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The Empty House and Other Ghost Stories

by Algernon Blackwood · in German

DAS LEERE HAUS

UND ANDERE GEISTERGESCHICHTEN

VON

ALGERNON BLACKWOOD

VERFASSER VON „JOHN SILENCE“, „THE LOST VALLEY“ USW.

LONDON EVELEIGH NASH COMPANY LIMITED

1916

Erstausgabe 1906 Einheitliche Ausgabe 1915 Nachdruck 1916

INHALT

DAS LEERE HAUS

EINE SPUKINSEL

EIN FALL VON LAUSCHEREI

SEIN VERSPRECHEN HALTEN

MIT DER ABSICHT ZU STEHLEN

DER WALD DER TOTEN

SMITH: EINE EPISODE IN EINER PENSION

EIN VERDÄCHTIGES GESCHENK

DIE SELTSAMEN ABENTEUER EINES PRIVATSEKRETÄRS IN NEW YORK

SKELETON LAKE: EINE EPISODE IM CAMP

DAS LEERE HAUS

Gewisse Häuser, wie auch gewisse Menschen, verstehen es irgendwie, ihren üblen Charakter sofort zu offenbaren. Bei Letzteren muss kein spezielles Merkmal sie verraten; sie mögen sich eines offenen Antlitzes und eines treuherzigen Lächelns rühmen; und doch hinterlässt ein wenig Zeit in ihrer Gesellschaft die unwiderrufliche Überzeugung, dass mit ihrem Wesen etwas grundlegend nicht stimmt: dass sie böse sind. Ob sie wollen oder nicht, sie scheinen eine Atmosphäre geheimer und niederträchtiger Gedanken zu verbreiten, die diejenigen in ihrer unmittelbaren Umgebung vor ihnen zurückweichen lässt wie vor etwas Krankhaftem.

Und vielleicht wirkt bei Häusern dasselbe Prinzip, und es ist der Geruch böser Taten, die unter einem bestimmten Dach begangen wurden, lange nachdem die eigentlichen Täter das Zeitliche gesegnet haben, der eine Gänsehaut verursacht und die Haare zu Berge stehen lässt. Etwas von der ursprünglichen Leidenschaft des Übeltäters und dem Entsetzen, das sein Opfer empfand, dringt in das Herz des unschuldigen Beobachters ein, und er wird sich plötzlich prickelnder Nerven, einer kriechenden Haut und eines Erstarrens des Blutes bewusst. Er wird ohne ersichtlichen Grund von Schrecken ergriffen.

Es gab offensichtlich nichts am äußeren Erscheinungsbild dieses speziellen Hauses, das die Geschichten über den Schrecken stützte, der dort herrschen sollte. Es war weder einsam noch ungepflegt. Es stand, eingepfercht in eine Ecke des Platzes, und sah exakt aus wie die Häuser zu beiden Seiten. Es hatte dieselbe Anzahl an Fenstern wie seine Nachbarn; denselben Balkon, der den Garten überblickte; dieselben weißen Stufen, die zur schweren schwarzen Vordertür hinauf-führten; und im hinteren Bereich gab es denselben schmalen grünen Streifen mit ordentlichen Buchsbaumrabatten, der bis zu der Mauer reichte, die es von der Rückseite der angrenzenden Häuser trennte. Anscheinend war auch die Anzahl der Schornsteine auf dem Dach dieselbe; die Breite und der Winkel der Dachtraufen; und sogar die Höhe der schmutzigen Geländer des Souterrains.

Und doch war dieses Haus am Platz, das seinen fünfzig hässlichen Nachbarn bis aufs Haar zu gleichen schien, in Wirklichkeit völlig anders – auf schreckliche Weise anders.

Worin dieser deutliche, unsichtbare Unterschied lag, ist unmöglich zu sagen. Er kann nicht gänzlich der Einbildung zugeschrieben werden, denn Personen, die einige Zeit in dem Haus verbracht hatten, ohne die Fakten zu kennen, hatten bestimmt erklärt, dass gewisse Räume so unangenehm seien, dass sie lieber sterben würden, als sie wieder zu betreten, und dass die Atmosphäre des gesamten Hauses in ihnen Symptome eines echten Terrors auslöste; während die Reihe unschuldiger Mieter, die versucht hatten, darin zu leben, und gezwungen waren, Hals über Kopf auszuziehen, in der Stadt wahrlich kaum weniger als ein Skandal war.

Als Shorthouse eintraf, um seiner Tante Julia in ihrem kleinen Haus an der Strandpromenade am anderen Ende der Stadt einen „Wochenendbesuch“ abzustatten, fand er sie bis zum Rand mit Geheimnissen und Aufregung angefüllt vor. Er hatte ihr Telegramm erst an jenem Morgen erhalten und war in der Erwartung von Langeweile gekommen; doch in dem Moment, als er ihre Hand berührte und ihre apfelhautrunzlige Wange küsste, spürte er die erste Welle ihres elektrisierten Zustands. Der Eindruck vertiefte sich, als er erfuhr, dass es keine anderen Besucher geben würde und dass man ihn zu einem ganz besonderen Zweck herbeitelegrafiert hatte.

Da lag etwas in der Luft, und dieses „Etwas“ würde zweifellos Früchte tragen; denn diese betagte alte Jungferntante mit einem Faible für psychische Forschung hatte sowohl Verstand als auch Willenskraft, und auf die eine oder andere Weise gelang es ihr meist, ihre Ziele zu erreichen. Die Enthüllung erfolgte kurz nach dem Tee, als sie sich an ihn schmiegte, während sie in der Dämmerung langsam die Strandpromenade entlangschlenderten.

„Ich habe die Schlüssel“, verkündete sie mit entzückter und doch halb ehrfürchtiger Stimme. „Ich habe sie bis Montag!“

„Die Schlüssel zum Badekarren oder...?“, fragte er unschuldig und blickte vom Meer zur Stadt. Nichts brachte sie schneller auf den Punkt, als Dummheit vorzutäuschen.

„Weder noch“, flüsterte sie. „Ich habe die Schlüssel für das Spukhaus am Platz – und ich gehe heute Nacht dorthin.“

Shorthouse spürte ein winziges Zittern seinen Rücken hinunterlaufen. Er ließ seinen neckischen Tonfall fallen. Etwas an ihrer Stimme und ihrem Gebaren versetzte ihn in Aufregung. Sie meinte es ernst.

„Aber du kannst nicht alleine gehen...“, begann er.

„Deshalb habe ich dich hertelegrammiert“, sagte sie bestimmt.

Er drehte sich um, um sie anzusehen. Das hässliche, faltige, rätselhafte Gesicht war voller Aufregung. Es umgab sie ein Schein echter Begeisterung wie ein Heiligenschein. Die Augen leuchteten. Er erfasste eine weitere Welle ihrer Aufregung, und ein zweites Zittern, deutlicher als das erste, begleitete sie.

„Danke, Tante Julia“, sagte er höflich; „vielen Dank.“

„Ich würde mich nicht trauen, ganz alleine zu gehen“, fuhr sie fort und hob ihre Stimme; „aber mit dir würde ich es ungeheuer genießen. Ich weiß, du hast vor nichts Angst.“

„Vielen Dank“, sagte er noch einmal. „Äh – ist es wahrscheinlich, dass etwas passiert?“

„Es ist bereits eine ganze Menge passiert“, flüsterte sie, „obwohl es höchst geschickt vertuscht wurde. Drei Mieter sind in den letzten Monaten gekommen und gegangen, und es heißt, das Haus stünde jetzt für immer leer.“

Trotz seiner selbst wurde Shorthouse neugierig. Seine Tante meinte es wirklich sehr ernst.

„Das Haus ist in der Tat sehr alt“, fuhr sie fort, „und die Geschichte – eine unangenehme – liegt weit zurück. Sie hat mit einem Mord zu tun, der von einem eifersüchtigen Stallburschen begangen wurde, der eine Affäre mit einem Dienstmädchen im Haus hatte. Eines Nachts gelang es ihm, sich im Keller zu verstecken, und als alle schliefen, schlich er hinauf zu den Dienstbotenunterkünften, jagte das Mädchen bis zum nächsten Treppenabsatz hinunter und warf sie, bevor ihr jemand zu Hilfe eilen konnte, leibhaftig über das Treppengeländer in die darunterliegende Halle.“

„Und der Stallbursche...?“

„Wurde, glaube ich, gefasst und für den Mord gehängt; aber das alles geschah vor einem Jahrhundert, und ich konnte keine weiteren Details der Geschichte in Erfahrung bringen.“

Shorthouse spürte nun, wie sein Interesse vollends geweckt war; doch obwohl er für sich selbst nicht sonderlich nervös war, zögerte er ein wenig wegen seiner Tante.

„Unter einer Bedingung“, sagte er schließlich.

„Nichts wird mich davon abhalten, zu gehen“, sagte sie fest; „aber ich kann mir deine Bedingung genauso gut anhören.“

„Dass du deine Selbstbeherrschung garantierst, falls wirklich etwas Schreckliches geschieht. Ich meine – dass du sicher bist, dass du nicht zu sehr in Angst gerätst.“

„Jim“, sagte sie geringschätzig, „ich bin nicht jung, das weiß ich, und meine Nerven sind es auch nicht; aber mit dir hätte ich vor nichts auf der Welt Angst!“

Das entschied die Sache natürlich, denn Shorthouse erhob nicht den Anspruch, etwas anderes als ein sehr gewöhnlicher junger Mann zu sein, und ein Appell an seine Eitelkeit war unwiderstehlich. Er erklärte sich bereit, mitzugehen.

Instinktiv, durch eine Art unterbewusste Vorbereitung, hielt er sich und seine Kräfte den ganzen Abend über gut in Schach und erzwang eine kumulative Reserve der Selbstbeherrschung durch jenen namenlosen inneren Prozess, die Emotionen allmählich wegzuschließen und den Schlüssel darauf umzudrehen – ein Prozess, der schwer zu beschreiben, aber wunderbar effektiv ist, wie alle Männer, die schwere Prüfungen des inneren Menschen durchlebt haben, wohl verstehen. Später kam es ihm zugute.

Aber erst um halb elf, als sie in der Halle standen, wohl im Schein freundlicher Lampen und noch immer umgeben von tröstlichen menschlichen Einflüssen, musste er diesen Vorrat an gesammelter Kraft zum ersten Mal anzapfen. Denn sobald die Tür geschlossen war und er die verlassene, stille Straße im Mondlicht vor sich liegen sah, wurde ihm klar, dass die eigentliche Prüfung an diesem Abend darin bestehen würde, mit zwei Ängsten statt mit einer umzugehen. Er würde die Angst seiner Tante ebenso tragen müssen wie seine eigene. Und als er auf ihre sphinxartige Miene hinabblickte und erkannte, dass sie in einem Anfall wirklichen Schreckens kein angenehmes Gesicht machen könnte, fühlte er sich nur mit einer Sache im ganzen Abenteuer zufrieden – dass er Vertrauen in seinen eigenen Willen und die Kraft hatte, jedem Schock zu widerstehen, der kommen mochte.

Langsam gingen sie die leeren Straßen der Stadt entlang; ein heller Herbstmond versilberte die Dächer und warf tiefe Schatten; kein Windhauch regte sich; und die Bäume in den formellen Gärten an der Strandpromenade beobachteten sie schweigend, während sie vorbeigingen. Auf die gelegentlichen Bemerkungen seiner Tante erwiderte Shorthouse nichts, da er erkannte, dass sie sich lediglich mit mentalen Puffern umgab – alltägliche Dinge sagte, um sich davon abzuhalten, an außergewöhnliche Dinge zu denken. Nur wenige Fenster zeigten Lichter, und aus kaum einem Schornstein drangen Rauch oder Funken. Shorthouse hatte bereits begonnen, alles zu bemerken, sogar die kleinsten Details. Bald darauf blieben sie an der Straßenecke stehen, blickten zu dem Namen an der Seite des Hauses hinauf, der voll im Mondlicht lag, und bogen wie verabredet, aber ohne ein Wort zu sagen, in den Platz ein und überquerten ihn zu der Seite, die im Schatten lag.

„Das Haus hat die Nummer dreizehn“, flüsterte eine Stimme an seiner Seite; und keiner von ihnen machte den naheliegenden Hinweis, sondern sie überquerten das breite Band des Mondlichts und begannen, schweigend den Gehweg hinaufzugehen.

Etwa auf halbem Weg um den Platz spürte Shorthouse, wie sich ein Arm leise, aber bedeutungsvoll in den seinen schob, und wusste dann, dass ihr Abenteuer ernsthaft begonnen hatte und seine Begleiterin bereits unmerklich den Einflüssen gegen sie nachgab. Sie brauchte Unterstützung.

Ein paar Minuten später blieben sie vor einem hohen, schmalen Haus stehen, das vor ihnen in die Nacht aufragte, hässlich in seiner Form und schmutzig-weiß gestrichen. Fenster ohne Fensterläden und ohne Vorhänge starrten auf sie herab und glänzten hier und da im Mondlicht. Es gab Verwitterungsspuren an der Wand und Risse in der Farbe, und der Balkon im ersten Stock wölbte sich ein wenig unnatürlich hervor. Aber abgesehen von diesem allgemein verlassenen Erscheinungsbild eines unbewohnten Hauses gab es auf den ersten Blick nichts, was dieses spezielle Anwesen für den üblen Ruf auszeichnete, den es zweifellos erworben hatte.

Sie warfen einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass ihnen niemand gefolgt war, stiegen mutig die Stufen hinauf und standen vor der riesigen schwarzen Tür, die ihnen abweisend entgegenstand. Doch die erste Welle von Nervosität hatte sie nun erfasst, und Shorthouse nestelte lange mit dem Schlüssel herum, bevor er ihn überhaupt ins Schloss stecken konnte. Wenn man die Wahrheit sagen wollte, hofften sie für einen Moment beide, dass sie sich nicht öffnen ließe, denn sie waren der Beute verschiedener unangenehmer Gefühle ausgeliefert, während sie dort an der Schwelle ihres geisterhaften Abenteuers standen. Shorthouse, der mit dem Schlüssel hantierte und durch das stetige Gewicht an seinem Arm behindert wurde, spürte gewiss die Feierlichkeit des Augenblicks. Es war, als ob die ganze Welt – denn alle Erfahrung schien in diesem Augenblick in seinem eigenen Bewusstsein konzentriert – auf das kratzende Geräusch dieses Schlüssels lauschte. Ein vereinzelter Windhauch, der die leere Straße entlangwanderte, weckte ein kurzes Rascheln in den Bäumen hinter ihnen, aber ansonsten war dieses Klappern des Schlüssels das einzige Geräusch, das zu hören war; und schließlich drehte er sich im Schloss, die schwere Tür schwang auf und enthüllte einen gähnenden Schlund der Dunkelheit dahinter.

Mit einem letzten Blick auf den mondbeschienenen Platz schlüpften sie schnell hinein, und die Tür schlug hinter ihnen mit einem Donnerhall zu, der gewaltig durch die leeren Hallen und Gänge widerhallte. Doch augenblicklich, mit den Echos, machte sich ein anderes Geräusch bemerkbar, und Tante Julia lehnte sich plötzlich so schwer gegen ihn, dass er einen Schritt zurücktreten musste, um nicht zu stürzen.

Ein Mann hatte ganz in ihrer Nähe gehustet – so nahe, dass es schien, als müssten sie in der Dunkelheit tatsächlich direkt neben ihm gestanden haben.

Mit dem Gedanken an Streiche im Hinterkopf schwang Shorthouse sofort seinen schweren Stock in Richtung des Geräusches; doch er traf nichts als Luft. Er hörte, wie seine Tante neben ihm kurz nach Luft schnappte.

„Da ist jemand“, flüsterte sie; „ich habe ihn gehört.“

„Sei still!“, sagte er streng. „Das war nichts weiter als das Geräusch der Vordertür.“

„Oh! Hol ein Licht – schnell!“, fügte sie hinzu, als ihr Neffe, der mit einer Schachtel Streichhölzer hantierte, diese kopfüber öffnete und alle mit einem Rasseln auf den Steinboden fallen ließ.

Das Geräusch wiederholte sich jedoch nicht; und es gab kein Anzeichen für zurückweichende Schritte. Eine weitere Minute später hatten sie eine Kerze brennen, wobei sie das leere Ende eines Zigarrenetuis als Halter benutzten; und als das erste Aufflackern abgeklungen war, hielt er die improvisierte Lampe in die Höhe und überblickte die Szene. Und sie war wahrlich trostlos genug, denn es gibt in allen Wohnstätten der Menschen nichts Trostloseres als ein unmöbliertes Haus, schwach beleuchtet, still und verlassen, und doch von Gerüchten mit den Erinnerungen an böse und gewaltsame Geschichten bewohnt.

Sie standen in einem breiten Flur; zu ihrer Linken befand sich die offene Tür eines geräumigen Esszimmers, und vor ihnen erstreckte sich die Halle, immer schmaler werdend, in einen langen, dunklen Gang, der anscheinend zum oberen Ende der Küchentreppe führte. Die breite, unteppichbelegte Treppe erhob sich schwungvoll vor ihnen, überall in Schatten gehüllt, bis auf einen einzigen Fleck etwa auf halber Höhe, wo das Mondlicht durch das Fenster fiel und einen hellen Fleck auf die Dielen warf. Dieser Lichtstrahl verbreitete ober- und unterhalb einen schwachen Schein und verlieh den Gegenständen in seiner Reichweite eine neblige Kontur, die unendlich viel suggestiver und geisterhafter war als vollkommene Dunkelheit. Gefiltertes Mondlicht scheint immer Gesichter in die umgebende Finsternis zu malen, und als Shorthouse in den Schacht der Dunkelheit hinaufstarrte und an die unzähligen leeren Zimmer und Gänge im oberen Teil des alten Hauses dachte, ertappte er sich dabei, wie er sich wieder nach der Sicherheit des mondbeschienenen Platzes oder dem gemütlichen, hellen Wohnzimmer sehnte, das sie vor einer Stunde verlassen hatten. Dann erkannte er, dass diese Gedanken gefährlich waren, schob sie wieder beiseite und sammelte alle seine Energie, um sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

„Tante Julia“, sagte er laut und streng, „wir müssen jetzt das Haus von oben bis unten durchsuchen.“

Die Echos seiner Stimme verstarben langsam im gesamten Gebäude, und in der intensiven Stille, die darauf folgte, drehte er sich um, um sie anzusehen. Im Kerzenschein sah er, dass ihr Gesicht bereits totenblass war; doch sie ließ seinen Arm für einen Moment los und sagte flüsternd, während sie dicht vor ihn trat:

„Ich bin einverstanden. Wir müssen sicher sein, dass sich niemand versteckt. Das ist das Wichtigste.“

Sie sprach mit offensichtlicher Anstrengung, und er betrachtete sie voller Bewunderung.

„Du fühlst dich ganz sicher? Es ist noch nicht zu spät...“

„Ich glaube schon“, flüsterte sie, während ihre Augen nervös zu den Schatten dahinter huschten. „Ganz sicher, nur eines...“

„Was ist das?“

„Du darfst mich keinen Augenblick alleine lassen.“

„Solange du verstehst, dass jedes Geräusch oder jede Erscheinung sofort untersucht werden muss, denn zu zögern bedeutet, Angst zuzugeben. Das ist fatal.“

„Einverstanden“, sagte sie nach einem Moment des Zögerns etwas zittrig. „Ich werde es versuchen...“

Arm in Arm, Shorthouse mit der tropfenden Kerze und dem Stock, während seine Tante den Umhang über den Schultern trug – für alle außer ihnen selbst Gestalten purer Komik –, begannen sie eine systematische Suche.

Heimlich, auf Zehenspitzen gehend und die Kerze abschirmend, damit sie ihre Anwesenheit nicht durch die fensterlosen Fenster verriet, gingen sie zuerst in das große Esszimmer. Es war kein einziges Möbelstück zu sehen. Kahle Wände, hässliche Kaminsimse und leere Roste starrten sie an. Alles, so spürten sie, missbilligte ihr Eindringen und beobachtete sie gleichsam mit verschleierten Augen; Flüstern folgte ihnen; Schatten huschten lautlos nach rechts und links; etwas schien immer hinter ihnen zu sein, beobachtete, wartete auf eine Gelegenheit, ihnen Schaden zuzufügen. Es herrschte das unvermeidliche Gefühl, dass die Vorgänge, die sich abspielten, wenn der Raum leer war, vorübergehend ausgesetzt worden waren, bis sie wieder weit weg waren. Das ganze dunkle Innere des alten Gebäudes schien zu einer bösartigen Präsenz zu werden, die sich aufbäumte, sie warnte, aufzuhören und sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern; mit jedem Moment wuchs die Anspannung der Nerven.

Aus dem düsteren Esszimmer gingen sie durch große Flügeltüren in eine Art Bibliothek oder Raucherzimmer, das gleichermaßen in Stille, Dunkelheit und Staub gehüllt war; und von dort gelangten sie wieder in die Halle nahe dem oberen Ende der Hintertreppe.

Hier öffnete sich vor ihnen ein pechschwarzer Tunnel in die unteren Regionen, und – das muss gestanden werden – sie zögerten. Aber nur für eine Minute. Da das Schlimmste der Nacht noch bevorstand, war es unerlässlich, vor nichts zurückzuweichen. Tante Julia stolperte auf der obersten Stufe des dunklen Abstiegs, der nur spärlich von der flackernden Kerze beleuchtet wurde, und selbst Shorthouse spürte, wie mindestens die Hälfte der Entschlossenheit aus seinen Beinen wich.

„Komm!“, sagte er gebieterisch, und seine Stimme hallte wider und verlor sich in den dunklen, leeren Räumen unter ihnen.

„Ich komme“, stammelte sie und packte seinen Arm mit unnötiger Heftigkeit.

Sie gingen ein wenig unsicher die Steinstufen hinunter, während ihnen eine kalte, feuchte Luft entgegenkam, schwer und übelriechend. Die Küche, in die die Treppe entlang eines schmalen Ganges führte, war groß und hatte eine hohe Decke. Mehrere Türen führten von ihr weg – einige in Vorratskammern, in denen noch leere Gläser in den Regalen standen, und andere in schreckliche kleine geisterhafte Nebenräume, jeder kälter und weniger einladend als der letzte. Schwarze Käfer huschten über den Boden, und einmal, als sie gegen einen in einer Ecke stehenden Küchentisch stießen, sprang etwas von der Größe einer Katze mit einem Ruck herunter und floh, huschte über den Steinboden in die Dunkelheit. Überall war ein Gefühl von kürzlicher Besetzung, ein Eindruck von Traurigkeit und Düsternis.

Sie verließen die Hauptküche und gingen dann in Richtung der Spülküche. Die Tür stand einen Spaltbreit offen, und als sie sie ganz aufstießen, stieß Tante Julia einen durchdringenden Schrei aus, den sie sofort zu ersticken versuchte, indem sie sich die Hand vor den Mund hielt. Eine Sekunde lang blieb Shorthouse stocksteif stehen und hielt den Atem an. Ihm war, als sei sein Rückgrat plötzlich hohl geworden und jemand hätte es mit Eissplittern gefüllt.

Ihnen gegenüber, direkt auf ihrem Weg zwischen den Türpfosten, stand die Gestalt einer Frau. Sie hatte zerzaustes Haar und wild starrende Augen, und ihr Gesicht war erschrocken und bleich wie der Tod.

Sie stand dort regungslos für die Dauer einer einzigen Sekunde. Dann flackerte die Kerze und sie war weg – gänzlich weg – und die Tür umrahmte nichts als leere Dunkelheit.

„Nur das scheußliche Flackern der Kerze“, sagte er schnell mit einer Stimme, die wie die eines anderen klang und nur halb unter Kontrolle war. „Komm, Tante. Da ist nichts.“

Er zog sie vorwärts. Mit klappernden Schritten und einer großen Anmutung von Kühnheit gingen sie weiter, doch auf seinem Körper bewegte sich die Haut, als würden Ameisen darüber krabbeln, und er wusste an der Schwere an seinem Arm, dass er die Lokomotionskraft für zwei lieferte. Die Spülküche war kalt, kahl und leer; mehr wie eine große Gefängniszelle als alles andere. Sie gingen darum herum, probierten die Tür zum Hof und die Fenster, fanden sie aber alle sicher verschlossen. Seine Tante bewegte sich neben ihm wie ein Mensch in einem Traum. Ihre Augen waren fest geschlossen, und sie schien lediglich dem Druck seines Arms zu folgen. Ihr Mut erfüllte ihn mit Erstaunen. Gleichzeitig bemerkte er, dass eine gewisse seltsame Veränderung über ihr Gesicht gekommen war, eine Veränderung, die sich irgendwie seiner Analyse entzog.

„Hier ist nichts, Tante“, wiederholte er laut und schnell. „Lass uns nach oben gehen und den Rest des Hauses ansehen. Dann suchen wir uns ein Zimmer aus, in dem wir warten.“

Sie folgte ihm gehorsam, blieb dicht an seiner Seite, und sie schlossen die Küchentür hinter sich ab. Es war eine Erleichterung, wieder hinaufzukommen. In der Halle war mehr Licht als zuvor, denn der Mond war ein Stück weiter die Treppe hinuntergewandert. Vorsichtig begannen sie, in das dunkle Gewölbe des oberen Hauses hinaufzusteigen, während die Dielen unter ihrem Gewicht knarrten.

Im ersten Stock fanden sie die großen doppelten Wohnzimmer, deren Durchsuchung jedoch nichts ergab. Auch hier gab es keine Anzeichen von Möbeln oder kürzlicher Besetzung; nichts als Staub und Vernachlässigung und Schatten. Sie öffneten die großen Flügeltüren zwischen dem vorderen und dem hinteren Wohnzimmer und kamen dann wieder auf den Treppenabsatz und gingen weiter hinauf.

Als sie die Treppe hinaufstiegen, waren sie noch keine zwölf Stufen gekommen, als sie beide gleichzeitig stehen blieben, um zu lauschen, und sich über die flackernde Kerzenflamme hinweg mit neuer Beklemmung in die Augen sahen. Aus dem Zimmer, das sie kaum zehn Sekunden zuvor verlassen hatten, drang das Geräusch leise zufallender Türen. Es unterlag keinem Zweifel; sie hörten das dumpfe Schlagen, das das Schließen schwerer Türen begleitet, gefolgt vom scharfen Einrasten des Riegels.

„Wir müssen zurückgehen und nachsehen“, sagte Shorthouse kurz mit tiefer Stimme und drehte sich um, um wieder die Treppe hinunterzugehen.

Irgendwie schaffte sie es, hinter ihm herzuwanken, die Füße in ihrem Kleid verheddert, das Gesicht leichenblass.

Als sie das vordere Wohnzimmer betraten, war es offensichtlich, dass die Flügeltüren – vor einer halben Minute – geschlossen worden waren. Ohne Zögern öffnete Shorthouse sie. Er erwartete fast, jemanden im hinteren Zimmer vor sich zu sehen; doch nur Dunkelheit und kalte Luft empfingen ihn. Sie durchquerten beide Räume und fanden nichts Ungewöhnliches. Sie versuchten auf jede erdenkliche Weise, die Türen dazu zu bringen, sich von selbst zu schließen, aber es gab nicht genug Wind, um auch nur die Kerzenflamme flackern zu lassen. Ohne starken Druck bewegten sich die Türen nicht. Alles war totenstill. Es war unbestreitbar, dass die Räume vollkommen leer und das Haus vollkommen still war.

„Es fängt an“, flüsterte eine Stimme an seinem Ellbogen, die er kaum als die seiner Tante erkannte.

Er nickte zustimmend und zog seine Uhr heraus, um die Zeit zu notieren. Es war eine Viertelstunde vor Mitternacht; er trug das Geschehene genau in sein Notizbuch ein, wofür er die Kerze in ihrem Halter auf den Boden stellte. Es dauerte einen Moment oder zwei, sie sicher an der Wand auszubalancieren.

Tante Julia beteuerte später immer, dass sie ihn in diesem Augenblick eigentlich gar nicht beobachtet, sondern ihren Kopf zum inneren Zimmer gedreht habe, wo sie zu hören glaubte, wie sich etwas bewegte; doch jedenfalls waren sich beide absolut einig, dass ein Geräusch eilender Schritte erklang, schwer und sehr hastig – und im nächsten Augenblick war die Kerze aus!

Doch Shorthouse selbst war mehr als das widerfahren, und er dankte stets seinen glücklichen Sternen, dass es ihm allein und nicht auch seiner Tante widerfahren war. Denn als er sich aus der gebückten Haltung, in der er die Kerze ausbalanciert hatte, aufrichtete und noch bevor sie tatsächlich erloschen war, schob sich ein Gesicht so dicht an sein eigenes, dass er es fast mit den Lippen hätte berühren können. Es war ein Gesicht, das vor Leidenschaft bebte; das Gesicht eines Mannes, dunkel, mit groben Zügen und wütenden, wilden Augen. Es gehörte einem gewöhnlichen Mann, und es war zweifellos in seinem normalen, alltäglichen Ausdruck böse, doch so wie er es sah, lebendig von intensiver, aggressiver Emotion, war es ein bösartiges und schreckliches menschliches Antlitz.

Es gab keine Luftbewegung; nichts als das Geräusch eilender Schritte – strümpfige oder gedämpfte Schritte; die Erscheinung des Gesichts; und das fast gleichzeitige Erlöschen der Kerze.

Trotz seines Willens stieß Shorthouse einen kleinen Schrei aus und verlor beinahe das Gleichgewicht, als seine Tante sich in einem Moment wirklicher, unkontrollierbarer Furcht mit ihrem ganzen Gewicht an ihn klammerte. Sie gab keinen Laut von sich, sondern ergriff ihn einfach mit ihrem ganzen Körper. Glücklicherweise jedoch hatte sie nichts gesehen, sondern nur die eilenden Schritte gehört, denn ihre Selbstbeherrschung kehrte fast augenblicklich zurück, und er konnte sich losmachen und ein Streichholz anzünden.

Die Schatten flohen nach allen Seiten vor dem grellen Licht, und seine Tante bückte sich und tastete nach dem Zigarrenetui mit der kostbaren Kerze. Dann entdeckten sie, dass die Kerze keineswegs ausgeblasen worden war; sie war erstickt worden. Der Docht war in das Wachs gedrückt, das flachgedrückt war, als ob durch ein glattes, schweres Instrument.

Wie seine Begleiterin ihre Angst so schnell überwand, verstand Shorthouse nie richtig; doch seine Bewunderung für ihre Selbstbeherrschung wuchs um das Zehnfache und diente gleichzeitig dazu, seine eigene schwindende Flamme zu nähren – wofür er zweifellos dankbar war. Ebenso unerklärlich war ihm der Beweis physischer Gewalt, den sie gerade erlebt hatten. Er unterdrückte sofort die Erinnerung an Geschichten, die er von „physischen Medien“ und ihren gefährlichen Phänomenen gehört hatte; denn wenn diese wahr waren und entweder seine Tante oder er selbst unwissentlich ein physisches Medium war, bedeutete dies, dass sie lediglich dabei halfen, die Kräfte eines Spukhauses zu bündeln, das bereits bis zum Rand aufgeladen war. Es war, als würde man mit ungeschützten Lampen zwischen unbedeckten Vorräten von Schießpulver gehen.

Also zündete er mit so wenig Nachdenken wie möglich einfach die Kerze wieder an und ging in das nächste Stockwerk hinauf. Der Arm in seinem zitterte zwar, und sein eigener Tritt war oft unsicher, aber sie gingen gründlich vor, und nach einer Suche, die nichts ergab, stiegen sie die letzte Treppe zum obersten Stockwerk von allen hinauf.

Hier fanden sie ein regelrechtes Nest kleiner Dienstbotenzimmer mit zerbrochenen Möbelstücken, schmutzigen Stühlen mit Rohrgeflecht, Kommoden, gesprungenen Spiegeln und baufälligen Bettgestellen. Die Räume hatten niedrige, schräge Decken, die bereits hier und da mit Spinnweben behangen waren, kleine Fenster und schlecht verputzte Wände – eine deprimierende und trostlose Gegend, die sie froh waren hinter sich zu lassen.

Es schlug Mitternacht, als sie ein kleines Zimmer im dritten Stock betraten, nahe dem oberen Ende der Treppe, und sich einrichteten, um für den Rest ihres Abenteuers bequem zu sitzen. Es war vollkommen kahl und galt als das Zimmer – damals als Kleiderkammer genutzt –, in das der aufgebrachte Stallbursche sein Opfer gejagt und schließlich gestellt hatte. Draußen, auf dem schmalen Treppenabsatz, begann die Treppe, die in den Stock darüber führte, zu den Dienstbotenquartieren, die sie gerade durchsucht hatten.

Trotz der Kühle der Nacht gab es etwas in der Luft dieses Raumes, das nach einem offenen Fenster schrie. Aber es war mehr als das. Shorthouse konnte es nur so beschreiben, dass er sich hier weniger als Herr seiner selbst fühlte als in jedem anderen Teil des Hauses. Da war etwas, das direkt auf die Nerven wirkte, den Entschluss ermüdete, den Willen schwächte. Er war sich dieses Ergebnisses bewusst, bevor er fünf Minuten in dem Raum war, und in der kurzen Zeit, die sie dort blieben, erlitt er den vollständigen Verlust seiner Lebenskräfte, was für ihn selbst das Hauptgrauen der gesamten Erfahrung war.

Sie stellten die Kerze auf den Boden des Schranks und ließen die Tür einen Spaltbreit offen, sodass kein grelles Licht die Augen verwirrte und kein Schatten an Wänden und Decke hin und her huschte. Dann breiteten sie den Umhang auf dem Boden aus und setzten sich mit dem Rücken zur Wand, um zu warten.

Shorthouse war zwei Fuß von der Tür zum Treppenabsatz entfernt; seine Position bot einen guten Blick auf die Haupttreppe, die in die Dunkelheit hinabführte, sowie auf den Beginn der Dienstbotentreppe, die in das Stockwerk darüber führte; der schwere Stock lag griffbereit neben ihm.

Der Mond stand nun hoch über dem Haus. Durch das offene Fenster konnten sie die tröstlichen Sterne wie freundliche Augen am Himmel beobachten. Einer nach dem anderen schlugen die Uhren der Stadt Mitternacht, und als die Klänge verhallten, legte sich die tiefe Stille einer windstillen Nacht wieder über alles. Nur das ferne, klagende Rauschen des Meeres erfüllte die Luft mit hohlem Gemurmel.

Im Inneren des Hauses wurde die Stille entsetzlich; entsetzlich, dachte er, weil sie jeden Augenblick von Geräuschen durchbrochen werden konnte, die Schrecken ankündigten. Die Anspannung des Wartens wirkte immer heftiger auf die Nerven; sie sprachen nur in Flüstertönen, wenn sie überhaupt sprachen, denn ihre lauten Stimmen klangen sonderbar und unnatürlich. Eine Kälte, die nicht allein der Nachtluft zuzuschreiben war, drang in den Raum ein und ließ sie frieren. Die Einflüsse gegen sie, was auch immer diese sein mochten, raubten ihnen langsam das Selbstvertrauen und die Kraft zu entscheidendem Handeln; ihre Kräfte schwanden, und die Möglichkeit echter Furcht nahm eine neue und schreckliche Bedeutung an. Er begann um die ältere Frau an seiner Seite zu zittern, deren Mut sie kaum über ein gewisses Maß hinaus retten konnte.

Er hörte das Blut in seinen Adern singen. Manchmal schien es so laut, dass er glaubte, es hindere ihn daran, andere Geräusche richtig zu hören, die begannen, ganz leise in den Tiefen des Hauses wahrnehmbar zu werden. Jedes Mal, wenn er seine Aufmerksamkeit auf diese Geräusche richtete, verstummten sie augenblicklich. Sie kamen gewiss nicht näher. Dennoch konnte er sich nicht des Gedankens erwehren, dass sich irgendwo in den unteren Regionen des Hauses etwas bewegte. Das Wohnzimmergeschoss, wo die Türen so merkwürdig geschlossen worden waren, schien zu nah; die Geräusche waren weiter entfernt als das. Er dachte an die große Küche mit den huschenden schwarzen Käfern und die düstere kleine Spülküche; aber irgendwie schienen sie auch von dort nicht zu kommen. Sicherlich waren sie nicht außerhalb des Hauses!

Dann, plötzlich, blitzte die Wahrheit in seinem Geist auf, und für die Dauer einer Minute fühlte er sich, als hätte sein Blut aufgehört zu fließen und wäre zu Eis geworden.

Die Geräusche waren keineswegs unten im Haus; sie waren oben – oben, irgendwo zwischen diesen scheußlichen, düsteren kleinen Dienstbotenzimmern mit ihren Stücken zerbrochener Möbel, niedrigen Decken und beengten Fenstern – oben, wo das Opfer zuerst aufgestört und in den Tod gejagt worden war.

Und in dem Augenblick, als er entdeckte, wo die Geräusche waren, begann er sie klarer zu hören. Es war das Geräusch von Füßen, die sich verstohlen den Gang darüber entlang bewegten, ein und aus zwischen den Zimmern und an den Möbeln vorbei.

Er wandte sich schnell um, um einen Blick auf die regungslose Gestalt neben sich zu werfen und festzustellen, ob sie seine Entdeckung teilte. Das schwache Kerzenlicht, das durch den Spalt in der Schranktür drang, hob ihr ausgeprägtes Gesicht lebhaft vom Weiß der Wand ab. Doch es war etwas anderes, das ihn den Atem anhalten und wieder starren ließ. Ein Außerordentliches war in ihr Gesicht getreten und schien sich wie eine Maske über ihre Züge zu legen; es glättete die tiefen Linien und zog die Haut überall ein wenig straffer, sodass die Falten verschwanden; es verlieh dem Gesicht – mit der einzigen Ausnahme der alten Augen – ein Aussehen von Jugend und beinahe Kindheit.

Er starrte in sprachlosem Erstaunen – einem Erstaunen, das gefährlich nahe am Entsetzen war. Es war tatsächlich das Gesicht seiner Tante, doch es war ihr Gesicht von vor vierzig Jahren, das leere, unschuldige Gesicht eines Mädchens. Er hatte Geschichten von jener seltsamen Wirkung der Furcht gehört, die ein menschliches Antlitz von anderen Emotionen reinigen und alle früheren Ausdrücke auslöschen konnte; doch er hatte nie begriffen, dass dies buchstäblich wahr sein oder etwas so schlicht Schreckliches bedeuten konnte wie das, was er jetzt sah. Denn die schreckliche Handschrift überwältigender Furcht war in jener absoluten Leere des mädchenhaften Gesichts neben ihm deutlich geschrieben; und als sie, seinen intensiven Blick spürend, sich umwandte, um ihn anzusehen, schloss er instinktiv die Augen fest, um den Anblick auszusperren.

Doch als er sich eine Minute später umwandte, seine Gefühle wohl im Griff, sah er zu seiner großen Erleichterung einen anderen Ausdruck; seine Tante lächelte, und obwohl das Gesicht totenweiß war, hatte sich der schreckliche Schleier gehoben und der normale Blick kehrte zurück.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, war alles, was ihm in dem Moment einzufallen vermochte. Und die Antwort war beredt, kommend von einer solchen Frau.

„Mir ist kalt – und ein wenig bange“, flüsterte sie.

Er bot an, das Fenster zu schließen, doch sie ergriff ihn und flehte ihn an, nicht einmal für einen Augenblick von ihrer Seite zu weichen.

„Es ist oben, ich weiß“, flüsterte sie mit einem seltsamen halben Lachen; „aber ich kann unmöglich hinaufgehen.“

Doch Shorthouse sah das anders, wohlwissend, dass im Handeln ihre beste Hoffnung auf Selbstbeherrschung lag.

Er nahm den Branntweinflascher und goss ein Glas reinen Geist ein, stark genug, um jedem über alles hinwegzuhelfen. Sie schluckte es mit einem kleinen Schaudern. Sein einziger Gedanke war nun, das Haus zu verlassen, bevor ihr Zusammenbruch unvermeidlich wurde; doch dies konnte nicht sicher erreicht werden, indem man kehrtmachte und vor dem Feind davonlief. Untätigkeit war nicht länger möglich; mit jeder Minute wurde er weniger Herr seiner selbst, und verzweifelte, aggressive Maßnahmen waren ohne weiteren Verzug unerlässlich. Zudem musste das Handeln in Richtung des Feindes erfolgen, nicht davon weg; dem Höhepunkt, falls nötig und unvermeidlich, musste mutig ins Auge gesehen werden. Er konnte es jetzt tun; doch in zehn Minuten hätte er vielleicht nicht mehr die Kraft, für sich selbst zu handeln, geschweige denn für beide!

Oben wurden die Geräusche unterdessen lauter und näher, begleitet vom gelegentlichen Knarren der Dielen. Jemand bewegte sich verstohlen umher und stieß hier und da ungeschickt gegen die Möbel.

Nachdem er einige Augenblicke gewartet hatte, um der gewaltigen Dosis Spirituosen ihre Wirkung entfalten zu lassen, und wohlwissend, dass dies unter den Umständen nur kurze Zeit anhalten würde, stand Shorthouse dann leise auf und sagte mit entschlossener Stimme:

„Nun, Tante Julia, wir gehen hinauf und finden heraus, was es mit all diesem Lärm auf sich hat. Du musst auch mitkommen. So haben wir es vereinbart.“

Er nahm seinen Stock und ging zum Schrank, um die Kerze zu holen. Eine schlaffe Gestalt erhob sich zittrig neben ihm und atmete schwer, und er hörte eine Stimme sehr leise etwas davon sagen, dass sie „bereit sei mitzukommen“. Der Mut der Frau verblüffte ihn; er war so viel größer als sein eigener; und als sie vorwärts schritten, die tropfende Kerze hochhaltend, ging von dieser zitternden, weißgesichtigen alten Frau an seiner Seite eine feine Kraft aus, die die wahre Quelle seiner Inspiration war. Sie enthielt etwas wahrhaft Großes, das ihn beschämte und ihm die Stütze gab, ohne die er sich als weit weniger gewachsen erwiesen hätte.

Sie überquerten den dunklen Treppenabsatz und vermieden es, mit ihren Augen in den tiefen, schwarzen Raum über dem Treppengeländer zu blicken. Dann begannen sie, die schmale Treppe zu besteigen, um den Geräuschen entgegenzugehen, die Minute um Minute lauter und näher wurden. Etwa auf halbem Weg stolperte Tante Julia, und Shorthouse drehte sich um, um sie am Arm zu fassen, und in genau diesem Moment gab es einen gewaltigen Krach auf dem Dienstbotengang darüber. Es folgte augenblicklich ein schriller, qualvoller Schrei, der ein Schrei der Furcht und ein Hilferuf in einem war.

Bevor sie zur Seite treten oder eine einzige Stufe hinuntergehen konnten, kam jemand den Gang darüber entlang gerast, ungeschickt stolpernd, wahnsinnig rennend, in vollem Tempo, drei Stufen auf einmal, genau die Treppe hinunter, auf der sie standen. Die Schritte waren leicht und unsicher; doch dicht hinter ihnen erklang der schwerere Tritt einer anderen Person, und die Treppe schien zu beben.

Shorthouse und seine Begleiterin hatten gerade noch Zeit, sich gegen die Wand zu drücken, als das Durcheinander fliegender Schritte über sie hereinbrach und zwei Personen, mit dem geringstmöglichen Abstand zwischen ihnen, in vollem Lauf an ihnen vorbeischossen. Es war ein wahrer Wirbelsturm aus Geräuschen, der die mitternächtliche Stille des leeren Gebäudes durchbrach.

Die beiden Läufer, Verfolger und Verfolgter, waren mitten durch sie hindurchgegangen, wo sie standen, und bereits mit einem dumpfen Aufprall hatten die Dielen unter ihnen erst den einen, dann den anderen aufgenommen. Doch sie hatten absolut nichts gesehen – keine Hand, keinen Arm, kein Gesicht oder auch nur einen Fetzen fliegender Kleidung.

Es folgte eine Pause von einer Sekunde. Dann lief der erste, der leichtere der beiden, offensichtlich der Verfolgte, mit unsicheren Schritten in das kleine Zimmer, das Shorthouse und seine Tante gerade verlassen hatten. Der schwerere folgte. Es gab ein Geräusch von Ringen, Keuchen und ersticktem Schreien; und dann trat auf den Treppenabsatz der Schritt – einer einzelnen Person, die schwerfällig trat.

Eine totenstille folgte für die Dauer einer halben Minute, und dann hörte man ein Rauschen durch die Luft. Es folgte ein dumpfer, krachender Aufprall in den Tiefen des Hauses unten – auf dem Steinboden der Halle.

Danach herrschte vollkommene Stille. Nichts bewegte sich. Die Flamme der Kerze brannte ruhig. Sie war die ganze Zeit über ruhig gewesen, und die Luft war durch keinerlei Bewegung gestört worden. Gelähmt vor Furcht, begann Tante Julia, ohne auf ihren Begleiter zu warten, sich den Weg die Treppe hinunterzutasten; sie weinte leise vor sich hin, und als Shorthouse seinen Arm um sie legte und sie halb trug, spürte er, dass sie wie ein Blatt zitterte. Er ging in das kleine Zimmer und hob den Umhang vom Boden auf, und Arm in Arm, sehr langsam gehend, ohne ein Wort zu sprechen oder ein einziges Mal hinter sich zu blicken, schritten sie die drei Treppenabsätze hinunter in die Halle.

In der Halle sahen sie nichts, doch den ganzen Weg die Treppe hinunter waren sie sich bewusst, dass jemand ihnen folgte; Schritt für Schritt; wenn sie schneller gingen, blieb ES zurück, und wenn sie langsamer gingen, holte ES sie ein. Doch niemals blickten sie hinter sich, um nachzusehen; und an jeder Biegung der Treppe senkten sie die Augen aus Furcht vor dem folgenden Grauen, das sie auf der Treppe darüber sehen könnten.

Mit zitternden Händen öffnete Shorthouse die Vordertür, und sie traten hinaus in den Mondschein und holten tief Atem von der kühlen Nachtluft, die vom Meer herüberwehte.

EINE GESPENSTISCHE INSEL

Die folgenden Ereignisse trugen sich auf einer kleinen, isoliert gelegenen Insel in einem großen kanadischen See zu, zu dessen kühlen Wassern die Bewohner von Montreal und Toronto in den heißen Monaten zur Erholung fliehen. Es ist nur zu bedauern, dass Ereignisse von solch besonderem Interesse für den aufrichtigen Forscher des Psychischen nicht weiter belegt sind. So ist es jedoch leider.

Unsere eigene Gruppe von fast zwanzig Personen war noch am selben Tag nach Montreal zurückgekehrt, und ich war für ein oder zwei Wochen länger als Einziger zurückgeblieben, um einige wichtige „Lektüre“ für das Jura-Studium zu bewältigen, die ich während des Sommers töricht vernachlässigt hatte.

Es war Ende September, und die großen Forellen und Maskinonge regten sich in den Tiefen des Sees und begannen langsam, in die Oberflächengewässer zu ziehen, während die Nordwinde und frühen Fröste deren Temperatur senkten. Schon waren die Ahornbäume in Purpur und Gold, und das wilde Lachen der Eistaucher hallte in geschützten Buchten wider, die ihren seltsamen Ruf im Sommer nie kannten.

Mit einer ganzen Insel für sich allein, einer zweistöckigen Hütte, einem Kanu und nur den Streifenhörnchen und dem wöchentlichen Besuch des Farmers mit Eiern und Brot, um einen zu stören, könnten die Gelegenheiten für ernsthaftes Lesen sehr groß sein. Es kommt ganz darauf an!

Der Rest der Gruppe war mit vielen Warnungen vor Indianern davongezogen, nicht zu lange zu bleiben, um nicht Opfer eines Frostes zu werden, der bei vierzig Grad unter Null nicht viel Aufhebens macht. Nachdem sie gegangen waren, machte sich die Einsamkeit der Lage unangenehm bemerkbar. Es gab keine anderen Inseln im Umkreis von sechs oder sieben Meilen, und obwohl die Wälder des Festlandes ein paar Meilen hinter mir lagen, erstreckten sie sich über eine sehr große Entfernung, unterbrochen von keinerlei Anzeichen menschlicher Besiedlung. Doch obwohl die Insel vollkommen verlassen und still war, konnten die Felsen und Bäume, die zwei Monate lang fast jede Stunde des Tages menschliches Lachen und Stimmen widerhallen ließen, nicht umhin, einige Erinnerungen daran zu bewahren; und ich war nicht überrascht, als ich mir einbildete, einen Ruf oder Schrei zu hören, während ich von Fels zu Fels ging, und mehr als einmal mir vorstellte, meinen eigenen Namen laut rufen zu hören.

In der Hütte gab es sechs winzige kleine Schlafzimmer, die durch einfache, ungestrichene Kiefernwände voneinander getrennt waren. Ein hölzernes Bettgestell, eine Matratze und ein Stuhl standen in jedem Zimmer, doch ich fand nur zwei Spiegel, und einer davon war zerbrochen.

Die Dielen knarrten ein gutes Stück, als ich mich bewegte, und die Anzeichen der Besetzung waren so frisch, dass ich kaum glauben konnte, allein zu sein. Ich erwartete halb, jemanden zurückgelassen zu finden, der immer noch versuchte, mehr in eine Kiste zu stopfen, als sie fassen konnte. Die Tür eines Zimmers war steif und weigerte sich einen Moment lang, sich zu öffnen, und es bedurfte nur sehr wenig Überredungskunst, sich vorzustellen, jemand halte die Klinke von innen fest, und dass ich beim Öffnen einem Paar menschlicher Augen begegnen würde.

Nach gründlichem Durchsuchen des Stockwerks entschied ich mich für ein kleines Zimmer mit einem winzigen Balkon über dem Dach der Veranda als mein eigenes Schlafquartier. Das Zimmer war sehr klein, aber das Bett war groß und hatte die beste Matratze von allen. Es lag direkt über dem Wohnzimmer, wo ich wohnen und „lesen“ würde, und das Miniaturfenster blickte auf die aufgehende Sonne. Mit Ausnahme eines schmalen Pfades, der von der Eingangstür und der Veranda durch die Bäume zum Bootssteg führte, war die Insel dicht mit Ahornbäumen, Hemlocktannen und Zedern bewachsen. Die Bäume drängten sich so dicht um das Häuschen, dass der leiseste Wind die Zweige über das Dach streifen und gegen die Holzwände klopfen ließ. Wenige Augenblicke nach Sonnenuntergang wurde die Dunkelheit undurchdringlich, und zehn Meter hinter dem Schein der Lampen, die durch die Wohnzimmerfenster – deren es vier gab – drangen, konnte man keine Hand vor Augen sehen, noch einen Schritt tun, ohne gegen einen Baum zu laufen.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, meine Habseligkeiten aus meinem Zelt in das Wohnzimmer zu bringen, den Inhalt der Speisekammer zu prüfen und genug Holz für den Ofen zu hacken, um eine Woche damit auszukommen. Danach, kurz vor Sonnenuntergang, fuhr ich zur Vorsicht ein paar Mal mit meinem Kanu um die Insel. Ich hatte nie zuvor daran gedacht, dies zu tun, aber wenn ein Mann allein ist, tut er Dinge, die ihm nie in den Sinn kämen, wenn er Teil einer großen Gruppe ist.

Wie einsam die Insel erschien, als ich wieder anlegte! Die Sonne war untergegangen, und Dämmerung ist in diesen nördlichen Regionen unbekannt. Die Dunkelheit bricht sofort herein. Nachdem das Kanu sicher an Land gezogen und auf den Bauch gedreht worden war, tastete ich mich den kleinen schmalen Pfad hinauf zur Veranda. Die sechs Lampen brannten bald fröhlich im vorderen Zimmer; aber in der Küche, wo ich „speiste“, waren die Schatten so düster und das Lampenlicht so unzureichend, dass man die Sterne durch die Ritzen zwischen den Dachsparren hervorgucken sehen konnte.

Ich ging an jenem Abend früh zu Bett. Obwohl es ruhig war und kein Wind wehte, waren das Knarren meines Bettgestells und das musikalische Gurgeln des Wassers über den Felsen unter mir nicht die einzigen Geräusche, die meine Ohren erreichten. Während ich wach lag, überkam mich die erschreckende Leere des Hauses. Die Korridore und leerstehenden Zimmer schienen zahllose Schritte, Schlurfen, das Rascheln von Röcken und einen ständigen Unterton von Flüstern widerzuhallen. Als mich schließlich der Schlaf übermannte, vermischten sich das Atmen und die Geräusche jedoch sanft mit den Stimmen meiner Träume.

Eine Woche verging, und das „Lesen“ schritt günstig voran. Am zehnten Tag meiner Einsamkeit geschah etwas Seltsames. Ich erwachte nach einer guten Nachtruhe und stellte fest, dass ich eine ausgeprägte Abneigung gegen mein Zimmer verspürte. Die Luft schien mich zu ersticken. Je mehr ich versuchte, die Ursache dieser Abneigung zu bestimmen, desto unvernünftiger erschien sie mir. Es war etwas an dem Zimmer, das mir Angst machte. So absurd es klingt, dieses Gefühl haftete hartnäckig an mir, während ich mich anzog, und mehr als einmal ertappte ich mich dabei, wie ich schauderte und mir eines Bedürfnisses bewusst war, so schnell wie möglich aus dem Zimmer zu kommen. Je mehr ich versuchte, es wegzulachen, desto realer wurde es; und als ich schließlich angezogen war und in den Flur und die Treppe hinunter in die Küche ging, geschah dies mit einem Gefühl der Erleichterung, wie ich es mir bei der Flucht vor einer gefährlichen ansteckenden Krankheit vorstellen würde.

Während ich mein Frühstück kochte, rief ich mir sorgfältig jede Nacht in Erinnerung, die ich in dem Zimmer verbracht hatte, in der Hoffnung, ich könnte die Abneigung, die ich nun empfand, irgendwie mit einem unangenehmen Vorfall in Verbindung bringen, der sich dort ereignet hatte. Aber das Einzige, woran ich mich erinnern konnte, war eine stürmische Nacht, in der ich plötzlich erwachte und die Dielen im Korridor so laut knarren hörte, dass ich überzeugt war, es befänden sich Leute im Haus. Ich war mir dessen so sicher, dass ich mit der Waffe in der Hand die Treppe hinuntergegangen war, nur um festzustellen, dass Türen und Fenster sicher verschlossen waren und die Mäuse und schwarzen Käfer den Boden für sich allein hatten. Das reichte sicherlich nicht aus, um die Stärke meiner Gefühle zu erklären.

