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The Hand in the Dark

by Arthur J. (Arthur John) Rees · in German

DIE HAND IM DUNKELN

VON ARTHUR J. REES

VERFASSER VON "THE SHRIEKING PIT"

NEW YORK: JOHN LANE COMPANY LONDON: JOHN LANE, THE BODLEY HEAD Copyright, 1920

DRUCK DER THE VAIL-BOUCH COMPANY BINGHAMTON, N. Y., V. ST. A.

DIE HAND IM DUNKELN

KAPITEL I

Betrachtet im traurigen Glanz eines englischen Zwielichts, vermittelte das alte Grabenhaus, das aus den dünnen Nebeln auftauchte, welche die grünen Ebenen verhüllten, in denen es stand, den Eindruck eines Wohnsitzes, der in Senilität verfiel, müde von Jahrhunderten des Bestehens. Häuser werden alt wie das Menschengeschlecht; der Vorgang ist nicht weniger unausweichlich, wenn auch langsamer; bei beiden wird der Verfall durch Ereignisse ebenso beschleunigt wie durch den Lauf der Zeit.

Das Grabenhaus war für englische Landsitze nicht sonderlich alt, aber es war aufgrund seiner Vergangenheit schnell gealtert. Eine unheimliche und blutige Geschichte haftete dem Ort an: ein historisches Protokoll von Morden, Erstchungen und Streitigkeiten, das bis in sächsische Tage zurückreichte, als eine Burg an dieser Stelle gestanden hatte und jeder Zoll des flachen Landes im Blut von Leibeigenen getränkt worden war, die unter einem sächsischen Tyrannen gegen einen normannischen Tyrannen für das heilige Schlagwort der Freiheit gekämpft hatten.

Der siegreiche normannische Tyrann hatte den Sachsen getötet, seine Burg genommen und während seines kleinen Tages über die Leibeigenen tyrannisiert, bis der größere Tyrann, der Tod, ihm seine erste – und letzte – Lektion in Demut erteilt hatte. Nach seinem Tod hatte irgendein neuer Usurpator seine gestohlene Burg abgerissen und ein Grabenhaus auf dem Gelände errichtet. Während der nächsten paar hundert Jahre gab es mehr Kämpfe für rastlosen Ehrgeiz, die ausnahmslos mit dem Aufstieg und Fall von Tyrannen verbunden waren, bis ein englischer König im Namen der Freiheit seinen Kopf verlor und das Grabenhaus für dasselbe glorreiche Prinzip durch Feuer zerstört wurde.

Es wurde von dem Freibeuter wiederaufgebaut, der es niedergebrannt hatte; ein gewisser Philip Heredith, ein Nachfahre von Philip Here-Deith, dessen Name im Domesday Book als einer der Ritter des Heeres von Herzog Wilhelm eingetragen ist, das sich in Dives für die Eroberung Englands versammelt hatte. Philip Heredith, der ein ebenso großer Kämpfer war wie sein normannischer Vorfahre, begründete seinen Anspruch auf sein neues Anwesen und vermied Rechtsstreitigkeiten darüber, indem er den royalistischen Besitzer und seine Familie innerhalb der Mauern des Grabenhauses einsperrte, bevor er es in Brand steckte. Er heiratete danach und ließ sich mit seiner jungen Frau im neuen Haus nieder. Doch die Flitterwochen wurden durch den Geist des Kavaliers gestört, den er eingeäschert hatte, welcher ihn warnte, dass sein Geschlecht, da es in Schrecken gegründet wurde, in Schrecken enden würde und das Haus, das er erbaut hatte, in sich zusammenfallen würde.

Philip Heredith war, wie viele andere große Kämpfer, ein überaus frommer Mann mit einem tiefen Glauben an die Wirksamkeit des Gebets. Er versuchte, den Fluch des Geistes zu vereiteln, indem er auf dem Gelände des Grabenhauses eine Kirche baute, wo er seine Sonntage damit verbrachte, für das ewige Wohl des Herrn zu beten, den er in der Blüte seines Mannesalters dahingerafft hatte. Vielleicht wurden die Gebete erhört, denn als Philip Heredith im Laufe der Zeit der erste Bewohner der brandneuen Gruft wurde, die er für sich und seine Nachfolger gebaut hatte, hinterließ er viel Reichtum und einen Katalog seiner Tugenden in seiner eigenen Handschrift. Den Reichtum hinterließ er seinen Erben, aber er legte ausdrücklich fest, dass das Verzeichnis seiner Tugenden in Stein gemeißelt und als dauerhafte Tafel zur Erbauung künftiger Generationen im Inneren der Kirche angebracht werden sollte, die er erbaut hatte.

Es war eine weise Vorsichtsmaßnahme seinerseits. Die Toten sind stumm, was ihre eigenen Vorzüge betrifft, und die Lebenden denken nur an sich selbst. Die Zeit eilte dahin, bis der erste der Herediths so vollständig vergessen war, als hätte er nie existiert; sogar sein Staub war aus dem Regal seiner eigenen Gruft verdrängt worden, um Platz für die zahlreichen Nachkommen des fruchtbaren und wohlhabenden Geschlechts zu machen, das er gegründet hatte. Aber die Tafel blieb bestehen, und das alte Grabenhaus, das er erbaut hatte, stand immer noch.

Es war ein wundervoller alter Ort und eine Augenweide, dieses mittelalterliche Grabenhaus aus weichem Ziegelstein, Steinfassaden, steil geneigtem Dach, mit terrassierten Gärten und einem umschließenden Wassergraben. Es hatte der Zeit besser getrotzt als sein Erbauer, wenn auch ein wenig wackelig, mit Anzeichen von Altersschwäche hier und da, die in den Krähenfußrissen des Mauerwerks sichtbar waren, und Verfall, der nur allzu deutlich in den schiefen Winkeln des Ziegeldachs zu sehen war. Aber der Efeu, der Teile des Mauerwerks bedeckte, verbarg einige der Verwüstungen des Alters und half dem Grabenhaus, der Welt eine tapfere Front zu zeigen, als ein gut erhaltener Überlebender einer schmuckvollen Periode in einer alltäglichen und hässlichen Generation.

Der Ort sah aus, als gehörte er der Vergangenheit und den Geistern der Vergangenheit. Die Grabenbrücke zu überqueren bedeutete, vom zwanzigsten Jahrhundert in das siebzehnte zurückzutreten. Die moosbewachsenen Grabenmauern umschlossen einen Garten aus alter Welt, der eifersüchtig von hohen Eibenhecken bewacht wurde, die in fantastische Formen von Vögeln und Tieren geschnitten waren; ein Garten mit Parterres und Rasenflächen, wo Tritonen steinerne Hörner bliesen und nackte Nymphen in Marmorbrunnen badeten; mit einer alten Sonnenuhr, auf die der fröhliche Tunichtgut Suckling einst ein Sonett auf ein Paar blaue Augen gekritzelt hatte – ein Garten voller versteckter Wege und verborgener Winkel, wo höfische Kavaliere und bezaubernde Damen in Brokat und Seide, Pflastern und Puder zu ihrer Zeit das große Spiel der Liebe gespielt hatten. Dieser Tag war längst tot. Die Tritonen und Nymphen blieben, um die Menschheit daran zu erinnern, dass Stein und Marmor dauerhafter sind als Fleisch und Blut, aber die Lords und Ladys waren fort, niemals wiederzukehren, es sei denn, ihre Geister wanderten in der weißen Stille mondheller Nächte durch den Garten. Sie mögen es wohl getan haben. Es war leicht, sich solch leichtlebige Schönheiten vorzustellen, die den alten Garten wieder besuchten, um tote Erinnerungen an Liebe und Lachen wiederzubeleben: schattenhafte Gestalten, die sich zu Stelldicheins auf den gebleichten, taufeuchten Rasen stahlen, ihre schelmischen Gesichter und hellen Augen – falls Geister Augen haben – die aus geisterhaften Hauben auf fröhliche geisterhafte Kavaliere lugten; kokettierend und schmachtend hinter geisterhaften Fächern; vielleicht sogar mit geisterhaften kleinen Händen die Pfaue fütternd, die immer noch den Terrassenweg über dem Graben bewachten.

Das Schauspiel einer Gruppe moderner Damen, die in den klösterlichen Nischen des Terrassengartens beim Tee lachten und plauderten, schlug einen Ton an, der so scharf unpassend war wie ein Schwarm Papageien, der in einer Kathedrale lärmt.

Es war der Herbst 1918, und mit einer Ausnahme vertraten die Damen, die an den Teetischen auf dem Rasen saßen, den neuen und unabhängigen Typus der Weiblichkeit, der durch die nationalen Erfordernisse des Krieges ins Leben gerufen wurde. Die Ältere von ihnen sah nützlich eher aus als schön, wie es patriotischen Engländerinnen in Kriegszeiten geziemte; die Jüngeren waren hübsch und charmant, aber sie alle waren Arbeiterinnen, oder vorgabemäßige Arbeiterinnen, bei der Aufgabe, England beim Sieg im Krieg zu helfen, und einige von ihnen trugen das Khaki oder Blau des aktiven Dienstes im Ausland. Sie waren alle sehr entspannt, lachten und redeten, während sie ihren Tee tranken und den Pfauen, die auf dem hohen Terrassenweg über ihren Köpfen saßen, Kuchen zuwarfen.

Die Damen waren die Gäste von Sir Philip Heredith. Einige Monate zuvor hatte sich sein einziger Sohn Philip, der damals einen Posten im Kriegsministerium innehatte, in das hübsche Gesicht eines Mädchens verliebt, das in einer der Abteilungen von Whitehall angestellt war. Er heiratete sie kurz darauf und brachte sie mit nach Hause ins Grabenhaus. Es war der junge Ehemann, der vorgeschlagen hatte, das alte Grabenhaus zu beleben, indem sie einige ihrer früheren Londoner Freunde einluden, bei ihnen zu bleiben. Violet Heredith, die sich nach der Aufregung der Londoner Kriegsarbeit vom Landleben gelangweilt fühlte, griff gierig nach der Idee, und die Mehrheit der Damen beim Tee waren die früheren Whitehall-Bekanntschaften der jungen Ehefrau, mit denen sie während des letzten Kriegswinters in London Matinee-Tickets und Nachmittagstees geteilt hatte.

Die Gastgeberin der Gesellschaft, Miss Alethea Heredith, Schwester des jetzigen Baronets, Sir Philip Heredith, und Herrin des Grabenhauses seit dem Tod von Lady Heredith, gehörte zu einem vergangenen und fast ausgestorbenen Typus der Engländerin, die provinzielle große Dame, lokale Gesellschaftsführerin, Dorfgönnerin, Sportlerin und Kirchgängerin in einem, ein Typus, der ausschließlich englisch ist und mehrere Jahrhunderte brauchte, um in seiner vollendeten Form hervorzubringen. Miss Heredith war ein ausgezeichnetes, wenn auch etwas furchteinflößendes Exemplar dieser Klasse. Sie war groß und massig, mit einem großknochigen Gesicht, das von der Landluft rot gebräunt war, klugen grauen Augen, die unter dicken Augenbrauen hervorlugten, die sich über ihrer Stirn in einer geraden Linie trafen (die Heredith-Augenbrauen), und einer starken, hakigen Nase (die Heredith-Falkennase). Aber trotz ihres massiven Körperbaus, des roten Gesichts, der Hakennase und der ländlichen Kleidung sah sie in der Umgebung passender aus als die gebrechlicheren und blasseren Exemplare der Weiblichkeit, denen sie Tee einschenkte. Es lag eine steife und würdevolle Anmut in ihren Bewegungen, eine langsame Zeremoniellheit in ihrer Höflichkeit gegenüber ihren Gästen, die mit der Umgebung des Grabenhausgartens aus dem siebzehnten Jahrhundert zu harmonieren schien.

In diesem Moment diskutierten die Damen ein Ereignis, das für diese Nacht geplant war: eine Landpartie, gefolgt von einem musikalischen Abend und einem Tanz. Die Einladungen waren von den Weynes ausgesprochen worden, einem jungen Ehepaar, das vor kurzem sein Zuhause in der Grafschaft aufgeschlagen hatte. Der Ehemann war ein beliebter Romanautor, der die Ablenkungen Londons verlassen hatte, um in Frieden und Stille auf dem Land Ruhm zu erlangen. Mrs. Weyne, die vor ihrer Heirat eine flüchtige Bekanntschaft mit Mrs. Heredith gepflegt hatte, war hocherfreut zu erfahren, dass sie sie zur Nachbarin haben würde. Sie hatte den Abend in ihrem Namen arrangiert und Miss Heredith gebeten, alle ihre Gäste mitzubringen. Das Ereignis sollte den Abschluss der Hausgesellschaft bilden, die sich am folgenden Tag auflösen sollte. Leider war Mrs. Heredith einige Stunden zuvor erkrankt, und es war zweifelhaft, ob sie in der Lage sein würde, an der Festlichkeit teilzunehmen.

„Ich hoffe, Sie alle denken daran, dass das Abendessen heute Abend eine Viertelstunde früher stattfindet“, sagte Miss Heredith, während sie einer ihrer Gäste eine Tasse Tee reichte. „Es ist eine lange Fahrt zum Anwesen der Weynes, also werde ich die Autos für halb acht bestellen.“

Die Gäste blickten zu ihrer Gastgeberin und murmelten höfische Zustimmung.

„Ich freue mich so sehr auf den Besuch“, sagte die Dame, der Miss Heredith die Tasse gereicht hatte. „Es wird so romantisch sein – ein Landtanz in einem einsamen Haus auf einem Hügel. Was für eine entzückende Tasse, liebe Miss Heredith! Ich liebe chinesisches Eierschalenporzellan, aber das hier ist einfach jenseits von allem! Es ist----“

„Was hat Dolly Weyne bloß dazu bewogen, sich auf dem Land zu vergraben?“, rief eine junge Frau mit kurzem Haar und Khaki-Uniform abrupt aus. „Sie hat das Land gehasst, bevor sie geheiratet hat.“

„Mrs. Weyne ist eine Ehefrau, und es ist ihre Pflicht, das Heim ihres Mannes zu mögen“, sagte Miss Heredith ein wenig prüde. Sie missbilligte die Sprecherin, deren Khaki-Uniform, kurz geschnittenes Haar, überschlagene Beine und in die Hüften gestützte Arme ihr als alles erschienen, was modern und unfraulich war.

„Dann was hat Teddy Weyne dazu bewogen, sich lebendig in der Wildnis zu begraben? Ich bin sicher, es muss schrecklich sein, da oben allein zu leben, mit nichts als Ohrwürmern und Eulen als Gesellschaft.“

„Mr. Weyne ist ein Schriftsteller“, erwiderte Miss Heredith. „Er braucht Abgeschiedenheit.“

„Mein Mann nicht“, sagte eine kleine, hellhaarige Frau. „Er sagt, Zeitungsleute können überall schreiben. Und wir kennen einen anderen Schriftsteller, einen Mr. Harland, glaube ich, heißt er, der lange Artikel in den Sonntagszeitungen schreibt----“

„Ich glaube nicht, dass sein Name Harland ist, Liebes“, unterbrach eine andere Dame. „Etwas Ähnliches, aber nicht Harland. Ach je, was ist es nur?“

„Oh, der Name spielt keine Rolle“, entgegnete ihre Freundin. „Der Punkt ist, dass er lange Artikel in seinem Londoner Büro schreibt. Warum kann Mr. Weyne nicht dasselbe tun?“

„Mr. Weyne ist ein Romanautor – kein Journalist. Das ist etwas ganz anderes.“

„Ist es das?“, antwortete die andere zweifelnd. „Alles Schreiben ist das gleiche, nicht wahr? Harry sagt, Mr. Harlands Artikel sind entsetzlich clever. Er liest mir manchmal Stücke davon vor.“

„Mrs. Weyne fühlt sich manchmal ein wenig einsam“, sagte Miss Heredith. „Sie hat sich darauf gefreut, Violet wiederzutreffen. Es wird für beide angenehm sein, ihre Bekanntschaft zu erneuern.“

„Ich sollte denken, sie und Violet würden gut miteinander auskommen“, bemerkte die junge Dame mit dem kurzen Haar. „Sie haben beide eine ganze Reihe von Vorlieben gemeinsam. Keine von beiden mag das Land, zum einen.“ Die anderen Damen sahen einander an, und die Sprecherin, die erkannte, dass sie taktlos gewesen war, hielt abrupt inne. „Wie geht es Violet?“, fügte sie lahm hinzu. „Glaubst du, sie wird gesund genug sein, um heute Abend hinzugehen?“

„Ich hoffe immer noch, dass sie gesund genug sein mag, um zu gehen“, antwortete Miss Heredith. „Ich werde sie gleich fragen. Möchte jemand noch eine Tasse Tee?“

Niemand wollte mehr Tee. Die Mahlzeit war beendet; aber die Gruppen von Damen an den kleinen Tischen saßen friedlich plaudernd da und genossen die friedliche Umgebung und die Nachmittagssonne. Einige der Mädchen holten Zigarettenetuis hervor und zündeten sich Zigaretten an.

Es gab ein Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg. Ein großer, gut aussehender junger Offizier wurde gesehen, wie er vom Haus aus über den Garten ging. Als er sich den Teetischen näherte, hob er lächelnd einen Finger zum Gruß an die Stirn.

„Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen“, kündigte er an.

Die Damen scharten sich um ihn. Es war aus ihrem Verhalten ersichtlich, dass er unter ihnen eine beliebte Figur war. Mehrere der jüngeren Mädchen sprachen ihn mit „Dick“ an und baten ihn, ihnen Trophäen von der Front zu schicken. Der junge Offizier hielt sich mit lachender Selbstsicherheit unter ihnen. Als er sich von ihnen verabschiedet hatte, näherte er sich Miss Heredith und reichte ihr mit einer ehrerbietigen Höflichkeit die Hand, die merklich mit der lockeren Vertrautheit seines vorherigen Abschieds kontrastierte.

„Es tut mir leid, dass Sie gezwungen sind, uns zu verlassen, Captain Nepcote“, sagte Miss Heredith, während sie sich mit Würde erhob, um seine ausgestreckte Hand anzunehmen. „Kehren Sie sofort an die Front zurück?“

„Heute Abend, vermute ich.“

„Ich vertraue darauf, dass Sie bald sicher in Ihr Vaterland zurückkehren werden, gekrönt mit Sieg und Ruhm.“

Captain Nepcote verneigte sich etwas verlegen. Wie der Rest seiner Generation war er leicht durch schöne Worte oder jede Zurschaustellung feinerer Gefühle aus dem Konzept zu bringen. Er war etwa achtundzwanzig, von mittlerer Größe, glatt rasiert, mit fein geschnittenen Zügen, braunem Haar und blauen Augen. Auf den ersten Blick vermittelte er nicht mehr als den Eindruck eines gut aussehenden jungen englischen Offiziers des vertrauten Typs, der während des Krieges zu Tausenden produziert wurde; aber als er dort stand und sprach, enthüllte ein plötzlicher Sonnenstrahl, der auf seinen entblößten Kopf fiel, vage Linien im Gesicht und einen Anflug von Silber im kurz geschnittenen Haar, was etwas andeutete, das nicht ganz mit seinem lebenslustigen Aussehen übereinstimmte – heimlicher Kummer oder Ausschweifung, es war unmöglich zu sagen, was es war.

„Wollen Sie Mrs. Heredith für mich Lebewohl sagen?“, sagte er nach einer kurzen Pause. „Ich hoffe, sie wird bald wieder gesund. Ich habe mich von Sir Philip und Phil verabschiedet. Sir Philip wollte mich zum Bahnhof fahren, aber ich kenne die Schwierigkeiten, im Moment Benzin zu bekommen, und ich wollte es ihm nicht gestatten. Schrecklich freundlich von ihm! Phil schlug vor, mit mir zu gehen, aber ich dachte, das wäre zu viel für ihn.“

Sie waren von den Teetischen weg zur Brücke gegangen, die den Eingang zum Grabenhaus überspannte. Miss Heredith hielt bei zwei Messingkanonen inne, die auf dem Rasen in einem Gebüsch aus Zierlaub standen, mit einer Inschrift, die besagte, dass sie von der *Passe-partout* stammten, einem französischen Schiff, das Admiral Heredith 1804 in den indischen Meeren erobert hatte.

„Es ist schwer für Phil, einen Heredith, zurückzubleiben, wenn alle jungen Engländer für ihr geliebtes Land kämpfen“, sagte sie leise, ihre Augen auf diese veralteten Geschütze gerichtet. „Er stammt aus einer Reihe großer Krieger. Wie auch immer“, fuhr sie in einem entschlosseneren Ton fort, „Phil hat seine Pflichten zu erfüllen, trotz seines Gebrechens. Wir alle haben unsere Pflichten, Gott sei Dank. Lebwohl, Captain Nepcote. Ich halte Sie auf, und Sie könnten Ihren Zug verpassen.“

„Lebwohl, Miss Heredith. Vielen herzlichen Dank für Ihre Freundlichkeit während eines sehr angenehmen Besuchs. Ich habe mich schrecklich amüsiert.“

„Ich bin froh, dass Sie Ihren Aufenthalt genossen haben. Ich hoffe, Sie kommen und besuchen uns wieder, wenn Ihre militärischen Pflichten es erlauben.“

„Äh – ja. Vielen Dank. Nochmals vielen Dank für Ihre Freundlichkeit.“

Der junge Offizier brachte diese höflichen Plattitüden eines Gäste-Abschieds etwas abrupt hervor, verneigte sich noch einmal und wandte sich über die alte Steinbrücke ab, die den Graben überspannte.

KAPITEL II

Miss Heredith wandte ihre Schritte zum Haus. Die Gäste hatten sich zerstreut, während sie sich von Captain Nepcote verabschiedete, und bis zur Essenszeit wurde nichts weiter von ihr als Gastgeberin erwartet. Es war ihre tägliche Gewohnheit, einen Teil der Zeit zwischen Tee und Abendessen der Überwachung der Arrangements für letztere Mahlzeit zu widmen. Das Grabenhaus besaß eine kompetente Haushälterin und ein ausgezeichnetes Personal von Dienern, aber Miss Heredith glaubte daran, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Auf ihrem Weg zum Haus erblickte sie einen Untergärtner, der eine der Zier-Terrassenhecken auf der Südseite des Hauses schnitt, und sie ging zu ihm hinüber. Der Mann unterbrach seine Arbeit, als sich die große Dame näherte, und wartete respektvoll darauf, dass sie sprach.

„Thomas“, sagte Miss Heredith, „gehen Sie und sagen Sie Linton, er soll beide Autos und die Kutsche bis halb acht heute Abend vor der Tür haben. Und sagen Sie ihm, Thomas, dass Platt besser die Kutsche fahren sollte.“

Der Untergärtner berührte seine Mütze und eilte mit seinem Auftrag davon. Miss Heredith nahm gemächlich ihren Spaziergang zum Haus wieder auf und hielt gelegentlich an, um Unkraut auszuzupfen, das die Kühnheit besaß, seinen Kopf in den gepflegten Blumenbeeten zu zeigen, die die weite Fläche des Rasens zwischen Graben und Haus übersäten. Sie betrat das Haus durch die Verandatür und begab sich zu den Wohnräumen der Haushälterin.

Ihr Klopfen an der Tür wurde von einem sehr hübschen Mädchen beantwortet, groß und dunkelhaarig, das beim Anblick von Miss Heredith errötete und zur Seite trat, damit sie eintreten konnte. Eine Frau mittleren Alters mit einem sorgenzerfressenen Gesicht und großen grauen Augen, gekleidet in schwarze Seide, saß am Fenster und nähte. Sie erhob sich und kam vor, als sie ihre Besucherin sah. Es war Mrs. Rath, die Haushälterin, und das hübsche Mädchen war ihre Tochter.

„Wie geht es dir, Hazel?“, sagte Miss Heredith und bot dem Mädchen die Hand. „Es ist lange her, seit ich dich gesehen habe. Warum bist du in letzter Zeit nicht zu uns gekommen?“

Das Mädchen schien durch die Frage verlegen. Sie zögerte, und dann, als ob sie durch das gnädige Lächeln von Miss Heredith beruhigt wäre, murmelte sie, dass sie so beschäftigt gewesen sei, dass sie sehr wenig Zeit für sich selbst gehabt habe.

„Ich dachte, sie geben dir an deinem Arbeitsplatz jede Woche einen Nachmittag frei“, fuhr Miss Heredith fort und setzte sich auf einen Stuhl, den die Haushälterin für sie zurechtrückte.

„Nicht immer“, antwortete Hazel. „Zumindest nicht in letzter Zeit. Wir hatten so viele Aufträge.“

„Magst du das Hutmachereigeschäft, Hazel?“

„Sehr sogar, Miss Heredith.“

„Hazel kommt jetzt gut voran“, sagte ihre Mutter.

„Das freut mich sehr zu hören“, antwortete Miss Heredith in derselben gnädigen Art. „Du musst öfter kommen und uns besuchen. Ich nehme großen Anteil an deinem Wohlergehen, Hazel. Nun, Mrs. Rath.“

Es gibt Gesichter, die durch den Ausdruck der Augen Aufmerksamkeit erregen, und das der Haushälterin war eines davon. Ihr Gesicht war dünn, fast mager, mit eingefallenen Schläfen, an denen ihr ergrauendes Haar geflochten war, aber ihre großen Augen waren unnatürlich hell und hatten einen seltsamen Blick, gleichzeitig scheu und wachsam. Sie wandte sie nun Miss Heredith zu, als ob sie einen Tadel fürchtete.

„Mrs. Rath“, sagte Miss Heredith, „ich hoffe, das Abendessen wird heute Abend pünktlich um Viertel vor sieben serviert, wie ich es arrangiert habe. Und haben Sie mit der Köchin über das Geflügel gesprochen? Sie sollte sicherlich mehr Abwechslung in ihr Kochen bringen.“

„Es ist für sie im Moment ziemlich schwierig, da der Lebensmittelkontrolleur eine so kleine Menge an Fleisch erlaubt“, bemerkte Mrs. Rath. „Sie tut wirklich ihr Bestes.“

„Sie kommt im Großen und Ganzen ganz gut zurecht, aber sie hat viele Ressourcen, wie Geflügel und Wild, die den meisten Haushalten verwehrt sind.“

Als Miss Heredith wenig später aus dem Zimmer der Haushälterin kam, war sie ganz zufrieden, dass das Abendessen wahrscheinlich so gut sein würde, wie es ein willkürlicher Lebensmittelkontrolleur erlauben würde, und sie stieg in ihr Zimmer, um sich anzuziehen. In weniger als einer halben Stunde erschien sie wieder, eine raschelnde und würdevolle Gestalt in schwarzer Seide. Sie ging langsam den Flur von ihrem Zimmer entlang und klopfte an Mrs. Herediths Tür.

„Herein!“, rief eine schwache weibliche Stimme im Inneren.

Miss Heredith öffnete sanft die Tür und betrat das Zimmer. Es war ein geräumiges und altes Schlafzimmer mit getäfelten Wänden und einer Stuckdecke. Die jakobinischen Möbel, die antiken Spiegel und das Bettgestell mit seidenen Vorhängen passten gut zum Raum.

Ein Mädchen von feiner Statur und schlankem Körperbau lag auf dem Bett. Sie trug ein modisches Ruhekleid aus weicher Seide, das mit Goldstickerei verziert war, und ihr blondes Haar war teilweise von einer seidenen Boudoir-Haube bedeckt. An ihrer Seite stand ein kleiner Tisch, auf dem sich Flakons mit Eau de Cologne und Lavendelwasser, Riechsalze in geschliffenem Glas und Silber, ein goldenes Zigarettenetui und ein aufgeschlagener Roman befanden.

Das Mädchen setzte sich auf, als Miss Heredith eintrat, und griff mechanisch nach ihrem Haar. Ihre Finger waren mit Juwelen behangen, zu viele für einen guten Geschmack, und zwischen den Ringen an ihrer linken Hand schimmerte das matte Gold des Eherings in schlichtem Kontrast. Ihr Gesicht war hübsch, aber zu unbedeutend, um schön zu sein. Sie hatte große blaue Augen unter geschwungenen dunklen Brauen, kleine, regelmäßige Züge und einen kleinen Mund mit einem trotzigen Herabhängen der Unterlippe. Ihr Gesicht war von der Art, die sofort die männliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. In der Tiefe der blauen Augen lag die Verlockung des Geschlechtlichen, und in den herabhängenden Linien der trotzigen, leicht geöffneten Lippen lag etwas Provokantes. In den geschminkten Lippen und dem vorgetäuschten Rot auf dem reizenden Gesicht lag ein Anflug von Anrüchigkeit. Die stickige Luft des Raumes war von der schweren Atmosphäre der Parfüms durchdrungen, die sich mit dem beißenden Geruch von Zigarettenrauch vermischte.

Miss Heredith nahm am Bett Platz. Die beiden Frauen bildeten einen auffälligen Kontrast der Typen: die starke, raue, praktische Landfrau und die zerbrechliche, weibliche Anhängerin von Schönheit und persönlichem Schmuck, die im Laufe der Zeit die andere als Herrin des Moat-House beerben sollte. Der Unterschied ging weit über das Äußerliche hinaus; zwischen ihnen klaffte ein weiter psychologischer Abgrund – der Unterschied zwischen einer Frau von gesundem Verstand und ruhigem, ausgeglichenem Temperament, die sich wahrscheinlich nie den Kopf über das andere Geschlecht zerbrochen hatte, und einer Frau, die das neurotische Produkt einer modernen, nervösen Stadt war; sexuell im Typ, eine Beute für krankhafte Selbstbeobachtung und ruhelose Begierden.

Die jüngere Frau betrachtete Miss Heredith mit einem recht mürrischen Blick ihrer großen Augen. Es war dem Ausdruck ihres Gesichts anzusehen, dass sie Miss Heredith nicht mochte und ihr Eindringen übel nahm, doch es hätte eines scharfsinnigen Beobachters bedurft, um aus Miss Herediths Gesicht abzuleiten, dass ihr Gefühl gegenüber der Frau ihres Neffen eines der Abneigung war. In ihrer Stimme lag nichts als gezwungene Höflichkeit, als sie sprach.

„Wie ist es jetzt mit deinem Kopf, Violet? Fühlst du dich etwas besser?“

„Nein. Mein Kopf ist absolut schrecklich.“ Während sie sprach, schob das Mädchen ihre Boudoir-Haube beiseite und strich sich mit einer ungeduldigen Geste das dicke, blonde Haar von der Stirn, als empfände sie das Gewicht als unerträglich.

„Es tut mir leid, dass du immer noch leidest. Wirst du wohlauf genug sein, um heute Abend zu den Weynes zu gehen?“

„Ich würde nicht im Traum daran denken. Ich wundere mich, dass du das vorschlagen kannst. Es würde mich nur noch kränker machen.“

„Natürlich werde ich es Mrs. Weyne erklären. Es sei denn, du möchtest, dass ich bleibe und dir Gesellschaft leiste. Ich mag es nicht, wenn du allein gelassen wirst.“

„Dazu besteht nicht die geringste Notwendigkeit“, sagte Mrs. Heredith entschieden. „Geh nur. Ich kann nach Lisette klingeln, damit sie bei mir sitzt, falls ich mich einsam fühle.“

„Vielleicht möchtest du, dass Phil bei dir bleibt?“, schlug Miss Heredith vor.

„Oh, nein! Es wäre töricht von ihm, meinetwegen fernzubleiben. Ich möchte, dass ihr alle geht und euch amüsiert, und nicht wegen mir ein Aufhebens macht. Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher, als in Ruhe gelassen zu werden.“

„Sehr wohl dann.“ Miss Heredith erhob sich bei diesem Hinweis. „Soll ich dir etwas Abendessen heraufschicken lassen?“

„Nein, danke. Die Haushälterin hat mir gerade starken Tee und trockenes Toastbrot geschickt. Wenn ich später Hunger bekomme, werde ich klingeln. Aber ich werde jetzt versuchen zu schlafen.“

„Dann werde ich dich verlassen. Ich habe das Abendessen etwas früher als gewöhnlich bestellt.“

„Wie spät ist es jetzt?“ Violet blickte lustlos auf ihre mit Juwelen besetzte Armbanduhr, während sie sprach. „Viertel nach sechs – ist das die richtige Zeit?“

Miss Heredith konsultierte ihre eigene Uhr, die an einer langen, dünnen Kette um ihren Hals hing.

„Ja, das stimmt.“

„Um wie viel Uhr esst ihr zu Abend?“

„Viertel vor sieben.“

„Was soll das, dass ihr früher esst?“, fragte das Mädchen, stützte sich mit einem nackten weißen Arm auf ihrem Kissen auf und betrachtete Miss Heredith neugierig.

„Ich habe veranlasst, dass wir um halb acht zu den Weynes aufbrechen. Es ist eine weite Fahrt.“

„Ich verstehe.“ Das Mädchen nickte gleichgültig, als wäre ihre Neugier zu dem Thema so schnell verflogen, wie sie aufgekommen war. „Nun, ich hoffe, ihr werdet alle eine gute Zeit haben.“ Sie gähnte und ließ ihren blonden Kopf zurück auf das Kissen fallen. „Jetzt werde ich versuchen zu schlafen. Bitte sag Phil, er soll mich nicht stören. Sag ihm, ich hätte eine meiner schlimmsten Kopfschmerzattacken. Ihr werdet sicher spät zurückkommen, und ich möchte nicht geweckt werden.“

Sie schloss die Augen, und Miss Heredith wandte sich ab, um das Zimmer zu verlassen. Als sie am Frisiertisch vorbeiging, fiel ihr Blick auf ein hübsches Schmuckkästchen. Wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen, wandte sie sich wieder dem Bett zu.

„Violet“, sagte sie.

Das Mädchen öffnete halb die Augen und blickte von verschleierten Lidern zu der älteren Frau auf. „Ja?“, murmelte sie.

„Deine Halskette – ich hatte sie beinahe vergessen. Mr. Musard fährt früh am Morgen in die Stadt zurück und möchte sie mitnehmen.“

„Oh, das muss bis zum Morgen warten. Ich weiß nicht, wo die Schlüssel sind, und ich kann mir jetzt nicht die Mühe machen, danach zu suchen.“ Das Mädchen wandte ihr Gesicht entschlossen ab und vergrub den Kopf im Kissen wie ein verzogenes Kind.

Miss Heredith errötete leicht ob der bewussten Unhöflichkeit, drängte aber nicht weiter auf die Bitte. Sie verließ das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Sie ging langsam den breiten Flur entlang, der mit Bugle-Stickerei behangen war, und hielt für eine Weile an einem schmalen Fenster am Ende der Galerie inne, von wo aus sie auf die Terrassengärten und die sanfte grüne Landschaft dahinter blickte. Das Gespräch mit der Frau ihres Neffen hatte sie angestrengt, und ihre Überlegungen waren eher bitter. Zum zwanzigsten Mal fragte sie sich, warum ihr Neffe sich in dieses unbekannte Mädchen aus London verliebt hatte, das das Landleben verabscheute. Aus Miss Herediths Sicht fehlte einem Mädchen, das rauchte und Slang sprach, jegliches Gefühl für die Würde der hohen Position, in die sie berufen worden war, und sie war in jeder Hinsicht ungeeignet, die Mutter des nächsten männlichen Heredith zu werden, falls sie überhaupt zustimmte, einen Erben zu gebären. Es war Miss Herediths ständiges Bedauern, dass Phil nicht irgendein nettes Mädchen aus der Grafschaft, aus seinem eigenen Stand, geheiratet hatte, anstatt eines Mädchens aus London.

Miss Heredith beendete ihre Überlegungen mit einem Seufzer und wandte sich vom Fenster ab. Sie war vor allem praktisch veranlagt und erkannte voll und ganz die Torheit, über das Unvermeidliche zu grübeln, aber die Heirat ihres Neffen war ein wunder Punkt für sie. Sie schritt auf ihre würdevolle Art die breiten und flachen Stufen der alten Treppe hinunter, an der Rüstungen, Trophäen und Familienporträts hingen. Am Fuß der Treppe begegnete sie einem Diener, der ein Tablett mit Sherry-Karaffen und Keksen durch die Halle trug.

„Wo ist Mr. Philip?“, fragte sie.

„Ich glaube, er ist im Billardzimmer, gnädige Frau“, antwortete der Mann.

Miss Heredith schritt mit raschelnder Würde zum Billardzimmer. Das Klacken der Billardkugeln war hörbar, bevor sie es erreichte. Die Tür stand offen, und im Inneren beobachteten mehrere junge Männer, die meisten in Khaki, ein Spiel zwischen einem dunkelhaarigen Mann mittleren Alters und einem jungen Offizier. Der eine oder andere der Männer blickte auf, als Miss Heredith eintrat, aber der junge Offizier fuhr fort, seine Serie mit der mechanischen Fertigkeit eines Billardmarkers zusammenzustellen. Miss Heredith bezeichnete sein Handeln im Geiste als ein weiteres Beispiel für den modernen Verfall der Sitten. In ihren jungen Jahren hörten Gentlemen immer auf zu spielen, wenn eine Dame das Billardzimmer betrat. Der Spieler mittleren Alters kam mit dem Queue in der Hand auf sie zu und fragte sie, ob sie etwas brauche.

„Ich suche Phil“, sagte sie. „Ich dachte, er sei hier.“

„Das war er, aber er ist gerade in die Bibliothek gegangen. Er sagte, er müsse vor dem Abendessen noch einige Briefe schreiben.“

„Danke.“ Miss Heredith wandte sich ab und ging zur Bibliothek, die sich wie das Billardzimmer im Erdgeschoss befand. Sie öffnete die Tür und trat in einen großen Raum mit einer Einrichtung, die ins Mittelalter gehörte. In dem großen, düsteren Gemach mit seinen verblichenen Arabesken und Friesen, bronzenen Kandelabern, mittelalterlichen Beschlägen und schweren, zeittypischen Möbeln gab es kein Eindringen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der junge Mann, der an einem antiken Schreibtisch in dem Raum saß und schrieb, stand nicht im Widerspruch zu der antiken Kulisse. Sein Gesicht war vom antiken Typ – lang und schmal, und sein langes, glattes, dunkles Haar, das von der Stirn zurückgekämmt war, stand in seltsamem Kontrast zum Kurzhaarschnitt einer militärischen Generation junger Männer. Seine Augen waren dunkel und lagen ziemlich tief unter einer schmalen, hohen weißen Stirn. Er hatte die Heredith-Augenbrauen und die hochgewölbte Nase; aber abgesehen von diesen traditionellen Zügen seines Geschlechts hatte sein eher intellektuelles Gesicht und sein schmaler Körperbau wenig gemeinsam mit den Porträts der massiven, kriegerischen Herediths, die an den Wänden um ihn herum hingen. Er hörte auf zu schreiben und blickte auf, als seine Tante eintrat.

„Ich war gerade bei Violet“, erklärte Miss Heredith. „Sie sagt, es gehe ihr nicht besser und sie könne uns heute Abend nicht zu den Weynes begleiten. Ich schlug vor, bei ihr zu bleiben, aber sie wollte davon nichts hören. Sie sagt, sie ziehe es vor, allein zu sein. Glaubst du, es ist richtig, sie allein zu lassen? Ich hätte gerne deine Meinung. Du verstehst sie natürlich am besten.“

„Ich denke, wenn Violet allein sein möchte, können wir nichts Besseres tun, als ihre Wünsche zu berücksichtigen“, antwortete Phil. „Ich weiß, dass sie es liebt, völlig sich selbst überlassen zu werden, wenn sie nervöse Kopfschmerzen hat.“

„In diesem Fall werden wir gehen“, antwortete Miss Heredith. „Ich habe beschlossen, das Abendessen eine Viertelstunde früher einzunehmen, damit wir um halb acht hier aufbrechen können.“

„Ich verstehe“, sagte der junge Mann. „Isst Violet zu Abend?“

„Nein. Sie hatte gerade etwas Tee und Toast und versucht nun zu schlafen. Sie möchte nicht gestört werden – sie hat mich gebeten, dir das auszurichten.“ Miss Heredith blickte auf ihre Uhr. „Du meine Güte, es ist fast halb sieben! Ich muss gehen. Tufnell ist so trödelig, wenn Schnelligkeit erforderlich ist.“

„Hast du Violet an die Halskette erinnert?“, fragte Phil, als seine Tante sich zum Gehen wandte.

„Ja. Sie sagte, sie würde sie am Morgen herunterbringen, bevor Vincent abreist.“

Phil nickte und wandte sich wieder seinen Briefen zu. Miss Heredith verließ das Zimmer und ging den Korridor entlang zum großen Speisesaal. Ein älterer Diener, grauhaarig und glatt rasiert, erlaubte sich ein flüchtiges, unterwürfiges Lächeln, als sie eintrat.

„Ist alles in bester Ordnung, Tufnell?“, fragte sie.

Tufnell, der gesetzte alte Butler, der seine Stelle von seinem Vater geerbt hatte, verneigte sich ernst und antwortete anständig:

„Es ist alles in bester Ordnung, gnädige Frau.“

Miss Heredith ging langsam um den geräumigen Tisch, rückte hier ein Messer, dort eine Gabel zurecht und gab der Tischdekoration den letzten Schliff. Es gab nicht die geringste Notwendigkeit dazu, denn die Ausstattung war so perfekt, wie sie nur von den Händen alter Diener gemacht werden konnte, die ihre Herrin und ihre Gewohnheiten genau kannten. Aber es war Miss Herediths abendliche Gewohnheit, und Tufnell, der am geschnitzten Buffet stand, beobachtete sie mit einem nachsichtigen Lächeln, wie er es jeden Abend in den letzten zehn Jahren getan hatte.

Während Miss Heredith damit beschäftigt war, öffnete sich die Tür und Sir Philip Heredith trat in Begleitung eines alten Freundes der Familie, Vincent Musard, in den Raum.

KAPITEL III

Sir Philip Heredith war eine würdevolle Figur eines englischen Landedelmanns vom alten Schlag. Er war groß und hager, von aristokratischem Wesen, mit weißem Haar und verblichenen blauen Augen. Sein Gesicht war nicht beeindruckend. Auf den ersten Blick wirkte es lediglich wie das eines müden alten Mannes, der der kleinlichen Anforderungen des Lebens überdrüssig war und sich nach Ruhe sehnte; doch in vereinzelten Augenblicken erhaschte man eine flüchtige Ähnlichkeit mit einem Adler im Käfig, in einer schnellen Drehung des falkenhaften Profils oder in einem plötzlichen Aufflackern der alten Augen unter den geraden Heredith-Brauen. In solchen Momenten lebte das Heredith-Gesicht – das Kriegergesicht einer langen Ahnenreihe wilder Kämpfer und freibeuterischer Vorfahren – in den alternden Zügen des vorletzten Mannes seines Geschlechts wieder auf.

Sein Begleiter war ein Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren. Sein Gesicht war braun, wie von heißer Sonne gebrannt, sein kurz geschorenes Haar war silberweiß, und er hatte die kühnen, klar geschnittenen Züge eines Mannes, der schnell zu einer Entscheidung kam und es gewohnt war, zu befehlen. Seine Augen waren das seltsamste Merkmal seiner beherrschenden Persönlichkeit. Sie waren klein und schwarz und wirkten fast lückenlos, mit etwas in ihrem dunklen, direkten Blick, das dem unblinzelnden Starren einer Schlange glich. Seine Kleidung war unkonventionell, selbst für Kriegszeiten, und bestand aus einem abgetragenen braunen Anzug mit großen Taschen in der Jacke und einem weichen Kragen mit einer nachlässig gebundenen Krawatte. Am kleinen Finger seiner linken Hand trug er einen Rubinring von bemerkenswerter Größe und Leuchtkraft.

Vincent Musard war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er stammte aus einer guten Familie des Landadels, die sich etwa zur gleichen Zeit in Sussex niedergelassen hatte, als der erste Philip Heredith das Moat-House niedergebrannt hatte, doch sein Stammbaum reichte beträchtlich über diesen Zeitraum hinaus. Wenn der Name Here-Deith in den verschiedenen Versionen der Rolle der Battle Abbey verzeichnet war, die im Britischen Museum zu sehen waren, so fand sich der Name Musard in der französischen Rolle der „Les Compagnons de Guillaume a la Conquete de l'Angleterre en 1066“, der einzigen echten und authentischen Liste, die das Siegel der Französischen Archäologischen Gesellschaft erhalten hatte und in Stein gemeißelt in der Kirche von Dives an der Küste der Normandie errichtet worden war. Vincent Musard war der letzte Überlebende einer illustren Ahnenreihe, ein Junggeselle, Entdecker, Wissenschaftler und Kenner von Juwelen. Er war in seiner Jugend für die Kirche vorgesehen gewesen, hatte sich aber aufgrund einer Glaubensfrage mit ihr überworfen. Seitdem führte er ein unstetes Dasein an den vier Ecken der Erde, erforschte, botanisierte, jagte Großwild und suchte nach großen Diamanten und Rubinen. Er hatte Bücher über alle Arten von abgelegenen Themen geschrieben, wie „Die Flora der Chatham-Inseln“, „Giftige Spinnen (Gattung Latrodectua) aus Sardinien“, „Fossile Reptilien und Moa-Überreste aus Neuseeland“ und „Robben der Antarktis“. Doch sein wichtigstes und größtes Hobby waren Edelsteine, von denen er ein anerkannter Experte war.

Sein Vater hatte ihm ein angenehmes Vermögen hinterlassen, doch er hatte sich durch seine Geschäfte mit Edelsteinen, die er in entlegenen Winkeln der Welt sammelte und mit großem Gewinn an Londoner Händler verkaufte, ein weiteres aufgebaut. Er war bestens vertraut mit allen bekannten Minen und Perlenfischereien der Welt, doch sein Erfolg als Juwelenhändler beruhte vor allem auf der Tatsache, dass er sie abseits der ausgetretenen Pfade suchte. Er hatte Cooper's Creek nach weißen Saphiren, das Northern Territory nach Opalen durchsucht und einmal eine Expedition ins deutsche Neuguinea auf der Suche nach Diamanten angeführt, wo er nur knapp dem Gefressenwerden durch Kannabalen entgangen war.

Der Lauf der Zeit hatte die wilde Rastlosigkeit seines Wesens nicht gezähmt. Obwohl er nicht mehr ganz so sehr auf Wanderschaft war wie früher, reichte die Entdeckung eines neuen Diamantenfeldes in Brasilien oder die Nachricht von einem neuen Perlenbett in südlichen Meeren aus, um ihn für einen weiteren Ausflug um die halbe Welt packen zu lassen. Er war der älteste Freund der Herediths, und Miss Heredith im Besonderen hatte eine hohe Meinung von seinen Qualitäten. Musard seinerseits machte kein Geheimnis daraus, dass er Miss Heredith für die beste unter den lebenden Frauen hielt. Es war tatsächlich ein Vierteljahrhundert zuvor in der Grafschaft gemunkelt worden, dass Vincent Musard und Alethea Heredith „ein Paar werden würden“.

Es war vielleicht gut für beide, dass die Verbindung nie zustande kam. Musard war zu einer seiner Reisen in die Wildnis der Welt aufgebrochen, um erst nach fünf Jahren nach England zurückzukehren. Ihre gegenseitige Anziehung war die Anziehung der Gegensätze. Es gab nichts gemeinsam außer gegenseitiger Achtung zwischen einem wilden, stürmischen Wesen wie Musard, der wie ein Wirbelsturm durch das Leben raste und für immer neue Schauplätze in primitiven Teilen der Erde suchte, und der ruhigen Herrin des Moat-House, die nur selten ihre Heimatgrafschaft verlassen hatte und Jahr um Jahr im selben kleinen Kreis kreiste, glücklich in ihren anspruchslosen ländlichen Beschäftigungen und einfachen Vergnügungen.

In den letzten Jahren hatte Musard den Großteil seiner kurzen Aufenthalte in England bei den Herediths verbracht. Er hatte sein eigenes Zuhause, das nicht weit vom Moat-House entfernt war, aber er war ein geselliger Mann und zog den warmen Empfang und die freundliche Gesellschaft seiner alten Freunde dem einsamen Dasein eines Junggesellen in Brandreth Hall, wie sein eigener Besitz hieß, vor.

Er war kürzlich nach einem Jahr des Umherstreifens auf der südlichen Hemisphäre nach England zurückgekehrt und am Vortag im Moat-House eingetroffen, wobei er einen getrockneten Alligatorenkopf mit klaffendem Maul, eine Sammlung seltener ausgestopfter Vögel und Schlangenhäute für Phil, der einen Sinn für diese Dinge hatte, und einen geschnitzten Tiki-Gott für Miss Heredith mitgebracht hatte. Er hatte auch seinen chinesischen Diener, zwei Kea-Papageien und eine Matte aus weißen Federn von den Salomonen mitgebracht, die er auf seinem Bett anstelle einer Eiderdaunendecke benutzte, wenn die Nächte kalt waren. Er hatte seine neueste Sammlung von Edelsteinen im Tresor seines Londoner Bankiers gelassen, nachdem er anonym eine besonders feine Perle als Spende für die Halskette des Britischen Roten Kreuzes an Christie's weitergeleitet hatte.

Musards derzeitiger Aufenthalt im Moat-House sollte nur von kurzer Dauer sein. Die britische Regierung hatte ihn, nachdem sie von seiner Rückkehr in sein Heimatland erfahren hatte, gebeten, an die Front zu gehen, um einige Schwierigkeiten zu schlichten, die zwischen den Vorarbeitern eines Kaffern-Arbeitslagers entstanden waren. Da Musards umfassendes Wissen über afrikanische Stämme ihn besonders für eine solche Aufgabe geeignet machte, war er der Bitte bereitwillig nachgekommen und sollte am folgenden Tag nach Frankreich reisen.

Miss Heredith hatte seinen kurzen Besuch genutzt, um ihn bezüglich der Heredith-Perlenkette zu konsultieren – ein Schmuckstück, das vielleicht berühmter als wertvoll war, da einige der Perlen fast dreihundert Jahre alt waren. Sir Philip hatte sie Violet gegeben, als sie Phil heiratete. Doch Violet hatte sie in ihrem Schmuckkästchen eingeschlossen und nie getragen. Sie hatte erst am Abend zuvor gesagt, dass die Fassung des Verschlusses altmodisch sei und die Perlen vor Alter stumpf seien. Miss Heredith hatte, obwohl sehr gekränkt, erkannt, dass an der Beschwerde etwas Wahres war, und sie hatte Musard um seinen Rat gefragt. Musard hatte die Meinung geäußert, dass die Perlen vielleicht den heiklen Vorgang benötigten, der als „Häuten“ bekannt sei, und hatte angeboten, die Halskette nach London zu bringen und die Meinung eines ihm bekannten Experten aus Hatton Garden einzuholen.

Vincent Musard lächelte Miss Heredith freundlich zu, als er das Esszimmer betrat, und Sir Philip begrüßte seine Schwester mit höflicher, aber etwas vager Höflichkeit. Sir Philips Art gegenüber jedem war von vollkommener Urbanität geprägt, die so unpersönlich und unveränderlich war, dass sie vermuten ließ, es sei weniger ein Kompliment an diejenigen, denen sie entgegengebracht wurde, als eine Pflicht, die er sich selbst gegenüber schuldig fühlte, mit gleichmäßiger Präzision zu erfüllen.

Musard begann, über die Vorkehrungen für seine Abreise am nächsten Tag zu sprechen, und fragte Tufnell nach den Zügen. Als er erfuhr, dass der erste Zug nach London um acht Uhr fuhr, äußerte er seine Absicht, diesen zu nehmen.

„Ist es notwendig, dass du so früh gehst, Vincent?“, erkundigte sich Miss Heredith. „Könntest du nicht einen späteren Zug nehmen?“

„Ich nehme an, das könnte ich. Warum fragst du?“

„Ich dachte an die Halskette. Violet war zu unwohl, um sie mir heute Abend zu geben, und sie ist vielleicht am Morgen nicht so früh wach. Ich möchte, dass du sie mitnimmst, falls das einzurichten ist.“

„Ich kann einen späteren Zug nehmen. Das kommt mir genauso gelegen.“

„Ist Violet nicht in der Lage, heute Abend mit uns zu den Weynes zu fahren?“, fragte Sir Philip und warf einen Blick auf seine Schwester.

„Nein; sie hat zu starke Kopfschmerzen.“

„Es ist schade, dass wir ohne sie fahren müssen, da die Gesellschaft ihr zu Ehren gegeben wird. Natürlich müssen wir hingehen.“

„Wo ist ihre Halskette?“, fragte Musard. „Ist sie im Safe?“

„Nein“, antwortete Miss Heredith. „Sie liegt in Violets Zimmer, in ihrem Schmuckkästchen.“

„Nun, da Mrs. Heredith heute Abend allein im Haus ist, halte ich es für klug, wenn Sie sie in den Safe einschließen würden“, sagte Musard. „Es befinden sich viele Dienstboten im Haus.“

„Ich halte das für völlig unnötig, Vincent. Unsere Dienstboten sind alle vertrauenswürdig.“

„Durchaus, aber einige Ihrer Gäste haben ihre eigenen Bediensteten mitgebracht – Zofen und Kammerdiener.“

„Sehr wohl. Wenn Sie das meinen, Vincent, werde ich mich nach dem Abendessen darum kümmern.“

Das Gespräch wurde durch den Klang des Gongs zum Abendessen beendet. Die Gäste kamen einzeln und paarweise zum Essen herunter und versammelten sich im Salon, bevor sie sich in das Esszimmer begaben. Die Herren, die keinen Khaki trugen, waren für das Abendessen gekleidet. Die Versammlung bildete eine merkwürdige Mischung aus modernem London und altem England. Die Londoner Gäste, die in der Mehrheit waren, bestanden aus jungen Offizieren, einigen jungen Männern vom Kriegsministerium und dem Außenministerium, ein oder zwei Journalisten und den Damen, die Miss Heredith beim Tee auf dem Rasen bewirtet hatte. Diese Leute waren eingeladen worden, weil sie Freunde des jungen Paares waren, und nicht, weil sie in der Londoner Gesellschafts- oder Politikwelt von besonderer Bedeutung gewesen wären, obwohl der eine oder andere der jungen Männer Ansprüche in dieser Richtung geltend machen konnte. Vermischt mit dieser sehr modernen Gruppe waren ein halbes Dutzend Vertreter alter Landadelsfamilien, die von Miss Heredith eingeladen worden waren.

Die Gesellschaft setzte sich zu Tisch. Es gab ein oder zwei Gemurmel konventionellen Bedauerns, als Miss Heredith den Grund für den leeren Platz von Mrs. Heredith erklärte, aber die Mehrheit der Londoner Gäste – insbesondere der weibliche Teil – erkannte die Krankheit als Vorwand und nahm sie gleichgültig hin. Wenn Mrs. Heredith ihrer Gäste überdrüssig war, so waren sie ihrerseits ihres Besuchs müde. Die Hausgesellschaft war kein Erfolg gewesen. Die Londoner Besucher empfanden den festgelegten Tagesablauf in einem Landhaus als eintönig und farblos und freuten sich auf das Ende ihres Aufenthalts. Das Leben, das sie die letzten zwei Wochen geführt hatten, entsprach nicht ihrer Lebensweise. Sie trafen sich jeden Morgen um neun Uhr zum Frühstück – Miss Heredith hielt eisern an der Etikette der Mitte des viktorianischen Zeitalters fest, dass sich alle gemeinsam an den Frühstückstisch setzten. Nach dem Frühstück gingen die Männer ihren eigenen Zeitvertreiben nach: einige spielten eine Runde Golf, andere gingen auf die Jagd oder zum Fischen und erschienen meist erst zum Abendessen wieder. Nach dem Abendessen spielten sie Billard oder Bridge, und die Damen strickten Kriegssocken oder hielten sich bis zur Schlafenszeit mit reichlichen Schlucken des milden Stimulans auf, das von ihren bevorzugten Romanautorinnen geliefert wurde. Um halb elf Uhr betrat Tufnell mit einem Tablett voller Gläser den Raum, und die Gäste nahmen eine kleine Erfrischung zu sich. Um elf Uhr wünschte Miss Heredith ihren Besuchern eine herrschaftliche gute Nacht, und sie zogen sich auf ihre Schlafzimmer zurück. Die große Dame des Grabenhauses war eine feste Anhängerin der Maxime, dass eine Frau die Herrin in ihrem eigenen Haushalt sein sollte, und sie sah keinen Grund, warum ihre Gäste nicht ihre Lebensweise annehmen sollten, während sie unter ihrem Dach waren. Sie war eine auf dem Land geborene und aufgewachsene Frau, die an die Tugenden des frühen Zubettgehens und frühen Aufstehens glaubte, und sie ließ sich ihre anständige, regelmäßige Lebensweise nicht von Londonern durcheinanderbringen, die mit Theatern, späten Abendessen, Nachtclubs und anderen verderblichen Formen der Unterhaltung, von denen Miss Heredith in den Londoner Zeitungen gelesen hatte, die Nacht zum Tage machten.

Das Abendessen im Grabenhaus war ein feierlicher und zeremonieller Akt. Nach alter Familientradition wurde es um sieben Uhr abends im großen Speisesaal serviert, einem alten Raum, der bis zur Decke mit Eichenholz getäfelt war, mit einem geschnitzten Buffet, einem offenen Kamin, einem jakobinischen Kaminsims und alten Familienporträts an den Wänden. An den Wänden befanden sich Wandleuchter, und ein Kristallleuchter für Wachskerzen hing von der Mitte der Decke über dem Tisch. Der Leuchter wurde nie angezündet, da das Grabenhaus mit elektrischem Licht beleuchtet war, aber er sah sehr hübsch aus und war der Augapfel von Miss Heredith – wie die Dienstmädchen zu ihrem Leidwesen wussten.

Das Abendessen an jenem Abend war wie üblich sehr einfach, wie es sich für einen patriotischen englischen Haushalt in Kriegszeiten schickte, aber die Weine machten das Fehlen aufwendiger Kochkunst wett. Sir Philip Heredith und seine Schwester folgten dem Beispiel ihres Königs, während der Dauer des Krieges auf Wein zu verzichten, aber es entsprach nicht Sir Philips Auffassung von Gastfreundschaft, den Gästen Abstinenz aufzuerlegen, und die Männer nippten jedenfalls mit uneingeschränkter Zustimmung an den seltenen alten Erzeugnissen aus den Heredith-Kellern, was durch schmerzliche Erinnerungen an den dünnen Kriegswein und die gezuckerten Ports der Londoner Clubs noch verstärkt wurde. Solchen Wein, so meinten sie, dürfe man sich nicht entgehen lassen. Von den jungen Männern trank nur Phil Heredith Wasser, nicht aus demselben Grund wie sein Vater, sondern weil er schon immer ein Wassertrinker gewesen war.

Unter dem Einfluss des guten Weins hellten sich die Gäste im Verlauf des Essens merklich auf. Sir Philip hob auf seine altmodische Art sein Glas mit kohlensäurehaltigem Wasser zu dem einen oder anderen der jungen Männer. Er war ein idealer Gastgeber, und seine stets polierte Höflichkeit verbarg die Tatsache, dass er der Auflösung der Gesellschaft mit einer Erleichterung entgegensah, die derjenigen der Mehrheit seiner Gäste glich. Das Gespräch hatte sich anfangs auf einsilbige Antworten beschränkt, wurde aber mit fortschreitendem Abendessen recht blühend und lebhaft. Miss Heredith lächelte und sah zufrieden aus. Als Gastgeberin sah sie ihre Gäste gerne glücklich und wohlhabend, auch wenn sie ihre Gäste nicht mochte.

Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um den Krieg: die Pläne, Hoffnungen und Befürchtungen der Alliierten. Mehrere der jungen Männer aus London äußerten ihre Ansichten mit großer Autorität, kritisierten Feldzüge und verurteilten Generäle. Phil Heredith hörte dieser Gruppe zu, ohne zu sprechen. Zwei Landwirte aus der Umgebung hörten ebenfalls schweigend zu. Sie waren erstaunt zu hören, wie berühmte militärische Namen, die sie durch ihre bevorzugten Zeitungen als die Hoffnung auf die Rettung des Landes zu betrachten gelernt hatten, von jungen Leuten so gnadenlos kritisiert wurden.

„Und glauben Sie, dass der Krieg bald vorbei sein wird, Mr. Brimley?“, sagte eine weibliche Stimme während einer Gesprächspause ziemlich laut. Die Sprecherin war eine nahe Nachbarin und Freundin von Miss Heredith, Mrs. Spicer, die nicht zur Hausgesellschaft gehörte, aber zum Abendessen eingeladen worden war und danach zu den Weynes fuhr. Sie war korpulent und hatte ein frisches Gesicht und wirkte rundum gutmütig und herzlich.

Sie richtete ihre Frage an einen großen jungen Mann mit vorzeitig grauem Haar, hervorstehenden Augen und einer krummen Nase. Sein Name war Brimley, und er war im Londoner Journalismus wohlbekannt. Sein Porträt erschien gelegentlich in den illustrierten Zeitungen als „einer der jungen Löwen der Fleet Street“, aber seine Feinde zogen es vor, ihn als einen von Lord Butterworths Schakalen zu bezeichnen – Lord Butterworth war der millionenschwere Eigentümer einer einflussreichen Gruppe von Zeitungen, die während des Krieges für den Schlachtruf „der letzte Tropfen Blut und der letzte Schilling“ eingestanden hatten. Als einer der führenden Köpfe dieser Gruppe von Patrioten hatte Mr. Brimley seine Tinte für die Sache der Alliierten so frei fließen lassen, dass man sich unter den „Eingeweihten“ zuflüsterte, dass ihm in der nächsten Ehrenliste ein Ritterschlag oder zumindest ein Empire-Orden sicher sei.

Mr. Brimley sah die Sprecherin hochmütig an und gab eine unhörbare Antwort. Obwohl er ein Löwe der Fleet Street war, genoss er es nicht, in der Wildnis von Sussex zum Brüllen aufgefordert zu werden.

„Werden sich die armen deutschen Menschen nicht freuen, wenn unsere Truppen über den Rhein marschieren, um sie vom Militarismus zu befreien“, fuhr die alte Dame unschuldig fort.

Es gab ein unterdrücktes Kichern bei den jüngeren Mädchen, und ein junger Offizier, der in der Nähe des Tischendes saß, lachte laut auf, errötete dann aber plötzlich über seinen Mangel an Manieren.

„Habe ich etwas Törichtes gesagt?“, fragte die alte Dame gelassen. „Bitte sagen Sie es mir, wenn ich es getan habe – es macht mir nichts aus.“

„Überhaupt nicht“, sagte ein anderer junger Offizier mit einem bartlosen, sonnenverbrannten Gesicht. „Ich persönlich stimme Ihnen vollkommen zu. Die Deutschen sollten froh sein, vor sich selbst gerettet zu werden.“

„Was für eine Menge Landmädchen Sie in dieser Gegend haben, Miss Heredith“, bemerkte der junge Offizier, der gelacht hatte, als wolle er das Gespräch ablenken. „Ich habe heute beim Schießen einige gesehen, und sie sahen sehr reizend aus. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Sonnenbrand für den Teint eines Mädchens so vorteilhaft ist. Ich habe ein Mädchen gesehen, das auf einem Pferd durch die Wälder ritt, und sie sah aus wie... wie heißt sie noch... Diana. Sie hatte überall grüne Zweige an sich kleben und Spinnweben im Haar.“

„Das erinnert mich an eine gute Geschichte“, rief ein pummeliger Jüngling in der Uniform des Flying Corps. „Sie werden das zu schätzen wissen, Denison. Der alte Graham vom Kommissariat war neulich beim Golfspielen und tauchte im Club völlig von Spinnweben bedeckt auf. Captain Harding von unserer Truppe, der gerade nach achtzehn Monaten dort drüben nach Blighty zurückgekehrt war, sagte zu ihm: ‚Hallo, Graham, ich sehe, du warst im Kriegsministerium.‘ Ha, ha!“

Die anderen jungen Männer in Khaki stimmten in das Lachen ein, aber ein großer, hagerer Mann mit einem autoritären Blick, der angesprochene Denison, sah ziemlich verärgert aus. Miss Heredith begann mit dem wachsamen Takt einer Gastgeberin für die Empfindlichkeiten ihrer Gäste, über eine Ausstellung für Kleingärtner zu sprechen, die ein paar Wochen zuvor auf dem Gelände des Grabenhauses stattgefunden hatte. Es schien, als seien die meisten Dorfbewohner Kleingärtner, und die Ausstellung war abgehalten worden, um ihre patriotischen Kriegsbemühungen zur Steigerung der nationalen Nahrungsmittelversorgung anzuregen. Das Dorf hatte sich mit großem Eifer daran beteiligt, und es waren einige wunderbare Exemplare von Obst, Gemüse, Geflügel und Kaninchen ausgestellt worden.

„Das Beste daran war, dass Rusher, mein eigener Gärtner, in jeder Kategorie vernichtend geschlagen wurde“, warf Sir Philip mit einem Lächeln ein.

„Nicht in jeder Kategorie“, korrigierte Miss Heredith. „Die Pfirsiche und Nektarinen aus dem ummauerten Garten erhielten den ersten Preis.“

„Rusher wurde bei den Gemüseklassen geschlagen – bei den riesigen Gemüsekürbissen und Kohlköpfen“, erwiderte Sir Philip mit einem Kichern. „Er hat es bis heute nicht verwunden. Er vermutet beim Pfarrer Bevorzugung bei der Preisvergabe. Die Tatsache, dass seine Tochter mit einem riesigen Belgier den ersten Preis für Kaninchen gewann, konnte ihn nur wenig trösten.“

„Und wir haben eine recht ansehnliche Summe für das Rote Kreuz gesammelt, indem wir drei Pence Eintritt verlangten, um eine ausgestopfte Menagerie von Phil zu sehen“, fügte Miss Heredith hinzu.

„Eine ausgestopfte Menagerie! Was für eine merkwürdige Sache“, bemerkte eine junge Dame.

„Nicht ganz eine Menagerie“, sagte Sir Philip. „Lediglich die ausgestopften Überreste einiger Tiere, die Phil als Junge hielt. Wenn sie starben – was sie ausnahmslos taten –, häutete und stopfte er sie. Er war ein ziemlicher Experte in der Präparation.“

„Erzählen Sie ihnen von Ihrem Museumsexponat, Philip“, sagte Miss Heredith mit recht lebhafter Miene.

„Wir haben auch eine kleine Ausstellung von – äh – alten Dingen arrangiert“, fuhr Sir Philip zurückhaltend fort. „Rüstungen, Miniaturen, einige alte Juwelen und dergleichen. Das hat ebenfalls eine recht ansehnliche Summe für das Rote Kreuz eingebracht.“

„Aus der Heredith-Sammlung, nehme ich an?“, sagte Mr. Brimley.

„Welche wunderbaren alten Schätze Sie in diesem wunderbaren alten Haus haben müssen“, sprudelte die junge Dame, die zuvor gesprochen hatte, hervor. „Ich bin so enttäuscht, dass ich die Perlenkette der Herediths nicht sehen kann. Wie schade, dass die liebe Mrs. Heredith krank ist. Sie wollte die Perlen heute Abend tragen, und nun muss ich abreisen, ohne sie gesehen zu haben.“

Sir Philip verneigte sich. Er war von der Richtung des Gesprächs nicht sehr angetan, aber er war zu gut erzogen, um es zu zeigen.

„Sie werden die Perlen am Morgen sehen“, sagte Miss Heredith höflich.

„Ich verehre Perlen“, seufzte der Gast.

„Wenn Sie Perlen bewundern, sollten Sie sich die Sammlung ansehen, die für das britische Rote Kreuz zusammengestellt wird“, bemerkte Vincent Musard. „Ich hatte neulich eine Privatbesichtigung. Es ist eine wahrhaft großartige Sammlung.“

Alle Augen richteten sich auf den Sprecher. Das Thema interessierte jede anwesende Dame, und sie wussten, dass Musard eine der führenden lebenden Autoritäten für Juwelen war. Die Männer hatten alle vom Ruf des berühmten Reisenden gehört und wollten hören, was er zu sagen hatte. Musard schien ziemlich verlegen, als er merkte, dass er im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand, und setzte sein Abendessen schweigend fort. Aber einige der Damen waren entschlossen, die Gelegenheit nicht zu verpassen, von einem so bekannten Experten etwas über ein Thema zu lernen, das ihnen so am Herzen lag, und sie bestürmten ihn mit eifrigen Fragen.

„Es muss eine wunderbare Sammlung sein“, sagte ein zierliches und schlankes Mädchen namens Garton mit blauen Augen und rotem Haar. Sie war eine Journalistin, die für Mr. Brimleys Zeitung arbeitete. Vor zwanzig Jahren hätte man sie eine fortschrittliche Frau genannt. Sie glaubte an die Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Dingen und schrieb Artikel über Kriegsimmoral, das „soziale Übel“ und ähnliche Themen auf eine offene, ungenierte Art, die älteren, altmodischen Zeitungslesern große Verlegenheit bereitete. Miss Garton war ebenso begierig wie die frivoleren Mitglieder ihres Geschlechts, von den Perlen des Roten Kreuzes zu hören, und bat Mr. Musard, ihr einige Details zu geben. Sie müsse einen Bericht über die Halskette schreiben, wenn sie nach London zurückkehre, sagte sie, und jede Information von Mr. Musard wäre so hilfreich.

„Es ist keine einzelne Halskette“, sagte Musard. „Es gibt etwa dreißig Halsketten. Das Komitee des Roten Kreuzes hat bereits fast 4.000 Perlen erhalten, und jeden Tag kommen weitere hinzu.“

„Viertausend Perlen!“ „Wie absolut reizend!“ „Wie gerne würde ich sie sehen!“ Diese weiblichen Ausrufe ertönten aus verschiedenen Teilen des Tisches.

„Ich nehme an, die Sammlung ist eine sehr feine und abwechslungsreiche?“, bemerkte Sir Philip.

„Zweifellos. Das Komitee hat den Rat der besten Experten in London eingeholt, die viel Zeit darauf verwendet haben, die Perlen für die verschiedenen Halsketten zu sortieren. Normalerweise dauert es lange – manchmal Jahre –, um die Perlen für eine makellose Halskette zusammenzustellen, aber in diesem Fall hatten die Experten eine solche Vielfalt zur Hand, dass ihre Aufgabe vergleichsweise einfach war. Aber trotz der geschickten Art und Weise, wie die Halsketten zusammengestellt wurden, ist es selbst jetzt für das geschulte Auge eine einfache Angelegenheit, eine Reihe der einzelnen Perlen zu identifizieren. Die größte, eine weiße birnenförmige Perle mit einem Gewicht von 72 Grain, würde von jedem Experten überall erkannt werden. Es gibt mehrere andere Perlen über dreißig Grain, die das geschulte Auge in jeder Fassung mit gleicher Leichtigkeit erkennen würde. Die wenigen rosa und schwarzen Perlen sind allen Sammlern bekannt, und das Gleiche gilt für die Verschlüsse. Ein Diamant- und Rubinverschluss ist in der Schmuckgeschichte so bekannt wie die Staatskrone. Die Diamanten haben die Form eines Malteserkreuzes, gefasst in einem Kreis aus Rubinen.“

„Das muss das Geschenk der Herzogin von Welburton gewesen sein“, bemerkte Sir Philip. „Sie erbte es von ihrer Großtante Adelina, der Frau des dritten Herzogs. Es gab einmal eine berühmte Perlenkette, die an dem Verschluss befestigt war, aber sie verschwand vor etwa zehn Jahren auf einem Ball, den der deutsche Botschafter, Prinz Litzovny, gab. Ich erinnere mich, dass damals viel darüber geredet wurde, aber die Halskette wurde nie wiedergefunden. Auch der Verschluss hat eine bemerkenswerte Geschichte.“

„Alle großen Juwelen haben das“, sagte Musard. „Tatsächlich haben alle bemerkenswerten Steine eine doppelte Geschichte. Ihre Laufbahn als geschliffene und polierte Edelsteine ist nur der zweite Teil. Unendlich interessanter ist die verborgene Geschichte jedes großen Juwels, von der Entdeckung des Rohsteins bis zu der Zeit, in der er in die Hände des Steinschleifers gelangt, um für ein Dasein im Salon poliert und geschliffen zu werden. Was für eine Chronik von Intrigen und Schurkereien, Messerstechereien und Vergiftungen ist mit einigen der größten Juwelen der britischen Krone verbunden – dem Rubin des Schwarzen Prinzen zum Beispiel!“

Musard blickte nachdenklich auf den großen Rubin an seinem eigenen Finger, als er zu sprechen aufhörte. Die Gäste hatten das Abendessen beendet, und Miss Heredith, mit einem wachsamen Blick auf die große geschnitzte Uhr, deren Pendel beschaulich neben dem Kamin schwang, winkte Tufnell zu sich und wies ihn an, Kaffee und Liköre am Tisch zu servieren.

„Was ist Ihr Lieblingsstein, Mr. Musard?“, sagte ein Mädchen mit strahlenden Augen, das in seiner Nähe saß, nachdem der Kaffee serviert worden war.

„Persönlich habe ich eine Schwäche für den Rubin“, antwortete Musard. „Sein Eigenwert wurde in diesen Tagen der synthetischen Steine stark gemindert, aber er ist immer noch mein Favorit, größtenteils, nehme ich an, weil ein perfekter natürlicher Rubin so schwer zu finden ist. Ich erinnere mich, wie ich einmal dreitausend Meilen den Amazonas hinauf reiste auf der Suche nach einem Rubin, der angeblich so groß wie ein Taubenei war. Aber er existierte nicht – es war ein Mythos.“

„Was für ein Leben Sie hinter sich haben!“, sagte das Mädchen. „Wie anders als das eintönige Dasein von uns Daheimgebliebenen! Wie gerne würde ich einige Ihrer Abenteuer hören. Sie müssen aufregend sein.“

„Wenn Sie ein wirklich aufregendes Abenteuer hören wollen, Miss Finch, sollten Sie Mr. Musard bitten, Ihnen zu erzählen, wie er zu diesem Rubin kam, den er trägt“, sagte Phil Heredith und schaltete sich in das Gespräch ein.

Die Augen aller Gäste richteten sich auf den Ring, den Musard am kleinen Finger seiner linken Hand trug. Der Stein in der schlichten Goldfassung war ungewöhnlich groß, fast einen Zoll lang. Der Stein war poliert, nicht geschliffen, und glühte eher, als dass er funkelte, in einem tiefen, satten Rot – dem echten „Taubenblut“-Ton, den Kenner so bewundern.

„Unsinn, Phil“ – Musard errötete unter seiner braunen Haut – „Ihre Gäste wollen nicht mehr von mir hören, wie ich über mich selbst spreche. Ich habe das Gespräch schon viel zu lange monopolisiert.“

„Oh, bitte erzählen Sie es uns!“, riefen mehrere Gäste.

„Wirklich, wissen Sie, ich würde lieber nicht“, antwortete Musard einigermaßen verlegen. „Es ist erstens eine lange Geschichte, und es ist nicht ganz – wie soll ich es ausdrücken – es ist ein bisschen auf der schrecklichen Seite, es in Anwesenheit von Damen zu erzählen.“

„Ich glaube nicht, dass das Sie abhalten muss“, bemerkte einer der jungen Offiziere trocken. „Wir sind heutzutage alle ziemlich hartgesotten – seit dem Krieg.“

„Oh, wir würden es liebend gerne hören“, sagte die Journalistin, die eine gute „Story“ witterte. „Nicht wahr?“, fügte sie hinzu und wandte sich an einige der Damen in ihrer Nähe.

„Ja, wahrlich!“, stimmten die anderen Damen ein. „Erzählen Sie es uns doch.“

„Schießen Sie los, Musard – Sie sehen, Sie kommen nicht drum herum“, sagte Phil.

„Vielleicht, Phil, da Mr. Musard es nicht für eine geeignete Geschichte hält...“, begann Miss Heredith zaghaft. Ihr Blick war ängstlich auf die Uhr gerichtet, die sich auf zwanzig Minuten nach sieben zubewegte, und sie fürchtete, die Erzählung der Erfahrung ihres alten Freundes könnte sie bei den Weynes verspätet erscheinen lassen. Doch in diesem Moment näherte sich Tufnell seiner Herrin und fing ihren Blick ein. Ein leichter Schatten des Ärgers huschte über ihre Stirn, als sie etwas anhörte, das er ihr leise mitteilte, und sie wandte sich an ihre Gäste.

„Ich muss Sie bitten, mich für ein paar Augenblicke zu entschuldigen“, sagte sie.

Sie erhob sich von ihrem Platz und verließ den Raum. Als sich die Tür hinter ihr schloss, wandten sich die Damen erwartungsvoll an Musard.

„Nun, bitte, erzählen Sie uns von dem Rubin“, sagten mehrere im Chor.

Der Entdecker blickte auf die erwartungsvollen Gesichter, die auf ihn gerichtet waren.

„Sehr wohl, ich werde Ihnen die Geschichte erzählen“, sagte er leise, aber mit sichtbarem Widerwillen.

KAPITEL IV

„Es war vor dem Krieg. Viele seltsame Dinge sind auf der Welt geschehen, bevor der Boche mit seinem Traum von ‚Deutschland über Alles‘ losbrach. Ich war auf Melville Island gewesen, um eine Perle für die Devonshire-Halskette zu finden, und ich ging von den Perlenfischereien nach Neuseeland, dorthin geführt durch Gerüchte über die Entdeckung einiger wunderbarer schwarzer Perlen. Es war jedoch eine wilde Jagd. Diese Gerüchte sind es im Allgemeinen. Einer der Experten des neuseeländischen Fischereiministeriums hatte den Haurakai-Golf erforscht und war mit einer Reihe schwarzer Perlen nach Auckland zurückgekehrt, die er in einer Austernbank auf einer der Barrier-Inseln gefunden hatte. Er glaubte, sein Glück gemacht zu haben, obwohl er als Fischereiexperte es besser hätte wissen müssen. Es waren zwar schwarze Perlen, aber sie stammten von essbaren Austern und waren als Juwelen wertlos – nicht einen Schilling das Stück wert.“

Ich stieg im Royal Hotel in Auckland ab und wartete auf ein Schiff, das mich zurück nach England bringen sollte. Ich hatte meine Rückreise um das Kap herum geplant, um eine Partie Diamanten zu begutachten, die in etwa sechs Wochen aus den Minen in Kapstadt eintreffen sollte. Am Tag vor meiner geplanten Abreise kam ein verwahrlost aussehender Mann namens Moynglass, ein Bergmann, ins Hotel, um mich zu sprechen. Er hatte davon gehört, dass ich ein Bergbauexperte sei, und er hatte ein geschäftliches Angebot, das er mir unterbreiten wollte.

Er erzählte mir, dass er und vier andere gerade nach Auckland zurückgekehrt seien, nachdem sie sechs Wochen an den vulkanischen Stränden der Nordinsel damit verbracht hätten, nach Feingold zu suchen – „Fossicking“, wie er es nannte. Diese vulkanischen Strände aus schwarzem Sand kommen in Teilen Neuseelands häufig vor. Der schwarze Sand stammt von magnetischen Eisenkristallen, und häufig ist eine beachtliche Menge Feingold mit ihnen vermischt. Durch die ständige Brandung werden die schwereren Materialien, Gold und Eisensand, zwischen Hoch- und Niedrigwassermarke zusammengeschwemmt, und was als Schicht aus schwarzem Sand erscheint, findet sich an der Oberfläche oder unter dem gewöhnlichen Sand vergraben. Das Gold ist meist sehr fein, und die Mühe, es auszusieben und zu sammeln, ist groß. Ein Mann, der sich auf diese Art des Bergbaus einlässt, arbeitet für einen Lohn, und zwar für einen hart verdienten Lohn. Aber der wahre Bergmann ist immer ein Abenteurer und ein Glücksspieler, und so gewonnenes Gold ist seinem Herzen teurer als Gold, das man mit weniger Aufwand und regelmäßiger in Form von Sovereigns verdienen könnte. Wissen Sie, es gibt immer die Chance auf einen großen Fund.

Moynglass und seine Gruppe hatten an den Stränden ziemlichen Erfolg gehabt, aber sie wollten mehr als das. Moynglass war darauf erpicht, das Feingold zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen und ein Vermögen zu finden. Er glaubte, wie die meisten Bergleute, dass dieses Feingold die Betten der größeren Flüsse entlanggetragen und durch die Einwirkung des Meeres an den verschiedenen Stränden, wo es gefunden wird, verteilt wird. Seine Theorie war, dass, wenn der Lauf der Goldsande zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden könnte, ein großes Quarzriff gefunden würde, das die Entdecker zu wohlhabenden Männern machen würde. Aber er und seine Kameraden verstanden nichts von Geologie, und sie wollten jemanden mitnehmen, der den Kurs kartieren und sie zum Ursprungspunkt des Goldes führen konnte.

