verbrechen begangen? Was habe ich getan –“, fand sie die Stimme zu sagen. Er hob die Hand.
„Du vergisst, was ich über das Fragenstellen gesagt habe. Es gibt nichts zu sagen, das ist alles. Du bist hier und das reicht.“
„Nun, wer ist es, der die Macht hat, Fragen zu beantworten, mein Herr? Ich habe ein gewisses Recht, sie zu stellen. Sie haben –“
„Das reicht jetzt!“, knurrte er. „Ich lege dir den Knebel wieder an, wenn du so weitermachst. Damit du dich nicht sorgst, möchte ich dir das sagen: Deine Freunde wissen nicht, wo du bist, und sie könnten dich nicht finden, selbst wenn sie es versuchten. Du bleibst genau hier in dieser Höhle, bis wir den Befehl erhalten, dich zu verlegen. Wenn die Zeit kommt, bringen wir dich dorthin, wohin man uns befiehlt, und dann sind wir mit dir fertig. Jemand anderes wird das Sagen haben. Du wirst hier nicht verletzt werden, es sei denn, du versuchst zu fliehen – es wird dir nichts nützen zu schreien. Es ist kein Palast, aber es ist besser als das Grab. Sei also klug. Alles, was wir tun müssen, ist, dich zur richtigen Zeit den richtigen Leuten zu übergeben. Das ist alles.“
„Ist die Person, von der Sie sprechen, meine – meine Mutter oder mein Vater?“, fragte Rosalie mit angehaltenem Atem.
KAPITEL XIX
Bei den Entführern
Sam starrte sie an, und es lag etwas wie echtes Erstaunen in seinen Augen.
„Deine Mutter oder dein Vater?“, wiederholte er fragend. „Wa – was zum Teufel haben die mit dieser Angelegenheit zu tun? Ich schätze, sie stellen sich zu dieser Zeit selbst eine Menge Fragen.“
„Mr. und Mrs. Crow sind nicht meine Eltern“, sagte sie; und fügte dann scharfsinnig hinzu: „und das wissen Sie, mein Herr.“
„Ich habe das Sprichwort gehört, dass ein Kind seinen eigenen Vater nie kennt, aber diese Sache mit Vater und Mutter ist neu für mich. Ich schätze, das ist das Chloroform. Gib uns den Fusel, Bill. Sie ist immer noch benebelt.“
Er versuchte sie dazu zu bringen, etwas von dem Whiskey zu schlucken, aber sie weigerte sich standhaft, bis Sam schließlich mit einem bösen Knurren der Riesin befahl, sie festzuhalten, während er ihr den brennenden Schnaps in den Hals zwang. Es gab einen kurzen Kampf, aber Rosalie war der riesigen Frau, deren gewaltige Arme sie umschlangen, nicht gewachsen; und als die Flüssigkeit auf ihre Zunge rann, hörte sie über dem brutalen Lachen der selbsternannten Ärzte die heisere Stimme von Bill rufen:
„Tu ihr nicht weh, Sam! Lass sie in Ruhe!“
„Halt den Mund! Misch dich da nicht ein, Bill Briggs. Ich werde – nun, du weißt schon. Trink das, verdammt noch mal!“
Spuckend und würgend, ihr Herz schlug wild vor Angst und Wut, wurde Rosalie von der Frau zurück auf das Stroh geworfen. Ihr Hals brannte von der Wirkung des Whiskeys und ihre Augen waren von den Tränen der Wut und Hilflosigkeit geblendet.
„Komm mir nicht mit deinen hochnäsigen Allüren, du kleines Biest“, schrie die alte Frau und rieb sich ein Knie, das Rosalie in ihrem Kampf getreten hatte.
„Bleib still liegen“, fügte Sam hinzu. „Wir wollen dir nicht wehtun, aber du musst tun, was ich dir sage. Verstanden? Kein Wort mehr, jetzt! Gib mir die Kaffeekanne, Davy. Geh und schau, dass alles abgeschlossen ist, und wir legen uns für die Nacht hin. Maude, du bleibst wach und hältst Wache. Wenn sie einen Mucks macht, verpass ihr eine.“
„Darauf kannst du wetten. Sie wird feststellen, dass sie hier nicht an einem Picknick der Sonntagsschule teilnimmt.“
„Kein Saufen!“, war Sams Befehl, als er kleine Portionen Whiskey ausschenkte. Dann aß die Bande gierig den Speck und die Bohnen und trank Tasse um Tasse Kaffee. Später warfen sich die Männer auf die Strohhaufen und bald schnarchten alle. Die große Frau füllte die Laterne auf und hängte sie an einen Haken an der Wand der Höhle; dann nahm sie ihren Platz in der Nähe der quadratischen Tür ein, die zum unterirdischen Gang führte, ihr Thron ein umgedrehtes Whiskeyfass, ihr Rücken gegen die Wand der Höhle gelehnt. Sie starrte Rosalie durch die Halbdunkelheit an und adressierte sie häufig mit den übelsten Beschimpfungen, die vorsichtig ausgesprochen wurden – und das alles nur, weil ihr Opfer schöne Augen hatte und nicht in der Lage war, sie im Schlaf zu schließen.
Rosalies Herz sank, als sie die Umgebung mit ihrem nun wieder klaren und gefassten Geist überblickte. Nach ihrer Erholung vom Schock des Kontakts mit der alten Frau und Sam schrumpfte sie in einen Zustand geistiger Teilnahmslosigkeit, der die Verzweiflung vorhersagte, die später kommen sollte. Sie schlief in dieser Nacht nicht. Ihr Gehirn war voll von wirbelnden Gedanken an Flucht, Spekulationen darüber, was aus ihr werden sollte, elenden Ängsten, dass das Ende nicht das sein würde, was die ersten Eindrücke vermuten ließen, und über allem ein höchst intensiver Horror vor der alten Frau, die döste, sie aber bewachte, wie kein Drache je in den Tagen vor langer Zeit gewacht hatte.
Die Höhle, in der sie untergebracht waren, maß dreißig oder vierzig Fuß von einer Seite zur anderen, war von fast kreisrunder Form und hatte ein niedriges, zum steinigen Boden hin abfallendes Dach. Hier und da gab es Nischen in den Wänden, und in der Seite, die dem Eingang zum Durchgang gegenüberlag, befand sich eine kleine, schwarze Öffnung, die zweifellos in die Außenwelt führte. Die Tatsache, dass sie während ihres gesamten Aufenthalts in der Höhle zu keiner Zeit benutzt wurde, ließ sie vermuten, dass sie von keinem praktischen Nutzen war. Zwei oder drei Petroleumöfen dienten dazu, die Höhle zu heizen und zum Kochen. Es gab mehrere Laternen, eine Reihe von Werkzeugen (wie Spaten, Äxte, Brechstangen, Vorschlaghämmer und so weiter), Hocker, die als Fässer dienten, und einen groben Tisch, der für alle Zwecke benutzt wurde, die man aus Esszimmer, Küche, Spülküche und sogar Schlafzimmer kannte. Sam schlief auf dem Tisch. Pferdedecken waren durcheinander auf den Boden geworfen. Sie dienten als Bettzeug, wenn die Bande schlief. Zu anderen Zeiten hätten sie genauso gut als Fußmatten bezeichnet werden können. Eine der Nischen in der Wand diente als Ablageort für Knochen oder Überreste, die sie trafen, wenn sie von den Bewohnern in diese Richtung geschleudert wurden. Niemand machte sich die Mühe, irgendetwas sorgfältig im Abfallloch zu verstauen, und niemand gab vor, hinter dem anderen aufzuräumen. Der Ort roch faulig, war heiß und fast erstickend durch die Dämpfe der Öfen, für die es keinen Ausweg zu geben schien.
Stunden später, obwohl sie sich wie Jahre in die Länge zogen, begannen die Männer natürlich zu atmen, und eine unheimliche Stille herrschte in der Höhle. Sie waren wach. Die ehrwürdige Maude erwachte aus ihrem Dösen, blickte argwöhnisch zu Sam hinüber, stupste die Ecke an, um sich zu vergewissern, dass die Beute nicht entschwunden war, und begann dann schwerfällig, Vorbereitungen für eine Mahlzeit zu treffen, vermutlich das Frühstück. Die dürftigen Waschungen, wie sie nun einmal waren, wurden im "Wohnzimmer" vollzogen, wobei ein Wassereimer als allgemeines Waschbecken diente. Niemand hatte während der Nacht seine Kleidung abgelegt, nicht einmal die Schuhe. Ihr kam es so vor, als sei die Bande in einem Zustand ständiger Bereitschaft, den Ort bei der kleinsten Warnung zu räumen.
Rosalie wollte nicht essen, noch wollte sie ihr Gesicht in dem Wasser waschen, das vor ihr von dem Quartett benutzt worden war. Bill Briggs, der ein gewisses Gefühl für Anstand in seinem Wesen hatte, brachte etwas frisches Wasser vom anderen Ende des Durchgangs. Für diese Tat wurde er von seinen Gefährten beschimpft.
"Es ist kein leichter Job, hier Wasser zu holen, Briggs", dröhnte Sam. "Wir müssen damit haushalten."
"Nun, lass es dir nicht wehtun", erwiderte Bill. "Ich bringe es heute Nacht vom Fluss hoch. Du wirst es nicht tun müssen."
"Sie ist nicht besser als ich", schnaubte Maude, "und niemand geht hinaus, um mir ein privates Bad zu bringen, das merke ich wohl. Komm hierher und iss was, du Ratte! Willst du, dass wir es dir mit Gewalt einflößen –"
"Wenn sie nicht essen will, dann überrede sie nicht", sagte Sam. "Das legt sich bald. Wir wurden nur angeheuert, um sie hierher zu bringen und wieder wegzubringen, und nicht, um sie zum Essen oder gar zum Waschen zu zwingen. Das geht uns nichts an."
"Nun, sie muss essen, sonst stirbt sie, und du weißt, Sam Welch, das soll nicht sein", entgegnete die alte Frau.
"Sie wird essen, bevor sie stirbt, Maudie; mach dir keine Sorgen."
"Ich werde niemals einen Bissen essen!", rief Rosalie, ein tapferes, stures Leuchten in ihren Augen. Sie stand in der hinteren Ecke und trocknete ihr Gesicht mit ihrem Taschentuch.
"Oho, du kannst wieder sprechen, was? Hurra! Jetzt werden wir die Lebensgeschichte hören", lachte der große Sam, den Mund voll mit Speck und Brot. Rosalie errötete und Tränen stiegen ihr in die Augen.
Den ganzen Tag über litt sie unter den Sticheleien und Spötteleien der Bande. Sie begann, Davys hässliche Blicke mehr zu fürchten als die brutalen Worte der anderen. Wenn er in ihre Nähe kam, wich sie gegen die Wand zurück; wenn er sprach, kroch sie zusammen; wenn er versuchte, sie zu berühren, schrie sie. Es war diese Handlung, die Sams Zorn auf Davys Haupt heraufbeschwor. Er gewann so etwas wie Dankbarkeit von dem Mädchen, indem er Davy fluchend befahl, seine Liebe auf Blicke und nicht auf Taten zu beschränken.
"Sie darf nicht angetastet werden", lautete Sams Edikt. "Das gilt auch."
"Ach, du kannst mich mal –", begann Davy kämpferisch.
"Was ist das?", knurrte Sam und wirbelte mit einem finsteren Blick auf ihn zu. Davy schlich hinter seine Mutter zurück und starrte zurück. Bill trat an Sams Seite. Einen Moment lang lag eine schwere Atmosphäre von Anzeichen einer Schlägerei in der Luft. Rosalie kauerte in ihrer Ecke, die Hände auf den Ohren, die Augen geschlossen. In Davys Gesicht lag Mordlust. "Ich breche dir jeden Knochen im Leib!", fügte Sam hinzu; aber Bill hielt ihn lakonisch mit einem Wort zurück.
"Ratten!" Es war kurz, aber es brachte den zornigen Sam zur Besinnung. Ärger war für den Moment abgewendet.
"Davy hat keine Angst vor ihm", rief die Mutter des Besagten schrill.
"Darauf kannst du wetten, dass ich die nicht habe!", fügte Davy nach einer langen Reihe von Flüchen hinzu. Sam grinste boshaft.
"Ich glaube, es gibt nichts, worüber man streiten müsste", sagte er, obwohl es nicht so aussah. "Wir wären Narren, wenn wir uns prügeln würden. Alles zu verlieren und nichts zu gewinnen. Ich sage nur eins, Davy, du hast das Mädchen nicht anzufassen."
"Wer wird sie anfassen?", dröhnte Davy und sträubte sich tapfer. "Und du hast sie auch nicht anzufassen", fügte er hinzu.
Der Tag verging, obwohl es in der fensterlosen Höhle immer Nacht war, und wieder schlief das Trio von Männern, mit Maude als Wache. Erschöpft und matt fiel Rosalie in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen aß sie sparsam von dem Speck und Brot und trank etwas dampfenden Kaffee, sehr zur höhnischen Freude der Hexe.
"Du musstest wohl dazu kommen, was?", krächzte sie. "Musstest dieses hübsche Gesicht doch füttern, schließlich. Ich schätze, wir sind alle gleich. Wir sind alle Fleisch und Blut, meine Dame."
Die alte Frau bot dem Mädchen niemals offen körperliche Gewalt an. Sie stand in einer gewissen Furcht vor dem Anführer – nicht physischer Furcht, sondern der seltsamen Ehrerbietung, die ein Tier seinem Herrn zollt. Im Geheimen fand sie wildes Vergnügen daran, auf die Zehen des Mädchens zu treten oder sie in Arme und Beine zu kneifen, ihr die Haare zu verdrehen, heißen Kaffee auf ihre Hände zu schütten, sie leise zu verfluchen und alle möglichen kleinen Demütigungen zu verüben, die nicht erwidert werden konnten, aus dem einfachen Grund, dass sie ihr nicht nachzuweisen waren. Ihr Wort galt genauso viel wie Rosalies.
Stündlich wurde die Anspannung schlimmer und schlimmer. Das Mädchen wurde krank und fiebrig vor Angst, Abscheu und Ungewissheit. Ihre Ohren klangen von den Schrecken ihrer Zügellosigkeit, ihre Augen sahen kaum noch etwas, denn sie hielt sie geschlossen, nur um den Schmerz dessen zu vermeiden, was sie wahrscheinlich mitansehen musste. In ihrem Herzen wuchs ein ständiges Gebet um Befreiung aus ihren Klauen. Sie war viel zu willensstark und gesund, um um den Tod zu beten, aber ihr Geist taumelte förmlich bei den Gedanken an die Rache, die sie üben würde.
Der dritte Tag fand die Bande mürrisch und garstig vor. Die Gefangenschaft war für sie ebenso lästig wie für sie. Sie grämten sich und sorgten sich, fluchten und knurrten. Bei Einbruch eines jeden Tages wagte sich Sam durch den Durchgang hinaus in die Nacht. Jedes Mal war er für zwei oder drei Stunden weg, und jede nachfolgende Rückkehr in die abscheuliche Höhle versetzte die Bande in tieferen Zorn. Das Wort, das sie erwarteten, kam nicht, der Befehl des wahren Meisters wurde nicht gegeben. Sie spielten den ganzen Tag Karten und begannen schließlich, tiefer zu trinken, als es klug war. Zwei verzweifelte Kämpfe ereigneten sich zwischen Davy und Sam am dritten Tag. Bill und die alte Frau zogen sie auseinander, nachdem beide brutal zugerichtet worden waren.
"Sie ist krank, Sam", knurrte Bill und stand gegen Ende des vierten Tages über der kauernden, weißgesichtigen Gefangenen. Sam war fast die gesamte letzte Nacht weg gewesen und düster ohne Nachrichten vom Hauptquartier zurückgekehrt. "Sie wird in diesem v-verdammten Loch sterben und wir auch, wenn wir nicht bald rauskommen. Sieh sie dir an! Warum, sie ist bleich wie ein Leichentuch. Lass uns ihr etwas frische Luft geben, Sammy. Es ist sicher. Bring sie für eine Weile hoch in die Hütte. Heute Abend können wir sie außerhalb des Ortes mitnehmen. Guter Gott, Sammy, ich habe ein bisschen Herz! Ich kann nicht zusehen, wie sie in diesem Loch stirbt. Sieh sie dir an! Siehst du nicht, dass sie fast am Ende ist?"
Nach beträchtlichem Hin und Her wurde beschlossen, dass es sicher und sicherlich klug wäre, das Mädchen ab und zu die frische Luft atmen zu lassen. An jenem Morgen brachte Sam sie durch den Durchgang in die Hütte. Die halbe Stunde in der kalten, frischen Luft belebte sie, stärkte sie spürbar. Ihre Stimmung stieg sprunghaft an. Sie begann Fragen zu stellen, und aus irgendeinem Grund begann er, sie zu beachten. Es mag die Lästigkeit der Situation gewesen sein, sein eigenes Verlangen, wegzukommen, sein Zorn gegenüber der Person, die das Versprechen vor der Entführung nicht eingehalten hatte, was ihn dazu brachte, recht frei zu sprechen.
KAPITEL XX
In der Höhle
"Es ist nicht meine Schuld, dass wir noch hier sind", knurrte er als Antwort auf ihre klägliche Bitte. "Ich habe dich beten hören, dass Daddy Crow kommt und dich wegholt. Nun, es ist ein Glück für ihn, dass er nicht weiß, wo du bist. Wir würden aus diesem alten Vogel in drei Minuten Hackfleisch machen. Bete nicht mehr. Gebete sind wie Träume – man hat sie nachts und fragt sich am nächsten Tag, warum. Nun, sieh her, Miss Gray, wir haben diesen miesen Job nicht aus Liebe zur Aufregung gemacht. Wir sind genauso begierig darauf, da rauszukommen wie du."
"Ich frage nur, warum ich hier festgehalten werde und was aus mir werden soll?", sagte Rosalie ergeben. Sie stand auf der anderen Seite des Tisches, wo er saß und seine große, schwarze Pfeife rauchte. Die anderen Mitglieder der Bande lungerten herum, mürrisch und finster blickend, innerlich über die Verzögerung beim Verlassen der Höhle grollend.
"Ich weiß nicht, warum du hier festgehalten wurdest. Ich weiß nur, es ist v-verdammt langsam. Ich würde den Job hinschmeißen, wenn nicht so viel Geld drin für mich wäre."
"Aber was soll aus mir werden? Ich kann das nicht mehr viel länger ertragen. Es bringt mich um. Sieh! Ich bin schwarz und blau vor lauter Kneifen. Die alte Frau lässt keine Gelegenheit aus, mir wehzutun."
"Sie ist eifersüchtig auf dich, weil du hübsch bist, das ist alles. Frauen sind alle gleich, verdammt! Ich wäre nicht in dieser Art von Arbeit, wenn es nicht eine eifersüchtige Ehefrau gegeben hätte."
Er paffte lange Zeit missmutig an seiner Pfeife, offensichtlich ein Problem in seinem Kopf hin und her wälzend. Schließlich, einen tiefen Seufzer ausstoßend und seine Bemerkungen mit einem Fluch einleitend, brachte er Licht in das Geheimnis. "Ich werde dich in den Job einweihen. Kann keine Namen nennen; das wäre nicht fair. Siehst du, es ist so: Du bist in diesem Land nicht erwünscht. Ich weiß nicht warum, aber du bist es nicht."
"Nicht erwünscht in diesem Land?", rief sie verständnislos. "Ich stehe niemandem im Weg. Mein Leben und meine Liebe gehören dem friedlichen Zuhause, aus dem ihr mich genommen habt. Ich verlange nichts anderes. Wollt ihr eurem Arbeitgeber nicht das Gleiche für mich sagen? Wenn ich freigelassen werde, werde ich mich niemals in die Pläne von –"
"Das ist es wohl nicht. Du musst für jemanden verdammt wichtig sein, sonst wäre dieser ganze Ärger nicht auf sich genommen worden. Das Komische daran ist, dass wir dir nichts tun dürfen. Du darfst nicht getötet werden, weißt du. Das ist der seltsame Teil daran, nicht wahr?"
"Ich gebe zu, es hat einen angenehmen Klang für mich", sagte Rosalie mit einem Schatten eines Lächelns auf ihren zitternden Lippen. "Es wirkt trotzdem gespenstisch."
"Nun, wie auch immer, es ist Teil von jemandes Plan, dich ganz aus diesem Land wegzubringen. Du sollst auf einem Schiff weggebracht werden, über den Ozean, glaube ich. Paris oder London, vielleicht, und du sollst niemals in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Niemals, das ist, was mir gesagt wurde."
Rosalie war sprachlos, wie betäubt. Ihre Augen wurden weit vor Elend durch Zweifel und Entsetzen, ihre Lippen bewegten sich, als würden sie Worte formen, die nicht kommen wollten. Bevor sie einen Laut aus der verengten Kehle bringen konnte, brach die krächzende Stimme der alten Maude ein:
"Was erzählst du ihr da, Sam Welch? Kannst du nicht die Klappe halten?", rief sie und rückte mit einem drohenden Blick auf ihn zu.
"Ach, das geht dich nichts an", erwiderte er, aber ein unbehaglicher Ausdruck schlich sich plötzlich in sein Gesicht. Eine laute, wütende Diskussion entbrannte, die die ganze Bande einbezog. Drei zu eins stand es gegen den Anführer, der gezwungen war, im Geheimen, wenn nicht öffentlich, zuzugeben, dass er kein Recht hatte, frei mit dem Mädchen über die Angelegenheit zu sprechen. Vergeblich flehte sie und versprach. Ihre Tränen nützten nichts, als Sam sich einmal entschlossen hatte, den Mund zu halten. Wütend auf sich selbst, weil er sich den Forderungen der anderen beugen musste, rasend, weil sie seine Kapitulation sah, schlug Sam sie ohne eine Warnung plötzlich mit der flachen Hand gegen die Seite des Kopfes und ließ sie in die Ecke taumeln. Benommen, verletzt und halb betäubt sank sie auf die Knie, unfähig zu stehen. Mit einem kläglichen Blick in ihren Augen wich sie vor einem weiteren Schlag zurück, der bevorzustehen schien. Bill Briggs ergriff den Arm seines Anführers und zog ihn fluchend und knurrend weg.
Spät am Nachmittag durfte Bill sie für ein paar Minuten in die Hütte oben führen, für ein wenig Luft und einen flüchtigen Blick auf das schwindende Sonnenlicht. Sie hatte kaum an dem kleinen Fenster Stellung bezogen, als sie hastig weggezerrt wurde, aber nicht bevor sie glaubte, eine Menschenmenge erkannt zu haben, die sich nicht weit entfernt zwischen den Bäumen drängte. Ein Schrei nach Hilfe stieg ihr zu den Lippen; aber Bills schwere Hand erstickte ihn wirksam. Sein kräftiger Arm sandte sie in Richtung der Falltür; und eine Sekunde später war sie unten, gequetscht vom Sturz und halb ohnmächtig vor Enttäuschung und Verzweiflung.
So kurz der Blick auch gewesen war, sie war sich sicher, zwei Gesichter in der Menge der Männer erkannt zu haben – Anderson Crows und Ed Higgins'. Es bedeutete, wenn ihre Augen sie nicht täuschten, dass die Suchtrupps in unmittelbarer Nähe waren und dass der liebe, alte Daddy Crow sie anführte. Ihre Hoffnungen flogen empor, und sie konnte den triumphierenden Blick nicht unterdrücken, der über die aufgeschreckte Menge fegte, als Bill atemlos die Nachricht überbrachte.
Absolute Stille herrschte danach in der Höhle. Maude schüchterte die Gefangene mit der Drohung zum Schweigen ein, ihr die Zunge herauszuschneiden, falls sie einen Laut von sich gäbe. Später konnte man das Trampeln von Füßen auf dem Boden der Hütte hören. Es gab ein Geräusch von Stimmen, lautes Gelächter und dann den Lärm, der von jemandem im Keller verursacht wurde, der an einem Ende der Hütte als Sichtschutz diente. Danach totenstille. Bei Einbruch der Dunkelheit wagte sich Sam heimlich hinaus, um Aufklärung zu betreiben. Er kehrte mit dem Bericht zurück, dass die Wälder und Sümpfe frei seien und die Sucher, falls es solche waren, weggegangen seien.
"Das Haus, seit Davys Großmutters Knochen für einige Monde in diesem Keller gelagert wurden, galt schon immer als verflucht. Die Narren dachten wahrscheinlich, sie hätten einen Geist gesehen – und sie laufen noch immer."
Dann wurde Rosalie zum ersten Mal klar, dass sie sich in der verfluchten Hütte im Sumpf befand, dem furchteinflößendsten aller Orte der Welt für Tinkletown, groß und klein. Nicht mehr als drei Meilen von ihrem eigenen Kaminfeuer entfernt! Nicht mehr als einen halben Stunden Fußmarsch von Daddy Crow und anderen, in deren Wärme der Liebe sie so lange gelebt hatte!
"Es wird uns hier zu heiß", knurrte Sam beim Abendessen. "Wir müssen einfach etwas tun. Ich gehe heute Nacht raus, um zu sehen, ob es irgendeine Nachricht von der – von der Partei gibt. Diese Kerle sind nicht alle Narren. Jemand könnte vor langer Zeit die Falltür ausspähen, und dann gibt es die Hölle los. Sie werden vor morgen nicht zurückkommen, schätze ich. Beim Donnerwetter, es sollte bis jetzt Nachricht vom – vom Boss geben. Haltet euch bedeckt, alle; ich bin vor Tagesanbruch zurück. Dieses Mal werde ich sicher etwas herausfinden oder wissen, warum nicht. Ich habe das Geschäft satt. Man weiß nie, in welcher Minute das Spiel aus ist, noch wann der Ballon platzt."
Wieder schlich er hinaus in die Nacht und hinterließ seine Gefährten mehr oder weniger unruhig über das Ergebnis nach den erschütternden Ereignissen des Nachmittags. Stunde um Stunde verging, und mit jeder Minute darin spannten sich Rosalies Ohren an, um das erste Geräusch sich nähernder Retter zu erhaschen. Ihre Stimmung sank, aber ihre Hoffnungen waren hoch. Sie fühlte sich sicher, dass die Männer draußen ihr Gesicht gesehen hatten und dass sie endlich den Ort entdeckt hatten, an dem sie gefangen gehalten wurde. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sie das verblüffende Geheimnis der Falltür lernten. Ihre einzige Angst lag in der Möglichkeit, dass sie von ihren Entführern entfernt werden könnte, bevor die Retter ihre Befreiung bewerkstelligen könnten. Ihre hellen, fiebrigen, eifrigen Augen, die aus den eingefallenen weißen Wangen leuchteten, appellierten mehr an Bill Briggs, als er zuzugeben wagte. Der Schurke, weniger verhärtet als seine Kameraden, begann Mitleid mit ihr zu haben.
Elf Uhr fand das Trio ängstlich und garstig in ihrer Rastlosigkeit. Es gab keinen Schlaf für sie. Davy besuchte die Luke in dieser Nacht über hundert Mal. Seine Mutter, die die Zügel der Zurückhaltung sprengte, umarmte den Whiskeykrug und nahm einen Schluck nach dem anderen, während die Wache sich hinzog. Schließlich bestand Davy, dazu getrieben, darauf, seinen Anteil zu bekommen. Bill trank nur wenig, und es dauerte nicht lange, bis Rosalie den ausweichenden, nervösen Blick in seinen Augen bemerkte. Von Zeit zu Zeit eignete er sich heimlich bestimmte Gegenstände an und ließ sie in seine Manteltasche fallen. Seine Ohrenschützer, Schal, Handschuhe, Streichhölzer, Tabak und viele Brocken Brot und Speck wurden heimlich in den Taschen seines Mantels verstaut. Endlich dämmerte es ihr, dass Bill sich darauf vorbereitete, zu desertieren. Die Hoffnung lag also bei ihm. Wenn er nur dazu gebracht werden könnte, ihr eine gleiche Chance zur Flucht zu geben!
Mutter und Sohn wurden rührselig in ihrem – nicht Becher, sondern Krug; aber Davy hatte den Verstand, vorsichtiger zu trinken, eine Tatsache, die den nervösen Bill zu ärgern schien.
"Ich muss Luft haben – frische Luft", stöhnte plötzlich Rosalie aus ihrer Ecke, da die Anspannung für ihre Nerven zu groß wurde. Bill schritt hinüber und blickte eine volle Minute lang auf die zitternde Gestalt hinunter. "Bring mich nach draußen für nur eine Minute – nur eine Minute, bitte. Ich sterbe hier drin."
"Lass mich sie rausbringen", gluckste die alte Maude. "Ich gebe ihr alle Luft, die sie will. Will selbst etwas Luft. Lass mich ihr Luft geben, Bill. Trink einen Schluck Luft auf mich, Partner. Lass mich –"
"Halt die Klappe, Maude!", knurrte Bill und blickte unruhig in der Höhle umher. "Ich bringe sie für ein paar Minuten hoch in die Hütte. Da besteht keine Gefahr."
Davy protestierte, aber Bill setzte sich durch, einfach weil er nüchtern war und seine Macht über das halb benebelte Paar kannte. Davy ließ sie durch die Falltür hinaus, mit dem Versprechen, unten zu warten, bis sie bereit zur Rückkehr wären.
"Willst du abhauen?", flüsterte Rosalie, als sie in die kalte, schwarze Nacht hinausgingen.
"Sch! Sprich nicht, verdammt noch mal!", zischte er.
"Lass mich auch mitgehen. Ich kenne den Weg nach Hause und du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich mag dich, aber ich hasse die anderen. Bitte, bitte! Um Gottes willen, lass mich gehen! Sie können mich nicht erwischen, wenn ich ein wenig Vorsprung habe."
"Ich würde gerne, aber ich – ich wage es nicht. Sam würde mich jagen und töten – das würde er sicher. Ich gehe selbst – ich halte es nicht länger aus."
"Hab Erbarmen! Lass mich nicht allein mit ihnen. Oh Gott, wenn du –"
Kläglich stöhnend flehte sie ihn an; aber er blieb hart, hauptsächlich aus Angst vor den Konsequenzen. In seinem Herzen mag er bereit gewesen sein, ihr die Chance zu geben, aber sein Kopf sah die Gefahr für sich selbst und blieb fest.
"Ich sage dir, was ich tun werde", flüsterte er am Ende. "Ich bringe dich zurück dorthin und dann gehe ich und sage deinen Freunden, wo du bist und wie sie dir helfen können. Ehrlich! Ehrlich, das werde ich. Ich weiß, es ist gehupft wie gesprungen, aber ich mache es lieber auf diese Weise. Sie werden in ein paar Stunden hier sein und du wirst frei sein. Niemand wird etwas davon wissen. Verfluch dein Wimmern! Halt den Mund! Verdammt noch mal, geh da rein! Verrate mich nicht an Davy, und ich schwöre, dir hier rauszuhelfen."
Einen oder zwei Augenblicke später zerrte er sie zurück in die Hütte, während sie vor Schmerz über einen plötzlichen Schlag wimmerte, flehte und weinte. Zehn Minuten danach ging er wieder hinaus, diesmal angeblich, um Sam zu treffen; aber Rosalie wusste, dass er für immer fort war.
KAPITEL XXI
Die Falltür
Ein kränklicher Neumond warf vage, geisterhafte Strahlen über den von Weiden gesäumten Sumpf, hinaus bis zu der kleinen Hütte, die an seinem Rande stand. Durch das dichte Unterholz und hoch oben in den Gerippen der Baumwipfel spielten hässliche Schatten miteinander, während ein grabesstilles Orchester aus Wind und Geäst ein Klagelied schrie, das in Bonners Ohren verhallte; doch es war nicht die unheimliche Musik des Sumpfes, die dem großen Athleten einen Schauer echten Entsetzens über den Körper jagte.
Eine Reihe gedämpfter, herzzerreißender Wimmerlaute, wie die einer Frau in äußerster Pein, drang an seine Ohren. Er spürte, wie kalter Schweiß auf seinem Körper ausbrach. Seine Nerven spannten sich vor Beklemmung, seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Instinktiv umklammerten seine Finger den Revolver an seiner Seite und sein Blick wanderte zu dem schwarzen, quadratischen Etwas, das die Anwesenheit des Spukhauses markierte. Das Orchester der Nacht schien sein Klagelied zu beenden; ein frostiges Zwischenspiel der Stille folgte. Das Wimmern starb in erstickten Schluchzern ab, und Bonner konnte nichts anderes mehr hören. Ein plötzlicher Gedanke kam ihm, er rollte aus seinem Bett und machte sich auf den Weg zu Buds Deckenstapel. Doch die Lösung war nicht dort. Der Junge schlief fest und kein Laut drang über seine Lippen. Das Wimmern kam von einer anderen Quelle, menschlich oder nicht, dort draußen in der knisternden Nacht.
Vorsichtig vom Zelt weggehend, den Mut wiedergefunden, aber den Körper noch bebend, suchte Bonner aufmerksam nach Anzeichen im schwarzen Heim der Johanna Rank. Er erwartete halb, ein geisterhaftes Licht an einem Fenster vorbeihuschen zu sehen. Es war stockfinster im Dickicht, doch das schattenhafte Moor dahinter ließ das Haus als schwarze Silhouette hervortreten. Er war auf allen Vieren hinter einem dichten Reisighaufen, zog nervös seine Pfeife aus der Tasche, wohl wissend, dass er sie zur Beruhigung seiner Nerven brauchte, als ein neuer Laut, der sich über das schwache Schluchzen erhob, seine Ohren erreichte. Dann drang die tiefe Stimme eines Mannes von irgendwoher aus der Dunkelheit, und diese Worte hallten deutlich hervor:
„Verdammt noch mal!“
Er wich unwillkürlich zurück, denn die Stimme schien direkt neben ihm zu sein. Das Schluchzen hörte plötzlich auf, als wäre es von einer mächtigen Hand erstickt worden.
Die Neigung des Zuhörers war es, dem Beispiel von Anderson Crow zu folgen und wie wahnsinnig in die Nacht zu rennen. Doch unter dieser natürlichen Panik steckte die Seele der Ritterlichkeit. Etwas sagte ihm, dass eine Frau da draußen in der Einsamkeit den Schutz eines Mannes brauchte; und sein Blut begann wieder heiß zu werden. Bald darauf wurde die Stille durch einen scharfen Schrei der Verzweiflung durchbrochen:
„Hab Erbarmen! Oh, Gott ...“, wimmerte die Stimme, die ihm Schauer über den Körper jagte – die Stimme einer Frau, zärtlich, kultiviert, am Boden zerstört. Seine Finger umklammerten den Revolver mit neuer Kraft, doch fast augenblicklich erreichte ihn das Rascheln toter Blätter: Der Mann und sein Opfer machten sich auf den Weg zum Haus.
Bonner kauerte wie gelähmt im Gebüsch. Er begann, die Situation zu begreifen. Vage erinnerte er sich daran, von Tinkletowns Sensation im Haus seines Onkels gehört zu haben, wo er einen Monat lang mit ein paar Dienstboten zur Jagd wohnte. Die Atmosphäre war seit Tagen voller der sensationellen Entführungsgeschichte gewesen – die Entführung einer schönen jungen Frau und die hilflose Haltung der Verwandten und Freunde. Wie ein Wirbelsturm breitete sich die ganze Situation vor ihm aus; sie ließ ihn schwach werden. Er war auf die Bande und ihr Opfer in diesem abgelegenen Winkel der Welt gestoßen, weit weg von der Stadt, in die sie geflohen sein sollten. Er hielt die Lösung in seinen Händen und war erfüllt vom Feuer der Alten.
