DER MORD AN ROGER ACKROYD
VON
AGATHA CHRISTIE
AUTORIN VON THE SECRET OF CHIMNEYS, THE MURDER ON THE LINKS, U. A.
GROSSET & DUNLAP VERLEGER NEW YORK
Copyright, 1926, By DODD, MEAD AND COMPANY, Inc.
Für Punkie, die eine orthodoxe Detektivgeschichte mag, mit Mord, Leichenbeschau und Verdächtigungen, die reihum auf jeden fallen!
INHALT
KAPITEL SEITE
I DR. SHEPPARD AM FRÜHSTÜCKSTISCH 1
II WER IST WER IN KING’S ABBOT 7
III DER MANN, DER GARTENKÜRBISSE ZÜCHTETE 17
IV ABENDESSEN IN FERNLY 31
V MORD 49
VI DER TUNESISCHE DOLCH 65
VII ICH LERNE DEN BERUF MEINES NACHBARN KENNEN 75
VIII INSPECTOR RAGLAN IST ZUVERSICHTLICH 92
IX DER GOLDFISCHTEICH 106
X DAS STUBENMÄDCHEN 118
XI POIROT STATTET EINEN BESUCH AB 136
XII RUND UM DEN TISCH 145
XIII DER GÄNSEKIEL 156
XIV MRS. ACKROYD 165
XV GEOFFREY RAYMOND 178
XVI EIN ABEND BEIM MAH-JONGG 190
XVII PARKER 202
XVIII CHARLES KENT 218
XIX FLORA ACKROYD 226
XX MISS RUSSELL 238
XXI DER ABSATZ IN DER ZEITUNG 251
XXII URSULAS GESCHICHTE 260
XXIII POIROTS KLEINES WIEDERSEHEN 269
XXIV RALPH PATONS GESCHICHTE 284
XXV DIE GANZE WAHRHEIT 289
XXVI UND NICHTS ALS DIE WAHRHEIT 298
XXVII APOLOGIA 303
DER MORD AN ROGER ACKROYD
KAPITEL I
DR. SHEPPARD AM FRÜHSTÜCKSTISCH
Mrs. Ferrars starb in der Nacht vom 16. auf den 17. September – einem Donnerstag. Am Freitagmorgen, dem 17., wurde ich um acht Uhr zu ihr gerufen. Es gab nichts mehr zu tun. Sie war bereits einige Stunden tot.
Es war kurz nach neun, als ich wieder zu Hause eintraf. Ich öffnete die Vordertür mit meinem Schlüssel und verweilte absichtlich ein paar Augenblicke im Flur, um meinen Hut und den leichten Überzieher aufzuhängen, den ich als vorsorgliche Maßnahme gegen die Kühle eines frühen Herbstmorgens für weise gehalten hatte. Um die Wahrheit zu sagen, war ich beträchtlich aufgewühlt und besorgt. Ich werde nicht so tun, als hätte ich in diesem Moment die Ereignisse der nächsten Wochen vorausgesehen. Das habe ich mit Bestimmtheit nicht getan. Aber mein Instinkt sagte mir, dass bewegte Zeiten vor uns lagen.
Aus dem Esszimmer zu meiner Linken drang das Klappern von Teetassen und das kurze, trockene Husten meiner Schwester Caroline.
„Bist du das, James?“, rief sie.
Eine unnötige Frage, denn wer sonst könnte es sein? Um die Wahrheit zu sagen, war es genau meine Schwester Caroline, die die Ursache für meine paar Minuten Verspätung war. Das Motto der Mungofamilie, so erzählt uns Mr. Kipling, lautet: „Geh hin und finde es heraus.“ Sollte Caroline jemals ein Wappen annehmen, würde ich ihr zweifellos einen aufsteigenden Mungo vorschlagen. Den ersten Teil des Mottos könnte man weglassen. Caroline kann jede Menge herausfinden, indem sie einfach friedlich zu Hause sitzt. Ich weiß nicht, wie sie das anstellt, aber so ist es nun einmal. Ich vermute, dass das Dienstpersonal und die Geschäftsleute ihr Nachrichtendienstkorps bilden. Wenn sie ausgeht, dann nicht, um Informationen zu sammeln, sondern um sie zu verbreiten. Auch darin ist sie erstaunlich geschickt.
Es war eigentlich dieser zuletzt genannte Wesenszug von ihr, der mir diese Gewissensbisse bereitete. Was immer ich Caroline jetzt über das Ableben von Mrs. Ferrars erzählte, würde innerhalb von anderthalb Stunden im ganzen Dorf allgemein bekannt sein. Als Mann meines Berufsstandes strebe ich natürlich nach Diskretion. Deshalb habe ich mir angewöhnt, meiner Schwester fortwährend alle Informationen, die möglich sind, vorzuenthalten. Sie findet sie meistens trotzdem heraus, aber ich habe die moralische Genugtuung zu wissen, dass ich in keiner Weise daran schuld bin.
Mrs. Ferrars’ Ehemann starb vor etwas mehr als einem Jahr, und Caroline hat beständig behauptet, ohne die geringste Grundlage für diese Behauptung, dass seine Frau ihn vergiftet habe.
Sie verspottet meine unveränderliche Erwiderung, dass Mr. Ferrars an akuter Magenschleimhautentzündung starb, begünstigt durch den gewohnheitsmäßigen übermäßigen Genuss alkoholischer Getränke. Die Symptome von Magenschleimhautentzündung und Arsenvergiftung sind, da stimme ich zu, nicht unähnlich, aber Caroline stützt ihre Anschuldigung auf ganz andere Linien.
„Du musst sie dir nur ansehen“, habe ich sie sagen hören.
Mrs. Ferrars war, obwohl nicht mehr in ihrer ersten Jugend, eine sehr attraktive Frau, und ihre Kleidung schien ihr, wenn auch schlicht, immer sehr gut zu passen, aber dennoch kaufen viele Frauen ihre Kleidung in Paris und haben deshalb nicht notwendigerweise ihre Ehemänner vergiftet.
Während ich zögernd im Flur stand und all dies durch meinen Kopf ging, kam Carolines Stimme erneut, mit einem schärferen Unterton.
„Was zum Teufel machst du da draußen, James? Warum kommst du nicht rein und nimmst dein Frühstück?“
„Komme schon, meine Liebe“, sagte ich hastig. „Ich habe nur meinen Überzieher aufgehängt.“
„Du hättest in dieser Zeit ein halbes Dutzend Überzieher aufhängen können.“
Sie hatte vollkommen recht. Das hätte ich können.
Ich ging ins Esszimmer, gab Caroline das gewohnte Küsschen auf die Wange und setzte mich zu Eiern und Speck. Der Speck war etwas kalt.
„Du hattest einen frühen Ruf“, bemerkte Caroline.
„Ja“, sagte ich. „King’s Paddock. Mrs. Ferrars.“
„Ich weiß“, sagte meine Schwester.
„Woher wusstest du das?“
„Annie hat es mir erzählt.“
Annie ist das Stubenmädchen. Ein nettes Mädchen, aber eine unverbesserliche Plaudertasche.
Es trat eine Pause ein. Ich aß weiter meine Eier mit Speck. Die Nase meiner Schwester, die lang und dünn ist, zuckte ein wenig an der Spitze, wie sie es immer tut, wenn sie an irgendetwas interessiert oder aufgeregt ist.
„Nun?“, verlangte sie zu wissen.
„Eine schlimme Sache. Nichts mehr zu machen. Muss im Schlaf gestorben sein.“
„Ich weiß“, sagte meine Schwester wieder.
Diesmal war ich verärgert.
„Du kannst es nicht wissen“, fuhr ich sie an. „Ich wusste es selbst nicht, bis ich dort ankam, und ich habe es noch keinem einzigen Menschen gegenüber erwähnt. Wenn dieses Mädchen Annie es weiß, muss sie hellseherisch sein.“
„Es war nicht Annie, die es mir gesagt hat. Es war der Milchmann. Er hat es von der Köchin der Ferrars.“
Wie ich schon sagte, gibt es für Caroline keinen Grund, auszugehen, um Informationen zu erhalten. Sie sitzt zu Hause, und sie kommen zu ihr.
Meine Schwester fuhr fort:
„Woran ist sie gestorben? Herzversagen?“
„Hat dir das der Milchmann nicht gesagt?“, erkundigte ich mich sarkastisch.
Sarkasmus ist bei Caroline verschwendet. Sie nimmt ihn ernst und antwortet entsprechend.
„Er wusste es nicht“, erklärte sie.
Schließlich musste Caroline es früher oder später ohnehin erfahren. Sie konnte es genauso gut von mir hören.
„Sie starb an einer Überdosis Veronal. Sie hat es in letzter Zeit gegen Schlaflosigkeit genommen. Sie muss zu viel genommen haben.“
„Unsinn“, sagte Caroline sofort. „Sie hat es mit Absicht genommen. Erzähl mir nichts!“
Es ist merkwürdig, wie einen der Ausspruch eines anderen, wenn man selbst einen geheimen Glauben hegt, den man nicht zugeben möchte, sofort zu einer wütenden Leugnung reizt. Ich brach augenblicklich in empörte Rede aus.
„Da fängst du schon wieder an“, sagte ich. „Einfach drauf los, ohne Sinn und Verstand. Warum zum Teufel sollte Mrs. Ferrars Selbstmord begehen wollen? Eine Witwe, noch ziemlich jung, sehr wohlhabend, bei guter Gesundheit und nichts zu tun, als das Leben zu genießen. Es ist absurd.“
„Überhaupt nicht. Selbst du musst bemerkt haben, wie anders sie in letzter Zeit aussah. Das hat sich in den letzten sechs Monaten so entwickelt. Sie sah geradezu gehetzt aus. Und du hast gerade selbst zugegeben, dass sie nicht schlafen konnte.“
„Was ist deine Diagnose?“, verlangte ich kalt. „Eine unglückliche Liebesaffäre, nehme ich an?“
Meine Schwester schüttelte den Kopf.
„Reue“, sagte sie mit großem Eifer.
„Reue?“
„Ja. Du wolltest mir nie glauben, wenn ich dir sagte, dass sie ihren Ehemann vergiftet hat. Jetzt bin ich mehr denn je davon überzeugt.“
„Ich glaube nicht, dass du sehr logisch bist“, wandte ich ein. „Sicher, wenn eine Frau ein Verbrechen wie Mord begangen hätte, wäre sie kaltblütig genug, die Früchte davon ohne jegliche schwachmütige Sentimentalität wie Reue zu genießen.“
Caroline schüttelte den Kopf.
„Es gibt wahrscheinlich solche Frauen – aber Mrs. Ferrars gehörte nicht dazu. Sie war ein Nervenbündel. Ein übermächtiger Impuls trieb sie dazu, ihren Mann loszuwerden, weil sie die Art von Mensch war, die einfach keinerlei Leiden ertragen kann, und es besteht kein Zweifel, dass die Ehefrau eines Mannes wie Ashley Ferrars eine ganze Menge erdulden musste –“
Ich nickte.
„Und seitdem wurde sie von dem gequält, was sie getan hat. Ich kann nicht anders, als Mitleid mit ihr zu haben.“
Ich glaube nicht, dass Caroline jemals Mitleid mit Mrs. Ferrars hatte, solange sie noch lebte. Jetzt, wo sie dorthin gegangen ist, wo (vermutlich) keine Pariser Kleider mehr getragen werden können, ist Caroline bereit, sich den weicheren Gefühlen von Mitleid und Verständnis hinzugeben.
Ich sagte ihr bestimmt, dass ihre ganze Idee Unsinn sei. Ich war umso bestimmter, weil ich insgeheim zumindest einem Teil dessen, was sie gesagt hatte, zustimmte. Aber es ist absolut falsch, dass Caroline einfach durch eine Art inspirierter Vermutung auf die Wahrheit kommt. Ich wollte so etwas nicht ermutigen. Sie wird im Dorf herumlaufen und ihre Ansichten verbreiten, und jeder wird denken, dass sie dies auf medizinischen Daten tut, die von mir geliefert wurden. Das Leben ist sehr anstrengend.
„Unsinn“, sagte Caroline als Antwort auf meine Kritik. „Du wirst schon sehen. Zehn zu eins, dass sie einen Brief hinterlassen hat, in dem sie alles gesteht.“
„Sie hat keinerlei Brief hinterlassen“, sagte ich scharf, ohne zu sehen, wohin mich dieses Zugeständnis führen würde.
„Oh!“, sagte Caroline. „Du hast dich also danach erkundigt, was? Ich glaube, James, dass du im Grunde deines Herzens ganz ähnlich denkst wie ich. Du bist ein kostbarer alter Heuchler.“
„Man muss immer die Möglichkeit eines Selbstmordes in Betracht ziehen“, sagte ich unterdrückend.
„Wird es eine Leichenbeschau geben?“
„Vielleicht. Es hängt alles davon ab. Wenn ich in der Lage bin, mich absolut davon zu überzeugen, dass die Überdosis versehentlich eingenommen wurde, könnte auf eine Leichenbeschau verzichtet werden.“
„Und bist du absolut überzeugt?“, fragte meine Schwester scharfsinnig.
Ich antwortete nicht, sondern stand vom Tisch auf.
KAPITEL II
WER IST WER IN KING’S ABBOT
Bevor ich mit dem fortfahre, was ich zu Caroline sagte und was Caroline zu mir sagte, wäre es vielleicht gut, eine Vorstellung von dem zu geben, was ich als unsere lokale Geographie bezeichnen würde. Unser Dorf, King’s Abbot, ist, so stelle ich mir vor, so wie jedes andere Dorf. Unsere große Stadt ist Cranchester, neun Meilen entfernt. Wir haben einen großen Bahnhof, ein kleines Postamt und zwei rivalisierende „Gemischtwarenläden“. Wehrfähige Männer neigen dazu, den Ort früh im Leben zu verlassen, aber wir sind reich an unverheirateten Damen und pensionierten Offizieren. Unsere Hobbys und Freizeitbeschäftigungen lassen sich in einem Wort zusammenfassen: „Klatsch“.
Es gibt nur zwei Häuser von Bedeutung in King’s Abbot. Das eine ist King’s Paddock, das Mrs. Ferrars von ihrem verstorbenen Ehemann hinterlassen wurde. Das andere, Fernly Park, gehört Roger Ackroyd. Ackroyd hat mich immer dadurch interessiert, dass er ein Mann ist, der unmöglicher wie ein Landedelmann wirkt, als ein Landedelmann es jemals wirklich sein könnte. Er erinnert einen an die rotgesichtigen Sportler, die immer früh im ersten Akt einer altmodischen musikalischen Komödie auftauchten, wobei der Schauplatz das Dorfanger war. Sie sangen gewöhnlich ein Lied darüber, nach London zu fahren. Heutzutage haben wir Revuen, und der Landedelmann ist aus der musikalischen Mode gekommen.
Natürlich ist Ackroyd kein wirklicher Landedelmann. Er ist ein ungemein erfolgreicher Fabrikant von (glaube ich) Wagenrädern. Er ist ein Mann von fast fünfzig Jahren, mit rotem Gesicht und jovialem Auftreten. Er ist mit dem Pfarrer auf vertrautem Fuß, spendet großzügig für Gemeindefonds (obwohl Gerüchte besagen, dass er bei persönlichen Ausgaben extrem knauserig ist), fördert Cricketspiele, Jugendclubs und Institute für kriegsbeschädigte Soldaten. Er ist in der Tat das Herz und die Seele unseres friedlichen Dorfes King’s Abbot.
Nun, als Roger Ackroyd ein junger Mann von einundzwanzig Jahren war, verliebte er sich in eine schöne Frau, die fünf oder sechs Jahre älter war als er, und heiratete sie. Ihr Name war Paton, und sie war eine Witwe mit einem Kind. Die Geschichte der Ehe war kurz und schmerzhaft. Um es offen auszusprechen, Mrs. Ackroyd war eine Trunksüchtige. Sie schaffte es, sich vier Jahre nach ihrer Heirat zu Tode zu trinken.
In den folgenden Jahren zeigte Ackroyd keine Neigung zu einem zweiten ehelichen Abenteuer. Das Kind seiner Frau aus ihrer ersten Ehe war erst sieben Jahre alt, als seine Mutter starb. Er ist jetzt fünfundzwanzig. Ackroyd hat ihn immer als seinen eigenen Sohn betrachtet und ihn dementsprechend erzogen, aber er war ein wilder Bursche und eine ständige Quelle von Sorge und Ärger für seinen Stiefvater. Dennoch sind wir alle sehr angetan von Ralph Paton in King’s Abbot. Er ist schon deshalb so ein gut aussehender junger Mann.
Wie ich schon sagte, wir sind in unserem Dorf bereit genug für Klatsch. Jeder bemerkte von Anfang an, dass Ackroyd und Mrs. Ferrars sehr gut miteinander auskamen. Nach dem Tod ihres Mannes wurde die Vertrautheit deutlicher. Sie wurden ständig zusammen gesehen, und es wurde allgemein vermutet, dass Mrs. Ferrars nach Ablauf ihrer Trauerzeit Mrs. Roger Ackroyd werden würde. Es wurde tatsächlich empfunden, dass eine gewisse Angemessenheit in der Sache lag. Roger Ackroyds Frau war bekanntermaßen am Trinken gestorben. Ashley Ferrars war viele Jahre vor seinem Tod ein Trinker gewesen. Es war nur passend, dass diese beiden Opfer des Alkoholmissbrauchs sich gegenseitig für alles entschädigten, was sie zuvor durch ihre früheren Ehepartner erlitten hatten.