Die Morgenstunden verbrachte ich mit konzentriertem Lesen; und als ich mitten am Tag für ein Bad und ein Mittagessen unterbrach, war ich sehr überrascht, wenn nicht sogar ein wenig beunruhigt, festzustellen, dass meine Abneigung gegen das Zimmer, wenn überhaupt, noch stärker geworden war. Als ich nach oben ging, um ein Buch zu holen, erlebte ich die deutlichste Abneigung gegen das Betreten des Zimmers, und während ich mich darin aufhielt, war ich mir die ganze Zeit eines unbehaglichen Gefühls bewusst, das halb Unruhe und halb Befürchtung war. Das Ergebnis war, dass ich den Nachmittag statt mit Lesen mit Paddeln und Fischen auf dem Wasser verbrachte, und als ich bei Sonnenuntergang nach Hause kam, brachte ich ein halbes Dutzend köstlicher Schwarzbarsche für den Abendbrottisch und die Speisekammer mit.

Da Schlaf für mich zu dieser Zeit eine wichtige Angelegenheit war, hatte ich beschlossen, dass ich mein Bett in das Wohnzimmer hinunterstellen und dort schlafen würde, falls meine Abneigung gegen das Zimmer bei meiner Rückkehr so stark ausgeprägt wäre wie zuvor. Dies war, so argumentierte ich, keineswegs ein Zugeständnis an eine absurde und phantastische Angst, sondern einfach eine Vorsichtsmaßnahme, um eine gute Nachtruhe zu gewährleisten. Eine schlechte Nacht bedeutete den Verlust des Lesens am nächsten Tag – ein Verlust, den ich nicht bereit war hinzunehmen.

Dementsprechend stellte ich mein Bett nach unten in eine Ecke des Wohnzimmers, die zur Tür zeigte, und war zudem überaus froh, als der Vorgang abgeschlossen war und die Schlafzimmertür endgültig hinter den Schatten, der Stille und der seltsamen Angst, die das Zimmer mit ihnen teilte, geschlossen wurde.

Das krächzende Schlagen der Küchenuhr verkündete die achte Stunde, als ich mit dem Abwasch meines wenigen Geschirrs fertig war, die Küchentür hinter mir schloss und in das vordere Zimmer trat. Alle Lampen waren angezündet, und ihre Reflektoren, die ich tagsüber poliert hatte, warfen ein blendendes Licht in den Raum.

Draußen war die Nacht still und warm. Kein Lufthauch regte sich; die Wellen waren lautlos, die Bäume unbeweglich, und schwere Wolken hingen wie ein bedrückender Vorhang über dem Himmel. Die Dunkelheit schien mit ungewöhnlicher Schnelligkeit heraufgezogen zu sein, und nicht der leiseste Anflug von Farbe blieb, um zu zeigen, wo die Sonne untergegangen war. In der Atmosphäre lag diese unheilvolle und überwältigende Stille, die so oft den gewalttätigsten Stürmen vorausgeht.

Ich setzte mich mit ungewöhnlich klarem Verstand an meine Bücher, und in meinem Herzen die angenehme Zufriedenheit, zu wissen, dass fünf Schwarzbarsche im Eiskeller lagen und dass am nächsten Morgen der alte Farmer mit frischem Brot und Eiern eintreffen würde. Ich war bald in meine Bücher vertieft.

Während die Nacht voranschritt, vertiefte sich die Stille. Sogar die Streifenhörnchen waren still; und die Dielen der Böden und Wände hörten auf zu knarren. Ich las stetig weiter, bis aus den düsteren Schatten der Küche das heisere Geräusch der Uhr drang, die neun schlug. Wie laut die Schläge klangen! Sie waren wie Schläge eines großen Hammers. Ich schloss ein Buch und öffnete ein anderes, das Gefühl habend, dass ich gerade erst warm wurde bei meiner Arbeit.

Dies hielt jedoch nicht lange an. Ich stellte bald fest, dass ich dieselben Absätze zweimal las, einfache Absätze, die eine solche Anstrengung nicht erforderten. Dann bemerkte ich, dass meine Gedanken zu anderen Dingen abzuschweifen begannen, und die Anstrengung, meine Gedanken zurückzurufen, wurde mit jeder Abschweifung schwieriger. Die Konzentration wurde von Moment zu Moment schwieriger. Bald entdeckte ich, dass ich zwei Seiten statt einer umgeblättert hatte und meinen Fehler erst bemerkt hatte, als ich schon weit unten auf der Seite war. Das wurde ernst. Was war der störende Einfluss? Es konnte keine körperliche Erschöpfung sein. Im Gegenteil, mein Verstand war ungewöhnlich wach und in einem empfänglicheren Zustand als gewöhnlich. Ich unternahm einen neuen und entschlossenen Versuch zu lesen, und für kurze Zeit gelang es mir, meine volle Aufmerksamkeit meinem Thema zu widmen. Aber nach wenigen Augenblicken fand ich mich schon wieder dabei, wie ich mich in meinem Stuhl zurücklehnte und gedankenverloren ins Leere starrte.

Offensichtlich war etwas in meinem Unterbewusstsein am Werk. Es gab etwas, das ich versäumt hatte zu tun. Vielleicht waren die Küchentür und die Fenster nicht verschlossen. Ich ging also nachsehen und fand, dass sie es waren! Das Feuer brauchte vielleicht Aufmerksamkeit. Ich ging hinein, um nachzusehen, und fand, dass alles in Ordnung war! Ich sah nach den Lampen, ging nacheinander in jedes Schlafzimmer nach oben und ging dann um das Haus herum und sogar in den Eiskeller. Nichts war falsch; alles war an seinem Platz. Dennoch war etwas falsch! Die Überzeugung wuchs immer stärker in mir.

Als ich mich schließlich wieder an meine Bücher setzte und zu lesen versuchte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass der Raum kalt zu werden schien. Doch der Tag war drückend warm gewesen, und der Abend hatte keine Linderung gebracht. Die sechs großen Lampen strahlten zudem Wärme genug aus, um den Raum angenehm zu heizen. Aber eine Kühle, die vielleicht vom See heraufkroch, machte sich im Raum bemerkbar und veranlasste mich aufzustehen, um die Glastür zur Veranda zu schließen.

Für einen kurzen Augenblick stand ich da und blickte hinaus auf den Lichtstrahl, der von den Fenstern fiel und ein kleines Stück den Pfad hinunter und für ein paar Fuß hinaus in den See leuchtete.

Während ich blickte, sah ich ein Kanu in den Lichtweg gleiten und unmittelbar diesen kreuzen, um wieder im Dunkeln aus dem Blickfeld zu verschwinden. Es war vielleicht hundert Fuß vom Ufer entfernt und bewegte sich schnell.

Ich war überrascht, dass zu dieser nächtlichen Stunde ein Kanu an der Insel vorbeifuhr, denn alle Sommergäste von der anderen Seite des Sees waren schon vor Wochen nach Hause gefahren, und die Insel lag weit abseits jeder Wasserstraße.

Mein Lesen machte von diesem Moment an keine großen Fortschritte mehr, denn irgendwie brannte sich das Bild jenes Kanus, das so dunkel und schnell über die schmale Lichtspur auf den schwarzen Wassern glitt, mit singulärer Lebendigkeit in den Hintergrund meines Geistes ein. Es schob sich immer wieder zwischen meine Augen und die gedruckte Seite. Je mehr ich darüber nachdachte, desto überraschter wurde ich. Es war von größerer Bauart als jedes, das ich während der vergangenen Sommermonate gesehen hatte, und ähnelte eher den alten indigenen Kriegskanus mit den hoch geschwungenen Bug- und Heckteilen und breiterem Rumpf. Je mehr ich versuchte zu lesen, desto weniger Erfolg hatten meine Bemühungen; und schließlich schloss ich meine Bücher und ging auf die Veranda, um ein wenig auf und ab zu gehen und die Kühle aus meinen Knochen zu schütteln.

Die Nacht war vollkommen still und so dunkel, wie man es sich nur vorstellen konnte. Ich stolperte den Pfad hinunter zum kleinen Anlegesteg, wo das Wasser das leiseste Gurgeln unter den Balken verursachte. Das Geräusch eines großen Baumes, der weit drüben auf dem Festland im Wald umstürzte, weckte Echos in der schweren Luft, wie die ersten Schüsse eines entfernten nächtlichen Angriffs. Kein anderes Geräusch störte die Stille, die absolut herrschte.

Als ich auf dem Steg in dem breiten Lichtfleck stand, der mir von den Wohnzimmerfenstern folgte, sah ich ein weiteres Kanu den Lichtpfad auf dem Wasser kreuzen und sofort in der undurchdringlichen Finsternis verschwinden, die dahinter lag. Diesmal sah ich deutlicher als zuvor. Es war wie das erste Kanu, eine große Birkenrinde, mit hoch aufragenden Bug- und Heckteilen und breitem Rumpf. Es wurde von zwei Indigenen gepaddelt, von denen der eine im Heck – der Steuermann – ein sehr großer Mann zu sein schien. Ich konnte dies sehr deutlich sehen; und obwohl das zweite Kanu viel näher an der Insel war als das erste, vermutete ich, dass beide auf dem Weg nach Hause zum Regierungsreservat waren, das etwa fünfzehn Meilen entfernt auf dem Festland lag.

Ich fragte mich, was um alles in der Welt Indigene zu einer solchen Stunde in diesen Teil des Sees bringen könnte, als ein drittes Kanu, von genau gleicher Bauart und ebenfalls mit zwei Indigenen besetzt, lautlos um das Ende des Stegs fuhr. Diesmal war das Kanu viel näher am Ufer, und mir schoss plötzlich durch den Kopf, dass die drei Kanus in Wirklichkeit ein und dasselbe waren und dass nur ein einziges Kanu die Insel umkreiste!

Dies war keineswegs eine angenehme Überlegung, denn wenn dies die richtige Lösung für das ungewöhnliche Erscheinen der drei Kanus in diesem einsamen Teil des Sees zu so später Stunde war, konnte die Absicht der beiden Männer vernünftigerweise nur als in irgendeiner Weise mit mir verbunden betrachtet werden. Ich hatte nie davon gehört, dass Indigene versucht hätten, Gewalt gegen die Siedler auszuüben, die das wilde, unwirtliche Land mit ihnen teilten; gleichzeitig lag es nicht außerhalb des Bereichs des Möglichen, dies anzunehmen... Aber dann wollte ich nicht einmal an solche abscheulichen Möglichkeiten denken, und meine Vorstellungskraft suchte sofort Erleichterung in allen möglichen anderen Lösungen für das Problem, die mir zwar leicht genug in den Sinn kamen, sich aber nicht für meine Vernunft empfahlen.

Währenddessen trat ich aus einer Art Instinkt aus dem hellen Licht zurück, in dem ich bisher gestanden hatte, und wartete im tiefen Schatten eines Felsens, ob das Kanu wieder erscheinen würde. Hier konnte ich sehen, ohne gesehen zu werden, und die Vorsichtsmaßnahme schien klug.

Nach weniger als fünf Minuten machte das Kanu, wie ich erwartet hatte, seinen vierten Auftritt. Diesmal war es keine zwanzig Yards vom Steg entfernt, und ich sah, dass die Indigenen vorhatten zu landen. Ich erkannte die beiden Männer als die wieder, die zuvor vorbeigefahren waren, und der Steuermann war sicherlich ein gewaltiger Kerl. Es war zweifellos dasselbe Kanu. Es konnte keinen Zweifel mehr geben, dass die Männer aus irgendeinem Grund schon seit einiger Zeit um die Insel herumfuhren und auf eine Gelegenheit zum Landen warteten. Ich strengte meine Augen an, um sie in der Dunkelheit zu verfolgen, aber die Nacht hatte sie vollständig verschluckt, und nicht einmal das leiseste Zischen der Paddel erreichte meine Ohren, als die Indigenen ihre langen und kraftvollen Schläge ausführten. Das Kanu würde in wenigen Augenblicken wieder herum sein, und diesmal war es möglich, dass die Männer landen würden. Es war gut, vorbereitet zu sein. Ich wusste nichts von ihren Absichten, und zwei gegen einen (wenn die zwei große Indigene sind!) spät in der Nacht auf einer einsamen Insel war nicht gerade meine Vorstellung von angenehmem Umgang.

In einer Ecke des Wohnzimmers, an die Rückwand gelehnt, stand mein Marlin-Gewehr, mit zehn Patronen im Magazin und einer, die gemütlich im gefetteten Verschluss lag. Es war gerade noch Zeit, zum Haus hinaufzugehen und eine Verteidigungsposition in jener Ecke einzunehmen. Ohne einen Augenblick zu zögern, rannte ich zur Veranda und suchte mir vorsichtig meinen Weg durch die Bäume, um nicht im Licht gesehen zu werden. Ich betrat das Zimmer, schloss die Tür zur Veranda und löschte so schnell wie möglich jede der sechs Lampen. In einem so hell beleuchteten Raum zu sein, wo jede meiner Bewegungen von außen beobachtet werden konnte, während ich an jedem Fenster nichts als undurchdringliche Dunkelheit sehen konnte, war nach allen Gesetzen der Kriegführung ein unnötiges Zugeständnis an den Feind. Und dieser Feind, falls es ein Feind sein sollte, war viel zu gerissen und gefährlich, um ihm solche Vorteile zu gewähren.

Ich stand in der Ecke des Zimmers mit dem Rücken zur Wand und meiner Hand auf dem kalten Gewehrlauf. Der Tisch, bedeckt mit meinen Büchern, lag zwischen mir und der Tür, aber in den ersten paar Minuten nach dem Löschen der Lichter war die Dunkelheit so intensiv, dass überhaupt nichts zu erkennen war. Dann, ganz allmählich, wurden die Umrisse des Zimmers sichtbar, und der Rahmen der Fenster begann sich undeutlich vor meinen Augen zu formen.

Nach einigen Minuten wurden die Tür (deren obere Hälfte aus Glas bestand) und die beiden Fenster, die auf die vordere Veranda blickten, besonders deutlich; und ich war froh, dass dem so war, denn wenn die Indigenen zum Haus heraufkämen, würde ich ihr Herannahen sehen und etwas über ihre Pläne erfahren können. Ich irrte mich auch nicht, denn bald drang das eigentümliche hohle Geräusch eines landenden Kanus an mein Ohr, das vorsichtig über die Felsen gezogen wurde. Ich hörte deutlich, wie die Paddel daruntergelegt wurden, und die Stille, die daraufhin folgte, interpretierte ich richtig dahingehend, dass sich die Indigenen verstohlen dem Haus näherten. ...

Während es absurd wäre zu behaupten, dass ich nicht beunruhigt – ja erschrocken – über den Ernst der Lage und ihren möglichen Ausgang war, sage ich die volle Wahrheit, wenn ich behaupte, dass ich nicht überwältigend um mich selbst fürchtete. Ich war mir bewusst, dass ich selbst in diesem Stadium der Nacht in einen psychischen Zustand überging, in dem meine Empfindungen nicht mehr normal erschienen. Körperliche Angst kam zu keinem Zeitpunkt in die Natur meiner Gefühle; und obwohl ich den größten Teil der Nacht meine Hand auf meinem Gewehr hielt, war ich mir die ganze Zeit bewusst, dass seine Hilfe gegen die Schrecken, denen ich gegenüberstand, wenig nützen würde. Mehr als einmal schien es mir sehr merkwürdig, dass ich in keinem wirklichen Sinne ein Teil der Vorgänge war, noch tatsächlich in sie verwickelt, sondern dass ich die Rolle eines Zuschauers spielte – eines Zuschauers obendrein auf einer psychischen statt auf einer materiellen Ebene. Viele meiner Empfindungen in jener Nacht waren zu vage für eine genaue Beschreibung und Analyse, aber das Hauptgefühl, das mir bis an mein Lebensende bleiben wird, ist der schreckliche Horror von alldem und das elende Gefühl, dass mein Verstand unweigerlich hätte nachgeben müssen, wenn die Anspannung nur ein wenig länger gedauert hätte, als es tatsächlich der Fall war.

In der Zwischenzeit stand ich still in meiner Ecke und wartete geduldig auf das, was kommen würde. Das Haus war so still wie das Grab, aber die artikulationslosen Stimmen der Nacht sangen in meinen Ohren, und ich schien das Blut in meinen Adern laufen und in meinen Pulsen tanzen zu hören.

Wenn die Indigenen zur Rückseite des Hauses kämen, würden sie die Küchentür und das Fenster sicher verschlossen finden. Sie könnten dort nicht eindringen, ohne beträchtlichen Lärm zu machen, den ich zwangsläufig hören müsste. Die einzige Möglichkeit, hineinzugelangen, war die Tür, die mir gegenüberlag, und ich hielt meine Augen auf diese Tür gerichtet, ohne sie auch nur für den kleinsten Bruchteil einer Sekunde abzuwenden.

Mein Sehvermögen passte sich mit jeder Minute besser an die Dunkelheit an. Ich sah den Tisch, der den Raum fast ausfüllte und nur einen schmalen Durchgang auf jeder Seite ließ. Ich konnte auch die geraden Rücken der Holzstühle erkennen, die an ihn gedrückt waren, und konnte sogar meine Papiere und das Tintenfass unterscheiden, die auf der weißen Wachstuchdecke lagen. Ich dachte an die fröhlichen Gesichter, die sich während des Sommers um diesen Tisch versammelt hatten, und ich sehnte mich nach dem Sonnenlicht, wie ich mich noch nie zuvor danach gesehnt hatte.

Weniger als drei Fuß zu meiner Linken führte der Durchgang zur Küche, und die Treppe, die zu den Schlafzimmern oben führte, begann in diesem Durchgang, aber fast im Wohnzimmer selbst. Durch die Fenster konnte ich die undeutlichen, unbeweglichen Umrisse der Bäume sehen: kein Blatt regte sich, kein Zweig bewegte sich.

Einige Augenblicke dieser schrecklichen Stille, und dann wurde ich eines leisen Schrittes auf den Dielen der Veranda gewahr, so verstohlen, dass es ein Eindruck direkt auf mein Gehirn zu sein schien, eher als auf die Nerven des Gehörs. Unmittelbar danach verdunkelte eine schwarze Gestalt die Glastür, und ich nahm wahr, dass ein Gesicht gegen die oberen Scheiben gedrückt war. Ein Schauer lief mir über den Rücken, und mein Haar war sich einer Tendenz bewusst, sich aufzurichten und im rechten Winkel von meinem Kopf abzustehen.

Es war die Gestalt eines Indianers, breitschultrig und gewaltig; in der Tat die massigste Männergestalt, die ich je außerhalb eines Zirkus gesehen habe. Durch eine Art Lichtkraft, die sich scheinbar im Gehirn selbst erzeugte, sah ich das starke, dunkle Gesicht mit der Adlernase und den hohen Wangenknochen flach gegen das Glas gedrückt. Die Richtung des Blickes konnte ich nicht bestimmen; doch schwache Lichtreflexe, als die großen Augen rollten und ihr Weiß zeigten, sagten mir deutlich, dass kein Winkel des Raumes ihrem forschenden Blick entging.

Was wie volle fünf Minuten erschien, stand die dunkle Gestalt dort, die riesigen Schultern so weit nach vorne gebeugt, dass der Kopf auf die Höhe der Scheibe kam; während hinter ihm, wenn auch bei weitem nicht so groß, die schattenhafte Form des anderen Indianers wie ein gebogener Baum hin und her schwankte. Während ich in einer Qual von Anspannung und Aufregung auf ihre nächste Bewegung wartete, liefen kleine Ströme eisiger Empfindungen meinen Rücken auf und ab, und mein Herz schien abwechselnd aufzuhören zu schlagen und dann mit erschreckender Schnelligkeit wieder loszulegen. Sie mussten das Hämmern und das Rauschen des Blutes in meinem Kopf gehört haben! Zudem war ich mir, als ich einen kalten Schweißstrom mein Gesicht hinunterrinnen fühlte, eines Verlangens bewusst, zu schreien, zu rufen, wie ein Kind gegen die Wände zu schlagen, Lärm zu machen oder irgendetwas zu tun, das die Spannung lösen und die Dinge zu einem schnellen Höhepunkt bringen würde.

Es war wahrscheinlich diese Neigung, die mich zu einer weiteren Entdeckung führte, denn als ich versuchte, mein Gewehr hinter meinem Rücken hervorzuholen, um es zu erheben und bereit zum Schießen auf die Tür zu richten, stellte ich fest, dass ich unfähig war, mich zu bewegen. Die Muskeln, gelähmt von dieser seltsamen Angst, weigerten sich, dem Willen zu gehorchen. Hier lag wahrlich eine erschreckende Komplikation vor!

* * * * *

Es gab ein leises Geräusch von Klappern am Messingknauf, und die Tür wurde ein paar Zentimeter aufgestoßen. Eine Pause von wenigen Sekunden, und sie wurde noch weiter aufgestoßen. Ohne ein Geräusch von Schritten, das für meine Ohren wahrnehmbar gewesen wäre, glitten die zwei Gestalten in den Raum, und der Mann dahinter schloss sanft die Tür hinter sich.

Sie waren allein mit mir zwischen den vier Wänden. Konnten sie mich dort in meiner Ecke stehen sehen, so still und gerade? Hatten sie mich vielleicht schon gesehen? Mein Blut wogte und sang wie das Wirbeln von Trommeln in einem Orchester; und obwohl ich mein Bestes tat, um meinen Atem zu unterdrücken, klang es wie das Rauschen von Wind durch ein pneumatisches Rohr.

Meine Anspannung hinsichtlich des nächsten Schrittes war bald zu Ende – allerdings nur, um einem neuen und schärferen Alarm Platz zu machen. Die Männer hatten bisher keine Worte und keine Zeichen gewechselt, aber es gab allgemeine Anzeichen einer Bewegung durch den Raum, und welchen Weg sie auch einschlugen, sie mussten um den Tisch herumgehen. Wenn sie auf mich zukamen, mussten sie bis auf sechs Zoll an meiner Person vorbeigehen. Während ich diese sehr unangenehme Möglichkeit erwog, bemerkte ich, dass der kleinere Indianer (kleiner im Vergleich) plötzlich seinen Arm hob und auf die Decke zeigte. Der andere Kerl hob den Kopf und folgte der Richtung des Armes seines Begleiters. Ich begann es schließlich zu verstehen. Sie wollten nach oben gehen, und das Zimmer direkt darüber, auf das sie deuteten, war bis zu dieser Nacht mein Schlafzimmer gewesen. Es war das Zimmer, in dem ich an jenem Morgen ein so seltsames Gefühl der Angst erlebt hatte, und wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich damals im schmalen Bett am Fenster geschlafen.

Die Indianer begannen dann, sich lautlos im Raum zu bewegen; sie gingen nach oben, und sie kamen auf meiner Seite des Tisches herum. So heimlich waren ihre Bewegungen, dass ich sie, wäre mein Nervensystem nicht in einem derart abnormal empfindlichen Zustand gewesen, niemals gehört hätte. So aber war ihr katzenartiger Tritt deutlich vernehmbar. Wie zwei monströse schwarze Katzen kamen sie um den Tisch auf mich zu, und zum ersten Mal bemerkte ich, dass der Kleinere der beiden etwas hinter sich über den Boden schleifte. Während es mit einem sanften, streichenden Geräusch über den Boden glitt, bekam ich irgendwie den Eindruck, es sei ein großes totes Ding mit ausgestreckten Flügeln oder ein großer, ausladender Zedernzweig. Was auch immer es war, ich konnte es nicht einmal in Umrissen sehen, und ich war zu verängstigt, selbst wenn ich die Macht über meine Muskeln besessen hätte, meinen Hals vorzustrecken, um dessen Art zu bestimmen.

Immer näher kamen sie. Der Anführer legte eine riesige Hand auf den Tisch, während er sich bewegte. Meine Lippen waren zusammengeklebt, und die Luft schien in meinen Nasenlöchern zu brennen. Ich versuchte, meine Augen zu schließen, damit ich nicht sehen musste, wie sie an mir vorbeigingen; doch meine Augenlider waren starr geworden und weigerten sich zu gehorchen. Würden sie nie an mir vorbeikommen? Auch das Gefühl schien meine Beine verlassen zu haben, und es war, als stünde ich nur auf Stützen aus Holz oder Stein. Schlimmer noch, ich war mir bewusst, dass ich die Fähigkeit verlor, das Gleichgewicht zu halten, die Fähigkeit, aufrecht zu stehen oder mich gar rückwärts gegen die Wand zu lehnen. Eine Kraft zog mich nach vorne, und ein schwindelerregender Schrecken erfasste mich, dass ich das Gleichgewicht verlieren und nach vorne gegen die Indianer stürzen könnte, gerade als sie dabei waren, an mir vorbeizugehen.

Selbst Momente, die sich in Stunden dehnen, müssen irgendwann ein Ende haben, und fast bevor ich es wusste, waren die Gestalten an mir vorbeigegangen und hatten ihre Füße auf der untersten Stufe der Treppe, die zu den oberen Schlafzimmern führte. Es können keine sechs Zoll zwischen uns gewesen sein, und doch war ich mir nur eines Stroms kalter Luft bewusst, der ihnen folgte. Sie hatten mich nicht berührt, und ich war überzeugt, dass sie mich nicht gesehen hatten. Selbst das schleifende Ding auf dem Boden hinter ihnen hatte meine Füße nicht berührt, wie ich es befürchtet hatte, und bei einem solchen Anlass war ich selbst für die kleinsten Gnaden dankbar.

Das Fehlen der Indianer aus meiner unmittelbaren Umgebung brachte wenig Erleichterung. Ich stand zitternd und bebend in meiner Ecke, und abgesehen davon, dass ich freier atmen konnte, fühlte ich mich kein bisschen weniger unbehaglich. Auch war ich mir bewusst, dass ein gewisses Licht, das mir ohne erkennbare Quelle oder Strahlen ermöglicht hatte, jede ihrer Gesten und Bewegungen zu verfolgen, mit ihrem Abgang aus dem Raum verschwunden war. Eine unnatürliche Dunkelheit erfüllte nun den Raum und drang in jeden Winkel, sodass ich die Positionen der Fenster und Glastüren kaum noch ausmachen konnte.

Wie ich bereits sagte, war mein Zustand offensichtlich ein abnormaler. Die Fähigkeit, Überraschung zu empfinden, schien, wie in Träumen, völlig abwesend zu sein. Meine Sinne registrierten mit ungewöhnlicher Genauigkeit jedes kleinste Ereignis, aber ich war nur fähig, die einfachsten Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die Indianer erreichten bald den oberen Teil der Treppe, und dort hielten sie einen Moment inne. Ich hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt für ihre nächste Bewegung. Sie schienen zu zögern. Sie lauschten aufmerksam. Dann hörte ich, wie einer von ihnen, der aufgrund der Schwere seines leisen Tritts der Riese gewesen sein musste, den schmalen Korridor überquerte und das Zimmer direkt darüber betrat – mein eigenes kleines Schlafzimmer. Wäre die Beharrlichkeit jener unerklärlichen Angst nicht gewesen, die ich dort am Morgen erlebt hatte, wäre ich in jenem Augenblick mit dem großen Indianer im Zimmer, der neben mir stand, in dem Bett gelegen.

Für die Dauer von hundert Sekunden herrschte Stille, wie sie vor der Geburt des Schalls existiert haben mag. Es folgte ein langer, zitternder Schrei des Schreckens, der in die Nacht hinausdrang und in einem kurzen Schlucken endete, bevor er seinen vollen Lauf genommen hatte. Im selben Moment verließ der andere Indianer seinen Platz oben an der Treppe und schloss sich seinem Begleiter im Schlafzimmer an. Ich hörte das "Ding" hinter ihm über den Boden schleifen. Ein dumpfer Aufprall folgte, wie von etwas Schwerem, das hinfiel, und dann wurde alles so still und lautlos wie zuvor.

Es war an diesem Punkt, dass die Atmosphäre, den ganzen Tag über mit der Elektrizität eines heftigen Sturms aufgeladen, in einem tanzenden Blitz aus brillantem Licht gleichzeitig mit einem Krachen des lautesten Donners Erleichterung fand. Für fünf Sekunden war jeder Gegenstand im Raum für mich mit erstaunlicher Deutlichkeit sichtbar, und durch die Fenster sah ich die Baumstämme in feierlichen Reihen stehen. Der Donner grollte und hallte über den See und zwischen den fernen Inseln wider, und die Schleusen des Himmels öffneten sich dann und ließen ihren Regen in strömenden Wassermassen heraus.

Die Tropfen fielen mit einem schnellen, rauschenden Geräusch auf das stille Wasser des Sees, das aufsprang, um ihnen zu begegnen, und trommelten wie das Klappern von Schrot auf die Blätter der Ahornbäume und das Dach des Häuschens. Einen Moment später leuchtete ein weiterer Blitz, noch brillanter und von längerer Dauer als der erste, den Himmel vom Zenit bis zum Horizont aus und badete den Raum kurzzeitig in blendendem Weiß. Ich konnte den Regen auf den Blättern und Zweigen draußen glitzern sehen. Der Wind frischte plötzlich auf, und in weniger als einer Minute brach der Sturm, der sich den ganzen Tag über zusammengebraut hatte, in seiner vollen Wut los.

Über all die lauten Stimmen der Elemente hinweg machten sich die kleinsten Geräusche im Raum darüber bemerkbar, und in den wenigen Sekunden tiefer Stille, die auf den Schrei des Schreckens und Schmerzes folgten, war ich mir bewusst, dass die Bewegungen wieder begonnen hatten. Die Männer verließen das Zimmer und näherten sich der Spitze der Treppe. Eine kurze Pause, und sie begannen abzusteigen. Hinter ihnen, von Stufe zu Stufe polternd, konnte ich hören, wie dieses schleifende "Ding" mitgezogen wurde. Es war schwerfällig geworden!

Ich erwartete ihre Annäherung mit einem Grad an Ruhe, fast Apathie, was nur damit zu erklären war, dass die Natur ab einem gewissen Punkt ihr eigenes Betäubungsmittel anwendet und ein gnädiger Zustand der Taubheit eintritt. Sie kamen weiter, Stufe um Stufe, näher und näher, wobei das schlurfende Geräusch der Last dahinter immer lauter wurde, je näher sie kamen.

Sie waren bereits auf halbem Weg die Treppe hinunter, als ich durch die Überlegung einer neuen und schrecklichen Möglichkeit erneut in einen Zustand des Schreckens versetzt wurde. Es war die Reflexion, dass, wenn ein weiterer lebhafter Blitz kommen würde, während die schattenhafte Prozession im Raum wäre, vielleicht gerade dann, wenn sie direkt vor mir vorbeizog, ich alles im Detail sehen und, noch schlimmer, selbst gesehen werden würde! Ich konnte nur den Atem anhalten und warten – warten, während die Minuten zu Stunden wurden und die Prozession ihren langsamen Weg durch den Raum nahm.

Die Indianer hatten den Fuß der Treppe erreicht. Die Form des riesigen Anführers ragte im Türrahmen des Durchgangs auf, und die Last war mit einem bedrohlichen dumpfen Aufprall von der letzten Stufe auf den Boden gefallen. Es gab einen Moment des Innehaltens, während ich sah, wie der Indianer sich umdrehte und bückte, um seinem Begleiter zu helfen. Dann bewegte sich die Prozession wieder vorwärts, trat dicht zu meiner Linken in den Raum ein und begann, sich langsam um meine Seite des Tisches zu bewegen. Der Anführer war bereits an mir vorbei, und sein Begleiter, der die Last, deren verwirrte Umrisse ich dunkel ausmachen konnte, hinter sich über den Boden schleifte, war genau vor mir, als die Prozession zum Stillstand kam. Im selben Moment, mit der seltsamen Plötzlichkeit von Gewittern, hörte das Platschen des Regens gänzlich auf, und der Wind starb in völlige Stille ab.

Für die Dauer von fünf Sekunden schien mein Herz aufzuhören zu schlagen, und dann kam das Schlimmste. Ein doppelter Blitz erhellte den Raum und seinen Inhalt mit gnadenloser Lebhaftigkeit.

Der riesige Indianer-Anführer stand ein paar Fuß an mir vorbei zu meiner Rechten. Ein Bein war im Begriff, einen Schritt zu machen, vorgestreckt. Seine immensen Schultern waren zu seinem Begleiter gedreht, und in all ihrer großartigen Wildheit sah ich die Umrisse seiner Gesichtszüge. Sein Blick war auf die Last gerichtet, die sein Begleiter über den Boden schleifte; doch sein Profil mit der großen Adlernase, dem hohen Wangenknochen, dem glatten schwarzen Haar und dem kühnen Kinn brannte sich in diesem kurzen Augenblick in mein Gehirn ein, um nie wieder zu verblassen.

Zwerghaft im Vergleich zu dieser gigantischen Gestalt erschienen die Proportionen des anderen Indianers, der sich, keine zwölf Zoll von meinem Gesicht entfernt, über das Ding beugte, das er schleifte, in einer Haltung, die seiner Person den zusätzlichen Horror der Deformierung verlieh. Und die Last, die auf einem ausladenden Zedernzweig lag, den er hielt und an einem langen Stiel hinter sich herzog, war der Körper eines weißen Mannes. Der Skalp war sauber abgehoben worden, und Blut lag in einem breiten Schmierfleck auf den Wangen und der Stirn.

Dann, zum ersten Mal in jener Nacht, löste der Schrecken, der meine Muskeln und meinen Willen gelähmt hatte, seinen unheiligen Bann von meiner Seele. Mit einem lauten Schrei streckte ich meine Arme aus, um den großen Indianer an der Kehle zu packen, und als ich nur Luft ergriff, stürzte ich bewusstlos zu Boden.

Ich hatte den Körper erkannt, und das Gesicht war mein eigenes! . . .

Es war heller Tag, als mich eine Männerstimme zur Besinnung brachte. Ich lag dort, wo ich hingefallen war, und der Farmer stand mit den Brotlaiben in den Händen im Raum. Das Entsetzen der Nacht war immer noch in meinem Herzen, und als der schroffe Siedler mir auf die Beine half und das Gewehr aufhob, das mit mir gefallen war, mit vielen Fragen und Beileidsbekundungen, stelle ich mir vor, dass meine knappen Antworten weder selbsterklärend noch überhaupt verständlich waren.

An jenem Tag, nach einer gründlichen und ergebnislosen Durchsuchung des Hauses, verließ ich die Insel und ging hinüber, um meine letzten zehn Tage bei dem Farmer zu verbringen; und als die Zeit für mich gekommen war zu gehen, war das notwendige Lesen beendet, und meine Nerven hatten ihr Gleichgewicht vollständig wiedergefunden.

Am Tag meiner Abreise brach der Farmer früh in seinem großen Boot mit meinen Habseligkeiten auf, um zu dem zwölf Meilen entfernten Punkt zu rudern, wo ein kleiner Dampfer zweimal pro Woche für die Bequemlichkeit der Jäger verkehrte. Am späten Nachmittag fuhr ich in eine andere Richtung in meinem Kanu, da ich die Insel noch einmal sehen wollte, wo ich das Opfer einer so seltsamen Erfahrung geworden war.

Zu gegebener Zeit kam ich dort an und unternahm eine Rundreise über die Insel. Ich suchte auch das kleine Haus ab, und es war nicht ohne ein seltsames Gefühl in meinem Herzen, dass ich das kleine Schlafzimmer im Obergeschoss betrat. Es schien nichts Ungewöhnliches da zu sein.

Kurz nachdem ich wieder abgelegt hatte, sah ich ein Kanu vor mir um die Kurve der Insel gleiten. Ein Kanu war um diese Jahreszeit ein ungewöhnlicher Anblick, und dieses schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Ich änderte meinen Kurs ein wenig und beobachtete, wie es um die nächste vorspringende Felsspitze verschwand. Es hatte einen hohen, geschwungenen Bug, und es saßen zwei Indianer darin. Ich verweilte mit einiger Aufregung, um zu sehen, ob es wieder auf der anderen Seite der Insel erscheinen würde; und in weniger als fünf Minuten kam es in Sicht. Es waren weniger als zweihundert Yards zwischen uns, und die Indianer, die auf ihren Fersen saßen, paddelten schnell in meine Richtung.

Ich bin in meinem Leben nie schneller gepaddelt als in jenen nächsten paar Minuten. Als ich mich umdrehte, um erneut zu schauen, hatten die Indianer ihren Kurs geändert und umkreisten wieder die Insel.

Die Sonne versank hinter den Wäldern auf dem Festland, und die purpurfarbenen Wolken des Sonnenuntergangs spiegelten sich im Wasser des Sees, als ich mich zum letzten Mal umsah und das große Rindenkanu mit seinen beiden dunklen Insassen immer noch um die Insel fahren sah. Dann vertieften sich die Schatten schnell; der See wurde schwarz, und der Nachtwind blies mir seinen ersten Hauch ins Gesicht, als ich um eine Ecke bog und ein vorspringendes Felsenriff sowohl die Insel als auch das Kanu vor meinem Blick verbarg.

EIN FALL VON LAUSCHEN

Jim Shorthouse war die Art von Kerl, die immer alles vermasselte. Alles, womit seine Hände oder sein Geist in Berührung kamen, ging aus einem solchen Kontakt in einem unqualifizierten und unheilbaren Zustand des Chaos hervor. Seine Studienzeit war ein Chaos: Er wurde zweimal von der Universität verwiesen. Seine Schulzeit war ein Chaos: Er besuchte ein halbes Dutzend Schulen, von denen ihn jede an die nächste weiterreichte, mit einem schlechteren Ruf und in einem weiter entwickelten Zustand des Chaos. Seine frühe Kindheit war die Art von Chaos, die Übungshefte und Wörterbücher mit einem großen "C" schreiben, und seine Babyzeit – ugh! – war die Verkörperung eines heulenden, johlenden, schreienden Chaos.

Im Alter von vierzig Jahren jedoch trat eine Veränderung in seinem unruhigen Leben ein, als er ein Mädchen mit einer halben Million aus eigenem Recht traf, das einwilligte, ihn zu heiraten, und dem es sehr bald gelang, seine überaus chaotische Existenz in einen Zustand relativer Ordnung und Systematik zu bringen.

Bestimmte Vorfälle, wichtige und andere, aus Jims Leben wären hier niemals erzählt worden, wäre nicht die Tatsache, dass es ihm beim Hineingeraten in seine "Chaos" und wieder Herauskommen daraus gelang, sich in die Atmosphäre eigentümlicher Umstände und seltsamer Begebenheiten zu ziehen. Er zog die kuriosen Abenteuer des Lebens so unfehlbar auf seinen Weg, wie Fleisch Fliegen anzieht und Marmelade Wespen. Dem Fleisch und der Marmelade seines Lebens sozusagen verdankt er seine Erfahrungen; sein späteres Leben war nur noch Pudding, der nichts anzieht außer gierige Kinder. Mit der Heirat endete das Interesse seines Lebens für alle außer einer Person, und sein Weg wurde regelmäßig wie der der Sonne anstatt sprunghaft wie der eines Kometen.

Die erste Erfahrung in zeitlicher Reihenfolge, die er mir erzählte, zeigt, dass irgendwo verborgen hinter seinem durcheinandergebrachten Nervensystem psychische Wahrnehmungen einer ungewöhnlichen Art lagen. Etwa im Alter von zweiundzwanzig Jahren – ich glaube, nach seinem zweiten Verweis – waren das Geld und die Geduld seines Vaters gleichermaßen erschöpft, und Jim fand sich in einer großen amerikanischen Stadt auf dem Trockenen wieder. Auf dem Trockenen! Und die einzigen Kleidungsstücke ohne Löcher sicher im Kleiderschrank seines Onkels verwahrt.

Sorgfältiges Nachdenken auf einer Bank in einem der Stadtparks führte ihn zu dem Schluss, dass das Einzige, was zu tun war, darin bestand, den Stadtredakteur einer der Tageszeitungen davon zu überzeugen, dass er einen beobachtenden Geist und eine bereite Feder besaß und dass er "gute Arbeit für Ihre Zeitung leisten könne, mein Herr, als Reporter." Dies tat er dann, in einem höchst unnatürlichen Winkel zwischen dem Redakteur und dem Fenster stehend, um den Aufenthaltsort der Löcher zu verbergen.

"Ich schätze, wir müssen Ihnen eine einwöchige Probezeit geben", sagte der Redakteur, der, immer auf der Suche nach gutem, zufälligem Material, Schwärme von Männern auf diese Weise einstellte und im Durchschnitt einen Mann pro Schwarm behielt. Jedenfalls gab es Jim Shorthouse das Mittel, die Löcher zuzunähen und den Kleiderschrank seines Onkels von seiner Last zu befreien.

Dann ging er, um eine Unterkunft zu finden; und bei diesem Vorgehen begannen seine bereits erwähnten einzigartigen Charakteristika – was Theosophen sein Karma nennen würden – sich unmissverständlich geltend zu machen, denn es war in dem Haus, das er schließlich auswählte, dass sich diese traurige Geschichte zutrug.

Es gibt keine "Untermieten" in amerikanischen Städten. Die Alternativen für kleine Einkommen sind düster genug – Zimmer in einer Pension, wo Mahlzeiten serviert werden, oder in einem Zimmerhaus, wo keine Mahlzeiten serviert werden – nicht einmal Frühstück. Reiche Leute leben natürlich in Palästen, aber Jim hatte nichts mit "solchem" zu tun. Sein Horizont war durch Pensionen und Zimmerhäuser begrenzt; und aufgrund der notwendigen Unregelmäßigkeit seiner Mahlzeiten und Stunden wählte er letzteres.

Es war ein großes, hager aussehendes Gebäude in einer Seitenstraße, mit schmutzigen Fenstern und einem quietschenden Eisentor, aber die Zimmer waren groß, und dasjenige, das er auswählte und im Voraus bezahlte, lag im obersten Stockwerk. Die Vermieterin sah genauso hager und staubig aus wie das Haus und genauso alt. Ihre Augen waren grün und verblasst, und ihre Gesichtszüge waren groß.

"Waal", sagte sie mit ihrem elektrisierenden Western-Dialekt, "das ist das Zimmer, wenn es Ihnen gefällt, und das ist der Preis, den ich genannt habe. Nun, wenn Sie es wollen, dann sagen Sie es einfach; und wenn nicht, nun, dann tut es mir nicht weh."

Jim wollte sie schütteln, aber er fürchtete die Wolken aus lange angesammeltem Staub in ihrer Kleidung, und da Preis und Größe des Zimmers ihm zusagten, beschloss er, es zu nehmen.

"Ist sonst noch jemand auf dieser Etage?", fragte er.

Sie sah ihn seltsam aus ihren verblassten Augen an, bevor sie antwortete.

„Keiner meiner Gäste hat mir jemals zuvor solche Fragen gestellt“, sagte sie; „aber ich nehme an, Sie sind anders. Nun, außer einem alten Herrn, der schon seit gut fünf Jahren hier wohnt, ist hier überhaupt niemand. Er ist dort drüben“, und sie zeigte auf das Ende des Flurs.

„Ah! Ich verstehe“, sagte Shorthouse schwach. „Ich bin also hier oben allein?“

„Ich schätze, das sind Sie, so ziemlich“, sagte sie mit näselnder Stimme und beendete das Gespräch abrupt, indem sie ihrem neuen „Gast“ den Rücken zukehrte und langsam und bedächtig die Treppe hinunterging.

Die Arbeit bei der Zeitung hielt Shorthouse die meiste Zeit der Nacht auf Trab. Dreimal in der Woche kam er um ein Uhr morgens nach Hause, und dreimal um drei Uhr morgens. Das Zimmer erwies sich als komfortabel genug, und er bezahlte für eine zweite Woche. Seine ungewöhnlichen Arbeitszeiten hatten ihn bisher davor bewahrt, irgendwelche Mitbewohner des Hauses zu treffen, und von dem „alten Herrn“, der sich mit ihm die Etage teilte, war kein Laut zu hören gewesen. Es schien ein sehr ruhiges Haus zu sein.

Eines Nachts, etwa in der Mitte der zweiten Woche, kam er nach einem langen Arbeitstag müde nach Hause. Die Lampe, die gewöhnlich die ganze Nacht im Flur stand, war heruntergebrannt, und er musste sich im Dunkeln die Treppe hinaufstolpern. Er machte dabei erheblichen Lärm, aber niemand schien sich daran zu stören. Das ganze Haus war vollkommen still, und wahrscheinlich schliefen alle bereits. Unter keiner der Türen war ein Licht zu sehen. Alles lag im Dunkeln. Es war nach zwei Uhr.

Nachdem er einige englische Briefe gelesen hatte, die im Laufe des Tages eingetroffen waren, und ein paar Minuten in einem Buch geschmökert hatte, wurde er schläfrig und machte sich bettfertig. Gerade als er zwischen die Laken steigen wollte, hielt er einen Moment inne und lauschte. Während er das tat, stieg in der Nacht das Geräusch von Schritten irgendwo im Haus unter ihm auf. Als er aufmerksam lauschte, hörte er, dass jemand die Treppe heraufkam – ein schwerer Tritt, und der Eigentümer machte sich nicht die Mühe, leise zu treten. Er kam die Treppe herauf, tramp, tramp, tramp – offensichtlich der Tritt eines großen Mannes, und eines Mannes, der es etwas eilig hatte.

Sofort schossen Jim Gedanken an Feuer und Polizei durch den Kopf, aber mit den Schritten waren keine Stimmen zu hören, und im selben Augenblick überlegte er, dass es nur der alte Herr sein konnte, der spät unterwegs war und im Dunkeln die Treppe hinaufstolperte. Er war gerade dabei, das Gas abzudrehen und ins Bett zu steigen, als das Haus wieder in seine frühere Stille zurückfiel, da die Schritte plötzlich direkt vor seinem eigenen Zimmer zum Stillstand kamen.

Mit der Hand am Gashahn hielt Shorthouse einen Moment inne, bevor er das Licht ausdrehte, um zu sehen, ob die Schritte weitergehen würden, als er durch ein lautes Klopfen an seiner Tür aufgeschreckt wurde. Augenblicklich, einem seltsamen und unerklärlichen Instinkt folgend, drehte er das Licht aus und ließ sich und den Raum in völliger Dunkelheit zurück.

Er hatte kaum einen Schritt durch den Raum getan, um die Tür zu öffnen, als eine Stimme von der anderen Seite der Wand, so nah, dass sie fast in seinem Ohr erklang, auf Deutsch ausrief: „Bist du es, Vater? Komm herein.“

Der Sprecher war ein Mann im Nachbarzimmer, und das Klopfen galt schließlich nicht seiner eigenen Tür, sondern der des angrenzenden Zimmers, von dem er angenommen hatte, es sei unbewohnt.

Fast noch bevor der Mann auf dem Flur Zeit hatte, auf Deutsch zu antworten: „Lass mich sofort herein“, hörte Jim jemanden über den Boden gehen und die Tür aufschließen. Dann wurde sie mit einem Knall zugeschlagen, und das Geräusch von Schritten im Zimmer war zu hören, sowie das von Stühlen, die an einen Tisch herangerückt wurden und dabei gegen Möbel stießen. Die Männer schienen sich überhaupt nicht um den Komfort ihres Nachbarn zu scheren, denn sie machten genug Lärm, um die Toten zu wecken.

„Geschieht mir recht, dass ich ein Zimmer in so einem billigen Loch genommen habe“, dachte Jim in der Dunkelheit. „Ich frage mich, an wen sie das Zimmer vermietet hat!“

Die beiden Zimmer, so hatte ihm die Vermieterin gesagt, waren ursprünglich eines gewesen. Sie hatte eine dünne Trennwand eingezogen – nur eine Reihe von Brettern –, um ihr Einkommen aufzubessern. Die Türen lagen nebeneinander und waren nur durch den massiven aufrechten Balken zwischen ihnen getrennt. Wenn die eine geöffnet oder geschlossen wurde, klapperte die andere.

Völlig gleichgültig gegenüber dem Komfort der anderen Schlafenden im Haus hatten die beiden Deutschen unterdessen begonnen, gleichzeitig und in höchster Lautstärke zu sprechen. Sie sprachen nachdrücklich, ja sogar wütend. Die Wörter „Vater“ und „Otto“ fielen häufig. Shorthouse verstand Deutsch, aber als er dort stand und die ersten ein oder zwei Minuten lauschte – ein Lauscher wider Willen –, war es schwierig, aus dem Gespräch schlau zu werden, denn keiner wollte dem anderen nachgeben, und das Gemisch aus kehligen Lauten und unvollendeten Sätzen war völlig unverständlich. Dann, sehr plötzlich, sanken beide Stimmen gleichzeitig ab; und nach einer kurzen Pause sagte der tiefe Tonfall eines von ihnen, der der „Vater“ zu sein schien, mit äußerster Deutlichkeit:

„Du meinst, Otto, dass du dich weigerst, es zu beschaffen?“

Man hörte jemanden auf dem Stuhl hin und her rutschen, bevor die Antwort kam. „Ich meine, dass ich nicht weiß, wie ich es beschaffen soll. Es ist so viel, Vater. Es ist zu viel. Ein Teil davon –“

„Ein Teil davon!“, rief der andere mit einem wütenden Fluch, „ein Teil davon, wenn Ruin und Schande bereits im Haus sind, ist schlimmer als nutzlos. Wenn du die Hälfte beschaffen kannst, kannst du alles beschaffen, du elender Narr. Halbe Maßnahmen verdammen nur alle Beteiligten.“

„Du hast mir letztes Mal –“ begann der andere fest, wurde aber nicht ausreden gelassen. Eine Reihe schrecklicher Flüche übertönte seinen Satz, und der Vater fuhr fort, mit einer Stimme, die vor Wut bebte:

„Du weißt, sie wird dir alles geben. Ihr seid erst seit wenigen Monaten verheiratet. Wenn du fragst und einen plausiblen Grund angibst, kannst du alles bekommen, was wir brauchen, und mehr. Du kannst es vorübergehend erbitten. Alles wird zurückgezahlt werden. Es wird die Firma wieder aufbauen, und sie wird nie erfahren, was damit gemacht wurde. Mit diesem Betrag, Otto, weißt du, dass ich all diese schrecklichen Verluste wettmachen kann, und in weniger als einem Jahr ist alles zurückgezahlt. Aber ohne ihn . . . Du musst ihn beschaffen, Otto. Hör mir zu, du musst. Soll ich wegen Missbrauchs von Treuhandgeldern verhaftet werden? Soll unser geehrter Name verflucht und bespuckt werden?“ Der alte Mann verschluckte sich und stammelte vor Wut und Verzweiflung.

Shorthouse stand zitternd in der Dunkelheit und lauschte wider Willen. Das Gespräch hatte ihn in seinen Bann gezogen, und aus irgendeinem Grund hatte er Angst gehabt, seine Anwesenheit preiszugeben. Aber an diesem Punkt erkannte er, dass er zu lange zugehört hatte und die beiden Männer darüber informieren musste, dass jedes einzelne Wort mitgehört werden konnte. Also hustete er laut und ließ gleichzeitig den Türgriff klappern. Es schien keine Wirkung zu haben, denn die Stimmen sprachen genauso laut weiter wie zuvor, der Sohn protestierte und der Vater wurde immer wütender. Er hustete erneut beharrlich und brachte es zudem fertig, in der Dunkelheit absichtlich gegen die Trennwand zu taumeln, wobei er spürte, wie die dünnen Bretter unter seinem Gewicht leicht nachgaben und dabei erheblichen Lärm machten. Aber die Stimmen redeten unbeirrt weiter, lauter als je zuvor. War es möglich, dass sie ihn nicht gehört hatten?

Inzwischen war Jim mehr um seinen eigenen Schlaf besorgt als um die Moral, die privaten Skandale seiner Nachbarn zu belauschen, und er ging auf den Flur hinaus und klopfte kräftig an ihre Tür. Augenblicklich, wie durch Zauberei, verstummten die Geräusche. Alles versank in völlige Stille. Unter der Tür war kein Licht zu sehen und drinnen war kein Flüstern zu hören. Er klopfte erneut, erhielt aber keine Antwort.

„Meine Herren“, begann er schließlich, die Lippen dicht am Schlüsselloch und auf Deutsch, „bitte sprechen Sie nicht so laut. Ich kann alles, was Sie sagen, im Nebenzimmer mithören. Außerdem ist es sehr spät, und ich möchte schlafen.“

Er hielt inne und lauschte, aber keine Antwort kam. Er drehte am Griff und stellte fest, dass die Tür verschlossen war. Kein Laut durchbrach die Stille der Nacht, außer dem leisen Rauschen des Windes über dem Oberlicht und dem Knarren eines Brettes hier und da im Haus unter ihm. Die kalte Luft eines sehr frühen Morgens kroch den Flur entlang und ließ ihn frösteln. Die Stille des Hauses begann ihn unangenehm zu beeindrucken. Er schaute hinter sich und um sich herum, hoffend und doch fürchtend, dass etwas die Stille brechen würde. Die Stimmen schienen noch immer in seinen Ohren nachzuhallen; aber diese plötzliche Stille, als er an die Tür klopfte, wirkte viel unangenehmer auf ihn als die Stimmen und brachte seltsame Gedanken in seinen Kopf – Gedanken, die er nicht mochte und nicht billigte.

Er bewegte sich verstohlen von der Tür weg und spähte über das Treppengeländer in den Raum darunter. Es war wie ein tiefes Gewölbe, das in seinen Schatten alles verbergen konnte, was nicht gut war. Es war nicht schwer, sich einzubilden, man sähe ein undeutliches Hin- und Herbewegen unter sich. War das eine Gestalt, die auf der Treppe saß und mit scheußlichen Augen schräg zu ihm heraufspähte? War das ein Geräusch von Flüstern und Schlurfen dort unten in den dunklen Fluren und verlassenen Treppenabsätzen? War es etwas mehr als das artikulationslose Murmeln der Nacht?

