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The Entailed Hat

by George Alfred Townsend · in German

DAS VERMÄCHTE HUT

ODER

PATTY CANNONS ZEITEN

Ein Roman

VON GEORGE ALFRED TOWNSEND

"GATH"

NEW YORK HARPER & BROTHERS, FRANKLIN SQUARE 1884

Gemäß dem Gesetz des Kongresses im Jahre 1884 von

HARPER & BROTHERS

im Büro des Bibliothekars des Kongresses in Washington eingetragen.

Alle Rechte vorbehalten.

AN

RICHTER GEORGE P. FISHER

VON DELAWARE

UND

DEN EHRENWERTEN JOHN A. J. CRESWELL

VON MARYLAND

LIEBHABER ALTER ZEITEN

BEGRÜSSER DER NEUEN ÄRA

"Freunde! Traut nicht dem Herzen jenes Mannes, für den alte Kleider nicht ehrwürdig sind."--CARLYLE: Sartor Resartus

EINLEITUNG.

Einst erwachte der Autor mit der schmerzlichen Erkenntnis, dass er keinen Ort wirklich kannte, obwohl sein Beruf ihn an viele Orte geführt hatte, und dass er nach fünfundzwanzig Jahren der Beschreibung von Ortschaften und Gesellschaften mit keinem von ihnen identifiziert werden würde.

"Wo soll ich anfangen, in meinen eigenen Grenzen zu schweifen?", fragte er sich, während er die leeren Räume in seinem Wesen spürte: das Fehlen all jener Vögel, Waldbäume, häuslichen Gewohnheiten, Unkräuter, Instinkte der Bäche sowie der Schattierungen und Töne der lokalen Arten, die im Umkreis einer Nachbarschaft liegen und den pastoralen Geist vervollständigen.

Zahlreiche Bezirke erhoben sich und wetteiferten miteinander, jeder attraktiv durch eine markante Szene, einen kühnen Kontrast oder ein liebliches Gesicht; und eine weisere Politik hätte seine Neigungen vielleicht zu einem dieser Orte gelenkt, die womöglich reich an Wohlstand oder literarischer Wertschätzung sind; doch das Herz begann sich, wie bei der ersten Liebe oder einer fast ebenso süßen Landstreicherei, dem kleinen, bescheidenen Fleckchen Erde zuzuwenden, an dem er seine kurze Kindheit verbracht hatte und wo die unbekannten Generationen seines Volkes den Sand verdunkelten – die Halbinsel zwischen der Chesapeake Bay und dem Delaware River.

Weit unten auf dieser Halbinsel liegt die alte Stadt Snow Hill an der Grenze zu Virginia; dort betrat der Pilger das Gerichtsgebäude und bat darum, ein altes Testamentsbuch einsehen zu dürfen, und darin schlug er den Namen eines mütterlichen Vorfahren auf, von dem ihm ein alter Verwandter großartige Geschichten erzählt hatte. Ihm stockte fast der Atem, als er die folgenden Bestimmungen vom 12. Februar 1800 fand:

"Ich gebe und vermache meinem Sohn, Ralph Milbourn, MEINEN BESTEN HUT, AN IHN UND SEINE RECHTSNACHFOLGER FÜR IMMER, und nicht mehr von meinem Nachlass.

"Ich gebe Thomas Milbourn meinen kleinen Eisenkessel, meine Branntweinbrennerei, alle meine Kamineisen, meinen Topfständer und das Pfund-Anleihe-Papier über fünfzehn Pfund, das er meiner Tochter, Grace Milbourn, gab."

Am nächsten Tag nahm ein Arzt den Autor mit auf seine Runden durch "den Wald", wie ein benachbarter Landstrich fast zu neidisch genannt wurde, und durch eine verlassene Eisenschmelze; ein Dorf fast aus der Zeit dieser Testamente.

Wohin er auch ging, der vermachte Hut schien dem Fremden im Land seiner Vorfahren in den Ausblicken zu erscheinen, als ob ein sonderbares, ehrwürdiges, gemiedenes Wesen ihn durch die Schluchten der Zeit trüge. Bald wie Hester Prynne, die ihren scharlachroten Buchstaben trägt, und bald wie Gaston in seiner eisernen Maske, nahm dieses Wesen beide Geschlechter und verschiedene Charaktere an, während der Autor die Wahrscheinlichkeiten seiner Existenz abwog. Schließlich begann er es zu kennen und machte sich daran, es in einer kleinen Erzählung darzustellen.

Die Geschichte brach aus ihren Grenzen hervor, so wie seine eigene Familiengeneration aus diesem Wald ausgebrochen war und eine größere Hemisphäre gesucht hatte; doch wohin auch immer der mystische Hut gelangte, seine schweifende Fantasie war ebenfalls an der Hand seiner Mutter geführt worden.

Oft hatte sie ihm von der alten Patty Cannon und ihrer Entführerhöhle sowie ihrem Tod im Gefängnis seiner Heimatstadt erzählt. Er fand heraus, dass die Legende dieser gefürchteten Frau mit der Zeit eher gestärkt wurde, als verblasst zu sein, dass ihre Spukorte bewahrt blieben und Augenzeugen ihrer Taten noch immer am Leben waren.

Daher enthält diese Romanze viel lokale Wahrheit und ist nicht nur die Erzählung einer Episode, sondern die Geschichte einer großen Region, die drei staatliche Zuständigkeiten umfasst, sowie jener Zeit, als das moderne Leben auf den Ruinen der alten kolonialen Kastenordnung entstand.

INHALTSVERZEICHNIS.

KAPITEL SEITE

I. ZWEI HUTTRÄGER 1 II. RICHTER UND TOCHTER 6 III. DIE WALDBEWOHNER 15 IV. ENTDECKUNG DES ERBSTÜCKS 19 V. DAS SUMPFEISENERZ-GEBIET 25 VI. DIE RUIERTEN CUSTISES 32 VII. IRRLICHT-EISEN 40 VIII. DER HUT FINDET EINEN HAKEN 45 IX. HA! HA! DAS WERBEN DARUM 69 X. HERR IN DER KÜCHE 83 XI. STERBENDER STOLZ 89 XII. LEUTE AUS PRINCESS ANNE 100 XIII. SCHATTEN DER ZIEGEL 121 XIV. MESHACHS ZUHAUSE 129 XV. DER ENTFÜHRER 154 XVI. GLOCKENHUT-MANN 164 XVII. SABBAT UND KANU 179 XVIII. UNTER EINER ALTEN HAUBE 192 XIX. DIE DÜSTEREN EBENEN 210 XX. KASTE OHNE TON 218 XXI. LANGE TRENNUNGEN 239 XXII. NANTICOKE-LEUTE 261 XXIII. TWIFORDS INSEL 269 XXIV. ALTE SCHORNSTEINE 285 XXV. PATTY CANNONS 298 XXVI. VAN DORN 318 XXVII. CANNONS FÄHRE 335 XXVIII. BEFRIEDUNG 357 XXIX. BEGINN DES ÜBERFALLS 360 XXX. AFRIKA 365 XXXI. PFIRSICHBLÜTE 373 XXXII. STRUMPFBANDNATTERN 391 XXXIII. FLITTERWOCHEN 405 XXXIV. DIE PRÜFUNG 411 XXXV. COWGILL HOUSE 424 XXXVI. ZWEI WHIGS 433 XXXVII. GEIST DER VERGANGENHEIT 441 XXXVIII. VIRGIES FLUCHT 456 XXXIX. VIRGIES FLUCHT--FORTSETZUNG 468 XL. HULDA BELAGERT 486 XLI. TANTE PATTYS LETZTER TRICK 496 XLII. SCHNÄBEL 510 XLIII. FREUDE VERSICKERT 515 XLIV. DER TOD DER PATTY CANNON 524 XLV. DER RICHTER WIEDER VERHEIRATET 542 XLVI. DER FLUCH DES HUTES 554 XLVII. VERSAGEN UND RÜCKERSTATTUNG 558

* * * * *

Ein Bild von Joe Johnsons Entführer-Taverne, wie sie im Jahr 1883 stand, ist auf der Titelseite abgebildet.

DAS VERMÄCHTE HUT.

KAPITEL I.

ZWEI HUTTRÄGER.

Princess Anne ist, wie ihr königlicher Name andeutet, ein alter Gerichtssitz und eine sanftmütige Stadt an der Eastern Shore. Da das alte County Somerset viele Jahre vor dem Revolutionskrieg geteilt und seine Gerichte getrennt worden waren, verblasste das ursprüngliche Gerichtsgebäude aus der Welt, und die Kiefern des Waldes haben seinen Standort verborgen. Zwei neue Städte entstanden und blühen noch immer rund um die ursprünglichen Aufzeichnungen, die in ihren schlichten Backsteinbüros gesammelt wurden, und es wäre ein vergesslicher Besucher in Princess Anne, der nicht sagen würde, dass sie die bessere Gesellschaft habe. Er würde dies von den "besten Leuten", die dort leben, bestätigt bekommen; und noch feierlichere Zusicherungen von den zwei ehrwürdigen Kirchen, der presbyterianischen und der episkopalen, deren Grabsteine, ob aufrecht, liegend oder in Familienreihen, in lateinisierten, poetischen oder frommen Epitaphen sagen: "Wir gehörten zur Gesellschaft von Princess Anne." Das ist zumindest der Eindruck, der beim Besucher zurückbleibt, wenn er zwischen ihrem Myrten- und Efeubewuchs wandelt oder auf den breiten, lehmigen Straßen die Verbeugungen der Anwälte und ihrer Klienten entgegennimmt.

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts lebten nur zwei exzentrische Männer in Princess Anne, und beide waren an ihren Hüten zu erkennen.

Der erste war Jack Wonnell, ein armer Kerl unbekannter Herkunft, der einmal eine Auktion besucht und ein Viertelbruttogewicht an Biberhüten gekauft hatte. Obwohl dies Jahre vor Beginn unserer Geschichte geschah und sich die Moden geändert hatten, holte Jack nicht öfter einen neuen Hut aus dem Vorrat, als er seinen Vorgänger gut abgetragen hatte, und löschte mit einer Rate von zwei Hüten pro Jahr den Vorrat nur sehr langsam. Wie die meisten Leute, die Auktionen besuchen, war er nicht vorsorglich, außer bei Hüten, und bot in seiner geflickten und eingelaufenen Kleidung einen verblüffenden Anblick, wenn er eine glänzende, neue Kopfbedeckung aufsetzte und den Gehweg betrat. Sein Name war in allen Gesellschaftsschichten zu "Bell-crown" geworden.

Der andere exzentrische Bürger war Gegenstand eines echten Rätsels und noch burlesker. Er trug einen Hut, der anscheinend über ein Jahrhundert alt war, mit einer hohen, spitz zulaufenden Krone und einer steifen, welligen Krempe, fast doppelt so hoch wie die Zylinder oder hohen Hüte dieser Tage. Er war gerieben, neu bezogen, gereinigt und begradigt worden, bis sein groteskes Aussehen unendlich verstärkt war. Wäre der Träger direkt aus dem Hof von König Jakob I. in unsere Zeit und Gegenwart spaziert, hätte er keinen sonderbareren Effekt erzielen können. Er trug diesen Hut nicht bei jeder Gelegenheit, auch nicht jeden Tag, sondern immer an Sabbaten und Feiertagen, bei Begräbnissen oder korporativen Feiern, an bestimmten Tagen der englischen Kirche und wann immer er den Rest seines Extra-Anzugs trug, der ebenfalls von der vornehm-schäbigen Art war und mit grünlichen Gamaschen endete, die in der Farbe fast das Gegenstück zum Hut waren. Zum täglichen Geschäft trug er eine billige, gewöhnliche Breitkrempe, aber manchmal, für mehrere Tage, aus einer Laune heraus oder nach unbekannter Methode, trug er diesen Spitzhut, und Fremde im Ort bekamen im Allgemeinen eine Gelegenheit, ihn zu sehen.

Meshach Milburn, oder "Steeple-top", war ein knauseriger, habgieriger, kaum geselliger Mann aus der Nachbarschaft, aber aus einer Familie, die im Allgemeinen erfolglos und unscheinbar war, von der es hieß, sie sterbe seit so vielen Jahren aus, dass sie immer ein Überrest zu sein schien, aber nie ganz verschwand. Er allein von den Milburns hatte sich aus der Waldregion von Somerset erhoben und sich in der Stadt niedergelassen, und durch Schweigen, Genügsamkeit, hartes Feilschen und schließlich durch Geldverleih war er zu einer Person mit unbekannten Mitteln geworden – selbst fast unbekannt. Er war dem Anschein nach ein Kaufmann oder Ladenbesitzer und handelte mit verschiedenen Dingen, wobei er keinen Angestellten oder Gehilfen hatte außer einem Neger namens Samson, der ebenso wenig über seine Gedanken und Zuneigungen wusste wie der Rest der Stadt. Samsons Geschäft war es, den mysteriösen Hut zu reinigen und hervorzuholen, von dem er wusste, dass er jedes Mal gebraucht wurde, wenn er seinen Herrn rasieren sah.

Sobald der Rasierschaumbecher und der Abziehstein in Bewegung waren, ging Samson ohne Nachfrage in eine große grüne Kiste im Schlafzimmer über dem alten Holzladen und holte den Spitzhut aus einer Lederhutschachtel, wo Meshach Milburn ihn selbst immer heilig aufbewahrte. Dann übte "Samson Hat", wie die Jungen ihn nannten, seine Bürste kräftig aus und brachte die sonderbare alte Kopfbedeckung in eine so formelle Form wie möglich, wobei er sich stillschweigend um deren Instandsetzung durch den Dorfhutmacher kümmerte und den Laden nie verließ, bis die Kopfbedeckung repariert war, und niemanden außer dem Handwerker daran ließ. Zusätzlich kochte Samson das Essen für seinen Herrn und verrichtete grobe Arbeiten rund um den Laden, hatte aber keine andere bekannte Qualifikation für einen vertrauenswürdigen Diener außer seiner körperlichen Kraft.

Er war nun alt, wahrscheinlich sechzig, aber immer noch ein höchst beeindruckender Faustkämpfer; und er hatte zu Fuß den letzten wilden Hirsch im County gefangen. Obwohl Samson Hat kein Trinker war, ließ er kein Jahr verstreichen, ohne einen persönlichen Kampf mit irgendeinem jungen, willigen und kraftvollen Neger zu führen. Sein physisches und mentales System schien eine solche periodische Nachsicht zu erfordern, und er maß jeden Neger, der in die Stadt kam, ausschließlich im Licht seiner Tapferkeit. Beim Erscheinen eines herkulischen oder athletischen Athleten leuchteten Samsons Augen auf, sein Lächeln erschien, und seine freundliche Begrüßung war: "Du bist ein guter Mann! Fast so gut wie ich!" Er wurde nie geschlagen, so hieß es, außer von einem harmlosen schwarzen Klassenführer, den er herausforderte und zum Kampf zwang.

"Bei Gott, Mann, ich habe dich noch nie gesehen! Ich bin der Kirche beigetreten! Ich kann nicht kämpfen! Ich habe es nie getan!"

"Kann ich nicht ändern, Bruder!", antwortete Samson. "Du bist ein zu guter Mann, um durch Somerset County zu gehen. Stell dich, oder du wirst es bereuen!"

"Dann, wenn ich muss, muss ich! Der Herr vergebe mir!" und nach einem gewaltigen Kampf ging der Klassenführer fast als Sieger hervor.

Wann immer Samson seinen gladiatorenhaften Neigungen nachgab, verschwand er in den Wald, aus dem er kam, und da er ein freier Mann mit einer geistigen Unabhängigkeit war, die seiner Nervenstärke entsprach, wartete er einfach in seiner einsamen Hütte, bis Meshach Milburn ihm Nachricht gab, zurückzukehren. Dann nahm der alte Neger stillschweigend seinen Platz ein, sah reumütig aus, nahm die wenigen bitteren, herablassenden Worte seines Herrn schweigend hin und bürstete den alten Hut.

Meshach hielt ihn respektabel gekleidet, zahlte ihm aber keinen Lohn; der Neger hatte, was er wollte, wollte aber wenig; bei mehr als einer Gelegenheit hatte das Gericht Strafen für Samsons Landfriedensbruch verhängt, und er lag im Gefängnis, gleichgültig und stolz, bis Meshach Milburn die Strafe zahlte, was er widerwillig tat; denn Geld war Meshachs einziges Streben, und er gab nichts für sich selbst aus.

Ohne Laster schien es, dass Meshach Milburn keine Gefühle, kaum eine Tugend hatte. Er hatte weder Mitleid noch Neugier, Besucher noch Freunde, Berufe noch Entschuldigungen. Zwei oder dreimal war er in eine Jury berufen worden, wobei er seinen besten Anzug und seinen Spitzhut anzog und seine Aufgabe formell erfüllte. Er besuchte jeden Sonntag und an hohen Feiertagen den episkopalen Gottesdienst und trug unvermeidlich die alte Kopfbedeckung, die oft von sich aus mehr Publikum anzog als die Predigt. Er gab eine sehr kleine Geldsumme, nahm eine billige Kirchenbank und las aus seinem Gebetbuch viele Ermahnungen, die er nicht befolgte.

Er war nicht streitsüchtig, aber es gab kein Entrinnen vor der Perfektion seiner Verträge. Seine suchenden und großen haselnussbraunen Augen, fast stolz und ganz unfreundlich, und sein indianerartiges Haar waren die führenden Elemente eines Gesichts, das nicht groß war, aber so erschien, als ob der begrabene Wille irgendeiner lange frivolen Familie wiederhergestellt und in diesem Mann konzentriert worden wäre und seinen Brauen, Kiefern und Blicken eine gallige Kraft gegeben hätte.

Seine Exzentrizität hatte keine offensichtliche Harmonie mit irgendetwas anderem noch irgendeine besondere Sensibilität. Die Jungen verspotteten seinen Hut, und die kleinen Mädchen stimmten oft ein und riefen: "Spitzhut! Er trägt ihn! Meshach ist los!" Aber er beachtete niemanden, bis einmal, zur Zeit des Gerichts, einige zechende Kerle Jack Wonnell dafür bezahlten, auf Meshach Milburn zuzugehen und zu fragen, ob er einen neuen Glockenhut gegen den alten, verfallenen Spitzhut tauschen wolle. Meshach sah Wonnell streng ins Gesicht und zischte: "Du elender Landstreicher! Die Natur wollte, dass du barhaupt gehst. Hüte dich, wenn du mich wieder ansprichst!"

"Ich hatte Angst vor ihm", sagte Jack Wonnell später. "Er schien in jedem Auge eine geladene Pistole zu haben."

Kein anderer Vorfall, abgesehen von unterschiedsloser Lächerlichkeit, wurde von diesem Hut aufgezeichnet, außer einmal, als eine Gruppe kleiner Kinder vor dem Haus von Richter Custis begann zu flüstern und zu kichern, und eines, mutiger als die anderen, die Tochter des Richters, ernst auf den ungeselligen Mann zuging; es war der erste Mai, und er trug seinen besten Anzug:

"Sir", sagte sie, "darf ich eine Rose in Ihren alten Hut stecken?"

Der harte Mann blickte auf das kleine, königliche Kind herab, das gerade und schlank dastand, mit einem Ausdruck von Gelassenheit und Höflichkeit auf dem Gesicht. Dann blickte er auf und über die Residenz des Richters, um zu sehen, ob irgendeine schelmische oder anmaßende Person diese Handlung angestiftet hatte. Niemand war in Sicht, und die anderen Kinder waren weggelaufen.

"Warum bieten Sie mir eine Blume an?", sagte er, aber ohne Zärtlichkeit.

"Weil ich dachte, dass ein so sehr alter Hut mit einer Rose besser aussehen könnte."

Er zögerte eine Minute. Das kleine Mädchen, als ob sie von guter Herkunft wäre, empfing seinen starken Blick stetig. Er nahm die ehrwürdige alte Kopfbedeckung ab und legte sie in die Hand des hübschen Mädchens. Sie befestigte eine weiße Rose daran, und dann setzte er den Hut mit der Rose wieder auf seinen Kopf und nahm ein kleines Stück Gold aus seiner Tasche.

"Wollen Sie das nehmen?"

"Mein Vater lässt es mich nicht, Sir!"

Meshach Milburn steckte die Münze wieder ein und sagte nichts weiter, ging aber die Straßen entlang, inmitten von mehr als dem üblichen Grinsen, und die wettergegerbte Tür des kleinen, baufälligen Ladens schloss sich hinter ihm.

KAPITEL II.

RICHTER UND TOCHTER.

Richter Custis war der wichtigste Mann im County. Er gehörte zur ältesten kolonialen Familie von Rang, den Custises aus Northampton, deren Vermögen, das mit König Karl II. und seinen Tavernkrediten in Rotterdam begann, damit endete, Oberst George Washington mit dem Scherflein einer Witwe auszustatten. Der Richter in Princess Anne war der schönste Mann, Vater der feinsten Familie von Söhnen und Töchtern, der Beste an Besitz, der Vielseitigste an Wissen und der Geselligste der Custises.

In jener Region der Eastern Shore gibt es so wenig Vielfalt an Erzeugnissen, da nur der Ozean und der Lehm zum Menschen beitragen, dass Richter Custis einen übertriebenen Ruf als Mineraloge genoss.

Er hatte begonnen, Eisen aus den Sumpferzen herzustellen, die in den Sümpfen und Anhöhen eines benachbarten Bezirks gefunden wurden, und hatte mit dem Geschmack einer landbesitzenden und sklavenhaltenden Familie rund um seinen Schmelzofen eine beachtliche Stadt errichtet, wobei seine eigene Residenz als Eigentümer inmitten herausragte. Dort verbrachte er einen großen Teil der Zeit, und nicht immer in Begleitung seiner Familie, unterhielt Freunde aus den fernen Städten, genoss die Luxusgüter wie Terrapin, Ente und Weine und, wie man im Wald munkelte, alle Vergnügungen eines russischen oder deutschen Adligen auf einem abgelegenen Anwesen.

Er konnte sich mit den barfüßigen Waldläufern auf den Boden legen, ihnen gleichgestellt und vertraut, und ihre Stimmen für den Senat des Bundesstaates oder die Versammlung davontragen. In Princess Anne war er unterscheidungsfähiger, stieg in jener Gesellschaft zu seiner familiären Statur auf und war von Bündnissen umgeben, die das erforderten, was man "Haltung" nennt. Kurz gesagt, er war das Oberhaupt der Gemeinschaft, und sein Vermögen, ursprünglich beachtlich, war durch Heirat vermehrt worden, während sein Kredit bis nach Philadelphia und Baltimore reichte.

Nicht lange nach dem Vorfall, als seine junge Tochter Vesta die Rose in Meshach Milburns mysteriösen Hut steckte, sagte Richter Custis zu seiner Dame am Frühstückstisch:

"Diesem Mann wurde zu lange erlaubt, sich wie ein Hund einzuschließen. Er schuldet dieser Gemeinschaft etwas. Ich werde zu seinem Zwinger hinuntergehen, unter dem Vorwand, ein Darlehen zu wollen – und ich brauche tatsächlich etwas Geld für den Schmelzofen!"

Er nahm nach dem Frühstück seinen Gehstock und verließ sein großes Herrenhaus und ging den Gehweg der ebenen Straße hinunter. Da waren, wie gewöhnlich, einige Neger rund um Milburns kleinen, wettergegerbten Laden, und Samson Hat, unter ihnen, schüttelte dem Richter die Hand, nicht im Geringsten beunruhigt durch die Herablassung des Letzteren.

"Richter", sagte Samson und musterte den großen, stattlichen Herrn, "Sie sind immer noch ein guter Mann. Aber das Fleisch ist ein wenig weich in Ihren Muskeln, Richter."

"Ah! Samson", antwortete Custis, "es gibt einen alten Kerl, der mit dir ringt."

"Die Zeit?", sagte der Neger; "die können wir nicht bekämpfen, sicher! Das ist eine Tatsache! Aber ich bin so gut wie jeder Mann in Somerset jetzt."

"Außer dem Jungen meiner Tochter, dem Klassenführer aus Talbot."

"Ist dieser Junge in Ihrer Familie", rief Samson aus und entflammte. "Ich werde dorthin gehen, wenn er mir noch einen Wurf gibt."

Der Richter betrat die weit geöffnete Tür von Meshach Milburns Laden. Einige Neger und arme Weiße waren am Tresen, und Meshach maß ihnen Whiskey für den billigen Dram im Austausch für Waschbärenfelle und Eier ab. Er blickte auf, nur ein wenig überrascht über die Ankunft des bedeutenden Mannes, und sagte lediglich, ohne zu nicken:

"Morgen!"

Richter Custis wich nie vor irgendjemandem zurück, aber seine Intelligenz erkannte in Meshachs Augen eine Art von Natur, der er noch nicht begegnet war, obwohl er allgemein bekannt war. Es war weder Feindseligkeit noch Willkommen noch Gleichgültigkeit. Es war nicht genau Geist. So gut der Richter es formulieren konnte, der Ausdruck war gewohnheitsmäßige Selbstsicherheit, und wenn nicht gewohnheitsmäßiges Misstrauen, so doch das Gefühl, das ihm am nächsten kam, das aus bewusster Unbeliebtheit entsteht.

"Mr. Milburn", sagte Richter Custis, "wenn Sie Zeit haben, lassen Sie mich ein paar Worte mit Ihnen wechseln."

Der Ladenbesitzer wandte sich an die armen Leute in seinem kleinen Bereich und bemerkte ihnen gegenüber unverblümt:

"Ihr könnt in zehn Minuten wiederkommen."

Sie gingen alle ohne weiteren Befehl hinaus. Milburn schloss die Tür. Der Richter rückte einen Stuhl zurecht und setzte sich.

"Milburn", sagte er und ließ das formelle "Mister" weg, "man sagt mir, Sie leihen Geld, und dass Sie gut dafür verlangen. Ich bin manchmal ein Bittsteller, und ich glaube daran, die Zinsen hier in unserer eigenen Gemeinschaft zu halten. Wollen Sie meinen Schuldschein zu gesetzlichen Zinsen diskontieren?"

"Niemals", antwortete Meshach.

"Dann", sagte der Richter lächelnd, "setzen Sie mich einiger Unannehmlichkeiten aus."

"Das ist mehr als gesetzliche Zinsen", antwortete Milburn stur. "Sie werden die gesetzlichen Zinsen dort zahlen, wo Sie hingehen, und die Unannehmlichkeit des Gehens wird auch etwas kosten. Wenn Sie Ihre Ausgaben so großzügig addieren, wie Sie sie verursachen, wenn Sie nach Baltimore gehen, zu den gesetzlichen Zinsen, zahlen Sie immer einen guten Aufschlag."

"Wo Sie Risiken haben", schlug der Richter vor, "gibt es einen Grund für einen hohen Abschlag, aber mein Eigentum wird dieses County und all das Land, auf dem Sie Hypotheken halten, bereichern."

"Sumpferz!", murmelte der Geldverleiher. "Ich habe nie Geld für diese Art von Risiko verliehen. Ich muss darüber lesen! Man sagt, die Herstellung erfordert mechanisches Talent. Wie viel wollen Sie?"

"Dreitausend."

"Gesichert durch den Schmelzofen?"

"Ja."

Meshach rechnete auf einem Stück Papier, und der Richter studierte mit leichter Neugier sein sonderbares Gesicht und seine Figur.

Er war ziemlich klein und untersetzt, wog nicht mehr als einhundertdreißig Pfund, mit langen, feinen Fingern von solch filigraner Zeichnung und eigenständiger Beweglichkeit, dass jeder Finger einen eigenen Willen und eine eigene Funktion zu haben schien. Betrachtete man nur seine Hände, hätte man gesagt: "Hier ist ein Pianist, ein Schreiber, eine Frau von ausgeprägter Geschicklichkeit oder ein Mann von sonderbarer Feinheit." Alle Finger waren wohlgeformt, als ob die Hand statt des Gesichts dazu bestimmt wäre, der Exponent des Geistes zu sein und dessen Porträt dort zu offenbaren.

Dennoch war das Gesicht von Meshach Milburn, wenn auch abstoßender, ungewöhnlich.

Die Auswirkungen einer langen, einseitigen Ernährung und eines unveränderlichen Klimas, von Generation zu Generation, beides karg und wenig belebend, hatten seine Wangenknochen, sein Haar und seine harzig-braunen Augen in eine fast urzeitliche Form und Linienführung gebracht. Von den Wangenknochen aufwärts sah er aus wie ein Indianer und drückte eine stoische Kraft und Dunkelheit aus. Darunter fiel ein im Verhältnis dazu großes Gesicht ab, an dem nichts Bemerkenswertes war außer der Nase, die so gerade, markant und vollkommen war und deren Nasenlöcher so empfindsam, dass nur die Nase in seinem Gesicht eine gute Gesellschaft für seine Hände zu sein schien. Wenn er einem gegenüberstand, den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt, die braunen Augen forschend starrend und die Nase beinahe empfindungsfähig, wirkte er wie ein feindseliger Wilder, der gerade aus den Wäldern gebrochen war.

Das war in der Tat sein Zustand.

"Schau ihm in die Augen", sagte der Städter, "er ist durch und durch Waldmensch!"

"Aber schau dir seine Hand an", fügten einige wenige Beobachter hinzu.

Ach! Wer hatte diese Hand je geschüttelt?

Sie war nun dem Richter ausgestreckt, und er nahm von ihren weiblichen Fingern die Bedingungen des Darlehens entgegen. Richter Custis war überrascht über die Mäßigung von Meshach, und er blickte fröhlich in jenes stets wache Gesicht, auf dem "qui vive?" hätte stehen können.

"Es liegt nicht an der Güte der Sicherheit", sagte Meshach, "ich mache es Ihnen niedrig, gesellschaftlich gesehen!"

Der Stolz der Custis stieg mit einer Röte in die Augen des Richters, dass dieser geächtete und verspottete Shylock andeutete, ihre Beziehungen könnten mehr als die eines Fürsten zu einem Pfandleiher sein. Aber der Richter war ein Politiker mit anpassungsfähigem Geist und Auftreten.

"Wo wir von gesellschaftlichen Dingen sprechen, Milburn", sagte er beiläufig, "unsere Stadt ist nicht so groß, dass wir uns nicht alle manchmal sehen. Warum tragen Sie diesen verlorenen, unansehnlichen Hut?"

"Warum tragen Sie den Namen Custis?"

"Oh, den habe ich geerbt!"

"Und ich habe meinen Hut geerbt."

Es entstand eine Minute lang eine Pause, doch bevor der Richter sagen konnte, ob es eine wütende oder eine unbehagliche Pause war, sagte der Krämer:

"Richter Custis, ich gestehe zu, dass Sie der bestgezogene Mann in Princess Anne sind. Woher nehmen Sie die Autorität, eine andere Person über irgendeinen anständigen Gegenstand seiner Kleidung zu befragen?"

"Ich nehme meine Bemerkung zurück, Milburn", sagte der Richter. "Mehr als Neugier brachte mich dazu, es vorzuschlagen, weil ich Ihnen wohlgesonnen bin. Und ich darf Ihnen ebenfalls bemerken, mein Herr, dass Sie mir, wenn Sie mir Geld leihen, dies immer geschäftlich tun werden und nicht gesellschaftlich."

"Sehr wohl", bemerkte Meshach Milburn, "und sollte ich jemals durch Ihre Tür treten, werde ich dann meinen Hut abnehmen."

* * * * *

Am nächsten Morgen überraschte Meshach Milburn Samson Hat mit den Worten: "Junge, wenn du wieder einen Kampf hast und dich erneut zum Barbaren machst, denk daran, aus dem Nassawongo-Schmelzofen etwa ein Peck Sumpferz mitzubringen!"

* * * * *

Die Jahre zogen dahin, ohne große Veränderung in Princess Anne. Der kleine Manokin-Fluss brachte Austern aus der Bucht und beförderte Mais und Erzeugnisse fort. Die große Backsteinakademie im benachbarten "Lower Trappe" nahm die klügsten Jugendlichen der besten Familien auf der Halbinsel auf und bildete sie aus; und diese nahmen, als die alljährlichen Sommer ihre Fülle brachten, wahr, welcher Teil ihrer Schönheit Vesta Custis geblieben war. Sie war wie Helena von Troja, in der Kindheit Gegenstand von Huldigung und Streit, und wurde in der Einschätzung der Männer fast unmerklich zur Frau. Nach Baltimore zur Ausbildung geschickt, folgte ihrer Rückkehr eine Schar von Freiern – nicht nur jugendliche Bewunderer, sondern auch reife Männer – und die jungen Leute der Halbinsel bemerkten mit Verdruss: "Keiner von uns hat eine Chance! Irgendein Nabob aus der großen Stadt wird sie bekommen."

Aber die Akademie-Jungen, die Besucher und die Stadtbewohner hatten eine gemeinsame Gelegenheit, sie zu sehen und zu hören – wenn sie jeden Sabbat und an jedem kirchlichen Feiertag in der Episkopalkirche sang.

Ihre Stimme war der natürliche Ausdruck ihrer Schönheit – süß, kraftvoll, frei und leicht geschult. Ein göttlicher Vogel schien in der alten Kirche verborgen, wenn diese edle und doch zarte Stimme hervorbrach; doch wer sich umdrehte, um die Sängerin zu sehen, die ein solches Paradies geschaffen hatte, blickte fast auf Eva selbst.

Sie war eher zierlich, groß und nahm jedes Jahr langsam an Fülle zu, wie jemand, bei dem das Wachstum früh, aber lang anhaltend war und der erst gegen das mittlere Lebensalter vollends ausreifen würde. Ihr Kopf jedoch war Perfektion, selbst im Mädchenalter, nicht weniger durch seine Proportionen als durch seine Haltung: Ihre anmutige Gestalt trug ihn wie die schlanke Fassung, die den ersten Glanz des Pfirsichs stützt; ein Kopf von vitaler und geistiger Schönheit, in dem Reinheit und Üppigkeit, Frau und Geist in Harmonie und Freude wohnten. So wie sie immer zu reifen schien, so schien sie niemals ein Kind gewesen zu sein, sondern war, mit klaren und unerschrockenen Fähigkeiten und Sinnen, niemals verlegen und wurde nie des Mangels an Selbstbeherrschung bezichtigt. Richter Custis machte sie zu seinem Rückhalt und Stolz; sie tadelte seine Fehler nie und behandelte sie nicht vertraulich, sondern ordnete den Haushalt durch ein Einverständnis, das alle allein ihrem Charakter entgegenbrachten. Mehr als einmal war sie im Herrenhaus beim Schmelzofen erschienen, wenn des Richters lange Abwesenheit etwas Eifersucht oder Misstrauen geweckt hatte:

"Vater, bitte komm mit mir nach Hause! Ich möchte, dass du mich zurückfährst."

Der bequeme, nachsichtige Richter zeigte einen leichten Protest, aber auf das sanfte, bestimmte Kommando: "Komm, mein Herr! Du kannst hier nicht länger bleiben", entließ er seine Gefährten und nahm seinen Platz an der Spitze der Gesellschaft von Princess Anne ein.

Vesta war fast eine Brünette, mit den reichen Farben ihres Typs – Augenbrauen wie der Flügel eines Raben, reife, rote Lippen und Haar, dessen Dunkelheit und Länge, gelöst aus der Krone, in die sie es wickelte, ihre Kleider hätten spinnen können. Ihre Augen waren von einem Stahlblau, in dem die Lichter den Effekt von Schwarz hatten. Sie war dunkel mit durchbrechendem Himmel, wie die reiche Dämmerung und das Zwielicht über der Chesapeake Bay.

Die Leute wunderten sich, dass sie bei solcher Schönheit, Anmut und Bildung nicht stolz war; doch ihr Stolz war zu ätherisch, um gesehen zu werden. Es war nicht das eitle Bewusstsein von Gaben und Talenten, sondern das gelassene Gefühl von Würde, von unbeeinträchtigter Gesundheit, Ehre und Abstammung, das sie freundlich und nachdenklich machte, in einem Maße, das nur geringfügig hinter der Frömmigkeit zurückblieb. Dankbar für ihren gesellschaftlichen Rang und ihre Herkunft, schmückte sie diese, vergaß sie aber nicht. Die Freier, die um sie warben, wurden auf dieser Waage vollkommenen Verdienstes gewogen – Söhne solcher Eltern zu sein und Gefährten ihrer verheirateten Schwestern und Schwägerinnen. Keiner hatte den Test bestanden, doch niemand wusste, woran er scheiterte.

"Vesta ist zu gut für jeden von ihnen", rief der Richter bei mehr als einer Gelegenheit aus. "Wenn ich den Schmelzofen so weit habe, dass er von selbst läuft, nehme ich meine Tochter mit nach Europa und gebe ihr eine musikalische Ausbildung."

In Wahrheit hatte der Richter Erwartungen an seine Tochter; denn der Ruf, den er als Fabrikant erlangt hatte, war nicht ohne Nachteile. Er unterhielt zwei Betriebe; er ernährte eine große Anzahl von Arbeitern und Abhängigen, von denen er einige unter Vertrag aus entfernten Orten mitgebracht hatte; das Experiment, auf das er sich eingelassen hatte, war immer noch ein Experiment, und er war vom Wissen und Urteil seines Verwalters abhängig, da er selbst eher der Schirmherr als der Fabrikant in den Werken war. An vielen Tagen, an denen man annahm, er würde den Prozentsatz und die Mischung seiner Erze prüfen, war er auf den Meeresbänken auf der Jagd, fing Krabben am Whollop's Beach oder suchte fragwürdige Gesellschaft unter den Waldmädchen oder in den Hütten der Austernfischer und Wrackplünderer. Er hatte jedoch genügend Eigentum und familiäre Bürgen und versäumte es selten, ein zufriedenstellendes Gespräch mit Meshach Milburn zu führen, der ihm nun mindestens einmal im Quartal half, sowohl Kapital als auch Zinsen im Haus zu halten.

Der Richter war enger mit Meshach geworden, aber der Krämer hörte nur zu und stimmte zu und bemühte sich nicht, eine weitere Kritik an seinen Beweggründen zu provozieren. Meshach trug seinen großen Hut wie eh und je in die Kirche und an Festtagen, und er wurde immer noch verspottet und für das Wunder der Stadt gehalten. Vesta Custis sah oft, wie der sonderbare kleine Mann in die Kirche kam, während sie sang, und sie bildete sich ein, dass seine großen, groben Ohren darauf ausgerichtet waren, die Musik aufzunehmen, die sie machte, und sie erinnerte sich dunkel daran, dass sie einmal diesen wunderbaren Hut mit seiner Kupferschnalle im Band und der steifen, breiten Krempe, die in einer Welle floss, in den Händen gehalten hatte. Mehr wusste sie nicht, außer dass der Träger ein aus niedrigem Stand stammendes, habgieriges Geschöpf war – ein Waldmensch ohne gesellschaftliche Neigungen oder überhaupt irgendwelche menschlichen Bindungen. Der Neger, der unter seinem Dach wohnte, war ein Geliebter im Vergleich zu dem habgierigen Herrn, und alle Zeugnisse stimmten darin überein, dass Meshach Milburn weder Mitleid noch Freundschaft noch Anerkennung verdiente. Ihr Vater jedoch, in allen Dingen nachsichtig, sagte, der Geldverleiher habe einen guten Verstand und sei kein Leibeigener.

Milburn hatte aufgehört, mit Negern zu handeln oder Branntwein auszuschenken. Sein Reichtum galt nun als mehr als beträchtlich. Er hatte auch aufgehört, Geld auf die umliegenden Farmen zu verleihen, und Gerüchte kamen über die Bucht, dass er ein Inhaber von Aktien und Hypotheken am Western Shore sowie in Baltimore und Pennsylvania sei. Die kleine Stadt Princess Anne war voll von Spekulationen über ihn, und selbst sein Alter war ungewiss; Jack Wonnell hatte es an Hüten gemessen. Sagte Jack:

"Ich kaufte meine Glockenhüte in dem Jahr, als der alte Milburns Vater und Mutter starben. Sie starben an der Galle hier draußen in Nassawongo, innerhalb weniger Tage nacheinander. Nun trage ich zwei Glockenhüte pro Jahr. Ich komme jeden vierten Juli und Weihnachten heraus. Letztens zählte ich, was übrig war, und ich rechnete, dass Meshach im schlimmsten Fall nicht fünfundvierzig sein konnte."

Vesta Custis war erst zwanzig Jahre alt, als die Stadtbewohner glaubten, sie müsse fünfundzwanzig sein, so lange war sie schon die Schönheit von Somerset gewesen. Ihre Mutter hatte immer mit Besorgnis auf die mögliche Zeit geblickt, in der ihre Tochter heiraten und sie verlassen würde; denn Richter Custis hatte längst nicht mehr das volle Vertrauen seiner Gattin, deren Vermögen er ohne Rückkehr in Unternehmungen gesteckt hatte, die noch zweifelhaft waren, und er wich dem Thema immer aus, wenn es angesprochen wurde, oder bemerkte, dass in seinen Händen kein Verlust möglich sei, solange Mrs. Custis lebte.

KAPITEL III.

DIE WALDMENSCHEN.

An einem Samstagnachmittag im Oktober holte Meshach Milburn Rasiermesser, Schale und Abziehstein hervor und bereitete sich auf die Rasur vor, obgleich sein Bart nie mehr als ein harmloser Flaum war. Durch eine Art Kapillarwirkung erriet Samson Hat seine Absicht, öffnete die große grüne Truhe und holte den geheimnisvollen Hut hervor.

"Stell ihn ab!" befahl der Geldverleiher. "Geh hinaus und miete mir eine Kutsche mit zwei Pferden – zwei Pferde, verstehst du!"

Samson ließ den Hut vor Staunen fallen.

"Mach dich anständig", fügte Meshach hinzu; "ich will, dass du fährst. Geh mit mir und bleib bei mir: verstehst du?"

"Ja, Herr."

Als der Neger ging, nahm Meshach selbst den hohen, grünen, geschnallten Hut mit der steifen, breiten, piratenhaften Krempe. Er betrachtete ihn lange und eingehend.

"Eitelkeit, Eitelkeit!" murmelte er, "Eitelkeit und Gewohnheit! Ich wage nicht, dich jetzt zu verleugnen, denn sie geben dir Spott, und ohne dich würden sie mir nichts als Hass geben!"

Die Leute um die Taverne und das Gerichtsgebäude sahen mit einem Erstaunen, das für Spott zu groß war, den Wechselmakler in einer Kutsche vorbeifahren, gefahren von seinem Neger und mit zwei Pferden! Jack Wonnell nahm seinen glänzenden Biberhut ab, um zu jubeln. Als das phänomenale Gespann sich entfernte, ertönte jedoch der alte Ruf durch die stille Straße: "Kirchturmspitze! Er trägt ihn! Meshach ist los!"

Die Kutsche fuhr die Waldstraße entlang und erreichte bald die sandige, von Kiefern durchzogene Region namens Hard-scrabble oder Hardship.

Hier waren die Straßen so sandig wie die Hügel und Anhöhen hinter einem Meeresstrand, und die niedrigen, mageren Kiefern bedeckten die Dünungen und Rücken, während in gelegentlichen flachen Becken, wo der steife Lehm freilag, die unbemalte Hütte eines Waldmenschen schwarz und rauchend am Hang saß, ohne eine Fensterscheibe, ein Schmuck oder irgendetwas, um das Leben von seiner Monotonie und Isolation zu erlösen.

Aber dort, wo die Rinnsale zu den zusammenhängenden Sümpfen hinabflossen, begann das Blattwerk in prachtvoller Vielseitigkeit zu sprießen. Der Ahorn offenbarte sich in all seinen schönen, leichten Harmonien. Die Magnolie ließ ihre elfenbeinfarbenen Quasten hängen und duftete den Wald mit Wohlgeruch. Die Kalmia und die Erle verliehen dem Unterholz Brillanz. Grau und grün vor vorzeitigem Alter standen die Zypressen in der Feuchtigkeit und ließen ihre ehrwürdigen Bärte von winkligen Zweigen hängen, die kahle Zypresse über ihrer immergrünen Verwandten, und blickte im Herbst auf die Sumpfwälder hinab wie ein Einsiedlerkünstler auf die reichen Pigmente auf seiner Palette.

Aber nichts sah so edel aus wie der Amberbaum, der wie eine riesige Feder aus Gelb und Orange aufragte, ein Häuptling in freudigem Schmuck, wo die Zypresse nur ein verblasster Philosoph war.

Neben einem solchen hohen Amberbaum hielt Samson Hat an, wo eine Quelle am Boden einer hohlen Zypresse glänzte. Er lieh sich einen Eimer von der Hütte auf der anderen Straßenseite und tränkte die Pferde.

"Herr", wagte der Neger, "man sagt, Euer Urgroßvater hat diese Quelle gefasst."

"Ja", sagte Milburn, "und die Hütte gebaut. Dort drüben liegt er, auf der Anhöhe bei dem Stumpf, oben auf dem Feld: er und noch mehr von unserer verschwendeten Rasse."

"Und die Frau dort drüben ist eine Milburn", fügte der Neger gesellschaftlich hinzu. "Ich erkenne sie an den Händen."

Die barfüßige Frau, die in der Hütte lebte – ein Raum und ein Dachboden, und der Boden nur wenige Zentimeter über dem Grund – rief unverschämt:

"Wenn ich zwei Pferde haben könnte, würde ich mir einen besseren Hut kaufen!"

Milburn antwortete nicht, bemerkte aber die armen, kleinen, ungeernteten Maiskolben an den futterlosen Stängeln, die Pfirsichbaumsträucher, von denen der größte auf den Gräbern seiner Vorfahren wuchs, den kleinen Karren für ein Pferd oder Ochsen, der zugleich Familienkutsche und Farmwagen war, und die wenigen Schweine und Hühner verkümmerten Schlages um die Füße der Frau.

"Fahr weiter, Junge", rief er; "das Schlimmste von allem ist, dass diese Leute glücklich sind!"

"Das ist eine Tatsache, Herr", lachte Samson Hat. "Die würden in Princess Anne nicht mit Euch sprechen. Die glauben, jeder da sei stolz und reich."

"Hier schlug einst das Meer seine Wogen an eine Sandbank", sagte Meshach Milburn nachdenklich. "Das Geologiebuch berichtet davon! Vom Norden her ziehen sich die Hügel in Wellen zurück, wo aufeinanderfolgende Strände gebildet wurden, als das Meer langsam zurückwich. Kaum tiefer als ein menschliches Grab stoßen sie unter dem Sand und Kies auf Wasser. Unter dem Wasser, das sie trinken, ist nichts als schwarzer Schlamm, aus grobem, verrottetem Gras gemacht. Es ist kein Kalk im Boden. Kein Mineral existiert auf dieser ganzen niedrigen, wellengeformten Halbinsel, wo meine Leute Schiffbruch erlitten – außer dem wunderbaren Sumpferz."

Die heitere, staunende Natur des Negers brach mit behaglicher Gewissheit hervor.

"Das muss in der Bibel stehen", sagte er. "Herr, die Milburns sind schon so lange hier, die müssen wohl mit dem alten Noah Schiffbruch erlitten haben!"

"Alle Familien erleiden Schiffbruch", antwortete Meshach geistesabwesend, "die ihr Los auf ein undankbares Land werfen und von Generation zu Generation ärmer und dunkler werden, es niemals verlassen können und es zuletzt auch gar nicht mehr wollen."

"Herr, da ist einer, der eines dieser Tage gehen muss. Das bin ich – der arme alte Samson!"

"Ha! Hat dich jemand angestiftet, deinen Lohn zu fordern?"

"Nein, Herr, ich bin alt. Ihr seid es, um den ich mir Sorgen mache! Da ist niemand, der Euch flickt, für Euch kocht, Eure Krankheit heilt oder Euch ins Grab legt."

Es wurde nicht mehr gesprochen, bis sie den besiedelten Teil des Waldes hinter sich ließen und in eine der vielen geraden Gassen aus Himmel und Sand zwischen den Kiefern einfuhren, die auf dem großen Schmelzofengelände von Richter Custis geschlagen worden waren. Er besaß hier mehrere tausend Morgen, und kilometerweit waren die Wege zum Horizont hin durchschnitten. Der Mond ging hinter ihnen auf, als sie in das Schmelzofendorf einfuhren, und sie sahen die Lichter durch die offenen Türen vieler Hütten funkeln und die Flammen des Schmelzofens über den abweisenden Mühlenteich zucken, wo in der Tiefe das Eisenerz wuchs, wie eine pflanzliche Schöpfung, und über der Oberfläche, auf gespreizten und kegelförmigen, schlammbedeckten Wurzeln, die Hunderte starker Zypressen aus dem Wasser ragten. Zwischen den steilen Ufern aus dunkel gefärbten Kiefern, höher als der Waldbewuchs, lag dieser Schmelzofensee schwarz und weiß und brennend rot, wie die Schatten, der Mondaufgang oder die Flammen darauf trafen, und das verschmutzte Wasser schäumte durch das Wehr oder den Damm, wo die alte Straße zwischen Kiefern, Zypressen und Amberbäumen von imposanter Statur kreuzte.

Gelbbraun, schleimig, kühl und feierlich wiederholte der Teich die Formen der Haine, die er überflutete; die struppigen Schatten verliehen dem Effekt Tiefe und Grauen; einige seltsame Vögel schrien, als sie ihre Flügel in die Oberfläche tauchten, und schienen, während sie aufflogen, auch zu versinken. Als Meshach die Kühle jenes Teiches spürte, zog er seinen Hut herunter und knöpfte seinen Mantel zu.

"Die ersten Narren, die das Sumpferz für Reichtum umgruben", sagte er, "setzten die Miasmen frei, die alle Leute ringsum erschlugen. Sie töteten meine ganze Familie, aber sie befreiten mich."

KAPITEL IV.

ENTDECKUNG DES ERBSTÜCKS.

Richter Custis war in seinem Schlafzimmer im zweiten Stock des großen, gasthausähnlichen Herrenhauses in der Mitte des Dorfes, und er erholte sich gerade von den Auswirkungen eines langen Gelages. In seinem sonderbaren nervösen Zustand schreckte er beim Geräusch von Rädern auf, zog die Vorhänge beiseite und blickte auf den langen Schatten einer herannahenden Gestalt, die von einem Kirchturmhut gekrönt war.

Dieser menschliche Schatten verstärkte und verblasste im wechselnden Licht, bis er sich vor seinem Speicher, seinem Warenhaus, seinen Hütten und der Ebene abzeichnete, und er schien auch gegen die Wand aus dichten Kiefernwäldern zu stehen. Dann stiegen Schritte die Treppe hinauf. Seine Tür öffnete sich und Meshach Milburn, mit seinem Feiertagshut auf dem Kopf, stand auf der Schwelle; seine Augen so wachsam und kühn wie eh und je, und seine ganze indianische Natur im Vordergrund.

"Mein Gott, Milburn!" rief der Richter, "so sonderbar es ist, Sie hier zu sehen, ich bin erleichtert. Der alte Nick, dachte ich, sei im Kommen."

"Soll ich hereinkommen?" fragte Milburn.

"Ja; ich schlafe etwas Sorge und Geschäft aus. Lassen Sie Ihren Mann draußen auf der Veranda. Ziehen Sie einen Stuhl heran. Es ist Geld, nehme ich an, das Sie hierher bringt?"

Der Geldverleiher legte vorsichtig seinen imposanten Hut auf einen Tisch, nahm einen entfernten Stuhl, schob seine gamaschierten Füße nach vorne und legte eine große Brieftasche oder ein Notizbuch auf seinen Schoß. Dann, seine ganze Aufmerksamkeit dem Gastgeber zuwendend, schien er nicht ein einziges Mal zu blinzeln, während er blieb.

"Richter Custis", sagte er direkt, "als Sie das erste Mal kamen, um Geld von mir zu leihen, sagten Sie, dass der Nassawongo-Schmelzofen dieses County bereichern und den Wert meines Landes steigern würde."

"Ja, Milburn. Es war ein langsames Unternehmen, aber es wird schon alles gut. Ich habe letztes Jahr tausend Tonnen verschifft."

"Richter Custis", fuhr der Geldverleiher fort, "ich sagte Ihnen, als Sie das erste Darlehen aufnahmen, dass ich dieses Erz untersuchen würde. Das habe ich vor Jahren getan. Proben wurden von mir nach Baltimore geschickt und dort getestet. Nicht zufrieden damit, habe ich die Herstellung von Eisen selbst studiert – die Gesellschaft von Princess Anne hat mir reichlich Einsamkeit gegönnt! – und ich weiß, dass jede Tonne Eisen, die Sie herstellen, mehr kostet, als Sie dafür bekommen. Das Sumpferz ist leicht zu schmelzen; aber es ist durch Phosphoreisen verunreinigt und kaum marktfähig."

Der Richter saß mit weit geöffneten Augen da und war blasser als zuvor.

"Das haben Sie herausgefunden?" flüsterte er. "Ich wusste es selbst bis zu diesem Jahr nicht – so wahr mir Gott helfe!"

"Ich wusste es, bevor ich Ihnen das zweite Darlehen gab."

"Warum haben Sie es mir nicht gesagt?"

"Weil Sie verboten haben, dass unsere Beziehungen etwas anderes als geschäftlich sind. Ich war nicht verpflichtet, mein Wissen zu verraten."

"Warum haben Sie mir dann, aus geschäftlicher Sicht, immer und immer wieder große Summen Geld geliehen?"

"Weil", sagte der Geldverleiher kühl, "Sie eine andere Sicherheit hatten. Sie haben eine Tochter!"

Richter Custis fuhr aus den Bettdecken hoch und stürzte auf Meshach Milburn zu.

"Heide und Teufel!" schrie er, den Geldverleiher an der Kehle packend, "wagen Sie es, sie als Teil Ihrer Hypothek zu erwähnen?"

Sie rangen miteinander, bis ein mächtiges Paar Hände den Richter fesselte und ihn zurück in sein Bett drückte. Samson Hat war der Mann.

"Richter!" rief er, sanft, aber bestimmt, "Ihr seid ein guter Mann, aber nicht so gut wie ich. Beruhigt Euch, Richter!"

„Ich habe diese Szene erwartet“, sagte Meshach Milburn. „Sie war nicht zu vermeiden. Mein Gewissen und mein gesunder Menschenverstand verpflichteten mich dazu, Ihnen den einzigen Vorschlag zu unterbreiten, der Sie vor dem Ruin bewahren konnte. Denn, Richter Custis, Sie sind ein ruinierter Mann!“

Überwältigt von der Aufregung und der unterdrückten Anspannung, fiel der alte Richter zurück auf sein Kopfkissen und begann zu schluchzen.

„Geben Sie ihm Branntwein“, sagte Meshach Milburn, „hier ist die Flasche! Er braucht ihn jetzt.“

Der elende Herr trank gierig den dargebotenen Trunk aus den Händen des Negers. Sein Zorn kehrte nicht zurück, und er bedeckte sein Gesicht mit den Handflächen und stöhnte kläglich.

„Richter Custis“, bemerkte Meshach Milburn, „wenn der offensichtliche gesellschaftliche Abstand zwischen uns durch irgendein Argument verringert werden könnte, würde ich eines vorbringen. Denn der Unterschied liegt nur im Schein. Das gesunde Fleisch, das Ihnen und den Ihren Statur und Schönheit verleiht, ist eine reine Frage der Nahrung. Mein Geschlecht hat fünf Generationen einer solchen Kost überlebt, die die Rücken der Waldschweine gekrümmt und die Ochsen verkümmert hat. Geld und familiäres Glück werden mir wieder wohlgestaltete Kinder schenken. Mein Leben war hart, aber rein.“

Der alte Richter spürte die letzte unbewusste Anspielung.

„Ja“, äußerte er feierlich, „zweifellos hat der Himmel mich für eine solche Erniedrigung gezeichnet, als ich niederen Neigungen nachgab und mein Vergnügen und meine Gefährten in den Hütten des Waldes suchte!“

„Sie beanspruchen Abstammung von der Stuart-Restauration: Ich kenne die Geschichte. Ein Gläubiger der beiden verbannten königlichen Brüder, dem sie für verschiedene Wirtshausdarlehen und Zechgelage verpflichtet waren, zog für seine Forderung ein Amt im fernen Virginia. Beschlagnahmungen, Konfiszierungen, der Sklavenhandel, Eheschließungen – kurzum, das lange Spiel der Vorteile – bauten das Vermögen der Custises auf, bis es in einem gewissen Richter erlosch, dessen Schuldscheine ein harter Mann, im Wald geboren, über dem Haupt des Richters hielt; unter Bedingungen, die hart erschienen, aber in denen jede Eigenschaft der Barmherzigkeit lag, außer Rücksichtnahme auf Ihren Stolz.“

Der Richter stieß ein Lachen aus, das wie ein Heulen klang.

„Barmherzigkeit?“, rief er, „Sie wissen nicht, was das ist! Meine unschuldige Tochter in die verdammten Maschen Ihres Kapitals und Ihrer Zinsen zu verstricken! Nennen Sie es Bösartigkeit – das Heimsuchen Ihrer unsozialen Wut an einem Menschen und einem Engel; aber nicht Barmherzigkeit!“

„Dann nennen wir es Entschädigung“, fuhr Meshach Milburn fort: „Zwanzig Jahre lang habe ich mir alles versagt; Sie haben sich nichts versagt. Ihr Vermögen ist verschwendet; erneuern Sie es aus dem Überfluss meiner Sparsamkeit. Es war keine böse Absicht, mit der ich mich zu Ihrem Gläubiger machte, obwohl ich, während die Jahre verstrichen und die Einsamkeit, die sich stets nach menschlicher Freundschaft sehnte, mein Herz erkaltete, nicht anders konnte, als den entflammenden Glanz der Schönheit Ihrer Tochter zu sehen. Wie die Schuljungen, die verheirateten Männer – ja, wie die Sklaven – musste ich sie bewundern. Dann, ohne zu wissen, wie tief Sie verwickelt waren, wurde mir das Papier zum Kauf angeboten, das Sie in Baltimore ausgehandelt hatten – Papier, Richter Custis, das unehrenhaft ausgehandelt wurde!“

Der Geldverleiher erhob sich, ging zum Bett des betrübten Mannes und hielt die Hand, voll von diesen Schuldscheinen, kühn über ihn.

„Es war Verzweiflung, Milburn!“, stöhnte der Richter.

„Und das war mein Entschluss auch. Ich sagte: ‚Dieser hochmütige Herr würde mich, seinen Nachbarn, betrügen, der ich all die Schmach dieser *guten Gesellschaft* ertragen habe und der auf kärgliche Gelegenheit hin langsam seine Unabhängigkeit zurückgewonnen hat. Nun soll er meinen Platz im Wald einnehmen, oder ich werde meinen Hut am Kopfende seines Familientisches tragen.‘“

„Eine schreckliche Rache!“, flüsterte Custis mit einem Schaudern. „Ein solcher Hut ist schlimmer als ein Pferdefuß. Um Himmels willen! Woher kam dieser ominöse Hut?“

Milburn nahm den Hut und hielt ihn vor das Lampenlicht, sodass sein Schatten riesig an der Wand stand.

„Wer würde denken“, sagte er sarkastisch, „dass eine bloße Kopfbedeckung, zu ihrer Zeit elegant, mehr Feindseligkeit erzeugen könnte als ein müßiger Kopf? Ich will Ihnen das alberne Geheimnis verraten. Als ich aus der Dunkelheit des Waldes kam, empfindlich und darauf bedacht, meinen Weg zu machen, und langsam Kapital und Wissen sammelte, richtete eine Person in New York ein Anfrage-Schreiben an mich. Es berichtete, wie ein gewisser Milburn, ein Puritaner oder Mann des englischen Commonwealth, in jener Provinz zu großem Ansehen gelangt war, deren Regierung revolutioniert hatte und die Strafe des Hochverrats erlitten hatte.“

„Durchaus wahr“, sagte Richter Custis und goss ein zweites Glas Branntwein ein; „Milburn und Leisler wurden in New York zu Lebzeiten des ersten Custis hingerichtet. Sie nahmen die Vertreibung von Jakob II. vorweg und wurden von ihren provinziellen Feinden in die Falle gelockt und zu politischen Märtyrern gemacht.“

„Der Fragesteller“, sagte Meshach, „der im Laufe der Geschäfte meine Adresse erhalten hatte, berichtete, dass nach Milburns Tod seine Brüder und deren Familien an die Chesapeake Bay gesegelt waren, wo die Protestanten erfolgreich für König Wilhelm revolutioniert hatten, und da sie sich karge Ländereien aussuchten, waren sie in Vergessenheit geraten. Er fragte mich, ob die Unterlagen des Gerichts irgendein Verzeichnis ihrer Testamente enthielten.“

„Natürlich haben Sie sie gefunden?“

„Ja. Es war eine Offenbarung für mich und gab mir das ehrenvolle Gefühl von Herkunft und Qualität. Ich verfolgte mich zurück bis zu den frühesten Folianten, am Ende des siebzehnten Jahrhunderts.“

„Irgendein Besitz, Milburn?“, fragte der Richter, wieder wollüstig und neu belebt.

„Mein Urgroßvater hatte seinem Sohn nichts hinterlassen als einen Hut.“

„Nicht ungewöhnlich!“, rief Richter Custis. „Unsere frühen Testamente enthalten wenig mehr als Vermächtnisse von Kleidungsstücken, Haushaltsartikeln, Bettzeug, Töpfen und Kesseln sowie den Elementen der Zivilisation.“

„Das Testament in den Akten sagte: ‚Ich vermache meinem ältesten Sohn, Meshach Milburn, meinen besten Hut und nicht mehr von meinem Nachlass.‘“

„Ha, ha, ha!“, lachte der Richter laut. „Vornehm bis zuletzt! Ein Modehut, zweifellos, in London gefertigt; viel zu zeremoniell und hochtrabend für diese Kolonien. Er hinterließ ihn seinem ältesten Sohn, als sein Erbteil, sozusagen. Ho! Ho!“

„Als meine Empörung verraucht war, vertrat ich dieselbe Ansicht wie Sie, Richter Custis, dass es ein Vermächtnis der Würde war, keine Farce; und ich stellte einige Nachforschungen nach diesem besten Hut an. Er war eine Legende unter meinen Verwandten im Wald, war von sehr alten Leuten gesehen worden, war zu seiner Zeit berühmt und wurde von meinem Großvater dankbar getragen. Er hinterließ ihn meinem Vater, immer noch ein Hut von Ansehen –“

„Immer noch das Erbteil des ältesten Sohnes! Ha, ha! Milburn.“

„Mein Vater verkaufte den Hut an Charles Wilson Peale, der auf unserer Halbinsel beheimatet war und die alten Dinge kannte, die hier existierten und ihm helfen würden, Peales Museum im letzten Jahrhundert zu gründen. Ich fand den Hut in diesem Museum, wie er die Nachbildung von Guy Fawkes bedeckte!“

„Verschwörerhut; bravo!“, rief der Richter.

„Er war für die Köpfe von George Calvert und Shakespeare benutzt worden, wurde aber in Zeiten religiöser Aufregung zum wahren Hut von Guy Fawkes erklärt. Ich forderte ihn zurück, brachte ihn nach Princess Anne und setzte ihn in einem eitlen Moment auf meinen Kopf und ging auf die Straße. Er wurde mit Gejohle und Spott empfangen.“

„Es war ein weiteres Nessushemd, Milburn; es hat Ihr Leben vergiftet, was?“,

„Vielleicht“, antwortete Milburn mit Intensität. „Man sagt, was des einen Mannes Trank ist, ist des anderen Gift. Sie werden diesen Hut auf dem Kopf Ihres Schwiegersohns akzeptieren, oder es gibt keinen weiteren Trunk mehr aus dem Besitz der Custises!“

KAPITEL V.

DAS SUMPFEISENERZ-GEBIET.

Entschlusskraft und Tatkraft waren von Richter Custis leichtfertig vergeudet worden. Der Händler hatte ihr Gespräch mit einer Entschiedenheit und Härte beendet, die den Geist des Herrn lähmte. Er sah in trauriger Vorstellung die Pfändung seiner Möbel, das Erstaunen seiner Frau, die Blässe seiner Tochter, die Empörung seiner Söhne. Er schreckte auch vor dem drohenden Scheitern seines Schmelzofens und der Aufgabe des Sumpfeisenerz-Gebiets zurück, auf das er so viel staatlichen und lokalen Ruhm aufgebaut hatte; die Leute würden sagen: „Custis war ein Narr und hat sich selbst betrogen, während der alte ‚Steeple-top‘ Milburn mit der Eitelkeit der Custises spielte und sie auf die Straße setzte.“

„Zweifellos“, dachte der Richter, „dieser Kerl Milburn kann alles bekommen, wenn er erst mein Haus hat. Die Stimmen der armen Leute mag er beherrschen, weil er aus ihrem Stand stammt. Er ist ein Geldgeber für viele der Reichen. Wer hätte seine Intelligenz ahnen können? Auch sein Auftreten? Er behandelte mich, als wäre ich ein Waldläufer und er ein Richter. Ein sehr, sehr bemerkenswerter Mann!“, schloss Richter Custis und nahm den letzten Rest des Branntweins.

Er wurde durch das Eintreten von Samson Hat unterbrochen.

„Wo ist dein Herr, Junge?“, fragte der Richter.

„Er ist hinauf zum alten Haus gegangen, Richter, wo sein Vater und seine Mutter starben. Es ist der Ort, an den ich mich nach meinen Kämpfen zurückziehe.“

„Möge ihn dort das Wechselfieber treffen! Möge der gallige Schweiß vom Mühlenteich heute Nacht stark sein, damit, wie beim Judas von einst, ihm die Eingeweide herausfallen! Aber nein“, fuhr der unentschlossene Mann fort, „ich habe kein Recht, ihn zu hassen.“

„Richter“, sagte der alte Neger sanft, „mein Herr ist ein kranker Mann. Er ist nicht glücklich wie Sie und ich. Er ist ehrgeizig. Er ist einsam. Das reicht aus, um Engel zu verderben. Aber einen besseren Mann habe ich nie gekannt, außer im unfrommen Geist. Er ist stolz wie Luzifer. Er ist voller Hass auf Princess Anne und alle Leute dort. Ihre Tochter mag einen besseren Mann finden, aber keinen reineren.“

„Reinheit spielt eine sehr geringe Rolle“, rief der Richter, „auf der männlichen Seite von Eheverträgen. Sie wird immer vorausgesetzt und nie erwartet. Sie brauchen sich nicht zu merken, Samson, dass ich irgendeinen Zorn auf Ihren Herrn geäußert habe!“

„Mein ganzes Herz, Richter, wünscht sich, ihn glücklich zu sehen. So hart er ist, dieser Mann hat die Macht, geliebt zu werden. Ihre Tochter könnte weiter gehen und es schlechter treffen! Ich wünsche ihr nichts Böses, Gott weiß das!“

Der Neger sagte eine demütige gute Nacht, und der Richter legte sich auf sein Bett, um über die schrecklichen Alternativen der kommenden Woche nachzudenken; doch, selbst in der Verzweiflung wollüstig, schlief er ein, bevor er zu einem Schluss gekommen war.

Samson Hat ging am Rande des Mühlenteichs auf einer sandigen Straße entlang, die durch einen dichten Kiefernwald vom Wasser getrennt war. Die Ochsenfrösche und Insekten musizierten für den Wald; der Schornstein des Schmelzofens rauchte gespenstisch im Mitternachtslicht. In einer Entfernung von einer halben Meile oder mehr stand eine alte, verfallene Hütte auf einem sandigen Feld nahe der Straße; sie hatte keine Tür im hohlen Türrahmen, keinen Rahmen im einen klaffenden Fenster; die Stufe, die zur Schwelle führte, war zerbrochen, und ein Teil der Außenverkleidung war vom Gerippe verrottet. Der alte Endkamin stützte es jedoch tapfer, und die niedrigen Ziegelstützen unter den Ecken standen lotrecht. Im Inneren befand sich ein einziger Raum mit offenen Deckenbalken, eine Art Schranktreppe, die über den Kamin ragte, und eine weitere Tür und ein Fenster befanden sich auf der Rückseite. Vor diesem Kamin saß Meshach Milburn auf einem alten Stuhl, deutlich beleuchtet durch das Licht einiger brennender Verkleidungsbretter, die er auf den Herd geworfen hatte. Auf dem Herd lag ein kleiner Haufen des Sumpfeisenerzes und eine Flasche.

„Komm herein, Samson!“, rief er. „Denk nicht, ich sei zum Trinker geworden, weil ich diesen Whiskey nehme. Ich trinke ihn, um die Malaria fernzuhalten, und zum Teil als Abendmahlsbecher; denn heute Nacht sind die barfüßigen Geister, die hier dahingewelkt und verkümmert sind, im Geiste bei mir.“

„Das waren alles gute Milburns, die hier lebten, Herr“, sagte der Neger. „Sie hatten schwere Zeiten, aber haben nicht gesündigt. Sie schüttelten sich vor Frost und Fieber, nicht vor Gewissensbissen.“

„Ich werde mich vor keinem von beiden schütteln“, sagte der Geldverleiher. „Geh hinauf auf den Dachboden und schlaf, bis du gerufen wirst. Ich brauche die Pferde früh für Princess Anne!“

Der Neger gehorchte ohne Einwand und verschwand hinter der schrankartigen Tür. Milburn saß vor dem Feuer und blickte lange hinein, während ein Zug von Gedanken und Phantasmen an ihm vorbeizog.

Er sah eine arme Familie unabhängiger Puritaner, die zu verschiedenen Zeiten von englischen Seehäfen aus in See stachen. Einige waren Leibeigene, die auf eine Laufbahn hofften; andere flohen vor den Bürgerkriegen; wieder andere waren kleine politische Missetäter, lautstark gegen die Unterdrückung durch ihren Helden Cromwell und Verschwörer gegen seine Macht; und von ihm in englische Gefängnisse geworfen, wurden sie nur ausgeliefert, um in die Sklaverei verkauft zu werden, durch die Straßen der Marktstädte getrieben, auf Truppenschiffen zwischen den Decks unter die Pferde platziert und auf Barbados versteigert wie die Schwarzen; von wo aus sie mit der Zeit weiter westwärts zogen. Einer, der glückliche Besitzer eines gewissen Vermögens, segelte mit seinem eigenen Schiff über den Atlantik und lieferte Massachusetts seinen Gouverneur und seine Gentry aus. Ein anderer, unfähig, unterdrückt zu werden, ergriff, obwohl er ein Diener war, das Schicksal einer aristokratischen Kolonie und hielt es eine Weile, bis ihn die sich anhäufenden Feinde zu Boden drückten und Eheschließung und Galgen dicht aufeinander folgten. Die Armut wollte ihren Griff auf das Geschlecht nicht lösen; sie kämpften sich hoch wie Schollen am Pflugmesser und fielen wieder zurück in die Furche.

Während Meshach Milburn an diese Dinge dachte, nahm er ein Stück des Sumpferzes vom Herd.

„Hier ist Eisen“, sagte er nachdenklich, „wahres Eisen, das das Blut rot macht, sich in unendliche Formen gießt, Häuser zusammennagelt, Räder bindet und zu Kanonen und Kugeln gegossen wird. Aber dieses Eisen floss in einen Sumpf, ging niedere Verbindungen ein und hatte keine andere Form, als Zweige und Blätter sie boten. Sein vulkanischer Ursprung war vergessen, als es mit Sand und Kies weg von der Bergader und dem Erz des Hochlands den niedrigen, alluvialen Riegel entlang floss, bis das Eisen, wie eine Auster, aus dem stagnierenden Tümpel gebaggert wird, unrein, ineffizient, korrumpiert. So ist es mit dem Menschen, dessen magnetischer Geist dem dumpfen Abhang zu den unfruchtbaren Sandbänken der Welt folgt und dort hängen bleibt. Ich stamme von den Sumpferzen; aber es existiert etwas, das mit mir verschmelzen, mich vom Rost reinigen und meine bessere Qualität an die Nachwelt weitergeben wird. O, Jugend, Schönheit und Stand – liebliche Vesta! Für dich werde ich Eisen sein!“

Milburn sah sich fragend in dem einzigen Raum um. Er legte seinen Finger auf die Ritzen in der Außenverkleidung; er öffnete den kleinen Schrank unter der Treppe, und ein Wiesel schoss heraus und sauste durch die Tür; er stieg die steile, kurze Treppe hinauf und untersuchte mit einer Fackel die schwarzen Schindeln, aber da war nichts außer einem Wurf junger Eulen, deren Eltern auf Raubzug gegangen waren. Dann kehrte er zurück und suchte auf jedem offenen Balken und verrottenden Brett, als ob er nach einer Schrift suchte.

„Sie konnten nicht schreiben!“, dachte er. „Nichts bleibt mir, nicht einmal ein Zeichen, nach anderthalb Jahrhunderten, um zu sagen, dass ich Eltern hatte!“

Während er sprach, spürte er, wie sich ein Gegenstand hinter ihm bewegte, und als er zurückblickte, tanzte der Schatten des Erbhutes an der Wand. Als er seinen Kopf zurückwarf, tat der Schatten es auch; als er davor zurückwich, vergrößerte sich der Hut, bis der kleine Raum seinen Schatten kaum noch fassen konnte. Wieder zurückweichend, nahm er ihn mit bitterer Höflichkeit vom Kopf, und der Schatten tat das Gleiche. Der Mann und der Schatten betrachteten jeweils einen spitzen Hut und streichelten ihn.

„Das ist alles“, rief Milburn. „Die hundert bescheidenen Köpfe ruhen im Sand; ein Grabstein würde sie alle verspotten. Aber einmal weitete sich das Familiengehirn zu einem Hut, und der überlebte das Geschlecht. Ich bin der Quäker, der seinen Hut respektiert, der Kardinal, der damit gekrönt ist; ja, und der Dummkopf, der ihn in seiner Ecke tragen muss!“

Dann stieg das Bild seiner Eltern vor seinem Blick auf: ein fröhlicher Vater, mit zwei oder drei alten Sklaven, beim Pflügen im tiefen Sand, um ein paar verschrumpelte Maiskörner auszustreuen oder an einem defekten Mühlrad zu basteln, das die Säge eines Schmieds bewegte. Stets voller Zuversicht in nichts, was wachsen konnte, leichtgläubig und zuversichtlich, zärtlich und arbeitsam, pflegte Milburns Vater seine Waldflecken, als wären sie bald reiche Plantagen, und war ständig dabei, Sklaven, Maultiere, Werkzeuge und Geräte zu „taxieren“, in der Erwartung, sie zu kaufen. Nichts konnte seine Zuversicht mindern als Krankheit und Alter. Er hörte von der großen „Verbesserung“ auf dem Furnace-Gebiet und zog mit seiner gehorsamen Frau und seiner Brut dorthin. Als die Arbeiter die mit Eisen verkrusteten Grasbüschel und Wurzeln aus dem Sumpf und dem Bach zogen, kamen Fieber und Schüttelfrost hervor und trafen sie beide.

Wie elend war jene Szene, als Vater und Mutter, in diesem einen kahlen Raum, in dem Meshach saß, fast zu ausgemergelt, um sich zu bewegen, stöhnend inmitten ihrer vielen Nachkommen, den Tod mit Schwäche übereinander kriechen sahen – Tod ohne Priester oder Arzt, ohne Rückstände oder Sauberkeit – der Tod, den Millionen in armseligen Hütten sterben, doch, oh, wie hart!

„Beeil dich, Söhnchen, guter Junge“, hatte der verängstigte Vater gesagt, nicht wissend, wie krank er war, in seiner Abhängigkeit von seiner Frau; „nimm das Pferd und reite nach Snow Hill zum Arzt. Arme Mutter ist schrecklich krank!“

Dann, auf das magere alte Pferd springend, ohne Sattel und mit einem Seil als Zügel, war Meshach durch den tiefen Sand geprescht, barhäuptig und barfüßig, und fast wahnsinnig vor Aufregung, bis er die glänzenden Straßen der sandhügeligen Stadt betrat und empfindsam in die Arztpraxis stürzte, schreiend: „Papa und Mama sind krank, am Schmelzofen!“, und seinen Namen nannte, sich umdrehte und floh.

Doch als der Junge langsamer nach Hause ritt, am Fluss voller Teichrosen vorbei, den gelben Masten der Schiffe, die über den Wäldern aufragten, den flachen Maisfeldern, überall vom Wald begrenzt, und den kleinen weißen Häusern der besseren Bauern, und schließlich die murmelnden, klagenden Wälder betrat, sah er nur eines – seine Mutter.

Sollte sie von der einsamen Lichtung verschwinden und nur die Hütte und ihre Waisenkinder hinterlassen? Sie, die den Himmel hier unten bewahrte und die Heiligen, die Künste, das alles Genügende für ihr Kind war? Mit ihr konnte es keine Armut geben; ohne sie wäre Reichtum nur noch mehr Sand. Mit ein wenig Melasse machte sie Weihnachten königlich mit einem Kuchen. Sie konnte ein kleines Huhn „Meshach“ nennen, und jedes Ei, das es legte, war ein neues Spielzeug. Eine Spottdrossel, die im Sumpf gefangen wurde, wurde durch ihre Güte ein Teil der Familie; würde sie je wieder singen? Die Religion, die sie kannten, kam ganz von ihr. Die armen Sklaven sahen keinen Unterschied bei den Herrinnen, solange sie die ihre war. In Krankheit war sie in ihrem Element – die Gesundheit selbst war gekommen. Und einmal, das Zärtlichste im Leben, als sein Vater und sie gestritten hatten und das Licht der Liebe, das erlosch, die Dunkelheit der Armut zum ersten Mal sichtbar machte, sah Meshach sie weinen, und er konnte sie nicht trösten.

Dann, geblendet von Tränen, peitschte er seinen Klepper an und betrat die niedrige Tür. Sie war tot!

„Söhnchen, Mama ist fort!“, stöhnte der elende Vater; die kleinen Kinder, die sich um die Gestalt drängten, hoben ihr Wehklagen an; die Spottdrossel konnte für dies keine Note finden und verstummte.

Milburn erhob sich; das Feuer war niedrig. Er ging zur Tür, und da war ein Zeichen des Tages; die alles umgebenden Kiefernwälder waren noch dunkel, aber auf der sandigen Straße und dem Hügelfeld schien etwas Licht, wie Hoffnung gegen alle Hoffnung; das Feld wurde nicht mehr gepflügt; die undankbaren Jahrhunderte wurden zurückgelassen und aufgegeben, wie alte Schlachtfelder der Wildnis, so unfruchtbar, dass ihre großen Ereignisse für immer unbesucht bleiben.

„Ho! Samson, Junge! Es ist Zeit!“

„Ja, Herr!“, antwortete der Neger auf dem Dachboden.

Als der Neger sich aufrappelte und die Treppe hinunterging, sah er Meshach Milburn vor dem Feuer, die Kohlen schürend. Als er hinausging, stand Samson einen Moment am Tor und schlenderte die Straße hinauf, um seinen Herrn nicht zu verlieren. Während er dort stand, schlugen Flammen aus der alten Hütte und glänzten im immergrünen Wald, erhellten die Spitzen der bemoosten Zypressen im Mühlenteich und enthüllten die Formen der Sandfelder. Bevor er zurückweichen konnte, sah Samson die Gestalt seines Herrn, wie sie um das Haus herumlief und die Außenverkleidung von Stelle zu Stelle mit einer Fackel anzündete; und dann kam die niedrige Gestalt, gekrönt mit dem langen Hut, die Straße herauf, als ob sie mit gewaltigen Schritten ginge, so verlängert durch das Feuer.

„Kein Grund zur Beunruhigung, Junge!“, rief der kindliche Brandstifter aus. „Von nun an ist mein einziges Stammhaus hier!“

Er hielt den alten Ziegel im Licht des Feuers in die Höhe.

„Ach, Herr!“, sagte der Neger, „Ihr Hut wird niemals Trost spenden wie ein Zuhause, so fein der Hut auch sein mag, so armselig das Dach! Der Hut wird niemals zwei Köpfe fassen, und das macht Glück aus.“

„Der Hut“, antwortete Milburn bitter, „wird mich zumindest bedecken, wohin ich auch gehe. Solche verrotteten Dächer, wie dieses eines war, machen Gefangene aus hellen Seelen.“

Sie schauten einige Minuten schweigend auf das Feuer.

„Sie haben mich ausgebrannt, Boss“, sagte der alte Samson schließlich. „Ich habe jetzt keinen Ort mehr, an den ich gehen und mich verstecken kann, wenn ich kämpfe. Das macht mich feierlich.“

„Friede!“, antwortete Meshach Milburn. „Nun zu den Pferden und Princess Anne!“

KAPITEL VI.

DIE CUSTISES RUINIERT.

Vesta Custis, die sich in ihrem Zimmer anzog, hörte frühe Räder in der Morgenluft und sah durch die Jalousien ein Doppelgespann die Straße von Hardship heraufkommen.

„Mutter“, sagte sie, „ist das Vater, der dort drüben kommt? Nein, es ist nicht sein Kutscher.“

„Warum, Vesta!“, rief Frau Custis, „das ist der Mann vom alten Milburn.“

„Samson-Hut? So ist es. Was macht er denn mit zwei Pferden?“

Hier lachte Vesta laut auf und begann in ihren langen, schmalen, bestickten Pantoffeln umherzuhüpfen; ihre Spannhöhe hätte nicht einmal ausgereicht, um einer Maus den Weg zu versperren.

„Mamma, es ist Milburn selbst, in einer Mietkutsche. Sieh nur; der Zylinderhut, die Kupferschnalle und alles drum und dran! Ist er nicht einfach zum Totlachen! Aber, du meine Güte! Er starrt direkt zu diesem Fenster herauf. Lass uns ducken!“

Vestas lange, elfenbeinfarbene Arme, die nur durch einen Spitzenbesatz von ihren schönen Schultern getrennt waren, zogen ihre Mutter nach unten.

„Hab keine Angst, Liebes! Er kann nichts sehen außer den Jalousien. Vielleicht sucht er den Richter.“

Vesta erhob sich wieder in ihrem weißen Morgenrock wie ein Hirsch, der aus einer Schneewehe aufspringt. Eine lange, bebende Bewegung, die vom Kichern herrührte, lief an der anmutigen Säule ihres Rückens hinunter.

„Er sitzt da wie ein Indianer, der in einer Vorstellung vorbeireitet, Mamma! Hast du je so einen Hut gesehen?“

„Ich glaube, er muss inzwischen verlaust sein“, sagte die Mutter, und beide schüttelten sich erneut vor Lachen. „Es sei denn“, fügte Frau Custis hinzu, „die Läuse sind verhungert.“

„Armes, einsames Geschöpf“, sagte Vesta, „er kann einen solchen Hut nur aus Mangel an Verstand tragen.“

„Sein Verstand ist gut genug, Liebes. Er trägt die grünen Gamaschen.“

Sie lachten wieder, und Vestas Haar, durch ihre Heiterkeit gelockert, fiel ihr fast bis auf die Pantoffel herab, wie das Fell eines kohlschwarzen Tieres, das einen Pappelstamm hinuntergesprungen war.

„Ach! Nun ja“, rief Vesta, als ihre Zofe eintrat und begann, diese satinierten Schnüre auf ihrem Scheitel aufzuwickeln, „was Männer in ihrem Inneren sind, kann eine Frau das wissen? Alte Damen tragen nicht selten ihre alten Kohlenkasten-Hauben weit über die Mode hinaus, aber das geschieht aus Not. Dieser Mann ist sein eigener Herr und nicht arm. Sein Begleiter ist ein Neger, und sein Geschmack ein schimmliger Hut, so alt wie Amerika. Wie glücklich sind wir, dass es nicht nötig ist, in solche Gemüter zu spähen! Ein wenig Kultiviertheit ist das nächste Gut nach der Religion.“

„Das Gemüt deines Vaters ist auch ein Rätsel, Vesta. Er hat alles, was diesen Waldläufern fehlt – Bildung, Gesellschaft, Stand und Annehmlichkeiten. Aber er kehrt in den Wald zurück, wie ein Opossum, in dem Moment, in dem du ihn aus den Augen lässt. Er lässt sich nicht wie dieser Mann an seinem Hut erkennen. Ich finde, das ist eine Schande für dich, ganz besonders. Wenn er heute nicht nach Hause kommt, werde ich nach meinem Bruder schicken und von Richter Custis Rechenschaft über mein Vermögen fordern!“

Die Ehefrau setzte sich und begann zu weinen.

„Ich nehme nach dem Frühstück die Kutsche, Mamma, und suche ihn am Hochofen oder wo auch immer er sein mag. Diese Raseneisenerze haben ihm große Schwierigkeiten bereitet.“

„Ich wünschte, ich hätte nie von Raseneisenerz gehört“, rief Frau Custis. „Als das Geld auf der Bank war, gab es kein Erz darum herum. Er geht in den Wald und sieht aus wie ein Friedensrichter und ein Gentleman; er kommt immer zurück und sieht aus wie ein Torfstecher und ein Trunkenbold. Da müssen Frauen im Spiel sein!“

Hier, in einem Anfall schwacher Wut, stand die arme Dame auf, ging zu ihrem Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Offenbar zufrieden, dass solche Reize mit Füßen getreten wurden, trocknete sie ihre Tränen gänzlich und fuhr fort:

„Ginny, geh aus dem Zimmer! (zu dem ordentlichen Mulattenmädchen). Vesta, meine liebe Tochter, ich würde dir um nichts in der Welt einen Schandfleck anhängen; aber Fleisch und Blut müssen sich Luft machen. Wenn dein Vater sich nicht bessert, werde ich mich von ihm trennen und Princess Anne verlassen!“

„Aber Mutter!“

Die hellen Augen der Tochter waren jetzt groß und aufgeschreckt, und ihr stahlblauer Farbton trat unter ihren üppigen schwarzen Augenbrauen deutlicher hervor.

„Ich werde es tun, wenn ich sterbe, wenn er sich nicht bessert!“

„Aber Mutter!“

Vesta stand mit leicht geöffneten Lippen da, und ihre schönen Zähne berührten gerade den Korallenton der Lippe. Einen langen Augenblick lang konnte sie nichts mehr sagen. Als sie sich aufrichtete, während sie sprach, mit zurückgeworfenem Kopf, vollerer Gestalt und Blässe auf den Wangen, sah sie aus wie die Eva, die zum ersten Mal den Tadel des Schöpfers vernimmt.

„Eine Trennung in dieser Familie?“, flüsterte Vesta. „Es würde ganz Maryland skandalisieren. Es würde mir das Herz brechen.“

„Liebes Kind, mein Herz muss auch manchmal bedacht werden. Ich war etwas, bevor ich eine Custis war. Ich bin auch eine Frau.“

Vesta, noch immer bleich, trat an die Seite ihrer Mutter und küsste sie.

„Tu das nicht, tu das nicht, Mamma, hege nie wieder einen solchen Gedanken. Du, die du so tapfer und geduldig warst, länger als ich lebe!“

„Ach, Vesta, es ist die Dauer der Kränkung, die uns zermürbt! Was, wenn uns etwas zustoßen sollte? Niemand ist so unfähig, Armut zu ertragen, wie wir.“

„Wir können nicht arm sein“, sagte die Tochter beschwichtigend. „Erinnerst du dich nicht, Mutter, wo es heißt: ‚Wie deine Tage, so sei deine Kraft‘?“

„Mein Kind“, antwortete Frau Custis, „dein Tag ist jung. Das Leben sieht hoffnungsvoll für dich aus. Ich werde alt, und wo ist der Arm, auf den ich mich stützen sollte? Was sind wir anderes als zwei zurückgelassene Frauen? Es gibt noch eine Stelle, an die ich oft denke, wenn wir so oft allein sitzen: ‚Zwei Frauen werden mahlen in der Mühle; die eine wird angenommen, die andere wird verlassen!‘ Bist du das, oder bin ich das? Hör mir zu, mein Kind! Es ist Zeit, dass du die melancholische Wahrheit fühlst! Die Gewohnheiten deines Vaters haben ihn besiegt. Er ist nicht mehr zu retten!“

Vesta kniete nieder, hob langsam den Kopf und sah ihre Mutter mit geweiteten Nasenflügeln an. Frau Custis fühlte sich unwohl vor dem aufgewühlten Geist ihres Kindes.

„Sieh mich nicht so an, Vesta“, flehte die arme Dame. „Ich dachte, du solltest es wissen.“

„Wie wagst du es, das von meinem Vater zu sagen? Von Richter Custis?“

Während sie sich in dieser Gefühlsschwebung befanden, hörte man Räder. Die Tochter ging zum Fenster, sah hinunter und kehrte dann zum Ohr ihrer Mutter zurück.

„Pst, Mutter, es ist Papa. Jetzt wasch deine Augen am Waschbecken. Lass uns ihn fröhlich empfangen. Sag nie wieder, dass er nicht mehr zu retten ist, solange wir es versuchen können!“

Ein Kuss glättete Frau Custis’ Gesichtszüge. Vesta war in wenigen Augenblicken für das Frühstück angezogen, ging in die Bibliothek hinunter und wurde in die Arme ihres Vaters aufgenommen. Er hielt sie dort eine lange Weile fest, und er hielt sie eng, und in kleinen Schüben erneuerte er seine Umarmung, aber sie spürte, dass sein Atem fiebrig war und seine Arme zitterten. Als sie zu ihm aufblickte, sah sie tatsächlich, dass er gerötet, aber dennoch ausgezehrt und sorgenzerfressen war.

„Vessy“, sagte er mit einem schwachen Versuch zu lächeln, „ich brauche ein Glas Brandy. Meiner ging am Hochofen aus, und der morgendliche Ritt hat mich geschwächt. Wo ist der Schlüssel?“

Sie sah ihn mit einem halben Blick an, damit er keinen Verdacht schöpfte, als wollte sie seinen Bedarf an Stimulanzien messen. Dann führte sie, ohne ein Wort zu sagen, den Weg ins Esszimmer, schloss den Likörschrank auf und wandte sich ab, damit er aus Feingefühl nicht das Gefühl hatte, sein Bedürfnis zur Schau zu stellen.

„Unartiger Mann“, sagte Vesta, die beiseite trat und ihn ansah, als er fertig war. „Ich wollte nach dem Frühstück zum Hochofen für dich herunterfahren. Wir werden kein solches Herumtreiben mehr haben. Mamma und ich haben ein Machtwort gesprochen! Du musst jeden Abend vom Hochofen zurückkommen und am Morgen wieder hingehen, wie andere Geschäftsleute auch. Sei sehr lieb zu Mamma heute Morgen, mein Herr! Sie fühlt deine Vernachlässigung.“

Vesta hatte bereits für den Kammerdiener des Richters geläutet, der nun erschien, ihm die Stiefel auszog, ihm Pantoffeln und Hausjacke reichte und den Weg zu seinem Bad wies. Nach einer Viertelstunde erschien er wieder, sah besser aus und wandte sich unentschlossen wieder dem Esszimmer zu, wobei er Vesta vielsagend anlächelte.

„Nicht diesen Weg“, sagte sie. „Hier ist Mamma, und wir sind bereit für das Gebet. Hier ist die Stelle in der Bibel.“

Sie gingen alle in das Familienzimmer, wo die Zofen von Vesta und ihrer Mutter auf die üblichen Morgengebete warteten. Vesta legte die aufgeschlagene Bibel auf das Knie ihres Vaters, und er begann geistesabwesend und stockend zu lesen. Es war im Buch Samuel und schien eine alte jüdische Mythologie zu sein. Er stieß plötzlich auf einen Vers, der seine Empfindsamkeit durch seine Wehmut gefangen nahm:

„‚Und David sandte Boten an Isch-Boschet, den Sohn Sauls, und ließ sagen: Gib mir mein Weib Mical... Da sandte Isch-Boschet hin und nahm sie von ihrem Mann, von Phaltiel, dem Sohn des Lais. Und ihr Mann ging mit ihr und weinte ihr nach... Da sprach Abner zu ihm: Geh, kehre um! Und er kehrte um.‘“

Richter Custis sah sofort das Bild, das diese knappe Geschichte heraufbeschwor. Der unerbittliche David hatte vielleicht die Liebe eines anderen geheiratet. Es hatte sich ein Anlass ergeben, ihre Verwandten zu verbittern, und sie nahmen sie zurück und gaben sie im Glück ihrem schmachtenden Liebhaber. Doch wieder triumphierte der Mann mit den korrekten Gewohnheiten über die Söhne des Königs und entsandte Abner, um seine Frau aus den Armen ihres wahren Ehemannes zu reißen. Der arme Phaltiel folgte ihr weinend, bis ihm befohlen wurde, zurückzukehren – und er kehrte zurück, für immer trostlos.

Die Szene erinnerte an die brutale Forderung seines Gläubigers an sein Kind. Die Augen des Richters liefen still über, und er konnte nicht sehen.

Vesta hatte ihn genau beobachtet, da ihr stilles Richtertum eine große Angst oder Krankheit bei ihrem Vater entdeckte. Damit ihre Mutter es nicht ebenfalls bemerkte, schaltete sie sich wie gewohnt in die Lektion ein, indem sie die bischöfliche Gebetsform las, bei der sie alle ihre Häupter beugten. Ein- oder zweimal, während sie fortfuhr, bemerkte sie ein unterdrücktes Schluchzen, besonders bei dem Absatz: „Du, der du die Schwäche und Verderbtheit unserer Natur kennst und die vielfältigen Versuchungen, denen wir täglich begegnen, wir bitten dich demütig, erbarme dich unserer Gebrechen und gewähre uns den ständigen Beistand deines Heiligen Geistes, damit wir wirksam von der Sünde abgehalten und zu unserer Pflicht angespornt werden!“

Sie gingen zum Frühstückstisch, und das Gesicht des Richters war gesenkt. Er biss ein Stück Toast ab und füllte seinen Mund mit Tee, konnte aber nicht schlucken. Eine Hand berührte sanft seinen Ellbogen, und als er dorthin sah, sah er ein Weinglas voll Brandy sanft an diese Stelle gleiten. Als er aufblickte und das reiche, sehnsüchtige Gesicht seiner dunkeläugigen Tochter sah, die zärtlich seine Schwäche beriet, brach sein Herz hervor; er legte den Kopf auf den Tisch und weinte, zwischen Trinken und Kummer:

„Liebling, wir sind ruiniert!“

Frau Custis stand sofort auf und sah den Richter erschrocken an. Vesta wandte sich ebenso schnell an die Dienstboten und bedeutete ihnen zu gehen.

„Nein, lasst sie es hören!“, tobte Richter Custis, als er die Bewegung bemerkte. „Sie sind interessiert, wie wir. Sie müssen auch verkauft werden. Treue Diener! Vielleicht mag es sie warnen, rechtzeitig zu entkommen!“

Die Dienstboten, die wie Damen erzogen waren, verließen still den Raum.

Frau Custis, die blasser wurde, rief aus:

„Daniel Custis, hast du alles in diesem Hochofen verloren?“

„Alles!“

„Und mein Geld auch?“

„Ja.“

„Barmherziger Gott!“

Bevor die schwache Dame fallen konnte, lag Vestas Arm um sie, und ihr Finger war auf der Tischglocke. Dienstboten traten ein, und Frau Custis wurde hinausgetragen, gefolgt von ihrer Tochter.

Als Vesta zurückkehrte, schritt ihr Vater mit seinem langen seidenen Taschentuch in beiden Händen auf und ab, weinte bitterlich und sprach abgehackte Silben. Sie sah ihn einen Moment lang mit der ganzen Kraft einer Tochter an, die zum ersten Mal aufgefordert war, in einer großen Krise allein zu handeln. Das Gefühl, das sie ihm gegenüber zu hegen pflegte, vollkommenen Stolzes, hatte einen Schlag durch den Ausdruck ihrer Mutter erhalten: „Die Gewohnheiten deines Vaters haben ihn besiegt, er ist nicht mehr zu retten.“

Könnte das wahr sein; dass er, der Große, der Güte, der Gentleman, unter der Reichweite des Tauchers war, dem Lot des Senkbleis, wo Licht nicht eindringen konnte, noch Hoffnung ihn einholen konnte? Ihr Vater, der erste Gentleman in Somerset, ein Trunkenbold, der immer weiter in Richtung Gosse ging, und kein Strahl des Himmels, der auf sein Grab scheinen würde!

Sie sah seine Gefahr jetzt: Sie stand auf seinem Gesicht geschrieben, wo das Ebenbild Gottes matt leuchtete, das einst dort gekrönt gewesen war. Das Haar dünner und sehr grau; die reichen, dunklen Augen eingeschüchtert, als wäre das männliche Selbstvertrauen dahin; die Haut nicht mehr die reine Schriftrolle eines geregelten Lebens, geschrieben im gesunden Saft des Herzens, sondern verblasst, doch befleckt mit Alkohol; auf Nase und Lippen Anzeichen gröberer Sinnlichkeit; das große Skelett gebeugt und das nervöse Temperament zerschlagen. Dieser Vater war bis zu diesem Moment Vestas Engel gewesen. Nun gab es vielleicht keinen Engel im Universum, der zu seiner Rettung eilen konnte. Tiefe, schreckliche Demut stieg in den Geist der Tochter hinab.

„Gott vergib mir!“, dachte sie, „wie blind und wie stolz und sündig ich gewesen bin!“

Sie ging zärtlich auf ihren Vater zu und küsste ihn, und dann, indem sie seine schwächere Neigung durch ihre eigene zog, brachte sie ihn zu einem Sofa, legte ein Kissen für ihn zurecht und ließ ihn seine einst stolze Gestalt darauf ausstrecken. Sie besorgte eine Schüssel mit Wasser, wusch ihm das Gesicht mit einer Serviette von Tränen frei und badete es in Kölnisch Wasser. Die wollüstige Natur des Richters gab dem Duft und der bequemen Lage nach, und er schlief wie ein erschöpftes Kind ein.

Während sie bei dem schlafenden Bankrotteur saß, seine Brust heben und senken sah und sein grobes Schnarchen hörte, als ob Teufel in ihm um den Besitz seiner Person rivalisierten, fühlte Vesta, dass das Leben, das dort unbewusst war, die Quelle ihres eigenen war, und da sie keinen anderen Mann liebte, fühlte sie, wie ihr Herz wie ein Goldfisch dieser Quelle pochend um sie herumkreiste.

Dann entstand zum ersten Mal der Wunsch, der im Leben einer Frau oft wiederholt wird, als Mann geboren zu sein und zu wissen, wie sie ihrem Vater helfen könnte. Das legte nahe, dass sie Brüder hätte, die gerufen werden sollten, um sich mit ihrem Vater zu beraten; aber nun kam ihr in den Sinn, dass jeder von ihnen sich auf ihn verlassen hatte; und, obwohl sie sich bewusst war, dass es schlecht war, fühlte Vesta ihren Stolz gegen den Gedanken aufsteigen, dass irgendjemand außerhalb dieses Hauses, selbst ein Bruder, von seiner Schande erfahren sollte.

Was konnte sie tun? Sie dachte an all ihre Juwelen, ihr Reitpferd, ihre Uhr, die eigenen Geschenke ihres Vaters, und dann starb der Gedanke, dass diese ihm helfen könnten.

Konnte sie nicht etwas mit ihrer Stimme verdienen, die zu solchem Lob gesungen hatte? Ach! Diese Stimme hatte den Bestandteil der Hoffnung verloren, und sie fürchtete, ihre Lippen zu öffnen, aus Angst, es könnte in Agonie herauskommen und schreien: „Gott, erbarme dich!“

„Ich habe nichts“, sagte Vesta zu sich selbst; „außer Liebe für diese beiden Märtyrer, meinen Vater und meine Mutter. Nein, nichts kann getan werden, bis er erwacht und mir das Schlimmste sagt. In der Zwischenzeit wäre es schlecht für mich, die bereits hier herrschende Aufregung zu vergrößern, wo ich die Trösterin sein muss.“

KAPITEL VII.

IRRLICHT-EISEN.

Frau Custis war an diesem Tag nicht in der Lage, Unannehmlichkeiten zu bereiten, da sie von heftigen Kopfschmerzen befallen wurde und ihr Zimmer hütete. Willensschwach, rein gesellig in ihren Ehebeziehungen und niemals höher zielend als auf Respektabilität, verfehlte sie das grobe Ziel ihres Mannes, der bei all seinen moralischen Fehlern wahrscheinlich ihr moralisches Ebenbild war, sein vitaler Standard höher, sein Ton eine gemütliche Heuchelei, und im Grunde war er ein Demokrat.

Frau Custis hatte keine Einsicht noch Wandelbarkeit der Wohltätigkeit; ihr Geist, begrenzt durch die städtische Republik Baltimore, die sich selbst für die Welt hält, besonders unter ihrer merkantilen Aristokratie, die wie der alte venezianische Adel unter ihren flachen Lagunen lebt und hauptsächlich Handel mit dem Türken in den heißeren und instinktiven Indien und dem Süden treibt. Liebenswürdig, gesellig, ängstlich vor neuen Ideen, sparsam mit Geld; wenn auch gastfreundlich bei Tisch, mit einer gewissen Spritzigkeit, die selten intellektuell ist, aber eine Schönheit, die mächtig anzieht, bis durch die begrenzten Sympathien darunter der Ehemann aus der Außenwelt erkennt, wie hoffnungslos Sklaverei und Kaste in eine alte Schifffahrtsgesellschaft versinken, das Baltimore, das die Chesapeake-Bucht beherrschte, hatte kein vollkommeneres Produkt als Frau Custis.

Ihre Bescheidenheit und Tugend waren so natürlich wie ihre Vorurteile; sie glaubte, dass die Ehe das Ende des weiblichen Ehrgeizes sei, und ihre Kinder zu verheiraten, war die einzige erlaubte Neuerung. Bestimmte Errungenschaften hielt sie für die Frau angemessen, aber keine davon durfte in der Ausübung maskulin werden; vor einer berufstätigen Frau schreckte sie zurück wie vor einem Ungläubigen oder einem Abolitionisten; Lesen war verdienstvoll bis zu einem orthodoxen Punkt, aber eine Leidenschaft für neue Bücher war gefährlich, wahrscheinlich religionsfeindlich. Sein Geld zu verlieren war ein Verbrechen; das Geld eines anderen zu verlieren, die unvergebliche Sünde, weil das die öffentliche Meinung von Baltimore war, die, wie sie dachte, die einzige Meinung war, die Anspruch auf Berücksichtigung hatte. Die alten schottischen und irischen Kaufleute dort hatten es zum Gesetz gemacht, dass Unternehmertum nur durch Erfolg entschuldbar sei und dass Erfolg nur einen Neuerer brandmarkte. Ein guter Standard der Gesellschaft hatte daher Richter Custis gerade noch erlaubt, die Raseneisenerz-Fabrikation aufzunehmen, und da er darin scheiterte, hielt seine Frau ihn für nicht besser als einen Jakobiner.

An der Eastern Shore, wo sich die Gesellschaft bildete, bevor Glasgow und Belfast mit ihren präzisen Lebensformeln an der Chesapeake-Bucht kolonisiert hatten, stieg und fiel täglich ein sanfteres Wohlwollen auf den Boden, wie die Verdunstungen jener fruchtbaren Meere, die den dünnen Boden unfehlbar düngen. Religion und Wohlwollen waren dort eher Ablagerungen als Dogmen; mäßige Armut war die nicht unwillkommene Erwartung, Reichtum ein Gegenstand banger Skrupel, Freundlichkeit das Gesetz, Stolz die Ausnahme, und knauserige Habgier, wie die von Meshach Milburn, war das Zeichen des Teufels, der in den Nächsten und den Mitmenschen einfährt.

Richter Custis war ein Repräsentant seiner Nachbarn, außer in seiner virginischen Wollüstigkeit; seine Nachbarn waren weder Prüden noch Heuchler, und er respektierte sie mehr als die arrogante Rasse im alten Land Accomac und auf den virginischen Halbinseln, deren Züge er fast verloren hatte. Manchmal schien es ihm, dass die Letzte des Kavalierstammes seine Tochter Vesta sei. Von ihm war es fast gewichen, und sein Sinn für moralische Unzulänglichkeiten erweiterte sein Herz und machte ihn zärtlich fromm gegenüber seinesgleichen, wenn auch nicht gegenüber Gott. Er bewunderte Neuankömmlinge, neue Geschäftsmodi und nordische Eindringlinge und Ideen, wobei er fühlte, dass vielleicht der letzte Beweis seiner Aristokratie von Natur aus eine ritterliche Resignation sei. Die Kiefern sagten ihm: „Ihr werdet gehen wie die Indianer, aber seid nicht unwirtlich gegenüber euren Nachfolgern und hinterlasst ihnen euren Segen, damit die große Bucht und ihre Flüsse mit Schiffen und Männern glänzen mögen, obwohl ihr für immer untergegangen seid.“ Eine Wahrnehmung der Energie seiner Landsleute und ein Stolz darauf, ohne jede kleinliche Reservierung, obwohl es seine persönliche Demütigung beinhalten mochte, war Richter Custis’ einziger verbleibender Anspruch auf die Großmut des Himmels. Dennoch, reich an menschlicher Natur, wurde er von seiner Tochter aus ganzer Seele geliebt.

Er erwachte lange nach Mittag, körperlich erfrischt, und ein Glas Milch und ein auf Toast gebratener Goldregenpfeifer standen für ihn bereit, mit einigen Zweigen neuem Sellerie aus dem Garten, um seine Nerven zu nähren. Er nahm diese kleine Mahlzeit schweigend ein, und Vesta sagte, als das Tablett abgeräumt wurde:

„Nun, Papa, bevor wir dieses Zimmer verlassen, wirst du mir das ganze Unrecht berichten, das du erlitten hast, und was wir alle tun können, um dir zu helfen; denn wenn du Erfolg gehabt hättest, wäre die Belohnung unsere gewesen, und wir müssen die Schmerzen deines Unglücks ohne jedes Bedauern mit dir teilen. Mut, Papa! Und lass mich es verstehen.“

Der Richter sah Vesta schwach an, durchsuchte dann seinen Geist mit gesenktem Blick und sprach schließlich:

„Mein Kind, ich bin das Opfer guter Absichten und des Selbstgenusses. Ich bin weniger als ein Schurke und schlimmer als ein Narr. Ich bin ein Betrüger, und du musst dazu gebracht werden, es zu sehen, denn ich fürchte, du warst stolz auf mich.“

„Oh, Vater, das war ich!“, sagte Vesta mit einer plötzlichen Erschütterung. „Du warst mein Gott.“

„Lass uns den Götzendienst ablegen, mein Liebling. Es ist die erste aller Sünden. Wie laut spricht das erste Gebot in diesem Moment zu uns: ‚Du sollst keine anderen Götter haben neben mir‘?“

„Ich habe es gebrochen“, schluchzte Vesta, „ich liebte dich mehr als meinen Schöpfer.“

„Vesta“, sprach der Richter, „du bist das einzige Wertvolle in meinem ganzen Haus. Das Werk der Natur in dir ist alles, was das lange Gebäude unseres Stolzes überlebt. Der Schatz deiner Schönheit und Liebe macht mich immer noch reich für Diebe, die überall um uns herum im Hinterhalt liegen. Wir sind in Gefahr, wir werden verfolgt. O Gott! Erbarme dich, erbarme dich der Reinen im Herzen!“

Als der Richter unter seinem starken Ernst, der ihm in letzter Zeit so selten war, seine Arme weit ausbreitete und seine Stirn in Agonie hob, fühlte Vesta, wie ihr Götzendienst zurückkehrte. Er war so großartig, da in seinem ungestellten Schmerz und seiner Hilflosigkeit stehend, dass er ihr wie ein männlicher Prometheus erschien, der mit Feuer und Eisen gearbeitet hatte, zum Verdruss der eifersüchtigen Götter. Bewunderung trocknete ihre Tränen, und sie vergaß die Hinweise ihres Vaters auf sich selbst.

„Was ist Eisen?“, fragte sie. „Sag mir, warum du Eisen herstellen wolltest! Wenn ich in deinen Geist eindringen und die Hoffnungen nachempfinden kann, die du gehegt hast, wird es meine Seele vom Boden erheben. Papa, ich hätte schon vor langer Zeit nach dieser Lektion fragen sollen.“

Der Richter schritt auf und ab, bis sie die Frage wiederholte und ihn an seinen Platz zurückgeführt hatte. Er sammelte seine Gedanken und nahm, während er mit seiner alten, vornehmen Unbeständigkeit fortfuhr, die Geschichte des Eisens zu erzählen, wieder seinen weltmännischen Tonfall an.

„Ich habe Darlehen doppelt aufgenommen“, sagte er schließlich, „auf dieselben Besitztümer, und habe dabei, fürchte ich, Schande über meine Familie und meinen Ruf gebracht; ebenso wie den Ruin unseres Vermögens.“

Vesta erhob sich mit blassen Lippen und sinkendem Herzen.

„Oh, Vater“, flüsterte sie in ängstlichem Ton, „wer weiß von diesem schrecklichen Geheimnis!“

„Nur ein Mann“, sagte der Richter und kauerte auf dem Teppich zusammen, wobei sein Mut und seine Unbeständigkeit augenblicklich verflogen waren, „der alte Meshach Milburn weiß alles! Er hat die doppelten Protestnoten aufgekauft und hält sie zusammen mit seinen eigenen. Er hat mich in seiner Gewalt und hasst mich. Er wird mich entlarven, wenn ich mich nicht einer schrecklichen Bedingung unterwerfe.“

„Was ist sie, Vater?“

Der Richter blickte voller Schrecken auf, und als er Vestas blassem, aber festem Blick begegnete, verbarg er sein Gesicht und stöhnte:

„Oh! Es ist zu schändlich, um es auszusprechen. Es wird deiner Mutter das Herz brechen.“

„Sag es mir sofort!“, rief Vesta mit tiefer, hohler Stimme. „Welche weitere Schande kann dieses Ungeheuer über uns bringen, außer unsere Unehre aufzudecken? Kann er uns mehr antun, als uns zu vernichten?“

„Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, Vessy. Verschone mich, mein Liebling! Ich verberge mein Gesicht vor Scham.“

Es folgte eine Pause, während Vesta, deren Geist sich weitete, um jeden Anhaltspunkt zu erfassen, auf ihren Vater hinabsah, ihn jedoch kaum wahrnahm. Er bewegte sich nicht.

Vesta bückte sich und hob das Gesicht ihres Vaters, um eine Lösung für sein geheimnisvolles Ausweichen zu finden. Er schloss die Augen, als würde sie ihn mit ihrem staunenden Blick verbrennen.

„Papa, sieh mich augenblicklich an! Du sollst mir gegenüber kein Feigling sein.“

Er entwand sich ihren Händen und zog sich an ein Fenster zurück, wobei er sie mit einem furchtsamen Gesichtsausdruck ansah.

„Ich möchte, dass du diesen Augenblick gehst, deinen Gläubiger, Herrn Milburn, aufsuchst und ihn zu mir bringst. Du musst mir gehorchen, mein Herr!“

Der Vater hob die Hände, als wolle er protestieren, doch bevor er sprechen konnte, fiel ein Schatten auf das Fenster, und die Gestalt eines kleinen, dunkelhäutigen Mannes, bekleidet mit einem spitz zulaufenden Hut, schritt die Eingangsstufen hinauf.

„Erlöser, hab Erbarmen!“, murmelte Richter Custis, „der Wolf steht vor der Tür.“

Vesta nahm ihren Vater in die Arme und küsste ihn einmal, um ihn zu beruhigen.

„Papa, schick einen Diener, der die Tür öffnet. Lass Herrn Milburn in dieses Zimmer führen, damit er mich erwartet. Geh du und beschäftige meine Mutter liebevoll, und bleibt beide in eurem Gemach, bis ich bereit bin, euch zu rufen.“

Die Nähe des schrecklichen Gläubigers hatte Richter Custis beinahe gelähmt, und er glitt wie ein Geist hinaus.

KAPITEL VIII.

DER HUT FINDET EINEN HAKEN.

Meshach Milburn hatte den Laden abgeschlossen, nachdem er einige Briefe geschrieben hatte, und war die breite Straße zum Tor von Richter Custis gegangen. Die Nachricht von seinem Verschwinden in Richtung der Eisenhütte mit einem extravaganten Gespann hatte sich im ganzen Kreis um die wichtigste Schenke verbreitet, und man erörterte die Beweggründe und Wahrscheinlichkeiten der Tat mit jener tiefen inneren Unwissenheit, die für eine instinktgesteuerte Gesellschaft so bezeichnend ist. Der alte Jimmy Phoebus, ein massiger Mann mit breitem Gesicht und niedriger Stirn, wurde nach seiner Ansicht gefragt.

„Das ist nichts weiter als eine Aufschneiderei“, sagte Jimmy; „früher oder später schneidet jeder auf – macht sich wichtig! Meshach platzt geradezu vor Geld und muss aufschneiden – zwei Pferde und ein Schwarzer. Wenn das keine Aufschneiderei ist, dann kann ich beim besten Willen nicht sagen, was ihm fehlt.“

Ein allgemeiner Chor stimmte ein: „Beim besten Willen nicht, das kann ich dir sagen!“

Levin Dennis, der Schildkrötenkäufer, stellte eine wilde Vermutung an:

„Ich glaube, Meshach geht unter die Pferdehändler. Er hat schon alles Mögliche gemacht und ist jetzt bei den Pferden gelandet. Wenn es nicht die Pferde sind, kann ich es beim besten Willen nicht sagen!“

Alle geringeren Intellekte der Gruppe stießen ein leises Kichern aus, drehten sich auf ihren Stiefelabsätzen halb um und wieder zurück und murmelten: „Beim besten Willen nicht!“

Jack Wonnell, der eine der neuen Glockenhüte trug, barfuß war und aussah wie ein Vagabund, der den imposanten Bärenfellhut eines Miliz-Grenadiers anprobiert hatte, ließ diesen unpassenden Zusatz folgen:

„Der alte Milburn will ein Mädel besuchen. Wenn ein Mann zum ersten Mal freiwillig von seinem gewohnten Kurs abweicht, ist ein Mädel im Spiel. Ich habe mir meine Glockenmütze aufgesetzt, um ein Mädel aufzureißen. Milburn will sich da draußen im Wald ein Mädel holen. Wenn es das nicht ist, kann ich es beim besten Willen nicht sagen!“

Die kleinen Fische, die nicht auf schlagfertige Antworten trainiert waren, grinsten, hielten den Mund offen, vollführten die Drehung auf einem Absatz und echoten: „Beim besten Willen nicht!“

„Er kommt, Jungs, juhu!“, rief Jimmy Phoebus. „Jetzt nehmen wir alle den Hut ab und benehmen uns höflich, denn beim Kuckuck, in Prencess Anne wird es heute irgendein Hokuspokus geben!“

Der kleine Mann im Guy-Fawkes-Hut und den alten, übermäßig vornehmen, grünlichen Gamaschen schritt mit seinen harzigen, kühnen Augen geradeaus auf sie zu; seine Nase informierte ihn über die Luft wie die eines seidigen Terriers, und doch lag eine Blässe auf seiner Haut wie bei einem Kranken, und weniger als seine tägliche Feindseligkeit gegenüber Princess Anne war zu spüren.

„Er hat das Wechselfieber“, bemerkte Levin Dennis, „das sind die Schüttelfrost-Anfälle, die ihn morgen packen, wenn ich das Schildkröten-Gezappel richtig deute!“

Nur das Ende der am weitesten verbreiteten Fluchähnlichkeit in jenem Land war wieder zu hören, flatternd in der Runde: „...beim besten Willen nicht!“

Jimmy Phoebus galt als Nachkomme eines griechischen Piraten oder Patrioten, der sich an der Eastern Shore niedergelassen hatte, und Phoebus sah auch noch so aus mit seinem satten braunen Teint, dem breiten Kopf und den mediterranen Augen. „Guten Tag, Herr Milburn!“, sagte Jimmy laut und unbekümmert.

„Guten Tag, Herr Phoebus. Meine Herren, guten Tag!“

Als er mit einer Stimme antwortete, die zwar kaum herzlich, aber beschwichtigend klang, lüftete Milburn seinen alten und beeindruckenden Hut und schien im selben Augenblick seinen Nachbarn um ein Jahrhundert näher zu kommen. Seine Statur verringerte sich, seine Unnahbarkeit schien gemildert; er wirkte nun wie ein kleiner, freundloser Mensch, als wäre ein herrenloser Hund durch die Straße gehuscht und hätte an der Tür der Schenke, wo er sonst nur mit Steinen empfangen wurde, ein freundliches Zwitschern vernommen. Seine Stimme, die leicht bebte, ermutigte auch Levin Dennis zu sprechen:

„Passen Sie diesen Monat auf das Fieber auf, Herr Milburn!“

Meshach neigte den Kopf und glitt weiter, als wäre er schüchtern darauf bedacht, vorbeizukommen.

„Schönes Wetter zum Fahren!“, fügte Jack Wonnell hinzu, nachdem er auch seinen eigenen Hut der Frivolität abgenommen hatte, um die Wirkung zu spüren; doch diese Bemerkung wurde von der Gruppe als zu vorlaut betrachtet, und ein leiser Chor lief umher: „Jack Wonnell kann nicht anders, als ein Narr zu sein, beim besten Willen nicht!“

Milburn sagte sich, während er weiterging: „Sind diese Stimmen freundlicher als sonst, oder bin ich ängstlicher? Was liegt in der Luft, das alles so scharf macht und meine Wangen kribbeln lässt? Bin ich krank, oder ist es Liebe?“

Das Wort erschreckte ihn, und der Sand unter seinen Füßen schien zu knacken; ein Specht in einem alten Baum klopfte, als wäre das alte Herz des Baumes durch etwas beschleunigt worden; die Häuser ringsum sahen aus wie lebendige Objekte, deren Fenster auf seinen Gang fixiert waren wie die Augen von Eheleuten. Als er in Sichtweite des Wohnhauses von Richter Custis kam, das so sehr Ausdruck von altem Respekt und lang gehegten Absichten war, blieb der Geldverleiher fast stehen, so mild und friedlich blickte es ihn an – so ungestört, während er selbst bebte.

„Warum dieser Schmerz?“, dachte Milburn. „Habe ich Angst? Dieses Haus gehört mir. Fürchte ich mich, mein Eigentum zu betreten? Und doch fürchtet es mich nicht. Es steht schon so lange da, dass es keine Furcht kennt, und jedes Fenster darin blickt gütig auf meine Ankunft. Die drei Giebel betrachten jene Waldlandschaft wie drei alte Richter auf der Bank, die Gerechtigkeit in einem Bezirk walten lassen, in dem es bis heute keinen Schänder gab!“

Der Gedanke erzeugte in ihm einen Moment intellektuellen Stolzes, wie der unruhige Krampf gesetzloser Macht. „Es ist der Wald, den diese Herrschaften heute zu fürchten haben!“, dachte er voller Groll, hielt dann aber inne, bei einem anderen Bild, das sein Wort heraufbeschwor:

„Was hat dieser Wald jemals von Verletzung oder Hass gespürt, mit jeder Haustür unverschlossen, kein Räuber wird von irgendwem dort gefürchtet, die Blüten am Pfirsichbaum des Negers, die reifen Kaki-Früchte am Straßenrand, reichlich für jedes Kind des Waldläufers, und Demut und Zuneigung machen alle reicher, ohne einen Dollar auf der Welt, als mich, den reichsten Emporkömmling des Waldes, der gezwungen ist, Zuneigung zu kaufen, wie ein gleichgültiger Sklave!“

Ein großer Hund am Custis-Haus, der ihn so langsam gehen sah, kam den Pfad zum Tor herunter, ebenfalls langsam gehend, und zeigte weder Feindseligkeit noch Interesse, außer rein mechanisch hinter ihm her zur Tür zu laufen.

„Der Hund kennt mich“, dachte Meshach mit beschleunigtem Herzschlag, „von lebenslangem Sehen, aber er hat nie mit dem Schwanz gewedelt in all der Zeit. Könnte ich das Herz selbst dieses Hundes gewinnen, auch wenn ich ihn kaufen könnte? Der Schritt meines Schuldners wäre ihm immer noch am willkommensten, und er würde mein Futter in Fremdheit und Furcht fressen.“

Milburn stieg die Stufen hinauf und betätigte den massiven Türklopfer aus Messing. Er schlug viermal, laut und tief, und die Stille, die folgte, war noch lauter, wie das Unbekannte, nachdem das Urteil gefällt worden ist. Er schien dort eine sehr lange Zeit zu verweilen, mit einem völlig leeren Herzen, als hätte der Klopfer des Schuldners jeden Schwätzer daraus vertrieben, und doch dröhnten seine Schläfen und Ohren. Er dachte gerade daran, den Klopfer noch einmal zu betätigen, als ein Diener der Dame, teilweise weiß, den Riegel zurückschob und auf seine Frage, ob der Richter zu Hause sei, sich verneigte.

Er betrat die breite Halle dieses vornehmen Wohnhauses und hängte den Entail-Hut schließlich, nachdem er ihn vom Kopf genommen hatte, dort auf, wo sich sonst bessere Kopfbedeckungen zu gesellen pflegten: an einen geschnitzten Mahagonihalter aus Kolonialzeiten. Das ehrwürdige Objekt verlieh, kaum dort hängend, allem einen gewöhnlichen Anblick, wie Meshach dachte, und vertiefte sein persönliches Gefühl der Unwürdigkeit. Er versuchte, wütend zu sein, aber die Befürchtung war zu stark, als dass sich Leidenschaft auch nur hätte vortäuschen lassen.

„O, unterscheidender Gott!“, fühlte er in sich, „ist es nicht genug, uns so ungleich zu erschaffen, dass wir uns auch noch im Geiste krümmen und es anerkennen müssen! Ich hatte erwartet, triumphiert zu fühlen, wenn ich meinen verachteten Hut in diesem Haus unterbrächte, aber ich fühle mich ärmlicher als zuvor.“

Das Zimmer, dessen Tür vom Zimmermädchen der Dame geöffnet wurde, war die Bibliothek; sie enthielt drei schwerfällige Bücherschränke und mehrere Ölporträts mit tiefen, vergoldeten Rahmen, eine Landkarte von Virginia und ihrer nordöstlichen Umgebung, einschließlich der gesamten Halbinsel südlich des Flusses Choptank und Cape Henlopen; und nahe der Tür stand eine hohe Uhr, in der ein Riese hätte stehen können, die feierlich die Zeit zählte und schwenkte und dem Ort die Monotonie eines ewigen Abends verlieh, was durch das flackernde Holzfeuer auf dem hohen Messing-Kamingeschirr noch verstärkt wurde, vor dem einige hochlehnige, breite, bequeme Lederstühle standen, die allesamt in luxuriöse Stellungen durchgesessen waren, als wären sie die abgelegten Häute von Richter Custis und seinen Gefährten.

Ein Schaukelstuhl für eine Frau war dazwischen platziert, als ob jeder andere Stuhl ihm den Vorrang ließe. Dies war das erste Objekt, das Milburns Aufmerksamkeit erregte, so verschieden, so suggestiv, fast ein Ding des Aberglaubens, im Gleichgewicht, wie der Instinkt und der Wille einer Frau, auf nichts Festem ruhend, doch, wie die Sphäre, auf der er sich bewegte, einen größeren Bogen durchmessend, als ein riesiger Sitz füllen könnte. Reinheit und Eroberung, Macht und Willkommen schienen darin zu wohnen, wie der leere Thron im Parlament.

Milburn, der allein gelassen wurde, berührte den feenhaften Schaukelstuhl mit dem Fuß. Er begann so leicht und so graziös zu schwingen, dass er, als es ausklang, seine Lippen auf das Oberteil drückte, dorthin, wo ihr Nacken sein würde, und voller Gefühl laut flüsterte: „Gott weiß, dass zumindest dieser Kuss rein war!“

Er betrachtete die Porträts, und obwohl sie nicht beschriftet waren, riet er bei allen richtig oder falsch, aus dem Einblick lokaler Überlieferungen oder neidischer Interpretation.

„Jener unverschämte, gierige, überflüssige Schurke“, dachte Meshach, „mit Wein und Rindfleisch in den Wangen und Silber und Hurerei im Auge, war der irische Gastwirt von Rotterdam, der eine schwere Rechnung gegen die verbannten Prinzen führte, die Cromwells Name immer zum Fluchen und Schaudern brachte, und sie bezahlten ihn in einem entfernten Büro in Accomac, wo sie ihn und seine Rechnungen nie wiedersehen mussten, und dort ließen sie ihn den Großteil der Einnahmen stehlen, und natürlich war seine Loyalität im Verhältnis zu seiner Beute. Zweifellos war er oft Kuppler für beide königlichen Brüder, Charles und James, und machte seine Schenke zu ihrem Bordell, mit Betty Killigrew, oder Lucy Walters, oder Katy Peg, oder sogar Anne Hyde, der Mutter einer Königin – jener, die die Prinzessin Anne war, Taufpatin unserer ehrwürdigen Stadt hier. Ich habe nicht umsonst gelesen“, schloss Meshach, „weil meine edlen Stadtbewohner mich in meine Zelle getrieben haben!“

Das nächste Porträt war in Uniform gekleidet, mit einem höheren Typus von Männlichkeit, scharfsinnig und wachsam, aber magisteriell. „Das dürfte Generalmajor John Custis sein“, dachte Milburn und betrachtete es, „Sohn des John, des Schankwirts, und ein heiratender, schlitzohriger Kerl, der seine Größe zuerst als Salzkocher auf diesen ozeanischen Inseln begann, bis seines Vaters Freund, Charles II., in fröhlicher Stimmung Henry Bennet, den Schwiegervater des unehelichen Sohnes des Königs, zum Earl of Arlington und Pächter von Virginia machte. Die ganze Provinz für vierzig Schilling Miete im Jahr! Das waren wahrlich reine, ökonomische Zeiten am Hof. Also diente Salzkocher-John den Aufsehern Arlingtons, nannte seine Farm ‚Arlington‘, jagte die Anhänger des puritanischen Rebellen Bacon und verriet sie, nur um sich dann König Wilhelm zu unterwerfen. Seine Enkel, alle wohlversorgt, breiteten sich um diese Bucht aus. So viel zur Politik in den Händen eines Kaufmanns!“

Der Tonfall von Meshachs Kommentar hatte seinen Mut etwas gehoben, und ein Gefühl von vergnüglichem Interesse an dem warmen Raum und der freundlichen Umgebung führte ihn dazu, die Zeit, die beträchtlich lang war, ganz zufrieden zu verbringen, bis Richter Custis bereit war.

* * * * *

Währenddessen erregte der spitz zulaufende Hut bei den Hausangestellten, die sich versammelt hatten, um ihn vom Ende der Halle aus zu begaffen, stilles Erstaunen. Das ordentliche Zimmermädchen Virgie hatte die wundersame Nachricht zur Säulenhalle getragen, dass der schreckliche Gläubiger gekommen war, und Roxy, die Tischbedienung, hatte sie von der Säulenhalle in die Küche getragen, wo das gemeinsame Unglück sofort eine Revolution gegen die guten Sitten auslöste.

„Hat er den Teufelshut auf dem Kopf, Kind?“, erkundigte sich Tante Hominy und legte den Knüppel beiseite, mit dem sie den Biskuitteig auf dem Block schlug.

„Ja, Tante, er hat ihn auf dem Hutständer gelassen. Ich habe Angst, daran vorbeizugehen zur Tür.“

Tante Hominy warf den Knüppel auf die blasige Masse des Teigs und zog sich in Richtung des großen schwarzen Kamins zurück, mit einem Gesicht, das so viel Furcht und verschlagenen Humor zugleich ausdrückte, dass es schien, als würde es weiß werden, aber nur bis zu einer Falte und einem Zucken kam.

„Der Herr erbarme sich!“, rief Tante Hominy, „Kinder, lasst uns diesen Hut im Feuer verbrennen! Vielleicht nimmt das das Unheil von diesem Haus. Wir haben den Hut genau da, wo wir ihn haben wollen, Kinder. Roxy, Mädchen, hol ihn zu Tante Hominy!“

Das Mädchen zuckte zusammen, als wäre sie aufgefordert worden, eine Schlange anzufassen: „Wahrlich, Tante Hominy, ich würde ihn nicht anfassen, nicht um mein Leben. Das hat nur der alte Samson je getan!“

„Geh weg, Mädchen!“, schrie Tante Hominy, „hat Miss Vessy nicht einmal diesen Hut gehalten und eine weiße Rose hineingesteckt? Hat er, dieser schreckliche Meshach Milburn, Miss Vessy nicht einen Golddollar angeboten, und sie wollte nichts von seinem Gold? Das hat sie getan! Virgie, du geh hol den Hut, Kind! Stupf ihn mit meinem Potthaken da vom Ständer. Er wird dir nicht wehtun, Mädchen! Ich besprenkle dich vorher mit Kamille und Hexenhasel, die ich oben am Kaminsims aufbewahre.“

Tante Hominy wandte sich den breit eingekerbten Kaminsimsen zu, wo fünfzig Artikel der Neger-Pharmazie aufbewahrt wurden – Kräuterbündel, getrocknete Paprika, Samenblasen und Flaschen von jeder mystischen Potenz.

„Tante“, antwortete Virgie, „wenn ich keine Angst vor dem Bösen Mann hätte, hätte ich Angst, diesen Hut zu bewegen, weil Miss Vessy beschämt wäre. Denk nur daran, wie sie mich sehen würde, wie ich die Sachen eines Besuchers so behandle. Nein, ich würde lieber verkauft werden!“

„Dieser Hut“, beharrte Tante Hominy, „ist der Ruin dieser Familie. Diesen Hut, Mädels, hat der Teufel dem alten Meshach gegeben und ihn gezwungen, ihn zu tragen, für die Gabe, alles Gold in Somerset County zu bekommen. Weiß ich nicht, wann er ihn zum ersten Mal trug? Das war, als er anfing, alles Gold zu bekommen. Davor war er arm wie eine Eidechse, verkaufte an Neger, kochte für sich selbst und taugte zu nichts, überhaupt nicht. Er saß auf dem Dachboden seines alten Ladens und las die Bibel verkehrt herum, um die Freundschaft des Teufels zu gewinnen. Der Teufel kam eines Nachts und sagte zum alten Meshach: ‚Hier ist mein Hut! Geh, nimm ihn, Schätzchen, und vermiss Land damit, und alles Land, das du vermisst, gehört dir, Schätzchen!‘ Und Meshach hat fast diesen ganzen Bezirk vermessen. Richter Custis‘ Land ist das letzte.“

Die Erzählung berührte beide Mädchen beträchtlich, und die Gruppe der kleinen farbigen Jungen und Mädchen noch mehr, die beinahe vor Schrecken erstarrt herbeikamen, um zuzuhören; aber sie erzielte die größte Wirkung auf Tante Hominy selbst, deren Einbildungskraft, geweitet bei der Anstrengung, all ihre eigenen Ängste erregte und ihrer Legende unwiderstehliche Lebendigkeit verlieh.

„Wie kann sein Hut das Land der Leute vermessen, Tante?“, fragte Virgie und zog Roxy zur gegenseitigen Unterstützung an der Taille zu sich heran.

„Warum, Kind, er vermisst das Land mit den großen langen Schatten, die der Hut des Teufels wirft. Meshach, er richtet seine Augen auf eine gute Farm. Sagt er: ‚Die vermesse ich mit ein!‘ Also geht er bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang hinaus, wenn die Sonne fast auf dem Boden steht, und jeder Baum und jeder Zaunpfahl und jedes stehende Ding geht weit über das Land und wirft lange, krumme Schatten. Das ist die Zeit, in der Meshach sich aufstellt, mit dem Hut, den ihm der Teufel gegeben hat, um ihn länger zu machen, einfach auf den Feldern liegend wie der Schatten eines großen Kirchturms. Er geht die Straße vor der Farm entlang, und wo immer dieser Hut eine Markierung auf dem Boden macht, alles dazwischen und wo er geht, ist das Land des alten Meshach. Das nennt er seine Hypothek!“

Die Kinder hatten den Mund weit offen; die Dienstmädchen hörten mit einem Glauben zu, der kaum geringer war als ihre Furcht.

„Aber, Tante Hominy“, sagte Roxy, „er hat doch nie Richter Custis‘ Haus mit vermessen, und uns alle darin, die verkauft werden sollen.“

„Habe ich ihn nicht dabei gesehen?“, flüsterte Tante Hominy, bückte sich, als wolle sie kriechen, in der Beklemmung ihrer eigenen Ängste, und sah mit geballten Fäusten in ihre Gesichter. „Er kommt schon lange an den dunkelsten, bewölktesten Nächten an diesem Zaun entlang, wie ein Mann, der jemanden ausrauben will, und lugt zu Miss Vessys Fenster hoch. Er nahm die dunklen Nächte, wenn die Straßen von Prencess Anne frei von Leuten waren und die Hunde in ihren Hütten, und nichts unterwegs war außer ihm und Wind und Kälte und Regen. Eines Nachts, während er wie eine schwarze Krähe aus dem Schatten des Baumes Miss Vessys Fenster beobachtete, beobachtete ich ihn vom Küchenfenster aus. Der Mond, der die ganze Zeit versteckt war, kam plötzlich hinter den Regenwolken hervor, Mädels, und erschreckte ihn fast. Der Mond stand tief über den Wäldern, Kinder, und als der alte Meshach sich umdrehte und wegging, fegte sein Teufelsschatten in dieses Haus. Er hat es in jener Nacht mit vermessen. Seitdem gehört es ihm.“

„Nun“, rief Roxy nach einer Pause, „ich weiß, dass ich diesen Hut jetzt nicht anfassen würde.“

„Ich habe fast Angst, ihn anzusehen“, sagte Virgie, „aber wenn Miss Vessy mir sagen würde, ich solle ihn ihr bringen, würde ich es tun.“

„Lasst uns alle zusammen gehen“, wagte Tante Hominy, „und einen Blick darauf werfen. Vielleicht tut er uns nicht weh, wenn wir alle gehen.“

Im Bewusstsein, dass Richter Custis und seine Frau nicht in der Nähe waren, schlich der kleine Kreis der Bediensteten – Tante Hominy, Virgie, Roxy und die vier Kinder im Alter von fünf bis vierzehn Jahren – leise aus der Küche durch die überdachte Säulenhalle und von dort den hinteren Gang entlang bis zum Ende der Halle, wo sie eine Gruppe bildeten und mit gläubigem Staunen auf den King-James-Hut starrten.

Vesta Custis, die ihren Morgenrock gegen einen Gehrock getauscht und ihre Toilette leicht zurechtgemacht hatte und eine Weile stumm niedergekniet war, um den unbekannten Willen des Himmels zu empfangen, kam schließlich die Treppe hinunter, gerade noch rechtzeitig, um einen flüchtigen Blick auf ein halbes Dutzend Bediensteter zu erhaschen, die auf einen seltsamen alten Hut an der Garderobe im Flur starrten. Sie flohen hastig bei ihrem Erscheinen, doch die Vorstellung des Hutes übertrug sich durch ihr ungewohntes Verhalten auch auf ihre eigene Fantasie. Sie blickte einen Moment zu dem sonderbaren, verblichenen Gegenstand hinauf, der dort zwischen seinen besseren Nachbarn hing, und mit einer Erinnerung an ihre Kindheit und daran, ihn einmal in der Hand gehalten zu haben, stieg durch die dazwischenliegenden Jahre hindurch der Duft einer Rose und der Eindruck eines Paares kühner, aufgeschreckter Augen, die in die ihren blickten, über die Assoziation herab. Sie öffnete die Bibliothekstür, und dieselben Augen blickten aus dem bequemen Sessel ihres Vaters zu ihr auf.

„Mr. Milburn, nehme ich an?“, sagte Vesta, die auf den Besucher zuging und ihm mit natürlicher Anmut die Hand entgegenstreckte.

Er erhob sich und verneigte sich, und er bemerkte die Hand kaum in dem ernsten Blick, den er ihr zuwarf, als hätte sie ihn überrascht und er wüsste nicht, wie er seine Befangenheit ausdrücken sollte. Sie zog die Hand nicht zurück, bis er sie ergriff, und dann ließ er sie nicht mehr los. Da sein starker, wenn auch nicht kühner Blick anhielt, senkte sie ihre Augen auf die Hand, die ihre sanft hielt, und dann bemerkte sie, so ruhig sie auch war, dass seine Hand die eines Gentleman war, die Finger lang und fast zierlich, die Haut weiß, die Handfläche warm und, wie ihr schien, von etwas wie einem brüderlichen Druck, respektvoll und zudem sanft.

Da er nicht sogleich sprach, wandte sich Vesta wieder seinem Gesicht zu, das weit weniger einladend, aber eigenartig war – das schwarze Haar glatt, die Wangenknochen hoch, kein wirklicher Bart irgendwo an ihm, die Form des Gesichts breit und kraftvoll, die Kinnpartie lang, während die gelblich-braunen Augen, weit geöffnet und intensiv, den offenen, fast beobachtenden Nasenflügeln am Ende seiner geraden, feinen Nase entsprachen. Sein Teint war dunkel und waldläuferhaft, was auf eine dürftige, nährstoffarme Ernährung schließen ließ. Er war kaum größer als Vesta. Seine Zähne waren gut und der Mund eher klein. Sie dachte, er sei unsicher, was er sagen solle, oder in seinen Gedanken verwirrt, obwohl kein Anzeichen von Furcht sichtbar war. Vesta kam ihm zu Hilfe, indem sie ihre Hand auf natürliche Weise zurückzog.

„Ich habe Sie viele Male gesehen, Mr. Milburn, aber ich glaube, noch nie hier.“

„Nein, Miss, ich war noch nie hier.“ Er zögerte. „Und auch sonst nirgendwo in Princess Anne. Sie sind die erste Dame hier, die mit mir spricht.“

Seine Worte, wenn auch nicht sein Tonfall, deuteten auf eine Unterlegenheit oder eine Kränkung hin. Die Stimme war ein wenig steif und schien einer entsprechenden Modulation zu entbehren, wie bei einem Mann, der eine Sprache gelernt hatte, ohne sie jemals gebraucht zu haben.

„Wollen Sie sich nicht setzen, Mr. Milburn? Sie sind diesen Besuch so lange schuldig geblieben, dass Sie heute sicher nicht in Eile sein werden. Ich hoffe, Sie hatten nicht das Gefühl, wir seien ungastlich. Aber kleine Städte fördern oft enge Kreise und machen die Menschen egoistischer, als sie es beabsichtigen.“

„Sie könnten niemals egoistisch sein, Miss“, sagte Milburn, ohne jede geschmeidige Schmeichelei, immer noch mit diesem wilden, forschenden Blick, wie die Augen eines aufgeschreckten Ochsen.

Vesta errötete leicht über die Vertraulichkeit, die er sich herausnahm. Es war ihr auch etwas peinlich, diesem uninterpretierbaren Blick der Nachfrage und Ehrerbietung zu begegnen; doch sie spürte ihre Notwendigkeit ebenso wie ihren guten Anstand und nahm Rücksicht auf die Unerfahrenheit ihres Besuchers. Er war wie ein Indianer vor einem Spiegel, in einer stoischen Erregung aus Furcht und Entzücken. Das Schönste, was er je gesehen hatte, lag endlich voll in seinem Blickfeld, und er wusste nicht, ob er es mit Gewalt oder durch Überredung festhalten sollte.

Ihr dunkles Haar, seidig wie die saubersten Bartfäden des Maises, fiel ebenso natürlich auf ihr vollkommenes Haupt, wie ihre Zähne, weiß wie die milchigen Maisreihen, sich in den Maikirschen ihrer Lippen bewegten. Die zarten Bögen ihrer Brauen, beschattet von Amselflügeln, bereicherten den klaren Himmel ihrer harmonischen Augen, wo Barmherzigkeit und Adel sich Gesellschaft leisteten, wie im Himmel.

„Woher konnten Sie wissen, dass ich nicht egoistisch bin, Mr. Milburn?“

„Weil ich Sie habe singen hören.“

„Oh, ja! Sie hören mich in unserer Kirche, das erinnere ich mich.“

„Ich habe Sie jeden Sonntag, an dem Sie dort gesungen haben, jahrelang gehört“, sagte Meshach, ohne dass sich sein Ausdruck kaum verändert hätte.

„Sind Sie ein Liebhaber der Musik, Mr. Milburn?“

„Ja, ich mag alles, was ich je gehört habe – Vögel und Sie.“

„Dann werde ich für Sie singen“, sagte Vesta und nahm die Erleichterung an, die das Gespräch ihr bot. Ein Klavier stand in einem anderen Zimmer, doch um den Schauplatz nicht zu wechseln und auch, um eine einfachere Begleitung für die Ohren eines ungebildeten Mannes zu verwenden, holte sie ihre Gitarre, legte sie auf ihren Schoß, schlug die Saiten und die Tonart an, ohne zu zögern, zu diesen zärtlichen Worten:

„Oh, für eine traurig sterbende Note, Auf dieser stillen Stunde zu schweben, Wo, fern von der geschäftigen Welt, Die Leier ihre Melodie erwecken könnte! Ein schwacher Klang ist alles, was schwellen kann, Aus meiner fast verlassenen Hülle, In klagenden Akzenten noch zu künden, Dass ihr Minnesang nicht schlummert.

Es gibt eine Stunde tiefer Ruhe, Die sich noch auf mein Herz legen wird, Wenn alles, was die Natur fürchtet und weiß, Wundersam über mich hereinbrechen wird; Oh, möge ich dann für immer erwachen, Meine Harfe zu Entzückens hohem Streben; Und, wenn ich mich von der Welt eitler Szene trenne, In der Unsterblichkeit verloren gehen.“

Vesta hielt einige Minuten inne, und da ihr Besucher nichts sagte, bemerkte sie bewegt:

„Diese Zeilen wurden im Haus meines Großvaters im Accomac County von einem jungen Geistlichen aus New York geschrieben, der der Rektor meines Großvaters war, Reverend James Eastburn. Er war erst zweiundzwanzig Jahre alt, als er auf See an Schwindsucht starb. Seine sind die einzigen Verse, von denen ich je gehört habe, Mr. Milburn, die hier in unserem schönen alten Land geschrieben wurden.“

„Ich habe mich gefragt, ob ich Sie jemals für mich singen hören würde“, sprach Milburn nach einigem Zögern. „Jetzt, da es wahr geworden ist, fühle ich mich skeptisch dabei. Sie sind da, Miss Custis, nicht wahr?“

Vesta war ratlos. Unter anderen Umständen wäre sie amüsiert gewesen, da ihr Humor ebenso frei fließen konnte wie ihre Musik. Es schien ihr vage, dass der kleine, seltsame Mann einen Sprung in der Schüssel haben könnte.

„Ja, in der Tat, Mr. Milburn. Wäre es ein Traum, so hätte ich den ganzen Tag keinen anderen Ausdruck als Gesang. Ich glaube, ich habe mich noch nie so traurig gefühlt zu singen wie gerade jetzt. Vater ist krank. Mama ist krank. Ich bin die Geschäftsbeauftragte der Familie geworden und habe innerhalb dieser Stunde gehört, dass Papa tief verstrickt ist. Sie sind sein Gläubiger, nicht wahr?“

Meshach Milburn verneigte sich.

„Wie hoch ist die Summe der Wechsel und Hypotheken meines Vaters? Ist es mehr, als er durch das Opfer von allem bezahlen kann?“

„Ja. Er hat nichts bei einer Zwangsversteigerung zu verkaufen, das etwas einbringen würde, außer den Hausangestellten hier; diese Mägde in der Familie sind sofort verkäuflich. Sie würden sie nicht verkaufen wollen?“

„Virgie verkaufen! Sie ist mit mir aufgewachsen; welches Recht habe ich, sie zu verkaufen, mehr als sie das Recht hat, mich zu verkaufen?“

„Keines“, sagte Milburn barsch, „aber es gibt ein Gesetz dafür.“

„Auch Roxy zu verkaufen, und die alte Tante Hominy, und die kleinen Kinder! Wie könnte ich jemals wieder beten, wenn sie verkauft würden? Oh! Mr. Milburn, wo war Ihr Herz, dass Sie Papa sein reiches Vermögen in einem so hoffnungslosen Experiment verschwenden ließen? Wenn mein Singen in der Kirche Ihnen Glück bereitet hat, warum konnte es Sie nicht zur Barmherzigkeit bewegen? Denken Sie an die Verzweiflung dieser Familie, die hilflose Großzügigkeit meines Vaters, das Heiratsgut meiner Mutter, das ebenfalls dahin ist, und jeder andere Sohn und jede andere Tochter von ihnen getrennt!“

„Ich habe Richter Custis’ Ausgaben keinen Moment lang ermutigt“, sagte Meshach, „obwohl ich ihm Geld lieh. Das erste Mal, als er kam, um sich etwas zu leihen, war mein Geist in freigiebiger Stimmung, denn Sie waren gerade erst mit Ihrer unschuldigen Aufmerksamkeit in ihn eingetreten. Ich nahm an, er wolle eine vorübergehende Hilfe, und ich gab sie ihm zum niedrigsten Satz, den ein Christ einem anderen berechnen würde.“

„Sie sagen, dass ich Sie beeinflusst habe, meinem Vater Geld zu leihen? Warum, mein Herr, ich war ein Kind. Er leiht sich seit meinen frühesten Erinnerungen bei Ihnen.“

Der Gläubiger nahm eine große lederne Brieftasche aus seiner Brusttasche und legte, aufstehend, ihren Inhalt auf den Tisch. Er öffnete ein Stück gefaltetes Papier und zog daraus zwei Gegenstände; den einen, eine Locke aus blauschwarzem Haar wie seinem eigenen, und den anderen, eine gepresste und verblasste Rose.

„Diese Blume“, sagte Milburn voller Ehrfurcht, „hat die Tochter von Richter Custis an meinen verspotteten Hut gesteckt. Ich habe sie behalten, bis sie tot war, und sie zusammen mit dem Haar meiner Mutter beiseitegelegt, den beiden religiösen Objekten meines Lebens. Diese verblasste Rose machte mich zum Gläubiger Ihres Vaters, Miss Custis.“

Vesta nahm die Rose und sah ihn mit Überraschung und Fragen an.

„Oh, warum hat diese Blume nicht für uns gesprochen?“, sagte sie; „danach Ihre Lippen zu öffnen, um meinen Vater zu retten? Dann wussten Sie Bescheid und wussten, dass er sich in den Untergang stürzte, aber Sie gaben ihm dennoch Geld zu höheren Zinsen.“

Milburn sah sie mit schwindendem Mut, aber Aufrichtigkeit an und antwortete: „Ihre Stimme sang zwischen uns, Miss Custis, jedes Mal, wenn er kam. Ich gab mir selbst nicht zu, was es war, aber das Gefühl, dass ich Ihnen nahegebracht wurde, öffnete immer wieder meinen Geldbeutel für Ihren Vater, bis er mich um die Gewinne von Jahren gebracht hat, die ich ihm mit einer verschwenderischen Verhängnisvolligkeit gab, obwohl ich jeden Cent aus jeder Quelle außer dieser zusammenraffte. Ich wusste damals, dass er mich wahrscheinlich nicht zurückzahlen konnte, aber jeden Sabbat in der Kirche sangen Sie, und das schien eine gewisse Entschädigung zu sein. Ich war verhext; undeutliche Visionen von Dankbarkeit und Anerkennung Ihrerseits füllten die Predigt mit Engelscharen, die alle Ihr Bild trugen und über mir schwebten. Der Preis, den ich für diese ungesagte und immer abgewiesene Hoffnung zahlte, war fürstlich, aber niemals mit Groll bezahlt, und er war rein, glaube ich, sonst hätte der Himmel mich bestraft. Je mehr ich mich für Ihren Vater ruinierte, desto erfolgreicher waren meine Unternehmungen an allen anderen Orten; wenn Sie meine Versuchung waren, hatte sie die Gunst oder Vergebung des Gottes, in dessen Tempel sie geboren wurde.“

Vesta erhob sich ebenfalls, mit aufgeschrecktem Geist.

„Verstehe ich Sie richtig?“, sagte sie, mit ihren reichen grauen Augen weit geöffnet unter ihren aufgeschreckten Wimpern. „Mein Vater hat von einer erniedrigenden Bedingung gesprochen? Ist es, Sie zu lieben?“

Zum ersten Mal senkte Meshach Milburn seine Augen.

„Ich habe nie für möglich gehalten, dass Sie mich lieben könnten“, sagte er bitter. „Ich dachte, Gott könnte mir eines Tages erlauben, Sie zu lieben.“

„Wissen Sie, was Liebe ist?“, fragte Vesta mit Erstaunen.

„Nein.“

„Wie kamen Sie dann dazu, meine guten Taten so niederträchtig auszulegen, selbst meine Kindheit in Ihrer bösen Einbildung mit sich zu tragen und das Leid meines Vaters mit der Drohung der Sklaverei seiner Tochter zu verfluchen?“

Milburn hörte mit vollkommener Demut diese harten Anschuldigungen.

„Sie haben nicht geliebt, glaube ich, Miss Custis?“, sagte er mit einem leichten Erröten. „Ich habe geglaubt, Sie hätten es nie getan.“

Er hob seine Augen wieder zu ihrem Gesicht.

„Ich liebte meinen Vater über alles“, stammelte Vesta. „Ich sah keinen Mann, abgesehen davon, der meinen Vater bewunderte.“

„Dann habe ich keines Mannes Recht verdrängt, als ich Ihr Bild begehrte. Manchmal schien es, als würden Sie so lange frei gehalten, um mein stilles Anbeten zu belohnen. Ich weiß nicht, was Liebe ist, aber ich kenne die Gaben Gottes, wie sie in der Natur blühen, sie weisen keines Mannes Hingabe zurück. Die Blumen, die Vögel und der Wald erfreuten meine Kindheit; meine Jugend verbrachte ich mit dem Studium meiner selbst und des Menschen; schließlich erschien mir ein wunderschönes Kind, sprach sich in meine Seele, und sie konnte ihre herrliche Gegenwart niemals vertreiben. Alles wurde ihr untergeordnet, sogar Habsucht und Erfolg. Sie bewahrte mich als Christen, sonst wäre ich völlig egoistisch geworden; sie hielt mich demütig, denn was war mein Reichtum, wenn ich das Haus ihres Vaters nicht betreten konnte! Ich bin jetzt durch ein Schicksal hier; die Macht, die Sie so unerwartet für mich in diesen Raum rief, hat uns zu dem Geheimnis geführt, das ich Ihnen zu sagen fürchtete. Wage ich es, weiterzugehen?“

Sie versuchte, ihre beleidigten Gefühle niederzuhalten und nichts zu sagen, was den Gläubiger ihres Vaters für immer aufbringen würde, aber die Möglichkeit, ihn zu heiraten, war zu gewaltig, um darauf zu antworten.

„Dieser Moment ist ein großer“, fuhr Milburn fest fort, „denn ich fühle, dass er meine Visionen von Glück und auch von Güte beenden wird. Sie haben sich so entrüstet ausgedrückt, dass ich sehe, kein Gedanke an mich hat jemals in Ihrem Geist Platz gefunden. Warum hätte er das auch je tun sollen? Obwohl ich fast träumte, er hätte es, weil Sie mein Leben so viele Jahre mit Ihrem reichen Bild füllten, dachte ich, Sie hätten mich vielleicht wie eine Erscheinung gespürt, die oft im Dunkeln und Regen um dieses Haus schlich, zufrieden mit dem Lichtstrahl, den Ihr Fenster auf die verlassene Straße warf. Jetzt sehe ich, dass ich ein schwacher Dummkopf war, dessen Leidenschaft die Natur keine ihrer Nerven lieh, um sie auch nur Ihrer Aufmerksamkeit zu vermitteln. Besser für mich, ich hätte die erniedrigende Realität meines Goldes umarmt und meine Augen für alles außer seinem Komfort verloren!“

Er blickte zur Tür. Vesta setzte sich in den kleinen Schaukelstuhl und hielt ihn zurück.

„Sie haben mir das Gefühl erzählt, von dem Sie glauben, es gehabt zu haben, Mr. Milburn. So arm wir Custises jetzt auch sind, es schickt sich nicht, stolz zu sein. Wie kamen Sie jemals auf den Gedanken, dass dieses Gefühl von mir erwidert werden könnte? Meine Jugend, meine Verbindungen, alles würde mir verbieten, ohne Hochmut einen Freier in Ihnen zu sehen. Dann haben Sie keine Mittel ergriffen, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie hätten nachbarlich sein können, wenn Sie es gewünscht hätten. Sie trugen nicht einmal die gewöhnlichsten Embleme eines Liebhabers...“

Sie hielt inne. Milburn sagte zu sich selbst:

„Ah! Dieser verfluchte Hut.“

Die Unterbrechung brachte ihn aus der Fassung:

„Ich hatte auch Gründe, stolz zu sein, Miss Custis, um hier mit meinem ewigen Selbst im Einklang zu stehen. Ich werde Ihnen die wesentlichen Vorzüge meines Falls darlegen, da ich sehe, dass ich mich wahrscheinlich nicht anders attraktiv machen kann. Dieses Haus ist bereits mein. Das Gesetz wird mich in wenigen Wochen in den Besitz des gesamten Vermögens Ihres Vaters bringen. Ich werde die äußeren Umstände mit ihm in Princess Anne ändern. Er ist zu alt, um meine Opfer anzunehmen und seine Situation wiederzuerlangen; er mag bei seinen Söhnen und Töchtern eine ausweichende Zuflucht finden, aber selbst wenn sein Geist diese Abhängigkeit ertragen könnte, wäre es sehr unnötig, wenn Sie durch die Heirat mit seinem Gläubiger alles behalten können, was er jetzt hat, um seine Familie respektabel zu machen. Ich biete Ihnen sein Anwesen als Ihr Heiratsgut an!“

Er nahm die Wechsel, die ihr Vater ausgehandelt hatte, vom Tisch und legte sie ihr in den Schoß.

Vesta saß langsam schaukelnd da, tief bewegt. Sie hatte den Komfort und die Ehre ihrer Eltern im Mund, die sie mit einem einzigen Wort verleihen konnte. Es war eine Verantwortung, so mächtig, dass sie sie erzittern ließ.

„Oh! Was soll ich sagen?“, dachte sie. „Es wäre eine Sünde, ‚Ja‘ zu sagen. ‚Nein‘ zu sagen, wäre ein Verbrechen.“

„Sie sollen jedes Merkmal Ihres Zuhauses behalten – Ihre Bediensteten, Ihre Mutter und ihren ungeschmälerten Anteil; Ihre Freiheit im vollsten Sinne. Ich werde dazu beitragen, Ihren Vater in die Legislative oder in den Kongress zu schicken, um seinen Stolz zu stützen und ihn gut beschäftigt zu halten. Den Hochofen mag er mir scheinbar verkauft haben, und ich werde die Unpopularität auf mich nehmen, ihn zu schließen. Ich bitte nur darum, Ihnen zu dienen und in Ihrem täglichen Leben zu wohnen, wie einer dieser Neger, zu denen Sie gütig sind, und wenn ich jemals hart zu Ihnen bin, Miss Vesta, schwöre ich, Sie Ihrer Familie zu überlassen und für immer zu gehen.“

Vesta schüttelte den Kopf.

„Es gibt keine Trennung außer einer“, sagte sie, „wenn der Himmel zur Hochzeitsfeierlichkeit herabgerufen wurde. Es ist vor diesem Akt, dass wir alles bedenken müssen. Wie könnte ich Sie glücklich machen? Mein eigenes Glück werde ich beiseitelegen. Das Ihre muss dann das meine umfassen. Güte könnte mich dankbar machen, aber Dankbarkeit wird Ihre Liebe nicht befriedigen.“

„Ja“, rief Milburn und verfolgte seinen Vorteil mit zitterndem Eifer; „die lange Hungersnot meines Herzens wird dankbar sein für eine trockene Kruste und einen Becher Eis. Lassen Sie mich hier am Kamin sitzen und wärmen, und das Rascheln Ihres Kleides hören, und an himmlischer Empfindsamkeit wachsen. Sie werden einen Wilden erlösen, Sie werden eine Seele retten!“

„Es ist nicht der Preis, den ich zahlen muss, um dies zu tun, ich möchte, dass Sie bedenken, mein Herr“, antwortete Vesta, deren Aufmerksamkeit etwas von seiner Intensität gefesselt war; „es ist der Preis, den Sie zahlen – Ihr Selbstrespekt vielleicht – durch die Bedingungen, zu denen Sie mich erhalten. Es mag außerhalb dieser Familie nie bekannt werden, dass ich Sie um meines Vaters und meiner Mutter willen geheiratet habe. Aber wie soll ich verhindern, dass Sie sich daran erinnern, besonders wenn Sie sagen, dass ich die Summe Ihrer reinsten Wünsche bin? Wenn Ihr Interesse nachlassen würde, nachdem Sie mich erhalten haben, könnten wir zumindest gleichgültig sein; aber wenn es zu echter Liebe heranwüchse, würden Sie sich dann nicht oft selbst beschuldigen?“

Meshach Milburn setzte sich, warf seine großen braunen Augen auf den Boden und lauschte in schmerzlicher Reflexion.

„Sie können nicht begreifen, dass ich irgendeine echte Liebe für Sie empfunden habe?“, rief er zweifelnd aus.

„Sie haben mich gesehen und mich als Ihre Frau begehrt; das ist alles“, sagte Vesta, „was ich mir vorstellen kann. Gesetzlose Macht könnte das überall tun. Eine gehorsame Frau zu sein, ist das Los der Frau; aber Liebe, wie Sie sie in Ansätzen spüren, ist ein mystischer Instinkt, so gegenseitig, so beglückend, aber so frei, dass die Gefangenschaft, in die Sie mich versetzen, um mich für Sie singen zu lassen, uns wie die Drähte eines Käfigs trennen wird.“

„Es gibt keinen Vogel, den ich je gefangen habe“, sagte Meshach Milburn, „der nicht lernte, mir zu vertrauen. Ihr Vergleich entmutigt mich daher nicht. Und Sie haben bereits für mich gesungen, am traurigsten Tag Ihres Lebens!“

Ein leichter Hauch von Natürlichkeit in dieser Offenbarung ihres seltsamen Freiers lenkte Vestas Aufmerksamkeit wieder auf das Studium seiner Person. Mit ihrer Intelligenz und dem Sinn für höheren Wert, der ihr zu Hilfe kam, dachte sie: „Lass mich alles sehen, was an diesem Tartar ist, denn vielleicht gibt es einen anderen Weg zu seiner Barmherzigkeit.“

Als sie jedoch ihre Fassung wiedererlangte, wurde sie in seinen Augen schöner, ihre dunklen, unvergleichlichen Reize füllten den Raum, ihre leuchtenden Augen vermittelten Liebe, ihre Haut wie die der wilden Pflaume, und ihre rabenschwarzen Brauen und die Krone aus üppigem Haar erhoben sich über einer königlichen Präsenz, die eines Kaiserthrons würdig war. Solche Schönheit machte Milburn fast Angst, aber die Energien seines Charakters konzentrierten sich ganz darauf, sie zu sichern.

„Wer sind Sie?“, fragte sie mit einem ruhigen, suchenden Blick, der von ihrem höchsten Selbstrespekt und ihrer wachen Intelligenz ausging. „Haben Sie irgendwelche Verwandten oder Verbindungen, die man hierherbringen könnte – in dieses Haus, zu mir?“

„Keinen einzigen, von dem ich wüsste“, sagte der Waldläufer. „Ich bin nichts als ich selbst und das, was Sie aus mir machen werden.“

„Wo wurden Sie geboren und aufgezogen?“

„Das Haus steht nicht mehr, das dieses Elend miterlebte“, sprach Milburn mit einem Anflug von hartnäckigem Stolz; „es ist gestern Nacht niedergebrannt, nicht weit von dem Hochofen, der das Vermögen Ihres Vaters verschluckte.“

„Nun, ich hätte Angst vor Ihnen, Mr. Milburn, wenn Ihr Anliegen hier nicht so praktisch wäre. Vorzeichen und Wunder umgeben Sie. Vögel vergessen ihr natürliches Leben für Sie. Eisen hört auf, okkult zu sein, wenn Sie es in die Hand nehmen. Ihr Geburtsort auf dieser Welt verschwindet durch Feuer in der Nacht, bevor Sie die Hypothek auf die Tochter eines Gentlemans pfänden. Ist all diese Zauberei untrennbar mit diesem Hexerhut verbunden, den Sie in Princess Anne tragen?“

Sie hatte das empfindliche Thema mit einer geschickten Annäherung berührt, doch er verfärbte sich, als ob die Anspielung ihn reizte.

„Die Natur hat meinen Hut nie gerügt, Miss Vesta, und da Sie der Natur so ähnlich sind, wird er Ihre Gedanken nicht in Anspruch nehmen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem Sie meinen alten Hut schmückten; ich sagte: ‚Vielleicht findet diese heimatlose Kopfbedeckung nach all ihren Verletzungen und Wanderungen eines Tages einen Haken unter meinem eigenen Dach und das freundliche Willkommen einer Dame, wie es dieses kleine Fräulein ist.‘ Das ist einige Jahre her, und heute ist mein Hut zum ersten Mal am Haken Ihrer Diele. Der lange Wunsch des Herzens wird selten verwehrt. Wir sind nicht für ihn verantwortlich. Die einzige Verschwörung, die ich hier angezettelt habe, bestand darin, dass ich mich den natürlichsten Begebenheiten nicht widersetzte, die alle auf diese Szene zutrieben. Meine Magie war Hoffnung und Demut. Ich wagte es, den Hut meines Vorfahren angesichts einer verächtlichen und unverschämten provinziellen Öffentlichkeit zu tragen, und das gab mir den Stolz, durchzuhalten, bis ich ihn zu Ehren und in einen edlen Unterschlupf bringen konnte. Wenn Sie meinen Hut verachten, werden Sie mich verachten.“

„Oh, nein, Mr. Milburn! Ich versuche, nichts zu verachten. Wenn Sie Ihren Familienhut aus einer gewissen kindlichen Ehrerbietung trugen, war es zum Teil Frömmigkeit. Aber war das tatsächlich Ihr Motiv, so exzentrisch zu sein?“

Milburn fühlte sich wieder unbehaglich. Er zögerte und sagte:

„Um die reine Wahrheit zu sagen, fürchte ich: nein. Es mag etwas von Rache in meinen Gedanken gewesen sein. Ich war grob beleidigt worden.“

„Ist es nicht ein Stück jener Rache, die Sie hierher treibt – selbst in diesem Liebesgeständnis?“, rief Vesta richterlich aus.

Meshach blickte auf, und die Schatten wichen aus seinem Gesicht.

„Das kann ich wahrheitsgemäß beantworten, gnädige Frau. Ihnen gegenüber hat sich nie ein indignierter Gedanke in meinem Gehirn eingenistet. Es war das Gegenteil: Schutz, Verehrung, zärtliches Empfinden.“

„Hat sich diese außergewöhnliche Barmherzigkeit auch auf meinen Vater erstreckt?“

„Nein.“

Vesta wäre aufgebracht gewesen, wenn nicht seine Offenheit sie besänftigt hätte.

„Mein Vater hat Sie nie beleidigt, mein Herr?“

„Nein, er hat mich bevormundet. Er meinte es nicht böse, aber dieser alte Hut hat einen tiefen Platz in meinem Gehirn hinterlassen, weil ich ihn so lange trug, und es ist ein Thema, das mich schmerzt, wenn ich es erwähne. Dennoch muss ich meiner einzigen Exzentrik treu bleiben. Wo immer ich hingehe, geht mein Hut mit; er macht meine Identität, meine Unbeugsamkeit aus; er erfüllt mein Versprechen an mich selbst, dass die Menschen meinen Hut respektieren sollen, bevor ich sterbe.“

„Verzeihen Sie“, sagte Vesta, nicht uninteressiert an seinem Charakter, „ich kann eine Exzentrik verstehen, die auf familiärer Ehrerbietung gründet. Wir waren Virginier, und das steht dort fast auf einer Stufe mit der Religion. Die Neger unserer Familie teilen dies mit uns. Sie hatten also eine Familie?“

Milburn schüttelte den Kopf.

„Nein; nicht eine Familie in dem Sinne, wie Sie es meinen. Generationen der Dunkelheit, eine Abstammung, die nur tugendhaft war; nirgendwo ein Grabstein, kein Wappen noch Wahlspruch, nicht einmal eine selbstbetrügerische Lüge von einstiger Vornehmheit, die von Hand zu Hand geformt wurde, bis sie einen Raub an der Geschichte begeht und dreist auf einer Kutschenwand prangt! Wir waren Waldleute. Wir kamen hervor, existierten und vergingen, wie die Ameisenvölker auf den Ameisenhügeln aus Sand. Wir wanderten nicht weiter als die Spechte in Ihren Platanen und verursachten in den Ereignissen nicht mehr Geräusch als ihr insektenfressendes Klopfen. Dort draußen jenseits des Dividing Creek, in den Dickichten aus kleinem Eichenholz und niedrigen Kiefern, trug so manches kleine Gehöft, das dem verschlingenden Wald abgerungen wurde und die Ebenen und Ödlandschaften mit Hütten und kleinen Blockhäusern sprenkelte, einst den Namen Milburn durch alle Ortschaften des Pocomoke bis hin zum großen Cypress Swamp und darüber hinaus. Sie sterben, aber sie sind niemals tot. Die wenigen, die leben, erwarten keine Anerkennung von mir, und da sie in ihrer Armut glücklich sind, beneiden sie mich um nichts, was ich angehäuft habe. Mein Name ist ihnen hart geworden, mein Hut ist Gegenstand ihres Aberglaubens, mein Ehrgeiz und Erfolg haben mich ihre Sympathie gekostet, ohne mir einen anderen sozialen Ausgleich zu bieten. Sie sehen vor sich einen verzweifelten Mann, einen unbarmherzigen Gläubiger, ein Grasbüschel aus den Mooren von Nassawongo, doch einen, dessen einzige Verbrechen darin bestanden, Sie anzubeten und den Hut seiner Vorväter zu tragen.“

„Ist dieser Stolz also vollständig verletzte Empfindsamkeit, Mr. Milburn?“

„Das kann ich nicht sagen, Miss Custis. Sie mögen lächeln, aber ich glaube, es ist Aristokratie.“

„Das glaube ich auch“, rief Vesta nachdenklich aus; „Sie sind ein stolzer Mann. Mein Vater, der allen Grund hätte, stolz zu sein, ist weniger Aristokrat, mein Herr, als Sie.“

Milburns Röte kam und blieb eine beträchtliche Weile. Er war über Vestas Kompliment nicht unglücklich, obwohl es die Natur eines Vorwurfs hatte.

