myebooksbuy
My Books

The King in Yellow

by Robert W. (Robert William) Chambers · in German

Wir sollten die Narren nicht verspotten; ihre Torheit dauert länger als unsere.... Darin besteht der ganze Unterschied.

Gegen Ende des Jahres 1920 hatte die Regierung der Vereinigten Staaten das Programm, welches während der letzten Monate der Amtszeit von Präsident Winthrop beschlossen worden war, praktisch abgeschlossen. Das Land befand sich augenscheinlich in ruhigen Verhältnissen. Jedermann weiß, wie die Zoll- und die Arbeitsfrage geregelt wurden. Der Krieg mit Deutschland, der durch dessen Beschlagnahme der Samoainseln verursacht worden war, hatte keine sichtbaren Narben in der Republik hinterlassen, und die vorübergehende Besetzung von Norfolk durch die Invasionsarmee war im Jubel über wiederholte Seesiege und die darauffolgende lämmerliche Lage der Streitkräfte von General von Gartenlaube im Staate New Jersey vergessen. Die Investitionen in Kuba und Hawaii hatten hundert Prozent eingebracht, und das Gebiet von Samoa war seine Kosten als Kohlenstation reichlich wert. Das Land befand sich in einem hervorragenden Verteidigungszustand. Jede Küstenstadt war reichlich mit Landbefestigungen versehen worden; die Armee war unter dem väterlichen Blick des Generalstabs, organisiert nach dem preußischen System, auf 300.000 Mann aufgestockt worden, mit einer territorialen Reserve von einer Million; und sechs prächtige Geschwader aus Kreuzern und Schlachtschiffen patrouillierten auf den sechs Stationen der befahrbaren Meere, wodurch eine Dampfreserve verblieb, die bestens geeignet war, die Heimatgewässer zu kontrollieren. Die Herren aus dem Westen waren schließlich gezwungen worden anzuerkennen, dass eine Hochschule für die Ausbildung von Diplomaten ebenso notwendig ist wie Juristenschulen für die Ausbildung von Rechtsanwälten; folglich wurden wir im Ausland nicht länger durch inkompetente Patrioten vertreten. Die Nation blühte; Chicago, für einen Moment nach einem zweiten großen Brand gelähmt, war aus seinen Ruinen erstanden, weiß und kaiserlich, und schöner als die weiße Stadt, die 1893 zu seinem Spielzeug erbaut worden war. Überall ersetzte gute Architektur die schlechte, und selbst in New York hatte ein plötzlicher Drang nach Anständigkeit einen großen Teil der bestehenden Schrecken hinweggefegt. Straßen waren verbreitert, ordentlich gepflastert und beleuchtet worden, Bäume waren gepflanzt, Plätze angelegt, Hochbauten abgerissen und Untergrundbahnen erbaut worden, um sie zu ersetzen. Die neuen Regierungsgebäude und Kasernen boten einen feinen Anblick an Architektur, und das lange System steinerner Kais, das die Insel vollständig umschloss, war in Parkanlagen verwandelt worden, die sich als ein Segen für die Bevölkerung erwiesen. Die Subventionierung des Staatstheaters und der Staatsoper brachte ihren eigenen Lohn. Die Nationale Designakademie der Vereinigten Staaten glich sehr den europäischen Institutionen gleicher Art. Niemand beneidete den Minister für schöne Künste um seinen Kabinettsposten oder sein Ressort. Der Minister für Forstwirtschaft und Wildschutz hatte dank des neuen Systems der Nationalen Berittenen Polizei ein wesentlich leichteres Leben. Wir hatten gut von den neuesten Verträgen mit Frankreich und England profitiert; der Ausschluss im Ausland geborener Juden als Maßnahme zur Selbsterhaltung, die Ansiedlung des neuen unabhängigen Negerstaates Suanee, die Eindämmung der Einwanderung, die neuen Gesetze bezüglich der Einbürgerung und die schrittweise Zentralisierung der Macht in der Exekutive trugen alle zu nationaler Ruhe und Wohlstand bei. Als die Regierung das Indianerproblem löste und Geschwader indianischer Reiteraufklärer in nativer Tracht an die Stelle der erbärmlichen Organisationen traten, die von einem früheren Kriegsminister an das Ende skelettierter Regimenter geheftet worden waren, atmete die Nation tief auf. Als nach dem kolossalen Religionskongress Bigotterie und Intoleranz in ihre Gräber gebettet wurden und Güte und Nächstenliebe begannen, kriegführende Sekten zusammenzuführen, dachten viele, das Tausendjährige Reich sei angebrochen, zumindest in der neuen Welt, die schließlich eine Welt für sich ist.

Aber Selbsterhaltung ist das oberste Gesetz, und die Vereinigten Staaten mussten hilflos und betrübt zusehen, wie Deutschland, Italien, Spanien und Belgien in den Wehen der Anarchie zuckten, während Russland, vom Kaukasus aus wachend, sich herabneigte und sie einen nach dem anderen fesselte.

In der Stadt New York wurde der Sommer 1899 durch den Abbau der Hochbahnen gekennzeichnet. Der Sommer 1900 wird den Menschen in New York für manchen Zyklus im Gedächtnis bleiben; das Dodge-Denkmal wurde in jenem Jahr entfernt. Im folgenden Winter begann jene Agitation für die Aufhebung der Gesetze, die den Selbstmord verbieten, welche im April 1920 ihre endgültige Frucht trug, als die erste staatliche Giftkammer am Washington Square eröffnet wurde.

Ich war an jenem Tag von Dr. Archers Haus an der Madison Avenue herabgegangen, wo ich als reine Formalität gewesen war. Seit jenem Sturz von meinem Pferd vier Jahre zuvor war ich zuweilen von Schmerzen im Hinterkopf und Nacken geplagt worden, aber nun waren sie seit Monaten ausgeblieben, und der Arzt schickte mich an jenem Tag mit den Worten fort, es gebe nichts mehr an mir zu heilen. Es war sein Honorar kaum wert, das zu hören; ich wusste es selbst. Dennoch barg ich keinen Groll wegen des Geldes gegen ihn. Was mich störte, war der Irrtum, den er anfangs begangen hatte. Als man mich vom Pflaster aufhob, wo ich bewusstlos lag, und irgendjemand barmherzig eine Kugel durch den Kopf meines Pferdes gejagt hatte, brachte man mich zu Dr. Archer, und er, der mein Gehirn für beeinträchtigt erklärte, steckte mich in seine private Heilanstalt, wo ich gezwungen war, eine Behandlung wegen Wahnsinns zu ertragen. Schließlich befand er mich für gesund, und ich, da ich wusste, dass mein Geist stets so gesund gewesen war wie der seine, wenn nicht gesünder, „zahlte mein Schulgeld“, wie er es scherzhaft nannte, und ging. Ich sagte ihm lächelnd, ich würde es ihm wegen seines Fehlers heimzahlen, und er lachte herzlich und bat mich, hin und wieder vorbeizuschauen. Ich tat es, in der Hoffnung auf eine Gelegenheit, die Rechnungen auszugleichen, aber er bot mir keine, und ich sagte ihm, ich würde warten.

Der Sturz von meinem Pferd hatte glücklicherweise keine üblichen Folgen hinterlassen; im Gegenteil, er hatte meinen gesamten Charakter zum Besseren verändert. Aus einem faulen jungen Mann von Welt war ich tatkräftig, energisch, mäßig und vor allem – ach, vor allem anderen – ehrgeizig geworden. Es gab nur eine Sache, die mich beunruhigte, ich lachte über meine eigene Unruhe, und dennoch beunruhigte sie mich.

Während meiner Genesung hatte ich zum ersten Mal *Der König in Gelb* gekauft und gelesen. Ich erinnere mich, dass es mir nach der Beendigung des ersten Akts in den Sinn kam, ich täte besser daran aufzuhören. Ich fuhr hoch und warf das Buch in den Kamin; der Band schlug gegen das verstägte Gitter und fiel auf dem Herd im Feuerlicht aufgeschlagen hin. Hätte ich keinen flüchtigen Blick auf die Eröffnungsworte des zweiten Akts erhascht, ich hätte es niemals zu Ende gelesen, aber als ich mich bückte, um es aufzuheben, hefteten sich meine Augen auf die geöffnete Seite, und mit einem Schrei des Schreckens, oder vielleicht war es einer von so schneidender Freude, dass ich in jedem Nerv litt, riss ich das Ding aus der Glut und schlich zitternd in mein Schlafzimmer, wo ich es las und nochmals las und weinte und lachte und zitterte vor einem Entsetzen, das mich zeitweise noch heute befällt. Das ist das Ding, das mich beunruhigte, denn ich kann Carcosa nicht vergessen, wo schwarze Sterne am Himmel hängen; wo sich die Schatten der menschlichen Gedanken am Nachmittag verlängern, wenn die Zwillingssonnen in den See von Hali sinken; und mein Geist wird für immer das Andenken an die Blasse Maske bewahren. Ich bete, dass Gott den Verfasser verfluche, wie der Verfasser die Welt mit dieser schönen, gewaltigen Schöpfung verflucht hat, die in ihrer Einfachheit schrecklich und in ihrer Wahrheit unwiderstehlich ist – einer Welt, die nun vor dem König in Gelb zittert. Als die französische Regierung die übersetzten Exemplare beschlagnahmte, die gerade in Paris eingetroffen waren, brannte London natürlich darauf, es zu lesen. Es ist wohlbekannt, wie sich das Buch wie eine ansteckende Krankheit von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent verbreitete, hier ausgesperrt, dort beschlagnahmt, von Presse und Kanzel verurteilt, selbst von den fortschrittlichsten literarischen Anarchisten getadelt. Keine definitiven Grundsätze waren auf jenen verwickelten Seiten verletzt worden, keine Doktrin verkündet, keine Überzeugungen verletzt. Es konnte nach keinem bekannten Maßstab beurteilt werden, doch obwohl man anerkannte, dass der höchste Ton der Kunst in *Der König in Gelb* angeschlagen worden war, fühlte doch jeder, dass die menschliche Natur die Anspannung nicht ertragen und nicht von Worten gedeihen konnte, in denen die Essenz reinsten Gifts lauert. Die schlichte Banalität und Unschuld des ersten Akts erlaubten dem Schlag erst nachträglich, mit umso entsetzlicherer Wirkung zu treffen.

Es war, so erinnere ich mich, der 13. April 1920, als die erste staatliche Giftkammer auf der Südseite des Washington Square zwischen der Wooster Street und der South Fifth Avenue eingerichtet wurde. Das Geviert, das zuvor aus einer Reihe schäbiger alter Gebäude bestanden hatte, die als Cafés und Restaurants für Ausländer genutzt wurden, war im Winter 1898 von der Regierung erworben worden. Die französischen und italienischen Cafés und Restaurants wurden abgerissen; das gesamte Geviert wurde von einem vergoldeten Eisengitter eingefasst und in einen lieblichen Garten mit Rasenflächen, Blumen und Springbrunnen verwandelt. In der Mitte des Garten stand ein kleines, weißes Gebäude von streng klassizistischer Architektur, umgeben von dichten Blumenbeeten. Sechs ionische Säulen trugen das Dach, und die einzelne Tür bestand aus Bronze. Eine prachtvolle Marmorgruppe der „Parzen“ stand vor der Tür, das Werk eines jungen amerikanischen Bildhauers, Boris Yvain, der in Paris im Alter von erst dreiundzwanzig Jahren gestorben war.

Die Einweihungsfeierlichkeiten waren im Gange, als ich die University Place überquerte und den Platz betrat. Ich bahnte mir meinen Weg durch die schweigende Zuschauermenge, wurde jedoch an der Fourth Street von einer Polizeikette aufgehalten. Ein Regiment amerikanischer Ulanen war in einem Karree um die Giftkammer aufgestellt. Auf einer erhöhten Tribüne mit Blick auf den Washington Park stand der Gouverneur von New York, und hinter ihm gruppierten sich der Bürgermeister von New York und Brooklyn, der Generalinspekteur der Polizei, der Kommandant der Landestruppen, Oberst Livingston, militärischer Adjutant des Präsidenten der Vereinigten Staaten, General Blount, Kommandant auf Governors Island, Generalmajor Hamilton, Kommandant der Garnison von New York und Brooklyn, Admiral Buffby von der Flotte im North River, Generalarzt Lanceford, der Stab des National Free Hospital, die Senatoren Wyse und Franklin aus New York sowie der Kommissar für öffentliche Arbeiten. Die Tribüne war von einem Geschwader Husaren der Nationalgarde umringt.

Der Gouverneur beendete gerade seine Erwiderung auf die kurze Ansprache des Generalarztes. Ich hörte ihn sagen: „Die Gesetze, die den Selbstmord verbieten und Strafe für jeden Versuch der Selbsttötung vorsehen, sind aufgehoben worden. Die Regierung hat es für richtig befunden, das Recht des Menschen anzuerkennen, ein Dasein zu beenden, das ihm durch körperliches Leiden oder seelische Verzweiflung unerträglich geworden sein mag. Es wird angenommen, dass die Gemeinschaft durch die Entfernung solcher Menschen aus ihrer Mitte begünstigt wird. Seit der Verabschiedung dieses Gesetzes hat die Zahl der Selbstmorde in den Vereinigten Staaten nicht zugenommen. Nun da die Regierung beschlossen hat, in jeder Stadt, jeder Ortschaft und jedem Dorf des Landes eine Giftkammer einzurichten, bleibt abzuwarten, ob jene Klasse menschlicher Geschöpfe, aus deren verzweifelten Reihen täglich neue Opfer der Selbsttötung fallen, die so gebotene Erholung annehmen wird oder nicht.“ Er hielt inne und wandte sich der weißen Giftkammer zu. Die Stille auf der Straße war absolut. „Dort erwartet denjenigen ein schmerzloser Tod, der die Sorgen dieses Lebens nicht länger ertragen kann. Wenn der Tod willkommen ist, so suche er ihn dort.“ Dann wandte er sich rasch dem militärischem Adjutanten des Haushalts des Präsidenten zu und sprach: „Ich erkläre die Giftkammer für eröffnet“, und sich erneut der riesigen Menge zuwendend, rief er mit klarer Stimme: „Bürger von New York und der Vereinigten Staaten von Amerika, durch mich erklärt die Regierung die Giftkammer für eröffnet.“

Die feierliche Stille wurde durch ein scharfes Kommandosignal durchbrochen, das Husarenregiment folgte der Kutsche des Gouverneurs, die Ulanen schwenkten um und stellten sich entlang der Fifth Avenue auf, um auf den Garnisonskommandanten zu warten, und die berittene Polizei folgte ihnen. Ich verließ die Menge, um das weiße Marmormodes Todeskammer zu begaffen und anzustarren, überquerte die South Fifth Avenue und ging an der Westseite jener Durchgangsstraße entlang bis zur Bleecker Street. Dann wandte ich mich nach rechts und hielt vor einem schäbigen Geschäft an, das das Schild trug:

HAWBERK, RÜSTUNGSMACHER.

Ich warf einen Blick in den Eingang und sah Hawberk in seinem kleinen Laden am Ende des Flurs beschäftigt. Er blickte auf, erblickte mich und rief mit seiner tiefen, herzlichen Stimme: „Kommen Sie rein, Mr. Castaigne!“ Constance, seine Tochter, erhob sich, um mich zu begrüßen, als ich die Schwelle überschritt, und streckte mir ihre hübsche Hand entgegen, aber ich sah das Erröten der Enttäuschung auf ihren Wangen und wusste, dass sie einen anderen Castaigne erwartet hatte, meinen Cousin Louis. Ich lächelte über ihre Verwirrung und lobte sie für das Banner, das sie nach einer farbigen Vorlage stickte. Der alte Hawberk saß da und vernietete die abgenutzten Beinschienen eines antiken Harnischs, und das Ting! Ting! Ting! seines kleinen Hammers klang angenehm in dem urtümlichen Laden. Bald ließ er seinen Hammer fallen und hantierte einen Augenblick lang mit einem winzigen Schraubenschlüssel herum. Das weiche Klirren des Kettenhemdes jagte mir einen Schauer des Vergnügens durch den Körper. Ich liebte es, die Musik des aneinander reibenden Stahls zu hören, den dumpfen Stoß des Holzhammers auf Oberschenkelstücke und das Klingeln des Kettenpanzers. Das war der einzige Grund, warum ich Hawberk besuchte. Er hatte mich nie persönlich interessiert, Constance ebenfalls nicht, außer der Tatsache wegen, dass sie in Louis verliebt war. Das erregte meine Aufmerksamkeit und hielt mich bisweilen nachts sogar wach. Aber ich wusste im Herzen, dass alles gut werden würde und dass ich ihre Zukunft ordnen würde, wie ich es von der meines gütigen Arztes John Archer erwartete. Jedoch hätte ich mir zu jener Zeit niemals die Mühe gemacht, sie zu besuchen, wäre es nicht, wie gesagt, die Musik des klopfenden Hammers gewesen, die diese starke Faszination auf mich ausübte. Ich saß stundenlang da, lauschte und lauschte, und wenn ein verirrter Sonnenstrahl den eingelegten Stahl traf, war die Empfindung, die er mir gab, fast zu intensiv, als dass man sie ertragen konnte. Meine Augen wurden starr, weiteten sich mit einem Vergnügen, das jeden Nerv bis zum Zerreißen dehnte, bis irgendeine Bewegung des alten Rüstungsmachers den Sonnenstrahl abschnitt, woraufhin ich mich, noch immer heimlich zitternd, zurücklehnte und wieder dem Geräusch des Poliertuchs lauschte: husch! husch!, das Rost von den Nieten rieb.

Constance arbeitete mit der Stickerei auf ihren Knien und hielt hin und wieder inne, um das Muster auf der farbigen Tafel aus dem Metropolitan Museum genauer zu betrachten.

„Für wen ist das?“, fragte ich.

Hawberk erklärte, dass er zusätzlich zu den Rüstungsschätzen des Metropolitan Museums, zu deren Rüstungsmacher er ernannt worden war, auch die Betreuung mehrerer Sammlungen innehatte, die reichen Amateuren gehörten. Dies war die fehlende Beinschiene eines berühmten Harnischs, den ein Kunde von ihm in einem kleinen Laden in Paris am Quai d’Orsay aufgespürt hatte. Er, Hawberk, hatte über die Beinschiene verhandelt und sie sichergestellt, und nun war die Rüstung komplett. Er legte seinen Hammer nieder und las mir die Geschichte des Harnischs vor, die seit 1450 von Eigentümer zu Eigentümer zurückverfolgt worden war, bis sie von Thomas Stainbridge erworben wurde. Als dessen prachtvolle Sammlung verkauft wurde, kaufte dieser Kunde von Hawberk den Harnisch, und seitdem war die Suche nach der fehlenden Beinschiene vorangetrieben worden, bis sie fast durch einen Zufall in Paris verortet wurde.

„Haben Sie die Suche so beharrlich fortgesetzt, ohne irgendeine Gewissheit, dass die Beinschiene noch existierte?“, fragte ich.

„Natürlich“, erwiderte er kühl.

Da gewann ich zum ersten Mal ein persönliches Interesse an Hawberk.

„Es war Ihnen etwas wert“, wagte ich zu sagen.

„Nein“, antwortete er lachend, „mein Vergnügen, sie zu finden, war mein Lohn.“

„Haben Sie keinen Ehrgeiz, reich zu sein?“, fragte ich lächelnd.

„Mein einziger Ehrgeiz ist es, der beste Rüstungsmacher der Welt zu sein“, antwortete er ernst.

Constance fragte mich, ob ich die Zeremonien an der Giftkammer gesehen hätte. Sie selbst hatte an jenem Morgen Kavallerie die Broadway hinaufziehen bemerkt und hatte der Einweihung beiwohnen wollen, aber ihr Vater wollte das Banner fertig haben, und sie war auf seine Bitte hin geblieben.

„Haben Sie Ihren Cousin, Mr. Castaigne, dort gesehen?“, fragte sie mit dem geringsten Zittern ihrer weichen Wimpern.

„Nein“, erwiderte ich gleichgültig. „Louis’ Regiment manövriert draußen im Westchester County.“ Ich stand auf und nahm Hut und Stock.

„Gehen Sie wieder nach oben, um den Wahnsinnigen zu besuchen?“, lachte der alte Hawberk. Wenn Hawberk wüsste, wie sehr ich dieses Wort „Wahnsinniger“ verabscheue, würde er es niemals in meiner Gegenwart verwenden. Es weckt gewisse Gefühle in mir, die ich nicht näher erläutern möchte. Jedoch antwortete ich ihm ruhig: „Ich denke, ich werde kurz bei Mr. Wilde vorbeischauen.“

„Der Arme“, sagte Constance unter Kopfschütteln, „es muss schwer sein, Jahr für Jahr einsam zu leben, arm, verkrüppelt und fast demenzkrank. Es ist sehr gütig von Ihnen, Mr. Castaigne, ihn so oft zu besuchen.“

„Ich glaube, er ist boshaft“, bemerkte Hawberk und fing wieder mit seinem Hammer an. Ich lauschte dem goldenen Klingeln auf den Schienenplatten; als er fertig war, erwiderte ich:

„Nein, er ist weder boshaft noch im Geringsten dement. Sein Verstand ist eine Wunderkammer, aus der er Schätze herausholen kann, zu erlangen Sie und ich Jahre unseres Lebens hergeben würden.“

Hawberk lachte.

Ich fuhr etwas ungeduldig fort: „Er kennt die Geschichte, wie sonst niemand sie kennen könnte. Nichts, selbst noch so belangloses, entgeht seiner Forschung, und sein Gedächtnis ist so absolut, so präzise in den Einzelheiten, dass, würde man in New York wissen, dass ein solcher Mann existiert, die Menschen ihn gar nicht genug ehren könnten.“

„Unsinn“, murmelte Hawberk und suchte auf dem Fußboden nach einer heruntergefallenen Niete.

„Ist es Unsinn?“, fragte ich, während es mir gelang, meine Gefühle zu unterdrücken, „ist es Unsinn, wenn er sagt, dass die Oberschenkelkacheln und Beinlinge des emaillierten Harnischs, der gemeinhin als ‚Die Prunkrüstung des Prinzen‘ bekannt ist, sich unter einer Masse rostiger Theaterrequisiten, kaputter Öfen und Lumpensammlermüll in einem Dachboden in der Pell Street finden lassen?“

Hawberks Hammer fiel zu Boden, aber er hob ihn auf und fragte mit großer Gelassenheit, woher ich wüsste, dass die Oberschenkelkacheln und der linke Beinling bei der „Prunkrüstung des Prinzen“ fehlten.

„Ich wusste es nicht, bis Mr. Wilde mich neulich darauf aufmerksam machte. Er sagte, sie lägen auf dem Dachboden in der Pell Street 998.“

„Unsinn“, rief er, aber ich bemerkte, wie seine Hand unter seiner Lederschürze zitterte.

„Ist auch das Unsinn?“, fragte ich freundlich, „ist es Unsinn, wenn Mr. Wilde unablässig von Ihnen als dem Marquis von Avonshire und von Miss Constance—”

Ich beendete den Satz nicht, denn Constance war mit in jedem Zug eingeschriebenem Schrecken aufgesprungen. Hawberk sah mich an und strich langsam seine Lederschürze glatt.

„Das ist unmöglich“, bemerkte er, „Mr. Wilde mag eine Menge Dinge wissen –“

„Über Rüstungen zum Beispiel und die ‚Prunkrüstung des Prinzen‘“, warf ich lächelnd ein.

„Ja“, fuhr er langsam fort, „auch über Rüstungen – mag sein –, aber er irrt sich bezüglich des Marquis von Avonshire, der, wie Sie wissen, vor Jahren den Verleumder seiner Frau tötete und nach Australien ging, wo er den Tod seiner Frau nicht lange überlebte.“

„Mr. Wilde irrt sich“, murmelte Constance. Ihre Lippen waren erblasst, aber ihre Stimme war sanft und ruhig.

„Lassen wir uns darauf einigen, wenn es Ihnen recht ist, dass sich Mr. Wilde in diesem einen Punkt irrt“, sagte ich.

II

Ich stieg die drei heruntergekommenen Treppenabsätze hinauf, die ich so oft zuvor bestiegen hatte, und klopfte an eine kleine Tür am Ende des Flurs. Mr. Wilde öffnete die Tür und ich trat ein.

Er hatte die Tür doppelt verschlossen und einen schweren Kasten davor geschoben, als er zu mir herüberkam und sich neben mich setzte, wobei er mit seinen kleinen, hellen Augen in mein Gesicht starrte. Ein halbes Dutzend frischer Kratzer bedeckte seine Nase und Wangen, und die silbernen Drähte, die seine künstlichen Ohren hielten, waren verrutscht. Ich dachte, ich hätte ihn noch nie so abscheulich faszinierend gesehen. Er hatte keine Ohren. Die künstlichen, die nun in einem Winkel von dem feinen Draht abstanden, waren seine einzige Schwäche. Sie waren aus Wachs gefertigt und muschelrosa bemalt, aber der Rest seines Gesichts war gelb. Er hätte sich besser im Luxus einiger künstlicher Finger für seine linke Hand schwelgen sollen, die absolut fingerlos war, aber das schien ihm keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, und er war mit seinen Wachsohren zufrieden. Er war sehr klein, kaum höher als ein zehnjähriges Kind, aber seine Arme waren prachtvoll entwickelt und seine Schenkel so dick wie die eines jeden Athleten. Dennoch war das Bemerkenswerteste an Mr. Wilde, dass ein Mann von seiner wunderbaren Intelligenz und seinem Wissen einen solchen Kopf haben konnte. Er war flach und spitz, wie die Köpfe vieler jener Unglücklichen, die man in Anstalten für Geistesschwache einsperrt. Viele nannten ihn wahnsinnig, aber ich wusste, dass er so bei Verstand war wie ich.

Ich leugne nicht, dass er exzentrisch war; der Wahn, den er hatte, diese Katze zu halten und sie so lange zu reizen, bis sie wie ein Dämon auf sein Gesicht losging, war sicherlich exzentrisch. Ich konnte nie verstehen, warum er das Geschöpf behielt, noch welches Vergnügen er daran fand, sich mit diesem mürrischen, bösartigen Biest in seinem Zimmer einzuschließen. Ich erinnere mich, wie ich einmal von dem Manuskript, das ich beim Licht einiger Talgkerzen studierte, aufblickte und sah, wie Mr. Wilde bewegungslos auf seinem hohen Stuhl kauerte, seine Augen förmlich vor Aufregung glühten, während die Katze, die sich von ihrem Platz vor dem Ofen erhoben hatte, über den Boden direkt auf ihn zukroch. Bevor ich mich bewegen konnte, drückte sie ihren Bauch auf den Boden, kauerte sich nieder, zitterte und sprang in sein Gesicht. Heulend und schäumend rollten sie auf dem Boden hin und her, kratzten und klauten, bis die Katze schrie und unter den Schrank floh, und Mr. Wilde sich auf den Rücken drehte, wobei sich seine Gliedmaßen zusammenzogen und krümmten wie die Beine einer sterbenden Spinne. Er war exzentrisch.

Mr. Wilde war auf seinen hohen Stuhl gestiegen und, nachdem er mein Gesicht studiert hatte, nahm er ein abgegriffenes Hauptbuch und schlug es auf.

„Henry B. Matthews“, las er, „Buchhalter bei Whysot Whysot und Company, Händler für Kirchenschmuck. Besuch am 3. April. Ruf auf der Rennbahn beschädigt. Bekannt als Wettschuldenpreller. Ruf bis zum 1. August wiederherzustellen. Honorar fünf Dollar.“ Er blätterte die Seite um und ließ seine fingerlosen Knöchel die eng beschriebenen Spalten entlangfahren.

„P. Greene Dusenberry, Prediger des Evangeliums, Fairbeach, New Jersey. Ruf in der Bowery beschädigt. So bald wie möglich wiederherzustellen. Honorar 100 Dollar.“

Er hustete und fügte hinzu: „Besuch am 6. April.“

„Dann sind Sie also nicht auf Geld angewiesen, Mr. Wilde“, fragte ich.

„Hören Sie“, er hustete erneut.

„Mrs. C. Hamilton Chester, aus Chester Park, New York City. Besuch am 7. April. Ruf in Dieppe, Frankreich, beschädigt. Bis zum 1. Oktober wiederherzustellen. Honorar 500 Dollar.

Anmerkung: C. Hamilton Chester, Kapitän der U.S.S. ‚Avalanche‘, am 1. Oktober von der Südseeflotte nach Hause beordert.“

„Nun“, sagte ich, „der Beruf eines Wiederherstellers von Rufen ist lukrativ.“

Seine farblosen Augen suchten die meinen. „Ich wollte nur beweisen, dass ich recht hatte. Sie sagten, es sei unmöglich, als Wiederhersteller von Rufen erfolgreich zu sein; dass es mich, selbst wenn ich in bestimmten Fällen erfolgreich wäre, mehr kosten würde, als ich dadurch gewinnen würde. Heute habe ich fünfhundert Männer in meinen Diensten, die schlecht bezahlt werden, aber die Arbeit mit einem Enthusiasmus verfolgen, der möglicherweise aus Furcht geboren ist. Diese Männer dringen in jede Schattierung und jeden Grad der Gesellschaft ein; einige sind sogar Stützen der exklusivsten sozialen Tempel; andere sind die Stütze und der Stolz der Finanzwelt; wieder andere haben unangefochtene Herrschaft unter der ‚Fancy and the Talent‘. Ich wähle sie in meiner Muße aus denen aus, die auf meine Anzeigen antworten. Es ist leicht genug, sie sind alle Feiglinge. Ich könnte die Zahl in zwanzig Tagen verdreifachen, wenn ich wollte. Sie sehen also, diejenigen, die den Ruf ihrer Mitbürger in ihrer Obhut haben, habe ich auf meiner Gehaltsliste.“

„Sie könnten sich gegen Sie wenden“, gab ich zu bedenken.

Er rieb mit dem Daumen über seine gestutzten Ohren und justierte die Wachs-Ersatzstücke. „Ich glaube nicht“, murmelte er nachdenklich, „ich muss selten die Peitsche anwenden, und dann nur einmal. Außerdem mögen sie ihren Lohn.“

„Wie wenden Sie die Peitsche an?“, verlangte ich zu wissen.

Sein Gesicht war für einen Moment schrecklich anzusehen. Seine Augen schrumpften zu einem Paar grüner Funken zusammen.

„Ich lade sie ein, zu kommen und ein kleines Gespräch mit mir zu führen“, sagte er mit weicher Stimme.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn, und sein Gesicht nahm wieder seinen freundlichen Ausdruck an.

„Wer ist da?“, erkundigte er sich.

„Mr. Steylette“, lautete die Antwort.

„Kommen Sie morgen wieder“, erwiderte Mr. Wilde.

„Unmöglich“, begann der andere, wurde aber durch ein bellendes Geräusch von Mr. Wilde zum Schweigen gebracht.

„Kommen Sie morgen wieder“, wiederholte er.

Wir hörten jemanden von der Tür weggehen und die Ecke bei der Treppe umbiegen.

„Wer ist das?“, fragte ich.

„Arnold Steylette, Eigentümer und Chefredakteur der großen New Yorker Tageszeitung.“

Er trommelte mit seiner fingerlosen Hand auf das Hauptbuch und fügte hinzu: „Ich bezahle ihn sehr schlecht, aber er hält es für ein gutes Geschäft.“

„Arnold Steylette!“, wiederholte ich erstaunt.

„Ja“, sagte Mr. Wilde mit einem selbstzufriedenen Husten.

Die Katze, die während er sprach den Raum betreten hatte, zögerte, sah zu ihm auf und knurrte. Er kletterte vom Stuhl und kauerte auf dem Boden, nahm das Geschöpf in seine Arme und liebkoste es. Die Katze hörte auf zu knurren und begann alsbald ein lautes Schnurren, das an Klangfülle zuzunehmen schien, während er sie streichelte. „Wo sind die Notizen?“, fragte ich. Er zeigte auf den Tisch, und zum hundertsten Mal nahm ich das Bündel Manuskripte in die Hand, das betitelt war mit:

„DIE KAISERLICHE DYNASTIE VON AMERIKA.“

Eine nach der anderen studierte ich die abgegriffenen Seiten, abgegriffen nur durch meine eigene Handhabung, und obwohl ich alles auswendig kannte, vom Anfang „Wenn von Carcosa, den Hyaden, Hastur und Aldebaran“, bis zu „Castaigne, Louis de Calvados, geboren am 19. Dezember 1877“, las ich es mit einer eifrigen, hingerissenen Aufmerksamkeit, hielt inne, um Teile davon laut zu wiederholen, und verweilte besonders bei „Hildred de Calvados, einziger Sohn von Hildred Castaigne und Edythe Landes Castaigne, Erster in der Erbfolge“, usw., usw.

Als ich fertig war, nickte Mr. Wilde und hustete.

„Wenn wir von Ihrem legitimen Ehrgeiz sprechen“, sagte er, „wie kommen Constance und Louis miteinander aus?“

„Sie liebt ihn“, antwortete ich einfach.

Die Katze auf seinem Schoß drehte sich plötzlich um und schlug nach seinen Augen, woraufhin er sie von sich warf und auf den Stuhl mir gegenüber kletterte.

„Und Dr. Archer! Aber das ist eine Angelegenheit, die Sie jederzeit klären können, wenn Sie wünschen“, fügte er hinzu.

„Ja“, antwortete ich, „Dr. Archer kann warten, aber es ist an der Zeit, dass ich meinen Cousin Louis sehe.“

„Es ist an der Zeit“, wiederholte er. Dann nahm er ein weiteres Hauptbuch vom Tisch und blätterte schnell durch die Seiten. „Wir stehen jetzt mit zehntausend Männern in Verbindung“, murmelte er. „Wir können innerhalb der ersten achtundzwanzig Stunden mit hunderttausend rechnen, und in achtundvierzig Stunden wird sich der Staat en masse erheben. Das Land folgt dem Staat, und der Teil, der dies nicht tut, ich meine Kalifornien und den Nordwesten, wäre besser nie bewohnt worden. Ich werde ihnen das Gelbe Zeichen nicht schicken.“

Das Blut stieg mir in den Kopf, aber ich antwortete nur: „Ein neuer Besen kehrt gut.“

„Der Ehrgeiz von Cäsar und Napoleon verblasst vor dem, das nicht ruhen konnte, bis es die Gedanken der Menschen ergriffen und sogar ihre ungeborenen Gedanken kontrolliert hatte“, sagte Mr. Wilde.

„Sie sprechen vom König in Gelb“, stöhnte ich mit einem Schaudern.

„Er ist ein König, dem Kaiser gedient haben.“

„Ich bin zufrieden, ihm zu dienen“, antwortete ich.

Mr. Wilde saß da und rieb seine Ohren mit seiner verkrüppelten Hand. „Vielleicht liebt Constance ihn nicht“, schlug er vor.

Ich wollte gerade antworten, aber ein plötzlicher Ausbruch militärischer Musik von der Straße unten übertönte meine Stimme. Das zwanzigste Dragonerregiment, ehemals in Garnison in Mount St. Vincent stationiert, kehrte von den Manövern im Westchester County in seine neuen Kasernen am East Washington Square zurück. Es war das Regiment meines Cousins. Sie waren eine feine Truppe, in ihren hellblauen, eng anliegenden Jacken, verwegenen Tschakos und weißen Reithosen mit dem doppelten gelben Streifen, in die ihre Gliedmaßen wie hineingegossen schienen. Jede zweite Schwadron war mit Lanzen bewaffnet, von deren Metallspitzen gelbe und weiße Wimpel flatterten. Die Kapelle zog vorbei und spielte den Regimentsmarsch, dann kamen der Oberst und der Stab, die Pferde drängten und stampften, während ihre Köpfe im Gleichklang wippten und die Wimpel von ihren Lanzenspitzen flatterten. Die Reiter, die mit dem schönen englischen Sitz ritten, sahen von ihrem blutlosen Feldzug auf den Farmen von Westchester braun wie Beeren aus, und die Musik ihrer Säbel gegen die Steigbügel sowie das Klirren der Sporen und Karabiner war für mich entzückend. Ich sah Louis mit seiner Schwadron reiten. Er war so ein stattlicher Offizier, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Mr. Wilde, der auf einen Stuhl am Fenster gestiegen war, sah ihn ebenfalls, sagte aber nichts. Louis drehte sich um und sah geradeaus auf Hawberks Laden, als er vorbeiritt, und ich konnte das Rot auf seinen braunen Wangen sehen. Ich denke, Constance muss am Fenster gewesen sein. Als die letzten Reiter vorbeigeklappert waren und die letzten Wimpel in die South Fifth Avenue verschwunden waren, kletterte Mr. Wilde von seinem Stuhl und zog den Kasten von der Tür weg.

„Ja“, sagte er, „es ist an der Zeit, dass Sie Ihren Cousin Louis sehen.“

Er schloss die Tür auf, und ich nahm meinen Hut und Stock und trat auf den Korridor. Die Treppe war dunkel. Während ich umhertastete, setzte ich meinen Fuß auf etwas Weiches, das knurrte und spuckte, und ich zielte mit einem mörderischen Schlag auf die Katze, aber mein Gehstock zersplitterte am Treppengeländer, und das Biest huschte zurück in Mr. Wildes Zimmer.

Als ich wieder an Hawberks Tür vorbeiging, sah ich ihn immer noch an der Rüstung arbeiten, aber ich hielt nicht an, und als ich auf die Bleecker Street trat, folgte ich ihr bis zur Wooster, umrundete das Gelände der Tödlichen Kammer und ging über den Washington Park direkt zu meinen Zimmern im Benedick. Hier aß ich gemütlich zu Mittag, las den Herald und den Meteor und ging schließlich zu dem Stahltresor in meinem Schlafzimmer und stellte die Zeitkombination ein. Die drei und dreiviertel Minuten, die man warten muss, während das Zeitschloss aufgeht, sind für mich goldene Momente. Von dem Augenblick an, in dem ich die Kombination einstelle, bis zu dem Moment, in dem ich die Knöpfe ergreife und die massiven Stahltüren zurückschwinge, lebe ich in einer Ekstase der Erwartung. Diese Momente müssen wie die Momente im Paradies sein. Ich weiß, was ich am Ende der Zeitbegrenzung finden werde. Ich weiß, was der massive Tresor für mich, für mich allein sicher verwahrt, und das exquisite Vergnügen des Wartens wird kaum gesteigert, wenn der Tresor sich öffnet und ich ein Diadem aus reinstem Gold, funkelnd mit Diamanten, aus seinem samtenen Inneren hebe. Ich tue dies jeden Tag, und doch scheint die Freude am Warten und am endlichen Wiederberühren des Diadems nur zuzunehmen, während die Tage vergehen. Es ist ein Diadem, passend für einen König unter Königen, einen Kaiser unter Kaisern. Der König in Gelb mag es verschmähen, aber es wird von seinem königlichen Diener getragen werden.

Ich hielt es in meinen Armen, bis der Alarm im Tresor schrill ertönte, und dann legte ich es zärtlich und stolz zurück und schloss die Stahltüren. Ich ging langsam in mein Arbeitszimmer zurück, das zum Washington Square liegt, und lehnte mich an das Fensterbrett. Die Nachmittagssonne strömte in meine Fenster, und eine sanfte Brise bewegte die Zweige der Ulmen und Ahornbäume im Park, die nun mit Knospen und zartem Laub bedeckt waren. Ein Schwarm Tauben kreiste um den Turm der Memorial Church; manchmal landeten sie auf dem violett gefliesten Dach, manchmal schwenkten sie hinunter zum Lotos-Brunnen vor dem Marmorbogen. Die Gärtner waren mit den Blumenbeeten um den Brunnen beschäftigt, und die frisch umgegrabene Erde roch süß und würzig. Ein Rasenmäher, gezogen von einem dicken weißen Pferd, klapperte über die grüne Fläche, und Sprengwagen ergossen Schauer von Gischt über die Asphaltwege. Um die Statue von Peter Stuyvesant, die 1897 das Ungetüm ersetzt hatte, das Garibaldi darstellen sollte, spielten Kinder im Frühlingssonnenschein, und Kindermädchen schoben aufwendige Kinderwagen mit einer rücksichtslosen Missachtung der teiggesichtigen Insassen, was wahrscheinlich durch die Anwesenheit eines halben Dutzends adretter Dragonerreiter erklärt werden konnte, die träge auf den Bänken lümmelten. Durch die Bäume glänzte der Washington Memorial Arch wie Silber im Sonnenschein, und dahinter, am östlichen Ende des Platzes, waren die grauen Steinkasernen der Dragoner und die weißen Artillerieställe aus Granit voller Farbe und Bewegung.

Ich sah zur Tödlichen Kammer an der Ecke des gegenüberliegenden Platzes. Einige neugierige Menschen verweilten noch am vergoldeten Eisengeländer, aber innerhalb des Geländes waren die Wege verlassen. Ich beobachtete, wie die Brunnen kräuselten und glitzerten; die Spatzen hatten diesen neuen Badeplatz bereits gefunden, und die Becken waren bedeckt mit den staubig-gefiederten kleinen Dingen. Zwei oder drei weiße Pfaue suchten sich ihren Weg über die Rasenflächen, und eine taubenfarbene Taube saß so bewegungslos auf dem Arm einer der „Parzen“, dass sie ein Teil des gehauenen Steins zu sein schien.

Als ich mich achtlos abwenden wollte, erregte ein leichtes Aufsehen in der Gruppe neugieriger Herumstehender an den Toren meine Aufmerksamkeit. Ein junger Mann war eingetreten und schritt mit nervösen Schritten den Kiesweg entlang, der zu den Bronzetüren der Tödlichen Kammer führt. Er hielt einen Moment vor den „Parzen“ inne, und als er seinen Kopf zu diesen drei geheimnisvollen Gesichtern hob, erhob sich die Taube von ihrem skulpturalen Sitzplatz, kreiste einen Moment und schwenkte nach Osten. Der junge Mann presste seine Hand auf sein Gesicht, und dann sprang er mit einer undefinierbaren Geste die Marmorstufen hinauf, die Bronzetüren schlossen sich hinter ihm, und eine halbe Stunde später trotteten die Herumstehenden davon, und die erschrockene Taube kehrte zu ihrem Sitzplatz in den Armen der Parze zurück.

Ich setzte meinen Hut auf und ging für einen kleinen Spaziergang vor dem Abendessen in den Park. Als ich die zentrale Auffahrt überquerte, kam eine Gruppe von Offizieren vorbei, und einer von ihnen rief: „Hallo, Hildred“, und kam zurück, um mir die Hand zu schütteln. Es war mein Cousin Louis, der lächelnd dastand und mit seiner Reitpeitsche gegen seine gespornten Absätze klopfte.

„Gerade aus Westchester zurück“, sagte er; „habe das Bukolische gemacht; Milch und Quark, wissen Sie, Milchmädchen in Sonnenhüten, die ‚hiao‘ sagen und ‚Ich glaube nicht‘, wenn man ihnen sagt, dass sie hübsch sind. Ich sterbe fast vor Hunger nach einer anständigen Mahlzeit bei Delmonico’s. Was gibt es Neues?“

„Es gibt keines“, antwortete ich freundlich. „Ich habe heute Morgen Ihr Regiment einreiten sehen.“

„Haben Sie? Ich habe Sie nicht gesehen. Wo waren Sie?“

„In Mr. Wildes Fenster.“

„Oh, verdammt!“, begann er ungeduldig, „dieser Mann ist starrsinnig verrückt! Ich verstehe nicht, warum Sie –“

Er sah, wie verärgert ich über diesen Ausbruch war, und bat mich um Verzeihung.

„Wirklich, alter Junge“, sagte er, „ich will keinen Mann schlechtmachen, den Sie mögen, aber um alles in der Welt kann ich nicht sehen, was zum Teufel Sie mit Mr. Wilde gemeinsam haben. Er ist nicht gut erzogen, um es großzügig auszudrücken; er ist abscheulich deformiert; sein Kopf ist der Kopf eines kriminell Geistesgestörten. Sie wissen selbst, dass er in einer Anstalt war –“

„Ich auch“, unterbrach ich ihn ruhig.

Louis sah einen Moment erschrocken und verwirrt aus, erholte sich aber und klopfte mir herzlich auf die Schulter. „Sie wurden vollständig geheilt“, begann er; aber ich hielt ihn wieder auf.

„Ich nehme an, Sie meinen, dass man einfach anerkannt hat, nie geisteskrank gewesen zu sein.“

„Natürlich das – das habe ich gemeint“, lachte er.

Sein Lachen missfiel mir, weil ich wusste, dass es erzwungen war, aber ich nickte fröhlich und fragte ihn, wohin er gehe. Louis sah seinen Offizierskameraden nach, die nun fast den Broadway erreicht hatten.

„Wir hatten vor, einen Brunswick-Cocktail zu probieren, aber um die Wahrheit zu sagen, war ich begierig auf eine Ausrede, um stattdessen zu Hawberk zu gehen. Kommen Sie mit, ich mache Sie zu meiner Ausrede.“

Wir fanden den alten Hawberk, ordentlich gekleidet in einem frischen Frühlingsanzug, an der Tür seines Ladens stehen und die Luft schnuppern.

„Ich hatte gerade beschlossen, mit Constance vor dem Abendessen einen kleinen Spaziergang zu machen“, antwortete er auf die stürmische Fragenflut von Louis. „Wir dachten daran, auf der Parkterrasse am North River spazieren zu gehen.“

In diesem Moment erschien Constance und wurde abwechselnd blass und rosig, als Louis sich über ihre kleinen behandschuhten Finger beugte. Ich versuchte mich zu entschuldigen, unter dem Vorwand einer Verabredung in der Stadt, aber Louis und Constance wollten nicht hören, und ich sah, dass von mir erwartet wurde, dass ich bleibe und die Aufmerksamkeit des alten Hawberk beanspruche. Schließlich wäre es ganz gut, wenn ich Louis im Auge behielte, dachte ich, und als sie einen Straßenbahnwagen der Spring Street herbeiriefen, stieg ich hinter ihnen ein und nahm meinen Platz neben dem Rüstungsschmied ein.

Die schöne Reihe von Parks und Granitterrassen mit Blick auf die Kais entlang des North River, die 1910 erbaut und im Herbst 1917 fertiggestellt wurden, war zu einer der beliebtesten Promenaden der Metropole geworden. Sie erstreckten sich von der Battery bis zur 190th Street, überblickten den noblen Fluss und boten einen feinen Blick auf die Küste von Jersey und die Highlands gegenüber. Cafés und Restaurants waren hier und da zwischen den Bäumen verstreut, und zweimal pro Woche spielten Militärkapellen aus der Garnison in den Kiosken auf den Brüstungen.

Wir setzten uns im Sonnenschein auf die Bank am Fuß der Reiterstatue von General Sheridan. Constance neigte ihren Sonnenschirm, um ihre Augen zu schützen, und sie und Louis begannen ein murmelndes Gespräch, das unmöglich zu verstehen war. Der alte Hawberk, der sich auf seinen Stock mit dem Elfenbeinknauf stützte, zündete sich eine ausgezeichnete Zigarre an, deren Gegenstück ich höflich ablehnte, und lächelte vor sich hin. Die Sonne hing tief über den Wäldern von Staten Island, und die Bucht war in goldene Farbtöne getaucht, die von den sonnengewärmten Segeln der Schiffe im Hafen reflektiert wurden.

Brigg-Schiffe, Schoner, Yachten, plump aussehende Fähren, deren Decks vor Menschen wimmelten, Eisenbahntransporter, die Reihen von braunen, blauen und weißen Güterwagen beförderten, stattliche Sound-Dampfer, déclassé Tramp-Dampfer, Küstenfahrer, Bagger, Schuten, und überall in der ganzen Bucht unverschämte kleine Schlepper, die geschäftig pufften und pfiffen; – das waren die Fahrzeuge, die das sonnenbeschienene Wasser aufwühlten, soweit das Auge reichte. Im ruhigen Kontrast zur Eile der Segelschiffe und Dampfer lag eine stille Flotte weißer Kriegsschiffe bewegungslos in der Flussmitte.

Constances fröhliches Lachen riss mich aus meiner Träumerei.

„Worauf starren Sie?“, fragte sie.

„Auf nichts – die Flotte“, lächelte ich.

Dann erzählte uns Louis, was die Schiffe waren, und wies auf jedes durch seine relative Position zum alten Red Fort auf Governor’s Island hin.

„Dieses kleine zigarrenförmige Ding ist ein Torpedoboot“, erklärte er; „es liegen noch vier weitere dicht beieinander. Das sind die Tarpon, die Falcon, die Sea Fox und die Octopus. Die Kanonenboote direkt darüber sind die Princeton, die Champlain, die Still Water und die Erie. Daneben liegen die Kreuzer Faragut und Los Angeles, und darüber die Schlachtschiffe California und Dakota sowie die Washington, die das Flaggschiff ist. Diese zwei plump aussehenden Metallbrocken, die dort vor Castle William vor Anker liegen, sind die Monitore Terrible und Magnificent mit ihren Doppeltürmen; dahinter liegt der Rammbock Osceola.“

Constance sah ihn mit tiefer Anerkennung in ihren schönen Augen an. „Was du für ein Soldat alles weißt“, sagte sie, und wir alle stimmten in das Lachen ein, das folgte.

Kurz darauf erhob sich Louis mit einem Nicken zu uns und bot Constance seinen Arm an, und sie schlenderten die Flussmauer entlang davon. Hawberk beobachtete sie einen Moment lang und wandte sich dann an mich.

„Mr. Wilde hatte recht“, sagte er. „Ich habe die fehlenden Tassets und den linken Cuissard des ‚Emblazoned Prince‘ auf einem abscheulichen alten Trödelboden in der Pell Street gefunden.“

„998?“, fragte ich mit einem Lächeln.

„Ja.“

„Mr. Wilde ist ein sehr intelligenter Mann“, bemerkte ich.

„Ich möchte ihm das Verdienst für diese wichtigste Entdeckung zugestehen“, fuhr Hawberk fort. „Und ich beabsichtige, dass bekannt wird, dass er Anspruch auf den Ruhm dafür hat.“

„Er wird Ihnen dafür nicht danken“, antwortete ich scharf; „bitte sagen Sie nichts darüber.“

„Wissen Sie, was es wert ist?“, sagte Hawberk.

„Nein, vielleicht fünfzig Dollar.“

„Es wird auf fünfhundert geschätzt, aber der Besitzer des ‚Prince’s Emblazoned‘ wird der Person, die sein Kostüm vervollständigt, zweitausend Dollar geben; diese Belohnung gebührt ebenfalls Mr. Wilde.“

„Er will sie nicht! Er lehnt sie ab!“, antwortete ich zornig. „Was wissen Sie über Mr. Wilde? Er braucht das Geld nicht. Er ist reich – oder wird es sein – reicher als jeder lebende Mensch, außer mir. Was werden wir dann nach Geld fragen – was werden wir fragen, er und ich, wenn – wenn –“

„Wenn was?“, fragte Hawberk erstaunt.

„Sie werden es sehen“, antwortete ich, wieder auf der Hut.

Er musterte mich genau, fast so, wie Dr. Archer es zu tun pflegte, und ich wusste, er hielt mich für geistig nicht gesund. Vielleicht war es ein Glück für ihn, dass er in diesem Augenblick nicht das Wort wahnsinnig benutzte.

„Nein“, antwortete ich auf seinen unausgesprochenen Gedanken, „ich bin nicht geistig schwach; mein Verstand ist so gesund wie der von Mr. Wilde. Ich möchte noch nicht erklären, was ich vorhabe, aber es ist eine Investition, die mehr abwerfen wird als bloß Gold, Silber und Edelsteine. Sie wird das Glück und den Wohlstand eines Kontinents sichern – ja, einer Hemisphäre!“

„Oh“, sagte Hawberk.

„Und schließlich“, fuhr ich ruhiger fort, „wird sie das Glück der ganzen Welt sichern.“

„Und nebenbei auch Ihr eigenes Glück und Ihren Wohlstand sowie die von Mr. Wilde?“

„Genau“, lächelte ich. Aber ich hätte ihn erwürgen können, weil er diesen Ton anschlug.

Er sah mich eine Weile schweigend an und sagte dann sehr sanft: „Warum geben Sie Ihre Bücher und Studien nicht auf, Mr. Castaigne, und machen irgendwo eine Wanderung durch die Berge? Sie haben doch früher gerne geangelt. Versuchen Sie es doch mal wieder mit dem Forellenangeln in den Rangelys.“

„Ich interessiere mich nicht mehr fürs Angeln“, antwortete ich, ohne einen Anflug von Ärger in meiner Stimme.