Ich hatte diese Theorie schon früher gehört und war nicht beeindruckt davon. Ich hätte Moynglass’ Angebot wahrscheinlich abgelehnt, wenn er im Laufe des Gesprächs nicht eine Probe von Rubin-Quarz aus seiner Tasche geholt und sie mir gezeigt hätte. Er sagte, er habe sie bei der Erkundung eines der Flüsse im Urewera-Land gefunden. Ich untersuchte den Quarz aufmerksam. Es war Schmirgelgestein, und in die blassgrüne Masse waren Rubinkristalle eingebettet, und zwar echte orientalische Rubine. Ich erkannte den wertvollen Charakter des Fundes und befragte den Mann eingehend, woher er das Rubingestein habe, doch er wurde sofort misstrauisch und antwortete ausweichend. Wenn ich mich seiner Gruppe anschließe – gut und schön: Er würde mir den Ort zeigen, und wir würden alles brüderlich teilen, aber ansonsten würde er mir nichts verraten.

Ich beschloss, mitzugehen, und die Bedingungen wurden vereinbart. Wir brachen eine Woche später zu fünft von Auckland auf. Wir fuhren mit einem Küstendampfer zu einem kleinen Hafen in der Bay of Plenty und tauchten dort in die Urewera Mountains ein. Meine Begleiter dachten an nichts anderes als an die Suche nach der Quelle der Goldsande, aber ich war nur an dem Rubingestein interessiert. Dort lag das Vermögen, wenn ich es finden konnte. Ich trug das Korundexemplar in meiner Westentasche.

Der Fluss, dessen Quelle wir entgegenstiegen, hieß Araheoa. Es war ein reißender, lärmender Wildbach, der sich durch eine tiefe und enge Schlucht wand, die sich stellenweise über unseren Köpfen fast schloss. Einige Stellen mit Olivin und Serpentin ermutigten mich zu der Annahme, dass wir irgendwo im oberen Teil des Tals einen mächtigen Gesteinsgürtel finden würden, doch meine Hoffnungen erfüllten sich nicht. Tag um Tag verging, und ich fand nichts mehr davon. Wenn meine Begleiter die Sande an vielversprechenden Abschnitten des Flussufers nach Feingold wuschen, untersuchte ich die Rückstände auf Korundkristalle, fand aber keinerlei Anzeichen dafür.

Wir folgten dem Fluss, bis wir eine unzugängliche Gebirgsschlucht erreichten, die unseren weiteren Fortschritt zu verhindern schien. Doch indem wir unseren Kurs um einige Meilen nach Norden verlegten, konnten wir zu den oberen Läufen des Flusses aufsteigen, und hier, zu meiner Freude, fand ich die Ufer und Stromschnellen mit großen grünen Massen von Olivinfelsen übersät.

Ich war begierig darauf, diese Felsen zu untersuchen, die sich den Berghang hinaufzogen, und meine Begleiter stimmten mir zu, dass es ratsam sei, das Flussbett zu verlassen und den Gebirgssporn anzusteuern, an dem der Fluss anscheinend entsprang. Wir überquerten den Strom und begannen einen allmählichen, aber schrägen Aufstieg auf den Sporn. Doch nach stundenlangem Klettern wurde unser weiterer Fortschritt durch eine breite und tiefe Schlucht gestoppt, ein unheimlicher Ort, voller Massen dunkler grüner Felsen. Am Fuße eines der größten dieser Felsen stießen wir auf ein großes Loch, das fast senkrecht in die Erde hinabführte.

Wir zündeten unsere Lampen an und stiegen hinab. Nach einigem Klettern fanden wir uns auf einem Absatz wieder, von dem aus ein weiterer niedriger Gang mit sanfterem Gefälle in eine große Höhle im massiven Fels führte.

Die Oberfläche unter unseren Füßen war mit einem Staub bedeckt, der so fein war, dass er wie Sand unter uns wegwich und in dichten Wolken um uns herum aufstieg. Die Höhle war hoch genug, um aufrecht darin zu gehen, und schien sich über eine große Entfernung zu erstrecken, mit vielen Seitengängen und kleineren Nischen abseits der Hauptkammer. Moynglass betrat einen dieser Gänge und verschwand aus unserem Blickfeld. Wenige Augenblicke später hörten wir ihn mit sehr aufgeregter Stimme rufen, wir sollten ihm folgen.

Wir gingen gebückt im Gänsemarsch den Gang hinunter und fanden Moynglass in einer kleineren Höhle am Ende des Ganges vor, wie er starr auf etwas blickte, das in der Dunkelheit zunächst schwer zu erkennen war. Dann, im Licht unserer Lampen, erkannten wir einen jungen Baum, der zwischen zwei Felsen steckte, an dem eine verdorrte menschliche Hand mit einem rostigen Taschenmesser aufgespießt war.

Während ich sie untersuchte, stieß einer meiner Begleiter, der die Höhle erkundet hatte, einen Schrei des Erstaunens aus, der mich veranlasste, mich umzudrehen. In einer Ecke der Höhle, beleuchtet von seiner Lampe, lagen zwei Skelette nebeneinander. Die Hand des einen Skeletts fehlte, und im Augenhöhlenbereich des anderen glänzte ein großer, ungeschliffener Rubin. Wir untersuchten die Skelette und durchsuchten die Höhle, fanden aber nichts, was Licht auf das Geheimnis werfen oder einen Hinweis auf die Identität geben könnte. Es gab keine Spur von Nahrung oder Kleidung um die Überreste und kein Stück Schrift – nur die zwei zerfallenden Skelette, den jungen Baum, das Taschenmesser und den Rubin.

Was hatte zu einer solchen Tragödie in den dunklen Winkeln dieser prähistorischen Höhle geführt? Wer konnte das sagen? Vielleicht hatten die Männer gemeinsam geschürft, und einer hatte den Rubin gefunden und sich in der Höhle versteckt, wo sein Gefährte ihn gefunden und ihm mit der primitiven Vorstellung, die Rache dem Verbrechen anzupassen, die rechte Hand abgeschnitten hatte. Dann waren sie vielleicht nicht in der Lage gewesen, aus der Höhle zu entkommen, und waren gemeinsam vor Durst und Hunger gestorben. Aber was nützt das Spekulieren? Das Geheimnis muss für immer in der Höhle verborgen bleiben, wo die Skelette noch immer liegen.

Musard hielt abrupt inne und saß da, den Blick starr geradeaus gerichtet. Seine seltsamen Augen hatten einen starren Ausdruck, als würde er in die Ferne blicken. Seine braune Hand ruhte leicht auf dem weißen Tischtuch, und der große Rubin an seinem kleinen Finger glänzte unruhig im Licht.

„Sie haben uns noch nicht die ganze Geschichte erzählt“, sagte Phil Heredith leise.

Der andere blickte zweifelnd in die Runde der aufmerksamen Gesichter, die ihn betrachteten. „Ich habe diesen Teil aus einem guten Grund unerwähnt gelassen“, gab er zu. „Es ist – nun, ich hielt es für ein wenig zu schrecklich, um es zu erzählen.“

„Oh, erzählen Sie es uns doch“, sagte die Journalistin enthusiastisch. „Wir sterben alle vor Neugier, es zu hören. Es ist eine so ungewöhnliche und aufregende Geschichte, dass es grausam wäre, uns wegen des Endes im Ungewissen zu lassen.“

„Sehr wohl, dann“, sagte Musard, als die anderen Damen ihre Zustimmung chorisch bekundeten. „Wir verließen die Höhle, und Moynglass, der sich selbst als Anführer der Expedition betrachtete, steckte den Rubin in seine Tasche. In jener Nacht lagerten wir an einem wilden, trostlosen Ort, nicht weit vom Rand einer etwa zweihundert Fuß hohen Klippe entfernt, an deren Fuß die bitteren, schwefelhaltigen Wasser des Flusses in einen Abgrund flossen. Am Morgen fanden wir Moynglass tot in seiner Decke liegen, mit dem rostigen Taschenmesser, das er aus der Höhle mitgenommen hatte, in der Brust steckend. Der Rubin war verschwunden, und ebenso das älteste Mitglied unserer Gruppe – ein älterer, dunkelhäutiger Ire namens Doyne, der am Vortag wütend Moynglass’ Recht bestritten hatte, den Rubin zu tragen.

Wir suchten den ganzen Tag nach Doyne, konnten aber keine Spur von ihm finden. Am nächsten Tag wanderten wir über eine gletscherartige Fläche, die mit großen Sandsteinblöcken übersät war. Es war ein grimmiger Ort. Eine schreckliche, steinige, baumlose Einöde, die der Geburtsort der Erde und Schauplatz der Schöpfung hätte sein können – ein Hochplateau zwischen großen Bergen, voller Massen von Rhodonit, das zu grotesken Formen von Steinbildern verzerrt war; ein Ort, an dem unsere leisesten Flüstertöne aus der tiefen Stille zurückhallten, von den riesigen, burgartigen schwarzen Felsen, die am Rand eines Abgrunds aufstrebten, der das Tal von einem Ende zum anderen durchschnitt.

Dort fanden wir Doyne, wie er schwankend am Rande der Schlucht entlanglief. Er war in der Einsamkeit wahnsinnig geworden und wanderte barhäuptig umher, wobei er beim Gehen die Arme in die Luft warf. Als ich ihn sah, dachte ich an Kain, der versuchte, dem Zorn Gottes zu entkommen, nachdem er Abel erschlagen hatte. Er sah uns, sobald wir ihn sahen, und begann zu rennen. Wir nahmen die Verfolgung auf, aber er floh mit großer Geschwindigkeit und sprang wie eine Bergziege von Fels zu Fels. Er war dabei, uns zu entkommen, als er ausrutschte und mit einem lauten Schrei in den Abgrund stürzte. Wir fanden einen Pfad den Abhang hinunter, stiegen hinab und entdeckten ihn am Fuß, zerschmettert, den Rubin in seiner Hand umklammert. Das beendete die Expedition. Die anderen bestanden darauf, unverzüglich an die Küste zurückzukehren, und als wir dort ankamen, verkauften sie ihre Anteile am Rubin freudig an mich.“

Es herrschte ein ziemlich langes Schweigen, als der Forscher seine Erzählung beendet hatte. Der lange Zeiger der Uhr auf dem Kaminsims kroch über die halbe Stunde hinaus, aber der Kreis um den Esstisch war so gefesselt von der Geschichte, dass niemand den Lauf der Zeit bemerkt hatte.

„Was für ein grauenhaftes Abenteuer, Herr Musard!“, begann eine der Damen mit einem freudlosen kleinen Lachen. „Haben Sie nie etwas Näheres über die beiden toten Männer in der Höhle herausgefunden?“

„Nein“, antwortete Musard. „Wie ich schon sagte, es gab keine Papiere oder Hinweise, die Licht auf ihre Identität werfen könnten. Die Skelette müssen dort viele Jahre gelegen haben, denn die Knochen zerfielen bereits.“

„Sie haben den Ort nie wieder besucht?“, fragte Sir Philip.

„Ich war zwei Jahre später mit einem Māori-Führer in den Ureweras und untersuchte Kupfervorkommen für die neuseeländische Regierung, aber ich bin nicht in das Tal zurückgekehrt.“

„Wäre es nicht möglich gewesen, den armen Dingen – ich meine die Skelette – ein christliches Begräbnis zu geben?“, fragte Mrs. Spicer zaghaft.

„Es war unmöglich, ein Grab in den massiven Fels zu graben. Außerdem haben sie ein Grabmal der Natur, das jedes menschliche Grab überdauern wird“, antwortete Musard.

„Was mich rätselhaft findet, ist, wie der Rubin in das Auge des Skeletts gelangt ist“, bemerkte die Journalistin nachdenklich. „Wenn das das Skelett des Mannes war, der den anderen für den Diebstahl des Rubins getötet hatte, wer hat den Rubin dann dort platziert, wo Sie ihn gefunden haben? Offensichtlich konnte er es nicht selbst getan haben, denn er muss nach dem Tod dort hineingelegt worden sein. Wer könnte es also gewesen sein?“

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Musard in einem Ton, der andeutete, dass er das Thema nicht weiter vertiefen wollte.

„Darf ich mir den Ring ansehen?“, fragte Miss Garton.

Musard zog ihn vom Finger und reichte ihn ihr schweigend. Die anderen wollten ihn ebenfalls sehen, also wurde er von Hand zu Hand um den Tisch gereicht, begleitet von vielen bewundernden Kommentaren über Größe und Schönheit des Steins. Einer der jungen Offiziere fragte Musard mit sehr interessiertem Ausdruck, ob er glaube, dass in der Nähe des Ortes noch weitere Rubine dieser Art zu finden seien.

„Kaum in dieser Form“, antwortete Musard. „Es ist mir ein Rätsel, wie die Männer, die den Rubin fanden, es schafften, ihn aus dem Rubingestein herauszuholen und teilweise zu polieren. Sie hatten keinerlei Werkzeuge oder Instrumente – zumindest haben wir in der Höhle keine gefunden. Zweifellos gibt es Rubine in diesem Teil der Welt. Es war in der Nähe des Tals, wo Moynglass seine Korundprobe mit einem Rubinkristall darin fand. Auf unserem Rückweg, am oberen Ende des Tals, stieß ich auf einen Gürtel aus Magnesiagestein, der mit Kupfer- und Eisenerzen angereichert war und wahrscheinlich die Matrix von Rubinkristallen enthielt.“

„Es wundert mich, dass Sie das Ding tragen“, sagte der rundliche Jüngling vom Fliegerkorps und reichte den Ring über den Tisch an den Forscher zurück.

„Warum nicht?“, fragte Musard.

„Nun, ich würde nicht gerne einen Ring tragen, der im Kopf eines Skeletts gefunden wurde. Ich würde erwarten, dass der alte Kasten auf den Boden knallt, während ich einen Stunt mache, wenn ich so etwas an meinem Finger hätte. Haben Sie keine Angst, vom ursprünglichen Besitzer heimgesucht zu werden?“

„Oh, ich weiß nicht“, antwortete Musard gleichgültig. „Die meisten Juwelen haben eine schreckliche Geschichte, wenn es darauf ankommt. Ich bin nicht abergläubisch.“ Er steckte den Ring wieder an seinen Finger und fügte nachdenklich hinzu: „Ich nehme an, viele Leute würden es unter diesem Gesichtspunkt betrachten – als eine Art grimmiges Relikt. Sicherlich werde ich das Tal der Felsen, wo wir ihn fanden, niemals vergessen. Es war der seltsamste Ort, den ich je gesehen habe – eine ‚heulende Einöde‘. Und manchmal bilde ich mir ein, ich könne immer noch den Schrei hören, den Doyne ausstieß, als er ausrutschte oder von einem der schwarzen Felsen in die Tiefe sprang. Ich erinnere mich, wie er von den Klippen hundertmal wiederholt zurückhallte. Es war –“

Er brach plötzlich ab, als ein Schrei durch das Moat-House hallte – ein wilder, schriller Ruf, der, von irgendwo oberhalb kommend, den Speisesaal mit der erschütternden, verzweifelten Intensität seiner Bitte zu erfüllen schien. Es war der Schrei einer Frau in Todesangst.

Die Damen am Esstisch sahen einander mit verängstigten Augen und bleichen Gesichtern an.

„Was war das?“, flüsterten mehrere von ihnen gleichzeitig.

„Er kam aus Violets Zimmer! Mein Gott, was ist passiert?“, rief Phil. Er sprang aufgeregt auf und stieß seinen Stuhl zurück. Sein Gesicht war bleich, sein Mund verzerrt, und er nestelte mit zitternder Hand an seinem Hals, als würde ihn der Druck seines Kragens beim Atmen behindern. Musard erhob sich vom Tisch und ging dorthin, wo der junge Mann stand.

„Regen Sie sich nicht unnötig auf, Phil“, sagte er beruhigend und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Sir Philip war ebenfalls von seinem Platz aufgestanden, und für den kürzestmöglichen Augenblick standen die drei Männer so da und sahen einander an, als wüssten sie nicht, wie sie handeln sollten. Dann wurde die angespannte Stille des Speisesaals durch den lauten Knall einer Schusswaffe unterbrochen.

„Lassen Sie mich los!“, schrie Phil schrill und schüttelte Musards Arm ab. Er drehte sich um und hinkte schnell zur Tür, und dabei wurde seine körperliche Gebrechen offensichtlich. Eines seiner Beine war mehrere Zoll kürzer als das andere, und er trug einen hohen Stiefel.

Musard erreichte die Tür mit wenigen schnellen Schritten vor ihm, und Sir Philip eilte seinem Sohn hinterher. Die restlichen männlichen Gäste folgten und strömten gemeinsam zur Tür.

Der erste Anblick, der sich Musards Auge bot, als er durch den Türrahmen trat, war die Gestalt von Miss Heredith, die eilig die Treppe herabkam. Im Licht der Halle konnte er sehen, dass ihr Gesicht bleich und aufgewühlt war. Sie ging schnell auf ihren alten Freund zu und legte eine zitternde Hand auf seinen Arm.

„Oh, Vincent, ich wollte gerade nach dir sehen – etwas Schreckliches muss passiert sein!“, begann sie mit brüchiger, schluchzender Stimme. „Ich wollte gerade nach oben in mein Zimmer gehen, als ich den Schrei hörte und dann den Schuss. Sie müssen aus Violets Zimmer gekommen sein. Willst du hinaufgehen und nachsehen, Vincent?“

Musard wartete nicht auf ihre letzten Worte. Er stieg bereits die Treppe hinauf und nahm zwei oder drei der breiten, flachen Stufen auf einmal. Phil hinkte hinter ihm her, und Sir Philip und einige der Gäste trotteten in ihrem Kielwasser hinterher.

KAPITEL V

Ein gedimmtes Licht in einer Nische oben an der Treppe warf einen matten Schein in den Flur, der vom Treppenabsatz im ersten Stock abging, doch Musard tastete nach dem Lichtschalter und drückte ihn. Das Licht flutete einen leeren Korridor, wobei die Tür des Zimmers, das ihm am nächsten lag, einen dunklen Innenraum preisgab.

Musard trat durch die offene Tür, zündete ein Streichholz an, um den Schalter zu finden, ging hinüber und schaltete das Licht ein. In diesem Moment erreichten Phil und sein Vater die Tür und folgten ihm in das Zimmer, in dem Miss Heredith weniger als zwei Stunden zuvor mit Phils junger Frau gewesen war und sie zum Schlafen zurückgelassen hatte. Das Zimmer schien so, wie es damals gewesen war; es gab keine Spur von einem Eindringling. Die Flaschen aus geschliffenem Glas und Silber standen auf dem kleinen Tisch am Kopfende des Bettes; das goldene Zigarettenetui lag offen daneben; ein Roman, mit dem Gesicht nach unten auf die Kissen geworfen, enthüllte einen grellen Umschlag und den fetten Titel – „What Shall it Profit?“ –, als wäre das Buch aus der Hand von jemandem gefallen, der vom Schlaf überwältigt wurde. Doch die weißen Strahlen der elektrischen Kugel, die in einem rosafarbenen Schirm direkt über ihr hing, fielen mit unheimlicher Deutlichkeit auf die schlanke Gestalt der jungen Frau, die als zusammengesunkenes Häufchen auf dem Bett lag, ihr modisches Nachtgewand blutbefleckt, das in einem trägen Strom aus ihrer Brust auf die Satinsteppdecke sickerte. Ein scharfer, beißender Geruch vermischte sich mit der schweren Atmosphäre des Zimmers – der Geruch von brennendem Stoff. Es gab keine Unordnung, keine Waffe, keinen Hinweis auf einen Kampf. Nur die regungslose, blutende Gestalt auf dem Bett enthüllte den Gästen, die sich vor dem Zimmer drängten, dass jemand wie ein Tiger so lautlos eingedrungen und wieder verschwunden war.

Musard ging schnell ans Bett und beugte sich über das Mädchen.

„Sie wurde erschossen“, sagte er in einem Ton, der kaum mehr als ein Flüstern war.

„Sie wurde ermordet!“ Es war Phil, der sich dicht hinter Musard drängte, der diese Worte aussprach. „Ermordet!“, schrie er mit einer unnatürlichen Stimme, die schrecklich anzuhören war. Er machte ein paar Schritte in Richtung des Bettes mit ausgestreckten Armen, hielt dann inne, wirbelte herum und sah den Gästen ins Gesicht, die sich auf dem Korridor drängten. „Ermordet, sage ich!“, wiederholte er. „Wo ist der Mörder?“

Er stand einen Moment lang da und fixierte mit wildem Blick die Gruppe verängstigter Gesichter in der Türöffnung, als ob er den Mörder unter ihnen suche. Dann verzerrte sich sein Gesicht, und er fiel zu Boden. Seine Gliedmaßen schienen steif zu werden, während er dalag; seine Beine waren starr ausgestreckt, die Oberarme gegen seine Brust gedrückt, aber die Unterarme neigten sich nach vorne, mit den Handflächen nach hinten geworfen und den Fingern weit gespreizt. Selbst in seiner Bewusstlosigkeit sah er aus, als würde er sich gegen das Grauen des Anblicks wehren, der ihn zu Boden gestreckt hatte.

Angesichts eines häuslichen Unglücks offenbart die menschliche Natur ihre inhärente Schwäche. In solchen Momenten fällt die künstliche äußere Hülle der Zivilisation ab, und die Seele tritt hervor, nackt, primitiv, verlassen, und schreit laut auf. Die Belastung durch die ungeheure Tragödie, die schnellfüßig und lautlos in sein Haus eingezogen war, war zu viel für Sir Philip. Er sank neben seinem bewusstlosen Sohn auf die Knie und wimmerte wie ein Kind – ein schwacher und hilfloser alter Mann. In dem faltigen Gesicht, das nun von dem erbärmlichen Grinsen der Senilität verzerrt war, gab es keine Spur der Würde der Herediths oder des Stolzes der Abstammung mehr, während Sir Philip über seinem Sohn kauerte und mit schwachen Fingern dessen Gesicht streichelte.

Ein oder zwei der Frauen in dem Durchgang wurden hysterisch. Die jungen Männer sahen mit ernsten Gesichtern unbeholfen zu und wussten nicht, was sie tun sollten. Es lag etwas sehr Englisches in ihrer schüchternen Distanziertheit; in ihrem Unwillen, ungebeten in das Zimmer einzudringen.

Musard, der sich vom Bett aus umsah, warf einen kurzen Blick auf die ausgestreckte Gestalt von Phil, und dann wanderten seine leuchtenden Augen zu der Gruppe im Türrahmen. Er zumindest war ruhig und beherrscht.

"Die Damen sollten besser nach unten gehen", sagte er mit gedämpfter, aber bestimmter Stimme. "Sie können hier nichts ausrichten. Und wollt ihr zwei" – er wählte mit den Augen zwei der jungen Männer aus – "Phil nach unten tragen? Er ist nur in Ohnmacht gefallen. Bitte bringt auch Sir Philip fort. Telefoniert sofort mit Dr. Holmes und schickt nach Sergeant Lumbe. Und einige von euch jungen Männern durchsuchen das Haus gründlich – sofort. Nein, nicht dieses Zimmer. Durchsucht das Haus von oben bis unten und das Außengelände. Beeilt euch! Es darf keine Zeit verloren werden."

Die Gruppe im Türrahmen löste sich auf. Die Damen, blass und weinend, gingen wie ein Schwarm verschreckter Vögel zusammen nach unten, und die jungen Männer, nur zu froh, jemandem zu gehorchen, der in einem solchen Moment Nerven und Entschlossenheit zeigte, zerstreuten sich sofort, um das Haus zu durchsuchen.

Musard blieb allein im Zimmer zurück, aber nicht lange. Miss Heredith kam fast unmittelbar darauf aus dem Korridor herein. Tufnell begleitete sie bis zur Tür, blieb dort jedoch stehen, die starrenden Augen auf das Bett gerichtet. Miss Herediths Gesicht war gezeichnet, aber sie hatte ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Sie ging schnell auf Musard zu, der sich immer noch über das Bett beugte.

"Vincent!", rief sie. "Um Himmels willen, sag mir, was für ein schreckliches Unglück geschehen ist? Sie haben Phil nach unten getragen, und sie versuchten, mich aufzuhalten, aber ich habe mich losgerissen und bin direkt zu dir gekommen. Ist Violet..."

Musard sprang beim ersten Klang ihrer Stimme auf und wirbelte schnell herum, als wolle er seinen Körper zwischen sie und die Gestalt auf dem Bett schieben.

"Geh zurück, Alethea!", befahl er streng. "Geh zurück, sage ich! Das ist kein Anblick für dich, und du kannst nichts ausrichten."

Er versuchte immer noch, sie abzufangen, als sie sich näherte, doch sie schob seine aufhaltende Hand sanft beiseite, ging zum Bett und blickte hinunter. Dann, bei diesem Anblick, suchten ihre Finger mit einer impulsiven weiblichen Bewegung nach seinen und hielten sie fest.

"Hab keine Angst um mich", flüsterte sie. "Sieh! Ich bin ruhig – vielleicht kann ich helfen. Ist sie – tot?"

"Sie stirbt", sagte Musard traurig.

"Ist es...?" ihre Stimme sank ins Nichts, aber ihre erschrockenen Augen, die ängstlich durch die schattigen Ecken des großen Schlafzimmers wanderten, vervollständigten den unausgesprochenen Satz.

Musard verstand sie und neigte schweigend das Haupt. Dann wandte er sein Gesicht zur Tür und winkte Tufnell herbei. Der alte Diener trat zitternd in das Zimmer ein und versuchte vergeblich, sein vor Entsetzen erstarrtes Gesicht zu einer Maske der Unbeweglichkeit eines gut ausgebildeten englischen Dieners zu verzerren.

"Geh nach unten und bring mir etwas heißes Wasser", sagte Musard ruhig. "Mach schon – und bring es selbst. Ich möchte hier keine Dienstmädchen haben, die hysterisch werden."

Tufnell eilte davon. Musard nahm wieder seinen Platz am Bett ein und beobachtete schweigend die Gestalt auf dem Bett. An seinen Händen und seiner Kleidung klebte Blut.

"Gibt es keine Hoffnung? Kann man nichts tun, um sie zu retten?", flüsterte Miss Heredith.

"Nichts. Die Lunge ist durchbohrt. Sie verblutet."

Sein wachsames Auge bemerkte eine Veränderung bei der Gestalt auf dem Bett. Das Gesicht zuckte ganz leicht, und die blauen Augen öffneten sich halb. Dann machte das geschlagene Mädchen eine Anstrengung, als wolle sie sich aufsetzen, doch eine plötzliche Krise erfasste sie, und sie fiel auf ihr Kissen zurück, wobei eine kleine weiße Hand, die von Ringen funkelte, über ihren Kopf geworfen war, als wäre sie in dem Augenblick gestorben, als sie die Vergeltung eines Gottes der Gerechtigkeit über den Mörder heraufbeschwor, der ihr junges Leben in Qual und Entsetzen ausgelöscht hatte.

"Sie ist tot", sagte Musard sanft. "Dies ist eine schreckliche Angelegenheit, und unsere erste Pflicht ist es, zu versuchen, das Ungeheuer zu fassen, das dieses niederträchtige Verbrechen begangen hat."

Sie standen einen Moment lang schweigend da und sahen einander ernst an. Draußen, irgendwo im Wald, erklang der eindringliche Erguss des Gesangs eines Nachtvogels, der wie ein silbernes Glöckchen durch die Stille bebte. Der süße Ton endete in einem erschrockenen Krächzen und wurde vom Schrei einer Eule gefolgt. Der Gesang hatte den Sänger verraten.

Musard wandte sich von Miss Heredith ab und ging unruhig im Schlafzimmer auf und ab, wobei er die schweren Möbelstücke und die verblassten Vorhänge musterte und in jeden Winkel und jede Ecke spähte, als suche er nach dem Versteck des Mörders. Ein geräumiger alter Kleiderschrank in der Nähe des Fensters erregte seine Aufmerksamkeit; er blieb davor stehen und riss dessen Türen auf. Er enthielt einige Kleidungsstücke des toten Mädchens – Kostüme und Kleider –, die an Haken hingen.

Sein Blick wanderte zum Fenster, das in die schweren Falten der Damastvorhänge gehüllt war. Er ging hinüber und zog die Vorhänge beiseite. Die untere Hälfte des Fensters war weit geöffnet.

Miss Heredith, die seinen Bewegungen aufmerksam folgte, stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus.

"Das Fenster!", rief sie aus.

Musard sah sich fragend um.

"Das Fenster – was ist damit?", fragte er.

"Es war geschlossen, als ich vor dem Abendessen hier hereinkam, um nach Violet zu sehen."

"Du bist dir da ganz sicher?"

"Oh, ja! Zumindest glaube ich das."

"Ich verstehe dich nicht."

"Ich meine, dass die Atmosphäre des Zimmers schwer und stickig war, als ob das Fenster den ganzen Tag nicht geöffnet worden wäre."

"Es war ein stiller, schwüler Tag."

"Aber Violet hatte nie ein Fenster offen, wenn sie es vermeiden konnte. Sie mochte keine frische Luft. Sie hatte immer Angst, sich zu erkälten."

Musard blickte aus dem Fenster in die samtene Dunkelheit der Nacht.

"Wenn das Fenster vorher geschlossen war, hat der Mörder es geöffnet und ist durch es entkommen", sagte er.

"Das ist kaum möglich."

"Warum nicht?" Er drehte sich um und sah sie an.

"Der Boden fällt auf dieser Seite ab. Das Fenster ist fast sechs Meter vom Boden entfernt. Und – der Burggraben muss überquert werden. Auf dieser Seite des Hauses gibt es keine Brücke, und dieses Fenster geht zum Garten hinaus. Erinnerst du dich nicht?"

"Ich erinnere mich jetzt."

"Ich dachte, das würdest du."

"Dennoch..." Musard brach abrupt ab und ging vom Fenster weg.

In der Nähe des Fensters stand der Frisiertisch. Der ovale Schwenkspiegel reflektierte seinen Inhalt – Elfenbeinkämme, silberne Handspiegel, all den kostbaren Schmuck der Toilette einer kultivierten Frau. Unter ihnen stand Violets silbernes Schmuckkästchen. Musard schritt hinüber und untersuchte das Kästchen. Es war verschlossen.

"Das sollte weggeräumt werden", sagte er.

"Ich wollte gerade heraufkommen, um es zu holen, als ich den Schrei hörte", flüsterte seine Begleiterin.

"Vielleicht übernimmst du jetzt die Verantwortung dafür", sagte er und legte es in ihre Hände. Als er das tat, blitzte ihm die zynische Angemessenheit des alten Sprichworts vom Abschließen der Stalltür nach dem Diebstahl des Pferdes durch den Kopf.

Es gab eine Zurückhaltung und einen Mangel an Spontaneität in ihrer Unterhaltung, derer sich beide schmerzlich bewusst waren. Der Ton war erzwungen, als wäre er das Ergebnis einer zu großen Anstrengung, die richtige Tonart zu treffen. Eine seltsame psychologische Veränderung war über beide gekommen, seit sie zusammen am Bett der Sterbenden gestanden hatten. Sie war mit dem Einzug des Todes gekommen. Sie unterhielten sich hastig und vorsichtig, als ob sie einander misstrauten. In jedem von ihnen waren nun zwei Wesenheiten offensichtlich – ein oberflächliches Bewusstsein, das mechanisch sprach und handelte, und ein sekundäres inneres Bewusstsein, wachsam und voller Angst vor einer Fehlinterpretation des gesprochenen Wortes. Die Fähigkeiten, die den menschlichen Geist ausmachen, sind unterschiedlich und komplex und auf geheimnisvolle Weise miteinander vermischt. Es mag sein, dass, wenn eine Tragödie das zerbrechliche Gefüge des menschlichen Lebens erschüttert, die tierischen Instinkte der Wachsamkeit und des Selbsterhalts die Oberhand gewinnen und sich gegen zufälligen Verdacht oder das laute Wort einer Anschuldigung wehren. Vielleicht ging Musard der Gedanke durch den Kopf, auf welch seltsame Weise der Mord begangen worden war und wie er selbst, indem er alle beim Abendessen unten hielt, während er seine Geschichte erzählte, ein Werkzeug bei dessen Ausführung gewesen war.

Die Situation wurde durch die Ankunft von Tufnell mit etwas heißem Wasser beendet. Fast auf seinen Fersen kamen die jungen Männer, die das Haus durchsucht hatten. Musard war erleichtert über ihre Rückkehr, obwohl sein unbewegtes Gesicht seine Gefühle nicht verriet. Miss Heredith verließ das Zimmer mit Tufnell und nahm das Schmuckkästchen mit sich. Musard traf die jungen Männer an der Schwelle.

Der große junge Offizier mit dem sonnengebrannten Gesicht, Major Gardner, informierte Musard, dass sie das Haus von oben bis unten durchsucht, aber nichts gefunden hätten. Sie hatten auch das Gelände ohne Ergebnis abgesucht.

"Mrs. Heredith ist tot", teilte Musard ihnen ernst mit. "Sie starb, während ihr nach dem Schurken gesucht habt, der den Schuss abgab, den wir beim Abendessen hörten. Meine Herren, er muss gefunden werden. Es scheint kaum möglich, dass es ihm gelungen ist, in so kurzer Zeit unbemerkt zu entkommen."

"Wir haben das Gelände von oben bis unten durchsucht", bemerkte einer der jungen Männer.

"Es ist ein seltsames, verwinkeltes altes Gebäude und schwer zu erkunden, wenn man es nicht gründlich kennt", sagte Musard.

"Wir haben unser Bestes getan."

"Ich bezweifle das nicht, aber es gibt viele alte Winkel und Ecken, in denen sich ein Mann verstecken könnte."

"Sein erster Gedanke nach einem so schrecklichen Verbrechen wäre es gewesen, so schnell wie möglich zu verschwinden", sagte Major Gardner.

"Aber wie ist er entkommen? Sicherlich nicht über die Treppe, denn wir sind direkt aus dem Esszimmer gestürmt, als wir den Schuss hörten, und wir hätten ihn auf seinem Weg nach unten gefasst."

"Gibt es nicht ein Fenster im Schlafzimmer? Könnte er nicht auf diesem Weg entkommen sein?"

"Das Fenster ist fast sechs Meter vom Boden entfernt."

"Ein athletischer Mann könnte diese Distanz springen", bemerkte Major Gardner nachdenklich.

"Ich halte es immer noch für möglich, dass er sich auf dem Gelände versteckt hält", antwortete Musard. "Es gibt eine alte, ungenutzte Treppe am Ende dieses Ganges, die zur Südseite des Burggrabengebäudes führt. Habt ihr sie gefunden? Sie schließt mit einer Tür am oberen Ende ab und könnte leicht eurer Aufmerksamkeit entgangen sein."

"Ich habe die Tür geöffnet und bin die Treppe hinuntergegangen", sagte der junge Flugoffizier. "Niemand könnte auf diesem Weg entkommen sein. Die Tür am unteren Ende ist verschlossen, und es gibt keinen Schlüssel."

Das verängstigte Gesicht eines Dienstmädchens erschien in diesem Moment am oberen Ende der Treppe.

"Wenn es Ihnen recht ist, mein Herr", sagte sie an Musard gewandt, "einer der Herren unten hat mich heraufgeschickt, um Ihnen zu sagen, dass er seit zehn Minuten versucht, die Polizei anzurufen, aber er bekommt keine Antwort."

"Schicken Sie mir sofort den Butler."

Das Dienstmädchen verschwand, und im nächsten Augenblick kam der Butler hastig die Treppe herauf.

"Tufnell", sagte Musard schnell, "Sie müssen sofort ins Dorf gehen und Sergeant Lumbe und Dr. Holmes holen. Eilen Sie sich und seien Sie so schnell Sie können. Und nun, meine Herren", fügte er hinzu und wandte sich an die anderen, "lassen wir uns nach unten gehen. Während wir auf die Polizei warten, helfe ich Ihnen, das Haus und das Gelände noch einmal zu durchsuchen. Der Mörder könnte entkommen, während wir hier stehen und reden. Wir haben bereits zu viel kostbare Zeit verloren."

KAPITEL VI

Der Butler verließ das Burggrabengebäude in einem zügigen Tempo, das fast zu einem Lauf wurde, nachdem er die Brücke über den Burggraben überquert hatte. Sein Weg durch den Park führte entlang der Auffahrt, die von einer Allee aus hohen Bäumen gesäumt war, zwischen einem Zierteich und einigen dichten Wildgehegen hindurch und dann durch die äußeren Felder zum Dorf.

Es war eine milde und sanfte Septembernacht, mit einem violetten Himmel über ihm, der mit Silber bestreut war. Aber ein Hauch von herbstlicher Fäulnis lag in der Luft, die schwer und still war, und ein weißer Nebel stieg in dichten, trägen Wolken von der grünen, stagnierenden Oberfläche des Sees auf. Der Wald war in Schwärze gehüllt, in der die Stämme der Bäume gerade noch sichtbar waren, in geraden, regelmäßigen Reihen stehend, wie Soldaten beim Appell.

Tufnell eilte durch diesen einsamen Ort und warf ängstliche Blicke um sich. Er war in normalen Zeiten kein nervöser Mann, aber wie viele Leute vom Land hatte er einen Aberglauben in seinem phlegmatischen Temperament, und die Ereignisse der Nacht hatten seine Ruhe hinweggefegt. Das Quaken der Frösche und das Flüstern der Bäume erfüllten ihn mit Unbehagen, und er blickte ständig vom See zum Wald zurück und vorwärts, als fürchte er, der Mörder könne plötzlich aus der nebligen Oberfläche des einen oder den dunklen Nischen des anderen auftauchen.

Er hatte fast den Rand des Waldes erreicht, als er durch ein lautes Schwirren erschreckt wurde, das er als das Auffliegen eines Rebhuhn-Gespanns aus einem nahegelegenen Gebüsch erkannte. Was hatte sie aufgeschreckt? Er blickte ängstlich um sich und sah, oder glaubte zu sehen, die kauernde Gestalt eines Mannes in einem der Pfade des Waldes, teilweise verborgen durch die dicken Äste, die sich ein kurzes Stück vom Fahrweg entfernt über den Pfad erstreckten.

Tufnells erster Impuls war es, die Beine in die Hand zu nehmen, aber er wurde vor dieser schimpflichen Tat durch die rechtzeitige Erinnerung bewahrt, dass er Engländer sei, dessen glorreiches Privileg es ist, ohne Furcht geboren zu sein. Also blieb er stehen und rief mit einer Stimme, die ein Zittern enthielt:

"Wer ist da?"

Im Wald gab ein Vogel einen einzelnen Ruf wie den Ton einer Flöte von sich, der Wind murmelte in der hohen Baumallee, ein Frosch platschte im stillen Wasser des Sees, aber es gab keinen Laut menschlichen Lebens. Als der Butler vorsichtig in den Wald blickte, konnte er nichts mehr sehen, was auf dem Pfad kauerte. Der Mann – falls es ein Mann gewesen war – war verschwunden.

"Es mag meine Einbildung gewesen sein", murmelte der Butler und sprach laut, als wolle er sich selbst beruhigen, indem er seine eigene Stimme hörte.

Er ging schnell weiter und war erleichtert, als er den Wald hinter sich gelassen hatte und die schwachen Lichter des Dorfes hinter den Feldern funkeln sehen konnte. Tufnell überquerte eine Fußgängerbrücke, die einen schmalen Bach am Ende der Wiesen überspannte, stieg über einen Stile und ging auf der anderen Seite die Straße entlang, bis er ein Häuschen erreichte, das ein Stück von der Straße entfernt auf dem Gipfel eines sanften Hügels stand. Tufnell stieg den Hügel hinauf und klopfte laut an die Haustür.

Nach wenigen Augenblicken wurde die Tür von einer Frau mit einer Kerze in der Hand geöffnet – eine stämmige Landfrau von vierzig Jahren mit einer Hakennase, hervortretenden Zähnen und einem Haar, das in einem straffen Knoten am Hinterkopf festgedreht war. Ihre kleinen grauen Augen, die den Besucher an der Tür musterten, zeigten sowohl Überraschung als auch Ehrerbietung. Der Butler des Burggrabengebäudes pflegte nicht mit den Dorfbewohnern zu verkehren, und bei ihnen galt er als eine Art Persönlichkeit. Er glänzte nicht nur im reflektierten Glanz des großen Hauses, sondern wurde auch aus eigenem Verdienst als ein "begüterter" Mann respektiert, der Geld gespart hatte und ein wenig eigenes Eigentum besaß.

"Ist Ihr Mann zu Hause, Mrs. Lumbe?", fragte er als Antwort auf ihren stummen fragenden Blick. Er sprach herablassend, wie ein Mann, der den sozialen Graben zwischen ihnen erkannte, aber daran glaubte, höflich zu den unteren Schichten zu sein.

"Ja, er ist da, Mr. Tufnell. Wollen Sie hereinkommen?"

Der Butler rieb sich sorgfältig die Stiefel an der Fußmatte ab und folgte der Frau einen schmalen Korridor entlang bis zu einem kleinen Wohnzimmer am Ende, wo ein Mann saß, eine Zeitung las und eine Pfeife rauchte.

"Robert", sagte die Frau, "hier ist Mr. Tufnell, um dich zu sehen."

Der Mann blickte mit einiger Überraschung von seiner Zeitung auf und stand auf, um seinen Besucher zu begrüßen. Er trug keine Uniform, und seine grobe, ungelenke Figur und sein rundes rotes Gesicht verrieten den Landmann, aber vom Scheitel seines kurzgeschorenen Bürstenkopfes bis zu seinen Stiefeln mit dicken Sohlen sah er aus wie ein ländlicher Polizist. Es lag eine unbeholfene Haltung an ihm, als er aufstand – ein ungeschickter Versuch, den Anschein einer offiziellen Würde zu wahren. Der fragende Blick, den seine Wieselaugen durch den Tabakdunst, der den Raum füllte, auf den Butler warfen, deutete auf seinen Eindruck hin, dass der Besuch kein bloßer nachbarschaftlicher Anruf war. Tufnell ließ ihn in diesem Punkt nicht im Zweifel.

"Sie werden sofort im Burggrabengebäude gebraucht, Sergeant Lumbe", sagte er ernst. "Ein schreckliches Verbrechen wurde begangen. Mrs. Heredith wurde ermordet."

"Ermordet!", stieß der Sergeant aus und blickte leer über den Tisch zu seiner Frau, die einen Schrei des Entsetzens ausgestoßen hatte. "Ermordet!", wiederholte er, als wollte er sich der Wahrheit der Aussage des Butlers durch die Wiederholung des Wortes versichern.

"Ja. Sie wurde vor kurzem in ihrem Schlafzimmer erschossen, während die anderen Gäste beim Abendessen waren. Sie müssen sofort kommen."

Sergeant Lumbe legte seine Pfeife mit zitternder Hand auf den Tisch. Er war von der Größe der Katastrophe überwältigt und wusste kaum, was er tun sollte. Seine bisherige Erfahrung mit Verbrechen beschränkte sich auf die gelegentliche Festnahme des Dorftrunkenbolds, der ihn stets vertrauensvoll begleitete. Sein Blick wanderte zu einem Bücherregal in der Ecke des Zimmers, als wollte er einen "Polizeikodex" konsultieren, der prominent auf einem der Regale ausgestellt war. Anscheinend erkannte er die Unwürdigkeit eines solchen Vorgehens in Gegenwart eines Bürgers, also wandte er sich an Tufnell und sagte:

"Ich werde mitkommen, aber ich muss erst meine Tunika anziehen."

"Beeilen Sie sich so gut Sie können", sagte der Butler und nahm auf einem Stuhl Platz.

Sergeant Lumbe ging in ein inneres Zimmer, wohin ihm seine Frau folgte. Tufnell hörte sie flüstern, während sie sich bewegten. Dann kam Sergeant Lumbe hastig wieder heraus und knöpfte seine Tunika zu. Ein eifriger Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

"Die Frau sagt, dass wir ihren Bruder mitnehmen sollten", sagte er. "Er gehört zu Scotland Yard. Er verbringt seine Ferien bei uns."

"Wo ist er?", fragte Tufnell, beeindruckt von der Magie des Namens Scotland Yard.

"Er ist gerade zum 'Fox and Knot' hinübergegangen, um eine Partie Billard zu spielen, da er es hier, nach London, etwas einsam findet. Denken Sie, wir könnten nach ihm schicken und ihn mitnehmen?"

"Ich denke, das wäre eine sehr gute Idee", sagte Tufnell. "Aber ist er sofort erreichbar?", fügte er mit einem Blick auf die kleine Uhr auf dem Kaminsims hinzu. "Je früher wir zurückkehren, desto besser."

"Die Frau kann ihn holen, während ich meine Stiefel wechsle. Beeil dich zum 'Fox', Maggie, und sag Tom, er wird sofort gebraucht."

"Sagen Sie ihm nicht, wofür es ist, bis Sie ihn draußen haben", riet der Butler hastig, als die Frau des Polizisten zu ihrem Auftrag aufbrach. "Sir Philip wird es nicht mögen, wenn er hört, dass das, was heute Nacht passiert ist, in der Schankstube vom 'Fox' diskutiert wurde."

Die kleine Uhr auf dem Kaminsims hatte kaum weitere fünf Minuten getickt, als Mrs. Lumbe atemlos zurückkehrte, begleitet von einem jungen Mann mit Billardkreide an seinem Mantel und seinen Händen.

"Das ist mein Bruder, Detective Caldew", sagte Mrs. Lumbe zwischen zwei Atemzügen zum Butler. "Ich habe ihm von dem Mord erzählt, und wir sind so schnell wir konnten zurückgeeilt."

"Es ist ein schreckliches Verbrechen, und wir dürfen keine Zeit verlieren, solange noch eine Chance besteht, den Mörder zu fassen", sagte der junge Mann und fand seinen Atem leichter wieder als seine stämmige Schwester. Er bürstete sich die Billardkreide von der Kleidung, während er sprach. "Lassen Sie uns sofort gehen."

Tufnell warf dem Neuankömmling einen neugierigen Blick zu. Er sah einen Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, groß, kräftig gebaut und dunkelhaarig, mit einem glatt rasierten Gesicht und recht intelligenten Augen unter dichten, dunklen Brauen. Es fiel ihm etwas schwer, in Detective Caldew jenen Dorfjungen von vor zwanzig Jahren wiederzuerkennen, der den Butler des Moat-House ehrfürchtig gegrüßt hatte, als sei dieser eine große Persönlichkeit, nur in der Wichtigkeit übertroffen von Sir Philip Heredith selbst.

Tufnell ahnte nicht, dass er in dem ehemaligen Dorfjungen, der nun ein Londoner Detektiv geworden war, einem jungen Mann von aufstrebendem Ehrgeiz gegenüberstand. Caldew war vor fünfzehn Jahren mit der Absicht nach London gegangen, sein Glück zu machen. Nachdem er einige Monate lang die Straßen der Metropole auf der vergeblichen Suche nach Arbeit durchstreift hatte, war er der Londoner Polizei beigetreten, anstatt in sein Heimatdorf zurückzukehren und sich als gescheitert zu melden. Nach zweijährigem Dienst als Polizist war ihm die Wahl gelassen worden, zur Kriminalpolizei von Scotland Yard zu wechseln. Er hatte diese Gelegenheit bereitwillig ergriffen und so viel Geschick für die Arbeit in Zivil bewiesen, dass er nach weiteren zwei Jahren in den Rang eines Detektivs aufgestiegen war. Caldew glaubte, er befinde sich auf einem schnellen Weg zu weiterer Beförderung, und hatte in dem Glauben geheiratet. Doch seitdem waren weitere zehn Jahre vergangen, und er bekleidete immer noch eine untergeordnete Stellung, ohne große Hoffnung auf Beförderung, es sei denn, das Glück wäre ihm hold. Und danach sah es kaum aus. Caldews berufliche Erfahrung hatte ihn zu der Überzeugung gelangen lassen, dass die Untergebenen bei Scotland Yard nur zu dem einen Zweck existierten, für die Fehler ihrer Vorgesetzten den Kopf hinzuhalten, welche unter sich die Früchte der Beförderungen, Belohnungen und Zeitungsberichte aufteilten. Das war natürlich in allen öffentlichen Ämtern so üblich. Caldew hatte an dem System nichts auszusetzen. Sein großer Ehrgeiz war es, eine Gelegenheit zu finden, die ihm Aufstieg und seinen Anteil an den Früchten einbringen würde.

Er glaubte, dass seine Gelegenheit in dieser Nacht gekommen war. Es war schon immer sein Traum gewesen, die Chance zu erhalten, im Alleingang ein großes Verbrechen aufzuklären – am liebsten einen Mord –, bei dem nur er allein den ganzen Ruhm, das Lob und die Zeitungsspalten ernten würde. Er war entschlossen, das Beste aus dem glücklichen Zufall zu machen, der ihm in die Hände gefallen war, bevor irgendjemand sonst am Tatort eintreffen konnte. Er vertraute auf seine eigenen Fähigkeiten und glaubte, alle Qualifikationen zu besitzen, die es brauchte, um ein großer Detektiv zu werden. Jedenfalls war er scharfsinnig genug, um zu erkennen, dass die Gelegenheit selten zweimal an die Tür eines Mannes klopft.

Die drei Männer machten sich auf den Weg zum Moat-House. Auf die Bitte des Butlers ging Sergeant Lumbe voraus, um den Arzt zu rufen, der auf der anderen Seite des Dorfplatzes wohnte, und während er fort war, entlockte Caldew seinem Begleiter die Einzelheiten des Verbrechens. Lumbe traf an der Fußgängerbrücke, die über die Wiesen zum Heredith-Anwesen führte, wieder zu ihnen, und sie setzten ihren Weg schweigend fort. Sergeant Lumbes Verstand – soweit vorhanden – war zu sehr verwirrt, um ihm ein zusammenhängendes Gespräch zu ermöglichen; Tufnell, ohnehin ein wortkarger Mensch, war durch die Ereignisse der Nacht noch verschlossener als sonst geworden; und Caldew versank in eine solche Träumerei voller freudiger Erwartung bezüglich des Ergebnisses seiner Ermittlungen zum Mord im Moat-House, dass die Stationen seiner Beförderung durch die Ränge Detektiv, Unter-Superintendent und Superintendent so schnell durch seinen Geist blitzten wie Telegrafenmasten, an denen ein Reisender in einem Eisenbahnwaggon vorbeihuscht. Das Verbrechen, das ein menschliches Wesen in der Blüte von Jugend und Schönheit dahingerafft, ein anderes zum Mörder gemacht und eine alte englische Familie in Entsetzen und Elend gestürzt hatte, bereitete Detective Caldews optimistischem Temperament eine solche extreme Befriedigung, dass er sich kaum zurückhalten konnte, laut zu pfeifen. Aber das ist nun einmal die menschliche Natur.

Sie gingen durch den Wald und überquerten die Brücke über den Wassergraben. Der Nebel kroch aus der Dunkelheit auf beiden Seiten des Moat-House hervor und legte einen Schleier über das schwache Licht, das aus einem oder zwei der schwer verriegelten Fenster schimmerte. Caldew, der auf halbem Weg über die Brücke anhielt, um die Nebelschwaden zu betrachten, die sich wie eine Schar Gespenster heranschlichen, fragte seinen Schwager, ob der Graben immer noch mit Wasser gefüllt sei. Er erhielt eine bejahende Antwort und ging weiter.

Ein Dienstmädchen öffnete auf Tufnells Klingeln die Vordertür und teilte ihm flüsternd mit, dass Sir Philip und Miss Heredith sich im Salon befänden. Dorthin lenkten sie ihre Schritte und fanden Musard in der Nähe der Tür wartend vor. Er nickte Sergeant Lumbe zu, den er kannte, und blickte fragend zu Caldew. Lumbe kündigte die Identität des Letzteren an.

„Sie sollten am besten zuerst hier hineinkommen“, sagte Musard, öffnete die Tür zum Salon und enthüllte den Baronet und Miss Heredith, die darin saßen. Bruder und Schwester blickten zu der Gruppe, die den Raum betrat.

„Dies ist Detective Caldew von Scotland Yard“, erklärte Musard ihnen und wies auf den jungen Mann. „Er wohnt bei Lumbe, der es für ratsam hielt, ihn mitzubringen.“

„Haben Sie ihnen alles erzählt?“ Miss Heredith sprach zu Tufnell. Ihre trockenen Lippen formten die Worte mehr, als dass sie sie aussprachen, aber der alte Diener verstand sie und verbeugte sich, ohne zu sprechen. „Was möchten Sie zuerst tun, Detective Caldew?“, fügte sie hinzu, wandte sich an ihn und sprach mit mehr Fassung. Sie erkannte schnell, dass er die Führung bei den polizeilichen Ermittlungen übernehmen würde. Ein Blick auf das aufgeregte Gesicht von Sergeant Lumbe verriet nur allzu deutlich, dass die Lage, in der er sich befand, seine offiziellen Fähigkeiten überstieg.

Caldew trat schwungvoll vor. Er war keineswegs verlegen wegen seiner ungewohnten Umgebung oder des gebieterischen Auftretens der vornehmen Dame, die ihn ansprach. Er war ein Mann, der an sich selbst glaubte, und solche Männer sind zu ernsthaft, um schüchtern zu sein.

„Ich möchte zuerst ein paar Fragen stellen, gnädige Frau“, sagte er. „Bisher habe ich nur die Version Ihres Butlers von dem gehört, was geschehen ist.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte er eine Reihe von Fragen und notierte die Antworten in einem Notizbuch.

Musard, der Miss Heredith beim Beantworten der Fragen unterstützte, war von der schnellen Auffassungsgabe beeindruckt, die der Detektiv bei der Ermittlung aller bekannten Fakten des Mordes zeigte, doch Sergeant Lumbe, der in der Nähe der Tür stehen blieb, war schockiert zu hören, wie Caldew die Herrschaften des Moat-House mit so wenig Zeremonie ins Kreuzverhör nahm. Er hielt seinen Schwager für einen sehr vorlauten jungen Kerl und hoffte, dass Miss Heredith ihn nicht für seine lockere Art verantwortlich machen würde.

„Nun möchte ich mit meinen Ermittlungen beginnen“, sagte Caldew und steckte sein Notizbuch wieder ein. „Es ist bereits zu viel Zeit verloren gegangen. Ich werde mit der Untersuchung des Zimmers beginnen, in dem sich die Leiche befindet, wenn Sie gestatten.“

„Natürlich.“ Miss Heredith erhob sich von ihrem Platz, als sie das Wort aussprach.

„Meine liebe Alethea!“ – Musards Ton war vorwurfsvoll – „Ich werde den Detektiv nach oben bringen. Es ist nicht nötig, dass du mitkommst.“

„Ich ziehe es vor, dies zu tun.“ Miss Herediths Ton duldete keinen weiteren Widerspruch. Sie wollte gerade den Raum verlassen, als sie innehielt und Tufnell ansah. „Wann wird Dr. Holmes hier sein?“, fragte sie.

„Fast augenblicklich, gnädige Frau.“

„Du solltest besser hierbleiben und ihn in Empfang nehmen, Philip.“ Miss Heredith legte ihre Hand liebevoll auf die Schulter ihres Bruders. Er hatte während der Zeit, in der die Polizei im Raum war, nicht gesprochen, sondern hatte ruhig auf seinem Stuhl gesessen, mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen, und wirkte sehr alt und gebrechlich. „Es wird gut sein, wenn er Phil sieht, bevor er nach oben geht“, fügte sie hinzu.

Sir Philip sah bei der Erwähnung des Namens seines Sohnes auf. „Armer Phil“, murmelte er stumpf.

„Ich denke, der Arzt sollte Phil untersuchen, sobald er kommt“, fuhr Miss Heredith beiseite zu Musard fort. „Sein Anblick beunruhigt mich. Ich fürchte, der Schock hat seinen Verstand angegriffen. Tufnell, sorgen Sie dafür, Dr. Holmes direkt auf Mr. Philips Zimmer zu führen, sobald Sir Philip ihn empfangen hat.“

„Sie können sich auf mich verlassen, gnädige Frau“, sagte Tufnell ernst.

„Sehr gut. Wir werden jetzt nach oben gehen.“

Sie verließ den Salon und schritt auf die breite Eichentreppe zu, dicht gefolgt von Musard. Detective Caldew folgte langsamer und nahm seine Umgebung in Augenschein. Als sie das obere Ende der Treppe erreichten, schaltete Miss Heredith den elektrischen Strom ein, und der Schlafzimmerkorridor erstrahlte in hellem Licht. Detective Caldew war über dessen Länge überrascht.

„Wohin führt dieser Gang?“, fragte er unvermittelt.

„Zur Südseite des Moat-House“, antwortete Musard.

„Hat er einen Ausgang?“

„Ja; eine Tür am Ende verbindet ihn mit einer schmalen Treppe, die zu einer weiteren Tür unten führt. Die zweite Tür war ein ehemaliger Hintereingang – sie öffnet sich irgendwo in der Nähe der Bedienstetenquartiere, glaube ich?“ Er blickte fragend zu Miss Heredith.

„Diese Treppe wird jetzt niemals benutzt“, antwortete sie. „Die Eingangstür am Fuß der Treppe bleibt verschlossen.“

„Es gibt so etwas wie Dietrich-Schlüssel“, bemerkte der Detektiv.

Musard öffnete die Tür zum Sterbezimmer und schaltete das Licht ein. Caldew ging sofort zum Bett. Er zog die Abdeckung weg, die über das Gesicht der jungen Ehefrau gelegt worden war, und stand da, während er sie betrachtete.

Der Tod hatte ihr Pathos verliehen, aber keine Würde. Auf der Blässe der Totenmaske waren die geschminkten Lippen, die Rouge-Flecken und die nachgezeichneten Augenbrauen des toten Gesichts so deutlich zu erkennen wie Druck auf einer weißen Seite. Die Lippen waren leicht geöffnet; die kleinen weißen Zähne zeigten sich unter der Oberlippe. Die kleine Nase trat in der scharfen Kontur des Todes hervor; zwischen den halb geschlossenen Lidern blickten die verdunkelten blauen Augen ins Leere. Das dicke, blonde Haar, mit Blut besprenkelt, floss in ungeordneten Wellen über das weiße Kissen; die zahlreichen Ringe an den toten Händen blitzten und glitzerten in harter Brillanz im elektrischen Licht.

Es waren diese kostbaren Juwelen an den Händen des ermordeten Mädchens, die die Frage provozierten, die dem Detektiv auf die Lippen kam:

„Hat der Mörder etwas mitgenommen?“, fragte er. „Wird etwas vermisst?“

„Nein“, sagte Miss Heredith. „Es wurde nichts mitgenommen.“

„Mrs. Heredith hatte mehr Schmuck als diesen, nehme ich an?“, fuhr der Detektiv fort. „Broschen und Halsketten und dergleichen. Wo wurden sie aufbewahrt?“

„Mrs. Herediths Schmuckkästchen ist unten im Tresor in der Bibliothek“, antwortete Miss Heredith. Sie fühlte sich nicht verpflichtet, die zusätzliche Information hinzuzufügen, dass sie es selbst erst eine halbe Stunde zuvor dorthin gebracht und eingeschlossen hatte.

Detective Caldew machte sich eine geistige Notiz von der Tatsache, dass das Motiv für das Verbrechen kein Raub war, es sei denn, der Mörder war in Panik geraten und geflohen. Sein Blick, der durch den Raum schweifte, wurde von den Fenstervorhängen angezogen, die sich leicht bewegten. Er stieß sie beiseite und sah das offene Fenster.

„Wie lange steht dieses Fenster schon offen?“, fragte er.

Miss Heredith nannte ihre Gründe für die Annahme, dass das Fenster geschlossen war, als sie Violet verließ, um nach unten ins Esszimmer zu gehen. Caldew hörte nachdenklich zu und nickte mit schnellem Verständnis, als sie die Information hinzufügte, dass das Schlafzimmerfenster fast zwanzig Fuß über dem Boden lag.

„Sie glauben, der Mörder ist nicht aus dem Fenster gesprungen“, sagte er. „Der wichtigere Punkt ist: Ist er auf diesem Weg hineingekommen? Es ist keine schwierige Angelegenheit, eine Mauer zu erklimmen, um ein Fenster zu erreichen, wenn es irgendeine Art von Halt gibt. Das ist ein Punkt, den ich später untersuchen werde.“

Er prüfte den Fensterriegel und ging dann im Zimmer umher, wobei er es genau untersuchte. Seine schnellen, eifrigen Augen, die in jede Richtung blickten, wurden von etwas Glitzerndem auf dem Teppich nahe dem Bett eingefangen. Er warf einen Blick auf seine Begleiter. Als Detektiv hatte er längst die Weisheit der Vorsicht in der Anwesenheit von Freunden und Verwandten gelernt.

„Ich möchte allein im Zimmer gelassen werden, um es gründlicher zu untersuchen“, kündigte er kurz an.

Als Miss Heredith und Musard den Raum verlassen hatten, schloss er die Tür hinter ihnen ab und kniete sich neben das Bett, wobei er einen kleinen glänzenden Gegenstand hervorholte, der fast in der dicken grünen Struktur des Teppichs verborgen war. Es war ein Schmuckstück wie eine Stab-Brosche mit goldenen Verschlüssen. Der Stab war aus transparentem Stein, klar wie Glas, mit einem schwachen meergrünen Schimmer, und im Inneren mit kleinen schwarzen Punkten gesprenkelt. Caldew hatte noch nie einen solchen Stein gesehen. Das dünne Gold der Fassung deutete darauf hin, dass es keinen großen Eigenwert hatte, aber es war ein hübsches kleines Schmuckstück, wie Damen es manchmal als Maskottchen tragen. Caldew überlegte, dass, wenn es ein Maskottchen war, es keineswegs sicher war, dass die Besitzerin eine Frau war. Viele junge Offiziere nahmen Maskottchen als Glücksbringer mit an die Front.

Als er es in seiner Hand drehte, bemerkte er einige Buchstaben auf der Unterseite. Er untersuchte es neugierig und sah, dass eine Inschrift in den Stein in runder, unregelmäßiger Handschrift eingeritzt worden war – offensichtlich eine ungeübte, fast kindliche Mühe. Als er die Brosche näher ans Licht hielt, konnte er die Inschrift entziffern. Sie bestand aus zwei Wörtern: „Semper Fidelis“.

Es schien Caldew, dass die Inschrift die Richtigkeit seiner ersten Vermutung, das Schmuckstück sei als weibliches Maskottchen getragen worden, eher schwächte. Er bezweifelte sehr, dass irgendeine moderne Frau ein viktorianisches Gefühl wie „Immer treu“ schätzen würde. Andererseits könnten das viele Männer. Seine Erfahrung als Detektiv hatte ihn zu der Überzeugung geführt, dass Männer eher zu solchen Gefühlen neigten als das andere Geschlecht, obwohl ihr Verhalten selten mit ihren Beteuerungen und vorübergehenden Absichten übereinstimmte.

Von einem plötzlichen Gedanken getroffen, ließ er das Schmuckstück wieder auf den Teppich fallen. Es war gerade noch im dichten Flor sichtbar.

„Eine gute Idee!“, murmelte er, als er aufstand. „Ich werde dieses Zimmer heute Nacht bewachen.“

Während er dort stand und über die Möglichkeit spekulierte, dass der Besitzer des Schmuckstücks in das Zimmer zurückkehren würde, um danach zu suchen, wurde er durch ein leises Klopfen an der Tür unterbrochen. Er ging hinüber und öffnete sie. Tufnell stand draußen, ernst und gefasst.

„Mr. Musard möchte Sie in der Bibliothek sprechen“, sagte er.

Sein Ton war gleichmäßig und fast unterwürfig, doch die wachsamen Augen des Detektivs fingen einen flüchtigen Blick ein, den der Butler über seine Schulter in Richtung der stillen Gestalt auf dem Bett warf.

„Sehr wohl, ich werde ihn sehen“, sagte der Detektiv.

„Ich werde Sie zu ihm bringen, wenn Sie mitkommen wollen.“ Der Butler ging mit lautlosem Schritt den Gang entlang, und Caldew folgte ihm, in tiefe Gedanken versunken.

Der Butler begleitete ihn in die Bibliothek und trat hinter ihm ein. Musard war allein im Raum und stand am Kamin, eine Zigarre rauchend. Er blickte auf, als Caldew eintrat.

„Ich habe gerade etwas erfahren, von dem ich denke, dass Sie es wissen sollten“, sagte er. „Die Information kommt von Tufnell. Er sagt mir, dass er heute Nachmittag, als er im Haus unterwegs war, die Außentür der Hintertreppe unverschlossen fand.“

„Meinen Sie die Tür am Fuß der Treppe im linken Flügel?“, fragte Caldew.

„Genau.“

„Ich hatte von Miss Heredith verstanden, dass diese Tür immer verschlossen gehalten wird.“

„Das wird sie im Regelfall auch. Es war nur ein Zufall, dass der Butler heute Abend entdeckte, dass sie unverschlossen war. Sie sollten es dem Detektiv erklären, Tufnell, wie es dazu kam, dass Sie sie unverschlossen vorfanden.“

„Ich ging heute Abend durch den hinteren Teil des Hauses“, sagte der Butler und trat vor. „Als ich an der Tür vorbeiging, probierte ich die Klinke. Zu meiner Überraschung gab sie nach. Ich öffnete die Tür und stellte fest, dass der Schlüssel auf der anderen Seite im Schlüsselloch steckte. Ich schloss die Tür ab und nahm den Schlüssel an mich.“

„Wie spät war das?“, erkundigte sich Caldew.

„Ein wenig vor sechs – vielleicht eine Viertelstunde.“

„Ist es Ihre Gewohnheit, diese Tür jeden Abend zu prüfen?“

„Oh nein, das ist nicht nötig. Die Tür bleibt immer verschlossen, und der Schlüssel hängt mit einem Bündel anderer unbenutzter Schlüssel in einem kleinen Raum in der Nähe der Haushälterinnen-Wohnungen, wo eine Reihe von Kleinigkeiten aufbewahrt wird.“

„Wann haben Sie das letzte Mal die Tür geprüft?“

Der Butler überlegte einen Moment.

„Das kann ich nicht genau sagen“, sagte er schließlich. „Die Tür wird nie benutzt, und ich denke selten an sie.“

„Dann kann der Schlüssel, soweit Sie wissen, seit Tagen oder Wochen in der Tür gesteckt haben.“

„Nun ja, das ist möglich, jetzt, wo Sie es erwähnen“, sagte der Butler mit einer Miene der Überraschung, als hätte er eine solche Möglichkeit vorher nicht in Betracht gezogen.

„Der Schlüssel war vom Bündel abgenommen worden?“

„Ja.“

„Wissen die Dienstboten, wo der Schlüssel aufbewahrt wird?“

„Einige der Dienstmädchen wissen es. Die Hintertreppe wird gelegentlich zum Lüften und Entstauben geöffnet, und das Mädchen, das diese Arbeit erledigt, holt den Schlüssel von der Haushälterin.“

„Wer ist für den Raum verantwortlich, in dem die Schlüssel aufbewahrt werden?“

„Niemand im Besonderen. Es ist eigentlich eine Art Rumpelkammer. Die Haushälterin verwaltet die Schlüssel.“

„Danke; das ist alles, was ich wissen muss.“

Der Butler verließ den Raum, und Caldew blickte auf, um Musards Augen zu begegnen, die ihn beobachteten.

„Glauben Sie, dass das etwas mit dem Mord zu tun hat?“, fragte Musard.

Caldew zögerte einen Moment. Es lag ihm auf der Zunge zu antworten, dass er der Aussage des Butlers keine Bedeutung beimaß, aber berufliche Gewohnheiten der Vorsicht zügelten seine natürliche Impulsivität.

„Ich möchte mehr über die Umstände wissen, bevor ich eine Meinung äußere“, antwortete er. „Tufnells Geschichte war ziemlich vage.“

„In welcher Hinsicht?“

„In Bezug auf die Zeit. Die Tür könnte seit Tagen unverschlossen gewesen sein.“

„Wer würde sie aufschließen?“, antwortete Musard. „Die Schlussfolgerung angesichts dessen, was geschehen ist, scheint eher zu sein, dass die Tür heute aufgeschlossen wurde und Tufnell durch einen glücklichen Zufall darauf stieß – durch das Schicksal, wenn Sie so wollen. Zumindest sieht es für mich so aus.“

„Und der Mörder kam durch diese Tür herein?“

„Ja.“

„Ich denke, das ist zu viel angenommen“, sagte Caldew. Er hatte nicht die Absicht, seinem Begleiter darauf hinzuweisen, dass eine solche Annahme die Tatsache übersah, dass Tufnells Entdeckung und das Abschließen der Tür das Verbrechen und die anschließende Flucht des Mörders nicht verhindert hatten.

Er wandte sich zum Gehen, aber Musard war in geschwätziger Stimmung. Er bot dem Detektiv eine Zigarre an und hielt ihn eine Weile fest, während er sich weitläufig unterhielt. Caldew war nicht in der Stimmung zuzuhören. Sein Geist war voller Probleme dieses seltsamen Falls, und er war begierig darauf, nach oben zurückzukehren. Er nutzte die erste Gelegenheit, das Gespräch zu beenden und den Raum zu verlassen.

Es war seine Absicht, sich in einem der Kleiderschränke des Schlafzimmers zu verstecken, in der Hoffnung, dass der Besitzer des Schmuckstücks, das er gefunden hatte, zurückkehren würde, um danach zu suchen. Als er den Treppenabsatz erreichte, war er überrascht zu sehen, dass die Tür des Schlafzimmers der ermordeten Frau weit offen stand, obwohl er sich genau erinnerte, sie geschlossen zu haben, als er das Zimmer verließ, um den Butler nach unten zu begleiten. Mit schnell schlagendem Herzen eilte er durch das Zimmer zu der Stelle, wo er das Schmuckstück zurückgelassen hatte. Aber es war weg.

KAPITEL VII

Es war der Morgen nach dem Mord, und fünf Männer saßen in der Bibliothek des Moat-House. Einer von ihnen zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich, aufgrund seiner überwältigenden Persönlichkeit. Er war ein Riese an Statur und Körperbau, mit einem massiven Kopf, einem großen roten Gesicht, aus dem ein Paar kleiner, blutunterlaufener Augen trotzig starrte, und einem Stiernacken, der um einige Nuancen dunkler gefärbt war als sein Gesicht. Es war Superintendent Merrington, ein bekannter Exekutivbeamter von New Scotland Yard, dessen Handhabung des wichtigsten Spionagefalls, der während des Krieges in London verhandelt wurde, ihm von einem gnädigen Souverän den unvermeidlichen Order of the British Empire eingebracht hatte. Merrington war in jeder Hauptstadt Europas als Detektiv bekannt, und aufgrund seines weiten Wissens über europäische Kriminelle hatte er mehr als einmal als Leibwächter des Königshauses auf kontinentalen Reisen fungiert und aus königlichen Händen die Diamantnadel erhalten, die nun seine gepunktete Seidenkrawatte schmückte, die seinen dicken, purpurnen Hals umschlang.

Die Lebensanschauung des berühmten Detektivs war zynisch und roh. Der Zynismus war das natürliche Ergebnis seines Berufs; die Rohheit war ihm angeboren, wie sein sinnlicher Mund, die wulstigen Lippen, die dicke Nase und der Stiernacken bezeugten. Es war ein seltsamer Streich des Schicksals, der ihn zum Hüter der gesellschaftlichen Moral und zum Aufrechterhalter von Gesetz und Ordnung in einer modernen zivilisierten Gemeinschaft gemacht hatte. Dem Temperament und der Veranlagung nach gehörte er zu jenem vollblütigen Menschentyp, dessen beste Exemplare man unter den frühen Moskauer Zaren fand, und hätte das Schicksal es gewollt, hätte er in ähnlichen Exzessen von Laster, Unterdrückung und Folter geschwelgt. Da ihn das Schicksal ironischerweise zu einem Polizeibeamten gemacht hatte, musste er sich damit begnügen, den überflüssigen Dampf seines gewaltigen Temperaments an der kriminellen Klasse auszulassen, und er hatte diese Pflicht so gründlich erfüllt, dass sein Name, bevor er zum Reisebegleiter von Königen wurde, ein Schrecken für die Londoner Unterwelt gewesen war, die seine Grausamkeit, seine skrupellosen Methoden im Umgang mit ihr und sein umfassendes Wissen über diese Schicht fürchtete und verabscheute.

Er war ein anerkannter Held der britischen Öffentlichkeit, die ihm bei einer Gelegenheit für die Ergreifung eines Desperados, der das Londoner East End terrorisiert hatte, eine Ehrenurkunde verliehen hatte. Doch Merrington verachtete solche Zeichen öffentlicher Anerkennung. Er betrachtete die Öffentlichkeit, zu deren Schutz er bezahlt wurde, als einen Haufen Narren. Für ihn gab es nur zwei Klassen von Menschen – Narren und Schurken. Den respektablen Teil der Bevölkerung machten die ersteren aus, die Kriminellen die letzteren. Er hatte die denkbar niedrigste Meinung von der Menschheit als Ganzes, und sein Lieblingsausdruck in professionellen Gesprächen lautete: „Da die menschliche Natur nun einmal ist, wie sie ist…“ Er war immer noch eine gewaltige Kraft bei Scotland Yard, obwohl er seinen Zenit überschritten hatte und in die dekorative Phase seiner Karriere eingetreten war, da er sich nur noch selten herabließ, einen Fall persönlich zu untersuchen.

Sein derzeitiger Besuch im Moat-House war eine dieser seltenen Gelegenheiten und war auf das Handeln von Captain Stanhill zurückzuführen, dem Chief Constable von Sussex, der in seiner Nähe saß. Captain Stanhill war ein kleiner, korpulenter Mann mit einem runden, frischen Gesicht sowie kurzen, stämmigen Beinen und Armen. Er trug einen Tweed-Rock von der Art, die Schneider als „Sporting Lounge“ bezeichneten, und seine kleinen Beine steckten in Kniebundhosen und Ledergamaschen, die mit Schlamm bespritzt waren, als wäre er an jenem Morgen ein Stück geritten. Er war ein ganz anderer Typ als Superintendent Merrington – ein Gentleman von Geburt und Erziehung, ein Kirchenmann und ein Magnat der Grafschaft. Er tat nie etwas so Gefährliches wie Denken, sondern akzeptierte die Traditionen und Regeln seines Standes und seiner Klasse als seinen sicheren Wegweiser durch das Leben. Wie die meisten Engländer seines gesellschaftlichen Ranges war er mit gerade genug Intelligenz ausgestattet, um mit einem gewissen Maß an Zufriedenheit für sich selbst und Vergnügen für seine Nachbarn durch sein kleines Leben zu gleiten. Er war ein sachverständiger Beurteiler von Vieh und Pferden, aber von der menschlichen Natur verstand er rein gar nichts, und seine erste Handlung, als er von dem Mord im Moat-House erfuhr, war es, bei Scotland Yard anzurufen und zu verlangen, dass einer seiner vertrauenswürdigsten Beamten zur Untersuchung der Umstände hergeschickt werde. Als Antwort auf diesen Hilferuf hatte Superintendent Merrington, wohl eingedenk des Ansehens und Einflusses der Herediths in der Grafschaft, beschlossen, den Fall selbst zu untersuchen, und hatte zwei Satelliten mitgebracht – einen Fingerabdruckexperten, der sich in diesem Augenblick mit einem Taschenmesser die Fingernägel schnitt, während er geistesabwesend aus dem Bibliotheksfenster starrte, und einen offiziellen Fotografen, der oben im Sterbezimmer Fotos machte.

In der Nähe des Fingerabdruckexperten saß ein Polizeibeamter mittleren Alters, Inspector Weyling von der Sussex County Police. Er war ein finsterer Mann mit einer Hakennase, einer Haut wie Pergament und einem vollkommen kahlen, zuckerhutförmigen Kopf, auf dessen Spitze ein Geschwulst so groß wie ein Entenei thronte. Seine unterwürfige Haltung und sein dienstbeflissener Ton, wann immer Superintendent Merrington es für angebracht hielt, eine Bemerkung an ihn zu richten, zeigten, dass er den gebührenden dienstlichen Respekt vor dem Rang und Stand dieses Herrn hegte. Inspector Weyling war lediglich ein Polizeibeamter. Er hatte keinerlei persönliche Eigenheiten, es sei denn, man wollte das Hobby der Zucht belgischer Kaninchen und den tiefen Glauben, dass Mr. Lloyd George der größte Staatsmann sei, den die Welt je gesehen hatte, als Temperament bezeichnen.

Der fünfte Mann war Detective Caldew, der gerade ein Protokoll der Ereignisse der vergangenen Nacht zum Nutzen seiner Kollegen abgeschlossen hatte, aber mehr noch für Superintendent Merrington, in dessen Händen die Macht lag, die Ermittlungen zu dem Verbrechen zu leiten. Es war nicht der Wunsch von Detective Caldew, dass Superintendent Merrington in den Fall eingeschaltet wurde. Caldew hatte gedacht, wenn der Inspector der Grafschaft einträfe und einen Mann von Scotland Yard bei der Arbeit vorfände, wäre er nur allzu froh, ihn den Fall weiterführen zu lassen, und er erwartete keine Schwierigkeiten, die Zustimmung seiner offiziellen Vorgesetzten bei Scotland Yard zu erhalten, die von ihm begonnenen Ermittlungen fortzusetzen. Doch Inspector Weyling hatte, als er von Sergeant Lumbe über das Verbrechen benachrichtigt wurde, den Chief Constable um Anweisungen gebeten. Dieser, misstrauisch gegenüber der Fähigkeit der Polizei der Grafschaft, einen solch abscheulichen Mörder der Gerechtigkeit zuzuführen, hatte die Hilfe von Scotland Yard erbeten, mit dem Ergebnis, dass Superintendent Merrington und seine Assistenten am frühen Morgen vor den erstaunten Augen von Caldew im Moat-House erschienen, der nach einer Nacht ergebnisloser Ermittlungen einen Spaziergang im Garten des Moat-House gemacht hatte.

In der Ankunft Merringtons sah Caldew all seine schönen Beförderungshoffnungen zunichtegemacht. Er war keineswegs zuversichtlich, dass Merrington ihm gestatten würde, weiterhin an den Ermittlungen teilzunehmen, aber er war sich ganz sicher: Sollte er es tun und der Mörder durch ihre gemeinsamen Anstrengungen gefasst werden, würde nur ein sehr geringer Teil des Ruhms auf ihn entfallen, wenn ein so berühmter Detektiv wie Merrington mit dem Fall verbunden war. Dafür würde Merrington schon sorgen.

Caldew betonte in seiner Schilderung des Mordes den mysteriösen Charakter des Verbrechens, in der Hoffnung, Merrington möge es für klüger halten, nach London zurückzukehren und ihn mit dem Fall zu betrauen, anstatt ein Scheitern zu riskieren, das seinem eigenen Ruf schwer schaden würde. Merrington hörte ihm düster zu. Er erkannte die schwierige Aufgabe, die vor der Polizei lag, voll und ganz, und seine Laune besserte sich dementsprechend nicht.

„Anscheinend ist der Mörder spurlos entkommen, ohne eine Spur zu hinterlassen?“, sagte er.

„Ja.“

„Kein Anzeichen einer Waffe?“

„Nein.“

„Wurde etwas gestohlen?“

„Nein. Miss Heredith sagt, dass aus dem Zimmer nichts entwendet wurde und im Haus nichts fehlt.“

„Das Motiv war also kein Raub“, bemerkte Captain Stanhill.

„Es könnte sein“, erwiderte Merrington. „Caldew sagt, der erste Hinweis auf das Verbrechen sei der Schrei der ermordeten Frau gewesen. Dem Schrei folgte wenige Sekunden später der Revolverschuss. Wenn sie schrie, als sie den Mörder ihr Zimmer betreten sah, könnte er eine Unterbrechung und Gefangennahme gefürchtet und die Flucht ergriffen haben, ohne etwas zu stehlen.“

„Warum hat er sie dann ermordet?“, fragte Captain Stanhill.

„Um eine spätere Identifizierung zu verhindern. Viele Einbrecher begehen aus diesem Grund Mord. Ich kenne eine Menge alter Hasen, die lieber ein halbes Dutzend Morde begehen würden, als der Aussicht auf fünf Jahre Gefängnis ins Auge zu sehen. Ich sage nicht, dass Einbruch das Motiv in diesem Fall war, aber wir dürfen die Möglichkeit nicht aus den Augen verlieren.“

„Es scheint ein seltsamer Fall zu sein“, murmelte Inspector Weyling abwesend. Während er sprach, dachte er an seine Kaninchen und fragte sich, ob seine Frau daran denken würde, der Schlappohr-Häsin mit dem Wurf im Laufe des Vormittags ein wenig Milch zu geben.

„Es ist ein sehr trauriger Fall“, sagte Captain Stanhill. „Die arme junge Frau!“ Der Chief Constable war ein Mensch, bevor er ein Polizeibeamter war, und sein Gesicht zeigte deutlich, dass er von der Geschichte des Verbrechens mit Entsetzen erfüllt war.

„Es ist ein verdammt bemerkenswerter Fall“, rief Merrington mit seiner dröhnenden Stimme. „Ich kann mich an kein Pendant erinnern. Eine englische Dame wird in ihrem eigenen Heim ermordet, während eine Menschenmenge im Zimmer darunter zu Abend isst, und der Mörder entkommt spurlos, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Keine Waffe, keine Fingerabdrücke oder Fußabdrücke und kein Hinweis irgendeiner Art.“

Caldew hatte gehofft, eine Gelegenheit zu bekommen, Merrington privat von dem fehlenden Schmuckstück zu berichten, aber er erkannte, dass er seine Pflicht nicht erfüllte, wenn er die Erklärung verzögerte.

