THE GREEN MOUSE
VON
ROBERT W. CHAMBERS
ILLUSTRIERT IN FARBE VON
EDMUND FREDERICK
1910
MEINEM FREUND
JOHN CORBIN
Torheit und Weisheit, himmlische Zwillinge, Söhne des Gottes Imagination, Erben der Tugenden – die einst Sünden waren, Bis transzendentale Kontemplation Ihre äußere Hülle umgewandelt – Freund, folgst du mir? Denn ich Habe mich selbst verloren, ich weiß nicht, warum.
Um nun wieder auf diese gelehrte Und dekorative Widmung zurückzukommen – Akzeptiere sie, John, mit all deiner Macht In cinquecentischer Resignation. Du magst sie nicht ganz verstehen, Aber wenn du mir bis hierher gefolgt bist, Hast du weit mehr getan, als ich gekonnt hätte.
VORWORT
Dem literarischen, wortwörtlichen und wissenschaftlichen Geist ist zwecklose Fiktion ein Gräuel. Glücklicherweise sind wir alle buchstäblich und wissenschaftlich veranlagt; das Schicksal der zwecklosen Fiktion ist besiegelt; und es ist ein großer Trost zu glauben, dass in naher Zukunft nur literarische und wissenschaftliche Werke, die für Mann, Frau, Kind und Suffragette geeignet sind, die mit Dessous beladenen Ladentische in unseren großen Kaufhäusern schmücken werden.
Es ist daher mit Lebhaftigkeit und Zuversicht, dass der Autor einer regenerierten Nation dieses moderne, moralische, literarische und hochwissenschaftliche Werk höflich anbietet, das in Anbetracht der Vorurteile einiger altmodischer Geschichtenleser, die noch unter uns weilen, dünn, aber wirkungslos als Fiktion getarnt ist.
R. W. C.
INHALT
KAPITEL
I. Ein Idyll der Müßiggänger II. Der Müßiggänger III. Die grüne Maus IV. Ein ideales Idol V. Sacharissa VI. Im Unrecht VII. Der unsichtbare Draht VIII. „Im Himmel und auf Erden“ IX. Eine Straßenbahn quer durch die Stadt X. Der Deckel ab XI. Betty XII. Sybilla XIII. Der Kronprinz XIV. Herren der Presse XV. Drusilla XVI. Flavilla
VERZEICHNIS DER ILLUSTRATIONEN
„Sie wünschte fast, ein Fischer käme in Sicht“
„‚Diese Eichhörnchen sind sehr zahm‘, bemerkte sie ruhig“
„‚Sind Sie nicht schrecklich ungeduldig?‘, erkundigte sie sich“
„Der Deckel des Korbes neigte sich ein wenig... Dann sagte eine klagende Stimme ‚Miau-w!‘“
„‚Ich fürchte‘, wagte er, ‚dass ich diesen Tisch zum Schneiden benötigen könnte‘“
„‚Vielleicht‘, sagte er, ‚sollte ich besser Ihren Stift noch einmal halten‘“
I
EIN IDYLL DER MÜSSIGGÄNGER
_In welchem ein junger Mann an seinem letzten Graben ankommt und ein junges Mädchen darüber springt_
Völlig unfähig zu irgendetwas, außer seine Umgebung zu schmücken, betäubte ihn der Zusammenbruch im Stahlgeschäft. Benommen, aber höflich, blieb er ein passiver Beobachter des darauf folgenden Verkaufs, der anscheinend genug einbrachte, um jeden Gläubiger zu befriedigen, aber nicht genug für ein Einkommen, um eine harmlos müßige Laufbahn fortzusetzen, von der er angenommen hatte, sie würde auf unbestimmte Zeit weitergehen.
Er hatte nie einen Pfennig verdient; er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie Menschen Geld verdienten. Etwas zu tun war jedoch absolut notwendig.
Er verschwendete einige Zeit damit, herauszufinden, wie viel Hilfe er von den Freunden seines verstorbenen Vaters erwarten konnte, aber als er die Haltung der Gesellschaft gegenüber einem ausgeknockten Gentleman verstand, hörte er klugerweise auf, die Gesellschaft zu belästigen, und wandte sich der Geschäftswelt zu.
Hier verschwendete er noch mehr Zeit. Vielleicht war die Zeit nicht völlig verschwendet, denn während dieser Periode lernte er, dass er niemanden gebrauchen konnte, der ihn nicht gebrauchen konnte; und da er vollkommen nutzlos zu sein schien, außer als Ornament, und da ein Geschäftshaus kein Kindergarten ist, und außerdem, da er weder Zeit noch Geld hatte, eine Schule zu besuchen, wo ihm irgendjemand irgendetwas beibringen konnte, kam ihm der Gedanke, einen Tag freizunehmen für eine minuziöse und gründliche Selbstprüfung hinsichtlich seiner Qualifikationen und sogar seines Rechts, ein paar Fuß Raum auf der Erdoberfläche zu besetzen.
Vier Jahre in Harvard, zwei weitere in Postgraduiertenkursen, zwei weitere in Europa, um sich in Elektrotechnik zu vervollkommnen, und ein Jahr zu Hause mit dem Versuch, einen drahtlosen Apparat zum Abfangen und Übertragen psychischer Wellen zu erfinden, hatten ihn jämmerlich ungeeignet für den Broterwerb gelassen.
Es blieben seine Fertigkeiten; aber der Markt war mit sortierten Zeitvertreiben überflutet.
Sein letztes Kapital war ein triviales, wenn auch ungewöhnliches Talent – eine natürliche manuelle Geschicklichkeit, die er seit seiner Kindheit kultiviert hatte, um sich selbst zu amüsieren – etwas, das er nie ernst nahm. Dies und eine kuriose Kontrolle über Tiere war, während die angenehmen Jahre vergingen, zu einer erstaunlichen Fertigkeit geworden, die weit mehr war als Taschenspielertricks; und er, stets so humorvoll wie wohlerzogen, hatte sich nie geweigert, die Frivolen, zu denen er auch gehörte, zu amüsieren, indem er Silberdollars aus dem Nichts zauberte und die richtige Karte von der Decke flattern ließ.
Tag für Tag, während das wenige Geld, das ihm blieb, dahinschmolz, setzte er seine energische mentale Prüfung fort, bis die beunruhigende Schrumpfung seiner Mittel ihn dazu brachte, starr auf sein letztes Kapital zu starren. Konnte er es nutzen? War es überhaupt ein Kapital? Wie geschickt war er? Konnte er vor ein Publikum treten und die üblichen Zaubertricks vorführen, ohne zu patzen? Ein Ausrutscher eines sorglosen, lachenden, modischen jungen Amateurs, der seine sozialen Ebenbürtigen auf einer Hausparty amüsiert, ist entschuldbar; ein Fehler eines angeheuerten Profis bedeutete das Ende der Hoffnung in dieser Richtung.
Also mietete er eine Suite von zwei Zimmern am Central Park West, richtete sie mit dem ein, was aus besseren Tagen übrig geblieben war, kaufte die notwendigen Utensilien seines Berufs und mauerte sich zur Übung ein, bevor er seinen geplanten Einmarsch in Newport, Lenox und Bar Harbor antrat. Und an einem sehr schönen Nachmittag im Mai, als der Park von seinen Fenstern aus wie ein grüner Wald aussah und ein Hauch von parfümiertem Wind die Vorhänge an seinen offenen Fenstern flattern ließ, nahm er seine Handschuhe und seinen Stock, setzte seinen Hut auf und ging spazieren; und als er genug gelaufen war, setzte er sich auf eine Bank in einem blumigen, buschigen Winkel am Rande eines Reitwegs.
Wenige Menschen störten die belaubte Privatsphäre; ein Polizist, der südwärts schlenderte, notierte ihn, vielleicht zur späteren Identifizierung. Der Anblick eines wohlgebauten, gepflegten und modischen jungen Mannes, der mürrisch auf einer Parkbank saß, war sicherlich bemerkenswert. Es ist nicht die Mode für modische Leute, auf Parkbänken zu sitzen, es sei denn, sie erwägen die eigene sowie die soziale Zerstörung.
Also verweilte der Polizist eine Weile in der Nähe, aber da er keinen Revolverschuss hörte, schlenderte er bald weiter, die behandschuhte Faust hinter seinem breiten Rücken verschränkt, und blinzelte zu einer entfernten gesellschaftlichen Zusammenkunft hinüber, die ausschließlich aus den exklusivsten Kindermädchen bestand.
Der junge Mann schaute in das angenehme Blau über sich, dann wanderte sein beschäftigter Blick vom Wald zum Dickicht, wo das scharlachrote Glühen der japanischen Quitte die Farben der flatternden scharlachroten Tangaren verspottete; wo orange getönte Pirole inmitten von Gewirr aus goldenem Forsythien aufblitzten; und vorbei am Gebüsch zu einem azurblauen Winkel des Wassers, der unter dem bewaldeten Abhang schimmerte.
Dieses Gefühl von Müdigkeit und Unruhe, von Hoffnungsschimmer durchzogener Niedergeschlagenheit, das klarer Himmel, Sonnenschein und neue Blätter dem jungen Jahr für die Jungen bringen, empfand er. Dennoch gab es keine Bitterkeit in seinem Grübeln, denn er war ein außergewöhnlich großzügiger junger Mann, und es gab keine Rachsucht, die sich mit den Erinnerungen an seine Misserfolge unter jenen vermischte, deren herzlicher Respekt für seinen Vater zwischen dem Reichtum und der Position jenes tadellosen Gentleman balanciert hatte.
Ein graues Eichhörnchen kam durch das frische Gras gekrochen und geschnüffelt; er fing seine Augen ein, und obwohl das kleine Tier eindeutig mit wichtigen Geschäften anderswohin unterwegs war, hatte der junge Mann es bald zusammengerollt auf seinem Knie, schlafend.
Eine Weile amüsierte er sich damit, seine seltsame Kraft zu nutzen, das Eichhörnchen abwechselnd zu wecken und es mit zuckendem Schwanz davonspringen zu lassen, um es dann wieder zu rufen, langsam, aber unaufhaltsam, damit es seine Hosen hinaufkletterte und sich auf seinem Knie zusammenrollte und einen unheimlichen, tiefen Schlaf schlief, der erst nach dem Vergnügen des jungen Mannes enden konnte.
Auch er begann die subtile Stille des dösenden Waldes zu spüren; dort sinnend, seinen kurzen, krausen Schnurrbart streichelnd, beobachtete er den Purpurgrackel, der in schillernder Einsamkeit umherging, die Sonnenflecken, die auf dem Gras abnahmen und leuchteten; er hörte das sanfte, geschwätzige Wimmern des Wasservogels am Wasser entlang, das Rühren der Blätter über sich.
Er dachte an verschiedene persönliche Angelegenheiten: seine Armut, den niedrigen Stand seines Kontostands bei der Bank, seinen gegenwärtigen Beruf, sein bevorstehendes Debüt als Entertainer, die Chancen seines Scheiterns. Er dachte auch an die erstaunliche Veränderung in seinem Leben, die Zukunft, frei von Versprechen, ohne Bedeutung, eine Zukunft, so absolut neu und leer, dass er nichts darin finden konnte, worüber er spekulieren konnte. Er dachte auch, und vollkommen unpersönlich, an ein Mädchen, das er hin und wieder auf der Treppe des Apartmenthauses getroffen hatte, das er jetzt bewohnte.
Offensichtlich hatte es eine Ebbe in ihrem Wohlstand gegeben; der Sturz des Vermögens eines New Yorkers führt von der Avenue in die Achtziger, von dort durch Morristown, Staten Island, an die West Side. Außerdem malte sie Bilder; er kannte das Aroma von Fixativ, Sikkativ und gebrannter Sienna; und ihr Atelier grenzte an sein Himmel-Wohnzimmer.
Er dachte an dieses Mädchen ganz unpersönlich; sie ähnelte einer jugendlichen Schönheit, die er gekannt hatte – vielleicht noch kennen könnte, wenn er wollte; denn ein Mann, der für seine Abendgarderobe bezahlen kann, muss sich niemals die Gesellschaft verwehren, in die er hineingeboren wurde.
Sie ähnelte diesem Mädchen sicherlich – sie hatte dieselben bläulich-violetten Augen, dieselben weißen und tief gefransten Lider, dieselbe freie Anmut der Haltung, manchmal ein wenig zu jungenhaft – dieselbe fest abgerundete, aber schlanke Figur.
„Nun, tatsächlich“, sinnierte er laut und streichelte das schlafende Eichhörnchen auf seinem Knie, „hätte ich mich in jedes dieser Mädchen verlieben können – bevor Kupfer explodierte.“
Seine harmlose Meditation fortsetzend, nickte er vor sich hin: „Ich mag die arme lieber als jedes Mädchen, das ich je gesehen habe. Zweifellos malt sie Porträts über Solarabzüge. Das ist in Ordnung; sie tut mehr, als ich bisher getan habe... Ich billige diese Augen von ihr; sie sind wie die Augen dieser erwachenden Aphrodite im Luxembourg. Wenn sie mich nur einmal ansehen würde, anstatt durch mich hindurchzusehen, wenn wir uns im Flur begegnen...“
Das gedämpfte Galoppieren eines Pferdes auf dem Reitweg erreichte sein Ohr. Das Pferd kam schnell – fast zu schnell. Er legte das schlafende Eichhörnchen auf die Bank, lauschte, stand dann instinktiv auf und ging zum Rand des Dickichts.
Was geschah, war zu schnell, als dass er es hätte begreifen können; er hatte eine Vision eines großen schwarzen Pferdes, Mähne und Schweif im Wind, das verrückt direkt auf ihn zuraste – ein Blick auf ein weißes Gesicht, verzweifelt und starr, ein Flattern von gelöstem Haar; dann brüllte ein Sturm aus Wind und Sand in seinen Ohren; er wurde geschleudert, geruckt und nach vorne geworfen, mitgeschleift, geschüttelt und halb besinnungslos zurückgelassen, an Nase und Gebiss eines Pferdes hängend, dessen Reiterin sich gerade aus einem mit weißen Blumen bedeckten Busch aufhob.
Noch halb besinnungslos straffte er seinen Griff am Gebiss, ließ den Griff an der Nase des Geschöpfes los und legte seine Hand voll auf die Stirnlocke, brachte es zweimal und zweimal über die Augen herunter, während er in stockenden, gebrochenen Flüstertönen auf das Pferd einsprach.
Als er das zitternde Tier unter Kontrolle hatte, sah er sich um; das Mädchen stand auf dem Gras, staubig, schmutzig, zerzaust, blutend von einer Schnittwunde am Wangenknochen; das verwirrteste und erstaunteste Geschöpf, das er je gesehen hatte.
„Es wird in wenigen Minuten in Ordnung sein“, sagte er und deutete ihr auf die Bank am Asphaltweg. Sie nickte, drehte sich um, hob seinen Hut auf, setzte sich und begann, den pelzigen Flor mit ihrem Ärmel zu glätten, während sie ihn die ganze Zeit aufmerksam beobachtete. Dass er bereits das Vertrauen eines Pferdes hatte, das er noch nie zuvor gesehen hatte, war vollkommen offensichtlich. Stück für Stück wurden die schwitzenden, zitternden Glieder beruhigt, die angespannten Muskeln im Hals entspannten sich, der Kopf sank, staubige Samtlippen knabberten an seiner Hand, seiner Schulter; die hechelnden, eingefallenen Flanken füllten sich und wurden ruhig.
Barhäuptig, seine Kleidung in Unordnung und bedeckt mit Geifer und Sand, legte der junge Mann den Zaum auf den Hals des Pferdes, streckte seine Hand aus und sagte: „Komm“, drehte sich um und ging den Reitweg hinunter. Das Pferd streckte einen schwitzenden Hals, schnupperte, spitzte beide kleinen Ohren nach vorne und folgte langsam, drehte sich, wie der Mann sich drehte, auf und ab, drängte wie ein trainierter Hund an der Ferse und blieb schließlich am Rand des Weges stehen.
Der junge Mann schlang den Zügel über einen niedrigen Ahornast und schlenderte, das Pferd stehen lassend, zur Bank hinüber.
„Dieses Pferd“, sagte er angenehm, „ist jetzt in Ordnung; aber die Frage ist, sind Sie in Ordnung?“
Sie stand auf, reichte ihm seinen Hut und begann, ihr helles Haar hochzustecken. Für ein paar Momente des Schweigens waren sie offen damit beschäftigt, die Ordnung der Kleidung wiederherzustellen, Kies abzuklopfen und Risse zu untersuchen.
„Ich bin ungeheuer dankbar“, sagte sie abrupt.
„Ich bin es auch“, sagte er in jener attraktiven Art, die Menschen desselben Standes untereinander wohl fühlen lässt.
„Danke; das ist ein großzügiges Kompliment, wenn man Ihren Hut und Ihre Kleidung bedenkt.“
Er blickte auf; sie stand da, ihr Haar drehend und ihr Bestes mit den wenigen verbliebenen Haarnadeln gebend.
„Ich bin ein Anblick für kleine Fische“, sagte sie und errötete. „Hat dieses elende Biest Sie verletzt?“
„Oh, nein...“
„Sie haben gehumpelt!“
„Habe ich?“, sagte er vage. „Wie fühlen Sie sich?“
„Es gibt“, sagte sie, „ein seltsames, atemloses Flattern in mir; wenn das Angst ist, nehme ich an, ich bin erschrocken, aber es macht mir nichts aus, sofort wieder aufzusteigen – wenn Sie mir aufhelfen würden...“
„Warten Sie lieber ein wenig“, sagte er; „es wäre nicht gut, wenn dieses Pferd einen flatternden Puls spüren würde, der über das Gebiss telegrafiert. Sagen Sie mir, sind Sie gespornt?“
Sie hob den Saum ihrer Reitgewohnheit; zwei kleine Sporen glitzerten an ihren polierten Stiefelabsätzen.
„Das ist es, sehen Sie“, bemerkte er; „Sie sind wahrscheinlich noch nicht sehr lange im Sattel geritten. Als Ihr Reittier auswich, haben Sie gespornt, und er ist durchgegangen, Gebiss zwischen den Zähnen.“
„Genau das ist es“, gab sie zu und blickte wehmütig auf ihre Sporen. Dann ließ sie ihren Rock fallen, blickte fragend zu ihm auf und setzte sich, seiner ernsten Geste gehorchend, wieder auf die Bank.
„Stehen Sie nicht“, sagte sie höflich. Er nahm das andere Ende des Sitzes und hob das immer noch schlummernde Eichhörnchen auf sein Knie.
„Ich – ich habe nicht viel gesagt“, begann sie; „Ich bin impulsiv genug, um übermäßig dankbar zu sein und zu viel zu sagen. Ich hoffe, Sie verstehen mich; tun Sie es?“
„Natürlich; Sie sind sehr gut. Es war nichts; Sie hätten Ihr Pferd selbst anhalten können. Menschen tun solche Dinge füreinander als eine Selbstverständlichkeit.“
„Aber nicht unter dem Risiko, das Sie eingegangen sind...“
„Kein Risiko überhaupt“, sagte er hastig.
Sie dachte anders darüber und dachte so inbrünstig, dass sie aus Angst vor Emotionen ihr kaltes, weißes Profil zu ihm drehte und ihr Pferd studierte, mit stolzen, herabhängenden Lidern. Dieselbe unverschämte Süße lag in ihren Augen, als sie wieder zu ihm zurückkehrten. Er kannte den Blick; er war ihm oft genug im Flur und auf der Treppe begegnet. Er wusste auch, dass sie ihn erkennen musste; doch unter den gegebenen Umständen war es an ihr, zuerst zu sprechen; und das tat sie nicht, denn sie war in dem Alter, in dem das Entsetzen davor, etwas zu übertreiben, den kaum erloschenen kindlichen Instinkt unterdrückt, zu viel zu sagen. Mit anderen Worten, sie war achtzehn und hatte ihre erste Saison im vergangenen Winter hinter sich – dem Winter, in dem er nicht unter den Versammlungen seiner eigenen Art sichtbar gewesen war.
„Diese Eichhörnchen sind sehr zahm“, bemerkte sie ruhig.
„Nicht immer“, sagte er. „Versuchen Sie zum Beispiel, dieses hier zu halten.“
Sie hob ihre hübschen Augenbrauen und nahm dann den Klumpen aus flauschigem Fell aus seinen Händen. Sofort schien ein elektrischer Schlag das Eichhörnchen in Panik zu versetzen, es gab einen Kampf, einen grauen und weißen Streifen, und das Eichhörnchen sprang von ihrem Schoß und flog förmlich den Asphaltweg hinunter.
„Gnade!“, rief sie schwach; „was war denn los?“
„Manche Eichhörnchen sind sehr wild“, sagte er unschuldig.
„Ich weiß – aber Sie haben ihn gehalten – er hat auf Ihrem Knie geschlafen. Warum ist er nicht bei mir geblieben?“
„Oh, vielleicht weil ich eine Art habe, mit Tieren umzugehen.“
„Mit Pferden auch“, fügte sie fröhlich hinzu. Und das Lächeln, das aus ihren violetten Augen brach, brachte ihn zum Schweigen in der Magie einer Schönheit, von der er nie geträumt hatte. Zuerst hielt sie sein Schweigen für Bescheidenheit; dann – weil selbst ein so junges Mädchen wie sie schnell im Erkennen und fein im Instinkt ist – wurde auch sie still und ernst, während die Weberschiffchen ihres Verstandes wie der Blitz flogen und das Bild von ihm webten, das sie sich gemacht hatte – ein Gentleman, ein Mann ihrer eigenen Art, ziemlich großartig und weise und verwirrend. Das Porträt war vollständig, da war kein Platz mehr für den Hauch von Anmaßung, den sie halb in dem Blick der braunen Augen gespürt hatte, der sie alarmiert hatte; und sie sah wieder zu ihm auf, offen, ein wenig neugierig.
„Ich werde Ihnen noch einmal danken“, sagte sie, „und Sie bitten, mir aufzuhelfen. Es gibt kein Flattern von Angst mehr in meinem Puls.“
„Sind Sie ganz sicher?“
„Vollkommen.“
Sie standen auf; er löste das Pferd und winkte es an den Rand des Weges.
„Ich habe vergessen“, lachte sie, „dass ich im Sattel reite. Ich kann aufsteigen, ohne Sie zu behelligen –“ Sie setzte ihren Zeh in den Steigbügel, den er hielt, schwang sich mit einem luftigen „Danke, vielmals“ in den Sattel und saß da, ihren Zügel sammelnd.
Hatte sie genug gesagt? Wie kalt klang ihr eigener Dank in ihren Ohren – denn vielleicht hatte er ihr das Genick gerettet – und vielleicht auch nicht. Beschäftigt mit den Zügeln, den Kopf gesenkt, kroch ein Hauch von Farbe in ihr ovales Gesicht. Dachte er, sie behandle den Mut, der ihm so gut stand, leichtfertig, flapsig? Oder war er bereits gelangweilt von ihrer Anerkennung dafür? Sensibel, und fürchtend, Jugend und Unerfahrenheit dem amüsierten Lächeln dieses attraktiven jungen Mannes von Welt auszusetzen, saß sie da und nestelte an ihrem Zaumzeug, wohl wissend, dass er neben ihr stand, den Hut in der Hand, zu ihr aufblickend. Sie konnte nicht länger zögern; der Zaum war bis zur letzten Sekunde des Aufschubs verschoben und wieder verschoben worden. Sie musste etwas sagen oder gehen.
Sie traf seine Augen, lächelte und lehnte sich ein wenig in ihrem Sattel vor, als wollte sie sprechen, aber seine braunen Augen beunruhigten sie, und alles, was sie sagen konnte, war „Danke – auf Wiedersehen“, und sie galoppierte den Ausblick entlang durch dunkle, belaubte Tiefen, die schwer vom Duft von Flieder und Syringen waren.
II
DER MÜSSIGGÄNGER
Über den jungen Mann im Graben und seine Versuche, herauszukommen
Obwohl er nicht rachsüchtig war, wollte er niemandem etwas schulden, der geneigt sein könnte, ihm aufgrund früherer Verpflichtungen oder seines sozialen Status Gehör zu schenken. Jeder wusste, dass er bankrottgegangen war; jeder, das entdeckte er sehr bald, hatte natürlich Angst, von ihm belästigt zu werden. Die Angst der Überfütterten, dass ein unterernährtes Mitglied der Gemeinschaft einen Sitz am Tisch fordern könnte, verstand er nun vollkommen. Er lernte.
Also bat er niemanden um Hilfe, den er aus früheren Tagen kannte; weder jene, die ihm geholfen hatten, als er keine Hilfe brauchte, noch jene, die ihre bequeme Position der Großzügigkeit seines Vaters verdankten – eines Gentleman, der dafür berüchtigt war, Vermögen für seine Freunde zu schaffen.
Daher schrieb er an Fremde auf rein geschäftlicher Basis – an erstaunliche Typen, die kürzlich aus dem Untergrund aufgetaucht waren, prall von Kohlegeld, Stahlgeld, Kupfergeld, Weizengeld, Viehmarktgeld – Typen, die zur Fifth Avenue galoppierten, um Stadthäuser zu bauen; die ihre langen Autos schüttelten und auf das Land huschten und „Hütten“ bauten. Und so drückte er es aus:
„Madame: Falls Sie Gäste mit den professionellen Dienstleistungen eines Magiers unterhalten möchten, würde es mir Vergnügen bereiten, meine sehr ungewöhnlichen Fertigkeiten zu Ihrer Verfügung zu stellen.“
Und unterschrieb mit seinem Namen.
Es war ein schrecklicher Aderlass für sein Bankkonto, mehrere tausend gravierte Karten in der Stadt und den modischen Urlaubsorten zu verschicken. Keine Antworten kamen. Tag für Tag, erschöpft vom Übungsdrill seines Berufs, ging er zum Park und nahm seinen Platz auf der Bank am Reitweg ein. Manchmal sah er sie vorbeigaloppieren; sie erwiderte immer seinen Gruß, zog aber nie die Zügel an. Manchmal begegnete er ihr auch im Flur; ihr farbloses „Guten Morgen“ variierte nie, außer wenn sie „Guten Abend“ sagte. Und die ganze Zeit über erkundigte er sich nie nach ihrem Namen beim Hausdiener; er war diese Art von Mann – anständig aus Instinkt; denn selbst Erziehung erlaubt es manchmal der Sentimentalität, zu schnüffeln.
Seit einer Woche verzichtete er luftig auf mehr als eine Mahlzeit am Tag; um Kleidung und Stiefel makellos zu halten, erforderte es den Verzicht auf Frühstück und Mittagessen – außerdem hatte er verschiedene kleine Rentner zu füttern, weiße Kaninchen mit dummen rosa Augen, Kanarienvögel, Katzen, Albinomäuse, Goldfische und andere Mitarbeiter in seinem Beruf. Er war auch gezwungen, den Hausmeister zu bestechen, weil die Gesetze des Hauses weder Tiere noch Babys in seinen Räumlichkeiten erlaubten. Dieses zusätzliche Honorar beraubte ihn des Tabaks, und er wurde zum Pessimisten.
Zudem stiegen in ihm Zweifel an seinem eigenen Können auf; es war ja alles recht und schön, seine Magie dort ganz allein zu üben, doch hatte er sie bisher an niemandem außer dem Hausmeister erprobt; und als er damit begonnen hatte, mehrere rotäugige Kaninchen aus den Taschen des Hausmeisters hervorzuholen, floh dieser zügellose Beamte mit einem verzweifelten Schrei, der einen Polizisten an das Kellerfenster lockte, von wo aus er drohte, den Laden hochgehen zu lassen.
Schließlich jedoch kam ein Brief, der ihn für einen Abend engagierte. Er war zunächst völlig ungläubig, dann abwechselnd bescheiden verängstigt, verwirrt, triumphierend und niedergeschlagen. Hier bot sich eine Gelegenheit – die erste. Und weil es die erste war, bedeutete Erfolg oder Misserfolg entweder zukünftige Engagements oder die Verbannung auf die Straße, vielleicht als Straßenkehrer. Es durfte kein Zögern geben, kein Pfuschen, keine Fehler, keine laienhafte Unsicherheit. Es sind die Hohlköpfe, die bei anderen am vehementesten Intelligenz einfordern. Ein einziges Gähnen eines solchen Publikums bedeutete seinen beruflichen Untergang – das wusste er; jede Sekunde musste wie Schaum in einem Weinglas zerplatzen; ein Augenblick der Ratlosigkeit, ein Nachlassen der Spannung, und diese schlaffen Intellekte würden in ihre angeborene Trägheit zurückfallen. Da sie unfähig zur Selbstunterhaltung waren und für eine Atempause von der Langeweile gänzlich von überlegenen Geistern abhingen, bestimmte ihre Laune sein Schicksal; und das wusste er.
Während er dort am sonnigen Fenster saß, mit einem Paar prächtiger weißer Perserkatzen, die auf seinen Knien schnurrten, las und wiederlas er den Brief, der ihn für den nächsten Tag nach Seabright berief. Er wusste, wer seine Gastgeberin war – eine korpulente Dame, die kürzlich aus einer Ecke im Schmalzhandel hervorgetreten war und einige verwandte Angehörige mit atrophiertem Intellekt im Schlepptau hatte, sowie einen Ehemann, dessen einziges geistiges Vergnügen von der Geschwindigkeit seines Rennwagens abhing – das anspruchsvollste Publikum, dem er je gegenüberzutreten gewagt hatte.
Wie der Weiße Ritter hatte er viel geübt, doch fürchtete er das Schicksal jenes Kriegers; und während er dort saß, nahm er ein Bündel silberner Ringe zur Hand, warf sie einzeln in die Höhe, sodass sie in einer glitzernden Kette verbunden herabfielen, schlang sie ineinander und wieder auseinander, und als er müde wurde, warf er sie nachdenklich erneut zur Decke, wo sie einer nach dem anderen in der Luft verschwanden.
Die Katzen schnurrten; er nahm eine von ihnen, formte sie behutsam mit seinen schönen Händen; und bald steigerte sich ihr Schnurren unter der angenehmen Massage, während sie immer kleiner wurde, bis sie die Größe eines kleinen, flauschigen Kätzchens hatte, und schließlich gänzlich verschwand, wobei sie eine winzige weiße Maus in seiner Hand hinterließ. Diese Maus warf er in die Luft, wo sie gar keine Maus mehr war, sondern ein weißer Schmetterling, der umherflatterte, sich schließlich auf dem Fenstervorhang niederließ und dort hing, seine schneeweißen Flügel öffnend und schließend.
„Das ist alles recht und schön“, sinnierte er düster, als sich die Luft auf eine Handbewegung hin mit Kanarienvögeln füllte; „das ist alles recht und schön, aber was, wenn ich einen Fehler mache? Ich müsste vor jemandem proben, bevor ich zwei- oder dreihundert Leuten gegenübertrete.“
Er glaubte, ein Klopfen an seiner Tür zu hören, und lauschte einen Moment. Da es dort jedoch eine elektrische Klingel gab, kam er zu dem Schluss, er habe sich geirrt; und während er die andere weiße Katze aufnahm, begann er eine sanfte Massage, die ihr Schnurren anregte, anscheinend auf Kosten ihrer Farbe und Größe, denn nach wenigen Augenblicken schrumpfte auch sie, bis sie ein sehr kleines, kohlschwarzes Kätzchen wurde, das sich im Handumdrehen in eine Amsel verwandelte, die er achtlos zur Decke warf. Es war gut gemacht; in ganz Indien hätte kein Magier es geschickter oder beiläufiger vollbringen können.
Er beugte sich in seinem Stuhl vor, ließ die zwei weißen Katzen hinter seinem Rücken wieder erscheinen, legte die Kätzchen zurück in ihre Schachtel, fing die Amsel ein und sperrte sie in einen Käfig, und gerade als er die Aufziehfeder des weißen Schmetterlings spannte, glaubte er erneut, jemand klopfe.
III
DIE GRÜNE MAUS
Die den Wert einer helfenden Hand aufzeigt, wenn sie weiß und zierlich ist
Diesmal ging er gemächlich zur Tür und öffnete sie; ein Mädchen stand dort und sagte: „Ich bitte um Entschuldigung für die Störung...“ Es war höchste Zeit, dass sie das zugab, denn ihre Augen störten ihn Tag und Nacht, seit er ihr zum ersten Mal im Flur begegnet war.
Sie schien auch ein wenig verängstigt zu sein, und ohne die Einladung abzuwarten, trat sie mit einem hastigen Blick hinter sich ein und ging in die Mitte des Zimmers, wobei sie ihre Röcke vorsichtig anhob, als würde sie durch nasses Gras schreiten.
„Ich – ich bin beunruhigt“, sagte sie mit einer Stimme, die sie nicht vollkommen unter Kontrolle hatte. „Wären Sie so freundlich, mir zu sagen, ob es so etwas wie eine erbsengrüne Maus gibt?“
Dann tat er etwas Gemeines; er hätte diese Angelegenheit mit einem Wort, einem Lächeln klären können, und – er tat es nicht.
„Eine grüne Maus?“, wiederholte er sanft, fast mitleidig.
Sie nickte, dann erblasste sie; er rückte ihr einen großen Stuhl zurecht, denn ihre Knie zitterten ein wenig; und sie setzte sich mit einem flehenden Blick, der ihn seiner selbst hätte schämen lassen sollen.
„Was hat Sie erschreckt?“, erkundigte sich dieser gemeinste aller Männer.
„Ich war in meinem Atelier – und ich muss Ihnen zuerst erklären, dass ich mir seit Wochen und Wochen – ich habe mir eingebildet, Geräusche zu hören...“ Sie blickte vorsichtig um sich; nichts Lebendiges war zu sehen. „Geräusche“, wiederholte sie und schluckte an einem kleinen Kloß in ihrem weißen Hals, „wie das leise Quietschen und Fiepen und Schnüffeln und Kratzen von – von lebendigen Dingen. Ich fragte den Hausmeister, und er sagte, das Haus sei nicht besonders gut gebaut und die Balken und Wandtäfelungen würden sich zusammenziehen.“
„Hat er das gesagt?“, fragte der junge Mann, während er an die Bestechungsgelder dachte.
„Ja, und ich habe versucht, ihm zu glauben. Und eines Tages glaubte ich, etwa hundert Kanarienvögel singen zu hören, und ich weiß, dass ich es tat, aber dieser idiotische Hausmeister sagte, das seien die Spatzen unter der Dachtraufe. Dann, eines Tages, als Ihre Tür offen stand und ich die Treppe hinaufkam und es im Eingang dunkel war, flatterte etwas Großes und Weiches über den Teppich, und – da es überaus gewöhnlich ist, zu schreien – tat ich es nicht, sondern schaffte es, daran vorbeizukommen, und...“ – ihre violetten Augen weiteten sich vor Entsetzen – „wissen Sie, was dieses weiche, flatternde Ding war? Es war eine Eule!“
Er wusste es; es war ihm gelungen, den entkommenen Vogel zu sichern, bevor ihr elektrisches Läuten den Hausmeister herbeirufen konnte.
„Ich rief den Hausmeister“, sagte sie, „und er kam, und wir durchsuchten den Eingang; aber da war keine Eule.“
Er schien sehr beeindruckt; sie erkannte das Mitgefühl in seinen braunen Augen.
„Dieser elende Hausmeister behauptete, ich hätte eine Katze gesehen“, fuhr sie fort; „und ich konnte ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Eine Woche lang traute ich mich kaum, einen Fuß auf die Treppe zu setzen, aber ich musste – sehen Sie, ich wohne zu Hause und komme nur in mein Atelier, um zu malen.“
„Ich dachte, Sie wohnen hier“, sagte er überrascht.
„Oh, nein. Ich habe mein Atelier...“ – sie zögerte, dann lächelte sie. „Jeder macht sich über mich lustig, und ich nehme an, sie werden mich noch auslachen, aber ich verabscheue Konventionen, und ich hatte gehofft, dass ich Talent für etwas anderes als Frivolitäten habe.“
Ihr Blick wanderte durch sein Zimmer; dann brachte sie die mögliche Bedeutung ihrer unkonventionellen Situation plötzlich auf die Beine, ernst, aber gefasst.
„Ich bitte nochmals um Entschuldigung“, sagte sie, „aber ich wurde wirklich aus meinem Atelier vertrieben – ich gestehe, ich war ziemlich verängstigt.“
„Was hat Sie vertrieben?“, fragte er schuldbewusst.
„Etwas – Sie können es kaum glauben – und ich wage es nicht, es dem Hausmeister zu sagen, aus Angst, er hält mich für... sonderbar.“ Sie erhob ihre bekümmerten und schönen Augen erneut: „Oh, bitte glauben Sie mir, dass ich eine leuchtend grüne Maus gesehen habe!“
„Ich glaube es Ihnen“, sagte er und zuckte zusammen.
„Danke. Ich – ich weiß sehr wohl, wie das klingt – und ich weiß, dass schreckliche Menschen solche Dinge sehen, aber...“ – sie sprach mitleiderregend – „ich hatte beim Mittagessen nur ein Glas Rotwein, und ich bin körperlich und geistig vollkommen gesund. Wie könnte ich so etwas sehen, wenn es nicht da wäre?“
„Es war da“, erklärte er.
„Glauben Sie wirklich? Eine grüne – leuchtend grüne Maus?“
„Keinen Zweifel daran“, versicherte er ihr; „habe selbst neulich eine gesehen.“
„Wo?“
„Auf dem Boden...“ – er machte eine vage Geste. „Wahrscheinlich gibt es einen Riss zwischen Ihrem Atelier und meiner Wand, und der kleine Schelm ist zu Ihnen hineingeschlüpft.“
Sie stand da und betrachtete ihn unsicher: „Gibt es wirklich so etwas wie grüne Mäuse?“
„Nun“, erklärte er, „ich vermute, diese hier war ursprünglich weiß. Jemand hat sie wahrscheinlich grün gefärbt.“
„Aber wer auf der Welt wäre dumm genug, so etwas zu tun?“
Seine Ohren wurden rot – er spürte, wie es geschah.
Nach einem Moment sagte sie: „Ich bin froh, dass Sie mir sagten, dass auch Sie diese unaussprechliche Maus gesehen haben. Ich habe beschlossen, an die Eigentümer des Hauses zu schreiben und eine sofortige Untersuchung zu fordern. Wäre – wäre es zu viel verlangt, Sie zu bitten, ebenfalls zu schreiben?“
„Wollen – wollen Sie schreiben?“, fragte er entsetzt.
„Natürlich. Entweder hält irgendein schrecklicher Kreatur hier eine Vogelhandlung und bringt Dinge mit nach Hause, die entkommen, oder das Haus ist verseucht. Es ist mir egal, was der Hausmeister sagt; ich habe Quietschen und Wimmern und Wimmern gehört!“
„Angenommen – angenommen, wir warten“, begann er matt; doch in diesem Moment weiteten sich ihre blauen Augen; sie packte ihn krampfhaft am Arm und zeigte mit einem schneeweißen Finger darauf.
„Oh!“, sagte sie hysterisch, und im nächsten Augenblick stand sie auf einem Stuhl, blass wie ein Geist. Es war ein Wunder, dass sie nicht auch noch auf die Kommode gestiegen war, denn dort kamen, in gruseligem Gänsemarsch aus der Wandtäfelung, Mäuse zum Vorschein – Mäuse in verschiedenen Farben. Eine rote führte die grauenhafte Reihe an, eine schwarz-weiße kam als nächste, dann folgte in sittlicher Prozession die schuldige grüne, eine gelbe, eine blaue und schließlich – Entsetzen aller Entsetzen! – eine rot-weiß-blaue Maus, die eine winzige amerikanische Flagge trug.
Er wandte ihr ein elendes Gesicht zu; sie, mit geweiteten Augen, wie eine Statue erstarrt, sah ihn vortreten, einen weißen Zauberstab ausstrecken – sah die unheimliche Mäuseprozession auf den Stab steigen und eine Reihe bilden, die Schwänze nach unten hängend – sah ihn die Geschöpfe zu einer Kiste tragen und hineinwerfen.
Er versuchte nun zu sprechen. Sie hörte ihn etwas über das Entweichen der Mäuse stammeln; sie hörte ihn um Verzeihung bitten. Benommen legte sie ihre Hand in seine, als er ihr half, auf den Boden herabzusteigen; kraftlos, sprachlos sank sie in den großen Stuhl, während Entsetzen noch immer ihre Augen weitete.
„Es ist alles aus mit mir“, sagte er langsam, „wenn Sie an die Eigentümer schreiben. Ich habe den Hausmeister bestochen, nichts zu sagen. Es ist mir schrecklich peinlich, dass diese Dinge passiert sind und Sie belästigt haben.“
Die Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück; Erstaunen beherrschte ihren Ärger. „Aber warum – warum halten Sie solche Kreaturen?“
„Warum sollte ich nicht?“, fragte er. „Es ist mein Beruf.“
„Ihr – was?“
„Mein Beruf“, wiederholte er hartnäckig.
„Oh“, sagte sie angewidert, „das ist nicht wahr! Sie sind ein Gentleman – ich weiß sehr wohl, wer Sie sind!“
„Wer bin ich?“
Sie nannte ihn beim Namen, fast ärgerlich.
„Nun“, sagte er mürrisch, „was ist damit? Wenn Sie meine Vergangenheit untersucht haben, müssen Sie wissen, dass ich so arm bin wie diese elenden Mäuse.“
„Ich – ich weiß es. Aber Sie sind ein Gentleman...“
„Ich bin ein Gaukler“, sagte er; „ich meine Gaukler in seiner ursprünglichen Bedeutung. Es gibt weder Sinn noch Notwendigkeit für mich, es zu leugnen.“
„Ich – ich verstehe Sie nicht“, flüsterte sie schockiert.
„Nun, ich mache Affentricks, um Leute zu unterhalten“, antwortete er und erzwang ein Lachen, „oder besser gesagt, ich hoffe, ein paar zu machen – und dafür bezahlt zu werden. Ich denke, jeder Mensch findet sein eigenes Niveau; ich habe meines anscheinend gefunden.“
Ihr Gesicht war unergründlich; sie lehnte sich in dem großen Stuhl zurück und beobachtete ihn.
„Ich habe noch ein wenig Geld übrig“, sagte er; „genug für ein oder zwei Tage. Dann soll ich dafür bezahlt werden, einige Leute in Seabright zu unterhalten; und“, fügte er mit diesem sehr attraktiven Lächeln hinzu, von dem alle Bitterkeit gewichen war, „das wird das erste Geld sein, das ich in meinem ganzen Leben verdient habe.“
Sie war jung genug, um fasziniert zu sein, kindlich genug, um den kleinen Kloß in ihrem Hals aufsteigen zu fühlen. Sie wusste, dass er arm war; ihre Schwestern hatten es ihr gesagt; aber sie hatte angenommen, es sei nur relative Armut – so wie ihre Cousinen zum Beispiel kaum genug hatten, um mehr als zwei Pferde in der Stadt und nur ein Auto zu halten. Aber Not – echte Not – davon hatte sie in seinem Fall nie geträumt – sie konnte es selbst jetzt kaum verstehen – er war so gepflegt, so attraktiv, strahlte förmlich gute Erziehung und die leichte finanzielle Atmosphäre aus, die sie gewohnt war.
„Also sehen Sie“, fuhr er fröhlich fort, „wenn Sie sich bei den Eigentümern über grüne Mäuse beschweren, dann muss ich gehen, und tatsächlich habe ich nicht genug Geld, um irgendwohin zu gehen, außer...“ – er lachte.
„Wohin?“, brachte sie hervor.
„In den Park. Ich habe natürlich nur gescherzt“, fügte er hastig hinzu, denn sie war etwas blass geworden.
„Nein“, sagte sie, „Sie haben nicht gescherzt.“ Und als er nicht antwortete: „Natürlich werde ich nicht schreiben – jetzt nicht mehr. Da wäre es mir lieber, mein Atelier wäre von bunten Mäusen überlaufen...“ Sie hielt inne, mit etwas, das fast wie ein Schluchzen klang. Er lächelte, weil er glaubte, sie lache.
Aber oh, der Schlag für sie! In ihrem jugendlichen Enthusiasmus war sie sich von dem ersten Moment an, als sie einander begegnet waren, dieses großen, markanten, attraktiven jungen Mannes bewusst gewesen. Und nach und nach erfuhr sie seinen Namen und fragte ihre Schwestern nach ihm, und als sie von seinem kürzlichen Ruin und seinem Rückzug aus den Versammlungen seiner Artgenossen hörte, errötete ihre Jugend bis zu ihren romantischen Wurzeln und erwärmte alles in ihr für diesen prächtigen und strahlenden jungen Mann, der so edel, so stolz distanziert lebte. Und dann – das Wunder von Manhattan! – hatte er vor ihren benommenen Augen seinen Mut bewiesen – plötzlich aus der Erde aufgestiegen, um sie vor einem Schicksal zu bewahren, das ihr eifriger Wunsch bei jedem Mal, wenn sie den Vorfall ausschmückte, schwärzer malte. Und sie schmückte die Erinnerung daran jeden Tag aus.