„Sie haben früher alles gemocht“, fuhr er fort; „Leichtathletik, Segeln, Schießen, Reiten –“

„Seit meinem Sturz habe ich nicht mehr reiten wollen“, sagte ich ruhig.

„Ach ja, Ihr Sturz“, wiederholte er und sah von mir weg.

Ich dachte, dieser Unsinn sei weit genug gegangen, also lenkte ich das Gespräch zurück auf Mr. Wilde; aber er scannte mein Gesicht wieder auf eine Weise, die für mich höchst beleidigend war.

„Mr. Wilde“, wiederholte er, „wissen Sie, was er heute Nachmittag getan hat? Er kam die Treppe herunter und nagelte ein Schild über die Hallentür neben meiner; darauf stand:

MR. WILDE, REPARATEUR VON REPUTATIONEN. Dritte Klingel.

Wissen Sie, was ein Reparatuer von Reputationen sein kann?“

„Das weiß ich“, antwortete ich und unterdrückte den Zorn in mir.

„Oh“, sagte er wieder.

Louis und Constance kamen flanierend vorbei und blieben stehen, um zu fragen, ob wir uns ihnen anschließen wollten. Hawberk sah auf seine Uhr. Im selben Moment schoss eine Rauchwolke aus den Kasematten von Castle William, und das Donnern des Kanonenschusses zum Sonnenuntergang rollte über das Wasser und wurde von den gegenüberliegenden Highlands widerhallend zurückgeworfen. Die Flagge kam vom Flaggenmast herab, die Signalhörner ertönten auf den weißen Decks der Kriegsschiffe, und das erste elektrische Licht funkelte von der Küste von Jersey herüber.

Als ich mit Hawberk in die Stadt einbog, hörte ich Constance etwas zu Louis murmeln, das ich nicht verstand; aber Louis flüsterte „Mein Liebling“ zur Antwort; und als ich wieder mit Hawberk durch den Platz vorausging, hörte ich ein Murmeln von „Schatz“ und „meine eigene Constance“, und ich wusste, dass die Zeit fast gekommen war, in der ich mit meinem Cousin Louis über wichtige Angelegenheiten sprechen sollte.

III

An einem Morgen Anfang Mai stand ich vor dem Stahltresor in meinem Schlafzimmer und probierte die goldene, juwelenbesetzte Krone an. Die Diamanten sprühten Feuer, als ich mich zum Spiegel drehte, und das schwere geschlagene Gold brannte wie ein Heiligenschein um mein Haupt. Ich erinnerte mich an Camillas qualvollen Schrei und die schrecklichen Worte, die durch die düsteren Straßen von Carcosa hallten. Es waren die letzten Zeilen im ersten Akt, und ich wagte nicht daran zu denken, was folgte – wagte es nicht, selbst im Frühlingssonnenschein, dort in meinem eigenen Zimmer, umgeben von vertrauten Gegenständen, beruhigt durch das geschäftige Treiben auf der Straße und die Stimmen der Dienstboten im Flur draußen. Denn diese vergifteten Worte waren langsam in mein Herz getropft, wie Todesschweiß auf ein Betttuch tropft und aufgesogen wird. Zitternd nahm ich das Diadem vom Kopf und wischte mir die Stirn ab, aber ich dachte an Hastur und an meinen eigenen rechtmäßigen Ehrgeiz, und ich erinnerte mich an Mr. Wilde, wie ich ihn zuletzt verlassen hatte, sein Gesicht ganz zerkratzt und blutig von den Krallen jener Kreatur des Teufels, und was er sagte – ach, was er sagte. Die Alarmglocke im Tresor begann schrill zu summen, und ich wusste, meine Zeit war um; aber ich wollte nicht darauf achten, und während ich den funkelnden Reif wieder auf meinen Kopf setzte, drehte ich mich trotzig zum Spiegel um. Ich stand lange Zeit da, versunken in den wechselnden Ausdruck meiner eigenen Augen. Der Spiegel reflektierte ein Gesicht, das meinem glich, aber weißer war und so hager, dass ich es kaum erkannte. Und die ganze Zeit wiederholte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen: „Der Tag ist gekommen! Der Tag ist gekommen!“, während der Alarm im Tresor summte und lärmte und die Diamanten über meiner Stirn funkelten und flammten. Ich hörte eine Tür aufgehen, achtete aber nicht darauf. Erst als ich zwei Gesichter im Spiegel sah: – erst als ein anderes Gesicht über meiner Schulter auftauchte und zwei andere Augen auf meine trafen. Ich wirbelte wie ein Blitz herum und ergriff ein langes Messer von meinem Schminktisch, und mein Cousin sprang sehr blass zurück und rief: „Hildred! Um Gottes willen!“ dann, als meine Hand sank, sagte er: „Ich bin es, Louis, erkennst du mich nicht?“ Ich stand schweigend da. Ich hätte um mein Leben nicht sprechen können. Er ging auf mich zu und nahm mir das Messer aus der Hand.

„Was soll das alles?“, fragte er mit sanfter Stimme. „Bist du krank?“

„Nein“, antwortete ich. Aber ich bezweifle, dass er mich hörte.

„Komm, komm, alter Junge“, rief er, „nimm diese Messingkrone ab und trotte ins Arbeitszimmer. Gehst du auf einen Maskenball? Was ist das überhaupt für ein theatralischer Flitter?“

Ich war froh, dass er die Krone für aus Messing und Glassteinen gemacht hielt, doch ich mochte ihn deswegen nicht mehr. Ich ließ ihn sie mir aus der Hand nehmen, da ich wusste, dass es das Beste war, ihn gewähren zu lassen. Er warf das prächtige Diadem in die Luft, fing es auf und drehte sich lächelnd zu mir um.

„Das ist für fünfzig Cent noch teuer“, sagte er. „Wofür ist es?“

Ich antwortete nicht, sondern nahm den Reif aus seinen Händen, legte ihn in den Tresor und schloss die massive Stahltür. Der Alarm beendete sofort seinen höllischen Lärm. Er beobachtete mich neugierig, schien aber das plötzliche Aufhören des Alarms nicht zu bemerken. Er sprach jedoch vom Tresor als einer Keksdose. Aus Furcht, er könnte die Kombination untersuchen, führte ich ihn in mein Arbeitszimmer. Louis warf sich auf das Sofa und schnippte mit seiner ewigen Reitpeitsche nach Fliegen. Er trug seine Dienstuniform mit der geflochtenen Jacke und der kecken Mütze, und ich bemerkte, dass seine Reitstiefel ganz mit rotem Schlamm bespritzt waren.

„Wo bist du gewesen?“, fragte ich.

„Schlammbäche in Jersey übersprungen“, sagte er. „Ich hatte noch keine Zeit, mich umzuziehen; ich hatte es ziemlich eilig, dich zu sehen. Hast du kein Glas von irgendetwas? Ich bin todmüde; war vierundzwanzig Stunden im Sattel.“

Ich gab ihm etwas Brandy aus meinem medizinischen Vorrat, den er mit einer Grimasse trank.

„Verdammt mieses Zeug“, bemerkte er. „Ich gebe dir eine Adresse, wo sie Brandy verkaufen, der auch Brandy ist.“

„Er ist gut genug für meine Bedürfnisse“, sagte ich gleichgültig. „Ich benutze ihn, um meine Brust einzureiben.“ Er starrte mich an und schnippte nach einer anderen Fliege.

„Hör mal, alter Junge“, begann er, „ich habe dir etwas vorzuschlagen. Es ist jetzt vier Jahre her, dass du dich hier wie eine Eule eingeschlossen hast, nie irgendwo hingehst, nie irgendeine gesunde körperliche Betätigung ausübst, nie etwas anderes tust, als über diesen Büchern dort auf dem Kaminsims zu brüten.“

Er blickte die Reihe der Regale entlang. „Napoleon, Napoleon, Napoleon!“, las er. „Um Himmels willen, hast du nichts als Napoleons dort?“

„Ich wünschte, sie wären in Gold gebunden“, sagte ich. „Aber warte, ja, da ist noch ein anderes Buch, Der König in Gelb.“ Ich sah ihm fest in die Augen.

„Hast du es nie gelesen?“, fragte ich.

„Ich? Nein, Gott bewahre! Ich will nicht verrückt werden.“

Ich sah, dass er seine Äußerung bereute, sobald er sie ausgesprochen hatte. Es gibt nur ein Wort, das ich mehr verabscheue als wahnsinnig, und dieses Wort ist verrückt. Aber ich beherrschte mich und fragte ihn, warum er Der König in Gelb für gefährlich hielte.

„Oh, ich weiß nicht“, sagte er hastig. „Ich erinnere mich nur an die Aufregung, die es erregte, und die Verurteilungen von Kanzel und Presse. Ich glaube, der Autor hat sich erschossen, nachdem er dieses Monstrum hervorgebracht hat, nicht wahr?“

„Ich habe gehört, er lebt noch“, antwortete ich.

„Das ist wahrscheinlich wahr“, murmelte er; „Kugeln könnten so ein Scheusal nicht töten.“

„Es ist ein Buch der großen Wahrheiten“, sagte ich.

„Ja“, antwortete er, „von ‚Wahrheiten‘, die Männer in den Wahnsinn treiben und ihr Leben zerstören. Es ist mir egal, ob das Ding, wie man sagt, die höchste Essenz der Kunst ist. Es ist ein Verbrechen, es geschrieben zu haben, und ich für meinen Teil werde niemals seine Seiten aufschlagen.“

„Ist es das, was du mir sagen wolltest?“, fragte ich.

„Nein“, sagte er, „ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich heiraten werde.“

Ich glaube, für einen Moment hörte mein Herz auf zu schlagen, aber ich ließ meine Augen auf seinem Gesicht.

„Ja“, fuhr er glücklich lächelnd fort, „verheiratet mit dem süßesten Mädchen der Welt.“

„Constance Hawberk“, sagte ich mechanisch.

„Woher wusstest du das?“, rief er erstaunt. „Ich wusste es selbst nicht bis zu jenem Abend letzten April, als wir vor dem Abendessen zum Uferdamm hinunterbummelten.“

„Wann soll es sein?“, fragte ich.

„Es sollte nächsten September sein, aber vor einer Stunde kam eine Depesche, die unser Regiment zum Presidio nach San Francisco beordert. Wir reisen morgen Mittag ab. Morgen“, wiederholte er. „Denk nur, Hildred, morgen werde ich der glücklichste Kerl sein, der jemals in dieser fröhlichen Welt Atem geholt hat, denn Constance wird mit mir gehen.“

Ich bot ihm meine Hand zur Gratulation an, und er ergriff sie und schüttelte sie wie der gutmütige Narr, der er war – oder zu sein vorgab.

„Ich werde meine Schwadron als Hochzeitsgeschenk bekommen“, plapperte er weiter. „Captain und Mrs. Louis Castaigne, eh, Hildred?“

Dann erzählte er mir, wo es stattfinden sollte und wer dort sein würde, und brachte mich dazu, zu versprechen, dass ich kommen und Trauzeuge sein würde. Ich biss die Zähne zusammen und hörte mir sein kindisches Geplapper an, ohne zu zeigen, was ich fühlte, aber –

Ich war am Ende meiner Kräfte, und als er aufsprang und mit den Sporen klirrte und sagte, er müsse gehen, hielt ich ihn nicht auf.

„Eines möchte ich dich noch fragen“, sagte ich ruhig.

„Raus damit, es ist versprochen“, lachte er.

„Ich möchte, dass du dich heute Nacht für ein viertelstündiges Gespräch mit mir triffst.“

„Natürlich, wenn du willst“, sagte er etwas verwirrt. „Wo?“

„Irgendwo, dort im Park.“

„Um wie viel Uhr, Hildred?“

„Mitternacht.“

„Was im Namen von –“, begann er, hielt sich aber zurück und stimmte lachend zu. Ich sah zu, wie er die Treppe hinunterging und sich beeilte, sein Säbel schlug bei jedem Schritt. Er bog in die Bleecker Street ein, und ich wusste, er ging, um Constance zu sehen. Ich gab ihm zehn Minuten Zeit, um zu verschwinden, und folgte dann seinen Fußspuren, wobei ich die juwelenbesetzte Krone und das seidene Gewand mit dem Gelben Zeichen bei mir trug. Als ich in die Bleecker Street einbog und das Türportal betrat, das das Schild trug –

MR. WILDE, REPARATEUR VON REPUTATIONEN. Dritte Klingel.

sah ich den alten Hawberk in seinem Laden umhergehen und glaubte, Constances Stimme im Wohnzimmer zu hören; aber ich ging beiden aus dem Weg und eilte die zitternden Treppen hinauf zu Mr. Wildes Wohnung. Ich klopfte an und trat ohne Umschweife ein. Mr. Wilde lag stöhnend auf dem Boden, sein Gesicht mit Blut bedeckt, seine Kleidung in Fetzen gerissen. Blutstropfen waren auf dem Teppich verteilt, der in dem offensichtlich kürzlich stattgefundenen Kampf ebenfalls zerfetzt und ausgefranst worden war.

„Es ist diese verfluchte Katze“, sagte er, hörte mit dem Stöhnen auf und wandte seine farblosen Augen mir zu; „sie hat mich angegriffen, während ich schlief. Ich glaube, sie wird mich noch umbringen.“

Das war zu viel, also ging ich in die Küche, ergriff ein Beil aus der Vorratskammer und machte mich daran, das höllische Biest zu finden und sie ein für alle Mal zu erledigen. Meine Suche war erfolglos, und nach einer Weile gab ich es auf und kam zurück, um Mr. Wilde auf seinem hohen Stuhl am Tisch hocken zu sehen. Er hatte sein Gesicht gewaschen und seine Kleidung gewechselt. Die großen Furchen, die die Krallen der Katze in sein Gesicht gepflügt hatten, hatte er mit Kollodium gefüllt, und ein Lappen verbarg die Wunde an seinem Hals. Ich sagte ihm, dass ich die Katze töten würde, wenn ich ihr begegnete, aber er schüttelte nur den Kopf und wandte sich dem offenen Kassenbuch vor ihm zu. Er las einen Namen nach dem anderen von den Leuten, die wegen ihrer Reputation zu ihm gekommen waren, und die Summen, die er angehäuft hatte, waren erschreckend.

„Ich ziehe hier und da die Schrauben an“, erklärte er.

„Früher oder später wird dich einer dieser Leute ermorden“, beharrte ich.

„Glaubst du?“, sagte er und rieb seine verstümmelten Ohren.

Es war zwecklos, mit ihm zu streiten, also nahm ich das Manuskript mit dem Titel Imperial Dynasty of America herunter, zum letzten Mal, wie ich es in Mr. Wildes Arbeitszimmer tun würde. Ich las es ganz durch, bebend und zitternd vor Vergnügen. Als ich fertig war, nahm Mr. Wilde das Manuskript und rief mit lauter Stimme in den dunklen Gang, der von seinem Arbeitszimmer zu seinem Schlafzimmer führt: „Vance.“ Dann bemerkte ich zum ersten Mal einen Mann, der dort im Schatten kauerte. Wie ich ihn bei meiner Suche nach der Katze übersehen konnte, ist mir schleierhaft.

„Vance, komm herein“, rief Mr. Wilde.

Die Gestalt erhob sich und kroch auf uns zu, und ich werde niemals das Gesicht vergessen, das er zu mir erhob, als das Licht vom Fenster es beleuchtete.

„Vance, das ist Mr. Castaigne“, sagte Mr. Wilde. Bevor er zu Ende gesprochen hatte, warf sich der Mann vor dem Tisch zu Boden, weinte und klammerte sich fest: „Oh Gott! Oh, mein Gott! Hilf mir! Vergib mir! Oh, Mr. Castaigne, halten Sie diesen Mann fern. Sie können das nicht, Sie können das nicht ernst meinen! Sie sind anders – retten Sie mich! Ich bin am Ende – ich war in einer Irrenanstalt und jetzt – als alles gut werden sollte – als ich den König vergessen hatte – den König in Gelb und – aber ich werde wieder verrückt werden – ich werde verrückt werden –“

Seine Stimme erstarb in einem erstickten Rasseln, denn Mr. Wilde war auf ihn losgesprungen und seine rechte Hand umschlang die Kehle des Mannes. Als Vance in einem Haufen auf den Boden fiel, kletterte Mr. Wilde flink wieder auf seinen Stuhl, rieb sich mit dem Stumpf seiner Hand die verstümmelten Ohren, wandte sich an mich und bat mich um das Kassenbuch. Ich holte es aus dem Regal und er schlug es auf. Nach einem kurzen Suchen zwischen den wunderschön beschriebenen Seiten hustete er selbstzufrieden und zeigte auf den Namen Vance.

„Vance“, las er laut vor, „Osgood Oswald Vance.“ Beim Klang seines Namens hob der Mann auf dem Boden den Kopf und wandte Mr. Wilde ein verzerrtes Gesicht zu. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Lippen geschwollen. „Kam am 28. April“, fuhr Mr. Wilde fort. „Beruf, Kassierer in der Seaforth National Bank; hat eine Haftstrafe wegen Urkundenfälschung in Sing Sing verbüßt, von wo er in die Anstalt für kriminelle Geisteskranke verlegt wurde. Vom Gouverneur von New York begnadigt und am 19. Januar 1918 aus der Anstalt entlassen. Reputation am Sheepshead Bay beschädigt. Gerüchte, dass er über seine Verhältnisse lebt. Reputation soll sofort repariert werden. Honorar 1.500 Dollar.

„Anmerkung – Hat seit dem 20. März 1919 Summen in Höhe von 30.000 Dollar unterschlagen, ausgezeichnete Familie, und die derzeitige Position durch den Einfluss seines Onkels erhalten. Vater, Präsident der Seaforth Bank.“

Ich sah den Mann am Boden an.

„Steh auf, Vance“, sagte Mr. Wilde mit sanfter Stimme. Vance erhob sich wie hypnotisiert. „Er wird jetzt tun, was wir vorschlagen“, bemerkte Mr. Wilde, und während er das Manuskript öffnete, las er die gesamte Geschichte der Imperial Dynasty of America vor. Dann ging er mit einem gütigen und beruhigenden Murmeln die wichtigen Punkte mit Vance durch, der wie betäubt dastand. Seine Augen waren so leer und ausdruckslos, dass ich vermutete, er sei halb wahnsinnig geworden, und bemerkte es gegenüber Mr. Wilde, der antwortete, das sei ohnehin von keiner Bedeutung. Sehr geduldig zeigten wir Vance auf, was sein Anteil an der Angelegenheit sein würde, und er schien es nach einer Weile zu verstehen. Mr. Wilde erläuterte das Manuskript unter Verwendung mehrerer Bände über Heraldik, um das Ergebnis seiner Forschungen zu untermauern. Er erwähnte die Gründung der Dynastie in Carcosa, die Seen, die Hastur und Aldebaran verbanden, und das Geheimnis der Hyaden. Er sprach von Cassilda und Camilla und lotete die wolkenverhangenen Tiefen von Demhe und den See von Hali aus. „Die zerfetzten Fetzen des Königs in Gelb müssen Yhtill für immer verbergen“, murmelte er, aber ich glaube nicht, dass Vance ihn hörte. Dann führte er Vance allmählich entlang der Verzweigungen der kaiserlichen Familie, zu Uoht und Thale, von Naotalba und dem Phantom der Wahrheit zu Aldones, und dann, sein Manuskript und seine Notizen beiseite werfend, begann er die wunderbare Geschichte des Letzten Königs. Fasziniert und begeistert beobachtete ich ihn. Er warf den Kopf zurück, seine langen Arme waren in einer großartigen Geste von Stolz und Macht ausgestreckt, und seine Augen brannten tief in ihren Höhlen wie zwei Smaragde. Vance hörte verblüfft zu. Was mich betrifft, als Mr. Wilde schließlich endete und auf mich zeigend rief: „Der Cousin des Königs!“, drehte sich mein Kopf vor Aufregung.

Mich mit übermenschlicher Anstrengung beherrschend, erklärte ich Vance, warum allein ich der Krone würdig sei und warum mein Cousin verbannt werden oder sterben müsse. Ich machte ihm klar, dass mein Cousin niemals heiraten dürfe, selbst nachdem er auf alle seine Ansprüche verzichtet habe, und wie er erst recht nicht die Tochter des Marquis of Avonshire heiraten und England in die Frage hineinziehen dürfe. Ich zeigte ihm eine Liste von tausenden Namen, die Mr. Wilde zusammengestellt hatte; jeder Mann, dessen Name dort stand, hatte das Gelbe Zeichen erhalten, das kein lebender Mensch zu missachten wagte. Die Stadt, der Staat, das ganze Land waren bereit, sich zu erheben und vor der Bleichen Maske zu erzittern.

Die Zeit war gekommen, das Volk sollte den Sohn Hasturs kennen, und die ganze Welt sollte sich vor den schwarzen Sternen verneigen, die am Himmel über Carcosa hängen.

Vance lehnte sich auf den Tisch, sein Kopf in den Händen vergraben. Mr. Wilde zeichnete mit einem Bleistiftstummel eine grobe Skizze auf den Rand des Herald von gestern. Es war ein Plan von Hawberks Räumen. Dann schrieb er den Befehl aus, versah ihn mit dem Siegel, und zitternd wie ein Schwerkranker unterzeichnete ich meinen ersten Hinrichtungsbefehl mit meinem Namen Hildred-Rex.

Mr. Wilde kletterte auf den Boden, schloss den Schrank auf und nahm eine lange, quadratische Schachtel aus dem obersten Regal. Diese brachte er zum Tisch und öffnete sie. Ein neues Messer lag im Seidenpapier darin, und ich nahm es auf und reichte es Vance, zusammen mit dem Befehl und dem Plan von Hawberks Wohnung. Dann sagte Mr. Wilde zu Vance, er könne gehen; und er ging, schlurfend wie ein Ausgestoßener aus den Slums.

Ich saß eine Weile da und beobachtete, wie das Tageslicht hinter dem quadratischen Turm der Judson Memorial Church verblasste, und schließlich, nachdem ich das Manuskript und die Notizen zusammengesucht hatte, nahm ich meinen Hut und machte mich auf den Weg zur Tür.

Mr. Wilde beobachtete mich schweigend. Als ich in den Flur getreten war, sah ich zurück. Mr. Wildes kleine Augen waren immer noch auf mich gerichtet. Hinter ihm sammelten sich die Schatten im schwindenden Licht. Dann schloss ich die Tür hinter mir und ging hinaus in die dunkel werdenden Straßen.

Ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen, aber ich war nicht hungrig. Ein elendes, halb verhungertes Geschöpf, das auf der anderen Straßenseite vor der Lethal Chamber stand, bemerkte mich und kam auf mich zu, um mir eine Geschichte von Elend zu erzählen. Ich gab ihm Geld, ich weiß nicht warum, und er ging weg, ohne mir zu danken. Eine Stunde später näherte sich ein anderer Ausgestoßener und winselte seine Geschichte. Ich hatte ein leeres Stück Papier in der Tasche, auf das das Gelbe Zeichen gezeichnet war, und ich reichte es ihm. Er sah es einen Moment lang dumm an und faltete es dann mit einem unsicheren Blick auf mich mit einer, wie mir schien, übertriebenen Sorgfalt zusammen und steckte es in sein Wams.

„Das ist gut“, sagte ich zu mir selbst. „Der König in Gelb ist an seinem Platz.“

Ich legte mich auf das Gras und sah zu, wie die Sonne unterging und die kühlen Schatten der Bäume länger wurden. Die Wachen in ihren grauen Uniformen patrouillierten in der Ferne, und der Lärm der Stadt schwoll an wie das Echo einer nahen Brandung. Es war ein seltsames Gefühl, in dieser Welt zu sein und doch nicht von ihr, eine Art Abgesandter einer höheren Ordnung, der hier in der Dämmerung auf Befehle wartete. Mein Herz klopfte in einem Rhythmus, der nicht von dieser Welt zu sein schien, ein unregelmäßiges Schlagen, das mich an die Worte in dem Buch erinnerte, von dem ich besser nicht sprechen sollte.

Vance kam zu mir, als die Dunkelheit einbrach. Er sah blass und erschöpft aus, seine Augen glühten mit einem Fieber, das ich nur allzu gut kannte. Er setzte sich neben mich und starrte auf das Lethal Chamber, das in der mondbeschienenen Nacht wie ein gebleichter Schädel aus der Erde ragte.

„Ist alles bereitet?“, fragte er mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war.

„Ja“, antwortete ich. „Die Zeit ist nahe. Die Sterne ordnen sich, und der Schatten von Hastur dehnt sich über das Land aus.“

Er nickte langsam und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Hände zitterten, als er nach einer Zigarette griff, doch er vergaß sie anzuzünden. Wir saßen eine lange Zeit in vollkommenem Schweigen da, während die Stadt um uns herum in den Schlummer sank. Irgendwo in der Ferne ertönte eine Kirchenglocke, ein tiefer, vibrierender Ton, der durch meine Knochen fuhr.

„Hast du Angst?“, fragte er plötzlich, ohne mich anzusehen.

Ich lachte leise. „Angst ist ein Wort für Sterbliche, die nicht wissen, was hinter dem Vorhang liegt. Ich habe keine Angst. Ich habe nur eine unbändige Sehnsucht, die Masken fallen zu sehen.“

Er sah mich kurz an, ein flüchtiger, fast mitleidiger Blick, den ich nicht deuten konnte. Dann stand er auf und strich sich den Rock glatt. „Ich werde tun, was getan werden muss“, sagte er und ging, ohne ein weiteres Wort, in Richtung der Tore. Ich sah ihm nach, bis seine Gestalt im Dunkeln verschmolz, und blieb allein zurück mit den Geistern meiner eigenen Gedanken und der wachsenden Gewissheit, dass der Morgen nicht so anbrechen würde wie die Tage zuvor.

„Das Mittagessen ist fertig. War ich etwa mürrisch, Alec? Ich dachte, ich hätte Kopfschmerzen, aber das habe ich nicht. Komm her, Boris“, und sie schob ihren anderen Arm durch den seinen. „Alec weiß, dass ich nach dir niemanden auf der Welt so gern habe wie ihn, wenn er sich also manchmal zurückgesetzt fühlt, wird ihm das nicht schaden.“

„À la bonheur!“, rief ich, „wer sagt denn, dass es im April keine Gewitter gibt?“

„Bist du bereit?“, sang Boris. „Bereit!“, und Arm in Arm rannten wir in das Esszimmer, womit wir die Dienerschaft skandalisierten. Schließlich waren wir nicht allzu sehr zu tadeln; Geneviève war achtzehn, Boris war dreiundzwanzig und ich noch nicht ganz einundzwanzig.

II

Einige Arbeiten, die ich zu dieser Zeit an den Dekorationen für Genevièves Boudoir ausführte, hielten mich ständig in dem malerischen kleinen Hotel in der Rue Sainte-Cécile. Boris und ich arbeiteten in jenen Tagen hart, aber wie es uns gefiel, was sprunghaft geschah, und wir alle drei hingen zusammen mit Jack Scott viel untätig herum.

An einem ruhigen Nachmittag war ich allein durch das Haus gewandert, hatte Kuriositäten untersucht, in dunklen Ecken geschnüffelt und aus seltsamen Verstecken Süßigkeiten und Zigarren hervorgeholt, bis ich schließlich im Badezimmer stehen blieb. Boris, über und über mit Ton bedeckt, stand dort und wusch sich die Hände.

Der Raum war aus rosenfarbenem Marmor erbaut, bis auf den Boden, der in Rosa und Grau ausgelegt war. In der Mitte befand sich ein quadratisches Becken, das unter die Bodenoberfläche eingelassen war; Stufen führten hinab, bildhauerisch gestaltete Säulen stützten eine freskierte Decke. Ein entzückender Marmor-Amor schien gerade auf seinem Sockel am oberen Ende des Raumes gelandet zu sein. Das gesamte Interieur war Boris’ und mein Werk. Boris, in seiner Arbeitskleidung aus weißem Segeltuch, schabte die Spuren von Ton und rotem Modellierwachs von seinen schönen Händen und kokettierte über die Schulter hinweg mit dem Amor.

„Ich sehe dich“, beharrte er, „versuch nicht, wegzuschauen und so zu tun, als würdest du mich nicht sehen. Du weißt, wer dich gemacht hat, du kleiner Betrüger!“

Es war immer meine Rolle, Amors Gefühle in diesen Gesprächen zu interpretieren, und als ich an der Reihe war, antwortete ich auf eine Weise, dass Boris meinen Arm ergriff und mich in Richtung des Beckens zerrte, wobei er erklärte, er würde mich untertauchen. Im nächsten Augenblick ließ er meinen Arm los und wurde bleich. „Gott im Himmel!“, sagte er, „ich habe vergessen, dass das Becken voll mit der Lösung ist!“

Ich schauderte ein wenig und riet ihm trocken, sich besser zu merken, wo er die kostbare Flüssigkeit aufbewahrt hatte.

„Um Himmels willen, warum bewahrst du einen kleinen See von diesem grässlichen Zeug ausgerechnet hier auf?“, fragte ich.

„Ich möchte an etwas Großem experimentieren“, antwortete er.

„An mir zum Beispiel?“

„Ach! Das war zu nah dran, um zu scherzen; aber ich möchte die Wirkung dieser Lösung an einem höher organisierten lebenden Körper beobachten; da ist doch dieser große weiße Hase“, sagte er und folgte mir ins Atelier.

Jack Scott, der eine mit Farbe befleckte Jacke trug, kam hereingeschlendert, eignete sich alle orientalischen Süßigkeiten an, die er in die Finger bekommen konnte, plünderte das Zigarettenetui, und schließlich verschwanden er und Boris gemeinsam, um die Galerie im Luxembourg zu besuchen, wo eine neue Silberbronze von Rodin und eine Landschaft von Monet die exklusive Aufmerksamkeit des künstlerischen Frankreichs für sich beanspruchten. Ich ging zurück ins Atelier und nahm meine Arbeit wieder auf. Es war ein Paravent aus der Renaissance, den Boris für Genevièves Boudoir gemalt haben wollte. Aber der kleine Junge, der widerwillig durch eine Reihe von Posen dafür trödelte, verweigerte heute jedes Bestechungsgeld, um brav zu sein. Er ruhte keinen Augenblick in derselben Position, und innerhalb von fünf Minuten hatte ich ebenso viele verschiedene Umrisse des kleinen Bettlers.

„Posierst du, oder führst du ein Lied und einen Tanz auf, mein Freund?“, erkundigte ich mich.

„Womit immer Monsieur zufrieden ist“, antwortete er mit einem engelsgleichen Lächeln.

Natürlich schickte ich ihn für den Tag nach Hause, und natürlich bezahlte ich ihn für die volle Zeit, denn so verderben wir unsere Modelle.

Nachdem der kleine Bengel weg war, machte ich ein paar lustlose Pinselstriche an meiner Arbeit, war aber so gründlich verstimmt, dass ich den Rest des Nachmittags damit verbrachte, den angerichteten Schaden wieder rückgängig zu machen. Schließlich kratzte ich meine Palette ab, steckte die Pinsel in eine Schale mit Schmierseife und schlenderte in das Raucherzimmer. Ich glaube wirklich, dass, abgesehen von Genevièves Gemächern, kein Raum im Haus so frei vom Duft des Tabaks war wie dieser. Es war ein seltsames Chaos aus Krimskrams, behängt mit abgewetzten Wandteppichen. Ein wohlklingendes altes Spinett in gutem Zustand stand am Fenster. Es gab Waffenständer, einige alt und stumpf, andere hell und modern, Girlanden aus indischen und türkischen Rüstungen über dem Kamin, zwei oder drei gute Bilder und ein Pfeifenregal. Hierher pflegten wir zu kommen, um neue Empfindungen beim Rauchen zu erleben. Ich bezweifle, dass es jemals eine Art von Pfeife gab, die nicht in diesem Regal vertreten war. Wenn wir uns eine ausgesucht hatten, trugen wir sie sofort woanders hin und rauchten sie; denn der Ort war im Großen und Ganzen düsterer und weniger einladend als jeder andere im Haus. Aber an diesem Nachmittag war das Dämmerlicht sehr beruhigend, die Teppiche und Felle auf dem Boden wirkten braun, weich und schläfrig; die große Couch war mit Kissen beladen – ich fand meine Pfeife und rollte mich dort für eine ungewohnte Raucherpause zusammen. Ich hatte eine mit einem langen, flexiblen Rohr gewählt und fiel beim Anzünden ins Träumen. Nach einer Weile ging sie aus, aber ich rührte mich nicht. Ich träumte weiter und schlief schließlich ein.

Ich erwachte zu der traurigsten Musik, die ich je gehört hatte. Der Raum war stockfinster, ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Ein Mondstrahl versilberte eine Kante des alten Spinetts, und das polierte Holz schien die Klänge auszuhauchen, wie Parfüm über einer Schatulle aus Sandelholz schwebt. Jemand erhob sich in der Dunkelheit und ging leise weinend davon, und ich war dumm genug, „Geneviève!“ zu rufen.

Sie zuckte bei meiner Stimme zusammen, und ich hatte Zeit, mich selbst zu verfluchen, während ich Licht machte und versuchte, sie vom Boden aufzuheben. Sie wich mit einem Schmerz laut zurück. Sie war sehr still und fragte nach Boris. Ich trug sie zum Diwan und ging, um nach ihm zu suchen, aber er war nicht im Haus, und die Bediensteten waren bereits zu Bett gegangen. Ratlos und besorgt eilte ich zu Geneviève zurück. Sie lag dort, wo ich sie zurückgelassen hatte, und wirkte sehr blass.

„Ich kann Boris nicht finden und auch keinen der Bediensteten“, sagte ich.

„Ich weiß“, antwortete sie schwach, „Boris ist mit Mr. Scott nach Ept gefahren. Ich hatte es vergessen, als ich dich gerade nach ihm schickte.“

„Aber er kann in diesem Fall nicht vor morgen Nachmittag zurück sein, und – bist du verletzt? Habe ich dich so erschreckt, dass du gestürzt bist? Was für ein schrecklicher Narr ich bin, aber ich war nur halb wach.“

„Boris dachte, du wärst vor dem Abendessen nach Hause gegangen. Bitte entschuldige uns, dass wir dich die ganze Zeit hier gelassen haben.“

„Ich habe ein langes Nickerchen gehalten“, lachte ich, „so fest, dass ich nicht wusste, ob ich noch schlief oder nicht, als ich mich plötzlich vor einer Gestalt wiederfand, die auf mich zukam, und deinen Namen rief. Hast du das alte Spinett ausprobiert? Du musst sehr leise gespielt haben.“

Ich hätte tausend weitere Lügen erzählt, die schlimmer waren als diese, nur um den Ausdruck der Erleichterung zu sehen, der in ihr Gesicht trat. Sie lächelte bezaubernd und sagte mit ihrer natürlichen Stimme: „Alec, ich bin über diesen Wolfskopf gestolpert, und ich glaube, mein Knöchel ist verstaucht. Bitte ruf Marie und geh dann nach Hause.“

Ich tat, wie sie mir geheißen hatte, und ließ sie dort zurück, als die Zofe hereinkam.

III

Am Mittag des nächsten Tages, als ich vorbeischaute, fand ich Boris unruhig in seinem Atelier auf und ab gehen.

„Geneviève schläft gerade“, sagte er mir, „die Verstauchung ist nichts, aber warum sollte sie solch ein hohes Fieber haben? Der Arzt kann sich das nicht erklären; oder er will es nicht“, murmelte er.

„Geneviève hat Fieber?“, fragte ich.

„Und wie, und sie war tatsächlich die ganze Nacht über zeitweise ein wenig verwirrt. Die Vorstellung! – die fröhliche kleine Geneviève, ohne eine Sorge auf der Welt – und sie sagt ständig, ihr Herz sei gebrochen und sie wolle sterben!“

Mein eigenes Herz blieb stehen.

Boris lehnte an der Tür seines Ateliers, den Blick gesenkt, die Hände in den Taschen, seine gütigen, scharfen Augen getrübt, eine neue Sorgenfalte „über des Mundes gute Marke, die das Lächeln formte“. Die Zofe hatte den Befehl, ihn zu rufen, sobald Geneviève die Augen öffnete. Wir warteten und warteten, und Boris, unruhig werdend, wanderte umher und hantierte mit Modellierwachs und rotem Ton. Plötzlich machte er sich auf den Weg in den Nebenraum. „Komm und sieh dir mein rosenfarbenes Bad voller Tod an!“, rief er.

„Ist es der Tod?“, fragte ich, um seiner Laune nachzugeben.

„Du bist wohl nicht bereit, es Leben zu nennen“, antwortete er. Während er sprach, pflückte er einen einsamen Goldfisch aus seinem Glas, der sich wand und krümmte. „Wir schicken diesen hinterher – wo immer das auch ist“, sagte er. In seiner Stimme lag fieberhafte Erregung. Ein schweres Gewicht von Fieber lag auf meinen Gliedern und auf meinem Gehirn, als ich ihm zu dem schönen Kristallbecken mit seinen rosagetönten Seiten folgte; und er ließ das Geschöpf hineinfallen. Beim Fallen blitzten seine Schuppen in einem heißen orangefarbenen Schimmer in seinen wütenden Drehungen und Windungen; sobald es die Flüssigkeit berührte, wurde es starr und sank schwer auf den Boden. Dann kam der milchige Schaum, die prächtigen Farbtöne strahlten an der Oberfläche, und dann brach der Strahl aus reinem, heiterem Licht aus scheinbar unendlichen Tiefen hervor. Boris tauchte seine Hand hinein und zog ein exquisites Marmording heraus, blau geädert, rosenfarben getönt und glitzernd von opalisierenden Tropfen.

„Kinderspiel“, murmelte er und sah mich müde und sehnsüchtig an – als könnte ich solche Fragen beantworten! Aber Jack Scott kam herein und stieg mit Eifer in das „Spiel“ ein, wie er es nannte. Es half nichts, als das Experiment sofort an dem weißen Hasen auszuprobieren. Ich war bereit, dass Boris Ablenkung von seinen Sorgen fand, aber ich hasste es, das Leben aus einem warmen, lebenden Geschöpf schwinden zu sehen, und ich lehnte es ab, dabei zu sein. Ich griff wahllos nach einem Buch und setzte mich ins Atelier, um zu lesen. Ach! Ich hatte „Der König in Gelb“ gefunden. Nach wenigen Augenblicken, die wie Ewigkeiten schienen, legte ich es mit einem nervösen Schaudern beiseite, als Boris und Jack hereinkamen und ihren Marmorhasen mitbrachten. Zur gleichen Zeit klingelte oben die Glocke, und ein Schrei kam aus dem Krankenzimmer. Boris war blitzschnell verschwunden, und im nächsten Moment rief er: „Jack, lauf zum Arzt; bring ihn mit. Alec, komm her.“

Ich ging und blieb an ihrer Tür stehen. Eine verängstigte Zofe kam hastig herausgelaufen, um ein Heilmittel zu holen. Geneviève, die kerzengerade aufrecht saß, mit karmesinroten Wangen und funkelnden Augen, plapperte unaufhörlich und leistete Boris’ sanftem Zurückhalten Widerstand. Er rief mich, um zu helfen. Bei meiner ersten Berührung seufzte sie und sank zurück, schloss die Augen, und dann – dann – als wir uns noch über sie beugten, öffnete sie sie wieder, sah Boris direkt ins Gesicht – arme, fieberwahnsinnige Frau! – und verriet ihr Geheimnis. Im selben Augenblick begannen unsere drei Leben in neue Bahnen zu lenken; das Band, das uns so lange zusammenhielt, riss für immer, und ein neues Band wurde an dessen Stelle geschmiedet, denn sie hatte meinen Namen genannt, und während das Fieber sie quälte, goss ihr Herz seine Last verborgenen Kummers aus. Verblüfft und stumm neigte ich mein Haupt, während mein Gesicht wie eine glühende Kohle brannte und mir das Blut in den Ohren rauschte, was mich mit seinem Getöse betäubte. Unfähig, mich zu bewegen, unfähig zu sprechen, lauschte ich ihren fiebrigen Worten in einer Qual aus Scham und Kummer. Ich konnte sie nicht zum Schweigen bringen, ich konnte Boris nicht ansehen. Dann spürte ich einen Arm auf meiner Schulter, und Boris wandte mir ein blutleeres Gesicht zu.

„Es ist nicht deine Schuld, Alec; gräme dich nicht so, wenn sie dich liebt –“, aber er konnte nicht zu Ende sprechen; und als der Arzt hastig das Zimmer betrat und sagte: „Ah, das Fieber!“, ergriff ich Jack Scott und eilte mit ihm auf die Straße, wobei ich sagte: „Boris möchte lieber allein sein.“ Wir überquerten die Straße zu unseren eigenen Wohnungen, und da ich sah, dass ich auch krank werden würde, holte er jene Nacht erneut den Arzt. Das Letzte, an das ich mich mit einiger Deutlichkeit erinnere, war, wie Jack sagte: „Um Himmels willen, Doktor, was fehlt ihm, dass er ein solches Gesicht macht?“, und ich dachte an „Der König in Gelb“ und die bleiche Maske.

Ich war sehr krank, denn die Anspannung von zwei Jahren, die ich seit jenem verhängnisvollen Maimorgen ertragen hatte, als Geneviève murmelte: „Ich liebe dich, aber ich glaube, ich liebe Boris mehr“, forderte schließlich ihren Tribut. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass es mehr werden könnte, als ich ertragen konnte. Äußerlich ruhig, hatte ich mich selbst getäuscht. Obwohl der innere Kampf Nacht für Nacht tobte und ich, allein in meinem Zimmer liegend, mich selbst für rebellische Gedanken verfluchte, die Boris gegenüber nicht loyal und Geneviève nicht würdig waren, brachte der Morgen immer Linderung, und ich kehrte zu Geneviève und zu meinem lieben Boris zurück mit einem Herzen, das von den Stürmen der Nacht reingewaschen war.

Niemals in Worten, Taten oder Gedanken hatte ich, wenn ich bei ihnen war, meinen Kummer auch nur mir selbst gegenüber verraten.

Die Maske der Selbsttäuschung war keine Maske mehr für mich, sie war ein Teil von mir. Die Nacht hob sie und legte die erstickte Wahrheit darunter frei; aber niemand außer mir konnte sie sehen, und als der Tag anbrach, fiel die Maske von selbst wieder zurück. Diese Gedanken gingen mir durch den gequälten Geist, während ich krank lag, aber sie waren hoffnungslos verstrickt mit Visionen von weißen Kreaturen, schwer wie Stein, die in Boris’ Becken krochen – vom Wolfskopf auf dem Teppich, der schäumte und nach Geneviève schnappte, die lächelnd daneben lag. Ich dachte auch an den König in Gelb, eingehüllt in die fantastischen Farben seines zerlumpten Mantels, und an jenen bitteren Schrei Cassildas: „Nicht über uns, oh König, nicht über uns!“ Fieberhaft kämpfte ich dagegen an, ihn von mir zu weisen, aber ich sah den See von Hali, dünn und leer, ohne eine Kräuselung oder einen Wind, der ihn bewegt hätte, und ich sah die Türme von Carcosa hinter dem Mond. Aldebaran, die Hyaden, Alar, Hastur, glitten durch die Wolkenrisse, die flatterten und schlugen, während sie vorbeizogen wie die gebogten Fetzen des Königs in Gelb. Inmitten all dessen blieb ein vernünftiger Gedanke bestehen. Er wankte nie, egal was sonst in meinem verwirrten Geist vor sich ging, dass mein Hauptgrund zu existieren darin bestand, irgendeinem Bedürfnis von Boris und Geneviève zu entsprechen. Was diese Verpflichtung war, ihre Natur, blieb nie klar; manchmal schien es Schutz zu sein, manchmal Unterstützung durch eine große Krise. Was es auch für den Moment zu sein schien, sein Gewicht ruhte nur auf mir, und ich war nie so krank oder schwach, dass ich nicht mit meiner ganzen Seele darauf reagiert hätte. Es gab immer Menschenmengen um mich herum, meist Fremde, aber ein paar erkannte ich, Boris unter ihnen. Später sagten sie mir, dass dies nicht sein konnte, aber ich weiß, dass er sich wenigstens einmal über mich beugte. Es war nur eine Berührung, ein schwaches Echo seiner Stimme, dann legten sich die Wolken wieder auf meine Sinne, und ich verlor ihn, aber er stand dort und beugte sich wenigstens einmal über mich.

Schließlich erwachte ich eines Morgens und sah das Sonnenlicht über mein Bett fallen, und Jack Scott las neben mir. Ich hatte nicht die Kraft, laut zu sprechen, noch konnte ich denken, geschweige denn mich erinnern, aber ich konnte schwach lächeln, als Jacks Blick den meinen traf, und als er aufsprang und eifrig fragte, ob ich etwas brauche, konnte ich flüstern: „Ja – Boris.“ Jack bewegte sich zum Kopfende meines Bettes und beugte sich hinunter, um mein Kissen zu richten: Ich sah sein Gesicht nicht, aber er antwortete herzlich: „Du musst warten, Alec; du bist zu schwach, um selbst Boris zu sehen.“

Ich wartete und wurde stark; nach wenigen Tagen war ich in der Lage zu sehen, wen ich wollte, aber inzwischen hatte ich nachgedacht und mich erinnert. Von dem Moment an, als die Vergangenheit in meinem Geist wieder klar wurde, zweifelte ich nie daran, was ich tun sollte, wenn die Zeit gekommen war, und ich fühlte mich sicher, dass Boris den gleichen Entschluss gefasst hätte, was ihn betraf; was das betraf, was nur mich allein anging, wusste ich, dass er es genauso sehen würde wie ich. Ich fragte nicht länger nach jemandem. Ich fragte nie, warum keine Nachricht von ihnen kam; warum ich, während der Woche, in der ich dort lag, wartete und stärker wurde, ihren Namen nie ausgesprochen hörte. Beschäftigt mit meinem eigenen Suchen nach dem richtigen Weg und mit meinem schwachen, aber entschlossenen Kampf gegen die Verzweiflung, fügte ich mich einfach in Jacks Verschwiegenheit und nahm an, er fürchte sich, von ihnen zu sprechen, damit ich nicht widerspenstig würde und darauf bestünde, sie zu sehen. Unterdessen sagte ich mir immer wieder, wie würde es sein, wenn das Leben für uns alle wieder begänne? Wir würden unsere Beziehungen genau dort wieder aufnehmen, wo sie waren, bevor Geneviève krank wurde. Boris und ich würden uns in die Augen sehen, und in diesem Blick läge weder Groll noch Feigheit noch Misstrauen. Ich würde für eine kleine Weile wieder bei ihnen sein in der trauten Vertrautheit ihres Zuhauses, und dann, ohne Vorwand oder Erklärung, würde ich für immer aus ihrem Leben verschwinden. Boris würde es wissen; Geneviève – der einzige Trost war, dass sie es niemals erfahren würde. Es schien, als ich darüber nachdachte, dass ich die Bedeutung jenes Pflichtgefühls gefunden hätte, das während meines gesamten Deliriums bestanden hatte, und die einzig mögliche Antwort darauf. Also, als ich ganz bereit war, winkte ich eines Tages Jack zu mir und sagte:

„Jack, ich will sofort Boris; und richte Geneviève meine herzlichsten Grüße aus...“

Als er mich schließlich begreifen ließ, dass sie beide tot waren, verfiel ich in eine wilde Raserei, die all meine kleine Genesungskraft in Stücke riss. Ich tobte und verfluchte mich in einen Rückfall, aus dem ich einige Wochen später als ein einundzwanzigjähriger Junge hervorkroch, der glaubte, seine Jugend sei für immer verloren. Ich schien unfähig zu weiterem Leiden zu sein, und eines Tages, als Jack mir einen Brief und die Schlüssel zu Boris’ Haus gab, nahm ich sie ohne Zittern entgegen und bat ihn, mir alles zu erzählen. Es war grausam von mir, ihn darum zu bitten, aber es half nichts, und er lehnte sich müde auf seine dünnen Hände, um die Wunde wieder zu öffnen, die niemals ganz verheilen konnte. Er begann sehr leise:

„Alec, sofern du keinen Hinweis hast, von dem ich nichts weiß, wirst du nicht mehr erklären können als ich, was geschehen ist. Ich vermute, dass du diese Einzelheiten lieber nicht hören möchtest, aber du musst sie erfahren, sonst würde ich dir den Bericht ersparen. Gott weiß, ich wünschte, mir bliebe das Erzählen erspart. Ich werde wenige Worte benutzen.

„An jenem Tag, als ich dich in die Obhut des Arztes gab und zu Boris zurückkehrte, fand ich ihn bei der Arbeit an den ‚Parzen‘. Geneviève, sagte er, schlafe unter dem Einfluss von Medikamenten. Sie sei völlig von Sinnen gewesen, sagte er. Er arbeitete weiter, sprach nicht mehr, und ich beobachtete ihn. Nach kurzer Zeit sah ich, dass die dritte Figur der Gruppe – die, die geradeaus blickte, hinaus in die Welt – sein Gesicht trug; nicht so, wie du es jemals gesehen hast, sondern so, wie es damals aussah und bis zum Ende. Dies ist eine Sache, für die ich gerne eine Erklärung fände, aber die werde ich nie finden.“

„Nun, er arbeitete, und ich beobachtete ihn schweigend, und so machten wir weiter bis fast Mitternacht. Dann hörten wir, wie sich die Tür scharf öffnete und schloss, und ein schnelles Huschen im nächsten Zimmer. Boris sprang durch den Türrahmen und ich folgte ihm; doch wir kamen zu spät. Sie lag am Boden des Beckens, die Hände über ihrer Brust gekreuzt. Dann schoss sich Boris mitten ins Herz.“ Jack hörte auf zu sprechen, Schweißtropfen standen unter seinen Augen, und seine dünnen Wangen zuckten. „Ich trug Boris in sein Zimmer. Dann ging ich zurück, ließ jene höllische Flüssigkeit aus dem Becken ab und wusch den Marmor, indem ich das Wasser voll aufdrehte, von jedem Tropfen rein. Als ich es schließlich wagte, die Stufen hinabzusteigen, fand ich sie dort liegen, weiß wie Schnee. Als ich schließlich entschieden hatte, was das Beste sei, ging ich ins Laboratorium und leerte zuerst die Lösung im Becken in das Abflussrohr; dann goss ich den Inhalt jedes Glases und jeder Flasche hinterher. Im Kamin war Holz, also machte ich ein Feuer, und nachdem ich die Schlösser von Boris’ Schrank aufgebrochen hatte, verbrannte ich jedes Papier, Notizbuch und jeden Brief, den ich darin fand. Mit einem Klöpfel aus dem Atelier zerschlug ich alle leeren Flaschen, lud sie in einen Kohlenkasten, trug sie in den Keller und warf sie über das glühend heiße Bett des Ofens. Sechsmal machte ich den Weg, und am Ende blieb keine Spur von irgendetwas, das wieder dabei helfen könnte, die Formel zu suchen, die Boris gefunden hatte. Dann erst wagte ich es, den Arzt zu rufen. Er ist ein guter Mann, und gemeinsam bemühten wir uns, es vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Ohne ihn hätte ich es niemals geschafft. Schließlich bezahlten wir die Bediensteten und schickten sie aufs Land, wo der alte Rosier sie mit Geschichten von Boris’ und Genevièves Reisen in ferne Länder ruhig hält, von wo sie jahrelang nicht zurückkehren werden. Wir begruben Boris auf dem kleinen Friedhof von Sèvres. Der Arzt ist ein gutes Geschöpf und weiß, wann man einen Mann bemitleiden muss, der nicht mehr ertragen kann. Er stellte seinen Totenschein über ein Herzleiden aus und stellte mir keine Fragen.“

Dann, als er seinen Kopf von seinen Händen hob, sagte er: „Öffne den Brief, Alec; er ist für uns beide.“

Ich riss ihn auf. Es war Boris’ Testament, datiert auf ein Jahr zuvor. Er hinterließ alles Geneviève, und für den Fall, dass sie kinderlos stürbe, sollte ich die Kontrolle über das Haus in der Rue Sainte-Cécile übernehmen und Jack Scott die Verwaltung in Ept. Nach unserem Tode fiel das Eigentum an seine mütterliche Familie in Russland zurück, mit Ausnahme der von ihm selbst gefertigten Marmorskulpturen. Diese vermachte er mir.