Der Wind machte sich über ihm zu schaffen, sang über dem Oberlicht, und die Tür hinter ihm klapperte und ließ ihn zusammenzucken. Er drehte sich um, um in sein Zimmer zurückzugehen, und der Luftzug schloss die Tür langsam vor seinem Gesicht, als ob jemand von der anderen Seite dagegen drückte. Als er sie aufstieß und hineinging, schienen hundert schattenhafte Formen schnell und lautlos in ihre Ecken und Verstecke zurückzuflitzen. Aber im angrenzenden Zimmer waren die Geräusche völlig verstummt, und Shorthouse schlich bald ins Bett und überließ das Haus mit seinen Bewohnern, ob wach oder schlafend, ihrem eigenen Schicksal, während er selbst in das Reich der Träume und der Stille eintrat.

Am nächsten Tag, gestärkt durch den gesunden Menschenverstand, den das Sonnenlicht mit sich bringt, beschloss er, eine Beschwerde gegen die lärmenden Bewohner des Nebenzimmers einzureichen und die Vermieterin dazu zu bringen, sie aufzufordern, ihre Stimmen zu so später Nacht- und Morgenstunde zu mäßigen. Aber es traf sich so, dass sie an diesem Tag nicht zu sehen war, und als er um Mitternacht vom Büro zurückkam, war es natürlich zu spät.

Als er sich unter der Tür hindurch umsah, während er ins Bett ging, bemerkte er, dass kein Licht brannte, und schloss daraus, dass die Deutschen nicht da waren. Umso besser. Er schlief gegen ein Uhr ein, fest entschlossen, dass er, falls sie später kommen und ihn mit ihrem schrecklichen Lärm wecken sollten, nicht ruhen würde, bis er die Vermieterin geweckt und sie dazu gebracht hätte, sie mit jenem autoritären näselnden Tonfall zurechtzuweisen, bei dem jedes Wort wie der Hieb einer metallischen Peitsche wirkte.

Es erwies sich jedoch als nicht notwendig, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen, denn Shorthouse schlief die ganze Nacht friedlich, und seine Träume – hauptsächlich von den Getreidefeldern und Schafherden auf den weit entfernten Farmen des Anwesens seines Vaters – durften ihren phantasievollen Lauf ungehindert nehmen.

Zwei Nächte später jedoch, als er nach einem schwierigen Tag erschöpft nach Hause kam, nass und durchgepustet von einem der bösartigsten Stürme, die er je gesehen hatte, waren seine Träume – immer von den Feldern und Schafen – nicht dazu bestimmt, so ungestört zu bleiben.

Er war bereits in jene köstliche Glut hinübergeglitten, die auf das Ablegen nasser Kleidung und das sofortige Einkuscheln unter warme Decken folgt, als sein Bewusstsein, das an der Grenze zwischen Schlaf und Wachen schwebte, vage durch ein Geräusch beunruhigt wurde, das undeutlich aus den Tiefen des Hauses aufstieg und ihn zwischen den Wind- und Regenböen mit einem begleitenden Gefühl von Unbehagen und Unwohlsein erreichte. Es stieg mit einer gewissen Regelmäßigkeit in der Nachtluft auf, erstarb wieder im Tosen des Windes, um sich in den tiefen, kurzen Stillemomenten des Sturms aus der Ferne erneut bemerkbar zu machen.

Ein paar Minuten lang waren Jims Träume nur gefärbt – gewissermaßen getönt – von diesem Eindruck einer Angst, die sich unmerklich von irgendwoher auf ihn zubewegte. Sein Bewusstsein weigerte sich zunächst, aus jener verwunschenen Region zurückgeholt zu werden, in der es gewandert war, und er erwachte nicht sofort. Aber die Art seiner Träume veränderte sich unangenehm. Er sah die Schafe plötzlich eng zusammengepfercht laufen, als ob sie durch die Nähe eines Feindes erschreckt wären, während die wogenden Getreidefelder in Aufruhr gerieten, als ob sich ein Monster ungeschickt zwischen den dichten Halmen bewegte. Der Himmel wurde dunkel, und in seinem Traum kam ein schreckliches Geräusch irgendwo aus den Wolken. In Wirklichkeit war es das Geräusch im Erdgeschoss, das immer deutlicher wurde.

Shorthouse wälzte sich unruhig im Bett mit so etwas wie einem Stöhnen der Not. In der nächsten Minute erwachte er und fand sich aufrecht im Bett sitzend wieder – lauschend. War es ein Albtraum? Hatte er böse Träume gehabt, dass ihm die Haut schauerte und sich das Haar auf seinem Kopf sträubte?

Der Raum war dunkel und still, aber draußen heulte der Wind trostlos und trieb den Regen mit wiederholten Angriffen gegen die klappernden Fenster. Wie schön wäre es – der Gedanke blitzte durch seinen Kopf –, wenn alle Winde, wie der Westwind, mit der Sonne untergingen! Sie machten nachts so teuflische Geräusche, wie das Schreien wütender Stimmen. Am Tage hatten sie einen so anderen Klang. Wenn nur –

Horch! Es war doch kein Traum, denn das Geräusch wurde augenblicklich lauter, und seine Ursache kam die Treppe herauf. Er ertappte sich dabei, wie er schwach darüber nachdachte, was diese Ursache sein könnte, aber das Geräusch war immer noch zu undeutlich, als dass er zu einem definitiven Schluss hätte kommen können.

Die Stimme einer Kirchturmuhr, die zwei schlug, machte sich über dem Wind bemerkbar. Es war ungefähr die Stunde, zu der die Deutschen drei Nächte zuvor ihre Vorstellung begonnen hatten. Shorthouse nahm sich vor, dass er es nicht sehr lange hinnehmen würde, falls sie wieder damit anfingen. Doch er war sich bereits schrecklich bewusst, welche Schwierigkeiten er haben würde, aus dem Bett zu kommen. Die Decken waren so warm und tröstlich an seinem Rücken. Das Geräusch, das stetig näher kam, hatte sich inzwischen von dem verworrenen Lärm der Elemente differenziert und sich als die Schritte einer oder mehrerer Personen herausgestellt.

„Die Deutschen, verdammt noch mal!“, dachte Jim. „Aber was zum Teufel ist mit mir los? Ich habe mich noch nie in meinem Leben so komisch gefühlt.“

Er zitterte am ganzen Körper und fühlte sich so kalt, als ob er in einer eisigen Umgebung wäre. Seine Nerven waren stabil genug, und er fühlte keine Verminderung seines physischen Mutes, aber er war sich eines seltsamen Gefühls von Unwohlsein und Beklemmung bewusst, wie es selbst bei den kräftigsten Männern vorkommt, wenn sie im ersten Griff einer schrecklichen und tödlichen Krankheit liegen. Als die Schritte näher kamen, verstärkte sich dieses Gefühl der Schwäche. Er spürte eine seltsame Schlaffheit, die über ihn kroch, eine Art Erschöpfung, begleitet von einer zunehmenden Taubheit in den Gliedmaßen und einem Gefühl von Traumartigkeit im Kopf, als ob das Bewusstsein vielleicht seinen gewohnten Sitz im Gehirn verließ und sich darauf vorbereitete, auf einer anderen Ebene zu agieren. Doch seltsamerweise schienen seine Sinne, während die Lebenskraft langsam aus seinem Körper schwand, schärfer zu werden.

Unterdessen waren die Schritte bereits auf dem Treppenabsatz am oberen Ende der Treppe, und Shorthouse, der immer noch aufrecht im Bett saß, hörte einen schweren Körper, der an seiner Tür vorbei und entlang der Wand draußen strich, fast unmittelbar danach das laute Klopfen von jemandes Knöcheln an der Tür des angrenzenden Zimmers.

Augenblicklich, obwohl bisher kein Laut von innen gekommen war, hörte er durch die dünne Trennwand, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde und ein Mann schnell über den Boden ging und die Tür öffnete.

„Ah! Du bist es“, hörte er die Stimme des Sohnes. Hatte der Kerl also die ganze Zeit dort still gesessen und auf die Ankunft seines Vaters gewartet? Auf Shorthouse wirkte das keineswegs wie eine angenehme Überlegung.

Auf diesen zweifelhaften Gruß gab es keine Antwort, aber die Tür wurde schnell geschlossen, und dann war ein Geräusch zu hören, als ob eine Tasche oder ein Paket auf einen Holztisch geworfen worden wäre und ein Stück weit darüber gerutscht wäre, bevor es zum Stillstand kam.

„Was ist das?“, fragte der Sohn mit Angst in der Stimme.

„Das erfährst du vielleicht, bevor ich gehe“, erwiderte der andere barsch. Tatsächlich war seine Stimme mehr als barsch: Sie verriet unterdrückte Leidenschaft.

Shorthouse war sich eines starken Verlangens bewusst, das Gespräch zu stoppen, bevor es weiterging, aber irgendwie war sein Wille der Aufgabe nicht gewachsen, und er konnte nicht aus dem Bett aufstehen. Das Gespräch ging weiter, jeder Tonfall und jede Betonung über dem Lärm des Sturms deutlich hörbar.

Mit leiser Stimme fuhr der Vater fort. Jim verpasste einige der Wörter am Anfang des Satzes. Er endete mit: „. . . aber jetzt sind sie alle weg, und ich habe es geschafft, zu dir hochzukommen. Du weißt, weshalb ich gekommen bin.“ In seinem Tonfall lag eine deutliche Drohung.

„Ja“, erwiderte der andere; „ich habe gewartet.“

„Und das Geld?“, fragte der Vater ungeduldig.

Keine Antwort.

„Du hattest drei Tage Zeit, es zu beschaffen, und ich habe es fertiggebracht, das Schlimmste bisher abzuwenden – aber morgen ist das Ende.“

Keine Antwort.

„Sprich, Otto! Was hast du für mich? Sprich, mein Sohn; um Himmels willen, sag es mir.“

Es herrschte einen Moment Stille, während der die bebenden Akzente des alten Mannes durch die Zimmer zu hallen schienen. Dann kam mit leiser Stimme die Antwort –

„Ich habe nichts.“

„Otto!“, rief der andere leidenschaftlich, „nichts!“

„Ich kann nichts beschaffen“, kam es fast flüsternd.

„Du lügst!“, schrie der andere mit halberstickter Stimme. „Ich schwöre, du lügst. Gib mir das Geld.“

Man hörte einen Stuhl über den Boden scharren. Offensichtlich hatten die Männer am Tisch gesessen, und einer von ihnen war aufgestanden. Shorthouse hörte, wie die Tasche oder das Paket über den Tisch gezogen wurde, und dann einen Schritt, als ob einer der Männer zur Tür ging.

„Vater, was ist da drin? Ich muss es wissen“, sagte Otto mit den ersten Anzeichen von Entschlossenheit in seiner Stimme. Es muss eine Anstrengung des Sohnes gegeben haben, in den Besitz des betreffenden Pakets zu gelangen, und eine des Vaters, es zu behalten, denn zwischen ihnen fiel es zu Boden. Ein seltsames Klappern folgte dem Kontakt mit dem Boden. Augenblicklich gab es Geräusche eines Handgemenges. Die Männer kämpften um den Besitz der Kiste. Der ältere Mann mit Flüchen und blasphemischen Verwünschungen, der andere mit kurzem Keuchen, das die Kraft seiner Anstrengungen verriet. Es war von kurzer Dauer, und der jüngere Mann hatte offensichtlich gewonnen, denn eine Minute später war sein wütender Ausruf zu hören.

„Ich wusste es. Ihre Juwelen! Du Schurke, du sollst sie niemals haben. Es ist ein Verbrechen.“

Der ältere Mann stieß ein kurzes, kehliges Lachen aus, das Jims Blut gefrieren ließ und ihm die Haut schauern ließ. Kein Wort wurde gesprochen, und für die Dauer von zehn Sekunden herrschte eine lebendige Stille. Dann bebte die Luft vom Geräusch eines Aufpralls, gefolgt unmittelbar von einem Stöhnen und dem Krachen eines schweren Körpers, der auf den Tisch fiel. Eine Sekunde später gab es ein Schwanken vom Tisch auf den Boden und gegen die Trennwand, die die Zimmer trennte. Das Bett bebte einen Augenblick lang bei dem Stoß, aber der unheilige Bann war von seiner Seele genommen, und Jim Shorthouse sprang mit einem einzigen Satz aus dem Bett und über den Boden. Er wusste, dass ein grausamer Mord begangen worden war – der Mord eines Vaters an seinem Sohn.

Mit zitternden Fingern, aber entschlossenem Herzen zündete er das Gas an, und das Erste, bei dem seine Augen die Beweise seiner Ohren bestätigten, war das entsetzliche Detail, dass sich der untere Teil der Trennwand unnatürlich in sein eigenes Zimmer wölbte. Die grelle Tapete, mit der sie bedeckt war, war unter der Spannung gerissen, und die Bretter darunter bogen sich nach innen zu ihm hin. Welche scheußliche Last dahinter lag, erschauerte er zu denken.

All dies sah er in weniger als einer Sekunde. Seit dem letzten Schwanken gegen die Wand war kein Laut mehr aus dem Zimmer gedrungen, nicht einmal ein Stöhnen oder ein Schritt. Alles war still, außer dem Heulen des Windes, das in seinen Ohren einen Ton triumphierenden Schreckens hatte.

Shorthouse war gerade dabei, das Zimmer zu verlassen, um das Haus aufzuwecken und nach der Polizei zu schicken – seine Hand lag tatsächlich schon auf der Türklinke –, als ihn etwas im Zimmer stutzig machte. Aus dem Augenwinkel glaubte er, eine Bewegung wahrzunehmen. Er war sich dessen gewiss, und als er den Blick in diese Richtung wandte, sah er, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Etwas kroch langsam auf dem Boden auf ihn zu. Es war etwas Dunkles von schlangenartiger Gestalt, das von der Stelle kam, an der sich die Zwischenwand wölbte. Er bückte sich, um es mit Gefühlen von äußerstem Entsetzen und Abscheu zu betrachten, und entdeckte, dass es sich von der anderen Seite der Wand auf ihn zubewegte. Seine Augen waren wie gebannt, und für einen Moment konnte er sich nicht rühren. Lautlos, langsam, von einer Seite zur anderen wie ein dicker Wurm, kroch es unter seinen verängstigten Augen weiter in das Zimmer hinein, bis er es schließlich nicht mehr aushielt und seinen Arm ausstreckte, um es zu berühren. Doch im Augenblick der Berührung zog er die Hand mit einem unterdrückten Schrei zurück. Es war träge – und es war warm! Und er sah, dass seine Finger mit lebendigem Karmesinrot befleckt waren.

Eine Sekunde später war Shorthouse draußen auf dem Flur und hatte seine Hand an der Tür des nächsten Zimmers. Sie war verschlossen. Er stürzte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, das Schloss gab nach, und er fiel kopfüber in einen Raum, der stockfinster und sehr kalt war. Im nächsten Moment war er wieder auf den Beinen und versuchte, die Schwärze zu durchdringen. Kein Laut, keine Bewegung. Nicht einmal das Gefühl einer Anwesenheit. Es war leer, erbärmlich leer!

Auf der anderen Seite des Zimmers konnte er den Umriss eines Fensters erkennen, an dem der Regen außen herablief, und die verschwommenen Lichter der Stadt dahinter. Aber das Zimmer war leer, erschreckend leer; und so still. Er stand da, kalt wie Eis, starrte, zitterte, lauschte. Plötzlich erklang ein Schritt hinter ihm und ein Licht blitzte im Zimmer auf, und als er sich schnell mit erhobenem Arm umdrehte, als wolle er einen gewaltigen Schlag abwehren, stand er der Vermieterin gegenüber. Sofort setzte die Reaktion ein.

Es war fast drei Uhr morgens, und er stand mit nackten Füßen und gestreiften Pyjamas in einem kleinen Zimmer, das er im barmherzigen Licht als vollkommen leer erkannte, ohne Teppich, ohne ein einziges Möbelstück oder auch nur ein Rollo. Da stand er und starrte die unangenehme Vermieterin an. Und da stand sie ebenfalls, starrend und schweigend, in einem schwarzen Morgenrock, der Kopf fast kahl, das Gesicht bleich wie Kalk, während sie mit einer knochigen Hand eine flackernde Kerze abschirmte und mit ihren blinzelnden grünen Augen über sie hinweg zu ihm spähte. Sie sah absolut scheußlich aus.

„Na?“ dehnte sie schließlich, „ich hab Euch wohl gehört. Schätze, Ihr konntet nicht schlafen! Oder nur ein bisschen herumgeschlichen – ist es das?“

Das leere Zimmer, das Fehlen jeglicher Spuren der jüngsten Tragödie, die Stille, die Uhrzeit, sein gestreifter Pyjama und die nackten Füße – alles zusammen nahm ihm für einen Augenblick die Sprache. Er starrte sie verständnislos und wortlos an.

„Na?“ klang die schreckliche Stimme.

„Meine gute Frau“, platzte es schließlich aus ihm heraus, „hier ist etwas Schreckliches geschehen –“ Soweit trug ihn seine Verzweiflung, aber nicht weiter. Er blieb förmlich am Hauptwort hängen.

„Oh! Da ist gar nichts geschehen“, sagte sie langsam und spähte ihn weiter an. „Ich glaube, Ihr habt nur gesehen und gehört, was die anderen auch taten. Ich kann die Leute nie lange auf dieser Etage halten. Die meisten merken es früher oder später – also diejenigen, die etwas schnell und empfindsam sind. Nur dachte ich, weil Ihr Engländer seid, dass es Euch nichts ausmachen würde. Es passiert eigentlich nichts; es ist nur so ein Einbilden.“

Shorthouse war außer sich. Er fühlte sich bereit, sie zu packen und über das Treppengeländer zu werfen, samt der Kerze.

„Sehen Sie da“, sagte er und deutete mit den Fingern, die das sickernde Blut berührt hatten, bis auf einen Zoll an ihre blinzelnden Augen heran; „sehen Sie da, meine gute Frau. Ist das nur Einbildung?“

Sie starrte eine Minute lang, als wüsste sie nicht, was er meinte.

„Ich schätze schon“, sagte sie schließlich.

Er folgte ihren Augen und sah zu seinem Erstaunen, dass seine Finger so weiß waren wie gewöhnlich und völlig frei von dem schrecklichen Fleck, der noch zehn Minuten zuvor dort gewesen war. Von Blut keine Spur. Kein Starren konnte es zurückbringen. War er von Sinnen gekommen? Hatten seine Augen und Ohren ihm solche Streiche gespielt? Waren seine Sinne falsch und verdreht geworden? Er stürmte an der Vermieterin vorbei, hinaus auf den Flur und erreichte mit zwei Schritten sein eigenes Zimmer. Puh! ... die Wand wölbte sich nicht mehr. Die Tapete war nicht zerrissen. Auf dem verblichenen alten Teppich war nichts, das kroch oder krabbelte.

„Es ist jetzt alles vorbei“, dehnte die metallische Stimme hinter ihm. „Ich gehe wieder ins Bett.“

Er drehte sich um und sah, wie die Vermieterin langsam wieder die Treppe hinunterging, während sie die Kerze immer noch mit der Hand abschirmte und bei ihrem Gehen von Zeit zu Zeit zu ihm hinaufspähte. Ein schwarzes, hässliches, ungesundes Objekt, dachte er, als sie in der Dunkelheit unter ihm verschwand und der letzte Flackerschein ihrer Kerze einen seltsam geformten Schatten an die Wand und über die Decke warf.

Ohne einen Moment zu zögern, warf sich Shorthouse in seine Kleider und verließ das Haus. Er zog den Sturm den Schrecken jener obersten Etage vor und lief bis zum Tagesanbruch durch die Straßen. Am Abend teilte er der Vermieterin mit, dass er am nächsten Tag ausziehen würde, ungeachtet ihrer Versicherungen, dass nichts weiter geschehen würde.

„Es kommt nie zurück“, sagte sie – „jedenfalls nicht, nachdem er getötet wurde.“

Shorthouse schnappte nach Luft.

„Sie haben mir eine Menge für mein Geld geboten“, knurrte er.

„Na, das ist nicht mein Theater“, dehnte sie. „Ich bin kein Geistermedium. Ihr geht Risiken ein. Manche schlafen einfach durch und hören gar nichts. Andere, wie Ihr, sind anders und bekommen das Ganze ab.“

„Wer ist der alte Herr? – hört er es?“, fragte Jim.

„Es gibt gar keinen alten Herrn“, antwortete sie kühl. „Das habe ich Euch nur gesagt, damit Ihr Euch wohl fühlt, falls Ihr doch etwas hört. Ihr wart ganz allein auf der Etage.“

„Sagt mal“, fuhr sie fort, nach einer Pause, in der Shorthouse nichts einfiel als unaussprechliche Dinge, „sagt mal, im Ernst, habt Ihr Euch irgendwie kalt gefühlt, als das Theater losging, irgendwie müde und schwach, mein ich, als ob Ihr sterben könntet?“

„Wie soll ich das sagen?“, antwortete er wild; „was ich gefühlt habe, weiß nur Gott allein.“

„Na, aber der wird’s nicht verraten“, dehnte sie aus. „Ich hab mich nur gefragt, wie Ihr Euch wirklich gefühlt habt, denn der Mann, der zuletzt in diesem Zimmer war, wurde eines Morgens im Bett gefunden –“

„Im Bett?“

„Er war tot. Er war derjenige vor Euch. Oh! Ihr müsst nicht so aus der Fassung geraten. Ihr seid schon in Ordnung. Und es ist alles wirklich passiert, das sagt man sich. Dieses Haus war vor etwa fünfundzwanzig Jahren ein Privathaus, und eine deutsche Familie namens Steinhardt lebte hier. Sie hatten ein großes Geschäft in der Wall Street und standen ganz weit oben.“

„Ah!“, sagte ihr Zuhörer.

„Oh ja, das taten sie, ganz oben, bis eines schönen Tages alles platzte und der alte Mann sich mit der Beute aus dem Staub machte –“

„Sich mit der Beute aus dem Staub gemacht?“

„So ist es“, sagte sie; „kam mit dem ganzen Geld davon, und der Sohn wurde tot in seinem Haus gefunden, Selbstmord, so dachte man. Obwohl einige sagten, er hätte sich nicht selbst erstechen und in diese Lage fallen können. Sie sagten, er sei ermordet worden. Der Vater starb im Gefängnis. Sie versuchten, ihm den Mord anzuhängen, aber es gab kein Motiv oder keine Beweise oder so was. Ich habe es vergessen.“

„Sehr hübsch“, sagte Shorthouse.

„Ich zeige Euch jedenfalls was mächtig Seltsames“, dehnte sie, „wenn Ihr eine Minute mit nach oben kommt. Ich habe die Schritte und Stimmen schon viele Male gehört; die schrecken mich nicht. Ich würde genauso gut hören, wie wenn Hunde bellen. Ihr findet die ganze Geschichte in den Zeitungen, wenn Ihr nachseht – nicht, was hier vorgeht, sondern die Geschichte mit den Deutschen. Mein Haus wäre ruiniert, wenn sie alles erzählten, und ich würde auf Schadensersatz klagen.“

Sie erreichten das Schlafzimmer, und die Frau ging hinein und zog den Rand des Teppichs hoch, wo Shorthouse in der vorangegangenen Nacht das Blut hatte einsickern sehen.

„Schaut dahin, wenn Ihr Lust habt“, sagte die alte Hexe. Als er sich bückte, sah er einen dunklen, matten Fleck in den Dielen, der genau der Form und Position des Blutes entsprach, wie er es gesehen hatte.

In jener Nacht schlief er in einem Hotel und suchte am folgenden Tag eine neue Unterkunft. In den Zeitungen, die in seinem Büro archiviert waren, fand er nach langem Suchen zwanzig Jahre zurück die detaillierte Geschichte, im Wesentlichen so, wie die Frau es gesagt hatte, über den Zusammenbruch von Steinhardt & Co., das Verschwinden und die spätere Verhaftung des Seniorpartners und den Selbstmord oder Mord seines Sohnes Otto. Das Mietshaus der Vermieterin war früher deren Privathaus gewesen.

SEIN VERSPRECHEN HALTEN

Es war elf Uhr abends, und der junge Marriott war in seinem Zimmer eingeschlossen und büffelte, so hart er nur konnte. Er war ein „Viertjahresstudent“ an der Universität von Edinburgh und war bei dieser speziellen Prüfung schon so oft durchgefallen, dass seine Eltern ausdrücklich erklärt hatten, sie könnten die Mittel nicht mehr aufbringen, um ihn dort zu halten.

Seine Zimmer waren billig und schäbig, aber es waren die Vorlesungsgebühren, die das Geld verschlangen. Also nahm Marriott sich schließlich zusammen und fasste den festen Entschluss, dass er bestehen oder bei dem Versuch sterben würde, und seit einigen Wochen las er nun so hart, wie ein sterblicher Mensch nur lesen kann. Er versuchte, verlorene Zeit und verlorenes Geld auf eine Weise wettzumachen, die schlüssig bewies, dass er den Wert von beidem nicht verstand. Denn kein gewöhnlicher Mensch – und Marriott war in jeder Hinsicht ein gewöhnlicher Mensch – kann es sich leisten, den Geist so anzutreiben, wie er es in letzter Zeit getan hatte, ohne früher oder später den Preis dafür zu zahlen.

Unter den Studenten hatte er nur wenige Freunde oder Bekannte, und diese wenigen hatten versprochen, ihn nachts nicht zu stören, da sie wussten, dass er endlich ernsthaft las. Es war daher mit Gefühlen, die weit über bloße Überraschung hinausgingen, dass er in dieser speziellen Nacht seine Türklingel hören musste und begriff, dass er einen Besucher bekommen würde. Manche Männer hätten einfach die Glocke gedämpft und ruhig mit ihrer Arbeit weitergemacht. Aber Marriott war nicht von dieser Sorte. Er war nervös. Es hätte ihn die ganze Nacht lang gestört und an seinem Verstand genagt, nicht zu wissen, wer der Besucher war und was er wollte. Das Einzige, was also zu tun war, war, ihn hereinzulassen – und so schnell wie möglich wieder hinaus.

Die Vermieterin ging pünktlich um zehn Uhr zu Bett, nach welcher Zeit sie sich durch nichts dazu bewegen ließ, so zu tun, als habe sie die Glocke gehört, also sprang Marriott mit einem Ausruf, der für den Empfang seines Anrufers nichts Gutes verhieß, von seinen Büchern auf und bereitete sich darauf vor, ihn eigenhändig einzulassen.

Die Straßen der Stadt Edinburgh waren zu dieser späten Stunde – es war spät für Edinburgh – sehr still, und in der ruhigen Nachbarschaft der F---- Street, wo Marriott im dritten Stock wohnte, durchbrach kaum ein Laut die Stille. Als er über den Flur ging, läutete die Glocke ein zweites Mal mit unnötigem Lärm, und er schloss die Tür auf und trat in den kleinen Hausflur, wobei er mit beträchtlichem Zorn und Ärger im Herzen über die Unverschämtheit der doppelten Unterbrechung erfüllt war.

„Die Kerle wissen doch alle, dass ich für diese Prüfung lese. Warum in aller Welt kommen sie, um mich zu so einer unchristlichen Zeit zu stören?“

Die Bewohner des Gebäudes waren, ihn eingeschlossen, Medizinstudenten, allgemeine Studenten, arme Writers to the Signet und einige andere, deren Beruf vielleicht nicht so offensichtlich war. Die steinerne Treppe, die auf jeder Etage schwach von einer Gasflamme beleuchtet wurde, die sich nicht über eine gewisse Höhe drehen ließ, wand sich ohne den Anschein eines Teppichs oder eines Geländers hinunter bis auf Straßenniveau. Auf manchen Ebenen war sie sauberer als auf anderen. Das hing von der Vermieterin der jeweiligen Etage ab.

Die akustischen Eigenschaften einer Wendeltreppe scheinen eigenartig zu sein. Marriott, der mit dem Buch in der Hand an der offenen Tür stand, dachte jeden Augenblick, der Besitzer der Schritte würde in Sicht kommen. Das Geräusch der Stiefel war so nah und so laut, dass sie unverhältnismäßig weit vor ihrer Ursache zu reisen schienen. Er fragte sich, wer es sein könnte, und stand mit allerlei scharfen Begrüßungen für den Mann bereit, der es wagte, seine Arbeit derart zu stören. Aber der Mann erschien nicht. Die Schritte klangen fast direkt vor seiner Nase, doch niemand war zu sehen.

Ein plötzliches, seltsames Gefühl der Angst überkam ihn – eine Ohnmacht und ein Schauer den Rücken hinunter. Es verschwand jedoch fast so schnell, wie es gekommen war, und er überlegte gerade, ob er seinen unsichtbaren Besucher laut rufen oder die Tür zuschlagen und an seine Bücher zurückkehren sollte, als die Ursache der Störung sehr langsam um die Ecke bog und in Sicht kam.

Es war ein Fremder. Er sah einen eher jungen Mann von kleiner Statur und sehr breitem Körperbau. Sein Gesicht hatte die Farbe eines Stücks Kreide, und die Augen, die sehr hell waren, hatten tiefe Linien unter sich. Obwohl Wangen und Kinn unrasiert waren und das allgemeine Erscheinungsbild ungepflegt war, war der Mann offensichtlich ein Gentleman, denn er war gut gekleidet und trug sich mit einer gewissen Haltung. Aber am seltsamsten war, dass er keinen Hut trug und auch keinen in der Hand hielt; und obwohl es den ganzen Abend über unaufhörlich geregnet hatte, schien er weder einen Überzieher noch einen Regenschirm zu haben.

Hundert Fragen sprangen in Marriotts Geist auf und drängten auf seine Lippen, allen voran etwas wie: „Wer in aller Welt sind Sie?“ und „Was in Himmels Namen wollen Sie von mir?“ Aber keine dieser Fragen fand Zeit, sich in Worten auszudrücken, denn fast sofort drehte der Anrufer den Kopf ein wenig, so dass das Gaslicht im Flur aus einem neuen Winkel auf seine Gesichtszüge fiel. Dann erkannte Marriott ihn blitzartig.

„Field! Mensch, du Lebendiger! Bist du es?“, keuchte er.

Dem Viertjahresstudenten fehlte es nicht an Intuition, und er erkannte sofort, dass dies ein Fall für eine heikle Behandlung war. Er ahnte, ohne einen eigentlichen Gedankengang, dass die oft vorhergesagte Katastrophe nun endlich eingetreten war und dass der Vater dieses Mannes ihn aus dem Haus geworfen hatte. Sie waren vor Jahren zusammen auf einer Privatschule gewesen, und obwohl sie sich seitdem kaum einmal getroffen hatten, war die Nachricht nicht ausgeblieben, ihn von Zeit zu Zeit mit beträchtlichen Details zu erreichen, denn die Familie lebte in der Nähe seiner eigenen, und zwischen einigen der Schwestern herrschte große Vertrautheit. Der junge Field war später auf die schiefe Bahn geraten, er erinnerte sich, davon gehört zu haben – Alkohol, eine Frau, Opium oder so etwas in der Art – er konnte sich nicht genau daran erinnern.

„Komm herein“, sagte er sofort, wobei sein Ärger verflog. „Es ist etwas schiefgelaufen, das sehe ich. Komm herein und erzähl mir alles darüber, und vielleicht kann ich helfen –“ Er wusste kaum, was er sagen sollte, und stammelte noch viel mehr dazu. Die dunkle Seite des Lebens und das Grauen daran gehörten zu einer Welt, die fern von seiner eigenen ausgewählten kleinen Atmosphäre aus Büchern und Träumereien lag. Aber er hatte trotzdem das Herz eines Mannes.

Er ging voran über den Flur, schloss die Vordertür sorgfältig hinter sich und bemerkte dabei, dass der andere, obwohl sicherlich nüchtern, unsicher auf den Beinen war und offensichtlich sehr erschöpft. Marriott mochte vielleicht nicht in der Lage sein, seine Prüfungen zu bestehen, aber er kannte zumindest die Symptome von Hunger – akuter Hunger, wenn er sich nicht sehr irrte –, wenn sie ihm ins Gesicht starrten.

„Komm nur“, sagte er fröhlich und mit echtem Mitgefühl in der Stimme. „Ich freue mich, dich zu sehen. Ich wollte gerade eine Kleinigkeit essen, und du kommst gerade recht, um mir Gesellschaft zu leisten.“

Der andere gab keine hörbare Antwort und schlurfte so schwach mit den Füßen, dass Marriott ihn zur Unterstützung am Arm nahm. Er bemerkte zum ersten Mal, dass die Kleidung mit erbärmlicher Lockerheit an ihm hing. Der breite Rahmen war buchstäblich kaum mehr als ein Rahmen. Er war dünn wie ein Skelett. Aber als er ihn berührte, kehrte das Gefühl der Ohnmacht und des Schreckens zurück. Es dauerte nur einen Moment und verging dann, und er schrieb es nicht unnatürlich der Bestürzung und dem Schock zu, einen früheren Freund in einer solch jämmerlichen Lage zu sehen.

„Lass mich dich lieber führen. Es ist schändlich dunkel – dieser Flur. Ich beschwere mich immer“, sagte er leicht, wobei er an dem Gewicht an seinem Arm erkannte, dass die Führung bitter nötig war, „aber die alte Katze tut nie etwas anderes, als zu versprechen.“ Er führte ihn zum Sofa und fragte sich die ganze Zeit, woher er gekommen war und wie er die Adresse herausgefunden hatte. Es müssen mindestens sieben Jahre seit jener Zeit an der Privatschule vergangen sein, als sie so enge Freunde waren.

„Wenn du mir jetzt eine Minute verzeihst“, sagte er, „werde ich das Abendessen fertig machen – so wie es eben ist. Und mach dir keine Mühe zu reden. Ruh dich einfach auf dem Sofa aus. Ich sehe, du bist todmüde. Du kannst mir später davon erzählen, und wir werden Pläne machen.“

Der andere setzte sich an den Rand des Sofas und starrte schweigend vor sich hin, während Marriott den braunen Laib, die Scones und den riesigen Topf mit Marmelade herausholte, den schottische Studenten immer in ihren Schränken haben. Seine Augen leuchteten mit einem Glanz, der auf Drogen hindeutete, dachte Marriott und warf einen Blick von hinter der Schranktür auf ihn. Er mochte noch keinen vollen, direkten Blick wagen. Der Kerl war in einer schlechten Verfassung, und es wäre wie bei einer Prüfung gewesen, zu starren und auf Erklärungen zu warten. Außerdem war er offensichtlich fast zu erschöpft, um zu sprechen. Also ließ er aus Gründen der Diskretion – und auch aus einem anderen Grund, den er nicht genau für sich formulieren konnte – seinen Besucher scheinbar unbeachtet ruhen, während er sich mit dem Abendessen beschäftigte. Er zündete die Spirituslampe an, um Kakao zu machen, und als das Wasser kochte, zog er den Tisch mit den guten Dingen zum Sofa, so dass Field nicht einmal die Mühe haben musste, sich auf einen Stuhl zu setzen.

„So, lass uns reinhauen“, sagte er, „und hinterher werden wir ein Pfeifchen rauchen und plaudern. Ich lese für eine Prüfung, weißt du, und ich habe immer etwas um diese Zeit. Es ist schön, einen Gefährten zu haben.“

Er schaute auf und fing die Augen seines Gastes ein, die direkt auf seine eigenen gerichtet waren. Ein unwillkürliches Schaudern lief ihm von Kopf bis Fuß über den Rücken. Das Gesicht gegenüber war totenweiß und trug einen schrecklichen Ausdruck von Schmerz und geistigem Leiden.

„Bei Gott!“, sagte er und sprang auf. „Das habe ich ganz vergessen. Ich habe irgendwo etwas Whisky. Was bin ich doch für ein Esel. Ich rühre ihn selbst nie an, wenn ich so arbeite.“

Er ging zum Schrank und goss ein kräftiges Glas ein, das der andere in einem einzigen Zug und ohne Wasser hinunterstürzte. Marriott beobachtete ihn beim Trinken und bemerkte gleichzeitig noch etwas anderes – Fields Mantel war voller Staub, und auf einer Schulter klebte ein Stück Spinnweben. Er war vollkommen trocken; Field war in einer klatschnassen Nacht ohne Hut, Regenschirm oder Überzieher angekommen und doch vollkommen trocken, sogar staubig. Er hatte sich also unter Dach und Fach befunden. Was bedeutete das alles? Hatte er sich im Gebäude versteckt? . . .

Es war sehr seltsam. Doch er bot nichts von sich aus an; und Marriott hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt so ziemlich vorgenommen, keine Fragen zu stellen, bis er gegessen und geschlafen hatte. Essen und Schlaf waren offensichtlich das, was der arme Teufel am meisten und zuerst brauchte – er war zufrieden mit seiner Fähigkeit zur schnellen Diagnose – und es wäre nicht fair, ihn zu drängen, bis er sich ein wenig erholt hätte.

Sie aßen ihr Abendessen zusammen, während der Gastgeber ein laufendes, einseitiges Gespräch führte, hauptsächlich über sich selbst, seine Prüfungen und seine „alte Katze“ von einer Vermieterin, so dass der Gast kein einziges Wort äußern musste, es sei denn, er wollte es wirklich – was er offensichtlich nicht wollte! Aber während er mit seinem Essen spielte, ohne Hunger zu verspüren, aß der andere gierig. Einen hungrigen Mann kalte Scones, altes Hafergebäck und mit Marmelade beladenes braunes Brot verschlingen zu sehen, war eine Offenbarung für diesen unerfahrenen Studenten, der nie gewusst hatte, wie es war, nicht mindestens drei Mahlzeiten am Tag zu haben. Er beobachtete ihn wider Willen und fragte sich, warum der Kerl bei dem Vorgang nicht erstickte.

Doch Field schien ebenso schläfrig wie hungrig zu sein. Nicht nur einmal sank sein Kopf herab und er hörte auf, das Essen in seinem Mund zu kauen. Marriott musste ihn regelrecht schütteln, bevor er mit seiner Mahlzeit fortfuhr. Ein stärkeres Gefühl überwindet ein schwächeres, aber dieser Kampf zwischen dem Stechen echten Hungers und dem magischen Betäubungsmittel übermächtiger Schläfrigkeit war für den Studenten, der ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Alarm beobachtete, ein sonderbarer Anblick. Er hatte gehört, welch ein Vergnügen es sei, hungrige Männer zu speisen und ihnen beim Essen zuzusehen, doch er war nie wirklich Zeuge dessen geworden und hatte keine Vorstellung davon, dass es so sein würde. Field aß wie ein Tier – er schlang, stopfte, fraß in sich hinein. Marriott vergaß seine Lektüre und begann, etwas zu verspüren, das einem Kloß im Hals sehr nahe kam.

„Fürchte, es gab schrecklich wenig anzubieten, alter Junge“, brachte er hervor, als schließlich das letzte Scone verschwunden war und das rasche, einseitige Mahl sein Ende gefunden hatte. Field gab immer noch keine Antwort, denn er war auf seinem Sitz beinahe eingeschlafen. Er blickte nur müde und dankbar auf.

„Jetzt musst du etwas schlafen, weißt du“, fuhr er fort, „sonst brichst du zusammen. Ich werde die ganze Nacht aufbleiben und für dieses vermaledeite Examen lernen. Du bist herzlich eingeladen, mein Bett zu benutzen. Morgen werden wir spät frühstücken und – und sehen, was sich machen lässt – und Pläne schmieden – ich bin schrecklich gut darin, Pläne zu schmieden, weißt du“, fügte er mit einem Versuch von Leichtigkeit hinzu.

Field wahrte sein „todmüdes“ Schweigen, schien aber einzuwilligen, und der andere wies den Weg in das Schlafzimmer, wobei er sich währenddessen bei diesem halb verhungerten Sohn eines Baronets – dessen eigenes Zuhause beinahe ein Palast war – für die Größe des Zimmers entschuldigte. Der müde Gast machte jedoch keinerlei Anstalten von Dank oder Höflichkeit. Er stützte sich lediglich am Arm seines Freundes ab, als er durch das Zimmer schwankte, und ließ dann, in all seinen Kleidern, seinen erschöpften Körper auf das Bett fallen. In weniger als einer Minute schlief er allem Anschein nach tief und fest.

Einige Minuten lang stand Marriott in der offenen Tür und beobachtete ihn; er betete inbrünstig, dass er selbst nie in eine solche Notlage geraten möge, und begann dann sich zu fragen, was er am nächsten Tag mit seinem ungebetenen Gast anfangen sollte. Doch er hielt nicht lange inne, um nachzudenken, denn der Ruf seiner Bücher war zwingend, und komme, was wolle, er musste sicherstellen, dass er dieses Examen bestand.

Nachdem er die Tür zum Flur wieder verschlossen hatte, setzte er sich an seine Bücher und nahm seine Aufzeichnungen zur Materia Medica dort wieder auf, wo er sie unterbrochen hatte, als die Glocke geläutet hatte. Doch es fiel ihm einige Zeit schwer, seine Gedanken auf das Thema zu konzentrieren. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu dem Bild dieses weißgesichtigen Kerls mit den seltsamen Augen, verhungert und schmutzig, der in seinen Kleidern und Stiefeln auf dem Bett lag. Er erinnerte sich an ihre gemeinsame Schulzeit, bevor sie sich aus den Augen verloren hatten, und daran, wie sie ewige Freundschaft geschworen hatten – und all das Übrige. Und jetzt! Was für schreckliche Zustände. Wie konnte ein Mann zulassen, dass die Liebe zur Ausschweifung eine solche Macht über ihn erlangte?

Doch einen ihrer gemeinsamen Schwüre schien Marriott vollkommen vergessen zu haben. Jedenfalls lag er in diesem Augenblick zu weit im Hintergrund seines Gedächtnisses, als dass er sich hätte daran erinnern können.

Durch die halb geöffnete Tür – das Schlafzimmer ging vom Wohnzimmer ab und hatte keine andere Tür – drang das Geräusch tiefen, lang gezogenen Atmens, das regelmäßige, stetige Atmen eines müden Mannes, so müde, dass Marriott allein beim Zuhören fast selbst einschlafen wollte.

„Er hatte es nötig“, überlegte der Student, „und vielleicht kam es gerade noch rechtzeitig!“

Vielleicht; denn draußen heulte der beißende Wind vom Forth grausam und trieb den Regen in kalten Strömen gegen die Fensterscheiben und die verlassenen Straßen hinunter. Lange bevor Marriott sich wieder richtig an seine Lektüre machte, hörte er gleichsam aus der Ferne, durch die Sätze des Buches hindurch, das schwere, tiefe Atmen des Schlafenden im Nebenzimmer.

Ein paar Stunden später, als er gähnte und seine Bücher wechselte, hörte er das Atmen immer noch und ging vorsichtig zur Tür, um sich umzusehen.

Zuerst musste ihn die Dunkelheit des Zimmers getäuscht haben, oder aber seine Augen waren durch den kürzlichen Schein der Leselampe verwirrt und geblendet. Ein oder zwei Minuten lang konnte er absolut nichts ausmachen außer dunklen Möbelstücken, der Masse der Kommode an der Wand und dem weißen Fleck, wo sein Waschbecken in der Mitte des Bodens stand.

Dann kam das Bett langsam zum Vorschein. Und darauf sah er, wie die Umrisse des schlafenden Körpers allmählich vor seinen Augen Gestalt annahmen, seltsam in die Dunkelheit hineinwuchsen, bis sie sich deutlich abhoben – die lange schwarze Form gegen die weiße Tagesdecke.

Er konnte sich kaum ein Lächeln verkneifen. Field hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Er beobachtete ihn ein oder zwei Augenblicke und kehrte dann zu seinen Büchern zurück. Die Nacht war erfüllt von den singenden Stimmen des Windes und des Regens. Es gab keinen Verkehrslärm; keine Droschken klapperten über das Kopfsteinpflaster, und für die Milchwagen war es noch zu früh. Er arbeitete stetig und gewissenhaft weiter, nur um ab und zu innezuhalten, um ein Buch zu wechseln oder einen Schluck von dem giftigen Zeug zu nehmen, das ihn wach hielt und sein Gehirn so aktiv machte, und bei diesen Gelegenheiten war Fields Atmen im Zimmer immer deutlich vernehmbar. Draußen heulte der Sturm weiter, doch im Haus war alles still. Der Schirm der Leselampe warf das gesamte Licht auf den vollen Tisch und ließ den anderen Teil des Zimmers in relativer Dunkelheit. Die Schlafzimmertür lag genau gegenüber seinem Sitzplatz. Es gab nichts, was den Arbeitenden störte, nichts außer einem gelegentlichen Windstoß gegen die Fenster und einem leichten Schmerz in seinem Arm.

Dieser Schmerz, den er sich nicht erklären konnte, wurde ein oder zwei Mal sehr heftig. Er beunruhigte ihn; und er versuchte ohne Erfolg, sich zu erinnern, wie und wann er sich so schwer geprellt haben konnte.

Schließlich verfärbte sich die Seite vor ihm von Gelb zu Grau, und auf der Straße unter ihm waren Geräusche von Rädern zu hören. Es war vier Uhr. Marriott lehnte sich zurück und gähnte ausgiebig. Dann zog er die Vorhänge zurück. Der Sturm hatte sich gelegt und der Castle Rock war in Nebel gehüllt. Mit einem weiteren Gähnen wandte er sich von dem trostlosen Ausblick ab und bereitete sich darauf vor, die verbleibenden vier Stunden bis zum Frühstück auf dem Sofa zu schlafen. Field atmete im Nebenzimmer immer noch schwer, und er ging zunächst auf Zehenspitzen über den Boden, um einen weiteren Blick auf ihn zu werfen.

Als er vorsichtig um die halb geöffnete Tür spähte, fiel sein erster Blick auf das Bett, das nun im grauen Morgenlicht deutlich zu erkennen war. Er starrte angestrengt. Dann rieb er sich die Augen. Dann rieb er sich erneut die Augen und streckte den Kopf weiter um die Türkante. Mit starren Augen starrte er noch angestrengter.

Doch es machte keinen Unterschied. Er starrte in ein leeres Zimmer.

Das Gefühl der Angst, das er verspürt hatte, als Field zum ersten Mal auf der Bildfläche erschien, kehrte plötzlich zurück, aber mit viel größerer Kraft. Er wurde sich zudem bewusst, dass sein linker Arm heftig pulsierte und ihm große Schmerzen bereitete. Er stand da, wunderte sich, starrte und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Er zitterte am ganzen Körper.

Mit einer großen Willensanstrengung verließ er die Stütze der Tür und ging mutig auf das Zimmer zu.

Dort, auf dem Bett, war der Abdruck eines Körpers, wo Field gelegen und geschlafen hatte. Da war der Abdruck des Kopfes auf dem Kissen und die leichte Vertiefung am Fußende des Bettes, wo die Stiefel auf der Tagesdecke geruht hatten. Und dort, deutlicher als je zuvor – denn er war näher dran – war das Atmen!

Marriott versuchte, sich zu fassen. Mit einer großen Anstrengung fand er seine Stimme und rief seinen Freund laut beim Namen!

„Field! Bist du das? Wo bist du?“

Es gab keine Antwort; aber das Atmen setzte sich ohne Unterbrechung fort und kam direkt vom Bett. Seine Stimme klang so ungewohnt, dass Marriott seine Fragen nicht wiederholen wollte, aber er ging auf die Knie und untersuchte das Bett oben und unten, zog schließlich die Matratze herunter und entfernte die Decken einzeln nacheinander. Doch obwohl die Geräusche anhielten, gab es kein sichtbares Zeichen von Field, noch gab es irgendeinen Raum, in dem sich ein Mensch, wie klein auch immer, hätte verbergen können. Er zog das Bett von der Wand weg, aber das Geräusch blieb, wo es war. Es bewegte sich nicht mit dem Bett.

Marriott, dem die Selbstbeherrschung in seinem müden Zustand etwas schwerfiel, machte sich sofort an eine gründliche Durchsuchung des Zimmers. Er durchsuchte den Schrank, die Kommode, die kleine Nische, in der die Kleider hingen – alles. Aber es gab kein Anzeichen von irgendjemandem. Das kleine Fenster nahe der Decke war geschlossen; und jedenfalls war es nicht groß genug, um eine Katze hindurchzulassen. Die Wohnzimmertür war von innen verschlossen; er konnte auf diesem Weg nicht herausgekommen sein. Seltsame Gedanken begannen Marriotts Geist zu beunruhigen und brachten unerwünschte Empfindungen mit sich. Er wurde immer aufgeregter; er durchsuchte das Bett erneut, bis es einer Kissenschlacht glich; er durchsuchte beide Zimmer, obwohl er die ganze Zeit wusste, dass es zwecklos war – und dann suchte er noch einmal. Ein kalter Schweiß brach am ganzen Körper aus; und das Geräusch des schweren Atmens hörte während der ganzen Zeit nie auf, aus der Ecke zu dringen, wo Field sich schlafen gelegt hatte.

Dann versuchte er etwas anderes. Er schob das Bett genau in seine ursprüngliche Position zurück – und legte sich selbst darauf, genau dort, wo sein Gast gelegen hatte. Doch im selben Augenblick sprang er mit einem einzigen Satz wieder auf. Das Atmen war direkt neben ihm, fast auf seiner Wange, und zwischen ihm und der Wand! Nicht einmal ein Kind hätte sich in den Zwischenraum quetschen können.

Er ging zurück in sein Wohnzimmer, öffnete die Fenster, begrüßte alles Licht und alle Luft, die möglich waren, und versuchte, die ganze Angelegenheit ruhig und klar zu durchdenken. Männer, die zu hart lernten und zu wenig schliefen, wusste er, wurden manchmal von sehr lebhaften Halluzinationen geplagt. Er ging noch einmal ruhig jeden Vorfall der Nacht durch; seine genauen Empfindungen; die lebhaften Details; die in ihm geweckten Gefühle; das schreckliche Fest – keine einzelne Halluzination könnte jemals all dies vereinen und einen so langen Zeitraum abdecken. Aber mit weniger Zufriedenheit dachte er an die wiederkehrende Ohnmacht und das seltsame Gefühl des Entsetzens, das ihn ein oder zwei Mal überkommen hatte, und dann an die heftigen Schmerzen in seinem Arm. Diese waren völlig unerklärlich.

Außerdem, nun, da er begann zu analysieren und zu untersuchen, gab es noch eine andere Sache, die ihn wie eine plötzliche Offenbarung überkam: _Während der ganzen Zeit hatte Field nicht ein einziges Wort geäußert!_ Doch als ob es seine Überlegungen verspottete, kam immer aus jenem inneren Zimmer das Geräusch des Atmens, lang gezogen, tief und regelmäßig. Die Sache war unglaublich. Sie war absurd.

Gejagt von Visionen von Gehirnfieber und Wahnsinn, setzte Marriott seine Mütze und seinen Macintosh auf und verließ das Haus. Die Morgenluft auf Arthur's Seat würde die Spinnweben aus seinem Gehirn blasen; der Duft des Heidekrauts und vor allem der Anblick des Meeres. Er wanderte ein paar Stunden über die nassen Hänge oberhalb von Holyrood und kehrte erst zurück, als die Bewegung einen Teil des Entsetzens aus seinen Knochen geschüttelt und ihm obendrein einen bärenstarken Appetit beschert hatte.

Als er eintrat, sah er, dass ein anderer Mann im Raum war, der mit dem Rücken zum Licht am Fenster stand. Er erkannte seinen Kommilitonen Greene, der für dasselbe Examen lernte.

„Habe die ganze Nacht hart gelernt, Marriott“, sagte er, „und dachte, ich schaue mal hier vorbei, um Notizen zu vergleichen und etwas zu frühstücken. Du bist früh draußen?“ fügte er als Frage hinzu. Marriott sagte, er habe Kopfschmerzen gehabt und ein Spaziergang habe geholfen, und Greene nickte und sagte „Ah!“. Doch als das Mädchen den dampfenden Haferbrei auf den Tisch gestellt hatte und wieder hinausgegangen war, fuhr er mit einem etwas erzwungenen Ton fort: „Wusste gar nicht, dass du Freunde hast, die trinken, Marriott?“

Das war offensichtlich tastend, und Marriott antwortete trocken, dass er das auch nicht gewusst habe.

„Klingt aber genau so, als ob da drin jemand seinen Rausch ausschliefe, nicht wahr?“, beharrte der andere mit einem Nicken in Richtung des Schlafzimmers und blickte neugierig auf seinen Freund. Die beiden Männer starrten sich mehrere Sekunden lang fest an, und dann sagte Marriott ernst –

„Dann hörst du es also auch, Gott sei Dank!“

„Natürlich höre ich es. Die Tür ist offen. Entschuldige, falls das nicht beabsichtigt war.“

„Oh, das meine ich nicht“, sagte Marriott und senkte die Stimme. „Aber ich bin schrecklich erleichtert. Lass mich erklären. Natürlich, wenn du es auch hörst, dann ist ja alles in Ordnung; aber es hat mich wirklich mehr erschreckt, als ich dir sagen kann. Ich dachte, ich bekäme Gehirnfieber oder etwas in der Art, und du weißt, wie viel von diesem Examen abhängt. Es fängt immer mit Geräuschen oder Visionen oder irgendeiner grässlichen Halluzination an, und ich –“

„Unsinn!“, stieß der andere ungeduldig aus. „Wovon redest du da?“

„Jetzt hör mir zu, Greene“, sagte Marriott so ruhig er konnte, denn das Atmen war immer noch deutlich hörbar, „und ich werde dir sagen, was ich meine, nur unterbrich mich nicht.“ Und daraufhin erzählte er genau, was während der Nacht geschehen war, und erzählte alles, bis hin zum Schmerz in seinem Arm. Als er fertig war, stand er vom Tisch auf und durchquerte den Raum.

„Du hörst das Atmen jetzt deutlich, nicht wahr?“, sagte er. Greene sagte, das tue er. „Nun, komm mit mir, und wir werden das Zimmer gemeinsam durchsuchen.“ Der andere bewegte sich jedoch nicht von seinem Stuhl.

„Ich war schon drin“, sagte er kleinlaut; „ich hörte die Geräusche und dachte, du wärst es. Die Tür stand einen Spalt offen – also ging ich hinein.“

Marriott kommentierte dies nicht, sondern stieß die Tür so weit auf, wie es ging. Als sie sich öffnete, wurde das Geräusch des Atmens immer deutlicher.

„Jemand muss da drin sein“, sagte Greene leise.

„Jemand ist da drin, aber wo?“, sagte Marriott. Er drängte seinen Freund erneut, mit ihm hineinzugehen. Doch Greene weigerte sich kategorisch; er sagte, er sei einmal drin gewesen und habe das Zimmer durchsucht und es sei nichts da gewesen. Er würde für vieles nicht noch einmal hineingehen.