Und nun! Hier neben ihr war dieser Prinz unter den Männern, ihr Vorkämpfer, von Schicksal auf seine schmucken Knie gezwungen und ein elendes, ungewisses Dasein in Betracht ziehend, um seinen gottgleichen Körper vor dem tatsächlichen Verhungern zu bewahren. Und sie – sie mit mehr Geld, als sie selbst wusste, was sie damit anfangen sollte, unfähig, ihm zu helfen, daran gehindert, ihr Scheckbuch aufzureißen und ihn anzuflehen, zu schreiben und zu schreiben, bis er nicht mehr konnte.
Eine Erinnerung – ein Gedanke schlich sich ein. Wo hatte sie seinen Namen in Verbindung mit dem Namen ihres Vaters gehört? Bei Ophir Steel? Sicher; und war es nicht der Vater dieses jungen Mannes gewesen, der den Grundstein für das Vermögen ihres Vaters gelegt hatte? Irgendwo hatte sie so etwas gehört.
Er sagte: „Ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden – Sie am wenigsten – mit meinen Sorgen zu langweilen. Tatsächlich habe ich jetzt keine Sorgen mehr, denn heute erhielt ich meine erste Ermutigung; und zweifellos werde ich ein riesiger Erfolg sein. Nur – ich hielt es für das Beste, klarzustellen, warum es mir gerade jetzt erheblichen Schaden zufügen würde, wenn Sie schreiben würden.“
„Sagen Sie mir“, sagte sie zitternd, „gibt es etwas – irgendetwas, das ich tun kann, um – um die tiefe Schuld der Dankbarkeit, die ich Ihnen schulde, auszugleichen...“
„Welche Schuld?“, fragte er erstaunt. „Oh! Das? Warum, das ist keine Schuld – außer, dass ich glücklich war – vollkommen und heiter glücklich, die Gelegenheit gehabt zu haben... Ihre Stimme zu hören...“
„Sie waren mutig“, sagte sie hastig. „Sie können es so leicht nehmen, wie Sie wollen, aber ich weiß es.“
„Ich auch“, lachte er, verzaubert von der aufsteigenden Röte in ihren Wangen.
„Nein, das tun Sie nicht; Sie wissen nicht, wie ich mich fühlte – wie sehr ich Angst hatte, zu zeigen, wie tief... wie tief ich fühlte. Ich fühlte es so tief, dass ich es nicht einmal meinen Schwestern erzählte“, fügte sie naiv hinzu.
„Ihren Schwestern?“
„Ja; Sie kennen sie.“ Und als er schwieg, sagte sie: „Wissen Sie nicht, wer ich bin? Wissen Sie nicht einmal meinen Namen?“
Er schüttelte den Kopf und lachte.
„Ich hätte alles gegeben, was ich hatte, um es zu wissen; aber natürlich konnte ich die Dienstboten nicht fragen!“
Überraschung, Enttäuschung, verletzter Stolz, dass er kein Verlangen hatte, es zu wissen, machten schnell einer Erkenntnis Platz, die sie von Kopf bis Fuß prickeln ließ. Seine Zurückhaltung war die schönste Huldigung, die ihr je erwiesen wurde; sie sah das sofort; und der direkte Blick, den sie ihm aus ihren klaren Augen zuwarf, raubte ihm für eine Sekunde den Atem.
„Erinnern Sie sich an Sacharissa?“, fragte sie.
„Das tue ich – natürlich! Ich dachte immer...“
„Was?“, sagte sie lächelnd.
Er murmelte etwas von Augen und weißer Haut und einem Trick der schweren Lider.
Sie war nun vollkommen entspannt; sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und studierte ihn gelassen.
„Angenommen“, sagte sie, „die Leute könnten mich jetzt hier sehen.“
„Das würde Ihre künstlerische Karriere beenden“, antwortete er lachend; „und stellen Sie sich vor! Ich hielt Sie für die Art, die für das nackte Überleben malte!“
„Und ich – ich hielt Sie für...“
„Etwas ganz anderes als das, was ich bin.“
„In einer Hinsicht – nicht in anderen.“
„Oh! Sehe ich wie der Gaukler aus?“
„Ich werde nicht erklären, was ich meine“, sagte sie mit verstärkter Röte und erhob sich von ihrem Stuhl. „Da keine grünen Mäuse mehr hinter meiner Staffelei hervorgucken“, fügte sie hinzu, „kann ich keine Entschuldigung mehr haben, die Kunst aufzugeben. Nicht wahr?“
Die schleichende Süße der Nachfrage war kaum eine Herausforderung, doch er wagte es, sie anzunehmen.
„Sie fragten mich“, sagte er, „ob Sie etwas für mich tun könnten.“
„Kann ich?“, rief sie aus.
„Ja.“
„Ich werde – ich bin froh – sagen Sie mir, was ich tun soll?“
„Nun, es ist nur das. Ich muss vor ein Publikum von zweihundert Leuten treten und Dinge tun. Ich habe hier für mich alleine geübt, aber – aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich es gerne vor jemandem ausprobieren – vor Ihnen. Haben Sie etwas dagegen?“
Sie stand dort, schlank, blauäugig, nachdenklich; dann unschuldig: „Wenn ich mich kompromittiert habe, ist der Schaden schon lange geschehen, nicht wahr? Sie werden mir ohnehin mein Atelier wegnehmen, also könnte ich genauso gut so viel Vergnügen haben, wie ich kann.“
Und sie setzte sich anmutig hin und verschränkte ihre weißen Finger über ihren Knien.
IV
EIN IDEALES IDOL
Ein Kapitel, das der Behauptung gewidmet ist, dass alle Menschen von einer Frau geboren sind
Er begann damit, die Luft plötzlich mit Kanarienvögeln zu füllen; sie flogen und zwitscherten und flatterten um ihren Kopf, bis sie verwirrt zurückwich, fast erschrocken über den goldenen Wirbelsturm.
Um sie zu beruhigen, begann er unglaubliche Dinge mit den großen Silberreifen zu tun, bildete Ketten und ineinandergreifende Figuren vor ihren erstaunten Augen, obwohl jeder Reifen solide und ohne Unterbrechung in seinem polierten Umfang schien. Dann warf er die Ringe einer nach dem anderen in die Höhe, und sie verschwanden vor ihren Augen in der Luft.
„Wie haben Sie das gemacht?“, rief sie bezaubert.
Er lachte und ließ die großen, weißen Perserkatzen erscheinen, verwandelte sie in Kätzchen, dann in Vögel und Schmetterlinge und schließlich in eine Schale voller großer, starrender Goldfische. Dann nahm er eine Schöpfkelle, schöpfte die Fische heraus, briet sie vorsichtig über einer elektrischen Lampe, kippte sie aus der rauchenden Pfanne zurück ins Wasser, wo sie still davon schwammen und ihre Augen vor Erstaunen aufrollten.
„Das“, sagte das Mädchen aufgeregt, „ist ein Wunder!“
„Nicht wahr?“, sagte er, so erfreut wie ein Junge über ihr Lob. „Welche Karte werden Sie wählen?“
Und er reichte ihr ein Kartenspiel.
„Das Herz-As, wenn ich bitten darf.“
„Ziehen Sie es aus dem Spiel.“
„Irgendeine Karte?“, erkundigte sie sich. „Oh! Wie um alles in der Welt haben Sie mich dazu gebracht, das Herz-As zu ziehen?“
„Halten Sie es fest“, warnte er sie.
Sie umklammerte es mit ihren hübschen Fingern.
„Sind Sie sicher, dass Sie es halten?“, fragte er.
„Vollkommen.“
„Schauen Sie!“
Sie schaute und stellte fest, dass es die Karo-Dame war, die sie so fest hielt; aber als sie noch einmal hinsah, um sich zu vergewissern, war sie erstaunt, festzustellen, dass die Karte der Kreuz-Bube war. „Zerreißen Sie sie“, sagte er. Sie riss sie in kleine Stücke.
„Werfen Sie sie in die Luft!“
Sie gehorchte und schrie fast auf, als sie sah, wie sie in der Luft Feuer fingen und in aschigen Flocken davonschwebten.
Mit gerötetem Gesicht und brillanten Augen wandte sie sich ihm zu, an jeder seiner Bewegungen, jedem Ausdruck hängend.
Vor ihren gebannten Augen tanzten die bunten Mäuse auf schlaffen Drähten, dann wurden sie vorsichtig in kleine Papierbällchen gerollt, die sofort anfingen anzuschwellen, bis jedes so groß wie ein Fußball war. Diese platzten auf, und aus jedem Fußball aus weißem Papier kamen Kätzchen, Schildkröten, Schlangen, Hühner, Enten und schließlich zwei weiße Kaninchen mit dummen rosa Augen, die begannen, ernsthaft um das Zimmer zu walzen.
„Bitte stehen Sie auf und schütteln Sie Ihre Röcke“, sagte er.
Sie erhob sich hastig und gehorchte; ein Regen aus Silbermünzen fiel, dann Gold, dann Banknoten, die den Boden übersäten. Dann begannen kostbare Steine um sie herum zu fallen; sie schüttelte sie aus ihrem Haar, ihrem Kragen, ihrem Hals; sie ballte ihre Hände vor nervösem Erstaunen, aber in jeder festen kleinen Faust spürte sie etwas, und als sie ihre Finger öffnete, überschüttete sie den Boden förmlich mit Diamanten.
„Können Sie nicht eine für mich aufheben?“, fragte er. „Ich brauche sie wirklich.“ Doch als sie erneut nach dem glitzernden Haufen zu ihren Füßen suchte, war er verschwunden; und so sehr sie auch suchen mochte, nicht eine Münze, nicht ein Edelstein war übrig geblieben.
Als sie bestürzt aufblickte, befand sie sich inmitten eines wahren Sturms aus weißen Schmetterlingen – nein, es waren rote – nein, grüne!
„Gibt es irgendetwas auf dieser Welt, das Sie sich wünschen?“, fragte er sie.
„Ein – ein Glas Wasser –“
Sie hielt es bereits in den Händen und rief erstaunt auf, wobei sie das randvolle Glas verschüttete; doch es fiel kein Wasser, sondern nur ein Regen aus kleinen karmesinroten Flammen.
„Ich kann das nicht – nicht trinken – oder?“, stammelte sie.
„Es ist vollkommen sicher“, lächelte er, und sie kostete davon.
„Probieren Sie noch einmal“, sagte er.
Sie versuchte es; es war Limonade.
„Noch einmal.“
Es war Ginger Ale.
„Noch ein letztes Mal.“
Sie starrte auf das Glas, das von Eiskrem-Soda schäumte; es steckte sogar ein langer Silberlöffel darin.
Bezaubert lehnte sie sich zurück, genoss ihr Eis und beobachtete ihn scheu.
Er fuhr fröhlich fort, unheimliche oder reizvolle Dinge zu tun; ihre Augen waren müde, geblendet, aber nicht zu erschöpft, um ihn zu beobachten, auch wenn sie den wunderbaren Objekten, die unter seinen rastlos geschäftigen Händen erschienen, verschwanden, glitzerten und flammten, kaum folgen konnte.
Sie bemerkte mit einem Schaudern das Erscheinen einer Eule, die eine Weile auf seiner Schulter saß und sich dann in einen großen Pelzmuff verwandelte, was in Ordnung war, solange er ihn festhielt, der aber auf vier Beinen davonlief, als er ihn auf den Boden warf.
Ein Schauer aus brillanten Dingen folgte wie Sternschnuppen; zwei oder drei Rosenbäume wuchsen, bekamen Knospen und blühten vor ihren Augen auf; und er legte die frischen, süßen Blüten in ihre Hände. Später verwandelten sie sich in Veilchen, doch das spielte keine Rolle; nichts spielte mehr eine Rolle, solange sie dort liegen und ihn betrachten konnte – den prächtigsten Mann, auf den ihre jungfräulichen Augen je geblickt hatten.
Etwa zweitausend Meter glänzender Bänder fielen plötzlich von der Decke; sie sah ihn mit etwas an, das gefährlich nahe an einem Seufzer war. Aus einem alten Hut zauberte er einen Käfig voller Papageien hervor; jeder Papagei wiederholte ihren Vornamen sittsam, monoton, bis sie wieder in den Hut gepackt und in eine Schachtel gestopft wurden, die dann in Brand gesteckt wurde.
Ihr Herz war nun ziemlich voll; denn sie war erst achtzehn und hatte über seine Armut nachgedacht. Als also die Schachtel zu gegebener Zeit niederbrannte und die Papageien triumphierend aus den schwarzen und verkohlten Trümmern hervorstiegen und feierlich im Chor ihren Namen wiederholten; und als sie sah, dass die Unterhaltung zu Ende war, erhob sie sich, stellte ihr Eiskrem-Soda auf einen Tisch, und obwohl sich das Glas augenblicklich in eine Teekanne verwandelte, ging sie schnurstracks auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ich habe mich köstlich amüsiert“, sagte sie. „Und ich möchte Ihnen sagen, dass ich über einige Dinge nachgedacht habe, und eines davon ist, dass es vollkommen lächerlich ist, dass Sie arm sind.“
„Es ist in der Tat etwas lächerlich“, gab er überrascht zu. „Nicht wahr! Und absolut unnötig. Ihr Vater hat für meinen Vater ein Vermögen gemacht. Alles, was Sie tun müssen, ist, meinen Vater ein Vermögen für Sie machen zu lassen.“
„Ist das alles?“, fragte er lachend.
„Natürlich. Warum haben Sie es ihm nicht gesagt? Haben Sie ihn gesehen?“
„Nein“, sagte er ernst.
„Warum nicht?“
„Ich habe andere gesehen – ich wollte es nicht versuchen – nicht mehr – Freunde.“
„Werden Sie es – jetzt tun?“
Er schüttelte den Kopf.
„Dann werde ich es tun.“
„Bitte nicht“, sagte er leise. Ihre Hand lag noch immer in seiner; sie sah zu ihm auf; ihre Augen waren sternenklar und ein wenig feucht.
„Ich halte das einfach nicht aus“, sagte sie und festigte ihre Stimme.
„Was?“
„Ihre – Ihre Not –“ Sie würgte; ihr empfindsamer Mund bebte.
„Gütiger Himmel!“, hauchte er; „liegt Ihnen das am Herzen!“
„Am Herzen – am Herzen“, stammelte sie. „Sie haben mein Leben mit einem Lachen gerettet! Sie begegnen dem H-Hungertod mit einem Lachen! Ihr Vater hat den meines Vaters gemacht! Am Herzen? Ja, es liegt mir am Herzen!“
Doch sie hatte den Kopf gesenkt; eine helle Träne fiel und besprengte seine polierten Schuhe; die pulsierenden Sekunden vergingen; er legte seine andere Hand über beide ihre, die er hielt, und stand schweigend da, fassungslos, kaum wagend, es zu verstehen.
Und auch hier konnte er es nicht verstehen oder gar hoffen – sein Instinkt hielt ihn dumm und stumm. Nach einer Weile ließ er ihre Hände los.
Sie sagte „Auf Wiedersehen“ ruhig genug; er folgte ihr zur Tür und öffnete sie, wobei er zusah, wie sie durch die Halle zu ihrer eigenen Tür ging. Und dort hielt sie inne und blickte zurück; und er fand sich wieder neben ihr wieder.
„Nur“, begann sie, „nur tun Sie all diese wunderschönen magischen Dinge nicht für irgend – irgendjemand anderen – werden Sie das? Ich möchte sie – sie alle für mich haben – sie mit niemandem teilen –“
Er hielt ihre Hände erneut gefangen. „Ich werde nie eines dieser Dinge für jemanden tun außer für Sie“, sagte er unstet.
„Wahrhaftig?“ Ihr Gesicht fing Feuer.
„Ja, wahrhaftig.“
„Aber wie – wie können Sie dann – können –“
„Es ist mir egal, was mit mir passiert!“, sagte er. Wenn man ihn ansah, hätte niemand ihn für jung genug gehalten, um so etwas zu sagen.
„Mir ist es nicht egal“, sagte sie, löste ihre Hände und trat zurück in ihr Atelier.
Einen Moment lang schwamm ihr liebliches, waghalsiges Gesicht vor seinen Augen; dann, im nächsten Moment, lag sie in seinen Armen und weinte sich an seiner Schulter aus, während seine Lippen auf ihr helles Haar gepresst waren.
Und das war auf seine Weise auch in Ordnung; in unserer Zeit sind schon verrücktere Dinge passiert; aber nichts Verrückteres ist je geschehen, als dass ein großer, kahlköpfiger Herr in einer Reihe von Sprüngen die Treppe heraufkam, die Beine spreizte, seinen pummeligen Griff um seinen Malakka-Spazierstock festigte und sie mit weit aufgerissenen Augen und Gürtellinie konfrontierte.
In energischem, aber zusammenhangslosem Englisch verlangte er zu wissen, ob diese Szene Teil einer Kunsterziehung sei.
„Papah“, sagte sie ruhig, „du kommst gerade zur rechten Zeit. Geh ins Atelier, und ich komme in einem Augenblick nach.“
Dann reichte sie ihrem Liebhaber beide Hände und sah ihn mit all ihrer Seele in ihren jungen Augen an: „Ich liebe dich; ich werde dich heiraten. Und wenn es Ärger gibt“ – sie lächelte ihren rasenden Vater an – „wenn es Ärger gibt, werde ich dir durch das ganze Land folgen und grüne Mäuse ausstellen –“
„Was!“, donnerte ihr Vater.
„Grüne Mäuse“, wiederholte sie mit einem bezaubernden Lächeln an ihren Liebhaber gewandt – „es sei denn, mein Vater findet eine Notwendigkeit für dich in seinem Geschäft – mit Blick auf eine Partnerschaft. Und das lasse ich euch gemeinsam arrangieren. Auf Wiedersehen.“
Und sie betrat ihr Atelier, schloss die Tür hinter sich und ließ die beiden Männer im Eingangsbereich einander gegenüberstehen.
Für eine so junge Person besaß sie viel Weisheit und ausgezeichneten Geschmack; und als sie lauschte, hörte sie ihren Vater in einem deftigen sächsischen Wort explodieren. Er sagte es immer, wenn er geschlagen war; es war der Anfang vom Ende und das Ende des süßesten Anfangs, der je für ein Mädchen auf Erden graute, seit der erste Sonnenstrahl sich in den Garten Eden stahl.
Also setzte sie sich auf ihren kleinen Klappstuhl vor ihre Staffelei und nahm einen Handspiegel zur Hand; und dort sitzend entfernte sie sorgfältig alle Spuren von Tränen aus ihren feuchten und lieblichen Augen mit dem Batistsaum ihrer Malschürze.
„Verdammt!“, wiederholte Mr. Carr, „habe ich das so zu verstehen, dass das Einzige, was du tun kannst, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist, mit einer Truppe dressierter Mäuse umherzuziehen?“
„Ich habe eine Maschine erfunden“, bemerkte der junge Mann bescheiden. „Sie sollte Millionen wert sein – wenn Sie sich dafür interessieren würden, sie zu finanzieren.“
„Die Idee ist mir absolut zuwider!“, schrie ihr Vater.
Der junge Mann wurde rot. „Wenn es Ihnen nichts ausmachen würde, sie zu untersuchen –“ Er zog ein kleines, fein konstruiertes Stück Uhrwerk aus seiner Tasche. „Dies ist die Maschine –“
„Ich will sie nicht sehen!“
„Sie haben sie gesehen. Macht es Ihnen etwas aus, einen Moment Platz zu nehmen? Vorsicht mit dem Kätzchen! Bitte nehmen Sie diesen Stuhl. Danke. Nun, wenn Sie so gut wären, zehn Minuten zuzuhören –“
„Ich will nicht so gut sein! Hörst du!“
„Ja, ich höre“, sagte der junge Destyn geduldig. „Und wie ich erklären wollte, die Erde ist von drahtlosen Elektrizitätsströmen umschlossen –“
„Ich – verdammt, mein Herr –“
„Aber das sind nicht die einzigen unsichtbaren Ströme, die rastlos um unseren Globus fließen!“, fuhr der junge Mann ruhig fort. „Sehen Sie diese Maschine?“
„Nein, tue ich nicht!“, knurrte der andere.
„Dann –“ Und William Augustus Destyn beugte sich näher und flüsterte in Bushwyck Carrs fettiges, rotes Ohr.
„Was!!!“
„Gewiss.“
„Sie können es nicht beweisen!“
„Beobachten Sie mich.“
* * * * *
Ethelinda hatte ihre Augen getrocknet. Alle paar Minuten blickte sie ängstlich auf die kleine französische Uhr über ihrer Staffelei.
„Was um alles in der Welt können sie nur tun?“, murmelte sie. Und als die lange Stunde schlug, stand sie entschlossen auf und klopfte an die Tür.
„Herein“, sagte ihr Vater gereizt, „aber unterbrich nicht. William und ich sind in ein sehr wichtiges Geschäftsgeschäft vertieft.“
V
SACHARISSA
_Handelt von gewissen wissenschaftlichen Ereignissen im Anschluss an die Hochzeitsreise von William und Ethelinda_
Sacharissa nahm den Vorsitz ein. Sie wusste nichts über parlamentarische Verfahren; ebenso wenig ihre jüngere, verheiratete Schwester Ethelinda oder der kürzlich erworbene Familien-Schwager, William Augustus Destyn.
„Die Sitzung ist eröffnet“, sagte Sacharissa, und ihr Schwager ließ widerwillig die Hand seiner neuen Frau los – bis auf einen Finger.
„Fräulein Vorsitzende“, begann er und erhob sich von seinem Platz.
Die Vorsitzende erkannte ihn an und biss in ein Schokoladenstück.
„Ich beantrage, dass unsere Gesellschaft unter dem Namen ‚The Green Mouse, Limited‘ bekannt sein soll.“
„Warum Limited?“, fragte Sacharissa.
„Warum nicht?“, erwiderte ihre Schwester warm.
„Nun, was meint Ihr junger Mann mit ‚Limited‘?“
„Ich nehme an“, sagte Linda, „dass er meint, es soll das Limit sein. Nicht wahr, William?“
„Gewiss“, sagte Destyn ernst; und der Antrag wurde gestellt und angenommen.
„Rissa, Liebes!“
Die Vorsitzende erkannte beiläufig ihre jüngere Schwester an.
„Ich schlage vor, dass das Ziel dieser Gesellschaft darin besteht, ihre Mitglieder sehr, sehr wohlhabend zu machen.“
Der Antrag wurde angenommen; Linda nahm ein Stück Papier und begann, die Möglichkeiten für einen neuen Tourenwagen zu berechnen.
Dann erhob sich Destyn; die Vorsitzende nickte ihm zu und lehnte sich zurück, wobei sie mit ihrer Bleistiftspitze ein Tattoo gegen ihre schneeweißen Zähne trommelte.
Er begann mit seiner leichten, angenehmen Stimme und blickte hinüber zu seiner hübschen Frau:
„Ihr wisst, Liebste – und Sacharissa, dort drüben, ist sich dessen ebenfalls bewusst –, dass ich im Zuge meiner ökonomischen Experimente in Verbindung mit dem Wireless Trust deines Vaters versehentlich entdeckt habe, wie man gewisse brandneue Ströme von außergewöhnlichem Charakter nutzen kann.“
Sacharissas Ausdruck wurde skeptisch; Linda beobachtete ihren Ehemann mit unverhohlener Bewunderung.
„Diese neuen und bisher nicht vermuteten Ströme“, fuhr Destyn bescheiden fort, „sind nicht elektrischer, sondern psychischer Natur. Doch wie drahtlose Ströme umfließt ihr Fluss ewig die Erde. Diese Ströme, so glaube ich, haben ihren Ursprung in jener großen unbekannten Kraft, die wir aus Mangel an einem besseren Namen Schicksal oder Vorherbestimmung nennen. Und ich bin überzeugt, dass es durch das Abfangen eines dieser Ströme möglich ist, die unterbewussten Persönlichkeiten zweier Menschen entgegengesetzten Geschlechts zu verbinden, die, obwohl sie seit Anbeginn der Dinge letztlich füreinander bestimmt waren, durch aufeinanderfolgende Inkarnationen bisher die endgültige Vollendung – die Ehe! – verpasst haben, die der Zweck ihrer Erschaffung war.“
„Bill, Liebes“, seufzte Linda, „wie exquisit du das Unendliche erklärst.“
„Unsinn!“, sagte Sacharissa; „mach weiter, William.“
„Das ist alles“, sagte Destyn. „Wir einigten uns darauf, je tausend Dollar einzuzahlen, damit ich damit experimentieren konnte. Ich habe das Instrument perfektioniert – hier ist es.“
Er zog aus seiner Westentasche ein kleines, flaches Juwelenetui und holte eine filigrane Maschine hervor, die dem komplizierten Innenleben einer Uhr ähnelte.
„Nun“, sagte er, „mit dieser winzigen Maschine, die in meiner Westentasche verborgen ist, gehe ich auf jeden beliebigen Mann zu und öffne, indem ich eine Schraube wie die Krone einer Uhr drehe, den mikroskopischen Empfänger. In den Empfänger fließen alle psychischen Emanationen jenes arglosen Bürgers. Die Maschine ist positiv geladen. Dann schlendere ich auf einen Mann zu, lege das Instrument auf einen Tisch – wie diesen – und berühre einen Hebel. Seht ihr den feinen Rosiumdraht, der sich wie ein Tentakel entrollt? Er sucht, tastet nach dem unsichtbaren, negativen, psychischen Strom, der seine Botschaft tragen wird.“
„Zu wem?“, fragte Sacharissa.
„Zur unterbewussten Persönlichkeit der einzigen Frau, für die er erschaffen wurde, der einzigen Frau auf Erden, deren psychische Persönlichkeit richtig darauf eingestellt ist, diesen drahtlosen Gruß abzufangen und darauf zu reagieren.“
„Woher wissen Sie, ob sie reagiert?“, fragte Sacharissa ungläubig. Er zeigte auf den Rosiumdraht:
„Ich beobachte das. In dem Augenblick, in dem der psychische Strom sie erreicht und erweckt, knack! – ein winziger Punkt blauer Glüherscheinung krönt den Tentakel. Es ist vollbracht; die psychische Kommunikation ist hergestellt. Und dieser Mann und diese Frau, wo auch immer sie auf Erden sein mögen, werden sicher, unerbittlich zueinander hingezogen werden, selbst aus den entlegensten Winkeln der Welt, um das zu erfüllen, wofür sie seit Anbeginn der Zeit bestimmt waren.“
Es herrschte ein halbrespektvolles Schweigen; Linda betrachtete die kleine, juwelenartige Maschine mit einem leichten Schaudern; Sacharissa zuckte mit ihren jungen Schultern.
„Wie viel davon“, sagte sie, „ist Theorie und wie viel ist Fakt? – denn William, du warst schon immer ein bisschen ein Poet.“
„Ich weiß es nicht. Vor einem Monat habe ich es an dem Diener deines Vaters ausprobiert, und in einer Woche hatte er ein vollkommen fremdes Stubenmädchen geheiratet.“
„Oh, so etwas tun sie ohnehin“, bemerkte Sacharissa und fügte unüberzeugt hinzu: „Hat dieser Tentakel blau gebrannt?“
„Das hat er mit Sicherheit“, sagte Destyn.
Linda murmelte: „Ich glaube daran. Lasst uns Aktien ausgeben.“
„Aktien auszugeben ist eine Sache“, sagte Destyn, „Menschen dazu zu bringen, sie zu kaufen, eine andere. Du und ich mögen an Green Mouse, Limited glauben, aber der Rest der Welt ist immer von jenseits des Mississippi.“
„Das Beste ist“, sagte Linda, „deine Theorie zu beweisen, indem wir sie an Leuten praktizieren. Vielleicht gefällt ihnen die Idee nicht, aber sie werden so dankbar sein, wenn sie glücklich und unerwartet verheiratet sind, dass sie Aktien kaufen werden.“
„Oder uns Referenzen geben“, fügte Sacharissa hinzu, „dass ihr Glück vollständig einer einzigen Dosis Green Mouse, Limited zu verdanken sei.“
„Sei nicht respektlos“, sagte Linda. „Denk daran, was Williams Erfindung für die Welt bedeutet! Denk an die Zeit, die sie jungen Männern ersparen wird, die an die falschen Bäume bellen! Denk an den Ärger, der erspart bleibt – keine Zweifel mehr, keine Schüchternheit, kein Zögern, keine Spekulation, kein Widerstand von Eltern.“
„Jeder unserer Klienten“, fügte Destyn hinzu, „kann sofort auf einen privaten psychischen Strom umgeschaltet werden, der das einzige Mädchen der Welt festnagelt. Verlobungen werden überflüssig sein; die beiden können einfach nicht voneinander loskommen.“
„Wenn das wahr wäre“, bemerkte Sacharissa, „wäre es höchst unangenehm. Es gäbe keinen Spaß dabei. Wie auch immer“, fügte sie lächelnd hinzu, „ich glaube weder an deine Theorie noch an deine Maschine, William. Es bräuchte mehr als diese Kombination, um mich dazu zu bringen, irgendjemanden zu heiraten.“
„Dann werden wir also keine Aktien ausgeben?“, fragte Linda. „Ich brauche wirklich so viele neue und teure Dinge.“
„Wir müssen zuerst noch ein wenig weiter experimentieren“, sagte Destyn.
Sacharissa lachte: „Verbindet mir die Augen, gebt mir einen Bleistift und legt das Social Register vor mich. Welchen Namen auch immer ich markiere, mit dem werdet ihr experimentieren.“
„Markiere keinen unserer Freunde“, begann Linda.
„Woher soll ich wissen, wen ich wählen könnte? Es ist fair für alle. Kommt; versprecht ihr, euch daran zu halten – ihr zwei?“
Sie versprachen es zweifelnd.
„Dann tue ich es auch“, sagte Sacharissa. „Beeilt euch und verbindet mir die Augen, irgendwer. Der Bus ist in einer halben Stunde hier, und ihr wisst, wie Vater reagiert, wenn man ihn warten lässt.“
Linda verband ihr die Augen mit einem Taschentuch, gab ihr einen Bleistift und setzte sich auf die Armlehne des Stuhls, wobei sie beobachtete, wie der Bleistift über die Seiten des Social Register schwebte, das ihre Schwester zufällig umblätterte.
„Diese Seite“, verkündete Sacharissa, „und dieser Name!“, und markierte ihn mit einem schnellen Strich.
Linda stieß einen unterdrückten Schrei aus und versuchte, den Bleistift aufzuhalten; doch der sich bewegende Finger hatte geschrieben.
„Wen habe ich ausgewählt?“, erkundigte sich das Mädchen und riss sich das Taschentuch von den Augen. „Was hast du für einen Anfall, Linda?“
Und als sie auf die Seite blickte, sah sie, dass sie ihren eigenen Namen markiert hatte.
„Wir müssen es noch einmal versuchen“, sagte Destyn hastig. „Das zählt nicht. Verbinde ihr die Augen, Linda.“
„Aber – das wäre nicht fair“, sagte Sacharissa, schwankend, ob sie es ernst nehmen oder lachen sollte. „Wir haben es alle versprochen, wisst ihr. Ich sollte mich an das halten, was ich getan habe.“
„Sei nicht albern“, sagte Linda, bereitete das Taschentuch vor und legte es ihrer Schwester auf die Stirn.
Sacharissa schob es weg. „Ich kann mein Wort nicht brechen, nicht einmal mir selbst gegenüber“, sagte sie lachend. „Ich habe keine Angst vor dieser Maschine.“
„Willst du damit sagen, dass du bereit bist, alberne Risiken einzugehen?“, fragte Linda beunruhigt. „Ich glaube an Williams Maschine, ob du es tust oder nicht. Und ich möchte nicht, dass mit irgendjemandem aus der Familie experimentiert wird.“
„Wenn ich bereit wäre, es an anderen auszuprobieren, wäre es feige von mir, jetzt einen Rückzieher zu machen“, sagte Sacharissa und erzwang ein Lächeln; denn Destyns und Lindas Ernsthaftigkeit begann sie ein wenig unwohl fühlen zu lassen.
„Wenn du nicht vorhast, in nächster Zeit jemanden zu heiraten, solltest du es besser nicht riskieren“, sagte Destyn ernst.
„Du – du möchtest im Moment nicht besonders jemanden heiraten, oder, Liebes?“, fragte Linda. „Nein“, antwortete ihre Schwester spöttisch.
Es herrschte Stille; Sacharissa, unbehaglich, biss sich auf die Unterlippe und saß da, während sie auf die unheimliche Maschine starrte.
Sie war ein großes Mädchen, hübsch geformt, eines dieser Mädchen mit langen Gliedmaßen, schmalen, zierlichen Füßen und Knöcheln.
Diese Art von Mädchen, wenn sie auch noch eine Menge kastanienbraunes Haar, einen süßen Mund und graue Augen besitzt, ist dazu angetan, Ärger zu verursachen.
Und da saß sie, ein Knie über das andere geschlagen, den schlanken Fuß schwingend, die ratlosen Brauen leicht nach innen gezogen.
„Ich sehe keinen ehrenhaften Weg, da herauszukommen“, sagte sie entschlossen. „Ich habe gesagt, ich würde mich an den Test mit verbundenen Augen halten.“
„Als wir es versprachen, dachten wir nicht an uns selbst“, beharrte Ethelinda.
„Das entbindet uns nicht“, entgegnete ihre puritanische Schwester.
„Warum?“, verlangte Linda. „Angenommen zum Beispiel, dein Bleistift hätte Williams Namen markiert! Das wäre im – immoralisch gewesen!“
„Wäre es das?“, fragte Sacharissa und wandte ihre ehrlichen grauen Augen ihrem Schwager zu.
„Ich glaube nicht, dass es das wäre“, sagte er; „ich würde nur wieder auf Lindas Strom umgeschaltet werden.“ Und er lächelte seine Frau an.
Sacharissa saß nachdenklich und ernst da und schaukelte ihren Fuß.
„Nun“, sagte sie schließlich, „ich könnte mich genauso gut sofort damit auseinandersetzen. Wenn an diesem Instrument etwas dran ist, werden wir es alle bald genug erfahren. Schalte deinen Empfänger ein, Billy.“
„Oh“, rief Linda unter Tränen, „tu es nicht, William!“
„Schalte ihn ein“, wiederholte Sacharissa. „Ich werde keine Feigling sein und mein Wort brechen, und ihr beide wisst das! Wenn ich schon die Albernheit der Liebe und Ehe durchmachen muss, dann möchte ich genauso gut wissen, wer der Bandarlog sein soll.... Wie auch immer, ich glaube nicht wirklich an dieses Ding.... Ich kann nicht daran glauben.... Außerdem habe ich meinen eigenen Verstand und meinen eigenen Willen, und ich glaube, es erfordert mehr als amateurhafte psychische Experimente, um eines von beidem zu ändern. Mach weiter, Billy.“
„Meinst du das ernst?“, fragte er, heimlich geschmeichelt.
„Gewiss“, mit großartiger Affektiertheit der Gleichgültigkeit. Und sie erhob sich und trat vor das Instrument.
Destyn sah seine Frau an. Er brannte darauf, es auszuprobieren.
„Will!“, rief sie, „stell dir vor, uns wird Rissas möglicher V-Verlobter nicht gefallen! Stell dir vor, Vater mag ihn nicht!“
„Ihr werdet ihn wahrscheinlich alle genauso mögen wie ich“, sagte ihre Schwester trotzig. „Willy, hör auf, deiner Frau ängstliche Augen zu machen, und starte deine Höllenmaschine!“
Es gab ein bösartiges Klicken, ein Glitzern von sich verschiebenden Zahnrädern, ein Schnappen, und es war vollbracht.
„Hast du nun, theoretisch, meinen psychischen Strom in Flaschen abgefüllt?“, fragte sie verächtlich. Doch ihre Lippe bebte ein wenig.
Er nickte und sah sie sehr ernst an.
„Und jetzt willst du mich auf den psychischen Strom dieses unbekannten Gentlemans umschalten?“
„Lass ihn nicht!“, flehte Linda. „Billy, Liebes, wie kannst du nur, wenn niemand auch nur den blassesten Schimmer hat, wer die Kreatur sein mag!“
„Mach schon!“, unterbrach sie ihre Schwester und maskierte ihr Unbehagen mit einem sorglosen Lächeln.
Klick! Hoch schoss der glitzernde, bebende Tentakel aus Rosium und vibrierte für einige Momente wie ein silberner Faden. Plötzlich krönte ihn ein blauer Blitz aus Glüherscheinung.
„Oh, nein! Oh, nein! Da ist er!“, rief Linda aufgeregt. „Rissy! Rissy, kleine Schwester, was hast du getan?“
„Nichts“, sagte sie und holte tief Luft. „Ich glaube nicht, dass dieser Blitz irgendetwas bedeutet. Ich fühle mich kein bisschen anders – nicht im Geringsten. Ich fühle mich vollkommen wohl und vollkommen ruhig. Ich liebe niemanden, und ich werde niemanden lieben – bis ich es will, und das wird wahrscheinlich nie passieren.“
Dennoch erlaubte sie ihrer Schwester, sie in die Arme zu nehmen und zu liebkosen. Es war ziemlich merkwürdig, wie außerordentlich jung und unerfahren sie sich fühlte. Sie empfand es als angenehm, betüddelt, getröstet und gewiegt zu werden, und für einige Augenblicke ertrug sie Lindas Anteilnahme und Bedenken schweigend. Nach einer Weile jedoch schämte sie sich.
„Es wird nichts passieren, Linda“, sagte sie und blickte verträumt zur Decke; „mach dir keine Sorgen, Liebes; ich werde dem Bandarlog entkommen.“
„Wenn nichts passiert“, bemerkte Destyn und steckte sein Instrument ein, „wird die Green Mouse, Limited, ohne Verbindlichkeiten und ohne Vermögenswerte liquidiert werden, und es wird keine Milliarden für dich oder für mich oder für irgendjemanden geben.“
„William“, sagte seine Frau, „stellst du ein niedriges Verlangen nach Geld über das geistige Glück deiner eigenen Schwägerin?“
„Nein, Liebling, natürlich nicht.“
„Dann sollten du und ich besser für den sofortigen Bankrott der Green Mouse beten.“
Ihr Mann sagte: „Durchaus“, ohne Begeisterung, und sah aus dem Fenster. „Dennoch“, fügte er hinzu, „habe ich eine glückliche Ehe geschlossen. Ich bin jedes Mal für Hochzeitsglocken. Sacharissa wird es auch gefallen. Ich weiß nicht, warum du und ich keine begeisterten Optimisten in Bezug auf das Eheleben sein sollten; ich sehe nicht ein, warum wir nicht für Sacharissas baldige Hochzeit beten sollten.“
„William!“
„Ja, Liebling.“
„Du stellst Geld über das Glück meiner Schwester!“
„Aber in ihrem Fall sehe ich nicht ein, warum wir nicht gewissenhaft beides in Betracht ziehen können.“
Linda warf ihrem materiellen Ehemann einen tragischen Blick zu, schob ihre Schwester beiseite, stand auf und floh. Hinter ihr eilte der reumütige Destyn; eine ferne Tür fiel geräuschvoll ins Schloss; alle Elemente hatten sich für den glücklichen, ersten Streit der Frischvermählten versammelt.
„Quatsch“, sagte Sacharissa, ging zum Fenster und verschränkte ihre schlanken Hände locker hinter dem Rücken.
VI
IM UNRECHT
Worin Sacharissa drinnen bleibt und ein junger Mann nicht herauskann
Der Schneesturm hatte aufgehört; jenseits der Fifth Avenue glich der Park der mit Glimmer bestäubten Ansicht auf einer teuren Weihnachtskarte. Jeder Ast, jeder Zweig und jedes Reisig war mit haftendem Schnee umrandet; Kristalle davon glitzerten unter der Morgensonne; prächtig gekleidete Kinder mit Schlitten tollten und spielten auf der blendenden Fläche. Über ihnen wölbte sich der charakteristische tiefblaue Bogen eines New Yorker Himmels, ungestört von einer Wolke. Ihre Familie – das heißt ihr Vater, ihr Schwager, ihre verheiratete Schwester, drei unverheiratete Schwestern und sie selbst – erwartete, gegen Mittag nach Tuxedo aufzubrechen. Warum? Niemand weiß, warum die Wohlhabenden immer irgendwohin unterwegs sind. Wie dem auch sei, sie tun es, zum Glück für Geschichtenschreiber.
„Es ist hier genauso schön“, dachte Sacharissa bei sich, „wie auf dem Land. Es tut mir leid, dass ich gehe.“
Während sie dort untätig am sonnigen Fenster stand und hinaus in die weiße Weite starrte, hatte sie bereits alle Unruhe in ihrem Geist bezüglich des psychischen Experiments an sich selbst verworfen. Das heißt, sie hatte es nicht genau verworfen, sie wandte keine bewusste Anstrengung an, es war von selbst verschwunden – oder vielmehr war es verdrängt worden, beherrscht von einer plötzlichen und starken Abneigung, nach Tuxedo zu fahren.
Während sie dort stand, wuchs das Gefühl und hielt an, und bald ertappte sie sich dabei, wie sie laut wiederholte: „Ich will nicht gehen, ich will nicht gehen. Es ist dumm zu gehen. Warum sollte ich gehen, wenn es dumm ist zu gehen und ich lieber hier bleiben möchte?“
Unterdessen hatten Ethelinda und Destyn eine klassische Versöhnung in einem entfernten Teil des Hauses, und die junge Ehefrau war bereits so weit gekommen:
„Liebling, ich mache mir solche Sorgen um Rissa. Ich wünschte wirklich, sie würde nicht nach Tuxedo fahren. Bei den Courlands werden so viele attraktive Männer erwartet.“
„Sie kann Männern nirgendwo entkommen, oder?“
„N-nein; aber diese Woche wird es eine Konzentration von besonders gut aussehenden und unerwünschten Männern in Tuxedo geben. Diese untätige, schreckliche, zynische Meute kommt von Long Island, und ich möchte nicht, dass sie einen von ihnen heiratet.“
„Nun, dann lass sie zu Hause bleiben.“
„Sie will aber gehen.“
„Was nützt eine ältere Schwester, wenn man sie nicht dazu bringen kann, auf einen zu hören?“, fragte er.
„Sie will nicht. Sie hat sich in den Kopf gesetzt zu gehen. All diese stürmischen Wintersportarten gefallen ihr. Außerdem, wie kann ein Familienmitglied am Neujahrstag abwesend sein?“
Arm in Arm schlenderten sie hinaus in das große Wohnzimmer, wo ein großer, pomphafter, lebhaft gefärbter Herr den Drillingen das Gesetz diktierte – drei sehr attraktiven jungen Mädchen, die exakt gleich gekleidet waren und jedes Mal, wenn es die kindliche Pflicht erforderte, in einem ernsten und silbrigen Chor „Ja, Pa-pah!“ und „Nein, Pa-pah!“ sagten.
„Und noch etwas“, fuhr der pummelige und lebhafte alte Herr fort, dessen Stimme bei nachdrücklichem Sprechen gewöhnlich in einem sanft wohlklingenden Schrei endete: „diese wertlose Westbury-Cedarhurst-Jericho-Meadowbrook-Clique wird bei dieser Einweihungsfeier präsent sein, und ich warne euch jetzt davor, irgendetwas anderem als der geringsten, oberflächlichsten und frivolsten Aufmerksamkeit zu schenken, was auch immer irgendeiner dieser jungen, peitschenknallenden, fuchsjagenden Bengel zu euch sagen mag. Habt ihr gehört?“, mit einem wohlklingenden Schrei wie ein Signalhorn an einem Tourenwagen.
„Ja, Pa-pah!“
Der alte Herr schwenkte sein einzelnes Monokel als Zeichen der Entlassung und sah auf seine Uhr.
„Der Bus ist da“, sagte er geschäftig. „Komm schon, Will; komm, Linda, und ihr, Flavilla, Drusilla und Sybilla, legt eure Pelze an. Nehmt nicht den Aufzug. Geht die Treppe hinunter und beeilt euch! Wenn es eine Sache auf dieser Welt gibt, die ich nicht tue, dann ist es, auf irgendjemanden auf Erden zu warten!“
Bedienstete und Dienstmädchen rannten zerstreut mit Pelzmänteln, Muffen und Stolas umher. In feierlicher Versammlung zog die Familienexpedition am Aufzug vorbei, stieg die Treppe zur unteren Halle hinab und stellte sich dort zur letzten Inspektion auf.
Ein mit Nerz behafteter Livree-Diener wartete draußen; Kammerdiener, Butler, zweiter Diener und Dienstmädchen traten an.
„Wo ist Sacharissa?“, verlangte Mr. Carr klangvoll zu wissen.
„Hier, Dad“, sagte seine älteste Tochter, die ruhig in die Halle schlenderte, die Hände immer noch locker hinter dem Rücken verschränkt.
„Warum hast du deinen Hut und deine Pelze nicht an?“, verlangte ihr Vater zu wissen.
„Weil ich nicht mitkomme, Dad“, sagte sie süß.
Die Familie betrachtete sie erstaunt.