Ein Licht erschien in der niedrigen Türöffnung und die gedrungene Gestalt eines Mannes hielt eine Laterne hoch. Einen Augenblick später zerrte ein anderer Mann das hilflose Mädchen über die Schwelle und in das Haus. Noch während Bonner sich bereit machte, auf sie zuzustürmen, verschwand das Licht und Dunkelheit legte sich über die Hütte. Es war ein Geräusch von Schritten auf dem Boden zu hören, ein Quietschen von Scharnieren und das heimliche Schließen einer Tür. Dann war es totenstill.
Bonner war ebenso klug wie tapfer. Er sah ein, dass ein überstürzter Angriff auf das Haus jetzt sein eigenes und ihr Verderben bedeuten könnte. In der Dunkelheit hätten die Banditen jeden Vorteil. Einen Moment lang starrte er auf den schwarzen Schatten vor sich, sein Gehirn arbeitete blitzschnell.
„Das arme Mädchen!“, murmelte er vage. „Verdammte Bestien! Aber ich kriege euch, beim Himmel! Es wird nicht lange dauern, meine Jungs.“
Sein Nachdenken brachte schnelle Ergebnisse. Er kroch zu Buds Feldbett und weckte ihn aus tiefem Schlaf. Innerhalb von zwei Minuten rannte der Junge durch den Wald in Richtung Stadt, mit der Anweisung, Anderson Crow und eine große Truppe Männer so schnell wie möglich an den Ort zu bringen.
„Ich werde Wache halten“, sagte Wicker Bonner.
Während die Minuten verstrichen, kreisten Bonners Gedanken immer intensiver um das arme, gefangene Mädchen in der Hütte. Sein Blut befeuerte seinen Verstand und er konnte den Drang, auf die Schurken loszugehen, kaum unterdrücken. Dann hielt er sich mit einem Ruck zurück. Wo sollte er sie finden? Hatte er das Haus nicht an diesem Morgen durchsucht und war dort ein Lebenszeichen zu finden? Er war fassungslos bei dieser Erinnerung. Viele Minuten stand er mit ratlosen Augen auf das Haus gerichtet, bevor ihm eine Lösung kam.
Er wusste nun, dass es einen geheimen Raum im alten Haus gab und einen geheimen Ein- und Ausgang. Mit dieser Erklärung fest in seinem Geist verankert, beschloss Wicker Bonner, seine eigene Kampagne zur Befreiung von Rosalie Gray zu beginnen. Es würde Stunden dauern, bis der schwerfällige Anderson Crow auftauchen würde; und Bonner war nicht die Art von Mensch, die eine Frau in Gefahr ließe, wenn es in seiner Macht stünde, ihr zu helfen. Außerdem hatten ihn die Leute auf dem Land mit Geschichten über Miss Grays Schönheit erfüllt, und sie fanden ihn in einem beeindruckbaren und ungebundenen Alter. Der Nervenkitzel der Romantik ergriff ihn und er war bereit, es zu wagen.
Er schlich zur Tür und lauschte. Der Verstand sagte ihm, dass die Luft rein war; die Notwendigkeit für einen Wächter bestand nicht, so geschickt hielten sich die Desperados versteckt. Nach wenigen Augenblicken kroch er in den Raum und hielt den Atem an, während er sich auf den Weg zur Kellertreppe machte. Er war nur wenige Schritte gegangen, als Geräusche von Stimmen an ihn drangen. Er huschte in eine Ecke und wartete auf die Entwicklung. Die Geräusche kamen von unten, aber nicht aus dem Kellerraum, wie er ihn lokalisiert hatte. Einen Moment später kroch ein Mann in den Raum, durch ein Loch im Boden kommend, genau wie er vermutet hatte. Ein schwaches Licht von unten enthüllte die finstere Gestalt deutlich, doch Bonner fühlte sich ziemlich gut versteckt. Der Mann im Raum sprach mit jemandem unter sich.
„Ich bin in einer halben Stunde zurück, Davy. Ich warte draußen am Point auf Sam. Er sollte inzwischen Neuigkeiten vom Hauptquartier haben. Ich verstehe nicht, warum wir ewig an diesem Ort rumhängen müssen. Sie sollte längst auf dem Weg nach Paris sein.“
„Sie wollen kein Risiko eingehen, Bill, bis die Aufregung sich gelegt hat.“
„Na ja, du und deine Mutter lasst einfach die Finger von ihr, während ich weg bin, das ist alles“, warnte Bill Briggs.
Die Falltür wurde geschlossen und Bonner hörte, wie der andere Bewohner des Raumes hinaus in die Nacht schlurfte. Er brauchte nicht lange, um zu entscheiden, was zu tun war. Hier war die Chance, einen der Banditen auszuschalten, und er zögerte nicht, sie zu ergreifen. Ein paar Minuten später kam es zu einem Treffen im Dickicht und Bill war vorerst „aus dem Weg“. Wicker Bonner streckte ihn mit einem Schlag wie von einem Vorschlaghammer nieder, und als er zur Hütte zurückkehrte, lag Bill gefesselt und geknebelt im Zelt, ein hilfloser Gefangener.
Sein Bezwinger, überaus zufrieden, versorgte sich mit den überschüssigen Enden der „Abspannseile“ aus dem Zelt und setzte sich ruhig hin, um auf das Herannahen des Mannes namens Sam zu warten, der zweifellos zu einem Treffpunkt „für Neuigkeiten“ gegangen war. Er konnte es sich leisten, abzuwarten. Mit zwei der Desperados, die in einem Hinterhalt ausgeschaltet waren, hatte er eine ziemlich ausgeglichene Chance gegen den Mann namens Davy.
Es schien Stunden zu dauern, bis er das heimliche Herannahen von jemandem hörte, der sich durch die Büsche bewegte. Er war steif vor Kälte und ärgerte sich über die endlose Verzögerung, aber das Herannahen echter Gefahr ließ sein Blut wieder schneller fließen. Es gab einen weiteren kurzen, heftigen, stillen Kampf in der Nähe der Tür, und wieder einmal stand Wicker Bonner siegreich über einem ahnungslosen und nun bewusstlosen Banditen. Sam, ein großer, kräftiger Mann, war bald gefesselt und geknebelt, und seine Masse wurde in das Zelt im Gebüsch geschleift.
„Jetzt zu Davy“, murmelte Bonner und streckte seine großen Arme im reinen Genuss der Macht. „Es wird in wenigen Minuten etwas um dein Herz herum geben, Miss Dornröschen.“
Er kicherte, als er in die Hütte kroch, nachdem er erst aufmerksam auf Geräusche gelauscht hatte. Einige Minuten lang lag er ruhig mit dem Ohr am Boden. In dieser Zeit löste er eines der Probleme, vor denen er stand. Der Mann Davy war ein Sohn des Mörders der alten Mrs. Rank, und die „alte Frau“, die mit ihm Wache hielt, war seine Mutter, die Frau des historischen David. Sie war es zweifellos gewesen, die die Laterne gehalten hatte, während David Wolfe ihre eigene Mutter in Stücke hackte. Dies erklärte die Anwesenheit der Bande im Spukhaus und ihr Wissen um den unterirdischen Raum.
Bonners Inspiration begann nachzulassen. Reines Glück hatte ihm bis zu diesem Stadium geholfen, aber den Kampf gegen David in seinem Versteck aufzunehmen, war eine ganz andere Angelegenheit. Seine einzige Hoffnung war, dass er den Mann schlafend finden würde. Die alte Frau zog er überhaupt nicht in Betracht. Hätte er es nur gewusst, sie war die gefährlichste von allen.
Seine Chance, so dachte er, lag in der Strategie. Es war unmöglich, die Falltür von oben zu öffnen, wie er bei der Untersuchung festgestellt hatte. Es gab nur einen Weg, zu Miss Gray zu gelangen, und das war durch eine gewagte List. Auf sein Glück vertrauend, klopfte er sanft auf den Boden an der Stelle, wo das Gedächtnis ihm sagte, dass sich die Falltür befand. Sein Herz klopfte heftig.
Es gab eine Bewegung unter ihm und dann das Geräusch von jemandem, der die Riegel der Tür bediente. Bonner wich zurück, hoffend gegen alle Hoffnung, dass kein Licht gezeigt würde. In der einen Hand hielt er seinen Revolver bereit, in der anderen seinen schweren Gehstock. Seine Pläne waren vollständig entwickelt. Nach einem Moment wurde die Falle teilweise angehoben und ein Zug warmer Luft schlug ihm entgegen.
KAPITEL XXII
Jack, der Riesenbezwinger
„Du das, Sam?“, flüsterte eine Männerstimme halb. Es gab kein Licht.
„Psst!“, zischte Bonner und dämpfte seine Stimme. „Ist jeder drin?“
„Bill wartet draußen auf dich. Ma und ich sind hier. Komm runter. Was ist los?“
„Wie geht es dem Mädchen?“
„Blökt wie ein Baby. Ma ist mit ihr in der Höhle. Beeil dich! Das Ding ist schwer.“
Als Antwort ergriff Bonner den Rand der Tür mit seiner linken Hand, nachdem er seinen Revolver in die Hosentasche geschoben hatte. Dann schwang er lautlos den schweren Stock durch die Luft nach unten; ein sehr schwaches Licht von unten enthüllte den struppigen Kopf von Davy in der Öffnung. Es war ein gewaltiger Schlag und er saß. Davys Körper fiel von der Falle weg und eine Sekunde später ließ sich Bonner durch das Loch fallen. Er ließ die Falle weit offen, falls ein Rückzug nötig wäre. Er hielt lange genug inne, um sicherzugehen, dass der Mann bewusstlos war und stark blutete, und um Davy den großen Revolver abzunehmen, dann wandte Bonner seine Aufmerksamkeit der Umgebung zu.
Vielleicht hundert Fuß entfernt, am Ende eines langen, niedrigen Ganges, sah er den Schimmer eines Lichts. Ohne Zögern machte er sich auf den Weg dorthin, in dem Gefühl, dass das Schlimmste des Abenteuers vorbei sei. Ein Schatten, der zwischen ihn und das Licht trat, ließ ihn in seinem Vorgehen innehalten. Dieser Schatten entpuppte sich als die Gestalt einer Frau, eine gigantische Kreatur, die aufmerksam den Gang hinauf spähte.
„Was ist los, Davy?“, rief sie mit rauer Stimme. „Du verdammter Narr, kannst du nichts tun, ohne dir das Genick zu brechen? Ich nehme an, du bist die Stufen runtergefallen? Du das, Sam?“
Da sie keine Antwort erhielt, ergriff die Frau die Laterne und rückte kühn auf Bonner vor, der weit unten im Gang stand, verblüfft und unentschlossen. Sie sah für ihn furchteinflößender aus als jeder der Männer, also bereitete er sich auf einen Kampf vor.
„Halt!“, rief er, als sie zehn Fuß von ihm entfernt war. „Leiste keinen Widerstand; du bist umstellt!“
Die Frau blieb stehen wie vom Blitz getroffen, starrte geradeaus, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen, und stieß dann einen schrecklichen Schrei vor Wut aus. Sie schleuderte die Laterne zu Boden, hob ihren Arm und feuerte aus nächster Nähe einen Revolver auf Bonner ab, ungeachtet der Tatsache, dass seine Pistole sie im Visier hatte. Er hörte die Kugel in das morsche Gebälk nahe seinem Ohr krachen. Entgegen ihrer Absicht wurde die Laterne nicht gelöscht. Stattdessen lag sie zischend, aber wirksam auf dem Boden.
Bevor Bonner sich entscheiden konnte, auf die Frau zu schießen, war sie über ihm und feuerte wieder, während sie näher kam. Er hatte keine Zeit zur Vergeltung. Der riesige Körper stürzte auf ihn herab und seine Pistole flog aus seiner Hand. Wie das Glück es wollte, packte seine freie Hand ihren Revolver, und sie wurde daran gehindert, ihm mit den folgenden Schüssen, die alle ihr Ziel verfehlten, das Gehirn wegzublasen.
Dann kam ein verzweifelter Kampf. Bonner, ein trainierter Athlet, erkannte, dass sie sogar stärker war als er, verzweifelter in ihrem Wahn und mit Mord im Herzen. Während sie hin und her taumelten, ihre Flüche und Schreie in seinem Ohr, begann er die Verzweiflung der Niederlage zu spüren. Sie schlug ihn mit einem mächtigen Arm nieder, vernichtende Schläge, jeder einzelne von ihnen. Dann kam das Geräusch, das das Blatt wendete, denn es erfüllte ihn mit einem Wahn, der dem ihren ebenbürtig war. Der Schrei einer Frau drang durch den Gang, erbärmlich, vor Terror erstarrt.
Er kannte das Schicksal des armen Mädchens, wenn seine Gegnerin ihn überwältigte. Der Gedanke ließ sein Blut gleichzeitig heiß und kalt werden. Wütend wandte er seine feine Stärke auf und das Blatt wendete sich. Keuchend und knurrend wurde die große Frau niedergeschlagen. Er schleuderte sie schwer zu Boden und sprang dann zurück, um seinen Revolver aufzuheben, in Erwartung eines erneuten Angriffs. Zum ersten Mal nahm er einen intensiven Schmerz in seinem linken Bein wahr. Die Frau machte eine gewaltsame Anstrengung, aufzustehen, und fiel dann zurück, stöhnend und fluchend.
„Du hast es geschafft! Du hast mich!“, schrie sie. „Mein Bein ist gebrochen!“ Dann schrie sie nach Davy, Bill und Sam, während sie Flüche auf das Gesetz und auf den Verräter regnen ließ, der ihr Untergang gewesen war.
Bonner, dessen eigenes Bein wackelte und mit Blut bedeckt war, versuchte sie zu beruhigen, aber ohne Erfolg. Er sah, dass sie völlig hilflos war, ihr Bein unter ihrem schweren Körper verdreht. Ihre Schmerzensschreie, als er sie umdrehte, bewiesen schlüssig, dass sie nicht schauspielerte. Ihre Hüfte war ausgerenkt. Der junge Mann hatte noch genug Verstand, um zu Davy zurückzukehren, bevor er sich in die Höhle wagte, in der Miss Gray zweifellos in Ohnmacht gefallen war. Der Mann atmete, war aber immer noch bewusstlos von dem Schlag auf den Kopf. Bonner fesselte schnell seine Hände und Füße, um für Notfälle gewappnet zu sein, falls er selbst infolge der Schusswunde im Bein handlungsunfähig würde; dann hinkte er mit der Laterne an der stöhnenden Amazone vorbei auf der Suche nach Rosalie Gray. Es kam ihm erst später in den Sinn, dass er im Alleingang eine äußerst verzweifelte Bande von Kriminellen überwunden hatte, so einfach hatte sich alles bis zum Zeitpunkt der Begegnung mit der Frau entwickelt.
Ein paar Meter hinter der Stelle, an der die alte Frau wimmerte, stieß er auf die Höhle, in der die Banditen ihr Zuhause hatten. Die Laterne über seinen Kopf haltend, spähte Bonner begierig in die Höhle. In der hintersten Ecke kauerte ein Mädchen, ihre vor Entsetzen geweiteten Augen auf den Fremden gerichtet.
„Guten Tag, Miss Gray“, kam die fröhliche Begrüßung über seine Lippen. Sie schnappte nach Luft, wischte mit der Hand über ihre Augen und versuchte erbärmlich zu sprechen. Die Worte kamen nicht heraus. „Die lang ersehnte Rettung ist da. Sie sind frei – das heißt, sobald wir den Weg aus diesem Ort finden. Erlauben Sie mir, mich als Jack, den Riesenbezwinger, vorzustellen – hallo! Tun Sie das nicht! Oh, zum Teufel!“ Sie war in tiefer Ohnmacht umgekippt.
Wie Wicker Bonner mit seinem verletzten Bein, schwach vom Blutverlust und benommen von der Reaktion, sie aus der Höhle durch den Gang und die Falltür und in das Zelt trug, kann nur erahnt, nicht beschrieben werden. Er wusste nur, dass es notwendig war, sie von dem Ort wegzubringen und dass seine Kraft bald schwinden würde. Die Sonne färbte den Osten, bevor sie ihre Augen öffnete und schauderte. In der Zwischenzeit hatte er den Blutfluss im fleischigen Teil seines Beins gestillt und das Glied fest mit einem Stück Seil verbunden. Es war ein hässlicher, streifender Schnitt, der von einer Kugel mit großem Kaliber verursacht worden war, und es war sicher, dass er ihn für einige Zeit auf Krücken setzen würde. Selbst jetzt konnte er das Glied kaum bewegen. Seit einer Stunde ließ er seinen Zorn an dem schwerfälligen Anderson Crow aus, der schon längst vor diesem Zeitpunkt am Tatort hätte sein sollen. Zwei seiner Gefangenen, nun wieder bei vollem Bewusstsein, starrten ihre Gefährten im Zelt mit Hass in den Augen an.
Rosalie Gray, blass, zerzaust, aber schöner als die Berichte vorhergesagt hatten, konnte anfangs nicht glauben, dass sie aus den Fängen der Banditen frei war. Er brauchte viele Minuten – viele schmerzhafte Minuten –, um sie davon zu überzeugen, dass es kein Traum war und dass er in Wahrheit Wicker Bonner, ein Gentleman, war. Er saß mit dem Rücken gegen einen Zeltpfosten gelehnt, mit dem Gesicht zur Hütte durch den Zeltlappen, mit einem Revolver in seiner zitternden Hand, und erzählte ihr von den Abenteuern der Nacht und wurde zehnfach belohnt durch die Dankbarkeit, die aus ihren Augen leuchtete und in ihrer Stimme zitterte. Im Gegenzug erzählte sie ihm von ihrer Gefangennahme, von den schrecklichen Erlebnissen in der Höhle und von den Drohungen, die sie fast an den Rand ihrer Ausdauer gebracht hatten.
„Oh, oh, ich könnte Sie für immer dafür lieben!“, rief sie in der Fülle ihrer Freude. Ein entzücktes Lächeln huschte über Bonners Augen.
„Das Für immer beginnt in diesem Augenblick, Miss Gray“, sagte er; und ohne erkennbaren Grund schüttelten sich die beiden die Hände. Danach sollten sie an diese triviale Handlung denken und schwören, dass sie wahrlich der Anfang war. Sie waren jung, ungebunden und voller Romantik des Lebens.
„Und diese schrecklichen Männer sind wirklich gefangen – und die Frau?“, rief sie nach einer weiteren aufregenden Erzählung von ihm. Sam und Bill knurrten regelrecht. „Angenommen, sie würden loskommen?“ Ihre Augen wurden bei dem Gedanken daran groß.
„Das können sie nicht“, sagte er lakonisch. „Ich wünschte, der Marshal und seine Fahrrad-Armee würden sich beeilen. Die Frau und Davy brauchen Hilfe. Ich würde es wie der Teufel hassen, wenn einer von ihnen sterben würde. Man will keine Menschen töten, wissen Sie, Miss Gray.“
„Aber sie haben mich zentimeterweise umgebracht“, protestierte sie.
„Autsch!“, stöhnte er, als sein Bein ihm einen gewaltigen Stich versetzte.
„Was ist?“, rief sie alarmiert. „Warum sollten wir auf diese Männer warten? Kommen Sie, Mr. Bonner, bringen Sie mich zum Dorf – bitte. Ich bin verrückt, absolut verrückt danach, Daddy Crow und Mutter zu sehen. Ich kann dorthin gehen – wie weit ist es? – bitte kommen Sie.“ Sie redete begierig in diesem Ton weiter, bis sie den Schmerzausdruck in seinem Gesicht sah – den Ausdruck, den er so sehr zu verbergen versuchte. Sie stand aufrecht, stark und begierig vor ihm, und er war unter seiner Bräune sehr blass.
„Ich kann nicht, Miss Gray. Es tut mir leid, wissen Sie. Sehen Sie! Wo Rauch ist, ist auch Feuer – ich meine, wo Blut ist, ist auch eine Wunde. Ich bin erledigt, mit anderen Worten.“
„Erledigt? Oh, Sie sind nicht – Sie werden nicht sterben! Sind Sie verletzt? Warum haben Sie es mir nicht gesagt?“ Daraufhin ließ sie sich an seiner Seite auf die Knie fallen, ihre dunklen Augen suchten eindringlich die seinen, Verzweiflung lag darin, bis das gewinnende Lächeln mühsam auf sein Gesicht zurückkehrte. Die Gefangenen kicherten hörbar. „Was kann ich – was soll ich tun? Oh, warum kommen diese Männer nicht! Es muss Mittag sein oder –“
„Es ist kaum sechs Uhr morgens, Miss Gray. Sorgen Sie sich nicht. Mir geht es gut. Ein Schnitt in meinem Bein; die alte Frau hat mich erwischt. Ich kann nicht laufen, wissen Sie – aber –“
„Und Sie haben mich hierher getragen und all das getan und kein Wort darüber verloren – oh, wie gut und tapfer und edel Sie sind!“
Als Anderson Crow und die halbe Einwohnerschaft von Tinkletown, von Bud in Masse aufgescheucht, ein oder zwei Stunden später am Ort des Geschehens erschienen, fanden sie Wicker Bonner auf einer Matratze ausgestreckt, den Kopf in Rosalies Schoß. Die junge Frau hielt seinen Revolver in der Hand, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der verriet, dass sie jeden erschießen würde, der ihrem Schützling etwas zuleide tun wollte. Zwei hilflose Desperados lagen fluchend in der Ecke des Zeltes.
Anderson Crow stürzte sich nach einer Stunde des Überlegens und Erklärens auf die gefesselten und hilflosen Banditen und karrte tapfer die ganze Bande ins städtische „Kalamäus“. Wicker Bonner und seine Pflegerin wurden in die Stadt gebracht, und die Nachricht von der Rettung verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen County und schließlich in alle vier Ecken des Landes, denn der Neffe des Kongressabgeordneten Bonner war eine Person von Bedeutung.
Bonner war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, als er auf dem Weg zu Anderson Crows Haus in Peabodys Schlitten die Hauptstraße entlangfuhr. Er war der Held der Stunde, denn war nicht Rosalie Gray selbst, bleich und krank vor Qualen, seine ergebenste Sklavin? Was konnte Tinkletown anderes tun, als dem Helden zu huldigen, als es sah, wie Bonners Kopf an ihrer Schulter ruhte und Anderson Crow vom Schlitten aus, der die Entführer transportierte, lautstark seine Zustimmung bekundete. Die vier Banditen, zwei von ihnen arg gezeichnet von der nächtlichen Begegnung mit Wicker Bonner, wurden in den Arrest gesteckt, eine traurig-mürrische Bande von Gespenstern.
„Ich schulde Ihnen tausend Dollar“, sagte Anderson zu Bonner, als sie vor dem Haus des Marshals hielten. Ganz Tinkletown war anwesend, um zu sehen, wie Mrs. Crow und die Familie reagieren würden, wenn Rosalie ihnen zurückgegeben würde. Der Hof war voller gaffender Dorfbewohner, und es ertönte ein zaghafter Jubel, als Mrs. Crow herbeieilte und Rosalie förmlich aus dem Schlitten zerrte. „Blootch“ Peabody drängelte sich galant vor und versuchte, der jungen Dame mit der Anmut eines Chesterfield herauszuhelfen. Aber Mrs. Crow setzte ihren Willen durch.
„Ich werde es mit Kost und Logis begleichen“, grinste Wicker Bonner zu Anderson, als zwei kräftige Männer ihn aus dem Schlitten hoben.
„Wo ist Bud?“, fragte Anderson, nachdem die anderen das Haus betreten hatten.
„Er ist unten beim ‚Kalamäus‘ geblieben, um die Gefangenen zu bewachen“, sagte „Blootch“. „Niemand konnte den Schlüssel zur Tür finden und niemand sonst wollte bleiben. Sie sind nicht eingeschlossen, aber Bud hat zwei Revolver, und er sagt, sie können nur über seine Leiche entkommen.“
KAPITEL XXIII
Tinkletowns Erschütterung
Anderson Crow war wieder ganz der Alte. Er war zwanzig Jahre jünger als an dem Abend, als er zu Bett gegangen war. Seine Freude und sein Stolz hatten den Siedepunkt erreicht – nur seine Würde verhinderte die Katastrophe.
„Was gedenken Sie mit der Bande zu tun, Mr. Crow?“, fragte Bonner, der sich mit liebenswürdiger Leichtigkeit in Marshals Morris-Sessel zurücklehnte. Er fühlte sich trotz der Stiche von „Doc“ Smith sehr wohl; und er konnte nicht umhin, mit einem mehr oder weniger warmen Gefühl im Herzen anzuerkennen, dass es schön war, den Helden für eine solche Heldin zu spielen.
„Nun, ich werde sie natürlich beschützen. Niemand kann sie lynchen, solange ich Marshal dieser Stadt bin“, sagte Anderson, vergessend, dass er nicht in der Nähe des Gefängnisses gewesen war, wo Meister Bud immer noch das volle Kommando führte, schlüssellos, aber entschlossen. „Ich werde sie wohl heute oder morgen an den Sheriff des Countys übergeben müssen. Dieser verdammte alte Kalamäus von uns ist nicht gerade sicher. Das ist eine verdammt gefährliche Bande, die wir da gefangen haben. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine Meute geschnappt zu haben.“
„Ist Ihnen in den Sinn gekommen, Mr. Crow, dass wir nur die Handlanger gefangen haben? Ihr Auftraggeber, wer immer er oder sie sein mag, ist auf freiem Fuß und lacht wahrscheinlich über uns. Gibt es keine Möglichkeit, den Fall weiterzuverfolgen und den Anführer zu stellen?“
„Bei Gott, Sie haben recht“, sagte Anderson. „Daran habe ich heute Morgen gedacht, aber seitdem ist es mir völlig entfallen. Da liegt der Fehler, Mr. Bonner. Es ist wahrscheinlich jetzt zu spät. Sie hätten an den Anführer denken sollen. Mir scheint –“
„Aber Daddy Crow“, rief Rosalie, und eine warme Röte stieg wieder in ihre Wangen, „hat Mr. Bonner nicht seinen Teil getan? Hat er sie nicht im Alleingang überwältigt und hat er mich nicht vor Schlimmerem als dem Tod bewahrt?“
„Ich mache ihm keine Unterstellungen, Rosalie“, entgegnete Anderson, für seine Verhältnisse sehr streng. „Wie kannst du so etwas sagen?“
„Ich bin nicht beleidigt, Miss Gray“, lachte Bonner. „Wir machen alle Fehler. Es ist mir jedoch gerade in den Sinn gekommen, dass Mr. Crow vielleicht immer noch herausfinden kann, wer der Anführer ist. Die Gefangenen können ausgequetscht werden, würde ich sagen.“
„Da haben Sie wieder recht, Mr. Bonner. Es ist komisch, wie Sie meine Gedanken lesen können. Ich wollte gerade zum Gefängnis gehen, um sie durch die Schwitzzelle zu jagen.“
„Schwitzzelle? Sie meinen Schwitzkasten, Mr. Crow“, sagte Bonner und lachte trotz sich selbst.
„Nein, mein Herr; es ist eine Zelle. Wir konnten keinen Kasten finden, der groß genug war. Ich benutze die Zelle, die für weibliche Gefangene reserviert ist. Vielleicht baut der Stadtrat eines Tages einen richtigen Kasten, aber bisher hat die Zelle ihren Zweck erfüllt. Ich bin gegen Abendessenzeit zurück, Eva. Du kümmerst dich um Rosalie. Lass sie eine Weile schlafen, und ich schätze, du solltest ihr ein bisschen Chinin geben und –“
„Ich glaube, ich weiß selbst, was ich ihr geben muss, Anderson Crow“, wehrte sich seine Frau. „Geh schon. Du hättest dich schon vor drei Stunden um diese Entführer kümmern sollen. Ich wette, Bud ist ziemlich erschöpft vom Bewachen. Er ist seit neun Uhr dort, und es ist jetzt halb drei.“
„Roscoe hilft ihm“, murmelte Anderson beschämt.
In diesem Augenblick eilten Schritte über die Veranda und Ed Higgins und „Blootch“ Peabody stürmten herein, vor Aufregung förmlich nach Luft schnappend.
„Beeil dich, Anderson – runter zum Gefängnis“, stammelte der Erste; und dann war er wie der Wind verschwunden. „Blootch“, entschlossen, nichts zu verpassen, wirbelte herum, um ihm zu folgen oder ihn nach Möglichkeit zu überholen. Er hatte noch Zeit, über die Schulter zu rufen, als er hinausging, ohne die Tür zu schließen:
„Die alte Frau hat sich selbst gelyncht!“
Es wäre nun überflüssig, nach all den Erschütterungen, die Tinkletown innerhalb von vierundzwanzig Stunden erlebt hatte, zu bemerken, dass die Bevölkerung angesichts dieses letzten schwierigen Experiments des Schicksals völlig aus dem Häuschen geriet. Wie auf ein Kommando kippte das Dorf um, als wäre es von einer Breitseite getroffen worden, und lag, bildlich gesprochen, in seinem eigenen Blut. Erstarrung überkam die Stadt. Dann kämpften sich die Geister der Leute einer nach dem anderen aus der Asche empor, langsam aber sicher, nur um sich zu fragen, wo der Blitz als nächstes einschlagen würde. Seit den Tagen der Amerikanischen Revolution hatte die Stadt keinen so unaufhörlichen Strom von Zwischenfällen erlebt. Selbst der Jüngste Tag mit Gabriels Posaunenstößen hätte diesen ereignisreichen Stunden an Nervenkitzel kaum übertreffen können.
Es war wahr, dass die alte Maude im Kalamäus Selbstmord begangen hatte. Sie war unmittelbar nach ihrer Ankunft auf eine Pritsche im Büro des Gefängnisses gelegt worden, und Dr. Smith war gerufen worden; aber er war gerade bei einem Hausbesuch auf dem Land. Bud Long, unterstützt von einem halben Dutzend Jungen, bewaffnet mit Musketen aus der Zeit der Revolution, die nur dann losgingen, wenn man sie trug, stand vor dem kleinen Gefängnis mit seinen hölzernen Wänden und Eisengittern und bewachte die Gefangenen eifrig. Das Kalamäus war gebaut worden, um Landstreicher und Betrunkene aufzunehmen, aber nicht, um Desperados zu beherbergen. Selbst während der heldenhafte Bud mit beharrlicher Treue Wache hielt, planten seine Schützlinge, ihr Gefängnis in Schutt und Asche zu legen und im richtigen Moment in die Wälder und Hügel zu entkommen. Sie wussten, dass die Gittertür unverschlossen war, aber sie bildeten sich ein, der Ort sei vollständig von rachsüchtigen Dorfbewohnern umstellt, die sie wie Ratten niedermähen würden, sollten sie sich hinauswagen. Hätten sie gewusst, dass Bud allein war, hätten sie wahrscheinlich einen Ausfall gewagt, ihn seiner Waffen beraubt, ihn ordentlich versohlt und wären dann unbehelligt auf das Land gewandert.
Den ganzen Morgen hatte die alte Maude im Büro gestöhnt und geflucht, wo sie unbeaufsichtigt lag. Bud erzählte gerade seinen Freunden, wie er sie in der Höhle zweimal niedergeschlagen hatte, nachdem sie sechsmal auf ihn geschossen und mit ihrem Dolch nach ihm geschlitzt hatte, als ein plötzliches Verstummen der Stöhngeräusche aus dem Inneren die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. „Doc“ Smith kam in diesem Moment an und fand die Jungen, die gespannt auf eine Fortsetzung der malerischen Kraftausdrücke warteten. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Menge groß genug war, um einen Besuch im Inneren des Kalamäus zu wagen. Seiner Würde entsprechend, ging Bud voran.
Die alte Frau, die den Schmerz nicht länger ertragen konnte und genau wusste, dass ihre Tage im Gefängnis enden würden, hatte es irgendwie geschafft, sich mit einem verdrehten Betttuch an einem Fenstergitter neben ihrem Bett zu erhängen. Sie war bereits tot, als „Doc“ die Untersuchung vornahm. Ein Komitee aus der ganzen Stadt machte sich sofort auf den Weg, um Anderson Crow zu benachrichtigen. Eine Minute lang sah es so aus, als würde das Gefängnis völlig unbewacht bleiben, doch Bud kehrte pflichtbewusst auf seinen Posten zurück, verstärkt durch Roscoe und den Doktor.
Nach Mr. Crows Ankunft am Gefängnis nahmen die Dinge einen geordneten Lauf. Er schloss zuerst die Gittertüren ab, wodurch er den feurigen David daran hinderte, herauszukommen, um seine Mutter zu sehen, bevor sie sie herunterschnitten. Ein Bote wurde zum Coroner nach Boggs City geschickt, und dann wurde der große Körper von seiner letzten Hängevorrichtung gelöst.
„Verflucht, das ist ein arbeitsreicher Tag für mich!“, sagte Anderson. „Ich werde keine Zeit haben, diese Kerle bis heute Abend auszuquetschen. Aber ich glaube, sie laufen nicht weg. Was ist das, Blootch?“
„Ich wollte Bud nur fragen, ob sie noch da drin sind“, sagte Blootch.
„Sind sie das, Bud?“, fragte Anderson in plötzlicher Alarmbereitschaft.
„Sicher“, antwortete Bud mit einer mächtigen Schwellung der Brust. Selbst Blootch beneidete ihn.
„Sie ist seit genau einer Stunde und sieben Minuten tot“, bemerkte Anderson und berührte vorsichtig das Handgelenk der toten Frau. „Verdammt, über eines bin ich froh!“
„Was ist das, Anderson?“
„Wir müssen ihr die Hüfte nicht mehr einrenken. Kosten gespart.“
„Aber wir werden sie wohl begraben müssen“, sagte Isaac Porter.
„Ja“, sagte Anderson nachdenklich. „Sie muss begraben werden. Aber – aber –“ und hier hellte sich sein Gesicht erleichtert auf – „nicht für einen Tag oder zwei; also was soll das Grübeln.“
Als der Coroner kurz nach sechs Uhr eintraf, wurde eine Jury zusammengestellt und Zeugen vereidigt. In zehn Minuten wurde ein Urteil auf Selbstmord gefällt und der Coroner war auf dem Rückweg nach Boggs City. Er wusste nicht einmal, dass eine Hüfte ausgekugelt gewesen war. Anderson bestand auf einer Obduktion, wurde aber vom pflichtbewussten Mediziner ausgelacht.
„Ich habe letzten November für diesen Narren gestimmt“, sagte Anderson wütend, als der Coroner davonfuhr, „aber ihr könnt mich treten, wenn ich das noch einmal tue. Pass auf da, Bud! Was zum Teufel machst du mit den Pistolen? Verflucht, hast du keinen Verstand? Die so in der Gegend herumzuschwenken. Warum, du könntest noch jemanden erschießen –“
„Ach, das sind keine Pistolen“, spottete Bud, während sein Mund mit etwas gefüllt war. „Das sind Bologna-Würste. Ich habe seit letzter Nacht nichts gegessen und bin hungrig.“
„Nun, es ist dunkel hier draußen“, erklärte Anderson und schlich plötzlich ins Gefängnis. „Ich glaube, ich nehme mir die Kerle im Schwitzkasten vor.“
„Im was?“, fragte George Ray.
„Im Schwitzkasten – K-a-s-t-e-n, Kasten. Kannst du nicht hören?“
„Ich dachte, du benutzt eine Zelle.“
„Zum Donnerwetter, nein! Niemand außer Landeiern nennt das eine Zelle“, sagte Anderson voller Verachtung.
Die drei Gefangenen funkelten ihn so grimmig an und knurrten so rachsüchtig, als sie ihn fragten, ob sie verhungern müssten, dass der arme Anderson nach Hause eilte und seiner Frau befahl, „einen Korb mit Brot und Butter und anderen Sachen für die Gefangenen“ zu packen. Es war neun Uhr, bevor er sich entschließen konnte, mit seinem Korb zum Kalamäus zurückzukehren. Er verbrachte die dazwischen liegenden Stunden damit, Rosalie und Bonner von dem schockierenden Vorfall im Gefängnis zu erzählen und sich Ratschläge von dem besonnenen jungen Mann aus Boston anzuhören.