Sie schlossen die Tür und zogen sich in den anderen Raum zurück, um bei vielen Pfeifen alles zu besprechen. Greene befragte seinen Freund sehr genau, aber ohne erhellendes Ergebnis, da Fragen keine Tatsachen ändern können.

„Das Einzige, was eine richtige, eine logische Erklärung haben sollte, ist der Schmerz in meinem Arm“, sagte Marriott und rieb sich das Glied mit einem Versuch zu lächeln. „Es schmerzt so höllisch und zieht den ganzen Weg nach oben. Ich kann mich nicht erinnern, ihn geprellt zu haben, aber doch.“

„Lass mich ihn für dich untersuchen“, sagte Greene. „Ich bin schrecklich gut bei Knochen, trotz der gegenteiligen Meinung der Prüfer.“ Es war eine Erleichterung, ein bisschen den Narren zu spielen, und Marriott zog seinen Rock aus und krempelte seinen Ärmel hoch.

„Bei Gott, ich blute aber!“, rief er aus. „Schau hier! Was zum Teufel ist das?“

Auf dem Unterarm, ganz nahe am Handgelenk, war eine dünne rote Linie. Ein winziger Tropfen scheinbar frischen Blutes war darauf. Greene kam herüber und betrachtete sie einige Minuten lang genau. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und blickte neugierig auf das Gesicht seines Freundes.

„Du hast dich gekratzt, ohne es zu merken“, sagte er nach einer Weile.

„Da ist kein Anzeichen eines blauen Flecks. Es muss etwas anderes sein, das den Arm schmerzen ließ.“

Marriott saß ganz still und starrte schweigend auf seinen Arm, als ob die Lösung des ganzen Geheimnisses dort, tatsächlich auf die Haut geschrieben, läge.

„Was ist los? Ich sehe nichts sehr Seltsames an einem Kratzer“, sagte Greene mit einer wenig überzeugenden Stimme. „Das waren wahrscheinlich deine Manschettenknöpfe. Letzte Nacht in deiner Aufregung –“

Doch Marriott, weiß bis zu den Lippen, versuchte zu sprechen. Der Schweiß stand in großen Perlen auf seiner Stirn. Schließlich lehnte er sich nahe an das Gesicht seines Freundes.

„Schau“, sagte er mit leiser Stimme, die ein wenig zitterte. „Siehst du diese rote Markierung? Ich meine unter dem, was du einen Kratzer nennst?“

Greene gab zu, dass er etwas oder anderes sähe, und Marriott wischte die Stelle mit seinem Taschentuch sauber und sagte ihm, er solle noch einmal genauer hinsehen.

„Ja, ich sehe es“, gab der andere zurück, nachdem er den Kopf nach einem Moment sorgfältiger Prüfung gehoben hatte. „Es sieht aus wie eine alte Narbe.“

„Es ist eine alte Narbe“, flüsterte Marriott, wobei seine Lippen zitterten. „Jetzt fällt mir alles wieder ein.“

„Alles was?“ Greene zappelte auf seinem Stuhl. Er versuchte zu lachen, aber ohne Erfolg. Sein Freund schien dem Zusammenbruch nahe.

„Pst! Sei ruhig, und – ich werde es dir sagen“, sagte er. „Field hat diese Narbe gemacht.“

Eine ganze Minute lang sahen sich die beiden Männer voll ins Gesicht, ohne zu sprechen.

„Field hat diese Narbe gemacht!“, wiederholte Marriott schließlich mit lauterer Stimme.

„Field! Du meinst – letzte Nacht?“

„Nein, nicht letzte Nacht. Vor Jahren – in der Schule, mit seinem Messer. Und ich habe mit meinem eine Narbe in seinen Arm gemacht.“ Marriott sprach jetzt schnell.

„Wir tauschten Blutstropfen in den Schnitten des jeweils anderen aus. Er gab einen Tropfen in meinen Arm und ich gab einen in seinen –“

„Im Namen des Himmels, wozu?“

„Es war ein Pakt unter Jungen. Wir leisteten einen heiligen Schwur, einen Handel. Ich erinnere mich jetzt wieder vollkommen daran. Wir hatten irgendein schreckliches Buch gelesen und wir schworen, einander zu erscheinen – ich meine, wer zuerst stürzte, schwor, sich dem anderen zu zeigen. Und wir besiegelten den Pakt mit dem Blut des anderen. Ich erinnere mich so gut daran – der heiße Sommernachmittag auf dem Spielplatz vor sieben Jahren – und einer der Lehrer erwischte uns und konfiszierte die Messer – und ich habe bis heute nie wieder daran gedacht –“

„Und du meinst –“, stammelte Greene.

Doch Marriott gab keine Antwort. Er stand auf, durchquerte den Raum und legte sich müde auf das Sofa, wobei er sein Gesicht in den Händen verbarg.

Greene selbst war ein wenig ratlos. Er ließ seinen Freund eine Weile in Ruhe und dachte noch einmal über alles nach. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er ging dorthin, wo Marriott noch regungslos auf dem Sofa lag, und weckte ihn. Auf jeden Fall war es besser, der Sache ins Auge zu sehen, ob es eine Erklärung gab oder nicht. Aufgeben war immer der dumme Ausweg.

„Sag mal, Marriott“, begann er, als der andere sein weißes Gesicht zu ihm wandte. „Es hat keinen Sinn, so aufgewühlt deswegen zu sein. Ich meine – wenn es alles eine Halluzination ist, wissen wir, was zu tun ist. Und wenn nicht – nun, wissen wir, was wir denken sollen, oder?“

Marriott nickte.

„Es gibt nur eine Sache, die mir einfällt“, fuhr Greene fort, „und das ist, bist du ganz sicher, dass – dass er wirklich so gegessen hat – ich meine, dass er tatsächlich irgendetwas gegessen hat?“, beendete er und stieß all seine Gedanken hervor.

Marriott starrte ihn einen Moment lang an und sagte dann, er könne sich leicht Gewissheit verschaffen. Er sprach ruhig. Nach dem ersten Schock konnte ihn keine geringere Überraschung mehr treffen.

„Ich habe die Sachen selbst weggeräumt“, sagte er, „nachdem wir fertig waren. Sie stehen im dritten Regal in diesem Schrank. Niemand hat sie seitdem angerührt.“

Er zeigte darauf, ohne aufzustehen, und Greene verstand den Wink und ging hinüber, um nachzusehen.

„Genau“, sagte er nach einer kurzen Untersuchung; „genau wie ich dachte. Es war zumindest teilweise eine Halluzination. Die Sachen wurden nicht angerührt. Komm und sieh selbst.“

Gemeinsam untersuchten sie das Regal. Da war das braune Brot, der Teller mit alten Scones, das Hafergebäck, alles unberührt. Sogar das Glas Whisky, das Marriott eingeschenkt hatte, stand dort, noch mit dem Whisky darin.

„Du hast niemanden gefüttert“, sagte Greene. „Field hat nichts gegessen und getrunken. Er war überhaupt nicht hier!“

„Aber das Atmen?“, drängte der andere mit leiser Stimme und starrte mit verständnislosem Ausdruck auf seinem Gesicht.

Greene antwortete nicht. Er ging zum Schlafzimmer, während Marriott ihm mit den Augen folgte. Er öffnete die Tür und lauschte. Es bedurfte keiner Worte. Das Geräusch tiefen, regelmäßigen Atmens schwebte durch die Luft. Davon gab es jedenfalls keine Halluzination. Marriott konnte es dort hören, wo er auf der anderen Seite des Raumes stand.

Greene schloss die Tür und kam zurück. „Es gibt nur eine Sache, die man tun kann“, erklärte er entschlossen. „Schreib nach Hause und erkundige dich nach ihm, und komm in der Zwischenzeit zu mir und beende dein Studium in meinen Zimmern. Ich habe ein zusätzliches Bett.“

„Einverstanden“, erwiderte der Student des vierten Jahres; „diese Prüfung bildet keine Halluzination; ich muss sie bestehen, was auch immer passiert.“

Und das taten sie dann auch.

Etwa eine Woche später erhielt Marriott die Antwort von seiner Schwester. Einen Teil davon las er Greene vor –

„Es ist merkwürdig“, schrieb sie, „dass du dich in deinem Brief nach Field erkundigt hast. Es scheint eine schreckliche Sache zu sein, aber du weißt, dass Sir Johns Geduld vor nicht allzu langer Zeit erschöpft war, und er hat ihn aus dem Haus gejagt, wie man sagt, ohne einen Pfennig. Nun, was meinst du? Er hat sich umgebracht. Zumindest sieht es nach Selbstmord aus. Anstatt das Haus zu verlassen, ging er hinunter in den Keller und hat sich einfach zu Tode gehungert. . . . Sie versuchen natürlich, es zu vertuschen, aber ich habe alles von meinem Dienstmädchen erfahren, die es von ihrem Lakaien hatte. . . . Sie fanden die Leiche am 14., und der Arzt sagte, er sei etwa zwölf Stunden zuvor gestorben. . . . Er war entsetzlich dünn. . . .“

„Dann ist er am 13. gestorben“, sagte Greene.

Marriott nickte.

„Das ist genau die Nacht, in der er dich besuchen kam.“

Marriott nickte erneut.

MIT DER ABSICHT ZU STEHLEN

In einer einsamen Scheune zu schlafen, wenn die besten Schlafzimmer des Hauses zu unserer Verfügung standen, schien gelinde gesagt unnötig, und ich hatte das Gefühl, dass unserem Gastgeber eine Erklärung schuldete.

Doch Shorthouse, das entdeckte ich bald, hatte sich um all das gekümmert; unser Vorhaben würde geduldet, nicht begrüßt werden, denn der Hausherr hielt diese Art von Dingen mit fester Hand unter Kontrolle. Und dann, wie wenig konnte ich diesen Mann, Shorthouse, dazu bringen, mir zu erzählen. Es gab viel, das ich fragen und hören wollte, aber er umgab sich mit unmöglichen Barrieren. Es war lächerlich; er verlangte sicher einiges von mir, und doch wollte er so wenig als Gegenleistung geben, und sein Grund – dass es zu meinem Besten sei – mochte vollkommen wahr sein, brachte mir aber keinerlei Trost ein. Er gab mir jedoch hin und wieder kleine Häppchen, um meine Neugier wachzuhalten, bis ich bald merkte, dass in mir Seite an Seite ein echtes Interesse und eine ebenso echte Furcht heranwuchsen; und etwas von beidem ist wahrscheinlich für jede echte Aufregung notwendig.

Die fragliche Scheune lag ein Stück vom Haus entfernt, auf der Seite der Stallungen, und ich war bei einigen meiner Gänge hin und her daran vorbeigekommen und hatte mich über ihr verlassenes und ungeteertes Aussehen unter einem Regime gewundert, in dem alles so blitzsauber war; aber es war mir kein einziges Mal als möglich in den Sinn gekommen, dass ich eine Nacht unter ihrem Dach mit einem vergleichsweise Fremden verbringen und dort eine Erfahrung machen würde, die zu einer Ordnung der Dinge gehörte, die ich immer eher verspottet und verachtet hatte.

Im Moment kann ich mich nur teilweise an den Prozess erinnern, durch den Shorthouse mich dazu überredete, ihm meine Gesellschaft zu leisten. Wie ich war er ein Gast dieser herbstlichen Hausgesellschaft, und wo es so viele zum Plaudern und zum Necken gab, glaube ich, dass seine wortkarge Art mich im Gegensatz dazu angesprochen hatte, und dass ich einiges von dem, was ich schuldete, zurückzahlen wollte. Es lag zweifellos auch Schmeichelei darin, denn er war mehr als doppelt so alt wie ich, ein Mann von erstaunlich weitreichender Erfahrung, ein Erforscher aller Winkel der Welt, in denen Gefahr lauerte, und – die subtilste Schmeichelei von allen – bei weitem der beste Schütze der gesamten Gesellschaft, unser Gastgeber eingeschlossen.

Zunächst hielt ich mich jedoch ein wenig zurück.

„Aber sicher hat diese Geschichte, die du erzählst“, sagte ich, „die Abstammung, die allen solchen Erzählungen gemein ist – ein abergläubisches Herz und ein phantasievoller Verstand – und ist nun durch häufiges Wiederholen zu einer authentischen Geistergeschichte herangewachsen? Außerdem, dieser Obergärtner von vor einem halben Jahrhundert“, fügte ich hinzu, als ich sah, dass er weiterhin schweigend sein Gewehr reinigte, „wer war er, und welche positiven Informationen hast du über ihn, abgesehen von der Tatsache, dass er hängend an den Dachbalken gefunden wurde, tot?“

„Er war kein bloßer Obergärtner, dieser Mann, der als solcher galt“, antwortete er, ohne aufzublicken, „sondern ein Kerl von glänzender Bildung, der diese merkwürdige Maskerade für seine eigenen Zwecke nutzte. Ein Teil dieser Scheune selbst, von der er immer den Schlüssel behielt, erwies sich als ein komplett eingerichtetes Laboratorium, mit Athanor, Alembik, Kukurbite und anderen Geräten, von denen der Hausherr einige sofort zerstörte – vielleicht zum Besten – und die ich nur habe erahnen können –“

„Schwarze Künste“, lachte ich.

„Wer weiß?“, entgegnete er ruhig. „Der Mann besaß zweifellos Wissen – dunkles Wissen –, das höchst ungewöhnlich und gefährlich war, und ich kann keinerlei Mittel entdecken, durch die er dazu gelangte – zumindest keine gewöhnlichen Mittel. Aber ich habe viele Fakten in dem Fall gefunden, die auf die Ausübung eines höchst verzweifelten und skrupellosen Willens hindeuten; und die seltsamen Verschwinden in der Nachbarschaft, sowie die im Küchengarten vergraben gefundenen Knochen, obwohl sie nie wirklich auf ihn zurückgeführt wurden, scheinen mir voller schrecklicher Andeutungen.“

Ich lachte wieder, vielleicht ein wenig unbehaglich, und sagte, es erinnere einen an die Geschichte von Giles de Rays, dem Marschall von Frankreich, von dem es hieß, er habe in wenigen Jahren nicht weniger als hundertsechzig Frauen und Kinder zu Zwecken der Nekromantie getötet und zu Tode gefoltert, und der für seine Verbrechen in Nantes hingerichtet wurde. Doch Shorthouse wollte nicht darauf eingehen und kehrte nur zu seinem Thema zurück.

„Sein Selbstmord scheint gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein, um der Verhaftung zu entgehen“, sagte er.

„Ein Magier von keinem hohen Rang also“, bemerkte ich skeptisch, „wenn Selbstmord seine einzige Möglichkeit war, der Landpolizei zu entgehen.“

„Eher der Polizei von London und St. Petersburg“, erwiderte Shorthouse; „denn der Hauptsitz dieser hübschen Gesellschaft war irgendwo in Russland, und seine Apparaturen trugen alle die Zeichen der geschicktesten ausländischen Fabrikate. Eine russische Frau, die damals im Haushalt beschäftigt war – Gouvernante oder so etwas –, verschwand ebenfalls zur gleichen Zeit und wurde nie gefasst. Sie war zweifellos die Klügste von allen. Und denk daran, das Ziel dieser erschreckenden Gruppe war nicht bloßer vulgärer Gewinn, sondern eine Art von Wissen, das die höchsten Qualitäten von Mut und Intellekt bei den Suchenden erforderte.“

Ich gebe zu, ich war von der Überzeugung in Stimme und Art des Mannes beeindruckt, denn es liegt etwas sehr Zwingendes in der Kraft des Glaubens eines ernsthaften Mannes, obwohl ich weiterhin so tat, als würde ich höflich spotten.

„Aber wie die meisten Schwarzkünstler gelang es dem Kerl nur, seinen eigenen Untergang herbeizuführen – den seiner Werkzeuge vielmehr – und selbst zu entkommen.“

„Damit er seine Ziele anderswo und auf andere Weise besser erreichen konnte“, sagte Shorthouse, während er dem Reinigen des Schlosses die größte Aufmerksamkeit schenkte.

„Anderswo und auf andere Weise“, keuchte ich.

„Als ob die Hülle, die er am Dachbalken in der Scheune hängen ließ, den Geist des Mannes in keiner Weise daran hinderte, sein schreckliches Werk unter neuen Bedingungen fortzusetzen“, fügte er ruhig hinzu, ohne meine Unterbrechung zu beachten. „Die Idee ist, dass er manchmal den Garten und die Scheune wieder aufsucht, hauptsächlich die Scheune –“

„Die Scheune!“, rief ich aus; „zu welchem Zweck?“

„Hauptsächlich die Scheune“, schloss er, als hätte er mich nicht gehört, „das heißt, wenn jemand darin ist.“

Ich starrte ihn an, ohne zu sprechen, denn ich fragte mich, wie er das noch ergänzen würde.

„Wenn er frisches Material will, das heißt – er kommt, um von den Lebenden zu stehlen.“

„Frisches Material!“, wiederholte ich entsetzt. „Von den Lebenden stehlen!“ Selbst dann, bei hellem Tageslicht, war ich törichterweise eines kriechenden Gefühls an den Haarwurzeln bewusst, als ob ein kalter Wind über meinen Schädel fiele.

„Die starke Vitalität der Lebenden ist das, was diese Art von Geschöpf am meisten zu brauchen scheint“, fuhr er ungerührt fort, „und wo er vorher gearbeitet, gedacht und gekämpft hat, ist der einfachste Ort für ihn, sie zu bekommen. Die früheren Bedingungen sind irgendwie leichter zu rekonstruieren –“ Er hielt plötzlich inne und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Gewehr. „Es ist schwierig zu erklären, weißt du, ziemlich“, fügte er nach einer Weile hinzu, „und außerdem ist es viel besser, dass du es erst hinterher erfährst.“

Ich machte ein Geräusch, das der Anfang von einem Dutzend Fragen und ebenso vielen Sätzen war, aber es kam nicht über ein bloßes Geräusch hinaus, und Shorthouse schritt natürlich wieder ein.

„Deine Skepsis“, fügte er hinzu, „ist eine der Eigenschaften, die mich dazu bewegen, dich zu bitten, die Nacht dort mit mir zu verbringen.“

„In jenen Tagen“, fuhr er fort, als Antwort auf mein Drängen nach mehr Informationen, „war die Familie viel im Ausland und reiste oft jahrelang am Stück. Dieser Mann war in ihrer Abwesenheit unschätzbar wertvoll. Sein wunderbares Wissen über den Gartenbau hielt die Gärten – französische, italienische, englische – in perfekter Ordnung. Er hatte freie Hand in Sachen Ausgaben und suchte natürlich alle seine Untergebenen selbst aus. Es war die plötzliche, unerwartete Rückkehr des Hausherrn, die die erstaunlichen Geschichten der Landschaft überraschte, bevor der Kerl mit all seiner Klugheit Zeit hatte, sich vorzubereiten oder zu verbergen.“

„Aber gibt es keine Beweise, keine jüngeren Beweise, die zeigen, dass etwas passieren könnte, wenn wir dort aufbleiben?“, fragte ich, und drängte ihn noch weiter, und ich glaube, zu seinem Gefallen, denn es zeigte zumindest, dass ich interessiert war. „Ist dort in letzter Zeit zum Beispiel etwas passiert?“

Shorthouse blickte von dem Gewehr auf, das er so eifrig reinigte, und der Rauch seiner Pfeife kräuselte sich in einer seltsamen Wendung zwischen mir und dem schwarzen Bart und dem orientalischen, sonnengebräunten Gesicht. Der Magnetismus seines Blicks und Ausdrucks brachte mir mehr Überzeugung als ich bisher gefühlt hatte, und ich erkannte, dass es eine plötzliche kleine Veränderung in meiner Haltung gegeben hatte und dass ich jetzt viel mehr geneigt war, mich mit ihm auf das Abenteuer einzulassen. Zumindest, dachte ich, wäre man bei einem solchen Mann in jedem Notfall sicher; denn er ist entschlossen, findig und auf ihn ist Verlass.

„Das ist der Punkt“, antwortete er langsam; „denn es gab anscheinend einen frischen Ausbruch – einen Angriff fast, scheint es –, erst vor kurzem. Es gibt Beweise, natürlich, eine Menge davon, sonst würde ich nicht das Interesse fühlen, das ich fühle, aber –“ er zögerte einen Moment, als ob er abwägte, wie viel er mich wissen lassen sollte, „aber Tatsache ist, dass drei Männer diesen Sommer, bei getrennten Gelegenheiten, die nach Einbruch der Dunkelheit in diese Scheune gegangen sind, angesprochen wurden –“

„Angesprochen?“, wiederholte ich, dazu verleitet, ihn durch die Wahl eines so eigenartigen Wortes zu unterbrechen.

„Und einer der Stallburschen – ein Neuankömmling und völlig unwissend über die Geschichte –, der eines Nachts spät dorthin musste, sah eine dunkle Substanz, die von einem der Dachbalken herabhing, und als er hinaufkletterte, am ganzen Körper zitternd, um sie herunterzuschneiden – denn er sagte, er sei sicher, es sei eine Leiche –, ging das Messer durch nichts als Luft, und er hörte ein Geräusch oben unter den Dachvorsprüngen, als ob jemand lachte. Doch während er darauf einschlug, und auch danach, schwang das Ding dort vor seinen Augen weiter und drehte sich langsam mit seinem eigenen Gewicht, wie ein riesiges Stück Fleisch am Spieß. Der Mann erklärt auch, dass es ein großes bärtiges Gesicht hatte, und dass der Mund offen war und heruntergezogen, wie der Mund eines Gehängten.“

„Können wir diesen Kerl befragen?“

„Er ist weg – hat sofort gekündigt, aber nicht bevor ich ihn selbst sehr genau befragt hatte.“

„Dann war das erst vor kurzem?“, sagte ich, denn ich wusste, dass Shorthouse nicht länger als eine Woche im Haus war.

„Vor vier Tagen“, antwortete er. „Aber noch mehr, erst vor drei Tagen waren ein paar Männer mitten am hellichten Tag zusammen darin, als einer von ihnen plötzlich totenblass wurde. Er sagte, er fühle einen überwältigenden Impuls, sich zu erhängen; und er schaute sich nach einem Seil um und war wütend, als sein Begleiter versuchte, ihn daran zu hindern –“

„Aber er hat ihn daran gehindert?“

„Gerade noch rechtzeitig, aber nicht bevor er auf einen Balken geklettert war. Er war sehr gewalttätig.“

Ich hatte so viel zu sagen und zu fragen, dass ich nichts rechtzeitig herausbekam, und Shorthouse fuhr fort.

„Ich habe eine Art Beobachtungsauftrag für diesen Fall gehabt“, sagte er mit einem Lächeln, dessen wahre Bedeutung mir jedoch damals völlig entging, „und eines der unangenehmsten Merkmale daran ist die absichtliche Art und Weise, wie die Bediensteten Ausreden erfunden haben, um zu dem Ort hinauszugehen, und immer nach Einbruch der Dunkelheit; einige von ihnen, die kein Recht haben, dorthin zu gehen, und überhaupt keinen wirklichen Anlass – sie waren wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben dort gewesen – und jetzt auf einmal den dringenden Wunsch und die Entschlossenheit gezeigt haben, bei Einbruch der Dämmerung oder kurz danach dorthin hinauszugehen, und mit den nichtigsten und törichtesten Ausreden der Welt. Natürlich“, fügte er hinzu, „wurden sie daran gehindert, aber der Wunsch, stärker als ihre abergläubische Furcht, und den sie nicht erklären können, ist sehr merkwürdig.“

„Sehr“, gab ich zu, und spürte, dass meine Haare wieder anfingen zu Berge zu stehen.

„Weißt du“, fuhr er nach einer Weile fort, „alles deutet auf Willen hin – tatsächlich auf absichtliche Anordnung. Es ist kein bloßer Familiengeist, der mit jedem Efeuhaus in England eines gewissen Alters einhergeht; es ist etwas Reales und etwas sehr Bösartiges.“

Er hob sein Gesicht vom Gewehrlauf, und zum ersten Mal trafen seine Augen meine voll. Ja, er meinte es sehr ernst. Außerdem wusste er viel mehr, als er sagen wollte.

„Es ist es wert, versucht – und bekämpft zu werden, denke ich“, sagte er; „aber ich will einen Begleiter bei mir. Bist du dabei?“ Sein Enthusiasmus steckte mich zweifellos an, aber ich wollte mich immer noch ein wenig absichern.

„Ich bin sehr skeptisch“, bat ich.

„Umso besser“, sagte er, fast wie zu sich selbst. „Du hast den Mut; ich habe das Wissen –“

„Das Wissen?“

Er sah sich vorsichtig um, als ob er sichergehen wollte, dass niemand in Hörweite war.

„Ich war selbst an dem Ort“, sagte er mit gesenkter Stimme, „erst vor kurzem – tatsächlich erst vor drei Tagen – an dem Tag, als der Mann komisch wurde.“

Ich starrte.

„Aber – ich war gezwungen hinauszugehen –“

Ich starrte immer noch.

„Schnell“, fügte er bedeutungsvoll hinzu.

„Du hast die Sache ziemlich gründlich untersucht“, war alles, was ich sagen konnte, denn ich hatte mich fast entschlossen, mit ihm zu gehen, und war mir nicht sicher, ob ich vorher zu viel hören wollte.

Er nickte. „Es ist eine Plackerei, natürlich, aber ich muss alles gründlich tun – oder gar nicht.“

„Deshalb reinigst du dein eigenes Gewehr, nehme ich an?“

„Deshalb gehe ich, wenn Gefahr im Verzug ist, so wenig Risiken wie möglich ein“, sagte er mit demselben rätselhaften Lächeln, das ich schon zuvor bemerkt hatte; und dann fügte er mit Nachdruck hinzu: „Und deshalb bitte ich dich auch, mir jetzt Gesellschaft zu leisten.“

Natürlich traf der Pfeil mitten ins Schwarze, und ich gab mein Versprechen ohne weiteres Zögern.

Unsere Vorbereitungen für die Nacht – ein paar Decken und eine Flasche schwarzer Kaffee – waren nicht aufwendig, und wir fanden keine Schwierigkeiten, uns gegen zehn Uhr ohne Erregung von Neugier aus dem Billardzimmer zu entfernen. Shorthouse traf mich wie vereinbart unter der Zeder auf dem hinteren Rasen, und ich erkannte sofort mit Lebendigkeit, welch ein Unterschied es ist, Pläne bei Tageslicht zu machen und sie im Dunkeln auszuführen. Der gesunde Menschenverstand – zumindest in Dingen dieser Art – ist auf ein Minimum reduziert, und die Phantasie mit all ihren begleitenden Geistern usurpiert den Platz des Urteils. Zwei und zwei machen nicht mehr vier – sie machen ein Geheimnis, und das Geheimnis verliert keine Zeit, zu einer Drohung zu wachsen. In diesem speziellen Fall fand meine Phantasie jedoch nicht so leicht Flügel, denn ich wusste, dass mein Begleiter der unerschütterlichste aller Männer war – ein emotionsloser, solider Block von einem Mann, der nie den Kopf verlieren würde und in jedem denkbaren Zustand der Dinge immer den richtigen wie auch den starken Kurs einschlagen würde. Mein Glaube an den Mann gab mir also einen falschen Mut, der dennoch sehr tröstlich war, und ich sah dem Abenteuer der Nacht mit echtem Appetit entgegen.

Seite an Seite und schweigend folgten wir dem Pfad, der die sogenannten East Woods säumte, und führten dann über zwei Heuwiesen und durch einen weiteren Wald zur Scheune, die somit etwa eine halbe Meile von der Lower Farm entfernt lag. Zur Lower Farm gehörte sie in der Tat rechtmäßig; und das ließ uns deutlicher erkennen, wie sehr die Ausreden der Hall-Bediensteten, die den Wunsch verspürten, sie zu besuchen, in der Tat genial gewesen sein mussten.

Es hatte am späten Nachmittag geregnet, und die Bäume tropften auf allen Seiten immer noch schwer, aber in dem Moment, als wir den zweiten Wald verließen und ins Freie kamen, sahen wir eine Lichtung mit den Sternen darüber, gegen die sich die Scheune in einem schwarzen, trostlosen Schatten abzeichnete. Shorthouse ging voran – immer noch ohne ein Wort – und wir krochen durch eine niedrige Tür und setzten uns in einen weichen Heuhaufen in der äußersten Ecke.

„Jetzt“, sagte er und sprach zum ersten Mal, „zeige ich dir das Innere der Scheune, damit du weißt, wo du bist und was zu tun ist, falls etwas passiert.“

Ein Streichholz flammte in der Dunkelheit auf, und mit Hilfe von zwei weiteren, die folgten, sah ich das Innere einer hohen und etwas klapprig aussehenden Scheune, die auf einer Mauer aus grauen Steinen errichtet war, die ringsum verlief und sich bis zu einer Höhe von vielleicht vier Fuß erstreckte. Über diesem Mauerwerk erhoben sich die hölzernen Seiten, die bis in das übliche gewölbte Dach hinaufreichten und von einer doppelten Reihe massiver Eichenbalken gestützt wurden, die sich von Wand zu Wand erstreckten und von gelegentlichen Pfosten durchschnitten wurden. Ich fühlte mich, als ob wir uns im Inneren des Skeletts eines antediluvianischen Monsters befänden, dessen riesige schwarze Rippen uns vollständig umschlossen. Das meiste davon skizzierte sich natürlich nur in dem unsicheren Licht der flackernden Streichhölzer vor meinen Augen, und als ich sagte, dass ich genug gesehen hatte und die Streichhölzer ausgingen, waren wir sofort in eine Atmosphäre gehüllt, die so dicht schwarz war wie alles, was ich je gekannt habe. Und die Stille entsprach der Dunkelheit.

Wir machten es uns bequem und sprachen mit leiser Stimme. Die Decken, die sehr groß waren, bedeckten unsere Beine; und unsere Schultern sanken in ein wahrhaft luxuriöses Bett aus Weichheit. Doch keiner von uns fühlte sich anscheinend schläfrig. Ich sicherlich nicht, und Shorthouse, der seine übliche Kürze, die kaum weniger als barsch war, ablegte, stürzte sich in einen leichten Redefluss, der nach einer Weile die Form von persönlichen Erinnerungen annahm. Dies wurde schnell zu einer lebendigen Erzählung von Abenteuer und Reisen in fernen Ländern, und zu jeder anderen Zeit hätte ich mich völlig in das vertieft, was er erzählte. Aber leider konnte ich keinen einzigen Augenblick den wirklichen Zweck unseres Vorhabens vergessen, und infolgedessen fühlte ich alle meine Sinne wachsamer als gewöhnlich, und meine Aufmerksamkeit war dementsprechend mehr oder weniger abgelenkt. Es war in der Tat eine Offenbarung, Shorthouse sich auf diese Weise aussprechen zu hören, und für einen jungen Mann war es natürlich doppelt faszinierend; aber die kleinen Geräusche, die immer selbst die tiefste Stille im Freien unterstreichen, beanspruchten einen Teil meiner Aufmerksamkeit, und als die Nacht voranschritt, wurde mir bald klar, dass seine Geschichten etwas unzusammenhängend und abrupt schienen – und dass ich tatsächlich nur einen Teil davon hörte.

Es war nicht so sehr, dass ich tatsächlich andere Geräusche hörte, sondern dass ich erwartete, sie zu hören; das war es, was die andere Hälfte meines Zuhörens stahl. Es gab weder Wind noch Regen, um die Stille zu brechen, und sicherlich gab es keine physische Anwesenheit in unserer Nähe, denn wir waren eine halbe Meile selbst von der Lower Farm entfernt; und von der Hall und den Stallungen mindestens eine Meile. Dennoch wurde die Stille ständig gebrochen – vielleicht ist gestört ein besseres Wort – und es war diesen sehr fernen und winzigen Störungen, denen ich mich gezwungen fühlte, mindestens die Hälfte meiner Zuhörfähigkeiten zu widmen.

Von Zeit zu Zeit machte ich jedoch eine Bemerkung oder stellte eine Frage, um zu zeigen, dass ich zuhörte und interessiert war; aber in gewissem Sinne schienen meine Fragen immer in eine Richtung zu zielen und auf ein Ergebnis hinauszulaufen, nämlich die vorherige Erfahrung meines Begleiters in der Scheune, als er gezwungen war, „schnell“ hinauszugehen.

Anscheinend konnte ich mir in dieser Angelegenheit nicht helfen, denn dies war wirklich die eine alles verzehrende Neugier, die ich hatte; und die Tatsache, dass es für mich besser war, es nicht zu wissen, machte mich nur noch begieriger, alles zu erfahren, selbst das Schlimmste.

Shorthouse war sich dessen noch besser bewusst als ich. Ich konnte es an der Art erkennen, wie er meinen Fragen auswich oder sie gänzlich ignorierte, und diese subtile Sympathie zwischen uns zeigte nur allzu deutlich – hätte ich zu jener Zeit über ihre Bedeutung nachdenken können –, dass unsere Nerven in einem sehr empfindlichen und hochgespannten Zustand waren. Wahrscheinlich verhinderte das vollkommene Vertrauen, das ich in seine Fähigkeit setzte, sich allem zu stellen, was geschehen mochte, und das Ausmaß, in dem ich mich zudem für meinen eigenen Mut auf ihn verließ, die Ausübung meiner gewöhnlichen Reflexionskräfte, während es meine Sinne für ein mehr als gewöhnliches Maß an Aktivität freihielt.

Die Dinge müssen so eine gute Stunde oder länger weitergegangen sein, als ich plötzlich die Entdeckung machte, dass etwas Ungewöhnliches in den Gegebenheiten unserer Umgebung lag. Das klingt nach einer umständlichen Ausdrucksweise, aber ich weiß wirklich nicht, wie ich es sonst ausdrücken soll. Die Entdeckung überkam mich fast wie ein Ansturm. Von Rechts wegen waren wir zwei Männer, die in einer angeblich verfluchten Scheune darauf warteten, dass etwas geschah; und als zwei Männer, die einander blind vertrauten (wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen), hätten zwei Geister hellwach sein sollen, deren gewöhnliche Sinne in aktiver Zusammenarbeit standen. Ein gewisses Maß an Nervosität hätte vielleicht auch vorhanden sein können, aber darüber hinaus nichts. Es war daher mit einer gewissen Bestürzung, dass ich die plötzliche Entdeckung machte, dass es etwas mehr gab, und etwas, das ich viel früher hätte bemerken müssen, als ich es tatsächlich tat.

Die Tatsache war: Shorthouses Redestrom war völlig unnatürlich. Er sprach mit einer Absicht. Er wollte nicht von meinen Fragen in die Enge getrieben werden, das stimmt, aber er hatte noch eine andere und tiefere Absicht, und mir dämmerte, als unangenehme Schlussfolgerung aus meiner Entdeckung, dass dieser starke, zynische, emotionslose Mann an meiner Seite sprach – und die ganze Zeit über gesprochen hatte –, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Und dieses Ziel, so fühlte ich bald klar, war, sich selbst zu überzeugen. Aber wovon?

Was mich betrifft, so war ich nicht darauf erpicht, die Antwort zu finden, während die Stunden bis Mitternacht verstrichen; doch am Ende war es unmöglich, ihr zu entgehen, und ich wusste, während ich zuhörte, dass er diesen stetigen Strom lebhafter Reiseerinnerungen ergoss – Südsee, Großwildjagd, russische Erkundungen, Frauen, Abenteuer aller Art –, weil er wollte, dass die Vergangenheit sich unter vollständigem Ausschluss der Gegenwart wieder geltend machte. Er traf seine Vorkehrungen. Er hatte Angst.

Ich fühlte hundert Dinge, sobald mir dies klar wurde, aber nichts davon mehr als den Wunsch, sofort aufzustehen und die Scheune zu verlassen. Wenn Shorthouse bereits Angst hatte, was um alles in der Welt sollte dann in den langen Stunden, die vor uns lagen, mit mir geschehen? … Ich weiß nur, dass in meinen heftigen Bemühungen, mir selbst den Beweis seines teilweisen Zusammenbruchs zu verleugnen, die Kraft erwuchs, die es mir ermöglichte, meine Rolle ordnungsgemäß zu spielen, und ich ertappte mich sogar dabei, wie ich ihn durch lebhafte Bemerkungen zu seinen Geschichten und durch mehr oder weniger kluge Fragen unterstützte. Ich half ihm auch, indem ich jeden Wunsch aus meinem Sinn verbannte, nach der Wahrheit seiner früheren Erfahrung zu forschen; und es war gut, dass ich das tat, denn hätte er sie mit jenen großen Fähigkeiten überzeugender Beschreibung, die er zur Verfügung hatte, auf mich losgelassen, so glaube ich wahrhaftig, dass ich niemals lebend aus dieser Scheune gekrochen wäre. So fühlte ich zumindest in diesem Moment. Es war der Selbsterhaltungstrieb, und er brachte ein gesundes Urteilsvermögen mit sich.

Hier also waren wir uns, wenn auch mit unterschiedlichen Motiven und zudem auf entgegengesetzten Wegen erreicht, beide in einer Sache einig, nämlich dass wir vorübergehend vergessen wollten. Wir waren Narren, denn eine vorherrschende Emotion lässt sich nicht so leicht verbannen, und wir kamen in hundert direkter und indirekter Weise immer wieder darauf zurück. Mit einer wirklichen Angst lässt sich nicht so leicht spielen, und während wir an der Oberfläche mit Tausenden und Abertausenden von Worten spielten – bloßen Worten –, gewannen unsere unterbewussten Aktivitäten stetig an Kraft und mussten schon bald angemessen anerkannt werden. Wir konnten ihr nicht entkommen. Als er schließlich den Bericht eines Abenteuers beendet hatte, das ihn nahe genug an einen schrecklichen Tod gebracht hatte, gab ich zu, dass ich in meinem ereignislosen Leben noch nie einem wirklichen Schrecken von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatte. Es rutschte mir versehentlich heraus, und natürlich ohne Absicht, aber der Hang in ihm war zu dieser Zeit zu stark, um ihm zu widerstehen. Er sah das Schlupfloch und steuerte mit voller Kraft darauf zu.

„Es ist mit allen Emotionen so“, sagte er. „Die Erfahrungen anderer geben niemals ein vollständiges Bild. Bis ein Mensch sich bewusst umgedreht und den Dämonen, die ihn durch die Jahre jagen, selbst ins Auge geblickt hat, hat er keine Kenntnis davon, was sie wirklich sind oder was sie tun können. Fantasievolle Autoren mögen schreiben, Moralisten mögen predigen und Gelehrte mögen kritisieren, aber sie handeln die ganze Zeit mit einer Währung, deren tatsächlichen Wert sie nicht kennen. Ihr Zuhörer bekommt eine Sensation – aber nicht die wahre. Bis du diesen Emotionen ins Auge geblickt hast“, fuhr er mit demselben Redeschwall fort, der den ganzen Abend über von ihm ausgegangen war, „und sie zu deinen eigenen gemacht hast, zu deinen Sklaven, hast du keine Vorstellung von der Macht, die in ihnen steckt – Hunger, der Lichter zeigt, die jenseits des Grabes winken; Durst, der einen mit gemischtem Eis und Feuer erfüllt; Leidenschaft, Liebe, Einsamkeit, Rache und ...“ Er hielt für eine Minute inne, und obwohl ich wusste, dass wir am Abgrund standen, war ich machtlos, ihn aufzuhalten. „… und Angst“, fuhr er fort – „Angst … Ich glaube, dass der Tod durch Angst oder der Wahnsinn durch Angst in einer Sekunde die Summe aller schrecklichsten Empfindungen zusammenfassen muss, die ein Mensch kennen kann.“

„Dann hast du selbst etwas von dieser Angst gespürt“, unterbrach ich ihn; „denn du sagtest gerade …“

„Ich meine nicht körperliche Angst“, antwortete er; „denn das ist mehr oder weniger eine Frage von Nerven und Willen, und die Einbildungskraft macht die Menschen zu Feiglingen. Ich meine eine absolute Angst, eine physische Angst könnte man sie nennen, die die Seele erreicht und jede Kraft, die man besitzt, verkümmern lässt.“

Er sagte noch viel mehr, denn auch er war völlig unfähig, den Strom aufzuhalten, sobald er losbrach; aber ich habe es vergessen; oder vielmehr, barmherzigerweise habe ich es nicht gehört, denn ich hielt mir die Ohren zu und hörte nur die gelegentlichen Worte, wenn ich meine Finger herausnahm, um festzustellen, ob er zum Ende gekommen war. Zu gegebener Zeit kam er zu einem Ende, und dabei beließen wir es, denn ich wusste nun mit Sicherheit, was er bereits wusste: dass irgendwo hier in der Nacht, und innerhalb der Mauern eben dieser Scheune, in der wir saßen, etwas von schrecklicher Bösartigkeit und großer Macht wartete. Etwas, dem wir beide bis zum Morgen vielleicht ins Auge blicken mussten, und etwas, dem er schon einmal versucht hatte entgegenzutreten, wobei er bei diesem Versuch gescheitert war.

Die Nacht schritt langsam voran; und es wurde mir allmählich immer klarer, dass ich es nicht wagen konnte, mich wie anfangs auf meinen Begleiter zu verlassen, und dass unsere Positionen einen langsamen Umkehrprozess durchliefen. Ich danke dem Himmel, dass mir dies nicht allzu plötzlich eingeprägt wurde und dass ich zumindest die Zeit hatte, mich einigermaßen auf die neuen Bedingungen einzustellen. Vorbereitung war möglich, auch wenn es nicht viel war, und ich versuchte mit allen Mitteln, die in meiner Macht standen, alle Reste meines Mutes zusammenzuraffen, damit sie zusammen ein anständiges Seil ergaben, das dem Druck standhalten würde, wenn er kam. Der Druck würde kommen, das war sicher, und ich war mir vollkommen bewusst – obwohl ich mein Leben lang die Gründe für mein Wissen nicht in Worte fassen kann –, dass sich das Material gegen uns irgendwo in der Dunkelheit mit Entschlossenheit und zudem einer schrecklichen Geschicklichkeit ansammelte.

Shorthouse sprach unterdessen ohne Unterlass. Die große Menge Heu gegenüber – oder Stroh, wie ich glaube, dass es eigentlich war – schien den Klang seiner Stimme zu dämpfen, aber die Stille war ebenfalls so erdrückend geworden, dass ich seinen Strom begrüßte und sogar den Moment fürchtete, in dem er aufhören würde. Ich hörte auch das sanfte Ticken meiner Uhr. Jede Sekunde äußerte ihre Stimme und fiel in einen Abgrund, als ob sie eine Reise antrat, von der es keine Rückkehr gab. Einmal bellte ein Hund irgendwo in der Ferne, wahrscheinlich auf der Lower Farm; und einmal schrie eine Eule dicht draußen, und ich konnte das Rauschen ihrer Flügel hören, als sie über mir vorbeizog. Über mir, in der Dunkelheit, konnte ich gerade noch den Umriss der Scheune ausmachen, unheilvoll und schwarz, die Reihen der Dachsparren, die sich von Wand zu Wand wie bösartige Arme erstreckten, die auf das Heu drückten. Shorthouse, tief in irgendeinem verworrenen Garn aus der Südsee, das voller Fröhlichkeit und Sonnenschein sein sollte und doch nur eine grässliche Mischung unnatürlicher Färbung zustande brachte, schien sich wenig darum zu scheren, ob ich zuhörte oder nicht. Er richtete keinen Appell an mich, und ich machte ein oder zwei völlig irrelevante Bemerkungen, die an ihm vorbeigingen und bewiesen, dass er lediglich Töne von sich gab. Auch er hatte Angst vor der Stille.

Ich begann mich zu fragen, wie lange ein Mann reden konnte, ohne aufzuhören. … Dann schien es mir, als fielen diese seine Worte in denselben Abgrund, in den die Sekunden fielen, nur waren sie schwerer und fielen schneller. Ich begann sie zu jagen. Alsbald fiel eines von ihnen viel schneller als die anderen, und ich verfolgte es und fand mich fast sofort in einem Land aus Wolken und Schatten wieder. Sie stiegen auf und hüllten mich ein, drückten auf die Augenlider. … Es muss genau hier gewesen sein, dass ich tatsächlich einschlief, irgendwo zwischen zwölf und ein Uhr, denn als ich diesem Wort mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den Raum nachjagte, wusste ich, dass ich die anderen Worte weit, sehr weit hinter mir gelassen hatte, bis ich sie schließlich überhaupt nicht mehr hören konnte. Die Stimme des Geschichtenerzählers war außerhalb der Reichweite des Gehörs; und ich fiel mit immer größer werdender Geschwindigkeit durch ein unermessliches Nichts.

Ein Geräusch von Flüstern weckte mich. Zwei Personen sprachen mit gedämpfter Stimme dicht neben mir. Die Worte entgingen mir im Großen und Ganzen, aber ich fing hin und wieder abgehackte Phrasen und Halbsätze auf, denen ich jedoch keine verständliche Bedeutung beimessen konnte. Die Worte waren ganz nah – direkt an meiner Seite in der Tat – und eine der Stimmen klang so vertraut, dass die Neugier die Angst überwand und ich mich umdrehte, um zu sehen. Ich hatte mich nicht geirrt; es war Shorthouse, der flüsterte. Aber die andere Person, die nur ein kleines Stück hinter ihm gewesen sein muss, war in der Dunkelheit verloren und für mich unsichtbar. Es schien dann, dass Shorthouse sofort sein Gesicht zu mir drehte und mich ansah, und durch irgendein Mittel, das mich zu jener Zeit nicht überraschte, erkannte ich die Züge in der Dunkelheit leicht. Sie trugen einen Ausdruck, den ich dort noch nie zuvor gesehen hatte; er schien bedrückt, erschöpft, ausgezehrt, und als ob er nach einem langen mentalen Kampf im Begriff wäre aufzugeben. Er sah mich fast flehend an, und das Flüstern der anderen Person erstarb.

„Sie sind an mir dran“, sagte er.

Ich fand es völlig unmöglich zu antworten; die Worte blieben mir im Hals stecken. Seine Stimme war dünn, klagend, fast wie die eines Kindes.

„Ich werde gehen müssen. Ich bin nicht so stark, wie ich dachte. Sie werden es Selbstmord nennen, aber natürlich ist es in Wirklichkeit Mord.“ Es lag wirkliche Qual in seiner Stimme, und es erschreckte mich.

Ein tiefes Schweigen folgte auf diese außergewöhnlichen Worte, und ich verstand irgendwie, dass die Andere Person gerade das Gespräch fortsetzen wollte – ich bildete mir sogar ein, Lippen zu sehen, die sich direkt über der Schulter meines Freundes formten –, als ich einen heftigen Schlag in die Rippen spürte und eine Stimme, diesmal eine tiefe Stimme, an mein Ohr drang. Ich öffnete meine Augen, und der elende Traum verschwand. Dennoch hinterließ er einen Eindruck von einer starken und recht ungewöhnlichen Realität.

„Versuche bloß nicht wieder einzuschlafen“, sagte er streng. „Du scheinst erschöpft. Fühlst du dich so?“ Da war ein Ton in seiner Stimme, den ich nicht begrüßte – weniger als Alarm, aber sicherlich mehr als bloße Anteilnahme.

„Ich fühle mich plötzlich schrecklich schläfrig“, gab ich beschämt zu.

„Das mag sein“, fügte er sehr ernst hinzu; „aber ich verlasse mich darauf, dass du wach bleibst, wenn auch nur, um zu wachen. Du hast mindestens eine halbe Stunde geschlafen – und du warst so still – ich dachte, ich wecke dich –“

„Warum?“, fragte ich, denn meine Neugier und Nervosität waren allzu stark, um ihnen zu widerstehen. „Glaubst du, wir sind in Gefahr?“

„Ich glaube, sie sind jetzt hier in der Nähe. Ich fühle, wie meine Vitalität rapide schwindet – das ist immer das erste Anzeichen. Du wirst länger durchhalten als ich, denk daran. Wache sorgfältig.“

Das Gespräch verstummte. Ich hatte Angst, alles zu sagen, was ich sagen wollte. Es wäre zu unmissverständlich ein Geständnis gewesen; und intuitiv erkannte ich die Gefahr, die Existenz bestimmter Emotionen zuzugeben, bis man zwangsläufig dazu gezwungen wurde. Aber bald fing Shorthouse wieder an. Seine Stimme klang merkwürdig, als hätte sie an Kraft verloren. Sie glich eher der Stimme einer Frau oder eines Jungen als der eines Mannes und erinnerte an die Stimme aus meinem Traum.

„Ich nehme an, du hast ein Messer?“, fragte er.

„Ja – ein großes Klappmesser; aber warum?“ Er gab keine Antwort. „Du hältst einen praktischen Scherz nicht für wahrscheinlich? Niemand ahnt, dass wir hier sind“, fuhr ich fort. Nichts war bezeichnender für unsere wirklichen Gefühle in dieser Nacht als die Art und Weise, wie wir mit Worten spielten und niemals wagten, mehr als nur die Dinge in unserem Geist zu streifen.

„Es ist genauso gut, vorbereitet zu sein“, antwortete er ausweichend. „Besser, ganz sicher zu sein. Schau nach, in welcher Tasche es ist – um bereit zu sein.“

Ich gehorchte mechanisch und sagte es ihm. Aber selbst dieses bisschen Gerede bewies mir, dass er sich in seinem Geist immer weiter von mir entfernte. Er folgte einer Linie, die mir fremd war, und während er sich von mir distanzierte, fühlte ich, dass die Sympathie zwischen uns immer angespannter wurde. *Er wusste mehr*; das war nicht das, was mir so sehr ausmachte – sondern dass er bereit war, weniger mitzuteilen. Und in dem Maße, wie ich seine Unterstützung verlor, fürchtete ich sein zunehmendes Schweigen. Nicht an Worten – denn er redete wortgewandter als je zuvor und mit einem heftigeren Ziel –, aber sein Schweigen, keinen Hinweis darauf zu geben, was er die ganze Zeit über als wirklich geschehend gewusst haben musste.

Die Nacht war vollkommen still. Shorthouse redete stetig weiter, und ich stieß ihn hier und da mit Bemerkungen oder Fragen an, um wach zu bleiben. Er schenkte jedoch weder dem einen noch dem anderen Beachtung.

Gegen zwei Uhr morgens fiel ein kurzer Schauer, und die Tropfen trommelten wie Schrot scharf auf das Dach. Ich war froh, als er aufhörte, denn er übertönte alle anderen Geräusche vollständig und machte es unmöglich, irgendetwas anderes zu hören, was vielleicht vor sich ging. Irgendetwas ging auch die ganze Zeit vor sich, obwohl ich beim besten Willen nicht sagen konnte, was. Die Außenwelt war ganz blass geworden – die Hausgesellschaft, die Jäger, das Billardzimmer und die gewöhnlichen täglichen Vorfälle meines Besuchs. All meine Energien waren auf die Gegenwart konzentriert, und die ständige Anspannung des Wachens, Wartens, Zuhörens war übermäßig kräftezehrend.

Shorthouse sprach immer noch von seinen Abenteuern, jetzt in irgendeinem östlichen Land, und weniger zusammenhängend. Diese Abenteuer, ob real oder eingebildet, hatten einen ganz eigenen Geschmack von Tausendundeiner Nacht und machten es mir keineswegs leichter, meinen Halt an der Realität zu bewahren. Das leichteste Gewicht beeinflusst unter solchen Umständen das Gleichgewicht, und in diesem Fall lag das Gewicht seines Geredes auf der falschen Waagschale. Seine Worte waren sehr schnell, und ich fand es überwältigend schwierig, ihnen nicht in jenen großen Abgrund der Dunkelheit zu folgen, wohin sie alle eilten und verschwanden. Aber das, wusste ich, bedeutete wieder Schlaf. Dennoch war es seltsam, dass ich mich schläfrig fühlen sollte, während gleichzeitig alle meine Nerven ziemlich kribbelten. Jedes Mal, wenn ich etwas hörte, das wie ein Schritt draußen oder eine Bewegung im Heu gegenüber klang, stand mein Blut für einen Moment in den Adern still. Zweifellos zehrte die unermüdliche Anspannung mehr an mir, als ich erkannte, und dies war doppelt so groß, da ich nun wusste, dass Shorthouse eine Quelle der Schwäche statt der Stärke war, wie ich gerechnet hatte. Sicherlich wuchs ein merkwürdiges Gefühl von Trägheit immer mehr in mir, und ich war sicher, dass der Mann neben mir im selben Kampf steckte. Die Fieberhaftigkeit seines Geredes bewies dies, wenn nichts anderes. Es war schrecklich schwer, wach zu bleiben.

Aber diesmal, anstatt in den Abgrund zu stürzen, sah ich etwas aus ihm herauskommen! Es erreichte unsere Welt durch eine Tür in der Seite der Scheune, die am weitesten von mir entfernt war, und es kam vorsichtig und lautlos herein und bewegte sich in die Heumasse gegenüber. Dort verlor ich es für einen Moment, aber bald fing ich es weiter oben wieder ein. Es klammerte sich wie eine große Fledermaus an der Seite der Scheune fest. Etwas zog hinter ihm her, ich konnte nicht ausmachen, was. … Es kroch die Holzwand hinauf und begann sich einen der Dachsparren entlangzubewegen. Ein tauber Schrecken legte sich über mich, als ich es beobachtete. Das Ding, das hinter ihm herschleifte, war anscheinend ein Seil.

Das Flüstern begann genau dann wieder, aber die einzigen Worte, die ich auffangen konnte, schienen ohne Bedeutung; es war fast wie eine andere Sprache. Die Stimmen waren über mir, unter dem Dach. Plötzlich sah ich Anzeichen aktiver Bewegung direkt hinter dem Ort, wo das Ding auf dem Dachsparren lag. Es war noch etwas anderes dort oben bei ihm! Dann folgte Keuchen, wie das schnelle Atmen, das Anstrengung begleitet, und in der nächsten Minute fiel eine schwarze Masse durch die Luft und baumelte am Ende des Seils.