„Nicht mitkommen?“, schrie ihr Vater in einem wohlklingenden Gebrüll. „Doch, du kommst mit! Nicht mitkommen! Und warum zum Kuckuck nicht?“
„Ich weiß wirklich nicht, Dad“, sagte sie teilnahmslos. „Ich will nicht gehen.“
Ihr Vater schwenkte beide pummeligen Arme wütend. „Fühlst du dich nicht wohl? Du siehst gut aus. Du bist gesund. Fühlst du dich nicht wohl?“
„Vollkommen.“
„Nein, das tust du nicht! Du bist blass! Du bist bleich! Du bist ausgemergelt! Nimm ein Stärkungsmittel und leg dich hin. Schicke dein Dienstmädchen zu ein paar Ärzten – zu allen Arten von Ärzten – und lass dich von ihnen aufpäppeln. Dann komm morgen früh mit deinem Dienstmädchen nach Tuxedo. Hast du gehört?“
„Sehr wohl, Dad.“
„Und halte dich von diesem Aufzug fern, bis er repariert ist. Er ist zu allem fähig. Ferdinand“, zu dem Mann an der Tür, „lass ihn sofort reparieren. Sacharissa, schicke dein Dienstmädchen zu einem Arzt!“
„Sehr wohl, Dad!“
Sie hielt ihrem nachdrücklichen Elternteil die Wange hin; er salutierte explosiv darauf, wirbelte herum, musterte die Familie mit einem Blick, ließ sie vorwärts marschieren und schloss den Nachtrab mit seiner eigenen beeindruckenden Person. Die eisernen Tore klirrten, die Tür des Opernbusses schnappte zu, und Sacharissa schlenderte zurück in den Rokoko-Empfangsraum, nicht ganz sicher, warum sie nicht mitgegangen war, nicht ganz überzeugt, dass sie sich vollkommen wohl fühlte.
In den ersten paar Minuten war ihr Gesicht heiß und kalt geworden, abwechselnd gerötet und bleich. Auch ihr Herz verhielt sich auf eine ungewöhnliche Weise – es machte genug Aufruhr, dass sie sich seiner unruhig bewusst wurde.
„Wahrscheinlich“, dachte sie bei sich, „habe ich zu viele Pralinen gegessen.“ Sie schaute in die große vergoldete Schachtel, nahm noch eine und aß sie nachdenklich.
Eine merkwürdige Mattigkeit ergriff sie. Um sie zu bekämpfen, klingelte sie nach ihrem Dienstmädchen, in der Absicht, einen flotten Spaziergang zu machen, aber das Gewicht der Pelze schien sie zu bedrücken. Es war absurd. Sie warf sie ab und setzte sich in die Bibliothek.
Ein wenig später fand ihr Dienstmädchen sie dort liegend, die Füße überkreuzt, die Arme nach hinten gestreckt, um eine Wiege für ihren Kopf zu bilden.
„Sind Sie krank, Miss Carr?“
„Nein“, sagte Sacharissa.
Das Dienstmädchen warf einen alarmierten Blick auf das blasse Gesicht ihrer Herrin.
„Sollten Sie Dr. Blimmer sehen, Miss?“
„Nein.“
Das Dienstmädchen zögerte:
„Verzeihung, aber Mr. Carr sagte, Sie sollten ein paar Ärzte sehen.“
„Sehr wohl“, sagte sie gleichgültig. „Und bitte gib mir diese Pralinen. Ich möchte kein Mittagessen.“
„Kein Mittagessen, Miss?“, fragte sie bestürzt.
Von Sacharissa war nie bekannt, dass sie Nahrung verschmäht hätte.
Das Symptom erschreckte ihr Dienstmädchen zutiefst, und in wenigen Minuten hatte sie Dr. Blimmers Praxis am Telefon; aber dieser bedeutende Praktiker war außer Haus. Dann fand sie nacheinander die Praxen der Ärzte White, Black und Gray. Zwei waren über Neujahr weggefahren, der andere war außer Haus.
Das Dienstmädchen, das klug und einfallsreich war, ging hinaus, um einen Arzt aufzutreiben. Es gibt in den Querstraßen zwischen den Siebzigern und Achtzigern viele Ärzte. Sie fand ohne Schwierigkeiten einen – das heißt, sie fand das Schild im Fenster, aber der Arzt war auf seinen Hausbesuchen.
Sie unternahm zwei weitere Versuche mit ähnlichem Ergebnis, entdeckte dann ein Arztschild in einem Fenster auf der anderen Straßenseite, machte sich ungeachtet der Schneeverwehungen auf den Weg dorthin, und im selben Moment öffnete sich die Vordertür des Arztes und ein junger Mann mit einem schwarzen Lederkoffer in der Hand stieg hastig die eisigen Stufen hinab und eilte die Straße hinauf.
Das Dienstmädchen rannte ihm hinterher und erreichte atemlos und aufgeregt seine Seite:
„Oh, könnten Sie kommen – nur für einen Moment, wenn ich bitten darf, mein Herr! Miss Carr will ihr Mittagessen nicht essen!“
„Was!“, sagte der junge Mann überrascht.
„Miss Carr wünscht Sie zu sehen – nur für ein----“
„Miss Carr?“
„Miss Sacharissa!“
„Sacharissa?“
„J-ja, mein Herr – sie----“
„Aber ich kenne keine Miss Sacharissa!“
„Das verstehe ich, mein Herr.“
„Hören Sie, junge Frau, kennen Sie meinen Namen?“
„Nein, mein Herr, aber das macht für Miss Carr keinen Unterschied.“
„Sie wünscht mich zu sehen!“
„Oh, ja, mein Herr.“
„Ich – ich habe es eilig, einen Zug zu erwischen.“ Er sah das Dienstmädchen scharf an, auf seine Uhr, dann wieder auf das Dienstmädchen.
„Sind Sie vollkommen sicher, dass Sie sich nicht irren?“, verlangte er zu wissen.
„Nein, mein Herr, ich----“
„Eine gewisse Miss Sacharissa Carr wünscht mich zu sehen? Sind Sie sich dessen sicher?“
„Oh, ja, mein Herr – sie----“
„Wo wohnt sie?“
„Eintausendachteinhalb Fifth Avenue, mein Herr.“
„Ich habe noch genau drei Minuten. Können Sie rennen?“
„Ich – ja!“
„Kommen Sie dann!“
Und davon galoppierten sie, sein Überzieher flatterte hinter ihm her, die Röcke des Dienstmädchens wehten und ihre schmale Schürze flackerte im Wind. Passanten blieben stehen, um ihr Tempo zu beobachten – ein Tempo, das sie in etwas unter einer Minute zum Haus brachte. Ferdinand, der zweite Diener, ließ sie ein.
„Also gut“, keuchte der junge Mann, „welcher Weg? Denken Sie daran, ich habe es eilig!“ Und er begann im Laufschritt die Treppe zu nehmen.
„Bitte folgen Sie mir, mein Herr; der Aufzug ist schneller!“, keuchte das Dienstmädchen und öffnete die vergitterten Türen.
Der junge Mann sprang in den beleuchteten Wagen, das Dienstmädchen drehte sich um, um Hut und Jacke abzuwerfen, bevor sie eintrat; irgendetwas machte Fizz-Peng! Knack! Klink! und die Lichter im Wagen erloschen.
„Oh!“, schrie das Dienstmädchen, „er rast schon wieder davon! Springen Sie, mein Herr!“
Der verzierte Rokoko-Aufzug raste tatsächlich davon, aufwärts, anfangs langsam. Sein erstaunter Insasse drehte sich um, um herauszuspringen – zu spät.
„D-drücken Sie den dritten Knopf, mein Herr! Schnell!“, rief das Dienstmädchen und rang die Hände.
„W-wo ist der!“, stammelte der junge Mann und tastete nervös in dem dunklen Wagen. „Ich kann keinen sehen.“
„Kr-rack!“, machte es irgendwo.
„Er ist stehengeblieben! Er wird abstürzen!“, schrie das Dienstmädchen. „Lauf, Ferdinand!“
Der Mann an der Tür rannte ein paar Stufen die Treppe hinauf, rutschte dann zerstreut nach unten und schrie:
„Sind Sie verletzt, mein Herr?“
„Nein“, kam eine angewiderte Stimme irgendwo aus dem Schacht.
Jeder Treppenabsatz war jetzt voller lärmender Bediensteter, Dienstmädchen eilten die Treppen hinauf, Livree-Diener eilten hinunter, ein Butler watschelte im Kreis.
„Wird mich irgendjemand hier rausholen?“, verlangte die Stimme im Schacht zu wissen. „Ich muss einen Zug erwischen.“
Der schwitzende Butler steckte seinen Kopf von unten in den Schacht:
„W-wie weit oben, mein Herr, könnten Sie sein?“
„Woher zum Teufel soll ich das wissen?“
„Können Sie nichts sehen, mein Herr?“
„Ja, ich kann einen Treppenabsatz und ein rotes Zimmer sehen.“
„Er steckt unter der Bibliothek fest!“, rief der Butler, und es gab ein Gerangel um die oberen Etagen.
Das Gerangel wurde von einem großen jungen Mädchen gestoppt und aufgehalten, das gemächlich den Treppenabsatz entlangkam und an einer Praline knabberte.
„Was soll dieser ganze Lärm?“, fragte sie. „Ist der Aufzug schon wieder kaputt?“
Als sie über den Treppenabsatz auf das Gitter schaute, das den Schacht abschirmte, sah sie den vergoldeten Wagen – einen Teil davon – und die Hälfte eines vollkommen fremden jungen Mannes, der ernsthaft herausblickte.
„Es ist der Arzt!“, jammerte ihr Dienstmädchen.
„Das ist nicht Dr. Blimmer!“, sagte ihre Herrin.
„Nein, Miss, es ist ein vollkommen fremder Arzt.“
„Ich bin kein Arzt“, bemerkte der junge Mann kühl.
Sacharissa trat näher.
„Wenn dieses Dienstmädchen von Ihnen mich gefragt hätte“, fuhr er fort, „hätte ich es ihr gesagt. Sie sah mich die Stufen eines Arzthauses herunterkommen – ich nehme an, sie hielt meinen Kamerakoffer für einen Medikamentenkoffer.“
„Das tat ich – oh, das tat ich!“, stöhnte das Dienstmädchen und bedeckte ihren Kopf mit ihrer Schürze.
„Was jetzt zu tun ist“, sagte Sacharissa ruhig, „ist, nach dem nächsten Klempner zu schicken. Ferdinand, geh sofort!“
„Unterdessen“, sagte der eingesperrte junge Mann, „werde ich meinen Zug verpassen. Kann nicht jemand dieses Gitter aufbrechen? Ich könnte da herausklettern.“
„Sparks“, sagte Miss Carr, „kannst du dieses Gitter aufbrechen?“
Sparks versuchte es. Ein Küchenmädchen brachte einen kleinen Polsterhammer – den einzigen „Hammer im Haus“, laut Sparks, der auf das verzierte Stahlgitter einschlug und den Hammer kurz und klein schlug.
„Hat er Sie am Kopf getroffen, mein Herr?“, fragte er keuchend.
„Genau“, antwortete der junge Mann und biss die Zähne zusammen.
Sparks hoffte, dass es den Gentleman nicht verletzt habe. Der Gentleman stillte seine Wunde in schrecklichem Schweigen.
Bald kam Ferdinand zurück, um über die Verfügbarkeit des Familienklempners zu berichten. Es schien, dass alle Klempner, Schlosser und ähnliche unentbehrliche und frei geborene Handwerker mittags den Laden geschlossen hatten und erst nach Neujahr wieder öffnen würden, vorbehaltlich der Verfassung der Vereinigten Staaten.
„Aber dieser Gentleman kann nicht bis nach Neujahr hier bleiben“, sagte Sacharissa. „Er sagt, er habe es eilig. Hörst du, Sparks?“
Die Bediensteten standen in einer hilflosen Reihe.
„Ferdinand“, sagte sie, „Mr. Carr hat Ihnen gesagt, Sie sollten diesen Aufzug reparieren lassen, bevor er wieder benutzt wird!“
Ferdinand starrte wild auf das Gitter und fuhr mit dem Daumen über die Stäbe.
„Und Clark“ – zu ihrem Dienstmädchen – „ich bin erstaunt, dass du diesem Gentleman erlaubt hast, den Aufzug zu riskieren.“
„Er hatte es eilig – ich dachte, er wäre ein Arzt.“ Das Dienstmädchen brach in Tränen aus.
„Es ist jetzt“, unterbrach die Stimme aus dem Schacht, „eine vollkommene Unmöglichkeit für mich, irgendeinen Zug in den Vereinigten Staaten zu erwischen.“
„Es tut mir schrecklich leid“, sagte Sacharissa.
„Gibt es keine Axt im Haus?“
Der Butler verneinte es betrübt.
„Dann holen Sie die Stange für den Ofen.“
Sie wurde geholt; nervenaufreibende Schläge prasselten auf das Gitter; schnaufende Bedienstete benutzten sie als Hebel, als Rammbock, als Keule. Das Haus dröhnte wie eine Kesselfabrik.
„Ich halte das nicht länger aus!“, schrie der junge Mann. „Hören Sie auf!“
Sacharissa sah sich um, die Hände fest auf beide Ohren gepresst.
„Schicken Sie sie weg“, sagte der junge Mann müde. „Wenn ich hier bleiben muss, will ich eine Chance zum Nachdenken haben.“
Nachdem sie die Bediensteten entlassen hatte, zog Sacharissa einen Stuhl heran und setzte sich ein paar Fuß vom Gitter entfernt hin. Sie konnte den halben Wagen und den halben Mann sehen – deutlicher jetzt, da sie näher gekommen war.
Er war ein junger und ziemlich attraktiv aussehender Bursche, die Wange in sein Taschentuch gewickelt, wo der Hammerkopf ihm die Haut abgeschürft hatte.
„Lassen Sie mich etwas Hamamelis holen“, sagte Sacharissa und stand auf.
„Ich möchte zuerst ein Telegramm schreiben“, sagte er.
Also brachte sie einige Vordrucke, reichte sie und einen Bleistift durch das Gitter zu ihm hinunter und setzte sich wieder.
VII
DER UNSICHTBARE DRAHT
Worin das Telefon weiterklingelt
Als er mit Schreiben fertig war, suchte er etwas Silber zusammen und reichte es und das gelbe Papier an Sacharissa.
„Es ist dunkel hier drin. Würde es Ihnen etwas ausmachen, es mir laut vorzulesen, um zu sehen, ob ich es verständlich ausgedrückt habe?“, fragte er.
„Sicher“, sagte Sacharissa; und sie las:
MRS. DELANCY COURLAND,
Tuxedo.
Ich stecke in einem idiotischen Aufzug in 1008-1/2 Fifth Avenue fest. Wenn ich bis Neujahr nicht auftauche, wissen Sie, warum. Seien Sie vorsichtig, dass keine Reporter das in die Finger bekommen.
KILLIAN VAN K. VANDERDYNK.
Sacharissa errötete tief. „Ich kann das nicht abschicken“, sagte sie.
„Warum nicht?“, verlangte der junge Mann gereizt zu wissen.
„Weil, Mr. Vanderdynk, mein Vater, mein Schwager, meine verheiratete Schwester und drei jüngere Schwestern bei den Courlands erwartet werden. Stellen Sie sich vor, welche Wirkung ein solches Telegramm auf sie hätte!“
„Dann streichen Sie die Straße und die Nummer“, sagte er; „sagen Sie einfach, ich stecke in einem fremden Aufzug fest.“
Sie tat es, klingelte, und ein Bediensteter nahm das Telegramm entgegen.
„Nun“, sagte der Thronfolger des Prinzregenten von Manhattan, „gibt es immer noch zwei Möglichkeiten. Erstens könnten Sie beim Polizeipräsidium anrufen und um Hilfe bitten; zweitens könnten Sie die Feuerwehr um Unterstützung bitten.“
„Wenn ich das tue“, sagte sie, „würden die Zeitungen dann nicht davon Wind bekommen?“
„Sie haben vollkommen recht“, sagte er.
Sie hatte nun ihren Stuhl so nah an das vergoldete Gitter gezogen, dass sie, die Hände darauf ruhend, in den Wagen hinunterblicken konnte, wo der Spross der Vanderdynks auf einem wackeligen Louis-XV-Stuhl saß.
„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut“, sagte sie. „Gibt es irgendetwas, das ich tun kann, um – um Ihre Gefangenschaft zu erleichtern?“
Er sah sie verwirrt an.
„Sie erwarten doch nicht, dass ich bis nach Neujahr hier bleibe, oder?“, erkundigte er sich.
„Ich sehe nicht, wie Sie das vermeiden können. Niemand scheint bis nach Neujahr arbeiten zu wollen.“
„In einem Käfig bleiben – zwei Tage und eine Nacht!“
„Vielleicht sollte ich doch bei der Polizei anrufen.“
„Nein, nein! Warten Sie. Ich sage Ihnen, was Sie tun sollen. Schicken Sie diesen Ferdinand auf eine Tour durch die Stadt. Wenn er hart genug und lange genug sucht, wird er irgendeinen Klempner oder Schlosser oder irgendjemanden finden, der kommt.“
Sie klingelte nach Ferdinand; gemeinsam instruierten sie ihn, und er ging fort, mit dem Versprechen, das Heil in irgendeiner Form zu bringen.
Dieses Versprechen stimmte den jungen Mann fröhlicher und glättete die besorgte Falte zwischen Sacharissas geraden Brauen.
„Ich nehme an“, sagte sie, „dass Sie meinem Dienstmädchen das niemals verzeihen werden – oder mir auch nicht.“
Er lachte. „Schließlich“, gab er zu, „ist es ziemlich komisch.“
„Ich glaube nicht, dass Sie es komisch finden.“
„Doch, das tue ich.“
„Wollten Sie nicht nach Tuxedo fahren?“
„Ich!“ Er sah zu dem hübschen Gesicht von Sacharissa auf. „Ich wollte es – vor ein paar Minuten noch.“
„Und jetzt, wo Sie nicht können, lehrt Sie Ihre Philosophie, dass Sie es nicht wollen?“
Sie lachten einander freundschaftlich zu.
„Vielleicht ist es meine Philosophie“, sagte er, „aber ich kümmere mich wirklich nicht sehr darum... Ich bin nicht sicher, dass ich mich überhaupt darum kümmere... Tatsächlich, jetzt, wo ich darüber nachdenke, warum hätte ich nach Tuxedo fahren wollen sollen? Es ist dumm, nach Tuxedo fahren zu wollen, wenn New York so attraktiv ist.“
„Wissen Sie“, sagte sie nachdenklich, „dass ich zum gleichen Schluss gekommen bin?“
„Wann?“
„Heute Morgen.“
„Vo-vor Sie – ich----“
„Oh, ja“, sagte sie etwas hastig, „bevor Sie kamen----“
Sie brach ab, rosa vor Bestürzung. Was für ein lächerliches Ding zu sagen! Was zum Teufel verhedderte ihre Zunge, um eine solche Absurdität anzudeuten?
Sie sagte ernst, mit verstärkter Farbe: „Ich stand heute Morgen am Fenster und dachte nach, und mir kam der Gedanke, dass ich nicht nach Tuxedo fahren wollte... Wann haben Sie Ihre Meinung geändert?“
„Vor ein paar Minuten – das heißt – nun, ich wollte nie wirklich dorthin. Es ist lustiger in der Stadt. Glauben Sie nicht auch? Blauer Himmel, Schnee – äh – und all das?“
„Ja“, sagte sie, „es ist heute vollkommen herrlich in der Stadt.“
Er stimmte zu, sah dann aber entmutigt aus.
„Vielleicht würden Sie gerne ausgehen?“, sagte er.
„Ich? Oh, nein... Die Sonne auf dem Schnee ist schlecht für die Augen; glauben Sie nicht auch?“
„Sehr... Es tut mir schrecklich leid, dass ich Ihnen so viel Mühe bereite.“
„Das macht mir nichts aus – wirklich nicht. Wenn ich nur etwas für Sie tun könnte.“
„Das tun Sie.“
„Ich?“
„Ja; Sie sind außerordentlich nett zu mir. Ich fürchte, Sie fühlen sich verpflichtet, drinnen zu bleiben und----“
„Wirklich nicht. Ich wollte nicht ausgehen.“
Sie lehnte sich näher und schaute durch die Gitterstäbe: „Sind Sie ganz sicher, dass Sie sich wohl fühlen?“
„Ich fühle mich wie etwas im Zoo!“
Sie lachte. „Das erinnert mich daran“, sagte sie, „haben Sie schon zu Mittag gegessen?“
Er hatte nicht, wie es nach einem kleinen höflichen Protest schien, also klingelte sie nach Sparks.
Auch ihr eigener Appetit war zurückgekehrt, als das Tablett gebracht wurde; Serviette und Teller wurden durch das Gitter zu ihm gereicht, und während sie zu Mittag aßen, er in seinem Käfig, sie nahe an den Stäben, kamen sie ins Gespräch und tauschten Informationen über gemeinsame Bekannte aus, die sie bei den Delancy Courlands zu treffen erwartet hatten.
„Sie sehen also“, sagte sie, „dass Sie jetzt nicht hier wären, wenn ich heute Morgen nicht meine Meinung über die Fahrt nach Tuxedo geändert hätte. Und ich auch nicht... Und wir hätten niemals – zusammen zu Mittag gegessen.“
„Das hat die Dinge nicht verändert“, sagte er lächelnd. „Wenn Sie nicht krank gewesen wären, wären Sie nach Tuxedo gefahren, und ich hätte Sie dort gesehen.“
„Dann hat es also keinen Unterschied gemacht, was ich getan habe“, stimmte sie nachdenklich zu, „denn wir waren ohnehin dazu bestimmt, uns zu treffen.“
Er blieb nahe am Gitter stehen, was, da sie saß, seinen Kopf auf eine Höhe mit ihrem brachte.
„Es scheint“, sagte er lachend, „als seien wir ohnehin dazu verdammt, einander zu begegnen. Für mich sieht das nach einer Fügung des Schicksals aus.“
Sie zuckte leicht zusammen: „Was haben Sie gesagt?“
„Ich sagte, es sehe so aus, als ob das Schicksal ohnehin beabsichtigt hätte, dass wir uns treffen. Glauben Sie das nicht auch?“
Sie schwieg.
Er fügte fröhlich hinzu: „Ich habe das Schicksal nie gefürchtet.“
„Möchten Sie ein – ein Buch – oder irgendetwas anderes?“, fragte sie und bemerkte eine neue Befangenheit in ihrer Stimme.
„Ich glaube nicht, dass ich hier drin zum Lesen genug sehen könnte... Gehen Sie etwa?“
„Ich – sollte es wohl.“ Verärgert über die schwache Sinnlosigkeit ihrer Antwort ertappte sie sich dabei, wie sie den Absatz hinunterging, ohne ein bestimmtes Ziel. Sie drehte sich abrupt um und kam zurück.
„Wollen Sie ein Buch?“, wiederholte sie.
„Oh, ich vergaß, dass Sie nicht genug sehen können, um zu lesen. Aber vielleicht möchten Sie rauchen.“
„Gehen Sie etwa weg?“
„Ich – habe nichts dagegen, wenn Sie rauchen.“
Er zündete sich eine Zigarette an; sie sah ihn unschlüssig an.
„Sie dürfen nicht daran denken, hier zu bleiben“, sagte er. Woraufhin sie sich setzte.
„Ich nehme an, ich sollte versuchen, Sie zu unterhalten – bis Ferdinand mit einem Klempner zurückkehrt“, sagte sie.
Er protestierte: „Ich könnte niemals verlangen, dass Sie so viel für mich tun.“
„Ohnehin ist es meine Pflicht“, beharrte sie. „Ich sollte es tun.“
„Warum?“
„Weil Sie unter meinem Dach sind – als Gast.“
„Bitte denken Sie nicht----“
„Aber es macht mir wirklich nichts aus! Wenn es irgendetwas gibt, das ich tun kann, um Ihre Gefangenschaft zu erleichtern----“
„Sie ist leicht. Ich bin eigentlich ganz gern hier.“
„Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, das zu sagen.“
„Ich meine es wirklich so.“
„Wie können Sie das wirklich so meinen?“
„Ich weiß es nicht, aber ich tue es.“ In ihrem Eifer waren sie den Stäben nahe gekommen; sie stand da, beide Hände auf das Gitter gestützt, und sah hinein; er in einer ähnlichen Haltung, sah hinaus.
Er sagte: „Ich fühle mich wie ein Bewohner des Bronx-Zoos, und es wundert mich sehr, dass Sie mir nicht ein paar Erdnüsse zugeworfen haben.“
Sie lachte, holte ihre Pralinenschachtel und begann dann ernsthaft: „Wenn Ferdinand niemanden findet, fürchte ich, dass Sie womöglich zum Abendessen bleiben müssen.“
„Diese Aussicht“, sagte er, „ist nicht unangenehm. Wissen Sie, wenn man sich erst einmal an seinen Käfig gewöhnt hat, ist es ziemlich langweilig, herausgelassen zu werden.“
Sie probierten die Pralinen, wobei sie eng am Käfig saß, und da die Schachtel nicht durch die Stäbe passte, war sie gezwungen, sie ihm einzeln zu reichen.
„Ich frage mich“, sinnierte sie, „wie bald Ferdinand einen Klempner finden wird?“
Er zuckte mit den Schultern.
Sie neigte ihr entzückendes Haupt, wählte eine Praline und bot sie ihm an.
„Sind Sie nicht furchtbar ungeduldig?“, erkundigte sie sich.
„Nicht – furchtbar.“
Ihre Blicke begegneten sich und sie sagte hastig:
„Ich bin sicher, Sie müssen über jeden in diesem Haus absolut wütend sein. Ich – ich finde es äußerst liebenswürdig von Ihnen, sich diesbezüglich so fröhlich zu verhalten.“
„Tatsächlich“, sagte er, „fühle ich mich so fröhlich wie noch nie in meinem Leben.“
„Eingesperrt in einem Käfig?“
„Genau.“
„Der jeden Moment fallen könnte –“ Der Gedanke war für beide neu. Sie lehnte sich in plötzlichem Entsetzen vor. „Daran habe ich nie gedacht!“, rief sie. „Sie glauben doch nicht, dass es eine Chance gibt, dass er fällt, oder?“
Er sah in die aufgeschreckten, grauen Augen, die so eindringlich auf seinen lagen. Der sanfte Mund bebte ein wenig – nur ein wenig – oder er bildete es sich zumindest ein.
„Nein“, antwortete er mit einem leichten Stocken in der Stimme, „ich glaube nicht, dass er fallen wird.“
„Vielleicht sollten Sie sich darin nicht allzu viel bewegen. Seien Sie vorsichtig, ich flehe Sie an. Das werden Sie doch, nicht wahr, Mr. Vanderdynk?“
„Bitte lassen Sie sich davon nicht beunruhigen“, sagte er und trat impulsiv auf sie zu.
„Oh, nein, bewegen Sie sich nicht!“, rief sie. „Sie müssen wirklich ganz stillhalten. Wollen Sie mir versprechen, dass Sie ganz stillhalten?“
„Ich verspreche Ihnen alles“, sagte er etwas wild.
Keiner der beiden schien zu bemerken, dass er es übertrieben hatte.
Sie zog ihren Stuhl so nah wie möglich an das Gitter und lehnte sich dagegen.
„Sie werden Ihren Mut nicht verlieren, nicht wahr?“, fragte sie besorgt.
„Gewiss. Übrigens, wie tief ist es bis zum K-Keller?“
Sie wurde für einen Augenblick ganz blass, dann:
„Ich glaube, ich sollte besser die Polizei anrufen.“
„Nein! Tausendmal nein! Das könnte ich nicht ertragen.“
„Aber der Wagen könnte – abstürzen, bevor----“
„Besser anständig tot als öffentlich in der Zeitung.... Ich habe nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass dieses Ding abstürzen wird.... Ohnehin ist es das wert“, fügte er eher vage hinzu.
„Wert – was?“, fragte sie und sah in seine eher gewinnenden braunen Augen.
„Hier zu sein“, sagte er und sah in ihre einnehmenden grauen Augen.
Nach einem erstaunlichen Schweigen sagte sie ruhig: „Wollen Sie mir versprechen, sich nicht zu bewegen oder am Wagen zu rütteln, bis ich zurückkomme?“
„Sie werden nicht sehr lange brauchen, oder?“
„Nicht – sehr“, antwortete sie leise.
Sie ging in die Bibliothek, hielt in der Mitte des Zimmers inne, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihr Herz schlug wie ein mechanischer Hammer.
„Ich könnte mich genauso gut der Sache stellen“, sagte sie zu sich selbst; „er ist – bei weitem – der attraktivste Mann, den ich je gesehen habe.... Ich – ich weiß nicht, was mit mir los ist“, fügte sie kläglich hinzu.... „wenn es diese Maschine ist, die William gebaut hat, kann ich nichts dagegen tun; es ist mir nicht mehr wichtig; ich wünschte----“
Ein scharfer Knall vom Absatz ließ sie hastig, blass und verängstigt dorthin eilen.
„Irgendetwas ist irgendwo gesprungen“, erklärte der junge Mann mit erzwungener Lässigkeit, „irgendein unwichtiger Splitter hat nachgegeben und das Ding ist ein oder zwei Zentimeter abgerutscht.“
„G-glauben Sie----“
„Nein, das tue ich nicht. Aber es ist absolut edel von Ihnen, sich Sorgen zu machen.“
„S-sorgen? Ich bin natürlich ein wenig erschrocken.... Jeder wäre das.... Oh, ich wünschte, Sie wären draußen und b-vollkommen sicher.“ „Wenn ich dächte, dass es Ihnen jemals wirklich wichtig sein könnte, was aus einem Mann wie mir wird----“
Killian Van K. Vanderdynks aristokratische Sinne begannen zu wirbeln; er ergriff die Stäbe, sein Handrücken streifte ihre Hand, und der flüchtige Kontakt sandte einen Schock direkt durch den Sprössling jener berühmten Rasse.
Sie setzte sich abrupt; eine zarte Farbe stieg ihr ins Gesicht und rötete es.
Keiner sprach. Ein langer, leuchtender Sonnenstrahl fiel über den Absatz und berührte den Rand ihres Haares, bis es wie brennende Bronze schimmerte. Der empfindsame Mund war ruhig, die Augen, sehr ernst, hoben sich von Zeit zu Zeit und senkten sich dann nachdenklich auf die ineinander verschlungenen Finger auf ihrem Knie.
Konnte das möglich sein? Wie konnte das möglich sein? – mit einem Mann, den sie nie zuvor zufällig getroffen hatte – mit einem Mann, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben erst vor einer Stunde oder so gesehen hatte! Solche Dinge passierten nicht außerhalb von Kurzgeschichten. Es gab darin weder Logik noch anständiges Benehmen. Hatte sie noch einen Funken gewöhnlichen Verstand oder nicht?
Sie hob die Augen und sah den Erben der Vanderdynks an.
Natürlich konnte jeder sehen, dass er ungewöhnlich attraktiv war – dass er dieses undefinierbare Etwas an sich hatte, das man selten, wenn überhaupt, außerhalb der Fiktion oder der Zeichnungen von Mr. Gibson sah – vielleicht war es gänzlich auf diese beschränkt – abgesehen von diesem einen sehr seltenen Fall.
Sacharissas Augen senkten sich.
Ein weiterer ungewöhnlicher Umstand erregte ihre Aufmerksamkeit, nämlich dass seine eher bemerkenswerte körperliche Perfektion von einer Abstammung begleitet zu sein schien, die ebenso makellos war, und einer Erhabenheit des Mutes angesichts der Zerstörung selbst, die----
Sacharissa hob ihre grauen Augen.
Da stand er, aufgehängt über einem Abgrund, rauchte eine Zigarette, zwang sich tapfer zu einer Haltung heiterer Unbekümmertheit, während der Keller für ihn gähnte! Maschine hin oder her, wie konnte ein Mädchen beim Anblick einer solchen wundersamen Selbstbeherrschung ungerührt bleiben? Das konnte sie nicht. Es war natürlich, dass eine Frau von einem solchen Schauspiel zutiefst begeistert sein sollte – und William Destyns Maschine hatte damit nichts zu tun – absolut nichts! Auch nicht die Psychologie, noch die Dämonologie oder irgendetwas mit Drähten oder kabelloser Verbindung. Sie mochte ihn, offen gesagt. Wer würde das nicht? Sie fürchtete um ihn, verzweifelt. Wer würde das nicht? Sie----
„K-r-rach!“
„Oh – was ist das!“, rief sie und sprang zum Gitter.
„Ich weiß es nicht“, sagte er, etwas blass. „Das alte Ding scheint – zu rutschen.“
„Gibt nach!“
„Ein – wenig – glaube ich----“
„Mr. Vanderdynk! Ich muss die Polizei rufen----“
„Kr-rackle – knack-k-k!“, machte der Wagen und sackte ein oder zwei Zentimeter ab.
Mit einem unterdrückten Schrei ergriff sie seine Hände durch die Stäbe, als wolle sie ihn mit purer Gewalt halten.
„Sind Sie verrückt?“, sagte er heftig und stieß sie weg. „Seien Sie vorsichtig! Wenn das Ding fällt, brechen Sie sich die Arme!“
„Ich – ich kümmere mich nicht darum!“, sagte sie atemlos. „Ich kann nicht lassen----“
„Knack!“ Aber der Wagen blieb wieder stecken.
„Ich werde die Polizei rufen!“, rief sie.
„Die Zeitungen könnten sich über Sie lustig machen.“
„Hatten Sie etwa Angst um mich? Oh, Mr. Vanderdynk! Was kümmert mich Spott im Vergleich zu – zu----“
Der Wagen war nun so weit im Schacht versunken, dass sie knien und ihren Kopf nah an den Boden legen musste, um ihn zu sehen.
„Ich werde nur eine Minute am Telefon sein“, sagte sie. „Bewahren Sie Ihren Mut; ich denke jeden Moment an Sie.“
„W-wollen Sie mich ein Wort sagen lassen?“, stammelte er.
„Oh, was? Seien Sie schnell, ich flehe Sie an.“
„Es ist nur Lebewohl – für den Fall, dass das Ding abstürzt. Darf ich es sagen?“
„J-ja – ja! Aber sagen Sie es schnell.“
„Und wenn es doch nicht abstürzt, werden Sie nicht böse über das sein, was ich sagen werde?“
„N-nein. Oh, um Himmels willen, beeilen Sie sich!“
„Dann – sind Sie die süßeste Frau auf der Welt!... Lebewohl – Sacharissa – meine Liebe.“
Sie sprang auf, benommen, und im selben Moment ertönte ein gewaltiges Knacken und Splittern aus dem Schacht, und der Wagen versank aus ihrem Sichtfeld.
Schwach schwankte sie eine Sekunde gegen das Geländer, wandte sich dann um und rannte die Treppe hinunter, die Ohren gespannt auf den schrecklichen Aufprall von unten.
Es gab keinen Aufprall, keinen dumpfen Schlag. Als sie den Treppenabsatz des Salons erreichte, glitt zu ihrem Erstaunen ein normal beleuchteter Aufzug langsam herunter, blieb stehen, und die automatischen Gitter öffneten sich leise.
Als Killian Van K. Vanderdynk aus dem Aufzug kroch, versagten Sacharissas Nerven; auch seine schienen sich aufzulösen; und sie standen einige Augenblicke da, sich gegenseitig stützend, während in diesem Intervall ungewohnte Tränen aus den grauen Augen fielen und ungewohnte Worte, gebrochen gehaucht, sie beruhigten; und, völlig ungewohnt solcher Dinge, fanden sie sich kurz darauf in einer entfernten Ecke des Salons wieder, immer noch bemüht, sich gegenseitig mit ineinander verschlungenen Händen zu versichern.
Sie sagten so beharrlich nichts, dass die wortlosen Minuten zu Stunden pochten; durch die Fenster sandte der rote Westen einen glühenden Tentakel in den Raum und suchte in der Dämmerung nach ihnen.
Er fiel warm über ihren aufwärts gerichteten Hals im Halbdunkel.
Denn ihr Kopf lag auf seiner Schulter zurück; sein Kopf war herabgebeugt, die Lippen auf die weißen Hände gepresst, die duftend zwischen seinen eigenen zerdrückt wurden.
Ein Stern kam hervor und betrachtete sie mit Erstaunen; nach einer Weile war der Himmel von kleinen Sternen bevölkert, die alle durch das Fenster zu ihnen heruntersahen.
Ihre Zofe klopfte, wich hastig zurück und floh, verwirrt. Dann kam Ferdinand mit einem Klempner an.
Später kam der Butler. Sie bemerkten ihn nicht, bis er wagte zu husten und das Abendessen anzukündigen.
Die Unterbrechungen waren sehr lästig, besonders als sie zum Telefon gerufen wurde, um mit ihrem Vater zu sprechen.
„Was ist, Dad?“, fragte sie ungeduldig.
„Geht es dir gut?“
„Oh, ja“, antwortete sie sorglos; „uns geht es gut, Dad. Lebewohl.“
„Uns? Wer zum Teufel ist ‚uns‘?“
„Mr. Vanderdynk und ich. Wir nehmen meine Zofe und fahren heute Abend zusammen nach Tuxedo. Ich habe es jetzt eilig.“
„Was!!!“
„Oh, es ist alles in Ordnung, Dad. Hier, Killian, bitte erkläre meinem Vater die Dinge.“
Vanderdynk ließ ihre Hand los und nahm den Hörer ab, als wäre er ein unter Strom stehender Draht.
„Sind Sie das, Mr. Carr?“, begann er – hielt inne und stand lauschend, starr, verwirrt, und wurde immer röter, während die Redegewandtheit ihres Vaters zunahm. Dann legte er wortlos den Hörer auf.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie ruhig. „War Dad – lebhaft?“
Der junge Mann sagte: „Ich würde lieber zurück in diesen Aufzug gehen, als nach Tuxedo.... Aber – ich fahre.“
„Ich auch“, sagte Bushwyck Carrs Tochter und legte beide Hände auf die Schultern ihres Liebhabers.... „War er wirklich sehr – lebhaft?“
„Sehr.“
Das Telefon klingelte wieder wütend.
Er neigte sein Haupt; sie hob ihr Gesicht und er küsste sie.
Nach einer Weile nervte sie der Lärm des Telefons, und sie entfernten sich langsam, außer Hörweite.
VIII
„IM HIMMEL UND AUF ERDEN“
Die grüne Maus regt sich
„Ich warte schon eine halbe Stunde auf Sie“, bemerkte Smith trocken, als Beekman Brown mit einem Koffer in der Hand am U-Bahnhof erschien.
„Es war eine höchst außergewöhnliche Sache, die mich aufgehalten hat“, sagte Brown lachend und schob sich hinter seinem Freund in die Schlange am Fahrkartenschalter, wo er ihm über die Schulter zurufen konnte; „ich wollte gerade das Büro verlassen, Smithy, als Snuyder mit einer Karte hereinkam.“
„Oh, alles klar – natürlich, wenn----“
„Nein, es war kein Klient; ich muss ehrlich zu dir sein.“
„Dann warst du unverschämt, mich hier warten zu lassen.“
„Es war ein Mädchen“, sagte Beekman Brown.
Smith warf ihm einen kalten Blick über seine linke Schulter zu.
„Was für ein Mädchen?“
„Ein höchst außergewöhnliches Mädchen. Sie kam wegen – wegen einer Angelegenheit----“
„War es geschäftlich oder ein Anpumpen?“
„Nicht direkt geschäftlich.“
„Ein hübsches Mädchen?“, verlangte Smith zu wissen.
„Ja – außerordentlich; aber darum ging es nicht----“
„Oh, es war nicht das, was dich dazu brachte, eine halbe Stunde mit ihr zu reden, während ich hier in dieser verfluchten U-Bahn saß und erstickte!“
„Nein, Smith; ihre unbestreitbar attraktiven Züge und ihre – äh – gewinnende Persönlichkeit hatten damit absolut nichts zu tun. Kauf die Fahrkarten, und ich werde dir alles darüber erzählen.“
Smith kaufte zwei Fahrkarten. Ein nordwärts fahrender Zug donnerte in den Bahnhof. Die jungen Männer stiegen ein, setzten sich und stellten ihre Koffer zu ihren Füßen ab.
„Nun, was ist mit diesem gewinnenden Geschöpf, das dich eigentlich nicht interessierte?“, schlug Smith in Tönen vor, die durch die Erinnerung an seine halbstündige Wartezeit leicht säuerlich wurden.
„Smith, es war eine höchst ungewöhnliche Episode. Ich wollte gerade das Büro verlassen, um meinen Termin mit dir einzuhalten, als Snuyder mit einer Karte hereinkam----“
„Das hast du schon gesagt.“
„Aber ich habe dir nicht gesagt, was auf dieser Karte stand, oder?“
„Ich kann es erraten.“
„Nein, kannst du nicht. Ihr Name stand nicht auf der Karte. Sie war keine Vertreterin; sie hatte nichts zu verkaufen; sie wollte keine Anstellung; sie bat nicht um ein Abonnement für irgendetwas. Und was glaubst du, stand auf dieser Karte?“
„Na, was stand auf der Karte, um Himmels willen?“, schnauzte Smith. „Ich sage es dir. Die Karte schien eine gewöhnliche Visitenkarte zu sein; aber unten in einer Ecke war ein winziges und wunderschön gezeichnetes Bild einer grünen Maus.“
„Einer – was?“
„Einer Maus.“
„G-grün?“
„Erbsengrün.... Komm schon, Smith, wenn du gerade dein Büro verlassen würdest und dein Angestellter käme herein, ziemlich verwirrt und albern aussehend, und dir eine Karte mit nichts anderem als einer kleinen grünen Maus darauf geben würde, würde dich das nicht stutzig machen?“
„Ich nehme an, schon.“
Brown nahm seinen Strohhut ab, berührte sein hübsches Haupt mit dem Taschentuch und fuhr fort:
„Ich sagte zu Snuyder: ‚Was zum Kuckuck ist das?‘ Er sagte: ‚Es ist für Sie. Und da draußen ist ein überaus hübsches Mädchen, das erwartet, dass Sie sie für ein paar Momente empfangen.‘ Ich sagte: ‚Aber was hat diese Karte mit einer grünen Maus darauf mit diesem Mädchen oder mit mir zu tun?‘ Snuyder sagte, er wisse es nicht und ich solle sie besser selbst fragen. Also sah ich auf meine Uhr und dachte an dich----“
„Ja, das hast du getan.“
„Ich sage dir, das habe ich. Dann sah ich auf die Karte mit der grünen Maus darauf.... Und ich möchte dich offen fragen, Smith, was hättest du getan?“
„Oh, das, was du getan hast, nehme ich an“, antwortete Smith müde. „Fahr fort.“
„Ich fahre fort. Sie trat ein----“
„Sie war groß und dürr; das hast du wahrscheinlich vergessen“, bemerkte Smith in seiner anstößigsten Art.
„Wahrscheinlich nicht; sie war von mittlerer Größe, als ein Detail von äußerem Interesse. Aber obwohl sie in rein oberflächlichem und physischem Sinne ziemlich ungewöhnlich attraktiv war, war es aus ihrer Sprache und ihrem Auftreten sofort ersichtlich, dass bei ihr der Intellekt dominierte; ihr Geist, Smithy, regierte heiter, unbefleckt, triumphierend über die Materie.“
Smith sah erstaunt auf, aber Brown, mit einem wehmütigen Lächeln im Gesicht, fuhr fort:
„Sie hatte eine sehr gewinnende Art – eine Art zu sprechen – so hübsch ernst, so gravitätisch. Und sie sah mich die ganze Zeit direkt an----“
„Also hast du für das Heim für arbeitslose Patagonier gespendet.“
„Könntest du wohl den Mund halten?“, fragte Brown.