„Ich würde gerne mit Ihnen zu diesen Leuten gehen, Mr. Crow“, war Bonners wehmütige Klage. „Aber der Arzt sagt, ich müsse mich ruhig verhalten, bis diese verflixte Sache ein wenig verheilt ist. Zusammen könnten wir die ganze Geschichte aus diesen Schurken herauslocken.“
„Oh, keine Sorge“, sagte der Marshal; „ich werde alles erfahren, was es zu erfahren gibt. Fragen Sie nur Alf Reesling, was für ein Ausquetscher ich bin.“
„Wer ist Alf Reesling?“
„Haben Sie in Boston noch nicht von ihm gehört? Warum, jeder Mäßigkeitsredner, der hierher kommt, sagt, er sei der größte Trinker der Welt. Ich nahm an, sein Ruf sei mittlerweile bis Boston gedrungen. Er war in fünfundzwanzig Jahren nur einmal nüchtern.“
„Ist das möglich?“
„Das war, als seine Frau starb. Er sagte, er fühle sich so gut, dass es nicht nötig sei, sich zu betrinken. Nun, ich werde Ihnen alles darüber erzählen, wenn ich zurückkomme. Sorgen Sie sich nicht mehr, Rosalie. Ich werde herausfinden, wer hinter dieser Sache steckt, und dann werden wir alles über Sie wissen. Jeder Weg hat ein Ende.“
„Diese Gefangenen müssen bis jetzt schon fast verhungert sein, Anderson“, warnte Mrs. Crow.
„Verflucht, das stimmt!“, rief er und eilte hinaus in die Nacht.
Das Kalamäus war fast völlig dunkel – ganz und gar, wäre da nicht die einzige Lampe gewesen, die im Büro brannte, wo der Körper der alten Frau lag. Zwei oder drei scheue Bürger standen weit abseits vor Thompsons Futterlager und betrachteten mit Ehrfurcht den Verlieskerker. Andersons Schritte wurden langsamer und zögerlicher, als sie sich dem Eingang zu dem unheimlichen schwarzen Viereck näherten. Der Schnee knirschte unter seinen Absätzen, und der kalte Wind zwickte seine unbedeckten Ohren mit einer Boshaftigkeit, die ihn ärgerte. Tatsächlich wurde er so erzürnt, dass er seinen Korb abstellte und sich einige Minuten lang kräftig auf die Ohren schlug, bevor er seinen langsamen Fortschritt fortsetzte. Er hasste den Gedanken, dorthin zu gehen, wo die tote Frau lag.
Plötzlich beschloss er, dass ein Geständnis der Männer wertlos sei, wenn er keine Ohrenzeugen hätte, um es vor Gericht zu belegen. Ohne weiteres Zögern kehrte er eilends zu Lamsons Laden zurück, wo er nach einer halben Stunde Gespräch über die Themen des Tages die gesamte Menge dazu verpflichtete, ihn zum Gefängnis zu begleiten.
„Wo ist Bud?“, fragte er scharf.
„Zu Hause im Bett, das arme Kind“, sagte der alte Mr. Borton.
„Nun, verflucht soll seine Haut sein, warum ist er nicht hier, um –“, begann Anderson, hielt sich aber rechtzeitig zurück, um zu verhindern, dass die Menge sah, dass er von Bud erwartete, als Anführer der Expedition zu fungieren. „Ich wollte, dass er sich Notizen macht“, ersetzte er. Redakteur Squires bot sich an, als Sekretär, Souffleur, Dolmetscher und alles andere zu fungieren, was seine spöttische Zunge aussprechen konnte.
„Nun, dann gehen Sie voran“, sagte Anderson und schob ihn nach vorne. Harry führte die Gruppe die dunkle Straße entlang mit mehr Schnelligkeit, als nötig schien; die Wenigsten in der Menge konnten mit ihm Schritt halten. Die Mehrheit fiel tatsächlich hoffnungslos zurück.
Geradeaus in das Büro ging Harry, dicht gefolgt von Blootch und dem Marshal. Maude, die wie ein Denkmal aus Laken aussah, nahm immer noch die Mitte des Bodens ein. Ohne ein Wort zu verlieren, schritt die Gruppe an dem grausamen, stillen Ding vorbei und in den Gefängniskorridor. Es war so dunkel wie im Erebus im vergitterten Teil des Gefängnisses; ein kalter Luftzug schlug den Besuchern entgegen.
„Kommt her, ihr Kerle!“, rief Anderson tapfer in die Dunkelheit; aber es gab keine Antwort von den Gefangenen.
Aus dem sehr guten Grund, dass sie einige Stunden zuvor ruhig ein Fenster aus seiner Verankerung entfernt hatten und zu diesem Zeitpunkt schon viel zu weit weg waren, um Fragen zu beantworten.
KAPITEL XXIV
Die Flucht der Entführer
Suchtrupps wurden organisiert und ausgeschickt, um das Land zu durchkämmen, so spät es auch war. Schnelle Reiter gaben entlang jeder Straße Alarm, und der Stationsvorsteher telegrafierte die Nachricht in jeden Teil des Landes. In Boggs City schickte der Sheriff, der Anderson Crow als Narren und Tinkletown als Irrenanstalt unter freiem Himmel beschimpfte, seine Stellvertreter zur Unterstützung der Verfolgung hinunter. Der Marshal selbst übernahm die Leitung jedes einzelnen Suchtrupps. Er war so überwältigt von der Größe seines Unglücks, dass es kein Wunder ist, dass sein Gehirn wirbelte, weit genug, um das ganze Unternehmen zu erfassen.
Es sei Tinkletown zugutegehalten, dass ihre Bürger jede vernünftige Anstrengung unternahmen, die Männer wieder einzufangen. Die paar hundert arbeitsfähigen Männer der Stadt versammelten sich zur Unterstützung ihres Marshals und des Gesetzes, und es gab niemanden, der sich weigerte, in die kalte Nacht hinauszugehen für eine umfassende Suche in den Wäldern und Feldern.
Rosalie, die am frühen Abend durch Mr. Crows geräuschvolle Vorbereitungen auf die Verfolgung geweckt worden war, kam die Treppe herunter und verlor sofort jeden Wunsch zu schlafen. Bonner lag auf einer Couch im „Wohnzimmer“, das nun als vorübergehendes Schlafzimmer diente.
„Wenn Sie mir nur diese Revolver reichen würden, Mr. Crow“, sagte er und wies auf die beiden großen Automatikwaffen, die er Davy und Bill abgenommen hatte, „werde ich das Haus so gut ich kann bewachen, während Sie weg sind.“
„Wache halten? Wozu? Niemand wird das Haus stehlen.“
„Wir sollten nicht vergessen, dass diese selben Schurken auf den Gedanken kommen könnten, umzukehren und zu versuchen, Miss Gray wieder zu entführen. Mit ihr in ihrem Besitz werden sie ihr Geld bekommen; ohne sie wäre ihre Arbeit umsonst gewesen. Es ist eine verzweifelte Bande, und sie könnten den Plan zumindest für einen Versuch wert halten.“
Rosalies dankbarer, strahlender Blick sandte einen Schauer, der nicht von Schmerz herrührte, durch Bonners Körper.
„Machen Sie sich darüber keine Sorgen“, sagte der Marshal. „Wir werden sie innerhalb von anderthalb Stunden zusammengeschossen haben.“
„Anderson, ich möchte, dass du sehr vorsichtig mit dieser schweren Pistole bist“, sagte seine Frau nervös. „Sie ist seit dem Krieg nicht mehr abgefeuert worden, und höchstwahrscheinlich wird sie dich von hinten töten.“
„Verflucht noch mal, Eva!“, brüllte Anderson, „glaubst du etwa nicht, dass ich weiß, mit welchem Ende man schießt?“ Und er stürmte in großer Wut davon.
Edna Crow saß am vorderen Fenster und hielt stundenlang Wache. Sie berichtete den anderen Mitgliedern des Haushalts, wenn eine der hastenden Gruppen von Suchern das Haus passierte. Bonner befahl Rosalie, sich von den Fenstern fernzuhalten, aus Angst vor einem Schuss von außen. Von Zeit zu Zeit legte Roscoe Brennholz auf das große Feuer im Kamin. Es war gemütlich in dem altmodischen Wohnzimmer, auch wenn die Anspannung der Bewohner extrem war.
Große Aufregung kam über sie, als die Gestalt eines Mannes gesehen wurde, wie sie auf den Gehweg in der Nähe des vorderen Tors sank. Zuerst fürchtete man, einer der Banditen, von Verfolgern verletzt, sei gefallen, um zu sterben, aber die klagenden Hilferufe, die bald vom Bürgersteig kamen, waren mehr oder weniger beruhigend. Die am Boden liegende Gestalt hatte die seltsame Angewohnheit, sich von Zeit zu Zeit hoch genug aufzurichten, um zwischen den Latten des Zauns hindurchzuspähen, und jeder nachfolgende Ruf schien kräftiger als der vorherige. Schließlich wurden sie ungeduldig und dann voller Zorn. Es war offensichtlich, dass der Fremde die Ungastlichkeit des Hauses übel nahm.
„Wer sind Sie?“, rief Edna und öffnete das Fenster nur einen Spaltbreit. Woraufhin der Mann am Tor zu Boden sank und mit herrlichem Elend stöhnte.
„Ich bin’s“, antwortete er.
„Wer ist ich?“
„’Rast – ’Rast Little. Ich glaube, ich sterbe.“
Es gab eine hastige Beratung im Haus, und dann wagte sich Roscoe tapfer auf den Bürgersteig.
„Bist du angeschossen, ’Rast?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Nein; ich bin nur verwundet. Ist Rosalie da drin?“
„Ja. Sie ist –“
„Ich glaube, ich komme dann mal rein. Verdammt! Es ist ein weiter Weg von unserem Haus hierher. Ich glaube, ich bleibe die Nacht über. Wenn es mir morgen nicht besser geht, muss ich länger bleiben. Ich sollte auch gepflegt werden.“
„Rosalie spielt die Pflegerin für Mr. Bonner“, bot Roscoe an, während er weiterhin das Tor blockierte, durch das ’Rast zu schlüpfen versuchte.
„Mr. wer?“
„Bonner.“
„Nun“, sagte ’Rast nach einer kurzen Überlegung, „er sollte in ein Krankenhaus gebracht werden. Lass mich mich auf dich stützen, Roscoe. Ich kann kaum laufen, mein Arm schmerzt so sehr.“
Mr. Little, mit seinen Verbänden und seinem Humpeln, hatte sich der Expedition angeschlossen und war nicht davon abzubringen gewesen, bis ihn die Ohnmacht übermannte und er am Wegesrand zusammensackte. Er wurde hineingebracht und bekam einen warmen Stuhl vor dem Kamin. Ein einziger langer Blick auf Bonner und der Neuankömmling verfiel in einen störrischen Schmollmund. Er stöhnte gelegentlich und machte viel Aufhebens um seinen Zustand, wies jedoch jeden Versuch des Mitleids säuerlich zurück. Schließlich schlief er auf dem Stuhl ein, wobei seine letzten Worte darauf hinausliefen, dass er am frühen Morgen nach Hause gehen werde, selbst wenn er sich jeden Schritt des Weges dorthin schleppen müsste. Offensichtlich hatte ’Rast in der plötzlichen Wiederbelebung seiner Zuneigung zu Rosalie Gray Miss Banks vergessen. Der Pfad der wahren Liebe verlief in Tinkletown nicht reibungslos.
Die Suchtrupps kamen mit leeren Händen zurück. Am frühen Morgen fanden sie die meisten ihrer Mitglieder schlafend in ihren Häusern vor, zugedeckt von dankbaren Ehefrauen und mit dem Versprechen auf ein spätes Frühstück. Am nächsten Tag war das Geschäft nur langsam bereit, seinen Anspruch auf die öffentliche Aufmerksamkeit geltend zu machen. Das männliche Tinkletown döste, während die Weiblichkeit nach Herzenslust schwatzte. Es gab viel zu besprechen und noch mehr zu erwarten. Die Beamten in allen angrenzenden Grafschaften hatten ihre Schleppnetze ausgeworfen, und man erwartete stündlich die Nachricht, dass die Flüchtigen ihnen in die Hände gefallen seien.
Doch weder an jenem Tag, noch am nächsten, noch an irgendeinem Tag kamen tatsächlich Nachrichten von ihrer Gefangennahme, sodass Tinkletown gezwungen war, in einen Zustand der Ruhe zurückzukehren. Ein gewisses Interesse wurde wach, als der Stadtrat die Reparatur des Gefängnisses anordnete, und es gab ein Kräuseln der Aufregung im Zusammenhang mit der Beerdigung des einzigen Entführers in Gefangenschaft. Es war notwendig, das Austernessen in der methodistischen Kirche zu verschieben, aber es gab einen gewissen Trost in dem Wissen, dass es bald Sommer sein würde und die benachteiligten Afrikaner das Geld für Winterkleidung nicht benötigen würden. Der Empfang im Haus des Pfarrers war ein Reinfall. Er war jedoch rechtzeitig gewarnt worden, und es war seine eigene Schuld, dass er als Ergebnis seiner Erwartungen nicht mehr als einen Krug Essig, zwei Brotlaibe und ein Pfund Honig erhielt. Es war das erste Mal, dass eine „Pfund-Party“ ein verlustreiches Unternehmen war.
Anderson Crow verfolgte eine unerbittliche Suche nach den Desperados. Er weigerte sich, Wicker Bonners Theorie zu akzeptieren, dass sie in der Stadt New York in Sicherheit seien. Es war seine eigene Meinung, dass sie sich noch in der Nachbarschaft befänden und auf eine Gelegenheit warteten, den Leichnam von Davys Mutter zu exhumieren und sich damit aus dem Staub zu machen.
„Versuchen Sie nicht mir einzureden, Mr. Bonner, dass selbst ein Schurke wie er keine Liebe für seine Mutter empfindet“, argumentierte er. „Davy mag kein großes Vorbild sein, aber er hatte ein Gefühl für die Frau, die ihn geboren hat, und vergessen Sie das nicht.“
„Aber Daddy Crow, er war das herzloseste Biest der Welt!“, rief Rosalie. „Ich habe gesehen, wie er sie mehr als einmal niedergeschlagen hat – und sie auch noch getreten hat.“
„Ein Ausrutscher des Gedächtnisses, das ist alles. Er dachte wahrscheinlich an seine Frau, falls er eine hat.“
Auf einer öffentlichen Versammlung wurde der Stadtrat dafür verurteilt, dass er es versäumt hatte, das Gefängnis zu dem Zeitpunkt zu verstärken, als Anderson drei Jahre zuvor seine Forderung gestellt hatte.
„Was nützt es mir, Diebe und so weiter zu fangen, wenn das Gefängnis sie nicht halten kann?“, erklärte Anderson. „Ich kann es mir nicht leisten, Zeit damit zu verschwenden, verzweifelte Gestalten zu jagen, wenn der Stadtrat sie nicht daran hindern will, sich davonzumachen, sobald die Sonne untergeht. Was hat das für einen Sinn, würde ich gerne wissen? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Ich will nicht, dass das Gerede herumgeht, dass die einzige Art, wie wir einen Gefangenen halten können, darin besteht, dass er Selbstmord begeht, sobald er verhaftet ist. Für zwei Cents würde ich sofort zurücktreten.“
Natürlich wollte niemand etwas davon hören. Als Ergebnis wurden fast fünfhundert Dollar aus den Gemeindefonds bewilligt, um das „Gefängnis“ zu verstärken und zu modernisieren. Es war der Wille der Versammlung, dass unter Mr. Crows Aufsicht ein „Schwitzkasten“ installiert werden sollte und dass das Gehalt des Marshals um fünfzig Dollar pro Jahr erhöht werden sollte. Nach der Annahme dieser populären Resolution erhob sich Mr. Crow und informierte die Menschen feierlich, dass ihr Vertrauen in ihn nicht unbegründet sei. Er versetzte die Versammlung in einen Zustand großer Aufregung, indem er ankündigte, dass die Entführer bald wieder in den Fängen sein würden. Auf eifrige Fragen hin erklärte er lediglich, dass er einen wertvollen Hinweis habe, der nicht zum Nachteil der Sache preisgegeben werden könne. Jeder ging an diesem Abend mit der Versicherung nach Hause, dass die Flüchtigen bald gefasst würden. Anderson versprach dem Stadtrat, dass er sie nicht fangen würde, bevor das Gefängnis repariert sei.
Es dauerte fast eine vierzehntägige Frist, bis Wicker Bonner wieder mit Krücken herumlaufen konnte. Die Wunde an seinem Bein war eine hässliche und heilte nur langsam. Sein Onkel, der Kongressabgeordnete, schickte einen Chirurgen aus New York, aber dieser Würdenträger billigte die Methoden von „Doc“ Smith und überließ den jungen Mann abrupt der Obhut einer exzellenten Krankenschwester, Rosalie Gray. Die Bediensteten von Kongressabgeordnetem Bonner kamen alle ein oder zwei Tage mit Büchern, Zeitungen, Süßigkeiten und frischen Vorräten aus der Stadt vorbei, aber es war ihnen unmöglich, von dem jungen Mann eine befriedigende Antwort auf ihre Fragen zu erhalten, wann er gedenke, in das große Haus auf der anderen Seite des Flusses zurückzukehren. Bonner begann den Gedanken zu hassen, Rosalies Vorlesungen, ihre Zuwendungen und die unzweifelhafte Entwicklung seiner eigenen Meinung über ihre persönliche Attraktivität aufzugeben.
„Ich weiß nicht, wann ich wieder laufen kann, Watkins“, sagte er zu dem Hausmeister. „Ich fürchte, mein Herz ist in Mitleidenschaft gezogen.“
Bonners erzwungene Anwesenheit in Anderson Crows Haus war für die jungen Männer der Stadt eine Quelle äußerster Verärgerung. „Blootch“ Peabody sorgte für einen schrecklichen Skandal, indem er sich gegen Ende der Woche vor lauter Niedergeschlagenheit maßlos betrank. Da es sein erster echter Rausch war, erholte er sich drei Tage lang nicht von den Folgen. Danach leistete er den Abstinenzschwur und sprach auf einer Gebetsversammlung mit so viel Gefühl über die Übel des Alkohols, dass die Frauen der Stadt eine Bewegung starteten, um den Verkauf von Spirituosen in der Stadt zu stoppen. Da Peabodys Drogerie der einzige Ort war, an dem Whiskey erhältlich war, sah „Blootch“ bald den Fehler seines Weges ein und stieg von seinem Podest herab, um ihn zu bessern.
Bonner war ein Freund in der Not für Anderson Crow. Die beiden waren die Hälfte der Zeit in Beratung, und die Meinungen des jungen Mannes waren nicht zu ignorieren. Er stellte eine Theorie über die Beweggründe des Anführers des Komplotts auf, Rosalie in ein Exil zu schicken, aus dem sie nicht zurückkehren sollte. Er glaubte, dass die Person, die sie als Baby aussetzte, von dem Wunsch getrieben wurde, ein Vermögen zu besitzen, das dem Kind hätte gehören sollen. Die Bedingungen, die mit der endgültigen Verfügung über dieses Vermögen verbunden waren, waren zweifellos derart, dass es unklug war, das Leben des Mädchens zu beenden. Der Drahtzieher, wie auch immer seine oder ihre Beziehung zum Kind gewesen sein mag, muss gespürt haben, dass eine Zeit kommen könnte, in der die Existenz der wahren Erbin notwendig sein würde. Entweder war eine solche Angst die Inspiration oder die Beziehung war so teuer, dass das Herz des Erzschurken voll von Liebe für das unschuldige Opfer war.
„Wer will sagen, Miss Gray“, sagte Bonner eines Abends, als sie vor dem Kamin saßen, „dass die Frau, die Sie bei Mr. Crow zurückließ, nicht Ihre eigene Mutter war? Angenommen, ein riesiges Vermögen sollte nach dem Tod eines reichen Verwandten, sagen wir eines Großelternteils, treuhänderisch Ihnen gehören. Das würde natürlich bedeuten, dass jemand anderes dieses Vermächtnis übel nahm, und wahrscheinlich mit einigem Recht. Das Eigentum sollte in Ihren Besitz übergehen, wenn Sie ein bestimmtes Alter erreichten, sagen wir. Verstehen Sie nicht, dass dieser Tag die enterbte Person jeder Hoffnung berauben würde, das Vermögen zu behalten? Selbst eine Mutter könnte aus ehrgeizigen Gründen versucht sein, zu extremen Maßnahmen zu greifen, um das Vermögen für sich selbst zu sichern. Oder sie könnte durch einen Willen beeinflusst worden sein, der stärker war als ihr eigener – der Wille eines skrupellosen Mannes. Es gibt viele Eventualitäten, alle wahrscheinlich, wie immer Sie sie analysieren wollen.“
„Aber warum sollte diese Person mich ganz aus dem Land verbannen wollen? Ich bin hier nicht gefährlicher als überall sonst in Europa. Und dann denken Sie an die Mittel, die sie angewandt hätten, um mich aus Tinkletown wegzubringen. Bin ich nicht jahrelang für die Welt verloren gewesen? Warum –“
„Wahr; aber ich bin fest überzeugt, und ich denke, Mr. Crow stimmt mir zu, dass der jüngste Schritt durch die Forderungen eines Menschen notwendig wurde, dessen Herz nicht interessiert ist, dessen Hand aber das Zepter der Macht über die Liebe führt, die versucht, Sie zu schützen. Jeder andere hätte Ihr Leben am Anfang beendet.“
„Das ist auch meine Idee“, stimmte Anderson feierlich zu.
„Ich will das Vermögen nicht!“, rief Rosalie. „Ich bin hier glücklich! Warum können sie mich nicht in Ruhe lassen?“
„Ich sage Ihnen, Miss Gray, wenn nicht etwas dazwischenkommt, wird diese Frau Ihnen eines Tages Ihr Eigentum zurückgeben – Ihr Vermögen und Ihren Namen.“
„Ich kann es nicht glauben, Mr. Bonner. Es ist für mich zu sehr wie ein Traum.“
„Nun, verdammt noch mal, Rosalie, Träume dauern nicht ewig!“, platzte Anderson Crow heraus. „Du musst irgendwann aufwachen, verstehst du das nicht?“
KAPITEL XXV
Wie das Herz älter wird
Bonners Eifer, das Geheimnis zu ergründen, wuchs mit seiner zurückkehrenden Kraft. Er bot an, seinen Onkel in die Angelegenheit einzubeziehen und durch ihn eine systematische Anstrengung zu beginnen, um die verwickelten Enden von Rosalies Leben zu entwirren. An Geld sollte es nicht fehlen; Zeit und Intelligenz sollten der Sache gewidmet werden. Er wusste, dass Rosalie in Wirklichkeit ein Geschöpf von guter Geburt war und einen Namen verdiente, den jeder Mann ihr zu geben suchen würde – einen Namen, der in Liebe von einem Mann der Frau gegeben wird, die ihn für immer mit ihm teilen würde.
Die Tage und Nächte lehrten ihn die Heiligkeit einer wachsenden Zuneigung. Er verschloss die Augen nicht vor der Wahrheit. Es war für den großen, weltgewandten Wick Bonner genauso unmöglich, in ihrer Nähe zu sein und ihr nicht zu verfallen, wie für die groben, bescheidenen Jünglinge von Tinkletown. Sein Herz war genauso zerbrechlich wie ihres, als es sich ihr gegenüber entblößte. Ihre Schönheit zog ihn an, die natürliche Feinheit ihres Charakters sprach ihn an; ihre Reinheit, ihre Zartheit, ihre Güte richteten in seinen Vorstellungen Verwüstung an. Frisch, hell, so klar im Kopf wie der Junisonnenschein, war sie eine Offenbarung für ihn – für Bonner, der ihr Geschlecht in all seinen Umgebungen gekannt hatte. Sein Herz war Tag und Nacht voll von ihr; denn Tag und Nacht fragte er sich, ob sie ihn so sehr mögen könnte, wie er wusste, dass er sie zu mögen begann.
Eines Tages erhielt er ein Telegramm. Es war von seiner Mutter und seiner Schwester, die gerade von Bermuda in Boston eingetroffen waren, und es enthielt die kurze, aber nachdrückliche Information, dass sie sich auf den Weg nach Tinkletown machten, um ihn zu pflegen und zu betreuen. Bonner geriet in Panik. Er erkannte in diesem Augenblick, dass es für sie unmöglich sein würde, in Mr. Crows Haus zu kommen, und er wusste, dass sie über seinen wahren Zustand nicht getäuscht werden konnten. Seine Mutter würde natürlich darauf bestehen, dass er sofort nach Bonner Place auf der anderen Seite des Flusses gehe und sobald er dazu in der Lage sei, nach Boston weiterreise; seine kluge Schwester würde seine Beweggründe wie ein Blitzschlag durchschauen. Der junge Mr. Bonner liebte sie, aber er war eindeutig gelangweilt von der Aussicht auf ihr Kommen. In einiger Eile und Verwirrung schickte er nach „Doc“ Smith.
„Doktor, wie bald werde ich wieder navigieren können?“, fragte er besorgt.
„Sofort.“
„Das sagen Sie so! Ich fühle mich nicht stark, wissen Sie.“
„Nun, Ihr Bein macht sich gut und alle Gefahr ist vorüber. Natürlich werden Sie einige Zeit nicht so flink wie gewöhnlich sein und können nicht ohne Krücken laufen, aber ich sehe keinen Sinn darin, dass Sie deswegen hier herumlungern. Sie könnten jederzeit gehen, Mr. Bonner.“
„Hören Sie, Doktor, ich habe Angst, den Arzt zu wechseln. Sie haben diesen Fall sehr gut behandelt, und wenn ich zu einem anderen Kerl ginge, könnte er alles zunichtemachen. Ich habe mich entschlossen, Sie nach mir sehen zu lassen, bis diese Wunde vollständig verheilt ist. Das ist schon in Ordnung so. Ich weiß, wovon ich rede. Ich gehe kein Risiko ein. Wie lange wird es dauern, bis es vollständig verheilt ist?“
„Ein paar Wochen, nehme ich an.“
„Nun, ich bleibe genau hier und lasse Sie jeden Tag danach sehen. Es ist eine zu ernste Angelegenheit für mich, um damit zu spielen. Übrigens, meine Mutter kommt zu Besuch, und ich wage zu sagen, dass sie will, dass ich nach Boston gehe. Unser Hausarzt ist ein altes Fossil und ich mag ihm diese Sache nicht anvertrauen. Sie würden mir einen Gefallen tun, Doktor, wenn Sie mich hier behalten, bis ich vollkommen gesund bin. Ich habe die Absicht, meiner Mutter zu sagen, dass es nicht klug wäre, mich zu verlegen, bis alle Gefahr einer Blutvergiftung vorüber ist.“
„Blutvergiftung? Es besteht jetzt keine Gefahr mehr, mein Herr.“
„Man kann nie wissen“, sagte Bonner weise.
„Aber ich wäre ein vollkommener Narr, Mr. Bonner, wenn noch Gefahr bestünde“, beschwerte sich der Arzt. „Was für eine Art Arzt würde sie wohl in mir sehen?“
„Sie würden Ihnen sicherlich anrechnen, dass Sie vorsichtig sind, und das ist es, was eine Mutter anspricht, wissen Sie“, sagte Bonner noch weiser. „Außerdem ist es mein Bein, Doktor, und ich werde es auf meine Weise behandeln lassen. Ich denke, ein paar Wochen mehr unter Ihrer Obhut werden mich wieder auf die Beine bringen. Mutter muss auf mich Rücksicht nehmen, das ist alles. Ich wünschte, Sie würden morgen vorbeischauen und diese Verbände wechseln, Doktor; wenn es Ihnen nichts ausmacht –“
„Doc“ Smith war nicht langsam. Er sah mehr, als Bonner dachte, also zwinkerte er sich selbst zu, als er zu seinem Büro hinüberging. An der Ecke traf er Anderson Crow.
„Sagen Sie, Anderson“, sagte er halb kichernd, „der junge Bonner hat einen Rückfall erlitten.“
„Donnerwetter!“
„Er kann eine Woche oder zwei nicht bewegt werden.“
„Müssen Sie es amputieren?“
„Das Bein?“
„Natürlich. Das ist das Einzige, was ihn schmerzt, nicht wahr?“
„Ich denke nicht. Ich werde sein Herz in eine Schlinge legen“, sagte Smith und lachte herzlich über das, was er für einen brillanten Scherz hielt. Aber er irrte sich. Anderson ging in großer Aufregung nach Hause und warnte privat jedes Mitglied des Haushalts, einschließlich Rosalie, Bonner mit jeder Aufmerksamkeit zu behandeln, da sein Herz schwach sei und ihm große Probleme bereiten könne. Vor allem warnte er sie davor, Bonner die beunruhigende Nachricht zu überbringen. Das würde ihn sehr entmutigen. Eine ganze Woche lang beobachtete Anderson Bonner mit besorgten Augen, wand sich jedes Mal, wenn der große Kerl sich anstrengte, und stöhnte, wenn er seinem herzhaften Lachen freien Lauf ließ.
„Haben Sie etwas gehört?“, fragte Bonner mit treuer Regelmäßigkeit, wenn Anderson jeden Abend nach Hause kam. Er bezog sich auf die Jagd nach den Flüchtigen.
„Nichts, was der Rede wert wäre“, antwortete Anderson niedergeschlagen. „Onkel Jimmy Borton hatte heute einen Brief aus Albany, und sein Schwiegersohn sagte, drei fremde Männer seien neulich im Bahnhof von Albany gesehen worden. Ich habe Onkel Jimmy schreiben lassen und ihn gefragt, ob er jemanden gesehen habe, der der Beschreibung entspreche, wissen Sie. Aber die drei Männer, von denen er sprach, nahmen einen Zug nach New York, also nehme ich an, dass sie inzwischen verloren sind. Es ist der frustrierendste Fall, an dem ich je gearbeitet habe.“
„Ist Ihnen in den Sinn gekommen, dass der wahre Anführer zur fraglichen Zeit in dieser Gegend war? In Boggs City, sagen wir. Nach der Geschichte von Rosa – Miss Gray, ging der Mann Sam nächtlich aus, um Anweisungen zu erhalten. Nun, er ging entweder nach Boggs City oder zu einem Treffpunkt, der zwischen ihm und seinem Vorgesetzten vereinbart war. Es ist möglich, dass er diese Person genau in der Nacht meines eigenen Abenteuers gesehen hat. Nun, die Sache für uns ist, herauszufinden, ob in dieser Nacht ein Fremder in diesen Gegenden gesehen wurde. Die Hotelregister in Boggs City könnten uns einen Hinweis geben. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mr. Crow, werde ich diesen New Yorker Detektiv, der morgen hierherkommt, einen Blick auf diese Phase des Falls werfen lassen. Das wird doch nicht Ihre Pläne stören, oder?“, fragte Bonner, stets rücksichtsvoll gegenüber den Gefühlen des gutherzigen, einfach gestrickten alten Marshals.
„Überhaupt nicht, und ich werde ihm helfen, so gut ich kann, mein Herr“, antwortete Anderson großmütig. „Hier, Eva, hier ist ein Brief für Rosalie. Es ist der zweite, den sie aus New York in drei Tagen erhalten hat.“
„Er ist von Miss Banks. Sie korrespondieren, Anderson“, sagte Mrs. Crow.
„Und sagen Sie mal, Eva, ich habe mich für eine Sache entschieden. Wir müssen damit rechnen, nach diesem hier ohne die tausend Dollar auszukommen.“
„Aber, An-der-son Crow!“
„Ja. Wir werden ihre Leute finden, egal ob wir die tausend Dollar aufgeben müssen. Es ist nur recht und billig. Sie wird im März einundzwanzig, und ich muss die Vormundschaftsangelegenheit ohnehin regeln. Aber, verdammt noch mal, Mr. Bonner, sie sagt, sie will das Geld nicht nehmen, das wir für sie gespart haben.“
„Das hat sie mir auch gesagt, Mr. Crow. Ich denke, sie hat teilweise recht. Wenn sie auf meinen Rat hört, wird sie es mit Ihnen teilen. Sie haben Anspruch auf alles davon, wissen Sie – es sollte Ihre Bezahlung sein – und sie will nicht auf Ihren Plan hören, ihr alles zu geben. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht mittellos sein sollte. Sie mag es nie brauchen – sie wird es sicherlich nicht, solange Sie am Leben sind – aber es scheint eine kluge Sache für sie zu sein, gegen Notfälle abgesichert zu sein. Aber ich wage zu sagen, dass Sie das unter sich regeln können. Ich habe kein Recht, mich einzumischen. Gab es Post für mich?“
„Ja. Ich habe fast vergessen, sie herauszurücken. Hier ist eine von Ihrer Mutter, nehme ich an. Das ist von Ihrer Schwester, und hier ist eine von Ihrer – Ihrer Liebsten, nehme ich an. Ich schließe all das daraus, indem ich die –“ und er fuhr fort zu erzählen, wie er zu seinen Schlussfolgerungen kam, die alle falsch waren. Es waren Einladungen zu gesellschaftlichen Anlässen in Boston. „Aber ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen, Mr. Bonner. Ich glaube, von den Desperados, hinter denen wir her sind, wird mir eine Falle gestellt. Ich schätze, ich bin ihnen zu dicht auf der Spur. Ich hatte heute einen anonymen Brief.“
„Einen was?“
„Anonymen Brief. Haben Sie noch nie von einem gehört? Dieser wurde zu dem ausdrücklichen Zweck geschrieben, mich in eine Falle zu locken. Sie wollen mich aus dem Weg räumen. Aber ich werde sie austricksen. Ich werde ihm keine Beachtung schenken.“
„Güte, Anderson, ich wette, Sie werden noch ermordet!“, rief seine arme Frau. „Ich wünschte, Sie würden das Jagen von Leuten aufgeben.“
„Darf ich einen Blick auf den Brief werfen, Mr. Crow?“, fragte Bonner. Anderson zog verstohlen den quadratischen Umschlag aus seiner Innentasche und reichte ihn hinüber.
„Sie müssen schon verdammt früh aufstehen, um mich schlafend zu erwischen“, sagte er stolz. Bonner zog das Schreiben aus dem Umschlag. Als er las, blitzten seine Augen und die Mundwinkel zuckten, aber sein Gesicht war höflich ernst, als er das Schreiben an den Marshal zurückgab. „Sieht nach einer Falle aus, nicht wahr?“, sagte Anderson. „Sie sehen, es gibt keine Unterschrift. Die Schurken hatten Angst, einen Namen zu unterschreiben.“
„Ich würde Miss Gray gegenüber nichts davon erwähnen, wenn ich Sie wäre, Mr. Crow. Es könnte sie beunruhigen, wissen Sie“, sagte Bonner.