Die Ferrars zogen erst vor gut einem Jahr hierher, aber ein Heiligenschein des Klatsches umgibt Ackroyd schon seit vielen Jahren. Die ganze Zeit, während Ralph Paton zum Mann heranwuchs, präsidierte eine Reihe von Haushälterinnen über Ackroyds Anwesen, und jede von ihnen wurde wiederum von Caroline und ihren Vertrauten mit lebhaftem Misstrauen betrachtet. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man feststellt, dass das ganze Dorf seit mindestens fünfzehn Jahren fest damit rechnete, dass Ackroyd eine seiner Haushälterinnen heiraten würde. Die letzte von ihnen, eine furchteinflößende Dame namens Miss Russell, herrscht seit fünf Jahren unangefochten, doppelt so lange wie jede ihrer Vorgängerinnen. Man ist der Meinung, dass Ackroyd ohne das Aufkommen von Mrs. Ferrars kaum hätte entkommen können. Das – und ein weiterer Faktor – die unerwartete Ankunft einer verwitweten Schwägerin mit ihrer Tochter aus Kanada. Mrs. Cecil Ackroyd, Witwe von Ackroyds nichtsnutzigem jüngeren Bruder, hat ihren Wohnsitz im Fernly Park genommen und es geschafft, so Caroline, Miss Russell an ihren angestammten Platz zu verweisen.
Ich weiß nicht genau, was einen „angestammten Platz“ ausmacht – es klingt kalt und unangenehm – aber ich weiß, dass Miss Russell mit zusammengekniffenen Lippen und einem Lächeln, das ich nur als sauer bezeichnen kann, herumläuft und dass sie das größte Mitgefühl für „die arme Mrs. Ackroyd – angewiesen auf die Wohltätigkeit des Bruders ihres Mannes. Das Brot der Wohltätigkeit ist so bitter, nicht wahr? Ich wäre ganz unglücklich, wenn ich nicht für meinen Lebensunterhalt arbeiten würde“ heuchelt.
Ich weiß nicht, was Mrs. Cecil Ackroyd von der Ferrars-Affäre hielt, als sie aufs Tapet kam. Es war eindeutig zu ihrem Vorteil, dass Ackroyd unverheiratet blieb. Sie war immer sehr charmant – um nicht zu sagen überschwänglich – zu Mrs. Ferrars, wenn sie sich trafen. Caroline sagt, das beweise weniger als nichts.
Solche waren unsere Sorgen in King’s Abbot in den letzten Jahren. Wir haben Ackroyd und seine Angelegenheiten von jedem Standpunkt aus diskutiert. Mrs. Ferrars hat ihren Platz in dem Schema eingenommen.
Nun hat es eine Neuanordnung des Kaleidoskops gegeben. Von einer milden Diskussion über wahrscheinliche Hochzeitsgeschenke wurden wir mitten in eine Tragödie gestoßen.
Während ich diese und verschiedene andere Angelegenheiten in meinem Kopf wälzte, ging ich mechanisch meine Runde. Ich hatte keine Fälle von besonderem Interesse zu behandeln, was vielleicht gut war, denn meine Gedanken kehrten immer wieder zu dem Geheimnis von Mrs. Ferrars’ Tod zurück. Hatte sie sich das Leben genommen? Sicher, wenn sie das getan hätte, hätte sie irgendein Wort hinterlassen, um zu sagen, was sie plante? Frauen, nach meiner Erfahrung, wenn sie erst einmal den Entschluss gefasst haben, Selbstmord zu begehen, möchten meistens den Geisteszustand enthüllen, der zu der fatalen Handlung führte. Sie begehren das Rampenlicht.
Wann hatte ich sie zuletzt gesehen? Nicht seit über einer Woche. Ihr Verhalten damals war normal genug gewesen, wenn man – nun ja – alles in Betracht zog.
Dann erinnerte ich mich plötzlich, dass ich sie gesehen hatte, wenn auch nicht gesprochen, erst gestern. Sie war mit Ralph Paton spazieren gegangen, und ich war überrascht gewesen, weil ich keine Ahnung gehabt hatte, dass er wahrscheinlich in King’s Abbot sein würde. Ich dachte in der Tat, dass er sich endgültig mit seinem Stiefvater zerstritten hätte. Seit fast sechs Monaten war er hier unten nicht mehr gesehen worden. Sie waren nebeneinander hergegangen, die Köpfe dicht beieinander, und sie hatte sehr ernst gesprochen.
Ich glaube, ich kann mit Sicherheit sagen, dass es in diesem Moment war, als ein Vorbote der Zukunft mich zum ersten Mal überkam. Noch nichts Greifbares – aber eine vage Vorahnung, wie sich die Dinge entwickelten. Dieses ernste tête-à-tête zwischen Ralph Paton und Mrs. Ferrars am Tag zuvor hatte mich unangenehm berührt.
Ich dachte immer noch darüber nach, als ich Roger Ackroyd von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.
„Sheppard!“, rief er aus. „Genau der Mann, den ich erwischen wollte. Das ist eine schreckliche Angelegenheit.“
„Sie haben es also gehört?“
Er nickte. Er hatte den Schlag schwer empfunden, das konnte ich sehen. Seine großen roten Wangen schienen eingefallen zu sein, und er sah aus wie ein wahres Wrack seiner gewöhnlich fröhlichen, gesunden Selbst.
„Es ist schlimmer, als Sie wissen“, sagte er leise. „Sehen Sie, Sheppard, ich muss mit Ihnen reden. Können Sie jetzt mit mir zurückkommen?“
„Kaum. Ich muss noch drei Patienten sehen und muss bis zwölf zurück sein, um meine Sprechstundenpatienten zu behandeln.“
„Dann heute Nachmittag – nein, noch besser, essen Sie heute Abend zu Abend. Um halb acht? Würde Ihnen das passen?“
„Ja – das lässt sich einrichten. Was ist falsch? Ist es Ralph?“
Ich wusste kaum, warum ich das sagte – außer vielleicht, dass es so oft Ralph gewesen war.
Ackroyd starrte mich ausdruckslos an, als ob er mich kaum verstanden hätte. Ich begann zu begreifen, dass irgendwo etwas ganz und gar nicht stimmen musste. Ich hatte Ackroyd noch nie so aufgebracht gesehen.
„Ralph?“, sagte er vage. „Oh! nein, es ist nicht Ralph. Ralph ist in London – Verdammt! Hier kommt die alte Miss Ganett. Ich will nicht mit ihr über diese grässliche Angelegenheit sprechen müssen. Wir sehen uns heute Abend, Sheppard. Halb acht.“
Ich nickte, und er eilte davon, mich grübelnd zurücklassend. Ralph in London? Aber er war sicherlich am vorangegangenen Nachmittag in King’s Abbot gewesen. Er musste letzte Nacht oder heute früh zurück in die Stadt gefahren sein, und doch hatte Ackroyds Art einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Er hatte gesprochen, als ob Ralph seit Monaten nicht mehr in der Nähe gewesen wäre.
Ich hatte keine Zeit, das Rätsel weiter zu lösen. Miss Ganett war bei mir, durstig nach Informationen. Miss Ganett hat alle Eigenschaften meiner Schwester Caroline, aber ihr fehlt dieses untrügliche Ziel beim Schlussfolgern, das Carolines Manövern einen Hauch von Größe verleiht. Miss Ganett war atemlos und fragend.
War es nicht traurig um die arme, liebe Mrs. Ferrars? Viele Leute würden sagen, sie sei seit Jahren eine eingefleischte Drogensüchtige gewesen. So niederträchtig, die Art, wie die Leute herumliefen und solche Dinge sagten. Und doch, das Schlimmste daran sei, dass meistens ein Körnchen Wahrheit in diesen wilden Aussagen stecke. Kein Rauch ohne Feuer! Sie würden auch sagen, dass Mr. Ackroyd davon erfahren habe und die Verlobung gelöst habe – denn es habe eine Verlobung gegeben. Sie, Miss Ganett, habe dafür den Beweis. Natürlich müsse ich alles darüber wissen – Ärzte wüssten das immer –, aber sie würden nie etwas sagen?
Und das alles mit einem scharfen, perlenartigen Auge auf mich, um zu sehen, wie ich auf diese Andeutungen reagierte. Glücklicherweise hat mich der lange Umgang mit Caroline dazu gebracht, ein unbewegtes Gesicht zu bewahren und mit kleinen, nichtssagenden Bemerkungen bereit zu sein.
Bei dieser Gelegenheit gratulierte ich Miss Ganett dazu, dass sie nicht in boshaftes Gerede einstimme. Ein ziemlich eleganter Gegenangriff, dachte ich. Er ließ sie in Schwierigkeiten, und bevor sie sich fassen konnte, war ich vorbeigegangen.
Ich ging nachdenklich nach Hause und fand einige Patienten, die im Sprechzimmer auf mich warteten.
Ich hatte den letzten von ihnen verabschiedet, wie ich dachte, und betrachtete gerade ein paar Minuten im Garten vor dem Mittagessen, als ich eine weitere Patientin bemerkte, die auf mich wartete. Sie erhob sich und kam auf mich zu, als ich einigermaßen überrascht dastand.
Ich weiß nicht, warum ich das hätte sein sollen, außer dass Miss Russell etwas von Gusseisen hat, etwas, das über den Gebrechen des Fleisches steht.
Ackroyds Haushälterin ist eine große Frau, hübsch, aber von abschreckendem Aussehen. Sie hat einen strengen Blick und Lippen, die sich fest schließen, und ich habe das Gefühl, dass ich, wenn ich ein unteres Stubenmädchen oder eine Küchenhilfe wäre, um mein Leben laufen würde, wann immer ich sie kommen hörte.
„Guten Morgen, Dr. Sheppard“, sagte Miss Russell. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich mein Knie ansehen würden.“
Ich warf einen Blick darauf, aber um die Wahrheit zu sagen, war ich danach kaum klüger als zuvor. Miss Russells Schilderung vager Schmerzen war so wenig überzeugend, dass ich bei einer Frau von weniger integer Persönlichkeit eine erfundene Geschichte vermutet hätte. Es kam mir für einen Moment in den Sinn, dass Miss Russell dieses Knieleiden absichtlich erfunden haben könnte, um mich über den Tod von Mrs. Ferrars auszuhorchen, doch ich sah bald ein, dass ich sie zumindest in diesem Punkt falsch eingeschätzt hatte. Sie erwähnte das tragische Ereignis nur kurz, weiter nichts. Dennoch schien sie durchaus geneigt, noch etwas zu verweilen und zu plaudern.
„Nun, vielen Dank für diese Flasche Einreibung, Doktor“, sagte sie schließlich. „Nicht, dass ich glaube, sie würde auch nur das Geringste nützen.“
Ich glaubte es zwar auch nicht, aber ich protestierte pflichtschuldigst. Schließlich konnte sie nicht schaden, und man muss zu den Werkzeugen seines Handwerks stehen.
„Ich glaube nicht an all diese Medikamente“, sagte Miss Russell, während ihre Augen missbilligend über meine Flaschensammlung strichen. „Medikamente richten viel Schaden an. Denken Sie nur an die Kokainsucht.“
„Nun, was das angeht –“
„Sie ist in der feinen Gesellschaft sehr verbreitet.“
Ich bin sicher, Miss Russell weiß weit mehr über die feine Gesellschaft als ich. Ich versuchte gar nicht erst, mit ihr zu streiten.
„Sagen Sie mir nur eines, Doktor“, sagte Miss Russell. „Angenommen, man ist wirklich ein Sklave der Drogensucht. Gibt es da eine Heilung?“
Auf so etwas kann man nicht aus dem Stegreif antworten. Ich hielt ihr einen kurzen Vortrag zu diesem Thema, und sie hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ich verdächtigte sie immer noch, Informationen über Mrs. Ferrars zu suchen.
„Nun, zum Beispiel Veronal –“, fuhr ich fort.
Doch seltsamerweise schien sie sich nicht für Veronal zu interessieren. Stattdessen wechselte sie das Thema und fragte mich, ob es wahr sei, dass es gewisse Gifte gäbe, die so selten seien, dass sie sich jeder Entdeckung entzögen.
„Ah!“, sagte ich. „Sie haben Detektivgeschichten gelesen.“
Sie gab zu, dass sie das getan hatte.
„Das Wesen einer Detektivgeschichte“, sagte ich, „ist ein seltenes Gift – wenn möglich etwas aus Südamerika, von dem noch nie jemand gehört hat –, etwas, das ein obskurer Stamm von Wilden benutzt, um seine Pfeile damit zu vergiften. Der Tod tritt augenblicklich ein, und die westliche Wissenschaft ist machtlos, es nachzuweisen. Solche Dinge meinen Sie?“
„Ja. Gibt es so etwas wirklich?“
Ich schüttelte bedauernd den Kopf.
„Ich fürchte, nein. Es gibt natürlich Curare.“
Ich erzählte ihr einiges über Curare, aber sie schien das Interesse schon wieder verloren zu haben. Sie fragte mich, ob ich etwas davon in meinem Giftschrank hätte, und als ich verneinte, sank ich, so glaube ich, in ihrer Achtung.
Sie sagte, sie müsse zurück, und ich begleitete sie zur Praxistür, gerade als der Gong zum Mittagessen ertönte.
Ich hätte Miss Russell niemals eine Vorliebe für Detektivgeschichten zugetraut. Es amüsiert mich sehr, mir vorzustellen, wie sie aus dem Zimmer der Haushälterin tritt, um ein säumiges Stubenmädchen zurechtzuweisen, und dann zu einer gemütlichen Lektüre von „Das Geheimnis des siebten Todes“ oder etwas Ähnlichem zurückkehrt.
KAPITEL III
DER MANN, DER GEMÜSEKÜRBISSE ZÜCHTETE
Ich erzählte Caroline beim Mittagessen, dass ich in Fernly speisen würde. Sie äußerte keinen Einwand – im Gegenteil –
„Ausgezeichnet“, sagte sie. „Da wirst du alles erfahren. Übrigens, was ist mit Ralph los?“
„Mit Ralph?“, sagte ich überrascht. „Es gibt kein Problem.“
„Warum wohnt er dann im ‚Three Boars‘ statt in Fernly Park?“
Ich zweifelte keine Sekunde an Carolines Behauptung, dass Ralph Paton im örtlichen Gasthaus wohnte. Dass Caroline es sagte, war für mich Beweis genug.
„Ackroyd sagte mir, er sei in London“, sagte ich. In der Überraschung des Augenblicks wich ich von meiner wertvollen Regel ab, niemals Informationen preiszugeben.
„Oh!“, sagte Caroline. Ich konnte sehen, wie ihre Nase zuckte, während sie sich an dieser Information zu schaffen machte.
„Er ist gestern Morgen im ‚Three Boars‘ angekommen“, sagte sie. „Und er ist immer noch da. Letzte Nacht war er mit einem Mädchen aus.“
Das überraschte mich nicht im Geringsten. Ralph ist, so würde ich sagen, fast jeden Abend seines Lebens mit einem Mädchen aus. Aber ich wunderte mich doch etwas, dass er sich entschied, diesem Zeitvertreib in King’s Abbot statt in der vergnügungssüchtigen Metropole nachzugehen.
„Eines der Schankmädchen?“, fragte ich.
„Nein. Genau das ist es ja. Er ging aus, um sie zu treffen. Ich weiß nicht, wer sie ist.“
(Bitter für Caroline, so etwas zugeben zu müssen.)
„Aber ich kann es mir denken“, fuhr meine unermüdliche Schwester fort.
Ich wartete geduldig.
„Seine Cousine.“
„Flora Ackroyd?“, rief ich überrascht aus.
Flora Ackroyd ist natürlich in Wirklichkeit in keiner Weise mit Ralph Paton verwandt, aber Ralph wurde so lange als praktisch Ackroyds eigener Sohn betrachtet, dass die Verwandtschaft als selbstverständlich gilt.
„Flora Ackroyd“, sagte meine Schwester.
„Aber warum nicht nach Fernly gehen, wenn er sie sehen wollte?“
„Heimlich verlobt“, sagte Caroline mit enormem Vergnügen. „Der alte Ackroyd will nichts davon wissen, und sie müssen sich auf diesem Weg treffen.“
Ich sah eine ganze Reihe von Fehlern in Carolines Theorie, aber ich verkneife es mir, sie ihr aufzuzeigen. Eine unschuldige Bemerkung über unseren neuen Nachbarn sorgte für Abwechslung.
Das Haus nebenan, „The Larches“, wurde kürzlich von einem Fremden gemietet. Zu Carolines äußerstem Ärgernis konnte sie nichts über ihn herausfinden, außer dass er Ausländer ist. Ihr Geheimdienst erwies sich als schwaches Rohr. Vermutlich bekommt der Mann Milch und Gemüse und Fleischstücke und gelegentlich Wittlinge wie jeder andere auch, aber niemand von den Leuten, deren Geschäft es ist, diese Dinge zu liefern, scheint irgendeine Information erlangt zu haben. Sein Name ist anscheinend Mr. Porrott – ein Name, der ein seltsames Gefühl von Unwirklichkeit vermittelt. Das Einzige, was wir über ihn wissen, ist, dass er sich für den Anbau von Gemüsekürbissen interessiert.
Aber das ist sicherlich nicht die Art von Information, hinter der Caroline her ist. Sie will wissen, woher er kommt, was er tut, ob er verheiratet ist, wie seine Frau war oder ist, ob er Kinder hat, wie der Mädchenname seiner Mutter war – und so weiter. Ich glaube, jemand, der Caroline sehr ähnlich ist, muss die Fragen in Reisepässen erfunden haben.