„Sie sind aristokratisch“, erklärte Vesta, „weil Sie den veralteten Hut Ihrer Leute angenommen haben. Welcher Eitelkeit Sie auch immer folgten, als Sie es taten, ich denke, es war die Befriedigung eines Ursprungs.“

Sie unterbrach sich, da sie sah, dass sie sich zu frei in seine Angelegenheiten einmischte.

„Ich nehme an, dass irgendwo, irgendwann“, sprach der seltsame Besucher, „jemand aus meinem Geschlecht einflussreich und wohlhabend war. Tatsächlich wurde mir das gesagt. Er wurde sowohl in die Magistratur als auch auf das Schafott erhoben, aber mein Hut hatte einen noch älteren Ursprung.“

„Erzählen Sie mir von diesem Vorfahren“, sagte Vesta, wobei der Herzschmerz wegen seines eigentlichen Anliegens sie dazu brachte, es aufzuschieben, während sie noch kaum bei Bewusstsein war, dass der Mann originell, wenn nicht gar interessant war.

Er erzählte eine sonderbare Geschichte, in der er seinen Hut bis in Raleighs Zeiten und über Sir Henry Vane bis nach Amerika zurückverfolgte, bis er in den Besitz von Jacob Milborne gelangte, dem populären Märtyrer, der in New York hingerichtet und dessen Brüder nach Maryland vertrieben wurden, wobei sie den harmlosen Hut als ihr einziges Erbe mitbrachten.[1]

Bevor er begann, richtete Milburn seine kompakte, kleine Gestalt auf und öffnete die Tür zum Flur. Der Wind oder die Luft aus einigen der großen, kalten Räume des langen Hauses, die durch einen Spalt oder ein offenes Fenster drangen, stießen fast einen Schrei aus und wirbelten das Feuer im Kamin durcheinander.

Vesta fühlte, wie ihr das Blut einen Moment lang gefroren war, als ihr Besucher mit dem antediluvianischen Hut wieder eintrat und ihn auf den Tisch unter der Lampe legte.

Er hatte diesen Anschein von Vornehmheit, die über den Verfall gesiegt hatte, was an die Mumie eines Pharaos erinnerte, die an einem Abend einer gelehrten Gesellschaft in ein Wohnzimmer gebracht wurde. Vesta unterdrückte ein Lächeln, das trotz ihres Schmerzes aufstieg, angesichts der Ernsthaftigkeit des Gastes aus dem Wald, der im Begriff war, seine Aristokratie durch diesen alten Hut zu demonstrieren. Es schien ihr auch, als würden die Porträts der Custises an der Wand ihre Nasen entrüstet in die Luft recken bei ihrem scheinbar bewussten Wissen um die Anwesenheit eines ungegrabenen Prätendenten, als ob sich in der Westminster Abbey die Bildnisse der normannischen Könige leicht erhoben hätten, um den inmitten von ihnen aufgebahrten Oliver Cromwell zu spüren.

Der Hut, so bemerkte Vesta, war flämisch, wie er in England beliebt war, während die Niederlande ihr Verbündeter gegen das Haus Spanien waren, und er war, seiner Verzierungen entledigt, zu dem Hut der Puritaner verlängert worden.

Vesta versuchte, ihre Liberalität walten zu lassen und eine gewisse Schönheit in diesem Hut zu erkennen, aber das Äußerste, was sie zugeben konnte, war die Tyrannei der Mode über den Geist – es schien sogar über die Seele selbst, denn dieser alte Hut, so harmlos er war, drückte ihre Stimmung wie eine Taucherglocke.

Der Mann ohne seinen Hut hatte sich einigermaßen von der niedrigen Konversation und den Ideen erlöst, doch nun, da er diesen Hut hereinbrachte und seine Person damit verband, schreckte sie vor ihm zurück, als wäre er ein dreihütiger Jude, der in den Räumlichkeiten hausierte.

Der abscheuliche Hut übte auch einen erregenden Einfluss auf Meshach Milburn aus, falls man seine veränderte Art diesem Gegenstand zuschreiben konnte, denn er nahm seinen starken, wilden Blick wieder auf, vertiefte und senkte seine Stimme und erzählte, ohne auf eine Frage oder Äußerung seiner Zuhörerin zu warten, die Geschichte.

KAPITEL IX.

HA! HA! DAS WERBEN DARUM.

Es dämmerte, als Meshach Milburn seine Geschichte beendete, und Stille und ein blasser Abend zogen im Wohnzimmer der Custises herauf, was den beiden dort Sitzenden glich, die über die Ehe nachdachten – der eine so ernst, wie es ein bewusstes Schlangendasein nur machen konnte, die andere flatternd wie der bezauberte Vogel. Vesta sprach zuerst:

„Wie intensiv muss Ihr Kopf sein, um so viele Objekte um ihn herum innerhalb der Welt eines Hutes zu erschaffen! Sie haben die Geschichte nur ein kleines Stück weit bis in unsere Zeit geführt.“

„Ich begann die Geschichte von Raleigh ohne das richtige Maß“, sagte Milburn, „und sie wuchs im gleichen Maßstab, wie die Leidenschaft, die ich von Anfang an so intensiv für Sie empfand, dass ich im Höhepunkt dieser Nacht kaum begonnen habe.“

„Doch, wie bei Raleigh, sehe ich das Schafott“, sagte Vesta mit einem Versuch von Humor, der sie zum ersten Mal zusammenbrechen ließ, und sie hob ihre Hände an ihr Gesicht, um den Ausbruch der Qual zu ersticken. Er wollte sich nicht unterdrücken lassen, und ein einziger leiser Schrei, tief in dem Gefühl von Verlassenheit und Gefangenschaft, hallte durch den sich verdunkelnden Raum und traf Milburns innerstes Herz. Er folgte einem Impuls, den er nicht mehr gefühlt hatte, seit seine Mutter starb, stürmte auf Vesta zu, schlang seine Arme um sie und zog sie an seine Brust.

„Süße, Süße“, flüsterte er und küsste sie wie ein Kind, „weine jetzt nicht, Süße. Es wird mir das Herz brechen.“

Der Akt der Natur wird selten missverstanden; Vesta, die so lange allein mit diesem hartnäckigen Mann gerungen hatte, wobei ihre jungen geistigen Fähigkeiten durch die erste Begegnung über ihre Kräfte hinaus angespannt waren, nahm die Freundschaft seines Mitgefühls und seiner Reue an, als wäre er ihr Vater gewesen. Nach wenigen Augenblicken war der Anfall von Kummer vorüber, und sie löste seine Arme.

„Sie sind nicht unbarmherzig“, sagte Vesta. „Sagen Sie mir, was ich tun muss! Sie haben meinen Vater gebrochen, und er kann mir nicht zu Hilfe kommen. Haben Sie Mitleid mit meiner Ungleichheit und beraten Sie mich!“

„Ach, Kind“, sagte Milburn, „mein Rat muss in meinem eigenen Interesse sein, obwohl ich wünschte, ich könnte Ihr Vertrauen finden. Ich bin ein armseliges Geschöpf und weiß nicht, wie. Sie sind es, die den Glauben ermutigen muss, den ich irgendwo in diesem Raum aufkeimen fühle, wie eine Kaminschwalbe, die nur zu gern hinausfliegen möchte. Zwitschern Sie ihr zu, zwitschern Sie ihr zu, und vielleicht kommt sie!“

Einen Moment lang stand sie da, versuchte ihre Gedanken zu sammeln und scheiterte völlig; da nahm Vesta das Vertrauen, das er ihr mit offenen Armen entgegenbrachte, an. Errötend, wie sie in ihrem Leben noch nie errötet war, obwohl er es im abendlichen Dunkel nicht wissen konnte, ging sie auf ihn zu und küsste ihn einmal.

„Wird Sie das ermutigen, mich wie ein Freund zu beraten?“, sagte sie.

„Ach, nein“, seufzte Milburn inbrünstig, „es macht mich nur noch mehr zu Ihrem ungerechten Liebhaber. Ich kann Ihnen nicht raten, sich von mir abzuwenden. Oh, lassen Sie mich für mich selbst plädieren. Ich liebe Sie!“

„Was soll ich dann tun“, rief Vesta mit leiser Stimme, „wenn Sie nicht fähig sind, sich zur Höhe meines Freundes zu erheben, und mein Vater Ihr Sklave ist? Glauben Sie, Gott kann Ihren Wohlstand segnen, wenn Sie so hart zu Ihrem Schuldner sind? Auf mich fällt das volle Opfer, obwohl ich nie bewusst in Ihrer Schuld stand und ich mich nicht erinnere, je jemandem Unrecht gewünscht zu haben.“

„Würden Sie die Unabhängigkeit Ihres Vaters auf Kosten des meistverachteten Mannes in Princess Anne akzeptieren?“, sprach Milburn, ohne seinen freundlichen Tonfall zu ändern. „Würden Sie mich ihm die Früchte vieler Jahre harter Arbeit und sorgsamen Sparens geben lassen, damit ich in dem einzigen Motiv, ihm zu helfen – dem ehrenhaften Werben um seine Tochter – enttäuscht werde?“

Sie spürte, wie ihr Stolz erwachte.

„Die Schulden Ihres Vaters bei mir belaufen sich auf Zehntausende von Dollar“, fuhr Milburn fort. „Verlangen Sie von mir, dass ich Ihnen diese Summe schenke und mich in meine Einsamkeit zurückziehe, weg von diesem hellen Licht von Heim und Familie, Wärme und Musik, das Sie geschaffen haben? Das ist die Prüfung, der Sie meine Liebe unterziehen: Verbannung von Ihnen. Werden Sie das verlangen?“

„Ich habe nicht um Ihr Geld gebeten, mein Herr“, sagte Vesta. „Doch ich habe gehört, dass die Liebe so viel tut, die Qual ihres Gegenstandes lindert und in der selbstlosen Tat genügend Freude findet.“

„Ich glaube nicht, dass Sie persönlich einen solchen Fall kennen, obwohl Sie ihn vielleicht in einem Roman oder einem Traktat gelesen haben. Männer sind gestorben und haben einer geliebten Dame ein Vermögen hinterlassen, das sie selbst nicht mehr behalten konnten; oder sie haben ein beträchtliches Opfer für eine schöne und edle Frau gebracht; aber wo haben Sie je gehört, Miss Vesta, dass ein ausgehungerter Liebhaber jede Begabung aufgibt, die die Einzigartige gewinnen könnte, nur um selbst in sein Leid zurückzukehren, weiterhin von Liebe gefoltert und von seinen Nachbarn verspottet? Was würde Princess Anne über mich sagen? Dass man mich zum Narren gehalten hat, und neue Beinamen nach meinem Hut werfen?“

Vesta durchsuchte ihren Geist, in der Annahme, sie müsse auf ein solches Beispiel stoßen, aber keines passte auf den Fall. Meshach nutzte ihr Schweigen aus:

„Die Gaben eines Liebhabers sind überall Schritte zur Liebe, wie ich es verstanden habe. Er hinterlässt mit ihnen seinen Eindruck; sie werden erwartet. Nichts schafft Glück wie ein Geschenk, und es ist ein altes Sprichwort, dass Segen auf demjenigen ruht, der gibt, und auch auf ihr, die nimmt, und dass Suchen und Bitten und Anklopfen lobenswert sind.“

„Oh“, sagte Vesta, „aber gekauft zu werden, Mr. Milburn? Gegen die Schulden eines Vaters aufgewogen zu werden – ist das nicht entwürdigend?“

„Nicht, wo es eine solche Achtung und Fürsorge geben wird wie meine. Erheben Sie sich lieber als wertvoller für einen Geizhals als all seine Darlehen, und bedeutender als all die Verluste Ihres Vaters als Äquivalent, und selbst dann schulden Sie Ihrem Ehemann noch etwas, da Sie so viel reicher sind als sein Konto.“

„Wo wird mein Anteil an Liebe auf dieser Welt sein, wenn ich so verheiratet bin?“, fragte Vesta. „Zu lieben ist für eine Frau der Erdball selbst, ihre Jugend die bloße Atmosphäre desselben, ihre Witwenschaft der Duft dieses erloschenen Sterns; und mein ganzer Geist war wachsam, das Bild zu entdecken, dem ich dienen soll, der strahlende Jüngling, der für mich bereitsteht, und ich habe einen nach dem anderen betrachtet, um zu sehen, ob er es sein könnte, und plötzlich halten Sie zwischen mir und meinem Glauben ein Papier mit den Verpflichtungen meines Vaters und sagen: ‚Hier ist dein Schicksal; das ist deine ganze Romanze; du bist gepfändet!‘ Wie wollen Sie ein solches verwelktes Herz nehmen und darin fröhliche Gemeinschaft finden? Nein, Sie werden enttäuscht sein. Es wird auf mich zurückfallen, dass ich mich verkauft habe.“

„Das Bild, auf das Sie warteten, mag gekommen sein“, sagte Milburn unerschrocken, „sogar in mir; denn Liebe entspringt oft aus einem Hinterhalt, noch kann man das Herz dafür vorbereiten wie ein Feld. Ich erinnere mich an eine Fabel, die ich über einen Gott las, der eine Frau liebte, und er brach in einem Goldregen über sie herein; und was war das anderes als das Werben eines reichen Mannes? Wir besorgen Gold, um den Adel bei Frauen auszugleichen; Schönheit ist luxuriös und verlangt Schmuck und eine reiche Kulisse; der reichste Mann in Princess Anne ist nicht gut genug für Sie, und die bloßen Jungen, mit denen Ihr Geist angefüllt war, sind noch weniger würdig, Ihr Ehemann zu sein, als der bescheidene Gläubiger Ihres Vaters. Eine solche Schöpfung wie Miss Vesta erforderte ein besonderes Opfer und Erfolg im Charakter ihres Ehemannes. Das jährliche Leben dieser Halbinsel konnte sich nicht mit Ihnen messen, und ein Ungeheuer musste auferstehen, um Sie hinwegzutragen.“

„Sie sind nicht direkt ein Ungeheuer“, bemerkte Vesta mit natürlichem Mitleid, „und Sie machen mir so herzliche Komplimente, dass es die Anspannung dieser Begegnung ein wenig lindert. Lenken Sie die Aufmerksamkeit einer Frau nicht auf Ihre Mängel, da sie sonst von Ihrer Stimme bezaubert sein könnte.“

„Das ist auch ein Teil meines Opfers“, sagte Meshach, „wie das Geld, das ich angehäuft habe. Ohne Lehrer, außer Liebe und Hoffnung, habe ich mich selbst gebildet, um fit zu sein, mit Ihnen zu sprechen. Es ist jetzt alles noch roh, wie eine Krähe, der ich das Sprechen beigebracht habe, aber Ermutigung wird mich zuversichtlich und frech machen, und Sie werden mein dunkles Gewand vergessen – sogar meinen Hut.“

Eine Kühle schien diesen Schluss zu begleiten, und Vesta betätigte ihre Glocke. Virgie trat ein und nahm die Anweisungen ihrer Herrin entgegen: „Bringe ein Tablett und Tee, und Lichter, und lege Mr. Milburns Hut auf den Haken!“

Das Mädchen warf einen Blick auf den antiken Hut mit einem scheuen Glanz in den Augen, aber der Kopf ihrer Herrin war abgewandt, als wollte sie andeuten, dass sie ihn nehmen müsse, auch wenn er glühend heiß wäre. Virgie gehorchte und brachte bald den Tee herein.

„Es ist ein guter Tee“, sprach Milburn und trank nicht aus der Tasse, sondern aus der Untertasse, während Vesta ihn seltsam beobachtete, „und es ist kühl heute Abend. Lassen Sie mich Ihr Feuer entfachen!“

Er schauderte ein wenig, als er aufstand und durch den Raum ging, die verkohlten Holzscheite zu einer Flamme anstieß und, indem er mehr Holz auflegte, die Wände in gelben Blitzen aufflackern ließ, zwischen denen Vesta sah, wie ihre Vorfahren in ihren vergoldeten Rahmen kalte Blicke auf sie warfen – doch wie hilflos sie waren, mit all ihrer Achtbarkeit, ihren Körper oder die Ehre ihres Vaters aus dem Pfandhaus zu holen! – und sie spürte zum ersten Mal die Hohlheit familiärer Macht, außer im ewig bewahrten Panzer einer zahlungsfähigen Nachkommenschaft. Sie nahm auch eine lange, sorgfältige Untersuchung ihres Freiers vor, um zu sehen, ob es eine Entschuldigung für ihn als Ehemann gab.

Seine Gestalt war klein, aber mit Kraft und Elastizität darin; bessere Kleidung könnte ihm zierlich passen, und Vesta kleidete ihn in ihrer Fantasie neu ein: mit lavendelfarbenen Glacéhandschuhen an seinen kleinen Händen, einem Ring an seinem langen kleinen Finger, einem Karneol-Siegel und einem Band an seiner Uhrtasche und Rüschen in seiner Hemdbrust. Anstelle seines stumpfen Stoffanzugs würde sie ihm eine gelbe Weste und Perlmuttknöpfe mit Ösenringen geben, und weiße Gamaschen anstelle dieser schäbigen grünen Dinge über seinen Füßen, und auf seinen Kopf einen gepflegten Seidenhut mit schmaler Krempe setzen, um seine Höhe schlank zu heben, und einen Rock aus Oliv oder Dunkelblau und eine Hose in der gleichen Farbe seine Verzierungen entlasten lassen. So verwandelt, konnte sich Vesta einen eigenartigen, aber passablen Mann vorstellen, gegenüber dem eine Dame durch viel Beten und Streben nachsichtig werden könnte, und sie wunderte sich nun, wie dieser Mann es geschafft hatte, sie bereits in dem Maße zu beruhigen, dass sie ihn freiwillig geküsst hatte. Sie würde Angst haben, es noch einmal zu tun, aber es war so klar verzeichnet, wie dass sie einst eine Blume in seinen Hut gesteckt hatte; und Vesta sagte zu sich selbst:

„Er hat eine Art von Macht! Diese Geschichte, so wenig ich davon hörte, wurde mit einem rechthaberischen Vertrauen erzählt, von dem ich wünschte, mein armer Vater hätte etwas davon. Könnte ich mit diesem Mann jemals durch Studium und Frömmigkeit glücklich werden? Gott könnte den Weg öffnen, aber er scheint mir jetzt verschlossen.“

„Die Nacht schreitet voran, Miss Custis“, sprach Meshach. „Ihre Belohnungen sind für mich bereits groß. Wann darf ich zurückkehren?“

„Ich denke, wir müssen heute Nacht entscheiden, was zu tun ist, Mr. Milburn“, sagte Vesta mit wachsender Entschlossenheit. „Keinen Punkt näher sind wir einer Lösung dieser Verpflichtung meines Vaters gekommen. Wir haben sie bis jetzt als meine Verpflichtung betrachtet, und das mag Sie unangemessen ermutigt haben. Mein Herr, ich kann für meinen Lebensunterhalt arbeiten.“

„Sie arbeiten?“, wiederholte Milburn.

„Warum nicht? Ich liebe meinen Vater. Wie andere Frauen, die arm zurückgelassen werden, für ihre Kinder oder einen kranken Ehemann arbeiten, warum sollte ich es nicht für ihn tun! Armut hat keine Schrecken außer – außer dem Verlust des Stolzes.“

„Sie setzen das aufs Spiel, was auch immer geschieht“, sagte ihr Freier, „aber Sie werden ihn nicht verlieren, indem Sie das kleinere Übel dem größeren vorziehen. Ich habe von Frauen gehört, die aus Unzufriedenheit mit einem Ehemann in die Armut flohen, aber der Stolz überlebte und machte die Armut schrecklich. Stolz vergrößerte in beiden Fällen die Unzufriedenheit. Sie sollten den Schritt tun, der den Stolz in der Pflicht aufgehen lässt, wenn nicht in der Liebe.“

„Pflicht?“, dachte Vesta. „Das ist ein ruhiges Wort, besser als Liebe. Mr. Milburn“, sagte sie laut, „wie ist es meine Pflicht, das zu tun, worum Sie bitten?“

„Ich glaube wahrzunehmen, dass Sie ein loyales Herz haben, eine Gewissenhaftigkeit, der sich Täuschung nicht einmal nähern kann. Irgendetwas hat Sie bereits langsam zur Ehe geführt, sonst hätte ich bei Ihren Wundern nicht die Chance gehabt, jetzt von Ihnen zurückgewiesen zu werden. Die Ehe ist Ihnen vielleicht durch die Reinheit Ihres Herzens zu gewaltig geworden, umso mehr, weil Sie sie als Ihr Schicksal betrachteten. Es ist Ihr Schicksal, aber Sie kämpfen dagegen an. Betrachten Sie es also als eine Pflicht, so wie Sie sie von anderen erwarten – zum Beispiel von Ihrem Sklavenmädchen.“

„Ach!“, sagte Vesta, „sie darf frei heiraten. Ich bin die Sklavin.“

„Nein, Miss Vesta, sie war frei, aber da sie zusammen mit den Besitztümern Ihres Vaters unter Fremde verkauft wird, wird sie sich so sehr nach Sympathie und Schutz sehnen, dass die Liebe, in welcher hässlichen Form sie auch kommt, ein Segen Gottes für ihr armes Herz sein wird. Wovor Sie in der Umkehr des Schicksals zurückschrecken – das Joch eines Ehemannes –, dem haben sich Millionen von Frauen gebeugt, als wäre es der wahre Regenbogen der Verheißung, der in den Himmel gesetzt wurde.“

„Woher wissen Sie so viel über die Prüfungen der Frauen, Mr. Milburn? Hatten Sie Schwestern oder andere Damen, um die Sie werben konnten?“

„Ich habe in meinem kleinen Laden die menschliche Natur gesehen, nicht, wie Ihre seltene Natur, veredelt durch glückliches Geschick und Abstammung, sondern von bescheidener Art, und abwärts kämpfend wie ein verwundeter Adler. Sie kamen anfangs zu mir wegen billigerer Notwendigkeiten oder kleinerer Mengen, als andere Läden sie verkaufen würden, und sahen auf mich mit Verachtung herab. Schließlich haben sie ihren letzten Sklaven, ihr letztes Paar Schuhe geopfert, und als es zu spät war, hat ihr falscher Stolz kapituliert, um unter der Hütte eines Negers Schutz zu suchen oder barfuß in meinem Laden für einen Becher Whiskey zu tanzen.“

„Sir“, rief Vesta entrüstet und erhob sich aus ihrem Schaukelstuhl, „stellen Sie diese Warnung für mich auf?“

Als sie aufstand, dachte Meshach Milburn, sein Reichtum seien nur Kiesel und Muscheln gegenüber ihrer Vollkommenheit, die nun mit dem Geist einer Königin beseelt war.

„Miss Vesta“, sagte er, „verzeihen Sie mir, aber ich entstamme gerade erst vielen Generationen forstlicher Armut, und da ich weiß, wie schwer es ist, diese Knechtschaft zu brechen, möchte ich Sie davon abhalten, den ersten Schritt dazu zu tun. Die Blüte auf Ihrer Wange, das Ebenmaß, dessen makelloses Erzeugnis Sie sind, die keuschen Vorlieben und Gedanken der Dame sowie die angeborene Stärke und Freude sind das Werk der Gunst Gottes für Ihre Familie seit Generationen. Diese Gunst setzt er fort, indem er jene Familienlasten auf die Schultern eines anderen legt, um Ihnen die Mühsal und Sorge, die Angst und den langsamen Verfall zu ersparen, die dieser gewaltsame Wandel der Umstände bedeutet. Es wäre eine Sünde, aus dieser Vollkommenheit in jene Dürftigkeit zurückzufallen.“

„Ich kann nicht sehen, dass ehrenhafte Armut mich weniger zu einer Frau machen würde“, rief Vesta.

„Sie fürchten die Armut nicht, weil Sie sie nicht kennen“, fuhr Milburn fort. „Sie wächst in dieser Gegend wie die alten Feldkiefern und kleinen Eichen auf einem vernachlässigten Hof. Einst gab es eine Gerichtsansiedlung am Dividing Creek, wo Gerechtigkeit, Beredsamkeit, Talent, Witz und Heldenmut den sozialen Mittelpunkt zweier Grafschaften bildeten, aber man verlegte das Gerichtsgebäude, und der Wald erstickte den Ort in aller Eile. Jetzt bleibt kein Echo mehr von jener früheren Herrlichkeit. Sie können Ihr Haus davor bewahren, vom Wald verschlungen zu werden.“

„Indem ich den Helden des Waldes heirate?“, sagte Vesta, obwohl sie es sofort bereute.

„Ja“, stieß Milburn hartnäckig nach einer Pause hervor. „Ich bin dem Hause Custis auf halbem Weg entgegengekommen. Ich komme aus den Wäldern heraus, während sie hineingehen, es sei denn, das Opfer wäre gegenseitig.“

„Lassen Sie uns nicht persönlich werden“, flehte Vesta mit ihrer anmutigen Traurigkeit; „ich fühle, dass Sie ein gütiger Mann sind, zumindest zu mir, aber ein armes Mädchen muss einen Kampf für sich selbst führen.“

Sie sah, wie die Tränen augenblicklich in seinen Augen standen, und nutzte ihren Vorteil:

„Ihre Tränen sind wie die Quellen, die wir hier finden, so tief unter dem kiesigen Sand, dass niemand sie vermuten würde, doch ich habe sie herausrinnen sehen. Sagen Sie mir nun, wäre ich nicht glücklicher, die Last meines Vaters und meiner Mutter auf mich zu nehmen und uns einzuschränken und sparsam zu sein, anstatt feige in den Schutz unseres Gläubigers zu fliehen, durch eine Verbindung, die die Welt zumindest als käuflich bezeichnen würde? Mein Vater könnte auf irgendeine Weise wieder aufsteigen.“

„Nein, Miss Vesta. Ihr Vater kann keinen Besitz halten, solange ein Teil seiner Schulden unbezahlt bleibt. Der einfachere Weg ist es, der Welt zu zeigen, dass unsere Verbindung nicht käuflich ist, indem wir versuchen, einander zu lieben. Auf der ganzen Erde ist die Ehe die Wiedergutmachung ruinierter Familien – der kurze Pfad und auch der natürlichste. Ruth war arme Verwandtschaft, aber sie wandte sich von den Stoppelfeldern der Ernte, die ihre schönen Füße bluten ließen, ab, um zu den Füßen des alten Boas zu kriechen und eheliche Ruhe zu finden, und ihre Weisheit der Wahl besingen wir in den Psalmen von König David und hören sie in den Sprichwörtern von König Salomo, Söhne ihrer Söhne.“

„Ich denke nicht an mich, Gott weiß das!“, sagte Vesta. „Gerne könnte ich eine kleine Schule unterrichten, oder irgendwo Gouvernante sein, oder, wie unsere Verwandte, die Mutter von Washington, in meiner Sonnenhaube und meinem Strohhut aufs Feld reiten und die Arbeiter beaufsichtigen.“

„Das hat niemals General Washington geschaffen, Miss Vesta. Es war die Ehe, die ihn der Welt lieh; zuerst die Ehe seines Halbbruders mit den Fairfaxes; dann seine eigene mit Custis' reicher Witwe. Hätten sie nur nach natürlichen Fähigkeiten gesucht, wäre irgendein Daniel Morgan oder Ethan Allen Washingtons Befehlshaber gewesen.“

„Warum ziehen Sie mich zu sich, indem Sie das Motiv meiner Eigenliebe wecken?“, fragte Vesta. „Das ist nicht der Weg, mein Herz so zu bewahren, wie Sie es haben möchten.“

„Auf jede Weise, wie ich Sie zu mir ziehen kann“, sprach Milburn wieder vor Ernsthaftigkeit zitternd, „fühle ich mich verzweifelt, es zu versuchen. Wenn es falsch ist, entspringt es meinem Sinn für Selbsterhaltung. Ohne Sie bin ich ein trostloses Scheitern, und meine Lebensarbeit ist vertan.“

„Glauben Sie wirklich, dass Sie mich lieben? Ist es nicht eine Art Ehrgeiz; vielleicht ein sozialer Ehrgeiz?“

„Eine Custis zu heiraten?“, rief Milburn aus. „Nein, es ist, Sie zu heiraten. Mir wäre es lieber, Sie wären keine Custis.“

„Ah! Ich verstehe, Sir“, Vestas Gesicht rötete sich vor einer gewissen Bewunderung für den Mann; „Sie denken, Ihr Familienname sei genauso gut. Das sollten Sie auch tun. Dann lieben Sie mich aus Leidenschaft?“

„Teils das“, antwortete Milburn. „Ich liebe Sie aus meinem ganzen Temperament heraus, was auch immer es ist; aus dem Glühen der Jugend und der Reflexion des Mannesalters, aus der Wertschätzung Ihrer Person und auch aus Verehrung; mit dem Auge und dem Verstand. Ich liebe Sie in der Vision häuslicher Geborgenheit, in der Gemeinschaft des Denkens, in der Teilhabe an meinem Ehrgeiz, in meinem Instinkt für Kultivierung. Ich liebe Sie auch mit dem Ungestüm eines Liebenden, stärker als alles andere, weil ich Sie besitzen muss, um mich selbst zu besitzen; weil Sie Flammen in mir entzünden und meine Menschlichkeit des Mitleids von meiner Menschlichkeit des Verlangens niedergetrampelt wird; ich kann Ihren Appell zur Flucht nicht hören! Ich bin taub für Gefühle von Ehre und Höflichkeit, wenn sie Sie mir entgleiten lassen! Geben Sie sich mir hin, und diese besseren Engel mögen siegen, vielleicht als Beiwerk zu dem mächtigen Instinkt, dem ich auf Befehl des Schöpfers gehorche!“

Während er fortfuhr, sah Vesta in Meshach Milburns Gesicht die wahre Ekstase der Liebe leuchten. Seine dunklen, harzigen Augen waren wie Waldteiche, die nachts unter den Fackeln der Waschbärenjäger aufblitzten. Seine langen, weichen Hände zitterten, als er sie nach ihr ausstreckte, um sie zu umfassen, und sie sah auf seiner Stirn, in seinem offenen Nasenflügel und seinem festen Mund die Präsenz eines Willens, der selten versagt, wenn er machtvoll ausgeübt wird, um den einer Frau zu beugen und sie ihren Herrn erkennen zu lassen.

Doch bei dieser starken Erregung geistiger und animalischer Liebe, die den Mann im Allgemeinen zur Beredsamkeit, wenn nicht zur Schönheit belebt, markierte etwas Müdes, fast wie Schmerz, den kühnen Eindringling, und ein Zittern, nicht wie von Wille und Mut, durchlief seinen Körper. Es war dies, was Vesta mit dem Gefühl berührte, dass sie vielleicht nicht die Einzige dort war, die litt, und Mitleid, das manchen Liebenden rettet, wenn seine Verdienste nicht siegen könnten, brachte die Tochter des Richters zu einem impulsiven Entschluss.

„Mr. Milburn“, sagte sie schließlich und drückte ihre Hände an ihren Kopf, „die Prüfungen dieses Tages waren zu viel für mein Gehirn. Niemals in meinem ganzen Leben hatte ich mit solchen Realitäten zu kämpfen. Ich bin erschöpft. Nein, Sir, berühren Sie mich jetzt nicht!“ Er hatte versucht, sein mitfühlendes Angebot zu wiederholen und sie in seine Arme zu schließen. „Lassen Sie uns diesen Konflikt sofort beenden. Sie sagen, Sie wollen mich heiraten; wann?“

„Es liegt an Ihnen zu sagen wann, Miss Custis. Ich bin jeden Tag bereit.“

„Und Sie werden mir jeden Schuldschein und jede Verpflichtung meines Vaters geben, so dass der Erbteil meiner Mutter ihr vollständig zurückgegeben wird und dieses Haus, die Diener und die Ländereien mein eigenes Recht sind?“

„Ja“, sagte Milburn; „ich habe solches Vertrauen in Ihre Wahrheit und Tugend, dass Sie diese Papiere von diesem Moment an bis zum Hochzeitstag behalten sollen.“

„Es wird also nicht lange dauern“, sagte Vesta und sah Milburn mit einem Willen und einer Autorität an, die den seinen vollkommen gleichkam. „Wollen Sie mich heute Nacht nehmen?“

„Heute Nacht?“, wiederholte er. „Nicht heute Nacht, wahrlich?“

„Heute Nacht, oder wahrscheinlich niemals.“

Er trat näher, um in das Licht des starken Kaminfeuers in ihr Gesicht zu sehen. Ruhiger Mut, der wie Jeanne d’Arc in den Flammen sterben würde, begegnete seiner Nachfrage.

„Ja“, sagte Milburn, „auf Ihren Befehl nehme ich Sie heute Nacht, obwohl es eine Überraschung für mich ist.“

Er zuckte dennoch ein wenig zurück, da sein Gewissen unruhig war, und dasselbe Zittern, das Vesta bereits bemerkt hatte, durchlief erneut seinen Körper.

„Was wird die Welt zu Ihrer Heirat nach nur einem einzigen Tag der Bekanntschaft mit mir sagen?“

„Nichts“, antwortete Vesta, „außer dass ich Ihre Frau bin. Das wird zumindest Ratschläge zum Schweigen bringen und Einmischung verhindern. Wenn ich zögere, könnten diese Vorahnungen die Oberhand gewinnen, wenn nicht bei mir, dann bei meiner Familie, von denen einige zu fürchten sind.“

Er schien keine Neugier in dieser Angelegenheit zu haben, sondern sagte nur:

„Es sind Sie, liebes Kind, an die ich denke – ob diese Eile nicht bereut wird oder zu einem Gegenstand des Vorwurfs für Sie selbst wird. Für mich kann sie das nicht sein, da ich keine Welt, keinen Stamm habe – nur mich selbst und Sie!“

Vesta trat vor und hob seine Hand, die kalt war.

„Ich glaube, dass Sie mich lieben“, sagte sie. „Ich glaube, diese Hand hat die Linien eines Gentellmans. Nun werde ich Ihnen ein Familiengeheimnis anvertrauen. Die Nöte dieses Hauses sind wie ein Feuer, das man nicht anders behandeln kann, als es sofort zu löschen. Mein Vater wird, abgesehen von seinem geheimen Schmerz, über den Schritt, den ich tun werde, nicht beunruhigt sein, denn er schätzt Ihre Talente und Ihren Erfolg. Es ist für ihn, dass ich diesen Schritt unternehmen werde, falls ich ihn überhaupt unternehme, und ich habe noch eine Stunde zum Nachdenken. Aber meine Mutter wird ungehalten sein, und ihre Brüder und Verwandten in Baltimore werden in erster Linie eine wilde Wut darüber äußern, dass mein Vater ihren Erbteil verloren hat; direkt danach, und ich hoffe weniger bitter, werden sie meine Heirat mit Ihnen übelnehmen. Ihrer Einmischung ausgesetzt, könnte ich daran gehindert werden, meinem Vater zu Hilfe zu kommen; sie könnten mich sogar mit Gewalt wegführen und unsere Familie auflösen, was den Vater allein seinen Leiden überließe.“

„Ich verstehe“, sagte Milburn; „Sie würden mir das gesetzliche Recht geben, dem aufgeregten Volk Ihrer Mutter entgegenzutreten.“

„Nicht nur das“, sagte Vesta; „ich würde es ihr und ihnen unmöglich machen, das Opfer zu verhindern, das ich zu bringen gedenke. Die unmittelbare Angst meines Vaters ist das Vorwerfen meiner Mutter – dass er ihr Geld riskiert und verloren hat. Es hat sie bereits krank und fast gewalttätig zu Bett gebracht. Ich könnte dem armen Herrn genauso gut seine ganze Not ersparen, wenn ich ihm einen Teil erspare.“

„Tapferes Mädchen!“, rief Meshach Milburn bewundernd. „Es ist also wahr, dass das Blut sich verrät. Sie beabsichtigen, Ihrer Mutter das Geld zu geben, das verloren gegangen ist, und ihre Beschwerde zum Schweigen zu bringen, bevor sie sie vorbringt?“

„Genau das, Mr. Milburn, und zu sagen: ‚Es ist das Geschenk meines Mannes und ein Friedensangebot von uns allen.‘“

„Ist es nicht Ihre Absicht, Liebes“, fragte der Gläubiger, „Mrs. Custis vor dieser Heirat in Ihr Vertrauen zu ziehen?“

Sie sah ihn mit der Bitte einer Zweifelnden an, die Aufklärung wollte. „Beraten Sie mich“, sagte sie. „Ich möchte das Beste für alle tun und alle bitteren Worte ersparen, die so lange schmerzen. Ist es notwendig, es meiner Mutter zu sagen?“

„Nein. Sie sind eine freie Frau. Ich kenne Ihr Alter – obwohl ich es nach und nach vergessen werde.“ Dieser erste Schimmer von Humor stand seinem seltsamen Gesicht recht gut. „Wenn Sie es Ihrem Vater sagen, ist das genug.“

„Ich hoffe, ich tue das Richtige“, sagte Vesta, „und nun werde ich meine Stunde meiner Seele und meinem Erlöser widmen. Sir, beten Sie jemals?“

Milburn wich ein wenig zurück.

„Ich bete nicht wie Sie“, antwortete er; „meine Gebete sind trockene Dinge. Ich sage ein wenig Reim auf, den meine Mutter mich im Wald gelehrt hat.“

„Versuchen Sie, für mich zu beten, damit ich das Richtige tue“, sagte Vesta, „damit ich dieses Opfer nicht bringe und ein verwundetes Gewissen zurücklasse. Und nun, Sir, leben Sie wohl. Gehen Sie um neun Uhr zu unserer Kirche und warten Sie. Wenn ich mich entschließe zu kommen, werden Sie dort den Rektor und alle Vorbereitungen treffen. Wenn ich nicht komme, glaube ich, werden Sie mich nicht mehr sehen.“

„Oh, wunderschöner Geist“, rief ihr Liebhaber, „bedrücken Sie mich nicht mit dieser Furcht!“

„Wenn mir ein anderer Weg klar wird“, sagte Vesta, „werde ich diesen Weg gehen. Wenn meine Pflicht mich wieder zu Ihnen führt, werden Sie mein Herr sein. Sir, obwohl Ihr Anliegen hier ein hartes war, danke ich Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit und die freundliche Rücksichtnahme, die Sie so lange für mich gehabt zu haben scheinen. Leben Sie wohl.“

„Engel! Vesta! Liebes!“, rief Milburn, „darf ich Sie küssen?“

„Nicht jetzt“, antwortete sie, kühl wie eine Überlegene, und hielt ihre Hand dazwischen.

Die Tür stand weit offen, und die Sklavin Virgie stand darin und hielt den Entailed Hat. Milburn nahm ihn mit einem Schauer, bedeckte sich und ging.

KAPITEL X.

HERR IN DER KÜCHE.

Die Küche war während des langen Besuchs des Hutbesitzers alles andere als ein Ort kulinarischen Friedens und Wohlgeschmacks gewesen.

Tante Hominy und die kleinen Dunkelhäutigen hatten drei heimliche Besuche im Flur gemacht, um nach dem schrecklichen Ding zu spähen, das dort hing, als sei es eine Art Falle, die eine Feder abwerfen und jemanden fangen oder wie ein Mörser oder Torpedo explodieren könnte. Als Stunde um Stunde verging und Miss Vesta nicht wieder auftauchte und schließlich nach Tee klingelte, war Tante Hominy außer sich vor Aberglauben.

„Liebes“, rief sie Virgie zu, „nimm du nur diese vertrocknete Eidechse und diesen Kamillentee, und lass die Eidechse in diesen alten Hut fallen, und besprenkle den Boden, wo der alte Meshach sitzt, mit der Kamille, und sag ‚Schuh!‘ Vielleicht verdirbt es ihm das Vermessen von Miss Vessy.“

„Nein, Tante, wenn der alte Meshach mich vermisst, würde ich die Familie nicht vor ihm beschämen. Miss Vessy ist mächtig weise, und vielleicht wird sie mit diesem bösen Hut fertig.“

„Ja“, sagte Roxy, „sie ist gut, Tante Hominy, und betet jeden Abend und Morgen. Ich habe sagen hören, dass Hexen den Namen des Herrn nicht hören können und dann ohnehin bleiben. Vielleicht sagt Miss Vessy in Meshachs alten Hut: ‚Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, segnet das Bett, auf dem ich liege.‘ Das wird den alten Teufel nur fortfliegen lassen.“

„Nein, Mädchen“, beharrte Tante Hominy, „Kamille ist alles, was ihn davon abhalten wird, uns zu vermessen. Geht der alte Meshach nicht auch zur Kirche und hat ein Gebetbuch und – hör mal, Liebes! Wenn sie ihm nicht gerade etwas vorsingt!“

Als Virgie auf die Glocke antwortete, nahm Tante Hominy ihre geschätzte Kamille herunter, besprengte die kleinen Kinder und gab jedem ein Glas Sassafras-Bier, um ihr Inneres zu segnen.

„Der Herr segne sie!“, rief die alte Dame, „wenn der Sklavenhändler kommt, nimmt Tante Hominy sie mit in die Wälder und verläuft sich einfach, und lebt von Winterbeeren, Ulmenrinde, Weißdornfrüchten und Chinquapins. Wir bleiben nicht hier und lassen den alten Meshach uns wie eine Eidechse aushungern.“

„Tante Hominy“, sagte Roxy, „vielleicht, alte Dame, wenn du einen schönen Laib Federal-Brot backst, oder eine Wildpastete, oder einen Persimonen-Pudding, und ihn dem alten Meshach schickst, verkauft er uns nicht an die Sklavenhändler. Er bekommt nie etwas Gutes zu essen und weiß nicht, was das ist. Ein kleiner Vorgeschmack davon wird ihn dazu bringen, mehr zu wollen.“

„Roxy, Mädel“, sagte Tante Hominy, „ich würde nur zu gerne eine Knödeltasche aus dem Turmhut machen, den er da hat. Wenn ich den Knödel enthäutet hätte, wäre der Hut gründlich ruiniert, Kinder, und dann würde der Richter sein Land zurückbekommen, das Meshach vermessen hat. Denn der Richter würde sagen: ‚Meshach, du hast mich nicht fair vermessen. Wo ist dein Zollstock, alter Teufel?‘ Dann würde Meshach sagen: ‚Der Hut, mit dem ich es nahm, ist von dieser alten Hominy verbrannt worden, als sie ihre Puddings machte.‘ ‚Dann‘, sagt der Richter, ‚hast du mich nicht gerecht vermessen. Ich spiele nicht mit. Nimm alles zurück!‘ Kinder, wir müssen diesen alten Hut bekommen, oder die Sklavenhändler nehmen uns alle mit.“

Sie machten sich auf, um einen weiteren Blick voller Gier und Ehrfurcht auf den sagenumwobenen Hut zu werfen, als Virgie mit dem gefürchteten Gegenstand in der Hand aus der Salontür kam, ihn an den Haken hängte und mit abergläubischer Angst und Erleichterung in die Kolonnade kam. Tante Hominy eilte mit ihr in die Küche, bestreute sie mit Kräuterstaub, schwenkte eine Rassel aus Schlangenzähnen in einer Schweinslunge über ihrem Kopf und schob ihr schließlich ein süßes Stück eingelegte Wassermelonenschale in den Hals.

„Hat es dir wehgetan, Liebes?“, erkundigte sich Tante Hominy mit vor Aufregung glänzenden Augen und bezog sich auf den Hut.

„Ich weiß es wirklich nicht, Tante“, antwortete Virgie; „alles, was ich sah, war Miss Vessy, die von mir wegsaah, als ob sie sich meiner schämen könnte, und ich hob das Ding auf und brachte es zum Kleiderständer; und alles, was ich weiß, ist, dass es alt roch, wie einige der alten Kleiderkisten oben auf dem Dachboden, wenn wir den Deckel anheben und hineinspähen, und es scheint, als wären es die Kleider von toten Leuten.“

Die kleinen Neger, Ned, Vince und Phillis, hörten dies mit leuchtenden Augen und tauchten ihre Köpfe unter Tante Hominys Röcke und Schürze, während die alte Frau ausrief:

„Der Herr erbarme sich!“ und anfing, das, was sie „Pow-Pow“ nannte, auf die entweihten Finger des Mädchens zu pusten.

„Ich glaube nicht, dass es irgendetwas ist, Tante, außer einem hässlichen, alten, widerwärtigen Hut von toten Leuten“, rief Virgie. „Er trägt ihn nur, um die Leute zu ärgern. Er trank Tee genau wie Miss Vessy, aber ich dachte, seine Zähne klapperten ein wenig, als ob er an dem alten Hut gerochen hätte und es ihm einen Schauer gegeben hätte.“

„Woher hat er den Hut, Tante Hominy?“, fragte Roxy. „Hat er ihn irgendwo ausgegraben?“

Die Frage schien die leichte Erfindungsgabe der Köchin anzustacheln, und nach einem listigen, aber leichtgläubigen Blick durch die große Küche, wo das fahle Licht an den Fenstern im stärkeren Feuer unter dem großen Schornstein unsichtbar war, flüsterte Tante Hominy:

„Er hat diesen Hut auf dem alten, ruinierten Kirchhof von Rehoboff ausgegraben. Er hat ihn im Grab gefunden.“

„Aber du hast heute Nachmittag gesagt, Tante, dass der Böse ihn ihm gegeben hat.“

„Der Teufel traf ihn genau dort“, beharrte Tante Hominy, „auf diesem alten, überwucherten Kirchhof, wo die Hymnen Gottes angestimmt wurden, bevor der Teufel ihn bekam. Er sagt zu Meshach: ‚Ich mache dich hier zum Küster. Geh, hol den Spaten dort drüben, wo das Totenhaus war, und grab unter den Myrtenranken zwischen den Gräbern und finde meinen Hut. Solange du den Herrn und den Gesang von dieser großen verlassenen Kirche fernhältst, darfst du den Hut behalten, um jedermanns Land zu vermessen.‘ Deshalb kann niemand in dieser Kirche singen oder beten. Niemand außer Meshach Milburn betet dort jemals. Er geht manchmal mit seinem Weihnachtsgeschenk auf dem Kopf dorthin und betet zum Teufel.“

So erweckt eine ungewohnte Mode ungewohnte Visionen, als brächte sie die Phantome, die mit ihr zur Ruhe gebettet wurden, in die heutige Zeit zurück, und sie spazierten in einfache Gemüter hinein und erzeugten dort Aberglauben.

Tante Hominy wurde nie zu Erfindungen dieser Art angeregt, aber sie nahm sie sofort in sich auf, und sie wurden für sie zu religiösen Überzeugungen. Ihr Gebaren, das durch ihren Schrecken und ihren Glauben höchst animiert war, erzeugte immer mehr Aberglauben in den Köpfen der Mädchen und Kinder, und das Gespräch flachte ab – die kleinen Neger wanderten hierhin und dorthin, unfähig zu schlafen, aber auch unfähig, genügend Aufmerksamkeit von irgendjemandem zu erlangen, bis Richter Custis, der stundenlang darauf gewartet hatte, dass sein Gläubiger ging, in seinen alten Pantoffeln die Hintertreppe hinunterglitt und der Gesellschaft wegen in die Küche zu den farbigen Leuten kam.

Seine feine Erscheinung und seine vertraute, wenn auch überlegene Art verliehen dem afrikanischen Ende des Hauses sofort einen neuen Anstrich.

Er hob alle Kinder zu zweit oder zu dritt auf, wuschelte sie, jagte sie, warf sie hoch und trieb die düsteren Bilder aus Tante Hominys Geist aus ihren Seelen, fing dann die zwei jungen Mädchen ein, setzte Roxy auf seine Schulter und griff Virgie um die Taille, und stapelte sie schließlich auf Tante Hominy, die hinter ihren Backblock lief, und er bündelte alle Kinder auf die Gruppe.

„Der Herr erbarme sich, Richter!“, rief Tante Hominy, entzückt und ihre weißen Zähne zeigend, auf welcher Seite sie sie auch enthüllte. „Gehen Sie schon, Richter, Missy Custis kriegt Sie noch! Miss Vessy kommt, vor dem Herrn!“

Die Kinder schrien, ließen sich immer mehr auf das Gerangel ein, während sie vorgaben, entkommen zu wollen, drangen auf den Rücken des Richters ein und rieben ihre saubere Wolle an seinem Backenbart, und die zwei gepflegten Dienstmädchen, die wie weiße Kinder in seiner Familie aufgewachsen waren, waren weder dem scherzhaften Umgang noch den Liebkosungen ihres Herrn ungewohnt, die er gemeinhin mit einem Geschenk irgendeiner Art zu beenden pflegte.

„Alte Frau“, sagte der Richter zu Tante Hominy, „kannst du mir ein Stückchen von irgendetwas Gebratenem für meinen Magen geben? Ich möchte es gleich hier essen.“

„Ha! Jah! Hab nix weiter als ein junges Hühnchen, Marster! Vielleicht kann ich Euch eine junge Taube aus dem Taubenschlag am Giebelende holen.“

„Das ist es, Hominy!“, rief Richter Custis aus; „ein zartes Täubchen, ein wenig Toast in Sahne, ein Glas Morgenmilch und ein Bund frischer Sellerie werden meinen Puls heben und mir Mut machen. Hol es, mein treues altes Mädchen; es ist das Letzte, was ich von dir erbitten mag, denn der alte Samson Hat wird dich als Nächster besitzen.“

„Mich? Nein, sah! Ich laufe eher von Prencess Anne weg. Der Mann, der den alten Meshach Milburns Teufelshut putzt, soll mich niemals haben.“

„Nun, es wird eine von euch sein. Wenn du Samson nicht nimmst, muss Roxy es tun oder Virgie. Der alte Bursche wird bei unserem neuen Herrn sehr einflussreich sein, und, Hominy, wir alle verlassen uns darauf, dass du es ihm so gemütlich machst, dass er die Familie einfach zusammenhält.“

Nüchternheit kehrte bei diesem versuchten Witz ein, und die alte Köchin sah einen Schleier in den lächelnden Augen des Richters aufsteigen.

„Alter Marster!“, rief sie und hob die Hände, „Ihr sitzt nur da und brecht Euer armes Herz. Meint Ihr, ich weiß nicht, wann Ihr nur so tut? Vielleicht ist diese Nacht die letzte, in der wir Euch in Eurer eigenen warmen, schönen Küche sehen werden, und niemals mehr, lieber alter Marster, kann Hominy Euch einen Vogel braten oder die Suppe würzen, wie Ihr sie mögt. Gott segne uns, diesmal holen wir das Täubchen und den Sellerie und den Toast, bevor der alte Meshach Milburn alles, was wir haben, aufnimmt!“

Während die Kinder um die Knie des Richters krochen und ein klägliches Wehklagen anstimmten, als sie ihn schluchzen sahen, schluchzten auch die zwei ordentlichen Hausmädchen, die jede Eventualität für sich selbst vergaßen, wie seine eigenen Töchter, ihn so entmannt zu sehen; doch Tante Hominy fühlte sich nur verzweifelt tatkräftig bei der Gelegenheit, das letzte Abendmahl des Haushalts Custis zu kochen.

Sie entzündete einen Kiefernzweig am Feuer und schickte einen der Stalljungen bei dessen Licht eine Leiter hinauf, um den Taubenschlag zu durchwühlen, und in kürzester Zeit waren sowohl ein Huhn als auch ein Vogel gebraten und auf einem makellosen Tuch auf den Küchentisch gestellt, und das Büschel lilienweißen Selleries und der dampfende Toast in samtiger Sahne wärmten die Nüstern des Richters und trockneten seine Tränen.

Roxy stand hinter ihm, um seine Wünsche zu bedienen; Virgie unterdrückte jeden Ausdruck von Trauer und tröstete die Kinder, und die arme Tante Hominy, mit stillen Tränen, die ihr über die Wangen strömten, als sie ihn essen und leiden sah, hielt ein Geklapper von epikureischem Gerede aufrecht, damit er sich nicht umdrehen und sie elend sehen möchte. Als er seine Mahlzeit beendete, seinen goldenen Zahnstocher herausholte und eine behagliche Freude an solchem Elend und Mitgefühl verspürte, öffnete Vesta die Tür und sagte:

„Papa!“

„Mein Kind?“

„Lass mich mit dir sprechen.“

Richter Custis erhob sich und hob die Hände zu Tante Hominy in sprachloser Anerkennung ihrer Dienste; doch erst als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, brach der Schrei der alten Köchin durch ihre zitternden Lippen:

„Oh! Kinder, Kinder, er wird nie wieder so essen wie heute. Der alte Meshach hat ihn aufgemessen!“

KAPITEL XI.

STERBENDER STOLZ.

Nach dem Ende von Milburns langem Besuch war Vesta in ihr eigenes Zimmer gegangen, hatte ihre Stelle in der Bibel gelesen, ihr Gebet gesprochen und versucht nachzudenken, doch die Anspannung des Tages war zu groß gewesen, um ihrem Geist seine morgendliche Energie zu lassen, als Gesundheit, die so viel mit Entschlossenheit zu tun hat, elastisch in ihren Adern und ihrem Gehirn war.

Sie begann zu sehen, wie ihre Pflicht wie ein gewaltiges Ding auf der einen Seite aufragte und jede andere Überlegung aus dem Weg drängte, bis auf eine – ihre Schamhaftigkeit; und sie bedrohte das, was wie eine kleine Maus um ihren Geist herumrannte, furchtsam, aber hilflos und ohne ein Schlupfloch zur Flucht.

Sie würde innerhalb des Umlaufs der Uhr aufhören, ein Mädchen zu sein, oder ihre Familie verlassen und diesen großen Bluthund der Pflicht über die Schwelle ihres ruinierten Zuhauses treiben.

Im einen Fall lag die äußere Verwüstung – die roten Augen von Eltern und Dienern, die die ganze Nacht nicht geschlafen hatten und sie als ihre hartnäckige Geisel ansahen, und die spionierenden Konstabler, die auf dem Gelände einquartiert waren, um sicherzustellen, dass nichts herausgeschmuggelt wurde, das Läuten der Glocke des Auktionators und das Betasten der geschätzten Dinge der Familie durch Bauern und alte Klatschtanten, bis hin zu ihren Erbstücken, Schmuck und Strumpfwaren; das riesige alte Haus eine hohle Scheune, wenn diese erledigt waren, und sie und ihre Mutter Besucher im Gefängnis, wo ihr armer Vater durch die Gitter schaute und sein Haupt in Schande beugte!

Dann die Diener, einer nach dem anderen, auf den Block des Gerichtsgebäudes gehoben, die alten grauen Diener verspottet, die kleinen Kinder getrennt, wie Kälber durch den Metzger, und die jungen Mädchen, die die verzweifelten Befürchtungen von Missbrauch und Schändung verspürten, was die andere Alternative zu ihr selbst war, bei der Reinheit wie das Weiß der Lilie war, mehr geschätzt als ihre Schönheit der Form oder ihr Parfüm.

Sie blickte in ihren Spiegel beim Licht, das in ihrem messingfarbenen Rost flammte, und sah die Blushes wie fliehende Jungfrauen bei der Plünderung von Städten die weißen Wälle ihres Halses und ihrer Schläfen hinaufklettern.

Die Gestalt, die sich seit der Kindheit so wenig verändert hatte, geschmeidig und gerade und zur Perfektion geformt, sollte wie der junge Hickorybaum im Auguststurm fallen, aus seinem heimischen Hain gedreht. Den Atem des Mannes, dem sie ihr Leben überlassen sollte, unwiderstehlich und heiß wie dieser Sturm, hatte sie bereits gespürt, als er sie einen Moment lang im Überschwang der Leidenschaft in seinen Armen hielt, und sie hörte sein furchtloses Bekenntnis des Verlangens.

Jetzt irgendeinen Mann zu heiraten, schien hart; diesen zu heiraten war unaussprechliche Schande, und bei dem Gedanken daran konnte sie keine Träne vergießen, eine solche Lähmung überkam sie. Sie hatte von der jüngsten griechischen Revolution gelesen, wo elegante Damen von Chios und anderen Inseln des Ägäischen Meeres, ausgebildet in den besten Seminaren Europas, zu Tausenden als gewöhnliche Sklaven auf den Märkten von Konstantinopel verkauft und von brutalen Türken mit all der gierigen Vorfreude auf Lust und Tyrannei auf ihre Güter verschleppt worden waren.

Auf diese lebhafte Episode folgte ein Umzug aller Zeitalter von Frauen, die seit ihrer gemeinsamen Mutter Eva, die das Paradies durch ihre Einfalt verlor, das Spielzeug der Eroberung gewesen waren: die jüdischen Jungfrauen, die nach Babylon verschleppt wurden, die gotischen Jungfrauen, die an den Pferdeschwänzen der Mauren hergezerrt wurden, die Töchter Palästinas und Byzanz’, die arabischen Sensualisten überantwortet wurden und ihren nomadischen Zelten folgen mussten, und die mandeläugigen Mädchen Chinas, die von ihren Eltern den wilden Kalmücken überlassen wurden, um auf jeder kalten Ebene Asiens geschlagen und ausgehungert zu werden, bis das Leben ohne Hoffnung oder Furcht hingegeben wurde.

„Ich bin glücklicher als Millionen meines Geschlechts“, sagte Vesta; „mein Entführer verachtet mich zumindest nicht. Vielleicht wird er mich freundlicher behandeln, als ich denke, und mir Zeit geben, mich ihm anzunähern, ohne diesen tödlichen Schmerz und diese Schande.“

Dann bereute sie fast ihre hastige Entscheidung, noch in dieser Nacht zu heiraten, anstatt nach einer längeren Bekanntschaft, die Herr Milburn zweifellos gewährt hätte, und seine Worte wurden mit Anklage in Erinnerung gerufen: „Was wird die Welt zu Ihrer Heirat nach nur einem Tag Bekanntschaft mit mir sagen?“ „Wird diese Eile nicht bereut werden oder ein Gegenstand des Vorwurfs für Sie werden?“ War es zu spät, ihre Worte zurückzunehmen und um Aufschub zu bitten?

„Nein“, dachte Vesta, „ich werde zumindest meinen Geist jungfräulich und rein bewahren, anstatt die unbeständige Kokette damit zu spielen. Ich werde ihn nicht schon anfangen lassen, mich für schwach und wankelmütig zu halten.“

Um zu sehen, ob es den geringsten Schimmer von Erleichterung durch diese Heirat gab, ging Vesta zum Zimmer ihrer Mutter und fand Frau Custis mit dem Kopf in mit Kölnisch Wasser getränkten Taschentüchern eingewickelt und einem Fläschchen Laudanum in der Hand, in einem Zustand, der an Hysterie grenzte.

„Mama“, sagte die arme Vesta, „hast du Schmerzen?“

„Oh!“, schrie Frau Custis, „Ich sterbe hier gerade vor Grausamkeit und Brutalität. Dein Vater ist ein Schurke. Ich werde diesen Halunken Milburn umbringen lassen. Geh, hol mir Tinte und Papier, Tochter, und setz dich hierher und schreib mir einen Brief an meinen Bruder, Allan McLane, in Baltimore. Er soll mit Richter Custis wegen dieses Raubes abrechnen und dich und mich zurück nach Baltimore mitnehmen, und deinen Vater lassen, wie er ins Armenhaus oder ins Gefängnis geht, das ist mir gleich.“

„Mutter“, rief Vesta, „was für eine Sünde! Den armen Vater jetzt in all seiner Not zu misshandeln!“

„Not!“, echote Frau Custis spöttisch, „welche Not hat er wohl gehabt, würde ich gerne wissen? Lebt in den Wäldern wie ein Türke unter seinen barfüßigen Waldkonkubinen! Gibt mein Geld aus, das von meinem armen Vater beim Zuckerimport zusammengekratzt wurde, um aus dem Sumpf Pfützeisen zu machen und als kluger Mann zu gelten! Die Familie ist zerrüttet. Wir sind Bettler, und jetzt heißt es ‚rette sich, wer kann‘. Ich werde mich um dich kümmern, wenn ich kann, aber dein Vater mag verhungern, für jede Hilfe, die ich ihm geben werde.“

„Dann soll er die einzige Hilfe bekommen, die in meiner Macht steht, Mutter“, sagte Vesta entschlossen.

„Deine Hilfe!“, rief Frau Custis. „Was hast du denn? Deinen Schmuck, nehme ich an? Wie lange wird der ihn halten? Du solltest deinen Schmuck besser für deine Hochzeit behalten und dafür sorgen, dass sie schnell kommt, denn die Ehe ist jetzt deine einzige Rettung.“

„Mein letztes Schmuckstück soll dann gehen“, sagte Vesta mit einer blassen Entschlossenheit, die wie Eis durch ihre Adern schoss.

„Behalte deinen Schmuck“, fuhr Frau Custis fort, „und wähle dir einen Ehemann, bevor diese Sache in aller Munde ist! Du hast eine gute große Liste zur Auswahl. Da ist dein Cousin, Chase McLane, der verrückt nach dir ist und ein Anwesen in Kent hat. Da ist dieser junge Narr Carroll, mit Tausenden von Morgen am westlichen Ufer, und der Witwer Hynson aus King George, Virginia, mit achtzig Sklaven und seinen Ställen voller Rennpferde. Du kannst einen dieser Dennis-Jungen heiraten oder Kapitän Ringgold aus Frederick nehmen, der in Eleganz in West Point lebt, oder Herrin von Tench Purvience’s Herrenhaus am Monument Square in Baltimore werden. Alles, was du tun musst, ist einen Brief zu schreiben: ‚Ich erwarte dich‘, oder, was besser ist, nimm den Dampfer von morgen nach Baltimore und nutze das Haus deines Onkels Allan und werde dort verlobt und verheiratet.“

„Mama“, sprach Vesta ohne Tadel, nur mit einem traurigen, bestätigten Gefühl für ihr Schicksal, „ich könnte fähig sein, jeden dieser Herren zu täuschen, wenn ich meinen Vater so herzlos verlassen könnte.“

„Täuschen!“, bemerkte Frau Custis und füllte ihre Handfläche und Stirn mit dem Kölnisch Wasser. „Was ist des Mannes ganze Arbeit mit einer Frau anderes als Täuschung? Sie wegen ihres Geldes umwerben, sie dazu küssen, ihr Geld aus guten Hypotheken zu nehmen und in Sumpfeisenerz zu stecken? Ihr zu sagen, wenn sie jenseits des mittleren Alters ist, dass sie von nichts leben kann, außer der Wohltätigkeit der Öffentlichkeit oder ihrer widerwilligen Freunde. Das alles für ein Experiment! Die Familie Custis ist entweder Schurke oder Narr. Dein Vater ist ein Monster.“

Vesta ging an die Seite ihrer Mutter und wusch ihre Stirn.

„Liebe Mama“, sagte sie, „lass uns beide etwas für uns tun, während Papa sich umschaut und etwas zu tun findet. Wir können ein Haus in Princess Anne mieten und ein Seminar eröffnen. Ich kann Französisch und Musik unterrichten, du kannst die Matrone sein und die Korrespondenz und Geschäfte führen, und wenn Papa um eine größere Beschäftigung verlegen ist, kann er über Geschichte und Wissenschaft dozieren. Unsere Freunde werden uns ihre Kinder schicken, und wir werden niemals getrennt werden. Ich werde den Gedanken an eine Heirat aufgeben und für euch beide leben.“

Frau Custis machte eine Geste der Ungeduld.

„Und eine alte Jungfer werden!“, platzte sie heraus. „Das ist unerträglich. Wozu sind all diese Errungenschaften und Reize gut, wenn nicht für einen Ehemann, und wozu ist er gut, wenn nicht, um Brot und Kleidung zu beschaffen? Sei nicht so verrückt wie dein prinzipienloser Vater! Versuche keine Experimente! Lass die Philanthropie! Geld ist das Fundament aller Achtbarkeit.“

Vesta dachte bei sich: „Kann das wahr sein? Rechtfertigt es dann nicht den Mann, der mich wirbt, in seinen Mitteln, Geld zu bekommen? Mutter“, Vesta sprach, „du möchtest also, dass ich heirate?“

„Da gibt es kein Möchten“, antwortete Frau Custis. „Du musst heiraten!“

„Sofort heiraten?“

„Ja, je eher desto besser, an einen reichen Mann. Hast du dir einen ausgesucht?“

„Gib mir deinen Segen, und ich werde es versuchen“, sagte Vesta; „ich glaube, ich kenne einen solchen.“

Frau Custis küsste ihre Tochter und jammerte über ihren armen Kopf und ihren verlorenen Heiratsanteil, und Vesta machte sich auf den Weg, ihren Vater zu suchen.

Sie fand ihn wie beschrieben, im Luxus von Tränen und Täubchen, so behaglich unter seinen Negersklaven wie in der gesetzgebenden Versammlung oder an der Spitze der Gesellschaft, und sie waren in seine Herablassung und sein Unglück eingewickelt.

Als Vesta die seltsame Szene solch patriarchaler Demokratie in der alten Küche sah, fragte sie sich, ob diese wollüstige Begabung ihres Vaters nicht die glückliche Vorkehrung war, um eheliche Verbindungen erträglich und soziale Umwälzungen philosophisch zu machen. Ein wenig Bedauern, dass sie nicht mehr vom Tierischen hatte, wuchs schwach auf ihrem traurigen Lächeln, als sie bedachte, dass er, wo immer ihr Vater hinging, Willkommen und Wärme verbreitete, wie sie schon bei dem Bild von ihm fühlte, nachdem sie sich von ihrer apathischen Mutter getrennt hatte.

„Roxy“, sagte Vesta, als sie die Küche verließ, „geh du zu meiner Mutter und bleib die ganze Nacht bei ihr. Mach dein Lager dort neben ihrem Bett. Virgie, zieh deinen Umhang an und trag einen Brief für mich weg – ich werde ihn in der Bibliothek schreiben.“

Sie saß vor ihrem Vater, er war zu unentschlossen, um zu sprechen, und sah an ihrem starren Ausdruck, dass es keine Zeit für Geschwätzigkeit war. Sie versiegelte den Brief mit Wachs, und als Virgie hereinkam, hörte ihr Vater die Anweisung, die sie gab, mit einer Neugier, die größer war als seine Verlegenheit:

„Bring das zu Reverend William Tilghman. Gib es nur ihm allein, und sieh zu, dass er es liest, Virgie, bevor du ihn verlässt. Wenn er dir irgendwelche Fragen stellt, sag ihm, er solle bitte genau das tun, was in diesem Zettel steht, und, da er mein Freund ist, mich nicht enttäuschen.“

Die Schritte des Mädchens waren kaum außer Hörweite, als Vesta die Schublade des Bibliothekstisches öffnete und ein Bündel Papiere herausnahm, das mit einer Schnur zusammengebunden war. Sie löste es, und ihr Vater erkannte von dort, wo er saß, seine Schuldscheine und Hypotheken.

„Gott im Himmel, mein Liebling!“, rief Richter Custis, „wie kommst du an diese Papiere?“

„Sie sollen heute Nacht mein sein, Vater – in einer Stunde. In dem Moment, in dem sie mein werden, werden sie dein sein.“

„Warum, Vessy“, sagte der Richter, „wenn sie auch nur für eine Minute dir gehören, ist der kürzeste Weg mit ihnen der durch den Schornstein!“

Er machte einen Schritt vorwärts, um sie ihr aus der Hand zu nehmen. Sie legte sie in ihren Schoß und sah ihn so ruhig an, dass er innehielt.

„Du kannst das Haus verbrennen, Papa“, sagte sie, „es ist immer noch dein eigenes. Aber diese Papiere könntest du nur durch ein Verbrechen verbrennen. Es wäre der Betrug an einem ehrenwerten Mann.“

„Ehrenwert! Wer?“, rief der Richter.

„Der, der mein Ehemann sein wird.“

„Du heiratest Meshach Milburn!“, schrie der Richter, „O Fluch Gottes! – nicht ihn?“

„Ja, heute Nacht“, antwortete Vesta; „ich respektiere ihn. Ich halte diese Verpflichtungen durch sein Vertrauen in mich. Sie sind mein Verlobungsring.“

Richter Custis stieß ein lautes Heulen aus wie ein Mann, dem ein Nagel eingetrieben wird, fiel seiner Tochter zu Füßen und umklammerte ihre Knie.

„Das ist, um mich zu quälen“, rief er; „er hat es nicht gewagt, dich zu fragen, Vesta?“

„Doch, und mein Wort ist gegeben, Vater. Soll dieses Wort, das Wort einer Custis, weniger wert sein als der Glaube eines Milburn? Durch die Liebe, die er für mich hegte, gab mir Herr Milburn diese Schulden als meine Mitgift – ein seltener Glaube bei jemandem, der so umsichtig ist. Wenn ich ihn nicht heirate, werden sie ihm heute Nacht zurückgegeben.“

„Dann gib sie ihm zurück, mein Kind, und rette deine Seele und deine Reinheit, damit ich nicht lebe, um den Anblick der Schande meiner edlen Tochter verflucht zu sehen? Diese Heirat wird unheilig sein, und der Tadel, der darauf folgen wird, wird der Bankrott von mehr sein als unserem Anwesen – unserer einfachen Ehre und der alten Familienachtbarkeit. Wir haben Freunde, die uns helfen würden. Wenn du Milburn heiratest, werden sie uns alle verachten und verstoßen.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Vesta. „Der Verstand und der Mut dieses Herrn – er ist ein Herr, denn ich habe ihn gesehen, und ein Herr mit vielen Gaben – wird Respekt erzwingen, selbst dort, wo falscher Stolz und Familienanspruch ihn niederzudrücken scheinen. Wer von denen, die ihn unterschätzen, wird ein nennenswertes Opfer bringen, um uns zu helfen? Deine Söhne – werden sie das tun? Dann mit welchem Recht entscheiden sie über meine Wahl des Ehemannes? Nein, Vater, ich tue nur meinen Teil, um unser Haus in seiner Not zu stützen, wie diese Herren und andere es vor mir getan haben.“

Sie deutete auf die alten Porträts der Custises an der Wand. Wenn irgendeiner von ihnen unzufrieden aussah, begegnete er einer Miene, die so hochmütig war wie seine eigene.

„Vesta“, rief ihr Vater, „du weißt, dass du diesen Mann nicht liebst?“

Als sie einen Moment auf die Sehnsucht in seinem Gesicht zurückblickte, das nun die Sorge persönlicher Zuneigung trug, schmolz sie unter ihr.

„Nein, Vater“, sagte sie mit einem Ausbruch von Tränen. „Ich liebe dich.“

Sie schlang ihre Arme um ihn und küsste ihn lange und innig, beide weinten zusammen. Er verfiel in einen Anfall von Trauer, der kein Gespräch zuließ, bis er teilweise vergangen war, und lag schließlich mit seinen grauen Haaren an ihrem bebenden Busen gefaltet, wo der Ausgleich seiner Liebe ihr Opfer kostbarer machte.

„Ich fühle, dass ich das Richtige tue, Vater“, sagte sie zärtlich. „Bis jetzt hatte ich meine Zweifel. Kein anderes junges Herz wird durch diesen Schritt von mir geschädigt; ich war niemals verlobt, und es erscheint nun schicksalhaft, da ich dir damals nicht hätte zu Hilfe kommen können, ohne mich selbst und eine andere zu verletzen; und deine Schulden sind zu groß, als dass jemand außer diesem Mann sie begleichen könnte. Dein Leben war ein langes Opfer für mich, und bis zum heutigen Tag hat keine Wolke mich verdunkelt, was mir den ersten Schauer der Trauer beschert, von dem ich hoffe, dass er meine Seele erfrischen und ihre Demut wachsen lassen wird. Oh, Vater, es würde mich so sehr freuen, wenn du auf mein Opfer mit einem besseren Leben antworten könntest!“

„Gott helfe mir, ich werde es!“, schluchzte er.

„Das ist sehr tröstlich für mich. Ich werde deine Versäumnisse nicht aufzählen, lieber Vater, aber wenn dieser wichtige Schritt in meinem Leben nicht einige traurige Tendenzen aufhält, die ich bei dir sehe, könnte mich die Enttäuschung niederbrechen. Maßlosigkeit bei dir – einem Richter, einem Herrn, einem Ehemann und einem Vater – ist eine Missbildung, schlimmer als Herrn Milburns ehrlicher, unmodischer Hut. Fühlst du dich nicht glücklicher, dass mein Ehemann kein Trinker sein wird?“

„Er hat dieses Laster nicht, Gott sei Dank!“, gab der Richter zu.

„Sei sein besseres Beispiel, Vater, denn ich hoffe, dich ihn beeinflussen zu sehen, freundlich zu mir zu sein, und der Anblick von dir, wie du in seinem Blick abwärts gehst, wird mich mehr erniedrigen, als seinen Namen zu tragen oder seine Exzentrizitäten zu teilen. Oh, wenn du mich liebst, lass nicht deine liebe Seele aus der Erkenntnis Gottes gleiten!“

„Bete für mich, liebes Kind! Meine Füße sind schlüpfrig und meine Knie sind schwach.“

„Beginne von diesem Moment an, dich auf den Himmel zu stützen“, sagte Vesta. „Es ist besser als die Achtung dieser Welt. Oh, was würde mich jetzt stärken außer Gottes Zustimmung, obwohl ich in eine Gefangenschaft gehe, von der ich nicht träumte. Selbst dort kann ich meine Harfe unter die Weiden nehmen, wie sie in Babylon, und meinen Schöpfer preisen.“

Sie setzte sich an ihr Klavier und sang den Hymnus, den der junge Schwindsüchtige, Reverend Herr Eastburn, im Haus ihrer Großmutter komponiert hatte, und nahm ihn aus der bischöflichen Sammlung:

„O heiliger, heiliger, heiliger Herr! Hell in Deinen Taten und in Deinem Namen, Ewig sei Dein Name angebetet, Deine Herrlichkeiten lasse die Welt verkünden!

O Jesus, Lamm einst gekreuzigt, Um unsere Last der Sünden hinwegzunehmen, Dein sei der Hymnus, der seine Flut rollt Entlang der Reiche des oberen Tages!

O Heiliger Geist von oben, In Strömen von Licht und Herrlichkeit gegeben, Du Quelle der Ekstase und Liebe, Deine Lobgesänge erschallen durch Erde und Himmel!“

Als ihre Stimme von fast übernatürlicher Klarheit und Lieblichkeit die beiden großen Räume erfüllte und in Melodie verhallte, erhob sie sich, küsste ihren Vater erneut und sagte: „Nur Mut, mein Teurer! Wir werden dennoch glücklich sein.“

Ein Klopfen an der Tür, und es trat der junge Geistliche ein, nach dem sie geschickt hatte, eine sandhaarige, großäugige, knabenhafte Erscheinung mit heller, leicht sommersprossiger Haut und einem Ausdruck jugendlicher Ritterlichkeit unter seiner aufrichtigen christlichen Demut.

„Guten Abend, William“, sprach Vesta; „ich hatte nicht erwartet, dich zu sehen, bis wir die Kirche erreichen. Aber setz dich, und ich werde deine Fragen beantworten. Vater, du musst mit mir zur Kirche kommen – du und Virgie. Mr. Tilghman soll uns trauen.“

„Nun, Vesta“, sprach der junge Mann, als ihr Vater den Raum verließ, „wen wirst du heiraten, Cousine, in einer solchen Eile?“

„Hast du die Kirche herrichten lassen, William, wie ich es erbeten habe?“

„Das habe ich. Der Küster ist jetzt dort und zündet die Lichter an.“

„Ich dachte, du wärst so loyal wie eh und je, William, und ich verließ mich auf dich. Danke, lieber Freund! Ich werde Mr. Meshach Milburn um neun Uhr heiraten.“

Eine Wolke legte sich über das heitere Gesicht des jungen Mannes, obwohl seine Züge ihre gewohnte Sanftmut behielten.

„Ich kann dich trauen, Cousine, selbst Meshach Milburn“, sagte er, „wenn das dein Wunsch ist. Warum heiratest du ihn?“

„Es ist nicht loyal von dir, das zu fragen, William, aber ich werde dir diese Antwort geben: Er hat um mich angehalten. Er ist zudem ergeben und reich. Um Aufsehen zu vermeiden, womöglich irgendeinen Widerstand, wenngleich er vergeblich wäre, werden wir ohne weitere Ankündigung getraut, und Papa wird mich zum Altar führen.“

Einen Moment lang schweigend, rief der junge Pfarrer aus:

„Cousine Vesta, habe ich es erlebt, dass du eine käufliche Frau geworden bist? Hat dich der behauptete Reichtum dieses Mannes so kalt gelassen, dass du ihn begehrst, wo dir doch von fast jedem jungen Mann von Stand in dieser Gegend und von auswärts – sogar von mir – so großzügig Liebe angeboten wurde?“, sagte er nach einer Pause. „Die Narbe ist noch immer auf meinem Herzen, Cousine. Nein, ich will so etwas nicht von dir glauben. Es gibt einen Grund hinter dieser Tatsache.“

„William, wenn du mich so respektieren würdest, wie du einst sagtest, dass du es immer tun würdest, wie deine Schwester, dann würdest du heute Nacht nicht das Gewicht deines Zweifels zu meinen anderen Bürden hinzufügen, sondern meine Hand mit all der Kraft der deinen nehmen und mich aufrichten.“

„Das werde ich“, sagte der Pfarrer und schluckte, um einen Kloß im Hals loszuwerden. „Obwohl es eine bittere Zeit für mich war, als du mich abwiesest, Cousine, führte mich der Schmerz zu meinen Gelübden an den Altar, an dem ich diene, und ich hatte dort die Unterstützung deiner wunderschönen Musik, wie der Engel, den ich dazu bestimmt sah, an deiner Stelle an meiner Seite zu sitzen. Und ich weiß, dass diese Heirat deinerseits so rein ist wie die meiner Schwester. Weiter werde ich nicht fragen – welche Strafe du für einen anderen zahlst, welches Geheimnis ich nicht ergründen kann.“

Er hob seine Hände über ihr Haupt: „Der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, sei mit dir, liebe Schwester, auf ewig!“

Er ging hinaus, die Augen voller Tränen, doch ihre waren erfüllt von himmlischem Licht, da sie seinen Segen als rechtmäßig empfand.

KAPITEL XII.

DIE LEUTE VON PRINCESS ANNE.

Das Washington Tavern, oder vielmehr der Ziegelstein-Bürgersteig, der bis an seine Türen reichte und der Tummelplatz für alle erwachsenen Müßiggänger in Princess Anne war, befand sich den ganzen Samstagnachmittag in größter Betriebsamkeit, seitdem von Jack Wonnell berichtet wurde, der sich zum Spion von Meshachs Besorgungen gemacht hatte, dass der Turmhut im großen Herrenhaus von Judge Daniel Custis verschwunden sei.

Jack Wonnell trug einen abgenutzten Glockenhut auf dem Kopf, der jedem Wetter ausgesetzt war, da er die Gewohnheit hatte, in diesen Biberhüten zu fischen, und sein Leben lang nie einen Regenschirm besessen hatte. Er lebte in der Nähe von Meshach, im alten Teil von Princess Anne, nahe der Brücke, und war das Ziel des Hohns und der Verachtung des Geldverleihers, da dies dazu neigte, eine gegenseitige Exzentrik lächerlich zu machen. Milburn war bereit gewesen, für seinen Hut gehasst zu werden, aber Jack Wonnell machte alle unzeitgemäßen Hüte lächerlich, umso mehr, als er fast ebenso lange Träger seiner Glockenhüte war wie Milburn der Turmspitze. Obwohl er keine solchen Gründe der Ehrerbietung und strengen Beständigkeit hatte wie sein reicher Nachbar, schien er in seinem eigenen Geist und in dem der einfachen Leute eine bessere Verteidigung dafür zu haben, den gängigen Geschmack der Kleidung zu verletzen.

Die Leute sagten, Jack Wonnell, als armer Mann, könne sich nicht alle Moden kaufen und trage lediglich ein Schnäppchen auf; dass er wisse, dass er lächerlich sei, und sich auf seine Absurdität nicht solch einen Dünkel einbilde wie der grimmige Milburn; und sie genossen es eher, dass er den Dromio für jenen Antipholus spielte und die Komödie von Meshachs Irrtum zur Farce machte.

Jack Wonnell hatte sich sein Schnäppchen teilweise durch das Beispiel von Meshach zu eigen gemacht. Ein leichtfertiger, unambitionierter, kindischer Kerl, der die Leute unterhielt, ihnen gefiel, Besorgungen machte, die Postkutsche fuhr, gärtnerte, fischte, mit den Jungen spielte, armen weißen Dienstmädchen den Hof machte, zügellos, harmlos, er war dazu angetrieben worden, auf sein Los alter Hüte zu bieten, weil Jimmy Phoebus gesagt hatte:

„Jack, spottbillig! Hält dein ganzes Leben! Bessere Hüte als die von dem alten Meshach Milburn. Du wirst seine aus der Stadt vertreiben.“

Zu seinem unendlichen Vergnügen und seiner Würde zog sein Erscheinen in den Glockenhüten die strenge Beachtung von Milburn auf sich und brachte das kleine Städtchen zum Grinsen. Der Scherz ging so weit, bis Jimmy Phoebus, Judge Custis und einige andere Jack Wonnell mit dem Versprechen einer Gallone Whiskey dazu anstifteten, Meshach zu bitten, die Turmspitze gegen den Glockenhut zu tauschen. Der intensive Blick der Empörung und des Hasses, mit der begleitenden Drohung, die sein Stadtbewohner erwiderte, erschreckte Jack wirklich, und er hatte Milburn seitdem vorsichtigerweise gemieden, während er seine Bewegungen und Aufenthaltsorte so genau im Auge behielt wie die eines aufgestachelten Wachhundes, der überall auftauchen konnte.

Auf diese Weise war Jack Wonnell Meshach bis zur Ecke des Gerichtsgebäudes gefolgt, wo Judge Custis’ Ziegelstein-Bank stand – die in letzter Zeit wenig Diskontgeschäfte getätigt hatte – und von dem offenen Raum zwischen ihr und dem Gerichtsgebäude in ihrem Rücken spähte er Milburn die Hauptquerstraße hinauf, die Prince William Street genannt wurde, welche direkt vor Judge Custis’ Tor endete. Dort, in der Stille des frühen Nachmittags, hörte er den Türklopfer erklingen, sah die Tür sich öffnen und erblickte, wie der Entailed Hat in dem großen Torbogen verschwand. Dann, kaum seinem eigenen Sinn trauend, rannte Wonnell zurück zum Wirtshaus und rief:

„Möge ich auf der Stelle tot umfallen, wenn der alte Meshach nicht beim Richter drin ist!“

„Du bist ein Lügner!“, sagte Jimmy Phoebus prompt, packte Jack am Nacken und drückte seinen Glockenhut so tief, dass er über seine Nase und Augen gequetscht wurde. „Was meinst du damit, solch ein Geschwätz zu verbreiten?“

„Ich habe ihn gesehen, Jimmy“, war der erstickte Schrei des Helden mit dem Glockenhut; „wenn nicht, möge ich sterben!“

„Was wollte er dort?“

„Das kann ich beim Leben nicht sagen, Jimmy!“

„Whoo-oo-p!“, schrie Phoebus und schwang seinen alten Strohhut, der selbst schon fast aus der Saison war. „Wenn das eine Lüge ist, Jack Wonnell, dann werde ich dich einen rohen Fisch essen lassen. Levin“ – zu Levin Dennis – „schleich dich zu Custis’, und sieh nach, ob der alte Meshach nicht um den Zaun herumgegangen ist oder die Church Street entlanggebummelt ist und sich auf dem Friedhof versteckt hat, wo er manchmal hingeht. Ich bleibe hier und werde Jack Wonnell für solch eine Lügerei zur Rechenschaft ziehen!“

Levin Dennis, ein knabenhafter, lockenköpfiger, anmutig gehender Waise, ging die Querstraße hinauf, passierte die Church Lane und die Back Alley, wandte sich langsam an der langen Front von Teackle Hall und ging die parallele Straße in Richtung der unteren Brücke auf der Deil’s Island Road, bis er sich umdrehen und die drei Gebäude von Teackle Hall mit ihren großen Schornsteinen sehen konnte, die ihre Giebel und Blitzableiter in ihrer Umkehr seinem Blick entgegenhoben, wobei die teilweise entblätterten Bäume es erlaubten, dass dieser herrschaftliche Bau in einem Großteil seiner Länge und imposanten Proportionen hervortrat. Damit er nicht der Neugier verdächtigt würde, ging Levin weiter bis zur Brücke am Manokin Landing und zählte die Gänse, die dort auf einem weidengesäumten Kap aus einer Wiese kamen und sich wie eine Flotte weißer Schoner ins Wasser begaben. Er stieg die Anhöhe hinter der Brücke hinauf und schaute hinüber, ob Meshach vielleicht einen Spaziergang die Straße hinunter gemacht haben könnte. Dann kehrte er zurück und überblickte die Rückseite von Princess Anne, von der niedrigen Klippe aus Zedern auf einem anderen bewohnten Kap zur Rechten, das an die Manokin-Sümpfe grenzte, bis zum Tal des kleinen Flusses zur Linken, wie er zwischen Meshachs Lagerhaus und der alten presbyterianischen Kirche des Head of Manokin hinabfloss, die inmitten ihrer Grabsteine zwischen ihren Anbindeställen und ihrem respektablen Pfarrhaus thronte. Nichts war von dem Besitzer des auffälligen Hutes zu sehen.

Also kehrte Levin Dennis langsamer um den Nordflügel von Teackle Hall zurück und schaute auf jedes Fenster, als ob Meshach dort sein könnte; aber er sah nichts außer dem Hund, der Levin zufolge unruhig erschien und aus dem Tor rannte, um sich mit ihm anzufreunden.

„Na, Turk!“, murmelte Dennis und tätschelte den Kopf des Hundes, „kein Wunder, dass du erschrocken bist, Junge, wenn du den alten Meshach Milburn reinkommen siehst.“

Teackle Hall, so hieß es, wurde am Ende des Unabhängigkeitskrieges von einem Onkel oder Großonkel von Judge Custis erbaut, der aus Virginia stammte, irgendwo zwischen den Bezirken Accomac und Northampton, und der in den Schiffbau am Manokin einstieg, dazu etwas Freibeuterei und Bankgeschäfte hinzufügte, und einmal, als er im Ausland war, brachte er von einem herzoglichen Wohnsitz den Plan von Teackle Hall mit, wie Judge Custis ihn bei seinem Erwerb des Anwesens vorfand.

Es war fast zweihundert Fuß lang und hätte drei respektable Kirchen ergeben, in einer Reihe stehend, mit ihren scharfen Giebeln nach vorne, die kühnen Flügel durch bewohnbare Vorhänge oder Kolonnaden mit dem kühneren Zentrum verbunden, in denen Schiefer- oder gemaserte Steinpaneele ein Dachgeschoss über den Fensterreihen bildeten, und Stürze und Schwellen aus demselben Stein, mit hohen Schlusssteinen, krönten jedes Fenster in der vielseitigen Oberfläche des gesamten stattlichen Blocks, alles erbaut aus Ziegeln, die in Schiffen vom Westufer oder möglicherweise aus dem Norden oder Europa hergebracht und in einer grauen Steinfarbe gestrichen worden waren.

Sein zentraler Giebel hatte tief geschnitzte Traufen und eine Giebelbasis, um Regen abzuleiten, und ein großes kreisförmiges Fenster in diesem Giebel. Die zwei mächtigen Schornsteine dieser Mitte verliefen parallel zum Dachfirst und erhoben sich fast aus der Mitte der beiden gegenüberliegenden Hänge, was auf vier große Kamine darunter hindeutete, und ein flaches, niedriges Observatorium mit Galerie auf dem Dach bot an klaren Tagen Ausblicke auf Teile der Bucht.

Die Flügel von Teackle Hall hatten ähnliche, aber niedrigere Schornsteine, die rittlings auf ihren Dächern saßen, und Waldbäume – Eiche, Gummi, Stechpalme und Kiefer, mit einer großen Weide und einigen fahlen Zedern sowie Büschen von Rose und Flieder – übersäten den grasbewachsenen Rasen. Der Wilde Wein und der wilde Efeu kletterten hier und da zu den oberen Fenstern, und ein hoher, breiter, getäfelter Torbogen, der sich auf eine niedrige, offene Portikusplattform mit Stufen öffnete, schien den Besuchern zu sagen: „Männer von Bedeutung und Gewicht treten auf diesem Weg ein, aber Untergeordnete treten durch eine der kleineren Türen ein!“

Levin Dennis, der diesen Klopfer nie betätigt hatte, obwohl er oft seine Sumpfschildkröten zur Küche gebracht hatte, starrte besorgt auf die Tür, bei der Meshach Milburn angeblich hineingegangen war, und wäre kaum überrascht gewesen, wenn dieser Eindringling nun an einem der drei tiefen Fenster über der Tür mit einem Feuerbrand in der Hand erschienen wäre.

Levin murmelte vor sich hin: „Reiche Leute, denke ich, müssen Geschäfte machen. Vielleicht sind es Pferde – vielleicht nicht. Ich weiß, es sind keine Hüte.“

Er wandte sich dann der Episkopalkirche zu, nur ein Block von Teackle Hall entfernt und an einer Straße zwischen ihr und der Hauptstraße, wenn auch in einer zurückgezogenen Lage, ihre Front von der Stadt abgewandt und über die Felder und Farmen blickend, wie ein guter Pastor, der sich am Feuer wärmt, während er die Hände hinter dem Rücken hält.

Ein einstöckiges, langes, niedriges Gebäude aus britischen Ziegeln, mit seinem halbkreisförmigen Chor zur Straße hin und, an den Chor anschließend, einem Turm aus modernerem Ziegelmauerwerk, der bis zu einer offenen Glockenkuppel und einer offenen gerippten Kuppel, ebenfalls aus Ziegeln, hochgezogen war, bekrönt von einem vergoldeten Kreuz; der Efeu war dicht und grün rund um den Chor gewachsen und zog sich entlang der Seite der Kirche, wo Levin Dennis unter vier hohen, rundbogigen Fenstern aus buntem und drahtverstärktem Glas entlangging, bis er zum Endgiebel oder der Front der Kirche kam, die in weltfremder Betrachtung des Friedhofs und der dahinter liegenden Felder stand.

Dort, seit dem Stempelsteuerkongress, oder als Princess Anne noch keine fünfzig Jahre alt war, hatte die alte Kirche ihren Standort bezogen, den Rücken zur Stadt gekehrt, abgeschlossen von ihrem Klatsch. Zwischen ihren hohen, runden Türen mit kleinen Fensterscheiben wie Brillen, die in ihre Paneele eingelassen waren, erhob sich die Efeuranke in der Form wie der Abdruck des Gekreuzigten, ihre Stängel und Ranken weit ausstreckend von dem einen verherrlichten Fenster im Giebel, in dessen roten Farben das Triumphieren eines blutigen Antlitzes schimmerte. Die moosigen Mauern, oft abgeschabt, das moosbedeckte Pflaster, die grünlichen Marmorgräber unter den Ahornbäumen und Tannen zeigten die Wirkung von Schatten, Einsamkeit und Feuchtigkeit auf alle Dinge aus Ziegeln in diesem Klima, wo Holz bereits als Baumaterial in Mode kam, jedoch zum Nachteil der Bildhaftigkeit und jeglichen Anscheins von Altertum.

Keine Spur des unbeliebten Stadtbewohners war irgendwo zu sehen, aber als Levin Dennis um das Laub auf dem Hof spähte, erblickte er einen Mann, den er noch nie zuvor beobachtet hatte, von hoher, bärtiger, verdächtiger und rüpelhafter Erscheinung, der flach auf der Oberseite eines Grabgewölbes lag, wobei Kopf und Füße halb in einigen Zedernbüschen verborgen waren.

„Hallo!“, rief Dennis.

„Was halloest du da?“, sprach der Mann; „kommst du nie auf einen Kirchhof, um deine Sünden vergeben zu bekommen?“

„Nein“, sagte der Schildkrötenfinder, „nicht bevor ich weiß, dass ich welche habe.“

„Was schleichst du dann überhaupt um die Kirche herum?“, forderte der Fremde und stand in seinen Stiefeln auf, in die seine Hose gesteckt war; und er stand als ein so aufrechter, langgliedriger, geschmeidiger Riese von einem Mann da, dass Levin sah, dass er niemals weglaufen könnte, selbst wenn der Eindringling vorhätte, ihn direkt dort zu verspeisen.

„Ich schleiche nicht, Freund“, antwortete Levin Dennis. „Ich habe nur geschaut.“

„Geschaut nach was, nach welchem, nach wem?“, sagte der Mann und machte einen Schritt auf Dennis zu, der sich nicht größer fühlte als eines der langen, grabenüberspringenden, zum Waten geeigneten Beine des anderen.

„Nun, ich bin nur einem Mann gefolgt – das heißt, Freund, nicht genau einem Mann, sondern einem Hut.“

„Einem Hut?“ Der Mann kam diesmal auf Dennis zu und stand über ihm wie eine Kiefer über einem Schössling. „Hier ist dein Hut“, und er zog einen alten Strohhut, der übermäßig abgenutzt war, von Dennis’ Kopf. „Es weht kein Wind, um Hüte auf Friedhöfe zu wehen. Oder hast du deinen Hut hier unter eine Henne gesetzt, bei einem Steifen?“

Dennis schaute lachend auf, wenn auch nicht ganz wohl in seiner Haut, aber seine liebenswürdige Mangelhaftigkeit an Intelligenz oder Angst, die nah beieinander liegen, machte sein natürlichstes Erwidern auf den beharrlichen Eindringling zu einem entwaffnenden Grinsen.

„Nein, Mann“, sagte Dennis, „es war ein Hut auf dem Kopf eines Mannes – die Turmspitze des alten Meshach Milburn. Ich bin ihm gefolgt.“

„Halt dein Maul!“, der Mann klatschte den Hut zurück auf Levins Kopf. „Du bist sowieso ein armer Tropf. Gibt es hier in der Nähe Nigger zu verkaufen?“

„Oh, das ist dein Geschäft, Nigger kaufen? Nun, es gibt verdammt wenige Nigger in Princess Anne zu verkaufen. Es sei denn“ – hier leuchtete ein Funken Intelligenz in Levins Augen auf – „es sei denn, das ist es, was den alten Meshach Milburn zu Judge Custis geführt hat. Er geht nirgendwo hin, es sei denn, es gibt Ärger oder Geld für ihn.“

„Und wo ist Judge Custis’, du dummer Dickkopf?“

„Da drüben!“, und er zeigte auf Teackle Hall.

„Ha! Das ist also eines Richters? Und Nigger? Pleite auch! Nun, das ist kein Köder für einen Entführer. Also bingavast! Geh! Wo ist das Wirtshaus?“

„Da gehe ich gerade hin“, antwortete Levin, sehr erleichtert. „Sie müssen ein Yankee sein oder ein anderer Ausländer, Sir.“

„Nein, Tropf! Ich arbeite mich von Norfolk zurück nach Delaware, mit dem Pungy nach Somers’ Cove. Zeig mir das Wirtshaus, und ich spüle dir den Schlund. Ich lade dich auf einen Schluck ein.“

Bei der Aussicht auf ein Getränk, dem er nur allzu zugetan war, führte Levin den Weg zum Washington Tavern, wo es einen wesentlichen Zuwachs an Anwesenheit gab, seit Jimmy Phoebus jedem Passanten zugerufen hatte, dass Meshach Milburn, nach dem Zeugnis von Jack Wonnell, tatsächlich im Hause von Judge Custis eingegangen und verschwunden sei, und fast ein Dutzend Stadtbewohner diskutierten nun das Warum und Weshalb, als plötzlich Levin Dennis aus der Church Street mit einem Mann von über sechs Fuß Größe kam, mit einem erstaunlichen Paar Beine und Armen, die fast ebenso lang waren, mit einem Paar kalter, herausfordernder, doch rastloser blauer Augen und mit rötlich-braunem Bart und Haar, grob und struppig. Der freie Neger Samson Hat, der ein wenig abseits stand, wurde dabei beobachtet, wie er einen strahlenden Blick der Bewunderung auf die athletischen Proportionen des Fremden warf, der aussah, als könnte er einen Ochsen schultern oder ein Pferd überholen.

„Hallo!“, rief Jimmy Phoebus aus und musterte den Fremden kühn, wenn auch letztlich gleichgültig. „Du machst auch schon große Sprünge, Levin. Wo ist Meshach?“

„Kann keine Spur von ihm sehen, Jimmy. Ich glaube, Jack Wonnell hat recht gehabt, und er ist beim Richter drin. Vielleicht kauft er die Nigger von Judge Custis. Das ist das Geschäft dieses Herrn.“

Jimmy Phoebus, selbst kein unbedeutendes Exemplar eines Mannes, warf einen weiteren Blick auf den Fremden mit seinen schwarzen, kirschenartigen Augen und machte, anscheinend nicht besser zufrieden mit der Inspektion, keine Anstalten der Bekanntschaft.

„Wer nicht zu fein ist, mit einem Nigger-Käufer zu trinken“, sagte der Mann unabhängig, „kann reinkommen und sein Getränk bezahlen, mit meinem Geld, denn ich bin fett vor Geld und verrotte geradezu vor Barem.“

Es entstand eine Pause, damit jemand die Initiative ergreifen konnte, aber Jimmy Phoebus, der sein großes, breites griechisch anmutendes Gesicht und seine kleine Stirn auf den Fremden wandte, bemerkte:

„Ich habe noch nie mit einem Nigger-Käufer getrunken, und, bei Rauch! Ich glaube, ich bin zu alt, um damit anzufangen.“

Der Mann hielt an und maß Jimmy mit den Augen.

„Humph!“, sagte er mit einem spöttischen Lächeln, „du siehst aus, als wärst du selbst zu mehr als der Hälfte ein Nigger. Wenn ich völlig pleite wäre, würde ich dich zum Markt bringen und meinen Preis für dich bekommen.“

„Daran besteht gar kein Zweifel, was dich betrifft“, sagte Jimmy unaufgeregt, während der Mann Levin Dennis in Richtung der Bar stieß.

Entweder die neue Bewegung von Meshach Milburn oder das Beispiel des fremden Mannes versetzte Princess Anne an jenem Tag in einen beschwipsten Zustand. Der Fremde war voller Geld und lud wahllos ein, und der Bürgersteig vor dem Hotel war ständig von Müßiggängern belagert, und die Bar nahm Geld ein und verbreitete Unheil. Als also, eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, der unbeliebte Stadtbewohner, der die Menge mied, auf der gegenüberliegenden Straßenseite an seinem eigenen Wohnsitz vorbeiging, ertönte eines der lautesten und einstimmigsten Gebrüll, das er in seiner Erfahrung je gehört hatte, aus dem Washington Tavern.

„Turmspitze! Turmspitze! Der alte Meshach ist los. Whoo-o-op!“

„Lacht nur!“, dachte Meshach, „bis jetzt kannte ich nie die Bedeutung von ‚wer zuletzt lacht, lacht am besten‘.“

Er fühlte sich in seiner Idee bestätigt, in dem Raleigh-Ziegelhut zu heiraten, und als er Samson Hat sah, sagte Milburn: „Junge, bürste meine ganze Kleidung gut ab. Dann geh zurück zum Stall und bestelle einen Buggy, der um zehn Uhr für dich bereitsteht. Zu dieser Stunde brich nach Berlin auf; und bring Rhody Holland morgen mit dir zurück.“

„Es sind mehr als dreißig Meilen, Herr, und ein sandiger Weg.“

„Macht nichts. Lass es langsam angehen. Ich werde dir einen Brief schreiben, den du mitnehmen kannst. Samson, ich werde heute Nacht die Rose von Princess Anne heiraten.“

„Da gibt es nur eine“, sagte Samson. „Nicht Miss Vesty Custis?“

„Ja, Samson. Princess Anne darf nun etwas haben, worüber sie heulen kann. Das arme Mädchen mag einsam sein, da sie zweifellos meinetwegen überall fallen gelassen wird, und ich kann mir keine Seele als Zofe für meine junge Herrin vorstellen, es sei denn, es ist Rhody.“

„Ja, Herr, mit all Ihrem Geld sind Sie arm an Freunden; an Freundinnen sind Sie verhungert.“

„Du kannst mit mir zur Kirche kommen“, sagte Meshach, „ich nehme an, du willst sehen, wie ich heirate.“

„Ja, Herr. Das will ich! Würde das nicht für mein Weihnachtsgeschenk verpassen. Ich vermute, das Mädchen Virgie wird mit Miss Vesty zur Zeremonie kommen, Herr.“

„Vielleicht. Du denkst doch nicht auch an Liebe, Samson?“

„Nun, ich weiß nicht, Herr. Virgie ist ein feines Mädchen, sicher, ich bin ein wenig alt, Herr Milburn, aber ich werde wohl für mich selbst sorgen müssen, jetzt, da Ihr meinen Schlupfwinkel niedergebrannt habt. Da kommt jetzt eine Ehefrau ins Spiel. Wenn Ihr also kein gutes Wort bei einem von Miss Vestys Mädchen für mich einlegt, bin ich so gut wie erledigt.“

„Nun, Junge“, sagte Meshach, „du hast dieselbe Chance, die ich hatte: die Oberhand. Ich schulde dir eine nette kleine Summe an Lohn, und vielleicht kannst du eines der Hausmädchen der Custis kaufen, sie freilassen und heiraten oder ihr Besitzer sein. Du bist ein freier Mann.“

Samson schüttelte ernst den Kopf.

„Das funktioniert nicht unter Negern“, sagte er. „Neger können in der Liebe nie die Oberhand spielen wie weiße Leute. Sie müssen es durch die Liebe selbst tun: durch Freundlichkeit, Herr.“

Vor neun Uhr verließen Milburn und sein Neger den alten Laden an der Stadtbrücke und gingen, am Flussweg namens Front Street vorbei in die Church Street, hinter das Hotel, wobei sie dessen Müßiggänger mieden, und erreichten in wenigen Minuten unbemerkt die Kirche. Die langen Fenster verbreiteten jedoch etwas Licht, aber da es Samstagabend war, wurde dies von den wenigen, die es bemerkten, auf die Vorbereitungen für den nächsten Sabbatmorgen zurückgeführt. Bevor sie aufbrachen, fragte Samson Hat, der bemerkte, dass sein Arbeitgeber ein wenig zitterte, ihn, ob ein Schlückchen Whiskey nicht angebracht wäre.

„Nein, Junge; das ist eine Hochzeit ohne Wein. Ich werde all meinen Verstand brauchen, um meine Manieren zu finden.“

Er betrat die Kirche und fand sie beheizt vor; der Pfarrer war bereits in seinem Chorhemd anwesend und kniete allein am Altar. Mr. Tilghman erhob sich mit seinem jugendlichen Gesicht, das sehr blass war und Tränen auf den Wangen hatte, und als er seinen vernachlässigten Gemeindemitglied und den Diener sah, kam er den Mittelgang herab.

„Mr. Milburn“, sagte er und reichte ihm die Hand, „ich hoffe, nach dieser Zeremonie einen christlich gesinnten Bräutigam beglückwünschen zu können, der die seltene Aufgabe, die ihm zugefallen ist, in zärtliche Obhut nehmen wird. Mein Bestreben wird es sein, Euch zu lieben, mein Herr, wenn Ihr es mir erlaubt! Miss Vesta ist die Priesterin von Princess Anne, und wenn Ihr sie unserem Blick und Gehör entzieht, werden selbst Gottes Dienste in dieser Kirche hohl erscheinen, fürchte ich.“

„Für mich wären sie das“, sagte Milburn, „wenn auch aus keinem Mangel an Respekt gegenüber unserem Pastor.“

„Ihr seid ein treues Gemeindemitglied gewesen“, fuhr Tilghman fort, „während meiner kurzen Tätigkeit hier, wie schon in meiner Jugend, als ich mir kaum träumen ließ, dass ich einmal jenes Pult ausfüllen würde. Ihr wisst vielleicht, dass ich wegen der hoffnungslosen Liebe zu meiner Cousine Custis zu Gott floh, um Trost zu finden, und Er machte mich zu seinem demütigen Diener.“

„Ich habe davon gehört“, sagte Milburn; „oder besser gesagt, ich habe es gesehen.“

„Verzeiht, dass ich ein Thema erwähne, das so irrelevant für Euch ist, mein Herr, aber obwohl ich jedes eitle Gefühl für meine Cousine aufgegeben habe, ist ihr Glück ein Teil meiner Religion, und dieser plötzliche Entschluss zu ihrer Hochzeit, über den ich nur eine Frage gestellt habe, hat mich dazu gedrängt, mich auf Euer Mitgefühl zu stützen.“

„Was bittet Ihr, William Tilghman? Ganz gleich – Eure Bitte ist gewährt.“

„Wie habe ich Eure Gunst gewonnen?“, fragte der junge Pfarrer etwas überrascht.

Milburn nahm mechanisch seinen Hut von einer Kirchenbank und hielt ihn ein Stück in die Höhe.

„Ihr wart der einzige Junge in diesem Dorf, der nie hinter diesem Hut hergeweint hat.“

„Dann wurde er wahrscheinlich von mir übersehen. Ich war wie die anderen Jungen, schelmisch, bevor mein Gemüt durch unglückliche Liebe niedergedrückt wurde, und ich wusste nicht, dass ich eine Ausnahme von ihren Gewohnheiten bildete.“

„Es war erfreulich, diese Ausnahme zu sehen“, sagte Milburn; „Leute, die ausgebuht werden, machen feine Unterschiede.“

„Oh, Mr. Milburn, vergebt den Jungen! Sie sind zum Lachen gemacht, und kleine Ursachen regen es an, wie Hunde zum Bellen, aus Gesundheit und Bewegung – kaum mehr als das. Die Bitte, die ich habe, ist, dass Ihr mich Euren Freund sein lasst, weil ich der Eurer Frau gewesen bin! Offenheit ziemt meinem Stand, und ich denke, Ihr braucht freundliche, herzliche Umgebungen, um Eure Nützlichkeit hervorzubringen und Euch die Freiheit zu geben, die den Zwang aus Eurem Familienleben nimmt und, ohne Eure guten Empfindungen zu schmälern, alle krankhaften zerstreut. Dies wird Vesta einen Weg eröffnen, ihre häusliche Laufbahn zu sehen, die sonst so schnell schrumpfen könnte, dass sie Euch beide enttäuscht. Ihr habt sie als das Idol ihres weiten Kreises gesehen, frei wie ein Vogel, verwöhnt von ihrer Art und auch von der Vorsehung, bis Freude und Anmut, Schönheit und Gesundheit, Glaube und Hoffnung in ihr reichlich vorhanden sind, und Ihr seid der Nutznießer von alledem. Ihre Gesellschaft müsst Ihr fortan kontrollieren. Darf ich Euer Freund werden und darf meine Liebe zu Eurer Frau mich Eurem Vertrauen empfehlen, wie Ihr dem meinen und meinen Gebeten?“

„Habe ich schon einen weiteren Freund?“, rief Milburn aus, seine Stimme bebte. „Welchen Reichtum sie mir bringt, den ich nie zuvor kannte! William, Ihr werdet mir immer willkommen sein.“

Sie schlossen darüber die Hände, und man hörte, wie der alte Samson Hat, der hinten saß, so laut in sich hineinkicherte, eine derart wärmende Lache, dass Meshachs Antwort darauf, in einem plötzlichen blassen Schaudern, leicht unpassend wirkte. Er wurde jedoch durch das Eintreten von Richter Custis mit seiner Tochter und ihrer Zofe Virgie daran erinnert.

Vesta war sehr blass, aber weder zurückweichend noch ablehnend. Im Gegenteil, sie stützte ihren Vater eher, als dass sie seine Stütze empfing, und Milburn sah das verlebte, hilflose Gesicht des Richters, von dem der Stolz gewichen war, und wie Mitleid für seine Tochter jedes andere Gefühl der Niedergeschlagenheit absorbierte.

Er trug seinen besten Tuchanzug, dessen Rockschöße hinten bis zu den Knien fielen, der Leib war bis zu den Hüften gerade geschnitten und der Kragen saß hoch über seinem Plastron aus weißem, emailliertem englischem Leder. Seine tief geknöpfte Weste ließ seine Hemdknöpfe aus Kristall und vergoldetem Metall sehen, und eine von Roxys schmalen Händen mit flinken Strichen gebügelte Rüsche teilte sich in der Mitte wie Meerschaum auf einer Muschel; ähnliche Rüschen an den Handgelenken wurden durch Kettenknöpfe aus Perlmutt und Silber geschlossen. Seine Weste war aus gemustertem Marseiller Stoff, und Gamaschen aus demselben Material bedeckten teilweise seine Schuhe; und sein schweres Siegel mit seinem Wappen darauf hing an einem blassen Band an seiner Uhrtasche. Obwohl er verschuldet war und sich vor dem Gericht der Kirche einem schweren persönlichen und familiären Urteil stellen musste, machten ihn seine großen und fließenden Körperlinien, das tief geschnittene Kinn, die vollen Augen und die natürliche Höhe und Anmut seiner Statur überall zu einer markanten und edlen Erscheinung.

Vesta Custis, die mit einem Fingerzeig ihrer Zofe einen Mantel aus blauem Samt ablegte, stand in einem Gesellschaftskleid aus weißer Seide, Hals, Schultern und Arme nackt; und als sie eine Minute im Mittelgang innehielt, schlug Virgie die Stoffriemen von den weißen Seidenpantoffeln ihrer Herrin und entfernte ihre Kapuze aus handbesticktem Stoff, woraufhin ein weißer Schleier bis zu ihrer Schleppe fiel. Das trübe Licht der Walöl-Lampen versammelte sich wie die staunenden Augen armer Leute Kinder um das Paar Diamanten in ihren zierlich geformten, aber aufmerksamen und großzügigen Ohren. Ihre feine goldene Uhrenkette, die zweimal vom Hals herabhing, verschwand in der schneeweißen Wölbung ihres Busens, auf dessen wogender Drift eine Magnolienknospe und eine Blüte schwammen, jede mit einem Blatt. Das Bildnis ihres Vaters, eine sorgfältige Miniatur in Perlen gefasst, lag höher auf ihrer Brust, befestigt durch eine Perlenkette. Ihre Hände waren mit weißen Handschuhen bedeckt, und ihre Arme waren ohne Schmuck. Ihr Haar, das in dunklen Locken um Stirn und Schläfen fiel, war weiter hinten nach oben gekämmt und dann um einen Perlenkamm in hohen Zöpfen zusammengefasst, und die üppigen Schlaufen fielen bis auf ihre Schultern herab.

Milburn warf einen Blick auf die Schätze ihrer unvergleichlichen körperlichen Reize, die ihm bis heute verborgen geblieben waren, und ihr Glanz machte ihm fast Angst.

Niemals war er in einem Theater, bei einem Ball oder irgendwo gewesen, von wo aus er einen schwanengleichen Hals und einen Busen wie diese hätte vorhersehen können, und Arme so weiß wie die Gliedmaßen des Silberahorns, erwärmt von Brautleben und Bescheidenheit.

Ihre Lippen, geteilt und rot, ihre großen, reichen Augen, durch die eine Göttin hätte befehlen können, mit ihren Augenbrauen von Rabenschwarz, wie Eingänge zu den Höhlen der Sibylle von Cumae, ihr kleiner Kopf so leicht auf ihrem Hals getragen wie eine Taube auf einem Zweig – all das blitzte auf Milburns erschütterte und doch zurückzuckende Seele wie die Offenbarung einer Gottheit.

Als sie vortrat, sprach er sie mit jenem kühnen Instinkt oder jener Ekstase an, die sie bemerkt hatte, als sie ihn zehn Stunden zuvor zum ersten Mal im Haus ihres Vaters ansprach.

„Ihr habt Euch für mich angezogen?“, sagte er.

„Mein Herr, was ich auf diese Notwendigkeit hin befehligen konnte, damit gedachte ich, Euch Ehre zu erweisen.“

„Für mich, so schön auszusehen! Was kann ich sagen? Ihr seid sehr reizend!“

„Es ist gnädig von Euch, mich zu loben. Sollen wir warten, oder seid Ihr bereit?“

Er reichte ihr die Hand, unfähig, wieder zu sprechen, und sie war ruhig genug, um zu bemerken, dass seine Hand jetzt heiß war, als hätte er Fieber. Ihr Vater an ihrer Seite streckte ebenfalls die Hand aus und nahm die andere Hand des Bräutigams:

„Milburn“, sagte er heiser, „das ist nicht mein Werk. Meine Tochter hat nur deshalb mein Einverständnis, weil es ihr Wille ist.“

„Umso edler für mich deshalb“, sprach Milburn mit seltsam gerötetem Gesicht. „Was sollen wir tun, meine Dame?“

„Reicht mir Euren Arm; nicht jenen. Dieser ist der richtige. Habt Ihr einen Ring mitgebracht, mein Herr?“

„Ja.“ Er zog aus seiner Westentasche einen kleinen, schmalen Goldring, der kaum einen halben Dollar wert war.

„Es war der meiner armen Mutter“, sagte er.

Ohne ein weiteres Wort schritt sie voran, ihr Arm zog ihn mit sich, Virgie folgte, und ihr Vater bildete den Abschluss. Samson Hat, der sich unwohl dabei fühlte, dass ihm kein Teil an der Zeremonie zugewiesen wurde, schlich so weit wie möglich den Gang entlang bis zu dem großen Ofen mit der steifen Schürze in der Mitte der Kirche, hinter den er seinen Körper duckte, aber Kopf und Sinne im Zentrum des Geschehens behielt.

Mr. Tilghman war ihnen in seinem Chorhemd vorausgegangen und hatte seinen Platz am Altar eingenommen, mit einem Gesicht, das totenbleich war, und las das Exordium mit veränderter Stimme: „Geliebte, wir sind hier versammelt, angesichts dieser Versammlung, um diesen Mann und diese Frau in heiliger Ehe zu verbinden.“

„Welche ‚Versammlung‘ ist hier?“, dachte Vesta. „Nicht allein diese armen Neger und mein Vater; nein, ich fühle hinter mir, wie sie zuschauen, die Generationen unseres Stolzes und unserer hilflosen Bequemlichkeit, die würdigen jüngeren Freier, bei denen ich zu anspruchsvoll und wählerisch gewesen bin, um ihre Rücksichtnahme und Verdienste zu erkennen, die goldenen Stunden, in denen ich meinen Geist hätte bilden können, mit glänzenden Gelegenheiten, auf die ich nicht eifersüchtig war und die mein nicht mehr sein werden, weil ich mein jungfräuliches Licht nicht getrimmt hatte; und so verschlief ich meine Mädchenzeit, bis ich nun beim Ruf erwache: ‚Der Bräutigam kommt‘, und ich sehe! Ja, ich bin eine törichte Jungfrau gewesen und bin überrascht, wenn mein Schicksal da ist! Vielleicht steht auch mein Schutzengel hinter mir, das Kreuz voraus, das ich auf mich nehmen muss, meine Krone verborgen; aber irgendwo, auf halbem Weg dieser Lebensreise, mag sie sie mir geben und sagen: ‚Wohl getan!‘“

„Diese ‚Versammlung‘“, dachte Milburn mit schwindeligem Kopf, „versammelt, um zu sehen, wie ich heirate! Welche Versammlung? Ich scheine, neben diesen Negern, meinen einzigen Zuschauern, den bevölkerungsreichen Wald zu spüren, der herüberstarrt, die barfüßigen Generationen, die ungebildeten Bruten, die instinktiven Eltern, die sandigen Gräber. Sie bringen meinen verlorenen Stamm hervor, und alle schreien mir zu: ‚Geh, verlass uns, Stolzer! Verächter, geh!‘ Dennoch sehe ich eine, rein wie meine Braut, weiß wie der Busen meiner Gefangenen, ihre Seele ganz in ihren glaubenden Augen, und sie sagt: ‚Oh, mein Sohn, es ist eine Frau wie ich, die in dein Leben getreten ist, und ihr Herz ist sehr zart, und bei der sterbenden Liebe deiner Mutter! Sei gütig zu der armen Fremden, die du gekauft hast.‘“

Er antwortete laut: „Ich will!“, und es schien ein fast wunderbarer Zufall zu sein, dass es eine Antwort auf die Frage des Pfarrers war, bis er die entsprechende Frage hörte, die der Geistliche in seinem tiefen, aber sanftesten Ton an seine Braut richtete:

„Willst du ihm gehorchen und ihm dienen, ihn lieben, ehren und bewahren, in Krankheit und Gesundheit; und unter Verzicht auf alle anderen dir nur an ihn halten, solange ihr beide lebt?“

„Ich will!“, sprach die Tochter des Richters, klar wie Musik, und der Richter stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, durchtränkt von Tränen, als käme er aus den tiefsten Quellen des Kummers.

Er konnte nicht deutlich antworten, als er ihre Hand in die des Pfarrers legte. Der Pfarrer verlor für einen Moment sein Amt und seine Sprache, als er ihre Hand in die des Bräutigams legte. Die Sklavin brach in ein Wehklagen aus, das sie nicht unterdrücken konnte, und nur Vesta stand so ruhig wie ihr Bräutigam, legte ihre kühle, feuchte Hand in seine Feuerhandfläche und wartete darauf, die wohlüberlegte Sprache der Kirche zu wiederholen.

Als beide dieses feierliche Versprechen gegeben hatten, griff sie nach dem kleinen Ring und gab ihn ihrem alten Liebhaber, dem Pfarrer, und Virgie löste ihren Handschuh. Mr. Tilghman, dessen Tränen lautlos auf sein Buch fielen, reichte den Ring an Meshach weiter und sah, wie sein winziger Kreis sich um ihren weißen Finger schloss, nicht dicker als ein Strohhalm, doch gewaltig wie die Kette des Märtyrers. Seine Gebete wurden mit tiefem Gefühl gesprochen, und er erklärte sie zu Mann und Frau. Dann, als er Meshach die Hand schüttelte, sagte er mit seinem jungenhaften Gesicht, das so hell leuchtete, wie es der Glaube nur konnte:

„Mein Freund, darf ich meinen Kuss nehmen?“

Meshach nickte mit dem Kopf, aber sein Gesicht war wie ein Feuerball, und er wusste kaum, was verlangt wurde. Mr. Tilghman küsste Vesta und sagte:

„Cousine, Euer Ehemann ist mein Freund, und Liebe und Freundschaft umgeben Euch nun beide. Möge Euer Glück, wie Eure Güte, am sichersten sein, wenn Ihr Schwierigkeiten überwindet, wie jene Vögel, die erst dann mit vollkommener Anmut schweben können, wenn sie sich über die Wolken gekämpft haben.“

„Darf ich Euch jetzt küssen?“, sagte Milburn und starrte mit wildem Blick auf ihre reichen Augen.

Als sie gehorsam ihre Lippen hob, kam ein seltsamer, warmer, heiserer Atem, nicht natürlich und nicht einmal leidenschaftlich, aus seinen Nüstern. Der Richter, der dies betrachtete – für ihn kein erfreulicher Anblick, die schönste Custis seit zweihundert Jahren, die vor seinen Augen verschlungen wurde –, rief in seiner Seele aus:

„Trinkt Meshach? Seine Augen sehen feurig aus.“

Nachdem er also auch seine Tochter geküsst und gesagt hatte: „Möge Gott Euch mit Triumphen und Entschädigungen belohnen, die über unsere Ängste hinausgehen!“, sagte der Richter:

„Milburn, ich nehme an, bei der plötzlichen Entscheidung für diese Verbindung habt Ihr keine Vorkehrungen getroffen, wohin Ihr gehen wollt; kommt also natürlich nach Teackle Hall und macht es zu Eurem Zuhause.“

„Ist das Euer Wunsch, meine Liebste?“

Vesta antwortete: „Ja. Aber es steht Euch zu, zu wählen, mein Herr.“

„Ihr habt noch eine Stunde lang mit Eurem Vater zu tun“, sagte Milburn; „in der Zwischenzeit brauche ich etwas in meinem Lagerhaus, und da es noch früh am Abend ist, darf ich Euch eine Weile verlassen?“

Sie neigte erneut den Kopf, und während sie in Richtung Kirchentür gingen und dort verweilten, nutzte Samson die Gelegenheit, Virgies beide Hände zu ergreifen.

„Virgie“, rief er, „geht das ganze Geküsse vor sich und wir schwarzen Leute bekommen nichts davon ab? Komm her, hübsches Mädchen, und küss deinen alten Großvater!“

Virgie willigte ohne Widerstand ein, bis Samson fortfuhr: „Oh, was für ein Pfirsich und Honig, Virgie! Gib mir noch einen! Ich sage, Virgie, da mein Herr und deine Herrin uns beide Waisen verlassen haben, wie wäre es, wenn wir Mr. Tilghman bitten, uns auch zu Mann und Frau zu erklären?“ Dann zog Virgie sich zurück.

„Samson Hat“, sagte sie, „was redest du da? Du solltest dich schämen. Du bist alt genug, mein Vater zu sein!“

„In der Tat bin ich das nicht, meine Liebe. Ich bin so gut wie vier dieser neuen Sorte von Beau aus Somerest County. Ich bin ein freier Mann. Vielleicht mache ich dich auch frei, Virgie – ich und mein Herr da drüben. Er sagt, wir sollten besser heiraten. In der Tat, das tut er.“

„Du bist nur ein unverschämter alter Neger“, erwiderte das Mädchen. „Glaubst du, irgendein gut erzogenes Mädchen würde einen Mann nehmen, der durch das Putzen des Hutes vom Bösen reich geworden ist? Du bist nichts weiter als der Diener des Teufels, mein Herr.“

„Pass auf, dass dich dieser Teufel nicht erwischt, dann“, sagte Samson. „Du armes, törichtes, gläubiges Kind! Pass auf, dass deine hübschen schwarzen Augen nicht noch für den alten Samson weinen. Er ist dazu bestimmt, ein Frühlingshühnchen zu heiraten, der alte Samson, und ich schätze, du würdest am zartesten braten, Virgie.“

Virgie, empört, aber aufgeregt über ihren ersten wirklichen Heiratsantrag, und das von einem der reichsten Männer ihrer Hautfarbe in Princess Anne, beeilte sich, ihrer jungen Herrin die Wanderschuhe zu schnüren, und als sie alle aus der glücklichen alten Kirche traten, wo Vestas Stimme in ihren Harmonieflügen so oft zu einer Wonne durchgedrungen war, die ihre Seele wie eine Lerche zum Himmelstor zu tragen schien, die

„singend immer noch aufsteigt und, aufsteigend, immer singt“,

sah sie auf das Pflaster des Kirchhofs den langen, absurden, mondbeschienenen Hut des Bräutigams fallen.

„Oh, was wird er mit diesem Hut anfangen, jetzt, da er mich geheiratet hat?“, dachte Vesta. „Wird er mich weiterhin damit peinigen?“

Ihr Herz sank ihr in die Tiefe, sodass sie sich erleichtert fühlte, als er sie am Kirchentor erneut küsste und sagte: „Ich komme bald, Liebling“, und mit seinem Mann nach Princess Anne ging.

„Ist dein Buggy fertig angespannt, Samson?“, fragte sein Herr, als sie die Ecke des Gerichtsgebäudes bogen.

„Ja, Herr.“

In diesem Moment sah eine große Menschenmenge, die die gesamte untätige Bevölkerung der Stadt sowie viele bacchantische Gestalten vom Samstagabend aus dem Umland und von den Küsten umfasste, von denen einige vor der Schenke standen, andere auf den gegenüberliegenden Gehwegen oder an der Ecke des Gerichtsgebäudes versammelt waren, die behütete Figur von Meshach im Mondlicht auftauchen und stieß den verstreuten Schrei aus, der schließlich in ein Gebrüll überging:

„Mann mit dem lockeren Hut! Kirchturmspitze! Drei Hochs auf den Hut des alten Meshach!“

Mit einer Minute Unschlüssigkeit, als zögere er, durch die Menge zu gehen, bog Milburn in die Hauptstraße ein, überquerte sie und ging auf dem gegenüberliegenden Gehweg weiter, auf derselben Seite wie sein Wohnsitz, während die Spötteleien und Witze weitergingen.

„Da ist seit heute Nachmittag Rum in dieser Stadt am Werk, Herr“, sagte sein treuer Neger, „schon seit dieser lange Mann mit Levin Dennis vom Kirchhof kam. Pass auf, Herr!“

Er hatte kaum gesprochen, als drei Männer den Weg versperrten, zwei von ihnen betrunken, der dritte hässlich vom Trinken, die aus einer Kneipe kamen, die gegenüber der Schenke lag, wo ihnen weiteres Getränk verweigert worden war. Der erste war Jack Wonnell. Er schluckaufte, schrie „Kirchturmspitze!“ und schlich sich hinter einen Maulbeerbaum. Der zweite Mann war Levin Dennis, der kaum stehen konnte, und er setzte sich auf die Stufe der Kneipe und lächelte blödsinnig nach oben.

Der dritte Mann, der wie ein Riese aus seinen Stiefeln aufragte, mit Armen, die wie lose Weinreben schwangen, und seinem bärtigen Gesicht, das von Tabaksaft gestreift war, voller Unverschämtheit und Verachtung, schlug mit der flachen Hand direkt auf die Krone von Milburns überraschendem Zylinder, mit den Worten:

„Hallo! Hier ist Gänsekappe! Erledige diesen Hut, alter Geizhals!“

Der Hut, dessen Alter gegen ihn sprach, sank auf Meshachs Augen, und der achtlose Schlag, unbewusst kraftvoll, ließ ihn schwanken.

Samson, der die Qualitäten des Riesen mit einem Moment der Bewunderung in sich aufgenommen hatte, zog sich sofort zurück, als er sah, dass sein Herr beleidigt wurde, und schlug dem großen Fremden mit der Faust ins Gesicht. Der Mann taumelte, fing sich wieder und versuchte, Samson zu packen. Dieser geschickte Faustkämpfer beugte die Knie, schob seine Schultern zurück, wich dem Griff aus, hob sich und warf seinen Rumpf vorwärts, mit dem wohlstudierten Schlag, und rammte seine Knöchel in die Augen des weißen Mannes. Der große Rohling ging wie von einem Blitz getroffen zu Boden.

Milburn sah all das in einer Minute geschehen, und sein Auge, das nach etwas suchte, um sich zu verteidigen, fiel auf den Ziegelpfeiler unter den Stufen der Kneipe, wo Levin Dennis saß, betäubt von der Szene. Ein Ziegelstein im Pfeiler war locker, und Milburn trat darauf zu. In diesem kleinen Zwischenraum hatte sich der zähe Fremde wieder erholt und war schwankend auf die Beine gekommen, wobei er ein Stoßmesser gezogen hatte.

„Der Schurke soll Euch holen!“, brüllte er. „Umgehauen! Noch dazu von einem Neger! Dann soll Euch die Hölle holen!“

Als er vorstürmte, beschrieb er einen schnellen Kreis rückwärts und abwärts mit dem Messer, zielend, es durch Samsons Eingeweide zu drehen, was er getan hätte – da dieser tapfere Diener ohne Verteidigung war und nicht einmal ein Kieselstein auf dem nackten Boden lag, um ihm zu helfen –, hätte nicht Meshach, der den lockeren Ziegelstein aus dem Pfeiler riss, ihn auf den entsprechenden ungeschützten Teil des Körpers des Attentäters gezielt und ihn voll in die Magengrube getroffen. Die Augen des Mannes rollten, und er fiel wie steinern tot um, sein Stoßmesser steckte im Gehweg.

„Lass ihn da liegen“, sagte Meshach verächtlich. „Bei so einem Hund besteht keine Gefahr, dass er stirbt! Wenn Zeit ist, wird er im Gefängnis schon wieder aufgepäppelt. Geh zu deinem Buggy, Junge, und sieh zu, dass du aus dem Weg kommst.“

Der Schwarze brauchte keine Warnung, denn die Gottlosigkeit, einen Weißen zu schlagen, war in einem größeren Buch als der Bibel verboten – dem Buch der Unwissenheit. Er verschwand zwischen den Häusern und war schon eine Meile außerhalb von Princess Anne und fuhr schnell, bevor der neue Mann seinen Kopf vom Boden erhoben hatte.

„Wo ist der Nigger?“, keuchte er, sein blasses Gesicht von den blutunterlaufenen Augen gezeichnet. „Was seid ihr denn für Kerle, dass ihr einen schwarzen Bengel einen Weißen schlagen lasst? Ich schneide ihm das Herz aus dem Leib, ehe ich die Stadt verlasse.“

Er sah sich nach der Gruppe um, die vom Wirtshaus herübergekommen war; Meshach war beim Abstieg der Straße in seinem Laden verschwunden. Jimmy Phoebus war der Einzige, der antwortete.

„Nigger-Käufer“, sagte er, „wenn du dich von jetzt bis Mitternacht oder bis morgen nach Mitternacht, Sonntagabend, noch in dieser Stadt aufhältst, wird dich der alte Meshach Milburn in jenem Gefängnis dort bis zum Frühjahr behalten. Beim Kuckuck! Er wird herausfinden, woher du stammst, wohin du gehst, wo du gewesen bist, was deine große Sache ist und all dein Hokuspokus. Du bist diesmal an die Bundeslade des Herrn geraten – das vererbte Erbstück des alten Milburn! Nimm meinen Rat an und reise ab!“

Der Mann wusch sein Gesicht an der Wirtshauspumpe, bog um die Ecke bei der Bank und verschwand in der Nacht in Richtung Teackle Hall.

KAPITEL XIII.

SCHATTEN DES ZIEGELS.

Als Vesta und ihr Vater über die Schwelle von Teackle Hall traten, erschien es ihnen sehr vertraut und doch einigermaßen beängstigend, da sie es zwar zurückerhalten hatten, jedoch um den Preis eines neuen Familienmitglieds, und noch dazu eines Eindringlings. Vesta und ihr Vater gingen in die Bibliothek, wo er etwas Holz auf das niedrige Feuer legte und die Lampe und Kerzen anzündete; dann wandte er sich um, schloss seine Tochter in die Arme und schluchzte bitterlich, während er immer wieder die Worte wiederholte: „Was soll ich tun! O, was soll ich tun!“ Auch sie gab sich dem Luxus des Kummers hin, war aber sprachlos, bis er sagte:

„Mein Liebling, ich habe mir deinen Hochzeitstag so oft erträumt, aber er war nicht wie dieser. Musik und Freude, Unbeschwertheit, ein stattlicher, junger Bräutigam, unsere ganze Verwandtschaft hier versammelt, von Heer und Marine, aus dem Süden, Westen und Norden, und alle glücklich, außer dem armen Daniel Custis, der sein Kind verlieren soll!“

„Dein Kind geht nicht weg“, flüsterte Vesta; „ist das nicht ein Trost?“

„Ich weiß es nicht. Bist du noch mein reines, armes Kind? Hätte ich gesehen, wie du Tag für Tag an Schwindsucht dahinsiechst, wie ein sterbender Fliederbaum, dessen Blütenrispen jedes Jahr weniger werden, bis er bis zur Wurzel abstirbt, ich hätte in himmlischem Mitgefühl weinen können und von dir den Weg lernen können, den ich nicht gegangen bin. Aber dass du in deiner Blüte von einem Förster gepflückt, von meinem Stamm gerissen und in den Sand getreten wirst, dein Stolz gedemütigt, dein Geschmack missachtet, dein Herz in die Wigwam-Hütte eines Wilden geschleppt und dazu gebracht wird, sich seinem larmoyanten Willen zu unterwerfen ... Oh, was soll ich tun!“

„Ich fürchte mich nicht so vor meinem Mann“, sagte Vesta und löste seine Arme. „Meinen Geist, so glaube ich, wird er eher zu ernsten Dingen anregen, für die ich ein gewisses Verlangen hege, wenngleich, so fürchte ich, kein Talent. Papa, etwas sagt mir, dass dieses alte Leben, das wir geführt haben, leicht und glücklich, bequem und unabhängig, dem Ende zugeht. Unser Familienzweig muss die neuen Lektionen der Zeit lernen, wenn wir nicht erleben wollen, dass er sich zurückzieht und in Vergessenheit gerät. Ist das nicht so?“

„Ich fürchte, es ist die Wahrheit Gottes, mein Liebling. Das Leben, das wir geführt haben, ist nur ein Überrest kolonialer, oder vielmehr provinzieller Würde, der die Natur dieser republikanischen Regierung feindlich gegenübersteht. Tabak, der einst unser Geld war, verschwindet von dieser Küste, und Weizen und Mais können wir nicht so anbauen wie der reiche junge Westen, der sie durch den Kanal ausschüttet, den der verstorbene Gouverneur Clinton noch eröffnen konnte. Geld wird zu einer Sache und nicht mehr nur zu einem Namen, und es erobert alles andere – Land, Ansehen, Talent, Familie, ja sogar Schönheit und Reinheit. Der Mann, den du geheiratet hast, versteht die Kunst des Geldes, und wir nicht.“

„Sind wir dann nicht Hochstapler, Papa, wenn wir annehmen, so viel besser zu sein als unsere tatsächlichen Vorgesetzten? Sicherlich müssen wir in den Dingen, die die Zeit verlangt, beharrlich sein und uns in ihnen auszeichnen, um unseren Stolz zu wahren.“

„Ja, wenn die Rasse ein Kampfhahn ist, wird sie jede Herausforderung annehmen, nicht nur Krieg und Politik, sondern auch Mechanik, Ladenbesitz, Viehzucht, alles!“

„Papa, wenn du diese Dinge, die kommen werden, so klar sehen kannst, warum kannst du dann nicht die klugen Schritte unternehmen, um deine Familie auf der sicheren Seite zu platzieren?“

„Ach! Wir Virginier waren immer die besten Staatsmänner, aber wir starben arm. Da wir kein Handwerk beherrschten, nur geringe Buchführungskenntnisse hatten und eine unbegrenzte Kapazität für Ämter besaßen, sahen wir alles voraus, nur nicht unsere eigene Demütigung – und selbst die gaben wir kaum zu, als sie eingetreten war, so sehr waren wir von unserem philosophischen Intellekt geschmeichelt. Unser neuester Zeitvertreib ist es, denen die Verfassung auszulegen, denen es unter ihr nur allzu gut geht, obwohl unsere Väter, die sie schufen, wie Jefferson und Madison, erst gestern starben, überwältigt von Schulden, und der arme Herr Monroe ist nach New York geflohen, wie man sagt, um den virginischen Gerichtsvollziehern auszuweichen.“

„Nun, Papa, ich habe dich vor dieser Angst bewahrt. Hier sind deine Schuldscheine an Herrn Milburn und andere. Setz dich und schau sie dir sorgfältig durch und sieh nach, ob sie alle da sind!“

Er nahm sie mit flüchtiger Erleichterung entgegen, wobei ein Lachen auf seinem noch immer tränenbenetzten Gesicht lag, und sagte:

„Wir werden sie verbrennen, Vessy.“

„Nein, Sir, nicht eher, als bis du sie alle gesehen hast. Ein einziger fehlender Schein würde dich in dieselbe Verlegenheit bringen, und es ist keine Tochter mehr übrig, um sie zu begleichen.“

Er sah sie lächelnd, aber auch ein wenig verärgert an.

„Du willst doch nicht einen Meshach Milburn aus mir machen?“

„Halt, Sir!“, sagte Vesta. „Du könntest Schlimmeres tun, als von meinem Mann zu lernen.“

Etwas Seltsames in ihrem Ausdruck machte den Richter ratlos.

„Ha!“, warf er ein, „habe ich schon einen Nebenbuhler, Tochter? Ist seine Eroberung so vollständig?“

„Ich habe ihm vor wenigen Augenblicken versprochen, ihn zu ehren, und ich glaube, das kann ich, Papa. Alles, was du mir erzählst, trägt zu meinem Respekt für einen Mann bei, der nur das zu sein scheint, was er ist.“

„Vielleicht kannst du ihn auch lieben?“, sagte der Richter und beobachtete sie mit einer Besorgnis, die ein wenig wie Staunen, ein wenig wie Eifersucht war.

„Oh, ich wünschte, ich könnte es, Papa! Auch das habe ich versprochen, und ich werde es versuchen. Aber meine Arbeit wird ein völliger Misserfolg sein, wenn du dich nicht mit Herrn Milburn versöhnst. Ich habe ihn wegen dir geheiratet, um deinen Namen, deinen Frieden, deine Unabhängigkeit und die Vorwürfe zu bewahren, die wir von Mama wegen des Verlusts ihrer Mitgift erwartet haben. Er ist jetzt dein Schwiegersohn, noch in der Blüte seines Lebens, mit der kaufmännischen Ausbildung, deren Fehlen bei dir du so beklagst. Fang in diesem Moment an, Papa, und lerne seine Gewohnheiten. Zähle und identifiziere diese Scheine!“

Richter Custis sah sie einzeln durch, ging die Anzahl der Scheine, die er gegeben hatte, im Geiste durch und sagte:

„Ja, er hat faire Wiedergutmachung geleistet. Es fehlt keiner.“

„Wiedergutmachung impliziert, dass er dich bestohlen hat, Papa. Ein gerechter Mann sprach da nicht! Jeder Pfennig in diesen Schulden ist mit Herrn Milburns Kränkungen gestempelt und durch seine Opfer erkauft. Hast du sein Geld in dem Bewusstsein ausgegeben?“

„Nein, mein Kind, ich nehme an, nicht.“

„Gib mir die Scheine, Papa.“

Sie nahm sie und saß einige Augenblicke schweigend nachdenkend da.

„Wenn ich ein Mann wäre, Papa“, sagte sie schließlich, „würde ich versuchen, Geschäftssinn zu erlernen. Es muss so achtbar sein, mit einem Geist zu leben, der in der Lage ist, der eigenen Sicherheit und der seiner Freunde zu dienen und für das Alter oder die Krankheit vorzusorgen, solange man stark und gesund ist. Nun, ich denke, ich werde dich diese Scheine nicht verbrennen lassen, bis du den Preis dafür bezahlt hast! Bitte schreibe eine Übertragung dieses Hauses, der Bediensteten und deines Gutes auf mich, Vesta – ja, Vesta Milburn!“

Sie errötete, als sie zum ersten Mal ihren neuen Namen aussprach.

„Ach!“, seufzte ihr Vater, „Vesta Custis nicht mehr. Ich fange an, es zu spüren. Nun, Mrs. Milburn – ich gebe dir den Titel – wofür muss ich dir diese alten Besitztümer überschreiben?“

„Als Gegenleistung für meine Rückzahlung der Summe des Vermögens meiner Mutter an dich für sie, für die du ihr keinerlei Sicherheiten gegeben hast. Das ist durch diese Scheine nicht abgedeckt. Ich habe nur das Versprechen von Herrn Meshach Milburn, dass er ihr dieses Geld zurückzahlen wird, das von dir, Vater, wie ich fürchte, sehr leichtfertig aufs Spiel gesetzt und verloren wurde. Ist es auch Wiedergutmachung, wenn Herr Milburn sich selbst auszieht, um deine Schulden bei Mutter zu bezahlen?“

„Nein“, sagte der Richter schuldbewusst, „das bezahlt er aufgrund seiner Leidenschaft für dich. Da mag er dich betrügen.“

„Das glaube ich nicht, denn er ist mir schon so viele Jahre treu geblieben, bevor ich wusste, dass er mich liebte. Ein Mann, der sich für eine Frau rein hält, der er keine Gelübde geschuldet hat, wird die Ehrenschulden ihres Vaters bezahlen, wenn er es versprochen hat.“

Richter Custis empfand das Thema als viel zu heiß für seine Bequemlichkeit, und ebenso errötend wie Vesta setzte er sich und setzte eine Abtretung seines Eigentums an Vesta Milburn auf, in ihrem eigenen Recht und als Gegenleistung für fünfundzwanzigtausend Dollar, die an Mrs. Lucy Custis gezahlt wurden, aufgrund eines Urteils, das Daniel Custis ihr gegenüber gestanden hatte.

„Da, meine Liebe“, sagte er und reichte es ihr, „was willst du damit? Bist du dir nicht sicher, dass du hier ein Zuhause hast, solange du lebst, selbst mit mir als Eigentümer?“

„Nein. Die Tragödie, die hier fast geendet hätte, könnte sich wiederholen, Papa, und wir könnten alle obdachlos werden, wenn du wieder Schulden machen kannst. Das werde ich nicht zulassen – nicht einmal für meinen Mann, und hier wird Teackle Hall stehen, um euch alle vor der Kälte zu schützen, falls wieder schlechte Zeiten anbrechen sollten.“

„Du hast einen höheren Preis dafür gezahlt, mein Kind, als es wert ist, und du hast ein Anrecht darauf.“

„Außerdem, lieber Vater, falls Herr Milburn eine Erinnerung an sein Versprechen braucht, Mamas Mitgift zurückzuzahlen, wird ihn dies daran erinnern. Er beabsichtigte, sein Geschenk als meine Heiratsmitgift zu geben, und wenn ich es dir übertragen würde, sollte ich zuerst seine Zustimmung einholen; rechtlich vielleicht nicht, aber aus Rücksichtnahme.“

„Oh, ja“, sagte der Richter beiläufig, „ich bin froh, dass du so gute Gründe hast. Dennoch, meine Schöne, mein letztes Kind – Stolz meines Geschlechts! Ich hasse es, dich so bereit für diese Geschäfte zu sehen – diese Berechnung und Voraussicht. Das ist nicht wie die Custises. Ich fürchte, dieser Mann, Milburn, hat an einem einzigen Tag sein Netz um dein Wesen geworfen und dich seinem schäbigen Dasein einverleibt. In diesem Moment ist das Einzige, was dich rettet, dass du ihn nicht lieben kannst.“

„Lieber Vater, solche Gedanken bedrängen auch mich – der Stolz der Aristokratie, die Erinnerung an das, was war; aber ich möchte ehrlich sein und weder mein Herz noch irgendjemanden betrügen. Wir sind von unserer Höhe gefallen; er hat sich aus seinem Stand erhoben; und es gibt keine Täuschung in meinem Handeln. Er weiß, dass ich ihn nicht liebe. Anstatt auf einem verhärteten Herzen zu beharren, bete ich zu Gott, dass er mein Wesen schmelze und es seiner Zuneigung forme!“

Richter Custis betrachtete sie einen Moment mit wachsendem Interesse, trat vor und küsste ihre Stirn.

„Amen, dann!“, sagte er. „Mögest du deinen Mann lieben! Ich werde alles tun, was ich kann, um ihn auch zu lieben.“

„Das ist wie ein wahrer Mann gesprochen“, sagte Vesta. „Und nun, Vater, gute Nacht! Sei bereit für die Ankunft von Herrn Milburn. Läute nach einer Karaffe und etwas Kuchen. Es wird dir nach deinem Fasten nicht schaden, ein Glas Sherry mit dem Bräutigam zu trinken.“

Er küsste sie und spürte, wie sie in seinen Armen zitterte. Als sie gehen wollte, kehrte sie zurück und klammerte sich erneut an ihn. Ihr Gesicht war bleich vor Angst.

„Oh, schrecklicher Gott!“, murmelte er, „meine vielen Sünden an diesem makellosen Engel heimzusuchen! Wohin soll ich fliehen?“

Ein Schritt war auf der Veranda zu hören, und Vesta huschte die Treppe hinauf.

Richter Custis ging besorgt und unter Tränen zu seiner Tür. Ein fremder Mann stand dort, das Auge gequetscht und Blut tropfte in seinen groben, seilartigen Bart. Er war dem Alkohol zugesprochen, aber so bleich, dass es im Sternenlicht deutlich zu sehen war.

„Guten Abend“, sagte der Mann; „Sie kennen mich nicht, Richter Custis? Macht nichts, ich bin Joe Johnson.“

Der Richter, dessen Tränen ihn weit weg von den Dingen trivialer Erinnerung geführt hatten, sah den Mann an und wiederholte: „Joe Johnson. Nicht Joe Johnson aus Dorchester?“

„Ja, Richter, Joe Johnson, der Sklavenhändler. Ich habe manchen Nigger von einem Custis gekauft, als es unhöflich war, sie zu verkaufen, Richter, also ließen sie mich sie fortschaffen und fluchten öffentlich über mich. Und das hat mich unbeliebt gemacht, Richter Custis, und das ist meine Lage heute Abend.“

„Sie haben sich geschlagen, Johnson, wie mir scheint“, sagte der Richter mit unterdrückter Abneigung.

„Ich bin von einem Nigger niedergeschlagen worden“, sagte der Mann mit einem Blick der Wildheit und nahm die Hand von dem verletzten Auge, als ob es seine Erinnerung an den Schlag entzündete, die Blutstropfen aus seinem Bart auf die Veranda tropfen zu sehen. „Diese Stadt ist zu fein, um einen Händler des verfassungsgemäßen Artikels zu dulden, und so fielen sie über mich her, als ich ein wenig beschwipst war, und während der Nigger mich am Auge traf, schlug mich ein kleiner weißer Schurke mit einer spitzen Haube mit einem Stein in den Magen. Ich bin hierhergekommen, Richter, um mich in der Küche zu verstecken und den Sonntag über warm zu schlafen, denn die Polizisten drohen, mich einzusperren, wenn sie mich vor Mitternacht erwischen.“

„Ich nehme an, Sie wissen, Johnson, dass ich ein Magistrat bin und der ordnungsgemäße Zufluchtsort, den ich Friedensbrechern gewähre, das Gefängnis ist.“

„Ich habe keine Angst vor diesem Limbo, Richter Custis, wenn ich zu Ihnen komme. Die alte Patty Cannon hat Ihnen bei Wahlen in den oberen Bezirken von Somerset so manchen guten Dienst mit Joe Johnsons Bande erwiesen. Patty sagte immer, Richter Custis sei ein Sportsmann, der einen Gefallen erwidert.“

Das Gesicht des Richters, das einen Augenblick lang ausdruckslos war, erhellte sich mit dem Lächeln eines Stimmenjägers, und er sagte:

„Joe, du bist ein schrecklicher Kerl, aber die gute alte Tante Patty hat immer zu mir gehalten! Ich vermute, Joe, dass du mit Samson, dem Arbeiter von Meshach Milburn, zusammengestoßen bist, der ein Boxer ist, obwohl ich mich wundere, dass er mit deiner Jugend und Größe fertigwerden konnte. Natürlich werde ich nicht zulassen, dass dir ein Leid geschieht. Du hast doch nicht etwa deine Tricks mit jemandes Negern gespielt, Joe?“

„Nein, bei meinem Wort, Richter! Sie sehen, ich habe eine Ladung Ägypten den Nanticoke hinunter nach Norfolk gebracht und sie nach Orleans verschifft. Ich sagte: ‚Ich werde den Weg über die Eastern Shore zurückgehen und sehen, ob es Nigger zu holen gibt.‘ Also bin ich von Somers's Cove nach Princess Anne gewandert und habe in Kingston und Trappe so lange gebechert, bis ich mich vom Schnaps benebelt fühlte, und mich auf dem Kirchhof niedergelegt, um es auszuschlafen. Als ich aufwachte, bevor mein Rausch vorbei war, fühlte ich mich böse und angriffslustig, und die Wirtshauskerle, der Nigger und der Kerl mit der spitzen Mütze, alle fielen gleichzeitig über mich her.“

„Nun, Joe, um Tante Pattys willen werde ich mich um dich kümmern. Geh zur Küchentür, und ich werde durch das Haus gehen und unserer Tante Hominy sagen, dass sie dir Abendessen und Frühstück geben und einen Platz zum Schlafen anbieten soll. Aber du musst dich aus dem Weg halten und am Sonntag leise verschwinden, denn wir hatten heute eine Hochzeit in der Familie, Joe, und obwohl ich deinen eigentümlichen Slang nicht verstehen kann, vermute ich, dass der Bräutigam der Mann ist, der dir mit dem Stein den Atem geraubt hat.“

Der Fremde nahm erneut die Hand von seinem blutigen Auge und zählte die roten Tropfen, die von seinem Bart spritzten. Richter Custis bemerkte sein Stirnrunzeln.

„Tut, tut!“, sagte der Richter, „du wirst dich an diesem Mann niemals rächen können. Er ist zu stark. Ich wundere mich nicht, dass er dich außer Gefecht gesetzt hat, und gerate bloß nicht in seine Fänge, Joe; denn wenn er weiß, dass du hier bist, werde ich gezwungen sein, dich noch heute Nacht ins Gefängnis zu schicken. Bleib Meshach Milburn aus den Händen! Er hat dir den Atem geraubt, Herr Johnson, aber es gibt einige, denen er die Herzen aus dem Leib gerissen hat.“

„Ich werde ihn irgendwo treffen“, murmelte Joe Johnson, „aber nicht in Princess Anne“; und er zog seinen Schlapphut ins Gesicht, um seine Augen zu verbergen, und schlich davon, um die Küche zu finden.

„Oh, was ein Tag alles hervorbringen kann“, dachte Richter Custis und hob seine Hände zu den Oktobersternen: „Meshach mit dem ominösen Hut der Gastgeber in meinem Salon: Joe Johnson, der Schwiegersohn von Patty Cannon, der Gast meiner Küche!“

KAPITEL XIV.

MESHACHS ZUHAUSE.

Vesta hatte geschlafen, sie wusste kaum wie lange, aber es war Tag, und langsam wandten sich ihre Augen zum Rest des Bettes, um zu sehen, ob es belegt war.

Der Bräutigam war nicht da.

Sie schlüpfte mit dem Fuß in ihren Pantoffel am Bett, trat mit einem schnellen Schritt vor ihren Spiegel und flüsterte:

„Ich habe das alles nur geträumt!“

Die frische, blühende Haut und die strahlenden Kontraste von Haar und Augen schienen ihr in ihrer vollkommenen Gewissheit von Gesundheit so willkommen zu sein, dass sie erneut flüsterte:

„Habe ich es geträumt? Er ist nicht hier. Oh, bin ich frei?“

Dann überkam sie ein Gefühl des Vorwurfs, als die kleinste Erinnerung an den wunderbaren gestrigen Tag in ihrem Geist aufstieg, und das Gelübde, das sie abgelegt hatte, zu ehren und zu gehorchen, schien zu leicht bereut worden zu sein. Sie blickte auf ihre Hand, und der kleine, dünne, pathetische Goldfaden bekräftigte ihre Erinnerung an den Ehering, und beim nächsten Gedanken schoss eine Röte durch ihr ganzes Wesen wie ein roter Vogel in den Apfelblüten: Vielleicht hatte er sich heimlich aus ihrem Zimmer gestohlen, wie er gekommen war, während sie, in tiefen Schlummer versunken, es nicht gewahr wurde.

Ein Blick in den Spiegel enthüllte erneut, wie diese Rötungen einander wiederholten, wie das Polarlicht in der nördlichen Morgendämmerung, bis sie mit forschendem Bewusstsein und einer Stimme, die über das Flüstern hinausging, sagte:

„Sei still, törichtes Mädchen!“

Als sie die Tür öffnete, fand sie Virgie auf dem Teppich davor liegen, warm in den Deckenschal ihrer Herrin gewickelt, aber hellwach.

„Virgie, niemand ist vorbeigegangen?“, fragte Vesta.

„Nein, Miss Vessy. Niemand hätte über mich steigen können, denn mein Geist war zu wach, auch wenn ich ein wenig geschlafen habe. Vielleicht kommt er nicht, Miss Vessy. Vielleicht schämt er sich!“

„Pst, Virgie“, sagte Vesta, „du sprichst von deinem Herrn.“

Die junge Braut warf sich ihren Morgenmantel über die Schultern und schlich lautlos zum Zimmer ihrer Mutter; die Tür war offen, das Nachtlicht schwebte in seiner Vase, und Mrs. Custis lag schlafend mit ihrem Bankbuch unter dem Kopfkissen da.

„Soll ich sie wecken?“, dachte Vesta. „Ja, wenn ich ihre Erfahrung nicht brauche, so brauche ich doch ihr Vertrauen, und ihr meines nicht zu schenken, würde jetzt wie Täuschung wirken.“

Vesta küsste ihre Mutter sanft und legte ihre Wange neben das dünne, respektable Profil der Dame, als diese erwachte, und sagte:

„Tochter, Gnade! Warum, was ist aus dir geworden? Mir scheint, ich habe tagelang niemanden gesehen, und ich wollte sogar in meinen Träumen meine Empörung ausdrücken. Wo warst du?“

„Oh, Mama“, sagte Vesta und nahm den Kopf von Mrs. Custis in ihre Arme, „ich habe dein verlorenes Vermögen gefunden, das uns alle so sehr beunruhigte. Es soll dir zurückgegeben werden, Liebste – mein Mann hat versprochen, dies zu tun.“

„Dein Mann? Wen hast du ausgewählt, dass er so freigiebig mit seinem Geld ist? Wie konntest du so bald aus Baltimore hören? Nun, erzähl mir keinen Haufen Zeug, in der Hoffnung, mich zu trösten. Dein Vater ist ein Schurke, und meine Verwandtschaft soll es erfahren.“

Mrs. Custis zog ihr Bankbuch unter ihrem Kopf hervor und begann zu weinen, als sie einen einzigen Blick auf den früheren Gesamtbetrag warf.

„Liebste Mama“, sagte Vesta, „da ich dich gestern wegen Papas Misserfolg so unglücklich sah und dein Anteil damit verloren war, habe ich einen Heiratsantrag angenommen und das Versprechen eines reichen Mannes erhalten, dass zuallererst dein Anteil an dich ausgezahlt wird. Dieses Haus und unser Gut und alles, wie es ist – die Bediensteten, der Stall und das Mobiliar – gehören mir, in meinem eigenen Namen, bezahlt mit Papas Schuldscheinen und von ihm auf mich übertragen, damit unser Heim für immer gesichert ist, sodass ein Rückschlag wie gestern nie wieder unsere Schwelle überschreiten kann. Verdient das nicht einen Kuss, Mama?“

„Ich glaube kein Wort davon“, sagte Mrs. Custis. „Das ist ein weiterer Trick, um mich zu täuschen. Ich beschuldige dich nicht, Vesta, aber du bist das Opfer von jemandem und deinem Vater. Nun, wer kann dieser Mann sein, der so freigebig mit seinem Bargeld umgeht? Es ist nicht die Art in Baltimore, so großzügig zu versprechen. Hast du den jungen Carroll akzeptiert?“

„Nein, und ich habe auch nicht an ihn gedacht, Mama.“

„Dann muss es dieser närrische Witwer Hynson sein, der bereit ist, seine Neger für eine zweite Frau wie dich zu verkaufen.“

„Er war weder körperlich noch geistig hier“, sagte Vesta; „niemals in meinen Gedanken.“

„Das wäre eine Heirat, die für Gerede sorgen würde: Es wäre nicht deine Art, einem Witwer so viel Schönheit zu schenken. Ich halte es für eine gewisse Vulgarität, wenn ein elegantes Mädchen einen Witwer heiratet. Sie ist so kultiviert, und er ist meist so aalglatt und sinnlich. Hast du etwas von Charles McLane gehört?“

„Nichts, Mama; lass mich dein Herz erleichtern, indem ich dir sage, dass mein Ehemann hier in Princess Anne lebt. Er war Papas Gläubiger, Mr. Meshach Milburn. Er liebt mich seit Jahren im Stillen. Ich sah einen Weg, jeglichen Skandal und gegenseitige Vorwürfe sofort zu beenden, indem ich ihn heiratete, damit die Gesellschaft, die wir kennen, nur einen und nicht zwei Gegenstände der Neugier hat. Papa sah, wie ich gestern Abend Mr. Milburn heiratete, und ich trage seinen Namen an diesem Sabbat.“

„Seine Frau? Meshach Milburn? Der Vulgäre mit dem Hut eines Schauspielers? Dieser Mann! Tochter, du spielst mit meinem armen Kopf. Es geht schon wieder los. Oh-h-h!“

„Mutter, es ist wahr. Ich bin Mrs. Milburn. Mein Mann ist dein Wohltäter.“

Es war unnötig, mehr zu sagen, denn Mrs. Custis war tatsächlich in Ohnmacht gefallen.

„Arme Mutter!“, dachte Vesta, „ich sehe mich in meiner Befürchtung bestätigt, dass sie sich bitter widersetzt hätte, wenn man ihr von meinem Vorhaben erzählt hätte.“

Roxy wurde gerufen, um Vesta zu helfen, und nachdem Mrs. Custis wieder bei Bewusstsein war, geseufzt und hysterisch geweint hatte, sprach ihre Tochter, die im Schaukelstuhl ihrer Mutter saß, ganz offen:

„Mutter, ich verstehe deine Enttäuschung über meine Heirat, obwohl ich diejenige sein sollte, die sich beklagt und Mitgefühl erwartet, anstatt Entmutigung; aber ich wünsche das nicht; tatsächlich werde ich niemandem erlauben, meinen Ehemann herabzusetzen oder abscheuliche Vergleiche zwischen meiner Armut und seinen Anstrengungen zu ziehen. Wenn es in meinem Körper oder meiner Gesellschaft irgendwelche Vorzüge gibt, die einem Mann gefallen, so sind sie ihm nach dem Gesetz der Vorsehung zugefallen, dass derjenige, der hat, empfangen soll. Ich bedauere deine Krankheit, liebe Mama, aber ich fürchte, Mr. Milburn ist auch krank, denn er war die ganze Nacht nicht hier, obwohl er mich am Kirchentor verlassen hat.“

„Ich hoffe, die Viper ist tot!“, sagte Mrs. Custis mit großer Klarheit und verlieh dem Nachdruck, indem sie sich im Bett aufsetzte. Roxy verließ das Zimmer.

„Ich hoffe, er wurde ermordet“, sagte Mrs. Custis, „und dass der Mörder niemals entdeckt wird. Wenn in meinen Brüdern und Neffen noch etwas vom Geist der McLanes steckt, werden sie die Beleidigung dieser Heirat zwischen meiner Tochter und dem Mann, der eine Falle für die Ehre einer angesehenen Familie aufgestellt hat, mit Blut abwaschen.“

Vesta erhob sich mit blassem, bekümmertem Gesicht, doch mit einem Funken des Vorurteils ihrer Mutter, der in ihr aufblitzte.

„Er kann sich selbst verteidigen, Mama. Ich werde ihn jetzt suchen gehen, da er meinetwegen so sehr gehasst wird.“

Sie kehrte in ihr Zimmer zurück, zog ein Wanderkostüm an und machte ihre Toilette. In der Bibliothek fand Vesta ihren Vater in einem großen Sessel dösend, die Füße auf einem Ledersofa, ein seidnes Taschentuch über seiner Stirn, unter dem die trockenen Spuren von Tränen zu sehen waren, die über seine Wangen gelaufen waren. Sie sah mit einem Anflug von Freude, dass der Sherry in der Karaffe unberührt war und die beiden Gläser noch sauber waren: Er war nicht in seine Gewohnheiten zurückgefallen, selbst während er die ganze Nacht Wache hielt, um auf den unwillkommenen Schwiegersohn zu warten. Er schreckte auf, als sie eintrat, und starrte sie dann mit einer Mischung aus benommenem Verstand und einer stummen Frage an, die sie verstehen konnte.

„Er ist nicht gekommen, Papa. Und Mama – oh! Sie ist hart.“

Vesta, die einen Moment lang am Hals bebte, stürzte in die weit geöffneten Arme ihres Vaters und erstickte ihr Schluchzen an seiner Brust.

„Arme Seele! Armes Lamm! Armes Ding!“, sagte er immer wieder, während sein Zorn langsam stieg, der in den letzten Jahren selten aufgekommen war, seit Genuss und Sorglosigkeit ihm den männlichen Stachel genommen hatten, aber Vesta spürte, wie sich sein Ton änderte, während er sie liebkoste, und hörte ihn schließlich heiser sagen:

„Bei Gott!“

„Sch-h!“, flüsterte sie und hob ihre Hand an seinen Mund.

„Ich werde jemanden umbringen“, fuhr er fort und beendete seinen Satz, und als sie zurückwich, schritt er durch den Raum und wieder zurück, eine edle Zurschaustellung von Leidenschaft, die einen edlen Ursprung in väterlichem Mitleid hatte.

„Verliere nicht deinen wahren Stolz, Papa, nachdem du so lange durchgehalten hast“, sagte Vesta. „Es ist Sonntag. Glaubst du, er wird kommen? Was kann passiert sein?“

„Er wird entweder kommen oder gegen mich kämpfen“, bemerkte Richter Custis. „Ich habe versucht, ein friedfertiger Mann und christlicher Magistrat zu sein, wenn auch in manchen Dingen ein armer Heuchler, aber ich bin zu weit getrieben worden. Die Kleinlichkeit meiner Frau ist schlimmer als Wahnsinn und Bosheit zusammen. Zwischen ihr und diesem geldgierigen Ungeheuer und meinem vernachlässigten Kind, das in eine solche Ehe gelockt wurde, bei Gott! Ich werde meine alten Duellwaffen reinigen und an die Ungerechtigkeit selbst appellieren, um wieder quitt zu sein.“

Wenn er in seinem aufrichtigen Kummer gut ausgesehen hatte, so war er in seinem aufrichtigen Hochmut dreimal attraktiver. Vesta, die ihn trotz ihrer Sorgen bewunderte, sah ihn ungern in dieser unnatürlichen Rücksichtslosigkeit.

„Lieber Vater“, sagte sie beschwichtigend, „du hast keinen Grund zum Streit.“

„Ich habe jeden Grund“, rief er; „der Antrag, dich zu heiraten, war eine Beleidigung, für die ich ihn hätte herausfordern und erschießen sollen, wenn er abgelehnt hätte. Nun hat er dich geheiratet und sich aus dem Staub gemacht, wobei er dich und die Ehre der Custis mit Verachtung behandelt hat. Zu meiner Zeit war ich der beste Schütze im Osten von Virginia. Ich kann einen Mann aus diesem Grund genauso leicht töten, wie ich in meinen Werbezeiten einem Mann nach Wahl einen der Arme gebrochen habe. Die öffentliche Meinung wird mich bei dieser Provokation freisprechen, und ich kann mein eigenes Gewissen entlasten, so abscheulich das Duellieren für mich auch ist. Meine Schwiegersöhne würden sofort bereitstehen, den Streit aufzunehmen und die Welt von Meshach Milburn zu befreien.“

„Das ist Mamas Idee, den Schuldner zu töten, der besonders freundlich zu ihr war. Sie sagt, sie wird nach Onkel Allan McLane schicken, und sie ist unvernünftiger als je zuvor. Papa, deine Gefühle sind ungerecht. Etwas, das wir nicht wissen, ist Mr. Milburn zugestoßen. Er war die ganze Zeit in der Kirche nicht er selbst. Wenn ich mich recht erinnere, war er nicht darauf erpicht, dass die Heirat so bald stattfindet. Ich war es, die die Stunde beschleunigt hat. Lass uns bei allem im Recht bleiben, da wir bei der Wiederherstellung unseres Vermögens so weit gekommen sind, und lass uns hoffnungsvoll auf die Erfüllung der Ereignisse warten.“

„Milburn war bei der Zeremonie betrunken, das habe ich gesehen“, sagte Richter Custis, „aber das war keine Entschuldigung. Tatsächlich, was für ein Gutes kann aus dieser gewaltsamen Allianz entstehen? Mir scheint, wir sind vom Regen in die Traufe gekommen. Ich fühle mich übel, meine Tochter, und das lässt sich nicht verbergen.“

„Dann bist du in der Stimmung, heute Morgen mit Mutter zu reden“, sagte Vesta, „während du ungewöhnlichen Willen und Geist hast. Diese trotzige Griesgrämigkeit, die sie zeigt, fürchte ich mehr als deine vorübergehende Erregung, Papa. Sei fest, aber gütig zu ihr, und ich werde gehen, um meinen Mann zu finden. Ja, das ist mein Platz. Er mag sich jetzt gerechter über meine Abwesenheit beklagen als wir über seine Vernachlässigung.“

„Du meinst doch nicht, dass du ihn in seiner Höhle besuchen willst?“

„Ich werde zuerst dorthin gehen. Es wäre mein Zuhause gewesen letzte Nacht, wenn er es verlangt hätte. Um die Wahrheit zu sagen“, sagte Vesta errötend, „der arme Mann war gestern trotz seines Ziels so freundlich zu mir und so sonderbar und, wie es schien, von mir abhängig, dass meine Barmherzigkeit für ihn geweckt ist, und ich hätte ihn fast aus Mitleid geheiratet.“

Die Stimmung des Richters fiel ein wenig beim Studieren des Errötens seiner Tochter.