Die Seite verschwamm vor unseren Augen, und Jack stand auf und ging zum Fenster. Bald kehrte er zurück und setzte sich wieder. Ich fürchtete mich davor zu hören, was er sagen würde, aber er sprach mit derselben Einfachheit und Sanftmut.

„Geneviève liegt vor der Madonna im Marmorzimmer. Die Madonna beugt sich zärtlich über sie, und Geneviève lächelt zurück in jenes ruhige Gesicht, das ohne sie niemals existiert hätte.“

Seine Stimme brach, aber er ergriff meine Hand und sagte: „Mut, Alec.“ Am nächsten Morgen reiste er nach Ept, um seinen Treuhandauftrag zu erfüllen.

IV

Am selben Abend nahm ich die Schlüssel und ging in das Haus, das ich so gut kannte. Alles war in Ordnung, doch die Stille war schrecklich. Obwohl ich zweimal zur Tür des Marmorzimmers ging, konnte ich mich nicht dazu überwinden, einzutreten. Es überstieg meine Kraft. Ich ging in das Raucherzimmer und setzte mich vor das Spinett. Ein kleines Spitzentaschentuch lag auf den Tasten, und ich wandte mich ab, erstickend. Es war klar, dass ich nicht bleiben konnte, also schloss ich jede Tür, jedes Fenster und die drei vorderen und hinteren Tore ab und ging fort. Am nächsten Morgen packte Alcide meinen Koffer, und nachdem ich ihn mit der Aufsicht über meine Wohnung betraut hatte, nahm ich den Orient-Express nach Konstantinopel. Während der zwei Jahre, in denen ich durch den Osten wanderte, erwähnten wir in unseren Briefen anfangs niemals Geneviève und Boris, doch allmählich schlichen sich ihre Namen ein. Ich erinnere mich besonders an eine Passage in einem von Jacks Briefen als Antwort auf einen von mir –

„Was du mir davon erzählst, Boris über dich gebeugt gesehen zu haben, während du krank lagst, und seine Berührung auf deinem Gesicht gefühlt und seine Stimme gehört zu haben, beunruhigt mich natürlich. Das, was du beschreibst, muss sich vierzehn Tage nach seinem Tod ereignet haben. Ich sage mir, dass du geträumt hast, dass es Teil deines Deliriums war, aber die Erklärung befriedigt mich nicht, und dich würde sie auch nicht befriedigen.“

Gegen Ende des zweiten Jahres kam ein Brief von Jack an mich nach Indien, so unähnlich allem, was ich je von ihm gekannt hatte, dass ich beschloss, sofort nach Paris zurückzukehren. Er schrieb: „Ich bin wohlauf und verkaufe all meine Bilder, wie Künstler es tun, die kein Geld brauchen. Ich habe keine eigenen Sorgen, aber ich bin rastloser, als wenn ich welche hätte. Ich kann eine seltsame Angst um dich nicht abschütteln. Es ist keine Besorgnis, es ist eher eine atemlose Erwartung – worauf, Gott weiß es! Ich kann nur sagen, dass es mich aufzehrt. Nachts träume ich immer von dir und Boris. Ich kann mich danach nie an irgendetwas erinnern, aber ich wache am Morgen mit klopfendem Herz auf, und den ganzen Tag wächst die Aufregung, bis ich nachts einschlafe, um dieselbe Erfahrung wieder zu erleben. Ich bin völlig erschöpft davon und habe beschlossen, diesen krankhaften Zustand zu durchbrechen. Ich muss dich sehen. Soll ich nach Bombay kommen, oder kommst du nach Paris?“

Ich telegrafierte ihm, er solle mich mit dem nächsten Dampfer erwarten.

Als wir uns trafen, fand ich, er habe sich nur sehr wenig verändert; ich, so bestand er darauf, sähe prächtig gesund aus. Es war gut, seine Stimme wieder zu hören, und als wir dasaßen und darüber plauderten, was das Leben noch für uns bereithielt, fühlten wir, dass es angenehm war, bei dem hellen Frühlingswetter am Leben zu sein.

Wir blieben eine Woche zusammen in Paris, und dann ging ich für eine Woche mit ihm nach Ept, aber zuerst gingen wir zum Friedhof in Sèvres, wo Boris lag.

„Sollen wir die ‚Parzen‘ in das kleine Wäldchen über ihm stellen?“, fragte Jack, und ich antwortete:

„Ich glaube, nur die ‚Madonna‘ sollte über Boris’ Grab wachen.“ Aber Jack ging es durch meine Heimkehr keineswegs besser. Die Träume, von denen er nicht einmal die kleinsten klaren Umrisse behalten konnte, hielten an, und er sagte, dass das Gefühl atemloser Erwartung manchmal erstickend sei.

„Du siehst, ich schade dir, anstatt dir zu nützen“, sagte ich. „Versuche eine Veränderung ohne mich.“ Also brach er allein zu einem Streifzug durch die Kanalinseln auf, und ich ging zurück nach Paris. Ich hatte Boris’ Haus, das jetzt mein war, seit meiner Rückkehr noch nicht betreten, aber ich wusste, dass es geschehen musste. Es war von Jack in Ordnung gehalten worden; es gab dort Dienstboten, also gab ich meine eigene Wohnung auf und zog dort ein. Statt der Unruhe, die ich befürchtet hatte, fand ich mich in der Lage, dort ruhig zu malen. Ich besuchte alle Zimmer – alle bis auf eines. Ich konnte mich nicht dazu bringen, das Marmorzimmer zu betreten, wo Geneviève lag, und doch spürte ich, wie die Sehnsucht von Tag zu Tag wuchs, ihr Gesicht zu sehen, neben ihr zu knien.

An einem Aprilnachmittag lag ich im Raucherzimmer und träumte, genau wie ich zwei Jahre zuvor gelegen hatte, und mechanisch suchte ich unter den gelblichen Orientteppichen nach dem Wolfsfell. Schließlich erkannte ich die spitzen Ohren und den flachen, grausamen Kopf, und ich dachte an meinen Traum, in dem ich Geneviève daneben liegen sah. Die Helme hingen noch an dem abgenutzten Wandteppich, darunter die alte spanische Morion, von der ich mich erinnerte, dass Geneviève sie einmal aufgesetzt hatte, als wir uns mit den alten Rüstungsteilen amüsierten. Ich wandte meine Augen dem Spinett zu; jede gelbe Taste schien beredt von ihrer zärtlichen Hand, und ich erhob mich, von der Kraft meiner Lebensleidenschaft zur versiegelten Tür des Marmorzimmers gezogen. Die schweren Türen schwangen unter meinen zitternden Händen nach innen auf. Sonnenlicht strömte durch das Fenster, vergoldete die Flügel des Cupido und verweilte wie ein Nimbus über der Stirn der Madonna. Ihr zärtliches Gesicht beugte sich voller Mitleid über eine Marmorgestalt, die so exquisit rein war, dass ich niederkniete und mich bekreuzigte. Geneviève lag im Schatten unter der Madonna, und doch sah ich durch ihre weißen Arme die blasse azurblaue Ader, und unter ihren sanft gefalteten Händen waren die Falten ihres Kleides rosig getönt, als ob von einem schwachen, warmen Licht in ihrer Brust.

Ich beugte mich mit brechendem Herzen nieder und berührte den Marmordraperie mit meinen Lippen, dann schlich ich zurück in das stille Haus.

Ein Dienstmädchen kam und brachte mir einen Brief, und ich setzte mich in den kleinen Wintergarten, um ihn zu lesen; aber als ich gerade das Siegel brechen wollte, bemerkte ich, dass das Mädchen zögerte, und fragte sie, was sie wolle.

Sie stammelte etwas von einem weißen Kaninchen, das im Haus gefangen worden sei, und fragte, was damit geschehen solle. Ich sagte ihr, sie solle es in den ummauerten Garten hinter dem Haus laufen lassen, und öffnete meinen Brief. Er war von Jack, aber so zusammenhangslos, dass ich dachte, er müsse den Verstand verloren haben. Er bestand aus nichts als einer Reihe von Bitten an mich, das Haus nicht zu verlassen, bis er zurückkehren könne; er könne mir nicht sagen warum, es gäbe diese Träume, sagte er – er könne nichts erklären, aber er sei sich sicher, dass ich das Haus in der Rue Sainte-Cécile nicht verlassen dürfe.

Als ich zu Ende gelesen hatte, hob ich die Augen und sah dasselbe Dienstmädchen in der Tür stehen, das eine Glasschale hielt, in der zwei Goldfische schwammen: „Setzen Sie sie zurück in das Becken und sagen Sie mir, was Sie damit meinen, mich zu unterbrechen“, sagte ich.

Mit einem halb unterdrückten Wimmern leerte sie Wasser und Fische in ein Aquarium am Ende des Wintergartens, wandte sich an mich und bat um die Erlaubnis, meinen Dienst zu verlassen. Sie sagte, Leute trieben Scherze mit ihr, offensichtlich mit der Absicht, sie in Schwierigkeiten zu bringen; das Marmorkaninchen sei gestohlen und ein lebendiges sei ins Haus gebracht worden; die zwei wunderschönen Marmorfische seien verschwunden, und sie habe gerade diese gewöhnlichen lebendigen Dinger auf dem Esszimmerboden zappeln sehen. Ich beruhigte sie und schickte sie weg, mit der Bemerkung, ich würde mich selbst umsehen. Ich ging ins Atelier; dort war nichts außer meinen Leinwänden und einigen Gipsabgüssen, abgesehen von dem Marmor der Osterlilie. Ich sah ihn auf einem Tisch am anderen Ende des Raumes. Dann schritt ich wütend darauf zu. Aber die Blume, die ich vom Tisch aufhob, war frisch und zerbrechlich und erfüllte die Luft mit ihrem Duft.

Dann begriff ich plötzlich und sprang durch den Flur zum Marmorzimmer. Die Türen flogen auf, das Sonnenlicht strömte in mein Gesicht, und darin, in himmlischer Herrlichkeit, lächelte die Madonna, während Geneviève ihr gerötetes Gesicht von ihrer Marmorliege hob und ihre schläfrigen Augen öffnete.

IM HOF DES DRACHEN

„O du, der du im Herzen brennst für jene, die in der Hölle brennen, Deren Feuer du selbst wiederum nähren wirst; Wie lange noch schreist du: ‚Erbarmen mit ihnen‘? Gott! Wer bist du, zu lehren, während Er zu lernen hätte?“

In der Kirche St. Barnabé war die Vesper vorüber; der Klerus verließ den Altar; die kleinen Chorknaben strömten über den Chor und ließen sich im Chorgestühl nieder. Ein Suisse in reicher Uniform schritt durch das südliche Seitenschiff und ließ seinen Stab bei jedem vierten Schritt auf dem Steinpflaster erschallen; hinter ihm kam jener beredte Prediger und gute Mann, Monseigneur C——.

Mein Stuhl stand nahe der Chorschranke, ich wandte mich nun zum westlichen Ende der Kirche. Die anderen Leute zwischen Altar und Kanzel wandten sich ebenfalls um. Es gab ein leises Scharren und Rascheln, während sich die Gemeinde wieder setzte; der Prediger stieg die Kanzeltreppe hinauf, und das Orgelnachspiel verstummte.

Ich hatte das Orgelspiel in St. Barnabé schon immer als äußerst interessant empfunden. Gelehrt und wissenschaftlich war es auch, zu sehr für mein geringes Wissen, aber es drückte eine lebhafte, wenn auch kalte Intelligenz aus. Überdies besaß es die französische Eigenschaft des Geschmacks: Geschmack herrschte souverän, selbstbeherrscht, würdevoll und zurückhaltend.

Heute jedoch hatte ich vom ersten Akkord an eine Veränderung zum Schlechteren gespürt, eine unheilvolle Veränderung. Während der Vesper war es hauptsächlich die Chororgel gewesen, die den schönen Chor unterstützte, doch nun und dann, ganz mutwillig, wie es schien, hatte von der Westempore, wo die große Orgel steht, eine schwere Hand quer durch die Kirche auf den heiteren Frieden jener klaren Stimmen eingeschlagen. Es war etwas mehr als nur schrill und dissonant, und es verriet keinen Mangel an Geschick. Als es immer wieder vorkam, brachte es mich dazu, über das nachzudenken, was meine Architekturbücher darüber sagen, dass es in frühen Zeiten üblich war, den Chor zu weihen, sobald er fertiggestellt war, und dass das Kirchenschiff, da es manchmal ein halbes Jahrhundert später fertig wurde, oft gar keinen Segen erhielt: Ich fragte mich im Stillen, ob dies bei St. Barnabé der Fall gewesen war und ob etwas, von dem man normalerweise nicht annimmt, dass es in einer christlichen Kirche zu Hause sei, unbemerkt eingedrungen war und die Westempore in Besitz genommen hatte. Ich hatte auch von solchen Dingen gelesen, aber nicht in Werken über Architektur.

Dann erinnerte ich mich daran, dass St. Barnabé nicht viel mehr als hundert Jahre alt war, und lächelte über die unpassende Verbindung mittelalterlicher Aberglauben mit diesem heiteren kleinen Stück Rokoko aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Aber nun war die Vesper vorbei, und es hätten ein paar ruhige Akkorde folgen sollen, die zur Meditation geeignet waren, während wir auf die Predigt warteten. Stattdessen brach die Dissonanz am unteren Ende der Kirche mit dem Abgang des Klerus aus, als ob sie nun nichts mehr kontrollieren könne.

Ich gehöre zu jenen Kindern einer älteren und einfacheren Generation, die es nicht lieben, in der Kunst nach psychologischen Feinheiten zu suchen; und ich habe mich stets geweigert, in der Musik etwas anderes als Melodie und Harmonie zu finden, aber ich spürte, dass im Labyrinth der Töne, das nun aus jenem Instrument hervorging, etwas gejagt wurde. Auf und ab jagten ihn die Pedale, während die Manuale Zustimmung dröhnten. Armer Teufel! Wer auch immer er war, es schien wenig Hoffnung auf Entkommen zu geben!

Mein nervöser Ärger schlug in Zorn um. Wer tat das? Wie konnte er es wagen, so mitten im Gottesdienst zu spielen? Ich blickte auf die Leute in meiner Nähe: Niemand schien auch nur im Geringsten gestört. Die ruhigen Stirnen der knienden Nonnen, die immer noch zum Altar gewandt waren, verloren unter dem blassen Schatten ihrer weißen Kopfbedeckungen nichts von ihrer andächtigen Abstraktion. Die elegante Dame neben mir blickte erwartungsvoll zu Monseigneur C——. Soweit ihr Gesicht es verriet, hätte die Orgel ein Ave Maria singen können.

Doch nun hatte der Prediger endlich das Kreuzzeichen gemacht und Stille geboten. Ich wandte mich ihm freudig zu. Bisher hatte ich nicht die Ruhe gefunden, auf die ich gehofft hatte, als ich an jenem Nachmittag St. Barnabé betrat.

Ich war ausgelaugt von drei Nächten körperlichen Leidens und geistiger Unruhe: die letzte war die schlimmste gewesen, und es war ein erschöpfter Körper und ein Geist, der betäubt und doch akut empfindsam war, die ich zur Heilung in meine Lieblingskirche gebracht hatte. Denn ich hatte *Der König in Gelb* gelesen.

„Die Sonne geht auf; sie versammeln sich und legen sich in ihren Höhlen nieder.“ Monseigneur C—— trug seinen Text mit ruhiger Stimme vor und blickte gelassen über die Gemeinde. Meine Augen wandten sich, ich wusste nicht warum, zum unteren Ende der Kirche. Der Organist kam hinter seinen Pfeifen hervor und ging auf seinem Weg nach draußen an der Empore entlang, ich sah ihn durch eine kleine Tür verschwinden, die zu einer Treppe führt, die direkt auf die Straße hinabführt. Er war ein schlanker Mann, und sein Gesicht war so weiß, wie sein Mantel schwarz war. „Gott sei Dank!“, dachte ich, „mit deiner gottlosen Musik! Ich hoffe, dein Assistent spielt das Schlussnachspiel.“

Mit einem Gefühl der Erleichterung – mit einem tiefen, ruhigen Gefühl der Erleichterung wandte ich mich wieder dem milden Gesicht auf der Kanzel zu und machte es mir bequem, um zuzuhören. Hier war endlich die Seelenruhe, nach der ich mich sehnte.

„Meine Kinder“, sagte der Prediger, „eine Wahrheit lernt die menschliche Seele am aller schwersten: dass sie nichts zu fürchten hat. Sie kann niemals dazu gebracht werden zu sehen, dass ihr nichts wirklich schaden kann.“

„Seltsame Lehre!“, dachte ich, „für einen katholischen Priester. Mal sehen, wie er das mit den Kirchenvätern in Einklang bringt.“

„Nichts kann der Seele wirklich schaden“, fuhr er in seinen kühlsten, klarsten Tönen fort, „weil——“

Doch den Rest hörte ich nicht mehr; mein Auge verließ sein Gesicht, ich wusste nicht aus welchem Grund, und suchte das untere Ende der Kirche. Derselbe Mann kam hinter der Orgel hervor und ging *denselben Weg* an der Empore entlang. Aber es war keine Zeit für ihn gewesen zurückzukehren, und wenn er zurückgekehrt wäre, hätte ich ihn sehen müssen. Ich spürte einen leichten Schauer, und mein Herz sank; und doch waren sein Gehen und Kommen nicht meine Angelegenheit. Ich sah ihn an: Ich konnte nicht wegsehen von seiner schwarzen Gestalt und seinem weißen Gesicht. Als er genau mir gegenüber war, wandte er sich um und sandte quer durch die Kirche, direkt in meine Augen, einen Blick voller Hass, intensiv und tödlich: Ich habe nie einen anderen wie diesen gesehen; Gott gebe, dass ich ihn niemals wiedersehen möge! Dann verschwand er durch dieselbe Tür, durch die ich ihn vor weniger als sechzig Sekunden hatte gehen sehen.

Ich saß da und versuchte, meine Gedanken zu sammeln. Mein erstes Gefühl war wie das eines sehr kleinen Kindes, das schwer verletzt wurde, wenn es den Atem anhält, bevor es aufschreit.

Plötzlich das Objekt eines solchen Hasses zu sein, war überaus schmerzhaft: und dieser Mann war ein völliger Fremder. Warum sollte er mich so hassen? – mich, den er noch nie zuvor gesehen hatte? Für den Moment ging alles andere Gefühl in diesem einen Schmerz unter: sogar Angst war dem Kummer untergeordnet, und in jenem Moment zweifelte ich nicht; doch im nächsten begann ich nachzudenken, und ein Gefühl für das Unpassende kam mir zu Hilfe.

Wie ich gesagt habe, St. Barnabé ist eine moderne Kirche. Sie ist klein und gut beleuchtet; man sieht sie fast auf einen Blick in ihrer Gesamtheit. Die Orgelempore erhält ein starkes, weißes Licht von einer Reihe langer Fenster im Obergaden, die nicht einmal farbiges Glas haben.

Da die Kanzel in der Mitte der Kirche steht, folgte daraus, dass, wenn ich ihr zugewandt war, alles, was sich am westlichen Ende bewegte, mein Auge unweigerlich anziehen musste. Als der Organist vorbeiging, war es kein Wunder, dass ich ihn sah: Ich hatte schlicht den Zeitabstand zwischen seinem ersten und seinem zweiten Vorbeigehen falsch eingeschätzt. Er war das letzte Mal durch die andere Seitentür hereingekommen. Was den Blick betraf, der mich so aus der Fassung gebracht hatte, so gab es so etwas gar nicht, und ich war ein nervöser Narr.

Ich sah mich um. Das war ein wahrscheinlicher Ort, um übernatürliche Schrecken zu beherbergen! Dieses klar geschnittene, vernünftige Gesicht von Monseigneur C——, seine gefasste Art und seine leichten, graziösen Gesten, wirkten sie nicht ein wenig entmutigend auf die Vorstellung eines grausamen Mysteriums? Ich blickte über seinen Kopf und hätte beinahe gelacht. Diese leichtfüßige Dame, die eine Ecke des Kanzelhimmels stützte, der aussah wie eine gerüschte Damasttischdecke bei starkem Wind – beim ersten Versuch eines Basilisk, sich dort oben auf der Orgelempore in Pose zu setzen, würde sie ihre goldene Trompete auf ihn richten und ihn aus der Existenz pusten! Ich lachte über diesen Einfall, den ich damals für sehr amüsant hielt, und saß da und zog mich selbst und alles andere auf, von der alten Harpyie vor dem Geländer, die mich zehn Centimes für meinen Stuhl zahlen ließ, bevor sie mich einließ (sie glich eher einem Basilisk, sagte ich mir, als mein Organist mit dem anämischen Teint): von jener grimmigen alten Dame bis hin zu, ja, ach! Monseigneur C—— selbst. Denn alle Andacht war geflohen. Ich hatte so etwas in meinem Leben noch nie getan, aber nun verspürte ich das Verlangen zu spotten.

Was die Predigt betraf, so konnte ich kein Wort davon verstehen, wegen des Geklingels in meinen Ohren von

„Die Säume des heiligen Paulus hat er erreicht. Nachdem er uns diese sechs Fastenpredigten gehalten hat, Salbungsvoller, als er jemals predigte“,

was den Takt zu den fantastischsten und respektlosesten Gedanken hielt.

Es hatte keinen Sinn, länger dort zu sitzen: Ich musste ins Freie und mich von dieser hasserfüllten Stimmung befreien. Ich wusste, wie unhöflich mein Verhalten war, aber dennoch stand ich auf und verließ die Kirche.

Eine Frühlingssonne schien auf die Rue St. Honoré, als ich die Kirchenstufen hinunterlief. An einer Ecke stand eine Schubkarre voller gelber Narzissen, blasser Veilchen von der Riviera, dunkler russischer Veilchen und weißer römischer Hyazinthen in einer goldenen Wolke aus Mimosen. Die Straße war voller Sonntagsvergnügungssuchender. Ich schwang meinen Gehstock und lachte mit den anderen. Jemand überholte mich und ging an mir vorbei. Er wandte sich nicht um, doch in seinem weißen Profil lag dieselbe tödliche Bösartigkeit, die schon in seinen Augen gelegen hatte. Ich beobachtete ihn, solange ich ihn sehen konnte. Sein geschmeidiger Rücken drückte dieselbe Bedrohung aus; jeder Schritt, der ihn von mir forttrug, schien ihn einer Aufgabe zuzuführen, die mit meinem Untergang verbunden war.

Ich schlich dahin, meine Füße weigerten sich beinahe, sich zu bewegen. In mir begann das Gefühl einer Verantwortung für etwas lange Vergessenes zu erwachen. Es begann mir so vorzukommen, als verdiente ich das, womit er drohte: Es reichte weit zurück – sehr, sehr weit zurück. Es hatte all diese Jahre geruht: Aber es war da, und bald würde es sich erheben und mich konfrontieren. Doch ich wollte versuchen zu entkommen; und ich stolperte so gut ich konnte in die Rue de Rivoli, über den Place de la Concorde und weiter zum Quai. Ich blickte mit kranken Augen auf die Sonne, die durch den weißen Schaum des Brunnens schien, über die Rücken der dunklen bronzenen Flussgötter strömte, auf den weit entfernten Arc, ein Gebilde aus Amethystnebel, auf die unzähligen Durchblicke aus grauen Stämmen und kahlen, schwach grünen Zweigen. Dann sah ich ihn wieder, wie er eine der Kastanienalleen des Cours la Reine herabkam.

Ich verließ das Flussufer, stürzte blindlings über die Champs Elysées und wandte mich dem Arc zu. Die untergehende Sonne sandte ihre Strahlen über den grünen Rasen des Rond-point: Im vollen Schein saß er auf einer Bank, Kinder und junge Mütter überall um ihn herum. Er war nichts weiter als ein Sonntagsbummler, wie die anderen, wie ich selbst. Ich sprach die Worte beinahe laut aus, während ich die bösartige Feindseligkeit seines Gesichts betrachtete. Doch er sah mich nicht an. Ich schlich vorbei und schleppte meine bleiernen Füße die Avenue hinauf. Ich wusste, dass jedes Mal, wenn ich ihm begegnete, ihn der Erfüllung seines Ziels und meines Schicksals ein Stück näher brachte. Und doch versuchte ich mich zu retten.

Die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs strömten durch den großen Arc. Ich trat hindurch und begegnete ihm von Angesicht zu Angesicht. Ich hatte ihn weit unten auf den Champs Elysées zurückgelassen, und doch kam er mit einem Strom von Menschen herein, die vom Bois de Boulogne zurückkehrten. Er kam so nah, dass er mich streifte. Sein schlanker Körper fühlte sich unter seiner weiten schwarzen Hülle wie Eisen an. Er zeigte keine Anzeichen von Eile, von Müdigkeit oder von irgendeinem menschlichen Gefühl. Sein ganzes Wesen drückte eine einzige Sache aus: den Willen und die Macht, mir Böses anzutun.

In Todesangst beobachtete ich ihn, wie er die breite, überfüllte Avenue hinunterging, die ganz im Glanz von Rädern, Pferdegeschirren und den Helmen der Garde Republicaine funkelte.

Bald war er aus den Augen verloren; dann wandte ich mich ab und floh. Hinein in den Bois und weit darüber hinaus – ich weiß nicht, wohin ich lief, doch nach einer langen Zeit, wie mir schien, war die Nacht hereingebrochen, und ich fand mich an einem Tisch vor einem kleinen Café wieder. Ich war zurück in den Bois gewandert. Es war nun Stunden her, seit ich ihn gesehen hatte. Körperliche Erschöpfung und seelisches Leid hatten mir jede Kraft zum Denken oder Fühlen geraubt. Ich war müde, so müde! Ich sehnte mich danach, mich in meiner eigenen Höhle zu verstecken. Ich beschloss, nach Hause zu gehen. Aber das war ein weiter Weg.

Ich wohne im Court of the Dragon, einer schmalen Passage, die von der Rue de Rennes zur Rue du Dragon führt.

Es ist eine „Impasse“; nur für Fußgänger passierbar. Über dem Eingang an der Rue de Rennes befindet sich ein Balkon, der von einem eisernen Drachen getragen wird. Innerhalb des Hofes erheben sich auf beiden Seiten hohe alte Häuser und schließen die Enden, die zu den beiden Straßen führen. Riesige Tore, die tagsüber in die Wände der tiefen Torbögen zurückgeschwenkt werden, schließen diesen Hof nach Mitternacht, und man muss dann an bestimmten kleinen Türen an der Seite läuten, um einzutreten. Das abgesenkte Pflaster sammelt unappetitliche Pfützen. Steile Treppen führen hinab zu Türen, die sich zum Hof hin öffnen. Die Erdgeschosse sind von Läden von Trödlern und von Eisenarbeitern belegt. Den ganzen Tag über hallt der Ort vom Klirren der Hämmer und dem Klang von Metallstangen wider.

So unappetitlich es unten auch ist, oben gibt es Fröhlichkeit, Behaglichkeit und harte, ehrliche Arbeit.

Fünf Stockwerke höher befinden sich die Ateliers von Architekten und Malern sowie die Verstecke von Studenten mittleren Alters wie mir, die alleine leben wollen. Als ich zum ersten Mal hierher zog, war ich jung und nicht allein.

Ich musste eine Weile laufen, bevor ein Fuhrwerk auftauchte, doch schließlich, als ich fast wieder den Arc de Triomphe erreicht hatte, kam eine leere Droschke des Weges und ich nahm sie.

Vom Arc bis zur Rue de Rennes ist es eine Fahrt von mehr als einer halben Stunde, besonders wenn man von einem müden Droschkenpferd befördert wird, das der Gnade von Sonntagsfestbesuchern ausgeliefert war.

Es wäre Zeit gewesen, ehe ich unter die Schwingen des Drachen trat, meinem Feind immer wieder zu begegnen, doch ich sah ihn kein einziges Mal, und nun war die Zuflucht in greifbarer Nähe.

Vor dem weiten Torweg spielte eine kleine Schar von Kindern. Unser Concierge und seine Frau gingen inmitten von ihnen, mit ihrem schwarzen Pudel, und sorgten für Ordnung; einige Paare tanzten auf dem Gehweg. Ich erwiderte ihre Grüße und eilte hinein.

Alle Bewohner des Hofes waren auf die Straße geströmt. Der Ort war völlig verlassen, beleuchtet von einigen hoch hängenden Laternen, in denen das Gas schwach brannte.

Meine Wohnung lag ganz oben in einem Haus, auf halbem Weg den Hof hinunter, erreichbar über eine Treppe, die beinahe auf die Straße hinabführte, nur durch ein kurzes Stück Durchgang davon getrennt. Ich setzte meinen Fuß auf die Schwelle der offenen Tür; die vertraute, alte, baufällige Treppe erhob sich vor mir und führte hinauf zu Ruhe und Schutz. Als ich über meine rechte Schulter zurückblickte, sah ich ihn, zehn Schritte entfernt. Er musste mit mir zusammen den Hof betreten haben.

Er kam direkt auf mich zu, weder langsam noch schnell, sondern gerade auf mich zu. Und nun sah er mich an. Zum ersten Mal seit sich unsere Blicke in der Kirche trafen, begegneten sie sich jetzt wieder, und ich wusste, dass die Zeit gekommen war.

Rückwärts gehend, den Hof hinab, blickte ich ihm entgegen. Ich wollte durch den Eingang an der Rue du Dragon entkommen. Seine Augen sagten mir, dass ich niemals entkommen würde.

Es schien Ewigkeiten zu dauern, während wir den Hof hinuntergingen, ich zurückweichend, er vordringend, in vollkommener Stille; doch schließlich spürte ich den Schatten des Torbogens, und der nächste Schritt brachte mich in sein Inneres. Ich hatte vor, mich hier umzudrehen und auf die Straße zu springen. Doch der Schatten war nicht der eines Torbogens; er war der eines Gewölbes. Die großen Türen zur Rue du Dragon waren geschlossen. Ich spürte es an der Schwärze, die mich umgab, und im selben Augenblick las ich es in seinem Gesicht. Wie sein Gesicht in der Dunkelheit aufleuchtete und rasch näher kam! Die tiefen Gewölbe, die riesigen geschlossenen Türen, ihre kalten Eisenbeschläge, alles war auf seiner Seite. Das, womit er gedroht hatte, war eingetreten: Es sammelte sich und brach aus den unergründlichen Schatten über mich herein; der Punkt, von dem aus es zuschlagen würde, waren seine höllischen Augen. Hoffnungslos stemmte ich meinen Rücken gegen die verriegelten Türen und trotzte ihm.

* * * * *

Man hörte das Rücken von Stühlen auf dem Steinboden und ein Rascheln, als sich die Gemeinde erhob. Ich konnte den Stab des Suisse im südlichen Seitenschiff hören, wie er Monseigneur C—— zur Sakristei vorausging.

Die knienden Nonnen, aus ihrer andächtigen Versunkenheit geweckt, verneigten sich und gingen fort. Die vornehme Dame, meine Nachbarin, erhob sich ebenfalls mit anmutiger Zurückhaltung. Als sie ging, glitt ihr Blick flüchtig und missbilligend über mein Gesicht.

Halbtot, so schien es mir, und doch intensiv wach für jede Kleinigkeit, saß ich inmitten der sich gemächlich bewegenden Menge, stand dann ebenfalls auf und ging zur Tür.

Ich hatte die Predigt verschlafen. Hatte ich die Predigt verschlafen? Ich blickte auf und sah ihn, wie er entlang der Empore zu seinem Platz ging. Nur seine Seite sah ich; der dünne, gebeugte Arm in seiner schwarzen Hülle sah aus wie eines dieser teuflischen, namenlosen Instrumente, die in den stillgelegten Folterkammern mittelalterlicher Burgen liegen.

Doch ich war ihm entkommen, obwohl seine Augen gesagt hatten, ich würde es nicht. War ich ihm entkommen? Das, was ihm die Macht über mich verlieh, kehrte aus dem Vergessen zurück, wohin ich es zu verbannen gehofft hatte. Denn jetzt erkannte ich ihn. Der Tod und die schreckliche Wohnstatt der verlorenen Seelen, wohin meine Schwäche ihn vor langer Zeit gesandt hatte – sie hatten ihn für jedes andere Auge verändert, doch nicht für meines. Ich hatte ihn beinahe vom ersten Augenblick an wiedererkannt; ich hatte nie daran gezweifelt, was er gekommen war zu tun; und nun wusste ich, während mein Körper sicher in der fröhlichen kleinen Kirche saß, hatte er im Court of the Dragon Jagd auf meine Seele gemacht.

Ich schlich zur Tür: Die Orgel brauste über mir auf. Ein blendendes Licht erfüllte die Kirche und löschte den Altar vor meinen Augen aus. Die Menschen verblassten, die Bögen, das gewölbte Dach verschwanden. Ich erhob meine gebrannten Augen in das unergründliche Leuchten und sah die schwarzen Sterne am Himmel hängen: und die feuchten Winde vom See von Hali kühlten mein Gesicht.

Und nun, weit weg, über Meilen von aufgewühlten Wolkenwellen, sah ich den Mond, von Gischt triefend; und dahinter erhoben sich die Türme von Carcosa hinter dem Mond.

Der Tod und die schreckliche Wohnstatt der verlorenen Seelen, wohin meine Schwäche ihn vor langer Zeit gesandt hatte, hatten ihn für jedes andere Auge verändert, nur nicht für meines. Und nun hörte ich seine Stimme, wie sie anschwoll, wie sie durch das flammende Licht donnerte, und während ich fiel, die Strahlkraft immer heller werdend, ergoss sie sich über mich in Flammenwellen. Dann sank ich in die Tiefe und hörte den König in Gelb meiner Seele zuflüstern: „Es ist ein schreckliches Ding, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“

DAS GELBE ZEICHEN

„Lass die rote Morgenröte ahnen, Was wir tun werden, Wenn dies blaue Sternenlicht stirbt Und alles zu Ende ist.“

I

Es gibt so viele Dinge, die unmöglich zu erklären sind! Warum sollten bestimmte Akkorde in der Musik mich an die braunen und goldenen Tönungen von Herbstlaub denken lassen? Warum sollte die Messe der Sainte Cécile meine Gedanken dazu bringen, unter Höhlen zu wandern, deren Wände mit zerklüfteten Massen von gediegenem Silber lodern? Was war es im Getöse und der Aufregung des Broadway um sechs Uhr, das vor meinen Augen das Bild eines stillen bretonischen Waldes aufblitzen ließ, in dem das Sonnenlicht durch Frühlingslaub filterte und Sylvia sich halb neugierig, halb zärtlich über eine kleine grüne Eidechse beugte und murmelte: „Zu denken, dass auch dies ein kleiner Schützling Gottes ist!“

Als ich den Wächter zum ersten Mal sah, war sein Rücken mir zugewandt. Ich betrachtete ihn gleichgültig, bis er in die Kirche ging. Ich achtete nicht mehr auf ihn als auf jeden anderen Mann, der an jenem Morgen durch den Washington Square schlenderte, und als ich mein Fenster schloss und in mein Atelier zurückkehrte, hatte ich ihn vergessen. Spät am Nachmittag, da es warm war, öffnete ich das Fenster wieder und lehnte mich hinaus, um einen Hauch Luft zu schnappen. Ein Mann stand im Kirchhof, und ich bemerkte ihn wieder mit ebenso wenig Interesse wie am Morgen. Ich blickte über den Platz dorthin, wo der Brunnen sprudelte, und begann dann, mit dem Geist voller vager Eindrücke von Bäumen, Asphaltstraßen und den umherziehenden Gruppen von Kindermädchen und Ausflüglern, zu meiner Staffelei zurückzugehen. Als ich mich umdrehte, schloss mein teilnahmsloser Blick den Mann unten auf dem Kirchhof ein. Sein Gesicht war mir nun zugewandt, und mit einer vollkommen unwillkürlichen Bewegung bückte ich mich, um es zu sehen. Im selben Moment hob er den Kopf und sah mich an. Augenblicklich dachte ich an einen Sargwurm. Was auch immer es an dem Mann war, das mich abstieß, ich wusste es nicht, doch der Eindruck eines prallen, weißen Grabwurms war so intensiv und Übelkeit erregend, dass ich es in meinem Ausdruck gezeigt haben musste, denn er wandte sein aufgedunsenes Gesicht mit einer Bewegung ab, die mich an eine gestörte Made in einer Kastanie denken ließ.

Ich ging zu meiner Staffelei zurück und bedeutete dem Modell, ihre Pose wieder einzunehmen. Nachdem ich eine Weile gearbeitet hatte, war ich überzeugt, dass ich das, was ich getan hatte, so schnell wie möglich ruinierte, und ich nahm ein Palettenmesser und kratzte die Farbe wieder ab. Die Hauttöne waren fahl und ungesund, und ich verstand nicht, wie ich eine solche kränkliche Farbe in eine Studie hatte malen können, die zuvor in gesunden Tönen geglüht hatte.

Ich sah Tessie an. Sie hatte sich nicht verändert, und das klare Rot der Gesundheit färbte ihren Hals und ihre Wangen, als ich die Stirn runzelte.

„Ist es etwas, das ich getan habe?“, sagte sie.

„Nein – ich habe diesen Arm vermasselt, und beim besten Willen kann ich nicht begreifen, wie ich dazu kam, einen solchen Schlamm auf die Leinwand zu malen“, antwortete ich.

„Pose ich nicht gut?“, beharrte sie.

„Natürlich, vollkommen.“

„Dann liegt es nicht an mir?“

„Nein. Es liegt an mir.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte sie.

Ich sagte ihr, sie könne sich ausruhen, während ich den Pestfleck auf meiner Leinwand mit einem Lappen und Terpentin behandelte, und sie ging fort, um eine Zigarette zu rauchen und die Illustrationen im Courrier Français durchzusehen.

Ich wusste nicht, ob es an etwas im Terpentin lag oder an einem Fehler in der Leinwand, aber je mehr ich schrubbte, desto mehr schien sich jener Brand auszubreiten. Ich arbeitete wie ein Besessener, um es herauszubekommen, und doch schien die Krankheit von Glied zu Glied der Studie vor mir zu kriechen. Alarmiert versuchte ich, sie aufzuhalten, aber nun veränderte sich die Farbe auf der Brust, und die ganze Figur schien die Infektion aufzusaugen wie ein Schwamm Wasser. Energisch setzte ich Palettenmesser, Terpentin und Schaber ein, während ich die ganze Zeit daran dachte, was für eine Szene ich mit Duval abhalten würde, der mir die Leinwand verkauft hatte; doch bald bemerkte ich, dass weder die Leinwand fehlerhaft war noch die Farben von Edward. „Es muss das Terpentin sein“, dachte ich ärgerlich, „oder meine Augen sind vom Nachmittagslicht so verschwommen und verwirrt, dass ich nicht mehr klar sehen kann.“ Ich rief Tessie, das Modell. Sie kam und lehnte sich über meinen Stuhl, während sie Rauchringe in die Luft blies.

„Was hast du damit angestellt?“, rief sie aus.

„Nichts“, knurrte ich, „es muss dieses Terpentin sein!“

„Was für eine schreckliche Farbe das jetzt ist“, fuhr sie fort. „Glaubst du, meine Haut ähnelt grünem Käse?“

„Nein, das tue ich nicht“, sagte ich ärgerlich; „hast du mich jemals zuvor so malen sehen?“

„Nein, wirklich nicht!“

„Na also!“

„Es muss das Terpentin sein oder so etwas“, gab sie zu.

Sie schlüpfte in einen japanischen Morgenmantel und ging zum Fenster. Ich kratzte und rieb, bis ich müde war, und ergriff schließlich meine Pinsel und schleuderte sie mit einem heftigen Ausdruck durch die Leinwand, von dem nur der Ton Tessies Ohren erreichte.

Dennoch begann sie prompt: „Das ist es! Fluchen und sich albern benehmen und die Pinsel ruinieren! Du hast drei Wochen an dieser Studie gesessen, und nun schau! Was nützt es, die Leinwand zu zerreißen? Was für Geschöpfe Künstler doch sind!“

Ich schämte mich ungefähr so sehr wie gewöhnlich nach einem solchen Ausbruch und drehte die ruinierte Leinwand zur Wand. Tessie half mir, meine Pinsel zu reinigen, und tanzte dann davon, um sich anzuziehen. Hinter dem Wandschirm unterhielt sie mich mit Ratschlägen bezüglich des vollständigen oder teilweisen Verlusts der Beherrschung, bis sie, vielleicht in der Meinung, ich sei genug gequält worden, hervorkam, um mich anzuflehen, ihr das Kleid an der Taille zuzuknöpfen, wo sie es an der Schulter nicht erreichen konnte.

„Alles ging schief, seit du vom Fenster zurückgekommen bist und über diesen schrecklich aussehenden Mann gesprochen hast, den du auf dem Kirchhof gesehen hast“, verkündete sie.

„Ja, wahrscheinlich hat er das Bild verhext“, sagte ich gähnend. Ich sah auf meine Uhr.

„Es ist nach sechs, das weiß ich“, sagte Tessie, während sie ihren Hut vor dem Spiegel zurechtrückte.

„Ja“, antwortete ich, „ich wollte dich nicht so lange aufhalten.“ Ich lehnte mich aus dem Fenster, prallte aber voller Abscheu zurück, denn der junge Mann mit dem teigigen Gesicht stand unten auf dem Kirchhof. Tessie sah meine Geste der Missbilligung und lehnte sich aus dem Fenster.

„Ist das der Mann, den du nicht magst?“, flüsterte sie.

Ich nickte.

„Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber er sieht tatsächlich fett und weich aus. Irgendwie“, fuhr sie fort und drehte sich um, um mich anzusehen, „erinnert er mich an einen Traum – einen schrecklichen Traum, den ich einmal hatte. Oder“, sinnierte sie und sah auf ihre wohlgeformten Schuhe, „war es am Ende doch ein Traum?“

„Woher sollte ich das wissen?“, lächelte ich.

Tessie lächelte zurück.

„Du warst darin“, sagte sie, „also könntest du vielleicht etwas darüber wissen.“

„Tessie! Tessie!“, protestierte ich, „wag es ja nicht, mir zu schmeicheln, indem du sagst, dass du von mir träumst!“

„Aber ich habe es getan“, beharrte sie; „soll ich dir davon erzählen?“

„Schieß los“, antwortete ich und zündete mir eine Zigarette an.

Tessie lehnte sich auf das offene Fenstersims und begann sehr ernst.

„Eines Nachts im letzten Winter lag ich im Bett und dachte an überhaupt nichts Bestimmtes. Ich hatte für dich posiert und war erschöpft, doch es schien mir unmöglich zu schlafen. Ich hörte die Glocken in der Stadt zehn, elf und Mitternacht schlagen. Ich muss gegen Mitternacht eingeschlafen sein, weil ich mich nicht daran erinnern kann, danach noch die Glocken gehört zu haben. Es kam mir vor, als hätte ich kaum die Augen geschlossen, als ich träumte, dass mich etwas dazu drängte, zum Fenster zu gehen. Ich stand auf, hob das Fenster und lehnte mich hinaus. Die 25. Straße war menschenleer, soweit ich sehen konnte. Ich begann Angst zu bekommen; alles draußen schien so – so schwarz und unbehaglich. Dann drang das Geräusch von Rädern aus der Ferne an meine Ohren, und es schien mir, als sei das das, worauf ich warten musste. Sehr langsam näherten sich die Räder, und schließlich konnte ich ein Fahrzeug ausmachen, das sich die Straße entlangbewegte. Es kam näher und näher, und als es unter meinem Fenster vorbeifuhr, sah ich, dass es ein Leichenwagen war. Dann, als ich vor Angst zitterte, drehte sich der Kutscher um und sah mich direkt an. Als ich erwachte, stand ich am offenen Fenster und zitterte vor Kälte, aber der Leichenwagen mit den schwarzen Federn und der Kutscher waren weg. Ich träumte diesen Traum im letzten März noch einmal und wachte wieder am offenen Fenster auf. Letzte Nacht kam der Traum erneut. Du erinnerst dich, wie es regnete; als ich aufwachte, am offenen Fenster stehend, war mein Nachthemd durchnässt.“

„Aber wo kam ich in dem Traum vor?“, fragte ich.

„Du – du lagst im Sarg; aber du warst nicht tot.“

„Im Sarg?“

„Ja.“

„Woher wusstest du das? Konntest du mich sehen?“

„Nein; ich wusste nur, dass du dort warst.“

„Hast du walisische Rarebits oder Hummersalat gegessen?“, begann ich zu lachen, doch das Mädchen unterbrach mich mit einem erschrockenen Schrei.

„Hallo! Was ist los?“, sagte ich, als sie in die Nische am Fenster zurückwich.

„Der – der Mann unten auf dem Kirchhof; – er hat den Leichenwagen gefahren.“

„Unsinn“, sagte ich, doch Tessies Augen waren weit vor Entsetzen. Ich ging zum Fenster und sah hinaus. Der Mann war fort. „Komm, Tessie“, drängte ich, „sei nicht albern. Du hast zu lange posiert; du bist nervös.“

„Glaubst du, ich könnte dieses Gesicht vergessen?“, murmelte sie. „Dreimal sah ich den Leichenwagen unter meinem Fenster vorbeifahren, und jedes Mal drehte sich der Fahrer um und sah zu mir hoch. Oh, sein Gesicht war so weiß und – und weich? Es sah tot aus – es sah aus, als wäre es schon seit langer Zeit tot.“

Ich bewegte das Mädchen dazu, sich zu setzen und ein Glas Marsala zu trinken. Dann setzte ich mich neben sie und versuchte, ihr einen Rat zu geben.

„Hör zu, Tessie“, sagte ich, „geh für ein oder zwei Wochen aufs Land, und du wirst keine Träume mehr von Leichenwagen haben. Du posierst den ganzen Tag, und wenn die Nacht kommt, sind deine Nerven zerrüttet. Das hältst du nicht aus. Und dann läufst du, statt ins Bett zu gehen, wenn dein Tagewerk vollbracht ist, zu Picknicks im Sulzer’s Park oder gehst ins Eldorado oder nach Coney Island, und wenn du am nächsten Morgen hierher kommst, bist du völlig fertig. Es gab keinen wirklichen Leichenwagen. Das war ein Traum von weichen Krabben.“

Sie lächelte schwach.

„Was ist mit dem Mann auf dem Kirchhof?“

„Oh, das ist nur ein gewöhnliches, ungesundes Alltagsgeschöpf.“

„So wahr mein Name Tessie Reardon ist, schwöre ich Ihnen, Mr. Scott, dass das Gesicht des Mannes dort unten auf dem Kirchhof das Gesicht des Mannes ist, der den Leichenwagen gefahren hat!“

„Was ist schon dabei?“, sagte ich. „Es ist ein ehrbares Handwerk.“

„Dann glauben Sie also, dass ich den Leichenwagen wirklich gesehen habe?“

„Oh“, sagte ich diplomatisch, „wenn du ihn wirklich gesehen hast, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass der Mann dort unten ihn gefahren hat. Daran ist nichts Besonderes.“

Tessie stand auf, entrollte ihr parfümiertes Taschentuch, nahm ein Stück Kaugummi aus einem Knoten im Saum und steckte es in den Mund. Dann zog sie ihre Handschuhe an, reichte mir mit einem aufrichtigen „Gute Nacht, Mr. Scott“ die Hand und ging hinaus.

II

Am nächsten Morgen brachte mir Thomas, der Page, den Herald und eine kleine Neuigkeit. Die Kirche nebenan war verkauft worden. Ich dankte dem Himmel dafür, nicht etwa, weil ich als Katholik irgendeine Abneigung gegen die Kirchengemeinde nebenan gehabt hätte, sondern weil meine Nerven durch einen lärmenden Prediger zerrüttet waren, dessen jedes Wort so durch den Kirchenschiff hallte, als wäre es in meinen eigenen Räumen gewesen, und der auf seinen r-Lauten mit einer nasalen Beharrlichkeit bestand, die jeden meiner Instinkte empörte. Dann gab es da noch ein Ungeheuer in Menschengestalt, einen Organisten, der einige der großen alten Hymnen mit einer ganz eigenen Interpretation herunterleierte, und ich sehnte mich nach dem Blut eines Geschöpfes, das die Doxologie mit einer Abänderung von Mollakkorden spielen konnte, wie man sie nur in einem Quartett sehr junger Studenten hört. Ich glaube, der Pfarrer war ein guter Mann, aber wenn er brüllte: „Und der Herrrr sprach zu Moses, der Herrrr ist ein Kriegsmann; Herrrr ist sein Name. Mein Zorn wird heiß entbrennen und ich werde euch mit dem Schwerrrt erschlagen!“, fragte ich mich, wie viele Jahrhunderte im Fegefeuer es wohl bedürfte, um für eine solche Sünde zu büßen.

„Wer hat das Grundstück gekauft?“, fragte ich Thomas.

„Niemand, den ich kenne, Sir. Man sagt, der Herr, dem diese ’Amilton-Wohnungen hier gehören, habe sich danach umgesehen. ’Er baut vielleicht noch mehr Ateliers.“

Ich ging zum Fenster. Der junge Mann mit dem ungesunden Gesicht stand am Kirchhoftor, und bei seinem bloßen Anblick ergriff mich dieselbe überwältigende Abscheu.

„Übrigens, Thomas“, sagte ich, „wer ist dieser Kerl da unten?“

Thomas schnaubte. „Dieser Wurm da, Sir? ’Er ist Nachtwächter der Kirche, Sir. ’Er macht mich müde, wie er die ganze Nacht auf diesen Stufen sitzt und einen so beleidigend ansieht. Ich hätte ’ihm eine verpasst, Sir – Verzeihung, Sir –“

„Fahr fort, Thomas.“

„Eines Nachts, als ich mit ’Arry nach Hause kam, dem anderen englischen Jungen, sehe ich ’ihn da auf diesen Stufen sitzen. Wir hatten Molly und Jen bei uns, Sir, die beiden Mädchen vom Zimmerservice, und ’er schaut so beleidigend zu uns rüber, dass ich aufstehe und sage: ‚Was glotzt du denn so, du fette Schnecke?‘ – Verzeihung, Sir, aber so hab ich’s gesagt, Sir. Dann sagt ’er gar nichts und ich sage: ‚Komm raus, dann polier ich dir diese Puddingfresse.‘ Dann mache ich das Tor auf und gehe rein, aber ’er sagt wieder nichts, schaut nur so beleidigend. Dann verpasse ich ’ihm einen, aber, ugh! ’sein Kopf war so kalt und matschig, da würde einem übel werden, wenn man ’ihn berührt.“

„Was hat er dann getan?“, fragte ich neugierig.

„’Er? Nichts.“

„Und du, Thomas?“

Der junge Bursche wurde verlegen und lächelte unbehaglich.

„Mr. Scott, Sir, ich bin kein Feigling, und ich kann mir überhaupt nicht erklären, warum ich gerannt bin. Ich war bei den 5th Lancers, Sir, Signalhornbläser in Tel-el-Kebir, und wurde bei den Brunnen angeschossen.“

„Du willst doch nicht etwa sagen, dass du weggelaufen bist?“

„Ja, Sir; ich bin gerannt.“

„Warum?“

„Genau das will ich auch wissen, Sir. Ich hab Molly gepackt und bin gerannt, und die anderen hatten genauso viel Angst wie ich.“

„Aber wovor hatten sie Angst?“

Thomas weigerte sich eine Weile zu antworten, aber nun war meine Neugier bezüglich des abstoßenden jungen Mannes dort unten geweckt und ich drängte ihn. Ein dreijähriger Aufenthalt in Amerika hatte nicht nur Thomas’ Cockney-Dialekt gemildert, sondern ihm auch die amerikanische Angst vor Spott verliehen.

„Sie werden mir nicht glauben, Mr. Scott, Sir?“

„Doch, das werde ich.“

„Sie werden über mich lachen, Sir?“

„Unsinn!“

Er zögerte. „Nun, Sir, es ist die reine Wahrheit, dass ’er meine Handgelenke packte, als ich ’ihm eine verpasste, Sir, und als ich seine weiche, matschige Faust verdrehte, da kam einer seiner Finger in meiner Hand ab.“

Die tiefe Abscheu und das Entsetzen in Thomas’ Gesicht müssen sich in meinem eigenen gespiegelt haben, denn er fügte hinzu:

„Es ist schrecklich, und jetzt, wenn ich ’ihn sehe, gehe ich einfach weg. ’Er macht mich krank.“

Als Thomas gegangen war, trat ich ans Fenster. Der Mann stand neben dem Kirchengitter mit beiden Händen am Tor, aber ich wich hastig wieder zu meiner Staffelei zurück, angewidert und entsetzt, denn ich sah, dass der Mittelfinger seiner rechten Hand fehlte.