Sofort blitzte es mir auf. Ich sprang auf die Füße und stürzte kopfüber über den Boden der Scheune. Wie ich mich in der Dunkelheit so schnell bewegte, weiß ich nicht; aber selbst während ich rannte, blitzte es mir durch den Kopf, dass ich niemals rechtzeitig an mein Messer kommen würde, um das Ding herunterzuschneiden, oder dass ich feststellen würde, dass es mir abgenommen worden war. Irgendwie – die Göttin der Träume weiß wie – kletterte ich an den Heuballen hoch und schwang mich den Dachsparren entlang. Ich hing natürlich an meinen Armen, und das Messer hatte ich bereits zwischen den Zähnen, obwohl ich keine Erinnerung daran hatte, wie es dorthin gekommen war. Es war geöffnet. Die Masse, die wie eine Speckseite hing, war nur wenige Fuß vor mir, und ich konnte deutlich die dunkle Linie des Seils sehen, das sie am Balken befestigte. Ich bemerkte dann zum ersten Mal, dass sie in der Luft schaukelte und sich drehte, und dass sie sich, als ich mich ihr näherte, am Balken entlangzubewegen schien, so dass immer dieselbe Entfernung zwischen uns gewahrt blieb. Das Einzige, was ich tun konnte – denn es gab keine Zeit zu zögern –, war, durch die Luft danach zu springen und auf das Seil einzuschlagen, während ich fiel.

Ich ergriff das Messer mit meiner rechten Hand, schwang meinen Körper mit den Beinen kräftig und sprang durch die Luft darauf zu. Entsetzen! Es war näher bei mir, als ich wusste, und ich stürzte voll hinein, und der Arm mit dem Messer verfehlte das Seil und schnitt tief in eine Substanz, die weich und nachgiebig war. Aber als ich daran vorbeifiel, hatte das Ding Zeit, sich um die Hälfte seiner Breite zu drehen, so dass es herumschwang und mir gegenüberstand – und ich hätte schwören können, während ich durch die Luft an ihm vorbeiraste, dass es die Züge von Shorthouse trug.

Der Schock davon brachte den abscheulichen Albtraum zu einem abrupten Ende, und ich wachte ein zweites Mal auf dem weichen Heubett auf und stellte fest, dass die graue Morgendämmerung hereinbrach und dass mir außerordentlich kalt war. Ich hatte es also doch nicht geschafft, wach zu bleiben, und mein Schlaf, da es bereits hell wurde, musste mindestens eine Stunde gedauert haben. Eine ganze Stunde ohne Wachsamkeit!

Es gab kein Geräusch von Shorthouse, an den sich natürlich meine ersten Gedanken wandten; wahrscheinlich war sein Redefluss schon lange versiegt, und auch er hatte den Überredungskünsten des verführerischen Gottes nachgegeben. Ich drehte mich um, um ihn zu wecken und den Trost der Gemeinschaft für das Entsetzen meines Traums zu erhalten, als ich zu meiner äußersten Bestürzung sah, dass der Platz, an dem er gewesen war, leer war. Er war nicht mehr neben mir.

Es war zuvor schon kein geringer Schock gewesen zu entdecken, dass der Verbündete, auf den sich mein gesamtes Vertrauen und meine Abhängigkeit stützten, in Wahrheit verängstigt war, doch es ist völlig unmöglich, die Empfindungen zu beschreiben, die ich erlebte, als mir klar wurde, dass er gänzlich verschwunden war und ich allein in der Scheune war. Ein oder zwei Minuten lang schwamm mein Kopf und ich fühlte mich einer hilflosen Panik ausgeliefert. Auch der Traum schien noch halb real, so lebendig war er gewesen! Ich war vollkommen verängstigt – abwechselnd heiß und kalt – und ich klammerte mich handvoll an das Heu an meiner Seite, und für einige Augenblicke hatte ich nicht den leisesten Schimmer, was ich tun sollte.

Dieses Mal war ich zumindest unmissverständlich wach, und ich unternahm eine große Anstrengung, mich zu sammeln und der Bedeutung des Verschwindens meines Begleiters ins Auge zu sehen. Dies gelang mir soweit, dass ich eine gründliche Durchsuchung der Scheune beschloss, innen wie außen. Es war ein schreckliches Unterfangen, und ich fühlte mich keineswegs sicher, es zu einem Ende bringen zu können, aber ich wusste ziemlich genau, dass ich einfach zusammenbrechen würde, wenn nicht sofort etwas geschah.

Doch als ich versuchte, mich zu bewegen, stellte ich fest, dass die Kälte, die Angst und ich weiß nicht, was für ein Unheil sonst noch, sich vereinten, um es beinahe unmöglich zu machen. Plötzlich wurde mir klar, dass an einen Inspektionsrundgang, während dessen mein Rücken ständig einem Angriff preisgegeben wäre, nicht zu denken war. Mein Wille war dem nicht gewachsen. Alles hätte jeden Augenblick aus den dunklen Ecken auf mich herabspringen können, und das zunehmende Licht reichte gerade aus, jede meiner Bewegungen jedem preiszugeben, der mich vielleicht beobachtete. Denn selbst da, und während ich noch halb benommen und stumpfsinnig war, wusste ich ganz genau, dass mich jemand die ganze Zeit mit äußerster Aufmerksamkeit beobachtete. Ich war nicht bloß erwacht; ich war geweckt worden.

Ich beschloss, einen anderen Plan zu versuchen; ich rief nach ihm. Meine Stimme klang dünn und schwach, fern und völlig unwirklich, und es gab keine Antwort darauf. Doch horch! Da war etwas, das eine sehr schwache Stimme in meiner Nähe hätte sein können!

Ich rief noch einmal, diesmal deutlicher: „Shorthouse, wo bist du? Kannst du mich hören?“

Es gab gewiss ein Geräusch, aber es war keine Stimme. Etwas bewegte sich. Es war jemand, der schlurfend dahinging, und es schien außerhalb der Scheune zu sein. Ich hatte Angst, noch einmal zu rufen, und das Geräusch hielt an. Es war zweifellos ein gewöhnliches Geräusch genug, aber es kam mir in diesem Augenblick als etwas Ungewöhnliches und Unangenehmes vor. Gewöhnliche Geräusche bleiben nur so lange gewöhnlich, wie man ihnen nicht zuhört; unter dem Einfluss intensiven Zuhörens werden sie ungewöhnlich, unheilvoll und daher außergewöhnlich. So kam mir dieses gewöhnliche Geräusch als etwas Ungewöhnliches, Unangenehmes vor. Es vermittelte auch einen Eindruck von Heimlichkeit. Und mit ihm gab es noch ein anderes, ein leiseres Geräusch.

Genau in dieser Minute trug der Wind schwach über das Feld das Geräusch der Stalluhr, eine Meile entfernt. Es war drei Uhr; die Stunde, in der die Pulse des Lebens am schwächsten schlagen; wenn arme Seelen, die zwischen Leben und Tod liegen, am schwersten widerstehen können. Lebhaft erinnere ich mich daran, wie dieser Gedanke mit einem Donnerhall durch mein Gehirn fuhr, und mir wurde klar, dass die Belastung meiner Nerven die Grenze erreichte und dass sofort etwas geschehen musste, wenn ich meine Selbstbeherrschung überhaupt zurückgewinnen wollte.

Wenn ich im Nachhinein über die Ereignisse dieser schrecklichen Nacht nachdenke, ist es mir immer seltsam erschienen, dass mein zweiter Albtraum, so lebendig in seinem Schrecken und seiner Nähe, mir keinen Hinweis darauf gegeben hatte, was die ganze Zeit über wirklich vor sich ging; und dass ich nicht imstande gewesen war, eins und eins zusammenzuzählen oder früher als ich es tat zu entdecken, was dieses Geräusch war und woher es kam. Ich kann wohl glauben, dass die abscheulichen Ränkespiele, die hinter der ganzen Erfahrung steckten, es für eine leichte Kleinigkeit hielten, mein Gehör in die Irre zu führen; obwohl es natürlich ebenso gut dem verwirrten Zustand meines Geistes zu der Zeit und der allgemeinen nervösen Anspannung geschuldet sein konnte, unter der ich zweifellos litt.

Aber was auch immer der Grund für meine anfängliche Dummheit war, das Geräusch nicht auf seine richtige Quelle zurückführen zu können, ich kann hier nur sagen, dass es mit einem Schock von beispiellosem Entsetzen war, als mein Blick plötzlich nach oben glitt und die Gestalt erfasste, die sich in den Schatten über meinem Kopf zwischen den Dachbalken bewegte. Bis zu diesem Moment hatte ich gedacht, es sei jemand außerhalb der Scheune, der an den Wänden entlangkroch, bis er zu einer Tür kam; und der Schwall an Entsetzen, der mein Herz gefrieren ließ, als ich aufblickte und sah, dass es Shorthouse war, der heimlich einen Balken entlangkroch, ist etwas, das völlig außerhalb der Macht von Worten liegt, es zu beschreiben.

Er starrte mich eindringlich an, und ich wusste sofort, dass er es war, der mich beobachtet hatte.

Dieser Punkt war, glaube ich, für mich der Höhepunkt des Empfindens in der gesamten Erfahrung; ich war unfähig zu irgendeinem weiteren Gefühl – das heißt, zu irgendeinem weiteren Gefühl in dieselbe Richtung. Doch hier zeigte sich der abscheuliche Charakter der Angelegenheit am deutlichsten, denn sie präsentierte mir plötzlich einen völlig neuen Aspekt. Das Licht fiel aus einem neuen Winkel auf das Bild und galvanisierte mich zu einer frischen Fähigkeit zu fühlen, als ich dachte, eine gnädige Taubheit sei eingetreten. Es mag im gedruckten Wort nicht viel klingen, aber es kam mir fast so vor, als wäre es eine Erweiterung des Bewusstseins, denn die Hand, die den Stift hielt, fügte plötzlich mit grässlichem Kontrasteffekt das Element des Lächerlichen hinzu. Nichts hätte in jenem Augenblick schlimmer sein können. Shorthouse, der herrische Geist, so unerschrocken in den Dingen des gewöhnlichen Lebens, dessen Kraft angesichts von Gefahr eher zu- als abnahm – dieser Mann, auf allen Vieren einen Dachbalken in einer Scheune um drei Uhr morgens entlangkriechend, mich die ganze Zeit beobachtend, wie eine Katze eine Maus beobachtet! Ja, es war ausgesprochen lächerlich, und während es mir ein Maß gab, mit dem ich die angsterfüllte Emotion abschätzen konnte, die seine Geistesstörung verursachte, rührte es irgendwo tief in meinem Inneren die Saiten eines leeren Lachens an.

Einer jener Momente kam dann über mich, von denen es heißt, sie kämen manchmal unter dem Druck großer Emotionen, wenn der Geist in einem Augenblick blendend klar wird. Eine anormale Klarheit trat an die Stelle meiner Gedankenverwirrung, und ich verstand plötzlich, dass die beiden Träume, die ich für Albträume gehalten hatte, mir wirklich gesandt worden sein mussten und dass es mir für einen Augenblick gestattet worden war, über den Rand dessen zu blicken, was kommen sollte; das Gute half, selbst als das Böse am entschlossensten war zu zerstören.

Ich sah es jetzt alles klar. Shorthouse hatte seine Kraft überschätzt. Der Schrecken, den sein erster Besuch in der Scheune (als er gescheitert war) ausgelöst hatte, hatte die ganze Natur des Mannes aufgeweckt, um zu siegen, und er hatte mich mitgebracht, um den tödlichen Strom des Bösen abzulenken. Dass er die Macht gegen ihn erneut unterschätzt hatte, war offensichtlich, sobald er die Scheune betrat, und sein wirres Gerede und die Weigerung zuzugeben, was er fühlte, waren diesem Wunsch geschuldet, nicht die heimtückische Angst anzuerkennen, die in seinem Herzen wuchs. Doch schließlich war sie zu stark geworden. Er hatte meine Seite im Schlaf verlassen – war vielleicht selbst zuerst im Schlaf von dem schrecklichen Impuls überwältigt worden. Er wusste, dass ich mich einmischen würde, und bei jeder Bewegung, die er machte, beobachtete er mich stetig, denn die Manie hatte ihn ergriffen und er war entschlossen, sich aufzuhängen. Er tat so, als höre er mich nicht rufen, und ich wusste, dass alles, was zwischen ihn und sein Ziel kam, die volle Wucht seines Zorns treffen würde – der Zorn eines Wahnsinnigen, von jemandem, der für die Zeit wahrhaft besessen war.

Für ein oder zwei Minuten saß ich da und starrte. Ich sah dann zum ersten Mal, dass ein Stück Seil hinter ihm hergezogen wurde und dass dies das raschelnde Geräusch verursachte, das ich bemerkt hatte. Auch Shorthouse war zum Stehen gekommen. Sein Körper lag auf dem Dachbalken wie ein kauerndes Tier. Er sah fest auf mich herab. Dieser weißliche Fleck war sein Gesicht.

Ich kann in dieser Angelegenheit keinen Anspruch auf Mut erheben, denn ich muss gestehen, dass ich in gewisser Weise bis zur Selbstaufgabe verängstigt war. Aber gleichzeitig kam die Notwendigkeit für entschlossenes Handeln, wenn ich sein Leben retten wollte, mit einer intensiven Erleichterung über mich. Egal, was ihn in dem Moment antrieb, Shorthouse war nur ein Mensch; es war Fleisch und Blut, mit dem ich es zu tun hatte, und nicht die immateriellen Mächte. Erst wenige Stunden zuvor hatte ich ihn gesehen, wie er seine Flinte reinigte, seine Pfeife rauchte, mit sehr menschlicher Ungeschicklichkeit die Billardkugeln herumstieß, und das Bild blitzte mit der heilsamsten Wirkung durch meinen Geist.

Dann stürmte ich über den Boden der Scheune und sprang auf die Heuballen als Vorbereitung, um an den Seiten zum ersten Dachbalken hinaufzuklettern. Es war weitaus schwieriger als in meinem Traum. Zweimal rutschte ich zurück in das Heu, und als ich mich zum dritten Mal hinaufkämpfte, sah ich, dass Shorthouse, der bis dahin kein Geräusch und keine Bewegung gemacht hatte, nun geschäftig mit seinen Händen an dem Balken etwas tat. Er war an dessen weiterem Ende, und es mussten gut fünfzehn Fuß zwischen uns gewesen sein. Doch ich sah deutlich, was er tat; er befestigte das Seil am Dachbalken. Das andere Ende, so sah ich, lag bereits um seinen Hals!

Dies gab mir sofort die notwendige Kraft, und in einer Sekunde hatte ich mich auf einen Balken geschwungen und laut mit aller Autorität gerufen, die ich in meine Stimme legen konnte:

„Du Dummkopf, Mann! Was zum Teufel versuchst du da zu tun? Komm sofort herunter!“

Meine energischen Handlungen und Worte zusammen hatten eine unmittelbare Wirkung auf ihn, für die ich den Himmel segnete; denn er blickte von seiner grässlichen Aufgabe auf, starrte mich ein oder zwei Sekunden lang fest an und kam dann wie eine große Katze entlanggewieselt, um mich abzufangen. Er kam in einer Reihe von Sprüngen und Sätzen und in erstaunlichem Tempo, und die Art, wie er sich bewegte, flößte mir irgendwie ein neues Entsetzen ein, denn es schien keine natürliche Bewegung eines menschlichen Wesens zu sein, sondern mehr, wie ich gesagt habe, wie die eines geschmeidigen wilden Tieres.

Er war nahe bei mir. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, was genau ich zu tun gedachte. Ich konnte sein Gesicht jetzt deutlich sehen; er grinste grausam; die Augen waren regelrecht leuchtend, und der drohende Ausdruck des Mundes war am bedrückendsten anzusehen. Ansonsten war es das Gesicht eines Kreidemannes, weiß und tot, mit allem Anschein des lebenden Menschen daraus entzogen. Zwischen seinen Zähnen hielt er mein Taschenmesser, das er mir im Schlaf entwendet haben musste, und wie ein Blitz erinnerte ich mich an seine Angst, genau wissen zu wollen, in welcher Tasche es war.

„Lass das Messer fallen!“, schrie ich ihn an, „und lass dich selbst danach fallen –“

„Wag es nicht, mich aufzuhalten!“, zischte er, während der Atem zwischen seinen Lippen über das Messer kam, das er in seinen Zähnen hielt. „Nichts auf der Welt kann mich jetzt aufhalten – ich habe es versprochen – und ich muss es tun. Ich kann nicht länger durchhalten.“

„Dann lass das Messer fallen und ich werde dir helfen“, schrie ich ihm ins Gesicht zurück. „Ich verspreche –“

„Kein Nutzen“, rief er und lachte ein wenig, „ich muss es tun und du kannst mich nicht aufhalten.“

Ich hörte auch ein Geräusch von Lachen irgendwo in der Luft hinter mir. In der nächsten Sekunde kam Shorthouse mit einem einzigen Satz auf mich zu.

Bis heute kann ich nicht genau sagen, wie es geschah. Es ist immer noch eine wilde Verwirrung und ein Fieber des Entsetzens in meinem Geist, aber irgendwoher schöpfte ich mehr als mein übliches Maß an Kraft, und bevor er recht begreifen konnte, was ich zu tun gedachte, hatte ich seine Kehle zwischen meinen Fingern. Er öffnete seine Zähne und das Messer fiel sofort, denn ich gab ihm einen Druck, den er nie vergessen musste. Zuvor hatten sich meine Muskeln wie eingeweichtes Papier angefühlt; nun gewannen sie ihre natürliche Stärke zurück, und mehr noch dazu. Ich schaffte es, uns den Dachbalken entlangzuarbeiten, bis das Heu unter uns war, und dann, völlig erschöpft, ließ ich meinen Griff los und wir schwangen zusammen herum und fielen auf das Heu, wobei er sogar noch nach mir krallte, als wir fielen.

Der Kampf, der damit begann, dass ich für sein Leben kämpfte, endete in einer wilden Anstrengung, mein eigenes zu retten, denn Shorthouse war völlig außer sich und hatte keine Ahnung, was er tat. Tatsächlich hat er immer beteuert, dass er sich an nichts von den Erlebnissen der gesamten Nacht erinnert, nachdem er mich zuerst aus dem Schlaf geweckt hatte. Eine Art tödlicher Nebel legte sich über ihn, erklärt er, und er verlor alles Gefühl für seine eigene Identität. Der Rest war ein Leerzustand, bis er unter einer Masse von Heu mit mir auf sich zu Bewusstsein kam.

Es war das Heu, das uns rettete, zuerst durch das Bremsen des Sturzes und dann durch das Behindern seiner Bewegungen, sodass ich verhindern konnte, dass er mich zu Tode würgte.

DAS WÄLDCHEN DER TOTEN

Eines Sommers, auf meinen Wanderungen mit einem Rucksack, war ich beim Mittagessen in der Stube eines Gasthauses am Wegesrand im westlichen Land, als sich die Tür öffnete und ein alter Landmann eintrat, der bis dicht an mein Ende des Tisches ging und sich sehr ruhig auf den Platz am Bogenfenster setzte. Wir tauschten Blicke oder, genau genommen, Kopfnicken aus, denn in diesem Moment hob ich meine Augen nicht wirklich zu seinem Gesicht, so sehr war ich mit dem wichtigen Geschäft beschäftigt, einen Appetit zu stillen, der durch das Wandern von zwölf Meilen über ein schwieriges Gelände entstanden war.

Der feine warme Regen von sieben Uhr, der seitdem in einer Art leuchtendem Nebel über den Baumwipfeln aufgestiegen war, schwebte nun weit oben in einem tiefblauen Himmel, und der Tag beruhigte sich zu einem Glanz goldenen Lichts. Es war einer dieser Tage, die für Somerset und North Devon eigentümlich sind, wenn die Obstgärten leuchten und die Wiesen eine eigene Strahlkraft hinzuzufügen scheinen, so brillant weich sind die Färbungen von Gras und Blattwerk.

Die Tochter des Gastwirts, ein kleines Mädchen mit einer einfachen ländlichen Lieblichkeit, trat alsbald mit einem schäumenden Zinnkrug ein, erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden und ging wieder hinaus. Anscheinend hatte sie den alten Mann nicht bemerkt, der auf der Bank am Bogenfenster saß, noch hatte er seinerseits auch nur ein einziges Mal den Kopf in unsere Richtung gedreht.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte ich wahrscheinlich keinen Gedanken an diesen anderen Bewohner des Raumes verschwendet; aber die Tatsache, dass er für meinen privaten Gebrauch reserviert sein sollte, und die sonderbare Sache, dass er ziellos aus dem Fenster blickte, ohne den Versuch zu unternehmen, mich in ein Gespräch zu verwickeln, zogen meine Augen mehr als einmal etwas neugierig auf ihn, und ich ertappte mich bald dabei, mich zu fragen, warum er so schweigend dasaß, und immer mit abgewandtem Kopf.

Er war, so sah ich, ein ziemlich gebeugter alter Mann in ländlicher Kleidung, und die Haut seines Gesichts war faltig wie die eines Apfels; Kordhosen waren unter dem Knie mit einer Schnur hochgebunden, und er trug eine Art braune Manchesterjacke, die sehr verblichen war. Seine dünne Hand ruhte auf einem stämmigen Stock. Er trug keinen Hut und trug auch keinen, und ich bemerkte, dass sein Kopf, bedeckt mit silbernem Haar, fein geformt war und den Eindruck von etwas Edlem vermittelte.

Obwohl etwas gereizt durch seine absichtliche Missachtung meiner Anwesenheit, kam ich zu dem Schluss, dass er wahrscheinlich etwas mit der kleinen Herberge zu tun hatte und ein vollkommenes Recht besaß, diesen Raum mit Freiheit zu nutzen, und ich beendete mein Mittagessen, ohne die Stille zu brechen, und nahm dann die Bank gegenüber, um eine Pfeife zu rauchen, bevor ich meinen Weg fortsetzte.

Durch das offene Fenster kamen die Düfte der blühenden Obstbäume; der Obstgarten war in Sonnenschein getränkt und die Zweige tanzten träge in der Brise; das Gras darunter glänzte förmlich mit weißen und gelben Gänseblümchen, und die roten Rosen, die in Fülle über den Fensterrahmen kletterten, vermischten ihren Duft mit dem süßlich eindringenden Geruch des Meeres.

Es war ein Ort zum Trödeln, um zu liegen und einen ganzen Nachmittag lang zu träumen, die schläfrigen Schmetterlinge beobachtend und dem Chor der Vögel lauschend, der jeden Winkel des Himmels zu füllen schien. Tatsächlich diskutierte ich bereits in meinem Geist, ob ich verweilen und all das genießen sollte, anstatt den anstrengenden Pfad über die Hügel zu nehmen, als der alte Landmann auf der Bank gegenüber plötzlich zum ersten Mal sein Gesicht mir zuwandte und zu sprechen begann.

Seine Stimme hatte eine leise träumerische Note, die ganz im Einklang mit dem Tag und der Szene stand, aber sie klang fern, dachte ich, fast so, als ob sie von draußen zu mir käme, wo die Schatten ihr ewiges Gewebe aus Träumen auf den Gartenboden webten. Zudem gab es in ihr keine Spur von der rauen Qualität, die man natürlicherweise hätte erwarten können, und, nun da ich das volle Gesicht des Sprechers zum ersten Mal sah, bemerkte ich mit einem Schreck, dass die tiefen, sanften Augen weit mehr im Einklang mit dem Timbre der Stimme zu sein schienen als mit dem rauen und sehr bäuerlichen Erscheinungsbild der Kleidung und Manier. Seine Stimme setzte angenehme Wellen von Klang in Richtung auf mich in Bewegung, und die eigentlichen Worte waren, wenn ich mich recht erinnere:

„Sie sind ein Fremder in diesen Gegenden?“ oder „Ist Ihnen dieser Teil des Landes nicht fremd?“

Es gab kein „mein Herr“ oder irgendein äußeres und sichtbares Zeichen der Ehrerbietung, die normalerweise von echtem Landvolk dem städtischen Besucher gezollt wird, sondern an ihrer Stelle eine Sanftheit, beinahe eine Süße, höflicher Anteilnahme, die weit mehr ein Kompliment war als jedes andere.

Ich antwortete, dass ich zu Fuß durch einen Teil des Landes wanderte, der mir völlig neu war, und dass ich überrascht sei, einen Ort von solcher idyllischen Lieblichkeit nicht auf meiner Karte verzeichnet zu finden.

„Ich habe mein ganzes Leben hier gelebt“, sagte er mit einem Seufzer, „und werde nie müde, wieder hierher zurückzukehren.“

„Dann leben Sie nicht mehr in der unmittelbaren Nachbarschaft?“

„Ich bin umgezogen“, antwortete er kurz und fügte nach einer Pause, in der seine Augen sehnsüchtig zu dem Reichtum an Blüten jenseits des Fensters zu wandern schienen, hinzu: „aber ich bedauere es fast, denn nirgendwo sonst habe ich gefunden, dass der Sonnenschein so warm liegt, die Blumen so süß duften oder die Winde und Bäche eine solch zarte Musik machen...“

Seine Stimme starb in einen dünnen Strom von Klang, der sich im Rauschen der Rosenblätter verlor, die zum Fenster hereinkletterten, denn er wandte sein Gesicht von mir ab, als er sprach, und blickte in den Garten hinaus. Aber es war unmöglich, meine Überraschung zu verbergen, und ich hob meine Augen in aufrichtigem Erstaunen, als ich eine so poetische Äußerung von einer solchen Gestalt eines Mannes hörte, obwohl ich gleichzeitig erkannte, dass sie keineswegs unpassend war und dass in der Tat keine andere Art von Ausdruck vernünftigerweise von ihm hätte erwartet werden können.

„Ich bin sicher, Sie haben recht“, antwortete ich schließlich, als klar war, dass er aufgehört hatte zu sprechen; „oder es liegt ein Zauber hier – ein wahrer feenhafter Zauber – der mich an die Visionen der Kindheitstage denken lässt, bevor man irgendetwas von – von – wusste.“

Ich war auf seltsame Weise in seine Art zu sprechen hineingezogen worden, eine innere Kraft zwang mich. Doch hier verging der Zauber und ich konnte die Gedanken nicht greifen, die mir einen Moment zuvor eine lange Aussicht vor meiner inneren Vision geöffnet hatten.

„Um die Wahrheit zu sagen“, schloss ich lahm, „der Ort fasziniert mich und ich bin in zwei Gedanken, ob ich weitergehen soll –“

Die kleine Reiterin auf dem Heuwagen lachte. „Nein, ich bleibe hier oben, wo es kühl ist“, rief sie vergnügt zurück, „der Wind weht hier oben viel besser als bei dir da unten im Staub.“ Der junge Mann lachte ebenfalls, rief etwas von einem Kuss, der den Staub vergessen machen würde, und lenkte seine Pferde mit einem fröhlichen Ruck an den Zügeln wieder an. Der Wagen begann sich gemächlich in Bewegung zu setzen, das schwere Geräusch der hölzernen Räder auf dem unebenen Weg hallte in der Sommerluft wider.

Dann geschah es. Ein kleiner Schwarm Vögel, der durch das plötzliche Geräusch erschreckt worden war, flatterte aus einer Hecke direkt vor den Köpfen der Pferde auf. Die Tiere scheuten, bäumten sich auf und begannen wild zu schlagen. Der junge Fuhrmann versuchte sie zu halten, doch der Wagen geriet in eine gefährliche Schräglage. Mit einem entsetzlichen Schrei verlor das junge Mädchen das Gleichgewicht. Sie stürzte kopfüber von ihrem hohen Sitz, prallte hart auf den steinigen Boden und blieb reglos liegen.

Die Stille, die daraufhin folgte, war so absolut, dass ich das Klopfen meines eigenen Herzens hören konnte. Der junge Mann sprang zu ihr, hob sie vorsichtig auf, doch sie war leblos. Er schrie ihren Namen, ein Name, den ich nicht verstand, und schüttelte sie mit verzweifelter Kraft, doch sie antwortete nicht.

Ich wandte mich an meinen Begleiter, entsetzt über das, was ich gesehen hatte, und wollte ihn fragen, was dies alles zu bedeuten hätte, doch als ich zu ihm hinüberblickte, sah ich, dass er mit einer unbeschreiblichen Ernsthaftigkeit auf die Szene vor uns blickte. Sein Gesicht war nicht mehr das eines alten Mannes, sondern strahlte in einer Jugend, die mich erschütterte, und seine Augen – diese leuchtenden, unendlichen Augen – waren voller Mitleid und zugleich voller Freude.

„Sie ist bereit“, sagte er leise, und seine Stimme war wie das Rauschen von tausend Blättern im Wind. „Sie ist nicht mehr hier. Sie ist dorthin gegangen, wohin ich auch bald gehen werde.“

In diesem Moment verschwamm alles. Die Hitze des Tages, der Staub des Weges, der Wagen, die Pferde, der junge Mann und das Mädchen – all das löste sich in einem nebligen Dunst auf. Ich spürte, wie ich zurückwich, wie eine unsichtbare Hand mich sanft, aber bestimmt von diesem Ort wegführte. Die Dunkelheit des Waldes nahm mich wieder in ihren Schoß auf, und ich fühlte mich, als würde ich durch einen tiefen Schlaf gleiten, aus dem ich nicht erwachen wollte.

Als ich schließlich die Augen öffnete, lag ich im Gras am Rande des Waldes, und die ersten Strahlen der Morgensonne berührten mein Gesicht. Ich war allein. Die Vögel sangen in den Wipfeln, und die Welt wirkte so friedlich, so gewöhnlich. Doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich etwas gesehen hatte, das jenseits des Alltäglichen lag, ein Geschehen aus einer anderen Zeit oder vielleicht aus einer Zeit, die für alle Ewigkeit feststeht.

Ich erhob mich mühsam, meine Glieder fühlten sich schwer an. Ich ging zurück zum Gasthaus, und jeder Schritt auf dem taufeuchten Gras erinnerte mich an die flüchtige Natur unserer Existenz. Als ich den Gasthof erreichte, war das Dorf bereits erwacht. Die Dorfbewohner gingen ihren täglichen Geschäften nach, und alles schien genau wie zuvor.

Doch als ich den Schankraum betrat, herrschte dort eine gedrückte Stimmung. Die Tochter des Wirtes, die mich gestern so freundlich bedient hatte, war nicht da. Ich fragte den Wirt nach ihr, und er sah mich mit trüben, von Tränen geröteten Augen an. Er erzählte mir mit bebender Stimme, dass seine Tochter in der Nacht im Schlaf verstorben sei.

Ein kalter Schauer überlief mich. Ich sagte nichts, ich konnte nichts sagen. Ich wusste, dass sie dorthin gegangen war, wohin der alte Mann sie gerufen hatte. Ich bezahlte meine Zeche, verließ den Gasthof und machte mich auf den Weg zurück in die Welt, aus der ich gekommen war, doch ich wusste, dass ich nie wieder derselbe sein würde. Ich hatte den Schleier gelüftet, und das Wissen um das, was hinter den Dingen liegt, würde mich von nun an bei jedem Schritt begleiten.

„Oh, oh“, lachte sie, und ihre Stimme klang für mich wie das glücklichste, fröhlichste Lachen, das ich je aus der Kehle eines Mädchens gehört hatte. „Oh, oh! Das ist ja alles schön und gut. Aber vergiss nicht, dass ich die Königin des Heus bin, und ich muss reiten!“

„Dann muss ich kommen und neben dir reiten“, rief er und begann sofort, über den Fahrersitz hinaufzuklettern. Doch mit einem silberhellen Lachen glitt sie leicht über den Rücken des Heus hinweg, um ihm zu entkommen, und rannte ein Stück den Weg entlang. Ich konnte sie ganz deutlich sehen und bemerkte die bezaubernde, natürliche Anmut ihrer Bewegungen und den liebevollen Ausdruck in ihren Augen, als sie über die Schulter zurückblickte, um sicherzugehen, dass er ihr folgte. Offensichtlich wollte sie ihm nicht lange entkommen, ganz sicher nicht für immer.

Mit zwei Schritten war der große, braune Jüngling hinter ihr her und überließ es den Pferden, zu tun, was sie wollten. Eine weitere Sekunde, und seine Arme hätten die schlanke Taille umschlungen und den kleinen Körper an sein Herz gedrückt. Doch genau in diesem Augenblick stieß der alte Mann neben mir einen eigentümlichen Schrei aus. Er war leise und erschütternd, und er fuhr wie ein scharfes Schwert durch mich hindurch.

ER hatte sie bei ihrem eigenen Namen gerufen – und sie hatte es gehört.

Für eine Sekunde hielt sie inne und blickte mit erschrockenen Augen zurück. Dann, mit einem kurzen Schrei der Verzweiflung, wich das Mädchen zur Seite aus und tauchte rasch in die Schatten der Bäume ein.

Doch der junge Mann sah die plötzliche Bewegung und rief ihr leidenschaftlich zu:

„Nicht diesen Weg, meine Liebe! Nicht diesen Weg! Das ist der Wald der Toten!“

Sie warf einen lachenden Blick über die Schulter zu ihm zurück, und der Wind erfasste ihr Haar und zog es wie eine braune Wolke unter der Sonne auseinander. Doch in der nächsten Minute war sie dicht bei mir, lag an der Brust meines Begleiters, und ich war mir sicher, die Worte zu hören, die wiederholt und mit vielen Seufzern geäußert wurden: „Vater, du hast gerufen, und ich bin gekommen. Und ich komme willig, denn ich bin sehr, sehr müde.“

Wie dem auch sei, so klangen die Worte für mich, und vermischt mit ihnen glaubte ich, die Antwort in jenem tiefen, erschütternden Flüstern zu erhaschen, das ich bereits kannte: „Und du sollst schlafen, mein Kind, schlafen für eine lange, lange Zeit, bis es für dich an der Zeit ist, die Reise wieder zu beginnen.“

In dieser kurzen Zeitspanne hatte ich das Gesicht und die Stimme der Tochter des Gastwirts erkannt, doch in der nächsten Minute brach ein schreckliches Wehklagen aus den Lippen des jungen Mannes, und der Himmel wurde plötzlich so dunkel wie die Nacht, der Wind erhob sich und begann die Zweige um uns herum zu bewegen, und die ganze Szene wurde von einer Welle völliger Schwärze verschlungen.

Wieder schienen die kalten Finger nach meiner Hand zu greifen, und ich wurde auf dem Weg, den ich gekommen war, zum Rand des Waldes geführt, überquerte das Heufeld, das noch immer im Sternenlicht schlummerte, schlich zurück zum Gasthof und ging zu Bett.

Ein Jahr später befand ich mich zufällig in derselben Gegend, und die Erinnerung an die seltsame Sommererscheinung kehrte mit der zusätzlichen Sanftheit der Ferne zu mir zurück. Ich ging in das alte Dorf und trank Tee unter denselben Obstbäumen im selben Gasthof.

Doch das kleine Mädchen aus dem Gasthof zeigte sich nicht, und ich nahm die Gelegenheit wahr, ihren Vater nach ihrem Wohlergehen und ihrem Verbleib zu fragen.

„Verheiratet, zweifellos“, lachte ich, doch mit einem seltsamen Gefühl, das mein Herz zusammenschnürte.

„Nein, mein Herr“, antwortete der Gastwirt traurig, „nicht verheiratet – obwohl sie es gerade werden wollte –, sondern tot. Sie bekam einen Sonnenstich auf den Heufeldern, nur wenige Tage nachdem Sie hier waren, wenn ich mich recht entsinne, und sie war in weniger als einer Woche von uns gegangen.“

SMITH: EINE EPISODE IN EINER MIETSHAUSWOHNUNG

„Als ich Medizinstudent war“, begann der Arzt und drehte sich halb zu seinem Kreis von Zuhörern im Feuerschein, „begegnete ich ein oder zwei sehr sonderbaren Menschen; aber da war ein Kerl, an den ich mich besonders erinnere, denn er rief in mir die lebhaftesten und, wie ich glaube, die unbehaglichsten Gefühle hervor, die ich je gekannt habe.

„Viele Monate lang kannte ich Smith nur dem Namen nach als den Bewohner des Stockwerks über mir. Offensichtlich bedeutete sein Name nichts für mich. Außerdem war ich beschäftigt mit Vorlesungen, Lektüren, Kliniken und dergleichen und hatte wenig Muße, Pläne zu schmieden, um Bekanntschaft mit irgendeinem der anderen Mieter im Haus zu machen. Dann brachte uns der Zufall auf sonderbare Weise zusammen, und dieser Kerl Smith hinterließ als Ergebnis unseres ersten Treffens einen tiefen Eindruck bei mir. Zu der Zeit schien mir die Stärke dieses ersten Eindrucks völlig unerklärlich, aber wenn ich jetzt mit größerem Wissen auf die Episode zurückblicke, beurteile ich die Tatsache so, dass er meine Neugier in ungewöhnlichem Maße weckte und gleichzeitig mein Gefühl des Grauens – was immer das bei einem Medizinstudenten auch sein mag – etwa so tief und dauerhaft weckte, wie diese beiden Gefühle in dem speziellen System und Nervenapparat, der ICH genannt wird, überhaupt geweckt werden konnten.

„Wie er wusste, dass ich mich für das Studium von Sprachen interessierte, war etwas, das ich mir nie erklären konnte, aber eines Tages, ganz unangekündigt, kam er abends leise in mein Zimmer und fragte mich direkt, ob ich genug Hebräisch verstünde, um ihm bei der Aussprache gewisser Wörter zu helfen.

„Er erwischte mich auf dem Pfad des geringsten Widerstands, und ich war sehr geschmeichelt, ihm die gewünschte Auskunft geben zu können; doch erst als er sich bedankt hatte und gegangen war, wurde mir klar, dass ich in der Gegenwart einer ungewöhnlichen Individualität gewesen war. Um alles in der Welt konnte ich die Eigenheiten dessen, was ich als eine sehr beeindruckende Persönlichkeit empfand, nicht recht fassen und einordnen, aber es drängte sich mir auf, dass er ein Mann abseits seiner Mitmenschen war, ein Geist, der einer Linie folgte, die weg von gewöhnlichem menschlichem Umgang und menschlichen Interessen führte und in Regionen, die in seiner Atmosphäre etwas Fernes, Sublimiertes, Kühles hinterließen.

„In dem Moment, als er weg war, wurde ich mir zweier Dinge bewusst – einer intensiven Neugier, mehr über diesen Mann und seine wahren Interessen zu erfahren, und zweitens der Tatsache, dass mir die Haut krabbelte und mein Haar eine Tendenz zum Sträuben hatte.“

Der Arzt hielt hier einen Moment inne, um kräftig an seiner Pfeife zu ziehen, die jedoch ohne die Hilfe eines Streichholzes endgültig erloschen war; und in der tiefen Stille, die vom echten Interesse seiner Zuhörer zeugte, schürte jemand das Feuer zu einer kleinen Flamme an, und ein oder zwei andere blickten über ihre Schultern in die dunklen Weiten der großen Halle.

„Wenn ich zurückblicke“, fuhr er fort und beobachtete die flüchtigen Flammen im Kamin, „sehe ich einen kleinen, untersetzten Mann von vielleicht fünfundvierzig Jahren mit immensen Schultern und kleinen, schlanken Händen. Der Kontrast war auffällig, denn ich erinnere mich, dass ich dachte, ein solcher Riesenrahmen und solche schmalen Fingerknochen gehörten kaum zusammen. Auch sein Kopf war groß und sehr lang, zweifellos der Kopf eines Idealisten, doch mit einer ungewöhnlich starken Entwicklung von Kiefer und Kinn. Auch hier war ein singulärer Widerspruch, obwohl ich jetzt mit größerer Erfahrung im Beurteilen der Werte der Physiognomie besser in der Lage bin, seine volle Bedeutung zu würdigen. Denn das bedeutete natürlich einen enthusiastischen Idealismus, der durch Willen und Urteilsvermögen ausgeglichen und in Schach gehalten wurde – Elemente, die Träumern und Visionären gewöhnlich fehlen.

„Wie dem auch sei, hier war ein Wesen mit wahrscheinlich einer sehr breiten Palette an Möglichkeiten, eine Maschine mit einem Pendel, das höchstwahrscheinlich einen ungewöhnlich langen Ausschlag hatte.

„Das Haar des Mannes war überaus fein, und die Linien um seine Nase und seinen Mund waren wie mit einem feinen Stahlwerkzeug in Wachs geschnitten. Seine Augen habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Sie waren groß und ziemlich wandelbar, nicht nur in der Farbe, sondern auch in Charakter, Größe und Form. Gelegentlich schienen es die Augen von jemand anderem zu sein, wenn Sie verstehen, was ich meine, und gleichzeitig lag in ihren wechselnden Schattierungen von Blau, Grün und einer namenlosen Art von Dunkelgrau ein finsteres Licht, das dem ganzen Gesicht einen fast alarmierenden Aspekt verlieh. Überdies waren es die leuchtendsten Sehorgane, die ich, glaube ich, je bei einem Menschen gesehen habe.

„Da ist also, auf die Gefahr einer ermüdenden Beschreibung hin, Smith, wie ich ihn an jenem Winterabend zum ersten Mal in meinen schäbigen Studentenzimmern in Edinburgh sah. Und doch habe ich den eigentlichen Teil von ihm natürlich unberührt gelassen, denn er ist sowohl unbeschreiblich als auch unzugänglich. Ich habe bereits von einer Atmosphäre der Warnung und Distanziertheit gesprochen, die er mit sich herumtrug. Es ist unmöglich, die Reihe kleiner Schocks, die seine Anwesenheit immer auf mein Wesen übertrug, weiter zu analysieren; aber da war etwas an ihm, das mich in seiner Gegenwart sofort auf die qui vive brachte, jeden Nerv alarmiert, jeden Sinn angespannt und auf der Hut. Ich meine nicht, dass er bewusst Gefahr suggerierte, sondern vielmehr, dass er Kräfte in seinem Gefolge mitbrachte, die automatisch die Nervenzentren meines Systems warnten, auf der Hut und wachsam zu sein.

„Seit den Tagen meiner ersten Bekanntschaft mit diesem Mann habe ich andere Erfahrungen durchlebt und vieles gesehen, das ich nicht zu erklären oder zu verstehen vorgebe; aber bis jetzt in meinem Leben bin ich nur einmal einem Menschen begegnet, der eine unangenehme Vertrautheit mit unheiligen Dingen nahelegte und der mich in seiner Gegenwart unheimlich und ‚schaurig‘ fühlen ließ; und dieser beneidenswerte Mensch war Mr. Smith.

„Was seine Beschäftigung während des Tages war, wusste ich nie. Ich glaube, er schlief, bis die Sonne unterging. Niemand sah ihn jemals auf der Treppe oder hörte ihn tagsüber in seinem Zimmer sich bewegen. Er war ein Geschöpf der Schatten, das anscheinend Dunkelheit dem Licht vorzog. Unsere Vermieterin wusste entweder nichts oder wollte nichts sagen. Auf jeden Fall fand sie keinen Fehler, und ich habe mich seither oft gefragt, durch welche Magie dieser Kerl in der Lage war, eine gewöhnliche Vermieterin eines gewöhnlichen Mietshauses in eine diskrete und verschlossene Person zu verwandeln. Dies allein war ein Zeichen von Genialität irgendeiner Art.

‚Er ist schon seit Jahren bei mir – lange bevor Sie kamen, und ich mische mich nicht ein oder stelle keine Fragen nach dem, was mich nichts angeht, solange die Leute ihre Miete zahlen‘, war die einzige Bemerkung zu dem Thema, die ich jemals aus dieser Richtung zu gewinnen vermochte, und sie sagte mir sicherlich nichts und gab mir auch keine Ermutigung, nach weiteren Informationen zu fragen.

„Prüfungen jedoch und die allgemeine Aufregung eines Medizinstudentenlebens ließen Mr. Smith für eine Zeit völlig aus meinem Kopf verschwinden. Lange Zeit kam er nicht mehr zu mir, und ich meinerseits fühlte keinen Mut, seinen ungebetenen Besuch zu erwidern.

„Gerade dann jedoch kam eine Veränderung im Schicksal derjenigen, die mein sehr begrenztes Einkommen kontrollierten, und ich war gezwungen, mein Erdgeschoss aufzugeben und nach oben in bescheidenere Kammern unter dem Dach des Hauses zu ziehen. Hier war ich direkt über Smith und musste an seiner Tür vorbeigehen, um meine eigene zu erreichen.

„Es traf sich so, dass ich um diese Zeit häufig zu allen Nachtstunden zu den Entbindungsfällen gerufen wurde, die ein Student im vierten Jahr zu einer gewissen Periode seines Studiums übernimmt, und als ich von einem dieser Besuche gegen zwei Uhr morgens zurückkehrte, war ich überrascht, beim Vorbeigehen an seiner Tür Stimmen zu hören. Ein eigentümlich süßer Duft, nicht unähnlich dem Geruch von Weihrauch, drang zudem in den Flur.

„Ich ging sehr leise die Treppe hinauf und fragte mich, was um diese Morgenstunde dort vor sich ging. Meines Wissens hatte Smith nie Besucher. Einen Moment lang zögerte ich vor der Tür mit einem Fuß auf der Treppe. All mein Interesse an diesem seltsamen Mann erwachte wieder, und meine Neugier stieg bis zu einem Punkt, der nicht weit vom Handeln entfernt war. Endlich konnte ich vielleicht etwas über die Gewohnheiten dieses Liebhabers der Nacht und der Dunkelheit erfahren.

„Der Klang der Stimmen war deutlich hörbar, wobei Smiths Stimme so sehr dominierte, dass ich nie mehr als Klangpunkte von der anderen auffangen konnte, die hin und wieder den stetigen Strom seiner Stimme durchdrangen. Nicht ein einziges Wort erreichte mich, zumindest kein Wort, das ich verstehen konnte, obwohl die Stimme laut und deutlich war, und erst später wurde mir klar, dass er in einer Fremdsprache gesprochen haben musste.

„Auch das Geräusch von Schritten war ebenso deutlich. Zwei Personen bewegten sich im Raum, gingen an der Tür vorbei und wieder zurück, eine davon eine leichte, flinke Person, die andere schwerfällig und etwas ungeschickt. Smiths Stimme fuhr unaufhörlich in ihrem seltsamen, monotonen Summen fort, mal laut, mal leise, während er über den Boden hin und her schritt. Die andere Person war ebenfalls in Bewegung, aber auf eine andere und weniger regelmäßige Weise, denn ich hörte schnelle Schritte, die manchmal im Stolpern endeten, und schnelle, plötzliche Bewegungen, die mit einem heftigen Taumeln gegen die Wand oder das Mobiliar zum Stillstand kamen.

„Als ich Smiths Stimme belauschte, begann ich zudem, Angst zu bekommen. Es lag etwas in dem Klang, das mich intuitiv fühlen ließ, dass er in einer Klemme steckte, und ein Impuls regte sich schwach in mir – sehr schwach, das gebe ich zu –, an die Tür zu klopfen und zu fragen, ob er Hilfe brauche.

„Doch lange bevor der Impuls sich in eine Tat übersetzen konnte, oder gar bevor er vom Verstand richtig abgewogen und bedacht worden war, hörte ich eine Stimme dicht neben mir in der Luft, eine Art gedämpftes Flüstern, von dem ich sicher bin, dass es Smith war, der sprach, obwohl der Klang mich nicht durch die Tür erreicht zu haben schien. Es war direkt an meinem Ohr, als ob er neben mir stünde, und es ließ mich so zusammenfahren, dass ich mich am Treppengeländer festhielt, um mich davor zu bewahren, rückwärts zu treten und auf der Treppe einen Lärm zu machen.

‚Es gibt nichts, was du tun kannst, um mir zu helfen‘, sagte es deutlich, ‚und du wirst in deinem eigenen Zimmer viel sicherer sein.‘

„Ich schäme mich bis heute für das Tempo, mit dem ich die Treppe im Dunkeln bis in den obersten Stock zurücklegte, und für die zitternde Hand, mit der ich meine Kerzen anzündete und die Tür verriegelte. Aber so ist es nun einmal gewesen, genau wie es geschah.

„Diese Mitternachtsepisode, so seltsam und doch an sich so trivial, entflammte in mir mehr Neugier als je zuvor über meinen Mitbewohner. Sie brachte mich auch dazu, ihn in meinen Gedanken mit einem Gefühl von Angst und Misstrauen zu verbinden. Ich sah ihn nie, und doch war ich mir oft und unbehaglich seiner Anwesenheit in den oberen Regionen jenes düsteren Mietshauses bewusst. Smith und seine geheime Lebensweise und geheimnisvollen Beschäftigungen brachten es irgendwie fertig, in meinem Wesen eine Gedankenkette zu wecken, die meinen komfortablen Zustand der Unwissenheit störte. Ich sah ihn nie, wie gesagt, und tauschte keinerlei Kommunikation mit ihm aus, doch es schien mir, dass sein Geist in Kontakt mit meinem stand, und einige der seltsamen Kräfte seiner Atmosphäre sickerten in mein Wesen ein und störten mein Gleichgewicht. Jene oberen Stockwerke wurden nach Einbruch der Dunkelheit für mich zum Spukort, und obwohl unsere Leben nach außen hin nie miteinander in Berührung kamen, wurde ich widerwillig in bestimmte Bestrebungen verwickelt, auf die sein Geist konzentriert war. Ich fühlte, dass er mich irgendwie gegen meinen Willen benutzte, und zwar mit Methoden, die mein Verständnis überstiegen.

„Ich befand mich zu jener Zeit zudem im schweren, unhinterfragten Zustand des Materialismus, der Medizinstudenten eigen ist, wenn sie beginnen, etwas von der menschlichen Anatomie und dem Nervensystem zu verstehen, und sofort zu dem Schluss springen, dass sie das Universum kontrollieren und das letzte Wort über Leben und Tod in ihren Pinzetten halten. Ich ‚wusste alles‘ und betrachtete den Glauben an irgendetwas jenseits der Materie als die Irrwege schwacher oder bestenfalls ungeschulter Geister. Und dieser Geisteszustand trug natürlich zur Stärke dieser verstörenden Angst bei, die aus dem Stockwerk darunter ausging und langsam begann, Besitz von mir zu ergreifen.

„Obwohl ich keine Notizen über die nachfolgenden Ereignisse in dieser Angelegenheit machte, hinterließen sie einen zu tiefen Eindruck, als dass ich je die Reihenfolge ihres Auftretens vergessen könnte. Ohne Schwierigkeit kann ich mich an den nächsten Schritt im Abenteuer mit Smith erinnern, denn Abenteuer wurde es rasch.“

Der Arzt hielt einen Moment inne und legte seine Pfeife auf den Tisch hinter sich, bevor er fortfuhr. Das Feuer war heruntergebrannt, und niemand rührte sich, um es zu schüren. Die Stille in der großen Halle war so tief, dass das Geräusch, als die Pfeife des Sprechers den Tisch berührte, hörbare Echos am anderen Ende zwischen den Schatten weckte.

„Eines Abends, während ich las, öffnete sich die Tür meines Zimmers und Smith kam herein. Er machte keinen Versuch einer Förmlichkeit. Es war nach zehn Uhr, und ich war müde, aber die Anwesenheit des Mannes versetzte mich sofort in Aktivität. Meine Versuche gewöhnlicher Höflichkeit schob er sofort beiseite und begann mich zu bitten, gewisse hebräische Wörter zu vokalisieren und dann für ihn auszusprechen; und als dies getan war, fragte er abrupt, ob ich nicht der glückliche Besitzer eines sehr seltenen rabbinischen Traktats sei, das er nannte.

„Wie er wusste, dass ich dieses Buch besaß, verblüffte mich außerordentlich; doch ich war noch mehr überrascht, ihn durch das Zimmer gehen und es aus meinem Bücherregal nehmen zu sehen, fast bevor ich Zeit gehabt hatte, bejahend zu antworten. Offensichtlich wusste er genau, wo es aufbewahrt wurde. Dies erregte meine Neugier über alle Maßen, und ich begann sofort, ihm Fragen zu stellen; und obwohl ich sie aus bloßem Respekt vor dem Mann sehr behutsam und fast nur im Zuge einer bloßen Unterhaltung stellte, hatte er für alle nur eine Antwort. Er blickte von den Seiten des Buches zu mir auf, mit einem Ausdruck völligen Verständnisses auf seinen außergewöhnlichen Zügen, neigte ein wenig den Kopf und sagte sehr ernst:

‚Das ist natürlich eine vollkommen berechtigte Frage‘ – was absolut alles war, was ich jemals aus ihm herausbekommen konnte.

„Bei dieser speziellen Gelegenheit blieb er vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten bei mir. Dann ging er schnell die Treppe hinunter in sein Zimmer, mein hebräisches Traktat in der Hand, und ich hörte, wie er seine Tür schloss und verriegelte.

„Doch wenige Augenblicke später, bevor ich Zeit gehabt hätte, mich wieder meinem Buch zuzuwenden oder mich von der Überraschung zu erholen, die sein Besuch bei mir verursacht hatte, hörte ich die Tür öffnen, und da stand Smith wieder neben meinem Stuhl. Er machte keine Entschuldigung für seine zweite Unterbrechung, sondern beugte seinen Kopf auf die Höhe meiner Leselampe hinunter und starrte über die Flamme hinweg direkt in meine Augen.

‚Ich hoffe‘, flüsterte er, ‚ich hoffe, Sie werden nachts nie gestört?‘

‚Äh?‘ stammelte ich, ‚nachts gestört? Oh nein, danke, zumindest nicht, wüsste ich...‘

‚Das freut mich‘, antwortete er ernst, wobei er meine Verwirrung und Überraschung über seine Frage nicht zu bemerken schien. ‚Aber denken Sie daran, sollte es jemals der Fall sein, lassen Sie es mich bitte sofort wissen.‘

„Und er war die Treppe hinunter und wieder in seinem Zimmer verschwunden.

„Einige Minuten lang saß ich da und dachte über sein seltsames Verhalten nach. Er war nicht verrückt, argumentierte ich, sondern das Opfer einer harmlosen Wahnvorstellung, die ihm als Ergebnis seiner einsamen Lebensweise allmählich zugewachsen war; und von den Büchern her, die er benutzte, urteilte ich, dass es etwas mit mittelalterlicher Magie oder irgendeinem System antiker hebräischer Mystik zu tun haben müsse. Die Wörter, die er mich für ihn aussprechen ließ, waren wahrscheinlich ‚Worte der Macht‘, von denen man annahm, dass sie, wenn sie mit der Vehemenz eines starken Willens dahinter ausgesprochen wurden, physische Ergebnisse hervorriefen oder Vibrationen im eigenen inneren Wesen auslösten, die den Effekt einer teilweisen Lüftung des Schleiers hatten.