„Es gab etwas, das uns als Hinweis hätte dienen können“, sagte er. „Gestern Abend, als ich das Schlafzimmer von Mrs. Heredith untersuchte, sah ich ein kleines Schmuckstück auf dem Boden in der Nähe des Bettes liegen.“

„Was für ein Schmuckstück?“, fragte Merrington.

„Eine kleine Stab-Brosche.“

„Wo ist sie?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Caldew verlegen. „Ich ließ sie dort liegen, wo ich sie sah, versteckt im Teppich, in der Annahme, dass die Person, die sie verloren hatte, möglicherweise zurückkehren würde, um danach zu suchen, aber während ich unten war, verschwand sie.“

„Das ist ziemlich seltsam“, sagte Merrington nachdenklich. „Ich neige nicht dazu zu glauben, dass daran etwas ist, das uns helfen könnte“, fügte er nach kurzem Überlegen hinzu. „Dennoch werde ich es später untersuchen. Warum haben Sie das Schmuckstück im Zimmer gelassen, Caldew?“

„Ich hielt es für möglich, dass der Besitzer, sollte er etwas mit dem Verbrechen zu tun haben, er – oder sie – zurückkommen könnte, um danach zu suchen“, sagte Caldew. „Also ließ ich es dort, wo ich es fand, und beobachtete das Zimmer vom Ende des Flurs aus.“

„Ein Mörder läuft nicht mit einem billigen Schmuckstück herum, und selbst wenn, würde er nicht sein Leben riskieren, indem er zurückkommt, um danach zu suchen. Die Brosche wurde höchstwahrscheinlich von einem der Dienstmädchen fallen gelassen, die sie wieder aufgehoben hat.“

„Würde ein Mädchen in ein Zimmer gehen, in dem eine Leiche liegt?“

„Ein Landmädchen schon. Englische Landfrauen haben ziemlich starke Nerven. Das sollten Sie wissen. Aber warum haben Sie das Zimmer verlassen, wenn Sie erwarteten, dass der Besitzer des Schmuckstücks zurückkehren würde, um danach zu suchen?“

„Ich wurde nach unten gerufen, um Mr. Musard zu sehen. Eine ungenutzte Außentür, die normalerweise verschlossen gehalten wird, wurde vom Butler als unverschlossen entdeckt, bevor der Mord begangen wurde. Da die Tür auf eine Treppe führt, die zum linken Flügel führt, glaubte Mr. Musard, die Entdeckung des Butlers habe etwas mit dem Verbrechen zu tun.“

„Er glaubte, der Mörder könnte auf diesem Weg das Haus betreten haben? Eine solche Theorie würde darauf hindeuten, dass einer der Bediensteten darin verwickelt ist.“

„Ja; aber ich stimme Mr. Musard nicht zu.“

„Was ist Ihre eigene Meinung?“

„Ich glaube, der Schlüssel muss von einem der Bediensteten in der Tür gelassen worden sein – vielleicht schon vor einigen Tagen. Die Tatsache, dass der Butler die Tür abschloss, als er sie unverschlossen vorfand, verhinderte weder, dass der Mord begangen wurde, noch dass der Mörder hinterher entkam.“

„Der Mörder könnte durch die Tür eingedrungen sein, bevor der Butler entdeckte, dass sie unverschlossen war, und sich dann im Haus versteckt haben, um auf eine Gelegenheit zu warten, das Verbrechen zu begehen.“

„In diesem Fall hätte er versucht, auf demselben Weg zu entkommen, aber es steht völlig fest, dass er das nicht getan hat. Mr. Musard sagt, die Treppe sei der erste Ort gewesen, der durchsucht wurde, als die Gäste nach oben eilten. Wäre der Mörder diesen Weg gegangen, hätte er die Tür am Fuß der Treppe verschlossen vorgefunden, der Schlüssel wäre abgezogen gewesen, und er hätte gefasst werden müssen, bevor er wieder nach oben gelangen konnte.“

„Da ist etwas dran“, sagte Merrington. „Aber wie erklären Sie sich, dass die Tür überhaupt unverschlossen war?“

„Die Bediensteten wissen, wo der Schlüssel aufbewahrt wird. Eines der Dienstmädchen könnte ihn genommen haben, um auf diesem Weg aus dem Haus zu schleichen und sich mit einem Liebhaber zu treffen, und bei ihrer Rückkehr alles darüber vergessen haben. Die Hintertreppe und der Eingang werden nie von den Mitgliedern des Haushalts benutzt, und der Schlüssel, der von innen in der Tür steckte, könnte dort tagelang gesteckt haben, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Tufnell gibt zu, dass er nur durch Zufall gestern die Tür ausprobiert hat. Er hatte sie wochenlang vorher nicht ausprobiert.“

„Ich werde mir diese Tür später ansehen. Und jetzt sollten wir besser an die Arbeit gehen. Wir müssen diesen Mörder ziemlich schnell fassen, sonst werden die Presse und die Öffentlichkeit auf die Barrikaden gehen. Er hat bereits einen zu großen Vorsprung. Sie müssen sich auf beträchtliche öffentliche Empörung darüber einstellen, Caldew.“

„Ich sehe nicht ein, wie man mich dafür verantwortlich machen kann, dass der Mörder entkommen ist“, sagte Caldew in einem gekränkten Ton. „Er hatte seinen Vorsprung, bevor ich ankam. Ich habe alles getan, was ich konnte. Ich habe das Haus von innen und außen durchsucht, und Sergeant Lumbe durchkämmt seit Tagesanbruch die Gegend nach verdächtigen Personen.“

„Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Caldew“, antwortete Merrington, aber seine Stimme deutete das Gegenteil seiner Worte an. „Ich weise Sie lediglich darauf hin, wie die britische Öffentlichkeit das sehen wird. Sie werden sagen: ‚Hier wird eine junge Ehefrau im Schoße ihres Heims und ihrer Familie ermordet, und der Mörder kommt einfach davon. Wofür bezahlen wir die Detektivtruppe? Damit sie Mörder entkommen lässt?‘ Merken Sie sich meine Worte, wenn wir diesen Kerl nicht schnell in die Finger bekommen, werden wir die gesamte Londoner Presse wie ein Rudel Wölfe an unseren Fersen haben. Ein halbes Dutzend Sonderkorrespondenten sind mit mir im Zug mitgefahren und haben mich die ganze Strecke über mit Fragen gelöchert. Sie kommen später hierher für eine Stellungnahme für die Abendausgaben. Aber kümmern Sie sich nicht um die Journalisten – lassen Sie uns ohne weiteren Zeitverlust an die Arbeit gehen. Haben Sie eine Liste aller Gäste gemacht, die im Haus abgestiegen sind?“

„Noch nicht. Hier ist ein Skizzenplan des Inneren des Moat-House und des Geländes, der Ihnen nützlich sein könnte.“

„Danke. Sie sollten besser eine Liste der Gäste erstellen, bevor sie abreisen. Sie werden sicher so schnell wie möglich abhauen, und wir könnten einige von ihnen später noch befragen wollen. Jetzt sollten wir uns besser die Leiche ansehen.“

Sie gingen hinauf in das Schlafzimmer. Dort fanden sie einen jungen Mann mit sommersprossigem Gesicht und Stupsnase, der gerade seine Fotoausrüstung einpackte. Er war der Fotograf und hatte Fotos der toten Leiche gemacht.

„Fertig?“, erkundigte sich Merrington. „Das ist richtig. Dann sollten Sie und Freeling am besten mit dem nächsten Zug nach London zurückkehren – Sie werden in diesem Fall in Putney gebraucht.“

Der Fotograf und der Fingerabdruckexperte verließen das Zimmer gemeinsam, und Merrington ging zum Bett hinüber. Er zog das Laken weg, das die tote junge Frau bedeckte, und beugte sich über den Körper, um ihn genau zu untersuchen, ohne ihn jedoch zu berühren.

„Die Leiche wurde nicht bewegt, nehme ich an?“, bemerkte er zu Caldew, der neben ihm stand.

„Nicht, seit ich angekommen bin. Aber sie wurde möglicherweise nicht in dieser Position erschossen. Sie lebte danach noch einige Minuten und könnte sich leicht bewegt haben – nicht viel, würde ich sagen, denn es gibt keine Blutspuren auf irgendeinem anderen Teil des Bettes.“

Merrington nickte. Er betrachtete die Schusswunde, die durch ein verbranntes Loch in dem Morgenrock, den die tote junge Frau trug, deutlich sichtbar war. Die Wunde war ein kreisrundes Einstichloch in der linken Brust, kleiner als eine Sechs-Pence-Münze.

„Die Wunde wurde gewaschen“, stellte er fest. „Wurde das vom Polizeiarzt getan?“

„Der Polizeiarzt war nicht hier. Die Leiche wurde von dem Arzt des Dorfes, Dr. Holmes, untersucht.“

„Ich würde ihn gerne sehen. Wo ist er zu finden?“

„Er wird im Laufe des Vormittags hier sein. Er behandelt den jungen Heredith, der unter dem Schock leidet. Der Arzt befürchtet ein Gehirnfieber.“

„Wenn er kommt, möchte ich ihn sehen. Es ist müßig, in Abwesenheit eines Arztes über die Todesursache zu spekulieren. Der Tod scheint in diesem Fall auf einen Blutverlust zurückzuführen zu sein. Anscheinend zielte der Mörder auf das Herz und verfehlte es, und der Schuss ging durch die Lunge. Der Schuss wurde zudem aus sehr kurzer Distanz abgefeuert – sehen Sie nur, wie der Morgenrock verbrannt ist! Irgendein Anzeichen der Kugel, Caldew?“

„Ich habe keine gefunden.“

„Nun, wir werden darauf warten müssen, dass der Arzt diese Punkte klärt.“

Seine geschulten Augen schweiften durch das Schlafzimmer und nahmen jeden Gegenstand darin in Augenschein. Als Nächstes untersuchte er sorgfältig die Tür und das Schloss daran.

„Die Tür war offen, als die anderen nach oben kamen, sagten Sie, Caldew?“

„Ja – etwa halb offen.“

„Das erklärt, warum der Schrei und der Schuss unten so deutlich zu hören waren. Es deutet auch darauf hin, dass der Mörder sehr hastig geflohen ist und die Tür hinter sich offen gelassen hat.“

„Es erscheint mir wahrscheinlicher, dass er durch das Fenster entkommen ist, selbst wenn er nicht auf diesem Weg eingedrungen ist. Miss Heredith, die als letzte Person des Haushalts Mrs. Heredith lebend gesehen hat, glaubt, dass das Fenster geschlossen war, als sie vor dem Abendessen im Zimmer war.“

Merrington ging zum Fenster, untersuchte es, prüfte den Verschluss und betrachtete das Sims.

„Sagt Miss Heredith, dass das Fenster verschlossen oder nur geschlossen war, als sie im Zimmer war?“, fragte er.

„Sie kann es nicht genau sagen. Sie glaubt, es war geschlossen, weil die Luft schwer war und sie wusste, dass Mrs. Heredith es nicht mochte, ihr Schlafzimmerfenster offen zu haben.“

Merrington zuckte verächtlich mit den Schultern.

„Auf die Einbildungen einer Frau lässt sich keine Theorie aufbauen“, sagte er. „Haben Sie irgendeinen anderen Grund zu der Annahme, dass der Mörder durch dieses Fenster entkommen sein könnte?“

„Ja. Nachdem der Schuss abgefeuert wurde, eilten die Gäste sofort nach oben, und der Mörder wäre ihnen in die Arme gelaufen, wenn er versucht hätte, nach unten zu entkommen.“

„Gibt es keine andere Fluchtmöglichkeit aus dem Flügel außer der Treppe?“

„Es gibt die Hintertreppe, von der ich Ihnen erzählte, am Ende des Korridors. Diese Treppe wird nie benutzt. Die Tür ist verschlossen, und der Schlüssel hängt in einem Zimmer unten. Es war die Tür am Fuß dieser Treppe, die gestern Abend vom Butler als unverschlossen vorgefunden wurde.“

„Ich werde sie mir ansehen, und dann gehen wir nach unten. Ich möchte mir dieses Schlafzimmerfenster von außen ansehen.“

Sie verließen das Schlafzimmer und gingen zum Ende des Korridors, wo Caldew auf die Tür oben an der Treppe hinwies. Merrington öffnete sie und ging die Treppe hinunter. Er erschien nach wenigen Minuten mit staubigen Händen und Spinnweben an der Kleidung wieder.

„Der Mörder ist nicht auf diesem Weg hineingelangt“, sagte er. „Oberflächlich betrachtet scheint es eine plausible Theorie, anzunehmen, dass er durch die verschlossene Tür eindrang, sich irgendwo in diesem Flügel versteckte und nach der Begehung des Mordes entkam, indem er durch das Schlafzimmerfenster sprang. Aber es ist unmöglich, über Ihren Punkt hinwegzusehen, dass er, wäre er durch die Tür eingedrungen, versucht hätte, auf demselben Weg zu entkommen, da er nicht wusste, dass die Tür in der Zwischenzeit abgeschlossen worden war. Um das zu tun, hätte er den Korridor zweimal durchqueren und diese Hintertreppe hinunter- und wieder hinaufgehen müssen, während die Gäste die andere Treppe heraufkamen. Das hätte er in der Zeit nicht schaffen können. Er wäre gefasst worden – abgeschnitten, bevor er wieder nach oben gelangen konnte. Sehen Sie sich diese steile Treppe und die Länge des Korridors an! Damit erledigt sich der Vorfall mit der Tür. Wer auch immer sie aufgeschlossen hat, war nicht der Mörder.“

Merrington ging den Korridor zurück. Während er ging, schweiften seine Augen ruhelos über die Wandteppiche und Samtvorhänge und nahmen die dunklen Winkel und Ecken in sich auf, die in alten englischen Landsitzen reichlich vorhanden sind.

„Genug Orte hier, an denen sich ein Mann verstecken könnte“, murmelte er mit unzufriedener Stimme.

Am oberen Ende der Vordertreppe hielt er inne und blickte über das Treppengeländer, als würde er die Entfernung zur Halle darunter berechnen. Dann stieg er die Treppe hinab.

Es war noch eine halbe Stunde bis zur Frühstückszeit. Unten regte sich niemand, außer einem frisch aussehenden Dienstmädchen, das die Möbel in der großen Halle abstaubte. Sie blickte nervös auf die Gruppen von Polizeibeamten und nahm dann ihre Arbeit wieder auf. Merrington schritt auf sie zu.

„Wie heißen Sie, meine Liebe?“, fragte er mit seiner großen Stimme.

„Milly Saker, mein Herr.“

„Sehr gut, Milly. Ich werde gleich kommen und mich mit Ihnen unterhalten – nur wir beide.“

Das Mädchen, das keineswegs erfreut über diese Aussicht aussah, wich mit verängstigtem Gesicht zurück. Merrington schritt durch die offene Vordertür weiter und wandte sich dem linken Flügel zu.

Draußen auf dem Kiesweg traf er auf Caldew, der mit einem etwas niedergeschlagenen Ausdruck im Gesicht auf und ab ging. Der Inspektor hatte offensichtlich keine nennenswerten Fortschritte bei der Befragung der Gäste gemacht.

„Nun?“, fragte Merrington und blieb vor ihm stehen. „Haben Sie etwas herausgefunden?“

Caldew schüttelte den Kopf. „So gut wie gar nichts. Die meisten von ihnen waren während des gesamten Abends im Speisezimmer. Einige haben den Raum kurzzeitig verlassen, aber immer nur für einen Moment, um sich frische Luft zu schnappen oder ein Buch aus der Bibliothek zu holen. Niemand hat etwas Verdächtiges bemerkt oder gehört – abgesehen von dem Schrei und dem Schuss.“

„Wie ich es mir dachte“, brummte Merrington. „Alle decken sich gegenseitig. Das ist die klassische Situation bei Leuten ihres Schlages – sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, besonders wenn es darum geht, die Fassade der Respektabilität zu wahren. Hat jemand den Captain Nepcote erwähnt?“

„Ja, wir haben ihn zur Sprache gebracht“, antwortete Caldew. „Die Gäste bestätigten, dass er gestern Nachmittag nach London abgereist ist. Er erhielt ein Telegramm von seinem Vorgesetzten, in dem er aufgefordert wurde, sich sofort bei seinem Regiment zu melden.“

„Ein sehr bequemes Telegramm“, bemerkte Merrington trocken. „Haben Sie das Telegramm selbst gesehen?“

Caldew wirkte leicht verlegen. „Nein, das habe ich nicht. Es wurde mir nur von Miss Heredith und einigen der Gäste bestätigt.“

Merrington schnaubte verächtlich. „Sie haben also nichts in der Hand, was diesen Nepcote entlasten würde. Wir müssen seine Adresse in London ausfindig machen und ihn aufsuchen. Wenn er tatsächlich in den Dienst zurückgekehrt ist, wird er dort sein. Wenn nicht... nun, dann haben wir unseren ersten echten Anhaltspunkt.“

Er wandte sich wieder dem Haus zu. „Kommen Sie, Caldew. Wir haben noch die Dienerschaft zu prüfen. Wenn die Gäste uns nichts sagen wollen, werden uns vielleicht die Leute in der Küche die Augen öffnen. Jemand muss etwas gesehen oder gehört haben, das nicht in den offiziellen Bericht passt.“

Sie gingen zurück in das Haus, und der Superintendent begann mit einer unermüdlichen und fast schon brutalen Intensität, jeden Angestellten einzeln zu befragen. Er verhörte sie so unerbittlich, dass mancher Dienstbote unter seinem scharfen Blick in Tränen ausbrach oder vor Nervosität kaum ein Wort herausbrachte. Doch so sehr er sie auch drängte, keine der Aussagen lieferte den entscheidenden Hinweis. Die Dienerschaft schien ebenso ratlos zu sein wie ihre Herrschaften.

Als die Sonne am späten Nachmittag hinter den Bäumen zu versinken begann, stand Merrington wieder allein in der großen Eingangshalle. Er wirkte erschöpft, doch sein Blick war noch immer hellwach und lauerte.

„Das war ein langer Tag“, sagte er zu Caldew, der gerade aus dem Esszimmer trat. „Und wir sind dem Mörder noch immer keinen Schritt näher gekommen.“

„Vielleicht haben wir etwas übersehen?“, schlug Caldew vorsichtig vor.

Merrington starrte auf die dunklen Paneele der Wände, als wollte er sie zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben. „Wir haben nichts übersehen, Caldew. Wir haben nur die falschen Fragen gestellt. Das Moat-House ist ein Ort voller Lügen – jeder hier spielt eine Rolle, selbst diejenigen, die trauern. Wir müssen nur herausfinden, wer seine Rolle am wenigsten überzeugend spielt.“

„Ach nein. Sie kam gestern Nachmittag zu mir und blieb die ganze Nacht, weil sie ihren Zug zurück verpasst hatte – nach... nach der Tragödie.“

„Ist sie jetzt hier?“

„Nein. Sie ist mit einem frühen Zug abgereist. Sie arbeitet als Hutmacherin in Stading, der Marktstadt, die zehn Meilen entfernt liegt.“

„Sie wohnt dort, nehme ich an?“

„Ja. Sie wohnt dort im Haus.“

„Wer ist ihr Arbeitgeber?“

„Mr. Closeby, der Tuchhändler. Daniel Closeby und Sohn ist der Firmenname.“

Merrington machte eine weitere Notiz in seinem Notizbuch. Es klang plausibel genug, aber das Mädchen musste der immer länger werdenden Liste von Personen hinzugefügt werden, die in diesem Fall noch befragt werden mussten.

„Ich glaube, das ist alles, wofür ich Sie aufhalten muss, Mrs. Rath“, sagte er.

Die Haushälterin zögerte und fragte, wann die Herren ihr Mittagessen wünschten. Merrington, der früh gefrühstückt und einen anstrengenden Vormittag hinter sich hatte, antwortete barsch, dass es ihm gar nicht früh genug sein könne.

„Ich lasse es in einer Viertelstunde im kleinen Frühstückszimmer servieren“, sagte Mrs. Rath und eilte davon.

Ihr ganzes Gebaren beim Weggehen verriet ein solches Maß an unterdrückter Erleichterung, eine quälende Prüfung bestanden zu haben, dass alle von Merringtons früheren Zweifeln an ihr wieder auflebten.

„Ich würde einiges darum geben, mich daran zu erinnern, wo ich diese verfluchte Frau schon einmal gesehen habe“, stieß er hervor und schlug sich nachdrücklich auf den Oberschenkel.

„Welche verfluchte Frau?“, fragte Captain Stanhill, der zu dem Schluss gekommen war, dass er Superintendent Merrington und dessen Gesprächsstil nicht mochte.

„Nun, diese Frau, die gerade den Raum verlassen hat – diese Haushälterin. Ich habe sie schon einmal irgendwo gesehen, unter ganz anderen Umständen, aber ich kann mich nicht erinnern, wo. Ich erinnere mich deutlich an ihr Gesicht – besonders an ihre Augen. Ich bilde mir ein, dass ich ein Paar Augen nie vergesse. Verdammt noch mal, wo zum Teufel habe ich sie gesehen?“

Captain Stanhill wandte sich gleichgültig ab, und das Gespräch wurde durch das Erscheinen von Detective Caldew beendet, der im Türrahmen erschien, als Mrs. Rath das Zimmer verließ.

„Dr. Holmes wartet im Wohnzimmer, wenn Sie ihn sehen möchten“, kündigte er an.

„Bringen Sie ihn hierher“, befahl Merrington kurz angebunden. Er hielt große Stücke auf seine eigene Wichtigkeit und hatte nicht die Absicht, einem bloßen Landarzt hinterherzulaufen.

Caldew ging und erschien kurz darauf wieder mit einem kleinen Mann, den er als Dr. Holmes vorstellte. Der Arzt war ein dürres Menschlein mit einem mürrischen Ausdruck auf seinem verhärmten Gesicht, als ob er von seiner eigenen Bedeutungslosigkeit gelangweilt wäre. Er trug verblasste Kleidung und hielt in der einen Hand eine kleine schwarze Tasche und in der anderen einen abgewetzten Hut. Falls er die Absicht gehabt hatte, einen beruflichen Protest darüber vorzubringen, dass er gezwungen war, bei der Polizei zu warten, so verflog dieser Gedanke, als sein Blick auf die gewaltige Statur von Superintendent Merrington fiel, der über ihm aufragte wie eine Dogge, die über einem Zwergterrier steht.

„Setzen Sie sich, Doktor“, befahl er knapp. „Ich möchte Ihnen ein paar Fragen zum Tod von Mrs. Heredith stellen. Sie haben die Leiche untersucht, wie ich verstehe?“

Dr. Holmes verneigte sich, setzte eine goldgeränderte Brille auf, um Superintendent Merrington besser sehen zu können, und wartete auf die Befragung.

„Ich verstehe, dass Sie gestern Abend ins Moat-House gerufen wurden, Doktor, nachdem Mrs. Heredith ermordet wurde, und die Leiche untersucht haben. Was war die Todesursache?“

„Die Todesursache war eine Schusswunde“, verkündete der Doktor orakelhaft.

„So viel ist mir klar“, antwortete Merrington gereizt. „Aber eine Schusswunde ist nicht notwendigerweise tödlich. Mrs. Heredith lebte einige Zeit nach ihrer Verletzung, daher ist es sicher, dass die Kugel, die sie tötete, nicht das Herz durchschlug. Was ist die Art der Verletzungen, die sie verursachte?“

„Der Tod im Fall von Mrs. Heredith war das Ergebnis einer Kugel, die den linken Lungenflügel durchschlug. Sie drang zwischen der zweiten und dritten Rippe in den Körper ein, durchquerte die Lunge und verursachte einen starken Blutfluss, der die Atemwege füllte.“

„Dann war die Todesursache eine Blutung?“

„Ja. Es gab eine sehr schwere innere Blutung. Das Gesicht und die linke Seite des Halses waren mit Blut bedeckt. Es gab auch Blutungen aus Mund und Nase. Mr. Musard, der mich in das Zimmer begleitete, sagte mir, er habe es abgewaschen, während Mrs. Heredith im Sterben lag, in dem Versuch, den Fluss zu stillen.“

„Sie war bereits tot, als Sie sie sahen?“

„Oh ja. Nach der Wärme des Körpers zu urteilen und der Tatsache, dass das Blut aufgehört hatte zu fließen, würde ich sagen, dass der Tod etwa vierzig Minuten zuvor eingetreten war.“

„Wann sind Sie im Moat-House eingetroffen?“

„Es dürfte etwa zwanzig Minuten nach acht gewesen sein. Sergeant Lumbe rief um zehn Minuten nach der vollen Stunde bei mir zu Hause an – ich habe mir die Zeit notiert – und ich bin sofort losgegangen. Es sind etwa zehn Minuten Fußweg vom Dorf zum Moat-House.“

„War das Hauptblutgefäß der Lunge gerissen?“, fragte Captain Stanhill, der die Bemerkungen des Arztes mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hatte.

„Die Aorta? Das ist bei einer äußeren Untersuchung schwer zu sagen. Mr. Musard sagt mir, dass Mrs. Heredith etwa fünf Minuten nachdem er den Raum erreicht hatte, starb. Die Aorta ist ein sehr großes Gefäß, und wenn sie geplatzt wäre, wäre das Verbluten sehr schnell gegangen.“

„Könnte die Wunde selbst zugefügt worden sein?“, fragte Merrington.

Dr. Holmes spitzte die Lippen.

„Ich kann mir dazu keine endgültige Meinung bilden“, sagte er. „Nach der Richtung der Kugel zu urteilen, würde ich sagen: nein.“

„Haben Sie die Kugel gefunden?“

„Nein, sie steckt im Körper. Da sie anscheinend nach dem Eindringen in den Körper einen Verlauf in Richtung rechts nahm und es keine entsprechende Wunde im Rücken gibt, würde ich sagen, dass sie irgendwo in der Wirbelsäule steckt. Natürlich kann ich mir da nicht sicher sein.“

„Der staatliche Pathologe wird diese Punkte klären, wenn er die Obduktion vornimmt“, sagte Merrington. „Ich glaube nicht, dass wir weitere Fragen an Sie haben, Doktor.“

„Wie geht es Ihrem Patienten, dem jungen Ehemann?“, fragte Captain Stanhill, als Dr. Holmes aufstand.

„Die Symptome deuten auf ein Gehirnfieber hin. Die Familie hat auf meinen Rat hin nach London nach Sir Ralph Horton geschickt, dem bedeutenden Gehirnspezialisten.“

„Es wundert mich nicht, dass sein Geist unter dem Schock zusammengebrochen ist“, bemerkte Captain Stanhill. „Seine Frau unter solch schrecklichen Umständen nach drei Monaten Ehe zu verlieren, muss ein grausamer Schlag gewesen sein.“

„Es war in seinem Fall umso schlimmer, da er von Kindheit an immer nervös und überreizt war – teilweise, glaube ich, als Folge seines Gebrechens. Er hat einen verformten Fuß. Seine jetzige Krankheit scheint ein vollständiger Zusammenbruch des Nervensystems zu sein. Ich war den größten Teil der Nacht bei ihm. Er hat stark phantasiert, aber jetzt ist er ein wenig ruhiger.“

Merrington spitzte bei dieser letzten Bemerkung die Ohren. Nach seinen ergebnislosen Untersuchungen am Vormittag neigte er zu der Ansicht, dass der Schlüssel zum Mord in der Vergangenheit lag – vielleicht in einer früheren Torheit oder einer geheimen Affäre aus den ledigen Tagen der jungen Frau. Die Frage war in diesem Fall, ob der Ehemann wahrscheinlich etwas über das Geheimnis seiner Frau wusste. Wenn er es wusste, könnte er in seinem Delirium etwas stammeln, das einen Hinweis auf den Mörder liefern könnte. Es war eine geringe Chance, aber selbst die geringste Chance war es wert, in einem so rätselhaften Fall versucht zu werden.

„Ich würde mir Ihren Patienten gerne ansehen“, sagte er zu Dr. Holmes.

„Es wäre unmöglich, ihn in seinem gegenwärtigen Zustand zu befragen“, antwortete der Arzt steif.

„Ich möchte ihn nicht befragen. Ich möchte ihn nur ansehen.“

„In diesem Fall dürfen Sie ihn sehen. Er ist völlig bewusstlos und erkennt niemanden. Ich bringe Sie zu seinem Zimmer, wenn Sie möchten.“

Der kleine Doktor eilte den Korridor entlang und bog in einen Gang ein, der den rechten Flügel des Moat-House durchzog. Auf halbem Weg blieb er vor einer Tür stehen, öffnete sie leise und bedeutete den anderen beiden, einzutreten.

Es war ein einzelnes Schlafzimmer, getäfelt mit Eichenholz, das vor Alter dunkel war, mit einem kleinen Fenster; aber es hatte den Vorteil, so weit wie möglich von dem Schlafzimmer im Obergeschoss des linken Flügels entfernt zu sein, wo Phils Frau ermordet lag. Ein kleines Feuer brannte im Kamin, eine Porzellanschale mit Herbstblumen blühte auf einem Tisch in der Nähe des Bettes, und eine kompetent aussehende Krankenschwester bereitete am Fenster einen Trank zu. Sie warf einen Blick auf die drei Männer, als sie eintraten, fuhr aber mit ihrer Beschäftigung fort.

Der Kranke lag auf dem Rücken und atmete schwer. Sein schwarzes Haar umrahmte ein Gesicht, das in seiner Blässe gespenstisch wirkte, und seine nach oben gerichteten Augen, unter den halb geschlossenen Lidern kaum sichtbar, schienen starr und bewegungslos.

„Irgendeine Veränderung, Schwester?“, fragte der Arzt.

„Keine Veränderung, mein Herr.“

Doch noch während sie sprach, veränderte sich Phils Gesicht auf eine Weise, die in ihrer Plötzlichkeit erstaunlich war. Seine Züge verzerrten sich, als wäre ihm ein Schwert durch den Leib gestoßen worden, und er kämpfte sich mit einer zitternden, ausgestreckten Hand im Bett auf. Seine Augen, die im Delirium starrten, wanderten ruhelos über die Gesichter der Männer am Fußende des Bettes.

„Sie ist tot, ich sage dir! Violet ist tot... Haben sie ihn gefunden? Ah, wer ist da?“

Wieder einmal stieß er den Namen seiner jungen Frau hervor und fiel zurück auf das Kissen, bewegungslos wie zuvor, aber mit einem Arm quer über sein Gesicht, als wolle er seine Augen bedecken.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie den Raum verlassen würden“, sagte der kleine Doktor ernst. „Ihre Anwesenheit regt ihn auf.“ Er eilte zum Bett und beugte sich über seinen Patienten.

KAPITEL IX

„Haben Sie schon eine Theorie über den Mord gebildet?“

Es war der Abend desselben Tages, und Superintendent Merrington und Captain Stanhill befanden sich wieder in der Bibliothek des Moat-House. Es war Captain Stanhill, der die Frage stellte, während er vor einem prasselnden Eichenholzfeuer, das gerade in den düsteren Tiefen des großen Kamins angezündet worden war, seine kleinen Beine wärmte. Obwohl es früher Herbst war, war die Abendluft kühl.

Superintendent Merrington schritt mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab und warf gelegentlich mit einer gewissen Ungeduld einen Blick auf die Uhr, die mit fröhlicher Gleichgültigkeit auf dem Kaminsims tickte. Er wollte nach London zurückkehren, wartete aber auf die Rückkehr von Detective Caldew und Sergeant Lumbe. Caldew war mit dem Fahrrad nach Chidelham gefahren, um die Weynes zu sehen, und Lumbe war geschickt worden, um einen telefonischen Bericht über einen verdächtigen Fremden zu untersuchen, der in einem einige Meilen entfernten Weiler namens Tibblestone gesehen worden war.

Merringtons Gesicht hatte einen düsteren und unzufriedenen Ausdruck. Er hatte den Nachmittag in einem Wirbelsturm aus Energie verbracht, in dem er viele Dinge getan hatte. Er hatte das Moat-House von oben bis unten erforscht und seine gewaltige Statur in jeden unbedeutenden Winkel des verwinkelten alten Hauses gezwängt. Er war in einem kleinen Boot um den Burggraben gerudert und hatte die Außenmauer nach Fußspuren abgesucht. Er hatte die männlichen Bediensteten zusammengerufen und eine organisierte Durchsuchung des Geländes, der Wälder und der umliegenden Anhöhen geleitet. Er hatte den Bahnhofsvorsteher des Dorfes befragt, um festzustellen, ob am Vortag ein Fremder in Heredith angekommen war, und hatte ähnliche Erkundigungen telefonisch bei den benachbarten Bahnhöfen eingezogen. Er hatte die Pferde und Fuhrwerke im Dorfgasthaus inspiziert, um zu sehen, ob sie Anzeichen einer kürzlichen Benutzung zeigten, und er hatte jeden, dem er begegnete, barsch verhört, um herauszufinden, ob jemand im Viertel Unbekannter dabei beobachtet worden war, wie er in der Nachbarschaft herumschlich.

Merrington fehlte das subtile und durchdringende Gehirn eines wirklich großen Detektivs, aber er besaß Energie, Initiative und Beobachtungsgabe. Diese Eigenschaften hatten ihm schon früher gute Dienste geleistet, aber in diesem Fall hatten sie nichts ans Licht gebracht. Das Geheimnis und die Bedeutung des schrecklichen Mordes der vorangegangenen Nacht waren der Lösung nicht näher als zu dem Zeitpunkt, als er zehn Stunden zuvor eingetroffen war, um den Fall zu übernehmen.

Der für ihn verwirrendste Aspekt des Verbrechens war der scheinbare Mangel an Motiv und das Fehlen jeglicher Spur. Bei den meisten Morden gibt es im Allgemeinen einige mutmaßliche Anhaltspunkte, die denjenigen leiten, der zur Untersuchung des Verbrechens gerufen wurde – Dinge wie Fingerabdrücke oder Fußabdrücke, eine frühere Drohung oder ein Geständnis, ein belauschtes Gespräch, ein zufälliges Wort oder ein kompromittierender Brief. Solche Hinweise beweisen vielleicht an sich nicht viel, aber sie dienen als Wegweiser. Selbst die Zeit, die in manchen Mordfällen eine wertvolle Hilfe zur Lösung bietet, diente in diesem Fall eher dazu, den Mörder zu schützen. Es schien, als hätte der Mörder eine ungewöhnliche Zeit und ungewöhnliche Bedingungen gewählt, um seine Identität gründlicher zu verschleiern und eine Entdeckung unmöglich zu machen.

Der Fall war voller düsterer Möglichkeiten und Verwicklungen. Er trug den Stempel tiefer Vorbedacht und kalkulierten Geschicks. Da das Verbrechen anscheinend motivlos war, war es sicher, dass das Motiv tief und sorgfältig verborgen war. Die einzige definitive Schlussfolgerung, zu der Merrington gelangt war, war, dass der Mörder weiter weg gesucht werden musste, wahrscheinlich in London, wo das tote Mädchen ihr ganzes Leben lang gelebt hatte. Es schien nicht den geringsten Grund zu geben, irgendjemanden in der Nachbarschaft zu verdächtigen, da sie eine Fremde in dem Bezirk war und niemanden darin kannte außer Mrs. Weyne, die einige Meilen entfernt wohnte. Es war unglücklich, dass ihr Ehemann, der als Einziger Auskunft über ihr früheres Leben geben konnte, zu krank war, um befragt zu werden.

Als er die Frage von Captain Stanhill hörte, hielt Merrington abrupt in seinem ungeduldigen Auf- und Abschreiten auf dem Teppich inne und warf ihm einen verstohlenen Blick aus seinen tief liegenden kleinen Augen zu. Hätte er auf seine eigenen Gefühle gehört, hätte er dem Chief Constable gesagt, dass jetzt nicht die Zeit sei, Theorien über das Verbrechen zu verbreiten. Aber in seiner gegenwärtigen Position geziemte es sich für ihn, vorsichtig zu sein und sich seinen Kollegen nicht zum Feind zu machen. Wenn es zu einem Ausbruch öffentlicher Empörung kommen sollte, weil der Mörder in diesem Fall nicht sofort entdeckt und der Justiz zugeführt worden war, wäre es nur recht, wenn die Kreispolizei die Last der Verantwortung teilte. Merrington erkannte, dass er Captain Stanhill seine Verantwortung am besten spüren lassen konnte, indem er ihn voll in sein Vertrauen zog. Er war sich bewusst, dass er den Chief Constable im Laufe der Untersuchungen des Tages praktisch ignoriert hatte, und es war wünschenswert, jedes Gefühl zu beseitigen, das diese Behandlung verursacht haben mochte. Superintendent Merrington hatte die größte Verachtung für die Kreispolizei, aber es gab Zeiten, in denen es klug war, dieses Gefühl zu verhehlen. Der gegenwärtige Moment war ein solcher.

Captain Stanhill seinerseits hegte keinen Groll gegen seinen Begleiter wegen seiner herablassenden Behandlung. Er erkannte seine eigene Unerfahrenheit bei der Aufklärung von Verbrechen und war durchaus bereit, dass Superintendent Merrington die Führung bei den Untersuchungen übernahm, bei denen er ihn nach besten Kräften unterstützt hatte. Er hielt Merrington für einen eher unangenehmen Typen, war aber von dessen großem Ruf als Detektiv eingeschüchtert und von seiner Energie und seinem massiven Selbstvertrauen beeindruckt. Der Chief Constable hatte seine eigene offizielle Position nicht geltend gemacht, weil er wusste, dass er bei einem so verwirrenden Fall keine kompetente Hilfe leisten konnte. Er war vor allem darauf bedacht, dass der Mörder von Violet Heredith so schnell wie möglich gefasst und der Justiz zugeführt wurde, und er dachte nicht an seine persönliche Würde, solange dieses Ziel erreicht wurde.

Das abstrakte Ideal der menschlichen Gerechtigkeit soll auf den dreifachen Zielen der Bestrafung, Prävention und Resozialisierung basieren, aber das Herz des Durchschnittsmenschen wird, wenn es mit schwerem Unrecht konfrontiert wird, von keinem höheren Impuls geleitet als der unmittelbaren Vergeltung am Übeltäter. Captain Stanhill war ein Durchschnittsmensch, und seine Gefühle, aufgewühlt durch den Anblick der blutenden Leiche der jungen Frau und den jämmerlichen Zustand, in den ihr Mord ihren jungen Ehemann versetzt hatte, verlangten nach Vergeltung, schnell, vollständig und unerbittlich, an dem Wesen, das dieses schreckliche Verbrechen begangen hatte. Und er hoffte, dass der berühmte Detektiv ihm versichern könnte, dass sein Wunsch wahrscheinlich eine baldige Erfüllung finden würde. Deshalb fragte er Merrington, ob er eine Theorie über das Verbrechen gebildet habe.

„Es wäre zu viel gesagt, dass ich eine Theorie gebildet habe“, antwortete Merrington auf Captain Stanhills Frage. „Es ist notwendig, Anhaltspunkte für die Bildung einer Theorie zu haben, und in diesem Fall stehen wir vor einem völligen Fehlen von Anhaltspunkten.“

„Glauben Sie nicht, dass das Schmuckstück, das Detective Caldew im Schlafzimmer von Mrs. Heredith gefunden hat, etwas mit dem Mord zu tun hat?“, sagte Captain Stanhill.

„Ich messe ihm keine Bedeutung bei. Es waren eine Reihe von Personen im Schlafzimmer, nachdem der Mord begangen worden war, und jeder von ihnen könnte das Schmuckstück fallen gelassen haben. Oder es könnte dort schon Tage zuvor von einem Dienstboten verloren worden sein und nicht bemerkt worden sein.“

„Aber es wurde während Caldews Abwesenheit aus dem Raum wieder aufgehoben. Halten Sie das nicht für verdächtig? Detective Caldew schien, als er uns den Vorfall heute Morgen schilderte, zu glauben, dass das Schmuckstück dem Mörder gehörte, der das Risiko einging, in den Raum zurückzukehren, um es wiederzuerlangen, aus Angst, es könnte einen Hinweis liefern, der zur Entdeckung führt.“

„Caldew liest zu viel in seine Entdeckung hinein“, antwortete Merrington mit einem nachsichtigen Lächeln. „Wie alle jungen Detektive neigt er dazu, kleinen Punkten übermäßige Bedeutung beizumessen. Wie ich ihm sagte, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mörder ein so verzweifeltes Risiko eingeht, wie an den Ort zurückzukehren, an dem er sein Opfer getötet hat, nur um nach einem Schmuckstück zu suchen, das er fallen gelassen hat. Caldew mag die Brosche so gründlich in den dicken Falten des Samtteppichs versteckt haben, dass er sie nicht wiederfinden konnte, als er bei seiner Rückkehr in den Raum danach suchte. Diese Erklärung erscheint mir so wahrscheinlich wie seine eigene Theorie eines geheimnisvollen nächtlichen Eindringlings, der zurückkehrt, um danach zu suchen, während er nicht im Raum war. Das Schmuckstück mag eine Verbindung zum Verbrechen haben oder auch nicht, aber da ich es nicht gesehen habe, ziehe ich es vor, es ganz aus meiner Berechnung herauszulassen. Dieser Fall wird schwierig genug zu lösen sein, ohne Chimären hinterherzujagen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Obwohl ich tatsächlich keine Theorie gebildet habe, haben mich meine vorläufigen Untersuchungen der Umstände dazu geführt, zu bestimmten Schlussfolgerungen zu gelangen und Möglichkeiten auszuschließen, die ich anfangs zu verfolgen geneigt war. Ich werde den Fall im Detail durchgehen, und dann werden Sie selbst die Schlussfolgerungen sehen, die ich gezogen habe, und verstehen, wie ich dazu gekommen bin.

„Erstens ist das größte Problem dieses Mordes der scheinbare Mangel an Motiv. Es scheint keinen Grund zu geben, warum diese junge Dame hätte getötet werden sollen. Sie war erst kürzlich verheiratet worden, und anscheinend glücklich, mit einem wohlhabenden jungen Mann aus guter Familie, der sehr in sie verliebt war. Es ist offensichtlich, dass finanzielle Schwierigkeiten nichts mit dem Verbrechen zu tun haben. Ihr Ehemann ist der einzige Sohn eines wohlhabenden Vaters, und er ist in der Lage, seiner Frau alles zu geben, was eine Frau für ihr Glück und ihren Komfort braucht. Sie wird geschätzt, verwöhnt und geliebt und hat ein wunderschönes Zuhause. Wer hatte also ein Interesse daran, dem Leben dieser jungen Frau in ihrem eigenen Heim ein Ende zu setzen, unter Umständen und Bedingungen, die mit der größten Möglichkeit von Entdeckung und Gefangennahme verbunden waren? Der Täter der Tat muss aus einem sehr starken Motiv oder Impuls gehandelt haben, um sich in ein Landhaus voller Menschen zu wagen, zu einer Zeit, als jeder im Haus war, um sein Opfer zu töten.

„Bei einem scheinbar ziellosen Mord wie diesem sammelt sich ein gewisses Maß an Verdacht um die anderen Mitglieder des Haushalts. Da die menschliche Natur so ist, wie sie ist, sollte man niemals etwas als gegeben hinnehmen, sondern immer auf der Hut vor verborgenen Motiven sein. Aber in diesem Fall waren die Mitglieder des Haushalts, mit Ausnahme von Miss Heredith, zum Zeitpunkt des Mordes unten im Esszimmer. Miss Heredith verließ den Raum einige Minuten, bevor der Schuss gehört wurde. Sie werden sich erinnern, dass sie uns diese Aussage heute Morgen freiwillig gemacht hat. Es kam mir zu der Zeit in den Sinn, dass das ein Bluff gewesen sein könnte, um uns von der Spur abzubringen. Kluge Kriminelle tun oft solche Dinge. Mein Verdacht gegen sie wurde durch die zusätzliche Tatsache verstärkt, dass Miss Heredith die Frau ihres Neffen nicht mochte. Sie maskierte diese Tatsache hinter einem gut erzogenen Schein von Trauer und Entsetzen, aber für mich war es so klar wie ein Wegweiser. Aber nachdem ich über alle Umstände nachgedacht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass sie absolut nichts damit zu tun hatte.“

„Eine solche Möglichkeit ist unvorstellbar“, rief Captain Stanhill. „Eine Dame wie Miss Heredith würde niemals einen Mord begehen.“

„Nicht aus diesem Grund habe ich sie aus dem Verdacht ausgeschlossen“, antwortete Merrington trocken. „Die Indizien gegen sie waren in der Tat sehr schwerwiegend. Sie war nicht im Speisezimmer, als der Schrei zu hören war, und als die anderen beim Ertönen des Schusses aus dem Speisezimmer stürmten, war das Erste, was sie sahen, Miss Heredith, wie sie die Treppe des Flügels herabstieg, in dem die Frau ihres Neffen ermordet worden war. Glücklicherweise für Miss Heredith war sie fast am Ende der Treppe angelangt, als sie gesehen wurde. Die Gäste strömten unmittelbar nach dem Schuss aus dem Speisezimmer, daher ist es unmöglich, dass Miss Heredith Violet Heredith erschossen und dann so schnell den Fuß der Treppe erreicht haben könnte. Sie kann ein zeitliches Alibi von vielleicht einer halben Minute nachweisen.“

„Da alle Mitglieder der Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt im Speisezimmer waren, ist es klar, dass sie mit der eigentlichen Ausführung des Verbrechens nichts zu tun hatten. Als Nächstes kommen die Bediensteten, und auch sie können aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeschlossen werden. Als wir sie heute Morgen vernahmen, konnten sie alle mehr oder weniger schlüssig beweisen, dass sie zum Zeitpunkt des Mordes mit ihren verschiedenen Pflichten beschäftigt waren. Der Punkt ist, dass sich keiner von ihnen im Obergeschoss des linken Flügels des Hauses aufhielt, als Mrs. Heredith erschossen wurde.“

„Mein ursprünglicher Eindruck, dass der Mord nicht von einem Einheimischen begangen wurde, hat sich durch unsere Untersuchungen am Nachmittag vertieft. Wo sollen wir also nach dem Mörder suchen? Um diese Frage teilweise zu beantworten, wollen wir zunächst betrachten, wie der Mord begangen wurde, und versuchen, die Umstände zu rekonstruieren, unter denen der Mörder das Haus betreten und wieder verlassen haben muss.“

„Caldew glaubt, dass der Mörder durch das Schlafzimmerfenster eingedrungen ist und das Haus auf demselben Weg wieder verlassen hat. Er stützt diese Ansicht auf die Annahme von Miss Heredith, dass das Fenster geschlossen war, als sie vor dem Abendessen im Schlafzimmer war. Nach dem Mord wurde das Fenster offen vorgefunden. Aber die Aussage von Miss Heredith über das geschlossene Fenster besagt nicht viel. Sie weiß eigentlich nicht, ob das Fenster offen oder zu war, weil die Fenstervorhänge zu dem Zeitpunkt, als sie im Zimmer war, vollständig zugezogen waren. Diese Vorhänge sind so dick und schwer, dass sie die Luft abhalten würden, egal ob das Fenster offen oder geschlossen war, und sie erklären die stickige Atmosphäre in einem Raum, der den ganzen Tag belegt war.“

„Ich betrachte das offene Fenster weder als den einen noch als den anderen Hinweis. Die eine Sache, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist, dass niemand definitiv sagen kann, wann es geöffnet wurde. Es könnte von Mrs. Heredith selbst geöffnet worden sein, bevor Miss Heredith den Raum betrat, oder der Mörder könnte es aufgerissen und das Zimmer auf diese Weise verlassen haben, nachdem er den Mord begangen hatte. Ich persönlich glaube nicht, dass er das getan hat, aber ich bin nicht bereit, die Möglichkeit, dass er es getan haben könnte, völlig auszuschließen. Doch ich bin überzeugt, dass er das Schlafzimmer nicht betreten hat, indem er die Außenmauer erklommen und durch das Fenster eingestiegen ist. Erstens gibt es keinerlei Spuren auf dem Fensterbrett oder am Fensterriegel. Es bedeutet zwar nicht allzu viel, wenn keine Spuren auf dem Sims oder gar am Riegel zu finden sind, vorausgesetzt, das Fenster war verriegelt. Der Mörder hätte den Riegel von außen öffnen können, ohne eine Spur zu hinterlassen – ich kenne diesen Trick –, und er hätte in das Zimmer gelangen können, ohne Spuren auf dem Sims zu hinterlassen, besonders wenn er Gummistiefel trug. Aber was weit wichtiger ist: Es gibt keine Spuren an der Außenwand, und auch kein Anzeichen einer Störung oder Verschiebung des Wilden Weins, der einen Teil der Wand bedeckt, was darauf hindeuten würde, dass der Mörder auf diese Weise zum Zimmer hinaufgeklettert ist. Ich halte es für sicher, dass er, wenn er dies getan hätte, an der einen oder anderen Stelle seine Spuren hinterlassen hätte. Die Wand besteht aus weichem, altem Mauerwerk, das zerkratzen und deutliche Spuren zeigen würde, und der Wilde Wein würde abbrechen. Jedenfalls würde er, wie ich heute Morgen sagte, kaum das Gewicht eines Jungen oder eines sehr zierlichen Mädchens tragen. Schließlich gibt es keine Fußspuren, die im Garten draußen auf die Wand zulaufen.“

„Die Frage des Eindringens ist natürlich von großer Bedeutung, und deshalb habe ich den Butler heute Morgen gefragt, ob die Jalousien im Speisezimmer gestern Abend heruntergelassen waren. Zu diesem Zeitpunkt, bevor ich Gelegenheit hatte, meine nachfolgenden Untersuchungen durchzuführen, hielt ich es für möglich, dass der Mörder von außen durch das Fenster eingedrungen sein könnte. In diesem Fall hätte er die Fenster des Speisezimmers passieren müssen, um zum Schlafzimmerfenster zu gelangen, und hätte von einem der Gäste im Speisezimmer gesehen werden können. Es war zwar dunkel, aber die letzte Nacht war sehr klar, und seine Gestalt hätte beim Vorbeihuschen an den Fenstern des Speisezimmers erkannt werden können. Aber das Fehlen von Fußabdrücken im Kies und, was noch wichtiger ist, in der weichen, nachgiebigen Erde unter dem Schlafzimmerfenster ist für mich der schlüssige Beweis, dass er nicht auf diese Weise in das Zimmer gelangt ist.“

„Ist er durch das Fenster entkommen? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten. Es ist durchaus möglich, dass dies ohne Verletzung hätte geschehen können, aber es ist ein verzweifeltes Unterfangen, im Dunkeln aus einem Fenster im Obergeschoss zu springen. Der Mörder befand sich in einer verzweifelten Lage, und aus diesem Grund dürfen wir die Möglichkeit nicht ausschließen, dass er es getan hat. Aber wenn der Sprung aus dem Fenster erfolgte, bekommt mein Argument über das Fehlen von Fußspuren in der weichen Gartenerde unter dem Fenster zusätzliches Gewicht. Eine Person, die aus einer solchen Höhe springt, selbst in Strümpfen oder Gummistiefeln, würde mit Sicherheit den Abdruck des Aufpralls, in Form von Fuß- oder Absatzabdrücken, in der Erde hinterlassen, wo sie landet.“

„Caldews Hauptgrund für die Annahme, dass der Mörder durch das Fenster entkommen ist, beruhte auf dem Punkt, dass es keinen anderen möglichen Fluchtweg gab. Wir können nur darüber spekulieren, was im Schlafzimmer unmittelbar vor dem Mord geschah, aber Caldews Theorie ist, dass Mrs. Heredith den Mörder auf sich zukommen sah und um Hilfe schrie. Dieser Schrei beschleunigte die Bewegungen des Mörders. Der Schrei musste das Hauswesen alarmieren, und er ließ dem Mörder den kleinstmöglichen Spielraum, um Mrs. Heredith zu erschießen und durch das Fenster zu entkommen. Ein Fluchtversuch über die Vordertreppe hätte bedeutet, den Insassen des Speisezimmers, die nach oben stürmten, in die Arme zu laufen. Der einzige andere Ausgang aus diesem Flügel des Hauses war die stillgelegte Hintertreppe, und die wurde verschlossen vorgefunden, als sie nach dem Mord durchsucht wurde. Daher ist der Mörder laut Caldew durch das Fenster entkommen, weil es keinen anderen Ausweg gab.“

„Diese Theorie klingt oberflächlich betrachtet plausibel genug, aber eben nur oberflächlich. Aus demselben Grund, der Miss Herediths Unschuld beweist, konnte der Mörder nicht durch die Treppe entkommen, da nicht genügend Zeit blieb, um an den Leuten vorbeizukommen, die durch den Schrei alarmiert worden waren. Aber wenn der Mörder ein Mann war, ist es durchaus möglich, dass er aus dem Schlafzimmer hätte stürmen und sich über das Treppengeländer hätte fallen lassen können, bevor die Tür des Speisezimmers geöffnet wurde, und so hätte entkommen können, ohne von jemandem gesehen zu werden – nicht einmal von Miss Heredith. Eine Untersuchung der Treppe des linken Flügels hat mich davon überzeugt, dass dieses Kunststück möglich war. Die Treppe hat in der Mitte eine sehr scharfe Biegung, die zur Folge hat, dass das obere Ende der Treppe vom unteren aus nicht zu sehen ist und umgekehrt. Der Sprung ist nicht so gefährlich wie der aus dem Fenster, weil er nicht so hoch ist. Es sind wahrscheinlich sechs Fuß weniger, wenn man den Boden darunter und die höhere Fensteröffnung oben berücksichtigt. Die Stelle am Fuß der Treppe, wo der Mörder hätte landen können, ist selbst vor dem Blick von jemandem, der sich in der Nähe des Treppenfußes befindet, durch einige hohe Ziersträucher in Kübeln und durch eine Rüstung gut abgeschirmt.“

„Aber es gibt noch einen anderen und wahrscheinlicheren Weg, wie der Mörder entkommen sein könnte. Ich sah die Möglichkeit dazu, sobald ich den oberen Teil des Flügels untersuchte, in dem der Mord begangen worden war. Es gibt mehrere Orte, an denen sich der Mörder hätte verstecken können, bis sich die Gelegenheit zur Flucht bot. Er würde es vermeiden, in einem der angrenzenden Schlafzimmer Schutz zu suchen, weil ihm klar wäre, dass diese sofort nach Entdeckung des Mordes durchsucht würden, aber es gibt ausgezeichnete vorübergehende Verstecke hinter den Wandteppichen, in den dicken Falten der schweren Samtvorhänge am Eingang des Korridors oder in dem kleinen Schrank bzw. der Garderobe, die direkt über dem Treppenkopf eingebaut ist. Nehmen wir an, der Mörder stürmte nach dem Schuss in den Korridor mit der Absicht, die Treppe hinunterzuentkommen. Er hört die Gäste die Treppe heraufkommen und merkt, dass er zu spät dran ist. Er sieht sich instinktiv nach einem Versteck um, bemerkt die Vorhänge und schlüpft dahinter. Aus deren Falten heraus beobachtet er, wie die Gäste den Korridor entlang zum Schlafzimmer der ermordeten Frau ziehen. Er könnte sie berühren, während sie vorbeigehen, aber sie können ihn nicht sehen. Dann, während sie alle um die Türöffnung des Schlafzimmers von Mrs. Heredith versammelt sind, kommt er auf der anderen Seite der Vorhänge hervor, schlüpft die Treppe hinunter und verlässt das Haus, ohne jemandem zu begegnen.“

„Aber nicht alle Gäste sind nach oben gegangen“, bemerkte Captain Stanhill, der den Ausführungen seines Begleiters mit großer Aufmerksamkeit folgte. „Einige blieben im Speisezimmer. Tufnell, der Butler, hat das ganz klar gesagt, als Sie ihn heute Morgen vernommen haben.“

„Ja – ein paar hysterische Weiber, die vor Angst so weit wie möglich von der Tür entfernt zusammenkauerten und wimmerten“, entgegnete Merrington verächtlich. „Das hat der Butler ebenfalls klargestellt.“

„Aber die Bediensteten hätten den Schrei und den Schuss auch hören müssen“, fuhr Captain Stanhill ernst fort. „Ist es nicht wahrscheinlich, dass einige von ihnen am Fuß der Treppe zusammengestanden hätten, um sich zu fragen, was passiert ist?“

„Nein“, antwortete Merrington. „Bedienstete sind noch feiger als neugierig. Sie wären zu verängstigt gewesen, um sich am Fuß der Treppe zu versammeln, aus Furcht, der Mörder könnte die Treppe heruntersprungen kommen und einen weiteren Schuss mitten unter sie abgeben. Es ist jedoch möglich, dass der Mörder noch einige Zeit länger oben versteckt blieb – vielleicht bis der Butler das Haus verließ, um die Polizei im Dorf zu holen, und Musard alle männlichen Gäste nach unten mitnahm, um das Haus erneut zu durchsuchen. Er hätte dann eine äußerst günstige Gelegenheit gehabt, unbemerkt zu entkommen. Es stimmt, dass der obere Teil des Flügels durchsucht wurde, bevor dieser Zeitpunkt gekommen war, aber die Suche wurde von Laien durchgeführt, die von einer solchen Aufgabe nichts verstanden und wahrscheinlich solche Verstecke, wie ich sie angedeutet habe, übersehen hätten.“

Es schien Captain Stanhill, dass Superintendent Merrington, anstatt immer seine Theorie zu verfolgen, das Verbrechen an die Umstände anzupassen, manchmal Gefahr lief, den Prozess umzukehren.

„Nach dem, was Sie sagen, scheint es mir sehr schwierig zu sein, zu sagen, wie der Mörder entkommen ist“, bemerkte er.

„Es ist noch schwieriger zu sagen, wie der Mörder nach dem Betreten des Moat-House seinen Weg zum Schlafzimmer von Mrs. Heredith fand, um sie zu ermorden. Das Haus ist ein großes, weitläufiges Gebäude, das aus einem Hauptgebäude und zwei Flügeln besteht. Es wäre für Sie oder mich oder jeden anderen Fremden unmöglich, sich ohne vorherige Kenntnis des Ortes zurechtzufinden, es sei denn, wir hätten einen Plan. Wie hat der Mörder das also bewerkstelligt? Woher wusste er, dass Mrs. Heredith im linken Flügel schlief? Woher wusste er, dass er sie dort allein antreffen würde, während alle anderen zum Abendessen unten waren?“

Wieder schien es Captain Stanhill, dass Merringtons Ermittlungsmethoden eher dazu neigten, Schwierigkeiten zu vervielfachen, als sie auszuräumen.

„Vielleicht war er mit einem Plan des Hauses ausgestattet“, schlug er vor.

„Das beantwortet nur einen meiner Punkte. Bei der Betrachtung dieses Aspekts des Falles kamen mir zwei mögliche Lösungen in den Sinn. Es ist für keinen der Gäste möglich, das Verbrechen begangen zu haben, da sie alle zur fraglichen Zeit unten waren, aber es ist durchaus möglich, dass einer von ihnen es angestiftet haben könnte.“

„Es ist für mich unglaublich, dass ein Gast, der in einem herrschaftlichen Haus wohnt, ein solches Verbrechen planen könnte“, sagte Captain Stanhill.

„Nichts ist unglaublich bei einem Verbrechen“, antwortete Merrington. „Ich mache mir keine Illusionen über die menschliche Natur. Sie ist zu weitaus schlimmeren Dingen fähig als dem. In einem großen Landhaus wie diesem, gefüllt mit einer großen Gesellschaft junger Leute beiderlei Geschlechts, können seltsame Dinge passieren – Flirts, Intrigen und noch Schlimmeres.“

„Aber in der Regel kein Mord“, kommentierte Captain Stanhill mit einem Anflug von Sarkasmus in seiner sanften Stimme.

„Man kann keine allgemeinen Regeln für Morde aufstellen. Ein unausgeglichener Mensch ist unter dem Einfluss von Hass, Eifersucht oder Rache den gesellschaftlichen Regeln gegenüber nicht zugänglicher als ein Tiger. Aber ich glaube nicht, dass dieses Verbrechen von einem der Gäste angestiftet wurde, denn in diesem Fall wäre es wahrscheinlich darauf angelegt gewesen, später am Abend begangen zu werden, wenn die Mitglieder der Gesellschaft im Haus der Weynes gewesen wären und das Moat-House nur von den Bediensteten bewohnt worden wäre. Dennoch beabsichtige ich nicht, diese Hypothese aus den Augen zu verlieren. Eine weitere Möglichkeit ist, dass einer der Bediensteten mit dem Mörder unter einer Decke steckte. Eine dritte Möglichkeit ist, dass Mrs. Heredith den Mörder selbst eingelassen haben könnte.“

„Was meinen Sie damit?“

„Sie könnte einen Liebhaber gehabt haben, und der Liebhaber könnte sie ermordet haben.“

„Oh, unmöglich!“ Captain Stanhill wies den Gedanken mit einer instinktiven Geste des Abscheus zurück. „Es ist zu ungeheuerlich anzunehmen, dass eine glücklich verheiratete junge Ehefrau drei Monate nach ihrer Hochzeit eine Affäre hätte.“

„Jeden Tag passieren ungeheuerlichere Dinge – da die menschliche Natur nun einmal ist, wie sie ist“, erwiderte Merrington kühl. „Sie müssen bedenken, dass wir praktisch nichts über sie wissen. Die Leute, die sie in London kannten, haben das Haus verlassen, bevor sie befragt werden konnten; Miss Heredith und ihr Bruder haben keine Kenntnis ihrer Vergangenheit; und ihr Ehemann ist zu krank, um uns irgendetwas zu sagen. Ihre Ehe war anscheinend eine überstürzte Liebesheirat – eine Liebesheirat, soweit es den jungen Heredith betraf. Bisher haben wir nur zwei schwache Fakten, die uns bei unserer Einschätzung ihrer Person leiten, und die in den beiden Briefen enthalten sind, in denen der junge Heredith seiner Familie die Vermählung ankündigte. Diesen Aussagen zufolge war sie eine Waise, die ihren Lebensunterhalt als Kriegsschreibkraft in der Regierungsbehörde verdiente, in der der junge Heredith seine Stelle innehatte. Das bringt uns nicht sehr weit. Während ihres kurzen Lebens im Moat-House scheint sie über ihr früheres Leben verschwiegen gewesen zu sein. Miss Heredith ist nicht die Art von Frau, die sie ausgefragt hätte, und anscheinend hat sie auch keine Informationen preisgegeben. Eine Untersuchung ihrer Kisten und ihres Schreibtisches hat nichts in Bezug auf Schriftstücke oder Korrespondenz ans Licht gebracht, das uns helfen könnte. Ein solches Mädchen – ein alleinstehendes Mädchen in London während der Kriegszeit – könnte Passagen in ihrem früheren Leben gehabt haben, von denen ihr Ehemann nichts wusste – Passagen, die von wichtiger Bedeutung für ihren Mord sein könnten. Erst wenn wir eine gründliche Kenntnis ihrer Herkunft und ihres früheren Lebens haben, können wir hoffen, die verborgenen Motive zu durchdringen, die zu diesem Mord geführt haben. Dort, so glaube ich, müssen wir nach dem Hinweis auf diesen seltsamen Mord suchen, und diesem Bemühen werde ich meine Energie widmen, sobald ich nach London zurückkehre. Bis diese Fakten ans Licht gebracht werden, tappen wir lediglich im Dunkeln.“

KAPITEL X

Gemäß Merringtons Anweisungen widmete Caldew einen beträchtlichen Teil des Vormittags der Suche nach Informationen unter den Gästen des Moat-House. Doch nur wenige von ihnen zeigten irgendeine Neigung, über den Mord zu sprechen. Viele der Damen waren zu erschüttert, um sich sehen zu lassen, und die Männer hatten offensichtlich kein Verlangen, durch Interviews mit Detektiven in eine so schreckliche Angelegenheit hineingezogen zu werden. Jeder war darauf bedacht, so schnell wie möglich zu verschwinden, und Caldew war gezwungen, seine Nachforschungen unter Gruppen von hastenden Menschen, aufgeregten Bediensteten und mit Gepäck beladenen Fuhrwerken aus dem Dorf fortzusetzen. Die meisten der abreisenden Gäste beantworteten seine Fragen so kurz wie möglich und gaben ihre Londoner Adressen mit offensichtlichem Widerwillen preis; die wenigen, die bereit waren, der Sache der Gerechtigkeit zu dienen, konnten nur sehr wenig Licht auf das Londoner Leben des ermordeten Mädchens werfen. Selbst diejenigen, die mit ihr vor ihrer Heirat bekannt gewesen waren, schienen nur sehr wenig über sie zu wissen.

Caldew beendete seine Nachforschungen bis zum Mittag. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Gäste das Moat-House bereits verlassen und waren auf dem Weg nach London. Superintendent Merrington und Captain Stanhill waren in der Bibliothek und vernahmen die Bediensteten. Sergeant Lumbe war mit dem Zug nach Tibblestone gefahren, um die Geschichte des verdächtigen Fremden zu prüfen, der in der Nacht zuvor in jenem entlegenen Dorf aufgetaucht war.

Es fehlte noch eine Stunde bis zum Mittagessen, und Caldew beschloss, die Zeit damit zu verbringen, ein paar Untersuchungen auf eigene Faust anzustellen, bevor er am Nachmittag mit dem Fahrrad nach Chidelham fuhr, um die Weynes zu sehen.

Caldew war von Merringtons Handhabung des Falles nicht beeindruckt. Untergebene sind selten von den Qualitäten derer beeindruckt, die ihnen vorgesetzt sind. Sie bilden sich im Allgemeinen ein, sie könnten es besser, wenn sie die gleichen Möglichkeiten hätten. Caldew bildete da keine Ausnahme. Ihm schien es, als fehle es Merrington an Finesse und als sei er von modernen Methoden der kriminalistischen Untersuchung abgekoppelt. Er war durch zu viel Erfolg verwöhnt worden, durch zu viel Schmeichelei der Zeitungen, durch zu viele Ausflüge mit königlichen Hoheiten. Kein Mann konnte als Hütehund für königliche Hoheiten fungieren und gleichzeitig die Fähigkeiten eines Detektivs behalten. Diese Art von beruflicher Arbeit war tödlich für die Intelligenz. Merrington hatte einen großen Ruf hinter sich, und seine Kenntnis über europäische Kriminelle war wahrscheinlich unerreicht, aber seine Methoden bei der Untersuchung des Mordes im Moat-House deuteten darauf hin, dass er nicht mehr zu den größten Detektiven der Welt gehörte, falls er jemals Anerkennung in ihren Reihen verdient hatte. Caldew erinnerte sich daran, dass sein Ruhm hauptsächlich auf seiner breiten Erfahrung beruhte und weniger auf den subtileren deduktiven Methoden der modernen Kriminologie. In Scotland Yard hieß es, dass Merringtons Kenntnisse über Londoner Kriminelle und deren Methoden, als er vor zwanzig Jahren auf dem Höhepunkt seines Ruhms stand, so umfassend waren, dass er in den meisten Fällen den Täter identifizieren konnte, indem er nur dessen Handschrift betrachtete.

Als moderner Kriminologe glaubte Caldew, dass es für die Erfolgschancen eines Detektivs umso besser sei, je weniger er seine eigene Persönlichkeit in seine Ermittlungen einbrachte. Er glaubte nicht, dass der laute Amtsstolz eines Merrington dazu geeignet war, ein so tiefgründiges, subtiles Verbrechen wie den Mord an Violet Heredith zu lösen, und folglich hatte er nun die Chance, auf die er so lange gewartet hatte. Es blieb ihm nun zu beweisen, dass er es besser konnte als Merrington. Er hatte genügend Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, um die Gelegenheit zu begrüßen, aber gleichzeitig glaubte er, dass er vor einem Verbrechen stand, das alle seine Ressourcen als Detektiv beanspruchen würde, um es zu enträtseln.

Wie Merrington war er von der Fremdartigkeit des Mordes beeindruckt. Alle Umstände waren ungewöhnlich und lagen völlig außerhalb seiner bisherigen Erfahrung mit großen Verbrechen. Er war zudem zu dem Schluss gekommen, dass die Leichtigkeit, mit der der Mörder seinen Weg in das Moat-House gefunden und später entkommen war, auf eine intime Kenntnis des Ortes hindeutete.

Die Untersuchung des Tatorts am nächsten Morgen bestätigte Caldews Befürchtungen hinsichtlich der Komplexität des Falles. Das Schlafzimmer, in dem Violet Heredith ihr Leben verloren hatte, war ein Ort der stillen Tragödie, in dem jedes Möbelstück und jedes Detail der Einrichtung nur dazu diente, die Grausamkeit des Geschehenen hervorzuheben. Er verbrachte Stunden damit, den Raum zu untersuchen, in der Hoffnung, dass ihm ein übersehenes Indiz entgangen sein könnte, doch außer dem bereits erwähnten Schmuckstück fand er nichts, das Aufschluss über die Identität des Täters geben konnte.

Während er so durch das Zimmer strich, schweiften seine Gedanken erneut zu Merrington ab. Er fragte sich, ob sein Kollege in London bereits Fortschritte gemacht hatte. Die Kluft zwischen ihren Ansätzen war frappierend; während Merrington wie ein Uhrwerk funktionierte, das akribisch nach logischen Verknüpfungen suchte, verließ sich Caldew zunehmend auf sein Gefühl für die Atmosphäre des Hauses. Er war überzeugt, dass das Moat-House selbst die Geheimnisse seiner Bewohner hütete, eingewickelt in den jahrhundertealten Staub der Dielen und die unnachgiebige Stille der Mauern.

Sein Blick fiel auf das Fenster, das zum Burggraben hinausging. Es war, wie er bereits festgestellt hatte, von innen verriegelt gewesen, was den Kreis der Verdächtigen drastisch einschränkte. Wenn der Mörder nicht durch die Tür gekommen war – und alles deutete darauf hin, dass er den Raum durch diese verlassen hatte –, dann musste er ein Besucher gewesen sein, der die Gastfreundschaft des Hauses unter einem mörderischen Vorwand missbraucht hatte.

Diese Erkenntnis lastete schwer auf ihm. Sie bedeutete, dass jeder im Haus ein potenzieller Täter sein konnte, von den Dienern bis hin zu den engsten Familienmitgliedern. Er trat einen Schritt zurück und ließ den Blick über die Bettstatt schweifen, auf der das Opfer gefunden worden war. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Zimmer eine Geschichte erzählte, die noch nicht in Worte gefasst worden war. Er musste diese Geschichte hören, bevor er hoffen konnte, den Mörder von Violet Heredith zur Rechenschaft zu ziehen.

Er beschloss, seine Aufmerksamkeit nun auf die Befragung der übrigen Familienmitglieder zu richten. Bis jetzt hatte er sich zu sehr auf die äußeren Indizien konzentriert. Es war an der Zeit, die menschliche Komponente des Verbrechens zu untersuchen, die verborgenen Animositäten und die unterdrückten Konflikte, die so oft der Keim für solch blutige Taten waren. Mit einem letzten, suchenden Blick auf die Szenerie verließ er das Schlafzimmer, bereit, sich den Menschen zu stellen, die das Moat-House ihr Zuhause nannten.

Doch Caldew war zu erfahren in der Kriminalistik, um eine Theorie lediglich deshalb zu verwerfen, weil sie der Erfahrung widersprach. Es gab Vermutungen, die einen Verdacht gegen Miss Heredith rechtfertigten und zumindest weitere Nachforschungen geboten. Und während er diese Vermutungen überdachte, gelangte er zu dem zusätzlichen Schluss, dass die Theorie ihrer Schuld auch das Rätsel des offenen Fensters im Schlafzimmer von Mrs. Heredith erklären könnte. Caldew glaubte, dass das offene Fenster in einem Zusammenhang mit dem Verbrechen stand. Sein erster Eindruck war gewesen, dass der Mörder auf diesem Wege eingedrungen war und geflohen war. Der wilde Wein, auf den Weyling an jenem Morgen aufmerksam gemacht hatte, hatte diesen Glauben bestärkt, ungeachtet von Merringtons Ansicht, dass die Pflanze das Gewicht eines Mannes nicht tragen würde. Doch nun schien es ihm möglich, dass Miss Heredith das Fenster geöffnet haben könnte, um den Revolver in den Wassergraben zu werfen, damit er nicht gefunden würde. Er beschloss, diese Möglichkeit zu untersuchen, sobald er zum Moat-House zurückkehrte.

Er erreichte sein Ziel nur, um zu erfahren, dass Mr. und Mrs. Weyne mit dem Auto zum Moat-House gefahren waren, um der Familie ihr Beileid auszusprechen. Er stieg wieder auf sein Fahrrad und fuhr so schnell er konnte zurück, verärgert darüber, den besten Teil eines Nachmittags mit einem fruchtlosen Gang verschwendet zu haben.

Es war Abend, als er wieder Heredith erreichte und durch den Wald in Richtung Moat-House fuhr. Im heraufziehenden Zwielicht wirkte es menschenleer. Ein flüchtiger Schein der schwindenden Sonne fiel auf die bronzenen und blutroten Chrysanthemen in den runden Beeten, doch die Schatten wurden länger auf dem Rasen, und der Nebel von den grünen Wassern des Grabens kroch an den fleckigen roten Mauern empor.

Sein Klingeln an der Vordertür wurde von dem hübschen Hausmädchen beantwortet, das vor dem Frühstück den Flur abgestaubt hatte. Er erkannte in Milly Saker eine Spielkameradin aus dem Dorf von vor fast zwanzig Jahren wieder, und er erinnerte sich, dass sie es war, die seiner Schwester von der Differenz erzählt hatte, die zwischen Miss Heredith und der Frau ihres Neffen bestanden hatte.

Milly begrüßte den Detektiv mit einem koketten Lächeln des Wiedererkennens.

„Wie geht es Ihnen?“, sagte sie. „Sie wollten mich heute Morgen gar nicht ansehen. Sie sahen aus, als wollten Sie alte Freunde nicht wiedererkennen.“

Caldews Geist war zu sehr beschäftigt, um diesen ländlichen Neckereien mit demselben Geist zu begegnen.

„Ist Miss Heredith im Haus?“, fragte er und trat in den Flur.

„Ich wäre nicht hier und würde mit Ihnen reden, wenn sie es wäre“, antwortete das Mädchen keck. „Sie ist mit dem Auto ins Dorf gefahren, um Mr. Musard abzuholen. Sie hat gerade ein Telegramm erhalten, dass er zurückkommt.“

„Ich dachte, er wollte nach Frankreich“, sagte Caldew.

„Nun, das will er nicht. Das Telegramm sagt, er tut es nicht. Also ist Miss Heredith los, um ihn mit dem Abendzug abzuholen. Tufnell ist auch weg. Ich weiß nicht, wo er sich herumtreibt, aber ich werde mir nicht die Augen ausweinen, wenn er nie wiederkommt.“

„Waren Mr. und Mrs. Weyne hier?“

„Ja. Sie sind mit ihrem Wagen hergefahren und haben Miss Heredith und Sir Philip gesehen. Sie waren nicht sehr lange hier.“

„Wo sind Superintendent Merrington und Captain Stanhill?“

„In der Bibliothek. Sie sind vor etwa einer Stunde hereingekommen. Der große Herr muss heute Abend zurück nach London – ich habe ihn das sagen hören. Ein guter Abgang, das auch. Er hatte heute Morgen alle Bediensteten in der Bibliothek und hat sie schrecklich schikaniert.“

„Was hat er zu Ihnen gesagt?“, fragte Caldew mit einem Lächeln.

„Nichts“, antwortete das Mädchen prompt, „außer dem, was er heute früh sagte, als er mich hier im Flur aufhielt, seine große hässliche Hand unter mein Kinn legte und mir sagte, er würde sich später mit mir unterhalten. Aber dazu kam er nicht, weil ich den ganzen Morgen im Dorf bei meiner Mutter war, die krank ist. Aber er hat die anderen Mädchen so drangenommen, dass sie immer noch nicht aufhören davon zu reden. Gwennie Harden, die mit mir schläft, sagt, er müsse gedacht haben, eine von uns habe Mrs. Heredith ermordet, und die Köchin war so wütend über die Fragen, die er ihr stellte, dass sie auf der Stelle kündigen wollte, aber der alte Tufnell hat sie umgestimmt, indem er sagte, es sei nur pflichtgemäß geschehen, ohne persönliche Anspielungen. Tufnell bat sie um Entschuldigung für das, was sie ertragen musste, und die Köchin nahm sie an, und damit war die Sache erledigt. Aber es heißt, dass Mrs. Rath – das ist die Haushälterin – aus der Bibliothek kam und aussah, als würde sie gleich umkippen. Aber Hazel Rath ging nicht in die Bibliothek, obwohl sie letzte Nacht hier blieb und den ganzen Tag bei ihrer Mutter war. Vetternwirtschaft, nenne ich das. Warum müssen wir Dienstboten alle unser Fett wegkriegen, und sie lassen sie in Ruhe?“

Die Erwähnung von Hazel Raths Namen rief Caldew die Informationen ins Gedächtnis, die seine Schwester ihm über die frühe Verbindung zwischen ihr und Philip Heredith gegeben hatte. Doch die Tragweite dieser Aussage und die Bedeutung der Nachricht, die Milly Saker ihm gerade gegeben hatte, wurden ihm erst später klar. In diesem Moment waren seine Gedanken auf die Idee fixiert, seine neue Theorie über das offene Fenster zu testen, während Miss Heredith abwesend war. Als er sich abwandte, fragte er das Mädchen, wo Sir Philip sei.

„Er sitzt bei Mr. Phil“, lautete die Antwort.

„Ich nehme an, es ist niemand oben im linken Flügel?“, fügte er hinzu.

„Niemand außer der Leiche“, antwortete Milly mit einem leichten Schaudern. „Miss Heredith hat ihr Schlafzimmer gewechselt. Letzte Nacht hat sie unten geschlafen, aber heute Morgen gab sie Anweisung, das weiße Schlafzimmer im rechten Flügel für sie vorzubereiten. Ich nehme an, sie will so weit wie möglich davon weg, und ich mache ihr keinen Vorwurf daraus.“

Caldew ging nach oben und betrat die Todeskammer im stillen Flügel. Auf dem Rückweg von Chidelham hatte er einen runden Stein aufgehoben, den er nun aus der Tasche nahm, mit der Absicht, ihn aus dem Fenster zu werfen und die Stelle zu markieren, an der er in den Wassergraben fiel. Er öffnete das Fenster und blickte in den Garten hinaus. Die Entfernung zum Wassergraben war viel größer, als er sich vorgestellt hatte; so groß sogar, dass sein eigener Wurf das Wasser um etliche Fuß verfehlte. Es war unmöglich, dass Miss Heredith ein solch bemerkenswertes Kunststück vollbracht haben konnte, einen Revolver über den Zwischenraum zwischen dem Fenster und dem Graben zu schleudern. Keine Frau konnte so weit und so präzise werfen.

Dieses unvorhergesehene Hindernis brachte Caldew zunächst etwas aus dem Konzept, doch als er wieder aus dem Fenster blickte, schien es ihm aufgrund der Lage des Hauses, dass das Fenster von Miss Herediths Schlafzimmer näher am Graben lag als das Fenster, an dem er gerade stand. Da Miss Heredith ihr Schlafzimmer in den anderen Flügel verlegt hatte, beschloss er, in das Zimmer zu gehen und zu sehen, ob er recht hatte. Er hielt immer noch an seiner neuen Idee fest, dass der Revolver in den Wassergraben geworfen worden war, obwohl seine geänderte Ansicht, dass er aus Miss Herediths Fenster geworfen worden sein könnte, die Aufgabe seiner anderen Annahme bedeutete, dass die Entsorgung des Revolvers auf diesem Wege das offene Fenster im Schlafzimmer von Mrs. Heredith erklärte. Caldew erkannte beim Verlassen des Zimmers, dass die Frage nach dem offenen Fenster noch immer der Lösung harrte. Was er nicht erkannte, war, dass er die Fakten des Falles verzerrte, um die Möglichkeit seiner eigenen Theorie zu stützen.

Die Tür des Zimmers, das Miss Heredith bewohnt hatte, stand einen Spalt breit offen. Er stieß sie auf und trat ein. Darin herrschte jene verlassene und trostlose Atmosphäre, die ein Zimmer so schnell annimmt, wenn der Bewohner es geräumt hat. Die schwereren Möbel und das Bett blieben zurück, um die Hässlichkeit der Zweckmäßigkeit zu demonstrieren, nachdem die Accessoires und Zusätze des Luxus entfernt worden waren.

Das Rollo war unten und das Zimmer in teilweiser Dunkelheit. Caldew ging zum Fenster, hob das Rollo und blickte hinaus. Die Entfernung zum Graben war im Vergleich zu dem Fenster des Zimmers, das er gerade verlassen hatte, merklich geringer, doch der Abstand war immer noch beträchtlich.