„Das gilt auch für dich, Eva“, befahl Anderson wiederum. „Beunruhige das Mädchen nicht. Sie darf nichts davon wissen.“
„Ich glaube nicht, dass es eine Falle ist“, bemerkte Eva, als sie das Schreiben zu Ende gelesen hatte. Bonner nutzte diese Gelegenheit, um herzlich zu lachen. Er hatte es so lange wie möglich zurückgehalten. Was Anderson als „anonymen“ Brief beschrieb, war nichts anderes als eine höfliche, formelle Einladung zu einer „Einweihungsfeier“ bei Colonel Randall auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Es lautete:
„Mr. und Mrs. D.F. Randall bitten um die Ehre Ihrer Anwesenheit bei einer Einweihungsfeier, Freitagabend, den 30. Januar 190--, um acht Uhr. Rockden-of-the-Hills.“
„Er ist auch an mich adressiert, Anderson“, sagte seine Frau und zeigte auf den Umschlag. „Es ist das neue Haus, das sie letzten Herbst fertiggestellt haben. Anonymer Brief! Firlefanz! Ich wette, im Postamt liegt einer für jedes der Mädchen.“
„Roscoe hat einen Teil der Post bekommen“, murmelte der Marshall verlegen. „Wo ist dieser verfluchte Junge? Er sollte ordentlich durchgeprügelt werden, weil er Briefe wie diesen zurückgehalten hat“, knurrte er, begierig darauf, das Thema auf andere Bahnen zu lenken. Nachdem er den ganzen Abend gegrübelt hatte, nahm er seinen Mut zusammen und bat Bonner, niemandem von seinem Irrtum bezüglich der Einladung zu erzählen. Roscoe brachte Einladungen für seine Schwester und Rosalie hervor. Er verkündete zudem, dass die Hälfte der Leute in der Stadt sie erhalten hätte.
„Es kommt später noch ein Telegramm für Sie, Mr. Bonner“, sagte er. „Bud ist gerade dabei, eines zu Mr. Grimes zu bringen, und er wird auf dem Rückweg hier anhalten. Ich war auf dem Bahnhof, als es reinkam. Es ist von Ihrer Mutter, und darin steht, dass sie morgen früh aus Boggs City herüberkommen wird.“
„Danke, Roscoe“, sagte Bonner mit einem amüsierten Blick auf Rosalie; „Sie haben mir die Mühe erspart, es zu lesen.“
„Sie kommen morgen“, sagte Rosalie lange Zeit danach, als sich der letzte der Crows mühsam zum Schlafen aufmachte. „Sie müssen mit ihnen fortgehen, nicht wahr?“
„Ich bin hier ein schreckliches Ärgernis, schätze ich, und Sie werden froh sein, mich loszuwerden“, sagte er leise, den Blick auf das lodernde „Scheit“ im Kamin gerichtet.
„Nicht mehr, als Sie froh sein werden zu gehen“, sagte sie so kühl, dass sein Stolz einen deutlichen Schlag erlitt. Er stahl einen scheuen Blick auf das Gesicht des Mädchens gegenüber. Es war so ruhig und heiter wie ein Morgen im Mai. Ihre Augen starrten ebenfalls in die Flammen, und ihre Finger spielten geistesabwesend mit den Fransen am Arm des Stuhls.
„Beim Kuckuck!“, dachte er, während ihn plötzlich eine Schwäche am Herzen überkam; „Ich glaube, sie schert sich keinen Deut darum!“
KAPITEL XXVI
Die linke Herzkammer
Am nächsten Tag trafen Mrs. Bonner und Miss Bonner in Tinkletown ein. Sie waren in einem Automobil aus Boggs City herübergefahren, und ihre Ankunft verursachte eine neue Welle der Aufregung in der Stadt. Die Hälfte der Frauen in Tinkletown fand einen Vorwand, um im Laufe des Tages am Haus von Mr. Crow vorbeizugehen, und nicht wenige von ihnen schauten vorbei, um Mrs. Crow ihre Aufwartung zu machen, ob sie es nun mussten oder nicht, was die geschätzte Dame sehr in Verlegenheit brachte.
Wickers Mutter war eine stattliche, aristokratische Frau mit einem Stammbaum, der bis nach Babylon oder irgendeinen anderen historischen Ausgangspunkt zurückreichte. Ihre Vorfahren waren zur Zeit der Amerikanischen Revolution Loyalisten gewesen, und sie war stolz darauf. Die Vorfahren ihres Mannes hatten zwar damals einige Briten erschossen und einige ihrer eigenen Ahnen erfolgreich nach Long Island verjagt, aber das spielte in diesen Tagen des zwanzigsten Jahrhunderts keine Rolle mehr. Mr. Bonner war schon lange ins Grab gegangen; und seine Witwe war mit fünfzig Jahren so etwas wie die Königin von allem, was sie überblickte, was nicht unbeträchtlich war. Die Bonners waren reich an weltlichen Gütern, reich an gesellschaftlicher Stellung, reich an Traditionen. Die Tochter, gerade erst in die Gesellschaft eingeführt, war ein hübsches Mädchen, einige Jahre jünger als Wicker. Sie war das Idol seines Herzens. Dieses junge Ding war für ihn das klügste, geistreichste und hübscheste Mädchen auf der ganzen Welt gewesen. Nun fragte er sich, wie das andere Mädchen, das nicht seine Schwester war, im Vergleich zu ihr abschneiden würde, wenn sie gemeinsam vor ihm stünden.
Natürlich verfielen Mrs. Crow und ihre Töchter in eine nervöse Panik, sobald diese modischen Damen aus Boston den Fuß in das bescheidene Heim setzten. Sie verloren die wenige Fassung, die sie sich mühsam angeeignet hatten, und stammelten sich kläglich durch die Begrüßungsfloskeln.
Doch ruhig, sanft und gefasst, wie es die Anspruchsvollsten verlangen würden, begrüßte Rosalie die Besucher ohne einen Schatten von Verwirrung oder ein Anzeichen von Ungeschicklichkeit. Bonner spürte einen Anflug von Freude und Stolz, als er den Ausdruck der Überraschung bemerkte, der sich auf das Gesicht seiner Mutter stahl – eine Überraschung, die nicht abnahm, während das Mädchen ihre unbewusste Prüfung bestand.
„Beim Kuckuck!“, rief er jubelnd in sich hinein, „sie ist etwas, worauf man stolz sein kann – sie ist eine Königin!“
Später am Tag, nach dem bescheidenen, wenngleich imposanten Mittagessen (das Paradoxon war in Tinkletown zulässig), fand Mrs. Bonner Zeit und Gelegenheit, ihm ihre Überraschung und ihre Zustimmung auszudrücken. Mit dem Scharfsinn einer wahren Aristokratin war sie nicht blind für die Reize des Mädchens, das wie eine Rose in diesem abgelegenen Stück Natur erblühte. Das Taktgefühl, das Rosalie dazu bewog, sich selbst und alle Crows aus dem Haus zurückzuziehen, um den Bonners die Gelegenheit zu geben, ungestört zusammen zu sein, entging der gewandten Weltfrau nicht.
„Sie ist bemerkenswert, Wicker. Erzähl mir von ihr. Warum lebt sie ausgerechnet in dieser elenden Stadt und unter solchen Leuten?“
Woraufhin Bonner in eine detaillierte und etwas langatmige Geschichte der mysteriösen Miss Gray ausbrach und sie so wiedergab, wie sie ihm von ihren eigenen offenen Lippen zu Ohren gekommen war, jedoch mit eigenen Ausschmückungen, die ihr die Röte ins Gesicht getrieben hätten, hätte sie diese hören können. Das Interesse seiner Mutter war nicht geheuchelt; seine Schwester war von der Erzählung fasziniert.
„Wer weiß“, rief sie, wobei ihre dunklen Augen funkelten, „vielleicht ist sie eine Millionenerbin!“
„Oder eine Prinzessin von königlichem Geblüt!“, ergänzte ihre Mutter mit einem Enthusiasmus, der ungewöhnlich war. „Allein das Blut hat dieses Mädchen zu dem gemacht, was sie ist. Der Himmel weiß, dass Milliarden oder Billionen die Einflüsse eines Lebens, das in – in Winkletown – oder ist das der Name? – verbracht wurde, nicht hätten wettmachen können. Es spielt keine Rolle, Wicker – jeder Name wird genügen. Offen gesagt, das Mädchen interessiert mich. Es ist ein Verbrechen, sie in einem Ort wie diesem verkümmern und sterben zu lassen.“
„Aber Mutter, sie liebt diese Leute“, protestierte Bonner kraftlos. „Sie waren all die Jahre gut zu ihr. Sie waren Eltern, Beschützer –“
„Und sie wurden gut dafür bezahlt, mein Sohn. Bitte missversteh mich nicht, ich plane nicht, sie ihnen abzunehmen. Ich werde ihre Stellung im Leben nicht grundlegend ändern. Auf keinen Fall. Ich sage lediglich, dass es ein Verbrechen ist, sie für ihr Leben in dieser – dieser Wüste einzusperren. Ich bezweifle sehr, ob ihre Abstammung jemals bekannt werden wird, und vielleicht ist es auch gut so. Dennoch bin ich interessiert.“
„Mamma, ich glaube, es wäre sehr nett, sie für ein oder zwei Wochen nach Boston einzuladen, meinst du nicht?“, schlug Edith Bonner herzlich, wenn auch zweifelnd vor.
„Großartig!“, rief Wicker und vergaß in seiner Aufregung, dass er ein Krüppel war. „Lass sie kommen und eine Weile bei dir wohnen, Ede. Es wird ein großer Spaß für sie sein und, beim Kuckuck, ich bin geneigt zu glauben, dass es vielleicht auch für uns etwas vorteilhaft ist.“
„Dein Enthusiasmus ist wunderschön, Wicker“, sagte seine Mutter, vollkommen ungerührt. „Ich habe keinen Zweifel, dass du denkst, Boston würde auch davon profitieren.“
„Nun, du weißt, Mutter, es ist nicht gerade deine Art, so bissig zu sein“, sagte er gelassen. „Außerdem fange ich, nachdem ich eine Weile in anderen Teilen der Welt gelebt habe, an zu fühlen, dass die Bevölkerung nicht das Einzige ist, was an Boston erweitert werden kann. Es ist ja alles schön und gut, unsere Straßen mit Intellekt zu pflastern, damit wir nicht von unseren eigenen Fußstapfen abweichen können, aber mir gefällt der Gedanke, mich ab und zu zu verlaufen, selbst wenn ich denselben gewöhnlichen, alten Himmel da oben ansehen muss, den der Rest der Welt auch sieht, weißt du. Ich habe kürzlich gelernt, dass dieselbe Sonne, die auf Boston scheint, auch für den Rest der Welt strahlt.“
„Ja, sie scheint auch in Tinkletown“, stimmte seine Mutter gelassen zu. „Aber, mein Lieber“ – sie wandte sich an ihre Tochter – „ich denke, du solltest noch eine Weile warten, bevor du die Einladung aussprichst. Es gibt keinen Grund, sich ins Unbekannte zu stürzen. Gib der Zeit eine Chance.“
„Beim Jupitert, Mutter, du redest manchmal wie Anderson Crow. Er sagt oft solche Dinge“, rief Wicker hocherfreut.
„Ach je! Wie kannst du so etwas sagen, Wicker?“
„Nun, du würdest den alten Anderson mögen. Er ist ein Juwel!“
„Ich wage es zu bezweifeln – ein Smaragd. Nein, nein – das war nicht fair oder freundlich, Wicker. Ich nehme es zurück. Mr. Crow und all die anderen waren gut zu dir. Vergib mir den Sarkasmus. Mr. Crow ist vollkommen unmöglich, aber ich mag ihn. Er hat ein Herz, und das ist mehr, als die meisten von uns von sich sagen können. Und nun kehren wir wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wann wirst du bereit sein, nach Boston aufzubrechen? Morgen?“
„Himmel, nein! Ich darf noch eine ganze Weile nicht bewegt werden – Gefahr von Gangrän oder etwas in der Art. Es ist erstaunlich, Mutter, was für fähige Männer diese Landärzte sind. Dr. Smith ist ein kleines Wunder. Er – er – hat mein Bein gerettet.“
„Mein Junge – du meinst doch nicht etwa –“, sagte seine Mutter mit zitternder Stimme.
„Ja; das meine ich. Ich bin jetzt wieder in Ordnung, aber natürlich werde ich für ein paar Wochen sehr vorsichtig sein. Man weiß ja nie. Blutvergiftung und all so etwas. Aber lass uns nicht darüber reden – es ist grausam.“
„Das ist es wahrlich. Du musst äußerst vorsichtig sein, Wicker. Versprich mir, dass du nichts Törichtes tust. Benutze dein Bein nicht, bis der Arzt – aber ich habe etwas Besseres. Wir werden nach Dr. J---- schicken. Er kann zwei- oder dreimal aus Boston heraufkommen –“
„Nichts dergleichen, Mutter! Unsinn! Smith weiß in einer Minute mehr als J---- in einem Monat. Er behandelt den Fall genau so, wie ich es will. Lass es gut sein, sage ich. Du weißt, J---- will immer alles amputieren, was man abschneiden oder absägen kann. Um Himmels willen, lass ihn das bloß nicht bei mir versuchen. Ich brauche meine Beine.“
Es ist nicht nötig zu erwähnen, dass Mrs. Bonner durch dieses Argument vollständig überzeugt wurde. Sie ordnete an, dass er dort bleiben solle, bis es vollkommen sicher sei, ihn über den Fluss zu bringen, wo er sich erholen könne, bevor er sich in die Stadt seiner Geburt wage. Außerdem kündigte sie an, dass Edith und sie in Boggs City bleiben würden, bis er völlig außer Lebensgefahr sei, und jeden Tag in ihrem gecharterten Automobil herüberfahren würden. Bonner wurde plötzlich klar, dass es notwendig sein würde, „Doc“ Smith und die ganze Familie Crow zu bestechen, wenn er seine Position als Invaliden wahren wollte.
„Doc“ Smith log, als er auf die Probe gestellt wurde, geschickt im Namen seines Klienten (er weigerte sich, ihn seinen Patienten zu nennen), und Mrs. Bonner war überzeugt. Mr. Crow und Eva protestierten energisch, dass der junge Mann nicht „das Geringste an Umständen“ machen würde und dass er so lange bleiben könne, wie er wolle.
„Er ist ein Gentleman, Mrs. Bonner“, verkündete der Marshall, als ob die Mutter gerade erst auf diese Tatsache aufmerksam gemacht würde. „Mrs. Crow und ich haben darüber gesprochen, und ich weiß, wovon ich rede. Er ist ein vollkommener Gentleman.“
„Danke, Mr. Crow. Ich freue mich, das zu hören“, sagte Mrs. Bonner mit feinem Taktgefühl. „Sie werden also nichts dagegen haben, wenn er noch eine Weile hier bleibt?“
„Ich sollte wohl meinen. Wenn er den Job annimmt, ernenne ich ihn zum stellvertretenden Marshall.“
„Ich hätte gern ein Bild von dir mit der Marke und der Uniform, Wick“, sagte Edith mit gutmütigem Geplänkel.
Kurz bevor die beiden Damen an jenem Abend nach Boggs City aufbrachen, gelang es Bonner, Edith etwas zu sagen.
„Sag mal, Ede, ich glaube, es wäre außergewöhnlich anständig von dir, Miss Gray diesen Frühling nach Boston einzuladen. Du wirst sie mögen.“
„Wicker, wenn es nicht so schrecklich gewöhnlich wäre, würde ich mir ins Fäustchen lachen“, sagte sie und musterte ihn mit einer ruhigen Prüfung, die ihn aus dem Konzept brachte. „Ich bin nicht von gestern, weißt du. Mutter vielleicht schon, aber nicht deine liebe kleine Schwester. Kopf hoch, Bruder. Du wirst darüber hinwegkommen, genau wie alle anderen. Ich werde sie einladen, aber – bitte runzle nicht so die Stirn. Ich fange an, etwas zu vermuten.“
Während der vielen kleinen Automobilausflüge, die die beiden Mädchen in jenen wenigen Tagen in Tinkletown genossen, fand Miss Bonner vieles, was sie an Rosalie lieben konnte, vieles, was sie schätzte, und eine ganze Menge, worauf sie gespannt sein konnte. Vorsätzlich machte sie sich daran, durch „Deduktion“ herauszufinden, wie Rosalies Gefühle für den großen Bruder wirklich waren. Sie wäre nicht überrascht gewesen, die verräterischen Anzeichen einer echten, aber geheimen Zuneigung bei Rosalie zu entdecken, doch im Gegenteil war sie erstaunt und nicht wenig verärgert, dass das junge Mädchen jedem Annäherungsversuch mit einer freudigen Offenheit begegnete, die jede Möglichkeit einer Liebe für den vermeintlich unwiderstehlichen Bruder definitiv ausschloss. Miss Ediths Geist war völlig beruhigt, aber mit dem arroganten Stolz einer Schwester ärgerte es sie, dass irgendjemand diesen geschätzten Bruder kennen konnte, ohne ihm zu verfallen. Perverserweise hätte sie Rosalie gehasst, wenn sie sie in einem einzigen Moment der Unachtsamkeit dabei ertappt hätte, ein zärtlicheres Gefühl als freundschaftliches Interesse für ihn zu offenbaren.
Raffiniert und weltklug las die fröhliche, sorglose Miss Bonner ihre Seiten schnell – sie überflog sie –, aber sie sah eine ganze Menge zwischen den Zeilen. Wäre ihre Mutter ebenso scharfsinnig gewesen, hätte diese höchst schätzenswerte Dame sich in gewisser Hinsicht immens erleichtert gefühlt.
Bonner hatte es dieser Tage schwer. Es war schlimmer als Elend, im Haus zu bleiben, und es kam für ihn absolut nicht in Frage, sich hinauszuwagen. Sein Bein heilte mit widerlicher Schnelligkeit, aber sein Herz begab sich in eine Krankheit, die über die Heilkünste der Menschen spottete. Und wenn sein Abschied von seiner Mutter und der rosig-wangigen jungen Frau nach Erleichterung schmeckte, so muss ihm dies verziehen werden. Ein wunder Brustkorb nimmt keine Rücksicht auf Personen.
Sie kehrten mit dem frühen Morgenzug von Boggs City zurück ins „Hub“, und es war abgemacht, dass Rosalie sie im Juni besuchen sollte. Man darf in aller Wahrheit sagen, dass sowohl Mrs. Bonner als auch ihre Tochter entzückt über ihr Versprechen waren. Sollten sie irgendein Unbehagen bezüglich der Möglichkeit unschöner Enthüllungen in Verbindung mit ihrer Herkunft verspürt haben, so verbanden sie sich vorsätzlich die Augen und gaben sich dem Spiel der Konsequenzen hin.
Mrs. Bonner wartete im Automobil, nachdem sie sich von Wicker verabschiedet hatte.
„Ich werde ihn genau im Auge behalten, Mrs. Bonner“, versprach Anderson, „und Ihnen telegrafieren, falls sich sein Zustand auch nur ein bisschen ändert. Ich habe heute ‚Doc‘ Smith gefragt, ob er mir die ganze Wahrheit über ihn sagen kann, und –“
„Die ganze Wahrheit? Was meinen Sie damit?“, rief sie voller frischer Alarmbereitschaft.
„Machen Sie sich keine Sorgen, gnädige Frau. Er macht gute Fortschritte, sagt der Doc. Er hat mir gesagt, dass er außer Lebensgefahr sei, wenn er erst wieder in Boston ist. Sein Herz macht dem Doc ein wenig Sorgen. Ich habe ihn gebeten, Klartext zu reden und mir genau zu sagen, wie schlimm es betroffen ist. Er sagte: ‚Derzeit ist nur die linke Herzkammer – was auch immer das sein mag – nur die linke ist punktiert, aber die rechte scheint einen Tapetenwechsel nötig zu haben.‘“
KAPITEL XXVII
Das spöttische Grinsen
„Ich mag Ihre Mutter“, sagte Anderson später am Abend zu Wicker. „Sie ist eine vollkommene Dame. Verflixt, es ist eine Erleichterung, eine reiche Frau zu sehen, die weiß, wie man eine Dame ist. Sie ist kein bisschen eingebildet und doch ist sie eine richtige Aristokratin. Habe ich Ihnen jemals erzählt, was mit Judge Courtwrights Frau passiert ist? Nein? Nun, es ist schon lange her, direkt hier in Tinkletown. Der Richter kam zu dem Schluss, dass dies ein guter Ort für ein Sommerhaus wäre – also bauten er und sie ein prächtiges Anwesen dort unten an der Flussklippe. Es war der einzige Sommersitz auf dieser Seite des Flusses. Nun, natürlich musste Mrs. Courtwright sich einmischen und die Anführerin der Frauen in diesem Ort werden. Sie spielte sich als Herrscherin über sie auf und ließ sie wissen, dass sie eine Königin oder so etwas sei und sie nichts weiter als Bauern. Und die verdammten dummen Frauen ließen sie das auch noch tun. Es scheint, als sei ihr Urgroßvater ein ‚Squire‘ in England gewesen, und sie hatte das Recht, vornehm zu sein. Nun, sie herrschte zwei Sommer lang über den Hühnerstall, und niemand konnte ihr nahekommen ohne eine Sondererlaubnis des Allmächtigen. Sie sah niemanden mit ihren Augen an; ihr Kinn war so hoch in der Luft, dass sie durch die Nase schauen musste.
„Ihr Mann war so alt wie Methusalem – das heißt, er war so alt wie Methusalem war, als er noch ein Junge war, sozusagen – und sie hatte ihn zu Tode verschreckt. Aber ich habe sie zurechtgestutzt. Am Ende des zweiten Sommers war sie bereit, sich aufzumachen und zu verschwinden, Herzog hin oder her. Lassen Sie mich Ihnen einen Tipp geben, Wick. Wenn Sie eine Königin auf Ihr Niveau herabholen wollen, lassen Sie sie einfach wissen, dass Sie über sie lachen. Nun, mein Herr, die Frau des Richters pflegte die Nase über mich zu rümpfen, bis ich mich zu klein fühlte, um gesehen zu werden. Mein Stolz suhlte sich im Staub. Schließlich dachte ich mir einen Plan aus, um sie dranzukriegen. Jedes Mal, wenn ich sie sah, grinste ich sie an – kein Wort sagen, wohlgemerkt, sondern sie nur ansehen, als ob sie mir irgendwie komisch vorkäme. Nun, mein Herr, ich habe das gut und kräftig durchgezogen. Das Erste, was ich merkte, war, dass sie anfing auszusehen, als ob sie von einer Biene gestochen worden wäre und die Stelle nicht finden könnte. Ich erwischte sie dabei, wie sie verstohlene Blicke auf mich warf, und sie fand mich immer mit einem Grinsen im Gesicht – einem guten, gesunden Grinsen noch dazu.
„Es gab nichts, worüber man lachen könnte, wohlgemerkt, aber das wusste sie nicht. Sie fing an, an ihrer Frisur herumzuzuppeln und sich wegen ihrer Kleidung Sorgen zu machen. Dann wischte sie sich übers Gesicht, um zu sehen, ob das Puder richtig saß, während sie sich die ganze Zeit fragte, worüber zum Teufel ich lachte. Wenn sie in ihrer Kutsche vorbeifuhr, sah sie sich um, um zu sehen, ob ich lachte; und das tat ich immer. Ich versagte nie. Die ganze Zeit sagte ich kein Wort – ich grinste nur, als ob sie mich halb zu Tode amüsierte. Nach und nach fing ich an, es wissenschaftlich anzugehen. Ich brachte es so weit, dass ich, wenn sie mich beim Lachen erwischte, mein Bestes tat, um das Grinsen zu verbergen. Natürlich machte das alles nur noch schlimmer. Sie zappelte und wand sich und wurde rot im Gesicht, bis es aussah, als wäre sie eingepökelt. Verflixt, wenn sie nicht anfing, ihre Pflichten als Urenkelin zu vernachlässigen! Sie hatte keine Zeit mehr, sich als Herrscherin über ihre Bauern aufzuspielen. Sie war zu verdammt damit beschäftigt, sich zu fragen, worüber ich lachte.
„Dann fing sie an, blass und dünn auszusehen. Sie sah aus, als würde sie die ganze Zeit Geister sehen. Dieses verdammte Grinsen von mir verfolgte sie jede Minute. Natürlich konnte sie sich nicht darüber beschweren. Das ging beim besten Willen nicht. Sie musste es einfach ertragen, ohne zu grinsen. Es gab nichts zu sagen. Schließlich blieb sie den Treffen fern und hörte fast auf, durch die Stadt zu fahren. Jeder bemerkte die Veränderung an ihr. Die Leute sagten, sie würde verrückt wegen ihrer Frisur. Sie verlor dreißig Pfund vor lauter Sorge vor dem August, und als der September kam, musste der Richter sie in eine Kur schicken. Sie kamen nie wieder nach Tinkletown zurück, und der Richter musste das Anwesen für die Hälfte dessen verkaufen, was es ihn gekostet hatte. Zwei Jahre lang bekam sie fast hysterische Anfälle, wenn jemand lachte. Aber es tat ihr gut. Es veränderte ihre Ansichten. Sie hat ihre hochnäsige Art abgelegt, sagt man, und ich höre, dass sie heute eine der nettesten, süßesten alten Damen in Boggs City ist. Aber Blootch Peabody sagt, dass sie bis heute ganz durcheinander aussieht, wenn jemand ihre Frisur bemerkt. Der Herr weiß, dass ich nicht über ihre Haare gelacht habe. Ich verstehe nicht, warum sie das dachte, Sie etwa?“
Bonner lachte lange und herzlich über das Experiment; doch Rosalie drückte energisch ihre Missbilligung über die Methoden des Marshalls aus.
„Das ist das einzig wirklich Gemeine, das ich je von Ihnen gehört habe, Daddy Crow!“, rief sie. „Es war grausam!“
„Natürlich ergreifen Sie Partei für sie, als Frau“, sagte er gelassen. „Mrs. Crow tat das auch, als ich ihr vor zwanzig Jahren davon erzählte. Frauen haben nicht viel Sinn für Humor, was, Wick?“ Er nannte ihn mittlerweile Wick; und der junge Mann genoss die Vertraulichkeit.
„Ich schätze, das liegt an der Erziehung“, erwiderte Bonner und lachte, wobei sein Blick jedoch an Rosalie hängen blieb, die mit einem Ausdruck in den Augen wegsah, den er nicht zu deuten vermochte. „Ich glaube, ich habe diese Art von Humor noch nicht ganz verinnerlicht, Marshall.“
„Warten Sie nur ab, bis Sie eine Weile hier sind“, entgegnete Anderson Crow fröhlich. „Man lernt hier, das Leben nicht so ernst zu nehmen, wie es die Leute in Boston tun. Alles, was man braucht, ist eine gesunde Portion Menschenverstand und die Fähigkeit, über die eigenen Fehler zu lachen.“
Die Tage vergingen, und mit jeder Stunde, die verstrich, schien sich das Band zwischen Bonner und Rosalie fester zu ziehen. Es war, als hätten sie in der Stille von Tinkletown eine Sprache gefunden, die nur ihnen gehörte – eine Sprache der Blicke, des Schweigens und der kleinen, flüchtigen Berührungen, die mehr sagten als tausend Worte. Bonner fühlte sich, als würde er aus einem langen, traumlosen Schlaf erwachen, in eine Welt, die plötzlich in leuchtenden Farben erstrahlte. Doch über allem lag noch immer der Schatten seiner eigenen Zweifel und die ungelöste Frage ihrer Herkunft, die wie ein Damoklesschwert über ihrem Glück schwebte.
Rosalie hingegen lebte in einer Art schmerzhafter Glückseligkeit. Sie wusste, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegte. Sie sah die Bewunderung in Bonners Augen, sie spürte die Wärme seiner Nähe, doch sie erinnerte sich auch an die Kluft, die zwischen ihnen klaffte – eine Kluft, die nicht durch den sozialen Stand, sondern durch das Geheimnis ihrer Identität bestimmt wurde. Sie war die Findelkind-Tochter von Anderson Crow, während er ein Bonner aus Boston war. In den Momenten, in denen die Welt um sie herum still zu stehen schien, fragte sie sich, ob sie den Mut hätte, den Schleier ihrer Vergangenheit zu lüften, oder ob es besser wäre, das Schicksal seinen Lauf nehmen zu lassen.
„Sie wirken manchmal so nachdenklich, Rosalie“, sagte Bonner eines Abends, als sie gemeinsam auf der Veranda des Marshalls saßen und die kühle Abendluft genossen. „Als ob Sie in einer Welt leben, zu der ich keinen Zutritt habe.“
Sie lächelte schwach, ein Ausdruck von Melancholie in ihren Zügen. „Vielleicht ist das auch so, Wick. Es gibt Dinge in meinem Leben, die sich nicht einfach in Worte fassen lassen. Dinge, die... die vielleicht besser im Dunkeln bleiben sollten.“
Bonner legte seine Hand auf ihre. „Nichts, was Sie betrifft, sollte im Dunkeln bleiben müssen. Ich möchte alles von Ihnen wissen – jedes Geheimnis, jeden Kummer, jede Hoffnung.“
Rosalie zog ihre Hand sanft zurück. „Sie wissen nicht, was Sie sich wünschen, Wick. Manche Wahrheiten sind wie Dornen; sie verletzen denjenigen, der sie berührt.“
In diesem Moment wussten sie beide, dass das Unausgesprochene zwischen ihnen stand wie eine Mauer. Doch trotz der Schwere ihrer Gedanken war da auch eine tiefe, unerschütterliche Zuneigung, die sie fest zusammenhielt. Tinkletown mochte ein verschlafenes Nest sein, doch für sie beide war es der Ort, an dem sich das Schicksal zu entscheiden begann. Und während der Mond über den Feldern aufging, ahnten sie noch nicht, dass die kommenden Wochen ihr Leben für immer verändern würden.
Einst, als sie mit den Bonners im Wagen unterwegs war, sah sie einen Mann, den sie kannte, von dem sie jedoch nicht erwartet hätte, ihn jemals wiederzusehen. Sie konnte sich nicht in ihm täuschen. Es war Sam Welch, der Anführer der Entführer. Er starrte sie von einer belebten Straßenecke aus an, verschwand jedoch vollständig, bevor Bonner die Polizei auf seine Fährte setzen konnte.
Der Abschlusstag in Cambridge brachte Hunderte der alten Männer zurück – die Männer, die in jedem Wissenszweig und Sport berühmt waren. Unter ihnen war der gutaussehende Tom Reddon. Er kam, um sie im Hause Bonner zu besuchen. Elsie Banks sollte im September aus Honolulu zurückkehren, und sie sollten im Herbst heiraten. Wicker Bonner suchte eifrig nach der Verwirrung der Liebe in ihren Augen, doch es erschien keine. In jener Nacht sagte sie ihm, als Antwort auf eine impulsive Forderung, dass sie nichts für Reddon empfinde, dass sie nie das geringste Gefühl von Zärtlichkeit für ihn gehegt habe.
„Hast du jemals geliebt, Rosalie?“, fragte er schonungslos.
„Ja“, sagte sie nach einem Augenblick und sah ihm tapfer in die Augen.
„Und könntest du niemals lernen, jemanden anderen zu lieben?“
„Ich glaube nicht, Wicker“, sagte sie ganz leise.
„Ich bitte um Verzeihung“, sagte er demütig, das Gesicht bleich und die Lippen zusammengepresst. „Ich hätte nicht fragen sollen.“
Und so blieb er der Blinde, während das Licht ihm hell in die Augen schien.
KAPITEL XXIX
Der geheimnisvolle Fragesteller
Der Juli brachte Rosalies Besuch zu einem Ende, und wieder einmal sonnte sich Tinkletown in ihrem Lächeln und fragte sich doch, warum es so traurig und wehmütig war. Sie und Bonner waren einander viel näher, viel teurer als je zuvor, und doch war nicht ein Versuch unternommen worden, die Kluft des Schweigens über das zu überbrücken, was ihnen am meisten auf dem Herzen lag. Sie wusste nur, dass Anderson Crow seinen Hinweis nicht „aufgespürt“ hatte und der Detektiv aus New York sich seit Wochen nicht gemeldet hatte. Zweifellos hatte Letzterer die Suche aufgegeben, denn das Letzte, was man von ihm hörte, war, dass er mit seiner Frau zu einer Vergnügungsreise von unbekannter Dauer nach Europa aufgebrochen war. Alles daran wirkte so düster und hoffnungslos für sie. Hätte Bonner am Ende des Besuchs in Boston auf seinen Forderungen beharrt, wäre es möglich – mehr als möglich – gewesen, dass sie in ihrem Entschluss gewankt hätte. Warum sollte sie sich schließlich das Glück versagen, wenn es ihr mit dem Versprechen hingehalten wurde, dass es niemals enden würde?
Der Sommer wurde im Tiefland um Tinkletown drückend heiß, doch in den großen Hügeln jenseits des Flusses war die Luft kühl, klar und belebend. Die Menschen begannen, aus den fernen Städten in ihre Landsitze zu eilen. Ehe der Monat alt war, wurden zwanzig oder mehr wunderschöne Anwesen geöffnet und mit den Söhnen und Töchtern der Reichen gefüllt. Träge trieben, fuhren und wanderten sie durch die weltberühmten Hügel und fragten sich träge, warum der Rest der Welt überhaupt lebte. In den Hügeln waren nun die Randalls, die Farnsworths, die Brackens, die Brewsters, die Van Wagenens, die Rolfes und eine Schar anderer. Tinkletown sah sie gelegentlich, wenn sie in ihren leichten Wagen, Bremsen und Automobilen vorbeifuhren – doch es ist äußerst zweifelhaft, ob sie Tinkletown im Vorüberfahren sahen.
Anderson Crow blühte und gedieh im Glanz seiner eigenen Wichtigkeit. Im Alter wurde er wählerisch. Nur in der Privatsphäre seines eigenen Hinterhofs ging er ohne den schwarzen Alpakarock; er begann die anderen Tage zu verachten, an denen er von Sonnenaufgang bis Einbruch der Dunkelheit ohne Rock unterwegs gewesen war, ob auf der Straße oder nicht. Seine Abzeichen waren ordentlich an das Revers gesteckt und nicht an seine Hosenträger wie in alten Zeiten. Seine Würde war dieselbe, doch das alte Gefühl der Reizbarkeit war stark gemildert. In diesen neuen Tagen war er rücksichtsvoll – und herablassend. War er nicht einer der wohlhabendsten Männer der Stadt – mit seinen sechstausend Dollar auf der hohen Kante? War er nicht ihr angesehenster Bürger, den Bürgermeister und die Ratsherren nicht ausgenommen? War er nicht vor allem ein enger Freund der Bonners?
Die Bonners sollten den August im Haus des Kongressabgeordneten jenseits des großen Flusses verbringen. Allein diese Tatsache genügte, um das Haus Crow bis in seine kleinsten Wurzeln aufzurütteln. Rosalie sollte einer der Gäste bei der Gesellschaft sein, doch ihre Pflegeschwestern waren nicht die Art von Mädchen, die neidisch waren. Sie schwelgten mit ihr in den Vorbereitungen für diese neue Saison der Freude.
Mit der Ankunft der Bonners erneuerte Anderson wieder seinen Entschluss, das Geheimnis um Rosalies Geburt zu lüften. Einige Monate lang hatte dieser Ehrgeiz geruht, doch nun, mit der Annäherung des Mannes, den sie liebte, entflammte die Hingabe des alten Marshals erneut, und er schwor täglich, dass das Geheimnis geklärt werden müsse, „ob es nun wollte oder nicht“.
Er nahm den armen alten Alf Reesling ein ums andere Mal ins „Verhör“, und der nichtsnutzige Tom Folly hatte manche unruhige Nacht, weil er sich fragte, warum der Marshal ihn so hartnäckig beschattete.
„Alf“, verlangte Anderson während einer der Sitzungen, „wo warst du in der Nacht des 18. Februar 1883? Zögere nicht. Sag es schon. Wo warst du? Aha, du kannst nicht antworten. Das sieht verdächtig aus.“
„Du kannst wetten, dass ich antworten kann“, sagte Alf tapfer und blinzelte mit seinen trüben Augen. „Ich war in Tinkletown.“
„Was hast du in jener Nacht gemacht?“
„Ich habe geschlafen.“
„Um wie viel Uhr? Vorsicht jetzt, lüg nicht.“
„Um wie viel Uhr nachts haben sie sie auf deiner Veranda abgesetzt?“, fragte Alf seinerseits.