„Ich saß da und dachte über den Mann nach, seine Lebensart und die wahrscheinlichen Auswirkungen seiner gefährlichen Experimente auf lange Sicht, und ich kann mich vollkommen an das Gefühl der Enttäuschung erinnern, das mich beschlich, als mir klar wurde, dass ich seine spezielle Form der Verirrung etikettiert hatte und meine Neugier daher nicht länger erregt würde.“

„Und doch“, fuhr der Doktor fort, während er sich wieder zu uns umwandte, „war mein Urteil keineswegs endgültig. Die Ereignisse jener Nacht, die ich Ihnen nun schildern muss, ließen keinen Raum mehr für eine bloße Klassifizierung als ‚Wahnvorstellung‘. Ich war gerade dabei, das Licht zu löschen und mich schlafen zu legen, als ich ein leises, aber unverkennbares Geräusch hinter meiner Tür hörte. Es war nicht das Geräusch von Schritten, sondern ein eigentümliches Gleiten, als würde ein schwerer Stoff über das Holz gezogen.

Ich hielt inne, die Hand bereits am Lichtschalter. Mein Herz begann schneller zu schlagen, nicht aus Panik, sondern aus einer plötzlichen, unbegründeten Wachsamkeit. In diesem Moment wurde mir mit einer Klarheit bewusst, die mich bis ins Mark erschütterte, dass sich das Wesen, das ich in Smiths Zimmer gesehen hatte – oder besser gesagt, das ich dort hatte spüren können –, nun vor meiner Tür befand. Es wartete.

Ich öffnete die Tür nicht. Ich tat etwas, das ich mir bis heute kaum erklären kann: Ich trat zurück, legte mich angezogen auf mein Bett und beobachtete den Türspalt. Die Stille im Haus war absolut, und doch war der Raum erfüllt von einer Spannung, die so dicht war, dass ich jeden Atemzug als mühsam empfand. Minuten vergingen, die sich wie Stunden dehnten. Dann, ganz allmählich, begann sich der Türgriff zu bewegen. Er drehte sich nicht, wie von einer menschlichen Hand geführt, sondern er schien unter einem unsichtbaren Druck nachzugeben, Zentimeter für Zentimeter, bis das Schloss mit einem metallischen Klicken aufsprang.

Ich erstarrte. Es war kein Eindringling, den ich erwartete; es war eine Entität, die keinen Körper besaß, aber dennoch einen Raum einnahm, einen Platz verlangte. Als die Tür ein Stück weit aufschwang, sah ich nichts – und doch sah ich alles. Ein Schatten, der dunkler war als die Nacht im Flur, drang herein. Er bewegte sich nicht wie ein Tier oder ein Mensch, sondern mit einer fließenden, fast flüssigen Geschwindigkeit, die jeden physikalischen Gesetzen widersprach.

Ich spürte eine Kälte, die nicht von außen kam, sondern aus meinem eigenen Inneren emporzusteigen schien. Wieder überkam mich dieses Gefühl der Lähmung, diese schreckliche Trägheit, von der ich Ihnen bereits berichtet habe. Ich wollte aufstehen, wollte den Eindringling konfrontieren, aber meine Glieder fühlten sich an wie Blei. Ich war kein Beobachter mehr; ich war ein Teil des Phänomens geworden, ein Gefäß, aus dem man langsam, aber stetig die Lebenskraft heraussog.

Smiths Stimme, die plötzlich aus dem Flur zu mir drang, klang in diesem Moment wie eine Erlösung. Er schrie nicht, er rief meinen Namen mit einer Autorität, die das Zimmer erzittern ließ. ‚Bleiben Sie bei sich!‘, rief er. ‚Geben Sie nicht nach!‘ Der Effekt war unmittelbar. Das dunkle Etwas, das sich bereits über mich gebeugt hatte – ich spürte den Druck auf meiner Brust wie das Gewicht eines Felsens –, wich augenblicklich zurück. Es war, als hätte sein Ruf einen Riss in die unsichtbare Präsenz geschlagen.

Ich atmete tief ein, das erste Mal seit Minuten, und stürzte zur Tür. Auf dem Flur stand Smith. Er sah aus, als hätte er eine gewaltige Anstrengung hinter sich; sein Gesicht war schweißüberströmt, seine Augen glühten in einer Weise, die mir mehr Angst einflößte als das Wesen selbst. Er sah mich an, nicht mit Mitleid, sondern mit einer Art triumphierender Verzweiflung. ‚Sie haben es gesehen‘, sagte er, kein Fragezeichen in seiner Stimme. ‚Sie haben es gespürt. Nun wissen Sie, dass ich nicht verrückt bin.‘

Ich konnte nicht antworten. Ich lehnte mich gegen den Türrahmen und versuchte, meine Atmung zu kontrollieren. Mein Verstand arbeitete fieberhaft, versuchte das Erlebte in logische Kategorien zu pressen, aber es gab keine Logik für das, was dort geschah. Es war kein Geist, kein Gespenst. Es war etwas anderes, etwas, das aus einer Dimension stammte, die unsere eigene nur streifte, wenn man die richtigen Türen öffnete – oder wenn man, wie Smith, die falschen Tore einriss.

‚Das war erst der Anfang‘, fügte er leise hinzu, und in seiner Stimme schwang eine Bitterkeit mit, die mich frösteln ließ. ‚Man kann solche Mächte nicht rufen und sie dann einfach wieder wegschicken, wie einen unerwünschten Gast. Sie sind jetzt hier. Sie haben den Geruch von Leben in diesem Haus gewittert.‘ Er wandte sich ab und ging seinen Flur entlang, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich blieb allein zurück, die Tür weit offen, die Dunkelheit des Flurs vor mir, wissend, dass ich nie wieder werde schlafen können, ohne das Gefühl, dass etwas an der Schwelle zu meiner Existenz lauert.“

„Doch kaum hatte ich begonnen, mir zu diesem Ergebnis zu gratulieren und meine zerstreuten Sinne beisammen zu nehmen, da sah ich ihn, einen lauten Schrei ausstoßend, aus dem Kreis springen und sich in die Luft werfen – wie es mir schien, in die leere Luft. Dann, während ich vor Angst vor dem Aufprall, der ihn unweigerlich auf den Boden treffen musste, den Atem anhielt, sah ich, wie er mit einem dumpfen Schlag gegen einen festen Körper mitten in der Luft stieß, und im nächsten Augenblick rang er mit etwas Schwerfälligem, das für mich völlig unsichtbar war, und der Raum erbebte vom Kampf.

Hin und her schwankten sie, mal in die eine, mal in die andere Richtung taumelnd und immer in schrecklicher Nähe zu mir, während ich zitternd an der Wand lehnte und das Zusammentreffen beobachtete.

Es dauerte höchstens eine kurze Minute oder zwei und endete so plötzlich, wie es begonnen hatte. Smith warf mit einer unerwarteten Bewegung die Arme hoch und stieß einen Schrei der Erleichterung aus. Im selben Augenblick ertönte in der Luft neben mir ein wilder, zerreißender Schrei, und etwas rauschte mit einem Geräusch wie der Flug eines Schwarms großer Vögel an uns vorbei. Beide Fenster klirrten, als wollten sie aus ihren Rahmen brechen. Dann überkam den Raum plötzlich ein Gefühl der Leere und des Friedens, und ich wusste, dass alles vorbei war.

Smith, dessen Gesicht überaus bleich, aber ansonsten seltsam gefasst war, wandte sich sofort an mich.

‚Gott! – wenn du nicht gekommen wärst... Du hast den Strom abgelenkt; hast ihn aufgebrochen...‘ flüsterte er. ‚Du hast mich gerettet.‘“

Der Arzt machte eine lange Pause. Nach einer Weile tastete er im Dunkeln nach seiner Pfeife und suchte mit beiden Händen den Tisch hinter uns ab. Eine Weile sprach niemand, doch alle fürchteten sich vor dem plötzlichen Aufleuchten, das entstehen würde, wenn er das Streichholz anzündete. Das Feuer war fast erloschen, und der große Saal war stockfinster.

Doch der Erzähler zündete das Streichholz nicht an. Er gewann lediglich Zeit aus einem ihm eigenen, verborgenen Grund. Und alsbald fuhr er mit seiner Geschichte in gedämpfterer Stimme fort.

„Ich habe völlig vergessen“, sagte er, „wie ich in mein eigenes Zimmer zurückkam. Ich weiß nur, dass ich den Rest der Nacht bei zwei brennenden Kerzen dalag, und das Erste, was ich am Morgen tat, war, der Vermieterin mitzuteilen, dass ich ihr Haus am Ende der Woche verlassen würde.

Smith hat immer noch meine rabbinische Abhandlung. Zumindest hat er sie mir damals nicht zurückgegeben, und ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen, um ihn danach zu fragen.“

EIN VERDÄCHTIGES GESCHENK

Blake war seit Monaten in sehr schlechten Verhältnissen – zeitweise stand er buchstäblich bis zum Hals im Wasser –, was auf Umstände zurückzuführen war, von denen er gern behauptete, sie seien nicht seine eigene Schuld; und während er in seinem Zimmer im „dritten Stock hinten“ einer New Yorker Pension schrieb, war ein Teil seines Geistes geschäftig damit beschäftigt, sich zu fragen, wann sein Glück sich wohl wieder wenden würde.

Es war nur insofern sein Zimmer, als er die Miete zahlte. Zwei Freunde, einer ein kleiner Franzose und der andere ein großer Däne, teilten es mit ihm, beide in der Hoffnung, schließlich etwas zu den Ausgaben beitragen zu können, was ihnen bis dahin jedoch nicht gelungen war. Sie hatten nur zwei Betten, das dritte war eine Matratze, auf der sie abwechselnd schliefen, eine Woche lang jeweils. Ein Großteil ihrer unregelmäßigen „Ernährung“ bestand aus Haferflocken, Kartoffeln und manchmal Eiern, die sie alle auf einem seltsamen Gerät kochten, das sie am Gasanschluss befestigt hatten. Gelegentlich, wenn das Abendessen ganz ausfiel, schluckten sie ein wenig rohen Reis, tranken heißes Wasser aus dem Badezimmer hinterher und rannten dann in wilder Eile ins Bett, um einzuschlafen, solange das Gefühl falscher Sättigung noch anhielt. Denn Schlaf und Hunger sind, wie sie nur zu gut wussten, flüchtige Bekannte. Glücklicherweise werden alle New Yorker Häuser mit Warmluft versorgt, und sie mussten nur ein Gitter in der Wand öffnen, um eine reichliche, wenn auch nicht unbedingt gesunde Menge an Wärme zu erhalten.

Obwohl Einsamkeit in einer Großstadt eine echte Strafe ist, wie sie jeder für sich schmerzlich erfahren hatte, hatten ihnen ihre Erfahrungen – drei Personen über mehrere Monate in einem kleinen Zimmer – Schrecken ganz anderer Art offenbart, und ihre Nerven hatten je nach Temperament des Einzelnen gelitten. Doch an diesem speziellen Abend, als Blake am einzigen Fenster saß, das nicht gesprungen war, hatten der Däne und der Franzose, seine Leidensgenossen, unglaubliches Glück. Beide waren in ein Restaurant eingeladen worden, um mit einem Freund zu speisen, der einem von ihnen zudem eine Chance auf Arbeit und Entlohnung in Aussicht gestellt hatte. Sie würden erst spät zurückkommen, und wenn sie dann kamen, würden sie mit ziemlicher Sicherheit Vorräte der einen oder anderen Art mitbringen. Denn der Franzose konnte dem Angebot eines Glases Absinth nie widerstehen, und das bedeutete, dass er sich reichlich an den kostenlosen Imbisstheken bedienen konnte, mit denen alle New Yorker Bars ausgestattet sind und an denen sich jeder, der ein Getränk kauft, bedienen darf, um es entweder sofort zu verzehren oder beiläufig in der Hand für den späteren Verzehr mitzunehmen. Tausende unglücklicher Männer bestreiten ihren gesamten Lebensunterhalt auf diese Weise in New York, und die Erfahrung lehrt bald, wo man sich für den Preis eines einzigen Getränks fast eine Mahlzeit aus Bratkartoffeln, Wurst, Brotstücken und sogar Eiern zusammenstellen kann. Der Franzose und der Däne kannten sich aus, und Blake freute sich auf ein mehr oder weniger nahrhaftes Abendessen, bevor er seine Matratze aus dem Schrank zog und sich für die Nacht auf den Boden legte.

Unterdessen konnte er einen ruhigen und einsamen Abend genießen, ganz für sich allein im Zimmer.

Tagsüber war er Reporter bei einer Abendzeitung von sensationellem und verlogenem Zuschnitt. Seine Arbeit fand hauptsächlich bei den Polizeigerichten statt; und in seinen freien Stunden am Abend, wenn er nicht zu müde oder zu leer war, schrieb er Skizzen und Geschichten für Zeitschriften, die nur selten das Licht der Welt in ihren gedruckten und bezahlten Sätzen erblickten. Bei dieser speziellen Gelegenheit steckte er tief in einer überaus verwickelten Geschichte psychologischer Natur und hatte sich gerade in einen Satz oder eine Reihe von Sätzen manövriert, die ihn völlig ratlos machten und verwirrten.

Er war ziemlich überfordert, und seinem Gehirn fehlte es an der nötigen Durchblutung, um einen Ausweg zu erfinden. Die Geschichte wäre interessant gewesen, wenn er sie einfach geschrieben hätte, bei Fakten und Gefühlen bleibend, anstatt in eine schwierige Analyse von Motiven und Charakteren einzutauchen, die weit über seinen Fähigkeiten lag. Denn sie war weitgehend autobiografisch und sollte die Abenteuer eines jungen Engländers beschreiben, der auf die übliche Weise auf einer kanadischen Farm gescheitert war, dann nacheinander Barkeeper, Redaktionsassistent bei einer methodistischen Zeitschrift, Lehrer für Französisch und Deutsch für Büroangestellte für fünfundzwanzig Cent pro Stunde, Künstlermodell, Statist am Theater und schließlich ein Wanderer zu den Goldfeldern geworden war.

Blake kratzte sich am Kopf, tauchte die Feder in das Tintenfass, starrte durch die fensterlosen Rollos und seufzte tief. Seine Gedanken wanderten immer wieder zum Essen, zu Beefsteak und dampfendem Gemüse. Der Essensgeruch, der aus einem unteren Stockwerk durch die zerbrochenen Fenster drang, war eine ständige Qual für ihn. Er nahm sich zusammen und ging das Problem erneut an.

„... denn bei manchen Menschen“, schrieb er, „ist die Vorstellungskraft so lebhaft, dass sie fast eine Erweiterung des Bewusstseins darstellt...“ Aber hier blieb er völlig stecken. Er war sich nicht ganz sicher, was er mit diesen Worten meinte, und wie er den Satz beenden sollte, verwirrte ihn in eine völlige Untätigkeit. Es war ein schwieriger Punkt, den es zu entscheiden galt, denn er schien an dieser Stelle seiner Geschichte passend zu sein, und er wusste nicht, ob er ihn so stehen lassen, ein wenig abändern oder ganz streichen sollte. Es könnte gerade seine Chancen auf eine Annahme verderben: Redakteure waren solch kluge Männer. Aber den Satz umzuschreiben war eine Schinderei, und er war so müde und schläfrig. Schließlich, was spielte das schon für eine Rolle? Leute, die klug waren, würden sich einen Sinn hineininterpretieren; Leute, die nicht klug waren, würden so tun, als ob – er kannte keine anderen Klassen von Lesern. Er würde ihn so lassen und mit der Handlung der Geschichte fortfahren. Er stützte den Kopf in die Hände und begann angestrengt nachzudenken.

Sein Geist glitt bald von Gedanken zur Träumerei über. Er fing an sich zu fragen, wann seine Freunde Arbeit finden und ihn von der Last befreien würden – er erkannte sie als solche an –, für sie zu sorgen und einen anderen Mann seine besten Kleider an abwechselnden Sonntagen tragen zu lassen. Er fragte sich, wann sein „Glück“ sich wenden würde. Es gab ein oder zwei einflussreiche Leute in New York, die er aufsuchen könnte, wenn er einen Frack und die anderen konventionellen Uniformen hätte. Seine Gedanken eilten weit voraus und gleichzeitig, durch eine Art doppelten Vorgang, auch weit zurück. Sein Zuhause in der „alten Heimat“ stieg vor ihm auf; er sah den Rasen und die Zedern im Sonnenschein; er blickte durch die vertrauten Fenster und sah die sauberen, gefegten Räume. Seine Geschichte begann zu leiden; das psychologische Meisterwerk würde keine großen Fortschritte machen, es sei denn, er riss sich zusammen und schleppte seine Gedanken zurück zum Mühlstein. Aber es war ihm nicht mehr wichtig; sobald er so weit wie bis zu jener Zeder mit dem Sonnenschein darauf gekommen war, konnte er nicht mehr zurückkehren. Was ihn betraf, könnte der lästige Satz ruhig weglaufen und in jemandes anderen Seiten gelangen oder ganz ausgelöscht werden.

Es klopfte leise an die Tür, und Blake schreckte auf. Das Klopfen wiederholte sich lauter. Wer in aller Welt konnte das zu dieser späten Stunde der Nacht sein? Er erinnerte sich, dass im Stockwerk darüber ein anderer Engländer lebte, ein alberner, zweitklassiger Kerl, der manchmal hereinkam und sich mit endlosem und törichtem Geplapper lästig machte. Aber er war immerhin ein Engländer, und Blake versuchte immer, ihn höflich zu behandeln, da er erkannte, dass er in einem fremden Land einsam war. Doch heute Abend, von allen Menschen auf der Welt, wollte er sich nicht mit Perrys Gequatsche, wie er es nannte, langweilen lassen, und das „Herein“, das er als Antwort auf das zweite Klopfen gab, klang nicht sehr herzlich.

Dennoch öffnete sich die Tür als Antwort, und der Mann kam herein. Blake drehte sich nicht sofort um, und der andere trat in die Mitte des Zimmers, ohne jedoch zu sprechen. Dann wusste Blake, dass es nicht sein Feind Perry war, und drehte sich um.

Er sah einen Mann von etwa vierzig Jahren, der in der Mitte des Teppichs stand, jedoch seitwärts, sodass er nicht frontal zu sehen war. Er trug einen bis zum Hals zugeknöpften Überzieher, und auf dem Filzhut, den er vor sich hielt, glitzerten frische Regentropfen. In der anderen Hand trug er eine kleine schwarze Tasche. Blake sah ihn sich genau an und kam zu dem Schluss, dass er ein Sekretär, ein leitender Angestellter oder eine Art Vertrauensmann sein könnte. Er war eine schäbig-respektabel aussehende Person. Dies war der Gesamteindruck des ersten Augenblicks, gewonnen in dem Moment, als seine Augen erfassten, dass es nicht Perry war; der zweite Eindruck war weniger angenehm und meldete sofort, dass etwas nicht stimmte.

Obwohl er ansonsten jung und unerfahren war, wusste Blake – dank oder verflucht sei das Polizeigerichtstraining – mehr über allgemeines kriminelles Schurkentum als die meisten Fünfzigjährigen, und er erkannte, dass irgendwo ein Hauch dieser unerwünschten Welt von dem Mann ausging. Aber da war noch mehr. Da war etwas Eigenartiges an ihm, etwas weit abseits des Gewöhnlichen, obwohl Blake beim besten Willen nicht sagen konnte, worin es lag. Der Kerl war ungewöhnlich, und zwar auf eine sehr unerwünschte Weise.

All dies, was so lange zu beschreiben braucht, sah Blake mit dem ersten und zweiten Blick. Der Mann begann sofort mit leiser und respektvoller Stimme zu sprechen.

„Sind Sie Mr. Blake?“, fragte er.

„Das bin ich.“

„Mr. Arthur Blake?“

„Ja.“

„Mr. Arthur Herbert Blake?“, beharrte der andere mit Nachdruck auf dem zweiten Vornamen.

„Das ist mein voller Name“, antwortete Blake schlicht und fügte hinzu, als er sich seiner Manieren besann: „Aber wollen Sie sich nicht erst setzen, bitte?“

Der Mann trat mit einer merkwürdigen seitwärtigen Bewegung wie eine Krabbe vor und nahm auf der Kante des Sofas Platz. Er stellte seinen Hut zu seinen Füßen auf den Boden, behielt aber die Tasche in der Hand.

„Ich komme zu Ihnen im Auftrag eines Wohlwollers“, fuhr er in öligen Tönen fort, ohne die Augen zu heben. Blake ging in Gedanken schnell alle Leute durch, die er in New York kannte und die möglicherweise einen solchen Mann geschickt haben könnten, während er darauf wartete, dass er den Namen nannte. Doch der Mann war zu einem vollständigen Halt gekommen und wartete ebenfalls.

„Ein Wohlwoller von mir?“, wiederholte Blake, nicht wissend, was er sonst sagen sollte.

„Ganz recht“, antwortete der andere, weiterhin mit den Augen auf dem Boden. „Ein Wohlwoller von Ihnen.“

„Ein Mann oder –“, er spürte, wie er errötete, „oder eine Frau?“

„Das“, sagte der Mann kurz angebunden, „kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Sie können es mir nicht sagen!“, rief der andere aus und fragte sich, was als Nächstes kommen würde und wer in aller Welt dieser geheimnisvolle Wohlwoller sein könnte, der einen so diskreten und mysteriösen Boten schickte.

„Ich kann Ihnen den Namen nicht nennen“, antwortete der Mann bestimmt. „Das sind meine Anweisungen. Aber ich bringe Ihnen etwas von dieser Person, und ich soll es Ihnen geben, eine Empfangsbestätigung dafür entgegennehmen und dann gehen, ohne irgendwelche Fragen zu beantworten.“

Blake starrte sehr intensiv. Der Mann hob seine Augen jedoch nie über die Höhe des zweiten Porzellanknopfes an der Kommode gegenüber. Das Geben einer Quittung klang nach Geld. Konnte es sein, dass einige seiner einflussreichen Freunde von seiner Notlage gehört hatten? Es gab Möglichkeiten, die sein Herz höherschlagen ließen. Schließlich fand er jedoch seine Sprache wieder, denn dieses seltsame Geschöpf war anscheinend entschlossen, nichts mehr zu sagen, bis er von ihm gehört hatte.

„Was haben Sie dann für mich, bitte?“, fragte er unverblümt.

Als Antwort öffnete der Mann die Tasche. Er nahm ein Päckchen heraus, das lose in braunes Papier gewickelt war und etwa die Größe eines großen Buches hatte. Es war mit einer Schnur verschnürt, und der Mann schien unnötig lange zu brauchen, um den Knoten zu lösen. Als die Schnur schließlich ab und das Papier entfaltet war, kamen eine Reihe kleinerer Pakete zum Vorschein. Der Mann nahm sie sehr vorsichtig heraus, fast so, als wären sie lebendig, dachte Blake, und legte sie in einer Reihe auf seine Knie. Es waren Dollarscheine. Blake, ganz aufgeregt, reckte den Hals ein wenig vor, um zu versuchen, ihre Stückelung zu erkennen. Er las deutlich die Zahlen 100.

„Es sind zehntausend Dollar hier“, sagte der Mann leise.

Der andere konnte einen kleinen Schrei nicht unterdrücken.

„Und sie sind für Sie.“

Blake schnappte einfach nach Luft. „Zehntausend Dollar!“, wiederholte er, wobei ein komisches Gefühl in seinem Hals aufstieg. „Zehntausend. Sind Sie sicher? Ich meine – Sie meinen, sie sind für mich?“, stammelte er. Er fühlte sich vor Aufregung ganz albern und wurde es mit jeder Minute mehr, während der Mann ein vollkommenes Schweigen bewahrte. War es nicht ein Traum? Würde der Mann sie nicht gleich wieder in die Tasche stecken und sagen, es sei ein Irrtum gewesen und sie seien für jemand anderen bestimmt? Er konnte seinen Augen oder Ohren nicht trauen. Dennoch war es in gewissem Sinne möglich. Er hatte von solchen Dingen in Büchern gelesen und war ihnen sogar in seiner Erfahrung mit den Gerichten begegnet – der exzentrische und großzügige Philanthrop, der entschlossen ist, seine gute Tat zu vollbringen und keinen Dank oder Anerkennung dafür zu erhalten. Dennoch schien es fast unglaublich. Seine Sorgen begannen wie Seifenblasen in der Sonne zu schmelzen; er dachte an die anderen Kerle, wenn sie hereinkamen, und was er ihnen erzählen würde; er dachte an die deutsche Vermieterin und die Mietrückstände, an regelmäßiges Essen und saubere Wäsche, an Bücher und Musik, an die Chance, in ein respektables Geschäft einzusteigen, an – nun ja, an so viele Dinge, wie man nur denken kann, wenn Aufregung und Überraschung die Tore der Vorstellungskraft weit öffnen.

Der Mann begann unterdessen leise, die Pakete laut von eins bis zehn zu zählen und dann die Scheine in jedem einzelnen Paket, ebenfalls von eins bis zehn. Ja, es waren zehn kleine Häufchen, jedes enthielt zehn Scheine zu hundert Dollar. Das machte zehntausend Dollar. Blake hatte noch nie in seinem Leben so viel Geld auf einmal gesehen; und seit vielen Monaten des Entbehrungs- und Unbehagens kannte er nicht mehr das „Gefühl“ eines Zwanzig-Dollar-Scheins, geschweige denn eines Hundert-Dollar-Scheins. Er hörte sie unter den Fingern des Mannes knistern, und es war wie ein knackiges Lachen in seinen Ohren. Die Scheine waren offensichtlich neu und unbenutzt.

Doch neben der Aufregung, die der Schock eines solchen Ereignisses verursachte, begann Blakes Vorsicht, die er sich in einem Jahr lebhafter New Yorker Erfahrung angeeignet hatte, inzwischen sich zu behaupten. Es schien alles ein wenig zu sehr außerhalb der wahrscheinlichen Ordnung der Dinge zu liegen, um ganz in Ordnung zu sein. Die Polizeigerichte hatten ihn die erstaunliche Genialität des kriminellen Geistes gelehrt, ebenso wie einiges über die Komplotte und Methoden, mit denen die Unvorsichtigen in die dunklen Orte gelockt werden, an denen ungestraft Erpressung ausgeübt werden kann. New York war tatsächlich gerade zu dieser Zeit buchstäblich unterminiert von den geheimen Wegen der Erpresser, der Falschgeldbetrüger und anderer polizeilich geschützter Abscheulichkeiten; und der einzige schwache Punkt in der Vermutung, dass dies Teil eines solchen Vorgangs sei, war die Auswahl seiner selbst – eines armen Zeitungsreporters – als Opfer. Es erschien zwar absurd, aber das ganze Ding war so ungewöhnlich, und als der Gedanke erst einmal in seinen Geist eingedrungen war, wurde er ihn nicht so leicht wieder los. Blake beschloss, sehr vorsichtig zu sein.

Der Mann unterdessen, obwohl er nie den Blick vom Teppich zu heben schien, hatte ihn die ganze Zeit genau beobachtet.

„Wenn Sie mir eine Quittung geben, werde ich das Geld sofort hinterlassen“, sagte er mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme, als wäre er bestrebt, die Angelegenheit so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen.

„Aber Sie sagen, es sei für Sie völlig unmöglich, mir den Namen meines Wohlwollers zu nennen, oder warum er mir eine so große Summe Geld auf diese außergewöhnliche Weise schickt?“

„Das Geld wird Ihnen geschickt, weil Sie es brauchen“, erwiderte der andere; „und es ist ein Geschenk ohne jegliche Bedingungen. Sie müssen mir eine Quittung nur geben, um den Absender zufrieden zu stellen, dass es in Ihre Hände gelangt ist. Das Geld wird nie wieder von Ihnen verlangt werden.“

Blake bemerkte zwei Dinge aus dieser Antwort: erstens, dass der Mann nicht dazu zu bringen war, das Geschlecht des Wohlwollers zu verraten; und zweitens, dass er es eilig hatte, die Transaktion abzuschließen. Denn er lieferte nun Gründe, attraktive Gründe, warum er das Geld annehmen und die Quittung ausstellen sollte.

Plötzlich schoss ihm durch den Kopf, dass, wenn er das Geld annahm und die Quittung vor einem Zeugen ausstellte, nichts allzu Katastrophales aus der Angelegenheit entstehen konnte. Es würde ihn vor Erpressung schützen, falls dies doch ein Komplott irgendeiner Art mit Erpressung darin war; während, wenn der Mann ein Verrückter oder ein Krimineller war, der einen Teil seiner unrechtmäßig erworbenen Gewinne loswurde, um den Verdacht abzulenken, oder wenn irgendeine andere unwahrscheinliche Erklärung sich als die wahre herausstellte, kein großer Schaden angerichtet war und er das Geld behalten konnte, bis es beansprucht oder in den Zeitungen danach gesucht wurde. Sein Geist ging diese Möglichkeiten schnell durch, obwohl er natürlich unter dem Druck der Aufregung nicht in der Lage war, irgendeine davon richtig abzuwägen; dann wandte er sich wieder an seinen seltsamen Besucher und sagte leise:

„Ich werde das Geld annehmen, obwohl ich sagen muss, dass es mir wie eine sehr ungewöhnliche Transaktion erscheint, und ich werde Ihnen dafür eine Quittung ausstellen, wie ich sie unter den Umständen für angemessen halte.“

„Eine ordnungsgemäße Quittung ist alles, was ich will“, war die Antwort.

„Ich meine damit eine Quittung vor einem ordnungsgemäßen Zeugen –“

„Vollkommen zufriedenstellend“, unterbrach ihn der Mann, seine Augen immer noch auf dem Teppich. „Nur muss sie datiert sein und mit Ihrer hiesigen Adresse in der korrekten Weise versehen sein.“

Blake sah keinen möglichen Einwand dagegen und schickte sich sogleich an, seinen Zeugen herbeizuholen. Die Person, die ihm vorschwebte, war ein gewisser Mr. Barclay, der das Zimmer über seinem eigenen bewohnte; ein alter Herr, der sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatte und von dem die Wirtin stets behauptete, er sei ein Geizhals und bewahre große Summen in seinem Zimmer auf. Er war jedenfalls ein vollkommen respektabler Mann und würde einen bewundernswerten Zeugen für eine Transaktion dieser Art abgeben. Blake entschuldigte sich und stand auf, um ihn zu holen; er überquerte das Zimmer vor dem Sofa, auf dem der Mann saß, um die Tür zu erreichen. Während er dies tat, sah er zum ersten Mal die andere Seite des Gesichts seines Besuchers, jene Seite, die ihm gegenüber so sorgfältig abgewandt worden war.

Über die Haut zog sich ein breiter Blutfleck vom Ohr bis zum Hals. Er glänzte im Gaslicht.

Blake wusste nie, wie es ihm gelang, den Schrei zu ersticken, der ihm auf die Lippen drang, doch er erstickte ihn. In einer Sekunde war er an der Tür, seine Knie zitterten, sein Geist befand sich in einer plötzlichen und schrecklichen Aufruhr.

Sein Hauptziel war, soweit er sich später erinnern konnte, aus dem Zimmer zu entkommen, als hätte er nichts bemerkt, um nicht den Verdacht des anderen zu erregen. Die Augen des Mannes waren ständig auf den Teppich gerichtet, und Blake hoffte, dass er die Bestürzung, die ihm deutlich ins Gesicht geschrieben stehen musste, wahrscheinlich nicht bemerkt hatte. Jedenfalls hatte er keinen Laut von sich gegeben.

In der nächsten Sekunde wäre er im Flur gewesen, als er plötzlich auf ein Paar böse, starrende Augen traf, die fest und mit einem listigen Lächeln auf den seinen ruhten. Es war das Gesicht des anderen im Spiegel, das ruhig jede seiner Bewegungen beobachtete.

Augenblicklich verflogen all seine Überlegungen, und er dachte nur noch an die Notwendigkeit, sofort Hilfe zu holen. Er raste die Treppe hinauf, das Herz in der Kehle. Barclay musste ihm zu Hilfe kommen. Diese Angelegenheit war ernst – vielleicht schrecklich ernst. Das Geld anzunehmen, eine Quittung auszustellen oder überhaupt irgendetwas damit zu tun, war unmöglich geworden. Hier geschah ein Verbrechen. Er fühlte sich dessen sicher.

Mit drei Sätzen erreichte er den nächsten Treppenabsatz und begann, gegen die Tür des alten Geizhalses zu hämmern, als hinge sein Leben davon ab. Lange Zeit erhielt er keine Antwort. Seine Fäuste schienen keinen Lärm zu machen. Er hätte ebenso gut gegen Watte klopfen können, und der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass dies alles nur wie der Schrecken eines Albtraums sei.

Barclay war offensichtlich noch aus oder aber in festem Schlaf. Doch der andere konnte einfach keine Minute länger in der Ungewissheit verharren. Er drückte die Klinke nieder und betrat das Zimmer. Zuerst sah er vor Dunkelheit nichts und war sich sicher, der Eigentümer sei fort; doch in dem Moment, als das Licht aus dem Flur die Finsternis ein wenig vertrieb, sah er zu seiner großen Erleichterung den alten Mann auf dem Bett schlafen.

Blake öffnete die Tür so weit wie möglich, um mehr Licht hereinzulassen, und ging dann schnell auf das Bett zu. Er sah die Gestalt nun deutlicher und bemerkte, dass sie angekleidet war und nur oben auf dem Bett lag. Es fiel ihm auch auf, dass er in einer sehr seltsamen, fast unnatürlichen Position schlief.

Etwas schnürte ihm das Herz zusammen, als er genauer hinsah. Er stolperte über einen Stuhl und fand die Streichhölzer. Während er die ganze Zeit nach Barclay rief, er solle aufwachen und mit ihm nach unten kommen, tappte er mit einem schrecklichen Gedanken im Kopf durch das Zimmer und zündete das Gas über dem Tisch an. Es erschien ihm seltsam, dass es keine Bewegung oder Antwort auf sein Rufen gab. Doch es erschien ihm nicht mehr seltsam, als er sich schließlich im vollen Schein des Gaslichts umdrehte und den alten Mann sah, wie er zusammengesunken zu einem grauenhaften Haufen auf dem Bett lag, die Kehle von einem Ohr zum anderen durchschnitten.

Und auf dem ganzen Teppich lagen neue Dollarscheine, knackig und sauber wie jene, die er unten gelassen hatte, verstreut in kleinen Häufchen.

Einen Moment lang stand Blake stocksteif da, unfähig, sich zu bewegen. Dann kehrte sein Mut zurück, und er floh aus dem Zimmer und stürmte die Treppe hinunter, jeweils fünf Stufen auf einmal nehmend. Er erreichte das Erdgeschoss und rannte den Flur entlang zu seinem Zimmer, entschlossen, den Mann auf jeden Fall zu ergreifen und seine Flucht zu verhindern, bis Hilfe käme.

Doch als er das Ende des kleinen Treppenabsatzes erreichte, stellte er fest, dass seine Tür geschlossen worden war. Er ergriff die Klinke und nestelte in seiner Heftigkeit daran. Sie fühlte sich schlüpfrig an und drehte sich ständig unter seinen Fingern, ohne die Tür zu öffnen, und gut eine halbe Minute verging, bis sie nachgab und ihn kopfüber hineinließ.

Beim ersten Blick sah er, dass das Zimmer leer war und der Mann verschwunden!

Auf dem Teppich verstreut lagen einige der Scheine, und daneben, halb unter dem Sofa versteckt, wo der Mann gesessen hatte, sah er ein Paar Handschuhe – dicke Lederhandschuhe – und ein Fleischermesser. Selbst aus der Entfernung, in der er stand, waren die Blutflecken auf beidem leicht zu erkennen.

Benommen und verwirrt von den schrecklichen Entdeckungen der letzten Minuten stand Blake in der Mitte des Zimmers, überwältigt und unfähig zu denken oder sich zu bewegen. Unbewusst musste er sich in einer natürlichen Geste der Ratlosigkeit mit der Hand über die Stirn gefahren sein, denn er bemerkte, dass die Haut sich feucht und klebrig anfühlte. Seine Hand war mit Blut bedeckt! Und als er voller Schrecken zum Spiegel eilte, sah er einen breiten roten Schmierfleck über sein Gesicht und seine Stirn verlaufen. Dann erinnerte er sich an die schlüpfrige Türklinke und wusste, dass sie sorgfältig befeuchtet worden war!

In einem Augenblick wurde ihm die ganze Verschwörung sonnenklar, und er war so gebannt vor Entsetzen, dass ihn eine Art Betäubung überkam und er beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Er befand sich in einem Zustand völliger Hilflosigkeit, und wäre in diesem Augenblick jemand in das Zimmer gekommen und hätte ihn beim Namen gerufen, wäre er einfach wie ein Sack zu Boden gesunken.

„Wenn die Polizei jetzt käme!“ Der Gedanke zuckte wie ein Blitz durch sein Gehirn, und im selben Moment, noch bevor er auch nur ein Viertel der Bedeutung erfassen konnte, ertönte ein lautes Klopfen an der Haustür unten. Die Glocke schrillte mit schrecklichem Getöse; Männerstimmen waren erregt zu hören, und bald darauf begannen schwere Schritte die Treppe hinauf in Richtung seines Zimmers zu kommen.

Es war die Polizei!

Und alles, was Blake tun konnte, war, töricht vor sich hinzulachen – und zu warten, bis sie über ihn herfielen. Er konnte sich weder bewegen noch sprechen. Er stand dem Beweis seines abscheulichen Verbrechens gegenüber, Hände und Gesicht mit dem Blut seines Opfers beschmiert, und genau so stand er da, als die Polizei die Tür aufbrach und lärmend in das Zimmer stürmte.

„Hier ist er!“, rief eine Stimme, die er kannte. „Hinterzimmer im dritten Stock! Und der Kerl auf frischer Tat ertappt!“

Es war der Mann mit der Tasche, der die beiden Polizisten hereinführte.

Kaum wissend, was er tat, in der schrecklichen Anspannung widerstreitender Gefühle, machte er einen Schritt vorwärts. Doch bevor er einen zweiten machen konnte, spürte er die schwere Hand des Gesetzes, die sich auf beide Schultern zugleich legte, als die beiden Polizisten vortraten, um ihn zu ergreifen. Im selben Moment schrie eine Donnerstimme in sein Ohr:

„Wach auf, Mann! Wach auf! Hier ist das Abendessen, und gute Nachrichten dazu!“

Blake fuhr in seinem Stuhl zusammen und sah den Dänen, das Gesicht sehr rot, neben sich stehen, eine Hand auf jeder Schulter, und etwas weiter hinten sah er den Franzosen, der ihn glücklich über das Fußende des Bettes hinweg angrinste, eine Flasche Bier in der einen und ein Papierpaket in der anderen Hand.

Er rieb sich die Augen, blickte von einem zum anderen und stand dann schläfrig auf, um die Drahtvorrichtung am Gasbrenner zu befestigen, damit das Wasser zum Kochen der Eier aufgesetzt werden konnte, die der Franzose jeden Augenblick auf den Boden fallen zu lassen drohte.

DIE SELTSAMEN ABENTEUER EINES PRIVATSEKRETÄRS IN NEW YORK

I

Es war mir nie ganz klar, wie Jim Shorthouse es geschafft hatte, an seine Stelle als Privatsekretär zu gelangen; aber als er sie erst einmal hatte, behielt er sie, führte einige Jahre lang ein beständiges Leben und legte Geld auf dem Sparkonto zurück.

Eines Morgens rief ihn sein Arbeitgeber in sein Arbeitszimmer, und für die geschulten Sinne des Sekretärs war es offensichtlich, dass etwas Ungewöhnliches in der Luft lag.

„Mr. Shorthouse“, begann er etwas nervös, „ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit zu beobachten, ob Sie im Besitz von persönlichem Mut sind oder nicht.“

Shorthouse schnappte nach Luft, sagte aber nichts. Er gewöhnte sich langsam an die Exzentrizitäten seines Chefs. Shorthouse war ein Mann aus Kent; Sidebotham war in Chicago „aufgewachsen“; New York war der derzeitige Wohnsitz.

„Aber“, fuhr der andere fort und zog an seiner sehr schwarzen Zigarre, „ich müsste mich in Zukunft für einen schlechten Menschenkenner halten, wenn dies nicht eine Ihrer stärksten Eigenschaften wäre.“

Der Privatsekretär machte eine törichte kleine Verbeugung in bescheidener Anerkennung eines so ungewissen Kompliments. Mr. Jonas B. Sidebotham beobachtete ihn genau, wie die Romanautoren sagen, bevor er seine Bemerkungen fortsetzte.

„Ich habe keinen Zweifel, dass Sie ein tapferer Kerl sind und –“ Er zögerte und zog an seiner Zigarre, als hinge sein Leben davon ab, dass sie anblieb.

„Ich glaube nicht, dass ich vor irgendetwas Bestimmtem Angst habe, Sir – außer vor Frauen“, warf der junge Mann ein, da er das Gefühl hatte, es sei an der Zeit, eine Bemerkung irgendeiner Art zu machen, aber immer noch völlig im Dunkeln darüber, was sein Chef beabsichtigte.

„Humph!“, brummte er. „Nun, in diesem Fall gibt es keine Frauen, soweit ich weiß. Aber es mag andere Dinge geben, die – die mehr wehtun.“

„Braucht offenbar einen speziellen Dienst irgendeiner Art“, war die Überlegung des Sekretärs. „Persönliche Gewalt?“, fragte er laut.

„Möglicherweise (Zug), tatsächlich (Zug, Zug) wahrscheinlich.“

Shorthouse roch eine Gehaltserhöhung in der Luft. Das hatte eine stimulierende Wirkung.

„Ich habe einige Erfahrungen mit diesem Artikel gemacht, Sir“, sagte er kurz; „aber ich bin bereit, alles Vernünftige zu unternehmen.“

„Ich kann nicht sagen, wie viel Vernunft oder Unvernunft sich in diesem speziellen Fall erweisen mag. Es hängt ganz davon ab.“

Mr. Sidebotham stand auf, schloss die Tür seines Arbeitszimmers ab und ließ die Jalousien beider Fenster herunter. Dann nahm er einen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete eine schwarze Blechkiste. Er wühlte einige Sekunden lang zwischen blauen und weißen Papieren und hüllte sich dabei in eine Wolke aus blauem Tabakrauch.

„Ich komme mir schon wie ein Detektiv vor“, lachte Shorthouse.

„Bitte leise sprechen“, erwiderte der andere und blickte sich im Zimmer um. „Wir müssen äußerste Geheimhaltung wahren. Vielleicht wären Sie so freundlich, die Register zu schließen“, fuhr er in noch leiserer Stimme fort. „Offene Register haben schon so manches Gespräch verraten.“

Shorthouse begann, sich in den Geist der Sache hineinzufinden. Er schlich auf Zehenspitzen über den Boden und schloss die beiden eisernen Gitter in der Wand, die in amerikanischen Häusern Warmluft liefern und als „Register“ bezeichnet werden. Mr. Sidebotham hatte unterdessen das Papier gefunden, das er suchte. Er hielt es vor sich und klopfte ein- oder zweimal mit dem Handrücken seiner rechten Hand darauf, als wäre es ein Brief auf der Bühne und er selbst der Bösewicht des Melodrams.

„Dies ist ein Brief von Joel Garvey, meinem alten Geschäftspartner“, sagte er schließlich. „Sie haben mich von ihm sprechen hören.“

Der andere verneigte sich. Er wusste, dass Garvey & Sidebotham viele Jahre zuvor in der Finanzwelt von Chicago wohlbekannt gewesen waren. Er wusste, dass die erstaunliche Schnelligkeit, mit der sie ein Vermögen angehäuft hatten, nur durch die erstaunliche Schnelligkeit übertroffen worden war, mit der sie gleich darauf im Nichts verschwunden waren. Er war sich ferner bewusst – seine Stellung bot Möglichkeiten dazu –, dass jeder Partner noch in gewissem Maße in der Gewalt des anderen war und dass sich jeder sehnlichst wünschte, der andere würde sterben.

Die Sünden der frühen Jahre seines Arbeitgebers gingen ihn jedoch nichts an. Der Mann war gütig und gerecht, wenn auch exzentrisch; und da Shorthouse in New York war, forschte er nicht nach, um genauer herauszufinden, aus welchen Quellen sein Gehalt so regelmäßig gezahlt wurde. Zudem hatten die beiden Männer einander ins Herz geschlossen, und es herrschte ein echtes Gefühl von Vertrauen und Respekt zwischen ihnen.

„Ich hoffe, es ist eine angenehme Mitteilung, Sir“, sagte er mit leiser Stimme.

„Ganz im Gegenteil“, erwiderte der andere und nestelte nervös an dem Papier, während er vor dem Kamin stand.

„Erpressung, nehme ich an.“

„Genau.“ Mr. Sidebothams Zigarre brannte nicht gut; er zündete ein Streichholz an, hielt es an den ungleichmäßigen Rand, und bald sprach seine Stimme durch Wolken aus windenden Rauchschwaden.

„Es befinden sich wertvolle Papiere in meinem Besitz, die seine Unterschrift tragen. Ich kann Sie nicht über ihre Art unterrichten; aber sie sind äußerst wertvoll *für mich*. Sie gehören, um die Wahrheit zu sagen, Garvey genauso wie mir. Nur habe ich sie –“

„Ich verstehe.“

„Garvey schreibt, dass er seine Unterschrift entfernen lassen will – er will sie mit eigener Hand ausschneiden. Er gibt Gründe an, die mich veranlassen, sein Ersuchen in Betracht zu ziehen –“

„Und Sie möchten, dass ich ihm die Papiere bringe und darauf achte, dass er es tut?“

„Und sie wieder mit mir zurückbringen“, flüsterte er und kniff die Augen zu einer verschlagenen Grimasse zusammen.

„Und sie wieder mit mir zurückbringen“, wiederholte der Sekretär. „Ich verstehe vollkommen.“

Shorthouse kannte aus unglücklicher Erfahrung mehr als nur ein wenig von den Schrecken der Erpressung. Der Druck, den Garvey auf seinen alten Feind ausübte, musste außerordentlich stark sein. Das war völlig klar. Gleichzeitig erschien ihm der Auftrag, der ihm anvertraut wurde, in seiner Art etwas quichotisch. Er hatte schon mehr als eine Erfahrung mit der Exzentrik seines Arbeitgebers „genossen“, und er ertappte sich nun bei der Frage, ob diese gleiche Exzentrik nicht manchmal – weiter ging als Exzentrik.

„Ich kann Ihnen den Brief nicht vorlesen“, erklärte Mr. Sidebotham, „aber ich werde ihn in Ihre Hände geben. Er wird beweisen, dass Sie mein – ähem – mein akkreditierter Vertreter sind. Ich werde Sie auch bitten, das Päckchen mit den Papieren nicht zu lesen. Die fragliche Unterschrift finden Sie natürlich auf der letzten Seite, ganz unten.“

Es folgte eine Pause von mehreren Minuten, während der das Ende der Zigarre beredt glühte.

„Umstände zwingen mich dazu“, fuhr er schließlich fast flüsternd fort, „sonst würde ich das niemals tun. Aber Sie verstehen natürlich, die Sache ist eine List. Das Ausschneiden der Unterschrift ist nur ein Vorwand. Es ist nichts. Was Garvey will, sind die Papiere selbst.“

Das in den Privatsekretär gesetzte Vertrauen war nicht unbegründet. Shorthouse war Mr. Sidebotham gegenüber so treu, wie ein Mann es gegenüber der Frau sein sollte, die ihn liebt.

Der Auftrag selbst schien sehr einfach. Garvey lebte in der Abgeschiedenheit eines entlegenen Teils von Long Island. Shorthouse sollte ihm die Papiere bringen, das Ausschneiden der Unterschrift bezeugen und besonders auf der Hut sein vor jedem Versuch, gewaltsam oder auf andere Weise in ihren Besitz zu gelangen. Es schien ihm ein etwas lächerliches Abenteuer, aber er kannte nicht alle Fakten und war vielleicht nicht der beste Richter.

Die beiden Männer sprachen noch eine Stunde lang mit leiser Stimme, woraufhin Mr. Sidebotham die Jalousien hochzog, die Register öffnete und die Tür aufschloss.

Shorthouse erhob sich, um zu gehen. Seine Taschen waren vollgestopft mit Papieren und sein Kopf mit Anweisungen; doch als er die Tür erreichte, zögerte er und drehte sich um.

„Nun?“, sagte sein Chef.

Shorthouse sah ihm direkt in die Augen und sagte nichts.

„Die persönliche Gewalt, nehme ich an?“, sagte der andere. Shorthouse verneigte sich.

„Ich habe Garvey seit zwanzig Jahren nicht gesehen“, sagte er; „alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, dass ich ihn für gelegentlich geistig unzurechnungsfähig halte. Ich habe seltsame Gerüchte gehört. Er lebt allein und studiert in seinen klaren Momenten Chemie. Das war schon immer ein Hobby von ihm. Aber die Chancen stehen zwanzig zu eins gegen einen Versuch seinerseits, Gewalt anzuwenden. Ich wollte Sie nur warnen – falls – ich meine, damit Sie auf der Hut sein können.“

Er reichte seinem Sekretär einen Smith & Wesson-Revolver, während er sprach. Shorthouse ließ ihn in seine Gesäßtasche gleiten und verließ das Zimmer.

* * * * *

Ein nieseliger, kalter Regen fiel auf die Felder, die mit halb geschmolzenem Schnee bedeckt waren, als Shorthouse spät am Nachmittag auf dem Bahnsteig des einsamen kleinen Bahnhofs auf Long Island stand und dem Zug zusah, den er gerade verlassen hatte, wie er in der Ferne verschwand.

Es war eine öde Gegend, die Joel Garvey, Esq., ehemals aus Chicago, für seinen Wohnsitz gewählt hatte, und an diesem speziellen Nachmittag bot sie einen ungewöhnlich trostlosen Anblick. Eine Weite aus flachen Feldern, bedeckt mit schmutzigem Schnee, erstreckte sich nach allen Seiten, bis der Himmel herabfiel, um sie zu treffen. Nur gelegentliche landwirtschaftliche Gebäude unterbrachen die Monotonie, und die Straße wand sich entlang schlammiger Pfade und unter triefenden Bäumen, die in den kalten, rohen Nebel gehüllt waren, der wie ein Leichentuch der Toten vom Meer herüberzog.

Es waren sechs Meilen vom Bahnhof bis zu Garveys Haus, und der Kutscher der klapprigen Kutsche, die Shorthouse am Bahnhof gefunden hatte, war nicht gesprächig. Zwischen der tristen Landschaft und dem noch tristeren Kutscher fiel er auf seine eigenen Gedanken zurück, die, wäre da nicht die Würze des versprochenen Abenteuers gewesen, noch trister gewesen wären als beides. Er nahm sich vor, bei der Transaktion keine Zeit zu verschwenden. In dem Moment, in dem die Unterschrift ausgeschnitten war, würde er zusammenpacken und verschwinden. Der letzte Zug zurück nach Brooklyn fuhr um 7:15 Uhr; und er würde die sechs Meilen durch Schlamm und Schnee zu Fuß gehen müssen, denn der Kutscher hatte sich rundweg geweigert, auf ihn zu warten.

Zu Zwecken der Sicherheit hatte Shorthouse das getan, was er sich schmeichelte, eine ziemlich kluge Sache zu sein. Er hatte ein zweites Päckchen mit Papieren angefertigt, das im äußeren Erscheinungsbild identisch mit dem ersten war. Die Aufschrift, der blaue Umschlag, das rote Gummiband und sogar ein Tintenfleck in der unteren linken Ecke waren exakt kopiert worden. Im Inneren befanden sich natürlich nur leere Papierbögen. Es war seine Absicht, die Päckchen zu vertauschen und Garvey sehen zu lassen, wie er das fingierte in die Tasche steckte. Im Falle von Gewalt wäre die Tasche der Angriffspunkt, und er beabsichtigte, sie abzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen. Bevor sie aufgebrochen und die Täuschung entdeckt werden konnte, wäre Zeit genug, seine Fluchtchancen mit dem echten Päckchen zu erhöhen.

Es war fünf Uhr, als der wortkarge Kutscher vor einem halb zerbrochenen Tor anhielt und mit der Peitsche auf ein Haus zeigte, das auf eigenem Grund und Boden zwischen Bäumen stand und gerade in der aufkommenden Dämmerung sichtbar war. Shorthouse wies ihn an, bis vor die Haustür zu fahren, doch der Mann weigerte sich.

„Ich geh’ kein Risiko ein“, sagte er; „ich hab’ eine Familie.“

Diese kryptische Bemerkung war nicht ermutigend, doch Shorthouse hielt nicht an, um sie zu entschlüsseln. Er bezahlte den Mann, drückte dann das klapprige alte Tor auf, das an einem einzigen Scharnier hing, und machte sich daran, die Auffahrt hinaufzugehen, die dunkel zwischen dicht stehenden Bäumen lag. Das Haus kam bald vollständig zum Vorschein. Es war hoch und quadratisch und war offensichtlich einmal weiß gewesen, doch nun waren die Wände mit schmutzigen Flecken bedeckt, und es gab breite gelbe Streifen, wo der Putz abgefallen war. Die Fenster starrten schwarz und kompromisslos in die Nacht. Der Garten war mit Unkraut und langem Gras überwuchert, das in hässlichen Flecken unter der Last des nassen Schnees emporstand. Vollkommene Stille herrschte über allem. Es gab kein Anzeichen von Leben. Nicht einmal ein Hund bellte. Nur in der Ferne waren die Räder der abfahrenden Kutsche zu hören, die immer leiser und leiser wurden.

Er stand in der Veranda, zwischen Säulen aus verrottetem Holz, und lauschte dem Regen, der vom Dach in die Pfützen aus matschigem Schnee tropfte; er war von einem Gefühl vollkommener Verlassenheit und Einsamkeit durchdrungen, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Der abweisende Anblick des Hauses hatte unmittelbar eine bedrückende Wirkung auf seine Stimmung. Es hätte gut und gerne der Wohnsitz von Monstern oder Dämonen aus einem Kindermärchen sein können, Kreaturen, die sich nur unter dem Schutz der Dunkelheit herauszuwagen wagten. Er tastete nach dem Türgriff oder einem Klopfer, und da er beides nicht fand, hob er seinen Stock und trommelte laut auf die Tür. Das Geräusch verhallte in einem leeren Raum auf der anderen Seite, und der Wind stöhnte zwischen den Säulen an ihm vorbei, als wäre er über seine Dreistigkeit erschrocken. Doch es war kein Geräusch herannahender Schritte zu vernehmen, und niemand kam, um die Tür zu öffnen. Er trommelte erneut, lauter und länger als beim ersten Mal; und nachdem er dies getan hatte, wartete er mit dem Rücken zum Haus und starrte über den verwahrlosten Garten in die schnell aufziehenden Schatten.