Als sich Caldew vom Fenster abwandte, mit der widerwilligen Überzeugung, dass er eine unhaltbare Theorie gehegt hatte, schoss ein letzter Sonnenstrahl durch das offene Fenster und brachte den Staub, den er durch sein Eintreten aufgewirbelt hatte, dazu, wie eine Schar verrückter Bazillen im Tanz zu erzittern und zu kreisen. Der Lichtstrahl, der quer über den abgeräumten Toilettentisch fiel, brachte noch etwas anderes zum Vorschein – ein winziges Stück Goldkette, das aus der polierten Satinholzschublade hing.

Caldew zog die Schublade auf. Darin befand sich eine dünne goldene Halskette einer Dame mit einem Bündel von Anhängern und Nippsachen am Ende, die offensichtlich zurückgelassen und vergessen worden war. Er warf einen flüchtigen, achtlose Blick auf die Kette und wollte sie gerade wieder in die Schublade legen, als sein Auge an einem der Anhänger hängen blieb. Es war ein kleines Abbild, kaum mehr als einen Zoll lang; ein hockender heidnischer Gott mit verschränkten Armen und dem Gesicht eines Satyrs – ein wundervolles Beispiel für wilde Schnitzkunst im Miniaturformat.

Es war nicht die Perfektion der Schnitzerei oder die ungewöhnliche Art des Ornaments, die Caldew Aufmerksamkeit erregte, sondern das Material, aus dem es bestand: ein klarer, fast durchsichtiger Stein mit dem schwächsten denkbaren Anflug von Grün. Als er ihn im Sonnenlicht hielt, konnte Caldew ein oder zwei winzige schwarze Flecken im Stein erkennen. Es gab keinen Zweifel – das Abbild war aus demselben eigenartigen Material wie das Schmuckstück, das er am Vorabend im Zimmer der ermordeten Frau gesehen hatte.

Während er dort stand und den Anhänger untersuchte, drang das Murmeln von Stimmen aus der Nähe an seine Ohren. Als er vorsichtig aus dem Fenster schaute, sah er Musard und Miss Heredith, wie sie um die Seite des Hauses in den Garten gingen, vertieft in ein ernstes Gespräch. Caldew wich zu einem Winkel zurück, in dem er von unten nicht sichtbar war, und beobachtete sie aufmerksam. Musard sprach und machte gelegentlich eine eindrucksvolle Geste, und Miss Heredith hörte aufmerksam zu, mit gesenktem Gesicht und Augen, die auf kürzliche Tränen hindeuteten. Als sie unter dem Fenster vorbeiging, an dem er Wache hielt, hob sie ein Taschentuch an ihr Gesicht und schluchzte laut auf. Caldew wunderte sich, die stolze und zurückhaltende Herrin des Moat-House ihren Kummer so offen in Gegenwart von Musard zeigen zu sehen, bis er sich daran erinnerte, was seine Schwester ihm über ihre vermeintliche frühe Liebe zueinander erzählt hatte. Und mit diesem Gedanken kam ein weiterer. Es musste Musard gewesen sein, der Entdecker, der Mann, der in der Suche nach kostbaren Steinen in fernen, fremden Ländern umhergewandert war, der den eigenartigen Stein, aus dem die fehlende Brosche und das kleine Abbild gefertigt waren, ins Moat-House gebracht hatte.

Dem plötzlichen Impuls folgend, das Abbild zu Miss Heredith zu bringen und zu sehen, wie sie darauf reagierte, steckte Caldew die Kette in seine Tasche und eilte die Treppe hinunter. Am Fuß der Treppe wurde er von Tufnell gestoppt, der offensichtlich auf ihn gewartet hatte. Die gewöhnlich unerschütterliche Würde des Butlers war für einmal gestört, und er wirkte leicht gerötet und zerzaust.

„Ich war unten im Dorf und habe Sie gesucht“, sagte er in einem nörgelnden Tonfall. Die Majestät des Gesetzes hatte Caldew in den Augen des alten Butlers keine Würde verliehen. Er sah in ihm nur den Dorfjungen von vor zwanzig Jahren, dessen schelmische Streiche auf dem Anwesen der Herediths für ihn eine ständige Quelle der Sorge gewesen waren.

Der Detektiv schätzte die Einschätzung, die der alte Mann von ihm hatte, und die Tatsache trug nicht dazu bei, seine eigene Reizbarkeit zu mildern.

„Was wollten Sie von mir?“, fragte er kurz angebunden.

„Ich wollte Sie nicht, aber die Herren in der Bibliothek tun es. Superintendent Merrington fand, dass Sie lange fort waren, und er schickte mich ins Dorf, um nach Ihnen zu suchen. Er ist begierig darauf, heute Abend nach London zurückzukehren. Sie werden ihn in der Bibliothek finden.“

Die kühle Annahme des Butlers, es sei Merringtons Privileg zu befehlen und Caldews Pflicht zu gehorchen, ärgerte letzteren erheblich. Er hatte das Gefühl, dass Merrington auf seine beleidigende Art absichtlich seine offizielle Autorität geltend gemacht hatte, um ihn in seinem Heimatort zu demütigen. Dem Impuls des Zorns folgend, antwortete er:

„Ich habe einige Dinge zu erledigen, bevor ich ihn sehen kann. Sie können ihm das sagen, wenn Sie wollen.“

Er ging in Richtung der Haustür davon, wohl wissend, dass der Butler unbeweglich an der Treppe stand und ihn beobachtete. Als er nach draußen kam, wandte er seine Schritte in Richtung Garten; doch so kurz die Zeit seit seinem Beobachten des Gesprächs zwischen Musard und Miss Heredith bei der Sonnenuhr auch gewesen war, sie hatte ausgereicht, um das Gespräch zu beenden. Miss Heredith war nicht mehr zu sehen, und Musard schlenderte rauchend eine Zigarre den Kiesweg entlang.

Hatten sie ihn am Fenster gesehen und daraufhin ihre Konferenz abgebrochen? Es sah ganz danach aus. Miss Heredith musste das Haus durch eine andere Tür betreten haben, denn wäre sie durch die Vordertür gegangen, hätte er ihr begegnen müssen. Caldew hätte seine Schritte zurückverfolgt, wenn Musard nicht aufgeschaut hätte und, als er den Detektiv sah, darauf gewartet hätte, dass er sich näherte.

Caldew ging auf ihn zu und fragte sich, ob Miss Heredith ihre Kette von Anhängern vermisst und sie oben gesucht hatte. In diesem Fall, überlegte er grimmig, kehrte sich die Situation der letzten Nacht um, und diesmal war sie es, die zuvorgekommen war. Es war wahrlich eine ironische Lage, doch er war bis zu einem gewissen Grad Herr darüber.

Musard nickte dem Detektiv zu und bot ihm sein Zigarrenetui an. Caldew nahm eine Zigarre an und bewunderte das Etui, das aus Krokodilleder gefertigt war, gearbeitet und gegerbt auf eine ihm völlig neue Weise. Er hatte so etwas noch nie in den Tabakgeschäften von London gesehen und sagte das auch.

„Einheimische Herstellung“, antwortete Musard und wählte eine frische Zigarre. „Mein chinesischer Junge schoss das Krokodil, das es lieferte. Es ist eine seltene Sache für einen Chinesen, ein guter Schütze mit einem modernen englischen Gewehr zu sein, aber mein Junge würde alles bei Bisley abräumen. Er verfehlt nie. Es war ein Glück für mich, dass er es diesmal nicht tat, denn die Bestie kam an, um mich zu schnappen, während ich in einem Fluss schwamm. Suey, der mich rufen hörte, lief mit meinem Gewehr aus dem Zelt und schoss ihn vom Ufer aus. Er traf ihn durch das Auge – das Auge und die Kehle sind die einzigen zwei verwundbaren Stellen bei einem Krokodil. Eine Kugel prallt vom Kopf ab wie von einem Felsen.“

„Wo ist das passiert?“, fragte Caldew in interessiertem Ton. Sein eigenes Wissen über Krokodile beschränkte sich auf die Tatsache, dass er einmal eines in einem Becken im Zoologischen Garten gesehen hatte.

„Am Sambesi. Dort gibt es viele davon in den Flüssen und Mangrovensümpfen. Manche Jäger binden über Nacht einen Hund am Flussufer an, und das Tier gibt ihnen durch heulendes Entsetzen ein Warnsignal vor dem Herannahen der Reptilien. Es ist ziemlich grausam – für den Hund.“

„Zweifellos“, sagte Caldew.

„Wie kommen Sie mit Ihren Ermittlungen in diesem Fall voran?“, fuhr Musard fort und wechselte abrupt das Gesprächsthema.

Caldew war sofort wachsam und erstarrte in eine Haltung offizieller Zurückhaltung, wobei er sich fragte, warum Musard ihn über den Mord ausfragen wollte.

„Ich bin ein alter Freund der Herediths“, fuhr Musard fort, als ob er die Gedanken des anderen erraten könnte. „Dieser Mord ist eine sehr schreckliche Sache für sie. Ich fürchte, es könnte Sir Philips Todesstoß bedeuten. Er ist alt und schwach, und der Schock und die Krankheit seines Sohnes haben eine sehr schlechte Wirkung auf ihn gehabt. Ich hätte heute für das Kriegsministerium nach Frankreich reisen sollen, aber ich habe arrangiert, dass jemand an meiner Stelle geht, um in der Stunde der Prüfung bei der Familie zu bleiben. Haben Sie irgendetwas herausgefunden, das Sie vermuten lässt, dass Sie auf der Spur des Mörders sind?“

„Ich fürchte, ich kann Ihnen nichts über die Ermittlungen sagen“, antwortete der Detektiv vorsichtig. „Ich bin, wie Sie wissen, nicht für den Fall zuständig.“

„Ich verstehe“, erwiderte der andere mit einem Nicken. „Vielleicht hätte ich Sie nicht fragen sollen. Meine Sorge muss meine Entschuldigung sein.“

Er brachte diese Entschuldigung so höflich und angenehm hervor, dass sich Caldew augenblicklich für seine eigene starr offizielle Haltung schämte. Doch seine Instinkte der Vorsicht setzten sich schnell wieder durch, und er sagte sich, dass es in diesem finsteren Fall seine Aufgabe sei, auf der Hut zu sein und mit niemandem zu sprechen.

Die Situation wurde durch das Wiedererscheinen von Miss Heredith aus einer Seitentür des Hauses beendet. Der Detektiv war ein wenig überrascht, sie wiederzusehen, denn er hatte die Vorstellung gefasst, sie sei ins Haus gegangen, um ihm nicht zu begegnen. Sie ging eifrig auf Musard zu, ohne ihn zu bemerken.

„Oh, Vincent!“, rief sie aus, und der Ausdruck der Erleichterung auf ihrem Gesicht war unverkennbar. „Sir Ralph Horton geht gerade. Er sagt, dass Phil über dem Berg ist und es keine Notwendigkeit gibt, dass er länger bleibt. Phil braucht immer noch große Sorgfalt und Aufmerksamkeit, aber Sir Ralph sagt, es sei völlig sicher, ihn in Dr. Holmes’ Hände zu legen. Es gibt keine Angst um sein Gehirn, Gott sei Dank.“

„Das sind gute Nachrichten“, sagte Musard. „Haben Sie es Sir Philip gesagt?“

„Noch nicht. Ich dachte, es sei besser, das bis nach dem Abendessen aufzuschieben. Ich möchte, dass Sie es ihm dann sagen.“

Miss Heredith wandte sich um, als wolle sie wieder ins Haus gehen, doch Caldew, der einige Schritte entfernt in Hörweite dieses Dialogs gewartet hatte, näherte sich ihr mit der Goldkette in der Hand.

„Entschuldigen Sie, Miss Heredith“, sagte er. „Eines der Dienstmädchen sagte mir, dass Sie das Zimmer oben im linken Flügel nicht mehr bewohnten, also nahm ich mir die Freiheit, hineinzugehen, um zu sehen, ob es für den Mörder möglich gewesen wäre, durch Klettern vom Fenster eines Zimmers zum anderen zu entkommen, und während ich dort war, fand ich diese Kette. Sie hing aus einer Schublade des Toilettentischs in Fensternähe, und da sie offensichtlich vergessen worden war, dachte ich, ich sollte sie Ihnen zurückgeben.“

Er hielt sie ihr hin, als er zu Ende sprach, und beobachtete scharf ihr Gesicht nach einem Anzeichen von Verwirrung oder Beunruhigung. Doch Miss Heredith nahm die Kette ruhig entgegen und dankte ihm dafür, dass er sie zurückgebracht hatte. Caldew war enttäuscht über das Scheitern seines Tests, aber er versuchte einen weiteren Schuss ins Blaue.

„Mir ist ein sehr eigenartiges kleines Abbild unter den Anhängern an der Kette aufgefallen“, sagte er zögernd. „Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen, und ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, woher es kommt.“

Es war eine plumpe Falle, und das erkannte er, aber er war zu sehr darauf bedacht, sein Ziel mit subtileren Methoden zu erreichen. Es gab nichts in Miss Herediths ruhiger Miene, das darauf hindeutete, dass sie durch seine Neugier beunruhigt oder unruhig war. Sie wandte sich an Musard.

„Mr. Caldew meint das seltsame kleine Abbild, das Sie mir gegeben haben, als Sie ankamen, Vincent. Was ist es?“

Sie hielt die Kette hin, und der Entdecker nahm sie in seine große braune Hand. Er trennte das Abbild mit seinem Zeigefinger von den anderen Anhängern und drehte es achtlos um.

„Das ist ein Tiki“, sagte er.

Die Erklärung vermittelte Caldew nichts.

„Ich habe das Wort noch nie zuvor gehört“, sagte er. „Was ist ein Tiki?“

„Es ist das Maori-Wort für den Schöpfer des Menschen und wird auch verwendet, um einen Vorfahren darzustellen“, erklärte Musard. „Die Maori sind bis zu einem gewissen Grad Ahnenverehrer und schmücken ihre Pahs und Tempel mit großen Holzfiguren von immenser Größe, die einen berühmten kämpfenden Vorfahren darstellen sollen. Diese Bilder werden als Götter verehrt, und man glaubt, dass sie von Geistern besucht werden, die aufsteigen, um durch die hohlen Wurzeln eines Pohutukawa-Baumes, der in die Maori-Unterwelt hinabsteigt, mit ihnen zu sprechen. Die kleineren Tikis, oder, genauer gesagt, Hei-Tikis, wie dieser, sind als Miniaturnachbildungen der größeren Figuren geschnitzt und werden als Halsschmuck getragen. Sie sollen den Träger gegen die bösen Pläne böser Geister immun machen.“

„Aus welchem Material sind sie geschnitzt?“, sagte Caldew, der dieser Erklärung aufmerksam gefolgt war. „Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Es scheint so klar und farblos wie Glas, aber es strahlt einen schwachen grünlichen Glanz aus, und es sind schwarze Flecken darin.“

„Es ist Nephrit oder Maori-Grünstein“, antwortete Musard. „Londoner Juweliere nennen es Neuseeland-Jade.“

„Sicherlich ist dieser Stein keine Jade?“, sagte Caldew mit einigem Erstaunen. „Ich habe neuseeländischen Jadeschmuck in Londoner Geschäften gesehen, aber die waren aus einem stumpfen, tiefgrünen Stein gemacht, nicht im Geringsten wie dieser Stein, der klar wie Kristall ist und einen Glanz hat.“

„Es gibt verschiedene Arten von Jade“, erwiderte Musard. „Die derzeitige Mode der Damen der Gesellschaft verlangt nach chinesischer rosa Jade und Turmalin. Eine gute Halskette aus rosa Jade erzielt in der Bond Street ohne Weiteres tausend Pfund, und sie wird das modische Schmuckstück der Saison sein. Neuseeländischer Nephrit hat bei englischen Damen noch keine große Beliebtheit erlangt, und man sieht hier nur die gewöhnlichere dunkelgrüne Sorte, die häufig gefälscht ist. Diese Figur wurde aus der selteneren Art von Pounamu gefertigt, wie die Maoris es nennen.“

„Sie ist sehr hübsch“, sagte Caldew. „Haben Sie noch mehr davon?“ Er schmeichelte sich damit, dass die gespielte Gleichgültigkeit in seinem Ton nicht übertrieben wirkte.

„Nein“, antwortete Musard. „Es war das einzige Stück dieser seltenen Art, das ich jemals das Glück hatte zu erwerben.“

„Es gab noch ein kleines Stück, Vincent“, bemerkte Miss Heredith. „Du hast es vor etwa zehn Jahren mitgebracht. Es war die gleiche Art von durchsichtigem Stein mit schwarzen Flecken darin.“

„Ich hatte es vergessen. Ich habe es Phil gegeben, nicht wahr? Was hat er damit gemacht?“

„Er hat es zu einer Brosche für Hazel Rath verarbeiten lassen und ihr als Geburtstagsgeschenk gegeben.“

KAPITEL XII

Als Caldew für sein Gespräch mit Merrington zum Haus zurückkehrte, war der eine klare Eindruck in seinem Geist, dass die Entdeckung des Eigentümers der fehlenden Brosche der Ausgangspunkt für die Aufklärung des Mordes war.

In der Bibliothek traf er Superintendent Merrington, Captain Stanhill, Inspector Weyling und Sergeant Lumbe an. Der Sergeant, der müde und schmutzig aussah, erklärte entschuldigend, dass sein Besuch in Tibblestone fruchtlos gewesen sei.

„Ich habe meine Reise umsonst gemacht“, sagte er mit seiner tiefen, bäuerlichen Stimme, als Caldew eintrat. „Ich war auf einer wilden Jagd überall, und dann stellte sich heraus, dass dieser Kerl, wegen dem Mr. Hawkins angerufen hatte, nur ein Vertreter für In-Memoriam-Karten für gefallene Soldaten war. Ich traf ihn schließlich am Straßenrand, wo er sein Mittagessen aß und eine Londoner Illustrierte las. Er sah zwar zweifellos nach einem zwielichtigen Kunden aus, aber er konnte beweisen, dass er gestern Abend im Gasthaus Bagatelle spielte, als der Mord begangen wurde.“

Superintendent Merrington tat diese Information mit einem Nicken ab und wandte sich an Caldew.

„Haben Sie Mrs. Weyne befragt?“, fragte er.

„Sie waren nicht zu Hause“, lautete die Antwort. „Mir wurde gesagt, sie seien zum Moat-House gefahren. Haben Sie sie gesehen?“

Superintendent Merrington runzelte die Stirn. Er hatte die Weynes nicht gesehen, und er war nicht über ihren Besuch informiert worden. Es war eine weitere Ergänzung zur Summe der widrigen Ereignisse, die ihm seit seiner Ankunft im Moat-House widerfahren waren, und er fühlte sich sehr unzufrieden und zornig.

„Ich kehre mit dem nächsten Zug nach London zurück, Caldew“, sagte er mit seiner autoritären Stimme. „Offizielle Geschäfte von Bedeutung erfordern meine sofortige Anwesenheit. Ich werde bei Scotland Yard einige Nachforschungen über die Leute anstellen lassen, die hier gewohnt haben. In der Zwischenzeit sollten Sie besser vor Ort bleiben und Ihre Ermittlungen unter dem Chief Constable fortsetzen.“

„Ich werde sehr froh über die Hilfe von Detective Caldew bei der Entwirrung dieses schrecklichen Rätsels sein“, bemerkte Captain Stanhill höflich.

Caldew zog mehrere Schlüsse aus der Rede seines Vorgesetzten. Merrington war über den Fall verwirrt, hatte aber nicht die Absicht, ihn in seinen Rat zu ziehen. Merrington glaubte, dass der Mörder entkommen war und daher weitere örtliche Ermittlungen zwecklos seien, aber er hielt es für ratsam, einen Mann von Scotland Yard am Tatort zu behalten, um auf mögliche Entwicklungen zu achten, da er kein Vertrauen in die Polizei der Grafschaft hatte. Es war offensichtlich, dass Merrington glaubte, der Mörder sei von weit her gekommen, und er wollte ihn in London suchen. Aber er überließ nichts dem Zufall. Er behielt die Kontrolle über die Ermittlungen an beiden Enden, um den Ruhm der Ergreifung zu monopolisieren. Sollte der Mörder entkommen, konnten Caldew und die Polizei der Grafschaft als Sündenböcke für die öffentliche Empörung herhalten.

Doch während er den unfreiwilligen Tribut schnellen Zorns gegenüber diesen raffinierten Taktiken seines Abteilungsleiters zollte, erkannte Caldew mit Genugtuung, dass er im Besitz einer wertvollen Information war, die seine Berechnungen über den Haufen werfen könnte.

„Es gibt mehrere Leute im Bezirk, die man besser befragen sollte“, fuhr Merrington fort und konsultierte hastig seine Notizen. „Erstens müssen Sie einen weiteren Versuch unternehmen, die Weynes zu sehen. Mrs. Weyne kann uns vielleicht wertvolle Informationen über das frühere Leben von Mrs. Heredith geben. Und ich denke, Sie sollten den Bahnhofsvorsteher von Weydene Junction aufsuchen. Der Mörder könnte über Land zum Knotenpunkt gelaufen sein, anstatt das größere Risiko einer späteren Identifizierung einzugehen, indem er den Zug an einer der dörflichen Stationen auf dieser Seite nimmt. Und Sie sollten besser die Tochter der Haushälterin sehen und eine Aussage von ihr bekommen. Ich nehme nicht an, dass sie etwas über das Verbrechen weiß, aber sie war gestern Abend hier, und man sollte sie besser sehen. Sie arbeitet als Modistin in der Marktstadt Stading.“

„Meinen Sie Hazel Rath?“, erkundigte sich Caldew etwas überrascht.

„Ja. Sie ist die Tochter der Haushälterin. Sie blieb gestern Abend mit ihrer Mutter hier, reiste aber heute Morgen mit dem ersten Zug zurück zu ihrem Arbeitsplatz.“

„Da muss ein Missverständnis vorliegen. Ich habe den Eindruck, sie ist noch im Haus.“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Eines der Dienstmädchen.“

„Wir sollten das Mädchen hereinholen und sie befragen. Wie heißt sie?“

„Milly – Milly Saker.“

Merrington drückte auf die Glocke und wies das Dienstmädchen, das antwortete, an, Milly Saker hereinzuschicken.

Das Mädchen kam fast sofort herein und sah halb trotzig und halb verängstigt aus. Merrington musterte sie scharf.

„Sie sind das Mädchen, das ich heute Morgen den Flur abstauben sah“, sagte er. „Warum sind Sie nicht mit den anderen Dienstboten zur Befragung hereingekommen?“

„Weil ich nicht hier war“, antwortete das Mädchen frech.

„Wo waren Sie?“

„Unten im Dorf, bei meiner Mutter.“

„Wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben zu gehen?“

„Mrs. Rath, die Haushälterin.“

„Haben Sie sie um Urlaub gebeten?“

„Nein. Sie wusste, dass meine Mutter krank war, und sie sagte nach dem Frühstück zu mir: ‚Milly, möchtest du heute Morgen deine Mutter besuchen?‘ Ich sagte ja, das würde ich gerne, wenn sie auf mich verzichten könne. Sie sagte mir, das könne sie, also dankte ich ihr und ging.“

Superintendent Merrington und Captain Stanhill tauschten Blicke aus. Derselbe Gedanke kam ihnen beiden. Mrs. Rath, die Haushälterin, hatte ihnen versichert, sie habe alle Dienstboten zur Befragung in die Bibliothek geschickt. Merrington wandte sich wieder an das Mädchen.

„Die Tochter von Mrs. Rath war gestern Abend bei ihr, nicht wahr?“

„Ja.“

„Ist sie noch hier?“

„Ja.“

„Sind Sie sich da ganz sicher?“

„Ja, als ich vor etwa einer halben Stunde draußen war, sah ich sie durch das Fenster in dem Zimmer ihrer Mutter sitzen.“

Diese Information vermittelte Merringtons Geist eine Bedeutung, die Caldew nicht ersichtlich war. Er hielt einen Moment inne und fuhr dann abrupt fort:

„Wo waren Sie gestern Abend zum Zeitpunkt des Mordes?“

„Bitte, mein Herr, ich weiß nichts darüber“, antwortete das Mädchen mit einem Wimmern.

„Beherrschen Sie sich, mein liebes Mädchen“, sagte Captain Stanhill beschwichtigend. „Niemand behauptet, dass Sie etwas damit zu tun hatten.“

Als Antwort schluchzte das Mädchen nur laut. Superintendent Merrington, der seine eigenen Methoden hatte, verängstigte Frauen zu beruhigen, schüttelte sie grob am Arm.

„Hören Sie mir zu“, befahl er streng. „Wollen Sie ins Gefängnis?“

„N–ein, mein Herr“, antwortete Milly zwischen einem neuen Schluchzen.

„Dann hören Sie besser mit diesem Lärm auf und beantworten meine Fragen, oder ich sperre Sie hinter Schloss und Riegel, bis Sie es tun. Wo waren Sie gestern Abend, als der Mord begangen wurde?“

„Ich habe bei Tisch gewartet, bis das Dessert serviert wurde“, antwortete das Mädchen, das durch das herrische Auftreten des großen Mannes ihr gegenüber völlig eingeschüchtert war.

„Was haben Sie getan, als Sie das Esszimmer verließen?“

„Ich ging in die Küche und habe eine Weile mit der Köchin gesprochen.“

„Und was haben Sie dann getan?“

„Ich ging den Flur entlang in die Halle, um zu sehen, ob das Abendessen beendet war. Ich wusste, dass Miss Heredith darauf bedacht war, das Abendessen früh zu beenden, da sie alle ausgehen wollten, und ich wollte das Abendessen so schnell wie möglich abräumen, weil ich selbst ausgehen wollte. Ich sah sie das Zimmer verlassen und in Richtung der Vordertür gehen, aber sonst kam niemand aus dem Esszimmer, und ich konnte jemanden sprechen hören. Nachdem ich also eine Weile gewartet hatte und sah, dass niemand sonst herauskam, ging ich zurück in Richtung Küche.“

„Wo standen Sie, während Sie gewartet haben?“

„Genau an der Ecke des Flurs, der von der Küche heraufführt.“

„Sie sind überhaupt nicht nach oben gegangen?“

„Nein, natürlich nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, nach oben zu gehen.“

„Seien Sie nicht frech, sondern beantworten Sie meine Fragen. Haben Sie den Schrei und den Schuss gehört?“

„Nein, habe ich nicht. Ich war schon vor dieser Zeit zurück in der Küche, und die Küche liegt ganz hinten im Haus. Die Köchin und ich wussten nichts davon, bis eines der Mädchen heruntergerannt kam und uns erzählte, was passiert war.“

„Haben Sie jemanden außer Miss Heredith in der Halle oder auf der Treppe des linken Flügels gesehen, während Sie am Ende des Flurs standen?“

„Niemanden außer Miss Rath.“

„Meinen Sie die Tochter der Haushälterin?“

„Ja.“

„Wann haben Sie sie gesehen?“

„Als ich dort stand und auf eine Gelegenheit wartete, das Geschirr vom Abendessen abzuräumen, kam sie von dem mittleren Flur, der von den Zimmern der Haushälterin herführte, und bog in die Halle ein.“

„Wo wollte sie hin?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gefragt“, antwortete das Mädchen, das etwas von ihrer frechen Sicherheit zurückgewonnen hatte.

„Hat sie Sie gesehen?“

„Nein. Ich stand am Ende des Küchenflurs, der in der Nähe des rechten Flügels liegt. Der Flur, aus dem sie kam, war ziemlich weit von meinem Standpunkt entfernt, fast in der Mitte des Hauses. Sie bog in die andere Richtung ab.“

„Sie bog also nach rechts ab, als sie aus dem Flur kam, und ging in Richtung des linken Flügels?“

„Ich weiß nicht, wo sie hinging. Alles, was ich weiß, ist, dass ich sie aus dem Flur kommen sah und sie, wie es schien, die Halle in diese Richtung entlangging.“

„Ist Ihnen ihr Verhalten aufgefallen?“

„Ich kann nicht sagen, dass es mir besonders aufgefallen wäre, außer dass sie im Schatten ging, auf der Seite, die dem Flur am nächsten lag, aus dem sie kam, und sie schien auf die Esszimmertür zu schauen.“

„Sie sind sicher, dass es Hazel Rath war?“

„Oh, das war sie ganz sicher“, antwortete Milly zuversichtlich. „Ich habe sie erkannt, ebenso wie das Kleid, das sie trug.“

„War das bevor oder nachdem Sie Miss Heredith das Esszimmer verlassen sahen?“

„Etwa zehn Minuten danach.“

„Haben Sie irgendjemandem erwähnt, dass Sie sie gesehen haben?“

„Das habe ich nicht“, antwortete das Mädchen, als ob die Angelegenheit für sie völlig gleichgültig wäre.

„Warum nicht?“

„Ich nehme an, Miss Rath kann gehen, wohin sie will“, sagte das Mädchen luftig. „Sie genießt Privilegien. Als sie früher hier wohnte, konnte sie sich im ganzen Haus frei bewegen, genau wie jemand aus der Familie. Es ist nicht meine Aufgabe, ihre Kommen und Gehen zu hinterfragen.“

„Oh, Miss Rath hat früher hier gewohnt, nicht wahr? Wie lange ist das her?“

„Bis vor etwa zwei Jahren, bevor sie berufstätig wurde.“

„Und wie lange hat sie hier gewohnt?“

„Es müssen gute sieben Jahre oder mehr gewesen sein“, sagte Milly nachdenklich. „Sie kam als kleines Mädchen hierher, als ihre Mutter als Haushälterin anfing. Miss Heredith fand großen Gefallen an ihr, und sie wurde zu einem richtigen Liebling des Hauses und tat genau das, was ihr gefiel. Als sie erwachsen wurde, half sie ihrer Mutter und erledigte kleine Dinge im Haus. Aber sie hat sich nie etwas eingebildet – das muss ich sagen.“

„Sehr gut. Sie können jetzt gehen.“

„Caldew“, sagte Merrington schnell, als sich die Tür hinter dem Mädchen schloss, „gehen Sie und suchen Sie die Haushälterin und schicken Sie sie hier herein. Und dann behalten Sie ihre Tochter im Auge und lassen Sie sie nicht aus den Augen, bis ich nach Ihnen schicke. Dann bringen Sie sie herein.“

Als Caldew den Raum für seinen Auftrag verließ, wandte sich Captain Stanhill mit einem schmerzlichen Ausdruck im Gesicht an Superintendent Merrington.

„Verdächtigen Sie –“, begann er.

„Ich verdächtige niemanden – und jeden“, lautete die prompte Antwort. „Meine Pflicht ist es, die Fakten herauszufinden, und meine Aufgabe ist es nun, festzustellen, warum die Haushälterin mich heute Morgen wegen ihrer Tochter belogen hat. Sie war eine Närrin, mich täuschen zu wollen. Da steckt etwas dahinter, dem ich bis auf den Grund gehen werde, bevor ich gehe.“

Es gab ein zaghaftes Klopfen, und die Tür öffnete sich langsam und enthüllte die zerbrechliche schwarze Gestalt der Haushälterin, die zögernd auf der Schwelle stand. Ihre verängstigten Augen waren auf Merringtons herausfordernde gerichtet, als würden sie von einem Magneten angezogen.

„Sie – Sie wollten mich sehen?“, stammelte sie.

„Ja. Kommen Sie herein“, befahl Merrington kurz angebunden. „Schließen Sie die Tür, Lumbe. Setzen Sie sich, Mrs. Rath, ich habe ein paar Fragen an Sie.“

Die Haushälterin nahm Platz, ihre Augen immer noch auf Merringtons Gesicht gerichtet. Sie sah krank und hager aus, aber die Konturen ihres abgenutzten Gesichts und der Umriss ihrer schlanken Figur deuteten darauf hin, dass sie einst Schönheit und Anziehungskraft besessen hatte. Merrington, der sie hart anstarrte, hatte wieder die Vorstellung, dass er sie vor langer Zeit unter anderen Bedingungen und Umständen gesehen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wo.

„Hören Sie, Mrs. Rath“, begann er abrupt. „Ich möchte wissen, warum Sie mich heute Morgen belogen haben.“

„Ich – ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich bin nicht hierhergekommen, um beleidigt zu werden.“ Die Haushälterin brachte diese Worte mit einem schwachen Versuch von Würde hervor, aber ihre Lippen wurden plötzlich weiß.

„Spielen Sie keine vornehme Dame mit mir, denn das zieht nicht“, sagte Merrington in einem grimmigen, herrischen Ton. „Sie wissen sehr wohl, was ich meine. Sie haben mir heute Morgen, als ich Sie fragte, gesagt, dass Sie alle Dienstboten zur Befragung geschickt hätten. Ich habe gerade entdeckt, dass Sie das nicht getan haben. Da war ein Mädchen, Milly Saker, das ich nicht gesehen habe. Warum war das so?“

Es schien Captain Stanhill, als entspanne sich die Anspannung im Gesicht der Haushälterin und ein Ausdruck der Erleichterung in ihre Augen käme, als wäre die Frage eine andere als die, die sie erwartet hatte.

„Ich habe Sie nicht belogen“, antwortete sie in einem festeren Ton. „Ich habe alle Dienstboten hereingeschickt, die zu der Zeit im Haus waren. Milly war nicht zu Hause.“

„Wo war sie?“

„Sie ging hinüber ins Dorf, um ihre Mutter zu besuchen, die krank ist.“

„Mit Ihrer Erlaubnis, nehme ich an?“

„Ja.“

„Warum haben Sie ihr erlaubt zu gehen?“

„Die Mutter des Mädchens war sehr krank und brauchte ihre Tochter.“

„Sie ließen sie gehen, obwohl ich Ihnen gesagt hatte, dass ich alle Dienstboten befragen wollte?“

„Nein, es war, bevor Sie mir das sagten, dass ich Milly die Erlaubnis gab, den Vormittag frei zu haben“, antwortete Mrs. Rath ruhig.

„Ist das die wahre Erklärung?“

„Ja.“

„Ist sie so wahr wie Ihre andere Aussage?“

„Welche andere Aussage?“

„Die Aussage, die Sie mir heute Morgen machten, als Sie mir versicherten, Ihre Tochter hätte dieses Haus verlassen, um zu ihrem Arbeitsplatz nach Stading zurückzukehren?“, sagte Merrington mit einem grausamen Lächeln. „Das war nicht wahr, wissen Sie. Wie bezeichnen Sie diese Unwahrheit? Als vorübergehende Gedächtnisstörung oder was?“

Die Haushälterin blickte mit schnellen, erschrockenen Augen auf, und ihre dünne Hand umklammerte unwillkürlich die Kante des Tisches vor ihr, aber sie sprach nicht.

„Sie haben diesbezüglich gelogen, wissen Sie“, fuhr Merrington fort. „Ich habe herausgefunden, dass Ihre Tochter den ganzen Tag im Haus war. Warum haben Sie mich belogen? Kommen Sie, raus mit der Sprache!“

„Sie sind zu barsch, Merrington“, sagte Captain Stanhill und intervenierte mit unerwarteter Festigkeit. „Sie haben sie erschreckt. Kommen Sie, Mrs. Rath“, sagte er sanft, „können Sie uns keine Erklärung dafür geben, warum Sie uns heute Morgen in die Irre geführt haben?“

„Weil ich nicht wollte, dass meine Tochter in diese schreckliche Sache hineingezogen wird“, rief sie wild. „Ich nehme an, es war sehr töricht von mir“, fügte sie mit einer gefassteren Stimme hinzu, als wäre sie durch den gütigen Blick in Captain Stanhills Augen beruhigt, „aber ich dachte wirklich nicht, dass es eine Rolle spielte. Meine Tochter wusste nichts von dem Mord, und da sie leicht erregbar ist, wollte ich nicht, dass sie aufgeregt wird.“

„Wo war Ihre Tochter gestern Abend, als der Mord begangen wurde?“, fragte Merrington.

„In meinem Zimmer.“

„Haben Sie beide den Schrei oder den Schuss gehört?“

„Nein, meine Zimmer liegen weit weg vom linken Flügel, und wir saßen bei geschlossener Tür.“

„Wann haben Sie dann von dem Mord erfahren?“

„Sehr bald nachdem er passierte. Eines der Dienstmädchen kam und erzählte es mir.“

„Und Sie sagen, dass Ihre Tochter zu der Zeit bei Ihnen war und schon eine beträchtliche Zeit vorher bei Ihnen gewesen war?“

„Ja.“

„Ich denke, das reicht, Mrs. Rath. Ich habe Ihnen jede Gelegenheit gegeben, aber Sie beharren immer noch darauf, Unwahrheiten zu sagen. Ihre Tochter wurde gestern Abend kurz vor dem Mord dabei gesehen, wie sie den Flur in Richtung des linken Flügels entlangging. Die Person, die sie sah, war das Mädchen Milly Saker. War das der wahre Grund, warum Sie Milly heute Morgen Urlaub gaben, um ihre Mutter zu besuchen – damit sie uns nicht erzählt, was sie wusste?“

„Es ist nicht wahr“, keuchte die Haushälterin. „Meine Tochter war gestern Abend nicht aus meinen Zimmern, ich versichere Ihnen, das ist die Wahrheit.“

„Ich würde Ihnen nicht einmal unter Eid glauben“, erwiderte Merrington. „Lumbe, gehen Sie und sagen Sie Caldew, er soll das Mädchen hereinbringen.“

KAPITEL XIII

Das Mädchen, das einen Moment später den Raum betrat, war groß und anmutig, mit einem sehnsüchtigen Ausdruck in ihren weichen dunklen Augen, als wäre sie auf der Suche nach einem Glück, das ihr vom Schicksal verwehrt worden war. Ihr Äußeres war von ungewöhnlicher Feinheit. Sie hatte keine Spur des verhärteten, aufgedunsenen Aussehens, das bei englischen Landmädchen so verbreitet ist; es gab nichts von bäuerlicher Plumpheit in ihrer schlanken Figur, und es gab mehr als nur Hübschheit in ihren exquisiten kleinen Gesichtszügen, ihrem dichten dunklen Haar, ihrer klaren weißen Haut mit einem Geflecht aus blauen Adern an den Schläfen. Ihre hohe, geschwungene Nase und ihr festes Kinn deuteten auf eine gewisse Charakterstärke hin, aber dieser Eindruck wurde durch ihren sehnsüchtigen, zärtlichen Mund mit der herabhängenden Unterlippe zunichtegemacht. Das Gesicht war im Ganzen ein paradoxes, das Elemente von Stärke und Schwäche enthielt, und die Augen waren der Index zu einer seltsam leidenschaftlichen Natur.

Sie schritt ruhig in den Raum, mit einem schnellen Blick, der sofort durch gesenkte Lider verhüllt wurde, auf die Gesichter der Polizeibeamten, die auf sie warteten. Als sie das ferne Ende des Tisches erreichte, an dem sie saßen, blieb sie stehen und stand mit locker gefalteten Händen vor sich, als würde sie darauf warten, befragt zu werden.

„Bitte setzen Sie sich, Miss Rath“, sagte Captain Stanhill höflich. „Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen.“

Das Mädchen setzte sich auf einen Stuhl in einiger Entfernung von ihrer Mutter, und diesmal musterte sie die Männer vor ihr mit einer Miene der Gleichgültigkeit, die offensichtlich vorgetäuscht war.

Doch wieder senkte sie schnell die Augen, denn Merrington starrte sie mit einem Blick des Erstaunens an, als wäre er mit einer vertrauten Präsenz konfrontiert, an deren Identität er sich nicht erinnern konnte. Er blickte von Hazel zu ihrer Mutter, und seine Augen hefteten sich grimmig auf die Haushälterin mit der Genugründung eines Mannes, der ein schwer fassbares Rätsel gelöst hatte.

„Wir haben uns also schon einmal getroffen, Mrs. Rath“, sagte er. „Sie sind –“

„Nein, nein! Bitte schweigen Sie vor meiner Tochter“, unterbrach ihn die Haushälterin hastig.

„Ich hatte mich nicht getäuscht. Ich erinnerte mich heute Morgen an das Gesicht dieser Frau, konnte mich aber damals nicht daran erinnern, wo ich sie schon einmal gesehen hatte“, fuhr Merrington fort, wandte sich an Captain Stanhill und sprach mit einer Art reflektierender Grausamkeit. „Das Gesicht ihrer Tochter liefert den Hinweis. Sie ist das Ebenbild ihrer Mutter, wie ich mich an sie erinnere, als sie vor fünfzehn Jahren vor dem Old Bailey stand. Sie wurde angeklagt wegen –“

„Ich flehe Sie an, sagen Sie es nicht!“, Mrs. Rath schreckte von ihrem Sitz auf und blickte wild umher, als würde sie nach einem Fluchtweg aus einer drohenden Katastrophe suchen.

„Ist es notwendig, darauf einzugehen, Merrington?“, fragte Captain Stanhill mit seinen milden Tönen und blickte von der aufgeregten Frau zu seinem Kollegen mit dem beunruhigten Bewusstsein, dass er einer Szene beiwohnte, die ihm zuwider war.

„Natürlich ist es notwendig, wenn wir der Wahrheit dieses Falles auf den Grund gehen wollen“, entgegnete Merrington. „Sie brauchen sich wegen Mrs. Rath keine Sorgen zu machen“, fuhr er mit einer Art wilder, verächtlicher Ironie fort. „Eine Frau, die als Mittäterin bei einem Mord vor Gericht gestanden hat, dürfte kaum zartbesaitet sein. Ihr Name ist nicht Rath. Er lautet Theberton – Mary Theberton. Sie und ihr Ehemann standen vor fünfzehn Jahren vor dem Old Bailey wegen des Mordes an einem Mann namens Bridges. Die Verhandlung erregte damals großes Aufsehen. Sie war bekannt als ‚Der Fall des Todessignals‘.“

Caldew betrachtete die Haushälterin mit neuem Interesse. Er erinnerte sich sogleich an den berüchtigten, von Merrington erwähnten Fall. Theberton war ein Müller aus Essex, der entdeckt hatte, dass seine junge Frau gewohnheitsmäßig Bridges durch eine Kerze in ihrem Fenster ihre Abwesenheit signalisierte. Er hatte sie gezwungen, den Mann mittels dieses Signals ins Haus zu locken, und ihn dann, wie man annahm, durch einen Wurf in den Mühlteich ermordet. Doch obwohl man gesehen hatte, wie Bridges das Haus betrat, und ihn danach nicht mehr erblickte, scheiterte die Mordanklage, weil die Detektive seine Leiche nicht finden konnten. Theberton beteuerte seine Unschuld; Mary Theberton sagte aus, ihr Ehemann habe sie in ihrem Zimmer eingeschlossen, bevor er Bridges einließ, und sie wisse nichts von dem, was zwischen den beiden Männern vorgefallen sei.

Während des Prozesses stieß sie in der Öffentlichkeit auf viel Sympathie, da sich die Überzeugung durchsetzte, die Beziehung zwischen ihr und Bridges sei zwar unklug, aber unschuldig gewesen; das Ergebnis eines Bedürfnisses nach menschlicher Nähe, das eine unglückliche junge Frau dazu verleitet hatte, einem früheren Schulfreund ihre Sorgen anzuvertrauen. Sie war die Tochter eines Architekten, in kultivierten Verhältnissen aufgewachsen und gut ausgebildet, doch ihr Vater hatte sie verstoßen, weil sie unter ihrem Stand geheiratet hatte. Ihr Mann behandelte sie schlecht, und ihre Geschichte lautete, sie habe die Hilfe eines alten Schulfreundes gesucht, um nach London zu gehen und dort ihren Lebensunterhalt für sich und ihre kleine Tochter zu verdienen. Als der Prozess vorüber war, wanderte Theberton aus und seine Frau verschwand, obwohl es hieß, man wolle eine öffentliche Spendensammlung für sie ins Leben rufen. Dies war das Ende des „Falls des Todessignals“, denn das Geheimnis um das Verschwinden von Bridges wurde nie gelöst.

Caldew fragte sich, durch welche seltsame Wendung des Schicksalsrades die Frau vor ihm Haushälterin im Moat-House geworden war. Es war gewiss, dass Miss Heredith nichts von diesem schwarzen Blatt in ihrer Vergangenheit wusste, denn Miss Heredith war trotz ihres gütigen Herzens und ihrer strengen kirchlichen Grundsätze die Letzte, die jemanden mit einem befleckten Namen in eine Vertrauensstellung in ihrem Haushalt berufen hätte. Sie war zu stolz auf den Familiennamen, um so etwas zu tun. Die Tatsache, dass die Haushälterin die Stelle so lange unentdeckt innegehabt hatte, war ein Beweis dafür, wie leicht eine Identität sicher vor allem außer dem Zufall verborgen bleiben konnte. Obwohl ihr nervöses Auftreten darauf hindeutete, dass sie sich in ihrem stillen Zufluchtsort auf einem Rasiermesser der ständigen Ungewissheit bewegt hatte, immer die Entdeckung fürchtend, schien es Caldew, als hätte sie bis an ihr Grab unentdeckt bleiben können, wäre das Schicksal nicht auf die Idee gekommen, Superintendent Merrington mit der Untersuchung des Mordes im Moat-House zu betrauen. Das Schicksal hatte sie auf seine grausame Art eine ganze Weile auf ihrem Rasiermesser gelassen, bevor es sie zu Fall brachte, und Caldew musste daran denken, dass er zum Werkzeug ihres Untergangs gemacht worden war.

Doch was lag hinter der Enthüllung der Identität der Haushälterin? Warum hatte sie Merrington bezüglich der Anwesenheit ihrer Tochter im Haus getäuscht? War es nur die Angst, Merrington könnte sie an ihrer frühen Ähnlichkeit mit ihrer Tochter wiedererkennen, oder sollten ihre Unwahrheiten die Detektive über Hazels Bewegungen zur Zeit des Mordes täuschen? Was würde das Mädchen sagen? Die Situation war voller seltsamer Möglichkeiten.

Während diese Überlegungen durch Caldews Kopf gingen, herrschte Stille im Raum, die nur von der Uhr auf dem Kaminsims unterbrochen wurde, welche laut tickte, mit frecher Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Angelegenheiten. Merrington blieb nach der Enthüllung der verborgenen und vergessenen Tragödie still und beobachtete aufmerksam die Wirkung auf Mutter und Tochter. Die Mutter stand ohne ein Wort oder eine Geste da, die Hand in einer gehemmten Abwehrhaltung erstarrt, wie eine zur Stille gefrorene Frau. Der Blick des Mädchens war auf ihre Mutter gerichtet, mit der Starrheit eines Schläfers, der im Schrecken eines bösen Traums erwacht ist. Zumindest in ihrer Regungslosigkeit waren sie sich einig. Dann blickte Hazel fragend auf die Gesichter der anderen im Raum, mit der erschöpften Gleichgültigkeit eines zurückkehrenden Bewusstseins, das versucht, die Orientierung wiederzufinden. Diese Phase ging vorüber, und in dem plötzlichen, wilden Tränenausbruch, der folgte, lag die verspätete Erkenntnis der Bedeutung der Entlarvung ihrer Mutter; die Schande, die Qual, die Schmach, die sie bedeutete. Mit einer schnellen Bewegung erhob sie sich von ihrem Sitz, ging auf ihre Mutter zu und ergriff ihre Hand.

„Mutter!“, sagte sie.

Doch ihre Mutter wandte sich von ihr ab, sank in ihren Stuhl und bedeckte ihr Gesicht mit einer beschämten Geste mit den Händen, wie eine Frau, die im Licht des Tages nackt hinausgestoßen wurde.

„Kümmern Sie sich jetzt nicht um Ihre Mutter“, sagte Merrington, als das Mädchen sich vorbeugte, als wolle sie sie trösten. „Bitte kehren Sie auf Ihren Platz zurück und beantworten Sie meine Fragen.“

Hazel drehte sich beim Klang seiner Stimme um, blieb aber stehen und betrachtete ihn ängstlich.

„Sie sind letzte Nacht bei Ihrer Mutter geblieben, wie ich verstehe?“, fuhr Merrington fort.

„Ja.“

„Wann sind Sie hier angekommen?“

„Gestern Nachmittag.“

„Von wo?“

„Von Stading, mit dem Zug. Ich hatte einen freien Nachmittag und kam, um meine Mutter zu besuchen.“

„Wie lange ist es her, seit Sie sie das letzte Mal besucht haben?“

„Es müssen etwa drei Monate sein“, sagte Hazel nach kurzem Nachdenken.

„Lassen Sie immer drei Monate zwischen Ihren Besuchen verstreichen?“

„Nein.“ Es lag ein Anflug von Zögern in der Antwort.

„Sie kamen früher öfter?“

„Ja.“

„Wie oft?“

„Beinahe jede Woche.“ Diesmal war das Zögern vor der Antwort deutlich erkennbar.

„Warum ließen Sie zwischen diesem Besuch und dem letzten eine so lange Zeit verstreichen, wenn Sie es zuvor gewohnt waren, Ihre Mutter beinahe jede Woche zu sehen?“

Hazel zögerte wieder, als sei sie um eine Antwort verlegen.

„Ich war so beschäftigt“, murmelte sie schließlich.

„Ist dies Ihr erster Besuch im Moat-House, seit Mrs. Heredith hier lebt?“

„Ja.“ Die Antwort war so leise, dass sie kaum zu hören war.

Caldew, der als Einziger im Raum das tiefere Wissen besaß, um die Stoßrichtung dieser Fragen zu durchschauen, begriff mit einem gewissen Schock, dass Merrington, obwohl er über weniger Fakten verfügte, zu einer absoluten Schlussfolgerung über die Ereignisse der letzten halben Stunde gelangt war, während er selbst ratlos in einer Wolke aus Verdächtigungen umhergeirrt war. Der gedankliche Sprung war für ihn zu groß gewesen, doch Merrington hatte nicht gezögert, ihn zu wagen. Caldew wartete gespannt auf die nächste Frage. Es dauerte eine Weile, bis sie kam, und als sie kam, war sie nicht das, was Caldew erwartet hatte. Als wäre er mit den bisherigen Antworten zufrieden, schlug Merrington einen anderen Weg ein.

„Wie haben Sie den gestrigen Abend verbracht?“, fragte er unvermittelt.

„Ich verstehe Sie nicht.“ Ein Schatten von Furcht lag in den dunklen Augen des Mädchens, als sie antwortete.

„Ich werde es deutlicher ausdrücken. Wie haben Sie die Zeit zwischen Ihrer Ankunft im Moat-House und dem Schlafengehen verbracht?“

„Ich habe sie mit meiner Mutter in ihren Zimmern verbracht.“

„Waren Sie die ganze Zeit dort?“

Caldew schien es, als ob die Haltung der älteren Frau die einer Lauschenden sei. Obwohl sie ihr Gesicht weiterhin in den Händen verbarg, bewegte sich ihr Körper leicht, als würde sie lauschen, um die Antwort aufzufangen.

„Ja.“ Das Wort wurde hastig, fast trotzig ausgesprochen, doch die Augen des Mädchens wichen unter Merringtons direktem Blick aus.

„Darf ich also davon ausgehen, dass Sie sich im Zimmer Ihrer Mutter befanden, als Mrs. Heredith ermordet wurde?“

Diesmal antwortete Hazel nicht hörbar, aber eine leichte Kopfbewegung deutete ein Ja an.

„Was würden Sie sagen, wenn Ihre Mutter zugibt, dass Sie ihr Zimmer vor dem Mord verlassen haben und dass sie Sie erst danach wiedergesehen hat?“

Es war eine geschickte Falle, gab Caldew widerwillig zu, diese Idee, Mutter und Tochter gegeneinander auszuspielen, aber eine, die er nur zögerlich angewendet hätte. Die Wirkung war unmittelbar. Bevor das Mädchen ihre verängstigten Lippen zu einer Antwort formen konnte, hob die Mutter scharf den Kopf.

„Das habe ich nicht gesagt! Antworte ihm nicht, Hazel, sag es ihm nicht. Oh!“ Zu spät begriff die unglückliche Frau, dass sie ihre Tochter verraten hatte, und sie versank in ein betäubtes Schweigen.

„Ihre Mutter hat das Geheimnis ausgeplaudert“, sagte Merrington in neckischem Ton zum Mädchen. „Kommen Sie nun“, fügte er hinzu und wechselte schnell in seine forscheste Stimmung. „Wir können genauso gut gleich die Wahrheit haben. Sie wurden letzte Nacht gesehen, wie Sie kurz vor dem Mord den Flur in Richtung des linken Flügels entlanggingen. Geben Sie es zu?“

„Ich tue es.“ Das Eingeständnis kam in einem leisen, aber ruhigen Ton.

„Dann war Ihre letzte Antwort unwahr. Was haben Sie zu dieser Zeit im Flur gemacht?“

Hazel, die geradeaus starrte, antwortete nicht, aber ihre sich schnell hebende Brust verriet ihre Erregung.

„Haben Sie mich gehört? Ich fragte, was Sie gestern Nacht im Flur gemacht haben.“

„Das werde ich Ihnen nicht sagen.“

„Sind Sie nach oben gegangen?“

„Das werde ich Ihnen nicht sagen.“

Diese Antworten wurden mit einer festen Bereitwilligkeit gegeben, die in auffälligem Kontrast zu ihrem vorherigen Zögern stand. Sie wirkte wie eine Person, die auf einen gefährlichen Pfad gezwungen worden war, den zu betreten sie fürchtete, und die den Mut aufgebracht hatte, ihn tapfer bis zum Ende zu gehen.

„Sie sind sich natürlich bewusst, in welche Lage Sie sich durch Ihr Schweigen bringen?“, die ruhige Ernsthaftigkeit, mit der Merrington diese Frage stellte, stand in merkwürdigem Kontrast zu seinem früheren herrischen Stil. „Es ist meine Pflicht, Sie zu warnen, dass Sie sich in eine ernste Lage bringen. Noch einmal: Werden Sie meine Fragen beantworten?“

„Das werde ich nicht.“ Die Antwort wurde von einer Geste begleitet, die etwas von der Sorglosigkeit der Verzweiflung enthielt.

„Dann müssen Sie die Konsequenzen tragen.“ Er wandte sich an Captain Stanhill und Caldew. „Es wird notwendig sein, die Zimmer der Haushälterin zu durchsuchen. Lumbe, Sie bleiben hier und beaufsichtigen diese beiden Frauen. Erlauben Sie keiner von beiden, das Zimmer unter irgendeinem Vorwand zu verlassen. Sie sollten die Tür besser verschlossen halten, bis wir zurückkehren.“

Er schritt aus dem Zimmer, gefolgt von Captain Stanhill und Caldew, sehr zum sichtlichen Entsetzen zweier Dienstmädchen draußen, die dort offensichtlich nichts zu suchen hatten. Es war offensichtlich, dass Milly Saker gesprochen hatte und dass seltsame Gerüchte die Unterwelt des Moat-House erregten.

„Wo sind die Zimmer der Haushälterin?“, fragte Merrington und sprach unvermittelt eines der aufgeregten Mädchen an. „Kommen Sie nun, starren Sie mich nicht wie ein Narr an, sondern führen Sie uns direkt dorthin.“

Das verängstigte Mädchen ging schnell voran einen Korridor entlang, der von der Haupthalle abzweigte. Nachdem sie kurz vor dem Ende in einen schmaleren Durchgang eingebogen war, hielt sie vor einer geschlossenen Tür inne und sagte:

„Dies ist das Zimmer der Haushälterin, mein Herr.“

„Warten Sie einen Moment“, sagte Merrington. „Bewohnt die Haushälterin nur ein Zimmer?“

„Nein, mein Herr, es sind zwei. Ein Wohnzimmer, von dem ein Schlafzimmer abzweigt.“

„Sie hat kein anderes Zimmer in einem anderen Teil des Hauses?“

„Oh nein, mein Herr.“

„Das genügt. Sie können gehen.“

Das Dienstmädchen brauchte keine zweite Aufforderung, sondern huschte wie ein verschrecktes Huhn, das Schutz sucht, zurück in Richtung des Korridors. Merrington stieß die Tür vor sich auf und trat ein.

Der Raum war gut und einfach im Stil des Hauses eingerichtet, doch die persönlichen Gegenstände und die Einbände einiger Bücher deuteten auf einen Geist hin, der nicht im Widerspruch zur Kultiviertheit seiner Umgebung stand. Merrington begann mit einem schnellen und umfassenden Blick um sich, die ordentliche Einrichtung und die weibliche Ordnung des Apartments mit einer gründlichen und systematischen Durchsuchung durcheinanderzubringen.

Caldew beobachtete ihn einen Moment lang und ging dann zur Tür des inneren Raums, die er betrat. Das Schlafzimmer war groß und luftig, und die Ausstattung zeugte von einer zierlichen Schlichtheit. Caldew bemerkte sofort einen Mädchenhut mit daran befestigtem Schleier, der achtlos auf dem Schminktisch lag.

Er machte eine Runde um das Bett und näherte sich dem Tisch, um den Hut zu betrachten. Ein fester Knoten und ein kleiner Riss im Flor deuteten darauf hin, dass er sehr hastig abgelegt worden war, und Caldew fragte sich, ob Hazel ihn aufgehabt hatte und auf eine Gelegenheit wartete, sich aus dem Moat-House zu stehlen, als er an die Tür geklopft hatte, um sie in die Bibliothek zu rufen.

Als er den Hut niederlegte, fiel sein Blick auf ein Nadelkissen am Spiegel, und er zuckte vor Überraschung zusammen. Inmitten von Hutnadeln in verschiedenen Winkeln sah er die kleine Brosche, die aus der Sterbekammer verschwunden war. Der Stein mit dem grünlichen Schimmer leuchtete klar gegen die blau-gold schimmernde Seide des Nadelkissens; der Teil des Verschlusses, der sichtbar war, enthüllte den Anfang der eingeritzten Inschrift „Semper Fidelis“. Das Fehlen jeglichen Versuchs, die Brosche zu verstecken, war der Beweis dafür, dass die Besitzerin der Täuschung unterlag, niemand habe sie in der Sterbekammer liegen sehen. Caldew verspürte einen Anflug von beruflichem Stolz über den Erfolg seiner List.

Sein eigener Name, der mit einem gebieterischen Ruf aus dem Nebenzimmer ausgesprochen wurde, veranlasste ihn, die Brosche aufzuheben und dorthin zu eilen. Der erste Anblick, der sich ihm bot, war das gerötete, triumphierende Gesicht Merringtons, der sich über einige Gegenstände auf dem Tisch beugte. Caldews Sicht auf die Objekte wurde durch Captain Stanhill verdeckt, der sie ebenfalls untersuchte, doch er ahnte an der Haltung beider Männer, dass ein wertvoller Fund gemacht worden war. Er trat eifrig an den Tisch und sah, zwischen ihnen liegend, einen kleinen Revolver und ein Taschentuch. Das weiße Batist des Taschentuchs war blutrot befleckt.

Der Raum war in großer Unordnung. Superintendent Merrington hatte in der Ungestümheit seiner Suche die vorherige Ordnung innerhalb weniger Minuten in ein Chaos verwandelt. Schubladen waren geöffnet und ihr Inhalt auf dem Boden verstreut worden, Teppiche und Kissen in eine Ecke des Raumes geworfen, und die Türen eines Schranks waren aufgebrochen worden. Sogar die Bilder an der Wand waren verschoben und einige der Stühle waren umgeworfen.

„Wo haben Sie diese Dinge gefunden?“, fragte Caldew, hob den Revolver auf und untersuchte ihn.

„In diesem Plunderding da drüben.“ Merrington zeigte auf einen zierlichen, eleganten Schreibtisch, der in einer Ecke des Raumes stand. „Ist das nicht ein typisches weibliches Versteck? Ungefähr so sicher, wie den Kopf in den Sand zu stecken. Die Schublade war abgeschlossen und der Schlüssel abgezogen, aber es war ganz leicht zu öffnen. Das Schloss ist ein minderwertiges Ding, dessen Riegel in das weiche Holz greift.“

„Ich sehe, dass der Revolver noch in fünf Kammern geladen ist“, sagte Caldew, als er die Waffe niederlegte.

„Ja, und die sechste wurde kürzlich abgefeuert. Wir brauchen keine klareren Beweise als das. Und sehen Sie sich dieses Taschentuch an. Das Blut darauf ist noch kaum trocken.“

Caldew nahm das Taschentuch in die Hand. Wie Merrington bemerkte, war das Blut darauf kaum trocken. Es war ein kleines quadratisches Leinentuch, frei von weiblichem Schmuck, bis auf ein zierliches, in einer Ecke in Seide gesticktes „H R“. Die Buchstaben waren in dem Blut, mit dem das ganze Taschentuch getränkt war, kaum zu erkennen.

„Ich frage mich, wie sie das Blut auf das Taschentuch bekommen hat?“, sagte Caldew. „Hat sie versucht, die Blutung zu stoppen, nachdem sie auf Mrs. Heredith geschossen hatte?“

„Das wäre typisch für eine Frau“, brummte Merrington. „Frauen weinen gern über verschüttete Milch – besonders wenn sie sie selbst verschüttet haben. Wie dem auch sei, das ist einerlei. Der Punkt ist, dass dies das Taschentuch des Mädchens ist und dies der Revolver, mit dem sie Mrs. Heredith erschossen hat.“

„Aber was war ihr Motiv, ein solch abscheuliches Verbrechen zu begehen?“, fragte Captain Stanhill verwirrt.

„Eifersucht“, antwortete Merrington prompt. „Ich sah die Möglichkeit dieses Motivs, sobald ich Milly Sakers Geschichte hörte und erfuhr, dass Hazel Rath einige Jahre im Moat-House gelebt hatte. Der junge Heredith und sie müssen vor dem Krieg viel zusammen gewesen sein, und es gab zweifellos ein Flirrt zwischen ihnen, das sich wahrscheinlich zu einer Affäre entwickelte. Alle Zutaten sind vorhanden – ein gut geborener, untätiger junger Mann, ein Mädchen, das über seinen Stand hinaus gebildet ist, ein einsames Landhaus und reichlich Gelegenheit. Ich kenne diesen Typ Mädchen gut. Diese halbgebildeten Protegéen großer Damen wachsen mit all den Launen und Kapriolen feiner Damen auf, und ihre törichten kleinen Köpfe sind leicht verdreht. Wahrscheinlich bildete sich dieses Mädchen ein, der junge Heredith sei so von ihrem hübschen Gesicht gefesselt, dass er sie heiraten würde. Als sie erfuhr, dass sie für jemand anderen fallen gelassen wurde, grübelte sie im Geheimen, bis ihre unausgeglichene Natur sie dazu brachte, dieses schreckliche Verbrechen zu begehen. Außerdem ist sie die Tochter einer Frau mit einer seltsamen Vergangenheit, die seit fünfzehn Jahren unter falschem Namen lebt.“

„Glauben Sie, dass Mutter und Tochter bei diesem Mord gemeinsame Sache gemacht haben?“, fragte Caldew.

„Das ist eine Frage, die ich nicht aus dem Stegreif beantworten möchte“, antwortete Merrington nachdenklich. „Zweifellos hat die Mutter die Tochter abgeschirmt und gelogen, um sie zu retten, und sie wusste offensichtlich, dass das Mädchen zur Zeit des Mordes nicht in ihrem Zimmer war. Wie weit dies auf ein schuldhaftes Wissen oder die Handlungen einer Komplizin schließen lässt, können wir noch nicht sagen. Wir werden die Tochter verhaften und die Mutter festhalten – jedenfalls vorerst. Ob wir die Mutter ebenso wie die Tochter anklagen, wird von unseren weiteren Ermittlungen abhängen. Es wäre keine Neuheit, dass die Mutter als Mittäterin in einem Mordfall angeklagt wird“, schloss Merrington mit einem grimmigen Lächeln.

„Wir haben keine direkten Beweise dafür, dass das Mädchen letzte Nacht nach oben gegangen ist“, sagte Caldew nachdenklich. „Milly Saker hat sie nicht nach oben gehen sehen, und anscheinend hat sie niemand weggehen sehen.“

„Keine direkten Beweise, das stimmt. Aber die Indizienbeweise sind so stark, dass sie kaum nötig sind. Erstens sah Milly Saker sie kurz vor dem Mord den Flur in Richtung des linken Flügels entlanggehen. Am nächsten Tag – heute Morgen – schickte die Haushälterin Milly Saker weg, bevor sie von der Polizei befragt werden konnte. Diese Handlung lässt zwei Schlussfolgerungen zu. Erstens hatte Mrs. Rath, wie sie sich nennt, eine Vorahnung, dass Milly Saker ihre Tochter in der vorangegangenen Nacht im Flur gesehen hatte, und zweitens, dass Mrs. Rath im Lichte der späteren Ereignisse fürchtete, bekannt werden zu lassen, dass ihre Tochter vor dem Mord den Flur entlanggehen gesehen wurde. Aus diesen Schlussfolgerungen können wir schließen, dass die Mutter, selbst wenn sie kein wirkliches Wissen von dem Verbrechen hatte, glaubte, dass ihre Tochter schuldig sei. Ihre darauf folgenden Handlungen heute bestätigen diese Theorie in jeder Hinsicht. Und natürlich ist das Auffinden dieses Revolvers und des Taschentuchs des Mädchens in den Zimmern ihrer Mutter, wo sie letzte Nacht schlief, der stärkste Beweis dafür, dass das Mädchen Mrs. Heredith erschossen hat.“

„Natürlich kann daran kein Zweifel bestehen. Es wäre unmöglich, einen stärkeren Indizienbeweis zu finden“, sagte Caldew ernst. „Aber hier ist ein direkter Beweis. Sehen Sie hier!“ Er holte die kleine Brosche aus der Tasche und legte sie neben den Revolver und das Taschentuch auf den Tisch. „Dies ist die Brosche, von der ich Ihnen erzählt habe. Es ist die Brosche, die ich in Mrs. Herediths Zimmer gesehen habe und die verschwand, während ich unten war. Ich fand sie in einem Nadelkissen im Nebenzimmer, neben dem Hut des Mädchens. Sie muss begriffen haben, dass sie sie im Schlafzimmer der Ermordeten verloren hatte, und ergriff die Gelegenheit, sie zurückzuholen, während ich nicht im Raum war. Das ist ein direkter Beweis dafür, dass sie in Mrs. Herediths Schlafzimmer war.“

„Dann hatten Sie also recht mit der Brosche. Dafür schulde ich Ihnen eine Entschuldigung, Caldew“, sagte Merrington. Er legte das kleine Schmuckstück in seine große Hand und drehte es mit dem Finger um. Die Inschrift auf der Rückseite fiel ihm ins Auge, und er hielt sie näher, um sie zu lesen. „Semper Fidelis!“, rief er aus. „Diese Worte sind typisch für das Mädchen. Die schwülstige Sentimentalität würde ihr gefallen, und sie ist von der halbgebildeten Sorte, die lateinische Sprüche für imposant hält. Ich frage mich, wer ihr das geschenkt hat? Oh, ich hab’s! Es war wahrscheinlich ein Geschenk vom jungen Heredith, und sie hat die Inschrift auf eigene Faust hinzugefügt, um den Wert des Geschenks zu steigern und ihr ‚Immer treu‘ zu wahren.“

Wieder einmal gab Caldew widerwillig vor sich selbst zu, dass Merringtons Schlussfolgerungen schneller und energischer waren als seine eigenen, doch er war insgeheim darüber verärgert, dass der andere teils durch Raten die Lösung eines Hinweises gefunden hatte, der ihm selbst so viel Kopfzerbrechen und Verwirrung bereitet hatte.

„Die Brosche ist kein direkterer Beweis als der Revolver und das Taschentuch“, fuhr Merrington fort. „Das Mädchen wird, sofern sie kein geborener Narr ist, kaum zugeben, dass eines davon ihr gehört. Damit würde sie sich die Schlinge nur selbst um den Hals legen.“

„Das ist mir klar“, antwortete Caldew. „Aber ich denke, man könnte sie dazu bringen, sich zu verraten, dass ihr die Brosche gehört. Frauen sind sehr impulsiv, wenn es um den Verlust von Schmuck geht, und dann handeln sie instinktiv. Das habe ich schon oft bemerkt.“

„Und wie schlagen Sie vor, das herauszufinden?“, fragte Merrington.

„Indem ich sie frage.“

„Von diesem Mädchen werden Sie auf bloßes Fragen nichts erfahren“, entgegnete Merrington. „Sie ist gerissener, als Sie denken, oder ich täusche mich gewaltig. Wie dem auch sei, stellen Sie ruhig Ihre Fragen, nachdem ich sie zum Revolver und zum Taschentuch befragt habe. Lassen Sie uns in die Bibliothek zurückkehren.“

Sie kehrten in die Bibliothek zurück. Sergeant Lumbe öffnete auf ihr Klopfen hin die Tür, sein Gesicht von der Verantwortung seines Amtes zerfurcht. Mutter und Tochter saßen noch dort, wo sie sie zurückgelassen hatten, doch die ältere Frau hatte ein gewisses Maß an Fassung wiedergewonnen und starrte trübsinnig vor sich hin. Sie sah die Polizeibeamten nicht an, als diese eintraten, doch Hazel blickte zu ihnen hinüber, und ihre Augen fielen auf den Revolver und das Taschentuch, die Merrington in der Hand hielt. Caldew schien es, als bliebe ihr Gesicht unbewegt. Merrington ging auf sie zu.

„Sie müssen sich als verhaftet betrachten, wegen des Mordes an Mrs. Heredith“, sagte er in ruhigem, fast beiläufigem Tonfall. „Dieser Revolver und dieses Taschentuch wurden im Wohnzimmer Ihrer Mutter gefunden. Wenn Sie eine Erklärung abgeben wollen, können Sie das tun, aber ich bin verpflichtet, Sie zu warnen, dass jede Aussage, die Sie jetzt machen, später gegen Sie als Beweismittel verwendet werden kann.“

„Ich habe nichts zu sagen“, erwiderte das Mädchen schlicht.

„Sie weigern sich zu sagen, wie dieser Revolver in Ihren Besitz gelangte, oder eine Erklärung zu den Blutflecken auf diesem Taschentuch abzugeben?“

„Ja.“

„Verweigern Sie auch, uns zu sagen, was Sie mit der Brosche gemacht haben, die Sie gestern Abend trugen?“, fügte Caldew hinzu.

Das Mädchen führte mit einer impulsiven, instinktiven Geste hastig ihre Hand zum Hals ihrer Bluse, dann, in der Erkenntnis, dass sie sich unbewusst verraten hatte, ließ sie sie langsam an ihre Seite fallen.

KAPITEL XIV

Der verbreitete Irrtum, der Indizienbeweise mit einer Kette vergleicht, fand im Geiste von Superintendent Merrington natürlich keinen Anklang. Wenn ein Glied einer Kette bricht, springt der Gefangene frei, aber wenn er mit einem Seil gefesselt ist, müssen alle Stränge durchtrennt werden, bevor die Freiheit wiedergewonnen werden kann.

Merrington blieb in Heredith, um weitere Stränge für das Seil der Indizien zu knüpfen, an dem Hazel Rath für den Mord an Violet Heredith festgehalten wurde. Es war ein guter, starker Fall, so wie er dastand, aber Merrington hatte schon zu viele starke Seile von scharfen juristischen Zähnen zernagt gesehen, um etwas dem Zufall zu überlassen. Wenn die Indizien gegen Hazel Rath Raum für eine alternative Erklärung ließen – wenn zum Beispiel die Verteidigung nahelegte, dass die Mutter in das Verbrechen verwickelt war und die Tochter aus Schweigen handelte, um sie zu schützen –, könnte es schwierig werden, eine Verurteilung zu erwirken. Merrington wusste aus reicher Erfahrung, wie alternative Theorien einen Indizienprozess schwächten, ganz gleich, wie stark die Vermutung aufgrund der bekannten Tatsachen auch erscheinen mochte.

Ein nützlicher Strang bei Indizienbeweisen ist das Motiv, und es war das Motiv, das Merrington gegen Hazel Rath zu beweisen suchte. Seine eigene Schlussfolgerung über das Verbrechen, zu der er kurz vor ihrer Verhaftung schnell und kühn gelangt war, lautete, dass das Mädchen in Phil Heredith verliebt war und seine junge Frau aus Eifersucht ermordet hatte. Hazels Schweigen angesichts der Anschuldigung stützte seiner Meinung nach diese Theorie. Sie schämte sich nicht für das Verbrechen, sondern für die hoffnungslose Liebe, die es inspiriert hatte. Frauen seien nun einmal so, sinnierte Merrington. Eine Frau, die es wagte, einen Mord zu begehen, würde erröten, selbst sich gegenüber zuzugeben, dass sie ihr Herz an einen Mann verschenkt hatte, der für sie unerreichbar war. Aber es ist eine Sache, eine Theorie zu hegen, und eine andere, sie vor den Augen des Gesetzes zu beweisen. Da Hazel Rath kaum dazu neigen würde, der Krone zu helfen, das Motiv durch ein Geständnis ihrer Liebe zu Philip Heredith zu etablieren, oblag es Superintendent Merrington, seine Theorie durch alle unabhängigen Tatsachen und Schlussfolgerungen zu untermauern, die er ans Licht bringen konnte.

Dies erwies sich als schwieriger, als er erwartet hatte. Er hatte die Situation bis zu einem gewissen Punkt mit ausgezeichneter Einsicht visualisiert, und er hatte sich vorgestellt, dass es keine schwierige Angelegenheit sein würde, Beweise für eine frühe Flirterei oder Intrige zwischen Phil Heredith und dem hübschen Mädchen zu finden, das eine unklare Stellung im Moat-House innehatte. Doch eine weitere Überprüfung der Hausbewohner lieferte keinerlei Beweise zur Stützung dieser Vermutung. Merrington konnte ohne Weiteres verstehen, dass Miss Heredith und ihr Bruder einen solchen Vorschlag bestritten; doch die Tatsache, dass keiner der Bediensteten etwas derartiges gesehen hatte, war ein ziemlich überzeugender Beweis dafür, dass eine solche Beziehung nicht existierte.

Kein Stand hat einen schärferen Instinkt für Skandale als die Dienerschaft eines Landsitzes. Sie haben die Gelegenheit, verborgene Dinge zu sehen, die niemand sonst zu vermuten wagt. Und die Bediensteten des Moat-House versicherten einstimmig, dass zwischen Phil Heredith und Hazel Rath in der Zeit, in der das Mädchen im Moat-House gelebt hatte, nichts vorgefallen war. Ihre Beziehungen waren freundschaftlich gewesen, mehr aber auch nicht. Es gab keine Aufzeichnungen über heimliche Blicke, gestohlene Küsse oder überraschte Treffen, die die Theorie eines gegenseitigen Flirts oder einer versteckten Liebe stützen könnten. Es war unmöglich zu bezweifeln, dass Phil Herediths Haltung gegenüber dem Mädchen, das eine abhängige Stellung in seinem Haus bekleidet hatte, von keinem wärmeren Gefühl als einer Art brüderlicher Zuneigung geleitet gewesen war.

Merrington, der durch lange Erfahrung darin geschult war, den Charakter aus Meinungen Dritter einzuschätzen, sah sich zu dem Schluss gezwungen, dass Phil Heredith nicht der Typ junger Mann war, der die Unschuld verraten oder mit den Gefühlen eines jungen und naiven Mädchens spielen würde. Die Zeugenaussagen der Dienerschaft enthüllten ihn als sanft und höflich, aber schüchtern und verschlossen, nicht gesellig und in seine naturkundlichen Bestrebungen vertieft.

Merrington hatte jedoch weniger Schwierigkeiten, zu seiner eigenen Zufriedenheit zu beweisen, dass Hazel Rath fast seit ihrer Kindheit heimlich in Phil Heredith verliebt gewesen war. Da war zunächst die Brosche aus Grüngestein, die Caldew nach dem Mord an Mrs. Heredith im Schlafzimmer aufgehoben hatte. Die Mitglieder des Haushalts pflegten dem Mädchen zu ihrem Geburtstag kleine Geschenke zu machen, und Phil hatte ihr das Stück Grüngestein, gefasst in eine Brosche, sechs Jahre zuvor zum Geburtstag geschenkt. Das war kein Geheimnis; das Geschenk war auf Anregung von Miss Heredith ausgewählt worden, die Merrington die Fakten mitteilte. Was unbekannt war, war der Zusatz der Inschrift „Semper Fidelis“, die nachträglich vom Mädchen selbst in die Brosche geritzt worden sein musste, als mädchenhaftes Gelübde der Liebe und Treue zum Schenkenden.

Detective Caldew hätte diese Tatsachen ermitteln und die polizeilichen Ermittlungen durch den einfachen Vorgang, Miss Heredith von Anfang an nach der Brosche zu fragen, verkürzen können. Aber nach dem Ereignis ist man immer klüger, und Superintendent Merrington war der Letzte, der seinem Untergebenen übermäßige Vorsicht im Anfangsstadium der Ermittlungen vorwerfen würde, als es seine Pflicht war, jedem zu misstrauen und niemandem zu vertrauen. Überdies konnte Merrington nicht vergessen, dass er selbst die Bedeutung dieses Hinweises völlig unterschätzt hatte, als Caldew ihn darauf aufmerksam gemacht hatte.

Eine Durchsuchung von Hazels Schlafzimmer in Stading brachte zusätzliche Zeugnisse der Liebe ans Licht, die dazu angetan war, sie zu zerstören. Merrington und Caldew, die rücksichtslos die weiblichen Utensilien dieses zierlichen kleinen Nestes durchwühlten, hatten vom Boden der Kiste des Mädchens ein quadratisches, mit einem Band verschnürtes Paket ausgegraben. Das Paket enthielt Briefe und Postkarten von Phil, hauptsächlich Bildpostkarten von verschiedenen Orten auf dem Kontinent, die er besucht hatte, nachdem er Cambridge verlassen hatte. Es gab drei Briefe: zwei schuljungenhafte Schreiben, in denen er das Mädchen bat, sich um die Haustiere zu kümmern, die er zu Hause gelassen hatte, und eine kurze Notiz von der Universität, in der die Absendung eines Gedichtbandes als Geburtstagsgeschenk angekündigt wurde. Es gab auch eine Weihnachtskarte, die einige Jahre zuvor datiert war, mit der Aufschrift „An den lieben Phil, mit Liebe, von Hazel“. Das Mädchen hatte sie behalten, vielleicht weil sie zu schüchtern war, sie dem beabsichtigten Empfänger zu überreichen, aber ihr Hauptwert in Merringtons Augen war die Ähnlichkeit zwischen dem geschriebenen Großbuchstaben F und demselben Buchstaben in der eingeritzten Inschrift auf der Brosche aus Grüngestein.

Mit diesen Entdeckungen war Merrington zufrieden. In Hazel Raths geheimer Liebe zu Phil Heredith war der Krone das Motiv für den Mord an Phil Herediths Frau geliefert. Nach Merringtons Meinung wurde die Annahme des Motivs durch die Tatsache gestärkt, dass der Mord während Hazels erstem Besuch im Moat-House seit der Ankunft der jungen Braut begangen wurde, denn bis zu Phils Heirat war es die Gewohnheit des Mädchens gewesen, das Moat-House einmal wöchentlich zu besuchen. Miss Heredith teilte Merrington mit, dass sie das Mädchen am Nachmittag des Mordes wegen des plötzlichen Ausbleibens ihrer Besuche befragt hatte, und Hazel hatte eher ausweichend geantwortet. Merrington vertrat die Ansicht, dass sie weggeblieben war, weil sie es nicht ertragen konnte, die Frau zu sehen, die Phil zu seiner Ehefrau gemacht hatte. Dann, als ihr bewusst wurde, dass ihr langes Ausbleiben wahrscheinlich bemerkt werden würde, war sie am Tag des Mordes hinübergegangen, um ihre Mutter zu sehen. Merrington glaubte nicht, dass der Mord vorsätzlich war. Er glaubte, dass das Mädchen, als es sich wieder in der Umgebung befand, in der es eine so glückliche Kindheit in Verbindung mit Phil Heredith verbracht hatte, von einem wahnsinnigen Eifersuchtsanfall gegen ihre erfolgreiche Rivalin ergriffen wurde und unter dessen Einfluss nach oben gestürmt war und sie ermordet hatte. Merrington war auch zu dem Schluss gekommen, dass ihre Mutter erst hinterher von dem Verbrechen wusste, woraufhin sie versucht hatte, ihre Tochter durch Lügen gegenüber der Polizei zu schützen und Milly Saker aus dem Weg zu schaffen.

Merrington konnte sich nicht erklären, wie Hazel in den Besitz des Revolvers gekommen war, mit dem Mrs. Heredith getötet worden war. Das Mädchen beharrte nach ihrer Verhaftung auf ihrem sturen Schweigen und weigerte sich, Fragen zur Waffe oder zu irgendetwas, das mit dem Verbrechen zusammenhing, zu beantworten. Die polizeiliche Vermutung war, dass sie den Revolver kurz vor dem Mord aus der Waffenkammer des Moat-House geholt hatte. Die Waffenkammer lag unter der Erde. Sie war ursprünglich die Krypta der sächsischen Burg gewesen, die einst auf dem Gelände gestanden hatte, auf dem das Moat-House erbaut wurde, und war über eine kurze Treppe nicht weit von dem Gang zu erreichen, der zu den Räumen der Haushälterin führte. Sie war rechteckig geformt und enthielt, wie die Mehrheit der Waffenkammern in alten englischen Landsitzen, eine große Auswahl an antiken und modernen Waffen.