Um neun Uhr erschien Tessie und verschwand mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Mr. Scott“ hinter dem Paravent. Als sie wieder hervorkam und auf dem Modellpodest Platz nahm, begann ich eine neue Leinwand, sehr zu ihrer Freude. Sie blieb stumm, solange ich an der Zeichnung arbeitete, aber sobald das Kratzen der Kohle aufhörte und ich zum Fixativ griff, fing sie an zu plaudern.

„Oh, ich hatte gestern Abend so eine schöne Zeit. Wir waren bei Tony Pastor.“

„Wer ist ‚wir‘?“, fragte ich.

„Oh, Maggie, wissen Sie, das Modell von Mr. Whyte, und Pinkie McCormick – wir nennen sie Pinkie, weil sie dieses wunderschöne rote Haar hat, das Sie Künstler so sehr mögen – und Lizzie Burke.“

Ich verteilte einen Sprühregen aus dem Fixativ über der Leinwand und sagte: „Nun, erzähl weiter.“

„Wir haben Kelly und Baby Barnes, die Rocktänzerin, gesehen und – und all die anderen. Ich habe einen Fang gemacht.“

„Du hast mich also verlassen, Tessie?“

Sie lachte und schüttelte den Kopf.

„Er ist der Bruder von Lizzie Burke, Ed. Er ist ein vollkommener Gentleman.“

Ich fühlte mich verpflichtet, ihr einen väterlichen Rat bezüglich des Anbandelns zu geben, den sie mit einem strahlenden Lächeln entgegennahm.

„Oh, ich kann schon auf mich aufpassen, wenn ein Fremder mich anbaggert“, sagte sie und untersuchte ihren Kaugummi, „aber Ed ist anders. Lizzie ist meine beste Freundin.“

Dann erzählte sie, wie Ed aus der Strumpffabrik in Lowell, Massachusetts, zurückgekommen war, um sie und Lizzie als junge Frauen wiederzutreffen, was für ein versierter junger Mann er sei und wie er nicht davor zurückschreckte, einen halben Dollar für Eiscreme und Austern auszugeben, um seinen Eintritt als Verkäufer in der Wollabteilung von Macy’s zu feiern. Bevor sie fertig war, begann ich zu malen, und sie nahm wieder die Pose ein, lächelnd und plappernd wie ein Spatz. Bis Mittag hatte ich die Studie ziemlich weit angelegt und Tessie kam, um sie sich anzusehen.

„Das ist besser“, sagte sie.

Das fand ich auch und aß mein Mittagessen mit dem zufriedenen Gefühl, dass alles gut lief. Tessie breitete ihr Mittagessen auf einem Zeichentisch mir gegenüber aus, wir tranken unseren Claret aus derselben Flasche und zündeten unsere Zigaretten an demselben Streichholz an. Ich war Tessie sehr zugetan. Ich hatte beobachtet, wie sie von einem hinfälligen, unbeholfenen Kind zu einer schlanken, aber exquisit geformten Frau herangewachsen war. Sie hatte in den letzten drei Jahren für mich Modell gestanden, und unter all meinen Modellen war sie meine liebste. Es hätte mich sehr bekümmert, wenn sie „verdorben“ oder „ausgeflippt“ geworden wäre, wie man so sagt, aber ich hatte nie eine Verschlechterung ihres Wesens bemerkt und fühlte im Herzen, dass sie in Ordnung war. Sie und ich diskutierten nie über Moral, und ich hatte auch nicht die Absicht, das zu tun, teils weil ich selbst keine hatte, und teils weil ich wusste, dass sie sowieso tun würde, was sie wollte, trotz mir. Dennoch hoffte ich, dass sie sich von Komplikationen fernhalten würde, weil ich ihr nur das Beste wünschte, und dann hatte ich auch einen egoistischen Wunsch, das beste Modell zu behalten, das ich hatte. Ich wusste, dass das Anbandeln, wie sie es nannte, bei Mädchen wie Tessie keine Bedeutung hatte und dass solche Dinge in Amerika nicht im Entferntesten mit denselben Dingen in Paris zu vergleichen waren. Doch da ich mit offenen Augen gelebt hatte, wusste ich auch, dass eines Tages jemand Tessie auf die eine oder andere Weise mitnehmen würde, und obwohl ich mir einredete, dass die Ehe Unsinn sei, hoffte ich aufrichtig, dass es in diesem Fall einen Priester am Ende der Aussicht geben würde. Ich bin Katholik. Wenn ich dem Hochamt lausche, wenn ich mich bekreuzige, fühle ich, dass alles, mich selbst eingeschlossen, heiterer ist, und wenn ich beichte, tut es mir gut. Ein Mann, der so viel allein lebt wie ich, muss bei jemandem beichten. Dann war da noch Sylvia, die katholisch war, und das war Grund genug für mich. Aber ich sprach von Tessie, was etwas ganz anderes ist. Tessie war ebenfalls katholisch und viel frommer als ich, also hatte ich alles in allem wenig Angst um mein hübsches Modell, bis sie sich verlieben würde. Aber dann wusste ich, dass allein das Schicksal ihre Zukunft für sie entscheiden würde, und ich betete innerlich, dass das Schicksal sie von Männern wie mir fernhalten und ihr nichts als Ed Burkes und Jimmy McCormicks in den Weg legen würde, segne ihr süßes Gesicht!

Tessie saß da, blies Rauchringe zur Decke und ließ das Eis in ihrem Glas klingen.

„Weißt du, dass ich heute Nacht auch einen Traum hatte?“, bemerkte ich.

„Nicht von diesem Mann“, lachte sie.

„Genau. Ein Traum ähnlich wie deiner, nur viel schlimmer.“

Es war töricht und gedankenlos von mir, das zu sagen, aber Sie wissen, wie wenig Taktgefühl der durchschnittliche Maler hat. „Ich muss gegen zehn Uhr eingeschlafen sein“, fuhr ich fort, „und nach einer Weile träumte ich, dass ich aufwachte. So deutlich hörte ich die Mitternachtsglocken, den Wind in den Baumzweigen und das Pfeifen der Dampfer aus der Bucht, dass ich selbst jetzt kaum glauben kann, dass ich nicht wach war. Ich schien in einem Kasten mit Glasdeckel zu liegen. Verschwommen sah ich die Straßenlaternen, als ich vorbeifuhr, denn ich muss dir sagen, Tessie, der Kasten, in dem ich ruhte, schien auf einem gepolsterten Wagen zu liegen, der mich über ein steiniges Pflaster holperte. Nach einer Weile wurde ich ungeduldig und versuchte mich zu bewegen, aber der Kasten war zu eng. Meine Hände waren auf meiner Brust gekreuzt, also konnte ich sie nicht heben, um mir zu helfen. Ich lauschte und versuchte dann zu rufen. Meine Stimme war weg. Ich konnte das Trampeln der Pferde hören, die vor dem Wagen gespannt waren, und sogar den Atem des Kutschers. Dann drang ein anderes Geräusch an meine Ohren, wie das Anheben eines Fensterrahmens. Es gelang mir, den Kopf ein wenig zu drehen, und ich stellte fest, dass ich nicht nur durch den Glasdeckel meines Kastens sehen konnte, sondern auch durch die Glasscheiben an der Seite des bedeckten Fahrzeugs. Ich sah Häuser, leer und still, ohne Licht oder Leben, mit Ausnahme eines einzigen. In diesem Haus war im ersten Stock ein Fenster offen, und eine Gestalt ganz in Weiß stand da und schaute auf die Straße hinunter. Das warst du.“

Tessie hatte ihr Gesicht von mir abgewandt und stützte sich mit dem Ellbogen auf den Tisch.

„Ich konnte dein Gesicht sehen“, fuhr ich fort, „und es schien mir sehr bekümmert zu sein. Dann fuhren wir weiter und bogen in eine enge, schwarze Gasse ein. Plötzlich hielten die Pferde an. Ich wartete und wartete, schloss die Augen vor Angst und Ungeduld, aber alles war still wie das Grab. Nach Stunden, wie mir schien, fühlte ich mich unbehaglich. Das Gefühl, dass jemand ganz in meiner Nähe war, ließ mich die Augen öffnen. Da sah ich das weiße Gesicht des Leichenwagenfahrers, das durch den Sargdeckel auf mich herunterblickte——“

Ein Schluchzen von Tessie unterbrach mich. Sie zitterte wie Espenlaub. Ich sah, dass ich mich zum Esel gemacht hatte, und versuchte, den Schaden wiedergutzumachen.

„Aber Tess“, sagte ich, „ich habe dir das nur erzählt, um dir zu zeigen, welchen Einfluss deine Geschichte auf die Träume eines anderen haben könnte. Du glaubst doch nicht etwa, dass ich wirklich in einem Sarg lag? Warum zitterst du so? Siehst du denn nicht, dass dein Traum und meine unbegründete Abneigung gegen diesen harmlosen Kirchenwächter mein Gehirn einfach zum Arbeiten brachten, sobald ich einschlief?“

Sie legte ihren Kopf zwischen ihre Arme und schluchzte, als würde ihr Herz brechen. Was für ein kostbarer dreifacher Esel ich mich doch gemacht hatte! Aber ich war dabei, meinen Rekord zu brechen. Ich ging hinüber und legte meinen Arm um sie.

„Tessie Liebes, verzeih mir“, sagte ich; „ich hätte dich nicht mit solchem Unsinn erschrecken dürfen. Du bist ein zu vernünftiges Mädchen, eine zu gute Katholikin, um an Träume zu glauben.“

Ihre Hand klammerte sich an meine und ihr Kopf fiel zurück an meine Schulter, aber sie zitterte immer noch, und ich liebkoste sie und tröstete sie.

„Komm, Tess, mach die Augen auf und lächle.“

Ihre Augen öffneten sich mit einer langsamen, trägen Bewegung und trafen meine, aber ihr Ausdruck war so sonderbar, dass ich mich beeilte, sie noch einmal zu beruhigen.

„Das ist alles Humbug, Tessie; du hast doch sicher keine Angst, dass dir deswegen irgendein Schaden zugefügt wird.“

„Nein“, sagte sie, aber ihre scharlachroten Lippen zitterten.

„Was ist dann los? Hast du Angst?“

„Ja. Nicht um mich selbst.“

„Um mich also?“, fragte ich heiter.

„Um Sie“, murmelte sie mit einer Stimme, die fast unhörbar war. „Ich – ich habe Sie gern.“

Zuerst wollte ich lachen, aber als ich sie verstand, durchfuhr mich ein Schock, und ich saß da wie versteinert. Das war das krönende Stück Idiotie, das ich begangen hatte. Während des Augenblicks, der zwischen ihrer Antwort und meiner Erwiderung verstrich, dachte ich an tausend Antworten auf dieses unschuldige Geständnis. Ich konnte es mit einem Lachen abtun, ich konnte sie missverstehen und sie bezüglich meiner Gesundheit beruhigen, ich konnte einfach darauf hinweisen, dass es unmöglich sei, dass sie mich liebte. Aber meine Antwort war schneller als meine Gedanken, und ich konnte jetzt denken und denken, als es zu spät war, denn ich hatte sie auf den Mund geküsst.

An jenem Abend machte ich meinen üblichen Spaziergang im Washington Park und dachte über die Vorkommnisse des Tages nach. Ich hatte mich gründlich festgelegt. Es gab jetzt kein Zurück mehr, und ich starrte der Zukunft direkt ins Gesicht. Ich war nicht gut, nicht einmal skrupulös, aber ich hatte nicht die Absicht, weder mich selbst noch Tessie zu täuschen. Die eine Leidenschaft meines Lebens lag begraben in den sonnendurchfluteten Wäldern der Bretagne. War sie für immer begraben? Hoffnung rief „Nein!“ Drei Jahre lang hatte ich auf die Stimme der Hoffnung gehört, und drei Jahre lang hatte ich auf einen Schritt vor meiner Schwelle gewartet. Hatte Sylvia vergessen? „Nein!“, rief die Hoffnung.

Ich sagte, dass ich nicht gut sei. Das ist wahr, aber dennoch war ich nicht gerade ein Bösewicht aus einer komischen Oper. Ich hatte ein sorgloses, leichtsinniges Leben geführt, nahm, was mich zum Vergnügen einlud, beklagte und bereute manchmal bitter die Konsequenzen. In einer einzigen Sache war ich ernst, abgesehen von meiner Malerei, und das war etwas, das in den bretonischen Wäldern verborgen, wenn nicht verloren war.

Es war zu spät für mich, das zu bereuen, was während des Tages geschehen war. Was auch immer es gewesen war, Mitleid, eine plötzliche Zärtlichkeit für den Kummer oder der brutalere Instinkt einer befriedigten Eitelkeit, es war jetzt alles dasselbe, und wenn ich nicht ein unschuldiges Herz verletzen wollte, lag mein Weg vorgezeichnet vor mir. Das Feuer und die Stärke, die Tiefe der Leidenschaft einer Liebe, die ich bei all meiner eingebildeten Erfahrung in der Welt nicht einmal geahnt hatte, ließen mir keine andere Wahl, als darauf zu reagieren oder sie wegzuschicken. Ob es daran liegt, dass ich so feige bin, anderen Schmerz zuzufügen, oder ob es daran liegt, dass ich wenig von dem düsteren Puritaner in mir habe, weiß ich nicht, aber ich scheute davor zurück, die Verantwortung für diesen gedankenlosen Kuss von mir zu weisen, und hatte tatsächlich keine Zeit dazu, bevor sich die Tore ihres Herzens öffneten und die Flut hervorbrach. Andere, die gewohnheitsmäßig ihre Pflicht tun und eine mürrische Befriedigung darin finden, sich selbst und alle anderen unglücklich zu machen, hätten vielleicht widerstanden. Ich nicht. Ich wagte es nicht. Nachdem der Sturm sich gelegt hatte, sagte ich ihr zwar, dass sie besser Ed Burke hätte lieben und einen einfachen goldenen Ring tragen sollen, aber sie wollte nichts davon hören, und ich dachte vielleicht, solange sie beschlossen hatte, jemanden zu lieben, den sie nicht heiraten konnte, war es besser, ich zu sein. Ich zumindest konnte sie mit einer intelligenten Zuneigung behandeln, und wann immer sie ihrer Verliebtheit überdrüssig wurde, konnte sie gehen, ohne dass es ihr schlechter ginge. Denn ich war in diesem Punkt entschlossen, obwohl ich wusste, wie schwer es sein würde. Ich erinnerte mich an das übliche Ende platonischer Liaisonen und dachte daran, wie angewidert ich war, wann immer ich von einer hörte. Ich wusste, dass ich für einen so skrupellosen Mann, wie ich es war, eine Menge auf mich nahm, und ich träumte von der Zukunft, aber keinen Moment lang zweifelte ich daran, dass sie bei mir in Sicherheit war. Wäre es jemand anderes als Tessie gewesen, hätte ich mir über Skrupel keine Gedanken gemacht. Denn es kam mir nicht in den Sinn, Tessie zu opfern, wie ich eine Frau von Welt geopfert hätte. Ich sah der Zukunft geradewegs ins Gesicht und sah die verschiedenen wahrscheinlichen Ausgänge der Affäre. Sie würde entweder die ganze Sache leid werden oder so unglücklich werden, dass ich sie entweder heiraten oder weggehen müsste. Wenn ich sie heiratete, wären wir unglücklich. Ich mit einer Frau, die nicht zu mir passte, und sie mit einem Ehemann, der für keine Frau geeignet war. Denn mein bisheriges Leben hätte mich kaum dazu berechtigt, zu heiraten. Wenn ich wegging, könnte sie entweder krank werden, sich erholen und irgendeinen Eddie Burke heiraten, oder sie könnte leichtsinnig oder absichtlich etwas Törichtes tun. Andererseits, wenn sie meiner überdrüssig würde, dann läge ihr ganzes Leben mit wunderschönen Aussichten auf Eddie Burkes und Eheringe und Zwillinge und Harlem-Wohnungen und der Himmel weiß was vor ihr. Während ich durch die Bäume am Washington Arch schlenderte, beschloss ich, dass sie jedenfalls einen soliden Freund in mir finden sollte, und die Zukunft würde für sich selbst sorgen. Dann ging ich ins Haus und zog meinen Abendanzug an, denn die kleine, leicht parfümierte Notiz auf meiner Kommode sagte: „Lass um elf ein Taxi am Bühneneingang bereitstehen“, und die Notiz war von „Edith Carmichel, Metropolitan Theatre“ unterzeichnet.

Ich nahm an jenem Abend das Abendessen ein, oder vielmehr wir nahmen das Abendessen ein, Miss Carmichel und ich, bei Solari’s, und die Morgendämmerung begann gerade das Kreuz an der Memorial Church zu vergolden, als ich den Washington Square betrat, nachdem ich Edith im Brunswick verlassen hatte. Es war keine Seele im Park, als ich an den Bäumen vorbeiging und den Weg nahm, der von der Garibaldi-Statue zum Hamilton Apartment House führt, aber als ich am Kirchhof vorbeikam, sah ich eine Gestalt auf den Steinstufen sitzen. Trotz meines Willens kroch mir beim Anblick des weißen, aufgedunsenen Gesichts ein Schauer über den Rücken, und ich eilte, vorbeizukommen. Dann sagte er etwas, das an mich gerichtet hätte sein können oder vielleicht nur ein Gemurmel zu sich selbst war, aber ein plötzlicher, wütender Zorn flammte in mir auf, dass ein solches Geschöpf mich ansprechen sollte. Einen Moment lang hatte ich Lust, mich umzudrehen und meinen Stock über seinem Kopf zu zertrümmern, aber ich ging weiter und betrat das Hamilton und ging in meine Wohnung. Eine Zeit lang wälzte ich mich im Bett hin und her, versuchte den Klang seiner Stimme aus meinen Ohren zu bekommen, aber es gelang mir nicht. Er erfüllte meinen Kopf, dieses murmelnde Geräusch, wie dicker, öliger Rauch aus einer Fettkessel-Raffinerie oder ein Geruch von abscheulicher Verwesung. Und während ich dalag und mich hin und her wälzte, schien die Stimme in meinen Ohren deutlicher zu werden, und ich begann die Worte zu verstehen, die er gemurmelt hatte. Sie kamen langsam zu mir, als hätte ich sie vergessen, und schließlich konnte ich aus den Lauten einen Sinn herauslesen. Es war dies:

„Hast du das Gelbe Zeichen gefunden?“

„Hast du das Gelbe Zeichen gefunden?“

„Hast du das Gelbe Zeichen gefunden?“

Ich war wütend. Was meinte er damit? Dann, mit einem Fluch auf ihn und die Seinen, drehte ich mich um und schlief ein, aber als ich später erwachte, sah ich blass und hager aus, denn ich hatte den Traum der Nacht zuvor geträumt, und er beunruhigte mich mehr, als ich zugeben wollte.

Ich zog mich an und ging hinunter in mein Atelier. Tessie saß am Fenster, aber als ich hereinkam, stand sie auf und legte beide Arme für einen unschuldigen Kuss um meinen Hals. Sie sah so süß und zierlich aus, dass ich sie noch einmal küsste und dann vor die Staffelei setzte.

„Hallo! Wo ist die Studie, mit der ich gestern begonnen habe?“, fragte ich.

Tessie wirkte befangen, antwortete aber nicht. Ich begann, die Stapel von Leinwänden zu durchsuchen, und sagte: „Beeil dich, Tess, und mach dich bereit; wir müssen das Morgenlicht nutzen.“

Als ich schließlich die Suche unter den anderen Leinwänden aufgab und mich im Raum nach der fehlenden Studie umsah, bemerkte ich, dass Tessie noch immer angekleidet an der Stellwand stand.

„Was ist los?“, fragte ich, „fühlst du dich nicht wohl?“

„Doch.“

„Dann beeil dich.“

„Willst du, dass ich so posiere – wie – wie ich immer posiert habe?“

Da verstand ich. Hier tat sich eine neue Komplikation auf. Ich hatte natürlich das beste Aktmodell verloren, das ich je gesehen hatte. Ich sah Tessie an. Ihr Gesicht war scharlachrot. Ach! Ach! Wir hatten vom Baum der Erkenntnis gegessen, und Eden und die ursprüngliche Unschuld waren Träume der Vergangenheit – ich meine für sie.

Ich nehme an, sie bemerkte die Enttäuschung auf meinem Gesicht, denn sie sagte: „Ich will posieren, wenn du es wünschst. Die Studie liegt hier hinter der Stellwand, wo ich sie hingelegt habe.“

„Nein“, sagte ich, „wir beginnen etwas Neues“; und ich ging zu meinem Kleiderschrank und suchte ein maurisches Kostüm heraus, das nur so vor Flitter funkelte. Es war ein echtes Kostüm, und Tessie zog sich entzückt hinter die Stellwand zurück, um es anzulegen. Als sie wieder hervorkam, war ich erstaunt. Ihr langes schwarzes Haar war über der Stirn mit einem Türkisdiadem gebunden, und die Enden kräuselten sich um ihren glitzernden Gürtel. Ihre Füße steckten in bestickten, spitzen Pantoffeln, und der Rock ihres Kostüms, der wunderlich mit Arabesken in Silber verziert war, fiel bis auf ihre Knöchel. Die tiefblaue, metallisch schimmernde Weste, die mit Silber bestickt war, und das kurze maurische Jäckchen, das mit Pailletten besetzt und mit Türkisen vernäht war, standen ihr wunderbar. Sie trat auf mich zu und hielt mir lächelnd ihr Gesicht entgegen. Ich ließ meine Hand in die Tasche gleiten, holte eine Goldkette mit einem daran befestigten Kreuz hervor und legte sie ihr über den Kopf.

„Sie gehört dir, Tessie.“

„Mir?“, stammelte sie.

„Dir. Geh jetzt und posiere.“ Dann lief sie mit einem strahlenden Lächeln hinter die Stellwand und erschien kurz darauf mit einem kleinen Kästchen wieder, auf dem mein Name stand.

„Ich hatte vor, es dir zu geben, wenn ich heute Abend nach Hause gehe“, sagte sie, „aber ich kann jetzt nicht mehr warten.“

Ich öffnete das Kästchen. Auf der rosa Watte im Inneren lag eine Spange aus schwarzem Onyx, in die ein seltsames Symbol oder ein Buchstabe aus Gold eingelegt war. Es war weder Arabisch noch Chinesisch, noch gehörte es, wie ich später feststellte, zu irgendeiner menschlichen Schrift.

„Es ist alles, was ich dir als Andenken geben konnte“, sagte sie schüchtern.

Ich war verärgert, aber ich sagte ihr, wie sehr ich es in Ehren halten würde, und versprach, es immer zu tragen. Sie befestigte es an meinem Mantel unter dem Revers.

„Wie töricht, Tess, mir so etwas Schönes zu kaufen“, sagte ich.

„Ich habe es nicht gekauft“, lachte sie.

„Woher hast du es?“

Dann erzählte sie mir, wie sie es eines Tages gefunden hatte, als sie vom Aquarium in der Battery kam, wie sie es ausgeschrieben und die Zeitungen beobachtet hatte, aber schließlich alle Hoffnung aufgab, den Besitzer zu finden.

„Das war letzten Winter“, sagte sie, „genau an dem Tag, als ich den ersten schrecklichen Traum vom Leichenwagen hatte.“

Ich erinnerte mich an meinen Traum der vorangegangenen Nacht, sagte aber nichts, und bald flog meine Kohle über eine neue Leinwand, und Tessie stand unbeweglich auf dem Modellpodest.

III

Der darauffolgende Tag war ein katastrophaler für mich. Während ich eine gerahmte Leinwand von einer Staffelei zur anderen bewegen wollte, rutschte mein Fuß auf dem polierten Boden aus, und ich stürzte schwer auf beide Handgelenke. Sie waren so stark verstaucht, dass es zwecklos war, einen Pinsel halten zu wollen, und ich war gezwungen, im Atelier umherzuwandern und die unfertigen Zeichnungen und Skizzen anzustarren, bis mich die Verzweiflung packte und ich mich hinsetzte, um zu rauchen und vor Wut mit den Daumen zu drehen. Der Regen peitschte gegen die Fenster und ratterte auf dem Kirchendach, was mich mit seinem unaufhörlichen Getrommel in einen nervösen Zustand versetzte. Tessie saß am Fenster beim Nähen und hob hin und wieder den Kopf, um mich mit solch unschuldigem Mitleid anzusehen, dass ich mich meiner Gereiztheit zu schämen begann und mich nach einer Beschäftigung umsah. Ich hatte alle Zeitungen und alle Bücher in der Bibliothek gelesen, aber um nur irgendetwas zu tun, ging ich zu den Bücherschränken und schob sie mit dem Ellbogen auf. Ich kannte jeden Band an seiner Farbe und untersuchte sie alle, während ich langsam um die Bibliothek ging und pfiff, um meine Stimmung zu heben. Ich wollte gerade ins Esszimmer gehen, als mein Blick auf ein in Schlangenhaut gebundenes Buch fiel, das in einer Ecke des obersten Regals des letzten Bücherschranks stand. Ich konnte mich nicht daran erinnern, und vom Boden aus konnte ich die verblasste Beschriftung auf dem Rücken nicht entziffern, also ging ich in das Raucherzimmer und rief Tessie. Sie kam aus dem Atelier und kletterte hoch, um das Buch zu erreichen.

„Was ist es?“, fragte ich.

„Der König in Gelb.“

Ich war wie vom Donner gerührt. Wer hatte es dorthin gestellt? Wie kam es in meine Zimmer? Ich hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass ich dieses Buch niemals öffnen würde, und nichts auf der Welt hätte mich dazu bewegen können, es zu kaufen. Aus Angst, meine Neugier könnte mich dazu verleiten, es zu öffnen, hatte ich es nicht einmal in Buchhandlungen angesehen. Falls ich jemals die Neugier verspürt hätte, es zu lesen, so hätte die schreckliche Tragödie des jungen Castaigne, den ich kannte, mich davon abgehalten, seine bösen Seiten zu erforschen. Ich hatte mich immer geweigert, mir irgendeine Beschreibung davon anzuhören, und tatsächlich wagte es niemand, den zweiten Teil laut zu erörtern, sodass ich absolut kein Wissen darüber hatte, was diese Blätter offenbaren mochten. Ich starrte den giftigen, gefleckten Einband an, als wäre es eine Schlange.

„Fass es nicht an, Tessie“, sagte ich; „komm herunter.“

Natürlich reichte meine Ermahnung aus, um ihre Neugier zu wecken, und bevor ich sie daran hindern konnte, nahm sie das Buch und tanzte lachend damit ins Atelier. Ich rief ihr nach, aber sie schlüpfte mit einem quälenden Lächeln über meine hilflosen Hände davon, und ich folgte ihr mit einiger Ungeduld.

„Tessie!“, rief ich, als ich die Bibliothek betrat, „hör zu, ich meine es ernst. Leg das Buch weg. Ich möchte nicht, dass du es öffnest!“ Die Bibliothek war leer. Ich ging in beide Salons, dann in die Schlafzimmer, die Waschküche, die Küche und kehrte schließlich zur Bibliothek zurück und begann eine systematische Suche. Sie hatte sich so gut versteckt, dass ich sie erst eine halbe Stunde später kauernd, weiß und still am Sprossenfenster im Abstellraum oben entdeckte. Auf den ersten Blick sah ich, dass sie für ihre Torheit bestraft worden war. Der König in Gelb lag zu ihren Füßen, aber das Buch war beim zweiten Teil aufgeschlagen. Ich sah Tessie an und erkannte, dass es zu spät war. Sie hatte den König in Gelb geöffnet. Dann nahm ich sie bei der Hand und führte sie in das Atelier. Sie wirkte benommen, und als ich ihr sagte, sie solle sich auf das Sofa legen, gehorchte sie mir ohne ein Wort. Nach einer Weile schloss sie die Augen und ihr Atem wurde regelmäßig und tief, aber ich konnte nicht feststellen, ob sie schlief oder nicht. Lange Zeit saß ich schweigend neben ihr, aber sie rührte sich nicht und sprach nicht, und schließlich stand ich auf, ging in den ungenutzten Abstellraum und nahm das Buch in meine weniger verletzte Hand. Es schien schwer wie Blei, aber ich trug es wieder ins Atelier, setzte mich auf den Teppich neben das Sofa, schlug es auf und las es von Anfang bis Ende durch.

Als ich, schwach vor Übermaß an Gefühlen, den Band fallen ließ und mich ermattet gegen das Sofa zurücklehnte, öffnete Tessie die Augen und sah mich an.

* * * * *

Wir hatten schon eine Weile in einem dumpfen, monotonen Ton gesprochen, bevor mir klar wurde, dass wir den König in Gelb erörterten. Oh, die Sünde, solche Worte zu schreiben – Worte, die klar wie Kristall, durchsichtig und musikalisch wie sprudelnde Quellen sind, Worte, die funkeln und glühen wie die vergifteten Diamanten der Medicis! Oh, die Bosheit, die hoffnungslose Verdammnis einer Seele, die menschliche Geschöpfe mit solchen Worten faszinieren und lähmen konnte – Worte, die von Unwissenden wie Weisen gleichermaßen verstanden werden, Worte, die kostbarer als Juwelen, beruhigender als Musik, schrecklicher als der Tod sind!

Wir sprachen weiter, ungeachtet der sich zusammenziehenden Schatten, und sie flehte mich an, die Spange aus schwarzem Onyx wegzuwerfen, die eigentümlich mit dem eingelegt war, was wir nun als das Gelbe Zeichen erkannten. Ich werde niemals wissen, warum ich mich weigerte, obwohl ich selbst jetzt, hier in meinem Schlafzimmer, während ich dieses Geständnis schreibe, froh wäre zu wissen, was mich daran hinderte, das Gelbe Zeichen von meiner Brust zu reißen und ins Feuer zu werfen. Ich bin sicher, ich wollte es tun, und doch flehte Tessie mich vergeblich an. Die Nacht brach herein und die Stunden zogen sich hin, aber wir murmelten einander noch immer vom König und der bleichen Maske zu, und Mitternacht schlug von den nebligen Türmen in der nebelumwobenen Stadt. Wir sprachen von Hastur und von Cassilda, während draußen der Nebel gegen die leeren Fensterscheiben rollte, wie die Wolkenwellen an den Ufern von Hali rollen und brechen.

Das Haus war nun sehr still, und kein Laut drang aus den nebligen Straßen herauf. Tessie lag zwischen den Kissen, ihr Gesicht ein grauer Fleck in der Düsternis, aber ihre Hände waren in meine verschlungen, und ich wusste, dass sie meine Gedanken kannte und las, wie ich ihre las, denn wir hatten das Geheimnis der Hyaden begriffen und das Phantom der Wahrheit war gebannt. Dann, als wir einander antworteten, schnell, lautlos, Gedanke um Gedanke, regten sich die Schatten in der Düsternis um uns, und weit in den fernen Straßen hörten wir ein Geräusch. Näher und näher kam es, das dumpfe Knirschen von Rädern, näher und immer näher, und nun, draußen vor der Tür, verstummte es, und ich schleppte mich zum Fenster und sah einen Leichenwagen mit schwarzen Federn. Das Tor unten öffnete und schloss sich, und ich kroch zitternd zu meiner Tür und verriegelte sie, aber ich wusste, dass keine Riegel, keine Schlösser diese Kreatur draußen halten konnten, die wegen des Gelben Zeichens kam. Und nun hörte ich ihn ganz leise den Flur entlanggehen. Jetzt war er an der Tür, und die Riegel verrotteten bei seiner Berührung. Jetzt war er eingetreten. Mit aus den Höhlen tretenden Augen starrte ich in die Dunkelheit, aber als er den Raum betrat, sah ich ihn nicht. Erst als ich spürte, wie er mich in seinen kalten, weichen Griff hüllte, schrie ich auf und kämpfte mit tödlicher Wut, aber meine Hände waren nutzlos und er riss die Onyxspange von meinem Mantel und schlug mir mitten ins Gesicht. Dann, als ich fiel, hörte ich Tessies leisen Schrei und ihr Geist entwich: und selbst während des Fallens sehnte ich mich danach, ihr zu folgen, denn ich wusste, dass der König in Gelb seinen zerfetzten Mantel geöffnet hatte und es nun nur noch Gott gab, zu dem man schreien konnte.

Ich könnte mehr erzählen, aber ich sehe nicht, wie es der Welt helfen könnte. Was mich betrifft, so bin ich jenseits menschlicher Hilfe oder Hoffnung. Während ich hier liege und schreibe, ohne mich darum zu kümmern, ob ich sterbe, bevor ich fertig bin, kann ich sehen, wie der Arzt seine Pulver und Phläschchen mit einer vagen Geste zu dem guten Priester neben mir zusammenpackt, was ich verstehe.

Sie werden sehr neugierig sein, die Tragödie zu erfahren – sie, die Menschen der Außenwelt, die Bücher schreiben und Millionen von Zeitungen drucken, aber ich werde nicht mehr schreiben, und der Beichtvater wird meine letzten Worte mit dem Siegel der Heiligkeit versiegeln, wenn sein heiliges Amt vollbracht ist. Sie, die Menschen der Außenwelt, mögen ihre Kreaturen in zerstörte Häuser und vom Tod gezeichnete Kamine senden, und ihre Zeitungen werden sich von Blut und Tränen mästen, aber bei mir müssen ihre Spione vor dem Beichtstuhl haltmachen. Sie wissen, dass Tessie tot ist und dass ich sterbe. Sie wissen, wie die Leute im Haus, aufgeschreckt durch einen höllischen Schrei, in mein Zimmer stürzten und einen Lebenden und zwei Tote fanden, aber sie wissen nicht, was ich ihnen jetzt sagen werde; sie wissen nicht, dass der Arzt, als er auf einen schrecklichen, zersetzten Haufen auf dem Boden deutete – die leichenblasse Leiche des Wächters aus der Kirche –, sagte: „Ich habe keine Theorie, keine Erklärung. Dieser Mann muss seit Monaten tot sein!“

* * * * *

Ich glaube, ich sterbe. Ich wünschte, der Priester würde –

DIE DEMOISELLE D’YS

„Mais je croy que je Suis descendu on puiz Ténébreux onquel disoit Heraclytus estre Vereté cachée.“

„Drei Dinge sind mir zu wunderbar, ja, vier, die ich nicht kenne:

Den Weg eines Adlers am Himmel; den Weg einer Schlange auf einem Felsen; den Weg eines Schiffes mitten im Meer; und den Weg eines Mannes mit einer Jungfrau.“

I

Die völlige Trostlosigkeit der Szenerie begann ihre Wirkung zu zeigen; ich setzte mich nieder, um der Situation ins Auge zu blicken und, wenn möglich, mir irgendeinen Orientierungspunkt ins Gedächtnis zu rufen, der mir helfen könnte, mich aus meiner jetzigen Lage zu befreien. Wenn ich nur den Ozean wiederfinden könnte, wäre alles klar, denn ich wusste, dass man von den Klippen aus die Insel Groix sehen konnte.

Ich legte mein Gewehr nieder, kniete hinter einen Felsen und zündete eine Pfeife an. Dann sah ich auf meine Uhr. Es war fast vier Uhr. Ich mochte seit Tagesanbruch weit von Kerselec weggekommen sein.

Als ich am Tag zuvor mit Goulven auf den Klippen unterhalb von Kerselec stand und über die düsteren Moore blickte, in denen ich nun den Weg verloren hatte, waren mir diese Dünen wie eine Wiese vorgekommen, die sich bis zum Horizont erstreckte, und obwohl ich wusste, wie trügerisch Entfernungen sind, konnte ich nicht begreifen, dass das, was von Kerselec aus wie bloße grasbewachsene Mulden schien, große, mit Ginster und Heidekraut bedeckte Täler waren und was wie verstreute Felsbrocken aussah, in Wirklichkeit gewaltige Granitklippen waren.

„Es ist ein schlimmer Ort für einen Fremden“, hatte der alte Goulven gesagt: „Sie sollten besser einen Führer nehmen“; und ich hatte geantwortet: „Ich werde mich nicht verlaufen.“ Nun wusste ich, dass ich mich verlaufen hatte, als ich dort saß und rauchte, während der Seewind mir ins Gesicht blies. Auf allen Seiten erstreckte sich das Moorland, bedeckt mit blühendem Ginster, Heidekraut und Granitblöcken. Es war kein Baum in Sicht, geschweige denn ein Haus. Nach einer Weile nahm ich das Gewehr auf, kehrte der Sonne den Rücken und stapfte weiter.

Es hatte wenig Sinn, einem der lärmenden Bäche zu folgen, die meinen Weg immer wieder kreuzten, denn anstatt ins Meer zu fließen, liefen sie landeinwärts in schilfbestandene Tümpel in den Mulden der Moore. Ich war mehreren gefolgt, aber sie alle führten mich in Sümpfe oder stille kleine Teiche, aus denen die Schnepfen piepend aufflogen und in einer Ekstase der Angst davonwirbelten. Ich begann mich ermüdet zu fühlen, und das Gewehr drückte trotz der doppelten Polster auf meiner Schulter. Die Sonne sank tiefer und tiefer und schien flach über den gelben Ginster und die Moorseen.

Während ich ging, führte mich mein eigener gigantischer Schatten voran, der bei jedem Schritt länger zu werden schien. Der Ginster kratzte an meinen Gamaschen, knisterte unter meinen Füßen und überschüttete den braunen Boden mit Blüten, und das Farnkraut bog sich und wogte entlang meines Pfades. Aus Heidebüscheln huschten Kaninchen durch das Farnkraut, und im Sumpfgras hörte ich das schläfrige Quaken der Wildente. Einmal stahl sich ein Fuchs über meinen Weg, und ein anderes Mal, als ich mich bückte, um aus einem hastig strömenden Bächlein zu trinken, flatterte ein Reiher schwer aus dem Schilf neben mir auf. Ich drehte mich um, um die Sonne zu betrachten. Sie schien die Ränder der Ebene zu berühren. Als ich schließlich beschloss, dass es zwecklos sei, weiterzugehen, und dass ich mich damit abfinden müsse, zumindest eine Nacht im Moor zu verbringen, warf ich mich völlig erschöpft nieder. Das Abendsonnenlicht fiel warm über meinen Körper, aber die Seewinde begannen aufzufrischen, und ich spürte eine Kälte, die von meinen nassen Jagdstiefeln durch mich hindurchdrang. Hoch oben kreisten und stürzten Möwen wie weiße Papierfetzen; aus irgendeinem fernen Sumpf rief ein einsamer Brachvogel. Nach und nach sank die Sonne in die Ebene, und der Zenit rötete sich vom Nachglühen. Ich beobachtete, wie sich der Himmel von blassestem Gold zu Rosa und dann zu glimmendem Feuer wandelte. Mückenschwärme tanzten über mir, und hoch in der stillen Luft tauchte und schwebte eine Fledermaus. Meine Augenlider begannen schwer zu werden. Dann, als ich die Schläfrigkeit abschüttelte, riss mich ein plötzliches Krachen im Farnkraut aus meinen Gedanken. Ich hob die Augen. Ein großer Vogel hing zitternd in der Luft über meinem Gesicht. Einen Augenblick lang starrte ich unfähig zur Bewegung; dann sprang etwas im Farn an mir vorbei und der Vogel erhob sich, kreiste und stürzte kopfüber ins Gebüsch.

Ich war im Nu auf den Beinen und spähte durch den Ginster. Aus einem Heidekrautbusch in der Nähe drang das Geräusch eines Kampfes, dann wurde alles still. Ich trat vor, mein Gewehr im Anschlag, aber als ich zum Heidekraut kam, sank das Gewehr wieder unter meinen Arm, und ich stand unbeweglich vor stummem Erstaunen. Ein toter Hase lag auf dem Boden, und auf dem Hasen stand ein prächtiger Falke, eine Kralle im Hals der Kreatur vergraben, die andere fest auf ihrer schlaffen Flanke. Aber was mich erstaunte, war nicht der bloße Anblick eines Falken, der auf seiner Beute saß. Das hatte ich schon mehr als einmal gesehen. Es war, dass der Falke mit einer Art Leine an beiden Krallen versehen war, und an der Leine hing ein rundes Stück Metall wie ein Schellenring. Der Vogel richtete seine wilden gelben Augen auf mich, bückte sich dann und stieß seinen gebogenen Schnabel in die Beute. Im selben Augenblick ertönten hastige Schritte im Heidekraut, und ein Mädchen sprang in das Gebüsch vor mir. Ohne einen Blick auf mich zu werfen, ging sie auf den Falken zu, schob ihre behandschuhte Hand unter seine Brust und hob ihn von der Beute. Dann schob sie dem Vogel behände eine kleine Haube über den Kopf, hielt ihn auf ihrem Panzerhandschuh und bückte sich, um den Hasen aufzuheben.

Sie legte eine Schnur um die Beine des Tieres und befestigte das Ende des Riemens an ihrem Gürtel. Dann machte sie sich daran, ihre Schritte durch das Gebüsch zurückzuverfolgen. Als sie an mir vorbeiging, hob ich meine Mütze, und sie nahm meine Anwesenheit mit einer kaum wahrnehmbaren Neigung zur Kenntnis. Ich war so erstaunt, so verloren in der Bewunderung der Szene vor meinen Augen gewesen, dass mir nicht in den Sinn gekommen war, dass dies meine Rettung war. Aber als sie sich entfernte, erinnerte ich mich daran, dass ich meine Sprache ohne Verzug wiederfinden musste, wenn ich in jener Nacht nicht auf einem windigen Moor schlafen wollte. Bei meinem ersten Wort zögerte sie, und als ich vor sie trat, glaubte ich, ein Ausdruck von Furcht in ihren schönen Augen zu sehen. Aber als ich demütig meine unangenehme Lage erklärte, errötete ihr Gesicht und sie sah mich verwundert an.

„Sicherlich sind Sie nicht aus Kerselec gekommen!“, wiederholte sie.

Ihre süße Stimme hatte keine Spur des bretonischen Akzents oder irgendeines Akzents, den ich kannte, und doch war etwas darin, das ich schon einmal gehört zu haben glaubte, etwas Seltsames und Unbeschreibliches, wie das Thema eines alten Liedes.

Ich erklärte, dass ich Amerikaner sei, mit Finistère nicht vertraut und dort zu meinem eigenen Vergnügen auf der Jagd.

„Ein Amerikaner“, wiederholte sie in denselben seltsamen, musikalischen Tönen. „Ich habe noch nie zuvor einen Amerikaner gesehen.“

Einen Moment lang stand sie schweigend da, dann sah sie mich an und sagte: „Wenn Sie die ganze Nacht hindurchgehen würden, könnten Sie Kerselec jetzt nicht erreichen, selbst wenn Sie einen Führer hätten.“

Das waren erfreuliche Nachrichten.

„Aber“, begann ich, „wenn ich nur die Hütte eines Bauern finden könnte, wo ich etwas zu essen und Unterschlupf bekommen könnte.“

Der Falke an ihrem Handgelenk flatterte und schüttelte den Kopf. Das Mädchen strich über seinen glänzenden Rücken und sah mich an.

„Sehen Sie sich um“, sagte sie sanft. „Können Sie das Ende dieser Moore sehen? Sehen Sie, nach Norden, Süden, Osten, Westen. Können Sie etwas anderes als Moorland und Farnkraut sehen?“

„Nein“, sagte ich.

„Das Moor ist wild und trostlos. Es ist leicht hineinzugelangen, aber manchmal kehren diejenigen, die es betreten, niemals wieder zurück. Hier gibt es keine Bauernhütten.“

„Nun“, sagte ich, „wenn Sie mir sagen, in welcher Richtung Kerselec liegt, wird es morgen nicht länger dauern, zurückzugehen, als es gedauert hat, hierher zu kommen.“

Sie sah mich wieder mit einem Ausdruck an, der fast Mitleid glich.

„Ach“, sagte sie, „zu kommen ist leicht und dauert Stunden; zu gehen ist anders – und mag Jahrhunderte dauern.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte ich mit einem Lächeln.

Sie antwortete nicht, sondern blickte auf das Moor hinaus, wo der Nebel bereits wie ein weißes Leichentuch über dem Heidekraut schwebte. „Die Legende“, sagte sie leise, „besagt, dass das Land von Ys niemals von denen verlassen werden kann, die es einmal betreten haben. Aber vielleicht sind das nur Geschichten, die Pelagie mir erzählt hat.“

Ich sah sie an, doch ihr Gesichtsausdruck war so ernst und ihre Augen so tief und dunkel, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. „Ich habe keine Angst vor Legenden“, sagte ich und versuchte, meine Stimme fest klingen zu lassen. „Ich bin kein Mann, der sich von Ammenmärchen beirren lässt.“

Sie stand auf, und für einen Moment wirkte sie in ihrem schlichten, silberfarbenen Gewand wie eine Erscheinung aus einer längst vergangenen Zeit. „Vielleicht ist es besser so“, sagte sie. „Kommen Sie, die Sonne sinkt, und die Kühle des Abends ist nicht gut für Fremde.“

Wir gingen schweigend zurück. Der Weg schien kürzer zu sein als zuvor, doch als wir uns dem Schloss näherten, bemerkte ich, dass die Umgebung sich verändert hatte. Die Felsen, die ich am Morgen gesehen hatte, waren nun von dichtem, grauem Moos bedeckt, und die Bäume, die den Rand der Lichtung säumten, wirkten knorrig und uralt, als hätten sie dort seit Anbeginn der Zeit gestanden.

Als wir den Innenhof betraten, waren die Tore bereits verschlossen. Pelagie erwartete uns an der Tür, ihre runzlige Hand hielt eine flackernde Fackel, deren Schein die Schatten an den Steinwänden zum Tanzen brachte. Sie murmelte etwas auf Bretonisch, was ich nicht verstand, doch der Blick, den sie mir zuwarf, war voll von einer seltsamen, fast ehrerbietigen Neugier.

„Sie wird Ihnen Ihr Abendmahl bereiten“, sagte Jeanne und deutete auf die alte Frau. „Und dann sollten Sie ruhen. Morgen werden wir sehen, was der Tag bringt.“

„Sie werden mich nicht morgen gehen lassen, nicht wahr?“ fragte ich und trat einen Schritt näher zu ihr.

Sie sah zu mir auf, und in diesem Augenblick schien die Zeit selbst stillzustehen. „Wer weiß, was der Morgen bringt?“ flüsterte sie. „Vielleicht ist der Weg, den Sie suchen, längst in den Nebeln des Moors verschwunden.“

Ich wollte antworten, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich beobachtete, wie sie sich umdrehte und im Halbdunkel des Korridors verschwand, ihr Gang so leicht und anmutig wie der eines Vogels im Flug. Ich blieb allein im Hof zurück, während der kalte Wind des Moors durch die Schießscharten pfiff und die Flamme der Fackel in Pelagies Hand unruhig flackern ließ.

In dieser Nacht schlief ich unruhig. Die Bilder von Falken, Hunden und der unendlichen Weite des Moors jagten durch meine Träume, vermischt mit dem Klang eines Jagdhorns, das in der Ferne zu klagen schien. Ich wusste, dass ich am nächsten Tag einen Weg finden musste, um nach Kerselec zurückzukehren, doch tief in meinem Inneren wuchs ein seltsames, beklemmendes Gefühl der Gewissheit: Die Welt, die ich hinter mir gelassen hatte, rückte in weite Ferne, und das Schloss von Ys hielt mich mit einer Kraft fest, der ich nicht entkommen konnte.

Sie setzte sich am Ufer des Bachs inmitten der Falken nieder, und ich warf mich ihr zu Füßen, um zuzuhören.

Dann hob die Demoiselle d’Ys einen rosigen Finger und begann sehr ernsthaft:

„Zuerst muss man den Falken fangen.“

„Ich bin gefangen“, antwortete ich.

Sie lachte sehr hübsch und sagte mir, meine Abrichtung würde vielleicht schwierig werden, da ich von edler Herkunft sei.

„Ich bin bereits gezähmt“, erwiderte ich; „mit Fesseln und Schellen versehen.“

Sie lachte entzückt. „Oh, mein tapferer Falke; dann wirst du auf meinen Ruf zurückkehren?“

„Ich bin dein“, antwortete ich ernst.

Sie saß einen Moment schweigend da. Dann stieg die Röte in ihre Wangen, sie hob erneut den Finger und sagte: „Hör zu; ich möchte von der Falknerei sprechen –“

„Ich höre zu, Gräfin Jeanne d’Ys.“

Doch wieder verfiel sie in Träumerei, und ihre Augen schienen auf etwas jenseits der Sommerwolken zu ruhen.

„Philip“, sagte sie schließlich.

„Jeanne“, flüsterte ich.

„Das ist alles – das ist es, was ich wollte“, seufzte sie – „Philip und Jeanne.“

Sie hielt mir ihre Hand entgegen, und ich berührte sie mit meinen Lippen.

„Gewinne mich“, sagte sie, doch diesmal sprachen Körper und Seele im Einklang.

Nach einer Weile begann sie von Neuem: „Lass uns von der Falknerei sprechen.“

„Beginne“, antwortete ich; „wir haben den Falken gefangen.“

Dann nahm Jeanne d’Ys meine Hand in ihre beiden und erzählte mir, wie man den jungen Falken mit unendlicher Geduld lehrt, auf dem Handgelenk zu sitzen, wie er sich nach und nach an die geschellten Fesseln und die Kappe, den chaperon à cornette, gewöhnt.

„Sie müssen zuerst einen guten Appetit haben“, sagte sie; „dann verringere ich nach und nach ihre Nahrung; was wir in der Falknerei pât nennen. Wenn ich den hagard nach vielen Nächten, die er au bloc verbracht hat, wie diese Vögel jetzt, dazu bewege, ruhig auf dem Handgelenk zu bleiben, dann ist der Vogel bereit, zu lernen, für sein Futter zu kommen. Ich befestige das pât am Ende eines Riemens, oder leurre, und lehre den Vogel, zu mir zu kommen, sobald ich beginne, die Schnur in Kreisen über meinem Kopf zu schwingen. Zuerst lasse ich das pât fallen, wenn der Falke kommt, und er frisst das Futter auf dem Boden. Nach einer Weile wird er lernen, das leurre in der Bewegung zu ergreifen, während ich es um meinen Kopf schwinge oder über den Boden ziehe. Danach ist es leicht, den Falken zu lehren, auf Wild zu stoßen, wobei man immer daran denken muss, ‚faire courtoisie à l’oiseau‘, das heißt, dem Vogel zu erlauben, von der Beute zu kosten.“

Ein Schrei von einem der Falken unterbrach sie, und sie stand auf, um die longe zurechtzurücken, die sich um den bloc gewickelt hatte, doch der Vogel schlug weiterhin mit den Flügeln und schrie.

„Was ist los?“, sagte sie. „Philip, kannst du sehen?“

Ich sah mich um und sah zunächst nichts, was den Aufruhr verursacht haben könnte, der nun durch das Schreien und Flattern aller Vögel noch verstärkt wurde. Dann fiel mein Blick auf den flachen Felsen neben dem Bach, von dem das Mädchen aufgestanden war. Eine graue Schlange bewegte sich langsam über die Oberfläche des Felsblocks, und die Augen in ihrem flachen, dreieckigen Kopf funkelten wie Gagat.

„Eine couleuvre“, sagte sie leise.

„Sie ist harmlos, nicht wahr?“, fragte ich.

Sie zeigte auf die schwarze, V-förmige Zeichnung am Hals.

„Es ist der sichere Tod“, sagte sie; „es ist eine Viper.“

Wir beobachteten, wie das Reptil langsam über den glatten Felsen zu der Stelle kroch, an der das Sonnenlicht in einem breiten, warmen Fleck fiel.

Ich wollte vorwärtsstürzen, um es zu untersuchen, doch sie klammerte sich an meinen Arm und rief: „Nicht, Philip, ich habe Angst.“

„Um mich?“

„Um dich, Philip – ich liebe dich.“

Dann nahm ich sie in meine Arme und küsste sie auf die Lippen, doch alles, was ich sagen konnte, war: „Jeanne, Jeanne, Jeanne.“ Und während sie zitternd an meiner Brust lag, traf mich etwas am Fuß im Gras unter uns, doch ich achtete nicht darauf. Dann traf mich erneut etwas am Knöchel, und ein stechender Schmerz durchfuhr mich. Ich blickte in das süße Gesicht von Jeanne d’Ys und küsste sie, und mit all meiner Kraft hob ich sie in meine Arme und schleuderte sie von mir. Dann bückte ich mich, riss die Viper von meinem Knöchel und setzte meine Ferse auf ihren Kopf. Ich erinnere mich, wie ich mich schwach und taub fühlte – ich erinnere mich, wie ich zu Boden fiel. Durch meine langsam trübe werdenden Augen sah ich Jeannes weißes Gesicht, das sich über mich beugte, und als das Licht in meinen Augen erlosch, spürte ich noch immer ihre Arme um meinen Hals und ihre weiche Wange an meinen verzerrten Lippen.