„Meine liebe Caroline“, sagte ich. „Es gibt absolut keinen Zweifel darüber, was der Beruf des Mannes war. Er ist ein pensionierter Friseur. Sieh dir seinen Schnurrbart an.“
Caroline widersprach. Sie sagte, wenn der Mann Friseur wäre, hätte er welliges Haar – kein glattes. Das hätten alle Friseure.
Ich nannte mehrere mir persönlich bekannte Friseure, die glattes Haar hatten, aber Caroline weigerte sich, sich überzeugen zu lassen.
„Ich werde einfach nicht schlau aus ihm“, sagte sie mit gequälter Stimme. „Ich habe mir neulich einige Gartengeräte geliehen, und er war überaus höflich, aber ich konnte nichts aus ihm herausbekommen. Ich fragte ihn schließlich rundheraus, ob er Franzose sei, und er sagte, er sei es nicht – und irgendwie wollte ich ihn nicht weiter ausfragen.“
Ich begann, mich mehr für unseren geheimnisvollen Nachbarn zu interessieren. Ein Mann, der imstande ist, Caroline zum Schweigen zu bringen und sie, wie die Königin von Saba, mit leeren Händen wegzuschicken, muss eine gewisse Persönlichkeit besitzen.
„Ich glaube“, sagte Caroline, „dass er einen dieser neuen Staubsauger hat –“
Ich sah ein geplantes Ausleihen und die Gelegenheit für weitere Fragen in ihren Augen aufblitzen. Ich ergriff die Chance zur Flucht in den Garten. Ich gärtnere recht gern. Ich war gerade damit beschäftigt, Löwenzahnwurzeln auszurotten, als ein Warnruf aus der Nähe ertönte und ein schwerer Körper an meinem Ohr vorbeisauste und mit einem abstoßenden Platschen zu meinen Füßen landete. Es war ein Gemüsekürbis!
Ich blickte wütend auf. Über der Mauer, zu meiner Linken, erschien ein Gesicht. Ein eiförmiger Kopf, teilweise bedeckt mit verdächtig schwarzem Haar, zwei gewaltige Schnurrbärte und ein Paar wachsame Augen. Es war unser geheimnisvoller Nachbar, Mr. Porrott.
Er brach sofort in fließende Entschuldigungen aus.
„Ich fordere von Ihnen tausend Entschuldigungen, monsieur. Ich bin ohne Verteidigung. Seit einigen Monaten züchte ich die Kürbisse. Heute Morgen gerate ich plötzlich in Rage über diese Kürbisse. Ich schicke sie zum Spaziergang – leider! nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Ich greife den größten. Ich schleudere ihn über die Mauer. Monsieur, ich schäme mich. Ich werfe mich zu Boden.“
Vor solch überschwänglichen Entschuldigungen musste mein Zorn schmelzen. Schließlich hatte mich das elende Gemüse nicht getroffen. Aber ich hoffte aufrichtig, dass das Werfen großer Gemüse über Mauern nicht das Hobby unseres neuen Freundes war. Eine solche Angewohnheit konnte ihn uns kaum als Nachbarn lieb machen.
Der seltsame kleine Mann schien meine Gedanken zu lesen.
„Ah! Nein“, rief er aus. „Beunruhigen Sie sich nicht. Es ist bei mir keine Gewohnheit. Aber können Sie sich vorstellen, monsieur, dass ein Mann auf ein bestimmtes Ziel hinarbeiten mag, dass er mühen und plagen mag, um eine gewisse Art von Muße und Beschäftigung zu erlangen, und dann feststellen muss, dass er sich nach alldem nach den alten arbeitsreichen Tagen sehnt und den alten Tätigkeiten, von denen er dachte, er sei so froh, sie hinter sich gelassen zu haben?“
„Ja“, sagte ich langsam. „Ich glaube, das ist ein recht häufig vorkommendes Phänomen. Ich selbst bin vielleicht ein Beispiel dafür. Vor einem Jahr kam ich in den Besitz eines Vermächtnisses – genug, um mir einen Traum zu erfüllen. Ich wollte schon immer reisen, die Welt sehen. Nun, das ist, wie gesagt, ein Jahr her, und – ich bin immer noch hier.“
Mein kleiner Nachbar nickte.
„Die Ketten der Gewohnheit. Wir arbeiten, um ein Ziel zu erreichen, und wenn das Ziel erreicht ist, stellen wir fest, dass wir die tägliche Mühe vermissen. Und merken Sie sich, monsieur, meine Arbeit war eine interessante Arbeit. Die interessanteste Arbeit, die es auf der Welt gibt.“
„Ja?“, sagte ich ermutigend. Für den Moment war der Geist von Caroline stark in mir.
„Das Studium der menschlichen Natur, monsieur!“
„Genau so ist es“, sagte ich freundlich.
Eindeutig ein pensionierter Friseur. Wer kennt die Geheimnisse der menschlichen Natur besser als ein Friseur?
„Auch hatte ich einen Freund – einen Freund, der jahrelang nie von meiner Seite wich. Gelegentlich von einer Dummheit, die einen Angst machen konnte, dennoch war er mir sehr teuer. Stellen Sie sich vor, dass ich sogar seine Dummheit vermisse. Seine Naivität, seine ehrliche Sicht der Dinge, das Vergnügen, ihn durch meine überlegenen Gaben zu erfreuen und zu überraschen – all das vermisse ich mehr, als ich Ihnen sagen kann.“
„Er ist gestorben?“, fragte ich teilnahmsvoll.
„Nicht so. Er lebt und blüht – aber auf der anderen Seite der Welt. Er ist jetzt in Argentinien.“
„In Argentinien“, sagte ich neidisch.
Ich wollte schon immer nach Südamerika reisen. Ich seufzte und blickte auf, um festzustellen, dass Mr. Porrott mich mitleidig betrachtete. Er schien ein verständnisvoller kleiner Mann zu sein.
„Sie werden dorthin gehen, ja?“, fragte er.
Ich schüttelte seufzend den Kopf.
„Ich hätte gehen können“, sagte ich, „vor einem Jahr. Aber ich war töricht – und schlimmer als töricht – gierig. Ich habe das Wesentliche für den Schatten riskiert.“
„Ich begreife“, sagte Mr. Porrott. „Sie haben spekuliert?“
Ich nickte wehmütig, aber trotz meiner selbst fühlte ich mich insgeheim unterhalten. Dieser lächerliche kleine Mann war so bedeutungsschwer feierlich.
„Nicht die Porcupine-Ölfelder?“, fragte er plötzlich.
Ich starrte ihn an.
„Ich habe tatsächlich an sie gedacht, aber letztendlich habe ich mich für eine Goldmine in Westaustralien entschieden.“
Mein Nachbar betrachtete mich mit einem seltsamen Ausdruck, den ich nicht ergründen konnte.
„Es ist das Schicksal“, sagte er schließlich.
„Was ist das Schicksal?“, fragte ich gereizt.
„Dass ich neben einem Mann wohnen sollte, der ernsthaft Porcupine-Ölfelder in Betracht zieht, und auch westaustralische Goldminen. Sagen Sie mir, haben Sie auch eine Vorliebe für kastanienbraunes Haar?“
Ich starrte ihn mit offenem Mund an, und er brach in Gelächter aus.
„Nein, nein, es ist nicht der Wahnsinn, an dem ich leide. Beruhigen Sie sich. Es war eine törichte Frage, die ich Ihnen da gestellt habe, denn sehen Sie, mein Freund, von dem ich sprach, war ein junger Mann, ein Mann, der alle Frauen für gut hielt und die meisten für schön. Aber Sie sind ein Mann mittleren Alters, ein Arzt, ein Mann, der die Torheit und die Eitelkeit der meisten Dinge in diesem unserem Leben kennt. Nun, nun, wir sind Nachbarn. Ich bitte Sie, anzunehmen und Ihrer ausgezeichneten Schwester meinen besten Kürbis zu überreichen.“
Er bückte sich und brachte mit einer Geste ein riesiges Exemplar dieser Gattung hervor, das ich pflichtgemäß in dem Geist entgegennahm, in dem es angeboten wurde.
„Tatsächlich“, sagte der kleine Mann fröhlich, „ist dies kein verlorener Morgen gewesen. Ich habe die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der in mancher Hinsicht meinem weit entfernten Freund ähnelt. Übrigens möchte ich Ihnen eine Frage stellen. Sie kennen zweifellos jeden in diesem winzigen Dorf. Wer ist der junge Mann mit dem sehr dunklen Haar und den Augen und dem hübschen Gesicht? Er geht mit in den Nacken geworfenem Kopf und einem leichten Lächeln auf den Lippen.“
Die Beschreibung ließ mich nicht im Zweifel.
„Das muss Captain Ralph Paton sein“, sagte ich langsam.
„Ich habe ihn vorher hier nicht gesehen?“
„Nein, er war schon lange nicht mehr hier. Aber er ist der Sohn – eher Adoptivsohn – von Mr. Ackroyd aus Fernly Park.“
Mein Nachbar machte eine leichte Geste der Ungeduld.
„Natürlich, das hätte ich erraten müssen. Mr. Ackroyd sprach viele Male von ihm.“
„Sie kennen Mr. Ackroyd?“, sagte ich, leicht überrascht.
„Mr. Ackroyd kannte mich in London – als ich dort arbeitete. Ich habe ihn gebeten, hier unten nichts über meinen Beruf zu sagen.“
„Ich verstehe“, sagte ich, ziemlich amüsiert über diese offensichtliche Snoberei, wie ich sie nannte.
Aber der kleine Mann fuhr mit einem fast großspurigen Grinsen fort.
„Man zieht es vor, inkognito zu bleiben. Ich bin nicht auf Bekanntheit aus. Ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, die örtliche Version meines Namens zu korrigieren.“
„Tatsächlich“, sagte ich, nicht genau wissend, was ich sagen sollte.
„Captain Ralph Paton“, sinnierte Mr. Porrott. „Und so ist er mit Mr. Ackroyds Nichte verlobt, der charmanten Miss Flora.“
„Wer hat Ihnen das erzählt?“, fragte ich, sehr überrascht.
„Mr. Ackroyd. Vor etwa einer Woche. Er ist sehr erfreut darüber – hat sich lange gewünscht, dass so etwas geschieht, oder so habe ich ihn verstanden. Ich glaube sogar, dass er einen gewissen Druck auf den jungen Mann ausgeübt hat. Das ist niemals klug. Ein junger Mann sollte heiraten, um sich selbst zu gefallen – nicht, um einem Stiefvater zu gefallen, von dem er Erwartungen hat.“
Meine Vorstellungen waren völlig durcheinandergebracht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ackroyd einen Friseur in sein Vertrauen zog und die Heirat seiner Nichte und seines Stiefsohns mit ihm besprach. Ackroyd lässt den niederen Ständen eine freundliche Schirmherrschaft angedeihen, aber er hat einen sehr großen Sinn für seine eigene Würde. Ich begann zu denken, dass Porrott doch kein Friseur sein konnte.
Um meine Verwirrung zu verbergen, sagte ich das Erste, was mir in den Sinn kam.
„Was hat Sie dazu gebracht, Ralph Paton zu bemerken? Sein gutes Aussehen?“
„Nein, nicht das allein – obwohl er für einen Engländer ungewöhnlich gut aussieht – was Ihre Romanautorinnen einen griechischen Gott nennen würden. Nein, es war etwas an diesem jungen Mann, das ich nicht verstand.“
Er sagte den letzten Satz in einem nachdenklichen Tonfall, der einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Es war, als würde er den Jungen im Lichte eines inneren Wissens beurteilen, das ich nicht teilte. Es war dieser Eindruck, der bei mir blieb, denn in diesem Moment rief mich die Stimme meiner Schwester aus dem Haus.
Ich ging hinein. Caroline hatte ihren Hut auf und war offensichtlich gerade aus dem Dorf zurückgekehrt. Sie begann ohne Umschweife.
„Ich habe Mr. Ackroyd getroffen.“
„Ja?“, sagte ich.
„Ich habe ihn natürlich angehalten, aber er schien es sehr eilig zu haben und war darauf bedacht, wegzukommen.“
Ich habe keinen Zweifel daran, dass das der Fall war. Er würde sich gegenüber Caroline ähnlich fühlen, wie er sich früher am Tag gegenüber Miss Ganett gefühlt hatte – vielleicht noch mehr. Caroline ist schwerer abzuschütteln.
„Ich habe ihn sofort nach Ralph gefragt. Er war absolut erstaunt. Hatte keine Ahnung, dass der Junge hier unten war. Er sagte tatsächlich, er dachte, ich müsse mich geirrt haben. Ich! Ein Irrtum!“
„Lächerlich“, sagte ich. „Er sollte dich besser kennen.“
„Dann erzählte er mir, dass Ralph und Flora verlobt seien.“
„Das weiß ich auch“, unterbrach ich sie mit bescheidenem Stolz.
„Wer hat es dir erzählt?“
„Unser neuer Nachbar.“
Caroline schwankte sichtbar für ein oder zwei Sekunden, fast so, wie eine Roulettekugel kokett zwischen zwei Zahlen schweben könnte. Dann lehnte sie das verlockende Ablenkungsmanöver ab.
„Ich habe Mr. Ackroyd gesagt, dass Ralph im ‚Three Boars‘ wohnt.“
„Caroline“, sagte ich, „denkst du nie darüber nach, dass du mit dieser Angewohnheit von dir, alles wahllos weiterzuerzählen, eine Menge Schaden anrichten könntest?“
„Unsinn“, sagte meine Schwester. „Die Leute sollten die Dinge wissen. Ich betrachte es als meine Pflicht, es ihnen zu sagen. Mr. Ackroyd war mir sehr dankbar.“
„Nun?“, sagte ich, denn es gab offensichtlich noch mehr.
„Ich glaube, er ist direkt zum ‚Three Boars‘ gegangen, aber wenn ja, hat er Ralph dort nicht gefunden.“
„Nein?“
„Nein. Denn als ich durch den Wald zurückkam –“
„Du bist durch den Wald zurückgekommen?“, unterbrach ich sie.
Caroline hatte den Anstand zu erröten.
„Es war so ein schöner Tag“, rief sie aus. „Ich dachte, ich mache einen kleinen Umweg. Die Wälder mit ihren herbstlichen Farben sind zu dieser Jahreszeit so perfekt.“
Caroline schert sich zu keiner Jahreszeit um Wälder. Normalerweise betrachtet sie sie als Orte, an denen man sich nasse Füße holt und an denen einem alle möglichen unangenehmen Dinge auf den Kopf fallen können. Nein, es war der gute alte Mungo-Instinkt, der sie in unseren örtlichen Wald trieb. Es ist der einzige Ort in der Nähe des Dorfes King’s Abbot, an dem man sich mit einer jungen Frau unterhalten kann, ohne vom ganzen Dorf gesehen zu werden. Er grenzt an den Park von Fernly.
„Nun“, sagte ich, „fahr fort.“
„Wie ich schon sagte, ich kam gerade durch den Wald zurück, als ich Stimmen hörte.“
Caroline hielt inne.
„Ja?“
„Eine war die von Ralph Paton – ich habe sie sofort erkannt. Die andere gehörte einem Mädchen. Natürlich wollte ich nicht lauschen –“
„Natürlich nicht“, warf ich mit offensichtlichem Sarkasmus ein – der jedoch bei Caroline verschwendet war.
„Aber ich konnte einfach nicht anders, als es mitanzuhören. Das Mädchen sagte etwas – ich habe nicht genau verstanden, was es war, und Ralph antwortete. Er klang sehr wütend. ‚Meine liebe Freundin‘, sagte er. ‚Begreifst du denn nicht, dass es gut möglich ist, dass der alte Mann mich enterbt? Er hat in den letzten Jahren ziemlich die Nase voll von mir. Ein bisschen mehr, und es ist so weit. Und wir brauchen die Kohle, meine Liebe. Ich werde ein sehr reicher Mann sein, wenn der alte Kerl abkratzt. Er ist knauserig wie nur was, aber er schwimmt eigentlich im Geld. Ich will nicht, dass er sein Testament ändert. Überlass das mir, und mach dir keine Sorgen.‘ Das waren seine genauen Worte. Ich erinnere mich perfekt daran. Unglücklicherweise bin ich genau in dem Moment auf einen trockenen Zweig oder etwas Ähnliches getreten, sie senkten ihre Stimmen und gingen weg. Ich konnte natürlich nicht hinterherrennen, also war ich nicht in der Lage zu sehen, wer das Mädchen war.“
„Das muss sehr ärgerlich gewesen sein“, sagte ich. „Ich nehme an, du bist dann zum ‚Three Boars‘ geeilt, hast dich schwach gefühlt, bist in die Bar gegangen für ein Glas Brandy und konntest so sehen, ob beide Schankmädchen im Dienst waren?“
„Es war kein Schankmädchen“, sagte Caroline ohne Zögern. „Tatsächlich bin ich fast sicher, dass es Flora Ackroyd war, nur –“
„Nur ergibt das keinen Sinn“, stimmte ich zu.
„Aber wenn es nicht Flora war, wer könnte es dann gewesen sein?“
Schnell ging meine Schwester eine Liste von jungen Frauen durch, die in der Nachbarschaft lebten, mit ausführlichen Gründen dafür und dagegen.
Als sie nach Atem rang, murmelte ich etwas von einem Patienten und schlüpfte hinaus.