Weder Sir Philip Heredith noch Miss Heredith konnten sagen, ob der Revolver, der im Zimmer der Haushälterin gefunden wurde, dem Moat-House gehörte oder das Eigentum eines der Gäste war, und Phil Heredith war zu krank, um befragt zu werden. Da die gutachterliche Aussage bei der Untersuchung eindeutig feststellte, dass die Kugel, die aus der ermordeten Frau entfernt worden war, aus diesem Revolver abgefeuert wurde, maß Merrington der Frage des Eigentums keine allzu große Bedeutung bei, aber vor seiner Abreise nach London traf er die Anordnung, dass Caldew später mit dem Revolver für eine Inspektion durch Phil zum Moat-House zurückkehren sollte, in der Hoffnung, den Punkt vor der Gerichtsverhandlung zu klären.

Miss Heredith hatte zugesagt, die Detektive wissen zu lassen, wenn ihr Neffe gesund genug sei, um empfangen zu werden, doch im Laufe der Zeit bezweifelte sie, dass er jemals wieder gesund werden würde. Obwohl das Delirium, das auf seinen Anfall gefolgt war, abgeklungen war, erholte er sich nur langsam und blieb im Bett, lustlos und gleichgültig gegenüber allem, manchmal ein wenig lesend, öfter aber still daliegend und an die Wand starrend. Er war passiv und ruhig und gehorsam wie ein Kind. Er schien keine Erinnerung an die Ereignisse der Mordnacht zu haben, und seine Tante wagte es nicht, sie ihm ins Gedächtnis zu rufen.

Um Phils willen, und nur um seinetwillen, konnte sie ihren eigenen Mut und ihre Ruhe durch die schäbige Prüfung der langwierigen Untersuchung und das leere Gepränge des Begräbnisses der jungen Frau bewahren. Ihr eigenes Herz war in ihr vor den Schrecken, die über sie hereingebrochen waren, wie betäubt. Sie war wie jemand, der eine Grube plötzlich zu seinen Füßen hatte klaffen sehen, die schreckliche menschliche Obszönitäten und Abscheulichkeiten enthüllte, die nackt in der Tiefe wühlten. Es war ein tiefgreifender Schock für sie, dass die menschliche Natur zu solcher Infamie fähig war. Ihre aufgeschreckten, unschuldigen Augen sahen zum ersten Mal in der monströsen Leidenschaft des Geschlechts eine Kraft, die stärker war als ihre eigenen, am meisten geschätzten Überzeugungen. Wenn ein süßes und sanftes Mädchen wie Hazel Rath, das unter ihren eigenen Augen dazu erzogen worden war, aufrecht zu wandeln, in der Woge stürmischer Leidenschaft hinweggerissen werden konnte, um zu morden, wo standen dann Glaube und Religion?

Fast ebenso sehr wie die Auswirkung des Mordes fürchtete sie das Ergebnis dieser zweiten Offenbarung bei ihrem Neffen. Das Wissen, dass die Person, die des Mordes an seiner Frau beschuldigt wurde, ein Mädchen war, das jahrelang in seinem eigenen Haus gelebt hatte, musste eine zusätzlich schädigende Wirkung auf sein seltsames und empfindsames Temperament haben. Niemand kannte dieses Temperament besser als Miss Heredith. Es war nicht das Heredith-Temperament. Es war das Erbe seiner Mutter gewesen, eines seltsamen, elfenhaften, eigensinnigen Geschöpfes, das bei Phils Geburt gestorben war. Wie alle Schwestern hatte sich Miss Heredith gefragt, was ihr Bruder in seiner Frau gesehen hatte, um sie zu heiraten. Phil war für seinen Vater die ganze Zeit über eine Enttäuschung gewesen. Er war mit einem lahmen Fuß und einem schwächlichen Körperbau zur Welt gekommen, und die Herediths waren schon immer für ihre maskuline Stärke und Anmut bekannt gewesen. Anstatt mit einer Verachtung für Bücher und einer alles verschlingenden Liebe zum Sport aufzuwachsen, wie ein echter Heredith, hatte Phil schon früh Symptome eines bücherliebenden, studienorientierten Wesens gezeigt, reserviert und schüchtern, mit wenig Zuneigung für andere Jungen oder Jungen-Spiele. Sein einziges Hobby war ein Interesse an Naturgeschichte. Er widmete sein Taschengeld dem Kauf seltsamer Haustiere, die er in Käfigen hielt, solange sie lebten, und ausstopfte, wenn sie starben.

Miss Heredith hatte dieses Hobby missbilligt, aber schweigend geduldet, nach dem Grundsatz, dass ein Heredith nichts falsch machen könne, bis sie eines Wintermorgens in ihren ersten und einzigen Hysterieanfall versetzt wurde, als sie eine große gefleckte Schlange entdeckte, die sich behaglich auf einige Flanellkleidungsstücke geringelt hatte, die sie für die Frau des Vikars nähte, in Erwartung der fünften Niederkunft dieser unglücklichen Dame. Ermittlungen brachten die Tatsache ans Licht, dass die Schlange heimlich von Master Phil von einem Händler aus Covent Garden erworben worden war. Er hatte sie in einer Kiste in den Ställen gehalten, aber als er sie eines Nachts vor Kälte starr fand, hatte er sie der Wärme wegen in den Arbeitskorb seiner Tante gelegt. Als Miss Heredith sich von ihrer Hysterie erholt hatte, hatte sie dafür gesorgt, dass Phil fast so schnell zur Schule geschickt wurde, wie die Schlange in den Zoologischen Garten verfrachtet wurde.

Nach Phils College-Tagen hatte der Einfluss seines Vaters ihm einen Posten bei der Regierung verschafft, der der Vorläufer einer diplomatischen Karriere sein sollte, falls Phil das wünschte. Das war vor dem Krieg, der so viele Pläne über den Haufen warf. In seiner Eigenschaft als stellvertretender Abteilungssekretär hatte Phil nichts Besonderes zu tun und ein großzügiges Taschengeld von seinem Vater, das er in seiner Freizeit ausgeben konnte. Viele junge Männer in diesen Umständen – in London auf sich selbst gestellt, mit reichlich Geld in der Tasche – hätten keine Zeit damit verloren, „auf die schiefe Bahn zu geraten“, aber Phils Temperament bewahrte ihn vor jenen Versuchungen, die so viele junge, gut geborene Männer unwiderstehlich fanden. Er hegte eine Verachtung für das Theater, er kümmerte sich nicht um Chormädchen, er mochte keine Pferderennen und er trank nicht.

Er suchte Ablenkungen auf andere Weise, und Gerüchte über diese Ablenkungen sickerten mit der Zeit zu seinem Elternhaus in Sussex durch. Es wurde geflüstert, Phil sei „sonderbar“ – dass seine alte Leidenschaft für das Halten von Reptilien und niedrigeren Tierformen lediglich in einen anderen Kanal umgeleitet worden sei. Er war Sozialist geworden und man hatte ihn gesehen, wie er mit Leuten der niederen Stände bei Treffen im East End verkehrte, zusammen mit anderen Leuten, die respektabel genug gewesen wären, es besser zu wissen. Es wurde sogar behauptet, er habe eine irische revolutionäre Gräfin unterstützt (die den ersten Sozialisten in Jesus Christus entdeckt hatte und die Church of England abschaffen wollte), indem er für sie „den Vorsitz führte“, als sie eines schönen Sonntagnachmittags dem Pöbel im Hyde Park diese Lehren verkündete. Ein Heredith als Sozialist und Nichtkonformist! Das waren bittere Schläge für Miss Heredith, eine Frau, die in Familien- und Kirchentradition getränkt war, aber sie ertrug den Schock mit kompromissloser Fassung und war in der Lage, die Mängel von Phils Mutter als stellvertretendes Opfer für die Missetaten des Sohnes zu betrachten.

Doch der bitterste Schlag für den Familienstolz von Miss Heredith war die Nachricht von Phils Heirat. Bis dahin hatte sie, wie eine kluge Frau, ihren Glauben auf den reformierenden Einfluss einer guten Ehe gesetzt. Obwohl sie selbst eine alte Jungfer war, war ihr bewusst, dass es keine bessere Methode gab, die auffälligen, ungestümen Schritte der Jugend auf den nüchternen Trott des mittleren Alters zu reduzieren, als den zügelnden Einfluss der richtigen Art von Ehepartner. Die Eigenschaften, die Phil bei einer Frau am meisten brauchte, waren die einer nüchternen, fantasielosen, gelassenen Frau konventioneller Art. Solche Jungfrauen sind im ländlichen England nicht unbekannt, und Miss Heredith hatte nicht viel Mühe, eine im Landkreis ausfindig zu machen, die gut genug geboren war, um sich mit den Herediths zu paaren. Miss Heredith vervollkommnete ihren Plan im Detail und war sogar so weit gegangen, den Brief zu entwerfen, der Phil aus London herunterbringen sollte, um sich matrimonial verstricken zu lassen, als die Nachricht eintraf, dass er sich selbst in London ohne die Hilfe seiner Tante verstrickt hatte.

Sie mochte seine Frau von Anfang an nicht, und es war ebenso sicher, dass Phils Frau sie nicht mochte. Es war für Miss Heredith ein erstaunliches Ding, dass ein oberflächliches, weltliches Mädchen wie Violet das Herz eines jungen Mannes wie ihres Neffen so vollständig hatte erobern können, dass er um ihretwillen seine Lebensweise änderte. Phil liebte die Natur, Bücher und einsame Wege; seine Frau verabscheute solche Dinge. Phil hatte in seinem Eifer, ihr zu gefallen und ihre offensichtliche Langeweile am Landleben zu verbannen, vorgeschlagen, einige Leute aus London einzuladen, mit denen er zu einer Zeit sehr wenig gemein gehabt hätte. Vielleicht hatte sein Londoner Leben ihn verändert, aber wenn dem so war, war es für einen jungen Mann und einen Heredith eine Veränderung zum Schlechteren, so sehr unter dem Pantoffel seiner Frau zu stehen, dass er seine eigenen Lebensgewohnheiten auf ihr Geheiß aufgab. Aber Phil war so sehr verliebt, dass er es tat, fröhlich und bereitwillig. Violets leisester Wunsch war ihm Gesetz.

Er konnte ihr keinen Wunsch abschlagen, auch wenn er bisweilen die Stirn runzelte, wenn sie ihre Gäste nach ihren eigenen Vorlieben auswählte, anstatt nach seinen. Die Atmosphäre in Heredith Hall war seit ihrer Hochzeit eine andere geworden. Es war, als hätte sich ein leichter, aber deutlicher Schatten über das Haus gelegt, eine Veränderung, die sich vielleicht am besten dadurch beschreiben ließ, dass die fröhliche Unbekümmertheit, die einst die Gänge erfüllt hatte, nun einer Art erzwungenen Heiterkeit gewichen war, die bei den Bediensteten ebenso wie bei den Verwandten ein Gefühl der Befangenheit hinterließ.

Miss Heredith, die die Veränderungen mit einer Mischung aus stiller Resignation und wachsender Sorge beobachtet hatte, fühlte sich nun, da der Tod so gewaltsam in ihr Leben eingedrungen war, in ihrer stillen Abgeschiedenheit von einer unbestimmten Angst erfüllt. Sie sah in Phil nicht mehr den unbeschwerten Jungen, den sie aufgezogen hatte, sondern einen Mann, dessen Seele durch eine Tragödie gezeichnet war, deren Ausmaß sie noch nicht einmal zu erahnen wagte. Das Haus wirkte nun wie ein riesiges, leeres Gehäuse, in dem das Echo der Vergangenheit schwer auf den Bewohnern lastete.

In dieser Nacht, während Phil in den Zügen nach London saß, saß Miss Heredith allein im großen Wohnzimmer. Die Stille des Hauses war fast greifbar. Die Schatten in den Ecken schienen sich zu bewegen, und bei jedem leisen Knacken im Gebälk zuckte sie zusammen, als erwarte sie, dass der Geist von Violet jeden Moment den Raum betreten würde. Vincent Musard war, nachdem er Phil verabschiedet hatte, ebenfalls in sein Zimmer gegangen, und sie war allein mit ihren Gedanken, die sich unaufhörlich im Kreis drehten.

Sie fragte sich, ob es richtig gewesen war, Phil nach London reisen zu lassen. War er stark genug, um mit Colwyn zu sprechen? Würde der Detektiv die Wahrheit ans Licht bringen, die sie alle so sehr fürchteten? Und wenn er sie fand – würde sie ihnen Frieden bringen oder sie endgültig zerstören? All diese Fragen blieben unbeantwortet, während die Uhr an der Wand unerbittlich die Minuten zählte und der Regen gegen die hohen Fensterscheiben peitschte.

Sie erinnerte sich an den Tag der Beerdigung, an die kühle, abweisende Art der Dorfbewohner, die sich hinter verschlossenen Türen hielten, und an die Blicke, die sie ihr zuwarfen, wenn sie das Haus verließ. Die Anschuldigungen, die gegen Hazel Rath erhoben worden waren, hatten einen Keil zwischen sie und die Gemeinschaft getrieben, in der die Familie seit Generationen gelebt hatte. Die Isolation war nun vollständig, und sie wusste, dass selbst wenn Hazel freigesprochen würde, der Makel, der auf Heredith Hall lastete, niemals ganz verschwinden würde.

Als sie schließlich aufstand, um sich zur Ruhe zu begeben, war ihr Herz schwer. Sie löschte das Licht und trat hinaus in den dunklen Flur. Auf dem Weg nach oben hielt sie kurz vor Violets ehemaligem Zimmer inne. Die Tür war abgeschlossen, doch die Erinnerung an die junge Frau, die dort einst so lebendig und voller Pläne gewesen war, schien durch das Holz zu dringen. Sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben, und ging weiter, während die Nacht sich tiefer und schwerer über das Anwesen legte.

„Nein, Sir“, antwortete der Butler hastig, als hätte ihn der Gedanke, er könnte den Gast belästigen, aufgeschreckt. „Ich wollte nur fragen, ob Sie am Morgen eine bestimmte Zeit für das Frühstück wünschen, oder ob Sie das Hauspersonal wecken soll.“

„Geben Sie mir einfach Bescheid, wenn Sir Philip aufsteht“, sagte Colwyn. „Ich möchte mich nach seinem Zeitplan richten.“

„Sehr wohl, Sir. Ich wünsche eine gute Nacht.“

Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken, und der Detective war allein. Er trat an das Fenster und blickte hinaus auf den Schlossteich. Das Wasser lag schwarz und unbeweglich da, wie ein Spiegel für das fahle Mondlicht, das durch die Wolken drang. Die Stille des Hauses war absolut, fast unnatürlich, als ob die Mauern selbst den Atem anhielten, um die Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, zu verbergen. Er dachte an die junge Frau, deren Leben so gewaltsam beendet worden war, und an die junge Frau, die nun in einer Zelle darauf wartete, dass das Schicksal über ihr entschied. Sein scharfer Verstand begann bereits, die Fakten zu ordnen, doch er wusste, dass die Wahrheit oft in den Schatten verborgen lag, die er noch nicht durchdrungen hatte.

Er wandte sich vom Fenster ab, zog seinen Mantel aus und begann, den Raum zu mustern. Er war geräumig und elegant eingerichtet, ein Zeugnis für den Wohlstand der Herediths. Doch in der Luft hing eine Schwere, die über das bloße Alter des Gebäudes hinausging. Er legte seine Sachen beiseite und bereitete sich auf eine kurze Nachtruhe vor, doch sein Geist blieb hellwach. Das Rätsel um Captain Nepcote und den Revolver nagte an ihm wie ein ungelöster Knoten in einem mathematischen Problem.

Bevor er sich zur Ruhe legte, prüfte er noch einmal seine Ausrüstung. Er pflegte stets vorbereitet zu sein, und seine Intuition sagte ihm, dass der kommende Tag Aufschlüsse liefern würde, die weit über das hinausgingen, was die Polizei bisher in Erfahrung gebracht hatte. Er löschte das Licht und ließ sich auf das Bett sinken, doch der Schlaf wollte sich nicht sogleich einstellen. Das Haus schien zu atmen, ein leises Ächzen im Gebälk, das wie ein Flüstern in der Dunkelheit klang.

In der Stille der Nacht dachte Colwyn über die Worte des jungen Heredith nach. Es gab eine Aufrichtigkeit in seiner Stimme, die man nicht vortäuschen konnte, und doch blieb die Frage, ob man bei einer so tiefen persönlichen Verstrickung jemals objektiv urteilen konnte. Er schloss die Augen und ließ die Bilder des Tages noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Die Puzzleteile waren noch weit davon entfernt, ein klares Bild zu ergeben, aber er spürte, dass er auf dem richtigen Weg war.

Schließlich sank er in einen unruhigen Schlaf, in dem sich die Umrisse des Moat-House mit den Gesichtern derer vermischten, die er getroffen hatte. Er träumte von einem Labyrinth, dessen Wände aus Zeitungen bestanden, deren Schlagzeilen sich ständig veränderten, während er nach dem Ausgang suchte. Als er in der Morgendämmerung erwachte, war das erste, was er hörte, das ferne Zwitschern der Vögel im Park, ein Kontrast zu der düsteren Atmosphäre des Hauses. Er stand auf, bereit, sich dem zu stellen, was der neue Tag an Wahrheiten enthüllen würde.

Er trat an die Wand und untersuchte die Schränke, in denen die Revolver und Pistolen aufbewahrt wurden. Sie waren alle verschlossen.

„Die Schlüssel werden von Tufnell verwahrt“, erklärte Miss Heredith. „Er ist seit vielen Jahren bei uns und genießt unser volles Vertrauen. Niemand hat ohne seine Erlaubnis Zugang zu diesem Raum.“

Colwyn nickte, doch sein Blick wanderte prüfend zu dem Fenster, das in den inneren Hof führte. Er trat näher und untersuchte den Riegel. Er schien fest und unbeschädigt. „Wann wurde dieser Raum das letzte Mal für Zielübungen genutzt, Miss Heredith?“

Sie schien über die Frage nachzudenken. „Ich glaube, es war kurz vor der Ankunft der Gäste. Mein Neffe und ein paar seiner Freunde verbrachten einen Nachmittag hier unten. Es ist ein recht düsterer Ort, finden Sie nicht? Ich bin froh, wenn wir ihn wieder verlassen.“

Colwyn folgte ihr aus dem Raum, doch sein Geist war bereits bei der Anordnung der Schlösser und der Frage, wer außer Tufnell noch einen Schlüssel besitzen könnte. Auf dem Rückweg in den Flur trafen sie auf Vincent Musard, der sie mit einem erwartungsvollen Lächeln betrachtete.

„Haben Sie gefunden, wonach Sie suchten, Colwyn?“, fragte er. „Das Moat-House ist voller Geheimnisse für jemanden mit Ihrer Gabe.“

„Jedes Haus hat seine Geheimnisse, Mr. Musard“, entgegnete Colwyn ruhig. „Manchmal sind sie in den Mauern verborgen, manchmal in den Menschen, die darin leben.“

Miss Heredith wirkte bei diesen Worten einen Moment lang unbehaglich. Sie verabschiedete sich kurz darauf, um sich um ihren Neffen zu kümmern, und ließ die beiden Männer allein. Colwyn sah ihr nach, bevor er sich wieder an Musard wandte.

„Sagen Sie mir, Musard“, begann er mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war, „glauben Sie wirklich, dass die Polizei die Möglichkeit eines Einbruchs von außen vollständig ausgeschlossen hat?“

Musard zuckte die Achseln. „Die Fenster waren fest verschlossen, die Türen verriegelt. Die Polizei sah keinen Grund, an einer internen Angelegenheit zu zweifeln. Aber Sie scheinen anderer Meinung zu sein.“

Colwyn antwortete nicht direkt. Er betrachtete das alte, schwere Eichenholz der Diele. „Ein geschlossener Raum ist nur dann ein Gefängnis, wenn man die Regeln kennt, nach denen er verschlossen wurde. Und ich fürchte, in diesem Haus wurden viele Regeln lange Zeit als unveränderlich betrachtet.“

Er wandte sich ab und ging den Flur entlang, während Musard ihm mit einem nachdenklichen Ausdruck folgte. Die Schatten der Dämmerung begannen bereits, die Winkel des Hauses zu füllen, und Colwyn wusste, dass die Nacht neue Antworten bringen musste.

„Die Herediths waren schon immer eine Familie großer Krieger, Mr. Colwyn“, sagte Miss Heredith, während sie seinem Blick an den Wänden entlang folgte. „Jede dieser Waffen hat eine Geschichte von Tapferkeit, ich möchte fast sagen Heldentum, die mit ihr verbunden ist. Das Schwert, das Sie gerade betrachten, gehörte meinem Großonkel, der die britische Armee auf der Iberischen Halbinsel befehligte. Ursprünglich war er Major im 14. Fußregiment.“

„Ich war in dem Glauben, dass Wellington in Portugal das Kommando führte“, sagte Musard.

„Mein Großonkel war der Vorgesetzte von Sir Arthur Wellesley, Vincent“, antwortete Miss Heredith. „Er kam 1809 in Portugal an, um das Kommando zu übernehmen, aber Sir Arthur versäumte es auf höchst sträfliche Weise, Pferde bereitstellen zu lassen, die ihn zum Schlachtfeld hätten bringen können. Infolge der Nachlässigkeit von Sir Arthur war mein Großonkel gezwungen, das nächste Schiff zurück nach England zu nehmen. Im damaligen Unterhaus wurde eine Anfrage bezüglich des Verhaltens von Sir Arthur gestellt. Ich weiß nicht, wie die Frage lautete, aber die Antwort war negativ, obwohl ich nicht genau weiß, was das bedeutet. Jedenfalls war mein Großonkel ein größerer Soldat als Wellington. Meine Mutter hat meine Großtante das oft sagen hören.“

„Mir fällt auf, dass sich unter den Waffen an den Wänden keine Revolver oder Pistolen befinden“, sagte Colwyn.

„Wir hatten nie einen Revolver“, erwiderte Phil.

„In jenem Kasten befindet sich ein Paar Terzerole“, sagte Musard und deutete auf eine längliche Mahagonikiste mit Messingbeschlägen an den Ecken, die auf einem Ständer in einer Wandnische ruhte. Er trat an den Kasten heran und nestelte an den Messingverschlüssen, konnte ihn jedoch nicht öffnen. „Das Kästchen ist abgeschlossen“, sagte er.

„Vielleicht klemmt es nur“, vermutete Phil.

„Oh nein, es ist fest verschlossen. Verstehen Sie etwas von Schlössern, Mr. Colwyn?“

„Sie werden es aufbrechen müssen, falls Sie den Schlüssel verloren haben“, sagte Colwyn, nachdem er einen Blick auf die Kiste geworfen hatte. „Es ist eine veraltete Schlossart.“

„Ich hätte Ihnen diese Pistolen gerne gezeigt“, sagte Musard. „Sie treffen bis auf fünfzig Yards so präzise wie ein Gewehr. Ihr einziger Nachteil ist, dass sie etwas unhandlich sind und einen starken Rückstoß haben.“

„Ich frage mich, wo der Schlüssel ist?“, bemerkte Miss Heredith. „Ich muss Tufnell danach fragen.“

„Können Sie mir sagen, wo das Revolverschießen an jenem Nachmittag stattfand?“, fragte Colwyn und wandte sich an Phil.

„Sie schossen von hinter dem Bagatell-Tisch auf eine Zielscheibe, die dort drüben befestigt war“, sagte Phil und zeigte auf die gegenüberliegende Wand.

„Wer schlug das Spiel vor?“

„Nepcote. Es war ein sehr verregneter Nachmittag, und alle mussten drinnen bleiben. Nach dem Tee schlug er vor, es sei ein guter Zeitvertreib bis zum Abendessen. Mehrere der Männer und zwei oder drei der Damen hielten es für eine ausgezeichnete Idee, und es wurde ein Wettspiel organisiert. Sie fragten mich nach einem Revolver, aber ich sagte ihnen, dass wir keinen hätten. Einer der Offiziere bot seinen Armeerevolver an, aber dagegen wurde Einspruch erhoben, da er für das Schießen in Innenräumen zu schwer und zu gefährlich sei. Dann sagte Nepcote, er habe einen leichten Revolver in seiner Tasche, und ging nach oben, um ihn zu holen. Er kam mit dem Revolver in der Hand wieder herunter, und diejenigen, die sich am Sport beteiligen wollten, gingen in das Waffenzimmer. Ich ging für eine Weile mit, aber ich blieb nicht lange.“

„Hauptmann Nepcotes Revolver ist keine Armeewaffe?“

„Oh nein. Es ist eine sehr kleine und zierliche Waffe, vernickelt, mit sechs Kammern. Sie ist so leicht, dass sie einem Spielzeug ähnelt.“

„Mit einem entsprechend leisen Schussgeräusch, nehme ich an. Der Knall der Zielübungen wäre oben nicht zu hören gewesen?“

„Es müsste schon ein außerordentlich lauter Knall sein, der durch jene Tür bis in die oberen Stockwerke dringt“, warf Musard ein und zeigte auf die Eichentür mit Eisenbeschlägen, die den Zugang zum Waffenzimmer bildete. „Außerdem gibt es oben an der Treppe eine weitere Tür. Wenn beide geschlossen wären, könnte man jede Waffe im Haus abfeuern, ohne dass jemand oben einen Laut hören würde.“

Colwyn hatte Phils Schilderung des Zielschießens mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört. Er blieb einige Augenblicke stumm, als ob er jeden Punkt darin abwägen würde. Dann sagte er:

„Was lässt Sie so sicher sein, dass Nepcote seinen Revolver nach dem Schießen nicht in diesem Raum gelassen hat?“

„Er kann ihn nur auf dem Bagatell-Tisch oder einem der Stühle liegen gelassen haben“, antwortete Phil ernst. „Hätte er das getan, wäre es von jemandem bemerkt worden.“

„Vorausgesetzt, jemand hätte das Waffenzimmer betreten“, warf Musard ein.

„Natürlich muss jemand hier gewesen sein“, erwiderte Phil mit einer gewissen Schärfe. „Die Detektive glauben, dass Hazel ihn erst am folgenden Abend gefunden hat. Glauben Sie, niemand hat das Waffenzimmer vierundzwanzig Stunden lang betreten?“

„Ich halte es für durchaus wahrscheinlich bei solch einer schlechten Schützengruppe...“, begann Musard, brach aber ab, als er Miss Herediths warnenden Blick auffing. „Schon gut, Junge“, fügte er beschwichtigend hinzu; „Vielleicht hast du ja recht.“

„Ich zweifle nicht daran, dass ich recht habe“, rief Phil erregt. „Glauben Sie nicht auch, dass ich recht habe, Mr. Colwyn?“

„Ich halte das, was Sie über die Wahrscheinlichkeit gesagt haben, den Revolver zu bemerken, für durchaus plausibel“, antwortete der Detektiv. „Aber es ist nichts gewonnen, diese Möglichkeit im gegenwärtigen Moment zu erörtern. Wollen wir wieder nach oben gehen, Miss Heredith?“, fügte er hinzu und wandte sich an sie.

Sie warf ihm einen dankbaren Blick für sein Taktgefühl und seine Nachsicht zu und eilte voran, um den Weg aus dem Waffenzimmer zu weisen. Die wenigen Worte zwischen Phil und Musard hatten nicht nur das ganze Grauen und die Qual des Mordes scharf in ihre Erinnerung zurückgerufen, sondern auch eine schmerzliche Erneuerung ihrer Sorgen um die Gesundheit ihres Neffen verursacht. Sie erkannte, dass er ein veränderter Mensch war, launisch und reizbar, und bei geringfügigem Anlass zu plötzlichen Erregungszuständen neigte. Sie empfand, dass Musard ziemlich rücksichtslos gewesen war, als er Phils Krankheit vergaß und ihn durch Widerspruch erregte.

Ihre Sorge wurde nicht geringer, als sie einen seltsamen Blick auffing, den Phil Musard zuwarf, als sie die Bibliothek erreichten. Bevor sie darüber nachdenken konnte, was er zu bedeuten hatte, wandte sich Phil an sie und fragte, wo sie das Schmuckkästchen von Violet hingestellt habe.

„Ich habe dir gestern gesagt, Phil, dass ich es nach unten gebracht und weggeschlossen habe“, antwortete Miss Heredith mit einem Blick auf den Tresor in der Ecke des Raumes. „Ich habe die Schlüssel aufbewahrt, bis es dir besser ging.“

„Dann könntest du sie mir jetzt geben“, sagte der junge Mann. „Ich würde gerne sehen, ob mit dem Schmuck alles in Ordnung ist.“

„Aber Phil, natürlich ist damit alles in Ordnung“, erwiderte seine Tante. „Wir haben das Schmuckkästchen verschlossen vorgefunden, und es wurde in keiner Weise daran manipuliert.“

„Befand sich das Schmuckkästchen von Mrs. Heredith in ihrem Schlafzimmer, als sie ermordet wurde?“, fragte Colwyn.

„Ja“, antwortete Miss Heredith. „Wir fanden es auf ihrem Toilettentisch, wo sie es gewöhnlich aufbewahrte.“

„Enthielt es wertvollen Schmuck?“

„Es enthielt eine Perlenkette, die der armen Violet von Sir Philip geschenkt wurde“, lautete die Antwort. „Es ist ein altes Familienerbstück.“

„Dann stimme ich mit Mr. Heredith überein, dass das Schmuckkästchen geöffnet werden sollte.“

„Sehr wohl. Da Sie es für notwendig halten, werde ich in mein Zimmer gehen, um die Schlüssel zu holen.“

Miss Heredith verließ die Bibliothek und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem kleinen Schlüsselbund in der Hand zurück. Sie ging zum Tresor, schloss ihn auf und kehrte mit einer länglichen silbernen Schatulle von eigenartigem Design zum Tisch zurück, auf deren Deckel das Emaille-Porträt einer rundlichen, affektiert lächelnden Dame zu sehen war. Miss Heredith lenkte Colwyns Aufmerksamkeit auf das Porträt und bemerkte, es sei das Abbild einer Prinzessin des regierenden Hauses, die diese Schatulle ihrem Großonkel, Kapitän Sir Philip Heredith, geschenkt habe.

„Ihre Königliche Hoheit schätzte meinen Großonkel sehr, Mr. Colwyn“, fügte sie hinzu, während sie begann, einen der Schlüssel in das Schloss der Schatulle zu stecken. „Er war einer der berühmtesten Kapitäne unter Nelson. Als er starb, errichteten ihm die Einwohner seiner Heimatstadt ein Denkmal. Es war mit einem Zeugnis seines Wertes in bürgerlicher, militärischer und christlicher Hinsicht versehen, zusammen mit einem Bibelspruch, der besagte, dass er das Herz der Witwe vor Freude habe singen lassen. Unter dem Spruch wurde seine Heldentat verewigt, die französische Fregatte L'Equille mit allen Seelen an Bord versenkt zu haben.“

„Das scheint kaum das Herz der Witwe vor Freude zum Singen zu bringen“, kommentierte Musard.

„Der Hinweis bezog sich auf englische Witwen, Vincent“, entgegnete Miss Heredith und begann, die Schatulle mit liebevoller Sorgfalt zu öffnen. „Zu jener Zeit unserer Geschichte hatten wir die guten Eigenschaften des französischen Volkes noch nicht entdeckt, die es ihnen ermöglichten... Oh!“ Miss Heredith brach mit einem erschrockenen Ausruf ab, als der Deckel der silbernen Schatulle zurückfiel und ein leeres Inneres enthüllte.

Nur in Momenten völliger Überraschung versagt das menschliche Gesicht darin, den innersten Gefühlen auch nur einen Anschein von Kontrolle zu wahren. Bei der Entdeckung, dass das Schmuckkästchen leer war, verlor Miss Heredith ihre Würde wie ein fallendes Kleidungsstück, und sie starrte mit halb geöffnetem Mund und einem Ausdruck der Bestürzung auf das Innere aus Samt.

„Oh!“, rief sie erneut, als sie nach einem Moment der angespannten Stille ihre Stimme wiederfand. „Die Kette ist weg.“

„Beim Himmel, das ist unfassbar“, murmelte Musard.

„Ich dachte, du hättest gesagt, sie sei sicher?“ Der Sprecher war Phil. Er sah seine Tante nicht an, als er diesen Vorwurf hervorstieß, sondern starrte mit glühenden Augen unter zusammengezogenen Brauen auf die leere Schatulle.

„Phil, Phil, ich dachte, sie sei sicher – oh, ich dachte, sie sei sicher!“, rief Miss Heredith fast hysterisch. „Wo ist sie geblieben? Wer könnte sie genommen haben? Die Schatulle war verschlossen, als wir sie oben sahen, und am Tag nach der Beerdigung fand ich Violets Schlüssel hinten in der Schublade, in der sie sie immer aufbewahrte.“

„Die Schatulle mag verschlossen gewesen sein, als Sie sie fanden, aber es scheint ebenso sicher, dass sie auch leer war“, sagte Colwyn. Er allein von der aufgeregten Gruppe war kühl genug, um die heiklen Möglichkeiten dieser Entdeckung abzuschätzen. „Wie kam es, dass die Detektive das Schmuckkästchen in der Nacht des Mordes nicht öffneten, um sich ganz sicher zu sein, dass die Kette nicht gestohlen worden war?“

„Ich nahm die Kette mit nach unten und schloss sie weg, bevor die Polizei eintraf“, sagte Miss Heredith unter Tränen. „Als Detektiv Caldew kam, fragte er mich, ob aus Violets Schlafzimmer etwas fehle, und ich verneinte. Natürlich habe ich von so etwas nicht einmal geträumt. Oh, wie sehr wünsche ich mir jetzt, ich hätte das Schmuckkästchen damals geöffnet. Aber ich habe nicht daran gedacht. Ich habe das Kästchen geprüft und es verschlossen vorgefunden, also dachte ich, es sei nicht angerührt worden.“

„Wirklich, ich bin mehr zu tadeln als Miss Heredith“, warf Musard hastig ein. „Ich habe das Schmuckkästchen zuerst gesehen, und ich hätte daran denken sollen, es öffnen zu lassen.“

„Es ist schade, dass Sie die Detektive nicht über das Kästchen informiert haben“, sagte Colwyn. Sein Gesicht war ernst, als ihm bewusst wurde, wie gründlich die Polizei bei ihren ursprünglichen Ermittlungen durch das Missverständnis, das einen wichtigen Fakt verborgen hatte, in die Irre geführt worden war. „Aber lassen Sie uns zuerst sicherstellen, dass das Schmuckkästchen leer war, als es nach unten gebracht wurde. Wie viele Leute haben Zugang zu diesem Tresor, Miss Heredith? Gibt es mehr als einen Schlüssel?“

„Es gibt nur einen Schlüssel“, antwortete sie. „Und der ist seit der Nacht des Mordes in meinem Besitz.“

„Damit wäre diese Möglichkeit ausgeräumt. Wie steht es mit Mrs. Herediths Schlüsselbund? War dieser seit ihrer Ermordung ebenfalls in Ihrem Besitz?“

„Ja; ich bewahrte ihn in einer Schublade im Obergeschoss auf, die verschlossen war.“

„Können Sie mir sagen, wann Sie die Kette das letzte Mal gesehen haben?“

Miss Heredith dachte einen Augenblick nach.

„Schon seit einiger Zeit nicht mehr“, sagte sie. „Violet mochte sie nicht und trug sie selten.“

„Die Kette bestand aus rosafarbenen Perlen“, erklärte Musard. „Ihr Wert war eher historischer als materieller Natur, denn sie waren mit der Zeit angelaufen und die Fassung war altmodisch. Aus diesem Grund mochte Mrs. Heredith sie nicht. Ich wollte die Perlen am nächsten Tag nach London bringen, um sie dort aufziehen und neu fassen zu lassen.“

„Als ich in jener Nacht das Zimmer der armen Violet betrat, um zu sehen, ob sie sich fit genug fühlte, zu den Weynes zu gehen, fragte ich sie nach der Kette“, sagte Miss Heredith. „Sie antwortete, dass sie sie mir am Morgen geben würde. Hätte sie sie mir nur damals gegeben, wäre sie heute vielleicht noch am Leben.“

„Ich würde gerne mehr darüber hören“, sagte Colwyn. „Bitte erzählen Sie mir alles.“

Auf diese Bitte hin berichtete Miss Heredith dem Detektiv alles, was sich zwischen der jungen Ehefrau und ihr im Schlafzimmer vor dem Abendessen in der Nacht des Mordes abgespielt hatte. Colwyn hörte aufmerksam zu, mit einem wachsenden Gefühl für die verborgenen Komplexitäten des Verbrechens, die erst in letzter Minute offenbar wurden. Er erkannte, dass der Fall eine neue und tiefere Dimension annahm, wenn man ihn in Verbindung mit den Tatsachen betrachtete, die so unschuldig ignoriert worden waren. Als Miss Heredith geendet hatte, fragte er sie, wann man zuerst beschlossen habe, die Kette zur Neufassung nach London zu schicken.

„Es war die Nacht vor dem Mord“, antwortete Miss Heredith. „Sir Philip schlug vor, Violet solle die Kette am folgenden Abend zum Tanz tragen, aber Violet sagte, die Perlen seien wirklich zu glanzlos, um sie zu tragen. Mr. Musard stimmte ihr zu und bot an, sie nach London zu bringen und von einem Experten seines Bekanntenkreises reinigen und neu fassen zu lassen. Mr. Musard musste am Morgen nach dem Tanz nach London zurückkehren, und das war der Grund, warum ich vor dem Abendessen am Abend der Party in Violets Zimmer ging, um sie um die Kette zu bitten.“

Colwyn überdachte diese Antwort in all ihren Auswirkungen, bevor er sprach.

„Das Beste, was ich tun kann, ist, unverzüglich nach London zurückzukehren und diese zusätzlichen Fakten Scotland Yard vorzulegen“, sagte er. „Sie wurden in die Irre geführt – unabsichtlich, aber schwerwiegend – und es ist nur recht, dass sie sofort informiert werden. Ich kenne Merrington, und ich werde mich darauf konzentrieren, ihn persönlich zu sehen und ihm von der Entdeckung der verschwundenen Kette zu berichten.“

Die kleine Gruppe vernahm seine Entscheidung in einem Schweigen, das mehr ausdrückte, als Worte es konnten. Es war Phil, der schließlich den Gedanken aussprach, der ihnen allen durch den Kopf ging:

„Sind Sie überzeugt, dass Hazel Rath unschuldig ist?“

„Das kann ich nicht sagen“, antwortete der Detektiv rasch. „Der Verlust der Kette trägt nichts dazu bei, den Verdacht gegen sie zu entkräften, es sei denn, es lässt sich beweisen, dass sie mit ihrem Verschwinden nichts zu tun hatte – vielleicht nicht einmal dann. Aber alle Fakten müssen neu untersucht werden. Die Kette muss aufgespürt und die Sache mit dem Revolver geklärt werden. Aber hier gibt es im Moment nichts weiter zu tun. Das Feld der Ermittlungen verlagert sich nun nach London. Ich werde mich für die Reise fertig machen, wenn Sie mich entschuldigen.“

„Ich hoffe, Sie setzen Ihre eigenen Ermittlungen fort, Mr. Colwyn“, sagte Phil ernst. „Ich bin mehr denn je von Hazel Raths Unschuld überzeugt, aber ich habe wenig Vertrauen, dass die Polizei diese wahrscheinlich beweisen wird – selbst wenn sie es versuchen sollte. Ich war von der Kompetenz von Detektiv Caldew nicht beeindruckt, ebenso wenig von seiner Haltung, als ich ihm sagte, ich glaube, Hazel Rath sei unschuldig.“

„Ich werde meine Ermittlungen in Verbindung mit Scotland Yard fortsetzen, wenn Sie das wünschen“, antwortete der Detektiv.

KAPITEL XVIII

Colwyn war oben in seinem Schlafzimmer und bereitete sich auf seine Rückreise nach London vor, als ein sanftes Klopfen und ein entschuldigendes Husten an seine Ohren drangen. Er wandte sich um und sah Tufnell an der halb geöffneten Tür stehen. Das Gesicht des alten Butlers trug einen Ausdruck von gemischter Entschlossenheit und Nervosität – der Ausdruck eines schüchternen Mannes, der sich nach langem, unentschlossenem Überlegen zu einem kühnen Schritt durchgerungen hatte.

„Ich bitte um Verzeihung, mein Herr“, sagte er, und seine Bestürzung war in seiner Stimme deutlich zu hören. „Aber dürfte ich... das heißt, könnten Sie mir ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch schenken?“

„Gewiss“, antwortete der Detektiv. „Kommen Sie herein, Tufnell. Was gibt es?“

Der Butler betrat den Raum und schloss sorgfältig die Tür hinter sich.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, mein Herr“, sagte er. „Aber ich habe gerade gehört, wie Miss Heredith Anweisungen gab, Ihren Wagen für Ihre Rückkehr nach London bereitzumachen, und ich wusste, dass keine Zeit zu verlieren war. Es geht um den – den Mord, mein Herr.“ Er brachte die letzten Worte mit Mühe hervor.

„Fahren Sie fort“, sagte Colwyn und fragte sich, welche weitere Überraschung auf ihn wartete.

„Es geht um etwas, das in jener Nacht geschah. Ich wollte es Ihnen schon früher sagen, aber ich habe mich nicht getraut. Nachdem der Mord entdeckt worden war, wurde ich ins Dorf geschickt, um die Polizei und den Arzt zu holen, und während ich durch die Wälder in der Nähe des Moat-House eilte, glaubte ich, einen Mann hinter einem der Bäume nahe der Zufahrt kauern zu sehen. Er schien in meine Richtung zu schauen. Als ich noch einmal hinsah, war er verschwunden.“

„Und was haben Sie getan?“

„Ich habe gerufen, aber keine Antwort erhalten, also bin ich weitergeeilt.“

Colwyn musterte den Butler mit einem nachdenklichen, durchdringenden Blick. Der Butler ertrug diesen Blick mit der demütigen Miene eines Haustieres, das weiß, dass es begutachtet wird.

„Bin ich die erste Person, der Sie diese Geschichte erzählen?“, fragte der Detektiv nach einer Pause.

„Ja, mein Herr.“

„Warum haben Sie die Polizeibeamten nicht informiert, als sie den Fall untersuchten?“

„Aus mehreren Gründen, mein Herr. Als ich darüber nachdachte, schien es mir, dass es wohl meine Einbildung gewesen sein musste, und dann geriet es in der Sorge und Aufregung im Haus in Vergessenheit. Als ich dann wieder daran dachte, mochte ich es Superintendent Merrington gegenüber nicht erwähnen, weil er so ein tyrannischer Herr war, dass ich mich vor ihm sehr unwohl fühlte. Wahrlich, für einen Herrn, der mit Königlichen Hoheiten gereist ist, wie ich gehört habe, und von dem man annehmen sollte, dass er weiß, wie sich ein Gentleman zu benehmen hat, war die Art, wie er das Personal behandelte, während er hier war, kaum zu ertragen.“ Die eingefallenen Wangen des Butlers röteten sich bei der Erinnerung schwach. „Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, es ihm zu sagen, mein Herr.“

Colwyn lächelte leicht. Die Methoden, mit denen Merrington Verhöre führte, waren ihm nicht unbekannt.

„Sie hätten mit Detektiv Caldew sprechen können, dem anderen Beamten, der an dem Fall arbeitete“, sagte er.

„Der junge Tom Caldew!“, rief der Butler sichtlich überrascht.

„Sie kennen ihn also?“

„Ich kenne ihn, aber ich kann nicht sagen, dass ich etwas Gutes über ihn wüsste“, erwiderte der Butler streng. „Der junge Tom Caldew ist in diesem Dorf geboren und aufgewachsen, und ein fauler junger Taugenichts war er. Oft genug habe ich ihm den Hosenboden strammgezogen, weil er in unserem Park Kastanien gestohlen hat. Dem Ort war gedient, so meine ich, als er nach London weglief und zur Polizei ging. Nein, mein Herr, ich konnte mich wirklich nicht überwinden, mich dem jungen Tom Caldew anzuvertrauen.“

„Und warum vertrauen Sie sich jetzt mir an?“

„Nun, mein Herr, es war die Verhaftung der jungen Frau, die mich zum Nachdenken brachte und mich fragen ließ, ob ich recht daran getan habe, dies für mich zu behalten. Was ich in jener Nacht gesehen zu haben glaubte, mag bloße Einbildung meinerseits gewesen sein, aber es bekam in meinem Kopf ein zusätzliches Gewicht, als Miss Rath wegen des Mordes an Mrs. Heredith verhaftet wurde. Es kam mir so vor, als würde ich ihr vielleicht eine Art Unrecht tun, wenn ich nicht davon erzählte, und ich möchte das nicht auf meinem Gewissen haben, nachdem die Dinge so gelaufen sind. Aber ich dachte, es sei zu spät, etwas zu sagen, nachdem sie Miss Rath verhaftet und mitgenommen hatten. Dann erholte sich Mr. Philip von seiner Krankheit und fuhr nach London, um Sie zu holen. Am selben Abend hörte ich Miss Heredith und Mr. Musard am Abendbrottisch über den Mord sprechen, und aus ihren Worten entnahm ich, dass Mr. Philip glaubte, die Detektive hätten sich bei der Verhaftung von Miss Rath geirrt. Da beschloss ich, es Ihnen zu sagen, sobald Sie ankommen, aber ich konnte nicht den Mut dazu aufbringen bis jetzt“, schloss der Butler schlicht. „Ich hoffe, ich habe richtig gehandelt, mein Herr.“

„Sie haben zweifellos richtig gehandelt, die Geschichte nicht länger für sich zu behalten“, sagte Colwyn. „Bevor ich von hier abreise, sollten Sie mir die Stelle im Wald zeigen, an der Sie diesen Mann gesehen zu haben glaubten.“

„Das werde ich gerne tun, mein Herr. Ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mir zugehört haben. Es ist ein Gewicht, das mir vom Herzen fällt.“

„Ich werde fast unmittelbar aufbrechen“, fuhr Colwyn fort. „Ich denke, am besten wäre es, wenn Sie mich in der Zufahrt, nahe der Stelle, treffen würden. Können Sie das einrichten?“

„Ganz einfach, mein Herr.“

„Ausgezeichnet. Und nun, wenn Sie nach unten gehen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie Herrn Musard ausrichten würden, dass ich ihn gerne in meinem Zimmer sehen möchte, bevor ich gehe.“

„Sehr wohl, mein Herr. Danach werden Sie mich an der Biegung der Kutschenauffahrt finden, wo sie sich um den See windet.“

Colwyn nickte verständnisvoll, und Tufnell verließ das Zimmer mit erleichterter Miene. Einige Augenblicke später klopfte es erneut an der Tür. Auf Colwyns Aufforderung hin öffnete sich die Tür, und Musard erschien.

„Tufnell sagte, Sie wünschten mich zu sprechen“, sagte er mit einem fragenden Blick unter seinen dunklen Brauen hervor.

„Ja. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das fehlende Collier beschreiben könnten. Es wird bei der Suche nützlich sein.“

„Es ist nicht schwer zu beschreiben“, antwortete Musard und setzte sich auf die Bettkante. „Es bestand aus einer einzigen Reihe rosa Perlen, von denen keine sehr groß war. Die größte hat etwa vierzig Grain, die anderen zwischen zwanzig und dreißig. Es hat einen Diamantverschluss, gefasst in antikem Gold, was der wertvollste Teil des Colliers ist. Wissen Sie etwas über Juwelen?“

„Ein wenig.“

„Dann sind Sie sich bewusst, dass blaue und rote Diamanten die wertvollsten Steine sind. Dieser Diamant ist ein blauer – nicht sehr groß, aber ein besonders feiner Stein.“

„Das Collier ist sicher bei Juwelenexperten wohlbekannt?“

„So bekannt wie jedes Schmuckstück in Europa. Einige der Perlen darin sind hunderte von Jahren alt. Es wäre für den Dieb fast unmöglich, das Collier abzusetzen.“

„Es könnte zerlegt werden“, schlug Colwyn vor.

„Um seine Identität zu verbergen? Nun ja, aber der Verkaufswert würde stark sinken. Die Perlen sind aufgezogen worden.“

„Was ist mit dem Diamanten? Könnte der nicht vom Dieb verkauft werden, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden?“

„Nur, indem man ihn nach Amsterdam schickt, um ihn in zwei oder drei kleinere Steine schleifen zu lassen, um das Entdeckungsrisiko zu verringern. Der Heredith-Blaudiamant ist vielen Kennern bekannt. Er ist in einer ungewöhnlichen Form geschliffen – eine Art unregelmäßige Rosette, um sein Feuer und seine optischen Eigenschaften bestmöglich zur Geltung zu bringen. Würde er geschliffen, verlöre er einen Großteil seines Wertes. Der Geldwert eines großen Diamanten erster Qualität ist weitaus höher als der des gleichen Steins, wenn er in drei Teile zerschnitten ist. Aber es wäre schwierig, den Diamanten in seiner jetzigen Form zu verkaufen. Es ist wahrscheinlich, dass er in Hatton Garden erkannt würde – wenn er dort zum Verkauf angeboten würde.“

„Aber wenn der Diamant in die Hände von jemandem fiele, der sich mit Edelsteinen auskennt, könnte er ihn eine Weile zurückhalten und dann im Ausland absetzen – zum Beispiel in Amerika“, erwiderte Colwyn. „Dieser Trick wurde schon bei bekannteren Steinen als dem Heredith-Diamanten angewandt. Tatsächlich erscheint es mir möglich, das gesamte Collier auf diese Weise zu verkaufen. Der Verkauf des Colliers hängt weitgehend davon ab, wer es gestohlen hat – ob es in erfahrene oder unerfahrene Hände gefallen ist. Es gibt Juwelenhändler, die keine unangenehmen Fragen stellen, wenn sie Dinge zu ihrem eigenen Preis bekommen können.“

„Ganz recht“, stimmte Musard zu und warf einen schnellen Blick auf das Gesicht seines Begleiters. „Es wäre jedoch ein Risiko – der Dieb könnte an den Falschen geraten. Ich kann Ihnen die Adressen von zwei oder drei Männern in Hatton Garden geben, die Ihnen sagen können sollten, ob das Collier dort angeboten wurde. Sie wissen alles, was im Handel vor sich geht.“

„Ich werde sie dankbar entgegennehmen.“

Musard kritzelte einige Namen und Adressen auf ein Blatt seines Notizbuches, riss es heraus und reichte es dem Detektiv.

„Es gibt einen merkwürdigen Zufall bei dem Verlust dieses Colliers“, bemerkte er beiläufig, als er aufstand, um zu gehen. „Es ist ein weiteres Beispiel für das Unglück, das am Besitz eines blauen Diamanten haftet.“

„Denken Sie an den Hope-Blaudiamanten? Der hat sicherlich eine unheilvolle Geschichte.“

„Das ist das berüchtigtste Beispiel. Aber alle blauen Diamanten bringen Unglück. Ich könnte Ihnen einige grausame Geschichten erzählen, die mit ihnen verbunden sind. Die vorherige Trägerin des Heredith-Colliers – Philips Mutter – starb bei seiner Geburt. Übrigens gibt es eine seltsame Legende, die sich um das Moat-House rankt, in Form eines Fluches, der von dem ursprünglichen Erbauer darauf gelegt wurde, der im alten Haus lebendig verbrannt wurde. Er prophezeite, dass das Haus der Herediths, da es in Schrecken gegründet wurde, auch in Schrecken enden werde. Diese alten Familienflüche kehren manchmal nach langer Zeit an ihren Ursprungsort zurück, auch wenn der moderne Zynismus solche Einbildungen verspottet. Natürlich mag nichts Wahres daran sein, aber wir hatten in letzter Zeit mehr als genug Schrecken im Moat-House, und die arme Mrs. Heredith hatte einen blauen Diamanten in ihrem Zimmer, als sie ermordet wurde. Aber ich darf Sie nicht länger aufhalten, Herr Colwyn. Sollte es in diesem schrecklichen Fall zu einem Justizirrtum gekommen sein, hoffe ich, dass es Ihnen gelingt, ihn ans Licht zu bringen.“

Er verweilte nach dem Händeschütteln, als hätte er das Gespräch gerne fortgesetzt. Da er offenbar nicht genügend Ermutigung im Gesicht des Detektivs fand, wandte er sich ab und verließ den Raum, und Colwyn setzte seine Vorbereitungen für die Abreise fort.

Als diese abgeschlossen waren, ging auch er nach unten und trug seine Tasche. Miss Heredith und Phil warteten, um sich von ihm zu verabschieden. Als Miss Heredith Lebwohl sagte, blickte sie ihm mit dem ratlosen Ausdruck einer einfachen Seele ins Gesicht, die in dem tiefen Wirbel außergewöhnlicher Ereignisse, in den sie über ihre Kräfte hinaus hineingerissen worden war, nach Beruhigung durch einen stärkeren Geist suchte. Phil sah blass und krank aus, und die Hand, die er in den kühlen, festen Griff des Detektivs legte, war heiß und fiebrig. Während seine Tante jene konventionellen Phrasen murmelte, unter denen Frauen die Realitäten des Lebens zu verbergen suchen, so wie sie Leichen mit Blumen schmücken, stand Phil mit der ungeduldigen Miene eines Menschen beiseite, der die Nutzlosigkeit solcher Dinge verachtet. Als Miss Heredith zu sprechen aufhörte, machte er einen Schritt vorwärts, seine dunklen Augen eifrig und forschend auf Colwyn gerichtet.

„Sie werden keine Zeit verlieren?“, sagte er. „Sie werden alles herausfinden?“

„Ich habe Ihnen bereits versprochen, dass ich meine Untersuchungen fortsetzen werde“, antwortete Colwyn. Die ruhige Aufrichtigkeit seiner Worte war das Zeichen eines Geistes, der die Schwäche bloßer verbaler Betonung verachtete.

„Verlieren Sie keine Zeit. Sparen Sie nicht am Geld“, sagte Phil hastig. Seine Worte und seine Ausdrucksweise standen in krassem Gegensatz zur Stille und Fassung des Mannes, den er ansprach. „Denken Sie daran, was es bedeutet! Lassen Sie mich alles wissen, was passiert. Senden Sie mir Telegramme. Verfolgen Sie diese Sache bei Tag und Nacht. Ich verlasse mich auf Sie –“

„Phil, Phil!“, ermahnte Miss Heredith. „Herr Colwyn hat bereits versprochen, alles zu tun, was er kann. Sie müssen geduldig sein.“

„Geduld! Mein Gott, sprechen Sie mir nicht von Geduld“, entgegnete ihr Neffe heftig. „Ich werde weder Geduld noch Frieden haben, bis diese Sache geklärt ist.“

Miss Heredith sah ihn traurig an. Sein Verstoß gegen die guten Sitten, in ihrer Gegenwart einen Fluch auszusprechen, verletzte sie schlimmer als ein Schlag, doch ihr Herz wurde krank bei der Erkenntnis, dass dies nur ein weiteres Zeichen der völligen Veränderung an ihm war, die durch den Mord an seiner Frau herbeigeführt worden war. Colwyn beendete die Szene.

„Natürlich werde ich mich mit Ihnen in Verbindung setzen“, sagte er zu Phil, als er aufbrach. Phil begleitete ihn zu seinem Auto und stand unter dem Portikus, während er zusah, wie er davonfuhr. Colwyn blickte zurück, als er die Brücke des Moat-House überquerte. Der junge Mann stand immer noch in der offenen Tür und sah ihm nach. Im nächsten Augenblick verbarg ihn die Biegung des Kutschenwegs vor seinem Blick.

Colwyn traf Tufnell an der nächsten Biegung der Auffahrt, wo er auf dem Pfad unter den Bäumen wartete, die den Rand säumten. Der Detektiv hielt sein Auto an und stieg aus.

„Es war genau hier, mein Herr, dass ich glaubte, in jener Nacht die Gestalt gesehen zu haben“, sagte der Butler.

Er bog in eine belaubte Allee ein, die im rechten Winkel vom Pfad abführte, und folgte ihr in den Wald, bis er den moosigen Stamm einer großen Eiche erreichte, die einen knorrigen Ast waagerecht über den schmalen Weg warf, als wolle sie das weitere Eindringen in ihr Gebiet versperren. Tufnell blieb stehen und wandte sich an den Detektiv.

„Es kam mir so vor, als ob ein Mann ungefähr hier kauerte, mein Herr“, sagte er flüsternd, als fürchtete er, der Eindringling könne sich immer noch dort verstecken und seine Worte belauschen.

Colwyn untersuchte die Stelle sorgfältig. Das Moos und das Gras, wo er stand, wuchsen frisch unter seinen Füßen, ohne Spuren, die darauf hindeuteten, dass sie kürzlich betreten worden waren. Aber ganz in der Nähe, hinter dem waagerechten Ast der großen Eiche, befand sich ein verworrenes Stück Unterholz und Brombeergestrüpp, das stellenweise zerbrochen und niedergedrückt war, als ob ein Mensch dort eingedrungen wäre. Während Colwyn diesen Ort betrachtete, wurde sein Blick von einem gelben Fleck vor dem grünen Hintergrund angezogen. Es war ein winziges Stück Khaki, das sich in einem der Brombeerbüsche verfangen hatte.

KAPITEL XIX

Superintendent Merrington saß in seinem Büro in Scotland Yard, reizbar durch die Anstrengungen eines schwierigen Tages, der schwere Einbußen bei seiner Laune und Geduld hinterlassen hatte. Er hatte mehrere große Fälle zu bearbeiten, seine Zeit war durch eine Reihe von Besuchern mit Beschwerden zerstückelt worden, und man hatte ihn gerufen, um einen lästigen Anspruch einer Frau zu klären, die auf der Straße von einem Polizeihund angegriffen worden war, während das Tier eigentlich im Dienst sein sollte, um einen frevelhaften Dieb aufzuspüren, der einen Priester in einem Oratorium niedergeschlagen und sich mit den silbernen Kerzenleuchtern vom Altar aus dem Staub gemacht hatte.

Die Frau war vor Schock wahnsinnig geworden und in eine öffentliche Anstalt eingewiesen worden, wo sie sich einige Jahre lang für ein Pferd gehalten hatte und in dieser Gestalt harmlos gewiehert hatte, bis sie durch Autosuggestion von einem aufstrebenden jungen Gehirnspezialisten geheilt wurde, der viel Zeit und Studium ihrem besonderen Fall gewidmet hatte. Ihr erster Akt der wiedererlangten Vernunft war es, eine hohe Schadensersatzklage gegen Scotland Yard einzureichen, und Merrington hatte diesen Tag mit einem habgierigen Anwalt ausgefochten, der den Fall unter dem Versprechen einer gleichen Teilung der Beute übernommen hatte.

Merrington hatte es vorgezogen zu zahlen, anstatt den Prozess vor Gericht anzufechten, und war infolgedessen äußerst zornig. Er war wütend auf die alte Frau, weil sie es wagte, gesund zu werden, und wütend auf den Gehirnspezialisten, weil er sie geheilt hatte. Er betrachtete den Gehirnspezialisten als schuldig an einer Einmischung, indem er die alte Dame in eine Welt von Narren zur sogenannten Vernunft zurückbrachte, ohne ein anderes Ziel zu erreichen als den Raub aus öffentlichen Mitteln durch einen schurkischen Anwalt. Um Merringtons eigene Worte zu gebrauchen, die er einem erstaunten Untergebenen gegenüber mit intensiver Verärgerung ausdrückte: Die alte Frau war als Pferd völlig in Ordnung, bequem und gut genährt, und hatte wahrscheinlich mehr vom Leben in dieser Gestalt gehabt als jemals als Mensch, gezwungen zu allen Arten von Ausflüchten und armseligen Schikanen vor ihren Vorgesetzten für einen kargen Lebensunterhalt, mit nichts als dem Arbeitshaus in Aussicht. Er schloss in einer Art grummelndem Epilog, dass manche Leute nie wüssten, wann man das Gute gut sein lassen sollte.

Es war daher in keiner sehr liebenswürdigen Stimmung, dass er Colwyns Visitenkarte mit einer mit Bleistift geschriebenen Bitte um ein sofortiges Gespräch entgegennahm. Merrington missbilligte alle Privatdetektive als eine unzulässige Anmaßung der Funktionen von Scotland Yard, aber er missbilligte besonders einen Privatdetektiv wie Colwyn, dessen Popularität weit größer war als seine eigene. Aber es gab politische Gründe für die Gewährung von Höflichkeit ihm gegenüber. Der berühmte Privatdetektiv war ein so mächtiger Rivale, dass es am besten war, ihn mit ein wenig Höflichkeit zu beschwichtigen, was nichts kostete, und er hatte Scotland Yard mehrere gute Dienste erwiesen, die zumindest ein äußeres Zeichen der Dankbarkeit verlangten. Er hatte auch Einfluss an der richtigen Stelle und war insgesamt keine Person, die man leicht beleidigen sollte. Die Erwägung dieser Faktoren veranlasste Merrington, dem wartenden Portier mitzuteilen, dass er Herrn Colwyn sofort sehen würde, und ließ ihn sogar seine fetten roten Gesichtszüge zu einem Lächeln des Willkommens verzerren, als er seinen Eintritt erwartete.

Als Colwyn in der Tür erschien, erhob sich der große Mann, den er aufgesucht hatte, von seinem Schwenkstuhl, um ihm die Hand zu schütteln. Als sein Besucher saß, lehnte sich Merrington in seinem eigenen Stuhl zurück und bemerkte mit seiner großen, rollenden Stimme:

„Was kann ich für Sie tun, Herr Colwyn?“

„Nichts persönlich. Ich bin gekommen, um mit Ihnen über den Fall Heredith zu sprechen.“

Das Furnier des Willkommens verschwand von Merringtons Gesicht bei dieser Einleitung, obwohl ein großes gerahmtes Foto von ihm selbst an der Wand hinter seinem Stuhl weiterhin mit ungewohnter Liebenswürdigkeit auf den Privatdetektiv herablächelte.

„Ah, ja, der Fall Heredith“, antwortete er. „Eine seltsame Angelegenheit, das. Ich habe persönlich darin ermittelt. Es war ein Jammer, dass Sie nicht dabei waren. Es gab Punkte an diesem Mord – deutliche Punkte. Sie hätten Ihre Freude daran gehabt.“

Merringtons professionelles Mitleid mit Colwyns Unglück, einen unterhaltsamen Mord verpasst zu haben, sollte einen deutlichen Tadel an der Anmaßung des anderen ausdrücken, einen Fall zu diskutieren, in dem er nicht engagiert war. Aber Colwyns nächste Worte rissen Merrington aus seiner Haltung der tadelnden Würde.

„Ich war anfangs nicht in den Fall involviert, wurde aber nachträglich vom Ehemann der ermordeten Frau hinzugezogen. Er ist mit dem Ergebnis unzufrieden. Er glaubt, dass bei der Verhaftung des Mädchens Hazel Rath ein Fehler gemacht wurde.“

Das Schweigen, mit dem Merrington diese Information aufnahm, war ein unfreiwilliger Tribut an seinen Besucher, da es implizierte, dass er wusste, dass Colwyn nicht gekommen wäre, um ihn zu sehen, ohne gewichtigen Grund zur Unterstützung dessen, was wie die Wiederholung einer bloßen Meinungsäußerung klang.

„Ich zögerte einzugreifen, bis Herr Heredith mir etwas sagte, das darauf hindeutete, dass einer Ihrer Männer in Gefahr war, einen wichtigen Hinweis zu unterschätzen“, fuhr Colwyn fort. „Das entschied mich. Ich bin vorgestern Abend mit Herrn Heredith in meinem Auto zurückgefahren. Nach meiner Ankunft im Moat-House machte ich eine interessante Entdeckung – ganz zufällig. Ich entdeckte, dass ein Perlen-Collier, das Mrs. Heredith von Sir Philip Heredith geschenkt worden war, aus dem Schmuckkästchen fehlte, in dem es eingeschlossen war. Dieses Schmuckkästchen befand sich in Mrs. Herediths Schlafzimmer in der Nacht, in der sie ermordet wurde.“

Diese Nachricht war so unerwartet, dass sie Merrington unvorbereitet traf.

„Ein Juwelenraub zusätzlich zum Mord!“, stieß er mit einer Art Bestürzung aus.

„Es sieht so aus. Sie werden sich ein besseres Urteil bilden können, wenn ich Ihnen alle Umstände der Entdeckung erzählt habe.“

Merrington hatte sich schon vor langer Zeit davon überzeugt, dass der Fall, den er gegen Hazel Rath aufgebaut hatte, nicht die geringste Möglichkeit eines Zweifels zuließ; und wie alle sturen Männer hielt er mit zusätzlicher Stärke an seinen Überzeugungen fest, angesichts von allem, was sie zu schwächen drohte. Als er sich von seiner Überraschung über die Nachricht des Privatdetektivs erholt hatte, hörte er sich den Bericht über das Öffnen des Schmuckkästchens mit der vorsichtigen Miene eines Menschen an, der nach einer Lücke in einem unerwarteten Hindernis sucht. Bevor Colwyn fertig war, hatte er sie in der Überzeugung gefunden, dass Hazel Rath, und niemand sonst, die fehlenden Juwelen gestohlen habe.

„Dieses Mädchen ist eine Diebin und eine Mörderin“, war die Art und Weise, wie er seine Meinung ausdrückte, als Colwyn aufgehört hatte zu sprechen. „Sie hat das Collier gestohlen.“

„Sie mag das getan haben, aber es ist eine zu große Annahme, um sie ohne Beweise zu treffen“, erwiderte Colwyn. „Sie müssen sich vollkommen bewusst sein, Herr Merrington, dass diese verspätete Entdeckung für den Fall der Krone von größter Bedeutung ist, so oder so. Wenn Sie beweisen können, dass Hazel Rath das Collier gestohlen hat, haben Sie einen unangreifbaren Fall gegen sie. Wenn das Collier von jemand anderem gestohlen wurde, sind Sie mit einem neuen und seltsamen Aspekt dieses Mordes konfrontiert.“

„Nicht in einem Ausmaß, das die Stärke des Falles gegen dieses Mädchen mindern würde“, antwortete Merrington hartnäckig. „Sie wurde kurz vor dem Mord auf dem Weg zur Treppe gesehen, die zu Mrs. Herediths Zimmer führte; ihre Brosche wurde oben im Zimmer gefunden; und der Revolver sowie ihr Taschentuch wurden in den Zimmern ihrer Mutter versteckt gefunden. Fügen Sie dazu ihr Schweigen unter der Anschuldigung hinzu, und es ist unmöglich, von der Überzeugung abzukommen, dass sie, und niemand sonst, Mrs. Heredith ermordet hat.“

„Ich versuche nicht, Ihre Theorie zu widerlegen oder Ihre Fakten zu bestreiten“, entgegnete Colwyn kühl. „Mein Besuch dient dazu, Sie auf eine neue Tatsache im Fall aufmerksam zu machen, die einer Untersuchung bedarf. Ob diese Tatsache mit Ihrer eigenen Theorie übereinstimmt oder nicht, sie ist zu wichtig, um ignoriert oder übersehen zu werden. Deshalb habe ich das Moat-House sofort verlassen, als ich sie entdeckte. Ich hatte das Gefühl, dass Sie unwissend in die Irre geführt wurden und dass es nur recht und billig war, Ihnen dies ohne Verzögerung mitzuteilen.“

Merrington war sich jenes vergänglichen Gefühls bewusst, das Menschen Dankbarkeit nennen. Sein Impuls der Dankbarkeit gegenüber dem Mann ihm gegenüber war umso schärfer bei der Erkenntnis, dass er nicht so großzügig gehandelt hätte, wenn er an Colwyns Stelle gewesen wäre. Aber seine Dankbarkeit wurde schnell von dem Wissen verschluckt, dass er in die Irre geführt worden war, und sein Ärger vermischte sich mit der Entschlossenheit, einen Sündenbock zu finden.

„Ich bin Ihnen für Ihre Information zu Dank verpflichtet, obwohl ich ihr nicht ganz so viel Bedeutung beimesse wie Sie“, war seine vorsichtige Erwiderung. „Aber ich mache sicherlich Detektiv Caldew dafür verantwortlich, dass er es nicht vor Ihnen herausgefunden hat. Er machte die ursprünglichen Ermittlungen im Moat-House, und er scheint sie sehr nachlässig durchgeführt zu haben. Er sagte dem Chief Constable von Sussex oder mir nichts, als wir ankamen, über ein Schmuckkästchen, ob abgeschlossen oder offen.“

„Er wusste es selbst nicht.“

„Es war seine Pflicht, nachzufragen. Als er uns auf die Autorität von Miss Heredith hin versicherte, dass nichts fehle, nahm ich natürlich an, dass er die ordnungsgemäßen Nachforschungen angestellt hatte. Aber ich danke Ihnen, dass Sie es mich wissen ließen, und ich werde natürlich Nachforschungen anstellen lassen. Aber ich wüsste gerne, warum der junge Heredith sich eingemischt und Sie in den Fall gebracht hat?“

„Zum einen hat er einen starken Glauben an die Unschuld von Hazel Rath.“

„Bloße Sentimentalität“, antwortete Merrington verächtlich. „Vielleicht ist er immer noch in das Mädchen verschossen.“

„Da ist mehr als das. Da ist die Frage des Revolvers. Natürlich ist Ihnen bekannt, dass er den Revolver, mit dem seine Frau erschossen wurde, als das Eigentum von Captain Nepcote identifizierte, einem Gast im Moat-House, der am Nachmittag des Tages abreiste, an dem Mrs. Heredith ermordet wurde. Heredith akzeptiert Ihre Theorie nicht, wie Hazel Rath angeblich an den Revolver gekommen sein soll. Er glaubt nicht, dass Nepcote den Revolver im Moat-House zurückgelassen hat. Er sagte dies Caldew, aber Caldew sagte, der Besitz des Revolvers sei eine Angelegenheit ohne Konsequenz.“

„Caldew ist ein Narr, wenn er das gesagt hat, und ich wünschte, ich hätte ihn nie in den Fall eingreifen lassen“, antwortete Merrington nachdrücklich. „Ich habe das polizeiliche Verfahren gegen das Mädchen um eine Woche verschoben, bis die Frage des Eigentums am Revolver geklärt sein konnte. Jetzt, da dies entschieden ist, werde ich Nepcote ohne Verzögerung befragen lassen.“

„Bevor Sie versuchen, das fehlende Collier aufzuspüren?“ Die schwache Nuance von Überraschung in Colwyns Stimme hätte einem schnelleren Ohr als dem Merringtons entgehen können.

„Scotland Yard wird das Collier schnell genug aufspüren“, erklärte er zuversichtlich. „Ich mag es, die Dinge in der richtigen Reihenfolge zu erledigen. Das Nächste, was zu tun ist, ist festzustellen, ob Nepcote seinen Revolver im Moat-House zurückgelassen hat, obwohl ich nicht den geringsten Zweifel habe, dass er es getan hat. Das Collier ist wirklich eine untergeordnete Überlegung. Es liefert lediglich ein weiteres Motiv für den Mord – Habgier ebenso wie Eifersucht.“

„Ist das die Art, wie Sie es betrachten?“ Ein weniger dickhäutiger Mann als Merrington hätte diesmal mehr als nur Überraschung im Ton des anderen bemerkt.

„Gibt es eine andere Art, es zu betrachten?“

„Ich würde es nicht wagen, in diesem Fall eine Meinung zu äußern, ohne mehr Wissen, als ich derzeit habe“, erwiderte Colwyn mit ernstem Ton. „Aber soweit ich mich damit befasst habe, würde ich sagen, dass es mehrere Dinge gibt, die mehr Erklärung zu erfordern scheinen. Nepcotes eigene Handlungen scheinen eine gewisse Untersuchung zu erfordern.“

„Sie schlagen doch sicher nicht vor, dass Nepcote etwas mit dem Mord oder dem Raub der Perlen zu tun hat?“, sagte Merrington mit erstaunter Stimme. „Das ist völlig unmöglich. Er verließ das Moat-House am Nachmittag, bevor der Mord begangen wurde, und fuhr in jener Nacht nach Frankreich.“

„Er ist in jener Nacht nicht nach Frankreich gefahren. Er blieb in London und kehrte erst am folgenden Tag nach Frankreich zurück.“

Merrington war sichtlich aufgeschreckt über diese unerwartete Information.

„Das ist mir neu“, sagte er ernst. „Woher haben Sie das erfahren?“

„Heute Morgen vom Kriegsministerium. Es besteht kein Zweifel. Nepcote war in der Nacht des Mordes in London.“

„Er hat wahrscheinlich eine Erklärung dafür, aber was Sie mir gerade erzählt haben, ist ein zusätzlicher Grund, Nepcote unverzüglich aufzusuchen und zu befragen, selbst wenn ich einen Mann für diesen Auftrag nach Frankreich schicken muss.“

„Das wird nicht nötig sein. Nepcote ist vor zwei Tagen nach London zurückgekehrt – auf einer geheimen Mission. Diese Tatsache habe ich ebenfalls von meinem Freund im Kriegsministerium bestätigt bekommen.“

Merrington warf einen Blick auf eine kleine Uhr, die auf dem Schreibtisch vor ihm stand.

„Ich werde sofort gehen und ihn selbst aufsuchen“, sagte er.

„Ich würde Sie gerne begleiten.“

„Das freut mich sehr“, erwiderte Merrington mit vollkommener Unwahrheit. „Ich habe Nepcotes Adresse in der Liste der Gäste, die zum Zeitpunkt des Mordes im Moat-House waren“, fügte er hinzu, während er sein Notizbuch öffnete und es hastig überflog. „Ah, hier ist sie – Sherryman Street 10. Ich werde ein Taxi rufen lassen. Kann ich im Gegenzug für Ihre Freundlichkeit, mir diese Information zu bringen, etwas für Sie tun?“

„Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir eine Kopie der Zeugenaussagen des Gerichtsmediziners im Fall Heredith leihen würden.“

„Sehr gerne.“ Merrington drückte einen Klingelknopf und wies den Polizisten, der daraufhin erschien, an, eine Abschrift der Zeugenaussagen zum Mordfall Heredith sowie den Revolver, der als Beweisstück in dem Fall diente, zu bringen. „Und sagen Sie jemandem, er soll ein Taxi rufen, Johnson“, fügte er hinzu.

Als Merrington und Colwyn wenige Augenblicke später aus den Schwingtüren des Eingangs traten, wartete ein Taxi am Fuß der Steinstufen, dessen pockennarbiger Fahrer sich gegen die Tür des Fahrzeugs lehnte und mürrisch über das Thames Embankment blickte. Er nahm Merringtons Anweisungen verdrossen entgegen, kurbelte mühsam an seinem Taxi und schlängelte sich bald durch das Labyrinth des Trafalgar Square und des Piccadilly Circus, wobei er die Verkehrsregeln mit einer verächtlichen Missachtung behandelte, da er sofort erkannt hatte, dass er einen hohen Beamten von Scotland Yard beförderte, der über den Verkehrsregeln einfacher Polizeibeamter stand. Er raste auf gefährliche Weise die Regent Street entlang, tauchte in das Netz der engeren Straßen ein, das zwischen diesem Tummelplatz von Fuchs und Gänsen und der Baker Street lag, und hielt schließlich abrupt vor einem hohen Haus, das in einer Reihe in einer ruhigen Straße stand, die in die äußerst modische Gegend des Sherryman Square führte.

Die Sherryman Street, in der das Taxi gehalten hatte, war ein Ableger und eine hochnäsige, ärmliche Verwandte des Sherryman Square, in dem ein Herzog, ein ehemaliger Premierminister und ein flüchtiger König residierten, ganz zu schweigen von mehreren geringeren Berühmtheiten wie ein oder zwei Richtern des High Court, mehreren Baronets und einem Kriegsgewinnler, dessen brandneuer Adelstitel im letzten starken Regen königlicher Auszeichnungen herabgekommen war. Aufgrund ihrer Nähe zu diesen Großen der Erde nahmen die Bewohner der Sherryman Street alle Allüren der Exklusivität an, die die Bewohner der gehobenen Nachbarschaft auszeichneten, und parasitäre Immobilienmakler sprachen mit großem Respekt von ihr, weil ein Ende in die verdünnte Atmosphäre des Platzes mündete. Es war zwar wahr, dass das andere Ende nahe an einem Slum lag und sich auf der anderen Seite ein Stallgebäude befand, aber das waren geringfügige Nachteile im Vergleich zu den sozialen Vorteilen.

Die Sherryman Street war voller hagerer, schmaler Häuser mit vornehmen Fassaden und schmalen, vergitterten Fenstern, die in Segmente, Wohnungen und Junggesellenapartments unterteilt waren. Nummer 10 war ihren Gefährten so ähnlich, wie eine trostlose Seele einer anderen gleicht. Superintendent Merringtons Läuten an der Haustür brachte eine ältere Frau mit ausdruckslosem Gesicht zum Vorschein, gekrönt von einer gerüschten weißen Haube. Sie informierte sie mit ausdrucksloser Stimme, dass Captain Nepcotes Apartments sich im zweiten Stock befänden. Nachdem sie dies gesagt hatte, verschwand sie in einem kleinen Vorraum neben dem Eingangsbereich und ließ sie frei eintreten.

Ein Klopfen an der Eingangstür des Apartments im zweiten Stock brachte einen Diener hervor, dessen smarte Haltung und präzises Auftreten eine militärische Ausbildung vermuten ließen. Er informierte Superintendent Merrington auf dessen Frage hin vorsichtig, dass er nicht sicher sei, ob Captain Nepcote zu Hause sei, er aber nachsehen werde.

„Wen soll ich melden, mein Herr?“, fragte er, in unbewusstem Widerspruch zu seiner eigenen Aussage.

Merrington beendete das weitere Geplänkel, indem er ungeduldig am Diener vorbei in den Raum drängte.

„Gehen Sie und sagen Sie Ihrem Herrn, dass ich ihn sprechen will“, sagte er und setzte sich.

Der Diener blickte wütend auf die bullige Gestalt auf dem zierlichen Stuhl, und dann, als ob er seine Unfähigkeit erkannte, ihn hinauszuwerfen, verließ er den Raum ohne ein weiteres Wort.

Der Raum, den sie betreten hatten, war in einem Stil eingerichtet, der vermuten ließ, dass sein Bewohner über genügend Mittel oder Kredit verfügte, um seine Vorlieben zu befriedigen, die offensichtlich nicht höher hinausgingen als Rennpferde und Chormädchen. Bilder der ersteren schmückten die Wand in Eichenholz; letztere grinsten den Betrachter aus silbernen Rahmen auf kleinen Tischen an. Der Raum war auf eine maskuline Art stattlich eingerichtet, obwohl sich eine feminine Note in den Vasen auf dem Kaminsims und einigen Blumensträußen in einer Schale erahnen ließ.

Die Tür öffnete sich und ein junger Mann trat ein, der mit einem fragenden Blick auf seine Besucher zuging. Sein Erscheinungsbild war zwar militärisch, ließ aber bei weitem nicht auf den schmutzigen Grabenkrieg schließen. Er war gepflegt und gut aussehend und trug seine tadellose Uniform mit jenem Hauch von Distinktion, den Khaki manchen Männern verleiht.

„Guten Tag“, sagte er und wartete darauf, dass sie den Zweck ihres Besuchs bekannt gaben.

„Sind Sie Captain Nepcote?“, fragte Merrington.

„Mein Name ist Nepcote“, war die Antwort. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“ Sein Blick schloss beide Besucher ein.

„Mein Name ist Merrington“, antwortete der Beamte für sich selbst. „Superintendent Merrington von Scotland Yard. Dies ist Mr. Colwyn, ein Privatdetektiv“, fügte er nach einer kurzen Überlegung hinzu. „Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen. Ich habe erfahren, dass Sie im Wohnsitz von Sir Philip Heredith zu Gast waren, als die junge Mrs. Heredith ermordet wurde.“

„Das ist nicht ganz korrekt“, erwiderte der junge Mann. „Ich habe das Moat-House am Nachmittag des Tages, an dem der Mord begangen wurde, verlassen und bin nach London zurückgekehrt. Was möchten Sie mich fragen? Ich fürchte, ich kann Sie in keiner Weise über das Verbrechen aufklären, da ich absolut nichts darüber weiß. Es war ein großer Schock für mich, als ich davon hörte.“

„Ist das Ihr Revolver?“, sagte Merrington, holte die Waffe hervor und legte sie auf den Tisch.

„Nun, ja, das ist er“, sagte der junge Mann, nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn mit unverkennbarer Überraschung. „Wo haben Sie ihn her?“

„Wo hatten Sie ihn zuletzt?“, war Merringtons vorsichtige Gegenfrage.