„Wunderbar! Wunderbar!“, dachte er bei sich; „dieser arme Kerl vom Land hat bereits mehr Eindruck auf den Stolz dieses Mädchens gemacht als hundert Kavaliere. Wahrlich, wir sind eine Republik, Vesta“, fuhr er laut fort, „und du legst den Charakter der Custis genauso leicht ab, wie unser alter Bekannter, Lord Fairfax, die Demokratie seines angestellten Vermessers, Mr. Washington, akzeptierte, bevor er starb.“

„Ich habe den Namen Custis gestern abgelegt“, sagte Vesta, „wenn auch nicht ihren besseren Charakter, so hoffe ich. Papa, es gibt nur ein Gesetz der Ehe; es ist dort, wo die Frau dem Mann folgt.“

Sie sah ihn ein wenig schalkhaft an, wischte sich die Tränen aus den Augen, und obwohl sie es vielleicht nicht so meinte, wurde er an seine eigene Furcht vor seiner Frau erinnert.

Tante Hominy kam nun herein, nachdem Virgie ihr gesagt hatte, sie solle Kaffee zubereiten, und sie folgte Roxy, die ihn in die Bibliothek brachte. Die alte Köchin hatte einen seltsamen Blick, wie jemand, der die ganze Nacht bei einem Feuer oder einem „langen Treffen“ auf gewesen war, und sie steckte ihren Kopf herein, als ob sie fürchtete, weiter hineinzukommen, bis Vesta hinausging und sie freundlich küsste.

„Arme Tante Hominy! Hast du gedacht, ich sei verkauft oder misshandelt worden, weil ich geheiratet habe? Liebe alte Tante, ich werde dich niemals verlassen!“

Tante Hominy hatte einen Gesichtsausdruck von tiefgründiger, fast leerer Melancholie, vermischt mit einer Angst, die, wie der Richter bemerkte, „er auf den Gesichtern von Negern gesehen hatte, die etwas gestohlen hatten.“

„Miss Vessy“, stammelte sie schließlich, „hat der alte Meshach dich vermessen? Hat er dich, Schätzchen? Das hat er, Kind! Er wird dich unter diesem Gift-Hut begraben. Armes kleines Mädchen! Arme Miss Vessy!“

„Oh, Tante Hominy“, sagte Vesta, „er wird trotz seines komischen Hutes ein gütiger Herr sein und gut für dich und alle Kinder sorgen; denn er ist mein Ehemann und wird euch alle meinetwegen lieben.“

Ein stummer, entsetzter Blick haftete am Gesicht der alten schwarzen Frau.

„Nein, er wird zu niemandem gütig sein“, japste sie. „Du bist verloren gegangen, Miss Vessy. Du wurdest vermessen. Der gute Herr versuche und segne dich! Hominy ist noch nicht vermessen. Hominy hat sich mit Kamille bedeckt und gekochten Eidechsentee getrunken. Hominy ist weggegangen und hat die Quäker-Art angenommen.“

„Was ist Quäker, Tante Hominy?“

„Quäker“, wiederholte die alte Frau, während sie rückwärts hinausging und nach unten sah, „Quäker ist das, was ihn davon abhält, mich zu vermessen!“

Dann, als Vesta ihren Hut und Schal anzog, nachdem sie ihren Kaffee und Toast zu sich genommen hatte, stimmte die alte Dienerin, während sie in die Tiefen von Teackle Hall glitt, ein wildes afrikanisches Wiegenlied an, wie über einen Toten, und verlieh ihrer Stimme eine musikalische Beugung wie das Klingen eines Juba-Reims:

„Auf Wiedersehen, Miss Vessy! Auf Wiedersehen, Tante Hominys Baby! Auf Wiedersehen, liebe junge Herrin! Auf Wiedersehen, mein liebes Kind, für immer, für immer, und O für immer, kleine Vessy Custis, O Kind, lebe wohl!“

Die Tränen, die auf ihre Wangen regneten, ihre wild ringenden Hände und die in die Luft gestreckten Arme und ihr erschütterter Körper, das erinnerte sich Vesta lange, und sie dachte, als sie Teackle Hall mit Virgie verließ, dass irgendein afrikanischer Aberglaube durch die Hilfe von Träumen das Gehirn der treuen Dienerin in eine vorübergehende Aufregung versetzt hatte.

An der Ecke der alten Front Street, fast bis auf die kleine Manokin-Brücke reichend, stand Meshach Milburns zweistöckiges Haus und Geschäft, mit einer Tür zu beiden Straßen. Obwohl niedrig in einer Senke gelegen, stand es wie Milburns herausforderndes Gesicht weit vorne, von keinen Nachbarn unterstützt.

„Sieht das nicht wie ein Hexenhaus aus, Missy?“, sagte Virgie, als Vesta die nicht unmalerischen Umrisse und die rohe Plankenbauweise, das wettergegerbte Dach, den baufälligen Schornstein am fernen Ende, das eine Dachbodenfenster im spitzen Giebel, die spärlichen kleinen Fenster im Obergeschoss und die Türen tief im Sand betrachtete.

„Es mag vor fünfzig Jahren der Stolz der Stadt gewesen sein, Virgie. Ich bin viele Tage daran vorbeigegangen und habe mit schelmischer Neugier nach dem spitzen Hut gesucht, um ihn irgendeinem Stadtfreund zu zeigen, ohne daran zu denken, dass ich jemals das Haus betreten müsste. Aber hör diesen mutwilligen Vogel so laut singen! Wo ist er?“

„Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Er ist nicht in dem Baum dort drüben. Es ist der erste Vogel, der heute Morgen wach ist, Miss Vessy, ganz sicher!“

„Steht da nicht diese größere Tür einen Spaltbreit offen, die mit den vier Feldern?“, fragte Vesta. „Ja, sie ist unverschlossen und steht teilweise offen.“

Das Blut wich einen Moment lang aus Vestas Herzen, als ihr der Gedanke durch den Kopf ging: „Er wurde beobachtet, nach Hause verfolgt und ermordet!“

Die Idee schien seine Abwesenheit in seiner Hochzeitsnacht zu erklären, und wie eine plötzliche Flamme, die man zuerst auf einem brennenden Schiff sieht und die den weiten Ozean mit ihren hellen Schrecken erleuchtet, sah Vesta die unendlichen Zusammenhänge eines solchen Verbrechens: ihre fast geheime Heirat, ihre Verwahrung der Schuldscheine ihres Vaters, deren Aufzeichnung in den Büchern ihres Mannes, sein letztes Wort am Kirchentor: „Ich komme bald, Liebling“, und nun diese stille Behausung, mit der Tür, die am Sonntagmorgen einen Spalt offen stand, bevor die Stadt auf war – sie könnten den Verdacht eines schrecklichen Verbrechens durch das ruinierte Schuldnerhaus Custis an ihrem freundlosen Gläubiger auf sich ziehen.

Dieser Gedanke, der ihren Vater persönlich betraf, wurde sofort zugunsten des Gefühls für einen möglicherweise ermordeten Ehemann verworfen. Wenn der Gedanke ihr Selbstwertgefühl kaum berührte, dass ihr gewaltiges Opfer vom Himmel aufgehalten worden war und ihre Reinheit zwischen dem Altar und der Vermählung durch das Blutvergießen ihres Käufers durch die Hände irgendeines geringeren Rächers gerettet worden war, obwohl nicht, bevor sie ihren Vater aus Milburns Klauen erlöst hatte, so ging dieser Gedanke nie über das Portal ihres Geistes hinaus; sie wies ihn zurück, trat ein und begann darüber nachzudenken, wie leichte Beute ihr Ehemann hätte sein können, von so vielen gehasst, von niemandem verteidigt, als sehr reich bekannt, kein Verlust für die Gemeinschaft, wie sie in ihrer finanziellen Unwissenheit denken mochte, und sein einziger Schutz ein stämmiger Neger, der für seine Kämpfe berüchtigt war.

In dem Glauben, dass Milburn Besseres verdiene als seinen gegenwärtigen Ruf, schritt Vesta mit einem Gefühl von Mitleid und Ehrfurcht auf die Tür des alten Holzladens zu, und immer noch stieß der wilde Vogel von irgendwoher einen Schrei, ein Glucksen, ein Hurra aus, genug, um ihr Blut in Eis zu verwandeln.

Als Vesta die alte, abgenutzte Tür aufstieß, schleifte sie über den Boden, und die lose Eisenstange und das Vorhängeschloss, die herunterfielen, gaben einen Klang von sich, der ein Echo wie aus einem Grab aus dem hohlen Inneren hervorbrachte.

„Wirklich, Miss Vessy, ich habe Angst, da reinzugehen“, sagte Virgie.

„Du sollst nicht reinkommen, bis ich dich rufe. Aber hör diesen Vogel, der so lärmt! Hält Mr. Milburn Vögel?“

„Das kann ich nicht sagen, Miss Vessy. Dieser Vogel ist ein Spötter. Er muss irgendwo da drin sein. Oh, geh nicht rein, Miss Vessy; etwas wird dich fangen, liebe Missy, ganz sicher.“

Aber Vesta war bereits weg und folgte dem durchdringenden Klang des einheimischen Vogels, der sich auf dem Dachboden zu befinden schien.

Sie sah einen kleinen Tresen aus Kiefernholz und ein darin eingebautes Kiefernpult, Bündel von Fellen, etwas Kaminholz, einen Stapel Bauholz und Kisten, ein paar Fässer mit Öl oder Spirituosen, und Staub und Spinnweben dick auf allem; und ein Stück vom Eingang entfernt erzeugten das Licht und die Dunkelheit seltsame Effekte aufeinander, die die scheinbaren Entfernungen vergrößerten und die Formen veränderten; und die Sonne, die nun aufgegangen war, ließ an bestimmten Astlöchern im östlichen Giebel sich drehende Zylinder aus Goldstaub entstehen, durch deren Film sie zwei magere Mäuse sah, die ungestört auf dem Boden standen und sie zahm beobachteten.

Das Kreischen des Vogels wurde durch den dünnen Boden von oben mit lauter Deutlichkeit übertragen, und jede Note singender Wesen schien von ihm imitiert zu werden, vom gierigen Schrei des Falken bis zum zwitschernden Alarm der Schwalbe, mit der schnellsten Vielseitigkeit und sogar Eile, als ob das Geschöpf jede Vogelsprache ausprobieren würde, in der Hoffnung, eine zu finden, die die Menschheit verstehen könnte. Es war müßig zu erwarten, inmitten eines solchen Lärms gehört zu werden, und Vesta, nachdem sie ein paar Mal auf den Boden geklopft hatte, machte sich auf den Weg zu einer Art Schrank, der sich als Treppe entpuppen könnte, und tatsächlich öffnete sich eine Tür auf ihrer dunklen Seite, und Licht flackerte von oben herab.

In diesem Moment hörten die Töne des Vogels abrupt auf, und eine Stimme, unähnlich allem, was sie jemals in ihrem Leben gehört hatte, doch menschlich, sprach als Antwort auf eine natürlichere menschliche Stimme, die beide von oben kamen.

Die zweite Stimme schien Milburns zu sein; die erste Stimme war ihr ähnlich, doch nicht wie etwas aus der Kehle eines Menschen, und der Aberglaube, den sie bei ihrer Dienerin zurechtgewiesen hatte, wirkte mit einem aufregenden Einfluss auf ihr gesamtes Wesen. Sie war im Begriff zu fliehen, rief aber ein Wort, als sie sich anhielt:

„Meine Herren! Meine Herren!“

Die laute, nicht klassifizierbare Stimme von oben antwortete sofort:

„Herr! Herr-Herr-Herr-en! t-chee, t-chee! Herren, tss-tss-tss! Ha! ha! Meine Herren!“

„Darf ich heraufkommen?“, rief Vesta.

„Komm, p-chee! Komm chee! komm tsee! Sieh mich! sieh mich! sieh mich! Komm p-chee! komm sieh! komm sieh mich!“

Die letzte Betonung, trotz der Einmischung des Vogels, war deutlich genug, um eine Einladung darzustellen, und nachdem sie ihre Augenlider einmal vertrauensvoll zum Himmel gehoben hatte, ging Vesta die Treppe hinauf.

Sie steckte ihren Kopf in einen großen, langen Raum, der den gesamten Inhalt des zweiten Stockwerks einnahm und auf drei Seiten von den kleinen Fenstern beleuchtet wurde, die sie von außen gesehen hatte. Er hatte keinen Teppich oder Bodenbelag irgendeiner Art; das Feuer war auf dem Kaminherd am Ende erloschen, und die Atmosphäre, ein wenig kühl, schmolz vor dem Sonnenschein, der nun auf beiden Seiten des Kamins einströmte und jedes Objekt im Raum deutlich enthüllte – einige Kleiderhaken, einen Holztisch mit einem blauen Teller, einer blauen Tasse und Untertasse und einem Topf darauf, und ein grobes Messer und eine Gabel; eine große grüne Truhe und eine Lederhutschachtel; einen alten Haarkoffer, fünfzig Jahre alt und fast in Stücke fallend; schwarze Silhouetten in kleinen runden Ebenholzrahmen von einer Frau und einem Mann hingen über dem Kaminsims, und zwischen ihnen eine Silhouette eines Gesichts, bei dem sie keine Schwierigkeiten hatte, zu erkennen, dass es ihr eigenes sein sollte.

Auf einem niedrigen Kinderbett ausgestreckt, von der Art, die damals als Rollbett bezeichnet wurde und unter das hochbeinige Bett der Eltern geschoben werden konnte, lag der Bräutigam in seinem Hochzeitsanzug und mit Gamaschenschuhen, mit seinem spitzen Hut auf der verblichenen Kattundecke neben sich, und sein Gesicht so rot, wie es das brennende Fieber nur machen konnte.

Vesta prüfte die Einzelheiten des Inventars von Milburns Unterkunft erst später, da ihre sofortige Aufmerksamkeit auf die regungslose Gestalt ihres Ehemannes gelenkt wurde, dessen gerötetes Gesicht auf einen Tod durch Strangulation oder Apoplexie hinzudeuten schien. Sie ging vor und legte ihre Hand auf ihn.

„Mr. Milburn!“, sprach sie.

„Milburn!“, hallte eine Stimme von durchdringender Stärke, obwohl schlecht artikuliert. Sie sah sich voller Erstaunen um und sah niemanden.

„Ehemann!“, sprach Vesta lauter und beugte sich über ihn.

„S'mann! S'mann! Sieh! sieh!“, schrie die mutwillige Stimme fast an ihrem Ellbogen.

Vesta, mit einer Hand auf der Stirn des hilflosen Mannes, wandte sich wieder um, fast empört, denn der Ton schien ein Gefühl von Vernachlässigung oder Scham in ihr anzusprechen, dessen sie sich nicht schuldig gemacht hatte. Dennoch war nichts zu sehen.

In der fernen Ecke des Raumes befand sich eine Trittleiter, die zu einem Loch im Dachboden darüber führte; aber dies war nicht der Ort der Unterbrechung, denn sie hörte die Stimme jetzt aus dem Kamin am gegenüberliegenden Ende des Raumes kommen, näher am Bett, und begleitet von einem Flattern und Kratzen, als ob irgendein Geist des Bösen, mit den Krallen einer Ratte oder einer Fledermaus, versuchen würde, dort einzudringen, wo der niedergestreckte Mann auf dem Bett des Vergessens lag.

„Meshach! Meshach!“, klang der halbmenschliche Schrei, „Hoo! hoo! Vesty! Vesty! Süß! süß! süß! Ha, ha! Sieh mich! Sieh mich! Meshach, er! Vesty, sie! Sie! sie! sie! Hoot! hoot! ha!“

Vesta änderte schnell ihren Blick, während ihre Ohren nicht weniger als ihr Herz bei der Verwendung ihres eigenen Namens prickelten, und sah auf dem staubigen hölzernen Kaminsims einen gewöhnlichen Vogel von grauer Farbe, mit Sprenkeln von Braun und Schwarz auf seinen Flügeln und einer weißlichen Brust, und er war sehr erregt, als ob er auf sie oder auf einen anderen Eindringling fliegen wollte, den sie nicht sehen konnte.

Seine Augen mit schwarzen Pupillen auf gelblichen Augäpfeln funkelten vor nervöser Betriebsamkeit. Er warf sich in die Luft über ihrem Kopf und stieß Töne von solch sanftem Reichtum und solch unendlicher Fülle an Modulation aus, dass die alte Hütte fast vor berauschtem Gesang zu bersten schien. Er vereinte Freude, Willkommensgruß, Furcht, Trotz, Aberglauben, Entsetzen und Hochzeitsgesang in einem, wie ein wahnsinnig gewordener Orpheus, der die Kontinuität seiner goldenen Noten verlor.

Der Oberschnabel des Vogels war wie der eines Falken gekrümmt, der untere war scharf wie eine Lanze, und zwischen ihnen entsprang jene wutentbrannte Melodie, jener Rhythmus und jener Ausruf, in den der Geist des alten Patrick Henry aus seinem Grab in den Wäldern Virginias hätte einwandern können. Plötzlich stürzte er sich aus seinem Wirbelsturm aus Gesang auf das Bett des Kranken, mit einem zuckenden Hüpfen und einem schnellen Öffnen und Schließen des Schwanzes, wie der Fächer einer aufgeschreckten Schönheit, und ließ sich von dort aus auf Milburns spitzem Hut nieder. Mit einem krampfhaften Ringen von Hals und Körper, als stünde er in übermenschlichen Wehen, brachte er so deutlich, wie ein Mensch nur sprechen könnte, die Worte hervor:

„'Sband! 'sband! Vesty! Vesty! Süß! süß! Komm sehen! komm sehen!“

Vesta ergriff den Vogel mit einer schnellen, geübten Bewegung, strich ihn an ihrer Brust glatt und beruhigte seine Erregung.

Sie hatte bestätigt gehört, was Audubon beteuert und erst kürzlich in der prachtvollen Ausgabe seiner Werke veröffentlicht hatte, deren Abonnent ihr Vater war: dass manche behaupteten, die amerikanische Spottdrossel könne die menschliche Stimme nachahmen, obwohl der Naturforscher anmerkte, er selbst habe den Vogel das nie tun hören.

Diese gegenwärtige Bestätigung der höchsten Kraft der Spottdrossel, dachte Vesta, könnte aus der Erregung über den stummen und hilflosen Zustand seines Herrn entsprungen sein – jenes Herrn, der Vesta erzählt hatte, kein Vogel im Wald habe jemals seinen Verführungskünsten und seinem mystischen Einfluss widerstanden.

„Wenn das wahr ist“, sagte Vesta zu sich selbst, „besteht keine Gefahr, dass dieses lautstarke Haustier entwischt, wenn ich es aus dem Fenster setze, bis ich sehen kann, ob sein Herr spricht oder lebt.“

Also hob sie das Fenster und warf die Spottdrossel in die Luft; sie kam herab, ließ sich in der alten Weide darunter nieder und stimmte dort ein Konzert an, auf das der Sabbatmorgen hätte stolz sein können, als der frei schreitende Erlöser auf den Kornfeldern die milchigen Ähren pflückte. Vesta konnte nicht anders, als einen Moment innezuhalten und zu lauschen.

Die flüssigen Töne jagten sich in Kreisen schwindelerregender Harmonie, als spielten Engel auf den blauen Zweigen der Luft Verstecken, einander aus reiner Herzensgüte ausweichend, sich mit eifriger Liebe jagend, Lob und Glück seufzend, während ihre himmlischen Herzen im Glanz der Ekstase Musik ausstrahlten und die schönsten Gefühle der Erde in sehnsüchtiger Verbundenheit mit der Natur nach oben trugen. Keine Sprache, die Vesta hätte identifizieren können, war nun in dieses Labyrinth des Morgengesangs eingewoben, das mit seiner Fülle und goldenen Schwere die Fluten des Sonnenscheins herausforderte, Licht mit Klang paarte, beides spontan und Rivalen um die Gunst der sanften Atmosphäre. Mit ganzem Herzen singend, alles übertreffend, was es kannte, die Nachahmung in wilder Improvisation vergessend, ihr Fenster beobachtend, während es auf den Zweigen tanzte und in die Luft flatterte, sich ihres Zuhörens bewusst, während es ihr entgegenperlte und trillerte, und jede Pfeife und Trompete, Virginal und Klarion, Oboe und Kastagnette im Orchester seiner bäuerlichen Brust erklingen ließ – die Ode der Spottdrossel schien Vesta an diesem Morgen fast übernatürlich, und sie dachte bei sich:

„Oh, welche Hochzeitsmusik in der Kathedrale von Baltimore könnte damit gleichziehen? Und dieser arme Mann empfängt sie als seinen Hochzeitsgesang, ohne Kosten, so wahrhaftig, als ob die Natur meine Ankunft bei ihm im Geist des alten Dichters begrüßte:

‚Nun ist alles vollbracht; bringt die Braut wieder heim; Bringt den Triumph unseres Sieges heim; Bringt mit euch den Ruhm ihres Gewinns heim, Mit Freude bringt sie und mit Fröhlichkeit: Singt, ihr süßen Engel, singt Halleluja, Dass alle Wälder antworten und euer Echo erklinge.‘“

Von der Aufregung der Spottdrossel befreit, widmete Vesta nun ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Ehemann; und die große Hitze seines Gehirns und Kreislaufs sowie sein Murmeln, das wie Delirium klang, schienen darauf hinzudeuten, dass er einen schweren Anfall von Wechselfieber hatte. Sie hörte die Worte, die er mehrmals wiederholte: „Ich komme bald, Liebling!“ Und die Einfachheit seiner Hingabe an sie, unerwidert, wie er war, hatte einen solchen Beigeschmack von Pathos, dass Vesta die Tränen in die Augen traten.

„Arme Seele!“, sagte sie, „es wird lange dauern, bis ich ihn lieben kann. Da, sein Hunger muss beständig sein. Aber meine Pflicht ist nicht weniger klar, an seiner Seite zu bleiben und ihn als seine Frau zu pflegen.“

Zu diesem Schluss gekommen, betrachtete sie Milburn genau, um zu sehen, ob irgendeine Wunde oder Anzeichen von Gewalt, sei es durch einen Unfall oder einen Feind, an ihm zu erkennen war. Da sie nichts fand und er die ganze Zeit in seinem Schlaf irrte, stieg sie die Leiter hinauf und spähte auf den Dachboden, um zu sehen, ob sein Diener dort sein könnte. Samsons Bett, wie sie annahm, war nicht angerührt worden, und so stieg sie wieder hinab, hob das Fenster über der größeren Tür, durch die sie eingetreten war, und winkte Virgie zu ihr heraufzukommen.

„Nimm diesen Blechbecher“, sagte sie zu der Quadronin, „und geh zur Quelle hier in der Nähe und bringe ihn mir voll Wasser.“

Dann, während das Mädchen davonlief, fand Vesta ein Stück Papier und schrieb ihrem Vater eine Notiz, in der sie ihn bat, zu ihr zu kommen; und zu dem Mädchen sagte ihre Herrin, als es zurückkehrte:

„Ich möchte, dass du in Teackle Hall eine Rolle neuen Flickenteppich besorgst und sie hierher bringen lässt, um sie auf diesen Boden zu legen. Schicke mir auch ein Paar unserer Kamineisen aus Messing und packe etwas Glasgeschirr, Tischgeschirr und Leinen in einen Korb. Sag Papa, er soll eines seiner eigenen Nachthemden mitbringen, mein Bild im Nähzimmer abhängen, es einwickeln und schicken lassen. Ich brauche Mamas Medizinkasten und eine Schubkarre voll Eis; und lass Hominy starken Tee und heißen Zwieback machen. Virgie, vergiss nicht, dass dieser kranke Herr mein Ehemann und ein Teil unserer eigenen Familie ist!“

Das Gesicht des Mädchens bewahrte nur mit Mühe seinen Respekt, als sie den letzten Teil des Satzes hörte, aber sie antwortete auf das, was sie als Warnung verstand:

„Miss Vessy, ich erzähle niemandem Geschichten.“

„Nein, meine Liebe, das tust du nicht. Ich fürchtete nur, du könntest die sehr unterschiedliche Sichtweise vergessen, die wir von Herrn Milburn im Vergleich zu seinem früheren Leben hier haben müssen.“

Wieder allein gelassen, nahm Vesta den Blechbecher mit Quellwasser, hob den Kopf des verwirrten Mannes und gab ihm zu trinken; und als er die Augen öffnete, um zu sehen, wer es war, hörte sie ihn mit einem artikulierten Seufzer sagen:

„Himmel.“

Mit dem Rest des Wassers und ihrem Taschentuch wusch sie seine heiße Haut und hielt sie feucht, und sprunghafte Murmeleien wie „Liebling!“, „Engel!“, „Schöne Dame!“ kamen aus seinem umherirrenden Verstand, während Wahrnehmung und Gift um seinen Geist stritten. Das angeborene Gefühl der Frau für Glück, nachdem sie gute Dienste geleistet hatte und geschätzt wurde, war von einer gewissen intellektuellen Heiterkeit und sogar Belustigung begleitet, da sie etwas völlig Neues für sie miterlebte – das Leben der ärmeren Klasse weißer Menschen. Sie betrachtete die geschickte Silhouette von sich selbst, die wahrscheinlich vor langer Zeit aus der Erinnerung von dem Mann geschnitten worden war, der sie zweifellos bis gestern nicht kannte, und in der Vermutung, die begleitenden Profile seien seine Mutter und sein Vater, rief sie innerlich aus:

„Ich kann an der Aussage dieses Mannes mir gegenüber nichts Unaufrichtiges erkennen. Hier sind alle Beweise seiner tiefen Zuneigung zu mir lange bevor er meinen Namen mit solch scheinbarer Unverschämtheit bei Papa erzwang. Wenn Papa diese Beweise mit dem Interesse einer Frau sehen könnte, hätte er eine vollständige Entschuldigung darin. Hier ist auch der Vogel, der meinen Namen singt. Welche Stärke der Voreingenommenheit muss der Meister besessen haben, um den gefiederten Schüler dazu zu bringen, den Klang von ‚Vesta‘ zu wiederholen und mich ‚Süße‘ zu nennen! Welche Ressourcen auch, ohne den Einsatz von Geld oder gesellschaftlichen Hilfsmitteln! Er kennt die Geschichte unseres englischen Ursprungs, während wir sie zu einer müßigen Prahlerei machen; aber für ihn sind Cromwell und Milton, Raleigh und Vane Männer von heute. Ah!“, dachte Vesta, „ich glaube, ich sehe jetzt einen dieser Puritaner in meinem Ehemann, von denen ich gehört habe, dass sie über Virginia verstreut sind. Wir sind die Kavaliere. Da ist der Roundhead, bis hin zum Hut von König Jakob.“

Während sie sich in diesen Wahrscheinlichkeiten weiterführen ließ, nahm Vesta den sittsamen alten Hut und betrachtete ihn ohne jeden Aberglauben und überlegte:

„Übertreiben wir nicht Kleinigkeiten? Warum sollte dieser Mann so verspottet werden, weil er seinen Kopf mit einem alten Hut bedeckt? Was soll's? Angenommen, es zeigt etwas Eitelkeit oder Exzentrik, warum ist es verdienstvoller, das zu verbergen, als es in der Kleidung auszudrücken? Die Stile, die wir heute tragen, sind selbst der Spott der aktuellen Zeitungen, und was wird man in fünfzig Jahren von ihnen denken, wenn die Modemagazine mich zeigen, wie ich aussehe – der Neid meines Augenblicks, der Schrecken meiner Enkel?“

Mit steigender Röte legte sie den Hut in die lederne Hutschachtel und schloss sie.

Richter Custis bahnte sich nach einer Weile den Weg die dunkle Treppe hinauf und rief, sobald er Milburn ansah:

„Verwünschungen kehren heim! Erst vorgestern sagte ich in Gegenwart von Meshachs Neger: ‚Möge ihn das Fieber packen und der gallige Schweiß vom Mühlenteich von Nassawongo!‘ Er schlief jene Nacht dort, während ich mich in Elend wälzte. Die nächste Nacht war er an der Reihe. Tochter, er hat das gallige Wechselfieber, das Vermächtnis all seiner Vorfahren. Er hat sich, nehme ich an, jene Nacht außerordentlich ausgesetzt, und ich höre, dass er am Morgen die alte Hütte niedergebrannt hat. Nun wird er zur Erinnerung daran die nächsten zehn Wochen brennen; denn er hat, so vermute ich, nach der Tageszeit, zu der das Brennen und das Delirium kamen, die sogenannte doppelt tägliche Form des Fiebers, mit zwei Anfällen in vierundzwanzig Stunden.“

„Armer Mann!“, rief Vesta aus.

„Nun kann ich mir sein Erscheinen bei der Hochzeitszeremonie letzte Nacht erklären. Das Fieber war bei ihm, aber er stand es mit harter Entschlossenheit durch, und wahrscheinlich fiel er, als er hierher zurückkehrte, um etwas Linderung zu finden, einfach auf dieses Bett, und sein Verstand verließ ihn für einige Stunden. Der Anfall schwindet während des Schlafs und kehrt am Morgen zurück; also, bevor er heute aufbrechen konnte, selbst wenn er hätte gehen können, um sich in Teackle Hall zu melden, kam ein weiteres Fieber, und zwar ein wütendes, und er wird Glück haben, vierzig Tage Fieber mit wahrscheinlich achtzig Schweißausbrüchen in dieser Zeit zu überleben.“

„Er muss sofort ärztlich behandelt werden, Papa.“

„Nun, ich bin ein guter genug Arzt für das gallige Fieber. Er braucht reichlich kalte Limonade, kalte Waschungen und Eis zum Lutschen, wenn das Fieber ihn packt. Wenn der Schüttelfrost einsetzt, braucht er Decken, heiße Flaschen an seinen Füßen und heißen Tee oder etwas Stärkeres. In der Ruhe zwischen den Fieber- und Schüttelfrostanfällen braucht er Kalomel und peruanische Rinde, und wenn diese Delirien anhalten, braucht er vielleicht sowohl Aderlass als auch Opium.“

„Hier sind einige der Dinge, die er sofort braucht“, sagte Vesta, als ein großer weißer Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, mit Virgie die Treppe heraufkam und etwas Eis vom Susquehanna in einer Decke, eine Rolle Teppich und andere Gegenstände brachte, nach denen sie geschickt hatte. Das Gesicht des Mannes trug einen großen blauen Fleck, der sein wildes Aussehen noch verstärkte.

„Richter“, rief der Fremde, „ich arbeite ein wenig, um meine Kost zu bezahlen. Wer ist Ihr Fuchtler? Er wird mich erkennen, wenn er mich das nächste Mal sieht.“

Den Augen des Fremden folgend, sahen Vesta und ihr Vater Meshach Milburn, der sich halb von dem niedrigen Ausziehbett aufgerichtet hatte und Joe Johnson anstarrte, als versuche er, ihn zu greifen. Seine Lippen bewegten sich, er artikulierte teilweise:

„Fang den--Schurk--ihn!“

„Joe“, sagte der Richter, „schleich dich weg! Er erkennt dich als den Angreifer von gestern. Zögere nicht: sieh nur, wie er dich anstarrt!“

„Oh, es ist der Billy-Noodle mit dem Kirchturm-Aufputz, derjenige, der mich mit dem Ziegelstein erledigt hat“, sagte der Fremde mit leiser Stimme. „Also habe ich ihn gepfeift. Ah! Das ist prima!“

Als der große Mann gehen wollte, entspannte sich Milburns Gesichtsausdruck, sein Geist irrte wieder umher und er fiel zurück auf das Bett.

„Ich sagte Ihnen, er ist ein harter Hasser, Herr Johnson“, bemerkte der Richter.

„Das Zittern ist der Ausgleich für den blauen Fleck, den er mir verpasst hat – das heißt, bis wir beide geheilt sind. Er hat die Abzeichen aller Nationen auf meinen Bauch gemalt, Richter. Aber ein Schlag wird durch einen Schlag geheilt!“

Mit einem bewundernden Blick auf das Mädchen Virgie zog Joe Johnson seine lange Gestalt wie eine Stange die Treppe hinunter.

„Was für ein brutaler Riese“, sagte Vesta; „und wie kommt er dazu, unsere Besorgungen zu machen?“

„Nun, Tante Hominy hatte niemanden, der die Schubkarrenladung bringen konnte, und dieser Mann sagte, er würde kommen, und er würde kommen, Miss Vesty, also konnte ich nichts sagen.“

„Er ist ein Mann mit einigem Einfluss“, sagte der Richter unruhig, „im oberen Teil unseres Countys und in Delaware. Letzte Nacht, nach der Hochzeit, schlug er Meshachs Hut herunter, und der alte Samson schlug ihn dafür nieder, und er hätte Samson getötet, wie ich höre, wäre da nicht Ihr Bräutigam gewesen, der ihn mit einem rechtzeitigen Ziegelstein zu Boden streckte. Es ist ein hartes Gespann, an dem man auf einer engen Straße vorbeikommen muss – Meshach und Samson; he, Virgie?“

„Ich bin froh, dass der alte Samson ihn sowieso geschlagen hat“, sagte die hübsche Quadronin und zeigte ihre weißen Zähne.

„Oh, welche Schwierigkeiten wird uns dieser Hut nicht noch einbringen!“, dachte Vesta; und sagte dann: „Wenn Herr Milburn stark wäre, denke ich, würde er diesen Mann kaum vor der Nacht aus dem County lassen.“

„Nun, Tochter, was willst du mit diesen Gegenständen machen, die er gebracht hat?“

„Sie sollen diesen Raum gemütlich machen. Sieh, er hat mein Bild hier, von seinen eigenen Händen geschnitten: Ich möchte ein besseres vor ihn hinstellen: Hilf mir, es aufzuhängen, Papa!“

In wenigen Minuten fing das helle Ölporträt, das erst kürzlich von Herrn Rembrandt Peale gemalt worden war, das Sonnenlicht auf seinen warmen brünetten Wangen ein, in vollem Blick des Bräutigams, und der dicke Flickenteppich wärmte den Boden, und Virgie hatte einen zweiten Botengang nach Teackle Hall gemacht und den Schaukelstuhl der Dame, den Milburn so sehr mochte, sowie Toilettenartikel und etwas dunklen Stoff zurückgebracht, um die kahlen Bretter stellenweise zu verbergen, und der alte Dachboden nahm bald ein vernünftiges Aussehen von bewohnbarem Leben an. Virgie schürte das Feuer, und die Kamineisen aus Messing nahmen die fröhliche Flamme auf, während Vesta die Limonade süßte, nachdem ihr Vater die Zitronen geschnitten und ausgepresst hatte, und etwas Magnesia hinzufügte, um das Getränk zum Schäumen zu bringen.

„Wirklich“, sagte Richter Custis, „diese elende Höhle nimmt die rudimentäre Form eines Zuhauses an. Ich nehme an, es gibt jetzt mehr Komfort in seinem Blick, als Meshachs ganze Sippe jemals gesammelt hat. Was ist dein nächster Schritt, Vesta?“

„Genau hier zu bleiben, lieber Papa, bis es sicher und angemessen ist, Herrn Milburn nach Hause zu bringen.“

„Oh, Torheit! Es wird einen Skandal erregen und meinen Gefühlen zuwiderlaufen. Dieser Dachboden über einer ehemaligen Schnapsbrennerei ist kein Ort für dich: Die Nachricht wird sich von Chincoteague bis Arlington verbreiten. Jeder Custis, der lebt, wird mich tadeln und dich ächten.“

„Ich glaube, du solltest vor dem Gottesdienst mit Herrn Tilghman sprechen, Papa, und die Hochzeit heute Morgen von der Kanzel verkünden lassen: Das wird die Aufregung vor der Nacht beilegen. Was das Bleiben hier betrifft, mein Zuhause, weißt du, ist dort, wo er mich braucht. Nach seinem Willen müsste ich ganz hier bleiben. Aber ich möchte das tun, lieber Vater. Es ist für meine Natur von größter Notwendigkeit, meinen Umgang mit meinem Ehemann zu verbessern, während er krank ist, damit die hastige Hochzeit, die wir geschlossen haben, noch ihre Zeit der Bekanntschaft und des guten Einvernehmens haben kann. Ich möchte die Möglichkeiten meines Glücks ausloten. Er wird jetzt weniger mein Herr sein als in seiner Stärke und seinem Besitz. Vielleicht...“, Vestas Stimme sank, und sie wandte sich dem Bräutigam zu, dessen Fieber noch immer seinen Verstand verzehrte, „vielleicht kann ich seine Kleidung beeinflussen... sein Aussehen.“

„Du meinst den Kirchturm!“, rief Richter Custis gereizt.

Beim lauten Klang dieses vertrauten Wortes wurden die Ohren des fiebrigen Mannes wie durch ein ewig offenes Ventil durchbohrt, wie eine alte Wunde.

„Kirchturm! Wer hat ‚Kirchturm‘ gerufen?“, murmelte er. „Oh, siehst du nicht, dass ich verheiratet bin? Sie hört es. Oh, verschone und bemitleide sie!“

Er wanderte wieder in die miasmatische Welt ab, und ließ sie alle berührt, doch bedrückt zurück.

„Wie der bloße Feuerstein sich vor dem Wassertropfen abnutzen wird“, sagte Richter Custis schließlich; „sein verhärtetes Herz wurde von diesem Spitznamen gezeichnet. In der Öffentlichkeit schien er nie davor zurückzuweichen; aber du siehst, es fügte eine niemals heilende Wunde zu. Wer hat nicht seinen Geier?“

„Und wie ungerecht, diesen Mann so viele Jahre mit solch leichtfertiger Gastfeindlichkeit zu verfolgen“, rief Vesta aus, ihre prachtvollen Augen funkelten. „Es wurde keine Rücksicht auf seine privaten Gründe, seine familiäre Frömmigkeit oder vielleicht seinen strengen Geschmack genommen; denn er muss einen Grund für seine Garderobe haben, da dies, wie es scheint, die einzige Sache ist, bei der es keine Unabhängigkeit geben kann. Hast du Papa, sein Gefühl für mich gerade eben gehört? Seltsamerweise dachte mein eigener Geist an diesen Hut. Er scheint größer zu sein als die Kirchtürme selbst: Er erhebt sich zwischen den Menschen und der Anbetung, ja, zwischen uns und der Nächstenliebe, und dem Glauben – ich hätte fast auch die Hoffnung gesagt.“

„Die farbigen Leute sagen alle, dass er diesen Hut tragen muss, weil der Teufel ihn dazu zwingt“, sagte die adrette, sanftfüßige Virgie; „Tante Hominy sagt, der Böse würde ihn kein Geld mehr machen lassen, wenn er nicht in diesem Hut zur Kirche gehen würde. Manche der weißen Leute sagen das auch.“

„Du glaubst doch nicht an solche törichten Geschichten, Virgie?“, fragte Vesta.

„Wahrlich, ich glaube nicht, dass irgendetwas, was du sagst, eine Geschichte ist, Miss Vessy. Hominy glaubt es. Sie ist fast zu Tode erschrocken darüber, dass Herr Milburn ins Haus kommt, und sie hat die Kleinen fast verrückt vor Angst gemacht.“

„Arme, dunkle, unwissende Seele!“, sagte Vesta; „sie ist jedoch entschuldbarer als diese erwachsenen Männer, deren Vorurteile gegen einen Kleidungsgegenstand ebenso heidnisch sind wie ihr Fetisch-Aberglaube.“

„Wenn er gut zu dir ist, Miss Vessy“, sagte das Sklavenmädchen, „werde ich denken, dass der Böse nichts mit ihm zu tun hat. Wenn er dich schlecht behandelt, werde ich denken, dass der Böse es getan hat.“

„Manchmal habe ich das Gefühl, als hätten die Menschen wild gelassen werden sollen, wie die Tiere“, sagte der Richter, während er Milburns Mund mit einem Stück Eis ausspülte, „denn die Hindernisse für die Freiheit, die durch Mode und Zivilisation geschaffen wurden, sind in ihrem Despotismus asiatisch. Denk an die Steuern, die wir an die Mode zahlen, wenn wir sie Königen verweigerten. Denk an die Aristokratie, die auf Kleidung basiert, nachdem wir sie formell per Gesetz ausgerottet haben! Denk an den Einfluss, den die Schuhmacher und Schneiderinnen Europas, ausgehend von den Höfen, die wir abgeschworen haben, auf unsere Präsidenten und Senatoren und durch die Frauen dieses Landes auf alle Männer im Land ausüben! Eine Million Frauen, die nicht wissen, dass es zwei Häuser des Kongresses gibt, wissen genau, welchen Hut die Herzogin d'Angouleme trägt und wie Karl X. in Paris seine Krawatte bindet. So bekommt der Teufel immer einen Wurm in jeden Apfel. Die Französische Revolution schaffte Feudalität, Titel und großen Grundbesitz ab und versäumte nur, die Mode abzuschaffen, und dieser Wurm – ein Seidenraupenwurm ist es – verwüstet die republikanische Regierung überall und benutzt die Frauen, um uns zu infizieren.“

„Dennoch liegt in der Natur der Frau“, sagte Vesta, „die Liebe zur Kleidung ebenso stark wie die Liebe zur Frau im Mann. Ein gerechter Zweck liegt darin, Papa – uns wie die Vögel zu schmücken und der Kunst die Geburt zu ermöglichen.“

„Gott kennt seine eigenen Geheimnisse“, sagte Richter Custis. „Aber Vesta, geh mit mir nach Hause in dein eigenes komfortables Heim und lass Virgie hier, um Wache zu halten.“

„Herr, ich habe Angst, hier zu bleiben“, rief das Mädchen und schlich sich zu ihrer jungen Herrin.

„Dann werde ich bleiben und Pfleger sein“, sagte der Richter. „Fürchtet euch nicht! Ich werde ihm nur heilsame Medizin geben, welches Gift er mir und meinen Leuten auch gegeben hat. Du bleibst in Teackle Hall, mein kostbares Kind! Ich muss es tatsächlich befehlen.“

Vesta lächelte traurig und zeigte auf ihren Ehemann.

„Er befiehlt mir jetzt, Papa. Du warst ein zu nachsichtiger Herr und hast mich verwöhnt. Nein, Virgie und ich werden beide bleiben, und du versöhne Mama. Alles wird gut. Wirklich, ich bin glücklich und meinem Himmlischen Vater dankbar, dass er den Weg so sanft ebnet, von dem ich dachte, dass er so schwer sein würde.“

„Oh, die Bedingungen dieser Krankheit sind abstoßend, mein Kind. Du bist eine Dame.“

„Nein, ich bin eine Frau“, sagte Vesta; „dieser Mann und ich, einer von uns muss sehen, wie der andere stirbt. Du weißt nicht, wie leicht es für eine Frau ist, einen Mann zu pflegen. Auch wenn die Liebe die Aufgabe angenehmer machen mag, so wird doch Dankbarkeit viel dazu beitragen, sie zu versüßen. Er hat mich geliebt und den Schatten von deinem Alter für mich genommen. Soll ich ihn hier zurücklassen, damit er das Gefühl hat, ich verachte ihn? Nein.“

Sie küsste ihren Vater und gab ihm seinen Gehstock.

„Komm heute Nachmittag wieder, mein Lieber“, sagte sie zu ihm.

„Nichts auf Erden ist wie du!“, rief der alte Mann aus. „Ich fürchte, du gehörst nicht mir.“

„Doch“, sagte Vesta, „du bist voller Güte, wo immer du auch vom Weg abgekommen sein magst.“

Als das Geräusch seiner Schritte von der Türschwelle unten verklang, öffnete der kranke Mann mit einem Seufzer, als käme er aus brennendem Feuer, die Augen und blickte sich um. Sein Blick fiel auf ihr Bildnis.

„Was ist das?“, murmelte er; „davon habe ich eben nichts geträumt.“

„Es ist mein Bild. Ich bin hier“, sagte Vesta und beugte sich über ihn. „Erkennst du mich nicht?“

„Wer seid Ihr, werte Dame?“, hauchte er mit fiebergeschwächten Augenhöhlen, während sein Geist sich zu seinen geweiteten Pupillen emporarbeitete, „kenne ich Euch?“

„Ja, ich bin Vesta – Vesta Custis war ich. Ich bin deine Frau.“

Seine Augen weiteten sich, als würde er eine wunderbare Nachricht vernehmen.

„Frau? Was ist das? Meine Frau? Nein.“

„Doch, ich bin Vesta Milburn, deine Frau.“

Er schien sich zu erinnern, und voller Mitleid für ihn beugte sie sich herab und küsste ihn.

„Gott segne dich!“, seufzte er und glitt wieder hinüber in die Upas-Schatten.

In diesem Augenblick flog die Spottdrossel durch das offene Fenster, flatterte über dem einfachen Bett, ließ sich auf dem Kopfende nieder und begann zu singen:

„’Sband! ’Sband! Sieh! Sieh! Vesty, süß! Vesty, süß! Ha, ha! Hurra!“

KAPITEL XV.

DER MENSCHENRÄUBER.

Es schien Richter Daniel Custis, während er hinaus in den Sonntagssonnenschein ging, als hätte er nie einen vollkommeneren Tag gesehen. Die Blätter an den großen Platanen verfärbten sich, und die Ahornbäume entlang der Anhöhe an der Straße trugen ihre zartesten nankingfarbenen Gewänder, während einige junge Hickorybäume, beladen mit Nüssen, und ein hoher Gummibaum, prachtvoll in ihrem Schmuck, ihn auf ihrem Weg lockten, über die Manokin-Brücke zum gegenüberliegenden Hügel, wo die presbyterianische Kirche über der Stadt thronte.

Der Richter, dessen Augen voll glücklicher Tränen waren, teils wegen der tatsächlichen Erleichterung seiner Umstände, die Vestas großes Opfer bewirkt hatte, und teils wegen der Szene, die sich gerade zugetragen hatte, von ihrer natürlichen Ehre und Treue zu dem Mann, der ihr das Ehegelübde abgerungen hatte, schlug den nördlichen Weg ein und überquerte die kleine Brücke. Während er den Hügel hinaufging, breiteten sich die Umgebung der Stadt und die Stadt selbst hinter ihm in der Stille des Sabbats aus, und die Wachteln und Herbstvögel pfiffen und gackerten leise im Mais und in den Getreidestoppeln. Einige Wildgänse im Süden flogen über die niedrigen grauen Wälder in Richtung der Bucht; irgendwo bellte ein Meute Jagdhunde wie ferne Musik; er hörte das Glucksen der Truthähne auf einem der benachbarten Gehöfte auf den Hügeln der sumpfigen Landschaft, wo Wohlstand, der sich sonst nicht bemerkbar machte, sich in dem fetten Geflügel zeigte, das wie lebendige Früchte auf den Bäumen saß und apoplektisch klang.

Während er den Wein des Herbstes in der Luft in sich aufnahm, der einen Hauch von Frost hatte, wie die erste Säure im süßen Apfelwein, sah er ein oder zwei Kutschen über die ebenen Straßen in Richtung Princess Anne kommen, und die Kirchenglocke verkündete ihr Anliegen, als ihr fruchtiger Klang wie ein Apfel, der vom Zweig rollte, in die Gelassenheit fiel. So leicht, so musikalisch, so regelmäßig läutete sie, wie die Stimme von etwas Reinem, das selbst in seinen Freuden beständig war, dass der Richter seinen breiten weißen Pelzhut abnahm, als wäre es eine Dame, und mit einer Mischung aus Höflichkeit und Frömmigkeit zuhörte.

Während die Glocke weiterläutete, kamen andere Kutschen in die Stadt, und einige fuhren an ihm vorbei; die Insassen verneigten sich alle und warfen oft einen Blick zurück, um Richter Custis, den ersten Mann im Landkreis, noch einmal zu sehen.

Sie blickten auf ein gedemütigtes Herz, eine erfreute Seele, die die scharfe Hand des Leids zum Bluten gebracht hatte, während eine unvorhergesehene Vorsehung in seinem geliebten Kind die Wunde wachgeküsst und das Gift daraus gesaugt hatte.

Er hob die Stirn gegen den strahlend blauen Himmel, als könnte er sie nicht hoch genug heben, um mehr von jener himmlischen Ruhe zu spüren, die dort eingeschlossen war, und der Richter seufzte einen glücklichen Wunsch hervor, wie den Kuss der Liebe nach einem Streit, wenn alle Zweifel ausgeräumt oder das Unrecht vergeben ist:

„O mache mich wie ein kleines Kind! Wasche meine Flecken ab! Führe mich auf dem Pfad, den mein Kind gegangen ist, sonst werde ich sie im kommenden Leben niemals sehen!“

Seine Lippen bebten und seine Brust hob sich krampfhaft. In diesem Gedanken, unfähig zu sein, dorthin zu gelangen, wohin sein Kind gehen würde, in das reichere Leben jenseits der Gegenwart, empfing er eine deutliche Predigt von der lange leeren Kanzel der Natur und des Gewissens sowie Offenbarungen aus seinem Inneren, die klarer waren als die Heilige Schrift; denn er spürte die Gerechtigkeit der endgültigen Trennung des Unreinen vom Reinen, und den Glauben an das Beharren im Guten, um zur Heiligkeit selbst hinzuziehen, und das Beharren in Sinnlichkeit und Selbstsucht, um den Geist in seiner Schweinehülle gefangen zu halten. Seine Qual nahm zu.

„Wo werde ich hintreiben, wenn ich so weitermache“, sagte er, „den geschmeidigen Magistrat und Familienoberhaupt spiele und mich gerne im Dunkeln davonstehle, wie Neger, die nachts Waschbären jagen? Was bedeutet es, der Entdeckung zu entgehen, gegenüber der zunehmenden Erniedrigung meines eigenen Heiligtums, meines geschaffenen Geistes? Kann ich den Weg finden, den ich herabgewandert bin, und meine Schritte zurückverfolgen? Es bleibt mir nur wenig Leben, um es zu tun, aber mit Gottes Hilfe werde ich es versuchen! Ja, an diesem goldenen Sabbat werde ich etwas tun, um zu beginnen. Was soll es sein?“

Er setzte seinen Hut auf und sagte zu sich selbst: „Ich werde zur methodistischen Versammlungshalle gehen: Sie wirken unmittelbar auf das Gewissen, vertiefen das Sündenbewusstsein und predigen eine schnelle Reinigung, als ob Licht hineinschiene. Dort kann ich mich vor den Augen von Männern und Frauen demütigen und erlöst auferstehen. Aber nein. Es ist der Sabbat, an dem die Hochzeit meiner Tochter in unserer eigenen Kirche verkündet werden soll, und es wäre feige, um nicht zu sagen unschicklich, jetzt von einem Gottesdienst zum anderen zu fliegen. Wenn ich heute Morgen in die Kirche gehe, muss es unsere eigene sein. Gibt es eine andere Entschuldigung als Feigheit, nicht hinzugehen?“

Er blickte in seine schuldenbehaftete Natur, um zu sehen, was er jemandem schuldete, das heute anerkannt und beglichen werden könnte.

Langsam und fast zu seinem Missfallen stieg eine Verpflichtung gegenüber seiner Frau auf – die Verpflichtung der Liebe, die er ihr vorenthielt, falls er sie überhaupt noch mit dem Eifer alter Zeiten liebte.

Sie hatte seine Leidenschaft durch kleinliches Beharren auf kleinen Anstandsregeln, durch ein sich verengendes Verständnis und durch Unterwürfigkeit unter verweichlichte gesellschaftliche Traditionen aufgerieben. Sie störte die Gesundheit seines Intellekts mit ihren unsympathischen Verfeinerungen und erbärmlichen Lieblosigkeiten und der Angst vor jeglicher Universalität. Sie war die Vornehmheit selbst, ohne einen Funken Natur, und in dem Glauben, dass sie die Burgtürme der Exklusivität und gesellschaftlichen Rechtschaffenheit bewohnte, hatte sie sein Heim zum Verlies seines Rittertums gemacht, zugleich der erhabenste häusliche Raum und das Gefängnis.

Dennoch war sie seine Frau, und etwas von ihrem Wesen musste in Vesta sein, auch wenn der Richter es nicht gefunden hatte. Er reflektierte, dass seine Unbeständigkeit ihre Eigenheiten verschärft und die Distanz zwischen ihren Geistern vergrößert haben könnte, bis ihre aufgewühlte weibliche Natur, der Führung eines Ehemannes beraubt, die Weiden der Felder und der Luft verlassen hatte, sich auf ihr Nest setzte und dort vegetierte.

„Ich habe mich von ihr entfernt“, sagte er, „und beklage mich, dass sie nicht gewachsen ist. Ich selbst habe im dörflichen Stolz und in der Anmaßung geschwelgt und ihr das Beispiel gegeben, nichts anderes zu respektieren. Ich war ein Betrüger und wundere mich, dass sie nicht weltklug ist.“

Er fand seinen schwachen Willen sehr hartnäckig dagegen, seiner Frau wieder den Hof zu machen, aber die Bitte, die er gerade an den Himmel gerichtet hatte, ihn auf die rechten Wege zu führen, bewog ihn dazu, seinen Gottesdienst an diesem Morgen zu Hause abzuhalten.

„Ja“, sagte er, „ich werde richtig anfangen. Sie ist krank und allein, und Vesta wurde ihr genommen. Ich werde dem Pfarrer eine Notiz schicken, um die Hochzeit anzukündigen, wie Vesta es gewünscht hat, und meinen Gottesdienst heute in Teackle Hall abhalten.“

Der Manokin, der sich weiter von der Stadt weg ausbreitete und sich von einem Bach zu einem Flüsschen weitete, bis er die Säume des Sumpfes befeuchtete und niedrige Klippen in die Felder schnitt, schien ihn an diesem Morgen noch nie so sehr dazu eingeladen zu haben, entlang seiner Schleusen zu wandern.

„Wenn meine Frau nur mit mir aufs Land spazieren würde“, sagte er rastlos, „wie viel kameradschaftlicher wären wir füreinander gewesen! Aber sie kann überhaupt nicht gehen; jeder maskuline Umgang hörte vor Jahren zwischen uns auf, und die langweilige, kleine Reichweite der häuslichen Unterhaltung und der dynastische Klatsch der guten Familien zehren an meinem Geist. Aber ich war ein treuloser Ehemann, und meine Zunge ist trocken von staubigen Irrwegen auf verschwenderischen Pfaden. Lass mich sie wieder mit all meiner Kraft umwerben!“

Er ging durch Princess Anne, wo der Gottesdienst nun in allen Kirchen begonnen hatte, und sah außer einer gespaltenen Gruppe vor dem Wirtshaus niemanden auf der Straße. Dort hörte er Jimmy Phoebus scharf zu Levin Dennis sprechen:

„Levin, was machst du mit diesem Negerkäufer? Hast du keinen Dennis-Stolz mehr in dir?“

Der Richter sah, dass Joe Johnson, der am Sonntag vor zivilrechtlichen Klagen sicher war, selbst wenn sein Feind nicht hilflos im Bett gelegen hätte, Levin Dennis’ vom Branntwein gezeichneten Kopf unter der Straßenpumpe wusch, den Pumpenschwengel bediente und ihn mit abwechselnden Händen shampoonierte.

„Jimmy“, antwortete Levin, als er frei vom Ausguss war, „dieser Herr hat mir einen Job gegeben. Ich werde ihn zum Schildkrötenfangen auf den Sound mitnehmen. Er wird mich dafür bezahlen.“

„Schildkrötenfangen an einem Sonntag ist kein respektabler Job für einen Dennis, auf keinen Fall“, rief Jimmy Phoebus unverblümt; „und das mit einem Negerkäufer zu tun, ist eine feine Angeberei für dich, beim Rauch! Ich kann nicht sehen, wo dein Stolz ist, Levin, um mein Leben zu retten.“

Jack Wonnell, der einen Zylinder trug, beobachtete dies mit schüchternem Vergnügen an dieser klaren Sprache, öffnete den Mund zum Grinsen, schloss ihn, um zu schaudern.

Der große Fremde ließ Levin Dennis los, schritt in seinen langen Stiefeln, in die seine groben Hosen gestopft waren, direkt vor Jimmy Phoebus und starrte ihn durch sein entzündetes und hässliches Auge an. Jimmy begegnete seinem finsteren Blick mit einer Milde, die fast an Verachtung grenzte.

„Hör zu!“, sprach der Fremde, „du hast gestern den ganzen Tag Streit mit mir gesucht, und heute fängst du schon wieder damit an. Willst du kämpfen?“

„Nein“, sagte Jimmy und schnitzte an einem Stock; „ich bin nicht scharf auf Kämpfe, und ich tue es nie an einem Sonntag. Ich würde mich nicht schuldig machen, dich zu schlagen, beim Rauch!“

„Ich habe schon einen größeren Nager als dich genommen und ihm die Tritte in den Boden seines Kropfes versetzt, bis seine Leber-Lichter in meine Pranken fielen. Also ist es Messer oder Nichts zwischen uns, mein guter Kerl!“

Er legte seine Hand auf seine Hüfte, wo er ein Scheidenmesser trug.

„Heb diese Hand“, sagte Jimmy Phoebus mit einem schnellen Stich seines Schnitzmessers gegen die Kehle des Riesen. „Heb sie, oder, beim Rauch! deine Drossel geht drauf.“

Während Phoebus sprach, hob er einen Fuß von beachtlicher Größe, so geschickt wie ein Elefant, der seinen Rüssel hebt, und trat dem Mann die Hand von der Hüfttasche, ohne seinen eigenen Körper oder seine Miene zu bewegen. Es geschah so automatisch, dass der andere sich wütend umdrehte, um zu sehen, wer ihn getreten hatte, und sein Scheidenmesser, das halb gezogen war, wurde durch die Wucht des Trittes mehrere Meter weit weggeschleudert.

„Heb sein Messer auf, Levin“, sagte Jimmy, „sonst tut er sich noch weh damit.“

In diesem Moment kam Richter Custis hinzu und schob die beiden kräftigen Männer auseinander.

„Kämpfen an einem Sonntag auf unserer öffentlichen Straße“, rief er aus; „Phoebus, das hätte ich nicht von dir gedacht!“

„Dieser Rüpel hier, Richter“, sagte Jimmy kühl, „fing am ersten Tag an, Princess Anne einzunehmen, und der alte Samson von Meshach schlug ihn nieder, und Meshach selbst hat ihn erledigt. Heute fängt er an, diesen armen Schwachsinnigen, Levin Dennis, anzuführen, und als ich meine Meinung darüber äußere, zieht er sein Messer gegen mich; also benutze ich meinen Fuß, Richter, mit dem Sie mich schon einen Knoten haben lösen sehen, und ich verderbe ihm das Handgelenk damit. Pass auf sein Messer auf, Levin – er ist eine arme Kreatur ohne es.“

„Wir werden das austragen, eins zu eins, oder ich darf den Morgentrunk nehmen!“, knurrte der fremde Mann.

„Diese Art von Sprache wird in ehrlicher Gesellschaft nicht verstanden“, sagte Jimmy Phoebus; „ich nehme an, es ist Diebesjargon, der unter deinen Freunden verwendet wird, oder vielleicht große Worte, mit denen du Fremde schikanierst, wenn du Eindruck schinden willst. Nun, da du von einem Neger verprügelt und von einem weißen Mann getreten wurdest, kannst du vielleicht meine Sprache verstehen! Hör auch du zu, Negerkäufer! Weißt du, wo ich dich zuerst gesehen habe?“

Zum ersten Mal kam ein Feuerblitz aus den schwarzen Kirschenaugen des Pungy-Kapitäns, und sein riesiges, breites Gesicht von dunkler Farbe drückte seinen vollen orientalischen Charakter aus:

„Das letzte Mal, als ich dich sah, Joe Johnson, warst du nicht am Herumlungern in Richter Custis’ Küche zu keinem guten Zweck, noch beim Beleidigen des anderen Besuchers des Richters, Milburn vom Turmspitz: Es war beim Umarmen des Pfahls auf dem öffentlichen Platz von Georgetown, Bundesstaat Delaware, und der Sheriff legte es dir über den Rücken; und nachdem er dich an den Pranger gestellt hatte, nahm ich das fauligste Ei, das ich kriegen konnte, und ich zertrümmerte es genau auf dem Auge, wo dich dieser Neger gestern gequetscht hat!“

Die beklemmende Stille, als Joe Johnson zurückwich, verzweifelt vor Wut, aber unfähig zu leugnen, wurde durch Jack Wonnells gedankenlosen Einwurf unterbrochen:

„Hui, Jimmy! Hoch lebe Princess Anne!“

„Und warum habe ich dieses Ei genommen und dich dazu gebracht, es zu riechen, Joe Johnson? Weil du, beim Rauch! ein stinkender Menschenräuber warst, der die armen freien Neger ihrer Freiheit beraubte, wissend, dass sie keine Waffen trugen und sich nicht verteidigen konnten! Das ist dein Handel, und es ist der gemeinste und feigste der Welt. Es ist das, was die Algerier im fairen Kampf tun. Du bist ein feiner amerikanischer Bürger, nicht wahr? Ich kenne deine Bande, und eine blutige ist sie, aber du kannst keinem weißen Mann in die Augen sehen, weil du ein Dieb und ein Feigling bist!“

Die hellenische Natur des Kapitäns hatte sich dem Richter noch nie so voll entfaltet, und er empfand eine natürliche Bewunderung, als er Phoebus am Arm nahm.

„Nun, nun!“, sagte der Richter, „lass ihn jetzt gehen, Phoebus! Mr. Johnson, lassen Sie sich heute nicht mehr in Princess Anne blicken. Setzen Sie Ihre Reise fort und stören Sie uns nicht länger, sonst werde ich ein Strafverfahren gegen Sie einleiten, und Sie sehen, wir haben tüchtige Konstabler in Somerset.“

Als er Phoebus um die Ecke der Bank führte, sagte der Richter:

„James, meine Frau ist so krank, dass ich heute Morgen bei ihr bleiben muss, und ich möchte eine kleine Notiz für Mr. Tilghman in der Kirche hinterlassen. Würden Sie sie mitnehmen?“

„Warum, mit Vergnügen, Richter“, antwortete der gleichgültige Dorfbewohner. „Ich sehe in der bischöflichen Kirche nicht sehr hübsch aus, aber ich werde einen Botengang erledigen.“

Als der Richter die Notiz mit seinem Goldstift auf ein Blatt seines Notizbuches schrieb, sagte er:

„James, haben Sie diesen Mann gestern identifiziert?“

„Ja, ich habe ihn erkannt, sobald er zum Wirtshaus kam. Als ich ihn heute Morgen in der Stadt sah, hatte ich Angst, Samson Hat würde über ihn stolpern, und der Negerkäufer würde ihn für den Schlag von gestern töten. Denke ich mir: ‚Samson ist ein zu weißer Neger, um auf diese Weise getötet zu werden, beim Rauch!‘, aber das Vorurteil gegen einen Neger, der einen weißen Mann schlägt, ist in diesem Staat so groß, dass Joe Johnson, so blutig er auch ist, niemals für Samson Hat hätte hängen müssen; also habe ich einen Streit mit dem Negerkäufer angefangen, um ihm den Kampf auszutreiben, bevor Samson kommen konnte. Er wird jetzt niemanden mehr in dieser Stadt bekämpfen. Sein Hokuspokus ist hier vorbei.“

„Sie sind ein großes Risiko eingegangen, Phoebus. Er ist ein solch böser Kerl in seinen Rachsuchten, dass ich ihn in meinen Räumen habe verstecken und essen lassen, aus Angst vor irgendeiner schlechten Vergeltung, falls ich es verweigert hätte. Diese Bande von Patty Cannon ist der Fluch der Eastern Shore.“

„Und wenn Sie einem jüngeren und ärmeren Mann verzeihen, Richter, es sind genau solche Herren wie Sie, die das zulassen. Sie Politiker gewähren diesen Leuten Immunität und lassen sie in Ruhe, weil sie für Sie zu Wahlzeiten kämpfen und bei den Waldarbeitern und dem armen Gesindel beliebt sind, weil sie Neger verfolgen und Alkohol ausgeben. Sie wissen, dass die Gesetze auf beiden Seiten der Grenze von Delaware gegen ihre Handlungen sind, aber in Maryland sind sie toter Buchstabe.“

„Sie sprechen die reine Wahrheit, James Phoebus, so tapfer wie Ihr Handeln ist. Aber die armen Männer müssen eine Gesinnung gegen diese Menschenräuber entwickeln, denn unter den unwissenden Armen finden sie ihre Verteidiger und Ihresgleichen.“

„Richter“, sagte der Kapitän, „sie machen ein Pandämonium aus der ganzen Gegend um Patty Cannons. Beim Rauch! Es ist eine Schande für die Freiheit. Am helllichten Tag führen sie freie Neger ab, Männer, Frauen und auch kleine Kinder, um sie verkaufen zu lassen, die so frei sind wie meine Mutter und Ihre Tochter.“

Richter Custis dachte schmerzlich an die knappe Freiheit, die seine Tochter nun genoss. Jimmy Phoebus fuhr fort:

„Nun hier, wir machen Hokuspokus wegen der Algerier und Tripolitaner, die ein paar Christen gefangen nehmen und sie in die Türkei verkaufen, und wegen der Türken, die christliche Griechen versklaven. Henry Clay macht ein großes Aufsehen darum. Geld wird im ganzen Land gesammelt, um es ihnen zu schicken. Kommodore Decatur war ein großer Mann darin, das zu beenden. Beim Rauch! Sie verkaufen mehr freie Menschen in den Tod und in die Hölle entlang der Mason-Dixon-Linie als auf dem ganzen Busen des Mittelmeers.“

Der dunkelhäutige Sprecher war jetzt aufgeregter, als er während des gesamten Zusammenstoßes mit Joe Johnson gewesen war.

„In der Tat, Phoebus, sie haben mehrere tausend Menschen entführt, sagen die Abolitionisten aus Philadelphia, aber die Berichte müssen übertrieben sein. Die Nachfrage nach Negern ist so groß, seit die Baumwollmaschine und die ausländischen Märkte Baumwolle zu einem großen Grundnahrungsmittel gemacht haben und der direkte Import von Sklaven aus Afrika gestoppt wurde, dass es einen großen Ansturm auf Neger aus den Grenzstaaten gibt, und freie farbige Menschen bekommen selten Recht, wenn sie über die Linie gezogen wurden.“

„Sie bekommen nie Recht, Richter Custis! Ich schäme mich für meinen Heimatstaat. Vor nur wenigen Jahren, als ich ein Junge war, haben die Leute hier ihre Neger befreit, und es wurde verstanden, dass die Sklaverei aussterben würde, und jeder sagte: ‚Lass das böse Ding gehen.‘ Aber Neger begannen im Preis zu steigen; sie wurden achthundert Dollar wert, wo sie nicht zweihundert wert waren; und alle Politiker begannen zu sagen: ‚Neger sind nicht geeignet, frei zu sein. Neger sind die Binse, oder das Bollwerk, oder Bull-irgendwas unserer Nation.‘ Und dann begann das Entführen freier Neger, und als nächstes werden sie freie amerikanische Bürger entführen!“

„Tut, tut! James! So weit wird es nie kommen.“

„Wird es nicht? Was sagte Joe Johnson gestern Abend vor dem Washington Tavern zu mir? Er sagte: ‚Ich habe schon weißere Neger verkauft als dich. Ich kann dich zum Markt jagen und meinen Preis für dich kriegen!‘“

Der Seemann nahm seinen Hut ab.

„Sehen Sie mich an!“, fuhr er fort; „beim Rauch! Sehen Sie auf meine braune Haut und meine schwarzen Augen und mein kohlschwarzes Haar. Woher kommen sie? Sie kommen aus Griechenland, wo Leonidas und Markos Botsaris und all diese Kerle herkamen: Das ist es, was mein Vater sagte. Er wusste es besser als ich. Ich bin nichts als ein armer Mann von der Eastern Shore, der mein kleines Schiff segelt, aber ich bin ein frei geborener Mann, und ich sage Ihnen, Richter, es sind gefährliche Zeiten, wenn nichts als die Schattierung seiner Farbe einen freien Mann schützt.“

„James Phoebus“, sagte der Richter ernst, „ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich sage, dass ich all diese Dinge für Gräueltaten halte und sie aus der größeren Gräueltat der Sklaverei selbst erwachsen. Wir werden von neuen Staaten regiert, die im Südwesten aus den Alligator-Eiern der alten Sklaverei ausgebrütet wurden, die bei uns in Maryland und Virginia in politische und moralische Verruf geraten waren.“

„Ich habe keinen Nigger in mir“, sagte Phoebus und setzte seinen Hut auf, „aber ich habe mir diese Andeutungen, dass ich wie ein Nigger aussehe, zu Herzen genommen, und ich werde für einen Nigger Partei ergreifen, wenn ihm Unrecht getan wird, als wäre er Fleisch und Blut meines Herrn Jesus. Nun habt Ihr es gehört!“

„Und Ihr seid tapfer genug, es auch so zu meinen, mein ehrlicher Freund. Also erledigt mein Anliegen, und guten Morgen, James.“

KAPITEL XVI.

GLOCKENHUT-MANN.

Als der Richter und Phoebus um die Ecke der Bank gebogen waren, erschien Samson Hat und trieb ein junges weißes Mädchen die breite Hauptstraße von Princess Anne hinunter.

„Da ist der Nigger, der meinen Schützling ins Loch gebracht hat“, murmelte der Negerhändler, „aber selbst der soll heute an mir vorbeigehen. Diese verfluchte Stadt hat sich gegen mich verschworen.“

Er warf jedoch einen langen Blick auf Samson, der ihn mild und auf die respektvollste Weise erwiderte, als hätte er den fremden Herrn noch nie zuvor gesehen. „Und nun, meine Kumpane“, sagte Joe Johnson und wandte sich an Levin Dennis und Jack Wonnell, „wir drei werden zum Hafen hinuntergehen, und ich werde den Fusel besorgen und die Zeche zahlen, während ihr die Terrapins fangt, und lasst mich meinen Rausch ausschlafen.“

„Da gehe ich mit, keine Frage!“ rief Jack Wonnell, der gerade einen Schluck Pumpenwasser aus seinem Glockenhut genommen hatte. „Und du auch, Levin.“

Levin Dennis zögerte: „Ich will es erst meiner Mutter sagen“, sagte er, „vielleicht sieht sie es nicht gern, wenn ich an einem Sonntag weggehe. Sie wird Jimmy Phoebus hinter mir herschicken.“

Joe Johnson nahm einen Beutel voll Gold aus seinem Hosenbund, der an einer Schlaufe dort hing, und hielt dem Jungen ein Fünf-Dollar-Stück vor die leuchtenden Augen:

„Hier, Kleiner! Das gehört dir, wenn du deiner Mutter nichts davon sagst. Mach dich mit mir auf die Socken, du kleiner Wicht, und finde dein Boot, und ich zahle dir diesen Batzen bei Sonnenuntergang.“

Levins leichtgläubige Augen glänzten, und mit einem widerstrebenden Blick zum Häuschen seiner Mutter führte er den Weg aufs Land.

Es wurde wenig geredet, während sie eine Stunde oder länger nach Westen gingen; der Fremde brütete anscheinend über seine Kränkungen und reichte zweimal den Krug mit Branntwein herum, den Jack Wonnell tragen musste, und vor Mittag kamen sie an einen beträchtlichen Bach, in dem ein kleines Schiff vor Anker lag, das an seinem Heck in ungelenken, oft seitenverkehrten Buchstaben den Namen trug: Ellenora Dennis.

„Was ist das für ein Gekritzel da drüben?“, fragte Johnson und deutete auf die Buchstaben.

„Das ist der Name seiner Mutter, Boss“, sagte Jack Wonnell und zupfte an der Hose des Fremden, „sie ist eine Witwe und hübsch wie ein Pfirsich.“

„Hast du keinen Vater, du kleiner Milchbubi?“, fragte Johnson grob.

„Er ist weg, seit ich ein Baby war“, antwortete Levin; „er ging auf das Kaperschiff des Onkels von Richter Custis, von dem man nie wieder etwas gehört hat. Wir wissen nicht, ob die Briten ihn gefangen und gehängt haben, oder ob die Ida irgendwo gesunken und er ertrunken ist, oder ob sie irgendwo weit weg segelt. Ich muss für Mutter sorgen.“

„Humph!“, knurrte Joe Johnson; „Sohn einer Gans und einer Gauklerin: hübscher Junge auch – hat das Blut der alten Familien in sich. Nichts Besseres für mich!“

Levin zog ein unter etwas Sumpfgebüsch verstecktes Boot hervor, stieß zu seinem Schiff ab, brachte es mit wenigen Handgriffen in Ordnung, zog den Klüver hoch und brachte es an das Ufer.

„Mr. Johnson, ich habe noch nie an einem Sonntag Terrapins gefangen, aber ich glaube nicht, dass es schadet.“

„Schadet? Was ist das?“, höhnte Joe Johnson. „Hör zu, Junge, kein Kneifen jetzt! Wenn ich mit einem Bengel anfange, dann fange ich ehrlich an. Wenn du glaubst, es sei sündhaft, Terrapins zu fangen, nun, ich will, dass sie gefangen werden. Wenn es dir egal ist, dann kannst du einfach dein Segel setzen und Kurs auf Deil’s Island nehmen, und wir machen eine Reise daraus!“

Nicht ganz sicher, wie er die Anweisungen verstehen sollte, nahm Levin das Ruder, und Jack Wonnell holte übereifrig die Terrapin-Zange und stellte sich in den Bug, während das Katboot bei einer guten Brise und ablaufender Tide den Monie Creek hinunterglitt. Der Kettendredge für Terrapins wurde über Bord geworfen, aber das Boot machte zu viel Fahrt, als dass Wonnell mit seiner Zange mehr als ein oder zwei langsame Tiere hätte fangen können, während sie um die durchsichtigen Böden kreisten und sich auf ihren winterlichen Abstieg in den Schlamm vorbereiteten.

„Hol deinen Dredge ein“, befahl Johnson nach wenigen Minuten. „Er macht uns zu langsam.“

Jack Wonnell drehte gehorsam einige Male an der Winde, und als der Beutel hochkam, rollten zwei Terrapins der damals verbreiteten Diamantschildkröten-Art auf das Deck, sowie ein Schlammschildkröte.

„Das reicht an Terrapins“, sagte Johnson, „es sei denn, du hast Angst, dass es falsch ist, Levin. Sag schon, du Tropf! Ist es nun sündhaft?“

Der Junge lachte, das Gesicht ein wenig blass, und Johnson schloss seine Bemerkung mit:

„Nichts ist sündhaft! Der Sonntag ist der Tag des Müllmanns, an dem Helden die Regeln brechen dürfen. Glaubst du, dein Vater auf dem Kaperschiff würde die Briten nicht auch an einem Sonntag vermöbeln? Der Weg zum Reichtum, mein Junge, ist, alle Gebote am Pfosten zu brechen und sie an der Kerbe wieder aufzusammeln!“

„So ist es, so wahr du geboren bist. Hu! Johnson, das hast du richtig gesagt!“, gluckste Jack Wonnell, der nicht genau verstand, was gesagt worden war.

Levin Dennis spürte ein leichtes Schaudern, aber er überließ dem Fremden das Ruder, und mit Wonnells Hilfe holte er das Großsegel dicht, und das leichte Boot flog über die Monie Bay, wobei es die Wasservögel aufschreckte, während es durch sie hindurch kreuzte.

„Hier ist noch ein Schluck für alle“, rief Joe Johnson, „und dann gehe ich unter Deck, um eine Stunde zu dösen, denn ich bin sturzbetrunken.“

Levin trank noch einmal, und es nahm das schaudernde Gefühl von ihm ab, und Joe Johnson rief, als er in der kleinen Kabine verschwand:

„Erinner dich! Du steuerst auf die Durchfahrt von Deil’s Island zu, und weckt mich, Kumpane, beim alten Lagerplatz, damit wir essen können.“

Die beiden Nachbarn aus Princess Anne fühlten sich von der Gesellschaft des langen Mannes befreit, und Jack Wonnell legte sich achtern auf den Rücken und grinste Levin an, als gäbe es einen großen unbekannten Witz oder eine Übereinstimmung zwischen ihnen, und flüsterte schließlich:

„Woher hat er all das Gold?“

Levin schüttelte den Kopf:

„Kann ich nicht sagen, Jack, beim besten Willen nicht. Niggerhandel, schätze ich. Das muss ein einträgliches Geschäft sein, Jack.“

„Das beste Geschäft der Welt. Ich wünschte, ich hätte ein bisschen von seinem Geld, Levin. Hu-ue-oo!“, stieß er einen leisen Jubelruf aus, „dann würde ich mein Mädchen bekommen!“

„Wer ist dein Mädchen, Jack, für diesen Winter?“

„Du verrätst es niemandem, Levin?“

„Nein, ich will vom Blitz getroffen werden!“

Jack hielt seinen Glockenhut an die Seite seines Mundes, grinste wieder, zwinkerte wissend mit einem Auge und flüsterte:

„Die hübsche gelbe Roxy, das Mädchen von Richter Custis.“

„Sie will nichts mit dir zu tun haben, Jack; sie ist zu gut erzogen.“

„Das hat sie noch nicht, Levin, aber ich bin hinter ihr her. Es gibt kein weißes Mädchen in Princess Anne, das so hübsch ist wie diese beiden Hausmädchen von Richter Custis.“

„Nun, was kannst du schon mit einem Nigger anfangen, Jack? Du kannst sie niemals heiraten.“

„Vielleicht kann ich sie kaufen, Levin.“

„Sie steht nicht zum Verkauf, Jack. Richter Custis verkauft niemals Nigger. Du kannst keinen Nigger kaufen, beim besten Willen nicht. Als einige von Richter Custis’ Niggern in Accomac wegliefen, ließ er die Leute nicht nach ihnen suchen.“

Jack Wonnell hielt seinen Glockenhut wieder an die Seite seines Mundes, grinste grässlich und flüsterte:

„Kannst du ein Geheimnis bewahren?“

Levin nickte ja.

„Willst vom Blitz getroffen werden?“

„Will vom Blitz getroffen werden, Jack.“

„Richter Custis wird von Meshach Milburn zwangsversteigert.“

„Was für eine Lüge, Jack!“

Levin ließ das Ruder halb los, und die Ellenora Dennis drehte sich und ließ ihre Segel flattern, als hätten solche Nachrichten ihnen den ganzen Wind aus den Segeln genommen.

„Jack“, rief Levin, „Jimmy Phoebus sagt, du bist ein verlogener Kerl geworden. Jetzt glaube ich es auch.“

„Ich will vom Blitz getroffen werden!“, protestierte Jack Wonnell, „ich lüge nie: es ist zu schwer, Lügen für Dinge zu finden, wenn Leute kommen und es dir erzählen, oder wenn du es selbst sehen kannst. Jimmy nannte mich einen Lügner, weil ich sagte, Meshach Milburn sei durch die Vordertür des Richters gegangen, aber wir haben ihn doch herauskommen sehen, oder?“

„Ja, das stimmte; aber das hier ist eine schreckliche Lüge.“

„Nun, Levin, die hübsche gelbe Roxy, sie hat es mir erzählt, und sie ist zu hübsch, um zu lügen. Ich liebe das Mädchen wie Pfirsich und Honig, Levin, und es ist mir egal, ob sie weiß ist oder nicht. Sie ist fast so weiß wie ich, und um einiges besser.“

„Also redest du doch mit Roxy?“

„Levin, ich erzähle dir alles darüber, und du verrätst es niemandem. Nun, ich pflücke Magnolien und wilde Rosen und solch hübsche Dinge für Roxy, damit sie sie ihrer Herrin geben kann, und Roxy gibt mir Kuchen, Hühnchen und Kaffee an der Hintertür, weil sie weiß, dass ich nicht viel Geld habe, um sie zu kaufen. Gott segne sie! Sie weiß nicht einmal zur Hälfte, dass ich die Kuchen und Snacks und den warmen, starken Kaffee nicht so sehr schätze wie ihre hübschen Augen. Sie ist ein weißer Engel mit ein wenig Kaffee in ihrem Blut, aber es ist alter Government Javey und mehr als die Hälfte Sahne!“

Hier lachte Levin laut und sagte, Jack müsse das aus einem Buch gelernt haben.

„Oh“, sagte Jack, kniff ein Auge fest zu und stimmte in das Grinsen ein, „seit ich verliebt bin, kann ich viele kluge Dinge wie diese sagen. Ich habe die hübsche kleine Roxy als Kind aufwachsen sehen, und als sie anfing, sich zu entwickeln und groß zu werden, sagte ich: ‚Nigger hin oder her, sie ist ein Engel!‘ Die weißen Mädchen wollten alle nichts von mir wissen, weil ich nichts verdiente, und ich richtete meine Augen auf Roxy Custis und sagte: ‚Was kann ich tun, damit sie mich beachtet?‘ Also folgte ich ihr überallhin, und eines Tages sah ich sie die Straße entlangkommen, wie sie wilde Blumen pflückte und eine Handvoll davon hatte, und ich sagte: ‚Roxy, was machst du mit den Blumen?‘ ‚Sie sind für meine Herrin, Miss Vesty‘, sagte sie; ‚sie lebt von Wildblumen, und sie sind alles, was ich ihr geben kann, und ich möchte, dass sie mich genauso liebt wie Virgie.‘ Du siehst, Levin, das andere Mädchen, Virgie, bedient Miss Custis, und Roxy war ein wenig eifersüchtig. Dann sagte ich: ‚Roxy, ich kann dir Blumen für deine Herrin besorgen. Ich weiß, wo die Magnolien am weißesten blühen und den ganzen Tag lang duften.‘ ‚Tust du das?‘ sagte sie, ‚Oh, Mr. Wonnell, ich hätte gerne einen Strauß Magnolien, um ihn jeden Tag auf Miss Vestys Toilettentisch zu stellen.‘ ‚Ich besorge sie dir, Roxy‘, sagte ich, ‚weil ich schon immer dachte, du wärst eine kleine Schönheit.‘ Sie sagte: ‚Ich würde fast alles geben, um Miss Vesty jeden Tag mit Blumen zu überraschen – echte wilde!‘ ‚Dann‘, sagte ich, ‚Roxy, besorge ich sie dir für einen Kuss!‘ Und sie wurde fast blutrot und lief davon.“

„Das ist es, was ich dir gesagt habe, Jack, sie ist zu gut erzogen, um mit weißen Kerlen zu reden.“

„Niemand ist zu gut erzogen“, entgegnete Jack Wonnell, „um taub für Liebe und Freundlichkeit zu sein. Ich sagte zu mir selbst: ‚Jack, du hast das Mädchen verschreckt. Sag jetzt nichts mehr über den Kuss, und geh und besorge ihr jeden Tag die Blumen, dann wird sie dich mehr mögen!‘ Also ging ich zum King’s Creek und pflückte die Magnolien, und ich kam zur Tür und bat den alten Hominy, Roxy für eine Minute herunterzuholen. Roxy kam und wollte schon weglaufen, bis sie meine Blumen sah, und sie hielt inne und sagte: ‚Ich habe sie nur für dich besorgt, Roxy, weil ich dich gesehen habe, als du ein kleines Kind warst.‘ Sie nahm sie und sagte: ‚Das war sehr freundlich von Ihnen, mein Herr‘, machte einen Knicks und verschwand. Am nächsten Tag war ich wieder da, Levin, und ich sagte, um es wie einen Handel aussehen zu lassen: ‚Roxy, kannst du mir eine Tasse Kaffee geben?‘ ‚Ach, ja!‘ sagte sie und vergaß ihr Erröten sofort. Also hielt ich mich mit der Liebe bedeckt und schob es auf das Kaffeetrinken, und, Levin, ich habe die Wildblumen ununterbrochen gebracht, bis das Mädchen anfing, jeden Tag an der Tür nach mir Ausschau zu halten, und ich versteckte mich und sah, wie sie zum Fenster kam und nach mir spähte. Eines Tages sagte sie, während ich den Kaffee trank: ‚Mr. Wonnell, warum geben Sie sich solche Mühe, um ein armes Sklavenmädchen zu erfreuen, das nur halb weiß ist?‘ Ich überlegte eine Minute, um etwas zu sagen, das sie nicht verscheuchen würde, und sagte: ‚Roxy, das liegt daran, dass ich ein so armer, wertloser Kerl bin, dass die weißen Mädchen mich nicht anschauen!‘ Die Tränen traten ihr direkt in die Augen, und sie sagte: ‚Mr. Wonnell, wenn ich weiß wäre, würde ich Sie anschauen.‘ ‚Ich glaube, das würdest du‘, sagte ich, ‚weil du ein weißes Herz hast, Roxy.‘“

„Jack, du bist ein verdammt cleverer Liebhaber“, sagte Levin. „Ich dachte, du hättest gar keinen Verstand.“

„Liebesmachen ist der beste Verstand von allen“, sagte Jack, „es ist dieser Verstand, der die Wälder voller Musik hält, wo die Vögel und Bienen zwitschern und summen und sich paaren. Die Liebe ist der letzte Sinn, der kommt, nachdem man sehen, hören und fühlen kann, und sie ist den Menschen gegeben, um etwas Schönes zu finden, das man lieben kann. Die Liebe war die Arbeit des ganzen Tages im Garten Eden, bevor der Mensch zu fleißig wurde, und es ist alles, was ich tue, und ich hoffe, ich tue es gut.“

„Was hat Roxy dir nun über Meshach Milburn und Richter Custis erzählt?“

„Du siehst, Levin, als ich das Blumenbringen fortsetzte, konnte ich sehen, wie ein wenig Liebe in der hübschen Roxy aufkeimte, aber sie verstand es nicht, und ich war so vorsichtig, sie nicht zu verschrecken, als wäre sie ein Schneevogel, der nach einem Brotkrümel hüpft. Sie sprach mit mir über ihre kleinen Sorgen, und ich hörte so aufmerksam zu wie ihre Mutter, weil kleine Dinge das sind, wovon Frauen leben, und ein Frauenversteher ist nur ein Kerl, der geduldig bei ihrem kleinen Gerede bleibt. Je mehr ich zuhörte, desto mehr mochte sie es, mir zu erzählen, und ich sah, dass Roxy eine Menge von mir hielt, Levin, ohne dass sie oder ich es offen zugaben.

Heute Morgen kam sie mit Augen an die Tür, die gerade vom Weinen gerötet waren. Ich sagte: ‚Roxy, meine Kleine, was bedrückt dich?‘ ‚Oh, nichts‘, sagte sie, ‚ich kann es dir nicht sagen, falls es etwas gibt.‘ ‚Hier sind deine Wildblumen für Miss Vesty‘, sagte ich, ‚schön anzusehen!‘ ‚Oh‘, sagte Roxy, ‚Miss Vesty wird sie jetzt nicht mehr brauchen.‘ Ich sagte: ‚Roxy, willst du all diesen Kummer mit dir herumtragen und mich nichts davon tragen lassen?‘ ‚Oh, mein Freund‘, sagte sie, ‚ich muss es dir sagen, denn du warst so freundlich zu mir: flüstere es nicht weiter! Aber mein Herr ist bei Meshach Milburn verschuldet, und er hat Miss Vesty geheiratet, und wir glauben, dass wir alle verkauft werden oder bei dem Mann leben müssen, der den Hut des Bösen trägt.‘ Ich sagte: ‚Roxy, Liebling, vielleicht kann ich dich kaufen.‘ ‚Oh, ich wünschte, du wärst mein Herr‘, sagte Roxy. Und genau in diesem Moment, da die Liebe heute Morgen ungewöhnlich stark über mich kam, nahm ich den ersten Kuss von Roxys Mund, und sie sagte nichts dagegen.“

Hier küsste Jack Wonnell die Luft mehrmals mit tiefer Inbrunst, endete mit einem leisen Jauchzen und Pfiff und sah Levin Dennis mit einem geschlossenen Auge an, als wolle er Levins Meinung zu all dem hören.

„Nun“, sagte Levin, „ich war noch nie verliebt. Ich vermute, das sollte ich sein. Aber Mutter ist alles, worum ich mich kümmern kann, und, armes Ding! sie ist so sehr in Sorge um mich, dass sie niemanden sonst lieben kann. Ich betrinke mich und fahre so lange zum Segeln und gebe mein Geld so sorglos aus, dass, wenn der Herr nicht auf sie aufpassen würde, sie vielleicht verhungern würde.“

„Ja, Levin, du magst Branntwein genauso sehr, wie ich die Mädchen mag. Du fährst los für Terrapins, Kartoffeln und Austern und hausierst damit in Princess Anne, und dann zieht dich jemand in die Kneipen, und weg ist dein Geld, und deine Mutter hat keinen Tee und Kaffee.“

„Jack“, sagte Levin abrupt, „glaubst du an Geister?“

„Ich weiß es nicht, Levin. Wenn ich einen sähe, vielleicht, aber ich bin zu wertlos, als dass Geister mich sehen würden.“

„Nun“, sagte Levin, „es gibt einen Geist oder etwas, das auf Mutter aufpasst, wenn ich betrunken bin oder weg bin, und der Tee und Kaffee im Fenster für sie hinterlässt.“

„Quatsch! Warum, Levin, das ist Jimmy Phoebus! Er ist seit Jahren in deine Mutter verliebt, und sie will ihn nicht, aber er hängt immer noch an ihr. Er ist der Geist deiner Mutter.“

„Nein, Jack. Das dachte ich, bis Jimmy zu mir kam und mich fragte, wer ich vermute, dass es sei. Er war ein wenig eifersüchtig, glaube ich. Ich sagte: ‚Das bist du natürlich, Jimmy!‘ ‚Nein‘, sagte er, ‚beim Kuckuck! Ich mache keinen Hokuspokus wie diesen. Was ich gebe, das gehe ich und gebe es, ohne Herumschleichen oder Schnüffeln in Ellanorys Armut.‘ Er war stinksauer, aber er konnte nichts herausfinden. Also denke ich, es könnte der Geist meines Vaters sein, der auf See ertrunken ist und Tee und Kaffee bringt, und manchmal auch ein Kleid und ein Paar Schuhe, um Mutter warm zu halten.“

Levin Dennis, der am Ruder stand, erschien Jack Wonnell so hell und geistig wie eine Frau, als seine gut geformte Stirn und seine großen Augen bei dieser Erzählung vom geheimnisvollen Schicksal seines Vaters ernst wurden. Sein dunkelrotes Haar, das in kurzen Locken gescheitelt war, verlieh seinem sonnengebräunten Gesicht eine Ähnlichkeit mit einigen der alten vornehmen Familien, mit denen er verwandt war, da sein Vater ein Sohn jüngerer Söhne in einer Zeit war, als in der ganzen Region um die Bucht das Erstgeburtsrecht herrschte; und da er deshalb nichts besaß, ging er als Seemann in den Krieg gegen England, und sein familiärer Einfluss verschaffte ihm das Kommando über das neue, auf dem Manokin vom Stapel gelassene Kaperschiff, die Ida, das unter dem Jubel ganz Somersets mit einer guten Mannschaft und überlegener Bewaffnung auslief und, an den Kaps vorbei in den Ozean segelnd, mit wehenden Fahnen in die fernere Welt der ewigen Stille und der Nebel des Geheimnisses glitt.

Die Witwe wartete lange und geduldig mit diesem einzigen Jungen, Levin, einem kaum lallenden Kind, und Geschichten jeder Art waren im Umlauf; dass der Kapitän gefangen genommen und vom Feind gehängt und das Schiff verbrannt oder konfisziert worden sei; dass er die schwarze Flagge gehisst habe und ein Pirat geworden sei und die westliche Welt in Richtung der ostindischen Gewässer verlassen habe; und schließlich, dass die Ida vor Guayana gesunken sei und jede Seele ertrunken sei.

Die Witwe, eine schöne Frau, vernachlässigt von den Verwandten ihres Mannes, die über den Verlust ihrer Investition und ihrer erwarteten Gewinne aus dem Schiff verbittert waren, lebte in dem kleinen Haus, das sie schon vor ihrer Heirat besessen hatte, und sank in die einfachere Klasse der Menschen, wobei sie fast ihre Identität mit den herrschenden Familien verlor, mit denen ihr Sohn verwandt war, aber in ihrer einfacheren Klasse hoch geachtet und umworben.

Sie war immer noch jung und hübsch, und Jimmy Phoebus, ein gesunder Junggeselle und Kapitän eines Handelsschoners, hatte sich seit Jahren bemüht, sie zu heiraten, und hielt geduldig an seiner Hoffnung fest, wobei er ihr viele freundliche Dienste erwies, obwohl seine Mittel begrenzt waren und er arme Verwandte hatte, die von ihm Hilfe erwarteten. Sie fürchtete, der abwesende Liebhaber könne noch am Leben sein und zurückkehren, um sie als Frau eines anderen vorzufinden.

So wuchs ihr Sohn ohne die Disziplin eines Vaters auf, und da es als zu ehrenhaft galt, ihn einem Handwerk zuzuführen oder in die Lehre zu geben, lebte er von flüchtigen Tätigkeiten an Land und zu Wasser, wobei er Gemüse und Vorräte holte und feilbot; und nun, durch die Gabe von Jimmy Phoebus, segelte er seine kleine Schaluppe oder sein Katboot hauptsächlich, um Terrapins nach Baltimore zu bringen. Raue Seemannsbekanntschaften, Ausgesetztheit, ein leichtgläubiges, leicht zu beeinflussendes Wesen und die fast völlige Vernachlässigung der Schule in einer Zeit, als Bildung ein hohes Privileg war, hatten ihn eigensinnig und oft trunksüchtig gemacht, aber ohne eigennützige oder grausame Züge zu entwickeln, und da er von angenehmem Äußeren und umgänglichem Wesen war, wurde er eine leichte Beute für alle Fremden, die in der Stadt sein mochten – Schützen, Negerkäufer, müßige Pflanzer und feiernde Aufseher, von denen viele seine Gesellschaft und sein Schiff für ihre Ausflüge anheuerten; und während er seine Mutter liebte und ihre einzige Stütze war, sah sie ihn immer tiefer in das Mannesalter abgleiten, ohne Beständigkeit, Bildung oder feste Prinzipien, oder irgendeinen weiblichen Einfluss, der ihn zu häuslicher Disziplin hätte bewegen können.

Seine schlanke, geschmeidige Figur, die Anzeichen von Vornehmheit in seinen Gliedmaßen, seine wohlgeformte Stirn und seine großen, sanften Augen passten schlecht zu zerrissener Kleidung, nackten Füßen und einer absoluten Abhängigkeit von Gelegenheitsarbeit, wobei letztere immer prekärer wurde, da sein Alter und seine Statur immer höhere finanzielle Forderungen durch seine falschen Begierden stellten.

„Jack“, sagte Levin Dennis, „was meinst du damit, Geld aufzutreiben, um Roxy Custis zu kaufen? Du hast doch niemals Geld.“

„Wird er es mir nicht geben? Er da?“ Jack Wonnell deutete auf den Niedergang, durch den Joe Johnson hinabgestiegen war. „Er hat Säcke voll davon.“

„Er? Warum, Jack, wie viel Geld, glaubst du, wird eine schöne Dienerin wie Roxy einbringen?“

„Wird das Stück, das er dir geben will, nicht reichen, um sie zu kaufen?“

„Fünf Dollar? Warum, du armer Tor, sie wird fünfhundert Dollar einbringen – vielleicht Tausende. Dieser Negerhändler, mit all seinem Gold, wäre wohl schwerlich in der Lage, Roxy zu kaufen.“

Jack sah niedergeschlagen aus und schaffte es weder zu zwinkern noch zu pfeifen.

„Mädchen wie sie“, sagte Levin, „gehen an reiche Männer als Mätressen, und manchmal lassen sie sie ausbilden, habe ich sagen hören, in Musik, Schreiben, Grammatik und solchen Dingen.“

„Und ein armer Mann, der ein Mädchen, das fast weiß ist wie sie, nicht misshandeln würde, sondern sie achten und sogar heiraten würde, Levin, gegen den machen sie Gesetze! Vielleicht kann ich Roxy stehlen?“

Hier pfiff Jack leise, schloss ein Auge mit tiefer Verschmitztheit und grinste hinter seinem Glockenhut.

„Oh, du Einfaltspinsel!“ sagte Levin. „Wo willst du sie hinbringen?“

„Pennsylvany, Cannydy, Turkey oder in einen dieser Abolitionisten-Staaten da oben“ – Jack Wonnell deutete mit dem Finger nach Norden. „Gibt es denn keinen Ort, wo ein weißer Mann eine hellhäutige Sklavin wie sie behandeln kann, als ob sie beide Christen wären?“

„Nein“, antwortete Levin, „nicht in dieser Welt.“

Der Held der Glockenhüte war sichtlich bewegt, und Levin dachte, er würde tatsächlich schluchzen, obwohl sein ausdrucksloses Grinsen ein armseliger Rahmen für Kummer war.

„Jack“, sagte Levin, „wenn das wahr ist, was Roxy Custis erzählt hat, ist das Mädchen das Eigentum deines Erzfeindes, Meshach Milburn.“

Der Träger der konkurrierenden Hutart war „schwer ernüchtert“, wie Levin es in Gedanken ausdrückte, angesichts dieser trostlosen Auflösung seiner sanften Liebesträume. Er stand auf, ging zum Bug des Bootes und blickte hinunter in die fliegenden Wellen, über die das kleine Kat-Boot dahinhüpfte, als wolle er die Lösung seines eigenen ziellosen, doch harmlosen Lebens auf dem Grund des Sundes suchen, zwischen den Austernfelsen.

Das Wasser war nun übersät mit Kanus und Pirogen sowie kleinen Segelbooten, die von der Predigt auf Deil’s Island kamen, und vor ihnen erhoben sich aus der Bucht die niedrigen, bewaldeten Inseln und Kaps, die mit weißen Meerengen dazwischen das gebuchtete Fahrwasser namens Tangier Sound vom langen blauen Kirchenschiff der Chesapeake Bay umschließen. Wie Tauben und Zaunkönige um eine Kathedrale flogen die Wildvögel in diesen verschlungenen, fast phantastischen Architekturen aus Archipel und Halbinsel, die, flach auf dem Wasser liegend, dennoch eine zerklüftete Perspektive boten, als hätte ein gotischer Baumeister seine Fundamente gelegt, aber die hohen Kiefern, die oben in palmenartigen Hainen wuchsen, nicht zueinander gebogen, um die Gewölbe und Bögen seines Entwurfs zu bilden.

Hier konnte man Fischadler sehen, die in anmutigen Paaren über den Heringen oder den Fischschwärmen kreisten und mit Eleganz und Gewissenhaftigkeit die tägliche tierische Nahrung zu sich nahmen, die selbst der Mensch mit all seinen Gefühlen und Evangelien verlangt. Dort brach die kleine Schar von Stockenten den Sabbat, um nach dem wilden Sellerie zu tauchen, der unter dem Sund wächst. In jenem Baum machte sich der Weißkopfseeadler auf zu seinem algerischen Werk aus Ungestüm und Frömmigkeit, um den Falken abzufangen und seine Beute zu stehlen. Der wilde Schwan mochte jener schwache, ferne Vogel sein, der so hoch über Kedge’s Straits im Süden flog, und der schwarze Eistaucher, der seine Flügel wie ein Dämon ausbreitete, verschwand nahe dem Kat-Boot und tauchte nicht mehr auf, bis das Gedächtnis ihn vergessen hat.

Levin Dennis steuerte nahe an eine Landspitze, wo er gewohnt war, Futter für die schwarzen Enten zu streuen und sie in den Hinterhalt des Jägers zu locken. Säger und Gänsesäger, Blässhühner und Möwen, Schnepfen und Lappentaucher nutzten den Sonntag, badeten und schrieben ihre gefiederte Handschrift auf das weiße Blatt Wasser.

Der arme Jack Wonnell kehrte zurück, mit etwas auf dem Gesicht, das zwischen Grinsen und Träne stand, und sagte:

„Levin, habe ich niemals jemandem etwas zuleide getan?“

„Nicht, dass ich je davon gehört hätte, Jack. Sie sagen, du hättest keinen Verstand, aber du kämpfst mit niemandem. Jeder kann mit dir auskommen, Jack!“

„Nein, das können sie nicht, Levin. Meshach Milburn hasst den Boden, auf dem ich trete. Wenn er wüsste, dass ich in die kleine Roxy verliebt bin, würde er sie an einen Neger verheiraten.“

„Was bringt ihn dazu, dich so zu hassen, Jack?“

„Weil ich meine Glockenhüte trage und er den Kirchturmhüt trägt. Er glaubt, ich mache mich über ihn lustig. Levin, ich habe keine andere Art von Hut zum Tragen. Meshach Milburn müsste diesen Hut nicht tragen, aber wenn ich keinen Glockenhut trage, muss ich barhaupt gehen. Ich habe diese Menge Hüte mit dem einzigen Dollar oder zweien gekauft, die ich je hatte, wie man sagt, ein Narr und sein Geld sind bald getrennt. Die Jungs sagten, sie wären spottbillig. Nun wäre nichts Schlechtes an meinen Glockenhüten zu sehen, wenn nicht alle Leute auf den alten Milburns ‚Entail Hat‘ zeigen würden, wie sie ihn nennen. Warum kann er, reich wie ein Jude, nicht einen neuen Hut kaufen oder mir einen kaufen? Ich will ihn nicht verspotten. Ich habe Angst vor ihm! Er sieht mich mit diesen geladenen Pistolen von Augen an, und es bringt mich fast zum Weinen, weil ich nichts getan habe. Ich bin so arm wie diese Abfallenten“, wobei er auf ein Paar Lappentaucher deutete, die auf dem Markt keinen Wert hatten, „aber ich hege keinen Groll.“

„Nein, Jack. Dieser Händler könnte dir diesen Sack voll Gold zur Aufbewahrung geben, und er wäre sicher, weil es nicht dein eigenes wäre.“

„Ich vermute, ich werde eines Tages ins Armenhaus gehen müssen; meine alte Tante, die sich um mich kümmert, kann nicht mehr lange leben, und ich bin zu nichts nütze. Ich kann keine Arbeit finden und erledige Besorgungen für jeden umsonst, aber das erste Geld, das ich bekomme, werde ich für einen neuen Hut ausgeben. Seit ich diese Glockenhüte trage, hasst mich Meshach, und ich hoffe, er ist der einzige Mann, der mich hasst, Levin. Ich glaube nicht, dass Meshach ein böser Mann sein kann.“

„Wie kann er gut sein, Jack?“

„Nun, ich habe ihn im Wald gesehen, wenn er mich nicht sah, wie er die Vögel rief. Verflucht, wenn sie nicht kamen und sich auf ihn setzten! Nun, Vögel hüpfen nicht auf einen Mann, der ein Teufel ist, Levin. Glaubst du, er macht Geschäfte mit dem Teufel?“

„Das glaube ich“, sagte Levin; „ich sehe solche seltsamen Dinge, dass ich an fast alles Seltsame glaube. Diese Schildkröten hier haben Verstand, und sie sind nicht mehr wie ein Stein als das. Eines Nachts, als wir zu Hause nichts zu essen hatten, Mutter und ich, und sie da saß mit Tränen in den Augen und sich fragte, was wir am nächsten Tag tun sollten, da erinnerte ich mich, Levin, dass da vier Schildkröten unten im Keller waren – schwarze Schildkröten, die sechs Monate zuvor dort hineingetan worden waren. Ich sagte zu Mutter: ‚Ich vermute, diese alten Schildkröten sind tot und verhungert, aber ich gehe nachsehen.‘

Ich fand sie unter dem Holzstapel, und sie rochen nicht oder sonst etwas, also brachte ich alle vier hoch zu Mutter und legte sie auf den Küchentisch vor das Feuer, und ich ärgerte sie auf jede Weise, damit sie aufwachen und kriechen und Lebenszeichen zeigen. Nein, sie waren steintot!

‚Nun, Mutter‘, sagte ich, ‚setz dein kochendes Wasser auf, und wir werden sehen, ob tote Schildkröte essbar ist!‘ Sie lächelte durch ihr Weinen und setzte das Wasser auf, und als es im Topf zu sprudeln begann, hob ich eine dieser Schildkröten auf und ließ sie in das kochende Wasser fallen, und Jack, ich will verdammt sein, wenn diese anderen drei Schildkröten nicht direkt vom Tisch rannten und auf den Boden fielen und zur Kellertür flitzten!

Ich fing sie und kochte sie, und als wir da saßen und geschmorte Schildkröte ohne Salz oder Sherrywein oder Kaffee oder sogar Maisbrot aßen, hörten wir etwas wie Papierkratzen am Fenster, und Mutter fiel zurück und faltete die Hände und sagte: ‚Da, hörst du den Geist?‘

Ich rannte zur Tür und hüpfte in den Hof, und nicht ein lebendes Geschöpf sah ich; aber da auf dem Fenstersims waren Pakete mit Salz, Kaffee, Tee und Mehl und ein halber Dollar in Silber! Ich rannte zurück ins Haus, selbst bleich wie ein Geist, und ich rief: ‚Mutter, es ist Vaters Geist, der wiedergekommen ist!‘

Sie brachte mich dazu, auf die Knie zu fallen und mit ihr zu beten, um dem Geist des armen Vaters Trost in seinem Heim oder im Himmel zu schenken!“

KAPITEL XVII.

SABBAT UND KANU.

Sie näherten sich nun einer Insel mit niedrigen Abhängen, auf denen ein beträchtliches Dorf erschien, das weiß inmitten der geraden braunen Stämme eines Kiefernhains schimmerte; aber niemand schien sich dort zu bewegen, und sie sahen nur ein einziges Schiff vor Anker in der Durchfahrt oder Meerenge, in die sie einsteuerten – ein Kanu, das an seinem Bug, als sie neben ihm beidrehten, ein Wort enthüllte, das weder Levin noch Jack lesen konnten, außer vom Hörensagen: The Methodist.

„Jack“, sagte Levin, „das war ein großer Kiefernbaum, aus dem der Pfarrer sein Kanu gehauen hat. Sie fiel wie eine Kanone, als sie in den Sumpf ging. Sie ist fast fünf Faden lang, und ein Mann kann sich quer hineinlegen. Sie ist dazu da, die Methodistenprediger hinaus auf die Inseln zu bringen.“

„Sollen wir ihn jetzt nicht besser wecken?“ sagte Jack Wonnell; „Ich nehme an, du willst einen Schluck, Levin?“

„Ja; ich habe einen Durst wie Feuer“, rief Levin aus. „Ich könnte jetzt etwas Böses tun, vermute ich, für einen Schluck von diesem Branntwein.“

Levin legte am Ufer an und ging zu seinem Passagier, der noch in tiefem Schlaf auf dem nackten Boden des Laderaums oder der Kajüte lag – ein kräftiger, drahtiger Mann mit starkem Kinn und langen Kiefern, und sein rötlicher, dunkler Bart war verklebt mit dem Blut, das aus seinem entstellten Auge geflossen war und nun fast die Hälfte seines Gesichts verdeckte und ihm ein wildes Banditen-Aussehen gab.

„Käpt’n! Mister! Boss! Wach auf! Wir sind auf Deil’s Island angekommen.“

Der lange Mann, der auf dem Rücken lag, schien nicht in der Lage zu sein, sich auf die Seite zu drehen, obwohl er in seinem unruhigen Schlaf Worte murmelte, die Levin nicht verstehen konnte:

„Die Handschellen, Patty! Beeil dich mit diesen Handschellen! Leg ihr die Fesseln an die Handgelenke und dreh sie zu. Ha! das Weib stirbt. Nun, ab in den Garten mit ihr!“

Dabei erwachte er, wandte seine kalten, hellen Augen auf Levin und sprang auf die Füße.

„Hast du mich gehört?“ schrie er. „Es war nur das Gebrabbel und Geschwätz eines betrunkenen Mannes. Eines Tages wird dieses Schlaf-Gerede mir den Strick um den Hals legen. Achte nicht auf mich, Levin! Komm, lass uns saufen und mit mir plaudern, mein guter Freund!“

„Wenn du Branntwein meinst“, sagte Levin, „ich muss etwas haben, sonst springe ich aus meiner Haut. Ich fühle mich, als käme der Mann mit dem Schürhaken.“

Joe Johnson gab ihm den Krug und hielt ihn hoch, und der Junge trank wie ein Verzweifelter.

„Wie der junge Bengel säuft“, murmelte der große Mann. „Er ist heute in der Klemme. Ich nehme nicht mehr. Ein blutiger Narr war ich den ganzen gestrigen Tag und ruderte mit meinem Bildnis. Was ist das hier für ein Ort?“

„Deil’s Island, Sir.“

„Ha! So ist es. Es war einmal Devil’s Island, bis die Methodisten es aus Höflichkeit änderten. Das ist also das Lager-Treffen? Hier, Wonnell, nimm dieses Geldstück und geh zu irgendeinem Haus und bring uns einen Happen zu essen. Wir warten auf dich.“

Der große Mann führte den Weg zum Herzen des Kiefernhains, wo die vermeintliche Stadt gefunden wurde – ein verlassenes religiöses Lager aus dauerhaften hölzernen Hülsen oder Hütten in konzentrischen Kreisen in Hufeisenform, und am offenen Ende des Kreises war der Predigtstand, ein Schuppen, der über den leeren Bänken und den Stiften der entfernten Bänke erhöht war und ein breites Brett hatte, das über die gesamte Front für die Bibel des Predigers verlief und seine Schläge aufnehmen sollte, während er auf seinem Podium auf und ab ging.

Es wirkte nun ein wenig geheimnisvoll, mit den vielen Anzeichen einer großen menschlichen Besatzung im vergangenen Sommer, diese nackte Stadt und die hohle Kanzel so vielsagend unter dem langen Stöhnen der Kiefern liegen zu sehen, die miteinander berieten wie gefürchtete Engel im Rat und bei jedem aufkommenden Windstoß ihre Ungeduld mit den Sünden der Menschen zum Ausdruck brachten.

Manchmal hielten die großen Zweige für eine Weile inne, kaum murmelnd, als würden sie über eine Frage nachdenken, die in ihrem Rat aufgeworfen wurde, oder den menschlichen Zeugen unten zuhören; und dann würden sie ernsthaft miteinander sprechen, während die stetigen Lüfte sich zwischen ihnen bewegten, und wieder innehalten, als wäre ihre Entscheidung ihnen selbst fast ein Grauen. In Abständen erhob sich ein strenger Geist in den Kiefern, donnerte und schüttelte die Baumschäfte, und andere antworteten ihm, und die Geduld hatte wieder eine Zeit. Und so, mit kaum einer Stille, die mehr als einen Augenblick währte, ging dieser Rat den ganzen Tag weiter, setzte sich die ganze Nacht fort, wurde wieder aufgenommen, als die Sonne aufging, um die Welt wieder zu trösten, hörte nicht auf, als der Regenbogen seine immerwährende Zusicherung über den Sturm hängte, und versinnbildlichte den zitternden Gläubigen die große Synode des Schöpfers, in ewiger Sitzung, bereit, die Welt mit Feuer zu schlagen, aber das Urteil aufschiebend in der immergrünen Barmherzigkeit Gottes.

In einer der verlassenen Hülsen oder „Zelte“ aus Kiefernholz mit sauber geschindeltem Dach, die dem Predigtstand gegenüberlagen, fanden Joe Johnson und Levin Dennis Bänke, und dem Beispiel des großen Mannes folgend, zündete auch Levin eine Pfeife an und blickte zwischen den Rauchschwaden auf den Tangier Sound, der am Sabbat so verlassen war wie dieser Lagerplatz, da die Gläubigen in ihren Kanus von der Kirche nach Hause gelangt waren. Er dachte an seine einsame Mutter in der Stadt Princess Anne, die sich fragte, wo er sei, und an die Sonntage, die schnell vergingen und ihn zum Mann reifen ließen, ohne dass sich ihre Lage zum Besseren wendete, sondern nur Armut und Enttäuschung, eine vage Erwartung der Toten auf Rückkehr und tiefere Trunksucht des Sohnes eines Toten und der einzigen Hoffnung der Witwe. Er hätte vielleicht vor einem Gefühl des Elends, das von der Musik jener Kiefern über ihm ansteckend wirkte, aufgeschrien, wenn der Branntwein nicht begonnen hätte, durch seine Adern zu kriechen und mutig in seinen großen, mädchenhaften Augen zu strahlen.

„Levin“, sagte Joe Johnson, „magst du mich nicht?“

„Doch, Mr. Johnson, ich glaube schon, außer wenn du diese seltsamen Worte benutzt, die ich nicht verstehen kann.“

„Ich bin hin und weg von dir, Levin“, sagte Joe Johnson. „Ich will dich und deine Mutter versorgen. Du bist aus gutem Hause und solltest auf goldenem Hafer gestallt sein.“

Er zog den Segeltuchbeutel mit Adlern und Halbadlern aus seiner Hose und hielt die Öffnung für Levin auf, damit dieser seine Augen daran weiden konnte.

„Da“, sagte er, „ich habe dir gesagt, Levin, ich würde dir eine dieser Schönheiten geben. Ich habe meine Meinung geändert; ich werde dir fünf davon geben!“

„Mein Gott!“ rief Levin; „das sind fünfundzwanzig Dollar, nicht wahr, Sir?“

„Ganz korrekt, Levin. Fünf dieser Finniffs machen ein Viertel von hundert Dollar – mehr Posh, Levin, vermute ich, als du je gesehen hast.“

„Ich hatte nie mehr als zehn, Sir, auf einmal, und die habe ich in dieses Boot gesteckt, und Jimmy Phoebus gab zehn dazu, und das hat es bezahlt.“

„Was für ein geiziger Geizhals er war, dir nur zehn zu geben!“ rief Joe Johnson mit Abscheu aus. „Bin ich nicht ein besserer Freund für dich? Hier, nimm das Geld jetzt!“

Er drängte dem Jungen die Goldstücke ostentativ auf, der sie mit Furcht, aber auch mit Faszination betrachtete.

„Was muss ich tun, um all das zu verdienen, Mr. Johnson?“

„Du kommst für eine Woche mit mir – du und dein Boot. Ich chartere dich zu diesem Preis!“

„Aber – Mutter?“

„Nun, wenn wir den Zwerg absetzen, deinen Freund mit der Glockenform – Jack Sheep hier – alles, was du tun musst, Levin, ist, das harte Geld durch ihn an deine Mutter zu schicken und zu sagen: ‚Segne dich, Mutter; mein Lohn wird mein Gesicht entschuldigen!‘“

„Oh, ja, das wird gehen. Mutter wird an dem Geld wissen, dass ich einen langen Auftrag habe, und mich nicht erwarten. Wann segeln wir, Käpt’n?“

„Wie weit ist es bis Princess Anne? Um welche Zeit heute Abend kannst du es schaffen?“

Levin trat aus der Hütte und betrachtete Wind und Wasser, sein Puls flatterte zwischen dem starken Branntwein und dem wundervollen Gold in seiner Tasche; und während er das Drehen der Kiefernzweige beobachtete, um zu sehen, in welche Richtung sie sich bewegten, schien ihr Stöhnen die Stimme seiner verwitweten Mutter an ihrem Küchenfeuer an jenem Tag zu sein, die sagte: „Er ist in Schwierigkeiten. Wo ist mein Sohn? Warum bleibt er, o mein Levin?“

„Die Flut ist auf dem Stand, Käpt’n, und wird in einer halben Stunde drehen. Wir werden mit diesem Wind bis zum Einbruch der Dunkelheit den Manokin hinaufkommen, wenn wir genug Wasser in der Durchfahrt finden, ohne um Little Deil’s herumfahren zu müssen.“

Johnson kam heraus und machte dieselben Beobachtungen zu Wind und Flut.

„Ich schätze, es sind achtzehn Meilen bis zum Beginn des tiefen Wassers am Manokin, Levin?“

„Nicht ganz, Sir, durch die Durchfahrt; es sind fast achtzehn. Wir haben noch viereinhalb Stunden Tageslicht.“

„Dann nimm Kurs auf den Anfang des Manokin und befolge alle meine Befehle wie ein eingeschriebener Mann, und ich werde dir und deiner Mutter eine Plantage besorgen und sie mit Negern für dich bestücken. Komm, stärke dich noch einmal!“

Er bot den Branntweinkrug an und ermutigte den Jungen, kräftig zu trinken, und tat so, als täte er dasselbe, obwohl es nur eine Finte war.

Während sie im Schutz der Lagerhütte standen und diesen Zeitvertreib pflegten, ertönte eine Stimme aus der Nähe durch den Wald und ließ ihr Blut für einen Augenblick stillstehen, um in ihrem angehaltenen Herzen zu zirkulieren.

Es war eine Stimme, die in einer hohen Tonlage ein Gebet sprach, als ob sie den gesamten Lagerplatz erfassen und bis zu den äußersten Grenzen gehört werden sollte. Die Aufrichtigkeit des Klangs gab Levin Dennis das Gefühl, dass das Lager noch immer von einer spirituellen Gemeinde bewohnt sein könnte, die die Augen profaner Besucher nicht sehen konnten – der Rest der Heiligen, die Seelen der Bekehrten oder eine ätherische Schar über der feierlichen Orgel der Kiefern.

Der Gedanke hatte ihn kaum ergriffen, als ein Flügelschlag zu hören war und auf dem alten Lagerplatz eine Schar weißer Wildgänse landete.

Sie balancierten ihre großen, diakon- und ältestenartigen Körper auf den leeren Sitzen und stimmten ein so ernstes Schnattern an, als würden sie einen Hymnus singen, mit jener gleichgültigen Kenntnis von Harmonie, die Lagerversammlungschorsänger besitzen.

Der Zufall ihres Erscheinens – nichts Ungewöhnliches auf diesen exponierten Inseln – hätte unbeschwerte Menschen vielleicht nur zum Lachen bringen können, aber er produzierte die gegenteilige Wirkung auf unsere beiden Besucher. Levin fühlte, wie eine abergläubische Furcht ihn ergriff, und als er sich zu Joe Johnson umdrehte, sah er diese Person mit einem so blassen Gesicht, dass sein blutunterlaufenes Auge noch dunkler und scheußlicher hervortrat, wie ein Brandmal auf seinem Antlitz, während er auf den kürzlich leeren Predigtstand starrte.

Dort, als Levin seine Augen dorthin wandte, bemerkte er einen einsamen Mann, der kniete, von einfachem Aussehen und einfacher Kleidung, mit Locken von fraulichem Haar, die achtlos auf eine große und fast edle Stirn fielen, seine Arme zum Himmel erhoben und seine Stimme in einem sanften Strom der Bitte fließend, in dessen Pausen die Gänse laut schnatternd und mit den Flügeln paddelnd gehört werden konnten, während sie balancierten und über die Arena der Lagerversammlung hüpften.

„Zu wem betet er?“ fragte Levin Joe Johnson.

„Quemar!“ murmelte Johnson, als wäre er vor etwas entsetzt; „seine Kartoffelklappe verschlingt Geister! Verflucht sei der Schwärmer? Der Bengel wird gleich winseln. Komm, Junge, komm!“

Dabei ergriff er Levins Hand, teils aus Überredung, teils als ob er den Schutz des Jungen wollte, und Johnson, der regelrecht zitterte, rannte zum Boot.

Levin war ebenfalls verängstigt; umso mehr, als er die Furcht des stärkeren Mannes sah. Als sie über den Lagerplatz stürmten, wurden die Wildgänse alarmiert, und einige laufend, einige fliegend, huschten sie in Richtung des Sundes. Eine Stimme von der Kanzel rief den fliehenden Männern nach, aber nur, um ihre Ängste zu vergrößern, und als sie an Bord der Ellenora sprangen, war Joe Johnson leichenblass vor Terror. Er rannte teilweise den Niedergang hinunter und hielt inne, um zurückzublicken: Die Wildgänse breiteten nun ihre Flügel wie eine Flotte fleischiger Segel aus und flatterten in galantem Geleitzug den Sund hinunter.

„Warum bist du gerannt?“ sagte Levin; „der Krug Branntwein ist zurückgeblieben. Es war nur Pfarrer Thomas!“

„Du bist zuerst gerannt“, antwortete der Mann, nach Atem ringend und ein wenig beschämt. „Warum hat er mich angepredigt?“

„Das ist der Pfarrer der Inseln“, sagte Levin; „er hat letztes Jahr das Erweckungstreffen auf Deil's Island ins Leben gerufen, und als sein Lieblingsprediger, der alte Pap Thomas, der hier lebt, gerade damit fertig war, starb, kommt er manchmal allein zum Predigtstand, um zu weinen und zu beten. Die Gänse haben mich erschreckt, Käpt'n.“

„Stoß ab!“, befahl Joe Johnson; „meine Zähne klappern fast vor dem Schauer, den mir diese Bucht eingejagt hat.“

Er holte den Anker ein, hisste das Vorsegel und zeigte eine solche nervöse Beklemmung, dass Levin dazu überging, das Steuer zu übernehmen, und den Thoroughfare, oder die Meerenge, hinuntersteuerte, die sich ein gutes Stück um den Hain des Erweckungstreffens schlängelte.

„Da kommt Jack Wonnell mit dem Krug und dem Essen. Sollen wir nicht auf ihn warten?“

„Er hat die Weltuntergangsbucht bei sich! Nein; bleib für nichts stehen.“

Aber das Boot musste anhalten, da sein Kiel im fast ausgetrockneten Fahrwasser den Schlamm streifte, und ein einfacher Inselbewohner mit gütigem, beinahe leichtgläubigem Gesicht rief ihnen zu und stotterte dabei:

„Na-na-nachbarn, ha-habt keine A-A-Angst. Wir sind hier ke-eee-ine Heiden. Br-br-bruder Wonnell bringt eure Kartoffeln und euer Brot.“

„Komm her und verdammt sollst du sein!“, schrie Johnson Wonnell zu. „Was wollen wir mit dieser tolabonischen Soße?“

„Sch-schw-wör nicht!“, rief der Pfarrer der Inseln. „Das br-br-bringt dich bei Ebbe auch nicht weiter, Bruder. Bleib und iss und r-r-rede ein wenig mit uns. Wieso, dieses G-G-Gesicht habe ich doch schon einmal gesehen!“

„Noch nie in einer gottesfürchtigen Runde“, murmelte der Sklavenhändler mit einem Fluch.

„A-aber er kann es nicht sein“, sagte der Inselpfarrer feierlich. „Der alte Ebenezer Johnson ist v-v-vor etlichen Jahren gestorben.“

„Wer war das?“, rief der Sklavenhändler mit einem Anflug von respektvollem Interesse.

„Ebenez-z-zer Johnson“, antwortete Pfarrer Thomas mit mildem und leichtgläubigem Gesichtsausdruck, „war zwanzig Jahre lang der gottloseste Mann an der Eastern Sho'. V-v-verzeiht mir, Bruder, dass ich Euch mit ihm vergleiche, aber etwas an Eurem K-K-Kopf hier“, wobei er mit der Hand über seinen Schädel fuhr, „erinnert mich an ihn. Hier wurde er erschossen“ – er ließ die Hand immer noch auf dem Schädel – „durch und durch, und er starb den Tod eines Sünders. Ich habe meinen F-F-Finger durch die zwei Löcher gesteckt, wo die K-K-Kugel rein- und rausging, und diese W-Welt von einem D-D-Dämon befreit!“

Die Geschichte schien den Sklavenhändler zu faszinieren, dachte Levin Dennis, und Johnson rief aus:

„Nun, Gott, ist er dir etwa mal in die Quere gekommen?“

„O j-j-ja“, antwortete der umgängliche Inselprediger mit gefälliger Geschwätzigkeit; „es ist zw-w-undzwanzig-s-sieben Jahre her, dass ich den alten Eben-nezer Johnson auf dem Lagerplatz von P-P-Pungoteague sah, mit einem Mob von P-P-Piraten, um das e-e-erste Methodisten-Erweckungstreffen, das jemals in diesen Gewässern stattfand, zu sprengen. Er wurde ermutigt durch den alten König Custis, den V-V-Vater unseres Daniel Custis aus Princess Anne, der ein g-großer Mann der Staatskirche war und die Methodisten verachtete. Es war eine feige Tat, aber während König C-C-Custis während der gesamten P-P-Predigt lachte und redete, fing Eb-b-benezer Johnson einen Streit an. Der Prediger k-k-kiffte sein Auge und sah, wer da der Einmischung zuzwinkerte. Er war ein L-L-Löwe des H-H-Herrn und trug den A-A-Auftrag Immanuels. Er wusste, dass er sich außerhalb des St-St-Staates Maryland befand und im V-V-Virginia-County Ac-c-comack war, und dass, wenn die G-G-Gesetze seit dem Revolutionskrieg auch etwas t-t-toleranter geworden waren, die Ar-r-ristokratie dort gegenüber dem Volk des Herrn so b-bitter wie eh und je war. Er w-wandte sich schließlich von seiner Predigt direkt an König Custis und st-streckte den Finger gerade auf ihn. Der Prediger war L-L-Lorenzo Dow.“

„Wheoo!“, rief Jack Wonnell mit einem zustimmenden Grinsen; „von dem hab ich gehört: ein Kerl mit Yankee-Gesicht, wie eine Frau, mit langen Zöpfen und Locken, die ihm auf Brust und Rücken fielen, und einem alten Strohhut, bei Regen oder Sonnenschein.“

„Das war L-L-Lorenzo Dow“, sagte der Pfarrer der Inseln. „Er wandte sich an K-K-König Custis und schrie: ‚Wer bist du? Der H-Herr soll dich schlagen, du übertünchtes Grab, und dich v-verspotten in den K-K-Kindeskindern deiner K-K-Kinder, du A-A-Achab und deine I-I-Isebel!‘ Es war die Frau von König Custis, auf die er auch zeigte, die größte Dame und Erbin in V-V-Virginia. S-s-sie f-f-fiel vor Angst oder Z-Z-Zorn in Ohnmacht, als sie die Prophezeiung und die Beleidigung hörte. Dann, als er sich an Eb-b-benezer Johnson wandte, rief Lorenzo Dow aus: ‚Die Hunde sollen sicherer begraben liegen als seine Gebeine. Ergreift ihn, Brüder!‘ Und etw-was in Lorenzo Dows T-T-Trompetenstoß machte jeden M-Methodisten zum Riesen. Sie stürmten auf Ebenezer Johnson zu, den Schläger von dr-rei Staaten, und schlugen ihn zu Boden, jagten seine Bande zu ihren Booten, und dann w-warfen sie ihn in ein kleines G-G-Gefängnis, das sie auf dem Lagerplatz hatten, z-zur sicheren Verwahrung.“

„Was hat König Custis dann getan, Pappy Thomas?“, fragte Levin.

„Nun, Brüder, was tat er anderes, als seinen F-F-Familieneinfluss zu nutzen, um einen Haftbefehl gegen den Prediger und seine M-M-Mitarbeiter zu erwirken, wegen f-f-falscher Gefangennahme und V-V-Verleumdung! Lorenzo Dow schaffte es sicher nach Maryland, außerhalb der Reichweite des Haftbefehls, aber unser P-P-Prediger wurde ins Gefängnis gesteckt, bis er zweitausend Dollar Strafe zahlen konnte. Es brachte die armen Methodisten jener Tage fast an den Bettelstab, so viel Geld aufzubringen, aber G-G-Glanz sei G-G-Gott! Wir können es heute an jedem Tag des Jahres aufbringen, und in der nächsten G-G-Generation können wir unsere V-V-Verfolger kaufen.“

„Also hat Ebenezer Johnson, nach dem Geplapper des herbstlichen Schreihalses, eins auf die Mütze bekommen, mein Bruder im Talar? Aber er ist keine Himmelsleiter hochgeklettert, oder?“

Der stotternde Gastgeber schien diesen höhnischen Ausruf nicht zu verstehen, und Levin Dennis sagte:

„König Custis wurde nicht getötet, oder, Pappy Thomas?“

„Es waren die Kindeskinder seiner Kinder, denen seine B-B-Bestrafung versprochen wurde“, sagte der Inselpfarrer, „und für den Herrn sind tausend J-J-Jahre nur wie T-T-Tage.“

„Die Flut ist höher, Levin“, rief Joe Johnson, „dein Kiel ist frei. Jetzt st-steuere ihn nach Manokin. So bingavast, mein kleiner B-B-Bruder, und mögest du singen, ganz für dich allein, wenn ich erst weg bin!“

„Gott segne die Jungs!“, rief der Inselbewohner, „und b-bewahre sie vor dem e-e-ewigen Feuer, das in eurem Krug brennt. Und Fr-Fr-Fremder, gedenke des Endes von Eb-b-benezer Johnson, und bereue!“

Der alte Mann, barfüßig, mit gebeugten Schultern, stotternd, doch mit einem Klang von natürlicher Rhetorik in seiner hohen, wie eine Geigensaite klingenden Luftröhre, stand und sah ihnen nach, bis sie unter dem Vorsegel durch das Fahrwasser fuhren, und Joe Johnson sagte kein Wort, bis etwas Marschgebüsch zwischen sie kam, da er anscheinend noch unter dem Rest jener Panik stand, die ihn auf dem Lagerplatz ergriffen hatte.

„Das ist ein guter Mann“, sagte Levin Dennis, übergab Jack Wonnell das Ruder und hisste das Segel; „er hat den Briten gepredigt, als sie von Tangiers Islands aus segelten, um Baltimore einzunehmen, und ihnen gesagt, sie würden geschlagen und ihr General getötet werden. Er hat die Austernfischer hier in der ganzen Gegend dazu gebracht, sich den Inselkirchen anzuschließen und den Sonntag zu heiligen. Das Stottern verlässt ihn, wenn er predigt, und wenn er beim Treffen den Gesang anführt, ist es durchdringend wie ein Horn.“

„Er ist ein blutiger Romany-Schurke“, murmelte Joe Johnson, „mir eine solche Geschichte zu erzählen! Aber, kirjalis! Er hat mich nicht verflucht!“

„Was ist das für eine Sprache, Mr. Johnson? Ist das Niederländisch oder Portugiesisch?“

„Es ist das, was wir Zigeunersprache nennen; manche nennen es die Quäkersprache. Es ist nützlich, Levin, wenn du nach Philadelfey, oder Washinton, oder New York, oder in eine dieser großen Städte gehst und mit Leuten der Tat sprechen willst, ohne dass die Wachteln hinter dir herpfeifen. Eines Tages bringe ich es dir bei, wenn du ein braver Junge bist.“

Sie segelten nun aus dem Fahrwasser in die breite Mündung des Manokin, wo für eine Weile Stille über Luft und Wasser einkehrte, und sie konnten gedämpfte Musik hören, wie von Trommelfischen unter Wasser, die „thum! thum!“ schlugen, und Krabben und Flussheringe kamen an die Oberfläche um sie herum, gejagt von den Tailor-Fischen. Das Cat-Boot trieb in die Mündung eines Bachs, wo Felsenbarsche und Flussbarsche an der Wasseroberfläche sprangen, und mit der Zange holte Jack Wonnell mit wenigen Griffen einen halben Scheffel Austern herauf und öffnete sie für die Gesellschaft. Entlang der Ufer hafteten noch wilde Hagebutten und wilde Pflaumen an den Büschen, und die steifzweigigen Kakibäume trugen Tausende ihrer tomatenartigen Früchte. Die Rebhühner zwitscherten im Mais, die Saatkrähen hielten ein Leichenschmaus um das Futter, einige alte Herrenhäuser an der Bucht streckten ihre langen Seiten und die gesprenkelten Sklavenquartiere entlang der Buchten aus, halb versteckt hinter den Nussbäumen, und in der Luft schwebte der Truthahngeier, wie ein wollüstiger Politiker, der seine Schönheit aus nichts anderem bezog als aus seinem erhabenen Stand.

„Die alte Eastern Sho'“, sagte Jack Wonnell mit seiner belebten Leere, „ist einfach vollgestopft mit guten Sachen, Käpt'n Johnsin. Du kannst fast überall über Bord fallen und eine volle Mahlzeit bekommen. Du kannst vor dem Frühstück einen Eimer Krabben mit einem Stück Kerze fangen und eine Wildente fast mit geschlossenen Augen schießen.“

„Dieses Land taugt zu nichts“, sagte Joe Johnson. „Floredey ist das Land! Was kann ein Nigger hier verdienen? Mais, Kartoffeln, Melonen: pah! Tabak gibt's hier nicht mehr, Baumwolle wächst hier nicht. Aber Floredey ist das Hell-dorader der Erde.“

„Was ist das Hell-dorader?“, fragte Levin.

„Das ist Spanisch oder Portugiesisch für billige Nigger und Baumwolle“, rief der Händler. „Baumwolle ist der Vogel!“

„Ich dachte, Baumwolle wäre eine Wolle“, sagte Levin.

„Nein, Junge, Baumwolle ist eine Pflanze, die wie eine Himbeere am Busch wächst, nachdem sie die Blüten abgeworfen und die Kapseln darunter gesprengt hat, und da ist sie für die Nigger, um sie zu pflücken. Es gibt einen Yankee in Georgey, der eine Baumwollmaschine erfunden hat, um sie sauber zu machen, und jetzt will die ganze Welt etwas davon.“

„Etwas von dem Gin?“, fragte der irrelevante Wonnell.

„Nein, etwas von der Baumwolle, Doktor Green! Sie kriegen nicht genug davon. Eurip ist verrückt danach, aber es gibt nicht genug Nigger, um sie alle zu pflücken. Also bin ich im Niggerhandel und versuche, meinem Land nützlich zu sein, und was bekomme ich dafür? Ich werde herablassend behandelt, und ein Nigger wird beschützt, wenn er mich toppt! Aber egal, ich werde noch ein großes Tier sein und meine Kutsche halten – in Floredey.“

„Was ist Floredey gut für?“, fragte Levin.

„Es ist voll von Nigger-Indianern, Seminolen, jeder einzelne von ihnen wird gefangen, gebrandmarkt und an die Arbeit beim Baumwoll- und Tabakpflanzen sowie beim Schweine- und Rinderhüten gesetzt. Mehr Nigger werden aus Cubey eingeschleust, und alle freien Nigger in Delaware und im Norden werden verkauft, und du und ich, Levin, werden eine Herde von ihnen besitzen und einen Orangenhain und tausend Morgen Baumwolle in voller Blüte haben. Wir werden unsere Köpfe hochhalten. Deine Mutter soll zu einer Nabob-Dame werden. Meine Frau wird eine Schickimicki-Dame in Diamanten sein. Wir werden auf Cambridge und Princess Anne herabsehen, und es wird keinen freien Nigger mehr auf dem Antlitz der Erde geben. Darauf trinken wir!“

Der kranke und doch phantasiebegabte Levin trank erneut und lauschte den wunderbaren Geschichten des Händlers von goldenen Früchten an indigoblauen Küsten und Palmen, die Papageien beherbergten, die dem Wild zurielfen. Jack Wonnell übernahm das Ruder, als Levin sich schlafen legte in der kleinen Kabine, immer noch eingelullt von Geschichten über Reichtum und gesetzloses Wagnis, und dort schlief er den tiefen Schlaf eines Schiffbrüchigen, als das Schiff in der Abenddämmerung, im Klang der Abendkirchenglocken, in Princess Anne auf Grund lief.

„Lass ihn schlafen“, sprach Joe Johnson; „hier, Wonnell, ich gebe dir drei seiner Fremden, die du seiner Mami bringen sollst“, und reichte ihm drei Goldstücke. „Vergiss es nicht! Hier ist ein Silberstück für dich“, und gab Jack einen Sixpence. „Du und ich werden in Prencess Anne getrennte Wege gehen.“

KAPITEL XVIII.

UNTER EINER ALTEN HAUBE.

Vesta saß seit einer halben Stunde neben ihrem bewusstlosen Ehemann, lauschte seiner abgehackten Rede und dachte über die Schnelligkeit der Ereignisse nach, sobald sie erst einmal in Gang gesetzt wurden, wie Adlerjunge, die kaum fliegen gelernt haben, bevor sie angreifen und töten, als das Geräusch von Kutschenrädern, die vor der Tür zum Stehen kamen, sie ans Fenster rief, und Tom, die Spottdrossel, die vergleichsweise ruhig gewesen war, seit sie ihren Herrn behütet sah, nun wieder anfing herumzuhüpfen, in die Luft zu fliegen und zu singen:

„Süß--süß--Süßchen! komm sieh! komm sieh!“

Vesta sah Meshachs drahtigen, besonnenen farbigen Mann absteigen und die Pferde wenden, und aus der Kutsche sprang, ohne die Trittstufe zu benutzen, mit einem Satz und einem Hüpfer ein junges weibliches Wesen, dessen Kopf in einer riesigen Kohlenkasten-Haube aus gemustertem blauem Kattun unsichtbar war. So schnell sie den Sprung auch ausführte, Vesta bemerkte, dass die Ankömmling vergessen hatte, ihre Strümpfe anzuziehen.

Bevor Vesta sich vom Fenster abwenden konnte, war dieses sonderbare Geschöpf die dunkle Treppe des alten Lagerhauses hinaufgejagt und hatte sich auf das Bett des im Delirium liegenden Mannes geworfen:

„Onkel, Onkel Meshach! bist du tot, Onkel? Wach auf und küss deine Rhudy!“

Sie hatte ihren Onkel ausgiebig geküsst, während sie darauf wartete, dass er dasselbe tat, und der Angriff erregte ihn ein wenig, ohne sein Gedächtnis zu einer zusammenhängenden Erinnerung zurückzuholen, obwohl Vesta die Worte „liebes Kind“ hörte, bevor er den Kopf drehte und wieder den wilden Mohnblumen nachjagte. Dann rief das junge Weib,

„Gott im Himmel! Onkel kennt seine Rhudy nicht!“, zog ihre schwarze Schürze über den Kopf und weinte still – ein kleines Zucken des Nackens und dazu kein hörbarer Seufzer.

„Sie weint mit einiger Vornehmheit“, dachte Vesta; und bemerkte auch, dass die Besucherin ein großes, langfingriges, ziemlich ansehnliches Mädchen von wahrscheinlich siebzehn Jahren war, mit Kleidung, an der die Schneiderin unschuldig war, und einer Reifhaube, wie alte Leute sie weiterhin in Erinnerung an die hochbordigen Schiffe anfertigten, die ihnen die neuesten Moden brachten, als ihre Vorfahren mit all ihrem Hab und Gut für immer aus einem Land der Moden auswanderten. Die Haube war ein bemerkenswertes Objekt für Vesta, obwohl sie einige solcher von Weitem gesehen hatte, wie sie auf den Köpfen der Waldleute in die methodistische Kirche kamen. Sie ähnelte dem hochgeheckten Schiff des Kolumbus, das er absichtlich so hoch gebaut hatte, sagten die Mädchen im Seminar, um den Vorteil zu haben, als Erster die Neue Welt zu erspähen; aber sie ähnelte auch den langen, hohlen, bogenförmigen Conestoga-Wagen, von denen Vesta so viele an ihrer Pensionatsschule in Ellicott's Mills vorbeifahren gesehen hatte, bevor die neue Eisenbahn dort ganz angekommen war. Wie sie oft in diese riesigen, blaukörperigen Wagen hineingeschielt hatte, um zu sehen, welche Kreaturen sich wohl in ihrer Tiefe befinden mochten, so nutzte sie die erste Gelegenheit, als der blaue Kohlenkasten von der Trauernden hochgewippt wurde, um das Gesicht darin zu erkennen.

Es war ein hübsches Gesicht, mit einem Paar gefühlvoller und auch schelmischer brauner Augen, die in der Haltung des Staunens verharrten, sobald sie eine andere Frau im Raum bemerkten. Die Haut war blass, der Mund großzügig, die Nase lang, wie die von Milburn, aber nicht so betont, und der Hals, die Stirn und die Form des Gesichts eher langgestreckt, und mit etwas Feinem inmitten des wilden, kuhartigen Starrens, das sie auf Vesta richtete, während sie flüsternd ausrief:

„Gott im Himmel! eine Dame ist hier!“

Dann warf sie ihre Schürze wieder über die Conestoga-Haube und hielt sie dort mit ihren langen Fingern und langen, prallen, wettergegerbten Handgelenken fest.

Vesta sah mit den ersten Anzeichen von Belustigung zu, die sie gefühlt hatte, seit sie und ihre Mutter morgens über den Hut mit dem spitzen Kronenaufsatz gelacht hatten, als sie aus den Fenstern von Teackle Hall auf den Mann herabsahen, der nun ihr Ehemann war. Dieser Morgen schien ein Jahr her; es war erst gestern.

„Alte Hüte und Hauben“, dachte Vesta, „werden mir bald keine Neuheit mehr sein. Diese Familie der Milburns ist voll davon.“

Dann wandte sie sich an die Neuankömmling und sagte:

„Das ist also dein Onkel? Wo wohnst du?“

„Ich wohne in Nu Ark“, antwortete das Fräulein, nahm die schwarze Schürze ab und schaute aus den Tiefen der Haube hervor wie ein Meerschweinchen aus seinem Bau.

„Hätte sie ‚das Ark‘ ohne das ‚Neu‘ gesagt“, dachte Vesta, „wäre es natürlich erschienen.“

„Dein Onkel hat hohes Fieber“, sagte Vesta freundlich; „er ist, wie wir glauben, nicht in Lebensgefahr. Es war aber richtig von dir, zu kommen. Nun nimm deine Haube ab. Wie heißt du?“

„Rhudy--ich bin Rhudy Hullin, gnädige Frau.“

„Rhoda--Rhoda Holland, glaube ich, sagst du.“

„Ja, Rhudy Hullin. Ich wohne jenseits des Pookamuke, auf der Ozeanseite, da draußen bei Sinepuxin. Ich wohne nicht in einer großen Stadt wie Princess Anne; ich wohne in Nu Ark.“

Bei diesen Worten befreite das Mädchen vorsichtig ihren Kopf aus dem Conestoga-Kohlenkasten, betrachtete die Haube mit Stolz und Besorgnis von allen Seiten und legte sie dann vorsichtig auf den Hutkarton ihres Onkels.

„Onkel Meshach hat sie mir geschenkt“, sagte sie mit einer verschmitzten Neigung zum Krankenbett. „Misc Somers hat sie gemacht. Onkel hat das ganze Zeug gekauft; Misc Somers hat sie gezeichnet. Hast du jemals so etwas gesehen?“

„Niemals“, sagte Vesta.

„Nun, manche Leute draußen in Sinepuxin sagten, es sei eine Sünde und eine Schande -- solche Verschwendung; aber Misc Somers sagte, Onkel Meshach sei reich und habe nur eine Rhudy. Sie ist nicht ganz so groß wie die Haube von Misc Somers, aber sie ist mehr gezeichnet.“

Hier wiederholte Rhoda, was Vesta schon zweimal zuvor bemerkt hatte – ein unhörbares Schniefen, und als sie dabei ertappt wurde, wischte sie sich die Nase an ihrer Schürze ab.

„Nimm mein Taschentuch“, sagte Vesta, „dir ist kalt“, und reichte ihr ihr Batisttuch mit einer Spitzenkante.

„Wozu ist das gut?“, fragte Rhoda und betrachtete es abergläubisch. „Du wischst dir doch nicht die Nase daran ab, oder? Gott im Himmel! ist das nicht ein Teil deines Halsschmucks?“

Vesta war in guter Stimmung, als sie sah, wie dieses Unkraut der Natur das Taschentuch wendete und es mit Daumen und Finger festhielt, als ob sie für alles verantwortlich werden könnte, was damit passieren könnte.

„Ich habe zwei davon hier“, sagte sie; „Misc Somers hat sie aus einem Kleid gemacht. Sie haben diese Stärke nicht an sich; sie sind riesige Dinger. Ich vergesse sie immer. Meine Nase wischt sich von selbst ab.“

„Komm jetzt ans Feuer und wärme deine Füße“, sagte Vesta; „denn dein Ritt von der Ozeanseite, an diesem kalten Morgen, durch die Wälder des Pocomoke, muss dich bis auf die Knochen abgekühlt haben. Lege deinen Deckenschal ab.“

Rhoda legte den riesigen schwarzen und grünen Schal, der ihr bis zu den Füßen reichte, auf die grüne Truhe und glättete ihn mit sichtbarem Stolz.

„Onkel Meshach hat den in Wilminton gekauft“, sagte sie; „ist er nicht wunderschön! Ich trage ihn nie, außer wenn ich hierher komme oder nach Snow Hill fahre. Snow Hill ist ein so stolzer Ort!“

Sie hatte eine Art zu lachen, indem sie nur ihre Wangen vertiefte, ohne ein Geräusch, genau wie sie das Gefühl von Schmerz ausdrückte; der einzige Unterschied lag im Strahlen ihrer Augen; und Vesta dachte, es habe etwas Ansteckendes. Sie lachte breit und lautlos, als ob sie in der Kirche dazu angehalten worden wäre, sich zu benehmen, und dort eine Grimasse angenommen habe, um die anderen Mädchen zum Lachen zu bringen und sich selbst vor Verdacht zu bewahren.

Als sie ihre Röcke bis zu den Füßen herunterzog, bestätigte sich Vestas Beobachtung, dass Rhoda keine Strümpfe trug, und sie konnte nicht umhin, auszurufen:

„Mein liebes Kind, was hat dich dazu geritten, an diesem Oktobertag nur halb angezogen zu reiten? Du hättest dir den Tod holen können.“

Rhoda schnappte mit der Nase nach dem halben Schniefen, hob und dimpelte ihre Wangen in einem verschmitzten Lachen und rief:

„Gott im Himmel! meinst du meine Beine? Nun, ich habe nur zwei Paar Strümpfe, und Misc Somers trägt gerade ein Paar davon, und das alte Paar ist in der Wäsche. Es ist so mühsam, Strümpfe zu stricken, und es macht so viel Spaß, barfuß zu gehen, dass ich sie nicht trage, es sei denn, Misc Somers findet es heraus. Warum, die Jungs können mich nicht sehen!“

Sie zog wieder so natürlich und gewinnend eine Grimasse, dass Vesta laut auflachen musste, und sah währenddessen, dass die oft geflickten Schuhe der jungen Frau einen schlanken Fuß bedeckten, um den sie eine Dame hätte beneiden können.

„Nun, Rhoda“, sagte Vesta fast empört, „warum hast du deinen wohlhabenden Onkel nicht um ein paar gute Wollstrümpfe gebeten?“

„Ihn? Warum, gnädige Frau, er hat so viele arme Verwandte, wenn er anfangen würde, ihnen allen Strümpfe zu geben, würde er selbst barfuß gehen.“

„Hat er andere Nichten wie dich?“

„Nein.“ Das Mädchen machte leise eine Grimasse, ihre braunen Augen voller Lachen. „Es gibt viele andere, aber keine wie Rhudy; die Wälder sind voll von diesen anderen.“

„Du bist also die Liebling? Nun, was wollte dein Onkel mit all seinem Geld machen?“

„Gott im Himmel!“, sagte Rhoda; „er wollte damit Fräulein Vesty heiraten. Das hat Misc Somers gesagt.“

Die Spottdrossel hatte während des Gesprächs ein- oder zweimal angefangen zu singen und stieß nun ihren Ton laut aus:

„Vesta, sie! sie! sie! sie-ee-ee!“

Ein Kribbeln jenes Aberglaubens, den sie in ihrer kurzen Bekanntschaft mit dieser Waldfamilie schon mehr als einmal gespürt hatte, durchzog Vestas Venen und Nerven, und sie bemerkte still:

„Wie wenig weiß ein junges Mädchen über die Männer um sie herum -- was für Satyrn ihr Bild in ihre Arme nehmen! Diese Leute wussten, dass er mich liebte, als ich nicht einmal wusste, dass er mich je gesehen hatte.“

Sie wandte sich wieder an die Nichte:

„Rhoda, hat dein Onkel gesagt, dass er Fräulein Vesta liebt?“

„Nein, Ma’am. Er hat nie gesagt, dass er irgendwen liebt; aber ich habe Tom, die Spottdrossel, ‚Vesty‘ rufen hören und sah ein Bild einer Dame dort drüben zwischen Großvater und Großmutter, und ich habe es Misc Somers erzählt, und sie sagte: ‚Dein Onkel Meshach ist verliebt!‘ Oh, ich habe mich so darüber gefreut, weil er immer so traurig und einsam war!“

Die Quelle des Mitgefühls sprudelte in Vestas Herzen wieder auf, und sie spürte, dass es in bescheidenen Verbindungen wie der ihren Entschädigungen gab, die Reichtum und Stand nicht kannten.

„Rhoda“, sagte sie, ging zu dem jungen Mädchen und legte ihre Hand auf deren weiches braunes Haar, „du hast das neue Bild einer Dame, das hier oben hängt, noch nicht bemerkt, nicht wahr?“

„Nein, Ma’am, noch nicht. Alles ist so sonderbar in diesem Zimmer, seit ich es das letzte Mal sah, ich habe gar nichts darin gesehen außer Ihnen. Jetzt sehe ich den Teppich, und die Messing-Kaminböcke, und das Geschirr, und – Herrjemine! ist das ein Bild? Warum, ich dachte, Sie wären das.“

„Das bin ich, Rhoda. Ich bin Vesta; ich bin deine neue Tante.“

Das Mädchen stieß eines ihrer einnehmenden, grübchenreichen, lautlosen Lachen aus, als ob sie es wieder verstohlen täte, wandelte es durch eine ebenso natürliche Regung in ein lautloses Weinen um, erhob sich und schloss Vesta in ihre Arme.

„Ich bin so froh, ich muss ein bisschen weinen“, säuselte Rhoda mit taufeuchten Augen; „oh, wie Misc Somers sagen wird: ‚Ich hab’s als Erste herausgefunden!‘“

Tom stieß einen pfeifenden, selbstzufriedenen kleinen Ruf aus, als hätte er seine eigenen Gedanken:

„Süße! Süße! Süß! Vesty, sieh! sieh! sieh!“

Vesta spürte, wie eine Kette glücklicher Gedanken in ihrem Geist aufstieg, die sie ebenso freimütig ausdrückte, wie das Mädchen aus dem Wald gesprochen hatte, damit sie das Willkommen dieser schlichten Freundschaften nicht verzögere:

„Ja, Rhoda, ich bin dankbar, ein gesellschaftliches Leben offen vorzufinden, wo es keinen Weg zu geben schien, und Bäche und Spielgefährten, wo alles trocken aussah. Du kommst hierher wie ein Sonnenstrahl, Gott segne dich! Ich kann dich reden hören und dir das wenige beibringen, was ich weiß, und wir werden uns gegenseitig ablösen, wenn wir über ihn wachen.“

Bei dieser Mahnung spürte sie eine leichte Trübung ihrer Freude, doch der Vogel schien sie Geduld zu lehren, als er, hüpfend und in der Luft fliegend, vorschlug:

„Komm sieh! komm sieh! komm sieh!“

„Ja“, dachte Vesta, „komm und sieh! Das ist ein guter Rat. Ich beginne das Aufbrechen eines neuen Sinnes zu spüren – Neugier auf die Armen und Niedrigen. Meine Erziehung scheint meine Beobachtungsgabe für Menschen meines eigenen Standes verschlossen zu haben, die mir täglich fast auf den Saum traten und die ich nie sah – die zu übersehen als achtbar galt –, während sogar meine farbigen Diener mein volles Vertrauen genossen, weil sie meine Sklaven waren. Doch im Unglück hätte ich zu diesen einfachen weißen Leuten herabsinken können; und dann wären Roxy und Virgie, an irgendeinen vorübergehend reichen Mann verkauft, über mir gestanden, Sklaven, die sie geblieben wären! Wie falsch, wie verhängnisvoll sind doch sowohl die Sklaverei als auch der stolze Reichtum für die Republikaner, die wir zu sein vorgeben! Da ich nun gezwungen bin ‚zu sehen‘, werde ich weder meine Augen verschließen noch mein Herz verhärten.“

Das Dienstmädchen aus Newark hatte unterdessen still den Flickenteppich, die Stoffbehänge, den feenhaften Schaukelstuhl und alle Neuerwerbungen im Heim ihres Onkels gemustert, und Vesta bemerkte erneut, dass sie von schlanker und weidengleicher Gestalt und Bewegung war, in allem ungekünstelt, weder vorlaut noch aufgeregt, und mit einem so scharfsinnigen Blick, der so nah am Witz lag, dass sie Vesta fast nach Belieben zum Lachen bringen konnte. Vesta zeigte ihr, wie man dem Leidenden kühle Getränke reichte und ihn abwusch, und er sah beide mit einem forschenden Blick an, den die fiebrige Unruhe bald wieder vertrieb.

„Leben deine Eltern noch, Rhoda?“

„Nein, Ma’am; sie sind beide tot. Meine Mutter war Onkel Meshachs Schwester, und sie heiratete einen reichen Mann, der Salz siedete und Schiffe hatte und eine Gastwirtschaft führte. Vater Hullin starb an der Lungensucht; Mutter starb kurz darauf. Misc Somers hat mich dort aufgezogen, wo früher die Gastwirtschaft war. Es ist keine Anlaufstelle mehr. Onkel Meshach besitzt sie.“

„Ist es ein schöner Ort?“

„Nun, er ist nicht mehr so schön wie früher, Tante Vesty“ – das Mädchen glitt leicht über das hinweg, was Vesta für ein hartes Wort gehalten hatte – „seit die Schausteller dort nicht mehr einkehren.“

„Die Schuhe? Was ist das?“

„Die Wachsfiguren und Glasbläser und der stärkste Mann der Welt. Haben Sie den jemals gesehen?“

Vesta sagte: „Nein, mein Kind.“

„Ich habe ihn gesehen“, sagte Rhoda mit zusammengepresstem Mund und einem Aufblitzen ihrer Augen. „Er hat einen Stein mit seiner Faust zerbrochen, und Misc Somers hat den Stein behalten, und was glauben Sie wohl, was das war?“

„Marmor?“

„Nein, Ma’am; Kreide! Er hat die Kreide einfach mit einer kleinen Muschel oder Firnis oder so etwas überzogen, und natürlich ist sie ganz leicht zerbrochen; also war er gar nicht der stärkste Mann der Welt, und wenn Misc Somers ihn je wieder sieht, wird sie es ihm sagen.“

„Ist es ein kleines oder ein großes Haus, Rhoda?“

„Oh, es ist ein prächtiges Haus, doppelt so groß wie dieses, mit einem Dach, das gebogen ist wie der Rücken eines Elefanten, und drei Fenstern darin – richtige Dachfenster, die aussehen wie drei Augen aus einer Krabbe, und ein Giebelende, drei Fensterreihen hoch, und vier hohe Schornsteine. Der Seiltänzer sagte, es sei geeignet für einen königlichen Palast. Dann gibt es noch die Küche und die Kolonnade, die daran angebaut sind. Ich glaube, es ist das größte Haus in der Gegend von Sinepuxin. Dieser Seiltänzer ist ein Taschenspieler.“

„Ein Taschenspieler? Du meinst einen Scharlatan – einen Betrüger?“

„Ja, Ma’am“ – der Mund schloss sich und die Augen blitzten wieder. „Er behauptete, er würde das Seil zerreißen, nachdem er darauf gegangen war, und er sagte, es sei nicht straff genug gespannt, und ging daran entlang und tastete es ab; und Misc Somers fand heraus, dass er jedes Mal, wenn er es berührte, etwas Blauwasser oder irgendetwas anderes darauf tat, um es mürbe zu machen, also hat er es natürlich ganz leicht zerbrochen. Aber Misc Somers wird es ihm sagen, wenn er wiederkommt, dass er ein Scharlatan ist. Herrjemine! Sie hat keine Angst.“

„Und da es nun keine Gastwirtschaft mehr ist, mein Kind, siehst du keine Gaukler mehr?“

„Die letzte Vorstellung dort“, sagte Rhoda, „waren die Kannibalen und der Missionar. Der Missionar hatte sie bekehrt, und sie aßen keine Leute mehr; aber er erzählte, wie sie früher Menschen aßen; und sie stahlen ein Pony aus dem Stall und rannten zum Cypress Swamp, und dort stellten sie sich als ein paar Schindelsäger heraus, die er gerade angemalt hatte. Misc Somers wartet nur auf ihn. Herrjemine! das kümmert sie nicht.“

„Und du bist also eine Waise, die in dem alten Posthaus an der Landstraße in Newark aufgewachsen ist? Und wer ist Mrs. Somers?“

„Misc Somers, das ist eine alte Tante von Vater Hullin. Sie und ich leben zusammen, seit Vater und Mutter an der Lungensucht starben. Oh, ich habe eine Menge Verehrer, die mich mit zum Ozean am Sinepuxin-Strand nehmen, aus dem Weg der Stechmücken, und dort waten wir und segeln und sieden Salz und braten Mammynoes. Tante Vesty, ich kann jedem Mädchen den Verehrer ausspannen; aber, Herrjemine! ich habe noch keinen Mann gefunden, den ich liebe.“

„Das freut mich“, sagte Vesta, „denn dann wirst du mit Princess Anne zufrieden sein. Sie sagen, dein Onkel wird hier mehrere Wochen krank sein, und wir können uns gegenseitig helfen, ihn gesund zu pflegen. Jetzt wacht er auf.“

Milburn öffnete die Augen, seufzte und sah sie zusammen, und Rhoda hielt sich rücksichtsvoll zurück, während die junge Ehefrau sich dem Bett näherte. Er sah sie mit einer verwirrten Skepsis an.

„Ich dachte, sie sagten, du seist für immer fortgegangen“, murmelte er.

„Nein, ich bin für immer gekommen, oder bis du wünschst, dass ich gehe.“

„Das sagte ich ihnen auch“, seufzte er; „ich sagte: ‚Sie hat hohe Prinzipien, obwohl sie mich nicht lieben kann.‘“

„Onkel Meshach, gib Tante Zeit!“, rief Rhoda mit einer schnellen Vorahnung von etwas Ungeklärtem oder Missverstandenem. „Kennst du deine Rhudy nicht? Sogar ich hatte Angst vor dir, bis ich krank wurde und du dachtest, es sei die Lungensucht, und mich gepflegt hast.“

„Du hast eine gute Nichte“, sagte Vesta, während ihr Mann die Fremde küsste; „und wir werden uns hoffentlich lieben und uns gegenseitig bereichern.“

„Ja, das wäre edel“, antwortete er. „Bring ihr etwas bei; ich hatte nie die Zeit. Oh, ich bin sehr krank; ausgerechnet jetzt!“

„Sei gefasst, Mr. Milburn“, sagte die Braut; „es ist nur die Natur, die sich die Zeit nimmt, die du ihr nicht geben wolltest, und die sie für uns bestimmt hat, um unsere fast gewaltsame Bekanntschaft zu vertiefen. Ich werde sehr glücklich sein, hier zu sitzen, und wünschte, du würdest deine Nichte bei mir lassen; ich wünsche es mir.“

Er versuchte zu lächeln, obwohl ihm der starke Schweiß, der auf das Fieber folgte, von den Händen bis ins Gesicht trat.

„Sie gehört dir“, sagte er; „die Beste meiner armen Verwandten. Verachte uns nicht!“

Vesta legte ihren Arm um Rhoda und küsste sie, damit er es sehen konnte.

„Welche Güte!“, seufzte er, und das Öffnen seiner Poren, während es das Fieber entweichen ließ, verschaffte ihm ein Gefühl schläfriger Erleichterung, das Vesta verstand.

„Lass uns nun die Decken unter die Kanten schlagen, Rhoda“, sagte sie, „und dein Wolltuch über ihn legen, dann wird er etwas natürlichen Schlaf finden.“

Er drehte sich einmal um, als wolle er sehen, ob sie da sei, und schloss die Augen so friedlich wie ein Kind.

„Nun, Rhoda“, sagte Vesta nach wenigen Minuten, „ich höre Papas Kutsche an der Tür, und während er heraufkommt, werde ich zurückreiten, um nach meiner Mutter zu sehen und ein paar Dinge von zu Hause zu holen.“

„Wer ist Ihr Papa, Tante Vesty?“

„Kennst du ihn nicht? – Richter Custis, der in Princess Anne lebt.“

„Richter Custis! Warum, Herrjemine! er ist doch nicht Ihr Vater, oder? Tante Vesty, er ist einer meiner alten Verehrer.“

Der Richter brachte Reverend William Tilghman mit, und Vesta, die gerade gehen wollte, stellte Rhoda beiden vor:

„Dies ist Miss Rhoda – Mr. Milburns Nichte.“

Richter Custis, ein wenig errötend, nahm beide Hände von Rhoda:

„Ha, meine hübsche Partnerin und Tanzschülerin! Wie geht es unseren Freunden in St. Martin’s Bay und Sinepuxent? Wir haben so manches Segeln und Muschelessen hinter uns, Rhoda.“

„Sie sind ein Betrüger“, rief Rhoda mit einem Grübchen irgendwo zwischen Schadenfreude und Anklage. „Ich werde Sie verklagen, Richter, weil Sie mir nicht gesagt haben, dass Sie ein verheirateter Mann sind. Mein Herz ist gebrochen.“

„Wer könnte sich daran erinnern, was er war, Rhoda, wenn er den ganzen Abend neben Ihnen saß bei – wo war das noch?“

„Die böhmischen Glasbläser“, rief Rhoda; „die einzigen, die jemals die westliche Hemisphäre besucht haben. Richter“, mit plötzlichem Ungestüm, „der Kleine da, mit den Kupferringen in den Ohren, war gar kein Böhme. Er wohnte oben am Cape Hinlupen, und Misc Somers hat ihn dort gesehen, als sie dort Heringe kaufte. Sie wird es ihm sagen, wenn sie ihn in Newark erwischt.“

Der junge Pastor beobachtete das Blitzen dieser hellen Augen, die den reizenden Grübchen folgten, und die orthographischen Fehler schienen ihm von solchen Lippen und Zähnen kommend noch nie so wenig tadelnswert.

„William“, sagte Vesta, „komm heute Nachmittag vorbei, und lass uns unseren üblichen Lesezirkel für Sonntag abhalten. Mr. Milburn wird wach sein und es zu schätzen wissen, da er einer deiner regelmäßigsten Gemeindemitglieder ist. Rhoda, kannst du lesen?“

„Oh, ja, Ma’am. Misc Somers, sie ist eine gute Leserin. Sie liest das Alte Testament. Die Namen darin sind meist zu lang für mich, aber die Psalmen und die Sprüche lese ich ganz gut.“

„Sehr wohl, dann werden wir abwechselnd einen Vers lesen, damit Mr. Milburn sowohl unsere Stimmen als auch die seines Lieblingsgeistlichen hören kann. Du kommst doch, Papa?“

„Ja, wenn ich kann. Wir hatten heute Morgen ein Liebesmahl in Teackle Hall, und deine Schwester aus Talbot ist zu Besuch, aber ich denke, ich kann mich freimachen.“

„Herrjemine!“, sagte Rhoda und sah Mr. Tilghman offen an; „Sie sind jetzt kein Geistlicher? Kein Geistlicher des Evangeliums?“

„Unwürdigerweise, Miss Rhoda.“

„Nun, ich verstehe nicht, wie Sie alt genug sein konnten, um bekehrt zu werden und das alles zu lernen, außer Sie wären ein geistliches Wunder. Misc Somers hat eines davon in Jinkotig gesehen. Sie nannten ihn das Wunderkind. Er predigte mit fünf Jahren, und mit sieben legte er sein Zeugnis ab.“

„Selten, Miss Rhoda“, sagte der Pastor, der seine Ehrfurcht kaum vor Belustigung über ihre Ungestümheit bewahren konnte.

„Oh, er machte eine wilde Aufregung, Tante Vesty. Die Frauen gaben einander ihre Babys zum Halten, während sie abwechselnd schrien. ‚Hier, Becky, halt mein Baby, während ich schreie!‘ sagte die eine. ‚Nun, Nancy, halt du meines, während ich schreie!‘ Zu sehen, wie dieser kleine Junge da oben sein Zeugnis ablegte, war wunderbar und machte eine Aufregung wie die Flut bei Jinkotig, die sie alle überschwemmt. Aber, Tante Vesty, dieses kleine Wunderkind war ein Zwerg, zwanzig Jahre alt, und Misc Somers hat es herausgefunden und ausgeplaudert.“

„Darauf kann man wetten, dass Mrs. Somers es weiß!“, rief der Richter.

„Das tut sie“, fuhr Rhoda ernst fort, mit einem leichten Schniefen ihrer wohlgeformten Nase und einem Grübchen, das Vesta auf Kommendes schließen ließ. „Misc Somers sagt, Sie haben eines dieser Babys gehalten, Richter, damit die Mutter schreien konnte, und haben so getan, als seien Sie bekehrt; und dass Sie genau da rückfällig geworden sind und der anderen Mutter zugeflüstert haben. Herrjemine! Misc Somers findet alles heraus.“

„Nun“, sagte der Richter, als er merkte, dass das Gelächter auf seine Kosten ging, „ich habe noch nie besser Wahlkampf betrieben als an diesem Tag. Indem ich dieses Baby fünf Minuten hielt, gewann ich eine Stimme, und die Mutter wird es zwanzig Jahre halten, bevor sie eine Stimme abgeben wird.“

„Misc Somers sagt, Richter, Sie halten die Frauen länger als ihre Babys; aber ich sagte ihr, Sie seien in solch einer Bekehrung gewesen, dass Sie die einen von den anderen nicht unterscheiden konnten. ‚Oh‘, sagt sie, ‚er ist schlau und sicher, wenn er erst einmal hier drüben auf der Worcester-Seite ist.‘ Misc Somers, sie ist entsetzlich direkt.“

William Tilghman betrachtete während der Fortsetzung dieses Wortwechsels mit Interesse die beiden jungen Damen: Vesta, die Ältere um zwei oder drei Jahre und reich ausgestattet mit dem Licht von Schönheit und Bildung; das Mädchen von der Meeresküste, schlichter und ohne jeden Schmuck innen oder außen; doch er konnte unter Vestas Obhut eine anmutige Frau vorhersehen, mit Koketterie und Faszination, die dort nicht ganz verborgen lag; und als seine Augen die von Rhoda trafen, interpretierte er den Blick, den fast jedes Mädchen in einem gewissen Lebensalter wirft, wenn es einen jungen Mann trifft – „Ist er ledig?“ Sie schoss diesen Blick so schelmisch und doch so kraftvoll ab, dass der Pfeil ihn ein ganz klein wenig verwundete, während er abprallte. Er lächelte, doch für einen Moment war ihm das Bewusstsein zurückgekehrt, dass er noch ein junger Mann war, ebenso wie ein Priester. Die Liebe, die eine Tür wie das Portal eines Grabes vor ihm verschlossen hatte, begann wie ein Glühwürmchen hervorzutreten und ihre Lampe durch die Dunkelheit zwinkern zu lassen.