Ich hatte vor, mich auf den Weg zum „Three Boars“ zu machen. Es schien wahrscheinlich, dass Ralph Paton mittlerweile dorthin zurückgekehrt war.
Ich kannte Ralph sehr gut – vielleicht besser als jeder andere in King’s Abbot, denn ich hatte schon seine Mutter gekannt, und daher verstand ich vieles an ihm, was andere ratlos machte. Er war in gewissem Maße das Opfer der Vererbung. Er hatte die fatale Neigung seiner Mutter zum Trinken nicht geerbt, aber dennoch hatte er eine Ader der Schwäche in sich. Wie mein neuer Freund von heute Morgen erklärt hatte, war er außerordentlich gut aussehend. Gerade einmal ein Meter achtzig, perfekt proportioniert, mit der leichten Anmut eines Athleten, war er dunkel, wie seine Mutter, mit einem hübschen, sonnengebräunten Gesicht, das immer bereit war, in ein Lächeln auszubrechen. Ralph Paton war einer derjenigen, die dazu geboren waren, leicht und ohne Anstrengung zu bezaubern. Er war selbstgefällig und verschwenderisch, hatte vor nichts auf der Welt Ehrfurcht, aber er war dennoch liebenswert, und seine Freunde waren alle sehr an ihm hängend.
Konnte ich etwas für den Jungen tun? Ich dachte, ich könnte es.
Nach einer Erkundigung im „Three Boars“ fand ich heraus, dass Captain Paton gerade erst angekommen war. Ich ging zu seinem Zimmer und trat unangekündigt ein.
Für einen Moment, in Erinnerung an das, was ich gehört und gesehen hatte, zweifelte ich an meinem Empfang, doch ich hätte keine Bedenken haben müssen.
„Sieh mal an, es ist Sheppard! Schön, dich zu sehen.“
Er kam auf mich zu, die Hand ausgestreckt, ein sonniges Lächeln erhellte sein Gesicht.
„Der einzige Mensch, den ich in diesem höllischen Ort gerne sehe.“
Ich hob die Augenbrauen.
„Was hat der Ort denn angestellt?“
Er lachte verärgert.
„Das ist eine lange Geschichte. Die Dinge laufen nicht gut bei mir, Doktor. Aber trink doch einen, nicht wahr?“
„Danke“, sagte ich, „das mache ich.“
Er drückte auf die Klingel, kam dann zurück und ließ sich in einen Sessel fallen.
„Um nicht um den heißen Brei herumzureden“, sagte er düster, „ich stecke in einem ziemlichen Schlamassel. Tatsächlich habe ich nicht die leiseste Ahnung, was ich als Nächstes tun soll.“
„Was ist denn los?“, fragte ich teilnahmsvoll.
„Es ist mein verflixter Stiefvater.“
„Was hat er getan?“
„Es ist nicht das, was er bisher getan hat, sondern was er wahrscheinlich tun wird.“
Die Klingel wurde beantwortet, und Ralph bestellte die Getränke. Als der Mann wieder gegangen war, saß er zusammengekauert im Sessel und runzelte die Stirn.
„Ist es wirklich—ernst?“, fragte ich.
Er nickte.
„Diesmal sitze ich ziemlich in der Klemme“, sagte er ernst.
Der ungewohnte Unterton von Ernsthaftigkeit in seiner Stimme verriet mir, dass er die Wahrheit sagte. Es brauchte eine Menge, um Ralph ernst zu machen.
„Tatsächlich“, fuhr er fort, „sehe ich keinen Ausweg mehr... Ich bin verdammt, wenn ich einen sehe.“
„Wenn ich helfen könnte—“, schlug ich zaghaft vor.
Aber er schüttelte sehr entschieden den Kopf.
„Nett von dir, Doktor. Aber da kann ich dich nicht einweihen. Ich muss das alleine durchziehen.“
Er schwieg eine Minute und wiederholte dann mit leicht veränderter Stimme:
„Ja—ich muss das alleine durchziehen...“
KAPITEL IV
ABENDESSEN IN FERNLY
Es war nur wenige Minuten vor halb acht, als ich an der Haustür von Fernly Park klingelte. Die Tür wurde mit bewundernswerter Schnelligkeit von Parker, dem Butler, geöffnet.
Die Nacht war so schön, dass ich es vorgezogen hatte, zu Fuß zu kommen. Ich trat in die große quadratische Halle und Parker nahm mir meinen Überzieher ab. Gerade da kam Ackroyds Sekretär, ein angenehmer junger Mann namens Raymond, auf dem Weg zu Ackroyds Arbeitszimmer durch die Halle, die Hände voller Papiere.
„Guten Abend, Doktor. Kommen Sie zum Abendessen? Oder ist das ein beruflicher Besuch?“
Letzteres war eine Anspielung auf meine schwarze Tasche, die ich auf der Eichentruhe abgestellt hatte.
Ich erklärte, dass ich jederzeit einen Ruf zu einem Entbindungsfall erwartete und daher auf einen Notfall vorbereitet war. Raymond nickte und ging weiter, während er über die Schulter rief:
„Gehen Sie ins Wohnzimmer. Sie kennen den Weg. Die Damen kommen in einer Minute herunter. Ich muss diese Papiere nur noch zu Herrn Ackroyd bringen und sage ihm, dass Sie da sind.“
Bei Raymonds Erscheinen hatte sich Parker zurückgezogen, sodass ich allein in der Halle war. Ich rückte meine Krawatte zurecht, warf einen Blick in einen großen Spiegel, der dort hing, und ging auf die Tür zu, die mir direkt gegenüberlag, von der ich wusste, dass sie die Tür zum Wohnzimmer war.
Gerade als ich die Klinke drückte, bemerkte ich ein Geräusch von drinnen—das Zuschlagen eines Fensters, nahm ich an. Ich registrierte es, wie ich sagen muss, rein mechanisch, ohne dem damals irgendeine Bedeutung beizumessen.
Ich öffnete die Tür und trat ein. Dabei stieß ich fast mit Miss Russell zusammen, die gerade herauskam. Wir entschuldigten uns beide.
Zum ersten Mal ertappte ich mich dabei, wie ich die Haushälterin musterte und darüber nachdachte, was für eine attraktive Frau sie einst gewesen sein musste—tatsächlich, was das betrifft, immer noch war. Ihr dunkles Haar war nicht von Grau durchzogen, und wenn sie Farbe im Gesicht hatte, wie in diesem Augenblick, war die strenge Art ihrer Gesichtszüge nicht so offensichtlich.
Ganz unbewusst fragte ich mich, ob sie draußen gewesen war, denn sie atmete schwer, als wäre sie gelaufen.
„Ich fürchte, ich bin ein paar Minuten zu früh“, sagte ich.
„Oh! Das glaube ich nicht. Es ist nach halb acht, Dr. Sheppard.“ Sie hielt einen Moment inne, bevor sie sagte: „Ich—wusste nicht, dass Sie heute Abend zum Essen erwartet wurden. Herr Ackroyd hat es nicht erwähnt.“
Ich bekam einen vagen Eindruck, dass ihr meine Anwesenheit beim Essen in irgendeiner Weise missfiel, aber ich konnte mir nicht vorstellen, warum.
„Wie geht es dem Knie?“, erkundigte ich mich.
„Ziemlich gleich, danke, Doktor. Ich muss jetzt gehen. Frau Ackroyd kommt gleich herunter. Ich—ich kam nur hierher, um nachzusehen, ob mit den Blumen alles in Ordnung ist.“
Sie verließ schnell das Zimmer. Ich schlenderte zum Fenster und wunderte mich über ihren offensichtlichen Wunsch, ihre Anwesenheit im Raum zu rechtfertigen. Dabei sah ich, was ich natürlich die ganze Zeit hätte wissen können, wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, darüber nachzudenken, nämlich dass die Fenster lange französische Fenstertüren waren, die auf die Terrasse führten. Das Geräusch, das ich gehört hatte, konnte daher nicht das eines Fensters gewesen sein, das zugeschlagen wurde.
Ganz beiläufig, und eher um meine Gedanken von schmerzhaften Überlegungen abzulenken als aus irgendeinem anderen Grund, amüsierte ich mich damit, zu erraten, was das fragliche Geräusch verursacht haben könnte.
Kohlen im Kamin? Nein, das war überhaupt nicht die Art von Geräusch. Eine Schublade des Sekretärs zugeschoben? Nein, das auch nicht.
Dann fiel mein Blick auf das, was ich für einen Silbertisch halte, dessen Deckel man anheben kann und durch dessen Glas man den Inhalt sehen kann. Ich ging hinüber und studierte die Dinge. Da waren ein oder zwei Stücke altes Silber, ein Babyschuh von König Karl I., einige chinesische Jadefiguren und eine ganze Anzahl afrikanischer Geräte und Kuriositäten. Da ich eine der Jadefiguren genauer untersuchen wollte, hob ich den Deckel an. Er rutschte mir durch die Finger und fiel zu.
Sofort erkannte ich das Geräusch, das ich gehört hatte. Es war genau dieser Tischdeckel, der sanft und vorsichtig geschlossen wurde. Ich wiederholte die Aktion ein- oder zweimal zu meiner eigenen Zufriedenheit. Dann hob ich den Deckel, um den Inhalt genauer zu betrachten.
Ich war noch über den offenen Silbertisch gebeugt, als Flora Ackroyd das Zimmer betrat.
Eine ganze Menge Leute mögen Flora Ackroyd nicht, aber niemand kann umhin, sie zu bewundern. Und gegenüber ihren Freunden kann sie sehr reizend sein. Das Erste, was einem an ihr auffällt, ist ihre außergewöhnliche Helligkeit. Sie hat das echte skandinavische blassgoldene Haar. Ihre Augen sind blau—blau wie das Wasser eines norwegischen Fjords, und ihre Haut ist wie Sahne und Rosen. Sie hat quadratische, jungenhafte Schultern und schmale Hüften. Und für einen abgestumpften Mediziner ist es sehr erfrischend, auf eine solch vollkommene Gesundheit zu stoßen.
Ein einfaches, unkompliziertes englisches Mädchen—ich bin vielleicht altmodisch, aber ich denke, das Original ist nur schwer zu übertreffen.
Flora gesellte sich an den Silbertisch zu mir und äußerte ketzerische Zweifel daran, dass König Karl I. jemals den Babyschuh getragen habe.
„Und überhaupt“, fuhr Miss Flora fort, „dieses ganze Aufheben um Dinge zu machen, nur weil jemand sie getragen oder benutzt hat, scheint mir alles Unsinn. Sie tragen oder benutzen sie jetzt nicht mehr. Die Feder, mit der George Eliot *The Mill on the Floss* geschrieben hat—solche Sachen—nun, es ist schließlich nur eine Feder. Wenn Sie wirklich ein Fan von George Eliot sind, warum besorgen Sie sich nicht *The Mill on the Floss* in einer billigen Ausgabe und lesen es.“
„Ich nehme an, Sie lesen solche alten, veralteten Sachen nie, Miss Flora?“
„Da irren Sie sich, Dr. Sheppard. Ich liebe *The Mill on the Floss*.“
Ich war ziemlich erfreut, das zu hören. Die Dinge, die junge Frauen heutzutage lesen und von denen sie vorgeben, sie zu genießen, erschrecken mich regelrecht.
„Sie haben mir noch nicht gratuliert, Dr. Sheppard“, sagte Flora. „Haben Sie noch nichts gehört?“
Sie streckte ihre linke Hand aus. Am Ringfinger trug sie eine exquisit gefasste einzelne Perle.
„Ich werde Ralph heiraten, wissen Sie“, fuhr sie fort. „Onkel ist sehr erfreut. Das behält mich in der Familie, sehen Sie.“
Ich nahm beide ihre Hände in meine.
„Meine Liebe“, sagte ich, „ich hoffe, Sie werden sehr glücklich.“
„Wir sind seit etwa einem Monat verlobt“, fuhr Flora mit ihrer kühlen Stimme fort, „aber es wurde erst gestern bekannt gegeben. Onkel will Cross-stones renovieren und es uns schenken, damit wir dort leben können, und wir werden so tun, als würden wir Landwirtschaft betreiben. Eigentlich werden wir den ganzen Winter jagen, zur Saison in die Stadt fahren und dann segeln. Ich liebe das Meer. Und natürlich werde ich großes Interesse an den Angelegenheiten der Kirchengemeinde zeigen und an allen Treffen der Mütter teilnehmen.“
Gerade dann rauschte Frau Ackroyd herein, voller Entschuldigungen, weil sie zu spät war.
Ich muss leider gestehen, dass ich Frau Ackroyd verabscheue. Sie besteht nur aus Ketten, Zähnen und Knochen. Eine höchst unangenehme Frau. Sie hat kleine, blasse, flintartige blaue Augen, und egal wie überschwänglich ihre Worte sein mögen, diese Augen von ihr bleiben immer kalt berechnend.
Ich ging auf sie zu und ließ Flora am Fenster zurück. Sie reichte mir eine Handvoll sortierter Fingerknöchel und Ringe zum Drücken und begann wortreich zu plaudern.
Hatte ich von Floras Verlobung gehört? So passend in jeder Hinsicht. Die lieben jungen Leute hätten sich auf den ersten Blick ineinander verliebt. So ein perfektes Paar, er so dunkel und sie so hell.
„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, mein lieber Dr. Sheppard, was für eine Erleichterung das für ein Mutterherz ist.“
Frau Ackroyd seufzte—ein Tribut an ihr Mutterherz, während ihre Augen mich weiterhin scharfsinnig beobachteten.
„Ich habe mich gefragt. Sie sind ein so alter Freund von unserem lieben Roger. Wir wissen, wie sehr er auf Ihr Urteil vertraut. So schwierig für mich—in meiner Position, als arme Cecils Witwe. Aber es gibt so viele lästige Dinge—Niederlassungen, wissen Sie—all das. Ich glaube fest daran, dass Roger beabsichtigt, der lieben Flora etwas zukommen zu lassen, aber, wie Sie wissen, ist er in Geldangelegenheiten ein klein wenig eigenwillig. Sehr üblich, wie ich gehört habe, unter Männern, die Kapitäne der Industrie sind. Ich habe mich gefragt, wissen Sie, ob Sie ihn nicht einfach mal auf das Thema ansprechen könnten? Flora ist so vernarrt in Sie. Wir haben das Gefühl, dass Sie ein wirklich alter Freund sind, obwohl wir Sie eigentlich erst seit etwas über zwei Jahren kennen.“
Frau Ackroyds Beredsamkeit wurde unterbrochen, als sich die Wohnzimmertür noch einmal öffnete. Ich war froh über die Unterbrechung. Ich hasse es, mich in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, und ich hatte nicht die geringste Absicht, Ackroyd auf das Thema von Floras Absicherungen anzusprechen. Im nächsten Moment wäre ich gezwungen gewesen, Frau Ackroyd genau das zu sagen.
„Sie kennen Major Blunt, nicht wahr, Doktor?“
„Ja, in der Tat“, sagte ich.
Viele Leute kennen Hector Blunt—zumindest vom Hörensagen. Er hat wahrscheinlich mehr wilde Tiere an unwahrscheinlichen Orten geschossen als jeder andere lebende Mann. Wenn man ihn erwähnt, sagen die Leute: „Blunt—Sie meinen doch nicht den Großwildjäger, oder?“
Seine Freundschaft mit Ackroyd hat mich immer ein wenig verwirrt. Die beiden Männer sind so grundverschieden. Hector Blunt ist vielleicht fünf Jahre jünger als Ackroyd. Sie freundeten sich früh im Leben an, und obwohl ihre Wege auseinandergingen, hält die Freundschaft noch immer. Etwa alle zwei Jahre verbringt Blunt vierzehn Tage in Fernly, und ein riesiger Tierkopf mit einer erstaunlichen Anzahl von Hörnern, der einen mit einem glasigen Blick fixiert, sobald man zur Haustür hereinkommt, ist eine ständige Erinnerung an die Freundschaft.
Blunt hatte den Raum nun mit seinem eigenen eigentümlichen, bedächtigen und doch leisen Schritt betreten. Er ist ein Mann von mittlerer Größe, stämmig und eher gedrungen gebaut. Sein Gesicht ist fast mahagonifarben und seltsam ausdruckslos. Er hat graue Augen, die den Eindruck erwecken, als würden sie immer etwas beobachten, das in weiter Ferne geschieht. Er spricht wenig, und was er sagt, wird abgehackt hervorgebracht, als ob die Worte ihm unfreiwillig entlockt würden.
Er sagte nun: „Wie geht es Ihnen, Sheppard?“, auf seine übliche schroffe Art und stand dann breitbeinig vor dem Kamin, über unsere Köpfe hinwegblickend, als ob er in Timbuktu etwas sehr Interessantes geschehen sähe.
„Major Blunt“, sagte Flora, „ich wünschte, Sie würden mir von diesen afrikanischen Dingen erzählen. Ich bin sicher, Sie wissen, was das alles ist.“
Ich habe Hector Blunt als Frauenfeind beschrieben gehört, aber mir fiel auf, dass er sich Flora am Silbertisch mit einer Bereitwilligkeit anschloss, die man als Eifer bezeichnen könnte. Sie beugten sich gemeinsam darüber.
Ich hatte Angst, Frau Ackroyd würde wieder anfangen, von finanziellen Absicherungen zu sprechen, also machte ich ein paar hastige Bemerkungen über die neuen Duftwicken. Ich wusste, dass es neue Duftwicken gab, weil die Daily Mail mir das an jenem Morgen erzählt hatte. Frau Ackroyd versteht nichts vom Gartenbau, aber sie ist die Art von Frau, die gerne informiert über die Themen des Tages erscheint, und auch sie liest die Daily Mail. Wir konnten uns recht intelligent unterhalten, bis Ackroyd und sein Sekretär zu uns stießen, und unmittelbar danach kündigte Parker das Abendessen an.