„Lassen Sie mich nachdenken“, erwiderte Nepcote nachdenklich. „Oh, ich erinnere mich. Das letzte Mal habe ich ihn im Moat-House am Tag vor meiner Abreise gesehen. Wir haben ihn für ein wenig Zielschießen im Waffenzimmer unten benutzt.“

„Und was haben Sie danach damit gemacht?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen“, antwortete Nepcote. „Ich habe keine Erinnerung daran, ihn seitdem gesehen zu haben. Ich habe nie wieder daran gedacht.“

„Haben Sie ihn auch nicht vermisst?“

„Nein. Er ist für mich nutzlos – es ist kein Armeerevolver. Aber es scheint mir, dass ich ihn nach dem Zielschießen im Waffenzimmer des Moat-House gelassen haben muss. Nachdem wir mit dem Schießen fertig waren, spielten einige von uns Bagatelle an einem Tisch im Waffenzimmer. Ich muss den Revolver weggelegt und danach völlig vergessen haben. Ich erinnere mich nicht daran, ihn mit nach oben genommen zu haben, und ich habe ihn seitdem sicherlich nie wieder gesehen. Wurde er im Waffenzimmer gefunden?“

„Er wurde jedenfalls im Moat-House gefunden. Es war die Waffe, mit der Mrs. Heredith getötet wurde.“

„Was!“ Sein Ausruf klang entsetzt und ungläubig. „Aber das ist unmöglich. Das Ding ist doch bloß ein Spielzeug.“

„Ein ziemlich gefährliches Spielzeug – wie sich herausstellte“, war der grimmige Kommentar von Merrington.

„Es erscheint mir unglaublich“, beharrte der junge Mann. „Er ist sehr alt, und man muss sehr kräftig mit Finger und Daumen zupacken, um ihn drehen zu können. Und die Patronen sind sehr klein; nur sieben Millimeter – etwa ein Viertel Zoll. Ich besitze das alte Ding schon seit Jahren, aber ich habe es nie als eine echte Schusswaffe betrachtet. Ich hätte die Mädchen niemals im Waffenzimmer damit spielen lassen, wenn ich gedacht hätte, es sei eine gefährliche Waffe. Vielleicht liegt ein Irrtum vor.“

„Es gibt keinen Irrtum“, erwiderte Merrington. „Mrs. Heredith wurde mit diesem Revolver getötet, mit keinem anderen. Wir konnten die Identität der Waffe erst vor ein oder zwei Tagen feststellen, und das ist einer der Gründe für meinen heutigen Besuch bei Ihnen – um die Identität zweifelsfrei zu bestätigen und zu sehen, ob Sie mir sagen können, wo Sie ihn gelassen haben.“

„Ich habe jetzt keinen Zweifel mehr, dass ich ihn im Moat-House zurückgelassen haben muss“, antwortete Nepcote. „Ich wurde nach Frankreich zurückbeordert und bin in Eile abgereist. Gott verzeihe mir meine Sorglosigkeit. Zu denken, dass dies zu diesem schrecklichen Mord geführt hat!“ Sein Gesicht war plötzlich bleich geworden.

„Sind Sie in jener Nacht nach Frankreich zurückgekehrt?“, fragte Merrington beiläufig.

„Tatsächlich bin ich das nicht. Als ich aus Sussex nach London zurückkam, fand ich hier ein weiteres Telegramm vom Kriegsministerium vor, das meinen Urlaub bis zum nächsten Tag verlängerte. Ich kehrte am nächsten Nachmittag nach Frankreich zurück.“

„Danke, Captain Nepcote.“ Merrington streckte beim Aufstehen die Hand aus. Es war offensichtlich, dass die Aussage über das Telegramm seinen Geist von jeglichem Verdacht befreit hatte, den er gegenüber dem jungen Mann gehegt haben mochte. Als Nepcote ihm die Hand schüttelte, fügte er hinzu: „Sie sollten sich bereithalten, an der polizeilichen Untersuchung teilzunehmen, die in einer Woche stattfinden wird. Ich werde Ihnen eine ordnungsgemäße Benachrichtigung über Zeit und Ort schicken. Alles, was wir von Ihnen brauchen, ist die förmliche Identifizierung des Revolvers.“

„Ist es unerlässlich, dass ich daran teilnehme?“, fragte der junge Mann besorgt. „Ich würde lieber überhaupt nicht in den Fall verwickelt werden, wissen Sie. Außerdem muss ich vielleicht nach Frankreich zurückkehren.“

„Vielleicht können wir auf Ihre Aussage verzichten, jetzt, da wir die Fakten haben“, erwiderte Merrington nach einer kurzen Überlegung. „Ich werde sehen, was sich machen lässt, und Sie informieren. Sie sollten mir besser Ihre Adresse in Frankreich geben, falls Sie England verlassen haben. Es ist notwendig, dass ich das weiß, weil der Fall durch die Entdeckung, dass neben dem Mord auch ein Raub begangen wurde, eine neue Wendung genommen hat. Eine wertvolle Halskette, die der ermordeten Frau gehörte, fehlt.“

Captain Nepcote hatte während Merringtons Worten sein Notizbuch herausgeholt, um eine Karte zu entnehmen. Als der andere den letzten Satz aussprach, glitt das Notizbuch halb aus seinen Fingern und mehrere andere Karten flatterten auf den Tisch. Nepcote hob sie hastig auf, aber nicht bevor Colwyns schneller Blick deren Inhalt erfasst hatte. Es erschien ihm als mehr als ein Zufall, dass der Name und die Adresse, die in ordentlicher schwarzer Schrift auf einer der Karten zu lesen waren, identisch mit einer der Adressen in Hatton Garden waren, die ihm Musard am Vortag im Moat-House gegeben hatte.

KAPITEL XX

Colwyn verbrachte an jenem Abend ein paar Stunden damit, die Zeugenaussagen zu lesen, die er von Merrington erhalten hatte, und am nächsten Morgen studierte er sie erneut mit einer Konzentration, die das unaufhörliche Summen des Londoner Verkehrs draußen nicht stören konnte. Er war sich wohl bewusst, dass ein Bericht ein schlechter Ersatz für eigene Eindrücke war, aber in dem maschinengeschriebenen Dokument vor ihm lagen die Fakten des Falls Heredith, soweit sie bekannt waren. Es war eine klare und farblose Transkription der Schilderungen der Zeugen, niedergelegt mit einer gewissenhaften Rücksicht auf die Bedeutung behördlicher Aufzeichnungen, und für Colwyn vor allem deshalb wertvoll, weil sie die Expertenmeinungen enthielt, die manchmal mit der gnadenlosen Genauigkeit der Wissenschaft enthüllen, was die menschliche Natur zu verbergen sucht. Auf der Waagschale der Justiz wiegt die festgestellte Wahrheit schwerer als Glaube, Vernunft oder offenbarte Religion.

Als er das Studium der Aussagen beendet hatte, saß er eine Weile da und sinnierte über seine eigenen Entdeckungen, seit er von dem Ehemann der toten Frau in den Fall berufen worden war. Diese Entdeckungen, die scheinbar dem Zufall zu verdanken waren, verliehen dem Mord eine Komplexität, die alle seine durchdringenden und analytischen Kräfte seines scharfen Verstandes anregte, weil sie mit der Erkenntnis einhergingen, dass er einem jener seltenen Verbrechen gegenüberstand, bei denen die Lösung aus einem Knäuel falscher Umstände entwirrt werden musste, die durch ihre scheinbare Plausibilität die Aufgabe, zur Wahrheit zu gelangen, zu einer besonderen Schwierigkeit machten. Als Colwyn regungslos dasaß, das Kinn auf die Hand gestützt, und über die düstere, geheimnisvolle Oberfläche dieses dunklen Rätsels brütete, wuchs in ihm das Gefühl, dass der Mord mit der äußersten List und Vorsicht vorgeplant worden war und dass die bisher ans Licht gebrachten Fakten, einschließlich seiner eigenen Entdeckungen, nicht bis zum eigentlichen Plan vordrangen.

Die eine Überzeugung in seinem Geist war in diesem Moment, dass der Mann, den er und Merrington am Nachmittag zuvor befragt hatten, eine gewisse Verbindung zu dem Rätsel hatte und dass eine Untersuchung von Nepcotes Handlungen der erste Schritt zur Lösung des Mordes sei. Colwyn stützte diese Überzeugung auf die scheinbar losgelösten Fakten des Revolvers, das Stück Khaki, das er in den Wäldern nahe dem Moat-House gefunden hatte, und den Zufall, der offenbarte, dass Nepcote die Adresse eines Juweliers aus Hatton Garden in seinem Notizbuch trug. Diese Dinge, für sich genommen, hatten vielleicht nur geringe Bedeutung, aber als Glieder einer Kette von Ereignissen betrachtet, die mit Philip Herediths Aussage begann, dass er seine Frau zuerst im Haus eines Freundes getroffen hatte, wo Nepcote ebenfalls Gast war, und mit der Erkenntnis endete, dass Nepcote in der Nacht des Mordes nicht nach Frankreich zurückgekehrt war, nahmen sie eine Bedeutung an, die zumindest die genaueste Untersuchung rechtfertigte.

Colwyn war nicht davon beeindruckt, dass Superintendent Merrington den Fall aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtete. Er wollte die Hilfe von Scotland Yard bei der Lösung des Verbrechens nicht. Er hatte zu viel Verachtung für den offiziellen Verstand in jeder Kapazität, um zu glauben, dass Unterstützung aus einer solchen Quelle für ihn von Wert sein könnte. Er zog es immer vor, allein und ohne Hilfe zu arbeiten. Es war der angelsächsische Instinkt für Fairplay, der ihn dazu bewogen hatte, Merrington von der fehlenden Halskette zu erzählen, damit zwischen ihnen kein unfairer Vorteil bestünde. Merrington hatte die Information mit dem unempfänglichen Dogmatismus des Beamtengeistes aufgenommen, stark in dem Glauben an seine eigene Unfehlbarkeit, empfindlich gegenüber Ratschlägen oder Vorschlägen als Versuch, seine Würde zu schwächen. Es schien Colwyn, dass Merringtons verletzte Würde nicht nur sein Urteilsvermögen in die Irre geführt hatte, als er versuchte, die Entdeckung der verschwundenen Halskette in seine eigene Theorie des Falls einzupassen, sondern dass sie ihn auch einen schweren Fehler begehen ließ, indem er Nepcote in einem Moment warnte, in dem die äußerste Vorsicht bei der Untersuchung notwendig gewesen wäre.

Für Colwyn jedenfalls war die Entdeckung der verschwundenen Halskette von größter Bedeutung, weil sie ein anderes Motiv für den Mord an die Stelle setzte, und ein Motiv, das die zusätzliche Komplikation mit sich brachte, dass der Dieb ein Interesse daran hatte, das Verschwinden so lange wie möglich geheim zu halten, indem er das Schmuckkästchen abschloss, nachdem die Juwelen entnommen worden waren. Wenn Hazel Rath die Halskette nicht gestohlen hatte, nahmen alle Fakten neue Werte an. Es war durchaus wahr, dass das Rätsel um Hazel Raths Handlungen in der Nacht des Mordes, ihr anschließendes Schweigen nach dem Auffinden der Brosche, des Taschentuchs und des Revolvers in den Zimmern ihrer Mutter, genauso verdächtig blieb wie zuvor, aber das geänderte Motiv ließ diese Punkte in einem anderen Licht erscheinen, sogar bis zu dem Punkt, dass man vermuten konnte, sie sei eine geringere Teilnehmerin am Verbrechen, die vielleicht aus Schweigen bewahrte, um den größeren Verbrecher zu decken.

Merrington, steif in seinem Beamtentum, war unfähig gewesen, diesen geänderten Aspekt des Falls zu sehen, und, stark in seiner Vermutung der Schuld des Mädchens, hatte er mit impulsiver Indiskretion gehandelt, als er zu Nepcote ging, bevor er versuchte, die fehlende Halskette aufzuspüren.

Colwyns Überlegungen wurden durch das Erscheinen des Portiers von unten unterbrochen, der einen Besucher ankündigte. Der Besucher, teilweise hinter der bulligen Gestalt des Portiers in der Tür verborgen, war Detective Caldew von Scotland Yard. Colwyn hatte ihn bei verschiedenen Gelegenheiten getroffen und lud ihn ein, einzutreten. Wie Colwyn einmal gesagt hatte, waren seine Gefühle gegenüber allen Mitgliedern der regulären Detektivabteilung ausnahmslos freundlich; es war nicht ihre Schuld, sondern die der menschlichen Natur, dass sie manchmal eifersüchtig auf ihn waren. Also hieß er Caldew willkommen und bot ihm eine Zigarre an.

Caldew nahm die Zigarre und den angebotenen Sitzplatz etwas nervös an. Er gehörte zu der Art von Temperament, das in Gegenwart eines erfolgreicheren Praktikers auf demselben Gebiet eingeschüchtert ist. Er hatte Colwyn lange Zeit um seine glänzenden Erfolge beneidet, aber gleichzeitig besaß er genügend Intelligenz, um zu verstehen, dass viele dieser Erfolge in einer Klasse standen, die er niemals zu erreichen hoffen konnte.

Im gegenwärtigen Moment waren Caldew Gefühle zwischen Ressentiments gegenüber Colwyns Aktion, Informationen an Scotland Yard weiterzugeben, die ihm einen Verweis von Superintendent Merrington eingebracht hatten, und dem ängstlichen Wunsch geteilt, herauszufinden, was der berühmte Privatdetektiv über den Fall Heredith dachte.

„Merrington hat mich wegen der Kopie der Zeugenaussagen geschickt, die er Ihnen gestern geliehen hat.“ So kündigte er den Zweck seines Besuchs an. „Sind Sie damit fertig?“

Aus dieser Aussage wurde deutlich, dass Superintendent Merringtons Dankbarkeit für die erhaltenen Informationen nun als Geschichte betrachtet werden konnte. Colwyn, der darüber nachdachte, dass sie so lange gedauert hatte, wie dieses Gefühl gewöhnlich andauert, beglückwünschte sich zu seiner Voraussicht, eine Kopie des Berichts angefertigt zu haben. Er überreichte seinem Besucher die Kopie, die vor ihm lag.

„Ich bin für die Leihgabe dankbar“, sagte er. „Es ist eine interessante Lektüre. Ihr eigener Anteil an den ursprünglichen Untersuchungen hat einige exzellente Züge, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben dürfen. Diese Falle für den Besitzer der Brosche war eine nette Idee.“

Caldews Groll schwand bei diesem Kompliment an sein fachliches Können.

„Der Trick hätte auch funktioniert, wenn ich nicht nach unten gerufen worden wäre“, sagte er. „Das Mädchen war schnell genug, um in den Raum zu gelangen, während ich draußen war. Nicht, dass es viel ausgemacht hätte, wie sich die Dinge entwickelt haben, aber es ist eine seltsame Sache mit dieser Halskette, nicht wahr?“

„Sehr. Hat Merrington Ihnen alles darüber erzählt?“

„Ja, und er hat mich ordentlich zusammengestaucht, weil ich den Verlust nicht entdeckt habe. Unter uns gesagt, ich glaube nicht, dass ich deswegen ganz fair behandelt wurde. Miss Heredith hat mir kein Wort darüber gesagt, dass ein Schmuckkästchen im Zimmer war. Sie hatte es nach unten gebracht, bevor ich ankam, und hat es nie erwähnt, als ich sie fragte, ob etwas gestohlen worden sei. Wenn sie es mir gesagt hätte, hätte ich das Kästchen öffnen lassen. Aber das fiel bei Merrington nicht ins Gewicht. Er ist abscheulich unfair und lässt keine Gelegenheit aus, jemand anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben, wenn etwas schiefgeht.“

„Es tut mir leid, wenn Sie durch mein Handeln, ihn zu informieren, in Schwierigkeiten geraten sind“, sagte Colwyn. „Aber natürlich müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass eine Entdeckung von solcher Bedeutung nicht geheim gehalten werden konnte.“

„Das ist völlig richtig“, erwiderte Caldew mit weicherer Stimme. „Glücklicherweise hat es keinen Einfluss auf die Sache, weder so noch so. Mr. Heredith glaubt, dass Hazel Rath unschuldig ist, und ich nehme an, das ist der Grund, warum er Sie in den Fall berufen hat. Aber sie ist schuldig, ohne Zweifel. Ich habe versucht, das Mr. Heredith klarzumachen, aber er scheint ein Mann mit festen Vorstellungen zu sein. Die Frage ist, was ist aus der Halskette geworden? Mein eigener Eindruck ist, dass sie sie irgendwo versteckt hat. Sie hatte keine Gelegenheit, sie loszuwerden, bevor sie verhaftet wurde.“

„Das bedeutet, dass Sie denken, sie habe sie gestohlen.“

„Nun, natürlich...“ Caldews zuversichtlicher Ton erstarb angesichts des Gesichtsausdrucks seines Gegenübers. „Sie etwa nicht?“

„Das tue ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Zum einen war das Schmuckkästchen verschlossen. Woher sollte das Mädchen wissen, wo der Schlüssel aufbewahrt wurde?“

„Sie könnte diese Information von ihrer Mutter erhalten haben. Mrs. Rath als Haushälterin wüsste wahrscheinlich alles über die Schlüssel im Haushalt.“

„Über die gewöhnlichen Schlüssel – ja. Aber dieses Wissen würde sich kaum auf Mrs. Herediths private Schlüssel erstrecken, es sei denn, Miss Heredith hätte es ihr verraten. Selbst wenn Hazel Rath wüsste, wo der Schlüssel aufbewahrt wurde, ist es schwer zu glauben, dass sie nach der Begehung des Mordes danach suchte und ihn dann wieder in die Schublade zurücklegte, in der er aufbewahrt wurde. Das spricht für zu viel kaltblütige Überlegung, selbst für einen Mörder, und ganz besonders dann, wenn die Mörderin ein junges Mädchen sein soll.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, antwortete Caldew mit einem Kopfschütteln. „Mord ist ein kaltblütiges Verbrechen.“

„Im Gegenteil, Morde werden fast ausnahmslos unter dem Einfluss stärkster Erregung begangen, selbst wenn der Anreiz ein Gewinn ist und der Mord tiefgreifend geplant wurde. Das ist eine bemerkenswerte Wahrheit in der Psychologie des Mordes. Aber der wichtige Punkt beim Diebstahl der Halskette ist, dass Hazel Rath, selbst wenn sie wüsste, wo der Schlüssel des Schmuckkästchens aufbewahrt wurde, keine Zeit gehabt hätte, ihn aus der Schublade auf der anderen Seite des Bettes zu holen, die Halskette zu stehlen, den Schlüssel an seinen Platz zurückzulegen und aus dem Zimmer zu entkommen, bevor die Gäste aus dem Untergeschoss das Schlafzimmer betraten. Wenn Hazel Rath tatsächlich die Mörderin war, war Zeit für sie von größter Bedeutung. Sie muss erkannt haben, dass der Schrei ihres Opfers die Hausbewohner unten alarmieren würde und dass einige der Männer bereits nach oben aufgebrochen sein mussten, bevor der darauffolgende Schuss fiel.“

Caldew schwieg eine Weile und dachte über diese Punkte mit einem beunruhigten Blick nach, der im Kontrast zu seinen früheren zuversichtlichen Meinungsäußerungen über den Fall stand. Seine innere Erregung manifestierte sich in der Frage:

„Teilen Sie auch die Ansicht von Mr. Heredith, dass Hazel Rath unschuldig ist?“

„Das kann ich nicht sagen. Die Beweise gegen sie sind sehr stark.“

„Natürlich sind sie stark!“, rief Caldew eifrig, als würde er sich an diesen vorsichtigen Ausdruck der Meinung wie an einen Rettungsring für seine eigene sinkende Überzeugung klammern. „Sie sind so stark, dass es absolut sicher ist, dass sie den Mord begangen hat.“

Colwyn blieb stumm. Eine Aussage, die lediglich ein Ausdruck einer Meinung war, erforderte keine Worte.

Caldew, der stets leicht zu beeinflussen war, wurde unter dem Schweigen seines Begleiters unruhig, und diese Unruhe war in seinem Geist von einer solchen Angst vor der Möglichkeit eines Irrtums durchdrungen, dass sie sich in impulsiven Worten Bahn brach:

„Ich wünschte, Sie würden mir sagen, was Sie wirklich von dem Fall halten, Mr. Colwyn. Ich habe jahrelang auf die Chance gewartet, einen großen Mord wie diesen zu bearbeiten, und jetzt, da sie sich mir bietet, würde ich ihn gerne aufklären. Er bedeutet mir viel“, fügte er schlicht hinzu.

Colwyn überlegte, dass er bereits mehr Informationen über den Fall Heredith preisgegeben hatte, als sein Urteilsvermögen billigte oder sein Gewissen diktierte. Doch seine gütige Natur veranlasste ihn dazu, dem besorgten jungen Mann gegenüber zu helfen, der so viel mehr zu gewinnen hatte als er durch einen Erfolg.

„Ich glaube, in diesem Fall steckt mehr, als Sie und Merrington bisher ans Licht gebracht haben“, sagte er.

„Ich nehme an, das tut es, wenn bewiesen ist, dass Hazel Rath die Halskette nicht gestohlen hat. Aber haben Sie außer dem Verlust der Halskette noch etwas anderes herausgefunden?“

Colwyn antwortete nicht direkt. Er überflog erneut die Protokolle.

„Es gibt hier ein oder zwei merkwürdige Punkte“, bemerkte er, während er die Seiten umblätterte. „Erstens sagte der Munitionsexperte, der bei der Untersuchung vorgeladen wurde, um über die aus dem Körper extrahierte Kugel auszusagen, aus, dass sie in Gewicht und Länge der Sieben-Millimeter-Kugel entspricht, die für einen Stiftfeuerrevolver hergestellt wurde. Die Kugel wurde zweifellos aus dem Revolver abgefeuert, den Sie in Mrs. Raths Zimmern gefunden haben. Kugeln für englische Revolver werden nicht in Millimetern gemessen, aber es scheint eine ausreichende Nachfrage nach dieser Größe zu geben, die britische Firmen dazu veranlasst, sie herzustellen. Die nächste Größe bei Zentralfeuerpatronen zu sieben Millimetern ist das Kaliber .300, das sind 0,3 Zoll. Sieben Millimeter sind 0,276 Zoll. Der Punkt, auf den ich Sie aufmerksam machen möchte, ist die extreme Leichtigkeit und Kleinheit des Revolvers, mit dem Mrs. Heredith getötet wurde. Wie Captain Nepcote gestern zu Merrington sagte, ist es kaum mehr als ein Spielzeug.“

„Das fiel mir auf, sobald ich ihn sah“, sagte Caldew. „Aber ich sehe nicht, welche Bedeutung die Tatsache für den Fall hat, weder in die eine noch in die andere Richtung.“

„Dennoch ist es ein Punkt, der nicht ohne Bedeutung ist, wenn man ihn im Zusammenhang mit den anderen Umständen des Falls betrachtet. Auch die Aussage des staatlichen Pathologen ist von Interesse. Nachdem er die Todesursache als Herzversagen aufgrund von Blutverlust infolge des Durchgangs der Kugel durch die Lunge angegeben hat, erwähnt er, dass sich ein großes, versengtes Loch durch den Hausmantel und das Untergewand befand, das Mrs. Heredith zum Zeitpunkt ihres Mordes trug.“

„Das ist mir aufgefallen, als ich den Körper untersuchte.“

„Schmorte der Stoff des Kleides, als Sie die Leiche sahen?“

„Nein; aber es roch nach brennendem Stoff im Zimmer.“

„Der staatliche Pathologe sagt, dass das Brandloch fast zwei Zoll groß war, aber er stellt auch fest, dass die punktförmige Wunde, die durch die Kugel verursacht wurde, etwa so groß war wie ein Dreipennystück. Die Diskrepanz deutet auf zwei Fakten hin. Erstens muss der Schuss aus sehr naher Entfernung abgegeben worden sein – sehr nahe sogar, wenn man die Kleinheit des Revolvers und die Größe des Brandlochs bedenkt. Zweitens muss jemand den brennenden Stoff gelöscht haben, bevor Sie eintrafen, sonst hätte er in einem immer größer werdenden Ring geschwelt, bis die gesamte Kleidung der toten Frau zerstört gewesen wäre.“

„Mrs. Heredith könnte ihn in ihren letzten Momenten selbst gelöscht haben“, sagte Caldew, der den Schlussfolgerungen seines Begleiters mit größter Aufmerksamkeit gefolgt war.

„Das ist unwahrscheinlich angesichts der Art ihrer Verletzungen. Die Kugel blieb nach dem Durchqueren der linken Lunge in der Wirbelsäule stecken. Nach einer solchen Wunde war Mrs. Heredith wahrscheinlich nicht mehr bei Bewusstsein, um ihre Handlungen zu kontrollieren.“

„Vielleicht wurde es von Musard gelöscht, der versuchte, den Blutfluss zu stoppen, während Mrs. Heredith im Sterben lag.“

„Er hätte es Ihnen gegenüber erwähnt. Es ist meine Absicht, ihn zu fragen, aber meine eigene Meinung ist, dass wir vor einer anderen Erklärung stehen.“

„Welche ist das?“

„Die Anwesenheit einer anderen Person im Zimmer.“

„Jemand, der durch das Fenster entkommen ist!“, rief Caldew und legte seine eigene Interpretation in die Schlussfolgerung. „Verdächtigen Sie jemanden?“

„Nicht direkt. Aber ich beabsichtige, Captain Nepcotes Handlungen in der Nacht des Mordes zu untersuchen.“

Caldew, dem einige Informationen fehlten, über die sein Begleiter verfügte, empfand diesen Sprung als zu groß für seinen Geist, um ihm zu folgen.

„Zu welchem Zweck?“, fragte er. „Nepcote kehrte nach Frankreich zurück, bevor der Mord begangen wurde.“

„Das tat er nicht. Er blieb in jener Nacht in London und kehrte erst am folgenden Tag nach Frankreich zurück. Er erklärte das gestern damit, dass er, als er nach dem Verlassen des Moat-House London erreichte, ein weiteres Telegramm vom Kriegsministerium fand, das seinen Urlaub um vierundzwanzig Stunden verlängerte.“

„Merrington hat mir davon nichts gesagt. Alles, was er mir erzählte, war, dass Sie und er Nepcote gesehen hätten, der den Revolver als sein Eigentum identifizierte und sagte, er habe ihn versehentlich im Moat-House zurückgelassen.“

„Merrington ist ein Mann mit festen Vorstellungen, um Ihre Worte zu gebrauchen. Er bestand darauf, den Verlust der Halskette mit seiner eigenen Theorie von Hazel Raths Schuld in Einklang zu bringen. Es war seine Sturheit, die ihn dazu brachte, die Torheit zu begehen, Captain Nepcote aufzusuchen, bevor er versuchte, die vermisste Halskette aufzuspüren. Es ist nur fair gegenüber Nepcote hinzuzufügen, dass er freiwillig die Information gab, dass er in der Nacht des Mordes nicht nach Frankreich zurückgekehrt sei.“

„Das scheint nicht wie die Handlung eines Mannes, der etwas zu verbergen hat“, kommentierte Caldew nachdenklich.

„Es sei denn, er stand einer gefährlichen Situation gegenüber. In diesem Fall wäre Offenheit sein bester Weg, um Merringtons Verdacht auszuräumen. Die Tatsache, dass der Mord mit seinem Revolver begangen wurde, ist an sich schon ein verdächtiger Umstand, trotz der scheinbar plausiblen Erklärung. Das habe ich die ganze Zeit erkannt. Ich hatte Merrington auch zuvor mit der Tatsache bekannt gemacht, dass Nepcote in der Nacht des Mordes nicht nach Frankreich zurückgekehrt war, wie man annahm. Merrington führte geschickt genug auf diesen Punkt hin, aber es fiel mir auf, dass Nepcote die Falle sah und den mutigsten Weg einschlug. Es gab ihm jedenfalls Zeit.“

„Zeit wofür?“

„Zeit, von Merringtons Torheit zu profitieren, ihn auf seine Hut zu bringen. Zeit, um ihm die Flucht zu ermöglichen, falls er tatsächlich in das Verbrechen verwickelt ist.“

„Sicherlich lesen Sie zu viel in diese Sache hinein“, rief Caldew mit protestierender Stimme. „Nepcotes Geschichte scheint mir durchaus mit dem übereinzustimmen, was wir über seine Bewegungen wissen. Miss Heredith erwähnte, als sie uns die Namen der Gäste nannte, die im Moat-House gewohnt hatten, dass Captain Nepcote am Nachmittag des Mordes durch ein Telegramm des Kriegsministeriums nach Frankreich zurückgerufen worden sei. Nepcote sagt Ihnen, dass er bei seiner Ankunft in London ein weiteres Telegramm vorfand, das seinen Urlaub verlängerte. Ist das nicht konsistent?“

„Ist es konsistent, dass die beiden Telegramme an unterschiedliche Adressen geschickt wurden? Sie wären entweder beide an das Moat-House oder beide an seine Londoner Wohnung geschickt worden – das heißt, wenn sie vom Kriegsministerium gesendet wurden. Nur ein Verwandter oder ein persönlicher Freund würde sich die Mühe machen, an verschiedene Adressen zu senden. Da liegt der wackelige Punkt in Nepcotes Aussage.“

„Bei Gott, da ist ein Punkt dran“, sagte Caldew in einem aufgeschreckten Ton. „Aber das sind Tatsachen, die festgestellt werden können“, fügte er hinzu, als ob er sich selbst beruhigen wollte.

„Sie können zu spät festgestellt werden. Ich habe bereits Untersuchungen eingeleitet, aber es braucht einige Zeit, um Informationen über offizielle Telegramme zu erhalten. Nepcote hat viel Zeit, um Merringtons Fehler auszunutzen, falls es für ihn einen Anlass dazu gibt. Egal, was seine Erklärung ist, die Tatsache bleibt, dass er in der Nacht des Mordes in England und nicht in Frankreich war, und ich habe vor herauszufinden, wie er die Zeit verbracht hat. Aber es ist von größter Wichtigkeit, herauszufinden, was aus der vermissten Halskette geworden ist, was der wirklich wichtige Hinweis ist. Stellt Scotland Yard dazu irgendwelche Ermittlungen an?“

„Ja. Merrington hat mich darauf angesetzt, weil ich Sie den Punkt über ihn gewinnen ließ, dass sie vermisst wurde. Ich bin sicher, er hofft, dass ich bei der Aufgabe, sie aufzuspüren, versage. Ich wäre auch nicht überrascht, wenn ich es täte. Es ist keine leichte Sache, auf die Spur von vermisstem Schmuck zu kommen, besonders wenn er versteckt wurde. Ich habe nicht einmal eine Beschreibung der Halskette, die mir helfen könnte.“

„Ich kann Ihnen eine Beschreibung geben und Ihnen vielleicht bei der Arbeit helfen, sie aufzuspüren.“

„Können Sie das? Das ist schrecklich freundlich von Ihnen.“ Caldews Gesicht zeigte, dass er seine Worte ernst meinte. „Haben Sie eine Vorstellung davon, wo sie ist?“

„Ich habe zumindest etwas, das mich bei Beginn der Suche leitet – etwas, das ich merkwürdigerweise Merringtons Fehler verdanke, Nepcote zu besuchen, bevor er nach der Halskette suchte. Wir werden nach Hatton Garden hinübergehen, und ich werde meine Idee auf die Probe stellen.“

KAPITEL XXI

Als sie die Straße erreichten, überquerten sie den Ludgate Circus und nahmen ihren Weg in Richtung Hatton Garden über die St. Bride Street.

Einige Minuten später tauchten sie in jenem Teil von Holborn auf, der durch die Reiterstatue eines toten deutschen Prinzen geschmückt wird, der seine lebenslangen Verpflichtungen gegenüber der britischen Gastfreundschaft anerkennt, indem er seinen Federnhut vor der London City & Midland Bank an der Ecke des Viadukts hebt. Hatton Garden, wie jeder Londoner weiß, beginnt auf der anderen Seite dieses erbaulichen Spektakels – eine kurze, breite Straße, die es verschmäht, durch äußeren Prunk den Reichtum anzuzeigen, der in ihren Mauern verborgen ist, obwohl für ein in Londoner Gepflogenheiten geübtes Auge ein tröstlicher Anklang von Wohlstand in ihren breiten, gepflasterten Gehwegen, komfortablen Backsteingebäuden und den jüdischen Namen liegt, die in vergoldeter Schrift auf den Fenstern aus Spiegelglas erscheinen.

Colwyn ging schnell entlang und blickte auf die ausgehängten Namen. Er hatte fast das Clerkenwell-Ende des Gardens erreicht, als sein Auge auf den Namen „Austin Wendover, Händler für orientalische Steine“ fiel, der in weißen Buchstaben auf der schwarzen Anzeigetafel einer Reihe von Büros glänzte, die in einem Gebäude an der Ecke einer Seitenstraße untergebracht waren. Es war der Name des Mannes, nach dem er suchte. Er bog in den Durchgang ein und stieg die Treppe hinauf. Caldew folgte ihm.

Auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerks gab eine andere, kleinere Tafel die Namen der Mieter an, deren Büros sich im hinteren Teil des Gebäudes befanden. Mr. Wendovers war darunter, und eine darauf deutende Hand enthüllte, dass er seine Geschäfte am Ende eines langen Ganges mit einer Biegung in der Mitte führte. Als dieser Gang durchquert war, sah man Mr. Wendovers Namen erneut, diesmal auf einer Tür, mit einem Hinweis darunter, der den Besucher einlud, ohne Anzuklopfen einzutreten.

Drinnen schrieb ein junger Jude mit sinnlichem Gesicht geschäftig an einem Schreibtisch in der Ecke, mit dem Rücken zur Tür. Er hielt inne und drehte sich beim Geräusch der sich öffnenden Tür um, schob seinen Füllfederhalter hinter ein Ohr, das bereits mit einer Zigarette belastet war, und wartete darauf, informiert zu werden, was die Besucher wollten.

„Ist Mr. Wendover da?“, erkundigte sich Colwyn.

„Ja, das ist er. Auf welchen Namen, bitte?“ Der junge Jude kletterte von seinem Hocker, um eine Nachricht zu überbringen.

Als Antwort reichte Colwyn Musards Empfehlungsschreiben. Der junge Jude musterte es, warf einen abschätzenden Blick auf die beiden Detektive und verschwand in einem inneren Raum. Er erschien schnell wieder im Türrahmen und winkte sie herein.

Das innere Zimmer war mit Ledersesseln, einem guten Teppich und einem großen Walnusstisch eingerichtet. Bergbaukarten und gerahmte Fotografien berühmter Diamanten hingen an den Wänden, aber nichts an dem Mann, der am Tisch saß, deutete auf eine Verbindung mit Edelsteinen hin, außer dem Glanz seiner kleinen grauen Augen, die so hart und glitzernd waren wie die Mustersteine in der Vitrine an seinem Ellbogen. Sein Gesicht war lang, dünn und gelb, von galligem Aussehen. Sein hagerer Körper war in Schwarz gekleidet, und sein niedriger weißer Kragen endete vorne in zwei Leinenlaschen, die mit einem billigen Knochenknopf befestigt waren, anstatt mit dem Diamanten, der zu erwarten gewesen wäre. Diese Vorrichtung, abgesehen davon, dass sie eine Krawatte überflüssig machte, enthüllte den Ansatz eines langen, struppigen Halses, aus dem von unten ein Büschel grauer Haare hervordrang und über die Öffnung des Kragens fiel, passend zu einem ähnlichen Büschel, das pendelnd von der Unterlippe des Diamantenhändlers herabhing. Alles in allem sah Mr. Austin Wendover, als er mit seinen langen gelben Händen vor sich gefaltet an seinem Tisch saß und darauf wartete, dass seine Besucher ihr Anliegen vortrugen, nicht unähnlich einem methodistischen Pastor, der kurz vor dem Tischgebet stand, oder einem Gartenstadt-Apostel der Bildung für die Massen, der sich darauf vorbereitete, ein Dankeswort für einen Vortrag über englische Prosa bei einem Arbeiterbildungsverein entgegenzunehmen. Selbst sein Name deutete für den ernsthaften Geist eher auf den Verfasser einer Anthologie britischer Kriegsdichter oder den Schreiber eines Buches über Naturstudien hin als auf den materiellen Reichtum, die weibliche Torheit, späte Abendessen, Künstlergarderoben, Frivolität und Unmoral, die bei der bloßen Erwähnung des Wortes Diamanten vor einem lebhaften Geist erschienen.

„Mein Name ist Colwyn; mein Freund ist Detective Caldew von Scotland Yard“, sagte Colwyn als Antwort auf Mr. Wendovers fragenden Blick. „Wir sind auf der Suche nach ein wenig Information, von der wir hoffen, dass Sie sie uns geben werden.“

„Das hängt davon ab, was ihr wissen wollt.“ Diese Antwort, die in einer abrupten und ungehobelten Art vorgebracht wurde, legte nahe, dass das Gemüt des Diamantenhändlers alles andere als geschliffen war.

„Ganz genau. Sie haben von dem Mord an Heredith gehört, nehme ich an.“

Der Diamantenhändler nickte, ohne zu sprechen, und wartete darauf, mehr zu hören.

„Die Heredith-Halskette aus rosa Perlen wurde in der Nacht, in der sie ermordet wurde, aus dem Zimmer von Mrs. Heredith gestohlen, und wir versuchen, sie aufzuspüren.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Ich habe Grund zu der Annahme, dass die Halskette in Hatton Garden angeboten oder verkauft worden sein könnte. Sie könnte Ihnen vorgelegt worden sein.“

„Was fällt euch ein, mit einer solchen Frage zu mir zu kommen? Was meint Mr. Musard damit, euch hierher zu schicken? Denkt er, ich sei in meinem Alter zum Hehler von gestohlenem Eigentum geworden? Ich bin überrascht von ihm.“

„Mein lieber Mr. Wendover, Mr. Musard hatte keinen solchen Gedanken im Sinn. Wir kommen einfach zu Ihnen, um Informationen zu erhalten. Mr. Musard gab mir Ihre Adresse als angesehener Steinhändler, der wahrscheinlich wüsste, ob diese Halskette in Hatton Garden zum Verkauf angeboten wurde.“

„Nun, sie wurde mir nicht angeboten. Ich habe seit zwölf Monaten keine Perlen mehr angefasst.“

„Würden Sie die Heredith-Halskette erkennen, wenn sie Ihnen angeboten würde?“

„Das würde ich nicht, und ich habe euch bereits gesagt, dass sie mir nicht angeboten wurde.“

Colwyn war ratlos und enttäuscht, aber die Erinnerung an Nepcotes verstohlenen Blick und das hastige Verstecken der Karte des Diamantenhändlers in der vergangenen Nacht veranlasste ihn zu einem weiteren Versuch.

„Es ist möglich, dass die Halskette zerlegt und die Steine einzeln angeboten wurden“, sagte er. „Der Verschluss enthielt einen großen und wertvollen blauen Diamanten.“

„Ich sage euch, ich weiß nichts darüber. Ich kaufe nur sehr selten von Privatpersonen. Das ist nicht meine Art, Geschäfte zu machen.“

„Wir haben Grund zu der Vermutung, dass die Halskette von einem jungen Offizier zum Verkauf angeboten wurde, groß und gut aussehend, mit blauen Augen und braunem Haar, leicht grau an den Schläfen.“

„Diese Beschreibung würde auf Tausende von jungen Offizieren zutreffen. Sie sind eine leichtsinnige Bande, und Ausschweifungen lassen das Haar eines Mannes schnell grau werden. Ich hatte einige von ihnen hier, die versuchten, Familienschmuck zu verkaufen, um das Geld für geschminkte Frauen zu verschwenden. Da war einer, der vor einigen Tagen in halb berauschtem Zustand anrief. Er klopfte mir so unverschämt auf den Rücken, wie ihr nur wollt, und nannte mich ein Ding – ein liebes altes Ding, was einer ihrer Slang-Ausdrücke ist –, und fragte mich, was er für einen guten Diamanten aus mir herausquetschen könne. Ich habe ihn und seinen Diamanten mit einem Floh im Ohr weggeschickt.“ Mr. Wendovers gummiartige Lippen krümmten sich bei der Erinnerung zu einem grimmigen Lächeln.

„Können Sie ihn genauer beschreiben?“, fragte Colwyn mit plötzlichem Interesse.

„Ich habe ihm keine besondere Beachtung geschenkt, und ich würde ihn nicht wiedererkennen, wenn er zur Tür hereinkäme. Es war fast dunkel, als er kam, und meine Augen sind nicht mehr jung. Aber er war nicht der Mann, hinter dem ihr her seid. Das war Tage vor dem Mord.“

„Hat er Ihnen seinen Namen genannt?“

„Hat er nicht, und ich würde es euch nicht sagen, wenn er es getan hätte. Was hat das mit dem Zweck eures Besuchs zu tun? Ihr seid ein hartnäckiger junger Kerl, aber ich werde euch keine allgemeine Fangfrage zu meinem Geschäft stellen lassen. Es gibt zwei Arten von törichten Leuten auf dieser Welt. Diejenigen, die ihren Frauen von ihren Angelegenheiten erzählen, und diejenigen, die Fremden davon erzählen. Ich habe keine Frauen, Gott sei Dank! Also kann ich nicht mit den nutzlosen Geschöpfen sprechen.“

„Dann werde ich Sie nicht bitten, die andere Hälfte Ihrer Maxime meinetwegen zu brechen“, sagte Colwyn und stand lächelnd auf.

„Es würde nichts nützen, wenn ihr es täten“, antwortete Mr. Wendover mit einem erwidernden Grinsen, das zwei gelbe Fangzähne wie die Zähne eines Walrosses entblößte. „Mein geschäftliches Gewissen sticht mich bereits, weil ich so viel gesagt habe. Wer seinen eigenen Rat für sich behält, gibt nichts preis – außer dass er seinen Rat für sich behält. Ihr könntet Schlimmeres tun, als euch das zu Herzen zu nehmen, Mr. Colwyn, auf eurem Lebensweg. Da stecken fünfzig Jahre Erfahrung dahinter. Auf Wiedersehen, Mr. Colwyn, und Ihnen, junger Mann. Ich wünsche euch beiden Glück bei eurer Suche, aber mein Rat ist, probiert die Pfandleiher.“ Auf den Druck seines Daumens auf dem Tisch erschien der junge Jude aus dem Nebenraum, als wäre er von einem Zauberstab herbeigerufen worden, um die Besucher hinauszulassen.

„Das ist ein seltsamer alter Vogel“, sagte Caldew, als sie weggingen. „Glauben Sie, dass er uns die Wahrheit gesagt hat?“

Colwyn antwortete nicht. Er dachte angestrengt nach und fragte sich, ob er sich möglicherweise geirrt hatte. Doch erneut blitzte ihm, wie ein auf eine Leinwand projiziertes Bild, die kleine Szene in den Sinn, deren Zeuge er am Vorabend in der Wohnung allein gewesen war – die flatternden Karten, die schnelle, unbewusste Geste des Verbergens und der aufgeschreckte Blick, der so deutlich die Furcht vor der Entdeckung widerspiegelte. Nein! Da gab es keinen Irrtum, doch die Erklärung lag tiefer.

Sie hatten die Ecke des schmalen Durchgangs erreicht, der zum vorderen Ausgang der Büros führte. Ein kleines Fenster war in der dunklen Biegung des langen, finsteren Korridors angebracht, um Licht hereinzulassen. Als Colwyn es erreichte, warf er zufällig einen Blick hindurch, und sein scharfer Blick erfasste die Gestalt eines Mannes, der regungslos in einer schmalen Gasse der darunter liegenden Seitenstraße stand. Er war fast hinter einem Torbogen verborgen, doch für den Detektiv war es offensichtlich, dass er das Eckgebäude beobachtete. Als Colwyn ihn ansah, veränderte er leicht seine Position, und sein Gesicht wurde sichtbar. Mit einer schnellen, gebieterischen Geste an seinen Begleiter rannte Colwyn zügig den restlichen Korridor entlang und die Treppe hinunter nach Hatton Garden.

Caldew folgte langsamer, verwirrt über das seltsame Verhalten des anderen. Als er den Hauseingang erreichte, war von Colwyn nichts zu sehen, also wartete er im Eingangsbereich. Nach wenigen Minuten sah er Colwyn aus der Richtung von Clerkenwell zurückkehren.

„Er ist entkommen“, sagte er, als er Caldew erreichte. Seine Stimme war etwas atemlos, als wäre er gelaufen.

„Er? Wer?“

Colwyn zog ihn in das leere Eingangsportal, bevor er antwortete:

„Nepcote. Er hat draußen gewartet. Ich habe ihn durch das Fenster im Obergeschoss gesehen. Er ist uns entweder hierher gefolgt oder hat darauf gewartet, ob wir kommen. Das hätte ich vorhersehen müssen.“

Ein Anflug ungewöhnlicher Aufregung auf Colwyns ruhigem Gesicht verstärkte Caldews geistige Verwirrung.

„Ich verstehe nicht“, stammelte er. „Er – Nepcote – warum sollte er uns beobachten?“

„Weil er letzte Nacht die Wahrheit durchschaut hat. Er wusste, dass er in Gefahr war.“

„Aber warum sollte er uns hierher folgen?“

„Er hat letzte Nacht versehentlich einige Karten aus seinem Notizbuch fallen lassen, als er Merrington in seiner Wohnung eine Adresse gab, und eine davon war Wendovers Visitenkarte. Merrington hat es nicht gesehen – es hätte ihm auch nichts gesagt, wenn er es getan hätte –, aber ich schon. Nepcote wusste, dass ich es gesehen hatte, und muss begriffen haben, dass ich ihn verdächtigte. Er hat meine Räume beobachtet und ist uns hierher gefolgt, oder er hat in der Nähe dieses Ortes gelauert, um zu sehen, ob ich Wendover besuche.“

„Selbst jetzt sehe ich den Zusammenhang nicht. Wenn Wendover uns die Wahrheit gesagt hat, ist Nepcote nicht mit der Halskette bei ihm gewesen. Was hat es also für Nepcote für einen Unterschied gemacht, ob Sie hierher kamen oder nicht?“

„Nepcote könnte der Mann gewesen sein, der Wendover den Diamanten angeboten hat.“

„Das ist unmöglich. Wendover sagt, dieser Mann sei einige Tage vor dem Mord gekommen.“

„Dennoch könnte es Nepcote gewesen sein.“

„Das übersteigt meinen Verstand“, sagte Caldew mit einem ratlosen Blick. „Was wollen Sie damit andeuten?“

„Im Moment nichts. Jeder Schritt in diesem Fall überzeugt mich, dass wir vor einem sehr tiefgründigen Geheimnis stehen. Es lohnt sich nicht, eine Vermutung anzustellen, denn Raten ist immer unbefriedigend.“

„Vielleicht sollten wir versuchen, noch etwas mehr aus Wendover herauszubekommen“, sagte Caldew.

„Das wäre reine Zeitverschwendung. Er hat die Halskette nicht, und er ist unfähig, den Mann zu beschreiben, der ihm den Diamanten angeboten hat. Ich glaube mittlerweile, dass es Nepcote war, aber das spielt so oder so keine Rolle. Es ist weitaus wichtiger zu wissen, dass er heute hierher kam, um auf uns zu warten. Das deutet darauf hin, dass er Grund hatte, Ermittlungen bezüglich der Halskette zu fürchten. Der Schluss, der daraus zu ziehen ist, lautet, dass Nepcote für das Verschwinden der Kette verantwortlich und somit tief in den Mord verstrickt ist.“

„Vielleicht war es nicht Nepcote, den Sie gesehen haben?“, schlug Caldew vor. Er spürte, dass die Bemerkung schwach war, doch er war ob der plötzlichen Wendung der Ereignisse verwirrt und in einer Gemütsverfassung, in der man nach jedem Strohhalm greift.

„Schlagen Sie sich diesen Zweifel aus dem Kopf“, sagte Colwyn. „Ich habe sein Gesicht deutlich gesehen. Er war verschwunden, als ich unten ankam. Die Gasse, in der er stand, bot einen freien Blick auf den Eingang dieses Gebäudes. Das habe ich festgestellt, indem ich mich an dieselbe Stelle gestellt habe. Seine Flucht ist ein weiterer Beweis – auch wenn der nicht nötig gewesen wäre – für sein Schuldwissen und seine Mittäterschaft an diesem Mord. Warum sollte er weglaufen? Seiner eigenen Geschichte von letzter Nacht zufolge hatte er nichts zu befürchten. Doch jetzt hat er durch sein eigenes Handeln den größten Verdacht auf sich selbst gelenkt.“

„Ich nehme an, es hat keinen Sinn, hier in der Nähe nach ihm zu suchen?“, bemerkte Caldew und blickte düster aus dem Hauseingang.

„Nicht im Geringsten. Die Gegend ist ein Labyrinth aus Gassen und Seitenstraßen von hier bis zur Grays Inn Road.“

„Dann werde ich sofort zu seiner Wohnung fahren“, sagte Caldew. „Er hatte keine Zeit, zurückzukehren.“

„Er wird nicht in seine Wohnung zurückkehren. Wir haben ihn zum letzten Mal gesehen, bis wir ihn fassen. Er hat zwei Warnungen erhalten, und er wird wohl kaum so töricht sein, abzuwarten, ob der Blitz zweimal an derselben Stelle einschlägt. Er wird diesmal für immer verschwinden, wenn er kann. Dennoch lohnt es sich, zur Wohnung zu fahren. Vielleicht können wir dort einige Anhaltspunkte finden.“ Colwyn sprach diese letzten Worte leiser, als er zwei Büroangestellte sah, die schwatzend und lachend die Treppe herabstiegen.

„Lassen Sie uns dann gehen.“

Sie fuhren mit dem Bus von der Grays Inn Road bis zum Oxford Circus und gingen eine Reihe ruhiger, abgelegener Straßen entlang – die Rückgewässer des West End –, um die Sherryman Street vom unteren Ende her zu erreichen, das mit einem echten Sinn für die Angemessenheit der Dinge Sherryman Street Approach genannt wurde. Wäre der Approach nicht nur einen Steinwurf vom Sherryman Square entfernt gewesen, hätte man ihn als Slum bezeichnen können. Er hatte Mietskasernen, in denen Scharen verwahrloster Kinder in den offenen Hauseingängen spielten; seine Läden boten Essen aus dem East End an – Miesmuscheln und Wellhornschnecken, „Zwei-Augen-Steaks“, stinkende Fish-and-Chips und Pferdefleisch für die billige ausländische Klientel. Es gab mehrere Kneipen, vor denen Gruppen von Frauen tranken und tratschten, die allesamt die schwarzen Tücher trugen, die für die Londoner Unterschichtsfrau ebenso emblematisch sind wie ein Messgewand für einen Priester oder eine blau tätowierte Oberlippe für eine hochrangige Maori-Schönheit. Ein fliegender Händler verkaufte gefrorene Kaninchen von einem Eselskarren, gefolgt von einer blassen Frau, die die räudigen Katzen verscheuchte, die sich auf der Straße um das sickernde Blut stritten, das vom Heck des Karrens tropfte. Eine italienische Frau, dunkelhäutig, untersetzt und unerträglich schmutzig, leierte die „Marseillaise“ aus einer Drehorgel, auf der ein zitterndes Äffchen tanzte, das mit einem kleinen Union Jack wedelte und ungeduldig mit einer Blechdose für Kupfermünzen rasselte.

Von diesem schäbigen Viertel in die Sherryman Street einzubiegen, kam einem Schritt vom Ost- ins West-End Londons gleich. Es war, als sei eine unsichtbare Trennlinie zwischen dem unteren und oberen Teil der Straße gezogen worden, die von den Bewohnern beider Teile unantastbar gewahrt wurde. In der Sherryman Street gab es keine Kneipen oder Fischläden; keine Leierkastenmänner, fliegenden Händler, unsauberen Kinder oder Frauen in schwarzen Tüchern. Sie bot Ruhe, Abgeschiedenheit, saubere Gehwege, polierte Türklopfer und weiße Vorhänge an den Fenstern ihrer gepflegten Häuser, die an der Seite des Platzes an Würde gewannen und die Anmutung von Stadthäusern annahmen.

Nummer 10 präsentierte dem Passanten ein leeres, verschlossenes Steinäußeres wie ein altes, graues, verschwiegenes Gesicht. Als sie sich näherten, lenkte Colwyn mit einer leichten Kopfbewegung die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf die oberen Fenster, die zu Nepcotes Wohnung gehörten. Die Jalousien waren heruntergelassen.

„Es sieht so aus, als hätte Nepcote letzte Nacht das Weite gesucht“, sagte er.

Der Anblick der heruntergelassenen Jalousien, wie gelbe Augenlider in dem grauen Gesicht, weckte eine heimliche Reizung in Caldews Brust und mit ihr das Bewusstsein seiner Befugnisse als Beamter von Scotland Yard.

„Ich werde mir gewaltsam Zutritt verschaffen und nachsehen“, erklärte er wütend.

„Holen Sie lieber einen Schlüssel von der Haushälterin“, schlug Colwyn vor. „Die Frauen, die diese Junggesellenwohnungen betreuen, haben immer Zweitschlüssel. Aber die Vordertür steht einen Spalt offen. Gehen wir zuerst nach oben.“

Sie stiegen die Treppe zur Wohnung hinauf, und das Erste, was ihnen auffiel, war ein Yale-Schlüssel im Schlüsselloch der Tür.

„Ein Zeichen geistiger Erschütterung“, kommentierte Colwyn. „In solchen Momenten vergessen die Menschen die kleinen Dinge.“

Sie öffneten die Tür und traten ein. Das vordere Zimmer sah fast so aus, wie Colwyn es am Vorabend gesehen hatte. Die Blumen in ihrer Schale ließen die Köpfe hängen; die Revuegirls lächelten in ihren silbernen Rahmen; die gerahmten Rennpferde und ihre stoischen Trainer blickten hölzern von den rosa Wänden herab.

„Nepcote scheint nichts mitgenommen zu haben“, bemerkte Caldew und blickte ins Schlafzimmer. „Der Kleiderschrank ist voll mit seinen Uniformen, aber das Bett wurde nicht benutzt.“

„Hier ist der Beweis, dass er geflohen ist“, sagte Colwyn und schlug den Deckel eines Schreibtischs zurück, der im Wohnzimmer stand. Er war bis zum Rand mit einer Masse zerrissener Papiere gefüllt.

„Irgendetwas Kompromittierendes?“, fragte Caldew eifrig und trat näher, um den Abfall zu betrachten.

„Nein; nur Rechnungen und Einladungen. Alle gefährlichen Briefe wurden hier verbrannt.“ Er deutete auf den Rost, der mit geschwärzten Überresten angehäuft war. „Er hat ganze Arbeit geleistet“, fügte er hinzu, als er zum Kamin ging und sich darüber beugte. „Es gibt nicht die geringste Chance, auch nur eine Zeile zu entziffern. Aber es wäre gut, seine Kleidung zu durchsuchen. Vielleicht hat er einige Briefe in den Taschen vergessen.“

Caldew nahm den Hinweis an und verschwand im inneren Raum, während Colwyn den Inhalt des Rosts untersuchte. Er kehrte nach wenigen Minuten zurück und sagte, er habe in der Kleidung nichts gefunden außer ein paar Schatzanweisungen und etwas losem Kleingeld in einer Hosentasche.

„Das sieht so aus, als wäre er in so großer Eile geflohen, dass er vergaß, sein Wechselgeld mitzunehmen“, sagte Colwyn. „Das ist eine weitere interessante Enthüllung seines Geisteszustands, denn es besteht kaum ein Zweifel, dass er heute Morgen in die Wohnung zurückgekehrt ist, nachdem er sie letzte Nacht verlassen hatte.“

„Wie kommen Sie zu diesem Schluss?“

„Durch die verbrannten Briefe im Rost. Sie sind noch warm. Er war in so großer Angst, dass er letzte Nacht nicht in der Wohnung zu schlafen wagte, aber er kehrte heute Morgen zurück, um seine Briefe zu verbrennen und sich in Zivilkleidung umzuziehen. Dann rannte er in solcher Eile wieder davon, dass er sein Geld vergaß. Hier gibt es nichts weiter zu sehen. Wir sollten auf dem Weg nach unten ein paar Nachforschungen bei der Haushälterin anstellen.“

Sie gingen hinaus, und Caldew schloss die Tür hinter sich ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Als sie das Eingangsportal erreichten, hielt Colwyn vor der Tür der Nische inne, in der die Haushälterin lauerte wie eine Krake in einem Becken. Auf Colwyns Klopfen kam ein weißes Gesicht, gekrönt von einer weißen Haube, durch den schmalen Schlitz im vorhangverdeckten Glas der Türhälfte zum Vorschein und schwamm in der inneren Finsternis auf sie zu, wie der Kopf eines materialisierten Geistes in der Stube eines Spiritisten-Mediums. Die Tür öffnete sich, und die Erscheinung erschien leibhaftig und sah sie mit steinernen Augen an. Caldew übernahm das Gespräch:

„Hat Captain Nepcote letzte Nacht hier geschlafen?“, fragte er kurz angebunden.

„Ich weiß es nicht.“

„Nun, war er heute Morgen hier?“

„Ich weiß es nicht.“ Der Ton der zweiten Antwort war, wenn möglich, noch ausdrucksloser als der erste.

„Es ist Ihre Aufgabe, das zu wissen“, sagte Caldew wütend.

„Es ist nicht meine Aufgabe, die privaten Angelegenheiten von Captain Nepcote mit Fremden zu besprechen.“ Die Frau wandte sich ohne ein weiteres Wort zurück in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Verdammt noch mal!“, murmelte Caldew voller Bitterkeit.

„Diese alten Weibsbilder lernen die Weisheit, ihre natürliche Geschwätzigkeit zu zügeln, wenn sie die Aufsicht über Junggesellenwohnungen haben“, sagte Colwyn lachend. „Wir werden nichts aus ihr herausbekommen, wenn wir den ganzen Tag hierbleiben, also sollten wir besser gehen.“

„Ich werde direkt zu Scotland Yard zurückkehren“, kündigte Caldew mit plötzlichem Entschluss an, als sie den Gehweg erreichten. „Ich muss Merrington alles über die Arbeit von heute Morgen berichten, und je eher, desto besser. Wir müssen die Wohnung bewachen lassen. Vielleicht kehrt Nepcote zurück.“

„Er wird nicht zurückkehren“, sagte Colwyn. „Er weiß, dass wir hinter ihm her sind und dass die Wohnung bewacht werden wird. Aber es ist eine gute Idee, ihm keinen zu großen Vorsprung zu lassen. Kommen Sie, lassen Sie uns sehen, ob wir ein Taxi finden, und ich lasse Sie bei Scotland Yard raus.“

Sie gingen bis zum Sherryman Square und hielten sich für glücklich, ein patrouillierendes Taxi zu finden, dessen Fahrer gefällig genug war, sie in die gewünschte Richtung zu fahren.

KAPITEL XXII

Es sprach für Merringtons Qualitäten als Beamter, dass er seine Gefühle als Mensch unterdrückte, als er Caldews Geschichte hörte, und alles in seiner Macht Stehende tat, um die Situation zu retten, sobald er überzeugt war, dass Nepcote geflohen war. Jegliche verbleibenden Zweifel, die er noch gehabt haben mochte, verflogen, als er nach vertraulichen Nachfragen in Whitehall erfuhr, dass Captain Nepcote an jenem Tag im Kriegsministerium nicht erschienen war und weder Urlaub beantragt noch gewährt bekommen hatte.

Nach Erhalt dieser Information wandte sich Merrington dem Bürotelefon zu und brüllte mit dem Hörer in der Hand gebieterische Anweisungen, die die weitreichende Organisation von Scotland Yard zur Ergreifung eines Flüchtigen in Gang setzten. Nepcotes Personenbeschreibung wurde an die Polizeistationen verteilt, Detektive wurden abgestellt, um ein Auge auf ausgehende Züge und die Docks zu haben, und die Eingänge zu den U-Bahnen und Untergrundbahnen wurden bewacht. Nachdem er London eingekreist hatte, warf Merrington das Netz weiter aus, und lange vor Einbruch der Dunkelheit hatte er ein feinmaschiges Netz um England gespannt, durch das kein Mensch hindurchschlüpfen konnte.

Doch es ist selbst für Scotland Yard schwierig, in der riesigen Stadt London schnell Hand an einen Flüchtigen zu legen, wie Merrington wohl wusste. Während er darauf wartete, dass sich das Netz über seinen beabsichtigten Gefangenen schloss, beschloss er bei dieser neuen, seltsamen Wendung des Falls, sämtliche Umstände von Grund auf neu zu untersuchen. In London eingeleitete Nachforschungen mit dem Ziel, alles über Nepcotes Werdegang und das Privatleben von Violet Heredith in Erfahrung zu bringen, nahmen einen wichtigen Teil der erneuerten Ermittlungen von Scotland Yard zum Mordfall Heredith ein.

Caldew wurde zu Heredith geschickt, um nach neuen Fakten zu suchen. Er kehrte nach einem Tag Abwesenheit mit Informationen zurück, die man früher hätte erhalten können, wenn der Zufall den Verdacht nicht auf Hazel Rath gelenkt hätte: mit der Geschichte eines unbekannten jungen Mannes, der in der Nacht des Mordes den Londoner Zug nach Heredith am Weydene Junction verlassen hatte. Die Geschichte, die einem unintelligenten Fahrkartenkontrolleur entlockt wurde, warf kein Licht auf die Identität des Fremden, außer der Aussage, dass er einen langen, hellen Trenchcoat getragen habe, unter dem der Kontrolleur einen flüchtigen Blick auf eine Khaki-Uniform erhascht hatte, als der Herr an der Absperrung nach seiner Fahrkarte suchte.

Auf Basis dieser spärlichen Information hatte Caldew Nachforschungen über die zwei Meilen lange Strecke zwischen Weydene und dem Moat-House angestellt und sich glücklich geschätzt, einen Landarbeiter zu finden, der in jener Nacht auf seinem Heimweg von einem jungen Mann in einem langen Mantel überholt worden war, der rasch über die Felder in Richtung Heredith eilte. Der Arbeiter hatte der zurückweichenden Gestalt nachgestarrt, bis sie in der Dunkelheit verschwand, und war dann nach Hause gegangen, ohne weiter über den Vorfall nachzudenken. Caldew war von der Bedeutung des zweiten Erscheinens des Mannes im Trenchcoat so beeindruckt, dass er die Zeit für seinen eigenen schnellen Fußmarsch auf derselben Strecke von Weydene zum Moat-House gemessen hatte und die Distanz in einer halben Stunde zurücklegen konnte. Auf Basis dieser Fakten wies er Merrington darauf hin, dass Nepcote, wenn er der Mann war, der den Zug um sieben Uhr in Weydene verlassen hatte, genug Zeit gehabt hätte, über die Felder zu laufen und das Moat-House bis halb acht zu erreichen, was zehn Minuten vor der Begehung des Mordes war.

Merrington gab die Möglichkeit zu, weigerte sich jedoch, den Schlussfolgerungen zuzustimmen. Er sah sich aufgrund der jüngsten Ereignisse gezwungen, die Theorie von Nepcotes Verstrickung in das Geheimnis zu akzeptieren, war aber nicht bereit, ohne viel konkretere Beweise zu glauben, dass er der Mörder war. Er blieb fest in seiner Überzeugung, dass Hazel Rath die Person war, die Mrs. Heredith getötet hatte, was auch immer der Anteil des jungen Mannes an dem Verbrechen sein mochte. Die Entdeckung über den Mann im Trenchcoat war zwar in Ordnung, soweit sie reichte, und bildete vielleicht einen weiteren Hinweis im rätselhaften Gefüge des Falls, doch sie brachte sie nicht sehr weit und minderte sicherlich in keiner Weise das Gewicht der Beweise gegen das Mädchen, das des Mordes beschuldigt wurde.

Merrington war gezwungen, zu dem Schluss zurückzukehren, dass der wichtigste Schritt zur Lösung des Geheimnisses darin bestand, Nepcote habhaft zu werden, und darauf richtete er seine eigenen Bemühungen sowie die Dienste der großen Organisation unter seinem Kommando. Im Laufe der Tage ergänzte er seine ursprünglichen Vorkehrungen für Nepcotes Verhaftung mit ausgeklügelten Fallen. Die weibliche Drachin, die im Haus Sherryman Street 10 männliche Reputationen bewachte, wurde von hübschen jungen Frauen in kalte Wut versetzt, die mit Trinkgeldern und Schmeicheleien versuchten, Informationshappen über den verschwundenen Mieter zu erhaschen. Parfümierte Briefe in weiblicher Handschrift, gekennzeichnet als „Wichtig“, tauchten in den Brieffächern von Nepcotes West-End-Clubs auf. Merrington schaltete sogar eine Anzeige in der Rubrik „Persönliches“ der Times, in der ein rührender weiblicher Appell an Nepcote gerichtet wurde, sich an einem abgelegenen Ort zu treffen.

Nach drei Tagen, in denen es keine Spur von Nepcote gab, war Merrington gezwungen, bei den Friedensrichtern in Sussex eine weitere Vertagung des Verfahrens vor dem Polizeigericht zu beantragen, mit der Begründung, dass neue Informationen einer Untersuchung bedürften, bevor Scotland Yard die Anklage gegen Hazel Rath weiterverfolgen könne. Eine zusätzliche Woche wurde widerwillig vom Vorsitzenden der Bank gewährt, einem freikirchlichen Tuchhändler mit politischem Ehrgeiz, der die Gelegenheit nutzte, die Wähler eines Wahlkreises, für den er sich auf die nächste Unterhauswahl vorbereitete, zu beeindrucken, indem er einige schwungvolle Bemerkungen über die Heiligkeit der britischen Freiheit machte, die er mit einem beißenden Hinweis auf die zögerlichen Methoden von Scotland Yard verband. Er ließ durchblicken, dass die Polizei bei der nächsten Anhörung bereit sein müsse, die Anklage gegen die Gefangene fortzusetzen oder sie gänzlich zurückzuziehen.

Angesichts dieser unangenehmen Alternativen verfolgte Merrington die Suche nach Nepcote mit Nachdruck. Die Männer, die unter seiner unmittelbaren Anweisung arbeiteten, wurden zu einem Übermaß an Energie angestachelt, was zur Festnahme mehrerer junger Männer führte, die sich selbst oder ihr Recht auf Freiheit in der großen Stadt London nicht angemessen erklären konnten. Doch keiner dieser Gefangenen erwies sich als Nepcote. Merrington glaubte, dass er sich in London versteckte, doch nach fünf Tagen blieb er trotz der ständigen Suche nach ihm weiterhin auf mysteriöse Weise auf freiem Fuß. Er schien so vollkommen verschwunden zu sein, als sei er aus der Welt geschieden und habe seine Identität in einem gemeißelten Namen und einem banalen Wunsch auf einem Grabstein aufgehen lassen.

Im zornigen Bewusstsein des Scheiterns war Merrington nicht blind für die Tatsache, dass er allein seiner eigenen Impulsivität die Schuld geben musste, Nepcote durch die Finger gleiten gelassen zu haben. Sein Fehler beruhte auf seiner Abneigung gegen Privatdetektive und seinem Unglauben an moderne deduktive Methoden zur Verbrechensaufklärung. Sein eigenes System, das System von Scotland Yard, basierte auf Motiv und Wissen. Wenn er ein starkes Motiv für ein Verbrechen fand, suchte er nach der Person, auf die es hindeutete. Wenn es kein offensichtliches Motiv gab, griff er auf sein großes Wissen über die Unterwelt und ihre Bewohner zurück, um einen Kriminellen dem Verbrechen zuzuordnen. Das System hat sein Maß an Erfolg, wie die Akten von Scotland Yard bezeugen.

Merrington hatte bei der Bearbeitung des Falls Heredith beide Methoden angewandt. Als seine ursprünglichen Ermittlungen kein Motiv für den Mord enthüllten, beschloss er, nach London zurückzukehren, um festzustellen, welche gefährlichen Kriminellen auf freiem Fuß waren, die den Mord begangen haben könnten. Seine eigene Ansicht war damals, dass der Mord das Werk eines alten Hasen sei, der in das Moat-House eingebrochen war, um einen Raub zu begehen, und Mrs. Heredith ermordet hatte, um einer Identifizierung zu entgehen. Die Abgeschiedenheit des Moat-House, die Anwesenheit von Gästen mit wertvollem Schmuck, der für das Verbrechen gewählte Zeitpunkt und der Schrei des Opfers schienen ihn in diesem Glauben zu bestärken. Caldews zufällige Entdeckung bezüglich Hazel Rath und die darauffolgenden Ereignisse, die ein so starkes Indizienbeweis-Geflecht gegen sie webten, ließen die andere Seite des Systems in den Vordergrund treten und veranlassten Merrington dazu, nach einem Motiv zu suchen, das mit der Vermutung der Schuld des Mädchens übereinstimmte. Nachdem er dieses Motiv gefunden hatte, war er zufrieden, seine Pflicht getan zu haben, und dachte kaum noch über den Fall nach.

Es war sein hartnäckiges Festhalten an konservativen Methoden, das ihn bei der Behandlung von Colwyns Informationen über die verschwundene Halskette einen Fehler begehen ließ. Er handelte selten impulsiv. Sein gewohnheitsmäßiges Misstrauen gegenüber der Menschheit war tief verwurzelt, und damit gepaart war eine Vorsicht, die das Erbe langjähriger Erfahrung war. Doch seine störrische Überzeugung von Hazel Raths Schuld verleitete ihn dazu, bei seinem Versuch, den Verlust der Halskette mit den Beweisen gegen das Mädchen in Einklang zu bringen, einen falschen Schritt zu tun. Seine eigene schlechte Meinung von der menschlichen Natur hinderte ihn daran, wie Colwyn die Unstimmigkeit zwischen solch weit auseinanderliegenden Motiven wie wahnsinniger Liebe und Diebstahl zu erkennen; das war eine jener subtilen Differenzierungen der menschlichen Psychologie, bei denen sein grobkörniges Temperament versagte. Es ist wahrscheinlich, dass Merringtons Abneigung gegen Privatdetektive dazu beitrug, sein Urteilsvermögen in einem kritischen Moment zu trüben. Er war unfähig zu sehen, dass Colwyn aufgrund seines Intellekts und seiner praktischen Fähigkeiten in einer Klasse für sich stand.

In seinem Nachdenken über den Fall wandten sich Merringtons Gedanken Colwyn zu, und er fragte sich, in welche Richtung die Ermittlungen des Privatdetektivs in diesem Fall fortgeschritten waren – falls sie überhaupt fortgeschritten waren –, seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte. In einer geläuterten Stimmung reflektierte er, dass Colwyn ihm nicht nur eine Warnung gegeben hatte, die sich auf ärgerliche Weise von anderen Ratschlägen darin unterschied, dass sie sehr wohl befolgt werden sollte, sondern dass er auch großzügig gehandelt hatte, indem er ihn über die verschwundene Halskette informierte, anstatt die Entdeckung für sich zu behalten, um bei Scotland Yard zu punkten und einen der angesehensten Beamten des Yard in eine unangenehme Lage zu bringen.

Mit einer verspäteten, aber unbewussten Anerkennung einer Intelligenz, die die eigene weit übertraf, spürte Merrington, dass es sich lohnen würde, ein weiteres Gespräch mit Colwyn zu führen, in der Hoffnung, einen Ausweg aus den Verwicklungen zu finden, in die er sich gestürzt hatte, indem er Nepcote hatte entkommen lassen.

Das nächste Gespräch, das auf seine Initiative hin stattfand, erfolgte am Abend in Colwyns Räumen, nachdem Merrington es zuvor telefonisch vereinbart hatte. Das Gesicht des Privatdetektivs verriet beim Anblick Merringtons weder Überraschung noch Groll. Er lud seinen Gast ein, sich zu setzen, und setzte sich dann ein Stück entfernt vom Tisch, auf dem Whisky und Zigarren bereitstanden.

„Nun, Mr. Colwyn, Sie hatten recht und ich unrecht mit diesem Kerl Nepcote“, begann Merrington, wohl wissend, dass es am besten war, sofort auf den Punkt zu kommen. „Ich wünschte jetzt, ich hätte Ihren Rat befolgt.“

„Wenn Sie ihn nicht besucht hätten, wüssten Sie vielleicht nicht so viel, wie Sie jetzt wissen“, sagte Colwyn trocken.

„Das ist eine Art, es zu sehen“, antwortete Merrington mit seinem lauten Lachen. „Unglücklicherweise hat dieses Gespräch dazu geführt, dass Nepcote Reißaus nahm, und bisher hat er uns nur die Fersen gezeigt.“

„Sie haben keine Nachricht von ihm?“

„Nur eine Menge falscher Berichte. Ich bin überzeugt, dass er sich immer noch in London versteckt, aber das Problem ist, seiner habhaft zu werden. Diese verfluchten verdunkelten Straßen machen es schwieriger. Ein gesuchter Mann kann nachts direkt unter der Nase der Polizei hindurchgehen, ohne Angst haben zu müssen, gesehen zu werden.“

„Haben Sie neue Entdeckungen in dem Fall gemacht?“

„Wir haben festgestellt, dass ein Mann, bei dem es sich um Nepcote gehandelt haben könnte, in der Nacht des Mordes in der Nähe des Moat-House gesehen wurde.“

Colwyn nickte gleichgültig. Die Nachverfolgung von Nepcotes Bewegungen in der Nacht des Mordes war für ihn einer der nebensächlichen Punkte des Problems, wie der erste Bauernzug beim Schach – wesentlich, aber ohne wirkliche Bedeutung angesichts der unvermeidlichen Schlussfolgerung, die aus der Flucht zu ziehen war.

„Ich habe von dieser Seite aus an dem Fall gearbeitet“, sagte er.

„In welche Richtung?“

„Ich versuche, zum Anfang des Geheimnisses zu gelangen. Ich habe mich bemüht, etwas über das frühere Leben von Mrs. Heredith herauszufinden. Es kam mir in den Sinn, dass dies ein wenig Licht auf die nachfolgenden Ereignisse werfen könnte.“

„Ich habe in ähnlichen Bahnen ermittelt. Sollen wir unsere Notizen vergleichen?“

„Sehr gerne, aber ich sollte meinen, dass Sie mehr herausfinden konnten als ich im Alleingang. Zum einen habe ich Lady Vaughan gesehen, die Frau von Sir William Vaughan vom Kriegsministerium. Sie ist eine freundliche und gütige Frau, die großes Interesse an den Hunderten von jungen Schreibkräften zeigt, die in der Abteilung ihres Mannes in Whitehall beschäftigt sind. Im letzten Winter gab sie eine Reihe von Tanzveranstaltungen in ihrem Haus in Knightsbridge, und die Mädchen wurden abwechselnd eingeladen. Mr. Heredith war bei einer dieser Veranstaltungen anwesend.“

„So viel weiß ich“, sagte Merrington.

„Dann ist Ihnen wahrscheinlich bekannt, dass Captain Nepcote an jenem Abend ebenfalls anwesend war und mehrere andere junge Offiziere mitbrachte. Er war es, der Philip Heredith dem Mädchen vorstellte, das er später heiratete.“

„Ich wusste, dass Nepcote Gast bei einem der Bälle war, aber es ist mir neu, dass er das Mädchen dem jungen Heredith vorgestellt hat. Lady Vaughan hat uns das nicht gesagt.“

„Lady Vaughan wusste es nicht. Ich habe die Tatsache später von einem der Gäste erfahren, der bei der Vorstellung zugegen war. Ich messe diesem Punkt einige Bedeutung bei. Im letzten Winter standen Philip Heredith und Nepcote auf ziemlich vertrautem Fuß, arbeiteten im selben Zimmer im Kriegsministerium und gingen manchmal gemeinsam in die Häuser gemeinsamer Freunde. Es war offensichtlich ein Fall von der Anziehung der Gegensätze.“

„So muss es gewesen sein“, antwortete Merrington nachdrücklich. „Ich habe Erkundigungen über Nepcote einziehen lassen, und ich hätte nicht gedacht, dass er Mr. Heredith zugesagt hätte. Soweit wir wissen, gibt es nichts wirklich Anstößiges, aber er hatte vor dem Krieg den Ruf eines ausschweifenden und müßiggängerischen jungen Mannes von Welt, mit einer Schwäche für Frauen und Glücksspiel. Er kam vor einigen Jahren zu ein paar Tausend Pfund, hat sie aber schnell durchgebracht. Ich nehme an, dass er seitdem, als er sein Geld verschwendete, hauptsächlich von Kredit und Glücksspiel gelebt hat, denn er ist sicherlich nicht der Typ Mann, der von seinem Sold als Offizier leben könnte. Tatsächlich hatte er kürzlich ernsthaften Ärger mit den militärischen Behörden, weil er seine Offizierskasino-Rechnungen in Frankreich nicht bezahlt hatte. Er wurde nicht für die Armee erzogen und hat sehr wenig aktiven Dienst gesehen. Er erhielt sein Offizierspatent etwa zwölf Monate nach Kriegsbeginn, als das Kriegsministerium Patente verteilte wie Streichholzschachteln, aber er schaffte es, sich bis vor kurzem unter dem Schirm von Whitehall zu halten. Er scheint irgendwo einen gewissen Rückhalt zu haben, obwohl ich nicht herausfinden kann, wo. Vielleicht ist es seine charmante Art – jeder, der ihn kennt, sagt, er habe eine charmante Art, obwohl es mir an jenem Abend, als ich ihn in seiner Wohnung befragte, nicht aufgefallen ist.“

„Vielleicht hatte er zu viel Angst, sie bei dieser Gelegenheit einzusetzen“, schlug Colwyn mit einem Lächeln vor. „Er muss gedacht haben, dass es mit ihm vorbei sei.“

„Haben Sie etwas über die Herkunft von Mrs. Heredith entdeckt?“, fragte Merrington mit einer Abruptheit, die darauf hindeutete, dass ihm die letzte Bemerkung wenig gefiel.

„Sehr wenig, abgesehen von der Tatsache, dass sie in möblierten Zimmern wohnte und, soweit ich feststellen kann, keine wirklichen Freundinnen hatte. Anscheinend war sie ein Mädchen, das sein eigenes Spiel spielte, wie man in Amerika sagt. Der Typ ist in Großstädten nicht ungewöhnlich. Meine Informationen, solche wie sie sind, sind weder in der einen noch in der anderen Hinsicht von der geringsten Bedeutung.“

„Ich habe kaum mehr erfahren als Sie, außer dass sie ihre Zimmer ziemlich häufig wechselte, aber immer in einem bequemen Umkreis des West End blieb und in tristen, aber respektablen Gegenden wie Russell Square und Woburn Place wohnte. Sie verbrachte jedoch verdammt wenig Zeit dort. Die Leute an diesen Orten wissen nichts über sie, außer dass sie morgens ausging und erst spät in der Nacht zurückkehrte – im Allgemeinen in einem Taxi und allein, soweit bekannt ist. Sie war anscheinend eines jener alleinstehenden Mädchen, die während des Krieges zu Tausenden entstanden sind – eine dieser ausgeprägten Spezies, die ihr gutes Aussehen ausnutzen und auf eine gute Zeit aus sind, aber weit genug auf der sicheren Seite des Zauns bleiben, um auf ihren Ruf zu achten. Das gehört zu ihrem Handwerkszeug.

Solche Mädchen schaffen es, überall hinzugehen und alles zu sehen auf Kosten von jungen Männern mit mehr Geld als Verstand, die sich von ihrem Aussehen haben einfangen lassen. Es ist das Savoy zum Mittagessen, ein Restaurant im West End zum Abendessen, Revue, spätes Souper und Heimfahrt im Taxi – vielleicht mit einem Kuss für das Los zur Bezahlung. Das Kriegsministerium war ein Segen für diese Art von Mädchen. Es gibt ihnen Jobs, bei denen es nichts zu tun gibt, mit einem gewissen offiziellen Status obendrein, und die Chance, viele junge Offiziere zu treffen, die auf Urlaub von der Front sind, mit Geld, das verbrannt werden will, und hungrig nach hübschen englischen Gesichtern. Es ist schwierig, etwas über diese alleinstehenden Mädchen herauszufinden. Sie haben kein Zuhause – nur einen Platz zum Schlafen –, sie vertrauen niemandem, und ihre männlichen Freunde werden sie niemals verraten. Fast jede Frau verrät einen Mann, aber ich habe noch nie erlebt, dass ein Mann eine Frau verraten hätte.“

„Wenn Mrs. Heredith dieser Typ von Mädchen war, ist es möglich, dass eine frühe Episode oder ein vergessener Flirt aus ihrem früheren Leben mit dem Geheimnis ihres Todes vermischt ist.“

„Das denken Sie?“, fragte Merrington und betrachtete seinen Gefährten aufmerksam.