„Es war gerade halb elf.“
„Du hast recht, Anderson. Genau um die Zeit habe ich geschlafen.“
„Kannst du es beweisen? Hast du Zeugen?“
„Ja, aber die erinnern sich nicht an die Nacht.“
„Dann könnte es dir übel ergehen. Alf, ich glaube immer noch, dass du mit dem Fall etwas zu tun hattest.“
„Hatte ich nicht, Anderson, so wahr mir Gott helfe.“
„Nun, verdammt noch mal, irgendwer hatte es“, brüllte der Marshal. „Wenn du es nicht warst, wer war es dann? Antworte darauf, mein Herr.“
„Ach, verflixt noch mal, Anderson Crow, ich hatte keine überschüssigen Kinder, die ich auf Türschwellen hätte absetzen können. Ich hatte schon immer Mühe, mich selbst nicht dort abzusetzen. Außerdem war es eine Frau, die sie abgesetzt hat, nicht wahr? Nun, verdammt noch mal, ich bin keine Frau, oder? Sieh dir meine Koteletten an, beim Kuckuck! Ich –“
„Ich habe nicht gesagt, dass du den Korb abgesetzt hast, Alf; ich sagte nur, dass du damit zu tun hattest. Ich erinnere mich, dass es in jener Nacht einen starken Geruch nach Alkohol in der Gegend gab.“ Im Nu schnupperte Anderson an der Luft. „Verdammt noch mal, der gleiche Geruch wie jetzt – du bist betrunken.“
„Tom Folly trinkt auch“, protestierte Alf. „Er trinkt Martini-Cocktails.“
„Du nicht?“
„Nicht mehr. Das letzte Mal, als ich einen bestellte, war in einem holländischen Lokal oben in Boggs City. Der Kellner konnte kein Wort Englisch, und deshalb habe ich mich so vollaufen lassen. Jedes Mal, wenn ich ‚trockenen Martini‘ bestellte, brachte er mir drei. Er wusste nicht, wie man es buchstabiert. Nein, mein Herr, Anderson; ich bin nicht die Frau, die du suchst. Ich war in jener Nacht zu Hause und habe geschlafen. Ich erinnere mich so gut wie an alles, dass ich vor dem Schlafengehen sagte, es sei eine gute Nacht zum Schlafen. Ich erinnere mich, wie ich auf die Küchenuhr sah und feststellte, dass es gerade achtzehn Minuten nach elf war. Und dann sagte ich –“
„Das reicht für heute, Alf“, unterbrach der Fragesteller, dessen Blick plötzlich auf etwas die Straße hinunter fiel. „Das hast du mir in den letzten zwanzig Jahren sechshundertmal erzählt. Komm schon, ich sehe die Jungs dort drüben bei der Schmiede Hufeisen werfen. Ich spiele eine Runde mit dir um die Zigarren.“
„Ich kann nicht bezahlen, wenn ich verliere“, protestierte Alf.
„Ich weiß“, sagte Anderson; „ich erwarte auch nicht, dass du es kannst.“
Der erste Tag, an dem Bonner mit dem Automobil herüberfuhr, um Rosalie an den Ort jenseits des Flusses zu verpflanzen, fand Anderson voller neuer und aufregender Empfindungen. Er zog den großen, sonnengebräunten jungen Mann verstohlen in den Stall, weit weg vom Haus. Trotz seines Lächelns sah Bonner irgendwie älter und ernster aus. Es lag ein fester, entschlossener Ausdruck um Mund und Augen, der Anderson als neu auffiel.
„Sag mal, Wick“, begann der Marshal geheimnisvoll, „ich stecke in der Klemme.“
„Was? Schon wieder?“
„Nein; genau in derselben. Ich bin heute – nicht vor zwei Stunden – fast auf etwas gestoßen. Ich habe da draußen in der Nähe der Kreuzung einen Mann getroffen, von dem ich sicher bin, dass ich ihn damals hier in der Gegend gesehen habe, als Rosalie auf der Veranda abgesetzt wurde. Und das Komische daran war, er hielt mich an und fragte mich nach ihr. Verdammt, ich wünschte, ich hätte ihn nach seinem Namen gefragt.“
„Das meinst du nicht im Ernst!“, rief Bonner, ganz Ohr. „Hat er nach ihr gefragt? War er ein Fremder?“
„Ich glaube, er war es. Zumindest sagte er, er sei seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr hier in der Gegend gewesen. Siehst du, es war so: Ich war bei Lem Hudlow, um zu fragen, ob er letzte Nacht Schweine gestohlen bekommen hat – Lem wohnt in der Nähe des Armenhauses, weißt du. Er sagte, er hätte keine vermisst und fragte mich, ob Schweine gefunden worden seien. Ich sagte ihm nein, nicht dass ich wüsste, aber ich dachte mir nur, ich frage mal; ich dachte, vielleicht seien ihm welche gestohlen worden. Man weiß ja nie, und es zahlt sich aus, immer bei der Sache zu sein. Nun, ich fuhr langsam zurück, als ein Kerl zu Pferd angeritten kam. Er war ein gut aussehender Mann von etwa fünfzig Jahren, schätze ich, und trug all diese neumodischen Reitklamotten. ‚Ist das nicht Herr Crow, mein alter Freund, der Detektiv?‘, sagte er. ‚Ja, mein Herr‘, sagte ich. ‚Ich schätze, du erinnerst dich nicht an mich‘, sagt er. Ich sagte ihm, dass ich es tue, aber ich habe gelogen. Es wäre nicht gut für ihn gewesen zu denken, dass ich ihn nicht kenne, wo ich doch ein Detektiv bin, verstehst du?
Wir unterhielten uns über das Wetter und die Ernte, während er neben dem Wagen herritt. Verdammt, sein Gesicht kam mir bekannt vor, aber ich konnte es nicht einordnen. Schließlich beugte er sich vor und sagte feierlich: ‚Haben Sie immer noch das kleine Mädchen, das auf Ihrer Veranda abgesetzt wurde?‘ Du kannst wetten, dass ich einen Sprung gemacht habe, als er das sagte. ‚Ja‘, sagte ich, ‚aber sie ist jetzt kein kleines Mädchen mehr. Sie ist erwachsen geworden.‘ ‚Ist sie hübsch?‘, fragte er. ‚Ja‘, sagte ich, ‚hübsch wie ein gesprenkelter Welpe!‘ ‚Ich würde sie gerne sehen‘, sagte er. ‚Ich höre, sie war ein wunderschönes Baby. Ich hoffe, sie ist sehr, sehr glücklich.‘ ‚Was geht das Sie an?‘, sagte ich scharf. ‚Ich interessiere mich sehr für sie, Herr Crow‘, antwortete er. ‚Armes Kind, ich habe lange an sie gedacht‘, fuhr er sehr feierlich fort. Ich begann sofort zu vermuten, dass er viel mit ihren Angelegenheiten zu tun hatte. Irgendwie konnte ich nicht anders, als zu denken, dass ich ihn in Tinkletown gesehen hatte, als sie abgesetzt – ich meine, zurückgelassen – wurde.
‚Sie haben ihr eine gute Ausbildung gegeben, hoffe ich‘, sagte er. ‚Ja, sie hat die beste der Stadt bekommen‘, sagte ich. ‚Die tausend Dollar kamen jedes Jahr pünktlich an?‘ ‚Jeden Februar.‘ ‚Ich würde sie gerne einmal sehen, wenn ich darf, ohne dass sie es weiß, Herr Crow.‘ ‚Und warum auf diese Weise, mein Herr?‘, verlangte ich zu wissen. ‚Es würde sie wahrscheinlich stören, wenn sie wüsste, dass ich sie als Objekt der Neugier betrachte‘, sagte er. ‚Sagen Sie ihr von mir‘, fuhr er fort, während er sich anschickte, sein Pferd anzutreiben, ‚dass sie einen unbekannten Freund hat, der alles, was er besitzt, geben würde, um ihr zu helfen.‘ Verdammt, er gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon, bevor ich noch ein Wort sagen konnte. Dabei wollte ich ihn auch noch eine Menge fragen.“
„Kannst du dich nicht erinnern, wo und unter welchen Umständen du ihn früher gesehen hast?“, rief Bonner, sehr aufgeregt.
„Ich werde versuchen, heute Nacht darüber nachzudenken. Er war ein reich aussehender Kerl und er hatte ein schweres schwarzes Band um einen seiner Ärmel. Wick, ich wette, er ist der Mann, den wir suchen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass er ihr Vater ist!“
Bonner entlockte dem Marshal ungeduldig alle möglichen Informationen, besonders über das Aussehen des Fremden, seine Stimme, die Richtung, die er einschlug, als sie sich trennten, und kam dann düster zu dem Schluss, dass eine ausgezeichnete Gelegenheit hoffnungslos vertan war. Anderson sagte beim Verhör, der Fremde habe ihm erzählt, er „reise sofort nach New York und gehe dann nach Europa“. Seine Mutter sei vor kurzem gestorben.
„Ich werde versuchen, ihn in Boggs City abzufangen“, sagte Bonner; und eine halbe Stunde später war er mit Höchstgeschwindigkeit in dem großen Wagen auf dem Weg zum Verwaltungssitz, einem Umweg nach Bonner Place. Der Zug nach New York war bereits abgefahren, aber niemand hatte einen Mann gesehen, der der Beschreibung von Andersons Gesprächspartner entsprach.
„Es tut mir leid, Rosalie“, sagte Bonner einige Zeit später. Er nahm sie für eine Spritztour im Automobil mit. „Es war eine vage Hoffnung, und es ist zudem recht wahrscheinlich, dass Herrn Crows Eindrücke falsch sind. Der Mann könnte absolut keine Verbindung zu der Angelegenheit haben. Ich gebe zu, es wirkt interessant, seine Art und seine Fragen, und es besteht eine Chance, dass er die wahre Geschichte kennt. Auf jeden Fall ist er heute nicht nach New York gefahren und kann keinen anderen Zug vor morgen bekommen. Ich werde Herrn Crow am Morgen abholen und wir werden hierher fahren, um einen Blick auf ihn zu werfen, falls er auftaucht.“
„Ich glaube, es ist eine wilde Jagd, Wicker“, sagte Rosalie verzweifelt. „Papa Crow hat solche Dinge schon früher getan.“
„Aber das hier scheint anders zu sein. Das Verhalten des Mannes war merkwürdig. Er muss einen Grund gehabt haben, sich für dich zu interessieren. Ich bin absolut wild vor Eifer, dieses Geheimnis zu lösen, Rosalie. Es bedeutet mein Leben.“
„Oh, wenn du das nur könntest“, rief sie so inbrünstig, dass sein Herz vor Mitleid für sie aufsprang.
„Ich liebe dich, Rosalie. Ich würde mein ganzes Leben geben, um dich glücklich zu machen. Hör zu, meine Liebste – dreh dich nicht von mir weg! Hast du Angst vor mir?“ Er wimmerte es fast in ihr Ohr.
„Ich – ich habe nur an die Gefahr gedacht, Wicker. Du achtest nicht auf die Straße“, sagte sie und wurde tiefrot. Er lachte zum ersten Mal seit Monaten fröhlich.
„Es ist eine breite und freie Straße“, sagte er jubelnd. „Wir sind allein und wir treiben nur dahin. Das Auto ist voller Glück. Rosalie – Rosalie, ich könnte vor Freude schreien! Du liebst mich? Du willst meine Frau werden?“
Sie war bleich und still und fühlte sich schwach vor dem Glück von alledem und dem Schmerz von alledem. Freude in dem vollen Wissen, dass er sie liebte und trotz der Wolke, die sie einhüllte, gesprochen hatte, Schmerz in der Gewissheit, dass sie das Opfer nicht annehmen konnte. Lange Zeit saß sie da und starrte geradeaus die breite Straße entlang, über die sie rollten.
„Wicker, du darfst mich jetzt nicht fragen“, sagte sie schließlich, tapfer und ernst. „Es ist schön zu wissen, dass du mich liebst. Es ist Leben für mich – ja, Leben, Wicker. Aber verstehst du nicht? Nein, nein! Du darfst es nicht erwarten. Du darfst es nicht verlangen. Tu es nicht, tu es nicht, Liebster!“, rief sie und wich zurück, als er sich zu ihr neigte, mit Leidenschaft in seinen Augen, mit Triumph in seinem Gesicht.
„Aber wir lieben uns!“, rief er. „Was spielt der Rest für eine Rolle? Ich will dich – dich!“
„Hast du es bedacht? Hast du nachgedacht? Ich habe es getan, tausendmal, tausend bittere Gedanken. Ich kann nicht, ich werde nicht deine – deine Frau sein, Wicker, bis –“
Vergeblich argumentierte, flehte und befahl er. Sie blieb fest und sie fühlte, dass sie im Recht war, wenn auch nicht gerecht. Unter alledem lauerte die Angst, die schreckliche Angst, dass sie ein Kind der Liebe gewesen sein könnte, das uneheliche Produkt von Leidenschaft. Es war die Last, die sie fast bis zur Leblosigkeit erdrückte; es war der Makel der Herkunft.
„Nein, Wicker, ich meine es ernst“, sagte sie am Ende entschlossen. „Nicht, bevor ich dir einen Namen als Gegenleistung für deinen eigenen geben kann.“
„Dein Name soll eines Tages Bonner sein, wenn ich das soziale System des ganzen Universums zertrümmern muss, um einen anderen für dich zu enthüllen.“
Das Automobil stand, durch einen außerordentlichen Zufall, seit zehn Minuten oder länger im kühlen Schatten einer großen Eiche, aber es war eine kluge, diskrete alte Eiche.
KAPITEL XXX
Der Raubüberfall auf den Hemisphere-Zug
Anderson Crow lebte am äußersten südlichen Ende der Hauptverkehrsstraße von Tinkletown. Das „Loch“ befand sich am anderen Ende der Main Street, wobei mindestens eine halbe Meile das Zuhause des Gesetzes und das Zuhause der Gesetzlosen trennte. Allein die angeborene Liebe von Marshal Crow zum Spektakulären erklärt die Unnachbarschaftlichkeit der beiden Einrichtungen. Er empfand einen inneren Stolz, die ganze Länge der Straße zu reiten oder zu gehen, und er hatte sicherlich keinen Grund, die Bevölkerung zu verdächtigen, die äußere Pracht, die er darbot, zu missachten.
Der ursprüngliche Plan der Kaufmannschaft sah den Bau des Gefängnisses in unmittelbarer Nähe des Hauses seines obersten Beamten vor, doch Herr Crow stellte seinen Fuß flach und gewichtig auf das Vorhaben. Mit der Würde, die ihn bemerkenswert machte, sagte er, er wolle „verdammt noch mal nicht, dass Leute in seinen eigenen Vorgarten kommen, um verhaftet zu werden“. Woraus man schließen darf, dass er erwartete, dass der Missetäter seinen eigenen Verhaftungsort wählt.
Herr und Frau Crow wurden sparsam, in Anbetracht der Aussicht, die ihnen bevorstand, nämlich: Die mögliche Heirat von Rosalie und das Ausbleiben der jährlichen Zahlungen. Da sie für einen ganzen Monat oder länger abwesend sein sollte, fasste Anderson den Gedanken, einen Logiergast und Kostgänger zu suchen. Indem sie Roscoe aus seinem Bett warfen, gewannen sie ein Gästezimmer, das auf die Pfingstrosenbeete jenseits des seitlichen „Portikus“ hinunterblickte.
Herr Crow drehte eines Morgens, kurz nach Rosalies Abreise, träge an seinen spärlichen Kinnbärten. Er lehnte an der Stadtpumpe vor dem Postamt, die Sonne glänzte wirkungslos von der hellen Plakette am Revers seines Alpakarocks. Ein Fremder kam aus dem Postamt und näherte sich dem Marshal.
„Sind Sie Herr Crow?“, fragte er mit beträchtlicher Ehrerbietung.
„Das bin ich, mein Herr.“
„Man sagt mir, Sie nehmen Logiergäste auf.“
„Kommt darauf an.“
„Mein Name ist Gregory, Andrew Gregory, und ich bin hier, um die Nachbarschaft im Interesse der Human Life Insurance Company aus Penobscot zu bearbeiten. Wenn Sie Referenzen brauchen, kann ich sie aus New York oder Boston beschaffen.“
Der Fremde war ein großer, hagerer Mann von vierzig oder fünfundvierzig Jahren, gut gekleidet, mit einer schroffen und doch angenehmen Art zu sprechen. Sein Schnurrbart und sein Bart waren schwarz und ziemlich dicht. Herr Crow musterte ihn einen Moment lang ruhig.
„Ich schätze, ich werde nicht nach Referenzen fragen. Unsere Raten sind sechs Dollar pro Woche, Kost und Logis. Stören Sie Kinder?“
„Überhaupt nicht. Haben Sie welche?“
„Einige, mehr oder weniger. Sie sind größtenteils erwachsen.“
„Ich nehme Kost und Logis für mindestens zwei Wochen“, sagte Herr Gregory, der ein Mann der Tat zu sein schien.
Fast eine Woche lang ging der Versicherungsvertreter eifrig, aber fruchtlos seinem Beruf nach. Die Farmer und Bürger von Tinkletown waren langsam darin, Versicherungen abzuschließen. Sie redeten zwar gerne über Ernte und Politik mit dem zuvorkommenden Herrn Gregory, aber das war auch schon alles. Und doch gewann seine Gewandtheit ihm viele Bewunderer. Es gab nicht wenige, die ihm versprachen, ihm ihre Versicherung zu geben, falls sie sich entschließen sollten, „eine abzuschließen“. Nur ein Mann in der Stadt war bereit, sich versichern zu lassen, und er war zu alt, um ein Trost zu sein. Herr Calligan galt als einhundertdrei Jahre alt; und er wollte den Zwanzigjahres-Vorsorgeplan. Gregory machte sich im Hause Crow beliebt, indem er sein Zimmer im Voraus bezahlte. Zudem war er ein umgänglicher Kerl mit einem Vorrat an guten Geschichten direkt vom Broadway. Im Postamt und in Lamsons Laden war er bald ein großer Liebling. Sogar die Frauen, die abends ihre Einkäufe erledigten – eine bisher unbekannte Sitte –, verweilten außerhalb des Kreises auf der Veranda und schwelgten in der zweiten Auflage von „Tausendundeine Nacht“.
„Unser Freund, der Detektiv hier“, sagte er eines Nachts am Ende der ersten Woche, „erzählt mir, dass wir nächste Woche eine Vorstellung in der Stadt haben sollen. Ich habe keine Plakate gesehen.“
„Mark Riley wollte die Anschläge schon seit vorgestern anbringen“, sagte Anderson Crow mit Verärgerung in der Stimme, „und er hat es immer noch nicht getan. Der Vertreter der Truppe hat sie hier gelassen und Mark angeheuert, aber er ist so verdammt langsam, dass er sie nicht eher ankleben wird, bis die Vorstellung vorbei ist. Ich werde ihm morgen mal den Kopf waschen.“
„Was für eine Vorstellung ist es denn?“, fragte Jim Borum.
„Etwas wie ein Zirkus, nur ist es keiner“, sagte Anderson. „Sie geben nicht vor, Tiere zu haben.“
„Haben also keine Menagerie dabei, sehe ich“, bemerkte Gregory.
„Scheint so“, sagte Anderson, während er das Wort langsam analysierte.
„Ich verstehe, dass es eine Bühnenvorstellung unter einem Zelt ist“, bot der Postmeister an.
„Das ist es, was es ist“, sagte Harry Squires, der Herausgeber, mit einer Haltung der Überlegenheit. „Sie spielen ‚Wie es euch gefällt‘ von Shakespeare. Es ist eine großartige Vorstellung. Wir haben im Büro die Handzettel gedruckt. Sie werden morgen in der Stadt verteilt, und ein ganzer Stapel davon geht an die Sommerfrischen auf der anderen Seite des Flusses. Der Werbeagent sagt, es sei eine erstklassige Aufführung, die besonders die reichen Städter oben in den Bergen ansprechen werde. Es ist eine Art Freiluftveranstaltung, wissen Sie.“ Und dann sah sich Mr. Squires gezwungen, seinen Mitbürgern alle bekannten Einzelheiten über die bevorstehende Aufführung von „Wie es euch gefällt“ durch die Boothby Company zu erklären, die für den folgenden Donnerstagabend in Tinkletown angesetzt war. Hapgood’s Grove war vom Agenten als Ort für die Aufführung ausgewählt worden.
„Geben sie keine Nachmittagsvorstellung?“, fragte Mrs. Williams.
„Sicher nicht“, sagte Harry kurz angebunden. „Es ist kein Museum.“
„Natürlich nicht“, fügte Anderson Crow nachdenklich hinzu. „Es ist eine Truppe.“
Am nächsten Morgen machte sich Mark Riley bei Tagesanbruch mit Kleister und Bürste auf den Weg. Vor Mittag flammten die Bretterzäune, Scheunen und kahlen Mauern von Tinkletown auf mit großen roten und blauen Buchstaben, die sich um die Porträts von Shakespeare, Manager Boothby, Rosalind, Orlando und ein oder zwei zusätzlichen Königen in königlichen Gewändern wanden. Ein Dutzend kleiner Jungen verteilte die Handzettel aus der Banner-Druckerei, und Tinkletown war aufgewühlt von der Aufregung einer Sensation, wie man sie seit dem Besuch von Forepaughs Zirkus in der Kreisstadt vor drei Jahren nicht mehr erlebt hatte. Es versteht sich von selbst, dass Manager Boothby „Wie es euch gefällt“ mit einer „konkurrenzlosen Besetzung“ präsentieren würde. Er hatte eine „All-Star-Produktion“, direkt von „den führenden Theatern des Universums“.
Als Mark Riley am Nachmittag zu einem zweiten Ausflug mit Kleister und Bürste aufbrach und mit einer Schnelligkeit, die sein außerordentliches Interesse an der Sache bekundete, kleine Plakate „anklatschte“, befürchtete die erstaunte Bevölkerung, er kündige eine Verschiebung der Vorstellung an. Stattdessen aber verkündete er die Tatsache, dass die Hemisphere Trunk Line and Express Company gerne zehntausend Dollar Belohnung für die „Ergreifung und Festnahme“ der Männer zahlen würde, die ein paar Nächte zuvor einen ihrer reichsten Züge ausgeraubt, dabei über sechzigtausend Dollar an Bargeld erbeutet und obendrein zwei Boten kaltblütig ermordet hatten. Der große Zugüberfall ereignete sich im westlichen Teil des Staates, Hunderte von Meilen von Tinkletown entfernt, aber fast alle seine Bürger hatten die Berichte über die Tat in der Wochenzeitung aus Boggs City gelesen.
„Ich habe den Artikel darüber in Mr. Gregorys New Yorker Zeitung gesehen“, sagte Anderson Crow zu der Menge bei Lamson’s.
„Donnerwetter, das muss ein Ding gewesen sein!“, sagte Isaac Porter mit offenem Mund und begierig auf Einzelheiten. Daraufhin schilderte Marshal Crow die Geschichte des Verbrechens, das die Welt am Morgen des 31. Juli in Erstaunen versetzt hatte. Der Expresszug war an einer einsamen Stelle von einem halben Dutzend maskierter Männer aufgehalten worden. Ein Tresor war zertrümmert und der Inhalt beschlagnahmt worden, wobei die Täter so spurlos verschwanden, als wären sie vom Satan selbst unterstützt worden. Die Behörden waren ratlos. Eine riesige Belohnung wurde ausgesetzt in der Hoffnung, sie könnte einen unzufriedenen Untergebenen in der Bande dazu bringen, seine Kameraden zu verraten.
„Gehen Sie hinter ihnen her, Anderson?“, fragte der alte Mr. Borton mit unerschütterlichem Vertrauen in den obersten Beamten der Stadt.
„Die Kerle sind inzwischen schon in Asien“, versicherte Mr. Crow geringschätzig und vergaß dabei, dass seit dem Raub weniger als eine Woche vergangen war. Er schnippte eine Fliege von seiner Detektivplakette und schlug dann heftig nach demselben Insekt, als es unmittelbar darauf sein G.A.R.-Abzeichen angriff.
„Ich bezweifle das“, sagte Mr. Lamson. „Wahrscheinlich sind sie genau hier in diesem Staat, vielleicht in diesem Landkreis. Bei solchen raffinierten Desperados weiß man nie. Hallo, Harry! Hat man noch etwas von den Zugräubern gehört?“ Harry Squires näherte sich der Gruppe mit etwas, das wie eine Neuigkeit in seinem Gesicht aussah.
„Und ob“, sagte er. „Die verdammten Kerle haben letzte Nacht bei Vanderskoop den Staats-Express ausgeraubt und sind mit dreizehnhundert Dollar davongekommen. Sagen Sie, das sind Wunderknaben! Der Lokomotivführer sagt, es seien nur fünf von ihnen.“
„Warum, verdammt noch mal, Vanderskoop ist nur die vierte Station westlich von Boggs City!“, rief Anderson Crow und spitzte seine amtlichen Ohren. „Wie zum Teufel, glauben Sie, sind die in so kurzer Zeit hierhergekommen?“
„Sie haben wahrscheinlich auf ihrem Rückweg aus Asien einen Zwischenstopp eingelegt“, bemerkte Mr. Lamson trocken; doch das blieb unbeachtet.
„Haben Sie noch etwas über die Vorstellung gehört, Harry?“, fragte Jim Borum. „Ist sie sicher hier?“ Was scherte Tinkletown die Zugräuber, wenn eine „Show“ auf dem Weg dorthin war?
„Sicher. Die Presseberichte sind sehr wohlwollend“, sagte Harry. „Alle sagen, dass Miss Marmaduke, die die Rosalind spielt, großartig ist. Wir haben einen Druckstock von ihr, und sagen Sie, sie ist eine Schönheit. Ich sehe mich schon nächsten Donnerstagabend in der ersten Reihe sitzen, ganz ordentlich.“
„Sagen Sie, Anderson, ich finde es eine verdammte Schande, dass Mark Riley herumlaufen muss, um diese Belohnungszettel über die Showbilder zu kleben“, brummte Isaac Porter. „Er hat nicht einen Funken Verstand.“
Einstimmig drehte sich die Menge um, um zwei benachbarte Plakatwände zu betrachten. Mark hatte entweder böswillig oder geistesgestört die Belohnungsankündigungen über die unteren Extremitäten von Rosalind geklebt, so wie sie im Wald von Arden erscheinen sollte. Es folgte eine Phase des Nachdenkens seitens einer empörten Wählerschaft.
„Ich sehe nicht, wie er diese Belohnungszettel entfernen will, ohne gleichzeitig ihre Beine abzukratzen“, sinnierte Anderson Crow in Verwirrung. Zwei Hausfrauen aus Tinkletown verließen plötzlich die Gruppe und gingen in den Laden. Und so kam es, dass die Zugräuber für den Moment vergessen wurden.
Doch Marshals Crows Ruf als Pferdedieb-Fänger und allgemeiner Unterdrücker des Verbrechens machte ihm ständig Vorwürfe. Es schien ihn dazu aufzurufen, Schritte zur Ergreifung der Zugräuber zu unternehmen. Den ganzen Nachmittag grübelte er. Tinkletown sah seine Stimmung und verzichtete darauf, ihn dabei zu stören. Er durfte seine Schnurrbartstoppeln in Frieden streicheln und nach Herzenslust nachdenken. Bei Einbruch der Dunkelheit war sein Gesicht zu einer unergründlichen Maske geworden, und da wusste man, dass der Präsident der Pferdedieb-Detektivvereinigung von Bramble County entschlossen war, das große Problem zu ergründen. Heimlich stieg er auf den großen Dachboden seines Hauses und inspizierte seine „Verkleidungen“. In einer weit zurückliegenden Zeit seiner beruflichen Laufbahn hatte er die erstaunlichste Sammlung an falschen Bärten, Perücken und Kleidungsstücken erworben, die jemals ein gestrandeter Komödiant für einen Spottpreis losgeworden war. Er probierte jeden einzelnen Artikel aus, auf der Suche nach dem besten individuellen Effekt; dann probierte er sie gemeinsam aus. Es wäre sicherlich unmöglich gewesen, ihn als Anderson Crow zu erkennen. In Wahrheit hätte ihn niemand mit Sicherheit als ein menschliches Wesen identifizieren können.
„Ich gehe hinter diese Schurken her“, verkündete er Andrew Gregory und der ganzen Familie, als er spät nach unten kam, um seinen Platz am Kopf des Abendbrottisches einzunehmen.
„Willst du sie hier nicht auftreten lassen, Paps?“, fragte Roscoe besorgt.
„Hier auftreten lassen? Wovon redest du da?“
„Er meint die Zugräuber, Roscoe“, erklärte die Mutter des Jungen. Der Junge atmete auf.
„Sie sind ein gefährliches Pack“, bot Gregory an, der zwei Tage in Albany gewesen war. „Die Zeitungen sind voll von ihren Taten. Halsabschneider übelster Sorte.“
„Ich würde sie in Ruhe lassen, Anderson“, flehte seine Frau. „Wenn du sie in die Enge treibst, werden sie schießen, und es wäre dir ähnlich, ihnen direkt in ihr Versteck zu folgen.“
„Verdammt noch mal, Eva, glaubst du etwa nicht, dass ich auch schießen kann?“, schnaubte Anderson. „Was glaubst du, wozu ich die geladenen Revolver all die Jahre draußen in der Scheune aufbewahrt habe? Nur als Schmuck? Mitnichten! Sie sind zum Schießen da, falls dich jemand fragt. Donnerwetter, Mr. Gregory, Sie haben keine Ahnung, wie ein Kerl durch eine ängstliche Ehefrau und einen Haufen dummer Kinder behindert werden kann. Ich habe fast Angst, mich umzudrehen, aus Sorge, sie könnten vor Angst um meine Sicherheit sterben.“
„Du hast dich einmal mit einem Rasiermesser geschnitten, als Mama dir sagte, du sollst nicht versuchen, dir den Nacken selbst zu rasieren“, sagte eines der Mädchen. „Sie wollte, dass du es von Mr. Beck machen lässt, aber du wolltest es nicht so.“
„Glaubst du, ich will, dass ein Bestatter meinen Nacken rasiert? So scharf bin ich nun auch nicht aufs Rasieren. Beck ist der Bestatter, Mr. Gregory.“
„Nun, er betreibt auch den Friseursalon“, beharrte das Mädchen.
Während der nächsten drei Tage sah Tinkletown seinen Marshal, Feuerwehrchef und Straßenkommissar nur wenig. Diese dreifache Persönlichkeit war in Geschäften von großer Wichtigkeit unterwegs. Jeden Morgen schlich er sich geheimnisvoll in die Wälder, flussaufwärts oder flussabwärts, und trug ein seltsames Bündel unter dem Sitz seines „Buckboards“. Zwei Revolver, von denen keiner seit zehn Jahren abgefeuert worden war, ruhten in einem am Armaturenbrett befestigten Kasten. Anderson weigerte sich feierlich, aber bestimmt, sich von irgendjemandem begleiten zu lassen, noch würde er zulassen, dass ihn jemand befragte. Bauern, die in die Stadt kamen, erzählten, sie hätten ihn auf den Feldwegen und in den Wäldern gesehen, aber er habe freundlich gezwinkert, wenn sie ihn fragten, was er verfolge.
„Er ist hinter den Zugräubern her“, erklärte ganz Tinkletown nüchtern. Daraufhin nahmen die Bauern und ihre Frauen Anderson Crow die Hühneressen, die er bei ihnen gegessen hatte, nicht übel, noch machten sie ihm Vorwürfe, dass er die Männer auf den Feldern belästigte. Es genügte, dass er einen Vorwand fand, während seiner stillen Jagd im Schatten ihrer Bäume zu schlafen.
„Irgendeine Spur von ihnen?“, fragte George Ray eines Abends, als er an Andersons Hintertor anhielt, um dem Marshal beim Abschirren seines dankbaren Kleppers zuzusehen. Geduld hatte für George aufgehört, eine Tugend zu sein.
„Irgendeine Spur von wem?“, fragte Mr. Crow mit einer guten Portion Unschuld.
„Von den Räubern.“
„Ich verfolge keine Räuber, George.“
„Was zum Teufel verfolgst du dann den ganzen Tag im ganzen Land?“
„Ich breche dieses Fohlen ein“, antwortete der Marshal gelassen mit einem gewaltigen Augenzwinkern in Richtung der alten Betty, die er seit zwanzig Jahren mit demselben Buckboard fuhr. Als George mit einem beleidigten Schnauben davonging, kam Andrew Gregory aus der Scheune, wo er auf die Rückkehr von Mr. Crow gewartet hatte.
„Ich bin einer großen Sache auf der Spur“, kündigte er leise an, nachdem er sich erst in alle Richtungen umgesehen hatte, um sicherzugehen, dass niemand zuhörte.
„Gosh! Hast du Mr. Farnsworth erwischt?“
„Es hat nichts mit Versicherungen zu tun“, erklärte der Agent hastig. „Ich habe etwas von enormer Wichtigkeit für Sie gehört.“
„Sie wollen doch nicht sagen, dass die Truppe pleite ist?“
„Nein – nein; es hat mit – mit – zu tun“, und hier beugte sich Mr. Gregory vor und flüsterte Anderson etwas ins Ohr. Mr. Crow blieb prompt mitten im Schritt stehen, seine Augen traten hervor. Betty, die gerade zum Wassertrog geführt wurde, blind war und keinen Befehl zum Anhalten erhalten hatte, stieß kräftig gegen das Gehäuse ihres Herrn.
KAPITEL XXXI
„Wie es euch gefällt“
„Das – sagen – Sie – nicht! Hüh! Verflucht noch mal! Kannst du nicht sehen, wohin du gehst, du altes Luder?“ Betty wurde zum Stehen gebracht. „Was haben Sie gehört?“, fragte Anderson, dessen Stimme vor Interesse bebte.
„Das kann ich Ihnen hier draußen nicht sagen“, sagte der andere vorsichtig. „Spannen Sie den Gaul an und treffen Sie mich dann auf der Weide da draußen. Wir können uns hinsetzen und reden, ohne belauscht zu werden.“
„Ich bin gleich soweit. Hier, du Roscoe! Füttere Betty und gib ihr erst Wasser. Mach schnell jetzt. Sag deiner Mutter, wir kommen zum Abendessen, wenn wir gut und bereit sind.“
Anderson und Andrew Gregory schritten durch das Weidetor weit hinaus auf die grüne Wiese. Sobald sie außer Hörweite waren, blieb Gregory stehen und beide setzten sich auf einen kleinen Hügel. Der Agent unterdrückte sichtlich beträchtliche Aufregung.
„Diese Zugräuber sind in dieser Gegend“, sagte er und unterbrach ein langes Schweigen. Anderson sah unwillkürlich hinter sich. „Ich meine nicht, dass sie auf dieser Weide sind, Mr. Crow. Sie waren ein guter Freund für mich, und ich bin geneigt, das Geheimnis mit Ihnen zu teilen. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir die zehntausend Dollar Belohnung teilen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass wir diese Burschen schnappen können.“
„Was ist Ihr Plan?“, fragte Anderson und wurde bei dem Gedanken ein wenig blass. Bevor er weiter auf die Angelegenheit einging, fragte Gregory Anderson, ob er ein Dokument unterschreiben würde, in dem er zustimmte, die Belohnung zu gleichen Teilen mit ihm zu teilen. Dieser Punkt war leicht geklärt, und dann enthüllte der Versicherungsmann sein Geheimnis.