* * * * *

Als ich die Augen öffnete, blickte ich voller Entsetzen umher. Jeanne war fort. Ich sah den Bach und den flachen Felsen; ich sah die zerquetschte Viper im Gras neben mir, doch die Falken und die Blöcke waren verschwunden. Ich sprang auf. Der Garten, die Obstbäume, die Zugbrücke und der ummauerte Hof waren weg. Ich starrte stumpfsinnig auf einen Haufen zerfallender Ruinen, efeubedeckt und grau, durch die sich große Bäume ihren Weg gebahnt hatten. Ich kroch vorwärts, meinen tauben Fuß nachziehend, und während ich mich bewegte, segelte ein Falke aus den Baumwipfeln zwischen den Ruinen hervor und stieg in enger werdenden Kreisen auf, verblasste und verschwand in den Wolken darüber.

„Jeanne, Jeanne“, rief ich, doch meine Stimme erstarb auf meinen Lippen, und ich fiel im Unkraut auf die Knie. Und wie Gott es wollte, war ich, ohne es zu wissen, vor einem zerfallenden Schrein niedergekniet, der in Stein für unsere Mutter der Schmerzen gemeißelt war. Ich sah das traurige Gesicht der Jungfrau, das in den kalten Stein gearbeitet war. Ich sah das Kreuz und die Dornen zu ihren Füßen, und darunter las ich:

„BETET FÜR DIE SEELE DER DEMOISELLE JEANNE D’YS, DIE IN IHRER JUGEND STARB AUS LIEBE ZU PHILIP, EINEM FREMDEN. A.D. 1573.“

Doch auf der eisigen Platte lag ein Frauenhandschuh, noch warm und wohlriechend.

DAS PARADIES DER PROPHETEN

„Wenn nur die Rebe und die Bande, die der Liebe entsagt, Im Paradies der Propheten zu stehen haben, Ach, ich bezweifle, dass das Paradies der Propheten, So leer wäre wie die Höhlung einer Hand.“

DAS ATELIER

Er lächelte und sagte: „Suche sie auf der ganzen Welt.“

Ich sagte: „Warum erzählst du mir von der Welt? Meine Welt ist hier, zwischen diesen Wänden und der Glasscheibe darüber; hier inmitten vergoldeter Flaschen und stumpfer, verzierter Waffen, angelaufener Rahmen und Leinwände, schwarzer Truhen und Stühle mit hoher Lehne, kunstvoll geschnitzt und in Blau und Gold gebeizt.“

„Auf wen wartest du?“, sagte er, und ich antwortete: „Wenn sie kommt, werde ich sie erkennen.“

Auf meinem Herd flüsterte eine Flammenzunge Geheimnisse an die weiß werdende Asche. Auf der Straße unter mir hörte ich Schritte, eine Stimme und ein Lied.

„Auf wen wartest du dann?“, sagte er, und ich antwortete: „Ich werde sie erkennen.“

Schritte, eine Stimme und ein Lied auf der Straße unter mir, und ich kannte das Lied, doch weder die Schritte noch die Stimme.

„Narr!“, rief er, „das Lied ist dasselbe, die Stimme und die Schritte haben sich nur mit den Jahren verändert!“

Auf dem Herd flüsterte eine Flammenzunge über der weiß werdenden Asche: „Warte nicht länger; sie sind vorbeigezogen, die Schritte und die Stimme auf der Straße unter mir.“

Dann lächelte er und sagte: „Auf wen wartest du? Suche sie auf der ganzen Welt!“

Ich antwortete: „Meine Welt ist hier, zwischen diesen Wänden und der Glasscheibe darüber; hier inmitten vergoldeter Flaschen und stumpfer, verzierter Waffen, angelaufener Rahmen und Leinwände, schwarzer Truhen und Stühle mit hoher Lehne, kunstvoll geschnitzt und in Blau und Gold gebeizt.“

DAS PHANTOM

Das Phantom der Vergangenheit wollte nicht weitergehen.

„Wenn es wahr ist“, seufzte sie, „dass du in mir eine Freundin findest, lass uns gemeinsam umkehren. Du wirst hier, unter dem Sommerhimmel, vergessen.“

Ich hielt sie fest, flehend, schmeichelnd; ich packte sie, weiß vor Zorn, doch sie leistete Widerstand.

„Wenn es wahr ist“, seufzte sie, „dass du in mir eine Freundin findest, lass uns gemeinsam umkehren.“

Das Phantom der Vergangenheit wollte nicht weitergehen.

DAS OPFER

Ich ging in ein Feld aus Blumen, deren Blütenblätter weißer als Schnee sind und deren Herzen reines Gold sind.

Weit abseits rief eine Frau: „Ich habe den getötet, den ich liebte!“ und aus einem Krug goss sie Blut auf die Blumen, deren Blütenblätter weißer als Schnee sind und deren Herzen reines Gold sind.

Weit abseits folgte ich, und auf dem Krug las ich tausend Namen, während aus dem Inneren frisches Blut bis zum Rand sprudelte.

„Ich habe den getötet, den ich liebte!“, rief sie. „Die Welt dürstet; nun lasst sie trinken!“ Sie ging vorüber, und weit abseits beobachtete ich, wie sie Blut auf die Blumen goss, deren Blütenblätter weißer als Schnee sind und deren Herzen reines Gold sind.

SCHICKSAL

Ich kam an die Brücke, die nur wenige überschreiten dürfen.

„Geh hindurch!“, rief der Wächter, doch ich lachte und sagte: „Es ist noch Zeit;“ und er lächelte und schloss die Tore.

Zur Brücke, die nur wenige überschreiten dürfen, kamen Junge und Alte. Allen wurde der Zutritt verweigert. Müßig stand ich da und zählte sie, bis ich, ihrer Geräusche und Klagen überdrüssig, wieder an die Brücke kam, die nur wenige überschreiten dürfen.

Diejenigen in der Menge vor den Toren schrien: „Er kommt zu spät!“ Doch ich lachte und sagte: „Es ist noch Zeit.“

„Geh hindurch!“, rief der Wächter, als ich eintrat; dann lächelte er und schloss die Tore.

DIE MENGE

Dort, wo die Menge auf der Straße am dichtesten war, stand ich mit Pierrot. Alle Augen waren auf mich gerichtet.

„Worüber lachen sie?“, fragte ich, doch er grinste nur und klopfte die Kreide von meinem schwarzen Umhang. „Ich kann es nicht sehen; es muss etwas Komisches sein, vielleicht ein ehrlicher Dieb!“

Alle Augen waren auf mich gerichtet.

„Er hat dir deinen Geldbeutel geraubt!“, lachten sie.

„Meinen Geldbeutel!“, rief ich; „Pierrot – hilf! es ist ein Dieb!“

Sie lachten: „Er hat dir deinen Geldbeutel geraubt!“

Dann trat die Wahrheit hervor und hielt einen Spiegel hoch. „Wenn er ein ehrlicher Dieb ist“, rief die Wahrheit, „wird Pierrot ihn mit diesem Spiegel finden!“ doch er grinste nur und klopfte die Kreide von meinem schwarzen Umhang.

„Du siehst“, sagte er, „die Wahrheit ist ein ehrlicher Dieb, sie bringt dir deinen Spiegel zurück.“

Alle Augen waren auf mich gerichtet.

„Verhaftet die Wahrheit!“, rief ich, vergessend, dass es nicht ein Spiegel, sondern ein Geldbeutel war, den ich verlor, während ich mit Pierrot dort stand, wo die Menge auf der Straße am dichtesten war.

DER HOFNARR

„War sie schön?“, fragte ich, doch er kicherte nur und lauschte dem Gebimmel der Schellen an seiner Kappe.

„Erstochen“, gluckste er. „Denk an die lange Reise, die Tage der Gefahr, die schrecklichen Nächte! Denk daran, wie er um ihretwillen jahrelang durch feindliche Länder wanderte, sich nach Verwandten und Freunden sehnend, sich nach ihr sehnend!“

„Erstochen“, gluckste er und lauschte dem Gebimmel der Schellen an seiner Kappe.

„War sie schön?“, fragte ich, doch er knurrte nur und murmelte zu den Schellen, die an seiner Kappe bimmelten.

„Sie küsste ihn am Tor“, kicherte er, „doch in der Halle berührte ihn das Willkommen seines Bruders im Herzen.“

„War sie schön?“, fragte ich.

„Erstochen“, gluckste er. „Denk an die lange Reise, die Tage der Gefahr, die schrecklichen Nächte! Denk daran, wie er um ihretwillen jahrelang durch feindliche Länder wanderte, sich nach Verwandten und Freunden sehnend, sich nach ihr sehnend!“

„Sie küsste ihn am Tor, doch in der Halle berührte ihn das Willkommen seines Bruders im Herzen.“

„War sie schön?“, fragte ich; doch er knurrte nur und lauschte dem Gebimmel der Schellen an seiner Kappe.

DIE GARDE-ROBE

Der Clown wandte sein gepudertes Gesicht dem Spiegel zu.

„Wenn schön zu sein bedeutet, schön zu sein“, sagte er, „wer kann sich da mit mir in meiner weißen Maske vergleichen?“

„Wer kann sich mit ihm in seiner weißen Maske vergleichen?“, fragte ich den Tod neben mir.

„Wer kann sich mit mir vergleichen?“, sagte der Tod, „denn ich bin noch blasser.“

„Du bist sehr schön“, seufzte der Clown und wandte sein gepudertes Gesicht vom Spiegel ab.

DIE LIEBESPROBE

„Wenn es wahr ist, dass du liebst“, sagte die Liebe, „dann warte nicht länger. Gib ihr diese Juwelen, die sie entehren würden und damit dich entehren würden, da du eine Entehrte liebst. Wenn es wahr ist, dass du liebst“, sagte die Liebe, „dann warte nicht länger.“

Ich nahm die Juwelen und ging zu ihr, doch sie trat darauf und schluchzte: „Lehre mich zu warten – ich liebe dich!“

„Dann warte, wenn es wahr ist“, sagte die Liebe.

DIE STRASSE DER VIER WINDE

„Ferme tes yeux à demi, Croise tes bras sur ton sein, Et de ton cœur endormi Chasse à jamais tout dessein.“ * * * * „Je chante la nature, Les étoiles du soir, les larmes du matin, Les couchers de soleil à l’horizon lointain, Le ciel qui parle au cœur d’existence future!“

I

Das Tier hielt an der Schwelle inne, fragend, aufmerksam, bereit zur Flucht, falls nötig. Severn legte seine Palette nieder und hielt eine Hand zum Willkommen hin. Die Katze blieb unbeweglich, ihre gelben Augen auf Severn gerichtet.

„Miez“, sagte er mit seiner tiefen, angenehmen Stimme, „komm herein.“

Die Spitze ihres dünnen Schwanzes zuckte unsicher.

„Komm herein“, sagte er noch einmal.

Anscheinend fand sie seine Stimme beruhigend, denn sie setzte sich langsam auf alle viere, die Augen immer noch auf ihn gerichtet, den Schwanz unter ihre hageren Flanken gezogen.

Er erhob sich lächelnd von seiner Staffelei. Sie betrachtete ihn ruhig, und als er auf sie zuging, beobachtete sie, wie er sich über sie beugte, ohne zusammenzuzucken; ihre Augen folgten seiner Hand, bis sie ihren Kopf berührte. Dann stieß sie ein raues Miauen aus.

Es war lange Zeit Severns Gewohnheit gewesen, mit Tieren zu sprechen, wahrscheinlich weil er so sehr allein lebte; und nun sagte er: „Was ist los, Miez?“

Ihre scheuen Augen suchten die seinen.

„Ich verstehe“, sagte er sanft, „du sollst es sofort haben.“

Dann bewegte er sich leise umher und kümmerte sich um die Pflichten eines Gastgebers, spülte eine Untertasse aus, füllte sie mit dem Rest der Milch aus der Flasche auf dem Fenstersims und kniete nieder, wobei er ein Brötchen in seiner hohlen Hand zerbröselte.

Das Geschöpf stand auf und kroch zur Untertasse.

Mit dem Griff eines Palettenmessers rührte er die Krümel und die Milch zusammen und trat zurück, als sie ihre Nase in die Mischung steckte. Er beobachtete sie schweigend. Von Zeit zu Zeit klirrte die Untertasse auf dem Fliesenboden, wenn sie nach einem Bissen am Rand angelte; und schließlich war das Brot ganz weg, und ihre violette Zunge fuhr über jeden ungeleckten Fleck, bis die Untertasse wie polierter Marmor glänzte. Dann setzte sie sich auf, kehrte ihm kühl den Rücken zu und begann mit ihrer Morgentoilette.

„Nur weiter so“, sagte Severn, sehr interessiert, „du hast es nötig.“

Sie legte ein Ohr flach an, aber weder drehte sie sich um, noch unterbrach sie ihre Toilette. Als der Schmutz langsam entfernt war, bemerkte Severn, dass die Natur sie als weiße Katze vorgesehen hatte. Ihr Fell war stellenweise verschwunden, durch Krankheit oder die Wechselfälle des Krieges, ihr Schwanz war knochig und ihr Rückgrat scharf. Doch welche Reize sie auch hatte, sie traten unter dem kräftigen Lecken zutage, und er wartete, bis sie fertig war, bevor er das Gespräch wieder aufnahm. Als sie schließlich die Augen schloss und ihre Vorderpfoten unter die Brust faltete, begann er wieder ganz sanft: „Miez, erzähl mir von deinen Sorgen.“

Beim Klang seiner Stimme brach sie in ein raues Grollen aus, das er als Versuch zu schnurren erkannte. Er beugte sich vor, um ihre Wange zu reiben, und sie miaute wieder, ein freundliches, fragendes kleines Miauen, worauf er antwortete: „Gewiss, du hast dich sehr verbessert, und wenn du dein Gefieder wiedererlangst, wirst du ein wunderschöner Vogel sein.“ Sehr geschmeichelt stand sie auf und marschierte um seine Beine herum, steckte ihren Kopf dazwischen und machte erfreute Bemerkungen, auf die er mit ernster Höflichkeit antwortete.

„Nun, was hat dich hierher geschickt“, sagte er – „hierher in die Straße der Vier Winde und fünf Stockwerke hinauf bis direkt an die Tür, an der du willkommen wärst? Was war es, das deine geplante Flucht verhinderte, als ich mich von meiner Leinwand abwandte, um deinen gelben Augen zu begegnen? Bist du eine Katze aus dem Quartier Latin, wie ich ein Mann aus dem Quartier Latin bin? Und warum trägst du ein rosenfarbenes, geblümtes Strumpfband um den Hals geschnallt?“ Die Katze war auf seinen Schoß geklettert und saß nun schnurrend da, während er mit der Hand über ihr dünnes Fell fuhr.

„Entschuldige“, fuhr er in trägen, beruhigenden Tönen fort, die mit ihrem Schnurren harmonierten, „wenn ich indiskret erscheine, doch ich kann nicht umhin, über dieses rosenfarbene Strumpfband nachzudenken, so wunderlich geblümt und mit einer silbernen Schließe befestigt. Denn die Schließe ist aus Silber; ich kann das Münzzeichen am Rand sehen, wie es das Gesetz der Französischen Republik vorschreibt. Nun, warum ist dieses Strumpfband aus rosenfarbener Seide gewebt und fein bestickt – warum liegt dieses seidene Strumpfband mit seiner silbernen Schließe um deinen verhungerten Hals? Bin ich indiskret, wenn ich frage, ob seine Besitzerin deine Besitzerin ist? Ist sie eine betagte Dame, die in der Erinnerung an jugendliche Eitelkeiten lebt, liebend, dich vergötternd, dich mit ihrer intimen persönlichen Garderobe schmückend? Der Umfang des Strumpfbandes würde dies nahelegen, denn dein Hals ist dünn, und das Strumpfband passt dir. Doch dann bemerke ich wieder – ich bemerke die meisten Dinge –, dass das Strumpfband sich stark erweitern lässt. Diese kleinen silbergefassten Ösen, von denen ich fünf zähle, sind der Beweis dafür. Und nun bemerke ich, dass die fünfte Öse abgenutzt ist, als ob die Zunge der Schließe daran zu liegen pflegte. Das scheint auf eine wohlgerundete Form hinzuweisen.“

Die Katze krümmte ihre Zehen vor Zufriedenheit. Die Straße draußen war ganz still.

Er murmelte weiter: „Warum sollte deine Herrin dich mit einem Gegenstand schmücken, der für sie zu jeder Zeit höchst notwendig ist? Jedenfalls meistens. Wie kam sie dazu, dir dieses Stück Seide und Silber um den Hals zu legen? War es die Laune eines Augenblicks – als du, bevor du deine ursprüngliche Fülle verloren hattest, singend in ihr Schlafzimmer marschiert bist, um ihr einen guten Morgen zu wünschen? Natürlich, und sie setzte sich zwischen die Kissen, ihr zusammengerolltes Haar fiel ihr auf die Schultern, als du schnurrend auf das Bett sprangst: ‚Guten Tag, meine Dame.‘ Oh, es ist sehr leicht zu verstehen“, gähnte er und lehnte seinen Kopf an die Stuhllehne. Die Katze schnurrte immer noch und zog ihre gepolsterten Krallen über seinem Knie ein und aus.

„Soll ich dir alles über sie erzählen, Katze? Sie ist sehr schön – deine Herrin“, murmelte er schläfrig, „und ihr Haar ist schwer wie poliertes Gold. Ich könnte sie malen – nicht auf Leinwand –, denn ich bräuchte Schattierungen und Töne und Farbtöne und Farben, prachtvoller als der Iris eines prachtvollen Regenbogens. Ich könnte sie nur mit geschlossenen Augen malen, denn nur in Träumen kann man solche Farben finden, wie ich sie brauche. Für ihre Augen muss ich Azur aus Himmeln haben, die von keiner Wolke getrübt sind – den Himmeln des Traumlandes. Für ihre Lippen Rosen aus den Palästen des Schlummerlandes, und für ihre Stirn Schneeverwehungen von Bergen, die in fantastischen Zinnen bis zu den Monden ragen; – oh, viel höher als unser Mond hier – die kristallenen Monde des Traumlandes. Sie ist – sehr – schön, deine Herrin.“

Die Worte starben auf seinen Lippen und seine Augenlider fielen zu.

Auch die Katze schlief, ihre Wange auf ihre abgemagerte Flanke gedreht, ihre Pfoten entspannt und schlaff.

II

„Es ist ein Glück“, sagte Severn, setzte sich auf und streckte sich, „dass wir die Abendessenszeit überbrückt haben, denn ich habe dir nichts für das Abendessen anzubieten außer dem, was man für einen silbernen Franc kaufen kann.“

Die Katze auf seinem Schoß stand auf, machte einen Buckel, gähnte und blickte zu ihm auf.

„Was soll es sein? Ein gebratenes Huhn mit Salat? Nein? Vielleicht bevorzugst du Rindfleisch? Natürlich – und ich werde ein Ei und etwas Weißbrot versuchen. Nun zu den Weinen. Milch für dich? Gut. Ich nehme ein wenig Wasser, frisch aus dem Wald“, mit einer Handbewegung zum Eimer im Waschbecken.

Er setzte seinen Hut auf und verließ den Raum. Die Katze folgte ihm zur Tür, und nachdem er sie hinter sich geschlossen hatte, ließ sie sich nieder, roch an den Ritzen und stellte bei jedem Knarren des verrückten alten Gebäudes ein Ohr auf.

Die Tür unten öffnete und schloss sich. Die Katze sah ernst aus, einen Moment lang zweifelnd, und ihre Ohren legten sich in nervöser Erwartung flach an. Bald darauf stand sie mit einem Ruck ihres Schwanzes auf und begann einen lautlosen Rundgang durch das Atelier. Sie nieste bei einem Topf mit Terpentin, zog sich hastig zum Tisch zurück, auf den sie kurz darauf sprang, und nachdem sie ihre Neugier bezüglich einer Rolle roten Modellierwachses befriedigt hatte, kehrte sie zur Tür zurück und setzte sich mit den Augen auf den Spalt über der Schwelle. Dann erhob sie ihre Stimme zu einem dünnen Klagelied.

Als Severn zurückkehrte, wirkte er ernst, doch die Katze, freudig und ausdrucksstark, marschierte um ihn herum, rieb ihren hageren Körper an seinen Beinen, stieß ihren Kopf begeistert in seine Hand und schnurrte, bis ihre Stimme in ein Quietschen überging.

Er legte ein Stück Fleisch, in braunes Papier eingewickelt, auf den Tisch und schnitt es mit einem Taschenmesser in Streifen. Die Milch nahm er aus einer Flasche, die als Medizin gedient hatte, und goss sie in die Untertasse auf dem Herd.

Die Katze kauerte davor, schnurrte und schleckte gleichzeitig.

Er kochte sein Ei und aß es mit einer Scheibe Brot, während er sie dabei beobachtete, wie sie sich eifrig mit dem zerkleinerten Fleisch beschäftigte. Als er fertig war und einen Becher Wasser aus dem Eimer im Spülbecken gefüllt und geleert hatte, setzte er sich und nahm sie auf seinen Schoß, wo sie sich sofort zusammenrollte und mit ihrer Katzenwäsche begann. Er fing wieder an zu sprechen und berührte sie dabei hin und wieder liebkosend, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

„Katze, ich habe herausgefunden, wo deine Herrin wohnt. Es ist nicht sehr weit von hier; es ist direkt hier, unter diesem selben undichten Dach, aber im Nordflügel, den ich für unbewohnt gehalten hatte. Mein Hausmeister hat es mir erzählt. Er ist heute Abend zufällig fast nüchtern. Der Fleischer in der Rue de Seine, bei dem ich dein Fleisch gekauft habe, kennt dich, und der alte Cabane, der Bäcker, hat dich mit unnötigem Sarkasmus identifiziert. Sie erzählen mir schlimme Dinge über deine Herrin, die ich nicht glauben will. Sie sagen, sie sei untätig, eitel und vergnügungssüchtig; sie sagen, sie sei leichtfertig und unbesonnen. Der kleine Bildhauer im Erdgeschoss, der bei dem alten Cabane Brötchen kaufte, hat mich heute Abend zum ersten Mal angesprochen, obwohl wir uns immer gegrüßt haben. Er sagte, sie sei sehr gut und sehr schön. Er hat sie nur einmal gesehen und kennt ihren Namen nicht. Ich habe ihm gedankt – ich weiß nicht, warum ich ihm so herzlich gedankt habe. Cabane sagte: ‚In diese verfluchte Rue des Quatre-Vents wehen die vier Winde alles Übel.‘ Der Bildhauer wirkte verwirrt, aber als er mit seinen Brötchen hinausging, sagte er zu mir: ‚Ich bin sicher, Monsieur, dass sie so gut ist, wie sie schön ist.‘“

Die Katze hatte ihre Toilette beendet, sprang nun sanft auf den Boden, ging zur Tür und schnupperte. Er kniete sich neben sie, öffnete das Strumpfband und hielt es einen Moment lang in seinen Händen. Nach einer Weile sagte er: „Auf der silbernen Schließe unter der Schnalle ist ein Name eingraviert. Es ist ein hübscher Name: Sylvia Elven. Sylvia ist ein Frauenname, Elven ist der Name einer Stadt. In Paris, und besonders in dieser Rue des Quatre-Vents, werden Namen getragen und wieder abgelegt, wie sich die Moden mit den Jahreszeiten ändern. Ich kenne das kleine Städtchen Elven, denn dort bin ich dem Schicksal von Angesicht zu Angesicht begegnet, und das Schicksal war grausam. Aber weißt du, dass das Schicksal in Elven einen anderen Namen hatte, und dieser Name war Sylvia?“

Er legte das Strumpfband zurück und stand auf, wobei er auf die Katze hinabblickte, die vor der geschlossenen Tür kauerte.

„Der Name Elven hat einen Zauber für mich. Er erzählt mir von Wiesen und klaren Flüssen. Der Name Sylvia beunruhigt mich wie der Duft von toten Blumen.“

Die Katze miaute.

„Ja, ja“, sagte er beschwichtigend, „ich werde dich zurückbringen. Deine Sylvia ist nicht meine Sylvia; die Welt ist groß und Elven ist nicht unbekannt. Doch in der Dunkelheit und dem Schmutz des ärmeren Paris, in den traurigen Schatten dieses alten Hauses, sind mir diese Namen sehr angenehm.“

Er hob sie in seine Arme und schritt durch die stillen Korridore zur Treppe. Fünf Stockwerke hinunter und in den mondbeschienenen Hof, vorbei an der Höhle des kleinen Bildhauers, und dann wieder hinein durch das Tor des Nordflügels und die wurmstichige Treppe hinauf, bis er vor einer geschlossenen Tür stand. Als er lange Zeit klopfend dagestanden hatte, bewegte sich etwas hinter der Tür; sie öffnete sich und er trat ein. Das Zimmer war dunkel. Als er die Schwelle überschritt, sprang die Katze aus seinen Armen in die Schatten. Er lauschte, hörte aber nichts. Die Stille war bedrückend und er strich ein Streichholz an. An seinem Ellenbogen stand ein Tisch und darauf eine Kerze in einem vergoldeten Kerzenleuchter. Er zündete sie an und sah sich dann um. Die Kammer war riesig, die Vorhänge schwer bestickt. Über dem Kamin thronte ein geschnitzter Sims, grau vom Aschestaub erloschener Feuer. In einer Nische bei den tiefsitzenden Fenstern stand ein Bett, von dem die Bettwäsche, weich und fein wie Spitze, bis auf den polierten Boden herabhing. Er hob die Kerze über seinen Kopf. Ein Taschentuch lag zu seinen Füßen. Es war schwach parfümiert. Er wandte sich den Fenstern zu. Vor ihnen stand ein Canapé, und darüber waren bunt durcheinander ein seidenes Kleid geworfen, ein Haufen spitzenartiger Kleidungsstücke, weiß und zart wie Spinnweben, lange, zerknitterte Handschuhe und auf dem Boden darunter die Strümpfe, die kleinen spitzen Schuhe und ein einzelnes Strumpfband aus rosafarbener Seide, wunderlich mit Blumen bestickt und mit einer silbernen Schließe versehen. Staunend trat er vor und zog die schweren Vorhänge vom Bett. Einen Moment lang flackerte die Kerze in seiner Hand; dann trafen seine Augen auf zwei andere Augen, weit geöffnet, lächelnd, und der Kerzenschein blitzte auf Haar, schwer wie Gold.

Sie war blass, aber nicht so weiß wie er; ihre Augen waren ungetrübt wie die eines Kindes; doch er starrte, am ganzen Körper zitternd, während die Kerze in seiner Hand flackerte.

Schließlich flüsterte er: „Sylvia, ich bin es.“

Wieder sagte er: „Ich bin es.“

Dann, in dem Wissen, dass sie tot war, küsste er sie auf den Mund. Und während der langen Stunden der Nacht schnurrte die Katze auf seinem Knie, ihre gepolsterten Krallen anspannend und entspannend, bis der Himmel über der Rue des Quatre-Vents erblasste.

Er trat einen Schritt zurück, als wäre er von einem Schlag getroffen worden, und starrte auf die schmale Gestalt, die dort auf dem Bett lag. Die Kerze, die er in der Hand hielt, erlosch, und die Dunkelheit, die ihn umfing, schien schwerer zu sein als die Welt selbst. Er wollte schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt; er wollte weinen, doch die Tränen waren in dieser Stadt des Hungers längst versiegt. Er tastete sich vorwärts, bis seine Finger das kühle Laken berührten, und dann sank er auf die Knie, das Gesicht in den Stoff vergraben, der noch den leichten Duft von Lavendel trug.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er starrte in die Leere, unfähig, sich zu rühren. Das Klopfen wiederholte sich, beharrlich und doch zögerlich. „Trent? Jack? Bist du da drin?“, drang Wests Stimme gedämpft durch das Holz. Er antwortete nicht. Die Stille im Raum war so vollkommen, dass er das rhythmische Schlagen seines eigenen Herzens wie Hammerschläge gegen die Wände der Wohnung empfand.

Wests Stimme wurde dringlicher. „Jack, mach auf! Wir haben den Bericht vom Hauptquartier. Die Leute sagen, die Vorposten hätten sich zurückgezogen. Die Rettung ist nah!“ Trent lachte trocken auf, ein Geräusch, das eher einem Keuchen glich. Er stand mühsam auf, seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei an. Er trat zur Tür, öffnete sie jedoch nicht, sondern lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

„Geh weg, West“, sagte er, und seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren, hohl und brüchig. „Geh und feiere den Sieg, wenn du musst. Hier gibt es nichts mehr, das gerettet werden könnte.“ Draußen im Flur trat Stille ein. Er konnte die Anwesenheit der anderen spüren, ihre Verwirrung, ihr ungläubiges Schweigen. Dann hörte er leise Schritte, die sich entfernten, und schließlich das Echo einer Tür, die im Erdgeschoss ins Schloss fiel.

Er wandte sich wieder dem Bett zu. Das erste graue Licht des Morgens sickerte durch die Jalousien und zeichnete bleiche Streifen auf den Boden. Es war ein hässliches Licht, das die Dinge in ihrer ganzen Erbärmlichkeit entblößte: die leeren Teller, den umgekippten Stuhl, die kalte Asche im Kamin. Er trat an das Fenster und riss die Jalousien hoch. Unten auf der Straße sammelten sich bereits wieder die Menschen, ihre Gesichter in diesem Morgenlicht noch ausgemergelter, noch hoffnungsloser.

In der Ferne grollte es wieder. Die Kanonen von Mont Valérien begannen ihr tägliches Werk, ein rhythmisches, unerbittliches Stampfen, das den Boden erzittern ließ. Er sah zu, wie ein Schwarm Vögel über die Dächer der Stadt strich, auf der Suche nach etwas, das es hier nicht mehr gab. Er dachte an die Worte, die er ihr gestern noch gesagt hatte, an das Lachen, das in diesem Raum geherrscht hatte, und es kam ihm vor, als lägen dazwischen nicht Stunden, sondern ganze Leben.

Er griff nach seinem Mantel, der über dem Stuhl hing, und zog ihn sich über die Schultern. Er musste hinaus. Er musste den Lärm, das Chaos, die Gleichgültigkeit dieser sterbenden Stadt spüren, um nicht vollends in der Stille dieses Zimmers wahnsinnig zu werden. Er warf einen letzten Blick zurück, ein Blick, der nicht Abschied nehmen wollte, weil Abschied nehmen bedeuten würde, dass es endgültig war. Er verließ das Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich.

Auf der Treppe begegnete er Fallowby, der mühsam und keuchend nach oben stieg. Fallowby hielt inne, sein Gesicht gerötet von der Anstrengung, und sah ihn mit einer Mischung aus Sorge und Neugier an. „Trent? Was ist passiert? West sagte, du seist nicht bei Sinnen. Kommst du mit? Wir gehen zum Pont Neuf, sie sagen, man könne die Truppen schon sehen.“ Trent starrte ihn an, als wäre er ein Geist aus einer anderen Welt.

„Es gibt keine Truppen, Fallowby“, sagte er ruhig. „Es gibt nur den Hunger und das Eis der Marne, das gegen die Pfeiler der Brücken schlägt. Geh nach Hause und iss, wenn du noch etwas hast. Es ist alles vorbei.“ Fallowby wollte etwas erwidern, doch Trent ging an ihm vorbei, die Stufen hinunter, hinaus in die beißende Kälte der Rue de Seine. Er hatte kein Ziel, er wollte nur gehen, bis die Beine ihn nicht mehr trugen, bis das Grollen der Kanonen die einzige Stimme war, die er noch hörte.

„Was ist das?“, wiederholte Trent wild. „Ich sage dir, was das ist. Ich habe eine Depesche vom amerikanischen Gesandten erhalten, sofort einen niederträchtigen Dieb und deutschen Spion als Landsmann und Künstlerkollegen zu identifizieren und für ihn zu bürgen!“

„Geh nicht hin“, schlug Fallowby vor.

„Wenn ich es nicht tue, erschießen sie ihn auf der Stelle.“

„Sollen sie doch“, knurrte Thorne.

„Wisst ihr Burschen, um wen es geht?“

„Hartman!“, rief West wie von Sinnen.

Sylvia sprang totenbleich auf, doch Odile legte ihren Arm um sie, stützte sie zu einem Stuhl und sagte ruhig: „Sylvia ist in Ohnmacht gefallen, es ist die Hitze im Raum, bringt etwas Wasser.“

Trent brachte es sofort.

Sylvia öffnete die Augen, erhob sich nach einem Moment und ging, gestützt von Marie Guernalec und Trent, in das Schlafzimmer.

Es war das Signal zum Aufbruch; alle kamen, schüttelten Trent die Hand und sagten, sie hofften, Sylvia würde sich ausschlafen und es sei nichts Ernstes.

Als Marie Guernalec sich von ihm verabschiedete, wich sie seinem Blick aus, doch er sprach herzlich mit ihr und dankte ihr für ihre Hilfe.

„Kann ich irgendetwas tun, Jack?“, erkundigte sich West, der noch verweilte, bevor er die Treppe hinuntereilte, um den anderen zu folgen.

Trent lehnte über dem Treppengeländer, lauschte ihren Schritten und ihrem Geplapper, dann knallte die untere Tür zu und das Haus war still. Er verharrte dort, starrte in die Schwärze und biss sich auf die Lippen; dann sagte er mit einer ungeduldigen Bewegung: „Ich bin verrückt!“, zündete eine Kerze an und ging ins Schlafzimmer. Sylvia lag auf dem Bett. Er beugte sich über sie und strich ihr das lockige Haar von der Stirn.

„Geht es dir besser, liebe Sylvia?“

Sie antwortete nicht, hob aber den Blick zu ihm. Einen Augenblick lang begegnete er ihren Augen, doch was er darin las, versetzte seinem Herzen einen Schlag, und er setzte sich und verdeckte sein Gesicht mit den Händen.

Endlich sprach sie mit einer veränderten, belegten Stimme – einer Stimme, die er noch nie gehört hatte. Er ließ die Hände sinken und lauschte, kerzengerade auf seinem Stuhl sitzend.

„Jack, es ist endlich gekommen. Ich habe es gefürchtet und gezittert – ach! Wie oft habe ich nachts wach gelegen, mit diesem Gewicht auf meinem Herzen, und gebetet, dass ich sterben möge, bevor du jemals davon erfährst! Denn ich liebe dich, Jack, und wenn du gehst, kann ich nicht leben. Ich habe dich getäuscht; es geschah, bevor ich dich kannte, aber seit jenem ersten Tag, als du mich im Luxembourg weinend fandest und mich ansprachst, Jack, war ich dir in jedem Gedanken und jeder Tat treu. Ich liebte dich von Anfang an und wagte nicht, dir dies zu sagen – aus Angst, du würdest fortgehen; und seitdem ist meine Liebe gewachsen – gewachsen – und oh! Ich habe gelitten! – aber ich wagte es dir nicht zu sagen. Und nun weißt du es, aber das Schlimmste weißt du noch nicht. Was kümmert mich er – jetzt? Er war grausam – oh, so grausam!“

Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Armen.

„Muss ich weitersprechen? Muss ich es dir sagen – kannst du es dir nicht vorstellen, oh! Jack –“

Er rührte sich nicht; seine Augen schienen tot.

„Ich – ich war so jung, ich wusste nichts, und er sagte – sagte, dass er mich liebte –“

Trent erhob sich und schlug mit der geballten Faust gegen die Kerze, und das Zimmer war dunkel.

Die Glocken von St. Sulpice läuteten die Stunde, und sie fuhr auf und sprach mit fiebriger Hast: „Ich muss zu Ende kommen! Als du mir sagtest, du liebest mich – du – du hast mich nichts gefragt; aber damals, selbst damals, war es schon zu spät, und jenes andere Leben, das mich an ihn bindet, muss für immer zwischen dir und mir stehen! Denn es gibt noch ein anderes, das er für sich beansprucht hat und dem er Gutes tut. Er darf nicht sterben – sie dürfen ihn nicht erschießen, um dieses anderen willen!“

Trent saß regungslos, doch seine Gedanken drehten sich in einem endlosen Wirbel.

Sylvia, die kleine Sylvia, die sein Studentenleben mit ihm teilte – die mit ihm die trostlose Einsamkeit der Belagerung ohne Klage ertrug – dieses zierliche, blauäugige Mädchen, das er so still liebte, das er neckte oder liebkoste, wie es ihm gerade in den Sinn kam, und das ihn manchmal mit ihrer leidenschaftlichen Hingabe ein klein wenig ungeduldig machte – konnte das dieselbe Sylvia sein, die dort in der Dunkelheit weinte?

Dann presste er die Zähne zusammen. „Lass ihn sterben! Lass ihn sterben!“ – aber dann – um Sylvias willen und – um jenes anderen willen – Ja, er würde gehen – er musste gehen – seine Pflicht lag klar vor ihm. Aber Sylvia – er konnte nicht mehr das für sie sein, was er gewesen war, und doch erfasste ihn ein vages Entsetzen, jetzt, da alles gesagt war. Zitternd zündete er ein Licht an.

Sie lag da, ihr lockiges Haar zerzaust um ihr Gesicht, ihre kleinen weißen Hände auf die Brust gepresst.

Er konnte sie nicht verlassen und er konnte nicht bleiben. Er hatte nie zuvor gewusst, dass er sie liebte. Sie war eine bloße Kameradin gewesen, diese junge Frau von ihm. Ach! Er liebte sie jetzt mit ganzem Herzen und ganzer Seele, und er wusste es erst, als es zu spät war. Zu spät? Warum? Dann dachte er an jenes andere Wesen, das sie band und sie für immer an die Kreatur fesselte, die in Lebensgefahr schwebte. Mit einem Fluch sprang er zur Tür, doch die Tür ließ sich nicht öffnen – oder war es, dass er sie zudrückte – verschloss – und sich neben dem Bett auf die Knie warf, wissend, dass er es um seines Lebens willen nicht wagen durfte, das zu verlassen, was sein Alles im Leben war.

III

Es war vier Uhr morgens, als er mit dem Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft aus dem Gefängnis der Verurteilten kam. Eine Menschenmenge hatte sich um die Kutsche des amerikanischen Gesandten versammelt, die vor dem Gefängnis stand; die Pferde scharrten und stampften im eisigen Straßengraben, der Kutscher kauerte in Felle gehüllt auf dem Bock. Southwark half dem Sekretär in die Kutsche und schüttelte Trent die Hand, wobei er ihm für sein Kommen dankte.

„Wie der Schurke gestarrt hat“, sagte er; „deine Aussage war schlimmer als ein Tritt, aber sie hat zumindest für den Moment seine Haut gerettet – und Komplikationen verhindert.“

Der Sekretär seufzte. „Wir haben unseren Teil getan. Nun lassen wir sie beweisen, dass er ein Spion ist, und wir waschen unsere Hände in Unschuld. Steig ein, Captain! Komm mit, Trent!“

„Ich muss noch ein Wort mit Captain Southwark wechseln, ich werde ihn nicht aufhalten“, sagte Trent hastig und senkte die Stimme: „Southwark, hilf mir jetzt. Du kennst die Geschichte von dem Halunken. Du weißt, dass das – das Kind in seinen Räumen ist. Hol es und bring es in meine Wohnung, und sollte er erschossen werden, werde ich für ein Zuhause sorgen.“

„Ich verstehe“, sagte der Captain ernst.

„Wirst du das sofort tun?“

„Sofort“, antwortete er.

Ihre Hände trafen sich in einem festen Händedruck, dann stieg Captain Southwark in die Kutsche und bedeutete Trent, zu folgen; doch er schüttelte den Kopf und sagte: „Leb wohl!“, und die Kutsche rollte davon.

Er beobachtete die Kutsche bis zum Ende der Straße, machte sich dann auf den Weg in sein eigenes Viertel, zögerte jedoch nach ein paar Schritten, blieb stehen und bog schließlich in die entgegengesetzte Richtung ab. Etwas – vielleicht war es der Anblick des Gefangenen, dem er soeben gegenübergestanden hatte – erregte seinen Ekel. Er spürte das Bedürfnis nach Einsamkeit und Stille, um seine Gedanken zu ordnen. Die Ereignisse des Abends hatten ihn furchtbar erschüttert, aber er wollte es sich von der Seele laufen, vergessen, alles begraben und dann zu Sylvia zurückkehren. Er schritt schnell voran, und für eine Weile schienen die bitteren Gedanken zu verblassen, doch als er schließlich atemlos unter dem Arc de Triomphe innehielt, kehrten die Bitterkeit und das Elend der ganzen Sache – ja, seines gesamten verfehlten Lebens – mit einem Stich zurück. Dann tauchte das Gesicht des Gefangenen, gezeichnet von der grauenhaften Fratze der Angst, in den Schatten vor seinen Augen auf.

Mit schwerem Herzen wanderte er unter dem großen Bogen auf und ab, versuchte seinen Geist zu beschäftigen, spähte zu den skulptierten Gesimsen hinauf, um die Namen der Helden und Schlachten zu lesen, von denen er wusste, dass sie dort eingraviert waren, doch immer folgte ihm das aschfahle Gesicht Hartmans, das vor Entsetzen grinste! – Oder war es Entsetzen? – War es nicht Triumph? – Bei diesem Gedanken fuhr er zusammen wie ein Mann, der ein Messer an der Kehle spürt, doch nach einem wilden Marsch um den Platz kehrte er zurück und setzte sich, um mit seinem Elend zu ringen.

Die Luft war kalt, doch seine Wangen brannten vor zorniger Scham. Scham? Warum? War es, weil er ein Mädchen geheiratet hatte, das der Zufall zur Mutter gemacht hatte? Liebte er sie? War dieses elende Bohemien-Dasein also sein Ziel im Leben? Er richtete seinen Blick auf die Geheimnisse seines Herzens und las eine böse Geschichte – die Geschichte der Vergangenheit, und er bedeckte sein Gesicht vor Scham, während sein Herz, im Takt des dumpfen Schmerzes, der in seinem Kopf pochte, die Geschichte für die Zukunft heraushämmerte. Scham und Schande.

Endlich aus einer Lethargie erwacht, die begonnen hatte, die Bitterkeit seiner Gedanken zu betäuben, hob er den Kopf und blickte sich um. Ein plötzlicher Nebel hatte sich in den Straßen niedergelassen; die Bögen des Arc waren davon verstopft. Er wollte nach Hause. Ein großes Entsetzen davor, allein zu sein, ergriff ihn. *Doch er war nicht allein.* Der Nebel war von Phantomen bevölkert. Überall um ihn herum im Dunst bewegten sie sich, trieben in sich verlängernden Linien durch die Bögen und verschwanden, während aus dem Nebel andere aufstiegen, vorbeihuschten und verschlungen wurden. Er war nicht allein, denn selbst an seiner Seite drängten sie sich, berührten ihn, wimmelten vor ihm, neben ihm, hinter ihm, drückten ihn zurück, ergriffen ihn und trugen ihn mit sich durch den Nebel. Eine düstere Allee hinunter, durch Gassen und Wege, weiß vom Nebel, bewegten sie sich, und wenn sie sprachen, waren ihre Stimmen so dumpf wie der Dunst, der sie einhüllte. Schließlich ragte vorne eine Mauer aus Mauerwerk und Erde, unterbrochen von einem massiven, eisengitterbewehrten Tor, im Nebel auf. Langsamer und immer langsamer glitten sie dahin, Schulter an Schulter und Schenkel an Schenkel. Dann hörte jede Bewegung auf. Ein plötzlicher Windhauch bewegte den Nebel. Er wankte und wirbelte. Gegenstände wurden deutlicher. Eine Blässe kroch über den Horizont, berührte die Ränder der wässrigen Wolken und entlockte tausend Bajonetten dumpfe Funken. Bajonette – sie waren überall, spalteten den Nebel oder flossen unter ihm in Strömen aus Stahl dahin. Hoch auf der Mauer aus Mauerwerk und Erde ragte eine große Kanone auf, und um sie herum bewegten sich Gestalten in Silhouetten. Unten strömte ein breiter Strom von Bajonetten durch das eisengitterbewehrte Tor hinaus in die schattenhafte Ebene. Es wurde heller. Gesichter wurden deutlicher unter den marschierenden Massen, und er erkannte eines.

„Du, Philippe!“

Die Gestalt drehte den Kopf.

Trent rief: „Ist da Platz für mich?“, doch der andere winkte nur vage mit dem Arm zum Abschied und war mit den anderen verschwunden. Bald begann die Kavallerie vorbeizuziehen, Geschwader um Geschwader, die sich in die Dunkelheit drängten; dann viele Kanonen, dann ein Krankenwagen, dann wieder die endlosen Linien von Bajonetten. Neben ihm saß ein Kürassier auf seinem dampfenden Pferd, und vorne, inmitten einer Gruppe berittener Offiziere, sah er einen General, dessen Astrachan-Kragen seines Dolmans um sein blutleeres Gesicht hochgeschlagen war.

Einige Frauen weinten in seiner Nähe, und eine mühte sich, einen Laib Schwarzbrot in den Tornister eines Soldaten zu zwängen. Der Soldat versuchte ihr zu helfen, doch der Sack war verschlossen und sein Gewehr behinderte ihn, also hielt Trent es, während die Frau den Sack aufknöpfte und das Brot hineinzwängte, das nun ganz von ihren Tränen benetzt war. Das Gewehr war nicht schwer. Trent fand es erstaunlich handlich. War das Bajonett scharf? Er prüfte es. Dann ergriff ihn eine plötzliche Sehnsucht, ein wildes, zwingendes Verlangen.

„Chouette!“, rief ein Gamin, der sich an das vergitterte Tor klammerte, „encore toi mon vieux?“

Trent blickte auf, und der Rattenfänger lachte ihm ins Gesicht. Doch als der Soldat das Gewehr wieder genommen hatte und ihm dankend davonlief, um sein Bataillon einzuholen, stürzte er in das Gedränge um das Tor.

„Gehen Sie mit?“, rief er einem Marineinfanteristen zu, der im Rinnstein saß und seinen Fuß verband.

„Ja.“

Dann ergriff ihn ein Mädchen – ein bloßes Kind – bei der Hand und führte ihn in das Café, das dem Tor gegenüberlag. Der Raum war voll von Soldaten, einige, bleich und schweigend, saßen auf dem Boden, andere stöhnten auf den mit Leder bezogenen Bänken. Die Luft war sauer und erstickend.

„Wähl aus!“, sagte das Mädchen mit einer kleinen Geste des Mitleids; „sie können nicht gehen!“

In einem Haufen Kleidung auf dem Boden fand er einen Kapotenmantel und ein Képi.

Sie half ihm, Tornister, Patronentasche und Koppel umzuschnallen, und zeigte ihm, wie er das Chassepot-Gewehr zu laden hatte, während sie es auf ihren Knien hielt.

Als er ihr dankte, sprang sie auf.

„Sie sind ein Ausländer!“

„Amerikaner“, sagte er und bewegte sich auf die Tür zu, doch das Kind versperrte ihm den Weg.

„Ich bin eine Bretonin. Mein Vater ist da oben bei den Kanonen der Marine. Er wird Sie erschießen, wenn Sie ein Spion sind.“

Sie sahen einander einen Moment lang an. Dann seufzte er, beugte sich vor und küsste das Kind. „Bete für Frankreich, Kleine“, murmelte er, und sie wiederholte mit einem blassen Lächeln: „Für Frankreich und für Sie, beau Monsieur.“

Er rannte über die Straße und durch das Tor. Einmal draußen, schob er sich in die Reihe und bahnte sich seinen Weg entlang der Straße. Ein Korporal kam vorbei, sah ihn an, ging wieder vorbei und rief schließlich einen Offizier. „Sie gehören zum 60.“, knurrte der Korporal und sah auf die Nummer auf seinem Képi.

„Wir können keine Freischärler gebrauchen“, fügte der Offizier hinzu, als er seine schwarzen Hosen bemerkte.

„Ich möchte mich freiwillig anstelle eines Kameraden melden“, sagte Trent, und der Offizier zuckte mit den Achseln und ging weiter.

Niemand schenkte ihm viel Beachtung, ein oder zwei warfen lediglich einen Blick auf seine Hose. Die Straße war tief von Schneematsch und Schlamm – aufgepflügt und zerrissen von Rädern und Hufen. Ein Soldat vor ihm verrenkte sich den Fuß in einer eisigen Fahrrinne und schleppte sich stöhnend an den Rand des Bahndamms. Die Ebene zu beiden Seiten von ihnen war grau von schmelzendem Schnee. Hier und da hinter zerstörten Hecken standen Wagen, die weiße Flaggen mit roten Kreuzen trugen. Manchmal war der Kutscher ein Priester in rostigem Rock und Talar, manchmal ein verkrüppelter Mobilgardist. Einmal passierten sie einen Wagen, der von einer Barmherzigen Schwester gelenkt wurde. Stille, leere Häuser mit großen Rissen in ihren Wänden und jedem Fenster blind, drängten sich entlang der Straße. Weiter vorne, innerhalb der Gefahrenzone, blieb nichts von menschlicher Behausung übrig, außer hier und da ein Haufen gefrorener Ziegel oder ein geschwärzter Keller, der mit Schnee verstopft war.

Seit einiger Zeit war Trent von dem Mann hinter ihm genervt, der ihm ständig auf die Fersen trat. Endlich überzeugt, dass es absichtlich geschah, drehte er sich um, um sich zu beschweren, und fand sich einem Mitstudenten der Beaux Arts gegenüber. Trent starrte ihn an.

„Ich dachte, du wärst im Krankenhaus!“

Der andere schüttelte den Kopf und deutete auf seinen verbundenen Kiefer.

„Ich verstehe, du kannst nicht sprechen. Kann ich irgendetwas tun?“

Der Verwundete kramte in seinem Tornister und brachte eine Kruste Schwarzbrot hervor.

„Er kann es nicht essen, sein Kiefer ist zertrümmert, und er möchte, dass du es für ihn zerkaut“, sagte der Soldat neben ihm.

Trent nahm die Kruste, mahlte sie in seinen Zähnen Bissen für Bissen und reichte sie dem verhungernden Mann nach hinten.

Von Zeit zu Zeit rasten berittene Ordonnanzen an die Front und überschütteten sie mit Matsch. Es war ein frostiger, stiller Marsch durch durchnässte Wiesen, die in Nebel gehüllt waren. Entlang des Bahndamms jenseits des Grabens bewegte sich eine weitere Kolonne parallel zu ihrer eigenen. Trent beobachtete sie, eine düstere Masse, mal deutlich, mal vage, mal ausgelöscht in einem Nebelschwaden. Einmal verlor er sie für eine halbe Stunde aus den Augen, doch als sie wieder in Sicht kam, bemerkte er eine dünne Linie, die sich von der Flanke löste und, in der Mitte durchhängend, schnell nach Westen ausschwenkte. Im selben Moment brach ein lang anhaltendes Knattern im Nebel vor ihnen aus. Andere Linien begannen sich von der Kolonne abzuspalten, schwenkten nach Osten und Westen, und das Knattern wurde zu einem Dauerton. Eine Batterie passierte im vollen Galopp, und er wich mit seinen Kameraden zurück, um ihr Platz zu machen. Sie ging ein wenig rechts von seinem Bataillon in Stellung, und als der Schuss aus dem ersten gezogenen Geschütz durch den Dunst dröhnte, eröffneten die Kanonen von den Befestigungsanlagen mit einem gewaltigen Getöse das Feuer. Ein Offizier galoppierte vorbei und rief etwas, das Trent nicht verstand, aber er sah, wie sich die Reihen vor ihm plötzlich von seiner eigenen trennten und in der Dämmerung verschwanden. Weitere Offiziere ritten heran und blieben neben ihm stehen, in den Nebel starrend. Weit vorne war das Knattern zu einem einzigen, lang anhaltenden Krachen geworden. Es war ein trübes Warten. Trent kaute etwas Brot für den Mann hinter sich, der versuchte, es hinunterzuschlucken, und nach einer Weile den Kopf schüttelte und Trent bedeutete, den Rest selbst zu essen. Ein Korporal bot ihm etwas Branntwein an, und er trank ihn, doch als er sich umdrehte, um die Flasche zurückzugeben, lag der Korporal am Boden. Beunruhigt sah er den Soldaten neben sich an, der mit den Achseln zuckte und den Mund öffnete, um etwas zu sagen, doch etwas traf ihn, und er rollte immer wieder in den Graben hinunter. In diesem Moment machte das Pferd eines der Offiziere einen Satz und wich in das Bataillon zurück, wobei es mit den Hinterhufen ausschlug. Ein Mann wurde niedergeritten; ein anderer wurde in die Brust getreten und durch die Reihen geschleudert. Der Offizier trieb seine Sporen in das Pferd und zwang es wieder nach vorne, wo es zitternd stehen blieb. Das Kanonenfeuer schien näher zu kommen. Ein Stabsoffizier, der langsam am Bataillon auf und ab ritt, brach plötzlich im Sattel zusammen und klammerte sich an die Mähne seines Pferdes. Einer seiner Stiefel baumelte, blutrot und tropfend, aus dem Steigbügel. Dann kamen aus dem Nebel vor ihnen Männer angerannt. Die Straßen, die Felder, die Gräben waren voll von ihnen, und viele von ihnen fielen. Für einen Moment bildete er sich ein, Reiter wie Gespenster in den Dämpfen jenseits reiten zu sehen, und ein Mann hinter ihm fluchte entsetzlich und erklärte, er habe sie auch gesehen und es seien Ulanen; doch das Bataillon stand untätig, und der Nebel legte sich wieder über die Wiesen.