„Sie muss in die Sonntagsschule kommen“, dachte er, „wenn sie in Princess Anne bleibt. Wir werden sie aufpolieren.“

Die Spottdrossel, die mit keiner Gesprächspause zufrieden war, wurde „lebhaft“, als sie sah, wie Vesta sich zurückzog, und rief:

„’Sband! ’Sband! Meee--shack! Mee-ee-ee-shack! Sieh mich! sieh mich! Gents! Gents! Gents! Genten! Süß! Süßie! Süßie! Hoo! hoo! Sieh! sieh! Vesty, sie! Ha! ha!“

Er flog in der Luft über seinem sich regenden Herrn, als zweifle er, dass alles in Ordnung sei, da die fremde Dame, die den ganzen Morgen so still gewesen war, fort war.

„Dieser Vogel spricht fast“, sagte William Tilghman; „ich habe so manche Stunde damit verbracht, sie zu unterrichten, aber ich konnte nie einen dazu bringen, so etwas zu sagen.“

„Vielleicht hatten Sie zu viel, was Sie ihm beibringen wollten“, sagte Rhoda Holland; „es ist nicht oft, dass sie sprechen können, und sie dürfen nicht viel Gesellschaft haben, um gut zu lernen. Onkel Meshach hatte jahrelang keine Gesellschaft außer diesem Vogel. Ich glaube, der Vogel wurde wütend und einsam und hat ihn einfach mit Worten ausgepfiffen.“

„Was sagt er jetzt?“, fragte Tilghman. „Sieh! er ist fast konvulsivisch bei seinen Versuchen, etwas zu sagen.“

Der graue Vogel, so ausdrucksstark wie ein armer Poet, schien fast in einem Zustand der Epilepsie zu sein, um eine Last drückender Laute hervorzubringen, und während sie ihn beobachteten, fast berauscht vom Rausch der Sprache, flatternd, treibend und in der Luft schlagend, brachte er plötzlich einen Ton hervor, flüssig wie gurgelndes Eiswasser aus einer Vogeltränke:

„L-l-liiebe! Liebe! Liebe! Ha! ha! L-l-liebe!“

„Gut gemacht, alter Junggeselle!“, bemerkte Richter Custis trotz seines erschöpften Gesichts, denn guter Vorsatz und das Nachlassen von gestern hatten ihn immer noch etwas schlaff und hager hinterlassen. „Er bringt ‚Liebe‘ hervor, als hätte er ein Gelübde dagegen abgelegt, aber das Geständnis musste heraus. So mancher Mönch würde dasselbe singen, wenn der Instinkt ein kühnes Wort in seinen Chorälen finden könnte. Diese Spottdrosseln aus Maryland wurden schon vor hundert Jahren in den britischen Magazinen gefeiert, und ich erinnere mich an einige Zeilen über sie.“

Er rezitierte dann:

„‚Sein Brustgefieder zeigt ein heiteres Weiß, Sein schwingend Flugkleid ist von grauer Art, Bestimmt, dass ihn die Musen selbst belehren, Dass er allein gleich einem Chor sich gibt. Oh, süßer Sänger! du übertriffst bei weitem Das sanfte Lied der lieblichen Philomele: Süß ist ihr Lied, doch in wenigen Tönen gefangen, Doch deines, du Nachahmer der gefiederten Art! Läuft durch alle Töne: du allein kennst sie alle, Zugleich die Kopie und das Original!‘“

„Das ist prächtig!“, rief Rhoda mit stiller Freude; „wer ist ‚Fellow Mil‘, Richter?“

„Oh, das ist die britische Nachtigall. Diese amerikanischen Spottdrosseln übertreffen sie, wie einer unserer Klipper der Eastern Shore alle Seemächte Europas aussegelt.“

„Ich habe die ‚Britische Nachtigall‘ gehört“, sagte Rhoda mit einem Aufblitzen ihrer Augen; „er war ein blinder Mann mit grünen Brillen, der in Newark sang, ‚Home, sweet home‘ – so hat er es ausgesprochen – und es hat ihn so mitgenommen, dass er ein ganzes Glas Wasser trinken musste, und Misc Somers, die herumspionierte, um zu sehen, ob er die echte Nachtigall sei, fand heraus, dass es Gin in dem Glas war, und hat es ausgeplaudert.“

Rhoda brachte sogar den Pastor zum Lachen, als sie ihre Wangen vertiefte und einen verliebten Blick auf ihn und den Richter warf. Er staunte, dass solches Wald-Englisch von seinem Verstand so wenig übel genommen werden konnte, doch er dachte:

„Mach dir nichts draus, sie mag nicht mehr Unterricht gehabt haben als der Vogel, dessen Schwierigkeit sogar schön ist. Aber sieh! Mr. Milburn ist hellwach. Mein Freund, wie fühlst du dich?“

„Besser, besser!“, murmelte Milburn. „Ich kann hier nicht länger liegen. Da ist Geld, Geld, meine Herren, das davon abhängt, dass ich wieder auf die Beine komme.“

Er fuhr mit größter Entschlossenheit und Zuversicht hoch und fiel auf seinen Kopf, bevor er die Bettdecke verlassen hatte.

„Nein, nein!“, sagte der Richter, als er und Tilghman Milburn aufhoben und ihn wie zuvor zurechtlegten. „Dein Wille ist dieses Mal gewachsen, mein tapferer Schwiegersohn! Du bist zurück in der Hütte, die du verzehrt hast, inmitten ihrer Feuer, und der rächende Wind des Nassawongo-Ofens brennt in deinen Adern und kühlt dich abwechselnd im Mühlenteich. Lieg da und bereue das Unrecht, das du einer Makellosen angetan hast!“

Ob Meshach dies hörte, wurde nie bekannt, aber die unbewusste oder impulsive Äußerung verstärkte bei Tilghman und Rhoda den Eindruck, dass Vestas Ehe nicht ganz freiwillig war, und erzeugte bei beiden ein Gefühl tieferen Mitgefühls und Respekts für sie.

„Richter“, sagte der junge Pastor, „vergelte Gutes mit Bösem, falls Böses geschehen ist! Ich habe ihm aufrichtig die Hand gereicht; vielleicht können Sie seinen Geist von geschäftlichen Sorgen entlasten.“

„Mr. Milburn“, sagte der Richter, als er sah, wie sich die harzigen Augen aus diesem dunklen, nun vor Schwäche blassen Gesicht wieder zu ihm drehten, „ich bin derzeit ohne Arbeit und kann billig arbeiten. Lassen Sie mich irgendeinen Besorgungsdienst für Sie tun.“

Ein Blick von Griesgrämigkeit, gefolgt von einem forschenden, stieg aus Milburns Augen auf, und er drückte seinen Kopf zwischen seine Handgelenke, als wolle er das Blut zurückbringen, das sein Urteilsvermögen antreiben könnte. Sie hörten ihn murmeln:

„Keine geschäftliche Klugheit – aber glaubwürdig, überzeugend – könnte es gut machen.“

Der Richter sprach nun mit einiger Bestimmtheit:

„Milburn, es hat keinen Sinn, dass du dich auflehnst. Hier bist du und hier wirst du liegen, bis die Natur ihre Wiederherstellung vollbracht hat, unterstützt durch diese Medizin, die ich dir gebracht habe. Du musst dich dem Kalomel unterziehen, und dieses Chinin muss seine Arbeit von mehreren Wochen beginnen, um die Regelmäßigkeit dieser Schüttelfrost-Anfälle zu brechen. In der Zwischenzeit, da deine Interessen auch Vestas sind, und Vestas meine sind, lass mich ihr dienen, wenn nicht dir.“

Der bestimmte Ton beeinflusste das geschwächte System des Patienten. Er sah alle drei Beobachter an und sagte zu Tilghman: „William, ich könnte dich schicken, wenn nicht dein Beruf wäre; lass mich mit dem Richter ein wenig allein, sowohl du als auch Rhoda.“

Rhoda nahm die Conestoga-Haube von der Oberseite der Schachtel für den „Entailed Hat“ und legte sie an, zum übergroßen Erstaunen des Pastors.

„Lass uns beide einen kleinen Spaziergang machen“, sagte sie und legte ihre Hand mit einer stillen Zuversicht, in der ein Funke von Meshachs Willen lag, in seinen Arm. „Ich habe keine Angst vor den Leuten aus Princess Anne, selbst wenn sie eingebildet sind. Miss Somers sagt, König Salomon war nicht besser als eine Lilie aus dem Teich, und das hat er selbst gesagt.“

Der junge Mann errötete, so aufrichtig seine Demut auch war, ein wenig bei dem Gedanken, mit dieser Haube an seiner Seite durch seine Heimatstadt zu gehen, gehörte er doch zu einer der selbstbewussten, angesehenen Familien der alten Halbinsel – sein Großonkel war Stabsoffizier Washingtons und Bote von Yorktown zum Kongress mit der Nachricht: „Cornwallis ist gefallen“; doch es war sein ritterlicher Sinn, nicht seine Frömmigkeit, der den letzten Anflug von Eitelkeit sofort vertrieb, als er spürte, dass eine Dame ihn darum gebeten hatte.

„Sehr gerne, Miss Holland“, sagte er, und kein einziger schüchterner Gedanke kam ihm wieder in den Sinn, als er den Spießrutenlauf durch die müßigen Kerle der Stadt antrat, von denen viele seine früheren verkommenen Spielkameraden waren. Rhoda war vollkommen glücklich. Er hätte sie gerne zu seiner Großmutter gebracht, mit der er zusammen wohnte, aber er bedachte, dass diese aristokratische alte Dame etwas sagen könnte, um Rhodas Vertrauen in ihr elegantes Äußeres und ihren einfachen Wortschatz zu zerstören; und so gingen sie an der Teackle Hall vorbei, wo Vesta sie sah, die Tür öffnete und sie hereinbat, um eine Kleinigkeit zu essen. Rhoda zeigte zunächst etwas Unbehagen unter diesem gewaltigen Gebäude, aber Vesta war so natürlich und liebenswürdig, dass die Scheu verflog, und in einem passenden Moment sagte die Braut:

„Rhoda, meine Liebe, da oben ist eine Haube, die ich diesen Winter tragen möchte, und ich möchte sie an dir anprobieren, da ich glaube, dass sie dir besonders gut stehen wird.“

Rhodas stille Augen leuchteten auf, als sie das neue Stück sah und hörte, wie Vesta es auf ihrem Kopf lobte. Die alte Haube hatte trotz Mrs. Somers einen grausamen Schlag erlitten.

Auch Tilghman machte sich Vorwürfe, dass er sich ein wenig erleichtert fühlte, als er Rhoda in einer anderen Haube zurück zu Meshach begleitete, und Vesta folgte ihnen mit ihrem großen zotteligen Hund Turk; sie war sich – wenn auch gelassen und nachdenklich höflich zu allen, die sie kannte – durchaus bewusst, dass die Leute sie voller Staunen und Aufregung aus jeder Tür und jedem Fenster der Stadt beäugten. Die Nachricht verbreitete sich in jedem Haushalt, von den Dienstboten in den Küchen bis zu den alten Leuten, denen man mit Lätzchen und Löffel beim Essen half: Dass die berühmte Tochter von Daniel Custis die Beute des Trödlers und Wucherers in der „Altstadt“ an der Brücke war, der sich endlich eine Ehefrau untertan gemacht hatte.

KAPITEL XIX.

DIE DÜSTEREN EBENEN.

Der neue Schwiegersohn, der mit Richter Custis allein gelassen wurde, bat darum, im Bett aufgestützt zu werden, und nichts war zu sehen, was sein Kopfkissen stützen konnte, außer der alten Lederhutschachtel, die Custis mit verzerrtem Gesicht herbeischaffte, um diesen Dienst zu tun.

„Meine Krankheit kommt ungelegen“, keuchte er; „nicht nur für mich, sondern auch für die neuen Bande, die ich geknüpft habe; für das gemeinsame Interesse, das meine Frau und ich daran haben, Ihre Verluste bei der Nassawongo-Hütte auszugleichen, durch die wir alle um diesen Betrag ärmer sind; und für einen Rechtsstreit, dessen Sache ich mich angenommen habe. Ich habe eine Beteiligung an einem großen Prozess gekauft.“

„Dann ist der Tag der Abrechnung für Ihre Feinde gekommen, Milburn.“

„Noch nicht“, sagte der Kranke mit einem stolzen Funkeln in den Augen, „es sei denn, ich bin kein Kaufmann und Sie sind kein Anwalt, und Ersteres werde ich nicht zugeben.“

„Und ich Letzteres nicht“, rief der Richter mit einigem Stolz und Temperament aus.

„Sie waren einst ein guter Anwalt, wenn auch ein Visionär“, fuhr der Geldverleiher ohne viel Federlesens fort. „Hätten wir einander respektieren können, hätten wir uns in Dingen zusammenschließen können, die für uns und für unsere Zeit und unseren Ort wertvoll gewesen wären. Aber das ist vorbei, und Sie genießen nicht mein Vertrauen als mein gesetzlicher Vertreter, mein Anwalt. Ich möchte, dass Sie einen anderen Anwalt für mich finden.“

„Ich bin bereit, nützlich zu sein, auch ohne Ihre Komplimente“, sagte der Richter und erinnerte sich an seinen christlichen Entschluss. „Wir wollen uns nicht streiten, wenn ich Ihnen dienen kann.“

„Ich möchte Ihre Gefühle nicht verletzen, aber meine Kraft reicht nicht für bedeutungslose Schmeicheleien. Diese Ehe lag mir so sehr am Herzen, dass ich sie vor ein sehr großes Interesse gestellt habe, bei dem ich keine Zeit zu verlieren habe, und dennoch bin ich auf diesem Bett hilflos. Ich werde Ihnen vertrauen, dass Sie meinen Auftrag ausführen. Gehen Sie zu dieser Truhe, Richter Custis, und Sie werden ein Bündel Papiere im Zedernfach am Ende finden. Bringen Sie sie hierher.“

Als der Richter die alte Truhe öffnete, stieg ihm ein modriger Geruch wie von in Kräutern eingewickelten Mumien in die Nase, und er sah einige verblasste Kleidungsstücke, wie die von armen verstorbenen Leuten, Männern und Frauen, darin liegen. Die Spottdrossel pfiff eine laute Warnung, als er den Deckel des Fachs anhob und die gewünschten Papiere inmitten eines Bündels gefleckter und gestreifter Vogeleier sah:

„Komm seh’n! Komm seh’n! Meshach! he! he! süß!“

„Nun öffne das Fenster dort drüben“, sagte Meshach, während er die Papiere nahm, „und lass Tom hinausfliegen. Er macht mich nervös. Wh-oo-t, whi-it, Tom!“

Die Spottdrossel breitete ihre Flügel und ihren Schwanz aus, schlug eine Minute lang hartnäckig in Richtung ihres Herrn, während er pfiff, flog aus dem Fenster und ließ sich in der alten Weide unterhalb nieder, wo sie ein Sonntagnachmittagskonzert gab; sie rief die vorbeilaufenden Hunde beim Namen, pfiff ihnen zu und täuschte Katzen und Hühner mit Einladungen, die sie nur zu gut kannten: zum Fressen, zum Verscheuchen, zum Abhauen und zum Aufstallen.

„Wenn er seine Frau so dressiert wie diesen Vogel“, sagte der Richter zu sich selbst, „wird sie bald in den Himmel fliegen.“

Milburn öffnete die Papiere, zählte sie und reichte sie seinem Schwiegervater.

„Die Papiere werden Ihnen klar sein, Richter Custis, nachdem ich ein paar Worte der Erklärung hinzugefügt habe. Sie wissen genau, dass der Kanal zwischen Delaware und Chesapeake fertiggestellt ist und nun Schiffe von Bucht zu Bucht hindurchfahren. Er nimmt täglich hundert Dollar an Gebühren ein, und zwanzig Schiffe fahren bereits zwischen Sonnenauf- und -untergang hindurch, obwohl die Größe der Schiffe der Städte, die er verbindet, noch nicht an seine Proportionen angepasst wurde. Es war ein billiges und schnelles Werk, das etwas über zwei Millionen Dollar gekostet hat und nur fünf Jahre in Anspruch nahm; und doch hat es sein kaufmännisches Leben mit einem Betrug an einem Mann begonnen, dem es als Förderer und Auftragnehmer verpflichtet ist und dem ich die Mittel vorgeschossen habe, um Gerechtigkeit und Schadensersatz zu erzwingen.“

„Nun, nun, Milburn; ich muss Ihre Unternehmungslust anerkennen. Das Zeitalter dieser großen Transportgesellschaften hat gerade erst begonnen, und Sie setzen Ihr kleines Vermögen gegen eine von ihnen, die von der großen Stadt Philadelphia unterstützt wird!“

„Der Kanal führt durch den Staat Delaware, in dem sich drei Viertel seiner geringen Länge von nur vierzehn Meilen befinden, und dort wird ein Prozess bis zu einem gewissen Grad frei von den Korruptionen sein, die sie in Pennsylvania ausüben könnten; und wenn wir dort Erfolg haben, können wir die Zölle des Kanals leichter pfänden. Ich habe kein größeres Vertrauen in die Gesetzgebung von Delaware als in die irgendeines anderen Staates; Entführer sitzen auf ihren verantwortungsvollen Posten, und sie lizenziert Lotterien, um aus ihrer eigenen Ehre Preise zu machen. Aber wir werden unseren Fall vor einer einfachen Jury verhandeln, die für einen Anwalt in diesem Staat Wachs in den Händen sein wird, wenn wir ihn sichern können; bisher hat er meinen Auftragnehmer jedoch abgewiesen und will den Fall nicht übernehmen.“

„Warum“, sagte der Richter, „Sie müssen Clayton, den neuen Senator, meinen.“

„Das ist der Mann“, fuhr Milburn fort und hielt inne, um Kraft und Atem zu schöpfen. „Er ist, wie ich höre, an den Colleges und Rechtsschulen glänzend ausgebildet und besitzt eine bemerkenswerte Macht über die landwirtschaftliche und gemischte Bevölkerung dieses kleinen Staates, die er durch Sympathie und Bekanntschaft gründlich versteht. Ich habe ihn einmal vor Gericht in Georgetown gehört, wie er die verbündeten Entführungseinflüsse der ganzen Halbinsel zunichtemachte und verblüffte und, gegen den Willen und die Absicht der Geschworenen, ihre Ängste und ihr Empfinden dazu brachte, einen dreisten Schurken, der freie Männer farbiger Haut stahl, für schuldig zu befinden – ein Schurke, der in diesem Raum war, wenn es nicht eine Wahnvorstellung meines Fiebers ist, genau heute, und mit dem ich mir einbildete, irgendwo zusammengestoßen zu sein.“

„Sie haben ihn nur mit einem Ziegelstein niedergeschlagen, nachdem Samson es bereits mit seiner Faust getan hatte, und dann kam der Kerl zu mir, um Schutz zu suchen, in der Angst, Sie würden ihn juristisch verfolgen, und ich nehme an, er hat einen Botengang für meine Dienstboten zu dieser Behausung gemacht.“

Der Richter sah sich in der Behausung um, als hätte er das respektvollste Wort benutzt, das er nur finden konnte.

„Ich werde mich mit solchen Schurken wie diesem nur vergleichen“, sprach Milburn, „wenn ich Angst vor ihnen habe. Aber um meine Aussage abzuschließen; aus Gründen der Ängstlichkeit, des Zweifels am Erfolg oder des politischen Ehrgeizes – etwas, das ich nicht ergründen kann – will Mr. Clayton meinem Schuldner nicht zuhören, und ich habe mein eigenes Interesse an dem Prozess nicht offengelegt. Er ist aus Washington zu Hause, und für morgen ist ein Termin in seinem Büro in Dover vereinbart. Sie sehen, ich bin nicht in der Lage, ihn wahrzunehmen, und ich habe niemanden sonst, den ich schicken könnte, und die Nachricht erreicht mich, dass die Kanalgesellschaft, die mein Geld auf dem Bankkonto des Auftragnehmers entdeckt hat, beabsichtigt, Clayton sofort zu binden. Wenn Sie heute Nachmittag aufbrechen, können Sie Laureltown bis zum Schlafengehen erreichen. Von dort sind es mindestens vierzig Meilen bis Dover, und Sie könnten es morgen bis Mittag schaffen, mit etwas Eile, und in diesem Fall haben Sie eine Chance, den Abgesandten aus Philadelphia um einige Stunden zu schlagen. Ich habe bereits fünftausend Dollar auf dem Spiel; ich glaube, ich werde den vierzigfachen Betrag an Schadensersatz erhalten, wenn ich diesen Mann binden kann.“

„Ich bin bereit, sofort aufzubrechen“, sagte der Richter und erhob sich; „ich kann diese Papiere unterwegs lesen. Der Sattel war meine Wiege, und ich habe ein gutes Pferd. Meine Reisetasche kann morgen mit der Postkutsche folgen.“

„Es sei denn, Sie sehen die besten Gründe dafür, darf mein Name gegenüber niemandem als Partei in diesem Prozess erwähnt werden; ich bin bei Geschworenen nicht beliebt.“

„Dann leben Sie wohl, Milburn“, sagte der Richter, reichte ihm aber nicht die Hand. „Wie Sie meine Tochter behandeln, so möge Gott Sie behandeln!“

„Amen“, rief der Geldverleiher aus, als die Füße des Richters unten über die Türschwelle traten, und er sank wieder erschöpft auf das Bett zurück.

* * * * *

Während die beschriebenen Vorgänge die Weißen beschäftigten, lungerten die Dienstboten, Roxy und Virgie, in ihren sauberen Sonntagsanzügen um die Brücke hinter dem Laden herum oder streiften ein Stück den Manokin-Bach hinauf, wobei sie hörten, wie die Spottdrossel ihre Brust mit der ganzen Bauchrednerkunst eines Genies zerriss.

„Virgie“, sagte Samson Hat, als er sie unter der Weide traf, „wenn ich dich entführe und heirate, vermute ich, du wirst auch auf meinen Dachboden klettern und es mir bequem machen.“

„Du solltest dich schämen, du alter, schwarzer, unverschämter Diener der Finsternis!“, sagte Virgie. „Wahrlich, wenn ich mir einen Mann ansehe, muss er fast weiß sein – nicht ganz weiß allerdings, wie Roxys Verehrer.“

„Wer ist das, Roxy?“, fragte Samson.

Roxy errötete und sagte, sie habe keinen Verehrer und wolle auch nie einen haben.

„Roxys Verehrer“, sagt Virgie, „ist dieser arme, hilflose Mr. Jack Wonnell. Er kommt jeden Tag zu ihr. Er ist die Hingabe selbst. Wahrlich, Samson, wenn du mich heiraten willst und Roxy all diese Glockenhüte, dann werden wir die Stadt von ihren zwei größten Leiden heilen.“

„Schlechte alte Hüte?“, fragt Samson.

„Roxy wird alle Glockenhüte für ihren Verehrer verbrennen, und ich werde den Turmhut und dich, der ihn putzt, begraben, und die Leute werden so froh sein, dass sie mich freilassen und ich nach Norden gehen kann.“

„Pass auf, Virgie; ich setze dir diesen hochkronigen Hut auf, so wie Master Milburn dem Geier die Glocke aufgesetzt hat. Er ging eines Tages mit einer kleinen Teeglocke in der Hand auf diesen Geier zu und sagte: ‚Geier, wie gefällt dir Musik?‘ Der Geier, geschmeichelt von dem Kompliment, sagt: ‚Ich bin so bewandert in dieser Musik, dass ich es verschmähe zu singen; ich kritisiere die Vögel, die es tun.‘ ‚Dann‘, sagt Mars Milburn, ‚brauch ich dir, Professor Geier, nicht zu sagen, dass diese kleine Glocke deinem feinen Geschmack sehr gefallen wird.‘ Damit nimmt er ein kleines Stück Draht, befestigt die Teeglocke am Fuß des Vogels und sagt: ‚Geier, lass mich hören, wie du spielst!‘ Der Geier flog, die Glocke bimmelte, und alle anderen Geier hörten etwas wie die Kuhglocke der toten Kuh, die sie gestern gepickt hatten, und sie sagten: ‚Wer fliegt da? Vielleicht ist es das Gespenst einer Kuh!‘ Also flogen sie alle erschrocken auf und überquerten die Bucht; und der Geier mit der Glocke hatte seitdem keine Gesellschaft mehr, weil er ein Talent stahl, das er nicht besaß, und das machte alle unbehaglich.“

„Ich habe gehört, wie Meshach einen Geier beringt hat“, sagte Roxy, „aber sie sagen, er hat auch etwas am Fuß, wie einen Huf – einen gespaltenen Huf. Hast du ihn je gesehen, Samson?“

„Er hat nie seinen Fuß weggenommen“, sagte der Neger vorsichtig, „um mich ihn sehen zu lassen. Diese Glocke am Geier, Mädels, ist wie weiße Schönheit in einer farbigen Haut; sie zieht weiße und schwarze Männer an wie seltsame Musik in der Luft, aber sie macht das blasse Mädchen einsam. Sie kann keinen weißen Mann heiraten; sie verachtet die schwarzen.“

Der schlaue Liebhaber hatte eine Saite jugendlichen Schmerzes in den Herzen dieser beiden zarten Quadroons berührt. Beide waren so nahe am Weißsein, dass die leichte Beimischung ihre Schönheit steigerte, ihre anmutigen Gliedmaßen rundete, ihre weidengleichen Figuren füllte, ihren ausdrucksstarken Augen eine Weichheit wie von milder Nacht verlieh und die seidigen Quasten ihres eleganten langen Haares schwärzte. Kein Lehrer hatte ihnen beigebracht, wie man geht – sie, die sich auf Gesundheit bewegten wie Lerchen in der Luft. Treu, rein, bescheiden, natürlich, waren sie dennoch Sklaven, und ihr Platz in der Ehe, den die Natur unter den Würdigsten angesiedelt hätte – überlegen in der Liebe, überlegen in der Mutterschaft, überlegen an Lebenslänge und Lebensfreude – war durch die Laune der menschlichen Kaste so ungewiss wie der einer Meerjungfrau.

Roxy war ein wenig kleiner und fülliger gebaut, die mildere und pathetischere; in Virgie hatte die weiße Rasse ihre mageren Linien und ihre größere Unnachgiebigkeit hinterlassen. Sie sagte zu Samson mit dem Groll, den ihre Überlegungen ihr einflößten:

„Ich hätte nie gedacht, dass der erste Mann, der mir den Hof macht, so schwarz sein würde wie du.“

„Den weißen Mais, den echten Zuckermais, den holt sich die Amsel“, sagt Samson. „Keine von diesen weißen Möwen und Tauben bekommt diesen Mais. Ein weißer Kerl würde nicht zu dir passen, Virgie.“

„Warum?“, sagt Roxy, „Virgie ist unter weißen Kindern aufgewachsen; ich auch. Wir wussten keinen Unterschied, bis wir erwachsen wurden.“

„Das war es, was euch verdorben hat“, sagte Samson; „der Farbige ist der beste Ehemann. Er denkt nicht an Geschäfte, während er liebt, wie Master Milburn. Der schwarze Mann denkt, seine Herzensdame ist Geschäft genug, solange sie ihn mag. Er arbeitet für sie, um sie zu lieben, nicht um sich zum Narren zu machen und seinen eigenen Kopf voller Ehrgeiz zu stecken, wie sie es nennen. Du könntest mit einem dieser blassen, murmelnden weißen Männer nicht auskommen, Virgie. Nun, Roxys weißer Mann, der ist fast so sorglos wie ein Neger; er kann nichts anderes, als Liebe zu machen. Das ist es, weshalb sie ihn mag.“

„Er ist ein so warmherziger Mann, wie es ihn in Princess Anne gibt“, meldete sich Roxy zu Wort. „Ich habe nie an ihn gedacht, außer als Freund. Ich weiß, ich werde nicht auf ihn herabsehen, weil er ein gelbes Mädchen mag, denn dann würde ich auf mich selbst herabsehen.“

„Virgie“, sagte Samson, „ich schätze, ich bin ein wenig alt, aber du kannst nicht herausfinden, wo es ist. Du hättest sehen sollen, wie ich diesen weiß-hölzernen Kerl gestern ins Auge gefasst habe, und er ist gerade erst aus den Teenagerjahren raus. Ich weiß, es ist eine Art Frechheit, dir den Hof zu machen, Virgie, die hübscher ist als Miss Vesty selbst –“

„Niemand kann so hübsch sein wie Miss Vesta“, rief Virgie, entzückt von dem Kompliment; „sie ist Vollkommenheit.“

„Wie ich sagen wollte“, fügte Samson trocken hinzu, „ich wusste nie recht, wofür ich Master Milburn meinen Lohn behalten ließ, bis er Miss Vesty heiratete, und dann habe ich meine Augen auf Vestys Freundin und Zofe geworfen, und ich sage: ‚Gütiger Himmel! das ist das schönste Mädchen der Welt. Ich werde mein Geld nehmen und sie kaufen und sie freilassen, und vielleicht nimmt sie mich, so alt wie ich bin.‘“

„Das wird sie, Samson, wenn du das tust, das glaube ich“, rief Roxy; „sieh nur, wie sie lächelt und dabei rot wird.“

Virgies Kehle sandte ihre Beben zu ihren lang bewimperten Augen hinauf, und etwas Wildes, Spekulatives pulsierte in ihren schlanken Handgelenken und schlug in der kleinen Jacke, die sich an ihre anschwellende Form schmiegte: der erste Anblick von Freiheit in der wilden Hirschkuh – Freiheit, und ein Gefährte.

„Meine Seele!“, fügte Roxy hinzu, „wenn der arme Mr. Wonnell mich freikaufen könnte, ich glaube, ich könnte ihn genug bemitleiden, um seine Frau zu sein.“

Samson nutzte seine Gelegenheit, ihre Hand zu ergreifen, während sie von dem wilden Traum schwärmte.

„Diese Hand ist zu hübsch“, sagte er, „um von einer Sklavin getragen zu werden. Lass mich sie frei machen.“

Sie wandte sich ab, aber der Neger war ein weiser Liebhaber gewesen, und sein Flehen traf ins Schwarze und stieß auf die kaukasische Vaterschaft der hellen Quadroon.

„Freiheit ist fast alles, was ich habe“, fuhr der Neger fort; „sie ist alles wert außer Liebe, Virgie. Die hast du. Vielleicht können wir sie tauschen und mich dein Sklave sein lassen.“

„Tu es nicht, tu es nicht!“, flehte Virgie und zog ihre Hand ganz sanft zurück. „Ich habe Angst vor dir; du putzt den Hut des Bösen Mannes.“

KAPITEL XX.

KASTE OHNE TON.

Richter Custis war schon weit aus der Stadt heraus, auf dem Weg nach Norden, als sich der kleine Lesezirkel ohne sein Patronat über dem alten Laden versammelte und der junge Pfarrer ihn leitete. Am warmen Nachmittag waren die Fenster geöffnet, bis Milburns Schüttelfrost wieder einsetzte, und sie konnten die Spottdrossel in ihrem Baum hören, wie sie den großen zotteligen Hund Turk verspottete, indem sie ihm zu pfiff:

„Wsht! wsht! Komm, Herr! komm, Herr! Pack ihn! pack ihn! wh-i-it! pack ihn, Turk! wsht! wh-i-i-t! Sirrah! Ha! ha!“

Turk lief ein Stück, lief zurück, sah niemanden, beobachtete alle Fenster des Ladens und schien schließlich zu denken, der Ort sei verhext oder auf irgendeine Weise unzuverlässig; denn als Nächstes lief er zur offenen Ladentür, bellte, lief zurück und beobachtete aus der Ferne das hohle Dunkel darin, als ob ein vager Feind dort lebte, der sein gehorsames Wesen verspottete und seine Herrin gefangen hielt. Turk war ein Setter mit Mastiff-Einschlag, ein wenig wert für die Jagd und mehr für die Wache, aber als Schmuck und Freund mehr wert als alles; er war so unparteiisch in seinen Gunstbezeugungen, dass er Aunt Hominy und Vesta etwa gleichermaßen mochte und oft in der Küche vor dem großen Kaminfeuer schlief.

„Stören wir Sie, Mr. Milburn, durch das Vorlesen hier?“, fragte Vesta.

„Nein, mein Schatz. Es ist so freundlich von Ihnen, Musik in meinen armen Dachboden zu bringen.“

William Tilghman schlug seine Bibel an einer Stelle auf, die durch eine kleine, mit einem Band versehene Bristol-Karte markiert war, auf der Vestas lernende Finger in ihrer Kindheit „Wach mit mir“ geschrieben hatten. Er dachte an seine Cousine, die nun zwischen ihrem Verrat an diesem Pilatus und ihrer Kreuzigung flatterte, und sah, wie ihre Augen auf das Lesezeichen blickten, als ob sie zu ihm und dem Waldmädchen sagten: „Wach mit mir.“

Tilghman begann zu lesen, Vesta folgte, und Rhoda musste auch ihren Teil beitragen; aber sie musste hart arbeiten, um mitzuhalten, da das Kapitel aus der Apostelgeschichte stammte, die die Reise des Paulus nach Rom beschrieb, und voller schwieriger Wörter und Geografie war. Bei einem Vers las Rhoda etwa so:

„Und – als – wir – gefahren – lang – sam – viele – Tage – und – kaum – kaum – sch – sch – sch – I declar’, Aunt Vesty, dieser Druck ist zum Schreien! – kaum – Oh, ja, kaum – kaum – waren – wir – gekommen – gegenüber – Ceni – Snide – Snid – Mr. Tilghman, was ist das für ein krabbenartiges Wort? Cnidus? Nun, ich fasse es nicht! Ein Hund könnte das nicht buchstabieren; es sieht aus wie Snyder, buchstabiert von seinem Handlanger – gegenüber Cnidus – der – Wind – nicht – Schnaufer – nein, schnaufend (hier vollzog Rhoda das doppelte Schniefen) – ja, habe ich nicht schnaufend gesagt? Ich meine leidend – leidend – uns – wir – fuhren – unter – das kann ich beim besten Willen nicht buchstabieren; niemand kann das!“

„‚Unter Kreta fuhren wir‘, Liebste“, half Vesta.

„Unter – Krety – gefahren – gegenüber – Sal – Sal – Salm – oh, ja, Psalmen! Nein: Sal Money.“

„Salmone“, erklärte der Pfarrer, ohne es zu wagen aufzublicken; „wir fuhren unter Kreta gegenüber Salmone; und kamen, kaum daran vorüber, an einen Ort, der heißt ‚Gute Hafen‘, nahebei war die Stadt Lasea.“

„Herrjemine!“, rief Rhoda und streckte ihren sichelförmigen Fuß aus, an dem Vestas gestrickter Strumpf steckte, „hatten sie damals schon ‚Gute Häfen‘? War das dieser hier drüben am Wes’n Shu?“

„Nein“, antwortete Tilghman; „Gute Hafen war immer ein geläufiger Name für Segler, die in der Not einen guten Hafen fanden.“

„Dort drüben auf der Seite des Oushin gibt es heutzutage keinen guten Hafen mehr außer Monroe’s Inlet, draußen bei Jinkotig. Die anderen versanden alle, und Kaddern ist die einzige Art, sich durch sie hindurchzukaddern, sagt Misc Somers.“

„Sie meint das Verholen, also das Ziehen eines Schiffes über eine Untiefe in einer Meeresbucht mittels eines Seils an einem Anker, wenn das Wasser das Schiff anhebt.“

„Ja, wissen Sie, Mr. Tilghman“, rief Rhoda entzückt; „das ist Kaddern – sich mit der Ankerleine über die Barre ziehen. Wenn man festgefahren ist, nirgendwo hinkommt, auf der Barre aufschlägt und die Brecher gewaltig gegen die Seite schlagen: dann geht alles entzwei, wenn man dort bleibt. Also nimmt man den kleinen Anker – der kleine ist besser als jeder zu große – und legt ihn in die Jolle, rudert über die Barre, setzt ihn aus, und die Leute an Bord ziehen, während die Wogen einen heben, und so halten sie den Bug in Richtung Bucht, und, kaddernd, kaddernd, bumm-bumm, kommt man schließlich frei von der Barre und heim in den sicheren Hafen von Sinepuxin.“

„Ja, meine Schwestern“, fügte der junge Geistliche hinzu, „wir müssen oft heimwärts kaddern, uns über die Barren des Lebens verholen, und die Hoffnung, so klein der Anker auch sein mag, hilft ein wenig, wenn wir nur die Leine nicht verlieren. Kleine Hoffnungen sind oft besser als große, denn allzu große Hoffnungen bringen kleine Schiffe zum Sinken. Selbst die Hoffnung muss kunstvoll geformt und geschickt ausgeworfen werden, um in den unsichtbaren Gründen der Gelegenheit Halt zu finden. Wir alle haben schon beschwerliche Hoffnungen gehegt, schwere Anker, die uns nicht gegen die Brecher halten konnten; doch es gibt vielleicht kleine Hoffnungen, die wir uns vorausschießen und die uns in angenehme Sunde und Buchten ziehen werden.“

„Wir verdanken dir diese tröstliche Hoffnung, Rhoda“, sagte Vesta, „und solange du bei uns bist, werden wir dich lehren, zuversichtlicher zu lesen.“

Vesta sang daraufhin Charles Wesleys Hymne:

„‚Jesus, offenbare dich in uns! Die Winde schweigen, die See ist still, Wenn Du im Schiffe bist. O, zeige Deine göttliche Macht; Tritt ein in diese Deine sinkende Kirche, Und wohne in jedem Herzen.‘“

Die Klänge ihres Gesangs erreichten die Leute, die an diesem Sonntagnachmittag neugierig umherstreiften, um die Hauptpersonen der überraschenden Hochzeit zu sehen, von der sie erst kürzlich gehört hatten, und als sie endete, rief Mr. Milburn sie zu sich und sagte:

„Es ist Zeit, dass du mich bis morgen verlässt.“

„Ist das dein Wunsch?“

„Das ist es, gute Dame. Ich habe einen Diener, Samson, der an all meine Arbeit gewöhnt ist, und du kannst durch deine Sklavinnen, die ein und aus gehen, von meinem Zustand erfahren. Ich möchte, dass du dich so frei fühlst wie immer, auch wenn du nun meine Frau bist. Ich habe dich nicht gesucht, um deinen Morgen zu trüben, sondern um an deinem Sonnenschein teilzuhaben. Geh nach Teackle Hall, und dorthin werde ich kommen, wenn ich wieder bei Kräften bin. Ich möchte zu keiner Zeit, dass du in diesem alten Stall schläfst.“

„Darf ich morgen kommen und bei dir sitzen, mein Herr?“

„Oh, tu das! Ich muss dich Tag für Tag ein wenig sehen.“

„Darf ich Rhoda mitnehmen?“

„Ja, wenn du das willst. Sie ist ein armes Mädchen, aber das ist nicht ihre Schuld.“

Vesta beugte sich vor und berührte seine Stirn mit ihren Lippen, und als sie zurückwich, hob er seine kalte Hand und legte ihr ein Stück Papier in die ihre.

„Richte deiner Mutter meine Grüße aus“, sagte er mit einem Schauer; „und erstatte ihr die Verluste, die Richter Custis mir als ihren Anteil am Nassawongo-Ofen genannt hat. Der Betrag steht auf diesem Scheck, den ich dir gebe, obwohl heute Sonntag ist, denn er stellt keine geschäftliche Angelegenheit unter uns dar, sondern einen Akt des Friedens.“

„Du bist ein ehrenhafter Mann“, sagte Vesta; „ich habe dich teuer gekostet.“

„Es ist das Aufschlagen einiger Jahre auf der Barre“, antwortete Meshach und versuchte zu lächeln; „sei du mein Anker draußen in ruhigem Wasser, und ich werde versuchen, mich eines Tages zu dir zu ziehen. Nicht der Preis, den ich zahle, beunruhigt mich; es ist der Preis, den du zahlst.“

„Ich bin tief an dir interessiert“, sagte Vesta; „würde ich mehr als das sagen, wäre es jetzt nicht wahr.“

„Danke für dieses Wenige“, sagte Milburn; „selbst dein Mitleid ist ein Schatz, und ich danke Gott, dass ich so große Fortschritte gemacht habe. Bevor du gehst, lass meinen Vogel herein und schließe dann das Fenster, damit die Nachtfalken und Eulen ihn nicht finden.“

Er schaffte es, zwischen seinen aufkommenden Schüttelfrostattacken ein oder zwei Töne zu pfeifen, und Tom flog zum Fenster herein und flatterte wild um seinen Kopf, als wolle er sich für das Exil rächen; dann sprang er auf die alte Hutschachtel und legte eine Schauvorstellung hin, in der das gesamte Inventar von Stadt und Feld vorkam, und nachdem sie ein Weilchen innehielten, um den Vogel ihren Namen singen zu hören, zogen Vesta und ihre Freunde sich zurück.

Mrs. Custis wurde in ihrem Schlafzimmer angetroffen, in deutlich besserer Stimmung, jedoch hochgradig nervös.

„Oh, mein armer, gemarterter, ermordeter Abgott!“, schrie sie, als Vesta eintrat; „bist du am Leben? Ist das Biest tot? Sag mir nicht, dass er es wagt zu leben.“

„Ja, Mama, hier sind seine Zähne“, sagte Vesta, nachdem sie ihre Mutter herzlich geküsst hatte. „Er hat dir einen Scheck für all dein verlorenes Geld geschickt, dazu seine Liebe und mich, damit ich hier bei dir in Teackle Hall lebe. Freiheit, Rückerstattung, wie du es nennst, und seine Zuneigung für uns beide: ist er nicht jetzt ein Gentleman?“

Mrs. Custis nahm begierig den Scheck entgegen.

„Glaubst du, dass er gedeckt ist, Kostbare? Vielleicht hat er ihn geschickt, um mich zu täuschen, während er aus deiner Dankbarkeit Kapital schlagen konnte. Oh, diese Waldläufer sind Teufel! Ich wünschte, ich hätte das Geld dafür.“

„Er ist alles wert, was er besitzt. Ihn nicht einzulösen, würde ihn in den Bankrott treiben. Er gab ihn mir beinahe mit Galanterie. Wahrlich, er ist der sonderbarste Mann, den ich je gekannt habe.“

„Das ist bei allen Piraten der Fall“, sagte Mrs. Custis; „etwas in der weiblichen Natur zieht uns zu gesetzlosen Männern hin, die sich nehmen, was sie wollen – uns selbst eingeschlossen. Wir wurden, nehme ich an, ursprünglich einfach ergriffen und vereinnahmt, und wir halten bis heute Ausschau nach dem Vereinnahmer. Aber du, Vesta, mit dem Blut von Baltimore in deinen Adern, erwartest doch nicht, die Sabinerin so zahm zu spielen – deinen Räuber zu verteidigen und ihn mit deinen Brüdern zu versöhnen?“

„Ich dachte, es sei das Blut von Baltimore, das mich Mr. Milburn schätzen ließ, Mama. Die Custises waren keine Händler.“

„Ach was! Die Custises waren Libertins, wenn die Geschichte sie nicht verleumdet; sonst hätten sie keine Popularität am Schurkenhof von Charley-over-the-water gehabt. Er dachte, die Tochter eines jeden Gentlemans in seinem Gefolge sei für seine Mätresse gemacht, und ein großer Teil dieser Jungfrauen dachte, er habe recht.“

„Mr. Milburn ist kein Kavalier, das sehe ich“, sagte Vesta; „ich fühle mich zu ihm hingezogen durch Elemente von solcher Stärke und Einfachheit, dass ich glaube, er ist ein Puritaner.“

„Puritaner-Firlefanz!“, sagte Mrs. Custis, steckte Milburns Scheck in ihr Mieder, steckte ihn dort fest und betrachtete die Nadel danach wachsam. „Nun, mein großer Trost, meine einzige McLane! Idealisiere diesen Waldläufer nicht als irgendetwas von Anfang an. Es ist alles falsch. Tausende von Sträflingen wurden aus den Slums von London, Bristol, Glasgow und anderen Orten in die Chesapeake Bay exportiert und haben sich hier vermehrt wie das Kermesbeerenkraut. Mit Instinkten für Diebstahl und möglicherweise ein wenig Aufruhr darin hat dein Mann dieses Haus um deine Person beraubt; wenn er auch noch dein Herz nähme, läge die Schande auf uns.“

„Oh, Mutter, du bist unversöhnlich!“

„Natürlich bin ich das; ich bin Schottin.“

„Du hast nicht einen Schwiegersohn außer diesem, der dir den großen Betrag zurückgeben würde, den dein Ehemann verschwendet hat – nicht einen, der es tun könnte, ohne ein Opfer zu bringen, das du nicht gestatten würdest. Für dich und Papa, um euren Glauben aneinander wiederherzustellen, habe ich unseren fremden Gläubiger geheiratet und ihn eher zum Altar gezwungen als er mich; und er hat sich bereits als feinfühliger erwiesen als du, wenn ich glauben soll, dass du bei klarem Verstand bist. Nein, ich bin keine McLane.“

„Das bist du nicht, wenn du nicht ihre schottisch-irische Beharrlichkeit nutzt, um Meshach Milburn zu übervorteilen. Du hast einen Ehevertrag mit ihm ausgehandelt, lass ihn nun bestätigen und reiche deine Scheidung vor dem Parlament ein! So öffentlich, wie du geschändet wurdest, verlange vom Staat Maryland Wiedergutmachung. Die McLanes, die Custises und alle ihre Verbindungen, vom Christine River bis zum James, werden Annapolis stürmen, deine Sache, wenn nötig, zu einem politischen Thema machen, und die Gerichte dieses Bezirks werden dir aus dem unpopulären Vermögen dieses Biestes Schadenersatz zusprechen.“

Vesta sah ihre Mutter mit Erstaunen an.

„Was würde aus meiner Selbstachtung, aus meinem Mädchennamen, wenn ich meine privaten Leiden so zur Schau stellte, Mutter?“

„Nun, du wärst eine Heldin. Jeder alte Verehrer, von denen es so viele berechtigte gibt, würde spüren, wie sein Eifer zurückkehrt. Eine Romanze würde deinen Namen begleiten, wo immer die Zeitungen aus Baltimore gelesen werden, und du wärst eine ebenso große Heldin wie Betty Patterson.“

„Dieses ungehorsame Mädchen?“, rief Vesta, immer noch erstaunt.

„Ich sah sie, als sie die Braut von Jerome Bonaparte war. Sie war nicht halb so reizend wie du! Wenn Jerome dich gesehen hätte – du warst damals noch nicht geboren, und ich war in der Gesellschaft –, hätte er Betty nie eines Blickes gewürdigt. Aber siehst du, sie erzwang eine Abfindung vom Kaiser, wirtschaftete mit den Einkünften daraus, und sie ist reich und heute freier, als wenn sie eine französische Bonaparte geworden wäre.“

„So schwach sie in vielen Dingen sein mögen, ich bin eine Custis“, sprach Vesta mit bleichem Hochmut. „Ich würde meinen Namen nicht durch die tabakbefleckten Vorhallen von Annapolis schleifen, um die Krone von Josephine zu tragen. Das Wort, das ich aus Mitleid mit meinen Eltern dem Mann gegeben habe, der nun mein Ehemann ist, um seine Frau zu werden, würde ich nicht zurücknehmen bis an mein Lebensende, es sei denn, er bräche zuerst sein Wort. Ich glaube, es gibt noch so etwas wie Ehre. Mutter, du verärgerst meinen Vater mit solchen Prinzipien.“

„Es sind die Prinzipien deines Onkels Allan McLane.“

„Ein Mann, vor dem ich zurückschrecke“, sagte Vesta, „obwohl er dein Bruder ist. Seine gefühllose Ehrbarkeit, seine Unveränderlichkeit, sein Mangel an jedem Impuls außer Hass, seine Vereinnahmung unserer Familienehre, als wäre er unser Gesetzgeber und Hoher Sheriff, seine Verschwiegenheit, seine formale Religion und sein mysteriöser Wohlstand – ich weiß das nicht zu schätzen, so sehr ich mich auch bemüht habe, ihm gegenüber barmherzig zu sein. Ich mag Baltimore nicht so sehr wie die Eastern Shore; es ist grimmig, hart und misstrauisch.“

„Du wirst Baltimore nicht in meiner Gegenwart herabsetzen“, rief Mrs. Custis hitzig. „Es ist ein Paradies im Vergleich zu dieser Gegend; und Meshach Milburn mit deinem Onkel zu vergleichen, ist Gotteslästerung.“

„Ich trage den Ring seiner Mutter an meinem Finger, Mutter.“

„Ein hübsches Objekt ist das“, sagte Mrs. Custis, warf einen Blick darauf und einen weiteren auf ihren Scheck; „man braucht ein Mikroskop, um es zu finden. Als Nächstes wirst du auf deiner Hochzeitsreise durch Baltimore laufen, verfolgt von einem Mob kleiner Jungen, um Meshachs alten Turmhuthut zu sehen. Dann werde ich Mitleid mit dir haben, Vesta.“

Der grausame Schlag saß. Vestas Empfang, so unerwartet, so hasserfüllt, traf sie mit dem Gefühl tiefer Undankbarkeit und einer noch größeren Enttäuschung – es war ihr nicht gelungen, ihren Eltern durch ihr verzweifeltes Opfer Freude zurückzugeben.

Sie begann zu spüren, dass sie vielleicht Unrecht getan hatte. Die weite Sicht auf ihre Tat, wenn sie bei diesem momentanen Rückschlag darauf zurückblickte, erschien wie eine schreckliche Flut, ähnlich der Mündung eines der kleinen Flüsse der Eastern Shore, die sich im Verlauf eines Bachs zu einem Golf ausweitet. Gestern Abend sah sie in einem Augenblick die Missverständnisse und den Ruin, die sie durch ihre schnelle Entscheidung verhindern konnte; nun sah sie die Missverständnisse, die sie niemals korrigieren konnte, die Vorurteile, die stärker waren als elterliches Mitgefühl, die weite Kluft, die ihre Heirat zwischen zwei Arten ihrer Pflicht gerissen hatte – gleichzeitig mit der Zuneigung ihres Mannes und den Interessen ihrer Mutter zu denken.

Es fiel ihr auch ein, dass ihr Vater, der Liebling ihrer Gedanken, langsam zu sein schien, ihr Hochzeitsopfer zu würdigen, und mürrisch war über ihre Bereitschaft, ihr Herz mit ihrem keuschen Gürtel gegenüber ihrem Ehemann zu lockern.

Der ganze Tag war mit solcher Erleichterung, solcher Befriedigung vergangen, dass sie erwartet hatte, ihn in der Ruhe von Teackle Hall zu beenden, wie ein junger Adler, der mit reicher Beute für die alten Vögel dort, die von Sturm und Zeit zermürbt waren, in sein Nest zurückkehrt. Anstelle von Liebe und heilender Natur hatte Vesta Weltlichkeit, Groll, Intrigen und Verleumdungen gefunden, endend mit einem Hinweis auf das eine Objekt, das sie fürchtete und vor dem sie zurückwich – der Hut aus dunklem Erbgut, der Schatten auf ihrem zukünftigen Leben. Ihre Augen füllten sich, sie lispelte laut:

„Ich wünschte, ich wäre bei meinem Mann geblieben!“

„Ist er dir schon so notwendig geworden?“, fragte Mrs. Custis.

„Er weiß mein Opfer zu würdigen“, sagte Vesta, und ihre leisen Schluchzer füllten den Raum. In einem Augenblick trat Virgie ein, aufmerksam für die Schmerzen ihrer Spielgefährtin, schlang ihre Arme um ihre Herrin und küsste sie wie ein Kind.

„Oh, Missy“, sprach sie zu Mrs. Custis, „sie zum Weinen zu bringen, nach dem, was sie für uns alle getan hat – um euer Zuhause zu retten, um mich davor zu retten, verkauft zu werden!“

Keine Rassenbedenken ließen Vesta dieses Mitgefühl zurückweisen, das ihr in ihrer ausgedörrten Brust trotz des Quadroonen-Makels so kostbar war wie der goldene Sand in den Bächen Afrikas, der zugleich Reichtum und Kühlung schenkte. Die langen weißen Arme des Sklavenmädchens, kaum weniger blass als Elfenbein – denn sie war beim Anzeichen von Kummer hereingeschlüpft, während sie ihre einfache Toilette machte –, zogen Vesta auf ihren Schoß und legten ihren Kopf auf die helle Mädchenschulter, als wäre es der eines Babys. Auf einer solchen Schulter, nur einen Schatten dunkler, hatte Vesta oft in der Kindheit gelegen und die Milch gesogen, die so süß war wie Evas – die gemeinsame Quelle von Weiß und Schwarz – an der Brust von Virgies Mutter. Diese treue Amme war fort; der wilde Pflaumenbaum wuchs auf ihrem Grab; doch Virgie erbte den mütterlichen Instinkt und fügte die schwesterliche Anteilnahme hinzu, und ihr reiches Haar, halb gelöst, strömte über Vestas Schläfen zwischen die dortigen dunklen Locken, während sie in ihrem eigenen Geist nach einem Wort suchte, um diese Tränen zu stillen, und es fand:

„Die Leute werden sagen, du hättest geweint, liebe Missy. Der Herr weiß, dass du das Richtige getan hast. Lass niemanden deinen Glauben verlieren lassen, bis dein Herr, dein Ehemann, dir Unrecht tut; er würde es nicht mögen, dich weinen zu sehen.“

Es gab eine nervöse Saite irgendwo in der Kehle der Sklavin, die im Ton der Heldentat bebte, und ihre leicht gerundeten Nasenflügel, ihr Kopf, frei in der Haltung wie der eines wilden Fohlens, und ein Licht aus ihren sanften Augen, das sich auf ihren langen, seidigen Wimpern zu spiegeln schien, zeugten von einem durch Knechtschaft gezähmten Geist, der dennoch für alles entflammen konnte, was eine Frau in ihrem Geburtsrecht betraf.

Vesta küsste Virgie und hörte auf zu schluchzen; sie stand auf und küsste auch ihre Mutter.

„Es war sehr falsch von mir, das zu sagen, was ich nicht sagen wollte, über Onkel Allan, Mama. Ich hoffe, Papa war heute freundlich zu dir.“

„Ach was!“, rief Mrs. Custis; „alles ist durch dieses Sumpfeisenerz auf den Kopf gestellt. Ein neues Element ist in die Familie gekommen, um sie zu stören. Niemand glaubt mehr an irgendetwas Respektables. Dein Vater ist ein Ungläubiger oder ein Radikaler oder irgendetwas Perverses; du verteidigst diese wilden Waldläufer! Was wird aus der christlichen Religion und der Gesellschaft und den guten Prinzipien?“

„Was hat Papa gesagt, bevor er das Haus verließ?“

„Er benahm sich auf die seltsamste Weise, Vesta. Er kam direkt herein und küsste mich wie ein großer Tölpel, setzte sich hin und wollte über unsere Werbezeit sprechen. Ich dachte zuerst, er sei wieder betrunken oder die Methodisten hätten ihn in die Finger bekommen und mit Camp-Meeting-Stroh gefüttert. Wie erklärst du dir das?“

Virgie war herausgeschlüpft, sobald das Gespräch vertraulich wurde.

„Er möchte sich bessern, liebe Mama. Erwidere doch seine Reue und Zuneigung! Wenn wir alle unsere Herzen demütigen könnten, wäre es so leicht, das Leben besser zu beginnen und diesen Unfall in Freude und Trost zu verwandeln. Ich habe bereits neue Beschäftigungen und Erleichterungen gefunden. Da ist ein junges Mädchen, Mr. Milburns Nichte, die ich heute Abend mit nach Hause bringen werde, um mich damit zu beschäftigen, sie zu unterrichten. Sie ist eine Waise, ohne das Wissen einer Mutter, kaum fähig zu lesen, aber hübsch und wunderlich.“

„Eine Waldläuferin hier hereinbringen?“, rief Mrs. Custis und schauderte regelrecht. „Was werden Allan McLanes Töchter sagen? Deine Schwester aus Talbot war den ganzen Tag hier, und du hast ihr kaum eine Stunde gewidmet. Zwischen dieser fatalen Heirat und deiner Vernachlässigung ist sie mit ihrem Mann gegangen, regelrecht blass vor Entsetzen. Ich weiß nicht, was auf diese Heirat folgen soll. Ich habe bereits einen Brief an meinen Bruder Allan abgeschickt, in dem ich ihm von deinem Verrat durch deinen Vater und diesen Bräutigam berichte. Unsere ganze Verwandtschaft wird zu den Waffen rufen.“

Vestas Herz sank erneut, aber sie hatte keine Angst vor der Fähigkeit ihres Mannes, sich einer bloßen familiären Opposition entgegenzustellen, da er durch Gesetz und Form in seinen Rechten gesichert war. Sie fürchtete nur, die Feindseligkeit könnte in ihm Strenge und Trotz wecken, die ihren gegenwärtigen Einfluss auf ihn neutralisieren und seine zuvorkommende, fast sanfte Art als Ehemann verändern würde.

Denn, schwärzer als jedes Objekt auf ihrem zukünftigen Weg, sah sie eine kleine, triviale Sache, wie ein Wildschwein, das ihren bisher abenteuerlichen Ausflug in den Wald, in dem ihr Ehemann aufwuchs, beendete – den Hut, der seinen Kopf bedeckt hatte!

Die gedankenlose Erwähnung dieses Objekts durch ihre Mutter machte es vor ihren Ängsten so bedrohlich wie eine eiserne Maske, die um das Gesicht ihres Mannes verschlossen war, den Tag scheußlich und die Welt zu einem Kerker für alle machte, die mit ihm gehen mussten.

Sie erkannte, dass sein kämpferischer Geist zur Verteidigung seines Hutes aufspringen würde, sollte er Gegenstand familiären Grolls werden, denn kein Mann verzeiht eine Beleidigung seines persönlichen Erscheinungsbildes; und dieser Kleidungsgegenstand hatte sein Gehirn mit Brand belegt, und Krieg gegen ihn würde mit Krieg beantwortet werden, während Vesta erwartet hatte, das Vergessen der rostigen alten Ziegel zu bewirken, die Erinnerung daran wegzuzaubern und ihn für immer beiseitelegen zu lassen.

„Ich bin nicht die Tochter von Onkel McLane“, protestierte Vesta. „Ich bin zudem eine Frau, frei von meiner Minderjährigkeit. Mr. Milburn ist kaum der Mann, der sich irgendeinem Übergriff unterwirft. Ich warne dich, Mama, meinen Onkel in keinen Nachteil zu bringen; denn mein Mann hat Papa bereits geschlagen, und er wird über deinen Bruder lächeln, wenn er weiß, dass ich keine seiner Anmaßungen unterstütze.“

„Das Wichtigste“, antwortete Mrs. Custis starrsinnig, „ist darauf zu achten, dass er diesen Scheck bezahlt. Oh, mein liebes Geld!“ – sie drückte es an ihr Herz – „wie herrlich ist es, dich wiederzusehen. Wissenschaft, Liebe, Ruhm, Ideen: wie vulgär sie ohne Geld sind. Wenn dieser Scheck bezahlt ist, werde ich wohl nie wieder ein Buch lesen; und was die Sumpferze angeht, nun, ich werde schreien, wenn sich ein Eisenartikel im Haus befindet. Vesta, dieses Haus, glaube ich, gehört jetzt dir? Ich hatte es vergessen. Nun, kein Wunder, dass du den Mann verteidigst, der deinem Vater das Dach über dem Kopf genommen und es dir gegeben hat!“

„Das ist unfreundlich, Mama. Ich schätze es nur als sicheres Zuhause für dich und Papa. Wenn ich es ihm gäbe, könnte es wieder in Gefahr sein.“

„Aber angenommen, du verteidigst diesen Unhold von Milburn weiterhin, dann benötigt ihr vielleicht das ganze Haus. Ich bin zu gut erzogen, um zu einer seiner gottlosen Ideen bekehrt zu werden. Ich bin eine Baltimoreanerin und bleibe bei meinen Farben.“

„Lass uns davon nicht mehr sprechen“, sagte Vesta fast verzweifelt, „sondern von dem lieben Papa reden. Ich weiß, dass er dich liebt.“

„Es ist zu spät“, bemerkte Mrs. Custis feierlich, mit einem weiteren Liebkosung ihres Schecks; „er hat mich zu lange vernachlässigt. Ich erwarte seine Aufmerksamkeit und seinen Respekt, und dass er sich benimmt; aber kein ‚Liebling‘ und kein ‚Schätzchen‘ mehr für mich. Das Leben hat für ihn und mich den Mittag und den frühen Nachmittag überschritten, und ich lebe, um respektabel zu sein, um meine Sicherheit zu schätzen, um Emporkömmlinge auf Abstand zu halten, um mein Leben in seinem vorgegebenen Kreis zu genießen, mich um mein Einkommen zu kümmern und niemals – nein, niemals! – irgendeinem Menschen die Gelegenheit zu geben, mich wieder zum Bettler zu machen.“

„Oh, Mamma“, sagte Vesta, „denk an Richter Custis! Hast du das Heim für ihn nicht durch diesen Formalismus erkaltet? Wir müssen die Menschen studieren und ihnen gemäß ihrem Geschmack gefallen, und darin liegt unsere Freude; andernfalls werden wir der Kameradschaft untreu, die Gott uns gab, um mit dem Mann zu sein. Gib dem jungenhaften Wesen deines Mannes nach; fliege mit ihm, wie das Weibchen beim Vogel! Er hat bereut; heiße ihn wieder in deiner Liebe willkommen und bewahre seine Füße vor dem Abwege, sonst könnte er in den Abgrund stürzen, vor dem ihn dieser Kummer aufgehalten hat – den Abgrund der ewigen Ausschweifung und des Todes seiner edlen Seele!“

Vesta stand über ihrer Mutter, tief bewegt, tief ernst. Ihre Mutter warf einen weiteren verstohlenen Blick auf den Bankscheck.

„Nun, Tochter, ich werde mich von ihm zum Narren halten lassen, wenn du es wünschst“, sagte sie, jedoch mit kaum spürbarer Anteilnahme. „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich einen Geschäftsmann heiraten und die Aristokratie fahren lassen. Da ist das zweite Klopfen an der Vordertür. Ich glaube, ich werde mich ankleiden und ebenfalls nach unten gehen.“

Es waren zwei Damen im Salon, als Vesta dorthin kam – Großmutter Tilghman und die Witwe Dennis.

„Guten Abend, Vesta“, sagte die alte Dame, die stockblind war, aber Vestas Schritt leicht erkannte. „William dachte, du würdest wegen Mr. Milburns Krankheit nicht zum Abendgottesdienst gehen, also kam ich herüber, um zu sitzen, bis die Kirche aus ist, wenn er mich nach Hause bringen wird. Aber was ist das, was ich in diesem Salon höre, als ob jemand schniefte?“

„Das bin ich, Tante Vesty“, sagte die Stimme von Rhoda Holland aus dem Hintergrund.

„Dies ist Mr. Milburns Nichte, die hierher gekommen ist, um bei mir zu bleiben“, sagte Vesta.

„Ach! Dann ist es kein Custis. Das letzte Schniefen, das ich hörte, war beim Ball für Lafayette im Frühjahr 1781. Der Marquis war von Head of Elk zu der Fähre der Bald Friars hinauf den Susquehanna entlang und landeinwärts durch die Hügel nach Baltimore marschiert, und wir gaben ihm einen Ball, der auf seinen Wunsch hin in eine Kleiderspende-Party verwandelt wurde. Er schnupfte so viel, dass er den ganzen Abend über ein Schniefen beibehielt, wie …“

Hier war Rhodas Schniefen erneut zu hören.

„Ja, das ist eine gute Nachahmung“, sagte Großmutter Tilghman, „aber ich mag sie nicht.“

„Hat der Gineral auf dem Ball getanzt?“ fragte Rhoda. „Was hat er mit seinem Swurd gemacht? Hat er damit getanzt, aus der Scibburd gezogen?“

„Er tanzte wie ein Gentleman“, antwortete Mrs. Tilghman, als ob sie es lieber nicht täte, „und führte mich im ersten Set aus. Du hast mit ihm getanzt, Vesta, beim Ball im Jahr 24, dreiundvierzig Jahre später. Schnieft er noch?“

„Ich entsinne mich nicht, Großtante. Ich war ein kleines Mädchen und so sehr geschmeichelt, dass ich alles, was er tat, für vollkommen hielt.“

„Ach je!“ rief Mrs. Tilghman, rückte die Feder ihres Turbans zurecht und sah mit ihren achtzig Jahren so sehr wie eine ehemalige Schönheit aus, wie es nur möglich war; „du hast vor Lafayette mit meinem Enkel Bill getanzt. Bill erinnert sich kaum noch an Lafayette, weil er in jener Nacht an dich dachte, so wunderbar in deinen mädchenhaften Reizen. Ich sagte ihm, Vesta würde ihn niemals heiraten, da er zu schlicht und arm sei. Aber ich hätte niemals gedacht, dass du diesen … heiraten würdest.“

Hier schniefte Rhoda warnend.

„Ja“, rief die alte Dame, die das Schniefen aufgriff; „ich hätte niemals gedacht, dass du diesen heiraten würdest! Aber Bill ist ein so lieber Narr wie eh und je. Er sagt jetzt, dass Meshach Milburn ebenfalls ein guter Mann sei. Ich habe niemals gedacht, dass er über einen … erhaben sei.“

Rhoda schniefte ernsthaft.

„Genau das“, rief die alte Dame; „das war meine Einschätzung der Sippschaft. Bill sagt, er sei ein Finanzgenie. Ich sehe nicht, was aus den Mädchen in dieser Generation werden soll. Da ist Ellenora, zu gut, um Phoebus, den Seemann, zu heiraten, zu arm, um irgendjemand anderen zu heiraten; nun, wenn Milburn sie geheiratet und ihren Sohn Levin in sein Geschäft aufgenommen hätte, wäre das vernünftig gewesen; aber dich zu nehmen und dein Glück zu verderben, bringt mich beinahe dazu …“

Schniefen von Rhoda.

„Ja“, sagte die alte Dame bissig; „beinahe! Aber ich habe es noch nie getan.“

„Haben Sie jemals Gineral Washin’ton gesehen, mem?“ fragte Rhoda. „Ich dachte, vielleicht sind Sie alt genug. Misc Somers, die hat ihn da oben am Kint River gesehen, wie er nach ’Napolis übersetzte. Er hat auf den Cappen der Piriauger geschimpft und die Eas’n Shu verdammt, und er sagte, es gäbe in Marylan’ sowieso keine guten Rudes; dass die Wes’n Shu nur roter Schlamm sei, und die Eas’n Shu gelber Schlamm, und die Bucht sei einfach Gift. Misc Somers sagt, sie glaubt nicht, dass es Gineral Washin’ton war, weil er so geflucht hat. Sie will das herausfinden, wenn sie ein Buch und jemanden zum Vorlesen auftreiben kann, weil sie dreffle schlau ist.“

„Großtante Tilghman“, warf Vesta in die betretene Stille des Raumes ein, „kannte General Washington persönlich.“

„Erzählen Sie uns das!“ rief Rhoda. „Sie können eine recht interessante alte Frau sein, schätze ich, wenn Sie so quar sind.“

Inmitten eines Lächelns, in das die blinde alte Dame selbst einstimmte und während Mrs. Custis zur gleichen Zeit den Raum betrat, sprach Mrs. Tilghman wie folgt:

„Ich ging Cousin Martha Washington mehrere Jahre vor der Revolution in Mount Vernon besuchen. Ich hatte sie gesehen, als sie die Witwe von Cousin Custis war, und wir schrieben uns gelegentlich. In jenen Tagen reisten wir mit dem Schiff, also setzte mich ein Schoner von Robert Morrises Vater in Mount Vernon ab. Colonel Washington ließ sich damals von Wilson Peale sein erstes Porträt malen, und er war vierzig Jahre alt. Peale und Washington pflegten die Stange zu werfen, Ringe zu werfen und Fuchsjagden zu veranstalten, während Cousin Martha, die nur drei Monate jünger war als der Colonel, strickte und Näharbeiten für ihre farbigen Mädchen zuschchnitt und ihre Tochter Martha Custis Cembalo spielen hörte. Die arme Martha hatte die Schwindsucht; sie war dunkel wie eine Indianerin; Washington trug sie oft über die Veranda und in die schönen Wälder in der Nähe des Hauses; aber sie starb und hinterließ ihm ihr ganzes Geld – fast zwanzigtausend Dollar. Wir Custises sahen in jenen Tagen eher auf Colonel Washington herab; er gehörte nicht zum alten Adel; seine arme Mutter konnte kaum lesen und schreiben, und einmal, als wir nach Fredericksburg fuhren, um sie zu sehen, ritt sie auf dem Feld unter ihren wenigen Negern als ihre eigene Aufseherin, trug eine alte Sonnenhaube und war sonnenverbrannt wie eine Waldarbeiterin.“

„Du meine Güte!“ rief Mrs. Custis. „Ich sollte meinen, sie war ein großes Hindernis für Washington.“

„Ich schätze, so ist ihr Sohn groß geworden“, rief Rhoda; „hätte seine Mar den ganzen Tag im Bett gelegen, hätte er König George nicht so leicht mit seinem Swurd töten können.“

„Ich sagte oft zu Cousin Martha: ‚Was hast du nur an diesem schweren Pferd von einem Mann gefunden?‘ ‚Oh‘, antwortete sie, ‚er ist der beste Aufseher in Virginia. Er kümmert sich um mein Eigentum, wie es kein anderer Mann könnte.‘“

„Dann“, sagte Mrs. Custis nachdrücklich, „war er ein Mann unter Tausenden.“

„Das ist die Art von Mann, den du geheiratet hast, Vesta“, meldete sich Mrs. Dennis zu Wort.

„Ihr Mann“, sagte Mrs. Custis, „kümmerte sich um das Eigentum ihres Vaters, da bin ich sicher, denn er hat es ganz bekommen.“

„Und alles zurückgegeben“, rief Vesta.

Mrs. Custis bemerkte, dass Washington sicherlich ein blaublütiger Mann gewesen sei.

„Gibt es Leute, bei denen blaues Blut herauskommt?“ fragte Rhoda Holland. „Herrje! Ich sollte meinen, das macht sie kalt.“

„Ich frage mich, ob Männer jemals groß sind“, fragte Vesta; „oder ob es nicht großartige Anlässe und Prüfungen sind, die sie dazu machen. Eine Krise tritt in unser Leben ein, und da wir herausfinden, was wir ertragen können, gehen wir größere Risiken ein und finden schließlich Gefallen an solchem Abenteuer.“

„So ist es mit meinem armen Jungen Levin“, sagte Mrs. Dennis leise zu Vesta. Sie war eine hübsche Frau, etwas über dreißig, mit rosigen Wangen, blauen Augen, sauberer, aber eher ärmlicher Kleidung und einem einfachen, kunstlosen Wesen und hätte für die Schwester ihres Sohnes gehalten werden können.

„Kommt Levin heute Abend, um dich abzuholen?“ fragte Vesta.

„Nein“, errötete die Witwe; „James Phoebus wird mich nach Hause bringen. Levin ist mit seinem Boot hinausgefahren, und ich habe mich den ganzen Tag Sorgen um ihn gemacht. Irgendwann, fürchte ich, wird er fortgehen und niemals zurückkehren. Oh, Cousine Vesta, dieses Warten auf einen Ehemann, der weder lebendig noch tot ist, ist sehr zermürbend.“

Die Bemerkung überhörend, bemerkte Mrs. Custis: „Norah, du solltest dich schämen, diesen treuen Kerl auf dich warten zu lassen, wenn du dich selbst einem guten Mann hingeben und ihn so leicht belohnen könntest.“

„Ich glaube, du solltest dich nach dem Alter umsehen“, sagte auch Mrs. Tilghman, „während du noch Jugend und gutes Aussehen hast, um für Vorsorge zu sorgen. Oden Dennis ist wahrscheinlich tot; falls nicht tot, hat er nicht die Absicht zurückzukehren, denn ich kann mir in diesem Zeitalter keine Umstände vorstellen, die einen Mann fünfzehn Jahre lang gewaltsam von seiner Frau fernhalten würden. Selbst wenn er im Gefängnis säße, würde es ihm gestattet sein, dir zu schreiben. Er mag nicht tot sein, Norah, aber er kommt nicht zurück. Suche dir einen Vater für deinen Sohn; du kannst Levin nicht bändigen.“

„Vielleicht ist er von Injins gestohlen worden“, rief Rhoda mit großer Inbrunst; „da war ein Injin-Gefangener in einer Shew in Nu-ark, der neunzehn Jahre festgehalten wurde. Er hat seine Sprache vergessen und schrecklich geheult. Misc Somers sagt, er war ein Imploster und hat am Brekwater oben in Lewistown gearbeitet. Sie schaut immer hinter die Shew, um etwas herauszufinden.“ (Leichtes Schniefen.)

„Besorg dem Mädchen doch ein Taschentuch und zeig ihr, wie man es benutzt“, rief Mrs. Tilghman ausbrechend. „Ach! Mädchen, ich bin seit dreißig Jahren Witwe. Ich habe die Erwartung, wieder zu heiraten, nie aufgegeben, bis ich mein Augenlicht verlor; und selbst danach, mit fünfundsechzig, hatte ich einen Heiratsantrag; aber ich sagte zu meinem galanten alten Verehrer: ‚Ich werde keinen Mann nehmen, dem ich nicht schmeicheln kann, indem ich ihn jeden Tag sehe und bewundere. Ich liebe Sie, aber meine Blindheit würde Ihnen zu viel Schmerz bereiten.‘ In unseren ruhigen Städten ist alles Leben, das es wert ist gelebt zu werden, häusliche Freude. Verliere sie nicht, Ellenora; schiebe es nicht zu lange auf!“

„Ich könnte Mr. Phoebus lieben, so schlicht er auch ist“, sprach die Witwe, „wenn ich mich davon überzeugen könnte, dass Oden tot ist. Aber das kann ich nicht. Eine reale Person – Geist oder Mensch – wacht aufmerksam über mich. Sogar meine Schuhe, die ich heute Abend trage, stammen von diesem geheimnisvollen Agenten. Es ist nicht mein Sohn; es ist nicht James Phoebus. Kein anderer Fremder würde mir so heimlich helfen. Ich bin gefangen in der Angst und im Staunen, dass es mein Mann ist.“

„Das übersteigt jede Vermutung“, sagte die alte Mrs. Tilghman. „Hast du keinen Freund, den du verdächtigen könntest?“

„Keinen“, antwortete die Witwe. „Keinen, der seine Mittel, zu geben, nicht schon vor langer Zeit erschöpft hätte. Kann ich heiraten, wenn diese geisterhafte Heimsuchung so regelmäßig erfolgt? Sollte ich nicht an das Leben eines Ehemannes glauben, wenn ich die Fürsorge einer Ehefrau durch eine unsichtbare Hand erfahre?“

„Oden Dennis“, bemerkte Mrs. Custis, „war kaum ein Mann, der Wohltätigkeit übt, ohne gesehen zu werden. Er war eher selbstgefällig, demonstrativ und ruhelos. Ich kann mir seine nächtlichen Besuche im Fleische nicht vorstellen. Außerdem würde er dich nicht auf diese Weise versorgen, Norah, wenn er die Absicht hätte zurückzukehren; und wenn er selbst nicht zu dir kommen kann, könnte er auch niemanden schicken.“

Da ihr der Verweis von Mrs. Tilghman nicht ganz zusagte, ließ sich Rhoda wieder vernehmen:

„Herrje! Alles, worüber die Frauen zu reden haben, wenn sie fort sind, sind die Männer. Wenn die Männer kommen, reden sie, als ob sie sie niemals vermisst hätten. Misc Somers, die hatte nie einen Mann, und sie redet am meisten über die Frauen, die einen haben. Ich glaube, Tante Vesty hat den besten Mann in Prencess Anne. Er ist der Reichste. Er ist der Freigiebigste. Er hat keinem anderen Gal den Hof gemacht. Er hat keine quaren alten Weiber, die ihn herunterputzen – weil Misc Somers dreffle Angst vor ihm hat!“ Diese letzte Bemerkung schien entschuldigend und ein nachträglicher Einfall zu sein.

„Ich fange an zu glauben, dass mein Schicksal besser ist, als ich verdiene“, erwiderte Vesta, um die Anwendung zu mildern, als Wein, Tee und Kuchen hereingebracht wurden. „Nun, liebe Freunde, da ich Mr. Milburns Frau bin, lasst uns alle an diesem Sonntagabend Christen sein und auf seine Gesundheit und seine glückliche Genesung trinken, und darauf, dass er seine Heirat niemals bereuen möge.“

Sie tranken mit einigem Zögern, außer der Braut, Rhoda und Mrs. Dennis. Mrs. Tilghman brauchte den Wein zu sehr, um lange zu warten, und Mrs. Custis, als sie merkte, dass sie beobachtet wurde, nahm ebenfalls einen Schluck aus ihrem Glas und entschuldigte sich mit dem Grund einer kürzlichen Kopfschmerzen, weil sie zu kräftig getrunken hatte.

Während das Gespräch fortschritt, teils durch allgemeine Teilnahme, teils durch Paare, die sich absonderten, und Vesta sich mehr und mehr als Gegenstand von Sympathie empfand, worunter sich nicht wenig Neugier mischte, bildete sie sich auch ein, dass ein unterschwelliger Glaube in der Luft lag, sie habe eine Söldnerehe geschlossen.

Die alte Mrs. Tilghman – in ihrer Blüte eine höchst ätzende Schönheit und so weltlich, wie drei Ehen, die alle scharfsinnig geschlossen wurden, sie nur machen konnten – schien entschlossen daran festzuhalten, dass Vesta ihren Enkel wegen des Geldes dem Geldverleiher vorgezogen habe. Auch Vestas eigene Mutter, die sie gut hätte kennen sollen, hatte dies zweimal angedeutet. Sogar die harmlose Ellenora hatte diesen Gedanken oder einen ähnlichen akzeptiert, und Rhoda Holland hatte sich daran erinnert, dass ihr Onkel der reichste Bräutigam in Princess Anne sei. Vesta spürte die Ungerechtigkeit, sagte aber zu sich selbst:

„Ich muss das Opfer vollständig machen und jedes harte Urteil auf mich nehmen, das es tragen mag. Ich sehe, dass ich für Sympathie an den letzten Ort der Welt getrieben werde, den ich erwartete: an das Herz meines Mannes. Ja, es gibt etwas anderes in der Ehe als Liebe: Wenn ich ihn nicht lieben kann, kann er mich verstehen.“

Vesta war an einen Punkt gelangt, an den alle gelangen, die freiwillig einen Akt großen Opfers vollbringen – dass er von vielen ansonsten gütigen Menschen von der niedrigeren Ebene des Opfers aus auf ein niedriges Motiv geschoben wird. Wir geben unser Geld für eine wohltätige Einrichtung, und es wird gesagt, es sei für die Notorietät, oder Eigensucht, oder auf Kosten unserer Verwandten gewesen. Wir führen eine verlorene Hoffnung in der Politik oder einer anderen Arena an, um eine Sache zu etablieren oder ein Prinzip zu unterstützen, mit dem sicheren Ergebnis der Niederlage, und es heißt, wir seien eifersüchtig oder bösartig. Vielleicht schreiben wir ein Buch, um eine alte Region abseits der Wege der Beobachtung zu veranschaulichen, angezogen davon durch verwandte Saiten oder frühes Tippeln, und der Politiker dort betrachtet es als Angriff, das alte Familienfossil als Eindringen, die Jugend selbst als sei es eine seltsame und grundlose Sache aus einer solchen äußeren Quelle. Also zucken wir ein wenig zusammen, fühlen aber, dass es notwendig war, missverstanden zu werden, um das Opfer zu vervollständigen.

Das Gefühl der Niedergeschlagenheit nahm zu, nachdem sich die kleine Gesellschaft getrennt hatte, und Vesta ging in ihr Zimmer und legte sich auf ihr noch jungfräuliches Bett. Sie hatte ihr Gebet gesprochen und um Gottes Zustimmung gebeten, aber ihr Nervensystem, unter der Anspannung von fast zwei Tagen Aufregung und Ereignissen, wie sie sie niemals gekannt hatte, war wach und konnte nicht in Schlaf fallen. Alte Passagen der Testamentslehre verfolgten ihre Seele, wie: „Dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, und er soll über dich herrschen“; „Ein Mann soll seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen.“ Sie begann zu sehen, dass die Ehe nicht bloß die Lösung eines Familienproblems und die Hingabe ihres Körpers als Geisel für eine pekuniäre Schuld war, sondern dass es eine Preisgabe all ihrer Freiheit war, sogar der Freiheit der Sympathie und des Kummers, an den Mann, dem sie anhangen musste.

Indem sie ihn heiratete, hatte sie Freundschaft, Vater und Mutter, alles in größerer Entfernung gelassen, als sie jemals geträumt hatte; und sie empfanden das Verlassen in einem Maße, dass sie sie nun mit ihrem neuen Interesse verwechselten, ihren Anspruch auf sie aufgaben und sich kaum ein Bild von ihr machen konnten, außer in der dualen Beziehung einer Frau, die ihrem Mann untertan und so egoistisch wie er selbst war.

„Ich frage mich, ob er meiner auch überdrüssig wird“, dachte sie mit Qual, „nachdem sein Besitz etabliert ist und ich keine andere Quelle des Vertrauens mehr habe? Was wusste ich von dieser Welt noch gestern? Damals schien jeder Weg klar und offen für mich, meine Freunde zahlreich und die Liebe im Überfluss; heute bin ich in schrecklichen Zweifeln, und doch darf ich meinen Willen nicht verlieren und mit jeder vorübergehenden Angst und Verwirrung in die Unbeständigkeit abdriften, die die Frau verächtlich macht, nachdem sie ihre Hand gegeben hat. Ich werde niemals zwei Personen aufgeben – meinen Vater und meinen Mann!“

Als sie die Lampe löschte, da es fast Mitternacht war, ergriff ein kurzer, heftiger Schrei, schnell erstickt, als ob irgendein wildes Tier einmal im Albtraum geheult hätte und wieder in seinem Zwinger eingeschlafen wäre, ihre Ohren und ließ ihr Blut gefrieren.

Vesta fuhr im Bett hoch und lauschte. Es schien ihr, dass da Schritte waren, aber sie vergingen, und sie lauschte vergeblich auf andere Geräusche, bis der Schlaf tief und traumlos auf sie fiel, wie schwarzer Lethe, der sich durch einen wüsten Hochzeitstag schlängelt.

KAPITEL XXI.

LANGE TRENNUNGEN.

Vesta wurde von Roxy, Virgie und ihrer Mutter geweckt, die alle gleichzeitig an ihrem Bett standen und etwas Unverständliches zusammen riefen. Es war später Vormittag, die ganze Familie hatte nach den verschiedenen Erlebnissen solcher zwei Tage lange geschlafen, und die Sonne schien durch die großen Bäume vor der Teackle Hall und polierte die Fenster, sodass Vesta kaum sehen konnte.

„Die Küchenbediensteten sind weggelaufen“, schrie Mrs. Custis auf Vestas Bitte hin, nur ihre Mutter solle sprechen. „Die alte Hominy ist fort und hat all ihre Kräuter und Hexereien mitgenommen; und alle jungen Kinder, die in der Küche aufgezogen wurden, Ned und Vince, die Jungen, und die kleine Phillis, das Baby, sie sind auch fort.“

„Ich hörte einen seltsamen Schrei oder ein Heulen letzte Nacht, als ich in den Schlaf sank“, rief Vesta und rieb sich die Augen.

„Liebe Missy“, rief Virgie und fiel auf das Kissen, „es war dein armer Hund Turk; seine Kehle wurde auf dem Rasen durchschnitten.“

„Ja, Missy“, schluchzte Roxy, „der arme Turk liegt in seinem Blut. Es ist niemand da, um Frühstück zu machen, außer Virgie und mir. Wir wussten wirklich nichts davon.“

„Das ist nicht sehr wahrscheinlich“, sagte die misstrauische Mrs. Custis.

„Ich weiß, dass ihr es nicht wusstet, Mädchen“, sagte Vesta, „ihr habt zu viel Intelligenz und Prinzip, da bin ich sicher; noch hätte Hominy so unmenschlich zu meinem armen Hund sein können.“

Vesta stand sofort auf und warf ihren Morgenrock über.

„Das Erste, was getan werden muss, ist zu frühstücken. Roxy, geh sofort zu Mr. Milburn und bring seinen Mann Samson hierher, und wecke Miss Holland auf, damit sie Samsons Platz bei ihrem Onkel einnimmt. Sag Samson, er soll das Feuer machen, und du und er bereitet das Frühstück. Niemand darf unter irgendeinem Vorwand über diesen Vorfall mit dem Weglaufen der Küchenbediensteten sprechen.“

„Willst du nicht als Erstes Alarm schlagen?“ rief Mrs. Custis, die nicht sehr erfreut war, Vesta ihre Fassung bewahren zu sehen. „Sie könnten eingeholt werden, bevor sie weit weg sind, Tochter. Diese vier Neger sind zwölfhundert Dollar wert!“

„Sie sind keinen Dollar wert, Mamma, wenn sie von uns weggelaufen sind; denn ich würde sie niemals wieder verkaufen oder behalten, wenn sie sich so verräterisch verhalten hätten.“

„Ich sage, verkauf sie und hol das Geld“, schrie Mrs. Custis; „sind sie nicht unser?“

„Nein, Mamma, sie sind mein. Mr. Milburn und Papa sind zu befragen, bevor irgendwelche Schritte unternommen werden. Papa hat sie mir erst letzten Samstag überschrieben; warum sollten sie in dem Moment desertiert sein, als ich sie eingelöst hatte? Virgie, kannst du es erraten?“

Virgie zögerte, nur einen Moment.

„Miss Vesty, ich glaube, ich kann sehen, was Hominy zum Gehen bewegt hat. Sie hatte Angst vor Meshach Milburn und seinem seltsamen Hut. Sie glaubte, der Teufel habe ihn ihm gegeben. Sie dachte, er habe sie durch die Heirat mit dir gekauft und wolle sie dem Bösen Mann taufen oder etwas Schreckliches mit ihr und den kleinen Kindern anstellen.“

„Das ist es, Miss Vessy“, fügte die mollige Roxy hinzu. „Hominy liebte die kleinen Kinder sehr; sie dachte, sie sollten Meshachs werden, und sie müsse sie retten.“

„Arme, abergläubische Kreatur!“ rief Vesta.

„Noch mehr Elend, das durch diesen Hut des Narren verursacht wurde!“ rief Mrs. Custis. „Wenn ich ihn jemals in die Finger bekomme, soll er im Feuer enden.“

„Kein Wunder“, sagte Vesta, „dass diese arme, unwissende Frau sich selbst einen solchen Schaden zufügt wegen eines Kleidungsstücks, das liberale und aufgeklärte Geister beunruhigt! Jetzt erinnere ich mich, dass Hominy etwas davon sagte, ‚Quaker bekommen zu haben‘. Was mag das bedeuten?“

Die beiden Sklavenmädchen sahen einander bedeutungsvoll an, und Virgie antwortete:

„Helfen die Quäker den Sklaven nicht, in einen freien Staat zu gelangen? Vielleicht meinte sie das.“

„Glaubst du etwa, die Abolitionisten würden sich an einer armen alten Frau wie ihr vergreifen, deren Freiheit ihnen weder zur Ehre gereichen noch ihr selbst ein Trost sein würde? So gering denke ich nicht von ihnen“, überlegte Vesta. „Und außerdem, könnte sie meinen Hund getötet haben?“

„Eine plumpe, unwissende, Fetisch anbetende Negerin würde einen Hund oder ein Kind oder irgendetwas töten, wenn sie vom Teufel besessen ist“, beharrte Mrs. Custis.

„Ich glaube nicht, dass sie Turk getötet hat“, bemerkte Roxy, als sie das Zimmer verließ. „Letzten Samstagabend war ein weißer Mann in der Küche: Ich glaube, er hat dort geschlafen; der Herr hat es ihm erlaubt.“

„Ja, Missy“, fuhr Virgie fort, nachdem Roxy gegangen war, um ihren Befehlen zu folgen; „er war ein schrecklicher Mann und sah mich so grob und zudringlich an, dass ich seitdem von ihm geträumt habe. Es war der Mann, den Mr. Milburn umgestoßen hat, weil er seinen Hut zerdrückt hatte; er hatte Angst, Mr. Milburn würde ihn ins Gefängnis werfen, also bat er den Herrn, sich in der Küche zu verstecken. Aber Hominy war schon vorher fast verrückt vor Angst vor Mr. Milburn.“

Vesta hob ihre schönen Arme mit einem Blick der Verzweiflung.

„Was hat dieser arme alte Hut nicht über alle gebracht?“, rief sie. „Oh, wer wagt es, dem Schneider und dem Hutmacher den Sonnenschein streitig zu machen? Sie sind die Despoten, die niemals abdanken oder sterben werden.“

„Die Vorstellung, dass dein Vater einen Landstreicher wie diesen in der Küche bei den Sklaven schlafen lässt!“, rief Mrs. Custis. „Welche Verpflichtung hatte er sich dort wohl aufgeladen, das würde ich gerne wissen? Teackle Hall ist zu einer Höhle für Eulen und Füchse geworden; es ist Zeit für mich, es zu verlassen. Da ist mein Mann fort, reitet fünfzig Meilen für seinen schlimmsten Feind und lässt uns ohne Koch und ohne die Hilfe eines Mannes zurück, um herauszufinden, wo unser Koch geblieben ist. Ich weiß, was ich tun werde: Ich werde noch heute nach Cambridge aufbrechen, um meinen Bruder zu treffen und die Goldsboroughs dort zu besuchen, bis wieder Ordnung in diesen Versuch gebracht wird, Weizen und Unkraut zusammen anzupflanzen.“

Vesta hielt einen Moment inne und küsste ihre Mutter: „Das ist genau das Richtige, liebe Mutter“, sagte sie. „Lass mich die Schwierigkeiten hier bereinigen; geh und komm zurück, wenn alles erledigt ist, und du kannst wieder du selbst sein.“

„Ich werde es tun, Vesta. Bruder Allan kommt morgen Nachmittag in Cambridge an; ich werde heute noch bis Salisbury fahren und ihn entweder morgen auf der Straße treffen oder in Cambridge finden. Oh, was für ein Haus ist Teackle Hall – voller männlicher und weiblicher Waldläufer, Abolitionisten, Entlaufener und Radikaler! Alle verrückt gemacht durch die Sumpferze und den Hut des Narren!“

Als Vesta in den Hof hinunterging, fand sie Turk in seinem Blut liegen, sein Mastiff-Gebiss und seine zottigen Seiten rot verkrustet, und es schien, als hafte das Geheul, in dem er starb, noch immer in der Luft. Der Geist Virginias stieg in Vestas Augen auf:

„Wer auch immer diesen Hund getötet hat, dem fehlte nur der Mut, Menschen zu töten!“, rief sie. „James Phoebus, sehen Sie hier!“

Der Pungy-Kapitän war seit Stunden draußen gewesen, und die Masten seines Schiffes waren gerade noch über der sumpfigen Landzunge hinter Teackle Hall sichtbar. Er berührte seinen Hut und kam herein.

„Guten Morgen, Miss Vesty! Hallo! Turk tot? Beim Kuckuck, das ist ja ein Pandämonium!“

„Er ist erstochen, Jimmy!“, bemerkte Samson Hat, der aus der Küche kam; „sehen Sie, wo der Dolch ihn genau über dem Herzen getroffen hat! Das hat ihn jaulen lassen und tot umfallen lassen. Seine Kehle wurde nicht so plötzlich durchschnitten; sie ist zerfetzt, als wäre es mit etwas Stumpfem geschehen.“

„Da haben Sie recht, Neger! Das Kehlendurchschneiden war nur ein Vorwand; der Stich erzählt die wahre Geschichte. Aber wer ist das hier, der da am Kücheneingang herumlungert? Wenn das nicht Jack Wonnell ist, dann will ich sterben! Fass!“

Damit stürzte Jimmy, so aktiv wie der Hund es noch gestern gewesen war, auf Jack Wonnell zu, jagte ihn bis zum Zaun und brachte ihn am Kragen zurück. Wonnell trug einen Bell-Crown-Hut, und seine Hand war voll Herbstblumen. Als Wonnell den toten Hund bemerkte, kam die hübsche kleine Roxy aus der Küche und stand errötend, aber erschrocken da, als sie ihn sah.

„Was machst du mit diesen Blümchen?“, verlangte Jimmy zu wissen. „Für wen sind sie? Warum schleichst du so früh am Morgen um Teackle Hall herum, wo du doch so faul bist, Jack Wonnell?“

„Es sind Blumen, die er mir jeden Morgen bringt“, meldete sich Roxy zu Wort und trat mit einem hübschen Lächeln vor.

„Für dich?“, rief Vesta aus. „Du nimmst doch nicht die Aufmerksamkeit weißer Männer entgegen, Roxy?“

„Er bot von sich aus an, Blumen für mich zu holen, damit ich Ihnen genauso hübsche geben kann wie Virgie, Missy. Ich lasse ihn sie bringen. Er ist ein armer, freundlicher Mann.“

„Ich habe sie gerade erst, Jimmy“, warf Jack Wonnell mit seinem eigentümlichen Augenzwinkern und Grinsen ein, „denn Roxy ist die Schöne von Princess Anne, und ich bin der Bell-Crown. Sie ist meine kleine Königin, und ich schäme mich nicht für sie.“

„Machst Negern den Hof, was!“, rief Jimmy und packte Jack erneut am Kragen. „Nun, wo bist du den ganzen Sonntag mit Levin Dennis und dem Negerhändler gewesen? Was für ein Schwindel war das?“

„Mr. Wonnell“, Roxy hatte die Geistesgegenwart zu sagen, „pass auf, dass du die Wahrheit sagst, mir zuliebe! Tante Hominy ist fort, mit allen Küchenkindern, und Mr. Phoebus verdächtigt dich!“

„Große Glühwürmchen!“, rief Jimmy Phoebus. „Die Neger gestohlen, und der Hund ist auch tot?“

„Ich vermute, Richter Custis hat sie verkauft, Jimmy“, rechtfertigte sich Jack Wonnell und wand sich aus den Händen des Kapitäns. „Er soll von Meshach Milburn zwangsversteigert werden. Vielleicht hat er sie einfach verkauft und sich aus dem Staub gemacht.“

„Wo ist Richter Custis, Miss Vesty?“, fragte Phoebus.

„Er ist nach Delaware gereist und wird mehrere Tage abwesend sein.“

„Ist das wahr, was dieser Bell-Crown-Narr da sagt, Miss Vesty?“

„Nein. Unter den Küchendienern herrschte eine gewisse Angst, verkauft zu werden; diese Notwendigkeit bestand nicht, als sie wegliefen, da alles geregelt war.“

„Es ist bedauerlich, dass Ihr Vater fort ist. Er wurde mit einem Negerhändler gesehen. Dieser Händler und er sind am selben Abend verschwunden. Der Händler lebt auch in der Gegend von Delaware, Miss Vesty.“

Vestas Gesichtsausdruck fiel ab, als sie an den Verdacht dachte, der auf ihren Vater fallen könnte. Die großen alten Bäume um Teackle Hall schienen in der Luft miteinander zu jammern, als wollten sie sagen: „Ahnen, das ist seltsam zu hören!“

„Wer hat dir gesagt, Jack Wonnell“, sprach der Seemann, „dass Richter Custis zwangsversteigert werden soll?“

„Das sage ich dir nicht, Jimmy.“

„Ich habe es ihm gesagt“, rief Roxy nach einem Augenblick des Zögerns, während Jimmy Phoebus den steifen Bell-Crown-Hut auf Wonnells erstickende Schnauze drückte. „Ich dachte wirklich, wir würden alle verkauft, und ich hatte niemanden, der mich bedauerte, außer diesem armen weißen Mann, und ich habe es ihm als Freund erzählt.“

„Und ich habe es gestern niemandem auf der Welt außer Levin Dennis erzählt“, schrie Jack, als er wieder zu Atem kam.

„Wo warst du, Jack, den ganzen gestrigen Tag mit dem langen Mann und Levin?“, fragte Samson.

„Ja, wo warst du?“, brüllte Jimmy Phoebus, während ihn einer seiner griechischen Temperamentsausbrüche überkam und seine dunkle Haut und die schwarz-kirschfarbenen Augen vulkanisch flammten. „Wo hast du Ellenoras Jungen und diesen höllischen Seelenverkäufer gelassen? Sprich, oder ich erwürge dich wie diesen Hund!“

„Lassen Sie ihn in Ruhe, Sir!“, rief die kleine Roxy hitzig, „er wird niemanden täuschen; er wird alles sagen, was er weiß.“

„Lass los, Jimmy“, sagte Samson; „siehst du Miss Vesty hier nicht?“

„Machen Sie dem Mann keine Angst, Mr. Phoebus“, fügte Vesta hinzu; „aber ich befehle ihm, alles zu sagen, was er weiß, sonst lässt Papa ihn ins Gefängnis werfen.“

Jack Wonnell nahm einige Schritte Abstand von Phoebus, wischte sich die Augen am Ärmel und wimmerte einige Minuten lang – zu Roxys großer Aufregung –, bis er schließlich seine Geschichte erzählte.

„Es tut mir leid, Jimmy, dass du mich vor dieser schönen Dame und meiner hübschen kleinen Roxy – Gott segne ihre Seele! – beschuldigt hast, die Neger von Richter Custis gestohlen zu haben. Es gibt nur eine, der ich jemals schöne Augen gemacht habe, und sie steht hier und hört jedes wahre Wort, das ich sage. Ich bin armer Abschaum, und ich denke, das Gefängnis ist genauso gut wie das Armenhaus für mich, wenn sie mich dorthin schicken wollen, denn es ist in der Stadt, und Roxy kann jeden Tag durch die Gitter zu mir schauen.“

Roxy war so sehr gerührt, dass sie sich die Schürze vors Gesicht hielt, und Vesta und Phoebus mussten lächeln, während Samson Hat, der nachsichtig zusah, ausrief:

„Da ist Liebe überall in den Wäldern. Tauben und Krähen können nichts dagegen tun. Es sitzt tiefer als Federn und Krallen.“

„Dieser Negerhändler“, fuhr Jack Wonnell mit dem Bell-Crown-Hut in der Hand fort, „heuerte mich und Levin an, um ihm eine Terrapin-Schildkröte zu bringen. Er hatte einen Beutel voll Gold, so groß“ – er maß mit der Hand im Inneren des Hutes – „und er gab Levin etwas davon, und ich brachte es gestern Abend zu Levins Mutter und sagte ihr, Levin würde vielleicht eine Woche lang nicht zurückkommen. Ich dachte, Mr. Johnson würde mir auch etwas Gold geben, damit ich Roxy kaufen könnte, aber hier ist alles, was er mir gab. Jeder enttäuscht mich, Jimmy!“

Jack Wonnell zeigte ein altes silbernes Fünf-Penny-Stück, und sein Gesichtsausdruck war so kläglich, dass der Seemann ausrief:

„Jack, er hat dich viel zu gut bezahlt für all den Verstand, den du hast. Nun, wo ist Levin mit der Ellenora Dennis hingegangen?“

„Ich weiß es nicht, Jimmy. Er ließ Levin sie zum Landungssteg hier unterhalb der Stadt segeln, wo Levins Vater, Kapitän Dennis, vor fünfzehn Jahren die Idy zu Wasser ließ. Ich habe Levin dort gelassen, und er sagte: ‚Jack, ich gehe mit dem Negerhändler weg, um etwas von seinem Geld für Mutter zu bekommen!‘“

„Armer, erbärmlicher Junge!“, rief Phoebus aus; „er lässt sich genauso leicht anführen wie sein armer Vater. Der Mann, mit dem er mitgegangen ist, Miss Vesty, ist schwarz wie die Hölle. Joe Johnson ist jedem Dieb in der Bucht, jedem Zigeuner an der Küste bekannt. Er stiehlt freie Neger, wenn er keine Sklaven kaufen kann, aus dem Staat Delaware. Manchmal lässt er Maryland-Sklaven entkommen, um ihren heuchlerischen Herren einen Gefallen zu tun, die sie nicht öffentlich verkaufen können, und Johnson und der hinterbliebene Besitzer teilen sich den Preis. Geh ins Haus, gelbes Mädchen!“ Jimmy Phoebus wandte sich an Roxy, die sofort gehorchte. „Jack Wonnell, du gehst auch; ich bin mit dir fertig!“ (Jack schlich um das Haus herum und versöhnte sich mit Roxy, bevor er aufbrach.) „Du brauchst nicht zu gehen, Samson; ich weiß, dass du treu wie Stahl bist!“

„Ich muss gehen und das Frühstück machen, Jimmy“, sagte der Neger und ging hinein.

„Nun, Miss Vesty“ – Phoebus wandte sich an die Herrin von Teackle Hall – „Joe Johnson hat die alte Hominy und die kleinen Neger, beim Kuckuck! Dieser Teil des Schwindels ist ziemlich sicher! Hat er sie gestohlen und weggelockt, oder wurden sie ihm von Richter Custis oder von Meshach Milburn verkauft?“

„Von keinem der beiden, ich riskiere mein Leben darauf. Mr. Milburn musste am Samstagabend das Bett hüten, und am Sonntag ist mein Vater in Rechtsgeschäften für meinen Mann nach Delaware gereist.“

„Das ist Meshach Milburn, wie ich höre“, bemerkte der Seemann mit einem durchdringenden Blick. „Soll ich zu ihm gehen und wegen dieser Neger-Sache nachfragen?“

„Nein“, antwortete Vesta; „er ist zu krank, und es ist ein heikles Thema, es bei ihm anzusprechen. Meine Mädchen, Virgie und Roxy, glauben, die alte Hominy sei aus einer abergläubischen Furcht vor Mr. Milburn weggelaufen, der durch Heirat der Herr von Teackle Hall geworden war.“

„Ja, beim Kuckuck! Jeder Neger in der Stadt, groß und klein, hat Angst vor Milburns Hut.“

„Er hat kein Eigentumsrecht an diesen Bediensteten, und mein Vater jetzt auch nicht mehr. Ich will Ihnen sagen, James – im Vertrauen auf Ihre Diskretion –, dass Hominy mir gehörte, und ebenso diese drei Kinder, nachdem sie von meinem Vater an meinen Mann und von dort an mich und wieder zurück an meinen Vater übergegangen waren, und von ihm wieder an mich in der Stunde meiner Hochzeit. Ich fürchte, sie wurden dazu überredet wegzugehen, um missbraucht und außerhalb von Maryland verkauft zu werden.“

Jimmy Phoebus blickte zu den seufzenden Bäumen auf und über die breite Fassade von Teackle Hall und rief mehrmals „beim Kuckuck!“, bevor er seine Schlüsse zog.

„Miss Vesty“, sagte er schließlich, „schicken Sie nach Ihrem Vater, dass er sofort nach Hause kommt. Die Leute werden nicht verstehen, wie Joe Johnson, so sehr er auch ein Gesetzloser ist, es wagen konnte, einen Richter aus Maryland um seine Hausbediensteten zu bringen, zumal Johnson selbst aus Maryland stammt, es sei denn, sie hätten eine gewisse Abmachung. Ihre plötzliche Hochzeit und die finanziellen Schwierigkeiten Ihres Vaters werden zusammengebracht werden, beim Kuckuck! Und es gibt einige, die stumpfsinnig genug sind zu sagen, dass ein Richter Custis, wenn er in Geldnot ist, sich das Geld schon irgendwie beschaffen wird!“

Die Anschuldigung, die mit der mangelnden Geschicklichkeit eines ehrlichen Mannes vorgebracht wurde, schmetterte alle Erklärungen nieder.

„Ich gestehe es“, sagte Vesta. „Dass Papa an einem Sonntag fortging und diese Leute in der Sonntagnacht verschwanden, könnte müßige Kommentare hervorrufen. Es könnte gesagt werden, dass er versuchte, einen Teil seines Besitzes zu verkaufen, bevor sein Gläubiger ihn beschlagnahmen konnte.“

„Ich habe Sie hier gesehen, seit Sie ein Baby waren, Vesty, und Ellenora sagt, Sie haben mehr Mut und Herz als diese Aristokraten, um die ich mich nie gekümmert habe! Deshalb nehme ich mir die Freiheit, Sie Vesty zu nennen. Nun lassen Sie mich Ihnen von Ihren Negern erzählen. Wenn sie in der Obhut eines weißen Mannes in die Freiheit ziehen würden, würde ich sie nicht aufhalten, auch nicht als Kapitän eines Kriegsschiffes. Aber Joe Johnson, angenommen, er hat sie, ist ein Dämon. Sehen Sie den Stich bei dem Hund? Nun, der ist mit einer dieser Bajonett-Pistolen gemacht, die diese Entführer tragen – Ross-Pistolen mit einem federgeladenen Dolch an der Mündung; und wenn sie in den Nahkampf kommen, stechen sie damit zu. Johnson hat Ihren Hund getötet; ich kenne seine Spuren. Er segelt auf dieser ganzen Bucht, und vielleicht hat er die Neger nach Washington oder Norfolk gebracht und sie in den Süden verkauft. Es hat keinen Sinn, ihm an einen dieser Orte zu folgen, falls er das getan hat, bei dem Wind und dem Vorsprung, den er hat, und da der Einfluss Ihres Vaters durch seine Abwesenheit verloren ist. Aber es gibt eine Chance, den Dieb abzufangen.“

„Welche ist das, James?“, sagte Vesta ernst. „Ich möchte diese armen Leute unbedingt vor den Misshandlungen eines Mannes bewahren, der meinen armen, treuen Hund töten konnte.“

„Joe Johnson hat eine Höllenmaschine – ein regelrechtes Pandämonium – oben bei der Mündung des Nanticoke River. Es ist das Hauptquartier seiner Bande, und es ist eine schwarze Bande. Er hatte guten Wind“ – der Pungy-Kapitän blickte auf und bemerkte die Brise – „um gestern Nacht aus Manokin heraus und in den Sound zu gelangen; aber er muss den ganzen Tag den Nanticoke hinaufsegeln, und wir können ihn über Land abfangen, falls das sein Ziel ist, bevor er Vienna erreicht, und ihn zwingen, seine Fracht zu zeigen. Dann können wir mit einem Boten, der Richter Custis folgt und ihn zur Rückkehr bewegt, diese Neger Johnson unter Eid zuschreiben – und, sehen Sie, wir können keinen solchen Eid ablegen, bevor wir nicht die Beweise haben – und dann, beim Kuckuck! bringen wir die alte Hominy und die armen Kinder zurück nach Teackle Hall.“

„Hier ist jemand, dem Sie gerne dienen, James“, sagte Vesta, als die Witwe Dennis durch das Tor kam.

„Ich kam, um Sie am Steg zu treffen, James“, sagte die blauäugige Witwe mit der sanften Stimme, dem schüchternen Schritt und dem schnellen Erröten. „Levin ist für eine Woche mit einem Negerhändler fort; er schickt mir so viel Geld, dass ich fürchte, er ist einer ungewöhnlichen Versuchung ausgesetzt, und Wonnell sagt, der Händler gibt ihm Branntwein. Was soll ich tun?“

„Machen Sie mich zu seinem Vater, Ellenory, das gibt mir ein Interesse an ihm, und Sie werden mich befehligen. Sie brauchen einen Ersten Offizier in Ihrer Crew. Levin kann mich zum Narren halten, wenn ich ihn jetzt jage, und ich kann mich beim Geld nicht mit einem Negerhändler messen, beim Kuckuck!“

„Oh! James“, sprach die Witwe, „Sie wissen, dass mein Herz Ihnen gehören würde, wenn ich es beherrschen könnte. Wenn mein Weg frei ist, werden Sie nur fragen müssen. Gehen Sie und finden Sie Levin!“

„Norah, wir vermuten, dass derselbe Händler Hominy, unsere Köchin, und die Küchenkinder in Levins Boot entführt hat.“

Die Witwe hörte Vesta zu und brach in Tränen aus. „Er wird mitschuldig an dem Verbrechen sein“, schluchzte sie. „Oh, das ist es, was ich immer gefürchtet habe. James Phoebus, Sie hatten immer den besten Einfluss auf Levin. Wenn Sie mich lieben, nehmen Sie ihn fest, bevor das Gesetz von dieser wilden Tat Kenntnis nimmt. Wo ist er hingegangen?“

Virgie erschien auf dem Rasen, um zu sagen, dass Mrs. Custis wissen wolle, wer sie bis Salisbury fahren könne, wo sie einen Sklaven ihres Schwiegersohns bekommen könne, um mit ihr weiter nach Cambridge zu fahren.

„Ich habe den ganzen Morgen darüber nachgedacht, wo ich einen zuverlässigen Mann finden kann, der Papa zurückbringt“, antwortete Vesta; „es gibt ein paar Sklaven in der Schmelze, aber die Zeit drängt.“

„Hier ist Samson“, sagte Virgie, „und er hat ein Maultier, mit dem er im ganzen Bezirk herumreitet. Lassen Sie ihn gehen.“

„Wohin gehen, meine Liebe?“, fragte Samson.

„Nach Dover, in Delaware“, antwortete Vesta. „Du kannst bis zum Einbruch der Dunkelheit nach Laurel reiten, Samson, und morgen Nachmittag Dover erreichen.“

„Und ich kann mit ihm bis nach Salisbury reiten“, sagte Jimmy Phoebus, „und von dort irgendwie zum Nanticoke kommen; denn ich sehe, Ellenora wird weinen, bis ich gehe.“

„Sie können das besser machen, James“, sagte Vesta und dachte schnell nach. „Samson kann Sie mit einem kleinen Umweg zur Spring Hill Church oder zu den Barren Creek Springs bringen, und an den Quellen sind Sie nur noch drei Meilen vom Nanticoke entfernt. Sogar Mamma könnte heute Abend mit der Kutsche bis zu den Quellen oder bis Vienna weiterfahren.“

„Wenn zwei von ihnen gehen“, rief Virgie, „kann einer Missy Custis fahren und der andere das Maultier reiten.“

Samson schüttelte den Kopf.

„Sie sagen, ein freier Neger wird in diesem Delaware-Staat sofort eingefangen. Maryland ist gut genug für mich. Ich mag die hellen Maryland-Mädchen am liebsten“, wobei er zu Virgie blickte.

„Geh jetzt, Samson, Miss Vesty zuliebe“, sagte Virgie, „und ich werde versuchen, dich ein wenig zu lieben, so schwarz und schlecht du auch bist.“

„Ich habe Angst vor dem Staat Delaware“, wiederholte Samson und lachte langsam. „Joe Johnson, dem ich das angetan habe, wird mich dort, wo er lebt, in die Finger kriegen, wenn ich dorthin gehe, vielleicht.“

„Nein“, warf Phoebus ein, „ich werde an den Ufern des Nanticoke nach ihm Ausschau halten, Samson, während du schön auf der Hauptstraße von Laurel nach Georgetown und weiter nach Dover bleibst. Joe Johnson wurde am Pfahl ausgepeitscht und für immer aus Delaware verbannt und darf sich dort nicht mehr blicken lassen.“

„Wenn du gehst, Samson“, warf die kleine Roxy ein, die wieder erschienen war, „wird Virgie sich geschmeichelt fühlen. Alles, was Miss Vesty einen Gefallen tut, zählt bei Virgie.“

„Wenn du ein freier Mann bist“, rief Virgie selbst, wobei sich ihre schlanke, nervöse, weidenartige Gestalt aufrichtete, „hast du dann Angst, in einen freieren Staat als Maryland zu gehen? Wenn ich frei wäre, würde ich in den freiesten Staat von allen gehen wollen. Benimm dich wie ein freier Mann, Samson Hat, oder was ist dir Freiheit wert?“

„Sie ist mir so viel wert, hübsches Mädchen, dass ich sie nicht verlieren will, merk dir das, es sei denn an meine Frau, wenn sie mich haben will.“

Samson beobachtete die zarten, vornehmen Gesichtszüge der Quadroonin, ihre Haut fast blasser als die ihrer jungen Herrin, ihre Gestalt wie die Gewürznelke nach einem harten Winter – umso aktiver, als sie ein wenig hager war –, ihren kleinen Kopf und die Locken, so weich wie das Gefieder der Krähenamsel, und die Loyalität, die in ihren großen Augen lag, wie eine starke Leidenschaft für ihre Herrin, wandelte sich in Stolz und beinahe Spott, als sie ihm zuhörten.

„Ein Sklave“, sagte Virgie mit fast grimmiger Entschiedenheit, „ist nicht jemand, der besessen wird, sondern jemand, der sich selbst verkauft – an den starken Alkohol, an den Egoismus oder an die Angst. Du bist kein freier Mann, Samson, wenn du Angst hast und bist wie diese niedrig gesinnten Sklaven-Neger, die nichts wagen, wenn sie nur ein wenig billiges Vergnügen bekommen können. Alles, was einen schwarzen Mann in meinen Augen weiß machen kann, ist das Unternehmungsgeist eines weißen Mannes.“

Vesta spürte, wie sie es oft getan hatte, die fähige Seele ihrer Bediensteten und nahm ihr den Geist nicht als einer Sklavin unangemessen übel, sondern spürte vielmehr widerhallende Akkorde in ihrer eigenen Natur, als ob Virgie tatsächlich die Gebieterischere von beiden wäre. Nun, da sie voll erblühte, ihre Rassenmerkmale ihre Zusammensetzung fanden, ihr Charakter durch niemanden in Teackle Hall gebremst wurde, war Virgie die Schildträgerin ihrer jungen Herrin, wie David für den fürstlichen Jonathan.

„Warum, Virgie“, antwortete Samson mit Demut, „ich meinte nie, nicht zu gehen, liebe Dame, nachdem die Frau vom Herrn mich gebeten hatte; ich wollte nur, dass du mich fest darum bittest, und vielleicht hätte ich einen Kuss bekommen, bevor ich aufbrach.“

„Warte, bis du zurückkommst, und sieh zu, ob du deinen Auftrag gut erledigst“, sagte Virgie erneut. „Ich werde dich jetzt nicht küssen.“

„Ich werde es tun“, rief die kleine Roxy zur allgemeinen Erheiterung und gab Samson einen herzhaften Schmatzer auf seinen kleinen, schmollenden Mund; „und jetzt, wo du ihn hast, denk dir, es wäre Virgies Kuss, und hol dir dein Frühstück und mach dich auf den Weg!“

Als sie in ihre Unterkünfte gingen, um sich bereit zu machen, fand Jimmy Phoebus Jack Wonnell, wie er an der Ecke des Gerichtsgebäudes mit den Jungen Murmeln spielte.

„Jack“, sagte er, „ich gehe jetzt, Levin und diesen Negerhändler aufzustöbern. Ich könnte da oben am Nanticoke in arge Schwierigkeiten geraten. Sag allen Pungy-Schiffern, wohin ich gehe und warum.“

„Kann ich nicht irgendetwas für dich tun, Jimmy? Kann ich dir nicht einen meiner Glockenhüte geben? Es sind noch reichlich davon übrig.“

„Hör auf meinen Rat, Jack, und binde einen Stein an all diese Hüte und versenke sie im Manokin. Der Hut des alten Meshach hat mehr Hokuspokus angerichtet als die Bank von Somerset. So arm und töricht, wie du bist, werden dich deine alten Glockenhüte vielleicht noch ins Verderben stürzen.“

Die Straße nach Salisbury – angelegt im Jahr 1667, als „Cecil, Lord von Maryland und Avalon“, ein County „zu Ehren unserer lieben Schwester, der Lady Mary Somerset“ errichtete – folgte den Biberdämmen über die kleinen Flussläufe, durchquerte die flachen Kiefernwälder und offenen Farmen und führte durch zwei kleine Weiler, bevor unsere Reisenden die breiten Mühlteiche und die mit Pappeln und Maulbeerbäumen gesäumten Straßen der geschäftigsten Stadt der unteren Halbinsel erblickten – wenn auch ohne Gerichtsgebäude. Jimmy Phoebus, der die zwei Pferde und die Familienkutsche lenkte, und Samson, der ihm auf seinem Maultier folgte, stiegen zur Mittagszeit in die Senke von Salisbury hinab und hielten am Hotel. Das Schnarchen der Getreidemühlen, das Kreischen der Sägegatter, das Strömen des kiefernfarbenen Wassers in die Schlucht des Dorfes, die Zypressen des Waldes, die sich unverschämt in die schräg ausstrahlenden Straßen drängten, die Feuchtigkeit von Efeu und Schlingpflanzen an vielen der alten Häuser mit ihren Giebelschornsteinen, die langen Holzlager, die sich im sumpfigen Hafen zwischen den dort vertäuten Kanus, Pungies und Sharpies spiegelten, die kleinen Häuser, die seitlich zu den sandigen Straßen standen, die größeren, die die Sandhügel hinaufstrebten, der alte Buchsbaum in den silbrigen Gärten, die dicht beieinander liegenden Brücken und der Geruch von Teer und Sägemehl, der angenehm in die Lungen eingeatmet wurde, ergaben eine Kombination wie eine Karawane an einem Becken in der Wüste am Nil.

„Wenn es irgendeine Chance gibt, meine Neger zu erwischen“, sagte Mrs. Custis, „werde ich gleich nach dem Mittagessen weiterfahren. Samson, schick Dave, den Jungen meiner Tochter, sofort zu mir; er arbeitet in diesem Hotel.“

Samson fand heraus, dass Dave niemand anderes war als der schwarze Klassenleiter, den er zu Beginn unserer Erzählung nicht hatte überwinden können, doch an jenem Individuum waren Veränderungen sichtbar, die Samson nicht erwartet hatte. Hatte er früher ein reines, frommes, bescheidenes Gesicht gehabt, wie es sich für seine Profession gehörte, so trug Dave nun einen sauren, bösen Ausdruck; seine Augen waren blutunterlaufen, und seine geraden, männlichen Schultern und seine Brust, die einst Samsons Bewunderung und Neid geweckt hatten, waren gebeugt, um sich einem Husten anzupassen, den er immer wieder tief aus seinem Körper hervorstieß.

„Dave“, sagte Samson, „die Mutter deiner Herrin will dich, Junge, damit du sie nach Vienny fährst. Was fehlt dir, Dave, seit ich dir das Boxen beigebracht habe?“

„Du bist der Mann?“, rief Dave heiser; „dann möge der Herr dir vergeben, denn ich kann es nie. Dieses Prügeln, das du mir fast gegeben hättest, hat mich zu einem armen, bösen, rückfälligen Narren gemacht.“

„Aber Dave, ich habe nur gesehen, dass du ein guter Mann warst; ich wollte dir nichts Böses, Junge.“

„Du hast mich ruiniert, freier Neger“, wiederholte der riesige Sklave mit einem finsteren Blick, der teils aus Rache und teils aus Reue bestand. „Du hast meinen Dünkel genährt, dass ich boxen könnte. Ich hatte bis zu jenem Tag nie ein Kind geschlagen; danach ging ich herum und suchte Streit mit größeren Negern, und niederträchtige weiße Männer unterstützten mich beim Kämpfen. Ich wurde aus meiner Kirche geworfen; ich kehrte dem Herrn den Rücken; der Whiskey hat mich gepackt, Samson. Der Teufel ist in den Klassenleiter Dave gefahren.“

„Oh, Bruder, wach auf und werde besser. Hier, ich gebe dir einen Dollar und möchte dein Freund sein, Davy, Junge.“

„Ich werde mir davon was zu trinken holen“, murmelte Dave und ging; und als er aus der Stalltür trat, blickte er Samson grimmig an und rief: „Möge Satan deinen Leib verbrennen, wie er meine Seele verbrennen wird. Ich hasse dich, Mann, solange du lebst!“

Jimmy Phoebus bemerkte einige Augenblicke später, dass Dave, nachdem er einen halben Liter Schnaps mit einem mageren kleinen Mulattenjungen geteilt hatte, dem Jungen ein Geldstück in die Hand drückte, der daraufhin auf einem flinken Chincoteague-Pony schnell aus dem Hof des Gasthauses ritt.

Um zwei Uhr brachen sie wieder auf, wobei der Mann Dave die Kutsche lenkte und Jimmy Phoebus neben ihm saß, während Samson mühelos auf seinem alten roanfarbenen Maultier daneben herritt; die Straße wurde sandiger, je mehr sie das Plateau zwischen dem Wicomico und dem Nanticoke hinaufstiegen, und die Kutsche zog schwer.

„Wenn es zu spät ist, heute Nacht noch über Vienna hinauszufahren“, sagte Mrs. Custis, „werde ich dort bei meinen Freunden, den Turpins, anhalten und morgen nach dem Kaffee wieder aufbrechen, um zum Frühstück in Cambridge zu sein.“

„Ich werde bei Spring Hill abbiegen“, sagte Samson, „und kann mein Maultier bei Sonnenuntergang in Laurel füttern und schlafen gehen.“

In einer Stunde kamen sie in Sichtweite der alten Kirche von Spring Hill, einem ehrwürdigen Relikt der kolonialen Staatskirche, an den Quellen eines Baches namens Rewastico; und bevor sie den Bach überquerten, rief der Kutscher Dave so unnötig laut „Ho, ho!“, dass Mrs. Custis ihn scharf zurechtwies. Dave sprang vom Bock und schien einen Teil des Geschirrs zu untersuchen, obwohl Samson ihm versicherte, dass alles in Ordnung sei. Als Dave seine Untersuchung beendete, hob er beide Hände zweimal über den Kopf und streckte sich in seiner ganzen Größe, als er auf dem Kamm eines kleinen Hügels stand.

„Missy Custis“, entschuldigte er sich, als er zurückkehrte, „ich bin heute Nachmittag furchtbar müde. Dieser Stall hält mich die halbe Nacht auf.“

„Der Schnaps macht dich müder, David“, sagte Mrs. Custis scharf; „und dieses Gasthaus ist kein Ort, an dem man dich mit deinem Hang zum Trinken anstellen sollte, wie ich deinem Herrn sagen werde.“

In diesem Moment bemerkte Jimmy Phoebus, wie der magere kleine Mulattenjunge, der das Hotel verlassen hatte, aus einer sumpfigen Stelle an der Straße auftauchte und einen wissenden Blick mit Dave austauschte, während er auf dem Pony vorbeiritt.

„Junge“, rief Samson, „ist das der Weg nach Laurel?“

Der Junge gab keine Antwort, blickte aber einmal scheu zurück, trieb seine Fersen in die Flanken des Ponys und schoss ins Gebüsch in Richtung Salisbury.

„Samson“, sagte Dave, „siehst du die alte Frau dort in dem Karren?“ – er zeigte auf eine Gestalt, die hinter dem Bach die Anhöhe hinaufstieg – „Ich kenne sie, und sie fährt geradewegs nach Laurel. Sie wohnt dort. Es sind zehn Meilen von dieser Abzweigung aus, und sie kennt all diese Waldwege.“

„Leb wohl dann, und mögest du Aunt Hominy und die kleinen Kinder finden, Jimmy, und sie alle von diesem Joe Johnson nach Prencess Anne zurückbringen!“, rief Samson und trabte mit seinem Maultier durch den Sumpf davon. Jimmy Phoebus sah, wie er die alte Frau im Karren einholte und anfing, mit ihr zu sprechen, als die struppigen Wälder sie verschlangen.

„Was hat er da von Joe Johnson gesagt?“, bemerkte Dave nach einem schlimmen Hustenanfall, als sie die alte Kirche hinter sich ließen und in die sandigen Kiefernwälder gelangten.

Mrs. Custis meldete sich schneller zu Wort, als es Jimmy Phoebus lieb war, und erzählte dem Neger von der Flucht von Hominy und den Kindern und der Hoffnung von Mr. Phoebus, die Gruppe abzufangen, während sie den Nanticoke in Richtung der Grenze zum Staat Delaware hinaufzogen.

„Ihr wollt nicht unter Joe Johnsons Leute geraten, Boss?“, sagte der rotäugige Neger; „die beherrschen hier das ganze Land, auf beiden Seiten der Staatsgrenze. Alle, die nicht mit ihnen sind, haben Angst vor ihnen.“

„Wie weit ist es von dieser Straße bis Delaware, Dave?“, fragte Phoebus.

„Wir sind in diesem Augenblick direkt vom Eckstein des Staates Delawaw weg. Es ist kaum eine Meile von dort, wo wir sind. Die Ecke ist so quadratisch wie der Stein, auf dem sie ruht, und mit einem Bild der Krone des Königs behauen.“

„Mason-Dixon-Linie nennen sie das“, erklärte Mrs. Custis.

„Kennst du Joe Johnson, Dave?“

„Ja, Marster Phoebus, darauf können Sie wetten. Er ist in Salisbury, er ist in Vienna, er ist hier oben an Crotcher’s Ferry, er ist überall im Land, aber bei Tageslicht geht er nicht mehr nach Delawaw. Er wurde dort ausgepeitscht und unter Androhung des Galgens aus dem Staat verbannt. Aber er wohnt gleich auf dieser Seite der Delawaw-Linie, damit sie ihn in Delawaw nicht kriegen können. Er nennt seinen Ort Johnson’s Cross-roads: die alte Patty Cannon wohnt auch dort. Sie traut sich jetzt nicht mehr nach Delawaw.“

„Was ist eigentlich der Beruf dieser schrecklichen Leute?“, fragte Mrs. Custis.

Eine Minute lang gab es keine Antwort, dann sagte Dave mit leiser, verängstigter Stimme, während er aus seinen feurigen, vernarbten Augen einen Blick auf seine beiden Begleiter stahl:

„Entführen, schätze ich.“

„Es ist alles, was Pangymonum ausmacht“, erklärte Jimmy Phoebus; „diese alte Frau, Patty Cannon, hat ein ganzes gottloses Leben damit verbracht, beim Rauch! – oder seit sie nach der Hochzeit mit dem armen Alonzo Cannon aus Cannady nach Delaware kam – aus den jungen Männern, derer sie habhaft werden konnte, Räuber und Bluthunde zu machen. Manche setzt sie darauf an, die Post auszurauben, manche darauf, Falschgeld herzustellen und in Umlauf zu bringen, aber die meisten setzt sie darauf an, freie Neger aus dem Staat Delaware zu stehlen; und wenn es sicher ist, stehlen sie auch Sklaven. Zuerst machte sie Ebenezer Johnson, den Piraten vom Broad Creek, zu ihrem Werkzeug, und er starb auf der Stelle, während er für sie kämpfte. Dann nahm sie sich seine Söhne vor, Joe Johnson und den jungen Ebenezer, und machte sie beide zu Gesetzlosen und Entführern, und Joe verheiratete sie mit ihrer Tochter, als Bruington, ihr erster Schwiegersohn, gehängt worden war. Als Samson Hat, der der weißeste Neger ist, den ich je getroffen habe, vorgestern Abend in Princess Anne Joe Johnson niederschlug, schlug er den schlimmsten Mann auf unserer Halbinsel.“

Dave hörte dieser Erzählung mit so tiefem Interesse zu, dass sein Atem, der stark nach Apfelwhiskey roch, kurz und heiß ging und seine Hände zitterten, als er die Pferde lenkte. Bei den letzten Worten rief er aus:

„Samson hat Joe Johnson niedergeschlagen? Dann hat der Teufel ihn geholt und will es ihm heimzahlen!“

„Was ist das?“, rief Jimmy Phoebus.

Der Schweiß stand auf der Stirn des großen Sklaven, als wäre seine Vorstellungskraft schrecklich besessen, doch bevor er es erklären konnte, unterbrach ihn Mrs. Custis:

„Ich glaube, es wurde gesagt, dass die alte Patty Cannon Jake Purnell verdarb, der sich vor fünf Jahren in Snow Hill die Kehle durchschnitt. Er war ein freier Neger, der Sklaven anheuerte, um andere Sklaven zu stehlen und sie zu ihm zu bringen, und er lieferte sie für Geld an die weißen Entführer aus; und niemand konnte sich seinen Wohlstand erklären, bis ein Neger, der zu Tode geprügelt worden war, im Pocomoke River gefunden wurde und drei Sklaven, die in seiner Begleitung gesehen worden waren, wegen Mordes verhaftet wurden. Sie gestanden, dass sie den toten Neger gestohlen hatten und er ihnen entkommen war und so sehr mit Knüppeln geschlagen wurde, um ihn gefügig zu machen, dass er keine Lebenskraft mehr hatte, als sie ihn Purnell übergaben. Dann wurde er in den Fluss geworfen, aber sein Körper kam nach dem Sinken wieder an die Oberfläche, und das Geständnis der elenden Werkzeuge erklärte den Sklavenbesitzern, wohin alle ihre vermissten Neger verschwunden waren. Sie marschierten auf und umstellten Purnells Hütte, und er wurde entdeckt, wie er sich darunter verkrochen hatte. Sie holten die Hunde und Feuer, um ihn herauszutreiben, und als er herauskam, durchschnitt er sich mit verzweifelten Schnitten von Ohr zu Ohr die Kehle.“

Während dieser Erzählung hatte der Mann Dave mit zunehmender nervöser Erregung zugehört und die Augen gerollt, als sei er in großer innerer Qual, bis die abschließenden Worte solchen Schrecken in ihm auslösten, dass er die Zügel fallen ließ, den Kopf in den Nacken warf und mit großen Schweißperlen auf der Stirn schrie:

„Barmherzigkeit! Barmherzigkeit! Hab Erbarmen! Rette mich, oh mein Herr!“

„Er hat wohl einen Anfall“, rief Jimmy Phoebus, der prompt nach den Zügeln griff, als die Pferde beim Schrei scheuten, und Dave mit seinem Bein auf dem Kutschbock festnagelte. In diesem Moment führte die Straße in die Senke von Barren Creek hinab, und als er beim alten Mineral Springs Hotel, einem Kurort jener Tage, absprang, beschaffte Phoebus menschlich Wasser und erfrischte das Gesicht des nach Luft schnappenden Negers.

„Ich erkläre, ich habe fast Angst, mich diesem Mann anzuvertrauen“, bemerkte Mrs. Custis mit mehr Abscheu als Furcht.

„Jeder Neger in dieser Gegend“, rief Jimmy Phoebus, „denkt, dass Pangymonum beim gefürchteten Namen Patty Cannon herabsteigt; und dieser Neger ist ohnehin fast am Ende.“

„Oh, Marster“, rief der Sklave, der seine Sprache wiederfand und wild um sich starrte, „ich bin nicht immer der arme Sünder gewesen, zu dem Rum und Kämpfen mich gemacht haben. Ich habe dem Herrn in meiner ganzen Jugend gedient; ich habe seinen Namen gepriesen und den Weg zum Himmel gehalten; und wenn ich an den Schiffbruch denke, den ich mit einem guten Gewissen erlitten habe, und wenn ich die Herrin vom Ende Jake Purnells erzählen höre, dann musste ich zum guten Herrn um Barmherzigkeit schreien, Barmherzigkeit, oh meine Seele!“

Seine schreckliche Erregung nahm zu, und Jimmy Phoebus beruhigte ihn gutmütig:

„Mrs. Custis, ich glaube, Sie lassen ihn besser in das Gasthaus kommen und einen kleinen Schluck Schnaps nehmen; das wird seine Nerven stärken und ihn besser fahren lassen.“

Während sie an der Bar des alten Sommerkurortes tranken, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Berühmtheit stand und der einzige Kurort auf der Halbinsel südlich der Brandywine Springs war, sprach Phoebus leise zum Neger:

„Dave, hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu, beim Rauch! Ich habe ein Auge auf dich, Neger, und so sicher wie Hokuspokus wird das auch so bleiben. Du kennst meinen Auftrag hier, Dave: eine arme, unwissende, verblendete schwarze Frau vor Joe Johnsons Bande zu retten. Nun hast du ‚Barmherzigkeit‘ geschrien. Ich will, dass du Barmherzigkeit zeigst, indem du mir sagst, wo ich das Cat-Boat von Levin Dennis abfangen und durchsuchen kann, wenn es heute Nacht mit diesen Leuten und Joe Johnson an Bord den Nanticoke hinaufkommt!“

Nachdem er seinen Schnaps gierig hinuntergestürzt hatte, antwortete der Farbige mit seinem früheren finsteren Gesichtsausdruck und ausweichenden Augen:

„Sie können flussabwärts bei Vienny nichts ausrichten, weil der Nanticoke dort zu breit ist, und wenn Sie ihn an der Fähre von Vienny überqueren, dann haben Sie den Norfwest Fork zwischen sich und Johnson’s Cross-roads, mit einer Fähre darüber, bei Crotcher’s, und Joe Johnson gehört dieser ganze Ort. Aber Sie können auf dieser Seite des Nanticoke bleiben, Marster Phoebus, die gleiche Entfernung wie von hier bis Vienny, bis zu dem Punkt, wo der Norfwest Fork hineinmündet. Manchmal segelt Joe Johnson diesen großen Seitenarm hinauf, um zu seinen Cross-roads zu gelangen. Im Allgemeinen bleibt er geradewegs auf dem anderen Arm bis zu Betty Twifords Anlegestelle, direkt an der Grenze.“

„Wie weit ist das?“

„Es sind fünf Meilen von hier bis Vienny und fünf Meilen von hier bis zu einer Landungsstelle gegenüber dem Norfwest Fork. Vier Meilen weiter sind Sie in Sharptown, und dort können Sie Betty Twifords Haus am Ufer zwei Meilen quer über den Nanticoke sehen.“

„Neun Meilen also bis Sharptown! Er hatte die Gezeiten gegen sich, seit er in den Nanticoke eingefahren ist, und sie haben sich noch nicht gedreht. Beim Rauch! Ich werde mich nach einer Mitfahrgelegenheit umsehen!“

„Sie können bei mir bis zur ersten Anlegestelle mitfahren“, sagte ein nobel aussehender Mann mit der Peitsche in der Hand; „und nachdem ich mich dort ein wenig aufgehalten habe, werde ich zur Sharptown-Fähre fahren und den Fluss überqueren.“

Phoebus nahm die Einladung sofort an, und nachdem er Mrs. Custis ermahnt hatte, in diesem Teil des Landes weniger freimütig zu sprechen, verabschiedete er sich von ihr und nahm den freien Platz im Buggy des Fremden ein.

Als Mrs. Custis zur Fähre von Vienna kam und die Pferde und die Kutsche auf den Kahn geladen wurden, um zu der kleinen, alten Handelssiedlung dieses Namens übergesetzt zu werden, wechselte der Neger Dave, während er an den Köpfen der Pferde stand, ein paar Sätze mit dem Fährmann.

„Dave“, rief Mrs. Custis ein wenig später, „ich sehe, du hast keine Liebe für den alten Samson.“

„Er hat einen Boxer aus mir gemacht und einen schlechten Menschen, Missis.“

„Kennst du den Mann, für den er arbeitet – Meshach Milburn?“

„Nein, Missis. Ich sehe ihn nie.“

„Er trägt einen eigenartigen Hut – nichts wie die Hüte der Herren heutzutage: es ist ein Hut unter Tausenden.“

„Ich habe ihn nie gesehen, Missis.“

„Du kannst ihn mit keinem anderen Hut auf der Welt verwechseln. Nun, Samson ist der einzige Bedienstete und Wächter in Mr. Milburns Laden, und er kümmert sich um diesen schändlichen Hut. Wenn du ihn jemals von ihm bekommen kannst, Dave, und ihn zerstörst, dann wirst du eine nützliche Tat vollbringen, und ich werde dich gut belohnen.“

Der mürrische Neger blickte von seinen reuevollen, abgestumpften Augen auf und sagte:

„Stehlen?“

„Oh, nein, ich rate nicht zu einem Diebstahl, David – obwohl ein solcher elender Hut keinen rechtlichen Wert haben kann. Er ist ein Ärgernis für meine Tochter und Richter Custis und uns alle, und du könntest vielleicht einen Weg finden, ihn zu zerstören – das ist alles.“

„Ich werde ihn eines Tages kriegen“, murmelte der Neger und fuhr in den alten Tabakhafen von Vienna ein.

KAPITEL XXII.

NANTICOKE-LEUTE.

Eine Karte wäre in einer Geschichte fehl am Platz, doch gibt es wahrscheinlich einige, die erkennen, dass dies eine Geschichte mit einem wahren Kern ist; und wenn solche einen Atlas nehmen und ihn bei den „Middle States“ der amerikanischen Republik aufschlagen, werden sie sehen, dass der kleine Staat Delaware so hübsch in eine quadratische Nische von Maryland eingepasst ist, als wäre er eine Lampe oder ein Kunstwerk, das auf einem Kaminsims steht. Er steht dort auf einem Kaminsims, etwa vierzig Meilen breit, und ragt mehr als dreimal so hoch auf, wobei er eine vollkommen gerade Nord-Süd-Linie im rechten Winkel zu seiner Basis bildet. So in Maryland eingelassen, besteht seine zerklüftete östliche Linie aus dem Atlantischen Ozean und der breiten Delaware Bay.

Der einzige nennenswerte Fluss innerhalb dieses schmalen Streifens oder Hermes eines Staates ist der Nanticoke, der wie ein Riss in der Wand – und derselbe Schlag zerbrach das Bild auf dem Kaminsims – mit Breite und Gezeitenstrom von der Chesapeake Bay durch die Eastern Shore von Maryland nach Delaware fließt und dort aus zwei Gezeitenquellen gebildet wird, von denen die nördliche weiterhin Nanticoke genannt wird, und die südliche – ein fast ebenso imposanter Strom – Broad Creek heißt.

Die Natur hat also, als ob sie einige törichte politische Grenzen seitens der Menschen vorausgeahnt hätte, einen Abfluss und Kanal für den Zugang an der südwestlichen Ecke von Delaware zur prächtigen Bucht von Virginia vorbereitet.

Um diese Ecke des kleinen Commonwealth von Delaware herum, in einem flachen, armen, sandigen, kiefernbewachsenen Boden, ritt Jimmy Phoebus am Nachmittag des Oktober an dem Fremden vorbei, während die Sonne, eine Stunde hoch im Westen, auf seine dunklen, griechisch anmutenden Wangen und seinen Hals schien, und er die Herbstvögel im reifenden Stoppelfeld und in den goldenen Dickichten pfeifen und gackern hörte.

Die Wiesenlerche, der Liebling der Jungen, suchte auf den Feldern nach Samen, Kies und Insekteneiern – groß und rebhuhnartig, mit einer gelben Brust, die vom Schnabel bis zu den Knien reicht, außer an der Kehle, wo ein brillanter kleiner Beutel von schwärzlichem Braun hängt; Kopf und Rücken sind von falkenartigen Farben – Umbra, Braun und Grau – und in ihrem Gehabe liegt etwas vom Kampfhahn. Sie fliegt hoch, manchmal allein, manchmal im Schwarm, und ist unser Wintergast, der die alten Felder liebt, die die Unvorsichtigkeit aufgegeben hat, und die beim Fressen laute Herausforderungslaute ausstößt, als wollte sie rufen: „Vom Menschen verlassen; von mir in Besitz genommen!“

Jimmy Phoebus hörte auch den kühnen, spöttischen Specht mit seinem roten Kopf, dessen Lehrmeister das Eichhörnchen ist und dessen Taktik, einen Baum zwischen sich und seinen Feind zu halten, die Indianerkämpfer übernommen haben. Er ahmt den Ruf des Laubfroschs nach und wandert nach Oktober aus, wie andere Wollüstlinge, die das ganze Jahr über Wärme sowie Obst und Eier auf dem Markt haben müssen. Gekleidet in seinen gesprenkelten schwarzen Frack, mit seiner langen Feder im Schnabel und dem makellos weißen Hemdbrustteil, arbeitet der Specht wie ein Balzac in seiner Dachkammer und macht die Baumwipfel lebendig, während er sich mit seinen Mit-Böhmen streitet; und da er sich eines Baumes sicher ist und sich mit Schwanz und Krallen daran festklammert, hält er alles andere, was darauf lebt, für ein Insekt, gegen das er seinen Schnabel führen oder seine Zunge ausspucken kann – jene Zunge, die im Gehirn selbst verwurzelt ist.

In der hohlen goldenen Schale des hallenden Abends bemerkte der Seemann auch den Buntfleckspecht, mit golden gezeichneten Flügeln und einem Rücken aus gesprenkeltem Umbra und einer gesprenkelten weißen Brust, mit kohlschwarzem Kragen sowie Hals und Kopf aus Zimt. Sein goldener Schwanz hängt weit unter seinem Sitzplatz her, und wenn er den Baumstamm abwärts läuft, blitzt er in der Luft wie ein Zepter über den Holzläusen, die er mit seinem pickelartigen Schnabel verschlingt. „Geh zur Ameise, du Faulpelz!“ war eine Anstiftung zum Mord beim Buntfleckspecht, der junge Ameisen genauso liebt wie wilde Kirschen oder Mais und fähig ist, jede solche Satire auf Essbares ernst zu nehmen. Nicht so elfenhaft und teuflisch wie der kleine schwarze Specht, ist er voller kühnerem Spieltrieb.

Der Rotvogel flog, wie das unbeanspruchte Blut Abels, zu den kleinen Bäumen, die niedrig wuchsen, als wollten sie Abels Altar bedecken; die Bekassine zirpte in den sumpfigen Stellen wie ein Theologiestudent, auf ihren sauberen, langen Beinen, während sie mit ihrem Schnabel und kritischem Blick die Schriften der Felder sondierte; die Wachtel pfiff wie ein alter Junggeselle, der endlich familiäre Sorgen hat, während sie ihr Weibchen dorthin führte, wo die wilden Samen am besten waren; und durch die Luft schossen Stimmen von Vögeln, die verlassen waren oder in Erledigungen für den Doktor eilten und riefen: „Phoebe? Phoebe?“ oder „Tötete er! Tötete er!“

„Sind Sie ein Händler?“, fragte der Gentleman Jimmy Phoebus.

„Nur ein wenig in der Art“, sagte Jimmy vorsichtig, „wenn ich was Billiges kriegen kann.“

Der Fremde hatte ein Paar scharfe, tanzende Augen und ein langes, beredtes, silbergraues Gesicht, das einem großen General hätte passen können, so fein war sein Befehlston, und doch tanzten die Augen zu eng darin, wie Spinnen in einem Brunnen, was den Spiegel dort störte.

„Ha!“, gluckste der Mann, als hätten seine Augen gegluckst, so schlecht passte dieser Laut zu seiner herrschaftlichen Statur und seinem Ausdruck von hohem Geist – „ha! das ist es, was sie alle zu meinem Nachbarn Johnson bringt: ein fairer Quotient!“

„Quotient?“, wiederholte Jimmy.

„Johnson ist ein großer Faktor hier in der Gegend“, fuhr der militärisch aussehende Mann fort, indem er seine schönen Augen auf den Kapitänsgehilfen richtete, als gäbe es ein Geschäftsgeheimnis zwischen ihnen, und gleichzeitig schelmisch und vornehm spähte; „er macht den Quotienten passend. Er lässt das Suttle groß und knausert nie beim Tuch.“

„Er drückt keinen Burschen auf das Tuch runter, das er hat, mein Herr?“, stimmte Jimmy zweifelnd zu.

„Warum sollte er? Seine Gleichung ist einfach: Ich nehme an, Sie wissen, was sie ist.“

„Nicht genau“, antwortete Phoebus und spitzte die Ohren, um es zu erfahren.

„Nun, es ist Gewalt und Klassensolidarität gegen eine tote Quantität: Gesetze, die keine Empfänger haben, Vieh, das keinen Anwalt und keine Zunge hat, Rechte, die verfallen sind, weil ihre Geltendmachung ausgesetzt wurde, bis Nachfrage und Angebot, wie ein Paar Bulldoggen, zerreißen, was übrig bleibt. Bewaffnet mit seinem ca. sa., gleicht mein Nachbar Johnson jedermanns fi. fa. aus, stellt seinen Haftbefehl zuerst zu und macht für Gentlemen wie Sie einen zufriedenstellenden Quotienten. Aber er treibt keine Spielchen mit Isaac und Jacob Cannon!“

„Ich nehme jetzt an, dass Sie Jacob Cannon sind?“, bemerkte der dunkelhäutige Seemann, ohne ein Wort von dem Vorangegangenen verstanden zu haben. „Wenn das der Fall ist, bin ich froh, Ihren Namen zu kennen, und danke Ihnen für diese Mitfahrgelegenheit.“

Mit einem bloßen Nicken, das gerade noch verständlich war, gab Mr. Cannon zu verstehen, dass die Vermutung zutreffend sei; und während er immer noch auf seine kleine, großartige Weise laut vor sich hin meditierte, fuhr er fort:

„Wir lassen Nachbar Johnson und seine etwas eigentümliche Schwiegermutter solche Geschäfte machen, wie es ihm passt, vorausgesetzt, er bemüht sich, uns keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Das ist seine Gleichung; mit seinem Quotienten haben wir kein anderes Anliegen als unser geringes Interesse an seinem Ausschuss, wie wenn Madame Cannon herunterfährt, um einen Schein zu wechseln, und eine Bestellung für Vorräte hinterlässt – Rum, hauptsächlich, glaube ich. Gentlemen wie Sie kommen in dieses Land, um zu handeln, zu pfänden oder was auch immer, und wir sagen Ihnen allen: ‚Tretet uns nicht auf die Füße – das ist alles.‘ Wir werden nicht in Ihre Pakete schauen oder nachts wach liegen, um Alarm zu hören; aber fügen Sie Isaac und Jacob Cannon einen halben Penny Schaden zu, und levari facias, fi. fa.!“

„Und fee-fo-fum“, stieß Jimmy fröhlich hervor; „das habe ich schon einmal gehört.“

Als Phoebus seinen Begleiter erneut mit einiger Neugier betrachtete, sah er, dass er nicht älter als fünfzig Jahre war, von einer hageren, hochgewachsenen Gestalt – mindestens sechs Fuß vier Zoll hoch –, aufrecht und anmutig sitzend wie ein Indianer, seine Kleidung gut geschneidert, sein Gesicht und seine Züge zugleich streng und verfeinert; jedes Merkmal vollendet und alles scharf, ohne hart oder kantig zu sein – und doch mochte Jimmy ihn nicht. Er schien wie für einen Kommodore oder einen General gemacht zu sein – jemand, der für Taten der Ritterlichkeit und große Philanthropie bestimmt war; und doch waren um und zwischen den tanzenden Augen Spinnenlinien gezogen, als hätte das feine, hohe Gehirn von Jacob Cannon Dinge beiseitegeschoben, die ihm ebenbürtig waren, und sich mit nichts befasst, das höher über die Welt hinausragte als der lange weiße Steg seiner Nase. Seine Empfindungen fielen anscheinend nicht tiefer in Richtung seines Herzens als das; sein Gehirn gehörte zum Steg seiner Nase.

„Noch ein Meshach Milburn, beim Kuckuck!“, schloss Jimmy.

Nach einer kleinen Pause erkundigte sich Phoebus nach dem Charakter der Menschen in dieser scheinbar neuen Gegend des Landes.

„Der Quotient aus viel Fehlbepflanzung und Anwaltsgetue sind die Ländereien am Nanticoke“, sprach der graunäsige Apollo; „das Stück Land direkt vor uns, hinter den Kreuzwegen meines Nachbarn Johnson, war siebzig Jahre lang ein altes Indianerreservat, ebenso wie dreitausend Morgen zu unserer Rechten, am Broad Creek. Der Indianer ist ein schlechter Faktor, um seine weißen Nachbarn zu zivilisieren; er kennt nicht den Luxus des Gesetzes, dieses großartige Konstrukt, um die Gleichung zwischen dem Geschäftsmann und der Herde herzustellen. Ha, ha!“

Mr. Cannon gluckste, als ob er zumindest das Gesetz zu schätzen wisse, und wandte den feinen pferdeartigen Nasensteg, ganz grau vom tanzenden Augenlicht, genüsslich Mr. Phoebus zu.

„Die Indianer wurden lange Zeit schikaniert, und als sie am Rande des Unabhängigkeitskrieges weggingen, hinterließen sie eine demoralisierte weiße Rasse; und andere, die auf die verlassenen Ländereien der Nanticokes zogen, waren, wenn möglich, indianischer als die Indianer. Diese Halbinsel hat nie einen großen Indianer hervorgebracht, aber als Ebenezer Johnson sich am Broad Creek niederließ, besaß sie einen größeren Wilden als Tecumseh. Er nahm, was er wollte, und berief sich auf die Natur, wie der Indianer. Er stahl nichts; er nahm es lediglich. Er servierte, mit allem, was praktisch war, von seinen Fäusten bis zu einer Donnerbüchse, sein fi. fa. und sein ca. sa. an die staunende, aber unterwürfige Menschheit. Muss ich sagen, dass dies vor dem perfekten Tag von Isaac und Jacob Cannon war?“

„Sie hätten es ihm ordentlich gegeben, vermute ich“, rief Jimmy zustimmend aus.

Mr. Jacob Cannon lächelte zärtlich, wie das graue Pferd beim Anblick von Hafer, und fuhr fort:

„Das war der Multiplikand, um die zukünftige Rasse zu bilden. Hier tobte auch die Grenzstreitigkeit zwischen den Penns und den Calverts, mit gelegentlichen Überfällen und eingeschlagenen Köpfen, und einem noblen fünfzigjährigen Prozess vor dem Kanzleigericht, bis kein Mensch mehr wusste, wem was gehörte, und unsere wollüstigen Vorgänger verbesserten statt ihrer Ländereien hauptsächlich ihre Gelegenheiten. Man schlug etliche Klafter Holz und fuhr sie zur Landungsstelle, und Ebenezer Johnson schiffte sie ganz kühl zu seinem Paradies an der Mündung des Broad Creek hinüber. Man hatte ein kleines Häufchen Neger, aber die britischen Kriegsschiffe lagen in zwei aufeinanderfolgenden Kriegen in der Flussmündung und winkten sie herbei. Da sie kein Interesse an irgendeinem festen Eigentum hatten, handelten die Waldläufer des Nanticoke lieber mit dem Feind, als für törichte Ideen zu kämpfen; und so war diese Region mehr als halb Tory und ist immer noch halb passiv, die andere Hälfte räuberisch. Weder zur einen noch zur anderen Hälfte eines solchen Quotienten gehört das Haus von Isaac und Jacob Cannon!“

Seine Nasenflügel blähten sich ein wenig vor militärischem Geist, und er hob den Steg seiner Nase auf delikate Weise, während er sich umdrehte, um seinen instinktiven Gefährten zu beobachten.

„Wenn es nicht schadet, werde ich nicht danach fragen“, sprach der gelassene Seemann, „aber seid ihr zwei Cannons irgendeine Verwandtschaft von der alten Patty Cannon?“

Mr. Cannon lächelte.

„In Adam sündigten alle – da mögen wir verwandt gewesen sein“, sagte er. „Die Frage, die Sie stellen, könnte eines Tages klagbar sein, mein Herr. Die Cannons sind ein zahlreiches Volk in unserer Region, von anständigem Vermögen, so wie wir es haben, aber sie zeigten nichts, was die Gleichung der Existenz hier veränderte, bis die Mutter von Isaac und Jacob Cannon aufkam. Sie war eine bemerkenswerte Frau; ohne Hilfe erwirkte sie die Konzession für Cannon’s Ferry und machte durch die Bedeutung, die ihre Fähre erlangte, die Hafensiedlung dieses Namens; und als sie starb, fand man in ihrem Haus neunhundert Dollar in Silber – denn sie wollte nie Papiergeld annehmen –, das Verdiente dieser abgelegenen Fähre, um ihren Söhnen ihren Weg zu ebnen. Sie kannte den eigentümlichen Charakter einiger ihrer Nachbarn – wie leicht meum und tuum auf deren Ängsten oder Gewissen lastete –, aber sie bewahrte außer ihren eigenen guten grauen Augen und ihrem unerschrockenen Herzen keine Wache über jenen sich ansammelnden Haufen kleiner Sixpences, denn es gab nur einen Geist, der so kühn war wie sie in dieser ganzen Weltgegend –“

„Und das, vermute ich“, bemerkte Jimmy Phoebus, „war die alte Patty Cannon selbst.“

Mr. Jacob Cannon neigte leicht den Kopf und sprach laut aus einer inneren Zwiesprache:

„Verzeih mir, Mutter, dass ich den Vergleich anstelle! Dein sparsames Öl, das mit reiner und einsamer Witwenflamme am Fenster von Cannon’s Ferry brannte, begrüßte der Reisende mit Trost im Herzen und segnete das Unternehmen. Aber um die Gleichung zu ergänzen, erhob sich neben dem Licht meiner Mutter eine weitere unbekannte Größe weiblicher Kraft. Ein gewisser junger Cannon, entfernt aus unserem Stamm, musste unbedingt die Welt sehen, und er kehrte mit einer schönen Dämonin als Braut zurück und ließ sich ebenfalls an Cannon’s Ferry nieder. Er erlebte die wundersame Schlange, die er an seinem Busen gewärmt hatte, und starb, wie man sagt, an ihrem Stich. Aber sie lebte weiter, und indem sie sich in die Wälder zu einer kleinen Farm zurückzog, die die Söhne meiner Mutter an sie vermieteten, entzündete sie dort ein Irrlicht, dem schon mancher Reisende gefolgt ist, der nie zurückkehrte, um davon zu berichten. Mit Ebenezer Johnsons Nachkommen und ihren eigenen Sirenenschwestern, die Madame Cannon an den Nanticoke folgten, begann der Kern einer Siedlung, der seit zwanzig Jahren existiert, den nur der venire facias des Allmächtigen erforschen kann.“

„Das ist mein Auftrag, Jacob Cannon“, bemerkte Jimmy Phoebus ruhig. „Ich bin ein armer Mann aus Princess Anne. Wenn Sie mich für einen Negerhändler hielten, haben Sie mir ein ebenso armes Kompliment gemacht, wie als ich fragte, ob Sie mit Patty Cannon verwandt seien. Aber ich habe nur ein Mädchen zu lieben und nur ein Leben zu verlieren, und wenn Gott mich dorthin bringt, dann gehe ich zu Johnsons Kreuzweg.“

Mr. Jacob Cannon drehte sich um und untersuchte seinen Gefährten mit einiger funkelnder Sorgfalt, zeigte aber keine persönliche Betroffenheit.

„Jeder Mann muss seine eigene Sicherheit sein, mein dunkelhäutiger Freund, bis er einen Bürgen finden kann. Diesen Platz nehme ich nie ein – weder den des Schuldners noch den der Sicherheit. Die Firma Isaac und Jacob Cannon duldet keinen Hausfriedensbruch und kümmert sich ansonsten um nichts weiter. Aber wir sind am Nanticoke.“

„Ich bin Ihnen dankbar für die Mitfahrgelegenheit, Mr. Jacob Cannon“, sagte Jimmy, als er heraussprang, „und hoffe, dass Sie es nie unpassend finden, ein solches Rudel Wölfe Ihre Nachbarschaft benutzen zu lassen, um die menschliche Natur zu verletzen.“

KAPITEL XXIII.

TWIFORD’S ISLAND.

Ein paar Holzstapel und ein alter Kai befanden sich am Flussufer, und ein kleiner Kahn, halb mit Wasser gefüllt und nur mit einem zerbrochenen Stück Paddel darin, war das einzige Boot, das der Pungy-Kapitän finden konnte. Der Buggy des Kaufmanns war bald aus dem Blickfeld verschwunden, und der breite, graue Nanticoke, mehrere hundert Yards breit und verbreitert durch einen breiten Fluss, der direkt gegenüber durch niedrige Klippen und Ebenen in ihn floss, empfing die starken Schatten der herannahenden Nacht, und die Flut lief heftig und tief in ihn hinein.

Lange Linien melancholischer Wälder schlossen diese beiden Flüsse ein; ein Fischadler stieß plötzlich auf die Wasseroberfläche, wie ein Ertrinkender, und erhob sich, als wäre er einem Dämon in der Flut entkommen; die Stille, die auf seinen Sturz folgte, war tiefer als je zuvor, bis ein Ziegenmelker, der lautlos seine Zickzackjagd betrieb, wie aus ewiger Finsternis heraus seinen feierlichen Befehl rief: „Peitsch den armen Will.“ Diese Noten, wiederholt – als ob ein Sklave seinem Bruder befiehlt, ausgepeitscht zu werden, oder eine mitleidige Seele in der Verdammnis der Taktgeber für das Elend eines anderen wäre –, schwebten im Abendlicht, als würden Charons Ruder auf dem Styx widerhallen und gebrochene Herzen hinüberfahren.

Allein, unbeeindruckt, aber nicht ganz wohlbehütet, machte sich Jimmy Phoebus daran, den alten Kahn auszuschöpfen, und wünschte, er hätte einen von Jack Wonnells Hüten für diese Aufgabe angenommen, und als er damit fertig war, manövrierten die Sterne und Wolken umeinander am Himmel, wobei die Wolken die aggressiveren waren, und schließlich durchlöcherten einige Regentropfen die langen, nackten Muskeln der einströmenden Flut und bildeten ein Geflecht aus kleinen Vertiefungen, wie ein Netz aus Perlen auf den treibenden Locken von Frauen. Als die Nacht voranschritt, stieg ein dampfendes Etwas den breiten, schwarzen Gang dieses Waldflusses hinauf, und langsam rumpelte das Norfolk-Dampfschiff vorbei, mit Passagieren für die Philadelphia-Postkutsche. Dann zog die Stille ein Tuch aus Nebel um sich selbst und ging in eine kalte Erstarrung der Ruhe über, die nur von den Wellen beeinträchtigt wurde, die mit intermittierendem Durst die Ufer leckten.

Der Bootsmann, der es ein wenig bereute, nicht in Vienna Stellung bezogen zu haben, wo man menschliche Hilfe hätte bekommen können, und in dem Gedanken, dass die giftigen Lüfte ihn vielleicht auch mit Meshach Milburns Leiden befallen könnten, bekämpfte den Schlaf bis Mitternacht, indem er Augen und Ohren immer wieder nach Anzeichen eines Segels anstrengte; aber nichts näherte sich, und er hatte unmerklich die Lider geschlossen und wäre vielleicht bald in tiefen Schlaf gefallen, wenn er nicht plötzlich, zwischen seinen Träumen und dieser Welt, etwas wie ein kleines Baby in der Nacht wimmern gehört hätte.

Er setzte sich in dem feuchten Kahn auf, in dem er gelegen hatte, und lauschte mit all seinen Sinnen weit offen, und wieder wurde der Schrei auf den Flusswinden herangeweht, und bevor er erstarb, war das Paddel des Seemanns im Wasser, und sein zerbrechliches, unbeholfenes Gefäß schoss über die Flut.

Er sah in der schwarzen Nacht, was niemand außer den Augen eines Seemanns gesehen hätte, ein Ding, das nicht sichtbar, aber geahnt war, auf dem Busen des Flusses daherkommend; und seine Ohren sahen es umso deutlicher, als dieses kleine Wimmern anhielt – mal stoppte, mal erstickte, mal anschwoll, mal fast durchdrang; und dann gab es ein Knurren, kurz und laut, und ein Rasseln wie von Schritten auf Holz, und einen Schlag oder Aufprall, oder eine schwere Erschütterung, und dann erhob sich ein weißes Ding gegen die universelle Tinte und stürzte auf den kleinen Kahn zu, wobei es Wasser aufsaugte, während es kam – das Cat-Boot unter vollen Segeln.

Phoebus war zum gegenüberliegenden Ufer des Flusses gepaddelt, um zu verhindern, dass das Ziel seiner Suche den Northwest Fork hinauf entkam, um aber dennoch auf dessen Weg zu sein, falls es den Hauptarm hinaufkreuzte, und durch eine instinktive Berechnung war er fast unter den Bug des Cat-Boots geraten.

„Ahoi da!“, rief Jimmy, während er in seinem kippeligen kleinen Kahn aufstand; „Ahoi, die Ellenory Dennis! Ich komme an Bord.“

Und damit, das Paddel noch in der Hand, und seine Knie und Füße fast fühlend in ihrer Vorsehung der Handgriffe, warf sich der Seemann auf die niedrige Dollbordkante und ließ sie durch seine Handflächen gleiten, bis er den Mann am Steuer sehen konnte.

Es gab kein Licht, das man so nennen könnte, aber der Steuermann wurde dennoch von den erfahrenen Augen des Seemanns wahrgenommen, und er packte die Dollbordkante fester und schrie heiser, während er sich anschickte, sich an Bord zu schwingen:

„Du Levin Dennis, ich sehe dich, beim Kuckuck! Du weißt, Jimmy Phoebus ist dein Freund, komm raus aus diesem Pandämonium und hör auf, das Herz deiner Mutter zu brechen! Oh, ich sehe dich, mein Sohn!“

Wenn er Levin Dennis sah, so sah Levin nicht Jimmy Phoebus und hörte ihn anscheinend auch nicht, sondern stand regungslos am Steuer wie ein gefrorener Mann, der starr in die Nacht blickte. Das Tauwerk flatterte ein wenig, das Ruder knarrte in seinen Angeln, aber jedes menschliche Geräusch war nun still wie das Grab, und der Junge am Steuer schien versteinert und taub und blind.

Das Temperament des Pungy-Kapitäns stieg, da sein Aberglaube nicht mit dem der meisten Menschen gleichzog, und er rief wieder:

„Du bist eine Schande für die Frau, die dich geboren hat. Die Hölle wartet auf deinen armen, zarten Körper und deine Seele. Heißa und lass den Gaffel fallen und nimm mich an Bord, Levin!“

Immer noch stumm und passiv wie ein Stein, schien die jugendliche Gestalt am Steuer nicht zu atmen, und das Cat-Boot durchschnitt das Wasser wie ein Fischadler.

Ein Blitz aus hellem Feuer erleuchtete die Seite des Schiffes, ein lauter Pistolenschuss hallte wider, und die Hände des Seemanns lösten sich von der Dollbordkante und griffen in die Luft, und er fühlte, wie die schwarze Nacht auf ihn fiel, als hätte er ihre Ebenholzsäulen über seinem Kopf eingestürzt.

Er wusste stundenlang nichts mehr, bis er sich in kaltem Wasser liegend fühlte und den grauen Morgen durch die Baumzweige über seinem Kopf kommen sah. Er hatte ein durstiges Gefühl und irgendwo Schmerzen und bewegte sich einige Minuten lang nicht, sondern lag da auf seiner Schulter, hielt sich an etwas fest und rätselte, was es sein könnte und wo er sich in dieser kühlen Herbstdämmerung sein Bett bereiten mochte.

Seine Hand umklammerte das Heckbrett des alten Kahns und war so steif, dass er sie einige Zeit nicht öffnen konnte. Der Kahn war auf einem sumpfigen Ufer aufgelaufen, auf dem einige große Bäume wuchsen, die den Rand eines Waldes bildeten, der sich weiter hinten vertiefte.

„Beim Kuckuck!“, murmelte Jimmy, „wenn das kein Hokuspokus ist. Aber ich glaube, ich bin jedenfalls nicht tot.“

Damit hob er die andere Hand, die unter seinem Kopf ausgestreckt gewesen war und ebenfalls vor Krampf und Kälte taub war, und sie war voller Blut.

„Nun“, sagte Jimmy, „der Kerl hat mich getroffen; aber wenn er mir seine Pistole leiht, werde ich eine geradere Kugel abfeuern als seine. Ich frage mich, wo sie ist.“

Als der Kapitän um seinen Kopf herumtastete, stieß er auf eine rohe Stelle, deren Berührung ihm akute Schmerzen bereitete und das Blut frisch fließen ließ, als er seine Hand zurückzog, und er konnte gerade noch die Worte „Wasser, oder ich werde –“ sagen, als er das Bewusstsein verlor.

Die Sonne war aufgegangen und schien fröhlich in die Baumwipfel, als Phoebus, der ihr Namensträger war, wieder zu Sinnen kam, und er wusch sich das Gesicht, während er noch dalag, und riss ein Stück von seiner Kleidung für einen Verband ab, und durch den Spiegel einer stillen, grünen Wasserlache untersuchte er seine Wunde, die sich im fleischigen Teil seiner Wange befand – eine kleine Furche oder Rinne, jetzt mit fast getrocknetem Blut verstopft, wo die Kugel eine Linie gepflügt hatte. Sie hatte wahrscheinlich einen Knochen getroffen, ihn aber nicht gebrochen, und das hatte ihn betäubt.

„Ich war vorher so hässlich, dass Ellenory mich nicht mehr als halb ansehen wollte“, sann Jimmy, „und jetzt, vermute ich, wird sie diese Wange niemals küssen.“

Er verband dann seine Wange grob, setzte sich auf und verschaffte sich einen Überblick über die Szenerie.

Der Fluss war hier eine volle Viertelmeile breit, am gegenüberliegenden Ufer steil und stellenweise kühn, aber auf der Seite, wo Phoebus mit der Flut abgetrieben war und seinen alten Kahn mit tödlichem Griff umklammerte, erstreckte sich eine Spitze aus ebenem Wald und Sumpf oder „Kripple“, als ob durch die Wirkung von Rückwasser, und dieses tiefe Land schien eine beträchtliche Fläche zu haben und war nirgendwo bestellt oder eingezäunt, noch gab es Anzeichen dafür, dass es besucht wurde.