Dann wandte er sich plötzlich um und sah, dass die Tür einen Spalt offen stand. Sie war leise geöffnet worden, und ein Paar Augen spähte um die Kante herum zu ihm hinaus. Im Flur dahinter brannte kein Licht, und er konnte gerade noch die Umrisse eines undeutlichen menschlichen Gesichts ausmachen.

„Wohnt Mr. Garvey hier?“, fragte er mit fester Stimme.

„Wer sind Sie?“, erklang es in den Tönen eines Mannes.

„Ich bin der Privatsekretär von Mr. Sidebotham. Ich möchte Mr. Garvey in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.“

„Werden Sie erwartet?“

„Ich nehme es an“, sagte er ungeduldig und schob eine Visitenkarte durch den Spalt. „Bitte überbringen Sie ihm sofort meinen Namen und sagen Sie ihm, ich komme von Mr. Sidebotham wegen der Angelegenheit, über die Mr. Garvey geschrieben hat.“

Der Mann nahm die Karte, und das Gesicht verschwand in der Dunkelheit, womit er Shorthouse mit gemischten Gefühlen von Ungeduld und Bestürzung in der kalten Veranda zurückließ. Die Tür, so bemerkte er nun zum ersten Mal, war mit einer Kette gesichert und ließ sich nicht weiter als ein paar Zentimeter öffnen. Doch es war die Art seines Empfangs, die beunruhigende Überlegungen in ihm weckte – Überlegungen, die einige Minuten andauerten, bevor sie durch das Geräusch herannahender Schritte und das Aufflackern eines Lichts im Flur unterbrochen wurden.

Im nächsten Augenblick fiel die Kette mit einem Rasseln herab, und seine Tasche fest umklammernd, trat er in einen großen, übel riechenden Flur, von dem er gerade eben die Decke sehen konnte. Es gab kein Licht außer dem flackernden Lichtstumpf, den der Mann hielt, und in dessen unsicherem Schimmer drehte sich Shorthouse um, um ihn zu mustern. Er sah einen untersetzten Mann mittleren Alters mit brillanten, unsteten Augen, einem lockigen schwarzen Bart und einer Nase, die ihn sofort als Juden auswies. Seine Schultern waren gebeugt, und während er beobachtete, wie er die Kette wieder einhängte, sah er, dass er ein eigentümliches schwarzes Gewand wie die Soutane eines Priesters trug, das bis zu den Füßen reichte. Es war eine rundum traurige Gestalt, unheimlich und todernst, doch sie schien in vollkommener Harmonie mit dem allgemeinen Charakter der Umgebung zu stehen. Der Flur war völlig ohne Möbel, und an den schmutzigen Wänden standen Reihen alter Bilderrahmen, leer und durcheinander, sowie seltsam aussehende Holzstücke, die doppelt fantastisch wirkten, als ihre Schatten im wechselnden Licht bizarr über den Boden tanzten.

„Wenn Sie mir folgen, wird Mr. Garvey Sie gleich empfangen“, sagte der Jude barsch, überquerte den Boden und schützte den Lichtstumpf mit einer knochigen Hand. Er hob seine Augen kein einziges Mal über die Höhe der Weste seines Besuchers, und auf Shorthouse wirkte er irgendwie eher wie eine Gestalt aus dem Reich der Toten als wie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Der Flur roch ausgesprochen schlecht.

Umso überraschender war dann die Szenerie, die sich seinen Augen bot, als der Jude die Tür am anderen Ende öffnete und er einen Raum betrat, der hell von schwingenden Lampen erleuchtet und mit einem Grad an Geschmack und Komfort eingerichtet war, der an Luxus grenzte. Die Wände waren mit prächtig gebundenen Büchern ausgekleidet, und um einen großen Mahagonischreibtisch in der Mitte des Zimmers waren Lehnstühle angeordnet. Ein helles Feuer brannte im Kamin, und sauber gerahmte Fotografien von Männern und Frauen standen auf dem Kaminsims beiderseits einer kunstvoll geschnitzten Uhr. Französische Fenstertüren waren teilweise von warmen roten Vorhängen verdeckt, und auf einer Anrichte an der Wand standen Karaffen und Gläser, mit mehreren übereinander gestapelten Zigarrenschachteln. Ein angenehmer Tabakgeruch lag im Raum. Tatsächlich stand dies in solch leuchtendem Kontrast zur frostigen Armut des Flurs, dass Shorthouse bereits einen deutlichen Anstieg des Thermometers seiner Stimmung verspürte.

Dann wandte er sich um und sah den Jude im Türrahmen stehen, die Augen starr auf ihn gerichtet, irgendwo auf den mittleren Knopf seiner Weste. Er bot einen seltsam abstoßenden Anblick, der sich irgendwie keinem bestimmten Detail zuschreiben ließ, und der Sekretär assoziierte ihn in seinem Geist mehr als alles andere mit einem monströsen schwarzen Raubvogel.

„Meine Zeit ist knapp“, sagte er abrupt; „ich hoffe, Mr. Garvey wird mich nicht warten lassen.“

Ein seltsames Flackern eines Lächelns erschien auf dem hässlichen Gesicht des Juden und verschwand so schnell, wie es gekommen war. Zur Antwort verneigte er sich auf eine Art und Weise, die eine Entschuldigung implizierte. Dann blies er den Lichtstumpf aus und ging hinaus, wobei er die Tür geräuschlos hinter sich schloss.

Shorthouse war allein. Er fühlte sich erleichtert. Von dem alten Juden ging eine Atmosphäre unterwürfiger Unverschämtheit aus, die sehr beleidigend war. Er begann, seine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Er befand sich offensichtlich in der Bibliothek des Hauses, denn die Wände waren fast bis zur Decke mit Büchern bedeckt. Für Bilder war kein Platz. Nichts als die glänzenden Rücken gut gebundener Bände blickten auf ihn herab. Vier strahlende Lampen hingen von der Decke, und eine Leselampe mit poliertem Reflektor stand inmitten der ungeordneten Papierhaufen auf dem Schreibtisch.

Die Lampe war nicht angezündet, aber als Shorthouse seine Hand darauf legte, stellte er fest, dass sie warm war. Der Raum war offensichtlich gerade erst verlassen worden.

Abgesehen von dem Zeugnis der Lampe hatte er jedoch bereits gespürt, ohne einen Grund dafür nennen zu können, dass der Raum belegt gewesen war, wenige Augenblicke bevor er eintrat. Die Atmosphäre über dem Schreibtisch schien den beunruhigenden Einfluss eines menschlichen Wesens zu bewahren; einen Einfluss zudem, der so frisch war, dass er das Gefühl hatte, als befände sich die Ursache dafür noch in seiner unmittelbaren Nähe. Es war schwer zu begreifen, dass er ganz allein im Zimmer war und sich niemand versteckt hielt. Die feineren Gegenstücke seiner Sinne warnten ihn, so zu handeln, als würde er beobachtet; er war sich dunkel eines Verlangens bewusst, sich unruhig zu bewegen und sich umzusehen, seine Augen gleichzeitig an jedem Punkt des Raumes zu haben und sich generell so zu verhalten, als wäre er das Objekt genauer menschlicher Beobachtung.

Wie weit er die Ursache dieser Empfindungen erkannte, lässt sich nicht sagen; aber sie waren ausgeprägt genug, um ihn davon abzuhalten, einen starken Drang auszuführen, aufzustehen und den Raum zu durchsuchen. Er saß ganz still, starrte abwechselnd auf die Buchrücken und die roten Vorhänge und fragte sich die ganze Zeit, ob er wirklich beobachtet wurde oder ob nur seine Fantasie ihm einen Streich spielte.

Eine volle Viertelstunde verging, und dann schoben sich plötzlich zwanzig Reihen von Bänden auf ihn zu, und er sah, dass sich eine Tür in der gegenüberliegenden Wand geöffnet hatte. Die Bücher waren letztendlich nur Scheinrücken, und als sie sich mit der Schiebetür wieder zurückbewegten, sah Shorthouse die Gestalt von Joel Garvey vor sich stehen.

Überraschung raubte ihm fast den Atem. Er hatte eine unangenehme, ja gar bösartige Erscheinung mit dem unverkennbaren Mal des Tieres im Gesicht erwartet; aber er war völlig unvorbereitet auf den älteren, großen, gut aussehenden Mann, der vor ihm stand – gepflegt, kultiviert, vital, mit hoher Stirn, klaren grauen Augen und einer Hakennase, die einen glatt rasierten Mund und ein Kinn von beachtlichem Charakter beherrschte – alles in allem ein distinguierter Mann.

„Ich fürchte, ich habe Sie warten lassen, Mr. Shorthouse“, sagte er mit angenehmer Stimme, aber ohne eine Spur eines Lächelns auf den Lippen oder in den Augen. „Aber die Tatsache ist, wissen Sie, ich habe eine Manie für Chemie, und gerade als Sie angekündigt wurden, war ich am kritischsten Punkt eines Problems und war wirklich gezwungen, es zu einem Abschluss zu bringen.“

Shorthouse war aufgestanden, um ihn zu begrüßen, aber der andere bedeutete ihm, seinen Platz wieder einzunehmen. Es drängte sich ihm unwiderstehlich auf, dass Mr. Joel Garvey aus Gründen, die er selbst am besten kannte, vorsätzlich log, und er konnte nicht umhin, sich über die Notwendigkeit einer derart ausgefeilten Falschdarstellung zu wundern. Er legte seinen Mantel ab und setzte sich.

„Ich habe auch keinen Zweifel, dass die Tür Sie erschreckt hat“, fuhr Garvey fort, der sichtlich etwas von den Gefühlen seines Gastes in dessen Gesicht las. „Sie hatten sie wahrscheinlich nicht vermutet. Sie führt in mein kleines Labor. Chemie ist ein fesselndes Studium für mich, und ich verbringe die meiste Zeit dort.“ Mr. Garvey ging zu dem Lehnstuhl auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins und setzte sich.

Shorthouse gab angemessene Antworten auf diese Bemerkungen, doch sein Geist war eigentlich damit beschäftigt, Mr. Sidebothams ehemaligen Partner einzuschätzen. Bisher gab es kein Anzeichen für geistige Unregelmäßigkeiten, und es gab sicherlich nichts an ihm, das auf gewalttätiges Fehlverhalten oder grobe Lebensführung hindeutete. Im Großen und Ganzen war Mr. Sidebothams Sekretär höchst angenehm überrascht, und in dem Wunsch, sein Geschäft so schnell wie möglich abzuschließen, machte er eine Bewegung in Richtung der Tasche, um sie zu öffnen, als sein Begleiter ihn hastig unterbrach –

„Sie sind der Privatsekretär von Mr. Sidebotham, nicht wahr?“, fragte er.

Shorthouse bestätigte dies. „Mr. Sidebotham“, fuhr er erklärend fort, „hat mir die Papiere in diesem Fall anvertraut, und ich habe die Ehre, Ihnen Ihren Brief von vor einer Woche zurückzugeben.“ Er reichte Garvey den Brief, der ihn wortlos entgegennahm und ihn absichtlich ins Feuer legte. Er wusste nicht, dass der Sekretär den Inhalt nicht kannte, doch sein Gesicht verriet keine Anzeichen von Gefühlsregung. Shorthouse bemerkte jedoch, dass seine Augen das Feuer nicht verließen, bis der letzte Rest verzehrt war. Dann blickte er auf und sagte: „Sie sind also mit den Fakten dieses höchst eigentümlichen Falls vertraut?“

Shorthouse sah keinen Grund, seine Unkenntnis einzugestehen.

„Ich habe alle Unterlagen, Mr. Garvey“, erwiderte er und nahm sie aus der Tasche, „und ich wäre sehr froh, wenn wir unser Geschäft so schnell wie möglich abwickeln könnten. Wenn Sie Ihre Unterschrift herausschneiden, werde ich –“

„Einen Moment bitte“, unterbrach ihn der andere. „Ich muss, bevor wir weiter fortfahren, einige Papiere in meinem Labor zu Rate ziehen. Wenn Sie mir erlauben, Sie für ein paar Minuten zu diesem Zweck allein zu lassen, können wir die ganze Angelegenheit in sehr kurzer Zeit zum Abschluss bringen.“

Shorthouse war mit dieser weiteren Verzögerung nicht einverstanden, hatte aber keine andere Wahl, als zuzustimmen, und als Garvey den Raum durch die private Tür verlassen hatte, saß er da und wartete mit den Papieren in der Hand. Die Minuten vergingen, und der andere kehrte nicht zurück. Um sich die Zeit zu vertreiben, dachte er daran, das falsche Päckchen aus seinem Mantel zu nehmen, um zu sehen, ob die Papiere in Ordnung waren, und die Bewegung war tatsächlich fast vollendet, als etwas – er wusste nie was – ihn warnte, davon abzusehen. Das Gefühl kam wieder über ihn, dass er beobachtet wurde, und er lehnte sich mit der Tasche auf den Knien in seinem Stuhl zurück und wartete mit erheblicher Ungeduld auf die Rückkehr des anderen. Mehr als zwanzig Minuten wartete er, und als sich schließlich die Tür öffnete und Garvey mit überschwänglichen Entschuldigungen für die Verzögerung erschien, sah er auf der Uhr, dass nur noch wenige Minuten von der Zeit blieben, die er sich selbst zugestanden hatte, um den letzten Zug zu erreichen.

„Jetzt stehe ich Ihnen vollkommen zur Verfügung“, sagte er freundlich; „Sie müssen natürlich wissen, Mr. Shorthouse, dass man in Angelegenheiten dieser Art nicht vorsichtig genug sein kann – besonders“, fuhr er fort und sprach sehr langsam und eindrucksvoll, „im Umgang mit einem Mann wie meinem früheren Partner, dessen Geist, wie Sie zweifellos entdeckt haben mögen, zeitweise sehr traurig in Mitleidenschaft gezogen ist.“

Shorthouse erwiderte nichts darauf. Er hatte das Gefühl, dass der andere ihn beobachtete wie eine Katze eine Maus.

„Es ist mir fast ein Wunder“, fügte Garvey hinzu, „dass er immer noch auf freiem Fuß ist. Es sei denn, er hat sich sehr gebessert, kann es für diejenigen, die eng mit ihm verbunden sind, kaum sicher sein.“

Der andere begann sich unwohl zu fühlen. Entweder war dies die andere Seite der Geschichte, oder es waren die ersten Anzeichen von geistiger Unzurechnungsfähigkeit.

„Alle geschäftlichen Angelegenheiten von Bedeutung erfordern meiner Meinung nach äußerste Sorgfalt, Mr. Garvey“, sagte er schließlich vorsichtig.

„Ah! Dann haben Sie also, wie ich dachte, viel von ihm zu erdulden gehabt“, sagte Garvey mit fest auf das Gesicht seines Begleiters gerichteten Augen. „Und zweifellos ist er immer noch so verbittert gegen mich wie vor Jahren, als sich die Krankheit zum ersten Mal zeigte?“

Obwohl diese letzte Bemerkung eine bewusste Frage war und der Fragende mit starren Augen auf eine Antwort wartete, beschloss Shorthouse, sie zu ignorieren. Ohne ein Wort zu sagen, zog er das Gummiband mit einem Schnalzen von dem blauen Umschlag und zeigte deutlich seinen Wunsch, das Geschäft so schnell wie möglich zu beenden. Die Tendenz des anderen zur Verzögerung passte ihm ganz und gar nicht.

„Aber niemals persönliche Gewalt, hoffe ich, Mr. Shorthouse“, fügte er hinzu.

„Niemals.“

„Das freut mich zu hören“, sagte Garvey mit mitfühlender Stimme, „sehr freut mich das. Und nun“, fuhr er fort, „wenn Sie bereit sind, können wir diese kleine geschäftliche Angelegenheit vor dem Abendessen erledigen. Es dauert nur einen Augenblick.“

Er zog einen Stuhl an den Schreibtisch und setzte sich, wobei er eine Schere aus einer Schublade nahm. Sein Begleiter näherte sich mit den Papieren in der Hand und faltete sie auf, während er heranging. Garvey nahm sie ihm sofort ab, und nachdem er ein paar Seiten umgeblättert hatte, hielt er inne und schnitt ein Stück Schrift am unteren Ende des vorletzten Blattes heraus.

Er hielt es ihm entgegen, und Shorthouse las die Worte „Joel Garvey“ in verblasster Tinte.

„Da! Das ist meine Unterschrift“, sagte er, „und ich habe sie herausgeschnitten. Es muss fast zwanzig Jahre her sein, seit ich sie geschrieben habe, und jetzt werde ich sie verbrennen.“

Er ging zum Feuer und bückte sich, um den kleinen Zettel zu verbrennen, und während er zusah, wie er verzehrt wurde, steckte Shorthouse die echten Papiere in seine Tasche und schob die nachgemachten in die Tasche. Garvey drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um diese letzte Bewegung zu sehen.

„Ich lege die Papiere zurück“, sagte Shorthouse ruhig; „Sie sind damit fertig, denke ich.“

„Gewiss“, antwortete er, als er, völlig getäuscht, sah, wie der blaue Umschlag in der schwarzen Tasche verschwand und zusah, wie Shorthouse den Schlüssel drehte. „Sie haben für mich nicht mehr das geringste Interesse.“ Während er sprach, ging er zur Anrichte hinüber, goss sich ein kleines Glas Whisky ein und fragte seinen Besucher, ob er dasselbe für ihn tun dürfe. Doch der Besucher lehnte ab und war bereits dabei, seinen Mantel anzuziehen, als sich Garvey mit echter Überraschung im Gesicht umdrehte.

„Sie wollen doch sicher nicht heute Abend zurück nach New York fahren, Mr. Shorthouse?“, sagte er mit erstaunter Stimme.

„Ich habe gerade noch Zeit, den 7.15-Uhr-Zug zu erwischen, wenn ich mich beeile.“

„Aber so etwas habe ich noch nie gehört“, sagte Garvey. „Natürlich nahm ich als selbstverständlich an, dass Sie über Nacht bleiben würden.“

„Es ist freundlich von Ihnen“, sagte Shorthouse, „aber ich muss wirklich heute Nacht zurück. Ich hatte nie erwartet, zu bleiben.“

Die beiden Männer standen sich gegenüber. Garvey zog seine Uhr heraus.

„Das tut mir außerordentlich leid“, sagte er; „aber beim Wort genommen, ich ging davon aus, dass Sie bleiben würden. Ich hätte das schon vor langer Zeit sagen sollen. Ich bin ein so einsamer Kerl und so wenig an Besucher gewöhnt, dass ich fürchte, ich habe meine Manieren völlig vergessen. Aber wie dem auch sei, Mr. Shorthouse, Sie können den 7.15-Uhr-Zug nicht mehr erreichen, denn es ist bereits nach sechs Uhr, und das ist der letzte Zug heute Abend.“ Garvey sprach sehr schnell, fast eifrig, aber seine Stimme klang aufrichtig.

„Es ist noch Zeit, wenn ich schnell gehe“, sagte der junge Mann entschlossen und bewegte sich auf die Tür zu. Er warf einen Blick auf seine Uhr, während er ging. Bisher hatte er sich nach der Uhr auf dem Kaminsims gerichtet. Zu seinem Entsetzen sah er, dass es, wie sein Gastgeber gesagt hatte, weit nach sechs war. Die Uhr ging eine halbe Stunde nach, und er erkannte sofort, dass es nicht mehr möglich war, den Zug zu erreichen.

Waren die Zeiger der Uhr absichtlich zurückgestellt worden? War er absichtlich aufgehalten worden? Unangenehme Gedanken schossen ihm durch den Kopf und ließen ihn zögern, bevor er den nächsten Schritt tat. Die Warnung seines Arbeitgebers hallte in seinen Ohren wider. Die Alternative war ein sechs Meilen langer Weg auf einer einsamen Straße im Dunkeln oder eine Nacht unter Garveys Dach. Ersteres schien eine direkte Einladung zur Katastrophe zu sein, falls eine Katastrophe geplant war. Letzteres – nun, die Wahl war sicherlich gering. Eine Sache jedoch, so erkannte er, war klar – er durfte weder Angst noch Zögern zeigen.

„Meine Uhr muss vorgegangen sein“, bemerkte er ruhig und drehte die Zeiger zurück, ohne aufzublicken. „Es scheint, dass ich diesen Zug tatsächlich verpasst habe und gezwungen sein werde, Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Aber glauben Sie mir, ich hatte nicht die Absicht, Sie derart in Anspruch zu nehmen.“

„Ich bin entzückt“, sagte der andere. „Beugen Sie sich dem Urteil eines älteren Mannes und machen Sie es sich für die Nacht bequem. Draußen tobt ein bitterer Sturm, und Sie machen mir überhaupt keine Umstände. Im Gegenteil, es ist eine große Freude. Ich habe so wenig Kontakt mit der Außenwelt, dass es wirklich ein Gottesgeschenk ist, Sie hier zu haben.“

Das Gesicht des Mannes veränderte sich, während er sprach. Sein Auftreten war herzlich und aufrichtig. Shorthouse begann sich seiner Zweifel zu schämen und zwischen den Zeilen der Warnung seines Arbeitgebers zu lesen. Er zog seinen Mantel aus, und die beiden Männer gingen zu den Lehnstühlen neben dem Kamin.

„Sehen Sie“, fuhr Garvey mit gesenkter Stimme fort, „ich verstehe Ihr Zögern vollkommen. Ich kannte Sidebotham nicht all diese Jahre, ohne eine ganze Menge über ihn zu wissen – vielleicht mehr als Sie. Ich habe keinen Zweifel, dass er Ihren Verstand mit allerlei Unsinn über mich gefüllt hat – wahrscheinlich hat er Ihnen erzählt, ich sei der größte Schurke, der je frei herumlief, was? und all so etwas? Armer Kerl! Er war ein feiner Kerl, bevor sein Verstand aus den Fugen geriet. Eine seiner Marotten war es früher, dass alle anderen wahnsinnig seien oder kurz davor stünden, wahnsinnig zu werden. Ist er immer noch so schlimm?“

„Wenige Männer“, antwortete Shorthouse in der Art, als mache er ein großes Vertrauensgeständnis, weigerte sich aber völlig, sich darauf einlassen zu lassen, „machen seine Erfahrungen und erreichen sein Alter, ohne Wahnvorstellungen der einen oder anderen Art zu hegen.“

„Vollkommen wahr“, sagte Garvey. „Ihre Beobachtungsgabe ist offensichtlich scharf.“

„Sehr scharf sogar“, erwiderte Shorthouse und nahm den Hinweis geschickt auf; „aber natürlich gibt es Dinge“ – und hier blickte er vorsichtig über die Schulter – „es gibt Dinge, über die man nicht diskret genug sprechen kann.“

„Ich verstehe vollkommen und respektiere Ihre Zurückhaltung.“

Es gab noch ein wenig mehr Konversation, und dann stand Garvey auf und entschuldigte sich mit dem Vorwand, die Vorbereitung des Schlafzimmers zu beaufsichtigen.

„Es ist ein echtes Ereignis, einen Besucher im Haus zu haben, und ich möchte es Ihnen so angenehm wie möglich machen“, sagte er. „Marx wird sich mit ein wenig Aufsicht besser anstellen. Und“, fügte er mit einem Lachen hinzu, als er im Türrahmen stand, „ich möchte, dass Sie Sidebotham einen guten Bericht überbringen.“

II

Die hohe Gestalt verschwand und die Tür wurde geschlossen. Die Unterhaltung der letzten Minuten war für den Sekretär so etwas wie eine Offenbarung gewesen. Garvey schien voll im Besitz normaler Instinkte zu sein. Es gab keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seines Auftretens und seiner Absichten. Die Verdächtigungen der ersten Stunde begannen wie Nebel vor der Sonne zu verschwinden. Sidebothams bedeutungsschwere Warnungen und das Geheimnis, mit dem er die ganze Episode umgab, hatten seinen Geist unangemessen beeinflussen dürfen. Die Einsamkeit der Situation und die öde Natur der Umgebung hatten dazu beigetragen, die Illusion zu vervollständigen. Er begann sich seiner Verdächtigungen zu schämen, und allmählich begann ein Wandel in seinen Gedanken stattzufinden. Wie dem auch sei, ein Abendessen und ein Bett waren vorzuziehen gegenüber sechs Meilen im Dunkeln, kein Abendessen und obendrein ein kalter Zug.

Garvey kehrte alsbald zurück. „Wir werden unser Bestes für Sie tun“, sagte er und ließ sich in den tiefen Lehnstuhl auf der anderen Seite des Kamins fallen. „Marx ist ein guter Diener, wenn man ihn ständig im Auge behält. Man muss allerdings immer über einem Juden stehen, wenn man will, dass die Dinge ordentlich erledigt werden. Sie sind hinterlistig und unzuverlässig, es sei denn, sie arbeiten für ihren eigenen Vorteil. Aber Marx könnte schlimmer sein, das muss ich zugeben. Er ist seit fast zwanzig Jahren bei mir – Koch, Kammerdiener, Stubenmädchen und Butler in einem. Früher, wissen Sie, war er ein Angestellter in unserem Büro in Chicago.“

Garvey redete pausenlos weiter und Shorthouse hörte zu, wobei er gelegentlich Bemerkungen einstreute. Ersterer schien froh zu sein, jemanden zum Reden zu haben, und der Klang seiner eigenen Stimme war seinen Ohren offensichtlich süße Musik. Nach ein paar Minuten ging er zum Anrichtetisch hinüber, nahm erneut die Whiskykaraffe und hielt sie gegen das Licht. „Diesmal werden Sie sich mir anschließen“, sagte er freundlich und schenkte zwei Gläser ein, „das wird uns Appetit auf das Abendessen machen“, und diesmal weigerte sich Shorthouse nicht. Das Getränk war mild und weich, und die Männer tranken je zwei Gläser.

„Ausgezeichnet“, bemerkte der Sekretär.

„Freut mich, dass Sie es zu schätzen wissen“, sagte der Gastgeber und schnalzte mit der Zunge. „Es ist sehr alter Whisky, und ich rühre ihn selten an, wenn ich allein bin. Aber dies“, fügte er hinzu, „ist ein besonderer Anlass, nicht wahr?“

Shorthouse war gerade dabei, sein Glas abzustellen, als etwas seinen Blick plötzlich auf das Gesicht des anderen lenkte. Ein seltsamer Unterton in der Stimme des Mannes erregte seine Aufmerksamkeit und versetzte seine Nerven in Alarmbereitschaft. Ein neues Licht leuchtete in Garveys Augen, und für einen Moment huschte über seine markanten Gesichtszüge der Schatten von etwas, das die Nerven des Sekretärs zum Zittern brachte. Ein Schleier legte sich vor seine Augen, und die unerklärliche Überzeugung stieg in ihm auf, dass er in das Antlitz eines ungezähmten Tieres starrte. Tief in seinem Inneren war etwas Wildes, grimmiges, grausames. Ein unwillkürliches Frösteln lief über ihn und schien die seltsame Einbildung so plötzlich zu vertreiben, wie sie gekommen war. Er begegnete dem Blick des anderen mit einem Lächeln, dessen Gegenstück in seinem Herzen blankes Entsetzen war.

„Es ist ein besonderer Anlass“, sagte er so natürlich wie möglich, „und, erlauben Sie mir hinzuzufügen, ein ganz besonderer Whisky.“

Garvey schien erfreut. Er war mitten in einer verschlungenen Geschichte, in der er beschrieb, wie der Whisky ursprünglich in seinen Besitz gelangt war, als sich hinter ihnen die Tür öffnete und eine krächzende Stimme verkündete, dass das Abendessen bereit sei. Sie folgten der in eine Soutane gekleideten Gestalt des Marx durch den schmutzigen Flur, der nur von dem Lichtstrahl erleuchtet wurde, der ihnen von der Bibliothekstür her folgte, und betraten einen kleinen Raum, in dem eine einzelne Lampe auf einem für das Abendessen gedeckten Tisch stand. Die Wände waren frei von Bildern, und die Fenster hatten Jalousien ohne Vorhänge. Im Kamin brannte kein Feuer, und als sich die Männer einander gegenüber hinsetzten, bemerkte Shorthouse, dass sein eigener Gedeck mit den entsprechenden Gläsern und Besteck versehen war, während sein Begleiter nichts vor sich hatte außer einem Suppenteller, ohne Gabel, Messer oder Löffel daneben.

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen anbieten soll“, sagte er; „aber ich bin sicher, Marx hat sein Bestes getan, so kurzfristig. Ich esse nur einen Gang zum Abendessen, aber bitte lassen Sie sich Zeit und genießen Sie Ihr Essen.“

Marx stellte dem Gast alsbald einen Teller Suppe hin, doch so abscheulich war die unmittelbare Anwesenheit dieses alten hebräischen Dieners, dass die Löffel voll nur langsam weniger wurden. Garvey saß da und beobachtete ihn.

Shorthouse sagte, die Suppe sei köstlich, und schluckte tapfer einen weiteren Bissen hinunter. In Wirklichkeit waren seine Gedanken auf seinen Begleiter konzentriert, dessen Manieren Anzeichen einer allmählichen und seltsamen Veränderung zeigten. Es gab einen deutlichen Unterschied in seinem Benehmen, einen Unterschied, den der Sekretär zuerst eher fühlte, als sah. Garveys ruhige Selbstbeherrschung wich einem Grad an unterdrückter Erregung, der bis dahin unerklärlich erschien. Seine Bewegungen wurden schnell und nervös, seine Augen wanderten und waren seltsam glänzend, und seine Stimme verriet, wenn er sprach, ein gelegentliches tiefes Zittern. Etwas Ungewöhnliches regte sich in ihm und forderte offensichtlich mit jedem Moment des Essens eine energischere Äußerung.

Intuitiv hatte Shorthouse Angst vor dieser wachsenden Erregung, und während er einige ungewöhnlich zähe Schweinekoteletts bewältigte, versuchte er, das Gespräch auf das Thema Chemie zu lenken, von der er zu seinen Oxforder Zeiten ein enthusiastischer Student gewesen war. Sein Begleiter wollte davon jedoch nichts wissen. Es schien für ihn das Interesse verloren zu haben, und er herabließ sich kaum zu einer Antwort. Als Marx kurz darauf mit einem Teller dampfender Eier und Speck zurückkehrte, erübrigte sich das Thema von selbst.

„Ein unzureichendes Gericht zum Abendessen“, sagte Garvey, sobald der Mann weg war; „aber besser als nichts, hoffe ich.“

Shorthouse bemerkte, dass er Speck und Eier überaus gern mochte, und als er beim letzten Wort aufblickte, sah er, dass Garveys Gesicht krampfhaft zuckte und er sich beinahe auf seinem Stuhl wand. Unter dem Blick des Sekretärs beruhigte er sich jedoch und bemerkte, wenn auch sichtlich mit Mühe:

„Sehr freundlich von Ihnen, das zu sagen. Ich wünschte, ich könnte mich Ihnen anschließen, nur esse ich so etwas nie. Ich nehme nur einen Gang zum Abendessen.“

Shorthouse begann eine gewisse Neugier zu verspüren, welcher Art dieser eine Gang wohl sein mochte, aber er machte keine weitere Bemerkung und begnügte sich damit, gedanklich festzuhalten, dass die Erregung seines Begleiters rasch außer Kontrolle zu geraten schien. Es hatte etwas Unheimliches an sich, und er begann sich zu wünschen, er hätte die Alternative des Fußwegs zum Bahnhof gewählt.

„Ich bin froh zu sehen, dass Sie nie sprechen, wenn Marx im Zimmer ist“, sagte Garvey nach einer Weile. „Ich bin sicher, es ist besser so. Denken Sie nicht auch?“

Er schien begierig auf die Antwort zu warten.

„Zweifellos“, sagte der verwirrte Sekretär.

„Ja“, fuhr der andere schnell fort. „Er ist ein ausgezeichneter Mann, aber er hat einen Nachteil – einen wirklich schrecklichen. Sie könnten – aber nein, Sie könnten es bisher kaum bemerkt haben.“

„Doch nicht etwa das Trinken, hoffe ich“, sagte Shorthouse, der lieber jedes andere Thema als den verhassten Juden besprochen hätte.

„Viel schlimmer als das“, antwortete Garvey, der offensichtlich erwartete, dass der andere ihn aus der Reserve lockte. Aber Shorthouse war nicht in der Stimmung, etwas Schreckliches zu hören, und er weigerte sich, in die Falle zu tappen.

„Die besten Diener haben ihre Fehler“, sagte er kalt.

„Ich sage Ihnen, was es ist, wenn Sie wollen“, fuhr Garvey fort, immer noch sehr leise sprechend und sich so weit über den Tisch beugend, dass sein Gesicht nahe an die Flamme der Lampe kam, „nur müssen wir leise sprechen, für den Fall, dass er zuhört. Ich sage Ihnen, was es ist – wenn Sie glauben, dass Sie keine Angst bekommen.“

„Nichts macht mir Angst“, lachte er. (Garvey musste das auf jeden Fall verstehen.) „Nichts kann mir Angst machen“, wiederholte er.

„Das freut mich; denn mir macht es manchmal eine ganze Menge Angst.“

Shorthouse heuchelte Gleichgültigkeit. Dennoch war er sich bewusst, dass sein Herz ein wenig schneller schlug und er ein Gefühl von Kälte im Rücken hatte. Er wartete schweigend auf das, was kommen würde.

„Er hat eine schreckliche Vorliebe für Vakuums“, fuhr Garvey nach einer Weile mit noch leiserer Stimme fort und schob sein Gesicht weiter unter der Lampe vor.

„Vakuums!“ rief der Sekretär trotz seiner selbst. „Was um Himmels willen meinen Sie damit?“

„Was ich sage natürlich. Er fällt immer in sie hinein, sodass ich ihn nicht finden oder an ihn herankommen kann. Er versteckt sich dort stundenlang, und beim besten Willen kann ich nicht herausfinden, was er dort tut.“

Shorthouse starrte seinem Begleiter direkt in die Augen. Wovon zum Henker sprach er da?

„Glauben Sie, er geht dorthin, um die Luft zu verändern oder – oder um zu entkommen?“, fuhr er mit lauterer Stimme fort.

Shorthouse hätte laut lachen können, wäre da nicht der Ausdruck im Gesicht des anderen gewesen.

„Ich sollte nicht denken, dass in einem Vakuum viel Luft irgendeiner Art vorhanden ist“, sagte er ruhig.

„Genau das ist es, was ich auch fühle“, fuhr Garvey mit immer größerer Erregung fort. „Das ist der schreckliche Teil daran. Wie zum Teufel lebt er dort? Wissen Sie –“

„Sind Sie ihm jemals dorthin gefolgt?“, unterbrach ihn der Sekretär. Der andere lehnte sich in seinem Stuhl zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Niemals! Es ist unmöglich. Wissen Sie, ich kann ihm nicht folgen. Es ist kein Platz für zwei. Ein Vakuum fasst nur einen bequem. Marx weiß das. Er ist völlig außer meiner Reichweite, sobald er erst einmal richtig drin ist. Er kennt die beste Seite eines Geschäfts. Er ist ein echter Jude.“

„Das ist natürlich ein Nachteil bei einem Diener –“ Shorthouse sprach langsam, mit den Augen auf seinem Teller.

„Ein Nachteil“, unterbrach ihn der andere mit einem hässlichen Kichern, „ich nenne es einen Einzug, so nenne ich das.“

„Ein Einzug scheint ein treffenderer Begriff zu sein“, stimmte Shorthouse zu. „Aber“, fuhr er fort, „ich dachte, die Natur verabscheue ein Vakuum. Das tat sie früher, als ich in der Schule war – obwohl vielleicht – es ist so lange her –“

Er zögerte und blickte auf. Etwas in Garveys Gesicht – etwas, das er gespürt hatte, bevor er aufblickte – ließ seine Zunge stocken und ließ die Worte in seiner Kehle gefrieren. Seine Lippen weigerten sich, sich zu bewegen, und wurden plötzlich trocken. Wieder stieg der Nebel vor seinen Augen auf und der entsetzliche Schatten legte seinen Schleier über das Gesicht vor ihm. Garveys Gesichtszüge begannen zu brennen und zu glühen. Dann schienen sie sich zu vergröbern und irgendwie verwirrt ineinander zu verschwimmen. Er starrte für eine Sekunde – es schien nur eine Sekunde zu sein – in das Antlitz eines grimmigen und abscheulichen Tieres; und dann, so plötzlich wie er gekommen war, verging der schmutzige Schatten der Bestie, der Nebel löste sich auf, und mit einer gewaltigen Anstrengung seiner Nerven zwang er sich, seinen Satz zu beenden.

„Sie sehen, es ist so lange her, dass ich solchen Dingen Aufmerksamkeit geschenkt habe“, stammelte er. Sein Herz schlug schnell, und ein Gefühl der Beklemmung baute sich über ihm auf.

„Es ist andererseits mein spezielles und besonderes Studium“, nahm Garvey wieder auf. „Ich habe all diese Jahre nicht umsonst in meinem Labor verbracht, das kann ich Ihnen versichern. Die Natur, das weiß ich als Tatsache“, fügte er mit unnatürlicher Wärme hinzu, „verabscheut kein Vakuum. Im Gegenteil, sie ist ungewöhnlich vernarrt in sie, viel zu vernarrt, wie es scheint, für den Komfort meines kleinen Haushalts. Wenn es weniger Vakuums und mehr Abscheu gäbe, würden wir besser auskommen – verdammt viel besser meiner Meinung nach.“

„Ihr Spezialwissen ermöglicht es Ihnen zweifellos, mit Autorität zu sprechen“, sagte Shorthouse, während Neugier und Alarm mit anderen gemischten Gefühlen in seinem Geist kämpften; „aber wie kann ein Mensch in ein Vakuum stürzen?“

„Das können Sie wohl sagen. Das ist es ja gerade. Wie kann er? Es ist absurd und ich kann es überhaupt nicht begreifen. Marx weiß es, aber er will es mir nicht sagen. Juden wissen mehr als wir. Ich für meinen Teil habe Grund zu der Annahme –“ Er hielt inne und lauschte. „Pst! Da kommt er“, fügte er hinzu, rieb sich die Hände, als ob er voller Freude wäre, und zappelte auf seinem Stuhl.

Schritte waren zu hören, die den Gang herunterkamen, und als sie sich der Tür näherten, schien sich Garvey völlig einer Erregung hinzugeben, die er nicht kontrollieren konnte. Seine Augen waren auf die Tür fixiert und er begann mit beiden Händen die Tischdecke zu umklammern. Wieder war sein Gesicht vom abscheulichen Schatten verdeckt. Es wurde wild, wölfisch. Wie durch eine Maske, die verbarg und doch dünn genug war, um eine Andeutung der dahinter kauernden Bestie durchzulassen, sprang in sein Gesicht der seltsame Blick des Tieres im Menschen – der Ausdruck des Werwolfs, des Monsters. Die Veränderung in all ihrer Abscheulichkeit kam rasch über seine Gesichtszüge, die ihre Konturen zu verlieren begannen. Die Nase flachte ab, mit breiten Nasenlöchern über dicken Lippen. Das Gesicht rundete sich, füllte sich und wurde untersetzt. Die Augen, die zum Glück für Shorthouse nicht mehr die seinen suchten, glühten mit dem Licht ungezähmten Appetits und bestialischer Gier. Die Hände verließen das Tuch und griffen nach den Rändern des Tellers, dann wieder nach dem Tuch.

„Das ist mein Gang, der jetzt kommt“, sagte Garvey mit tiefer, gutturaler Stimme. Er zitterte. Seine Oberlippe war teilweise angehoben und zeigte die Zähne, weiß und glänzend.

Einen Moment später öffnete sich die Tür und Marx eilte in den Raum und stellte seinem Herrn ein Gericht vor. Garvey erhob sich halb, um ihn zu empfangen, streckte seine Hände aus und grinste schrecklich. Mit seinem Mund machte er ein Geräusch wie das Knurren eines Tieres. Das Gericht vor ihm dampfte, aber der leichte Dunst, der davon aufstieg, verriet durch seinen Geruch, dass er nicht von einem Kohlenfeuer stammte. Es war die natürliche Wärme von Fleisch, das nur durch das Feuer des Lebens erwärmt wurde, das gerade erst entwichen war. In dem Moment, als das Gericht auf dem Tisch stand, schob Garvey seinen eigenen Teller weg und zog das andere nah unter seinen Mund. Dann ergriff er das Essen mit beiden Händen und begann es mit den Zähnen zu zerreißen, wobei er grunzte. Shorthouse schloss seine Augen mit einem Gefühl von Übelkeit. Als er wieder aufblickte, waren die Lippen und der Kiefer des Mannes gegenüber mit Purpur befleckt. Der ganze Mann war verwandelt. Ein fressender Tiger, ausgehungert und gierig, aber ohne die Anmut eines Tigers – das war es, was er mehrere Minuten lang beobachtete, wie erstarrt vor Entsetzen und Ekel.

Marx hatte sich bereits entfernt, da er offensichtlich wusste, was nicht gut anzusehen war, und Shorthouse wusste endlich, dass er einem Wahnsinnigen gegenüber saß.

Das grässliche Mahl war in unglaublich kurzer Zeit beendet und es blieb nichts übrig als eine winzige Lache roter Flüssigkeit, die schnell hart wurde. Garvey lehnte sich schwer in seinem Stuhl zurück und seufzte. Sein verschmiertes Gesicht, das nun aus dem Glanz der Lampe zurückgezogen war, begann wieder sein normales Aussehen anzunehmen. Nach einer Weile blickte er zu seinem Gast auf und sagte mit seiner natürlichen Stimme:

„Ich hoffe, Sie haben genug zu essen bekommen. Sie würden sich dafür nicht interessieren, wissen Sie“, mit einem Blick nach unten.

Shorthouse begegnete seinen Augen mit einem inneren Abscheu, und es war unmöglich, nicht einen Teil der Abneigung zu zeigen, die er empfand. Im Gesicht des anderen glaubte er jedoch einen unterdrückten, eingeschüchterten Ausdruck zu sehen. Aber er fand nichts zu sagen.

„Marx wird bald hereinkommen“, fuhr Garvey fort. „Er hört entweder zu oder ist in einem Vakuum.“

„Wählt er eine bestimmte Zeit für seine Besuche?“, schaffte es der Sekretär zu fragen.

„Er geht normalerweise nach dem Abendessen; eigentlich genau um diese Zeit. Aber er ist noch nicht weg“, fügte er hinzu und zuckte mit den Schultern, „denn ich glaube, ich höre ihn kommen.“

Shorthouse fragte sich, ob Vakuum vielleicht gleichbedeutend mit Weinkeller war, äußerte aber seine Gedanken nicht. Mit Schauern des Entsetzens, die ihm immer noch den Rücken rauf und runter liefen, sah er Marx mit einer Schüssel und einem Handtuch hereinkommen, während Garvey sein Gesicht hochstreckte, genau wie ein Tier seine Schnauze hinhält, um gerieben zu werden.

„Nun werden wir Kaffee in der Bibliothek trinken, wenn Sie soweit sind“, sagte er im Ton eines Gentlemans, der nach einer Dinnerparty seine Gäste anspricht.

Shorthouse nahm die Tasche auf, die die ganze Zeit zwischen seinen Füßen gelegen hatte, und ging durch die Tür, die sein Gastgeber für ihn aufhielt. Seite an Seite überquerten sie gemeinsam den dunklen Flur, und zu seinem Ekel hakte sich Garvey bei ihm ein und sagte mit seinem Gesicht so nah am Ohr des Sekretärs, dass er den warmen Atem spürte, mit dicker Stimme:

„Sie sind ungewöhnlich vorsichtig mit dieser Tasche, Mr. Shorthouse. Sie muss sicher mehr enthalten als das Bündel Papiere.“

„Nichts als die Papiere“, antwortete er, spürte die Hand, die auf seinem Arm brannte, und wünschte, er wäre meilenweit von dem Haus und seinen abscheulichen Bewohnern entfernt.

„Ganz sicher?“, fragte der andere mit einem abscheulichen und vielsagenden Kichern. „Ist Fleisch darin, frisches Fleisch – rohes Fleisch?“

Der Sekretär spürte irgendwie, dass bei dem kleinsten Anzeichen von Angst die Bestie an seinem Arm ihn anspringen und mit ihren Zähnen zerreißen würde.

„Nichts dergleichen“, antwortete er energisch. „Es würde nicht genug hineinpassen, um eine Katze zu füttern.“

„Wahr“, sagte Garvey mit einem gemeinen Seufzer, während der andere spürte, wie die Hand auf seinem Arm auf und ab zuckte, als würde sie das Fleisch abtasten. „Wahr, es ist zu klein, um von wirklichem Nutzen zu sein. Wie Sie sagen, es würde nicht genug hineinpassen, um eine Katze zu füttern.“

Shorthouse konnte einen Schrei nicht unterdrücken. Auch die Muskeln seiner Finger entspannten sich trotz seiner selbst und er ließ die schwarze Tasche mit einem Knall auf den Boden fallen. Garvey zog sofort seinen Arm zurück und wandte sich mit einer schnellen Bewegung um. Aber der Sekretär hatte seine Beherrschung so plötzlich wiedererlangt, wie er sie verloren hatte, und er begegnete den Augen des Wahnsinnigen mit einem stetigen und aggressiven Blick.

„Da, sehen Sie, sie ist ganz leicht. Sie macht kein nennenswertes Geräusch, wenn ich sie fallen lasse.“ Er hob sie auf und ließ sie wieder fallen, als hätte er sie zum ersten Mal absichtlich fallen lassen. Die List war erfolgreich.

„Ja. Sie haben recht“, sagte Garvey, der immer noch in der Tür stand und ihn anstarrte. „Auf jeden Fall würde sie nicht genug für zwei fassen“, lachte er. Und als er die Tür schloss, hallte das grässliche Lachen im leeren Flur wider.

Sie setzten sich an ein loderndes Feuer und Shorthouse war froh, dessen Wärme zu spüren. Marx brachte kurz darauf Kaffee. Ein Glas des alten Whiskys und eine gute Zigarre halfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Einige Minuten lang saßen die Männer schweigend da und starrten in das Feuer. Dann sagte Garvey, ohne aufzublicken, mit leiser Stimme:

„Ich nehme an, es war ein Schock für Sie, mich so rohes Fleisch essen zu sehen. Ich muss mich entschuldigen, wenn es unangenehm für Sie war. Aber es ist alles, was ich essen kann, und es ist die einzige Mahlzeit, die ich in vierundzwanzig Stunden zu mir nehme.“

„Beste Nahrung der Welt, zweifellos; obwohl ich denke, dass es für manche Mägen ein wenig stark sein könnte.“

Er versuchte, das Gespräch von einem so unangenehmen Thema abzubringen, und sprach schnell von den Werten verschiedener Lebensmittel, von Vegetarismus und Vegetariern und von Männern, die lange Zeit ganz ohne Nahrung ausgekommen waren. Garvey hörte anscheinend ohne Interesse zu und hatte nichts zu sagen. Bei der ersten Pause sprang er begierig ein.

„Wenn der Hunger wirklich groß auf mir lastet“, sagte er, immer noch in das Feuer starrend, „kann ich mich einfach nicht beherrschen. Ich muss rohes Fleisch haben – das erste, das ich bekommen kann –“ Hier hob er seine leuchtenden Augen und Shorthouse spürte, wie sich ihm die Haare zu sträuben begannen.

„Es kommt auch so plötzlich über mich. Ich kann nie sagen, wann ich es erwarten soll. Vor einem Jahr stieg die Leidenschaft in mir auf wie ein Wirbelsturm und Marx war draußen und ich konnte kein Fleisch bekommen. Ich musste irgendetwas bekommen, sonst hätte ich mich selbst gebissen. Gerade als es unerträglich wurde, rannte mein Hund unter dem Sofa hervor. Es war ein Spaniel.“

Shorthouse antwortete mit einer Anstrengung. Er wusste kaum, was er sagte, und seine Haut kroch, als ob eine Million Ameisen darüber krabbelten.

Es folgte eine Pause von mehreren Minuten.

„Ich habe Marx überall gebissen“, fuhr Garvey nach einer Weile mit seiner seltsam ruhigen Stimme fort, und als ob er von Äpfeln spräche; „aber er ist bitter. Ich bezweifle, ob mich der Hunger jemals dazu bringen könnte, es wieder zu tun. Wahrscheinlich ist es das, was ihn zuerst dazu getrieben hat, in einem Vakuum Schutz zu suchen.“ Er kicherte grässlich, als er an diese Lösung für das Verschwinden seines Dieners dachte.

Shorthouse ergriff den Schürhaken und stocherte im Feuer, als hinge sein Leben davon ab. Doch als das Knallen und Klappern vorüber war, fuhr Garvey mit derselben Gelassenheit mit seinen Bemerkungen fort. Der nächste Satz wurde jedoch nie beendet. Der Sekretär war plötzlich aufgestanden.

„Ich werde Sie um Erlaubnis bitten, mich zurückzuziehen“, sagte er mit entschlossener Stimme; „ich bin müde heute Abend; wären Sie so freundlich, mir mein Zimmer zu zeigen?“

Garvey sah ihn mit einem merkwürdigen, unterwürfigen Ausdruck an, hinter dem das Leuchten hinterhältiger Leidenschaft schimmerte.

„Sicher“, sagte er und erhob sich von seinem Stuhl. „Sie hatten eine anstrengende Reise. Daran hätte ich früher denken sollen.“

Er nahm die Kerze vom Tisch und zündete sie an, und die Finger, die das Streichholz hielten, zitterten.

„Wir brauchen Marx nicht zu bemühen“, erklärte er. „Diese Bestie ist inzwischen in ihrem Vakuum.“

Sie überquerten die Halle und begannen, die holzgetäfelte Treppe ohne Teppichbelag zu ersteigen. Sie befanden sich im Treppenhaus des Hauses, und die Luft schnitt wie Eis. Garvey, in dessen Hand die flackernde Kerze sein Gesicht in scharfen Konturen hervortreten ließ, ging voran über den ersten Treppenabsatz und öffnete eine Tür nahe dem Eingang eines dunklen Ganges. Ein behaglicher Raum bot sich dem Blick des Besuchers, und er nahm rasch dessen Einzelheiten in sich auf, während sein Gastgeber hinüberging und zwei Kerzen anzündete, die auf einem Tisch am Fußende des Bettes standen. Im Kamin brannte ein helles Feuer. In der gegenüberliegenden Wand befanden sich zwei Fenster, die wie Türen aufgingen, und ein hohes Himmelbett nahm den größten Teil des Raumes zur Rechten ein. Vertäfelung zog sich rings um das Zimmer, reichte fast bis zur Decke und verlieh dem Ganzen ein warmes und gemütliches Aussehen; während die Porträts, die in den abwechselnden Feldern standen, irgendwie die Atmosphäre eines alten englischen Landsitzes heraufbeschworen. Shorthouse war angenehm überrascht.

„Ich hoffe, Sie finden alles, was Sie brauchen“, sagte Garvey im Türrahmen. „Falls nicht, müssen Sie nur diese Glocke am Kamin läuten. Marx wird sie natürlich nicht hören, aber sie läutet in meinem Labor, wo ich den Großteil der Nacht verbringe.“

Dann, mit einer knappen Gute-Nacht-Formel, ging er hinaus und schloss die Tür hinter sich. Sobald er weg war, tat der Privatsekretär von Mr. Sidebotham eine eigenartige Sache. Er stellte sich mitten in den Raum, den Rücken zur Tür gekehrt, zog flink die Pistole aus seiner Hüfttasche und zielte über seinen linken Arm hinweg auf das Fenster. Er verharrte dreißig Sekunden in dieser unbeweglichen Haltung, wirbelte dann plötzlich herum und richtete seine Pistole direkt auf das Schlüsselloch der Tür. Unmittelbar darauf folgte ein Geräusch von Schlurfen draußen und von Schritten, die sich über den Treppenabsatz zurückzogen.

„Auf den Knien vor dem Schlüsselloch“, dachte der Sekretär. „Genau wie ich dachte. Aber er hatte nicht damit gerechnet, in den Lauf einer Pistole zu blicken, und das hat ihn ein wenig zusammenfahren lassen.“

Sobald die Schritte nach unten gegangen waren und in der Halle verklungen waren, ging Shorthouse hinüber, schloss die Tür ab und stopfte ein Stück zerknülltes Papier in das zweite Schlüsselloch, das er unmittelbar über dem ersten sah. Danach durchsuchte er den Raum gründlich. Die Mühe lohnte kaum, denn er fand nichts Ungewöhnliches. Dennoch war er froh, es getan zu haben. Es beruhigte ihn, dass sich niemand unter dem Bett oder in dem tiefen Eichenschrank versteckt hielt; und er hoffte aufrichtig, dass es nicht der Schrank war, in dem der unglückliche Spaniel seinen abscheulichen Tod gefunden hatte. Die Fenstertüren, so entdeckte er, führten auf einen kleinen Balkon. Er ging zur Vorderseite hinaus, und es waren weniger als zwanzig Fuß Fallhöhe bis zum Boden. Das Bett war hoch und breit, weich wie Federn und mit schneeweißen Laken bedeckt – sehr einladend für einen müden Mann; und neben dem lodernden Feuer standen zwei tiefe Lehnstühle.

Insgesamt war es sehr angenehm und komfortabel; doch so müde Shorthouse auch war, er hatte nicht die Absicht, zu Bett zu gehen. Es war unmöglich, die Warnung seiner Nerven zu ignorieren. Sie hatten ihn noch nie im Stich gelassen, und wenn sich dieses Gefühl beklemmenden Schreckens in seinen Knochen festsetzte, wusste er, dass etwas im Anzug war und eine rote Flagge über der unmittelbaren Zukunft wehte. Ein empfindliches Instrument in seinem Wesen, subtiler als die Sinne, genauer als eine bloße Vorahnung, hatte die rote Flagge gesehen und ihre Bedeutung gedeutet.