Der Oberst saß schwer auf seinem Pferd, seinen kugelförmigen Kopf im Astrachan-Kragen seines Dolmans vergraben, seine dicken Beine ragten gerade in den Steigbügeln hervor.

Die Hornisten drängten sich mit bereiten Signalinstrumenten um ihn herum, und hinter ihm rauchte ein Stabsoffizier in einer hellblauen Jacke eine Zigarette und plauderte mit einem Husarenkapitän. Von der Straße vorne kam das Geräusch wütenden Galopps, und eine Ordonnanz hielt neben dem Oberst, der ihn nach hinten winkte, ohne den Kopf zu drehen. Dann erhob sich links ein verwirrtes Gemurmel, das in einem Schrei endete. Ein Husar jagte wie der Wind vorbei, gefolgt von einem anderen und noch einem, und dann wirbelten Geschwader um Geschwader an ihnen vorbei in den verhangenen Nebel. In diesem Augenblick bäumte sich der Oberst im Sattel auf, die Hörner schmetterten, und das ganze Bataillon kletterte den Bahndamm hinunter, über den Graben und begann die nasse Wiese zu überqueren. Fast sofort verlor Trent seine Mütze. Etwas riss sie ihm vom Kopf, er dachte, es sei ein Baumzweig. Etliche seiner Kameraden rollten in den Schneematsch und das Eis, und er bildete sich ein, sie seien ausgerutscht. Einer stürzte direkt über seinen Weg, und er hielt an, um ihm aufzuhelfen, doch der Mann schrie auf, als er ihn berührte, und ein Offizier schrie: „Vorwärts! Vorwärts!“, also rannte er weiter. Es war ein langer Trab durch den Nebel, und er musste oft sein Gewehr umgreifen. Als sie schließlich keuchend hinter dem Bahndamm lagen, blickte er sich um. Er hatte das Bedürfnis nach Aktion verspürt, nach einem verzweifelten körperlichen Kampf, nach Töten und Zermalmen. Er war von dem Verlangen ergriffen worden, sich in die Massen zu stürzen und links und rechts alles zu zerfetzen. Er sehnte sich danach zu feuern, das dünne, scharfe Bajonett seines Chassepot zu benutzen. Das hatte er nicht erwartet. Er wollte erschöpft sein, kämpfen und schneiden, bis er nicht mehr in der Lage wäre, seinen Arm zu heben. Dann hatte er vorgehabt, nach Hause zu gehen. Er hörte einen Mann sagen, dass die Hälfte des Bataillons bei dem Angriff gefallen sei, und er sah einen anderen, der eine Leiche unter dem Bahndamm untersuchte. Der Körper, noch warm, war in eine fremde Uniform gekleidet, aber selbst als er den Pickelhelm bemerkte, der ein paar Zentimeter weiter entfernt lag, begriff er nicht, was geschehen war.

Der Oberst saß ein paar Fuß links von ihm auf seinem Pferd, seine Augen funkelten unter dem scharlachroten Képi. Trent hörte ihn einem Offizier antworten: „Ich kann ihn halten, aber bei noch einem Angriff werde ich nicht mehr genug Männer übrig haben, um ein Signalhorn zu blasen.“

„Waren die Preußen hier?“, fragte Trent einen Soldaten, der saß und sich das Blut von den Haaren wischte.

„Ja. Die Husaren haben sie herausgeputzt. Wir sind in ihr Kreuzfeuer geraten.“

„Wir unterstützen eine Batterie auf dem Bahndamm“, sagte ein anderer.

Dann kroch das Bataillon über den Bahndamm und bewegte sich entlang der Linien aus verbogenen Schienen. Trent rollte seine Hosenbeine hoch und steckte sie in seine Wollsocken: doch sie hielten erneut an, und einige der Männer setzten sich auf das abgebaute Bahngleis. Trent suchte nach seinem verwundeten Kameraden von den Beaux Arts. Er stand an seinem Platz, sehr blass. Das Kanonenfeuer war schrecklich geworden. Für einen Moment lichtete sich der Nebel. Er erhaschte einen Blick auf das erste Bataillon, das regungslos auf dem Bahngleis vor ihnen stand, auf Regimenter an beiden Flanken, und dann, als sich der Nebel wieder legte, schlugen die Trommeln und die Musik der Signalhörner begann weit auf der äußersten Linken. Eine unruhige Bewegung ging durch die Truppen, der Oberst warf den Arm hoch, die Trommeln wirbelten, und das Bataillon rückte durch den Nebel ab. Sie waren jetzt nahe an der Front, denn das Bataillon feuerte während des Vorrückens. Krankenwagen galoppierten entlang der Basis des Bahndamms nach hinten, und die Husaren ritten wie Phantome hin und her. Sie waren endlich an der Front, denn überall um sie herum herrschten Bewegung und Aufruhr, während aus dem Nebel, ganz in der Nähe, Schreie und Stöhnen und krachende Salven drangen. Granaten fielen überall nieder, explodierten entlang des Bahndamms und bespritzten sie mit gefrorenem Schneematsch. Trent hatte Angst. Er begann das Unbekannte zu fürchten, das dort in der Dunkelheit knisterte und flammte. Der Erschütterung der Kanonen wurde ihm übel. Er konnte sogar sehen, wie der Nebel in einem trüben Orange aufleuchtete, während der Donner die Erde erschütterte. Es war nahe, da war er sich sicher, denn der Oberst rief „Vorwärts!“ und das erste Bataillon eilte hinein. Er spürte seinen Atem, er zitterte, aber eilte weiter. Eine furchtbare Entladung vor ihm erschreckte ihn. Irgendwo im Nebel jubelten Männer, und das Pferd des Obersten, das vor Blut triefte, bäumte sich im Rauch auf.

Ein weiterer Knall und Stoß, direkt vor seinem Gesicht, betäubte ihn fast, und er wankte. Alle Männer zur Rechten waren gefallen. Sein Kopf schwamm; der Nebel und der Rauch benommen ihn. Er streckte die Hand aus, um sich zu stützen, und ergriff etwas. Es war das Rad einer Geschützlafette, und ein Mann sprang hinter ihr hervor und zielte mit einem Ladestock auf seinen Kopf, stolperte aber schreiend zurück, mit einem Bajonett durch den Hals, und Trent wusste, dass er getötet hatte. Mechanisch bückte er sich, um sein Gewehr aufzuheben, aber das Bajonett steckte noch in dem Mann, der da lag und mit roten Händen gegen den Rasen schlug. Es ekelte ihn und er lehnte sich an die Kanone. Männer kämpften jetzt überall um ihn herum, und die Luft war vom Rauch und Schweiß verdorben. Jemand packte ihn von hinten und ein anderer von vorne, aber andere wiederum packten sie oder versetzten ihnen harte Schläge. Das Klicken! Klicken! Klicken! der Bajonette machte ihn wütend, und er ergriff den Ladestock und schlug blindlings um sich, bis er in Stücke zersplitterte.

Ein Mann warf seinen Arm um seinen Hals und riss ihn zu Boden, aber er würgte ihn und richtete sich auf seine Knie auf. Er sah, wie ein Kamerad die Kanone ergriff und mit eingeschlagenem Schädel über ihr zusammenbrach; er sah, wie der Oberst aus seinem Sattel direkt in den Schlamm stürzte; dann schwand sein Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Bahndamm zwischen den verbogenen Schienen. Überall kauerten Männer, die aufschrien, fluchten und in den Nebel flohen, und er taumelte auf die Beine und folgte ihnen. Einmal blieb er stehen, um einem Kameraden mit verbundenem Kiefer zu helfen, der nicht sprechen konnte, sich aber eine Zeit lang an seinen Arm klammerte und dann tot in den gefrierenden Schlamm fiel; und ein andermal stützte er einen anderen, der stöhnte: „Trent, c’est moi—Philippe“, bis ihn eine plötzliche Salve mitten im Geschehen von seiner Last befreite.

Ein eisiger Wind fegte von den Höhen herab und schnitt den Nebel in Fetzen. Einen Augenblick lang spähte die Sonne mit einem bösen Grinsen durch die kahlen Wälder von Vincennes, sank wie ein Blutgerinnsel in den Rauch der Batterie, tiefer, tiefer, in die blutgetränkte Ebene.

IV

Als Mitternacht vom Glockenturm von St. Sulpice schlug, waren die Tore von Paris noch immer verstopft mit den Überresten dessen, was einst eine Armee gewesen war.

Sie traten mit der Nacht ein, eine mürrische Horde, bespritzt mit Schlamm, ohnmächtig vor Hunger und Erschöpfung. Zuerst gab es wenig Unordnung, und die Menge an den Toren wich schweigend zurück, als die Truppen durch die gefrierenden Straßen stapften. Verwirrung kam auf, als die Stunden vergingen. Immer schneller, Geschwader um Geschwader und Batterie um Batterie drängend, Pferde bäumten sich auf und Protzen ruckelten, wälzten sich die Überreste von der Front durch die Tore, ein Chaos aus Kavallerie und Artillerie, das um das Vorrecht kämpfte. Dicht dahinter stolperte die Infanterie; hier ein Skelett eines Regiments, das in einem verzweifelten Versuch um Ordnung marschierte, dort ein aufrührerischer Mob von Mobiles, der sich seinen Weg in die Straßen bahnte, dann ein Durcheinander von Reitern, Kanonen, Truppen ohne, Offiziere, Offiziere ohne Männer, dann wieder eine Reihe von Krankenwagen, deren Räder unter ihren schweren Lasten ächzten.

Stumm vor Elend sah die Menge zu.

Den ganzen Tag über waren Krankenwagen angekommen, und den ganzen Tag lang hatte die zerlumpte Menge an den Barrieren gewimmert und gezittert. Mittags hatte sich die Menge verzehnfacht, füllte die Plätze um die Tore und wimmelte über die inneren Befestigungen.

Um vier Uhr nachmittags hüllten sich die deutschen Batterien plötzlich in Rauch, und die Granaten fielen dicht auf Montparnasse. Zwanzig Minuten nach vier schlugen zwei Geschosse in ein Haus in der rue de Bac ein, und einen Moment später fiel die erste Granate in das Quartier Latin.

Braith malte gerade im Bett, als West sehr erschrocken hereinkam.

„Ich wünschte, du würdest herunterkommen; unser Haus wurde kurz und klein geschlagen, und ich fürchte, dass einige der Plünderer auf die Idee kommen könnten, uns heute Nacht einen Besuch abzustatten.“

Braith sprang aus dem Bett und wickelte sich in ein Kleidungsstück, das einst ein Mantel gewesen war.

„Ist jemand verletzt?“, erkundigte er sich, während er mit einem Ärmel kämpfte, der voller zerlumpter Futterreste war.

„Nein. Colette ist im Keller verbarrikadiert, und der Concierge ist zu den Befestigungen weggelaufen. Es wird eine raue Bande dort sein, wenn das Bombardement anhält. Du könntest uns helfen—“

„Natürlich“, sagte Braith; aber erst als sie die rue Serpente erreicht hatten und in die Passage eingebogen waren, die zu Wests Keller führte, rief Letzterer: „Hast du Jack Trent heute gesehen?“

„Nein“, antwortete Braith und sah beunruhigt aus, „er war nicht im Ambulance Headquarters.“

„Er ist geblieben, um sich um Sylvia zu kümmern, nehme ich an.“

Eine Bombe krachte durch das Dach eines Hauses am Ende der Gasse und explodierte im Untergeschoss, wobei sie die Straße mit Schiefer und Putz übersäte. Eine zweite schlug in einen Schornstein ein und stürzte in den Garten, gefolgt von einer Lawine aus Ziegeln, und eine weitere explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall in der nächsten Straße.

Sie eilten die Passage entlang zu den Stufen, die zum Keller führten. Hier blieb Braith wieder stehen.

„Glaubst du nicht, ich sollte besser hinaufrennen, um zu sehen, ob Jack und Sylvia gut verschanzt sind? Ich kann vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein.“

„Nein. Geh hinein und finde Colette, und ich gehe.“

„Nein, nein, lass mich gehen, es gibt keine Gefahr.“

„Ich weiß“, antwortete West ruhig; und, während er Braith in die Gasse zog, zeigte er auf die Kellertreppe. Die Eisentür war verriegelt.

„Colette! Colette!“, rief er. Die Tür schwang nach innen, und das Mädchen sprang die Treppe hinauf, um sie zu treffen. In diesem Augenblick gab Braith, als er hinter sich blickte, einen erschrockenen Schrei von sich, und nachdem er die beiden vor sich in den Keller geschoben hatte, sprang er hinter ihnen her und schlug die Eisentür zu. Ein paar Sekunden später erschütterte ein schwerer Schlag von außen die Scharniere.

„Sie sind hier“, murmelte West, sehr blass.

„Diese Tür“, bemerkte Colette ruhig, „wird ewig halten.“

Braith untersuchte die niedrige Eisenkonstruktion, die jetzt unter den Schlägen bebte, die von außen auf sie niedergingen. West sah besorgt zu Colette, die keine Aufregung zeigte, und das beruhigte ihn.

„Ich glaube nicht, dass sie viel Zeit hier verbringen werden“, sagte Braith; „sie durchsuchen Keller wohl nur nach Spirituosen, nehme ich an.“

„Es sei denn, sie hören, dass dort Wertsachen vergraben sind.“

„Aber sicher ist hier nichts vergraben?“, rief Braith unruhig.

„Leider ist es das“, knurrte West. „Dieser geizige Vermieter von mir—“

Ein Krachen von außen, gefolgt von einem Schrei, unterbrach ihn; dann erschütterten Schlag um Schlag die Türen, bis ein scharfer Riss kam, ein Klirren von Metall, und ein dreieckiges Stück Eisen fiel nach innen, wodurch ein Loch entstand, durch das ein Lichtstrahl drang.

Sofort kniete West nieder und feuerte, nachdem er seinen Revolver durch die Öffnung geschoben hatte, jede Patrone ab. Einen Moment lang hallte die Gasse vom Lärm des Revolvers wider, dann folgte absolute Stille.

Gleich darauf fiel ein einzelner, fragender Schlag auf die Tür, und einen Moment später ein weiterer und noch einer, und dann zickzackte plötzlich ein Riss über die Eisenplatte.

„Hier“, sagte West und ergriff Colette am Handgelenk, „du folgst mir, Braith!“ und er rannte schnell auf einen kreisförmigen Lichtfleck am anderen Ende des Kellers zu. Der Lichtfleck kam von einem vergitterten Mannloch oben. West bedeutete Braith, auf seine Schultern zu steigen.

„Stoß es um. Du musst!“

Mit geringer Mühe hob Braith den vergitterten Deckel, kletterte auf dem Bauch hinaus und hob Colette mühelos von Wests Schultern.

„Schnell, alter Junge!“, rief Letzterer.

Braith schlang seine Beine um eine Zaunkette und beugte sich wieder hinab. Der Keller war von einem gelben Licht überflutet, und die Luft roch nach dem Gestank von Petroleumfackeln. Die Eisentür hielt noch immer, aber eine ganze Metallplatte fehlte, und nun, als sie schauten, kam eine Gestalt durchgekrochen, die eine Fackel hielt.

„Schnell!“, flüsterte Braith. „Spring!“ und West hing schwingend da, bis Colette ihn am Kragen packte und er herausgezogen wurde. Dann versagten ihre Nerven und sie weinte hysterisch, aber West legte seinen Arm um sie und führte sie durch die Gärten in die nächste Straße, wo Braith, nachdem er den Mannlochdeckel wieder eingesetzt und ein paar Steinplatten von der Mauer darüber gestapelt hatte, zu ihnen stieß. Es war fast dunkel. Sie eilten durch die Straße, die jetzt nur noch von brennenden Gebäuden oder dem schnellen Glanz der Granaten beleuchtet wurde. Sie machten einen weiten Bogen um die Feuer, sahen aber in der Ferne die huschenden Gestalten der Plünderer zwischen den Trümmern. Manchmal kamen sie an einer vom Trinken wahnsinnigen Furie vorbei, die Flüche auf die Welt schrie, oder an einem schlurfenden Tölpel, dessen geschwärztes Gesicht und Hände seinen Anteil an der Zerstörungsarbeit verrieten. Schließlich erreichten sie die Seine und überquerten die Brücke, und dann sagte Braith: „Ich muss zurück. Ich bin mir wegen Jack und Sylvia nicht sicher.“ Während er sprach, machte er Platz für eine Menge, die über die Brücke und entlang der Flussmauer bei der d’Orsay-Kaserne stampfte. Mitten darin vernahm West den gemessenen Tritt eines Zuges. Eine Laterne zog vorbei, eine Reihe von Bajonetten, dann eine weitere Laterne, die auf ein totenbleiches Gesicht dahinter schimmerte, und Colette keuchte: „Hartman!“, und er war verschwunden. Sie spähten ängstlich über den Bahndamm und hielten den Atem an. Auf dem Kai war ein Schlurfen von Füßen zu hören, und das Tor der Kaserne schlug zu. Eine Laterne leuchtete für einen Moment an der Pforte, die Menge drängte sich an das Gitter, dann kam das Schallen der Salve vom steinernen Exerzierplatz.

Eine nach der anderen flammten die Petroleumfackeln entlang des Bahndamms auf, und nun war der ganze Platz in Bewegung. Von den Champs Elysées herab und über den Place de la Concorde strömten die Überreste der Schlacht, eine Kompanie hier, ein Mob dort. Sie strömten aus jeder Straße, gefolgt von Frauen und Kindern, und ein großes Murmeln, getragen vom eisigen Wind, fegte durch den Arc de Triomphe und die dunkle Allee hinunter: „Perdus! perdus!“

Ein zerlumpter Rest eines Bataillons drängte vorbei, das Gespenst der Vernichtung. West stöhnte. Dann sprang eine Gestalt aus den schattenhaften Reihen hervor und rief Wests Namen, und als er sah, dass es Trent war, schrie er auf. Trent ergriff ihn, bleich vor Entsetzen.

„Sylvia?“

West starrte sprachlos, aber Colette wimmerte: „Oh, Sylvia! Sylvia!—und sie beschießen das Quartier!“

„Trent!“, rief Braith; aber er war weg, und sie konnten ihn nicht einholen.

Das Bombardement hörte auf, als Trent den Boulevard St. Germain überquerte, aber der Eingang zur rue de Seine war durch einen Haufen rauchender Ziegel versperrt. Überall hatten die Granaten große Löcher in das Pflaster gerissen. Das Café war ein Wrack aus Splittern und Glas, der Buchladen schwankte, vom Dach bis zum Keller aufgerissen, und die kleine Bäckerei, längst geschlossen, wölbte sich über einer Masse aus Schiefer und Blech nach außen.

Er kletterte über die dampfenden Ziegel und eilte in die rue de Tournon. An der Ecke brannte ein Feuer, das seine eigene Straße beleuchtete, und an der Ufermauer, unter einer zertrümmerten Gaslaterne, schrieb ein Kind mit einem Stück Asche.

„HIER FIEL DIE ERSTE GRANATE.“

Die Buchstaben starrten ihm ins Gesicht. Der Rattenfänger beendete sein Werk und trat zurück, um es zu betrachten, aber als er Trents Bajonett sah, schrie er auf und floh, und als Trent über die zertrümmerte Straße taumelte, flohen aus Löchern und Ritzen in den Ruinen wilde Frauen von ihrer Plünderarbeit und verfluchten ihn.

Zuerst konnte er sein Haus nicht finden, denn die Tränen blendeten ihn, aber er tastete an der Mauer entlang und erreichte die Tür. Eine Laterne brannte in der Loge des Concierge, und der alte Mann lag tot daneben. Ohnmächtig vor Schreck lehnte er einen Moment auf seinem Gewehr, dann schnappte er sich die Laterne und sprang die Treppe hinauf. Er versuchte zu rufen, aber seine Zunge bewegte sich kaum. Im zweiten Stock sah er Putz auf der Treppe, und im dritten war der Boden aufgerissen und der Concierge lag in einer Blutlache quer über dem Treppenabsatz. Das nächste Stockwerk war seines, ihres. Die Tür hing aus den Angeln, die Wände klafften. Er kroch hinein und sank neben dem Bett nieder, und dort schlangen sich zwei Arme um seinen Hals, und ein tränenüberströmtes Gesicht suchte das seine.

„Sylvia!“

„O Jack! Jack! Jack!“

Vom zerwühlten Kissen neben ihnen wimmerte ein Kind.

„Sie haben es gebracht; es ist meines“, schluchzte sie.

„Unseres“, flüsterte er, mit seinen Armen um sie beide.

Dann kam von der Treppe unter ihnen Braiths besorgte Stimme.

„Trent! Ist alles in Ordnung?“

DIE STRASSE UNSERER LIEBEN FRAU VOM FELDE

„Et tout les jours passés dans la tristesse Nous sont comptés comme des jours heureux!“

I

Die Straße ist nicht modisch, sie ist aber auch nicht schäbig. Sie ist ein Paria unter den Straßen—eine Straße ohne Viertel. Es wird allgemein angenommen, dass sie außerhalb der Grenzen der aristokratischen Avenue de l’Observatoire liegt. Die Studenten des Quartier Montparnasse halten sie für schick und wollen nichts von ihr wissen. Das Quartier Latin, das mit dem Luxembourg seine nördliche Grenze bildet, spottet über ihre Respektabilität und betrachtet die korrekt gekleideten Studenten, die sie aufsuchen, mit Missfallen. Nur wenige Fremde gehen hinein. Manchmal jedoch benutzen die Studenten des Quartier Latin sie als Durchgangsweg zwischen der rue de Rennes und dem Bullier, aber außer dem und den wöchentlichen Nachmittagsbesuchen von Eltern und Vormündern im Kloster nahe der rue Vavin ist die Straße Unserer Lieben Frau vom Felde so ruhig wie ein Boulevard in Passy. Vielleicht liegt der respektabelste Teil zwischen der rue de la Grande Chaumière und der rue Vavin; zumindest war dies die Schlussfolgerung, zu der der Reverend Joel Byram gelangte, als er mit Hastings in seiner Obhut durch sie streifte. Für Hastings sah die Straße bei dem hellen Juniwetter angenehm aus, und er hatte gehofft, sie würde ausgewählt werden, als Reverend Byram heftig vor dem Kreuz am gegenüberliegenden Kloster zurückwich.

„Jesuiten“, murmelte er.

„Nun“, sagte Hastings müde, „ich denke, wir werden nichts Besseres finden. Sie sagen selbst, dass das Laster in Paris triumphiert, und es scheint mir, dass wir in jeder Straße Jesuiten oder Schlimmeres finden.“

Nach einem Moment wiederholte er: „Oder Schlimmeres, was ich natürlich nicht bemerken würde, wenn Sie mich nicht freundlicherweise gewarnt hätten.“

Dr. Byram zog die Lippen ein und sah sich um. Er war von der offensichtlichen Respektabilität der Umgebung beeindruckt. Dann runzelte er die Stirn über das Kloster, nahm Hastings am Arm und schlurfte über die Straße zu einem Eisentor, das die Nummer 201 bis trug, weiß auf blauem Grund gemalt. Darunter befand sich eine auf Englisch gedruckte Notiz:

1. Für den Pförtner bitte einmal drücken. 2. Für das Dienstmädchen bitte zweimal drücken. 3. Für den Salon bitte dreimal drücken.

Hastings drückte dreimal auf den elektrischen Knopf, und sie wurden von einem adretten Dienstmädchen durch den Garten in den Salon geführt. Die Tür zum Esszimmer, gleich daneben, stand offen, und vom Tisch aus, in voller Sicht, erhob sich hastig eine beleibte Frau und kam auf sie zu. Hastings erhaschte einen Blick auf einen jungen Mann mit großem Kopf und einige schnupfende alte Herren beim Frühstück, bevor die Tür zufiel und die beleibte Frau in den Raum watschelte, wobei sie einen Duft von Kaffee und einen schwarzen Pudel mitbrachte.

„Es ees a plaisir to you receive!“, rief sie. „Monsieur is Anglish? No? Americain? Off course. My pension it ees for Americains surtout. Here all spik Angleesh, c’est à dire, ze personnel; ze sairvants do spik, plus ou moins, a little. I am happy to have you comme pensionnaires—“

„Madame“, begann Dr. Byram, wurde aber wieder unterbrochen.

„Ah, yess, I know, ah! mon Dieu! you do not spik Frainch but you have come to lairne! My husband does spik Frainch wiss ze pensionnaires. We have at ze moment a family Americaine who learn of my husband Frainch—“

Hier knurrte der Pudel Dr. Byram an und wurde prompt von seiner Herrin zurechtgewiesen.

„Veux tu!“, rief sie mit einem Klaps, „veux tu! Oh! le vilain, oh! le vilain!“

„Mais, madame“, sagte Hastings lächelnd, „il n’a pas l’air très féroce.“

Der Pudel floh, und seine Herrin rief: „Ah, ze accent charming! He does spik already Frainch like a Parisien young gentleman!“

Dann gelang es Dr. Byram, ein oder zwei Worte einzubringen, und er sammelte mehr oder weniger Informationen bezüglich der Preise.

„It ees a pension serieux; my clientèle ees of ze best, indeed a pension de famille where one ees at ’ome.“

Dann gingen sie nach oben, um Hastings’ zukünftige Räumlichkeiten zu begutachten, die Sprungfedern der Betten zu testen und sich über die wöchentliche Handtuchration zu einigen. Dr. Byram schien zufrieden.

Madame Marotte begleitete sie zur Tür und klingelte nach dem Dienstmädchen, aber als Hastings auf den Kiesweg trat, hielt sein Führer und Mentor einen Moment inne und fixierte Madame mit seinen wässrigen Augen.

„Sie verstehen“, sagte er, „dass er ein Jüngling mit sorgfältigster Erziehung ist und sein Charakter und seine Moral ohne Makel sind. Er ist jung und war noch nie im Ausland, hat noch nie eine große Stadt gesehen, und seine Eltern haben mich als einen alten Familienfreund, der in Paris lebt, gebeten, darauf zu achten, dass er unter guten Einfluss kommt. Er soll Kunst studieren, aber seine Eltern würden unter keinen Umständen wünschen, dass er im Quartier Latin lebt, wenn sie von der dort herrschenden Unmoral wüssten.“

Ein Geräusch wie das Klicken einer Türklinke unterbrach ihn, und er hob die Augen, aber nicht rechtzeitig, um zu sehen, wie das Dienstmädchen den großköpfigen jungen Mann hinter der Salontür ohrfeigte.

Madame hustete, warf einen tödlichen Blick hinter sich und strahlte dann Dr. Byram an.

„It ees well zat he come here. The pension more serious, il n’en existe pas, eet ees not any!“, verkündete sie mit Überzeugung.

Da es also nichts mehr hinzuzufügen gab, schloss sich Dr. Byram Hastings am Tor an.

„Ich vertraue darauf“, sagte er und beäugte das Kloster, „dass Sie keine Bekanntschaften unter Jesuiten machen werden!“

Hastings sah auf das Kloster, bis ein hübsches Mädchen vor der grauen Fassade vorbeiging, und dann sah er sie an. Ein junger Kerl mit Farbkasten und Leinwand kam beschwingt daher, blieb vor dem hübschen Mädchen stehen, sagte etwas während eines kurzen, aber kräftigen Händedrucks, worüber sie beide lachten, und er ging seines Weges und rief zurück: „À demain Valentine!“, während sie im gleichen Atemzug rief: „À demain!“

„Valentine“, dachte Hastings, „was für ein eigenartiger Name“, und er machte sich auf, dem Reverend Joel Byram zu folgen, der zur nächsten Straßenbahnhaltestelle schlurfte.

II

„An’ you are pleas wiz Paris, Monsieur’ Astang?“, erkundigte sich Madame Marotte am nächsten Morgen, als Hastings in den Frühstücksraum der Pension kam, rosig von seinem Eintauchen in das begrenzte Bad oben.

„Ich bin sicher, dass es mir gefallen wird“, antwortete er und wunderte sich über seine eigene gedrückte Stimmung.

Das Dienstmädchen brachte ihm Kaffee und Brötchen. Er erwiderte den leeren Blick des großköpfigen jungen Mannes und nahm die Grüße der schnupfenden alten Herren zurückhaltend zur Kenntnis. Er versuchte nicht, seinen Kaffee auszutrinken, und saß da, ein Brötchen krümelnd, unbewusst der mitleidigen Blicke von Madame Marotte, die taktvoll genug war, ihn nicht zu stören.

Bald darauf trat ein Dienstmädchen mit einem Tablett ein, auf dem zwei Schokoladenschalen balanciert wurden, und die schnupfenden alten Herren warfen lüsterne Blicke auf ihre Knöchel. Das Mädchen stellte die Schokolade auf einem Tisch nahe dem Fenster ab und lächelte Hastings zu. Dann marschierte eine dünne junge Dame, gefolgt von ihrem Ebenbild in allem außer den Jahren, in den Raum und nahm den Tisch beim Fenster ein. Sie waren offensichtlich Amerikanerinnen, doch Hastings, falls er irgendein Zeichen des Wiedererkennens erwartet hatte, wurde enttäuscht. Von Landsleuten ignoriert zu werden, verstärkte seine Niedergeschlagenheit. Er hantierte ungeschickt mit seinem Messer und sah auf seinen Teller.

Die dünne junge Dame war durchaus gesprächig. Sie war sich Hastings’ Anwesenheit wohl bewusst und bereit, sich geschmeichelt zu fühlen, sollte er sie ansehen; andererseits aber spürte sie ihre Überlegenheit, denn sie war seit drei Wochen in Paris, während er, wie leicht zu sehen war, seinen Überseekoffer noch nicht ausgepackt hatte.

Ihre Unterhaltung war selbstgefällig. Sie stritt sich mit ihrer Mutter über die relativen Vorzüge des Louvre und des Bon Marché, doch der Beitrag ihrer Mutter zur Diskussion beschränkte sich zumeist auf die Bemerkung: „Aber Susie!“

Die schnupfenden alten Herren hatten den Raum geschlossen verlassen, äußerlich höflich und innerlich vor Wut schäumend. Sie konnten die Amerikaner nicht ertragen, die den Raum mit ihrem Geplapper füllten.

Der großköpfige junge Mann sah ihnen mit einem wissenden Husten nach und murmelte: „Lustige alte Vögel!“

„Sie sehen aus wie schlimme alte Männer, Mr. Bladen“, sagte das Mädchen.

Darauf lächelte Mr. Bladen und sagte: „Sie hatten ihre Zeit“, in einem Tonfall, der andeutete, dass er nun die seine hatte.

„Und deshalb haben sie alle so verquollene Augen“, rief das Mädchen. „Ich finde, es ist eine Schande für junge Herren—“

„Aber Susie!“, sagte die Mutter, und die Unterhaltung erlahmte.

Nach einer Weile warf Mr. Bladen das Petit Journal hin, das er täglich auf Kosten des Hauses studierte, wandte sich an Hastings und begann, sich gefällig zu machen. Er fing damit an: „Ich sehe, Sie sind Amerikaner.“

Auf diese brillante und originelle Eröffnung antwortete Hastings, der tödliches Heimweh hatte, dankbar, und das Gespräch wurde durch Beobachtungen von Miss Susie Byng, die deutlich an Mr. Bladen gerichtet waren, sachkundig genährt. Im Laufe der Dinge vergaß Miss Susie, sich ausschließlich an Mr. Bladen zu wenden, und da Hastings auf ihre allgemeine Frage antwortete, wurde die *Entente Cordiale* geschlossen, und Susie und ihre Mutter dehnten ein Protektorat über das aus, was eindeutig neutrales Gebiet war.

„Mr. Hastings, Sie dürfen die Pension nicht jeden Abend verlassen wie Mr. Bladen. Paris ist ein schrecklicher Ort für junge Herren, und Mr. Bladen ist ein abscheulicher Zyniker.“

Mr. Bladen sah geschmeichelt aus.

Hastings antwortete: „Ich werde den ganzen Tag im Atelier sein, und ich stelle mir vor, dass ich froh genug sein werde, nachts zurückzukommen.“

Mr. Bladen, der bei einem Gehalt von fünfzehn Dollar die Woche als Vertreter für die Pewly Manufacturing Company aus Troy, N.Y., arbeitete, lächelte ein skeptisches Lächeln und zog sich zurück, um einen Termin mit einem Kunden auf dem Boulevard Magenta wahrzunehmen.

Hastings ging mit Mrs. Byng und Susie in den Garten und setzte sich auf deren Einladung hin in den Schatten vor dem Eisentor.

Die Kastanienbäume trugen noch ihre duftenden rosa und weißen Blütenkerzen, und die Bienen summten in den Rosen, die an dem weiß getünchten Haus emporrankten.

Eine leise Frische lag in der Luft. Die Sprengwagen fuhren die Straße auf und ab, und ein klarer Bach sprudelte über die makellosen Rinnsteine der Rue de la Grande Chaumière. Die Sperlinge waren vergnügt entlang der Bordsteine, nahmen ein Bad nach dem anderen im Wasser und sträubten entzückt ihre Federn. In einem ummauerten Garten gegenüber pfiff ein Amselpaar in den Mandelbäumen.

Hastings schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter, denn der Gesang der Vögel und das Plätschern des Wassers in einem Pariser Rinnstein brachten ihm die sonnigen Wiesen von Millbrook zurück.

„Das ist eine Amsel“, bemerkte Miss Byng; „sehen Sie sie dort auf dem Busch mit den rosa Blüten. Sie ist ganz schwarz bis auf ihren Schnabel, und der sieht aus, als wäre er in ein Omelett getaucht worden, wie irgendein Franzose sagt—“

„Aber Susie!“, sagte Mrs. Byng.

„Dieser Garten gehört zu einem Atelier, das von zwei Amerikanern bewohnt wird“, fuhr das Mädchen gelassen fort, „und ich sehe sie oft vorbeigehen. Sie scheinen eine Menge Modelle zu brauchen, meist jung und weiblich—“

„Aber Susie!“

„Vielleicht malen sie lieber diese Art, aber ich verstehe nicht, warum sie fünf einladen müssen, zusammen mit drei weiteren jungen Herren, und alle steigen in zwei Droschken und fahren singend davon. Diese Straße“, fuhr sie fort, „ist langweilig. Es gibt nichts zu sehen außer dem Garten und einem Blick auf den Boulevard Montparnasse durch die Rue de la Grande Chaumière. Niemand kommt je vorbei außer einem Polizisten. An der Ecke ist ein Kloster.“

„Ich dachte, es sei ein Jesuitenkolleg“, begann Hastings, wurde aber sofort von einer Baedeker-Beschreibung des Ortes überrollt, die mit den Worten endete: „Auf der einen Seite stehen die palastartigen Hotels von Jean Paul Laurens und Guillaume Bouguereau, und gegenüber, in der kleinen Passage Stanislas, malt Carolus Duran die Meisterwerke, die die Welt bezaubern.“

Die Amsel brach in ein Wirbeln goldener, kehliger Töne aus, und von irgendeinem fernen grünen Fleck in der Stadt antwortete ein unbekannter Wildvogel mit einem Rausch flüssiger Triller, bis die Sperlinge in ihren Waschungen innehielten, um mit unruhigen Piepsern aufzublicken.

Dann kam ein Schmetterling, setzte sich auf eine Heliotrop-Dolden und wiegte seine rot gebänderten Flügel im heißen Sonnenschein. Hastings erkannte ihn als Freund, und vor seinen Augen erschien eine Vision von hohen Königskerzen und duftendem Seidenkraut, belebt von bemalten Flügeln, eine Vision von einem weißen Haus und einer mit Geißblatt bedeckten Veranda – ein flüchtiger Blick auf einen Mann, der las, und eine Frau, die sich über das Stiefmütterchenbeet beugte – und sein Herz war voll. Einen Augenblick später wurde er von Miss Byng aufgeschreckt.

„Ich glaube, Sie haben Heimweh!“ Hastings errötete. Miss Byng sah ihn mit einem mitfühlenden Seufzer an und fuhr fort: „Wann immer ich anfangs Heimweh hatte, ging ich mit Mamma spazieren in den Jardin du Luxembourg. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber diese altmodischen Gärten schienen mir die Heimat näher zu bringen als alles andere in dieser künstlichen Stadt.“

„Aber sie sind voller Marmorstatuen“, sagte Mrs. Byng milde; „ich sehe die Ähnlichkeit selbst nicht.“

„Wo ist der Luxembourg?“, erkundigte sich Hastings nach einer Stille.

„Kommen Sie mit mir zum Tor“, sagte Miss Byng. Er erhob sich und folgte ihr, und sie wies auf die Rue Vavin am Ende der Straße.

„Sie gehen rechts am Kloster vorbei“, lächelte sie; und Hastings ging.

III

Der Luxembourg war ein Blumenmeer. Er schritt langsam durch die langen Alleen der Bäume, vorbei an moosbedeckten Marmorstatuen und altertümlichen Säulen, durchquerte den Hain beim bronzenen Löwen und gelangte auf die baumbestandene Terrasse über dem Brunnen. Unter ihm lag das Becken, das im Sonnenlicht glänzte. Blühende Mandelbäume umringten die Terrasse, und in einer größeren Spirale wanden sich Kastanienhaine hinein und heraus und hinunter in das feuchte Dickicht beim westlichen Palastflügel. An einem Ende der Baumallee erhob sich das Observatorium, dessen weiße Kuppeln wie eine orientalische Moschee aufgetürmt waren; am anderen Ende stand der wuchtige Palast, dessen jede Fensterscheibe in der glühenden Junisonne brannte.

Rund um den Brunnen schoben Kinder und weißbemützte Kindermädchen, bewaffnet mit Bambusstöcken, Spielzeugboote, deren Segel schlaff im Sonnenschein hingen. Ein dunkel gekleideter Polizist mit roten Epauletten und einem Degen beobachtete sie eine Weile und ging dann weg, um einen jungen Mann zur Rede zu stellen, der seinen Hund losgebunden hatte. Der Hund war vergnügt damit beschäftigt, sich Gras und Dreck in den Rücken zu reiben, während seine Beine in die Luft ruderten.

Der Polizist deutete auf den Hund. Er war sprachlos vor Empörung.

„Nun, Kapitän“, lächelte der junge Bursche.

„Nun, Herr Student“, knurrte der Polizist.

„Was kommen Sie und beschweren sich bei mir?“

„Wenn Sie ihn nicht anleinen, nehme ich ihn mit“, schrie der Polizist.

„Was geht mich das an, mon capitaine?“

„Wa—s! Ist dieser Bulldogge nicht Ihr?“

„Wenn er es wäre, glauben Sie nicht, ich würde ihn anleinen?“

Der Beamte starrte einen Moment schweigend, beschloss dann, dass er, da er ein Student war, boshaft sein musste, und griff nach dem Hund, der flink auswich. Sie rannten um die Blumenbeete herum, und wenn der Beamte zu nahe für seinen Komfort kam, schnitt die Bulldogge über ein Blumenbeet ab, was vielleicht kein faires Spiel war.

Der junge Mann war amüsiert, und auch der Hund schien die Bewegung zu genießen.

Der Polizist bemerkte dies und beschloss, an die Wurzel des Übels zu schlagen. Er stürmte auf den Studenten zu und sagte: „Als Eigentümer dieses öffentlichen Ärgernisses verhafte ich Sie!“

„Aber“, wandte der andere ein, „ich erkenne den Hund nicht als den meinen an.“

Das war ein Rätsel. Es war zwecklos, den Hund fangen zu wollen, bis drei Gärtner ihre Hilfe anboten, doch dann lief der Hund einfach weg und verschwand in der Rue de Medici.

Der Polizist schlurfte davon, um bei den weißbemützten Kindermädchen Trost zu finden, und der Student, der auf seine Uhr sah, stand auf und gähnte. Dann erblickte er Hastings, lächelte und verneigte sich. Hastings ging lachend zu dem Marmor.

„Aber Clifford“, sagte er, „ich habe dich nicht erkannt.“

„Es ist mein Schnurrbart“, seufzte der andere. „Ich habe ihn geopfert, um einer Laune von – von – einer Freundin nachzugeben. Was hältst du von meinem Hund?“

„Er gehört also dir?“, rief Hastings.

„Natürlich. Es ist eine angenehme Abwechslung für ihn, dieses Fangen-Spielen mit Polizisten, aber er ist jetzt bekannt und ich muss damit aufhören. Er ist nach Hause gegangen. Das tut er immer, wenn die Gärtner eingreifen. Es ist ein Jammer; er liebt es, auf Rasenflächen zu rollen.“ Dann plauderten sie einen Moment über Hastings’ Aussichten, und Clifford bot höflich an, sein Bürge im Atelier zu sein.

„Weißt du, die alte Tante, ich meine Dr. Byram, hat mir von dir erzählt, bevor ich dich traf“, erklärte Clifford, „und Elliott und ich werden froh sein, alles zu tun, was wir können.“ Dann sah er wieder auf seine Uhr und murmelte: „Ich habe genau zehn Minuten, um den Versailles-Zug zu erwischen; au revoir“, und wollte gehen, nahm aber, als er ein Mädchen beim Brunnen erblickte, mit einem verwirrten Lächeln den Hut ab.

„Warum bist du nicht in Versailles?“, sagte sie, mit einer kaum wahrnehmbaren Anerkennung von Hastings’ Anwesenheit.

„Ich – ich gehe gerade“, murmelte Clifford.

Einen Augenblick lang standen sie einander gegenüber, dann stammelte Clifford, sehr rot im Gesicht: „Mit deiner Erlaubnis habe ich die Ehre, dir meinen Freund, Monsieur Hastings, vorzustellen.“

Hastings verneigte sich tief. Sie lächelte sehr süß, doch in der ruhigen Neigung ihres kleinen Pariser Kopfes lag etwas Boshaftes.

„Ich hätte mir gewünscht“, sagte sie, „dass Monsieur Clifford mir mehr Zeit widmen könnte, wenn er einen so charmanten Amerikaner mitbringt.“

„Muss – muss ich gehen, Valentine?“, begann Clifford.

„Natürlich“, antwortete sie.

Clifford verabschiedete sich mit sehr schlechter Anmut und zuckte zusammen, als sie hinzufügte: „Und richte Cécile meine herzlichsten Grüße aus!“ Als er in der Rue d’Assas verschwand, drehte sich das Mädchen um, als wolle sie gehen, besann sich dann aber plötzlich auf Hastings, sah ihn an und schüttelte den Kopf.

„Monsieur Clifford ist so vollkommen leichtsinnig“, lächelte sie, „es ist manchmal peinlich. Sie haben natürlich schon von seinem Erfolg im Salon gehört?“

Er sah verwirrt aus, und sie bemerkte es.

„Sie waren doch im Salon, oder?“

„Nun, nein“, antwortete er, „ich bin erst vor drei Tagen in Paris angekommen.“

Sie schien seiner Erklärung wenig Beachtung zu schenken, fuhr aber fort: „Niemand hätte gedacht, dass er die Energie hätte, etwas Gutes zu leisten, aber am Firnistag war der Salon erstaunt über das Erscheinen von Monsieur Clifford, der mit einer Orchidee im Knopfloch und einem wunderschönen Bild an der privilegierten Linie so sanftmütig wie Sie belieben umherflanierte.“

Sie lächelte in sich hinein bei der Erinnerung und sah auf den Brunnen.

„Monsieur Bouguereau sagte mir, Monsieur Julian sei so erstaunt gewesen, dass er Monsieur Clifford nur benommen die Hand schüttelte und tatsächlich vergaß, ihm auf die Schulter zu klopfen! Stellen Sie sich vor“, fuhr sie mit viel Heiterkeit fort, „stellen Sie sich vor, Papa Julian vergisst, jemanden auf die Schulter zu klopfen.“

Hastings, der sich über ihre Bekanntschaft mit dem großen Bouguereau wunderte, sah sie respektvoll an. „Darf ich fragen“, sagte er verlegen, „ob Sie eine Schülerin von Bouguereau sind?“

„Ich?“, sagte sie etwas überrascht. Dann sah sie ihn neugierig an. Erlaubte er sich etwa die Freiheit, bei so kurzer Bekanntschaft zu scherzen?

Sein freundliches, ernstes Gesicht hinterfragte das ihre.

„Tiens“, dachte sie, „was für ein komischer Mann!“

„Sie studieren sicher Kunst?“, sagte er.

Sie lehnte sich an den krummen Stock ihres Sonnenschirms und betrachtete ihn. „Warum glauben Sie das?“

„Weil Sie so sprechen, als ob Sie es täten.“

„Sie machen sich über mich lustig“, sagte sie, „und das ist nicht sehr geschmackvoll.“

Sie hielt inne, verwirrt, als er bis an die Haarwurzeln errötete.

„Wie lange sind Sie schon in Paris?“, sagte sie schließlich.

„Drei Tage“, antwortete er ernst.

„Aber – aber – Sie sind sicher kein *Nouveau*! Sie sprechen Französisch zu gut!“

Dann nach einer Pause: „Sind Sie wirklich ein *Nouveau*?“

„Das bin ich“, sagte er.

Sie setzte sich auf die Marmorbank, die kurz zuvor von Clifford belegt war, neigte ihren Sonnenschirm über ihren kleinen Kopf und sah ihn an.

„Ich glaube es nicht.“

Er spürte das Kompliment und zögerte einen Moment, sich als einer der Verachteten zu bekennen. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und erzählte ihr, wie neu und unerfahren er war, und das alles mit einer Offenheit, die ihre blauen Augen sehr weit werden ließ und ihre Lippen sich in das süßeste Lächeln teilen ließ.

„Sie haben noch nie ein Atelier gesehen?“

„Niemals.“

„Und kein Modell?“

„Nein.“

„Wie lustig“, sagte sie feierlich. Dann lachten beide.

„Und Sie“, sagte er, „haben Ateliers gesehen?“

„Hunderte.“

„Und Modelle?“

„Millionen.“

„Und Sie kennen Bouguereau?“

„Ja, und Henner, und Constant und Laurens, und Puvis de Chavannes und Dagnan und Courtois, und – und all die anderen!“

„Und doch sagen Sie, Sie seien keine Künstlerin.“

„Pardon“, sagte sie ernst, „habe ich gesagt, dass ich es nicht wäre?“

„Wollen Sie es mir nicht verraten?“, zögerte er.

Zuerst sah sie ihn an, schüttelte den Kopf und lächelte, dann senkten sich plötzlich ihre Augen und sie begann, mit ihrem Sonnenschirm Figuren in den Kies zu ihren Füßen zu zeichnen. Hastings hatte auf dem Sitz Platz genommen und saß nun, die Ellbogen auf den Knien, und beobachtete die Gischt, die über den Brunnenstrahl trieb. Ein kleiner Junge, als Matrose gekleidet, stand da, stieß seine Yacht an und rief: „Ich gehe nicht nach Hause! Ich gehe nicht nach Hause!“ Seine Pflegerin hob die Hände zum Himmel.

„Genau wie ein kleiner amerikanischer Junge“, dachte Hastings, und ein Stich von Heimweh durchfuhr ihn.

Bald darauf fing die Pflegerin das Boot ein, und der kleine Junge stellte sich zum Widerstand.

„Monsieur René, wenn Sie sich entscheiden, hierher zu kommen, können Sie Ihr Boot haben.“

Der Junge wich finster dreinblickend zurück.

„Geben Sie mir mein Boot, sage ich“, schrie er, „und nennen Sie mich nicht René, denn mein Name ist Randall und das wissen Sie!“

„Hallo!“, sagte Hastings, „Randall? – das ist Englisch.“

„Ich bin Amerikaner“, verkündete der Junge in vollkommen gutem Englisch und wandte sich Hastings zu, „und sie ist so eine Närrin, dass sie mich René nennt, weil Mamma mich Ranny nennt –“

Hier wich er der aufgebrachten Pflegerin aus und bezog Stellung hinter Hastings, der lachte, ihn um die Taille fasste und auf seinen Schoß hob.

„Einer meiner Landsleute“, sagte er zu dem Mädchen neben sich. Er lächelte, während er sprach, doch in seinem Hals spürte er ein seltsames Gefühl.

„Sehen Sie nicht die Sterne und Streifen auf meiner Yacht?“, verlangte Randall. Tatsächlich hingen die amerikanischen Farben schlaff unter dem Arm der Pflegerin.

„Oh“, rief das Mädchen, „er ist bezaubernd“, und bückte sich impulsiv, um ihn zu küssen, doch der kleine Randall wand sich aus Hastings’ Armen, und seine Pflegerin stürzte sich mit einem zornigen Blick auf das Mädchen auf ihn.

Sie errötete und biss sich dann auf die Lippen, als die Pflegerin, deren Augen weiterhin auf sie gerichtet waren, das Kind wegzog und demonstrativ dessen Lippen mit ihrem Taschentuch abwischte.

Dann stahl sie einen Blick zu Hastings und biss sich erneut auf die Lippe.

„Was für eine übellaunige Frau!“, sagte er. „In Amerika fühlen sich die meisten Kindermädchen geschmeichelt, wenn Leute ihre Kinder küssen.“

Einen Augenblick lang neigte sie den Sonnenschirm, um ihr Gesicht zu verbergen, dann schloss sie ihn mit einem Ruck und sah ihn herausfordernd an.

„Finden Sie es seltsam, dass sie Einwände erhob?“

„Warum nicht?“, sagte er überrascht.

Wieder sah sie ihn mit schnellen, forschenden Augen an.

Seine Augen waren klar und hell, und er lächelte zurück und wiederholte: „Warum nicht?“

„Sie sind drollig“, murmelte sie und senkte den Kopf.

„Warum?“

Doch sie gab keine Antwort und saß schweigend da, während sie mit ihrem Sonnenschirm Kurven und Kreise in den Staub zeichnete. Nach einer Weile sagte er: „Ich freue mich zu sehen, dass junge Leute hier so viel Freiheit haben. Ich hatte verstanden, dass die Franzosen ganz anders seien als wir. Wissen Sie, in Amerika – oder zumindest dort, wo ich in Milbrook lebe, haben Mädchen jede Freiheit – gehen allein aus und empfangen ihre Freunde allein, und ich hatte Angst, dass ich das hier vermissen würde. Aber ich sehe jetzt, wie es ist, und ich bin froh, dass ich mich geirrt habe.“

Sie erhob ihre Augen zu seinen und hielt sie dort fest.

Er fuhr angenehm fort: „Seit ich hier sitze, habe ich viele hübsche Mädchen gesehen, die allein auf der Terrasse dort spazieren gehen – und dann sind Sie auch allein. Sagen Sie mir, denn ich kenne die französischen Sitten nicht – haben Sie die Freiheit, ohne Anstandsdame ins Theater zu gehen?“

Lange studierte sie sein Gesicht, dann sagte sie mit einem zitternden Lächeln: „Warum fragen Sie mich das?“

„Weil Sie es natürlich wissen müssen“, sagte er heiter.

„Ja“, antwortete sie gleichgültig, „ich weiß es.“

Er wartete auf eine Antwort, aber da er keine erhielt, beschloss er, dass sie ihn vielleicht missverstanden hatte.