„Ich habe einen direkten Tipp von einem Freund in New York, und der würde mich nicht in die Irre führen. Die Wahrheit über ihn ist folgende: Er hat früher für unsere Firma gearbeitet, aber etwas Geld genommen, das ihm nicht gehörte. Das brachte ihm eine Strafe im Gefängnis ein. Er ist gerade erst draußen und weiß eine ganze Menge über diese Räuber. Einige von ihnen waren mit ihm in Sing Sing. Der Anführer wollte, dass er sich der Bande anschließt, und er hat halb zugestimmt. Seine Aufgabe ist es, die Bande darüber auf dem Laufenden zu halten, was die Beamten in New York tun. Verstehen Sie?“
„Natürlich“, hauchte Anderson.
„Nun, mein Freund will sich bessern. Alles, worum er bittet, ist ein Stück von der Belohnung. Wenn wir die Bande fangen, können wir es uns leisten, ihm tausend oder so zu geben, nicht wahr?“
„Natürlich“, lautete die würdevolle Antwort.
„Hier ist sein Brief an mich. Ich werde ihn Ihnen vorlesen.“ In der einsetzenden Dämmerung las Gregory den Brief dem Marshal von Tinkletown vor. „Nun sehen Sie“, sagte er am Ende des erstaunlichen Schreibens, „das bedeutet, dass wir das Spiel in unseren Händen haben könnten, wenn wir strikte Geheimhaltung wahren. Niemand darf ein Wort davon erfahren. Sie könnten Spione genau hier in Tinkletown haben. Wir können nur Erfolg haben, wenn wir unsere Münder versiegelt halten.“
„Fester als Bienenwachs“, versprach Anderson Crow.
Kurz gesagt, der Brief an Andrew Gregory war eine Enthüllung der Pläne der großen Zugräuberbande, zusammen mit ihrem Aufenthaltsort an einem bestimmten kommenden Tag. Sie wollten in der Nacht der Freiluftaufführung von „Wie es euch gefällt“ über Tinkletown herfallen, und ihr verzweifeltster Coup sollte das Ergebnis sein. Der Plan war, das gesamte Publikum auszurauben, während die Aufführung im Gange war. Anderson Crow brach in kalten Schweiß aus. Die Vorstellung war nur noch drei Tage entfernt, und er hatte das Gefühl, er bräuchte drei Monate zur Vorbereitung.
„Wie zum Teufel sollen wir diese schreckliche Bande fangen, nur Sie und ich?“, fragte er und sprach seine Zweifel und Ängste aus.
„Wir werden Hilfe engagieren müssen, das ist alles.“
„Wir brauchen ein Regiment.“
„Glauben Sie das bloß nicht. Kopf hoch, alter Freund, haben Sie keine Angst.“
„Angst? Ich? Ich weiß nicht, was es heißt, Angst zu haben. Haben Sie nie davon gehört, wie ich die Kerle geschnappt habe, die meine Tochter Rosalie entführt haben? Nun, fragen Sie einfach jemanden, der davon weiß. Ähm! Ich schätze, das war eine Empfehlung für Tapferkeit. Aber diese Kerle werden auf uns vorbereitet sein, nicht wahr?“
„Wir können sie leicht austricksen. Ich habe den ganzen Nachmittag über einen Plan nachgedacht. Wir wissen nicht genau, wo sie jetzt sind, also können wir sie heute Nacht nicht einsammeln. Wir müssen warten, bis sie zu uns kommen. Mein Plan ist, ein halbes Dutzend kompetenter Privatdetektive aus New York kommen zu lassen. Wir können sie nächsten Donnerstagabend im Publikum verteilen, und wenn die richtige Zeit gekommen ist, können wir uns auf jeden dieser Kerle stürzen wie Falken auf Frühlingsküken. Ich kenne den Chef einer großen Privatagentur in New York, und ich denke, der beste Plan ist, ihn ein paar gute Männer hochschicken zu lassen. Es kostet nicht viel, und ich habe lieber diese furchtlosen praktischen Männer hier als all die Hinterwäldler, die Sie vereidigen könnten. Einer von ihnen ist zehn Ihrer Mitbürger wert, Mr. Crow, bitte verzeihen Sie die Bemerkung. Sie und ich können das Geheimnis bewahren und das Richtige tun, aber wir wären Esel, wenn wir noch mehr Esel aus Tinkletown in unser Vertrauen ziehen würden. Wenn Sie zustimmen, schreibe ich heute Abend an Mr. Pinkerton. Er kann seine Männer bis Donnerstagmittag hier haben, verkleidet und bereit für die Arbeit. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich, dass Sie die Leitung der Angelegenheit übernehmen, weil Sie wissen, wie man mit Dieben umgeht, und ich nicht. Was sagen Sie?“
Anderson war bereit und begierig, allem zuzustimmen, aber er zögerte lange, bevor er sich dazu entschloss, die oberste Leitung des Unternehmens zu übernehmen. Mr. Gregory flehte ihn sofort an, das Kommando zu übernehmen. Es bedeutete den Erfolg des Unternehmens; alles andere bedeutete das Scheitern.
„Aber wie zum Teufel soll ich die Räuber erkennen, wenn ich sie sehe?“, verlangte der Marshal zu wissen und zupfte nervös Blaugras mit den Wurzeln aus.
„Sie werden sie schon erkennen“, sagte Andrew Gregory. Der Donnerstag kam und mit ihm die „Truppe“. Anderson Crow hatte drei Nächte lang nicht geschlafen, so voller Nervenkitzel und Verantwortung war er. Früh am Morgen hielt er Ausschau nach verdächtigen Charakteren. Gregory sollte die Detektive aus New York um halb acht Uhr abends treffen. Nach vorheriger Absprache sollten sich diese Fremden zwanglos im Tinkletown Inn versammeln, perfekt als Gentlemen verkleidet, bereit für Anweisungen. Die beiden Hauptverschwörer hatten sorgfältig einen Aktionsplan ausgearbeitet. Gregory kicherte heimlich, wenn er an die Sensation dachte, die Tinkletown erleben würde – und daran dachte er oft.
Die führenden Mitglieder von Boothbys All-Star-Company stiegen im Gasthof ab, der so bescheiden war, dass er unter dieser ungewohnten Last der Würde schwankte. Die schöne Miss Marmaduke (in Wirklichkeit Miss Cora Miller) war dort, ebenso wie Miss Trevanian, Miss Gladys Fitzmaurice, Richmond Barrett (privat Jackie Blake), Thomas J. Booth, Francisco Irving, Ben Jefferson und andere. Das Gasthaus war verherrlicht. Ganz Tinkletown blickte auf das verachtete alte „Esshaus“ mit einer Ehrfurcht, die nicht widerwillig war.
Der Manager, eine geschäftige und zerstreute Person, die wie der niedrigste Handlanger der Truppe aussah, kam mittags zum Gasthof und verbreitete die Nachricht, dass die reservierten Plätze ausverkauft seien und es ein gutes Publikum verspreche. Daraufhin gab es Jubel bei der All-Star-Besetzung, denn die letzten Etappen des Unternehmens sollten materiell gestärkt werden.
„Wir müssen nicht zu Fuß nach Hause gehen“, kündigte Mr. Jackie Blake an, der gut aussehende junge Bursche, der Orlando spielte.
„Glorreicher Shakespeare, du bist wieder zum Leben erwacht“, sagte Ben Jefferson, ein Wanderbühnenschauspieler seit fünfzig Jahren. „Ich fing an zu glauben, du seiest ein Toter.“
„Und niemand wird unsere Koffer wegen der Zeche beschlagnahmen“, fügte Miss Marmaduke fröhlich hinzu. Sie war eine sehr hübsche junge Frau und unsterblich in Mr. Orlando verliebt.
„Wenn jemand Orlandos Koffer beschlagnahmen würde, könnte ich heute Abend nicht öffentlich auftreten“, sagte Mr. Blake. „Orlando besitzt nur ein Paar Koffer.“
„Du könntest einen Mackintosh tragen“, schlug Mr. Booth vor.
„Oder dir Koffer von den Bäumen leihen“, fügte Mr. Irving hinzu.
„Sie sind losgelassen“, brummte Mr. Jefferson, der die Wortspiele hasste, die er nicht selbst machte.
„Lass uns die Stadt blenden, Cora“, sagte Jackie Blake; und ehe Tinkletown zum zweiten Mal nach Luft schnappen konnte, spazierten der Hauptdarsteller und die Hauptdarstellerin langsam durch die Haupt- und einzige Durchgangsstraße.
„Bei Kuckuck! Sie ist eine Hübsche, nicht wahr?“, murmelte Ed Higgins, der einzige Angestellte bei Lamson’s. Er stand in der Tür, bis sie außer Sicht war, und blieb dort fast eine Stunde lang, in der Hoffnung auf ihre Rückkehr. Die Männer von Tinkletown warfen nur einen Blick auf die hübsche junge Frau, aber dieser eine Blick war anhaltend und ununterbrochen.
„Wenn diese Kaff-Stadt heute Abend genug Geld abwerfen kann, um uns vor dem Stranden zu bewahren, ziehe ich für immer und ewig den Hut davor“, sagte Jackie Blake.
„Boothby sagt, das Haus ist ausverkauft“, sagte Miss Marmaduke, ein Schatten von Besorgnis in ihren dunklen Augen. „Oh, wie ich wünschte, wir wären wieder zu Hause.“
„Ich würde lieber in New York hungern, als in den hohen Bergen schmausen“, sagte er wehmütig. Die Idole, denen Tinkletown huldigte, waren schließlich auch nur Menschen. Zwei Monate lang war die Boothby Company von Pontius zu Pilatus geschubst worden, hatte hart darum gekämpft, den Kopf über Wasser zu halten, immer in Erwartung des Zusammenbruchs. Die „All-Stars“ waren nicht mehr als strebsame junge Theaterschauspieler, die während der heißen Jahreszeit mit diesem unsicheren Unternehmen spielten, einzig und allein, weil die Notwendigkeit das Kommando über ihre Schicksale übernommen hatte. Es war ihnen nicht vergönnt, einen Sommer in Müßiggang und Behaglichkeit zu genießen.
„Macht nichts, Liebster“, sagte sie und drehte ihren grünen Sonnenschirm so, dass er den intensiven, aber komplimentierenden Blick von nicht weniger als einem Dutzend Männern blockierte; „unser Glück wird sich ändern. Wir werden nicht ewig auf Wanderbühnen spielen.“
„Wir haben eines, wofür wir dankbar sein können, kleine Frau“, sagte Jackie, und sein Gesicht erhellte sich. „Wir gehen diesen Herbst wieder mit derselben Truppe auf Tour. Das ist Glück, nicht wahr? Wir werden heiraten, sobald wir zurück in New York sind, und wir müssen nicht für eine ganze Saison getrennt sein, zumindest nicht.“
„Ist es nicht herrlich, daran zu denken, Jackie, mein Schatz? Eine ganze Spielzeit und dann noch eine, und dann alle, die danach kommen? Oh, Liebster, wird das nicht süß sein?“ Es war der junge Traum der Liebe für sie beide.
„Hallo, was ist das denn?“, rief Orlando der Tausendste und hielt vor einem Plakat inne, das die unteren Extremitäten seiner bildschönen Partnerin verdeckte. „Zehntausend Dollar Belohnung! Du meine Güte, Cora, würde ich diese Kerle nicht liebend gern schnappen? Großartig, was? Aber es ist eine verzweifelte Bande! Die schlimmste überhaupt!“
Genau in diesem Moment wurden sich beide der Tatsache bewusst, dass sie jemand von hinten eindringlich musterte. Sie drehten sich um und erblickten Anderson Crow, dessen Abzeichen glänzten.
„Wie geht es Ihnen, Officer?“, sagte Jackie fröhlich. Miss Marmaduke strahlte in ihrem Glück den strengen Mann mit den Kinnbartstoppeln an. Anderson war über siebzig, doch dieses Lächeln ließ ihn so tief einatmen, dass es ihn beinahe vom Boden abhob.
„Erstklassig, danke; wie steht’s bei Ihnen? Lesen Sie die Belohnungsanzeige? Lassen Sie sich mal was sagen. Es wird verflixt bald etwas passieren, das diese Burschen in Erstaunen versetzen wird, wenn –“, doch hier hielt Anderson ruckartig inne, da er begriff, dass er im Begriff war, ein großes Geheimnis zu verraten. Aus Angst, sich in einem fortgesetzten Gespräch zu verplappern, sagte er kurz angebunden: „Guten Nachmittag“, und machte sich auf den Weg die Straße hinunter, während seine Ohren glühten.
„Ein sonderbarer alter Kauz, nicht wahr?“, bemerkte Jackie und vergaß ihn sofort wieder, während sie weiterflanierten.
An diesem Abend wimmelte Tinkletown von Fremden. Das Wetter war schön, und zahlreiche Sommergäste aus den Hügeln jenseits des Flusses kamen herüber, um die Vorstellung zu sehen, genau wie es der Werbeagent vorhergesagt hatte. Das Bluff Top Hotel schickte eine große Delegation von Leuten, die Abwechslung vom Leben suchten. Es gab Automobile, Einspänner, Victorias, Heuwagen und „Sundowns“, die überall entlang der Straße in der Nähe von Hapgood’s Grove standen. Es sollte, in der ausladenden Sprache des Presseagenten, „ein kultiviertes Publikum sein, das sich aus der Elite der Gemeinde zusammensetzte“.
Spät am Nachmittag überkam den Marshal ein lähmender Gedanke. Ihm kam in den Sinn, dass diese Räuberbande es vielleicht auch darauf abgesehen haben könnte, Rosalie Gray zu entführen. Schließlich könnte dies der große, ausschlaggebende Grund für ihren Überfall auf die Gemeinde sein. Schweißgebadet, und das nicht wegen der Hitze, sprach er Wicker Bonner an, in der Minute, als dieser Herr in der Stadt ankam. Rosalie ging natürlich für einen kurzen Besuch bei der Familie zum Haus der Crows.
„Sagen Sie, Wick, ich möchte, dass Sie mir einen Gefallen tun“, sagte Anderson eifrig und zog den jungen Mann beiseite. „Ich kann Ihnen nicht alles darüber erzählen, weil ich an einen unumstößlichen Eid gebunden bin. Aber hören Sie, ich fürchte, heute Abend wird etwas passieren. Es sind eine Menge Fremder hier, und ich mache mir Sorgen um Rosalie. Jemand könnte versuchen, sie im Trubel zu stehlen. Nun möchte ich, dass Sie gut auf sie achtgeben. Lassen Sie sie nicht aus den Augen und lassen Sie nicht zu, dass sie Ihnen irgendwer wegnimmt. Ich werde sie auch im Auge behalten. Versprechen Sie es mir.“
„Natürlich, Mr. Crow. Ich werde auf sie aufpassen. Das hoffe ich den Rest meines...“
„Es kann leicht etwas passieren“, unterbrach ihn Mr. Crow und schlich sich dann leise davon.
Bonner lachte gelassen über die Ängste des alten Mannes und tat sie als Teil seiner wunderlichen Natur ab. Später sah er den alten Mann in der Nähe des Eingangs, als die Gruppe das umzäunte Gelände betrat. Die Bonner-Gesellschaft nahm prominente Plätze in der ersten Reihe ein, die vom Marshal reserviert worden waren. Es waren zehn Personen in der Gruppe, ein halbes Dutzend junger Leute aus Boston vervollständigte die Gesellschaft.
Die Seitenwände eines Pavillons umschlossen den schönsten Teil des Hains. An einem Ende befanden sich die Plätze, die sich rasch mit Menschen füllten. Am gegenüberliegenden Ende, auf dem grünen Teppich von Mutter Erde, befand sich die Bühne, die durch gedämpfte Scheinwerfer und ein paar zusätzliche Sterne hoch oben schwach beleuchtet wurde. Es gab keine Kulissen außer jenen, die Mutter Natur selbst lieferte. Ein Orchester aus Geigen durchschnitt das ständige Summen eifriger Stimmen.
Anderson Crows Herz war innerhalb der verzauberten Umzäunung, aber sein Körper war anderswo. Gleichzeitig mit dem Beginn der Aufführung von „Wie es euch gefällt“ befand er sich auf seinem eigenen Heuboden und konfrontierte Andrew Gregory sowie die fünf bärtigen Gehilfen aus New York City. Gregory hatte die Detektive im Gasthof getroffen und sie zum Stall des Marshals geführt, wo letzte Anweisungen gegeben werden sollten. Eine halbe Stunde lang besprach die Gruppe Pläne mit Anderson Crow und sprach in leisen, geheimnisvollen Tönen, die dem Marshal bis an sein Lebensende in den Ohren klangen.
„Wir haben diese Burschen aufgespürt“, behauptete Mr. Gregory fest. „Da kann es keinen Irrtum geben. Sie sind bereits dort drüben im Publikum und werden auf ein Signal hin den ganzen Haufen ausrauben. Wir müssen ihnen zuvorkommen, Mr. Crow. Tun Sie das nicht! Sie brauchen keine Verkleidung. Behalten Sie diese gelben Koteletten in der Tasche. Der Rest von uns wird sich verkleiden. Diese Männer kamen hierher verkleidet, weil die Räuber sie sofort erkennen würden, wenn sie es nicht wären. Sie kennen jedes Gesicht eines Detektivs im ganzen Land. Wenn diese Bärte und Perücken nicht wären, hätten sie die Männer von Pinkerton längst entdeckt. Nun, Sie kennen Ihre Rolle bei der Sache, nicht wahr?“
„Ja, mein Herr“, antwortete Anderson respektvoll, während sein Kinnbart kläglich wackelte.
„Dann sind wir bereit, fortzufahren. Es erfordert nur ein wenig Nerven, aber wir werden diese Räuber bald genau da haben, wo wir sie haben wollen“, sagte Andrew Gregory.
Der zweite Akt des Stücks war schon ziemlich weit fortgeschritten, als Orlando im „Grünen Zimmer“ zum Regisseur bemerkte:
„Was macht dieser alte Hinterwäldler da hinten, Ramsay? Warum, verdammt noch mal, Mann, er trägt ein paar Pistolen. Ist das ein Überfall?“ Im selben Augenblick stürmten Rosalind und zwei der Frauen aus ihrem Ankleidezelt, alarmiert und empört. Miss Marmaduke stellte den Regisseur mit funkelnden Augen zur Rede.
„Was soll das bedeuten, Mr. Ramsay?“, rief sie. „Dieser alte Mann hat uns mit vorgehaltener Pistole aus unserer Garderobe gejagt, und – sehen Sie! Da drüben macht er dasselbe mit den Männern.“
Es war wahr. Anderson Crow trieb die Schauspieler mit einem Paar Reiterpistolen in Richtung Bühnenmitte. Mit zittriger Stimme befahl er ihnen, dort zu bleiben und die Konsequenzen zu tragen. Einen Moment später trat der Marshal von Tinkletown mit seinem Arsenal ins Rampenlicht und sah sich einem erstaunten und vorübergehend amüsierten Publikum gegenüber. Seine Stimme, vor Aufregung hoch gestimmt, erreichte die entferntesten Winkel des Geländes. Hinter ihm beobachteten die Schauspieler das Geschehen mit offenem Mund und völlig verwirrt. Für sie erschien er als der lange gefürchtete Constable, der dazu abgestellt war, ihr persönliches Eigentum zu beschlagnahmen. Das Publikum, das anfangs vielleicht über ihn als Scherz gelacht hatte, änderte bald seine Ansicht. Auf seine Eröffnungsrede folgte Aufruhr.
KAPITEL XXXII
Das Glück des Anderson Crow
„Niemand versucht, dieses Zelt zu verlassen!“, befahl Mr. Crow, während er tapfer mit seinen gezogenen Revolvern dastand. Das Orchester machte sich so klein wie möglich, denn eine der Waffen schwankte gefährlich. „Seien Sie unbesorgt, meine Damen und Herren. Die Zugräuber sind unter Ihnen.“
Es gab ein paar weibliche Schreie, ein vielstimmiges maskulines „Was!“, ein halbherziges und unsicheres Kichern und ein allgemeines Umdrehen der Köpfe.
„Bleiben Sie auf Ihren Plätzen!“, befahl Anderson. „Sie können nicht entkommen. Ich habe sie umzingelt. Ich fordere nun alle anwesenden Räuber auf, sich im Namen des Gesetzes zu ergeben. Geben Sie friedlich auf, und Ihnen wird kein Leid zugefügt; leisten Sie Widerstand, und wir jagen Sie zur Hölle und noch weiter, selbst auf die Gefahr hin, Frauen und Kinder zu verletzen. Das Gesetz macht vor niemandem halt. Hände hoch!“
Er wartete eindrucksvoll, aber entweder vor Verblüffung oder Sturheit hoben die Räuber die Hände nicht.
„Ihr seid in die Enge getrieben, ihr verfluchten Schurken!“, schrie Anderson Crow, „und ihr könnt genauso gut aufgeben! Zwanzig Pinkerton-Männer sind aus New York City hier, und ihr könnt nicht entkommen! Hände hoch!“
„Der verdammte alte Narr meint es ernst“, keuchte Richter Brewster von der anderen Flussseite.
„Er ist verrückt!“, rief Kongressabgeordneter Bonner.
„Jeder in dieser Menge soll die Hände hochnehmen!“, rief eine feste, klare Stimme vom Eingang. Im selben Moment erschienen fünf bärtige Individuen wie durch Zauberei mit gezogenen Revolvern und beherrschten die Situation vollkommen. Der Sprecher war Andrew Gregory, der Versicherungsvertreter.
„Nun, was haben Sie dazu zu sagen?“, rief Anderson fröhlich. „Ich schätze, ich und die Detektive haben euch in die Enge getrieben, nicht wahr?“
Das Publikum saß verblüfft und wie gelähmt da. Während all dies im Inneren vor sich ging, durchlöcherte ein einzelner Detektiv draußen heimlich die Reifen jedes Automobils in der Sammlung, wobei Mr. Brackens riesiger Tourenwagen aus Gründen, die später ersichtlich werden, verschont blieb.
„Gütiger Himmel!“, stöhnte der alte Richter Brewster. Ein halbes Dutzend Frauen fiel in Ohnmacht und hundert Männer brachen in kalten Schweiß aus.
„Hände hoch, alle zusammen!“, befahl Andrew Gregory. „Wir können kein Risiko eingehen. Die Zugräuber sind in diesem Publikum. Sie kamen, um die ganze Menge auszurauben, aber wir sind euch zu schnell, ihr feinen Vögel. Der Ort ist umzingelt!“
„Mr. Gregory, die Versicherung...“, begann Anderson Crow, doch er wurde unterbrochen.
„Mr. Crow verdient große Anerkennung für diese Detektivarbeit. Seine bloße Anwesenheit ist eine Garantie für die Sicherheit derjenigen unter Ihnen, die keine Diebe sind. Sie haben alle die Hände oben? Danke. Mr. Crow, bitte halten Sie die Schauspieler ruhig. Nun, meine Damen und Herren, es ist nicht immer leicht, zwischen Dieben und ehrlichen Männern zu unterscheiden. Ich werde den Desperados zuerst die Chance geben, sich friedlich zu ergeben. Niemand tritt vor? Sehr gut. Lassen Sie alle Ihre Hände oben. Der Mann, der seine Hände senkt, wird sofort als Desperado betrachtet und könnte für seine Torheit eine Kugel in den Körper bekommen. Die Unschuldigen müssen mit den Schuldigen leiden. Mr. Crow, sollen wir mit der Durchsuchung fortfahren?“
„Ja, mein Herr; machen Sie nur weiter und beeilen Sie sich“, antwortete Anderson Crow.
„Sehr wohl, dann werden meine Männer im Namen des Gesetzes mit der Durchsuchung beginnen. Sie werden unter Ihnen hindurchgehen, meine Damen und Herren, und jeder Versuch, ihren Fortschritt zu behindern, wird mit sofortiger – nun, Sie wissen schon – geahndet.“
Bevor das versteinerte Publikum vollständig begreifen konnte, was geschah, gingen drei der Detektive flink von Person zu Person und entledigten die Frauen ihres Schmucks, die Männer ihres Geldes und ihrer Uhren. Ein halbherziger Protest wurde gegen Anderson Crow laut, wurde aber von der „Durchsuchungstruppe“ kurzerhand unterbunden. Es war gut für den armen Marshal, dass er nie erfuhr, was das Publikum in diesem schrecklichen Moment von ihm dachte.
Es war alles in fünf Minuten vorbei. Die Detektive hatten jede wohlhabend aussehende Person im Publikum unter der Nase und den Waffen von Marshal Crow durchsucht, und sie verabschiedeten sich zynisch von der Versammlung durch den flatternden Eingang in der Seitenwand. Andrew Gregory wandte sich an die Menge und grinste breit.
„Wir haben eine ganze Menge mehr Räuber in der Menge gefunden, als wir bequem bewältigen konnten, meine Damen und Herren. Tatsächlich habe ich außerhalb der Wall Street noch nie eine so seltene Sammlung von Straßenräubern angetroffen. Der einzig vollkommen ehrliche Mann in Tinkletown ist heute Abend Anderson Crow, Ihr geschätzter Marshal. Glauben Sie mir, er ist lächerlich ehrlich. Er mag ein verdammter Narr sein, aber er ist ehrlich. Beschuldigen Sie ihn nicht. Wir danken Ihnen allen für Ihre großzügige Hilfe bei unserer Suche nach den Zugräubern und verabschieden uns herzlich von Ihnen. Wir sehen uns vielleicht wieder, wenn Sie viel mit Expresszügen reisen. Gute Nacht!“
Mit einem spöttischen Lachen ließ Andrew Gregory den Zeltlappen fallen und sprang seinen Gefährten hinterher. Brackens Chauffeur lag bewusstlos am Straßenrand, und einer der „Detektive“ saß auf seinem Sitz. Gerade als das Publikum kollektiv den Mund öffnete, um seinen Zorn und seine Überraschung herauszuschreien, raste der große Tourenwagen mit sechs bewaffneten Männern an Bord davon. Die dunkle Straße hinunter flog er wie ein Expresszug, und sein eigener Lärm übertönte die Rufe der Menge, die weit zurückblieb.
Bonner, der sich von seiner Verblüffung und Wut erholte, leitete die Verfolgung und befahl Rosalie zuerst, mit den Frauen nach Hause zu eilen und sich sicher einzuschließen.
Anderson Crow, der erkannte, was für ein Narr er in den Händen der geschickten Schurken gewesen war, war von Angst und Scham erfüllt. Die aufgebrachte Menge hätte ihn vielleicht getötet, wäre seine Flucht nicht im Schutz der Dunkelheit erfolgt. Zitternd und vor elendem Jammer wimmernd floh der Stolz von Tinkletown, ohne zu sehen, ohne zu denken, in den Wald entlang des Flusses. Er sollte erst später erfahren, dass seine „Detektive“ die reichen Gäste um mindestens zehntausend Dollar in Geld und Schmuck erleichtert hatten. Es ist nicht nötig zu sagen, dass die Aufführung von „Wie es euch gefällt“ ein abruptes Ende fand, denn es war nicht so, wie es ihnen gefiel. Jeder wusste inzwischen, dass sie die berühmten „Zugräuber“ gesehen hatten.
Jackie Blake war halb angezogen, als er mit einem Ausruf aufsprang, der so laut war, dass alles, was ihm vorausging, nur Flüstern war.
„Heiliger Bimbam!“, entfuhr es seinen Lippen; und dann rannte er über das Grün zum Ankleidezelt der Frauen. „Cora! Cora! Komm raus!“
„Ich kann nicht“, kam es zurück, gedämpft.
„Dann leb wohl; ich bin weg!“, rief er. Das brachte sie, halb angezogen, aus dem Zelt. „Sag mal, erinnerst du dich an die Flussstraße, die wir heute gegangen sind? Nun, diese Kerle sind in diese Richtung gefahren, nicht wahr? Kapierst du nicht? Hast du es nicht gemerkt? Der Auswasch! Wenn sie nichts davon wissen, ist die ganze Bande jetzt am Boden der Schlucht oder im Fluss! Kein Wort darüber! Es gibt eine Chance, Liebling; die Belohnung sagte ‚tot oder lebendig!‘ Ich bin weg!“
Sie versuchte ihn zurückzurufen, aber es war zu spät. Mit seinem eigenen Revolver in der Hand raste der halb Orlando, halb Blake den selten befahrenen südlichen Flussweg hinunter. Hinter ihm tobte und jammerte Tinkletown über das große Unglück, stand aber im Großen und Ganzen machtlos dem gegenüber. Doch nur wenige fühlten sich geneigt, die Räuber zu verfolgen. Blake hatte das Rennen bald für sich allein. Es war eine Meile oder mehr bis zur Auswaschung in der Straße, aber die Aufregung machte ihn scharf auf die Prüfung. Die Straße führte durch den Wald und entlang der hohen Klippe, die den Fluss überblickte. Er wusste es nicht, aber diese selbe Straße war eine „Abkürzung“ zur Makadam-Straße weiter südlich. Indem sie diese Route nahmen, machten die Räuber einen weiten Bogen um Boggs City.
Blakes Geist war voll von den Möglichkeiten der Katastrophe für die übermütigen Flüchtlinge. Die Auswaschung war frisch, und er setzte auf die Chance, dass sie sich ihrer Existenz nicht bewusst waren. Wenn sie auch nur mit halber Geschwindigkeit darauf trafen, würde die ganze Bande hundert Fuß tief zum Rande des Flusses oder in die Strömung selbst geschleudert werden. In diesem Fall würden einige, wenn nicht alle, schwer verletzt werden.
Als er sich der Biegung der Straße näherte, deren Kurs ihm die Sterne am Himmel wiesen, wurde er vor Schreck fast aus seinen Stiefeln gehoben, als plötzlich ein Mann auftauchte, der vom Straßenrand torkelte und schmerzerfüllt davonwankte und um Gnade flehte.
„Halt, oder ich schieße!“, rief Jackie Blake, und die klägliche Gestalt hielt nicht nur an, sondern setzte sich mitten auf die Straße.
„Um Himmels willen, schießen Sie nicht!“, stöhnte eine heisere Stimme. „Ich steckte nicht mit denen unter einer Decke. Sie haben mich zum Narren gehalten – sie haben mich zum Narren gehalten.“ Es war Anderson Crow, und er hätte endlos weitergemacht, wenn Jackie Blake ihn nicht kurz gestoppt hätte.
„Sie sind der Marshal, was? Der verdammte Hinterwäldler...“
„Ja, der bin ich. Nennen Sie mich, wie Sie wollen, schießen Sie nur nicht. Wer sind Sie?“, stöhnte Anderson und erhob sich auf die Knie. Er hielt seine Revolver an den Läufen. „Egal, wer ich bin. Ich habe keine Zeit. Sagen Sie, Sie kommen besser mit mir. Vielleicht können wir diese Schurken abfangen. Sie kamen diesen Weg entlang und...“
„Zeigen Sie sie mir“, brüllte Anderson, als er einen Freund erkannte. Wut stieg in ihm auf und vertrieb die Scham aus seiner Seele. „Ich lege mich mit der ganzen Bande an, verdammt noch mal!“ Und er meinte es auch so.
Blake hielt nicht an, um es zu erklären, sondern begann weiterzugehen und befahl Mr. Crow, ihm zu folgen. Mit seltener Voraussicht legte der Marshal seinen gelben Bart an, während er auf der Fährte des geschmeidigen jungen Schauspielers keuchte. Letzterer erinnerte sich daran, dass die Chancen stark gegen ihn standen. Der Marshal könnte sich im Falle von Widerstand als wertvolle Hilfe erweisen, vorausgesetzt natürlich, dass sie die Räuber in der Lage antrafen, auf die er hoffte.
„Wo zum Teufel gehen Sie hin?“, keuchte der Marshal und wirbelte im Hintergrund viel Staub auf. Der andere antwortete nicht. Seine ganze Seele war von der Hoffnung umhüllt, dass die Auswaschung die Räuber in die Falle gelockt hatte. Er betete fast, dass es so sein möge. Die Belohnung könnte mit dem armen alten Marshal geteilt werden, wenn...
Einen Moment später stieß er einen Freudenschrei aus und begann dann, wie ein Verrückter auf und ab zu springen. Anderson Crow blieb so abrupt stehen, dass seine Knie wochenlang steif waren. Jackie Blakes wilder Traum war wahr geworden. Das riesige Automobil war gegen die Auswaschung geprallt und lag nun am Fuß der Klippe, auf den Felsen in Stücke geschlagen! Im fahlen Licht des Himmels konnte Blake den schwarzen Rumpf dort unten sehen, aber es war zu dunkel, um andere Objekte zu unterscheiden. Er war im Begriff, zum Flussufer hinunterzusteigen, als Anderson Crow herankam.
„Was ist los, Mann?“, keuchte dieser.
„Sie sind da unten, sehen Sie das nicht? Sie sind hier über die Klippe gegangen – kommen Sie. Wir haben sie!“
„Halt!“, rief Anderson und packte ihn am Arm. „Stürmen Sie nicht wie ein verdammter Narr da hinunter. Wenn sie noch leben, können sie Sie im Handumdrehen mit Kugeln vollstopfen. Lassen Sie uns vorsichtig sein.“
„Beim Donner, Sie haben recht. Sie sind doch ein weiser alter Uhu. Daran habe ich gar nicht gedacht. Lassen Sie uns ausspähen.“
Vor Aufregung kribbelnd, stiegen die beiden seltsam zusammengewürfelten Verfolger heimlich auf einem Umweg hinab. Sie kletterten über Felsen und krochen durch Unterholz, bis sie schließlich an einen freien Platz kamen, keine zwanzig Fuß von der Stelle entfernt, wo die große Maschine am Rande der schnellen, tiefen Strömung lag. Sie hörten Stöhnen und leise Rufe, ab und zu unterbrochen von einem erbärmlichen Fluch. Von ihrem Versteck aus zählten sie die Gestalten von vier Männern, die auf den Felsen lagen, als wären sie tot. Die beiden hielten eine geflüsterte Kriegsberatung ab, die zu einem Aktionsplan führte.
„Ergeben Sie sich!“, rief Jackie Blake und trat hervor. Er und Anderson hatten ihre Pistolen auf die am Boden liegenden Räuber gerichtet. Als Antwort gab es lauteres Stöhnen, ein oder zwei heftigere Flüche, und dann drang eine schwache, schmerzverzerrte Stimme zu ihnen herüber:
„Um Gottes willen, holen Sie diese Maschine von meinen Beinen. Ich sterbe. Hilfe! Hilfe! Wir ergeben uns!“
Zehn Minuten später hatten die jubelnden Eroberer den elenden Andrew Gregory aus seiner Lage unter der Maschine befreit und die Hände und Füße von fünf halbbewusstlosen Männern erfolgreich gefesselt. Gregorys Beine waren zerschmettert und bei einem anderen war der Schädel gespalten. Der sechste Mann war nirgendwo zu finden. Das Unglück war vollständig, der Sturz der großen Zugräuber unrühmliche. Als Gregory zu Anderson Crow aufblickte, lächelte er trotz seines Schmerzes und sagte heiser:
„Verdammtes Pech; aber wenn wir schon geschnappt werden mussten, bin ich froh, dass Sie es getan haben, Crow. Sie sind sowieso ein guter Narr. Aber um Gottes willen, bringen Sie mich zu einem Arzt.“
„Verdammt! Es tut mir leid für Sie, Mr. Gregory...“, begann Anderson, bereit zu weinen.
„Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit, alter Mann. Ich brauche den Arzt. Sind die anderen tot?“, stöhnte er.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Jackie Blake. „Einige sehen so aus. Wir können Sie nicht diesen Hügel hinauftragen, aber wir werden das Nächstbeste tun. Marshal, ich bleibe hier und bewache die Gefangenen, während Sie in das Dorf rennen, um Hilfe zu holen – und Ärzte.“
„Und rennen Sie schnell, Anderson“, fügte Gregory hinzu. „Sie waren schon immer so verflucht langsam. Nicht gehen – traben.“
Kurze Zeit später, als Anderson, erschöpft, aber überglücklich, ins Dorf hinkte, war die aufgeregte Menge bereit, ihn zu lynchen, doch bei seinen ersten Worten änderte sich die Atmosphäre.
„Wo ist Jackie Blake?“, schluchzte eine hübsche junge Frau, packte den stolzen Marshal am Arm und schüttelte ihn heftig.
„Verdammt, wenn ich das wüsste, gnädige Frau. Wurde er gestohlen?“
Sie ließ ihn verstehen, und zusammen, gefolgt von den Schauspielern, dem Publikum und der ganzen Stadt, führten sie den Weg zur Auswaschung an, wobei die schöne Rosalind den überarbeiteten Helden der Stunde in einem Tempo hinter sich herzog, das sein Untergang zu werden drohte.
Später, nachdem die fünf Banditen ins Dorf gebracht worden waren, teilte Jackie Blake seiner Liebsten erfreut mit, dass sie mit den siebentausend Dollar, die er erwartete, leichtes Spiel haben würden. Anderson Crow hatte sich bereit erklärt, nur dreitausend Dollar als seinen Anteil an der Gefangennahme zu nehmen. Einer der Räuber war tot. Die Leiche des sechsten wurde Wochen später im Fluss gefunden.
"Ich bin froh, dass ich als Erster vor Ort war", sagte Blake in freudiger Erwartung der Belohnung, die ihm letztlich ausgezahlt werden sollte. "Aber Anderson Crow erwies sich am Ende als ein echter Trumpf. Er ist ein Prachtkerl!" Er sprach zu Wicker Bonner und einer Menschenmenge aus New Yorkern.
In Tinkletown begann man schon zu Lebzeiten von Anderson Crow über ein Denkmal für ihn zu sprechen. Die allgemeine Meinung war, dass es errichtet werden sollte, solange er es noch genießen konnte, und nicht erst nach seinem Tod, wenn er nichts mehr über dessen Größe und Kosten wissen würde.
"Bei Gott! Das war ein toller Fang!" Er blähte sich sichtlich auf. "Ich wusste, dass sie mir nicht entkommen konnten. Verdammt noch mal! Die haben nicht mit mir gerechnet, was? Papperlapapp! Es war lächerlich von ihnen zu glauben, sie könnten mich vollkommen hinters Licht führen, obwohl ich zugeben muss, dass sie mich anfangs reingelegt haben. Es war eine verzweifelte Bande und verdammt gerissen."
"Sie haben das großartig gemacht, Anderson", sagte George Ray. "Wussten Sie von der Auswaschung?"
"Ob ich davon wusste?", schnaubte Anderson giftig. "Warum, beim Himmel, bin ich denn nicht fast um mein Leben gerannt, um rechtzeitig dort zu sein und die Barrikade niederzureißen, bevor sie mit Mr. Brackens Automobil eintreffen konnten? Donnerwetter! Was für eine alberne Frage!"
KAPITEL XXXIII
Bill Briggs erzählt eine Geschichte
Tinkletown sprudelte förmlich vor Aufregung. Endlich waren die Augen der Welt auf den Ort gerichtet. Die Nachricht von der großen Sensation wurde in alle Winkel der Erde verbreitet; jedes Detail wurde mit erschütternder Genauigkeit beleuchtet. Die Hemisphere Company gab per Telegramm bekannt, dass sie bereit stünde, die zehntausend Dollar auszuzahlen; und der Sheriff von Bramble County eilte zusammen mit allen erreichbaren Deputy Marshals der Vereinigten Staaten nach Tinkletown, um seine Finger mit im Spiel zu haben.
Am Morgen nach dem "großen Pavillon-Raub", wie er im Banner genannt wurde, machten sich Anderson Crow und Bonner früh auf den Weg, um einen Blick auf die verletzten Übeltäter zu werfen, die alle sicher bewacht im wiedereröffneten Gefängnis saßen. Fünfzig bewaffnete Männer hatten die ganze Nacht über Wache gehalten, ungeachtet der Tatsache, dass ein Räuber tot war und die anderen so schwer verletzt, dass man nicht erwartete, dass sie den Tag überlebten.
Ein Reiter passierte den Marshal und seinen Freund in der Nähe des Postamtes und ritt schnell nach Norden. Er grüßte sie freundlich mit seiner Gerte, und Bonner erwiderte den Gruß. Anderson blieb wie angewurzelt stehen und versuchte zu sprechen, brachte aber eine ganze Minute lang kein Wort heraus; er war stumm vor Aufregung.
"Das ist er!", brachte er keuchend hervor. "Der Kerl, den ich neulich gesehen habe – der Mann auf dem Pferd!"
"Der?", rief Bonner und lachte herzlich. "Aber das ist doch John E. Barnes, der Anwalt und eines Tages wahrscheinlich ein Senator der Vereinigten Staaten. Um Himmels willen, Mr. Crow, diesmal haben Sie sich gründlich geirrt! Er ist bei Richter Brewster zu Gast, seinem Schwiegervater."
"Was! Nun, beim Kuckuck! Ich dachte, ich kenne ihn", rief Anderson. "Die können mich nicht lange täuschen, Wick – keiner von ihnen. Er ist derselbe Kerl, der vor mehr als zwanzig Jahren mit der Tochter von Richter Brewster durchgebrannt ist. Bei Gott, ich stand genau an dieser Stelle, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er hat mir ein Pferd und einen Buggy verkauft – aber ich habe das Geld zurückbekommen. Ich habe ihn am selben Tag verhaftet."
"John Barnes verhaftet?", fragte er erstaunt.
"Jep – wegen Mordes –, nur war er nicht der Mörder. Wir sind ihm den Fluss hinunter gefolgt – ihm und dem Mädchen – bis zu Brackens Anwesen, aber sie waren schon verheiratet, bevor wir dort ankamen. Verdammt, das war ein geschäftiger Tag! Es wurde auch einige verdammt gute Detektivarbeit geleistet. Ich..."
"Und Mr. Barnes war an Rosalie interessiert?", fragte Bonner plötzlich. "Wie hätte er irgendetwas von ihr wissen können?"
"Das ist es, was mich rätseln lässt. Sie kam ungefähr zwei Jahre nach der Entführung hierher, mehr oder weniger, aber ich kann mich nicht erinnern, ihn nach dieser Zeit jemals wiedergesehen zu haben."
"Das ist sehr seltsam, Mr. Crow", überlegte Bonner nachdenklich. "Er hat einen Sohn, das weiß ich. Seine Frau starb etwa ein Jahr nach der Geburt des Jungen. Der junge Barnes ist jetzt etwa einundzwanzig, glaube ich. Bei Gott! Ich habe sagen hören, dass Barnes und seine Frau nicht sehr gut miteinander ausgekommen sind. Man sagt, sie sei an einem gebrochenen Herzen gestorben. Ich habe Mutter oft davon sprechen hören. Ich frage mich – großer Gott, es ist doch nicht möglich, dass Rosalie in irgendeiner Weise mit John Barnes verbunden ist? Anderson Crow, ich – ich frage mich, ob es eine Möglichkeit gibt?" Bonner bebte vor Aufregung, Verwunderung – und Unglauben.
"Ich arbeite an dieser Spur", sagte Anderson so ruhig, wie seine Zittrigkeit es zuließ. Er war von der bloßen Andeutung begeistert, aber es war seine zweite Natur, so zu tun, als wäre jede Entdeckung seine eigene. "Seit ich ihn dort oben auf der Straße gesehen habe, verfolge ich ihn. Ich sage Ihnen, Wick, er ist mein Mann. Ich habe es fast ausgeknobelt. Sobald diese verdammten Räuber nach Boggs City gebracht oder begraben sind, werde ich rübergehen und die Wahrheit aus Mr. Barnes herauskriegen. Ich jage ihn schon seit einundzwanzig Jahren." Anderson hatte natürlich vergessen, dass Barnes völlig aus seinem Gedächtnis entschwunden war, bis Bonner sein Gedächtnis wieder auf die Sprünge half.
"Es ist eine heikle Angelegenheit, Mr. Crow. Wir müssen vorsichtig vorgehen", sagte Bonner streng. "Wenn Mr. Barnes wirklich an ihr interessiert ist, können wir das nicht durch Ungeschicklichkeit herausfinden; wenn er nicht interessiert ist, können wir es uns nicht leisten, ihn da hineinzuziehen. Es erfordert Taktgefühl..."
"Donnerwetter, glauben Sie etwa nicht, dass ich das weiß?", explodierte Anderson. "Detektive müssen immer taktvoll sein. Sie müssen es, sehen Sie, wenn sie ein halbes Dutzend Spuren gleichzeitig verfolgen wollen. Gee whiz, Wick, überlassen Sie diese Sache mir! Ich werde in kürzester Zeit hinter die Wahrheit kommen."
"Warten Sie ein paar Tage, Mr. Crow", argumentierte Bonner, der Zeit gewinnen wollte. "Überstürzen Sie nichts. Wir haben jetzt alle Hände voll zu tun, uns um die Kerle zu kümmern, die Sie und dieser junge Schauspieler letzte Nacht gefangen haben." Der Plan des jungen Mannes war es, Anderson komplett von der Spur fernzuhalten und die scheinbar unmögliche Spur der New Yorker Behörde zu übergeben.
"Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn dieser junge Kerl nicht gewesen wäre", sagte der Marshal. "Er war mir letzte Nacht eine verdammt große Hilfe." Bonner, der die wahre Geschichte kannte, unterdrückte ein Lächeln und mochte den alten Mann für seine kleine Täuschung nicht weniger.
Sie betraten das "Gefängnis", das nun alle Anzeichen und Gerüche eines Krankenhauses aufwies. Ein halbes Dutzend Ärzte hatte es den vier verletzten Männern so bequem wie möglich gemacht. Sie lagen auf Matratzen im Speisesaal des Gefängnisses, bewacht von einer neugierigen Menge von Bürgern.
"Das ist Gregory!", flüsterte Anderson, als sie sich der leidenden Gruppe näherten. Er zeigte auf das am weitesten entfernte Feldbett. "Genau so hat er letzte Nacht geflucht. Er muss sich letzte Nacht im Auto rasiert haben", obwohl Gregory nur die falschen Schnurrbärte abgelegt hatte, die er tagelang getragen hatte.
"Warten Sie!", rief Bonner und blieb abrupt neben dem ersten Bett stehen. Er beugte sich vor und spähte aufmerksam in das Gesicht des verwundeten Banditen. "Bei Gott!"
"Was ist los?"
"So wahr ich lebe, Mr. Crow, dieser Kerl war einer aus der Bande, die letzten Winter Rosalie Gray entführt hat. Ich kann es beschwören. Erinnern Sie sich nicht an den, für den sie ein gutes Wort einlegen wollte? Briggs! Das ist es! Briggs!"
Der verletzte Mann öffnete langsam die Augen, als der Name halb herausgeschrien wurde. Ein kränkliches Grinsen breitete sich langsam über sein schmerzverzerrtes Gesicht aus.
"Sie hat versucht, für mich ein gutes Wort einzulegen, was?", murmelte er schwach. "Sie hat gesagt, sie würde es tun. Sie war anständig."
"Sie waren halbwegs anständig zu ihr", sagte Bonner. "Wie kommen Sie dazu, mit dieser Bande zusammen zu sein? Ein weiterer Entführungsplan im Gange?"
"Nein – nicht, dass ich wüsste. Sind Sie nicht der Typ, der uns erledigt hat? Sagen Sie, ganz im Ernst, ich wollte an jenem Abend das Richtige für sie tun. Ich wollte mich gerade aus der Bande schleichen, als Sie mir eins übergebraten haben. Ehrlich, Mister, ich wollte ihre Freunde informieren. Sagen Sie, ich weiß nicht, wie schwer ich verletzt bin, aber wenn ich jemals vor Gericht komme, tun Sie, was Sie können für mich, Boss. Im Ernst, ich war ihr Freund."
Bonner sah Mitleid in Andersons Gesicht und zerrte ihn unsanft weg, obwohl Bills Bitte nicht an den alten Marshal gerichtet war.
"Warten Sie hier draußen auf mich, Mr. Crow", sagte er, als sie das Büro erreichten. "Sie sind überfordert. Ich werde mit ihm sprechen." Er kehrte sofort zum Bett des verletzten Mannes zurück.
"Hören Sie, Briggs, ich werde tun, was ich kann für Sie, aber ich fürchte, es wird nicht viel helfen. Was sagen die Ärzte?"
"Wenn sie nicht lügen, bin ich in ein paar Wochen wieder auf den Beinen. Schulter und ein paar Rippen angeknackst und meine Beine sind gestaucht. Ich kann mich nicht bewegen. Gott, das war ein furchtbarer Sturz!", erschauderte er bei der Erinnerung an den Sprung des Autos.
"Sind Sam oder Davy in dieser Bande?"
"Nein; Davy ist auf Blackwell's Island, und Sam hat mir erzählt, er wolle für seine Gesundheit nach Kanada. Jim Courtney ist der Anführer dieser Bande. Er segelte unter dem Namen Gregory. Das ist der, der da die Leute beschimpft."
"Das Beste für Sie ist, reinen Tisch zu machen, Briggs. Es wird leichter für Sie werden."
"Als Kronzeuge aussagen? Was bringt das, wenn wir alle mit der Beute erwischt wurden?"
"Wenn Sie uns alle internen Fakten bezüglich der Entführung verraten, garantiere ich Ihnen, dass etwas getan werden kann, um Ihr Strafmaß zu mildern. Ich bin der Neffe von Kongressabgeordnetem Bonner."
"So? Ich dachte, Sie wären der vornehmste Raubüberfall-Typ, den ich je getroffen habe, damals im Wald. Sie würden Sam Welch selbst Ehre machen. Ich werde Ihnen alles erzählen, was ich weiß, Partner, aber es ist nicht viel. Es bringt mir jetzt nichts mehr, den Mund zu halten, und wenn Sie sagen, es hilft mir, dann werde ich auspacken. Aber, um Himmels willen, lassen Sie einen dieser miesen Ärzte mir etwas geben, damit ich schlafen kann. Wissen die denn nicht, wofür Morphium da ist?"
Knurrend und die Ärzte verfluchend, wurde Bill ins Büro verlegt. Anderson kam in diesem Moment aus dem Speisesaal, sichtlich aufgeregt.
"Ich habe ein Geständnis von Gregory", sagte er. "Er gesteht, dass er aufgehängt gehört."
"Was!"
"Das hat er gesagt, beim Kuckuck. Hier sind seine Worte, klar wie Kloßbrühe: 'Ich sollte ein halbes Dutzend Mal aufgehängt werden.' 'Wofür?', sage ich. 'Weil ich ein so verdammter Esel bin', sagte er. 'Aber das ist kein Delikt, auf das der Galgen steht', sagte ich. Sie wissen schon, ich mag Gregory irgendwie, trotz allem. 'Es ist das schlimmste Verbrechen der Welt', sagte er. 'Dann gestehen Sie also, dass Sie es begangen haben?', sagte ich, begierig darauf, ihn festzunageln, verstehen Sie? 'Darauf können Sie wetten. Wenn sie mich aufhängen, dann weil ich ein lallender Idiot bin und nicht, weil ich zu meiner Zeit einen oder zwei erschossen habe. Niemand außer einem Esel könnte sich dabei erwischen lassen, und deshalb fühle ich mich so verdammt schuldig. Sehen Sie hier, Mr. Crow, jedes Mal, wenn Sie einen Kerl sehen, der sich als totaler Esel erwiesen hat, nehmen Sie ihn einfach und lynchen Sie ihn. Er verdient es, das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Das größte Verbrechen der Welt ist kriminelle Nachlässigkeit.' Nerven Sie mich jetzt nicht, Wick; ich werde das aufschreiben und ihn unterschreiben lassen."
"Hören Sie, Partner", sagte Bill Briggs und unterbrach mühsam ihre Unterhaltung; "ich will das Richtige für Sie und sie tun, soweit ich kann. Sie waren gut zu mir, und das werde ich nicht vergessen. Außerdem haben Sie gesagt, Sie würden die Dinge für mich erleichtern, wenn ich Ihnen erzähle, was ich über diesen Job letzten Winter wusste. Nun, ich sollte es jetzt besser sagen, denn ich könnte den Löffel abgeben, bevor diese Ärzte mit mir fertig sind. Und außerdem werden sie mich in ein oder zwei Tagen in die Kreisstadt karren. Also, das ist die reine Wahrheit, die ich Ihnen gebe. Vielleicht hilft es Ihnen nichts, aber es wird Ihnen einen Hinweis geben."
"Fahren Sie fort", rief Bonner atemlos.
"Nun, Sam Welch kam eines Nachts in Branigans Lokal zu mir – das ist in der Fourth Avenue – und sagte, er hätte einen großen Job an der Hand. Wir gingen zu Davy Wolfes Haus und fanden ihn und seine Mutter – die alte Hexe, erinnern Sie sich? Nun, kurz gesagt, Sam sagte, es sei eine Entführung und die Wolfes sollten mitmachen, weil sie früher in dieser Gegend gelebt und in den siebziger Jahren hier eine Menge Arbeit verrichtet hatten. Es sollte fünftausend Dollar für den Job geben, wenn wir das Mädchen sicher an Bord eines Schiffes nach Europa bekämen. Sam erzählte uns, dass der Typ, der das Spiel eingefädelt hatte, ein feiner Pinkel sei und eine große Nummer in Politik, Finanzen, Gesellschaft und allem anderen. Er konnte es sich leisten zu zahlen, wollte aber nicht bei dem Job gesehen werden. Niemand außer Sam hat je sein Gesicht gesehen. Sam war früher mal in der Politik. Kurz bevor wir New York verließen, um hierher zu kommen, kam der feine Pinkel mit einem anderen Kerl zu Davys Haus, um letzte Befehle zu geben. Verstehen Sie? Es war saukalt – wie der Teufel – und die beiden waren so eingemummt, dass wir ihre Gesichter nicht sehen konnten. Einer von ihnen war alt – über fünfzig, schätze ich – und der andere war ein junger Bursche. Da bin ich mir sicher.
Sie sagten, dass einer von ihnen in der Gegend sein würde, wenn der Job durchgezogen wird; dass tausend Dollar angezahlt würden, wenn wir starten; weitere tausend, wenn wir sie in der Höhle hätten; und der Rest, wenn wir sie am Dock in New York hätten – lebendig und unverletzt. Verstehen Sie? Wir sollten verstehen, dass sie den Rest ihres Lebens für ihre Gesundheit reisen sollte. Ich erinnere mich an eine Sache genau: Der Alte sagte zum Jungen: 'Sie darf davon nichts erfahren, oder es ruiniert alles.' Er bezog sich dabei nicht auf das Mädchen. Es war noch eine andere Frau im Spiel. Sie schienen sehr darauf bedacht zu sein, den Job durchzuziehen, ohne dass diese Frau davon Wind bekommt.
Nun, wir machten uns startklar, und die beiden Parteien rückten mit den tausend Kröten raus – das heißt, der Junge reichte es Sam rüber, als der Alte es ihm sagte. Sam nahm dreihundert und der Rest von uns je zweihundert. Als sie aus dem Fenster schauten, um sicherzugehen, dass niemand auf der Straße das Haus beobachtete, fragte ich Sam, ob er einen von ihnen beim Namen kenne. Er schwor, er wüsste es nicht, aber ich glaube, er hat gelogen. Aber kurz bevor sie das Haus verließen, passierte es, dass ich in den Hut des alten Knaben schaute – er hatte so einen steifen Hut. Da war ein großer goldener Buchstabe oben drin."
"Was war das für ein Buchstabe?", forderte Bonner begierig.
"Es war ein B."
Bonner sah Anderson an, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.
"Der junge Kerl sagte etwas Leises zum Alten darüber, den Nachtzug zurück zur Universität zu nehmen und am Samstag wieder runterzukommen."
"Zur Universität? Zu welcher? Hat er den Namen erwähnt?", rief Bonner.
"Nein. Das ist alles, was er sagte."
"Großer Gott, wenn er es sein sollte!", sagte Bonner, als ob er zu sich selbst spräche.
"Nun, wir kamen hier hoch und haben den Job erledigt. Sie wissen darüber Bescheid, schätze ich. Sam sah den jungen Kerl eines Nachts oben in Boggs City und bekam Anweisungen von ihm. Er sollte uns helfen, sie mit einem Automobil von hier wegzubringen, und der Alte sollte mit ihr über den Ozean fahren. Das ist alles, was ich weiß. Es ist damals nicht nach ihrem Plan gelaufen, aber Sam sagt, es wird unweigerlich passieren."
Bonner, voller Eifer und Aufregung, sah sich schnell nach Anderson um, aber der Marshal hatte den Raum heimlich verlassen. Dann ging er zur Tür und rief nach Anderson Crow. Bud Long war da.
"Anderson ist vor fünf Minuten gegangen, er hatte es furchtbar eilig", sagte er. "Er ist los, um einen Kerl namens Barnes zu suchen. Er sagte mir, ich solle es Ihnen sagen, wenn Sie herauskommen."
KAPITEL XXXIV
Elsie Banks kehrt zurück
Bonner, erheblich verärgert und alarmiert durch das Handeln des Marshals, bemühte sich nach Kräften, ihn aufzuhalten, bevor er durch eine Begegnung mit Mr. Barnes alles ruinieren konnte. Er schickte Männer auf Fahrrädern und Pferden los, um ihn einzuholen; aber der Versuch war erfolglos. Mr. Crow hatte eine "Mitfahrgelegenheit" in einem Automobil ergattert, das zwei Zeitungskorrespondenten aus Boggs City hergebracht hatte. Sie rasten mit hoher Geschwindigkeit davon, um einen Zug nach New York zu erwischen, stimmten aber zu, den Marshal an der großen Brücke abzusetzen, nicht mehr als eine Meile von Richter Brewsters Anwesen entfernt.
Über alle Maßen beschämt machte er sich bereit, Anderson in größter Eile mit seinem eigenen Wagen zu folgen. Rosalie traf hastig Vorbereitungen, ihn zu begleiten. Sie kehrte an diesem Tag zur Gesellschaft zurück, war von der Situation sehr aufgeregt und ebenso begierig wie Bonner, die verfrühten Aktionen des armen alten Anderson Crow zu vereiteln.
Der Marshal hatte mehr als eine halbe Stunde Vorsprung. Bonner war sein eigener Chauffeur und er fuhr heute leichtsinnig. Das Glück war von Anfang an gegen ihn. Der tatkräftige alte Detektiv, der zum ersten Mal in seinem gemütlichen Leben zu echter Geschwindigkeit inspiriert war, ließ die Zeitungsleute fast dreiviertel Stunden vor Bonner an der Brücke zurück, als dieser wütend den Hügel hinauf in Richtung Richter Brewsters Anwesen fuhr.
"Wenn dein lästiger alter Vater Barnes zu Gesicht bekommt, bevor ich ihn abfangen kann, Liebes, dann ist das Spiel aus", stöhnte Bonner, die ersten Worte, die er seit Meilen gesprochen hatte. "Barnes wird auf der Hut sein und auf alles vorbereitet. Der alte – verzeih mir, dass ich es so sage – der alte Kauz sollte den Wert der Diskretion in einem Fall wie diesem kennen."
"Armer alter Vater", seufzte sie mit Mitleid im Herzen. "Er glaubt, er tut es für das Beste. Wicker, ich hoffe, es ist – es ist nicht Mr. Barnes", fügte sie hinzu und sprach einen Gedanken aus, der sie schon lange beschäftigte.
"Warum nicht, Liebes?"
"Es würde eines von zwei Dingen bedeuten. Entweder will er mich nicht als sein Kind anerkennen – oder kann es nicht, was noch schlimmer ist. Wicker, ich will die Wahrheit nicht wissen. Ich habe Angst – ich habe Angst."
Sie zitterte wie ein Espenlaub und in ihren Augen lag echte Not, Augen, die halb von Lidern bedeckt waren, die vor Alarmspannung angespannt waren.
"Fühl dich deswegen nicht so, Liebste", rief er, erholte sich von seinem Erstaunen und begriff sofort die Situation, wie sie ihr erscheinen musste. "Um die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht, dass Mr. Barnes in irgendeiner Weise mit dir verwandt ist. Wenn er überhaupt etwas mit dem Fall zu tun hat, dann in der Eigenschaft als Anwalt."
"Aber er soll doch ein ehrbarer Mann sein."
"Stimmt, und ich halte ihn immer noch für einen. Es scheint nicht möglich, dass er sich mit so etwas wie diesem befassen kann. Wir gehen völlig von Vermutungen aus – setzen eins und eins zusammen, weißt du, und hoffen, dass sie zusammenpassen. Aber in jedem Fall dürfen wir keine Chance ungenutzt lassen. Wenn er interessiert ist, müssen wir ihn zur Rechenschaft ziehen. Es könnte die Entwirrung des ganzen Knäuels bedeuten, Liebes. Sieh nicht so bekümmert aus. Sei tapfer. Es ist egal, was wir am Ende erfahren, ich liebe dich genauso. Du sollst meine Frau werden."
"Ich liebe dich, Wicker. Ich werde dich immer lieben."
"Liebes kleines Schätzchen!"
Sie rasten schließlich zum Tor des Logierhauses auf Richter Brewsters Anwesen, und die pochende Maschine kam schnell zum Stehen. Bevor er den Pförtner rief, führte Bonner impulsiv ihre handschuhlose Hand an seine Lippen.
"Nichts kann jetzt noch einen Unterschied machen", sagte er.
Der Pförtner informierte sie auf Bonners eifrige Frage hin, dass Mr. Barnes vor zehn oder fünfzehn Minuten mit einem alten Mann weggegangen sei, der behauptete, Detektiv zu sein, und der den großen Anwalt verhaftet habe.
"Gott im Himmel!", keuchte Bonner mit sinkendem Herzen.
"Es ist ein Skandal, Sir! Mr. Barnes ist der beste Mann der Welt. Er hat niemandem etwas zuleide getan, Sir. Das ist ein schrecklicher Irrtum, Sir", stöhnte der Pförtner. "Richter Brewster ist in Boggs City, und der Mann wollte nicht auf seine Rückkehr warten. Er wollte Mr. Barnes nicht einmal sagen, was ihm zur Last gelegt wird."
"Hast du je etwas so Idiotisches gehört?", brüllte Bonner. Rosalie war abwechselnd weiß und rot. "In welche Richtung sind sie gefahren?"
"Der Constable sagte Mr. Barnes, er müsse sofort mit ihm nach Tinkletown kommen, Sir, auch wenn er den ganzen Weg zu Fuß gehen müsste. Der alte Bursche sagte etwas, Sir, darüber, dass dort ein Mann sei, der ihn auf den ersten Blick identifizieren könne. Mr. Barnes musste lachen, Sir, und schien das alles mit Humor zu nehmen. Er sagte, er werde ihn begleiten, aber er werde nicht zu Fuß gehen. Also holte er sein eigenes Automobil, Sir, und sie fuhren zusammen davon. Sie nahmen die Abkürzung, Sir, über die Fährstraße, in Richtung Tinkletown. Mr. Barnes sagte, er sei vor Mittag zurück, Sir – falls er nicht gelyncht würde."
"Es ist alles vorbei", stöhnte Bonner niedergeschlagen. Irgendetwas war ihm unter den Füßen weggerutscht und er baumelte im luftleeren Raum, bildlich gesprochen. "Es gibt nichts zu tun, Rosalie, außer sie aufzuspüren. Mr. Crow hat alles ruiniert. Ich werde dich bei Mutter und Edith in Bonner Place lassen und eilig nach Tinkletown zurückkehren."
Die Aufregung war zu viel für Rosalies Nerven. Sie war in einem Zustand des körperlichen Zusammenbruchs, als er sie eine halbe Stunde später am Sommerhaus seines Onkels absetzte. Er überließ sie der Aufgabe, den neugierigen Freunden die Situation zu erklären, und raste wieder Richtung Tinkletown, während er in Gedanken Anderson Crow als einen einmischenden alten Narren verfluchte.
In der Zwischenzeit starrte Tinkletown mit offenem Mund auf eine neue Sensation. Das Rennen zwischen Anderson und Bonner hatte kaum begonnen, als eine erschöpfte Gespannschaft mit einer Kutsche die Hauptstraße der Stadt hinunterkam. Hinter dem Kutscher saß eine hübsche junge Frau mit einem erwartungsvollen Ausdruck auf ihrem blassen Gesicht; ihr Blick war konzentriert auf die Straßenbiegung gerichtet, die Anderson Crows Haus verbarg. Neben der jungen Frau lümmelte eine andere ihres Geschlechts, viel älter und allem Anschein nach in einem prekären Gesundheitszustand. Die jungen Männer entlang der Straße schnappten vor Staunen nach Luft und wagten dann, ihre schüchternen Hüte vor der jungen Frau zu ziehen, ganz so, als würden sie einem Geist salutieren. Nur wenige von ihnen erhielten ein Zeichen der Anerkennung von Elsie Banks, der einstigen Königin all ihrer Herzen.
Roscoe Crow sprang zum Tor, als er sah, wer in der Kutsche saß, und rief zuerst nach seiner Mutter und seinen Schwestern, die drinnen waren und Glückwünsche und Beileidsbekundungen ihrer Nachbarn entgegennahmen.
Miss Banks erkundigte sich sofort, ob sie Rosalie sehen könne.
"Sie ist nicht hier", sagte Roscoe. "Sie ist für einen Monat weg – drüben bei den Bonners. Er ist ihr Verehrer, wissen Sie. Ma! Hier ist Miss Banks! Edner! Sue!" Mrs. Crow und die Mädchen flogen zum Tor und plapperten ihre Überraschung und Begrüßungen hervor.
"Das ist meine Mutter", stellte die junge Dame vor. "Wir kommen gerade aus New York, Mrs. Crow. Wir segeln diese Woche nach England, und ich muss Rosalie sehen, bevor wir gehen. Wie kommen wir zu Mr. Bonners Anwesen?"
"Es liegt auf der anderen Seite des Flusses, etwa zwölf Meilen von hier", sagte Mrs. Crow. "Kommen Sie herein und ruhen Sie sich aus. Sie müssen doch nicht heute noch zurück, oder? Sind Sie noch nicht verheiratet?"
"Nein, Mrs. Crow", antwortete Elsie mit einem steifen, pflichtschuldigen Lächeln. "Danke, wir können nicht bleiben. Es ist notwendig, dass wir heute Abend nach New York zurückkehren, aber ich muss Rosalie vor der Abreise sehen. Verstehen Sie, Mrs. Crow, ich erwarte nicht, nach Amerika zurückzukehren. Wir werden für immer in London leben, fürchte ich. Es könnte die letzte Gelegenheit sein, Rosalie zu sehen. Ich muss heute noch nach Bonner Place. Aber, du meine Güte, ich bin so müde und mir ist so heiß, und es ist so weit zu fahren", rief sie wehmütig. "Kennen Sie den Weg, Fahrer?" Der Kutscher gab mürrisch zu, dass er ihn nicht kannte. Roscoe überbrückte die Schwierigkeit eifrig, indem er anbot, als Wegweiser zu dienen.
Zuerst versuchte Mrs. Banks, ihre Tochter von der langen Reise abzubringen, aber das Mädchen war hartnäckig. Ihre Mutter weigerte sich dann rundheraus, sie zu begleiten, und klagte über Kopf- und Herzschmerzen. Am Ende beschloss die ältere Dame, die Einladung von Mrs. Crow anzunehmen und bis zu Elsies Rückkehr im Haus zu bleiben.
"Ich werde Rosalie mit zurückbringen, Mutter", sagte Elsie, als sie sich zur Abfahrt bereit machte. Mrs. Banks, gebrechlich und blass, senkte lustlos das Haupt und wandte sich ab, um ihrer Gastgeberin ins Haus zu folgen. Mit Roscoe auf dem Bock neben dem Kutscher fuhr die Kutsche zügig die schattige Straße hinunter, in Richtung Fährstraße und Bonner Place.
Um auf Anderson Crow und seine Hast zurückzukommen: Genau wie der Pförtner gesagt hatte, fiel der Marshal, zu Fuß und staubbedeckt, ohne Umschweife über Mr. Barnes her. Der große Anwalt spazierte gerade über das Gelände, als sein alter Feind eintraf. Er erkannte die seltsame Gestalt, als sie sich zwischen den Bäumen näherte.
"Hallo, Mr. Crow!", rief er fröhlich. "Wollen Sie mich schon wieder verhaften?" Er trat vor, um ihm die Hand zu schütteln.
"Ja, Sir; Sie sind mein Gefangener", sagte Anderson, außer Atem, aber streng. "Ich kenne Sie, Mr. Barnes. Es wird Ihnen nichts nützen, es zu leugnen."
"Kommen Sie herein und setzen Sie sich. Sie sehen müde aus", sagte Barnes gutmütig und hielt seine Worte für einen Scherz; doch Anderson blieb stolz auf seinem Posten.
"Sie können keine Spielchen mit mir treiben. Es nützt Ihnen nichts, höflich zu sein, mein Mann. Diesmal kommen Sie mir nicht davon."
"Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass Sie das ernst meinen?", rief Barnes.
"Ich mache keine Witze, wenn ich im Dienst bin. Kommen Sie mit. Reden können Sie später. Ihr Handlanger sitzt im Gefängnis und er kann Sie identifizieren; also leisten Sie keinen Widerstand."
"Warten Sie einen Moment, Sir. Was ist die Anklage?"
"Das weiß ich noch nicht. Sie wissen besser als ich, was es ist."
"Hören Sie mal, Mr. Crow. Sie haben mich schon das erste Mal verhaftet, als ich Sie sah, und jetzt schleppen Sie mich nach all den Jahren wieder ab. Haben Sie nichts anderes zu tun, als mich irrtümlich zu verhaften? Ist das Ihre einzige Beschäftigung?"
Anderson schnaubte empört. In die Enge getrieben, informierte er John Barnes, dass er wegen Entführung, versuchten Mordes, Polygamie, Aussetzung von Kindern und fast allem anderen unter der Sonne angeklagt sei. Barnes, zunächst empört, brach schließlich in ein herzhaftes Lachen aus. Er erklärte sich großmütig bereit, seinen Fänger nach Tinkletown zu begleiten. Nicht nur das, er stellte auch das Transportmittel zur Verfügung. Zum großen Entsetzen der Bediensteten fuhr er fröhlich mit Mr. Crow davon, ein Gefangener, der seinen eigenen Streifenwagen bediente. Die beiden rauchten die besten Zigarren des Gefangenen.
"Es ist sehr nett von Ihnen, Mr. Barnes, dass Sie uns Ihr Automobil leihen", sagte Anderson und paffte wohlwollend, während sie durch den Staub davonrollten. "Es wäre ein langer Fußmarsch gewesen. Ich werde ein gutes Wort für Sie einlegen."
"Erwähnen Sie es nicht, alter Junge. Ich genieße es sogar. Es war hier oben ungewöhnlich langweilig. Ich bin nicht so schnell weggekommen, wie ich erwartet hatte, sehen Sie. Also bin ich angeklagt, Rosalies Vater zu sein, he? Und sie verlassen zu haben? Und sie entführt zu haben? Bei Gott, ich sollte für all das gehängt werden!"
"Das ist nichts, worüber man lachen sollte, mein Freund. Sie sollten sich schämen. Ich war Ihnen auf der Spur, seit dem Tag, als Sie mich auf der Straße anhielten und nach ihr fragten. Was für ein Narr Sie waren. Ein glattes Geständnis."