„Nein.“
„Dann versuche, respektvoll zuzuhören. Sie begann damit, die Bedeutung der erbsengrünen Maus auf der Karte zu erklären. Es scheint, Smith, dass es eine wissenschaftliche Gesellschaft namens ‚Die Grüne Maus‘ gibt, die sich aus ein paar Leuten zusammensetzt, die entschlossen sind, praktisch bestimmte Theorien anzuwenden, von denen sie glauben, dass sie einen kommerziellen Wert haben.“
„War sie“, erkundigte sich Smith mit irreführender Höflichkeit, „das, was man als ‚Astrologin‘ bezeichnet?“
„Das war sie nicht. Sie ist, glaube ich, die Vorsitzende der Gesellschaft ‚Die Grüne Maus‘. Sie erklärte mir, dass es unbestreitbar bewiesen sei, dass die Erde nicht nur von jenen unsichtbaren elektrischen Strömen umhüllt ist, die heute anstelle von Drähten verwendet werden, um telegrafische Nachrichten zu übermitteln, sondern dass diese Welt von uns auch von unzähligen psychischen Strömen umgürtet ist, die um die Erde wirbeln----“
„Was für Ströme?“
„Psychische.“
„Die die Erde umkreisen?“
„Genau. Wenn du eine drahtlose Nachricht senden willst, klinkst du dich in einen Strom ein, nicht wahr? – oder du zapfst ihn an – oder so etwas. Nun, sie haben entdeckt, dass jeder dieser unzähligen Millionen von psychischen Strömen durch zwei lebende, menschliche Entitäten unterschiedlichen Geschlechts fließt; dass zum Beispiel alles, was du tun musst, um mit der Person zu kommunizieren, die auf demselben psychischen Strom ist wie du, darin besteht, dein Unterbewusstsein auf eine bestimmte Intensität und Tonhöhe einzustimmen, und es wird wie eine Kommunikation per Telefon sein, egal wie weit ihr voneinander entfernt seid.“
„Brown!“
„Was?“
„Ist sie in dein Büro gegangen, um dir diese Art von – von – Informationen zu geben?“
„Teilweise. Sie war dabei vollkommen bezaubernd. Sie erklärte mir, dass die ganze Natur in vorherbestimmte Paare unterteilt sei und dass irgendwo, zu irgendeiner Zeit, entweder hier auf Erden oder in einer der verschiedenen zukünftigen Existenzen, dieses vorherbestimmte Paar sicher ist, sich zu treffen und das universelle Schema so zu vervollständigen, wie es geplant war. Verstehst du das, Smithy?“
Smith saß eine Weile schweigend und nachdenklich da, dann:
„Du sagst, ihre Theorie ist, dass jeder einen dieser psychischen Ströme besitzt?“
„Ja.“
„Ich bin auf einem privaten psychischen Strom, der um diesen Globus wirbelt?“
„Sicher.“
„Und irgendein – äh – junges Mädchen ist am anderen Ende?“
„Ganz sicher.“
„Dann, wenn ich nur mein Ende des Drahtes zu fassen bekäme, könnte ich – äh – sie anrufen?“
„Ich glaube, das ist die Idee.“
„Und – sie ist für mich?“
„So sagen sie.“
„Gibt – gibt es irgendeine Möglichkeit, sie zuerst zu sehen?“
„Du müsstest sie sowieso irgendwann nehmen.“
„Aber angenommen, sie gefiele mir nicht?“
Die beiden jungen Männer saßen einige Augenblicke lachend da, dann fuhr Brown fort:
„Du siehst, Smith, mein Gespräch mit ihr war eine so seltsame Episode, dass ich so gut wie alles, was ich tat, ihr zuzuhören, also weiß ich nicht, wie die Details ausgearbeitet werden. Sie erklärte mir, dass die Gesellschaft ‚Die Grüne Maus‘ gerade gegründet wurde, nicht nur zum Zweck der psychischen Forschung, sondern um die Entdeckung der psychischen Ströme praktisch anzuwenden und kommerziell zu nutzen. Das ist es, was ‚Die Grüne Maus‘ zu tun versucht: sich als Unternehmen zu formieren und Aktien und Anleihen auszugeben----“
„Was?“
„Gewiss. Es klingt zuerst wie der Traum eines Verrückten, aber wenn man es sich genauer ansieht – denke zum Beispiel an die Millionen von Klienten, die ein solches Unternehmen hätte. Als Beispiel: ein junger Mann, bereit für die Ehe, geht zu ‚Die Grüne Maus‘ und zahlt eine Gebühr. ‚Die Grüne Maus‘ sortiert, identifiziert und fängt den ganz persönlichen Strom des jungen Mannes ab, klinkt sein Unterbewusstsein daran an, und zisch! – er ist an einem Ende eines unsichtbaren Telefons und das einzige Mädchen auf Erden ist am anderen.... Was ist daran verkehrt, wenn sie schnell ein Date für eine Vorstellung vereinbaren?“
Smith sagte langsam: „Willst du mir weismachen, dass irgendeine vernünftige Person mit einem Vorschlag, Aktien an einem solchen Unternehmen zu erwerben, zu dir ins Büro gekommen ist?“
„Sie hat es nicht einmal vorgeschlagen.“
„Was wollte sie dann?“
„Sie wollte“, sagte Brown, „einen vollkommen normalen, phantasielosen Geschäftsmann, der sich freiwillig bereit erklären würde, der Gesellschaft ‚Die Grüne Maus‘ zu erlauben, seinen psychischen Strom zu sortieren, ihn daran anzuschließen und zu sehen, was passieren würde.“
„Sie will an dir experimentieren?“
„So habe ich es verstanden.“
„Und – du wirst es ihr nicht erlauben, oder?“
„Warum nicht?“
„Weil es – es idiotisch ist!“, sagte Smith hitzig. „Ich glaube nicht an solche Dinge – du auch nicht – niemand tut das – aber trotzdem kannst du in diesen Tagen nicht vollkommen sicher sein, was für ein teuflisches Spiel du da vor dir hast.“
Brown lächelte. „Ich sagte ihr sehr höflich, dass ich es für vollkommen unmöglich hielte, an solche Dinge zu glauben; und sie war außerordentlich reizend deswegen und meinte, es spiele keine Rolle, was ich glaube. Es scheint, als sei mein Name durch Zufall ausgewählt worden – sie haben das Telefonbuch an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen, und sie hat mit verbundenen Augen mit einem Bleistift eine Markierung am Rand gegenüber einem der Namen auf der Seite gemacht. Es war zufällig mein Name. Das ist alles.“
„Hättest es ihr nicht erlauben dürfen!“, sagte Smith ernst.
„Warum nicht, solange absolut nichts dahintersteckt? Außerdem, wenn es ihr Vergnügen bereitet, es zu versuchen, warum sollte sie nicht? Zudem habe ich nicht die geringste Absicht oder den Wunsch, irgendjemanden zu umwerben oder zu heiraten, und ich möchte sehen, wer mich dazu bringen will.“
„Willst du damit sagen, dass du ihr gesagt hast, sie solle weitermachen?“
„Natürlich“, sagte Brown heiter. „Und sie hat mir sehr hübsch gedankt. Sie ist gut erzogen – außergewöhnlich gut.“
„Oh! Und was hast du dann getan?“
„Wir haben uns eine Weile unterhalten.“
„Worüber?“
„Nun, ich erwähnte zum Beispiel dieses seltsam beklemmende Gefühl, das jeden von Zeit zu Zeit überkommt – die plötzliche Überzeugung, dass alles, was man sagt und tut, schon einmal von einem gesagt und getan wurde – irgendwo. Verstehst du?“
„Oh ja.“
„Und sie lächelte und sagte, solche Empfindungen seien lediglich Echos von dem unsichtbaren psychischen Draht und dass Wiederholungen aus einer früheren Inkarnation nicht ungewöhnlich seien, besonders wenn die andere Person, durch die der psychische Strom floss, in der Nähe war.“
„Du willst damit sagen, dass, wenn ein Kerl dieses seltsame Gefühl hat, dass das alles schon einmal passiert ist, das – das vorherbestimmte Mädchen in der Nähe ist?“
„Das hat mir meine hübsche Informantin gesagt.“
„Wer“, fragte Smith, „ist diese hübsche Informantin?“
„Sie bat darum, ihren Namen zurückhalten zu dürfen.“
„Hat sie dich nicht gebeten, dich anzumelden?“
„Nein; sie bat lediglich darum, meinen Namen als Referenz für zukünftige Klienten verwenden zu dürfen, falls The Green Mouse Society in meinem Fall erfolgreich wäre.“
„Was hast du gesagt?“
Brown lachte. „Ich sagte, wenn irgendein Individuum oder eine Gruppe von Individuen mich innerhalb eines Jahres dazu bringen könnte, mich in ein lebendes Exemplar der weiblichen Menschheit zu verlieben und ihr den Hof zu machen, würde ich es freudig von den Dächern schreien und mit Vergnügen jedem, den ich kenne und der noch unverheiratet ist, The Green Mouse empfehlen.“
Beide lachten.
„Was für einen Unsinn wir geredet haben“, bemerkte Smith, stand auf und nahm seinen Koffer. „Hier ist unser Bahnhof, und wir sollten uns beeilen, sonst verpassen wir das Boot. Ich würde diese Wochenendparty um nichts in der Welt verpassen wollen!“
„Ich auch nicht“, sagte Beekman Brown.
IX
EINE QUERSTRECKEN-BAHN
Über den plötzlichen Wahnsinn eines gewissen Brown
Als die beiden jungen Männer mit ihren Koffern aus der U-Bahn am Times Square in das sommerliche grelle Licht und den Lärm des Broadway und der Forty-second Street traten, hielt Brown plötzlich inne, presste die Hand an die Stirn, starrte ernst in den Himmel, als versuche er sich zu erinnern, wie man fliegt, ergriff dann abrupt Smiths linken Arm kurz über dem Ellbogen und drückte zu, was dem Letzteren ein überaus unangenehmes Gefühl bereitete.
„Halt! Lass das!“, protestierte Smith und wand sich vor Ärger.
Brown starrte nur ihn und dann den Himmel an.
„Hör auf damit!“, wiederholte Smith erstaunt. „Warum kneifst du mich und schaust dann in den Himmel? Will – will etwa ein Eindecker auf mir landen? Was ist eigentlich mit dir los?“
„Dieses eigentümliche Bewusstsein“, sagte Brown verträumt, „schleicht sich über mich. Beweg dich nicht – sprich nicht – unterbrich mich nicht, Smith.“
„Lass mich los!“, erwiderte Smith.
„Stille! Warte! Es schleicht sich ganz sicher über mich.“
„Was schleicht sich über dich?“
„Du weißt, was ich meine. Ich erlebe dieses seltsame Gefühl, dass all das – äh – all das hier – schon einmal passiert ist.“
„All was? – Verdammt noch mal!“
„All das! Dass ich an einem heißen Sommertag im höllischen Lärm einer großen Stadt stehe; und – und ich scheine mich lebhaft daran zu erinnern – auf eine gewisse Art – die brennende Sonne, der erstickende Geruch des Pflasters; ich scheine mich sogar an diesen Kutscher dort zu erinnern, der seinem Pferd die Nase abwischt – sogar an diesen Handkarren, der mit Pfirsichen beladen ist! Smith! Was ist das für eine wahnsinnig flüchtige Erinnerung, die mich verfolgt – mich mit der seltsamen Idee verfolgt, dass all dies schon einmal geschehen ist?... Weißt du, was ich meine?“
„Ich habe dir gerade zugegeben, dass jeder ab und zu so ein Flimmern hat, und es gibt keinen Grund, sich deshalb auf die Hinterbeine zu stellen. Komm schon, sonst verpassen wir unseren Zug.“
Doch Beekman Brown blieb starr stehen, seine jugendlichen und attraktiven Gesichtszüge verzogen in einem vergeblichen Versuch, die flüchtigen Erinnerungen zu greifen, die herbeischwärmten – mückenartige Erinnerungen, die ihn neckten und ablenkten.
„Es ist, als wären die gesamten Umstände seltsam vertraut“, sagte er; „als ob alles, was du und ich tun und sagen, schon einmal von uns unter genau denselben Bedingungen getan und gesagt worden wäre – irgendwo – irgendwann.“
„Wir verpassen das Boot am Ende der Forty-second Street“, unterbrach ihn Smith ungeduldig. „Und wenn wir das Boot verpassen, verpassen wir unseren Zug.“
Brown starrte gen Himmel.
„Ich habe dieses Gefühl noch nie in meinem ganzen Leben so stark empfunden“, murmelte er; „es ist – es ist erstaunlich. Weißt du, Smith, ich wusste, dass du das sagen würdest.“
„Was sagen?“, verlangte Smith zu wissen.
„Dass wir das Boot und den Zug verpassen würden. Ist das nicht komisch?“
„Oh, sehr. Ich werde es irgendwann noch einmal sagen, wenn es dich amüsiert; aber da wir zu diesem Wochenende bei den Carringtons wollen, sollten wir uns besser ein Taxi nehmen und uns zum Ende der West Forty-second Street beeilen. Ist daran irgendetwas sehr Komisches?“
„Das wusste ich auch. Ich wusste, dass du sagen würdest, wir müssten ein Taxi nehmen!“, beharrte Brown, erstaunt über seine eigene „Hellseherei“.
„Also hör mal“, erwiderte Smith, nun vollkommen gereizt; „bis vor fünf Minuten warst du vernünftig. Was zum Teufel ist mit dir los, Beekman Brown?“
„James Vanderdynk Smith, ich weiß es nicht. Herrgott noch mal! Ich wusste, dass du das zu mir sagen würdest und dass ich so antworten würde!“
„Kommst du jetzt oder willst du den Rest des Nachmittags auf diesem glühend heißen Bordstein Unsinn reden?“, fragte Smith wütend.
„Jim, ich sage dir, alles, was wir in den letzten fünf Minuten getan und gesagt haben, haben wir schon einmal getan und gesagt – irgendwo – vielleicht auf einem anderen Planeten; vielleicht vor Jahrhunderten, als du und ich Römer waren und Togen trugen ––“
„Verdammt noch mal! Was kümmert mich das“, schrie Smith, „ob wir Römer waren und Togen trugen? Wir werden in diesem Jahrhundert auf diesem Planeten bei einer Party erwartet. Sie erwarten uns in diesem Zug. Kommst du? Wenn nicht – dann lockere gefälligst diesen krebsartigen Griff an meinem Ellbogen, bevor eine Teillähmung einsetzt.“
„Smith, warte! Ich sage dir, das wird irgendwie seltsam bedeutungsvoll. Ich habe das komischste Gefühl, dass mir etwas zustoßen wird.“
„Das wird es“, sagte Smith drohend, „wenn du meinen Ellbogen nicht loslässt.“
Doch Beekman Brown, ein Opfer zunehmender Aufregung, klammerte sich an seinen Freund.
„Warte nur einen Moment, Jim; etwas Bemerkenswertes wird wahrscheinlich passieren! Ich – ich habe mich noch nie zuvor so gefühlt – so stark – in meinem ganzen Leben. Etwas Außergewöhnliches wird mir ganz bestimmt gleich zustoßen.“
„Es ist passiert“, sagte sein Freund kalt; „du bist verrückt geworden. Außerdem haben wir den Zug verpasst. Verstehst du das?“
„Ich wusste, dass wir das würden. Ist das nicht merkwürdig? Ich – ich glaube, ich kann dir fast sagen, was uns noch alles zustoßen wird.“
„Ich sage es dir“, zischte Smith; „ein Krankenwagen für dich und ab in die Klapsmühle! Was versuchst du jetzt schon wieder?“ Mit echtem Misstrauen, denn Brown, auf der Bordsteinkante balancierend, begann, seine Arme vogelartig zu schwingen, als wolle er sich zum Flug über die Forty-second Street abstoßen.
„Der Wagen!“, rief er aufgeregt, „der kirschrote Querstreeken-Wagen! Wo ist er? Siehst du ihn irgendwo, Smith?“
„Was? Was meinst du? Es ist kein Querstreeken-Wagen in Sicht. Brown, benimm dich nicht so! Sei nicht albern! Was zum Teufel ––“
„Er kommt! Da kommt ein Wagen!“, rief Brown.
„Glaubst du, du bist ein Rennwagen und ich eine Kurve?“
Brown winkte ihn ungeduldig beiseite.
„Ich sage dir, dass etwas höchst Erstaunliches passieren wird – in einem kirschroten Straßenbahnwagen... Und irgendwie werde ich einen Grund haben, einzusteigen.“
„In was?“
„In diesen kirschroten Wagen, weil – weil – da ein Weidenkorb darin sein wird – jemand, der einen Weidenkorb hält – und da wird – da wird – ein – ein – weißes Sommerkleid sein – und ein großer weißer Hut ––“
Smith starrte seinen Freund voller Kummer und Fassungslosigkeit an. Brown stand auf der Bordsteinkante, blass, entrückt, und stieß unzusammenhängende Prophezeiungen über das Erscheinen eines Wagens aus, der nirgendwo im unmittelbaren großstädtischen Blickfeld sichtbar war.
„Alter Junge“, begann Smith bewegt, „ich glaube, du solltest ganz ruhig irgendwo mit mir mitkommen. Ich – ich möchte dir etwas Hübsches und Nettes zeigen.“
„Horch!“, rief Brown.
„Sicher, ich horche für dich“, sagte Smith beschwichtigend, „oder ich belle für dich, wenn du willst, oder was auch immer, wenn du nur einfach ruhig mitkommst.“
„Der kirschrote Wagen!“, rief Brown unter gewaltiger Erregung. „Schau, Smithy! Das ist der Wagen!“
„Sicher, ist er das! Ich sehe ihn, alter Junge. Die fahren alle fünf Minuten. Was zum Teufel ist so erstaunlich an einem Querstraßen-Kreuzer mit roter Wasserlinie?“
„Schau!“, beharrte Brown, nun fast außer sich. „Der Weidenkorb! Das Sommerkleid! Genau wie ich es vorhergesehen habe! Der große Strohhut! – das – das Mädchen!“
Und er stieß Smith heftig beiseite, rannte dem kirschroten Wagen hinterher, erwischte ihn, schwang sich an Bord und ließ sich triumphierend und atemlos auf den Quersitz hinter den Platz sinken, der von einem Weidenkorb, einem dünnen Sommerkleid, einem großen weißen Strohhut und – einem Mädchen – besetzt war, dem erstaunlichsten hübschen Mädchen, das er je gesehen hatte. Hinter ihm her, kopfüber wie ein aufgeschrecktes Huhn, stürmte Smith und landete neben ihm, keuchend und bedrohlich.
„Was – zum – Teufel – stiegst – du – in – diesen – Wagen!“, keuchte er und rutschte wütend neben Brown. „Steig aus, oder ich ziehe dich herunter!“
Doch Brown schüttelte nur mit einem verliebten Lächeln den Kopf.
„Ist es das Mädchen?“, sagte Smith erbost. „Bist du ein – ein Broadway-Don Juan oder bist du ein respektabler Anwalt mit einem Schimmer von gesundem Menschenverstand und der Absicht, heute eine gesellschaftliche Verpflichtung bei den Carringtons einzuhalten?“
Und Smith zog seine Taschenuhr hervor und fuchtelte damit wütend vor Browns schöner und sonnengebräunter Nase herum.
Doch Brown rutschte nur auf dem Sitz von ihm weg und sagte:
„Lass mich in Ruhe, Jim; das ist eine zu bedeutsame Krise in meinem Leben, als dass sich ein wohlmeinender, aber intellektuell unterentwickelter Freund einmischen und mir unter den Füßen herumlaufen müsste.“
„Intellektuell u-u-unterentwickelt – meinst du etwa mich?“, fragte Smith, der seinen Ohren nicht trauen konnte. „Meinst du etwa?“
„Ja, das tue ich! Weil mir plötzlich ein Wunder in der Forty-second Street geschieht, und du, mit deinem Börsenmaklerverstand, unfähig, es zu würdigen, klapperst und schreist hinter mir her wegen einer Hausparty – einer banalen, alltäglichen, gesellschaftlichen Verabredung, während ich ein ausgewachsenes Wunder vor mir habe!“
„Welches Wunder?“, stammelte Smith, verblüfft.
„Welches Wunder? Habe ich dir nicht gesagt, dass ich dieses seltsame Gefühl hatte, dass all das schon einmal passiert ist? Habe ich nicht plötzlich angefangen – als wäre ich von einer unsichtbaren Macht gezwungen – Dinge vorherzusagen? Habe ich nicht das Kommen dieses Quersitz-Wagens prophezeit? Habe ich nicht sogar seine Farbe genannt, bevor er in Sicht kam? Habe ich dich nicht gewarnt, dass ich wahrscheinlich einsteigen würde? Habe ich dir nicht offenbart, dass ein großer Strohhut und ein hübsches Sommerkleid ––“
„Verdammt!“, schrie Smith fast, „es gibt etwa fünftausend kirschrote Quersitz-Wagen in dieser Stadt. Es gibt etwa fünf Millionen weiße Hüte und Kleider in diesem Stadtbezirk. Es gibt fünf Milliarden Mädchen, die sie tragen ––!“ „Ja; aber der Weidenkorb“, hauchte Brown. „Wie erklärst du dir das?... Und überhaupt, du nervst mich, Smith. Warum steigst du nicht aus dem Wagen und gehst irgendwohin?“
„Ich will wissen, wohin du gehst, bevor ich dir den Kopf abreiße.“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Brown heiter.
„Versuchst du tatsächlich, diesem Mädchen zu folgen?“, flüsterte Smith entsetzt.
„Ja... Es klingt billig, nicht wahr? Aber das ist es wirklich nicht. Es ist etwas, das ich nicht erklären kann – du würdest es selbst dann nicht verstehen, wenn ich versuchen würde, dich aufzuklären. Das Gefühl, das ich hege, ist zu erhaben, als dass es manche begreifen könnten, zu vage, zu rein, zu ätherisch für ––“
„Ich bin genauso erhaben und ätherisch wie du!“, erwiderte Smith hitzig. „Und ich erkenne einen – einen ätherischen Lothario, wenn ich einen sehe!“
„Das bin ich nicht – auch wenn es so aussieht – und ich vergebe dir, Smithy, dass du die Beherrschung verloren und solche Worte benutzt hast.“
„Oh, das tust du?“, sagte Smith und grinste vor Wut.
„Ja“, nickte Brown freundlich. „Ich vergebe dir, aber nenn mich nicht noch einmal so. Du meinst es gut, aber ich werde endlich herausfinden, was dieses ganze wahnsinnige, quälende, unerklärliche und mysteriöse Gefühl, dass alles schon einmal passiert ist, wirklich bedeutet. Ich werde es bis zur Quelle zurückverfolgen; ich werde meine Aufzeichnungen mit diesem hochintelligenten Mädchen vergleichen.“
„Du willst sie ansprechen?“
„Das werde ich. Ich muss. Wie kann ich sonst die Daten vergleichen.“
„Ich hoffe, sie ruft die Polizei. Wenn sie es nicht tut, werde ich es tun.“
„Mach dir keine Sorgen. Sie ist Teil dieser seltsamen Situation. Sie wird es begreifen, sobald ich anfange zu erklären. Sie ist intelligent; man muss sie nur ansehen, um das zu verstehen.“
Smith, der vor ohnmächtiger Wut erstickte, wagte dennoch einen schnellen Blick. Ihre unbestreitbare Schönheit erbitterte ihn nur noch mehr. „Zu denken – zu denken“, platzte er heraus, „dass ein bescheidener, anständiger, gesetzestreuer Geschäftsmann wie ich plötzlich aufwacht und feststellen muss, dass sein Jugendfreund zu einem gottlosen Verehrer der Venus geworden ist!“
„Ich bin kein Verehrer der Venus!“, erwiderte Brown und lief rosa an. „Ich schlage dich, wenn du das noch einmal sagst. Ich bin ein genauso anständiger und respektabler Geschäftsmann wie du! Und meine Grammatik ist besser. Und Gott sei Dank! Ich habe genug Intellekt, um ein Wunder zu erkennen, wenn es mir passiert... Glaubst du, ich wäre fähig, Gefühle zu hegen, die das Erröten der Koketterie auf die Wangen der Bescheidenheit bringen könnten? Glaubst du das?“
„Nun – nun, ich weiß nicht, was du vorhast!“, erhob Smith seine Stimme vor Fassungslosigkeit und Verzweiflung. „Ich weiß nicht, was dich reitet, dich so zu benehmen. Die Leute erleben keine Wunder in New Yorks Quersitz-Wagen. Die wildeste Einbildungskraft könnte daraus höchstens einen Zufall machen. Es gibt Billionen von Mädchen in solchen Wagen, die genau wie dieses hier gekleidet sind.“
„Aber der Korb!“
„Noch ein Zufall. Es gibt Quadrillionen von Weidenkörben.“
„Nicht“, sagte Brown, „mit dem Inhalt dieses hier.“
„Warum nicht?“
Smith drehte sich instinktiv um, um den Korb zu betrachten, der zierlich auf den Knien des Mädchens balancierte.
Er versuchte, mit konzentriertem Blick durch das Weidengeflecht zu dringen. Er konnte nichts als Weiden sehen.
„Nun“, begann er wütend, „was ist in dem Korb? Und woher weißt du das – du Wahnsinniger?“
„Glaubst du mir, wenn ich es dir sage?“
„Wenn du irgendeinen bestätigenden Beweis liefern kannst ––“
„Nun denn – da ist eine Katze in dem Korb.“
„Eine – was?“
„Eine Katze.“
„Woher weißt du das?“
„Ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber da ist eine große, graue Katze in dem Korb.“
„Warum eine graue?“
„Das kann ich dir nicht sagen, aber sie ist grau, und sie hat sechs Zehen an jedem Fuß.“
Smith fühlte wirklich, dass man ihn nun zum Narren hielt.
„Brown“, sagte er und versuchte, höflich zu sprechen, „wenn mir irgendjemand in den fünf Stadtbezirken gestern mit eidesstattlichen Erklärungen gekommen wäre und mir gesagt hätte, wie du dich heute Morgen benehmen würdest ––“
Seine Stimme, die unbewusst lauter wurde, als ihm das Ausmaß des empörenden Unrechts bewusst wurde, hallte über das Rasseln und Quietschen des Wagens hinaus, und das Mädchen drehte sich abrupt um und sah ihn direkt an und dann Brown.
Die reine, furchtlose Schönheit dieses Blicks, die violetten Augen, die sich ein wenig vor Überraschung weiteten, ließen beide jungen Männer verstummen.
Sie musterte Brown einen Augenblick lang, dann wandte sie sich wieder heiter ihrer ruhigen Betrachtung der belebten Straße zu. Doch ihre zierlichen, eng anliegenden Ohren sahen aus, als würden sie zuhören.
Die jungen Männer starrten einander an.
„Dieses Mädchen ist gut erzogen“, sagte Smith mit leiser, erregter Stimme. „Du – du würdest doch nicht daran denken, sie anzusprechen!“
„Ich bin dazu verpflichtet, sage ich dir! Das alles ist schon einmal passiert. Ich erkenne alles wieder, während es geschieht... Sogar, wie du dich zu einer allgemeinen Belästigung machst.“
Smith richtete sich auf.
„Ich werde dich gewaltsam aus diesem Wagen stoßen. Erinnerst du dich an diesen Vorfall?“
„Nein“, sagte Brown überzeugt, „dieser Vorfall ist nicht passiert. Du hast nur damit gedroht. Ich erinnere mich jetzt.“
Trotz seiner selbst spürte Smith einen leichten Schauer, der seinen Nacken hinaufkroch und seine Wirbelsäule beeinträchtigte.
Er sagte, tief bewegt: „Was für eine schreckliche Lage für mich – mit einem Freund, der plötzlich auf den Straßen von New York verrückt geworden ist und einem Korb hinterherläuft, der, wie er glaubt, eine Katze enthält. Eine Katze! Gott ––“
Brown ergriff seinen Arm. „Pass auf!“, hauchte er.
Der Deckel des Korbes neigte sich ein wenig; zwischen Deckel und Rand wurde eine weiche, pelzige, sechszehige graue Pfote herausgestreckt. Dann sagte eine klagende Stimme: „Miau-w!“
X
DER DECKEL IST AB
Ein Bündnis, offensiv, defensiv und rückwärtig
Smith, wie versteinert, starrte verständnislos auf die Pfote.
Eine Weile blieb er dumm unfähig zu sprechen oder sich zu bewegen, dann, als würde er aus einem bösen Traum erwachen:
„Was wirst du eigentlich tun?“, fragte er mit Mühe. „Dieser Wagen muss doch irgendwann anhalten, nehme ich an, und – und was dann?“
„Ich weiß nicht, was ich tun werde. Was auch immer ich tue, wird das sein, was mir, dieser Katze und diesem Mädchen zustoßen sollte – das ist das, was bestimmt ist, zu geschehen. Das ist alles, was ich darüber weiß.“
Sein Freund fuhr sich mit einer unruhigen Hand über die Stirn.
„Das ganze Vorgehen wird zum Albtraum“, sagte er unstet. „Bin ich wach? Ist das die Forty-second Street? Halt mal ein paar Finger hoch, Brown, und lass mich raten, wie viele du hochhältst, und wenn ich falsch rate, bin ich zu Hause im Bett und schlafe und die ganze Sache ist vorbei.“
Beekman Brown klopfte seinem Freund auf die Schulter.
„Nimm dir ein Taxi, Smithy, und geh irgendwohin. Und wenn ich nicht komme, fahr allein zu den Carringtons... Es macht dir doch nichts aus, zu den Carringtons zu fahren und die Dinge dort zu regeln, oder?“
„Brown, glaubst du, dass The Green Mouse Society dich in ihre Gewalt gebracht hat? Glaubst du das?“
„Ich weiß es nicht und es kümmert mich nicht... Smith, ich frage dich ganz direkt: Hast du jemals zuvor ein so vollkommen schönes Mädchen gesehen wie das dort?“
„Beekman, glaubst du, dass etwas Sonderbares dabei herauskommen wird? Du glaubst doch nicht etwa, dass sie etwas mit diesem außergewöhnlichen Spleen von dir zu tun hat?“
„Etwas damit zu tun haben? Wie?“
„Ich meine“, er senkte seine Stimme in heisere Tiefen, „woher willst du wissen, ob dieses Mädchen, das vorgibt, uns keine Beachtung zu schenken, nicht eine – eine – eine dieser geschickten, professionellen Mesmeristinnen ist, die dich zwingen, ihnen zu folgen, dich in ihre Gewalt bringen, dich ausstellen und dich dazu bringen, rohe Kartoffeln und Talgkerzen und Reißnägel vor einem Publikum zu essen.“
Er spähte verstohlen zu Brown, der nicht beunruhigt wirkte.
„Alles, wovor ich Angst habe“, fügte Smith mürrisch hinzu, „ist, dass du dich im Varieté oder im Polizeiwagen wiederfindest.“
Er wartete, doch Brown gab keine Antwort.
„Oh, sehr wohl“, sagte er kalt. „Ich nehme ein Taxi zurück zum Boot.“
Keine Bemerkung von Brown.
„Also, leb wohl, alter Gefährte“ – mit einiger Bewegung.
„Leb wohl“, sagte Beekman Brown geistesabwesend.
Tatsächlich bemerkte er nicht einmal, als sein zutiefst beleidigter Partner den Wagen verließ, so sehr war er damit beschäftigt, dem subtil aufregenden Gedankengang zu folgen, der ihn neckte, verspottete, nirgendwohin führte und ihn doch immer wieder zu neuen Anstrengungen der Erinnerung lockte. Wo war das alles schon einmal geschehen? Wann? Was würde als Nächstes geschehen – unerbittlich geschehen, so wie es einmal geschehen war oder einmal hätte geschehen sollen, in einem dunklen, vergangenen Zeitalter, als er und jener Korb und jene Katze und dieses gleiche, hinreißend schöne Mädchen zusammen auf Erden existierten – oder vielleicht auf einem Planeten, der weit draußen jenseits des Wissens von Menschen mit Fernrohren schwamm?
Er sah das Mädchen an, versuchte, sie unpersönlich zu betrachten, denn ihre jugendliche Schönheit begann ihn zu stören. Dann schlich sich kalter Zweifel ein; etwas von der Monstrosität des Vorgehens kühlte seinen Enthusiasmus für okkulte Forschung ab. Sollte er sie ansprechen?
Sicherlich war es eine schreckliche Sache – ein Vergehen, dessen Ungeheuerlichkeit absolut unentschuldbar war, außer unter dem Druck einer rein unpersönlichen und wissenschaftlichen Notwendigkeit, eine mentale Phase der Menschheit zu untersuchen, die ihn immer mit einer zutiefst profunden Neugier erfüllt hatte.
Er verschränkte die Arme und begann, im kalten Blut die Umstände Revue passieren zu lassen, die zu seiner gegenwärtigen Situation in einem Quersitz-Wagen geführt hatten. Nummer eins, und er hielt einen Finger hoch:
Wie es manchmal jedem normalen Menschen widerfährt, war ihm die seltsame Idee gekommen, dass das, was er sagte und tat, als er aus der U-Bahn am Times Square trat, das war, was er schon einmal, irgendwo, unter ähnlichen Umständen gesagt und getan hatte. Das war der Anfang.
Nummer zwei, und er hielt ernsthaft einen zweiten Finger hoch:
Immer wenn dieser Gedanke ihn zuvor belästigt hatte, war er nach einem oder zwei Momenten verblasst und hatte ihn nur unruhig und unzufrieden zurückgelassen.
Diesmal hielt er an – drang ein, ärgerte, exasprierte ihn bei seinen Versuchen, sich an Dinge zu erinnern, die er nicht rekapitulieren konnte.
Nummer drei, und er hielt einen dritten Finger hoch:
Er hatte begonnen sich zu erinnern! Sobald er oder Smith etwas sagten oder taten, erinnerte er sich daran, es irgendwann, irgendwo gesagt oder getan zu haben, oder er erinnerte sich, dass er es hätte tun sollen.
Nummer vier – vier Finger in der Luft, steife, entschlossene Ziffern:
Er hatte nicht nur durch eine heftige Konzentration seines Gedächtnisses Erfolg damit gehabt, die gesagten und getanen Dinge als bereits zuvor gesagt und getan wiederzuerkennen, sondern plötzlich wurde ihm bewusst, dass er imstande sein würde, vage gewisse Vorfälle vorherzusagen, die noch eintreten würden – wie das prophezeite Erscheinen des kirschfarbenen Autos und des Hutes, des Kleides und des Weidenkorbes.
Er hatte nun vier Finger in der Luft; er betrachtete sie ernsthaft und streckte dann den fünften in die Höhe.
„Hier bin ich“, dachte er, „wach, vollkommen bei Verstand, absolut respektabel. Warum sollte mich eine törichte Angst vor Konventionen davon abhalten, dieses Mädchen zu fragen, ob sie etwas weiß, das ein Licht auf dieses höchst interessante mentale Phänomen werfen könnte? ... Ich werde es tun.“
Das Mädchen drehte leicht den Kopf; Sprache und das höfliche, pflichtschuldige Lächeln erstarrten auf seinen Lippen.
Sie hielt einen Finger hoch; Browns Herz machte einen Satz. War das ein kabbalistisches Zeichen, das er erkennen sollte? Aber sie gab lediglich dem Schaffner ein Signal, der prompt an der Glocke zog und ihr den Korb abnahm, als sie ausstieg.
Sie dankte ihm; Brown hörte sie, und die kristallene Stimme begann in kleinen, glockenartigen Echos durch seine Ohren zu klingen und rührte endlose kleine Mysterien der Erinnerung auf.
Brown stieg ebenfalls aus; seine Beine begannen aus eigenem Antrieb zu laufen, trugen ihn über die Straße, hievten ihn in einen nach Norden fahrenden Wagen der Lexington Avenue und beförderten ihn auf einen Sitz hinter dem, auf dem sie sich samt ihrem Weidenkorb niedergelassen hatte.
Sie schien mit dem Weidenkorb Schwierigkeiten zu haben; flehende, sechszehige Pfoten wurden beharrlich herausgestreckt; sanftes Miauen erbat sich das Recht auf Freiheit und das Streben nach felinem Glück. Einige Passagiere lächelten.
Der Ärger nahm zu, während der Wagen nordwärts sauste; das Miauen wurde wilder; wahnsinniges Gezappel versetzte den Korb in Aufruhr; der Deckel wippte und knarrte; das Mädchen wurde leuchtend rosa und beugte sich dicht über den Korb, um den entnervten Insassen zu beruhigen.
In den Vierzigern gelang es ihr, die Situation zu beherrschen; in den Fünfzigern zerriss ein hektisches Wüten im Inneren eine Schnur, die den Korbdeckel befestigte, doch das Mädchen hielt ihn mit Energie nieder.
In den Sechzigern brach ein Sturm im Korb los; erschütterndes Jaulen durchschnitt die Atmosphäre; das Mädchen, purpurrot vor Verlegenheit und Not, signalisierte dem Schaffner an der Sixty-fourth Street und stieg aus, wobei sie sich tapfer an einen Korb klammerte, der anscheinend ein Bündel explodierender Feuerwerkskörper enthielt.
Eine klassische Heldin in höchster Not ruft ausnahmslos laut: „Will mir niemand helfen?“ Brown, dessen automatische Beine ihn gezwungen hatten zu folgen, erwartete instinktiv einen ähnlichen Appell.
Er kam unerwartet; der strampelnde Korb entglitt ihren Armen, der Deckel sprang auf, und eine außerordentlich große, gesunde und empörte Katze sprang heraus, den Schwanz so groß wie ein Staubwedel, und floh östlich in die Sixty-fourth Street.
Das Mädchen im Sommerkleid und weißem Strohhut rannte hinter der Katze her. Browns Beine rannten auch.
Es gab und gibt zwischen dem Haus an der Nordostecke der Sixty-fourth Street und der Lexington Avenue und dem nächsten Haus in der Sixty-fourth Street einen offenen Raum, der von einem Eisengeländer geschützt wird; durch dieses schoss die Katze, mit gesträubtem Fell, und nahm mit einem fliegenden Satz die hinteren Zäune.
„Oh!“, keuchte das Mädchen.
Dann taten Browns Beine etwas Außerordentliches – sie begannen zu klettern und zu strampeln und das Eisengeländer hinaufzusteigen, wobei sie Brown darüber hievten; und Browns Stimme, angenehm, ruhig, beruhigend, war ebenfalls beschäftigt: „Wenn Sie auf meinen Koffer achten würden, glaube ich, dass ich Ihre Katze zurückholen kann ... Es wird mir ein großes Vergnügen sein, Ihre Katze zurückzuholen. Ich werde sehr froh sein, die Gelegenheit zu haben, Ihre – pust – pust – K-Katze – pust – pust – zurückzuholen!“ Und er ließ sich hinter das Eisengeländer fallen und hielt inne, um wieder zu Atem zu kommen.
Das Mädchen kam an das Geländer und spähte ängstlich zur Ecke des einzigen hinteren Zauns, den sie wahrnehmen konnte.
„Was für eine absolut schreckliche Sache!“, sagte sie mit nicht sehr fester Stimme. „Es ist überaus nett von Ihnen, mir beim Einfangen von Clarence zu helfen. Er ist völlig außer sich, das arme Lamm! Wissen Sie, er war noch nie zuvor in der Stadt. Ich – ich werde untröstlich s-sein, wenn er verloren geht.“
„Er ist über diese Zäune gesprungen“, sagte Brown und atmete schneller. „Ich denke, ich sollte hinter ihm her.“
„Oh – würde es Ihnen etwas ausmachen? Ich wäre Ihnen so sehr dankbar. Es scheint so viel verlangt von Ihnen.“
„Ich mache es“, sagte Brown fest. „Jeder Junge in New York ist schon über Hinterzäune geklettert, und ich bin erst dreißig.“
„Es ist sehr freundlich von Ihnen; aber – aber ich weiß nicht, ob Sie ihn dazu bringen könnten, zu Ihnen zu kommen. Clarence ist scheu gegenüber Fremden.“
Brown war bereits auf den Holzzaun geklettert. Er hielt sich dort im Gleichgewicht, rittlings. Tünche verzierte großzügig Mantel und Hose.
„Ich sehe ihn“, sagte er.
„W-was macht er?“
„Er hockt auf einem Spalier drei Hinterhöfe weiter.“ Und Brown erhob eine schmeichelnde Stimme: „Komm, Clarence – Clarence – Clarence! Komm, Kätzchen – Kätzchen – Kätzchen! Braves Kätzchen! Netter Clarence!“
„Kommt er?“, erkundigte sich das Mädchen und spähte wehmütig durch das Geländer.
„Er kommt nicht“, sagte Brown. „Vielleicht sollten Sie rufen.“
„Komm, Miez – Miez – Miez – Miez!“, begann sie sanft mit jener faszinierenden, kristallenen Stimme, die winzige silberne Glöckchen in Browns Ohren zum Klingen zu bringen schien: „Komm, Clarence, Liebling – Bettys eigenes kleines Kätzchen!“
„Wenn er darauf nicht kommt“, dachte Brown, „ist er ein Grobian.“ Und laut: „Wenn Sie ihn nur dazu bringen könnten, Sie zu sehen; er sitzt dort und blinzelt mich an.“
„Glauben Sie, er würde kommen, wenn er mich sähe?“
„Wer würde das nicht?“, dachte Brown und antwortete ruhig: „Ich denke schon ... Natürlich könnten Sie hier nicht heraufkommen.“
„Ich könnte ... Aber ich sollte es lieber nicht ... Außerdem wohne ich nur ein paar Häuser weiter – Nummer 161 – und ich könnte durch den Hinterhof gehen.“
„Aber Sie sollten nicht versuchen, über den Zaun zu klettern. Lassen Sie das einen der Bediensteten tun; dann schnappen wir uns die Katze und treiben sie in die Enge.“
„Es gibt keine Bediensteten im Haus. Es ist für den Sommer geschlossen – alles vernagelt!“
„Wie kommen Sie dann hinein?“
„Ich habe einen Schlüssel zum Keller ... Soll ich?“
„Und auf den Zaun klettern?“
„Ja – wenn ich muss – wenn es notwendig ist, Clarence zu retten ... Soll ich?“
„Warum kann ich ihn nicht in Ihren Hof scheuchen?“
„Er kennt unseren Hof nicht. Er ist eine Landkatze; er war noch nie in der Stadt. Ich wollte ihn mit nach Oyster Bay nehmen ... Ich kam von einem Wochenende aus Stockbridge zurück, wo einige Verwandte Clarence für uns behielten, während wir im Winter im Ausland waren ... Ich wollte auf dem Rückweg nach Oyster Bay im Haus anhalten und einige Dinge holen ... Ist das nicht eine absolut elende Situation? ... Wir – die ganze Familie – vergöttern Clarence – und – ich bin so besorgt ----“
Ihre faszinierende Unterlippe zitterte, doch sie beherrschte sich.
„Ich hole diese Katze, wenn es einen Monat dauert!“, sagte Brown. Dann errötete er; er hatte nicht beabsichtigt, so herzlich zu sprechen.
Das Mädchen errötete ebenfalls. „Ich bin Ihnen so dankbar ... Aber wie ----“
„Warten Sie“, sagte Brown; und während er Clarence mit sanft lockender Stimme ansprach, begann er vorsichtig, an den Zäunen entlang auf das unempfängliche Tier zuzukriechen. Bald hielt er inne, teilweise wegen einer Verschwörung zwischen seiner Hose und einem rostigen Nagel. Das Mädchen war nun außerhalb seines Sichtfeldes um die Ecke.
„Fräulein – äh – Fräulein – er – er – Betty!“, rief er.
„Ja!“
„Clarence hat sich über einen weiteren Hinterhof zurückgezogen.“
„Wie abscheulich!“
„Wie weit wohnen Sie weg?“
Sie nannte die Hausnummer und fügte ängstlich hinzu: „Ist Clarence weiter unten im Block? Oh, bitte, seien Sie vorsichtig. Bitte treiben Sie ihn nicht an unserem Hof vorbei. Wenn Sie warten, werde ich – werde ich mich ins Haus lassen und – ich werde es schaffen, auf den Zaun zu klettern.“
„Sie ruinieren Ihr Kleid.“
„Mein Kleid ist mir egal.“
„Diese Zäune sind das Letzte! Voller Spitzen und Nägel ... Werden Sie vorsichtig sein?“
„Ja, sehr.“
„Die Nägel sind rostig. Ich – ich habe h-schreckliche Angst vor Wundstarrkrampf.“
„Dann bleiben Sie keine Sekunde dort.“
„Ich meine – ich habe Angst davor für Sie.“
Es herrschte Stille; sie konnten sich nicht sehen. Browns Herz schlug schnell.
„Es ist sehr großzügig von Ihnen, an mich zu denken“, kam ihre Stimme, leiser, aber sehr freundlich.
„I-ich kann nicht anders“, stammelte er und wollte sich in den Hintern beißen für das, was er herausgeplatzt hatte.
Eine weitere Pause – diesmal länger. Und dann:
„Ich werde mein Haus betreten und auf den Zaun klettern ... Würden Sie einen Moment warten?“
„Ich werde hier warten“, sagte Beekman Brown, „bis ich Sie sehe.“ Er fügte für sich hinzu: „Ich werde schnell verrückt, das weiß ich, und es ist mir egal ... Was für ein Mädchen!“
Während er wartete, die Beine baumelnd, rittlings auf dem hinteren Zaun, untersuchte er seine Verletzungen – berührte nachdenklich den dreieckigen Riss in seiner Hose, begutachtete kleinere kleidungstechnische und körperliche Schrammen, setzte seinen Hut fest auf den Kopf und starrte über die Monotonie der Hinterhofzäune hinweg auf Clarence. Die Katze beäugte ihn respektlos, die Pfoten untergeschlagen, den Schwanz gegen die wohlgenährte Flanke geringelt – desillusioniert, angewidert, unnahbar.
Bald darauf sah Brown durch die Latten eines Hinterhofs in der Sixty-fifth Street einen kleinen Jungen, offensichtlich das Kind eines Hausmeisters, der ihn aufmerksam beobachtete.