„Ich hoffe, Sie glauben nicht, dass ich beabsichtige, mich auf unsere kurze Bekanntschaft zu stützen“, begann er – „tatsächlich ist es sehr seltsam, aber ich kenne Ihren Namen nicht. Als Mr. Clifford mich vorstellte, erwähnte er nur meinen. Ist das Sitte in Frankreich?“

„Es ist Sitte im Quartier Latin“, sagte sie mit einem seltsamen Leuchten in den Augen. Dann begann sie plötzlich fast fieberhaft zu sprechen.

„Sie müssen wissen, Monsieur Hastings, dass wir hier im Quartier Latin alle *un peu sans gêne* sind. Wir sind sehr boheme, und Etikette und Zeremoniell sind hier fehl am Platz. Nur deshalb hat Monsieur Clifford Sie mir mit wenig Zeremoniell vorgestellt und uns mit noch weniger zurückgelassen – nur deshalb, und ich bin seine Freundin, und ich habe viele Freunde im Quartier Latin, und wir kennen uns alle sehr gut – und ich studiere keine Kunst, sondern – sondern –“

„Sondern was?“, sagte er verwirrt.

„Das werde ich Ihnen nicht verraten – es ist ein Geheimnis“, sagte sie mit einem unsicheren Lächeln. Auf beiden Wangen brannte ein rosa Fleck, und ihre Augen waren sehr hell.

Dann wurde ihr Gesicht einen Moment später ernst. „Kennen Sie Monsieur Clifford sehr vertraut?“

„Nicht sehr.“

Nach einer Weile wandte sie sich ihm zu, ernst und ein wenig blass.

„Mein Name ist Valentine – Valentine Tissot. Dürfte – dürfte ich Sie um einen Dienst bitten, bei solch sehr kurzer Bekanntschaft?“

„Oh“, rief er, „ich würde mich geehrt fühlen.“

„Es ist nur dies“, sagte sie sanft, „es ist nicht viel. Versprechen Sie mir, nicht mit Monsieur Clifford über mich zu sprechen. Versprechen Sie mir, dass Sie mit niemandem über mich sprechen werden.“

„Ich verspreche es“, sagte er, sehr verwirrt.

Sie lachte nervös. „Ich möchte ein Geheimnis bleiben. Es ist eine Laune.“

„Aber“, begann er, „ich hatte mir gewünscht, ich hatte gehofft, Sie könnten Monsieur Clifford die Erlaubnis geben, mich mitzubringen, mich bei Ihnen zu Hause vorzustellen.“

„Mein – mein Haus!“, wiederholte sie.

„Ich meine, wo Sie wohnen, kurz gesagt, mich Ihrer Familie vorzustellen.“

Die Veränderung im Gesicht des Mädchens schockierte ihn.

„Ich bitte um Verzeihung“, rief er, „ich habe Sie verletzt.“

Und so schnell wie ein Blitz verstand sie ihn, weil sie eine Frau war.

„Meine Eltern sind tot“, sagte sie.

Bald darauf begann er wieder, sehr sanft.

„Würde es Sie missfallen, wenn ich Sie bitte, mich zu empfangen? Ist das Sitte?“

„Ich kann nicht“, antwortete sie. Dann blickte sie zu ihm auf: „Es tut mir leid; ich würde es gerne; aber glauben Sie mir, ich kann nicht.“

Er verneigte sich ernst und sah vage unbehaglich aus.

„Es liegt nicht daran, dass ich nicht wollte. Ich – ich mag Sie; Sie sind sehr freundlich zu mir.“

„Freundlich?“, rief er, überrascht und verwirrt.

„Ich mag Sie“, sagte sie langsam, „und wir werden uns manchmal sehen, wenn Sie wollen.“

„Bei Freunden zu Hause.“

„Nein, nicht bei Freunden zu Hause.“

„Wo dann?“

„Hier“, sagte sie mit herausfordernden Augen.

„Warum“, rief er, „in Paris sind Sie in Ihren Ansichten viel liberaler als wir.“

Sie sah ihn neugierig an.

„Ja, wir sind sehr boheme.“

„Ich finde es charmant“, erklärte er.

„Sie sehen, wir werden uns in der besten Gesellschaft befinden“, wagte sie schüchtern mit einer hübschen Geste in Richtung der Statuen der toten Königinnen, die in stattlichen Reihen über der Terrasse standen.

Er sah sie entzückt an, und sie strahlte auf beim Erfolg ihrer unschuldigen kleinen Neckerei.

„In der Tat“, lächelte sie, „ich werde gut chaperoniert sein, denn Sie sehen, wir stehen unter dem Schutz der Götter selbst; schauen Sie, dort sind Apollo, Juno und Venus auf ihren Sockeln“, wobei sie diese an ihren kleinen, behandschuhten Fingern abzählte, „und Ceres, Hercules, und – aber den kann ich nicht ausmachen –“

Hastings drehte sich um, um zu dem geflügelten Gott aufzublicken, in dessen Schatten sie saßen.

„Nun, das ist Amor“, sagte er.

IV

„Es ist ein Nouveau hier“, zog Laffat das Wort in die Länge, während er sich um seine Staffelei lehnte und seinen Freund Bowles ansprach, „es ist ein Nouveau hier, der so zart und grün und appetitlich ist, dass der Himmel ihm beistehen möge, sollte er in eine Salatschüssel fallen.“

„Ein Landei?“, erkundigte sich Bowles, der mit einem abgebrochenen Palettenmesser einen Hintergrund zuspachtelte und das Ergebnis mit einem anerkennenden Zukneifen der Augen musterte.

„Ja, Squeedunk oder Oshkosh, und wie er jemals zwischen den Gänseblümchen aufgewachsen ist und den Kühen entkommen konnte, weiß allein der Himmel!“

Bowles rieb mit dem Daumen über die Umrisse seiner Studie, um, wie er sagte, „ein wenig Atmosphäre hineinzubringen“, funkelte das Modell an, zog an seiner Pfeife und, da diese ausgegangen war, strich er ein Streichholz am Rücken seines Nachbarn an, um sie wieder anzuzünden.

„Sein Name“, fuhr Laffat fort und schleuderte ein Stück Brot nach dem Hutständer, „sein Name ist Hastings. Er ist ein Früchtchen. Er weiß nicht mehr über die Welt“ – und hier sprach das Gesicht von Mr. Laffat Bände über sein eigenes Wissen von jenem Planeten –, „als eine junge Katze bei ihrem ersten Spaziergang im Mondschein.“

Da es Bowles nun gelungen war, seine Pfeife anzuzünden, wiederholte er den Daumengriff am anderen Rand der Studie und sagte: „Ah!“

„Ja“, fuhr sein Freund fort, „und würden Sie es glauben, er scheint zu denken, dass hier alles so zugeht wie auf seiner verfluchten kleinen Farm in der Wildnis zu Hause; redet über die hübschen Mädchen, die allein auf der Straße spazieren gehen; sagt, wie vernünftig das sei; und wie französische Eltern in Amerika falsch dargestellt würden; sagt, dass er für seinen Teil französische Mädchen – und er gestand, nur eines zu kennen – genauso fröhlich finde wie amerikanische. Ich habe versucht, ihn aufzuklären, ihm einen Hinweis zu geben, welche Art von Damen allein oder in Begleitung von Studenten herumlaufen, und er war entweder zu dumm oder zu unschuldig, um es zu begreifen. Dann habe ich es ihm direkt gesagt, und er nannte mich einen niederträchtigen Narren und marschierte davon.“

„Haben Sie ihm mit Ihrem Schuh nachgeholfen?“, erkundigte sich Bowles, der nur mattes Interesse zeigte.

„Nun, nein.“

„Er nannte Sie einen niederträchtigen Narren.“

„Er hatte recht“, sagte Clifford von seiner Staffelei vorne.

„Was – was soll das heißen?“, verlangte Laffat zu wissen und wurde rot.

„Das“, erwiderte Clifford.

„Wer hat mit dir gesprochen? Geht dich das etwas an?“, höhnte Bowles, verlor aber fast das Gleichgewicht, als Clifford herumschwang und ihn fixierte.

„Ja“, sagte er langsam, „das geht mich etwas an.“

Eine Zeit lang sprach niemand.

Dann rief Clifford: „He, Hastings!“

Und als Hastings seine Staffelei verließ und herüberkam, nickte er in Richtung des verdutzten Laffat.

„Dieser Mann war unangenehm zu Ihnen, und ich möchte Ihnen sagen, dass ich, wann immer Sie Lust verspüren, ihn zu treten, die andere Kreatur festhalten werde.“

Hastings, verlegen, sagte: „Ach nein, ich stimme nur seinen Ansichten nicht zu, weiter nichts.“

Clifford sagte „Natürlich“ und, indem er seinen Arm in den von Hastings einhakte, schlenderte er mit ihm umher und stellte ihn mehreren seiner eigenen Freunde vor, woraufhin alle Nouveaux vor Neid die Augen aufrissen und das Atelier zu verstehen bekam, dass Hastings, obwohl bereit, als neuester Nouveau niedere Arbeiten zu verrichten, bereits zum engsten Kreis der Alten gehörte – respektiert und gefürchtet, den wahrhaft Großen.

Der Rest war beendet, das Modell nahm seinen Platz wieder ein, und die Arbeit ging weiter unter einem Chor aus Gesängen und Schreien und jedem ohrenbetäubenden Lärm, den der Kunststudent von sich gibt, wenn er das Schöne studiert.

Es schlug fünf Uhr – das Modell gähnte, streckte sich und stieg in seine Hose, und der lärmende Inhalt von sechs Ateliers drängte durch den Flur hinunter auf die Straße. Zehn Minuten später fand sich Hastings auf dem Dach einer Montrouge-Straßenbahn wieder, und kurz darauf gesellte sich Clifford zu ihm.

Sie stiegen in der Rue Gay-Lussac aus.

„Ich steige immer hier aus“, bemerkte Clifford, „ich mag den Spaziergang durch den Luxembourg.“

„Übrigens“, sagte Hastings, „wie kann ich Sie besuchen, wenn ich nicht weiß, wo Sie wohnen?“

„Nun, ich wohne Ihnen gegenüber.“

„Was – das Atelier im Garten, wo die Mandelbäume sind und die Amseln –“

„Genau“, sagte Clifford. „Ich bin bei meinem Freund Elliott.“

Hastings dachte an die Beschreibung der beiden amerikanischen Künstler, die er von Miss Susie Byng gehört hatte, und blickte verständnislos drein.

Clifford fuhr fort: „Vielleicht lassen Sie es mich besser wissen, wenn Sie vorhaben zu kommen, damit – damit ich sicher sein kann, dass – dass ich da bin“, endete er ziemlich unbeholfen.

„Ich würde dort nicht gerne irgendwelche Ihrer Modell-Freunde treffen“, sagte Hastings lächelnd. „Wissen Sie – meine Vorstellungen sind ziemlich engstirnig – ich nehme an, Sie würden sagen, puritanisch. Ich würde es nicht genießen und wüsste nicht, wie ich mich benehmen sollte.“

„Oh, ich verstehe“, sagte Clifford, fügte aber mit großer Herzlichkeit hinzu: „Ich bin sicher, wir werden Freunde sein, auch wenn Sie mich und meinen Kreis vielleicht nicht billigen, aber Sie werden Severn und Selby mögen, weil – weil sie, nun, sie sind wie Sie selbst, alter Junge.“

Nach einem Moment fuhr er fort: „Es gibt etwas, worüber ich sprechen möchte. Wissen Sie, als ich Sie letzte Woche im Luxembourg Valentine vorgestellt habe –“

„Kein Wort!“, rief Hastings lächelnd; „Sie dürfen mir kein Wort von ihr sagen!“

„Warum –“

„Nein – kein Wort!“, sagte er heiter. „Ich bestehe darauf – versprechen Sie mir auf Ihre Ehre, dass Sie nicht von ihr sprechen werden, bis ich Ihnen die Erlaubnis gebe; versprechen Sie es!“

„Ich verspreche es“, sagte Clifford erstaunt.

„Sie ist ein bezauberndes Mädchen – wir hatten ein so entzückendes Gespräch, nachdem Sie gegangen waren, und ich danke Ihnen für die Vorstellung, aber kein weiteres Wort über sie, bis ich Ihnen die Erlaubnis gebe.“

„Oh“, murmelte Clifford.

„Denken Sie an Ihr Versprechen“, lächelte er, als er in seinen Hauseingang einbog.

Clifford schlenderte über die Straße und betrat, den efeubewachsenen Pfad durchquerend, seinen Garten.

Er tastete nach seinem Atelierschlüssel und murmelte: „Ich frage mich – ich frage mich – aber natürlich tut er es nicht!“

Er betrat den Flur, steckte den Schlüssel ins Schloss und starrte auf die beiden Karten, die über den Türfüllungen angebracht waren.

+---------------------------+ | FOXHALL CLIFFORD | +---------------------------+

+---------------------------+ | RICHARD OSBORNE ELLIOTT | +---------------------------+

„Warum zum Teufel will er nicht, dass ich von ihr spreche?“

Er öffnete die Tür und sank, die Liebkosungen zweier gestromter Bulldoggen abwehrend, auf das Sofa.

Elliott saß am Fenster, rauchte und skizzierte mit einem Stück Holzkohle.

„Hallo“, sagte er, ohne sich umzusehen.

Clifford starrte geistesabwesend auf dessen Hinterkopf und murmelte: „Ich fürchte, ich fürchte, der Mann ist zu unschuldig. Sag mal, Elliott“, sagte er schließlich, „Hastings – du weißt schon, der Kerl, von dem die alte Tabby Byram uns hier erzählen kam – an dem Tag, als du Colette im Schrank verstecken musstest –“

„Ja, was ist los?“

„Oh, nichts. Er ist ein Prachtkerl.“

„Ja“, sagte Elliott ohne Begeisterung.

„Findest du nicht?“, verlangte Clifford.

„Nun ja, aber er wird eine schwere Zeit haben, wenn einige seiner Illusionen zerstört werden.“

„Umso schlimmer für diejenigen, die sie zerstören!“

„Ja – warte nur, bis er uns einen Besuch abstattet, natürlich unerwartet –“

Clifford sah tugendhaft aus und zündete sich eine Zigarre an.

„Ich wollte nur sagen“, bemerkte er, „dass ich ihn gebeten habe, nicht zu kommen, ohne uns Bescheid zu sagen, damit ich eine etwaige Orgie, die du geplant haben magst, verschieben kann –“

„Ah!“, rief Elliott entrüstet, „ich nehme an, du hast es ihm so gesagt.“

„Nicht genau“, grinste Clifford. Dann ernster: „Ich will nicht, dass hier irgendetwas passiert, das ihn stört. Er ist ein Prachtkerl, und es ist schade, dass wir nicht mehr wie er sein können.“

„Ich bin es“, bemerkte Elliott selbstgefällig, „nur dass ich mit dir zusammenlebe –“

„Hör zu!“, rief der andere. „Ich habe es geschafft, mich gewaltig in die Nesseln zu setzen. Weißt du, was ich getan habe? Nun – als ich ihn das erste Mal auf der Straße traf – oder vielmehr war es im Luxembourg –, habe ich ihn Valentine vorgestellt!“

„Hatte er etwas dagegen?“

„Glaub mir“, sagte Clifford feierlich, „dieser rustikale Hastings hat nicht mehr die Ahnung, dass Valentine – ist – nun, tatsächlich Valentine ist, als dass er selbst ein schönes Beispiel für moralischen Anstand in einem Viertel ist, in dem Moral so selten ist wie Elefanten. Ich habe in einem Gespräch zwischen diesem Schurken Loffat und dem kleinen unmoralischen Eruption-Wesen, Bowles, genug gehört, um meine Augen zu öffnen. Ich sage dir, Hastings ist ein Trumpf! Er ist ein gesunder, anständig denkender junger Kerl, in einem kleinen Dorf auf dem Land aufgewachsen, erzogen mit der Vorstellung, dass Kneipen Zwischenstationen zur Hölle sind – und was Frauen angeht –“

„Nun?“, verlangte Elliott.

„Nun“, sagte Clifford, „seine Vorstellung von einer gefährlichen Frau ist wahrscheinlich eine geschminkte Isebel.“

„Wahrscheinlich“, antwortete der andere.

„Er ist ein Trumpf!“, sagte Clifford, „und wenn er schwört, die Welt sei so gut und rein wie sein eigenes Herz, werde ich schwören, dass er recht hat.“

Elliott rieb seine Holzkohle an seiner Feile, um eine Spitze zu erhalten, und wandte sich seinem Entwurf zu, mit den Worten: „Er wird niemals irgendeinen Pessimismus von Richard Osborne E. hören.“

„Er ist eine Lektion für mich“, sagte Clifford. Dann entfaltete er einen kleinen parfümierten Brief, der auf rosenfarbenem Papier geschrieben war und vor ihm auf dem Tisch gelegen hatte.

Er las ihn, lächelte, pfiff einen oder zwei Takte aus „Miss Helyett“ und setzte sich, um auf seinem besten cremefarbenen Briefpapier zu antworten. Als er geschrieben und versiegelt war, nahm er seinen Spazierstock und marschierte pfeifend zwei- oder dreimal im Atelier auf und ab.

„Gehst du aus?“, erkundigte sich der andere, ohne sich umzudrehen.

„Ja“, sagte er, verweilte aber einen Moment hinter Elliotts Schulter und beobachtete, wie dieser die Lichter in seiner Skizze mit einem Stück Brot herausholte.

„Morgen ist Sonntag“, bemerkte er nach einem Moment des Schweigens.

„Nun?“, erkundigte sich Elliott.

„Hast du Colette gesehen?“

„Nein, werde ich heute Abend. Sie und Rowden und Jacqueline kommen zu Boulant. Ich nehme an, du und Cécile werdet da sein?“

„Nun, nein“, antwortete Clifford. „Cécile speist heute Abend zu Hause, und ich – ich hatte die Idee, zu Mignon zu gehen.“

Elliott sah ihn missbilligend an.

„Du kannst alle Vorkehrungen für La Roche ohne mich treffen“, fuhr er fort und wich Elliotts Blick aus.

„Was führst du jetzt wieder im Schilde?“

„Nichts“, protestierte Clifford.

„Erzähl mir nichts“, entgegnete sein Kumpel voller Hohn; „Kerle rennen nicht zu Mignon, wenn der Kreis bei Boulant speist. Wer ist es diesmal? – aber nein, das frage ich nicht – was nützt es!“ Dann erhob er seine Stimme in Beschwerde und trommelte mit seiner Pfeife auf den Tisch. „Was nützt es, zu versuchen, den Überblick über dich zu behalten? Was wird Cécile sagen – oh ja, was wird sie sagen? Es ist eine Schande, dass du nicht zwei Monate lang beständig sein kannst, ja, beim Jupiter! Und das Viertel ist nachsichtig, aber du missbrauchst seine Gutmütigkeit und meine auch!“

Bald darauf stand er auf, rammte sich den Hut auf den Kopf und marschierte zur Tür.

„Der Himmel allein weiß, warum irgendjemand deine Mätzchen erträgt, aber alle tun es, und ich auch. Wenn ich Cécile wäre oder irgendeine der anderen hübschen Närrinnen, denen du nachgetrottet bist und denen du aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach weiter nachtrotten wirst, ich sage, wenn ich Cécile wäre, würde ich dich versohlen! Jetzt gehe ich zu Boulant, und wie üblich werde ich Ausreden für dich erfinden und die Angelegenheit regeln, und es ist mir völlig egal, wo du hingehst, aber, beim Totenschädel des Atelier-Skeletts! Wenn du morgen nicht mit deinem Skizzenkoffer unter dem einen Arm und Cécile unter dem anderen auftauchst – wenn du nicht in gutem Zustand auftauchst, bin ich mit dir fertig, und die anderen können denken, was sie wollen. Gute Nacht.“

Clifford sagte gute Nacht mit einem so angenehmen Lächeln, wie er nur konnte, und saß dann mit den Augen auf der Tür. Er nahm seine Uhr heraus und gab Elliott zehn Minuten, um zu verschwinden, dann läutete er den Concierge-Ruf und murmelte: „Ach Gott, ach Gott, warum zum Teufel tue ich das?“

„Alfred“, sagte er, als diese Person mit den stechenden Augen auf den Ruf antwortete, „mach dich sauber und ordentlich, Alfred, und tausche deine Holzschuhe gegen ein Paar Schuhe. Dann zieh deinen besten Hut auf und bring diesen Brief zu dem großen weißen Haus in der Rue de Dragon. Es gibt keine Antwort, mon petit Alfred.“

Der Concierge ging mit einem Schnauben davon, in dem sich Unwillen für den Botengang und Zuneigung für M. Clifford mischten. Dann kleidete sich der junge Mann mit großer Sorgfalt in all die Schönheiten seiner und Elliotts Garderobe. Er ließ sich Zeit dabei und unterbrach seine Toilette gelegentlich, um auf seinem Banjo zu spielen oder den Bulldoggen eine angenehme Abwechslung zu bieten, indem er auf allen Vieren mit ihnen herumtollte. „Ich habe zwei Stunden vor mir“, dachte er und lieh sich ein Paar von Elliotts seidenen Fußbekleidungen, mit denen er und die Hunde Ball spielten, bis er beschloss, sie anzuziehen. Dann zündete er sich eine Zigarette an und begutachtete seinen Frack. Als er ihn von vier Taschentüchern, einem Fächer und einem Paar zerknitterter Handschuhe, die so lang waren wie sein Arm, geleert hatte, entschied er, dass er nicht dazu geeignet war, seinen Reizen Glanz zu verleihen, und überlegte, was er als Ersatz nehmen könnte. Elliott war zu dünn, und sowieso waren seine Mäntel nun unter Verschluss. Rowden war wahrscheinlich genauso arm dran wie er selbst. Hastings! Hastings war der Mann! Aber als er sich einen Smoking überwarf und zu Hastings’ Haus schlenderte, wurde ihm mitgeteilt, dass dieser schon seit über einer Stunde fort sei.

„Wo um alles in der Welt kann er nur hingegangen sein!“, murmelte Clifford und blickte die Straße hinunter.

Das Dienstmädchen wusste es nicht, also schenkte er ihr ein faszinierendes Lächeln und schlenderte zurück zum Atelier.

Hastings war nicht weit weg. Der Luxembourg ist nur fünf Minuten Fußweg von der Rue Notre Dame des Champs entfernt, und dort saß er im Schatten eines geflügelten Gottes, und dort hatte er eine Stunde lang gesessen, Löcher in den Staub gepiekst und die Stufen beobachtet, die von der nördlichen Terrasse zum Brunnen führen. Die Sonne hing wie ein purpurner Globus über den nebligen Hügeln von Meudon. Lange, rosenfarben getönte Wolkenstreifen zogen tief am westlichen Himmel, und die Kuppel des fernen Invalides brannte wie ein Opal durch den Dunst. Hinter dem Palast stieg der Rauch aus einem hohen Schornstein gerade in die Luft, purpurn, bis er die Sonne kreuzte, wo er sich in einen Streifen glühenden Feuers verwandelte. Hoch über dem sich verdunkelnden Laub der Kastanien erhoben sich die Zwillingstürme von St. Sulpice als eine immer dunkler werdende Silhouette.

Eine schläfrige Amsel trillerte in einem nahen Gebüsch, und Tauben flogen mit dem Flüstern weicher Winde in ihren Flügeln vorbei. Das Licht auf den Fenstern des Palastes war erloschen, und die Kuppel des Pantheons schwebte leuchtend über der nördlichen Terrasse, ein feuriges Walhall am Himmel; während unten in grimmiger Aufstellung, entlang der Terrasse gereiht, die Marmorreihen der Königinnen in den Westen blickten.

Vom Ende des langen Weges an der Nordfassade des Palastes kam der Lärm der Omnibusse und das Rufen der Straße. Hastings sah auf die Palastuhr. Sechs, und da seine eigene Uhr damit übereinstimmte, fing er wieder an, Löcher in den Kies zu pieksen. Ein ständiger Strom von Menschen zog zwischen dem Odéon und dem Brunnen vorbei. Priester in Schwarz mit silberbeschlagenen Schuhen; Liniensoldaten, schlampig und liederlich; adrette Mädchen ohne Hüte, die Hutschachteln trugen, Studenten mit schwarzen Mappen und hohen Hüten, Studenten mit Bérets und großen Stöcken, nervöse, schnellfüßige Offiziere, Symphonien in Türkis und Silber; schwerfällige, klirrende Kavalleristen, ganz staubbedeckt, Bäckerjungen, die mit völliger Missachtung der Sicherheit des Korbes, der auf dem schelmischen Kopf balancierte, dahinhüpften, und dann der magere Ausgestoßene, der schlurfende Pariser Landstreicher, mit gebeugten Schultern und kleinen Augen, die verstohlen den Boden nach den Abfällen der Raucher absuchten; – all diese bewegten sich in einem stetigen Strom über den Brunnenkreis und hinaus in die Stadt durch das Odeon, dessen lange Arkaden nun begannen, von Gasflammen zu flackern. Die melancholischen Glocken von St. Sulpice schlugen die Stunde und der Uhrturm des Palastes erleuchtete sich. Dann ertönten hastige Schritte auf dem Kies und Hastings hob den Kopf.

„Wie spät Sie sind“, sagte er, aber seine Stimme war rau und nur sein gerötetes Gesicht verriet, wie lang das Warten erschienen war.

Sie sagte: „Ich wurde aufgehalten – tatsächlich, ich war so sehr verärgert – und – und ich darf nur einen Augenblick bleiben.“

Sie setzte sich neben ihn und warf einen verstohlenen Blick über ihre Schulter auf den Gott auf seinem Sockel.

„Was für ein Ärgernis, dass dieser aufdringliche Cupido immer noch da ist?“

„Flügel und Pfeile auch noch“, sagte Hastings, ohne ihre Bewegung, sich zu setzen, zu beachten.

„Flügel“, murmelte sie, „oh ja – um damit davonzufliegen, wenn er seines Spiels überdrüssig ist. Natürlich war es ein Mann, der die Idee mit den Flügeln hatte, sonst wäre Cupido unerträglich gewesen.“

„Glauben Sie?“

„Ma foi, das ist es, was Männer denken.“

„Und Frauen?“

„Oh“, sagte sie mit einem Kopfschütteln, „ich vergesse wirklich, wovon wir gesprochen haben.“

„Wir sprachen von der Liebe“, sagte Hastings.

„Ich nicht“, sagte das Mädchen. Dann, zu dem Marmorgott aufblickend: „Dieser hier gefällt mir überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass er weiß, wie man seine Pfeile abschießt – nein, in der Tat, er ist ein Feigling; – er schleicht sich wie ein Mörder in der Dämmerung an. Ich billige keine Feigheit“, verkündete sie und kehrte der Statue den Rücken zu.

„Ich glaube“, sagte Hastings ruhig, „dass er fair schießt – ja, und sogar eine Warnung gibt.“

„Ist das Ihre Erfahrung, Monsieur Hastings?“

Er sah ihr direkt in die Augen und sagte: „Er warnt mich.“

„Dann beachten Sie die Warnung“, rief sie mit einem nervösen Lachen. Während sie sprach, zog sie ihre Handschuhe aus und machte sich dann sorgfältig daran, sie wieder anzuziehen. Als dies vollbracht war, warf sie einen Blick auf die Palastuhr und sagte: „Ach Gott, wie spät es ist!“, klappte ihren Regenschirm zusammen, dann wieder auf und sah ihn schließlich an.

„Nein“, sagte er, „ich werde seine Warnung nicht beachten.“

„Oh Gott“, seufzte sie wieder, „immer noch das Gerede von dieser lästigen Statue!“ Dann stahl sie einen Blick auf sein Gesicht: „Ich nehme an – ich nehme an, Sie sind verliebt.“

„Ich weiß es nicht“, murmelte er, „ich nehme an, ich bin es.“

Sie hob den Kopf mit einer schnellen Geste. „Sie scheinen von der Idee entzückt zu sein“, sagte sie, biss sich aber auf die Lippe und zitterte, als seine Augen die ihren trafen. Dann überkam sie plötzliche Angst und sie sprang auf, in die sich verdichtenden Schatten starrend.

„Ist Ihnen kalt?“, sagte er.

Aber sie antwortete nur: „Oh Gott, oh Gott, es ist spät – so spät! Ich muss gehen – gute Nacht.“

Sie gab ihm ihre behandschuhte Hand für einen Moment und zog sie dann mit einem Ruck zurück.

„Was ist?“, drängte er. „Haben Sie Angst?“

Sie sah ihn seltsam an.

„Nein – nein – nicht Angst – Sie sind sehr gut zu mir –“

„Beim Jupiter!“, platzte er heraus, „was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, ich sei gut zu Ihnen? Das ist mindestens das dritte Mal, und ich verstehe es nicht!“

Der Klang einer Trommel vom Wachhaus des Palastes unterbrach ihn. „Hören Sie“, flüsterte sie, „sie schließen. Es ist spät, oh, so spät!“

Das Rollen der Trommel kam näher und näher, und dann schnitt die Silhouette des Trommlers den Himmel über der östlichen Terrasse. Das verblassende Licht verweilte einen Moment auf seinem Koppel und Bajonett, dann trat er in die Schatten und trommelte die Echos wach. Das Rollen wurde entlang der östlichen Terrasse schwächer, wuchs dann und wuchs und ratterte mit zunehmender Schärfe, als er die Allee beim bronzenen Löwen passierte und den westlichen Terrassenweg hinunterbog. Lauter und lauter tönte die Trommel, und die Echos warfen die Noten von der grauen Palastmauer zurück; und nun tauchte der Trommler vor ihnen auf – seine rote Hose ein matter Fleck im sich verdichtenden Dunkel, das Messing seiner Trommel und sein Bajonett mit einem blassen Funken versehen, seine Epauletten auf seinen Schultern wippend. Er ging vorbei und hinterließ den Widerhall der Trommel in ihren Ohren, und weit im Baumgang sahen sie seinen kleinen Zinnbecher auf seinem Tornister glänzen. Dann begannen die Wachen den monotonen Ruf: „On ferme! on ferme!“ und das Horn blies von der Kaserne in der Rue de Tournon.

„On ferme! on ferme!“

„Gute Nacht“, flüsterte sie, „ich muss heute Abend allein zurückkehren.“

Er beobachtete sie, bis sie die nördliche Terrasse erreichte, und setzte sich dann auf die Marmorbank, bis eine Hand auf seiner Schulter und ein Schimmer von Bajonetten ihn zum Gehen aufforderten.

Sie ging durch den Hain weiter, bog in die Rue de Medici ein und durchquerte sie bis zum Boulevard. An der Ecke kaufte sie ein Veilchensträußchen und ging den Boulevard entlang bis zur Rue des Écoles. Vor Boulant hielt eine Droschke, und ein hübsches Mädchen sprang, von Elliott unterstützt, heraus.

„Valentine!“, rief das Mädchen, „komm mit uns!“

„Ich kann nicht“, sagte sie und hielt einen Moment inne – „ich habe ein Rendezvous bei Mignon.“

„Nicht Victor?“, rief das Mädchen lachend, doch sie ging mit einem kleinen Schaudern weiter, nickte zum Abschied, bog dann in den Boulevard St. Germain ein und schritt ein wenig schneller, um einer fröhlichen Gesellschaft zu entgehen, die vor dem Café Cluny saß und ihr zurief, sich ihnen anzuschließen. Vor der Tür des Restaurant Mignon stand ein kohlschwarzer Neger in Uniform mit Messingknöpfen. Er nahm seine Schirmmütze ab, als sie die teppichbelegte Treppe hinaufstieg.

„Schick Eugene zu mir“, sagte sie im Büro, und als sie durch den Flur rechts vom Speisesaal ging, blieb sie vor einer Reihe getäfelter Türen stehen. Ein Kellner kam vorbei, sie wiederholte ihre Bitte nach Eugene, der alsbald lautlos herbeieilte, sich verneigte und murmelte: „Madame.“

„Wer ist hier?“

„Niemand in den Kabinetten, Madame; in der Hälfte sind Madame Madelon und Monsieur Gay, Monsieur de Clamart, Monsieur Clisson, Madame Marie und ihre Leute.“ Dann sah er sich um, verneigte sich erneut und murmelte: „Monsieur erwartet Madame seit einer halben Stunde“, und er klopfte an eine der getäfelten Türen, die die Nummer sechs trug.

Clifford öffnete die Tür und das Mädchen trat ein.

Der Garçon geleitete sie hinein, flüsterte: „Wird Monsieur die Güte haben zu läuten?“, und verschwand.

Er half ihr aus der Jacke und nahm Hut und Regenschirm entgegen. Als sie mit Clifford gegenüber am kleinen Tisch saß, lächelte sie, stützte sich auf beide Ellbogen und sah ihm ins Gesicht.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

„Warten“, erwiderte er in anbetendem Ton.

Für einen Augenblick wandte sie sich ab und betrachtete sich im Spiegel. Die weiten blauen Augen, das lockige Haar, die gerade Nase und die kurze, geschwungene Lippe blitzten nur einen Moment im Spiegel auf, dann reflektierten seine Tiefen ihren hübschen Hals und ihren Rücken. „So kehre ich der Eitelkeit den Rücken“, sagte sie und lehnte sich wieder vor: „Was machst du hier?“

„Auf dich warten“, wiederholte Clifford, ein wenig beunruhigt.

„Und auf Cécile.“

„Jetzt hör auf, Valentine—“

„Weißt du“, sagte sie ruhig, „dein Benehmen missfällt mir.“

Er war ein wenig aus dem Konzept gebracht und läutete nach Eugene, um seine Verwirrung zu verbergen.

Die Suppe war Bisque, der Wein Pommery, und die Gänge folgten einander mit der üblichen Regelmäßigkeit, bis Eugene den Kaffee brachte und nichts mehr auf dem Tisch stand als eine kleine silberne Lampe.

„Valentine“, sagte Clifford, nachdem er die Erlaubnis zum Rauchen erhalten hatte, „ist es das Vaudeville oder das Eldorado – oder beide, oder das Nouveau Cirque, oder—“

„Es ist hier“, sagte Valentine.

„Nun“, sagte er, sehr geschmeichelt, „ich fürchte, ich könnte dich nicht amüsieren—“

„Oh doch, du bist komischer als das Eldorado.“

„Jetzt sieh mal, zieh mich nicht auf, Valentine. Das tust du immer, und, und – du weißt, was man sagt – ein herzhaftes Lachen tötet—“

„Was?“

„Äh – äh – die Liebe und all das.“

Sie lachte, bis ihre Augen vor Tränen feucht waren. „Tiens“, rief sie, „dann ist sie also tot!“

Clifford musterte sie mit wachsender Alarmbereitschaft.

„Weißt du, warum ich gekommen bin?“, sagte sie.

„Nein“, antwortete er unruhig, „das weiß ich nicht.“

„Wie lange machst du mir schon den Hof?“

„Nun“, gab er etwas verdutzt zu, „ich würde sagen – etwa ein Jahr.“

„Es ist ein Jahr, glaube ich. Bist du nicht müde?“

Er antwortete nicht.

„Weißt du nicht, dass ich dich zu sehr mag, um – um mich jemals in dich zu verlieben?“, sagte sie. „Weißt du nicht, dass wir zu gute Kameraden sind – zu alte Freunde dafür? Und wären wir es nicht – glaubst du, ich kenne deine Geschichte nicht, Monsieur Clifford?“

„Sei nicht – sei nicht so sarkastisch“, drängte er; „sei nicht unfreundlich, Valentine.“

„Ich bin es nicht. Ich bin freundlich. Ich bin sehr freundlich – zu dir und zu Cécile.“

„Cécile ist meiner überdrüssig.“

„Ich hoffe, das ist sie“, sagte das Mädchen, „denn sie verdient ein besseres Schicksal. Tiens, kennst du deinen Ruf im Quartier? Der Unbeständige, der Unbeständigste von allen – völlig unverbesserlich und nicht ernster zu nehmen als eine Mücke in einer Sommernacht. Arme Cécile!“

Clifford sah so unbehaglich aus, dass sie freundlicher sprach.

„Ich mag dich. Das weißt du. Jeder tut das. Du bist hier ein verwöhntes Kind. Alles ist dir erlaubt und jeder sieht über vieles hinweg, aber nicht jeder kann ein Opfer deiner Launen sein.“

„Launen!“, rief er. „Beim Jupiter, wenn die Mädchen des Quartier Latin nicht launisch sind—“

„Schon gut – schon gut deswegen! Du darfst nicht zu Gericht sitzen – du von allen Männern. Warum bist du heute Abend hier? Oh“, rief sie, „ich sage dir warum! Monsieur erhält ein kleines Briefchen; er schickt eine kleine Antwort; er wirft sich in seine Eroberer-Garderobe—“

„Tue ich nicht“, sagte Clifford, sehr rot.

„Doch, und sie steht dir“, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln. Dann wieder ganz leise: „Ich bin in deiner Gewalt, aber ich weiß, ich bin in der Gewalt eines Freundes. Ich bin hierhergekommen, um es dir gegenüber zuzugeben – und deshalb bin ich hier, um dich um einen – einen Gefallen zu bitten.“

Clifford machte große Augen, sagte aber nichts.

„Ich bin in – großer seelischer Not. Es geht um Monsieur Hastings.“

„Nun?“, sagte Clifford einigermaßen erstaunt.

„Ich möchte dich bitten“, fuhr sie mit leiser Stimme fort, „ich möchte dich bitten, – – für den Fall, dass du vor ihm von mir sprichst – nicht zu sagen, – nicht zu sagen—“

„Ich werde ihm gegenüber nicht von dir sprechen“, sagte er ruhig.

„Kannst – kannst du andere davon abhalten?“

„Vielleicht, wenn ich zugegen wäre. Darf ich fragen, warum?“

„Das ist nicht fair“, murmelte sie; „du weißt, wie – wie er mich betrachtet – so wie er jede Frau betrachtet. Du weißt, wie anders er ist als du und die anderen. Ich habe noch nie einen Mann gesehen – einen solchen Mann wie Monsieur Hastings.“

Er ließ seine Zigarette unbeachtet ausgehen.

„Ich habe fast Angst vor ihm – Angst, er könnte wissen – was wir alle im Quartier sind. Oh, ich möchte nicht, dass er es weiß! Ich möchte nicht, dass er – dass er sich von mir abwendet – aufhört, so zu mir zu sprechen, wie er es tut! Du – du und die anderen könnt nicht wissen, was er mir bedeutet hat. Ich konnte ihn nicht glauben – ich konnte nicht glauben, dass er so gut und – und edel ist. Ich möchte nicht, dass er es erfährt – so bald. Er wird es herausfinden – früher oder später wird er es selbst herausfinden, und dann wird er sich von mir abwenden. Warum!“, rief sie leidenschaftlich, „warum sollte er sich von mir abwenden und nicht von dir?“

Clifford, sehr verlegen, musterte seine Zigarette.

Das Mädchen stand auf, sehr blass. „Er ist dein Freund – du hast das Recht, ihn zu warnen.“

„Er ist mein Freund“, sagte er schließlich.

Sie sahen sich schweigend an.

Dann rief sie: „Bei allem, was mir heilig ist, du brauchst ihn nicht zu warnen!“

„Ich werde deinem Wort vertrauen“, sagte er freundlich.

V

Der Monat verging schnell für Hastings und hinterließ wenig bleibende Eindrücke. Einige allerdings schon. Einer war der schmerzliche Eindruck, Mr. Bladen auf dem Boulevard des Capucines in Begleitung einer sehr auffälligen jungen Person zu treffen, deren Lachen ihn bestürzte, und als er schließlich aus dem Café entkam, in das Mr. Bladen ihn hineingezerrt hatte, um mit ihnen ein Bock zu trinken, fühlte er sich, als ob der ganze Boulevard ihn beobachte und nach seiner Begleitung beurteile. Später löste eine instinktive Überzeugung bezüglich der jungen Person bei Mr. Bladen das heiße Blut in seinen Wangen aus, und er kehrte in solch einem elenden Geisteszustand in die Pension zurück, dass Miss Byng alarmiert war und ihm riet, sein Heimweh unverzüglich zu bezwingen.

Ein anderer Eindruck war ebenso lebhaft. Eines Samstagmorgens, als er sich einsam fühlte, führten ihn seine Streifzüge durch die Stadt zum Gare St. Lazare. Es war noch früh für das Frühstück, doch er betrat das Hôtel Terminus und nahm an einem Tisch am Fenster Platz. Als er sich umdrehte, um seine Bestellung aufzugeben, stieß ein Mann, der rasch durch den Gang eilte, mit seinem Kopf zusammen, und als er aufblickte, um die erwartete Entschuldigung zu erhalten, wurde er stattdessen mit einem Schlag auf die Schulter und einem herzhaften „Was zum Teufel machst du denn hier, alter Junge?“ begrüßt. Es war Rowden, der ihn packte und ihm sagte, er solle mitkommen. So wurde er, leise protestierend, in ein privates Speisezimmer geführt, wo Clifford, recht rot im Gesicht, vom Tisch aufsprang und ihn mit einer überraschten Miene willkommen hieß, die durch die ungekünstelte Fröhlichkeit Rowdens und die äußerste Höflichkeit Elliotts gemildert wurde. Letzterer stellte ihn drei bezaubernden Mädchen vor, die ihn so charmant willkommen hießen und Rowdens Forderung, dass Hastings sich der Gruppe anschließen solle, unterstützten, dass er sofort einwilligte. Während Elliott kurz den geplanten Ausflug nach La Roche umriss, aß Hastings entzückt sein Omelett und erwiderte die ermutigenden Lächeln von Cécile, Colette und Jacqueline. Unterdessen erzählte Clifford in einem sanften Flüsterton Rowden, was für ein Esel er sei. Der arme Rowden sah elend aus, bis Elliott, der ahnte, wohin die Dinge sich entwickelten, Clifford finster anblickte und einen Moment fand, um Rowden wissen zu lassen, dass sie alle das Beste daraus machen würden.

„Halt du den Mund“, bemerkte er zu Clifford, „es ist das Schicksal, und damit ist es erledigt.“

„Es ist Rowden, und damit ist es erledigt“, murmelte Clifford und verbarg ein Grinsen. Denn schließlich war er nicht Hastings’ Kindermädchen. So kam es, dass der Zug, der den Gare St. Lazare um 9.15 Uhr morgens verließ, auf seinem Weg Richtung Havre einen Moment am rotbedachten Bahnhof von La Roche hielt und eine fröhliche Gesellschaft absetzte, bewaffnet mit Sonnenschirmen, Forellenruten und einem einzigen Gehstock, getragen von dem Nichtkombattanten Hastings. Als sie dann ihr Lager in einem Hain aus Platanen aufgeschlagen hatten, der an den kleinen Fluss Ept grenzte, übernahm Clifford, der anerkannte Meister in allem, was den Sport betraf, das Kommando.

„Du, Rowden“, sagte er, „teile deine Fliegen mit Elliott und behalte ihn im Auge, sonst versucht er noch, einen Schwimmer und ein Bleigewicht anzubringen. Halte ihn mit Gewalt davon ab, nach Würmern zu graben.“

Elliott protestierte, musste aber in das allgemeine Lachen einstimmen.

„Du machst mich krank“, behauptete er; „glaubst du, das ist meine erste Forelle?“

„Ich werde entzückt sein, deine erste Forelle zu sehen“, sagte Clifford und wich einem Fliegenhaken aus, der mit der Absicht geworfen worden war, ihn zu treffen, woraufhin er daran ging, drei schlanke Ruten zu sortieren und auszurüsten, die Cécile, Colette und Jacqueline Freude und Fisch bringen sollten. Mit vollkommener Ernsthaftigkeit verzierte er jede Schnur mit vier Bleischroten, einem kleinen Haken und einem brillanten Federkiel-Schwimmer.

„Ich werde die Würmer niemals anfassen“, verkündete Cécile mit einem Schaudern.

Jacqueline und Colette beeilten sich, ihr beizupflichten, und Hastings bot freundlich an, als allgemeiner Köderanbringer und Fische-Abnehmer zu fungieren. Doch Cécile, zweifellos fasziniert von den bunten Fliegen in Cliffords Buch, beschloss, Unterricht von ihm in der wahren Kunst zu nehmen, und verschwand alsbald mit Clifford im Schlepptau flussaufwärts an der Ept.

Elliott sah zweifelnd zu Colette hinüber.

„Ich bevorzuge Gründlinge“, sagte dieses Fräulein entschieden, „und du und Monsieur Rowden könnt weggehen, wann immer ihr wollt; nicht wahr, Jacqueline?“

„Gewiss“, antwortete Jacqueline.

Elliott, unentschlossen, untersuchte seine Rute und Rolle.

„Du hast die Rolle verkehrt herum angebracht“, bemerkte Rowden.

Elliott schwankte und warf einen verstohlenen Blick auf Colette.

„Ich – ich – habe fast beschlossen, – äh – die Fliegen jetzt nicht herumzuwerfen“, begann er. „Da ist die Rute, die Cécile zurückgelassen hat—“

„Nenn sie nicht Rute“, korrigierte Rowden.

„Angel, dann“, fuhr Elliott fort und machte sich auf den Weg, den beiden Mädchen zu folgen, wurde aber prompt von Rowden am Kragen gepackt.

„Nein, tust du nicht! Stell dir vor, ein Mann fischt mit Schwimmer und Blei, wenn er eine Fliegenrute in der Hand hat! Du kommst mit!“

Wo die ruhige kleine Ept zwischen ihrem Dickicht zur Seine hinabfließt, beschattet ein grasbewachsenes Ufer das Revier des Gründlings, und auf diesem Ufer saßen Colette und Jacqueline, plauderten und lachten und beobachteten das Schwanken der scharlachroten Kiele, während Hastings, den Hut über den Augen, den Kopf auf einem Moosbett, ihren sanften Stimmen lauschte und ritterlich den kleinen und empörten Gründling vom Haken löste, wenn ein Blitz aufblitzen der Rute und ein halb unterdrückter Schrei einen Fang ankündigten. Das Sonnenlicht filterte durch das blättrige Dickicht und weckte die Waldvögel zum Gesang. Elstern in makellosem Schwarz und Weiß huschten vorbei, landeten in der Nähe mit einem Hopser und einem Sprung und einem Zucken des Schwanzes. Blaue und weiße Eichelhäher mit rosenfarbener Brust schrien durch die Bäume, und ein niedrig fliegender Falke kreiste über den Feldern des reifenden Weizens und verscheuchte Scharen zwitschernder Heckenvögel.

Über der Seine ließ sich eine Möwe wie eine Feder auf das Wasser fallen. Die Luft war rein und still. Kaum ein Blatt bewegte sich. Geräusche von einem entfernten Bauernhof kamen schwach herüber, der schrille Hahnenschrei und dumpfes Bellen. Hin und wieder pflügte ein Dampfschlepper mit einem großen, schrägen Schornstein, der den Namen „Guêpe 27“ trug, den Fluss hinauf und zog seinen endlosen Schleppzug aus Lastkähnen hinter sich her, oder ein Segelboot ließ sich mit der Strömung in Richtung des verschlafenen Rouen treiben.

Ein schwacher, frischer Geruch von Erde und Wasser lag in der Luft, und durch das Sonnenlicht tanzten orangefarbene Schmetterlinge über dem Marschgras, weiche, samtige Schmetterlinge flatterten durch die moosigen Wälder.

Hastings dachte an Valentine. Es war zwei Uhr, als Elliott zurückschlenderte und, offen zugebend, dass er Rowden entwischt war, sich neben Colette setzte und sich anschickte, zufrieden einzudösen.

„Wo sind deine Forellen?“, sagte Colette streng.

„Sie leben noch“, murmelte Elliott und schlief fest ein.

Rowden kehrte kurz darauf zurück, warf einen spöttischen Blick auf den Schlafenden und präsentierte drei purpurfleckige Forellen.

„Und das“, lächelte Hastings träge, „das ist das heilige Ende, zu dem die Gläubigen pilgern – das Schlachten dieser kleinen Fische mit einem Stück Seide und Feder.“

Rowden verschmähte es, ihm zu antworten. Colette fing noch einen Gründling und weckte Elliott, der protestierte und sich nach den Lunchkörben umsah, als Clifford und Cécile ankamen und sofortige Erfrischung verlangten. Céciles Röcke waren durchnässt und ihre Handschuhe zerrissen, aber sie war glücklich, und Clifford, der eine Zwei-Pfund-Forelle hervorholte, blieb stehen, um den Applaus der Gesellschaft entgegenzunehmen.

„Wo zum Teufel hast du die her?“, verlangte Elliott zu wissen.

Cécile, nass und enthusiastisch, erzählte den Kampf, und dann pries Clifford ihre Künste mit der Fliege, und zum Beweis holte er aus seinem Korb einen verblichenen Döbel, der, wie er bemerkte, nur knapp keine Forelle war.

Sie waren alle sehr glücklich beim Mittagessen, und Hastings wurde als „reizend“ bezeichnet. Er genoss es ungemein – nur schien es ihm zeitweise, dass Flirten in Frankreich weiter ging als in Millbrook, Connecticut, und er dachte, dass Cécile ein wenig weniger enthusiastisch über Clifford sein könnte, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn Jacqueline weiter weg von Rowden säße, und dass Colette vielleicht, zumindest für einen Moment, ihre Augen von Elliotts Gesicht hätte abwenden können. Dennoch genoss er es – außer wenn seine Gedanken zu Valentine abdrifteten, und dann fühlte er, dass er sehr weit weg von ihr war. La Roche ist mindestens eineinhalb Stunden von Paris entfernt. Es ist auch wahr, dass er ein Glücksgefühl, ein schnelles Herzklopfen verspürte, als um acht Uhr abends der Zug, der sie von La Roche brachte, in den Gare St. Lazare einrollte und er wieder in der Stadt von Valentine war.

„Gute Nacht“, sagten sie und drängten sich um ihn. „Du musst das nächste Mal mit uns kommen!“

Er versprach es und sah ihnen nach, wie sie paarweise in die dunkler werdende Stadt trieben, und stand so lange da, dass, als er wieder seine Augen erhob, der riesige Boulevard vor Gasflammen funkelte, durch die hindurch die elektrischen Lichter wie Monde starrten.

VI

Mit einem weiteren schnellen Herzklopfen erwachte er am nächsten Morgen, denn sein erster Gedanke galt Valentine.

Die Sonne vergoldete bereits die Türme von Notre Dame, das Klappern der Arbeiterschuhe auf den Holzpflastern weckte scharfe Echos in der Straße unter ihm, und gegenüber stimmte eine Amsel in einem rosa Mandelbaum eine Ekstase von Trillern an.

Er beschloss, Clifford für einen strammen Spaziergang aufs Land zu wecken, in der Hoffnung, diesen Herrn später zum Wohle seiner Seele in die amerikanische Kirche locken zu können. Er fand Alfred, den mit dem stechenden Blick, beim Waschen des Asphaltweges, der zum Atelier führte.

„Monsieur Elliott?“, antwortete er auf die beiläufige Nachfrage, „je ne sais pas.“

„Und Monsieur Clifford“, begann Hastings, einigermaßen erstaunt.

„Monsieur Clifford“, sagte der Concierge mit feiner Ironie, „wird sich freuen, Sie zu sehen, da er früh zu Bett ging; in der Tat, er ist gerade erst hereingekommen.“

Hastings zögerte, während der Concierge eine feine Lobrede auf Leute hielt, die niemals die ganze Nacht ausblieben und dann während der Stunden, die selbst ein Gendarme als Schlafenszeit heilig hielt, gegen das Pförtnerhaus hämmerten. Er dozierte auch wortgewaltig über die Vorzüge der Mäßigung und nahm einen demonstrativen Schluck aus dem Brunnen im Hof.

„Ich glaube nicht, dass ich reinkomme“, sagte Hastings.

„Pardon, Monsieur“, knurrte der Concierge, „vielleicht wäre es gut, Monsieur Clifford zu sehen. Er braucht möglicherweise Hilfe. Mich vertreibt er mit Haarbürsten und Stiefeln. Es ist ein Wunder, wenn er nicht mit seiner Kerze etwas in Brand gesteckt hat.“

Hastings zögerte einen Augenblick, aber er schluckte seine Abneigung gegen eine solche Mission hinunter und ging langsam durch die efeubewachsene Gasse und über den inneren Garten zum Atelier. Er klopfte. Vollkommene Stille. Dann klopfte er erneut, und dieses Mal schlug etwas von innen mit einem Krachen gegen die Tür.

„Das“, sagte der Concierge, „war ein Stiefel.“ Er steckte seinen Zweitschlüssel in das Schloss und ließ Hastings ein. Clifford, in unordentlicher Abendgarderobe, saß auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Er hielt einen Schuh in der Hand und schien nicht erstaunt, Hastings zu sehen.