Aber das gegenüberliegende oder nördliche Ufer war ganz anders; dort hatte der Fluss eine weite Biegung oder Aushöhlung, um zwei beträchtliche Bäche aufzunehmen, und änderte seinen Kurs fast abrupt von Westen nach Südwesten, was einen großartigen Blick auf seinen weiten Busen für eine Strecke von mehr als zwei Meilen in Maryland bot; und die Aussicht wurde in dieser Richtung durch ein weißlich aussehendes Etwas, wie Kalk- oder Muschelhaufen, abgeschlossen, das sich vor dem Hintergrund von blassblauen Wäldern und Klippen abzeichnete.

Direkt gegenüber der Stelle, wo Phoebus gestrandet war, reichte eine gerodete Farm bis zum Nanticoke und bot eine Front von nur einem einzigen Feld auf dem Kamm einer beträchtlichen Sandklippe – Erhebungen wirken hier vergrößert, wo die Natur so flach ist; und an einem Ende dieses Feldes, das mit Mais bepflanzt war, der nun trocken an den nackten Stängeln klebte, stieg eine alte Gasse zu einem muschelgepflasterten Kai von stumpfer, quadratischer Form ab; und fast am anderen, oder westlichen, Ende der Rodung stand ein ansehnliches Farmhaus beträchtlichen Alters, mit einem Walmdach und drei seltsamen Dachfenstern, die die steilere Hälfte darunter hinunterrutschten, und zwei Schornsteinen, die nicht außerhalb des Hauses gebaut waren, wie es die allgemeine Mode war, sondern auf natürliche Weise aus den alten englischen Backsteingiebeln aufstiegen. Alles zwischen den Giebeln war aus Holz gebaut; eine einstöckige Veranda nahm fast die Hälfte der Mitte jener Seite des Hauses ein, die dem Fluss zugewandt war; und rechts, gegen das Haus und dahinter, waren Küche, Räucherkammer, Maisspeicher und andere niedrige Gebäude in malerischem Durcheinander; während links ein altes, niedriges Gebäude am Wasser kauerte, das wie eine Branntweinbrennerei oder ein kleines Lagerhaus aussah. Die Straße vom Kai und der Gasse führte entlang eines Strandes und teilweise durch das Flusswasser, um zwischen diesem Schuppen und dem Wohnhaus durch ein Tor einzutreten; und vom Garten oder Rasen auf der Klippe vor letzterem erhoben sich zwei hohe und elegante Bäume, eine Honig-Gleditschie und ein stämmiger Maulbeerbaum.

„Nun, ich bin noch nie an diesem Ort gewesen“, murmelte Jimmy Phoebus, „aber, beim Kuckuck! Jenes Haus da drüben sieht für mich aus wie Betty Twifords Kai, und ich kann beim besten Willen nicht anders, als zu denken, dass jene weißen Flecken auf dieser Seite des Flusses Sharptown sind. Wenn das der Fall ist, in welchem Bundesstaat befinde ich mich dann?“

Er erhob sich, schöpfte den Kahn leer, der fast voll mit Wasser stand, und begann, am Ufer entlangzupaddeln. Als er etwas Weißes sah, landete er, schob das Gebüsch beiseite und fand, dass es ein Stein aus bläulichem Marmor war, der auf der einen Seite den Buchstaben M und auf der anderen den Buchstaben P trug, und zudem war eine königliche Krone darauf eingemeißelt.

„Da ist einer von Lord Baltimores Grenzsteinen“, rief Phoebus aus. „Nun seht euch die Niedertracht dieser Entführer an! Jenes Haus dort, das weiß ich, ist Twifords, weil es fast auf der Staatsgrenze liegt, aber ich muss beschämt sagen, es liegt ein kleines Stück in Maryland. Und jener Weg, der zum Kai hinunterführt, ist mein Weg zu Joe Johnsons Pangymonum an seiner Kreuzung.“

Ein Geräusch, als ob jemand sänge, schien aus den nahegelegenen Wäldern zu kommen, und Phoebus, der lauschte, schloss daraus, dass es weiter flussabwärts war. Also paddelte er leise vorwärts, bis eine kleine Bucht oder ein Tümpel in den Sumpf hineinführte, dessen Ufer nirgendwo eine trockene Landestelle bot; dennoch gab es frische Fußspuren, die tief in den Morast getreten waren und den Hang hinauf in die Wälder führten, und aus dieser Richtung schien der geheimnisvolle Gesang zu kommen.

„Mein Kopf ist blutig und ich bin so nass wie eine Bisamratte, also schätze ich, dass ich keine Angst davor habe, ein wenig schlammig zu werden“, und mit diesen Worten stieg der Seefahrer fast bis zur Mitte im Sumpf aus dem Kahn und zog sich mit purer Kraft den Hang hinauf.

„Ich glaube bei meiner Seele, das hier ist eine Insel“, bemerkte Jimmy; „eine Insel, umgeben von Schlamm, die schlimmer zu erreichen ist als eine Wasserinsel.“

Die hohen Bäume nahmen an Größe zu, als er weiterging und einen prächtigen Kiefernhain betrat, durch dessen Rauschen, wie eine Orgel, die von einer menschlichen Stimme begleitet wird, der Gesang immer näher zu hören war. Und der Spur früherer Füße folgend, die fast einen Pfad gebildet hatten, kam Phoebus an eine Stelle, an der eine Axt die kleineren Büsche um eine große Loblolly-Kiefer herum flachgelegt hatte, deren Äste sich wie ein Dach nur wenige Fuß über dem Boden ausbreiteten. Dort saß, mit einer Kette am Stamm befestigt, die es ihr erlaubte, um den Baum herumzugehen und einen fast kahlen Platz im Kiefernnadelteppich oder „Shats“ zu treten, eine schwarze Frau und sang in einem langen, ermüdeten, kehligen Wehklagen. Jimmy lauschte ein paar Zeilen:

„Vertief die Wund', die deine Hand geschlagen, In dieser schwachen, hilflosen Seele, Bis Gnade mit ihrer mächtigen Hilfe Herabsteigt, um mich ganz zu machen; Ja, Herr! Herabsteigt, um mich ganz zu machen.“

Ein kleines Negerkind, vielleicht drei Jahre alt, lag schlafend auf dem Boden zu Füßen der Frau, eingewickelt in eine alte, zerfetzte graue Decke, die vielleicht aus einem Stall ausrangiert worden war. In der Nähe des Kindes befand sich eine Holzkiste, in der ein grober Laib Maisbrot und einige Streifen Speck lagen, und ein aus einem Baumstamm ausgehöhlter Wassertrog enthielt Wasser. Das Gesicht der Frau war zerkratzt und geprellt, und als sie bei ihrem Gesang zu einigen zischenden Lauten kam, wurden ihre Zähne sichtbar, wobei einige vorne frisch fehlten, ihre Lippen waren geschwollen und das Zahnfleisch wund und blutig.

Sie blickte auf, als Phoebus in Sicht kam, betrachtete ihn eine Minute lang mit blanker Neugier, als wüsste sie nicht, was für ein Tier er sei, und fuhr dann ermüdet mit ihrem Lied fort, als ob sie es schon tagelang sänge und ihr Verstand darin aufgegangen und ihrer Kontrolle entglitten wäre. Wenn sie von Zeit zu Zeit ihre Füße bewegte, rasselte die Kette an ihren Knöcheln.

„Nun“, sagte Jimmy, „wenn das hier nicht Pangymonum ist, dann werde ich es wohl bei Johnsons Kreuzung finden! Steh auf, Mädel, und lass mich sehen, was dir fehlt.“

Die Frau erhob sich mechanisch, während sie immer noch in dem schrillen, brüchigen, müden Singsang sang, und als sie aufstand, wachte das Baby auf und begann zu weinen. Sie bückte sich, nahm es hoch und sang, während sie es tätschelte, weiter, als wollte sie singend einschlafen, konnte es aber nicht.

Die Kette, stark und rostig, war erst vor kurzem von einem Schmied an ihre Füße geschweißt worden; die frische Niete bezeugte das, und es gab auch Holzkohlestücke im Kiefernnadelstreu, als wäre dort Feuer für Schmiedearbeiten gemacht worden. Jimmy Phoebus fasste die Kette an und untersuchte sie Glied für Glied, bis sie von einem kräftigen Krampen herabhing, der tief ins Herz der Kiefer getrieben war; obwohl sie rostig war, war sie in jedem Teil perfekt, und der Zustand des Krampens zeigte, dass er dauerhaft in seiner Position belassen wurde, als ob er verschiedene und aufeinanderfolgende Personen sichern sollte, während der Krampen selbst außerhalb der Reichweite der Hände eingeschlagen worden war, so als hätte jemand auf einer Plattform oder auf den Schultern eines anderen gestanden.

Phoebus nahm die Kette in seine kurzen, kraftvollen Arme, und nach einem kurzen Anlauf von der Wurzel des Baumes warf er die ganze Kraft seines kompakten, schweren Körpers in einen Ruck und ließ sein Gewicht darauf fallen, aber er bewirkte nicht den geringsten Eindruck.

„Es gibt nur zwei Leute, die diese Kette lösen können“, rief Jimmy aus, während er schwer schnaufte und seine Handflächen knetete, nachdem er sich zweimal so verausgabt hatte, „einer davon ist ein Schmied und der andere ein Holzfäller. Mädel, wie bist du hierhergekommen?“

Die Frau, eine junge und einst ansehnliche Person von etwa achtundzwanzig Jahren, sang einen Augenblick weiter, als ob sie die Frage nicht verstünde, bis Phoebus sie mit einem freundlicheren Ton wiederholte:

„Armes, misshandeltes Geschöpf, sag es mir als deinem Freund! Ich gehöre nicht zu diesen Entführern. Nimm deinen armen, verwirrten Verstand zusammen und sag einem Freund aller Frauen und kleinen Kinder, wie er dir helfen kann, denn Zeit ist einen Dollar pro Sekunde wert, und blutige Geier sind in der Nähe. Sprich, Mary!“

Der allgemeine Name schien dieser Frau recht zu sein; sie hörte mit ihrem Gesang auf und brach in Tränen aus.

„Mein Ehemann hat mich hierhergebracht“, sagte sie zwischen ihren langen Schluchzern. „Er hat mich verkauft. Ich gab ihm alles, was ich hatte, und liebte ihn auch, und er hat mich verkauft – mich und mein Baby.“

„Ich nehme an, du gehörst nicht von hier unten, Mary? Du redest nicht so.“

„Nein, Herr; ich gehöre nach Philadelphia. Ich war eine freie Frau und eine Witwe; mein Mann hinterließ mir ein wenig Geld und ein kleines Haus und dieses Kind; ein anderer Mann kam und machte mir den Hof, ein gutaussehender Mulatte, fast so weiß wie du. Er erzählte mir, er habe eine Farm in Delaware und wolle, dass ich seine Frau werde; er versprach mir so viel und war so besorgt darum, dass ich auf ihn hörte. Oh, er war ein wunderschöner Redner, und ich war einsam und wollte Liebe. Ich ließ ihn mein Haus verkaufen und gab ihm das Geld, und machte mich vor einer Woche auf den Weg zu meinem neuen Zuhause. Oh, er hat mich so betrogen; er sagte, er liebe mich innig.“

Sie begann wieder zu weinen, und ihr Verstand schien abzuschweifen, denn der nächste Satz war zusammenhanglos. Jimmy nahm das Baby in seine Arme und küsste es ohne jede Bedenken, und die großen, schwarzen Augen des Kindes blickten ihn an, als wäre er sein eigener Vater, während er es zärtlich wiegte.

„Die Füchse sind gekommen und haben mich zwei Nächte lang angebellt“, sagte die Frau; „sie wollten den Speck, vermute ich. Die Wasserschlangen sind am Tag hier herumgekrochen, und die Geier flogen direkt vor mir herunter und schauten auf, als dächten sie, ich müsste tot sein. Aber ich hatte keine Angst: jener Mann, dem ich meine Liebe schenkte, war so viel schlimmer als sie, dass ich einfach sang und sie mich ansehen ließ.“

„Du sagst, er hat dich verkauft, Mary?“

Die Frau rieb sich die müden Augen und erinnerte sich langsam daran, wo sie aufgehört hatte.

„Wir brachten unsere Sachen auf einem Schiff nach Delaware und fuhren einen Bach hinauf zu einer kleinen Stadt in den Sümpfen, und dort machten wir uns auf den Weg zur Farm meines Mannes. Er sagte, wir seien in der Nacht dort angekommen. Ich konnte es nicht sagen, aber ich sah ein Haus im Wald und war so müde, dass ich mit meinem Baby dort einschlief, und in der Nacht fand ich Männer im Zimmer, und einer von ihnen, ein weißer Mann, fesselte meine Füße.“

Eine Krähe krächzte mit einem ehrfürchtigen Laut in den Kiefernwipfeln, und Eichhörnchen liefen zahm überall umher, als sie zögerte.

„Ich dachte damals an die Entführer von Delaware, denn ich hatte von ihnen gehört, und ich sprang aus dem Bett und kämpfte um mein Leben. Sie schlugen mich nieder und das Seil um meine Füße brachte mich zu Fall; aber ich kämpfte mit meinen Zähnen, nachdem meine Hände ebenfalls gefesselt waren, und ich biss jenem weißen Mann in die Knie, und dann nahm er eine Feuerschaufel oder etwas aus Eisen und schlug mir die Zähne aus. Meine letzte Hoffnung war fast dahin, als ich meinen Mann hereinkommen sah, und ich schrie zu ihm: ‚Rette mich! Rette mich, Liebling!‘ Er hatte ein Seil in der Hand, und bevor ich es begreifen konnte, hatte er es mir über den Hals gelegt und mich gewürgt.“

„Dein eigener Ehemann? Ich kann es beim besten Willen nicht glauben!“

„Ich glaubte es auch nicht, bis ich ihn sagen hörte, als sie den Knoten lösten, der mich erdrosselt hatte – die Stimme war seine, der ich so sehr vertraut hatte; ich konnte sie niemals vergessen! – ‚Eben‘, sagte er, ‚ich habe jedes Muttermal und jeden Fleck an ihrem Körper notiert und kann darauf schwören, denn ich habe sie auswendig gelernt, und du wirst keine Mühe haben, sie zu verkaufen, da sie nicht aussagen kann.‘“

„Das Geschöpf aus Pangymonum!“, rief Jimmy. „Er hatte dich geheiratet, um deine Merkmale zu notieren und bei ihnen zu schwören, dass du eine Sklavin bist!“

„Der weiße Mann versuchte, mich an einen Farmer zu verkaufen, und dann erzählte ich, was ich sie hatte sagen hören. Er glaubte mir und sagte ihnen, der Bürgermeister von Philadelphia habe bereits eine Belohnung auf sie ausgesetzt, wegen der Entführung freier Menschen. Dann berieten sie sich – sie waren ein wenig verängstigt – und fesselten mich wieder und brachten mich auf einem Karren durch den Wald zum Fluss und schafften mich hierher und ketteten mich an und sagten mir, wenn ich jemals einem anderen Mann gegenüber sagen würde, dass ich frei sei, würden sie mein Baby verkaufen und mich im Fluss ertränken.“

Sie endete mit einem eisigen Zittern und einem leisen Wimmern wie ein Säugling, aber der Seemann reichte ihr das Baby, um sie zu beschäftigen, und sagte:

„Der Herr zählt immer noch seine Sperlinge, sonst wäre ich nicht auf diesem Auftrag gewesen, beim Kuckuck! Hierher zu treiben, hilflos an jenen alten Kahn geklammert, muss gewesen sein, um dich zu retten, Mary. Dies ist eine Insel, auf der sie Eigentum anketten, schätze ich, das zu eng verfolgt wird. Die Zeit ist sehr kostbar, Mary, aber ich habe hier ein Seemannsmesser, und ich werde bleiben, um den Krampen aus dieser alten Kiefer zu schneiden, selbst wenn sie kommen und mich töten. Du nimmst und wäschst mein Gesicht aus diesem Wassertrog, während ich ein Stück von dem Speck abbeiße.“

Er nahm das Kind wieder und amüsierte es, während die Frau sorgfältig seine Wunde reinigte und neu verband, sodass er atmen, sehen und essen konnte, obwohl die Baumwollschichten einen Großteil seines Gesichts wie eine Maske umhüllten. Er untersuchte dann die Kette erneut, besonders dort, wo sie an den Füßen vernietet war, und hob eine große Eisenkugel, die mehrere Pfund wog und ebenfalls an ihrem Knöchel befestigt war, sodass sie nicht auf den Baum klettern konnte. Ihr Knöchel war wund von der rotglühenden Niete, die so barbarisch nah am Fleisch geschmiedet worden war.

„Verlass mich nicht, oh! Verlass mich nicht hier, um zu sterben“, flehte die Frau, als er in den Wald aufbrach.

„Ich bleibe bei dir und wir sterben zusammen, wenn wir müssen; aber es ist nicht mein Plan, überhaupt zu sterben, Mary. Ich werde diesen Kahn ans Ufer bringen, während ich eine Hickory-Stange schneide, wenn ich eine finden kann, um diese Kette hier zu brechen.“

Phoebus tauchte wieder bis fast zur Taille in den Schlamm ein, zog den Kahn in den Wald und hatte sich gerade erst versteckt, als er aus dem Bach unterhalb von Twifords Haus ein Catboot wie die Ellenora Dennis kommen sah, das auf die Insel in der Bucht zusteuerte.

„Die Flut ist gegen sie, und sie müssen kreuzen, um hierherzukommen“, murmelte Jimmy; „aber ich fürchte, dieses Messer wird in zehn Minuten das Herz irgendeines Sohnes von Pangymonum durchbohren müssen, oder Ellenory Dennis wird nie wieder von ihrem hässlichen Verehrer belästigt werden.“

Er wurde von einer gewissen Raserei der Stärke und Einsicht angesichts der Gefahr, in der er schwebte, gepackt, und als er den Kahn trotz seines Gewichts weiter und über die bewaldete Insel trug, bemerkte er auch einen einzelnen kleinen Hickorybaum am anderen Rand, warf sich dagegen, bog ihn herunter und stieß sein Messer in die sich spannenden Fasern, sodass es in seiner Hand knackte und splitterte. Er sprang zu dem Baum und erklomm ihn, wie er oft einen Mast bestiegen hatte, und schob den Schössling unter den Krampen, wobei er die Spitze mit dem Messer zurechtschnitt, während er den Baum mit den Knien umklammerte. Dann, als er den jungen Hickory wie einen Hebel ergriff, ließ er sich den Kiefernstamm hinabgleiten, brachte seine Schulter unter den Schössling und stemmte verzweifelt das Gewicht seines Körpers dagegen. Der Krampen bog sich im Baum nach oben, löste sich aber nicht.

In diesem Augenblick hörte man das Schrammen eines Bootes auf dem Schlamm, und die schwarze Frau fiel auf ihre Knie.

„Bete, aber leise“, flüsterte Jimmy; „und kein Laut vom Kind, sonst gibt es einen Mord!“

Er hatte den Hickorystamm während seines Sprechens schnell von seinen Zweigen befreit, sodass er von oben durch das Geäst des Baumes dringen konnte, und höher kletternd, wie eine Katze, arbeitete er die Spitze des Hebels nach unten in den nun verbogenen Krampen und warf sich aus dem Baum gegen den Schössling, der sich wie ein Bogen fast doppelt bog, aber nicht zerbrach. Und als der Krampen nachgab und herausflog, fielen die Kette und der Befreier zusammen auf das weiche Kiefernnadelbett.

„Horch!“, rief eine Stimme aus dem Wald.

„Was war das?“, fragte eine andere Stimme.

„Komm!“, murmelte Phoebus, raffte die Frau, das Kind sowie die Kette und die Kugel zusammen und schritt, lang und lautlos wie die Sprünge eines Kaninchens, durch die von Ehrfurcht erfüllten Kiefern, wobei er die ganze Last auf seinen Schultern trug.

Er setzte sie in den Kahn, der bis an den Rand einsank, und stieß, verdeckt durch eine vorspringende Waldspitze, in den tiefen Fluss ab, wobei er das zerbrechliche Gefäß jedoch an die Seiten des Stroms lenkte, abseits des Einflusses der ablaufenden Flut. Als der Kahn die erste Biegung oder den Ellenbogen im Fluss erreichte, begann er zu sinken.

„Wenn du einen Ton von dir gibst, bist du für dein Leben eine Sklavin“, flüsterte der Schiffer, als er über Bord glitt und zu schwimmen begann, die Hand am Heck. Während er dies tat und jeden Muskel seines Gesichts anspannte, um über Wasser zu bleiben, begann die Wunde an seiner Wange wieder zu bluten, und er fühlte, wie seine Kräfte schwanden. Er begann zu sinken, tiefer und tiefer, bis das Wasser seine Nasenlöcher erreichte, und die Frau hörte ihn seufzen, als er unterging:

„Ich würde es tun – und sterben – wieder – für – Ellenory. Gott segne sie!“

Der Kahn, nun voll mit Wasser, drehte sich um und warf Mutter und Kind in den Strom, und das Kind war unter der Oberfläche verschwunden, bevor die Frau sich an einem versunkenen Ast eines eingebetteten Baumes festhalten konnte; und während sie dort keuchte, trieb der Körper des Pungy-Kapitäns an ihr vorbei und sie packte ihn bei den Haaren, und er umklammerte sie mit dem Ertrinkungsinstinkt, und zusammen gingen sie unter, wie Mann und Frau, in der Verachtung der Natur für Unterschiede zwischen lebenden Würmern.

Sie sanken bis auf den Grund, aber nicht um zu ertrinken; denn der alte Baum, der in früheren Jahren dort, wo er gewachsen war, umgestürzt war, wurde auf seinen Ästen gehalten und bildete einen unsichtbaren, aber sicheren Pfad zum Ufer. Die lange Kette und die Eisenkugel, die an den Fuß der farbigen Frau gefesselt waren, beraubten sie jedoch für einige Augenblicke jeder Kraft, um entlang des rutschigen, untergetauchten Stammes zu treten, und mit einer Seele voller Qual für ihr Kind, das sie nicht mehr sah, war sie gerade dabei, den Körper ihres Befreiers loszulassen und sich ebenfalls in den Fluss zu stürzen, um mit ihnen zu sterben, als der alte Kahn, der sich vom Wasser geleert hatte, wieder an der Oberfläche erschien und der Frau einen Auftrieb gebenden Stoß versetzte, der ihren Gedankenverlauf änderte.

„Armer, tapferer Mann“, keuchte die Frau. „Er hat vielleicht eine Frau. Er sagte ‚Gott segne sie‘, und er gab sein Leben für ein armes Geschöpf wie mich. Gott hat mein Baby genommen. Ich kann jetzt nichts mehr für es tun, aber vielleicht kann ich das Leben dieses Mannes retten, bevor ich sterbe.“

Gleichgültig gegenüber ihrem persönlichen Schicksal, schöpfte sie Intelligenz aus ihrem Geist der Aufopferung, was das Einzige ist, das besser ist als Gelehrsamkeit. Sie drückte den Kahn mit ihrer verbliebenen Hand unter Phoebus, bis er sie von einem Teil des Gewichts seines Körpers entlastete, und stieg auf, wobei sie die bronzefarbene Gestalt des Seefahrers halb trug und ihr großzügiges Ziel mit dem ehrlichen und glücklichen Lächeln belebte, das er selbst in der Vorhalle des ewigen Palastes auf seinem Gesicht trug. Dann, nachdem sie die langen Maschen der Eisenkette bis zu ihrem Ende an ihren Füßen zusammengerafft hatte, warf sie den längeren Teil davon in den Kahn, sodass sie sich nicht mehr in den querliegenden Ästen und Knoten unter Wasser verfing, und sie konnte auch die Eisenkugel ausreichend anheben, um ihre Füße entlang des Baumes gleiten zu lassen.

Mit Schmerz und Schwierigkeit, gemildert durch Selbstvergessenheit, schob sie den Kahn und den Körper zum Fuß des Baumes, und während sie um seine alten Wurzeln nach weiterer Stütze tastete, stiegen die rotäugigen Sumpfschildkröten auf und schwammen um sie herum, in ihrem Besitz gestört; aber sie fürchtete keine Reptilien mehr, seit der Tod, das mächtige Krokodil, das Baby gefressen hatte, das sie noch heute Morgen gestillt hatte.

Sie hatte genug klaren Verstand, um an alle Vorsichtsmaßnahmen zu denken, die ihr Befreier getroffen hatte, und als sie seinen Körper am Ufer in den dichten, buschigen Wald geschleppt hatte, zog sie auch den kleinen Kahn heraus und häufte etwas totes Reisig darauf, und hatte sich gerade erst versteckt, als sie Stimmen vom Fluss her hörte und das Geräusch eines Segels, das auf seinem Baum schwang, und von Schritten auf einem Deck. Die Stimmen sagten:

„Wenn sie nach Delaware entkommen ist, wird Joe Johnson nicht lange bei seinem Besuch bleiben können; denn alle Ordnungshüter werden sich für ihn zusammentun und von John M. Clayton aus losgeschickt werden.“

„Es tut mir leid für Joe“, antwortete eine andere Stimme; „er hoffte, bei diesem Trip noch einen großen Fang zu machen und die Corners für immer zu verlassen.“

„Lass uns an altem Ebenezer Johnsons Unterschlupf an der Broad Creek Mündung vorbeisegeln und beide Gabelungen des Flusses auskundschaften“, sagte die andere Stimme, die sich entfernte; „es ist nur eineinhalb Meilen. Wenn wir nichts entdecken, fahren wir den Fluss hinunter und fragen an den Anlegestellen bis nach Vienny nach.“

Die farbige Frau arbeitete nun mit all ihrer Kraft, um den bewusstlosen Seemann wiederzubeleben, rollte ihn, rieb seinen Körper, bis ihre Ellbogen fast abzufallen schienen, und rieb dann seine große, breite Brust mit ihrem Kopf, ihrem Gesicht und ihrem Hals. Sie hauchte in seinen Mund den Atem, den der Himmel Hagar ebenso reichlich gewährte wie Sarah, und während sie Teile ihrer Kleidungsstücke auswringte und sie an sonnigen Plätzen zum Trocknen aufhängte, ersetzte sie sie in ihren erschöpften Intervallen durch die nasse Kleidung des Mannes; und während sie arbeitete, mit einem hohlen, trostlosen Herzen, schluchzte sie:

„Herr, gib mir das Leben dieses Mannes! O Herr, der mein Kind genommen hat, ich will dieses Leben zurück!“

Weinend und schluchzend, in Ohnmacht fallend und arbeitend, vergingen die Augenblicke, es schienen die Stunden selbst zu sein, und immer noch erwachte er nicht; und immer noch, mit all jener edlen Stärke, die die Felder der weißen Männer unter der undankbaren Mühsal der Neger wachsen und blühen lässt, kämpfte die Witwe und Kinderlose für diesen kalten Klumpen brüderlicher Natur.

Er wurde warm, er atmete, er stöhnte, er sprach!

Seine Stimme war wie ein glücklicher Seufzer, wie der eines Menschen, der kurz vor dem Ende eines tröstlichen Morgenschläfchens im Sommer gestört wird:

„Bist du da, Mary?“

Er starrte mühsam um sich, sein verwundetes Gesicht nun geronnen und blutverschmiert, und seine Augen blickten als Nächstes mit einer so gütigen und besorgten Frage, dass sie diese beantwortete, um ihm Atem zu sparen:

„Das Baby ist ertrunken. Gott weiß, was das Beste ist!“

Er streckte seine Hand nach ihrer aus – sie war bis zur Taille fast nackt, da sie alles, was sie besaß, geopfert hatte, dessen Größtes die Schamhaftigkeit war, um jenes Leben in ihm zurückzuholen, das nackt und unbefangen in die Welt gekommen war – und er legte seine geringe Kraft in den Griff.

„Mary“, hauchte er, „warum hast du nicht das Baby geschnappt und mich zurückgelassen?“

„Oh, so sehr ich es auch liebte“, antwortete die Frau, „ich bin froh, dass du unter meinen Händen wieder zu dir gekommen bist. Du kannst Gutes tun: Du bist ein weißer Mann. Das Baby wäre nur ein armer Sklave gewesen oder ein freier Neger, um den sich niemand schert.“

„Ich will Gutes tun, wenn der Herr mich lässt“, seufzte der Seemann; „ich will hingehen und wieder für die menschliche Natur an Johnson's Cross-roads sterben.“

KAPITEL XXIV.

ALTE SCHORNSTEINE.

Der Tag war weit fortgeschritten, als Jimmy Phoebus stark genug war, aufzustehen, zu gehen und den Zufluchtsort im Wald zu verlassen. Er riet der farbigen Frau, durch die Kiefern entlang des Ufers zu kriechen, während er im alten Lastkahn im Schatten des Waldes paddelte, der nun schwer auf der Brust des Flusses lag.

In einer Entfernung von etwa einer Meile floss der Broad Creek wie ein Nebenfluss von Osten her in den Nanticoke, gut eine Viertelmeile breit, und eine halbe Meile flussaufwärts an diesem Bach blickte ein altes, niedriges, langgestrecktes, vom Wetter geschwärztes Haus auf den Fluss und schien aus seinen zerbrochenen Rippen und hohlen Fensterhöhlen wie der Schädel eines Verräters zu grinsen, der an einem Galgen verfärbt ist. Es fiel in Stücke, und entlang seines Dachfirsts balancierten Krähen in einer Reihe und krächzten, als hätten sie feine Geschichten zu erzählen und sonderbare Ansichten über die früheren Bewohner des Pachtgebäudes zu äußern.

„Dort, das habe ich sagen hören“, sagte Jimmy, als er ans Ufer heranfuhr, die Frau in den Kahn nahm und begann, sie am Strand entlangzuschleppen, während er im Wasser watete, „dort, das habe ich sagen hören, lebte der Pirat vom Broad Creek, der alte Ebenezer Johnson, der kurz nach dem Krieg von 1812 bei Twiford's Haus da drüben erschossen wurde.“

„Wegen Entführung freier Menschen?“, fragte die Frau ohne Interesse, wobei die Frage aus ihrem trostlosen Herzen kam.

„In jenen Tagen entführten sie nicht viel; es fing gerade erst an. Der Krieg von 1812 machte alles an der Bucht kaputt, brannte ein halbes Dutzend Städte nieder, hielt die weißen Männer im Freien beim Wachen und machte die Hälfte von ihnen zu Faulenzern und brachte schlechte Freiwillige und Milizen hierher, um mit den ärmeren Mädchen zu spielen, und einige dieser Fremden blieben hier, nachdem der Krieg vorbei war. Ich weiß nicht, woher der alte Ebenezer kam; manche sagen dies, manche das. Alles, was wir wissen, ist, dass er und die Hanlen-Mädels, eine davon Patty Cannon, die Hauptteufel während und nach dem Krieg waren.“

„Es ist ein übel aussehendes altes Haus, mein Herr. Sehen Sie, dort rennt ein Waschbär aus der Tür. Oh! Ich höre mein Kind überall weinen, wo ich hinsehe.“

„Die Briten fingen im Krieg an, die schwarzen Leute wegzujagen. Die schwarzen Leute wollten zu ihnen. Die Briten füllten die Inseln in Tangier hier mit Negerlagern; sie wollten diese ganze Halbinsel einnehmen und eine Negerarmee darauf sammeln und drillen, um Amerika zu unterwerfen. Als der Krieg vorbei war, segelten die Briten von der Chesapeake Bay mit Tausenden dieser farbigen Leute davon, und dann begannen die Leute hier, die freien Neger zu hassen.“

„Weil sie die Freiheit liebten?“, seufzte die Frau und blickte auf die Kugel, die ihren Knöchel blutig gescheuert hatte.

„Sie hassten freie Neger, als wären sie alle Tories und liebten Amerika nicht. Also, da sie sahen, dass die freien Neger keine Freunde hatten, fingen diese Johnsons und Patty Cannon an, sie zu stehlen, bei Donnerwetter! Es gab nur eine Million Neger im ganzen Land; Louisiana schrie nach ihnen; jeder Neger war zwanzig Pferde oder dreißig Ochsengespanne wert oder zwei gute Farmen hier herum, und diese Entführer machten Geld wie nichts, kauften die Anwälte, gingen in die Politik und bekamen so die Oberhand, dass sie versuchten, die Negerhändler aus Georgia und von dort unten zu ermorden, die voll Gold hierherkamen, um freie Leute zu kaufen. Das gab ihnen einen Rückschlag, und sie hängten einige von Pattys Bande – einige in Georgetown, einige in Cambridge.“

„Wenn mein Baby im Himmel weiß gemacht wird, fürchte ich, werde ich ihn nicht wiedererkennen“, sagte die Frau, nickte und schweifte mit ihren Gedanken ab.

„Schließlich marschierten die Delaware-Leute auf Johnson's Cross-roads, räumten sein Pandämonium dort aus und bewachten ihn und sechzehn arme Neger in Ketten, die er entführt hatte, zum Gefängnis in Georgetown. Der junge John M. Clayton wurde von den Quäkern aus Philadelphia bezahlt, um ihn verurteilen zu lassen. Johnson war stark in der Grafschaft – wir sind jetzt darin, Sussex – und wenn Clayton die Jury nicht fast zu Tode erschreckt hätte, hätte sie sich nicht einigen können. Er hielt sie über der kochenden Hölle und tauchte sie dort hinein, bis der Gerichtssaal wie ein methodistisches Erweckungstreffen war, bei dem die Hälfte der Jury schrie: ‚Rette mich, rette mich, Herr!‘, während einige von ihnen Joe Johnsons Geld in ihren Taschen hatten. Joe wurde am Pfahl ausgepeitscht, aus dem Staat verbannt und war so verängstigt, dass er eine Weile untertauchte und irgendwohin ging – nach Missouri, Florida oder Alabama. Aber Patty Cannon wich nie zurück; sie bildete die jungen Burschen hier herum aus, ihre Spürhunde zu sein und für sie zu stehlen; und bis sie stirbt, ist es sicherer, ein Huhn zu sein als ein freier Neger. Sie haben dich gestohlen, arme Kreatur aus Philadelphia, und sie stehlen sie in Jersey und bis nach North Carolina; denn Joe Johnson ist ein schlauer Kerl für Unternehmungen, und Patty Cannon ist so tief wie der Tod und das Grab.“

Phoebus sah die Frau an, die im Kahn saß, und er sah, dass sie fest schlief; seine Erzählung hatte nicht die Kraft, ihre Sinne zu erschrecken, die nun von jeder Pein zermürbt waren.

„Ich muss diese Kugel und Kette abbekommen“, sagte der Seemann; „aber Eisen ist in diesen alten sandigen Gegenden so selten wie Gold.“

Er hob sie aus dem Kahn, legte sie in den Schatten und begann, das alte Haus zu erkunden. Zu seiner Freude fand er den Eisenkran noch im Schornstein hängen und Anzeichen von kürzlichem Feuer.

„Diese alten Kräne hier waren einmal wertvoll“, sagte Jimmy, „und in den Testamenten hinterließen sie sie ihren Kindern wie Farmen, und es gab Gerichtsverfahren wegen der kochenden Töpfe und der größten Kessel. Es brach einer Frau das Herz, wenn ihr ein kleiner Kessel hinterlassen wurde, und das Mädchen mit dem großen Kessel wurde geradezu mit Verehrern belästigt. Aber, beim Kuckuck! wir machen heute in Amerika Eisen! Kessel sind billig, und deshalb wird dieser Kran von Räubern und Zigeunern zurückgelassen, nachdem sie ihn benutzt haben.“

Er drehte den Kran aus den Ziegeln, an denen er befestigt war, und ein Teil des Kamingewändes fiel herunter.

„Hallo!“, rief Jimmy, „was rollt hier herum? Ein Schilling, bei Georg! Ich sage, bei Georg, diesmal, weil das Bild vom alten Georg dem Dritten darauf ist. Vielleicht gibt es noch mehr davon.“

Er zog ein paar Ziegel aus dem Gewände, rechen mit der Hand den hohlen Raum im Inneren aus und brachte einen Stahlbeutel englischer Machart zum Vorschein, der an einem Ende mit Schillingen und am anderen mit fünfzehn goldenen Guineen gefüllt war; sie rollten durch das verfallene Filigran heraus, wahrscheinlich verrostet vom Regen, der durch den Schornstein sickerte, und der Beutel zerfiel ihm in der Hand zu Eisenmulm.

„‚Der Herr ist mein Hirte‘“, sagte der Seemann ehrfürchtig; „‚mir wird nichts mangeln. Er führet mich zum frischen Wasser.‘ Wie schön Ellenory das sagt. Schau dir da das Wasser des Nanticoke an, schön wie Silber. Herr, mach es zu reinem und freiem Wasser für jede arme Kreatur!“

„Für wen! für wen!“, schrie eine Stimme aus dem hohlen Schornstein.

„Nun“, antwortete Jimmy, kaum aufgeregt, „ich bin da nicht wählerisch. Ha! Ich dachte, ich kenne dich, Barney“, fuhr er fort, als eine Eule herausflatterte und eine verfallene Treppe hinaufhüpfte.

„Nun, britisches Geld wird nicht von Uncle Sam geprägt; was ist das Datum? Ich kann die Zahlen leicht erkennen: Achtzehnhundertfünfzehn! Ich wollte Ebenezer Johnson gerade das Unrecht antun zu sagen, er hätte sein Land an den alten Admiral Cockburn verkauft, aber der Krieg war vorbei, als dieses Geld geprägt wurde. Wessen war es?“

Er entfernte vorsichtiger einige der Ziegel, um seine Hand in das dort verbliebene hohle Depot zu stecken, und als er umher und weiter oben tastete, brachte er das bronzene Gefäß eines Schwertes hervor, auf dem ein Name stand.

„Wer hätte gedacht, dass dies ein Haus der Bildung war?“, sagte Jimmy zweifelnd. „Ich kann es nicht lesen. Beim Kuckuck! vielleicht haben sie hier jemanden ermordet. Ich schätze, er war Brite. Ellenory kann es lesen, wenn ich lange genug lebe, um sie wiederzusehen.“

Es gab nichts weiter, und als er das verrottende alte Haus verließ, erhob sich hinter ihm ein Krachen und eine Wolke aus Rauch, und der Schornstein fiel in die Mitte des Bodens.

Mit der scharfen schmiedeeisernen Spitze des Krans und dessen langem Hebel gelang es dem Pungy-Kapitän nach mühsamen Versuchen, die Kettenglieder zu brechen und auch die angekettete Kanonenkugel vom Fuß der Frau zu entfernen, aber er konnte das Eisenband und das Glied um ihren Knöchel nicht lösen.

„Gott segne dich!“, rief die Frau. „Es ist eine Sünde, das zu sagen, aber ich fühle mich, als könnte ich fliegen, seit dieses schreckliche Gewicht weg ist. Oh, ich will fliegen, denn ich habe von meinem Baby geträumt, und er lächelte mich vom Himmel an, als wollte er sagen: ‚Ich bin glücklich, Mama!‘“

„Du schuldest mir nichts, Mary. Ich liebe eine Witwe, so wie du eine bist, und sie hat mich gebeten, hierherzukommen. Wenn du nach Princess Anne kommst, wo ich dich haben will, suche Ellenory Dennis und sag ihr, dass ich ihren Jungen gesehen habe und ich ihn zurückbringen werde, wenn ich kann.“

„Princess Anne? Wo ist das?“

„Es sind vielleicht vierzig Meilen von hier, Mary; auf halbem Weg zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.“

„Direkt nach Süden, mein Herr?“

„Genau. Nun sage ich dir, wie du dorthin kommst. Nimm diese alte Waldstraße entlang des Broad Creek und gehe nach Laurel, fünf Meilen; es ist eine kleine Stadt am Bach. Bleib unter dem Schutz der Wälder, aber verliere die Straße nicht, denn jeder Fuß davon ist gefährlich für Neger. Du kannst vielleicht bis Einbruch der Dunkelheit dort ankommen. Ich kenne dort niemanden, Mary, und ich kann nicht schreiben, denn ich habe es nie gelernt. Aber du gehst direkt zum Haus eines Predigers des Evangeliums und sagst ihm eine Lüge.“

Mary öffnete ihre Augen.

„Ich würde nicht wollen, dass du irgendwem außer einem guten Mann eine Lüge erzählst“, fuhr Phoebus fort, „denn dann ist sie so nah beim Herrn, dass sie nicht weit kommen und viele vergiften wird, wie Lügen es immer tun. Du musst diesem Prediger sagen, dass du die entlaufene Sklavin von Richter Custis aus Princess Anne bist und dass es dir leidtut, dass du weggelaufen bist, und dass du nach Hause willst.“

„Oh, mein Herr, Sie sind nicht wie mein böser Ehemann, der versucht, mich auch zu verkaufen?“

„Nein, Mary, so schlecht du auch behandelt wurdest, Glaube ist dein einziger sicherer Freund. Wenn du dem Prediger sagen würdest, dass du entführt wurdest, hätte er vielleicht Angst, dir zu helfen. Sie sind hier unten ein schüchterner Haufen bei jedem Thema, das Neger betrifft; diese Prediger helfen dabei, die Seelen schwarzer Leute zu retten, aber retten niemals ihre armen, gebrochenen Körper. Wenn du ihm sagst, dass du die Sklavin eines reichen Mannes wie Richter Custis bist, wird er die Gelegenheit beim Schopf packen, dem Richter einen Gefallen zu tun, und dir sagen, dass du recht tust, zu deinem Herrn zurückzukehren. Da ist er ein Lügner, Mary – also wird er deine Lüge auslöschen.“

„Sie werden mich in Princess Anne zurückschicken, und vielleicht erkennen sie mich nicht.“

„Nicht, wenn du das tust, Mary. Lass dich von ihnen zu Richter Custis’ Tochter bringen – derjenigen, die gerade geheiratet hat. Sag ihr, dass du privat mit ihr sprechen willst. Dann sag ihr, der Mann mit der Negerhaut – das bin ich –, den sie mit ihrer Mutter weggeschickt hat, hat dich dort gefunden, wo du in den Wäldern angekettet warst. Nimm dieses Kettenglied als Beweis für sie. Sag ihr, du willst ihre Köchin sein, bis derjenige, der weggelaufen ist, gefunden wird.“

„Ich werde es tun, mein Herr. Ich habe jetzt kein Zuhause, in das ich gehen könnte.“

„Sag ihr alles, woran du dich erinnerst. Sag ihr, sie soll Ellenory nichts von meinen Nöten erzählen. Sag ihr, ich mache mich auf den Weg nach Pandämonium, und wenn ich sterbe, ist das nichts als ein Junggeselle, der seine eigene einsame Gesellschaft hält. Hier ist ein Goldstück und drei Silberstücke, die ich gefunden habe, Mary, um deinen Weg zu bezahlen. Leb wohl.“

„Wollen Sie mir nicht Ihr Messer geben?“, fragte die Frau.

„Wozu, Mary?“

„Um mich selbst zu töten, falls sie mich wieder entführen.“

„Ich habe nichts anderes, womit ich um mein Leben kämpfen kann“, sagte Phoebus. „Nein, das darfst du nicht tun. Bleib im Wald nach Laurel.“

Sie fiel auf den Boden, küsste seine Knie und benetzte sie mit ihren Tränen.

„Ich habe Glauben, Herr“, sagte sie, „Glaube genug, um Ihre Sklavin zu sein.“

„Ich würde auch ein wenig weinen“, sagte Jimmy und zuckte mit den Augen, als die Frau im Wald verschwand, „wenn ich wüsste, wie man das macht; aber beim Kuckuck! der Wind an der Bucht hat meine Tränenteiche ausgetrocknet. Ich werde diese Kuriositäten direkt hier begraben, mit dieser Kette und Kugel, und ein paar alte Ziegel aus dem Schornstein, aus dem sie stammen, drumherum legen.“

Er grub mit seinem Messer ein Loch, schnitt vorsichtig ein Stück Rasen aus und legte es über die vergrabenen Gegenstände; und nachdem er einige Bäume eingekerbt hatte, um den Ort zu markieren, schob er den Kahn wieder in den Broad Creek und fuhr bei ablaufender Tide den Nanticoke hinunter zum Twifords Kai.

Während er den Kahn das Bachbett hinaufzog, um ihn zu verstecken, entdeckte er einen weiteren Grenzstein. Ein Strand führte unter dem Schutz eines sandigen Abhangs zum Flusstor von Twifords gemütlichem Haus, und er betrat kühn die Gasse und den Rasen, während er zu sich selbst sagte:

„Ich schätze, ein Kerl kann in einem freien Land darum bitten, eine ordentliche Mahlzeit am Tag zu kaufen, denn ich bin hungrig.“

Selbst zu jener Zeit war das Haus wahrscheinlich siebzig Jahre alt, gedeckt von einem künstlerischen Dachdecker in Reihen wie alte Spitzenarbeit, die kurzen Dächer über den drei hübschen Gauben wie Spitzen-Lätzchen, die Fensterrahmen in kleinen Karos aus dunklem Glas, das Dach geräumig wie der Rücken eines Gürteltiers oder einer Landschildkröte; aber die Hälfte davon war fast so gerade wie die Mauern, und die kleinen, fremdländischen Ziegel in den Giebeln, abwechselnd schwarz und dunkelrot glasiert, waren von gewissenhaften Arbeitern verlegt worden und versprachen, weitere hundert Jahre zu stehen, während sie ihre ordentlichen Schornsteinpfeifen aus den herzhaften Bäuchen der darunterliegenden Kamine rauchten.

Unter dem Honig-Heuschreckenbaum am Gartentor stehend, erblickte der Seemann einen weiten Ausblick auf den Fluss Nanticoke, der sich in einer schönen Kurve, wie der Rand eines silbernen Tabletts, nach Süden bog, wobei die blaue Perspektive der umliegenden Wälder in den azurblauen Klippen am anderen Ufer verblasste, wo, wie er es nun identifizierte, der Weiler Sharptown durch den Zauber der Entfernung das Geheimnis und die Ähnlichkeit einer Stadt annahm. Eine große Brigg ritt unter der Nachmittagsbrise den Fluss hinauf und trug die englische Flagge an ihrem Besan. Das Federwild, das in V-förmigen Linien wie verirrte Hyaden flog, flackerte auf dem Tablett des Flusses wie Stubenfliegen. Einige Fischer erschienen in der Ferne, menschlich, doch nahezu unbeweglich, als wollten sie einen Traum beleben, und die Bienen in einer Reihe von Bienenstöcken summten in der Nähe und verstärkten das Gefühl der Ruhe in Herz und Ohren.

„Warum kann menschliche Natur hier nicht glücklich sein, besonders mit seinem Mädel – jemandem wie Ellenory?“, dachte Phoebus; „warum muss sie grausam und verzweifelt nach Geld werden, wenn sie auf dieses tanzende Wasser blickt, und warum will sie diesen Trancezustand in ein Pandämonium verwandeln?“

Er überquerte die Gasse zu einem gedrungenen alten Backsteingebäude am Wasser und spähte hinein.

„Eine Destille, beim Kuckuck!“, sagte er. „Wenn das kein Apfelbrand ist, möge ich meinen Kompass vergessen! Nein, es ist Pfirsichbrand. Nun, jedenfalls ist es heiß genug; und das, vermute ich, ist es, was das Pandämonium ausgelöst hat.“

Er nahm einen kräftigen Schluck, und es belebte sein geschwächtes System, und er wusch seinen Kopf mit dem starken Alkohol. Dann kehrte er zum Rasen zurück und ging um das Haus herum, spähte in die unteren Räume – von denen es zwei im Hauptgebäude gab, wobei die Küche ein Anbau war – sah aber niemanden. Die Veranda auf der Rückseite erstreckte sich über die gesamte Breite des Hauses, im Gegensatz zum kleineren Schuppen an der Vorderseite, der nur zwei Türen bedeckte, die merkwürdigerweise nebeneinander standen.

Völlig geschützt durch die längere Veranda, blickte Phoebus in ein Fenster und sah dort einen Tisch, der bereits mit einem sauberen Tuch gedeckt war, dazu Brot und kaltes Huhn sowie einen Krug mit cremiger Milch, in dem ein Stück Eis schwamm. Auf beiden Seiten eines großen Kamins an der Tischseite befand sich eine Tür, eine davon offen, die über eine kleine Wendeltreppe in den Stock darüber führte. Ein Bett stand ebenfalls im Raum, der durch ein Fenster auf den Rasen und den Fluss blickte und durch das andere auf die Farm, die Maisspeicher und die kleinen Scheunen und den Pferch.

Mit den leisen, schleichenden Schritten eines Seemanns ging Jimmy in den niedrigen Flur, und ein Katzendrossel-Vogel in einem Käfig dort begann sofort eine solch schrille Serie von Schreien, dass seine Schritte von ihm selbst nicht gehört wurden.

„Da niemand hier ist“, dachte Jimmy, „und die Fliegen an die Lebensmittel gehen, schätze ich, werde ich tun, wie mir getan werden soll.“

Also begann er zu essen, und bald hörte er eine weibliche Stimme, ganz in der Nähe, die die Treppe herunterklang, als würde sie jemand anderem etwas vortragen.

„Tante Patty sagt, Tante Bettys erster Ehemann, Kapitän Twiford, war ein Kapitän zur See und ein Witwer, und sie war eines der schönen Hanley-Mädchen, aufgezogen von dem alten Ebenezer Johnson in seinem Haus drüben am Broad Creek; und dort machte Kapitän Twiford ihr den Hof und brachte sie hierher, um zu leben. Er starb früh – alle Ehemänner meiner Tanten starben früh – und ist in der Gruft hier hinten hinter dem Pferch begraben, wo man hineingehen und ihn in seinem Leichentuch liegen sehen kann, neben Tante Betty. Ihr nächster Ehemann, John Gillis, verließ sie, und dann lebte sie mit William Russell, einem Negerhändler. Tante Patty regierte alle ihre Schwestern und auch die Johnson-Jungs. Oh, wie ich sie fürchte, wenn sie mich manchmal mit ihren kühnen, schwarzen Augen ansieht: Ich kann nicht anders.“

Eine andere Stimme, keine Frauenstimme, doch fast ebenso sanft, schien nun eine Frage zu stellen; aber der Katzendrossel-Vogel, der sich wie ein Detektiv und Zuträger benahm, schrie so wütend, als er einen Fremden sah, der die Milch trank, dass Phoebus sie nicht gut verstehen konnte. Die angenehme weibliche Stimme sprach erneut:

„Ja, er wurde in dem Raum unter diesem getötet, bevor ich geboren wurde, sagt Tante Patty; und manchmal erzählt sie gerne solche dunklen und blutigen Geschichten und lacht vor Freude, wenn sie sieht, wie ich mich vor ihnen fürchte. Tante Betty geriet in Schulden, und dieses Haus und die Farm wurden durch Zwangsvollstreckung verkauft und von einem Mann aus Maryland gekauft, der die Gelegenheit ergriff, als die Männer weg waren, und seine Waren ins Haus stellte und Tante Bettys Waren draußen auf den Rasen setzte. Es ist nur eine Meile oder ein wenig mehr von hier bis zu Ebenezer Johnsons, und die Nachricht von der Beschlagnahmung wurde dorthin geschickt.“

Jimmy riss mit den Zähnen ein Stück Huhn ab und lauschte gierig.

„Hast du etwas gehört?“, fuhr die Stimme fort; „ich dachte, ich hätte es. Die Hunde sind im Räucherhaus angekettet, und schlechte Leute kommen oft hierher; ich werde hingehen und die Hunde loslassen.“

„Verdammt, wenn du das tust!“, dachte Jimmy. „Das ist der gemeinste Katzendrossel-Vogel, den ich je gesehen habe, denn jetzt hat er mit Absicht damit aufgehört.“

Es erklang etwas Vertrautes für den ungebetenen Gast in der Stimme, die diese Absicht hinauszuzögern schien; aber der Katzendrossel-Vogel, mit seiner unwillfährigen Stimmung, unterbrach sofort wieder. Dann fuhr die Frau fort:

„Gott bewahre, dass ich das jemals vergesse!“, fuhr die Stimme fort. „Wenn ich den Jungen nur sehen könnte, wie er mit dem Gewehr im Anschlag dort steht! Aber er zitterte so sehr, dass man ihn kaum erkennen konnte, als er aus der Tür taumelte. Er war kaum mehr als ein Kind, und das Entsetzen über das, was er getan hatte, brannte sich in seine Seele ein. Das ist die Geschichte, Jimmy. Es ist die einzige, die ich kenne, bei der ein Mörder seinen Lohn empfing, noch bevor er den Boden berührte.“

Jimmy Phoebus, der vor Anspannung fast den Atem anhielt, spürte, wie ihm der Schweiß auf der Stirn stand, trotz der kühlen Abendluft. Er wagte es nicht, sich zu rühren.

„Wer ist da?“, rief die Stimme plötzlich scharf, und ein Stuhl scharrte über die Dielen. „Ich höre jemanden atmen!“

„Ich bin es, Ebenezer Johnson!“, antwortete Jimmy mit einer Stimme, die so tief und hohl klang, dass sie selbst ihm in den Ohren grollte. „Ich bin gekommen, um meine Schulden einzutreiben!“

Ein kurzer, erstickter Schrei folgte, gefolgt von einem hastigen Geflüster. Jimmy, der erkannte, dass sein Spiel bald entlarvt werden könnte, wenn er nicht handelte, warf einen Blick auf die schmale Treppe. Er wusste, dass er keine Zeit mehr hatte, sich zu verstecken. Er trat aus dem Schatten hervor, die blutigen Verbände um seinen Kopf wie ein grausiges Leichentuch, und sah zwei Frauengestalten, die starr vor Schreck in der Zimmermitte standen.

Die eine, eine junge Frau mit einem Gesicht, das in der flackernden Lampe wie Porzellan leuchtete, wich zurück, bis sie den Halt verlor und auf die Stufen taumelte. Ihr Blick blieb an dem Mann hängen, den sie für den Geist des river-pirate hielt, und ihre Augen rollten nach oben, als das Bewusstsein sie verließ.

Jimmy verlor keine Sekunde. Er wandte sich ab und stürzte zur Hintertür, die in den Garten führte. Kaum hatte er die Schwelle überschritten, hörte er, wie hinter ihm eine Tür aufgerissen wurde und eine tiefe, raue Männerstimme nach den Hunden rief. Er rannte, so schnell ihn seine Füße trugen, weg vom Haus, an der Scheune vorbei und direkt auf das Feld zu, wo die Gräber unter den Zedern in der Dunkelheit nur als dunkle Erhebungen zu erkennen waren.

Er erreichte die Grabstätte und atmete schwer. Er wusste, dass er hier nicht sicher war, aber er musste wissen, ob sein Verdacht begründet war. Er trat an die Ziegelgruft heran, die noch immer leicht offen stand. Das fahle Mondlicht fiel durch den Spalt und beleuchtete die Überreste derer, die einst die Schrecken dieser Gegend gewesen waren. Da lagen sie, in ihrer unheimlichen Stille, Twiford und Betty Hanley, ein Anblick, der selbst einen gestandenen Seemann wie ihn erschaudern ließ.

„Eure Zeit ist abgelaufen“, murmelte er, während er die Tür der Gruft so fest wie möglich zuzog und einige Backsteine davorstrebte, um sie zu sichern. „Und meine fängt vielleicht gerade erst an.“

Er wandte sich ab und schlug die Richtung zum Cross-Roads ein. Er musste zu Patty Cannons Haus. Er hatte die Spur aufgenommen, und nichts auf der Welt würde ihn jetzt noch davon abhalten, das Ende dieser Geschichte zu finden, selbst wenn er bis in die Hölle selbst gehen musste.

KAPITEL XXVI.

DAS NEST DER KANNON.

Der Weg, den Phoebus einschlug, war kaum mehr als eine Spur im Sand, die sich durch das öde Land zwischen Maryland und Delaware schlängelte. Er folgte den alten Grenzsteinen, die wie stumme Zeugen einer verflossenen Zeit aus dem Boden ragten. Die Landschaft war eintönig; Kiefern, die so eng beieinander standen, dass sie sich gegenseitig das Licht raubten, und knorrige Eichen bildeten eine Kulisse, die jeden Reisenden in eine tiefe Melancholie versetzt hätte.

„Wenn ich hier sterben sollte“, dachte er, „dann wird man mich nie finden. Ich bin ein Mann der weiten Bucht, der weißen Segel und der frischen Brise, nicht dieser staubigen Grabkammer.“

Doch seine Entschlossenheit blieb ungebrochen. Als er schließlich die Lichtung erreichte, in deren Mitte das große, schiefergedeckte Haus stand, blieb er stehen. Es war ein imposanter Bau, dessen steiles Dach ohne jedes Fenster wie ein drohender Schatten über das Land ragte. Dies war der Ort, von dem man sich in den Tavernen flüsterte, der Ort, an dem die geraubten Seelen verschwanden, bevor sie den Weg nach Süden antraten.

Er sah das Licht in den Fenstern der Taverne flackern und hörte das Gejohle der Männer, die sich dort versammelt hatten. Es war eine wilde Gesellschaft, eine Mischung aus Gesetzlosen und zwielichtigen Gestalten, die sich an der Brutalität ergötzten. Er kroch durch einen Graben, der sich wie eine Schlange auf das Anwesen zubewegte, bis er die Rückseite der Taverne erreichte.

Dort, im fahlen Mondlicht, sah er die Frau, die er für Patty Cannon hielt. Sie stand im Türrahmen, die Hände in die Hüften gestemmt, und feuerte die Kämpfenden an. Ihr Lachen war so rau wie ihr Fluch, und ihre Augen, schwarz und forschend, schienen jede Bewegung in der Dunkelheit zu erfassen.

Phoebus schlich sich, geschützt durch die Dunkelheit und das Chaos des Kampfes, an die Rückseite des Gebäudes heran. Er fand eine Tür, die unbewacht war, und glitt wie ein Schatten hinein. Das Innere des Hauses roch nach altem Holz, billigem Schnaps und der unverkennbaren Ausdünstung von Elend. Er stieg die Treppe hinauf, das Herz schlug ihm bis zum Hals, während er nach dem Weg zu dem Ort suchte, an dem die Gefangenen gehalten wurden.

Er erreichte einen Flur, von dem mehrere Türen abgingen. In einem der Zimmer lag ein Mann, der in tiefen Schlaf versunken war – Joe Johnson. Phoebus zögerte einen Moment, die Hand fest um den Griff seines Messers, doch er zwang sich zur Ruhe. Das war nicht die Zeit für Rache, sondern für die Rettung derjenigen, die in diesem Loch gefangen waren.

Er erreichte schließlich eine kleine Kammer, in deren Boden eine Luke eingelassen war. Als er sie öffnete, stieg ihm ein beißender, fast unerträglicher Geruch entgegen – der Geruch von zusammengepferchten Menschen, von Angst und Verzweiflung.

Er stieg die Leiter hinunter in die Dunkelheit des Dachbodens, wo die Wände aus grobem gelbem Kiefernholz bestanden. Von der anderen Seite der Trennwand hörte er ein leises, wimmerndes Summen. Er wusste, dass er am Ziel war. Er löste den schweren Riegel an der Tür, die den Zugang zum eigentlichen Verlies versperrte, und trat ein. Das Licht des Mondes, das durch eine kleine Luke fiel, enthüllte ihm das Ausmaß der Grausamkeit, die hier in der Stille der Nacht vollzogen wurde.

Einige Minuten lang konnte er den Inhalt des Raumes in der herrschenden absoluten Finsternis überhaupt nicht sehen, da sich in diesem Verschlag oder dieser Höhle nicht ein einziges Fenster befand, doch er hörte verschiedene Stimmen und atmete die schwere, abgestandene Luft vieler afrikanischer Atemzüge ein, welche den Sauerstoffvorrat aufzehrten, und wusste, dass Ketten und Eisen gegen die Bretter des Bodens bewegt wurden.

„Hier gibt’s nix zu tun, Kumpel“, bemerkte Jimmy leise, „außer hinhocken und sich akklimatisieren, wie man so schön sagt bei Fremden an unserer galligen Küste, und die Augäpfel an die Dunkelheit gewöhnen. Aber ich möchte meinen, das hier ist sowohl Hokuspokus als auch Pandämonium, beim Kuckuck!“

Ein Mann in irgendeinem Teil des Verlieses betete auf eine höchst nervöse, aufgeregte Weise, lallte seine qualvollen Sätze hervor, verweilte nachdrücklich auf seinen offeneren Vokalen und hielt etliche andere Insassen in Mitleid oder gleichem Elend, während sie auf seine Apostrophen hin mit einstimmten:

„Herr, komm herab! Komm herab, o mein Herr. Ich lass dich nicht los; nein, oh mein Herr! Komm, rette mich! Ja, mein Herr! Komm, wandle auf den Wassern! Komm heraus aus Lazarus’ Grab! Komm auf dem Feuerwagen! Komm in der Macht! Komm herab jetzt, o mein Herr!“

Phoebus’ Eintritt erregte kein Aufsehen, und er kauerte sich nieder, um darauf zu warten, dass seine Augen sich stärkten, um um sich sehen zu können. Der Ort schien fast achteinhalb Meter im Quadrat zu messen und war sowohl in der Giebelrichtung als auch unter dem schrägen Dach quer verschalt, dessen Traufen ein oder zwei Fuß über dem Boden zugeplankt waren; in der Mitte konnte ein Mann aufrecht stehen und berührte kaum mit den Händen den Firstbalken, doch entlang der schrägen Seiten konnte man kaum aufrecht sitzen.

Da der Mann weiterhin seine absolute Unterwürfigkeit des Geistes in einem Wortschwall ausdrückte und etliche kleine Kinder antwortend weinten und schrien, befahl Phoebus dem Mann aufzuhören, nachdem er ihn mehrmals freundlich darum gebeten hatte; und da dem Befehl nicht Folge geleistet wurde, ohrfeigte er den Betenden mit der flachen Hand, und der arme Schlucker rollte in einer Art schwächlichem Anfall umher.

Als ein kleines Kind irgendwo weiterhin weinte, nahm Phoebus es in die Arme und hielt an der halb geöffneten Tür, zwischen ihm und dem Sternenlicht, einen der Schillinge hoch, die er einige Stunden zuvor aus der alten Hütte am Broad Creek erhalten hatte. Das Kind, das etwas glänzen sah, ergriff es und hielt es fest, und Phoebus ließ daraufhin seine Hand über das Gesicht eines schlafenden Mannes gleiten, der ruhig und angestrengt auf dem Boden neben ihm schnarchte. Er schaffte Platz, damit das schwache Licht auf das schwarze Gesicht des Schlafenden scheinen konnte, und rief nach einem Augenblick aus:

„Wenn das nicht Samson Hat ist, dann soll mich ein Wal verschlingen!“

Phoebus rief seinen Namen: „Samson! Samson!“, und beobachtete, wie eine höchst niedergeschlagene Mulattenperson, die hinten im Schatten gelegen hatte, vorwärts kroch und mit ihren Handschellen rasselte. Dieser Mann antwortete, als er angesprochen wurde, mit einer solchen Kultiviertheit und Präzision, auch wenn sein Gesicht großes inneres Elend verriet, dass der Seemann ihn so sorgfältig musterte, wie es das Mondlicht, das durch dieses eine schmale Dachfenster hereinfiel, erlaubte. Es war ein Mann, der sich erst kürzlich rasiert hatte, und seine dunklen, lockigen Koteletten und sauberen Lippen, der Ziegenbartbüschel in der Kinnkuhle und die intelligente, hohe Stirn wirkten in diesem dunklen Horst der Traurigen und Freundlosen völlig deplatziert.

„Ist er Ihr Freund, mein Herr?“, fragte dieser Mann und wandte sich an Samson. „Er muss ein gutes Gewissen haben, wenn er es ist, denn er schlief kurz nachdem er hierher gebracht wurde und hat keine einzige Klage geäußert.“

„Und Sie haben wohl schon?“, sagte der Schiffer.

„Oh ja, mein Herr; ich bin mit solcher Undankbarkeit behandelt worden. Es würde das Herz eines jeden Gentleman brechen, meine Geschichte zu hören. Wer ist Ihr Freund, mein Herr?“

„Samson, wach auf, alter Raufbold!“, rief Phoebus und schüttelte den Schlafenden kräftig; „du hast dich doch nicht etwa ein oder zwei Leuten ergeben, beim Kuckuck!“

„Sind Sie das, Jimmy?“, sagte der alte Neger schließlich mit einem verlegenen Gesichtsausdruck; „warum, Nachbar, ich freu mich, dich zu sehen, aber es tut mir auch leid. Einem schwarzen Mann wollen sie nicht ans Leben, weil sie ihn verkaufen können, aber einen weißen Mann wie dich wollen sie nicht behalten, und sie wagen es nicht, ihn laufen zu lassen.“

„Ein weißer Mann hier?“, rief die vornehm aussehende Person; „was soll das bedeuten?“

„Ich bin so schwer in Eisen gelegt, Jimmy“, fuhr Samson fort, „dass ich mich kaum aufsetzen kann. Meine Hände sind mit einem Seil zusammengebunden, meine Füße stecken in einem eisernen Schäkel, und eine Kugel ist an den Schäkel gekettet.“

„Gib mir deine Hände“, rief Jimmy; „ich werde diese Seile lösen, beim Kuckuck!“

In einer Minute hatte er die Stricke am Handgelenk durchtrennt, und der intelligente gelbe Mann bat darum, dass ihm ein ähnlicher Gefallen getan werde, was der Seemann bereitwillig gewährte.

„Jimmy“, sagte Samson, „wenn das jemals in Prencess Anne bekannt wird – wovon ich nicht ausgehe, denn wir sind in schlechten Händen, Nachbar –, dann wird es ein Gelächter statt eines Wehklagens geben, wegen des alten Boxers Samson, der von einer Frau entführt und ins Gefängnis gebracht wurde!“

„Du bist von einer Frau verprügelt worden, Samson?“

„Ja, Jimmy, eine Frau ganz allein hat mich zu Boden geworfen, mir Hände und Füße gebunden und mich auf diesen Dachboden gebracht. Ich habe außer ihr und diesen Leuten hier niemanden gesehen, seit ich gefangen wurde.“

„Ha!“, rief der niedergeschlagene Mulatte, „das ist ein Lieblingsstück von Patty Cannon. Sie ist die einzige Frau, die man je auf einer Dreschtenne gesehen hat, die in einem Halb-Scheffel-Maß stehen und fünf Scheffel Getreide auf einmal auf ihre Schultern heben kann, was dreihundert Pfund wiegt.“

„Ich bin nicht die Hälfte davon“, lächelte Samson leise, „und sie hat mich fertiggemacht, ganz sicher. Erinnerst du dich, Jimmy, als ich dich bei der alten Spring Hill Kirche verließ, um eine Frau auf einem kleinen Wagen zu suchen, die mir den Weg nach Laurel zeigen sollte?“

„Aber das war doch erst gestern, Samson!“

„Das war die Frau, Jimmy. Sie war ein stämmiges, schwer gebautes Weibsbild, ganz hübsch anzusehen und vielleicht fünfzig Jahre alt. Sie war die netteste Frau, die ich fast je gesehen habe. Sie ließ mich von meinem Maultier absteigen und bei ihr im Wagen mitfahren und einen Schluck von ihrem eigenen Apfelschnaps nehmen – sie sagte, sie brenne ihn auf ihrer Farm. Sie sagte, sie kenne Richter Custis, stellte mir Fragen über Prencess Anne und wollte, dass ich irgendwie für sie arbeite. Wir fuhren durch ein ärmliches Kiefernland, eine ganze Ecke schlimmer als Hardship, wo Meister Milburn herkam, und hatten niemanden auf der Straße gesehen, bis wir zu einem Wasserlauf kamen, den sie Tussocky Branch nannte, wo sie aus dem Wagen stieg, um ihr Pferd zu tränken. An dieser Stelle kam sie auf mich zu und sagt: ‚Samson, ich werde mit dir ringen!‘ ‚Geh weg‘, sage ich, ‚ich kann nicht mit einer Frau wie dir ringen.‘ ‚Musst du aber‘, sagt sie, flucht wie ein Mann und packt mich, genau wie ein Mann ringt. Ich fühlte mich beschämt und wusste nicht, was ich tun sollte, und ehe ich blinzeln konnte, Jimmy, hatte mir das Weib ein Bein gestellt, mich mit einem Schlag wie der Tritt eines Ochsen weggestoßen und lag mit einem Knie wie Eisen auf meinem Rücken und hielt mich fest.“

„Die schreckliche Hure aus dem Pandämonium!“

„Der erste Gedanke, den ich hatte, war, dass sie ein als Frau verkleideter Mann sei. Ich wollte wie der Blitz aufspringen, und meine Beine verhedderten sich; sie hatte das Seil unter ihrem Rock versteckt, um mich zu binden, und es in einer Minute um mich gewickelt. Als ich auf sie zulief und schwer hinfiel, zog sie den Laufknoten fest und tanzte um mich herum wie eine dicke Hexe, während sie mich ganz im Seil einwickelte. Der Schweiß trat mir auf die Stirn, ich schrie und kämpfte und fiel wieder hin, und als ich da lag, die Zunge herausgestreckt wie ein Kalb im Metzgerkarren, flüsterte sie mir zu: ‚Vielleicht bist du der letzte Nigger, den die alte Patty Cannon jemals binden wird!‘

Bei diesem Namen habe ich nur zum Herrn gebetet, aber es war zu spät. Sie steckte mich in den Karren und knebelte mich, sodass ich kein Wort sagen konnte, und Blut kam aus meinem Mund. Ich hörte sie mit Leuten reden, als wir an einer Stadt vorbeikamen und über eine Brücke fuhren. Niemand schaute in den Karren, wo ich abgedeckt lag, bis wir in der Nacht zu einer Fähre kamen, und da setzten wir über, und ich hörte sie mit einem Mann auf dieser Seite der Fähre sprechen. Er kam an die Seite des Wagens und spähte auf mich, der ich da hilflos lag, meine Augen beteten ihn förmlich an – und er hatte ein elegantes Auge im Kopf, Jimmy. Er sagt leise zu sich selbst: ‚Das ist offensichtlich keine Sendung an Isaac und Jacob Cannon‘, und er deckte mich wieder zu, und die Frau brachte mich her, legte mir die Eisen an und schob mich in dieses Loch im Dachboden.“

„Ich wette, das war Isaac Cannon, der andere Levit, der nie etwas sieht, das nicht in seinem Rechnungsheft steht.“

„Wie geht es den hübschen Mädchen, Jimmy? Ich werde sie wohl in meinen Träumen sehen, wenn ich in den Süden verkauft werde. Ich habe ohnehin nicht mehr lange zu leben, Jimmy, denn ich bin fast sechzig. Wenn du jemals hier rauskommst, sag meinem Meister, er soll das Mädchen Virgie kaufen und sie freikaufen. Sie ist nicht dazu geschaffen, eine Sklavin zu sein.“

„Mädchen haben ihren Platz“, sagte Phoebus, „aber nicht dort, wo Männer um die Freiheit kämpfen müssen. Wie viele kämpfende Männer sind wir hier?“

„Ich vermute, du bist der einzige, Jimmy; wir sind alle angekettet; diese Niggerhändler sind alle Schmiede und halten Kugeln, Fesseln, Zangen und Schäkel bereit und beladen uns mit Eisen.“

„Wer ist die Frau da hinten, die so seltsam und still ist?“

„Warum, Jimmy, kennst du Tante Hominy nicht, die alte Köchin von Richter Custis? Sie haben sie heute Morgen mit zwei kleinen Kindern aus der Küche von Teackle Hall hierhergebracht; eines von ihnen ist der Junge, dem du das Silber gegeben hast – der kleine Ned. Hominy hat kein Wort mehr gesagt, seit sie hier ist.“

Jimmy Phoebus ging zurück in die Ecke des Verlieses, wo die alte Frau kauerte, und rief ihren Namen in vielen verschiedenen Tonfällen und mit freundlichen Zusicherungen:

„Hominy, alte Frau, kennst du Ellenorys Jimmy nicht? Richter Custis kommt, um dich zu holen, Tante. Ich bin hier, um dich nach Hause zu bringen.“

Sie sprach überhaupt nicht, und Phoebus hob sie ohne Widerstand näher ins Mondlicht. Ihre Lippen murmelten unverständlich, ihre Augen waren trüb, sie schien sie nicht zu erkennen.

Samson kroch vorwärts und rief ebenfalls freundlich ihren Namen:

„Tante Hominy, Miss Vesty hat nach dir geschickt. Hier ist Jimmy Phoebus.“

Der kleine Junge Ned meldete sich jetzt zu Wort:

„Tante Hominy hat nicht mehr gesprochen, seit dieser Quäker-Mann die kleine Phillis getötet hat.“

„Jimmy“, flüsterte Samson feierlich, „Tante Hominy hat den Verstand verloren.“

„Ja“, meldete sich der niedergeschlagene und elegante Mulattengefangene zu Wort, „sie ist eine Idiotin geworden. Manchmal endet es so.“

Phoebus beugte sein Gesicht ganz nah zu dem der armen alten Kreatur, die dort in ihrem karierten Turban und den silbernen Ohrringen saß, sauber und ordentlich wie die Bediensteten der alten Zeit, und er studierte ihr leeres Gesicht, ihre hauslosen Augen, ihre Lippen, die sich ohne Zusammenhang oder Relevanz bewegten, und spürte, dass die Grausamkeit ihr letztes wunderliches Leid zugefügt hatte – ihren Geist aus seiner ehrwürdigen Behausung herausgepeitscht und ihren Körper zurückgelassen hatte, um noch die Schmerzen des Lebens ohne das Verständnis dafür zu erleiden.

„Oh, Schande! Schande!“, rief der Seemann, während ihm schließlich Tränen aus den Augen fielen, „diesen armen, gläubigen Verstand zu täuschen und zu rauben! Der Köchin den kleinen Zinnbecher voll Gehirn zu stehlen, den sie benutzt, um Essen für schlechte und gute Leute zu bereiten! Warum, selbst die Teufel im Pandämonium würden das freundliche Herz nicht so behandeln, das für sie gebraten hat.“

„Der lange Mann sagte, er sei ein Quäker“, rief Vince, der größere Junge, „und er kam, um Hominy ins freie Land zu bringen. Hominy sei verkauft, sagte er, und müsse gehen. Der lange Mann hatte ein Boot – Meister Dennis’ Boot – und in der Nacht wachte die kleine Phillis auf und weinte. Niemand konnte sie beruhigen. Der lange Mann packte die kleine Phillis am Bein und zerschmetterte ihren Schädel am Boden. Tante Hominy hat seitdem kein Wort mehr gesprochen.“

„Hast du den langen Mann danach noch sprechen hören, Vince?“

„Ja, Herr. Ich habe den langen Mann zu Meister Dennis sagen hören, dass er ihn erschießen würde, wenn er das Boot nicht steuere und den Mund halte. Ich habe die Pistole losgehen hören, aber Meister Dennis wurde nicht getötet, denn ich habe gesehen, wie er danach steuerte.“

„Gott sei Dank!“, sagte der Seemann und küsste das Kind. „Ellenorys Junge war unschuldig, beim Kuckuck! Dieser Niggerhändler hat auf mich geschossen und Levin mit dem Tod gedroht, falls er darauf hören würde, wie ich ihn anrufe. Der Lärm, den ich hörte, war der Mord an dem Baby, dessen Schreie das Kommen des Schiffes verrieten. Samson, es gibt Verrat, seit wir Salisbury verlassen haben, und dieser Nigger Dave ist ein Teil davon.“

„Er sagte, er hasst mich, weil ich ihm das Boxen beigebracht habe. Vielleicht war mein Kämpfen meine Strafe, Jimmy, aber ich habe nie einem Mann einen unfairen Schlag versetzt.“

„Und was war mit deinem Hokuspokus?“, rief der Pungy-Kapitän dem Mann zu, der so viel religiösen Lärm gemacht hatte. „Haben sie dich verkauft, weil du nie wusstest, wann man bei einer guten Sache aufhören muss?“

Der Mann erklärte heiser, selbst interessiert an den Enthüllungen und der Brüderlichkeit um ihn herum:

„Ich war Sklave eines örtlichen Predigers in Delaware und Küster der Kirche. Es war die alte Barrett-Kapelle, da oben zwischen Dover und Murderkill – die Kirche, wo Bischof Coke und Francis Asbury sich zum ersten Mal auf der Treppe zur Kanzel trafen. Mein Meister und ich waren beide Mitglieder, aber er liebte das Geld sehr, und ich sollte frei sein, wenn ich fünfundzwanzig Jahre alt würde, gemäß dem Testament seines Quäker-Vaters, der mich ihm hinterlassen hatte. Letzten Sonntagabend hatten sie dort ein langes Klassentreffen, und als niemand mehr in der Kirche war als mein Meister und ich, sagt er zu mir: ‚Rodney, lass uns noch ein Gebet zusammen sprechen, bevor du die letzte Lampe ausmachst. Bete du, Rodney!‘ Ich kniete nieder und betete für den Meister, nachdem ich ihn nächstes Jahr verlassen müsste, um frei zu sein, und während ich laut betete, schlichen Leute in die Kirche und fesselten mich, und der Meister war weg.“

„Er hat dich für dein Leben an diese Entführer verkauft, Junge, weil du nächstes Jahr frei sein würdest. Sagt dir deine Bibel nicht, dass du wachen und beten sollst?“

„Ja, Herr.“

„Nun denn, Jungs, heute Nacht wird nur gewacht und nicht mehr gebetet“, rief Jimmy Phoebus fröhlich. „Hier sind vier Männer, die die Freiheit lieben und entschlossen sind, sie zu haben oder zu sterben. Einer von ihnen hat ein Messer, und der erste Entführer, der diese Schwelle überschreitet, Mann oder Frau – denn wir vertrauen keinen Frauen mehr, Samson –, bekommt das Messer bis zum Heft! Das gesegnete Licht, das auf den Kalvarienberg und Bunker Hill schien, glänzt auf dieser Klinge. Befreit euch von euren Eisen, wenn ihr könnt; ich hole euch Dachbalken aus diesem Dach zum Zustechen, wenn ihr nichts Besseres tun könnt. Seid ihr alle bei mir?“

„Ich bin dabei, Jimmy“, antwortete Samson leise.

„Ich werde auch mit euch sterben“, rief der Betende mit neu entflammtem Geist.

„Wir werden alle ermordet werden, meine Herren“, protestierte der niedergeschlagene Mulatte. „Ich kenne diese verzweifelten Leute.“

„Dann kriech du in die Ecke“, befahl Phoebus, „und sieh zu, wie drei Männer für dich kämpfen. Wir wollen nicht, dass ein feiner, stolzer Nigger seine Schönheit für uns ruiniert.“

Der Mann kroch wieder zurück in die Schwärze des Verlieses, und Phoebus begann, die offene Hälfte des Dachbodens nach Kriegswerkzeugen zu durchsuchen. Er fand zwei lange Kettenstücke, mit denen entschlossene Männer einem Gegner den Schädel einschlagen konnten.

„Nun, Jungs“, verkündete Jimmy, „ich habe weder gestern noch heute den Kopf verloren, beim Kuckuck! Ich werde die erste Person töten, die hier reinkommt, mir die Schlüssel zu diesem Verlies von ihr holen und euch alle fest einschließen, und den toten Entführer gleich mit. Dann kommen sie nicht an euch ran, um euch zu verschiffen, bis ich nach Seaford drüben in Delaware komme – das sind nicht mehr als sechs Meilen –, wo ich drei Kapitäne von Pungies kenne, die alle jetzt im Hafen liegen – alles Freunde von Jimmy Phoebus, alle gut bewaffnet, und ihre Mannschaften sind genug, um mit dem Pandämonium fertigzuwerden!“

Ein Geräusch war am Schloss der unteren Tür zu hören, und Phoebus schlüpfte in das geschlossene Verlies und bezog Stellung direkt hinter der Tür.

„Denkt dran“, flüsterte er, „ich eröffne den Kampf.“

Das Schloss an der Tür unterhalb der Leiter schnappte, der Riegel fiel, und das Licht einer Lampe blitzte die Luke hinauf und auf das nackte Dach und durch die Ritzen des verschalten Dachbodens.

Das Messer des Seemannes steckte in seiner Gürteltasche, wo er es über der Hüfte trug. Als er sich bückte, um durch einen Spalt in der niedrigen Tür zu spähen, spürte er, wie ihn eine Hand aus der Dunkelheit hinter ihm berührte.

Instinktiv tastete er nach seinem Messer, und es war weg.

„Kapitän“, rief die Stimme des niedergeschlagenen Mulatten, als die Tür des Verlieses aufsprang und der banditisch aussehende Fremde mit der Lampe erschien, „hier ist ein weißer Mann, der Sie umbringen will. Ich habe ihm das Messer abgenommen und Ihr Leben gerettet. Es ist ein Aufstand, Kapitän!“

„Hilfe! Patty! Joe!“, schrie der Mann mit lauter Stimme, als Jimmy Phoebus sich auf ihn stürzte und die Lampe auslöschte, und die beiden kräftigen Männer auf dem Boden in einem Griffkampf auf Leben und Tod rollten.

Phoebus war ein Mann von großer Kraft, aber sein Gegner war stark und flink dazu und ein schwungvoller Raufbold.

Der Pungy-Kapitän lag oben, der Bandit hielt ihn fest mit Armen und Beinen umschlungen und versuchte, ihn in die Seite zu stechen, während Phoebus den Griff eines Klappmessers spürte, das sich nur langsam seiner Feder zu beugen schien, und das ihn wiederholt rund um die Leiste traf, mit Stichen, die tödlich gewesen wären, wenn die Klinge voll ausgefahren gewesen wäre.

Phoebus versuchte, den Mann zur Luke zu zerren und ihn hinunterzustoßen, während die beiden Neger-Assistenten von Phoebus den Verräter mit ihren Ketten schlugen und ihn vergeblich nach dem Messer durchsuchten, das er gestohlen hatte.

Schließlich siegte Phoebus, und sein Gegner rollte die offene Luke hinunter, sieben Fuß oder mehr, wobei er seinen verzweifelten Griff um Phoebus beibehielt und ihn mit sich zog; und beide hätten sich die Schädel spalten können, wäre da nicht eine Frau gerade dabei gewesen, die Leiter heraufzueilen, gegen die ihre beiden Körper prallten und von ihr abgefedert wurden.

Der Aufprall betäubte jedoch beide, und als Phoebus wieder zu sich kam, war er an Händen und Füßen gefesselt und lag wieder auf dem Dachboden, und über ihm stand Joe Johnson und schwenkte eine Ochsenpeitsche.

Die Verbände waren Phoebus erneut vom Gesicht gerissen worden, und er blutete aus der Fleischwunde an der Wange und war außer Atem von seinem Kampf. Eine Frau hatte ihm ein Gefäß mit Wasser ins Gesicht geschüttet, und das hatte ihn wieder belebt.

Der andere Mann, „Kapitän“ genannt, hatte inzwischen mit der Hilfe dieser Frau – derselben, die Phoebus unten gesehen hatte – die schwarzen Aufständischen überwältigt und gefesselt, und beide schwenkten ihre Peitschen über den Rücken und Köpfen der Gefangenen, ob groß oder klein, sodass der Dachboden ein nicht geringes Abbild des Ortes der ewigen Verdammnis war, als die Schatten der Monster unter dem schwachen Licht peitschten und gegen die Balken und Schindeln tanzten, und Schreie und Rufe nach „Gnade!“ in scheußlicher Dissonanz verschmolzen.

Die Frau richtete nun ihre Lampe auf das raue, dunkle, verletzte Gesicht des Seemannes und musterte ihn mit ihren dunklen, kühnen Augen:

„Joe, das ist ein Nigger, bei Gott!“

Johnson und der Kapitän untersuchten ihn ebenfalls sorgfältig, und unter einem Fluch trat der erstere den am Boden Liegenden mit seinem schweren Stiefel.

„Ich habe diesen Kerl letzte Nacht erwischt“, sagte er, „und dachte, die Kur der Alten hätte ihn geheilt. Er ist eine Seekrabbe, die den Aufwiegler für Nigger spielt. Er hat mir in Princess Anne Beef gesungen. Ich habe ihm da gesagt, er würde als Nigger durchgehen, Patty, und wir werden ihn als einen an Georgey verkaufen!“

„Alles ist Fisch, was in unser Netz geht, Joe“, kicherte die Frau; „er wird auch teuer verkauft werden.“

„Dieser weiße Mann“, sprach die Stimme von Samson innerhalb des Verlieses, während seine Ketten rasselten, „hat Hunderte von Freunden, die nach ihm suchen, und ihr werdet es bereuen, wenn ihr ihn nicht laufen lasst.“

„Was für ein Latitat singt da?“, verlangte Joe Johnson von Patty Cannon zu wissen.

„Das ist mein Nigger, Joe“, antwortete die Frau.

„Hol ihn ins Licht.“

Der Kapitän stützte Samson auf, und Joe Johnson starrte ihm ins Gesicht und schlug ihn dann mit dem Griff seiner schweren Peitsche nieder.

„Patty“, knurrte er, „dieser Nigger ist trainiert; er ist der Champion-Schläger von Somerset. Er hat mich niedergeschlagen, und ich habe ihn dafür gezeichnet; und jetzt, bei Gott! werde ich ihn auf Twiford’s Island lebendig verbrennen.“

Er stieß einen Fluch aus, halb blasphemisch, halb schmutzig, und der Kapitän murmelte lispelnd:

„Der weiße Mann ist der einzige Zeuge. Macht ihn unschädlich!“

Man brachte Fesseln, und der Kapitän befestigte Phoebus’ Hände rasch in einem Schäkel, legte ihm Fußfesseln an und brachte ihn, ohne dabei brutal zu sein, in den Verschlag, wo er ihn zusätzlich an einen Ring am unterhalb verlaufenden Deckenbalken kettete. Als die Tür geschlossen und verriegelt war, rief eine Stimme aus der Dunkelheit des Verschlags:

„Tante Patty, lass mich raus: Ich habe dem Kapitän das Leben gerettet; ich habe dem weißen Mann das Messer abgenommen. Ich werde dir treu dienen, wenn du mich nur gehen lässt.“

„Er hat geplaudert“, sagte Joe Johnson, „aber das wird ihm nichts nützen.“

„Zeke“, rief die Frau, „es hat keinen Zweck. Du gehst mit der nächsten Bande zu Georgey – du und der weiße Nigger da.“

Der Mann warf sich auf den Boden, stöhnte und betete, während das Lampenlicht verschwand, der Falltürdeckel hallend über die Treppe glitt und die unteren Riegel vorgeschoben wurden. Während er dort in Entsetzen und unter Verachtung lag, hielt ihn eine Stimme in der Nähe inne, die mit musikalischem und leichtem Geist so leise sang, dass es wie ein Kirchenlied von den weit unter den Straßen und Feldern wirkte:

„Vertiefe die Wunde, die deine Hände geschlagen, In dieser schwachen, hilflosen Seele.“

Der Mann lauschte voller Ehrfurcht und Stille, als ob ein Geist die Melodie summte, und vergaß für einen Augenblick sein Sklavenschicksal angesichts der tieferen Qual, die dieses einfache Kirchenlied im treulosen Herzen aufwühlte. Es war nur Jimmy Phoebus, der überlegte, was er sagen könnte, um diesen doppelten Verräter am härtesten zu strafen, der seinem Volk und der Dankbarkeit den Rücken gekehrt hatte. Jimmy hatte sich an die arme Frau erinnert, die auf Twiford’s Island an den Baum gekettet war, und an ihr oft wiederholtes Lied; und blitzartig kam ihm die Schlussfolgerung in den Sinn, dass der Mulatten-Wicht, der sie weggelockt und verkauft hatte, kein anderer war als sein abtrünniger Mitgefangener, der nun selbst zur Handelsware geworden war, weil er zu gefährlich war, um ihn angesichts des wahrscheinlichen Geschreis um ihre Person auf freiem Fuß zu lassen.

„Arme Mary!“, sprach Phoebus langsam mit seinen tiefsten Tönen und feierlicher Kadenz.

Der elende Mann lauschte und zitterte.

„Marys Geist ruft nach ‚Zeke‘!“, fuhr Phoebus fort, erschreckend in seiner Betonung.

Dem elenden Kuppler blieb bei diesen Worten das Herz stehen, und seine Augäpfel drehten sich in Qual.

„Komm, Zeke! Die arme Mary wartet auf dich!“, rief der Seemann plötzlich mit Donnerstimme und verfiel ebenso plötzlich wieder in den leisen Gesang des stillen Liedes:

„Vertiefe die Wunde, die deine Hände geschlagen, In dieser schwachen, hilflosen Seele, Bis Gnade, mit ihrer mächtigen Hilfe, Herabsteigt, um mich ganz zu machen; Ja, Herr! Herabsteigt, um mich ganz zu machen.“

Der elegante Iskariot hatte beim Donnern des Anrufs in eine Stelle zwischen zwei der Zypressenschindeln im Dach gegriffen, wo er das Messer des Seemanns versteckt hatte; die Klinge war außer Sichtweite gedrückt, und nur der Griff befand sich in seiner Hand. In den aufregenden Szenen der letzten Minuten war es übersehen worden und kam ihm nun wieder in den Sinn, während abergläubische Leidenschaften wie schreckliche Meteore über den schwarzen und hoffnungslosen Abgrund seiner verzweifelten Seele hinwegzogen.

Als das leise Summen des Kirchenliedes, das er seine Gefangene für ihr Baby singen gehört hatte, als ihr Glaube an ihn noch rein und kindlich war, wieder an seine wahnsinnigen Ohren drang, stieß er einen Schrei nach „Gnade!“ aus, auf den keine Antwort folgte, zog die Klinge über seine Kehle und fiel tot im Versteck der Menschenräuber nieder.

KAPITEL XXVI.

VAN DORN.

Ein dünner Frostüberzug lag auf den flachen Ackerflächen, und die safran- und orangefarbenen Blätter fielen fast hörbar von den Bäumen, als Levin Dennis am Mittwoch im langen, niedrigen Haus aufwachte, das abseits der Felder von Johnsons Kreuzung stand. Er trank die kühle, anregende Morgenluft in sich ein; die Sonne hatte bereits ihre erste Ablösung vollzogen, und das Postillon-Horn blies vom alten Wirtshaus herüber, das seine Form so breit und doch so steil in Sichtweite erhob.

Levin war am Abend zuvor von dem hübschen Mädchen, das Jimmy Phoebus so sehr erschreckt hatte, von Twiford’s Wharf heraufgebracht worden, und dies war sein erster Tag voller Ruhe, nachdem er die Alkoholdünste des Sonntags, die aufregenden Wachen des Montags sowie das Gemisch aus Freude und Schmerz, Krankheit und Interesse, Liebe und Reue des Dienstags ausgeschlafen hatte.

Er hatte bereits die ersten Stiche jugendlicher Zuneigung für das junge Mädchen gespürt, mit dem er den Tag auf Twiford’s verbracht hatte, während er dort krank an Magen und Nerven gelegen hatte, und ihre Liebenswürdigkeit und ihr Charme, mehr noch als die Versuchung durch unredliches Geld, hatten seinen Entschluss geändert, bei Twiford’s zu fliehen und das Verbrechen gegen das Eigentum von Judge Custis anzuzeigen.

Es schien kaum real, dass er an einem Verbrechen beteiligt und Zeuge eines Mordes gewesen war – dem Diebstahl der Haussklaven eines Gentlemans und dem Einschlagen des Schädels des kleinsten und hilflosesten unter ihnen, beinahe vor seinen Augen; doch so war es geschehen, und er spürte die Gefahr, in der er schwebte, zögerte jedoch, wie er handeln sollte. Er hatte das Geld des Händlers angenommen und die edelste Freundin seiner Mutter auf dem Fluss passiert, ohne sie zu erkennen, während eine feige Kugel wahrscheinlich Phoebus’ Karriere beendet hatte. Für all diese Taten war er der einzige weiße Zeuge, der einzige, auf dessen Aussage hin Wiedergutmachung geleistet werden konnte.

Er fühlte sich daher wie ein Gefangener, dessen Leben von seinen herzlichen Beziehungen zu dem blutrünstigen Negerhändler und seiner Bande abhing; und Johnson hatte sein Versprechen wiederholt, dass Levin, sollte er ihnen als gleichberechtigtes Mitglied beitreten, schnell Geld verdienen und ein Plantagenbesitzer werden würde.

In der kommenden Nacht sollte ein Überfall auf freie Neger in Delaware durch die Bande in voller Stärke verübt werden, und Levin war gesagt worden, dass er einer der Entführer sein müsse; seine offene Mitarbeit in jener Nacht würde ihn für immer von jedem Verdacht der Abtrünnigkeit und des bösen Glaubens befreien.

„Stiehl einen Nigger, Levin“, hatte Joe Johnson gesagt, „und dann, wenn du jemals in den Knast kommst, kannst du nie mehr raus!“

Levin interpretierte diese Diebessprache dahingehend, dass er ein Verbrechen begehen müsse, um das Vertrauen der Entführer zu gewinnen.

Die Macht dieser Bande hatte er ein wenig erahnt, als es an verschiedenen Stellen entlang des Flusses, besonders um Vienna, geheimnisvolle Verbindungen zwischen Joe Johnson und Leuten am Ufer gegeben hatte, die in Nachahmung von Tierlauten geführt wurden; und der Neger-Fährmann in jenem alten Dorf in Dorchester hatte nur eine halbe Stunde vor der Begegnung des Händlers mit Jimmy Phoebus mitten im Strom mit Johnson gesprochen, woraufhin der grimmige Passagier seine Pistole gezogen und Levin benachrichtigt hatte:

„Nun, mein kleiner Gauner, Ehre ist das, was ich von dir erwarte, und um dich daran zu erinnern, Levin, werde ich dieses Bell-Eisen auf deinen Mund richten, damit, falls du etwas ausplauderst, eine blaue Pflaume direkt in deine Kehle geht.“

Er hatte dann versucht, jemandem auszuweichen, der auf dem Fluss erwartet wurde, und in einem Anfall von Wut über das Erwachen und Wimmern des Kindes hatte er es für immer zum Schweigen gebracht und dann Phoebus niedergeschossen.

Die arme Hominy hatte aufrichtig geglaubt, Johnsons eigentümlicher Slang sei die Sprache der guten Quäker, Anhänger von Elias Hicks, die entlaufene Sklaven beherbergten und ein „Ihr“ und „Du“ und „Wahrlich“ sprachen, und dieses seltsame Missverständnis in ihrem unwissenden Geist hatte sich der gewiefte Händler zunutze gemacht, um sie in Levins Boot zu locken und sie in ein fernes Land zu entführen.

„Wir haben sie nicht gestohlen, Levin“, sagte Johnson; „sie wollte von einem guten Herrn abbhauen, und wir verkaufen das krumme Ding einfach und machen es wieder gut.“

Als Tante Hominy mit den kleinen Kindern unter ihrem Schutz bei Manokin Landing an Bord der Ellenora Dennis kam, hatte Levin geschlafen und wusste nichts von dem Diebstahl, bis es zu spät war, um zu protestieren, und Johnson selbst hatte das Segelboot ins offene Wasser gesteuert. Dann, durch die Kedge’s Strait fahrend, hatte er die offene Bucht befahren, außer Sichtweite der Küste von Somerset, und war gegen Abend über die Harper’s Strait in den Nanticoke eingefahren und mit der Nachtflut hinaufgelaufen; aber der Instinkt von Jimmy Phoebus hatte ihn an den Gabelungen des Nanticoke abgefangen und ein weiteres Verbrechen zu Johnsons alter, verdächtiger Bilanz hinzugefügt. Er war noch nie wegen Mordes angeklagt worden, obwohl man Mord für kein allzu gewaltiges Verbrechen für ihn hielt.

Es lag ein Reiz des Abenteuers in diesem schuldhaften Auftrag, der Levin, wäre das Verbrechen nicht gewesen, einigermaßen gefallen hätte; der wandernde Tropfen in seinem Blut weitete sich zu dieser wilden Verbindung aus; und er wusste vergleichsweise wenig über die Entführer aus Delaware, las nichts, und in jenen Tagen wurde wenig über Patty Cannons Bande gedruckt, außer in fernen Journalen wie Niles’s Register oder Lundy’s Genius of Emancipation. Levin war zuvor noch nie die Nanticoke-Region hinaufgesegelt, und die Landschaft war angenehm für sein Auge, während sein Herz gerade im ersten Flug der Gefühle gegenüber der interessanten Kreatur flatterte, die er dort so unerwartet und, wie er glaubte, so seltsam entdeckt hatte.

Als sie in der Nacht bei Twiford’s ankamen, hatte Johnson ihn dort ins Bett geschickt und war selbst mit dem Neger-Eigentum zu Johnsons Kreuzung weitergezogen; und als er am nächsten Tag spät erwachte, fand Levin eine wunderschöne, wilde Blume von einer jungen Frau vor, die an seinem Lager saß, mit ihren eigenen langwimperigen, feuchten grauen Augen in seine großen, sanften Augen blickte und seine dunkelroten Locken mit ihrer Hand strich. Als er staunend aufblickte, sagte sie zu ihm:

„Ich habe noch nie zuvor einen Mann mit einem Mittelscheitel gesehen, aber ich glaube, ich habe von einem geträumt.“

„Wer bist du?“, fragte Levin.

„Ich? Oh, ich bin Hulda. Ich bin Patty Cannons Enkelin.“

„Diese böse Frau!“, rief Levin aus. „Oh, das kann ich nicht glauben!“

„Ich manchmal auch nicht, bis die sündige Wahrheit von ihren eigenen kühnen Lippen zu mir kommt. Oh, Sir, ich bin nicht so böse wie sie!“

„Wie kannst du überhaupt böse sein“, fragte Levin, „wenn du so gut aussiehst? Ich würde deinem Gesicht sogar im Gefängnis vertrauen.“

„Würdest du? Wie glücklich mich das macht, von jemandem vertraut zu werden! Niemand scheint mir hier zu vertrauen. Meine Mutter war nie gut zu mir. Kapitän Van Dorn ist freundlich, aber zu freundlich; ich schaudere vor ihm.“

„Wo ist deine Mutter jetzt?“

„Sie ist mit ihrem Ehemann in den Süden gezogen, um für den Rest ihres Lebens in Florida zu leben, und wir ziehen alle dorthin, nachdem Vater noch eine weitere Ladung Sklaven hat. Du bist einer von Vaters Männern, nehme ich an?“

„Wer ist dein Vater?“

„Joe Johnson.“

„Dieser Mann“, murmelte Levin. „Oh, nein, das ist zu schrecklich.“

„Hasse mich nicht. Sei ein wenig freundlich, wenn du es tust, denn ich habe dich hier stundenlang beobachtet und fast gehofft, du würdest nie aufwachen, so schön und rein sahst du im Schlaf aus.“

„Und du – genau so siehst du aus, Huldy. Wie kannst du so aussehen und seine Tochter sein?“

„Ich bin nicht sein Kind, Gott sei Dank! Er ist mein Stiefvater.“

„Wie heißt du dann, außer Huldy?“

Das Mädchen errötete tief und zögerte. Ihre schönen grauen Augen waren auf ihre schönen nackten Füße gerichtet, weiß wie der Fluss, der unter dem Fenster glitzerte.

„Hulda Bruinton“, sagte sie und unterdrückte einen Seufzer.

„Bruinton – wo habe ich diesen Namen schon einmal gehört?“, fragte Levin; „irgendeine Geschichte wurde mir erzählt, schätze ich, über ihn?“

„Ja, jeder weiß es“, sagte Hulda mit schmerzlicher Stimme; „er wurde wegen Mordes in Georgetown gehängt, als ich noch ein kleines Kind war.“

Levin konnte vor Erstaunen nicht sprechen.

„Ich könnte es dir genauso gut sagen“, sagte sie, „denn andere werden es tun, wenn ich es verberge. Ich kann mich kaum an meinen Vater erinnern. Meine Mutter heiratete bald Joe und vernachlässigte mich, und Tante Patty, meine Großmutter, hat mich aufgezogen. Sie war freundlich zu mir, aber oh, wie grausam kann sie zu anderen sein!“

„Du redest, als könntest du lesen, Huldy“, sagte Levin, der ein so hartes Thema wechseln wollte; „kannst du?“

„Ja, ich kann lesen und schreiben, als wäre ich in der Schule gewesen. Jemand brachte mir die Buchstaben im Wirtshaus bei – einer der Negerhändler: Ich glaube, es war Colonel McLane; und ich hatte eine Begabung dafür, glaube ich, weil ich sehr früh anfing zu lesen, und dann ließ Tante Patty mich Bücher für sie lesen – oh, solch schreckliche Bücher!“

„Welche waren das, Huldy?“

„Das Leben von Piraten und die Prozesse von Mördern – über Murrells Bande und die Vergiftungen durch Lucretia Chapman, die Hinrichtung von Thistlewood und Captain Kidds Reisen; das letzte, was ich ihr vorlas, war die Geschichte von Burke und Hare, die letztes Jahr im Canongate von Edinburgh Leute zu Tode erstickten, um ihre Körper an die Ärzte zu verkaufen.“

„Musst du ihr solche Dinge vorlesen?“

„Ich glaube, das ist der einzige Einfluss, den ich auf sie habe. Manchmal starrt sie mich so schrecklich an und murmelt solche Drohungen, dass ich fürchte, sie wird mich umbringen, und so eile ich, ihre Lieblingsbücher zu holen und ihr die dunklen Verbrechen verzweifelter Männer und Frauen vorzulesen, und sie lacht und hört zu wie jemand, der angenehme Geschichten hört. Meine Seele wird krank, aber ich sehe, dass sie fasziniert ist, und ich lese weiter und versuche, meinen Geist vor der grausamen Erzählung zu verschließen.“

„Huldy, bist du ein hübscher Teufel, der mich aus meinem Herzen lockt, um mich ins Verderben zu stürzen?“

„Nein, nein; oh, glaub das nicht! Ich nehme an, alle Männer sind grausam, und alle, die ich je kannte, waren Negerhändler, sonst würde ich dich für zu sanft halten, um von dieser brutalen Arbeit zu leben. Ich sah dich in diesem Bett liegen, und Mitleid und Liebe überkamen mich, als ich dich sah, so jung und schön, wie du in dieses Leben voller Verrat und Sünde eintratst.“

Levin starrte sie eindringlich an, erhob sich dann, sah sich um und spähte durch die alten Dachgauben in den grünen Hof und den flutenden Fluss, der mit solcher Erhabenheit vorübereilte.

„Werden wir beobachtet?“, erkundigte er sich.

„Von niemandem in diesem Haus. Alle Männer sind weg und bereiten sich auf die Jagd morgen Nacht vor. Der Fluss wird beobachtet, und man würde dich nicht sehr weit entkommen lassen, aber in diesem Haus bin ich dein Wärter. Joe sagte mir, er würde mich verkaufen, wenn ich dich entkommen ließe.“

Levin hörte zu, betrachtete sie noch einmal leidenschaftlich und staunend und fiel vor ihren unbedeckten Füßen auf die Knie.

„Dann, Huldy, hör mich an, Dame mit solch schönen Augen – ich muss an sie glauben, so böse auch alles, was du ansiehst, gewesen sein mag! Ich habe in meinem Leben noch nie etwas gestohlen, noch habe ich einen Wurm zertreten, wenn ich ihm aus dem Weg gehen konnte – so wahr mir die Gebete meiner armen Mutter helfen! Huldy, wie soll ich mich vor diesen bösen Männern und den Gesetzen retten, die ich bis Sonntag nie gebrochen habe? Oh, sag mir, was ich tun soll!“

„Tu alles, außer ihre Verbrechen zu begehen“, antwortete sie. „Versprich mir, dass du das niemals tun wirst! Lass uns beginnen und die Freunde sein, die ich mir wünschte, wir könnten sein, bevor ich dich je sprechen hörte. Wie ist dein Name?“

„Levin – Levin Dennis. Mein Vater ist mir verloren, und meine Mutter auch.“

„Dann hat der Himmel meine vielen Gebete erhört, Levin, mir etwas zu geben, das ich schätzen und beschützen kann. Ich bin fast eine Frau: Oh, was ist mein schreckliches Schicksal? – hier unter diesen Wölfen von Männern zu einer Frau zu werden, die sich um das Wirtshaus meines Stiefvaters treffen, um das Blut und die Seelen von Menschen zu kaufen, die frei geboren wurden. Joe Johnson verkauft alles; er hat oft gedroht, mich an irgendeinen Händler zu verkaufen, dessen kühne und böse Augen mich so plump anstarrten, und ich habe sie über einen Preis sprechen hören, als wäre ich die Handelsware, die übertragen werden soll – ich, in deren Adern jeder Tropfen Blut der einer weißen Frau ist.“

„Ich möchte, dass du über mich wachst, Huldy: Ich bin ein armer, betrunkener Junge, mein Boot für eine Woche an Joe Johnson verchartert und bezahlt. Sag mir, was ich tun soll, und ich werde es tun.“

„Zuerst“, sagte sie, „musst du etwas essen und Milch trinken – nichts Stärkeres. Ihr Branntwein, den sie selbst brennen, setzt die Leute in Brand. Ich werde den Tisch für dich decken.“

Nachdem der Tisch gedeckt war, schlüpfte Jimmy Phoebus herein und verschlang die Milch und das Fleisch, wobei er die Fortsetzung des soeben gegebenen Gesprächs belauschte; und als seine ungeschickten Bewegungen diese neuen jungen Freunde gestört hatten, fiel Hulda ohnmächtig auf der Treppe vor der Erscheinung hin, die Levin nicht sah, und er stibitzte den Kuss, der war, als pflückte man eine blassrote Blüte aus dem Garten eines Drachen.

In jener Nacht kamen zwei Pferde ohne Sättel, um sie beide zu Johnsons Kreuzung zu bringen, und Levin erwachte in Patty Cannons altem Wohnsitz auf dem benachbarten Bauernhof.

Er blickte aus dem kleinen Fenster im niedrigen Dach auf einen kleinen Garten, wo eine kurze, stämmige, kraftvoll gebaute Frau, barfuß, einige Blumen aus ihren Beeten nahm, um sie in Kisten mit Erde zu legen.

„Hier, Huldy“, rief diese Frau, „setz sie alle unter die Glasabdeckungen, Schatz, damit Großmutter nächsten Winter ein paar Blumen für ihren Hut hat. Die wüssten bei Cannon’s Ferry nicht, wer die alte Patty ist, wenn sie nicht mit Blumen am Hut käme.“

Ein schelmischer Blauhäher saß in einem großen Kirschbaum, der dort anscheinend domestiziert war, und er beschäftigte sich damit, über dem Kopf der Frau abwechselnd die Schreie eines kleinen Vogels in Todesangst und das triumphierende Kreischen eines Falken nachzuahmen.

„Halt den Schnabel, du Dieb!“, sprach die Frau und blickte auf. „Die Blauhäher, Mädel, vor denen haben die Nigger Angst und bringen sie um, als des alten Nick Lauschter und Zuträger. Deshalb behalte ich sie um mich. Sie sind besser als ein Wachhund, um Fremde anzubellen, und weil sie ihr ganzes Leben lang stehlen, liebe ich sie. Blauhäher, bei Gott! ist der Vogel der alten Pat Cannon.“

„Großmutter“, sagte Hulda, „ich wünschte, du hättest einen großen, eleganten Garten. Du liebst Blumen.“

„Hübsche Dinge wollte ich schon immer haben“, rief die bulldoggenartige Frau mit einem Fluch; „helle Dinge liebte ich, als ich noch ein Mädel war, und habe alles, was ich hatte, für sie eingetauscht. Als ich dann groß wurde, tauschte ich hässliche Dinge gegen sie ein, wie Nigger. Ich würde eine Schiffsladung Nigger für eine Schürze voll Rosen geben.“

„Florida, sagt man, ist wunderschön, Großmutter, und Blumen sind dort überall.“

„Ja, Mädel, das sagen sie; aber ich erwarte nicht, jemals dorthin zu kommen. Margaretty, deine Mutter, mag es dort. Delaware ist mein Zuhause; einige hassen mich hier, und die verdammten Anwälte versuchen, mich anzuklagen, aber ich werde an der Grenze leben, bis sie mich darüber schubsen, wo ich der Hahn im Korb bin, seit ich ein Mädel war.“

Während Hulda, ebenfalls barfuß, aber geformt wie die Blumen, sodass ihre Füße so natürlich wirkten wie die nackten Wurzeln, die Kisten um die Glasbeete trug, die einen Schornstein umgaben – Dahlien, herbstliche Krokusse oder Safrane, dreifarbige Chrysanthemen oder Goldblumen und die orangefarbenen Ringelblumen –, roch die ältere Frau, auf ihre Hacke gestützt, am Terpentin einer Reihe hoher Sonnenblumen, brach eine ab und steckte sie an ihren breitkrempigen Leghorn-Hut.

„Wenn ich auf dem Seil tanze“, hörte Levin sie kichern, „muss eine dieser großen Blumen mit mir sterben.“

Sie verschwand im Pfirsichgarten, der den Garten mit seinen rosigen Zweigen tönte, und Levin nutzte die Gelegenheit, das Häuschen und die Landschaft zu überblicken.

Es war ein bloßer Bauernhof, flach wie ein Boden, Teil einer größeren Rodung in den urzeitlichen Wäldern, wo nur Feuer oder das Alter gezehrt hatten, seit der Mensch gekommen war; und obwohl es mehr Land zu geben schien, als zu diesem Anwesen gehörte, konnte Levin über den gesamten Ausblick kein anderes Haus sehen, außer der kühnen und angelaufenen Form von Johnsons Schloss, das seine lange Veranda an der Basis jenes hohen, leeren, ausdruckslosen Daches nach vorne schob, das wie der fahle Vorhang eines Theaters zwischen den feierlichen Schornsteintürmen zu hängen schien; der nördliche Schornstein breit und riesig und auf einem Bogen ruhend; der südliche Schornstein schlanker, aber aufrecht wie eine ewige Wache an der Königsstraße.

Das Haus, aus dem Levin Dennis jetzt hinaussah, war eine dreiräumige, hölzerne Doppelkabine mit Betten in jedem Raum außer der Küche, und das Walmdach bot zusätzlich beträchtliche Schlafgelegenheiten auf dem Dachboden, wobei die Räume alle klein waren, wie es damals allgemein üblich war. Um das Haus erstreckte sich ein hübscher Garten mit einigen Kirsch- und Pflaumenbäumen und wilden Pfirsichen entlang seiner Grenzen, und die Felder ringsum enthielten viele Stümpfe, was zeigte, dass die Rodung erst vor wenigen Jahren vorgenommen worden war, während sich hier und da einige Reisighaufen angesammelt hatten, anstatt verbrannt zu werden.

Als Levin einen dieser Reisighaufen an einer tiefgelegenen Stelle betrachtete, kreiste ein Paar Geier langsam und ungeschickt darüber empor und flog in niedriger Höhe immer wieder im Kreis, als würden sie dort ihre Jungen aufziehen und ungern weit weg fliegen; und noch lange danach sah Levin sie in elterlicher Achtsamkeit hoch über der Stelle schweben.

Er zog seinen Kopf aus dem Dachfenster und schickte sich an, zum Frühstück hinunterzugehen, das er unten kochen roch, als sein eigener Name im Garten ausgesprochen wurde, und er hielt inne und lauschte.

„Du lügst!“, rief die Stimme der alten Frau. „Ich werde dich zu Boden stampfen!“

„Das hat er gesagt, Großmutter, wahrhaftig, das hat er.“

Levin spähte aus den Tiefen des Dachbodens hervor und sah, dass Mrs. Cannon mit der Hacke, die sie eben noch benutzt hatte, über Huldas Kopf stand, während ein dämonischer Ausdruck von Wut ihre nicht unansehnlichen Gesichtszüge verzerrte.

Levin trat sofort ans Fenster und pfiff, als gälte es dem Vogel im Baum. Die ältere Frau ließ augenblicklich ihre Hacke fallen und rief Levin zu:

„He, Junge! Bist du nicht fast verhungert vor Frühstückshunger? Es ist alles für dich bereit, und Huldy wartet darauf, dass du runterkommst.“

Levin ging sogleich die kurze, gewundene Treppe hinunter zu einem Tisch, der am Küchenende gedeckt war, und die alte Frau blies in ein Blechhorn in Richtung Johnson’s Cross-roads, als würde sie weitere Kostgänger rufen, und dann sagte sie zu Levin mit überaus freundlicher Miene:

„Junge, diese nichtsnutzigen Leute hier werden dir Fragen stellen, um dich zu belästigen, und ich will nicht, dass dir ein Leid geschieht, Levin; also sag jedem, den du hier siehst, dass du Levin Cannon heißt, dann werden sie denken, du seist nur einer von meinen Leuten, und dich nicht weiter fragen.“

Hulda hob leicht die Augen, was Levin als Zustimmung deutete, und er sagte:

„Cannon ist gut genug für einen so armen Kerl wie mich.“

„Du gehst heute Abend mit Joe mit, nicht wahr?“

„Ja, Ma’am, ich glaube schon.“

„Das ist recht, Vetter. Du wirst noch reich werden und deine eigene Kutsche halten. Captain Van Dorn wird die Gruppe anführen. Als Levin Cannon, alter Pattys armer Vetter, wird er auf dich aufpassen, Junge. Nun iss ein paar von meinen Pfannkuchen und Speck mit Eiern und den besten Kaffee von Cannon’s Ferry. Huldy, Mädel, bedien deinen Vetter Levin! Er wird nicht dein Liebster sein, wenn du ihn nicht gut fütterst.“

Das Frühstück wurde von einem weißen Mann hereingebracht, dessen Gesicht zerkratzt und zerbissen war und dessen ein Auge voll gestautem Blut stand.

„Cy“, rief Patty Cannon, „die Pfannkuchen hast du wohl schwer wenden können mit dem roten Auge, das Owen Daw dir verpasst hat.“

„Ich werde ihm beide Seiten braun braten, wenn ich erst den Rost für ihn heiß habe“, rief der Mann und schniefte dabei halb.

„Bevor du genug Mumm dafür aufbringst, wird der kleine Owen dir die Augen ausstechen, Cy, wie eine Krähe; er ist verwegen genug, sich mit dem Galgen anzulegen. Da kannst du dich mit ihm messen, Cy.“

Der Mann wandte sein feiges, unterwürfiges Gesicht forschend Levin zu und blickte mürrisch und beschämt zu Hulda, die bemerkte:

„Cyrus, du bist nicht geschaffen für die groben Jungen um die Schenke meines Vaters, die dich immer schikanieren. Bitte geh nicht wieder dorthin.“

„Wo soll er denn sonst hin?“, fragte Patty Cannon streng; „es gibt hier in der Nähe keine Kirche mehr, seit Chapel Branch aus Mangel an Pfarrergehältern verfallen ist. Lass ihn in die Schenke gehen und lernen, wie ein Mann zu kämpfen, und wenn die Jungs ihn verhauen, soll er eben ein paar von ihnen umbringen. Dann können Joe und der Captain etwas aus Cy James machen, und die Leute hier werden ihn respektieren. Nun, Captain, mein Schatz, hast du keinen Hunger?“

Dies war an einen Mann mit mehreren blauen Flecken auf der Stirn und einem riesigen flachsblonden Schnurrbart gerichtet, der so weich in der Textur war wie Kinderhaar – ein Mann, der zierliche Stiefel mit hohen flämischen Gamaschen trug, die sich umkrempelten und darunter rote Frauenstrümpfe zeigten, über denen eine Hose aus beigefarbenem Kordstoff geschnallt war, die nur seine Oberschenkel bedeckte und über den Hüften von einem Ledergürtel gehalten wurde. Sein Hemd war aus blau gemustertem Stoff, und sein loser, aufgeknöpfter Rock war eine Art Seemannsjacke aus abgewetztem, schwarzem Samt. Er hängte einen breiten Schlapphut von gelblich-grauer Farbe, weich wie seine gesamte Kleidung, an einen Haken an der Wand und verneigte sich zuerst vor Hulda mit einem Lächeln der Begrüßung, vor Madame Cannon kavaliermäßig und vor Levin mit einer anmutigen Zurückhaltung, die die Aufmerksamkeit des Jungen von der berüchtigten Frau am Kopfende des Tisches abzog und ihn während der gesamten Mahlzeit fesselte.

„Hübsche Hulda, ich grüße Euch! Patty, buenos dias! Ich hoffe, es geht Euch gut, Freund!“ – das Letzte galt Levin.

Als er Messer und Gabel aufnahm, bemerkte Levin, wie ein Ring mit einem reinweißen Diamanten an der Hand des Captains aufblitzte. Er war ein blauäugiger Mann, der zugleich errötete und lispelte, wie jemand Schüchternes, aber zuweilen blickte er gerade und kühn einen aus der Gruppe an, und dann schien er seine Zartheit zu verlieren und wurde grob und kalt. Einen solchen Blick warf er auf Hulda, die ihre Augen davor senkte und ihn danach kaum noch ansah.

Auf Levin übte dieser Mann die größte Faszination aus, teils wegen seiner außergewöhnlichen Kleidung – ähnlich den Kostümen, die Levin im Theater in Baltimore gesehen hatte, wo die Piraten auf der Bühne eine Jacke, ein offenes Hemd und einen Gürtel trugen, die im Schnitt, wenn auch nicht im Material, ähnlich waren – und teils wegen seines Antlitzes, in dem für den Jungen etwas sehr Vertrautes lag, obwohl er sein Gedächtnis vergeblich nach Zeit und Ort durchsuchte. Der Fremde war kaum älter als vierzig bis fünfundvierzig Jahre, doch die Hausherrin behandelte ihn mit allen Schmeicheleien eines Ehemanns.

„Lieber Captain! armer Schatz!“, sagte sie; „dass sein schönes gelbes Haar von dem Neger-Habicht ausgerissen wurde! Schatz, er fiel auf mich, und ich dachte, ein Stier hätte mich in den Magen gestoßen.“

„Er hat keine Glieder gebrochen, Patty“, lispelte der Captain und speiste auf zierliche Weise – und Levin bemerkte, dass seine Gabel aus Silber war und sein Messer ein Klappmesser mit Silbergriff, das er aus seiner Tasche gezogen hatte –, „Chis! chis! Wenn er mir den Arm gebrochen hätte, hätte die Karawane heute Nacht ohne mich aufbrechen müssen. Ich bin allerdings wund, denn der Senor war ein tapferer Ringer.“

„Er wird seinen Lohn bekommen, Schatz, wenn sie ihn in Georgia an die Arbeit setzen und ihn ordentlich auspeitschen, und wir den Preis für ihn in Punsch vertun. He, he! lieber Junge!“

„Ich habe ihm das heute abgenommen, als ich ihn sorgfältig durchsuchte“, sagte der Captain und reichte Patty Cannon eine silberne Münze.

Die Frau, obwohl sie kaum älter als fünfzig Jahre zu sein schien, zog eine silberne Brille aus einem alten Lederetui, setzte sie auf und buchstabierte die Münze:

„George – drei – achtzehn – achtzehnhundertfünfzehn!“

Sie warf den Kopf so schnell zurück, dass die Brille von ihrer Nase rutschte und Hulda sie auffing; dann wandte sich Mrs. Cannon mit einem grimmigen Ausdruck an Hulda und riss ihr die Brille aus der Hand.

„Wo hat der Teufel das her?“, fragte Patty Cannon.

„Ach! wer weiß?“, lispelte der Captain mit blasser Gleichgültigkeit und warf einen dieser starken, durchdringenden Blicke, die er manchmal aufbot, direkt in die Augen der Wirtin. „Es könnte ein Zufall sein: chis! chito! Ein Schilling aus einem bestimmten Jahr ist keine Seltenheit. Aber, Madame Cannon, es wird ein wenig seltsam, wenn sechs solcher Schillinge, alle mit diesem bezeichnenden Jahr versehen, aus derselben Tasche kamen!“

Damit reichte er der Wirtin fünf weitere Schillinge des gleichen Aussehens, und sie setzte ihre Brille wieder auf, betrachtete sie alle, ließ sie mit einem müden, aber erschrockenen Ausdruck in ihren Schoß fallen und murmelte:

„Van Dorn, wer kann er sein?“

„Das ist von geringerer Bedeutung, meine Liebe, als die Frage, ob wir es uns leisten können, ihn zu verkaufen.“

Der Captain blickte nun mit derselben starken Eindringlichkeit auf Hulda, doch ihre Augen blieben auf ihrem Teller; und obwohl Madame Cannon sie ebenfalls mit Interesse und Abneigung betrachtete, aß Hulda ruhig weiter, ihrer Beobachtung unbewusst.

„Pah!“, sagte die Frau; „Leute können sich jeden Tag selbst in Angst und Schrecken versetzen, wenn ihnen danach ist. Wir haben ihn, und wenn er etwas weiß, dann steckt es alles in dieser Neger-Birne. Also iss und verdammt noch mal!“

„Mein Schutzengel“, bemerkte der Captain mit einem Erröten und einem stärkeren Lispeln, „Du hast vielleicht nicht bemerkt, dass ich nie aufgehört habe zu essen, während du sofort deinen Appetit verloren hast. Was wirst du mit den Schillingen tun?“

Mrs. Cannon nahm sie aus ihrem Schoß und erhob sich, als wolle sie sie aus dem Fenster werfen; ihr wütendes Gesicht ließ diese Auslegung zu.

„Halt, bemerkenswerte Frau“, sagte der Captain und zog mit der diamantblitzenden Hand an seinem weichen, flachsblonden Schnurrbart, „lass deine fruchtbaren Quellen innehalten und beraten, denn ich sorge mich nur um dein Glück, das mein Leben so reich gesegnet und jeden Aberglauben aus meinem Herzen verbannt hat, sodass ich weder an Geister, noch an Gott, noch an den Teufel glaube, während du an sie alle glaubst und dir viele solcher unnötigen Freunde und Eindringlinge schaffst. Chito! chito! wie die Kubaner sagen, und hör dir meinen Vorschlag an, bevor du diese Schillinge wegwirfst!“

„Hüte dich, mich zu verspotten!“, schrie Patty Cannon, wobei ihre dunklen, kühnen Augen verstohlen umherblickten, wie bei jemandem, der zugleich wütend und beunruhigt war, und ihre rötlichen Wangen voller dunkler Wallungen standen.

„Setz dich! Gib die Schillinge der hübschen Hulda da.“

„Ihr?“

„Ya, ya! der gefälligen Hulda; denn was wird uns dann noch beunruhigen, da ihr sündloser Busen ihr sicherer Aufbewahrungsort ist und ihre langbewimperten Augen unsere Geister zu grauem Dunst zerschmelzen lassen?“

Mit einem Blick tiefer Abneigung gab die Frau Hulda die Schillinge und sagte:

„Wenn du mir jemals einen davon zeigst, Mädel, lass ich dich ihn verschlucken.“

Hulda nahm die Silberstücke und betrachtete sie einen Moment mit mädchenhaftem Entzücken:

„Oh, Großmutter, wie gütig Ihr seid! Warum sprecht Ihr so böse mit mir, wenn Ihr mir diese hübschen Dinge gebt? Sie scheinen fast warm in meinem Busen, als ich sie dort hineinlege, wie Dinge mit Leben. Lasst mich Euch dafür küssen!“

Sie erhob sich von ihrem Stuhl und näherte sich der Hausherrin, die in seltsamem Entsetzen dasaß, den Kuss nicht verbat, aber fast schauderte, als Hulda sich hinunterbeugte und ihre reinen jungen Lippen auf das blasse und verlebte Gesicht von Patty Cannon drückte.

Der Captain betrachtete den Kuss mit seinem eigentümlichen, starken, kalten Blick, lächelte Hulda huldvoll an und sagte:

„Da, ihr Damen, ruht im Vertrauen der jeweils anderen! Ein paar Schillinge für einen solchen Kuss ist ein schändlicher Lohn, Tante Patty. Erinnerst du dich so gut wie ich, Madame Cannon, dass du einmal etwas Geld vermisst hast und dachtest, deine Mutter hätte es gestohlen, und überall danach gesucht hast, und es nie zum Vorschein kam?“

„Ja“, schrie Patty Cannon, „das tue ich“, und fluchte einen derben Fluch.

„Glaubst du, der Senor ist in diese Richtung gegangen? Ich glaube es, denn Melson und Milman sind aus Twiford’s heraufgekommen mit der Nachricht, dass Zekes letztes Fell ihre Kette gesprengt hat und geflohen ist, und die ganze untere Nanticoke gibt keine Spur von ihr, und Zeke hat die himmlischen Pforten passiert.“

Der Captain zog den Rücken seines silbernen Klappmessers lächelnd über seine Kehle und legte ein seemännisches Scheidenmesser auf den Tisch.

„Zeke war nur losgebunden; es war eine allzu großzügige Unterlassung“, sagte er. „Die Frau aus Philadelphia, sagt der Senor, habe er freigelassen, und sie sei gegangen, um Alarm gegen uns zu schlagen. Der Senor ist ein kühler Mann: Er hat mir das erzählt und gelacht und gebrüllt und sagt, er werde leben, bis er uns alle in einem Bilderrahmen sieht. Ayme, ayme, Patty!“

Mit einem Gesicht, das immer länger wurde, hörte die Frau diese kaum verständlichen Sätze – die für die jüngeren Leute völlig unverständlich waren –, und Levin schien es, als werde sie plötzlich alt und noch älter, bis ihre Wangen, die kurz zuvor noch blühend waren, tot und faltig wirkten; und nachdem sie das Aussehen von kaum fünfzig und dazu noch hübsch bewahrt hatte, sah sie nun aus wie mehr als sechzig Jahre alt, traurig und hilflos.

„Van Dorn, ich sterbe“, murmelte sie, als ihre Augen glasten und sie wie ein Klumpen Teig in ihrem Stuhl zusammensank.

„Ha! O hala hala! Hände weg, schöne Hulda“, rief der Captain freudig, als Hulda sich bewegt hatte, um die arme alte Frau zu stützen; „niemand soll bei diesen Zeremonien der Sühne assistieren als Van Dorn selbst, dessen Rechte an Mistress Cannon Priorität haben. Sie ist wassersüchtig und eilt zu früh ins Verderben, was ich aufhalten muss, damit sie mich noch mehr trösten kann. Süße Trösterin! Junger Herr, Ihr sollt mir helfen.“

Levin fasste Patty Cannons Füße an und stellte fest, dass sie aus Knochen zu bestehen schienen, so zäh waren ihre Sehnen, und Van Dorn hob ihre breiten Schultern mühelos an, und so wurde sie auf ein Bett im Nebenzimmer gelegt, wo man den eleganten Captain ihre Glieder reiben sah und sogar eine Blutegelflasche hantieren, von denen er einen über die Hand kriechen ließ, die den Diamanten trug, was sie wie einen schmelzenden oder sich lebendig bewegenden Rubin aussehen ließ. Während dieser gefräßige Blutliebhaber sich um die geraden Knöchel der Wirtin vollfraß, hielt der zierliche Captain sie wie ein leidenschaftlicher Liebhaber in seinen Armen.

„Schatz“, seufzte die Frau, „meine Pacht ist fällig, und Jake Cannon wartet nie. Nimm Huldy und diesen neuen Rekruten hier, meinen Vetter Levin Cannon, und fahr sie zur Fähre – und beobachte den Jungen, Van Dorn: Ich will, dass er abgerichtet wird! Gib ihm eine Pistole und ein Messer und lass ihn jemanden abstechen. Drück ihm das blutige Mal auf, dann gehört er uns.“

„Großartige Frau!“, lispelte der Captain, freigebig mit seinen Küssen, „Maria Theresia! Semiramis! Agrippina! Kleopatra! Immer fruchtbar an großen Ideen und verjüngt durch Nachtschatten, alto! quedo! aber ich liebe dich!“

„Bin ich noch ein wenig jung, Schatz?“, fragte Patty Cannon. „Oh, täusch mich nicht, Van Dorn! Können meine Augen Liebe und Hass ausdrücken wie in alten Zeiten?“

„Si! quiza! Immer mehr, dunkler Engel, der in das schwarze Alter eintritt wie Fackeln in einer Höhle, sehe ich deine tiefen Augen flammen; aber sie gefallen mir nie so sehr, Patty, wie wenn sie bei irgendeiner neuen bösen Idee aufblitzen, wie diese, den Jungen für das Leben zu zeichnen. Wer ist er?“

„Er ist ein Cannon, einer von der Sippe, der mein Delaware-Mann angehörte. Seine Mutter blickte auf mich herab, weil ich in ihre Familie kam: Ich habe mich an sie erinnert.“

„Du willst also, dass dein junger Vetter ein Verbrecher wird?“

„Ja, Schatz, ich will, dass er versengt wird, damit der Teufel ihn als den Seinen erkennt.“

Der Captain griff nach unten zu den Füßen der Dame, zog den Blutegel ab und hielt ihn gegen seine hohle Handfläche, vollgesogen mit dem Blut der schönen Patientin.

„Siehst du, Patty! Der Junge soll Blut trinken wie dieses, bis er, betrunken davon, sich nicht mehr halten kann und in unser Schicksal fällt wie in dieses Fläschchen.“

Während er sprach, ließ er den Blutegel in die Flasche fallen, wo seine Spiegelung im Glas das Blut zu spritzen schien.

„Ha, ha! Van Dorn, ich liebe dich!“, schrie die Frau und erstickte ihn mit Liebkosungen.

KAPITEL XXVII.

CANNON’S FERRY.

Als Levin und Hulda, die sich inzwischen im Garten gefährlich nah am Thema der Liebe unterhalten hatten, mitgeteilt wurde, dass sie auf den besonderen Wunsch von Tante Patty Cannon – die ihnen auch eine Handvoll halber Cents zum Ausgeben schickte – mit Captain Van Dorn eine Fahrt nach Cannon’s Ferry machen sollten, waren beide hocherfreut, obwohl Hulda sagte:

„Lieber Levin, wenn es nur wir beide wären, die für immer gehen würden, wie glücklich könnten wir sein! Ich könnte bei deiner schönen Mutter leben und für sie arbeiten, und weil du wüsstest, dass ich immer da bin, würdest du dein Geld mit nach Hause bringen, anstatt es zu verschwenden.“

„Können wir das nicht irgendwie machen?“, fragte Levin. „Oh, ich wünschte, ich hätte Verstand! Ich wünschte, Jimmy Phoebus wäre hier, Huldy, um mich da draußen im Garten zu nehmen und mich zu verhauen wie mein Vater. Aber wenn ich nicht hierhergekommen wäre, wie hätte ich dich sehen können, Huldy?“

„Wie hätte ich eine so himmlische Nacht des Friedens und der Hoffnung verbringen können, wenn du nicht gekommen wärst, Liebster? Das Gute Wesen muss dich zu mir geführt haben.“

„Huldy“, sagte Levin, nachdem er bis zur Grenze seines Wissens nachgedacht hatte, „vielleicht gibt es ein Postamt in Cannon’s Ferry, und du kannst einen Brief an Jack Wonnell für mich schreiben.“

„Warum nicht an deine Mutter, Levin?“

„Oh, ich schäme mich, es ihr zu sagen; es würde sie umbringen.“

„Wenn wir entdeckt werden, Levin, würde Tante Patty mich umbringen. Es gibt hier kein Papier, keine Tinte, die ich bekommen kann, das Porto für einen Brief beträgt fast neunzehn Cent, und schau! diesen halben Cents fehlen genau zwei an der Summe.“

„Ich habe Gold“, rief Levin und dachte an den Rest von Joe Johnsons Kopfgeld.

Er griff in seine Tasche, doch das Geld war nicht mehr da.

„Pst!“, rief Hulda, „du bist bestohlen worden. Jeder wird bestohlen, der hier schläft. Großmutter kann Gold riechen wie die Ratte, die gelben Käse findet.“

Die Person, die das Frühstück serviert hatte, kam auf sie zu, ein Mann von Gestalt, mit einer niedrigen Stirn, kaum einem Kinn, einem langen Kranichhals und einem übel zerkratzten und vereiterten Gesicht.

„Mister“, sagte er zu Levin, „komm mir helfen, die Pferde anzuspannen; ich bin so fertig, dass ich nicht sehen kann, wie.“

Levin machte sich sofort auf den Weg und schlug Hulda vor, nach seinem verschwundenen Geld zu suchen, und als sie im kleinen Stall waren, bemerkte der Mann zu Levin im Flüsterton:

„Beim Rauch!“

Levin fuhr fort, den Pferden Zaumzeug und Geschirr anzulegen, als der Mann erneut mit einem einnehmenden Grinsen sagte:

„Beim Rauch!“

„He?“, rief Levin.

„Beim Rauch!“, bemerkte der Mann wieder mit sehr feurigem Nachdruck.

„Du musst in Princess Anne gewesen sein“, sagte Levin, „um ‚beim Rauch‘ zu schwören.“

Der schlecht erzogene Mann mit einem solch minderwertigen Kopf und Kranichhals schlich nun vor Levin und blickte auf ihn herab und flüsterte:

„Hokey-pokey!“

Levin kam der Gedanke, dass der Küchenjunge von Patty Cannon verrückt geworden sein musste.

„Wo hast du die Wörter aufgeschnappt, Cy?“, fragte Levin.

„Hokey-pokey!“, antwortete Cy James mit einem geheimnisvolleren und eindrucksvolleren Hauchen; „Hokey-pokey! Beim Rauch! und Pangymonum auch!“

„Warum, Cy! Was meinst du damit? Jimmy Phoebus schwört nur in diesen Wörtern. Kennst du Jimmy Phoebus?“

„Pangymonum auch!“, zischte Cy James mit jeder Animation. „Hokey-pokey, drei! und Beim Rauch, eins!“

Er legte seine langen Arme auf die Knie, beugte sich wie eine große Gans hinunter und starrte Levin in die Augen.

„Ich hatte nie genug Verstand“, sagte Levin, „um ein Rätsel zu lösen, Cy Jeems. Diese Wörter habe ich einen guten Mann – den Freund meiner Mutter – so oft gebrauchen hören, dass sie mir Angst machen. Mein Geist denkt Tag und Nacht an ihn. Oh, ist er tot?“

„Beim Rauch! Hokey-pokey! und Pangymonum auch!“, flüsterte der lange, hagerer, aufgeregte Kerl mit der größten Feierlichkeit.

„Sie sind Jimmy Phoebus’ tägliche Worte, lieber Cyrus. Er wurde vorgestern Nacht am Fluss getötet; ich sah ihn fallen; es ist meine Sünde und mein Elend.“

„Er ist nicht tot“, flüsterte Cy James sehr leise und vorsichtig. „Ich sage dir nicht, wo er ist, bis du Huldy dazu bringst, mich zu mögen.“

„Wie kann ich das tun, Cy?“

„Sie denkt, ich sei ein Feigling und werde von Owen Daw verhauen. Sag ihr, ich sei kein Feigling. Sag ihr, ich werde all diese Leute in meiner Pfanne braten – alle außer Huldy. Sag ihr, ich spiele nur den Feigling, bis ich sie alle in Teig habe und die Pfanne eingefettet ist, und dann werde ich der Starke von den Cross-roads sein!“

„Hasst du mich, Cy Jeems? Ich habe dir nichts getan. Ich bin hier ein Gefangener, bis ich mein Boot von Joe zurückbekommen und nach Princess Anne gehen kann.“

„Ich werde dich nicht hassen, wenn du Huldy dazu bringen kannst, mich zu lieben“, erwiderte Cy James. „Sag ihr, ich sei kein Feigling; dass ich frei und auch reich werde.“ Er ließ seine Handflächen wieder auf seine Knie sinken und flüsterte: „Denn ich weiß, wo die alte Patty ihr Gold und Silber vergräbt!“

„Kommt mit diesen Pferden, ihr faulen Jungs“, hörte man die lispelnde Stimme des Captains rufen. „Ya, ya! da, luego! der Morgen schreitet voran.“

„Alles bereit“, antwortete Cy James, und als sie die Stalltür verließen, flüsterte er noch einmal und blickte bedeutungsvoll in Richtung Johnson’s Cross-roads:

„Beim Rauch! Hokey-pokey! und Pangymonum auch!“

Der Captain, der wie ein Gentleman aus ritterlichen Zeiten aussah, der sich in diese Waldhöhle verirrt hatte, hielt die Zügel am Boden stehend und half Hulda mit einer Anmut, einem Erröten und einem lispelnden Lachen, das, wie Levin fand, sehr faszinierend war, auf den Sitz neben seinem eigenen.

„Nun, Master Cannon, nehmt Euren Platz am Ende des Gefährts ein“, sagte der Captain, verneigte sich vor Levin und warf ihm einen dieser kalten, groben Blicke zu, die er nur einen Moment lang gewährte, wie eine sanfte Katze, die alle Eigenschaften eines Kaninchens besitzt, außer dem Tigerglanz.

Das Gefährt war ein alter Wagen ohne Federn, und Levins Sitz war ein Stück Brett, während Huldas eine Lehne hatte und der Captain sie mit einer Bärenfelldecke gepolstert hatte. Er sah Hulda mit der größten Aufmerksamkeit an, errötete, wenn sie ihn ansah, und fuhr, ohne die Pferde kaum zu beachten, sie aber doch fast automatisch unter Kontrolle zu haben, aus Patty Cannons Weg und bog in den Wald ein.

Levin warf einen langen, forschenden Blick auf Johnsons Schenke und wünschte, er hätte die Gabe, durch deren wettergegerbtes Plankenwerk und das hohe, fensterlose Dach zu sehen; dann beobachtete er, wie sich die Straße aus hartem Sand oder Kiefernnadeln, hier und da mit einem Schlammloch oder einer langen, pfützigen Fahrrinne versehen, wie ein Band hinter den Rädern zwischen den dichten Kiefern entrollte.

Er bemerkte auch die Geschicklichkeit, mit der der Captain seine lange Ochsenpeitsche schwang – ein bloßer Streifen Rohhaut, an einem Stock befestigt, der in anderen Händen unbeholfen wirkte; doch Van Dorn konnte damit eine Fliege von jedem der beiden kleinen, zottigen Delaware-Pferde verscheuchen, ohne kaum hinzusehen, wo er zuschlug oder das Tier zu stören, und er konnte mit bloßem Handgriff einen Hieb damit versetzen, der das Tier vor plötzlichem Schmerz schwanken und zittern ließ.

An einem kleinen sandigen Rinnsal, dem einzigen, das sie überquerten, versuchte eine lange Wasserschlange zu entkommen, bevor der schnelle Wagen sie treffen konnte, doch der Captain erhob sich schnell und katzenhaft und ließ die lange Peitsche in den Straßenrand schnellen; die Schlange wand sich und sprang in die Luft, fast in zwei Stücke geschnitten. Dann setzte er sich wieder und beugte sich so nah zu Hulda, dass sein langer, flaumiger goldener Schnurrbart ihre Wange berührte, und Van Dorn sagte leise:

„Que hermoso! Junge wilde Blume, soll ich auch eine Schlange aus deinem Weg räumen?“

„Welche, Captain?“

„Das ist einerlei. Nenne irgendeine.“

„Ach!“, sagte Hulda, „ich bin eine von ihnen; wie kann ich meinem Stiefvater und meiner Großmutter Böses wünschen? Sie sind nicht so, wie ich es mir wünsche, aber mir ist befohlen, sie zu ehren.“

„Von wem, schöne Hulda?“

„Von Gott. Ich las es in dem Buch, nachdem ich es von einem Sklaven gehört hatte.“

„Donde esta! Welcher Sklave, den wir kennen, war so gottbewandert?“

„Der arme betrunkene Dave. Er war ein guter Mann, bevor er uns kannte. Er erzählte mir alle Gebote für einen Schluck Branntwein, und ich schrieb sie auf und fand sie später in einem Buch.“

„Chis! chito! wie anmutig ist dein Geist, Hulda! Er entspringt der absoluten Leere deiner Lebensumstände und entdeckt Dinge, so wie der junge Fischadler, ununterwiesen, weiß, wo er nach Fischen tauchen muss. Wer, der je zu Johnsons Cross-roads kommt, bringt die Bibel mit?“

„Colonel McLane.“

„Er? Das selbstgerechte Krokodil! Er hat dir das Buch gegeben?“

„Ja. Er sagte, Joe und Großmutter seien gute Menschen – ‚konservativ gute Menschen‘, glaube ich, nannte er es; aber er sagte, du würdest an nichts glauben, und es gäbe keine Grundlage, glaube ich, nannte er es, für das ‚konservativ Gute‘ in dir.“

„O hala hala! Aber das ist gut“, bemerkte der Captain leise und streichelte seinen goldenen Schnurrbart mit der Hand, die den glänzenden Ring trug. „Patty Cannon mag gerettet werden; ich muss verdammt sein; und Allan McLane wird zu Gericht sitzen. Nein, ich glaube an nichts, weil solche wie sie glauben!“

„Deshalb mag dich niemand“, stellte Hulda freimütig fest, „so angenehm du auch bist.“

„Und kannst du an irgendetwas glauben nach der Umgebung deiner Kindheit, wo du das Verbrechen berührst wie die Teichrose, die zwischen den Wasserschlangen wächst?“

„Die Lilie kann nichts dafür und ist genauso weiß, als wenn sie unter Glas wüchse, weil –“

„Weil die Lilie nichts vom Blut der Schlange hat?“, lispelte der Captain. „Erhebst du diesen Anspruch?“

„Nein“, sagte Hulda; „ich weiß, dass ich von bösen Eltern abstamme, eine Tochter des Verbrechens, mein Vater gehängt, meine Mutter von schrecklicher Herkunft, aber nie habe ich gefühlt, dass Gott mich für ihre Werke verantwortlich macht, wenn ich mein Herz demütig und meine Hände von der Sünde fernhielt; und niemals bin ich bisher von innen heraus dazu versucht worden, auch nur einen Augenblick einer solch abscheulichen Selbstsucht zu genießen. Und ich danke meinem gütigen Schöpfer, dass etwas zum Lieben und Glauben, wenn auch so unglücklich wie ich selbst, den traurigen Pfad hinabgekommen ist, auf den ich so viele Jahre geblickt habe, und mich hat warten sehen.“

Ohne Antwort hing der Captain mehrere Minuten lang seinen eigenen Gedanken nach und seufzte schließlich:

„Ich kenne eine Sache, an die ich glauben könnte, hübsches Kind.“

„Oh, dann nimm sie an“, sagte Hulda, „und gib deinem Glauben einen einzigen Strohhalm, an den er sich klammern kann.“

Van Dorns Hand glitt um ihre Taille, und seine blühenden Wangen und blauen Augen beugten sich unter ihren Leghorn-Hut:

„Ich finde ihn hier, vielleicht, Hulda. Soll ich deine Jugend mit meiner starken Leidenschaft umarmen? Ich fürchte, ich liebe dich.“

„Ja“, antwortete sie und blickte mit ihren langbewimperten Augen von so bezauberndem Grau auf; „küsse mich, wenn es dir Hoffnung gibt!“

Das Erröten und die hohe Farbe wichen aus seinem Gesicht, als er in diese teilnahmslosen, großen grauen Kugeln starrte, die weit offen unter seinen schmollenden, vollen, femininen Lippen lagen, und als er zögerte, wiederholte Hulda:

„Küsse mich, wenn es dir Hoffnung macht!“

„Nein, nein“, antwortete er; „von allen Orten bin ich dort am hoffnungslosesten.“

„Ich wusste, dass du mich nicht küssen würdest“, sagte Hulda mit einem Ton, der über ihm stand, „wenn ich dir das Recht dazu für irgendeinen reinen Zweck gäbe. Der Kuss, den du mir geben würdest, findet sein Gegenstück nicht in meiner Seele.“

„Du hasst mich also?“, sagte Van Dorn.

„Nein, ich bemitleide dich; ich bete auch für dich.“

„Für mich? Welches Interesse hast du an mir?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Hulda. „Ich habe mich oft gefragt, was mich dazu brachte, so oft an dich zu denken und doch niemals mit Bewunderung. Du bist die einzige Person hier, die etwas verloren zu haben scheint, weil sie hier ist; ein Teil von dir scheint verschwunden zu sein; ich habe gefühlt, dass du ein Gentleman hättest sein können, obwohl du es nie wieder sein kannst. Ich schrecke vor dir zurück und bemitleide dich doch. Aber trotz all deiner schönen Manieren würde ich dich niemals lieben, während den armen Jungen, der mit uns fährt, liebte ich, sobald er kam.“

„Chis! chito! Du kannst vor mir zurückschrecken und nicht vor einem Cannon? Warum, Mädchen, du hast ihn in meine Gewalt gegeben.“

„Ich bin schon lange in deiner Gewalt, Captain Van Dorn, und du hast mich schon oft mit kühnen und bösen Augen angesehen, aber bist nie näher gekommen. Wenn ich dich so ansehe wie gerade eben, fliehst du vor mir. Der Junge, den ich liebe, ist in deinen Händen genauso sicher wie ich.“

„Warum, liebe Anmaßerin? Sag es mir.“

„Weil ich ihn liebe und du mein Mitleid brauchst. Solange du diesen armen Waisenjungen beschützt, werde ich deinen Namen zu Gott tragen um Vergebung; wenn du ihm jemals ein Leid zufügst, werden meine Gebete für dich für immer verstummen.“

„Oh! ayme! ayme!“, lachte Van Dorn leise, sein Erröten kehrte jetzt nicht zurück; „du vergisst, Hulda, dass ich an nichts glaube.“

Sie waren kaum vier Meilen gefahren, als ein kleines, niedrig gelegenes Städtchen mit kleinen, quadratischen Häusern, die wie Spielzeugklötze zwischen Paaren roter Außenkamine verstreut waren, an jenem sanften, feuchten Oktobertag am Rande eines sumpfigen Baches lag, der, das Weiler säumend, wenige Meilen in seinem Verlauf oberhalb von Twifords Kai in den Nanticoke River floss. Zwei Straßen, die aus zwei Wegen geformt waren, endeten in einer dritten Straße entlang des sandigen, flachen Flussufers, und dort standen vier oder fünf größere Wohngebäude, wie ihre bescheideneren Nachbarn aus Holz gebaut, aber mit kühneren, größeren Schornsteinen, die in die Luft ragten, als wollten sie mit vier großen Schiffen und Briggern wetteifern, die vor Anker oder neben den beiden Kais lagen und ihre Masten und Spieren in die segelnden Wolken warfen, sodass der niedrige Wald, der Fluss und Dorf umschloss, sich vor ihrer Demut beugen musste. Doch der schöne Fluss, mit häufigen Sand- und Waldklippen, der zweihundert Yards breit in stattlicher Gezeitenströmung floss und bis zu Cannons Fähre Fischerboote und Pungies, Yankee-Schoner und Holzschuten trug, und die Anzeichen von Leben, so gering sie auch waren, die in blauem Rauch von vielen Herden aufstiegen oder in Rudern, Takelage und Ladung ertönten, erschien Hulda als menschliche Freude und Kraft, und sie rief Levin zu:

„Levin, oh, sieh! Hast du jemals einen so großen Ort wie diesen gesehen? Dort drüben ist die Straße nach Seaford, genau so weit, wie wir gekommen sind! Die großen Schiffe laden Mais für Westindien und bringen Zucker und Melasse. Das ist die Fähre, und auf der anderen Seite sind es nur fünf Meilen bis Laurel.“

„Reist du gerne auf dieser Straße?“, fragte der Captain, wobei sein angenehmes Lispeln und Erröten wiederkehrten.

„Es macht mich traurig“, antwortete Hulda; „aber ich murre nicht, wenn ich an der Stelle vorbeifahre, wie Großmutter.“

„Welche Stelle?“, fragte Levin.

„Wo Vater den Reisenden tötete“, sagte Hulda. „Er starb schmachvoll dafür. Man könnte die Stelle fast sehen, wenn der Wald da drüben nicht wäre, wo die Straße nach Laurel den sandigen Hügel hinaufsteigt.“

„Was ist das?“, sagte Van Dorn, als er eine kleine Menge um eine der einstöckigen Hütten sah und sein Gespann in die parallele Straße lenkte.

Ein sehr großer, stattlich aussehender Mann überragte die anderen und schien in dem niedrigen Häuschen mit seinen Proportionen nicht aufrecht stehen zu können, sodass er seinen Platz auf dem grasigen Sand draußen einnahm und seine Anweisungen an jemanden im Inneren gab:

„Pfändet das Spinnrad! Vereinfacht die Gleichung! Haltet euch bereit mit eurem fi. fa.! Seid nicht feige, Constable – sie hat das Äquivalent erhalten; jetzt sieht sie auch den Quotienten.“

Van Dorn schaute zu und sah, wie ein Spinnrad aus der Tür kam und ein wenig Wolle in einem Sack hinterher. Jacob Cannon setzte seinen Fuß auf das Rad und steckte seinen Kopf in die Tür.

„Ich sehe eine Axt und eine Kaffeemühle dort, Constable: pfändet sie mit eurem distringas. Experientia docet stultos! Gebt das Paar Schuhe heraus!“

Die Stimme einer Frau, die weinte, war zu hören, und Van Dorn und Levin sprangen beide hinaus, um nachzusehen.

Hulda stieg ebenfalls aus und verschwand.

Eine Frau, die kaum aufrecht stehen konnte und bleich vor Krankheit und Qual, war zur Tür gewankt, um zu flehen, dass man ihr ihre Schuhe zurückgebe, und zeigte auf ihre nackten Füße.

„Jetzt ist sie aus dem Bett, pfändet das!“, rief die militärische Gestalt mit dem langen, beredten Gesicht und den funkelnden Augen; „schiebt es zum Fenster raus. Achtet auf euer fi. fa. und ich kümmere mich um den Quotienten.“

„Habt Erbarmen!“, rief die Frau; „mein Kind ist erst letzte Woche geboren worden.“

„Werft diesen guten Stuhl da hinaus, Constable. Pfändet die grüne Truhe! Seht ihr nirgendwo eine ganze Decke oder ein Tuch? Gestattet weder tret noch suttle, wenn ihr einen Haftbefehl für Isaac und Jacob Cannon vollstreckt!“

„Wo soll ich mit meinem Baby liegen?“, rief die arme Frau und sah sich in der kahlen Hütte um, wo weder Bett, noch Decke, noch Stuhl, noch Truhe, noch Spinnrad verblieben waren.

„Li-vari facias! und fi-eri facias! Wenn ein Fehler vorliegt, kann eine replevin erhoben werden, aber von Isaac und Jacob Cannon werden keine Fehler gemacht. Constable, ich glaube, ich sehe einen Eisentopf an diesem Kran!“

„Da ist Fleisch drin, mein Herr – Fleisch am Kochen“, antwortete der Constable.

„Schüttet das Fleisch aus! Pfändet den Topf! Macht den Quotienten genau! Eliminiert den Topf aus der Gleichung!“

Heraus kam der Topf, als das kochende Material darin das Oktoberfeuer löschte, und er wurde auf den bunten Haufen zu Jacob Cannons Füßen geworfen.

„Nun nimm die Wiege, du hartherziger Mann“, rief die Frau, „und wirf das Baby auch ins Feuer, da ich nichts kochen kann, um die Milch in meiner Brust zu bilden.“

„Ist die Wiege etwas wert, Constable?“, fragte der prächtig aussehende Mann mit den grauen silbernen Lichtern um seine pferdeartige Nase; „wenn es sich lohnt, sie mitzunehmen, will ich sie. Leute, die ihre Schulden nicht bezahlen können, müssen allein leben wie Jacob Cannon und nicht gepfändet werden.“

Ein Junge mit zerkratztem Gesicht und der Spur von Ausschweifung darin sprang plötzlich in die entsetzte Gruppe der Zuschauer und machte einen wütenden Satz, um die Habseligkeiten um Jacob Cannons Füße zurückzuholen, doch dieser mächtige Würdenträger nahm ihn am Kragen und, ihn hochhaltend, ließ er ihn wie einen Käfer über einen Zaun fallen:

„Owen Daw, hier sind Zeugen für einen tätlichen Angriff, insultus, einklagbar als ein Hausfriedensbruch vi, dessen Quotient Schadensersatz oder das Äquivalent im Georgetown-Gefängnis ist. Gebt Acht, gute Bürger, und besonders bemerke ich dich, Captain Van Dorn.“

„Ich werde ihn umbringen“, schrie der junge Raufbold von Johnsons Cross-roads und letzte Pfänder an dem Profil von Cyrus James, Esquire, und ergriff einen hässlichen Stock.

„Rechtfertigbar als son assault demesne“, bemerkte der Gläubiger gleichgültig, als er die Spule aus dem Spinnrad riss und den Jungen damit niederschlug.

Sein gebieterisches Auftreten und die bereite Hand wirkten einschüchternd auf Letzteren, und tief schmerzlich berührt von der Szene rief Levin Dennis leidenschaftlich und impulsiv zu Van Dorn:

„Oh, Captain! Können Sie ihre Schulden nicht bezahlen! Ich gebe alles, was Joe mir geben wird, um es Ihnen zurückzuzahlen. Sehen Sie, wie sie auf dem nackten Boden liegt! Hören Sie ihr Kind nach ihr schreien! Oh! Ich glaube, ich höre die Stimme meiner Mutter, die mich nach Hause ruft, während ich dem zuhöre.“

Van Dorn, der fühlte, wie Levins Hände die seinen mit schlichter Zuversicht ergriffen, hörte zu und wandte den Kopf nicht ab, während Blushes wie Rosen nacheinander auf seinen frischen, femininen Wangen aufblühten. Er wies die Hände des Jungen jedoch nicht zurück, sondern betrachtete die Szene mit weltlicher und mitleidsloser Neugier.

„Die Pfändungen von Isaac und Jacob Cannon zu bezahlen“, murmelte er leise, „würde einen armen Sklavenhändler arm halten. Du musst dich an solche Schreie gewöhnen: Ich musste es auch. Lerne, Geld so zu lieben wie dieser Kaufmann und ich, und du wirst sie für Musik halten.“

„Oh, wenn wir zu Gott um Gnade schreien, Captain, vielleicht werden unsere Schreie dann so klingen! Ich kann es nicht ertragen, das zu hören.“

„Du hast Mutter gesagt, Jake Cannon, als sie dieses alte Haus mietete“, rief der Junge Owen Daw aus, „dass sie die Miete nicht zahlen muss, wenn sie nicht will, bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.“

„Ich habe das Urteil“, antwortete Jacob Cannon, wobei seine weißlichen Augen zu seiner Nasenwurzel zu kichern schienen, „und dies ist der Tag, an dem es fällig ist. Alle gesetzlichen Tage sind ‚Jüngste Tage‘ für Isaac und Jacob Cannon.“

„Mein Sohn, mein Sohn“, wimmerte die Stimme der Frau Owen Daw zu, „ich sehe das Ende deines Besuchs bei Patty Cannon: mein Baby ins Grab, ich ins Armenhaus und du an den Galgen.“

„Captain, Captain“, rief Levin, „oh, bezahlen Sie die Schulden für mich! Mutter war noch nie so arm wie diese. Bezahlen Sie es, und ich werde überall für Sie arbeiten, lieber Captain.“

„Wie hoch ist die Schuld?“, fragte Van Dorn lispelnd.

„Zehn Dollar“, sprach der Constable, ebenfalls von Scham bewegt.

„Cannon, nehmen Sie mich dafür?“

„Ich nehme Ihren Schuldschein oder das Bargeld, Captain Van Dorn, nichts Geringeres.“

„Gib ihre Sachen zurück“, sagte der Captain und drückte Levins Hand leicht, als wollte er sagen: „Dies ist für dich“ – „gib ihre Sachen zurück und ich werde es mit Isaac Cannon regeln.“

„Gott segne Sie!“, rief die Frau, nahm ihr Baby aus der Wiege und stillte seinen Hunger an ihrer Brust; „man nennt Sie einen bösen Mann, aber Segen auf Sie für all das Gute, das Sie tun!“

„Chito! chito!“, lächelte Van Dorn. „Ich tat es für diesen törichten Jungen; ich bemitleide niemanden.“

Hulda hatte sich zum Strand oder zur Flussstraße von Cannons Fähre begeben, wo es zwei Lagerhäuser gab, und sie hatte sich Feder und Tinte geliehen und einen Brief geschrieben, adressiert an „Mrs. Ellenora Dennis, Princess Anne, Somerset County, Maryland“, in dem es hieß:

„Madam, Levin, Ihr Sohn, ist gegen seinen Willen in der Nähe dieses Ortes, unter gefährlichen Männern und in großer Versuchung, aber er hat einen Freund gefunden. In einer Woche wird dieser Freund versuchen, wieder zu schreiben, und falls keine Nachricht kommt, suchen Sie Levin Dennis an Johnsons Cross-roads.“

Dieser Brief, geschrieben mit all ihrer ungeübten Eile, war gerade gefaltet, gesiegelt und adressiert worden, und sie hatte einen der Shillinge von 1815 hingelegt, um das Porto zu bezahlen, als ein Schatten auf den Ladentisch fiel und der Brief aus ihrer Hand gezogen wurde; Van Dorn stand an ihrer Seite.

„Chis! chito! Es posible? Eine Spionin, vielleicht. Jetzt wirst du Van Dorn lieben, oder Großmutter Cannon wird hören, wie dein Brief vorgelesen wird!“

„Geben Sie ihn mir, Captain“, flehte Hulda; „sie wird mich töten, wenn sie ihn liest.“

„Wenn er abgeschickt würde, pomarosa, könnten wir alle sterben. Nein, du bist zu gefährlich.“

Er blickte ohne sein Erröten auf den Shilling, den sie in ihr Mieder zurücksteckte, und sein Auge war kalt und grimmig. Huldas Herz sank nieder.

„Bruder Isaac“, rief Jacob Cannon einem Mann von feiner, magerer Statur zu, der am Schreibtisch stand – einem Mann, der ein wenig kleiner war als Jacob und nicht so sehr wie ein König aussah, aber mit denselben weißlichen Augen, die um die Nasenwurzel tanzten, und einer etwas verdeckteren und nachdenklicheren Stirn – „Bruder Isaac, Captain Van Dorn ist feige und will die Schulden der Witwe O’Day, sonst Daw, begleichen.“

„Per Bargeld oder Schuldschein, Captain?“

„Bargeld“, antwortete Van Dorn bescheiden; „nehmen Sie es von diesem Doppeladler, zusammen mit Madam Cannons Miete für Ihre Farm.“

„Es gibt einen Baum – einen Bienenbaum, Bruder Jacob, glaube ich, sagtest du – der aus Mrs. Cannons Feld gefällt wurde?“

„Ja, einklagbar nach dem Gesetz, das besagt, vorsätzlich Holz oder andere Bäume, Wurzeln, Sträucher oder Pflanzen zu verderben oder zu zerstören; Wert des besagten Bienenbaums drei Dollar; levari facias! Der Quotient ist unbefriedigend für Isaac und Jacob Cannon.“

Die Augen des älteren und kleineren Bruders versuchten, sich durch die Nasenwurzel hindurch miteinander bekannt zu machen.

„Oh, Bruder Jacob“, kicherte er, „was für eine exekutive Hilfe du bist! Captain, ist er nicht ein vollkommener Marius?“

„Madam Cannon“, bemerkte der Captain, „gibt mit dieser Zahlung die Farm auf, meine Herren. Sie hat bereits ihre Habseligkeiten über die Grenze zu ihrem Schwiegersohn Johnson geschafft. Vom Bienenbaum weiß ich nichts.“

„Bruder Jacob“, sprach Isaac Cannon, „Moore übernimmt die Farm! Er soll benachrichtigt werden, dass seine Miete ohne Tag beginnt.“

„Vollstreckung erfolgt, Bruder Isaac“, antwortete der Marius der Familie. „Heute Morgen, als ich bemerkte, dass Patty Cannon ihre Habseligkeiten bewegen wollte, hat mein Gerichtsvollzieher ihren Pflug als Sicherheit für den besagten, verdorbenen, verstümmelten und zerstörten Bienenbaum gepfändet, und Moore pflügt bereits damit, um seinen Weizen einzubringen. Zeit ist Geld für Isaac und Jacob Cannon.“

„Ha, ha! was für ein exekutiver Trost! Bruder Jacob fügt Gewinn und Verlust niemals einen Posten hinzu.“

„Meine Herren“, sagte Van Dorn, „ich empfehle Ihnen, Mietern in der Umgebung von Johnsons Cross-roads keine Bienenbäume in Rechnung zu stellen. Das ist ein ungewöhnlicher Posten, und wir ziehen dort junge Männer heran, die das vielleicht nicht verstehen.“

„Captain“, sagte der ältere Cannon und kicherte, als bewundere er immer noch die Subtilität von Marius, „ich erinnere mich jetzt, dass unser Fährmann heute Morgen einen Mann aus Laurel mit Neuigkeiten herübergebracht hat. Eine Frau mit einer zerbrochenen Fessel meldete sich dort letzte Nacht und sagte, sie sei die Sklavin von Daniel Custis aus Princess Anne: sie kam vom Broad Creek.“

„Wo ist sie hin?“

„Ein methodistischer Prediger setzte sie in seinen Buggy und machte sich auf den Weg zu ihrem Herrn mit ihr.“

„Dann wird sie den Wind schlagen“, sagte Van Dorn; „diese Prediger sind alle Pferdehändler und können den Teufel überlisten. Hola! ya, ya! Dem muss ich nachgehen.“

Er schritt hinaus und warf einen kalten Blick auf Hulda.

„Kommt, junge Leute“, sprach das großartige Haupt von Jacob Cannon zu Levin und Hulda; „ich werde euch mein Museum zeigen.“

Er ging voraus zu einem Lagerhaus, das über den Fluss ragte, schloss eine Tür auf und sagte ihnen, sie sollten vorsichtig gehen, bis sie sich im Dunkeln des Inneren zurechtfinden könnten.

Levin behielt Huldas Hand in seiner, als sie langsam aus den Schatten eine große Vielfalt ungleicher Dinge hervortreten sahen, die zusammengehäuft waren, bis das Haus die riesige Ansammlung von Töpfen und Kesseln, Spinnrädern und Wiegen, Bettgestellen und Betten, Eggen und Pflügen, Stühlen und Bratpfannen, Rechen und Hacken, Silhouetten und Bilderrahmen, handgefertigten Steppdecken aus Kattun und Kissen aus zu Hause gerupften Gänsefedern, Fischernetzen und Rudern kaum fassen konnte – alles, was das Leben in einem alten Land ohne Bodenschätze und Manufakturen im frühen neunzehnten Jahrhundert ausmachte.

„Woher haben Sie die, mein Herr?“, fragte Levin.

„Vollstreckt von ihnen“, sagte das Kriegerhaupt und die Statur von Jacob Cannon; „darauf gestürzt; Urteile daran befriedigt. Fi. fa.! Wir nennen dies Peales Museum Nummer Zwei oder den Bunt-Quotienten.“

„Alles von den Armen genommen?“, fragte Hulda. „Wie viel Elend erzählen sie!“

„Mr. Cannon“, sagte Levin, „was können Sie mit ihnen anfangen? Die Leute werden sie nicht kaufen. Sie verrotten einfach Stück für Stück.“

„Wir bewahren sie auf, um all jenen, die Isaac und Jacob Cannon Unrecht tun“, antwortete Marius mit leichter Grandeur, „zu zeigen, dass es einen Jüngsten Tag gibt!“

Huldas langbewimperte graue Augen, mit einem Blick von mehr als kindlicher Verachtung, begleiteten ihre Worte:

„Ich sollte meinen, Sie würden diesen Tag fürchten, Mr. Cannon, wenn Sie das Gebet sprechen: ‚Vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben‘.“

Der Wind vom Fluss schien das alte Lagerhaus zu biegen, und das Geräusch, das er durch die Ritzen und um die Ecken machte, während er den locker angeordneten Haufen von Hütten- und Hausrat leicht bewegte, schien leises Wehklagen unter ihnen zu erwecken, wie damals, als sie vom Kamin und der Familie weggerissen wurden.

„Wo ist mein Baby?“, schien die Wiege zu sagen, „das ich empfing und warm aus dem Schoß des Schmerzes schaukelte? Oh, ich hungere nach seinem kleinen Lächeln!“

„Warum lasse ich mein geschäftiges Rad ruhen?“, schien die Spinnerin zu knarren, „wenn ich weiß, dass meine Kinder ohne Strümpfe sind? Wer hält mich hier untätig fest, während Mutter nach mir fragt?“

„Wo ist das alte graue Haupt“, seufzten die Federn, die im Wind aus einem zerrissenen Kopfkissenbezug rieselten, „das jeden Abend und am Nachmittag auf unserem Daunensack döste, uns einmal im Jahr durchsuchte und bei uns seine Gebete sprach? Oh, schläft sie auf dem kalten, nackten Boden, und wir sind so nutzlos!“

Der Topf siedete zum Kessel: „Es ist Zeit zum Abendessen, und die kleinen Jungen schreien nach Essen, und immer noch ist niemand da, der mich auf den Krahn hebt und das Feuer unter mir anzündet! Was werden sie von mir denken, sie, die sich so viele Jahre um mich versammelten und mir beim Kochen zusahen und ihre kleinen Finger hineinsteckten, um das schmorende Fleisch zu kosten? Ich will fort! Ich will fort!“

Der Kessel antwortete dem Topf: „Ich habe nicht mehr gesungen, seit der Konstabler mich aus der Hand der Großmutter riss und sie um die Tasse Tee brachte.“

Die alte Decke aus vielen Quadraten flatterte im Luftzug: „Bringt mich zu der jungen Frau, die mich zusammennähte und mich so stolz zeigte, denn ich fürchte, ihr ist kalt, seit ihr junger Mann starb!“

Diese Geräusche des Haushalts schienen die erregten jungen Liebenden, die so arm und am Rande dessen standen, was sie nicht kannten, in Ehrfurcht zu hören, und sie rückten näher aneinander, wie die jungen Eva und Adam im großen Trümmerhaufen des Paradieses und bei der Stimme Gottes.