„Sagen Sie, Mister“, begann er, sobald er bemerkt wurde, „Sie haben sich die Hose an einem Nagel zerrissen.“
„Danke“, sagte Brown kühl; „wären Sie so gut, sich um Ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern?“
„Ich dachte, ich sag’s Ihnen“, sagte der kleine Junge, entzückt darüber, dass die Information Brown missfiel. „Die sind auch noch schrecklich zerrissen. Das kommt davon, wenn man auf Hinterzäunen spielt. Sie sollten sich schämen.“
Brown täuschte Unbewusstheit vor und verschränkte würdevoll die Arme; doch im nächsten Moment richtete er sich zitternd auf.
„Du kleiner Teufel!“, sagte er; „wenn du dieses Zwille noch einmal ziehst, komme ich rüber und vernichte dich!“
Im selben Moment erschien über der Zaunlinie am Ende des Blocks ein weißer Strohhut; dann ein jugendliches, hübsch gerötetes Gesicht; dann zwei zierliche, behandschuhte Hände, die die Oberkante des Zauns umfassten.
„Ich bin hier“, rief sie ihm zu.
Der kleine Junge, der auf die Spitze seines Zauns geklettert war, schaltete sich sofort in das Gespräch ein:
„Ihre Braut ist klasse, Mister“, bemerkte er kritisch.
„Wirst du jetzt wohl still sein?“, verlangte Brown und machte sich daran, den Zaun zu überqueren.
„Sicher“, sagte der kleine Junge sorglos.
Und während er sich auf seinem hohen Beobachtungsposten niederließ, begann er zu singen:
„Lum’ me an’ the woild is mi-on.“
Die Wangen des Mädchens wurden rosiger; sie sah den kleinen Jungen bittend an.
„Kleiner Junge“, sagte sie, „wenn du irgendwohin wegrennst, gebe ich dir zehn Cents.“
„Nein“, sagte der Schrecken, „ich will sehen, wie er und Sie diese Katze fangen.“
„Ich sage dir, was ich mache“, schlug Brown inspiriert vor. „Ich gebe dir einen Dollar, wenn du uns hilfst, die Katze zu fangen.“
„Abgemacht!“, sagte der Junge flink. „Was soll ich tun? Ihr mit diesem Zwille einen verpassen?“
„Nein; steck das Ding in deine Tasche!“, rief Brown scharf. „Kletter jetzt rüber zur Sixty-fourth Street und stell dich an das Eisengeländer, damit die Katze nicht auf die Straße entwischen kann, und“, fügte er hinzu, während er einen Dollarschein um einen rostigen Nagel wickelte und ihn über den Zaun warf, „hier ist dein Lohn.“
Der kleine Junge kletterte flink hinüber, rannte eichhörnchenartig über den Querzaun, bückte sich, schwang sich über das Eisengeländer und stand Wache.
„Sagen Sie, Mister“, sagte er, „wenn die Katze in diese Richtung losrennt, dann fangen Sie und Ihre Braut an zu schreien wie ----“
„Schon gut“, unterbrach ihn Brown und wandte sich der Vision von Schönheit und Not zu, die nun auf ihrem eigenen hinteren Zaun stand, sich an einem Blauregenspalier festhielt und Clarence mit leisen und honigsüßen Appellen schmeichelte.
Die Katze war jedoch entweder zu dumm oder zu verwirrt, um zu reagieren; sie starrte ihre Herrin verständnislos an, und als Brown begann, sich verstohlen an sie heranzupirschen, stand Clarence auf, verharrte eine Sekunde in wachsamer Unentschlossenheit und begann dann zurückzuweichen.
„Wir haben ihn in die Enge getrieben!“, rief Brown. „Wenn Sie bereitstehen, ihn zu packen, wenn ich ihn in Ihre Richtung treibe ----“
Es gab ein wildes Gehusche, einen Ansturm, einen Sprung, hektisches Krallen nach Halt.
„Jetzt, Miss Betty! Schnell!“, rief Brown. „Lassen Sie ihn nicht an sich vorbeikommen.“
Sie breitete ihren Rock aus, doch der schamlose Clarence rannte kopfüber zwischen dem zierlichsten Paar Knöchel in Manhattan hindurch.
„Oh-h!“, rief das Mädchen in sanfter Verzweiflung und machte einen vergeblichen Griff; doch sie konnte den Flug von Clarence nicht aufhalten, sie brachte ihn lediglich aus dem Gleichgewicht, verwandelte ihn für einen Moment in ein pelziges Windrad, das durch die Luft wirbelte, in ihrem Hof landete, wie ein Gummiball zurückprallte und mit einem fliegenden Satz in einer schmalen Öffnung im Kellermauerwerk verschwand.
„Wo ist er?“, fragte Brown, der gefährlich auf dem nächsten Zaun balancierte.
„Wissen Sie“, sagte sie, „das wird langsam absolut grässlich. Er ist in unseren Keller geschossen.“
„Nun, das ist doch in Ordnung, nicht wahr?“, fragte Brown. „Sie müssen nur hineingehen, in den Keller hinuntersteigen und das Gas anmachen.“
„Es gibt kein Gas.“
„Sie haben elektrisches Licht?“
„Ja, aber es ist im Hauptbüro abgestellt. Das Haus ist für den Sommer geschlossen, wissen Sie.“
Brown balancierte vorsichtig über den dazwischenliegenden Zaun wie ein Amateur auf einem Seil.
Ihr hübscher Hut saß ein wenig schief; ihre Wangen waren vor Aufregung und Angst leuchtend. Völlig unbewusst ihrer selbst und des äußeren Anscheins in ihrer wachsenden Sorge um den vergötterten Clarence, saß sie rittlings auf dem Zaun, balancierte mit einer Hand und zeigte mit der anderen auf das vergitterte Lüftungsfenster, in das Clarence geflitzt war.
Eine Strähne sonnigen Haares wehte über ihre purpurrote Wange; schlank, aktiv, aufgeregt und sich ihrer selbst unbewusst, wirkte sie wie ein eifriger, entzückender kleiner Straßenjunge, der dort oben hockte, auf Unfug aus.
„Wenn Sie in unseren Hof springen“, sagte sie, „und diese Seifenkiste vor das Lüftungsgitter stellen, kann Clarence dort nicht raus!“
Es war geschehen, bevor sie die Bitte beendet hatte. Sie löste sich von der Zaunoberkante, schwang sich hinüber, hing einen Moment und landete in einem weichen Blumenbeet.
Atemlos, zerzaust, standen sie einander auf dem Gras gegenüber. Sein blauer Serge-Anzug war mit Tünche beschmiert; ihr Kleid war ein Anblick. Sie tastete instinktiv nach ihrem Hut, steckte ihn aufs Geratewohl wieder fest, betrachtete ihre Handschuhe und begann zu begreifen, was sie getan hatte.
„Ich – ich konnte nicht anders“, stammelte sie; „ich konnte Clarence nicht in einer Stadt von fünf Millionen Fremden lassen – ganz allein – zu Tode erschrocken – oder? Ich wollte lieber – lieber für alles Mögliche gehalten werden, als grausam zu einem hilflosen Tier zu s-sein.“
Brown wagte es nicht, sich auf eine Antwort zu verlassen. Sie war zu schön und seine Erregung zu tief. Also bückte er sich und versuchte, seine Kleidung mit der flachen Hand abzustäuben.
„Es tut mir so leid“, sagte sie mit leiser Stimme. „Ist Ihre Kleidung völlig ruiniert?“
„Oh, das macht mir nichts“, protestierte er glücklich, „es macht mir wirklich gar nichts aus. Wenn Sie mich nur diese verflucht – diese unglückliche Katze in die Enge treiben lassen, werde ich vollkommen glücklich sein.“
Sie sagte mit erhöhter Farbe: „Es ist überaus nett von Ihnen, das zu sagen ... Ich – ich weiß nicht recht – was meinen Sie, was wir tun sollten?“
„Vielleicht“, sagte er, „gehen Sie in den Keller, schließen die Kellertür auf und rufen. Er kann hier nicht abhauen.“
Sie nickte und betrat das Haus. Einige Augenblicke später hörte er sie rufen, so überzeugend, dass er Mühe hatte, nicht zu ihr zu laufen, und warum zur Hölle diese Katze nicht kam, konnte er nie verstehen.
XI
BETTY
*In welcher die unerbittlichen und unnachgiebigen Ergebnisse der psychischen Forschung den sehr Jungen offenbart werden*
In Abständen von zehn Minuten erreichte ihn ihre frische, süße, faszinierende Stimme, wo er im Hof stand; dann hörte er sie schwächer, entfernter werden, zurückweichend; dann Stille.
Während er lauschte, hörte er plötzlich ein fernes, rauschendes Geräusch aus unterirdischen Tiefen – wie eine Ladung Kohle, die eingeschüttet wurde – dann einen erschrockenen Schrei.
Er sprang in den Keller, rannte durch Waschküche und Küche. Die Kellertür stand weit offen über der Treppe, die in die Dunkelheit hinabführte; und als er innehielt, um zu lauschen, schoss Clarence aus der Tiefe herauf, huschte um die Treppe und floh aufwärts in die stillen Regionen darüber.
„Betty!“, rief er und vergaß in seiner Alarmbereitschaft die geringeren Konventionen, „wo bist du?“
„Oh, nein – oh, nein!“, klagte sie. „Ich bin in einer so schrecklichen Lage. Könnten Sie mir bitte helfen?“
„Bist du verletzt?“, fragte er. Angst machte seine Stimme fast unhörbar. Er zündete mit zitternden Fingern ein Streichholz an und rannte die Kellertreppe hinunter.
„Betty! Wo bist du?“
„Oh, ich bin hier – in der Kohle.“
„Was?“
„Ich – ich scheine nicht herauszukommen; ich bin im Dunkeln in die Kohlengrube getreten und alles – alles ist mit mir und über mich gerutscht und ich stecke bis zu den Schultern darin.“
Ein weiteres Streichholz flammte auf; er sah einen Kerzenstumpf, ergriff ihn, zündete ihn an und starrte, die Kerze hochhaltend, auf das herzzerreißendste Spektakel, das er je miterlebt hatte.
Im nächsten Moment ergriff er eine Schaufel und sprang zur Rettung. Sie war recht ruhig dabei; die Situation war zu schrecklich, die Zukunft zu hoffnungslos für bloße Tränen. Was geschehen war, enthielt alle würdevollen Elemente einer Katastrophe. Beide erkannten es, und als es ihm nach wahnsinnigem Schaufeln endlich gelang, sie zu befreien, lehnte sie ihr ganzes Gewicht an ihn, atmend, und ließ sich von ihm durch die flammengepeitschte Dunkelheit in die kulinarischen Regionen darüber führen und leiten.
Hier sank sie für einen Moment in völligem Zusammenbruch auf einen Stuhl. Dann blickte sie auf und festigte entschlossen ihre Stimme:
„Könnte einer Frau irgendetwas auf Erden Schrecklicheres zustoßen?“, fragte sie, während ihre Lippen trotz allem bebten. Sie streckte aus, was einst ein Paar weißer Handschuhe gewesen war, sie blickte an sich herab auf das, was ein zartes Sommerkleid aus Weiß gewesen war. „Wie“, fragte sie mit schrecklicher Ruhe, „soll ich nach Oyster Bay kommen?“
Er ließ sich auf einen Küchenstuhl ihr gegenüber fallen, die kohlenverschmierten Hände zwischen den Knien verschränkt, völlig unfähig zu sprechen.
Sie blickte auf ihre Schuhe – einst schneeweiß; mit einem Schaudern streifte sie die schmutzigen Handschuhe vom Ellbogen bis zum Handgelenk ab und warf sie beiseite. Ihre Arme und Hände bildeten einen auffälligen Kontrast zum Rest des Ensembles.
„Was“, fragte sie, „soll ich tun?“
„Das Beste wäre“, sagte er, „bei Ihrer Familie in Oyster Bay anzurufen.“
„Das Telefon ist abgestellt. Das Wasser auch – wir können uns nicht einmal die Hände w-waschen!“, stammelte sie.
Er sagte: „Ich kann rausgehen und Ihre Familie anrufen, damit sie ein Dienstmädchen mit Kleidung für Sie schickt – wenn es Ihnen nichts ausmacht, für eine Weile allein in einem leeren Haus gelassen zu werden.“
„Nein, das macht es nicht; aber“, sie starrte unsicher auf die schwarze Öffnung des Kellers, „aber bitte seien Sie nicht allzu lange weg, ja?“
Er versprach es leidenschaftlich. Sie gab ihm die Nummer und den Namen ihrer Familie, und er verließ das Haus durch die Kellertür.
Er war lange weg, während sie eine Zeit lang durch den Raum schritt, ungeniert die Hände rang und sich selbst und ihre Kleidung im Waschküchenspiegel betrachtete.
In Abständen versuchte sie, das Wasser aufzudrehen, in der Hoffnung auf zumindest ein paar Tropfen; in Abständen setzte sie sich, um auf ihn zu warten; dann, da die Untätigkeit unerträglich wurde, stachelte das Grübeln sie zur Bewegung an, und sie stieg in die Etage darüber, tastete sich durch die Dämmerung auf der vergeblichen Suche nach Clarence. Sie hörte ihn irgendwo im Dunkeln bei ihrer Annäherung unter Möbel huschen, offensichtlich zu sehr demoralisiert, um ihre Stimme zu erkennen. Also gab sie es nach einer Weile auf und wanderte in die Speisekammer, dem Instinkt folgend, denn sie war hungrig und durstig; doch sie wusste, dass in einem für den Sommer geschlossenen Haus nichts Essbares sein konnte.
Sie hob das Fenster der Speisekammer und öffnete die Fensterläden; Mittagssonne flutete den Raum, und sie begann, Schränke und Kühlschränke zu öffnen, wobei sie mit jedem Moment hungriger wurde.
Dann fielen ihre Augen auf Dutzende von Flaschen Apollinaris, und mit einem kleinen Freudenschrei kniete sie nieder, sammelte alles, was sie tragen konnte, und rannte die Treppe hinauf zum Badezimmer, das an ihr eigenes Schlafzimmer angrenzte.
„Wenigstens“, sagte sie zu sich selbst, „kann ich mich von dieser schrecklichen Kohle reinigen!“ und nach wenigen Augenblicken schwelgte sie, ellbogentief, in einem Marmorbecken voller Apollinaris.
Als der Fleck der Kohle verschwand, erinnerte sie sich an einen rosenfarbenen Morgenmantel, der in ihrem Kleiderschrank im Schlafzimmer ruhte; und sie fand mehr als das dort – rosa Strümpfe und Pantoffeln und einen duftenden Stapel exquisit feiner und intimerer Kleidungsstücke, so verlockend in ihrer Frische, dass sie mit ihnen in das Ankleidezimmer eilte; dann begann sie schnelle Gänge die Treppe auf und ab zu machen, wobei sie Dutzende von Quarts Apollinaris in die große Porzellanwanne trug, in die sie sie ausleerte, während sie die ganze Zeit glücklich mit sich selbst sprach.
„Wenn er zurückkommt, kann ich vom Treppenabsatz aus mit ihm sprechen!... Er ist ein netter Junge.... So ein lustiger Junge, dass er sich nicht an mich erinnert.... Und ich habe so oft an ihn gedacht.... Ich frage mich, ob ich Zeit für nur einen einzigen, köstlichen Sprung habe?“ Sie lauschte; rannte zu den vorderen Fenstern und schaute durch die Jalousien hinaus. Er war nirgends zu sehen.
Zehn Minuten später stand sie, herrlich erfrischt, und betrachtete sich in ihrem reizenden, rosenfarbenen Morgenmantel, während sie mit schlanken, geschickten Fingern ihr helles Haar bändigte, ein halbes Lächeln auf den Lippen, die Lider ein wenig über den nachdenklichen violetten Augen geschlossen.
„Nun“, sagte sie laut, „ich werde mit ihm vom Treppenabsatz aus sprechen, wenn er zurückkommt; das ist wohl ein wenig unhöflich, nach allem, was er getan hat, aber es ist konventioneller.... Und ich werde hier sitzen und lesen, bis sie von Sandcrest jemanden mit einem Kleid schicken, in dem ich reisen kann.... Und dann werden wir Clarence einfangen und ein Taxi rufen----“
Ein fernes Klingeln an der Klingel des Souterrains unterbrach sie.
„Oh, du meine Güte“, rief sie, „ich habe ganz vergessen, dass ich ihn hereinlassen muss!“
Ein weiteres Klingeln. Sie warf einen hastigen und zweifelnden Blick auf ihre Kleidung. Sie war für die Vertraulichkeit ihres Boudoirs entworfen.
„Ich – ich konnte nicht vom Fenster aus mit ihm sprechen! Ich bin schon so skandalös genug gewesen!“, dachte sie; und mit den Fingerspitzen am Treppengeländer rannte sie die drei Stufen hinunter und erschien, atemlos und strahlend, am Gitter des Souterrains, wobei sie, wie üblich, ihre Befangenheit vergaß, indem sie an ihn dachte – eine Gewohnheit dieses etwas leichtsinnigen und ungestümen Mädchens, die in perfekter körperlicher Gesundheit und geistiger Unbeschwertheit wurzelte.
„Ich habe einige Kleider gefunden – nicht die Art, in der ich ausgehen kann!“, sagte sie und lachte über sein Erstaunen, während sie das Gitter aufschloss. „Also, bitte, sehen Sie über meine Kleidung hinweg; ich war so voller Kohlenstaub! Und ich habe genug Apollinaris für meine Bedürfnisse gefunden.... Was haben sie in Sandcrest gesagt?“
Er sagte sehr ernst: „Wir müssen diese Situation besprechen. Vielleicht ist es besser, wenn ich für ein paar Minuten hereinkomme – wenn Sie nichts dagegen haben.“
„Nein, ich habe nichts dagegen.... Sollen wir uns in den Trockenraum setzen?“, sagte sie und ging voran. „Nun sagen Sie mir, was ist los? Sie machen mir ein wenig Angst, wissen Sie. Ist – ist bei Sandcrest etwas nicht in Ordnung?“
„Nein, ich nehme an, nicht.“ Er berührte sein gerötetes Gesicht mit seinem Taschentuch; „Ich konnte Oyster Bay nicht telefonisch erreichen.“
„W-warum nicht?“
„Die Leitungen sind bis Huntington gestört; es hat keinen Zweck – ich habe alles versucht! Telegrafen- und Telefonleitungen scheinen bei dem Gewitter heute Morgen zerstört worden zu sein.“
Sie starrte ihn an, die Hände auf ihren Knien gefaltet, das linke Bein überschlagen, den Fuß schwingend.
„Das“, sagte sie ruhig, „wird ernst. Werden Sie mir sagen, was ich tun soll?“
„Haben Sie denn nichts zum Anziehen für die Reise?“
„Nicht einen einzigen Fetzen.“
„Dann – müssen Sie heute Nacht hier bleiben und nach einigen Ihrer Freunde schicken – Sie kennen doch sicher jemanden, der noch in der Stadt ist, oder?“
„Wirklich nicht. Es ist Mitte Juli. Ich kenne keine Frau in der Stadt.“
Er schwieg.
„Außerdem“, sagte sie, „haben wir kein Licht, kein Wasser, nichts im Haus zu essen, kein Telefon, um etwas zu bestellen----“
Er sagte: „Ich habe vorausgesehen, dass Sie wahrscheinlich gezwungen sein würden, hier zu bleiben, also habe ich, als ich das Telefonamt verließ, die Freiheit ergriffen, ein Taxi zu rufen und die Elektrizitätswerke, die Telefongesellschaft und den nächsten Klempner aufzusuchen. Es scheint, es ist Ihr eigener Klempner – Quinn, glaube ich, heißt er; und er kommt in einer halben Stunde, um das Wasser anzustellen.“
„Haben Sie daran gedacht, all das zu tun?“, fragte sie erstaunt.
„Oh, das war nichts. Und ich habe gewagt, das Plaza anzurufen, um hier Mittag- und Abendessen für Sie zu servieren----“
„Das haben Sie?“
„Und ich habe an Dooleys Agentur telegrafiert, damit sie Ihnen für heute ein Dienstmädchen schicken----“
„Das war absolut großartig von Ihnen!“
„Sie haben versprochen, so schnell wie möglich eines zu schicken.... Und ich glaube, das ist jetzt der Klempner“, als ein Klingeln von der Souterrain-Glocke ertönte.
Es war nicht der Klempner; es waren Kellner, die Körbe voller Silber, Porzellan, Tischwäsche, Eis, Obst, Konfekt, Schnittblumen und, in Warmhaltegeräten, ein höchst köstliches Mittagessen trugen.
Vier beeindruckende Individuen, angeführt von einem Butler, bildeten die Prozession und zogen feierlich die Kellertreppe hinauf zum Esszimmer, wo sie sofort begannen, den Tisch mit geschickter Schnelligkeit zu decken.
Im Trockenraum weiter unten standen Betty und Beekman Brown einander gegenüber.
„Ich nehme an“, begann Brown mit Mühe, „dass ich jetzt besser gehen sollte.“
Betty sagte nachdenklich: „Ich nehme an, Sie müssen.“
„Es sei denn“, fuhr Brown fort, „Sie denken, ich sollte besser hierbleiben – irgendwo auf dem Grundstück –, bis Ihr Dienstmädchen eintrifft.“
„Das wäre vielleicht sicherer“, sagte Betty nachdenklicher.
„Ihr Dienstmädchen wird wahrscheinlich in ein paar Minuten hier sein.“
„Wahrscheinlich“, sagte Betty, den Kopf gesenkt, die schlanken, ringlosen Finger beschäftigt mit dem funkelnden Tropfen, der als Anhänger von ihrer Halskette schimmerte.
Stille – das Bügelbrett zwischen ihnen – sie stehend, den hellen Kopf gesenkt, den Schmuck mit kindlichen Fingern bearbeitend; er jede ihrer Bewegungen verfolgend, fasziniert, gebannt.
Nach einem Moment, ohne aufzusehen: „Sie waren sehr, sehr nett zu mir – auf die netteste Art und Weise“, sagte sie.... „Ich werde das nicht so schnell vergessen – selbst wenn ich es vielleicht wollte.“
„Ich kann Sie niemals vergessen!... Ich w-will es auch gar nicht.“
Der funkelnde Anhänger entglitt ihren Fingern; sie nahm ihn wieder auf und sprach, als würde sie ihn ernst anreden:
„Eines Tages irgendwo“, sagte sie und betrachtete das Juwel, „vielleicht wird der Zufall – das Wagnis des Lebens – uns zusammen – zusammen – zur Bekanntschaft bringen – eine formellere Bekanntschaft als diese.... Ich hoffe es. Das hier war ein wenig – unregelmäßig, und vielleicht sollten Sie nicht auf mein Dienstmädchen warten.... Ich hoffe, wir sehen uns wieder – irgendwann.“
„Das hoffe ich auch“, brachte er hervor, mit so wenig Inbrunst und einer so gelungenen Nachahmung ihres höflich distanzierten Interesses an Konventionen, dass sie die Augen hob. Sie senkte sie sofort wieder, denn seine ruhige Stimme und seine Worte stimmten kaum mit dem unkontrollierten Protest in seinen Augen überein.
Einen Moment lang stand sie da und ließ die goldenen Glieder wie eine junge Novizin mit einem Rosenkranz durch ihre weißen Finger gleiten. Schritte auf der Treppe störten sie; die Prozession hatte begonnen; vier feierliche Personen zogen durch das Kellergitter ab. Im selben Moment stellte sich ihr Butler pro tempore, verbindlich und respektvoll, an der Türöffnung vor:
„Das Mittagessen ist serviert, gnädige Frau.“
„Danke.“ Sie sah unsicher zu Brown, zögerte, errötete ein wenig.
„Ich werde hier bleiben und den Klempner hereinlassen und dann – dann – g-gehe ich“, sagte er mit einem herzzerreißenden Lächeln.
„Ich nehme an, Sie haben die Gelegenheit genutzt, zu Mittag zu essen, als Sie hinausgingen?“, sagte sie. Ihre Betonung machte es zu einer Frage.
Ohne zu antworten, trat er zurück, um sie vorbeizulassen. Sie ging vorwärts, drehte sich um, unentschlossen.
„Haben Sie zu Mittag gegessen?“
„Bitte fühlen Sie sich nicht verpflichtet, mich zu fragen“, begann er und hielt inne, als das leuchtende Rosa auf ihren Wangen tiefer wurde. Dann befreite sie sich mit einem kleinen Lachen von der Verlegenheit.
„Wenn man bedenkt“, sagte sie, „dass wir zusammen Katzen auf den hinteren Zäunen gejagt haben und Sie mich anschließend aus der Kohle in meinem eigenen Keller ausgegraben haben, kann ich nicht glauben, dass es so schrecklich ist, wenn ich Sie einlade, mit mir zu Mittag zu essen.... Ist es das?“
„Es ist entzück – es ist“, korrigierte er sich fest, „äußerst höflich von Ihnen, mich einzuladen!“
„Dann – wollen Sie?“ fast schüchtern.
„Das will ich. Ich werde nicht länger so tun als ob. Ich würde lieber mit Ihnen zu Mittag essen, als Präsident dieser Republik zu sein.“
Der Butler pro tempore wies ihr den Platz zu.
„Sehen Sie“, sagte sie, „es war bereits ein Platz für Sie gedeckt.“ Und mit einer winzigen Spur von Bosheit in der Stimme: „Vielleicht hatte Ihr Butler den Befehl, zwei Gedecke zu legen. Hatte er das?“
„Von mir?“, protestierte er und wurde rot.
„Sie verdächtigen mich doch nicht, oder?“, fragte sie hinreißend schelmisch. Dann blickte sie über die Blumenmassen in der Mitte und an den Ecken der Spitzendecke: „Das ist köstlich hübsch. Aber Sie sind entweder schrecklich und gewohnheitsmäßig verschwenderisch oder Sie glauben, ich sei es. Was von beidem ist es?“
„Ich denke, beides ist wahr“, sagte er lachend.
Und kurz darauf, als er aus dem Keller zurückkam, nachdem er Mr. Quinn, den Klempner, eingelassen hatte:
„Wissen Sie, dass dies ein himmlisches Mittagessen ist?“, sagte sie und begrüßte seine Rückkehr mit herrlich furchtlosen Augen. „Solcher Astrachan-Kaviar! Solcher Salat! Alles, was ich am meisten mag. Und wie um alles in der Welt Sie das erraten haben, kann ich mir nicht vorstellen.... Ich fange an zu glauben, Sie sind ziemlich wunderbar.“
Sie hoben die langen, schlanken Gläser mit Eistee aus Ceylon und betrachteten einander über die frostigen Ränder – ein langer, neugieriger Blick von ihr; ein gerader Blick von ihm, dem sie beschloss, nicht zu lange standzuhalten.
Später, als sie das Signal gab, erhoben sie sich, als hätten sie oft zusammen gespeist, und gingen gemächlich durch die dunklen, verhüllten Salons, in denen im goldenen Dämmerlicht der Geruch von Kampfer hing.
Sie hatte einen großen Strauß taunasser Bride-Rosen aus dem Mittelstück genommen, und während sie, sittsam jugendlich, neben ihm herging, brütete ihr frisches, junges Gesicht über dem Duft der geballten Blütenblätter.
„Süß – wie süß!“, murmelte sie vor sich hin, und als sie das Ende der Flucht erreichten, wandte sie sich halb zu ihm um, träumerisch, teilnahmslos, zuversichtlich.
Sie sahen einander an, sie mit dem Kinn an die Rosen geschmiegt.
„Das Seltsamste von allem“, sagte sie, „ist, dass es sich ganz in Ordnung anfühlt – und – und wir wissen, dass alles ganz falsch ist.... Sollten Sie besser gehen?“
„Es sei denn, ich sollte warten und sichergehen, dass Ihr Dienstmädchen Sie nicht im Stich lässt.... Soll ich?“, fragte er gleichmütig.
Sie antwortete nicht. Er zog einen mit Leinen bespannten Armlehnstuhl zu ihr heran; sie setzte sich geistesabwesend und lehnte sich zurück, während sie die Rosen mit zarten Lippen und Kinn liebkoste.
Zweimal sah sie zu ihm auf, wie er dort bei den verkleideten Fenstern stand. Sonnenlicht sickerte durch das Gitterwerk oben – genug, damit sie einander wie in einem matten Nachglühen sehen konnten.
„Ich frage mich, wie bald mein Dienstmädchen kommen wird“, sinnierte sie und ließ die losen Rosen auf ihre Knie fallen. „Wenn sie sehr lange dafür braucht, vielleicht – vielleicht möchten Sie sich einen Stuhl suchen – falls Sie sich entschieden haben zu warten.“
Er zog einen aus einer Ecke und setzte sich, während ihm das Blut in den Schläfen hämmerte.
Durch die Stille des Hauses erklang in Abständen das Klirren von Glas aus der Speisekammer. Andere Geräusche von oben zeigten den Fortschritt des Klempners von Stockwerk zu Stockwerk an.
„Ist Ihnen bewusst“, sagte sie impulsiv, „wie sehr nett Sie zu mir gewesen sind? In was für eine absolut schreckliche Lage hätte ich geraten können, mit dem armen Clarence auf dem hinteren Zaun! Und angenommen, ich hätte es gewagt, ihm allein in den Keller zu folgen? Ich – ich wäre vielleicht noch dort – bis zum Hals in der Kohle?“
Sie starrte mit beträchtlicher Bewegung ins Leere.
„Und jetzt“, sagte sie, „bin ich sicher hier in meinem eigenen Zuhause. Ich habe göttlich zu Mittag gegessen, ein Dienstmädchen ist auf dem Weg zu mir, Clarence bleibt irgendwo sicher im Haus, Mr. Quinn huscht von Wasserhahn zu Wasserhahn, das elektrische Licht und das Telefon werden in Bälde funktionieren – und das alles ist Ihr Verdienst!“
„Ich – ich habe ein paar Dinge getan, von denen ich fast w-wünschte, ich hätte sie nicht getan“, stammelte Brown, „w-weil ich Ihnen irgendwie nicht anständig s-sagen kann, wie ungeheuer ich – ich –“ Er blieb stecken.
„Was?“
„Es würde so aussehen, als würde ich mir anmaßen, einen k-kleinen Dienst zu leisten, und – oh, ich kann es nicht sagen; ich will es, aber ich kann nicht.“
„Was sagen? Bitte, es macht mir nichts aus, was Sie – sagen wollen.“
„Es ist – es ist, dass ich----“
„J-a?“, zur weichen Ermutigung.
„W-wissen will, wer Sie sind, und zwar ungeheuer jetzt. Ich will nicht Jahre auf Zufall und Wagnis warten.“
„O-h!“, als ob die Information einen sanften Schock bei ihr auslöste. Ihr leise gehauchter Ausruf brachte Brown fast um den Verstand.
„Ich wusste, Sie würden es für unverzeihlich halten, wenn ich – zu einer solchen Zeit – wagte – zu – zu – fragen – zu sagen – auszudrücken – zu übermitteln----“
„Warum tun Sie – wie kann ich – wo könnten wir –“ Sie fasste sich entschlossen. „Ich glaube nicht, dass wir einen Unfall wie diesen ausnutzen sollten.... Denken Sie das? Außerdem, wahrscheinlich, im natürlichen Verlauf der gesellschaftlichen Ereignisse----“
„Aber es können Jahre sein! Monate! Wochen!“, beharrte Brown und verlor die Beherrschung.
„Ich sollte hoffen, es wäre wenigstens ein anständig vernünftiger Abstand von mehreren Wochen----“
„Aber ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn ich Sie wochenlang nie wiedersehe! Ich m-mag Sie so sehr.“
Sie wich in ihrem Stuhl zurück, und in ihrem veränderten Gesicht las er, dass er sich blamiert hatte.
„Ich wusste, dass ich es tun würde“, sagte er verzweifelt. „Ich konnte es nicht zurückhalten – ich konnte es nicht stoppen. Und jetzt, wo Sie sehen, was für eine Art Mann ich bin, werde ich Ihnen mehr erzählen.“
„Das müssen Sie nicht“, sagte sie schwach.
„Ich muss. Hören Sie! Ich – ich kenne nicht einmal Ihren vollen Namen – alles, was ich weiß, ist, dass Sie Betty heißen und dass Ihre Katze Clarence heißt und Ihr Klempner Quinn. Aber wenn ich absolut nichts über Sie wüsste, wäre es dasselbe gewesen. Ich nehme an, Sie werden mich für verrückt halten, wenn ich Ihnen sage, dass ich, bevor der Wagen, in dem Sie fuhren, in Sicht kam, wusste, dass Sie darin waren. Und ich – mochte – Sie – bevor ich Sie jemals sah.“
„Ich verstehe nicht----“
„Ich weiß, dass Sie es nicht tun. Ich tue es auch nicht. Alles, was ich verstehe, ist, dass das, was Sie und ich getan haben, von uns schon einmal getan wurde, irgendwann, irgendwo – nur teilweise – bis zu – bis zu dem Punkt, an dem Sie den Wagen gewechselt haben. Bis zu diesem Moment, bevor Sie in die Lexington Avenue Bahn stiegen, erkannte ich jeden Vorfall, wie er geschah.... Aber als all das uns schon einmal passiert ist, muss ich den Mut verloren haben – denn ich habe danach nichts mehr erkannt, außer dass ich Sie mochte.... Verstehen Sie ein einziges Wort von dem, was ich gesagt habe?“
Die brennende Farbe in ihrem Gesicht war langsam verblasst, während er sprach; ihre erhobenen Augen wurden weicher, ernster, als er ungestüm endete.
Sie betrachtete ihn in retrospektivem Schweigen. Es gab keinen Zweifel an seiner erstaunlichen Aufrichtigkeit, seinem schmerzlich ernsten Bemühen, ihr einige ziemlich ungewöhnliche Ideen zu vermitteln, an die er zweifellos glaubte. Kein Mann, der eine Frau so ansah, konnte Unverschämtheit meinen; ihr eigener Verstand überzeugte sie davon, dass er niemals irgendeiner Frau Anstoß erregen wollte oder könnte.
„Sagen Sie mir“, sagte sie leise, „was Sie genau meinen. Es ist nicht möglich, dass Sie – mich – mögen.... Ist es das?“
Er enthüllte ihr, kurz mit seinem eigenen Namen, seinen materiellen und sozialen Verhältnissen beginnend, eine Taschenausgabe seiner bisher ereignislosen Karriere, das Erscheinen des Gesandten von The Green Mouse an diesem Morgen, seine Diskussion mit Smith, das seltsame Gefühl, das ihn überkam, als er aus dem Tunnel in der Forty-second Street kam, seine anschließende Auseinandersetzung mit Smith und die Ereignisse, die bis zum Ausbruch von Clarence folgten.
Er sprach in seiner sorgfältigsten Art eines Anwalts, offen, prägnant, überzeugend, frei von jeder Übertreibung von Aufregung oder Emotion. Und sie hörte zu, abwechselnd fasziniert und entsetzt, während seine Geschichte Schritt für Schritt die Glieder einer scheinbar unerbittlichen Abfolge entfaltete, die diesen jungen Mann und sie selbst in eine vorherbestimmte Kette von Episoden verwickelte, die noch nicht beendet war – wenn sie sich erlaubte, dieser erstaunlichen Geschichte Glauben zu schenken.
Sensibel intelligent, gab es kein Entkommen vor der Bedeutung der einzig möglichen Schlussfolgerung. Sie zog sie und errötete heftig. Einen Moment lang, als die Wahrheit in ihrem Gehirn aufschrie, betäubte sie die Offensichtlichkeit. Aber sie war jung, und das beschämte Zurückweichen kam automatisch. Ungläubig, fast verärgert, hob sie den Kopf, um ihn zu konfrontieren; die roten Lippen teilten sich in empörtem Protest – teilten sich und blieben so, wortlos, stumm – der lautlose, jungfräuliche Schrei starb ungehört auf einem Mund, der unmerklich zu zittern begonnen hatte.
Ihr Kopf sank langsam; sie legte ihre weißen Hände über die Rosen, die auf ihrem Schoß häuften.
Eine lange Weile blieb sie so. Und er sprach nicht.
Zuerst ging der Butler weg. Dann folgte Mr. Quinn. Das Dienstmädchen war noch nicht eingetroffen. Das Haus war sehr still.
Und nachdem die Stille seine Selbstbeherrschung bis zum Zerreißpunkt abgenutzt hatte, stand er auf, ging in das Esszimmer und stand dort, in den Hof hinunterblickend. Das Gras dort draußen war lang und ungepflegt; Rosen blühten am Zaun; Blauregen, in seinem tieferen Grün des Hochsommers, wucherte über das Spalier, wo Clarence seine reizende Herrin schändlich im Stich gelassen hatte und, nachdem er sich zu einem pelzigen Rad gemacht hatte, durch das Luftloch in die Stygischen Tiefen geflohen war.
Irgendwo oben, in dem stillen Haus, verstellte sich Clarence schmollend.
„Ich nehme an“, sagte Brown, als er ruhig dorthin zurückkehrte, wo das Mädchen im goldenen Dämmerlicht saß, „dass ich Clarence genauso gut suchen könnte, während wir auf Ihr Dienstmädchen warten. Darf ich hinaufgehen und mich umsehen?“
Und da sie ihr Schweigen als Zustimmung wertete, ging er die Treppe hinauf.
Er suchte vorsichtig, gründlich, öffnete Türen, spähte unter Möbel, untersuchte Kleiderschränke, lauschte in Abständen, rief in Abständen mit irreführender Milde. Aber wie der, der im Malvasierwein starb, blieb Clarence meineidig und falsch gegenüber allen Gefühlen des Anstands, die so oft schnurrend gegenüber seiner schönen jungen Herrin beteuert wurden.
Mechanisch öffnete Brown Schranktüren, wohl wissend, wenn er innegehalten hätte, um nachzudenken, dass Katzen normalerweise keine Knöpfe drehen und sich nicht in fest verschlossene Orte lassen.
In einem großen Schrank im fünften Stock jedoch, sobald er die Tür öffnete, raschelte es, und er sprang vorwärts, um den Treulosen abzufangen; aber es war nur die Luft, die die Falten der an der Wand hängenden Kleidungsstücke bewegte.
Als er sich umdrehte, um wieder hinauszutreten, schloss sich die Tür sanft mit einem bedrohlichen Klicken und schloss ihn ein. Und nach fünf Minuten hektischen Treibens wurde ihm klar, dass er durch ein Schnappschloss oben in einem fremden Haus eingesperrt war, das nur von einer Katze und einem verwirrten jungen Mädchen bewohnt wurde, das in jedem Moment, jetzt, da das Telefon in Ordnung war, ein Taxi rufen und vor einem Mann fliehen konnte, der versucht hatte, ihr zu erklären, dass sie unwiderruflich füreinander bestimmt seien.
Rufen und Klopfen waren würdevoll und zulässig, aber sie nützten nichts. Heftig gegen die Tür zu treten, war nicht würdevoll, aber er war gezwungen, es zu tun. Offensichtlich war der Schrank zu abgelegen, als dass der Ton vier Stockwerke hinunter dringen konnte.
Er versuchte, die Tür einzutreten – sie tun das in allen Romanen. Er prallte nur schmerzhaft und wirkungslos ab, was ihm recht geschah, weil er Belletristik las.
Es ärgerte ihn zu schreien; er zögerte lange; dann ergriff ihn plötzliche Sorge, sie könnte aus dem Haus fliehen, und er brüllte. Es war zwecklos.
Die pechschwarze Finsternis im Schrank half ihm dabei, sich Prellungen zuzuziehen; er lief jedes Mal, wenn er sich bewegte, gegen tausend Dinge in allen möglichen Formen und Texturen. Und bei jedem neuen blauen Fleck wurde er wütender und wütender, und da er die Katze dafür verantwortlich machte, belegte er Clarence mit einer Sprache, deren er sich nie für fähig gehalten hätte.
Dann setzte er sich. Er blieb lange Zeit vollkommen still, lauschte und tastete vorsichtig seine Wunden ab. Eine seltsame Benommenheit begann ihn zu reizen; später ließ der Reiz nach und er fühlte sich ein wenig schläfrig.
Sein Herz jedoch hämmerte wie eine billige Uhr; die nach Zedernholz duftende Luft im Schrank wurde schwerer; er fühlte sich dumm, schwankte, als er aufstand. Kein Wunder, denn der Schrank war so luftdicht, wie er nur sein konnte. Glücklicherweise war ihm das nicht klar.
Und währenddessen bereitete sich Betty unten auf die Flucht vor.
Sie wusste nicht, wohin sie ging – wie weit sie in einem Morgenmantel aus Rosenseide kommen konnte. Aber sie hatte in einem Kleiderschrank einen Automobil-Staubmantel, eine Mütze und eine Schutzbrille entdeckt; mit diesen Dingen im Gepäck probierte sie das Telefon aus, fand es funktionstüchtig, rief ein Coupé und erwartete nun dessen Eintreffen. Aber das Dienstmädchen von Dooleys musste zuerst eintreffen, um die Verantwortung für das Haus und Clarence zu übernehmen, bis sie, Betty, ihre Familie zu Hilfe rufen und hinter den Röcken ihrer Mutter The Green Mouse, Beekman Brown und das Schicksal herausfordern konnte.
Flucht war daher unerlässlich – es war absolut unumgänglich, dass sie eine Reihe von Meilen zwischen sich und diesen jungen Mann brachte, der ihr gerade mitgeteilt hatte, dass das Schicksal sie füreinander bestimmt habe.
Sie überlegte nicht länger, ob sie diesem erstaunlichen jungen Mann irgendeine Dankbarkeit schuldete oder was für eine Art Mann er sein mochte, angenehm, gut erzogen, attraktiv; alles, was sie verstand, war, dass dieser Mann plötzlich in ihr Leben getreten war und höflich seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht hatte, dass sie sich letztendlich nicht hoffen konnten, einander zu entkommen. Und als sie begann, die schreckliche Tragweite seiner Worte zu begreifen, war das Einzige, das sie von einer sofortigen Flucht zu Fuß abhielt, der versteckte Clarence. Sie konnte ihre Katze nicht im Stich lassen. Sie musste auf das Dienstmädchen warten. Sie wartete. In der Zwischenzeit suchte sie Dooleys Agentur im Telefonbuch und rief sie an. Man sagte ihr, das Dienstmädchen sei auf dem Weg – als ob Dooleys Agentur das Schicksal mit einem ganzen Regiment seiner Angestellten vereiteln könnte!
Sie hatte ihre Rosen mit einem Schaudern von sich geworfen; Hut, Schutzbrille und Staubmantel lagen auf ihrem Schoß. Käme das Dienstmädchen, bevor Brown zurückkehrte, würde sie fliehen. Käme Brown zurück, bevor das Mädchen eintraf, würde sie ihm offen darlegen, wozu sie sich entschlossen hatte, ihm danken und ihm freundlich, aber bestimmt mitteilen, dass sie angesichts der unglaublichen Umstände ihrer Begegnung jede Hoffnung, die er hegen mochte, sie jemals wiederzusehen, entmutigen müsse.
Bei diesem strengen Vorsatz weigerte sich ihr Herz, da es eine eigenwillige und unabhängige Angelegenheit ist, zuzustimmen, und begann eine unangenehm unregelmäßige Schlagfolge, die sie ärgerte.
„Es ist wahr“, gestand sie sich ein, „dass er ein Gentleman ist, und ich kann kaum unhöflich genug sein, ihn nach dem, was er für mich getan hat, ganz ohne Erklärung stehen zu lassen ... Seine Kleidung ist ruiniert. Daran muss ich denken.“
Ihr Herz schien solche Gefühle zu billigen und schlug wieder regelmäßiger, als sie sich an einen Schreibtisch setzte, darin einen Bogen Notizpapier und einen Bleistift fand und hastig schrieb:
„Sehr geehrter Herr Brown:
Falls mein Dienstmädchen vor Ihnen kommt, werde ich gehen. Ich kann nicht anders. Das Mädchen wird bleiben, um sich um Clarence zu kümmern, bis ich mit einem Teil meiner Familie zurückkehren kann. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich ertrage es einfach nicht, was Sie mir über unsere – über das, was Sie mir sagten ... erzählt haben. Es tut mir leid, dass Sie Ihre Kleidung zerrissen haben.
Bitte glauben Sie, dass meine Flucht nichts mit Ihnen persönlich oder Ihrem Verhalten zu tun hat, welches vollkommen („reizend“ durchgestrichen) angemessen war. Es ist nur so, dass, wenn man plötzlich erfährt, dass man dazu vorherbestimmt ist, („zu heiraten“ durchgestrichen) sich intim bekannt zu machen (das alles durchgestrichen und eine neue Zeile begonnen).
Es ist unerträglich für ein Mädchen zu denken, dass ihr im Leben keine Wahlfreiheit mehr bleibt – durch das, was Sie okkulte Strömungen nennen, zu einer – Freundschaft – mit einem völlig fremden Mann am anderen Ende gezwungen zu werden. Ich denke also nicht, dass wir jemals wieder versuchen sollten, jemanden zu finden, der uns einander vorstellt. Das klingt nicht richtig, aber Sie werden es sicherlich verstehen.