„Guten Morgen, benutzen Sie Pears’ Seife?“, erkundigte er sich mit einer vagen Handbewegung und einem noch vageren Lächeln.

Hastings’ Herz sank. „Um Himmels willen“, sagte er, „Clifford, geh ins Bett.“

„Nicht, solange dieser – dieser Alfred seinen zotteligen Kopf hier hereinsteckt und ich noch einen Schuh übrig habe.“

Hastings blies die Kerze aus, hob Cliffords Hut und Stock auf und sagte mit einer Erregung, die er nicht verbergen konnte: „Das ist schrecklich, Clifford – ich – ich wusste nie, dass du so etwas tust.“

„Nun, tue ich aber“, sagte Clifford.

„Wo ist Elliott?“

„Alter Junge“, erwiderte Clifford, der rührselig wurde, „die Vorsehung, die die – die – äh – Spatzen ernährt und so etwas, wacht über den unmäßigen Wanderer—“

„Wo ist Elliott?“

Aber Clifford schüttelte nur den Kopf und fuchtelte mit dem Arm in der Luft herum. „Er ist da draußen – irgendwo da draußen.“ Dann verspürte er plötzlich den Wunsch, seinen vermissten Kumpel zu sehen, erhob seine Stimme und heulte nach ihm.

Hastings, zutiefst schockiert, setzte sich ohne ein Wort auf das Sofa. Bald darauf, nachdem er einige heiße Tränen vergossen hatte, hellte Clifford sich auf und erhob sich mit großer Vorsicht.

„Alter Junge“, bemerkte er, „willst du ein – äh – Wunder sehen? Nun, hier geht’s los. Ich fange an.“

Er hielt inne und strahlte das Nichts an.

„Ein Wunder“, wiederholte er.

Hastings nahm an, er spiele auf das Wunder an, das Gleichgewicht zu halten, und sagte nichts.

„Ich gehe ins Bett“, kündigte er an, „der arme alte Clifford geht ins Bett, und das ist ein Wunder!“

Und das tat er, mit einer präzisen Berechnung von Distanz und Gleichgewicht, die enthusiastische Applausrufe von Elliott geerntet hätte, wenn er dort gewesen wäre, um *en connaisseur* zu assistieren. Aber er war es nicht. Er hatte das Atelier noch nicht erreicht. Er war jedoch auf dem Weg, und er lächelte mit großartiger Herablassung auf Hastings herab, der ihn eine halbe Stunde später auf einer Bank im Luxembourg liegend fand. Er ließ sich wecken, abstauben und zum Tor begleiten. Hier jedoch verweigerte er jede weitere Hilfe, und nachdem er Hastings ein gönnerhaftes Nicken zugeworfen hatte, steuerte er einen einigermaßen geraden Kurs in Richtung der rue Vavin.

Hastings sah ihm nach, bis er außer Sicht war, und ging dann langsam zu dem Brunnen zurück. Zuerst fühlte er sich düster und niedergeschlagen, doch allmählich löste die klare Morgenluft den Druck von seinem Herzen, und er setzte sich auf die Marmorbank im Schatten des geflügelten Gottes.

Die Luft war frisch und süß vom Duft der Orangenblüten. Überall badeten Tauben, spritzten das Wasser über ihre irisierenden Brüste, blitzten in und aus dem Sprühnebel oder schmiegten sich bis zum Hals entlang des polierten Beckens. Auch die Spatzen waren in großer Zahl unterwegs, badeten ihre staubfarbenen Federn im klaren Wasser und zwitscherten aus Leibeskräften. Unter den Platanen, die den Ententeich gegenüber dem Medici-Brunnen umgaben, zupfte das Wassergeflügel an den Gräsern oder watschelte in Reihen das Ufer hinunter, um sich auf irgendeine feierliche, ziellose Kreuzfahrt zu begeben.

Schmetterlinge, ein wenig lahm von einer kühlen Nachtruhe unter den Fliederblättern, krochen über den weißen Phlox oder machten einen rheumatischen Flug zu einem sonnenwarmen Strauch. Die Bienen waren bereits emsig zwischen dem Heliotrop, und ein oder zwei graue Fliegen mit ziegelroten Augen saßen in einem Sonnenfleck neben der Marmorbank oder jagten einander herum, nur um wieder zu dem Sonnenfleck zurückzukehren und ihre Vorderbeine zu reiben, voll Freude.

Die Wachen schritten stramm vor den bemalten Wachhäuschen auf und ab und hielten zuweilen inne, um nach der Wachstube Ausschau zu halten, ob ihre Ablösung kam.

Sie kamen schließlich, mit einem Schlurfen von Füßen und einem Klicken von Bajonetten; das Wort wurde weitergegeben, die Ablösung trat heraus, und davon zogen sie, kratsch, kratsch, über den Kies.

Selby beobachtete sie. Er fühlte sich, als ob er etwas Ungebührliches täte, und doch konnte er seine Augen nicht abwenden. Sie trug ein einfaches, helles Kleid; ihr Haar, das die Sonne in einen Heiligenschein aus Gold verwandelte, war unter einem schlichten Hut verborgen. Sie wirkte so gänzlich unberührt von der geschäftigen Menge, die über die Brücke strömte, so fern von der Welt der Studenten und der lärmenden Cafés.

Sie bemerkte ihn nicht. Sie trat einen Schritt zurück, betrachtete die Stiefmütterchen noch einmal, und dann, mit einem leichten Kopfschütteln, wandte sie sich ab. Selby trat beiseite, um sie passieren zu lassen. Als sie an ihm vorbeiging, hob sie den Blick. Er war so kurz, so flüchtig, und doch schien es ihm, als ob die Welt für einen Moment stillstände. Ihre Augen, tiefblau und klar, trafen die seinen – nicht mit der Kälte, von der Clifford gesprochen hatte, sondern mit einer seltsamen, suchenden Traurigkeit.

Sie ging weiter, langsam, und er sah ihr nach, bis sie in der Menge verschwand. Er vergaß den Gärtner, er vergaß die Stiefmütterchen, er vergaß, wohin er gehen wollte. Er stand dort, wie angewurzelt, und versuchte sich an das Gefühl zu erinnern, das ihn bei diesem flüchtigen Blick überkommen hatte. Es war kein bloßes Interesse; es war ein plötzliches, stechendes Mitgefühl, ein Wunsch, ihr zu folgen, sie zu fragen, was sie bedrückte.

„Ein Tor“, murmelte er zu sich selbst.

Er wandte sich um und begann, ziellos über die Brücke zu schlendern. Die Welt um ihn herum schien plötzlich an Farbe verloren zu haben. Die Kastanien, die vor wenigen Augenblicken noch so leuchtend grün erschienen waren, wirkten nun blass. Der Gesang des Käfigvogels, der zuvor so fröhlich geklungen hatte, klang jetzt wie eine Klage.

Am Ende der Brücke traf er auf Clifford, der mit einer brennenden Zigarette im Mundwinkel auf dem Geländer saß und die Passanten musterte.

„Ah, Selby!“, rief er und sprang herab. „Du siehst aus, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen. Oder war es die Muse?“

Selby schüttelte den Kopf. „Ich habe sie gesehen“, sagte er leise.

Clifford hörte auf zu lächeln. Sein Blick wurde scharf, fast warnend. „Wen? Rue Barrée?“

„Ja.“

Clifford stieß einen langen Rauchring aus und beobachtete, wie er sich in der Luft auflöste. „Ich habe dich gewarnt, mein Junge. Sie ist kein Mädchen wie die anderen. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, hinter Barrieren, die wir nicht durchbrechen können. Wenn du klug bist, vergisst du das Gesicht, das du gerade gesehen hast, noch bevor die Sonne untergeht.“

„Es ist nicht so einfach“, entgegnete Selby.

„Es ist immer so einfach“, antwortete Clifford hart. „Wir sind hier, um zu malen, zu studieren, unser Leben zu leben. Wir haben keine Zeit für Schatten.“

Doch Selby hörte ihm kaum noch zu. Sein Geist war zurück auf der Brücke, bei den blauen Augen, die ihn so seltsam angesehen hatten. Er wusste, dass Clifford recht hatte, und doch wusste er auch, dass er diesen Moment nicht so leicht aus seinem Gedächtnis löschen würde. Er hatte die Barriere gesehen, und zum ersten Mal, seit er in Paris war, fühlte er den brennenden Wunsch, sie zu überwinden.

Der Gärtner lächelte. Sie wollte offensichtlich die Stiefmütterchen nicht. Sie hatte dort schon viele Töpfe mit Stiefmütterchen gekauft, jeden Frühling zwei oder drei, und nie gefeilscht. Was wollte sie dann? Die Stiefmütterchen waren offensichtlich ein Vorfühlen für ein wichtigeres Geschäft. Der Gärtner rieb sich die Hände und blickte sich um.

„Diese Tulpen sind prächtig“, bemerkte er, „und diese Hyazinthen –“ Er verfiel beim bloßen Anblick der duftenden Dickichte in Trance.

„Diese da“, murmelte Rue und deutete mit ihrem zusammengelegten Sonnenschirm auf einen herrlichen Rosenstrauch, doch trotz ihrer Bemühungen zitterte ihre Stimme ein wenig. Selby bemerkte es – umso schlimmer für ihn, dass er zuhörte –, und der Gärtner bemerkte es auch, und während er seine Nase in die Rosen steckte, roch er ein Geschäft. Um ihm jedoch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Er schlug keinen Centime auf den ehrlichen Wert der Pflanze auf, denn schließlich war Rue wahrscheinlich arm, und jeder konnte sehen, dass sie bezaubernd war.

„Fünfzig Francs, Mademoiselle.“

Der Ton des Gärtners war ernst. Rue spürte, dass jedes Argument verschwendet wäre. Sie beide standen einen Moment schweigend da. Der Gärtner pries seinen Gewinn nicht an – der Rosenstrauch war hinreißend, und das konnte jeder sehen.

„Ich nehme die Stiefmütterchen“, sagte das Mädchen und zog zwei Francs aus einem abgenutzten Geldbeutel. Dann blickte sie auf. Ein Tränentropfen stand ihr im Weg und brach das Licht wie ein Diamant, doch als er in einen kleinen Winkel an ihrer Nase rollte, wurde er durch das Bild von Selby ersetzt, und als ein Wisch mit dem Taschentuch die aufgeschreckten blauen Augen geklärt hatte, erschien Selby selbst, sehr verlegen. Er blickte augenblicklich zum Himmel empor, anscheinend verzehrt von einem Durst nach astronomischer Forschung, und da er seine Nachforschungen volle fünf Minuten lang fortsetzte, blickte auch der Gärtner nach oben, und ein Polizist ebenso. Dann blickte Selby auf seine Stiefelspitzen, der Gärtner blickte ihn an und der Polizist schlenderte weiter. Rue Barrée war schon seit einiger Zeit fort.

„Was“, sagte der Gärtner, „darf ich Monsieur anbieten?“

Selby wusste nie, warum, aber er begann plötzlich, Blumen zu kaufen. Der Gärtner war elektrisiert. Niemals zuvor hatte er so viele Blumen verkauft, niemals zu solch zufriedenstellenden Preisen und niemals, niemals mit einer solchen absoluten Übereinstimmung der Meinung mit einem Kunden. Aber das Feilschen, das Streiten, das Anrufen des Himmels als Zeugen fehlte ihm. Dem Geschäft fehlte die Würze.

„Diese Tulpen sind prächtig!“

„Das sind sie!“, rief Selby warmherzig.

„Aber leider sind sie teuer.“

„Ich nehme sie.“

„Dieu!“, murmelte der Gärtner schweißgebadet, „er ist verrückter als die meisten Engländer.“

„Dieser Kaktus –“

„Ist hinreißend!“

„Leider –“

„Schicken Sie ihn mit dem Rest.“

Der Gärtner stemmte sich gegen die Ufermauer.

„Dieser herrliche Rosenstrauch“, begann er schwach.

„Das ist eine Schönheit. Ich glaube, er kostet fünfzig Francs –“

Er hielt inne, tiefrot im Gesicht. Der Gärtner genoss seine Verwirrung. Dann wich die plötzliche, kühle Selbstbeherrschung seiner momentanen Verwirrung, er hielt den Gärtner mit seinem Blick fest und schüchterte ihn ein.

„Ich nehme den Strauch. Warum hat die junge Dame ihn nicht gekauft?“

„Mademoiselle ist nicht wohlhabend.“

„Woher wissen Sie das?“

„Dame, ich verkaufe ihr viele Stiefmütterchen; Stiefmütterchen sind nicht teuer.“

„Sind das die Stiefmütterchen, die sie gekauft hat?“

„Diese hier, Monsieur, die blauen und goldenen.“

„Dann haben Sie vor, sie ihr zu schicken?“

„Am Mittag, nach dem Markt.“

„Nehmen Sie diesen Rosenstrauch mit ihnen mit, und“ – hier starrte er den Gärtner finster an – „wagen Sie es nicht zu sagen, von wem sie kommen.“ Die Augen des Gärtners waren wie Untertassen, aber Selby sagte ruhig und siegreich: „Schicken Sie die anderen an das Hôtel du Sénat, 7 rue de Tournon. Ich werde Anweisungen bei der Concierge hinterlassen.“

Dann knöpfte er seinen Handschuh mit viel Würde zu und stolzierte davon, doch als er gut um die Ecke und vor dem Blick des Gärtners verborgen war, überkam ihn die Überzeugung, dass er ein Idiot sei, in einer wütenden Röte. Zehn Minuten später saß er in seinem Zimmer im Hôtel du Sénat und wiederholte mit einem schwachsinnigen Lächeln: „Was für ein Esel ich bin, was für ein Esel!“

Eine Stunde später fand man ihn im selben Stuhl, in derselben Position, Hut und Handschuhe immer noch an, den Stock in der Hand, aber er war still, anscheinend in die Betrachtung seiner Stiefelspitzen versunken, und sein Lächeln war weniger schwachsinnig und sogar ein wenig rückblickend.

III

Gegen fünf Uhr an jenem Nachmittag hob die kleine, traurig blickende Frau, die die Stelle der Concierge im Hôtel du Sénat ausfüllte, erstaunt die Hände, als sie sah, wie eine Wagenladung blühender Sträucher vor dem Eingang hielt. Sie rief Joseph, den dem Trunk ergebenen Garçon, der, während er den Wert der Blumen in petits verres berechnete, düster jegliche Kenntnis über deren Bestimmungsort abstritt.

„Voyons“, sagte die kleine Concierge, „cherchons la femme!“

„Sie?“, schlug er vor.

Die kleine Frau stand einen Moment nachdenklich da und seufzte dann. Joseph liebkoste seine Nase, eine Nase, die an Prunk mit jedem Blumenschmuck wetteifern konnte.

Dann kam der Gärtner herein, den Hut in der Hand, und ein paar Minuten später stand Selby inmitten seines Zimmers, den Rock ausgezogen, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Das Zimmer enthielt ursprünglich neben den Möbeln etwa zwei Quadratfuß Bewegungsfreiheit, und nun war dieser Platz von einem Kaktus besetzt. Das Bett ächzte unter Kisten voller Stiefmütterchen, Lilien und Heliotrop, die Liege war mit Hyazinthen und Tulpen bedeckt, und der Waschtisch stützte eine Art jungen Baum, der garantierte, irgendwann einmal Blumen zu tragen.

Clifford kam ein wenig später herein, stolperte über eine Kiste mit Duftwicken, fluchte ein wenig, entschuldigte sich und setzte sich dann, als die volle Pracht des Blumenfestes über ihn hereinbrach, erstaunt auf eine Geranie. Die Geranie war ein Wrack, aber Selby sagte: „Macht nichts“, und starrte den Kaktus finster an.

„Willst du einen Ball geben?“, verlangte Clifford zu wissen.

„N—nein – ich mag Blumen sehr“, sagte Selby, doch der Aussage fehlte der Enthusiasmus.

„Das kann ich mir vorstellen.“ Dann, nach einer Stille: „Das ist ein schöner Kaktus.“

Selby betrachtete den Kaktus, berührte ihn mit der Miene eines Kenners und stach sich in den Daumen.

Clifford stieß mit seinem Stock gegen ein Stiefmütterchen. Dann kam Joseph mit der Rechnung herein und verkündete die Gesamtsumme mit lauter Stimme, teils um Clifford zu beeindrucken, teils um Selby dazu zu bewegen, ein Pourboire herauszurücken, das er, wenn er wollte, mit dem Gärtner teilen würde. Clifford versuchte so zu tun, als hätte er es nicht gehört, während Selby Rechnung und Tribut ohne ein Murren bezahlte. Dann lehnte er sich zurück in den Raum mit einem Versuch von Gleichgültigkeit, der völlig scheiterte, als er sich am Kaktus die Hose zerriss.

Clifford machte eine banale Bemerkung, zündete eine Zigarette an und schaute aus dem Fenster, um Selby eine Chance zu geben. Selby versuchte sie zu nutzen, aber als er bis zu „Ja, der Frühling ist endlich da“ kam, erstarrte er. Er schaute auf den Hinterkopf von Clifford. Er drückte Bände aus. Diese kleinen, aufgerichteten Ohren schienen vor unterdrückter Heiterkeit zu kribbeln. Er unternahm einen verzweifelten Versuch, die Situation zu meistern, und sprang auf, um nach einigen russischen Zigaretten als Anreiz für ein Gespräch zu greifen, wurde aber vom Kaktus vereitelt, dem er erneut zum Opfer fiel. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

„Verfluchter Kaktus.“ Diese Bemerkung wurde Selby gegen seinen Willen entlockt – gegen seinen eigenen Selbsterhaltungstrieb, aber die Dornen am Kaktus waren lang und scharf, und bei ihrem wiederholten Stich entwich sein aufgestauter Zorn. Es war nun zu spät; es war geschehen, und Clifford hatte sich umgedreht.

„Hör mal, Selby, warum zum Teufel hast du diese Blumen gekauft?“

„Ich mag sie“, sagte Selby.

„Was hast du mit ihnen vor? Du kannst hier nicht schlafen.“

„Könnte ich, wenn du mir helfen würdest, die Stiefmütterchen vom Bett zu nehmen.“

„Wo kannst du sie unterbringen?“

„Könnte ich sie nicht der Concierge geben?“

Sobald er es sagte, bereute er es. Was in aller Welt würde Clifford von ihm denken! Er hatte die Höhe der Rechnung gehört. Würde er glauben, dass er in diese Luxusgüter als schüchternes Geständnis an seine Concierge investiert hatte? Und würde das Quartier Latin es auf seine eigene brutale Weise kommentieren? Er fürchtete den Spott und kannte Cliffords Ruf.

Dann klopfte jemand.

Selby sah Clifford mit einem gejagten Ausdruck an, der das Herz des jungen Mannes berührte. Es war ein Geständnis und zugleich ein Flehen. Clifford sprang auf, schlängelte sich durch das Blumenlabyrinth und sagte, während er ein Auge an den Türspalt legte: „Wer zum Teufel ist das?“

Dieser anmutige Empfangsstil ist im Quartier heimisch.

„Es ist Elliott“, sagte er und blickte zurück, „und Rowden auch, und ihre Bulldoggen.“ Dann wandte er sich durch den Spalt an sie.

„Setzt euch auf die Treppe; Selby und ich kommen gleich heraus.“

Diskretion ist eine Tugend. Das Quartier Latin besitzt wenige, und Diskretion taucht selten auf der Liste auf. Sie setzten sich und begannen zu pfeifen.

Bald darauf rief Rowden: „Ich rieche Blumen. Sie schmausen drinnen!“

„Du solltest Selby besser kennen als das“, knurrte Clifford hinter der Tür, während der andere hastig seine zerrissene Hose gegen eine andere tauschte.

„Wir kennen Selby“, sagte Elliott mit Nachdruck.

„Ja“, sagte Rowden, „er gibt Empfänge mit Blumendekorationen und lädt Clifford ein, während wir auf der Treppe sitzen.“

„Ja, während die Jugend und Schönheit des Quartiers schwelgt“, schlug Rowden vor; dann, mit plötzlichem Zweifel: „Ist Odette da?“

„Hör mal“, verlangte Elliott, „ist Colette da?“

Dann erhob er seine Stimme zu einem klagenden Heulen: „Seid ihr da, Colette, während ich mir die Fersen auf diesen Fliesen ablaufe?“

„Clifford ist zu allem fähig“, sagte Rowden; „sein Wesen ist verbittert, seit Rue Barrée ihn abserviert hat.“

Elliott erhob seine Stimme: „Ich sage euch, Leute, wir haben mittags gesehen, wie Blumen in das Haus von Rue Barrée getragen wurden.“

„Sträuße und Rosen“, präzisierte Rowden.

„Wahrscheinlich für sie“, fügte Elliott hinzu und liebkoste seine Bulldogge.

Clifford wandte sich mit plötzlichem Verdacht an Selby. Dieser summte eine Melodie, wählte ein Paar Handschuhe aus und legte, nachdem er ein Dutzend Zigaretten gewählt hatte, sie in ein Etui. Dann ging er zum Kaktus, löste vorsätzlich eine Blüte, steckte sie sich ins Knopfloch, nahm Hut und Stock und lächelte Clifford an, worüber dieser sehr beunruhigt war.

IV

Am Montagmorgen bei Julian kämpften die Studenten um Plätze; Studenten mit Vorrechten vertrieben andere, die seit dem Öffnen der Tür ängstlich auf begehrten Hockern gehockt hatten, in der Hoffnung, sie beim Appell zu ergattern; Studenten zankten um Paletten, Pinsel, Portfolios oder erfüllten die Luft mit Forderungen nach Ciceri und Brot. Letzterer, ein schmutziges ehemaliges Modell, das in besseren Tagen als Judas posiert hatte, verteilte nun altes Brot für einen Sou und verdiente genug, um sich mit Zigaretten zu versorgen. Monsieur Julian kam herein, lächelte ein väterliches Lächeln und ging wieder hinaus. Auf sein Verschwinden folgte die Erscheinung des Schreibers, eine fuchsige Kreatur, die auf der Suche nach Beute durch die kämpfenden Horden huschte.

Drei Männer, die ihre Beiträge nicht bezahlt hatten, wurden erwischt und vorgeladen. Ein vierter wurde gewittert, verfolgt, umgangen, sein Rückzug zum Ausgang abgeschnitten und schließlich hinter dem Ofen gefangen. Etwa zu der Zeit, als die Revolution eine akute Form annahm, erhob sich Geheul nach „Jules!“

Jules kam, schlichtete zwei Kämpfe mit einer traurigen Resignation in seinen großen braunen Augen, schüttelte jedem die Hand und schmolz in der Menge dahin, was eine Atmosphäre von Frieden und gutem Willen hinterließ. Die Löwen setzten sich zu den Lämmern, die Massiers markierten die besten Plätze für sich und ihre Freunde und stiegen auf die Modellpodeste, um die Anwesenheitslisten zu öffnen.

Das Wort wurde weitergegeben: „Sie beginnen diese Woche mit C.“

Das taten sie.

„Clisson!“

Clisson sprang wie ein Blitz auf und markierte seinen Namen mit Kreide auf dem Boden vor einem Platz in der ersten Reihe.

„Caron!“

Caron galoppierte davon, um seinen Platz zu sichern. Bang! machte eine Staffelei. „Nom de Dieu!“ auf Französisch – „Wo zur Hölle gehst du hin!“ auf Englisch. Krach! ein Malkasten fiel mit Pinseln und allem an Bord zu Boden. „Dieu de Dieu de –“ spuck! Ein Schlag, ein kurzer Ansturm, ein Gerangel und Gekämpfe, und die Stimme des Massiers, streng und tadelnd:

„Cochon!“

Dann wurde der Appell fortgesetzt.

„Clifford!“

Der Massier hielt inne und blickte auf, einen Finger zwischen den Seiten des Hauptbuchs.

„Clifford!“

Clifford war nicht da. Er war etwa drei Meilen entfernt in gerader Linie, und jeder Augenblick vergrößerte die Distanz. Nicht, dass er schnell ging – im Gegenteil, er schlenderte mit diesem gemächlichen Gang, der ihm eigen war. Elliott war neben ihm und zwei Bulldoggen deckten den Rückzug. Elliott las den „Gil Blas“, aus dem er sich Vergnügen zu ziehen schien, aber da er ausgelassene Heiterkeit für Cliffords Gemütszustand als unangebracht erachtete, dämpfte er seine Heiterkeit zu einer Reihe diskreter Lächeln. Letzterer, missmutig dessen gewahr, sagte nichts, installierte sich aber, nachdem er den Weg in die Luxembourg-Gärten eingeschlagen hatte, auf einer Bank an der nördlichen Terrasse und betrachtete die Landschaft mit Missfallen. Elliott band gemäß den Parkregeln von Luxembourg die beiden Hunde an und nahm dann, mit einem fragenden Blick zu seinem Freund, den „Gil Blas“ und die diskreten Lächeln wieder auf.

Der Tag war perfekt. Die Sonne hing über Notre Dame und ließ die Stadt in Glanz erstrahlen. Das zarte Laub der Kastanien warf einen Schatten über die Terrasse und besprenkelte die Pfade und Wege mit einem so blauen Maßwerk, dass Clifford hier Anregung für seine heftigen „Impressionen“ gefunden haben könnte, hätte er nur hingeschaut; aber wie gewöhnlich in dieser Zeit seiner Laufbahn waren seine Gedanken überall, nur nicht bei seinem Beruf. Ringsum stritten und schwatzten die Spatzen ihre Werbelieder, die großen rosigen Tauben segelten von Baum zu Baum, die Fliegen wirbelten in den Sonnenstrahlen und die Blumen verströmten tausend Düfte, die Clifford mit träger Sehnsucht erfüllten. Unter diesem Einfluss sprach er.

„Elliott, du bist ein wahrer Freund –“

„Du machst mich krank“, antwortete dieser und faltete seine Zeitung zusammen. „Es ist genau wie ich dachte – du bist schon wieder hinter einem neuen Rock her. Und“, fuhr er zornig fort, „wenn das der Grund ist, warum du mich von Julian ferngehalten hast – wenn es dazu dient, mich mit den Vollkommenheiten irgendeines kleinen Idioten vollzustopfen –“

„Nicht Idiot“, widersprach Clifford sanft.

„Hör mal“, rief Elliott, „hast du den Nerv, mir weismachen zu wollen, dass du schon wieder verliebt bist?“

„Schon wieder?“

„Ja, immer und immer und immer und – bei Gott, bist du es?“

„Das“, bemerkte Clifford traurig, „ist ernst.“

Für einen Moment hätte Elliott ihn am liebsten angepackt, dann lachte er vor reiner Hilflosigkeit. „Oh, mach weiter, mach weiter; lass sehen, da gab es Clémence und Marie Tellec und Cosette und Fifine, Colette, Marie Verdier –“

„Die alle bezaubernd sind, höchst bezaubernd, aber ich war nie ernst –“

„So wahr mir Gott helfe“, sagte Elliott feierlich, „jede einzelne der genannten hat einzeln und nacheinander dein Herz mit Qual zerrissen und hat mich auch dazu gebracht, meinen Platz bei Julian auf diese Weise zu verlieren; jede einzelne, einzeln und nacheinander. Leugnest du das?“

„Was du sagst, mag auf Fakten beruhen – in gewisser Weise – aber gib mir die Anerkennung, einer nach der anderen treu zu sein –“

„Bis die nächste kam.“

„Aber dies – dies ist wirklich sehr anders. Elliott, glaube mir, ich bin völlig am Ende.“

Da es nichts anderes zu tun gab, knirschte Elliott mit den Zähnen und hörte zu.

„Es ist – es ist Rue Barrée.“

„Nun“, bemerkte Elliott mit Verachtung, „wenn du wegen diesem Mädchen trübsinnig bist und stöhnst – dem Mädchen, das dir und mir jeden Grund gegeben hat, uns zu wünschen, dass sich die Erde auftut und uns verschlingt – nun, mach weiter!“

„Ich mache weiter – das ist mir egal; die Schüchternheit ist geflohen –“

„Ja, deine angeborene Schüchternheit.“

„Ich bin verzweifelt, Elliott. Bin ich verliebt? Nie, nie fühlte ich mich so verflucht elend. Ich kann nicht schlafen; ehrlich, ich bin unfähig, anständig zu essen.“

„Dieselbe Symptomatik wie im Fall von Colette bemerkt.“

„Hörst du mal zu?“

„Warte einen Moment, den Rest kenne ich auswendig. Lass mich dich jetzt etwas fragen. Glaubst du, dass Rue Barrée ein reines Mädchen ist?“

„Ja“, sagte Clifford und wurde rot.

„Liebst du sie – nicht so, wie du hinter jeder hübschen Inanität herbaumelst und auf Zehenspitzen gehst – ich meine, liebst du sie ehrlich?“

„Ja“, sagte der andere hartnäckig, „ich würde –“

„Warte einen Moment; würdest du sie heiraten?“

Clifford lief scharlachrot an. „Ja“, murmelte er.

„Angenehme Nachrichten für deine Familie“, knurrte Elliott in unterdrückter Wut. „‚Lieber Vater, ich habe gerade eine bezaubernde Grisette geheiratet, die du sicher mit offenen Armen willkommen heißen wirst, in Begleitung ihrer Mutter, einer höchst achtenswerten und sauberen Wäscherin.‘ Guter Himmel! Das scheint ein wenig weiter gegangen zu sein als die anderen. Dank deinen Sternen, junger Mann, dass mein Kopf vernünftig genug für uns beide ist. Dennoch, in diesem Fall habe ich keine Angst. Rue Barrée hat deine Bestrebungen auf eine unmissverständlich endgültige Weise abserviert.“

„Rue Barrée“, begann Clifford und straffte sich, aber er hörte plötzlich auf, denn dort, wo das gefleckte Sonnenlicht in Goldflecken glühte, entlang des sonnenbeschienenen Pfades, trippelte Rue Barrée. Ihr Kleid war makellos, und ihr großer Strohhut, ein wenig von der weißen Stirn gekippt, warf einen Schatten über ihre Augen.

Elliott stand auf und verbeugte sich. Clifford nahm seine Kopfbedeckung mit einer Miene, die so klagend, so flehend, so völlig demütig war, dass Rue Barrée lächelte.

Das Lächeln war köstlich, und als Clifford, unfähig, sich vor lauter Erstaunen auf den Beinen zu halten, leicht schwankte, lächelte sie trotz sich selbst noch einmal. Ein paar Augenblicke später nahm sie einen Stuhl auf der Terrasse, zog ein Buch aus ihrer Notenmappe, blätterte die Seiten um, fand die Stelle und seufzte dann, während sie es offen nach unten in ihren Schoß legte, ein wenig, lächelte ein wenig und blickte über die Stadt. Sie hatte Foxhall Clifford völlig vergessen.

Nach einer Weile nahm sie ihr Buch wieder zur Hand, aber statt zu lesen, begann sie, eine Rose an ihrem Mieder zurechtzurücken. Die Rose war groß und rot. Sie glühte wie Feuer dort über ihrem Herzen, und wie Feuer wärmte sie ihr Herz, das nun unter den seidenen Blütenblättern flatterte. Rue Barrée seufzte wieder. Sie war sehr glücklich. Der Himmel war so blau, die Luft so weich und parfümiert, der Sonnenschein so schmeichelnd, und ihr Herz sang in ihr, sang für die Rose an ihrer Brust. Das ist, was es sang: „Aus der Menge der Vorübergehenden, aus der Welt von gestern, aus den Millionen, die vorbeiziehen, hat sich einer mir zugewandt.“

So sang ihr Herz unter seiner Rose an ihrer Brust. Dann kamen zwei große mausgraue Tauben pfeifend vorbei und ließen sich auf der Terrasse nieder, wo sie sich verbeugten und stolzierten und nickten und sich drehten, bis Rue Barrée vor Entzücken lachte, und als sie aufblickte, sah sie Clifford vor sich. Sein Hut war in seiner Hand und sein Gesicht war von einer Reihe flehender Lächeln umkränzt, die das Herz eines bengalischen Tigers gerührt hätten.

Für einen Augenblick runzelte Rue Barrée die Stirn, dann blickte sie neugierig auf Clifford, dann, als sie die Ähnlichkeit zwischen seinen Verbeugungen und den nickenden Tauben sah, lösten sich ihre Lippen trotz sich selbst in einem hinreißendsten Lachen. War das Rue Barrée? So verändert, so verändert, dass sie sich selbst nicht kannte; aber oh! dieses Lied in ihrem Herzen, das alles andere übertönte, das auf ihren Lippen zitterte, um Ausdruck rang, das in einem Lachen über nichts hervorquoll – über eine stolzierende Taube – und Mr. Clifford.

* * * * *

„Und du denkst, weil ich den Gruß der Studenten im Quartier erwidere, dass du als Freund im Besonderen empfangen werden kannst? Ich kenne dich nicht, Monsieur, aber Eitelkeit ist der zweite Name des Mannes; – sei zufrieden, Monsieur Eitelkeit, ich werde punktgenau sein – oh, höchst punktgenau, wenn ich deinen Gruß erwidere.“

„Aber ich bitte – ich flehe dich an, mir jene Hommage erweisen zu lassen, die schon so lange –“

„Oh je; ich mache mir nichts aus Hommage.“

„Lass mir nur erlauben, hin und wieder mit dir zu sprechen – gelegentlich – sehr gelegentlich.“

„Und wenn du, warum nicht ein anderer?“

„Überhaupt nicht – ich werde Diskretion in Person sein.“

„Diskretion – warum?“

Ihre Augen waren sehr klar, und Clifford zuckte einen Moment zusammen, aber nur für einen Moment. Dann ergriff ihn der Teufel der Rücksichtslosigkeit, er setzte sich und bot sich selbst an, mit Leib und Seele, Hab und Gut. Und die ganze Zeit wusste er, dass er ein Narr war und dass Verliebtheit nicht Liebe ist, und dass jedes Wort, das er äußerte, ihn in eine Ehre band, aus der es kein Entkommen gab. Und die ganze Zeit starrte Elliott finster auf den Springbrunnenplatz und hielt beide Bulldoggen wild davon ab, Clifford zu Hilfe zu eilen – denn selbst sie spürten, dass etwas nicht stimmte, während Elliott in sich selbst tobte und Verwünschungen knurrte.

Als Clifford endete, endete er in einem Glanz der Aufregung, aber Rue Barrées Antwort ließ lange auf sich warten, und sein Eifer kühlte ab, während die Situation langsam ihre gerechten Proportionen annahm. Dann begann Reue einzukehren, aber er schob sie beiseite und brach wieder in Beteuerungen aus. Beim ersten Wort stoppte ihn Rue Barrée.

„Ich danke dir“, sagte sie sehr ernst. „Kein Mann hat mir jemals zuvor die Ehe angeboten.“ Sie drehte sich um und blickte über die Stadt. Nach einer Weile sprach sie wieder. „Du bietest mir viel an. Ich bin allein, ich habe nichts, ich bin nichts.“ Sie drehte sich wieder um und blickte auf Paris, brillant, schön, im Sonnenschein eines perfekten Tages. Er folgte ihren Augen.

„Oh“, murmelte sie, „es ist schwer – schwer, immer zu arbeiten – immer allein, ohne je einen Freund zu haben, den man in Ehren halten kann, und die Liebe, die angeboten wird, bedeutet die Straße, den Boulevard – wenn die Leidenschaft tot ist. Ich weiß es, – wir wissen es, – wir anderen, die nichts haben, – niemanden haben, und die wir uns hingeben, ohne zu fragen – wenn wir lieben, – ja, ohne zu fragen – mit Herz und Seele, wissend, wie es endet.“

Sie berührte die Rose an ihrer Brust. Für einen Augenblick schien sie ihn zu vergessen, dann leise: „Ich danke Ihnen, ich bin sehr dankbar.“ Sie öffnete das Buch, pflückte ein Blütenblatt von der Rose und ließ es zwischen die Seiten fallen. Dann blickte sie auf und sagte sanft: „Ich kann nicht annehmen.“

V

Clifford brauchte einen Monat, um sich vollständig zu erholen, obwohl er bereits am Ende der ersten Woche von Elliott, der eine Autorität war, für genesen erklärt wurde; und seine Genesung wurde durch die Herzlichkeit unterstützt, mit der Rue Barrée seine feierlichen Grüße erwiderte. Vierzigmal am Tag segnete er Rue Barrée für ihre Ablehnung und dankte seinem Glücksstern, und gleichzeitig, oh, unser wunderbares Herz! – litt er die Qualen eines Zurückgewiesenen.

Elliott war genervt, teils durch Cliffords Zurückhaltung, teils durch das unerklärliche Auftauen der Kälte von Rue Barrée. Bei ihren häufigen Begegnungen, wenn sie, die rue de Seine entlangtrippelnd, mit Notenrolle und großem Strohhut an Clifford und seinen Bekannten vorbeiging, die einen östlichen Kurs zum Café Vachette einschlugen, und beim respektvollen Entblößen der Häupter errötete und Clifford anlächelte, erwachten Elliotts schlummernde Verdachtsmomente. Aber er fand nie etwas heraus und gab es schließlich als außerhalb seines Fassungsvermögens liegend auf, wobei er Clifford lediglich als Idioten qualifizierte und seine Meinung über Rue Barrée für sich behielt. Und die ganze Zeit über war Selby eifersüchtig. Zuerst weigerte er sich, es sich selbst einzugestehen, und schwänzte das Atelier für einen Tag auf dem Land, aber die Wälder und Felder verschlimmerten natürlich seinen Fall, und die Bäche plätscherten von Rue Barrée, und die Mäher, die über die Wiese hinweg einander riefen, endeten in einem zitternden „Rue Bar-rée-e!“ Dieser Tag auf dem Land machte ihn eine Woche lang wütend, und er arbeitete mürrisch bei Julian’s, die ganze Zeit gequält von dem Wunsch zu wissen, wo Clifford sei und was er wohl tue. Dies gipfelte in einem erratischen Spaziergang am Sonntag, der am Blumenmarkt auf dem Pont au Change endete, wieder begann, düster bis zur Morgue ausgedehnt wurde und wieder an der Marmorbrücke endete. So ging es nicht weiter, und Selby spürte das, also ging er zu Clifford, der sich in seinem Garten mit Minzjuleps erholte.

Sie setzten sich zusammen und diskutierten über Moral und menschliches Glück, und jeder fand den anderen höchst unterhaltsam, nur Selby scheiterte daran, Clifford auszuhorchen, sehr zur unverstellten Belustigung des anderen. Aber die Juleps verbreiteten Balsam auf dem Stich der Eifersucht und flößten dem Zurückgewiesenen Hoffnung ein, und als Selby sagte, er müsse gehen, ging Clifford mit, und als Selby, um nicht nachzustehen, darauf bestand, Clifford bis zu seiner Tür zu begleiten, beschloss Clifford, Selby den halben Weg zurückzubringen, und da es ihnen dann schwerfiel, sich zu trennen, beschlossen sie, zusammen zu essen und zu „flattern“. Zu flattern, ein Verb, das auf Cliffords nächtliche Streifzüge angewandt wurde, drückte vielleicht so gut wie alles andere die beabsichtigte Fröhlichkeit aus. Das Abendessen wurde bei Mignon bestellt, und während Selby den Koch interviewte, behielt Clifford ein väterliches Auge auf den Butler. Das Abendessen war ein Erfolg, oder von der Art, die man allgemein als Erfolg bezeichnet. Gegen das Dessert hörte Selby jemanden wie aus weiter Ferne sagen: „Kid Selby, besoffen wie ein Lord.“

Eine Gruppe von Männern kam an ihnen vorbei; es kam ihm so vor, als würde er Hände schütteln und sehr viel lachen, und dass jeder sehr geistreich sei. Da war Clifford gegenüber, der seinem Kumpel Selby ewige Treue schwor, und es schienen andere dort zu sein, die entweder neben ihnen saßen oder ständig vorbeigingen, mit dem Rauschen von Röcken auf dem polierten Boden. Der Duft von Rosen, das Rascheln von Fächern, die Berührung runder Arme und das Lachen wurden immer vager. Der Raum schien in Nebel gehüllt zu sein. Dann, alles in einem Moment, trat jeder Gegenstand schmerzhaft deutlich hervor, nur Formen und Gesichter waren verzerrt und Stimmen durchdringend. Er straffte sich, ruhig, ernst, für den Moment Herr seiner selbst, aber sehr betrunken. Er wusste, dass er betrunken war, und war so vorsichtig und wachsam, so scharf misstrauisch gegen sich selbst, wie er es gegenüber einem Dieb an seinem Ellbogen gewesen wäre. Seine Selbstbeherrschung ermöglichte es Clifford, seinen Kopf sicher unter fließendes Wasser zu halten und sich auf die Straße zu begeben, sichtlich mitgenommen, aber ohne zu ahnen, dass sein Begleiter betrunken war. Eine Zeit lang bewahrte er seine Selbstbeherrschung. Sein Gesicht war nur ein wenig blasser, ein wenig straffer als gewöhnlich; er war nur ein wenig langsamer und wählerischer in seiner Sprache. Es war Mitternacht, als er Clifford friedlich in einem Armlehnstuhl schlummern ließ, mit einem langen Wildlederhandschuh, der in seiner Hand baumelte, und einer federigen Boa, die um seinen Hals gewickelt war, um seine Kehle vor Zugluft zu schützen. Er ging durch den Flur und die Treppe hinunter und befand sich auf dem Bürgersteig in einem Viertel, das er nicht kannte. Mechanisch schaute er auf den Namen der Straße. Der Name war ihm nicht vertraut. Er drehte sich um und steuerte auf einige Lichter zu, die am Ende der Straße gruppiert waren. Sie erwiesen sich als weiter entfernt, als er erwartet hatte, und nach einer langen Suche kam er zu dem Schluss, dass seine Augen auf mysteriöse Weise von ihrem richtigen Platz entfernt und wie bei einem Vogel an beiden Seiten seines Kopfes neu eingesetzt worden waren. Es betrübte ihn, an die Unannehmlichkeiten zu denken, die ihm diese Verwandlung bereiten könnte, und er versuchte, seinen Kopf wie ein Huhn zu recken, um die Beweglichkeit seines Halses zu testen. Dann überkam ihn eine ungeheure Verzweiflung – Tränen sammelten sich in den Tränenkanälen, sein Herz schmolz, und er stieß mit einem Baum zusammen. Dieser Schock brachte ihn zur Besinnung; er unterdrückte die heftige Zärtlichkeit in seiner Brust, hob seinen Hut auf und ging zügiger weiter. Sein Mund war weiß und verzerrt, seine Zähne fest zusammengebissen. Er hielt seinen Kurs ziemlich gut und irrte nur wenig ab, und nach einer scheinbar endlosen Zeit fand er sich beim Vorbeigehen an einer Reihe von Droschken wieder. Die brillanten Lampen, rot, gelb und grün, ärgerten ihn, und er hatte das Gefühl, es wäre angenehm, sie mit seinem Stock zu zertrümmern, aber diesen Impuls bezwingend, ging er weiter. Später kam ihm die Idee, dass es Müdigkeit ersparen würde, eine Droschke zu nehmen, und er machte sich mit dieser Absicht auf den Rückweg, aber die Droschken schienen bereits so weit weg zu sein und die Laternen waren so hell und verwirrend, dass er es aufgab, sich zusammennahm und sich umsah.

Ein Schatten, eine Masse, riesig, undefiniert, erhob sich zu seiner Rechten. Er erkannte den Arc de Triomphe und schüttelte ihn ernst mit seinem Stock. Seine Größe ärgerte ihn. Er hatte das Gefühl, er sei zu groß. Dann hörte er etwas klappernd auf das Pflaster fallen und dachte, es sei wahrscheinlich sein Stock, aber das machte nicht viel aus. Als er sich beherrscht hatte und die Kontrolle über sein rechtes Bein zurückgewonnen hatte, das Anzeichen von Ungehorsam zeigte, fand er sich wieder, wie er die Place de la Concorde in einem Tempo durchquerte, das drohte, ihn bei der Madeleine abzuladen. Das ging nicht. Er bog scharf nach rechts ab, überquerte die Brücke, passierte das Palais Bourbon im Laufschritt und bog in den Boulevard St. Germain ein. Er kam ganz gut voran, obwohl die Größe des Kriegsministeriums ihn als persönliche Beleidigung traf, und er vermisste seinen Stock, den es angenehm gewesen wäre, beim Vorbeigehen an den Eisengeländern mitzuschleifen. Es kam ihm jedoch in den Sinn, seinen Hut als Ersatz zu nehmen, aber als er ihn fand, vergaß er, wozu er ihn brauchte, und setzte ihn mit Ernst wieder auf den Kopf. Dann war er gezwungen, gegen einen heftigen Drang anzukämpfen, sich hinzusetzen und zu weinen. Dies dauerte an, bis er zur rue de Rennes kam, aber dort war er damit beschäftigt, den Drachen auf dem Balkon zu betrachten, der über den Cour du Dragon ragte, und die Zeit verging, bis er sich vage erinnerte, dass er dort nichts zu suchen hatte, und marschierte wieder los. Es war mühsame Arbeit. Der Drang, sich hinzusetzen und zu weinen, war einem Wunsch nach einsamer und tiefer Reflexion gewichen. Hier vergaß sein rechtes Bein seinen Gehorsam und griff das linke an, flankierte es und brachte ihn gegen eine hölzerne Planke, die seinen Weg zu versperren schien. Er versuchte, darum herumzugehen, fand aber die Straße gesperrt. Er versuchte, sie umzustoßen, und stellte fest, dass er es nicht konnte. Dann bemerkte er eine rote Laterne, die auf einem Haufen Pflastersteine innerhalb der Barriere stand. Das war angenehm. Wie sollte er nach Hause kommen, wenn der Boulevard blockiert war? Aber er war nicht auf dem Boulevard. Sein verräterisches rechtes Bein hatte ihn zu einem Umweg verleitet, denn da hinter ihm lag der Boulevard mit seiner endlosen Lampenreihe – und hier, was war das für eine schmale, heruntergekommene Straße, angehäuft mit Erde und Mörtel und Steinhaufen? Er schaute auf. Auf der Barriere stand in starrenden schwarzen Buchstaben:

RUE BARRÉE.

Er setzte sich hin. Zwei Polizisten, die er kannte, kamen vorbei und rieten ihm aufzustehen, aber er diskutierte die Frage vom Standpunkt des persönlichen Geschmacks aus, und sie gingen lachend weiter. Denn er war in diesem Moment in ein Problem vertieft. Es lautete: Wie man Rue Barrée sieht. Sie war irgendwo in diesem großen Haus mit den Eisenbalkonen, und die Tür war verschlossen, aber was machte das schon? Die einfache Idee kam ihm, zu rufen, bis sie käme. Diese Idee wurde durch eine andere ebenso klare ersetzt – an die Tür zu hämmern, bis sie käme; aber schließlich beide als zu ungewiss verwerfend, beschloss er, auf den Balkon zu klettern und, ein Fenster höflich öffnend, nach Rue Barrée zu fragen. Es gab nur ein beleuchtetes Fenster in dem Haus, das er sehen konnte. Es war im zweiten Stock, und auf dieses richtete er seine Augen. Dann stieg er auf die hölzerne Barriere, kletterte über die Steinhaufen, erreichte den Bürgersteig und blickte zur Fassade hinauf, um einen Halt zu finden. Es schien unmöglich. Aber eine plötzliche Wut ergriff ihn, eine blinde, betrunkene Sturheit, und das Blut schoss ihm in den Kopf, pulsierend, in seinen Ohren schlagend wie der dumpfe Donner eines Ozeans. Er biss die Zähne zusammen, sprang an ein Fenstersims, zog sich hoch und hielt sich an den Eisenstangen fest. Dann floh die Vernunft; in seinem Gehirn wogte der Klang vieler Stimmen, sein Herz sprang auf und schlug ein wildes Tattoo, und an Gesims und Sims klammernd arbeitete er sich die Fassade entlang, hielt sich an Rohren und Fensterläden fest und zog sich hoch, über und in den Balkon beim beleuchteten Fenster. Sein Hut fiel herunter und rollte gegen die Scheibe. Einen Moment lang lehnte er atemlos gegen das Geländer – dann wurde das Fenster von innen langsam geöffnet.

Sie starrten einander eine Zeit lang an. Nach einer Weile machte das Mädchen zwei unsichere Schritte zurück in den Raum. Er sah ihr Gesicht – jetzt ganz purpurrot – er sah sie in einen Stuhl am lampenbeleuchteten Tisch sinken, und ohne ein Wort folgte er ihr in den Raum und schloss die großen, türartigen Scheiben hinter sich. Dann betrachteten sie einander schweigend.

Der Raum war klein und weiß; alles war weiß um ihn herum – das Betthimmelbett, der kleine Waschtisch in der Ecke, die nackten Wände, die Porzellanlampe – und sein eigenes Gesicht – hätte er es gewusst, aber das Gesicht und der Hals von Rue wogten in der Farbe, die den blühenden Rosenstrauch dort auf dem Herd neben ihr färbte. Es kam ihm nicht in den Sinn zu sprechen. Sie schien es nicht zu erwarten. Sein Geist rang mit den Eindrücken des Raumes. Die Weiße, die extreme Reinheit von allem beschäftigte ihn – begann ihn zu beunruhigen. Als sich sein Auge an das Licht gewöhnte, wuchsen andere Gegenstände aus der Umgebung hervor und nahmen ihre Plätze im Kreis des Lampenlichts ein. Da war ein Klavier und ein Kohlenkasten und ein kleiner Eisenkoffer und eine Badewanne. Dann gab es eine Reihe von Holzpflöcken an der Tür, mit einem weißen Kattunvorhang, der die Kleider darunter bedeckte. Auf dem Bett lagen ein Regenschirm und ein großer Strohhut, und auf dem Tisch eine entrollte Notenrolle, ein Tintenfass und Bögen mit linierten Papieren. Hinter ihm stand ein Kleiderschrank mit einem Spiegel, aber irgendwie wollte er sein eigenes Gesicht in diesem Moment nicht sehen. Er wurde nüchtern.

Das Mädchen saß da und sah ihn wortlos an. Ihr Gesicht war ausdruckslos, doch die Lippen zitterten zuweilen fast unmerklich. Ihre Augen, so wunderbar blau im Tageslicht, schienen dunkel und weich wie Samt, und die Farbe an ihrem Hals vertiefte und erblaste mit jedem Atemzug. Sie schien kleiner und zierlicher als damals, als er sie auf der Straße gesehen hatte, und es lag nun etwas in der Kurve ihrer Wange, das fast kindlich war. Als er sich schließlich umdrehte und sein eigenes Spiegelbild im Spiegel hinter sich auffing, durchfuhr ihn ein Schock, als hätte er etwas Schändliches gesehen, und sein getrübter Geist und seine getrübten Gedanken wurden klarer. Einen Moment lang trafen sich ihre Augen, dann suchten seine den Boden, seine Lippen spannten sich an, und der Kampf in ihm beugte sein Haupt und spannte jeden Nerv bis zum Zerreißen. Und nun war es vorbei, denn die Stimme in seinem Inneren hatte gesprochen. Er hörte zu, stumpf interessiert, aber das Ende bereits kennend – tatsächlich spielte es wenig Rolle; – das Ende würde für ihn immer dasselbe sein; – er verstand nun – für ihn immer dasselbe, und er hörte, stumpf interessiert, einer Stimme zu, die in ihm wuchs. Nach einer Weile stand er auf, und sie erhob sich sofort, eine kleine Hand auf dem Tisch ruhend. Alsbald öffnete er das Fenster, hob seinen Hut auf und schloss es wieder. Dann ging er zu dem Rosenstrauch und berührte die Blüten mit seinem Gesicht. Eine stand in einem Wasserglas auf dem Tisch, und mechanisch zog das Mädchen sie heraus, drückte sie mit ihren Lippen und legte sie auf den Tisch neben ihn. Er nahm sie wortlos entgegen, überquerte den Raum und öffnete die Tür. Der Treppenabsatz war dunkel und still, aber das Mädchen hob die Lampe und an ihm vorbeigleitend schlüpfte sie die polierte Treppe hinunter zum Flur. Dann die Riegel zurückschiebend, zog sie das Eisengitter auf.

Durch dieses schritt er mit seiner Rose.

Public-domain source text from Project Gutenberg, translated into German by AI under our editorial direction. Machine translation of a whole book is not flawless — this exists so you can read a book otherwise closed to you, not as a scholarly edition. How this is made.