"Sehen Sie hier, Mr. Crow, ich möchte Ihre Hoffnungen und Berechnungen nicht über den Haufen werfen", sagte Barnes ernst. "Das habe ich schon einmal getan, erinnern Sie sich? Das ist Jahre her. Sie lagen damals falsch, und Sie liegen jetzt falsch. Soll ich Ihnen sagen, warum ich mich für diesen hübschen Findling von Ihnen interessiere?"
"Das ist nicht nötig", protestierte der Marshal.
"Ich sage es Ihnen trotzdem. Mein Sohn traf sie in New York, während er zur Schule ging. Er hörte ihre Geschichte von gemeinsamen Freunden und erzählte sie mir. Ich war natürlich interessiert und fragte Sie aus. Er sagte, sie sei sehr hübsch. Das ist die ganze Geschichte, mein lieber Herr."
"Das ist alles sehr hübsch, aber was ist mit dem B in Ihrem Hut?"
"Ich verstehe nicht. Oh, meinen Sie den politischen Bienenstich?"
"Politik, du meine Güte! Ich meine die Initiale, die Briggs gesehen hat. Nein; halt! Antworten Sie nicht. Sagen Sie nichts, was Sie belasten könnte."
"Ich hatte nie eine Initiale in meinem Hut, und ich kenne Briggs nicht. Mr. Crow, Sie sind verrückt wie ein Huhn." Er schickte sich an, die Maschine zum Stehen zu bringen. "Ich gehe nach Hause. Sie können mit mir zurückfahren oder aussteigen und weiterlaufen, ganz wie Sie wollen."
"Warten Sie! Tun Sie das nicht! Ich werde dafür sorgen, dass Sie für die Benutzung der Maschine bezahlt werden. Außerdem, verdammt noch mal, sind Sie mein Gefangener." Das war zu viel für Barnes. Er lachte lange und laut, und er drehte nicht um.
Kurz hinter der Fähre bogen sie zur Seite, um einer Kutsche das Passieren zu ermöglichen. Ein Junge auf dem Bock neben dem Kutscher rief ihnen verzweifelt hinterher, und Anderson versuchte selbst, die Maschine anzuhalten.
"Stoppen Sie sie!", rief er; "das ist Roscoe, mein Junge. Halt! Wer ist das bei ihm? Warum, bei Kuckuck, das ist Miss Banks! Meine Güte, ist sie wieder hierhergekommen, um zu unterrichten? Ho! Drehen Sie um, Mr. Barnes. Sie signalisieren uns, dass wir zurückkommen sollen. Scheint auch wichtig zu sein."
Barnes drehte pflichtbewusst um und fuhr zurück zu der Stelle, wo die Kutsche stand. Eine Stunde später rollte das Automobil in die Auffahrt von Bonner Place, und Anderson Crow, ein glorreicher Triumph im Gesicht, reichte Miss Banks aus dem Fond in die Arme von Rosalie Gray, die das Automobil zunächst für ein anderes gehalten hatte. Wichtig bis zur Explosion winkte Anderson der auf der Veranda versammelten Gesellschaft zu, schlenderte zu Mr. Barnes' Sitz, besorgte sich mit einer Nonchalance, die seinen einstigen Gefangenen fast überwältigte, Feuer für seine Zigarre und sagte dann, scheinbar zur ganzen Welt, denn er sprach niemanden im Besonderen an:
"Ich wusste, dass ich das verflixte Ding lösen könnte, wenn man mir nur Zeit ließe."
KAPITEL XXXV.
Die Geschichte wird erzählt
Elsie Banks hatte ein kleines und erlesenes Publikum in Mrs. Bonners Zimmer im Obergeschoss. Sie war aus New York gekommen – oder eigentlich aus Kalifornien –, um den Bericht zu liefern, der Rosalie Grays Geist für immer beruhigen sollte. Es war keine angenehme Aufgabe; es war kein leichtes Opfer für dieses lebensfrohe Mädchen, das ihr ganzes Leben lang Luxus gekannt hatte. Ihre gebannten Zuhörer waren Mrs. Bonner und Edith, Wicker Bonner, Anderson Crow, Rosalie und John E. Barnes, der, weit davon entfernt, ein Gefangener des Gesetzes zu sein, nun Miss Grays Anwalt war, beauftragt einige Stunden zuvor von seinem ehemaligen Fänger.
"Ich entlasse Sie, Sir", hatte Anderson gesagt, nachdem er Miss Banks' Aussage auf der Straße gehört hatte. "Sie sind kein Gefangener mehr. Haben Sie noch etwas zu sagen, Sir?"
"Nichts, Mr. Crow, außer Ihnen und Ihrem Mündel meine juristischen Dienste in dieser außergewöhnlichen Angelegenheit anzubieten. Legen Sie die Sache in meine Hände, Sir, und sie wird dank dieser jungen Dame bald zu ihrem Recht kommen. Ich darf hinzufügen, da ich nicht die Gewohnheit habe, Klienten zu werben, dass ich in diesem Fall keine Gebühr von Ihrem Mündel verlangen werde. Meine Dienste sind völlig kostenlos, gegeben im Gegenzug, Mr. Crow, für die großmütige Art, wie Sie mich in Ihr Vertrauen gezogen haben, seit ich Sie kenne. Es ist eine Ehre, von Ihnen verhaftet worden zu sein; wahrhaftig, es ist keine Schande."
In der Privatsphäre von Mrs. Bonners Wohnzimmer erzählte Elsie Banks, mit trockenen Augen und verbittert, die Geschichte ihres Lebens. Ich kann sie nicht so erzählen, wie sie es tat, denn sie war imstande, Tränen in die Augen ihrer Zuhörer zu treiben. Es bleibt mir nur, die nackten Fakten zu schildern und sie so genau wie möglich in ihre Worte zu fassen. Rosalie Gray, schwach vor Erstaunen und Unglauben, mit einem Kloß im Hals, der nicht verschwinden wollte, und Tränen in den Augen, lehnte sich in einen Sessel zurück und beobachtete ihre unglückliche Freundin.
"Ich werde Mr. Barnes Beweise für alles liefern, was ich sage", sagte Miss Banks. "Es kann keine Schwierigkeiten geben, liebe Rosalie, alles zu bestätigen, was ich zu sagen habe. Wenn ihr mir erlaubt, die Geschichte ohne Unterbrechung zu erzählen und mich danach ohne Mitleid oder Verachtung meiner Wege gehen lasst, werde ich euch allen – besonders dir, liebe Rosalie – so dankbar sein. Glaub mir, ich liebe dich von ganzer Seele.
Ich bin freiwillig zu euch gekommen, und meine Mutter, die in Tinkletown ist, findet, indem sie sich dem Ruf des Gewissens hingibt, jetzt mehr Glück, als sie je zuvor gekannt hat. Ein mächtigerer Einfluss als ihr eigener Wille oder ihre eigene Ehre, ein Einfluss, der im Kern böse war, inspirierte sie dazu, dieses schreckliche Unrecht zu billigen. Er vereitelte auch jeden guten Impuls, den sie in späteren Jahren gehabt haben mochte, es wiedergutzumachen. Dieser Einfluss kam von Oswald Banks, einem niederträchtigen Monster, mit dem meine Mutter verheiratet war, als ich ein Jahr alt war. Meine Mutter war die Tochter von Lord Abbott Brace, heiratete aber meinen leiblichen Vater, George Stuart, einen brillanten, aber radikalen Zeitungsschreiber in London, gegen den Wunsch ihres Vaters. Dafür verstieß er sie und enterbte sie. Großvater hasste ihn und seine Ansichten, und er konnte meiner Mutter selbst dann nicht vergeben, als mein Vater starb, was zwei Jahre nach ihrer Heirat geschah.
Lord Richard Brace, der einzige Bruder meiner Mutter, heiratete die Tochter der Herzogin von B----. Du, Rosalie, bist Lady Rosalie Brace of Brace Hall, W--shire, England, die wahre Enkelin von General Lord Abbott Brace, einem der edelsten und reichsten Männer seiner Zeit. Bitte lass mich fortfahren; ich ertrage die Unterbrechungen nicht. Der absolute, unveränderliche Beweis für das, was ich sage, wird durch das Geständnis meiner eigenen Mutter erbracht werden, in deren Besitz sich jedes Dokument befindet, das notwendig ist, um dir das zurückzugeben, was sie mir gegeben hätte.
Deine Mutter starb wenige Wochen nach deiner Geburt, und Sir Richard, der meine Mutter trotz des Missfallens seines Vaters liebte, gab dich in ihre Obhut, während er gebrochenen Herzens davoneilte, um in Ägypten Trost zu finden. Man sagt, er habe dich gehasst, weil du die Ursache für ihren Tod warst. Am Tag nach deiner Geburt änderte der alte Lord Brace sein Testament und vermachte dir einen riesigen Teil seines nicht gebundenen Vermögens, das von deinem Vater treuhänderisch verwaltet werden sollte, bis du einundzwanzig Jahre alt wärst. Ich war damals fast zwei Jahre alt, und der alte Mann, unerwartet mitfühlend, fügte eine Bestimmung ein, die für den Fall, dass du vor diesem Zeitpunkt sterben würdest, all dieses Geld an meinem einundzwanzigsten Geburtstag mir gab. Die Zinsen für dieses Geld, die sich jährlich auf fünftausend Pfund beliefen, sollten dir regelmäßig zufließen, oder in dem anderen Fall mir. Oswald Banks war ein Amerikaner, den meine Mutter einige Jahre vor ihrer ersten Ehe in London kennengelernt hatte. Er war der Londoner Vertreter eines großen Fabrikunternehmens aus Pennsylvania. Er war ehrgeizig, gewissenlos und klug über alle Maßen. Er ist immer noch all das und mehr, denn er ist jetzt ein Feigling.
Nun, er war es, der den teuflischen Plan ausheckte, eines Tages in den Besitz deines Erbes zu kommen. Er zwang meine arme Mutter zur Zustimmung, und sie wurde sein elendes Werkzeug statt einer geehrten Ehefrau und Gefährtin. Eines Nachts, als du drei Wochen alt warst, brannte das Haus, in dem wir lebten, bis auf die Grundmauern nieder, wobei die Bewohner nur knapp entkamen. Der Entkommen war in der Tat so knapp, dass man sagte, du seist in der Verwirrung zurückgelassen worden, und der Welt wurde am nächsten Tag erzählt, dass die Enkelin von Lord Brace in den Flammen umgekommen sei.
Die Wahrheit wurde jedoch nicht erzählt. Mein Stiefvater wagte es nicht, so weit zu gehen, dich zu töten. Er war es, der das Feuer legte, aber er hatte dich einige Stunden früher heimlich in ein kleines Hotel in einem anderen Teil der Stadt bringen lassen, natürlich unter der Obhut eines vertrauenswürdigen Dienstmädchens. Meine Mutter war dafür verantwortlich. Sie wollte nicht auf seinen schrecklichen Plan hören, dich im Haus zu lassen. Aber du hättest genauso gut tot sein können. Niemand war klüger und du wurdest als verloren aufgegeben. Eine Woche später brachen meine Mutter und Mr. Banks nach Amerika auf. Du und ich waren bei ihnen, aber du gingst als die Tochter eines Dienstmädchens – Ellen Hayes.
Das ist die Geschichte, wie meine Mutter sie mir nach all den Jahren erzählt hat. Der Plan meines Stiefvaters war natürlich, dich dorthin zu bringen, wo du nie gefunden werden konntest, und dann dafür zu sorgen, dass es unserem Großvater nicht gelang, sein Testament zu ändern. Außerdem war er fest entschlossen, dass er selbst als Treuhänder benannt werden sollte – wenn das Vermögen bei Lord Braces Tod überging. Dieser Teil entwickelte sich genau so, wie er es berechnet hatte. Lass mich ein paar Monate in meiner Geschichte vorausgreifen. Lord Brace starb, das Testament wurde ordnungsgemäß bestätigt und die Bestimmungen ausgeführt. Brace Hall und die Ländereien gingen an deinen Vater und das Vermächtnis kam zu mir, denn du wurdest für tot gehalten. Mein Stiefvater wurde zum Treuhänder ernannt. Er leistete Bürgschaften in England und Amerika, glaube ich. Jedenfalls sollte das Vermögen mein sein, wenn ich das Alter von einundzwanzig Jahren erreichte, aber jedes Jahr sollte das Einkommen, fast fünfundzwanzigtausend Dollar, an meinen Stiefvater als Treuhänder gezahlt werden, damit er es sicher anlegen konnte. Der Name meiner Mutter wurde im Dokument nicht erwähnt, außer einmal, um mich als Begünstigte zu identifizieren. Ich kann dieser Phase der hasserfüllten Verschwörung nur hinzufügen, dass mein Stiefvater neunzehn Jahre lang dieses Einkommen erhielt und es benutzte, um sein eigenes Vermögen aufzubauen. Indem er das Geld anlegte, das eigentlich mein sein sollte, hat er sich seinen eigenen Weg zum Reichtum gebahnt.
Mr. Banks entschied, dass die Geschäfte von dieser Seite des Atlantiks aus am sichersten seien. Er und meine Mutter ließen sich in New York nieder, und es ist seitdem ihr Zuhause. Er verbrachte das erste halbe Jahr nach deinem vermeintlichen Tod in London, einzig und allein zu dem Zweck, sich in Lord Braces Gunst zu etablieren. Innerhalb eines Jahres nach dem Tod von Lord Brace wurde dein Vater von einem Wilderer auf dem Anwesen getötet. Er war erst vor kurzem aus Ägypten zurückgekehrt und hatte die volle Kontrolle über die Ländereien und den zu Brace Hall gehörenden Besitz. Wenn mein Stiefvater Pläne für Brace Hall hatte, so scheiterten sie, denn die Ländereien und der Titel gingen sofort an den Cousin deines Vaters, Sir Harry Brace, den jetzigen Lord.
So viel zu den Bedingungen in England damals und heute. Ich komme nun zu dem Teil der Geschichte, der dich am meisten interessiert und betrifft. Meine arme Mutter war innerhalb von vierzehn Tagen nach unserer Landung in New York gezwungen, den gefährlichen Säugling aufzugeben, der immer wie eine Wolke zwischen Glück und Ehre stehen sollte. Das Dienstmädchen wurde für ihr Schweigen gut bezahlt. Übrigens starb sie kurz nach ihrer Ankunft in Amerika auf mysteriöse Weise, aber nicht, bevor sie meiner Mutter ein unterschriebenes Papier gegeben hatte, in dem jedes Detail, soweit es ihre Verbindung zu dem abscheulichen Geschäft betraf, klar dargelegt war. Das Gewissen war für immer im Herzen meiner Mutter am Werk; die Ehre kämpfte ständig an die Oberfläche, nur um von der Angst und der Loyalität zu dem Mann, den sie liebte, zurückgehalten zu werden.
Es wurde beschlossen, dass der menschlichste Weg, dich aus der Welt zu schaffen, darin bestehe, dich auf der Türschwelle einer gütigen Person weit weg von New York auszusetzen. Mein Stiefvater und meine Mutter machten sich vorsätzlich auf diese sogenannte Mission der Barmherzigkeit. Sie kamen nach Norden und trafen zufällig im Bahnhof von Albany auf einen Bewohner von Boggs City. Sie debattierten, welchen Weg sie als nächsten Schritt einschlagen sollten. Meine Mutter war fest in dem Entschluss, dass du in die Obhut ehrlicher, zuverlässiger und warmherziger Menschen gegeben werden solltest, die das Vertrauen, das sie entgegenbringen wollte, nicht missbrauchen würden. Der Mann aus Boggs City sagte, er sei in Albany gewesen, um sich über einen Gesetzentwurf im Parlament zu informieren, der die Errichtung eines Denkmals in Tinkletown vorsah – wo eine Schlacht des Unabhängigkeitskrieges stattgefunden hatte. Er war es, der von Anderson Crow sprach, und seine Geschichten über deine Güte und Großzügigkeit, Mr. Crow, waren der Grund dafür, dass sie dich als den Mann auswählten, der Rosalie haben sollte, und mit ihr die Summe von eintausend Dollar im Jahr für deine Mühe und ihre Bedürfnisse."
„Die Schilderung meiner Mutter von jener stürmischen Nacht im Februar, vor mehr als einundzwanzig Jahren, ist das Erbärmlichste, das ich je gehört habe. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg nach Tinkletown und mieteten sich zu diesem Zweck in Boggs City ein Fuhrwerk. Mr. Banks ließ den Korb auf eurer Veranda stehen, während Mutter weit die Straße hinunter wartete, halb erfroren und todunglücklich. Dann eilten sie aus der Stadt und waren bald sicher auf ihrem Weg nach New York. Es war später, als mein Stiefvater in London war, dass Mutter heraufkam, um Rosalie zu sehen und jene denkwürdige erste Zahlung an Mr. Crow zu leisten. Wie das jahrelang weiterging, wisst ihr alle. Es war die Gerissenheit meines Stiefvaters, die es so unmöglich machte, die Quelle zu erfahren, aus der das geheimnisvolle Geld stammte.
Wir reisten ständig und fanden immer neue interessante Orte, an denen das Gewissen meiner Mutter durch den Kontakt mit Schönheit und Aufregung beruhigt werden konnte. Allmählich wurde sie gegenüber den Umständen abgestumpft, denn war es letztlich nicht ihr eigenes Kind, das durch den Diebstahl und die Täuschung bereichert werden sollte? Mr. Banks drängte ihr diese Tatsache ständig ihrer Mutterliebe und ihrer Eitelkeit auf. Trotz alledem wurdest du jedoch nie vernachlässigt oder vergessen. Meine Mutter hatte dein Wohlergehen immer im Sinn. Sie war es, die dafür sorgte, dass du und ich an derselben Schule in New York untergebracht wurden, und sie war es, die dafür sorgte, dass deine Ausbildung in gewisser Weise so gut war, wie sie nur sein konnte, ohne ein Risiko einzugehen.
Natürlich wusste ich von all dem nichts. Ich schwamm in Reichtum und Luxus, aber nicht im Glück. Instinktiv verabscheute ich meinen Stiefvater. Er war hart, grausam, unvernünftig. Seinetwegen verließ ich die Schule und versuchte später, meinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Du weißt, Rosalie, wie Tom Reddon in mein Leben trat. Er war der Sohn von William Reddon, dem Geschäftspartner meines Stiefvaters, der die Leitung der westlichen Niederlassung des Unternehmens in Chicago innehatte. Wir lebten mehrere Jahre in Chicago und bauten das Geschäft auf. Mr. Banks war bis vor kurzem Präsident der Banks & Reddon Iron Works. Wie ihr zweifellos wisst, wurde das Werk letztes Jahr an den großen Konzern verkauft und die alte Firma hörte auf zu existieren. Dieser Akt war das Ergebnis einer Forderung aus England, den Trust, für den er arbeitete, aufzulösen und aus den Registern zu streichen. Sein Plan war es, die Angelegenheit zu regeln, mir das Erbe rechtmäßig zu übertragen und dann meine Unerfahrenheit für alle Zeiten auszunutzen. Das Geld sollte, obwohl es buchstäblich mir gehörte, in seinem Besitz bleiben.
Doch er hatte die Rechnung ohne den Sohn seines Partners gemacht. Tom Reddon erfuhr auf irgendeine Weise das Geheimnis und er war gezwungen, den jungen Mann in alle seine Pläne einzuweihen. Das geschah vor etwa drei Jahren, als ich in der Schule war. Ich hatte Tom Reddon in Chicago kennengelernt. Er gewann meine Liebe. Ich kann es nicht leugnen, obwohl ich ihn heute tiefer verachte, als ich je wieder zu hassen erwarte. Er war noch abscheulicher als mein Stiefvater. Ohne den geringsten Anflug von Mitleid machte er sich daran, jede Chance, die Rosalie auf Wiedergutmachung hätte haben können, zunichtezumachen. Die Zeit begann mir zu beweisen, dass er nicht der Mann war, für den ich ihn hielt. Sein wahres Wesen offenbarte sich, und ich merkte, dass ich ihn nicht heiraten konnte. Außerdem begann meine Mutter Reue zu zeigen. Sie erwachte aus ihrer Betäubung der Gleichgültigkeit und versuchte auf jede Weise, das Komplott der beiden Verschwörer zu vereiteln, soweit es mich betraf. Die Belastung setzte ihr schließlich zu, und wir gingen kurz nach meiner lächerlichen Flucht aus Tinkletown im letzten Winter nach Kalifornien. Erst nach diesem Abenteuer begann ich, tief in die elende Seele von Tom Reddon zu blicken.
Dann kam der schändlichste Teil der ganzen Verschwörung. Reddon, der sehr wohl wusste, dass eine Enttarnung jederzeit möglich war, drängte meinen Stiefvater dazu, dich entführen zu lassen und in irgendeinen Teil der Welt zu schaffen, wo du niemals gefunden werden könntest. Selbst Reddon hatte nicht den Mut, dich zu töten. Keiner von beiden hatte das Herz, einen tatsächlichen Mord zu begehen. Es war, als wir bei Colonel Randall waren, dass die Entführung stattfand, erinnerst du dich? Mr. Banks und Tom Reddon hatten ihre Leute in New York angeheuert. Diese Desperados kamen nach Boggs City, während Tom hier war, um ihre Operationen zu überwachen. Die ganze Zeit, während Mr. Crow uns jagte, lachte Reddon sich ins Fäustchen, denn er wusste, was während der Abwesenheit des Marshals geschehen würde. Ihr wisst, wie erfolgreich er den Job erledigte. Es war die Schuld meines Stiefvaters, dass es nicht gelang.
Meine Mutter, unten in New York, zum Äußersten getrieben, hatte sich schließlich gegen ihn gewandt und verlangt, dass er Rosalie Gray, wie wir sie kennengelernt hatten, Wiedergutmachung leiste. Natürlich gab es eine Szene und fast eine Katastrophe. Er war so besorgt über ihre Haltung, dass er seinen Teil der Pläne nicht ausführen konnte, die darin bestanden, Rosalie für immer aus diesem Land zu verbannen. Du solltest nach Paris gebracht werden, Liebes, und für immer in einer dieser schrecklichen Heilanstalten festgehalten werden. Sie sind schlimmer als das Grab. In der Zwischenzeit gab die Verzögerung Mr. Bonner die Gelegenheit, dich aus den Händen der Entführer zu retten.
Kurz nach meiner Ankunft in New York stritt ich mich mit Thomas Reddon, und meine Mutter und ich flohen nach Kalifornien. Er folgte uns und suchte eine Versöhnung. Ich verabscheute ihn inzwischen so sehr, dass ich mich an meine Mutter wandte. Da erzählte sie mir diese elende Geschichte, und deshalb sind wir heute in Tinkletown. Wir erfuhren auf irgendeinem Weg von dem Plan, dich zu entführen und an einen Ort zu bringen, wo du nicht gefunden werden konntest. Das unmenschliche Schema meines Stiefvaters und seines Beraters sah vor, meine Mutter für geisteskrank erklären zu lassen und in eine Anstalt einzuweisen, wo ihre wahrheitsgemäßen Äußerungen von der Welt niemals gehört werden könnten, oder, falls doch, als das Geschwätz einer Wahnsinnigen abgetan würden.
An dem Tag, als wir New York erreichten, übergab meine Mutter die Dokumente und jeden Beweis, der in ihrem Besitz war, an den britischen Konsul. Die Geschichte wurde ihm und auch bestimmten Anwälten erzählt. Ein Mitglied seiner Kanzlei besuchte meinen Stiefvater und konfrontierte ihn mit den Anschuldigungen. Noch in derselben Nacht verschwand Mr. Banks und hinterließ einen Zettel, auf dem er schrieb, dass wir sein Gesicht niemals wiedersehen würden. Tom Reddon ist nach Europa gegangen. Meine Mutter und ich beabsichtigen, diese Woche nach England zu segeln, und ich bin gekommen, um Rosalie zu bitten, uns zu begleiten. Ich möchte, dass sie endlich auf dem Boden steht, der sie als Rosalie Brace kennt. Das Vermögen, das letzte Woche mir gehörte, ist heute ihrs. Wir sind nicht arm, liebe Rosalie, aber wir sind nicht mehr so reich wie damals, als wir all das besaßen, was dir gehörte.“
KAPITEL XXXVI
Anderson Crows Rücktritt
Einige Tage später kehrte Anderson Crow aus New York nach Tinkletown zurück, wo er Rosalie Bonner und ihren Ehemann nach England verabschiedet hatte, begleitet von Mrs. Banks und Elsie, die auf demselben Dampfer die Überfahrt angetreten hatten. Er trug einen nagelneuen Anzug aus blauem Serge, einen Panamahut und Lackschuhe, die ihn an den Füßen drückten. Zudem trug er einen neuen Spazierstock mit einem großen Goldknauf, und in seiner Krawatte steckte eine riesige Perlen-Anstecknadel. Abgesehen davon waren sein Haar und sein Bart von einem Friseur im Holland House perfekt gestutzt worden. Jeden Morgen war seine Frau gezwungen, mit einem Bügeleisen über seine Hosen zu fahren, um den Bügelbruch zu verewigen. Insgesamt war Anderson eine Offenbarung, nicht nur für seine Familie und die Stadt im Allgemeinen, sondern auch für sich selbst. Er taumelte förmlich jedes Mal, wenn er einen Blick auf sich in den Schaufenstern erhaschte.
Den ganzen Tag lang schlenderte er auf der Straße von Geschäft zu Geschäft oder lehnte sich eindrucksvoll an jeden Pfosten, der sich günstig anbot. Natürlich war er das Stadtgespräch.
„Donnerwetter!“, stieß Alf Reesling aus, als er ihn spät am Tag erblickte. „Ist das der Präsident?“
„Das ist Anderson Crow“, erklärte Blootch Peabody.
„Wer ist gestorben?“, verlangte Alf zu wissen.
„Was hat das damit zu tun?“
„Na, wessen Kleider trägt er denn da?“, fuhr Alf fort, völlig überwältigt von dem Anblick.
„Du solltest ihn das besser nicht hören lassen“, warnte Isaac Porter. „Er hat sie in New York bekommen. Er sagt, der junge Mr. Bonner hat sie ihm als Hochzeitsgeschenk gegeben. Rosalie hat ihm so ein Perlending zum Tragen in seiner Krawatte gegeben, und verdammt, er muss jetzt die ganze Zeit einen Kragen tragen. Dieser Anwalt Barnes hat ihm den Stock gegeben. Ach du grüne Neune! Er sieht aus wie ein König, nicht wahr?“
In diesem Moment näherte sich Anderson der Gruppe vor Lamsons Laden. Er ging mit einer Würde, die bei seinen unteren Extremitäten mehr Schmerz als weiter oben Anstand zu signalisieren schien.
„Wie weit, meint ihr, sind sie bis jetzt wohl weg, Blootch?“, fragte er ernst.
„Etwa zehn Meilen weiter als vorhin, als du gefragt hast“, antwortete Blootch und sah auf seine Uhr.
„Nun, das sollte sie dann bald mal nach Liverpool bringen. Sie haben ein verdammt schnelles Schiff genommen. Schafft es in weniger als sechs Tagen, sagen sie. Mal sehen. Sie sind vorgestern ausgelaufen. Sie müssen jetzt schon außer Sichtweite des Landes sein.“
„Ja, es sei denn, sie passieren gerade einige Inseln“, stimmte Blootch zu.
„Donnerwetter! Wovon redest du da?“, sagte Anderson spöttisch. „Kuba und Puerto Rico sind längst passiert. Diese Inseln sind nicht weit von Boston entfernt. Erinnerst du dich nicht, wie verängstigt die Leute in Boston während des Krieges mit Spanien waren? Hatten Angst, die spanischen Granaten könnten ein bisschen zu hoch fliegen und die Stadt in Schutt und Asche legen? Inseln, pah! Die sind schon längst draußen im tiefen Wasser, Jungs. Bei Gott, ich mache mir Sorgen um Rosalie. Angenommen, dieses verfluchte Boot stößt auf einen Felsen oder kentert oder so etwas! Sie könnten niemals ans Ufer schwimmen.“
„Oh, da besteht keine Gefahr, Anderson“, sagte Mr. Lamson. „Diese Boote sind absolut sicher. Ich nehme an, sie werden dir telegraphieren, wenn sie an Land sind.“
„Nein, sie werden kabeln, sagt Wick. Verdammt, ich bin froh, dass das alles geklärt ist. Ihr wisst nicht, wie hart ich all diese Jahre gearbeitet habe, um herauszufinden, wer ihre Eltern waren. Natürlich wusste ich die ganze Zeit, dass sie Ausländer waren, aber Rosalie hatte nie einen Dialekt, also könnt ihr sehen, wie ich von der Fährte abgebracht wurde. Sie sprach genauso gutes Amerikanisch wie wir. Ich war riesig froh, als ich Miss Banks endlich aufgespürt hatte.“ Die Menge war nicht in der Lage, den Punkt mit ihm zu diskutieren. „Diese Miss Banks ist ein feines Mädchen, Jungs. Sie hat das Richtige getan. Und das hat auch meine Rosalie – ich meine Lady Rosalie. Sie hat Elsie dazu gebracht, einen Teil des Geldes zu behalten. Mr. Barnes geht nächste Woche nach England, um bei der Regelung der Angelegenheit für Lady Rosalie zu helfen. Er sagt, sie hat irgendwo fast eine Million Dollar festliegen. Es ist aber leichtes Segeln, denn Mrs. Banks sagt es. Habt ihr gehört, was Rosalie gesagt hat, als sie davon überzeugt war, eine englische Lady zu sein?“
„Nein, was hat sie gesagt?“
„Sie hat bloß dieses verfluchte kleine Näschen hochgestreckt und gesagt: ‚Ich bleibe Amerikanerin, solange ich lebe.‘“
„Hurra!“, schrie Alf Reesling und warf Isaac Porters neuen Hut in die Luft. Die Menge stimmte in den Jubel ein.
„Habe ich euch eigentlich jemals erzählt, woher ich die ganze Zeit wusste, dass es ein Mann war, der Rosalie auf der Veranda gelassen hat?“, fragte Anderson.
„Wieso, du hast mir immer gesagt, es sei eine Frau gewesen“, sagte Alf. „Du hast mich beschuldigt, sie zu sein.“
„Unsinn! Frau, nichts da! Ich wusste, es war ein Mann. Hier ist etwas, was du nicht weißt, Alf. Ich habe die Fußabdrücke auf meinen vorderen Stufen genau unter die Lupe genommen, kurz nachdem sie – ich meine er – den Korb abgestellt hat. Die Zehen zeigten nach außen, sonnenklar, genau da im Schnee.“ Er hielt inne, um die Aussage in ihren verwirrten Gehirnen sacken zu lassen. „Wisst ihr denn nicht, dass hundert Prozent der Frauen ihre Zehen nach innen drehen, wenn sie die Treppe hochgehen? Um nicht in ihren Röcken hängen zu bleiben? Donnerwetter, da hättet ihr auch drauf kommen können!“
Irgendjemand hatte Anderson über diese eigentümlich weibliche Eigenschaft aufgeklärt, und er machte das Beste daraus. Nebenbei bemerkt, nahm jeder Mann in Tinkletown persönliche Beobachtungen vor, um sich selbst zu überzeugen.
„Hat jemand Pastor MacFarlane gesehen?“, fuhr Anderson fort. „Wick Bonner hat mir einen Hundertdollarschein gegeben, damit ich ihm ihn für das Abhalten der Zeremonie in unserem Haus an jenem Abend gebe. Geh weg, Ed Higgins! Ich werde nicht herumlaufen und diesen Schein den Leuten zeigen. Wenn Räuber Wind davon bekämen, dass ich ihn habe, würden sie wahrscheinlich versuchen, ihn zu stehlen. Es kümmert mich nicht, wenn du noch nie so viel Geld auf einmal gesehen hast. Das ist nicht meine Sorge. Sagt mal, kommt ihr heute Abend zur Stadtversammlung?“
Sie waren alle bei der Sitzung des Stadtrats an diesem Abend. Sie fand wie üblich in der Odd Fellows' Hall über Petersons Kurzwarenladen statt, und es gab nicht einmal mehr Stehplätze im Raum, als der Schriftführer das Protokoll der letzten Sitzung verlas. Es hatte sich herumgesprochen, dass etwas Ungewöhnliches passieren würde. Es war kein bloßes Gerücht, denn kurz nachdem die Sitzung begonnen hatte, erhob sich Anderson Crow, um vor dem Rat zu sprechen.
„Meine Herren“, sagte er, seine Stimme zitterte vor Erregung, „ich bin vor Sie getreten, wie ich Ihnen angekündigt hatte. Hiermit reiche ich meinen Rücktritt als Marshal von Tinkletown, Straßenkommissar und Leiter der Feuerwehr ein – und jeden anderen Job, den ich vielleicht habe und der mir entfallen ist. Ich schlage nun vor, dass Sie Mr. Ed Higgins an meine Stelle berufen. Er wollte den Job schon seit einiger Zeit und sagt, er wird ihn in seinem Geschäft nicht mehr behindern als mich in meinem. Ich habe all diese Jahre hart gearbeitet und ich habe das Gefühl, dass ich eine Pause verdient habe. Außerdem ist es inzwischen so gekommen, dass Diebe und andere Kriminelle Tinkletown meiden, weil ich hier bin, und ich glaube, die Stadt wird dadurch erheblich zurückgehalten. Was nützt es, einen Marshal und ein Gefängnis zu haben, wenn niemand hierher kommt, um Verbrechen zu begehen? Die müssen sie heutzutage in New York City oder Chicago begehen, einfach weil es dort sicherer ist als hier. Schauen Sie sich diesen letzten Fall an, den ich hatte. Wurde der nicht in New York arrangiert? Nun, so sollte es nicht sein. Selbst die Zugräuber planen ihre Dinger in New York. Ich habe das Gefühl, dass den besten Interessen der Stadt gedient wäre, wenn ich zurücktrete und den Kriminellen eine Chance gebe. Sie kennen alle Ed Higgins. Er wird sie kriegen, wenn es überhaupt einer kann. Ich beantrage, dass er ernannt wird.“
Der Antrag wurde angenommen, ebenso wie das Dankesvotum, das für Anderson Crow lautstark eingefordert wurde.
„Sie ehren mich“, sagte der Ex-Marshal, als die „Ja-Stimmen“ verklungen waren. „Ich verspreche, Marshal Higgins in jeder erdenklichen Weise zu unterstützen. Ich werde ihm genau sagen, was er bei allem zu tun hat. Ich möchte jedoch sagen, dass ich mich nicht aus dem Detektivgeschäft zurückziehe. Ich werde hier meine eigene Agentur eröffnen. Alle Arten von Detektivarbeit werden zu vernünftigen Preisen erledigt. Ich habe diese Karten heute im Banner-Büro drucken lassen, und Mr. Squires wird ein Jahr lang eine Anzeige für mich in der Zeitung schalten.“
Stolz reichte er dem Präsidenten des Rates eine Karte und erzählte dann der Menge, dass jede anwesende Person eine erhalten könne, wenn sie sich an seinen Sohn Roscoe wende, der nach der Sitzung im Flur warten werde. Auf der Karte stand:
„Anderson Crow, Detektiv. Alle Arten von Fällen werden angenommen und Zufriedenheit Garantiert. Geburtsmysterien eine Spezialität.“
Mrs. Bonner, als sie am nächsten Tag von seinem Rücktritt hörte, gerade als sie nach Boston aufbrach, bemerkte trocken gegenüber dem Kongressabgeordneten:
„Ich bleibe dabei, dass Anderson Crow absolut unmöglich ist.“
Zweifellos stimmt ihr die ganze Welt, abgesehen vom Dorf Tinkletown, in dieser Meinung zu.