Bitte beurteilen Sie mich nicht falsch. Ich muss Ihnen unhöflich, undankbar und kindisch erscheinen – aber ich bin irgendwie ein wenig verängstigt. Ich weiß, dass Sie vollkommen nett sind – aber alles, was geschehen ist, ist für mich gewissermaßen erschreckend. Nicht, dass ich feige wäre; aber Sie müssen es verstehen. Sie werden es – nicht wahr? ... Aber was nützt es, wenn ich Sie bitte, da ich Sie niemals wiedersehen werde.
Also möchte ich Ihnen nur danken und („von ganzem Herzen“ durchgestrichen) sehr herzlich sagen, dass Sie äußerst freundlich, großzügig und rücksichtsvoll gewesen sind – äußerst – äußerst ----“
* * * * *
Ihr Bleistift zögerte; sie blickte ins Leere, und das Bild von Beekman Brown, mit den freundlichen Augen und der attraktiven Erscheinung, schwebte ungebeten aus der Leere herbei und sah sie an.
Sie starrte neugierig auf die Vision zurück, noch neugieriger, als ihr Geist die angenehmen Einzelheiten seiner Züge heraufbeschwor, und ruhte dort, das Kinn auf ihren Handrücken gestützt, aus dem ihr der Bleistift alsbald achtlos entglitt.
Was mochte er die ganze Zeit dort oben treiben? Sie hatte ihn schon seit vielen Minuten nicht mehr gehört. Warum war er so still?
Sie richtete sich an ihrem Schreibtisch auf und blickte unruhig über die Schulter, während sie lauschte.
Kein Laut von oben; sie stand auf und ging zum Fuß der Treppe.
Warum war er so still? Hatte er Clarence gefunden? War etwas schiefgegangen? War Clarence plötzlich tollwütig geworden und hatte ihn angegriffen? Katzen können keine großen, starken jungen Männer vernichten. Aber wo war er? War er, seiner Suche folgend, durch die Dachluke aufs Dach gelangt – und – und – heruntergefallen?
Kaum wissend, was sie tat, stieg sie auf Zehenspitzen in den zweiten Stock und lauschte. Die Stille beunruhigte sie; sie ging von Zimmer zu Zimmer, öffnete Türen und Kleiderschränke. Dann stieg sie in den dritten Stock und suchte schneller. Im vierten Stock rief sie nach ihm mit einer Stimme, die nicht ganz fest war. Es gab keine Antwort.
Nun beunruhigt, riss sie hastig überall Türen auf, raffte dann ihre seidenen Röcke und lief in das oberste Stockwerk und rief zitternd.
Ein schwacher Ton antwortete; verwirrt wandte sie sich dem nächstgelegenen Wandschrank zu, und ihre Wangen erblassten plötzlich, als sie zur Tür des Zedernschranks sprang und sie weit aufstieß.
Er lag bäuchlings inmitten eines Haufens aus zusammengerollten Teppichen, Kleiderbügeln und Pelzen, vollkommen regungslos.
Sie wusste genug, um in die Zimmer der Dienstboten zu laufen, die Fenster aufzureißen und mit aller Kraft ihres jungen Körpers den leblosen Jüngling über den Boden an die frische Luft zu ziehen.
„Oh!“, sagte sie, und sagte es nur einmal. Dann, mit aschfahler Lippe und Wange, nahm sie sich Brown an und, ihr Gedächtnis zur Hilfe in der Not peitschend, führte sie bei jenem leblosen Gentleman die Grundlagen einer Übung aus, die, wenn sie ordnungsgemäß durchgeführt wird, angeblich künstliche Beatmung bewirken soll.
Bei Brown bewirkte es sicherlich etwas, das ihr ähnelte. Nach einer Weile gab er unschöne und unartikulierte Laute von sich; nach einer Weile wurden die Laute artikuliert. Er sagte: „Betty!“, mehrmals, mehr oder weniger deutlich. Er öffnete das eine Auge, dann das andere; dann schlossen sich seine Hände um die Hände, die seine Handgelenke hielten; er sah von dort, wo er auf dem Boden lag, zu ihr auf. Sie, neben ihm kauernd, die Augen noch immer geweitet von der schrecklichen Angst vor dem Tod, sah zurück, atemlos, bebend.
„Das ist ein Teufelsort, dieser Schrank“, sagte er schwach.
Sie versuchte zu lächeln, versuchte müde, ihre Hände zu befreien, sah benommen zu, wie sie zu ihm gezogen wurden, fest gegen seine Lippen gedrückt – spürte seine Lippen auf ihnen.
Dann, ohne Vorwarnung, schoss ein unglaublicher Schauer durch sie hindurch bis zum Herzen, das es zum Stillstand brachte – Puls und Atem zum Schweigen brachte – ja, den Gedanken selbst. Sie hörte ihn sprechen; seine Worte drangen an sie wie ferne Klänge in einem Traum:
„Ich sorgte mich um dich. Du gibst mir Leben – und ich verehre dich ... Lass mich. Es wird dir nicht schaden. Das Problem des Lebens ist für mich gelöst; ich habe es gelöst; aber wenn du es nicht eines Tages für mich beweisen wirst – Betty – ist das Problem des Lebens nur eine traurige Summe – eine Gesamtheit von Nullen ohne Ende ... Keine anderen zwei Menschen auf der ganzen Welt könnten das sein, was wir sind und was wir füreinander gewesen sind. Keine anderen zwei Menschen könnten es wagen, dem ins Auge zu sehen, dem wir ins Auge sehen.“ Er hielt inne: „Wagen wir es, Betty?“
Ihre Augen wandten sich von seinen ab. Er erhob sich schwankend, gestützt auf einen Arm; sie sprang auf, sah ihn an, und als er einen ungeschickten Versuch machte aufzustehen, beugte sie sich plötzlich vor und reichte ihm beide Hände zur Hilfe.
„Warte – warte!“, sagte sie; „lass mich versuchen zu denken, wenn ich kann. Sprich mich nicht wieder an – noch nicht – jetzt nicht.“
Aber in Abständen, während sie die Treppen hinabstiegen, wandte sie sich instinktiv um, um sein Vorankommen zu beobachten, denn er bewegte sich immer noch mühsam.
Im Salon hielten sie inne, er schwer auf die Lehne eines Stuhls gestützt, sie, zerstreut, rastlos, den polierten Parkettboden auf und ab gehend, ihre Rosen unter den Füßen zertretend, sich von Zeit zu Zeit umdrehend, um ihn anzusehen – ein seltsamer, direkter, reinlidiger Blick, der seine Seele zu erfrischen schien.
Einmal bückte er sich und hob eine der zertretenen Rosen auf, die von ihrem schlanken Fuß gequetscht worden war; einmal, als sie an ihm vorbeiging, geistesabwesend den Raum zwischen der Tür und ihm abschritt, sprach er ihren Namen aus.
Doch: „Warte!“, hauchte sie. „Du hast alles gesagt. Es ist an mir zu antworten – falls ich überhaupt spreche. K-kannst du nicht auf mich warten?“
„Habe ich dich verärgert?“
Sie hielt inne, den Kopf hoch, großartig in ihrer schlanken, jungen Schönheit.
„Sehe ich so aus?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich auch nicht. Lass es mich herausfinden.“
Der Raum war dunkler geworden; das Licht auf ihrem Haar, ihrem Gesicht und ihren Händen schimmerte matt, während sie in ihrem rastlosen Voranschreiten an ihm vorbeizog – rastlos, bestürzt, verängstigt auf ein Ziel zu, das sie bereits vor sich sah – dicht vor sich – jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, um ihn anzusehen. Sie kannte bereits das Ende.
Dieser Mann! Und sie wusste, dass er für sie bereits etwas sein musste, das sie niemals wieder vergessen konnte – etwas, mit dem sie für immer und ewig rechnen musste, solange das Leben andauerte.
Sie hielt inne und musterte ihn beinahe unverschämt. Plötzlich überkam sie der Ansturm des letzten Widerstandes; ihre Augen loderten, ihre weißen Hände verkrampften sich zu zwei kleinen, geballten Fäusten – und dann starb der Tumult in ihren klingelnden Ohren, die Helligkeit der Augen wurde gelöscht, ihre Hände entspannten sich, ihr Kopf sank tief, tiefer, um diesen Mann nie wieder unerschrocken, herzfrei, angstfrei anzusehen – diesen Mann nie wieder mit der gedankenlosen, ungläubigen Ruhe anzusehen, die aus der harmlosesten Skepsis der Welt geboren ist.
Sie stand dort in Schweigen, hörte seinen Schritt neben sich, hob den Kopf mit einer Anstrengung.
„Betty!“
Ihre Hände bebten, verweigerten die Kapitulation. Er beugte sich vor und hob sie, drückte sie an seine Augen, seine Stirn. Dann senkte er sie auf die Höhe seiner Lippen, hielt sie dort schwebend, die Augen in ihre blickend, wartend.
Plötzlich schlossen sich ihre Augen, ein krampfhaftes kleines Beben durchlief sie, sie drückte beide gefalteten Hände gegen seine Lippen, ihre eigenen bewegten sich, aber keine Worte kamen – nur ein langer, süßer, lautloser Seufzer, weich wie die Brise, die die purpurroten Ahornknospen bewegt, wenn der Frühlingsschnee endlich zu schmelzen beginnt.
Aus einer dunklen Ecke unter dem Klavier beobachtete Clarence sie verstohlen.
XII
SYBILLA
Zeigt, was aus Ungehorsam, Rosium und Mehlkleister wird
Gegen Mittag polterte Bushwyck Carr in die Turnhalle, wo die Drillinge gerade ihre Fechtstunde beendet hatten.
„Ist eine von euch dreien heute Morgen im Labor gewesen?“, verlangte er zu wissen, wobei seine Stimme in einem musikalischen Gebrüll endete, wie der Stoß eines wohlklingenden Waldhorns an einem Tourenwagen.
Die Drillinge – Flavilla, Drusilla und Sybilla – alle genau gleich gekleidet in Kniekilts, Brustpanzern, Handschuhen und Masken, nahmen Haltung an und salutierten ihrem Erzeuger mit ihren Floretten. Die boznovianische Fechtmeisterin, Madame Tzinglala, zog sich anmutig in die Umkleidekabine zurück und ging.
„Welche von euch drei Mädchen ist heute Morgen im Labor gewesen?“, wiederholte ihr Vater ungeduldig.
Die Drillinge standen weiterhin in einer ordentlichen Reihe, die Knöpfe ihrer Florettspitzen ausgerichtet und auf dem Hartholzboden ruhend. In anmutigem Einklang nahmen sie ihre Masken ab; drei gerötete und ungewöhnlich hübsche Gesichter betrachteten den Urheber ihres Seins aufmerksam – noch aufmerksamer, als dieser runde und rotwangige Gentleman, eine Gesichtsverzerrung ausführend, sein Monokel in ein wütendes linkes Auge schraubte und funkelte.
„Habe ich euch nicht gewarnt, euch von diesem Labor fernzuhalten?“, fragte er zornig; „habe ich euch nicht erklärt, dass das nicht eure Angelegenheit ist? Ich glaube, ich habe euch mitgeteilt, dass alles, was in diesem Raum eingeschlossen ist, euch nichts angeht. Habe ich das nicht?“
„Ja, Pa-pah.“
„Nun, verflixt noch mal, warum seid ihr dann hineingegangen?“
Ein besorgtes Schweigen war seine Antwort. „Ihr seid doch nicht alle hineingegangen, oder?“, verlangte er in einem melodischen Gebrüll zu wissen.
„Oh, nein, Pa-pah!“
„Sind zwei von euch hineingegangen?“
„Oh-h, n-ein, Pa-pah!“
„Nun, welche ist es dann gewesen?“
Die Reihe der Schönheit wankte für einen Moment; dann trat Sybilla langsam drei Schritte vor und blieb mit niedergeschlagenen Augen stehen.
„Ich habe euch gesagt, ihr sollt es nicht tun, nicht wahr?“, sagte ihr Vater, während er das Monokel zornig aus seinem Auge drückte und wieder einsetzte.
„J-ja, Pa-pah.“
„Aber du hast es doch getan?“
„J-ja----“
„Das reicht! Flavilla! Drusilla! Ihr seid entschuldigt“, entließ er die zwei schuldlosen Drillinge mit einer Handbewegung des schrecklichen Augenglases; und als sie kehrtgemacht hatten und in guter Ordnung abgezogen waren, wobei sie die Tür hinter sich schlossen, betrachtete er seine straffällige Tochter mit zorniger und hochroter Bestürzung.
„Was hast du in diesem Labor gesehen?“, verlangte er zu wissen.
Sybilla begann an ihren Fingern zu zählen. „Als ich im Raum umherging, bemerkte ich Gläser, Flaschen, Röhren, Lampen, Retorten, Lötrohre, Batterien----“
„Hast du eine kleine, glänzende Maschine bemerkt, die in etwa der inneren Mechanik einer Uhr ähnelt?“
„Ja, Pa-pah, aber dazu bin ich noch nicht gekommen----“
„Bist du in ihre Nähe gegangen?“
„Ganz in die Nähe----“
„Du hast sie doch nicht etwa berührt?“
„Ich wollte es dir gerade sagen----“
„Hast du?“, brüllte er musikalisch. „Antworte mir, Sybilla!“
„J-ja – habe ich.“
„Was hast du vermutet, was es sei?“
„Ich dachte – wir alle dachten –, dass du ein drahtloses Telefoninstrument dort aufbewahrst----“
„Warum? Nur weil ich zufällig Präsident der Amalgamated Wireless Trust Company bin?“
„Ja. Und wir starben fast vor Neugier, ein drahtloses Telefon arbeiten zu sehen ... Ich dachte, ich würde gerne die Zentrale anrufen – nur um sicherzugehen, dass ich das Ding zum Laufen bringen kann – Was ist los, Pa-pah?“
Er ließ sich in einen gepolsterten Sessel fallen und bedeutete Sybilla, sich gegenüber zu setzen. Dann, mit einer weiteren schrecklichen Gesichtsverzerrung, setzte er das Monokel wieder ein.
„Du hast also vorsätzlich diese Tür geöffnet und bist hineingegangen, um zu stöbern?“
„Nein“, sagte das Mädchen; „wir waren – ein wenig beim Herumalbern auf dem Weg zur Turnhalle; und ich gab Brasilia einen kleinen Schubs in Richtung Labortür, und dann schubste Flavilla mich – ganz sanft – und irgendwie ich – die Tür flog auf und meine Maske fiel ab und rollte hinein; und ich ging ihr hinterher. So ist es passiert – teilweise.“
Sie hob ihre dunklen und sehr schönen Augen zu ihrem steinernen Vater, dann senkten sie sich, und sie begann mit der Spitze ihres Floretts Figuren und Arabesken auf den polierten Boden zu zeichnen. „So ist es teilweise passiert“, wiederholte sie.
„Was ist der andere Teil?“
„Der andere Teil war, dass ich, da ich dir leider ungehorsam gewesen war und mich bereits im Raum befand, dachte, ich könnte genauso gut bleiben und mich ein wenig umsehen----“
Ihr Vater hüpfte förmlich in seinem gepolsterten Sessel. Die samtäugige Nachfahrin Evas warf einen furchtsamen Blick auf ihn und fuhr fort, während sie beiläufig weiterhin unsichtbare Arabesken mit ihrer Florettspitze zeichnete.
„Du siehst doch, nicht wahr“, sagte sie, „dass ich, da ich nun einmal drin war, dachte, ich könnte genauso gut etwas tun, bevor ich wieder herauskäme, was meinen Ungehorsam der Strafe wert machen würde. Also hob ich zuerst meine Maske auf, dann sah ich mich erschrocken um. Da waren nur Gläser und Flaschen und Dinge ... Ich war schrecklich enttäuscht. Die Gewissheit, bestraft zu werden und dann, nachdem man alles gesehen hat, nichts als Flaschen, schien doch ziemlich unfair ... Also – lief ich umher, um – um zu sehen, ob ich etwas zum Ansehen finden konnte, das mich für die Strafe entschädigen würde ... Es gibt doch ein Sprichwort, nicht wahr, Pa-pah? – irgendetwas davon, für ein Lamm hingerichtet zu werden----“
„Fahr fort!“, sagte er scharf.
„Nun, alles, was ich finden konnte, das so aussah, als hätte ich es nicht berühren dürfen, war eine kleine, juwelenbesetzte Maschine----“
„Das war sie! Hast du sie berührt?“
„Ja, mehrmals. War es ein Drahtloses?“
„Kümmert dich nicht! Ja, es ist eine Art drahtloses Instrument. Fahr fort!“
Sybilla schüttelte den Kopf:
„Ich bin sicher, ich verstehe nicht, warum du so beunruhigend nachdrücklich bist; denn ich habe keine Ahnung, wie man eine drahtlose Nachricht sendet oder empfängt, und ich hatte nicht die leiseste Vorstellung, wie diese Maschine funktionieren könnte. Ich habe sehr versucht, sie zum Laufen zu bringen; ich habe an mehreren Schrauben gedreht und alle Druckknöpfe gedrückt----“
Mr. Carr stieß ein hohles, verzweifeltes Geräusch aus – eine Art musikalisches Stöhnen – und griff schwach in die Leere.
„Ich habe jeden Hebel, jede Schraube und jede Feder ausprobiert“, fuhr sie ruhig fort, „aber die Maschine muss defekt gewesen sein, denn ich bekam nur einen erbärmlichen kleinen Funken----“
„Du hast einen Funken bekommen?“
„Ja – nur ein winziges, geräuschloses Atom aus weißem Feuer----“
Ihr Vater sprang auf die Füße und winkte ihr zerstreut mit beiden Händen zu.
„Weißt du, was du getan hast?“, brüllte er.
„N-nein----“
„Nun, du hast dich darauf vorbereitet, dich zu verlieben! Und du hast wahrscheinlich irgendeinen unbeschreiblichen Welpen dazu gebracht, sich in dich zu verlieben! Und das ist es, was du getan hast!“
„Ver--liebt!“
„Ja, das hast du!“
„Aber wie kann ein gewöhnliches drahtloses Telefon----“
„Es ist eine andere Art von Drahtlosem. Dein Schwager William Destyn hat es erfunden; ich unterstütze es und experimentiere damit. Ich habe dir gesagt, dass du dich von diesem Raum fernhalten sollst. Ich habe ein Schild an die Tür gehängt: ‚Gefahr! Nicht eintreten!‘“
„W-war das Ding geladen?“
„Ja, es war geladen!“
„W-womit?“
„Wellen!“, schrie ihr Vater wütend. „Psychische Wellen! Du kleines Dummchen, wir haben gerade entdeckt, dass die Welt und alles, was darin ist, von psychischen Wellen sowie von unsichtbaren elektrischen Strömen umhüllt ist. In der Minute, als du in die Nähe der Maschine kamst und den Hörer abnahmst, flossen Wellen deiner unterbewussten Persönlichkeit hinein. Und in der Minute, als du diese Feder berührtest und einen Funken bekamst, haben deine psychischen Wellen per Funk die unterbewusste Persönlichkeit irgendeines jungen Mannes signalisiert – irgendeines unerträglichen Welpen –, der von dort kommen wird, wo er sich gerade aufhält – vom Ende der Welt, wenn es sein muss – und sich in dich verlieben wird.“
Mr. Carr hüpfte vor purer Wut schwerfällig auf und ab; seine Tochter betrachtete ihn in ruhiger Bestürzung.
„Es tut mir so, so leid“, sagte sie; „aber ich bin mir ganz sicher, dass ich mich nicht verlieben werde----“
„Du kannst nicht anders“, brüllte ihr Vater, „wenn das Instrument funktioniert hat.“
„Ist – ist es das, wofür es d-da ist?“
„Dafür ist es erfunden worden; deshalb stecke ich eine Million hinein. Jeder auf Erden, der die Person treffen möchte, in die er sich früher oder später verlieben soll, kann vertraulich zu uns kommen, ein Ticket kaufen und an die richtige psychische Verbindung angeschlossen werden, die eine schnelle Werbung und Hochzeit garantiert – Verdammt!“
„Pa-pah!“
„Ich kann nicht anders! Jeder selbstachtungsvolle, gottesfürchtige Vater würde fluchen! Glaubst du, ich hätte jemals erwartet, dass meine Töchter mit dieser Maschine in Verbindung gebracht werden? Meine Töchter, umworben, verlobt und verheiratet durch Maschinen! Und du bist erst achtzehn; hörst du mich? Ich will das nicht! Ich werde das sicherlich nicht zulassen!“
„Aber, Liebling, ich habe absolut nicht die Absicht, mich mit achtzehn zu verlieben und zu heiraten. Und wenn – er – wirklich – kommt, werde ich ihm sehr offen sagen, dass ich nicht daran denken könnte, mich zu verlieben. Ich werde ihm ruhig erklären, dass die Maschine aus Versehen losgegangen ist und dass ich erst achtzehn bin; und dass Flavilla und Drusilla und ich erst nächsten Winter in die Gesellschaft eingeführt werden. Das“, fügte sie unschuldig hinzu, „sollte ihn aufhalten.“
„Das Beste ist“, sagte ihr Vater und starrte sie fest an, „dich in deinem Zimmer zu behalten, bis du zwanzig bist!“
„Oh, Pa-pah!“
Mr. Carr schlug sich an die blühende Stirn.
„Du bleibst sowieso eine Woche drin!“, donnerte er wohlklingend. „Keine Automobilparty für dich! Das ist deine Strafe. Du wirst für heute sowieso in Sicherheit sein; und bis zum Abend wird William Destyn aus Boston zurück sein, und ich werde ihn konsultieren, was der sicherste Weg ist, dich aus dem Weg dieses Grünschnabels zu halten, den du aufgeweckt hast – heraufbeschworen – aus dem Raum gerührt hast – wo immer er auch sein mag – wer immer er auch sein mag – wie immer er sich auch nennen mag----“
„George“, murmelte sie unfreiwillig.
„Was!!“
Sie sah ihren Vater beschämt, verwirrt an.
„Wie absurd von mir“, sagte sie. „Ich weiß nicht, warum ich an diesen Namen gedacht haben sollte, George; oder warum ich ihn laut ausgesprochen haben sollte – so – wirklich nicht----“
„Wen kennst du, der George heißt?“
„N-niemanden im Besonderen, an den ich denken könnte----“
„Sybilla! Sei ehrlich!“
„Wirklich, tue ich nicht; ich bin immer ehrlich.“
Er wusste, dass sie immer die Wahrheit sagte, aber er sagte:
„Warum zum Teufel hast du mich dann so – äh – so verträumt angesehen und mich George genannt?“
„Ich kann es mir nicht vorstellen – ich kann es nicht verstehen----“
„Nun, ich kann! Du realisierst es nicht, aber dieser Kerl muss George heißen! Ich werde nach den Georges Ausschau halten. Ich bin froh, dass ich gewarnt wurde. Ich werde dafür sorgen, dass kein zweibeiniges Objekt namens George dieses Haus betritt! Du wirst niemals irgendwohin gehen, wo irgendjemand George heißt, wenn ich es verhindern kann.“
„Ich – ich will das nicht“, entgegnete sie, fast bereit zu weinen. „Du bist sehr grausam zu mir----“
„Ich möchte es sein. Ich wünsche mir, ein Monster zu sein!“, entgegnete er heftig. „Du bist ein überaus schlechtes, undankbares, ungehorsames und törichtes Kind. Deine Schwestern und ich werden nach Westchester fahren und dort mit deiner Schwester und deinem neuesten Schwager zu Mittag essen. Und wenn sie fragen, warum du nicht mitgekommen bist, werde ich ihnen sagen, dass es daran liegt, dass du ungehorsam bist und dass du eine Woche lang nicht vor die Tür gehen oder irgendjemanden sehen darfst, der in dieses Haus kommt!“
„I-ich nehme an, ich v-verdiene es“, willigte sie unter Tränen ein. „Ich bin bereit, diszipliniert zu werden, und durchaus willens, niemanden namens George zu sehen – jemals! Außerdem hast du mich d-schrecklich erschreckt! Ich – ich will gar nicht aus dem Haus gehen.“
Und als ihr Vater mit einem Poltern abgetreten war, blieb sie allein in der Turnhalle zurück, den Blick gesenkt, die Lippen bebend. Noch später, in genau derselben Position sitzend, hörte sie das leise Surren des Tourenwagens draußen; dann das Klicken der zufallenden Tür.
„Da fahren sie“, sagte sie zu sich selbst, „und sie werden so eine schöne Zeit haben, und all diese sehr angenehmen jungen Männer aus Westchester werden da sein – besonders Mr. Montmorency ... Ich mochte ihn wirklich sehr; außerdem heißt er Julian, also ist es p-perfekt sicher, ihn zu mögen – und ich wollte doch sehen, wie Sacharissa nach ihrer Hochzeitsreise aussieht.“
Ihre Unterlippe bebte; sie hielt sie fest zwischen den Zähnen, starrte elend auf den Boden und trommelte mit der Spitze ihres Floretts einen trostlosen Rhythmus darauf.
„Ich werde für meinen Ungehorsam gut bezahlt“, wimmerte sie. „Jetzt kann ich eine Woche lang nicht ausgehen; und es ist April; und wenn ich ausgehe, werde ich die ganze Zeit so ängstlich sein, verstohlen jeden Mann mustern, der vorbeigeht, und mich fragen, ob er wohl George heißen könnte... Und es wird auch noch entsetzlich peinlich werden... Man stelle sich vor, sie brächten nächsten Winter irgendeinen harmlosen Tänzer namens George mit, um ihn mir vorzustellen, und ich, entsetzt, würde meine Debütantinnen-Röcke raffen und davonlaufen... Ich werde tatsächlich gezwungen sein, vor jedem Mann zu fliehen, bis ich weiß, dass er nicht George heißt. Oh Gott! Oh Gott! Was für eine schreckliche Aussicht für diesen Sommer, wenn wir das Haus in Oyster Bay öffnen! Was für eine furchtbare Perspektive für den nächsten Winter!“
Naiv tupfte sie sich mit dem Handrücken ihres Handschuhs eine Träne von den langen Wimpern.
Ihr Dienstmädchen kam und meldete das Mittagessen, doch sie wollte nichts davon wissen, ebenso wenig wie von irgendeiner anderen angebotenen Dienstleistung, einschließlich eines Bades und eines Hauskleids.
„Geh weg, Bowles“, sagte sie, „und bitte, komm mir nicht nahe und lass niemanden in meine weitere Umgebung, denn ich bin s-sehr unglücklich, Bowles, und verdiene es – und ich – ich wünsche, mit meinem G-Gewissen allein zu sein.“
„Aber, Miss Sybilla...“
„Nein, nein, nein! Ich will nicht einmal deine Stimme hören – oder irgendeine andere. Ich will kein einziges menschliches Geräusch irgendeiner Art hören. Ich – was ist das für ein schabendes Geräusch in der Bibliothek?“
„Ein Mann, Miss Sybilla...“
„Ein Mann! W-wie heißt er?“
„Das weiß ich nicht, Miss. Es ist ein Handwerker – ein Tapezierer.“
„Oh!“
„Wünschen Sie, dass ich ihn bitte, mit dem Schaben aufzuhören, Miss?“
Sybilla lachte: „Nein, danke.“ Und sie fuhr fort, sich über sich selbst amüsierend, nachdem das Dienstmädchen sich zurückgezogen hatte, im Turnsaal umherzuschlendern und mit ihrem Florett nach Ringen, Barren und Boxsack zu stechen. Auch ihre Angst legte sich. Die Jugend hat keine besonders große Fähigkeit zur anhaltenden Angst. Außerdem schlich sich bereits der erste gesunde Anflug von Ungläubigkeit ein. Und während sie umherschlenderte und mit ihrem Florett zischte, sinnierte sie laut vor sich hin:
„Was für eine außergewöhnliche und scheußliche Maschine!... Wie kann sie solch ausgesprochen gewöhnliche Dinge tun? Und was für eine vollkommen unangenehme Art, sich zu verlieben – durch Maschinerie!... Ich möchte lieber nicht wissen, wer ich eines Tages sein werde, um – um jemanden sehr zu mögen... Es ist weitaus interessanter, einen Mann durch Zufall zu treffen und nie zu ahnen, dass man ihn jemals mögen könnte, als eine Fahrkarte zu kaufen, zu einer Maschine voller psychischer Wellen zu gehen und irgendwo auf der Welt einen fremden Mann anzurufen.“
Mit einem Schauder der Verachtung ließ sie sich auf eine Liege fallen und nahm ihr Gesicht in beide Hände.
Sie war wie ihre Schwestern, groß, hübsch gebaut und wohlgeformt, mit denselben schmalen Füßen und Händen – immer anmutig beim Liegen, egal in welche Haltung ihre schlanken Glieder fielen.
Und jetzt, in ihrem Fechtrock aus schwarzem Stoff und ihren schwarzen Strümpfen, war sie überaus dekorativ, wobei die strengen Linien des Plastrons den weißen Hals und das Kinn betonten und das scharlachrote Herz über ihrem eigenen kleinen Herzen leuchtete – unbeschwert von Dingen wie Liebe und Liebhabern. Ja, unbeschwert; denn sie war zu dem Schluss gekommen, dass ihr Vater sie mehr als nötig erschreckt hatte; dass das Instrument nicht wirklich sein Schlimmstes getan hatte; tatsächlich, dass sie, obwohl sie sehr ungehorsam gewesen war, mit einem eher blauen Auge davongekommen war; und dass ihr wahrscheinlich nichts Ernsthafteres als väterliches Missfallen drohte.
Was sie in einem Maße tröstete, das ihren Appetit zurückkehren ließ; sie läutete zum Mittagessen und aß es mit der gesunden Nonchalance, die für sie und ihre Schwestern gewöhnlich so charakteristisch war.
„Nun“, überlegte sie, „werde ich eine Stunde auf mein Bad warten müssen“ – eines der verinnerlichten Prinzipien der Haushaltshygiene. Also stand sie auf und schlenderte durch den Turnsaal, auf der Suche nach etwas Interessantem.
Sie blickte aus den hinteren Fenstern. In New York ist die Aussicht aus hinteren Fenstern nicht imposant.
Da sie der künstlerlosen Aussicht überdrüssig war, schlenderte sie hinaus und die Treppe hinunter, um zu sehen, was ihr Dienstmädchen wohl treibe. Bowles nähte; Sybilla sah eine Weile mit gelangweilt-nachlässigem Interesse zu, erkannte dann, dass ein langer Tag der Bestrafung vor ihr lag, dass sie ihn verdiente und dass sie eine Buße tun sollte, und machte sich reumütig mit entschlossenen Absichten in Richtung Henry James auf den Weg zur Bibliothek.
Als sie eintrat, bemerkte sie, dass die Bücherregale, die bis zur halben Deckenhöhe reichten, in Laken gehüllt waren. Außerdem stieß sie auf ein Paar Sägeböcke, auf denen Bretter lagen, auf denen sich Rollen mit grünem Flocktapeten, mehrere Scheren, ein Eimer Kleister, ein großer, flacher Pinsel, ein Messer und ein T-Winkel befanden.
„Der Tapezierer“, sagte sie. „Er ist zum Mittagessen gegangen. Ich werde Zeit haben, mich Henry James zu bemächtigen und zu fliehen.“
Nun war Henry James, wie einige andere heilige Konventionen, in jener Bibliothek ein bewegliches Fest. Manchmal stand er ordentlich aufgereiht in einem Regal, manchmal in einem anderen. Auf Henry war kein Verlass.
Sybilla hob die Laken von der Vorderseite eines Schranks und spähte genauer hin. Henry war nicht zu sehen. Sie hob die Laken von einem anderen Schrank; kein Henry; nur G.P.R. in sechs Dutzend verruchten Bänden.
Sybilla spähte in einen dritten Schrank. Dann geschah etwas sehr Unedierendes. Wahrlich, wahrlich, dies war Sybillas Tag des Ungehorsams. Sie sah ein verbotenes Buch in altem, vergoldetem Leder schimmern – sie sah seinen klassischen Rücken spöttisch ihr zugewandt – der ganze Reiz des Bandes war frech, mit Eselsohren versehen, draufgängerisch.
Sie nahm es heraus, stellte es zurück, suchte angestrengt, sehr angestrengt nach Henry, fand ihn nicht, warf einen Seitenblick auf das mit Eselsohren, machte einen Schritt zur Seite.
„Ich schaue nur nach, wo es gedruckt wurde“, sagte sie zu sich selbst, zog das Buch heraus und trat hastig zurück – so hastig, dass sie mit dem Sägebocktisch zusammenstieß und der Kleister aus dem Eimer spritzte.
Doch Sybilla achtete nicht darauf; sie untersuchte die Titelseite des alten Eselsohrs: eine ziemlich wunderbare Titelseite, gedruckt in faszinierendem Rot und Schwarz mit Schnörkeln.
„Ich schaue nur, ob...“ Und die glatten, weißen Finger zögerten; doch sie hatte einen Blick auf einen alten Stich auf der nächsten Seite erhascht – einen sehr kuriosen, der sie faszinierte.
„Ich frage mich...“
Sie blätterte die nächste Seite um. Der erste Absatz des berühmten Klassikers begann köstlich. Nach wenigen Augenblicken lachte sie und fügte für sich hinzu: „Ich kann nicht sehen, welcher Schaden...“
Es gab keinen Schaden. Ihr Vater hatte ein anderes Buch gemeint; aber das wusste Sybilla nicht.
„Ich werde nur einen Blick hineinwerfen, um – um – sicherzugehen, dass ich es nicht lesen darf.“
Sie legte eine Hand auf den Tisch des Tapezierers, schwang sich seitlich hinauf und, auf der Oberseite sitzend, die Beine baumelnd, vertiefte sie sich in das Buch, ohne zu merken, dass der umgekippte Kleister sie langsam an die bespritzte Tischplatte fesselte.
Eine Stunde später, als sie Schritte auf dem Treppenabsatz hörte, sprang sie – das heißt, sie vollführte alle anmutigen Bewegungen des leichten Abspringens auf den Boden. Doch sie hatte sich keinen Zoll bewegt. Kein Gorgonenhaupt hätte sie in eine hoffnungslosere Unbeweglichkeit versetzen können.
Von der Freiheit durch etwas abgehalten, das sie nicht kannte, unternahm sie einen verzweifelten und demoralisierten Versuch – und sank vor Entsetzen bei dem ominösen reißenden Geräusch zurück.
Sie klebte unwiderruflich am Tisch fest.
XIII
DER KRONPRINZ
Worin die grüne Maus quietscht
Wenige Minuten später trat der junge Tapezierer ein, schwang einen leeren Essensbehälter und hielt in höflicher Überraschung vor einem geröteten jungen Mädchen in kompletter Fechtausrüstung inne, das auf seinem Arbeitstisch saß, die Füße gekreuzt, und krampfhaft ein Buch an das scharlachrote Herz presste, das auf ihr Plastron gestickt war.
„Ich – hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich hier sitze“, brachte sie hervor. „Ich wollte bei der Arbeit zusehen.“
„Aber durchaus“, sagte er freundlich. „Lassen Sie mich Ihnen einen Stuhl holen...“
„Nein, danke. Ich sitze lieber auf d-diese Weise. Bitte fangen Sie an und beachten Sie mich nicht, wenn ich Ihnen zusehe.“
Der junge Mann schien verwirrt zu sein.
„Ich fürchte“, wagte er einzuwenden, „dass ich diesen Tisch zum Schneiden brauche und...“
„Bitte – wenn es Ihnen nichts ausmacht – fangen Sie an zu kleistern. Ich interessiere mich i-intensiv für das K-Kleistern – ich sehe gerne zu, wie T-Tapeten an eine W-Wand g-gekleistert werden.“
Ihre kleinen Zähne klapperten trotz ihrer Bemühungen; sie versuchte ihre Stimme zu beherrschen – versuchte, ihre Fassung zu sammeln.
Er stand unschlüssig da, auch ziemlich erstaunt.
„Es tut mir leid“, sagte er, „aber...“
„Bitte kleistern Sie; wollen Sie nicht?“, fragte sie.
„Nun, ich muss diesen Tisch haben, um darauf zu kleistern...“
„Dann d-denken Sie nicht ans Kleistern. T-tun Sie etwas anderes; schneiden Sie ein paar Streifen zu. Ich bin so daran interessiert, Tapezierern zuzusehen, wie sie Dinge zuschneiden...“
„Aber dafür brauche ich auch den Tisch...“
„Nein, brauchen Sie nicht. Sie können kein – ein sehr geschickter H-Handwerker sein, wenn Sie Ihren Tisch für alles benutzen müssen...“
Er lachte. „Sie haben vollkommen recht; ich bin kein geschickter Tapezierer.“
„Dann“, sagte sie, „bin ich überrascht, dass Sie hierhergekommen sind, um unsere Bibliothek zu tapezieren, und ich denke, Sie sollten besser in Ihren Laden zurückgehen und einen kompetenten Mann schicken.“
Er lachte wieder. Das jugendliche Gesicht des Tapezierers war merkwürdig attraktiv, wenn er lachte – und ansonsten mehr oder weniger.
Er sagte: „Ich bin gekommen, um diese Bibliothek zu tapezieren, weil Mr. Carr es eilig hatte und ich der einzige Mann im Laden war. Ich wollte nicht kommen. Aber sie haben mich dazu gezwungen... Ich glaube, sie haben im Laden ziemliche Angst vor Mr. Carr... Und diese Arbeit muss heute fertig werden.“
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte; irgendetwas, um ihn vom Tisch fernzuhalten, bis sie klar denken konnte.
„W-warum wollten Sie nicht kommen?“, fragte sie und kämpfte um Zeit. „Sie haben gesagt, Sie wollten nicht kommen, nicht wahr?“
„Weil“, sagte er lächelnd, „ich es nicht mag, Tapeten aufzuhängen.“
„Aber wenn Sie Tapezierer von Beruf sind...“
„Ich nehme an, Sie halten mich für einen echten Tapezierer?“
Sie versuchte vorsichtig, einen Rand ihres Rocks zu befreien; sie nickte geistesabwesend, dann sank sie in sich zusammen, als ein schwaches Zerreißen von Stoff zu hören war, und lief tiefrot an.
„Fahren Sie fort“, sagte sie hastig; „die Geschichte Ihrer Karriere ist so interessant. Sie sagen, Sie lieben das Tapezieren...“
„Nein, tue ich nicht“, erwiderte er gekränkt. „Ich sage, ich hasse es.“
„Warum tun Sie es dann?“
„Weil mein Vater der Meinung ist, dass jeder seiner Söhne, der das College abschließt, diszipliniert werden sollte, indem er ein Handwerk lernt, bevor er in einen Beruf einsteigt. Mein ältester Bruder, De Courcy, lernte Schmied zu sein; mein nächster Bruder, Algernon, betrieb eine Bäckerei; und seit ich Harvard verlassen habe, klatsche ich Papierbögen an die Wände der Leute...“
„Harvard?“, wiederholte sie verwirrt.
„Ja; ich war Jahrgang 1907.“
„Sie!“
Er sah an seinem weißen Overall herab und lächelte.
„Erstaunt Sie das, Miss Carr? – Sie sind Miss Carr, nehme ich an...“
„Sybilla – ja – wir sind – wir sind Drillinge“, stammelte sie.
„Die schö – die – die Carr-Drillinge! Und Sie sind eine von ihnen?“, rief er erfreut.
„Ja.“ Immer noch verwirrt saß sie da und sah ihn an. Wie außergewöhnlich! Wie seltsam, einen Harvard-Absolventen beim Tapezieren zu finden! Schreckliche Vorahnungen blitzten in ihr auf.
„Wer sind Sie?“, fragte sie zitternd. „Würden Sie mir Ihren Namen sagen? Er – er ist nicht – George!“
Er blickte mit erfreuter Überraschung auf:
„Sie wissen also, wer ich bin?“
„N-nein. Aber – er ist nicht George – oder?“
„Nun, ja...“
„O-h!“, hauchte sie. Ein Gefühl von Schwindel überkam sie: sie schwankte; aber ein unverkennbares reißendes Geräusch brachte sie plötzlich wieder zu sich.
„Ich fürchte, Sie zerreißen irgendwie Ihren Rock“, sagte er besorgt. „Lassen Sie mich...“
„Nein!“
Die Verzweiflung des Neins grenzte an Gewalt, und er trat unwillkürlich zurück.
Einen Moment lang standen sie sich gegenüber; das Erröten verschwand von ihren Wangen.
„Wenn“, sagte sie, „Ihr Name tatsächlich George ist, dann – dann ist dies die schrecklichste – die schrecklichste Strafe...“ Sie schloss ihre Augen mit ihren Fingern, als wollte sie eine monströse Vision ausschließen.
„Was“, fragte der verblüffte junge Mann, „hat mein Name mit... zu tun?“
Ihre Hände sanken von ihren Augen; mit Entsetzen musterte sie ihn, seinen kleisterverschmierten Overall, seine schäbige weiße Kappe, seinen Essensbehälter.
„Ich – ich werde Sie nicht heiraten!“, stammelte sie in weißer Verzweiflung. „Ich werde nicht! Wenn Sie kein Tapezierer sind, sehen Sie aus wie einer! Es ist mir egal, ob Sie ein Harvard-Absolvent sind oder nicht – ob Sie das Tapezieren nur spielen oder nicht – ob Ihr Name George ist oder nicht – ich werde Sie nicht heiraten – ich werde nicht! Ich werde nicht!“
Mit dem Gefühl, dass seine Sinne sich rasch verflüchtigten, setzte sich der junge Mann schwindelig hin und fuhr sich mit einer kleisterverschmierten, aber wohlgeformten Hand über die Augen.
Sybilla presste die Lippen zusammen und sah ihn an.
„Ich nehme nicht an“, sagte sie, „dass Sie verstehen, wovon ich spreche, aber ich muss es Ihnen sofort sagen; ich kann diese Art von Dingen nicht ertragen.“
„W-was für eine Art von Dingen?“, fragte der junge Mann schwach.
„Dass Sie hier in diesem Haus sind – mit mir...“
„Ich gehe sehr gerne...“
„Warten Sie! Das wird nichts nützen! Sie kommen wieder!“
„N-nein, das werde ich nicht...“
„Doch, das werden Sie. Oder ich – ich werde Ihnen f-folgen...“
„Was?“
„Eines von beiden! Wir können nicht anders, das sage ich Ihnen. Sie verstehen es nicht, aber ich tue es. Und in dem Moment, als ich wusste, dass Ihr Name George ist...“
„Was zum Teufel hat das mit irgendetwas zu tun?“, verlangte er zu wissen und wurde trotz seiner Verblüffung rot.
„Wellen!“, sagte sie leidenschaftlich, „psychische Wellen! Ich – irgendwie – wusste ich, dass er George heißen würde...“
„Wer würde George heißen?“
„Er! Der – Mann... Und wenn ich jemals – wenn Sie jemals erwarten, dass ich mich – um einen Mann in Overalls k-kümmere...“
„Aber ich erwarte nicht – Großer Gott! – ich erwarte nicht, dass Sie sich um – um Overalls k-kümmern...“
„Warum tragen Sie sie dann?“, fragte sie in zitternder Empörung.
Der junge Mann, wie vom Blitz getroffen, sprang von seinem Stuhl auf und begann umherzulaufen, wobei er kleine, kurze, geistesabwesende Schritte machte. „Entweder“, sagte er, „brauche ich sofort eine psychiatrische Behandlung, oder ich werde gegen Morgen aufwachen... Ich – weiß nicht, was Sie mir sagen wollen. Ich bin hierhergekommen, um – um zu k-kleistern...“
„Diese Maschine hat Sie geschickt!“, sagte sie. „In dem Moment, als ich einen Funken bekam, haben Sie angefangen...“
„Glauben Sie, ich bin ein Motor? Ein Funke! Glauben Sie, ich...“
„Ja, das glaube ich. Sie konnten nicht anders; ich weiß, es war meine eigene Schuld, und das – das ist die schreckliche Strafe – an einer T-Tischplatte festgeklebt – mit einem Mann namens George...“
„Was!!!“
„Ja“, sagte sie leidenschaftlich, „alles Ungehorsame, das ich getan habe, hat blitzartige Vergeltung gebracht. Mir war verboten, in das Labor zu gehen; ich war ungehorsam und – Sie kamen, um Tapeten aufzuhängen! Ich – ich nahm ein B-Buch – das ich nicht hätte nehmen dürfen, und das S-Schicksal klebt mich an Ihren scheußlichen Tisch und hält mich fest, bis ein Mann namens George hereinkommt...“
Gerötet, zitternd, aufgeregt machte sie eine schnelle und dramatische Geste der Verzweiflung; und ein reißendes Geräusch zerriss die Stille.
„Sind Sie an diesen Tisch geklebt?“, stammelte der junge Mann entsetzt.