Hand in Hand schritten sie hinaus in das helle Tageslicht und gingen die sandige Straße entlang, unter den hohen Akazien, Ahornbäumen und Götterbäumen, die in einer Reihe entlang der Vorgärten der Cannon-Brüder wuchsen. Vier große Häuser standen hier seitwärts, Ende an Ende: zuerst Cannons Geschäftshaus; dann das komfortable Heim von Isaac Cannon, wo er als verheirateter Mann wohnte; und drittens die elegante Rahmenvilla mit den hohen, luftigen Schornsteinen von Jacob Cannon, dem Junggesellen, dessen Haus, für eine Braut erbaut, noch nie von einem Feuer gewärmt worden war; schließlich das alte, niedrig gelegene Wohnhaus mit dem Bogendach der Mutter der Cannons, gegenüber dem sich der Fähranleger befand und Van Dorn, der mit dem schwarzen Fährmann sprach.

„Levin“, sagte die hübsche Hulda, nicht traurig, aber sehr ernst, „dieses noble Haus ist wie jener nobel aussehende Mr. Cannon, hohl und kalt. Er lebt bei seinem Bruder Isaac und lässt sein eigenes Heim leer und verschlossen, weil er das Geld zu sehr liebte, um sich eine Frau zu suchen.“

„Lass uns einander lieben, Huldy“, sagte Levin; „es ist alles, was wir haben.“

„Es ist alles, was es zu bekommen gibt, mein Liebster“, antwortete Hulda. „Ja, ich liebe dich, Levin. Ich werde versuchen, dich zu retten, wenn ich kann, weil ich dich liebe, auch wenn mir Leid zustoßen mag.“

„Nein“, rief Levin, „ich kann dich nicht verlassen, Liebste. Wenn ich jetzt mit der Fähre übersetzen könnte, würde ich es nicht tun; ich muss mit dir zurückgehen.“

Als Kapitän Van Dorn vom Anleger heraufkam, errötend wie ein Schuljunge und seine weißen Zähne unter dem langen Flachs seines Schnurrbarts zusammenschlagend, wurde seine Aufmerksamkeit durch eine Proklamation erregt, die an einen Pfosten geklebt war:

„Fünfhundert Dollar Belohnung für

JOSEPH MOORE JOHNSON, ENTFÜHRER.

„Die obige Belohnung wird von mir an jede Person oder Personen gezahlt – und sie werden von der Haft befreit –, die mir den Körper des oben genannten Schurken ausliefern, damit er in Pennsylvania vor Gericht gestellt werden kann.

„JOSEPH WATSON, Bürgermeister von Philadelphia.“

„Chis! he!“, seufzte Van Dorn; „das Ende muss bald nahe sein. Nun, junge Leute, kommt!“

Als sie an Cannons Grundstück vorbeikamen, die Stadt verlassend, hörte man die vertraute Stimme von Jacob rufen:

„Owen Daw ist entkommen, Bruder Isaac; aber wir werden es ihm bei einem de bonis non anhängen. Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen, bis ich sterbe.“

„Bruder Jacob, was für eine exekutive Hilfe du doch bist!“

Als Van Dorn die Pferde den leichten Anstieg hinter der Fähre hinauftrieb, vorbei an einem alten Doppelhaus aus Blockbohlen dort, mit einem Bogen in der Mitte, sagte die junge Hulda – die jetzt Schuhe und Strümpfe und ein ansehnliches Kleid aus englischer Ware trug und aus ihren aufrichtigen und manchmal stolzen und beredten Augen ganz wie eine Frau aussah – zu ihm, während sie zurückzeigte:

„Kapitän, dort hat mein Vater den Reisenden getötet, wo wir sehen, dass die Straße hinter der Fähre in die Kiefern führt.“

„Ja“, sagte Van Dorn und warf ihr einen kalten Blick zu; „wir könnten den Ort sehen, wenn die Wälder nicht wären. Er liegt an einem Hügel, eine knappe Meile vom Nanticoke entfernt.“

„Erzähl Levin davon, Kapitän.“

„Quedo, quedo! Das wäre nicht angenehm.“

„Doch“, sagte Hulda; „wenn es wahr war, kann ich es hören: Ich will, dass Levin es auch hört, damit keine Täuschung zwischen uns ist.“

Ihr glattes, feuchtes Haar, die grauen, feuchten Augen, der Teint, zwischen Rose und Tau geboren, und die gerade, geschmeidige Figur und der Ausdruck von Würde und Wahrheit beeindruckten Van Dorn seltsam:

„Wie mutig du wirst, wilde Blume! Kannst du dich nicht dazu herablassen, mich neu zu erschaffen? Auch ich möchte ohne Täuschung leben. Aber ich werde dir diese Geschichte nicht erzählen.“

„Du hast Angst“, sagte Hulda, wohl wissend, dass nichts als dieser Mann und drei Meilen ebener Straße sie von der Rache der Patty Cannon trennten und dass sie sich ihm gegenüber stark behaupten musste.

„Ya, ya! Bist du nicht hart? Denke daran, du könntest von deiner Großmutter ausgepeitscht werden.“

„Nein, du wirst mich auspeitschen oder töten, wenn es getan werden muss. Du wagst es nicht, mich ihr zur Bestrafung auszuliefern.“

„Wagen, schon wieder? Warum?“

„Weil du mein Vormund bist. Zwischen uns liegt ein Instinkt, der sich von Liebe unterscheidet, aber stark ist; ich spüre ihn. Ich neige mich zu dir, aber ich stütze mich nicht auf dich. Was ist das?“

„O Dios!“, lispelte Van Dorn, sein Erröten unterbrochen und seine warmen blauen Augen von ihr fasziniert. „Ist das ein Kind oder Echo?“

„Erzähl mir von dem Verbrechen meines Vaters. Ich will, dass Levin weiß, welche elende Sache er liebt.“

„Ayme! ah! Nun, hört zu, junge Liebende; und seht, was für grausige Dinge in diesen Kiefern wandeln! Es gab einen Mann namens Brereton; sie nennen ihn hier Bruington, wo ihre Nasen verbogen und ihre Kinnladen schwach sind. Er kam aus dem alten Lewes, weit im Osten am Cape Henlopen, und aus einer stämmigen Familie, in der immer ein Körnchen des Bösen durch das Blut rauchte. Spürst du es manchmal, Hulda?“

„Nein, kein Böses wie dieses.“

„Er war bei einem Schmied in die Lehre gegangen und hielt das Eisen, während der Meister zuschlug. Eines Tages kam ein Mann in die Werkstatt, dessen Pferd ein Eisen verloren hatte, um es beschlagen zu lassen, und als er dafür bezahlte, nahm er eine Handvoll Geld aus der Tasche, und ein Stück – ein Dollar – fiel in den weichen Ruß der Werkstatt, von niemandem bemerkt außer von dem Jungen: chis! er bedeckte es mit seinem Fuß.“

Van Dorns Peitschenhieb deckte fest eine riesige Fliege auf dem Ohr des Pferdes ab und schlug sie tot.

„Als der Mann ging, hob der Junge seinen Fuß und entblößte den Dollar; sein Meister sagte: ‚Schlauer Junge!‘ Sie teilten den gestohlenen Dollar.“

„Jimmy Phoebus sagt, der erste Schritt ist die halbe Reise“, bemerkte Levin.

„Der Junge des Schmieds blickte von da an gierig auf Reisende, die einen Dollar besitzen könnten. Jahre nachdem dieser Heilige gestorben war, übernahm er die leere Werkstatt von Patty Cannons erstem Ehemann und arbeitete an Fesseln, Klemmen und Ketten, um die entführten Handelsartikel festzuhalten. Natürlich entführte er auch, und während sie noch ein Kind war, wurde Pattys Tochter Breretons Frau, geschenkt von der liebenden, dankbaren Mutter. Meister Levin, wenn du auf seinen Pfad gerätst, mag dir Breretons Tochter geschenkt werden. Hola! erblicke sie in Hulda.“

„Ich kann nichts von dieser Sünde in Hulda sehen, Kapitän; sie schämt sich nicht einmal.“

„Nein“, bekräftigte Hulda und blickte Van Dorn aufrichtig an; „es ist zu wahr, als dass ich mich schämen müsste. Ich fühle mich, als ob Gottes Hand mich bedeckte wie den Silberdollar unter dem Fuß meines Vaters, weil er mich solche Eltern überleben ließ.“

Während sie sprach, nahm sie einen der Silberschillinge von 1815 und bedeckte ihn in Van Dorns Sicht mit ihrer Hand. Van Dorn fuhr schnell fort:

„Es gab zwei Brüder namens Griffin aus der Gegend von Cambridge in Maryland; verwöhnte Jungen, die sich dem Fleischhandel zugewandt hatten, und sie stahlen Menschen und verspielten den Erlös, und Brereton war ihr Anführer. Eines Tages kam ein Reisender aus Carolina vorbei, auf der Jagd nach Schmugglersklaven, und er war von deiner großspurigen Sorte und ließ den Hinweis fallen, dass er fünfzehntausend Dollar am Körper trage, um sie zu investieren. Nicht später hatte er gesprochen, als er seine Torheit fühlte, durch die brennenden Augen um ihn herum und die wässrigen Münder, die ihm sagten, er solle dort schlafen und Sklaven würden herbeigeschafft; also brach er in Schrecken nach Laurel auf, über Cannons Ferry, in der Absicht, sein Geld dort zu deponieren oder mit ihnen Geschäfte zu machen. Das Wort wurde von seiner Frau oder Schwiegermutter an Brereton weitergegeben und von Brereton an die Griffins, aufzusitzen und das Gold abzufangen. Manche sagen“, lispelte Van Dorn, „dass Mistress Cannon, als Mann gekleidet, die Bande befehligte.“

Ein tiefes, kicherndes Interesse, wie das Geräusch eines versteckten Bachs, begleitete Van Dorns Erzählung, und er errötete wie ein Mädchen.

„In Slabtown, einem unbeschreiblichen Fleck eine Meile oberhalb von Cannons, überquerte die leicht marschierende Bande in einem Ruderboot; sie häuften Reisig auf und bogen junge Bäume in den Weg des Reisenden, wo er mit seinem Buggy fast den Hügelkamm erreichen sollte, und als der Fleischhändler am Hindernis anhielt, chis, hola! ließen sie es von beiden Seiten auf ihn los und schickten Eiszapfen in sein Herz. Er zog eine Pistole, aber mit sterbender Hand. ‚Weg!‘ riefen die Mörder; ‚er ist nicht tot.‘ Sein Pferd, erschreckt durch das berstende Feuer der Schusswaffen in den abendlichen Schatten, sprang über die buschigen Barrieren und galoppierte nach Laurel und lieferte dort ein aschfahles Abbild ab, dessen Bart der rote Farbstoff seines Lebens hörbar herabtropfte, während er steif im Tode im Buggy saß. Sein Name wurde nur erraten; wie glücklich er darin!“

„Und was war das Schicksal der Mörder?“, fragte Hulda mit weniger Entsetzen, als Levin zeigte.

„Drei von ihnen wurden verhaftet; einer der Griffins verriet seinen Bruder und Kapitän Brereton; diese beiden starben am Galgen in Georgetown, wobei der junge Brereton sich unter der Schlinge anstrengte, um seinen unbesonnenen Kameraden davon abzuhalten, zu viel über die unvergleichliche Patty Cannon und ihre schönen Schwestern zu sagen, und mehr an deren Interessen dachte als an dieses lebende Kind. Ha! Hulda Brereton?“

„Der andere Griffin erlitt auch den Tod?“, schlug Hulda mit blassem, ausweichendem Gesicht vor.

„Ja, deine liebende Großmutter, damals in ihren flammenden Reizen, zog ihn wieder mit dem Lockruf von Witwe Breretons Hand in ihre Bande; er tötete einen Konstabler, um sich besser zu empfehlen, und starb am Galgen in seinem heimatlichen Cambridge. Hala hala! sie gab deine Mutter, wilde Blume Hulda, an Joe Johnson als Ehefrau.“

„Es ist eine schreckliche Geschichte“, sagte Levin, „aber Hulda hat das nie gesehen.“

„Ich kann mich an meinen Vater erinnern“, sagte Hulda; „ein großer, starker Mann mit einem langsamen, schweren Gesicht, aber er hat mich nie angelächelt.“

„Nun, hier ist die Kreuzung“, sagte Van Dorn. „Was soll ich mit diesem Brief machen, böse wilde Blume?“

„Lies ihn, wenn du willst, oder nimm diesen englischen Schilling und poste ihn.“

Van Dorn wich zurück und wies das Geld zurück.

„Willst du ihn nicht zurückkaufen, Hulda“, flüsterte er, „mit Liebe?“

„Niemals.“

„Du wirst diesen Brief heute Nacht mit deinem Leben oder deiner Bescheidenheit bezahlen!“

„Du wagst es nicht, mich zu töten“, sagte Hulda.

„Du wirst sehen“, sagte Van Dorn.

KAPITEL XXVIII.

BEFRIEDIGUNG.

Princess Anne hatte seit einigen Tagen einige auffällige Bürger vermisst, wie Daniel Custis und Frau, Kapitän Phoebus, Levin Dennis und den freien Neger Samson – große Bestandteile einer kleinen Stadt; aber sie hatte auch das gewonnen, was jeder als die schönste Frau am Ort außer Mrs. Vesta Milburn zugab – die braunäugige, große, schelmische Nichte von Meshach Milburn, aus der Vesta in äußerer Hinsicht eine Dame gemacht hatte, einige ihrer Fehler korrigierte, wie das Schniefen, und ihr täglich die Geheimnisse der Grammatik und der Anrede beibrachte, unterstützt vom Rektor der Gemeinde, dessen Herz durch die junge Besucherin wieder zu teilweiser Animation erregt wurde.

Loyal hatte William Tilghman seine Freundschaft Vestas halbsozialem Ehemann aufgedrängt, entschlossen, ihn zu mögen, und stieß dort auf wenig Widerstand und glücklicherweise auf keinen Verdacht; und das war für Vesta so dankbar, dass sie der Hoffnung nachhing, ihr Cousin und späterer Liebhaber würde für ihren Verlust Entschädigung in Rhoda Holland finden.

Liebe kam leicht als Gesprächsthema auf, wo Rhoda mit ihrer unkonventionellen Vorliebe für dieses Thema es einführte.

„Mr. William“ – sie war bis zu dem unvermeidlichen „William“ gekommen –, sagte Rhoda eines Abends in Teackle Hall, als sie in der Bibliothek saßen, „lieben Prediger genauso wie andere Leute? Misc Somers sagt, sie seien schreckliche Schlitzohren. Sie sagt, da war ein Prediger unten in Girdle Tree Hill, der predigte, das Meal-an-the-Yum würde gleich passieren.“

„Millennium“, schlug Tilghman vor.

„Mag sein. Misc Somers nennt es ‚das Meal-an-the-Yum‘, dachte ich. Jedenfalls wollten sie alle sofort auferstehen, und er mit ihnen. Herrgottes! sie ließen Rüschen an ihre Nachthemden nähen, um darin aufzusteigen. Und die Nacht, bevor sie hinaufgehen wollten, brannte dieser Schlingel mit einer Witwe und ihrer Tochter durch, ließ die Witwe sitzen und heiratete die Tochter; und sie konnten in Girdle Tree Hill nicht aufstehen, weil der Prediger nicht da war, und sie wussten nicht, wann.“

„Und ich nehme an, Mrs. Somers erzählt es über ihn?“, fügte William Tilghman hinzu.

„Das tut sie. Nun, waren Sie jemals verliebt, Mr. William?“

„Ich habe gedacht, Rhoda, dass, wenn du eine gute Schülerin bist und Großmutter und du euch aneinander gewöhnt, wie ich glaube, dass ihr es werdet, ich mich in dich verlieben könnte.“

„Herrgottes! Von einem Prediger geliebt werden? Könnte ich niemals vom Predigen zu Hause bleiben? Aber dann, deinen eigenen alten Mann bei den anderen Mädchen bellen zu hören, ich glaube, das wäre richtig gut!“

Das Thema war nun so weit gediehen, dass Rhoda den Rektor nach wenigen Tagen, zur leichten Empörung von Großmutter Tilghman, „William“ nannte, und er antwortete ihr: „Liebe Rhoda.“

Die dreifache Witwe hatte jedoch einen Pfad für ihre Überlegung, auf den die gerissene Rhoda abwich, sobald sie das Tor einen Spalt offen sah.

„Misc Tilghman“, sagte sie eines Tages, „ich habe Sie beobachtet. Ich vermute, Sie waren eine echte Schönheit. Wenn Sie nicht ein wenig eigen wären, würde niemand sehen, dass Sie jetzt eine alte Frau sind.“

„Ich war eine Schöne“, sagte die blinde alte Dame nachdrücklich. „General John Eager Howard sagte, er würde lieber mit mir sprechen, als eine Rede von Fisher Ames hören. Charles Carroll aus Carrollton machte mir einen Antrag, als ich alt genug war, Ihre Großmutter zu sein, und nachdem Susan Decatur, die Witwe des Kommodore, vergeblich versucht hatte, ein Angebot von ihm zu bekommen. Ich sagte: ‚Carroll, ist das eine weitere Unabhängigkeitserklärung? Nein‘, sagte ich, ‚Carroll, ich werde den letzten Unterzeichner nicht vielleicht zum Gehorsam gegenüber einer erblindenden Ehefrau reduzieren. Das wäre eine schlimmere Sklaverei als die von George dem Dritten!‘ Er sagte, ich sei eine spartanische Witwe.“

„Jede Witwe, die ich je gesehen habe, war eine kokette Witwe“, schloss Rhoda naiv, worüber Mrs. Tilghman in das Lachen einstimmen musste, und es gab keine bösen Gefühle.

Jack Wonnell bekleidete nun den vorübergehenden Posten als Koch und Holzhacker in Teackle Hall, und Roxy sah ihn jeden Tag, nähte seine zerlumpten Kleider, pflanzte die Keime des Selbstrespekts in ihn und veranlasste Vesta, zu ihrem Mann zu sagen, als sie eines Nachmittags in seinem Lagerhaus-Salon saßen, in der Pause seines Schüttelfrosts und Schweißausbruchs:

„So schnelle Veränderungen haben hier stattgefunden, Mr. Milburn, dass sie mein Urteil gestört haben, und jetzt weiß ich kaum, ob mein ältestes Vorurteil gesichert ist, da ich diesen weißen Mann als den glücklichen häuslichen Diener meines reinen Sklavenmädchens sehe. Sie scheint keine größere Zuneigung als Mitleid und Interesse für ihn zu haben, während er durch seine unverhohlene Hingabe an sie mehr zu einem Mann gemacht wird. Kein Mann könnte besser arbeiten als er jetzt.“

„Die Liebe ist so groß, so okkult“, sagte der Ehemann, während seine braunen Augen das Gesicht seiner Frau durchsuchten, „dass ihre Kombinationen noch Jahrhunderte vor sich haben, bevor sie jedes Vorurteil niederschlagen und trotz Sünde und Zerstreuung beweisen werden, dass alle Nationen von einem Blut gemacht sind.“[4]

KAPITEL XXIX.

BEGINN DES ÜBERFALLS.

Der Überfall nach Delaware war voll organisiert, als Levin und Hulda zu Johnsons Taverne gefahren wurden, und die Ankunft von Van Dorn rief Jubel und Gebrüll hervor, als jener errötende Würdenträger seine schlanke, athletische Figur aus dem Wagen warf und sich vor Joe Johnson auf der Veranda der Taverne verneigte:

„O hala hala! gehst du mit, Schwiegersohn?“

„Ich werde mit Euch reiten, Kapitän, ein Stück auf die Art von Maryland, aber sprat für dieses Delaware! Ich werde nicht mehr hineingehen. Ich werde jedoch mit Euch abrechnen, für die Madges, die ich Euch gebe, und für mein Versteck.“

„Quedito!“, lispelte Van Dorn; „wir lassen deine Interessen nie aus, Schwiegersohn. Wie geht es Tante Patty?“

„Sie hat einen Punsch für die Bevölkerung gemacht und ruft nach dem jungen Levin da, damit er mit ihr trinkt.“

„Ich werde meinen mitnehmen“, rief Levin, „und ihn in der Kälte der Nacht trinken.“

„Nein“, befahl die Stimme von Patty Cannon; „er wartet auf dich, Sohn: eine gute kräftige Schüssel mit Apfel und Zucker. Wer seine Getränke hier verpasst, auf den geben wir nichts.“

Als Van Dorn und Levin sich durch die bunte Menge auf der kleinen Veranda in die Bar drängten, wo Mrs. Cannon amtierte, setzte sie ihnen zwei feurige Schalen vor und rief:

„Kommt hier rein, Colonel McLane, und schließt euch meinem Nug und meinem jungen Cousin Levin an.“

„Nein, Patty“, antwortete eine Stimme aus dem nächsten Raum im Inneren; „ich habe mein Teil getrunken. Es gibt nichts wie einen konservativen Kurs.“

Als Patty ihren Kopf in diesen inneren Raum steckte, warf Levin Dennis, der ein Fenster an seinem Ellbogen offen sah, sein ganzes Getränk über seine Schulter in den Hof und schmatzte herzhaft mit den Lippen, während er sagte:

„Gut!“

„Ha!“, rief Van Dorn, der offensichtlich Levins Täuschung bemerkte; „schlaue Leute sind um uns herum, Patty. Hüte dich!“

Er nahm den schicksalhaften Brief aus seiner Tasche und warf einen Blick auf seine Vermerke, und während er dies tat, hörte Levin einen Ausruf im Hof von einem Mann, der den ganzen Apfelbranntwein und Zucker ins Gesicht bekommen hatte und wütend war; aber sobald er den Werfer zu erkennen schien, murmelte er entschuldigend:

„Hokey-pokey! Beim Rauch! und Pangymonum auch noch!“

Als Levin Van Dorn wieder ansah, war das Erröten auf seinem Gesicht, aber der Brief war verschwunden.

„Hüte dich vor dem konservativen Kurs, Colonel“, lispelte Van Dorn, „außer wenn die großzügige Patty den Punsch macht; denn sie hält ein solches Maß davon, dass sie unsere Gebrechen nicht sieht.“

„Schätzchen“, rief Patty Cannon Levin zu und gab ihm eine liebevolle Umarmung, „hast du dein Getränk so schlau hinuntergeschluckt? Warum, ich liebe es, einen netten Jungen trinken zu sehen.“

„Aber nichts mehr für ihn jetzt, cajela“, protestierte der Kapitän; „zwei solche werden ihn vom Pferd fallen lassen. Bebamos, Patty! Esta excelente!“ – trinkend.

„Wie hübsch der Kapitän diese Dinge sagt“, rief die Madame dem Herrn im Inneren zu. „Vielleicht verspottet er seine alte Geliebte. Oh, Van Dorn, wenn ich dächte, du könntest mich vergessen, würde ich dich töten!“

Levin bemerkte das schnelle Temperament und das dämonische Gesicht dieser nicht unattraktiven Dame, als sie sprach; ihre ganze Natur änderte ihren Kurs wie eine radschlagende Fledermaus, und von Plausibilität zu eifersüchtigem Augenblick und dann zu einer dunklen Flut von schrecklicher Wut brauchte es nur einen Gedanken.

„Que disparate! hala o he!“, lispelte Van Dorn süßlich und tätschelte die Wirtin unter dem Kinn; „aber ich liebe es, dich so zu sehen, du Bezauberin meines Lebens. Niemals werde ich dich verlassen, Patty, solange du leiden kannst.“

Ihre dunklen Wolken zogen langsam vorüber, als Levin sich von dem Ort abwandte, aber ihr kleiner Kopf und ihr üppiges Rabenhaar zeigten, dass das Blut bis zu den Wurzeln unruhig war, und die Augen, einst reich an mitternächtlichen Tiefen, die nun im Laufe der Zeit wie alte Fensterscheiben durch das Alter glasten, suchten das Gesicht des Banditen mit einer seltsamen Angst:

„Van Dorn, Zeit und Vergnügen können dich nicht töten: wie gut du heute aussiehst. Ich glaube, du bist ein Junge, der jedes Mal, wenn du mich liebst, wieder ruiniert wird, so bescheiden errötest du. Wo ist dieser Topf mit Farbe, mit dem du deine Wangen selbst vor mir bemalst, deren Erröten niemand in Erinnerung behalten kann? Warum liebst du mich?“

„O Gott!“, sagte Van Dorn; „ich liebe dich für diese Zauber der Pracht, die dunkle Nacht und die Leidenschaft des Mittags, die Wechsel von Erde und Hölle, die den Himmel gänzlich verfinstern. Ich liebe es, dich fürchten zu sehen, obwohl du hier nichts fürchtest, weil ich nichts sehe, das du jenseits des Grabes fürchtest. Du hasst diesen Jungen?“

„Ich hasse ihn schlimmer als Falten. Lass ihn morgen nicht als Kind zu mir kommen; lass ihn Geister sehen, solange er lebt.“

„Wie geht es den Gefangenen, Patty?“

„Nun, der weiße Nigger, Täubchen, ist heute krank; Blutverlust und Blasen haben ihm Fieber beschert. Mein Nigger, den ich festband – ha! ha! eine gute Arbeit für Patty Cannon in ihrem Alter! – sagt, der andere sei ein armer Küstenschiffer namens Jimmy Phoebus.“

„Joe muss für eine schnelle Abreise bereit sein“, rief der Kapitän, „wenn wir aus Dover zurückkommen: Es ist ein kühnes Unterfangen, und der ganze kleine Staat wird aufgeschreckt werden wie eine schwarze Schlange, die sich in der Tasche eines Menschen entrollt.“

Die Frau deutete von ihrer Schulter aus zum inneren Raum und sprach noch leiser als zuvor:

„Van Dorn, ich habe einen Kunden.“

„Für Neger?“

„Nein, für Huldy. Er soll sie haben.“

* * * * *

Als Levin Dennis draußen an der Kreuzung stand, sah er einen fremden Mann auf dem Hof pflügen, der erst kürzlich von seiner Gastgeberin für die fröhlichere Kreuzung verlassen worden war. Das Licht des Nachmittags fiel auf die sandigen Felder und entlockte der Pflugschar einen Glanz, und als der Pflüger erneut an der dornigen Stelle vorbeikam, kreisten die Bussarde langsam auf, als wollten sie protestieren, dass er ihren Jungen zu nahe kam.

Der lange, magere Diener, der den Frühstückstisch bedient hatte, kam zu Levin heraus und beobachtete seine Augen.

„Pflügen, pflügen“, sagte er. „Levin, ich kann dir zeigen, wie man pflügt: Ich kann es nicht, aber du bist der richtige Mann.“

„Cyrus, Huldy hasst dich nicht. Sie sagt, du bist ihr am nächsten, was einen Freund angeht.“

„Oh, ich liebe sie wie Zuckerrohr“, sagte der magere, kürbisköpfige Diener. „Sag ihr, ich werde ein großer Mann. Ich werde das Spiel verderben. Sie schlagen mich, aber Cy Jeems hat Mut, Levin.“

„Cyrus, sag Huldy alles, was gegen sie im Gange ist. Wir wissen von nichts. Du kannst kommen und gehen, und niemand beobachtet dich. Huldy wird dir dafür dankbar sein.“

Der Küchenjunge legte seine langen Arme auf die Knie, beugte sich hinunter, starrte Levin fest in die Augen und flüsterte, während er zum Feld blickte:

„Pflügen! Pflügen!“

Dann drehte sich Cy James halb um, blickte mit einem Anflug von Weisheit über das alte Wirtshaus und flüsterte erneut:

„Hokey-pokey! Beim Qualm! Und Pangymonum auch!“

„Ich glaube, er ist verrückt“, dachte Levin, als der seltsame Kerl sich umdrehte und davonlief.

Es war gegen drei Uhr, als die Kavalkade von Kapitän Van Dorn von der Veranda des Hotels aus begutachtet wurde; sie bestand aus etwa zwanzig Personen, Weißen und Schwarzen; einige ritten auf Maultieren, einige auf Pferden, und in der Reihe war ein Wagen – derselbe, der zu Cannons Fähre gefahren worden war –, der für Levin, Joe Johnson und den Kapitän bestimmt war. Van Dorn stand da, errötete, zog an seinem langen flachsfarbenen Schnurrbart und stützte sich auf seine Peitsche aus Rindsleder.

„Dave“, rief er einem kräftigen Neger zu, „steig von diesem Maultier; du bist zu betrunken, um mitzugehen. Spring an seine Stelle, Owen Daw!“

Der Sohn der Witwe schwang sich freudig auf das Tier.

„Sorden“, fuhr Van Dorn fort, „du kennst alle Wege: Geh voran! Whitecar, geh mit ihm! Wir treffen uns um acht Uhr in Punch Hall. Die Marschordnung ist paarweise, eine viertel bis halbe Meile auseinander. Wenn irgendein Mann ohne Befehl handelt oder auf der Straße schreit, bekommt er diese Peitsche zu spüren oder mein Messer.“

„Kapitän, wo speisen wir?“, fragte ein kleiner, drahtiger Mulatte.

„Tränken in Federalsburg“, antwortete Van Dorn; „speisen in der Punch Hall.“

Sie ritten in Paaren in Abständen von zehn Minuten davon; Van Dorns Gefährt fuhr zuletzt. Einen Augenblick vor seiner Abreise berührte Cy James den Ärmel des Kapitäns und flüsterte: „Huldy.“ Van Dorn drehte sich um, um sicherzugehen, dass er nicht beobachtet wurde, folgte ihm zum tief gewölbten Schornstein am nördlichen Giebel und entließ seinen Führer mit einem Blick.

„Kapitän Van Dorn“, sagte Hulda, deren große graue Augen vor Zärtlichkeit und nervösem Mut angespannt waren, „tu dem Jungen Levin kein Leid an: Ich liebe ihn! Gott vergebe dir alle deine Sünden, so zahlreich sie auch sind, wenn du der bösen Befehle der Großmutter bezüglich meines Lieblings nicht gehorchst!“

„Ha! wilde Blume, du hast gelauscht?“

„Nein, ich habe nur zugesehen: Ich kenne Tante Pattys schmeichelnde Art, wenn sie plant, jemanden ins Verderben zu stürzen, und beobachte ihre schwarzen Blitze der List dazwischen: Sie ist keine Cousine von Levin; er ist Joes sanfter Gefangener; seinen Namen musste er verbergen, als sie dich heute Morgen kommen sah.“

„Creo que si: Hulda, lass mich dich küssen!“

„Ja, wenn du es wagst.“

Sie schenkte ihm wieder diesen reinen, von der Seele getriebenen, starken Blick eines Kindes und übte den ganzen Einfluss aus, von dem sie immer gefühlt hatte, dass sie ihn über ihn besaß.

Dennoch küsste er sie zum ersten Mal:

„Heute, Bonito, wage ich es, dich zu küssen. Glaube mir, mein Kuss ist ein zärtlicher.“

„Ja, Herr. Es ist etwas Väterliches darin. Oh, mein Vater, bist du im Himmel?“

„Wenn es einen solchen Ort gibt, wilde Blume, denke ich, dass er dort ist.“

„Oh, ich danke dir, Kapitän Van Dorn. Mögest du auch dort sein und den Glauben finden, den ich in meiner einen Tag währenden Liebe auf Erden spüre. Ich bete jeden Tag für dich.“

„Ayme, arme Schwächlingin! Bete nun für dich selbst: Wenn du dich selbst einen kurzen Tag oder zwei sündenfrei bewahren kannst, mag es gut für dich und Levin sein. Deine Großmutter ist in ihren Freuden heute Nacht schrecklich.“

„Ich kann sterben“, sagte Hulda, „wenn Levin gerettet wird.“

Er küsste sie erneut, und etwas Nasses fiel auf sein Erröten.

„Ewige Liebe!“, seufzte er; „Ich habe sie verloren.“

KAPITEL XXX.

AFRIKA.

Der Kapitän nahm die Zügel in die Hand; seine malerische Samtjacke, der breite Hut, das helle Haar und das fröhliche Hemd, die Beinkleider, der Gürtel und die Stiefel verdienten all Patty Cannons Lobpreisungen, als er einen höflichen Abschied nahm und seine Peitsche wie einen Blitz schwang. Ein Jubel erhob sich von den abgewiesenen Freiwilligen, die am Wirtshaus herumlungerten, als er Joe Johnson und Levin davonfuhr.

Die Straße war auf fünf Meilen fast vollkommen eben, aber da es die alte Handelsstraße von Laurel und dem Süden nach Easton war, die in Richtung Baltimore führte, sah man zahlreiche Höfe und Lichtungen, und Tabakfelder wechselten sich mit trockenem Mais und frisch gepflügtem Weizen ab. Hier und da lagen die gelben Kolben wie ein Maß Gold auf die Erde geschüttet in den kahlen Maisreihen, um das gemahlene Mehl für den Sklaven und den Wintervorrat für das Vieh zu werden. Joe Johnsons Beliebtheit war überall offensichtlich, und mancher Ruf wurde laut: „Viel Glück, Joe!“, „Bring uns einen Nigger aus Delaway zurück, Joe!“, „Sei nicht zu hart zu diesen schwarzen Hühnern der Blue Hen, Joe!“

Van Dorn stand zu weit über dem Verständnis seiner Nachbarn, oder eigentlich jedes Menschen, um vertraulich angesprochen zu werden, aber „Patty Cannons Mann“ war der Begriff verletzter Unterlegenheit, der ihm hinterhergerufen wurde, nachdem er vorbeigefahren war.

In Federalsburg überquerten sie den Arm des Nanticoke, der bis in die Mitte des Staates Delaware reicht, und sahen ein großes Backsteinhaus von kolonialem Anschein, das den kleinen hölzernen Weiler beherrschte. Hier, wie allgemein innerhalb der Grenze von Maryland, war die Jagd auf Neger der „Spaß“ oder die ernsthafte Beschäftigung mancher müßigen oder unternehmungslustigen Person, die ihre Neger-Späher wie einen Vorstehhund oder häufiger wie einen Spaniel abrichtete und die Grenze in den bestimmten Nächten so eifrig und vorsichtig überquerte wie der weiße Händler in Afrika die Pfade des Hinterlandes für menschliche Beute.

„Joe“, sagte Van Dorn, „was hast du mit den Gefangenen vor, die wir haben?“

„Alle gehen mit mir nach Norfolk bis auf einen – den Neger-Boxer; den verbrenne ich lebendig auf Twiford’s Island. Wenn der weiße Kerl zu unbedeutend zum Verkaufen ist, werfe ich ihn über Bord; er ist nicht sicher.“

„Ea! sus! Es ist kindisch, den alten Burschen zu verbrennen. Ich habe viele Schläge von einem Schwarzen erhalten, und Stiche auch. Ein Hund beißt dich, wenn du ihn mit dem Lasso einfängst.“

„Kein Nigger kann mich niederschlagen und mit dem Verkaufen davonkommen.“

„Dann bist du ein schlechter Händler. Der Preis des Negers ist alles, was der Neger ist; warum machst du ihn zu deinem Ebenbürtigen, indem du ihn hasst?“

„Ich bin ein Junge aus Delaware“, sagte Joe Johnson, „und es ist mein Stolz, keinem Nigger eine Chance zu geben. In Maryland verhätschelt ihr sie, wie der alte Colonel Ned Lloyd drüben am Wye; er hat seinem Neger-Kutscher eine goldene Uhr und Kette geschenkt, weil er sein Sohn ist! Was für ein Dummkopf! Eines Tages wird er einen Nigger großziehen, der politische Reden hält, und dann will ich nicht mehr leben.“

„Chito! Seit der Anwalt aus Delaware dich an den Pranger geschickt hat, Schwiegersohn, bist du mürrisch. Ich musste mit Negerfürsten essen, mit ihren Königinnen tanzen und so zeremoniell sein, als wären sie Engel gewesen.“

„Das wäre für mich die Herrschaft von König Dick! Ich könnte es beim besten Willen nicht.“

„Und übrigens, Joseph, ich sehe vielleicht deinen Freund, den Anwalt Clayton, heute Abend in Dover: Er schickt mich vielleicht auch an den Pranger; und ich fürchte, kein Gouverneur von Delaware wird mir das Abschneiden der Ohren ersparen, wie es für dich im staatlichen Patriotismus getan wurde.“

„Hüte dich vor diesem Teufelsbraten von Tolobon!“, murmelte Joe Johnson. „Wie ich wünschte, du könntest ihn töten, Van Dorn. Er wird Senator; eines Tages wird er Oberster Richter von Delaware: Was sind dann Nigger dort noch wert?“

„Ich bilde mir ein, Joseph, du könntest ein Gesetzgeber in Delaware sein, wenn deine Neigungen in diese Richtung gingen?“

„Leicht genug, aber ich mache die Gesetzgeber. Meine Frau, Margaretta – die Schwester ihres ersten Mannes ist die Frau des Kanzlers.“

„Hola! oh! Wie kam es zu diesem großen Bündnis?“

„Sie war Haushälterin; er war ein verschlossener alter Junggeselle und musste sich ein Bein brechen. ‚Nun‘, sagt sie, ‚du bist ein Vater; Gerechtigkeit ist dein Handwerk, und ich muss sie haben.‘ Also wird sie, von seiner Besonderheit, die Madam; aber sie hat das Kind erfunden.“

„Ich war noch nie in Dover; wie soll ich wissen, wo Anwalt Clayton wohnt?“

„Es ist auf dem Grün in der Mitte der Stadt, direkt am State House – ein langes, verputztes Haus an der Ecke, drei Stockwerke hoch, mit zwei Türen; die Tür neben dem State House ist sein Büro. Geh am State House vorbei, das eine Kuppel hat, und du siehst den Pranger und die Peitschensäule. Er hat sie griffbereit für dich.“

Levin hörte mit gespitzten Ohren zu. Der Alkohol war nun weitgehend aus seinem System, und er dankte Gott, dass er Patty Cannons brennenden Trank abgelehnt hatte, andernfalls wäre er heute Nacht – er dachte mit Reue daran – der leichtsinnige Kamerad für Owen Daw, dessen eigene Mutter ihm den Galgen prophezeit hatte.

„Und jetzt, Van Dorn, kehre ich um“, sagte Joe Johnson; „ich habe unten auf der Halbinsel einen Job zu erledigen. McLane ist Besitzer eines Mädchens geworden und will sie weggeschlichen haben. Ich nehme den schwarzen Dave mit, und wenn ich zurück bin, wird mein Boot bereit und meine Fracht gepackt sein. Dann hey nach Floridey!“

Er band sein Pferd am Heck des Wagens los, stieg auf und ritt über den Strom zurück. Van Dorn lenkte seine Pferde und fuhr in die dichten Wälder auf einem Nebenweg nach Norden.

„Komm herauf, Meister Levin, und fahr bei mir mit“, sagte der Kapitän sehr bald, und er nahm Levins alten Hut von dessen Kopf und betrachtete sein helles Haar, das in der Mitte gescheitelt war, seine feinen, großen Augen, die das Licht des Wissens brauchten, sowie seinen zarten Teint und die Anzeichen guter Herkunft.

„Wo ist dein Vater, Levin, dass er dich so zerlumpt gehen lässt, mit solch anmutigen Gliedmaßen und Füßen wie diesen?“

„Schiffbruch“, sagte Levin; „ist untergegangen, nehme ich an, auf dem Kaperer.“

„Ein Seemann war er? Nun, er sollte zu Hause sein, um dich zu kleiden und darauf zu achten, dass du nicht betrügst. Ich habe bemerkt, wie Madam Cannons Punsch aus dem Fenster geschüttet wurde.“

„Ich dachte, Sie wollten mich nicht die ganze Nacht betrunken neben sich haben, Sir, und dann könnte ich Ihre Gesellschaft genießen. Ich will keinen Schnaps mehr trinken.“

„Du magst meine Gesellschaft?“

„Ja, Sir.“

Der Kapitän errötete und fragte:

„Warum magst du mich?“

„Nicht wegen irgendetwas, das Sie tun, Sir. Ich mag Sie wegen etwas in Ihrer Art; ich schätze, Sie sind ein kluger Mann.“

„Si, senor, das bin ich. Ich habe die ganze Welt gewonnen und zwei verloren.“

„Zwei Welten, Sir?“

„Ja, zwei unsterbliche Welten; das heißt, zwei unerklärliche Welten. Ich bin kein Christ.“

„Vielleicht sind Sie dann Chinese oder Mohammedaner, Sir; ich vermute, jeder hat eine Religion.“

„Ich war aus geschäftlichen Gründen Mohammedaner“, sagte Van Dorn. „Nachdem ich ein Sklavenhändler geworden war, bedeutete es nichts, ein Abtrünniger zu sein. Da ich jeden Tag die Seele eines Menschen stehle, lege ich keinen Wert auf meine. Ja, Mohammed ist der Prophet Gottes: Das bist du auch.“

„Sie waren in Afrika, nehme ich an“, schlug Levin vor.

„Nur einige Jahre, aber lange genug, um reich zu werden und ruiniert zu werden. Ich kenne die Negerküste von Gambia bis Cape Palmas und landeinwärts bis Timbo. Ich hatte eine afrikanische Königin und das afrikanische Fieber: Ich ging aus, um Afrika zu erobern, und wurde ein Sklave.“

„In Afrika, nehme ich an, Kapitän“, bemerkte Levin ohne Schlussfolgerung, „ist ein Negerhändler respektabel.“

Van Dorn schüttelte den Kopf.

„Ich bezweifle, dass dieser Handel irgendwo auf diesem Erdball respektabel ist, es sei denn hier. Nein, ich will auch für diese Leute sagen, dass sie, während sie ihm eine oberflächliche Verehrung entgegenbringen, auf ihn herabsehen. Ich war einst der größte Gast in Timbo, beherbergt bei seinem absoluten Fürsten, begleitet von meinem Gefolge, aussehend wie ein Botschafter, und er nannte mich ‚seinen Sohn‘ und zog mich an seine Brust. Es wurden Proklamationen erlassen, dass ich als solcher respektiert werden sollte, doch jedes menschliche Wesen floh vor mir. Als ich allein ausritt, um die Gärten und Maniokfelder, die umherstreifenden Ziegen und Ochsen und die reichen Gebirgsaussichten zu sehen, und die schlauen Mädchen in den Bächen baden sah, ging der Ruf um: ‚Der Fleischkäufer kommt‘, und Hütten wurden verlassen, Felder aufgegeben, die grauen Patriarchen und die kleinen Kinder rannten, und ich blieb allein zurück mit den stummen Tieren, verachtet, verabscheut.“

„Gibt es dort keine Sklaverei, Sir?“

„Ja, Sklaverei seit Menschengedenken, doch der Sklavenkäufer ist nicht respektabler als der Zuhälter. Die Münze Afrikas, ihr einziges Tauschmittel, war der Sklave. Er zahlte die Schuld des Krieges, des Luxus und des Geschäfts. Doch die Seele des Menschen, im vertrauten Studium einer solch universellen Sklaverei, kriecht mit ihr und zeigt nicht mehr mit erhobenem Haupt auf ein strahlendes Schicksal: Ich bin in Afrika gestorben.“

„Sind Sie jetzt nicht im Geschäft, Sir?“

„Jetzt bin ich nur noch ein Walddieb und Buschmann, Levin. Wer einen niederen Handel beginnt, steht früh auf, um ihn zur Vollendung zu bringen, und muss im späteren Leben ein armer Wolf sein, der aus dem Rudel verstoßen wurde und stiehlt, wo er sich einschleichen kann. Solch ein Entführer ist es, der die verfallenen Tage des Sklavenhändlers ausdehnt; solch ein ruinierter Wüstling, der schließlich vom Verdienst einer schamlosen Frau lebt; solch einer bin ich: Sieh mich an!“

Van Dorns Augen wandten sich in ihrem kalten, herzlosen Licht Levin zu, und doch errötete er wie üblich.

„Sie sollten ein Gentleman sein, Kapitän. Was hat Sie dazu gebracht, die Gesetze so zu brechen und ein schlechter Mensch zu sein?“

„Ayme! Ayme!“, sinnierte Van Dorn, „soll ich es dir sagen? Es war Afrika. Ich war ein hochgesinnter Jüngling, kühl und kühn, mit einem Faden Vergnügen in mir. Ich ging zur See in einem männlichen Handwerk, und da das Glück langsam war, flüsterten sie mir in Westindien zu, dass mein Klipper genau das Richtige für den Sklavenhandel sei, und ich wagte den ersten Schritt aus der Tugend hinaus, was die ganze Reise ausmacht. In Afrika fiel ich dem üppigen Leben zum Opfer, das ein Weißer dort führt, von dem selbst die Missionare nicht immer eine Ausnahme sind. Jung, bleich, sanft, anmutig, tapfer, meine Erröten so unmittelbar wie meine Leidenschaften, kreiste die endlose Intrige jenes heißen Klimas um mich wie ein Tanz im Harem um den jungen Eindringling: Ich vergaß mein Vaterland und jede Verpflichtung darin; ich wurde von Afrika versklavt durch seine ohnmächtigen Freuden; ich ging dorthin wie die Schlange und wurde von der Frau gestochen.“

„Sind sie nicht alle richtig schwarz und hässlich in Afrika, Kapitän?“

„Die Welt hat nicht ihresgleichen in Senegambien für Schönheit“, sagte Van Dorn. „Die Fullah-Schönheiten sind oft fast weiß, und die schwarze Beimischung ist nicht mehr als Firnis auf dem Ahornbaum. Und selbst hier, mein Junge, wo die Zivilisation eine Mauer aus sozialem Feuer um den Sklaven baut, bemerkst du oft die Vergötterung des weißen Kopfes für das gefangene Afrika.“

„Haben Sie Geld verdient?“

„Einige Jahre lang tat ich das, reichlich; aber die Erniedrigung inmitten des Vergnügens drückte meine Stimmung. Das Ding, das Ehre genannt wird, war von mir fortgeflogen wie die himmlische Taube, und an ihrer Stelle scharten sich freudig hundert bunte Vögel, die schillernden Geschöpfe jener gedankenlosen Welt. Oh, dass ich dort hätte geboren werden können oder sie nie hätte sehen müssen! Schließlich machte ich mich auf den Heimweg, aber die Welt hatte ein neues Gebot angenommen: ‚Du sollst nicht mit Menschen handeln.‘ Sie nahmen mein Schiff und all seine schwarze Fracht, und ich kam nackt nach Hause. Dann war mein Herz gebrochen, und ich wurde Entführer.“

„Zuhause ist der beste Ort“, sagte Levin; „ich schätze, das ist es, auch wenn die Leute arm sind. Als Jimmy Phoebus mir ein Boot gab, dachte ich, ich sei reich wie ein Jude.“

„Wie lautet dieser Name?“, fragte Van Dorn.

„James Phoebus: Er ist der Schatz meiner Mutter.“

„Ce ce ce!“, sinnierte der Kapitän; „deine Mutter lebt also?“

„Ja, Sir. Sie ist arm, aber Jimmy liebt sie, und der Geist meines Vaters ernährt sie.“

„Quedo! Ein Geist? Was für eine Art Ding ist das? Tante Patty sieht sie: Ich niemals.“

„Er kommt und legt Zucker und Kaffee ins Fenster, und manchmal ein Paar Schuhe und ein Kleid. Mutter sagt, es ist Vater: Ich vermute, er ist es.“

„O Dios!“, lispelte Van Dorn. „Dieser Phoebus, ist er ein guter Mann?“

„Mutig wie ein Löwe, Sir; arm wie jeder Pungy-Kapitän; der beste Freund, den ich je hatte. Ich hoffte, Mutter würde ihn heiraten, er wartet schon so lange auf sie. Sie hat Angst, dass Vater nicht tot ist.“

„O hala, hala! Frauen sind solche Wartenden; aber dieser Mann kann auch warten. Ist er stark?“

„Er war letzten Sonntag in Princess Anne fast so weit, Joe Johnson eine Abreibung zu verpassen, Sir. Er hasst Negerhändler. Er und Samson Hat, ein schwarzer Kerl, halten so viel voneinander wie zwei Brüder.“

„Und er gab dir ein Boot?“

„Ja, Sir: Joe Johnson hat es von mir gemietet, aber ich wusste nicht, dass er Neger verschleppen würde. Er hat mein Boot und meinen Ruf ruiniert, nehme ich an, in Princess Anne, und was wird Mutter tun, wenn ich ins Gefängnis gehe?“

„Nun, dieser andere Mann, Phoebus, ist da, um sie zu heiraten oder für sie zu sorgen.“

„Oh, Kapitän“, schluchzte Levin, legte seine Hände auf Van Dorns Knie und legte auch seinen Waisenkopf darauf, „der arme Jimmy ist tot: Joe Johnson hat ihn erschossen.“

Der Kapitän bewegte sich nicht und sprach nicht.

„Ich war ein Trinker, Kapitän“, schluchzte Levin wieder im Vertrauen eines Kindes; „daher kommt all unser Elend. Ich habe nichts außer meinem Boot, und die Leute mieten es zum Schießen und Fischen und Feiern, und sie nehmen Schnaps mit, und ich trinke. Gott helfe mir; ich werde es nie wieder tun, sondern eher sterben!“

„Hast du keine Angst, dich an mich zu lehnen?“, lispelte Van Dorn.

„Nein, Sir.“

„Ich habe auch Leute getötet.“

„Der Herr vergebe Ihnen, Sir; ich weiß, Sie werden mich nicht töten.“

Ein Seufzer brach aus den Lippen des Banditen anstelle seines üblichen sanften Lispelns und wurde von einem warmen Wassertropfen gefolgt, wie von den Waldesblättern, die nun in die Nacht gebadet waren, der auf Levins Nacken platschte.

„O Gott“, sagte eine sanfte Stimme, „darf ich nicht sterben?“

Dann spürte Levin dieselben warmen Tropfen viele Male auf sich fallen, und sein Wesen öffnete sich wie die Pflanzen dem Regen.

„Ich habe einen Freund gefunden, Kapitän“, sprach der Junge nach einigen Minuten, ohne jedoch aufzublicken; „ich fühle, wie Sie weinen.“

„Chito! chito!“, lispelte Van Dorn; „hier ist Punch Hall.“

Levin hob den Kopf und sah nichts als ein altes Haus, das zwischen den Bäumen stand, mit einem schwachen Licht, das aus der Tür strömte, und hörte die leise Heiterkeit trinkender Männer. Die ganze Bande strömte heraus, um Van Dorns Befehle entgegenzunehmen.

„Eine Stunde hier zum Essen und Ausruhen!“, rief Van Dorn. „Sollen diejenigen schlafen, die es können. Soll jeder, der es wagt, umherstreifen oder randalieren!“

KAPITEL XXXI.

PFIRSICH-ERRÖTEN.

Richter Custis, den wir am Sonntagnachmittag aus Princess Anne reiten ließen, hielt sich direkt nach Norden, überquerte am frühen Abend den untersten Teil von Delaware und ging in Laurel am Broad Creek, ein paar Meilen südlich von Cannon’s Ferry, zu Bett.

Bei Tagesanbruch saß er wieder zu Pferd, kaum steif von seiner Anstrengung, und verspürte die aufkeimenden Freuden eines Magens und eines Gehirns, die klarer wurden als seit Jahren, frei von jeder Form von Alkohol. Sein Geist war in Schlaf und Mäßigkeit gebadet worden, den beiden großen Ärzten, und trockengewischt, wie die Füße des Fürsten der Leidenden, mit Frauenhaar. Die Bewegung, natürlich für einen Virginier, erweckte seine fließenden Lebensgeister aufs Neue, und er bildete sich ein, die Luft werde reiner, je weiter er nach Norden vordrang, obwohl es kaum eine wahrnehmbare Änderung der Höhe gab. Das Land wurde jedoch trockener, als er die Quellgebiete des großen Zypressensumpfes – das Gegengewicht zum Dismal Swamp von Virginia – umrundete, sich von den Gewässern der Chesapeake Bay entfernte und sich den Zuflüssen des Atlantiks näherte. Um neun Uhr erreichte er das Gerichtsgebäude-Viertel von Georgetown, einen kleinen Ort mit einigen hundert Einwohnern, der eine Generation zuvor, oder etwa zehn Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes, fast im Zentrum der Grafschaft angelegt worden war.

Es war ein ebener Ort mit schindelverkleideten Häusern, die sich um einen sandigen Platz gruppierten, auf dem sowohl Ulmen als auch italienische Pappeln standen; und ein zweistöckiges hölzernes Gerichtsgebäude befand sich auf der gegenüberliegenden Seite, umgeben von kleinen Hütten für die Beamten der Grafschaft, die hier und dort verstreut waren, und im Hintergrund befand sich ein zweistöckiges Gefängnis mit Familienwohnungen im Erdgeschoss und dem Kerkerfenster, dem Schuldnerzimmer und einem Familienschlafzimmer im Obergeschoss; und in der Nähe des Gefängnisses und des Gerichtsgebäudes stand der Pranger, wie eine demontierte Pumpe, mit einem Schandpfahlpodest einige Fuß über dem Boden.

Junge Ahornbäume, Maulbeerbäume und Tulpenbäume sowie Götterbäume wuchsen wacker, um entlang der zwei Straßen, die den Platz durchschnitten, und der vier Straßen, die parallel zu seinen Seiten verliefen, Schatten zu spenden – wobei dazwischen hübsche Gassen lagen, zu denen sich die lehmigen Gärten erstreckten; und als der Richter am Gasthaus nahe dem Gericht anhielt, wurde ihm gesagt, es sei „Tag der Entscheidung“, und der Ort würde bald mit Wählern gefüllt sein, die sich versammelten, um zu hören, wie „sie sich entschieden habe“ – wobei „sie“, wie der Richter wohl wusste, für Sussex County stand und „entschieden“ ihre an der Wahlurne kundgetane Entscheidung bedeutete.

„Sie hat für Adams und Clayton gestimmt, nicht wahr, Jonathan Torbert?“, fragte der Gastwirt.

„Ja“, sagte ein einfacher, religiös aussehender Mann, der Kassierer der Bank; „Johnny Clayton hat Sussex und Kent für Adams in der Spur gehalten; Jeems Bayard und die McLanes haben Newcastle erobert: Clayton geht in den Senat, Louis McLane ins Kabinett, das Land an die Alligatoren.“

„Hurra für Jackson!“, antwortete der Wirt; „er gefällt mir, seit er die Briten verprügelt hat.“

Beim Frühstück erkannte Richter Custis gegenüber einen Herrn, der Kniehosen trug und dessen Haar zu einem Zopf gebunden war, welcher ohne mehr als einen passiv freundlichen Ausdruck sprach:

„Richter.“

„Ah! Kanzler!“

Der Kanzler war fast siebzig Jahre alt und hatte ein demütiges, nachdenkliches und doch gnädiges Aussehen, wie jemand, dessen Beziehung zu dieser Welt die eines Verwalters war und dessen fast veraltete Kleidung das Abzeichen nicht weltlichen Stolzes, sondern vergangener Freuden und Zeitgenossen war. Sein unbefangenes Gesicht schien zu sagen: „Ich trage es, weil es nutzlos ist, das abzulegen, was sonst niemand tragen will, wenn ich in Kürze nichts mehr als ein Leichentuch brauchen werde.“

Richter Custis betrachtete den sanftmütigen alten Herrn genau, der wie ein Laienbruder in einem Kloster oder Krankenhaus an seinem Teller saß, gleichgültig gegenüber Gerede, Nachrichten oder Angelegenheiten; und die Erinnerung an das, was er gewesen war – scharfsinnig, besitzgierig, mit lange bewahrten jugendlichen Leidenschaften, und der Mann, der unter der Obhut des Richters lebensfroh war – veranlasste den Virginier, bei sich selbst zu denken:

„Was ist dann der Mensch! Schließlich macht sich das Alter geltend und beugt den ehernen Tempel seines Antlitzes, wie Samson, in fast frommer Reue. Da sitzen fünfundzwanzig Jahre der Billigkeitsrechtsprechung; dahinter dreißig Jahre eines heiteren und abwechslungsreichen Lebens. Keine Zeitung wird es je aufzeichnen, weil hier keine gedruckt werden; er ist gleichgültig gegenüber dieser Vergessenheit und allen anderen, weil die Quellen des Lebens in seinem Körper vertrocknet sind und er nicht mehr genießt.“

„Reisen Sie nach Norden, Richter Custis?“, fragte der alte Mann aus Höflichkeit.

„Ja, nach Dover.“

„Es gibt einen Platz in meiner Kutsche; Sie sind uns willkommen.“

„Ich werde ihn zumindest ein Stück des Weges annehmen, um das Privileg Ihrer Gesellschaft zu spüren, Kanzler.“

Der alte Mann schüttelte langsam und seitwärts den Kopf.

„Zu spät, zu spät“, sagte er, „um mir zu schmeicheln. Ich mochte es einmal. Ich war auch ein Schmeichler.“

Der schwarze Junge des Kanzlers wurde auf das Pferd des Richters gesetzt, und die beiden Männer bogen in einem einfachen, im Lande gefertigten, leichten, quadratischen Gefährt an der Ecke des Gerichtsgebäudes nach Norden ab. Als sie am Tor vorbeifuhren, hörten sie den Sheriff, der zwei Sklaven an einen Käufer versteigerte und rief:

„Ihr Eigentum, mein Herr, bis sie fünfundzwanzig Jahre alt sind.“

„Ha, ha!“, lachte ein Dorfbewohner ohne Kinn mit einem gewaltigen Wiehern; „sagen Sie, bis die alte Patty Cannon sie kriegen kann!“

Der Käufer schenkte dem vorbeifahrenden Kanzler ein listiges, überführtes Lächeln, dessen Blick der Resignation sich nur noch vertiefte und demütiger wurde. Der Richter hatte eine vage Erinnerung, die ihn dazu bewog, das Thema zu wechseln.

„Wir sehen uns nur selten, Kanzler, obwohl wir das gleiche kleine Erbe an Land teilen. Ich nehme an, Ihre Leute sind alle stolz auf Delaware.“

„Ja“, sagte der alte Mann; „da wir ein so kleiner Abenteurer sind, ein bloßes Findelkind im Bund der Staaten, haben unsere Leute den Stolz auf ihre Unabhängigkeit. Die Gesetze werden verwaltet, jedes Jahr werden einige Farmen mehr im Wald eröffnet, Blüten kommen, und alte Männer sterben und werden auf ihren Farmen begraben, und ihre Knochen werden einige Jahre respektiert. Unsere Geschichte ist so pastoral, dass wir etwas Temperament zeigen müssen, wenn sie angegriffen wird, sonst könnten wir unsere Unwissenheit darüber offenbaren.“

Sie ritten einige Stunden schweigend durch ein älter besiedeltes und offeneres Land mit einigen großen Mühlenteichen und einer besseren Klasse von landwirtschaftlichen Verbesserungen, und das Gefühl von großem Wasser in der Nähe war mystisch spürbar.

Der Richter folgte an einer Stelle den Augen des alten Mannes und sah, dass sie mit einem Ausdruck stiller Zufriedenheit, wie bei einem gealterten Frommen, erhoben waren, und eine wunderschöne Landschaft aus sanftem grünem Marschland lag von einer leichten Anhöhe, die sie erreicht hatten, unter ihrem Blick, mit Rindern und Schafen, die darin umherstreiften, hohen Hainen, wo Kühe und Pferde mittäglichen Schatten fanden, und sich windenden Bächen, die die Segel versteckter Boote trugen, als wären sie auf einer magischen Fahrt über das samtige Grün. Heuschober und landwirtschaftliche Siedlungen stachen in den langen Ebenen hervor, und segelnde Vögel gesprenkelten die Luft. In weiter Ferne lag etwas, das mehr nach Sumpf aussah, aber auch wie die Wolken.

„Es ist die Delaware Bay“, sagte der Kanzler.

Sie erreichten bald eine wohlgebaute kleine Stadt an einem schiffbaren Bach mit einem großen Mühlenteich, Sägemühlen, mehreren Schiffen, die auf den Werften gebaut wurden, und einem Hauch von überlegener Vitalität, als alles, was Richter Custis in Delaware gesehen hatte. Hier wies der Kanzler auf das ehemalige Zuhause des Vaters von Senator Clayton hin, und nachdem die Pferde gefüttert worden waren, fuhren sie weiter nach Norden, passierten eine weitere kleine Stadt an einem Bach in der Nähe der Sümpfe und gelangten kurz dahinter zu einer ehrwürdigen Backsteinkirche, ein Stück abseits der Straße, in einem Hain aus Eichen und Waldbäumen.

„Hier ist Barrett’s Chapel“, sagte der Kanzler; „berühmt für die Planung des Feldzugs zwischen Wesleys einheimischen und englischen Predigern zur Eroberung Amerikas, sobald die Krone es verloren hatte.“

Sie blickten hinauf über das breitgiebelige, quäkerhafte Gebäude mit seiner breiten, niedrigen Tür, dem hohen Dach, den zweistöckigen Fenstern und einem höheren Fenster im Giebel, den sauberen Reihen von Bogenziegeln über Tür und Fenstern und dem Mauerwerksband; und hörten, wie die hohen Bäume es wie ein Kind, das ihnen überlassen wurde, in den Schlaf wiegten. Fast fünfzig Fuß im Quadrat und wahrscheinlich fünfzig Jahre alt, sah es aus, als wäre es für weitere hundert Jahre gut.

„Meine Familie in Accomac war durch einen fehlgeleiteten Konservatismus hart zu den Methodisten“, sagte Richter Custis. „Sie sind ein gutes Volk; sie scheinen zu dieser Halbinsel zu passen wie der Pfirsichbaum.“

Ein kleiner Trauerzug bog in Barrett’s Chapel ein, und der Kanzler befragte einen der gleichgültigeren Anhänger nach der verstorbenen Person. Nachdem er den Namen genannt hatte, sagte der Bürger:

„Sein Tod war mysteriös. Er war Methodist und ein guter Mann, aber es scheint, dass die Habgier seine Prinzipien zernagte. Ein Sklavenjunge, der bald von Rechts wegen frei werden sollte, verschwand aus seinem Besitz, und er gab bekannt, dass der Junge weggelaufen sei. Aber plötzlich begann unser Nachbar zu trinken und mit Geld zu prahlen, und man sagt, er habe den Jungen entführen lassen. Er starb wie jemand, der einen Anfall von Verzweiflung hatte.“

Als sie am heiteren Nachmittag wieder nach Norden abbogen, sagte Richter Custis:

„Was für ein Stigma auf beiden Seiten, Kanzler, ist diese Entführung!“

Der alte Mann blickte sanftmütig zu Boden und antwortete nicht. Richter Custis, der spürte, dass es eine gewisse Empfindlichkeit zu diesem und verwandten Themen gab, sich aber nicht erinnern konnte warum, fuhr unter dem Impuls seiner Gefühle fort:

„Die Nacht, bevor ich Princess Anne verließ, kam Joe Johnson, einer Ihrer schlimmsten Entführer, dreist in mein Haus, um zu übernachten. Warum ich ihn dort bleiben ließ, ist mir selbst ein Rätsel und ein Grund zur Verachtung. Aber er war da, vielleicht als ich wegkam.“

„Keine kluge Sache, das zuzulassen“, stöhnte der alte Mann.

„Ich wusste, dass seine Frau die Witwe eines Galgenvogels war, eines Brereton – der Name ist Yankee. Er wurde wegen Raubüberfalls aufgehängt.“

Ein gedämpftes Geräusch entwich dem nüchternen alten Herrn aus Delaware.

„Sie sollten sich an den Mord erinnern, Kanzler. Er geschah in diesem Staat. Dieser Brereton tötete einen Sklavenkäufer für das, was er bei sich trug, um die entführten freien Menschen und Lehrlingssklaven zu kaufen. Brereton war der Schwiegersohn von Patty Cannon, dieser berüchtigten Kupplerin zwischen Delaware und dem Süden.“

Der alte Kanzler sah auf.

„Ich möchte Ihnen zuvorkommen“, sagte er, „bei dem, was Sie vielleicht noch wahrheitsgemäß sagen könnten, aber vielleicht nicht vollständig wissen. Der Mörder, Brereton, war der Schwiegersohn von Patty Cannon, das stimmt; aber er war auch mein Schwager.“

„Unmöglich!“, sagte Richter Custis.

„Ja, mein Herr; ich habe seine Schwester geheiratet.“

Der alte Kanzler wandte seine Augen wieder dem Boden zu.

„Großer Gott!“, rief der Richter; „wie viele seltsame Dinge es in einem so kleinen Staat geben kann!“

Es war am Nachmittag, als Richter Daniel Custis in eine kleine Stadt auf einer welligen Ebene ritt, um deren zwei Seiten, in kaum einer halben Meile Entfernung, ein Bach durch ein hübsches bewaldetes Tal floss, und eine dritte Seite von einem Seitenarm desselben Bachs begrenzt wurde, die sich alle durch Gestrüpp, Teichrosen, Lotusblumen und Sumpf zur Delaware Bay wanden.

Im Zentrum der Stadt, auf der Anhöhe oder dem Kamm aus angeschwemmtem Boden, auf einem leichten sandigen Lehmfundament, enthielt ein länglicher öffentlicher Platz, der von einer Nord-Süd-Straße geteilt wurde, die wichtigsten Wohngebäude des Ortes, von denen eines das Kapitol des Staates Delaware war, ein rotes Backsteingebäude, ein wenig älter als die amerikanische Verfassung, mit einer glockenförmigen Kuppel über seiner Mitte, und von dort aus konnte man die Delaware Bay sehen.

In der Nähe des Staatsgebäudes stand der Pranger in der Ecke, bescheiden wie ein Anbindepfahl, und das Backsteingefängnis versteckte sich dort ebenfalls aus dem Weg, wie ein unansehnlicher Diener, der immer in der Nähe der Gesellschaft seines Herrn kauerte. Verschiedene Gebäude, im Allgemeinen antik, umgaben diesen ordentlichen, quäkerhaften Platz, einige aus Backstein und mit niedrigen Portalen, andere schick und umgestaltet, um den Zeiten zu entsprechen; einige waren bloße hölzerne Büros oder Hütten mit langen Dachgauben, die vom First fast bis zur Traufe herabhingen, wie eine schmutzige Feder von einer Hutkrone, mit einem Juwel am Ende; und eines war ein altes Hotel mit steilem Dach, gelb gestrichen, mit einer langen, entspannten Seite.

An den diagonalen Ecken dieses Platzes, so weit voneinander entfernt, wie sein Raum es erlaubte, standen noch zwei ehrwürdige Arztwohnhäuser, die Delawares kleiner Hauptstadt mehr Ruhm eingebracht hatten als ihre Juristen oder Staatsmänner – der ehemalige Wohnsitz von Sykes, dem Chirurgen, und Miller, dem Pathologen und Schriftsteller.

Bei ersterem dieser Häuser, einem vielfenstrigen, hohen, seitwärts gewandten Haus aus verputztem Backstein mit seitlichem Büro und mittiger Tür, hielt Richter Custis an und band sein Pferd an einem Gestell in der Nähe des angrenzenden Staatsgebäudes fest. Das Geräusch zwitschernder Vögel fiel von den großen Ulmen, Weiden und Ahornbäumen auf dem Platz, und Custis konnte sehen, wie die Rotkehlchen im Gras herumliefen.

Aus der Tür des zweistöckigen seitlichen Büros kam zärtlich der Klang einer Geige, und der Richter wartete, bis die Melodie beendet war, woraufhin laute Ausrufe der Freude, das Klatschen der Hände und das Stampfen der Füße zeigten, dass der Geiger nicht allein war.

Als er an der Tür erschien, wurde Richter Custis sofort von einem großen, hochgewachsenen Mann, voll sechs Fuß groß, mit starkem Gesichtsausdruck und sandfarbenem Haar, konfrontiert, der die Geige und den Bogen in der Hand hielt und mit der anderen Hand Richter Custis fast liebevoll ergriff und ihn hereinzog, rufend:

„Nun, wie geht es meinem alten Freund? Goy! Wie geht es ihm? Wer hätte Sie bei diesem einfachen Anlass erwartet? Setzen Sie sich da hin und nehmen Sie meinen eigenen Stuhl! Nicht diesen kleinen – nein, den großen bequemen Sessel für meinen alten Freund! Goy!“

Als Richter Custis seinen Blick schweifen ließ, um die Gesellschaft zu bemerken, flüsterte der demonstrative Gastgeber mit einem Aufblitzen seiner graublauen Augen:

„Wer ist er? Wer ist er?“

„Ein Custis“, flüsterte eine Person, die durch ihre Drams kaum besser dran war; „ich glaube, das ist er, an den Lippen und der Haut.“

„Goy!“, sagte der Geiger schnell. „Freund Custis – ich weiß, mein Herz täuscht mich nicht! – lassen Sie mich Sie der wahren Essenz des großartigen kleinen Delaware vorstellen: hier ist Bob Frame, der feurige Geist unserer Anwaltschaft; dies ist James Bayard, unser missverstandener demokratischer Liebling; hier ist Charley Marim und Sekretär Harrington, und mein geschätzter Freund Senator Ridgely, und mein Cousin, Oberrichter Clayton. Wir sind alle hier und alle geehrt durch einen so seltenen Gast. Goy!“

Während der Richter den Händeschüttel-Prozess durchlief, beugte sich der große, wohlgenährte Gastgeber wieder zu der geselligen Person und flüsterte mit der Hand an der Seite seines Mundes und einer Miene feierlicher Verschlagenheit:

„Woher?“

„Accomac oder Somerset, schätze ich“, murmelte der andere.

„Nun“, rief der Gastgeber und nahm beide Hände von Richter Custis, „wie geht es all unseren lieben Freunden in Somerset und Accomac? Wo nennen Sie jetzt ein Zuhause, Freund Custis? Wie geht es unseren alten Freunden Spence und Upshur, und Polk und Franklin und Harry Wise? Goy! Wie ich unsere Nachbarn da unten liebe.“

Es gab eine Stärke der Artikulation und physische Betonung bei dem Sprecher, die der Richter sofort bemerkte, und sie wurde von einem Strahlen der Augen und einer feinen Standhaftigkeit der großen Kiefer begleitet, die ihn fast magnetisch machten.

„Und das ist John M. Clayton?“, sagte der Richter. „Wir sind nicht so weit weg, dass wir nicht voll von Ihnen gehört hätten. Und nun, da ich zu einer zahlreichen Familie gehöre, lassen Sie mich mich identifizieren, Clayton, als Daniel Custis, ehemals Richter an der Eastern Shore.“

„Richter Custis! Daniel Custis! Freunde“, blickte er umher, „was für eine Ehre! Denken Sie daran! Der bedeutende amerikanische Fabrikant! Der Schöpfer unserer Industrien! Der Freund von Mr. Clay und der Heimatpolitik! Bayard, Sie müssen nicht mit dem Kopf schütteln! Ridgely, verzeihen Sie meinen patriotischen Enthusiasmus! Sehen Sie sich *einen Mann* an, meine Freunde, endlich! Goy!“

Als der Richter verschiedenen Bekundungen des Willkommens zuhörte, machte Mr. Clayton, mit einem Auge zwinkernd und dem anderen auf Anwalt Frame, den feurigen Geist der Anwaltschaft, ruhend, mit den Lippen die Bewegung:

„Cambridge?“

„Nein, Princess Anne.“

„Und das liebe alte Princess Anne, wie ergeht es ihr?“ – er hatte sich wieder dem Richter zugewandt – „wie ist der kleine Fluss Wicomico – nein, ich meine Manokin – wie fließt er? Fließt er wohlwollend? Gibt es dort die besten Austern, die ich je gegessen habe? und Terrapin auch? Wie geht es ihr jetzt? Goy!“

„Sind Sie auf dem Weg nach Norden, Bruder Custis, oder fahren Sie nach Hause?“, fragte der scharfsinnige, schwarzäugige Oberrichter.

„Nein, meine Reise ist zu Ende. Ich kam nach Dover, um Mr. Clayton kennenzulernen.“

„Tante Braner. Hyo! Komm her, Tante Braner!“, rief der Gastgeber laut, und eine alte farbige Frau kam herein, dicht gefolgt von einigen ihrer Enkel, die am Tor standen und starrten. „Nimm diesen Herrn und gib ihm das beste Zimmer in meinem Haus. Das Beste ist nicht gut genug für ihn! Bring ihn direkt hoch und gib ihm Wasser und lass deinen Sohn ihn bürsten, und wir werden ihm den besten Julep in Kent County schicken. Goy!“

„Das beste Zimmer war Miss Sallys, Mr. Clayton“, antwortete die alte Frau.

Eine plötzliche Veränderung trat über das sehr prompte und zuversichtliche Gesicht des Gastgebers; er zögerte, seine Augen wanderten, und er fing sich bei den Worten:

„Nein, gib ihm das Speaker Chew Zimmer: das wird ihm am besten passen.“

Als der Richter dem Diener folgte, entleerte der junge Senator seinen Mund von einem großen Stück Tabak in einen Monster-Spucknapf, den ein Blinder kaum verfehlen konnte, und mit einem Gesicht, das immer noch lang und still war und sehr im Widerspruch zu seiner vorherigen Spontaneität stand, fragte er abwesend:

„Was kann er wollen? Was kann er wollen?“

Eines der kleinen Negerkinder war in der Zwischenzeit zur Tür hereingewackelt und hatte mit großen, flüssigen Augen in seinem feierlichen, begehrenden Gesicht die Hände auf die Geige gelegt und zu Mr. Clayton aufgeschaut.

„Segne das kleine Kind!“, sagte er plötzlich. „Willst du ein Lied? Nun!“

Der junge Senator setzte sich in einen großen Sessel, kippte ihn zurück, bis sein harter, quadratischer Kopf gegen den Kaminsims ruhte, und er tastete fast ziellos die Saiten entlang, bis die klagende Weise hervorkam:

„Ihr Ufer und Hügel von bonnie Doon! Wie könnt ihr so schön blühen? Wie könnt ihr singen, ihr kleinen Vögel, Und ich so voller Sorgen?

Du wirst mein Herz brechen, du bonnie Vogel, Der neben seinem Gefährten singt; Denn so saß ich, und so sang ich, Und wusste nichts von meinem Schicksal.“

Er schloss die Augen bei den Klängen, und ein Engegefühl in seiner Kehle und die Bewegung seiner breiten, athletischen Brust, als er die Weise fortsetzte, zeigten, dass er innerlich mit einer starken Emotion rang.

Sein Cousin, der Oberrichter, gab ein Signal mit seinem Hut, und einer nach dem anderen schlichen die Sitzenden geräuschlos hinaus auf den Platz und gingen ihres Weges, wobei sie den jungen Mann zurückließen, der weiterspielte, mit dem Negerkind an seinem Knie, das dort lehnte, als wollte es die lebendige Stimme in seiner Geige ausspähen.

Andere Kinder kamen an die Tür – weiße Kinder vom Platz, schwarze Kinder aus dem Garten – und einige wagten sich ein Stück hinein, um das zärtliche Werben der sympathischen Saiten zu hören. Er bewegte seinen Bogen mechanisch, aber die Musik sprang hervor, als wüsste sie, dass ihre Schwester, die Trauer, auf den Akkorden wartete. Endlich kam ein mutigeres Kind als die anderen, schubste seinen Ellbogen und sagte:

„Papa!“

„Mein Junge, mein lieber Junge!“, rief der Geiger, während Tränen seine Wangen hinunterliefen, und er hob den Jungen an sein Herz und küsste ihn.

Richter Custis sah, obwohl kein Wort darüber fiel, den einsamen Krebs am Herzen des Senators – die tote Gestalt seiner Frau auf dem alten presbyterianischen Kirchhof.

Es wurde Richter Custis bald klar, aus diesem und anderen stillen Dingen, dass ein leichtfüßiger, liebevoller, starker, aber doch weiblicher Motor der Energie den jungen Anwalt und Politiker aus Delaware ausmachte. Scharfsinnig, verschlagen, impulsiv, hoffnungsvoll, seine Füße provinziell, sein Kopf bei den Vögeln, kombinierte er Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit in fast merkuriellen Beziehungen zueinander, und der Richter sah, dass dies einen bemerkenswerten Geschworenenanwalt ausmachen musste.

Sein Gesicht war glatt rasiert; sein Hals und Kinn zeigten eine frühe Neigung zu Fleisch; die Haltung seines Kopfes und das nachdenkliche Darteln seiner Augen und die leichte Aqualinität seiner Nase deuteten auf jemanden hin, der geistige Aktion und Wettbewerb liebte, diese Liebe jedoch aus einem großen, gesunden Körper bezog, der beobachtet werden musste, damit er nicht in Trägheit zurückfiel. Der Verlust seiner Frau so kurz nach der Hochzeit war von einer fast vollständigen Gleichgültigkeit gegenüber Frauen gefolgt, und er hatte die Politik zu seiner einzigen Tröstung und Geliebten gemacht, sie wie eine junge Stute mit seinem alten Arbeitspferd des Gesetzes eingespannt und sie gemeinsam in den engen Grenzen seines Fürstentums gefahren, um dann das Gesetz bei seinen Bürostudenten einzuschließen und die Politik in die nationale Arena nach Washington zu treiben.

„Sie müssen sehr nachbarschaftlich sein, Clayton, in einem kleinen Bezirk wie diesem?“, erkundigte sich der Richter, während sie am sanften Abend den Platz entlang schlenderten.

„Wir haben die besten Menschen der Welt in Delaware, Freund Custis: wenige Händler, wenig Gesetz, kaum Gewalt, und sie sind leicht zufriedenzustellen; aber es ist ein schweres Vergehen in diesem Staat, nicht das zu sein, was man einen 'geschickten Mann' nennt. Sie müssen anhalten, was auch immer Ihr Erledigung ist, und lächeln und jeden Mann an seinem Tor nach jedem einzelnen Mitglied seines Haushalts fragen. Die Zeit, die in solch freundlichem, trivialem Umgang verloren geht, ist insgesamt immens. Aber, Goy! Ich liebe diese Menschen.“

„Es kommt mir vor, als würden Sie diese Erpressung ermutigen.“

„Nun, das tue ich. Als Wahlkämpfer komme ich mit jedem von ihnen durch. Bei Gott! Warum, Jim Whitecar, der Herr segne deine liebe Seele!“ – dies galt einem untersetzten, sandfarbenen, unsicher wirkenden Mann, der gerade im Begriff war, sich in das Capitol Tavern zurückzuziehen – „was führt dich in die Stadt, Jim?“

„Es ist ein freies Land, nehme ich an“, rief der verdächtig aussehende Mann.

„Bei Gott! Das ist wahr, Jimmy. Wir alle freuen uns, dich in Dover zu sehen, wie du dich ordentlich benimmst, Jim. Nun mach mir dieses Jahr keine Schwierigkeiten, Freund Jimmy. Benimm dich anständig und sei eine Ehre für deine guten Eltern, von denen ich so viel halte. Tu mir den Gefallen, nun!“

Als sie sich wandten, um die Mitte des Platzes zu überqueren, sagte Clayton:

„Ich werde ihn eines Tages an diesem Schandpfahl haben, wie er ihn umklammert.“

„Was ist er?“

„Ein Menschenräuber hier unten in Sockum, und ein schlimmer: auch ein gefährlicher Kerl. Ich höre, er sagt, wenn ich ihn jemals bis zum Äußersten seines Mitstreiters, Joe Johnson – den ich an den Pfahl brachte und dann vor dem Stutzen der Ohren rettete – treibe, dann bringt er mich um. Bei Gott!“ – Mr. Clayton blickte sich ein wenig besorgt um – „Ich bin bereit für ihn.“

„Delaware-Menschenraub ist eine großartige Institution“, sagte Custis.

„Er hat ein Alter und einen Umfang, die Sie kaum glauben würden, Freund Custis. Lange vor unserer Unabhängigkeit, im Jahre 1760, mussten die Statuten von Delaware dagegen Vorsorge treffen. Unsere Gesetze haben den inländischen Sklavenhandel mit anderen Staaten niemals erlaubt.“

Der kleine Ort schien eine gute Gesellschaft zu haben, und die Schönheit der jungen Mädchen, die an den Türen saßen oder am Abend spazieren gingen, zeigte etwas von den blühenden nordeuropäischen Hauttönen, batavischen Augen und rundlichen holländischen oder Quäker-Gestalten.

Als sie zum öffentlichen Platz zurückkehrten, zeigte ein Raum im Wirtshaus, der für jene Tage der Kerzen fast brillant erleuchtet war, seine Fenster dem Blick Claytons, der ausrief:

„Bei Gott! Das ist sicherlich John Randel, Junior.“

„Dieser ausgezeichnete Ingenieur?“, bemerkte sein Besucher, der den ganzen Abend darauf gewartet hatte, das Thema seines Anliegens anzuschneiden. „Ich habe die größte Bewunderung für ihn. Sollen wir ihn besuchen?“

„Nun, ja, ja“, antwortete Clayton zweifelnd; „ich habe keine Angst vor ihm. Ich – bei Gott! Ich schulde ihm nichts. Er ist allerdings ein so prozesssüchtiger Kerl; so hartnäckig dabei; Barratrie, Champartie, wahnsinnige Unverbesserlichkeit: er ist der wildeste Mann von Genie, der lebt. Aber kommen Sie!“

Nach dem Klopfen an eine Tür im zweiten Stock kam eine scharfe, prompte Antwort heraus:

„Herein!“

Ein mittelgroßer Mann mit einem großen Kopf, breiten Schultern und Stoffgamaschen, die bis über das Knie zugeknöpft waren, saß in einem fast nackten, teppichlosen Raum und schrieb; sein Tisch war von brennenden Wachskerzen umgeben, und sein Gesichtsausdruck war stolz und intensiv. Mr. Clayton stürzte auf ihn zu und ergriff seine Hand:

„Wie geht es meinem Freund Randel? Dem unermüdlichen Prozessierer, dem brillanten Ingenieur, dem Ideen, bei Gott! sind wie Kakipflaumen am Baum, zahlreich, aber selten reif, und erst gut, wenn sie Frost bekommen haben. Wie geht es ihm jetzt und was treibt er?“

„Bleiben Sie da stehen“, sprach der Ingenieur, „und sehen Sie mich an, während ich den Satz lese, den ich gerade über John Middleton Clayton aus Delaware beendete.“

„Schießen Sie los, Randel! Nun, Custis, er wird mir einen Docht einsetzen und mich einfach anzünden. Bei Gott!“

„‚Es ist der Fluch der Anwälte‘“, las der unnachgiebige Fremde, „‚ihr Urteilsvermögen von früher Jugend an an bequeme Klienten zu vermieten oder es in den kriecherischen Notwendigkeiten der populären Politik zu unterdrücken: daher verkommt dieser Rückstand und diese Frucht aller Talente, die ehrliche Überzeugung der tapfersten Scharfsinnigkeit eines Mannes, in den Seelen der Anwälte, ehe die Hälfte ihrer Kräfte flügge ist: sie werden zu Registern anderer Männer, sie denken nicht mehr als Wachs.‘“

Hier blies Mr. Randel eine der Kerzen aus. Die Veranschaulichung war schlagend. Mr. Clayton zündete sie mit einer anderen Kerze wieder an.

„Es ist Methode in seinem Wahnsinn, Custis“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Darf ich Ihnen meinen großen Freund vorstellen, Randel?“

„Halt da“, wiederholte der Ingenieur streng, „bis ich meinen Satz gelesen habe. ‚Selten ist es, dass ein Anwalt von nützlichen Fähigkeiten in einer so isolierten und ländlichen Gemeinschaft wie dem Staat Delaware eine Sache hat, die an seine Männlichkeit, sein Genie und seine Habsucht appelliert, wie diese von John Randel, Junior, Bauingenieur! Kein gleichwertiges öffentliches Werk wird wahrscheinlich während der Lebenszeit des besagten Clayton im Staate Delaware gebaut werden. Kein Honorar, das er in seinem Heimatstaat verdienen kann, wird jemals der Lohn eines Anwalts dort gewesen sein wie derjenige, der mit der Klage von John Randel, Junior, gegen die Kanalgesellschaft erfolgreich sein wird. Kein Prinzip ist es mehr wert, von einem großen Anwalt verteidigt zu werden, als dass diese Körperschaften in ihrer Kindheit nicht auf den privaten Rechten eines Gentleman herumtrampeln und seine Gelehrsamkeit und Dienste wie die Arbeit eines Sklaven behandeln sollten.‘“

„Gut gesagt und hoch gedacht“, warf Richter Custis ein.

„‚Der besagte Clayton‘“, fuhr John Randel fort, immer noch lesend, „‚verweigert die Hilfe seiner Fähigkeiten einem Fremden und einem Gentleman, der im Staate Delaware gastunfreundlich behandelt wird.‘“

„Nein, nein“, rief Clayton; „das ist ein Vorwurf gegen mich, den ich nicht zulassen werde.“

„‚Der besagte Clayton‘“, las Randel unnachgiebig, „‚mit den Möglichkeiten von Licht, Reichtum und Ehre für sich selbst und Gerechtigkeit für einen Mitmenschen wählt Feigheit, Mittelmäßigkeit – und Finsternis. Er löscht meine Hoffnungen aus und seine eigenen.‘“

Damit löschte Mr. Randel durch ein eigentümliches Fächeln seiner Hände und einen Hauch seines Atems alle Kerzen auf einmal aus und ließ den ganzen Raum in Finsternis zurück.

Richter Custis war der Erste, der nach dieser außerordentlichen Veranschaulichung sprach:

„Clayton, ich glaube, er hat einen guten Fall.“

„Das ist jetzt nicht der Punkt“, sagte Mr. Clayton mit steigendem Eifer und Nachdruck. „Der Punkt ist jetzt: ‚Bin ich schuldig der Gastunfreundlichkeit?‘ Bei Gott! Das berührt mich als Delaware-Bürger und ist ein hohes Vergehen in diesem kleinen Staat. Es ist wahr, dass dieser Kläger ein Fremder ist. Er kommt zu mir mit einer Empfehlung meines brillanten jungen Freundes, Mr. Seward aus New York, der für ihn bürgt. Aber die Körperschaft, die er bedroht, hat ebenfalls Anspruch auf Gastfreundschaft: Es ist im Wesentlichen Philadelphia-Kapital. Girard selbst, dieser sparsame und doch nützliche Bürger, ist einer ihrer Förderer. Mein eigener Staat und auch Maryland haben Interessen an diesem Werk. Ist es ein Teil der Gastfreundschaft, unseren kleinen dazwischenliegenden geografischen Umstand auszunutzen und durch unsere lokalen Gerichte ein junges, kämpfendes und tatsächlich nationales Unternehmen festzusetzen?“

„Lassen Sie die Gerichte Ihres Staates, die rein sind, zwischen uns entscheiden“, sagte John Randel, Junior, und zündete die Kerzen mit seinem Feuerzeug wieder an.

„Kein Anwalt sollte die Verhandlung einer solch öffentlichen Sache wegen irgendwelcher staatlicher Bedenken ablehnen“, warf Richter Custis auf seine großartigste Art ein. „Das ist nicht national; das ist nicht Whig, Bruder Clayton.“ Der Richter gab hier seiner gesamten familiären Macht volle Energie in seinem Gesichtsausdruck und drückte das Virginische und Patrizische in seiner Behandlung des Delaware-Bürgers und Plebejers aus. „Zugegeben, dass diese Körperschaft jung und unerprobt ist: Lassen Sie sie rechtzeitig disziplinieren, damit sie teurere Fehler in der Zukunft vermeiden kann. Keine Sache ist für einen wahren Anwalt wie eine menschliche Sache; die Zeit mag kommen, da das Talent der amerikanischen Anwaltschaft der Parasit von Körperschaften und Monopolisten sein wird, aber es ist noch zu früh für diese Erniedrigung für Sie und mich, Senator Clayton. Die Rechte eines Menschen beinhalten allen Fortschritt; Fortschritt ist in der Tat für den Menschen da, nicht der Mensch für den Fortschritt. Als ein Sohn Marylands, wenn er hilflos und mittellos zu mir käme, würde ich nicht zulassen, dass dieser Gentleman geopfert wird.“

„Wenn ich ein reicher Mann wäre, würde Clayton meinen Fall übernehmen“, sagte der Ingenieur; „meine Armut ist meine Disqualifikation in seinen Augen.“

Er versuchte wieder auf dramatische Weise, die Kerzen auszufächeln, aber sein Atem versagte; seine Hände wurden schlaff, bedeckten dann hastig seine Augen, und er sank mit einem Stöhnen auf den Tisch und legte seinen Kopf krampfhaft darauf.

„Meine Herren“, äußerte er mit einer Stimme, die durch ihre Not berührte, „oh! meine Herren, das Berufsleben – meine Kunst – ist wahrlich eine Tragödie.“

Die leichte Empfindsamkeit von Richter Custis war sofort bewegt. Senator Clayton, der nervös unentschlossen von einem zum anderen blickte, Custis’ feuchte Augen sah und Randels stolzes Zusammenbrechen, wurde selbst mitgerissen und rief:

„Bei Gott! Das ist eine Verschwörung. Aber, Randel, ich übernehme Ihren Fall; ich kann nicht mitansehen, wie ein Mann weint. Bei Gott!“

Als sie alle verständnisvoll aufstanden und sich die Hände schüttelten, klopfte es an die Tür, und es gab einen Ruf nach Mr. Clayton. Er kehrte nach wenigen Minuten mit einem ziemlich grimmigen Gesichtsausdruck zurück und sagte:

„Randel, ich habe gerade ein großes, rundes Retainer-Honorar abgelehnt, um genau den Prozess zu verteidigen, zu dessen Verfolgung mich Ihre Tränen und die von Bruder Custis überredet haben. Aber, bei Gott! eine Träne hat mich immer einen Dollar gekostet.“

„Diese Sympathie heute wird Sie zu einem unabhängigen Mann fürs Leben machen“, rief der Ingenieur.

„Ich habe Milburns ersten Auftrag richtig erledigt“, dachte Richter Custis; „fünf Minuten Verzögerung wären fatal gewesen.“

KAPITEL XXXII.

STRUMPFBANDNATTER.

In Princess Anne hatte Vesta ihren Ehemann nach Teackle Hall bewegt, und er bewohnte das Zimmer ihres Vaters und schien besser zu werden, obwohl der Arzt sagte, er solle am besten irgendwo in die Hügel geschickt werden.

Die freie Frau Mary, die Jimmy Phoebus zu Vesta schickte, war sehr gelegen gekommen und nahm Tante Hominys Platz in der Küche ein, wo alle Echos der Kinder verschwunden waren, während die eigene Trauer der armen Frau die Ohren von Virgie, Roxy und Vesta selbst durchdrang; aber, ach! ihre Geschichte war keine rechtliche Zeugenaussage, weil sie ein wenig schwarz war.

Jack Wonnell hatte unerwartete Gunst in Meshach Milburns Augen gefunden und war dazu bestimmt, im Laden zu schlafen und ihn zu bewachen; und dort kam Roxy in der Dämmerung herunter und hörte ihm mit mehr Mitleid als Zuneigung zu, wie er die Illusion seiner Liebe für sie wob, bereit, sich davon amüsieren zu lassen, weil sie für ihn so aufrichtig war; denn Jack war durch und durch Liebhaber, sanftmütig und kunstvoll, kühn und häuslich, weich und vogelfrei wie der obdachlose Kater, der die Zäune zu seinen Straßen macht und das sittsamste Kätzchen durch die Magie seines Schnurrens hervorlockt.

„Roxy“, sagte Jack, „ich werde dich freibekommen, Mädchen, denn ich vermute, Meshach Milburn wird mir einen Haufen Geld dafür geben, dass ich auf den Laden achte. Dann gehen wir nach Kanada, wo, wie ich gehört habe, die Hautfarbe kein Gift ist, und wir werden lieben wie die weißen Tauben und die braunen, die beide dasselbe Gurren von sich geben, so glücklich, wie sie sind.“

„Jack“, sagte das sanftäugige, mitleidige Mädchen, „du bist ein armer, törichter Kerl, aber ich höre dir gern zu. Ich glaube, es liegt kein Schaden in dir. Virgie ist auch verliebt, in einen weißen Mann, aber du darfst es nicht ausplaudern.“

„Niemals“, sagte Jack, machte feierliche Bewegungen mit seinen Augen und schmiegte sich in todernster Anteilnahme enger an. „Ich hoffe, ich sterbe! Kann es nicht sagen, um mein Leben zu retten! Who-oop! Sag es mir, Roxy!“

„Arme Schwester Virgie, sie wurde gemacht, um zu lieben, und obwohl es hoffnungslos ist, glaube ich, sie liebt Mr. Tilghman, unseren Pfarrer, weil er Miss Vesty einmal liebte, und Virgie verehrt Miss Vesty wie ihre Schwester.“

* * * * *

Vesta erzählte ihrem Ehemann die Geschichte von Mary, der freien Frau, der aufmerksam zuhörte und sagte:

„Ich weiß nur eines, meine Liebe, das solche Unwissenheit und Grausamkeit in den Wäldern dieser Halbinsel verblassen lassen wird: eine eiserne Straße. Eine neue Sache, Eisenbahnmaschine genannt, wurde gerade von einem Engländer, einem George Stephenson, gebaut, und ein Exemplar davon wurde nach New York geschickt, wo ich es untersuchen ließ. Den Auftrag, den dein Vater für mich erledigt hat, hat er gut gemacht. Ich werde ihn als Nächstes nach Annapolis schicken, um eine Konzession für eine Eisenbahn auf dieser Halbinsel zu erhalten, die innerhalb der Linie von Maryland verlaufen wird und jede dort versteckte Menschenraubsiedlung durchdringen wird, und Licht, Verkehr und Gesetz werden solche Barracoons wie Johnsons ausrotten.“

Vesta war froh, ihren Vater von ihrem Ehemann gelobt zu hören, und die Hoffnung auf ein glücklicheres Familienwiedersehen entflammte wieder, als sie den Herzschmerz in sich sterben fühlte, der jetzt während ihrer vestalischen Flitterwochen zeitweise tobte. Am vierten Tag kam ein Brief, der diese Hoffnungen zunichtemachte, und er lautete wie folgt:

„DORCHESTER COUNTY, MD., Oktober--, 1829.

„Liebe Nichte – Idol meines Herzens, lass mich damit beginnen, dich zu bitten, einen konservativen Kurs einzuschlagen, wenn ich dir die traurige Nachricht vom Tode meiner lieben Schwester Lucy in Cambridge gestern an der Herzkrankheit überbringe. Sie war der Stern des Hauses McLane. Sie ist dahin. ‚Die Rache ist mein‘, spricht der Herr, und ich werde einen konservativen, wenn auch konsequenten Kurs gegen die Parteien einschlagen, die dir, meine liebe Nichte, und deinem gefassten und gesammelten, wenn auch getroffenen Onkel, diesen Schaden zugefügt haben.

„‚Der Herr geht auf geheimnisvolle Weise, seine Wunder zu vollbringen‘, und seine demütigen Instrumente müssen nur unnachgiebig und konservativ sein, um alle Dinge gut zu tun. Sei versichert, dass Gerechtigkeit an den Widersachern unserer Familie geübt werden wird, und zwar sehr bald. Mein eigener Schmerz ist gemildert durch die Genugtuung, die ich empfinden werde, und die Gewissheit, dass deine heilige Mutter dort ist, wo die Gottlosen aufhören zu beunruhigen.

„Die finanziellen Angelegenheiten meiner lieben Schwester waren von der konservativsten und nobelsten Art, wie es von ihr zu erwarten war.

„Du magst begierig sein, mein gekränktes, aber, wie ich hoffe, immer noch temperamentvolles Idol, die Einzelheiten von Lucys Tod zu erfahren. Sie erreichte Cambridge erst gegen Mitternacht, nachdem sie die lange Reise von Princess Anne ohne passende Begleiter gemacht hatte, und in der aufgeregten Verfassung ihrer Gefühle, nachdem sie Vienna am Abend verlassen hatte, kam eine Niedergeschlagenheit der Stimmung, begleitet von einem Flattern des Herzens, auf und nahm schnell zu, und als sie bei unseren Verwandten ankam, war sie fast tot vor nervöser Beklemmung und Schwäche. Als sie mich sah, erholte sie sich ausreichend, um ihr Testament auf die schwesterlichste und konservativste Weise zu machen.

„Ein Arzt wurde geholt, aber er erklärte ihr System für so geschwächt und entkräftet, dass es kaum wahrscheinlich sei, den Schock zu überstehen, da die Nervenzentren deprimiert waren und Atrophie eintrat.

„Sie sprach unaufhörlich über den Entail-Hut und sagte, er sei ein permanenter Schatten und eine Last auf deinem Herzen, und ließ mich versprechen, ihn zu zerschlagen, wenn es konservativ getan werden könne.

„Ich las meiner lieben Schwester aus dem Buch der Bücher vor und versuchte, ihre Gefühle zu beruhigen, aber sie brach immer wieder aus: ‚Oh, Bruder Allan! Wenn ich daran denke, dass ich Kinder großgezogen habe, um gekauft und verkauft zu werden und mit Waldleuten und Abschaum verheiratet zu werden.‘ Sie war zutiefst empfindlich, was man in Baltimore darüber sagen würde.

„Kurz bevor sie starb, sagte sie: ‚Begrabt mich nicht in Princess Anne, wo dieser Unhold mir mit seinem schrecklichen Hut nahekommen kann! Bringt mich nach Baltimore, wo es keine Raseneisenerze noch alte Familienhabseligkeiten gibt, um die Respektabilität des Todes zu stören. Entschuldigt meine Tochter und lasst ihr Gerechtigkeit widerfahren.‘

„Und so starb diese großartige Frau im Vertrauen auf eine gesegnete Unsterblichkeit und hinterließ uns, ihre Motive zu rechtfertigen und ihren konservativen Kurs fortzusetzen und uns nächsten Freitag bei ihrer Beerdigung in unserer Kirche in Baltimore zu treffen, wo Rev. John Breckenridge die Leichenpredigt über diese ermordete Heilige halten wird.

„Mit konservativem, doch stolzem Schmerz, „Zärtlich, dein Onkel, „ALLAN McLANE.“

„Oh, mein Herr!“, rief Vesta aus und wandte sich blindlings ihrem Ehemann zu; „Mutter ist tot. Wohin kann ich mich wenden?“

„Wohin denn, wenn nicht an mich, arme Seele!“, antwortete Milburn, der nichts von den jüngsten Gefühlen Mrs. Custis’ gegen ihn wusste. „Dein Vater soll benachrichtigt werden, und ich bin fähig, mit dir an der Beerdigung teilzunehmen.“

„Es ist in Baltimore“, schluchzte Vesta.

„Nun, Schätzchen, dorthin bin ich vom Arzt angewiesen worden, um über die Linie der Malaria in die Hügel zu gelangen. Ich kann die Anstrengung jetzt unternehmen.“

Ihr Schmerz und ihre Einsamkeit beraubten sie des Willens, ihn abzulehnen. Roxy wurde ausgewählt, die Zofe ihrer Herrin auf der Reise zu sein, und William Tilghman und Rhoda Holland sollten sie in der Familienkutsche zum Whitehaven-Anleger für den Abenddampfer bringen.

Jack Wonnell, in geschäftigem Eifer, nützlich zu sein, sammelte Blumen und hielt sich in der Nähe von Teackle Hall auf, um Besorgungen zu machen; und um Vestas Ehemann nicht zu verärgern, erschien er barhäuptig, als die Gruppe aufbrach, wobei Milburns Hutschachtel einer der Reisegegenstände war und Milburn diese Worte für Jack übrig hatte:

„Da ist ein Dollar für Sie, Mr. Wonnell. Ich verlasse mich darauf, dass Sie meinen alten Laden bewachen und sich wie ein Mann benehmen.“

„Das werde ich“, antwortete Jack, grinsend und errötend; „ich hoffe, ich sterbe! Auf Wiedersehen, Miss Vesty. Hübsche Roxy, vergiss mich nicht da drüben in Baltimore. Ich werde Tom beibringen, deinen Namen zu singen, bevor du mich wieder siehst.“

Er winkte mit den Armen, wobei echte Tränen seine Sicht trübten, und Roxy tat so, als vergieße sie ebenfalls einige Tränen, während sie zum Abschied Virgie zuwinkte, deren Augen mit wehmütigem Schmerz auf dem schönen Gesicht ihrer Herrin ruhten, die in der Allee entschwand. Vesta warf ihr einen Kuss zu und legte ihren Kopf auf die Schulter ihres Ehemanns.

An jenem Abend, eine Stunde bevor die Kutsche zurückkehren sollte, gingen Virgie und die freie Frau Mary zusammen zum Milburn-Laden, um zu sehen, ob Jack Wonnell auf Posten war. Als sie im weichen Gras und Sand unter dem alten Ladenhaus schritten, sahen sie den glockenförmigen Hut – einen neuen, der erst an jenem Tag aus dem alten Bestand geholt worden war – glänzend auf Wonnells hohem, exzentrischem Kopf stehen, während er im hohlen Fenster des alten Ladenhauses saß und mit der Spottdrossel sprach, die er mit einer Muschel voll gekochter Kartoffel und Ei sowie einigen blauen Weißdornbeeren fütterte.

„Tom, sag ‚Roxy‘, und ich gebe dir etwas, Tommy! Nun, Junge! ‚Roxy, Roxy, hübsche Roxy! hübsche Roxy! Armer alter Jack! armer alter Jack!‘“

Der Vogel flog um Wonnells Kopf, pickte nach dem Hut, der in solch eleganter Irrelevanz zum Rest seiner Kleidung stand, und rief: „Meshach, hi! hi! hi! Vesty, sie! Vesty, Meshach! Vesty, Meshach!“, sagte aber nichts, was der Dorfstreuner ihm beibringen wollte. Er zeigte die Geduld, die sich Müßiggang wohl leisten kann, und während er ihn ein wenig fütterte oder das Futter eine Weile vorenthielt, fuhr er fort zu flehen und zu lehren:

„‚Roxy, Roxy, hübsche Roxy! Armer, armer Jack! armer Jack!‘ Nun, Tom, sag ‚Roxy, Roxy, armer Jack!‘“

Der Vogel flog und hackte und sang ein wenig, sehr geizig, und so, während die Lichter im Westen sanken und verblassten, fuhr der haltlose Liebhaber vergeblich fort, dem Vogel eine Note mehr entlocken zu wollen, als der Magier, sein Herr, ihn gelehrt hatte.

Die Sterne erschienen bescheiden am sanften Himmel, und Princess Anne versammelte ihre Dächer wie ein Lager von Kamelen in der Wüste, und mit einem gelegentlichen Blöken oder Bellen oder menschlichen Laut schien es in die sanfte Herbstnacht hineinzudösen, vielleicht vertieft in die sich verbreitende Nachricht von Mrs. Custis’ Tod und Vestas Hochzeitsreise, die nun endlich angetreten werden musste.

„Miss Virgie“, sagte die Frau Mary – zehn Jahre älter als sie, aber immer noch hübsch –, „hast du jemals geliebt wie ich? Oh, ich hatte einen netten Ehemann, und hilflos, wie ich war, versuchte ich noch einmal zu lieben. Vielleicht war es eine Sünde.“

„Ich liebe meine Herrin, als wäre sie ich selbst“, sagte Virgie; „ich fühle mich, als wäre ich im Himmel, bevor wir hierherkamen, bei ihr gewesen, Mary! Ich liebe ihren Vater auch, als wäre er nicht mein Herr, sondern mein Freund. Oh, wie ich sie alle liebe! Aber was kann ich tun, um meine Liebe zu zeigen – arme nackte Sklavin, die ich bin? Sie sagen, sie werden mich bald freilassen. Mary, wie fühlen sich die Menschen, wenn sie frei sind?“

„Sie wissen es nicht zu schätzen“, seufzte Mary. „Sie gehen hin und begeben sich wieder in Gefangenschaft, wie egoistische Dinger: sie verlieben sich.“

„Aber lieben und frei sein!“, sagte Virgie, deren Busen bei dem Gedanken glühte, bis ihre reichen Augen Wärme und Sternenlicht auf das Gesicht ihrer Gefährtin zu werfen schienen; „seine eigene freie Liebe jemandem zu geben und zu fühlen, dass er dankbar dafür ist: welch ein Geschenk und welche Freude ist das! Er könnte dafür dankbar sein, und wenn er sähe, wie rein sie war, könnte er mich respektieren.“

„Wer ist es, Virgie?“, sagte Mary.

„Jeder, der mich lieben würde wie ein weißes Mädchen!“, rief die leidenschaftliche Sklavin sanft aus. „Es muss jemand sein, der mich nicht verachtet. Ich höre Miss Vestas Verehrer, Master William, den wunderschönen Gottesdienst mit seinem süßen, unterwürfigen Gesicht lesen, und ich denke bei mir: ‚Wie frei könnte er mein Herz haben, um ihn zu trösten, wenn er es wie ein Gentleman annehmen würde!‘ Ich wäre seine Sklavin, um ihn glücklich zu machen, wenn er mich rein lieben könnte, wie meine Mutter! Oh, meine Mutter, deren Namen ich nicht kenne! Wo ist das Band, das mich an den Himmel bindet? Hat mein Vater mich geliebt?“

„Armer Jack! armer Jack! Sing ‚Roxy, Roxy, Roxy‘, Tom!“, lockte Wonnell droben dem schläfrigen Vogel zu.

„Wer auch immer dein Vater war, Virgie, die Liebe deiner Mutter zu dir war rein. Gott lässt die Bösesten ihre Kinder lieben, denn er ist der Vater aller Vaterlosen.“

„Oh! Hätte mein eigener Vater mich in die Welt setzen und hassen können?“, sagte Virgie. „Sie sagen, ich sei fast schön. Wird derjenige, der mir das Leben gab, mich niemals die Seine nennen und sagen: ‚Meine Tochter, komm zu meiner Achtung, ruhe an meinem Herzen und nimm meinen Namen an‘?“

„Arme Virgie!“, seufzte Mary; „denk daran, wir sind schwarz! Wir haben so gut wie nie Väter: Die sind für weiße Leute.“

„Hol mich der Kuckuck!“, brummte Wonnell oben, „wenn ein Vogel nicht ein verkehrter Kerl ist. Die hübsche Roxy wird mich für gar nicht schlau halten, wenn ich Tom nicht dazu bringe, ‚Roxy, Roxy, Roxy! Armer Jack!‘ zu sagen.“

„Ich bin fast weiß“, fuhr Virgie fort; „ich möchte ganz weiß sein. Warum kann ich das nicht? Der Herr weiß, dass mein Herz weiß ist und voll heiliger, selbstloser Liebe.“

„Armes Kind!“, sagte Mary; „wir werden alle gewaschen und weiß gemacht werden im Blut des Lammes, Virgie. Dorthin weist dich deine Seele, liebes junges Fräulein. Ich weiß, es ist nicht Stolz und Aufruhr in dir: Es ist, als sähe ich mein Baby an, weiß wie Schnee für mich und Gott jetzt.“

„Still!“, sagte Virgie zitternd, „welche Stimme ist das?“

Es gab einen alten Weidenbaum an einem zurückgesetzten Fleck am Ende des Ladens, und bei ihm standen zwei Schuppen oder kleine Gebäude, die nun außer Gebrauch waren; in einen davon, mit einer Tür tief am Boden, zog Mary Virgie, und sie lauschten einer leisen Stimme, die sagte:

„Dave, sind deine Knarren gut geladen?“

„Ja, Mars Joe.“

„Zahlt Allan McLane für den Auftrag?“

„Ja, Mars Joe.“

„Du kannst ihn nicht verfehlen, Dave. Kein Mensch trägt heutzutage so einen Schnitt. Achte nur auf seine Kopfbedeckung und ziele gut!“

„Ja, Mars Joe.“

„Was mich betrifft“, fuhr die andere Stimme fort, „ich gehe direkt in die Schenke und beweise ein Alibi. Mein Plan ist, das Hausmädchen zu holen, von der die junge Frau des alten Gripefist so viel hält. Ich werde sie heute Nacht herausmanövrieren. Sie ist das Eigentum von Allan McLane, das ihm im Testament seiner Schwester hinterlassen wurde. Sie fanden auf ihrem Körper das Papier, das das Mädchen der verstorbenen Frau erst zwei Tage zuvor zusprach. Morgen gehört sie Allan, aber heute Nacht gehört sie mir!“

Ein sinnliches, schmatzendes, glucksendes Geräusch, wie ein Kuss, der auf den eigenen Handrücken gegeben wurde, folgte dieser bedeutungsvollen Drohung; und Mary, die ihre Hand auf den Mund des zusammensinkenden Sklavenmädchens legte, hielt sie unbeweglich fest.

„Tommy, Tommy! Sing ‚Roxy, Roxy, Roxy! Armer Jack! Armer Jack!‘ Sing, Tommy, sing!“

„Da“, flüsterte der weiße Mann leise und war verschwunden.

Mary hauchte nur die Worte zu Virgie: „Menschenräuber – sie kommen!“, und sie glitten unbemerkt aus dem alten Gebäude und betraten das Gebüsch entlang des Stroms.

„Armer Jack! Armer Jack! Seine kleine Roxy ist fortgegangen. Armer Jack! Roxy! Roxy! Roxy!“, plapperte der Trauernde am Fenster oben schläfrig dem nickenden Vogel zu.

Der Neger an der Ecke des alten Warenlagers, halb bedeckt vom Schatten der Weide, spähte mit blutunterlaufenen Augen hinauf, um die Kopfbedeckung des Vogelzähmers zu unterscheiden.

Er sah Jack Wonnell rückwärts auf dem Fensterrahmen sitzen, wie er vor- und zurückschwankte, während er den Spottdrosselvogel träge zum Singen verlockte, und einmal hob sich der Zylinderhut, so eigentümlich anzusehen, in vollem Umriss gegen den grauen Himmel ab.

„Es ist der alte Meshach“, sagte der Neger still, mit verzweifelten Augen. „Ich hatte gehofft, er wäre es nicht. Da ist der Hut, ganz bestimmt!“

Er spannte seine riesige Reiterpistole und zielte direkt von unten.

„Armer Jack! Armer Jack! Ich glaube, Roxy wird den armen Jack nicht haben, weil Tommy nicht singen will. Sing, Tommy, das Haustier der kleinen Roxy: ‚Armer Jack! Armer...‘“

Die große Reiterpistole dröhnte in der Nacht, und im Rauch stürzte der Neger in das Gebüsch und suchte die Felder.

Von seinem Sitz auf der Fensterbank kam der geistlose Dorfbewohner rückwärts herab, ganz übersät, und maß seinen Körper im Sand, wo er lag, stumm wie die anderen Schatten, mit ausgestreckten Armen im Todesrausch und weit offenem, blutendem Mund.

Jack Wonnell hatte den Preis dafür gezahlt, aus der Mode zu sein.

Die Spottdrossel, durch den lauten Knall aufgeschreckt, sprang auf die leere Fensterbank, um ihren Lehrer zu suchen, und stimmte die Lektion an, die sie zu spät gelernt hatte:

„Armer Jack! Armer Jack! Roxy! Roxy! Roxy!“, schrie es durch die Nacht, und alles war still.

* * * * *

William Tilghman fuhr von Whitehaven zurück, erfüllt von den melancholischen Gedanken, die der Abschied von seiner Cousine in ihm weckte – die er zuletzt in die große Wildnis der Welt hatte ziehen sehen, als passive Begleiterin ihres Mannes, wie die Frau Kains, die mit ihm vertrieben wurde –, als die Kutsche bei der alten presbyterianischen Kirche – die Princess Anne vom gegenüberliegenden Ufer des kleinen Flusses aus überblickte – von einer Frau angehalten wurde, die sich beinahe unter die Räder warf.

„Warum, um Himmels willen! Das ist unsere Virgie!“, rief Rhoda Holland.

Das Mädchen sprang mit der ganzen Energie der Angst an William Tilghmans Seite in die Kutsche und schlang ihre Arme um ihn:

„Rettet mich! Rettet mich!“

„Was fehlt dir, Virgie?“, rief der junge Mann beruhigend. „Du bist in keiner Gefahr, Kind!“

„Ich bin verkauft“, keuchte das Mädchen mit Entsetzen auf der Zunge und in den wilden Augäpfeln. „Miss Vesty hat mich an ihren Onkel Allan verkauft. Er hat die Menschenräuber hinter mich hergeschickt. Sie sind dort drüben, in Princess Anne. Oh, fahrt mich in den Norden, in die Sümpfe, irgendwohin, nur nicht dorthin!“

„Ich weiß, dass deine Herrin dich zu ihrer Mutter gab, Virgie, als Vorsichtsmaßnahme, weil sie fürchtete, du wärst in ihren eigenen Händen nicht sicher. Sie hat es mir gesagt und gefragt, ob der Tod ihrer Mutter dich möglicherweise betreffen könnte.“

„Oh, das hat er!“, flüsterte das Mädchen. „Mary kennt den Menschenräuber, der hinter mir her ist. Er ist derselbe, der Hominy und die Kinder gestohlen hat. Er hielt sie angekettet auf einer Insel. Er sagt, er wird mich heute Nacht haben, um mit mir zu tun, was er will. Meister McLane lässt ihn mich haben!“

Das Mädchen, in ihrer Todesangst, während die Kutsche bereits den Hügel hinabgefahren war und den Manokin überquert hatte, ergriff die Zügel in Tilghmans Händen und zog mit solcher Raserei daran, dass die Pferde, als sie zu Meshach Milburns Laden kamen, auf den offenen Platz davor gezogen wurden, wo sie durch etwas in ihrer Überraschung oder etwas, das auf dem Boden lag, sofort in Angst gerieten; sie stürmten im Galopp in die Front Street, wobei die Räder über ein Objekt beim alten Warenhaus fuhren, das die Kutsche beinahe umkippte.

Die Straße, die sie für ihren Lauf nahmen, überquerte einen kleinen Arm des Manokin und führte zu einem Herrentor; doch bevor dieser Bach überquert war, hatte Tilghman, ein erfahrener Reiter und Kutscher, die fliegenden Tiere in eine fast unbenutzte Straße namens Back Alley gelenkt, parallel zur Hauptstraße von Princess Anne, aber durch Häuser und Gärten vor ihr verborgen, und in fast einem Augenblick war die ganze Stadt geräumt, wobei kaum jemand in ihr von einem solchen vorbeifahrenden Gefährt wusste.

Es war ein echtes Durchgehen, aber Tilghman sagte mit einer kühlen, sanften Stimme, wie die Musik eines Baches, den Mädchen, sie sollten vollkommen still sitzen, da sie einen freien, ebenen Weg hätten; und da er sah, dass er die Tiere durch bloße Kraftanwendung nicht ohne Gefahr für sein Geschirr anhalten konnte, wartete er darauf, dass ihre Kraft erschöpfte oder ihre Ängste nachließen.

Rhoda Holland schämte sich zu schreien, falls ihr Stolz nicht bereits zu sehr geweckt war in Gegenwart des muskulösen jungen Geistlichen, der dort wie ein Artilleriekutscher in die Schlacht fuhr; und seine Nasenflügel und Kiefer, die sich in der grauen Luft abzeichneten, drückten beinahe die Freude aus, die er längst abgelegt hatte, den Hunden bei den herbstlichen Fuchsjagden zu folgen, wo Richter Custis gesagt hatte, er sei das vollkommene Vorbild eines Reiters gewesen.

Was Virgie betraf, so empfand sie keine Angst vor wilden Pferden, da sie die blutrünstigen Jäger von Männern und Frauen hinter sich ließen, und sie wünschte beinahe, sie wäre allein, auf dem Weg zu dieser schrecklichen Geschwindigkeit in den Untergang, bis der junge Mann, vielleicht eingedenk seiner Herrin, die seinem Blick entrissen wurde, um in die Arme eines anderen zu ziehen, und im Gefühl, dass diese arme Quadroon dem Herzen Vesta's so teuer wie eine Schwester sei, inmitten seiner Besorgnis hinunterbeugte und das Sklavenmädchen mitleidig küsste.

Dann, mit einem augenblicklichen, noch stärkeren Tränenstrom, fiel ein Gefühl der Ruhe und der Achtung eines Mannes auf Virgies Seele, und sie achtete nicht auf Zeit oder Gefahren, bis die Kutsche im tiefen Waldsand einige Meilen östlich von Princess Anne zum Stehen kam.

„William“, sagte Rhoda Holland, „was sollen wir tun, um Virgie zu retten? Onkel Meshach ist fort. Richter Custis ist weiß Gott wo, jetzt. Dieser Allan McLane, Tante Vesty sagt, ist ein schrecklicher Heuchler und streng. Ich glaube, es ist eine Verschwörung, Virgie zu stehlen, wenn alle fort sind. Miss Somers würde sich um sie kümmern, aber ich fürchte, sie würde es jemandem sagen.“

„Bist du sicher, dass du richtig gesehen und gehört hast?“, sagte der Geistliche zu Virgie.

„Oh, ja. Ich sah denselben Mann bei Mr. Milburn an dem Tag, als er krank wurde. Er sah mich mit einem niederträchtigen, vertrauten Blick an und murmelte etwas Böses. Mary kannte ihn nur zu gut. Oh, bringt mich nicht zurück nach Princess Anne. Ich werde niemals wieder dorthin gehen.“

„Es mag wahr sein“, überlegte Tilghman. „Es ist wahrscheinlich wahr. Vesta hat kein Vertrauen in Allan McLane. Sie sagt, er verdiene sein Geld im Negerhandel, bei all seiner religiösen Förmlichkeit. Er ist bereits der Treuhänder von Mrs. Custis' Nachlass; zweifellos der Nachlassverwalter per Testament. Er mag Joe Johnson geschickt haben, um Virgie unter dem Deckmantel seines Rechts zu entführen, und Johnson würde jeden misshandeln. Vesta wird uns niemals verzeihen, wenn wir Virgie zu ihm lassen.“

„Aber ich bin eine Sklavin“, schluchzte Virgie. „Oh, mein Herr! Zu denken, dass ich nicht Miss Vestas, sondern eines fremden Mannes Sklavin bin. Wie konnte sie mich weggeben!“

„Es war ein Irrtum in der Einschätzung“, antwortete Tilghman. „Sie konnte den unmittelbaren Tod ihrer Mutter nicht vorhersehen. Doch dort, wo sie dich am sichersten glaubte, warst du am meisten in Gefahr.“

Sie hatten nun den Dividing Creek nach Worcester County überquert und hielten an, um die Pferde an derselben alten Quelle unter dem Gummibaum abzukühlen, an der Meshach Milburn an dem Abend anhielt, als er zum Dorf Furnace fuhr.

„William“, sagte Rhoda Holland, „wenn Virgie McLanes Sklavin ist, kannst du ihn nicht davon abhalten, sie zu nehmen. Sie kann überhaupt nicht nach Princess Anne zurückkehren.“

„Ich meine nicht, dass sie das soll, Rhoda. Ich weiß, du bist eine mutige Frau, und wir werden sie heute Nacht nach Snow Hill fahren und sie dort bei einer Krankenschwester lassen, einer freien Frau, die einst zu meiner Familie gehörte, und diese Krankenschwester hat einen Ehemann, von dem gesagt wird, er sei ein Schaffner auf der sogenannten Underground Road in die freien Staaten.“

„Um Himmels willen! Ein Abolitionist?“

„Ich hoffe es“, sagte Tilghman. „Ich weiß, Vesta will dieses Mädchen befreien, und es gibt keinen anderen Weg, dies zu tun und ihre Weiblichkeit zu achten, als ihr die Chance eines wilden Tieres zu geben, zu fliehen.“

„Mein Gott! Und du ein Geistlicher des Evangeliums, William!“

„Ja, des Evangeliums, das mir sagt, wie ich meinem Nächsten ein Nächster sein soll.“ Die Augen des jungen Mannes blitzten. „Ich habe mich noch nie so für meinen Stand und für mein Land geschämt wie jetzt. Zu denken, wie viele Männer ihr ganzes Leben lang das Evangelium Gottes predigen und noch nie eine lebende Seele befreit haben. Ich werde ein solches christliches Verbrechen begehen, mit der Hilfe Christi.“

Als er sprach, kam der Klang einer Maisstängelgeige und die nackten Füße der Waldarbeiter, die auf dem Boden der alten Milburn-Hütte tanzten, in der Nacht herüber.

In einer weiteren Stunde waren sie im Dorf Furnace; das Gebläse war verstummt, seine Hüttenreihen verlassen, keine menschliche Seele war zu sehen; und der Mühlteich, der wie Pergament unter den Grabzypressen lag, schien mit dem Blut der Sumpferze befleckt, die wie die Leiche des ermordeten Unternehmens, erstickt in Meshach Milburns Zwangsvollstreckung, aus der Tiefe nach oben sickerte.

Ein Gefühl der Trostlosigkeit erfüllte sie alle; aber was war das, bei den beiden Weißen, im Vergleich zu den zerbrechenden Banden dieser lieblichen Quadroon, die wie eine Lilie in der häuslichen Wärme der Güte und dem Hauch der Reinheit aufgezogen wurde, um wie eine Hexe, auf einen Augenblick der Information hin, ausgestoßen und den Teichen und der nächtlichen Feuchtigkeit überlassen zu werden?

Die Pferde mühten sich durch den Sand, bis ein offenes Land mit Farmen bessere Straßen bot, und um zehn Uhr nachts überquerten sie den Pocomoke bei Snow Hill und hielten an einem Tor vor einem ordentlichen, weiß getünchten, einstöckigen Haus, mit einem großen Schornstein über der Mitte und zwei Türen und einem einzigen Fenster an der Vorderseite. Es stand in einer kurzen Straße, die zum Fluss führte, dessen Schilf und Wasserpflanzen in der Nähe zwischen den Masten von Schiffen und den Sägemehlhaufen zu sehen waren.

Virgie küsste Rhoda gute Nacht und stieg mit Mr. Tilghman aus, der ein Tor öffnete, einige Stufen hinaufging und an eine von Weinreben umgebene Tür klopfte. Ein Fenster öffnete sich und es gab ein kurzes Gespräch, und die Tür öffnete sich kurz darauf sanft und ließ sie ein.

„Oh, möge Gott Sie eines Nachts das reine Bett und den Schlaf wissen lassen, zu dem Sie mich gebracht haben!“, flüchtete Virgie. „Gott segne Sie für den Kuss, den Sie mir gegeben haben, mein lieber weißer Spielkamerad, dessen Sie sich nicht schämen! Oh, mein Herz zerspringt: Was kann ich sagen?“

„Die Leute hier werden Sie verstecken oder morgen Nacht weiterleiten“, sagte der junge Geistliche. „Hier ist Geld, Virgie, um Ihren Weg zu bezahlen. Sie können schreiben, und schreiben Sie Ihrer jungen Herrin, wo immer Sie auch hingehen.“

„Sagen Sie ihr“, sagte das flüchtige Mädchen, „dass ich sie sehr geliebt habe. Oh, altes, liebes Teackle Hall! Werde ich dich jemals wiedersehen? William, ich werde meine Freiheit erlangen oder auf dem Weg dorthin sterben.“

„Das ist der richtige Geist“, sagte der Geistliche; „wir werden sie für Sie kaufen, wenn wir können, aber holen Sie sie sich selbst, wenn Sie es können.“

Er küsste sie noch einmal, mit dem Instinkt eines Vaters für ein Kind, und eilte zu seinen Pferden und zum Hotel.

Als Tilghman und Rhoda in der frühen Morgendämmerung nach Princess Anne aufbrachen, drehte sich das junge Mädchen plötzlich um und küsste ihren Geistlichen.

„Da!“, sagte sie, „ich finde, Sie sahen letzte Nacht einfach großartig aus, wie Sie hinter diesen Viechern saßen, wie der Tod auf dem fahlen Pferd, und Tante Vesty so sehr liebten, obwohl sie fortgegangen ist und Sie verlassen hat, dass Sie bereit waren, für ihr armes, hellhäutiges Mädchen zu kämpfen. Ich wünschte, jemand würde mich so lieben!“

„Damit du ihn auch verlassen könntest, Rhoda?“

„Nun, William, ich mag Freier, die mutig sind! Sie sind herrlich beim Predigen, aber ich mag Sie lieber beim Fahren und wenn Sie Ihre Aufregung zeigen.“

„Du bist ein wunderschönes Mädchen“, sagte der Geistliche; „vielleicht versuchst du, mich lieber zu mögen.“

Die große Frage, die so eröffnet wurde, war noch nicht geklärt, als sie Princess Anne erreichten und die Pferde ruhig in den Stall stellten.

KAPITEL XXXIII.

FLITTERWOCHEN.

Unterdessen brachte das Dampfschiff Vesta und ihren Ehemann in der Nacht über die Chesapeake Bay – jene größte, sanfteste Einbuchtung der Küste der Vereinigten Staaten; zugleich Fluss und Sund, Fjord und Meer, glatt wie der Mühlteich und voller Leben wie die nahrhafte Milch der Mutter, und an deren Brust ein Wurf von Flüssen lag und ohne Rivalität saugte – der lange Susquehanna, James und Potomac; die kurzen, dicken Choptank, Chester und Patapsco; und für den fliegenden Wildschwan sah ihre Baumbewachsung wie ein riesiger Kiefernbaum aus, mit Zweigen aus Schnee, der zweihundert Meilen von seinen Wurzeln im Land von Mais und Baumwolle bis in die goldene Wolke aus nördlichem Getreide und Heu hinaufkletterte.

An einem gebrochenen Horn dieser fruchtbaren Bucht hing Baltimore, wie das Nest eines Adlers auf der Kiefer, und ergriff den Punkt der Einbuchtung, der sie dem fruchtbaren Hochland und den Tälern des Nordens und Westens am nächsten brachte, wo die arbeitsamen Deutschen ihre Farmen mit Frauenhänden polierten und ihre langen, gebogenen Gespanne auf so vielen Landstraßen zum Markt schickten, wie die Chesapeake Flüsse hatte.

Am Morgen blickte Vesta auf die Flotte kleiner Segel, die im Becken der Stadt unter größeren Schiffen, Archen und Lastkähnen lagen, und sah den roten Ton von Federal Hill hundert Fuß über den Piers aufragen und das makellose Denkmal für Washington, dessen Basis so hoch über der Flut auf einer fast nackten Klippe ruhte. Der reiche Sonnenaufgang fiel auf die gestreifte Flagge der Republik am Mast von Fort McHenry, und die Garnisonskapelle spielte genau die Hymne, die der Anwalt Key im Überschwang des Sieges geschrieben hatte, obwohl er ein Gefangener in den Händen des Feindes war. Ach! Wie viele Gefangene in den Händen des Feindes zollten dieser Flagge Tribut, vom Baumwollfeld und Reissumpf, Tabakland und Maisreihe, und gossen die Poesie ihrer Loyalität und Mühsal in das Sinnbild ihrer eigenen Erniedrigung!

Vesta hörte mit Zufriedenheit und Trauer im Barnum's Hotel, dass ihr Mann zu krank sei, um an der Beerdigung teilzunehmen, und in seinem Zimmer und bei Feuer bleiben müsse; sie brauchte seinen Trost und seine Hingabe in ihrem Schmerz, aber auf der Bahre ihrer toten Mutter schien die Anweisung gegen jenen verhängnisvollen Hut zu stehen, den er mitgebracht hatte; und doch bemitleidete sie ihn, dass er allein bleiben müsse, unbekannt, ohne Verwandte, zitternd vor Kälte oder brennend ohne zu klagen.

„Gott sende dir Sympathie von den Engeln wie dir, mein Liebling!“, sagte Milburn. „Ich weiß, was es heißt, eine Mutter zu verlieren.“

Begleiter in Hülle und Fülle warteten auf Vesta, aber sie wünschte, sie könnte einen Verwandten ihres Mannes finden, wenn auch noch so arm, um ihn zur Kirche und zum Friedhof zu führen; und bei der Nachricht, dass ihr Onkel Allan McLane nicht eingetroffen sei und wahrscheinlich auch nicht anwesend sein würde, empfand sie eine weitere Mischung aus Erleichterung und Besorgnis, da ihr Ehemann heute vielleicht nicht von ihm gereizt werden würde, doch seine Beziehungen zum Eigentum ihrer Mutter würden weiterhin unbekannt bleiben – und Vesta fürchtete um Virgie.

In demselben Impuls, der sie dazu gebracht hatte, Teackle Hall zu behalten, um es gegen die nachlässigen Geschäftsmethoden ihres Vaters zu sichern, hatte sie Virgie ihrer Mutter übergeben, um sie scheinbar weiter von der Gefahr zu entfernen, niemals ahnend, dass in jenen klugen Händen der Feind sich einschleichen könnte; aber der Tod, der unsterbliche Feind, stahl überall, und obwohl sie nicht sehen konnte, warum Virgie verfolgt werden sollte, wünschte Vesta nun, sie hätte sie freigelassen.

Das Mädchen gehörte zum Nachlass ihrer Mutter: Angenommen, Allan McLane war dessen Verwalter? Angenommen, er wäre tatsächlich der Erbe? Vestas Herz sank, als sie bedachte, dass eine Frau das Geschäft am besten den Männern überlassen sollte.

Die junge Braut und Trauernde war ein Objekt gemischter Bewunderung und Sympathie, als sie sich auf den Arm eines Verwandten stützte und die presbyterianische Kirche betrat. Sie galt als eine der großen Schönheiten Marylands, und der junge Robert Breckenridge, frisch aus Kentucky zu Besuch bei seinem Bruder, dem Pastor, dachte, er habe Vestas Ebenbild selbst in Kentucky noch nicht gesehen; und als er durch ihren Trauerschleier blickte, hörte die Frau des Pastors aus Delaware ihn flüstern: „Die Göttlichkeit selbst!“

Die klare olivfarbene Haut, die Augen in der Farbe der grauen Dämmerung, die Augenbrauen wie die Bögen der Mitternacht selbst und das üppige Haar waren von Trauer gezeichnet, als würde eine Göttin leiden; und in ihren tiefen Trauergewändern schien Vesta die Tochter eines Monarchen zu sein, die kurz davor stand, durch ein Kloster zu ihrer Heiligkeit zu gelangen.

Sie hatte die Größe, dieser Schönheit Würde zu verleihen, und die Anmut, das Pathos über die Schwäche zu erheben.

Die musikalischen Töne des Geistlichen waren auf Einklang mit diesem edlen menschlichen Vorbild abgestimmt, und er sprach von jener idealen Mutterschaft, die jedem Kind an der Bahre so real erscheint wie der tropfende Eimer am Brunnen der Fee – von der Liebe der Mutter, den Prüfungen, der Schwäche und der Unsterblichkeit; davon, dass das Fehlen ihres Mitgefühls den ersten großen Verlust im Lebensverlauf darstellt; davon, dass ihr Wesen in uns bleibt und ihr Geist über uns schwebt, solange wir leben.

Gemalt in den weichen Farben persönlicher Erfahrung, verschrieben ihren Bedürfnissen mit der Kunst eines Arztes, alles tuend, was Trauerreden tun können, um die letzten Tränen aus den Saiten des Herzens zu heben und sie als Opfergabe auf die Leiche zu gießen, hatte der Trost des Pastors die Wirkung einer mesmerischen Hand, die unsere Systeme schwächt, während sie unsere Gefühle sublimiert, und Vestas weibliche Natur war beinahe zusammengebrochen.

Wo konnte sie sich für das enge Mitgefühl lehnen, das einem solchen Schmerz angemessen war? Ihr Vater war nicht hier, und sie hatte keinen außer ihrem Ehemann – dem Ehemann von weniger als einer Woche, aber dennoch demjenigen, der ihrem Bedürfnis am nächsten stand.

Auf ihn erlaubte sie sich an jenem feierlichen Abend zu stützen, nachdem der Körper ihrer Mutter den Boden gesucht hatte. Er war für den Moment wieder gesund.

Zum ersten Mal war sie mit ihm allein, und als die Schatten ihre Kammer verengten und sie bei keinem anderen Licht als dem eines kleinen, in der Feuerstelle glimmenden Holzfeuers beisammensaßen, kam er zu ihr und begann, von der Kindheit und seiner eigenen Mutter zu sprechen, von den kleinen Sorgen, die seine Mutter mit ihm geteilt hatte, von häuslichen Zwistigkeiten und dem Glück neuer Liebe; wie Männer sich fühlen, wenn die Lebensgefährtin genommen wird und Kinder die Bedeutung des Todes nicht kennen, der dem Unschuldigen etwas so Schreckliches angetan hat; doch über allem, sagte Meshach, leuchte der Stern der Mutterschaft, der unseren Weg schwach erhelle, unsere Seelen milder stimme und sich auf den Wassern sonne.

Während er fortfuhr und sie ihn nicht sehen, sondern nur die Wehmut seiner Stimme hören konnte, wurde es wohltuend, ihm zuzuhören, und sie wurde passiver, ein Gefühl der Resonanz legte sich auf ihr Herz, und der Dankbarkeit gegenüber ihm, der ihren Verlust so berührend zu ergründen wusste; und wie ein Kind ruhte sie an seiner Seite, auf seinem Knie und schließlich in seinen Armen. Nicht verliebt und auch nicht verblendet, sondern nachgebend und einwilligend, ihr Schicksal wie eine Myriade von Frauen akzeptierend, die weder unterdrückt noch zärtlich sind, sondern mit Widerstreben nachgeben, glitt sie aus der Trauer in das Eheleben, wie eine Müde in einem Traum.

Trostbesuche wurden von ein paar alten Freunden in den ein oder zwei folgenden Tagen abgestattet. Der Geistliche Henry Lyon Davis, ehemaliger Präsident des Colleges in Annapolis, kam und brachte seinen stattlichen zwölfjährigen Jungen, Master Harry Winter Davis, mit. Der Generalstaatsanwalt von Maryland, Mr. Roger Taney, kam mit dem Bankier Mr. George Brown. Commodore Decaturs Witwe sandte ein Trauerzeichen, und der ehrenwerte William Wirt brachte Mr. Robert Smith mit, den einstigen Außenminister in Washington.

Diese und andere, die Meshach Milburn ein wenig seltsam ansahen, fanden ihn bei näherer Bekanntschaft als einen Mann mit Verstand; doch die McLanes, die vorbeikamen, waren entweder herablassend oder mieden den Bräutigam geflissentlich.

Eine Einladung von Arlington House erreichte Vesta, Mr. Milburn dorthin mitzubringen; und als sie die Washington Road in einer privaten Kutsche entlangfuhren, beobachteten sie Mr. Ross Winans’ Reibradwagen mit fast vierzig Personen darin, der auf seiner Probefahrt hinter einem galoppierenden Pferd hergezogen wurde. Am Relay House, wo die Pferde der Eisenbahn gewechselt wurden, bemerkte Milburn, während er das Patapsco-Tal hinaufblickte:

„Meine Frau, wir sind hier bei der Geburt dieser kleinen eisernen Landstraße. Wäre unsere Vision groß genug, könnten wir die gewaltigen Dinge sehen, die sich auf ihr ereignen mögen: Sklavenaufstände, Sektionskriege, große Armeen, die zu großen Schlachten ziehen, Tausende von Auswanderern, die in den Westen ziehen. Wir werden sterben, aber Generationen nach uns wird diese Straße wachsen und fortbestehen, wie eine Ader aus Eisen, deren Länge und Nutzen kein Mensch ermessen kann.“

Die Straße nach Washington war stellenweise gut und bog oft zwischen die Kiefern ein. In Riverdale sahen sie das Wild von Mr. George Calvert, einem Nachfahren eines der Lords Baltimore, in seinem Park grasen, und seine große Vierspänner-Kutsche fuhr gerade von einem Staatsbesuch bei den Custises durch die Tore der Loge. Auf dem direkten Weg von Bladensburg nach Georgetown begegneten sie General Jackson bei seinem abendlichen Ausritt zu Pferd und sahen den Graben des neuen Kanals, der entlang des Potomac ausgehoben wurde, und dann, nachdem sie Masons Fähre überquert hatten, wurden sie eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit vor dem Arlington House abgesetzt.

Der gastfreundliche, harmlose Eigentümer hieß sie in dem riesigen Gebäude willkommen, halb Tempel, halb Scheune, inmitten seiner kunstvollen Schmierereien von Bildern sowie Möbeln und Relikten aus den Zeiten von Custis und Washington. Er war fast fünfzig Jahre alt, von indianischen Gesichtszügen, aber eher schwachem Gesicht, wie jemand, dessen einzige Substanz in seinen Vorfahren lag, und Vesta, die ihn neben ihren Ehemann stellte, dachte bei sich, dass eine ähnliche Inzucht eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern hervorgebracht habe, beide von einer fahlen und galligen Auszehrung; doch Milburn war neben ihrem Verwandten Custis wie ein kühner Wolf neben einem schafsköpfigen Schaf.

Dennoch mochten sich diese Männer sofort, da Milburns Intelligenz und Geld sowie seine echte Ehrerbietung für den großen Mann, der Mr. Custis adoptiert hatte, ihm den Zugang zur Gunst des Letzteren verschafften.

Sie schlenderten durch jene schönen Wälder, die eines Tages ein Grabeshain für eine Armee von Toten werden sollten, während Vesta im Wohnhaus mit ihren Cousins und dem graziösen Lieutenant Lee sprach, der Mary Custis den Hof machte.

Es war ein glückliches häusliches Leben, und durch die Adern des Gastgebers floss das Blut der Calverts, wenn auch nicht aus der legitimen Linie.

Es wurde vorgeschlagen, zum Kapitol zu fahren, und Mr. Milburn, dem es in der Hügelregion täglich besser ging, fuhr ebenfalls mit und trug seinen hohen Hut, sehr zur Erbauung von Mr. Custis, der an solchen Antiquitäten Gefallen fand. Vesta hörte, wie die Damen flüsterten, als sie zurückkehrten, dass eine Gruppe von Jungen und Negern dem Hut gefolgt sei, lachend und spottend, und die Gesellschaft schließlich zu ihrer Kutsche getrieben habe. Dies und die Ungeduld ihres Mannes, zu seinen Geschäften zurückzukehren, beschleunigten ihren Aufbruch aus Arlington.

Sie nahmen den Dampfer den Potomac hinunter, und als sie die Mündung des St. Mary’s River passierten, setzte Milburn wieder seinen Raleigh-Hut auf und stand an Deck, die Lichter um das alte Priesterhaus betrachtend, wo die Hauptstadt von Lord Baltimore lag, eine nackte Ebene und ein paar verhungerte Andenken innerhalb der Bucht einer sandigen Landzunge, die dem Archipel der Eastern Shore zugewandt war.

„Mein Hut“, sagte Milburn zu sich selbst, „ist so alt wie die dortige Stadt und besser erhalten. Die Calverts und Milburns haben in die Verwandtschaft von Mrs. Washington eingeheiratet. Liebt meine Frau mich?“

KAPITEL XXXIV.

DIE PRÜFUNG.

Als Levin Dennis auf dem Boden des alten Wagens erwachte, wurde dieser schnell gefahren, und Vans Dorns Stimme war vom Fahrersitz zu hören, wie sie ohne das übliche Lispeln und die spanischen Einwürfe sagte:

„Whitecar, ist sich dein Bruder in Dover seines Wildes sicher?“

„Ganz sicher, Käpt’n. Hat sie eingekreist! Der beste einheimische Bestand in der Stadt dort, und die hübschesten gelben Mädels: Ich weiß, das passt dir, Käpt’n!“

„Haben sie Waffen?“

„Keinen Abzug. Wir fangen sie auf einem ihrer ‚Feste‘. Nein, Sir, Neger kämpfen nicht.“

„Wir versammeln uns bei Devil Jim Clark“, sagte Van Dorn und fuhr mit einem Peitschenknall vorbei.

Levin, den eine freundliche Hand in einen Bärenfellmantel gewickelt hatte – er hatte einen ähnlichen an Van Dorn gesehen –, hörte als Nächstes, wie der Sklavenhändler zu einer anderen Gruppe sprach, die er eingeholt hatte:

„Melson?“

„Ay yi!“

„Milman?“

„Ah! Junge.“

„Eure Befehle bekommt ihr bei Devil Jim Clark!“

Die Sterne waren draußen, doch die Nacht war reich an großen, flockigen Wolken, als ob der Himmel es auch eilig hätte. Levin lag auf dem Rücken, durchgeschüttelt vom rauen Wagen, aber da er nun vollkommen nüchtern war, war er vernünftiger und mutiger, und seine neugefundene Liebe drängte ihn zur Selbsterhaltung. Er hätte aus dem Gefährt in den Wald rollen und sich zumindest davor bewahren können, weitere Verbrechen zu begehen, aber wie sollte er Hulda jemals wiedersehen – Hulda, die vielleicht in Gefahr war? So bringt die Liebe selbst der Unwissenheit Verständnis, und Levin begann, sich nach der Ursache seines eigenen Elends zu fragen. Er wusste, es war der Alkohol, aber was brachte ihn zum Trinken, wenn nicht ein Wesen, das zu leicht zu führen war? Selbst jetzt war er fast freiwillig dem Banditen im Wagen unterworfen, dessen Stimme er wieder sanft zu irgendeinem Paar befehlen hörte, das er eingeholt hatte:

„Tindel?“

„Schnapp sie dir, Käpt’n Van! Schnapp sie dir!“

„Ihr seid heute Nacht in keiner Gefahr, also behaltet die Stimmung. Ich erwarte von euch, dass ihr euch um die Stricke, Knebel und Fesseln im Allgemeinen kümmert!“

„Schnapp sie dir, Käpt’n; oh, schnapp sie dir!“

„Du und Buck Ransom dort –“

„Höflich, Kapitän; höflich, Sir!“, rief eine einschmeichelnde Stimme von einem schwarzen Reiter.

„Trefft uns alle bei Devil Jim!“

„Schnapp sie dir, Käpt’n!“

„Höflich, Kapitän!“

Während Van Dorn sich an die Spitze des Zuges drängte, blickte Levin schweigend auf das flache Land mit Wald und einigen armseligen Farmen, die unvollkommen durch einige Gräben des Choptank entwässert wurden. Er nahm an, es müsse fast Mitternacht sein, nach der Stellung jener brillanten Konstellationen, die gleichermaßen auf seine Mutter und ihn herabstrahlten – sie in ihrer Unschuld und er in seiner Angst – und vielleicht auch auf das Grab seines armen Vaters auf einer Insel oder im Ozean.

Innerhalb einer Stunde würde zweifellos Blut vergossen und geraubt werden, und er kannte weder den Weg zur Flucht noch das Loch zum Verstecken. Doch in dieser Stunde musste er seine Wahl treffen – für die Freiheit kämpfen oder ins Gefängnis, an den Pranger oder vielleicht an den Galgen gehen.

Levin dachte wehmütig an seine vagabundierende Vergangenheit zurück und daran, wie wenig vor einem Gerichtshof zu seiner Entlastung hätte gesagt werden können, außer durch den Glauben seiner Mutter, der kein Beweis war, nicht mehr als der Eid eines Negers.

Einmal kam ihm der Gedanke, Van Dorn zu überraschen, ihn zu überwältigen, ihn in einen Graben zu werfen und zu einem der kleinen Bauernhäuser zu fahren und sich auszuruhen, bis der Tag ihm seinen Aufenthaltsort und Abhilfe geben würde.

Levin war kein Feigling, seine Muskeln waren hart, und seine Füße konnten sich an einem glatten Brett festhalten wie ein Vogel an einem Ast; doch sein Herz erweichte gegenüber dem wilden, sanften Mann, der so arglos mit dem Rücken zu ihm saß, als Levin bedachte, dass er vielleicht Van Dorns Leben mit seinem Seemannsmesser beenden müsste, wenn sie überhaupt rangen, und dieser Tag, der sich dem Ende zuneigte, hatte Van Dorn eine Schuld für ihn bei der Witwe beglichen, deren Sohn als Nächster eingeholt wurde und der vorlaut rief, ohne angesprochen zu werden:

„Van Dorn, was gibst du mir, wenn ich einen Neger kriege?“

„Dies!“, sagte Van Dorn ohne Unterlass und versetzte dem Jungen mit seiner Peitschenleine einen gezielten Schlag auf die Schulter, der ihn buchstäblich vom Maultier fallen und vor Schmerz kriechen ließ.

„Disziplin ist das, was deine Mutter dir nicht zu geben verstand, Reprobo. Manieren werde ich dir beibringen. Ab nach hinten!“

Owen Daw kroch verzweifelt auf sein Maultier und gehorchte ohne Widerrede, doch seine Dreistigkeit erholte sich bald genug, um sein Tier an das Heck des Wagens zu zwingen und geflüsterte Verbindungen mit Levin dort aufzunehmen.

Nichts hatte sie seit Stunden passiert, soweit Levin gesehen hatte, als plötzlich ein Reiter in schnellem Trab den Wagen stoppte und eine heisere Negerstimme murmelte:

„Wie geht’s denn nun? Sieh mich an! Sieh mich an!“

„Derrick Molleston?“, sprach Van Dorn.

„Sieh mich an! Sieh mich an!“

„Steig ab und reite mit mir. Levin, bist du wach?“

„Ja, Kapitän.“

„Nimm das Pferd von diesem Mann und reite es. John Sorden ist voraus. Das wird deine erstarrten Glieder dehnen.“

„Darf ich mit ihm gehen?“, fragte Owen Daw mit seinem keltischen Akzent, der nun ganz kriecherisch war.

„Nicht, wenn er dich nicht will.“

„Komm dann“, sagte Levin gefällig.

Während die beiden Jugendlichen noch beim Wagen verweilten, hörten sie diese Worte:

„Hast du alles mit Whitecar und Devil Jim arrangiert?“

„Sieh mich an! Sieh mich an!“ – was anscheinend bedeutete: „Verlass dich auf mich.“

„Ist Greenley bereit, für Ablenkung zu sorgen, falls ein Angriff auf uns verübt wird?“

„Sieh mich an! Sieh mich an! Sein Galgen steht bereit und er würde die Welt niederbrennen.“

„Dieser Anwalt Clayton?“

„Sieh mich an! Sieh mich an! Er gibt eine große Party, hat mir Tante Braner gesagt. Ein Richter ist da aus Princess Anne, und reichlich Alkohol. Sieh mich an! Sieh mich an!“

„Die Weißen sind absolut weg aus dem Cowgill House?“

„Sieh mich an! Es ist fast eine halbe Meile außerhalb der Stadt. Da sind vierzigtausend Dollar, wenn es auch nur einen Cent sind, auf diesem Fest: Mädels mehr als halb weiß, Männer, die lesen und predigen können: die Sahne von Kent County. Sieh mich an! Sieh mich an!“

„Und kein Verdacht von unserem Kommen?“

„Sieh mich an! Oh, sieh mich an!“, sagte der Neger heiser; „unschuldig wie die Ungeborenen. Heute Nacht ist ihre letzte Nacht!“

Levin zitterte, als diese gnadenlosen Worte an seine Ohren drangen, aber Owen Daw schien seine Kränkung bei dieser Nachricht zu vergessen und kicherte Levin zu, als sie davon trabten:

„Wette, ich kriege einen besseren Neger als du!“

„Oh, schäm dich, Owen Daw! Deine Mutter wurde heute davor bewahrt, durch mein Mitleid vor die Tür gesetzt zu werden. Denk daran, diese Neger ihrer Freiheit zu berauben! Was haben sie getan?“

„Neger gewesen!“, rief Owen Daw. „Das reicht!“

„Was wirst du tun, Owen, um deiner armen Mutter zu helfen?“

„Warte, bis ich groß genug bin, verdammt, und bring den alten Jake Cannon für die Arbeit von heute um.“

Als sie weiteritten, trafen sie auf den Mann namens Sorden, der als Führer für die einfallende Kolonne ritt, eine Person von vornehmerem Auftreten als jeder unter Van Dorn, und jung, biegsam und verspielt.

„Bei meiner Haut!“, sagte er. „Nun, Jungs, Van Dorn hätte euch nicht mitbringen sollen. Ihr seid zu fein für diese raue Arbeit. Ich liebe den Kapitän mehr, als ich jemals einen Mann geliebt habe, aber er sollte keine Jungs verderben.“

„Van Dorn hat mir gesagt, ich soll kommen“, rief Owen Daw. „Ich bin groß genug, um einen Neger zu bocken.“

„Ich liebe ihn mehr, als ich jemals einen Mann geliebt habe“, sagte Sorden entschuldigend. „Wer ist der andere junge Missetäter?“

„Ich bin ein Fremder in euren Gegenden“, antwortete Levin. „Mrs. Cannon hat mich gezwungen zu kommen. Ich wollte nicht.“

„Hast du Angst?“

„Ja“, sagte Levin.

„Nun, ich liebe den Kapitän mehr, als ich jemals einen Mann geliebt habe. Aber Jungs sind Jungs, und ich hasse es, sie verdorben zu sehen. Wenn ihr Negerjungen wärt, wäre mir das keinen Cent wert; aber Weiß ist meine Farbe, und ich will nicht damit handeln.“

Sie hielten an einem kleinen, spitzgiebeligen Backsteinhaus an, einstöckig mit Küche und Dachboden, links von der Straße, an das sich schützend ein Stück Eichen- und Hickorywald anschloss, während mehrere kleine Scheunen und Krippen im Hintergrund das Dreieck eines Feldes umschlossen. Eine Tür in der Mitte, zur Seite von Maryland hin, schien sehr hochschwellig zu sein, und niedrige Gitterfenster befanden sich im Keller auf jeder Seite der Stufen.

Der Ort hatte ein verdächtiges Aussehen, und ein Rudel Jagdhunde stürmte mit lautem Geheul aus der Küche, wurde aber, während sie gerade über den Zaun und die Pfähle sprangen, fast mitten in der Luft durch eine kehlige Stimme gestoppt, die von drinnen rief:

„Hya! Runter! Spitch!“

Das ganze Rudel schlich demütig mit leisem Winseln zurück zum Haus, und ein paar Schläge mit der Rute und kurzes Aufheulen drinnen beendeten die Aufregung.

„Was ist das für ein Ort?“, fragte Owen Daw.

„Devil Jim Clarks“, sagte Sorden.

Das Wohnhaus stand etwa vierzig Meter von der Straße zurückgesetzt und zog sich beinahe in die Deckung des Waldes, und sein kleiner Hof wirkte höhlenartig durch dicht gepflanzte Papiermaulbeer- und Ahornbäume, während eine Reihe von Kirschbäumen und ein alter Stangenbrunnen entlang der Straße und der Hecke aufragten. Als sie zur Rückseite des Hauses ritten, kroch ein kleines Dachfenster wie eine Schnecke niedrig entlang des Daches, und ein Licht schien daraus hervor.

„Devil Jims Geschäftsbüro“, nickte Sorden.

„Was ist sein Geschäft?“, fragte Levin neu.

„Neger. Er hält sie dort oben zwischen dem Dachboden und dem Dach – manchmal im Keller.“

„Braucht er dafür ein Geschäftsbüro?“

„Er ist auch Bauunternehmer am Kanal, Jim – züchtet Rennpferde, betreibt Landwirtschaft, spielt ein bisschen, aber Neger-Schmuggel ist sein bestes Spiel. Bei meiner Haut! Da kommt Kapitän Van Dorn. Ich liebe ihn, wie ich niemals einen Mann geliebt habe.“

„Van Dorn“, sprach eine Stimme aus dem Haus, „denk daran, meine Familie ist eigen. Deine Leute müssen in die Scheune. Komm rein!“

„Gewürzter Branntwein in der Scheune!“ – eine leise Bemerkung von irgendwoher – reichte aus, um die Herde wegzuführen, und unter dem Befehl „tränken und füttern“ ging Van Dorn in die Küche, von dort durch ein Schlafzimmer in den Hauptraum des Hauses und eine kleine Wendeltreppe hinauf zu einem Stück Flur oder Korridor, kaum zwei Fuß breit.

Der Mann, der voranging, deutete auf eine Falltür über einem Ende dieses Flurs und rief: „Neger dort! Familie dort!“ – wobei sich Letzteres auf eine Tür bezog, die den kleinen Durchgang verschloss.

Er öffnete dann ein Guckloch an der Seite des Flurs und ließ Van Dorn in einen äußerst kleinen Schrank oder Dachbodenraum, kaum groß genug für die Männer, um zu sitzen, und beleuchtet von einer Lampe in dem kleinen Dachfenster, das man von unten gesehen hatte.

„Trink!“, sagte der Mann und entkorkte eine Flasche Champagner; „ich hatte sie für dich bereit.“

Er goss den schäumenden Wein ein, stellte die Flasche auf eine Art Sekretär oder Schreibtisch und blickte dann mit einer Mischung aus Angst und Gier aus seinen flüssigen schwarzen Augen und seinem breiten, schweren Gesicht.

„Buena suerte, señor!“, lispelte Van Dorn, während sie zusammen tranken.

„Hya! Spitch!“, murmelte Clark nervös und zerschnitt seine eigenen Reitstiefel mit einer Hundepeitsche. „Ich wünschte, ich wäre aus dem Geschäft raus: Das Risiko ist zu groß. Meine Frau ist religiös – betet vielleicht gerade dort drinnen. Meine Töchter sind auf den Seminaren, geben Geld aus wie die Kanalgesellschaft für die Anwälte. Nichts zahlt sich so aus wie Neger-Stehlen, aber es ist unter deiner und meiner Würde, Van Dorn.“

„A la verdad! Dies ist mein letzter Überfall, Don Clark. Das Vergnügen hat mich mein Leben lang arm gehalten. Heute habe ich ein kleines Opfer gebracht, und es wächst in mir.“

„Wenn sie mich erwischen und an den Pranger stellen sollten, Van Dorn, für das, was du heute Nacht tust, hya! Spitch!“ – er zerschnitt seine Knie – „es würde Mrs. Clarks Herz brechen.“

„Ich will heute Nacht dieses Geld“, sagte Van Dorn, „um zwei junge Leute glücklich zu machen. Sie sollen meinen Teil nehmen und mich mit ihnen aus den Ebenen von Puckem hinausnehmen.“

„Oh, es ist ein nervöses Geschäft“ – Clarks Augen aus reichem Gelee machten die Blässe auf seinem großen Gesicht wie ein Leichentuch – „hya! Spitch! Die Quäker beobachten mich. Der alte Zekiel Jinkins da drüben, der alte Warner Mifflin unten an der Mühle, diese verdammten Hunns bei der Wildcat – sie durchschauen mich jedes Mal, wenn sie mich auf der Straße erwischen. Aber der Kanalvertrag zahlt nicht wie Neger; meine Leute müssen ihre Köpfe hochhalten in der Welt; Sam Ogg lässt mich nicht aus der Versuchung raus.“

„Fürchtest du mich, Devil Jim?“

„Hya! Spitch! Nein. Wenn alle im Handel so wären wie du, könnte ich in Vertrauen schlafen. Wenn du damit aufhörst, tue ich es auch.“

„Dann heute Nacht, penitente! machen wir unsere paar Tausend und hören auf. Gib deine Karten auf und ich meine doncellitas, und wir können wenigstens leben.“

Sie schüttelten sich die Hände und tranken ein weiteres Glas, und dann sagte Van Dorn:

„Schick mir den Jungen herauf, hermano!, der auf den Namen Levin antwortet. Mit ihm möchte ich sprechen, während du die Anweisungen gibst! Armer Feigling!“, sagte Van Dorn, nachdem sein Gastgeber die Treppe hinuntergegangen war, „er kann niemals weniger als ein Dieb sein, mit diesem Unbehagen bei solch ordentlichem Wohlstand.“

In diesem Moment stand ein wunderschönes Mädchen oder eine Frau in ihrem weißen Nachthemd in der kleinen Türöffnung, mit Augen, die der Fülle der gerade gegangenen so ähnlich waren, dass es seine Tochter gewesen sein musste. Sie floh, als sie einen Fremden erkannte, und Van Dorn verfolgte sie, bis ihm eine Tür vor dem Gesicht geschlossen wurde.

„Armer Narr!“, sagte er und sank wieder in seinen Stuhl; „ich werde niemals ehrlicher sein, als irgendeine Frau mich machen kann!“

Als Levin den kleinen Flur betrat, lächelte Van Dorn:

„Hier ist ein Glas echter Wein, um dich zu inspirieren, junco.“

„Nein, Kapitän. Ich würde lieber sterben, als ihn zu trinken.“

„Bereust du es, mit mir gekommen zu sein?“

„Oh, bitterlich, Kapitän. Ich will keine armen, hilflosen Leute stehlen, wenn sie schwarz sind.“

„Nun, hör zu, Junge!“ – Van Dorns Gesicht hörte auf zu erröten und der grobe Ausdruck trat in seine blauen Augen – „dieser Ausflug heute Nacht ist zu deinem Vorteil. Ich mag deine sanfte Zuneigung zu mir, und die guten Taten, um die du mich gebeten hast, und das Vertrauen, das du mir bezüglich deiner Liebe zu der hübschen Hulda gezeigt hast. Schließ dich mir bei dieser Arbeit bereitwillig an, und ich werde ihr für eure Hochzeitsmitgift meinen gesamten Anteil geben.“

„Niemals“, rief Levin.

Van Dorn zog sein Messer und stand auf.

„Levin“, lispelte er, „ich habe Patty Cannon versprochen, dass ich dich mit Verbrechen befleckt oder tot zurückbringen werde. Wähle nun, was es sein soll.“

„Dann zu sterben“, schrie Levin, während er mit der einen Hand das lange, seidige Haar aus seinen Augen strich und mit der anderen sein eigenes Messer zog; „aber ich werde um mein Leben kämpfen.“

Van Dorn ergriff Levins Handgelenk in einem schraubstockartigen Griff, warf aber, als er dies tat, sein eigenes Messer auf den Boden.

„Oh! huerfano, Findelkind“, murmelte Van Dorn, während seine Röte zurückkehrte, „pass auf, dass du immer mit solchem Mut ‚Nein‘ sagst, wenn Feigheit oder schwaches Einverständnis dein ‚Ja‘ erzwingen würden. In diesem Moment, wenn du zugestimmt hättest, wäre dein Herz auf meinem Messer gewesen, junger Levin!“

Er zog das Messer aus Levins Hand und steckte es wieder in seinen zerlumpten Mantel und setzte den Jungen auf sein Knie, als wäre er ein kleines Kind gewesen.

„Oh, Gott sei Dank, dass ich Sie nicht getötet habe, Sir“, schluchzte Levin, dessen Tränen seinem Mut schnell folgten; „zweimal habe ich heute daran gedacht, es zu tun.“

„Ich hätte dich niemals dieser Prüfung unterzogen, mein armer Junge, wenn ich nicht gesehen hätte, wie dein Gewissen den ganzen Tag unter der Anregung tugendhafter Liebe an der Arbeit war. Denke nicht an mich. Baue deinen eigenen Charakter auf einem guten Vorbild auf, und so süß das Leben auch ist, kämpfe für es an den äußersten Grenzen deines Charakters. Stirb jung, aber kapituliere erst, wenn du alt bist.“

„Captain“, sagte Levin, „wie kann ich Charakter bekommen? Mein Vater ist tot. Jeder wickelt mich um den Finger.“

„Dann denke an einen einfachen, starken, treuen Mann, den du vielleicht kennst, und beziehe jede Tat deines Charakters auf ihn. Frage dich, was er in deiner Notlage tun würde, und dann geh und tu dasselbe.“

„Ich kenne einen solchen Mann“, sagte Levin im nächsten Augenblick; „es ist Jimmy Phoebus, der Verehrer meiner armen, wunderschönen Mutter.“

„El rayo ha caido!“, sprach Van Dorn leise und ruhig; „ja, Levin, jeder Mann, der deiner Mutter würdig ist, wird es tun.“

„Captain, kehren Sie mit mir um! Ist es zu spät?“

„Schon seit vielen Jahren zu spät, junger Señor. Ich werde heute Nacht wieder den Krieg gegen Afrika im Cowgill House anführen.“

Er erhob sich und leerte den Wein.

„Clark soll dir ein Pferd geben, Levin. Ich schenke es dir. Reite mit Sorden an der Spitze weiter, und eine Meile von hier, in Camden town, schlägst du deinen eigenen Weg ein. Gute Nacht!“

Nachdem er einen einzigen Blick auf die elende Bande von Weißen und Schwarzen geworfen hatte, die sich in der Scheune versammelt hatten und im Licht einer Laterne in der Aufregung von Trunkenheit und Habgier oder der Vertrautheit von Angst und Laster sichtbar wurden – einige inspizierten Knebel aus Maiskolben und Knüppel aus Hickoryholz, andere schnitzten an Schlagstöcken aus Ebenholz mit den Wurzeln daran; wieder andere luden ihre Pistolen und fetteten die Dolchscheiden daran ein; manche wetzten ihre Schweineschlachtmesser an Pferdegeschirren, andere schnitten Seile und Schnüre in Längen, um Menschen die Füße zu binden –, wurde Levin von Clark, dem Wirt, auf das trabende Pferd gesetzt, das er bereits geritten hatte, und traf bald darauf Sorden auf der Straße.

„Wo ist Van Dorn?“, fragte Sorden; „ich liebe ihn, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe.“

„Er schickt mich wegen einer Besorgung nach Camden“, antwortete Levin; „ist es weit?“

„Etwa eine Meile. Drei Meilen dann bis Dover. Beim Kuckuck! Wie frisch dein Tier ist; ist es nicht Dirck Mollestons? Ich dachte es mir. Dann wird er wohl bei Cooper’s Corners einbiegen wollen.“

„Wohnt Derrick dort?“

„Ja. Dort hält er die Gabelung beider Straßen von unten und beobachtet das Gesetz in Dover. Ich hoffe, Van Dorn kommt mit der Beute davon und wird nicht erwischt, denn ich liebe ihn, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe.“

Levins Pferd ließ mit seinem leichten Gang Sorden bald weit hinter sich, und die seltsamen Ereignisse der Nacht sowie die Frage, was er als Nächstes tun solle, ließen Levins Gehirn wirbeln, bis er die Umrisse einiger Häuser zwischen den Bäumen auftauchen sah und eine Reihe von Baumgruppen eine Hauptstraße von Nord nach Süd andeutete. Der Geruch nach kaltem, weitem Wasser und Sümpfen erfüllte die Nacht.

„Hier ist Camden“, dachte Levin; „wohin soll ich gehen? Wenn ich mich nach Süden wende, werde ich die ganze Nacht kein Bett und kein Essen bekommen und am Morgen als Entführer aufgegriffen werden. Ich kann nicht zurück. Der große Fluss oder der Ozean liegt wohl vor mir. Was würde Jimmy Phoebus tun?“

Er hielt das Tier zurück, als er diese Frage stellte, und hielt an der Kreuzung der großen Staatsstraße an.

Der Gedanke verbreitete sich langsam über seine ganze Existenz, dass James Phoebus an Levins Stelle sofort nach Dover reiten und Alarm schlagen würde.

Levin versuchte, sich Phoebus in einer Stimmung vorzustellen, in der er einen anderen Rat geben würde, aber als die entschlossene Gestalt des Pungy-Captains den Geist des jungen Mannes zu reiten schien, stieg sie immer stämmiger empor und schien nach Dover zu führen, wo so viele arme Seelen in der Freude des Umgangs und der Freiheit wie kleine Vögel waren, die sich der Falken über ihnen nicht bewusst waren, und kein Mensch auf der Welt außer Levin Dennis konnte sie vor Tod oder Knechtschaft retten.

Würde James Phoebus mit seinem Löwenmut jemals unter solchen Umständen an der Pflicht eines Bürgers und eines Christen zweifeln oder einem anderen Menschen verzeihen, dass er Informationen zurückhielt, die Leben, Freiheit und Gnade bedeuten könnten?

Doch da war Van Dorn, der verraten werden musste. Was würde Van Dorn an Levins Stelle tun?

Die Worte von Van Dorn, nicht einmal eine Viertelstunde alt, sprachen laut in Levins hallendem Bewusstsein: „Denke nicht an mich. Beziehe jede Tat auf einen treuen Mann und geh und tu dasselbe!“

Levin blickte auf, und die Wolken selbst, die trotz des Sternenlichts nun dunkel angeschwollen waren, schienen sich nach Dover zu beeilen. Die Nachtvögel riefen „Gnade! Gnade!“, die Eidechsen und Laubfrösche schienen sich in ihren Stimmen zu kreuzen und pfiffen „Zeit! Zeit! Zeit!“

„Huldy!“, flüsterte Levin und ließ die Zügel locker, und sein Tier schoss durch Camden town nach Norden.

Er war an den kleinen Fachwerkhäusern, dem Quäker-Versammlungshaus, den Läden und den Häusern am Stadtrand vorbeigekommen, als sein Pferd plötzlich ausscherte, um ein großes, dunkles Objekt auf der Straße vor ihm zu passieren, und ein Reiter genau den Weg von Levin kreuzte, was sein Tier dazu zwang, auf die Hinterbeine zu gehen.

„Hohe Unternehmungen, Freund!“, sprach eine Männerstimme kratzend; „ich mache mir Sorgen um dich!“

„Geh mir aus dem Weg, oder ich steche dich ab!“, rief Levin zwischen seinem neuen Eifer, seine Pflicht zu erfüllen, und der Vorstellung, dass er bereits von Patty Cannons Bande abgefangen worden war.

„Ha, Freund! Ich mache mir weniger Sorgen um mich als um dich. Du wirst doch nicht einen Bürger von Camden town an seiner eigenen Tür abstechen?“

„Um Himmels willen, dann lassen Sie mich gehen!“, flehte Levin. „Die Entführer kommen in wenigen Minuten nach Dover. Ich will es Rechtsanwalt Clayton sagen!“

Sofort drehte sich die andere Person, ein großer, hagerer Mann, um und raste dem dunklen Objekt voraus, das Levin, der ihm ebenfalls dicht folgte, als einen großen Planwagen erkannte – etwas zwischen dem Dearborn-Wagen oder dem eines Farmers und einer Familienkutsche.