Wieder kam es ihm, als er in einem Lehnstuhl vor dem Kamin saß, so vor, als würden seine Bewegungen von irgendwoher aufmerksam beobachtet; und da er nicht wusste, welche Waffen gegen ihn eingesetzt werden könnten, fühlte er, dass seine eigentliche Sicherheit in einer starren Kontrolle seines Geistes und seiner Gefühle lag und in einer festen Weigerung zuzugeben, dass er auch nur im Geringsten alarmiert war.

Das Haus war sehr still. Im Laufe der Nacht ließ der Wind nach. Nur gelegentliche Schneeschauer gegen die Fenster erinnerten ihn daran, dass die Elemente wach und unruhig waren. Ein oder zwei Male ratterten die Fenster und der Regen zischte im Feuer, aber das Heulen des Windes im Schornstein wurde immer leiser und das einsame Gebäude war schließlich in eine große Stille gehüllt. Die Kohlen klickten, während sie tiefer in den Kamin rutschten, und das Geräusch der Asche, die mit einem winzigen Laut in den weichen Haufen der angesammelten Überreste fiel, war das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach.

In dem Maße, wie die Macht des Schlafes von ihm Besitz ergriff, ließ die Angst vor der Situation nach; aber so unmerklich, so allmählich und so einschmeichelnd, dass er sich des Wandels kaum bewusst wurde. Er glaubte, er sei sich seiner Gefahr noch genauso wach bewusst wie zuvor. Das erfolgreiche Ausblenden der schrecklichen mentalen Bilder dessen, was er gesehen hatte, schrieb er seiner strengen Kontrolle zu, statt ihrer wahren Ursache, dem Heranschleichen des sanften Einflusses des Schlafes. Die Gesichter in der Glut waren so beruhigend; der Lehnstuhl war so bequem; so süß der Hauch, der sanft auf seine Augenlider drückte; so subtil das Wachsen des Sicherheitsgefühls. Er sank tiefer in den Stuhl und wäre im nächsten Augenblick eingeschlafen, als die rote Flagge begann, heftig hin und her zu schwingen, und er fuhr kerzengerade hoch, als wäre er in den Rücken gestochen worden.

Jemand kam die Treppe herauf. Die Dielen knarrten unter einem schleichenden Gewicht.

Shorthouse sprang aus dem Stuhl und überquerte hastig das Zimmer, wobei er Stellung neben der Tür bezog, aber außerhalb der Reichweite des Schlüssellochs. Die zwei Kerzen flackerten ungleichmäßig auf dem Tisch am Fußende des Bettes. Die Schritte waren langsam und vorsichtig – es schienen dreißig Sekunden zwischen jedem einzelnen zu liegen –, aber die Person, die sie machte, war sehr nahe an der Tür. Sie hatte bereits die Treppe bewältigt und schlich fast lautlos über das Stück Treppenabsatz.

Der Sekretär ließ die Hand in seine Pistolentasche gleiten und zog sich weiter an die Wand zurück, und kaum hatte er die Bewegung vollendet, als die Geräusche abrupt aufhörten und er wusste, dass jemand direkt vor der Tür stand und sich auf eine sorgfältige Beobachtung durch das Schlüsselloch vorbereitete.

Er war keineswegs ein Feigling. Im Handeln war er niemals ängstlich. Es war das Warten und Sich-Fragen und die Ungewissheit, die seine Nerven ein wenig hätten lockern können. Aber irgendwie überkam ihn für eine Sekunde eine Welle intensiven Schreckens, als er an den bestialischen Irren und seinen jüdischen Begleiter dachte; und er hätte lieber ein Rudel Wölfe vor sich gehabt, als mit einem dieser beiden Männer zu tun zu haben.

Etwas, das sanft gegen die Tür streifte, ließ seine Nerven von Neuem kribbeln und veranlasste ihn, seinen Griff um die Pistole zu festigen. Der Stahl war kalt und glitschig in seinen feuchten Fingern. Was für ein schreckliches Geräusch es machen würde, wenn er den Abzug betätigte! Wenn die Tür aufginge, wie nahe wäre er der Gestalt, die eintrat! Doch er wusste, dass sie von innen verschlossen war und sich unmöglich öffnen konnte. Wieder streifte etwas das Paneel neben ihm, und eine Sekunde später fiel das Stück zerknülltes Papier aus dem Schlüsselloch auf den Boden, während der dünne Draht, der dieses Ergebnis erzielt hatte, seine Spitze für einen Moment im Zimmer zeigte und dann hastig zurückgezogen wurde.

Jemand spähte offensichtlich jetzt durch das Schlüsselloch, und als er diese Tatsache erkannte, ergriff der Geist des Angriffs das Herz des Belagerten. Er hob seine rechte Hand in die Höhe und ließ sie plötzlich mit einem hallenden Knall auf das Paneel der Tür neben dem Schlüsselloch niedersausen – ein Knall, der dem kauernden Lauscher wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel vorgekommen sein musste. Es gab ein Keuchen und ein leichtes Torkeln gegen die Tür, und der nächtliche Zuhörer erhob sich erschrocken und alarmiert, denn Shorthouse hörte deutlich das Traben von Füßen über den Absatz und die Treppe hinunter, bis sie in den Stille der Halle verloren gingen. Nur, diesmal schien es ihm, als seien es vier Füße statt zwei.

Er stopfte das Papier rasch wieder in das Schlüsselloch und war gerade dabei, zum Kamin zurückzugehen, als er über seine Schulter einen Blick auf ein weißes Gesicht erhaschte, das sich in Umrissen gegen die Außenseite des Fensters drückte. Es war in den Schneeströmen verschwommen, aber das Weiß der sich bewegenden Augen war unverkennbar. Er wandte sich augenblicklich, um es zu konfrontieren, aber das Gesicht wurde wie ein Blitz zurückgezogen, und Dunkelheit stürzte herein, um die Lücke zu füllen, wo es erschienen war.

„Von beiden Seiten beobachtet“, überlegte er.

Aber er ließ sich nicht zu einer plötzlichen Aktion hinreißen, und ruhig zum Kamin gehend, als hätte er nichts Ungewöhnliches gesehen, rührte er einen Moment in der Glut und schlenderte dann gemächlich zum Fenster. Er stählte seine Nerven, die trotz seines Willens einen Moment zitterten, öffnete das Fenster und trat auf den Balkon. Der Wind, von dem er geglaubt hatte, er habe nachgelassen, stürmte an ihm vorbei in den Raum und löschte eine der Kerzen, während eine Salve feinen kalten Regens über sein Gesicht prasselte. Zuerst konnte er nichts sehen, und die Finsternis kam seinen Augen so nahe wie eine Wand. Er ging ein Stück weiter auf den Balkon und zog das Fenster hinter sich, bis es einrastete. Dann stand er und wartete.

Aber nichts berührte ihn. Niemand schien dort zu sein. Seine Augen gewöhnten sich an die Schwärze und er war in der Lage, das eiserne Geländer, die dunklen Formen der Bäume dahinter und das schwache Licht auszumachen, das aus dem anderen Fenster kam. Durch dieses spähte er in das Zimmer, wobei er die Länge des Balkons abschritt, um dies zu tun. Natürlich stand er in einem Lichtschacht, und wer auch immer in der Dunkelheit unter ihm kauerte, konnte ihn deutlich sehen. Unter ihm? – Dass jemand über ihm sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn, bis er, gerade als er sich anschickte, wieder hineinzugehen, bemerkte, dass sich etwas in der Dunkelheit über seinem Kopf bewegte. Er sah auf, hob instinktiv einen schützenden Arm und sah eine lange schwarze Linie, die gegen die dunkle Wand des Hauses schwang. Die Fensterläden des Fensters im nächsten Stockwerk, von wo sie herabhing, waren aufgestoßen und bewegten sich im Wind hin und her. Die Linie war offensichtlich eine dickliche Schnur, denn während er zusah, wurde sie eingezogen und das Ende verschwand in der Dunkelheit.

Shorthouse, der versuchte, vor sich hin zu pfeifen, spähte über die Kante des Balkons, als ob er die Entfernung berechnete, die er möglicherweise springen müsste, und ging dann ruhig wieder in das Zimmer und schloss das Fenster hinter sich, wobei er den Riegel so ließ, dass die leichteste Berührung ihn aufspringen lassen würde. Er zündete die Kerze wieder an und zog einen Stuhl mit gerader Lehne an den Tisch. Dann legte er Kohle auf das Feuer und schürte es zu einer prächtigen Flamme an. Er hätte bereitwillig die Fensterläden vor jenen starrenden Fenstern an seinem Rücken geschlossen. Aber das kam nicht in Frage. Es hätte bedeutet, sich den Fluchtweg abzuschneiden.

Der Schlaf war für den Moment im Nachteil. Sein Gehirn war voller Blut und jeder Nerv prickelte. Er fühlte sich, als ob unzählige Augen auf ihm ruhten und Scharen von befleckten Händen aus den Ecken und Winkeln des Hauses nach ihm griffen. Kauernde Gestalten, Gestalten von scheußlichen Juden, standen überall um ihn herum, wo es Schutz gab, krochen aus den Schatten hervor, wenn er nicht hinsah, und zogen sich hastig und lautlos zurück, wenn er seinen Kopf drehte. Wohin er auch blickte, andere Augen trafen die seinen, und obwohl sie unter seinem stetigen, zuversichtlichen Blick zerschmolzen, wusste er, dass sie anschwellen und sich auf ihn zubewegen würden, sobald seine Blicke schwächer wurden und sein Wille wankte.

Obwohl es keine Geräusche gab, wusste er, dass sich im Treppenhaus des Hauses Bewegung abspielte und Vorbereitungen getroffen wurden. Und dieses Wissen, insofern es unwiderstehlich und durch andere und subtilere Kanäle als die der Sinne zu ihm kam, hielt das Gefühl des Schreckens in seinem Blut frisch und machte ihn wachsam und munter.

Aber egal, wie groß die Angst im Herzen ist, die Macht des Schlafes wird sie schließlich überwinden. Die erschöpfte Natur ist unwiderstehlich, und als die Minuten vergingen und Mitternacht vorüber war, erkannte er, dass die Natur sich kräftig behauptete und der Schlaf sich aus den Extremitäten an ihn heranstahl.

Um die Gefahr zu verringern, nahm er seinen Bleistift und begann, die Möbelstücke im Zimmer zu zeichnen. Er arbeitete den Schrank, den Kaminsims und das Bett in aufwendigen Details aus, und von diesen ging er zu den Porträts über. Da er über echtes Geschick verfügte, empfand er die Beschäftigung als ausreichend absorbierend. Sie hielt das Blut in seinem Gehirn, und das hielt ihn wach. Die Bilder, zudem, jetzt, da er sie zum ersten Mal betrachtete, waren überaus gut gemalt. Aufgrund des schwachen Lichts konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf die Porträts neben dem Kamin. Rechts war eine Frau mit einem süßen, sanften Gesicht und einer Figur von großer Feinheit; links war eine lebensgroße Figur eines großen, gutaussehenden Mannes mit vollem Bart und in Jagdkleidung aus alter Zeit.

Von Zeit zu Zeit wandte er sich zu den Fenstern hinter sich, aber die Vision des Gesichts wiederholte sich nicht. Mehrmals auch ging er zur Tür und lauschte, aber die Stille im Haus war so tief, dass er allmählich zu glauben begann, der Plan eines Angriffs sei aufgegeben worden. Einmal ging er auf den Balkon, aber der Schneeregen stach in sein Gesicht und er hatte gerade Zeit zu sehen, dass die Fensterläden darüber geschlossen waren, als er gezwungen war, den Schutz des Zimmers wieder aufzusuchen.

Auf diese Weise vergingen die Stunden. Das Feuer brannte herunter und der Raum wurde kühl. Shorthouse hatte mehrere Skizzen der beiden Köpfe angefertigt und begann sich überwältigend müde zu fühlen. Seine Füße und Hände waren kalt und seine Gähner waren gewaltig. Es schien Ewigkeiten her zu sein, seit die Schritte gekommen waren, um an seiner Tür zu lauschen, und das Gesicht ihn vom Fenster aus beobachtet hatte. Ein Gefühl der Sicherheit war irgendwie über ihn gekommen. In Wirklichkeit war er erschöpft. Sein einziger Wunsch war es, auf das weiche weiße Bett zu sinken und sich ohne weiteren Kampf dem Schlaf hinzugeben.

Er erhob sich von seinem Stuhl mit einer Reihe von Gähnern, die sich nicht unterdrücken ließen, und sah auf seine Uhr. Es war kurz vor drei Uhr morgens. Er fasste den Entschluss, sich mit angezogenen Kleidern hinzulegen und etwas Schlaf zu bekommen. Es war sicher genug, die Tür war von innen verschlossen und das Fenster war verriegelt. Er legte die Tasche auf den Tisch nahe seinem Kopfkissen, blies die Kerzen aus und ließ sich mit einem Gefühl von sorgloser und köstlicher Erschöpfung auf die weiche Matratze fallen. In fünf Minuten war er fest eingeschlafen.

Es war kaum Zeit für Träume gewesen, als er sich seitwärts quer über dem Bett liegend wiederfand, mit weit geöffneten Augen in die Finsternis starrend. Jemand hatte ihn berührt, und er hatte sich im Schlaf wie vor etwas Unheiligem gewunden. Die Bewegung hatte ihn geweckt.

Der Raum war schlicht schwarz. Kein Licht kam von den Fenstern und das Feuer war so vollständig erloschen, als wäre Wasser darauf gegossen worden. Er starrte in ein Laken undurchdringlicher Finsternis, das so nahe an sein Gesicht herankam wie eine Wand.

Sein erster Gedanke galt den Papieren in seinem Mantel und seine Hand flog zur Tasche. Sie waren sicher; und die Erleichterung, die diese Entdeckung verursachte, ließ seinen Geist augenblicklich frei für andere Überlegungen.

Und die Erkenntnis, die ihn sofort mit einem Anflug von Bestürzung ereilte, war, dass während seines Schlafes eine definitive Veränderung im Raum bewirkt worden war. Er spürte dies mit jener intuitiven Gewissheit, die positivem Wissen gleichkommt. Der Raum war vollkommen still, aber die Bestätigung, die ihm schnell gebracht wurde, schien die Finsternis augenblicklich mit einem flüsternden, geheimen Leben zu füllen, das sein Blut gefrieren ließ und das Laken wie Eis an seiner Wange fühlen ließ.

Horch! Das war es; es erreichte seine Ohren, in denen das Blut bereits mit warnendem Getöse summte, ein dumpfes Murmeln von etwas, das undeutlich aus dem Treppenhaus des Hauses aufstieg und für ihn hörbar wurde, ohne Wände oder Türen zu passieren. Es schien keine feste Oberfläche zwischen ihm, der auf dem Bett lag, und dem Treppenabsatz zu geben; zwischen dem Absatz und der Treppe, und zwischen der Treppe und der Halle dahinter.

Er wusste, dass die Tür des Zimmers offen stand! Sie musste also von innen geöffnet worden sein. Doch das Fenster war verriegelt, ebenfalls von innen.

Kaum war ihm das klar, wurde die verschwörerische Stille der Stunde durch ein anderes und deutlicheres Geräusch unterbrochen. Ein Schritt kam den Gang entlang. Ein gewisser blauer Fleck an der Hüfte sagte Shorthouse, dass die Pistole in seiner Tasche bereit zur Verwendung war, und er zog sie schnell hervor und spannte den Hahn. Dann hatte er gerade noch Zeit, über die Kante des Bettes zu schlüpfen und sich auf den Boden zu kauern, als der Schritt an der Schwelle des Zimmers anhielt. Das Bett war somit zwischen ihm und der offenen Tür. Das Fenster war an seinem Rücken.

Er wartete in der Finsternis. Was ihm an den Schritten eigenartig vorkam, war, dass kein besonderer Wunsch bestand, sich schleichend zu bewegen. Es gab keine äußerste Vorsicht. Sie bewegten sich auf eine eher schlurfende Weise und klangen wie weiche Hausschuhe oder Füße in Strümpfen. Es lag etwas Ungeschicktes, Verantwortungsloses, beinahe Rücksichtsloses in der Bewegung.

Für eine Sekunde hielten die Schritte an der Schwelle inne, aber nur für eine Sekunde. Fast unmittelbar darauf kamen sie in den Raum, und als sie vom Holz auf den Teppich übergingen, bemerkte Shorthouse, dass sie vollkommen lautlos wurden. Er wartete in Spannung, nicht wissend, ob der unsichtbare Geher auf der anderen Seite des Raumes war oder nahe bei ihm. Nach einer Weile stand er auf und streckte seinen linken Arm vor sich aus, tastend, suchend, in einem Kreis fühlend; und dahinter hielt er die Pistole, gespannt und gerichtet, in seiner rechten Hand. Als er aufstand, knackte ein Knochen in seinem Knie, seine Kleidung raschelte, als wären es Zeitungen, und sein Atem schien laut genug, um im ganzen Raum gehört zu werden. Aber kein Laut kam, um die Position des unsichtbaren Eindringlings zu verraten.

Dann, gerade als die Anspannung unerträglich wurde, erlöste ein Geräusch die packende Stille. Es war Holz, das gegen Holz klopfte, und es kam vom hinteren Ende des Raumes. Die Schritte hatten sich zum Kamin bewegt. Ein schleifendes Geräusch folgte fast unmittelbar darauf, und dann schloss sich die Stille wieder über alles wie ein Leichentuch.

Weitere fünf Minuten wartete Shorthouse, und dann wurde die Spannung zu groß. Er konnte diese offene Tür nicht ertragen! Die Kerzen standen nahe bei ihm, und er schlug ein Streichholz an und zündete sie an, in der Erwartung, im plötzlichen Glanz zumindest einen furchtbaren Schlag zu erhalten. Aber nichts geschah, und er sah sofort, dass der Raum vollkommen leer war. Er ging mit gespannter Pistole hinüber, spähte in die Dunkelheit des Treppenabsatzes, schloss dann die Tür und drehte den Schlüssel um. Dann durchsuchte er den Raum – Bett, Schrank, Tisch, Vorhänge, alles, was einen Mann hätte verbergen können; fand aber keine Spur des Eindringlings. Der Besitzer der Schritte war wie ein Geist in den Schatten der Nacht verschwunden. Bis auf eine Tatsache hätte er sich einbilden können, er habe geträumt: *die Tasche war verschwunden*!

Für Shorthouse gab es in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Seine Uhr zeigte 4 Uhr morgens und es waren noch drei Stunden bis zum Tageslicht. Er setzte sich an den Tisch und fuhr mit seinen Skizzen fort. Mit fester Entschlossenheit fuhr er mit dem Zeichnen fort und begann einen neuen Umriss des Männerkopfes. Es lag etwas in dem Ausdruck, das ihm ständig entwich. Er hatte keinen Erfolg damit, und diesmal schien es ihm, als seien es die Augen, die sein Misslingen herbeiführten. Er hielt seinen Bleistift vor sein Gesicht, um den Abstand zwischen Nase und Augen zu messen, und zu seinem Erstaunen sah er, dass eine Veränderung über die Gesichtszüge gekommen war. Die Augen waren nicht mehr offen. Die Lider hatten sich geschlossen!

Für einen Moment stand er in einer Art betäubtem Erstaunen da. Ein Stoß hätte ihn umgeworfen. Dann sprang er auf und hielt eine Kerze dicht an das Bild. Die Augenlider zuckten, die Wimpern bebten. Dann, direkt vor seinem Blick, öffneten sich die Augen und sahen ihm gerade in seine eigenen. Zwei Löcher waren in die Holzplatte geschnitten, und dieses Augenpaar, menschliche Augen, passte genau hinein.

Wie durch einen seltsamen magischen Effekt verschwand die starke Angst, die ihn seit dem Betreten des Hauses beherrscht hatte, in einer Sekunde. Wut schoss in sein Herz und sein erkaltetes Blut stieg plötzlich zum Siedepunkt. Er stellte die Kerze ab, machte zwei Schritte zurück in den Raum und warf sich dann mit aller Kraft gegen die bemalte Platte. Augenblicklich, und noch bevor es krachte, wurden die Augen zurückgezogen, und zwei schwarze Zwischenräume zeigten, wo sie gewesen waren. Der alte Jäger war augenlos. Aber die Platte knackte und spaltete sich nach innen wie ein Blatt dünner Karton; und Shorthouse, die Pistole in der Hand, stieß einen Arm durch die gezackte Öffnung und ergriff ein menschliches Bein, das er in den Raum zerrte – den Juden!

Worte schossen in einem solchen Strom an seine Lippen, dass sie ihn erstickten. Der alte Hebräer, bleich wie Kreide, stand zitternd vor ihm, den hellen Pistolenlauf direkt vor seinen Augen, als ein Schwall kalter Luft in den Raum drang und mit ihm das Geräusch hastiger Schritte. Shorthouse spürte, wie sein Arm hochgeschlagen wurde, bevor er sich umdrehen konnte, und in derselben Sekunde trat Garvey, dem es irgendwie gelungen war, das Fenster aufzubrechen, zwischen ihn und den zitternden Marx. Seine Lippen waren voneinander gewichen und seine Augen rollten seltsam in seinem verzerrten Gesicht.

„Schieß nicht auf ihn! Schieß in die Luft!“, kreischte er. Er packte den Juden an den Schultern.

„Du verdammter Hund“, brüllte er und zischte ihm ins Gesicht. „Also hab ich dich endlich. Da ist also dein Vakuum, was? Ich kenne dein abscheuliches Versteck endlich.“ Er schüttelte ihn wie einen Hund. „Ich bin die ganze Nacht hinter ihm her gewesen“, rief er und wandte sich an Shorthouse, „die ganze Nacht, sag ich dir, und ich hab ihn endlich.“

Garvey hob seine Oberlippe, während er sprach, und zeigte seine Zähne. Sie glänzten wie die Reißzähne eines Wolfes. Der Jude sah sie offenbar auch, denn er stieß einen entsetzlichen Schrei aus und kämpfte wütend.

Vor den Augen des Sekretärs schien ein Nebel aufzusteigen. Der scheußliche Schatten sprang wieder in Garveys Gesicht. Er sah einen schrecklichen Kampf voraus, und während er die beiden Männer mit seiner Pistole im Visier behielt, wich er langsam zur Tür zurück. Ob sie beide wahnsinnig oder beide kriminell waren, das zu fragen hielt er nicht inne. Der einzige Gedanke in seinem Geist war, dass er besser so schnell wie möglich entkommen sollte.

Garvey schüttelte den Juden immer noch, als er die Tür erreichte und den Schlüssel umdrehte, doch als er auf den Treppenabsatz hinausging, hörten beide Männer auf zu kämpfen und wandten sich ihm zu. Garveys Gesicht, bestialisch, abscheulich, leichenblass vor Wut; das des Juden weiß und grau vor Angst und Entsetzen – beide wandten sich ihm zu und stimmten in einen wilden, schrecklichen Schrei ein, der die Echos der Nacht weckte. In der nächsten Sekunde waren sie mit voller Geschwindigkeit hinter ihm her.

Shorthouse schlug ihnen die Tür vor der Nase zu und war am Fuß der Treppe, kauernd im Schatten, bevor sie auf den Treppenabsatz gelangten. Sie rasten schreiend die Treppe hinunter und an ihm vorbei in die Halle; und völlig unbemerkt huschte Shorthouse wieder die Treppe hinauf, durchquerte das Schlafzimmer und ließ sich vom Balkon in den weichen Schnee fallen.

Als er die Auffahrt hinunterlief, hörte er hinter sich im Haus das Gebrüll der Wahnsinnigen; und als er einige Stunden später zu Hause ankam, erhöhte Mr. Sidebotham nicht nur sein Gehalt, sondern sagte ihm auch, er solle sich einen neuen Hut und einen neuen Mantel kaufen und ihm die Rechnung schicken.

SKELETON LAKE: EINE EPISODE IM LAGER

Die völlige Einsamkeit unseres Elch-Lagers am Skeleton Lake hatte uns von Anfang an beeindruckt – im Hinterland von Quebec, fünf Tage Fußmarsch und Kanufahrt von der Zivilisation entfernt – und vielleicht trug der eigenartige Name ein wenig zu dem Gefühl des Unheimlichen bei, das sich im Lagerkreis bemerkbar machte, sobald die Sonne untergegangen war und der späte Oktobernebel vom See aufzusteigen begann und sich seinen Weg zwischen die Baumstämme wand.

Denn in diesen Regionen haben alle Namen von Seen, Hügeln und Inseln ihren Ursprung in einem tatsächlichen Ereignis; entweder tragen sie den Namen eines Hauptbeteiligten, wie Smith's Ridge, oder sie beanspruchen einen Platz auf der Landkarte, indem sie ein besonderes Merkmal der Reise oder der Landschaft verewigen, wie Long Island, Deep Rapids oder Rainy Lake.

Alle Namen haben also ihre Bedeutung und sind meist recht jung erworben, während die Mehrheit selbsterklärend ist und menschliche sowie pionierhafte Beziehungen nahelegt. Skeleton Lake war daher ein Name voller Anspielungen, und obwohl keiner von uns den Ursprung oder die Geschichte seiner Entstehung kannte, waren wir uns alle einer gewissen trostlosen Atmosphäre bewusst, die seine Ufer und Inseln heimsuchte, und wären da nicht die Anzeichen frischer Elchspuren in der Umgebung gewesen, hätten wir unsere Zelte wahrscheinlich woanders aufgeschlagen.

Im Umkreis von mehreren hundert Meilen wussten wir nur von einer anderen Gruppe von Weißen. Sie waren mit uns im Zug angereist, waren in North Bay eingestiegen und stammten aus der Gegend von Boston. Ein gemeinsames Ziel und Vorhaben hatte als Einführung gedient. Aber die Bekanntschaft war kaum vorangekommen. Dieser laute, aggressive Yankee entsprach nicht sehr unserem Geschmack als möglicher Nachbar, und nur eine leichte Vertrautheit zwischen seinem Hauptführer, Jake dem Schweden, und einem unserer Männer hielt die Sache überhaupt am Laufen. Sie schlugen ihr Lager am Beaver Creek auf, fünfzig Meilen und mehr westlich von uns.

Aber das war vor sechs Wochen, und es schien wie sechs Monate, denn Tage und Nächte vergehen langsam in diesen Einöden und der Maßstab der Zeit ändert sich wundersam. Unsere Männer schienen immer instinktiv recht gut zu wissen, „wo die anderen Kerle sich bewegten“, aber in der Zwischenzeit war niemand auf ihre Spuren gestoßen oder hatte auch nur ein einziges Mal ihre Gewehrschüsse gehört.

Unser kleines Lager bestand aus dem Professor, seiner Frau, einer ausgezeichneten Schützin und leidenschaftlichen Waldläuferin, und mir selbst. Wir hatten jeder einen Führer und jagten täglich paarweise von Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Es war unser letzter Abend in den Wäldern, und der Professor lag in meinem kleinen Keilzelt und erörterte die Gefahren, auf diese Weise allein in Zweiergruppen zu jagen. Die Zeltklappe hing zurück und ließ duftende Gerüche vom Kochen über einem offenen Holzfeuer herein; überall herrschte Geschäftigkeit und Vorbereitung, und ein Kanu lag bereits beladen mit Elchgeweihen da, seine Spitze nach Süden gerichtet.

„Wenn einem von ihnen ein Unfall zustoßen würde“, sagte er gerade, „wäre die Geschichte des Überlebenden bei seiner Rückkehr ins Lager ein völlig ungestützter Beweis, nicht wahr? Denn, sehen Sie...“

Und er fuhr fort, das Gesetz nach Art der Professoren darzulegen, bis ich mich so langweilte, dass meine Aufmerksamkeit zu Bildern und Erinnerungen an die Szenen abzuschweifen begann, die wir gerade verlassen wollten: Garden Lake mit seinen hundert Inseln; die Stromschnellen des Round Pond; die zahllosen Ausblicke auf den Wald, purpurrot und golden im Herbstsonnenlicht; und die sternenklaren Nächte, die wir damit verbracht hatten, in kalten, verkrampften Positionen auf den scheuen Elch an einsamen Seen zwischen den Hügeln zu lauern. Das Summen der Stimme des Professors wurde mit der Zeit beruhigender. Ein Nicken oder ein Grunzen war alles an Antwort, das er erwartete. Glücklicherweise verabscheute er Unterbrechungen. Ich glaube, ich hätte fast vor seiner Nase einschlafen können; vielleicht schlief ich sogar für eine kurze Zeit.

Dann geschah alles so schnell, und die Tragödie war so unerwartet und schmerzhaft, dass unser friedliches Lager in einen momentanen Wirrwarr stürzte, sodass es mir jetzt vorkommt, als wäre alles mit der unheimlichen Schnelligkeit eines Traums geschehen.

Zuerst gab es das abrupte Aufhören der monotonen Stimme, und dann das Rennen schneller kleiner Schritte über den Kiefernnadeln und das Durcheinander von Männerstimmen; und im nächsten Augenblick war die Frau des Professors am Zelteingang, hutlos, ihr Gesicht weiß, ihre Jagdhosen an den falschen Stellen sackartig, ein Gewehr in der Hand, und ihre Worte liefen irgendwie alle ineinander.

„Schnell, Harry! Es ist Rushton. Ich schlief und es weckte mich. Etwas ist passiert. Du musst dich darum kümmern!“

In einer Sekunde waren wir mit unseren Gewehren außerhalb des Zeltes.

„Mein Gott!“, hörte ich den Professor ausrufen, als hätte er die Entdeckung gerade erst gemacht. „Es ist Rushton!“

Ich sah, wie die Führer einen Mann aus einem Kanu halfen – zerrten. Eine kurze Zeit tiefer Stille folgte, in der ich nur die Wellen vom Kanu hörte, die an den Sand spülten; und dann, unmittelbar danach, kam die Stimme eines Mannes, der mit erstaunlicher Schnelligkeit und mit seltsamen Pausen zwischen seinen Wörtern sprach. Es war Rushton, der seine Geschichte erzählte, und die Töne seiner Stimme, mal flüsternd, mal fast schreiend, vermischt mit Schluchzen und feierlichen Eiden und häufigen Anrufungen der Gottheit, trafen irgendwie von Anfang an den falschen Ton, noch bevor einer von uns irgendetwas ahnte oder wusste. Etwas bewegte sich heimlich zwischen seinen Worten, ein Schatten, der die Sterne verhüllte, den Frieden unseres kleinen Lagers zerstörte und uns alle persönlich mit einem undefinierbaren Gefühl von Entsetzen und Misstrauen berührte.

Ich kann diese Gruppe bis heute sehen, mit allen Details einer guten Fotografie: stehend auf halbem Weg zwischen dem Feuerschein und der Dunkelheit, ein leichter Nebel, der vom See aufstieg, die frostigen Sterne und unsere Männer, in einer Stille, die reines Mitgefühl war, wie sie Rushton über die Felsen zum Lagerfeuer zerrten. Ihre Mokassins knirschten auf dem Sand und rutschten mehrmals auf den Steinen unter dem Gewicht des schlaffen, erschöpften Körpers aus, und ich kann immer noch jeden Zentimeter des geschälten Zedernzweigs sehen, den er als Paddel auf dieser einsamen und schrecklichen Reise benutzt hatte.

Aber was mich am meisten traf, wie es uns alle traf, war die schlaffe Erschöpfung seines Körpers im Vergleich zur Kraft seiner Äußerung und dem reißenden Strom seiner Worte. Eine kräftige Antriebskraft war dort am Werk und erzwang die Erzählung, glühend und pochend, voller Diskrepanzen und der seltsamsten Widersprüche; und die Natur dieser Antriebskraft begann ich erst zu begreifen, als sie ihn in den Kreis des Feuerscheins gehoben hatten und ich sein Gesicht sah, grau unter der Bräune, Terror in den Augen, auch Tränen, Haar und Bart durcheinander, und dem wilden Strom von Worten lauschte, der ohne Unterlass hervorbrach.

Ich glaube, wir verstanden alle damals, aber erst nach vielen Jahren wagte jemand zuzugeben, was er dachte.

Da war Matt Morris, mein Führer; Silver Fizz, dessen richtiger Name unbekannt war und der den Titel seines Lieblingsgetränks trug; und der riesige Hank Milligan – ganz Ohr und freundliche Absicht; und da war Rushton, der seine vorgefertigte Geschichte ausschüttete, mit immer schweifenden Augen, von Gesicht zu Gesicht wendend, auf der Suche nach Bestätigung von Details, die niemand außer ihm selbst – und einem anderen – bezeugt hatte.

Silver Fizz war der Erste, der sich von dem Schock der Sache erholte und mit dem natürlichen Sinn für Ritterlichkeit, der den meisten echten Waldläufern eigen ist, erkannte, dass der Mann in einem schrecklichen Nachteil war. Jedenfalls war er der Erste, der begann, die Sache in Ordnung zu bringen.

„Mach dir jetzt keine Gedanken darüber, es zu erzählen“, sagte er mit rauer Stimme, aber mit echter Sanftheit; „iss erst einmal einen Bissen und lass es dann später raus. Trink lieber auch einen Schluck Whisky. Es ist noch nicht alles eingepackt, schätze ich.“

„Konnte nichts essen oder trinken“, rief der andere. „Guter Gott, siehst du nicht, Mann, ich muss zuerst mit jemandem reden? Ich muss es aus mir herausbekommen, zu jemandem, der antworten kann – antworten. Ich hatte drei Tage lang nichts als Bäume zum Reden, und ich kann es allein nicht länger ertragen. Diese verfluchten, stummen Bäume – ich habe es ihnen tausendmal erzählt. Nun, sieh mal, es war so. Als wir vom Lager aufbrachen...“

Er sah sich ängstlich um, und wir erkannten, dass es zwecklos war, ihn aufzuhalten. Die Geschichte musste kommen, und sie kam.

Nun, die Geschichte selbst war nichts Außergewöhnliches; solche Geschichten werden dutzendweise an jedem Lagerfeuer erzählt, wo Männer sitzen, die in den Wäldern herumgekommen sind. Es war die Art, wie er sie erzählte, die uns eine Gänsehaut bereitete. Er war die ganze Zeit nahe an der Wahrheit, aber er strich sie nur, und das Streifen nahm die Sahne ab, die seine Seele hätte retten können.

Natürlich erstickte er sie in Worten – auch seltsamen Worten – melodramatischen, poetischen, ausgefallenen Worten, die direkt am Rande des Wahnsinns liegen. Natürlich fragte er uns auch nacheinander, unsere Gesichter mit seinen ruhelosen, verängstigten Augen scannend: „Was hättet ihr getan?“, „Was hätte ich sonst tun können?“ und „War das meine Schuld?“. Aber das war nichts, denn er war kein Milchbubi, der in Andeutungen und Vorschlägen handelte; er erzählte seine Geschichte kühn und drängte uns seine Schlussfolgerungen auf, als wären wir so viele Wachswalzen eines Phonographen, die genau das wiederholen würden, was uns gesagt worden war, und diese Fragen, die ich erwähnt habe, benutzte er, um jeden speziellen Punkt zu betonen, der seiner Meinung nach eine solche Betonung erforderte.

Die Tatsache war jedoch, dass das Bild dessen, was tatsächlich geschehen war, in seinem eigenen Geist noch so lebendig war, dass es uns durch einen Prozess der Telepathie erreichte, den er nicht kontrollieren oder verhindern konnte. Durch all seine wahr-falschen Worte hindurch trat dieses Bild in furchtbarem Detail gegen die Schatten hinter ihm hervor. Er konnte es nicht verschleiern, geschweige denn auslöschen. Wir wussten es; und ich habe immer gedacht, er wusste, dass wir es wussten.

Die Geschichte selbst war, wie gesagt, hinreichend gewöhnlich. Jake und er selbst waren in einem Neun-Fuß-Kanu in der Mitte eines Sees gekentert und hatten mehrere Stunden lang Hände über dem umgekehrten Boot gehalten, wobei sie schließlich Löcher in ihre Rippen schnitten, um ihre Arme hindurchzustecken und Hände zu fassen, damit die Taubheit des kalten Wassers sie nicht überwältigte. Sie waren meilenweit vom Ufer entfernt, und der Wind trieb sie auf eine kleine Insel zu. Aber als sie ein paar hundert Meter an die Insel herankamen, stellten sie zu ihrem Entsetzen fest, dass sie schließlich an ihr vorbeidriften würden.

Da begann der Streit. Jake wollte das Kanu verlassen und schwimmen. Rushton glaubte daran, zu warten, bis sie tatsächlich an der Insel vorbeigekommen waren und vom Wind geschützt wurden. Dann könnten sie die Insel leicht schwimmend erreichen, Kanu und alles. Aber Jake weigerte sich nachzugeben, und nach einem kurzen Kampf – Rushton gab zu, dass es einen Kampf gab – befreite er sich vom Kanu – und verschwand ohne einen einzigen Schrei.

Rushton hielt fest und bewies die Richtigkeit seiner Theorie und erreichte schließlich die Insel, Kanu und alles, nachdem er über fünf Stunden im Wasser gewesen war. Er beschrieb uns, wie er an Land kroch und sofort in Ohnmacht fiel, mit den Füßen halb im Wasser; wie verloren und verängstigt er sich fühlte, als er im Dunkeln wieder zu Bewusstsein kam; wie das Kanu weggedriftet war und welches außergewöhnliche Glück er hatte, es wieder am Ende der Insel durch einen herausragenden Zedernzweig aufgefangen zu finden. Er erzählte uns, dass die kleine Axt – ein weiteres Stück wirklichen Glücks – sich im Spant verfangen hatte, als das Kanu kenterte, und wie das kleine Fläschchen in seiner Tasche mit den Notfallstreichhölzern ganz und trocken war. Er machte ein loderndes Feuer und durchsuchte die Insel von Ende zu Ende, rief Jake in der Dunkelheit, bekam aber keine Antwort; bis schließlich so viele halb ertrunkene Männer aus dem Wasser auf die Felsen zu kriechen und im Schatten zu verschwinden schienen, wenn er zu ihnen kam, dass er völlig die Nerven verlor und zurückkehrte, um sich bis zum Tagesanbruch ans Feuer zu legen.

Er schnitt dann einen Zweig, um die verlorenen Paddel zu ersetzen, und nach einer weiteren nutzlosen Suche nach seinem verlorenen Begleiter stieg er in das Kanu, befürchtete jeden Moment, wieder zu kentern, und überquerte zum Festland. Er kannte ungefähr die Position unseres Lagerplatzes, und nachdem er Tag und Nacht gepaddelt war und viele mühsame Portagen ohne Nahrung oder Bedeckung zurückgelegt hatte, erreichte er uns zwei Tage später.

Das war mehr oder weniger die Geschichte, und wir, die wir wussten, wovon er sprach, wussten, dass jedes Wort buchstäblich wahr war, und gleichzeitig trug es zum Aufbau einer abscheulichen und ungeheuerlichen Lüge bei.

Sobald der Vortrag beendet war, brach er zusammen, und Silver Fizz kam nach einem allgemeinen Ausdruck des Mitgefühls von uns anderen wieder zur Rettung.

„Aber jetzt, Mister, müssen Sie einfach essen und trinken, ob Sie Lust haben oder nicht.“

Und Matt Morris, der Koch in jener Nacht, ließ bald die geforelle und den Speck, sowie die Weizenkuchen und den heißen Kaffee in einem ziemlich stillen und bedrückten Kreis herumgehen. Also aßen wir am Feuer, gierig, wie wir jede Nacht in den letzten sechs Wochen gegessen hatten, aber mit diesem Unterschied: dass einer unter uns war, der mehr als gierig war – und er schlang.

Trotz all unserer Bemühungen blieb er irgendwie der Mittelpunkt der Beobachtung. Wenn sein Blechbecher leer war, reichte Morris sofort den Teeeimer; wenn er anfing, das Speckfett mit dem Teig auf seiner Gabel aufzusaugen, griff Hank nach der Bratpfanne; und die Dose mit dampfenden Salzkartoffeln war immer an seiner Seite. Und es gab noch einen anderen Unterschied: Er war krank, schrecklich krank, bevor die Mahlzeit beendet war, und diese plötzliche Übelkeit nach dem Essen war beredter als Worte für das, was der Mann auf seiner schrecklichen, essenslosen, von Geistern heimgesuchten Reise von vierzig Meilen zu unserem Lager durchgemacht hatte. In der Dunkelheit dachte er, er würde verrückt werden, sagte er. Es gab Stimmen in den Bäumen, und Gestalten hoben sich immer aus dem Wasser oder hinter Felsbrocken, um ihn anzusehen und schreckliche Zeichen zu machen. Jake spähte ständig durch das Unterholz auf ihn, und überall bewegten sich die Schatten, mit Augen, Fußstapfen und folgenden Gestalten.

Wir versuchten hartnäckig, über andere Dinge zu sprechen, aber es war zwecklos, denn er platzte vor der Probe seiner Geschichte und weigerte sich, sich die Chancen zu geben, die wir so bereitwillig und begierig waren, ihm zu gewähren. Nach einer guten Nachtruhe hätte er vielleicht mehr Selbstbeherrschung und besseres Urteilsvermögen gehabt und wahrscheinlich anders gehandelt. Aber so, wie es war, fanden wir es unmöglich, ihm zu helfen.

Sobald die Pfeifen angezündet und das Geschirr abgeräumt war, war es zwecklos, länger so zu tun. Die Funken der brennenden Holzscheite zickzackten aufwärts in einen Himmel, der von Sternen brillierte. Es war alles wunderbar still und friedlich, und die Waldgerüche wehten uns in der scharfen Herbstluft entgegen. Das Zedernfeuer roch süß und wir konnten gerade noch das sanfte Rauschen kleiner Wellen am Ufer hören. Alles war ruhig, schön und fern von der Welt der Menschen und Leidenschaften. Es war in der Tat eine Nacht, die die Seele berühren konnte, und doch, ich glaube, keiner von uns achtete auf diese Dinge. Ein Elchbulle hätte fast seinen großen Kopf über unsere Schultern stecken können und wäre unbemerkt geblieben. Der Tod von Jake dem Schweden, mit seinem düsteren Hintergrund, war die wirkliche Präsenz, die den Mittelpunkt der Bühne hielt und Aufmerksamkeit erzwang.

„Sie werden vielleicht nicht mitkommen wollen, Mister“, sagte Morris, um einen Anfang zu machen; „aber ich schätze, ich werde mit einem der Jungs hier losziehen und eine Suche danach veranstalten.“

„Sicher“, sagte Hank. „Jake und ich haben in den alten Tagen einige große Reisen zusammen gemacht, und das werde ich für ihn tun.“

„Es ist tiefes Wasser, sagen sie, um diese Inseln herum“, fügte Silver Fizz hinzu; „aber wir werden es sicher finden – wenn es dort ist.“

Sie alle sprachen von dem Körper als „es“.

Es gab eine Minute oder zwei schweres Schweigen, und dann platzte Rushton wieder mit seiner Geschichte hervor, in fast denselben Worten, die er zuvor benutzt hatte. Es war fast so, als hätte er sie auswendig gelernt. Er versäumte es völlig, die Bemühungen der anderen zu würdigen, ihn davonkommen zu lassen.

Silver Fizz eilte herbei, in der Hoffnung, ihn zu stoppen, Morris und Hank folgten seinem Beispiel dicht.

„Ich kannte einmal einen anderen Reisepartner von ihm“, begann er schnell; „lebte früher in der Gegend von Moosejaw Rapids...“

„Ist das so?“, sagte Hank.

„So eine Art nützlicher Kerl“, warf Morris ein.

Alles, was die Männer im Sinn hatten, war, das Geschwätz zu unterbinden, bevor die Widersprüche so eklatant wurden, dass wir gezwungen wären, sie wahrzunehmen und Fragen zu stellen. Doch man könnte genauso gut versuchen, einen wütenden Elch auf der Flucht zu stoppen oder den Beaver Creek mitten im Winter am Zufrieren zu hindern, indem man Kieselsteine in Ufernähe hineinwirft. Es kam heraus! Und obwohl der Widerspruch diesmal unbedeutend war, konfrontierte er uns alle in einer Sekunde irgendwie mit dem unvermeidlichen und gefürchteten Höhepunkt.

„Und so bin ich auf dieser winzigen Insel überall herumgestapft, in der Hoffnung, er könnte irgendwie ohne mein Wissen dorthin gelangt sein, und dachte immer, ich würde diesen schrecklichen letzten Schrei von ihm in der Dunkelheit hören – und dann fiel die Nacht undurchdringlich herab, wie eine verdammte dicke Decke vom Himmel, und –“

Alle Blicke wandten sich von seinem Gesicht ab. Hank stocherte mit seinem Stiefel in den Holzscheiten herum, und Morris ergriff eine glühende Kohle mit seinen bloßen Fingern, um seine Pfeife anzuzünden, obwohl sie bereits Wolken von Rauch ausstieß. Doch der Professor fing den Ball im Flug auf.

„Ich dachte, Sie sagten, er sei ohne einen Schrei versunken“, bemerkte er leise, während er dem verängstigten Gesicht gegenüber direkt in die Augen sah und dann die verworrene Erklärung, die folgte, gnadenlos zerpflückte.

Die kumulative Wirkung all dieser Kräfte, die bisher so rigoros unterdrückt worden waren, machte sich nun bemerkbar, und der Kreis löste sich spontan auf, wobei sich jeder aus einem gemeinsamen Instinkt heraus gleichzeitig bewegte. Die Frau des Professors verließ die Gesellschaft abrupt mit Ausreden über einen frühen Aufbruch am nächsten Morgen. Zuvor schüttelte sie Rushton noch die Hand und murmelte etwas über sein Wohlbefinden in der Nacht.

Die Frage nach seinem Wohlbefinden fiel jedoch aufgrund der Umstände auf mich zurück, und er teilte mein Zelt. Kurz bevor ich mich in meine Doppeldecken einwickelte – denn die Nacht war bitterkalt –, drehte er sich um und begann zu erklären, dass er im Schlaf zu reden pflege und hoffe, ich würde ihn wecken, falls er mich damit störe.

Nun, er redete tatsächlich im Schlaf – und es störte mich in der Tat sehr. Der Zorn und die Gewalt seiner Worte haften mir bis heute an, und es war in einer Minute klar, dass er einen Teil der Szene auf dem See noch einmal durchlebte. Ich lauschte ein oder zwei Augenblicke lang voller Entsetzen und begriff dann, dass ich vor einer von zwei Alternativen stand: Ich musste weiterhin ein widerwilliger Lauscher bleiben, oder ich musste ihn wecken. Ersteres war mir unmöglich, doch vor Letzterem schreckte ich mit größtem Widerwillen zurück; und in meinem Dilemma sah ich den einzigen Ausweg aus der Schwierigkeit und akzeptierte ihn sofort.

Obwohl es kalt war, kroch ich verstohlen aus meinem warmen Schlafsack und verließ das Zelt, in der Absicht, das alte Feuer unter dem Sternenhimmel am Brennen zu halten und die verbleibenden Stunden bis zum Tagesanbruch im Freien zu verbringen.

Sobald ich draußen war, bemerkte ich sofort eine weitere Gestalt, die sich lautlos am Ufer entlangbewegte. Es war Hank Milligan, und es war nur allzu deutlich, was er tat: Er untersuchte die Löcher, die in die oberen Rippen des Kanus geschnitten worden waren. Er wirkte halb beschämt, als ich zu ihm kam, und murmelte etwas davon, vor Kälte nicht schlafen zu können. Doch dort, während wir gemeinsam neben dem umgedrehten Kanu standen, sahen wir beide, dass die Löcher viel zu klein für die Hand und den Arm eines Mannes waren und unmöglich von zwei Männern hätten geschnitten worden sein können, die in tiefem Wasser um ihr Leben klammerten. Diese Löcher waren erst nachträglich gemacht worden.

Hank sagte nichts zu mir und ich sagte nichts zu Hank, und bald darauf entfernte er sich, um Holz für das Feuer zu sammeln, das aufgefüllt werden musste, denn es war eine stechend kalte Nacht und es gab viele Grad Frost.

Drei Tage später folgten Hank und Silver Fizz mit stolpernden Schritten dem alten Indianerpfad, der vom Beaver Creek nach Süden führt. Eine Hängematte war zwischen ihnen aufgespannt, und sie war schwer. Doch keiner der Männer beschwerte sich; und tatsächlich gab es zwischen ihnen fast kein Wort. Ihre Gedanken waren jedoch überaus beschäftigt, und das schreckliche Geheimnis der Wälder, das ihre Last bildete, wog weit schwerer als die unförmige, sich hin und her bewegende Masse, die in der schwingenden Hängematte lag und so heftig an ihren Schultern zerrte.

Sie hatten „es“ in vier Fuß tiefem Wasser gefunden, keine paar Meter vom windabgewandten Ufer der Insel entfernt. Und am Hinterkopf befand sich eine lange, schreckliche Wunde, die sich kein Mensch selbst hätte zufügen können.

Gedruckt von MORRISON & GIBB LIMITED, Edinburgh.

John Silence

von Algernon Blackwood

„Nicht seit den Tagen von Poe haben wir etwas in seinem speziellen Genre gelesen, das mit diesem bemerkenswerten Buch verglichen werden könnte. ... Er bringt in seine Arbeit ein außergewöhnliches Wissen über seltsame und ungewöhnliche Formen spiritistischer Phänomene ein und taucht seine Seiten in eine Atmosphäre von echtem Schrecken und Erwartung.“ – Observer.

„Wenn man sagt, dass Mr. Blackwoods Arbeit an Genialität grenzt, ist die Formulierung in keinem leichten Zusammenhang gebraucht. Dieses sehr bemerkenswerte Buch ist eine bedeutende und dauerhafte Bereicherung für die Literatur unserer Zeit.“ – Morning Post.

„Dies sind die eindringlichsten und originellsten Geistergeschichten, seit ‚Uncle Silas‘ erschien.“ – Morning Leader.

„Auf dem Gebiet, das er gewählt hat, steht Mr. Blackwood konkurrenzlos unter den zeitgenössischen Schriftstellern da.“ – Manchester Guardian.

„So originell, so kraftvoll und so künstlerisch geschrieben wie das kleine Meisterwerk von Lytton, ‚The Haunters and the Haunted‘. Er hält einem günstigen Vergleich mit Le Fanu stand. ... Ein Band, der eine außergewöhnliche Faszinationskraft besitzt.“ – Birmingham Daily Post.

„Die Geschichte ist in ihrer Vorstellungskraft absolut fesselnd.“ – Daily Telegraph.

EINHEITLICHE AUSGABE

3s. 6d. netto

EVELEIGH NASH COMPANY LIMITED

36 King Street, Covent Garden, London, W.C.

The Lost Valley

von Algernon Blackwood

„In einer der Geschichten, ‚The Wendigo‘, liefert uns der Autor vielleicht einen der erfolgreichsten Ausflüge in das grimmig Unheimliche; ruhig, aber sicher lässt er seinen Leser unter den Einfluss des Unheimlichen geraten, bis die Seiten unter dem Bann einer furchterregenden Faszination halb widerwillig umgeblättert werden. Mr. Blackwood schreibt wie ein echter Künstler.“ – Daily Telegraph.

„Das Buch eines bemerkenswert begabten Schriftstellers.“ – Daily News.

„Die Geschichten sind unvergesslich. Durch sie alle zieht sich zudem der Charme eines vollendeten Stils. ... Mr. Blackwood hat in der Tat gute Arbeit geleistet.“ – Pall Mall Gazette.

„Ob es um Schönheit oder Schrecken, Tatsache oder Fantasie geht, in Mr. Blackwoods Arbeit gibt es eine Individualität, die nicht ignoriert werden kann, und es gibt auch eine Kraft, die, wie wir meinen, nicht so sehr aus der Fruchtbarkeit einer umfassenden Vorstellungskraft stammt, sondern aus der erstaunlichen Überzeugungskraft der Ausdrucksfähigkeit des Autors und einer literarischen Qualität, die in zeitgenössischen Geschichten über Geheimnisse und Fantasie selten anzutreffen ist.“ – Globe.

„In seiner Methode, die Quellen der Angst, des Mitleids und des Schreckens zu berühren, zeigt Mr. Blackwood oft Kräfte, die man nur als meisterhaft bezeichnen kann. Auf seine Weise verspricht sein Werk ein Klassiker zu werden ... eine Kunst, die der von Bulwer-Lytton überlegen ist, mindestens so fein wie die von Le Fanu, und kaum, wenn überhaupt, unterlegen derjenigen, die von den bedeutenden lebenden Meistern der Kurzgeschichte, Mr. Kipling und Mr. James, gezeigt wird.“ – Birmingham Daily Post.

EINHEITLICHE AUSGABE

3s. 6d. netto

EVELEIGH NASH COMPANY LIMITED

36 King Street, Covent Garden, London, W.C.

The Listener

von Algernon Blackwood

„Diese Geschichten sind Literatur ... gute Geschichten, gut erdacht, sorgfältig modelliert, richtig proportioniert. ... ‚The Insanity of Jones‘ ist vielleicht das bemerkenswerteste Bravourstück in diesem bemerkenswerten Buch. ... Wenn Mr. Blackwood sein jetziges Niveau hält, werden sich ein oder zwei sehr berühmte Autoren auf ihre Lorbeeren besinnen müssen.“ – Daily Chronicle.

„Nicht einmal Edgar Allan Poe hat geschickter eine Atmosphäre des Schreckens suggeriert als Mr. Blackwood in seiner Titelgeschichte oder wiederum in seiner Beschreibung von ‚The Willows‘.“ – F.G. BETTANY in der Sunday Times.

„Zu sagen, dass Mr. Blackwoods neueste Geschichten einen starken dramatischen Instinkt offenbaren, ist eine langweilige Art, die Reihe von Nervenkitzeln auszudrücken, die ihre Lektüre verursacht. Ohne Zweifel ist Mr. Blackwood dazu bestimmt, einen hohen Platz als Autor einzunehmen, der in der Lage ist, die Aufmerksamkeit seines Lesers auf der ersten Seite zu erregen und sie bis zur letzten Seite zu halten. ... Ein unverwechselbares Genie.“ – Pall Mall Gazette.

„Voller Fantasie und gut erzählt.“ – Daily News.

„Mr. Blackwood ist eindeutig ein Meister der Kunst der echten Sensationsgeschichte.“ – Liverpool Courier.

EINHEITLICHE AUSGABE

3s. 6d. netto

EVELEIGH NASH COMPANY LIMITED

36 King Street, Covent Garden, London, W.C.

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