„Ja, bin ich. Und es ist Ihnen absolut unmöglich, mir auch nur im Geringsten zu helfen, außer indem Sie so tun, als würden Sie es ignorieren.“
„Aber Sie – Sie können doch nicht dort bleiben!“
„Ich kann nicht anders, als hier zu bleiben“, sagte sie hitzig, „bis Sie gehen.“
„Dann sollte ich besser...“
„Nein! Sie sollen nicht gehen! Ich – ich werde nicht zulassen, dass Sie weggehen – irgendwo in der Stadt verschwinden. Gewissheit ist schrecklich genug, aber sie ist besser als die schreckliche Ungewissheit, zu wissen, dass Sie irgendwo auf der Welt sind und sicher irgendwann zurückkommen werden...“
„Aber ich will gar nicht zurückkommen!“, rief er empört. „Warum sollte ich zurückkommen wollen? Habe ich gesagt – gehandelt – getan – geschaut – Warum sollten Sie sich einbilden, dass ich das geringste Interesse an irgendetwas oder – oder – irgendjemandem in diesem Haus habe?“
„Haben Sie das nicht?“
„Nein!... Und ich kann Ihre – Ihre erstaunliche – und intensiv s-schmeichelhafte Angst nicht ignorieren, dass ich Absichten habe – dass ich begehre – mit anderen Worten, dass ich – äh – es gewagt habe, unmögliche Bestrebungen in Verbindung mit einer vergeblichen und absurden Hoffnung zu hegen, dass Sie eines Tages möglicherweise dazu bewegt werden könnten, irgendeinen zaghaften Vorschlag von mir bezüglich einer ehelichen Verbindung anzuhören...“
Er verschluckte sich und wurde dunkelrot.
Sie errötete auch, sagte aber ruhig:
„Danke, dass Sie es so nett ausgedrückt haben. Aber es hat keinen Zweck. Früher oder später werden Sie und ich gezwungen sein, eine Situation in Betracht zu ziehen, die zu hoffnungslos ist, um sie zu diskutieren.“
„Welche Situation?“
„Unsere.“
„Ich kann keine Situation erkennen – außer dass Sie festgeklebt sind – ich bitte um Entschuldigung! – aber ich muss die Wahrheit sagen.“
„Das muss ich auch. Unser Fall ist zu verzweifelt für alles außer schlichte und schreckliche Wahrheiten. Und die Wahrheiten sind diese: Ich habe die verbotene Maschine berührt und einen Funken bekommen; Sie heißen George; ich klebe hier fest, unfähig zu entkommen; Sie sind nicht unhöflich genug zu gehen, wenn ich Sie bitte, es nicht zu tun... Und jetzt – hier – in diesem Raum müssen Sie und ich uns diesen Tatsachen stellen und eine Entscheidung treffen... Denn ich muss einfach wissen, was mich erwartet; ich kann es nicht ertragen – ich könnte nicht mit dieser Last über mir leben...“
„Was über Ihnen?“
Er sprang auf und schwenkte seinen Essensbehälter in hektischen Kreisen:
„Was ist es, um Himmels willen, das über Ihnen schwebt?“
„Über Ihnen auch!“
„Über mir?“
„Natürlich. Über uns beiden. Wir steuern direkt auf die H-Heirat zu.“
„M-miteinander?“
„Natürlich“, sagte sie schwach. „Glauben Sie, es würde mich interessieren, wen Sie heiraten wollen, wenn ich es nicht wäre? Glauben Sie, ich würde meine eigenen Heiratsabsichten mit Ihnen besprechen, wenn Sie nicht zufällig entscheidend daran beteiligt wären?“
„Erwarten Sie, mich zu heiraten?“, keuchte er.
„Ich – ich will nicht: aber ich muss.“
Er stand einen Moment wie versteinert, dann begann er mit einem wilden Blick, seine Werkzeuge zusammenzusuchen.
Sie beobachtete ihn mit der krankmachenden Gewissheit, dass sie, falls er entkam, die Jahre der Ungewissheit bis zu seiner unvermeidlichen Rückkehr nicht überleben würde. Eine wahnsinnige Sehnsucht, das Schlimmste hinter sich zu haben, ergriff sie. Sie kannte das Schlimmste, wusste, was das Schicksal für sie bereithielt. Und sie wollte es hinter sich bringen – das Schlimmste geschehen lassen – und dann zurückbleiben, um die zerbrochenen Reste ihres Lebens in Einsamkeit und Frieden zu leben.
„Wenn – wenn wir heiraten müssen“, begann sie unsicher, „warum nicht schnell s-schluss damit machen – und dann macht es mir nichts aus, wenn Sie weggehen.“
Sie war völlig verrückt: das war sicher. Er warf hastig einige Pinsel in seinen Werkzeugkasten, richtete sich dann auf und betrachtete sie mit tiefem Mitleid.
„Hätten Sie etwas dagegen“, fragte sie zaghaft, „jemanden zu holen, der uns traut, und dann ist das Schlimmste überstanden, sehen Sie, und wir brauchen uns nie, nie wiederzusehen.“
Er murmelte etwas Beruhigendes und begann, einige Tapetenrollen zusammenzubinden.
„Wollen Sie nicht tun, was ich verlange?“, sagte sie kläglich. „I-Ich habe fast Angst, dass – wenn Sie weggehen, ohne mich zu heiraten, ich nicht leben und die – die Gewissheit Ihrer Rückkehr ertragen könnte.“
Er hob den Kopf und musterte sie mit tiefstem Mitleid. Verrückt – völlig verrückt! Und so jung – so exquisit... so vollkommen reizend in ihrem Körper! Und der Geist für immer verdunkelt... Wie schrecklich! Wie seltsam auch; denn in den reinlidrigen Augen schien er das sanfte Licht der Vernunft zu sehen, das nicht ganz erloschen war.
Ihre Augen trafen sich, verweilten; und die Schönheit ihres Blickes schien ihn bis zur tiefsten Quelle des Mitleids zu rühren.
„Würde es Sie glücklicher machen zu glauben – zu wissen“, fügte er hastig hinzu, „dass Sie und ich verheiratet wären?“
„J-ja, ich glaube schon.“
„Wären Sie ganz glücklich, es zu glauben?“
„Ja – wenn Sie das Glück nennen.“
„Und Sie wären nicht unglücklich, wenn ich nie zurückkehrte?“
„Oh, nein, nein! Ich – das würde mich – vergleichsweise – glücklich machen!“
„Mit mir verheiratet zu sein und zu wissen, dass Sie mich nie wiedersehen würden?“
„Ja. Wollen Sie?“
„Ja“, sagte er beruhigend. Und doch flackerte für einen Moment ein seltsamer kleiner Schmerz in seinem Herzen auf, dass sie, so verrückt sie zweifellos war, so glücklich sein sollte, ihn für immer loszuwerden.
Er kam langsam durch den Raum auf den Tisch zu, auf dem sie saß. Sie wich instinktiv zurück, aber ein ominöses Reißen hielt sie fest.
„Gehen Sie, um eine Lizenz und einen – einen Geistlichen zu holen?“, fragte sie.
„Oh, nein“, sagte er sanft, „das ist nicht nötig. Alles, was wir tun müssen, ist, uns die Hände zu reichen – so...“
Sie wich zurück.
„Sie müssen mich Ihre Hand nehmen lassen“, erklärte er.
Sie zögerte, sah ihn ängstlich an, dann legte sie, tiefrot, ihre schlanken Finger in seine.
Die Berührung löste ein Beben direkt durch ihn aus; er straffte die Schultern und sah sie an... Ganz, ganz fern schien es, als hörte er sein Herz schwer erwachen.
Was für eine unheimliche Situation! Seltsam – seltsam – dass er hier stand, um der verrückten Laune dieses gezeichneten Mädchens nachzugeben – dieser wunderbar süßen jungen Fremden, die aus so schönen Augen blickte, dass er fast glaubte, die tote Intelligenz hinter ihnen würde wieder zum Leben erwachen.
„Was müssen wir tun, um verheiratet zu sein?“, flüsterte sie.
„Sagen Sie es; das ist alles“, antwortete er sanft. „Nehmen Sie mich zu Ihrem Ehemann?“
„Ja... Nehmen Sie m-mich zu Ihrer – Ehefrau?“
„Ja, Liebes...“
„Sagen Sie das nicht!... Ist es – vorbei?“
„Alles vorbei“, sagte er und erzwang eine Fröhlichkeit, die hohl klang in der Pathos der Spöttelei und Farce... Aber er lächelte, um freundlich zu ihr zu sein; und um den armen, umwölkten Geist noch ein wenig glücklicher zu machen, nahm er ihre Hand erneut und sagte sehr sanft:
„Wird es Sie überraschen zu wissen, dass Sie jetzt eine Prinzessin sind?“
„Eine – was?“, fragte sie scharf.
„Eine Prinzessin.“ Er lächelte gütig auf sie herab und nahm, immer noch strahlend, eine nicht unanmutige Haltung ein.
„Ich“, sagte er, „bin der Kronprinz von Rumtifoo.“
Sie starrte ihn wortlos an; allmählich verlor er die Fassung; eine vage Befürchtung regte sich in ihm, er habe die Sache ein wenig übertrieben.
„Natürlich“, begann er fröhlich, „bin ich ein Exilant in Verkleidung – ähm – enterbt und so weiter, wissen Sie.“
Sie starrte ihn weiterhin an.
„Staatsangelegenheiten – ähm – Revolution – und diese Art von Dingen“, murmelte er und beäugte sie; „aber ich dachte, es könnte Sie erfreuen zu wissen, dass ich Prinz George von Rumtifoo bin – –“
„Was!“
Das Schweigen war tödlich.
„Wissen Sie“, sagte sie bedächtig, „ich glaube, Sie halten mich für geistig nicht ganz gesund. Tun Sie das?“
„Ich – Sie – –“ begann er ängstlich zu stottern.
„Tun Sie das?“
„N-nun, entweder Sie oder ich – –“
„Unsinn! Ich fand, dass diese Hochzeitszeremonie eine jämmerlich unzureichende Angelegenheit war!... Und ich bin verletzt – betrübt – erstaunt, dass Sie so eine – eine feige – –“
„Was!“ rief er, bis ins Mark getroffen.
„Ja, es ist feige, eine Frau zu täuschen.“
„Ich meinte es freundlich – vorausgesetzt – –“
„Dass ich geistig nicht gesund bin? Warum nehmen Sie das an?“
„Weil – bei allen Himmeln – weil in diesem Jahrhundert und in dieser Stadt Leute, die einander noch nie zuvor gesehen haben, nicht anfangen, von Heiraten zu sprechen – –“
„Ich habe es Ihnen erklärt“ – sie war jetzt halb am Weinen, und ihre Stimme brach auf entzückende Weise – „ich habe Ihnen gesagt, was ich getan habe, nicht wahr?“
„Sie sagten, Sie hätten einen Funken bekommen“, gab er zu, völlig verwirrt von ihren Tränen. „Weinen Sie nicht – bitte nicht. Hier stimmt etwas ganz und gar nicht – es gibt ein schreckliches Missverständnis. Wenn Sie es mir nur erklären würden – –“
Sie trocknete sich mechanisch die Augen: „Kommen Sie her“, sagte sie. „Ich glaube nicht, dass ich es klar erklärt habe.“
Und sehr sorgfältig, sehr ausführlich begann sie ihm von den psychischen Wellen zu erzählen, von dem Instrument und der neuen Firma, die gegründet worden war, um es kommerziell auszunutzen.
Sie erzählte ihm, was ihr an jenem Morgen widerfahren war; wie viel Elend ihr ihr Ungehorsam gekostet hatte. Sie informierte ihn über ihren Vater und den cholerischen Charakter dieses blühenden und rundlichen Herrn.
„Wenn Sie hier sind, wenn ich ihm sage, dass ich verheiratet bin“, sagte sie, „wird er Sie wahrscheinlich zu Tode erschrecken; und das ist einer der Gründe, warum ich die Sache hinter mich bringen und Sie in Sicherheit wissen will, bevor er zurückkehrt. Was mich betrifft, jetzt, da ich das Schlimmste weiß, will ich das Schlimmste hinter mich bringen und – und irgendwo in Ruhe mein Leben leben... Also sehen Sie jetzt, warum ich es so eilig habe, nicht wahr?“
Er nickte wie betäubt, lehnte dort am Tisch, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt.
„Es tut mir sehr leid – für Sie“, sagte sie. „Ich weiß, wie Sie sich dabei fühlen müssen. Aber wenn wir schon einmal heiraten müssen, sollten wir es nicht lieber hinter uns bringen und uns dann – niemals – wiedersehen – –“
Er hob den Kopf und stellte sich dann aufrecht hin.
Ihre weichen Lippen blieben stumm, doch die Frage blieb in ihren Augen bestehen.
So sahen sie sich eine lange Weile an; und die Farbe unter seinen Wangenknochen wurde tiefer, und das Rosa auf ihren Wangen wurde langsam rosiger.
„Angenommen“, sagte er leise, „dass ich – wünsche – zu Ihnen zurückzukehren?“
„Ich wünsche es nicht – –“
„Versuchen Sie es.“
„Versuchen, zu – zu wünschen – –“
„Dass ich zurückkehre. Versuchen Sie zu wünschen, dass Sie es auch wollen. Wollen Sie?“
„Wenn Sie so – so reden wollen – –“ stammelte sie.
„Ja, das will ich.“
„Dann – dann – –“
„Gibt es einen Grund, warum ich es nicht sollte, wenn wir verlobt sind?“, fragte er. „Wir sind – verlobt, nicht wahr?“
„Verlobt?“
„Ja. Sind wir das?“
„Ich – ja – wenn Sie es so nennen – –“
„Das tue ich.... Und wir sollen – heiraten?“ Er konnte das Wort, das er noch vor wenigen Augenblicken so leicht ausgesprochen hatte, jetzt kaum noch über die Lippen bringen; denn eine völlig neue Bedeutung haftete nun an jedem Wort, das er äußerte.
„Sind wir das?“, wiederholte er.
„Ja.“
„Dann – wenn ich – wenn ich feststelle, dass ich – –“
„Sagen Sie es nicht“, flüsterte sie. Sie war ganz weiß geworden.
„Wollen Sie zuhören – –“
„Nein. Es – es ist nicht wahr – es kann nicht sein.“
„Es wird mit jedem Augenblick wahrer.... Es ist sehr, sehr wahr – selbst jetzt.... Es ist fast wahr.... Und nun ist es wahr geworden. Sybilla!“
Weiß und bestürzt starrte sie ihn an, ihre Hände verschlossen instinktiv ihre Ohren. Doch sie ließ sie sinken, als er einen Schritt auf sie zuging.
„Ich liebe dich, Sybilla. Ich möchte dich heiraten.... Willst du versuchen, mich ein wenig – gern zu haben – –“
„Ich könnte nicht – ich kann es nicht einmal versuchen – –“
„Liebes – –“
Er hatte nun ihre Hände; sie wand sie sich frei; er ergriff sie erneut. Über ihren ineinander verschlungenen Händen neigte sie atemlos den Kopf, die Wangen entflammt, und versuchte, ihre Augen zu bedecken.
„Willst du mich lieben, Sybilla?“
Sie wehrte sich schweigend, verzweifelt.
„Willst du?“
„Nein.... Lass mich los – –“
„Weine nicht – bitte, Liebste –“ Sein Kopf, der neben ihrem über ihren gefalteten Händen gebeugt war, war mehr, als sie ertragen konnte; doch ihr aufgeworfenes Gesicht, das nach Flucht suchte, traf auf das seine. Es gab einen tiefen, eingezogenen Atemzug, ein Schluchzen, und sie lag in seinen Armen und weinte sich das Herz aus dem Leib.
* * * * *
„Liebling!“
„W-was?“
Es ist seltsam, wie schnell man ungewohnte Anreden erkennt.
„Du wirst nicht mehr weinen, nicht wahr?“, flüsterte er.
„N-n-ein“, seufzte Sybilla.
„Weil wir uns doch lieben, oder?“
„J-ja, George.“ Dann, strahlend, doch süß beschämt, zuversichtlich, doch ängstlich, hob sie ihr anbetungswürdiges Haupt von seiner Schulter.
„George“, sagte sie, „ich fange an zu glauben, dass ich von diesem Tisch herunter möchte.“
„Du armer Schatz!“
„Und“, fuhr sie fort, „wenn du nach Hause gehst und deinen Blaumann gegen etwas Konventionelleres tauschst, sollst du heute Abend mit uns zu Abend essen, und ich werde im Salon auf dich warten.... Und, George, obwohl einige deiner Sorgen nun vorbei sind – –“
„Alle, meine Liebste!“, rief er begeistert.
„Nein“, sagte sie zärtlich, „du musst noch Pa-pah kennenlernen.“
„Das wird dir eine Lehre sein, mein Grundstück zu betreten und die Hand meiner Tochter zu halten, während sie unschuldige Bilder von Cooper’s Bluff zeichnet!“, brüllte er. „Das wird dir eine Lehre sein, meiner achtzehnjährigen Tochter, Drusilla, Gedichte zu schreiben; das wird dir eine Lehre sein, ihr zu sagen, dass du in sie verliebt bist – du junger Bengel!“
„Ich bin in sie verliebt!“, sagte Yates unerschrocken; doch er war sehr blass, als er es sagte. „Ich liebe sie tatsächlich; und wenn Sie sich nur halbwegs anständig benommen hätten, hätte ich es Ihnen schon vor zwei Wochen gesagt!“
Mr. Carr lief erst in einem zarten Violett an, fing sich dann aber wieder und lachte schrecklich.
„Ob du nun einmal in meine Tochter verliebt warst oder nicht, ist jetzt von keinerlei Bedeutung mehr. Diese Maschine hat deinen Unsinn zunichtegemacht! Dieses Instrument hat deine wahre Seelenverwandte für dich gefunden – zweifellos aus dem Dienstbotenstand …“
„Ich bin nach wie vor in Drusilla verliebt“, wiederholte Yates bestimmt.
„Ich sage dir, das bist du nicht!“, entgegnete Carr. „Habe ich die Maschine etwa nicht auf dich gerichtet? Sie hat sich noch nie geirrt! Die Grüne Maus hat dich im Mauseoleum!“
„Sie irren sich“, beharrte Yates noch nachdrücklicher. „Ich war in Ihre Tochter Drusilla verliebt, bevor Sie die Maschine starteten; und ich liebe sie immer noch! Jetzt! Im gegenwärtigen Moment! In diesem Augenblick liebe ich sie!“
„Das kannst du nicht!“, schrie Carr.
„Doch, das kann ich. Und das tue ich!“
„Nein, das tust du nicht! Ich sage dir, es ist wissenschaftlich und psychisch ein Ding der Unmöglichkeit, dass du sie weiterhin liebst! Deine unterbewusste Persönlichkeit steht nun in ewiger und unwiderruflicher Übereinstimmung und Verbindung mit der unterbewussten Persönlichkeit irgendeines Backfischs, der dazu bestimmt ist, dich zu lieben und zu heiraten! Und wahrscheinlich ist sie obendrein noch ein Ballettmädchen!“
„Ich werde Drusilla heiraten!“, entgegnete der junge Mann, sehr blass; „denn ich bin mir ganz sicher, dass sie mich liebt, auch wenn sie es sehr wahrscheinlich selbst noch nicht weiß.“
„Du redest dummes Zeug!“, zischte Carr. „Diese Maschine hat die ganze Angelegenheit geklärt! Hast du diesen Funken nicht gesehen?“
„Ich habe einen Funken gesehen – ja!“
„Und willst du mir etwa weismachen, dass du dich nicht seltsam zu fühlen beginnst?“
„Nicht im Geringsten.“
„Schau mir gerade in die Augen, junger Mann, und sag mir, ob du nicht das Gefühl hast, als würde dein Herz Luftsprünge machen?“
„Nicht im Geringsten“, sagte Yates ruhig. „Wenn diese Maschine überhaupt funktioniert hat, würde es mich nicht wundern, wenn Sie sich selbst darin verstrickt hätten – in Ihrer eigenen Maschine gefangen!“
„W-was!“, rief Carr schwach.
„Es würde mich nicht im Geringsten erstaunen“, wiederholte Yates, erfreut darüber, die aufkeimende Unruhe in den Zügen des älteren Mannes zu entdecken. „Sie haben den Empfänger geöffnet; Sie haben ebenso psychische Wellen wie ich. Ich war zu diesem Zeitpunkt verliebt; Sie nicht. Was hätte Ihre Wellen daran hindern sollen, an einen drahtlosen Strom angekoppelt zu werden und schließlich die unterbewusste Persönlichkeit von – sagen wir – einer hübschen Schauspielerin zu signalisieren?“
Mr. Carr sank nervös auf einen Stuhl; seine Augen, die ohnehin schon wild waren, wurden noch wilder, als er begann, das Risiko zu begreifen, das er gedankenlos eingegangen war.
„Vielleicht fühlen Sie sich ein wenig … seltsam. Sie sehen auch so aus“, schlug der junge Mann vor, mit einer Stimme, die von allzeit bereiter Anteilnahme besorgt klang. „Kann ich etwas tun? Es tut mir wirklich sehr leid, so gesprochen zu haben.“
Ein feuchter Schauer legte sich auf die Stirn von Bushwyck Carr. Er fühlte sich tatsächlich ein wenig seltsam. Eine seltsame Leichtigkeit – ein vollkommen unerklärlicher Auftrieb schien ihn zu besitzen. Er begann sich seltsam jugendlich zu fühlen; das Geräusch seines eigenen Herzens wurde plötzlich hörbar. Zu seinem Entsetzen schlug es verspielt, ausgelassen. Nein – es schlug nicht einmal; es hüpfte.
„Y-Yates“, stammelte er, „glaubst du nicht, dass ich m-möglicherweise versehentlich mit dieser schrecklichen Maschine vermischt worden sein könnte – glaubst du das?“
Nun war Yates ein großmütiger Jüngling; der Groll über die Behandlung, die ihm dieser blühende, jähzornige und wichtigtuerische Herr zuteilwerden ließ, wandelte sich in instinktives Mitgefühl, als er plötzlich die missliche Lage erkannte, in der sich sein zukünftiger Schwiegervater nun befinden mochte.
„Yates“, wiederholte Mr. Carr mit aufgeregter Stimme, „sagen Sie mir ehrlich: Glauben Sie, dass mit mir etwas Ungewöhnliches nicht stimmt? Ich – ich scheine mich u-ungewöhnlich … jung zu fühlen. Sehe ich so aus? Habe ich mich verändert? B-beobachten Sie mich, während ich durch den Raum gehe.“
Mr. Carr erhob sich mit einem verängstigten Blick auf Yates, setzte seinen Hut auf und stolzierte regelrecht durch den Raum. „Großer Gott!“, stammelte er; „mein Hut sitzt schief und mein Gang ist ausgesprochen flott! Bemerken Sie das, Yates?“
„Ich fürchte, das tue ich, Mr. Carr.“
„Das – das ist eine Schande!“, keuchte Mr. Carr. „Das ist – ist unerhört! Ich bin fünfundvierzig! Ich bin Witwer! Ich verabscheue einen flotten Witwer! Ich will keiner sein; ich will nicht …“
Yates betrachtete ihn mit tiefer Sorge.
„Können Sie es nicht unterlassen, beim Gehen die Beine so zu heben – als ob eine Kapelle spielen würde? Warten Sie, ich rücke Ihren Hut zurecht. Nun versuchen Sie es noch einmal.“
Mr. Carr stolzierte zurück durch den Raum.
„Ich weiß, dass ich es schon wieder tue“, stöhnte er, „aber ich kann nicht anders! Ich – ich fühle mich so ausgelassen – verdammt noch mal! – so leichtfertig – es ist – es ist diese höllische Maschine. W-was soll ich nur tun, Yates“, fügte er kläglich hinzu, „wenn die Welt mir so gut gefällt?“
„Denken Sie an Ihre Familie!“, drängte Yates. „Denken Sie an – an Drusilla.“
„Wissen Sie“, bemerkte Carr, während er sein Monokel drehte und an seinem Schnurrbart zwirbelte, „dass es mir langsam egal wird, was meine Familie denkt! … Ist das nicht erstaunlich, Yates? Ich – ich scheine jemand anderes zu sein, etliche Jahre jünger. Irgendwo“, fügte er mit einer Geste seines Monokels hinzu – „irgendwo auf der Welt wartet ein kleines Vögelchen auf mich.“
„Reden Sie nicht so!“, rief Yates entsetzt.
„Doch, das werde ich, junger Mann. Ich wiederhole mit Optimismus und Nachdruck, dass irgendwo ein Vögelchen …“
„Mr. Carr!“
„Ja, mein fröhlicher alter Junge!“
„Darf ich Ihr Telefon benutzen?“
„Mir ist egal, was Sie tun!“, sagte Carr fröhlich. „Benutzen Sie mein Telefon, wenn Sie wollen; reißen Sie es mit den Wurzeln aus und werfen Sie es über Cooper’s Bluff, meinetwegen! Aber“ – und ein plötzlicher Lichtblick der Vernunft schien über ihn zu kommen – „wenn Sie noch einen Funken menschlichen Anstands in sich haben, werden Sie mich und meine schreckliche Lage nicht in diese schmierige New Yorker Zeitung von Ihnen zerren.“
„Nein“, sagte Yates, „das werde ich nicht. Und damit endet meine Karriere in der Park Row. Ich werde meinen Rücktritt telefonieren.“
Mr. Carr sah sich ruhig um und zwirbelte seinen Schnurrbart mit einem zufriedenen und rückblickenden Lächeln.
„Das ist sehr anständig von Ihnen, Yates; Sie müssen mich entschuldigen; ich war anfangs natürlich halb zu Tode erschrocken; aber ich erkenne, dass Sie sich in diesem schrecklichen Dilemma sehr nobel verhalten …“
„Natürlich“, unterbrach Yates. „Ich muss zu der Familie stehen, in die ich, wie Sie wissen, zu heiraten bestimmt bin.“
„Sicher“, nickte Carr geistesabwesend; „es sieht wirklich so aus, nicht wahr! Und, Yates, Sie haben keine Ahnung, wie sehr ich Sie vor einer Stunde gehasst habe.“
„Doch, die habe ich“, sagte Yates.
„Nein, die haben Sie wirklich nicht, wenn Sie mir erlauben, Ihnen zu widersprechen, mein fröhlicher alter Junge. Ich – aber vergessen Sie das jetzt. Sie haben sich ungewöhnlich rücksichtsvoll verhalten. Wer zum Teufel sind Sie überhaupt?“
Yates stellte sich ihm bescheiden vor.
„Nun, warum haben Sie das nicht gesagt, anstatt mich Sie schikanieren zu lassen! Ich kenne Ihren Vater seit zwanzig Jahren. Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie Drusilla heiraten wollen, anstatt hierherzukommen und auf dem ganzen Gelände herumzuroten? Ich hätte Ihnen gesagt, dass sie zu jung ist; und das ist sie auch! Ich hätte Ihnen gesagt, Sie sollen warten; und Sie hätten gewartet. Sie wären höflich genug gewesen zu warten, wenn ich Ihnen erklärt hätte, dass ich durch diese verfluchte Maschine bereits zwei Töchter durch Heirat verloren habe. Sie würden mich doch nicht völlig meiner Töchter berauben, oder?“
„Ich will nur eine“, sagte John Yates schlicht.
„Nun gut; ich bin ein anständiger Schwiegervater, wenn ich muss. Ich bin wirklich ein guter Sportsfreund. Sie können alle meine Schwiegersöhne fragen; sie werden es zugeben.“ Er musterte den jungen Mann und fand ihn ausgesprochen angenehm anzusehen, und gleichzeitig kehrte für einen Moment eine vage Erkenntnis seiner eigenen Zwickmühle zurück.
„Yates“, sagte er unstet, „alles, worum ich Sie bitte, ist, diese schreckliche N-Nachricht von meinen unschuldigen T-Töchtern fernzuhalten, bis ich h-herausfinden kann, was für eine Art Person dazu b-bestimmt ist, mich vor den Altar zu führen!“
Yates nahm die dargebotene Hand mit echter Bewegung.
„Sicher“, sagte er, „Ihre unbekannte Auserwählte muss eine bezaubernde Anführerin in den sozialen Aktivitäten der großen Metropole sein.“
„Wer weiß! Sie könnte m-meine eigene W-Wäscherin sein, was weiß ich. Sie könnte alles sein, Yates! Sie – sie könnte sogar s-schwarz sein!“
„Schwarz!“
Mr. Carr nickte, schauderte und wischte die unmännliche Feuchtigkeit von seinem Monokel.
„Ich glaube, ich gehe besser in die Stadt und erzähle meinem Schwiegersohn, William Destyn, genau, was mit mir passiert ist“, sagte er. „Und ich glaube, ich gehe durch den Küchengarten und nehme mein Motorboot, damit diese teuflischen Reporter mir nicht folgen können. Ferdinand!“, rief er dem Mann an der Tür zu, „rufen Sie die Garage an und bestellen Sie den blauen Wagen, und sagen Sie diesen Zeitungsleuten, dass ich in die Stadt fahre. Das, so denke ich, wird sie eine Weile auf dem Rasen festkleben.“
„Was ist mit – Drusilla, mein Herr?“, wagte Yates einzuwerfen; aber Mr. Carr war bereits fort, eilte lautlos auf dem Hinterweg durch den Küchengarten davon und über den großen, von Bäumen beschatteten Rasen, der zum Bootssteg hinunterführte.
Jenseits der entfernten Hecke, vom schönen Anwesen seines Nachbarn, drangen Klänge von Heiterkeit und Musik herüber. Fröhliche Flaggen flatterten zwischen den Bäumen. Die Magnelius Grandcourts bereiteten sich offenbar auf den glänzenden Wohltätigkeitsbasar vor, der dort an jenem Nachmittag und Abend stattfinden sollte.
„Zu denken“, murmelte Carr, „dass ich noch vor einer Stunde angenehm und gemütlich darauf vorbereitet war, den ganzen Nachmittag dort mit meinen Töchtern inmitten unschuldiger Fröhlichkeit zu verbringen. Und jetzt bin ich auf der Flucht – verfolgt von Furien, die ich selbst heraufbeschworen habe – bedroht von der Liebe in ihrer scheußlichsten Form – der Ehe! Jede Frau, die ich jetzt ansehe, könnte meine zukünftige Braut sein, was weiß ich“, fuhr er fort, während er in die halbprivate Auffahrt einbog, die dicht von Flieder gesäumt war; „und das Seltsame daran ist, dass es mir eigentlich egal ist; tatsächlich ist die Aufregung leicht erfreulich.“
Er hielt inne; in der Auffahrt, die sie blockierte, stand ein rotes Auto – ein kleiner Runabout; und am Steuer saß eine Frau – ein Dienstmädchen, nach ihrer Haube und der schmalen Schürze zu urteilen, und zwar eine überaus hübsche.
Als sie Mr. Carr sah, blickte sie auf und zeigte in einem höchst unbefangenen Lächeln eine Reihe weißer Zähne. Sie war zweifellos ein außergewöhnlich angenehm anzusehendes Mädchen.
„Ist etwas mit Ihrem Motor nicht in Ordnung?“, erkundigte sich Mr. Carr freundlich.
„Ich fürchte schon.“ Sie sagte nicht „mein Herr“; wahrscheinlich, weil sie zu hübsch war, um sich um solche Äußerlichkeiten zu kümmern. Und sie sah Carr an und lächelte, als sei er besonders schmückend.
„Lassen Sie mich sehen“, begann Mr. Carr und legte seine Hand auf das Lenkrad; „vielleicht kann ich ihn dazu bringen, zu laufen.“
„Er läuft nicht“, sagte sie ein wenig niedergeschlagen und schüttelte ihren bezaubernden Kopf. „Ich bin schon fast eine halbe Stunde hier und warte darauf, dass er etwas tut; aber er tut es nicht.“
Mr. Carr spähte weise in die Acetylenlampen, schaute vorsichtig unter die Motorhaube, untersuchte die Polsterung. Er verstand nichts von Motoren.
„Ich fürchte“, sagte er traurig, „dass mit dem Magne-e-to etwas nicht stimmt!“
„Glauben Sie, dass es so schlimm ist?“
„Ich fürchte schon“, sagte er ernst. „An Ihrer Stelle würde ich aussteigen – und mich gut von dieser Maschine fernhalten.“
„Warum?“, fragte sie nervös und trat neben ihm auf das Gras.
„Sie könnte explodieren.“
Sie wichen ziemlich hastig zurück, Seite an Seite. Nach einer Weile wichen sie weiter zurück, Hand in Hand.
„Ich – ich hasse es, sie da ganz alleine zu lassen“, sagte das Dienstmädchen, als sie vollständig außer Sichtweite des Autos zurückgewichen waren. „Wenn es nur einen sicheren Ort gäbe, von dem aus ich beobachten könnte, ob sie explodieren wird.“
Sie wagten sich ein kleines Stück zurück und spähten nach dem Motor.
„Sie könnten ein Ruderboot nehmen und es vom Wasser aus beobachten“, sagte Mr. Carr.
„Aber ich kann nicht rudern.“
Mr. Carr sah sie an. Sie war zweifellos das ansprechendste Exemplar von gesunder, rosenwangiger und elfenbeinhautiger Weiblichkeit, das er je erblickt hatte; ein wenig näher an der fünfunddreißig als an der fünfundzwanzig, dachte er, aber so süß und frisch und mit solch bezaubernden Augen und Manieren.
„Ich habe“, sagte Mr. Carr, „noch einige Stunden zur Verfügung, bevor ich in wichtigen Angelegenheiten in die Stadt fahre. Wenn Sie möchten, rudere ich Sie in einem meiner Boote hinaus, und dann können wir aus sicherer Entfernung sitzen und zusehen, wie Ihr Motor explodiert. Sollen wir?“
„Das ist sehr gütig von Ihnen …“
„Keineswegs. Es wäre sehr gütig von Ihnen.“
Sie sah seitwärts auf den Motor, seitwärts auf das Wasser, seitwärts auf Mr. Carr.
Es war ein sehr schöner Vormittag Anfang Juni.
Als Mr. Carr ihr feierlich in das Ruderboot half, machte sie einen Knicks. Ihre Schürze und ihre Manieren waren auf charmante Weise unpassend.
Als sie graziös auf dem Heck saß, drehte sich Mr. Carr für einen Moment um, starrte durch sein Monokel ruhig über die ganze Oyster Bay, löste dann die Leine und hüpfte mit einem ausgesprochen vergnügten Schritt in das Boot.
„Es ist seltsam, wie ich mich dabei fühle“, bemerkte er und stieß beide Ruder ins Wasser.
„Wie fühlen Sie sich denn, Mr. Carr?“
„Wie ein Vogel“, sagte er leise.
Und das Boot bewegte sich sanft durch das funkelnde Wasser der Oyster Bay.
Im selben Moment liebkoste das funkelnde Wasser der Oyster Bay auch sanft die klassischen Konturen von Cooper’s Bluff, und auf dieser monumentalen Landzunge arbeiteten Flavilla und Drusilla, unter Skizzenschirmen sitzend, in einer Pfütze aus Wasserfarben; und John Chillingham Yates, in adrettem weißen Flanell und mit fliederfarbener Krawatte und Strümpfen, lag auf dem Rasen und betrachtete Drusilla.
Stille, zart akzentuiert durch die leise Harmonie der Mücken, brütete über Cooper’s Bluff.
„Es hat keinen Zweck“, sagte Drusilla schließlich; „man kann eine Landschaft aus jedem Blickwinkel zeichnen, außer wenn man bergab schaut. Mr. Yates, wie um alles in der Welt soll ich hier sitzen und eine Zeichnung machen, bei der ich bergab schaue?“
„Vielleicht“, sagte er, „sollte ich besser wieder Ihren Stift halten. Soll ich?“
„Glauben Sie, dass das helfen würde?“
„Ich glaube, es hilft – irgendwie.“
Ihre hübsche, schmale Hand hielt den Stift; seine sonnengebräunte Hand schloss sich darüber. Sie sah auf den Block auf ihren Knien.
Nach einer Weile sagte sie: „Ich glaube, vielleicht sollten wir besser zeichnen. Nicht wahr?“
Sie machten ein paar Hühnerkritzeleien. Als sie bemerkte, dass seine Schulter gerade ihre berührte, und sich auf ihrem Campinghocker ein wenig müde fühlte, lehnte sie sich ein wenig zurück.
„Es ist sehr angenehm, Sie hier zu haben“, sagte sie verträumt.
„Es ist sehr himmlisch, hier zu sein“, sagte er.
„Wie großzügig Sie sind, uns so viel von Ihrer Zeit zu schenken!“, murmelte Drusilla.
„Das finde ich auch“, sagte Flavilla, die einen Dachspinsel wusch. „Und ich beginne, Sie fast genauso gern zu haben wie Drusilla.“
„Magst du ihn nicht genauso gern wie ich?“, fragte Drusilla.
Flavilla drehte sich auf ihrem Campinghocker um und musterte sie beide.
„Nicht ganz so gern“, sagte sie offen. „Wissen Sie, Drusilla, Sie sind schon fast in ihn verliebt.“ Und sie nahm ihr Skizzieren wieder auf.
Drusilla blickte unbefangen auf den violetten Horizont. „Bin ich das?“, sagte sie geistesabwesend.
„Bist du das?“, wiederholte er dicht an ihrer Schulter.
Sie drehte sich um und sah in sein sonnengebräuntes Gesicht mit neugierigem Blick.
„Was ist das – zu lieben? Ist es“ – sie sah ihn ungestört an – „ist es, mit einem Mann wie dir ganz glücklich und faul zu sein?“
Er schwieg.
„Ich dachte“, fuhr sie fort, „dass es da ein Zögern geben würde, eine gewisse Schüchternheit dabei – eine gewisse Verlegenheit. Aber da war nichts zwischen dir und mir.“
Er sagte nichts.
Sie fuhr geistesabwesend fort:
„Du sagtest neulich ganz einfach, dass ich dir sehr viel bedeute; und ich war nicht sehr überrascht. Und ich sagte, dass du mir sehr viel bedeutest … Und übrigens, ich wollte dich gestern fragen; sind wir verlobt?“
„Sind wir das?“, fragte er.
„Ja – wenn du möchtest … Ist das alles, was zu einer Verlobung gehört?“
„Es gibt da einen Ring“, bemerkte Flavilla, die zu viel Ultramarin auftrug und einen Schwamm benutzte. „Sie müssen ihr einen besorgen, Mr. Yates.“
Drusilla sah den Mann neben sich an und lächelte.
„Wie einfach das doch ist!“, sagte sie. „Ich habe in den Büchern, die Pa-pah uns zu lesen erlaubt, so seltsame Dinge über die Liebe und Liebende gelesen … Sind wir Liebende, Mr. Yates? Aber natürlich müssen wir das wohl sein, nehme ich an.“
„Ja“, sagte er.
„Irgendwann einmal, wenn es passt“, bemerkte Flavilla, „solltet ihr euch gelegentlich küssen.“
„Das kommt doch erst, wenn ich eine Braut bin, oder?“, fragte Drusilla.
„Ich glaube, das ist Geschmackssache“, sagte Flavilla, stand auf und streckte naiv ihre langen, hübschen Gliedmaßen.
Sie stand einen Moment am Rand der Klippe und blickte hinunter.
„Wie merkwürdig!“, sagte sie nach einem Augenblick. „Da ist Pa-pah auf dem Wasser und rudert das Dienstmädchen von irgendjemandem herum.“
„Was!“, rief Yates und sprang auf.
„Wie außergewöhnlich“, sagte Drusilla und folgte ihm an den Rand der Klippe; „und sie singen auch noch, während sie rudern!“
Von weit unten, herübergetragen über das funkelnde Wasser der Oyster Bay, wurde Mr. Carrs reiche und wohlklingende Stimme ans Ufer getragen:
„I der-reamt that I dwelt in ma-arble h-a-l-ls.“
Das Sonnenlicht fiel auf die kokette Haube und Schürze des Dienstmädchens und funkelte auf der Schnalle eines zierlichen Schuhs. Es glitzerte auch über dem Monokel von Mr. Carr.
„Pa-pah!“, rief Flavilla.
Weit entfernt winkte ihr Erzeuger seinen Nachkommen einen sorglosen Gruß zu, dann nahm er seine Ruder und seinen Gesang wieder auf.
„Wie außergewöhnlich!“, sagte Flavilla. „Warum, glaubst du, rudert Pa-pah jemandes Dienstmädchen auf der Bucht herum und singt ihr auf diese Weise etwas vor?“
„Vielleicht ist es eines unserer Dienstmädchen“, sagte Drusilla; „aber das wäre auch ziemlich merkwürdig, nicht wahr, Mr. Yates?“
„Ein – wenig“, gab er zu. Und sein Herz sank ihm in die Tiefe.
Flavilla hatte begonnen, den sandigen Abhang der Klippe hinunterzusteigen.
„Ich werde nachsehen, wessen Dienstmädchen das ist“, rief sie zurück.
Drusilla setzte sich ins sonnengetrocknete Gras und beobachtete ihre Schwester.
Yates stand neben ihr in bitterer Niedergeschlagenheit.
Also das war das Ergebnis! Sein unglücklicher zukünftiger Schwiegervater war erledigt. Was für eine teuflische Maschine! Was für eine schreckliche, schnelle, unerbittliche Antwort war zurückgekommen, als dieser irregeführte Herr aus dem Nichts heraus versehentlich seine eigene Seelenverwandte herbeigerufen hatte! Und was für eine Seelenverwandte! Eine freche Soubrette, die leicht gerade erst aus der Kulisse eines Pariser Theaters hätte treten können!
Yates sah Drusilla an. Was für ein schrecklicher Schlag stand ihr bevor! Sie konnte es niemals geahnt haben, aber dort in jenem Boot saß ihre zukünftige Stiefmutter mit Haube und Schürze! – seine eigene zukünftige Stiefschwiegermutter!
Und im Elend dieser Erkenntnis zeigte John Chillingham Yates den Stoff, aus dem er gemacht war.
„Liebes“, sagte er sanft.
„Meinst du mich?“, fragte Drusilla und blickte in offener Überraschung auf.
Und gleichzeitig sah sie auf seinem Gesicht einen Ausdruck, den sie dort noch nie zuvor gesehen hatte. Es war der Schatten des Kummers; und er zog sie instinktiv auf die Füße.
„Was ist es, Jack?“, fragte sie.
Sie hatte ihn noch nie anders als Mr. Yates genannt.
„Was ist es?“, wiederholte sie und wandte sich mit ihm zusammen den belaubten Pfad entlang; und mit jedem Wort schien ihr Jugend irgendwie ein weiteres Jahr hinzugefügt zu werden. „Ist etwas passiert, Jack? Bist du unglücklich – oder krank?“
Er sprach nicht; sie ging neben ihm her und betrachtete ihn mit wehmütigen Augen.
Also lag doch mehr in der Liebe als nur Glück, alles in allem; sie begann es auf vage Weise halb zu verstehen, als sie sein finsteres Gesicht beobachtete. Es lag sicherlich mehr in der Liebe als nur ein bloßes, träges Glück; da war Fürsorge und warme Anteilnahme, und der Wunsch zu trösten, zu beschützen.
„Jack“, sagte sie zitternd.
Er wandte sich um und nahm ihre widerstandslosen Hände. Ein schneller Schauer schoss durch sie. Ja, die Liebe war mehr, als sie erwartet hatte.
„Bist du unglücklich?“, fragte sie. „Sag es mir. Ich kann es nicht ertragen, dich so zu sehen. Ich – ich habe das noch nie – vorher getan.“
„Willst du mich lieben, Drusilla?“
„Ja – ja, das will ich, Jack.“
„Innig?“
„Das tue ich – innig.“ Das erste Erröten, das jemals ihre Wange färbte, breitete sich aus und vertiefte sich.
„Willst du mich heiraten, Drusilla?“
„Ja … Du machst mir Angst.“
Sie zitterte plötzlich in seinen Armen. Sicherlich gab es mehr Dinge in der Liebe, als sie sich in ihrer Philosophie erträumt hatte. Sie blickte auf, als er sich näher beugte, in dem Verständnis, dass sie geküsst werden sollte, und erwartete das Ereignis, das plötzlich mit schrecklicher Bedeutung aufstieg.
Es herrschte Stille, ein Schluchzen.
„Jack – mein Liebling – ich – ich liebe dich so!“
Flavilla skizzierte auf ihrem Campinghocker, als sie zurückkehrten.
„Ich bin schrecklich hungrig“, sagte sie. „Es ist Zeit fürs Mittagessen, nicht wahr? Und übrigens, es hat seine Richtigkeit mit diesem Dienstmädchen. Sie war auf dem Weg, im Teepavillon auf dem Basar von Mrs. Magnelius Grandcourt zu dienen, und ihr Runabout ging kaputt und explodierte fast.“
„Wovon um alles in der Welt redest du da?“, rief Drusilla aus.
„Ich rede von der jüngeren Schwester von Mrs. Magnelius Grandcourt aus Philadelphia, die wie ein Dienstmädchen ausgesprochen reizend aussieht. Tee“, fügte sie hinzu, „kostet einen Dollar pro Tasse, und drei, wenn man Zucker nimmt. Und“, fuhr sie fort, „wenn du und ich heute Nachmittag dort Blumen verkaufen sollen, sollten wir besser nach Hause gehen und uns umziehen... Worüber lächeln Sie, Mr. Yates?“
Drusilla nahm natürlich an, dass sie diese Frage beantworten könne.