„Bill“, rief der Quäker dem Kutscher zu, „spare nicht mit deiner Peitsche, bis Dover weit hinter uns liegt. Hier ist einer, der sagt, Entführer würden sogar die Hauptstadt von Delaware überfallen. Ich mache mir Sorgen um dich!“

Der Kutscher begann, seine Pferde in einen Galopp zu peitschen, und Schreie, wie von mehreren Personen, drangen aus dem eng behängten Gefährt.

„Was ist da drin?“, fragte Levin den Quäker, der sich ihm wieder angeschlossen hatte; „Nigger?“

„Nein, Freund“, antwortete der Quäker schroff, „nur Christen.“

Sie überquerten einen Mühlenbach und kurz darauf einen kleineren Wasserlauf, ohne ein Wort zu sprechen, und kamen zu einer kleinen Block- und Fachwerkhütte an einer Straßengabelung, wo Levins Pferd versuchte, hineinzulaufen.

„Ha, Freund! Ist es nicht Derrick Mollestons Renner, den du da hast – derselbe, den er von Devil Jim Clark bekommt? Was bist du dann? Ich mache mir Sorgen um dich.“

„Auch ein Christ, hoffe ich“, antwortete Levin und zwang seinen Klepper die Straße hinauf.

„Dann bist du besser als ein Jüngling in dieser Behausung, an der wir als Nächstes vorbeikommen“, sagte der Quäker und zeigte auf ein Backsteinhaus auf der linken Seite; „denn dort lebte ein Richter, dessen Sohn einen armen schwarzen Geiger im Keller seines Vaters festband und ihn an Derrick Molleston auslieferte, um in die Sklaverei verkauft zu werden. Ich höre, der arme Mann erzählt es in seinem fernen Haus der Knechtschaft.“

„Was ist das?“, erkundigte sich Levin, als er ein seltsames Gebilde aus Balken auf einem Vorsprung oder einer Erhebung rechts sah, in Sichtweite der dunklen Formen einer Stadt auf dem nächsten Kamm dahinter.

„Ein Galgen“, sagte der Quäker, „an dem morgen ein Pferdedieb aufgehängt wird. Ein Pferd zu stehlen ist der Tod; einen Mitmenschen zu stehlen ist nichts.“

Während er sprach, bog die geheimnisvolle Kutsche in eine Querstraße von Dover ein und stahl sich in die Dunkelheit der Stadt.

„Ha! Ha!“, rief der Quäker; „hätte Joe Johnson nicht bei Devil Jim angehalten, um zu füttern, hätte er den Wagen meines Bruders voller flüchtender Sklaven einholen können. Ich sage es dir, Freund, weil ich mich jetzt kaum noch um dich sorge.“

KAPITEL XXXV.

COWGILL HOUSE.

Lange nach Mitternacht lag Dover im Bett, außer in einem großen Haus am Capitol Green, wo Licht durch die Ritzen und Spalten von Vorhängen und Fensterläden schien und irgendein Wachhund vielleicht neugierig vorbeilief, um zu sehen, warum.

Die Sterne und Wolken am etwas unruhigen Himmel blickten durch die blattlosen Bäume auf die hübsche Stadt und den St. Jones’s Creek, der an ihr vorbeifloss, und bemerkten kaum eine lange Bande von kriechenden Männern und Tieren, die sich vom Meeting House Branch heraufstahlen, vorbei an der Gerberei und der Akademie, und in die rückwärtigen Straßen des Ortes eintauchten, wobei sie den öffentlichen Platz mieden.

Eine Reihe bog zum Bach ab und überquerte ihn, um weiter oben wieder zurückzukehren und jeden Fluchtweg über die nördliche Straße abzuschneiden, während eine zweite Reihe lautlos durch und um den kompakten kleinen Weiler schlüpfte und darauf wartete, dass die andere eintraf, woraufhin beide ein altes Backsteingebäude umschlossen, das abseits der Straße in einem grünen und ehrwürdigen Hof stand, fast eine halbe Meile von den bewohnten Teilen von Dover entfernt.

Dieses Haus war glänzend erleuchtet, und die Rosenbüsche und Schattenbäume waren alle klar erkennbar, wie sie über den grünen Hügeln und den Zierwegen und Blumenbeeten standen.

Ein majestätischer Tulpenbaum erstreckte seine langen Zweige fast bis zum Portal des eigenartigen Gebäudes, und ein üppiger Efeu, der zwischen den Kellerfenstern begann, kletterte bis zum Gesims der Dachtraufe und machte aus den Räumen zwischen den vier großen, mit Schlusssteinen versehenen Fenstern in zwei Stockwerken, die sich rechts von der breiten, gedrungenen Tür befanden, fast massive Wandfelder aus Weinreben.

Diese Tür, oben auf einer Treppe, war so nahe am Giebelwinkel des Hauses angebracht, dass sie den Eindruck eines einzigen Flügels eines Herrenhauses erweckte, das ursprünglich doppelt so lang und groß geplant war.

Zwischen diesem Giebel – der zur Straße zeigte und außer einer Kellerreihe vier Fensterreihen hatte – und der hinteren oder zur Stadt weisenden Tür, wie beschrieben, befand sich ein quadratisches, geräumiges Fenster, das in keinem Verhältnis zu all den anderen stand und vielleicht zwölf Fuß über dem Boden lag. Dies, wie man vermuten konnte, befand sich auf dem Treppenabsatz im Inneren; da sich die große Tür und die Vorderseite des Wohnhauses auf der gegenüberliegenden Seite befanden, war der gesamte Raum am stadtseitigen Giebel bis zu einer Breite von siebzehn Fuß eine noble Halle von etwa vierzig Fuß Länge, hoch und mit Pilastern im architektonischen Stil, beleuchtet durch zwei große Fenster im Giebel und das quadratische Fenster am Treppenaufgang.

Die Treppe selbst war ein schönes Stück Arbeit und Proportion, die vom Boden in zehn mit Geländern versehenen Stufen zum Absatz am quadratischen Fenster führte, wo ein mehrere Fuß großes Quadrat sowohl die große Vordertür als auch die Fenster im Giebel sowie den Hof dahinter überblickte; von dort stieg die Treppe im rechten Winkel entlang der Rückwand zu einem zweiten Absatz über der gedrungenen Hintertür auf und kehrte mit einem dritten Sprung im rechten Winkel zum Stockwerk darüber zurück, wodurch das sogenannte Treppenauge außerordentlich geräumig wurde und sich zum Dachgeschoss hin öffnete.

Zweifellos war diese kühle, große Halle dazu bestimmt, das Zentrum eines großen Herrenhauses zu sein, doch sie hatte nichts an Annehmlichkeit verloren, indem sie stattdessen der größte Raum im Haus geworden war, der reichlich Tageslicht erhielt und groß genug für ein Fest oder einen öffentlichen Gottesdienst war, und eine solche war ihre häufige Nutzung.

Von einem tyrannischen, exzentrischen Mann zu Beginn des Jahrhunderts erbaut, war es durch mehrere Familien gegangen, bis ein Quäker namens Cowgill, der später Methodist wurde, der keine Sklaven hielt und freundlich zu schwarzen Menschen war, es zu seinem Eigentum machte und eine Gerberei und eine Mühle in Sichtweite davon beaufsichtigte.

Er war oft wochenlang abwesend, besonders in der galligen Herbstzeit, und erlaubte seinen Dienstboten, ihre Freunde und die allgemeine Rasse zu ungeraden Zeiten in der großen Halle zu solchen rationalen Vergnügungen zu versammeln, die sie auswählen mochten.

In Wahrheit wünschte der Besitzer des Hauses, dass es einen fröhlicheren Ruf bekäme; denn die Neger hielten es insbesondere für verhext.

Der erste Besitzer, so hieß es, hatte sich in dem großen Hallenraum damit vergnügt, seine eigenen Kinder auf die Zehenspitzen zu stellen und ihre Füße mit einer Peitsche zu schlagen, wenn sie vor Schmerz oder Ermüdung auf ihre Sohlen sanken; und sein eigener Sohn schoss schließlich durch die große Nordtür mit einem Gewehr oder einer Pistole auf ihn, was die Marke bis heute hinterließ, die durch eine kleine Platte im ursprünglichen Kiefernholz zu sehen war. Der dritte Besitzer, ein Anwalt, bewirtete hier oft reisende Geistliche; und bei einer Gelegenheit traf der exzentrische Reverend Lorenzo Dow auf der Treppe einen Fremden und verbeugte sich vor ihm und erschreckte danach die Familie des Gastgebers, indem er es erzählte, da sie nichts von einem Fremden im Haus wussten. Das Zimmer über der großen Tür galt immer als der Spukort eigenartiger Menschen, die niemand Lebenden belästigten, aber dort bei irgendeiner stillen Beschäftigung erschienen und verschwanden, wenn man sie bedrängte.

Diese Haupttür selbst hatte einen kirchenartigen Charakter und war verkleidet oder zur Hälfte gebaut, so dass der obere Teil wie ein Fenster geöffnet werden konnte, und doch war das Schloss an diesem oberen Teil anderthalb Fuß lang und der Schlüssel wog ein Pfund.

Diese gewichtige Tür in aufwendiger Tischlerarbeit öffnete sich auf eine Treppe und einen Blumengarten, der von Ulmen, Tannen und Paulownia-Bäumen umgeben war, wobei letztere einen Bohnengeruch und eine Bohnennatur hatten. Ein unterer Teil des Wohnhauses für die Bediensteten, in zwei Stockwerken, erstreckte sich bis zu den Feldern und hatte eine verandaüberdachte Rückseite.

Van Dorn rief einem Neger zu:

„Buck Ransom!“

„Höflichst, Captain“, antwortete die einschmeichelnde Stimme des Negers.

„Geh zur Vordertür und klopfe. Wenn du eintrittst, sieh zu, dass sie frei ist, aufzuschwingen. Dann, wenn du die Halle entlanggehst, wirf die Fenster auf.“

„Höflichst, Captain“, verbeugte sich der Neger und ging.

„Owen Daw!“

„Euer Ehren!“

„Klettere leise in den großen Tulpenbaum und nimm diese Muskete, die ich dir reichen werde. Ziele damit auf das Treppenhausfenster und feuere nur, wenn du dort Widerstand siehst.“

Der Junge stieg mit all seinen bösartigen Instinkten voller Kampfeslust in den Baum.

„Melson!“

„Ay yi!“

„Milman!“

„Ah! Junge.“

„Stellt euch unter die zwei großen Fenster in der Halle und dient als Aufsteighilfen für Sordens Gruppe. Ich werde die Haupttür stürmen. Wenn wir dort eindringen, Sorden, befehle deinen Männern, direkt über Melson und Milman in die Fenster zu springen, die Ransom geöffnet hat.“

„Ich liebe ihn“, murmelte Sorden bewundernd, „wie ich noch nie einen Mann geliebt habe“, und sammelte seine Gruppe.

„Whitecar, du und dein Bruder haltet die Hintertür mit euren Stäben. Falls sie aufgebrochen wird, Miles Tindel –“

„Pack sie dir, Käpt'n Van!“

„Wird sein Cayennepfefferpulver in die Augen derer werfen, die herauskommen.“

„Oh, pack sie dir, Käpt'n Van!“

„Derrick Molleston!“

„Sieh mich, o sieh mich!“, murmelte der kräftige Neger.

„Nimm Herron und Vincent und zwei weitere und bewache die Küche und die Vorderseite des Hauptwohnhauses. Schlag jedes Geschöpf steif, außer – ayme! ay! – die jungen Fräulein, deren Angst sie bald zu Boden stürzen lassen wird.“

„Sieh mich, sieh mich!“, sagte der Neger heiser.

„Wenn wir die Tür betreten, werde ich rufen: ‚Patty Cannon ist gekommen!‘ Dann springt in die Fenster und schlagt den Widerstand nieder. Relampaguea! Ransom ist langsam.“

Der Türklopfer an der großen Tür erklang, und sie sprang auf und schlug schnell wieder zu, und ein ersticktes, seltsames Geräusch folgte, wie von einem Handgemenge.

Van Dorn, behend wie ein Panther, sprang auf Milmans Rücken und sah in ein Fenster im Giebel, wobei er sein Gesicht abwandte, um in der Nacht nicht gesehen zu werden.

Das helle Innere war voller Menschen, die zurückgelehnt gegen die Wandverkleidung saßen, als ob sie einer Predigt lauschten, während sich mitten durch die stattliche Halle ein Tisch erstreckte, der von Walöl-Lampen und vielen kleinen Kerzen beleuchtet und mit den Resten eines Festmahls gefüllt war. Die Treppe in der Ecke konnte Van Dorn nicht sehen, und dorthin war das dunkle Publikum gerichtet, als ob es zum Prediger blickte. Es schien etwas Ungewöhnliches in der Art der Aufmerksamkeit zu liegen, die die Insassen aufbrachten, aber Van Dorns Augen waren von dem Anblick mehrerer herabhängender und doch fast aufgeschreckter, taubenäugiger Quadroonen-Mädchen gefesselt, und er bemerkte nur, dass der Spion Ransom nicht zu sehen war.

„Sorden“, sagte Van Dorn und glitt herunter, „kann Ransom uns verraten haben? Chis! Sie sehen alle aus, als ob ein Todesurteil verlesen würde.“

„Beim Kuckuck! Nein, Captain. Sind sie alle da?“

„Alle“, sagte Van Dorn; „ich sehe dreißigtausend Dollar Fleisch in Sicht.“

„Und Nigger werden sowieso nicht kämpfen“, sprach Whitecar. „Lass uns sie fast zu Tode prügeln.“

„Komm schon dann“, sagte Van Dorn leise; „wenn die Fenster nicht geöffnet sind, schlag sie ein.“

Er drehte mit purer Kraft eine Planke aus der Umzäunung in der Nähe des Hauses und führte den Weg zur großen Vordertür. Ein Dutzend verzweifelter Hände ergriff die schwere Planke und rannte damit los. Die Tür flog auf, aber in diesem Moment erlosch jedes Licht im Cowgill House.

„Da sind Geister drin“, war die heisere Stimme von Derrick Molleston zu hören, und das Negerelement hielt an und schreckte zurück.

„Tindel, deine Fackel!“, rief Van Dorn aus, und nach einer kurzen Verzögerung – das alte Haus und der schattige Hof währenddessen durch einen Blitz erleuchtet und Geräusche von Donner am Himmel rollend – wurde ein brennender Kiefernzapfen, ganz vorbereitet, beschafft, und Van Dorn, der ihn in der linken Hand hielt und nichts als seine grobe Peitsche in der rechten, sprang durch die Tür und schrie:

„Patty Cannon ist gekommen!“

Bei diesem gefürchteten Namen gab es ein paar unterdrückte Schreie, und die großen Fenster an der Giebelseite fielen mit einem Krachen nach innen, als die Entführer hineinströmten.

Van Dorns schnelles Auge erfasste die Situation, als er seine Fackel schwenkte, und sie beleuchtete Decke und Pilaster, die fest verschlossenen Türen auf der linken Seite und den großen Treppenschacht dahinter, der mit schwarzen Gestalten in Verteidigungshaltung gefüllt war.

„Patty Cannon ist gekommen!“, schrie er erneut; „folgt mir!“

Ein einziger Augenblick brachte ihn an den Fuß der Treppe, und der Blitz, der in die klaffenden Fenster und die gefallene Tür zuckte, enthüllte ihn seinen Anhängern, mit seinem gelben Haar wehend und seinem langen, seidigen Schnurrbart wie goldenes Feuer.

Ein gewaltiger Schrei erhob sich von der ermutigten Bande, als sie sich hinter ihm formierte, mit Knüppeln und Schlagringen, Billies und Schleudern und allem, was arbeitsunfähig machen, aber nicht töten würde.

Van Dorn, weit voraus, führte drei mörderische Hiebe mit seiner Peitsche über die menschlichen Objekte darüber aus, und mit einem Wurf dieser gefürchteten Waffe schlug er sie zusammen und stürmte weiter.

In diesem Moment erfüllten laute Explosionen und Rauch und Schreie den hallenden Ort, als eine Salve von Feuerwaffen vom Treppenabsatz losbrach, die Reihe der Fenster fegte und die Halle bestrich. Die Bande auf dem Boden unten hielt an, und einige lagen am Boden, stöhnten und fluchten.

„Sie sind bewaffnet; es ist Verrat“, rief eine Stimme in Panik, und die feigen Angreifer rannten zu Zufluchtsorten, einige krochen aus dem Portal, einige ließen sich aus den Fenstern fallen, und andere drängten sich hinter die Treppe, außer Reichweite des Feuers, und versuchten verzweifelt, die Riegel der kleineren Tür dort zurückzuziehen.

„Patty Cannon ist gekommen!“, wiederholte Van Dorn und stürzte sich in die Menge der Verteidiger, die vor seiner Tapferkeit erschraken und begannen, sich um die Winkel der Treppe nach oben zurückzuziehen.

Ein Mann jedoch wich nicht zurück, noch schlug er zu, sondern umschloss Van Dorns Körper mit einem Paar langer und kräftiger Arme und hob ihn mit purer Kraft vom Absatz, wobei er sagte:

„Hohe Unternehmungen, Freund! Ich mache mir Sorgen um dich.“

Van Dorn spürte bei diesem Griff, dass er überwältigt war. Er versuchte, nach seinem Messer zu greifen, aber seine Arme waren von denen des unbekannten Fremden umschlossen, der ihn, nachdem er ihn von hinten gepackt hatte, durch das quadratische Fenster auf dem Absatz in den grasbewachsenen Hof darunter zu stoßen versuchte, wo der Regen fiel und der Blitz ein brillantes Spiel zwischen den Kräutern und Farnen trieb.

Als der Entführer sich darauf vorbereitete zu fallen, mit all seinen entspannten Gelenken und Muskeln, zielte der Junge, Owen Daw, der blutdürstig auf dem Ast des alten Tulpenbaums lag, gemäß Van Dorns Anweisungen mit seiner Muskete auf die dort kämpfenden Gestalten und drückte gierig ab.

Die Arme des Quäkers, als sie Van Dorn umschlossen, zeigten an der Manschette seines Mantels einen großen Stahl- oder Metallknopf, und die Kugel aus dem Baum prallte daran ab und drang in Van Dorns Kehle ein.

„Ayme Guay!“, murmelte Van Dorn und wurde aus dem Fenster auf die Erde geworfen, ganz schlaff und zusammengekauert, bis John Sorden ihn forttrug und murmelte:

„Ich habe ihn geliebt, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe.“

Die verzweifelte Gruppe unter der Treppe brach schließlich die Hintertür dort auf und stürmte hinaus, nur um Hände voll Cayennepfefferpulver zu empfangen, die Miles Tindel warf, als er rief:

„Pack sie dir, Käpt'n Van!“

Sie schrien vor Qual und wälzten sich im nassen Gras, suchten jedoch, getrieben von Ängsten, die stärker waren als der Schmerz, blindlings nach der Straße und irgendeinem Weg, um die Stadt zu verlassen.

Der junge Owen O'Day, oder Daw, schlich den Baum hinunter, sah Van Dorn in Sordens Armen am Wagen und sagte verächtlich, während er sein Maultier bestieg und verschwand:

„Ich glaube, der bringt mir nie wieder Disziplin bei.“

Derrick Molleston, der den Verlust seines trabenden Pferdes bedauerte, trug ein Objekt zum Wagen, das er dabei ertappt hatte, wie es versuchte, von der Veranda an der Küchenseite zu entkommen, wenn auch mit einem Knebel im Mund und einem Bratspieß zwischen seinen Ellbogen und seinem Rücken.

„Siehst du mich, siehst du mich!“, sprach der entführende Neger heiser. „Er gehört mir und dem Teufel Jim Clark. Ich hab ihn mir geholt.“

„Warum, das ist ja Buck Ransom“, sagte Sorden.

„Und ich werd ihn auch verkaufen“, murmelte der Neger und ergriff die Zügel. „Du siehst mich jetzt! Vielleicht hat er uns betrogen. Wie dem auch sei, er ist gefasst.“

Der alte Wagen setzte sich im Laufschritt durch den peitschenden Regen in Bewegung, das schwarze Opfer lag hilflos auf dem Rücken, und Van Dorn blutete in Sordens Armen, der fortfuhr zu stöhnen:

„Ich habe ihn geliebt, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe!“

Van Dorn machte mehrere Versuche zu sprechen, hustete oft schmerzvoll und artikulierte schließlich, als sie ein Wegtor erreichten:

„Das vom Chancellor?“

„Ja, das ist es“, sagte Derrick Molleston. „Siehst du mich, Käpt'n Van. Ich bin ganz hier.“

Als sie einen schattigen Weg hinaufkamen, begann ein Feuer von irgendwoher trotz des lauten Sturms eine gewisse Beleuchtung zu erzeugen.

„Das ist Bill Greenley. Er hat das Gefängnis angezündet“, rief der Neger. „Sieh mich, o sieh mich!“

Die Feuersbrunst warf ein dunstiges rotes Licht auf ein abgelegenes Wohnhaus, dem sie sich nun näherten, auf einem mit Lauben bewachsenen Rasen, und Sorden sah eine Frau von strengem Aussehen, die aus einem Fenster auf das Feuer blickte.

„Was bedeutet dieser Hausfriedensbruch so spät in der Nacht?“, rief sie. „Seid ihr Räuber? Mein betagter Ehemann schläft.“

„Gnädige Frau“, antwortete Sorden, „hier ist der Ehemann von Mrs. Patty Cannon. Sie war die Schwiegermutter Ihres Bruders. Ich liebe diesen Mann, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe. Er ist verwundet, und wir wollen ihn aufnehmen lassen, bis er einen Arzt haben kann.“

„Bringen Sie ihn dann ins Gefängnis, wenn das dort drüben nicht gerade brennt“, rief die Frau verächtlich. „Soll ich das Heim des Chancellor von Delaware in ein Krankenhaus für Patty Cannons Männer verwandeln, als Belohnung dafür, dass sie meinen Bruder an den Galgen schickte?“

Sie schloss das Fenster und den Laden und ließ sie allein im Sturm zurück.

„Fahr, Derrick, schnell zu deinem Unterschlupf bei Cooper's Corners“, sagte Sorden.

Als sie den Weg verließen, hüllte ein Blitz, so nah, so weiß, dass sie sich mitten im Volumen und Krater desselben zu befinden schienen, den Wagen ein. Ein Pferd sank auf seine Hinterbeine nieder, und das andere bäumte sich auf und riss sich aus seinem Geschirr, während der Wagen umkippte.

Der Neger hob seinen hilflosen afrikanischen Leidensgenossen auf und lud ihn sich auf den Rücken, wobei er in einer Mischung aus Habgier und Entsetzen aufbrach und sagte:

„Derrick geht nach Hause, ganz gewiss. Sieh mich, sieh mich!“

Van Dorn legte seinen Finger an seine Kehle, wo das Blut die ganze Zeit herabtröpfelte, und brachte mit einem sanften Husten die Laute hervor:

„Lass mich – unter einem Busch – sterben.“

„Nein“, schrie Sorden und hob auch Van Dorn auf seinen Rücken; „ich liebe ihn, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe.“

Das Feuer des brennenden Gefängnisses beleuchtete ihre Rückkehr in die Außenbezirke von Dover und zum Galgenhügel, wo der Richtplatz stand, vom Blitz gespalten vom Querbalken bis zur Falltür. Als sie gegenüber innehielten, um zu rasten, kam ein Pferd mit Reiter stolpernd vorbei, und Molleston ließ seine Last fallen und rief:

„Bill Greenley, das ist unser Pferd. Wir wollen es haben.“

„Seins ist das Pferd, das auf ihm ist“, schrie der entkommene Pferdedieb, blickte verächtlich zu seinem eigenen Galgen hinauf, während er sein blindes Tier im Regen vorwärts peitschte.

„Kopf hoch, Käpt'n Van“, sagte John Sorden, durchnässt vom Regen; „es ist nicht mehr weit bis Cooper's Corners.“

KAPITEL XXXVI.

ZWEI WHIGS.

„Goy! Sieh dir die Bäume an, Freund Custis“, sagte John M. Clayton, als er vor seinem Büro stand, während die aufgehende Sonne unschuldig die Baumwipfel auf dem öffentlichen Platz von Dover traf.

Richter Custis, der an einem oberen Fenster saß, beobachtete, dass viele edle Ulmen und Akazien vom Blitz gespalten oder vom Wind und den windgetriebenen Regenfluten zerfetzt worden waren.

„Was für eine Nacht!“, rief Custis; „das Gefängnis brannte, der Blitz war erschreckend, und ich glaubte, auch Schusswaffen gehört zu haben.“

Richter Custis hörte Clayton sagen, als er das Zimmer betrat:

„Also hat der alte Derrick Molleston, Tante Braner, dich nach meinem Abendessen gefragt, nicht wahr? Und Bill Greenley ist es, der das Gefängnis niedergebrannt hat? Goy! Und die schwarzen Leute haben die Entführer im Cowgill House verhauen?“

„Dat haben sie, preis den Herrn!“, stieß Tante Braner inbrünstig hervor.

Clayton wandte sich an einen jungen Mann am Tisch, der nun in einem guten, sauberen Anzug gekleidet war, und sagte, als die alte Köchin das Zimmer verließ:

„Nun, Freund Dennis, erzähle deine Geschichte. Goy!“

Der Junge, den der Richter erschrocken wiedererkannte, begann sofort:

„Jedge Custis, der Entführer-Mann, den Sie in der Küche gelassen haben, hat Tante Hominy und Ihre kleinen Neger gestohlen. Sie waren gestern Abend an Johnson's Cross-roads. Vielleicht sind sie jetzt schon weg. Mein Boot wurde gemietet, um sie wegzubringen, und ich musste mitkommen, aber ich bin von der Bande weggelaufen und habe gestern Abend Herrn Clayton hier gewarnt.“

Bevor der Richter antworten konnte, rief Clayton:

„Nun, Bruder Custis, gestattet mir jetzt! Lasst meinen edlen alten Wähler und Whig-Kollegen, Jonathan Hunn, fortfahren!“

„Freund“, sprach ein drahtiger, magerer, gesund aussehender Mann, „dieser junge Mann überraschte mich letzte Nacht mit der Nachricht, dass deine Freunde aus Maryland auf die Hauptstadt von Delaware selbst zumarschierten, um Menschen zu stehlen. Ich war zu jener späten Stunde aus einem anderen christlichen Zweck auf der Straße, und der Herr belohnte mich mit diesem guten: Ich brachte Freund Dennis zu John Claytons Hintertür, und er lieh uns all seine Schusswaffen. Bei dem kleinen Backsteingeschäft von William Parke, gleich hinter dem Cowgill House – wo, wie man mir sagt, er entgegen dem Gesetz geistige Getränke an Neger verkauft und daher unter ihnen den Namen ‚Kind Parke‘ trägt –, fand ich mehrere unserer freien Neger aus Delaware, ich fürchte, in keiner guten Absicht. Also bemerkte ich: ‚Wenn William Parke dir entgegen dem Gesetz Branntwein aus einer Eierschale verkauft, als wüsste er nicht, was darin ist, werde ich ihn bezahlen, die niederträchtige Verlockung schnell zu wiederholen, denn ihr, die ihr von der Welt seid, müsst diese Nacht kämpfen.‘“

„Goy!“, sagte Clayton, der sich erwärmte; „Quäker stacheln andere Leute an, nicht wahr? Goy!“

„Weitere Schusswaffen wurden dort beschafft, und wir verbarrikadierten das Cowgill House, um es gleichzeitig zum Lockvogel und zum Hornissennest zu machen. Ich verachte den Krieg und die Kriegsleute so sehr, dass ich ihre Feldzüge ein wenig studiert habe, und ich schlug vor, Freund Clayton, dass die Treppe eine gute taktische Verteidigungsposition sei – ist das der eitle Begriff? –, um eine Salve aus der Haupttür abzugeben und ein Flankenfeuer auf jede Tür und jedes Fenster an den Seiten von Cowgills Halle. Sie beherrschte auch den Hinterhof durch ein Fenster am Treppenabsatz. Eine Tür unter der Treppe wurde verbarrikadiert. Es gab ein Fest, das an jenem Abend mit Erlaubnis des abwesenden Freundes Cowgill von diesen farbigen Leuten aus Dover gegeben wurde. Ich würde mich nicht wundern, wenn es von diesen Schurken an deiner Staatsgrenze geplant oder entdeckt wurde, Freund Custis. Ich sagte den bewaffneten Männern, sie sollten ihre Dirnen alle unten im Festsaal lassen, bis der Angriff begann, und sie dann die Treppe hinauf entkommen lassen und diese Treppe wie sündige Männer verteidigen. Aber zuerst klopfte ein Negerspion an die Tür, und eine Schlinge wurde um seinen Hals geworfen, und zwei der schwarzen Jungen knebelten ihn. Dann erfolgte der Angriff, und auf meinen Befehl hin wurden alle Lichter gelöscht.“

„Oh, Jedge“, unterbrach Levin Dennis, „es war kurz und schrecklich! Käpt'n Van Dorn war am Fuß der Treppe angelangt, als die Neger auf halbem Weg nach oben über seinen Kopf hinweg feuerten und fast alles niederschossen. Der Quäker da hatte dann den Käpt'n gefesselt und ihn, verwundet, aus dem hohen Fenster geworfen. Ich bedauere Van Dorn, aber er sagt selbst, dass er in einem üblen Geschäft steckt. Ich hoffe, er ist nicht tot.“

„Wer ist dieser Van Dorn?“, fragte Richter Custis. „Ich habe von so einem Draufgänger gehört, aber er hat Princess Anne nie belästigt.“

„Ich rannte und versteckte mich in den tiefen Dachrinnen des Dachbodens“, fuhr Levin fort, „die wie Schränke gebaut sind, und die Wespen dort, die hereinkamen, um an den Blüten der Weinreben zu saugen, die von außen durch die Dachrinne gewachsen waren, flogen im Dunkeln zwischen den gelben Mädchen umher, die sich versteckten und beteten, und sie spürten nie, wie die Wespen sie stachen, weil sie nur an diese Entführer dachten. Ich glaube, meine Herren, die Entführer werden nie wieder nach Dover kommen.“

„Zwei Dinge überraschen mich“, sagte Clayton; „dass Joe Johnson es wagen würde, Dover selbst zu überfallen, nachdem ich ihn verhauen habe; und dass freie Schwarze eine solche Verteidigung leisten konnten.“

„Ah! John Clayton“, sprach Jonathan Hunn, „da war ein weißer Zeuge, der bestätigte, dass sie nur ihr Leben verteidigten.“

„Es war Käpt'n Van Dorn, der Dover überfiel“, sprach Levin; „Joe Johnson ist ein Feigling.“

„Richter Custis“, sagte Mr. Clayton, „Sie und ich können zumindest diese Halbinsel vor den sektiererischen Aufregungen bewahren, die da kommen. Sie müssen Patty Cannon und ihren Haushalt an Delaware ausliefern. Sie lebt jetzt auf Ihrer Seite der Grenze. Kommen Sie mit mir ins Büro des Gouverneurs, und ich werde einen Auslieferungsantrag für sie wegen der Ereignisse von letzter Nacht erwirken. Der junge Dennis hier kennt die Bande; Freund Hunn hat den Angriff gesehen.“

Das Gesicht von Richter Custis wurde plötzlich unruhig.

„Clayton“, sagte er, „ich möchte in dieser Angelegenheit lieber nicht in Erscheinung treten. Sie müssen mich wirklich entschuldigen.“

„Was!“, sagte Clayton; „zögern Sie, so eine Kleinigkeit zu tun, nach den freien Meinungen, die Sie geäußert haben?“

Es entstand eine lange, unangenehme Pause. Der Quäker stand auf, sah Richter Custis fest an und sagte:

„Niemand außer dem allmächtigen Gott kennt die Geheimnisse des Verstandes eines Sklavenhalters. Kein Sohn Adams ist geeignet, absolut über irgendein menschliches Geschöpf zu herrschen.“

„Amen!“, sagte Richter Custis sanftmütig.

* * * * *

Die Nachrichten aus Princess Anne bestätigten den Verlust von Vesta Custis' Sklaven. Richter Custis wurde aufgefordert, nach Hause zu kommen und Schritte für ihre Wiederbeschaffung einzuleiten, aber er war seltsam teilnahmslos. Am Tag nach dem Überfall verschwand Levin Dennis, wobei Clayton nur sagte:

„Wer hätte gedacht, dass dieser sanftäugige Junge schon von diesen Entführern fasziniert war? Er hat sein Pferd genommen und ist zu Patty Cannons zurückgekehrt.“

Die Klage gegen die Kanalgesellschaft erforderte eine Menge Nachforschungen, da Gesetzbücher damals rar waren und Präzedenzfälle für Vertragsbrüche gegen Körperschaften nicht zahlreich waren; diese Form des juristischen Lebens war für die damalige Zeit vergleichsweise modern, wie das Morgengrauen des Zeitalters der Blumen, oder bevor Megatherien über den Bäumen grasten oder Iguanodons in den Kanälen schwammen. Clayton und Custis gingen und aßen und legten sich zusammen schlafen, verglichen Wissen und Vorschläge, und der streitsüchtige Geist von John Randel, Junior, war für beide ziemlich irritierend, sodass die beiden Anwälte, in der Zwischenzeit mit Geld durch Meshach Milburns Wechsel versorgt, beschlossen, den Kanal zu besuchen, der etwa dreißig Meilen entfernt war, um seiner Gesellschaft in Dover zu entgehen.

Die drei Männer starteten nach dem Frühstück gemeinsam in einer Kutsche an einem milden, aber frostigen Morgen, wie er dieser Region oft einen winterlichen Glanz und eine Milde wie das Klima Floridas verleiht. Sie überquerten mehrere Gezeitenbäche, wie den Duck und den Little Duck, den Blackbird und den Apoquinimink, und als sie weiterfuhren, wurden die Scheunen größer, die Hecken geschmackvoller und gestutzt wie jene in den Französischen Niederlanden, die blattlosen Pfirsichplantagen erstreckten sich wie die Teepflanzen in China. Zwei oder drei kleine Städte säumten den Weg, die Wälder wichen ganz kleineren Farmen, und an einer steilen Senke namens Fiddler's Bridge bogen sie über die Felder zu einem alten, vierkaminigen Herrenhaus mit Galerien ab, am Ende eines langen Weges und nahe einem großen, stehenden Teich, wo John Randel, Junior, wie er sich bei jeder Gelegenheit in vollem Namen nannte, ein feines Abendessen aufgetischt hatte.

Nach dem Abendessen stachen sie in einem Ruder- und Segelboot in den Strom, zum Entsetzen von Mr. Clayton, und fuhren durch Morgen von Teichrosen, zahllosen Bisamratten und Wasserschildkröten und vielen Wildvögeln zum Chesapeake and Delaware Canal, der sich mehrere Meilen durch einen mächtigen Teich oder Speisekanal erstreckte, wie ein Graben innerhalb eines Bayou.

Der Negerruderer band ihr Boot hinter ein vorbeifahrendes Schiff, das sie zu den Schleusen am Delaware River schleppte, an einen Punkt gegenüber einer weidengesäumten Insel, und wo ein Embryo einer „Stadt“ in den Sümpfen begonnen worden war, und dort warteten sie auf das Paketboot aus Philadelphia. Mr. Randel nahm seinen Neger, eine Person mit traurigem, aber ausdruckslosem Gesicht, um eine Art Klavier oder Modell zu sein, auf dem er seine heftigen Gesten spielen konnte.

„Clayton“, sagte er am Abenddämmerung am steinernen Schleusentor, „ich hätte Anwalt werden sollen. Nicht, dass ich nicht der größte theoretische Ingenieur des Landes wäre, aber mein juristisches Genie funkt dazwischen, und ich verklage die Schurken, die mich beschäftigen.“

Hier gab er dem melancholischen Neger einen heftigen Stoß, der es so stoisch hinnahm wie eine Flasche Medizin, die vom Arzt geschüttelt wird.

„Ja, Sie haben Richter Ben Wright verklagt, und er hat die Klage abgewiesen.“

„Ich sage Ihnen ein neues Axiom, Clayton“, rief der eifrige Ingenieur, setzte den Neger auf seine Fersen und setzte sich auf ihn; „wer ein Genie beschäftigt, muss ein Schurke sein. In der Natur ihrer Beziehungen ist es so. Er lenkt das Genie von seinem vollen Ausdruck ab, absorbiert die Tugend daraus und ist ein Betrüger.“

Hier trat er den Neger unter sich, der kaum protestierte.

„Nun denn“, sprach Richter Custis, „da Clayton ein Mann von Genie ist und Sie ihn beschäftigen –“

„Bin ich natürlich ein Schurke“, rief Randel. „Sein Sinn für Recht und Gesetz muss meinen Ideen weichen. Nun sehen Sie sich diesen Kanal an! Hätte ich nicht der seelenlosen Körperschaft, die mich beschäftigte, nachgeben müssen, hätte ich ihn so tief gegraben, dass die Gezeiten der beiden Buchten ihn gefüllt hätten, anstatt die Bäche als Speisekanäle aufzustauen und Wasser mit Dampfpumpen hineinzupumpen. Dann könnten die Kriegsschiffe des Landes hindurchfahren, und der Kanal würde bei jeder Flut gesäubert werden.“

Er stand auf und stellte seinen Fuß auf den Neger, sehr zum Amüsement der Jungen, die sich um sie herum versammelten.

„John Fitch, der Ingenieur“, sagte John M. Clayton, „hinterließ ein kurioses Testament; es beginnt: ‚William Rowan, meinem treuen Freund, vermache ich meinen Biberhut.‘“

Richter Custis' Gesichtsausdruck fiel ab, als er an einen anderen Hut dachte, der in seine Familie gelangt war.

Der Lastkahn, auf dem sie einschifften, hatte zahlreiche Passagiere und kam bald zu einer kleinen Schleusenstadt und Drehbrücke, und ein paar Meilen weiter begann ein ernsthaftes Stück Arbeit: Sie verließen das Bett eines Baches, dessen sich der Kanal zuvor bedient hatte, und schnitten durch den niedrigen Bergrücken der Halbinsel, der Richter Custis fast gebirgig erschien. Er besaß jenen patriotischen Wohlstand, der knapp vor der Einbildungskraft endete und sich an öffentlichen Werken erfreute, und dieser kleine Kanal, nur vierzehn Meilen lang, war, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen, das einzige vollendete Werk in der Union, Landstraßen und Brücken ausgenommen. Erbaut von der nationalen Regierung, von drei der Bundesstaaten, die er verband, und durch private Zeichnung, hatte er zweieinviertel Millionen Dollar an Kosten verursacht – keine leichte Last, wenn die Bevölkerung laut der vorangegangenen Volkszählung weniger als acht Millionen Weiße im ganzen Land betrug.

Die familiären Sorgen von Richter Custis schwanden aus seinem Geist, als er zu dem tiefen Einschnitt hinaufsah, fast siebzig Fuß hohe Ufer, mit gelbem und grünem Sand und Eisenspuren und Mergelschichten, von denen einige in den Aushub zurückgefallen waren und die Schifffahrt erneut bedrohten; und als er sah, wie eine Brücke namens Buck mit einer Spannweite, die damals geradezu erhaben erschien, den Abgrund neunzig Fuß über ihm überspannte, berührte er Clayton und sagte:

„Vergessen Sie meine Fehler! Gott sei Dank, ich bin ein Whig.“

„Goy! Es gibt nichts Besseres“, sagte Clayton.

Nicht weit von diesem Punkt passierte der Kanal eine alte Kirche und einen Friedhof an einer Brücke, wo, wie Mr. Clayton sagte, sein Namensvetter, der revolutionäre Gouverneur von Delaware, begraben lag. Hier nahm sie Randels einfaches Gefährt auf, und im Mondlicht fuhren sie ein paar Meilen zu Mr. Randels Anwesen, nahe den Ufern eines Flusses, unter einem langen Tafelberg aus kargem Ton und Eisenspuren am anderen Ufer.

„Hier“, sagte Randel, „ist mein zukünftiges Anwesen Randalia. Hier werde ich den gesamten Handel des Kanals vorbeiziehen sehen und jedes Schiff pfänden, das meine Zölle an die Kanalgesellschaft zahlt.“

„Randel“, fragte Mr. Clayton, „was waren das für Pfähle, die ich vor einer Weile gesehen habe, die von Norden nach Süden über die Felder verliefen?“

„Eine Eisenbahnvermessung.“

„Wer führt sie durch?“

„Man sagt Meshach Milburn aus Princess Anne.“

„Goy!“, rief Clayton, „den werde ich schlagen.“

* * * * *

Zwei oder drei Tage lang fuhren die drei Männer, die immer noch die Kanalklage studierten, durch ein malerisches Land und besuchten das alte Herrenhaus der Labadisten und ihren böhmischen Gönner Augustine Herman, das Gehöft des verstorbenen Verhandlungsministers Bayard und die alten baptistischen Kirchen der Waliser in den Hügeln von Elk und Christiana, wo einige von Cromwells Kriegern ruhten. Es war das bevorzugte Land von Whitefield, und in der Nachbarschaft befand sich ein Eisenofen, den Richter Custis mit melancholischem Interesse untersuchte, als eine der Investitionen von General Washingtons Vater vor mehr als hundert Jahren, als die Indianer das Eisen herstellten. Sie fuhren auch zum Turkey Point, wo die britische Armee zur Eroberung von Philadelphia ausgeschifft wurde und Knyphausens Division die Geschichte von Delaware auslöschte, indem sie ihre Aufzeichnungen von Newcastle wegtrug. Als sie von einer dieser angenehmen Reisen zurückkehrten, verbrannten zwei Nachrichten von verschiedenen Orten die Augäpfel von Richter Custis:

„Ihre Frau ist in Cambridge gestorben.“ „Ihre Tochter ist in Wilmington sehr krank.“

„Nach Wilmington!“, schrie Richter Custis und taumelte auf. „Oh, meine Tochter! Ich habe sie getötet.“

KAPITEL XXXVII.

GEISTER DER VERGANGENHEIT.

„Was sagen sie, William, darüber, dass Jack Wonnell erschossen aufgefunden wurde?“

„Es wird allgemein gesagt, dass er von den Negern wegen Galanterien gegenüber ihrer Farbe getötet wurde. Manche sprechen davon, die kleine Roxy Custis zu verhaften.“

„Was sagst du, William Tilghman?“

„Ich kann nichts sagen. In der Nacht, als ich Virgie nach Snow Hill fuhr, überfuhr ich den Körper des armen Wonnell. Ein fremder Neger wurde hier gesehen – ein Feind deines Dieners Samson. Die neue Köchin in Teackle Hall glaubt, dass er den Schuss abgefeuert hat.“

Der junge Pfarrer spürte den forschenden Blick dieser harzigen Waldläuferaugen, die ihn durchbohrten.

„Dieser Schuss war für mich bestimmt, William Tilghman.“

„Vielleicht.“

„Es war der Schuss eines angeheuerten Mörders, der Wonnells ungewöhnliche Hüte mit meinen verwechselte, die ihm nicht gut beschrieben wurden, oder deren Beschreibung sein betrunkenes und aufgeregtes Gedächtnis nicht behielt.“

„Mr. Milburn, bitte bewahren Sie Vesta vor diesem Verdacht.“

„Oh! diese reine Seele konnte es nicht wissen“, fuhr Milburn mit einem Moment der Sanftheit fort; „aber einige ihrer stolzen Verwandten, denen ich weniger als ein Hundertstel eines Hundes wert bin, haben den Attentäter geschickt. Ich glaube, ich errate den Mann.“

„Stürzen Sie sich nicht auf eine Schlussfolgerung! Denken Sie daran, Vesta hat so sehr unter den Fehlern anderer gelitten.“

„Er wurde in diesem Zimmer getötet, in das Wonnell vorher nie gekommen ist. Die Wunde zeigt, dass der Schuss von einem tiefer gelegenen Punkt kam, von wo aus man nichts als Wonnells Hut und nicht seine Gesichtszüge sehen konnte. Die Verwechslung von Glockenhut mit Kirchturmspitze zeigt, dass es das Werk eines Fremden war: der arme Narr starb für mich. Nun, woher kam der Stümper, der mich stellvertretend getötet hat?“

„Ich will offen zu Ihnen sein, Sir. Joe Johnson, der Entführer, war auch hier: Mary sagt das. Um Virgie vor ihm zu retten, habe ich ihr zur Flucht verholfen.“

„Nun“, sagte Milburn, „welcher Feind von mir hat den Entführer beauftragt, einen Mörder zu beschaffen?“

Er wartete einen Moment ohne Antwort und beantwortete seine eigene Frage mit leiser Stimme:

„Der Mann ist bei Johnson's Cross Roads: Briefe aus Cambridge sagen es mir. Es war der Bruder der verstorbenen Mrs. Custis, Allan McLane.“

„Wieder bitte ich Sie, an Vesta und ihre vielen Opfer zu denken!“

„Das tue ich. Ich habe ihr versprochen, dass sie nie ein grausames Wort von mir hören wird. Aber ich werde meine Attentäter nicht verschonen. Ihnen gegenüber werde ich wie einer sein, den sie getötet haben und dessen Blut zur Rache dampft. Ich besitze den einzigen Haftbefehl, der sie aus Maryland vertreiben kann.“

Er legte eine Rolle Banknoten bedeutungsvoll auf den Tisch.

„Kein Reichtum wird vergeblich angehäuft“, sagte Meshach Milburn, während sich seine feinen Nasenflügel blähten und seine schöne Hand auf die Banknoten deutete. „Nun, Krieg auf Johnson's Cross Roads!“

Er durchquerte den alten Raum über dem Laden, öffnete die grüne Truhe, holte den Erbhut hervor und nahm ihn mit einem grimmigen Lächeln in die Hand.

„Hier ist etwas, das ich meiner Frau zuliebe beiseitelegen wollte“, sprach er. „Ihre Leute zwingen mich dazu, ihn zu tragen! Ich dachte, alle Bosheit gegen diesen armen Hut würde mit meinem gesellschaftlichen Triumph hier ein Ende haben. Aber ich bin kein Mann, der sich einschüchtern lässt. Mögen sie mich töten, doch es soll unter meiner angestammten Krempe geschehen.“

„Oh! Hör, wie dein Spottdrossel-Lied wieder erklingt: ‚Vesta – Meshach – Liebe!‘ Wo ist der Vogel?“

Meshach Milburn schüttelte den Kopf und setzte den Erbhut auf. „Tom hat mich verlassen“, sagte er, „als sie anfingen, Kugeln auf meinen Hut abzufeuern.“

* * * * *

Vestas weiblicher Instinkt hatte bereits die Erklärung für Wonnells Tod gefunden.

Vom ersten Augenblick an, als sie ihren Ehemann kannte, war sein verhängnisvoller Hut der Schatten auf ihrem Lebensweg gewesen. Seine Person war ihr nie zuwider gewesen, und etwas Anziehendes oder Milderndes an ihm hatte sie als Kind dazu geführt, seinem Hut eine Blume anzubieten, um ihn mit seinem Träger in Einklang zu bringen, der weniger Übles zu verdienen schien.

Eine vermeintliche Beleidigung seines Hutes hatte ihn mit ihrem Vater in Streit geraten lassen, ein Streit, der ihre Eroberung nach sich zog – nicht durch Werben, sondern durch einen Kriegspakt. Derselbe Hut hatte den Aberglauben befeuert, der ihre Küchenangestellten dazu brachte, ihr behagliches Zuhause zu verlassen, und war das unüberwindbare Hindernis für die Zustimmung ihrer Mutter zu ihrer Heirat gewesen. Er war die Ursache für die einzigen bitteren Worte gewesen, die jemals zwischen ihr und ihrem Vater gefallen waren. Schließlich war Blut vergossen worden, und sie wusste wohl, dass ihr Onkel aufgrund seines unversöhnlichen Wesens die Schurken auf ihn gehetzt hatte, und sie wusste ebenso gut, dass ihr Mann ihn durchschaut hatte.

Seine Intelligenz, die ihr sonst ein Grund zum Stolz gewesen wäre, wurde zu einem Gegenstand der Furcht, untrennbar verbunden mit seinem Hut.

Dann war der Verlust von Virgie für Vesta kaum weniger schwerwiegend als der ihrer eigenen Mutter.

Es war wahr, dass die hübsche und liebevolle Roxy nun ihre ganze Hingabe zu Füßen ihrer Herrin legte, doch es hatte etwas an Virgie gegeben, das Roxy niemals erreichen konnte – eine Würde und Selbstständigkeit, die der einer weißen Frau kaum nachstand. Vesta vergoss bittere Tränen bei der Nachricht von der Flucht dieser lieben Trösterin, und auf den Knien, während sie für die zarte junge Wanderin betete, spürte sie Gottes Überführung von den Sünden der Sklaverei. Ach! Tausende empfanden das Gleiche, die diese Überführung nicht zugeben wollten, und lieferten Entschuldigungen, die schließlich die empfindsamen Millionen, die sich nicht auf ein geringeres Opfer einigen konnten, aber bereit waren, Krieg zu führen, zu einer einzigen Nation zusammenschweißten.

Eine kleine Notiz aus Snow Hill teilte Vesta mit, dass ihre Zofe bereits abgereist war und erst wieder von freiem Boden schreiben würde.

So wurde der geschmähte Hut öfter getragen als je zuvor, und Vesta musste viel Demütigung deswegen ertragen. Ihr Mann begann nun aktiv mit der Organisation seiner Eisenbahn und besuchte die Städte der Halbinsel in Maryland, wobei er sie mitnahm und auf der Reise seine Kopfbedeckung nach Art von Jakob I. trug, die nun mit Trauerflor umwunden war.

In Cambridge, das sich wie ein englisches Venedig auf dem Wasser sonnte, wandte er die Kriegskunst auf eine gleichgültige öffentliche Stimmung an, und die Lokalpresse begann, die Vertreibung von Joe Johnson und die Auslieferung von Patty Cannon an den Staat Delaware zu fordern. In Easton, das wie eine Perlmuschel zwischen den Wassern auf seinen Mergelschätzen lag, strömten die Menschen herbei, um den kleinen Mann mit dem spitzen Hut und die schöne Dame an seiner Seite zu sehen; und Vesta empfand mehr Schmerz für ihren Mann als für sich selbst, da sie spürte, dass seine ausgefallene Kleidung seiner Eisenbahn schadete, denn das Geschäft, ebenso wie die Schönheit, scheut jede äußere Affektiertheit. In den alten aristokratischen Häusern am Wye River erntete der exzentrische Emporkömmling mehr finstere Blicke als Lächeln; und in Chestertown, woher die Peales stammten, die diesen Hut in ihr Museum brachten, verbrannten die Jungen Teerfässer auf dem Marktplatz und marschierten in Hüten aus braunen Zuckerhut-Verpackungen, wie Meshachs, vor dem Wohnhaus von Vestas Gastgeber.

Je größer der Widerstand, desto unbeugsamer wurde Milburn, ihn durch bloßes Dasein zu überwinden. Er schrieb an ihren Vater, er solle nach Annapolis gehen und sich für eine Eisenbahnkonzession und staatliche Beihilfen einsetzen, und begann mit den Erdarbeiten für seine Strecke in der Nähe seines alten Ladens in Princess Anne, wobei er die erste Schaufel Erde selbst warf, mit dem unvordenklichen Hut auf seinem Schädel. Diesmal gab es keine Jubelrufe, und er bedauerte es fast, da er zu spüren schien, dass Hohn keine tiefe Bosheit in sich trägt, während Schweigen Hass ist.

Vesta, die ihrem kleinsten Gelübde treu blieb und ihn im Geiste vollkommen lieben und gehorchen wollte, spürte, dass sein eigenes gutmütiges Wesen durch seine Sturheit in diesem einzigen Punkt eines veralteten Hutes wieder verdunkelt wurde.

In ihrem abendlichen Kreis in Teackle Hall wirkte er wie ein jüngerer und ritterlicherer Mensch, in einem modernen Anzug und Hausschuhen, die Vesta ihm geschenkt hatte. Seine zarte Hand schmückte den Ring, den sie ihr angesteckt hatte, und wenn er mit hohem Enthusiasmus und Verstand sprach und bereitstand, diese mit Mut und Geld zu unterstützen, dachte Vesta, ihrem Mann fehle nur eines, um ihn dem Ebenbürtigen seines vermeintlichen Verwandten, des demokratischen Märtyrers aus dem siebzehnten Jahrhundert, gleichzustellen, und das war eine andere Kopfbedeckung. Sie fürchtete fast, das Thema anzusprechen, da sie wusste, dass eine alte Wunde stets am empfindlichsten ist, und da sie zu direkt und aufrichtig war, um zu insinuieren oder irgendwelche Künste bei ihm anzuwenden.

Sie stickte eines Tages gerade eine Abendkappe aus Samt für ihn, als Mrs. Tilghman eine Hutschachtel schickte, in der sich ein feiner neuer Hut nach aktueller Mode befand. Er beantwortete ihren Brief höflich, legte den neuen Hut auf die Ablage in Teackle Hall und rührte ihn nie wieder an.

Als Nächstes ließ Rhoda Holland, seine Nichte, von einem ländlichen Verehrer ein Biberfell besorgen – und Biber wurden auf dieser Halbinsel knapp und teuer –, und ließ ihm daraus für die kommende kalte Jahreszeit eine elegante Mütze anfertigen; doch er küsste sie nur, legte sie auf die Ablage, und dort lockte sie die Motten an.

Seine Schüttelfrost- und Fieberanfälle hielten unregelmäßig an, doch die Abneigung und der Widerstand der alten Gesellschaftsschicht wurden beständiger, als er begann, der Förderer seiner Region zu werden. Sie betrachteten es als eine Kühnheit, die schlimmer als ein Verbrechen war: Er hatte sie an Reichtum überflügelt und untergrub nun ihre Bedeutung. Viele erklärten, sie würden niemals mit einer Eisenbahn fahren, die von einem solchen Mann gebaut wurde; andere hofften, es würde ihn in den Ruin treiben; einige bezogen offen Stellung gegen sein Werk und schrieben Briefe nach Annapolis, um ihn bei der Gesetzgebung zu diskreditieren, wo man in Baltimore bereits lautstark klagte, dass eine Eisenbahn an der Eastern Shore den Handel und das Geld Marylands nach Philadelphia abziehen würde. Meshach antwortete erbittert, dass, wenn die Eisenbahn nicht die Strecke der Counties in Maryland nähme, der Staat Delaware sie bauen und nach Newcastle statt nach Elkton führen würde, wo Meshach sich mit einem geplanten System aus Baltimore verbinden wollte. Obwohl Milburn vorsichtig einschätzte, dass sein Vermögen für den Bau von hundert Meilen Damm und Gleisen nicht ausreichte, hielt er dennoch eine Schar von Landvermessern und Arbeitern in mehreren Counties aufrecht, und sein lokaler Patriotismus fand zumindest die Anerkennung in Vestas kleinem Kreis.

Unterdessen überraschte ihn Samsons anhaltende Abwesenheit, und die Briefe von Richter Custis kamen unregelmäßig und brauchten lange, während er weiter nach Norden zog, während zwei Briefe, die die Witwe Dennis erhielt, ebenso mystisch wie beruhigend waren: einer, in einer weiblichen Handschrift, teilte ihr mit, dass ihr Sohn Levin zärtlich behütet werde, und ein anderer, in der Handschrift eines Mannes, enthielt etwas Geld und besagte, ihr Sohn werde bald zu Hause sein. Mrs. Dennis war in diesem unbestimmten Gemütszustand weit davon entfernt, glücklich zu sein, und ihr Herz sagte ihr zudem, dass die Abwesenheit von James Phoebus ein anderes Gewicht hatte. Sie liebte diesen Abwesenden bereits zu sehr, um sein Schweigen zu verzeihen.

Eines Tages, vor dem November, sagte Vesta zu ihrem Ehemann:

„Die Luft und der Himmel sind noch warm und funkelnd, und die Rosen blühen. Du arbeitest zu hart zwischen deinem Kanalfall und deiner Eisenbahn. Lass uns die beiden Kutschen füllen und zum alten Rehoboth fahren und dort unser Abendessen einnehmen.“

Er stimmte zu, und sie nahmen Großmutter Tilghman und William, Rhoda Holland, Roxy und Mrs. Dennis mit, sowie die arme freie Frau Mary, die Jimmy Phoebus aus ihren Ketten befreit hatte.

Die Straße führte in Sichtweite des Geburtsortes des Löwen der Unabhängigkeit in Maryland, Samuel Chase, vorbei, der diesen zögernden Staat durch Drohungen und sogar Unruhen zwang, sich für eine dauerhafte Trennung von England zu erklären, so wie Henry Winter Davis fünfundachtzig Jahre später mit denselben Mitteln ihre Rebellen gegen die Union zwang, Farbe zu bekennen.

In der Nähe von Chases Geburtsort, auf dem Pfarrland, erhob sich die alte Washington Academy, draußen auf einem Feld, errichtet in jener frühen republikanischen Zeit, als ein großzügiges Bildungsfieber, das dem Toleranzedikt folgte, einige noble Schulhäuser schuf, die das Wachstum der Städte schließlich entmutigte. Mit vier großen Schornsteinen über ihrem kegelförmigen Dach, Giebeln und Kuppel sowie zwei weiten Stockwerken und einem hohen Untergeschoss, alles aus gediegenem, dunklem Backstein erbaut, hatte die Akademie dennoch ein trauriges und vernachlässigtes Aussehen, als würde sie, wie der Mensch, über die brutaleren Zeiten und die schwindende Erleuchtung nachsinnen, die falsche Systeme stets erfordern.

„Ah!“, sagte Vestas Mann, „wie viele arme Jungen hast du von dort verstümmelt für das Leben ausgesandt, Schätzchen, wie die Liebhaber der Bienenkönigin.“

„Wie meinst du das?“, erkundigte sich Vesta.

„Du hast noch nie von der Bienenkönigin gehört? Frauen können, wenn sie sterben, zu Bienen werden und ihre harten Bedingungen in diesem Leben umkehren. Die Bienenkönigin hat keine Rivalin im Stock; alle anderen Weibchen dort sind unreif, und alle Männchen sterben für die Königin. Sie hat fünfhundert Liebhaber, so liebeskrank nach ihr, dass sie niemals arbeiten, und vierzigmal so viele Zofen, wie die der Penelope, die alle Waben und Wachs besticken.“

„Wie wurde das bewiesen?“

„Indem man die Bienen in ein Glashaus setzte und sie beobachtete. Für Gott mag die ganze Menschheit ebenfalls in einem Glasstock leben, und jede geheime Biografie eines jeden Summers wird dort verwahrt.“

„Und die Flitterwochen der Bienenkönigin?“

„Von ihr ist dieses Wort abgeleitet. Sie fliegt hoch in die Luft und trifft zufällig einen Liebhaber; sie hat so viele, dass einer sicher getroffen wird; sie küsst ihn in diesem kristallinen Wirbel aus Sonnenschein, und im Überschwang wird er mitten ins Herz getroffen. Wie viele junge Drohnen aus der Akademie haben dich wohl schon einmal gesehen und sind für ihr Leben in Ohnmacht gefallen!“

„Aber die Bienenkönigin hat doch auch irgendwann ein Schicksal, mein Herr?“

„Ja. Sie verlässt schließlich den alten Stock und lässt sich irgendwo auf einem unansehnlichen Waldbaum nieder, und alle, die sie lieben, folgen ihr: das lange vernachlässigte Kraut wird geschäftig mit Musik und Süße und dem Blitzen silberner Flügel, bis der Bauer den Schwarm in einen Kautschukbaum-Kegel sammelt, und das ist dann ihr Heim.“

Vesta blickte zu der poetischen Veranschaulichung auf und sah den kegelförmigen Hut ihres Mannes, in dem sie wie in einem Stock gehalten wurde, und ihr Blick fiel auf ihre Trauerkleidung.

„Oh, mein Vater!“, dachte sie; „hat er seine guten Vorsätze gehalten! Es ist alles, was mir zu hoffen bleibt.“

Sie reisten durch die Alleen des ebenen Waldes, manchmal die Stechpalmen, in ihrem grünen Blattwerk und roten Früchten, manchmal das reine Grün der Kiefern, das die braune Wölbung der Eichen bereicherte; und in der verstreuten Siedlung Kingston verbeugte sich der Jackson-Kandidat für das Gouverneursamt, Mr. Carroll, von seiner Tür aus. Sie überquerten den Morumsco Creek, wandten sich nach Osten und sahen bald in einer Ebene den noch lebendigen kirchlichen Weiler Rehoboth, der seine zwei alten Kirchen über das Sichtfeld erstreckte.

Die Straße führte zum Ufer des Pocomoke River, wo noch eine Fähre zum gegenüberliegenden Ufer und dem Virginia-Land Accomac betrieben wurde, und die kalte Flut, ohne ein Segel, schlängelte sich zu einer austernreichen Flussmündung der Bucht, wo der Schlamm am Grund so weich war, dass dort auf Grund gelaufene Schiffe weiter segeln konnten, wie auf dem schlammigen Globus, an dessen Ufer Noah gelangte.

Ganz in der Nähe befanden sich Austernschalen, so hoch wie eine natürliche Klippe, aufgeschichtet von den indianischen Feinschmeckern vor John Smiths Navigationsreise.

Vesta wurde an der großen, verfallenen Episkopalkirche abgesetzt, die wie ein Backsteinschloss das Tor von Rehoboth bildete; während William Tilghman und Rhoda durch die offene Tür der weiter hinten gelegenen presbyterianischen Backsteinkirche schlenderten und Milburn die Pferde beim Wirtshaus unterstellte.

„William“, fragte Rhoda, „war das die erste presbyterianische Kirche, die je hier gebaut wurde?“

„Die erste in Amerika, Rhoda. Dies war die Kirche von Reverend Francis Makemie. Er lebte in Virginia, nicht weit von hier, wo kein anderer Gottesdienst erlaubt war als unserer, also kam er über den Pocomoke und errichtete an dieser Stelle eine Kirche aus Baumstämmen, und dies ist das dritte oder vierte Kirchengebäude an diesem Ort. Rehoboth wurde dann zu einem solchen Ort für den Gottesdienst, dass die Staatskirche 1735 das dort drüben stehende noble alte Gebäude errichtete, als wollte es diese calvinistische Kirche in den Schatten stellen.“

„Es ist ein seltsames altes Haus“, sagte Rhoda. „Die kleinen Türen, die vom Vestibül in die Seitengalerien führen, ließen einen Luftzug direkt in den Rücken des Predigers am anderen Ende wehen, und wenn er den Hymnus ‚Blas die Trompete, blas‘ ausgab, schnäuzte er sich immer zweimal. Also haben sie die Galerien zugenagelt und die Decke flach herabgelassen, und wenn wir dort hinaufgehen, können wir die andere alte runde Decke sehen, William.“

Sie stiegen also die schmale Treppe von der Tür aus hinauf und gelangten in die Gänge der Galerien, die alle von der Gemeinde abgetrennt waren, und dort, im Dunkeln sitzend, legte der Prediger seinen Arm um Rhodas Taille.

„Vorsicht“, sagte sie; „vielleicht warst du dazu vorherbestimmt, hier verloren zu gehen. Ich habe Angst, hier oben halb im Dunkeln zu sein, selbst mit einem guten Mann.“

Dennoch rückte sie ein wenig näher an ihn heran und blickte ihn mit ihren schelmischen, zurückhaltenden Augen an. Der junge Pfarrer küsste sie plötzlich.

„Du hast es dir selbst zuzuschreiben, Rhoda, weil du an diesem strengen alten Ort der Glaubensbekenntnisse und Katechismen so hübsch aussiehst. Könntest du mich lieben, wenn ich dich darum bäte?“

„Du könntest mich nicht wahrhaft lieben, William. Dein Herz ist in der anderen alten Kirche bei den Fledermäusen und Füchsen, wo Tante Vesty in diesem Augenblick sitzt.“

„Nein, mein Kummer ist dort, Rhoda. Ich versuche, ein Nest für mein Herz zu bauen. Wir müssen alle lieben.“

„William, ich glaube nicht, dass ein junger Mann, der verliebt ist, sich an so viel Geschichte erinnern kann, wenn er im Dunkeln bei seiner Liebsten sitzt.“

„Liebe inmitten der Ruinen ist immer schwermütig, Rhoda.“

„Ja, William, und deine Liebe entspringt ihnen: den Ruinen deiner alten ersten Liebe. Ich könnte dich nicht glücklich machen.“

„Versuch es“, sagte William; „meine Neigung wendet sich dir zu. Du bist ein wunderschönes Mädchen.“

„Ja“, sagte Rhoda ganz praktisch, „es ist Zeit, dass ich heirate. Ich glaube, ich nehme dich auf Probe und werde Tante Vesty beobachten, um zu sehen, ob sie eifersüchtig auf mich ist.“

Alle Unterschiede in der Erziehung schwanden, als der Pfarrer von Princess Anne für einen Augenblick mit diesem großen, weidengleichen Mädchen in seinen Armen stand, ihr leidenschaftliches Wesen in der Röte der Ungewissheit, ihre bloße Koketterie dahinschmelzend wie die Gesundheit, die die Religion gefangen nimmt, und spürte, dass es keine andere Medizin für die Liebe gibt als die Liebe selbst.

Sie gingen zusammen um das quadratische alte Gebäude herum, zwischen den Gräbern der Tilghmans, Drydens, Revells und Beauchamps, sahen die Fenster mit den runden Kappen und die Doppeltüren aus Backsteinbögen, und als sie den Weg zurückgingen, betraten sie die Einfriedung der großen alten Episkopalkirche, die fast achtzig Fuß lang war und ihre Breitseite aus schwärzlichem Backstein sowie zwei Reihen geräumiger Fenster der absoluten Verlassenheit dieses Waldortes entgegenstellte.

Der Kirchhof war ein Dickicht aus Gummibaum- und Pappelstecklingen, Beerensträuchern, mit Apfelbäumen, Zedern und wilden Kirschbäumen darüber und noch höher die feuchten Platanen und Ahornbäume, die aus dem fast knietiefen Myrtenkraut auf den Wellen alter Gräber wuchsen.

In schöner Tischlerarbeit hielten die dreizehn Fenster an dieser massiven Seite in ihren handgefertigten Rahmen mehr als vierhundert Scheiben aus trübem Glas, und zwei große Fenster im Giebel hatten jeweils fünfzig Scheiben und standen fest, obwohl die Mauer dazwischen, fünfzig Fuß breit, eingestürzt war und durch minderwertigere Arbeit ersetzt worden war. Im gegenüberliegenden Giebel befand sich eine weitere Tür, die aufgebrochen worden war, und als sie über die Schwelle traten, ertönte ein Knacken, wie Eis, auf das man zum ersten Mal tritt, und spaltete die lange und hohe Leere mit warnendem Grollen.

Nun lag das gesamte Innere in feiner Perspektive offen, mindestens fünfundsiebzig mal fünfzig Fuß, wie eine majestätische Halle, die nicht durch Seitengalerien unterbrochen war, und mit zwei Stockwerken von Fenstern, die ein trübes Licht hereinließen, und am fernen Ende eine niedrige Kanzel mit geräumigem Altar. Die Mauern dieses vernachlässigten Tempels waren zwei Fuß dick, und seine hohe Decke wurde durch zehn rohe Holzstützen von neuerer, grober Zimmererarbeit vor dem Einsturz bewahrt; die Kirchenbänke waren stattliche, hoch umzäunte Dinge, die mit weißen Buchstaben auf schwarzem Grund nummeriert waren, und jede war vierseitig, um zehn Personen Platz zu bieten; die verrottenden Damastkissen in vielen von ihnen sprachen von einer früheren Aristokratie, während nun die ganze Gemeinde in einer einzigen Bank Platz finden konnte und der Gottesdienst nur einmal im Jahr stattfand, wenn der Bischof kam, um Staub und Verlassenheit seine Liturgie vorzulesen.

So zitterten auf der gegenüberliegenden westlichen Landzunge der Chesapeake die römischen Priester von Calverts Stiftung in der Einöde des alten St. Mary's; die Herden hatten die Hirten verlassen, und nur fünfzig Menschen kamen, um in der Kirche der frühesten Presbyterianer zu beten.

Zwei hohe, einst als elegant geltende Öfen standen fast in der Mitte des rissigen Kirchenbodens; und Mary, die freie Frau, hatte in einem von ihnen ein Feuer entfacht, und das Kiefernholz prasselte, und das lange Rohr rauchte. Aufgeschreckt durch das Feuer kam ein ehrwürdiges Opossum aus einer der Kirchenbänke und watschelte den Mittelgang hinunter wie ein grauer Devoter, der seine Gebete gesprochen hatte und keinen Menschen fürchtete.

Vesta las in der Nähe des Ofens laut aus ihrem Gebetbuch für die hübsche Witwe und Großmutter Tilghman vor. Nach wenigen Augenblicken erschien der junge Pfarrer in seinem Chorrock aus einer seltsamen alten Galerie für Schwarze an der Tür; und er las den Gottesdienst am Pult, klagend und schlicht, wobei Milburn und seine Gruppe in dem Raum antworteten, in dem tausend Menschen hätten beten können.

„Cousin Vesta“, sagte der Geistliche nach dem Gottesdienst, „Miss Holland wird versuchen, mich zu lieben. Mr. Milburn, darf ich um ihre Hand anhalten?“

„Sie ist ein eigenwilliges Stück“, sagte Meshach; „du musst sie erst zur Schule schicken. Lass meine Frau meine Zustimmung geben.“

Vesta ging zu beiden und küsste sie:

„Ich fühle mich so sehr ermutigt, liebe Rhoda und William, zu sehen, wie die Liebe überall um mich herum beginnt. Nun, Norah, wenn du nur gerecht zu James Phoebus sein könntest, der seine Liebe zu dir vielleicht mit seinem Leben beweist!“

„Ja, das ist ein Paar, das ich gutheiße“, sagte Großmutter Tilghman, „aber ich möchte nicht, dass Bill heiratet. Enttäuschte Männer treffen vorschnelle Entscheidungen.“

„Oh“, sagte Rhoda, „gratuliert ihm nicht zu früh; ich habe ihn noch nicht genommen. Er wird mich aus den Büchern lehren, und ich werde ihn aus dem Wald lehren.“

Sie gingen zusammen zum Flussufer, und Mrs. Dennis ließ die arme Frau Mary die Abenteuer von Jimmy Phoebus erzählen, um sie aus der Sklaverei zu retten. Alle waren tief bewegt.

„Nun, Norah“, sagte Großmutter Tilghman, „in dem Augenblick, in dem dieser Mann zurückkommt, gehst du zu ihm, küsst ihn und sagst: ‚James, du warst der einzige Vater für meinen Sohn. Willst du, dass ich deine Frau werde?‘ Diese Welt ist zum Heiraten gemacht, Norah. Frauen haben keine andere Karriere. Die Natur schätzt nicht das Gehirn eines Shakespeare, sondern hält den Samen jeder umherstreifenden Pflanze warm und vermählt alles.“

„Nun“, sagte Vesta, „Norah liebt James Phoebus; tust du das nicht, Norah?“

Die Witwe errötete.

„Nimm ihn, meine hübsche Nachbarin“, sagte Milburn.

Als sie alle sie ansahen, rief sie plötzlich:

„Ich möchte es wirklich. Ich hätte es schon früher getan, aber ich bin abergläubisch. Wer ist es, der mich so geheimnisvoll ernährt?“

„Ist er in letzter Zeit gekommen?“, fragte Mrs. Tilghman.

„Nein, nicht seit du geheiratet hast, Vesta.“

„Dann denke ich, er wird nicht mehr kommen“, sagte Milburn. „Du hast länger gewartet als ich.“

Seine Augen suchten die seiner Frau. Er fügte hinzu:

„Werde ich jemals mehr sein als dein Ehemann?“

„Ja“, sagte Großmutter Tilghman mit einer besonderen Anstrengung, „wenn du einen Hut trägst, dessen sich eine junge Ehefrau nicht schämt.“

Alle spürten einen kalten Schauer bei diesen Worten der blinden Frau. Milburn sagte ernst:

„Wie kannst du etwas über Hüte wissen, wenn du sie nicht sehen kannst?“

„Oh“, sagte Großmutter, selbst ein wenig erschrocken, „diesen Hut, glaube ich, kann ich riechen.“

* * * * *

In derselben Nacht zog sich Mrs. Dennis in Princess Anne in ihrem kleinen Häuschen bei einem Stückchen Kaminfeuer aus, das hin und wieder auf das Bild ihres Mannes aufblitzte, so wie er sie vor sechzehn Jahren verlassen hatte, als Levin noch ein Baby war – ein wohlhabender, blonder, junger Mann, gekleidet in eine Marineuniform, ähnlich wie Decatur, dessen Geburtsort dem seinen so nahe lag.

Sein goldenes Haar kräuselte sich auf seiner Stirn, seine blauen Augen waren voller stolzem Wagemut und sein roter, schmollender Mund war wie der einer Frau; an seinem Arm hielt er einen zusammengedrückten Zweispitz, Epauletten zierten seine Schultern, sein kostbarer blauer Rock war entlang der breiten Revers mit Gold besetzt und stand steif um seinen Hals, den flaumigen Schlips und die fächerartigen Hemdvolants. Er schien nur ein Junge zu sein, aber von jenem Schlag, der die amerikanischen Offiziere und Freibeuter seiner Tage zu den einzigen Garanten des Republikanismus auf den Meeren gegen die ansonsten universelle Herrschaft Englands machte.

Dieses Porträt, das letzte ihrer Familienbesitztümer, war das Abschiedsgeschenk des jungen Seemanns an sie gewesen, als er auf der Ida in See stach und sie als bloßes Mädchen mit seinem Sohn an der Brust zurückließ. Das Bild hing über der schlichten Tür, deren Riegel in jener gelassenen Gesellschaft niemals vorgeschoben wurde und bis zum heutigen Tag selten wird.

Mrs. Dennis kniete auf dem nackten Boden und hob ihre verzweigten Arme, weiß wie ihr Geist, zum Liebhaber ihrer Jugend:

„Oh, du, den ich verehrt habe, seit Gott mir in meiner Kindheit das Gefühl für die Schönheit und Stärke eines Mannes gab, wenn ich jemals einen anderen Mann als dich mit Liebe oder Schwanken angesehen habe, so strafe mich nun für das Vergehen, das ich begehen werde, sollte es eines sein, wenn ich einen anderen Vater für deinen Jungen wähle!“

Ein leises Wehklagen schien von irgendwoher aus der Nähe in die Mitternacht gehaucht zu werden, und das Husten eines kranken Mannes schien die vollkommene Stille zu brechen. Die Hand der Witwe bedeckte instinktiv ihre Brust, während sie lauschte, und tief im Geist ihres Gebets fuhr sie fort:

„Oh, Bowie, wenn du lebst, lass es mich wissen! Möge ich nicht erleben müssen, wie du kommst und mich in den Armen eines anderen findest; dein Blick würde mich töten. Wenn du von Feinden, von wilden Völkern oder durch eine fremde Liebe festgehalten wirst, egal wie deine Fehler auch sein mögen, ich werde dir treu bleiben! Gib mir irgendein Zeichen durch den Gott, der dich in seiner Obhut hat, ob du auf dem Meeresgrund liegst oder aus den Sternen schaust. Wenn du tot bist, Liebe meiner Jugend, so versichere es mir, oh, ich flehe dich an!“

Das Wehklagen und der trockene Husten schienen sich ganz in der Nähe zu wiederholen. Ein Schritt schien näher zu kommen.

Die Tür flog auf, und im Mondlicht stand ein Mann, bleich wie ein Geist, mit banditenhaftem Aussehen, in spanisch anmutender Kleidung, und Kopf und Hals waren mit Leichentüchern verbunden, wie bei Verwundeten in den Lazaretten der Kriegsschiffe.

Er richtete die Augen des Porträts von über der Tür auf sie. Wie verändert! wie ähnlich! An seinem Hals schien der Fleck von Blut zu sein.

Die Witwe, fasziniert und wie erstarrt, ließ ihre elfenbeinernen Arme sinken, und während sie starrte, empfing ihr schöner Hals, angespannt in Entsetzen und Erstaunen, auf seinem Weiß das Entzücken von Dianas Glanz.

Das Bildnis, ihrem Mann so ähnlich und doch so verändert, streckte ihr seine Hand entgegen, an der ein Diamant den Mond einfing und ihn zu trinken schien. Ein Wehklagen, wie die anderen, die sie gehört hatte, brach von seinen Lippen und sprach die Worte:

„Diese Reize zu verlieren! Dieses Herz zu verlieren! O Gott!“

Während er so dastand, gespenstisch und flehend, als würde er auf ihrer Schwelle fallen und sterben, kam eine andere Hand im Mondlicht zum Vorschein und zog die Tür zwischen sie. Eine Stimme, die sie noch nicht gehört hatte, rief zärtlich aus:

„Ich liebe ihn, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe!“

„Es ist der Geist meines Mannes“, hauchte die Witwe. „Ich kann nicht heiraten.“

Sie fiel in Ohnmacht auf ihren Boden, vor dem erlöschenden Feuer.

KAPITEL XXXVIII.

VORGIES FLUCHT.

Snow Hill, als Virgie darauf hinausblickte, schien fast auf Schnee gebaut zu sein, ein weißer Sand, aus dem die Straßen, Gärten und Felder bestanden, obwohl die feuchte Luft selbst daraus Vegetation hervorbrachte und Reben rankten, Weiden herabhingen, Blumen am Rande des Winters blühten und große, gesprenkelte Platanen wie sommersprossige Riesen und edle Eichen zu Höhen emporstiegen, die eine reiche Nahrung an ihren Wurzeln verrieten.

Hitze, Feuchtigkeit und Salz hatten das Land bewohnbar gemacht, und der Wind von einem zurückgewichenen Meer hatte den Sand vor langer Zeit zu Hügeln aufgetürmt, die nun mit Grün bedeckt waren, was der Laune oder Vorliebe des Grundbesitzers nach ein Hügel genannt wurde, und er gab ihm seinen eigenen Namen, vielleicht in Erinnerung an das alte Snow Hill in London.

Auf dieser scheinbaren Bank oder diesem Hügel standen zwei ehrwürdige Kirchen, beide aus englischem Backstein, die episkopale, mit Efeu bewachsen, und die presbyterianische, die der ersten Synode der Kirk in der neuen Welt ihren Namen gegeben hatte und nun, umgeben von Grabsteinen, dort stand, wo der Besucher schottische Namen lesen konnte, die Waisen in Worcester hinterlassen worden waren, wie dort drüben auf dem Friedhof der Episkopalkirche Namen, die englischen Waisen in derselben wogenden Flut von Blut hinterlassen wurden; und Worcester war der Name des Bezirks, wie das Gericht und das Gefängnis vielleicht verraten mochten.

Im Sand verborgen, wie Benjamins Becher im Sack mit hartem Getreide, schien ein goldener Glanz Snow Hill noch immer zu verraten, als die Sonne in ihre alten Bäume aufstieg, die flüssigkehligen Vögel weckte und schließlich den alten Backstein und die noch älteren weiß getünchten Häuser glänzen ließ und einen weichen, blauen Rauch ausatmen ließ. Virgie hörte ein Geräusch wie von Hufen auf einer Brücke und sah jenseits des lilienumrandeten Flusses die Kutsche der Custis eine goldene Straße hinauffahren.

„Allein!“, sagte Virgie; „die Liebe ist gegangen. Jetzt muss ich für die Freiheit leben.“

„Frühstück, Miss“, sprach eine gepflegte, freundlich dreinblickende und doch bereite Frau von Virgies eigener Größe und Farbe; „mein Ehemann wird Sie aus der Stadt fahren, bevor einer der Weißen auf ist, um Sie zu sehen.“

Am Tisch saß ein mulattischer Mann, den die Frau als ihren Ehemann vorstellte.

„Mrs. Hudson“, sagte Virgie, „Sie tun so viel für mich! Möge der gute Herrgott es Ihnen vergelten!“

„Oh, nein“, antwortete die Frau, „ich bin immer zu dieser Stunde auf. Ich arbeite hart, weil ich versuche, meine Mutter freizukaufen, die noch eine Sklavin ist.“

„Wie sind Sie frei geworden?“, fragte Virgie wehmütig.

„Ich habe das Leben eines kranken Herrn gerettet, und er kaufte mich dafür frei und schenkte mir meine Freiheit. Sehen Sie, ich habe einen Pass, der die Farbe meiner Augen und Haut, mein Gewicht und alles beschreibt. Damit kann ich nach Delaware und in die freien Staaten gehen. Ich wünschte, Sie hätten einen, Miss Virgie.“

„Oh, Mrs. Hudson, ich wünschte innig, ich hätte einen. Lassen Sie mich ihn lesen. Warum, ich könnte bei dieser Beschreibung fast als Sie durchgehen.“

„Wahrlich, das könnten Sie“, sagte die Hausfrau; „wir sind nicht im selben Alter, aber weiße Leute lesen einen Pass nicht sehr sorgfältig.“

„Wie ich jeden lieben würde, der mir einen solchen Pass verschaffen könnte!“

„Ich habe mein Ehrenwort gegeben, dass ich ihn niemals verleihen werde. So sehr ich meiner Farbe auch gerne zur Freiheit verhelfen möchte, ich kann mein Wort nicht brechen. Morgen muss ich mit meinem Pass nach Delaware gehen, um eine Dame zu pflegen.“

„Sie pflegen Kranke, Mrs. Hudson?“

„Ja, ich habe eine Art Berufung in dieser Richtung, Miss Virgie. Seit ich ein Mädchen war, habe ich Kräuter gepflückt und sie an mir selbst ausprobiert und das Pflegen von Leuten studiert, indem ich ihre Gemütsverfassungen beobachtete – was so viel von Krankheit ausmacht – und wie man sie einwickelt und einreibt. Mein Mann fängt Austern unten in den Buchten. Hier ist sein Wagen.“

„Der Herr gedenke Ihrer in der Not, liebe Mrs. Hudson.“

Der alte Wagen, ein offenes Gefährt, um Austern und Fisch zu verkaufen, wurde quer durch die Stadt nach Süden gefahren und war bald auf dem offenen Land, in Richtung Virginia. Ein Geruch nach Salzbucht schien in der Luft zu liegen; die Falkennester in toten Bäumen deuteten auf das Element hin, das alles ernährte, und die Bäume auf den Feldern waren oft von herrschaftlicher Größe, obwohl Sand und kleine Eichen- und Kiefernwälder selten aus dem Blickfeld verschwanden. Als sie in einen Feldweg in der Nähe eines kleinen Gotteshauses am Straßenrand einbogen, ritt ein junger weißer Mann auf einem Pferd vorbei, sah Virgie, zügelte sein Pferd und rief:

„Hübsch, hübsch, hübsch wie Pfirsiche und Sahne! Altes Virginny-Blut steckt in diesen Augen, beim Fähnrich!“

Der farbige Mann murmelte: „Fahr weiter, Mr. Wise!“

„Beim Fähnrich jetzt“, fuhr der Mann fort, der jung war, aber ein leichenblasses Gesicht hatte, „wenn das ein Maryland-Flittchen ist, dann ist sie wunderbar. Wie ist der Name, Engelchen?“

„Sie ist eine Miss Spence. Ich bringe sie heim“, warf der Mulatte hastig ein und fuhr durch das Tor, während der Reiter mit einem Schrei wie ein Berauschter Richtung Norden galoppierte.

„Es tut mir leid, dass er Sie gesehen hat, wahrlich!“, sagte der Kutscher; „das ist Henry A. Wise, der große Anwalt aus Accomac. Vielleicht erkundigt er sich in Snow Hill, wo er zum Gericht will.“

„Welches Haus ist das, Mr. Hudson?“, fragte Virgie, als sie am Ende des kurzen Weges ein massives Haus mit Veranda und kleinen landwirtschaftlichen Gebäuden darum sah.

„Das ist das alte Spring Hill, erbaut von dem ersten der Milburns; von dem, der das Testament machte, in dem er seinem Sohn den Hut und nichts anderes hinterließ. Es hat Giebel aus Backstein. Ich vermute, sie hatten Geld, als sie hierher kamen, Virgie.“

Das geschärfte Empfinden des Mädchens bemerkte, dass er aufgehört hatte, sie „Miss“ zu nennen.

„Nun“, sagte Hudson, „ich werde Sie hier bei meiner Schwester lassen, bis ich mich um ein Boot kümmere. Wenn Sie bis nach Snow Hill verfolgt werden, wird man herausfinden, dass Sie diesen Weg genommen haben. Die Buchten verlaufen hier entlang der Küste hinter der Delaware-Grenze. Ich werde Sie an Snow Hill vorbeisegeln lassen und sie austricksen. Ja, Miss Virgie, ich werde Sie hier rausholen, wenn es alles kostet, was ich zusammen habe.“

Ein aufgeregtes Licht schien in seinen Augen zu liegen.

Virgie wurde auf einem Dachboden über der Küche des Hauses untergebracht und ihren Gedanken überlassen. Der Ort war fast dunkel, und sie war vor Schlafmangel erschöpft, da die Aufregung der vergangenen Nacht ihr Nervensystem erschüttert hatte, und bald begann sie unruhig zu dösen und fast wach zu träumen.

Sie sah Meshach Milburn, der ein kleines Kind mit altem Gesicht geworden zu sein schien, wie er nach einer älteren Person griff, die ihm in den Zügen sehr ähnlich war, und einen hohen Hut von seiner Hand nahm. Dieses ältere Kind griff zurück und nahm einen ähnlichen Hut von einem anderen, noch Älteren; und dann verschwanden die ersten beiden, und zwei alte Männer gaben und empfingen den Hut.

Dann blieb nichts mehr übrig als der Hut allein, der ein riesiges Objekt war, aus dem Feuer hervorbrach, und bei der Flamme tanzte ein Kreis von Zauberern in schwindelerregender Fröhlichkeit herum, alle trugen Hüte von ähnlicher Form, aber höher, immer höher, bis sie den Himmel und die Sterne erreichten und jeder Flammen spie.

Unter diesen ausgelassenen Zauberern erkannte sie die Züge des großen Entführers und von Richter Custis; und Vesta war auch da, und die alte Tante Hominy, alle warfen ihr einen flüchtigen Blick der Scham, des Kummers oder der Strenge zu, bis sie, fürchtend und doch fasziniert, in den Kreis sprang und mit den anderen tanzte, bis ihre Füße einen feurigen Pfad bildeten und ihr Kopf heiß brannte, und schließlich verlor sie das Gleichgewicht und fiel in den großen Hut, dessen hohe Wände, wie Berge, sie umgaben, und sie konnte im Boden des alten Filzhutes nichts sehen außer einem kleinen Grab, und daraus spähte das Gesicht des ermordeten Kindes, das der Entführer mitgenommen hatte.

„Komm“, sagte eine Stimme, und Virgie erwachte mit Fieber an den Schläfen und heißen Händen, um den Kopf ihres Kutschers zu sehen, der in den Dachboden blickte, als hätte er rotglühende Augäpfel.

Sie wusste nur, dass sie wieder in dem alten Wagen fuhr und ein Junge darin war, und dass ihr nach einer gewissen Zeit, sie konnte nicht sagen wie lange, an einer alten Anlegestelle, wo die Straße endete, aus den Wagen geholfen und sie an Bord einer Art Prahm gebracht wurde, den die von Mücken geschwängerte Brise in ein breites, von Inseln übersätes Gewässer trug.

Der Mann Hudson lotete und beobachtete das Segel, während der Junge steuerte, und Virgie lag, krank und kalt, in der Mitte des Kahns, bedeckt mit dem großen Mantel des Mannes.

Es schien ihr Nachmittag zu sein und der Ozean irgendwo in der Nähe, da sie ein tiefes Donnern hörte, wie brechende Wellen; und einmal, als sie sich betäubt erhob, um nachzusehen, waren vertraute Objekte an beiden Ufern, und sie dachte, es sei der Strand der Old Town in der Nähe der Snow-Hill-Bucht.

Ein wenig später brachte ihr der Mann Austern und etwas kaltes Schweinerippchen mit Maisbrot zum Essen, und die Ufer rückten näher und schienen sich schließlich fast zu treffen, als der Kahn, den Boden streifend, durch eine enge Meerenge schoss.

Dann leuchteten die Sterne über ihr, und die Gewässer wurden wieder weit, und während sie in einer Trance aus fliegenden Lichtern und Bildern lag, glaubte sie, ihre Lippen geküsst zu fühlen und eine Stimme sagen zu hören: „Liebling!“

Schließlich fühlte sie sich hochgehoben und getragen, und als sie die Situation erfassen konnte, fand sie sich auf einem Haufen Schindeln an einem alten Kai liegend wieder, und der Mann neben ihr weinte, während er beobachtete, wie das Boot eine mondbeschienene Wellengasse hinunterfuhr.

„Mein Junge, meine arme alte Frau“, hörte sie ihren Kutscher murmeln, „ich kann nie mehr zu euch zurückkehren!“

„Warum?“, sprach Virgie, kaum realisierend, was sie sagte.

„Weil – weil – du hast es getan!“, rief der Mann mit feurigen Augen, die durch seine strömenden Tränen zu sehen waren.

„Oh, sag mir, wo ich bin!“, sagte Virgie. „Ist es noch weit bis zur Freiheit?“

Sie blickte in den Himmel, der ganz in Aufruhr war, mit Wolken und Sternen, die sich übereinander bewegten, und er schien die nächste aller Welten zu sein.

„Ist mein Vater dort?“, dachte Virgie, „mein lieber weißer Vater? Kann er mich hier sehen, krank und einsam, und mich hassen?“

„Wir sind an der Schindel-Anlegestelle; dort drüben ist St. Martin's“, sagte der Neger vorsichtig; „da sind zwei Straßen in der Nähe, wo wir sind, die nach Norden führen, liebe Virgie; eine ist die Poststraße und die andere ist der Schindelpfad durch den Zypressensumpf.“

„Nimm die Straße, die am sichersten zur Freiheit führt“, seufzte Virgie.

Nach wenigen Augenblicken, während sie über den Boden gingen, kamen sie an eine Stelle, wo der Karrenweg eine sandige Straße kreuzte und daran vorbeiführte, entlang des Randes eines kleinen Baches. Der Mann ging unschlüssig ein paar Schritte die bessere Straße hinauf und zog Virgie plötzlich zurück in die Büsche, aber nicht schnell genug, um von zwei Männern, die in einem alten, klappernden Wagen daherkamen, unbemerkt zu bleiben.

„Beim Kuckuck!“, rief der Fahrer, ein jüngerer Mann mit scharfen, aber nicht unfreundlichen Augen, „da ist ein fesches Mädel. Komm raus hier und zeig dich!“

Virgie spürte die Augen des Mannes auf sich ruhen, aber nicht mit der groben Glut seines Begleiters, der einen weiten Schlapphut und ein rotes Hemd trug und am Kopf und Hals verbunden war, doch aus seinem gespenstisch blassen Gesicht, das dem Tod glich, auf dem etwas Blut zu verschmieren schien und den Verband an seinem Hals färbte, lag ein grobes Grinsen, und er spitze den Mund zu ihr und stieß hervor:

„O flexuosa! esquisita! Sie ist zierlich, Sorden!“

„Nun, wenn wir in die andere Richtung führen, Van Dorn“, sagte der Fahrer, „könnten wir sie mitnehmen. Junge, was machst du hier draußen? Wo sind deine Pässe?“

„Hier sind sie. Das ist meine Frau und ich, wir gehen eine Dame in Delaware pflegen.“

„Lass sehen!“ Er blies seine Zigarre auf das Papier und rief: „Prissy Hudson? Warum, beim Kuckuck! Das ist die Krankenschwester meiner Frau. Und das ist nicht dieselbe Frau! Woher hast du diesen Pass?“

„Fahr weiter, Sorden!“, hustete der andere Mann, „ich blute. Lass mich hinlegen.“

Seine Augen hatten ihr lüsternes Feuer verloren und waren hohl und glasig. Der Fahrer fing ihn in seinen Armen auf und stieß die freundlichen Worte aus:

„Ich liebe ihn, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe!“

„Gib mir die Pässe zurück!“, rief der mulattische Mann, als der Wagen nach Süden anfuhr.

„Nein“, schrie der Fahrer, „ich werde sie als Beweismittel gegen Prissy Hudson behalten, weil sie einer Flüchtigen geholfen hat!“

„Verloren! Verloren!“, murmelte der Mulatte. „Jetzt, Liebling, ist der Sumpf unser einziger Weg!“

Er packte sie auf seiner Flucht und zog sie den Karrenweg entlang des sumpfigen Seitenarms hinauf.

„Was hast du getan?“, schrie Virgie.

„Komm! Komm!“, antwortete der Mann. „Hier ist nicht der Ort zum Reden.“

Mit dem Fieber, das sie stark machte und ihre Eindrücke steigerte, aber auch trübte, sodass die Zeit erloschen schien und die Angst selbst in Raserei aufging, folgte das Mädchen dem Mann in den tiefen Sand des Pfades und bemerkte kaum die melancholischen Zypressen, die um sie herum aus Tümpeln stiegen, die Gift aus dem Sternenlicht saugten und dort neben dem Reptil sonnten.

Blumen mit so reichen Farbtönen, dass die Nacht sie kaum verdunkelte, sandten ihre moschusartigen Düfte empor, und Weinreben in stillen Festons hingen von hohen Spitzen riesiger Bäume herab wie die strebenden Erbauer von Babel, umgekehrt und stumm geschlagen. Sie hingen alle schlaff, und während sie dort im Tod hingen, schienen ihre Bärte in der gespenstischen Vitalität eines unsterblichen Traums weiterzuwachsen.

Die Geräusche unruhiger Belebung, in der Nacht intensiver, als wäre der Mond hier die Herrin und weckte jedes Insektengehirn und jede Zunge zur Betriebsamkeit, wurden in den Ohren des kranken Mädchens gigantisch und schienen jedes Wort, das ihr männlicher Begleiter zu sagen hatte, zu übertönen, und wie gewaltige Klangpendel schwangen die umherstreifenden Grillen und Amphibien ihre Widersprüche hin und her, wie Furien, die dazu verdammt waren, auf die Ewigkeit zu warten und jede auf dem letzten Wort zu bestehen:

„Du hast!“, „Du hast nicht!“, „Du hast!“, „Du hast nicht, du hast nicht, du hast nicht!“, „Du hast, du hast!“

So hatte der ewige Streit, der begann, bevor Hektor und die Griechen geboren waren, im Zypressensumpf gewütet und jede Nacht an Lautstärke zugenommen, bis es in den Ohren des fliehenden Sklavenmädchens dröhnte wie Gott und Satan, die um ihre Seele stritten.

Als diese Vorstellung in ihrer Fantasie zunahm, hörte sie die Worte selbst, die diese streitenden Mächte hin und her schleuderten, als nun die Myriaden der Engel gemeinsam jubelten: „Halleluja! Halleluja!“ und, wie eine Armee von Spinnen, versammelt im Sumpf, ein tiefer Refrain von „Hölle, Hölle, Hölle!“ zurückgrollte.

„Halleluja!“, „Hölle!“, „Halleluja!“

Sie ertappte sich dabei, wie sie weinte, während sie stolperte: „Halleluja! Halleluja!“

Der Sumpf nahm an Tiefe und Feierlichkeit zu, als sie sich den rauschenden Schleusen des Pocomoke näherten und an ihnen entlangblieben, wobei der Pfad nun nur noch ein Graben und eine Kette aus schwimmenden Baumstämmen war, wo kein Gefährt passieren konnte, und der Mann selbst schien erschrocken, als er den Weg von Stamm zu Floß und von Pfütze zu Knüppeldamm führte, manchmal auf einem sich drehenden Baumstamm balancierend oder wieder fast bis zur Taille in pflanzlichem Schlamm versinkend; aber das leichtfüßige Mädchen hinter ihm hatte den Schritt eines Vogels und hüpfte, als wäre es von Zweig zu Zweig, und schien zu gleiten, wo er versinken würde; und der Mann drehte sich oft vor Entsetzen um, wenn er kopfüber von irgendeinem tückischen Vorsprung gefallen war, nur um ihre schlanken Füße in Mondsandalen im mondbeschienenen Dschungel spielen zu sehen wie Hände auf einer Harfe.

Er starrte sie verwundert an, aber nur allzu wehmütig. Die Katzenbrier-Ranken hingen über der Öffnung, und Weinreben, wie Kabel versunkener Schiffe, fielen viele Faden tief durch die kristallenen Wellen der Nacht; aber der Nordstern schien einen Weg zu finden, durch alles hindurchzuspähen, und Virgie hörte einmal die Worte von Hudson:

„Nur noch ein kleines Stück über diesen Seitenarm, dann sind wir in Delaware!“

Dann schienen die Grillen und Laubfrösche, die Ochsenfrösche und die Ziegenmelker, die Eulen und alles andere seine Stimme zu übertönen und stundenlang zu hallen: „Wir sind in Delaware! Wir sind, wir sind! Wir sind in Del-a-a-ware!“

Ein kleines, wärmendes, freundliches Licht begann schließlich, ihren Pfad zu säumen, als hätte ein sanfter Vorgänger mit einem goldenen Beil die toten Bäume behauen und sie ein Willkommen zulächeln lassen. Kleine Feuer brannten im pflanzlichen Mulch oder im Oberflächengestrüpp, und die Undurchsichtigkeit des Waldes wich der hübschen Flamme, die tanzte und fast sang in einem häuslichen Knistern, wie ein junges, verliebtes Mädchen, das Melodien summt, während sie ein Feuer anzündet.

Der mächtige Sumpf wurde nun deutlich, doch unzugänglicher, da seine inneren Ränder in der Linie der Feuer durchsichtig erschienen, wie Spitzenvorhänge vor den Fensterscheiben der Mitternacht. Die Jungfernrebe, leicht wie die Volants einer Dame, wirbelte aufwärts, als wäre sie in einem Tanz; die gefallenen Riesenbäume waren reich an hängendem Moos; Lorbeer und Jasmin erschienen jenseits der sprudelnden Oberfläche des langen, grünen Morasts, wo das Leben irgendeiner Art sich im aufsteigenden Wärmegrad bequem umzudrehen schien, wie Schläfer im Bett.

Plötzlich nahm der Mann Virgie auf und trug sie durch einen Bachlauf, dessen Wasser vom Gerbstoff des Sumpfes braun gefärbt war.

„Wir sind in Delaware“, sagte er kurz darauf, als sie ein Lager von Schindelmachern erreichten, das völlig verlassen war und von dem Feuer beleuchtet wurde; die goldenen Späne waren überall verstreut, und das Sägemehl, das wie Maismehl aussah, erinnerte Virgie an einen guten, warmen Maisauflauf in Teackle Hall.

Sie streckte ihre von Sumpfwasser durchnässten Füße an einem brennenden Scheit aus, um sie zu wärmen, und bemerkte kaum eine Mokassinotter, die um das Feuer glitt, innehielt, als wolle sie nach ihr schnappen, und dann wieder davonglitt; denn Virgies Gedanken schrieben dieses gütige Feuer der Gegenwart der Freiheit zu.

„Oh, ich würde so gerne hier liegen und einschlafen“, sagte sie matt; „ich bin so müde.“

Der Mann Hudson, klatschnass von den Mühsalen der Reise, schlang seine Arme um sie und zog sie an seine feuchte und doch feurige Brust.

„Dann werden wir hier schlafen“, hauchte er auf ihre Lippen; „ich liebe dich!“

Die Unzusammenhängendheit von allem wich diesen plötzlichen Worten, und über das aufgeschreckte Wesen des jungen Mädchens kam eine Wirklichkeit, die sie nicht begriffen hatte: Ihr Führer war betrunken vor Leidenschaft.

Sie kämpfte mit all ihrer Kraft in seinen Armen, war aber wie ein Zweig in den Händen eines Wahnsinnigen.

„Ich habe für dich den Passierschein meiner alten Frau gestohlen“, seufzte der besessene Schurke; „du hast gesagt, du würdest den Mann lieben, der dir einen besorgt, Virgie. Du bist mein!“

Ein erstickendes Gefühl und eine Hitze, die weit über das Tierische hinausging, schienen sie zu umschließen. Das Mädchen befreite sich kämpfend, ihr geschmeidiger Körper spannte sich mit aller Kraft, die ihr noch blieb, um ihre Tugend zu bewahren.

„Hudson“, rief sie, „ich werde es deiner Frau sagen! Gott vergebe dir, dass du ein armes, krankes, hilfloses Mädchen in diesem wilden Sumpf beleidigst!“

„Meine Frau ist tot für mich, Virgie. Du bist die einzige Frau, die ich jetzt habe. Hier werden wir schlafen und meine Kinder und mein kleines Heim vergessen, das mir genug war, Mädel, bis deine Schönheit kam und mich davon wegnahm.“

„Halt!“, rief das Mädchen, das Gesicht selbst im Fieber gebleicht, wenn auch nicht vor Angst, als ihr weißes Blut stolz in ihr aufstieg. „Wenn du nicht wegbleibst, werde ich mich in diesen tiefen Tümpel werfen und ertrinken. Ich würde lieber sterben, als deine gute Frau so zu betrügen, wie du es getan hast.“

„Hier ist niemand“, sagte der Neger, „außer dir, und mir, und der Liebe. Ich würde dich nicht ertrinken lassen. Du bist zu schön. Wir werden gemeinsam in die freien Staaten gelangen und füreinander leben. Küsse mich!“

Er stürzte sich erneut auf sie und bog ihren schönen Kopf an den herabgefallenen Flechten ihres seidigen Haares zurück.

Die hohen Wälder erfüllten sich mit majestätischem Licht; etwas dröhnte, als hätten sich die Winde verirrt und stürmten auf sie zu.

„Horch!“, rief Virgie. „Gott kommt, um dich zu bestrafen.“

Während sie sprach, brach der Boden neben ihnen in Flammen und schwarzem Rauch auf. Die Arme des Mannes lockerten sich; er blickte sich um und rief:

„Es ist das unterirdische Feuer. Lauf um dein Leben!“

Er ging voran und rannte nach Norden, so wie sie unterwegs gewesen waren. Im nächsten Augenblick erhob sich Feuer wie eine goldene Mauer vor ihrem Weg.

Sie wandten sich dorthin zurück, woher sie gekommen waren, und das Feuer dort war wie ein See aus Lava; über ihm schienen die riesigen Bäume ihre Hände zu wärmen, und die Ranken des trockenen Weins wanden sich wie Feueräffchen empor, während die gegabelten Geister der brennenden Erde einander auswichen und jagten.

„Mädel, ich kann dich nicht umkommen lassen“, schrie der verzweifelte Mann; „du musst mich lieben, sonst sterben wir zusammen.“

Er warf seinen nassen Mantel um ihren Kopf, damit sie den Rauch nicht einatmen und ihre Schönheit nicht verderben konnte, und stürzte in das Feuer vor ihnen.

* * * * *

Virgie erwachte und lag auf dem Boden; die Sterne standen noch am Himmel, doch einige Lichtstreifen im Osten kündigten das Morgengrauen an.

Ihre Hände waren voller Ruß, ihre Röcke waren verbrannt, in ihren Beinen und Füßen spürte sie stechenden Schmerz, aber sie konnte gehen.

„Wo ist dieser arme, irregeführte Mann?“, dachte sie.

Ein Stöhnen kam vom Boden, und dort lag etwas fast Nacktes, das sein Gesicht in eine Lache Sumpfwasser grub.

„Gott sei Dank, dass du nicht tot bist“, sagte das Mädchen, „sondern lebst, um Buße zu tun und ein besserer Mensch zu werden.“

Er erhob sich und sah sie mit einem Gesicht an, das völlig geschwärzt, wund und scheußlich anzusehen war.

„Barmherziger Herr!“, rief Virgie; „was fehlt dir, armer Mann?“

„Der Herr hat mich für meine Bosheit bestraft“, stöhnte er. „Virgie, du musst mich jetzt führen; ich bin blind geworden.“

KAPITEL XXXIX.

VIRGIES FLUCHT (Fortsetzung).

„Kannst du gehen, Hudson?“, fragte Virgie, als ihr Entsetzen es ihr erlaubte.

„Ja, Kind, ich kann gehen, schätze ich; aber meine Augen sind beide ausgebrannt. Oh, meine arme alte Frau: sie könnte mich so gut pflegen. Ich habe sie verloren.“

Das Mädchen tröstete den blinden Mann und führte ihn weiter, gleichgültig gegenüber der Gefahr. Er watete durch die tiefen Stellen, wo das Wasser seine Wunden kühlte und seine verbrannten Augenhöhlen mit kühlem Schlamm füllte.

„Selig sind, die reinen Herzens sind“, murmelte er, als sie sandigen Boden erreichten und zusammensanken. „Du, Virgie, kannst Gott sehen; ich werde es niemals können.“

Der große Zypressensumpf von Delaware – das Gegenstück zum Dismal Swamp in Virginia –, dessen nördliche Grenze sie nun erreicht hatten, war wahrscheinlich einst eine große Bucht oder ein flaches Becken in der vordringenden Sandbank der Halbinsel gewesen. Er war angefüllt mit Austern und Fischen, die mit der Zeit eingeschlossen wurden und zum Dünger eines Zypressenwaldes wurden, der bald darauf entstand, als Wasserquellen unter dem Sand hervorströmten und die Samen befeuchteten. Über Zeitalter hinweg waren diese Wälder gewachsen, waren umgestürzt und hatten ihre Blätter und Zweige in das Bett der großen Bucht fallen gelassen, bis eine tiefe, holzige Masse aus brennbarem Material das Niveau des Sumpfes immer höher hob. Getrocknet durch mehr Zeitalter als die Mumien der Pharaonen, öffnete er oft Tunnel für ein schwelendes Feuer, das an irgendeinem Punkt seines Verlaufs hervorbrach, die hohlen Bäume entzündete und wochenlang wütete. Durch ein solches Feuer waren sie hindurchgegangen.

Im frühen Tageslicht stieß Virgie auf einen kleinen, dunkelhäutigen Jungen, der einen kleinen Karren mit einem Ochsen fuhr.

„Bist du ein farbiger Junge?“, fragte Virgie.

„Nein“, antwortete der Junge stolz. „Ich bin Indianer vom Indian River; ich schätze, ich bin ein kleiner Nigger.“

„Nimm diesen armen Mann mit, und ich werde dich bezahlen. Wohin gehst du?“

„Nach Dagsborough Landing, um Salz zu holen.“

„Lass mich in Dagsborough beim alten Clayton-Haus ab“, meldete sich der Blinde; „es steht leer. Ich kann dort sterben oder einen Arzt finden.“

Bevor die Leute aufgestanden waren, erreichten sie einen kleinen Weiler an jener Poststraße, von der sie in der Nacht abgewichen waren. Sie sahen ein paar kleine Häuser und eine kleine, mit Schindeln verkleidete Kirche in der Nähe zwischen den Wäldern, und ein großes Haus mit verlassenem Aussehen lag am Ende der Stadt. Der Mann sagte: „Dies ist der Geburtsort von John M. Clayton: meine Frau hat früher hier gearbeitet.“

„Virgie!“, rief eine vertraute Stimme.

Das Mädchen drehte sich um, während ihr die Echos des Sumpfes noch immer in den Ohren klangen. Sie sah ein Gesicht, das sie kannte, und rannte an die Brust darunter, während sie rief:

„Samson Hat! Oh, Freund, liebe mich wie meine Mutter. Ich bin sehr krank.“

„Armes, liebes Kind“, sagte Samson; „keine andere Liebe werde ich dir jemals aufdrängen als die eines Vaters. Warum bist du so weit von zu Hause weg?“

„Ich bin verkauft, Samson: Ich versuche, frei zu werden. Die Entführer sind hinter mir her. Oh, rette mich!“

„Ich bin gerade erst von ihnen losgekommen, Virgie. Die alte Frau, Patty Cannon, hat mich freigelassen. Ich habe ihr versprochen, dass ich jemanden entführe, der jünger ist als der alte Samson. Segne den Herrn! Ich bin diesen Weg gekommen!“

Er führte sie in die Eichen des alten Kirchenhains, wo schon vor hundert Jahren englischer Gottesdienst gefeiert wurde; sie gab ihm Geld, um Medizin zu kaufen, einen Arzt für den blinden Mann zu holen und ihr einen Schal im Laden zu besorgen. Dann sank Virgie in einen fiebrigen Schlaf unter den alten Eichen, und als sie wieder bei Bewusstsein war, glitt sie in einem Boot, das Samson steuerte, über ein breites Gewässer, und ihr Kopf ruhte auf seinem Schoß.

„Du bist immer noch rein wie ein Engel, mein kleines Geschöpf“, sagte Samson; „und jetzt bringe ich dich den Indian River hinunter in die Rehoboth Bay; und wenn es dunkel ist, bringe ich dich den Strand hinauf zum Cape Henlopen, und vielleicht kann ich dir eine Passage auf einem der Steinschiffe kaufen, die dort den neuen Wellenbrecher bauen und zurück in den Norden fahren.“

„Oh, Samson, wenn ich irgendeinen Mann lieben könnte, dann dich“, sagte Virgie; „aber ich kann jetzt niemanden mehr lieben außer meinem lieben weißen Vater. Wer ist er?“

„Der Herr, so glaube ich, hat deinen Stammbaum, Virgie.“

„Sterbe ich, Samson?“, fragte das Mädchen sehnsüchtig, während ihre leuchtenden Augen voller Fieber waren. „Oh, Freund, lass mich so gut sterben, dass Miss Vesty und mein Vater kommen und mich küssen können!“

„Erzähl mir von Princess Anne und meinem lieben alten Master Meshach Milburn, den ich so lange verlassen habe, Virgie!“, sagte der alte Boxer und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Sie begann sich zu bemühen, sich zu erinnern, aber Gesichter und Ereignisse verschwammen, und sie spürte, dass ihr Geist wanderte, konnte ihn aber nicht zurückholen; und so lief das Boot, in Sichtweite des Ozeans und der stattlichen Schiffe dort, nach Mittag fast im Klang der Brandung auf Grund.

Einige Stunden lang im Schutz eines Waldstücks verborgen, fand sich Virgie bei Einbruch der Dunkelheit in alten Samsons Armen an einem Meeresstrand wieder, wo der Sand nachgiebig war und nur ganz am Rande der Brandung fest, die bedrohlich rollte, zeitweise zu einem Brüllen anschwoll und oft bis zum niedrigen, mit Seggen bewachsenen Ufer hinaufreichte. Blitze spielten über das schwarze Meer, hoben es, wie es schien, an und zeigten Schiffe, die entweder ausliefen oder einliefen; schließlich brach der Donner über die zunehmende Verwirrung herein, und Samson sagte:

„Da ist ein Geschütz in diesem Donner!“

Der nächste Blitz zeigte ein Schiff nahe am Ufer, das bei dem Südostwind schnell näher kam; sein Geschütz wurde erneut abgefeuert, und schwache Hilferufe waren zu hören. Doch nun brach der Sturm mit aller Gewalt los, und eine Welle schleuderte Samson zu Boden und hätte Virgie beinahe mit sich in das kochende Meer gerissen; aber der treue alte Mann kämpfte für sie, und sie rannte an seiner Seite, ohne zu klagen, bis sie einmal anhielten, um Atem zu schöpfen, und das himmlische Feuer jeden Fuß dieses riesigen Ozeans sichtbar machte und ihn zudem mit majestätischer Artillerie beschoss, da seufzte das Mädchen:

„Freiheit ist wunderschön!“

„Oh, Virgie“, antwortete Samson und deckte sie mit seinem eigenen Mantel zu, „wenn ich dich freikaufen könnte, armes Kind, ich würde fast in die Sklaverei gehen, um dich vor dieser Nacht zu retten.“

„Ich kann dort drinnen sterben“, sagte Virgie und zeigte auf die Wellen; „sie dürfen mich nicht erwischen.“

Ein Wehklagen kam aus dem Sturm, so nah vor ihnen, dass es beide verstummen ließ, und der Blitz hob vor ihren Augen ein strandendes Schiff, so nah, wie es schien, dass sie es hätten berühren können; es war voll von Menschen, die hallo riefen, aber nicht in einer verständlichen Sprache.

Als die schwarze Nacht über diese Laterna-magica-Szene hereinbrach, hörten sie ein Krachen von Wellen und Holz, fallendes Tauwerk und schreckliche Schreie; und als der nächste lebhafte Blitz kam, war nichts mehr zu sehen außer treibenden Trümmern, und spritzende Schreie drangen aus dem Schoß des Meeres, und ein schwarzer Mann, wie aus einer Kanone geschleudert auf eine Welle, die diese Wanderer durchnässte, schlug ihnen zu Füßen auf den Boden und sah Samson in die Augen, während die Todeszuckungen seine Brust und Füße erfassten.

Bevor sie miteinander sprechen konnten, war der Strand voller ähnlicher Leichen, die einen Augenblick zuvor noch so lebendig wie sie selbst gewesen waren, und jede war nackt und schwarz.

„Es ist ein Sklavenschiff, das hier gesunken ist“, rief Samson.

Er griff nach einem Beiboot, das an ihnen vorbeigetrieben kam, inmitten der vielen Dinge, die um ihre Füße schwammen, und Virgie sah an dessen Bug das Wort „Ida“ gemalt.

„Samson“, sagte sie, während sie alle Einflüsse von Princess Anne wieder spürte und ihr eigenes Elend vergaß, „es ist der Ehemann von Mrs. Dennis, der heimkehrt und Schiffbruch erlitten hat.“

* * * * *

Als Virgie sich das nächste Mal erinnerte, befand sie sich auf einem riesigen Sandhügel in der Nähe eines Leuchtturms, der darauf erbaut war und seine Linsen schläfrig über einen trüben Tagesanbruch blinken ließ; das gegenseitige Licht zeigte die Baumwipfel, die aus dem Sand ragten, wo ein Wald bei lebendigem Leib begraben worden war, wie kleine Zweige im Bernstein.

Fast nackt vom Kampf gegen den Sturm schlief Samson Hat an ihrer Seite, friedlich, wie es nur ein gesundes Alter und Tugend in der Lebensruhe des Vergessens genießen konnten.

„Glücklich sind die Schwarzen“, dachte das kranke Mädchen, „die sich keine Gedanken über Dinge machen, die dieses weiße Blut in mir so groß macht: über Freiheit und meinen Vater. Vater, liebe mich, bevor ich sterbe!“

Sie kniete auf dem großen Sandhügel bei Cape Henlopen und betete, bis auch sie das Bewusstsein ihrer selbst verlor und wieder an Samsons Seite schlief. Sie träumte von unzähligen Engeln, die um sie herumflogen, doch ihre Stimmen waren so rau, dass sie sie schließlich weckten, und immer noch flogen diese Seraphim am Tag. Sie sah ihre Flügel und bewegte den alten Mann an ihrer Seite, um zu sagen:

„Samson, warum können diese Engel nicht singen?“

Der alte Mann blickte auf und lächelte schwach:

„Arme Virgie, das sind Wildvögel, ganz verwirrt von dem Sturm: Gänse und Schwäne. Sie können nicht singen wie Engel.“

„Ja“, sagte das Mädchen; „etwas singt, ich weiß es. Was ist es?“

„Jesus, vielleicht“, antwortete der Neger und sah sie an, die Augen voller Tränen.

* * * * *

Der große Wellenbrecher, dessen Bau vierzig Jahre dauerte und fast eine Million Tonnen Stein erforderte, begann damals gerade erst, und dort, wo er sein sollte, innerhalb der flachen Bucht von Henlopen, sahen sie die Wracks vieler Schiffe, einige versunken, einige im Zusammenstoß zertrümmert, einige im Sumpf gestrandet, was die Notwendigkeit des Handels für ein solches Werk bewies, sowie die Wut des Sturms, der so unschuldig verschwunden war wie ein schlafender Tiger nach seiner blutigen Mahlzeit.

Im sanften Sonnenschein wehte die amerikanische Flagge auf mehreren Schiffen dort – die Flagge, die 1776 an dieser Stelle zum ersten Mal die Brise küsste, als Esek Hopkins über der Alfred die Farben von Pfirsich und Sahne im Zentrum seines kleinen Geschwaders hisste. Und dort, entlang der niedrigen Klippe des Kill, lag noch immer die mit Schindeln verkleidete Stadt Lewes, in der Erstarrung von fast zweihundert Jahren, oder seit der Holländer De Vries sie 1631 besiedelt hatte. Lord Delaware, Argall und der Schwede, Penn, Blackbeard, Paul Jones, Lord Rodney, tausend Helden hatten sie gut gekannt; die Lotsen, wie Möwen, hatten dort ihre Nester; die Marylander waren eingefallen, die Tories hatten sie ergriffen, Piraten waren dort genährt worden; und nun hatten die Gerichte und Anwälte sie verlassen, um landeinwärts nach Georgetown zu ziehen.

„Virgie“, sagte Samson, „ich werde versuchen, einen der Kapitäne der Steinschiffe dazu zu bewegen, dich nach Philadelphia zu bringen.“

Er watete durch den Kill, trug sie und ließ sie in einer alten presbyterianischen Kirche am Rande von Lewes zurück, besorgte Medizin für sie und arbeitete dann fast den ganzen Tag vergeblich, um ihr eine Passage in einen freien Staat zu verschaffen. Die Antwort war immer dieselbe: „Kann das Risiko des Prangers und des Schandpfahls für keinen Nigger eingehen. Kann keinen langen Job wie das Bringen von Steinen zum Wellenbrecher verlieren, um einen Nigger zu retten.“

Im Hotel winkte ein farbiger Mann Samson beiseite – ein gut aussehender Mann von lebkuchenfarbener Haut – und sie gingen in das kleine, alte, unbenutzte Gerichtsgebäude mitten in einer Straße, wo ein Feuer brannte.

„Bruder“, sagte der Fremde, „ich sehe an deinem Handeln, dass du versuchst, eine Passage nach Norden zu bekommen. Ist es für dich selbst?“

„Nein“, sagte Samson, der die kräftige Brust und Stärke des anderen musterte und im Stillen wünschte, eine Chance bei ihm zu haben; „ich bin ein freier Mann und kann überallhin gehen; aber ich habe eine Freundin.“

„Warum, alter Mann“, sprach der andere offen, „ich bin der Agent unserer Gesellschaft an diesem Punkt.“

„Was ist das?“, fragte Samson misstrauisch.

„Die Schutzgesellschaft. Sie haben mich direkt hier ausgebildet. Ich ging mit weißen Jungen zur Schule. Nun, wo ist deine Freundin?“

„Was kannst du für sie tun?“, fragte Samson.

„Es ist ein Mädel, nicht wahr? Nun, ich kann sie einfach in meinen Buggy setzen, der dafür vorgesehen ist, und sie zur Quäkersiedlung fahren.“

„Wo ist das?“

„Camden – nur dreißig Meilen entfernt. Ich habe freie Pässe, die alle schon ausgestellt sind. Mach dir, Bruder, keine Sorgen mehr.“

Samson sah den gut aussehenden Mann lange und genau an. Der Mann hielt dem Blick bescheiden stand.

„Oh, wenn ich nur etwas Wissen hätte!“, sprach Samson; „ich könnte genauso gut ein Sklave sein, wenn ich nichts weiß. Ich kann nicht lesen. Ich wünschte, ich könnte dein Herz lesen!“

„Ich wünschte, du könntest es“, sagte der Mann; „dann würdest du mir vertrauen.“

„Wie heißt du?“

„Samuel Ogg.“

„Ich will, dass du deine Hand hebst und schwörst, Sam Ogg, dass du dem armen Kind, das ich dir bringe, niemals schaden wirst. Sag: ‚Herr, lass meinen Körper bei lebendigem Leib verrotten, und kein Mensch soll Mitleid mit mir haben, wenn ich nicht gut an ihr handle.‘“

„Das ist ein strenger Eid“, sagte der Fremde, „aber ich sehe dein freundliches Interesse an der Dame. Ich tue wirklich nur meine Pflicht.“

Er wiederholte die Worte jedoch, und Samson fügte hinzu: „Gott verfahre mit dir, Sam Ogg, wie du diesen Eid hältst. Komm jetzt mit mir!“

Das Mädchen wurde schlafend, aber im Delirium gefunden; ihre großen Augen, in denen sich Blau- und Brauntöne in einer Art See-Farbe trafen, waren weit geöffnet und fast in ihren langen Wimpern verloren, während Flut und Feuer, Sonne und Frost auf die zarte Hülle ihres sanften Lebens eingeprügelt hatten, das immer noch die Zeit hielt wie eine Parian-Uhr, die aus einem Brand gerettet wurde, in deren Kristallglasscheibe sich das goldene Pendel noch bewegt, auch wenn die Zeiger auf dem verstümmelten Zifferblatt falsch stehen.

Ihre Zähne zeigten sich durch die liebenden Lippen, die sie in ihren stürmischen Träumen öffnete, wie Wellen, die die alabasterweißen Segel des Nautilus umspülen, oder wie ein Maiskolben, der im Sturm bloßgestellt ist, der über das Feld mit den Quasten weht.

Ihre Kleidung, die teilweise von ihr gerissen war, enthüllte ihre geschmeidige Figur und ihren Hals, und unter ihrer Masse seidigen Haares stützte ihr weißer Arm, wie eine elfenbeinerne Schlange, ihren Kopf; ihre schönen Füße waren fein und edel, wie die Seele, die in ihrem mädchenhaften Ehrgeiz aufbegehrte.

Es hatte Tage gegeben, an denen solche wie sie Antonius von seiner Frau und Caesar von seinem klassischen Egoismus wegriefen; als an vielen östlichen Thronen eine solche Schönheit Armeen von unermesslicher Größe zu murmelndem Ruhm aufstachelte und die Becken gewaltiger Eroberungen zusammenschlug. Sie lag auf den Altarpolstern der Kirche wie der junge Isaak auf dem Altar seines Vaters, und wo die Trauernden knieten, um für Gottes Versöhnung zu beten, blitzte die Grausamkeit ihres Gesetzes über sie hin wie Abrahams abergläubisches Messer.

Unbezahlbar war dieses junge Geschöpf in noblen Händen, als Ehefrau oder Tochter, als menschliche Nahrung oder schöne Göttlichkeit, und alle kostbaren Geheimnisse der Frau erwachten in ihr zu Liebe und Ehe, wie Gesang und Samen im Frühlingsvogel; doch ein hartes, stählernes Vorurteil hatte sie von jeder Institution und Gleichheit ausgeschlossen, ließ jedes Verbrechen an ihr verüben, machte den Duft der Freiheit in ihren Nasenflügeln schlimmer als den Ansporn des Diebes, und hat sie ein halbes Jahrhundert überdauert und ist noch immer selbstgerecht und unnachgiebig.

Auf jenem alten Friedhof, der sie umschloss, schliefen revolutionäre Offiziere, die geholfen hatten, die Freiheit zu erringen: Sie wären vielleicht bereit, mit ihr aufzuerstehen, aber nicht, in derselben Umfriedung begraben zu sein.

Wie klein ist die Religion, wie falsch die Demokratie, wie weit weg sind die Urteile des Himmels! Über der Kanzel stand eine Inschrift, selbst anmaßend durch Aristokratie, die besagte: „Die Toten in Christus werden zuerst auferstehen“; als ob diejenigen, die wahrhaft tot sind in der Demut Christi, es nicht vorziehen würden, zuletzt aufzuerstehen!

Samson beobachtete seinen neuen Freund genau, dessen Gesichtsausdruck zutiefst mitleidig war, und seine Zähne und Lippen machten ein „Tut-tut!“. Zufrieden mit dem Mann, kniete Samson neben Virgie und küsste sie einmal.

„Arme Rose der Sklaverei“, sagte Samson, „vergib mir, dass ich dich wie ein Mädel umwarb, statt wie einen Engel. Ich bin alt und schäme mich meiner selbst. Liebe, zerzauste Blume, wir mögen uns vielleicht nie wiedersehen. Möge der Herr, wenn dies sein heiliger Tempel ist, dich rein bewahren und dir ein Zuhause finden, Virgie. Leb wohl!“

„Komm“, sagte der Mann, als Samson gebeugt und weinend dasaß, „der Buggy ist bereit; ich werde dich warm einwickeln, Miss.“

„Freiheit!“, sprach das Mädchen erwachend; „oh, ich muss sie finden.“

Das nächste, woran Virgie sich erinnerte, war, dass sie sich auf einem Dachboden befand und Stimmen aus einem Raum darunter hörte.

„Sieh mich an!“, sagte eine; „wir verkaufen dich, das ist sicher! Sieh mich jetzt an! Du machst das Beste draus. Sam Ogg hier, wir wurden zweiundzwanzigmal verkauft. Sam wird mit dir verkauft werden und dir das Murrell-Spiel beibringen.“

„Höflich, meine Herren“, sagte eine weibliche Stimme; „ich weiß nicht, ob ich die Nerven dazu habe. Meine Beschäftigung bestand darin, sie zu verheiraten. Es stimmt, dass das Geschrei der Leute diesen Zweig flau gemacht hat, aber ich hatte ein großes Talent dafür.“

„Menschenraub“, sagte eine dritte Stimme, „läuft schlecht. Er umzingelt den gesamten Sklavengürtel von Illinois bis Delaware. Die Gesetze von Illinois wurden in unserem Interesse gemacht, bis Gouverneur Harrison, dessen freier Mann entführt wurde, vor sechs Jahren dort für Aufregung sorgte. Newt Wright, Joe O'Neal und Abe Thomas waren die geschicktesten Kidnapper entlang der Kentucky-Linie. Aber Joe Johnson, der sich darauf vorbereitet, nach Süden zu gehen, wird der letzte unternehmungslustige Mann in diesem Geschäft sein. John A. Murrells Idee ist es, ehrlich mit den Schwarzen zu teilen, sie zu verkaufen und wieder zu stehlen, und ich halte das für klug. Es ist jedenfalls sicherer als Patty Cannons anderer Plan.“

„Was ist das, Mr. Ogg?“, sagte der Neger mit der weiblichen Stimme.

„Die Sklavenhändler aus dem Weg räumen, so sagt man.“

„Sieh mich an! Sieh mich an!“, rief die erste Stimme. „Sie werden sie eines Tages dafür hängen.“

„Nun“, fuhr Mr. Ogg fort, „ein intelligenter Mann wie Sie und ich, Mr. Ransom – Verzeihung, mein Herr, behindert Sie Ihre Fessel? Ich werde sie mit etwas Wolle ausstopfen –“

„Höflich, Mr. Ogg; ich bin ein wenig zu fest in Eisen gelegt.“

„Ich sage ja, Mr. Ransom, Sie und ich können den durchschnittlichen Sklavenhalter immer für dumm verkaufen. Warum, ich komme kaum in eine Familie, bevor ich nicht mit irgendeinem Mitglied ein Verhältnis anfange, und wenn ich nicht mit einer schwarzen Dirne verschwinde, dann mit ihrer Herrin.“

„Ach, Mr. Ogg, sie sind vollkommen teuflisch darin, das zu übel zu nehmen!“

„Natürlich, aber es gibt ein großartiges Wie-du-mir-so-ich-dir in der ganzen Natur. Warum, mein Herr, die Vergnügungen des tiefen Südens übertreffen für einen Mann von Kunst und Unternehmungsgeist wie Sie diese arme, einfache Gegend bei weitem. Nehmen Sie das Dach von der Sklaverei ab, und die Schwarzen haben eher das Beste davon; die Weißen würden das auch denken, wenn sie sehen könnten, was da vor sich geht.“

„Höflich, Mr. Ogg; wird sich die gesamte Institution nicht eines Tages selbst in die Luft jagen, wie einer ihrer westlichen Dampfer?“

„Kein Zweifel, Mr. Ransom. Wenn wir Sie losgeworden sind und Sie das Land selbst sehen können, beobachten Sie, wie empfindlich die Sklaverei ist! Tausend Ängste liegen darin. Sie glauben an Aufstände, Vergewaltigungen und Brandstifter. Einen vollkommenen Schlaf kennen sie kaum, sondern streifen Tag und Nacht umher, getrieben von ihren Verdächtigungen. Es macht sie kriegerisch, aber unglücklich, und die Sklaven fressen den Boden kahl. Außerdem haben sie schreckliche Feinde in den Sklavenhändlern, auf die sie gesellschaftlich herabsehen und die sie in Wirklichkeit in die Sympathie mit den Negern treiben. Mr. Murrell zum Beispiel hat einen großartigen Plan für einen Sklavenaufstand. Er sagt, die weiße Gesellschaft sei ganz gegen ihn, und er wird es ihr heimzahlen.“

„Sieh mich an, sieh mich an!“, stimmte eine andere Stimme heiser ein. „Die Sklaverei hat Angst, sicher! Joe Leonard Smith, Katholik, drüben am westlichen Ufer, hat gerade zwölf Neger freigelassen. Gouverneur Charley Ridgely hat zweihundertfünfzig freigelassen. John Randolph, so sagt man, wird mehr als dreihundert freilassen. Da gibt es fünfzig Abolitionisten-Gesellschaften in North Carolina, elf in Maryland, acht im alten Virginia, zwei in Delaware. Ho, ho! Sie lassen sie frei und wir stehlen sie zurück! Alter Derrick Molleston wird nie ohne Schweinefleisch und Geld sein!“

„Höflich, meine Herren“, sagte der Einzelne mit der Fessel. „Haben Sie von der brandstifterischen Proklamation gehört, die David Walker in Boston herausgegeben hat und in der er allen Sklaven sagt, dass es ihre religiöse Pflicht sei, sich zu erheben?“

„Ja, und erheben werden sie sich, aber zu welchem Ende? Es wird eine große Angst geben, aber keinen Krieg. Als Nächstes werden sie das Lesen unter allen Sklaven verbieten, die Emanzipation per Gesetz verhindern und die farbigen Versammlungshäuser beobachten. Das Feuer wird unter der Menge des Brennstoffs begraben sein, und doch wird alles da sein.“

„Mr. Ogg, Ihre Erfahrung ist bemerkenswert. Und Sie wurden in fast jedem Sklavenstaat verkauft und sind entkommen? Höflich, mein Herr, entführen sie nicht auch weiße Männer? Wer ist dieser Morgan, der letztes Jahr im Staat New York gestohlen wurde?“

„Oh, das ist ein abtrünniger Freimaurer, Mr. Ransom. Es wird so viel Aufhebens um ihn gemacht, als ob wir nicht jeden Tag hundert freie Menschen stehlen würden. Es zeigt nur, dass Entführungen aller Art unpopulär werden. Wenn eine neue politische Partei durch den Diebstahl eines weißen Morgan gegründet werden kann, glauben Sie nicht, dass eines Tages eine andere Partei durch den Diebstahl von mehreren Millionen schwarzer Morgans entstehen wird?“

„Sieh mich an! Sieh mich an!“, rief plötzlich die heisere Stimme.

„Du versuchst zu fliehen, was?“, schrie die zweite Stimme.

„Höflich, meine Herren, höflich!“, hörte man die dritte Stimme aus einiger Entfernung im Dunkeln, und dann folgten jagende Schritte, und Virgie erhob sich und spähte nach unten.

Ein Feuer brannte in einem Kamin aus Lehm neben einem Tisch, auf dem Fleisch und Schnaps standen. Das Mädchen schwang sich vom Dachboden auf den Boden und ergriff das Fleisch und Brot, woraufhin sie geräuschlos in die Nacht eilte.

Sie wusste kaum, was sie tat, bis sie eine Brücke überquert hatte und an den Rand einer kleinen Stadt gekommen war, um die herum sie eine Straße nach rechts einschlug, die in einen anderen Landweg führte, dem sie eine Meile oder mehr folgte, bis sie am Waldrand ein kleines Backsteinhaus bei einem Zauntritt und einem Brunnen mit Schwengel sah.

Das Licht aus einem kleinen Dachfenster auf dem Speicher leuchtete so hell, dass es Virgies Seele mit der Faszination von Wärme und Zuhause bezauberte, und ohne nachzudenken überquerte sie den Zauntritt, badete ihre heißen Schläfen am Brunnen und ging in die Küche vor das Feuer.

„Freiheit!“, sagte Virgie geistesabwesend; „bin ich dazu gelangt?“ Sie fiel auf den Flickenteppich vor dem Feuer und sagte: „Vater, lieber Vater“, und bewegte sich nicht.

„Nun“, sprach ein Mann mit dickem Bauch und den Augen einer schwarzen Schlange, der dort saß, „es kommt nicht oft vor, dass Leute auf der Suche nach Freiheit einfach in Devil Jim Clarks Haus spazieren!“

„Sie ist weiß“, rief eine Frau aus und blickte mitleidig auf die Fremde, „und sie liegt im Sterben.“

„Nein“, entgegnete der Mann, „sie ist zu hübsch, um weiß zu sein. Das ist die helle Dirne, mit der Sam Ogg gesehen wurde. Sie gehört Allan McLane, und es gibt eine Belohnung von fünfhundert Dollar für sie, aber sie wird in New Orleans zweitausend als Geliebte einbringen.“

„Pst!“, sagte die Frau; „du könntest ein Urteil über deine eigenen Töchter heraufbeschwören.“

„Joe Johnson steht kurz vor der Abreise“, bemerkte Devil Jim Clark; „er soll sie mitnehmen.“

Das Mädchen hatte diesen Namen durch die dichten Kammern des Vergessens gehört. Sie erhob sich, schrie auf und stürzte in die Arme der Frau:

„Rettet mich, Mutter, rettet mich vor diesem Mann!“

Das Herz der Frau war von dem Schrei durchbohrt, und sie drückte Virgie an ihre Brust, küsste sie und sagte:

„Sie soll in der Nacht im Bett unserer Tochter schlafen und ihre armen Füße ausruhen – unserer Tochter, James, die wir begraben haben.“

Der Mund des Mannes verzog sich ein wenig; er wirkte unruhig und zog sein Taschentuch an die Augen.

„Ihr seid alle gegen mich! Ihr seid alle gegen mich!“, brüllte er und stürmte aus dem Raum.

* * * * *

Die Frau von Devil Jim Clark war eine fromme Methodistin und verbrachte den nächsten Tag mit ihrer Tochter mit den schönen Augen an Virgies Krankenbett, wobei sie ihren abgehackten Worten über väterliche Liebe und Vestas geschätzte Erinnerung zuhörte.

„Dein Vater ist auf Unfug aus“, sagte Mrs. Clark. „Spring auf dein Reitpferd, meine Tochter, und reite zur Witwe Brinkley, gleich über der Camden-Grenze. Sag ihr, sie soll nach diesem Mädchen schicken.“

„Mama, sie sagen, sie ist eine Abolitionistin.“

„Deswegen schicke ich dich ja. Es ist ein Wettlauf zwischen dir und deinem Vater. Sei bei mir oder bei ihm!“

Das Mädchen band sich ihre Haube um, nahm ihre Reitpeitsche und ging.

Nach einer Stunde kehrte sie mit einer ordentlichen schwarzen Frau zurück, die Mrs. Clark in Virgies Zimmer brachte.

„Mein Herz blutet für dieses arme Mädchen“, sagte die Gastgeberin. „Man sagt, dein Sohn schleust Neger in den Norden. Mr. Clark sagt das. Ich frage dich nicht, ob es wahr ist, aber als eine Mutter zur anderen gebe ich dir dieses Mädchen. Sie ist zu weiß, um verkauft zu werden. Sie sieht aus wie ein verstorbenes Kind von mir.“

„Bill ist erst bei Sonnenuntergang zurück. Wenn sie bis dahin am Leben ist, hat er gerade genug Zeit, sie zu Mr. Zeke Hunns Schiff an der Mündung des Baches zu fahren, das bei jeder Fahrt eine Stunde dort liegt –“

„Um Flüchtlingen das Einsteigen zu ermöglichen?“

„Ich wurde nie beschuldigt, ihnen zu helfen, Mrs. Clark.“

Die Frau des Händlers steckte der schwarzen Frau einen Geldschein zu.

„Leihe es dem Herrn!“, sagte sie. „Ich verlasse mich darauf, dass du uns die Sünde ersparst, dieses Mädchen zu verkaufen.“

* * * * *

Zu dem kleinen schwarzen Haus, das am Wald lauerte, kamen zwei Reitpferde und hielten am Zauntritt.

„Warte hier!“, sagte die Stimme von Devil Jim Clark. „Wirst du sie nehmen, wenn sie immer noch im Delirium ist?“

„Bingavast! Warum nicht? Ich bin selbst im Delirium, Jim, denn es ist meine Hochzeitsnacht. Ich werde sie in Punch Hall ausruhen lassen.“

Der herkulische Schurke machte sich ruhig daran, einige Sattelseile vorzubereiten, um sein Opfer vor sich auf sein Pferd zu binden. Er wurde von einer Frau unterbrochen:

„Komm und sieh dir deine Arbeit an, Joe Johnson!“

Der Kidnapper folgte die kurze Treppe zum Schrank hinauf und wurde auf ein Objekt auf dem Bett hingewiesen, mit spitzem Gesicht und schmalen Füßen, das weiß wie Kalk dalag, mit geschlossenen Wimpern und an die Seiten gezogenen Armen.

„Bring sie jetzt zu Patty Cannon“, sagte Mrs. Clark, „die passt nur zu toter Gesellschaft.“

„Die Deern tot und ungedockt?“, rief der Schurke aus und schreckte leicht vor dem Körper zurück; „vielleicht hat sie das Siechtum nur vorgetäuscht. Ich werde ihre Kleider durchsuchen. Aber horch!“

Ein Wagen und Hufe waren zu hören.

„Joe“, flüsterte der Ehemann der Frau, „du bist nur vier Meilen von Dover entfernt. Vielleicht sind das Haftbefehle für uns beide?“

„Dann nichts wie weg!“, zischte der bleiche Mörder; „die Welt ist gegen mich“, und er schlüpfte mit seinem Begleiter davon.

* * * * *

„Nun, Bill Brinkley“, flüsterte die Frau von Devil Jim, als ein großer, aufrichtig aussehender schwarzer Junge den Raum betrat, „du kommst gerade rechtzeitig. Sie hat genug Laudanum bekommen, um sie ruhig zu halten; meine Tochter hat sie gepudert; lass mich sie einmal küssen, bevor sie geht.“

Als die Frau ging, sah sich der schwarze Junge um und murmelte:

„Wo ist dieser Dachboden? Ich habe davon gehört.“

Einige Bewegungen über ihm in der niedrigen Wohnung lenkten seine Aufmerksamkeit auf eine kleine Falltür, und er stellte sich auf einen Hocker, schob den Riegel zurück, drückte sie nach oben und flüsterte:

„Irgendwelche Passagiere für Philadelfy? Die Gangway wird eingezogen!“

Zuerst ein wolliger Kopf, dann ein weiterer, und als Nächstes erschienen zwei Paar Beine oben.

„Packt hier an und tragt die kranke Frau zum Dearborn“, sagte der Junge, kein bisschen beunruhigt, als zwei verängstigte Schwarze mit Handschellen vom Dachboden sprangen.

* * * * *

Im klaren Abend raste ein Wagen in Richtung Osten, durch die safrangelben Sümpfe, trat das Stick- und Eisenkraut und die Goldrute nieder, und während die Leute darin sich eng zusammenkauerten, sang der schwarze Kutscher so sorglos, als wäre er der Herr des Landes:

„Die Leute von Tuckyhoe Die sind so faul und lose, Sie nähen keine Knöpfe an ihre Kleider, Und gehen ohne ihren Gebrauch; Also gibt die Natur ihnen Knöpfe, Die wachsen direkt aus ihrer Haut, Damit sie das Leben leicht nehmen können, Und keine Knöpfe mehr kaufen.

„Aber die Leute von Tuckyhoe Weigern sich, ihre Warzen zu zuknöpfen, Es sei denn, sie erhalten ein Gehalt Für das Praktizieren solcher Künste; Wie die Milizsoldaten, Die nach Knöpfen und Sold rennen, Die Leute sind wahrlich schluffig, Auf der Tuckyhoe-Seite der Bucht.“

Ein Segel war im Sternenlicht zu sehen, wie es aus den Sümpfen an einer alten Anlegestelle im letzten Winkel von Jones's Creek auftauchte, und kaum waren die Flüchtlinge an Bord gebracht worden, wurde der Anker gelichtet und das Schiff stach in Richtung des breiten Delaware in See, ihr Kapitän ein Neger, ihr Besitzer ein Quäker.

Das Mädchen wurde durch die kalte Luft der Bucht geweckt, die ihr ins Gesicht schlug.

„Freiheit!“, murmelte sie; „das muss es sein. Oh, ich bin schwach, ich brauche Vaters Arme, um mich aufzunehmen.“

* * * * *

War dies Teackle Hall, auf das Virgie blickte – ein quadratischer, heller Raum und ihr Bett neben einem Fenster, und unter ihr erstreckten sich Straßen aus Kopfsteinpflaster und Backstein und Dächer von Häusern bis zu grünen Sümpfen voller Kühe und ein Fluss, der so blau wie der Himmel schien, der ihn von oben aufschlürfte, wie ein Junge, der in einer Quelle mit dem Kopf nach unten trinkt? Wie wunderschön! Es muss Freiheit sein, dachte Virgie, aber warum war ihr so kalt? Ihre Augen, die durch den Raum schweiften, fielen auf eine Dame mit Haube, die einem großen, rasierten Mann mit quadratischem Kiefer eine Flugschrift vorlas, und diese Frau war von einer silbernen Art von Schönheit, als ob ihr Geist in ihr Herz übergegangen wäre und, ohne es zu beeinflussen, ihr Gesicht aus Silber und Lilien, Milch und Glanz gemacht hätte.

„Was sagt Bruder Elias, Lucretia?“

„Er sagt, Thomas: ‚Dieses edle Zeugnis, sich zu weigern, an den Raubgütern der Unterdrückung teilzuhaben, liegt bei den geliebten jungen Leuten dieser Tage. Wir können von den Gealterten, die an diese Dinge gewöhnt sind wie an eine zweite Natur, nur wenig erwarten. Ohne Gerechtigkeit kann es keine Tugend geben. Oh, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, wie wirst du überall missbraucht! Die Menschen machen sich Gerechtigkeit, wie eine Nase aus Wachs, um ihre Wünsche zu befriedigen. Wenn die Seele von Liebe besessen ist, gibt es Stille.‘“

„Ja“, sagte das Mädchen vom Bett aus und dachte laut; „Liebe ist Stille. Wird Vater kommen!“

Sie träumte und hörte und blickte wieder hinaus auf den Hügel, der zum Fluss hinabführte, die stattlichen Segel, das ferne Ufer, so ähnlich ihrer Heimatgegend, und fragte mit ihren Augen, in welchem Land sie wohl sein mochten.

„Wilmington“, sagte die schöne Frau. „Dies ist das Haus von Thomas Garrett, dem Freund der Sklaven. Wenn du bewegt werden kannst, wird es zu den grünen Hügeln des Brandywine gehen, wo alle frei sind.“

„Hügel? Was sind das?“, sinnierte Virgie und betrachtete ihre abgemagerte Hand. „Muss ich noch mehr klettern? Muss ich wieder durch die Sümpfe waten? Ich weiß, ich habe irgendwo einen Vater.“

Sie träumte und weinte unbewusst und erzählte von vielen Dingen in Teackle Hall, während sie in der Tat wieder ein kleines Kind war, das mit ihrer kleinen Herrin Vesta spielte. Die Sterne standen am Himmel direkt über ihrem Kissen, und sie sprach zu ihnen, und einige schien sie zu kennen, wie den kleinen Vince oder die kleine Roxy oder Meister Willy Tilghman, alles Spielgefährten ihrer Kindheit; aber immer wieder verschwanden diese, und die junge Quäkerin las wieder aus den Predigten von Elias Hicks vor, und die Worte waren: „Liebe ist Stille“; „Nur Licht kann die Seele qualifizieren“; „Wenn ich nicht weggehe, wird der Tröster nicht zu euch kommen.“

„Welcher Tröster?“, seufzte Virgie, und es schien eine große Leere zu geben, und dann hörte sie einen Schrei – war sie es, die so schrie? – und sie versuchte mit all ihrer Kraft, irgendwohin zu gelangen, und wurde ohnmächtig bei der Anstrengung, aber sie versuchte es immer wieder, und dann breitete sich eine Ruhe in ihrem Wesen aus, die wie sanfte Ehrfurcht war, seltsam, weil so schmerzlos, und sie hörte nur zu.

„Meine Tochter“, sagte eine Stimme, „mein eigenes Kind! Nenn mich ‚Vater‘ und sag, dass mir vergeben ist.“

„Vater! vergeben!“, murmelte sie und spürte ein warmes Gesicht, das ihres jedoch nicht wärmen konnte, das Tränen vergoss und sie küsste, und dicht bei ihm waren ihre Arme fest verschlungen, als ob sie niemals loslassen könnte, und alles war Musik, aber wunderbar.

Sie fürchtete, sie müsse fallen, wenn sie sich nicht an ihm festhalten würde. Wer war es, der sie „Tochter“ nannte? Warum kamen diese kalten Sterne so nah, als wollten sie ihn ausspionieren?

Oh, heilige Reinheit, die so fest hielt und nichts wusste, sondern der zitternden Umarmung der Natur vertraute! Sie rang mit etwas wie einem Felsen aus Eis, um ihre Augen zu bewegen und zu sehen, bevor sie für immer niedergeschmettert wurde, die Augen, die für sie überflossen. Es waren die ihres Herrn.

„Herr“, sagte sie, „wessen bin ich?“

„Mein vor Gott. Rein für mein Herz wie deine weiße Schwester, Vesta! Weiß wie junge Liebe, für immer in Zuneigung und Vertrauen!“

„Und Mutter?“, gurgelten die leisen Töne des Mädchens; „wo ist sie?“

„Dort drüben“, sagte der Richter, „im Himmel, der mich richten wird, wohin sie flog, als sie dich mir gebar!“

Ein glückliches Leuchten trat auf Virgies Gesicht. Sie küsste ihren Vater zweimal, als ob der zweite Kuss für ihre glücklichere Schwester gedacht wäre, und während sie ihre Arme zum Himmel erhob, auf den er deutete, flüsterte sie: „Freiheit!“ und starb an seiner Brust.

KAPITEL XL.

HULDA BELAGERT.

Owen Daw brachte die Nachricht von der Abweisung aus dem Cowgill House und der Verwundung von Kapitän Van Dorn.

„Wo ist der kleine Kerl, Levin?“, fragte Patty Cannon wütend.

„Verhaftet, schätze ich“, rief O'Day mutig; „Van Dorn hat einen Treffer in die Kehle bekommen.“

„Dann wird er nicht viel reden“, murmelte die Frau; „seine Zeit musste kommen. Wo finde ich in meinem Alter noch einen Liebhaber? Warum, Schätzchen“, kicherte sie in einen Spiegel, „dieser Sohn von ihm kommt vielleicht zurück. Er hat ein Auge auf Huldy geworfen: warum nicht auf mich?“

Bei dem Gedanken kam ihr ein weiterer abscheulicher Gedanke: Huldas Schicksal in der Abwesenheit ihres jungen Liebhabers zu besiegeln und die verderbliche Macht über Levin Dennis zu monopolisieren, falls er jemals leben sollte, um Joe Johnsons Kreuzung wiederzusehen.

Als einzelne Flüchtlinge zurückkehrten und die entscheidende Abweisung der Bande bestätigten, wurde Patty Cannons Gesicht dunkel und ihre Flüche leise und tief; Cyrus James hörte sie sagen:

„Wenn ich für das nur jemanden hängen könnte! Joe Johnson ist der feige Hund, der nicht mitgehen wollte. Ich habe schon einen besseren Schwiegersohn gehängt.“

„Tante Patty, ich liebe deine Enkelin Huldy“, wagte Cy James zu sagen. „Der Kapitän ist verwundet und Joe geht weg nach Floridy. Vielleicht kann ich dir eine neue Bande zusammenstellen.“

Ohne eine Sekunde über diesen ehrgeizigen Vorschlag nachzudenken, warf Mrs. Cannon Cy James mit bloßer Kraft durch das Fenster ihrer Bar in ihre Küche, und er brüllte wie ein Baby, kam aber dennoch aus seinem Kummer heraus und murmelte: „Pflügen, Pflügen! Ich werde sie zu Teig verarbeiten und sie noch frittieren.“

Mit dieser Überlegung versteckte sich Mr. James für den Rest des Nachmittags in einem abgelegenen Teil des Hotel Johnson.

Mrs. Cannon hatte jedoch sofort ihren Monolog über Geschäfte wieder aufgenommen.

„Sie alle denken, sie könnten die alte Frau links liegen lassen: ein kranker Mann taugt nichts, und da ist diese Frau von Van Dorn, die hofft, ihn noch zu kriegen. Bei Gott! Sie soll ihn nicht in seinem Leichentuch haben. Nein; ich werde neues Material rekrutieren. Ruinier sie, wenn sie noch Jungen sind, und solange du sie verwöhnen kannst, werden sie deine Arbeit machen! Ich habe einen Neger auf dem Dachboden, den Joe verbrennen will: er ist mein Neger, und ich werde ihn loslassen, um mir mehr Neger zu bringen. Geld ist das, was ich brauche, um ein kühnes Gesicht zu zeigen: Huldy muss es einbringen!“

Mit diesem Entschluss stieg Patty Cannon die Treppe zu einem Zimmer im zweiten Stock hinauf und drängte sich ohne anzuklopfen hinein.

Ein Mann von wollüstiger Gestalt und Gesicht, wie jemand, der überfüttert ist, doch vom Besten lebt, mit steifen, militärischen Schultern und von warmen Farben im Teint, doch kalt im Ausdruck, blauen Augen und reichen, weingefärbten Wangen und Lippen, die immer noch hart und selbstgefällig wirkten, sprach sofort:

„Immer anklopfen, Patty! Das ist konservativer. Mein Weg im Leben ist es, mein Ziel zu erreichen, aber alle Formen zu wahren. Was willst du?“

„Wann reisen Sie nach Baltimore ab, Oberst McLane?“

„Sobald Joe mit dem Eigentum meiner lieben Schwester zurückkehrt: morgen, hoffe ich.“

„Sie können Huldy Bruington mitnehmen, wenn Sie meinen Preis für sie zahlen: zweitausend Dollar bar. Wenn Sie ihn nicht zahlen, wird sie mit irgendeinem jungen Kidnapper verheiratet, der das Doppelte für sie in Negern einbringen wird. Die werden alle wie schwarze Wildkatzen kämpfen, um sie zu bekommen.“

„Sehr, sehr abrupter Vorschlag, Patty; überhaupt nicht konservativ. Was ist heute mit dir los, Dame. Van Dorn nicht erfolgreich, he?“

Er schenkte ihr ein glasiges Lächeln und beobachtete sie über seinen runden Bauch, an dem ein kristallines Uhrensiegel hing, wie ein menschlicheres Auge als sein eigenes. Ihre Farbe begann zu steigen.

„Ich bin wütend“, sagte Patty Cannon; „beunruhige mich nicht; betrüg mich nicht! Verstehst du? Ja, Van Dorn wurde geschlagen – von Negern noch dazu. Wirst du meinen Preis zahlen oder nicht?“

„Tut, tut, gute Frau! Was soll ich mit einem weißen Mädchen? Das sähe in Baltimore überhaupt nicht konservativ aus.“

Patty Cannon stampfte mit dem Fuß auf.

„Wühl mich nicht mit deinem heuchlerischen Gefasel auf, Cunnil McLane! Was hast du dem Kind beigebracht zu lesen und zu schreiben – noch dazu aus deiner Bibel? Warum bringst du ihr Geschenke und hängst hier herum, wenn wir wissen, dass du uns alle verachtest, außer wegen der Schwarzen, die wir dir billig verkaufen können? Bin ich nicht schon als Mädchen immer wieder an Männer wie dich verkauft worden, und kenne ich nicht die schleichende Gier, die alte Männer ergreifen, wenn sie wohlwollend dreinzuschauen versuchen, während Jugend und Schönheit zum Verkauf stehen; und wie sie sie verhätscheln, um sie rein zu halten für ihr eigenes selbstsüchtiges Vergnügen? Gott weiß, das tue ich!“

„Patty, du schockierst mich!“, bemerkte der rotgesichtige Gentleman. „Ich habe dich bisher immer als konservativ erlebt. Nun geh und schick die süße Hulda her, und um Himmels willen, Patty, verrate ihr diesen Handel nicht.“

„Ist es denn ein Handel, Cunnil?“

„Das ist es, wenn sie dazu gebracht werden kann, einzuwilligen.“

„Das wird sie, oder sie wird ihr Lager im Wald aufschlagen, wo man mit gutem Aussehen in deiner Nähe nicht sicher ist.“

Hulda wurde an einem Fenster gefunden, von wo aus sie auf ihr früheres Zuhause blickte und auf einen Pflüger, der die Furchen auf einem großen Feld fast vollendet hatte, wobei er nur einige tiefe Stellen aussparte, die mit Reisig bedeckt waren; über einer von diesen kreisten einige Geier, hoch oben, doch so aufmerksam wie Angler, die ihre Schnüre beobachten. So hart dieses Zuhause für Hulda auch gewesen war, sie bedauerte es, es für dieses Männer-Gasthaus zu verlassen, wo das kecke Temperament ihrer Großmutter so viele Anreize zur Prahlerei fand und ihre Vorsicht, die sie in Delaware hatte walten lassen müssen, auf der Maryland-Seite der Grenze völlig unnötig war.

In dem kleinen weißen Häuschen mit dem Mansarddach hatte Hulda ein Gefühl von Privatheit verspürt, das ihrem heranreifenden Leben gefiel, und ihre Fähigkeit zu lesen brachte Patty Cannon oft zu einer Stille, die dem Schlaf einer Hyäne glich, und machte sie sogar nachgiebig und herzlich.

Doch wo sie Männer allein traf, unbeeinflusst vom Beispiel bescheidener Frauen, war Pattys kühne Tendenz, die Männer zu übertreffen und sie zu Dreistigkeiten zu verleiten, die sie ohne ihren Mut und ihre Taktik gefürchtet hätten; denn sie konnte sowohl junge als auch rohe Naturen ebenso gut überreden, wie sie sie antreiben konnte.

Diese Kraft- und Liststücke, diese Staatskunst und Verzweiflung erinnerten Hulda an ein Buch, das sie über die normannischen Ritter in England gelesen hatte, die die armen Sachsen entführten und ausraubten; und eine Beschreibung von König Wilhelm dem Eroberer legte Hulda nahe, dass er zu seiner Zeit vielleicht eine Patty Cannon war, da sein Körper und seine Beine kurz und kräftig wie die ihren waren, und er zu Pferd einen Bogen spannen konnte, den kein anderer Ritter zu Fuß mit fest aufgesetzten Beinen spannen konnte. Er konnte weder lesen noch schreiben und war abergläubisch, doch grausam wie das Grab. All dies traf auf Patty Cannon zu, deren Kunststück, sich in ein Scheffelmaß zu stellen und dreihundert Pfund Getreide auf ihre Schulter zu laden, überliefert ist.

Oft rang sie ohne fremde Hilfe mit starken schwarzen Männern, die um ihre Freiheit kämpften, und fesselte sie. Sie konnte reiten wie ein Mann, auf eine Weise, die Johanna von Orléans wie eine Maid aus bloßem Flitter erscheinen ließ.

Hulda trug ihre besten Kleider, ihr Haar war in breite Zöpfe gebunden, und ihre feinen Züge und großen, sanften, doch suchenden grauen Augen waren noch nie so direkt auf Patty Cannon gerichtet gewesen.

Ihre Großmutter gab augenblicklich den Versuch auf, gefällig zu sein, und befahl ihr streng, sich um Colonel McLanes Zimmer zu kümmern.

„Ich kann dich nicht länger unterhalten, Luder“, sagte die dunkeläugige Frau, deren Wangen voll Blut waren. „Beeil dich, ein leichtes Leben zu finden, oder Joe soll dir einen Ehemann verschaffen. Wir sind ruiniert. Du musst Geld verdienen, hörst du!“

„Hier ist Geld, Großmutter!“, sagte Hulda und holte einige der Schillinge von 1815 hervor.

Beim ersten Anblick dieser wurde Patty Cannon blass, doch im nächsten Augenblick schoss ihr das heiße Blut wieder ins Gesicht, und sie stieß einen schrecklichen Fluch aus und jagte Hulda mit erhobenen Händen in das Zimmer von Allan McLane.

„Ah, Hulda, du stachelst deine arme Großmutter schon wieder auf!“, sagte dieser sorgfältig gekleidete und wohlgenährte Gentleman. „Nun, nun, liebes Mädchen, das ist nicht konservativ. Ehre Vater und Mutter, und Großmutter natürlich; habe ich dir das nicht beigebracht?“

„Was heißt es, konservativ zu sein?“, fragte Hulda, während sie vor dem Kamin saß, während der Colonel über ihre geraden Füße und ihre hohe, weidenartige Gestalt hinwegsah und innehielt, ein wenig erschauert von ihren klaren, taufrischen Augen.

„Konservativ? Nun, es bedeutet, sich nie auf etwas zu stürzen; das Stürmen abzulehnen; zu – zu einem Bollwerk gegen Neuerungen zu werden. Etwas vorzuziehen, das man erprobt hat und kennt.“

„Wie dich?“, fragte Hulda.

„Ja, deinen Wohltäter, anstatt irgendeiner impulsiven Leidenschaft zu folgen. Natürlich hast du an diesem Ort nie geliebt?“

„Es ist der einzige Ort, den ich kenne. Um konservativ zu sein, wie du es nennst, muss ich mein Leben und meine Möglichkeiten so nehmen, wie ich sie vorfinde, wie etwas, das ich erprobt habe und kenne.“

„Ach, Hulda! Ich sehe, du hast etwas Radikales, Perverses in dir, um meine Bedeutung so eng auszulegen. Du gehörst nicht an diesen abscheulichen Ort, außer durch Blutsverwandtschaft. Es wäre vollkommen konservativ für dich, nach einer besseren Bleibe Ausschau zu halten.“

„Das hast du schon einmal angedeutet“, sagte Hulda, gelassen in seiner Gegenwart wie eine junge Frau, die an Heiratsanträge gewöhnt ist. „Ich möchte dieses Leben ändern, aber ich kann es nicht tun und dabei konservativ sein. Ich muss mich an einen freien Impuls klammern, an eine natürliche Gelegenheit irgendeiner Art. Gott hat mein Herz rein gehalten an diesem schrecklichen Ort, an dem ich geboren wurde. Warum bist du hier, wenn du konservativ bist? Es ist kein Zufluchtsort für einen Gentleman.“

Er wurde ein wenig zornig über diesen Stoß, aber sie sah ihn weiterhin ruhig an, ohne zu wissen, dass sie unverschämt war.

„Ich habe oft Geschäfte, Hulda, mit Joe und Patty; Neger sind sehr teuer, und wir müssen sie dort kaufen, wo sie zu haben sind. Aber ein wachsendes religiöses Interesse an dir lockt mich oft hierher.“

„Warum religiös und zugleich konservativ, mein Herr?“

„Ich habe gefürchtet, dass die Anblicke, die du hier siehst, nach den guten Unterweisungen, die ich dir gegeben habe, dich zu einer Ungläubigen machen könnten.“

„Was ist ein Ungläubiger?“

„Jemand, der, unfähig, gewisse Übel im Leben zu erklären, sich weigert, irgendetwas zu glauben. Das ist bei Van Dorn der Fall, einem sehr schlechten Mann. Stiefvater Joe ist in dieser Hinsicht immer konservativ. So sehr er auch abweichen mag, er zweifelt nie. Auch Tante Patty vertritt, so sprunghaft sie auch ist, einen konservativen Standpunkt hinsichtlich einer Großen Ersten Ursache.“

Hier zog McLane seine goldene Brille hervor, blätterte in seiner Bibel und zeigte Hulda eine Stelle zum Lesen, beginnend mit: „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott.“ Auf seinen Befehl las sie es, mit Glauben, doch mit Beobachtung, da ihr Geist voll und ganz wach war für die Warnung, die Van Dorn ihr hinterlassen hatte, dass ihre große Prüfung in seiner Abwesenheit kommen würde.

McLane trug einen grauen englischen Anzug, mit vollem, rundem Bauch, am ganzen Körper glatt, das Haar ein wenig grau, seine Goldbrille in der Hand baumelnd, lackierte Pantoffeln und Seidenstrümpfe, dazu einen Seidenschal mit einer Kamee-Nadel und eine Kamee seiner verstorbenen Schwester an seinem Fingerring, die seine Kleidung kennzeichnete; seine Augen, von einer hervorstehenden Art, viel zu weit vorne, und blau wie altes Porzellan, und doch ein tierisches, kein geistiges Blau – der Farbton von Waschblau, nicht von Ferne; eine Hasenscharte irgendwo in seinem Redefluss, obwohl die Fülle seiner sehr roten Lippen kaum Raum dafür ließ; und seine Nase und Augenbrauen streng und militärisch, als wäre er ein Pudding, der mit dem Stempel eines römischen Kaisers oder General Jacksons geprägt worden wäre.

Er beobachtete ihr Lesen mit Zensur, doch Verlangen, Gönnerhaftigkeit und Schmierigkeit zugleich.

Als sie aufblickte, nachdem sie weit genug gelesen hatte, dachte Hulda, er sehe sie an, als sei sie eine seltenere Art von Negerin.

„Wunderschön gelesen, Hulda! Ich gehe nie an Orte wie Theater, aber du könntest, so würde ich sagen, eine Schauspielerin sein. Denke jedoch nicht daran! Ein sehr unkonservativer Beruf! Ich bin sehr stolz auf dich, mein liebes Mädchen; wie wäre es, wenn ich dich mit zu mir nach Hause nehme!“

Er ging zu ihrem Hocker und legte seine warme Hand auf ihren Nacken, hinter ihr stehend; sie bewegte sich nicht und veränderte ihre Farbe nicht.

„Mir ist etwas zugestoßen, Colonel McLane“, sprach Hulda, klar wie eine Glocke aus einem Gefängnis, „das selbst Johnson’s Cross Roads gut und glücklich macht. Kannst du raten, was es ist?“

Sie beugte ihren Kopf zurück und sah furchtlos zu ihm auf, als wäre er jetzt der Neger.

„Nicht etwa religiöse Ekstase?“, sagte er. „Hoffentlich keine Bekehrung bei einem Camp-Meeting oder einer Erweckung. Das ist abscheulich.“

„Nein, Colonel. Es ist die Begegnung mit einem reinen jungen Mann, dessen Liebe zu mir natürlich und selbstlos ist.“

„Großer Gott!“, sagte McLane und nahm seine Hand weg. „Nicht etwa irgendein Entführer?“

„Nein“, sagte Hulda, „kein Sklavenhändler irgendeiner Art. Sie können ihn nicht dazu machen. Er ist, was diese Niedertracht angeht, vollkommen konservativ, Colonel. Ich glaube, er ist auch ein Gentleman.“

„Du musst große Erfahrung in diesem Artikel haben“, spottete er und sah sie zornig an.

„Ich habe dich und meinen Geliebten gesehen; du hast die besten Kleider und gibst vor, mehr zu sein. Er hat ein Wesen, aus dem deine Möglichkeiten wahre Verfeinerung hervorbringen würden. Er respektiert mich, so elend ich auch bin; ich lese es in seinen Augen. Du suchst nach einem Weg, mich in meinen eigenen Gefühlen zu erniedrigen und mich doch zu täuschen. Kannst du ein Gentleman sein?“

Sie war gelassen, als hätte sie nichts gesagt, obwohl sie aufstand und auf einer Seite des Kamins gegenüber von ihm stehen blieb; zwischen ihnen befand sich ein Druck von General Jackson, wie er über die Briten hinwegreitet.

In diesem Moment fühlte Allan McLane, dass das Mädchen zu ihrem Preis, den die Großmutter angesetzt hatte, ein Spottpreis war.

Er hatte sie immer als ein biegsames, eigentümliches Kind betrachtet; in wenigen Minuten war sie um Jahre gealtert und zu einer seltenen und beinahe stattlichen Frau geworden, die nun nicht mehr zu formen war, sondern mit großen, weltlichen Vorschlägen in Versuchung geführt werden musste.

„Darf ich fragen, wer dieser Geliebte ist, dem gegenüber ich so sehr unterlegen bin, Hulda – ich, der ich dir die Fertigkeiten beigebracht habe, mit denen du mich züchtigst? Ich fand dich als Sand; ich machte dich zu Kristall.“

Er zog ein großes Pongee-Taschentuch heraus und ließ tatsächlich einige Tränen hineinfallen. Sie fuhr fort, kühl und unbewegt:

„Meine Liebe gilt Levin Dennis aus Princess Anne. Ich habe keine Angst, es zu sagen.“

„Warum?“

„Weil ich möchte, dass seine Gefahr und meine ihm voll bekannt sind und ihn zu einem Mann machen.“

Der Colonel faltete sein Pongee zusammen und trat wieder an Huldas Seite.