Mein Platz am Tisch war zwischen Frau Ackroyd und Flora. Blunt saß auf der anderen Seite von Frau Ackroyd, und Geoffrey Raymond neben ihm.
Das Abendessen war keine fröhliche Angelegenheit. Ackroyd war sichtlich gedankenversunken. Er sah elend aus und aß so gut wie nichts. Frau Ackroyd, Raymond und ich hielten die Unterhaltung in Gang. Flora schien von der Niedergeschlagenheit ihres Onkels betroffen zu sein, und Blunt verfiel in seine übliche Wortkargheit.
Unmittelbar nach dem Essen legte Ackroyd seinen Arm in meinen und führte mich in sein Arbeitszimmer.
„Wenn wir erst einmal Kaffee hatten, werden wir nicht mehr gestört werden“, erklärte er. „Ich habe Raymond gesagt, er solle dafür sorgen, dass wir nicht unterbrochen werden.“
Ich beobachtete ihn ruhig, ohne dass es auffiel. Er stand eindeutig unter dem Einfluss einer starken Erregung. Ein oder zwei Minuten lang schritt er im Zimmer auf und ab, dann, als Parker mit dem Kaffeetablett eintrat, sank er in einen Sessel vor dem Kamin.
Das Arbeitszimmer war ein behaglicher Raum. Bücherregale säumten eine Wand. Die Sessel waren groß und mit dunkelblauem Leder bezogen. Ein großer Schreibtisch stand am Fenster und war mit ordentlich abgelegten und archivierten Papieren bedeckt. Auf einem runden Tisch lagen verschiedene Zeitschriften und Sportzeitungen.
„Ich hatte in letzter Zeit wieder diese Schmerzen nach dem Essen“, bemerkte Ackroyd beiläufig, während er sich Kaffee einschenkte. „Sie müssen mir noch mehr von diesen Tabletten geben.“
Mir kam es so vor, als sei er bestrebt, den Eindruck zu erwecken, dass unsere Besprechung eine medizinische sei. Ich spielte entsprechend mit.
„Ich dachte es mir schon. Ich habe welche mitgebracht.“
„Guter Mann. Geben Sie sie jetzt her.“
„Sie sind in meiner Tasche in der Halle. Ich hole sie.“
Ackroyd hielt mich zurück.
„Machen Sie sich keine Mühe. Parker holt sie. Bringen Sie die Tasche des Doktors herein, Parker, ja?“
„Sehr wohl, mein Herr.“
Parker ging hinaus. Als ich gerade sprechen wollte, hob Ackroyd abwehrend die Hand.
„Noch nicht. Warten Sie. Sehen Sie nicht, dass ich in einem solchen nervösen Zustand bin, dass ich mich kaum beherrschen kann?“
Das sah ich nur zu deutlich. Und ich war sehr beunruhigt. Allerlei Vorahnungen überkamen mich.
Ackroyd sprach fast sofort wieder.
„Stellen Sie sicher, dass das Fenster geschlossen ist, ja?“, bat er.
Etwas überrascht stand ich auf und ging zum Fenster. Es war kein französisches Fenster, sondern eines der gewöhnlichen Schiebefenster. Die schweren blauen Samtvorhänge waren davor gezogen, aber das Fenster selbst stand oben offen.
Parker brachte meine Tasche zurück, während ich noch am Fenster war.
„Das ist in Ordnung“, sagte ich und trat wieder in den Raum zurück.
„Haben Sie den Riegel vorgeschoben?“
„Ja, ja. Was ist mit Ihnen los, Ackroyd?“
Die Tür war gerade hinter Parker zugefallen, sonst hätte ich die Frage nicht gestellt.
Ackroyd wartete eine Minute, bevor er antwortete.
„Ich bin in der Hölle“, sagte er nach einer Minute langsam. „Nein, kümmern Sie sich nicht um diese verdammten Tabletten. Das habe ich nur wegen Parker gesagt. Dienstboten sind so neugierig. Kommen Sie her und setzen Sie sich. Die Tür ist auch zu, nicht wahr?“
„Ja. Niemand kann uns belauschen; seien Sie nicht unruhig.“
„Sheppard, niemand weiß, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden durchgemacht habe. Wenn jemals das Haus eines Mannes über ihm in Trümmern zusammengefallen ist, dann meins über mir. Diese Sache mit Ralph ist der letzte Tropfen. Aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Es ist das andere—das andere...! Ich weiß nicht, was ich diesbezüglich tun soll. Und ich muss mich bald entscheiden.“
„Was ist das Problem?“
Ackroyd schwieg ein oder zwei Minuten lang. Er schien seltsamerweise abgeneigt, anzufangen. Als er schließlich sprach, kam die Frage, die er stellte, als völlige Überraschung. Es war das Letzte, was ich erwartet hatte.
„Sheppard, Sie haben Ashley Ferrars in seiner letzten Krankheit behandelt, nicht wahr?“
„Ja, das habe ich.“
Er schien selbst bei der Formulierung seiner nächsten Frage Schwierigkeiten zu haben.
„Haben Sie nie vermutet—ist Ihnen nie in den Sinn gekommen—dass—nun, dass er vergiftet worden sein könnte?“
Ich schwieg ein oder zwei Minuten. Dann fasste ich den Entschluss, was ich sagen sollte. Roger Ackroyd war nicht Caroline.
„Ich sage Ihnen die Wahrheit“, sagte ich. „Damals hatte ich keinerlei Verdacht, aber seitdem—nun, es war bloßes loses Gerede meiner Schwester, das mir die Idee zuerst in den Kopf setzte. Seither bin ich sie nicht mehr losgeworden. Aber wohlgemerkt, ich habe keinerlei Grundlage für diesen Verdacht.“
„Er wurde vergiftet“, sagte Ackroyd.
Er sprach mit stumpfer, schwerer Stimme.
„Von wem?“, fragte ich scharf.
„Von seiner Frau.“
„Woher wissen Sie das?“
„Sie hat es mir selbst gesagt.“
„Wann?“
„Gestern! Mein Gott! Gestern! Es kommt mir vor wie zehn Jahre her.“
Ich wartete einen Moment, dann fuhr er fort.
„Sie verstehen, Sheppard, ich sage Ihnen das im Vertrauen. Es darf nicht weitergegeben werden. Ich brauche Ihren Rat—ich kann das ganze Gewicht nicht alleine tragen. Wie ich gerade sagte, ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Können Sie mir die ganze Geschichte erzählen?“, sagte ich. „Ich tappe immer noch im Dunkeln. Wie kam Frau Ferrars dazu, Ihnen dieses Geständnis zu machen?“
„Es ist so. Vor drei Monaten habe ich Frau Ferrars gebeten, mich zu heiraten. Sie lehnte ab. Ich fragte sie noch einmal und sie stimmte zu, aber sie weigerte sich, es mir zu erlauben, die Verlobung öffentlich zu machen, bis ihr Trauerjahr um war. Gestern besuchte ich sie und wies darauf hin, dass nun ein Jahr und drei Wochen seit dem Tod ihres Mannes vergangen seien und es keinen weiteren Grund mehr geben könne, die Verlobung öffentlich zu machen. Ich hatte bemerkt, dass sie seit einigen Tagen sehr seltsam in ihrem Wesen war. Nun, plötzlich, ohne die geringste Vorwarnung, brach sie völlig zusammen. Sie—sie erzählte mir alles. Ihren Hass auf ihren brutalen Ehemann, ihre wachsende Liebe zu mir und die—die schrecklichen Mittel, die sie angewandt hatte. Gift! Mein Gott! Es war Mord in kaltem Blut.“
Ich sah die Abscheu, das Entsetzen in Ackroyds Gesicht. So musste Frau Ferrars es gesehen haben. Ackroyd ist nicht der Typ des großen Liebhabers, der um der Liebe willen alles verzeihen kann. Er ist im Grunde ein guter Bürger. Alles, was anständig, gesund und gesetzestreu in ihm war, muss sich in jenem Moment der Offenbarung völlig von ihr abgewandt haben.
„Ja“, fuhr er mit monotoner Stimme fort, „sie gestand alles. Es scheint, dass es eine Person gibt, die die ganze Zeit davon wusste—die sie für enorme Summen erpresst hat. Die Belastung dadurch hat sie fast in den Wahnsinn getrieben.“
„Wer war der Mann?“
Plötzlich tauchte vor meinen Augen das Bild von Ralph Paton und Frau Ferrars nebeneinander auf. Ihre Köpfe so nah beieinander. Ich spürte einen kurzen Anflug von Angst. Angenommen—oh! aber das war doch unmöglich. Ich erinnerte mich an die Offenheit von Ralphs Begrüßung an jenem Nachmittag. Absurd!
„Sie wollte mir seinen Namen nicht sagen“, sagte Ackroyd langsam. „Tatsächlich hat sie nicht einmal direkt gesagt, dass es ein Mann war. Aber natürlich—“
„Natürlich“, stimmte ich zu. „Es muss ein Mann gewesen sein. Und Sie haben keinerlei Verdacht?“
Zur Antwort stöhnte Ackroyd und ließ den Kopf in die Hände sinken.
„Es kann nicht sein“, sagte er. „Ich bin verrückt, auch nur an so etwas zu denken. Nein, ich werde Ihnen nicht einmal den wilden Verdacht eingestehen, der mir durch den Kopf ging. Eines sage ich Ihnen aber. Etwas, das sie sagte, ließ mich glauben, dass die fragliche Person tatsächlich in meinem Haushalt sein könnte—aber das kann nicht sein. Ich muss sie missverstanden haben.“
„Was haben Sie ihr gesagt?“, fragte ich.
„Was konnte ich sagen? Sie sah natürlich, welch schrecklicher Schock das für mich gewesen war. Und dann war da die Frage, was meine Pflicht in dieser Angelegenheit sei. Sie hatte mich, sehen Sie, zu einem Helfershelfer nach der Tat gemacht. Sie sah das alles, glaube ich, schneller als ich. Ich war benommen, wissen Sie. Sie bat mich um vierundzwanzig Stunden – brachte mich dazu, zu versprechen, bis zum Ablauf dieser Zeit nichts zu unternehmen. Und sie weigerte sich beharrlich, mir den Namen des Schurken zu nennen, der sie erpresst hatte. Ich nehme an, sie hatte Angst, ich könnte direkt losgehen und ihn zusammenschlagen, und dann wäre die Sache für sie erst recht eskaliert. Sie sagte mir, ich würde von ihr hören, bevor vierundzwanzig Stunden vergangen seien. Mein Gott! Ich schwöre Ihnen, Sheppard, dass es mir nicht in den Sinn kam, was sie vorhatte. Selbstmord! Und ich habe sie dazu getrieben.“
„Nein, nein“, sagte ich. „Sehen Sie die Dinge nicht übertrieben. Die Verantwortung für ihren Tod liegt nicht bei Ihnen.“
„Die Frage ist, was soll ich jetzt tun? Die arme Dame ist tot. Warum alte Probleme aufwühlen?“
„Ich stimme Ihnen weitgehend zu“, sagte ich.
„Aber es gibt noch einen weiteren Punkt. Wie bekomme ich diesen Schurken zu fassen, der sie genauso sicher in den Tod getrieben hat, als hätte er sie umgebracht? Er wusste von dem ersten Verbrechen und hat sich daran festgeklammert wie ein abscheulicher Geier. Sie hat die Strafe dafür bezahlt. Soll er ungeschoren davonkommen?“
„Ich verstehe“, sagte ich langsam. „Sie wollen ihn zur Strecke bringen? Das wird viel Aufsehen erregen, wissen Sie.“
„Ja, daran habe ich gedacht. Ich bin in meinem Kopf hin und her geschwankt.“
„Ich stimme Ihnen zu, dass der Bösewicht bestraft werden sollte, aber die Kosten müssen bedacht werden.“
Ackroyd stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile ließ er sich wieder in den Sessel sinken.
„Hören Sie, Sheppard, nehmen wir an, wir belassen es dabei. Wenn kein Wort von ihr kommt, lassen wir die Toten ruhen.“
„Was meinen Sie damit, wenn ein Wort von ihr kommt?“, fragte ich neugierig.
„Ich habe den starken Eindruck, dass sie irgendwo oder irgendwie eine Nachricht für mich hinterlassen haben muss – bevor sie ging. Ich kann das nicht begründen, aber es ist so.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sie hat weder einen Brief noch irgendeine Nachricht hinterlassen. Ich habe gefragt.“
„Sheppard, ich bin überzeugt, dass sie es getan hat. Und mehr noch, ich habe das Gefühl, dass sie durch die bewusste Wahl des Todes wollte, dass die ganze Sache herauskommt, wenn auch nur, um sich an dem Mann zu rächen, der sie in die Verzweiflung getrieben hat. Ich glaube, wenn ich sie damals hätte sehen können, hätte sie mir seinen Namen genannt und mich gebeten, ihn mit aller Kraft zur Rechenschaft zu ziehen.“
Er sah mich an.
„Sie glauben nicht an Eindrücke?“
„Oh doch, in gewissem Sinne schon. Wenn, wie Sie es ausdrücken, ein Wort von ihr kommen sollte——“
Ich brach ab. Die Tür öffnete sich geräuschlos und Parker trat ein, mit einem Serviertablett, auf dem einige Briefe lagen.
„Die Abendpost, mein Herr“, sagte er und reichte Ackroyd das Tablett.
Dann sammelte er die Kaffeetassen ein und zog sich zurück.
Meine Aufmerksamkeit, die einen Moment lang abgelenkt war, kehrte zu Ackroyd zurück. Er starrte wie ein versteinert zu Stein gewordener Mann auf einen langen blauen Umschlag. Die anderen Briefe hatte er zu Boden fallen lassen.
„Ihre Schrift“, sagte er flüsternd. „Sie muss ausgegangen sein und ihn letzte Nacht eingeworfen haben, kurz bevor – bevor——“
Er riss den Umschlag auf und zog ein dickes Schriftstück heraus. Dann sah er scharf auf.
„Sie sind sicher, dass Sie das Fenster geschlossen haben?“, sagte er.
„Ganz sicher“, sagte ich überrascht. „Warum?“
„Den ganzen Abend habe ich ein seltsames Gefühl, beobachtet, ausspioniert zu werden. Was ist das——?“
Er drehte sich ruckartig um. Ich tat dasselbe. Wir beide hatten den Eindruck, die Türklinke ganz leicht nachgeben zu hören. Ich ging hinüber und öffnete die Tür. Niemand war da.
„Nerven“, murmelte Ackroyd vor sich hin.
Er entfaltete die dicken Papierbögen und las mit leiser Stimme vor.
„_Mein lieber, mein sehr lieber Roger, — Ein Leben fordert ein Leben. Das sehe ich ein – ich sah es heute Nachmittag in deinem Gesicht. Also nehme ich den einzigen Weg, der mir offen steht. Ich überlasse dir die Bestrafung der Person, die mein Leben im letzten Jahr zur Hölle auf Erden gemacht hat. Ich wollte dir den Namen heute Nachmittag nicht sagen, aber ich habe vor, ihn dir jetzt zu schreiben. Ich habe keine Kinder oder nahen Verwandten, auf die Rücksicht genommen werden muss, fürchte also keine Öffentlichkeit. Wenn du kannst, Roger, mein sehr lieber Roger, verzeih mir das Unrecht, das ich dir antun wollte, denn als die Zeit kam, konnte ich es letztendlich doch nicht...._“
Ackroyd, der seinen Finger auf das Blatt gelegt hatte, um es umzudrehen, hielt inne.
„Sheppard, verzeihen Sie mir, aber ich muss das allein lesen“, sagte er unsicher. „Es war für meine Augen bestimmt, und nur für meine Augen.“
Er steckte den Brief in den Umschlag und legte ihn auf den Tisch.
„Später, wenn ich allein bin.“
„Nein“, rief ich impulsiv, „lesen Sie ihn jetzt.“
Ackroyd starrte mich etwas überrascht an.
„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte ich und wurde rot. „Ich meine nicht, dass Sie ihn mir vorlesen sollen. Aber lesen Sie ihn durch, während ich noch hier bin.“
Ackroyd schüttelte den Kopf.
„Nein, ich würde lieber warten.“
Aber aus irgendeinem Grund, der mir selbst unklar war, drängte ich ihn weiter.
„Lesen Sie wenigstens den Namen des Mannes“, sagte ich.
Nun ist Ackroyd im Grunde starrköpfig. Je mehr man ihn drängt, etwas zu tun, desto entschlossener ist er, es nicht zu tun. All meine Argumente waren umsonst.
Der Brief war um zwanzig Minuten vor neun gebracht worden. Es war kurz vor zehn Minuten vor neun, als ich ihn verließ, den Brief immer noch ungelesen. Ich zögerte mit der Hand an der Türklinke, blickte zurück und fragte mich, ob ich irgendetwas vergessen hatte. Mir fiel nichts ein. Mit einem Kopfschütteln ging ich hinaus und schloss die Tür hinter mir.
Ich war überrascht, die Gestalt von Parker in der Nähe zu sehen. Er wirkte verlegen, und mir kam der Gedanke, dass er vielleicht an der Tür gelauscht haben könnte.