„Wie sonst können wir Nepcotes Erscheinen in dem Geheimnis erklären, außer mit der Begründung, dass er sie wegen der Halskette ermordet haben könnte? Es ist wichtig, daran zu denken, dass Nepcote sie aus ihren ledigen Tagen kannte. Wenn sie ein Geheimnis hatte, hat sie es mit ins Grab genommen. Es bleibt Nepcote, der in irgendeiner Weise tief in den Fall verwickelt ist. Sie könnten etwas von ihm erfahren, wenn Sie ihn fangen und ihn dazu bringen können, zu sprechen, obwohl ich zugeben muss, dass ich es für schwierig halte, die Vermutung, dass er den Mord begangen hat, mit den bekannten Umständen des Falls in Einklang zu bringen.“

„Da stimme ich Ihnen zu“, rief Merrington aus. „Was ist mit Hazel Raths Position, wenn wir eine solche Vermutung zulassen? Es ist noch nichts ans Licht gekommen, das die Beweise erschüttern könnte, die auf sie als die Person hindeuten, die Mrs. Heredith ermordet hat.“

„Weigert sie sich immer noch zu sprechen?“

„Ja. Sie ist starrköpfig wie ein Maultier und stumm wie ein Fisch. Ich habe eine sehr kluge Detektivin zum Gefängnis in Lewes geschickt, um zu versuchen, sie zu beschwatzen, etwas zu sagen, aber sie konnte nichts aus ihr herausbekommen. Sie sagte, sie habe keine Aussage zu machen und absolut nichts zu sagen. Sie weigerte sich, über diesen Punkt hinauszugehen.“

„Sie mag einen starken Grund haben, zu schweigen“, bemerkte Colwyn nachdenklich. „Verhaftete Personen schweigen manchmal unter einer schweren Anschuldigung, weil sie bestrebt sind, bestimmtes Wissen, das sie besitzen, vor der Polizei zu verbergen. Nepcotes Verwicklung in den Fall verleiht der Theorie Farbe, dass Hazel Rath aus einem solchen Grund schweigen könnte.“

„Um Nepcote zu decken?“

„Es ist möglich, obwohl ich nicht glaube, dass wir in der Lage sind, so viel ohne weiteres Wissen zu folgern. Aber jetzt, da wir wissen, dass Nepcote mit dem Fall in Verbindung steht, denke ich sicherlich, dass eine starke Anstrengung unternommen werden sollte, Hazel Rath zum Sprechen zu bewegen.“

„Das ist nicht zu machen“, antwortete Merrington mit einem nachdrücklichen Kopfschütteln. „Das Mädchen ist nicht aus der Reserve zu locken.“

„Haben Sie ihr von den jüngsten Entwicklungen des Falls erzählt?“

„Von Nepcote, meinen Sie?“

„Ja.“

„Sicherlich nicht“, antwortete Merrington in einem Ton von empörtem Amtsstolz. „Diesem Mädchen diese Information zu geben, bevor ich weiß, was sie bedeutet, würde dem Anwalt der Verteidigung eine so mächtige Waffe in die Hand geben, dass ich die Anklage gegen Hazel Rath bei den nächsten polizeilichen Verfahren zurückziehen müsste, wenn ich Nepcote nicht in der Zwischenzeit verhaftet habe. Ich will keine dramatischen Entwicklungen – wie die idiotischen Zeitungen es nennen – in meinen Fällen. Es gibt bereits ein gewisses Maß an öffentlicher Anteilnahme für dieses Mädchen.“

„Ich denke, Sie gewinnen mehr, als Sie verlieren, wenn Sie ihr sagen, dass Nepcote verdächtigt wird.“

„Ich ziehe es vor, Nepcote zuerst zu verhaften. Wir könnten ihn jeden Moment bekommen, und dann, so hoffe ich, werden wir herausfinden, woran wir in diesem Fall sind. Aber was meinen Sie damit, dass ich mehr zu gewinnen als zu verlieren habe, wenn ich dem Mädchen von ihm erzähle?“

„Wenn sie schweigt, um Nepcote zu decken, wird sie wahrscheinlich die Wahrheit enthüllen, wenn sie weiß, dass durch Schweigen nichts mehr zu gewinnen ist. Sie wird dann anfangen, an sich selbst zu denken. Meiner Meinung nach haben Sie jetzt eine ausgezeichnete Waffe in der Hand, um sie zum Sprechen zu zwingen.“

„Können wir so weit gehen, anzunehmen, dass sie schweigt, um ihn zu decken? Nehmen wir an, sie gingen zusammen in das Zimmer von Mrs. Heredith zum Zwecke des Mordes und Raubes. Das Mädchen, so nehmen wir an, gab den Schuss ab und Nepcote entkam durch das Fenster mit der Halskette. Ist Hazel Rath wahrscheinlich dazu bereit, eine solche Geschichte zu enthüllen, wenn sie weiß, dass es sie selbst nicht retten wird?“

„Ihre Annahmen führen Sie zu weit“, erwiderte Colwyn. „Unser vermutetes Wissen reicht nicht so weit. Bis Nepcotes Anteil an dem Fall erklärt ist, ist es nutzlos, sich Spekulationen außerhalb unserer Prämissen hinzugeben. Lassen Sie uns Schlussfolgerungen verschieben, bis wir mehr Fakten zusammengestellt haben. Wir wissen nicht, ob mehr als ein Paar Augen den Mord an Mrs. Heredith beobachtet hat; die Theorie, dass Hazel Rath den Schuss abgegeben hat, ist lediglich eine Tatsachenvermutung und keine tatsächliche Gewissheit. Vieles ist in diesem Fall noch verborgen, und die Frage ist, kann Hazel Rath uns aufklären? Da sie und Nepcote nun beide verwickelt sind, scheint mir die beste Veranlassung, sie zum Sprechen zu bringen, die zu sein, sie wissen zu lassen, dass Sie Nepcote verhaftet haben. Meiner Meinung nach ist das Experiment den Versuch durchaus wert.“

Merrington erhob sich und schritt durch den Raum, über den Vorschlag nachdenkend.

„Ich neige dazu zu glauben, dass Sie recht haben“, sagte er. „Auf jeden Fall werde ich morgen nach Lewes fahren und es auf die Probe stellen. Ich würde Sie bitten, mich zu begleiten, aber das wäre ein wenig unregelmäßig.“

„Ich werde mich damit begnügen, das Ergebnis zu erfahren“, antwortete Colwyn.

KAPITEL XXIII

Es gibt Momente, in denen das menschliche Gehirn die Kommunikation von seinen Peripherien verweigert und die Geschwindigkeit des Denkens so langsam wird, dass sie in Minuten gemessen werden kann. Die Stufe des Bewusstseins, auf der das Drama des Lebens für jedes menschliche Wesen einsam gespielt wird, ist zu begrenzt, um sich auf einmal für die Aufnahme eines seltsamen und unerwarteten Bildes zu erweitern. Solche Momente folgen im Gefolge eines großen Schocks, wie ein schwarzer Vorhang, der auf eine beleuchtete Szene niedergeht. Wenn der Vorhang sich wieder zu heben beginnt, geschieht dies auf einer verdunkelten Bühne, auf der die Gegenstände zuerst undeutlich gesehen werden, dann klarer, während die zurückkehrende Intelligenz, die langsam an der Anpassung an den neuen Schauplatz arbeitet, den frischen Eindruck in Einklang mit der Menge der bereits existierenden Ideen bringt.

Ein solcher Moment schien Hazel Rath gekommen zu sein, als sie dastand und Merrington betrachtete, der in einem bequemen Sessel auf der anderen Seite des Tisches saß und ihr mit der greifbaren Wahrnehmung seiner massiven Präsenz gegenübertrat, verstärkt durch das Gewicht einer Autorität, die, wenn auch nicht so wahrnehmbar, doch ausreichend in dem stoischen blauen Rücken eines Polizisten, der vor der Glastür Dienst tat, und in den vergitterten Fenstern des kleinen Raums, in den sie gebracht worden war, um die Nachricht zu empfangen, die ihr gerade übermittelt worden war, deutlich wurde. Aber sie gab kein Zeichen, die Bedeutung von Merringtons Bericht gehört oder zumindest verstanden zu haben. Ihre dunklen Augen wanderten um das kleine Büro und kehrten langsam zum Gesicht des großen Mannes zurück, der sie so genau beobachtete. Ihr Blick, der zuerst von völliger Verwirrung geprägt war, enthüllte nun einen Hauch von Ungläubigkeit, was auf eine zurückkehrende Fähigkeit zur Assimilation von Ideen hindeutete. Aber sie sprach nicht.

„Haben Sie nichts zu sagen?“, verlangte Merrington. Er war zu seiner Zeit ein stiller Zuhörer vieler Verbrechergeständnisse gewesen, aber in der ungewöhnlichen Umkehrung der Rollen wurde er unangemessen wütend auf das Mädchen, weil sie sein Vertrauen nicht mit ihrer eigenen Geschichte erwiderte.

Seine laute, herrische Stimme ließ sie aufschrecken und schien den Mechanismus ihres Geistes in die Verbindung ihrer Umgebung mit ihrer Position zu beschleunigen.

„Warum haben Sie mich hierher gebracht, um mich zu quälen?“, rief sie mit einem plötzlichen Ausbruch schriller Äußerung, der auf seine Weise fast so kläglich und überraschend war wie ihr vorheriges Schweigen. „Oh, warum können Sie mich nicht in Ruhe lassen?“

Sie warf ihre Arme wild aus, ließ sie dann jedoch, als würde sie die Nutzlosigkeit der Geste erkennen, hilflos an ihre Seiten fallen. Es lag etwas in der Aktion, das an einen Vogel erinnerte, der versuchte, seine Flügel in einem engen Käfig auszustrecken. Ihre zitternden Lippen, die angespannten Gesichtsmuskeln und die angespannte, doch rastlose Haltung enthüllten deutlich ein unausgeglichenes Temperament, das sich unter dem Gewicht einer Last beugte, die zu schwer und anhaltend war. Als erfahrener Polizeibeamter war Merrington gut vertraut mit den kleinen Anzeichen, die den Zusammenbruch der Inhaftierung bei denjenigen anzeigen, die daran nicht gewöhnt sind. Er sah, dass Hazel Rath einen Zustand erreicht hatte, in dem Freundlichkeit und Rücksichtnahme, aber keine anderen Mittel, sie dazu bewegen könnten, alles zu erzählen, was sie wusste.

„Kommen Sie nun, mein gutes Mädchen“, sagte er mit einer sanften, angenehmen Stimme, die Caldew über alle Maßen erstaunt hätte, wenn er sie gehört hätte, „niemand will Sie quälen. Im Gegenteil, ich bin eigens aus London hierhergekommen, um Ihnen zu helfen.“

Er hielt einen Moment inne, damit diese Bemerkung in ihren Geist einsinken konnte, und fuhr dann fort:

„Ich glaube nicht, dass Sie ganz verstanden haben, was ich versucht habe, Ihnen zu sagen. Ich werde es Ihnen noch einmal sagen, und ich möchte, dass Sie mir zu Ihrem eigenen Wohl zuhören.“

Er sah sie wieder an, und überzeugt, dass er nun ihre Aufmerksamkeit gewonnen hatte, wiederholte er die Nachricht, die er ihr zuvor zu übermitteln versucht hatte. Die Geschichte, die er mit zusätzlichen Details ausschmückte, während er fortfuhr, war eine praktische Demonstration des Tricks, einen falschen Eindruck zu vermitteln, ohne eine tatsächliche Unwahrheit zu sagen. Merringtons einziges Ziel war es, Hazel davon zu überzeugen, dass weiteres Schweigen ihrerseits nutzlos sei, also benutzte er zu diesem Zweck den Vorfall seines Besuchs in Nepcotes Wohnung in einer Weise, die nahelegte, dass Nepcotes Eingeständnis des Besitzes des Revolvers einer Anerkennung seiner eigenen Mitschuld am Mord gleichkam.

Es war eine geschickte Erzählung – das gestand sich Merrington ein, nicht ohne einen gewissen Stolz auf seine eigene Schöpfung –, aber er war nicht auf die unmittelbare und überwältigende Wirkung auf das Mädchen vorbereitet. Sie hörte ihm mit einer Intensität des Interesses zu, die in seltsamstem Kontrast zu ihrer früheren Unaufmerksamkeit und Gleichgültigkeit stand. Als Merrington den Punkt seiner Enthüllungen erreichte, indem er ihr von der verschwundenen Halskette erzählte, um ihr zu versichern, dass die Polizei wisse, dass Nepcote mehr durch die Begehung des Verbrechens gewonnen hatte als sie, überraschte sie ihn, indem sie aufsprang, wobei ihre Augen vor Aufregung brannten.

„Ich wusste, dass bewiesen werden würde, dass ich unschuldig bin“, rief sie aus. „Jetzt kann ich Ihnen alles sagen, was ich weiß.“

„Es ist der allerbeste Weg, den Sie einschlagen können“, antwortete Merrington mit Nachdruck.

„Ich weiß es – ich sehe es jetzt! Oh, ich war sehr töricht. Aber ich …“ Ein Ausbruch hysterischer Tränen erstickte jede weitere Äußerung.

Merrington wartete geduldig, bis sie sich wieder gefasst hatte. Ihn plagten keinerlei Skrupel ritterlicher Etikette, während er das Leid des verstörten Mädchens beobachtete, das wild schluchzend an dem kleinen Tisch zwischen ihnen saß. Es besteht ein großer Unterschied zwischen einer verwöhnten Schönheit in Not und einer in sich gekehrten Gefangenen. So wartete er ganz gelassen, bis sie den Kopf hob und ihn durch ein Glitzern von Tränen mit dunklen, sehnsüchtigen Augen betrachtete.

„Sie sollten mir besser alles erzählen“, sagte er.

„Ja, ich werde Ihnen jetzt alles erzählen“, antwortete sie hastig.

„Bevor Sie das tun, ist es meine Pflicht, Sie zu warnen, dass jede Aussage, die Sie machen, bei Ihrer Gerichtsverhandlung gegen Sie verwendet werden kann“, sagte Merrington, wobei er rasch in seinen offiziellen Ton zurückfiel. „Gleichzeitig glaube ich, dass es in Ihrem eigenen Interesse liegt, nichts zurückzuhalten.“

„Ich verstehe vollkommen. Aber es ist eine so seltsame Geschichte, dass ich kaum weiß, wie ich anfangen soll.“

„Erzählen Sie mir alles von Anfang an. Das wird der beste Weg sein.“

„An jenem Abend ging ich in Mrs. Herediths Zimmer, nur um nach ihr zu sehen“, begann sie fast flüsternd. „Meine Mutter hatte mir früher am Abend gesagt, dass sie allein in ihrem Zimmer sei und unter Kopfschmerzen leide. Ich dachte, ich würde die Gelegenheit nutzen, während die anderen beim Abendessen waren, zu ihrem Zimmer hinaufzugehen und sie zu fragen, ob sie etwas brauche. Also verließ ich das Zimmer meiner Mutter und ging leise den Flur entlang zum linken Flügel. Es war niemand unterwegs. Alle Gäste waren beim Abendessen, und die Dienerschaft war in der Küche und im Speisezimmer beschäftigt.

Als ich oben ankam, bemerkte ich, dass Mrs. Herediths Tür ein wenig offen stand, und ich sah, dass im Zimmer kein Licht brannte. Ich fand das seltsam, bis ich mich daran erinnerte, dass sie unter schlimmen Kopfschmerzen gelitten hatte und wahrscheinlich das Licht ausgeschaltet hatte, um ihren Kopf zu schonen. Ich klopfte nicht an, weil ich dachte, sie könnte schlafen. Ich wollte gerade umkehren, als ich ein Geräusch wie ein Schluchzen aus dem Zimmer hörte. Ich lauschte und hörte es erneut. Ich wusste zuerst kaum, was ich tun sollte, aber der Gedanke kam mir, dass es Mrs. Heredith vielleicht schlechter ginge und sie jemanden brauchte. Also stieß ich die Tür auf und ging hinein.

Ich kenne das Moat-House gut, daher wusste ich, dass sich der Lichtschalter für das elektrische Licht an der Seite des Kamins befand, nahe dem Kopfende des Bettes, und nicht, wie in den anderen Zimmern, direkt neben der Tür. Um das Licht anzuknipsen, musste ich durch das Zimmer gehen. Es war sehr dunkel, und ich ging vorsichtig, aus Angst, zu stolpern und Mrs. Heredith aufzuschrecken. Zweimal hielt ich inne, um zu lauschen, und einmal hörte ich ein Geräusch wie jemanden, der flüsterte. Ich war schrecklich nervös, weil ich nicht wusste, ob ich richtig oder falsch handelte, indem ich so in Mrs. Herediths Zimmer ging, aber irgendetwas schien mich anzutreiben.

Ich muss mich im Dunkeln in der Richtung geirrt haben, denn ich konnte den Lichtschalter nicht finden. Ich ließ meine Hand immer wieder an der Wand entlanggleiten, um ihn zu suchen, und während ich das tat, packte mich plötzlich jemand an der Kehle.

Alles Blut in meinen Adern schien zu Eis zu gefrieren, und ich schrie laut auf. Sobald ich schrie, ließ die Hand los, aber ich war zu verängstigt, um mich zu bewegen. Es war so still im Zimmer, dass ich mein eigenes Herz schlagen hören konnte, aber als ich dort an der Wand stand und mich nicht zu bewegen wagte, glaubte ich, ein Rascheln am Fenster zu hören. Meine Hände wanderten weiter über die Wand hinter mir, auf der Suche nach dem Lichtschalter. Dann, plötzlich, gab es ein schreckliches Geräusch – den Knall einer Waffe. Es schien das Zimmer mit Echos zu füllen, die zum Fenster und wieder zurück rollten. Als das Geräusch des Schusses verklang, berührten meine Finger den Schalter und ich machte das Licht an.

Ich stand nahe dem Kopfende des Bettes, und das Erste, was ich bemerkte, war etwas Glitzerndes auf dem Teppich zu meinen Füßen. Ich bückte mich und hob es auf. Es war ein Revolver. Dann wandten sich meine Augen dem Bett zu, und ich sah die arme Mrs. Heredith. Sie lag ganz still, mit Blut an ihrem Mund. Ich konnte sehen, dass sie noch lebte, denn ihre Augen sahen mich an. Bei diesem schrecklichen Anblick vergaß ich alles, außer dass sie in Qualen lag. Ich beugte mich über sie und wischte ihr den Mund ab, als ich das Geräusch von Schritten hörte, die die Treppe heraufkamen. Es schoss mir durch den Kopf, dass ich dort nicht gefunden werden durfte, in einem Zimmer, in dem ich nichts zu suchen hatte, mit einem Revolver in der Hand, der gerade abgefeuert worden war. Ich schaltete das Licht aus und rannte aus dem Zimmer. Das Licht vom Treppenabsatz draußen wies mir den Weg zur Tür. Ich hatte gerade noch Zeit, hinauszuschlüpfen und hinter die Samtvorhänge zu treten, als einige der Herren auf dem Absatz erschienen.

Ich blieb eine Zeit lang dort versteckt, zu verängstigt, um mich zu bewegen, und erwartete jeden Augenblick, entdeckt zu werden. Ich konnte hören, wie sie herumliefen und suchten, und ich dachte, dass jemand die Vorhänge beiseite ziehen und mich darunter versteckt sehen würde. Aber niemand kam in meine Nähe. Ich hörte sie in Mrs. Herediths Zimmer gehen, und Mr. Musard begann zu sprechen. Der Korridor war still, und es schien mir, dass ich eine Chance hätte, nach unten zu entkommen, falls die Treppe frei wäre. Ich schlich zu den Balustraden, immer noch im Schutz der Vorhänge, und schaute hinunter. Ich konnte niemanden in der Halle unten sehen. Ich ließ den Revolver in mein Kleid gleiten und rannte so schnell ich konnte nach unten. Ich gelangte in die Halle, ohne jemanden zu treffen, und dann wusste ich, dass ich in Sicherheit war. Aber gerade als ich in den Gang einbog, der zu den Zimmern meiner Mutter führte, hörte ich, wie die Tür zum Speisezimmer geöffnet wurde. Ich sah zurück und sah, wie Tufnell herauskam und nach oben ging, aber er sah mich nicht. Dann erreichte ich die Zimmer meiner Mutter.“

Sie schwieg so lange, dass Merrington dachte, sie hätte ihre Geschichte beendet. „Und was ist mit Ihrer Brosche – der Brosche, die Sie im Zimmer verloren haben. Wann haben Sie die wiederbekommen?“

„Ich habe sie erst einige Zeit, nachdem ich nach unten zurückgekehrt war, vermisst. Ich fragte mich zuerst, wo ich sie verloren haben könnte. Dann erinnerte ich mich an die Hand an meiner Kehle, die die Brosche gelockert haben muss, sodass sie herunterfiel. Ich wusste, dass es notwendig war, sie zurückzuholen, damit nicht bekannt würde, dass ich im Zimmer gewesen war. Das Haus war damals sehr ruhig, und die Halle war leer, obwohl ich das Gemurmel von Stimmen in der Bibliothek hören konnte, also ging ich den Flur entlang und rannte nach oben. Die Tür des Schlafzimmers stand halb offen, und durch das Licht im Inneren konnte ich sehen, dass das Zimmer leer war – bis auf sie. Ich ging in das Zimmer. Das Erste, was ich sah, war meine kleine Brosche, die auf dem Teppich glänzte, direkt am Bett, dort, wo ich gestanden hatte, als die Hand mich an der Kehle packte. Ich hob sie auf und rannte nach unten.“

„Ist das Ihre ganze Geschichte?“

Sie überlegte einen Moment. „Ja, ich glaube, ich habe Ihnen alles gesagt.“

„Was hat Sie überhaupt erst in Mrs. Herediths Zimmer geführt?“

„Ich – ich wollte sie sehen.“

„Zu welchem Zweck? Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen helfe, sollten Sie besser offen sein.“

„Ich wollte das Mädchen sehen, das Mr. Phil geheiratet hatte.“ Sie brachte die Antwort zögernd hervor, aber die Röte, die ihre dünnen, weißen Wangen überflutete, zeigte, dass sie sich der Bedeutung des Eingeständnisses bewusst war.

Doch Merrington war gegen die feineren Gefühle des Herzens immun. Er glaubte ihrer Geschichte von Anfang bis Ende nicht und war der Meinung, dass sie versuchte, ihn mit einem Machwerk zu täuschen, das so plump war wie die eitlen Vorstellungen eines Melodrams oder des Kinos. Es war eher mit der Absicht, sie in einen Widerspruch zu verstricken, als etwas Wichtiges zu erfahren, dass er seine Fragen fortsetzte.

„Sie sagen, dass Sie nach dem Schuss ein Geräusch am Fenster gehört haben. Was, glauben Sie, war das?“

„Ich war zu nervös, um damals darüber nachzudenken, aber seitdem habe ich gedacht, dass es jemand gewesen sein muss, der aus dem Fenster gestiegen ist.“

„Haben Sie gehört, wie das Fenster geöffnet wurde?“

„Nein; ich habe nichts gehört außer dem Rascheln, wie ich Ihnen sagte. Aber es könnte der Wind gewesen sein oder meine Angst.“

„Haben Sie einen Blick auf die Person im Zimmer erhascht – wer auch immer es war –, als Sie an der Kehle gepackt wurden?“

„Nein. Ich habe nur die Hand gespürt. Es war stockdunkel, und ich konnte nichts sehen.“

„Sie sind sich ganz sicher, dass Ihnen das passiert ist? Sie sind sicher, dass es keine Einbildung ist?“

„Oh nein, es war viel zu schrecklich real.“

„Haben Sie etwas an dem Revolver bemerkt, als Sie ihn aufhoben?“, sagte Merrington nach einer Pause.

„Nein, außer dass er hell und glänzend war.“

„Auch nicht, als Sie ihn in Ihr Kleid steckten, um ihn nach unten zu tragen?“

„Ich kenne mich nicht mit Schusswaffen aus. Als ich nach unten kam, habe ich ihn so schnell ich konnte weggeschlossen.“

„Sie haben also einen Revolver aufgehoben, der gerade abgefeuert worden war, ohne zu bemerken, ob der Lauf heiß oder kalt war. Ist es das, was Sie mich glauben lassen wollen?“

„Ich habe ihn am Griff aufgehoben. Ich glaube, ich erinnere mich jetzt, dass er warm war, aber sicher bin ich mir nicht. Ich wusste damals kaum, was ich tat.“

Ihre Verwirrung war so offensichtlich, dass Merrington es nicht für wert hielt, bei diesem Punkt nachzuhaken.

„Wenn Ihre Geschichte wahr ist, warum haben Sie sie nicht früher erzählt?“, sagte er. „Wenn Sie nur das unglückliche Opfer der Umstände sind, wie Sie behaupten, warum haben Sie Ihre Unschuld nicht verkündet, als ich Sie am Tag nach dem Mord im Moat-House befragte?“

Das Mädchen zögerte merklich, bevor sie die Frage beantwortete.

„Vielleicht hätte ich das getan, wäre Ihre Wiedererkennung meiner Mutter nicht gewesen“, sagte sie schließlich mit leiser Stimme.

„Ich sehe nicht ein, wie das Ihre eigene Position beeinflusst hat.“

„Es schien mir damals so“, antwortete sie in festerem Ton. „Ich wusste, dass meine Geschichte unwahrscheinlich klang, aber nachdem ich erfahren hatte, was Sie über meine Mutter wussten, schien es mir, dass Sie mir noch weniger glauben würden, also dachte ich, das Beste, was ich tun könnte, sei zu schweigen und darauf zu vertrauen, dass die Wahrheit auf andere Weise ans Licht käme.“

Die Erinnerung an die Vorfälle bei seinem Besuch im Moat-House drängte bei dieser Antwort in Merringtons Sinn.

„Haben Sie Ihre Mutter gesehen, als Sie in der Nacht des Mordes nach unten kamen?“, fragte er.

„Nicht zuerst. Sie kam später dazu.“

„Wie lange später?“

Das Mädchen, getroffen von einem neuen Ton in seiner Stimme, sah ihn mit Entsetzen in ihren geweiteten Augen an.

„Ich verstehe, was Sie meinen“, antwortete sie, „aber Sie irren sich – ganz und gar. Meine Mutter weiß absolut nichts darüber. Sie wusste nicht einmal, dass ich oben gewesen war. Sie ist genauso unschuldig wie ich.“

„Das bringt uns nicht sehr weit“, sagte Merrington kalt, stand auf und drückte auf eine Klingel vor sich. „Ich glaube nicht, dass Sie alles erzählt haben.“

KAPITEL XXIV

In der festen Überzeugung, dass die Geschichte von Hazel Rath weitgehend das Produkt einer hysterischen Einbildung war, verdrängte Merrington sie aus seinem Geist und widmete seine ganze Energie der Suche nach Nepcote. Die Aufgabe schien schwierig, aber Merrington verzweifelte nicht daran, sie vor dem Tag der vertagten Anhörung der Anklage gegen das Mädchen zu vollenden. Er wusste, dass es für einen gesuchten Mann schwierig war, in einer zivilisierten Gemeinschaft für längere Zeit unentdeckt zu bleiben, wenn die Verfolgung entschlossen genug war, und in diesem Fall unterstützte die Militärpolizei die Kriminalbehörden.

Merringtons eigene Pläne für Nepcotes Gefangennahme basierten auf dem Glauben, dass er nicht die Mittel hatte, aus London zu entkommen, es sei denn, die Heredith-Halskette wäre noch in seinem Besitz. Da das wahrscheinlich genug schien, wurde Nepcotes Beschreibung unter den Pfandleihern und Juwelieren verbreitet, mit der Bitte, jeden, der die Halskette anböte, festzuhalten, bis ein Polizist gerufen werden konnte. Er ließ auch Nepcotes frühere Zufluchtsorte beobachten, für den Fall, dass der junge Mann versuchen sollte, sich an einen seiner Freunde oder Bekannten zu wenden, um ein Darlehen zu erbitten. Nachdem er diese Schritte in der Hoffnung unternommen hatte, Nepcote zur Aufgabe zu zwingen, falls er nicht in der Zwischenzeit gefasst würde, lenkte Merrington als Nächstes die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen darauf, London – wie er es ausdrückte – mit einem feinzinkigen Kamm zu durchsuchen, um seiner habhaft zu werden.

Aber es war dem Zufall zu verdanken, dass er seinen ersten Hinweis auf Nepcotes Bewegungen seit dessen Verschwinden erhielt. Er diktierte gerade offizielle Korrespondenz in seinem Privatbüro bei Scotland Yard, drei Tage nach seinem Besuch in Lewes, als ein untergeordneter Beamter eintrat, um zu sagen, dass ein Mann gekommen sei, der jemanden in Autoritätsposition sprechen wolle. Es war Merringtons Gewohnheit, Besucher zu empfangen, die Scotland Yard mit mysteriösen Anliegen aufsuchten, die sie im äußeren Büro nicht offenbaren wollten. Die Informationen, die er aus solchen Quellen erhielt, entschädigten mehr als genug für das gelegentliche Eindringen von Kriminellen mit Groll oder Langweilern mit öffentlichen Beschwerden.

Der Mann, der dem Pförtner in den Raum folgte, war weder das eine noch das andere, sondern ein verschrumpelter, weißgesichtiger Londoner mit einem scharfen Blick und dem falschen, kriecherischen Lächeln eines kleinen Ladenbesitzers. Er erklärte im schrillen Dialekt eines Cockney, dass sein Name Henry Hobbs sei – „'Enery 'Obbs“ war seine eigene Version davon – und er betreibe einen Pfandleihladen in der Caledonian Road. Er hätte Scotland Yard eigentlich früher aufsuchen wollen, erklärte er, aber seine Pläne seien durch ein familiäres Ereignis in seinem eigenen Haushalt durcheinandergebracht worden.

„Sie haben mich seitdem nur am Laufen gehalten“, fügte er hinzu und warf der hübschen Stenotypistin, die Merringtons Korrespondenz aufgenommen hatte, ein bedeutungsvolles Zwinkern zu. „Die Damen – Gott segne ihre 'Erzen – machen immer ein Riesengeschrei um einen Kleinen.“

„Wenn er legitim ist“, korrigierte Merrington barsch. „Miss Benson“, sagte er und wandte sich an die Stenotypistin, die bei dem Wort, wo er mit dem Diktieren aufgehört hatte, in einem Zustand schwebender Animation über der Schreibmaschine saß, „Sie können mich für eine Weile verlassen und später wiederkommen. Nun, mein Mann“, fuhr er fort, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, „ich habe keine Zeit, Babys zu diskutieren. Sagen Sie mir den Grund Ihres Besuchs.“

Der kleine Mann blieb mit der unerschütterlichen Gelassenheit des Cockney stehen.

„Wir dachten daran, ihn Victory 'Aig zu nennen. Victory, weil unsere Londoner Jungs den Krieg anscheinend in Windeseile beenden werden, und 'Aig nach unserem Kommandeur, dem guten alten Duggie 'Aig, dessen Name für mein Baby gut genug ist. Was meinen Sie? Regen Sie sich nicht auf, Gouverneur“, protestierte Mr. Hobbs hastig, in einiger Alarmierung über den Gesichtsausdruck Merringtons, „ich komme ja schon dazu, aber mein Kopf ist so voll von diesem hier Kind, dass ich kaum weiß, ob ich auf dem Kopf oder auf den Füßen stehe. Es ist so hier: Vor ein paar Tagen kam ein junger Mann in meinen Laden, um seine Weste zu verpfänden. Ich lieh ihm eine halbe Krone darauf, und er geht wieder. Aber gestern Nachmittag kommt er zurück, um ein kleines Etui zu verpfänden, wofür ich ihm einen Schilling leihe. Nun, ich wäre nicht überrascht, wenn dieser junge Mann nicht der junge Mann wäre, vor dem wir gewarnt wurden, als jemand, der wahrscheinlich eine Perlenkette anbietet.“

„Was lässt Sie das glauben?“

„Wegen der Beschreibung. Ich habe ihn beim ersten Mal nicht sehr beachtet, aber beim zweiten Mal schon, vielleicht weil ich gerade das Flugblatt gelesen hatte, bevor er reinkam. Er sieht ein bisschen heruntergekommen aus, seit es gedruckt wurde – war nicht rasiert und schien Pech zu haben – aber ich würde sagen, es ist derselbe Mann, sogar bis zu den grauen Strähnen an den Schläfen. War wohl mal ein bisschen ein Dandy und ein Gentleman, bevor er heruntergekommen ist, würde ich sagen.“

„Was lässt Sie das glauben?“, fragte Merrington, der kaum an die Theorie glaubte, dass Vornehmheit ein eigenes Gütesiegel habe.

„Nicht seine weißen Hände – die sagen nichts aus. Es war seine Kleidung. Ich war Schneider in der Windmill Street, bevor ich mit dem Pfandleihen anfing, und ich kenne mich aus. Der Anzug dieses Kerls war nicht in der City oder an einem dieser Orte in Cheapside zusammengehackt worden, wo sie Schilder ins Fenster hängen, dass der Vorarbeiter der Zuschneider der einzige Mann in der Straße ist, der zwölf Pfund die Woche bekommt. Die kamen auch nicht aus Crouch End. Das waren erstklassige West-End-Kleidungsstücke. Bei Kleidung ist es wie bei Vollblutpferden und Frauen – man erkennt sie immer, egal wie tief sie in der Welt gesunken sind. Und so ist es auch mit den Schuhen. Die Schuhe dieses Kerls waren tagelang nicht geputzt worden, aber es waren Schuhe, keine Löcher, in die man seine Füße steckt, wie die meisten Leute sie tragen.“

„Sie haben keine Anstalten gemacht, ihn festzuhalten?“

„Wie hätte ich das können? Er bot die Halskette nicht an oder sagte etwas über Juwelen, also hatte ich keinen Grund, ihn aufzuhalten. Ich konnte sehen, dass er die ganze Zeit, als er im Laden war, so nervös war wie eine Dame, also habe ich, bevor ich ihm einen Schilling für sein Etui gab, es mit einem Kreuz markiert, als etwas, das der Polizei helfen könnte, auf seine Spur zu kommen, falls er der Mann ist, hinter dem Sie her sind. Als er ging, bin ich zu meiner Tür gegangen, um zu sehen, ob ein Polizist in Sicht war, aber natürlich war keiner da. Ich bezweifle allerdings, ob er ihn gekriegt hätte. Er war wie vom Blitz getroffen weg, sobald er den Schilling hatte – eine Seitenstraße runter und dann eine andere rauf, in Richtung King's Cross. Hier ist das Etui, das er verpfändet hat. Die Weste habe ich nicht mitgebracht, aber Sie können sie haben, wenn sie Ihnen was nützt.“

Merrington warf einen flüchtigen Blick auf das kleine silberne Etui und nachdem er dem Pfandleiher ein paar Fragen gestellt hatte, erlaubte er ihm zu gehen. Dann drückte er auf die Klingel und ließ nach Detective Caldew rufen.

Eine halbe Stunde später verließ Caldew das Büro seines Chefs im Besitz der Geschichte des Pfandleihers, ergänzt durch so viel autoritativen Rat, wie Merringtons Geist für dessen Untersuchung vorschlagen konnte. Caldew schmeckte es nicht, dieser vagen Spur nachzugehen. Er war von der Erzählung des angeblichen Wiedererkennens Nepcotes durch Mr. Hobbs nicht beeindruckt, obwohl er als Detektiv wusste, dass unwahrscheinliche Aussagen manchmal zu wichtigen Ergebnissen führten. Aber das Element des Glücks spielte bei der Aufklärung von Zufallsaussagen eine große Rolle. Es gab einige Männer bei Scotland Yard, die ein scheinbares Märchen in eine erschreckende Tatsache verwandeln konnten, aber es gab auch andere, die scheiterten, wenn die Wahrscheinlichkeiten größer waren. Caldew hielt sich für einen dieser Pechvögel.

Doch das Glück war ihm an diesem Tag hold. Zumindest schien es ihm so an diesem Abend, als er nach einem langen und anstrengenden Nachmittag, den er in den elenden Straßen und Slums von St. Pancras und Islington verbracht hatte, nach Holborn zurückkehrte. Die Glücksgöttin, die ihre Gunst mit wahrhaft weiblicher Laune verteilte, hatte es sich in den Kopf gesetzt, im letzten Moment für ihn das scheinbar unmögliche Kunststück zu vollbringen, den markierten Schilling des Pfandleihers durch verschiedene schmutzige Hände bis in die Tasche des Mannes zurückzuverfolgen, der das Etui verpfändet hatte. Ob sie ihm die letzte Gunst erweisen würde, indem sie ihm ermöglichte zu beweisen, ob dieser Mann und Nepcote identisch waren, war ein Punkt, den Caldew an jenem Abend auf die Probe stellen wollte.

Caldew war bei einem so erfolgreichen Tagewerk in bester Stimmung, und er stieg aus der Straßenbahn mit der Absicht, ein paar angenehme Stunden zu verbringen, indem er sich ein kleines Abendessen in der Stadt gönnte, bevor er nach Islington zurückkehrte, um seine Untersuchungen abzuschließen. Er wanderte von der New Oxford Street über Soho zum Charing Cross und musterte die Speisekarten der Restaurants, während er vorbeiging, mit dem unentschlossenen Blick eines armen Mannes, der nicht daran gewöhnt war, das Privileg zu genießen, hohe Preise für schlechtes Essen in fremder Umgebung zu zahlen.

Die fremden Gerüche und fettigen Unannehmlichkeiten der Old Compton Street stießen seinen englischen Appetit ab, und er legte keinen Wert darauf, sich unter die Scharen von Vorstadtbewohnern zu mischen, die ihre Lebensfreude dadurch feierten, dass sie bei Drei-und-Sechs-Penny-Table-d'hôtes sowie einfachem Burgunder und Chianti im billigen Glanz der Wardour Street derbe Fröhlichkeit zur Schau stellten. Als disziplinierter Ehemann und Vater erlaubte Caldews Geldbeutel ihm keine weiter westlich gelegenen Einkehrorte, weshalb er, als er Charing Cross erreichte, sein Gesicht in Richtung Fleet Street wandte. Er hatte sich fast schon für ein kleines englisches Speisehaus auf halbem Wege durch den Strand entschieden, als er Colwyn begegnete.

Der Privatdetektiv trug einen abgetragenen Tweedanzug und einen weichen Hut, was sein Erscheinungsbild beträchtlich veränderte. Er wollte gerade das Speisehaus betreten, hielt jedoch beim Anblick Caldews, der durch das Fenster spähte, inne und trat vor, um ihm die Hand zu schütteln.

„Denken Sie daran, hier zu speisen, Caldew?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Caldew. „Es scheint ein ruhiger Ort zu sein.“

„Diesen Vorzug hat es zweifellos“, erwiderte Colwyn und warf einen Blick in das leere Innere des kleinen Restaurants. „Sie sollten besser mit mir speisen, falls Sie nichts Besseres vorhaben. Ich würde mich gern mit Ihnen unterhalten.“

Caldew drückte erfreute Zustimmung aus. Er hatte den Privatdetektiv nicht mehr gesehen, seit er ihm eine Abschrift von Merringtons Notizen über dessen Befragung von Hazel Rath überbracht hatte, und er wollte wissen, ob Colwyn neue Entdeckungen im Fall Heredith gemacht hatte.

Als sie eintraten, sprang ein Kellner, der sich gegen das Kassierpult gelehnt hatte, in geschmeidige Betriebsamkeit und eilte mit einem Lächeln vorweggenommener Dankbarkeit die Treppe hinauf, wobei er nach hinten blickende Einladungen wie eine kulinarische Sirene aussandte, die sie an einen Ort der Glückseligkeit lockte. Er führte sie in einen Raum mit Blick auf das Thames Embankment, hängte ihre Hüte auf, nahm die Weinkarte aus dem Rahmen des Spiegels über dem Kaminsims, notierte die Bestellung für das Abendessen und verschwand nach unten, um die Gerichte zu holen.

„Mir scheint, Sie waren schon einmal hier“, sagte Caldew.

„Ich komme immer hierher, wenn ich eine Expedition zu unternehmen habe“, lautete die Antwort.

Caldew fragte sich, ob die Expedition seines Begleiters mit dem Heredith-Geheimnis zusammenhing, doch bevor er die Frage formulieren konnte, kehrte der Kellner mit einer Flasche Wein zurück, und kurz darauf erschien das Abendessen. Erst als die Mahlzeit beendet war, sprach Colwyn das Thema an, das seinen Gast am meisten beschäftigte, indem er ihn fragte, ob er bei der Suche nach Nepcote Erfolg gehabt habe.

„Wir suchen noch immer nach ihm“, lautete Caldews abwägende Antwort, während er eine Zigarre aus dem Etui seines Begleiters annahm.

„In Islington zum Beispiel?“ Das Licht, das Colwyn seiner eigenen Zigarre hielt, enthüllte das Lächeln auf seinen Lippen.

Caldew war von dieser scharfsinnigen Vermutung so überrascht, dass ihm das Streichholz aus den Fingern glitt.

„Was lässt Sie glauben, dass wir in Islington nach Nepcote suchen?“, verlangte er zu wissen.

„Ich bin mit den geistreichen Methoden von Scotland Yard nicht unvertraut“, lautete die Antwort. „Ich kann mir bildlich vorstellen, wie Merrington das mit einer Maßstabkarte von London ausklügelt. Er ist überzeugt, dass Nepcote noch immer in London ist, ohne einen Penny in der Tasche. Merrington fragt sich, was Nepcote unter solchen Umständen wohl tun wird. Bei seinen Freunden borgen oder versuchen, einen Scheck einzulösen? Dem beugen wir vor, indem wir seine Clubs und seine Bank überwachen. Mittel für die Halskette beschaffen – falls er sie hat? Merrington weiß, wie man das unterbindet, indem er die Pfandleiher und Juweliere warnt. Wenn er das getan hat, genießt er die Genugtuung, dass sein Mann von der Versorgung abgeschnitten ist, mittellos durch das herzlose London irrt, so hilflos wie ein Findelkind im Wald. Wo wird er sich verstecken? Er ist ein Mann aus dem West End, der von London außerhalb von Piccadilly wenig weiß, also stehen die Chancen gut, dass er nicht weit kommt und seine Irrfahrten in Kapitulation oder Verhungern enden. Doch Scotland Yard kann nicht darauf warten, dass er sich ergibt, und Merrington, dessen Vorstellungskraft durch die Notwendigkeit, ihn zu finden, angestachelt wird, entscheidet sich für Islington – das sogenannte fröhliche Islington der unterwürfigen Londoner Chronisten, obwohl meine persönlichen Beobachtungen ergeben haben, dass seine Bewohner nur dann fröhlich sind, wenn sie dem Alkohol zusprechen. Islington ist überfüllt, Islington beherbergt Kriminelle, und Islington ist ein ideales Versteck. Daher, sagt Merrington, lassen Sie uns unseren Mann dort suchen.“

„Ach kommen Sie, Mr. Colwyn, so leicht lassen Sie mich nicht abspeisen. Irgendjemand muss Ihnen gesagt haben, dass ich heute dort draußen war.“

„Ich habe Sie selbst gesehen. Tatsächlich habe ich in diesem Teil von London nach Nepcote gesucht – in einem Gebiet zwischen Farringdon Street und Euston.“

„Warum ausgerechnet dort? London ist ein weites Feld.“

„Ich habe versucht, es einzugrenzen, indem ich die Möglichkeiten abgewogen habe. Die Vororte sind unsicher, ebenso das West End; die City bietet einem Flüchtling keinen Schutz. Bleiben die ärmeren, übervölkerten Gebiete, die Docks und das East End. Aber das hilft uns nicht viel weiter, denn es bleibt immer noch ein riesiges Feld übrig. Was es für mich beträchtlich einschränkte, ist meine feste Überzeugung, dass Nepcote unter Berücksichtigung aller Umstände nicht weit von dem Ort weggekommen ist, an dem wir ihn zuletzt gesehen haben. Was mich schließlich dazu bewog, Islington als Ausgangspunkt für meine Suche zu wählen, war jenes seltsame Gesetz der menschlichen Anziehungskraft, das einen Flüchtling dazu treibt, ein kriminelles Viertel als Zuflucht zu suchen. Ein gejagter Mann scheint einen feinen Spürsinn für jene zu entwickeln, die wie er außerhalb des Gesetzes stehen. Islington hat, wie Sie wissen, einen hohen Prozentsatz an Kriminellen in seiner Bevölkerung. Jedenfalls suche ich in Islington nach Nepcote.“

„Obwohl ich Ihre Theorie mit Fehlern behaften könnte, muss ich zugeben, dass Sie recht haben“, sagte Caldew. „Nepcote versteckt sich in Islington. Zumindest glauben wir das“, fügte er vorsichtig hinzu.

„Gut! Wie haben Sie das herausgefunden?“

Caldew berichtete seinem Begleiter die Einzelheiten des Besuchs des Pfandleihers bei Scotland Yard an jenem Morgen.

„Ich habe den ganzen Nachmittag in den kleinen Läden zwischen King's Cross und Upper Street nach Mr. Hobbs’ markiertem Schilling gesucht“, sagte er. „Ich bin rein zufällig darauf gestoßen, nachdem ich beschlossen hatte, den Versuch aufzugeben. Einer der uniformierten Männer am Angel erzählte mir scherzhaft von einem Kaffeestandbesitzer, der am Morgen wutentbrannt zu ihm gekommen war wegen eines zufälligen Kunden, der ihn, in seinen eigenen Worten, über Nacht um einen Schilling geprellt hatte. Er zeigte dem Polizisten einen Schilling, den er von dem Mann bekommen hatte, und war der Meinung, er sei falsch, weil er mit einem Kreuz markiert war. Der Polizist steckte die Münze ein und gab dem Mann eine andere, um ihn loszuwerden. Ich erhielt den Schilling von ihm und ging, um den Kaffeestandbesitzer aufzusuchen. Seine Beschreibung des Mannes, der ihn weitergegeben hatte, ähnelte Nepcote, und er fügte die Information hinzu, dass der Kunde, nachdem er den Schilling für eine Tasse Kaffee gewechselt hatte, ihn gefragt habe, wo er ein Bett bekommen könne. Der Kaffeestandbesitzer verwies ihn an ein billiges Logierhaus in der Nähe des Angel. Ich ging zu diesem Logierhaus und stellte fest, dass ein Mann, auf den die Beschreibung passte, dort letzte Nacht geschlafen hatte und beim Verlassen des Hauses heute Morgen sagte, er werde heute Nacht für ein Bett dorthin zurückkehren. Ich habe einen Polizisten, der den Ort bewacht, und ich werde in Kürze dorthin gehen, um diesen Kerl zu sehen – falls er zurückkommt. Haben Sie Lust, mitzukommen?“

„Ich komme mit Vergnügen mit“, sagte Colwyn, der diese Geschichte mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hatte.

„Dann sollten wir uns wohl auf den Weg machen. Aber sagen Sie, erwähnen Sie das nicht gegenüber Merrington, falls etwas schiefgeht und ich es nicht schaffe. Der alte Mann hat es in diesem Fall auf mich abgesehen, und mein Leben wäre keinen Pfifferling wert, wenn Nepcote uns wieder durch die Finger schlüpfen würde. Ich will versuchen, ihn zu überraschen, und ihn wissen lassen, dass es bei Scotland Yard auch noch andere Männer außer ihm gibt.“

„Ich glaube nicht, dass Sie viel von Merrington zu befürchten haben“, sagte Colwyn und lachte laut auf. „Er ist derzeit in einer geläuterten Stimmung. Aber Sie können sich auf meine Diskretion verlassen, und ich hoffe, Sie kriegen Ihren Mann.“

„Ich glaube, das werde ich“, entgegnete Caldew in zuversichtlichem Ton. „Wollen wir aufbrechen?“

Colwyn bezahlte die Rechnung, und sie machten sich auf den Weg durch die dunklen Straßen, über die ein leichter Herbstnebel niederging. Die Untergrundstraßenbahn von Kingsway brachte sie zum Angel, wo sie ausstiegen. Caldew bahnte sich seinen Weg durch die ungewaschene Bevölkerung dieses Zentrums und bog in eine Seitenstraße ein, wo ein Schwarm heruntergekommener Frauen auf den Karren der fliegenden Händler in der Mitte der Straße um welkes Gemüse feilschte. Er bog erneut in eine schmalere Straße ab, die von diesem Straßenmarkt abging, und blieb stehen, als er deren Ende erreichte. Er stieß seinen Begleiter an und deutete auf ein Schild mit der Aufschrift „Gute Betten“, das unter einer Fackel in einem Türrahmen gegenüber zu sehen war.

„Das ist das Haus“, sagte er.

Ein Polizist kam auf sie zu, der so plötzlich wie ein Gespenst aus dem Nebel auftauchte, und nickte Caldew zu.

„Nichts zu machen“, verkündete er kurz. „Ich habe den Ort die ganze Zeit beobachtet, aber er ist nicht hereingekommen.“

„Alles klar“, sagte Caldew. „Sie können es jetzt mir überlassen. Ich werde Sie nicht länger brauchen. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, und gute Nacht auch Ihnen, Mr. Colwyn“, antwortete der Polizist und wandte sich mit einem Lächeln dem Privatdetektiv zu. „Ich habe Sie wegen des Nebels erst nicht erkannt. Ich wusste nicht, dass Sie bei diesem Auftrag dabei sind.“

„Und ich hoffe, dass Sie das nicht erwähnen werden, jetzt wo Sie es wissen“, schaltete sich Caldew hastig ein.

„Ich doch nicht. Ich gehöre nicht zu der Sorte, die viel redet.“ Der Polizist nickte noch einmal freundlich und verschwand in der Seitenstraße.

Die beiden Detektive standen dort und hielten Wache, vor den Blicken der Passanten geschützt im tiefen Torweg eines leeren Ladens. Die Fackel, die im Türrahmen gegenüber schwenkte, erlaubte es ihnen, jeden zu mustern, der das Logierhaus auf der Suche nach einem Bett betrat. In ihrem Licht konnten sie unter dem großen Schild „Gute Betten, acht Pence“ sogar ein kleineres entziffern, das hinzufügte: „Oder zwei Personen, ein Schilling“, was durch seine sorgfältige Formulierung darauf hinzuweisen schien, dass diejenigen, die im jungen Traum der Liebe gefangen waren, die Abgeschiedenheit der Kojen dort drinnen suchen konnten, ungehindert von lästigen Fragen konventioneller Moral, und durch seine triumphale Rechtfertigung der uralten Empfindung, dass Liebe alles besiegt, dazu beitrug, der Demokratie zu versichern, dass der Unterschied zwischen West-End-Hotels und Islington-Logierhäusern lediglich im Preis bestehe.

Doch die Besucher des Logierhauses in dieser Nacht deuteten auf die Knechtschaft unter weniger romantischen Tyrannen als Amor hin. Trunksucht, Krankheit und Not waren die Herren der übel beleumundeten Männer, die in Abständen hineinschlurften, den Preis für ein Bett durch ein Guckloch am Eingang schoben und dafür ein schmutziges Ticket erhielten. Diese Transaktionen und die Gesichter der verlausten Logiergäste waren für die Beobachter auf der anderen Straßenseite deutlich zu sehen, aber keiner der Männer glich Nepcote. Kurz nach zehn Uhr begannen Regentropfen träge durch den Nebel zu fallen, und als wäre dies das Signal zum Schließen, erschien die Gestalt eines Mannes im Türrahmen des Logierhauses und machte sich daran, die Fackel zu löschen.

„Wir sollten besser hinübergehen“, sagte Caldew.

Sie gingen über die sickernde Straße, und er sprach den Mann im Türrahmen an.

„Sie machen heute Abend früh zu“, bemerkte er.

Der Mann ließ von seiner Beschäftigung ab, um sie anzustarren. Er war ein übel beleumundetes Exemplar einer unsterblichen Seele mit aufgedunsenem Gesicht, hängendem Bauch und einem einwöchigen Bart auf dem schmutzigen Kinn. Eine kurze schwarze Pfeife steckte verkehrt herum in seinem Mund, und seine Kleidung bestand aus einem am Hals offenen Hemd, einer Hose, die von keiner sichtbaren Stütze gehalten wurde, und einem Paar alter Pantoffeln. Offenbar von seiner langen Musterung der beiden Besucher überzeugt, dass sie nicht auf der Suche nach einer Unterkunft waren, antwortete er in barschem Ton:

„Was zum Teufel geht das Sie an? Wenn Sie uns wissen lassen, wann Sie kommen, bleiben wir die ganze Nacht offen – das glaub ich kaum.“

Caldew drängte an ihm vorbei, ohne sich auf eine Diskussion einzulassen, und öffnete eine Tür neben dem Guckloch am Eingang. Ein Mann saß am Tisch im Inneren und rechnete im Schein einer Kerze die Einnahmen der Nacht zusammen. Es war seltsam, jemanden, der dem Grab so nahe war, mit solch gieriger Habgier Pfennige zählen zu sehen. Sein verhärmtes altes Gesicht war lang und gelb, und die hervorstehenden Wangenknochen und eingefallenen Wangen verliehen ihm eine sargähnliche Form. Seine kleinen, versunkenen Augen waren unter buschigen, überhängenden Augenbrauen fast völlig verloren, und aus seinem geschrumpften Mund ragte ein einzelner schwarzer Stoßzahn nach oben, als wolle er die Spitze einer langen, scharfen Nase erreichen. Er schreckte vor Schreck von seinen Abrechnungen auf, als die Tür aufgestoßen wurde, und steckte eine Hand in eine Schublade in seiner Nähe, vielleicht auf der Suche nach einer Waffe. Dann erkannte er Caldew und lächelte das beschwichtigende Lächeln eines Mannes, der Grund hatte, die Kräfte der Obrigkeit zu fürchten.

„Der Kerl, hinter dem Sie her sind, ist heute Nacht nicht aufgetaucht“, murmelte er.

„Sie schließen sehr früh. Er könnte noch kommen.“

„Hat keinen Zweck, wenn er's tut. Er kommt nicht rein. Alle meine Stammgäste sind da, und ich werde kein Licht verschwenden, um auf einen zufälligen Acht-Pence-Kunden zu warten. Vielleicht möchten Sie das Zimmer sehen, in dem er letzte Nacht geschlafen hat?“

Caldew nickte, und der Logierhausbesitzer rief den Mann, den sie die Tür schließen gesehen hatten, herbei und wies ihn an, den Herren das Einzelzimmer zu zeigen. Der Mann zündete eine Kerze an und führte die Detektive in den obersten Stock des Hauses. Er öffnete die Tür zu einem sehr kleinen und schmutzigen Zimmer mit schräger Decke und einem zerbrochenen Fenster. Ein Stück schmutziger Lumpen, das vor das Fenster gehängt worden war, flatterte geräuschvoll, als der Regen durch das Loch peitschte. Der Mann hielt die Kerze hoch, damit die Besucher das Zimmer von seiner besten Seite betrachten konnten.

„Wir verlangen zwei Pence mehr für dieses Schlafzimmer, weil es eine Einzelkoje ist“, sagte er, nicht ohne einen Anflug von Stolz in seiner Stimme.

„Und das Geld ist es wohl wert“, bemerkte Caldew.

„Hören Sie mal, Mr. ... Spaßvogel, ich habe Sie nicht hier hochgebracht, um mir sarkastische Bemerkungen anzuhören“, entgegnete der Mann mit der plötzlichen Wut eines starken Trinkers. „Wenn Sie genug gesehen haben, sollten Sie besser verschwinden. Ich will schlafen gehen.“

„Sie sollten sich besser benehmen, wenn Sie nicht in Schwierigkeiten geraten wollen“, riet Caldew.

„Sie sind also ein Bulle, was? Verdammt, wenn ich das nicht gedacht hätte, sobald ich ein Auge auf Sie geworfen habe. Aber Sie haben nichts gegen mich in der Hand, also kümmert mich Ihr Gewäsch einen Dreck. Sie sollten besser schnell machen.“

Caldew beachtete ihn nicht weiter, sondern schloss sich Colwyn bei der Untersuchung des Zimmers an. Sie fanden nichts, was auf seinen letzten Bewohner hindeutete. Die einzigen Gegenstände im Zimmer waren ein Bett, ein zerbrochener Stuhl und ein Holzbalken, der schräg gegen eine der Wände geschoben war und zu fallen drohte, um in einer windigen Nacht das elende Bett und seinen Bewohner unter sich zu begraben. Nach einer kurzen Suche wandten sie sich ab und gingen nach unten. Die Tür wurde hinter ihnen sofort zugeschlagen, und das Drehen des Schlosses sowie das Rasseln einer Kette verrieten ihnen, dass das Haus für die Nacht geschlossen war.

Caldew zog seinen Mantelkragen hoch, um sich vor der Hartnäckigkeit des Regens zu schützen, und drückte seine Enttäuschung über das Scheitern der nächtlichen Expedition in einem bitteren Spott über sein Pech aus. Zuerst dachte er, er würde noch ein wenig länger Wache halten, dann änderte er seine Meinung, als er einen Blick auf die wenig vielversprechende Nacht warf, und entschied, dass es die Mühe nicht wert sei. Er wohnte in der Edgeware Road, also schüttelte er Colwyn die Hand und machte sich auf den Weg zur Untergrundbahn in King's Cross.

Colwyn kehrte zum Angel zurück, um nach einem Taxi zu suchen. Der Nebel lichtete sich, und die Menschenmengen kamen mit dem müden Blick von Leuten, die vergeblich für Unterhaltung bezahlt hatten, aus den Kinos und einem Varieté. Vor dem Varieté warteten einige Taxis auf die wohlhabenderen Besucher des gehobenen Vaudeville, die von dem seltenen Versprechen eines intellektuellen Pavians, dem das Gehirn eines Staatsmannes nachgesagt wurde, ins Innere gelockt worden waren und sich die Ehre des „Hauptprogramms“ mit zwei charmanten Schwestern aus einer West-End-Show teilten. Die Taxifahrer sagten, sie seien besetzt, und weigerten sich unhöflich, den Detektiv zum Ludgate Circus zu fahren.

Ein Omnibus aus Bermondsey stürzte durch den Nebel, verteilte den Straßenschmutz auf die hastenden Vergnügungssuchenden und hielt an der Ecke, um seine schmerzliche Ladung feuchter Menschheit noch zu vergrößern. Diejenigen, die bereits im dunklen Inneren saßen, verharrten steif und regungslos wie Leichen in einem Leichenwagen, während die Neuankömmlinge hineinkletterten, Schlamm und Wasser über sie verteilten und nach den Riemen unter der Decke tasteten. Colwyn versuchte nicht einzusteigen. Sogar eine Straßenbahn nach Smithfield wäre besser als das Innere eines Busses in einer nassen Nacht.

Eine alte Droschke fuhr vorbei und kroch niedergeschlagen heimwärts. Der Kutscher hielt sein ausgemergeltes Pferd beim Anblick Colwyns an, der am Bordstein stand, und hob fragend die Peitsche. Er fügte einen mündlichen Appell hinzu, sich mieten zu lassen, der auf der unglaublichen Annahme beruhte, dass ein Mann leben müsse, was er mit einer zum durchnässten Himmel erhobenen Peitsche verkündete, während er einen im Nebel unsichtbaren Gott anrief, Zeuge zu sein, dass er in dieser Nacht kein Rad gedreht habe. Die Formulierung des Appells half Colwyn, sich daran zu erinnern, dass es derselbe Kutscher war, der Philip Heredith und ihn in jener Nacht angesprochen hatte, als sie zum Moat-House gefahren waren.

Er mietete die Droschke und stieg in das dunkle Innere. Die Peitsche, die in frommer Hoffnung gehoben worden war, fiel als segnender Dank auf die bloßen Rippen des Pferdes. Das Gefährt ruckelte über die Kreuzung am Angel in die schäbigen Bezirke der St. John's Street. Nach kurzer Zeit kündigte der überwältigende Geruch von geschlachteten Tieren die Nähe von Smithfield an. Die Droschke bog in die Charterhouse Street in Richtung Farringdon Market ab und hielt wenig später unter dem Torbogen am Ludgate Circus.

„Ich überlasse es Ihnen, Sir“, flüsterte der Kutscher heiser. Seine erwartungsvolle Handfläche schloss sich starr um die Silbermünzen, und seine Peitsche schlug mit dem Knall eines Pistolenschusses auf die mageren Seiten seines Pferdes, als er wendete und den Detektiv auf der Straße stehen ließ.

Der Nebel war fast vollständig abgezogen, doch die unbeleuchteten Straßen waren in tiefe Finsternis getaucht, durch die Gruppen später Wanderer vage hindurchzogen und wie Geister in der Dunkelheit der Ewigkeit verschwammen. Als Colwyn gerade den Korridor betreten wollte, der zu seinen Räumen führte, streifte ihn ein Mann im Türrahmen. Es lag etwas an der Gestalt, das dem Detektiv bekannt vorkam, und er ging schnell hinter ihm her. Im Licht der abfahrenden Droschke sah er sein Gesicht. Es war Nepcote.

KAPITEL XXV

In jener schnellen, unerwarteten Erkenntnis bemerkte Colwyn, dass der Mann, nach dem sie gesucht hatten, blass und abgezehrt aussah. Er stand ganz still im Türrahmen, sein Atem ging in schnellen Stößen.

„Wir haben nach Ihnen gesucht, Captain Nepcote“, sagte Colwyn.

„Das ist mir bewusst. Ich habe darauf gewartet, Sie zu sehen, aber niemand hat auf mein Klingeln geantwortet.“

„Mein Mann ist aus. Sie sollten besser mit nach oben in meine Räume kommen.“

Er führte den Weg zum Fahrstuhl am Ende des Korridors. Als sie die Räume erreichten, schaltete Colwyn das elektrische Licht ein. Nepcote ließ sich erschöpft in einen Stuhl fallen, und zum ersten Mal konnte Colwyn sein Gesicht deutlich sehen.

Er sah sehr krank aus: Daran konnte kein Zweifel bestehen. Sein Gesicht war hager und unrasiert, seine Kleidung war verschmutzt, seine Haltung von völliger Niedergeschlagenheit geprägt. Er kauerte im Stuhl und atmete hastig, eine Hand gegen seine rechte Seite gepresst, als hätte er Schmerzen. Gelegentlich hustete er: ein kurzer, hoher Husten, der ihn zusammenzucken ließ.

„Sie sollten das besser trinken, bevor Sie reden“, sagte Colwyn.

Er reichte ihm ein Glas mit Brandy und Wasser. Nepcote ergriff es gierig und schüttete es hinunter.

„Ich habe mir eine schlimme Erkältung geholt“, sagte er mit heiserer, unnatürlicher Stimme. „Ich konnte nicht länger durchhalten. Deshalb bin ich heute Nacht gekommen, um Sie zu sehen. Aber ich hatte die Hoffnung bereits aufgegeben. Ich habe einige Zeit geklingelt.“

„Sie kamen, um sich zu stellen?“

„Ja; ich habe es satt – absolut. Ich war ein Narr, als ich Reißaus nahm. Ich hatte eine schreckliche Zeit, habe im Freien und in verlausten Absteigen geschlafen, während die Polizei mich auf Schritt und Tritt verfolgte. Ich habe es so lange ausgehalten, wie ich konnte, aber heute war ich krank, und als ich sah, wie ein Polizist die Absteige bewachte, in der ich heute Nacht schlafen wollte, spürte ich, dass ich aufgeben musste.“

„Warum sind Sie zu mir gekommen, anstatt zur Polizei zu gehen?“

„Ich dachte, ich würde bei Ihnen auf mehr Verständnis stoßen. Ich weiß, dass Sie nach Mrs. Herediths Halsband suchen. Hier ist es.“

Er zog ein kleines, in schmutziges Seidenpapier eingewickeltes Päckchen aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Die unordentlichen Falten öffneten sich und enthüllten das vermisste Halsband, doch der Diamant fehlte an der antiken Schließe.

„Der Diamant ist da drin“, sagte er und legte eine kleine Pappschachtel neben die Perlen. „Ich wünschte, ich hätte das verfluchte Ding niemals gesehen.“

„Wie kommen Sie in den Besitz von Mrs. Herediths Halsband?“

Nepcote zögerte mit der Antwort.

„Ich war durch Mrs. Herediths Tod schrecklich mitgenommen“, sagte er schließlich. „Ich kannte sie, bevor sie Phil Heredith heiratete. Wir waren alte Freunde.“

Die Unlogik dieser Aussage überzeugte Colwyn, dass er Zeit gewinnen wollte, um eine ausweichende Antwort zu formulieren.

„Wenn das alles ist, was Sie zu sagen haben, ist es zwecklos, dieses Gespräch in die Länge zu ziehen“, bemerkte er kalt.

„Ich – ich werde Ihnen sagen, woher ich das Halsband habe“, sagte Nepcote mit gesenktem Blick. „Mrs. Heredith hat es mir gegeben.“

„Warum hat Mrs. Heredith Ihnen ihr Halsband gegeben?“

„Sie bat mich, für sie etwas Geld darauf aufzunehmen.“

„Zu welchem Zweck?“

„Das kann ich nicht sagen. Hübsche Frauen brauchen immer Geld. Es mag für Kleidung gewesen sein, für Bridge oder alte Schulden. Sie brachte mir eines Tages das Halsband und bat mich, etwas Geld darauf zu beschaffen. Ich schlug ihr vor, sich an ihren Mann zu wenden, aber sie sagte, sie brauche etwas zusätzliches Geld und wolle nicht, dass er davon erfahre.“

„Und Sie sind ihrer Bitte nachgekommen?“

„Ja, nachdem sie mich mehrmals gedrängt hatte. Ich bin immer ein Narr, wenn Frauen im Spiel sind. Ich versprach ihr, in London Geld auf das Halsband aufzunehmen. Das war der Beginn meines Unglücks. Aber wer hätte das voraussehen können? Wie hätte ich wissen sollen, was geschehen würde?“

Er saß eine Weile mit düsteren Augen da, wie ein Mann, der von der Bedrohung durch die Ereignisse abgestoßen wurde, und brach dann wild hervor:

„Ich bin in einer schrecklichen Lage. Wer wird mir glauben? Mein Gott, was für ein Narr ich gewesen bin!“

„Sie tun sich keinen Gefallen damit, so weiterzumachen“, sagte Colwyn. „Sie verschweigen etwas. Mein Rat an Sie ist, völlig offen mit mir zu sein und mir alles zu erzählen.“

„Sie müssen mir zuerst ein paar Minuten Zeit geben, um darüber nachzudenken“, antwortete Nepcote. Er warf einen zweifelnden Blick auf den Detektiv und verfiel wieder in ein brütendes Schweigen.

„Bevor Sie noch mehr sagen, ist es meine Pflicht, Sie über meine eigene Verbindung zu dem Fall zu informieren“, sagte Colwyn. „Es gab eine Verhaftung wegen des Mordes, wie Sie zweifellos wissen, aber die Familie ist nicht davon überzeugt, dass die richtige Person verhaftet wurde. Sie werden verdächtigt.“

„Glauben sie, dass ich Violet ermordet habe? Oh, daran habe ich nicht im Traum gedacht“, fügte er hinzu, als Colwyn schwieg. „Ich dachte, Sie und die Polizei würden wegen des Halsbandes nach mir suchen. Es ist noch schlimmer, als ich dachte. Ich werde Ihnen jetzt alles erzählen. Vielleicht helfen Sie mir dann, denn ich bin unschuldig.“

Bis zu diesem Moment hatte er seine Beteuerungen mit einer erregten Ungestümheit hervorgestoßen, die von einem Geist zeugte, der unter einer schweren Last litt, auch wenn nicht festzustellen war, ob dieser Gemütszustand aus Angst oder dem Bewusstsein der Schuld herrührte. Seine jetzige Ruhe bildete den seltsamsten Kontrast dazu. Es war, als wäre er durch die Erkenntnis ernüchtert worden, wie schwierig es sei, einen Außenstehenden von seiner Unschuld an einem abscheulichen Verbrechen zu überzeugen, in das er durch ein entsetzliches Netz von Umständen tief verstrickt war.

Er begann damit, vage seine frühere Freundschaft mit dem ermordeten Mädchen zu erklären. Er hatte sie zwei Jahre zuvor in London kennengelernt. Ihre Beziehungen, wie er sie schilderte, vermittelten die übliche Geschichte einer flüchtigen Bekanntschaft, die sich in der vertrauten Atmosphäre von abgelegenen Restaurants entwickelte, später mit Tänzen und Theaterbesuchen. Seine Geschichte über diese Phase enthielt alle vertrauten Elemente, die den Rahmen einer modernen, abgeklärten Liebesepisode bilden, auf die sich ein Mann und eine Frau sehenden Auges einlassen. Auf männliche Art unterließ Nepcote alles, was den Ruf des toten Mädchens hätte schädigen können, doch es waren gerade seine Zurückhaltung und seine Auslassungen, die das Bild für seinen Zuhörer vervollständigten. Er sagte, ihre Flirterei habe geendet, als Violet sich mit Philip Heredith verlobte. Seiner eigenen Darstellung nach habe er sich in dieser heiklen Situation vernünftig genug verhalten und sei danach nur widerstrebend der Einladung zum Moat-house gefolgt. Mit einer seiner zurückhaltenden Ausweichmanöver überspielte er den Grund für seinen Sinneswandel, doch Colwyn ahnte, dass es auf die weibliche Abneigung zurückzuführen war, eine alte Romanze zu begraben. Wahrscheinlich hatte Violet ihm geschrieben und ihn gebeten zu kommen.

Er vermittelte Colwyn ein Bild der Zustände im Moat-house, als er ankam. Es war eine unbewusste Enthüllung seinerseits von einem flatterhaften, oberflächlichen Mädchen, das überstürzt einen wohlhabenden jungen Mann wegen seines Geldes geheiratet hatte, sich schnell durch den langweiligen Anstand des englischen Landlebens gelangweilt fühlte und sich nach ihrem früheren Dasein sehnte – nach den fröhlichen Zerstreuungen ihrer unverantwortlichen Londoner Tage. Es schien, als begrüße sie in dieser Stimmung Nepcote als ein liebes Bindeglied zur Vergangenheit und suchte seine Gesellschaft so häufig, dass es zu Peinlichkeiten kam. Natürlich war nichts dabei – Nepcote betonte dies heftig –, sie war gelangweilt, die arme Frau, und mochte mit ihrem alten Freund über alte Zeiten sprechen, aber es war unbehaglich, verdammt unbehaglich in einem Landhaus voller müßiger Leute und neugieriger Bediensteter, die nichts anderes zu tun hatten, als ihre Augen zu gebrauchen.

Sie hatte ihn beiseite genommen, um ihm von ihren kleinen Sorgen zu erzählen. Miss Heredith hielt sie nicht für gut genug für Phil – da war sie sich sicher. Sie hatten den Vikar und alte Schachteln zum Tee, und sie musste sich deren Geschwätz anhören. Sie gingen alle kurz nach zehn zu Bett – genau dann, wenn die Leute in London gerade erst wach wurden und ausgingen. Und sie musste sonntags zur Kirche gehen, weil es von ihr erwartet wurde – ob er jemals so einen Unsinn gehört habe – und so weiter. Es schien, als langweile sie alles in ihrem Leben. Natürlich verehrte Phil sie, aber das half ihr nicht viel. Wie auch, fragte Nepcote und fixierte seinen Zuhörer mit brennendem Blick, wenn sie ihn nur wegen seines Geldes geheiratet hatte?

Es schien, als habe er ihr den Rat gegeben, den seine weltliche Erfahrung nahelegte. Er sagte ihr, sie solle Phil dazu bringen, sie ab und zu zur Abwechslung nach London mitzunehmen. Er riet ihr, sich von niemandem Unsinn gefallen zu lassen, und wies sie darauf hin, dass sie die zukünftige Lady Heredith sei und, innerhalb gewisser Grenzen, praktisch tun könne, was sie wolle.

Diese intimen Details über das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen brachten Nepcote zum entscheidenden Punkt seines Besitzes des Halsbandes. Er gab nun zu, dass seine frühere Geschichte unwahr war. Die tatsächliche Wahrheit war, dass er dringend Geld für seine Spielschulden benötigt hatte. Er erzählte Violet von seiner Lage und fragte sie, ob sie ihm Geld leihen könne. Das konnte sie nicht, und anstatt Phil zu fragen, hatte sie ihm aus alter Freundschaft ihr Halsband angeboten, damit er darauf Geld aufnehmen oder den Diamanten aus der Schließe direkt verkaufen könne. Er nahm ihr Angebot an und fuhr am folgenden Tag nach London, um zu versuchen, den Diamanten zu verkaufen. Wendovers Karte war ihm von einem Kameraden in Frankreich als die eines Mannes gegeben worden, der einen guten Preis für Juwelen zahlte, ohne zu viele Fragen zu stellen. Aber der Diamantenhändler war seinem Ruf nicht gerecht geworden. Er hatte sich geweigert, den Diamanten auch nur anzusehen. Er war schrecklich unhöflich gewesen, hatte ihn behandelt, als wäre er ein Taschendieb, und ihn praktisch aus seinem Büro geworfen. Tatsächlich war seine ganze Haltung so verdächtig, dass Nepcote beschloss, es sei besser, seine Spielschulden offenstehen zu lassen, als das Risiko einzugehen, Geld auf die Juwelen einer verheirateten Frau aufnehmen zu wollen. Er kehrte zum Moat-house zurück und ließ das Halsband in seinem Schreibtisch in seiner Wohnung eingeschlossen.

An dieser Stelle hörte Nepcote wieder auf zu sprechen, unterbrochen von einem Hustenanfall, und als dieser vorüber war, richteten sich seine Augen auf das Fenster, als ob er auf das sanfte Trommeln des Regens gegen die Scheiben lauschte. Eine Zeit lang saßen die beiden Männer da, ohne dass im Raum ein anderes Geräusch zu hören war als Nepcotes mühsames Atmen. Als er wieder fortfuhr, sprach er mit beschleunigter Betonung, wie ein Mann, der sich bewusst war, dass er zu dem Teil seiner Erzählung kam, der am wenigsten glaubwürdig war.

„Es geschah drei Nächte später“, sagte er. „Ich war in meinem Zimmer und schrieb einige Briefe, bevor ich mich zur Ruhe begab, als ich ein leichtes und hastiges Klopfen an meiner Tür hörte. Als ich öffnete, stand Violet dort. Sie trat schnell ein. Bevor ich meine Meinung über ihre rücksichtslose Torheit äußern konnte, brach sie in leidenschaftliches Schluchzen und Vorwürfe aus. Alles sei meine Schuld – das war der Kern ihrer Vorwürfe zwischen ihrem Schluchzen. Es dauerte eine Weile, bis ich aus ihr herausbekam, was nicht stimmte. Dann erzählte sie mir, dass Sir Philip sie gebeten habe, das Halsband bei einem Tanz zu tragen, den wir am nächsten Abend besuchen sollten. Da erfuhr ich erst, dass das Halsband Violet von Sir Philip als Hochzeitsgeschenk überreicht worden war. Violet maß dem Geschenk so wenig Bedeutung bei, dass sie mir das Halsband gegeben hatte, in der Annahme, es würde nicht vermisst werden, doch sie hatte ihren Fehler in jener Nacht entdeckt. Es war in Anwesenheit von Phil und Miss Heredith gewesen, dass Sir Philip sie gebeten hatte, es zu tragen. Violet versuchte sich herauszureden, indem sie sagte, die Perlen seien glanzlos und das Halsband müsse neu gefasst werden. Als sie das hörte, hatte Miss Heredith den Raum verlassen und war mit Mr. Musard zurückgekehrt, einem alten Freund der Familie, der an jenem Tag zu einem Kurzbesuch eingetroffen war. Er ist ein Kenner von Juwelen, und Miss Heredith bat ihn um Rat bezüglich des Halsbandes. Musard sagte ihr, dass die Perlen schon lange eine fachgerechte Behandlung, technisch als ‚Häuten‘ bekannt, bräuchten, und er bot an, das Halsband zwei Tage später mit nach London zu nehmen und es von einem Experten machen zu lassen. Violet nahm das Angebot an und versprach Sir Philip dann, dass sie das Halsband auf der Feier tragen würde.

Sie schlich nach oben, um mich zu sehen, sobald sie es wagte. Sie war sehr erleichtert, als sie erfuhr, dass ich mich nicht von dem Halsband getrennt hatte, und sie wollte, dass ich nach London fuhr und es zurückholte, damit sie es auf der Feier tragen konnte. Ich war dazu bereit, aber ich bezweifelte, ob ich rechtzeitig zurückkehren könnte. Der örtliche Zugverkehr war wegen des Krieges eingeschränkt worden, und der einzige Zug, den ich zurück erwischen konnte, erreichte Heredith erst um halb acht.

Es war Violet, die den Plan ausheckte. Die große Sache – die entscheidende Sache für sie, betonte sie, sei es, das Halsband rechtzeitig zu haben, um es Musard zu geben, bevor er nach London fahre. Sie sagte, sie könne sich leicht vor dem Tanz drücken, indem sie vortäusche, eine ihrer schlimmen Kopfschmerzattacken zu haben, und sie wolle Mrs. Weyne nicht wieder treffen. Ihre Idee war, dass ich vorgeben sollte, nach Frankreich zurückgerufen worden zu sein, meine Abreise bis zum Nachmittagszug hinauszuzögern, um Verdacht zu vermeiden, und heimlich mit dem Halsband zurückzukehren. Sie sagte, der Nachmittagszug erreiche London um fünfundzwanzig Minuten nach fünf, was mir fünfunddreißig Minuten Zeit ließe, ein Taxi zu meiner Wohnung zu nehmen, das Halsband zu holen und den Rück-Express um sechs Uhr zu erwischen. Ich sollte den Zug in Weydene Junction verlassen, wo mich wahrscheinlich niemand erkennen würde, und querfeldein zum Moat-house laufen. Sie erwartete, dass die anderen bis zu meiner Ankunft im Haus bereits zu den Weynes aufgebrochen wären, sodass die Luft rein wäre. Ich sollte das Haus durch eine kleine, unbenutzte Tür an der Rückseite des linken Flügels betreten, die sie für mich unverschlossen lassen würde, und am Fuß der Treppe warten, bis sie herunterkäme.

Dieser Plan gefiel mir wegen des Risikos nicht, aber Violet wurde fast hysterisch, als ich Einwände erhob. Sie sagte, es bestehe keine Gefahr und es sei ihre einzige Chance auf Sicherheit. Sie glaubte, Phil ahne etwas, weil er sie seltsam angesehen hatte, als sie unten über das Halsband gesprochen hatten. Ich schob das auf ihre Nervosität, aber ich erkannte, dass sie das Halsband haben musste, also gab ich nach und sagte, ich würde tun, was sie wollte. Ich habe es seitdem bitter bereut, dass ich nicht offen nach London und zurück gefahren bin, selbst auf die Gefahr hin, ein wenig müßige Neugier zu erregen.

Ich kündigte am nächsten Morgen beim Frühstück meine Rückberufung und Abreise an und kehrte mit dem Nachmittagszug nach London zurück. Ich fuhr zur Sherryman Street, holte das Halsband und kehrte gerade rechtzeitig nach Victoria zurück, um den Sechs-Uhr-Express zu erwischen. Ich verließ den Zug in Weydene und lief über die Felder zum Moat-house. Es war schon völlig dunkel, als ich dort ankam. Ich überquerte die hintere Brücke über den Burggraben und ging zu der Tür im linken Flügel, wie wir es vereinbart hatten. Zu meiner Überraschung war sie verschlossen.

Ich wartete vor der Tür und erwartete, dass Violet herunterkäme. Alles war still, also dachte ich, die anderen müssten zum Tanz aufgebrochen sein. Aber die Zeit verging, und niemand kam. Dann beschloss ich, um die Seite des Flügels zu schleichen und zu sehen, ob in Violets Schlafzimmer Licht brannte. In diesem Moment hörte ich einen lauten Schrei von irgendwo oben, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall.

Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, aber ich wusste, dass ich dort nicht gefunden werden durfte, also schlich ich auf demselben Weg zurück, den ich gekommen war. Ich lief an der Außenseite der Burggrabenmauer entlang, auf den Wald vor dem Haus zu. Als ich an Violets Fenster vorbeikam, blickte ich hoch, und es war dunkel. Ich nehme an, deshalb habe ich den Schuss oder den Schrei nicht mit ihr in Verbindung gebracht.

Ich stürzte durch den Wald, bis ich zur Zufahrt gelangte. Von dort aus war die Vorderseite des Moat-house für mich sichtbar. Ich konnte Lichter aufblitzen sehen und Leute, die sich hastig bewegten. Nachdem ich dort eine Weile gestanden hatte, sah ich einen Mann hastig über die Brücke des Moat-house in meine Richtung eilen, also ging ich zurück in den Wald und versteckte mich hinter einem Baum. Der Mann blieb stehen, als er die Zufahrt entlangging, und blickte in Richtung des Baumes, hinter dem ich kauerte. Er rief: ‚Wer ist da?‘ Ich erkannte seine Stimme. Es war Tufnell, der Butler. Ich dachte, ich sei entdeckt, und kroch in ein Unterholz, aber nach einem Moment ging er weiter.

Ich blieb eine Zeit lang – eine Stunde oder länger – im Unterholz verborgen. Einmal hörte ich Schritte auf dem Kiesweg knirschen, dann war wieder alles still. Nachdem ich noch eine Weile gewartet hatte, beschloss ich, nach Weydene zurückzulaufen und nach London zurückzukehren. Aber ich machte einen so weiten Umweg aus Angst, gesehen zu werden, dass ich den Weg verlor, und es war fast Mitternacht, als ich mich in Rainchester, an der Hauptstrecke, wiederfand, gerade rechtzeitig, um den letzten Zug nach London zu erwischen.