„Liebste kleine Schwester“, sagte sie schüchtern und zärtlich, „wir haben dir etwas ganz Wunderbares zu sagen.“
„Was ist es?“, fragte Flavilla.
„Wir – wir sind – verlobt“, flüsterte Drusilla strahlend.
„Ach, das wusste ich doch schon!“, sagte Flavilla.
„Wusstest du das?“, seufzte ihre Schwester und drehte sich um, um ihren großen, jungen Liebhaber anzusehen. „Ich nicht... Verliebt zu sein ist eine viel kompliziertere Angelegenheit, als du und ich uns vorgestellt haben, Flavilla. Nicht wahr, Jack?“
XVI
FLAVILLA
_Enthält ein Gleichnis, das mit solch metaphorischer Geschicklichkeit erzählt wird, dass der Autor völlig unfähig ist, es zu verstehen_
Die Grüne Maus beherrschte nun das Land; die gesamten Vereinigten Staaten waren damit beschäftigt, zu heiraten. Im großen Hauptbüro in der Madison Avenue und in tausend Zweigstellen in der ganzen Union arbeiteten die Destyn-Carr-Maschinen auf Hochtouren; eine liebestolle Nation wurde von ihren Funken erleuchtet.
Die Ämter für Heiratslizenzen waren durch den plötzlichen Heiratsansturm fast außer Betrieb gesetzt worden; die Geistlichen waren erschöpft, die Hochzeitsglocken in den Kirchen waren dünn geläutet, Kalifornien und Florida meldeten keine Orangenernte, da alle Blüten für Bräute benötigt wurden; es gab einen Mangel an Solitärringen, Reiseweckern, Spargelzangen; und die von irgendeinem gewissenlosen Wirtschaftskapitän ausgeübte Monopolstellung bei Reis verursachte eine Panik, die nur von einem noch schrecklicheren Coup bei leicht getragenen Schuhen übertroffen wurde.
Ganz Amerika eilte, um zu heiraten; von Seattle bis Key West waren die Eisenbahnen mit Hochzeitsgesellschaften blockiert; ein gewaltiges Summen von Festlichkeiten erscholl vom Golden Gate bis Governor's Island, von Niagara bis zum Golf von Mexiko. In New York City war der Lärm unaufhörlich; den ganzen Tag läuteten Kirchenglocken, den ganzen Tag hallte das Geklapper eleganter Kutschen und gemieteter Droschken über den Asphalt. Ein Reporter der Tribune stand eine ganze Woche lang auf dem Dach des New York Life-Turms, verschlang Krautsalat-Sandwiches und Marie Corelli, und während dieser Zeit, wie seine eidesstattliche Erklärung besagt, „waren seine reichlich bemessenen Ohren keine einzige Sekunde lang frei von den nahen oder fernen Klängen des Hochzeitsmarsches.“
Und über allem brütete, in zustimmendem Segen, das breite Lächeln des größten der Staatsmänner und das große Lächeln des breitesten der Staatsmänner – diese beiden schwebten metaphorisch Hand in Hand hoch über ihrem Volk und verstreuten ermutigende Segnungen auf jede Braut.
Ein gewaltiger Wertanstieg setzte ein; die Frischvermählten benötigten Wohnungen; Architekten wurden zu Tode gehetzt; Bauunternehmer, Immobilienmakler und Makler konnten das Geschäft, das von ungeduldigen Bräutigamen auf sie einprasselte, nicht bewältigen.
Dann, beim Schopf gepackt, sicherte sich irgendein unbeschreibliches Ungeheuer die Produktion der nächsten zehn Jahre an Kinderwagen. Die Sünden der Standard Oil waren vergessen angesichts der Gefahr einer solchen nationalen Katastrophe; Mütterversammlungen wurden abgehalten; die Aufregung wurde gigantisch; hunderttausend Bräute stürmten das Büro des Generalstaatsanwalts, doch alles, was ihm dazu einfiel, war: „Dreißig Jahrhunderte blicken auf euch herab!“
Diese vagen Gefühle verwirrten das Land. Die Menschen verstanden, dass die Regierung es gut meinte, aber sie erkannten auch, dass die Zeit nicht mehr fern war, in der Millionen von Kinderwagen in den Vereinigten Staaten benötigt würden. Und sie zögerten nicht länger.
Überall in der Union wurden Messen und Basare abgehalten, um Gelder für eine große nationale Fabrik zur Herstellung von Wagen zu sammeln. Alarmiert versuchte der Trust, seine Bestände loszuwerden; das militante Weib, nun hellwach, verschmähte Kompromisse. In jeder Stadt, jedem Dorf und jedem Weiler der Nation wurden Unterhaltungsveranstaltungen gegeben, Geld für die große populäre Kinderwagenfabrik gesammelt.
Die für Oyster Bay geplante Veranstaltung sollte besonders glänzend werden – ein Wasserkarneval auf Center Island mit Tableaux vivants, Feuerwerk und Beleuchtungen aller Art.
Beruhigt durch die großartige Haltung der amerikanischen Frauen, schrieb die Geschäftswelt den Zusammenbruch des Kinderwagen-Trusts ab und begann sich sehr schnell von dem Schock zu erholen. Die Aktien stiegen, fluktuierten und zischten plötzlich wie Raketen in die Höhe; und die lang erwartete Welle des Wohlstands überflutete das Land. Auf ihrem Kamm ritt Amor, Pfeil und Bogen beiseite gelegt, und hielt in seiner rechten Hand eine Destyn-Carr-Maschine hoch.
Denn die alte Ordnung der Dinge war vergangen; die altmodischen Zweifel und Ängste der Brautwerbung waren nun praktisch überflüssig.
Jeder auf Erden konnte jetzt ein Ticket kaufen und absolut sicher sein, dass derjenige oder diejenige, den oder die er oder sie zufällig heiraten würde, der Richtige oder die Richtige sei – die vom Schicksal bestimmte Person.
Doch, so seltsam es erscheinen mag, gab es hier und da immer noch ein paar junge Leute in den Vereinigten Staaten, die kein Verlangen danach hatten, von einer Destyn-Carr-Maschine sicher versorgt zu werden.
Ob in ihnen ein sportlicher Instinkt steckte, der das Wagnis attraktiv machte, oder vielleicht die Überzeugung, dass das Schicksal gütig ist, muss nicht diskutiert werden. Tatsache bleibt, dass es nur sehr wenige jugendliche und heiratsfähige Menschen gab, die nicht im Voraus wissen wollten, was ihr Schicksal sein könnte.
Eine dieser unverbesserlichen Reaktionärinnen war Flavilla. Zu sehen, wie ihre gesamte Familie per Maschine verheiratet wurde, reichte ihr; Zeugin einer solch vollendeten und kollektiven Glückseligkeit zu werden, wurde leicht schal. Perfektion kann übertrieben werden; ein Riss in einer Laute lindert die melodische Monotonie, und wenn Dissonanzen nicht mehr amüsieren, kann man das Instrument immer reparieren lassen oder ein Banjo kaufen.
„Was ich mir wünsche“, sagte sie und ignorierte die Einwände der Familie, „ist eine Chance, Fehler zu machen. Drei oder vier nette Männer haben geglaubt, sie seien in mich verliebt, und ich würde für diese – Erfahrung – auf nichts verzichten. Oder“, fügte sie unschuldig hinzu, „für die Chancen, dass eines Tages drei oder vier weitere angenehme junge Männer glauben könnten, sie seien in mich verliebt. Man lernt durch Fehler – sehr angenehm.“
Ihre Familie saß in einer liebevoll ernsten Reihe und beschwor sie – vier verheiratete Schwestern, vier glückselige Schwager, ihre attraktive Stiefmutter, ihr Vater. Sie schüttelte ihr hübsches Köpfchen und nähte weiter an dem Kostüm, das sie auf dem venezianischen Fest von Oyster Bay und dem Kinderwagen-Jahrmarkt tragen wollte.
„Nein“, sagte sie, fädelte ihre Nadel ein und nähte geschickt eine glänzende, silberne Schuppe auf das Meerjungfrauenkleid, das über ihren Knien lag, „ich werde meine Chancen mit Männern nutzen. Es macht mehr Spaß, einen Mann zu lieben, der nicht für mich bestimmt ist, ihn dazu zu bringen, mich zu lieben und dann glücklich und trotzig bis ans Lebensende zu leben, als sich von einer scheußlichen alten Maschine fürs Leben festlegen zu lassen.“
„Aber du verschwendest Zeit, Liebes“, erklärte ihre Stiefmutter sanft.
„Oh, nein, das tue ich nicht. Ich war dreimal verlobt und habe es ungemein genossen. Das ist keine Zeitverschwendung, oder? Und es macht so viel Spaß! Er glaubt, er ist verliebt, und du glaubst, du bist verliebt, und ihr habt eine so angenehme Zeit miteinander, bis ihr herausfindet, dass ihr beide in jemand anderen verschossen seid. Und dann stellt ihr fest, dass ihr euch geirrt habt, sagt, dass ihr ihn immer als Freund behalten wollt, und fangt dann sofort wieder mit einem vollkommen neuen Mann an----“
„Flavilla!“
„Ja, Pa-pah.“
„Bist du völlig demoralisiert!“
„Demoralisiert? Warum? Jeder hat sich so verhalten wie ich, bevor du und William eure scheußliche Maschine erfunden habt. Jeder auf der Welt hat aus Zufall geheiratet, nachdem er mit verschiedenen interessanten jungen Männern verlobt war. Und ich bin nicht demoralisiert; ich bin nur altmodisch genug, um Risiken einzugehen. Bitte lass mich.“
Die Familie betrachtete sie traurig. In ihrem gemeinsamen Glück beklagten sie ihre Zurückhaltung, dort einzutreten, wo das vollkommene Glück garantiert war.
Ihre Wahl der Rolle und des Kostüms für die Wassertableaux des Seawanhaka Clubs missfiel ihnen ebenfalls; denn sie hatte sich entschieden, eine Figur darzustellen, die nun überflüssig und veraltet war – die Loreley, die vor Jahrhunderten germanische Yachtbesitzer mit ihrem Gesang in den Untergang lockte. Und das war in diesen Zeiten lächerlich, denn gestärkt durch einen Besuch bei der nächstgelegenen Destyn-Carr-Maschine würde sich kein schwachköpfiger junger Seemann darum scheren, was eine Loreley tun könnte; und sie könnte sich ihr hübsches Köpfchen heiser singen und sich kahl kämmen, bevor irgendein Destyn-Carr-geimpfter Seemann über Bord gelockt würde.
Aber Flavilla bestand hartnäckig auf ihrem geschuppten und fischschwänzigen Kostüm. Wenn sie an der Reihe wäre, sollte ein Scheinwerfer im Clubhaus den Schwimmkörper beleuchten und sie enthüllen, wie sie ihr goldenes Haar mit einem goldenen Kamm kämmte und wie eine Kunstsängerin vor sich hin sang.
„Und“, dachte sie heimlich, „wenn auf dieser maschinengemachten Erde noch ein junger Mann übrig ist, der meine gütige Beachtung verdient, würde es mich nicht sehr wundern, wenn er vom Kai des Yachtclubs einen Köpfler machen und mich bitten würde, die Seine zu sein. Und ich wäre sehr geneigt, auf seinen Vorschlag einzugehen.“
Also, in der heimlichen Hoffnung auf diese erfreuliche Episode – aber ohne ihrer protestierenden Familie einen solchen Grund zu nennen –, widersetzte sie sich energisch allen Versuchen, ihr die Fischschuppen, den goldenen Kamm und ihre Rolle beim kommenden Wasserfest zu nehmen. Und nun waren die Programme gedruckt und es war zu spät für sie, einzugreifen.
Sie stand auf und hielt das glitzernde, flossige Kleidungsstück hoch, das im Sonnenschein wie ein zusammengefallener Fisch aufblitzte.
„Es ist fertig“, sagte sie. „Jetzt gehe ich irgendwohin, um alleine zu proben.“
„Im Wasser?“, fragte ihr Vater unbehaglich.
„Natürlich.“
Da Flavilla eine ausgezeichnete Schwimmerin war, konnte niemand etwas dagegen haben. Später ging ein Dienstmädchen zum Landungssteg, verstaute Mittagessen, Wasserflaschen und Kostüm im Kanu. Später kam Flavilla selbst zum Wasser, ohne Hut, die Ärmel hochgekrempelt, ein Paddel über den Schultern ausbalancierend.
Als das Paddel aufblitzte und das Kanu über das glitzernde Wasser von Oyster Bay tanzte, summte Flavilla das abgedroschene deutsche Lied, das sie in ihrer Rolle als Loreley singen sollte, und steuerte auf Northport zu.
„Das Beste ist“, dachte sie bei sich, „eine nette, kleine, bewaldete Bucht zu finden, wo ich sicher mein Kostüm wechseln und proben kann. Ich muss wissen, ob ich in diesem Ding schwimmen kann – und ob ich singen kann, während ich herumschwimme. Es wäre effektiver, denke ich, als bloß auf dem Schwimmkörper zu sitzen und all diese Strophen lang zu singen und mir die Haare zu kämmen.“
Das Kanu tanzte über das Wasser, das Paddel glitzerte, tauchte ein, fegte nach achtern und blitzte wieder auf. Flavilla war sehr, sehr glücklich, ohne besonderen Grund, was die beste Art von Glück auf Erden ist.
Es gibt eine sandige Landzunge, die die direkte Schifffahrt zwischen den heiligen Gewässern von Oyster Bay und den profanen Fluten, die die kiesigen Ufer von Northport umspülen, behindert.
„Ich werde das Boot herübertragen“, dachte Flavilla und ließ ihr Kanu auf den Strand auflaufen. Als sie sich dann in dem einsamen Sandstreifen, flankiert von Wäldern, umsah, erkannte sie sofort, dass sie nicht weiter nach Abgeschiedenheit suchen musste.
Zuerst zog sie das Kanu in den Wald, dann zog sie sich schnell aus und schlüpfte in den schuppigen Anzug der Meerjungfrau, der ihr so schön bis zum Hals passte wie ihre eigene Haut.
Es war ihr ziemlich schwer, an Land zu navigieren, da ihre Beine in einem Fischschwanz steckten, aber mit Kamm und Spiegel in der Hand schaffte sie es, zum Ufer zu kriechen.
Ein paar sonnenwarm glatte Felsen ragten ein Stück vom Ufer entfernt aus dem Wasser; mit einem letzten und kräftigen Ruck stieß sich Flavilla ab und schwamm auf die Felsen zu, Kamm und Spiegel in den Händen haltend.
Fischschwanz und Zubehör behinderten sie, aber sie war die Art von Schwimmerin, die sich um solche Kleinigkeiten nicht scherte; und nach einer Weile zog sie sich aus dem Meer und plumpste, atemlos, glitzernd, schillernd, auf einen flachen Felsen in der Sonne. Von dort aus warf sie einen sorgfältigen Blick auf die Umgebung.
Sicherlich konnte sie hier niemand sehen. Niemand würde sie auch stören, denn die Schifffahrtsroute lag weit draußen, im Norden. Überall waren Wälder; der Ort war fast vollständig von Land umschlossen, außer dort, wo weit entfernt durch die Flussmündung ein blauer und dunstiger Horizont in der allgemeinen Richtung von Neuengland schimmerte.
Als sie also wieder genügend Atem geschöpft hatte, ließ sie das blitzende, goldbraune Haar herab, setzte sich auf den Felsen, hob ihr hübsches Näschen gen Himmel und stieß Melodien hervor.
Während sie die lästige alte germanische Ballade sang, kämmte sie sich kräftig und betrachtete ab und zu ihre Züge im Spiegel.
_Ich weiss nicht was soll es bedeuten Dass ich so traurig bin----_
sang sie glücklich, studierte ihre Gesten mit Sorgfalt und schlug fröhlich mit ihrem Schwanz.
Sie hatte eine sehr schöne Stimme, die teuer ausgebildet worden war. Ein oder zwei kleine Vögel hörten eine Weile aufmerksam zu und fingen dann an, ihr zu helfen.
Auf der Veranda seines Bungalows, nicht weit von Northport entfernt, stand ein junger Mann von gefälligem Aussehen, Knickerbockern und ungewöhnlich symmetrischen Beinen. Seine Hände ruhten in seinen Taschen, seine Augen hinter ihrer Brille waren verträumt auf den Himmel gerichtet. Jemand hinter diesem Waldstreifen sang sehr schön, und er mochte es – zuerst.
Doch als die unsichtbare Sängerin eine Stunde lang ununterbrochen die Loreley gesungen hatte, entwickelte sich auf seinen klaren und ungewöhnlich attraktiven Gesichtszügen allmählich ein Ausdruck von Überraschung und schließlich unruhiges Erstaunen.
„Das Mädchen, wer auch immer es ist, kann singen, keine Frage“, überlegte er, „aber warum um alles in der Welt leiert sie ständig dasselbe alte Ding runter?“
Er sah auf den Waldstreifen, konnte aber nichts von der Sängerin sehen. Er lauschte; sie sang weiter die Loreley.
„Es kann kein Phonograph sein“, schlussfolgerte er. „Kein vernünftiger Mensch würde eine Stunde lang dieses dumme Lied ertragen. Kein vernünftiger Mensch würde es auch eine Stunde lang singen.“
Beunruhigt nahm er das Marineglas, hängte es sich über die Schulter, ging den Hügel hinter dem Bungalow hinauf, suchte sich einen vielversprechenden Baum aus und kletterte hinauf.
Auf einem hohen Ast reitend, blickte der Herr von Northport ernst über den Waldsaum. Irgendetwas funkelte dort draußen, irgendetwas bewegte sich, glitzernd auf einem halb untergetauchten Felsen. Er stellte das Marineglas ein und kniff die Augen zusammen.
„Großer Gott!“, stammelte er, ließ es fallen; und wäre fast zusammen mit dem Glas in den Untergrund gestürzt.
Wie er es schaffte, sicher auf den Boden zu gelangen, wusste er nie. „Entweder ich bin verrückt“, schrie er laut, „oder da draußen ist eine – eine Meerjungfrau, und ich werde es herausfinden, bevor sie mich in die Klapsmühle jagen!“
An seinem Landungssteg lag ein schwerfälliges Boot; er erreichte das Ufer in einer Reihe langer, verstörter Sprünge, sprang an Bord, legte ab, stieß beide Ruder tief ins Wasser und schleuderte das Boot regelrecht vorwärts, sodass es abwechselnd wie ein Huhn über Bord hüpfte, wälzte, schlingerte und ruderte.
„Das ist schrecklich“, stöhnte er. „Wenn ich nicht gesehen habe, was ich glaube gesehen zu haben, fresse ich meinen Hut; wenn ich aber gesehen habe, was ich sicher gesehen habe, bin ich verrückter als der Hutmacher, der ihn gemacht hat!“
Näher und näher, von ihm deutlich über das hektische Platschen seiner Ruder hinweg gehört, klang ihr Loreley-Lied gefährlich süß und klar.
„Ach, Mist!“, jammerte er; „es ist entsetzlich wie in echt; und hier komme ich kopfüber angerannt, wie sie es in den Geschichtenbüchern tun----“
Er fing einen Krebs ein, der ihn in einer anmutigen Parabel in den Bug beförderte, wo er lag und nach Luft schnappte. Dann pflügte die Nase seines Bootes in die sandige Landzunge; er rappelte sich auf, sprang hinaus und rannte kopfüber in den Baumgürtel, der die Sängerin verbarg. Geschwindigkeit und Gang erinnerten an die mühelose Anmut eines Kängurus; als er auf Baumstämme und Schluchten stieß, erhob er sich großartig, segelte in den Raum und landete mit einer Reihe sanfter Sprünge, die ihn schließlich auf die andere Seite des Waldes brachten.
Und dort, was er erblickte, was er hörte, lähmte ihn fast. Mit schwachen Knien fuhr er sich mit einer zitternden Hand über die ungläubigen Augen; mit dem Mut der Verzweiflung kniff er sich schwach. Dann schloss er für sechzig krank machende Sekunden die Augen und presste beide Hände auf die Ohren. Doch als er die Hände wegnahm und seine entsetzten Augen öffnete, durchflutete ihn die exquisit verführerische Melodie, die vom Wasser herüberwehte; sein wilder Blick fiel auf eine ferne, glitzernde Gestalt – weißarmig, goldhaarig, fischschwänzig, ein schlanker Körper, der mit silbernen Schuppen glitzerte.
Das leise plätschernde Waschen der Flut über das kiesige Ufer war in seinen Ohren; der Salzwind war in seinem Hals. Er sah die Sonne auf dem goldenen Kamm und Spiegel aufblitzen, als ihre schneeweißen Finger die herrlichen Massen ihres Haares liebkosten; ihr Lied stahl sich süß seewärts, als der Wind sich drehte.
Eine schreckliche Ruhe senkte sich über ihn.
„Das ist interessant“, sagte er laut.
Eine krank machende Welle des Entsetzens überkam ihn, aber er richtete sich auf und straffte die Schultern.
„Ich kann genauso gut der Tatsache ins Auge sehen“, sagte er, „dass ich, Henry Kingsbury aus Pebble Point, Northport, L.I., und bis vor kurzem bei klarem Verstand, jetzt, in diesem Augenblick, auf eine – eine Meerjungfrau im Long Island Sound blicke!“
Er schauderte; aber er war durch und durch mutig. Die Zähne mochten klappern, die Knie zusammenschlagen, das Mark kalt werden; nichts auf Erden oder Long Island konnte Henry Kingsbury aus Pebble Point völlig aus der Fassung bringen.
Sein Griff auf seine Selbstbeherrschung in jeder echten Krise rutschte nie ab; sein mentales Steuerungsgetriebe gab nie nach. Wieder bewegten sich seine blassen Lippen beim Sprechen:
„Das – Beste – ist“, sagte er sehr langsam und bedächtig, „hinauszuschwimmen und – und sie zu berühren. Wenn sie sich in nichts auflöst, werde ich mich wahrscheinlich besser fühlen----“
Er begann, Mantel, Kragen und Schuhe auszuziehen und zwang sich, die ganze Zeit ruhig zu sprechen.
„Das Beste ist“, fuhr er dumpf fort, „hinüberzuschwimmen und einen Blick darauf zu werfen. Natürlich ist sie nicht wirklich da. Was das Ertrinken angeht – das spielt eigentlich keine Rolle.... Mitten im Leben sind wir in Long Island.... Und wenn sie da ist – kann ich sie für die B-B-Bronx einfangen----“
Der Verstand wankte; er erholte sich jedoch, als er in die S. W.[A] von Oyster Bay eintauchte und, lautlos wie ein Seeotter, auf die schimmernde Gestalt auf den rötlichen Felsen zuschwamm.
[Fußnote A: Funkelnde Gewässer oder Heilige Gewässer.]
Flavilla probte aus Leibeskräften; ihre weiße Kehle schwoll an bei der Musik, die sie in den Himmel und das Meer schüttete; ihre hübschen Finger spielten mit den Falten des polierten Haares; ihr vergoldeter Handspiegel blitzte auf, sie schlug sanft den Takt mit ihrem Schwanz.
So gründlich, so ernsthaft ging sie in der Rolle der Sirene auf, die sie darstellte, dass sie sich manchmal wünschte, ein Fischer könnte in Sicht kommen – nur um zu sehen, ob er ihr wirklich hinterher ins Wasser springen würde.
Wie kühn ihre umherschweifenden Gedanken jedoch auch sein mochten, sie war völlig unvorbereitet, als sie einen menschlichen Kopf sah, glatt vom Meerwasser, der fast zu ihren Füßen aus den schwimmenden Algen auftauchte.
„Gütiger Himmel“, sagte sie schwach und versuchte aufzustehen. Aber ihr Fischschwanz fesselte sie.
„Bist du echt!“, keuchte Kingsbury.
„J-ja.... Bist du es?“
„Großer Gott!“, schrie er halb, halb schluchzte er, „bist du ein Mensch?“
„S-sehr. Bist du einer?“
Er klammerte sich an den algenreichen Felsen und zog sich hoch. Einen Moment lang lag er da und atmete schnell, Wasser tropfte von seiner durchnässten Kleidung. Einmal berührte er schwach den glitzernden Fischschwanz, der neben ihm auf dem Felsen lag. Er zitterte, aber Nadel und Faden hatten dort ihre Arbeit getan; er holte tief Luft und schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, suchte sie gerade nach einer geeigneten Stelle, um sich in die Bucht gleiten zu lassen; tatsächlich hatte sie bereits begonnen, in Richtung Wasser zu gleiten; das Schaben der Schuppen weckte ihn, und er setzte sich auf.
„Ich habe Gesang gehört“, sagte er verträumt, „und bin auf einen Baum geklettert und habe – dich gesehen! Verübelst du es mir, dass ich versucht habe, ein Ding wie dich zu bestätigen?“
„Du dachtest, ich wäre eine Echte?“
„Ich dachte, dass ich dachte, eine Echte zu sehen.“
Sie sah ihn hoffnungsvoll an.
„Sag mir, hat mein Gesang dich dazu gezwungen, hierher zu schwimmen?“
„Ich weiß nicht, was mich gezwungen hat.“
„Aber – du wurdest gezwungen?“
„Ich – es scheint so----“
„O-h!“ Gerötet, aufgeregt, lachend, faltete sie ihre Hände unter dem Kinn und betrachtete ihn.
„Zu denken“, sagte sie leise, „dass du geglaubt hast, ich sei eine echte Sirene, und dass meine Schönheit und mein Gesang dich tatsächlich auf meinen Felsen gelockt haben! Ist das nicht aufregend?“
Er sah sie an, dann wurde er rot:
„Ja, das ist es“, sagte er.
Die Hände immer noch fest unter ihrem gerundeten Kinn gefaltet, musterte sie ihn mit intensivem Interesse. Er war im Nachteil; das glatte, halb ertrunkene Aussehen, das ein Mann hat, der gerade aus einem Bad kommt, zeigt ihn nicht von seiner besten Seite.
Aber er war für Flavilla von tieferem Interesse; ihre Melodie und Lieblichkeit hatten ihn tatsächlich über das Wasser auf die Gefahr ihrer Felsen gelockt; dieses menschliche Wesen, diese Männerkreatur, schien in gewisser Weise ihr zu gehören.
„Bitte richte dein Haar“, sagte sie und reichte ihm ihren Kamm und Spiegel.
„Mein Haar?“
„Natürlich. Ich möchte dich ansehen.“
Er fand ihre Bitte eher außergewöhnlich, aber er setzte sich auf und schabte mit Hilfe des Spiegels an seinem nassen Haar, scheitelte es in der Mitte und kämmte es geschickt zu zwei fröhlichen kleinen Merkurflügeln. Dann kramte er in den durchnässten Taschen seiner Knickerbocker, förderte ein Paar eleganter Pince-nez zutage, setzte sie auf und blickte zu ihr auf.
„Oh!“, sagte sie mit einem schnellen, tiefen Einatmen, „du bist attraktiv!“
Bei diesen Worten wurde er vorteilhaft scharlachrot.
Auf einen reizenden, nackten Arm gestützt, während sich ihr glänzendes Haar an ihre Wangen schmiegte, betrachtete sie ihn weiterhin mit entzückter Anerkennung, die ihn manchmal innerlich winden ließ und ihn manchmal fast berauschte.
„Sich vorzustellen“, murmelte sie, „dass ich dich hierher gelockt habe!“
„Ich denke gerade darüber nach“, sagte er.
Sie legte den Kopf schief und prüfte ihn mit offenster Anerkennung.
„Ich frage mich“, sagte sie, „wie du heißt. Ich bin Flavilla Carr.“
„Nicht etwa eine der Carr-Drillinge!“
„Doch – aber“, fügte sie schnell hinzu, „ich bin nicht verheiratet. Bist du es?“
„Oh, nein, nein, nein!“, sagte er hastig. „Ich bin Henry Kingsbury, aus Pebble Point, Northport----“
„Meister und Eigner der schönen, aber unberechenbaren Sappho? Oh, sag mir, bist du der Mann, der im Long Island Sound schon so oft gekentert ist? Denn ich – ich verehre einen Mann, der den Mut hat, jeden zweiten Tag zu kentern.“
„Dann“, sagte er, „kannst du mich getrost verehren, denn ich bin jener Segler, der öfter von der Sappho gefallen ist, als der Weiße Ritter von seinem Pferd fiel.“
„Ich – ich verehre dich wirklich!“, rief sie impulsiv aus.
„Natürlich m-m-meinst du das nicht so“, stammelte er und versuchte zu lächeln.
„Doch – fast. Sag mir, du – ich weiß, du bist nicht wie andere Männer! Du hast noch nie etwas mit einer Destyn-Carr-Maschine zu tun gehabt, oder?“
„Niemals!“
„Ich auch nicht.... Und deshalb bist du nicht verliebt – oder etwa doch?“
„Nein.“
„Ich auch nicht. Oh, ich bin so froh, dass du und ich gewartet haben und uns nicht per Maschine mit jemandem verlobt haben.... Ich frage mich, für wen du bestimmt bist.“
„Für niemanden – per Maschine.“
Sie klatschte in die Hände. „Ich auch nicht. Es ist zu dumm, nicht wahr? Ich will nicht den Mann heiraten, den ich heiraten sollte. Ich würde lieber das Risiko mit einem Mann eingehen, der mich anzieht und von dem ich angezogen werde.... Gab es in den alten Zeiten – bevor jeder per Maschine heiratete – nicht etwas, das nicht ganz unwürdig daran war, eine Sirene zu sein?... Es ist absolut herrlich, daran zu denken, wie du mich hier draußen auf den Felsen siehst und dich dann augenblicklich in die Wellen stürzt und dir einen schäumenden Weg zu dem bahnst, was das Verderben hätte sein können!“
Ihr gerötetes, aufgeregtes Gesicht zwischen den lockigen Strähnen sah direkt in das seine.
„Es war das Verderben“, sagte er. Seine eigene Stimme klang seltsam in seinen Ohren. „Völliges Verderben für meinen Seelenfrieden“, sagte er noch einmal.
„Du – glaubst doch nicht, dass du mich liebst, oder?“, fragte sie. „Das wäre ein zu – zu perfekter Höhepunkt.... Tust du es?“, fragte sie neugierig.
„Ich – glaube schon.“
„Weißt du – weißt du es?“ Er blickte sie tapfer an: „Ja.“
Sie warf beide Arme freudig in die Luft und lachte dann laut auf:
„Oh, das Wunderbare daran! Es ist zu perfekt, zu schön! Liebst du mich wirklich? Tust du es? Bist du dir sicher?“
„Ja.... Wirst du versuchen, mich zu lieben?“
„Nun, du weißt, dass Sirenen sich nicht für Leute interessieren.... Ich war schon zwei- oder dreimal verlobt.... Ich habe nichts dagegen, mit dir verlobt zu sein.“
„Könntest du dich nicht für mich interessieren, Flavilla?“
„Nun ja. Das tue ich.... Bitte fass mich nicht an; das möchte ich lieber nicht. Natürlich weißt du, ich könnte dich nicht so schnell wirklich lieben, wenn ich nicht einer dieser Destyn-Carr-Maschinen unterzogen worden wäre. Das weißt du doch, oder? Aber“, fügte sie offen hinzu, „ich würde nicht wollen, dass du mir entkommst. Ich – ich fühle mich wie ein gutherziger Mensch auf der Straße, dem eine verlorene Katze folgt----“
„Was!“
„Oh, ich meinte nichts Unangenehmes – wirklich nicht. Du weißt, wie zärtlich man sich fühlt, wenn eine arme streunende Katze hinter einem hertrabt----“
Er stand auf, stinksauer.
„Bist du beleidigt?“, fragte sie betrübt. „Dabei meinte ich nichts anderes, als dass mein Herz – das ziemlich empfänglich ist – sehr warm und zärtlich für den Mann empfindet, der mir nachgeschwommen ist.... Willst du mich nicht verstehen, bitte? Hör zu, wir sind erst eine Minute verlobt, und schon haben wir unseren ersten Streit. Du kannst selbst sehen, was passieren würde, wenn wir jemals heiraten würden.“
„Es wäre jedenfalls kein maschinell hergestelltes Glück“, sagte er.
Das schien sie zu interessieren; sie musterte ihn ernsthaft.
„Außerdem“, fügte er hinzu, „dachte ich, du wolltest das Risiko eines Sportlers eingehen?“
„Das – will ich.“
„Und ich dachte, du wolltest nicht den Mann heiraten, den du heiraten solltest.“
„Das ist – wahr.“
„Dann solltest du mich sicherlich nicht heiraten – aber willst du?“
„Wie kann ich, wenn ich dich nicht – liebe.“
„Du liebst mich nicht, weil du es bei einer so kurzen Bekanntschaft nicht solltest.... Aber wirst du mich lieben, Flavilla?“
Sie sah ihn schweigend an, saß ganz still, das helle Haar verschleierte ihre Wangen, der Fischschwanz an ihrer Seite eingerollt.
„Wirst du?“
„Ich weiß es nicht“, sagte sie leise.
„Versuch es.“
„Ich – bin dabei.“
„Soll ich dir helfen?“
Offensichtlich hatte sie ihn lange genug angesehen; ihre Augen senkten sich; ihre weißen Finger zupften an den Seetangblasen. Sein Arm schloss sich um sie; nichts bewegte sich außer ihrem Herzen.
„Soll ich dir helfen, mich zu lieben?“, hauchte er.
„Nein – mir ist – nicht mehr zu helfen.“ Sie hob den Kopf.
„Das alles ist so – so falsch“, stammelte sie, „dass ich glaube, es muss richtig sein.... Liebst du mich wirklich?... Küss mich nicht, wenn du es tust.... Jetzt glaube ich dir.... Heb mich hoch; ich kann in diesem Fischschwanz nicht laufen.... Jetzt lass mich bitte zu Wasser.“
Er hob sie hoch, ging zum Ufer, bückte sich und setzte sie ins Meer. Im Nu war sie aus seinen Armen hinaus in die Wellen geschossen, blitzend, sich drehend wie ein silberner Lachs.
„Kommst du?“, rief sie ihm zu.
Er rührte sich nicht. Sie schwamm im Kreis und kam neben dem Felsen wieder hoch. Nach einem langen, langen Schweigen hob sie beide Arme; er beugte sich hinunter. Dann, ganz langsam, zog sie ihn mit sich ins Wasser.
* * * * *
„Ich bin mir ganz sicher“, sagte sie, als sie gemeinsam beim Mittagessen auf der Sandbank saßen, die Northport Bay von der Südwestseite der Oyster Bay trennt, „dass dir und mir viel Ärger bevorsteht, wenn wir heiraten; aber ich liebe dich so sehr, dass es mir egal ist.“
„Mir auch nicht“, sagte er; „möchtest du noch ein Sandwich?“
Und da sie jung und gesund war, nahm sie es, biss hinein und lächelte ihren Geliebten bezaubernd an.
ANDERE BÜCHER VON
ROBERT W. CHAMBERS
Es war Mr. Chambers selbst, der über die Launen der Mystischen Drei – Schicksal, Zufall und Vorherbestimmung – schrieb und darüber, wie es häufig vorkam, dass ein junger Mann „über den tückisch ausgestreckten Fuß des Schicksals stolperte und schnurstracks in die offenen Arme der Vorherbestimmung fiel“. Vielleicht war es einem der Streiche der mystischen Schwestern zu verdanken, dass Mr. Chambers selbst Pinsel und Palette beiseitelegte und die Feder ergriff. Mr. Chambers studierte sieben Jahre lang Kunst in Paris. Mit vierundzwanzig wurden seine Gemälde im Salon angenommen; mit achtundzwanzig war er nach New York zurückgekehrt und als Illustrator für Life, Truth und andere Zeitschriften tätig. Doch der Wunsch zu schreiben pulsierte bereits in ihm. Das Quartier Latin von Paris, wo er so lange studiert hatte, schien ihn zu verfolgen; er wollte dessen Geschichte erzählen. Also schrieb er die Geschichte und veröffentlichte sie 1893 unter dem Titel „In the Quarter“. Im selben Jahr veröffentlichte er ein weiteres Buch, „The King in Yellow“, eine schaurige Geschichte, die jedoch bemerkenswert erfolgreich war. Die Staffelei wurde beiseitegeschoben; der Maler war zum Schriftsteller geworden.
Über Mr. Chambers' Roman vom letzten Herbst
THE DANGER MARK
schrieb Dr. Frederic Taber Cooper im Bookman: „Auf diesem letzten Gebiet (dem Gesellschaftsroman) scheint es, als hätte Mr. Chambers zu sich selbst gefunden; und die Tatsache, dass das letzte der vier Bücher das beste, beständigste und ehrlichste Werk ist, das er bisher vollbracht hat, liefert eine solide Grundlage für die Annahme, dass noch bessere und reifere Bände folgen werden. Es gibt keinen triftigen Grund, warum Mr. Chambers nicht letztlich als der Romanautor in Erinnerung bleiben sollte, der eine umfassende menschliche Komödie von New York hinterlassen hat.“
Dies ist ein weiterer Roman über das Gesellschaftsleben wie „The Fighting Chance“ und „The Firing Line“. Die Hauptfiguren der Geschichte sind ein Junge und ein Mädchen, Erben eines riesigen Vermögens, deren Eltern gestorben sind und die unter die Vormundschaft einer großen Treuhandgesellschaft gestellt wurden. Sie wachsen ohne Altersgenossen auf und sind ein einzigartiges Paar, als sie mit Erreichen der Volljährigkeit in die New Yorker Gesellschaft entlassen werden – zwei Kinder, die von einer großen Maschine erzogen wurden, Besitzer fabelhaften Reichtums, bei denen jeder vererbte Instinkt für Gut und Böse zum ersten Mal freigesetzt wird. Die Tatsache, dass das Mädchen sich angewöhnt hat, ein wenig Kölnisch Wasser auf ein Stück Zucker zu träufeln und daran zu knabbern, wenn sie müde oder deprimiert ist, deutet auf den Kampf hin, der den Kindern bevorsteht, ein eigener Kampf inmitten ihrer luxuriösen Umgebung, der vielleicht vitaler und realer ist als alles, was Mr. Chambers bisher dargestellt hat. Es ist eine spannende, kraftvolle, höchst dramatische Geschichte, die ein heikles Thema behandelt, ohne den Geschmack oder das Urteil des kritischsten Lesers zu beleidigen.
Mr. Chambers' dritter Roman über das Gesellschaftsleben ist
THE FIRING LINE
Die Schauplätze sind hauptsächlich in Palm Beach angesiedelt, und ein deutlicheres, aber dennoch zart gezeichnetes Bild eines amerikanischen Modebadeortes in der vollen Blüte seines kurzen, wiederkehrenden Ruhms ist nie zuvor gezeichnet worden. In diesem Buch ist es das Ziel von Mr. Chambers zu zeigen, dass die Rettung der Gesellschaft in der ständigen Zufuhr von neuem Blut in ihre Adern liegt. Seine Heldin, die bezaubernde Shiela Cardross, von unbekannter Herkunft, aber in Luxus aufgezogen, findet sich plötzlich an der Frontlinie des Lebens wieder und kämpft mit einem der bedeutsamsten Probleme, denen ein junges Mädchen je gegenüberstand. Nur ein Meisterautor könnte ihre Geschichte handhaben; Mr. Chambers tut dies höchst erfolgreich.
THE YOUNGER SET
ist der zweite von Mr. Chambers' Gesellschaftsromanen. Er führt den Leser in das wirbelnde Gesellschaftsleben des mondänen New York, um dort mit dem immer größer werdenden Übel, der Scheidungsfrage, zu ringen. Als Student des Lebens ist Mr. Chambers gründlich; er kennt die Gesellschaft; seine Bilder sind so genau, dass er den Leser die Atmosphäre einatmen lässt, als wäre er darin geboren und aufgewachsen. Zudem, egal wie kompliziert die Handlung sein mag oder wie groß die zu erteilende Lektion, die Romantik in der Geschichte steht immer im Vordergrund. Für „The Younger Set“ hat Mr. Chambers einen Helden mit einem starren Ehrenkodex und dem Mut geschaffen, daran festzuhalten, auch wenn er unmodisch und veraltet sein mag. Er ist ein Mann, dem jeder nacheifern sollte.
Der früheste der Gesellschaftsromane von Mr. Chambers ist
THE FIGHTING CHANCE
Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit seinem Reichtum ein Verlangen nach Alkohol geerbt hat, und eines Mädchens, das eine gewisse Aufsässigkeit und eine Tendenz zu gefährlichen Launen geerbt hat. Die beiden treffen sich am Rande des Ruins und fechten ihre Kämpfe aus – zwei Schwächen, die sich mit Liebe verbinden, um eine Stärke zu bilden.
Es genügt, über diesen Roman zu sagen, dass ihn mehr als fünf Millionen Menschen gelesen haben. Er hat einen festen Platz unter der besten Belletristik der Zeit eingenommen.
SPECIAL MESSENGER
ist der Titel des Romans von Mr. Chambers, der direkt vor „The Danger Mark“ erschien. Es ist die Romanze einer jungen Spionin und Späherin im Bürgerkrieg. Als Spezialkurierin im Dienst der Union gerät sie in ein Labyrinth kritischer Situationen, doch ihre Kühle, Tapferkeit und gewinnende Persönlichkeit führen sie immer zum Sieg. Die Geschichte ist voll von dramatischen Vorfällen, dem Tosen der Schlacht, den grimmigen Realitäten des Krieges; und zuweilen, in scharfem Kontrast dazu, erscheint die zarteste Romantik. Sie ist mit Verständnis und Mitgefühl für den Standpunkt der Parteien auf beiden Seiten des Konflikts geschrieben.
THE RECKONING
ist ein Roman aus dem Unabhängigkeitskrieg. Er ist chronologisch der vierte einer Reihe, von der „Cardigan“ und „The Maid-at-Arms“ die ersten beiden waren. Der dritte wurde noch nicht geschrieben. Diese Romane über New York in den Tagen der Revolution sind ein weiteres beeindruckendes Beispiel für den Enthusiasmus, den Mr. Chambers in seine Arbeit steckt. Um einen genauen und erfolgreichen historischen Roman zu schreiben, muss man Historiker ebenso wie Romancier sein. Mr. Chambers ist eine Autorität für die Geschichte des Staates New York während der Kolonialzeit. Und wenn die Stunden, die damit verbracht wurden, über alten Karten zu brüten und alte Aufzeichnungen und Tagebücher zu lesen, nicht offensichtlich sind, so ist das Ergebnis immer erkennbar. Die Fakten sind nicht aufdringlich, aber sie sind da, verwoben in den durchsichtigen Schuss der Fantasie des Künstlers. Das ist der Grund, warum diese Romanzen immer überzeugen, warum wir beim Lesen die Luft der Zeit selbst atmen.
IOLE
Ein weiteres glänzendes Beispiel für die Vielseitigkeit des Autors ist diese farcenhafte, humorvolle Satire auf den Art nouveau von heute. Mr. Chambers hat mit all seinem Wissen über den künstlerischen Jargon in diesem kleinen Roman einen frommen Schwindler von Vater geschaffen, der seine acht reizenden Töchter in den Adirondacks aufzieht, wo sie rosa Pyjamas tragen, Nüsse und Obst essen und ihm zuhören, während er sie und alle anderen über Kunst belehrt. Man kann sich leicht vorstellen, was passiert, wenn mehrere reiche und praktische junge New Yorker über diese Gruppe stolpern. Am Ende sind alle glücklich.
Man könnte noch für zwanzig weitere Bücher weitermachen, aber es ist nicht genug Platz, um mehr als „The Tracer of Lost Persons“, „The Tree of Heaven“, „Some Ladies in Haste“ und die entzückenden Naturbücher für Kinder von Mr. Chambers zu erwähnen, die erzählen, wie Geraldine und Peter durch „Outdoor-Land“, „Mountain-Land“, „Orchard-Land“, „River-Land“, „Forest-Land“ und „Garden-Land“ wandern. Sie wiederum unterscheiden sich in Fantasie und Konzeption so sehr von seinen Romanen, wie jeder seiner Romane vom anderen.
Mr. Chambers ist ein geborener Optimist. Die Arbeit des Schreibens ist für ihn ein natürliches Vergnügen. Beim Lesen von allem, was er geschrieben hat, ist man sofort beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der es voranschreitet. Es gibt kein Streben nach Effekten, keine Affektiertheit, keine Hysterie; aber immer gibt es eine Persönlichkeit, eine Individualität, die die beste Seite des Lesers anspricht und irgendwie eine persönliche Beziehung zwischen ihm und dem Autor aufbaut. Vielleicht ist es diese vollendete Kunstfertigkeit, diese bemerkenswerte Fähigkeit, den Leser zu gewinnen, die es Mr. Chambers ermöglicht hat, sein Publikum Jahr für Jahr zu vergrößern, bis es nun in die Millionen geht; und es ist nur gerecht, dass Kritiker ihn, wie sie es häufig tun, zum „beliebtesten Schriftsteller des Landes“ ausrufen.