Was für ein dickes, selbstgefälliges, öliges Gesicht der Mann hatte, und sicherlich war etwas entschieden Verschlagenes in seinem Blick.
„Mr. Ackroyd möchte ausdrücklich nicht gestört werden“, sagte ich kühl. „Er hat mich gebeten, Ihnen das zu sagen.“
„Ganz recht, mein Herr. Ich – ich bildete mir ein, die Klingel gehört zu haben.“
Dies war eine so offensichtliche Unwahrheit, dass ich mir nicht die Mühe machte zu antworten. Parker ging mir voraus in den Flur, half mir in meinen Mantel, und ich trat hinaus in die Nacht. Der Mond war bedeckt und alles schien sehr dunkel und still zu sein. Die Kirchenuhr des Dorfes schlug neun, als ich durch die Torpfosten des Pförtnerhauses ging. Ich wandte mich nach links in Richtung des Dorfes und wäre beinahe mit einem Mann zusammengestoßen, der aus der Gegenrichtung kam.
„Ist das der Weg zum Fernly Park, mein Herr?“, fragte der Fremde mit heiserer Stimme.
Ich sah ihn an. Er trug einen Hut, der tief in die Stirn gezogen war, und seinen Mantelkragen hochgeschlagen. Ich konnte wenig oder gar nichts von seinem Gesicht sehen, aber er schien ein junger Kerl zu sein. Die Stimme war rau und ungehobelt.
„Das hier sind die Tore des Pförtnerhauses“, sagte ich.
„Danke, mein Herr.“ Er hielt inne und fügte dann, völlig unnötig, hinzu: „Ich bin ein Fremder in diesen Gegenden, wissen Sie.“
Er ging weiter und schritt durch die Tore, während ich mich umdrehte, um ihm nachzusehen.
Das Seltsame war, dass seine Stimme mich an jemanden erinnerte, den ich kannte, aber wer es war, konnte ich nicht sagen.
Zehn Minuten später war ich wieder zu Hause. Caroline war voller Neugier, warum ich so früh zurückgekommen war. Ich musste eine leicht erfundene Geschichte über den Abend zusammenbasteln, um sie zufriedenzustellen, und ich hatte ein ungutes Gefühl, dass sie das durchsichtige Manöver durchschaute.
Um zehn Uhr stand ich auf, gähnte und schlug vor, schlafen zu gehen. Caroline stimmte zu.
Es war Freitagabend, und am Freitagabend ziehe ich die Uhren auf. Ich tat es wie gewöhnlich, während Caroline sich davon überzeugte, dass die Bediensteten die Küche ordnungsgemäß abgeschlossen hatten.
Es war Viertel nach zehn, als wir die Treppe hinaufgingen. Ich hatte gerade den oberen Absatz erreicht, als das Telefon im Flur unter uns klingelte.
„Mrs. Bates“, sagte Caroline sofort.
„Ich fürchte, ja“, sagte ich wehmütig.
Ich lief die Treppe hinunter und nahm den Hörer ab.
„Was?“, sagte ich. „Was? Natürlich, ich komme sofort.“
Ich lief die Treppe hinauf, schnappte mir meine Tasche und stopfte ein paar zusätzliche Verbände hinein.
„Parker telefoniert“, rief ich Caroline zu, „aus Fernly. Sie haben Roger Ackroyd gerade ermordet aufgefunden.“
KAPITEL V
MORD
Ich holte das Auto in kürzester Zeit heraus und fuhr schnell nach Fernly. Ich sprang heraus und drückte ungeduldig auf die Klingel. Es gab eine gewisse Verzögerung bei der Antwort, und ich klingelte erneut.
Dann hörte ich das Rasseln der Kette und Parker, seine stoische Miene völlig unbewegt, stand in der offenen Tür.
Ich drängte mich an ihm vorbei in den Flur.
„Wo ist er?“, fragte ich scharf.
„Wie bitte, mein Herr?“
„Ihr Herr. Mr. Ackroyd. Stehen Sie nicht so da und starren Sie mich an, Mann. Haben Sie die Polizei benachrichtigt?“
„Die Polizei, mein Herr? Sagten Sie die Polizei?“ Parker starrte mich an, als wäre ich ein Geist.
„Was ist mit Ihnen los, Parker? Wenn, wie Sie sagen, Ihr Herr ermordet worden ist——“
Ein Keuchen entwich Parker.
„Der Herr? Ermordet? Unmöglich, mein Herr!“
Jetzt war ich an der Reihe zu starren.
„Haben Sie mich nicht vor fünf Minuten angerufen und mir gesagt, dass Mr. Ackroyd ermordet aufgefunden worden sei?“
„Ich, mein Herr? Oh! Nein, wirklich nicht, mein Herr. Ich würde nicht einmal im Traum daran denken, so etwas zu tun.“
„Wollen Sie damit sagen, es ist alles ein Schwindel? Dass mit Mr. Ackroyd nichts los ist?“
„Entschuldigen Sie, mein Herr, hat die Person, die angerufen hat, meinen Namen benutzt?“
„Ich nenne Ihnen die genauen Worte, die ich gehört habe: ‚Ist das Dr. Sheppard? Parker, der Butler aus Fernly, am Apparat. Bitte kommen Sie sofort, mein Herr. Mr. Ackroyd ist ermordet worden.‘“
Parker und ich starrten uns verständnislos an.
„Ein sehr böser Scherz, mein Herr“, sagte er schließlich mit schockiertem Unterton. „Sich so etwas auszudenken.“
„Wo ist Mr. Ackroyd?“, fragte ich plötzlich.
„Immer noch im Arbeitszimmer, schätze ich, mein Herr. Die Damen sind zu Bett gegangen, und Major Blunt und Mr. Raymond sind im Billardzimmer.“
„Ich glaube, ich sehe nur kurz nach ihm“, sagte ich. „Ich weiß, er wollte nicht noch einmal gestört werden, aber dieser seltsame Scherz hat mich unruhig gemacht. Ich möchte mich nur davon überzeugen, dass bei ihm alles in Ordnung ist.“
„Ganz recht, mein Herr. Es macht mich selbst ganz unruhig. Wenn Sie nichts dagegen haben, dass ich Sie bis zur Tür begleite, mein Herr——?“
„Überhaupt nicht“, sagte ich. „Kommen Sie.“
Ich ging durch die Tür auf der rechten Seite, Parker auf den Fersen, durchquerte das kleine Vorzimmer, wo eine kleine Treppe zu Ackroyds Schlafzimmer führte, und klopfte an die Tür des Arbeitszimmers.
Es kam keine Antwort. Ich drehte am Griff, aber die Tür war abgeschlossen.
„Gestatten Sie, mein Herr“, sagte Parker.
Sehr flink, für einen Mann seiner Statur, ging er auf ein Knie und legte sein Auge an das Schlüsselloch.
„Der Schlüssel steckt im Schloss, mein Herr“, sagte er und stand auf. „Von innen. Mr. Ackroyd muss sich eingeschlossen und möglicherweise nur einen kleinen Schlaf gemacht haben.“
Ich bückte mich und überprüfte Parkers Aussage.
„Es scheint alles in Ordnung zu sein“, sagte ich, „aber trotzdem, Parker, ich werde Ihren Herrn wecken. Ich wäre nicht zufrieden, nach Hause zu gehen, ohne aus seinem eigenen Mund gehört zu haben, dass es ihm gut geht.“
So sagend, rüttelte ich an der Klinke und rief: „Ackroyd, Ackroyd, nur einen Moment.“
Aber immer noch kam keine Antwort. Ich blickte über meine Schulter.
„Ich möchte den Haushalt nicht beunruhigen“, sagte ich zögernd.
Parker ging hinüber und schloss die Tür vom großen Flur, durch den wir gekommen waren.
„Ich glaube, das ist jetzt in Ordnung, mein Herr. Das Billardzimmer liegt auf der anderen Seite des Hauses, ebenso wie die Küche und die Schlafzimmer der Damen.“
Ich nickte verständnisvoll. Dann hämmerte ich noch einmal verzweifelt gegen die Tür, bückte mich und brüllte regelrecht durch das Schlüsselloch:
„Ackroyd, Ackroyd! Hier ist Sheppard. Lassen Sie mich rein.“
Und immer noch – Stille. Kein Lebenszeichen aus dem verschlossenen Raum. Parker und ich sahen uns an.
„Hören Sie, Parker“, sagte ich, „ich werde diese Tür aufbrechen – oder besser gesagt, wir beide. Ich übernehme die Verantwortung.“
„Wenn Sie das sagen, mein Herr“, sagte Parker eher zweifelnd.
„Das sage ich. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um Mr. Ackroyd.“
Ich sah mich in dem kleinen Vorraum um und griff nach einem schweren Eichenstuhl. Parker und ich hielten ihn zwischen uns und gingen zum Angriff über. Einmal, zweimal und dreimal schleuderten wir ihn gegen das Schloss. Beim dritten Schlag gab es nach, und wir stolperten in das Zimmer.
Ackroyd saß so, wie ich ihn verlassen hatte, im Sessel vor dem Kamin. Sein Kopf war zur Seite gefallen, und deutlich sichtbar, direkt unter dem Kragen seines Mantels, befand sich ein glänzendes Stück verdrehten Metalls.
Parker und ich traten vor, bis wir über der liegenden Gestalt standen. Ich hörte, wie der Butler mit einem scharfen Zischen den Atem einzog.
„Von hinten erstochen“, murmelte er. „Schrecklich!“
Er wischte sich die feuchte Stirn mit seinem Taschentuch ab und streckte dann vorsichtig eine Hand nach dem Griff des Dolches aus.
„Sie dürfen das nicht berühren“, sagte ich scharf. „Gehen Sie sofort zum Telefon und rufen Sie die Polizeistation an. Informieren Sie sie über das, was geschehen ist. Dann sagen Sie es Mr. Raymond und Major Blunt.“
„Sehr wohl, mein Herr.“
Parker eilte davon, während er sich immer noch die schwitzende Stirn abwischte.
Ich tat das Wenige, was zu tun war. Ich achtete darauf, die Lage des Körpers nicht zu verändern und den Dolch überhaupt nicht anzufassen. Es gab keinen Grund, ihn zu bewegen. Ackroyd war offensichtlich schon einige Zeit tot.
Dann hörte ich draußen die Stimme des jungen Raymond, voller Entsetzen und Unglauben.
„Was sagen Sie? Oh! Unmöglich! Wo ist der Doktor?“
Er erschien stürmisch im Türrahmen, blieb dann abrupt stehen, das Gesicht sehr blass. Eine Hand schob ihn beiseite, und Hector Blunt kam an ihm vorbei in den Raum.
„Mein Gott!“, sagte Raymond hinter ihm; „es ist also wahr.“
Blunt kam direkt auf den Sessel zu. Er beugte sich über den Körper, und ich dachte, wie Parker, er würde nach dem Dolchgriff greifen. Ich zog ihn mit einer Hand zurück.
„Nichts darf bewegt werden“, erklärte ich. „Die Polizei muss ihn genau so sehen, wie er jetzt ist.“
Blunt nickte sofort verständnisvoll. Sein Gesicht war wie immer ausdruckslos, aber ich glaubte, Anzeichen von Emotionen unter der stoischen Maske zu entdecken. Geoffrey Raymond hatte sich uns inzwischen angeschlossen und stand, während er über Blunts Schulter auf den Körper starrte.
„Das ist schrecklich“, sagte er mit leiser Stimme.
Er hatte seine Fassung wiedererlangt, aber als er die Pince-nez abnahm, die er gewöhnlich trug, und sie polierte, bemerkte ich, dass seine Hand zitterte.
„Raub, nehme ich an“, sagte er. „Wie ist der Kerl hineingekommen? Durch das Fenster? Ist etwas gestohlen worden?“
Er ging auf den Schreibtisch zu.
„Sie glauben, es ist ein Einbruch?“, sagte ich langsam.
„Was könnte es sonst sein? Von Selbstmord kann wohl keine Rede sein?“
„Kein Mann könnte sich auf diese Weise selbst erstechen“, sagte ich überzeugt. „Es ist zweifellos Mord. Aber aus welchem Motiv?“
„Roger hatte keinen Feind auf der Welt“, sagte Blunt ruhig. „Müssen Einbrecher gewesen sein. Aber was wollte der Dieb? Es scheint nichts durcheinander zu sein?“
Er sah sich im Zimmer um. Raymond sortierte immer noch die Papiere auf dem Schreibtisch.
„Es scheint nichts zu fehlen, und keine der Schubladen zeigt Anzeichen, dass sie manipuliert wurde“, stellte der Sekretär schließlich fest. „Es ist sehr mysteriös.“
Blunt machte eine leichte Kopfbewegung.
„Da liegen einige Briefe auf dem Boden“, sagte er.
Ich sah hinunter. Drei oder vier Briefe lagen noch dort, wo Ackroyd sie früher am Abend hatte fallen lassen.
Aber der blaue Umschlag mit dem Brief von Mrs. Ferrars war verschwunden. Ich öffnete halb den Mund, um etwas zu sagen, aber in diesem Moment schallte der Klang einer Klingel durch das Haus. Es gab ein verwirrtes Stimmengewirr im Flur, und dann erschien Parker mit unserem örtlichen Inspektor und einem Polizeibeamten.
„Guten Abend, meine Herren“, sagte der Inspektor. „Das tut mir schrecklich leid! Ein guter, freundlicher Herr wie Mr. Ackroyd. Der Butler sagt, es sei Mord. Keine Möglichkeit eines Unfalls oder Selbstmords, Doktor?“
„Keineswegs“, sagte ich.
„Ah! Eine schlimme Angelegenheit.“
Er kam und stellte sich über den Körper.
„Wurde er schon bewegt?“, fragte er scharf.
„Abgesehen davon, dass ich sicherstellte, dass das Leben erloschen war – eine einfache Sache –, habe ich den Körper in keiner Weise gestört.“
„Ah! Und alles deutet darauf hin, dass der Mörder entkommen ist – zumindest für den Moment. Nun denn, lassen Sie mich alles darüber hören. Wer hat die Leiche gefunden?“
Ich erklärte die Umstände sorgfältig.
„Eine telefonische Nachricht, sagen Sie? Vom Butler?“
„Eine Nachricht, die ich nie gesendet habe“, erklärte Parker ernsthaft. „Ich war den ganzen Abend nicht in der Nähe des Telefons. Die anderen können bestätigen, dass ich es nicht war.“
„Sehr eigenartig. Klang es wie Parkers Stimme, Doktor?“
„Nun – ich kann nicht sagen, dass ich darauf geachtet hätte. Ich hielt es für selbstverständlich, sehen Sie.“
„Natürlich. Nun, Sie kamen hier herauf, brachen die Tür auf und fanden den armen Mr. Ackroyd so vor. Wie lange, würden Sie sagen, ist er schon tot, Doktor?“
„Mindestens eine halbe Stunde – vielleicht länger“, sagte ich.
„Die Tür war von innen verschlossen, sagen Sie? Was ist mit dem Fenster?“
„Ich selbst habe es früher am Abend auf Mr. Ackroyds Wunsch geschlossen und verriegelt.“
Der Inspektor schritt hinüber und zog die Vorhänge zurück.
„Nun, es ist jetzt jedenfalls offen“, bemerkte er.
Tatsächlich war das Fenster offen, das untere Schiebefenster war bis zum Anschlag hochgeschoben.
Der Inspektor holte eine Taschenlampe hervor und leuchtete damit über das äußere Fensterbrett.
„Das ist der Weg, den er genommen hat, ganz sicher“, bemerkte er, „und er ist so hineingekommen. Sehen Sie hier.“
Im Licht der starken Taschenlampe waren mehrere deutlich definierte Fußabdrücke zu sehen. Es schienen die von Schuhen mit Gummistollen in den Sohlen zu sein. Einer, besonders klar, wies nach innen, ein anderer, der ihn leicht überlappte, wies nach außen.
„Klar wie ein Kuckucksei“, sagte der Inspektor. „Irgendwelche Wertsachen gestohlen?“
Geoffrey Raymond schüttelte den Kopf.
„Nicht, dass wir etwas entdecken könnten. Mr. Ackroyd bewahrte nie etwas von besonderem Wert in diesem Raum auf.“
„Hhm“, sagte der Inspektor. „Der Mann fand ein offenes Fenster. Kletterte hinein, sah Mr. Ackroyd da sitzen – vielleicht war er eingeschlafen. Der Mann erstach ihn von hinten, verlor dann die Nerven und rannte weg. Aber er hat seine Spuren ziemlich deutlich hinterlassen. Wir sollten ihn ohne große Schwierigkeiten zu fassen bekommen. Keine verdächtigen Fremden, die irgendwo herumhingen?“
„Oh!“, sagte ich plötzlich.
„Was ist, Doktor?“
„Ich habe diesen Abend einen Mann getroffen – gerade als ich aus dem Tor bog. Er fragte mich nach dem Weg zum Fernly Park.“
„Wie spät wäre das gewesen?“
„Punkt neun Uhr. Ich hörte es die Stunde schlagen, als ich aus dem Tor bog.“
„Können Sie ihn beschreiben?“
Ich tat dies nach bestem Wissen und Gewissen.
Der Inspektor wandte sich an den Butler.
„Ist jemand, auf den diese Beschreibung zutrifft, zur Vordertür gekommen?“
„Nein, mein Herr. Niemand ist heute Abend überhaupt zum Haus gekommen.“
„Was ist mit der Rückseite?“
„Ich glaube nicht, mein Herr, aber ich werde mich erkundigen.“
Er bewegte sich zur Tür, aber der Inspektor hielt eine große Hand hoch.