Es war ein schrecklicher Schock für mich, als ich am nächsten Morgen meine Zeitung aufschlug und von dem Mord an der armen Violet las. An so etwas hatte ich niemals gedacht. Zuerst konnte ich an nichts anderes denken als an ihr schreckliches Ende, doch dann fiel mir ein, dass meine eigene Lage schwierig werden würde, wenn der Verlust des Halsbandes entdeckt würde. Da in den Zeitungen nichts über das Halsband stand, schloss ich daraus, dass es nicht vermisst worden war. Aber ich wusste, dass die Polizei nach Hinweisen suchen würde und den Verlust jeden Moment entdecken könnte. Ich wusste, dass es für mich gefährlich war, es in meinem Besitz zu behalten, also beschloss ich, es unverzüglich loszuwerden.

Zuerst dachte ich daran, es anonym zurückzugeben, aber ich verwarf diesen Gedanken sofort als zu gefährlich. Dann dachte ich daran, es in den Fluss zu werfen. Mir kam jedoch in den Sinn, dass ich, falls die Polizei durch irgendeinen Zufall herausfände, dass mir das Halsband gegeben worden war, und ich es bei einer Befragung nicht vorlegen könnte, erst recht in der Klemme säße. Also versuchte ich, an ein sicheres Versteck zu denken, wo ich es im Notfall in die Hände bekommen könnte. Mir fiel keines ein. Die Zeit verging, und bevor ich mich entschieden hatte, was ich mit dem Ding tun sollte, kam mein Diener und sagte, es sei Zeit, den Bootszug zu erwischen. Also steckte ich das Halsband schließlich in meine Tasche und nahm es mit nach Frankreich. Dort schien es für den Moment so sicher zu sein wie irgendwo sonst.

Ich fuhr nur zur Basis, also sah ich jeden Tag die Londoner Zeitungen. Ich war sehr erleichtert, als ich von der Verhaftung von Hazel Rath wegen des Mordes las. Ich kehrte mit dem Gefühl nach London zurück, einigermaßen sicher zu sein, obwohl es mir seltsam vorkam, dass der Verlust des Halsbandes nicht entdeckt worden war.

Ich dachte, alles sei herausgekommen, als Sie und dieser Detektiv von Scotland Yard meine Wohnung besuchten. Aber Merrington schien keinen Verdacht gegen mich zu hegen, und ich fing gerade an zu glauben, dass ich endgültig sicher sei, als er bemerkte, die Polizei wisse von dem verschwundenen Halsband. Ich fuhr zusammen, und das hat mich zumindest Ihnen gegenüber verraten. Ich sah, wie Sie auf Wendovers Karte blickten, als sie auf den Tisch fiel, und ich wusste, dass Sie mich verdächtigten.

Nachdem Sie beide gegangen waren, hatte ich eine schlimme halbe Stunde. Ich konnte sehen, dass ich in einer gefährlichen Klemme steckte. Sie kannten die Adresse des Diamantenhändlers, zu dem ich gegangen war und der mich zweifellos identifizieren könnte. Ich hatte meine eigene Lage verschlimmert, indem ich über das Telegramm des Kriegsministeriums gelogen hatte, was leicht zu beweisen war. Es gab auch die Möglichkeit, dass die Polizei von meiner Rückkehr nach Heredith in der Mordnacht erfahren könnte. Ich sah damals nicht, was all diese Tatsachen für mich bedeuteten, obwohl ich es jetzt tue. Aber ich fürchtete die Verhaftung wegen des Diebstahls des Halsbandes, mit der Alternative der Gefängnisstrafe, wenn ich schwieg, oder der Konfrontation mit einem schrecklichen Skandal, wenn ich die Wahrheit sagte. Auf beides war ich nicht vorbereitet.

Ich schlief jene Nacht in einem Hotel, weil ich eine Verhaftung fürchtete, aber am nächsten Morgen kehrte ich früh in die Wohnung zurück, um meine Khaki-Uniform gegen einen zivilen Anzug zu tauschen. Nachdem ich in der Nacht über alles nachgedacht hatte, war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich am meisten von Ihnen zu befürchten hätte, und beschloss, Sie zu beobachten. Wenn Sie während des Tages nicht Wendovers Laden aufsuchten, schien es mir, als würde ich mich unnötig beunruhigen. Sie wissen, was passiert ist. Ich habe Reißaus genommen, als ich Sie aus dem Gebäude kommen sah, und bin stundenlang umhergeirrt, ohne zu wissen, was das Beste sei. Als ich feststellte, dass ich kein Geld hatte – nichts in meinen Taschen außer diesem verfluchten Halsband, das ich mitgenommen hatte, weil ich wusste, dass die Wohnung durchsucht werden würde –, beschloss ich, zur Wohnung zurückzukehren, um das Geld zu holen, das ich in meinen anderen Kleidern zurückgelassen hatte. Ich kam zu spät. Als ich die Sherryman Street erreichte, sah ich zwei Männer, die die Wohnung von dem gegenüberliegenden Garten des Platzes aus beobachteten, und ich wusste, dass ich verhaftet würde, wenn ich hineinging.

Was nützt es, darüber zu sprechen, was folgte? Ich hatte von Anfang an nicht den Hauch einer Chance. Glauben Sie, Sie wüssten irgendetwas über London? Glauben Sie mir, das tun Sie nicht, solange Sie nicht mit leeren Taschen darin ausgesetzt wurden. Es ist eine Stadt der Vampire und steinernen Herzen, eine brodelnde, unmenschliche Hölle, in der man umherirren kann, bis man zusammenbricht und stirbt, ohne dass einem jemand einen mitleidigen Blick schenkt – geschweige denn eine helfende Hand reicht. Selbst der Schutzengel eines Menschen verlässt ihn dort. Es dauert nicht lange, bis ein Mann in der Gosse landet, tiefer und tiefer fällt, bis nichts mehr vor ihm liegt als das Themse-Ufer oder das Leichenschauhaus. Mir wurden die Augen geöffnet – ich habe mit einigen dieser armen Teufel in dieser christlichen Stadt gesprochen. Aber was nützt es, Ihnen das zu erzählen? Ich selbst bin in den letzten Tagen in der Gosse gelandet, jeden Tag tiefer gesunken, bin hungrig und wundgelaufen inmitten von Herden respektabler menschlicher Bestien umhergeirrt, habe mich vor dem Blick jedes Polizisten geduckt, Kleider für den Preis eines verlausten Bettes versetzt, um die ganze Nacht wach zu liegen und zu wissen, dass ich von den geiergesichtigen Degenerierten, die in derselben Hütte schliefen, ermordet würde, wenn sie auch nur einen Blick auf das Halsband erhascht hätten.

Wie viele wilde Pläne habe ich in der Nacht geschmiedet, um am Morgen Geld für das Halsband zu bekommen! Einmal ging ich in ein Pfandleihhaus, doch die Augen des Pfandleihers glitzerten, als ich von Perlen sprach, und ich verschwand so schnell ich konnte. Ich nehme an, es war eine Belohnung ausgesetzt, und er hielt nach mir Ausschau. Auf die eine oder andere Weise bin ich durch die Hölle gegangen. Ich fühle mich wie ein Mann im Fieber. Ich war gestern völlig durchnässt, und ich habe seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen.

Er verstummte und starrte ins Leere, als durchlebte er erneut den Horror seiner Irrfahrten. Dann überkam ihn ein weiterer Hustenanfall, lang anhaltend und heftig. Als er abgeklungen war, sah er Colwyn mit blutunterlaufenen Augen an.

„Mir geht es ziemlich schlecht“, sagte er schwach.

Diese Tatsache war dem Detektiv schon seit geraumer Zeit klar. Nepcotes häufige Hustenanfälle und eine eigentümliche nasale Intensität beim Sprechen deuteten auf eine Lungenentzündung hin. Als Colwyn den Telefonhörer abhob, um einen Arzt zu rufen, kam ihm der Gedanke, dass, falls das unmittelbare Problem der Unterbringung Nepcotes durch dessen Krankheit gelöst wäre, seine Unfähigkeit, Fragen zu beantworten, seine eigene sofortige Rückkehr zum Moat-House erforderlich machte. Jedenfalls war dieser Schritt nach dem, was er gerade gehört hatte, unvermeidlich. Nur an dem Ort, an dem der Mord begangen worden war, konnte er hoffen, zwischen der Wahrscheinlichkeit von Nepcotes seltsamer Geschichte und dem Geständnis von Hazel Rath zu abwägen. Dort, wenn er sich nicht sehr irrte, musste die endgültige Lösung des Heredith-Rätsels gesucht werden.

KAPITEL XXVI

Es war später Nachmittag, als Colwyn am folgenden Tag Heredith erreichte. Der kurze englische Sommer, der unter dem unerträglichen Schicksal der Vergänglichkeit für alles Schöne starb, bot das Schauspiel eines schleichenden Verfalls in einem hektischen Aufflackern von Rotbraun und Purpur, wie eine verwelkte Frau, die versucht, das Unvermeidliche mit kläglichen Farben und Schminke aufzuhalten.

In dieser Szene befand sich das Moat-House in vollkommener Harmonie, eingestimmt durch seine eigene Gebrechlichkeit auf die allgemeine Auflösung seiner Umgebung. Sein Anblick war eine verschlossene Front der Blicklosigkeit, eine Blindheit aus Backstein und Stein gegenüber dem Wechsel der Jahreszeiten und der Sinnlosigkeit des Daseins. Die Terrassengärten hatten die Todesfarben des Herbstes angenommen, doch das Haus zeigte eine gealterte Gleichgültigkeit gegenüber den Tricks der versklavten Natur auf Geheiß der Schöpfung.

Colwyns Läuten an der Tür wurde von Milly Saker beantwortet, deren bäuerliches Starren bei seinem Anblick von einem ebenso breiten Grinsen des Wiedererkennens gefolgt wurde. Sie geleitete ihn in die Halle und machte sich auf die Suche nach Miss Heredith. Nach kurzer Zeit erschien Miss Heredith. Sie sah erschöpft und krank aus, doch sie begrüßte Colwyn mit einem freundlichen Lächeln und einem festen Händedruck und führte ihn in die Bibliothek. Erfrischungen wurden gebracht, und während Colwyn an einem Glas Wein nippte, äußerte seine Gastgeberin die einleitenden Konversationsfloskeln einer englischen Dame. Hatte er eine angenehme Reise gehabt? Die Straßen seien zu dieser Jahreszeit sehr gut für Autofahrten, und die Landschaft sehe wunderschön aus. Viele Leute meinten, dies sei die beste Zeit, um das Land zu sehen. Es sei ein schöner Herbst, aber die örtlichen Bauern glaubten, die Zeichen deuteten auf einen harten Winter hin. So plauderte sie, bis das Glas Sherry ausgetrunken war. Dann verfiel sie in Schweigen, mit einer gewissen Erwartung in ihrem milden Blick, als warte sie darauf, dass Colwyn den Grund seines Besuchs nannte.

„Ich nehme an, Sie sind hergekommen, um Phil zu sehen?“, sagte sie, da Colwyn nicht sprach. „Leider ist er nicht zu Hause“, fuhr sie fort und beantwortete ihre eigene Frage auf die weibliche Art. „Er ist für ein paar Tage mit Mr. Musard nach Devon gefahren. Das war meine Idee. Ich wollte, dass er auf andere Gedanken kommt. Er ist schrecklich niedergeschlagen, und das ist natürlich schlecht für ihn. Ich hoffe, ihn davon zu überzeugen, mit Vincent eine völlige Veränderung zu suchen, wenn diese – diese schreckliche Angelegenheit abgeschlossen ist.“ Wieder suchte ihr Auge das seine.

„Wann erwarten Sie ihre Rückkehr?“

„Morgen Abend. Phil wollte nicht länger wegbleiben. Er hat darauf gewartet, von Ihnen zu hören. Können Sie bis dahin bleiben?“

„Sehr gerne. Tatsächlich bin ich darauf vorbereitet, ein oder zwei Tage zu bleiben. Ich habe noch einige Nachforschungen anzustellen, die mich während dieser Zeit beschäftigen werden.“

„Dann werden Sie natürlich bei uns wohnen, Mr. Colwyn.“

„Sie sind sehr gütig, aber ich möchte Ihnen keine Umstände bereiten. Ich habe mir ein Zimmer im Gasthof genommen.“

„Es sind keine Umstände. Ich werde einen Mann schicken, um Ihre Sachen zu holen. Phil würde es nicht mögen, wenn Sie im Gasthof bleiben – und ich auch nicht.“ Miss Heredith erhob sich, während sie sprach. „Bitte tun Sie, was immer Sie möchten, Mr. Colwyn. Ich verstehe vollkommen, dass Sie Arbeit haben und alleine sein möchten.“

„Danke. Dann werde ich bleiben.“

Colwyn saß noch eine Weile, nachdem sie ihn verlassen hatte, und schmiedete seine Pläne. Er war ihr dankbar für ein Taktgefühl, das während ihres kurzen Gesprächs nicht über die Grenzen unausgesprochener Gedanken hinausgegangen war, doch noch mehr freute ihn die glückliche Abwesenheit von Phil und Musard in dieser Phase seiner Ermittlungen. Er begrüßte die Gelegenheit, ungestört arbeiten zu können, da er nicht bereit war, die Aussagen von Nepcote und Hazel Rath einem der Bewohner des Moat-House preiszugeben, bevor er die Plausibilität beider Geschichten im Umfeld des Verbrechens geprüft hatte.

„Bisher hat sich alles sehr glücklich gefügt“, war der Gedanke, der in ihm aufstieg. „Und nun – an die Arbeit.“

Er warf einen Blick auf seine Uhr. Es war fast vier Uhr. Seine unmittelbaren Pläne waren ein Spaziergang nach Weydene und eine weitere Beobachtung des Schlafzimmers, das Mrs. Heredith im linken Flügel bewohnt hatte. Er beschloss, die Untersuchung des Zimmers auf später zu verschieben, um beim Spaziergang über die Felder den Vorteil des schwindenden Tageslichts zu nutzen.

Als er zum Moat-House zurückkehrte, war es dunkel und die Stunde des Abendessens fast gekommen. Diese Mahlzeit nahm er mit Sir Philip und Miss Heredith im verblichenen Glanz des großen Speisezimmers ein – drei gesittete Gestalten an einer hell erleuchteten Oase aus schneeweißem Leinen und Silber, mit dem nüchternen schwarzen Tufnell im Hintergrund. Sir Philip begrüßte Colwyn mit seinem müden, freundlichen Lächeln. Er schien etwas gebrechlicher, aber durchaus animiert, als er seinem Gast einen besonderen Claret aufdrängte und ihm wie ein Kind, das von einem versprochenen Leckerbissen erzählt, berichtete, dass er am nächsten Abend auswärts speisen würde. Er bestand darauf, die wunderbare Neuigkeit im Detail zu erzählen. Er hatte den Bitten eines alten Freundes nachgegeben – Lord Granger, dem Botschafter, der gerade nach fünfjähriger Abwesenheit von England nach Granger Park zurückgekehrt war und kein Nein akzeptierte. Aber es war Aletheas Werk – sie hatte alles arrangiert.

„Ich werde die Uhr der Zeit zurückdrehen“, sagte er mit einem schwachen Kichern. „Die Zeiger ganz zurückstellen.“

„Ich glaube, es wird ihm gut tun, nicht wahr, Mr. Colwyn?“, sagte Miss Heredith mit einem wehmütigen Lächeln.

„Daran habe ich keinen Zweifel“, sagte Colwyn mit einem erwidernden Lächeln. „Ein Treffen mit einem alten Freund ist immer eine gute Sache. Begleiten Sie Sir Philip?“

„Oh ja. Ohne sie würde ich nicht gehen“, sagte der Baronet mit dem hilflosen Blick eines senilen Menschen. „Du gehst doch mit, Alethea, nicht wahr?“

„Natürlich, Philip“, war die sanfte Antwort.

Dieses Gespräch, so flüchtig und zerfahren es auch war, gab dem Detektiv einen ausreichenden Hinweis auf die schwere Last, die Miss Heredith trug. Der Baronet konnte während des restlichen Abendessens von nichts anderem mehr sprechen, und als die Mahlzeit beendet war, bat er seinen Gast, ihn zu entschuldigen, da er eine gute Nachtruhe finden wolle, um sich für die Aufregung des bevorstehenden Ausflugs zu wappnen. Mit einem entschuldigenden Lächeln an Colwyn folgte ihm seine Schwester aus dem Zimmer.

Der alte Butler beschäftigte sich am Anrichtetisch, während Colwyn noch am Tisch saß und an seinem Wein nippte. Seine Bewegungen waren so bedächtig, dass sie den Verdacht nahelegten, er habe es nicht eilig, den Raum zu verlassen, und die Blicke, die er Colwyn zuwarf, wann immer er sich aus dessen Sichtfeld bewegte, trugen die zusätzliche Andeutung in sich, dass der Detektiv die unbewusste Ursache seiner Langsamkeit sei. Mehr als einmal öffnete er nach diesen rückwärtigen Blicken die Lippen, als wollte er etwas sagen, tat es dann aber doch nicht. Es war Colwyn, der das Schweigen brach.

„Tufnell!“, sagte er.

„Ja, Sir?“ Der Butler stellte ein Geschirr auf den Anrichtetisch und trat rasch an den Stuhl des Detektivs.

„Ich möchte Ihnen ein oder zwei Fragen stellen. Sie waren es doch, der in der Nacht des Mordes die Hintertür des linken Flügels unverschlossen fand, nicht wahr?“

Der Butler verneigte sich ernst, sprach aber nicht.

„Was brachte Sie dazu, die Tür zu prüfen? Hatten Sie den Verdacht, dass sie unverschlossen sei?“

„Nein; es war nur Zufall, dass ich den Griff drehte. Ich bin es so gewohnt, das Haus abends abzuschließen, dass ich es tat, ohne nachzudenken. Ich hatte sicherlich nie erwartet, sie unverschlossen zu finden und den Schlüssel auf der Innenseite der Tür vorzufinden. Das war eine ziemliche Überraschung für mich. Ich habe mich seither oft gefragt, wer sie aufgeschlossen und den Schlüssel in der Tür gelassen haben könnte.“

„Sie sagten mir beim letzten Mal, als ich hier war, dass diese Tür gewöhnlich verschlossen ist und der Schlüssel in den Räumen der Haushälterin aufbewahrt wird. Ich nehme an, daran besteht kein Zweifel?“

„Keinerlei, Sir. Der Schlüssel hängt dort jetzt zusammen mit vielen anderen. Niemand denkt je daran, die Tür zu benutzen. Deshalb war ich so erstaunt, sie in jener Nacht offen zu finden.“

„Wenn der Schlüssel zusammen mit einer Reihe anderer hing, könnte er schon einige Zeit vorher genommen worden sein, ohne dass es aufgefallen wäre?“

„Genau das ist es, Sir. Es wäre vielleicht bis jetzt noch nicht bemerkt worden, wenn ich es nicht in jener Nacht entdeckt hätte.“

„Wie spät war es, als Sie sie fanden?“

„Kurz vor sechs Uhr – es dämmerte bereits, aber es war noch nicht dunkel.“

„Sie sind sich ganz sicher, dass Sie die Tür abgeschlossen haben, nachdem Sie sie offen gefunden hatten?“

„Daran kann kein Zweifel bestehen, Sir. Das Schloss war schwergängig, und ich habe am Türgriff gerüttelt, um sicherzugehen, dass ich richtig abgeschlossen hatte.“

„Haben Sie den Schlüssel sofort in die Räume der Haushälterin zurückgebracht?“

„Ich hatte vor, ihn nach dem Abendessen zurückzubringen, aber vor lauter Aufregung und Verwirrung habe ich es völlig vergessen. Er war noch in meiner Tasche, als ich Mr. Musard darüber informierte.“

„Hier ist eine weitere Frage, Tufnell, und ich möchte, dass Sie gut nachdenken, bevor Sie antworten. Glauben Sie, es wäre für irgendjemanden möglich gewesen, das Haus zu betreten und unbemerkt in den linken Flügel zu gelangen, während die Herrschaften an jenem Abend beim Essen waren?“

„Ich habe mir diese Frage seither mehrmals gestellt, Sir – da ich ein gewisses Verantwortungsbewusstsein verspüre. Es wäre schwierig gewesen, weil die Fenster der Schlafzimmer im Erdgeschoss des linken Flügels alle verschlossen waren. Es gab immer die Möglichkeit, dass einer der Bediensteten jemanden die Halle auf dem Weg zur Treppe durchqueren sah, es sei denn, die – Person beobachtete und wartete auf eine Gelegenheit.“

Colwyn nickte, als wolle er das Thema abschließen, doch der Butler blieb stehen. Vielleicht war es seine Erkenntnis über die Tragweite seiner letzten Worte, die ihm den Mut gab, das Thema anzusprechen, das ihn beschäftigte.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Sir?“, begann er zögernd.

„Was gibt es?“

„Es geht um die junge Frau, die verhaftet wurde, Sir. Gibt es eine Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Unschuld erweist?“

„Sie müssen einen besonderen Grund haben, mir diese Frage zu stellen, Tufnell.“

„Nun, Sir, mir ist bekannt, dass Mr. Philip sie für unschuldig hält.“

„Das sagten Sie mir schon, als ich das letzte Mal hier war, aber das ist nicht der Grund für Ihre Frage. Sie sollten besser offen sein.“

„Ich möchte offen sein, Sir, aber ich befinde mich in einer schwierigen Lage. Ich habe etwas erfahren, das von Bedeutung für die Lage dieser jungen Frau zu sein scheint, und von dem ich glaube, dass Sie es wissen sollten, aber ich muss meine Pflicht gegenüber der Familie bedenken. Es war etwas – etwas, das ich belauscht habe.“

„Wenn es auch nur den geringsten Lichtblick auf dieses Verbrechen wirft, ist es Ihre Pflicht, es zu offenbaren“, antwortete der Detektiv ernst. „Sie wissen, dass ich von Mr. Heredith in den Fall gerufen wurde, weil er von Hazel Raths Schuld nicht überzeugt ist.“

„Ganz recht, Sir. Aus diesem Grund habe ich versucht, mich dazu durchzuringen, mich Ihnen anzuvertrauen. Wenn Sie gehört haben, was ich zu sagen habe, werden Sie verstehen, wie schwer das ist. Es betrifft Mr. Philip, Sir. Seit seiner Krankheit mache ich mir Sorgen um seine Gesundheit, weil er so verändert ist, dass ich fürchtete, er könnte vor Kummer den Verstand verlieren. Er spricht kaum ein Wort mit jemandem, aber manchmal habe ich ihn vor sich hin murmeln sehen. Die Nacht, bevor er mit Mr. Musard wegfuhr, kam er nicht zum Abendessen herunter. Miss Heredith wollte einen Bediensteten auf sein Zimmer schicken, falls er den Gong nicht gehört hatte, aber ich bot an, selbst zu gehen. Als ich sein Schlafzimmer erreichte, hörte ich das schrecklichste Schluchzen, das man sich vorstellen kann. Dann, durch die halb geöffnete Tür, hörte ich Mr. Philip Gott den Allmächtigen anflehen, jemanden so leiden zu lassen, wie er gelitten hatte. Er nannte einen Namen –“

„Wessen Namen?“

Der Butler blickte ängstlich zur geschlossenen Tür, als vermute er Lauscher, und brachte es dann mit Mühe hervor:

„Captain Nepcote, Sir.“

Colwyn hatte diesen Namen erwartet. Nepcotes Aussage am Vorabend hatte ihn glauben lassen, dass Philip Heredith Nepcotes Verhältnis zu seiner Frau geahnt hatte, es aber nicht über sich brachte, dies zu offenbaren, als er um Unterstützung bat. Es war Colwyns Erfahrung, dass es nichts Selteneres gab als völlige Offenheit von Leuten, die zu ihm um Hilfe kamen. Es war Teil der tief verwurzelten Zurückhaltung des englischen Geistes, die sensible Angst vor Klatsch oder Skandal, in solchen Momenten etwas zurückzuhalten. Der Durchschnittsmensch war so sehr von Intelligenzschranken eingewickelt, dass er unfähig war zu begreifen, dass unterdrückte Fakten früher oder später ans Licht kommen mussten, wenn sie die Angelegenheit der Teil-Vertraulichkeit betrafen. Natürlich gab es manchmal die Alternative einer Zurückhaltung, die dazu dienen sollte, in die Irre zu führen. Falls das in diesem Fall eine Rolle spielte, war es eine zusätzliche Komplikation.

„Welche Interpretation haben Sie diesen belauschten Worten gegeben?“, fragte er den Butler. „Haben Sie vermutet, dass sie sich auf den Mord bezogen?“

„Nun, Sir –“, der Butler zögerte, als wisse er nicht, wie er sich ausdrücken solle. „Es stand mir nicht zu, Schlussfolgerungen zu ziehen, Sir, aber ich konnte nicht anders, als über das nachzudenken, was ich gehört hatte. Ich weiß, Mr. Philip hielt die junge Frau für unschuldig, und – Mrs. Heredith wurde mit Captain Nepcotes Revolver erschossen.“

„Ich verstehe. Sie hatten keinen anderen Gedanken im Kopf?“

„Nein, Sir. Was hätte ich sonst denken sollen?“

Der sanfte Tonfall des Butlers vermittelte einen solchen Anflug von Überraschung, dass Colwyn überzeugt war, dass er zumindest keinen Verdacht bezüglich des Geheimnisses zwischen Mrs. Heredith und Nepcote hegte.

„Ihr Vertrauen ist bei mir gut aufgehoben, Tufnell“, fügte der Detektiv nach einer Pause hinzu. „Aber auf Ihre Frage kann ich derzeit nicht antworten.“

„Sehr wohl, Sir.“ Der Butler wandte sich ohne weitere Bemerkung wieder dem Anrichtetisch zu und verließ wenige Minuten später das Speisezimmer.

Colwyn ging kurz darauf auf sein Zimmer und beschäftigte sich ein paar Stunden damit, seine Notizen zum Fall durchzugehen. Er hatte die Absicht, seinen Besuch in dem Schlafzimmer im linken Flügel hinauszuzögern, bis sich die Hausbewohner zurückgezogen hatten, um frei von den neugierigen Spekulationen und dem Gerede der Dienerschaft zu sein.

Das Moat-House hielt ländliche Zeiten ein, und als er seine Schreibarbeit beendet hatte und von seinem Zimmer herabstieg, fand er das Erdgeschoss in Dunkelheit vor. Eine Uhr irgendwo in der Stille schlug feierlich, als er rasch durch die Halle schritt. Ihre Schläge verkündeten gerade die elfte Stunde, als er die Treppe des linken Flügels hinaufstieg.

Die Einsamkeit des verlassenen Flügels war wie ein sich bewegendes, schauderndes Ding in der Trostlosigkeit der Stille und der Dunkelheit. Es war, als würden der hallende Korridor und die leeren Zimmer flüstern, mit dem Flehen der Vergessenen, nach freundlicher menschlicher Gesellschaft und Licht, um den Schrecken der finsteren Gestalten und brütenden Schatten zu vertreiben, die in der Stätte des Mordes lauerten. Colwyn betrat das Schlafzimmer, in dem Mrs. Heredith ermordet worden war, und schritt im Strahl seiner elektrischen Taschenlampe zum Bett, um das Licht einzuschalten.

Er stand eine Weile bewegungslos da und versuchte, sich die Art und Weise des Mordes vorzustellen. Wenn Hazel Rath die Wahrheit gesagt hatte, hatte der Mörder dort gestanden, wo er jetzt stand, als das Mädchen in der Dunkelheit den Raum betrat. Hatte das Licht vom Korridor, das durch die offene Tür drang, ihm ihre herannahende Gestalt offenbart? Wie lange hatte er dort in der Dunkelheit verharrt und auf den Moment gewartet, die Frau auf dem Bett zu töten?

Wenn Nepcote der Mörder war, musste er fast unmittelbar zuvor eingetreten sein, da er das Moat-House erst gegen halb acht erreichen konnte und der Schuss um zwanzig vor acht abgefeuert wurde. Woher hatte er gewusst, dass Mrs. Heredith dort allein in der Dunkelheit war? Ein heimliches Stelldichein hätte die Erklärung sein können, wenn die Zeit nach und nicht vor der Abreise der Hausbewohner für den Abend gewesen wäre. Aber selbst das zügelloseste Liebespaar würde zögern, seiner Leidenschaft zu frönen, während das Risiko einer zufälligen Entdeckung und Entlarvung so groß war.

Während er über die beiden Geschichten nachdachte, versuchte Colwyn nicht, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass Hazel, nach ihrer eigenen Darstellung, besser in den Tathergang passte als Nepcote. Sie hatte reichlich Gelegenheit, in den Raum zu schlüpfen und die Frau zu ermorden, die sie verdrängt hatte. Sie hatte den Fall gegen sich selbst tatsächlich durch das belastende Eingeständnis gestärkt, dass sie kurz vor der Tat heimlich das Zimmer von Mrs. Heredith aufgesucht hatte. Ihre Erklärung für den Schrei und den Schuss war so unwahrscheinlich, dass sie unglaubwürdig klang. Es war nicht verwunderlich, dass Scotland Yard es vorzog zu glauben, es sei die Erscheinung des verzweifelten Mädchens mit dem Revolver in der Hand gewesen, die ihr verschrecktes Opfer dazu veranlasst hatte, einen wilden Schrei auszustoßen, bevor der Schuss fiel, der ihr Leben beendete.

Doch Colwyn hatte sich nie allzu sehr von Umständen beeinflussen lassen. Äußerlichkeiten waren im komplizierten Gewirr menschlicher Angelegenheiten nicht immer ein sicherer Wegweiser. Dinge geschahen ständig, die die Erfahrung mit weit aufgerissenen Augen der Verwunderung zurückließen. Die Widersprüche der menschlichen Natur bestanden bei allen menschlichen Handlungen fort. Bei diesem Rätsel um das Moat-House, dem grimmigsten Paradoxon seiner glänzenden Karriere, war Colwyn entschlossen, die Vermutung der Fakten nicht zu akzeptieren, bis er sich davon überzeugt hatte, dass keine andere Interpretation möglich war. Sein feinsinniger Geist war durch einen Wegweiser des Zweifels in den schriftlichen Beweisen herausgefordert worden; ein Wegweiser, der so schwach war, dass er von anderen Augen unbemerkt blieb, aber für seine klarere Sicht warnend genug, um ihn mitten auf dem breiten Pfad der Indizienbeweise innehalten und nach einem verborgenen Pfad Ausschau halten zu lassen.

Dies war der Punkt, den er gegenüber Caldew in dessen Kanzlei erwähnt hatte, nachdem er die Abschrift der Aussagen des Leichenbeschauers gelesen hatte, die Merrington ihm geliehen hatte. Während er sie durchging, war ihm eine kuriose Tatsache aufgefallen. Das medizinische Gutachten besagte, dass die Todesursache eine kleine Einstichwunde war, nicht größer als eine Dreipencemünze, fügte aber die Information hinzu, dass das Loch im Kleid der toten Frau viel größer war, etwa vom Durchmesser einer Half-Crown-Münze. Der Pathologe der Regierung war zu dem Schluss gelangt, dass der Revolver sehr nah an den Körper gehalten worden sein musste, um das größere, versengte Loch zu erklären. Diese Schlussfolgerung war offensichtlich, doch Colwyn sah in den beiden Löchern mehr als das. Es schien ihm, dass der lebendige Flammenring, der durch den Schuss aus nächster Nähe verursacht wurde, vom Mörder gelöscht worden sein musste, da er sonst weiter geschwelt und sich in einem immer größer werdenden Kreis ausgebreitet hätte. Und dieser Gedanke führte zu einem anderen von weitaus größerer Bedeutung. Der Schuss war aus nächster Nähe abgefeuert worden, um die Zielgenauigkeit zu gewährleisten oder den Knall des Schusses zu dämpfen. Aber was auch immer die Absicht des Mörders war, der zweite Zweck war erreicht worden, ob absichtlich oder unabsichtlich. Wie kam es dann, dass das Geräusch des Schusses unten so laut zu hören war?

Als Colwyn durch das Zimmer ging und alles mit seinem schnellen, prüfenden Blick untersuchte, bemerkte er, dass die Position des Bettes verändert worden war, seit er es das letzte Mal gesehen hatte. Das Kopfende stand ein wenig schief und näher an der Wandseite als das Fußende. Der Unterschied war gering, aber Colwyn konnte einen Teil des Kamins sehen, der zuvor nicht sichtbar gewesen war. Das Bett stand fast in der Mitte des Raumes, das Fußende in einer Linie mit der Tür und das Kopfende etwa drei oder vier Fuß vom Kaminsims entfernt. Als Colwyn bei seinem letzten Besuch diese eher ungewöhnliche Position bemerkt hatte, war er zu dem Schluss gekommen, dass sie während der Sommermonate wegen der frischen Luft und des Lichts gewählt worden war, da das Fenster, das über die Terrassengärten blickte, näher an diesem Ende des Zimmers lag.

Colwyn trat an das Kopfende des Bettes und bückte sich, um die Bettpfosten zu untersuchen. Eine leichte Rille im tiefflorigen Teppich zeigte deutlich genug, dass das Bett ein paar Zoll zurückgeschoben worden war. Die Positionsveränderung war so geringfügig, dass sie dem Handeln eines Dieners beim Fegen des Zimmers hätte zugeschrieben werden können, wenn eine genauere Untersuchung nicht die Fortsetzung der Rille unter dem Bett enthüllt hätte. Die Schlussfolgerung war unmissverständlich: Das Bett war im ersten Fall viel weiter auf seinen Rollen zurückgeschoben und dann fast, wenn auch nicht ganz, in seine ursprüngliche Position zurückgebracht worden.

War das Bett bewegt worden, um Zugang zum Kamin zu erhalten? Er konnte keinen Grund für ein solches Vorgehen erkennen. Es war zu früh im Herbst, um Feuer zu benötigen, und der Raum war seit dem Mord nicht mehr bewohnt worden. Auf jeden Fall zeigte das Aussehen des Rostes, dass kein Feuer angezündet worden war. Es gab reichlich Platz, um zwischen dem Kopfende des Bettes und dem Kamin hindurchzugehen, wenn auch vielleicht nicht viel Raum für Bewegungen. Bei seinem letzten Besuch hatte Colwyn in diesen Zwischenraum geschaut, um seine Möglichkeiten als Versteck zu prüfen. Im beschleunigten Interesse an seiner neuen Entdeckung schob er das Bett beiseite und untersuchte es erneut.

Das Erste, was ihm ins Auge fiel, war ein Kratzer auf der polierten Oberfläche des Kamingitters. Er sah von jüngstem Ursprung aus und legte aus diesem Grund die Vermutung nahe, dass das Bett von jemandem bewegt worden war, der mehr Platz vor dem Gitter haben wollte. Zu welchem Zweck? Er wandte seine Aufmerksamkeit dem Gitter selbst zu, in der Hoffnung, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Das Gitter war leer, und in hausfraulicher Weise war ein Blatt weißes Papier auf die unteren Stäbe gelegt worden, um gelegentliche Rußflocken aus dem Schornstein aufzufangen. Aber es gab keine verbrannten Papiere oder verkohlten Fragmente, die darauf hindeuteten, dass das Gitter kürzlich benutzt worden war. Unzufrieden und ratlos wollte Colwyn gerade aufstehen, als seine Augen zufällig in eine Ecke schweiften und auf etwas Winziges und Metallisches in der Ritze zwischen dem weißen Papier und den Seitenstäben des Gitters fielen. Sich fragend, was es war, gelang es ihm, es mit Finger und Daumen herauszuholen. Es war ein Zündhütchen.

Diese Entdeckung, so seltsam sie war, schien auf den ersten Blick weit entfernt von den Umständen des Mordes, außer insofern, als sie den Gedanken an tödliche Waffen in die Vorstellung rief. Doch eine Waffe, die ein Zündhütchen zur Entladung benötigte, hatte nichts mit Violet Herediths Tod zu tun. Sie war durch eine Kugel getötet worden, die in Nepcotes Revolver passte, eine Waffe mit Stiftfeuerzündung. Das medizinische Gutachten hatte diese Tatsache zweifelsfrei festgestellt. Zudem war das Zündhütchen ungezündet, was sein Vorhandensein im Gitter noch schwerer erklärbar machte. Es sah so aus, als wäre es versehentlich fallen gelassen worden, aber wie kam es überhaupt dorthin? Die Seltsamkeit der Entdeckung wurde durch das Wissen verstärkt, dass Zündhütchen und Vorderlader mit dem Aufkommen der Hinterlader veraltet geworden waren. Wer benutzte heutzutage solche Dinge?

Durch den Anstoß jener mysteriösen Gedankenverbindung, die man Gedächtnis nennt, wurde Colwyn an seinen früheren Besuch in der Waffenkammer im Erdgeschoss erinnert und an Musards Aussage über das berühmte Paar Pistolen in der messingbeschlagenen Mahagonikiste, die „auf fünfzig Yards so präzise wie ein Gewehr trafen, aber einen starken Rückstoß hatten“. Sie gehörten in die Zeit zwischen Hinterladern und den alten Steinschlosswaffen und waren wahrscheinlich Vorderlader. Mit dieser plötzlichen Erinnerung entsann sich Colwyn auch, dass Musard ihm die Pistolen nicht hatte zeigen können, weil der Schlüssel des Kastens verlegt oder verloren gegangen war.

Dieser Vorfall, so unbedeutend er damals erschienen war, schien kaum an Bedeutung zu gewinnen, wenn man ihn in Verbindung mit der Entdeckung des Zündhütchens im Gitter betrachtete. Abgesehen von dem Anreiz für das Gedächtnis, den das Zündhütchen hervorgerufen hatte, gab es keine sichtbare Koordination zwischen den beiden Fakten, da es anscheinend völlig sicher war, dass Mrs. Heredith mit Nepcotes Revolver erschossen worden war und mit keiner anderen Waffe. Aber das Gleichgewicht der Wahrscheinlichkeiten bei Verbrechen wird manchmal durch scheinbar irrelevante Kleinigkeiten verschoben, die bei der Untersuchung an Bedeutung gewinnen. War es möglich, dass der Schlüssel zum Pistolenkasten absichtlich versteckt worden war, weil die Kiste etwas zu verbergen hatte, das eine Verbindung zwischen den Pistolen und dem Vorhandensein des Zündhütchens im Gitter bildete? Diese Schlussfolgerung konnte nur durch eine Untersuchung des Pistolenkastens überprüft werden. Das Experiment war zweifellos einen Versuch wert. Colwyn verließ das Zimmer und stieg die Treppe hinunter.

KAPITEL XXVII

Die Waffenkammer war dunkel und still wie ein Gewölbe. In den tiefen Nischen schienen die gepanzerten Phantome toter und vergangener Herediths den Eindringling mit verborgenen Augen hinter den Gittern ihrer Turnierhelme und Visiere zu beobachten. Das Licht von Colwyns elektrischer Taschenlampe fiel auf den Panzer eines mächtigen Kriegers, der mit einem erhobenen stählernen Handschuh dastand, als wäre er bereit, die Ehre seines Hauses zu verteidigen. Seine Initialen, „P.H.“, waren in seine riesige Stahlbrust eingraviert, und seine Stahlsporen prunkten mit einem Paar furchterregender Sporen, deren Rädchen wie Dolche wirkten. Neben diesem Riesen stand eine winzige Rüstung, nicht mehr als drei Fuß hoch, die von einem Kind hätte getragen werden können.

„Ein seltsames Paar“, murmelte Colwyn und hielt einen Moment inne, um sie zu betrachten. Als er sein Licht in ihre Richtung lenkte, fiel sein Auge auf eine Inschrift, die in den Stein über ihren Köpfen gemeißelt war, und er trat näher und las, dass die große Rüstung vom früheren Philip Heredith getragen worden war, „Ein wahrer Ritter Gottes“. Die kleinere Rüstung war für einen Zwerg angefertigt worden, der an sein Haus gebunden war, seinem Herrn durch die Kreuzzüge gefolgt war und tapfer an seiner Seite gekämpft hatte.

Colwyn wandte sich ab und ließ sein Licht die Wände entlang gleiten, auf der Suche nach dem Pistolenkasten. Sein Schein huschte über die zahlreichen Trophäen, die die Wände schmückten: Lanzen, Schwerter, Dolche, Stahlhelme, Beckenhauben, spitze Morions – Relikte eines vergangenen Zeitalters der Ritterlichkeit, als Ritter sich hübsch um Damen stritten und das Kämpfen fair und offen war, bevor die Zivilisation die Kriegsführung mit den christlichen Attributen von Gasgranaten, flüssigem Feuer und hochexplosiven Stoffen bereichert hatte. Dann fiel das Licht auf das, wonach er suchte – einen dunklen, länglichen Kasten mit Messingecken und einem in den Deckel einlassbaren Messinggriff.

Colwyn hob den Kasten aus der Nische, in der er platziert war, und trug ihn zum Bagatell-Tisch. Eine kurze Untersuchung des Schlosses überzeugte ihn, dass es zu kompliziert und stark war, um aufgebrochen oder geknackt zu werden. Es war kunstvoll aus Messing gefertigt, in einem komplizierten antiken Muster, das einen modernen Schlosser vor Rätsel gestellt hätte. Er drehte den Kasten um und sah, dass der Boden gezapft und verschraubt worden war. Die Schrauben waren tief versenkt und saßen in Rost, aber einige waren altersbedingt locker. Colwyn schraubte diese losen mit seinem Taschenmesser heraus und machte sich dann daran, die anderen zu lösen.

Es war eine mühsame Aufgabe, aber Colwyn erleichterte sie sich mit Hilfe einer Flasche Waffenöl, die er in einem der Schränke fand. Einige der Schrauben gaben sofort diesem sanften Einfluss nach und kamen leicht heraus. Andere blieben hartnäckig in der eigensinnigen Art rostiger Schrauben, aber Colwyn ließ nicht locker, und durch Ölen, Zureden und Schrauben hatte er schließlich die Genugtuung, alle Schrauben in einem kleinen fettigen, braunen Haufen auf dem verblassten grünen Tuch des Bagatell-Tisches liegen zu sehen. Das nächste war, den Boden des Deckels abzuhebeln. Das war nicht schwierig, da der Leim in den Zapfenlöchern längst vergangen war. Bald lag der Boden neben den Schrauben auf dem Tisch und das Innere des Kastens wurde enthüllt.

Das Paar Waffen, das Colwyn aus dem Kasten hob, waren Reiterpistolen aus einer Zeit, als die Landbevölkerung fürchtete, ohne einen solchen Schutz gegen Wegelagerer zu reisen. Sie waren überlegene Exemplare ihres Typs. Sie waren wunderschön gefertigt, reich im Design und solide in der Form, mit Ebenholzschäften und ziselierten Silberbeschlägen. Die langen Läufe waren damasziert, und die geschnitzten Griffe endeten in flachen Stahlknäufen, die den Schädel jedes Wegelagerers hätten spalten können, wenn der Schuss versagt hätte. Wie Colwyn vermutet hatte, waren die Pistolen Vorderlader. Der Hahn, der stark überhing, hatte die kuriose Form einer gewundenen Schlange. Wenn der Abzug betätigt wurde, fiel der Kopf der Schlange auf das Piston.

Colwyn untersuchte sie sorgfältig. Er stellte zunächst fest, dass sie ungeladen waren, indem er sie mit dem Ladestock sondierte, der an jedem mit einem Stahlscharnier befestigt war. Dann fuhr er mit dem Finger um das Innere der Läufe, um festzustellen, ob eine der Pistolen kürzlich abgefeuert worden war. Eine war sauber, aber aus dem Lauf der anderen zog er einen mit Schießpulver verschmutzten Finger. Während er dies tat, kam seine andere Hand mit etwas leicht Unebenem auf der glatten Metalloberfläche des Knaufs in Berührung. Er drehte die Pistole um und bemerkte einen kleinen inneren Kreis im flachen Stahl. Es war ein kleiner Klappdeckel, der ein Fach im Griff verbarg. Er hob den kleinen Deckel mit seinem Fingernagel an, und ein Schauer von Zündhütchen fiel auf den Bagatell-Tisch. Diese Vorrichtung zur Aufnahme von Zündhütchen war Colwyn nicht neu. Er hatte sie bei anderen altmodischen Vorderladern gesehen.

Colwyn verglich die Zündhütchen, die auf den Tisch gefallen waren, mit dem, das er oben gefunden hatte. Sie hatten dieselbe Größe. Er probierte das einzelne Zündhütchen auf dem Piston und stellte fest, dass es perfekt passte. Während er dies tat, sah er etwas, das einem Faden aus gelber Wolle ähnelte, der sich im verwickelten Stahl des Hahns verfangen hatte. Es war ein winziges Fragment, so klein, dass es kaum bemerkbar war. Colwyn war völlig unfähig zu bestimmen, was es war, aber sein Vorhandensein dort verwirrte ihn beträchtlich, und er war ratlos, wie es sich im Hahn der Pistole hatte verfangen können. Es schoss ihm durch den Kopf, dass der Faden khaki sein könnte, und seine Gedanken kehrten zu seiner früheren Entdeckung des Khaki-Flickens im Wald außerhalb des Moat-House zurück.

Mit der Hoffnung, herauszufinden, ob diese Pistole kürzlich benutzt worden war, wandte Colwyn seine Aufmerksamkeit dem mit Samt ausgekleideten Inneren des Kastens zu. Das Innere war in ein großes Fach für die Pistolen und mehrere kleine, mit Deckeln versehene Räume unterteilt. In einem davon fand er etwas Schrot, eine Schachtel Zündhütchen und eine Pulverflasche, die halb voll mit gewöhnlichem Schießpulver war. Ein weiterer Raum enthielt Werkzeuge zum Reinigen der Pistolen. Der Inhalt des nächsten Fachs verwirrte ihn. Es gab einige lose Längen verknoteten Bindfadens und eine Spule aus gelbem, röhrenförmigem Gewebe, etwa so dick wie sein kleiner Finger, einige Zoll lang. Colwyn erkannte es sofort. Es war der Docht eines Zünder-Feuerzeugs, das damals zu Tausenden von englischen Tabakhändlern verkauft wurde, um einen kriegsbedingten Mangel an Streichhölzern zu ersetzen, und das von Zigarettenrauchern häufig verwendet wurde.

Das Geheimnis des Vorhandenseins des Dochtes im Pistolenkasten wurde nicht gemildert, weil es Colwyn ermöglichte, das winzige gelbe Fragment zu identifizieren, das am Hahn der Pistole klebte. Er hob den Docht auf und bemerkte, dass ein Ende sauber abgeschnitten war, das andere Ende jedoch geschwärzt und verbrannt war. Bei dieser Entdeckung kam ihm die erste vorahnende Warnung von der Möglichkeit eines tiefgreifenden Plans, in dem die Pistole und der Docht wichtige Rollen spielten. Während sein Verstand nach einer Lösung für diese Möglichkeit suchte, fuhr er fort, die Stücke des Bindfadens zu untersuchen.

Es waren lose Längen gewöhnlichen dicken Bindfadens, aber sie schienen alle aus losen Enden zu bestehen, die miteinander verknotet worden waren. Erst als Colwyn sie aus dem Fach nahm, bemerkte er eine erstaunliche Eigentümlichkeit an ihnen. Jedes Stück des verknoteten Bindfadens war an beiden Enden verbrannt.

Es gibt Entdeckungen, die mit erschütternder Schnelligkeit in den Geist schießen. Dies war eine davon. Eine Offenbarung schien über Colwyn zu kommen wie Licht vom Himmel um Mitternacht, das alles in einem schrecklichen Blitz entblößt.

„Ist es möglich?“

Er fühlte, als ob diese Worte wie ein Donnergrollen aus ihm herausstürmten, das durch den leeren Raum um ihn herum widerhallte. Aber seine zusammengepressten Lippen hatten keinen einzigen Ton von sich gegeben. Mit kribbelnden Nerven machte er sich daran, ein Experiment durchzuführen. Er legte zuerst den Docht des Zünder-Feuerzeugs entlang des Schafts der Pistole, direkt hinter den Hahn. Er nahm dann eine der Längen Bindfaden und band, den Hahn und den Abzug der Pistole zurückziehend, beide fest mit dem Bindfaden fest, den er zweimal um den Docht legte. Als er den Bindfaden festgebunden hatte, zündete er ein Streichholz an und hielt es an das Ende des Dochtes, das am weitesten vom Bindfaden entfernt war. Seine Idee war zu sehen, ob diese improvisierte Zündschnur entlang des Schafts der Pistole kriechen, den Bindfaden verbrennen und den festgehaltenen Hahn und Abzug freigeben würde.

Der Docht glimmte und glühte und begann in Richtung des Bindfadens zu kriechen, der den Schaft der Pistole etwa drei Zoll vom brennenden Ende entfernt kreuzte. Colwyn nahm seine Uhr heraus und maß den Fortschritt. In vier Minuten war der erste Zoll des Dochtes verbraucht, und der Funke am Ende kroch störrisch in einem stumpfen roten Glühen vorwärts. Nach weiteren acht Minuten erreichte er den Bindfaden, und Colwyn beobachtete eifrig den Prozess des Verbrennens der Bindung. Der Bindfaden sengte, glimmte, und als er fast durchtrennt war, sprang er unter dem Druck des Hahns und des Abzugs, die er zurückgehalten hatte, auseinander. Der freigegebene Hahn fiel mit voller Wucht auf das Zündhütchen auf dem Piston und brachte es zur Explosion.

Da schien also die Erklärung zu liegen. Mrs. Heredith war mit Nepcotes Revolver erschossen worden, aber es war nicht der absichtlich gedämpfte Knall dieser leichten Waffe gewesen, der die Gäste im Esszimmer in der Nacht des Mordes aufgeschreckt hatte. Der Knall, den sie gehört hatten, war von der schwereren Pistole vor ihm erzeugt worden. Es war eine List von erschreckender Einfachheit, aber diabolischer Genialität. Der Docht des Zünder-Feuerzeugs war eine bewundernswerte langsame Zündschnur, erhältlich in jedem Tabakladen für ein paar Pence, die durch diesen Trick ein falsches Alibi für den eigentlichen Mörder geschaffen hatte, indem sie den Knall verursachte, der das Esszimmer erreicht und die Insassen dazu gebracht hatte, nach oben zu eilen, um die Ursache zu ermitteln. Der Schuss, der Mrs. Heredith tödlich verwundet hatte, musste früher abgefeuert worden sein.

Wie lange vorher? Offensichtlich nicht sehr lange. Das wäre gefährlich für die Pläne des Mörders gewesen. Er musste zwei Dinge berücksichtigen. Da war die Möglichkeit, dass jemand das Zimmer betrat, bevor die falsche Ladung explodierte, und die Möglichkeit, dass die Kälte des Körpers seines Opfers medizinische Verdachtsmomente wecken könnte. Colwyn glaubte nicht, dass der Verbrecher es vermieden hatte, Mrs. Heredith zu töten, um sich gegen das Risiko einer Entdeckung abzusichern. Die Zufügung einer tödlichen Wunde, die nicht sofort zum Tod führte, erforderte nicht nur ein hohes Maß an anatomischem Wissen, sondern ließ auch die Tür offen für ein sterbendes Geständnis, das den ganzen Plan hätte zunichtemachen können. Das Schicksal hatte dem Mörder in diesem Maße geholfen.

Aber der Mörder verdankte dem Schicksal mehr als das. Es war dieser grimmigen Göttin, der er den letzten wunderbaren Hauch von Wirklichkeit verdankte, der das ganze Konstrukt so hervorragend über den Bereich der Künstlichkeit hob. Verdacht war in jedem Fall höchst unwahrscheinlich, aber Hazel Raths Eintreten und ihr lauter Schrei, kurz vor dem für die Explosion festgesetzten Moment, sicherten den vollständigen Erfolg, indem sie eine natürliche Glaubwürdigkeit hinzufügten, die selbst den Geist der Wahrheit hätte täuschen können. Colwyn schätzte sich wirklich glücklich, auf das gestoßen zu sein, was er für die Fakten hielt. Wer hätte sich eine Situation vorstellen können, in der das launische Schicksal ironisch von seinem hohen Platz herabgestiegen war, um sich unedel in den grauenhaften Plan eines Mörders einzumischen?

Der eine Punkt, der Colwyn verwirrte, war das erfolgreiche Verstecken der Pistole in der Nacht des Mordes. Dieser Teil des Plans war für den Mörder genauso wesentlich wie der falsche Knall, aber es schien seltsam, dass die Pistole nicht entdeckt worden war, als das Zimmer durchsucht wurde. Eine Untersuchung des Gitters oben könnte den Grund enthüllen.

Bevor er die Waffenkammer verließ, ersetzte Colwyn eine der Pistolen und brachte den Kasten so, wie er ihn gefunden hatte, in seine ursprüngliche Position zurück. Er nahm die Pistole, die benutzt worden war, mit.

Als er das Schlafzimmer oben erreichte, schloss er die Tür ab, bevor er daran ging, den Kamin zu untersuchen. Es war ihm sofort klar, dass die Pistole nicht in das Gitter oder darunter gelegt worden war. Jeder dieser Orte hätte bei der Durchsuchung des Zimmers zur Entdeckung geführt. Es war eine sorgfältige Untersuchung des oberen Teils des Gitters, die auf das Versteck hindeutete. Die Waffe hätte sicher innerhalb des breiten Eisenflansches verborgen werden können, der um die offene Drosselklappe des Gitters verlief.

Die vollständige Enthüllung dieses Teils des Plans des Mörders kam Colwyn, als er seine Hand über die innere Oberfläche dieses Vorsprungs gleiten ließ. Es war ein Reguliergitter, und der Raum auf der Rückseite war nicht ausgefüllt worden. Der Mörder musste beim Verstecken der Pistole an der Oberseite des Gitters sie nur vorsichtig auf dem Flansch ausbalancieren, mit der Mündung in Richtung des Zimmers, um sicherzustellen, dass der Rückstoß des Knalls die Waffe in das tiefe Loch zwischen der Rückseite des Gitters und dem Schornstein fallen lassen würde.

Dieser zusätzliche Beweis für die pervertierte Intelligenz des Mörders beeindruckte Colwyn genauso sehr wie der Mechanismus für den falschen Knall. Die Pistole, die nach der Explosion der Platzpatronen blindlings zurückprallte und hinter das Gitter sprang, war fast so effektiv versteckt wie am Boden des Meeres und hätte dort jahrelang ohne Entdeckung bleiben können. Colwyn steckte seinen Arm in das Loch, konnte aber den Boden nicht erreichen.

Aber der Mörder hatte mehr im Sinn als das effektive Verstecken der Pistole, so wichtig das auch für ihn war. Das Gitter war aus zwei weiteren Gründen eine ausgezeichnete Wahl. Es beförderte den leichten Dampf des Zünder-Dochtes durch den Schornstein nach oben, und das konvexe eiserne Innere bildete einen ausgezeichneten Resonanzkörper, der den Knall des Schusses verstärken würde. Wahrlich, das dunkle Wesen, das das alles geplant hatte, hatte nichts dem Zufall überlassen. Er hatte alles vorausgesehen. Seine Arbeit trug den Stempel eines unheiligen Genies.

Und doch, als der Zünder auf dem Rost lag, hatte er nicht das Geringste geahnt, wie sehr die Anwesenheit eines anderen Menschen in dem Zimmer seine Pläne gefährden würde. Er hatte geglaubt, alles sei vorbereitet, alles sei sicher; er hatte geglaubt, die ganze Welt sei blind, während er sein finsteres Werk vollbrachte. Die Angst, die ihn überkam, als er den Schrei hörte, war nicht die Angst eines Mörders, der entdeckt wird, sondern die Angst eines Künstlers, dessen Meisterwerk kurz vor der Vollendung durch eine unvorhergesehene Störung im Keim erstickt zu werden drohte. Er hatte die Stille gebraucht, eine vollkommene, ungestörte Stille, damit der Schuss für die anderen im Haus wie aus dem Nichts kommen würde – ein Beweis, der ihn unantastbar machen sollte.

Seine Stimme war nun leiser geworden, eine monotone, beinahe träumerische Aufzählung, während er den Blick fest auf Colwyn richtete, als suchte er in dessen Augen eine Bestätigung für seine eigene Logik. Er wirkte nicht wie ein Mensch, der den Verstand verloren hatte, sondern wie einer, der in einem Zustand eiskalter, fanatischer Klarheit handelte. Die ganze Bitterkeit seiner Enttäuschung, die Jahre des Vertrauens, die in jener einen Erkenntnis zerbrochen waren, hatten sich in diesem einen, monströsen Entschluss verdichtet. Er war kein bloßer Mörder; er war ein Vollstrecker, der glaubte, ein höheres Urteil zu vollziehen.

Colwyn rührte sich nicht. Er beobachtete den jungen Mann mit einer Ruhe, die selbst Musard in Staunen versetzte. Er sah den Schweiß auf Philips Stirn, das unnatürliche Leuchten in seinen Augen, und wusste, dass der Zusammenbruch unmittelbar bevorstand. Das Geständnis war keine Erleichterung für den Mörder; es war das letzte Aufbäumen eines Geistes, der so lange unter dem Druck der eigenen Täuschung gestanden hatte, dass er nun, da der Damm gebrochen war, von der eigenen Wahrheit hinweggeschwemmt wurde.

„Ich habe nicht nur sie vernichtet“, fuhr Phil fort, und seine Stimme zitterte nun doch, ein feiner Riss in der Fassade seiner Selbstbeherrschung. „Ich habe auch mich selbst vernichtet. Ich habe mein eigenes Leben in den Dienst einer Rache gestellt, die mich nun, da sie vollbracht ist, von innen heraus verzehrt. Siehst du das nicht, Colwyn? Die Gerechtigkeit, nach der du suchst, ist eine leere Hülle. Ich habe die einzige Gerechtigkeit gefunden, die für ein solches Verbrechen angemessen war. Das Gesetz… das Gesetz ist ein stumpfes Schwert. Ich habe meines geschärft.“

Er verstummte, und für einen Moment war es in dem großen Speisesaal so still, dass man das Ticken der Uhr im Flur hören konnte. Musard saß wie erstarrt da, seine Hände um die Tischkante geklammert, als hielte er sich an der Realität fest, die um ihn herum in Trümmer zu gehen schien. Colwyn trat einen Schritt auf Phil zu. Sein Gesicht war ernst, frei von jeglichem Triumph, gezeichnet von der Schwere der Erkenntnis, die er in dieser Nacht gewonnen hatte.

„Es gibt keine Gerechtigkeit in der Rache, Philip“, sagte er leise. „Nur eine endlose Kette von Opfern. Du hast Violet getötet, ja. Aber du hast auch Hazel Rath zur Geisel deines Schicksals gemacht. Und am Ende hast du das einzige zerstört, was du zu bewahren vorgabst – deine eigene Seele. Die Welt, von der du glaubtest, sie sei von Verrat vergiftet, ist dieselbe Welt, in der du nun als Mörder stehst.“

Phil lachte kurz auf, ein heiseres, freudloses Geräusch. „Seele? Was ist eine Seele gegen die Gewissheit, dass der Verrat nicht ungesühnt bleibt? Ich bereue nichts. Ich bereue nur, dass ich nicht früher gehandelt habe, ehe die Erinnerung an sie… ehe die Erinnerung an das, was sie einmal für mich war, zu verblassen begann.“ Er hielt inne und sah dann zum Fenster, hinaus in den dunklen Garten, wo der Mond nun hinter einer Wolke verschwand. „Es ist vorbei. Das ist alles, was zählt.“

Colwyn nickte langsam. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter mit ihm zu diskutieren. Das Schicksal hatte seinen Lauf genommen, und die Mühlen der Gerechtigkeit, die er so mühsam in Gang gesetzt hatte, würden nun den Rest erledigen. Er griff in seine Tasche und holte eine kleine silberne Pfeife hervor, doch er steckte sie sofort wieder ein, als ihm bewusst wurde, wo er sich befand. Er wandte sich an Musard, dessen Blick immer noch ungläubig zwischen den beiden Männern hin- und herirrte.

„Rufen Sie die Polizei, Musard“, sagte Colwyn schlicht. „Es ist Zeit, diese Sache zu beenden.“

„In der Nacht, als meine Tante Violet nach der Halskette fragte, ahnte ich, dass sie sich nicht mehr in ihrem Besitz befand. Ich schloss dies aus ihren ausweichenden Antworten und ihrem verräterischen Gesicht. Als sie das Zimmer verließ und nach oben ging, schlich ich ihr im Schatten hinterher und folgte ihr bis zur Tür von Nepcotes Zimmer. Ich belauschte ihr Gespräch; ich hörte, wie er ihr versprach, am nächsten Abend heimlich mit der Kette zum Moat-House zurückzukehren. Mein Herz machte einen Satz, während ich zuhörte. Ich glaubte, ich hätte ihn in der Hand.

Ich schlich mich leise davon, ohne mehr erfahren zu müssen, blieb aber bis tief in die Nacht auf, um meine letzten Pläne vorzubereiten. Meine Absicht war es, sie kurz vor dem Abendessen zu erschießen und dafür zu sorgen, dass der falsche Knall explodierte, nachdem er angekommen war und sich auf der alten Treppe versteckt hatte, in der Erwartung, dass sie zu ihm käme. Wenn der Knall dann alle im Speisezimmer aufschreckte, wollte ich der Erste sein, der nach oben stürmte, und die Suche in Richtung der alten Treppe lenken. Ich hätte ihn am Schlafittchen gehabt, bevor er Zeit zur Flucht gehabt hätte. Wie hätte er seine geheime Anwesenheit im Haus rechtfertigen können, wenn ihre Juwelen in seiner Tasche und ihre Leiche oben, ganz in der Nähe seines Verstecks, gewesen wären?

Ich hatte beabsichtigt, Violet mit einem kleinen Revolver zu töten, den ich letzten Winter in einem Second-Hand-Laden in London gekauft hatte, aber Nepcotes Nachlässigkeit, seinen eigenen Revolver in der Waffenkammer liegen zu lassen, gab meinem Plan den letzten Schliff. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich ihn fand. Es schien, als spielte er mir selbst in die Hände. Ich versteckte ihn in der Erwartung, dass es Nachforschungen geben würde, aber es gab keine. Er hatte ihn völlig vergessen. Es war auch seltsam, dass Violet selbst mithalf, indem sie meiner Tante am Abend ihrer vorgetäuschten Krankheit vor dem Essen sagte, dass sie von niemandem gestört werden wolle. Das beseitigte einen Mangel in meinen Vorbereitungen, der mir viel Sorge bereitet hatte. Ich hatte befürchtet, dass jemand, wahrscheinlich ein Dienstbote, in der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Knall das Zimmer betreten könnte. Das war ein Risiko, das ich mir nicht leisten konnte, und ich sah keinen anderen Weg, mich dagegen zu wappnen, als die Tür abzuschließen, was ich nicht wollte. Ich wollte die Tür einen Spalt offen lassen, um sicherzugehen, dass der zweite Knall bis ins Speisezimmer nach unten drang.

Als meine Tante mir kurz vor dem Abendessen die Nachricht von Violet in der Bibliothek überbrachte, wusste ich, dass der Moment gekommen war. Die geänderten Pläne für ein früheres Abendessen bereiteten mir einen Moment der Ratlosigkeit, aber nicht mehr. Man kann seine eigenen Gäste nicht drängen, und ich wusste, dass es unmöglich sein würde, das Abendessen so schnell zu beenden, wie meine Tante es erwartete. Wenn es für meinen Zweck zu schnell endete, wäre es ein Leichtes, ein Thema einzubringen, das jemanden zum Reden bringen würde. Das ist, wie Sie wissen, tatsächlich geschehen.

Nachdem meine Tante mich verlassen hatte, wartete ich bis zum letztmöglichen Moment, bevor ich nach oben schlüpfte. Der Revolver und die Pistole waren in meinem eigenen Schlafzimmer bereitgelegt und eingeschlossen. Ich holte sie heraus. Die Pistole war bis auf das Zündhütchen komplett vorbereitet. Ich hatte eine dreißig Zentimeter lange Zündschnur an den Schaft gebunden, um eine Verzögerung von fast fünfzig Minuten zwischen dem Anzünden und dem Knall zu ermöglichen. Ich wusste, dass Nepcote spätestens um halb acht im Moat-House eintreffen wollte, aber ich gab ihm einen Spielraum von ein paar Minuten für unerwartete Verzögerungen. Ich steckte die Pistole in meine Tasche, wickelte den Revolver in einen Seidenschal, um den Knall zu dämpfen, und ging schnell zum Zimmer meiner Frau. Ich schloss die Tür hinter mir, als ich eintrat.

Sie lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett und hörte mich nicht kommen. Das half mir. Können Sie meine Gefühle verstehen? Ich war im Begriff, etwas zu zerstören, das ich mehr liebte als das Leben selbst, aber es war nicht sie, die auf dem Bett lag. Sie war vorher gestorben – durch ihre eigene Hand gestorben – und hatte eine andere Frau zurückgelassen, deren Leben eine einzige Lüge war, die so verdorben und wertlos war, dass sie nicht lebenswert war. Das war es, was ich vernichten wollte. Ich empfand kein Mitleid – keine Reue. Als ich die Mündung des Revolvers an ihre Brust setzte, öffnete sie erschrocken die Augen und sah mich. Ich drückte schnell ab... In diesem Moment hörte ich unten den Gong zum Abendessen ertönen.

Der gedämpfte Knall machte weniger Lärm als das Klatschen zweier Hände. Ich wusste, dass dieses schwache Geräusch unten nicht zu hören sein würde. Sie bewegte sich nicht, und ich dachte, sie sei tot. Ich beugte mich über den Kamin, schüttelte einige Zündhütchen aus dem Kolben der Pistole und legte eines auf den Zündzapfen. Dann zündete ich ein Streichholz an und startete meine vorbereitete Lunte. Es war ein Leichtes, die Pistole oben auf dem Kamingitter zu platzieren; die Schwierigkeit, sie nachträglich wiederzubekommen, wurde mir erst nach meiner Krankheit bewusst, obwohl meine frühere geheime Untersuchung des Gitters mich überzeugt hatte, dass der Rückstoß der Explosion die Pistole auf den Boden des Kamins hinter das Gitter fallen lassen würde. Als ich die Pistole in Position gebracht hatte, schaltete ich das elektrische Licht aus und öffnete das Fenster, damit die Dämpfe der brennenden Schnur entweichen konnten. Dann eilte ich nach unten. Ich war insgesamt keine drei Minuten im Zimmer. Ich sah niemanden auf dem Weg nach unten; fast alle waren schon zum Abendessen gegangen, aber ich war rechtzeitig da, um mich zu den anderen zu setzen.

Ich fühlte mich völlig kalt und gefasst, als ich am Esstisch saß und auf den Moment meiner Rache wartete. Ich fühlte mich, als stünde ich unter der Kontrolle einer Kraft, die unendlich viel stärker war als ich selbst und mich mit riesigen Händen festhielt, während die Minuten langsam verrannen. Ich bin sicher, dass mein Verhalten nicht ungewöhnlich war. Ich tat so, als würde ich essen, und beteiligte mich an der Unterhaltung um mich herum.

Der Knall kam nicht in dem Moment, den ich erwartet hatte, aber ich war über die Verzögerung nicht beunruhigt. Meine Experimente hatten mich gelehrt, wie schwierig es ist, eine Explosion auf einen exakten Zeitpunkt festzulegen. Die Zeit war im Allgemeinen ungefähr dieselbe, aber es gab Gründe, die einen leichten Unterschied verursachten. Die Schnur brannte immer mit einer gleichmäßigen Geschwindigkeit; das Problem war das Band. Manchmal brannte es nur langsam an. Manchmal löschte der Druck des Bandes die Schnur teilweise und verlangsamte den Verbrennungsvorgang, wenn er sich der Kontaktstelle näherte. Einmal band ich das Band so fest, dass die Schnur kurz vor dem Erreichen des Bandes ganz ausging. Aber ich hatte Maßnahmen ergriffen, um diese kleinen Unregelmäßigkeiten zu beheben, und um sicherzugehen, dass das Band leicht Feuer fing, hatte ich ein wenig Benzin darauf gerieben, wo es die Schnur kreuzte.

Aber es war der Schrei vor dem Knall, der meine Berechnungen über den Haufen warf und mich fast zum Zusammenbruch brachte. Als dieser schreckliche Schrei ertönte, entwich mir meine falsche Stärke und ließ mich schwach und zitternd zurück. Ich glaube, ich hätte mich verraten, wenn der Knall nicht so schnell gefolgt wäre und alle in denselben Zustand der Verwirrung versetzt hätte wie mich. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, dass meine Beine mich mit den anderen nach oben trugen. Ich wusste nicht, was passiert war. Mein Gehirn weigerte sich zu arbeiten. Ich war mir nichts bewusst, außer dass ein großes Rad in meinem Kopf zu rotieren schien, das alle meine Nerven zu solch einer angespannten Qual straffte, dass ich kaum verhindern konnte, laut aufzuschreien.

Was ich sagte oder tat, als ich mich im Schlafzimmer wiederfand, weiß ich nicht mehr. Als ich sah, dass alles so war, wie ich es geplant hatte, begann mein Geist wie ein Pendel in Richtung meiner Rache zu schwingen, und ich kämpfte darum, die Suche in Richtung der Treppe zu lenken. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war wie ein Mann in einem Traum, umgeben von unsichtbaren Hindernissen. Dann entspannte sich das Rad in meinem Kopf plötzlich, ich spürte, wie das Zimmer und seine Gegenstände mir entglitten, und alles wurde schwarz.

Sie wissen von meiner Krankheit. Erst als ich mich angeblich erholte, kehrte die Kraft zu klarem Denken zu mir zurück. Es gab Tage, an denen mein Gehirn taub und kraftlos war, wie das eines Menschen, der gerade aus einem schrecklichen Albtraum erwacht ist und versucht, sich daran zu erinnern, was geschehen war. Dann, eines Tages, wurde der Schleier gelüftet, und ich erinnerte mich an alles. Meine Tante war im Zimmer, und ich befragte sie. Sie brachte Musard zu mir, und von ihm erfuhr ich die Wahrheit.

Intuitiv erkannte ich, was geschehen war. Hazel Rath war aus irgendeinem unbekannten Grund in das Zimmer gegangen, hatte meine Frau dort liegen sehen und geschrien. Dann, kaum bei Sinnen, was sie tat, hob sie den Revolver auf, den ich am Bett liegen gelassen hatte, und rannte vor Schreck aus dem Zimmer. Ich konnte sogar einen Grund für ihr Schweigen unter der Anklage des Mordes erahnen. Sie hatte das Gefühl, dass niemand ihr ihre Geschichte glauben würde, besonders nachdem die Geschichte der Vergangenheit ihrer Mutter ans Licht gekommen war.

Als ich das, was sie mir gesagt hatten, überdachte und erkannte, dass mein eigenes Geheimnis sicher war, glaubte ich, einen Weg zu sehen, meine Rache zu vollenden und Hazel Rath zu retten. Bis dahin war der Revolver nicht als Nepcotes identifiziert worden. Es schien mir, dass allein die Offenlegung dieser Tatsache ausreichte, um die Aufmerksamkeit auf Nepcote zu lenken und seine Bewegungen in jener Nacht ans Licht zu bringen. Aber der Detektiv, der wegen des Revolvers zu mir kam, war zu töricht und stur, um die Bedeutung meiner Informationen zu begreifen. Damals beschloss ich, zu Ihnen zu gehen. Es war vielleicht gewagt, aber es schien mir sicher genug. Ich war entschlossen, Nepcote zu verwickeln und Hazel Rath zu befreien.

Ich habe Ihnen nicht mehr erzählt als dem anderen Detektiv. Ich hatte mächtige Motive für meine Verschwiegenheit. Wenn ich Ihnen mehr gesagt hätte, hätten Sie gesehen, dass ich einen Hintergedanken hatte, als ich die Aufmerksamkeit auf Nepcote lenkte. Ich hatte nicht die geringste Angst, dass Sie mein Geheimnis entdecken würden, aber das Wissen, wenn es Ihnen vermittelt worden wäre, hätte den Eindruck geschwächt, den ich vermitteln wollte, indem ich Sie glauben ließ, ich sei von Hass auf Nepcote getrieben. Außerdem wollte ich nicht, dass irgendein lebendes Wesen von meiner Schande erfährt. Ich glaubte, ich könne meine Rache vollenden, ohne dass sie jemals bekannt würde. Ich dachte, Nepcote würde es vorziehen, als Opfer der Umstände zugrunde zu gehen, anstatt öffentliche Schande durch eine Verteidigung auf sich zu ziehen, von der er wusste, dass sie niemals geglaubt werden würde. Die tatsächlichen Beweise gegen ihn waren zu stark. Er konnte sie weder entschuldigen noch leugnen. Er konnte seine lügnerischen Telegramme, seine geheime Rückkehr, seine Anwesenheit im Moat-House, seinen Besitz der Kette, den Revolver im Schlafzimmer, wo die Leiche war, nicht erklären. Daher war es nur notwendig, Ihnen einen Ausgangspunkt zu geben, denn die Entdeckung war unvermeidlich, wo so viel verborgen war. Ich habe dafür gesorgt, dass der Verlust der Kette nach Ihrer Ankunft entdeckt wurde. Das war alles, was Sie wissen mussten.

Ich weiß nicht, welches Versäumnis von mir Sie auf die Spur der Wahrheit gebracht hat. Es gab eines, aber ich sehe nicht, wie das Ihnen hätte helfen können. Erst am nächsten Nachmittag in der Waffenkammer, als Musard Sie auf den Pistolenkasten aufmerksam machte, erinnerte ich mich daran, dass die Pistole, die ich benutzt hatte, noch hinten im Kamin oben lag, wo sie anscheinend während meiner Krankheit unentdeckt geblieben war. Ich hatte die Vorsichtsmaßnahme getroffen, den Schlüssel des Kastens zu verstecken, aber ich beschloss, die Pistole in jener Nacht zurückzuholen, nachdem Sie gegangen waren. Es war schwieriger, sie wiederzuerlangen, als ich erwartet hatte, wegen der Tiefe des Raums hinter dem Gitter. Ich musste das Bettgestell zurückschieben und die Zange benutzen, bevor ich sie erreichen konnte. Ich glaube, sie hätte dort jahrelang unentdeckt gelegen. Es gab nichts anderes, an das ich mich erinnern kann, außer dass ich, als ich die Pistole zurückbrachte, sah, dass ich das Ende einer meiner experimentellen Zündschnüre im Kasten liegen gelassen hatte.

Aber ich möchte nicht wissen, wie Sie es herausgefunden haben, jetzt, da Nepcote entkommen ist. Ich habe nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt. Der Arzt glaubt, dass ich mich erhole, aber ich wusste, dass es nur die Hoffnung auf Rache war, die mich am Leben hielt. Jetzt, da sie weg ist, habe ich nicht mehr lange zu leben. Ich freue mich darüber, dass es so ist. Aber was auch immer geschehen wäre, ich hätte dieses arme Mädchen, Hazel Rath, gerettet... Ich bitte Sie, das zu glauben... Violet...“

Er verstummte und ließ mit einer müden Geste den Kopf auf seine ausgestreckten Arme sinken, als ob die Kraft, die ihn trug, während er seine Geschichte erzählte, ihn verließ, als er die Wahrheit offenbart hatte.

Seine beiden Zuhörer saßen einige Minuten schweigend da, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Musard starrte düster mit ausdruckslosen Augen auf Phil. Er war wie jemand, der unvorstellbare Schrecken in einer Zeitspanne durchlebt hatte, die nicht in Zeit zu messen war, um mit einem müden Gefühl der schwarzen Bösartigkeit unbekannter Götter aufzutauchen, die die Leidenschaften der Menschheit für ihren eigenen brutalen Sport erschaffen. Seine bewegten Lippen verrieten ein Bewusstsein, das sich von seinen Verankerungen gelöst hatte, hin- und hergeworfen in einem turbulenten Meer aus Unheil. Dann formten sie die geflüsterten Worte:

„Das Haus war auf Entsetzen gegründet und es endet in Entsetzen. So bewahrheitet sich die alte Tradition.“

Im nächsten Moment wandte er seinen Blick mit einem schrägen Blick auf Colwyn, als ob er in ihm das Werkzeug dieses Elends sähe.

„Warum hat Hazel Rath geschwiegen?“, fragte er.

„Frauen haben größere Opfer für die Liebe gebracht“, antwortete Colwyn sanft. „Hazel Rath liebte ihn und schwieg, um ihn zu schützen. Sie hätte überhaupt nicht gesprochen, wenn der Verdacht nicht auf Nepcote gefallen wäre, und selbst als sie sprach, hielt sie etwas zurück. Wir erfahren vielleicht später, was wirklich in jener Nacht zwischen Hazel und Mrs. Heredith im Schlafzimmer vorgefallen ist. Meine eigene Meinung ist, dass die sterbende Frau, während Hazel sich über sie beugte, den Namen ihres Mörders flüsterte.“

„Was werden Sie jetzt tun?“, fragte Musard abrupt, in plötzlichem Stimmungswechsel, und sprach, als ob außer ihnen beiden niemand anwesend wäre.

„Es gibt nur eine Sache, die man tun kann.“

„Wollen Sie die Welt die Wahrheit wissen lassen – ihn der Gerechtigkeit übergeben?“

„Welcher andere Weg steht mir offen?“, sagte Colwyn traurig.

„Ich kann nicht sehen, welchen weltlichen Zweck es haben soll, diese schreckliche Geschichte öffentlich zu machen. Bedenken Sie, ich flehe Sie an, alle Umstände, bevor Sie diese schreckliche Trauer und diesen Skandal über eine angesehene Familie bringen.“

„Weil ich alle Umstände berücksichtigen muss, habe ich keine andere Wahl.“

„Gibt es keinen anderen Weg?“, beharrte Musard. „Er ist wahnsinnig. Er muss besessen gewesen sein. Sie haben seine Geschichte gehört; seine Halluzinationen waren die eines Geisteskranken. Er hatte eine gewisse Rechtfertigung. Er hätte diese schreckliche Tat niemals aus eigenem freien Willen begangen.“

Colwyn antwortete nicht. Es war zwecklos darauf hinzuweisen, dass es so etwas wie einen freien Willen in menschlichen Angelegenheiten nicht gibt und dass, wenn Philip Heredith zu seinem Verbrechen durch die böse Kraft von Leidenschaften getrieben wurde, die stärker waren als die zurückhaltende Kraft der menschlichen Vernunft, er den vollen Preis zahlen muss, den die Menschheit für die einzige Sicherung ihrer Vorherrschaft fordert.

Es ertönte das Geräusch einer sich öffnenden Tür und Schritte draußen, und eine Stimme rief:

„Phil! Vincent! Wo seid ihr?“

„Sie sind zurückgekehrt!“, rief Musard aufgeregt. „Was soll ihnen gesagt werden?“

„Ich kann es nicht sagen“, antwortete Colwyn und warf einen düsteren Blick auf Phils hängende und reglose Gestalt.

Es lag etwas Neues in seiner Haltung – eine starre Stille, die seinen Blick auf sich zog. Er trat schnell an seine Seite und beugte sich über ihn.

„Er ist tot“, sagte er.

„Tot? Mein Gott! Unmöglich!“

„Es ist ganz wahr. Es ist besser so.“

„Vincent!“ Miss Herediths Stimme klang nicht weit entfernt.

„Sie kommt hierher. Schnell, was soll ich ihr sagen?“

„Ich kann es Ihnen nicht sagen“, antwortete Colwyn mit einem weiteren Blick auf die stille Gestalt. „Er war es, der mich rief, um dieses Geheimnis zu lösen, und ich habe getan, worum er bat. Ich überlasse es Ihnen, ihr zu sagen, was Sie wollen, aber ich kann danach nicht schweigen, wo die Freiheit unschuldiger Menschen auf dem Spiel steht. Gerechtigkeit ist ebenso unpersönlich wie die Wahrheit selbst.“

„Vincent!“ Diesmal klang die Stimme direkt vor der Tür.

„Ich muss sie aufhalten – sie darf hier nicht reinkommen“, sagte Musard und fuhr auf.

Aber er kam zu spät. Die Tür öffnete sich, und Miss Heredith stand im Türrahmen.

Ihre erschrockenen Augen erfassten das aufgewühlte Gesicht von Musard und wanderten dann zur hängenden Haltung der Gestalt am Tisch. Sie ging schnell an den beiden Männern vorbei und beugte sich über ihren Neffen. Als sie das tat, schluchzte sie laut auf. All das Mitleid und die Wehmut einer Frau, all das Elend und Geheimnis eines gebrochenen Herzens strömten in ihrem schwachen, klagenden Schrei hervor.

„Das wird sie umbringen“, sagte Musard wild.

Aber Colwyn spürte, dass es nicht so sein würde. Als er sich aus dem Zimmer wandte und die Lebenden und die Toten zurückließ, wusste er, dass sie, wenn die erste Bitterkeit des Schocks vorüber war und sie wieder mit dem Bewusstsein ihrer Pflicht konfrontiert wurde, ihren bleibenden Glauben anrufen würde, um ihr zu helfen, das schwere graue Gewand des Lebens ohne zu zucken zu tragen.

ENDE

Public-domain source text from Project Gutenberg, translated into German by AI under our editorial direction. Machine translation of a whole book is not flawless — this exists so you can read a book otherwise closed to you, not as a scholarly edition. How this is made.