„Dieser liederliche Junge! Oh, Hulda, wo ist dein wahrer Stolz? Er hat seine Mutter verlassen. Er ist ein armer Zigeuner. Nein, ich muss dich vor einem solchen Fehler bewahren. Es ist meine Pflicht, dies zu tun.“

„Ich danke dir für deinen Unterricht, was auch immer dich dazu gebracht hat. Wenn ich in dir etwas Selbstlosigkeit mir und meiner neuen Liebe gegenüber wecken könnte, mein Herr, wäre das die größte Dankbarkeit, die ich dir zeigen könnte. Du verbirgst so viele harte, schlechte Dinge unter deinem Wort ‚konservativ‘, dass die sanften Gefühle, wie Vergebung, dich verlassen haben, fürchte ich.“

„Nein“, sagte der Colonel steif, wobei seine Schultern militärischer wurden, „Beleidigungen meiner Ehre vergebe ich nie. Leute, die nicht nachtragend sind, haben kein konservatives Prinzip.“

„Ich vergebe, wie ich hoffe, dass mir vergeben wird, Joe, Tante Patty, Van Dorn und dir. Ich hoffe, Mitleid und Barmherzigkeit und süße, selbstlose Liebe, wie ich denke, dass meine ist, mögen in euch allen wachsen! Oh, Colonel“ – sie wandte sich ernst an ihn, und als sie ihre Hände hob, um ihn zu beeindrucken, bemerkte er lediglich die Eleganz ihrer Handgelenke und braunen Arme – „das Kaufen und Verkaufen dieser Menschen macht jeden gefühllos. Es ist der Diebstahl ihrer Seelen und Körper, egal ob sie beim Gerichtsgebäude gekauft oder auf den Straßen entführt werden. Mein Traum von Glück ist es, einen Ehemann zu haben, der mit seinen eigenen freien Händen arbeitet, sein kleines Stück Land bestellt und sein Schiff segelt, ohne einen Sklaven. Darüber hinaus erwarte und erbitte ich nichts von dem lieben Gott, der so lange mein Beschützer in dieser Höhle des Verbrechens gewesen ist.“

„Warm oder kalt, herrisch oder zärtlich, du bist großartig, Hulda“, sagte McLane, dessen Gesicht geradezu leuchtete. „Lass mich dir nun ein konservatives Bild deines wahren Verdienstes zeigen. Ich bin Junggeselle. Ich führe ein elegantes Haus in Baltimore. Mein Tisch ist mit dem Besten vom Markt versorgt; meine Diener sind meine Sklaven und widersetzen sich mir nie; meine Gemälde sind berühmt; Bücher lese ich nie – das sind radikale Dinge – aber ich kann sie kaufen; meine Kutsche ist das beste Rahway-Gefährt, und meine Pferde sind Diomeds. In Frederick County habe ich ein Anwesen, in Sichtweite der Berge. Als christliche Tat werde ich dich von diesem Ort wegnehmen, mit dem du nur halb verwandt zu sein scheinst, und dich zu meiner Frau machen.“

„Du bittest mich, dich zu heiraten?“

„Konservativ; das heißt, bleib meine Schülerin und gehorche mir. Ich werde deinen Geist aus seiner Unwissenheit führen, deinen Körper aus den Lumpen, deine Umgebung aus dem Verbrechen. Ich werde für dich sorgen, solange du gehorsam bist, während ich lebe und nachdem ich tot bin. Du wirst mit mir reisen und helle Städte sehen – New Orleans, Charleston, Havanna. Wenn du hier bleibst, wirst du eine weitere Patty Cannon oder ins Gefängnis gehen. Da! Sieh es dir konservativ an: Wärme, Reichtum, Vergnügen, Aufmerksamkeit, Veränderung, Kleidung, die dir steht, eine Uhr und Juwelen, gegenüber Niedertracht und Niedrigkeit jeder Art.“

„Wie sollst du dafür entschädigt werden?“

„Durch deine Liebe.“

„Aber sie ist nicht mein, um sie zu geben; Levin hat sie.“

„Pah! Das ist unter deinem Niveau.“

„Aber sie ist weg; ich kann sie nicht zurückholen; sie wird nicht kommen.“

„Gib dich mir hin“, sagte McLane und zog sie zu sich; „die Verfeinerungen sind mir gleichgültig. Sei mein!“

Das Mädchen ließ zu, dass sie beinahe an seine Seite gebracht wurde, und als er sich bückte, um sie mit seinen großen, selbstzufriedenen Lippen zu küssen, entglitt sie seinen Händen.

„Ich könnte mich niemals dazu herablassen“, sagte Hulda, „auch nur die Frau eines Negerhändlers zu sein.“

Er färbte sich bis zu den Augen, doch mit Bewunderung für ihre beinahe aristokratische Fassung.

„Du könntest dich nicht zu mir herablassen?“, sagte er. „Nicht vom Galgen deines Vaters aus?“

„Nein; er war ein Räuber, aber ein kühner. Du nimmst nur die Waren entgegen.“

Sie war fort; und er stand da, mit bösen Lichtern im Gesicht, aber ohne Scham. Er trank etwas Branntwein aus einem Flachmann und murmelte: „Nun habe ich eine Beleidigung zu rächen, sowie eine Laune zu befriedigen; ihr Vater muss ein kühler Schurke gewesen sein. Nun, hier muss alles mit Gewalt getan werden; Patty Cannon soll mein Gold sehen.“

KAPITEL XLI.

TANTE PATTYS LETZTER TRICK.

Gegenüber McLanes Zimmer war das Vestibül zum Sklavenverschlag auf dem Dachboden, ein Raum, in dem Van Dorn gewöhnlich schlief. Mit zutiefst aufgewühlten Gefühlen, obwohl sie diese nicht offenbart hatte – ihre Bescheidenheit hatte einen Stich erhalten, der ihr nun bittere Tränen in die Augen trieb, und Schamröte, die niemand außer den Engeln sah, deren weiße Flügel sie vor ihrem Versucher verborgen hatten – floh Vesta in diesen Raum, um über ihre schlimme Lage nachzudenken.

Nur drei Personen waren jetzt im Haus, jede von ihnen eine interessierte Partei an ihrem Ruin; der Mann, den sie verlassen hatte, und Cy James, der voller feiger Begierde nach ihr war, und Patty Cannon, die sich in ihrer gegenwärtigen Stimmung daran weiden würde, Huldas Tugend als etwas Unbedeutendes, Fröhliches und Herzloses geopfert zu sehen.

„Vielleicht kann ich in unser altes Haus jenseits der Staatsgrenze fliehen und beim neuen Pächter dort Zuflucht suchen“, dachte Hulda. „Oh! Ich wünschte, Van Dorn wäre hier; er ist so tapfer; und als er mich verließ, war sein Kuss wie der meines Vaters.“

Ketten klirrten, und das Summen tiefer Hymnen drang vom Sklavenverschlag durch die Falltür herab.

„Da oben ist ein weißer Mann“, überlegte Hulda; „wage ich es, nachzusehen?“

Sie schloss das Vorhängeschloss auf und stieg die Leiter hinauf. An der Tür des Verschlags spähte sie, konnte aber in der Schwärze nichts ausmachen. Dann zog sie den Stift aus der Öse und trat in den krankhaften Geruch des Gefängnisses.

„Wie viele sind hier?“, fragte Hulda. „Ich höre euch, kann aber nicht sehen.“

„Drei Männer, eine alte Frau und ein paar kleine Dinge, das ist der derzeitige Inhalt von Pangymonum“, meldete sich eine raue, fröhliche Stimme, „und beim Rauch! Es ist gerade genug.“

„Ist es der weiße Mann, der spricht?“

„Er sagt, er sei weiß, aber sie denken, es wird ein leichtes Hokey-Pokey sein, ihn als Neger durchgehen zu lassen.“

Ihre Augen erkannten den Sprecher bald, als er sagte: „Beim Rauch! Fräulein, du bist nicht sehr wie eine Johnson. Ich nehme an, du bist Huldy.“

„Ja, und ihr, mein Herr?“

„Ich war Jimmy Phoebus, bevor ich ein Neger war.“

Das Mädchen ging schnell auf ihn zu und legte ihre Arme um ihn.

„Gott sei Dank!“, sagte sie, „ihr seid nicht tot. Levin Dennis, mein lieber Freund, weinte bei dem Gedanken, dass du auf dem Grund des Flusses lägest. Aber schnell, mein Herr; ich könnte hier erwischt werden. Haltet ihr alle zueinander?“

„Ja, der Verräter hat sich die Gurgel durchgeschnitten. Sprich aus, Huldy!“

„Ich habe Patty Cannon murmeln hören, dass sie ihren schwarzen Mann freilassen wolle, um für sie zu entführen. Horch! Ich muss fliehen.“

Hulda stieg die Leiter rechtzeitig hinab, um Cy James zu überraschen, der gerade heraufkam. Er bog seinen Gänsehals nach unten, während er seine Hände auf seine Knie stützte, und als er in ihr Gesicht blickte, stieß er hervor:

„Hokey-Pokey! Beim Rauch! Und Pangymonum auch noch.“

* * * * *

„Samson“, sagte Jimmy Phoebus, sobald Hulda verschwunden war, „mach dich bereit, ein erstklassiger Lügner zu sein; ich will, dass du auf Patty Cannons Angebot eingehst.“

„Und dich hier allein lassen, Jimmy? Das kann ich nicht.“

„Sei kein Narr, Samson. Hier angekettet können wir niemandem helfen. Mach dich auf den Weg nach Seaford und Georgetown und geh um den Cypress Swamp nach Prencess Anne. Alarmiere die Pungy-Kapitäne; denn Johnson wird versuchen, uns mit Segeln, nehme ich an, die Bucht hinunter nach Norfolk zu bringen. Ich habe eine Feile, die der Kerl mit dem Kürbiskopf mir gegeben hat, und ich glaube, ich werde meine Eisen los sein, wenn du bei Richter Custis ankommst. Da! Die alte Patty kommt.“

„Geh, Samson“, sprach der farbige Mann aus Delaware. „Ich bin jünger als du, und ich werde unter Mr. Phoebus’ Befehl ebenso tapfer kämpfen.“

Tante Hominys Stimme kam im leeren Monolog aus dem Hintergrund:

„Er nahm den Hut dieses Teufels, Kinder, und maß uns aus mit der kleinen Vessy.“

* * * * *

An jenem Abend gab es eine lange, freie Konferenz zwischen Samson und Patty Cannon in ihrer Küche, neben der Bar, wo Hulda Lachen und Einladungen zum Trinken hörte, und alle Geräusche vollkommener Gleichheit; die pfiffigen Sprüche und die Bonhommie des Negers schienen die planende Frau zu entwaffnen und zu erfreuen, deren Vertraulichkeit zugleich ihr Einfluss und ihre Schwäche war, und sie verschwendete ihr geselliges Wesen an Schwarze und Weiße. Samson war so furchtlos und aufmerksam, dass er kein Interesse an der Flucht verriet und langsam in den Bereich ihres Temperaments geriet; doch als Hulda gegen Mitternacht in die Küche spähte, sah sie den alten Samson freundlich Juba klatschen, während Patty einen betrunkenen Tanz aufführte.

Als letztere auf ein Strohsackbett fiel, das sie dort hatte, und in ein Dösen verfiel, hob der farbige Mann leise die Klinke und ging von der Veranda des Gasthauses davon.

* * * * *

Im Morgengrauen hörte Hulda Pferde und Stimmen und erkannte Joe Johnsons Schritte im Haus. Er schüttelte Patty Cannon, konnte sie aber nicht wecken; dann sah er in Van Dorns Zimmer, fand Hulda, die scheinbar tief schlief, und hörte, wie sein Name von Allan McLane über den Flur gerufen wurde:

„Joe! Nicht so laut. Sei konservativ. Komm herein; ich warte auf dich. Ist alles erledigt und geholt?“

„Der Kerl mit dem Kirchturmfilzhut wird niemals schnickeln“, sprach der Raufbold.

„Gut, gut, Joe! Die Vergeltung ist mein, und das ist ein konservativer Spruch. Meine liebe Schwester ist in Frieden.“

„Die beiden gelben Hühnchen sind dir entwischt; die Zofe ist mit deiner Nichte zur Beerdigung entwischt, und die andere Dell muss uns gerochen haben und ist abgehauen.“

„Keine geschmackvolle Sprache, Joe. Ich verstehe dich nicht. Wo sind die beiden hellen Dirnen, Virgie und Roxy?“

„Roxie ist in Baltimore; Virgie ist weggelaufen.“

„Gelaufen? Wo? Scher dich nicht mit mir, Joe Johnson! So konservativ ich auch bin, das gefällt mir nicht, mein Herr. Wohin kann sie gelaufen sein?“

„Es gibt für sie keinen Weg, uns zu entwischen, außer über das Wasser oder durch den Cypress Swamp, Colonel. Sie ist nicht sicher auf dieser Seite von Cantwell’s Brücke. Das Wort ist raus, und jeder Weg wird bewacht.“

„Aber Van Dorn ist zurückgeschlagen; er hat nicht eine einzige Gefangennahme gemacht; die Neger haben ihn mit Schusswaffen aus Dover vertrieben, und er ist irgendwo verwundet.“

Der große Entführer wurde blass und gab dann Van Dorns Schatten der ewigen Verdammnis preis.

„Fluchen Sie nicht vor mir, mein Herr!“ rief McLane, ebenfalls gereizt. „Das ist nicht konservativ, und ich werde es nicht dulden. Woher weiß ich, dass Meshach Milburn tot ist? Wer hat es getan?“

„Black Dave hat den Knallstock abgefeuert und gesehen, wie er erledigt wurde.“

„Schickt ihn her!“

Der Neger kam herein, die Augen gerötet, heiser von einer Lungenkrankheit, und stand da, das Wrack eines einst riesigen und wohlgebauten Mannes.

„Gebt mir einen Drink“, murmelte er; „ich bin fast tot vor Elend und Kälte.“

„Sag diesem Mann, was du getan hast“, sprach Joe Johnson; „du hast gewartet, bis du den Hut am Fenster gesehen hast, hast gefeuert und Hut samt Mann zu Boden gestreckt?“

Nachdem er einen Fingerhut voll von McLanes Brandy hinuntergestürzt hatte, grunzte der Neger: „Blut!“ und betrachtete zitternd seine Hände.

„Was für eine Form hatte der Hut?“, fragte McLane und schüttelte den Neger gewaltsam; „war er wie dieser?“ Er formte seinen eigenen weichen Schlapphut zu einer Spitze.

Black Dave sah hin und schüttelte den Kopf.

„Nicht wie dieser? Verdammt!“

„Kein Fluchen, Colonel, vor uns Konservativen“, wagte Joe Johnson einzuwerfen; „wie war der Hut, Dave? Du bist betrunken.“

„Wie der da, glaub ich.“ Er formte die Krone mit dem Finger zu einer Glockenform.

Joe Johnson und McLane sahen sich eine Minute lang mit gegenseitigen Anschuldigungen und Verwirrung an, und Ersterer schlug den Neger kurzerhand mit seiner großen Faust nieder.

„Kein Gold von mir für diesen Job, Joe Johnson“, sagte Allan McLane; „in Ihrem Konservatismus, um Ihre eigene Haut zu retten, haben Sie Ihr Werkzeug einen Unschuldigen töten lassen.“

Er winkte mit all seinem starken Willen in Richtung der Tür und schlug sie dem Menschenhändler vor der Nase zu. Dann setzte sich McLane in hochmütiger Erregung, nicht etwa aus Furcht, sondern aus enttäuschtem Stolz und Rachsucht, blickte sich um, als wolle er den nächsten Schritt bestimmen, und griff instinktiv nach seiner Bibel, die er an einer markierten Stelle aufschlug und leise las, bis Tränen aus vereitelter Rachsucht und geheuchelter Demut seine Stimme erstickten, wie folgt:

„‚Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, aufbauen hat seine Zeit ... Gott fordert, was vergangen ist ... der Mensch hat keinen Vorrang vor dem Vieh, denn alles ist Eitelkeit ... der Mensch soll sich freuen an seinem Tun; denn das ist sein Teil: denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm kommen wird?‘“

Als die Tränen frommer Rachsucht das Lesen beendet hatten, breitete Colonel McLane sein Pongee-Taschentuch auf dem nackten Boden aus und kniete in stillem und behaglich sicherem Gebet nieder.

* * * * *

Black Dave war in den Raum gekrochen, wo Hulda diese Enthüllungen teilweise gehört hatte, und er betrat den großen Schrank unter dem verborgenen Schacht zum Gefängnis, wo sein Stöhnen und seine geistige Qual Huldas Mitleid erregten. Sie öffnete die Falltür und kroch ebenfalls dorthin.

„Pst, Dave!“, flüsterte sie. „Was macht dich so unglücklich?“

„Missy, ich hab einen Mann getötet. Sie haben mich dazu gezwungen. Ich werde in Qualen brennen. Herr, rette mich!“

„Dave“, sagte Hulda, „mein armer Vater starb für seine Verfehlungen. Du kannst nichts mehr tun; aber wie er kannst du Buße tun.“

„Oh, missy, ich bin schwarz. Rum und Schlägereien haben mich ruiniert. Es gibt keinen Weg zur Besserung. Das Gesetz lässt mich nicht gegen die Leute aussagen, die mich angestiftet haben. Wie kann ich Buße tun, wenn ich meine Sünde nicht beichten darf? Das Gesetz lässt mich nicht beichten.“

„Beichte deine arme, gepeinigte Seele mir, Dave. Der Herr wird dich hören, auch wenn du es nicht wagst, ihm dein Angesicht zuzuwenden.“

„Missy, einmal war ich auf dem Pfad des Herrn. Meine Hände waren sauber, mein Gesicht klar, mein Magen ungebrannt von Schnaps. Ich stand niemandem im Weg; in der Kirche haben sie mich nach vorne gestellt. Meine Seele war glücklich. Eines Tages habe ich einen Mann verprügelt, der größer war als ich. Das machte mich stolz und frech. Ich bin abgefallen und war zu nichts nütze, um bei anständigen Leuten in Dienst genommen zu werden; also haben mich die Kneipen bekommen, und dann haben mich die Menschenhändler benutzt, und jetzt ist das Blut von Kain und Abel für immer auf meiner Stirn.“

Hulda kniete neben dem Mörder nieder und betete von ganzem Herzen; nicht das selbstbewusste, eigensüchtige Plädoyer des Gebets von drüben aus dem Flur, sondern das demütige Gebet des Büßers auf Golgatha: „Herr, wir, aus dieser Verbrecherhöhle, bitten dich, bei dir im Paradies zu sein.“

* * * * *

Der ganze nächste Tag wurde von Patty und ihrem Schwiegersohn mit Vorbereitungen zur Flucht verbracht.

Ein Boot von ausreichender Größe und eine Besatzung, um es zu bemannen, mussten flussabwärts beschafft werden, und das erforderte zwei Reisen, eine von Patty nach Cannon's Ferry, eine andere von Joe nach Vienna und Twiford's Wharf.

Während ihrer Abwesenheit war Cy James ebenso sehr mit etwas beschäftigt, und Hulda sah ihn auf dem gepflügten Feld in der Nähe des alten Delaware-Häuschens unter den herabstürzenden Geiern, wie er den Bauern anwies, wohin er seinen Pflug lenken sollte, und es schien nach einer Weile, dass eines der Pferde dort in eine Grube gefallen war.

Später beobachtete Hulda Cy James, wie er mit einem Spaten an verschiedenen Stellen in der Nähe von Patty Cannons ehemaligem Häuschen grub.

„Alle arbeiten für sich selbst“, dachte Hulda, „außer Levin und mir. Wie oft habe ich gesehen, wie Tante Patty nachts oder im Morgengrauen zu geheimen Orten schlüpfte, wenn sie aus jedem Fenster sah, um zu prüfen, ob sie beobachtet wurde. Ihre Bienenstöcke waren ihre größte Sorge.“

Ein plötzlicher Gedanke ließ Hulda stillstehen und nahm die Farbe aus ihren Wangen.

„Sie gehen alle weg. Ich werde auch mitgenommen oder hier für noch Schlimmeres behalten. Meine Mutter in Florida hasst mich; das hat sie mir gesagt. Ich kenne die Heirat, die Allan McLane für mich vorgesehen hat – seine weiße Sklavin zu sein! Levin ist arm, und seine Mutter ist auch arm; man sagt, Patty Cannon habe Gold vergraben. Vielleicht wird Gott es mir zeigen.“

Sie schlüpfte die Seaford Road hinunter und ging den Feldweg entlang, den sie so gut kannte. Niemand war in dem Häuschen mit dem Krüppelwalmdach. Hulda ging zwischen die Nebengebäude und begann, die Bienenstöcke, die aus Baumabschnitten bestanden, und die großen hölzernen Blumentöpfe, die Patty Cannon zurückgelassen hatte, zu untersuchen.

Sie wurde nur dadurch unterbrochen, dass auf dem gepflügten Feld ein Schuss fiel, und sie sah die hartnäckigen Geier dort tot aus der Luft fallen, als sie den Pflüger erzürnten.

* * * * *

„Ich werde noch ein bisschen Spaß in Maryland haben, bevor ich gehe“, hörte Hulda ihren Stiefvater sagen, als er am Morgen an ihrem Bett vorbeiging, um den Einstieg zu erklimmen, „und das ist, den Nigger zu verbrennen, der mich bestohlen hat. Heute ist sein Tag.“

Fast unmittelbar darauf kam er fluchend die Leiter herunter, gefolgt von einem höhnischen Gelächter von oben und dem Ruf: „Wir werden dich schon noch hängen sehen, beim Rauch! Und dir noch ein Ei auf die Fresse schmieren, Nigger-Käufer!“

Im nächsten Augenblick gab es unten eine gewaltige Schlägerei zwischen dem Menschenhändler und der Mutter seiner Frau, und Hulda glaubte, sie würden sich gegenseitig ermorden; und als sie einmal hineinlugte, sah sie, wie Johnson Patty auf den Boden drückte und ihr das elegante Haar, das im Handgemenge ausgerissen worden war, in den Mund stopfte.

„Ich werde dein Ende sein, alte Hehlerin, bevor ich gehe“, schrie er; „das Urteil würde lauten: ‚Ich habe dem Bezirk einen Dienst erwiesen.‘“

„Komm da weg!“, rief Allan McLane, der an Hulda vorbeischob und sich zwischen die Kämpfenden stellte. „Schämen Sie sich, Joe! Ihre Großmutter zu peitschen, ist kaum konservativ. Hier ist ein Auftrag, der sich für Sie auszahlen wird: Meine Dirne Virgie wurde gefasst.“

Der Menschenhändler ließ die Frau los und wandte sich an seinen Gast.

„Gute Nachrichten!“, sagte er; „selbst wenn es meinen Hals in die Schlinge bringt, hole ich sie für Sie.“

Sein Gesicht hatte begonnen, einen sinnlichen Ausdruck anzunehmen, als Patty Cannon, der er den Rücken zugekehrt hatte, wie ein Tornado über ihn herfiel, ihn von den Füßen hob, ihn durch die Hintertür in den Hof warf und von außen verriegelte. McLane zog sich durch die andere Tür zurück.

„Gott sei Dank!“, dachte Hulda und blickte erschrocken hinab, „niemand wurde bisher ermordet, und ich habe noch einen Tag Gnadenfrist, um auf Levin zu warten.“

* * * * *

„Cunnil McLane“, sagte Patty Cannon an jenem Abend in seinem Zimmer, „welches Interesse haben Sie an der Quadroon-Dirne und an Huldy auch? Sie wollen doch nicht beide, Cunnil?“

„Nein, Tante Patty. Alle meine Ansichten sind konservativ. Durchaus! Hulda möchte ich reformieren und nach meinen Bedürfnissen formen. Sie wird mich schmücken. Indem ich das Mädchen Virgie meiner Nichte Vesta wegnehme, möchte ich letztere dafür bestrafen, dass sie der Erniedrigung unserer Familie zugestimmt und den Förster Milburn geheiratet hat. Sie liebt diese Quadroon; deshalb will ich ihr das Mädchen entziehen: Joe soll sie mir bringen, verstehen Sie?“

Sein Gesicht drückte die Gleichgültigkeit aus, die er für Virgies Sicherheit auf dem Weg empfand, und der plumpe Vorschlag gab Patty Cannon ihre Gelegenheit:

„Cunnil, es sind heute Nacht nur drei im Haus; ich bin eine.“

„Ich bin zwei, Patty.“

„Und drei ist die hübsche Huldy, Cunnil!“

Sie sahen sich einige Minuten schweigend an.

„Es steht zwei zu eins“, sagte Patty Cannon mit einem Kichern. „Wir haben hier keine Nachbarn, die nicht an Geräusche gewöhnt sind.“

Die Stille kehrte zurück, während die beiden Erzeugnisse des Menschenhandels ihre Gesichter lasen.

„Ich habe ihr einen sehr konservativen und liberalen Vorschlag gemacht, Patty, und sie hat mich beleidigt, wenn auch auf schöne Weise. Aber ich habe noch eine Rechnung mit ihr offen.“

„Beleidigt Sie, Cunnil? Die undankbare Hure! Können Sie sie nicht zurückbeleidigen? Sie hat es nie gewagt, mir zu widersprechen. Ist ihr Stolz erst einmal gebrochen, wird sie wie andere Mädels sein, schätze ich.“

„Das ist zweifellos wahr. Aber, Patty, haben Sie nicht ein wenig Reue deswegen, wenn man bedenkt, dass sie Ihre Enkelin ist?“

„Meine Mutter hatte keine für mich, Schätzchen“, kicherte die alte Frau vertraut.

„Was ist das für eine Geschichte, die ich über Ihre Herkunft gehört habe, Patty?“

„Ich weiß nicht mehr darüber, Cunnil, als ein armes, unwissendes Mädel es wissen würde, wissen Sie. Ich habe gehört, mein Großvater war ein Lord. Eine Zigeunerin verführte seinen Sohn und er heiratete sie. Sein Vater jagte ihn von seiner Tür, und seine Frau brachte ihn mit ihrem Geld nach Kanada, wo sie ins Schmugglergeschäft in St. John's einstieg, auf halbem Weg zwischen Montreal und den Vereinigten Staaten.“

„Und er wurde dort gehängt, weil er einen Freund ermordet hatte, der ihn entdeckt hatte?“

„Man sagt es so, Schätzchen. Wie auch immer, er wurde gehängt. Wir Mädels waren schön. Mutter sagte: ‚Es ist eine harte Welt, aber lasst euch nicht von ihr unterkriegen, Mädels! Heiratet, wenn ihr könnt. Jedenfalls müsst ihr leben, und von Frauen könnt ihr nicht leben.‘ Ich heiratete einen Mann aus Delaware, und so hörte ich auf, Martha Hanley zu sein, und wurde Patty Cannon.“[7]

„Und was für eine Karriere Sie hinter sich haben, Tante Patty! Hätten Sie irgendwo anders als in dieser alten Tasche zwischen den Buchten gelebt, hätten Sie den Ruf von Captain Kidd gehabt. Sagen Sie mir nun, konservativ, war nicht Ihre eigene hilflose Kindheit die Ursache Ihrer Fehler, und lässt es Sie nie für andere Spatzen wie Hulda fühlen?“

Die schwarzhaarige Frau, mit einem gewissen bösen Denken, wie jemand, über den man hart nachgedacht hatte, heftete schließlich ihre kühnen schwarzen Augen auf McLanes und antwortete kichernd:

„Ich weiß nicht, ob es das tut, Cunnil. Bevor meine Mutter mir den Weg zeigte, liebte ich die Männer. Ich liebte es, wenn sie böse waren. Mami nahm uns, wie wir so dahintrieben. Und was Huldy hier angeht, ihre Mutter wirft sie mir zu; sie ist nicht wie die Cannons und Johnsons; sie ist voller Stolz und“, mit einem Fluch, „lass ihn ihr austreiben! Wollen Sie meinen Preis zahlen?“

Er zögerte.

„Es ist nicht der Preis, Patty; es ist die Art. Ist es nicht feige?“

„Ja“, sagte Patty frech, „es ist Entführung. Das ist das Handwerk hier. Zahlen Sie das Geld, Cunnil, und dieser kahle Raum wird erstrahlen, um Ihre Hochzeitskammer zu werden. Pah! Sind Sie ein Mann!“

Ihre Worte weckten die Visionen, die die Selbstliebe nur widerwillig zurückweisen kann und die, kaum gehegt, unwiderstehlich werden.

Die geschmeidige, heranreifende, sich rundende Gestalt von Hulda trat auf den Fußschemel seines Geistes, berührte sein Knie und verströmte das Aroma ihrer Jugend wie einen subtilen Moschus, bis er sich träge zurücklehnte, als würde er eine Pfeife rauchen, auf deren Kopf ihre Büste gemalt war, und all ihre Bescheidenheit löste sich in den Rausch auf. Die Brutalität selbst wurde dieser Vision gegenüber natürlich, als eine heftigere Freude und Ersatz für den Betrug, den er nicht länger praktizieren konnte. Das Kind war ihm im Augenblick des Greifens entflogen, wie ein blasser Schmetterling, aber es blieb dort, wo es geschwebt hatte, eine seidige und heiratsfähige Essenz, Fee und Menschlichkeit in einem, gekleidet in reine Gedanken und süßen Respekt, deren Entweihung ein ebenso seltenes Spiel wäre wie Satans Kampf mit der Seele Evas.

Ihre Unschuld und ihr Geist, ihr Selbstrespekt und ihr erwachtes weibliches Bewusstsein, ihre Schwäche und Empfindsamkeit, ihr Mut und ihre Schönheit präsentierten sich abwechselnd; und der kalte, hölzerne Raum, die verwahrloste Kneipe, der herbstliche Nachtwind, der den Schornstein herunterkam und das Feuer anfachte, alles schien wie er instinktiv voller Unfug zu sein, als ob Patty Cannons Seele sich rittlings auf einen Besen setzte und hundert Hexen anführte.

McLane war fünfzig; seine Familie war eine steife, geschäftsmäßige, die im Allgemeinen brav, aber raffgierig geblieben war und den Konservatismus praktizierte, dessen er sich auch rühmte, von dem er aber abgewichen war: Er war der Gesetzlose des Hauses, der dessen Grundsätze jedoch zu einem aggressiven Schibboleth erhob, umso mehr, als er durch Fortschrittsfeindlichkeit gedieh.

Er war ein Unterstützer inländischer Sklavenhändler und steckte sein Geld in Gewinnformen, vor denen andere zurückschreckten; nicht nur am Straßenrand, für Wucher, sondern hinter Pfandleihern und Sportwettern, in Lotteriegesellschaften und Schnapshäusern, und, wie man sagte, auch im offenen Sklavenhandel, Klipper, für die gelegentlich aus der Chesapeake auf fingierten Handelsreisen nach Ostindien stahlen und mit nichts als westindischen Früchten heimkehrten.

Er bemühte sich, seinen Kredit durch ostentative Abscheu vor Neuerungen und Heterodoxien und vor allen liberalen Agitationen aufrechtzuerhalten, und besaß die erhabene Kühnheit, seine Bibel in jede Schande zu tragen, als wäre sie das natürliche Gepäck eines Gentleman und bei ihm zu erwarten; und er tadelte „Blasphemie“, während er bei der Sklavenauktion bot oder in einer Kneipe voller Menschenhändler saß, unter denen er für viele als religiöser Maßstab galt.

Kein Teil dieser Bibel bereitete ihm jedoch Freude oder Beschäftigung, außer dem Alten Testament mit seinen durchgreifenden Kodizes der Knechtschaft, des Konkubinats und des „Auge um Auge“. Er kannte die jüdischen Gesetze besser als die Schriftgelehrten und Pharisäer zur Zeit des Herodes und Johannes und hatte sich selbst davon überzeugt, dass die geistige Bestätigung und, wo immer möglich, die Ausübung dieser Gesetze einen festen Gläubigen ausmachten. Rache, Intoleranz, Formalität und Selbstzufriedenheit waren derart zu seiner Theorie geworden, dass er selbst nicht wusste, ob er fähig wäre, Böses zu tun, vorausgesetzt, er wollte etwas.

Nicht besonders mutig, war er doch so frei von Empfindsamkeit, dass er nirgendwo Furcht empfand; und da er sich im Allgemeinen unter seinen niederen weißen Untergebenen bewegte, war er daran gewöhnt, zu ihnen aufzuschauen, und zog ihre Gesellschaft sogar vor. Zu allem hatte er eine Meinung und erlaubte keinem Fremden in Baltimore, eine andere zu hegen. Der Aufruhrgeist, der in dieser Stadt so früh und so häufig vorkam, beruhte auf solchen geierhaften und selbstbewussten sozialen Schädlingen wie ihm, die immer behaupteten, der öffentliche Ton von Maryland zu sein.

„Patty“, sagte Allan McLane mit seiner Hasenscharte und bland, aber hart, wie Brei, den man mit einem Bowie-Messer isst, „ich zahle Ihnen vielleicht dieses Geld und Sie schaffen es vielleicht nicht, das Eigentum zu liefern. Wird sie gefügig sein?“

„Cunnil, ich werde sie fast zu Tode erschrecken. Sie wird sich vor mir hier bei Ihrem Feuer verstecken, und meine Stimme vor der Tür wird sie bis zum Tag hier drin halten.“

McLane ging zu seinem Handkoffer, schloss ihn auf und nahm Rollen von Banknoten und einen Beutel aus Hirschleder voller Gold heraus.

Der gelbe Glanz schien in Patty Cannons reichen schwarzen Augen aufzublitzen, wie der Mond über einem Brunnen.

„Wie schön es doch glänzt, Cunnil!“, sagte sie. „Nichts ist ihm gleich für einen Freund. Jugend und Schönheit müssen zusammengehen, um stark zu sein, aber bei Gott! Gold kann es allein.“

Er zählte zwei Stapel ab, einen mit Noten und einen mit Gold, wobei er seine Goldbrille auf seiner Hakennase benutzte, und sagte:

„Patty, ich habe viele Enkelkinder mit der alten Frau gekauft, aber das ist das erste Kind, das ich von der Großmutter gekauft habe. Nun erfüllen Sie Ihren Vertrag und verdienen Sie Ihr Geld!“

Er steckte seine Brille in die Tasche, streckte seine Gamaschen-Hausschuhe vor das Feuer, sah auf seine Uhr, ließ das Kristallsiegel auf seinen wohlgenährten Bauch fallen, und seine glasigen, blaugrünen Augen füllten sich mit Farbe wie Zwillingsvasen in einem Apothekerfenster. Er war bereit und begierig, den Schurken an die Stelle des Versuchers zu setzen.

Patty Cannon, die auf das Geld auf dem Tisch blickte und eine Lampe trug, machte sich sofort auf den Weg durch das Haus und rief „Huldy! Huldy!“

Nichts antwortete auf den Namen.

Sie suchte von Raum zu Raum, spähte überall hin, vollendete die Runde zweimal und ging mit einer Laterne in die windige Nacht und um die Grenzen der alten Kneipe.

Das Haus war leicht zu erkunden, da es keinen Keller und keine Nebengebäude hatte, und die Falltür zum Sklavenpferch war fest verschlossen. Auch das Tuch und der Hut des Mädchens waren weg.

„Sie hat uns gehört, schätze ich“, murmelte die alte Frau; „sie ist weggelaufen und hat mich ruiniert. Joe ist grausam zu mir; Van Dorn ist weg; ohne Gold gehe ich ins Armenhaus. McLane ist unbarmherzig ...“

Sie grübelte über den Satz und wandte sich nach nur einem Augenblick des Zögerns wieder in die Kneipe und knöpfte die Außentür zu.

Unter ihr Federbett griff sie mit der Hand, zog ein großes Objekt hervor, nahm ein Horn vom Kaminsims und bestreute es mit etwas, das darin enthalten war, und stampfte dann in einem kühnen, männlichen Gang im Dunkeln wieder die offene Treppe hinauf, während sie sprach, laut, gefällig oder streng, als wäre sie bei einer Ausreißerin, die sie schmeichelte oder zwang. Schließlich klopfte sie heftig an McLanes Zimmer und rief:

„Aufmachen, Cunnil! Hier ist die schüchterne Kreatur! Sie wagt es nicht mehr, zu widersprechen. Kommen Sie raus und küssen Sie sie, Cunnil!“

„Ha!“, sagte McLane und riss seine Tür auf, aus der das volle Licht von Feuer und Kerzen strahlte, „konservativ, ist sie? Nun, lass sie eintreten!“

Als er einen Schritt machte, um mit seinen geblendeten Augen in die Dunkelheit zu dringen, stieß Patty Cannon ihm lautlos eine riesige Pferdepistole gegen das Herz und drückte ab: Ein Feuerblitz von dem scharfen Feuerstein gegen das frische Pulver in der Pfanne erhellte den Flur für einen Augenblick, und der schwere Körper des Gastes fiel rückwärts vor seinen Stuhl, und über ihn beugte sich die Frau einen Moment, totenstill, mit der schweren Pistole als Keule, bereit zuzuschlagen, falls er sich rühren sollte.

Er bewegte sich nicht, sondern blutete nur aus den großen Lippen, gespenstisch und ohne Widerstand, und die kalten blauen Augen wirkten so natürlich wie im Leben.

Patty Cannon nahm den Stuhl und zählte das Geld.

KAPITEL XLII.

DIE SCHNÄBEL.

Der Wind blies in Stößen, wie eine Menge, die sich während eines Arguments bewegte, mal stumm vor Ehrfurcht, mal murmelnd, und manchmal meuterisch und wild, als Hulda, die nur wenige Worte des Werbens ihrer Großmutter gehört hatte, aus der alten Kneipe glitt und in die Nacht weiterzog, verängstigt, aber nicht ohne nachzudenken, bis sie einige große Kiefern erreichte, die über ihrem Kopf, hoch oben im Himmel, zu sagen schienen: „Wohin jetzt, oh wohin, oh-h-h woh-h-hin, in der ka-a-a-alten, ka-a-a-alten W-h-h-h-ildnis der We-e-e-elt?“

„Irgendwohin!“, antwortete Hulda, die keine Angst vor der Kälte oder der Natur hatte, so intensiv war ihre Angst vor Männern und Frauen geworden. „Dennoch, wohin? Ich könnte zu Cannon's Ferry gehen und meine Geschichte diesen hartherzigen Kaufleuten erzählen oder nach Seaford und dort irgendwo um Unterschlupf betteln; aber zuerst werde ich es wieder bei unserem alten Häuschen versuchen.“

Sie ging so leise den Feldweg hinauf, dass Hunde sie nicht hätten hören können, und als sie sich dem kleinen Haus näherte, sah sie Lichter darin und hörte bald Stimmen und sah sich bewegende Gestalten im Inneren.

Da sie jedes Astloch und jeden Riss der kleinen Behausung kannte, hatte Hulda bald einen perfekten Blick auf das Innere des Hauses, indem sie im Dunkeln ein Stück von einem der niedrigen, kleinen Fenster entfernt stand.

In der Mitte des Hauptraums stand ein Tisch, auf dem sich eine alte, vermoderte Truhe befand, an der Erde haftete, und neben der Truhe lagen Knochen und Stofffetzen auf dem gespaltenen Deckel der Truhe.

„Sie schwören, dass die Beweise, die Sie liefern, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sind, so wahr Ihnen Gott helfe!“, rief eine kleine, untersetzte, irisch aussehende Person und reichte einem knochigen, kinnlosen, gänsehalsigen Burschen ein Buch zum Küssen, den Hulda sofort als Cyrus James erkannte.

„Soll ich ihn nehmen, Doktor Gibbons?“, fragte ein gut aussehender Mann mit zwangloser Art den Friedensrichter.

„Ja, Mr. Clayton.“

„Wissen Sie, was ein Eid ist? Was bedeutet er?“

„Ich lass mich wie einen Fisch in der Pfanne des Teufels braten, wenn ich nicht die Wahrheit sage“, wimmerte Cy James eifrig.

„Nein, das wirst du nicht; zumindest nicht zuerst. Wenn du mir nicht die Wahrheit sagst, lasse ich dir am Pranger beide Ohren abschneiden, und keinen Fisch soll dein hungriger Magen einen Monat lang sehen. Bei Gott!“

Er sah Cy James an, als hätte er Lust, ihm als bloßen Anfang die Nase abzubeißen.

„Nun, Hollyday Hicks, Sie und Billy Hooper und die anderen Konstabler schaffen diese Kiste weg, die hier zu sehr stinkt, sobald der Zeuge darauf geschworen hat. Wann haben Sie diese Kiste zuletzt gesehen, James?“

„Vor etwa zehn Jahren, Herr, als ich seit vier Jahren bei Patty Cannon im Dienst war, schätze ich, sah ich Patty und Joe Johnson und Ebenezer, seinen Bruder, wie sie alle diese Kiste zum Feld trugen und sie vergruben.“

„Was haben Sie gesehen, was sie in diese Truhe legten?“

„Einen toten Mann – einen Menschenhändler. Ich kann nicht sagen, ob er Bell oder Miller hieß; sie brachte in jener Zeit zwei Männer um, und ich war so klein, dass ich sie durcheinanderbringe.“

„Haben Sie gesehen, wie sie diesen Mann tötete?“

„Nein, Herr, ich war nicht zu Hause. Ich kam rechtzeitig zurück, um zu sehen, wie sie ihn in die Kiste packten. Ich hörte Patty den Jungen erzählen, wie sie ihn umbrachte. Oh! Sie war stolz darauf, Herr, weil sie keine Hilfe dabei brauchte.“

Ein halbes Dutzend Köpfe von Konstablern, von denen Hulda einige kannte, beugten sich gleichzeitig vor, um den Zeugen zu hören, während andere die übelriechenden Überreste entfernten. Mr. Clayton fuhr fort:

„Wie sagte sie, wie sie ihn getötet habe?“

„Sie sagte, er kam zu Joes Taverne mit einem geliehenen Pferd aus East New Market, wo er den Leuten erzählte, er kaufe Neger und würde für fünfzehntausend Dollar welche nehmen, wenn er sie kriegen könnte. Er wurde verfolgt, und Ebenezer Johnson kam ihm zuvor. Sie sagten ihm, die Taverne sei voll und er wäre bei der kleinen Farm einer guten Frau gleich in der Nähe besser aufgehoben. Sie machten ihm weis, sagte sie, dass ein Herr mit viel Geld in der Taverne nicht immer sicher sei. Tante Patty gab ihm Abendessen. Er saß danach am Tisch und stocherte sich in den Zähnen. Sie holte ihre Pistole und ging in ihren Garten, ihre Blumen zu hacken. Einmal kam sie am Fenster auf ihn zu, um zu schießen, aber er drehte sich schnell um, und sie sagt zu ihm: ‚Oh, mein Herr, ich wollte nur sehen, ob Sie nicht noch etwas brauchen.‘ ‚Nein, nein‘, sagt er; ‚ich habe ein richtig gutes Abendessen gehabt.‘ ‚Ich liebe meine Blumen‘, sagt Tante Patty, ‚und hacke sie gern bei Sonnenuntergang, damit sie schön sanft schlafen können.‘ ‚Tun Sie das?‘ sagt er; ‚Ich glaube, Sie sind eine gute Frau.‘ Er drehte sich wieder um und fing an, seine Brieftasche durchzusehen. Sie hackte und hackte und summte ein kleines Liedchen. Auf einmal schlich sie sich heran, und ich hörte sie sagen: ‚Jungs, ich hab ihm den Rest gegeben, genau in den Hinterkopf, und er fiel auf den Tisch, und das Wasser, das er getrunken hatte, war rot wie Johannisbeerwein.‘“

„James Moore, Sie werde ich als Nächsten vereidigen“, sagte der Friedensrichter zu dem neuen Pächter der Farm; und dieser Mann begann auszusagen, wie er die Truhe gefunden hatte, als er auf einem nassen Fleck pflügte, wo er etwas Gestrüpp entfernt hatte.

Cy James wurde erneut vorgeladen und sagte über weitere vergrabene Leichen aus, hauptsächlich von Kindern, die aus Mutwillen oder Eifersucht geschlachtet wurden, oder um eine Verfolgung zu vermeiden.

„Nehmen Sie diesen Jungen, Joe Neal“, sagte Konstabler Hicks, „und halten Sie ihn fest.“

„Bei Gott!“, sagte Clayton mit einem schrecklichen Stirnrunzeln auf Cy James gerichtet, „wir müssen ihn vielleicht noch hängen! Das wissentliche Duldung dieser Verbrechen über so viele Jahre hinweg und die Enthüllung am Ende nur aus privater Rache machen einen zum Komplizen. Gut für dich, verkommener junger Mann, wenn du die Prinzipien dieses jungen Herrn besessen hättest!“

Der Senator legte seine Hand auf eine sitzende Gestalt, und vor Huldas Augen erhob sich das Bild ihres Geliebten, Levin Dennis.

„Konstabler“, sagte Dr. Gibbons, der Friedensrichter, „ich werde Ihnen jetzt Ihre Haftbefehle geben. Die Behörden von Maryland beabsichtigen, ohne Auslieferungsverfahren zu warten, Ihre Gefangenen an der Staatsgrenze zu übergeben.“

„Bei Gott!“, sagte Clayton, „sie könnten Freunde in den Regierungsbüros in Annapolis haben. Nein, Jungs, handelt zusammen wie Patrioten, so wie die Jungs aus Maryland und Delaware in derselben Brigade im Revolutionskrieg dienten. Joe Johnson wird morgen Mittag hier erwartet: Seien Sie vorsichtig, stören Sie die alte Patty nicht und wecken Sie nicht ihren Verdacht, bis er eintrifft. Sie ist fast unfähig, noch Böses zu tun, aber ihm bleibt noch ein ganzes Leben, um es zu tun.“

„Konstabler Neal, ich werde sie Ihnen über die Grenze schieben!“, sagte der Beamte aus Maryland.

„Konstabler Wilson, passen Sie auf, wenn Sie sich die alte Patty vornehmen: sie könnte geladen sein und losgehen“, rief der Beamte aus Delaware.

„Doktor John Gibbons“, sagte Clayton, „verlieren Sie keine Zeit mit ihnen bei der Anhörung in Seaford, sondern besorgen Sie Pferde und schicken Sie sie direkt ins Gefängnis von Georgetown; sie sind glatt wie Aale. Bei Gott!“

Als Cy James an einen sicheren Ort auf dem Dachboden gebracht wurde, wandte er sich an Levin Dennis, sichtlich erschöpft und zerknirscht.

„Oh, Levin“, sagte er, „Huldy will mich jetzt nicht mehr, das weiß ich. Wirst du mir beistehen, Levin? Sie will dich heiraten, und ich gebe dir alles, was ich gefunden habe.“

„Huldy!“, rief Levin; „oh, muss ich sie dort in der Taverne eine weitere Nacht lassen?“

„Nein“, antwortete Hulda, die vortrat; „wir sind beide gerettet, mein Freund. Aber ich hätte diese Nacht mein Lager im Wald aufschlagen müssen, wenn Gott mich nicht zu dir geführt hätte.“

Als sie einander innig umarmten, rief Senator Clayton:

„Was? Tauben unter den Klapperschlangen. Bei Gott!“

KAPITEL XLIII.

DAS VERGNÜGEN VERBIETET SICH.

Die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen, als jener flinke Reisende, Joseph Johnson, seinen Feinden um Stunden zuvorkam, geräuschlos seine Pferde an der von ihm errichteten Taverne anband und fast in die Arme von Owen Daw fiel.

„Joe“, sagte dieser Taugenichts, „da hängen merkwürdige Leute um dich herum. Sie sagen, eine blaue Kiste sei auf dem Feld dort drüben ausgegraben worden, und Knochen darin. Ich vermute, sie suchen dich, Joe.“

„Ich habe einen Auftrag für dich, Owen“, sagte Johnson, so schnell auf den Beinen wie der Junge. „Lauf mit diesen Pferden in meinen Wagen dort, während ich ein paar Sachen zusammenpacke, bevor ich mich aus dem Staub mache.“

Er schlüpfte zur Rückseite des Hauses, trat ein und sah in Pattys Zimmer – sie war nicht da; ein leichter Geruch von Schießpulver schien im Flur zu liegen. Johnson stieg schnell die Treppe hinauf, sah Licht in McLanes Zimmer scheinen und stieß die Tür weit auf, während er rief:

„Überall Pech; die Deern ist mausetot; die Bullen sind um uns herum. Wach auf, McLane!“

„Joe!“, sagte eine Stimme, und Patty Cannon schlug ihre Arme um ihn.

„Zum brennenden Feuer mit dir!“, brüllte der treulose Sohn. „Nimm deine Arme weg!“

„Lass uns uns versöhnen, Joe! Jeder ist vor uns weggelaufen. Huldy ist auch fort. McLane ist tot.“

„Tot? Tot wo?“

„Dort“ – sie zeigte auf ein Federbett, das auf dem Boden lag, dessen Umrisse für Federn ungewöhnlich spitz und steif erschienen, obwohl es in seine eigenen Decken und Steppdecken eingenäht war. Joe Johnson berührte es mit dem Fuß und sprang zurück.

„Höllenkatze!“, schrie er, „ist das einer deiner Streiche?“

„Ich tat es für dich, Josie. Er hat es selbst heraufbeschworen. Da ist sein Reisekoffer voller Geld, um unsere Reisekosten zu bezahlen. Er ist wunderschön eingenäht, und in der Bucht kannst du ihn auf den Grund sinken lassen.“

Joe Johnsons Gesicht wurde fast leichenblass, und als er mit beiden erhobenen Händen auf Patty Cannon zustürmte, schlug er sie zu Boden und setzte seinen Stiefel auf sie.

„Wenn ich Zeit hätte, würde ich dir das Leben nehmen“, zischte er. „Aber das würde den ‚Uptucker‘ einen Job kosten. Heute Nacht verlasse ich dich für immer. Margaretta, deine Tochter, wünscht dich nie wiederzusehen. Nimm diese Krippe und das Blut, das du noch vergießen musst, um dein altes Herz warm zu halten, und nimm meinen Fluch, damit du am Galgen erstickst!“

Er stürmte davon und pfiff leise am Fenster; Daw und Joes Bruder Ebenezer, ein noch tiefer gesunkenes und finstereres Wesen, sprangen die Treppe hinauf, lösten die kleine Gruppe von Gefangenen und trieben sie vor sich her.

„Ein Wort von dir, weißer Neger, auf dieser ganzen Reise heute, und dein Gehirn verteilt sich im Wald!“

Joe Johnson zog eine Pistole, während er sprach, und Jimmy Phoebus sah seine nervöse Entschlossenheit zu deutlich, um sie herauszufordern.

„Nun, packt diesen Brocken auf den Wagen“, sagte Johnson und bezog sich auf das Bett, und es wurde von den Brüdern hinuntergetragen, und der Koffer des toten Mannes wurde daneben geworfen.

„Joe! Joe!“, kam die Stimme von Patty Cannon aus dem Gästezimmer, „nimm die arme alte Frau, die dich großgezogen hat, mit.“

„Halt dein Maul!“, antwortete er; „wir gehen, um in einem Land Gentlemen zu sein, wo ihr uns schwarz machen würdet. Keine Kneipen und keine Weiber mehr; zieh einen anderen Joe Johnson groß, wenn du kannst, um diesen alten Rumpf mit Geschäften zu tränken: Ich überlasse es dir.“

Er war in der vagen Morgendämmerung verschwunden. Sie fiel mit dem Gesicht über die kleine Bar und stöhnte:

„Eine arme, arme, arme alte Frau!“

Wie lange sie dort gelehnt hatte, wusste sie nicht, bis vertraute Geräusche an ihre Ohren drangen, und sie sah auf, stieß einen Schrei der Wiedererkennung aus und rief:

„Van Dorn! Gott segne dich, Van Dorn! Bist du wieder am Leben?“

Der Kapitän wurde von einer anderen Person gestützt, die ihn, totenbleich, in die kleine Bar brachte und ihn auf ihre Matratze legte, während sie murmelte:

„Ich liebte ihn, wie ich nie einen Mann geliebt habe.“

* * * * *

Der Morgen war weit fortgeschritten, und die Sonne ließ die hager steile alte Taverne wie ein Mammut aus dem flachen Land aufragen und füllte ihre oberen vorderen Räume mit goldenem Wein des Lichts, als Patty Cannon in einem von ihnen an einem Fenster nahe der Veranda saß und mit Van Dorn sprach, den sie zärtlich gewaschen und neu eingekleidet hatte und ihn in ihren eigenen bequemen Schaukelstuhl aus Binsen gesetzt hatte, mit den Füßen erhöht, wie es alle ungekünstelten Amerikaner mögen, und bedeckt auf einem zweiten Stuhl.

Ihr Leid und seine Erleichterung machten Patty gesellig, aber zärtlich, und die Instinkte ihres Geschlechts waren zurückgekehrt, um liebkost und geliebt zu werden.

„Oh, Kapitän“, sagte sie liebevoll, „wie sauber und süß du aussiehst, wie mein guter Mann wieder. Sei nicht böse zu mir, Van Dorn! Mein Herz ist traurig.“

„Chito, Patty! Chito! Pfui! Du traurig? Ich mag es, dich frech und trotzig zu sehen. Lass uns nicht bereuen! Also hat Joe dich verlassen?“

„Mit grausamen Flüchen. Meine Tochter hasst mich, sagt er, und will eine Dame sein, wo ich sie nicht in Schande bringen kann. Oh, Schatz! Ein Kind großzuziehen und von ihm gehasst und verachtet zu werden, fällt schwer, selbst wenn ich böse gewesen bin. Es bleibt mir jetzt nichts mehr als du, Van Dorn; oh, stirb nicht!“

Er hustete vorsichtig, als ob Husten ein Luxus wäre, den man nur sehr milde ausüben dürfe, und wischte ein wenig Blut von seiner Zunge und Lippe.

„Ich werde versuchen, nicht zu sterben, bis ich dich ein wenig getröstet habe, Marta delicioso! Die Kugel steckt in meiner Luftröhre, und wenn das Blut hineinsickert, bringt es mich zum Husten, und ich muss mich vor Emotionen hüten, sagt der Chirurg, damit sie nicht in meine Lunge fällt und durch einen sehr krampfhaften Husten ein Blutgefäß zum Platzen bringt. Also sei nicht zu schön, sonst könnte ich sterben.“

Er strich seinen langen gelben Schnurrbart mit der diamantbesetzten Hand und zog seine Samt-Rauchmütze fest auf seine seidigen Locken, aber er war zu blass, um wie früher zu erröten, obwohl er so lispelte wie ein bescheidener Junge.

„Kapitän“, sagte die Frau, vor Vergnügen errötend, „du bist so viel klüger als ich, dass ich Angst vor dir habe. Bin ich noch ein wenig schön? Gefalle ich dir? Ich weiß, du verspottest mich.“

„O hala hala!“, seufzte Van Dorn. „Du bist der Stern meines Lebens. Alles, was ich bin, hast du mich gemacht. Patty, ich bete dich an. Wenn du fort bist, wird die menschliche Natur aufatmen und staunen. Erinnerst du dich, als wir uns das erste Mal trafen?“

„Ein wenig, Kapitän. Erzähl es mir noch einmal. Preise mich, wenn du kannst. Ich bin fast trostlos.“

Ihre Lippe bebte, und sie blickte auf die Felder gegenüber, die sie so lange bewohnt hatte, wo ihr heute mehr Leben denn je zu sein schien, obwohl sie nicht genau hinsah.

„Wie viele Jahre es her sind, Patty, werden wir nicht sagen. Ich kam aus Afrika nach Hause mit einem Auswanderer, einem Briten, meinem Fänger, in der Tat – jener Offizier in der Blockadeflotte an jener Küste, der meinen Kaperfahrer, die Ida, mit der gesamten Besatzung an guineischen Sklaven beschlagnahmt hat. Sein Name war alles, was ich von ihm nahm – du hast den Rest bekommen – Van Dorn!“

Sie warf ihm einen erschrockenen Blick aus ihren lauschenden Augen zu, als ob dies ein unangenehmes Thema sein könnte, aber er parierte es mit einem Kompliment.

„Chis! Dios! Was für eine Familie von Schönheiten ihr wart! Betty, mit ihrer wilden Art, und Jane, mit ihrem Reichtum an Reizen, und Patty, mit ihren kühnen, reichen Augen und ihrem siegreichen Willen. Wir segelten in den Nanticoke aus Versehen statt in den Manokin. Mein Freund hatte meine Missgeschicke bedauert und meine Gesellschaft gemocht, und als er mich als Sklavenhändler zerstörte – nachdem ich bereits als Kaperfahrer ruiniert war – hatte er gesagt: ‚Dennis, das Land, das du so sehr lobst, hat mich fasziniert; ich werde meinen Dienst quittieren und ein kleines Schiff kaufen und mich in Amerika mit dir niederlassen, um meiner lieben kleinen Tochter, Hulda Van Dorn, willen.‘ Ayme! Diese arme kleine wilde Blume: Wo hat sie die kalte Nacht gestern verbracht, Patty, kannst du mir das sagen?“

Er hustete wieder, sehr vorsichtig, und sein Auge, heller durch seine gereizte Lunge, verließ seine Gastgeberin nicht, als ob er fürchtete, sie könnte ein angenehmes Detail seiner Geschichte übersehen. Sie wippte mit dem Fuß und murmelte:

„Du hast mich eifersüchtig auf sie gemacht: Ich fing an, sie zu hassen und zu fürchten, Liebster.“

„Wollüstig wie zwei junge Witwer nach einer langen Kreuzfahrt verweilten wir unter euch Sirenen, ich selbst fast an der Schwelle meines Zuhauses, wo meine Frau mich für tot hielt, aber sehnsüchtig wartete und diesen Morgen wartet, liebe Patty. Dios da fe! Mein Freund, verstrickt mit der hellen Betty, fühlte bald Reue beim Anblick seines kleinen Kindes, das so schlecht umsorgt wurde, und winkte mich fort; aber er hatte sein Gold gezeigt und konnte eher entbehrt werden als ich, der Rücksichtslose. Du kennst das kühle, tiefe Spiel, liebe Pat. Hala ha! Ich war dazu bestimmt, das Gift zu kaufen, das ihr Schwestern Van Dorn gabt, und der Komplize an seinem Tod zu sein: Niemals bis zu dieser Woche hat dieser Mord ein Zeugnis abgegeben – der Teil der Münzen des toten Mannes, den deine Mutter stahl und versteckte, den Hulda schließlich erbte. Verdad es verde! Ich bekam Angst, dich zu verlassen: Ich bin hier bei dem Tod mit dir, meine alte Zauberin.“

Ein Riss ging durch das leere Holzhaus, was sie aufstehen ließ; Van Dorn, wie er genannt wurde, genoss ihre Unruhe wie eine bleiche Maske, die mit einem Lächeln bemalt war.

„Kapitän“, sagte sie, „wie viele Leute ich da draußen auf den Feldern sehe! Vielleicht gibt es eine Fuchsjagd.“

„Sitz, Patty! Lass mich, in meinen letzten Lebenstagen, den Bodensatz deines Gedächtnisses trinken. Du bist mir so teuer! Dreh dich in der goldenen Sonne, damit ich bei jenem Gesicht verweilen kann, auf das der Herbstasche fällt, obwohl ich durch die toten Blätter die rostroten Farben noch glimmen sehe! Wie wagemutig war deine Jugend: der arme Schmiedebauer, dessen Namen du für immer weitergeben wirst, quälte dich mit seiner Krankheit und seinen Skrupeln, und, he aqui! du beruhigtest ihn mit demselben Becher, den du für Bettys Ehemann gemischt hattest. Seine Tochter gabst du dem Lehrling zur Frau, einem starken, stoischen Mann, fähig zum Heldentum, Patty, denn er starb für dich, seine liebe Verführerin, auf dem schändlichen Schafott, obwohl die ganze Menge wusste, wer seine Anstifterin war; aber, wie ein Mann, starb er und verriet nie etwas.“

„Van Dorn, du verletzt mich“, brach Patty aus; „ich kann heute nicht lachen, und diese Geschichten deprimieren mich, Schatz. Wo gehen wir hin, wenn du gesund bist?“

„La gente pone, y Dios dispone! Bleib noch und plaudere eine Weile. Ich würde für die Welt nicht sehen, wie du entmutigt bist – du, unergründlicher Engel! die du in dieser räudigen Ecke der Welt über das Land blicktest wie Katharina von ihrem sterilen Thron über die mächtigen Steppen und Krieg gegen die Hoffnungen der Menschen führte. Wie du Onkel Sam beunruhigt hast, große Patty, indem du jahrelang seine Post zwischen Baltimore und dem Brandywine geraubt hast! Der junge Nichols verbüßt noch seine Strafe für diesen schlauen Trick, den du ihn gelehrt hast, die Postsäcke aufzuschneiden, während er mit den korrupten Kutschern auf der vollen Postkutsche saß und heimlich die wertvollen Briefe auf die Straße warf, um von einem nachfolgenden Reiter aufgesammelt zu werden. Es admirable! Der junge Perry Hutton, von dir zum Entführen erzogen, dann die Post zu fahren und ihre Briefe zu stehlen – auch ein Junge aus Delaware – kam am Galgen um, weil er einen Postkutscher tötete, der skrupulöser war als er selbst und ihn unter seiner Maske erkannte. Der junge Moore – war er dein Verwandter, Liebling? – hielt die Postkutsche an der Gunpowder Forge an und fiel unter der Schrotladung des Kutschers. Und Hare –“

„Kapitän“, rief Patty, „ich sehe Männer und Jungen überall auf den Feldern dort drüben, sie rennen und graben und ziehen das Gestrüpp weg. Werden meine alten Gräber dort verdächtigt?“

„Pah! Liebling, das ist deine warme Fantasie und Joes Unfreundlichkeit. Ich würde dich glücklich machen mit der Erinnerung an deine wagemutigen Taten. Que maravilla! In deinen kleinen Launen hast du ein Leben ausgelöscht, während eine andere Frau nur mit dem Fuß aufgestampft hätte. Da war jener Morgen, als dein Feuer nicht brennen wollte und ein kleines schwarzes Kind vor Kälte schrie und dich erzürnte; wenn sein Körper jemals dort ausgegraben wird, wo er abgelegt wurde, wird der mit dem Holzscheit zertrümmerte Schädel die Geschichte erzählen. Du hast mich einst verdächtigt, von deinen Reizen abgewichen zu sein – Quedo, quedo! fordernde Dame – und die bleiche Nachkommenschaft der armen Hagar hast du auf das brennende Holz gelegt und grimmig zugesehen, wie es verbrannte. Die verfolgten Kinder, deren Schreie du nicht stillen konntest, die jetzt noch gestillt sind, bis die Hölle eine Stimme haben wird, nicht einmal du kannst sie zählen. Evangelisten, oh Patty, die ihre Federn in das Blut von Heiligen tauchen, um deine Verbrechen zu schreiben, würden das nächste Zeitalter ungläubig machen, wo du unmöglich erscheinen wirst, und wir alle als Mythologie!“

„Sei still!“, rief die Frau, stand auf und ging mit ihrem wiegenden Gang, um die Dinge draußen zu beobachten, die ihren Geist mehr bewegten als die Erzählung ihres Liebhabers; „welchen Nutzen können diese Geschichten für dich haben, Kapitän? Mein Gott! Die Straßen sind voller Menschen, und sie schauen alle hierher. Ist es wegen mir, Van Dorn?“

Er hustete schmerzhaft, beobachtete sie jedoch weiterhin und antwortete:

„Nur ein Viertelmeilenrennen, schätze ich, liebe Pat! Was! Hast du Angst in deinem Alter?“

„Nein“, rief Patty Cannon trotzig und nahm etwas aus ihrem Busen; „hier ist dieselbe Dosis, die ich meinem Mann gab, falls das Schlimmste kommt.“

„Bravo, Patty! Du verblasst nur ins Alter, wie eine alte Bronze, die mit der Zeit härter wird und oxidiert. Ich war ein Gentleman, und doch hast du mich gemeistert. Wie seltsam, uns hier gemeinsam belagert zu sehen, mich durch den Tod und dich durch das Gesetz! Nun, wir haben beide getrotzt! Lass sie kommen! Glaubst du an das ewige Feuer? – dass jede Verletzung eine glühende Kohle ist, um die Seele zu rösten? Ich weiß, du tust es; und wenn du es tust, wie schön wird dein rosiger Rost sein, zähe Verführerin, mit Jungen, die im Keim verdorben sind, und Ehemännern in der Blüte, mit Familien von Freien, die auseinandergerissen werden, und Kindern, die so frei wie die Flagge ihres Landes geboren wurden und in ewige Knechtschaft und zur Peitsche geschickt werden. Poca barba, poca vergueenza! Wer außer einer Frau hätte William Bouser in den Kopf setzen können, als sie ihn und dreißig weitere Neger entführt und sie alle an Austin Woolfolk in Baltimore verkauft hatte, auf See auf Woolfolks Schiff aufzustehen und die Offiziere zu massakrieren, nur um am Ende gehängt zu werden, und alles nur, um Woolfolk zu einem besseren Kunden zu machen!“

„Da sind Leute rund um das Haus, Van Dorn. Ich höre sie auf der Treppe und in den Zimmern. Hab Erbarmen!“

„Teufel oder Menschen, Patty? Beide sind deine Höflinge, erinnere dich, und vielleicht drängen sie sich gegenseitig. Was kümmert uns das? Que contento estoy! Vielleicht bin ich gleichgültig, weil kein Blut an meinen Händen klebt, so ein niederträchtiger Sklavenhändler ich auch bin! Joe Johnson und seinen niedrigstirnigen Bruder konntest du töten lehren; mich, nichts Schlimmeres als zu stehlen und dich zu liebkosen. Patty, du glaubst an die Hölle. Ich bin auch ein Gläubiger; denn ich glaube an den Himmel.“

„O Van Dorn, wie du redest!“

„Seit du meinen Sohn, den jungen Levin Dennis, in eine Falle gelockt hast – chito! quedito! zucke nicht zusammen, du schönes Ungeheuer –, damit sein Vater ihn zu einem weiteren Johnson mache, habe ich durch das kleine Mädchen, die nun wunderschöne Jungfrau Hulda Van Dorn, die Sünde entdeckt, mit der du mich beschmutzen wolltest; und hör zu, Patty! Es war mein Sohn, reich an der Loyalität und Liebe seiner Mutter – meine teure, behütende Frau, die niemals von meinem Ruin hier erfahren und mich nie wiedersehen soll! –, es war mein Levin, von mir freigelassen, der in Dover die Nachricht überbrachte und uns in die Flucht schlug.“

Er hatte sich beim Sprechen halb aufgerichtet, und die Anstrengung schien ihn zu ersticken. Die Frau saß in schrecklicher Stille da und beobachtete, wie die Adern auf seinem blassen und eigensinnigen Gesicht hervortraten. Er griff sich mit den Fingern an die Kehle und konnte eine Zeit lang nicht mehr sprechen.

„Patty“, sagte er schließlich zwischen seinen Hustenanfällen, „ich glaube wieder, denn ich habe meine Frau gesehen, treu wie ein Engel, wunderschön wie ein Kind, im Gebet für mich. Ein ehrlicher Mann wartet meinen Tod ab, um sie besser zu lieben und der Vater meines Sohnes zu sein. Hala o hala! Ich durfte die Tochter meines ermordeten Freundes küssen und segnen und meinen Sohn lieben lassen. Mein Sohn hat mir sein Vertrauen geschenkt, ohne zu wissen, wer ich war, und mir ein tapferes, reines Herz gezeigt. Yo soy amado! Ihre Gebete mögen für mich an die ewige Pforte klopfen. Aber du, die Mörderin meiner Jugend, für dich wird kein Herz beten. Glaube an die Hölle und stirb; ha! hala! ho!“

Er deutete mit seinem weißen Finger in einer Ekstase auf sie, mit einem spöttischen Lächeln in seinen blauen Augen, wie verblassende Sterne in der Morgendämmerung, und dann floss der rosige Morgen über seinen Mund, als die Kugel, durch seine Erregung gelockert, in Richtung der Lunge fiel und eine Blutung auslöste, und bis zu seinem letzten Atemzug deutete er auf sie, bevor er zurückfiel, in blutbeflecktem Leinen, noch immer lächelnd im Tode.

Erschrocken über das ungewöhnliche Schauspiel eines natürlichen Todes in jener Stätte der Gewalt saß die Herrin nur da, das Bild der Erstarrung, bis sich ihre Tür langsam öffnete und der junge Levin Dennis und Hulda Van Dorn Hand in Hand eintraten.

„Levin“, sagte das junge Mädchen, gefasst wie jemand, dem ein ehrbares Leben und Bestattungen vertraut waren, „ich habe die letzten Worte dieses irregeführten, starken, enttäuschten Mannes gehört. Lass uns niederknien, lieber Freund, und ein Gebet sprechen. Er war unser Vater, Levin; nicht Van Dorn – das ist mein Name, die Tochter seines Freundes –, sondern Captain Oden Dennis von der Ida-Kaperfahrt.“

Während sie mit geschlossenen Augen knieten, füllte sich der Raum langsam, und Patty Cannons Arme wurden von zwei Polizisten ergriffen und ihr der Haftbefehl verlesen. Sie hörte ihn mit Demut an und gab keine andere Antwort als diese:

„Einst hatte ich Geld und Freunde in Fülle; mein Geld ist weg und meine Freunde auch; es steckt kein Kampf mehr in der armen alten Patty Cannon.“

KAPITEL XLIV.

DER TOD DER PATTY CANNON.

Als Patty Cannon aus der Schenke trat, waren die Kreuzwege voller Menschen, die einen letzten Blick auf den Ort warfen, an dem sie fast zwanzig Jahre lang triumphiert hatte.

Niemand dachte daran, nach Van Dorn zu sehen oder zu fragen, was aus ihm geworden war, und sein Freund Sorden entfernte seinen Körper unbemerkt an einen Platz im Kiefernwald, wo sein unmarkiertes Grab gegraben wurde; nur drei Trauernde standen darum herum, und Sorden sprach die letzten Worte unter schlichten Tränen:

„Ich habe ihn geliebt, wie ich noch nie einen Mann geliebt habe.“

Der Polizist aus Maryland führte Patty Cannon hinunter zu der kleinen Plankenbrücke, wo der Graben fast an der Staatsgrenze verlief, und die Überlieferung glaubt noch immer an das Märchen, dass Joe Johnson sich in diesem Moment darunter versteckte.

Dort, über die Grenze getrieben wie das Vieh eines Grenzlers, wurde die Königin der Entführer vom Polizisten aus Delaware ergriffen und in einen kleinen ländlichen Gig-Wagen gesetzt, und gefolgt von einer großen berittenen Posse nahm man den Weg zu dem fünf Meilen entfernten kleinen Weiler Seaford.

Sie beobachtete, wie die kleinen Friedhofszypressen und monumentalen Pappeln erwürgt aus dem Unterholz emporstiegen, die dunkelbraunen Bäche, die in tintenschwarze Mühlteiche flossen, die dichten, kleinen Kiefern, kaum groß genug, um zu klagen, die es aber in einem kindlichen Ton versuchten, und ihre Augen wanderten zum Sand, wo sie bald sein würde. Weder Qual noch Reue noch irgendeine Hoffnung auf Flucht flatterten durch ihr kaltes Herz, sondern nur das Gefühl, von ihren Freunden undankbar im Stich gelassen und von ihren Gleichen und Nachbarn schlecht behandelt zu werden, die sie so selten gewarnt oder gemieden hatten; kein Prediger war gekommen, um ihr das nackte Evangelium zu verkünden, und manche hatten sich respektvoll vor ihr verneigt, sogar um Hafer gebettelt und Spenden aus ihrem unrechtmäßig erworbenen Silber gegeben.

Seaford war ein sandiger Ort auf einer Klippe am Nanticoke, und als die Prozession ankam, hielt eine Gruppe von Landvermessern, die für Meshach Milburns Eisenbahn arbeiteten, inne, um die alte Entführerin zu verspotten. Sie war plötzlich alt geworden und erhob ihre Stimme, die immer so forsch gewesen war, nicht mehr zu einer Antwort.

Der Magistrat, Dr. John Gibbons, war ein gebildeter junger Ire gewesen, der von einem Schiff bei Lewes an Land gegangen war und, nachdem er eine Dame in Maryland, in der Nähe von Patty Cannon, geheiratet hatte, zum rechtlichen Geist der kleinen Stadt wurde. Sein Büro, eine bloße Hütte an einer Ecke bei seinem Haus, war zu klein für diesen Zweck, daher wurde die Untersuchung in die Schenke am Fuße des Hügels verlegt, in der Nähe des Ortes, wo sich ein Mühlteichbach seinen Weg zum Nanticoke grub. Um die Schenke herum waren im Sand einige Buchsbaumwege angelegt worden, und Weiden säumten das kalte Ufer des Flusses, und in den Pausen der Anhörung konnte man Wildgeflügel im ablaufenden Gezeitenstrom spielen und pfeifen hören.

Die Aussage von Cy James und anderen feigen Gefährten in ihren Sünden wurde schnell zu Protokoll gegeben, und die Prozession machte sich durch die Wälder und Sande auf den Weg nach Georgetown, zwölf Meilen östlich, wo Patty Cannon von der ganzen Stadt, die auf sie gewartet hatte, empfangen wurde und das Gefängnis sie sofort einschloss.

* * * * *

„Ich habe nicht genau verstanden, wozu dieser kürbisköpfige Kerl das getan hat“, bemerkte Jimmy Phoebus im Laderaum einer alten Austern-Pungy, wo er sich mit seinem mulattischen Freund, Tante Hominy und den Kindern wiederfand, „aber die Feile, die er mir zugesteckt hat, hat endlich ihre Arbeit getan. Hier, Whatcoat“, wandte er sich an seinen männlichen Mitgefangenen, „nimm dieses Messer, das mir derselbe Kerl zugesteckt hat, und schneide diese Fesseln durch.“ Wieder frei stehend, bemerkte Mr. Phoebus weiter:

„Whatcoat, wir sind hier zu zweit. Bei Rauch! Wir sind zu dritt.“

Der gefügige farbige Mann öffnete die Augen.

„Er!“, rief der Seemann und deutete auf das Federbett im Laderaum mit seinem steifen, unsichtbaren Inhalt; „Joe wird ihn irgendwo hier im tiefen Wasser über Bord werfen. Nun, ein wenig Hokuspokus; ich glaube, ich werde mich selbst da hineinlegen und Joe den anderen Kerl als Neger verkaufen lassen.“

Phoebus’ Macht über seine Mitgefangenen – die kleinen Kinder und die schwachsinnige Hominy eingeschlossen – war nun vollkommen, und er begann den verrotteten alten Laderaum zu erkunden, der Austernrechen, Angelschnüre und die üblichen Utensilien eines Baggerfahrzeugs enthielt, und entdeckte bald, dass man einen freien Durchgang schaffen konnte, um durch das Schiff vom Vorschiff zur Kabine zu kriechen, indem man ein paar Bretter entfernte.

„Hier, Hominy“, sagte er, „mach dich an die Arbeit mit deiner Nadel, altes Mädchen; ich werde dich nach Hause bringen.“

* * * * *

Mit einem guten Vorsprung, günstigem Wind und schwacher Flut war Johnson um acht Uhr bei Vienna.

„Zehn Meilen noch, und sie können mich mit keinem Rennpferd einholen“, sagte er, „nachdem ich den Chicacomico-Kai passiert habe und hinter die Sümpfe gekommen bin. Ich bin schläfrig. In dieser Besatzung sind zwei, die ich nicht kenne, und ich muss Steuermann sein. Bingavast! Ich werde meinen Neger seine Überfahrt abarbeiten lassen.“

Er ging zur Luke über dem Laderaum, schob sie zurück, sprang hinein und befreite Whatcoat mit ein paar fachmännischen Schlägen des gelernten Schmieds, wobei er nur flüchtig dorthin blickte, wo Phoebus auf dem Gesicht lag und laut schnarchte.

„Ein kühler Kerl“, sagte Johnson, „er wird mir bei einem Handel zu viel sein; ich werde ihn ersticken müssen!“ Dann befahl Johnson dem Mulatten nach achtern, gab ihm das Ruder und saß in der Nähe, nickend, bis der zweite Kai an Steuerbord passiert war.

„Jetzt kann mich Gabriel nicht mehr einholen“, rief Johnson; „auf der Seite von Dorchester gibt es keine Straße mehr, und die Straßen von Somerset sind alle von Bächen zerfurcht und durch Farmtore versperrt. Ich werde diesen Klumpen und den Steifen versenken.“

Er rief zwei Deckhelfer und hob die Leiche aus dem Laderaum. Phoebus schlief noch immer friedlich auf dem Gesicht, und Johnson betrachtete ihn mit eigentümlichem Neid nach einem flüchtigen Blick auf den Toten. Nachdem einige Seile um das Bett gelegt und Schleppanker daran befestigt worden waren, wurde die ganze Last kurzerhand am Punkt von Hungry Neck über Bord geworfen, und der Händler bemerkte entschuldigend:

„Da geht ein großer Heuchler, meine Herren; er war sich nicht zu schade für Piraterie, wenn er einen anderen dazu bringen konnte, die schwarze Flagge für ihn zu hissen. Ich glaube, er wird danach ‚konservativ‘ genug sein. Und jetzt werde ich ein Nickerchen machen. Steuere sie nach Ragged Point dort drüben, Whatcoat, und wenn du dort ankommst, weck mich. Es ist die ganze Strecke über breiter Meeresarm; und denk dran, Neger, ich schlafe und schieße bei Haaresbreite!“

Mit den Pistolen in der Hand legte sich Johnson in der Kabine wenige Fuß vom Steuermann entfernt nieder und versuchte, gleichzeitig zu wachen und zu schlafen. Er hatte viele Nächte lang nicht geruht, und der Schlaf fesselte ihn bald in seinen eigenen Handschellen.

Als er erwachte, war sein Schlaf so tief gewesen, dass er sich einen Moment lang nicht erinnern konnte, wo er war. Das Ruder war unbesetzt, die Sterne leuchteten im Kabinenschacht, ein kalter Zug von Bilgenwasser wehte durch den alten Rumpf, und als er sich die Stufen hinaufzog, sah er hohe Wälder in der Nähe und hörte die Stimme feierlicher Kiefern.

Das Schiff saß auf Grund; Wildgänse stießen jubelnde Schreie aus, während sie mit ihren flauschigen Flügeln das Wasser wie eine Kamee-Gravur zerschnitten; der Gesetzlose starrte und starrte und murmelte schließlich:

„Deil’s Island, oder ich bin ein Dummkopf! Ich bin das letzte Mal, als ich hier war, davon gerannt, und mein Blut gefriert, wieder hier zu sein; mein Vater hat seinen Fluch von diesem Camp-Meeting bekommen.“

Seine Befürchtungen verliehen ihm Schnelligkeit; Johnson schob die Luke zurück und sprang in den Laderaum; Sternenlicht und Mondlicht folgten ihm, und nichts offenbarten sie dort außer einem Mann, der friedlich auf seinem Gesicht schlief, so wie Phoebus zuletzt gesehen worden war.

Der Entführer schüttelte seinen Gefangenen, doch dieser erwachte nicht. Er drehte den Mann um, und dort begegneten seinen Augen der kalte blaue Blick und die römische Nase und die blutenden Lippen von Allan McLane, der anscheinend vom Grunde des Flusses zurückgekehrt war.

Mit einem Schrei sprang der Gesetzlose an Deck und rannte zum Bug der Pungy.

„Hilf mir!“, kam ein schwacher Schrei aus dem Vorschiff, und als er hineinblickte, erkannte Joe Johnson einen seiner eigenen Vertrauten, den er bei Cannon’s Ferry eingeschifft hatte, geknebelt wie sein Gefährte und festgebunden. Der Mann hatte gerade noch sprechen können.

„Nun, verfluch mich!“, sprach der Skipper und befreite den Mann, „der Schurke soll dich holen! Wer hat das getan?“

„Der weiße Neger hat das alles gemacht, Joe. Er kroch durch die Stützen zur Kabine und holte zuerst deine Pistolen; jedenfalls fanden wir ihn und den gelben Kerl am Steuer über uns, als wir ins Vorschiff kamen, und dann schlossen sich die anderen beiden Männer ihnen an. Sie sagten, der alte Samson hätte ihnen ein Zeichen gegeben. Wir beide wurden gefesselt und hier hineingeworfen, und wenn du aufgewacht wärst, war da ein Mann, der dich ins Herz stechen sollte, der über dir saß.“

„Die Reisetasche?“, rief Johnson.

„Die ist weg, schätze ich. Sie haben dir einen Feder- und Austernschalenmann auf ein Brett genäht, um ihn über Bord zu werfen; das ist es, was sie sagten. Sie steuerten nach Deil’s Island und setzten den Inselprediger hierher, um aufzupassen, dass du die Pungy nicht wegbringst, und ich schätze, sie sind auf halbem Weg nach Princess Anne.“

Joe Johnson hörte nicht mehr. Er befreite seine Kreaturen aus ihren Fesseln, nahm die Leiche im Kanu der Pungy mit und gab den Befehl:

„Ruder zur offenen Bucht! Wir werden St. Mary’s County oder Virginny erreichen. Bingavast! Marsch! Nie wieder werde ich einen Fuß auf diese Eastern Shore setzen.“

* * * * *

In Georgetown trafen Jimmy Phoebus, Samson und Levin Dennis wieder zusammen, und Levin erzählte das Geheimnis des Verschwindens seines Vaters.

„Erzähle deiner Mutter niemals, Levin, dass Captain Dennis in diesem Pangymonum gestorben ist; es würde ihr Herz brechen, und sie würde nie wieder einem Mann vertrauen.“

„Jimmy“, meldete sich Samson zu Wort, „lass sie glauben, dass er auf der Ida Schiffbruch erlitten hat. Es sieht ein wenig schlecht aus, aber Sklavenhandel klingt besser als Entführung.“

„Man sagt, dass Allan McLane dieses Sklavenschiff besaß“, fügte Phoebus hinzu; „aber er lebte nicht mehr, um seinen Verlust zu erfahren. Er wird seine Heiden am Tag des Jüngsten Gerichts treffen.“

„Wer hat Mutter ernährt?“, fragte Levin. „Hulda kann das nicht erklären.“

„Ich kann’s, Levin“, sagte Samson Hat schüchtern. „Ich war’s. Der gute alte Meshach Milburn, auf dem alle herumhacken, hatte Mitleid mit der armen Frau und ließ mich die Dinge, die sie brauchte, in ihr Fenster stellen. Er sagte, wenn ich das jemals verrate, würde er mich entlassen.“

„Verdammt noch mal!“, bemerkte Jimmy Phoebus, „den nächsten Mann, der den alten Meshach ‚Kirchturmspitze‘ nennt, den mache ich platt! Aber komm, mein Sohn, ich habe die Familienreliquien deiner Frau bei Broad Creek vergraben. Wir werden einen Wagen mieten und auf dem Weg zur alten Broad Creek ‚piscopal Church fahren, und dort werde ich dich mit Huldy verheiraten.“

Der Schwertgriff und die Münzen wurden ausgegraben, und in jenem alten Gebäude aus hartem Kiefernholz, wo der Gottesdienst ihrer englischen Rasse lange gefeiert worden war, wurde die Tochter des Marineoffiziers die Ehefrau des Sohnes seines wollüstigen und verdorbenen Freundes. Als Jimmy Phoebus sie küsste, sagte er:

„Levin, wenn deine Mutter ‚Ja‘ sagt, werden wir alle vier in den Westen ziehen. Illinois ist nach einem harten Kampf ein freier Staat geworden, und ich glaube, das wird uns passen.“

* * * * *

Eine Zeit lang hatte Patty Cannon durch ihre Leutseligkeit und ihren Kummer eine leichte Zeit im Gefängnis und durfte bei der Familie des Gefängniswärters essen; doch als die Untersuchung vor der Grand Jury fortschritt und ihre Handlanger sich beeilten, die Verantwortung für so viele Verbrechen allein auf sie abzuwälzen, verlangte eine äußere Meinung, dass sie härter behandelt werde, und einige der Eisen, die sie ihren Gefangenen angelegt hatte, wurden an ihren eigenen Knöcheln vernietet. Sehr bald begann Wassersucht in ihren Beinen und Füßen aufzutreten, und nachdem für sie offensichtlich wurde, dass weder Geld noch Freunde zu ihrer Verteidigung auftauchten, verfiel sie in eine passive Verzweiflung.

Die häufigen Konferenzen zwischen Jimmy Phoebus und Cy James führten zu der Annahme, dass Hulda nicht nur Teile des Geldes und der Wertsachen ihres Vaters zurückerhalten hatte, die in den Bienenstöcken und Blumentöpfen versteckt waren, die die alte Patty so eifrig gepflegt hatte, sondern dass Phoebus sich auch Eigentum angeeignet hatte, auf das der Informant hingewiesen hatte, und dass er alles behalten sollte, was davon übrig blieb, nachdem er dessen Freilassung bewirkt hatte.

Dieses Ergebnis wurde durch Patty Cannons Tod beschleunigt, der zur großen Erleichterung vieler als respektabel geltender Leute in jener Gegend geschah, die von Anfang an gefürchtet hatten, dass sie ein detailliertes Geständnis ablegen und jeden mit hineinziehen würde, der mit ihrer Bande zu tun gehabt hatte.

Unter ihnen war Richter Custis, der an einem frühlingshaften Tag John M. Clayton sein Skelett im Schrank offenbarte. Clayton hatte die Verurteilung von Patty Cannon stillschweigend vorangetrieben, doch die Eifersucht der Sklavenhalterinteressen machte ihn vorsichtig bei jedem offenen Auftreten gegen sie.

Sie saßen im kleinen Wohnzimmer des methodistischen Pfarrhauses, einem kleinen Fachwerkhaus mit einem kegelförmigen Säulengang und einem großen Schornstein an der Giebelwand, etwas abseits des öffentlichen Platzes, wohin sie gegangen waren, um den Pastor zu bitten, sich um den alten Kanzler zu kümmern, der im Gerichtssaal erkrankt war und im Hotel lag.

„Clayton“, sagte Richter Custis mit leiser Stimme, „was diese Frau tun oder sagen mag, würdest du nicht für mein Anliegen halten, aber ich werde dir zeigen, wie tief ihr Einfluss gereicht hat, und dir erklären, warum ich meine eigenen Diener nicht in ihrer Höhle verfolgen wollte. Damit demütige ich mich vor dir, wie ich es muss, wenn ich dein Klient werden soll.“

„Du hast mit Patty Cannon Geschäfte gemacht; das habe ich geahnt.“

„So war es. Als ich Student in Yale war und in den Ferien nach Hause zurückkehrte, verliebte ich mich in eine wunderschöne Quadroon-Frau, das Eigentum meines Onkels im Northampton County. Sie war eine elegante Frau mit guter Bildung und war meine Spielgefährtin gewesen. Ich war leidenschaftlich und gut aussehend und fand leicht Unterkunft in ihrem Herzen; aber die Eroberung ihrer Reize war lang und quälend mit aufrichtiger Hochachtung. Du musst mir glauben, wenn ich erkläre, dass ich gefährlich erkrankte, weil ich von ihr abgewiesen wurde, und als ich mich meinem Arzt anvertraute, sagte er dem Mädchen, sie müsse zwischen meinem Tod und ihrer Hingabe wählen. Mitleid siegte dann sogar über die Religion. Ich war in jeder Hinsicht glücklich, bis auf eine – den Schaden, den die Heimlichkeit ihrem Selbstwertgefühl zufügte; denn, Clayton, meine Geliebte war meine eigene Cousine.“

„Goy!“

„Ich wollte nie heiraten, obwohl in meiner patriarchalischen Beziehung keine Kinder geboren worden waren; doch im Laufe der Jahre geriet mein Onkel wegen Schulden unter Druck, und er appellierte an mich, meine schöne Magd vor dem Verkauf zu retten, da er volles Verständnis für meine Beziehung zu ihr hatte, weil sie seine Tochter war.“

„I goy!“

„Der Fall war dringend. Ich besaß einige Neger, das Vermächtnis meiner Mutter. Sie öffentlich zu verkaufen, wäre ein Stigma sowohl für meine Menschlichkeit als auch für mein Ansehen gewesen. Ich wählte den feigen Ausweg, einen Entführer sie entwischen zu lassen und eine hohe Provision für seine Mühe zu nehmen. Ich rettete meine Dame, aber auf Kosten eines Geheimnisses.“

„Und darauf verließ sich Joe Johnson, Custis, als er plötzlich in dein Haus getrieben wurde und deinen alten Diener bereits demoralisiert durch die Ankündigung deines Schwiegersohns vorfand?“

„Der Schurke nutzte seinen Vorteil aus; und er sah außerdem meine Tochter – nicht Vesta, sondern ihre Halbschwester Virgie –, und zwischen seiner Verfolgung ihrer Person und der Rachsucht meines Schwagers wurde die arme Virgie buchstäblich zu Tode gehetzt und ins Grab getrieben; sie liegt in ihrem Grab.“

Richter Custis brach in einen langen Schluchzanfall aus, und Clayton, der seit ihrer Trennung seine niedergeschlagene Miene bemerkt hatte, legte einen Arm um ihn und sagte:

„Schon gut jetzt! Schon gut, alter Freund! Johnson ist geflohen; McLane, so flüstert man, wurde nie wieder gesehen, seit er Johnsons Schenke betrat. Sein Testament wurde dort gefunden, und deine Tochter bekommt das Eigentum und die Diener ihrer Mutter zurück.“

„Ich muss meine Geschichte zu Ende erzählen“, sagte Richter Custis und trocknete seine Tränen. „Durch den Niedergang jeder Familie mit natürlichen Gefühlen und Verfeinerung, unter dem, was Mr. Pinkney als ‚den kontaminierenden Fluch widerwilliger Leibeigener‘ bezeichnete, wurden auch wir arm. Um andere zu retten, war es notwendig, dass ich heiratete und durch meine eigene Prostitution Geld beschaffte. Mein Gott, wie wir dafür bestraft werden! In Baltimore wurde eine Braut für mich gefunden, die Schwester von Allan McLane, eine Schönheit.“

„Ich begann mein Eheleben mit den besten Absichten; meine arme Geliebte selbst riet mir, mich meiner Frau zuzuwenden und ein wahrer Mann zu werden. Sie sagte es mir mit brechendem Herzen. Im Himmel, wo sie mit meinem armen Kind wohnt, hört sie mich jetzt und weiß, dass ich die Wahrheit sage!“

Richter Custis brach wieder zusammen und lehnte seinen verzerrten Kopf an Claytons sanfte Brust, dessen eigener Schmerz als Witwer antwortend hervorbrach.

„Kinder wurden in Teackle Hall geboren; mein Dienstverhältnis begann sich einzuspielen, als Allan McLane in seiner Liebe zur Rachsucht und zur niedrigen, formellen Respektabilität die Vorstellung entwickelte, dass meine arme Quadroon-Frau eine Züchtigung dafür benötigte, dass sie die Rivalin seiner Schwester gewesen war, und er stellte eine Falle, um sie zu kaufen. Ich war gezwungen, sie kaufen zu lassen, um sie zu beschützen und sie wieder in meine Obhut zu bringen, und so flammte unsere Leidenschaft wieder auf, und als Virgie geboren wurde, starb sie. Zusammen aufgewachsen und sich ihrer Verwandtschaft nicht bewusst, liebten sich diese Töchter so innig, wie sie sich im Himmel im Glanz der jeweils anderen verbergen und meine Sünden mit ihren Engelsflügeln bedecken werden.“

„Steh auf, alter Freund!“, rief Clayton; „deine Übertretungen sind zumindest in aufrichtigen Tränen abgewaschen. Hör die Vögel überall um uns herum, wie sie lieben und vergeben und die Luft mit Lobpreis erfüllen. Komm raus!“

Als sie den Georgetown Square betraten, sahen sie John Randel, Jr., der eine Gruppe von Landvermessern anführte, um die konkurrierende Eisenbahnstrecke zu Meshach Milburns zu lokalisieren. Diese und viele andere drängten zum Pranger und zur Schandsäule hinter dem Gerichtsgebäude, wo die saubere Mulattenfrau, die Virgie in der ersten Nacht ihrer Flucht in Snow Hill beherbergt hatte, vom Sheriff ausgestellt war.

„Diese freie Frau, Priscilla Hudson“, rief der Sheriff, „hat eine Stunde am Pranger zu stehen für das Verbrechen, einem Sklaven ihren Pass geliehen zu haben. Dreißig Peitschenhiebe waren ihr auferlegt, der Gouverneur hat sie gnädigerweise erlassen. Sie soll nach Ablauf einer Stunde außerhalb des Staates für den Rest ihres natürlichen Lebens an den Meistbietenden verkauft werden.“

Die arme Frau stand dort, die Arme entblößt und fast bis zum Busen bloß, zart und lieblich anzusehen, und Mutter freier Kinder, nachdem ihr die Kleidung teilweise entfernt worden war, bevor man ihr den Erlass der Streifen verkündete.

Ihr Kopf und ihre Arme waren durch die Löcher in einem Flügel des Prangers gesteckt, und so nach vorne gebeugt, war ihre Scham dem lüsternen Blick der Menge ausgesetzt, während auf der anderen Seite derselben erhöhten Plattform, in gleicher Weise an den Pranger gestellt, eine weibliche Hühnerdiebin stand, unverschämt, gleichgültig, Tabak kauend und ihn auf den Boden des Prangers spuckend.

Als Clayton und Custis auf dem Weg zur Schenke diese Szene sahen, traf sie ein Ei, das aus einem Fenster des Schuldgefängnisses geworfen wurde, ob nun für Mrs. Hudson bestimmt oder nicht, mitten ins Gesicht, und sein verdorbener Inhalt strömte über ihre weiße und zitternde Brust hinab.

„Schande! Schande!“, riefen die Leute, als sie die Frau weinen sahen, und als sie zum Gefängnisfenster hinaufblickten, wo ein weiteres weibliches Gesicht erschien, verwandelten sich ihre Rufe in Verwünschungen:

„Hängt sie! Hängt sie!“

Zum letzten Mal im Leben schwoll Patty Cannons kühnes und hübsches Gesicht wieder vor leidenschaftlichem Blut bis zu den Wurzeln ihres glänzend schwarzen Haares an, und die wenigen, die ihre reichen, dunklen, vor Zorn entflammten Augen sahen, sagten, ihre Pupillen seien geweitet gewesen wie die einer Wildkatze. Im Augenblick war sie verschwunden, und der Sheriff hatte Mrs. Hudsons Gesicht und Brust mit einem Taschentuch abgewischt, das ihm eine farbige Frau heraufgereicht hatte.

Zwei Männer gingen nun eifrig durch die Menge, den Hut in der Hand, und baten um Beiträge, um die Frau freizukaufen, der erste ein blinder Mann, dessen Augen verbunden waren, und ein weißer Mann führte ihn und rief laut:

„Die Abolitionisten haben dreihundert Dollar aufgebracht, um die Freiheit dieser Frau zu erkaufen. Wir brauchen hundert mehr, da einige gemeine Leute sie hochbieten könnten. Dieser Mann, ihr Ehemann, hat ihren Pass gestohlen, um einem Freund zur Flucht zu verhelfen. Wir konnten die Beweise nicht vorbringen, aber es ist Gottes Wahrheit, meine Herren! Die Frau hat meine Frau gepflegt und eine Menge Gutes getan; und sie kam aus freien Stücken aus Maryland hierher, um den Kanzler zu pflegen.“

In dieser Menge wurde wenig Geld gesammelt, da es wenig zu geben gab, und Sorden, der Ausrufer, wandte sich an die beiden vornehmen Fremden und rief:

„Wie, meine Herren, wollen Sie zulassen, dass die Hunn-Brüder und Tommy Garrett und die Motts dreihundert Dollar für eine Frau geben, die sie nie gesehen haben, und wir, die wir sehen, wie sie immer Gutes tut, geben nichts?“

„Erbarmen! Erbarmen!“, schluchzte der blinde Mann. „Ich bin so schlimm verbrannt, dass mich niemand kaufen will, aber ich habe ihren Pass gestohlen, um einem Sklaven zur Flucht zu verhelfen, in den ich mich verliebt hatte.“

Richter Custis verließ Claytons Seite und wartete, bis die Stunde am Pranger vorüber war, und sah nach einem erbitterten Wettstreit Sorden bei der Versteigerung siegreich hervorgehen, obwohl es jeden Dollar kostete, den der Richter in Georgetown auf seinen privaten Kredit aufbringen konnte.

„Wie heißt das Mädchen, dem du ihren Pass gegeben hast?“, fragte der Richter den blinden Mulatten.

„Virgie, Marster.“

„Mein Herz hat es mir gesagt“, rief der Richter. „Dein Verbrechen ist genug bestraft worden. Ich werde dich zu deiner Frau schicken.“[15]

* * * * *

John Randel, Jr. bemerkte an jenem Abend:

„Teufels-Jim Clark hat sich ein Beispiel an Patty Cannon genommen und die Quadratur des Kreises vollbracht.“

„Nicht etwa tot?“, fragte Clayton.

„Ja, tot und begraben. Er räumte seinen Vertrag am Kanal auf und hielt die dortigen irischen Tagelöhner für entführte Nigger. Sie fielen über ihn her, verprügelten ihn und jagten ihm einen solchen Schrecken ein, dass er sich nie wieder erholte. Man sagt, er sei auf dem Sterbebett ‚bekehrt‘ worden; oder, wie man so sagt, ‚er starb triumphierend‘; aber die Dunkelhäutigen berichten, dass der Teufel direkt mit einem Streitwagen herabkam und ihn davonfuhr.“

„Diesen Kerl Whitecar, den hebe ich mir auf“, sagte Clayton, „um ihn zu bestrafen, wenn ich ihn dazu benutzen kann, ein Argument für die Zulassung von Zeugenaussagen von Negern in Entführungsfällen zu stützen.[16] Ohne diese Zulassung können diese Entführer nicht verurteilt werden: Selbst Patty Cannon hier könnte uns entwischen, obwohl sie weiße Männer getötet hat.“

Sorden, der zur Gruppe gehörte, meldete sich zu Wort:

„Eine Krankheit namens Aussatz ist in der Hütte des alten Derrick Molleston ausgebrochen; Sam Ogg hat sie auch, und man sagt, er habe sie sich vom Wellenbrecher geholt. Niemand will in ihre Nähe gehen. Schwarzer Dave ist tot; er sagte, er habe einen Mann in Princess Anne getötet: die junge Ehefrau von Levin Dennis, die sich als Dame entpuppt, blieb bei ihm und betete bis zuletzt mit ihm, und er schied demütig und glücklich dahin. Aber, beim Kuckuck! Ein weiterer Entführer hat bereits Johnsons Schenke gemietet.“

„Die Eisenbahn wird all diese Übel ausräumen“, rief Randel. „Ich habe es in Gedichtform gebracht“, und er begann zu rezitieren:

„Zum dunklen Naswaddox-Wald floh Der Mörder vom Festland her, Legte beim Otter sein Haupt nun zur Ruh, Im Sumpf und im Schilf so schwer: ‚Hier kann nichts verfolgen mein Ohr, Fernab von dem Pfad, der bekannt; Ich vergesse von Jahr zu Jahr Die Welt jenseits vom Meeresstrand!‘

Der Gejagte vernahm eines Morgens dann Ein Pfeifen, so nah und so stark, Und nachts ein lodernd Feuer an Blitzte durchs Dickicht bis ins Mark: Der Dämon der Maschine stürmte voran Auf glühenden Schienen mit Macht – Der Hund, den der Mörder aufgescheucht, Der Geächtete war des Dampfes Fracht!“

* * * * *

Der Schrei des Hasses aus der Menge um den Pfahl, als er Patty Cannons letzten Zorn erweckte, bestimmte auch ihr letztes Verbrechen.

Furcht war relativ bei ihr: Sie kannte weder die Furcht vor Menschen noch vor Schande, und nur vor dem Tod, sofern er ein Jenseits einschloss. Ob dieses Jenseits eine latente Überzeugung in ihrem Geist war oder die lebhafte Mahnung der Schuld und der Augen toter Männer, die über ihre Träume und in die stillen, einsamen Stunden geisterhafter Mitternächte starrten, wer soll das sagen? Es gibt keine Analyse einer angeborenen und uralten Verdorbenheit: Sie ist in das Mark gesät, sie stärkt sich im Knochen und spielt mit einer listigen, kühnen Selbstbehauptung auf den Glauben an ein Leben und ein Nicht-Sterben. Ihre Ängste selbst treiben sie im Verbrechen voran und lassen sie ihr eigenes Schicksal grausam verhöhnen, so wie Feiglinge sich über Friedhofsmauern lehnen und mit innerem Zittern rufen: „Kommt hervor – ich fordere euch heraus!“

So hatte diese Frau, sich ihrer Verdienste bewusst, die ewige Gerechtigkeit durch ihre langen Aufschübe schikaniert, ohne je zu zweifeln und doch stets den Geist Gottes zu erzürnen, bis die Zahl ihrer Verbrechen die Tafel ihres Gedächtnisses füllte und aus dem scheußlichen Abgrund ihres vergangenen Lebens Gesichter ohne Namen und Taten ohne Aufzeichnungen starrten; eine Prozession, die umso länger wurde, als Fremde darin waren, die vor ihr zurückwichen und doch weiterdrängten, ihren Namen ausriefen oder nur schrien: „Sie ist es!“, als ob ihr Name nichts gegen ihren Fluch wäre.

Während sie in ihren Ketten schlief, beobachteten sie Kinderaugen aus fernab gelegenen Winkeln, als wollten sie sagen: „Gib uns das ganze Leben zurück, das wir ohne dich hätten leben können!“

Während ihre geschwollenen Glieder an den Eisen faulten, schwebten Babyschreie in der Luft, die sich ihren Brüsten zu nähern schienen, als wäre es Nahrung, und die plötzlich dort in Schmerzensschreien erstarrten und sich entfernten mit den erstickten Lauten, die sie gehört hatte, als sie verstarben.

Die ganze Nacht hindurch hatte sie Besucher, und wer sie waren, konnte niemand sagen; aber die Familie des Gefängniswärters sah, wie sich ihre Lippen bewegten und ihre Augen die Luft absuchten, als würde sie schwach versuchen, bei gewissen geschäftsmäßig redenden Geistern, die mit längst überfälligen Rechnungen gekommen waren und Bezahlung forderten, den Bravado zu spielen, und die nur gingen, um immer wiederzukommen.

Einige dieser mystischen Besucher verspottete und trotzte sie und stampfte mit den Füßen, als hätten sie gegen ihre Seele keinerlei Rechtsanspruch, da sie bei ihrem Ende auf bösartigen Wegen gewesen seien und im Gericht des Mitleids bankrott seien; doch plötzlich erschien etwas Hilfloses und lähmte sie mit seinem kleinen Wehklagen, wie eine mutterlose Mutter oder ein mutterloses Kind, und mit einer von Todesangst schweißnassen Stirn täuschte sie ein Kichern vor und flüsterte: „Nichts als Nigger! Nichts weiter!“

Der Tag brachte ihr etwas Erleichterung, aber auch andere Sorgen, und die größte von ihnen war die Sorge ums Geld. Sie war ihr Leben lang verschwenderisch gewesen und hatte die Menschheit um Leben und Freiheit beraubt, um die selbstsüchtige Ausschweifung zu genießen, deren Blutgeld auszugeben; und was hatte sie davon gekauft? Nichts, gar nichts. Nur um es auszugeben, hatte sie ihr Geschlecht und ihre Seele ruiniert; um es für solche Kleinigkeiten auszugeben, die Kinder wollen – Süßigkeiten und gewöhnlichen Schmuck, einen Tanz und ein Vergnügen, ein Geschenk für irgendeinen Grobian oder Waldläufer oder sogar Neger, den sie in die Irre führte, oder um sich einen albernen Ruf der Großzügigkeit zu verschaffen: großzügig auf Kosten des menschlichen Glücks und des Raubes an Freiheit und Leben, bloß für Taschengeld!

Nun hatte sie nichts mehr, um die alles verschlingende Gier der Gewohnheit zu stillen, die durch wirkliche Not noch verschärft wurde: kein Geld, um Leckerbissen oder auch nur Schnaps zu kaufen; kein Geld, um es für die Familie des Gefängniswärters auszugeben und den Ruf der Freundlichkeit aufrechtzuerhalten; kein Geld für anständige Kleidung, um vor Gericht zu erscheinen; nichts, um das Gesetz zu korrumpieren oder Zeugen und Anwälte zu bezahlen.

Die zwei Dämonen, die sie erschaffen hatte, bemächtigten sich abwechselnd des Tages und der Nacht: der Dämon des Geldes plagte sie den ganzen Tag, der Dämon des Mordes verfolgte sie die ganze Nacht.

Jeden Morgen hatte sie unersättliche Wünsche; die ganze Nacht hatte sie unbarmherzige Besucher; und dicht vor ihr füllte der Galgen das Blickfeld, an dem der Teufel die Schlinge knüpfte.

Diesen Teufel sah sie deutlich, so beschäftigt am Galgen, wie er seine Seile, Leichentücher und langen Todeshauben anpasste, und er wich ihr aus, als ob er nun keinen Handel mehr mit ihr trieb.

Er war ein kühler und sehnsüchtiger Mann, vollkommen glücklich in der Aussicht, sie zu bekommen, und nicht besorgt darüber, so sicher war er ihrer baldigen und vollständigen Inbesitznahme.

Er war immer draußen im Gefängnishof, wenn sie dorthin sah, und befestigte seine Seile, ließ die Schlingen gleiten und untersuchte den Galgen wie ein gewissenhafter Zimmermann; und in seinem selbstgefälligen Lächeln lag ein schreckliches Entsetzen, das sie verstummen ließ: Er schien so unpersönlich, so freudig, so fleißig, als hätte er wie ein langjähriger Gläubiger auf sie gewartet und die Zinsen auf ihre Sünden so lange angehäuft, bis die höllische Summe ihn zu einem Millionär an Qualen machte.

Es war ein Teufel, so real wie ein Mensch – ein Sklavenhalter, dem seine stille Liebe zur Grausamkeit, der ewige Tod nicht genug war; ein Mann, dessen unversehrtes Alter, alt wie die aufgehende Sonne, immer noch in unsterblicher Jugendlichkeit und Zufriedenheit kam und ging, der aber für den Augenblick andere Schuldner vergaß angesichts des Griffs, den er an ihr hatte, als seine majestätische Sühne für seine eigenen Mängel.

Er sah aus wie ein Krämer, ein Mann der Buchhaltung, ein kosmopolitischer Entführer, der einen guten Artikel kannte und ihn nun hatte. Sie war so verängstigt, dass sie ihm zuweilen wollte, um zu sehen, ob er diese Geschäftsmethode nicht aufgeben und menschlicher werden und sie zurückschmähen würde.

Aber nein; je länger sie beobachtete, desto weniger sah er zu ihr hin, obwohl sie wusste, dass sein Lächeln niemandem sonst galt. An seinem Strick zu hängen war nur wenig; mit ihm zu gehen, nachdem er gespannt war, hinunter in die brennenden Roste der Hölle, und ihn dort so kühl und beschäftigt in ihrem Elend zu sehen, war der nagende Geier an ihrem Herzen.

Vergeblich versuchte sie, die Verantwortung für ihre Sünden einer vagen, falschen Herkunft und Vaterschaft zuzuschieben und zu sagen, sie sei zu Raub und Laster erzogen worden; etwas in ihrem Herzen antwortete: „Nein, du hattest Schönheit und Gesundheit und keusche Liebhaber, die du abgewiesen oder in Versuchung geführt hast, und einen Verstand, der immer klar war und Recht von Unrecht unterscheiden konnte. Das Gewissen hat dich nie aufgegeben, obwohl du in unschuldigem Blut getränkt warst. Der oft ermordete Mahner erwachte und schrie laut wie das Schlagen einer Uhr, wurde aber nie befolgt!“

So heimgesucht, verlassen, aus dem Jenseits beobachtet, von eitlen Bedürfnissen gequält, ihre Auswege für jede Flucht oder Ausflucht verschlossen, die Rache selbst tot und die Krankheit das Gewissen dabei unterstützend, den Schlaf zu verbannen, kroch die elende Frau eines Tages zu ihrem Fenster und sah das hilflose Abbild ihres Geschlechts dort ausgestellt, weil es einen Akt der Menschlichkeit vollbracht hatte; und augenblicklich forderte ein Instinkt, dem sie sofort gehorchte, von ihr eine letzte vertraute, herzlose Tat, um der Menge zu zeigen, dass selbst sie, Patty Cannon die Mörderin, „keinen Respekt vor einem Nigger“ habe.

Diese Lehre überlebte sie lange, obwohl sie sie alt vorfand, als sie unter sie kam.

Sie zielte mit einem Ei auf die Brust ihres Geschlechts und sah mit einem schamlosen Grinsen, wie es einschlug und zerplatzte. Im nächsten Moment hatte die Menge sie erkannt und ihr getrotzt.

In der Verbitterung ihres Schreiens und darüber, dass sie nicht einmal mehr dafür gelobt wurde, einen Neger zu beleidigen, überkam ein Anfall verzweifelter Wut die Mörderin.

Zu hilflos, um auf andere Weise zu antworten, und doch in unkontrollierbarer Rücksichtslosigkeit, rief sie: „Dann sollen sie mich niemals hängen sehen!“ und schluckte das Arsen, das sie in ihrem Busen verborgen hatte.

In jener Nacht starb sie unter schrecklichen Qualen.

* * * * *

Der ehrwürdige Kanzler, der im Hotel nahe der Ecke am Pranger lag und von der freigelassenen Mrs. Hudson bewacht wurde, die am nächsten Tag den Staat für immer verlassen musste, hörte in jener Nacht Stimmen auf dem Platz, die sagten:

„Patty Cannon ist tot. Man sagt, sie habe Gift genommen.“

Ein gewaltiger Schmerz ergriff das Herz des Kanzlers, und das laute Stöhnen, das er von sich gab, rief einen Fremden ins Zimmer.

„Ist diese schreckliche Frau tot?“, seufzte der Kanzler.

„Ja; sie wird Delaware nie wieder plagen, Marster.“

„Gott sei Dank!“, stöhnte der alte Mann. „Gerechtigkeit und Mord sind nicht länger verwandt.“

Man sagte, er sei in jenem Augenblick an einem Herzleiden gestorben.

KAPITEL XLV.

DER RICHTER WIEDER VERHEIRATET.

Vesta fand ihren Kreis, wenn auch mit vielen Abwesenden, in Princess Anne wieder vereint.

Tante Hominy nahm ihren Platz in der Küche ein und kochte mit all ihrer früheren Kunst, aber ihre Stimme und ihr Verstand waren dahin, und sie wollte niemals am Entailed Hat vorbeigehen und betrachtete ihn immer noch, soweit man es herausfinden konnte, als die Ursache all ihrer Irrtümer und Gefahren, obwohl sie seine unvermeidliche Herrschaft anzuerkennen schien.

Die arme Frau Mary, die mit der Zeit feststellte, dass Samson Hat eine Partnerin im alten Lagerhaus wünschte, wo er der einzige Bewohner geworden war, hatte noch genug Glauben, um ihre dritte Ehe mit ihm einzugehen; und sein Vermögen machte nicht nur das Eigentum wett, das sie verloren hatte, sondern der rüstige alte Mann schenkte ihr einen kleinen Jungen, der den Namen Meshach Phoebus erhielt, worüber Richter Custis weise bemerkte, dass es „ein rothaariger Nigger hätte sein sollen, da er sowohl den feurigen Ofen als auch die strahlende Sonne im Namen trage.“

Nach Samson Hats Tod, der auf Rheuma zurückzuführen war, das sein Herz erreichte, schloss sich seine Witwe ihrem Befreier aus der Sklaverei, James Phoebus, im Westen an, wo er glücklich mit seiner Braut und seinem Stiefsohn lebte und oft von einem Freund namens Abe Lincoln nach Hause schrieb, der dort war und mit ihm Flachbootfahrten den Mississippi hinunter unternahm. Sowohl Ellenora Phoebus als auch Hulda Dennis zogen westliche Familien groß, die wirksame Rollen im Drama der Zivilisation spielten.

Vesta verlor keine Zeit damit, jeden Sklaven in Teackle Hall und auf den Farmen freizulassen, mit der Zustimmung ihres Vaters und ihres Ehemannes, und Roxy wurde die Ehefrau von Whatcoat, dem geretteten Freigelassenen, und die Nachfolgerin an der Seite ihrer Herrin der armen Virgie, deren Leichnam nach Hause gebracht und von der Kirche beigesetzt wurde, wo sie die Brautjungfer ihrer weißen Schwester gewesen war. Die Trauer von Vesta um Virgie war still, aber lang und die einer Gleichgestellten, nicht einer Herrin, obwohl sie vielleicht nie wusste, wie gleich sie war.

In den Schicksalsschlägen, die sich um ihre Ehe drängten, bemerkte Vesta einen wesentlichen Segen – die vollständige Reform der Gewohnheiten ihres Vaters.

Er trank überhaupt nichts mehr, ersetzte die Freuden des Weins durch Obst und die schweifenden Touren, die er einst für Politik und Amouren in den Wäldern unternahm, durch Bewegung und Geschäfte auf Geheiß ihres Mannes.

Sich seiner geselligen und lustvollen Natur bewusst, wünschte Vesta, ihn wieder verheiratet zu sehen, um seine Reformation zu vervollständigen und zu sichern; und während sie sich noch den Kopf zerbrach, um eine passende Frau für ihn zu finden, löste er das Problem selbst, indem er Rhoda Holland kurzerhand den Aufmerksamkeiten von William Tilghman entzog.

Rhoda hatte schnell gelernt und ihre Grammatik korrigiert, ohne dabei ihren Humor und ihren Geschmack für Kleidung zu verlieren, und ihr freier, warmer Geist machte sie bald zu einer eleganten Frau, in der, ob zum Glück oder Unglück, ein sehr entschiedener weltlicher Ehrgeiz keimte – zugleich der Beweis und die Rechtfertigung von Emporkömmlingen.

Sie mag sich ein Vorbild an ihrem Onkel genommen haben, oder es mag von seiner ehrgeizigen Familienlinie ausgegangen sein, die in und um ihn herum zur Kraft eines früheren Jahrhunderts erwacht war; aber es unterschied sich so sehr von Vestas Wesen, dass, während es Vestas Seele von ruhiger Frömmigkeit und der Leichtigkeit der Vornehmheit nur noch edler machte, Vesta an Rhodas Eigensinn und geschäftlicher Koketterie interessiert war.

Eine höhere Vitalität als die von Vesta zeigte Rhoda Holland bald in den oberflächlichen Sinnen, mehr Schärfe des Sehens und der Einsicht, schnellere Intuitionen, mehr Selbstliebe, wenn auch nicht Selbstsucht, weniger Skrupel vielleicht im Umgang mit ihren Liebhabern und, bei aller Treue und Tugend, einen vorwärtsstrebenden Geist, den Vesta nur milde tadelte, da sie den Spielraum ließ, dass er teilweise von ihr selbst inspiriert war.

„Pass auf, Liebes“, sagte Vesta eines Tages, „dass du deinem Herzen nicht entwachst. Bei aller Verbesserung gibt es ein Wachstum, das Herzkrankheiten erzeugt. Liebst du Vetter William Tilghman? Er ist ein zu aufrichtiger Mann, um in seinen Gefühlen verletzt zu werden. Nichts auf dieser Welt, Rhoda, ist ein Ersatz für Prinzipien bei einer Frau.“

„Ich will meine Prinzipien nicht verlieren, Tante“, sagte Rhoda; „aber ich fürchte, ich liebe das Leben zu sehr, um eine Pastorenfrau zu sein. Ich habe so lange die Welt nicht gesehen, dass ich wild auf sie bin. Ich will gehen, schauen und sehen, überallhin. Ich fühle, mein Herz ist in meinen Flügeln, und muss ich da gehen und mich auf ein Nest setzen? Miss Somers –“

„Die Frage ist, Liebes, liebst du?“

„Tante, ich glaube, ich liebe William so sehr, wie er mich liebt.“

„Aber er ist hingebungsvoll, Rhoda.“

„Wenn ich dächte, ich hätte das ganze, volle Herz von William, Tante Vesta, und es würde ihm wirklichen Schmerz bereiten, ihn zu enttäuschen, würde ich ihn heiraten. Aber ich habe ihn beobachtet wie eine Katze eine Maus. Er will mich heiraten, um andere Leute als sich selbst glücklich zu machen; um dich und Onkel mehr zu versöhnen; um Onkel mehr in eure Familie aufzunehmen, indem er seine Nichte heiratet. William versucht, Onkel Meshach wie ein guter Christ zu lieben, aber, Tante Vesta, er denkt mehr an deinen kleinen Zeh als an meinen ganzen Körper.“

Die purpurne Farbe stieg Vesta so widerwillig, so ansteigend in die Wangen, dass sie sich ihrer schämte, und anstatt des Zorns, den viele so bloßgestellte Ehefrauen gezeigt hätten, vergoss sie ein paar stille Tränen.

„Rhoda, weißt du nicht, dass ich die Frau deines Onkels bin.“

Rhoda schlang ihre Arme um sie.

„Verzeih mir, Liebes! Wenn du mir sagst, Tante Vesta, dass William mich innig liebt, werde ich ihn gerne heiraten. Ich möchte nur, Tante, das Glück nicht unmöglich machen, wenn es besser wäre zu warten.“

Vesta fragte sich, was Rhoda meinte, aber als sie ihre Freundin wieder zärtlich küsste, flüsterte Rhoda:

„Tante, es ist nicht Selbstsucht, die mich so handeln lässt. Ich liebe William wirklich; es ist ein Opfer, ihn gehen zu lassen.“

Vesta blickte auf und fand Rhodas Augen diesmal voller Tränen.

„Seltsames, zärtliches Mädchen!“, rief Vesta. „Was bringt dich zum Weinen?“

Doch aus unausgesprochenen, vielleicht unbekannten Gründen vergossen beide gemeinsam die Tränen eines tieferen Respekts füreinander.

Kurz darauf wurde Richter Custis von Milburn nach Annapolis geschickt und gebeten, Rhoda als Teil ihrer Erziehung mitzunehmen, und Vesta kam auf Wunsch ihres Mannes ebenfalls mit.

Sie fürchtete, dass ihr Vater, so sehr er sich auch den geschäftlichen Interessen ihres Mannes gewidmet hatte, ihn immer noch nicht mochte und ihm Groll entgegenbrachte; und Vesta wollte nicht nur die äußere, sondern auch die innere Versöhnung dieser beiden Männer sehen, von denen der eine ihr das Leben geschenkt hatte und für den anderen sie begann, heilige und doch ehrfurchtgebietende Bande zu empfinden, die Leben und Tod berührten.

Sie wurden von Mr. Milburn und dem jungen Pfarrer zum Anlegesteg gebracht, und dort, als sich das Dampfschiff näherte, sagte Tilghman:

„Rhoda, dein Onkel hat zugestimmt. Er wünscht, dass wir heiraten. Ich bitte dich, vor ihnen allen, meinen Vorschlag zu überdenken, während du fort bist, und mit deiner Antwort nach Hause zu kommen.“

Sie schüttelte den Kopf, doch ihre Augen waren voller Tränen, und während sie den Laufsteg hinaufging, wandte sie sich noch einmal um, um dem jungen Geistlichen ein Lächeln zuzuwenden, das mehr von Wehmut als von Hoffnung zeugte. Das Dampfschiff legte ab, schnitt durch die trägen Fluten der Chesapeake Bay und ließ die Gestalten am Ufer immer kleiner werden, bis sie nur noch als dunkle Punkte in der Weite des Horizonts erkennbar waren.

An Bord des Schiffes fand sie einen Platz am Heck, von wo aus sie den Blick auf das zurückweichende Land genießen konnte. Die Frühlingsluft war mild, doch ihr Herz war schwer von der Last der Erwartungen, die nun auf ihr lagen. Sie dachte an Vesta, an den Judge und an die seltsame, unerbittliche Entschlossenheit ihres Onkels, die wie ein Schatten über ihrer Familie lag.

Sie betrachtete ihre Hände, die in ihrem Schoß ruhten, und fragte sich, ob sie jemals jene Ruhe finden würde, nach der sie sich so sehr sehnte. Die Welt da draußen, von der sie so viel gehört hatte, war weit und fremd, und doch spürte sie in sich eine wachsende Kraft, die sie darauf vorbereitete, ihr entgegenzutreten.

Als die Dunkelheit hereinbrach und die Lichter der fernen Küste wie verglühende Sterne flackerten, zog sie sich in ihre Kabine zurück. Sie war nun allein, auf dem Weg in eine Ungewissheit, die sie gleichzeitig fürchtete und herbeisehnte. Ihr Onkel hatte ihr den Weg geebnet, doch den Schritt in die Zukunft musste sie nun selbst gehen, allein, geführt nur von der Erinnerung an die Heimat, die sie hinter sich gelassen hatte.

So erhielt Meshach Milburn niemals die Gelegenheit, sich von dem Leiden zu befreien, mit dem er andere geplagt hatte. Wie ein Hochstapler, der den Anspruch auf Taubheit geltend gemacht hat und sich nun vom Geschrei seiner Mitmenschen in den Ohren belästigt fühlt, fühlte sich das behütete Gespenst unbehaglich, wenn er seinen Zylinder ablegte – seine Beständigkeit stand augenblicklich auf dem Prüfstand. Er glich einem Jungen, der sich in Indien mit Tinte ein Kreuz in die Hand gestochen hat und, zum Mann mit Geschmack und Stand herangewachsen, bei jedem Händeschütteln die unauslöschliche Reklame seiner eigenen Vulgarität vor Augen hat.

Jeden anderen Hut aufzusetzen, hätte ihn neuen Schmähungen und Kommentaren ausgesetzt und ihn gezwungen, öffentlich über seine eigene Torheit zu lächeln; er hätte so hoch wie auf den Pranger steigen müssen, um den Wechsel zu erklären und Abbitte zu leisten; die Gesellschaft, der er bisher trotzig die Stirn geboten hatte, schien plötzlich einig darin, ihm ohne seinen Erb-Hut den gesellschaftlichen Status zu verweigern. Es hätte den Mut erfordert, ein lebenslanges Pseudonym abzuwerfen und unter einem vergessenen Namen zu leben, um in Princess Anne mit einer neuen, zeitgemäßen Kopfbedeckung aufzutreten.

Milburn sah ein, dass er seinen alten Hut lebenslang tragen musste; er beugte sich unter diese Knechtschaft und war nun ihr einziger Leidtragender.

KAPITEL XLVII.

SCHEITERN UND WIEDERGUTMACHUNG.

Der Eisenbahnstreit flammte von Jahr zu Jahr wieder auf.

Die Legislative wurde jährlich von starken Lobbykräften bedrängt, und ein erbitterter Wettstreit zwischen dem Potomac-Kanal und der größeren Eisenbahngesellschaft, bei dem sie sich gegenseitig zu erwürgen suchten, ließ die Eisenbahn an der Eastern Shore unbeachtet. Lokomotiven aus einheimischer Fertigung begannen aufzutauchen; die Eisenbahn nach Washington wurde schließlich eröffnet, und danach die Strecke nach Harper’s Ferry, als Vestas Junge zu einem jungen Reiter heranwuchs und lesen lernte. Das altehrwürdige Gerichtsgebäude in Princess Anne mit seinen siebenundachtzig Jahren voller Erinnerungen brannte während dieser Vorgänge nieder, und Panik verbreitete sich in Patty Cannons altem Gebiet beim Flüstern von einem weiteren Nat-Turner-Aufstand unter den Sklaven; doch von den tausenden Entführungen dort war auf dem anti-freimaurerischen Konvent in Baltimore, wo Samuel S. Seward und Thaddeus Stevens Mr. Wirt für das Präsidentenamt nominierten, keine Rede, weil ein einziger weißer Mann gestohlen worden war. Die Ermordung von Jacob Cannon durch Owen Daw erregte wenig später einiges entferntes Aufsehen, hauptsächlich wegen der Apathie der Gesellschaft in Delaware bei der Verfolgung des Mörders.

Durch langjährige Wuchergeschäfte und rechtliche Verfolgung waren die Cannon-Brüder in ihrer eigenen Gemeinschaft verhasst geworden, und als sie O’Day, oder Daw, wegen des Fällens eines Bienenbaums auf einer ihrer Farmen, die er bestellt hatte, verklagten und anschließend das Urteil über zehn Dollar vollstreckten, lud Daw – nun ein erwachsener Mann von keltischer Rachsucht – sein Gewehr, machte sich auf den Weg zur Cannon's Ferry und legte Jacob auf die Lauer, gerade als dieser sein Pferd von der Fähre führte.

„Willst du mir diese zehn Dollar zurückgeben, du alter Schurke?“, schrie O’Day.

„Zurück! Zurück!“, antwortete der lange Jacob; „der Quotient war korrekt; die lex loci und die lex terrae wurden erörtert. Die lex talionis...“

„Nimm das!“, rief der Bösewicht und feuerte geschickt seine Schrotflinte in die Brust des Kaufmanns, ohne dessen menschenfreundlicheres Tier zu verletzen.

Jacob Cannon taumelte an den Zaun am Kopf des Kais, hielt sich dort einen Augenblick fest und fiel tot zu Boden.

„Du Schurke“, schrie Isaac Cannon aus dem Fenster, „meinen Bruder zu töten, meinen ausführenden Trost!“

„Ja“, antwortete O’Day, „und den anderen Lauf gebe ich dir!“

Während Isaac Cannon sich verbarrikadierte, raffte Owen O’Day ohne Eile seine Habe zusammen und begab sich in die Wildnis von Missouri.

Cannon’s Ferry verfiel, als die Eisenbahn bei Seaford ihre Handelsbedeutung absaugte, doch noch immer sind dort das nie bewohnte Herrenhaus des enttäuschten Bräutigams sowie die Grabsteine zu sehen, die zeigen, wie Jacobs Schicksal Isaac Cannon in ein schnelles Grab trieb.

Unterdessen hatte John M. Clayton die Ängste von Calhoun und seinen Nullifizierern, die vom Präsidenten mit den Strafen für Hochverrat bedroht wurden, genutzt, um mit deren Hilfe ein großes Schutzzollgesetz durchzubringen und so die Manufakturen in derselben Zeit wie die Eisenbahnen zu etablieren.

Dieser Triumph im Senat ließ ihm freie Hand, den Prozess von Randel gegen die Kanalgesellschaft zu führen, der ebenso viele Jahre in Anspruch nahm wie das Eisenbahnunternehmen von Meshach Milburn.

Das barbarische System der „Schriftsätze“ war damals in vollem Gange, obwohl es selbst in seinem Mutterland England bald ausgerottet werden sollte, und das Recht sollte zu einer Prüfung von Tatsachen werden, statt von Einwendungen, Demurren, Ausflüchten, Widerlegungen und Gegenwiderlegungen, die aus der Magermilch der Worte zusammengerührt wurden. Claytons Schriftsätze erfordern heute einen kühnen, stumpfen Geist, um sie zu lesen, doch er zermürbte seine Gegner, und sein Cousin, der Oberste Richter Clayton, der ihn beneidete, musste noch zu seinen Gunsten entscheiden.

Dann, nach Ablauf von Jahren, kam der Rechtsstreit in der alten niederländisch-englischen Stadt New Castle zur Verhandlung, und aufgrund der Höhe des geforderten Schadensersatzes, des Gewichts und der Anzahl der Anwälte sowie der Neuartigkeit, einen großen Konzern vor Gericht zu bringen, interessierte er die Juristen, belastete die Zeitungen und wurde im Volksmund als zu jener Kategorie gehörend angesehen wie die Forderungen wegen französischer Plünderungen oder Probleme der Quadratur des Kreises – etwas, das bis zum Jüngsten Tag andauern würde.

„Mach dir nichts draus, Bob Frame! Walter Jones ist ein großer Anwalt, aber, beim Kuckuck! Er kennt keine Geschworenen aus Delaware. Ich werde meinen Landsitz hier oben auf den Hügeln von New Castle aus diesem Fall finanzieren“, sagte Clayton, während er mit seinen Anwaltskollegen aus Washington und Philadelphia auf der grünen Batterie Quoits warf, wo der Dampfer aus Philadelphia mit den Südstaaten-Passagieren für die kleine Eisenbahn mit den Steinschwellen anlegte.

John Randel, Jr., hatte einen fähigen Ingenieur ruiniert, um sein Leben lang ein Prozesshansel zu werden.

Er verklagte seinen Nachfolger und Landsmann aus New York, den Ingenieur Wright, und seine Klage wurde abgewiesen. Er belegte die Kanalbeamten mit Arrest, bedrängte die Legislative für abhelfende Gesetze und drohte Clayton selbst mit Schadensersatz; doch er besaß einen solchen Erfahrungsschatz und eine solche Vitalität, dass er die Öffentlichkeit immer wieder aufpeitschte, wie bei der Treibjagd auf wilde Tiere in den Kreis der Jäger. Er hatte die große Stadt New York vermessen und ihre Straßen oberhalb des neuen Rathauses geplant. Hochbahnen waren seine Projektion ein halbes Jahrhundert, bevor sie verwirklicht wurden. Er betrachtete die Ingenieurskunst nun mit Gleichgültigkeit und hielt sich für das Recht geboren.

Inmitten vieler anderer Pflichten überführte Clayton im Laufe der Zeit Whitecar der Entführung, gestützt auf die Aussage eines Schwarzen, nachdem er von seinem Cousin, dem Obersten Richter, ein entsprechendes Urteil erwirkt hatte; und ein Wähler namens Sorden (nicht die Figur unserer Geschichte), der wegen Entführung angeklagt war, wurde von ihm in Georgetown nach einer wunderbaren Demonstration juristischer Beredsamkeit freigesprochen, um Clayton zu ärgern. Jahre nach Abschluss unserer Geschichte beglich er die Schuld, indem er einen parteipolitischen Stillstand in der Legislative von Delaware durchbrach, wo er Mitglied geworden war, und Mr. Clayton zum vierten Mal in den amerikanischen Senat sandte.

* * * * *

Der Erb-Hut wurde in den Straßen von Annapolis gewöhnlicher als in Princess Anne, während Milburn Jahr für Jahr seinen Gesetzesentwurf für Unterstützung vorantrieb, aus der Heimat mit Verleumdungen in den Rücken geschossen und von vorn durch überwältigende Opposition bedrängt wurde.

Richter Custis zog wegen der Eisenbahnfrage für den Kongress ins Feld und wurde durch die Stimmen aus dem Wald gewählt, und seine Frau verbrachte eine Saison in Washington mit ebenso viel Würde wie Vergnügen, wobei nur wenige ahnten, dass sie nicht die gesellschaftliche Ebenbürtige des Richters war.

Der angestammte Hut trotzte aller weltlichen Feindseligkeit, wurde aber zum eisernen Helm, der den Rücken seines Trägers beugte. Er betete insgeheim zu einem mitleidigen Engel, den Fluch zu brechen, der ihn an das Stück band, doch niemand konnte sich vorstellen, dass er ihn jemals ablegen würde.

Sein Junge wurde stark und hielt die Kleidung seines Vaters für selbstverständlich; seine Frau drängte ihm das widerwärtige Schmuckstück auf, das er so lange zur Schau getragen hatte; eine weitreichende Verschwörung schien geschmiedet worden zu sein, um seinen Kopf in jenes erbliche Wigwam zu treiben, und er konnte ihm nicht entkommen.

Sogar Großmutter Tilghman, die in Williams jahrelanger Abwesenheit nun Bewohnerin von Teackle Hall war, vergaß den merkwürdigen Hut und freute sich insgeheim, dass „Bill“ nicht „dieses politische Mädchen“ geheiratet hatte.

Milburn hatte seine finanzielle Solvenz durch Wendungen und Ausfälle gewahrt, die selbst seine Feinde bewunderten, doch eine Eisenbahn, die entlang des Rückgrats eines Mannes gebaut ist und mit einem turmartigen Depot auf seinem Kopf endet, muss den unentlasteten Einzelnen schließlich aufreiben.

Die Banken in Baltimore begannen zusammenzubrechen; wilde Unruhen folgten; die Staatsverschuldung war durch die Hilfe für öffentliche Bauvorhaben auf fünfzehn Millionen Dollar angewachsen; die Eisenbahn an der Eastern Shore erhielt die erwartete Subvention zu spät, und der Staatsschatzmeister konnte keine Mittel zu ihrer Auszahlung finden.

Die Gazetten verkündeten den Bankrott von Meshach Milburn, Esq., von der Eastern Shore.

Ohne einen Augenblick zu zögern, gab Vesta ihr eigenes Vermögen auf, und sie und Rhoda Custis eröffneten eine Privatschule in einem Teil von Teackle Hall und vermieteten den Rest als Wohnraum.

„Warum bringst du dieses Opfer?“, fragte ihr Mann; „niemand hat es erwartet.“

„Sie mögen sagen, wir hätten geheiratet, um meine Eltern zu schützen“, antwortete Vesta, „aber nicht, dass es war, um mich selbst abzusichern. Mein Junge soll einen reinen Namen tragen.“

Sein Scheitern beendete das aktive Leben von Meshach Milburn; zu rücksichtsvoll gegenüber seiner Familie, um seine früheren niedrigen Unternehmungen wieder aufzunehmen, wurde er durch den Einfluss von Richter Custis ein Angestellter in den Bezirksämtern und trug seinen Hut zur besoldeten Arbeit mit der Regelmäßigkeit, jedoch nicht mit den rebellischen Instinkten früherer Tage, und wurde stattdessen zum Opfer einer Art religiöser Trance oder Apathie, die sich mit der Zeit vertiefte.

Vesta sah, dass Milburns Unglück den letzten Rest von Feindseligkeit im Geiste ihres Vaters auslöschte, und die beiden Männer gingen zusammen umher wie zwei alte Jungen, die beide Kriegsgefangene gewesen waren und von Ehrgeiz geheilt waren.

Milburn nahm seine Waldspaziergänge und das Zähmen der Vögel wieder auf, alle Spuren von Ehrgeiz waren aus seinem Gesicht gewichen, und er war für geschäftliche Dinge so tot, als wäre er nie über seinen Ursprung im Wald hinausgewachsen.

Er sprach oft von William Tilghman und schien ihn sehen zu wollen, wenn auch ohne erkennbaren Zweck.

Die asiatische Cholera, die begonnen hatte, die Vereinigten Staaten jährlich zu besuchen, wählte eines Tages den Träger des veralteten Hutes aus und stellte den Haushalt von Teackle Hall auf die härteste Probe von Zuneigung und Menschlichkeit.

Ob aus Respekt, den seine stetigen Absichten ihnen eingeflößt hatten, oder aus natürlicher Hingabe in einer isolierten Gesellschaft, keine Seele verließ seine Seite.

Doch es brachte die endgültige Heimsuchung der Armut über Vesta. Ihre Schule wurde an einem Tag aufgelöst. Sie entließ sie selbst und saß ruhig am Bett ihres Mannes, um seine sterbende Schwäche zu lindern und auf die Vorsehung Gottes zu warten.

Er durchlief rasch die Stadien von Krämpfen und Zusammenbruch, ein fast erloschener Puls und der leichenblasse Anblick eines bereits Toten, doch sein Verstand lebte nach dem Gesetz der Krankheit unbeeinträchtigt weiter.

„Der Bach kann nicht höher steigen als die Quelle“, sprach er heiser; „alles, was wir vom Leben bekommen können, ist Liebe. Mein Liebling, du hast sie über mich ausgeschüttet und warst all die Tage durstig.“

„Ich war glücklich in meiner Pflicht“, sagte Vesta; „du warst immer gütig zu mir. Wir haben nichts zu bereuen.“

Er irrte ein wenig umher, obwohl er sie ansah und an seine Mutter zu denken schien.

„Wo können wir hingehen?“, murmelte er kläglich; „ich habe die liebe alte Hütte niedergebrannt. Sie wäre ein Dach für meinen Jungen gewesen.“

Sein Kinn bebte, als wolle er weinen, und er seufzte:

„Vater und Mutter haben sich gestritten; die Spottdrossel will nicht singen. Reit für den Doktor! Reit hart! Oh! oh! zu spät, kleine Kinder! Sie sind beide tot!“

Er kehrte in einem Moment zu vollem Bewusstsein zurück und heftete seine Augen auf Vesta, indem er sagte:

„Ich hinterlasse dich arm. Ich habe es hart versucht. Vielleicht...“

Sein Blick wurde hier durch einen Konflikt an der Tür aufgehalten, wo Tante Hominy, ungeachtet ihres schwachen Verstandes, versuchte, Wache zu halten.

„De Debbil misst ihn ein! Misst ihn endlich ein!“, sagte die alte Frau; „Miss Vessy ist fast frei!“

„Lassen Sie mich ein!“, sprach eine klare, vertraute Stimme, „ich muss ihn sehen. Mr. Clayton hat den Prozess gewonnen, und zweihundertsechsundzwanzigtausend Dollar Schadensersatz! Cousin Meshach ist wieder reich.“

„Diese freundliche Stimme“, sprach Meshach mit einem glücklichen Licht in seinen Augen; „oh, ich wollte sie noch einmal hören!“

Doch er hob die Hand mit all seiner geringen Kraft, um den Eindringling wegzuschieben, der ihn geküsst hätte, und flüsterte:

„Nein. Die Cholera!“

„Es ist der Bischof, Onkel!“, rief Mrs. Custis; „Bischof Tilghman, aus dem Westen.“

„Kenne ich ihn nicht“, flüsterte Milburn mit sinkender Stimme und Kraft. „Ehrlicher Mann! Bischof unserer Kirche! Bischof im freien Westen! Gott segne ihn!“

Er war wieder verloren, als wäre er in Ohnmacht gefallen, für einige Zeit, und während alle knieten, sprach der junge Bischof ein Gebet.

Als sie aufstanden, schien Milburn sprachlos, doch er versuchte seine Hand zu heben, und als Vesta ihm zu Hilfe kam, schlossen sich seine langen, hageren Finger um ihre, und er gab William Tilghman mit den Augen ein Zeichen.

Der Bischof trat näher, und mit einer schmerzhaften Anstrengung legte Milburn die Hand seiner Frau in die ihres Cousins. Seine Lippen formten ein Wort ohne einen Laut:

„Wiedergutmachung.“

„Ehre sei Gott!“, rief plötzlich Großmutter Tilghman aus, die ohne zu sehen alles zu bemerken schien, was vor sich ging.

„Ich wusste, dass es so kommen würde, wenn beide warten würden“, seufzte Rhoda unter Tränen zu ihrem Mann.

Es lag noch immer etwas auf Milburns Gemüt, obwohl er unfähig war, es zu erklären. Jeder Versuch wurde unternommen, seinen Wunsch zu deuten, doch vergebens, bis Tante Hominy die Stille durch Murmeln unterbrach:

„Er will den Hut vom Debbil!“

Vesta sah, wie die Augen ihres Mannes funkelten, als hätte er das Wort gehört, und es brachte sie auf einen Gedanken. Sie verließ das Zimmer und kehrte mit ihrem Jungen zurück, einem feinen jungen Burschen, der ihrem Wunsch gehorchte. In seiner Hand hielt er den Hut seines Vaters.

„Was wirst du tun, wenn Papa uns verlässt, Custis?“, sprach Vesta laut, damit der Sterbende es hören konnte.

„Ich werde den Hut meines Vorfahren tragen, Papa!“, sagte das Kind.

Der Sterbende senkte die Augen, als wolle er „Nein“ sagen, und blickte inbrünstig auf seinen Sohn und müde auf die alte Kopfbedeckung.

Vesta legte sie auf sein Kopfkissen und wartete, seinen nächsten Wunsch zu erfahren.

Er gab ein Zeichen, das sie so deuteten:

„Heb mich hoch!“

Er wurde hochgehoben, bleich wie ein Toter, und hob seine Augen zu seiner Stirn.

Seine Frau setzte den Erb-Hut auf seine Schläfen.

„Begrabt ihn!“, sagte er in einem deutlichen Flüstern und schied dahin.

ENDE.

BAKER, W. M.: Carter Quarterman. Illustriert. $ 60 Inside: a Chronicle of Secession. Illustriert. 75 The New Timothy, 12mo 1 50 4to, broschiert 25 The Virginians in Texas. 75 BLACK: A Daughter of Heth. 35 12mo 1 25 A Princess of Thule. 50 12mo 1 25 Green Pastures and Piccadilly. 50 12mo 1 25 In Silk Attire. 35 12mo 1 25 Kilmeny. 35 12mo 1 25 Macleod of Dare. Illustriert. 12mo 1 25 Illustriert. 60 4to, broschiert 15 Madcap Violet. 50 12mo 1 25 Shandon Bells. Illustriert. 12mo 1 25 Illustriert, 4to, broschiert 20 Sunrise. 12mo 1 25 4to, broschiert 15 That Beautiful Wretch. Illustriert. 12mo 1 25 Illustriert, 4to, broschiert 20 The Maid of Killeena, and Other Stories. 40 The Monarch of Mincing-Lane. Illustriert. 50 The Strange Adventures of a Phaeton. 50 12mo 1 25 Three Feathers. Illustriert. 12mo 1 25 White Wings. Illustriert. 12mo 1 25 4to, broschiert 20 Yolande. Illustriert. 12mo 1 25 Illustriert, 4to, broschiert 20 BLACKMORE: Alice Lorraine. $ 50 Christowell. 4to, broschiert 20 Clara Vaughan. 4to, broschiert 15 Cradock Nowell. 60 Cripps, the Carrier. Illustriert. 50 Erema. 50 Lorna Doone. 25 Cents; 12mo 1 00 Mary Anerley. 16mo, Leinen, $ 1 00; 4to, broschiert 15 The Maid of Sker. 50 Tommy Upmore. 16mo, brosch., 35 Cts.; Leinen, 50 Cts.; 4to, brosch. 20 BENEDICT: John Worthington's Name. 75 Miss Dorothy's Charge. 75 Miss Van Kortland. 60 Mr. Vaughan's Heir. 75 My Daughter Elinor. 80 St. Simon's Niece. 60 BREAD-WINNERS, THE. 16mo, Leinen 1 00 BULWER: Alice. 35 A Strange Story. Illustriert. 60 12mo 1 25 Devereux. 40 Ernest Maltravers. 35 Eugene Aram. 35 Godolphin. 35 Harold, the Last of the Saxon Kings. 60 Kenelm Chillingly. 50 12mo 1 25 Leila. 25 12mo 1 00 Lucretia. 40 My Novel. 75 2 Bde. 12mo 2 50 Night and Morning. 50 Paul Clifford. 40 Pausanias the Spartan. 25 12mo 75 Pelham. 40 Rienzi. 40 The Caxtons. 50 12mo 1 25 The Coming Race. 12mo, broschiert 50 Leinen 1 00 The Disowned. 50 The Last Days of Pompeii. 25 4to, broschiert 15 The Last of the Barons. 50 The Parisians. Illustriert. 60 Illustriert. 12mo 1 50 BULWER: The Pilgrims of the Rhine. $ 20 What will He do with it? 75 Zanoni. 35 BRADDON (Miss): An Open Verdict. 35 A Strange World. 40 Asphodel. 4to, broschiert 15 Aurora Floyd. 40 Barbara; or, Splendid Misery. 4to, broschiert 15 Birds of Prey. Illustriert. 50 Bound to John Company. Illustriert. 50 Charlotte's Inheritance. 35 Dead Men's Shoes. 40 Dead Sea Fruit. Illustriert. 50 Eleanor's Victory. 60 Fenton's Quest. Illustriert. 50 Flower and Weed. 4to, broschiert 10 Hostages to Fortune. Illustriert. 50 John Marchmont's Legacy. 50 Joshua Haggard's Daughter. Illustriert. 50 Just as I Am. 4to, broschiert 15 Lost for Love. Illustriert. 50 Mistletoe Bough, 1878. Herausgegeben von M. E. Braddon. 4to, broschiert 15 Mistletoe Bough, 1879. Herausgegeben von M. E. Braddon. 4to, broschiert 10 Mount Royal. 4to, broschiert 15 Phantom Fortune. 4to, broschiert 20 Publicans and Sinners. 50 Strangers and Pilgrims. Illustriert. 50 Taken at the Flood. 50 The Cloven Foot. 4to, broschiert 15 The Lovels of Arden. Illustriert. 50 To the Bitter End. Illustriert. 50 Under the Red Flag. 4to, broschiert 10 Vixen. 4to, broschiert 15 Weavers and Weft. 25 BRONTE (Charlotte): Jane Eyre. 40 Illustriert. 12mo 1 00 4to, broschiert 15 Shirley. 50 Illustriert. 12mo 1 00 The Professor. Illustriert. 12mo 1 00 Villette. 50 Illustriert. 12mo 1 00 (Anna) The Tenant of Wildfell Hall. Illustriert. 12mo 1 00 (Emily) Wuthering Heights. Illustriert. 12mo 1 00 CRAIK (Miss G. M.): Dorcas. 4to, broschiert 15 Mildred. 30 Anne Warwick. 25 Fortune's Marriage. 4to, broschiert 20 CRAIK (Miss G. M.): Hard to Bear. $ 30 Sydney. 4to, broschiert 15 Sylvia's Choice. 30 Two Women. 4to, broschiert 15 COLLINS: Antonina. 40 Armadale. Illustriert. 60 Man and Wife. 4to, broschiert 20 My Lady's Money. 32mo, broschiert 25 No Name. Illustriert. 60 Percy and the Prophet. 32mo, broschiert 20 Poor Miss Finch. Illustriert. 60 The Law and the Lady. Illustriert. 50 The Moonstone. Illustriert. 60 The New Magdalen. 30 The Two Destinies. Illustriert. 35 The Woman in White. Illustriert. 60 COLLINS: Illustrierte Bibliotheksausgabe, 12mo, pro Bd. 1 25 After Dark, and Other Stories.--Antonina.--Armadale.-- Basil.--Hide-and-Seek.--Man and Wife.--My Miscellanies.-- No Name.--Poor Miss Finch,--The Dead Secret.--The Law and the Lady.--The Moonstone.--The New Magdalen.--The Queen of Hearts.--The Two Destinies.--The Woman in White. DICKENS: ROMANE. Illustriert. A Tale of Two Cities. 50 Leinen 1 00 Barnaby Rudge. 1 00 Leinen 1 50 Bleak House. 1 00 Leinen 1 50 Christmas Stories. 1 00 Leinen 1 50 David Copperfield. 1 00 Leinen 1 50 Dombey and Son. 1 00 Leinen 1 50 Great Expectations. 1 00 Leinen 1 50 Little Dorrit. 1 00 Leinen 1 50 Martin Chuzzlewit. 1 00 Leinen 1 50 Nicholas Nickleby. 1 00 Leinen 1 50 Oliver Twist. 50 Leinen 1 00 Our Mutual Friend. 1 00 Leinen 1 50 Pickwick Papers. 1 00 Leinen 1 50 4to, broschiert 20 Pictures from Italy, Sketches by Boz, and American Notes. 1 00 Leinen 1 50 The Old Curiosity Shop. 75 Leinen 1 25 The Uncommercial Traveller, Hard Times, and Edwin Drood. 1 00 Leinen 1 50 Harper's Household Dickens, 16 Bde., Leinen, im Schuber, $ 22 00. Dasselbe in 8 Bden., Leinen, $ 20 00; Imitierter Halbmaroquin, $ 22 00; Halbkalbleder, $ 40 00. DE MILLE: A Castle in Spain. Illustriert. 50 Illustriert. Leinen 1 00 DE MILLE: Cord and Creese. Illustriert. $ 60 The American Baron. Illustriert. 50 The Cryptogram. Illustriert. 75 The Dodge Club. Illustriert. 60 Cents; Leinen 1 10 The Living Link. Illustriert. 60 Cents; Leinen 1 10 DISRAELI (Earl of Beaconsfield): Endymion. 4to, broschiert 15 The Young Duke. 12mo 1 50 4to, broschiert 15 ELIOT (George): Romane. Bibliotheksausgabe. Illustriert. 12mo, pro Bd. 1 25 Adam Bede.--Daniel Deronda, 2 Bde.--Felix Holt, the Radical.--Middlemarch, 2 Bde.--Romola.--Scenes of Clerical Life, and Silas Marner.--The Mill on the Floss. ELIOT (George): Romane. Volksausgabe. Illustriert. 12mo, pro Bd. 75 Adam Bede.--Daniel Deronda, 2 Bde.--Felix Holt, the Radical.--Middlemarch, 2 Bde.--Romola.--Scenes of Clerical Life, and Silas Marner.--The Mill on the Floss. ELIOT (George): Amos Barton. 32mo, broschiert 20 Brother Jacob.--The Lifted Veil. 32mo, broschiert 20 Daniel Deronda. 50 Felix Holt, the Radical. 50 Janet's Repentance. 32mo, broschiert 20 Middlemarch. 75 Mr. Gilfil's Love Story. 32mo, broschiert 20 Romola. Illustriert. 50 Scenes of Clerical Life. 50 The Mill on the Floss. 50 GASKELL (Mrs.): A Dark Night's Work. 25 Cousin Phillis. 20 Cranford. 16mo 1 25 Mary Barton. 40 4to, broschiert 20 Moorland Cottage. 18mo 75 My Lady Ludlow. 20 North and South. 40 Right at Last, usw. 12mo 1 50 Sylvia's Lovers. 40 Wives and Daughters. Illustriert. 60 HARRISON (Mrs.): Helen Troy. 16mo, Leinen 1 00 Golden Rod. 32mo, broschiert 25 HAY (M. C.): A Dark Inheritance. 32mo, broschiert 15 A Shadow on the Threshold. 32mo, broschiert 20 Among the Ruins, and Other Stories. 4to, broschiert 15 At the Seaside, and Other Stories. 4to, broschiert 15 Back to the Old Home. 32mo, broschiert 20 Bid Me Discourse. 4to, broschiert 10 Dorothy's Venture. 4to, broschiert 15 HAY (M. C.): For Her Dear Sake. 4to, broschiert $ 15 Hidden Perils. 25 Into the Shade, and Other Stories. 4to, broschiert 15 Lady Carmichael's Will. 32mo, broschiert 15 Missing. 32mo, broschiert 20 My First Offer, and Other Stories. 4to, broschiert 15 Nora's Love Test. 25 Old Myddelton's Money. 25 Reaping the Whirlwind. 32mo, broschiert 20 The Arundel Motto. 25 The Sorrow of a Secret. 32mo, broschiert 15 The Squire's Legacy. 25 Under Life's Key, and Other Stories. 4to, broschiert 15 Victor and Vanquished. 25 HUGO: Ninety-Three. Illustriert. 25 Cents; 12mo 1 75 The Toilers of the Sea. 50 Cents; Illustriert. Leinen 1 50 JAMES (Henry, Jun.): Daisy Miller. 32mo, broschiert 20 An International Episode. 32mo, broschiert 20 Diary of a Man of Fifty, and A Bundle of Letters. 32mo, broschiert 25 Die vier oben genannten Werke in einem Band, 4to, broschiert 25 Washington Square. Illustriert. 16mo, Leinen 1 25 JOHNSTON (R. M.): Dukesborough Tales. Illustriert. 4to, broschiert 25 Old Mark Langston. 16mo, Leinen 1 00 LAWRENCE: Anteros. 40 Brakespeare. 40 Breaking a Butterfly. 35 Guy Livingstone. 12mo, $ 1 50; 4to, broschiert 10 Hagarene. 35 Maurice Dering. 25 Sans Merci. 35 Sword and Gown. 20 LEVER: A Day's Ride. 40 Barrington. 40 Gerald Fitzgerald. 40 Lord Kilgobbin. Illustriert. 50 Luttrell of Arran. 60 Maurice Tiernay. 50 One of Them. 50 Roland Cashel. Illustriert. 75 Sir Brook Fosbrooke. 50 Sir Jasper Carew. 50 That Boy of Norcott's. Illustriert. 25 The Bramleighs of Bishop's Folly. 50 The Daltons. 75 The Dodd Family Abroad. 60 The Fortunes of Glencore. 50 LEVER: The Martins of Cro' Martin. $ 60 Tony Butler. 60 McCARTHY: Comet of a Season. 4to, broschiert 20 Donna Quixote. 4to, broschiert 15 Maid of Athens. 4to, broschiert 20 My Enemy's Daughter. Illustriert. 50 The Commander's Statue. 32mo, broschiert 15 The Waterdale Neighbors. 35 MACDONALD: Alec Forbes. 50 Annals of a Quiet Neighborhood. 12mo 1 25 Donal Grant. 4to, broschiert 20 Guild Court. 40 Warlock o' Glenwarlock. 4to, broschiert 20 Weighed and Wanting. 4to, broschiert 20 MULOCK (Miss): A Brave Lady. Illustriert. 60 Cents; 12mo 1 25 A French Country Family. Übersetzt. Illustriert. 12mo 1 50 Agatha's Husband. 35 Cents; Illustriert. 12mo 1 25 A Hero, usw. 12mo 1 25 A Life for a Life. 40 Cents; 12mo 1 25 A Noble Life. 12mo 1 25 Avillion, and Other Tales. 60 Christian's Mistake. 12mo 1 25 Hannah. Illustriert. 35 Cents; 12mo 1 25 Head of the Family. 50 Cents; Illustriert. 12mo 1 25 His Little Mother. 12mo, $ 1 25; 4to, broschiert 10 John Halifax, Gentleman. 50 Cents; Illustriert. 12mo 1 25 4to, broschiert 15 Mistress and Maid. 30 Cents; 12mo 1 25 Motherless. Übersetzt. Illustriert. 12mo 1 50 My Mother and I. Illustriert. 40 Cents; 12mo 1 25 Nothing New. 30 Ogilvies. 35 Cents; Illustriert. 12mo 1 25 Olive. 35 Cents; Illustriert. 12mo 1 25 The Laurel Bush. Illustriert. 25 Cents; 12mo 1 25 The Woman's Kingdom. Illustriert. 60 Cents; 12mo 1 25 Two Marriages. 12mo 1 25 Unkind Word, and Other Stories. 12mo 1 25 Young Mrs. Jardine. 12mo, $ 1 25; 4to, broschiert 10 MURRAY (D. C.): A Life's Atonement. 4to, broschiert 20 A Model Father. 4to, broschiert 10 By the Gate of the Sea. 4to, broschiert, 15 Cents; 12mo, broschiert 15 Hearts. 4to, broschiert 20 The Way of the World. 4to, broschiert 20 Val Strange. 4to, broschiert 20 NORRIS: Heaps of Money. 15 Mademoiselle de Mersac. 4to, broschiert 20 No New Thing. 4to, broschiert 25 Thirlby Hall. Illustriert. 4to, broschiert 25 OLIPHANT (Mrs.): Agnes. 50 A Son of the Soil. 50 Athelings. 50 Brownlows. 50 Carita. Illustriert. 50 Chronicles of Carlingford. 60 Days of My Life. 12mo 1 50 For Love and Life. 50 Harry Joscelyn. 4to, broschiert 20 He That Will Not when He May. 4to, broschiert 20 Hester. 4to, broschiert 20 Innocent. Illustriert. 50 It was a Lover and His Lass. 4to, broschiert 20 John: a Love Story. 25 Katie Stewart. 20 Lady Jane. 4to, broschiert 10 Lucy Crofton. 12mo 1 50 Madonna Mary. 50 Miss Marjoribanks. 50 Mrs. Arthur. 40 Ombra. 50 Phoebe, Junior. 35 Sir Tom. 4to, broschiert 20 Squire Arden. 50 The Curate in Charge. 20 The Fugitives. 4to, broschiert 10 The Greatest Heiress in England. 4to, broschiert 10 The House on the Moor. 12mo 1 55 The Ladies Lindores. 16mo, Leinen, $ 1 00; 4to, broschiert 20 The Laird of Norlaw. 12mo 1 50 The Last of the Mortimers. 12mo 1 50 The Minister's Wife. 50 The Perpetual Curate. 50 The Primrose Path. 50 The Quiet Heart. 20 The Story of Valentine and his Brother. 50 The Wizard's Son. 4to, broschiert 25 Within the Precincts. 4to, broschiert 15 Young Musgrave. 40 PAYN (James): A Beggar on Horseback. 35 A Confidential Agent. 4to, broschiert 15 A Grape from a Thorn. 4to, broschiert 20 A Woman's Vengeance. 35 At Her Mercy. 30 Bred in the Bone. 40 By Proxy. 35 Carlyon's Year. 25 Cecil's Tryst. 30 PAYN (James): For Cash Only. 4to, broschiert $ 20 Found Dead. 25 From Exile. 4to, broschiert 15 Gwendoline's Harvest. 25 Halves. 30 High Spirits. 4to, broschiert 15 Kit. Illustriert. 4to, broschiert 20 Less Black than We're Painted. 35 Murphy's Master. 20 One of the Family. 25 The Best of Husbands. 25 The Canon's Ward. Illustriert. 4to, broschiert 25 Thicker than Water. 16mo, Leinen, $ 1 00; 4to, broschiert 20 Under One Roof. 4to, broschiert 15 Walter's Word. 50 What He Cost Her. 40 Won--Not Wooed. 35 READE: Romane: Haushaltsausgabe. Illustriert. 12mo, pro Bd. 1 00 A Simpleton and the Wandering Heir. A Terrible Temptation. A Woman-Hater. Foul Play. Good Stories. Griffith Gaunt. Hard Cash. It is Never Too Late to Mend. Love me Little, Love me Long. Peg Woffington, Christie Johnstone, usw. Put Yourself in His Place. The Cloister and the Hearth. White Lies. READE (Charles): A Hero and a Martyr. 15 A Simpleton. 30 A Terrible Temptation. Illustriert. 25 A Woman-Hater. Illustriert. 30 Cents; 12mo, broschiert 20 Foul Play. 30 Good Stories of Man and Other Animals. Illustriert, 4to, broschiert 20 Griffith Gaunt. Illustriert. 30 Hard Cash. Illustriert. 35 It is Never Too Late to Mend. 35 Jack of all Trades. 16mo, broschiert 15 Love Me Little, Love Me Long. 30 Multum in Parvo. Illustriert. 4to, broschiert 15 Peg Woffington, usw. 35 Put Yourself in His Place. Illustriert. 35 The Cloister and the Hearth. 35 The Coming Man. 32mo, broschiert 20 The Jilt. 32mo, broschiert 20 The Picture. 16mo, broschiert 15 The Wandering Heir. Illustriert. 20 White Lies. 30 RICE & BESANT: All Sorts and Conditions of Men. 4to, broschiert 20 By Celia's Arbor. Illustriert. 4to, broschiert 50 RICE & BESANT: Shepherds All and Maidens Fair. 32mo, broschiert $ 25 "So they were Married!" Illustriert. 4to, broschiert 20 Sweet Nelly, My Heart's Delight. 4to, broschiert 10 The Captains' Room. 4to, broschiert 10 The Chaplain of the Fleet. 4to, broschiert 20 The Golden Butterfly. 40 'Twas in Trafalgar's Bay. 32mo, broschiert 20 When the Ship Comes Home. 32mo, broschiert 25 ROBINSON (F. W.): A Bridge of Glass. 30 A Girl's Romance, and Other Stories. 30 As Long as She Lived. 50 Carry's Confession. 50 Christie's Faith. 12mo 1 75 Coward Conscience. 4to, broschiert 15 For Her Sake. Illustriert. 60 Her Face was Her Fortune. 40 Little Kate Kirby. Illustriert. 50 Mattie: a Stray. 40 No Man's Friend. 50 Othello the Second. 32mo, broschiert 20 Poor Humanity. 50 Poor Zeph! 32mo, broschiert 20 Romance on Four Wheels. 15 Second-Cousin Sarah. Illustriert. 50 Stern Necessity. 40 The Barmaid at Battleton. 32mo, broschiert 15 The Black Speck. 4to, broschiert 10 The Hands of Justice. 4to, broschiert 20 The Man She Cared For. 4to, broschiert 20 The Romance of a Back Street. 32mo, broschiert 15 True to Herself. 50 RUSSELL (W. Clarke): Auld Lang Syne. 4to, broschiert 10 A Sailor's Sweetheart. 4to, broschiert 15 A Sea Queen. 16mo, Leinen, $ 1 00; 4to, broschiert 20 An Ocean Free Lance. 4to, broschiert 20 Jack's Courtship. 4to, broschiert 25 Little Loo. 4to, broschiert 20 My Watch Below. 4to, broschiert 20 Round the Galley Fire. 4to, broschiert 15 The "Lady Maud": Schooner Yacht. Illustriert. 4to, broschiert 20 Wreck of the "Grosvenor". 30 Cents; 4to, broschiert 15 SHERWOOD (Mrs. John): A Transplanted Rose. 12mo, Leinen 1 00 TABOR (Eliza): Eglantine. 40 Hope Meredith. 35 Jeanie's Quiet Life. 30 Little Miss Primrose. 4to, broschiert 15 Meta's Faith. 35 St. Olave's. 40 TABOR (Eliza): The Blue Ribbon. $ 40 The Last of Her Line. 4to, broschiert 15 The Senior Songman. 4to, broschiert 20 THACKERAY (Miss): Bluebeard's Keys. 35 Da Capo. 32mo, broschiert 20 Miscellaneous Works. 90 Miss Angel. Illustriert. 50 Miss Williamson's Divagations. 4to, broschiert 15 Old Kensington. Illustriert. 60 Village on the Cliff. Illustriert. 25 THACKERAY (W. M.): Denis Duval. Illustriert. 25 Henry Esmond, and Lovel the Widower. 12 Illustrationen. 60 Henry Esmond. 50 Cents; 4to, broschiert 15 Lovel the Widower. 20 Pendennis. 179 Illustrationen. 75 The Adventures of Philip. 64 Illustrationen. 60 The Great Hoggarty Diamond. 20 The Newcomes. 102 Illustrationen. 90 The Virginians. 150 Illustrationen. 90 Vanity Fair. 32 Illustrationen. 80 THACKERAY: Werke: Haushaltsausgabe. 12mo, pro Bd. 1 25 Romane: Vanity Fair.--Pendennis.--The Newcomes.--The Virginians.--Philip.--Esmond, and Lovel the Widower. 6 Bde. Illustriert. Vermischtes: Barry Lyndon, Hoggarty Diamond, usw.--Paris and Irish Sketch-Books, usw.--Book of Snobs, Sketches, usw.--Four Georges, English Humorists, Roundabout Papers, usw.--Catharine, usw. 5 Bde. Illustriert. TOWNSEND (G. A.): The Entailed Hat. 16mo, Leinen 1 50 TROLLOPE (Anthony): An Eye for an Eye. 4to, broschiert 10 An Old Man's Love. 4to, broschiert 15 Ayala's Angel. 4to, broschiert 20 Brown, Jones, and Robinson. 35 Can You Forgive Her? Illustriert. 80 Castle Richmond. 12mo 1 50 Cousin Henry. 4to, broschiert 10 Doctor Thorne. 12mo 1 50 Doctor Wortle's School. 4to, broschiert 15 Framley Parsonage. 4to, broschiert 15 Harry Heathcote of Gangoil. Illustriert. 20 He Knew He was Right. Illustriert. 80 Is He Popenjoy? 4to, broschiert 20 John Caldigate. 4to, broschiert 15 Kept in the Dark. 4to, broschiert 15 Lady Anna. 30 Marion Fay. Illustriert. 4to, broschiert 20 Miss Mackenzie. 35 Mr. Scarborough's Family. 4to, broschiert 20 Orley Farm. Illustriert. 80 TROLLOPE (Anthony): Phineas Finn. Illustriert. $ 75 Phineas Redux. Illustriert. 75 Rachel Ray. 35 Ralph the Heir. Illustriert. 75 Sir Harry Hotspur of Humblethwaite. Illustriert. 35 The American Senator. 50 The Belton Estate. 35 The Bertrams. 4to, broschiert 15 The Claverings. Illustriert. 50 The Duke's Children. 4to, broschiert 20 The Eustace Diamonds. Illustriert. 80 The Fixed Period. 4to, broschiert 15 The Golden Lion of Granpere. Illustriert. 40 The Lady of Launay. 32mo, broschiert 20 The Last Chronicle of Barset. Illustriert. 90 The Prime Minister. 60 The Small House at Allington. Illustriert. 75 The Three Clerks. 12mo 1 50 The Vicar of Bullhampton. Illustriert. 80 The Warden, and Barchester Towers. In einem Band 60 The Way We Live Now. Illustriert. 90 Thompson Hall. Illustriert. 32mo, broschiert 20 Why Frau Frohman Raised her Prices, usw. 4to, broschiert 10 WALLACE (Lew): Ben-Hur. 16mo, Leinen 1 50 WAVERLEY ROMANE: THISTLE EDITION: 48 Bde., grüner Leinenband, mit 2000 Illustrationen, $ 1 00 pro Bd.; Halbmaroquin, Goldschnitt, $ 1 50 pro Bd.; Halbmaroquin, Extra, $ 2 25 pro Bd. HOLYROOD EDITION: 48 Bde., brauner Leinenband, mit 2000 Illustrationen, 75 Cents pro Bd.; Halbmaroquin, Goldschnitt, $ 1 50 pro Bd.; Halbmaroquin, Extra, $ 2 25 pro Bd. POPULAR EDITION: 24 Bde. (zwei Bde. in einem), grüner Leinenband, mit 2000 Illustrationen, $ 1 25 pro Bd.; Halbmaroquin, $ 2 25 pro Bd.; Halbmaroquin, Extra, $ 3 00 pro Bd. Waverley; Guy Mannering; The Antiquary; Rob Roy; Old Mortality; The Heart of Mid-Lothian; A Legend of Montrose; The Bride of Lammermoor; The Black Dwarf; Ivanhoe; The Monastery; The Abbot; Kenilworth; The Pirate; The Fortunes of Nigel; Peveril of the Peak; Quentin Durward; St. Ronan's Well; Redgauntlet; The Betrothed; The Talisman; Woodstock; Chronicles of the Canongate, The Highland Widow, usw.; The Fair Maid of Perth; Anne of Geierstein; Count Robert of Paris; Castle Dangerous; The Surgeon's Daughter; Glossar. WOOLSON (C. F.): Anne. Illustriert. 16mo, Leinen 1 25 For the Major. Illustriert. 16mo, Leinen 1 00

HARPER & BROTHERS senden jedes der oben genannten Werke per Post, frankiert, an jeden Ort in den Vereinigten Staaten, nach Erhalt des Preises.

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