„Nein, danke. Ich werde meine eigene Erkundung durchführen. Aber zuerst möchte ich den Zeitpunkt etwas klarer bestimmen. Wann wurde Mr. Ackroyd das letzte Mal lebend gesehen?“
„Wahrscheinlich von mir“, sagte ich, „als ich gegen – lassen Sie mich sehen – etwa zehn vor neun ging. Er sagte mir, dass er nicht gestört werden wolle, und ich gab die Anweisung an Parker weiter.“
„Ganz recht, mein Herr“, sagte Parker respektvoll.
„Mr. Ackroyd war um halb zehn sicherlich noch am Leben“, warf Raymond ein, „denn ich hörte seine Stimme hier drinnen sprechen.“
„Mit wem sprach er?“
„Das weiß ich nicht. Natürlich hielt ich es zu dem Zeitpunkt für selbstverständlich, dass es Dr. Sheppard war, der bei ihm war. Ich wollte ihm eine Frage zu einigen Papieren stellen, an denen ich arbeitete, aber als ich die Stimmen hörte, erinnerte ich mich, dass er gesagt hatte, er wolle mit Dr. Sheppard sprechen, ohne gestört zu werden, und ich ging wieder weg. Aber jetzt scheint es, dass der Doktor bereits gegangen war?“
Ich nickte.
„Ich war um Viertel nach neun wieder zu Hause“, sagte ich. „Ich bin nicht wieder ausgegangen, bis ich den Telefonanruf erhielt.“
„Wer könnte um halb zehn bei ihm gewesen sein?“, fragte der Inspektor. „Waren Sie das nicht, Mr. – äh——“
„Major Blunt“, sagte ich.
„Major Hector Blunt?“, fragte der Inspektor, wobei ein respektvoller Ton in seine Stimme trat.
Blunt zuckte nur bejahend mit dem Kopf.
„Ich glaube, wir haben Sie hier schon einmal gesehen, Sir“, sagte der Inspektor. „Ich habe Sie im Augenblick nicht erkannt, aber Sie waren vor einem Jahr, im letzten Mai, bei Mr. Ackroyd zu Gast.“
„Juni“, korrigierte Blunt.
„Ganz recht, Juni war es. Nun, wie ich schon sagte, waren Sie es nicht, der heute Abend um halb zehn bei Mr. Ackroyd war?“
Blunt schüttelte den Kopf.
„Habe ihn nach dem Abendessen nicht mehr gesehen“, sagte er von sich aus.
Der Inspektor wandte sich wieder an Raymond.
„Sie haben nicht zufällig Teile des Gesprächs mitgehört, nicht wahr, Sir?“
„Ich habe nur ein Fragment davon aufgeschnappt“, sagte der Sekretär, „und da ich annahm, dass es Dr. Sheppard war, der bei Mr. Ackroyd war, kam mir dieses Fragment ausgesprochen seltsam vor. Soweit ich mich erinnern kann, waren die genauen Worte diese. Mr. Ackroyd sprach. ‚Die Forderungen an meinen Geldbeutel waren in letzter Zeit so häufig‘ – das sagte er gerade –, ‚in letzter Zeit, dass ich fürchte, es ist mir unmöglich, Ihrem Wunsch nachzukommen...‘ Ich ging natürlich sofort wieder weg und habe daher nichts weiter gehört. Aber ich habe mich ein wenig gewundert, denn Dr. Sheppard——“
„——bittet weder für sich selbst noch für andere um Darlehen oder Spenden“, beendete ich den Satz.
„Eine Geldforderung“, sagte der Inspektor nachdenklich. „Es könnte sein, dass wir hier einen sehr wichtigen Anhaltspunkt haben.“ Er wandte sich an den Butler. „Sie sagen, Parker, dass heute Abend niemand durch die Vordertür eingelassen wurde?“
„Das ist es, was ich sage, Sir.“
„Dann scheint es fast sicher, dass Mr. Ackroyd selbst diesen Fremden eingelassen haben muss. Aber ich verstehe nicht ganz——“
Der Inspektor versank einige Minuten lang in eine Art Tagtraum.
„Eines ist klar“, sagte er schließlich und riss sich aus seiner Versunkenheit. „Mr. Ackroyd war um halb zehn noch am Leben und wohlauf. Das ist der letzte Zeitpunkt, zu dem er bekanntermaßen am Leben war.“
Parker ließ ein entschuldigendes Husten hören, das den Blick des Inspektors sofort auf ihn lenkte.
„Nun?“, fragte er scharf.
„Wenn Sie mich entschuldigen, Sir, Miss Flora hat ihn danach noch gesehen.“
„Miss Flora?“
„Ja, Sir. Das dürfte gegen Viertel vor zehn gewesen sein. Danach hat sie mir gesagt, dass Mr. Ackroyd heute Abend nicht mehr gestört werden möchte.“
„Hat er sie mit dieser Nachricht zu Ihnen geschickt?“
„Nicht direkt, Sir. Ich brachte gerade ein Tablett mit Soda und Whisky, als Miss Flora, die gerade aus diesem Zimmer kam, mich stoppte und sagte, ihr Onkel wolle nicht gestört werden.“
Der Inspektor betrachtete den Butler mit etwas genauerer Aufmerksamkeit, als er ihm bis jetzt geschenkt hatte.
„Sie wussten doch bereits, dass Mr. Ackroyd nicht gestört werden wollte, nicht wahr?“
Parker begann zu stammeln. Seine Hände zitterten.
„Ja, Sir. Ja, Sir. Ganz recht, Sir.“
„Und doch wollten Sie es gerade tun?“
„Ich hatte es vergessen, Sir. Zumindest, ich meine, ich bringe um diese Zeit immer den Whisky und das Soda, Sir, und frage, ob noch etwas gewünscht wird, und ich dachte – nun, ich tat wie üblich, ohne nachzudenken.“
In diesem Moment dämmerte mir, dass Parker höchst verdächtig nervös war. Der Mann zitterte und zuckte am ganzen Leib.
„Hm“, sagte der Inspektor. „Ich muss sofort Miss Ackroyd sprechen. Für den Moment lassen wir dieses Zimmer genau so, wie es ist. Ich kann hierher zurückkehren, nachdem ich gehört habe, was Miss Ackroyd mir zu sagen hat. Ich werde nur die Vorsichtsmaßnahme treffen, das Fenster zu schließen und zu verriegeln.“
Nachdem diese Vorsichtsmaßnahme getroffen war, führte er uns in den Flur, und wir folgten ihm. Er hielt einen Moment inne, blickte die kleine Treppe hinauf und sprach dann über die Schulter zum Polizisten.
„Jones, Sie bleiben besser hier. Lassen Sie niemanden in dieses Zimmer.“
Parker mischte sich unterwürfig ein.
„Wenn Sie mich entschuldigen, Sir. Wenn Sie die Tür zum Hauptflur abschließen würden, könnte niemand Zugang zu diesem Teil erhalten. Diese Treppe führt nur zu Mr. Ackroyds Schlafzimmer und Badezimmer. Es gibt keine Verbindung zum anderen Teil des Hauses. Früher gab es eine Tür, aber Mr. Ackroyd hat sie zugemauert. Er liebte es, wenn seine Suite völlig privat war.“
Um die Dinge zu verdeutlichen und die Lage zu erklären, habe ich eine grobe Skizze des rechten Hausflügels beigefügt. Die kleine Treppe führt, wie Parker erklärte, zu einem großen Schlafzimmer (das aus zwei zusammengelegten Zimmern entstand) und einem angrenzenden Badezimmer und einer Toilette.
Der Inspektor erfasste die Situation auf einen Blick. Wir gingen durch in die große Halle, und er schloss die Tür hinter sich ab und ließ den Schlüssel in seine Tasche gleiten. Dann gab er dem Polizisten einige Anweisungen mit leiser Stimme, und dieser bereitete sich auf den Aufbruch vor.
„Wir müssen uns um diese Schuhabdrücke kümmern“, erklärte der Inspektor. „Aber zuerst muss ich ein Wort mit Miss Ackroyd wechseln. Sie war die letzte Person, die ihren Onkel lebend gesehen hat. Weiß sie es schon?“
Raymond schüttelte den Kopf.
„Nun, es gibt keinen Grund, es ihr in den nächsten fünf Minuten zu sagen. Sie kann meine Fragen besser beantworten, ohne durch die Wahrheit über ihren Onkel aufgewühlt zu sein. Sagen Sie ihr, es habe einen Einbruch gegeben, und bitten Sie sie, sich anzuziehen und herunterzukommen, um ein paar Fragen zu beantworten.“
Es war Raymond, der mit diesem Auftrag nach oben ging.
„Miss Ackroyd wird in einer Minute unten sein“, sagte er, als er zurückkam. „Ich habe ihr genau das gesagt, was Sie vorgeschlagen haben.“
In weniger als fünf Minuten kam Flora die Treppe herunter. Sie war in einen blassrosa Seidenkimono gehüllt. Sie sah besorgt und aufgeregt aus.
Der Inspektor trat vor.
„Guten Abend, Miss Ackroyd“, sagte er höflich. „Wir befürchten, es gab einen versuchten Raubüberfall, und wir möchten, dass Sie uns helfen. Welches Zimmer ist das – das Billardzimmer? Kommen Sie hier herein und setzen Sie sich.“
Flora setzte sich gefasst auf das breite Diwan, das sich an der Wand entlangzog, und blickte zu dem Inspektor auf.
„Ich verstehe nicht ganz. Was wurde gestohlen? Was soll ich Ihnen sagen?“
„Es ist nur dies, Miss Ackroyd. Parker hier sagt, Sie seien gegen Viertel vor zehn aus dem Arbeitszimmer Ihres Onkels gekommen. Stimmt das?“
„Ganz richtig. Ich war dort, um ihm gute Nacht zu sagen.“
„Und die Zeitangabe stimmt?“
„Nun, es muss ungefähr diese Zeit gewesen sein. Ich kann es nicht genau sagen. Es könnte später gewesen sein.“
„War Ihr Onkel allein, oder war jemand bei ihm?“
„Er war allein. Dr. Sheppard war weg.“
„Ist Ihnen aufgefallen, ob das Fenster offen oder geschlossen war?“
Flora schüttelte den Kopf.
„Das kann ich nicht sagen. Die Vorhänge waren zugezogen.“
„Ganz recht. Und Ihr Onkel wirkte ganz wie immer?“
„Ich glaube schon.“
„Würden Sie uns sagen, was genau zwischen Ihnen vorgefallen ist?“
Flora hielt einen Moment inne, als wolle sie ihre Erinnerungen sammeln.
„Ich ging hinein und sagte: ‚Gute Nacht, Onkel, ich gehe jetzt ins Bett. Ich bin müde heute Abend.‘ Er gab eine Art Grunzen von sich, und – ich ging hinüber und küsste ihn, und er sagte etwas darüber, dass ich in dem Kleid, das ich trug, gut aussähe, und dann sagte er mir, ich solle gehen, da er beschäftigt sei. Also ging ich.“
„Hat er ausdrücklich darum gebeten, nicht gestört zu werden?“
„Oh! ja, ich habe es vergessen. Er sagte: ‚Sag Parker, dass ich heute Abend nichts mehr möchte und dass er mich nicht stören soll.‘ Ich traf Parker direkt vor der Tür und richtete ihm die Nachricht meines Onkels aus.“
„Ganz recht“, sagte der Inspektor.
„Wollen Sie mir nicht sagen, was gestohlen wurde?“
„Wir sind nicht ganz – sicher“, sagte der Inspektor zögernd.
Ein Ausdruck von großer Alarmbereitschaft trat in die Augen des Mädchens. Sie fuhr hoch.
„Was ist es? Sie verheimlichen mir etwas?“
Hector Blunt bewegte sich in seiner üblichen, unaufdringlichen Art und trat zwischen sie und den Inspektor. Sie streckte halb ihre Hand aus, und er nahm sie in seine beiden Hände und tätschelte sie, als wäre sie ein sehr kleines Kind, und sie wandte sich ihm zu, als verspräche etwas in seinem stoischen, felsartigen Auftreten Trost und Sicherheit.
„Es sind schlechte Nachrichten, Flora“, sagte er leise. „Schlechte Nachrichten für uns alle. Dein Onkel Roger——“
„Ja?“
„Es wird ein Schock für dich sein. Das muss es wohl. Der arme Roger ist tot.“
Flora wich von ihm zurück, ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.
„Wann?“, flüsterte sie. „Wann?“
„Ich fürchte, sehr bald nachdem du ihn verlassen hast“, sagte Blunt ernst.
Flora hob die Hand an ihre Kehle, stieß einen kleinen Schrei aus, und ich eilte herbei, um sie aufzufangen, als sie zusammensackte. Sie war in Ohnmacht gefallen, und Blunt und ich trugen sie nach oben und legten sie auf ihr Bett. Dann brachte ich ihn dazu, Mrs. Ackroyd zu wecken und ihr die Nachricht zu überbringen. Flora kam bald wieder zu sich, und ich brachte ihre Mutter zu ihr und sagte ihr, was für das Mädchen zu tun sei. Dann eilte ich wieder nach unten.
KAPITEL VI
DER TUNESISCHE DOLCH
Ich traf den Inspektor, der gerade aus der Tür kam, die in den Küchenbereich führte.
„Wie geht es der jungen Dame, Doktor?“
„Sie kommt wieder gut zu sich. Ihre Mutter ist bei ihr.“
„Das ist gut. Ich habe die Dienerschaft befragt. Sie alle beteuern, dass heute Abend niemand an der Hintertür war. Ihre Beschreibung dieses Fremden war ziemlich vage. Können Sie uns nicht etwas Definitiveres geben, auf das wir uns stützen können?“
„Ich fürchte nicht“, sagte ich bedauernd. „Es war eine dunkle Nacht, wie Sie wissen, und der Kerl hatte seinen Mantelkragen hochgeschlagen und seinen Hut tief in die Augen gezogen.“
„Hm“, sagte der Inspektor. „Sah so aus, als wolle er sein Gesicht verbergen. Sicher, dass es niemand war, den Sie kennen?“
Ich antwortete verneinend, aber nicht so entschieden, wie ich es hätte tun können. Ich erinnerte mich an meinen Eindruck, dass mir die Stimme des Fremden nicht unbekannt war. Ich erklärte dies dem Inspektor eher zögernd.
„Eine raue, ungebildete Stimme, sagen Sie?“
Ich stimmte zu, aber mir kam der Gedanke, dass die Rauheit von fast übertriebener Qualität gewesen war. Wenn der Mann, wie der Inspektor dachte, sein Gesicht hatte verbergen wollen, hätte er ebenso gut versuchen können, seine Stimme zu verstellen.
„Macht es Ihnen etwas aus, noch einmal mit mir in das Arbeitszimmer zu kommen, Doktor? Es gibt ein oder zwei Dinge, die ich Sie fragen möchte.“
Ich stimmte zu. Inspektor Davis schloss die Tür zum Vorraum auf, wir gingen hindurch, und er schloss die Tür hinter uns wieder ab.
„Wir wollen nicht gestört werden“, sagte er grimmig. „Und wir wollen auch kein Belauschen. Was hat es mit dieser Erpressung auf sich?“
„Erpressung!“, rief ich, sehr erschrocken.
„Ist das ein Produkt von Parkers Fantasie? Oder ist etwas Wahres dran?“
„Wenn Parker etwas von Erpressung gehört hat“, sagte ich langsam, „dann muss er vor dieser Tür gelauscht haben, mit dem Ohr direkt am Schlüsselloch.“
Davis nickte.
„Nichts ist wahrscheinlicher. Sehen Sie, ich habe ein paar Nachforschungen darüber angestellt, was Parker heute Abend so getrieben hat. Um die Wahrheit zu sagen, sein Verhalten gefiel mir nicht. Der Mann weiß etwas. Als ich anfing, ihn zu befragen, bekam er es mit der Angst zu tun und platzte mit einer wirren Geschichte von Erpressung heraus.“
Ich traf eine sofortige Entscheidung.
„Ich bin ganz froh, dass Sie das Thema angesprochen haben“, sagte ich. „Ich habe versucht zu entscheiden, ob ich reinen Tisch machen soll oder nicht. Ich hatte mich eigentlich schon dazu entschlossen, Ihnen alles zu erzählen, wollte aber auf eine günstige Gelegenheit warten. Sie können es jetzt genauso gut erfahren.“
Und dann erzählte ich ihm die gesamten Ereignisse des Abends, so wie ich sie hier niedergeschrieben habe. Der Inspektor hörte aufmerksam zu und warf gelegentlich eine Frage ein.
„Die außergewöhnlichste Geschichte, die ich je gehört habe“, sagte er, als ich fertig war. „Und Sie sagen, dieser Brief ist völlig verschwunden? Das sieht schlecht aus – das sieht sehr, sehr schlecht aus. Es liefert uns das, wonach wir gesucht haben – ein Motiv für den Mord.“
Ich nickte.
„Das ist mir klar.“
„Sie sagen, Mr. Ackroyd habe einen Verdacht geäußert, dass ein Mitglied seines Haushalts darin verwickelt sei? Haushalt ist ein ziemlich dehnbarer Begriff.“
„Glauben Sie nicht, dass Parker selbst der Mann sein könnte, hinter dem wir her sind?“, schlug ich vor.
„Es sieht ganz danach aus. Er hat offensichtlich an der Tür gelauscht, als Sie herauskamen. Dann traf ihn Miss Ackroyd später an, als er gerade das Arbeitszimmer betreten wollte. Sagen wir, er hat es noch einmal versucht, als sie sicher außer Reichweite war. Er erstach Ackroyd, schloss die Tür von innen ab, öffnete das Fenster, stieg dort hinaus und ging zu einer Seitentür, die er zuvor offen gelassen hatte. Wie wäre das?“
„Es gibt nur eine Sache, die dagegen spricht“, sagte ich langsam. „Wenn Ackroyd diesen Brief sofort weitergelesen hätte, nachdem ich gegangen war, wie er es vorhatte, sehe ich ihn nicht noch eine Stunde dort sitzen und über die Dinge nachgrübeln. Er hätte Parker sofort gerufen, ihn auf der Stelle beschuldigt, und es hätte einen gewaltigen Aufruhr gegeben. Denken Sie daran, Ackroyd war ein Mann mit hitzigem Temperament.“
„Vielleicht hatte er in diesem Moment keine Zeit, mit dem Brief fortzufahren“, schlug der Inspektor vor. „Wir wissen, dass um halb zehn jemand bei ihm war. Wenn dieser Besucher auftauchte, sobald Sie weg waren, und nachdem er gegangen war, Miss Ackroyd hereinkam, um gute Nacht zu sagen – nun, dann konnte er mit dem Brief erst kurz vor zehn Uhr fortfahren.“
„Und der Telefonanruf?“
„Parker hat den ganz sicher getätigt – vielleicht, bevor er an die verschlossene Tür und das offene Fenster dachte. Dann hat er es sich anders überlegt – oder bekam Panik – und beschloss, alles Wissen darüber zu leugnen. So war es, verlassen Sie sich darauf.“
„Ja-a“, sagte ich eher zweifelnd.
„Wie dem auch sei, wir können die Wahrheit über den Telefonanruf von der Vermittlung erfahren. Wenn er von hier aus getätigt wurde, sehe ich nicht, wie jemand anderes als Parker ihn hätte abschicken können. Verlassen Sie sich darauf, er ist unser Mann. Aber behalten Sie es für sich – wir wollen ihn noch nicht beunruhigen, bis wir alle Beweise haben. Ich werde dafür sorgen, dass er uns nicht entwischt. Dem Anschein nach werden wir uns auf Ihren mysteriösen Fremden konzentrieren.“
Er erhob sich von seinem Platz, wo er rittlings auf dem Stuhl des Schreibtisches gesessen hatte, und ging hinüber zu der unbeweglichen Gestalt im Sessel.
„Die Waffe sollte uns einen Anhaltspunkt liefern“, bemerkte er und blickte auf. „Sie ist etwas völlig Einzigartiges – eine Kuriosität, würde ich sagen, nach dem Aussehen zu urteilen.“
Er bückte sich, begutachtete den Griff aufmerksam, und ich hörte ihn ein zufriedenes Grunzen ausstoßen. Dann drückte er sehr vorsichtig seine Hände unter das Heft und zog die Klinge aus der Wunde. Er trug sie weiterhin so, dass er den Griff nicht berührte, und legte sie in einen breiten Porzellanbecher, der den Kaminsims zierte.
„Ja“, sagte er und nickte ihr zu. „Ein echtes Kunstwerk. Davon kann es nicht viele geben.“
Es war in der Tat ein wunderschönes Objekt. Eine schmale, sich verjüngende Klinge und ein Heft aus aufwendig ineinander verschlungenen Metallen von kurioser und sorgfältiger Handwerkskunst. Er berührte die Klinge vorsichtig mit dem Finger, prüfte ihre Schärfe und machte eine anerkennende Grimasse.
„Herrgott, was für eine Schneide“, rief er aus. „Ein Kind könnte das in einen Menschen treiben – so leicht wie durch Butter schneiden. Eine gefährliche Art von Spielzeug, um es hier herumliegen zu haben.“
„Darf ich die Leiche jetzt ordnungsgemäß untersuchen?“, fragte ich.
Er nickte.
„Nur zu.“
Ich führte eine gründliche Untersuchung durch.
„Nun?“, sagte der Inspektor, als ich fertig war.
„Ich werde Ihnen die Fachsprache ersparen“, sagte ich. „Wir heben das für die Untersuchung auf. Der Schlag wurde von einem Rechtshänder geführt, der hinter ihm stand, und der Tod muss augenblicklich eingetreten sein. Nach dem Gesichtsausdruck des Toten zu urteilen, würde ich sagen, dass der Schlag völlig unerwartet kam. Er starb wahrscheinlich, ohne zu wissen, wer sein Angreifer war.“
„Butler können sich so leise wie Katzen anschleichen“, sagte Inspektor Davis. „Das wird kein großes Geheimnis um dieses Verbrechen geben. Werfen Sie einen Blick auf das Heft dieses Dolches.“
Ich warf den Blick darauf.
„Ich wage zu sagen, dass sie für Sie nicht offensichtlich sind, aber ich kann sie deutlich genug sehen.“ Er senkte seine Stimme. „Fingerabdrücke!“
Er trat ein paar Schritte zurück, um seine Wirkung zu beurteilen.
„Ja“, sagte ich sanft. „Das habe ich mir gedacht.“
Ich sehe nicht ein, warum man annehmen sollte, dass es mir völlig an Intelligenz mangelt. Schließlich lese ich Detektivgeschichten und Zeitungen und bin ein Mann mit durchschnittlicher Begabung. Wenn nun Zehenabdrücke auf dem Dolchgriff gewesen wären, wäre das eine ganz andere Sache gewesen. Ich hätte dann jede Menge Überraschung und Ehrfurcht gezeigt.
Ich glaube, der Inspektor war verärgert darüber, dass ich mich weigerte, mich begeistern zu lassen. Er nahm den Porzellanbecher auf und forderte mich auf, ihn in das Billardzimmer zu begleiten.
„Ich möchte sehen, ob Mr. Raymond uns etwas über diesen Dolch sagen kann“, erklärte er.
Nachdem wir die Außentür hinter uns wieder abgeschlossen hatten, gingen wir zum Billardzimmer, wo wir Geoffrey Raymond fanden. Der Inspektor hielt sein Ausstellungsstück hoch.
„Haben Sie das schon einmal gesehen, Mr. Raymond?“
„Warum – ich glaube – ich bin mir fast sicher, dass das eine Kuriosität ist, die Mr. Ackroyd von Major Blunt geschenkt wurde. Sie stammt aus Marokko – nein, Tunis. Das Verbrechen wurde also damit begangen? Was für eine außergewöhnliche Sache. Es scheint fast unmöglich, und doch könnte es kaum zwei gleiche Dolche geben. Darf ich Major Blunt holen?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte er davon.
„Ein netter junger Mann“, sagte der Inspektor. „Etwas Ehrliches und Aufrichtiges an ihm.“
Ich stimmte zu. In den zwei Jahren, in denen Geoffrey Raymond Sekretär bei Ackroyd ist, habe ich ihn nie verärgert oder aus der Fassung gebracht gesehen. Und er war, das weiß ich, ein höchst effizienter Sekretär.
Nach ein oder zwei Minuten kehrte Raymond zurück, in Begleitung von Blunt.
„Ich hatte recht“, sagte Raymond aufgeregt. „Es ist der tunesische Dolch.“
„Major Blunt hat ihn noch nicht angesehen“, wandte der Inspektor ein.
„Habe ihn in dem Moment gesehen, als ich in das Arbeitszimmer kam“, sagte der ruhige Mann.
„Sie haben ihn damals erkannt?“
Blunt nickte.
„Sie haben nichts darüber gesagt“, sagte der Inspektor misstrauisch.
„Falscher Moment“, sagte Blunt. „Viel Schaden wird angerichtet, wenn man Dinge zum falschen Zeitpunkt herausplatzt.“
Er erwiderte den Blick des Inspektors recht gelassen.
Letzterer brummte schließlich und wandte sich ab. Er brachte den Dolch zu Blunt.
„Sie sind sich ganz sicher, Sir. Sie identifizieren ihn eindeutig?“
„Absolut. Kein Zweifel.“
„Wo wurde diese – äh – Kuriosität normalerweise aufbewahrt? Können Sie mir das sagen, Sir?“
Es war der Sekretär, der antwortete.
„Im Silbertisch im Wohnzimmer.“
„Was?“, rief ich aus.
Die anderen sahen mich an.
„Ja, Doktor?“, sagte der Inspektor ermutigend.
„Es ist nichts.“
„Ja, Doktor?“, sagte der Inspektor noch einmal, noch ermutigender.
„Es ist so trivial“, erklärte ich entschuldigend. „Nur dass ich gestern Abend, als ich zum Abendessen ankam, hörte, wie der Deckel des Silbertisches im Wohnzimmer zugeschlagen wurde.“
Ich sah tiefe Skepsis und einen Anflug von Misstrauen im Gesicht des Inspektors.
„Woher wussten Sie, dass es der Deckel des Silbertisches war?“
Ich war gezwungen, es im Detail zu erklären – eine lange, langweilige Erklärung, die ich unendlich viel lieber nicht hätte machen müssen.
Der Inspektor hörte mich bis zum Ende an.
„War der Dolch an seinem Platz, als Sie den Inhalt durchsahen?“, fragte er.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Ich kann nicht sagen, dass ich mich daran erinnere, ihn bemerkt zu haben – aber natürlich könnte er die ganze Zeit dort gewesen sein.“
„Wir sollten besser die Haushälterin holen“, bemerkte der Inspektor und zog an der Glocke.
Einige Minuten später betrat Miss Russell, von Parker gerufen, den Raum.
„Ich glaube nicht, dass ich in die Nähe des Silbertisches gegangen bin“, sagte sie, als der Inspektor seine Frage gestellt hatte. „Ich wollte sehen, ob alle Blumen frisch sind. Oh! ja, jetzt erinnere ich mich. Der Silbertisch war offen – was er nicht hätte sein dürfen, und ich schloss den Deckel, als ich vorbeiging.“
Sie sah ihn aggressiv an.
„Ich verstehe“, sagte der Inspektor. „Können Sie mir sagen, ob dieser Dolch damals an seinem Platz war?“
Miss Russell betrachtete die Waffe gelassen.
„Das kann ich wirklich nicht sagen“, antwortete sie. „Ich bin nicht stehen geblieben, um nachzusehen. Ich wusste, dass die Familie jeden Moment herunterkommen würde, und ich wollte weg.“
„Danke“, sagte der Inspektor.
Es lag ein kleiner Hauch von Zögern in seinem Verhalten, als hätte er sie gerne weiter befragt, aber Miss Russell nahm die Worte eindeutig als Entlassung hin und glitt aus dem Zimmer.
„Ziemlich giftig, wie mir scheint, was?“, sagte der Inspektor und sah ihr nach. „Lassen Sie mich sehen. Dieser Silbertisch steht vor einem der Fenster, glaube ich, Sie sagten das, Doktor?“
Raymond antwortete für mich.
„Ja, das linke Fenster.“
„Und das Fenster war offen?“
„Sie standen beide einen Spalt offen.“
„Nun, ich denke nicht, dass wir weiter auf die Frage eingehen müssen. Jemand – ich sage einfach jemand – konnte diesen Dolch jederzeit bekommen, und wann genau er ihn bekommen hat, spielt überhaupt keine Rolle. Ich werde morgen früh mit dem Polizeichef kommen, Mr. Raymond. Bis dahin behalte ich den Schlüssel für diese Tür. Ich möchte, dass Colonel Melrose alles genau so sieht, wie es ist. Ich weiß zufällig, dass er auf der anderen Seite des Landkreises auswärts isst und, glaube ich, über Nacht bleibt....“
Wir sahen zu, wie der Inspektor das Gefäß aufnahm.
„Ich werde das sorgfältig einpacken müssen“, bemerkte er. „Es wird in mehr als einer Hinsicht ein wichtiges Beweisstück sein.“
Ein paar Minuten später, als ich mit Raymond aus dem Billardzimmer kam, stieß Letzterer ein leises, amüsiertes Kichern aus.
Ich spürte den Druck seiner Hand auf meinem Arm und folgte seinem Blick. Inspektor Davis schien Parkers Meinung über ein kleines Taschennotizbuch einholen zu wollen.
„Ein wenig offensichtlich“, murmelte mein Begleiter. „Parker ist also der Verdächtige, ja? Sollen wir Inspektor Davis auch mit unseren Fingerabdrücken aushelfen?“
Er nahm zwei Karten aus dem Kartenständer, wischte sie mit seinem seidenen Taschentuch ab, gab mir eine und nahm die andere selbst. Dann reichte er sie mit einem Grinsen dem Polizeiinspektor.
„Souvenirs“, sagte er. „Nr. 1, Dr. Sheppard; Nr. 2, meine Wenigkeit. Eines von Major Blunt wird morgen früh nachgereicht.“
Die Jugend ist sehr lebensfroh. Selbst der brutale Mord an seinem Freund und Arbeitgeber konnte Geoffrey Raymonds Stimmung nicht lange trüben. Vielleicht sollte es auch so sein. Ich weiß es nicht. Ich selbst habe die Fähigkeit zur Resilienz schon vor langer Zeit verloren.
Es war sehr spät, als ich zurückkam, und ich hatte gehofft, Caroline wäre bereits im Bett. Ich hätte es besser wissen müssen.
Sie hatte heißen Kakao für mich bereitstehen, und während ich ihn trank, entlockte sie mir die ganze Geschichte des Abends. Ich verlor kein Wort über die Erpressungsangelegenheit, sondern begnügte mich damit, ihr die Fakten des Mordes zu schildern.
„Die Polizei verdächtigt Parker“, sagte ich, als ich aufstand und mich anschickte, ins Bett zu gehen. „Es scheint ein ziemlich eindeutiger Fall gegen ihn zu sein.“
„Parker!“, sagte meine Schwester. „Unsinn! Dieser Inspektor muss ein vollkommener Narr sein. Parker, tatsächlich! Erzähl mir nichts.“
Mit dieser dunklen Äußerung gingen wir zu Bett.
KAPITEL VII
ICH ERFAHRE DEN BERUF MEINES NACHBARN
Am nächsten Morgen beeilte ich mich bei meinen Hausbesuchen in unverzeihlicher Weise. Meine Entschuldigung kann nur sein, dass ich keine allzu ernsten Fälle zu behandeln hatte. Bei meiner Rückkehr kam mir Caroline in die Halle entgegen.
„Flora Ackroyd ist hier“, verkündete sie in einem aufgeregten Flüsterton.
„Was?“
Ich verbarg meine Überraschung, so gut ich konnte.
„Sie möchte dich unbedingt sprechen. Sie ist schon eine halbe Stunde hier.“
Caroline ging in unser kleines Wohnzimmer vor, und ich folgte ihr.
Flora saß auf dem Sofa am Fenster. Sie trug Schwarz und rang nervös ihre Hände. Der Anblick ihres Gesichts schockierte mich. Jede Farbe war daraus gewichen. Doch als sie sprach, war ihr Auftreten so gefasst und entschlossen wie nur möglich.
„Dr. Sheppard, ich bin gekommen, um Sie um Hilfe zu bitten.“
„Natürlich wird er dir helfen, meine Liebe“, sagte Caroline.
Ich glaube nicht, dass Flora wirklich wollte, dass Caroline bei dem Gespräch anwesend ist. Ich bin sicher, sie hätte es unendlich vorgezogen, privat mit mir zu sprechen. Aber sie wollte auch keine Zeit verlieren, also machte sie das Beste daraus.
„Ich möchte, dass Sie mit mir zu The Larches kommen.“
„The Larches?“, fragte ich verwundert.
„Zu diesem komischen kleinen Mann?“, rief Caroline aus.
„Ja. Sie wissen doch, wer er ist, nicht wahr?“
„Wir hielten ihn“, sagte ich, „für einen pensionierten Friseur.“
Floras blaue Augen wurden ganz groß.
„Aber das ist doch Hercule Poirot! Sie wissen, wen ich meine – der Privatdetektiv. Man sagt, er habe die wunderbarsten Dinge vollbracht – genau wie Detektive in Büchern. Vor einem Jahr ist er in den Ruhestand gegangen und hierher gezogen. Onkel wusste, wer er war, aber er hat versprochen, es niemandem zu sagen, weil M. Poirot in Ruhe leben wollte, ohne von Leuten belästigt zu werden.“
„Das ist es also, wer er ist“, sagte ich langsam.
„Sie haben natürlich schon von ihm gehört?“
„Ich bin ein ziemlicher alter Kauz, wie Caroline mir immer sagt“, sagte ich, „aber ich habe gerade erst von ihm gehört.“
„Außergewöhnlich!“, kommentierte Caroline.
Ich weiß nicht, worauf sie sich bezog – möglicherweise auf ihr eigenes Versäumnis, die Wahrheit herauszufinden.
„Sie wollen ihn besuchen?“, fragte ich langsam. „Und warum?“
„Damit er diesen Mord untersucht, natürlich“, sagte Caroline scharf. „Sei nicht so dumm, James.“
Ich war nicht wirklich dumm. Caroline versteht nicht immer, worauf ich hinaus will.
„Sie haben kein Vertrauen in Inspektor Davis?“, fuhr ich fort.
„Natürlich hat sie das nicht“, sagte Caroline. „Ich auch nicht.“
Man hätte meinen können, es wäre Carolines Onkel, der ermordet worden war.
„Und woher wissen Sie, dass er den Fall übernehmen würde?“, fragte ich. „Denken Sie daran, er ist aus dem aktiven Dienst ausgeschieden.“
„Genau das ist es“, sagte Flora einfach. „Ich muss ihn überreden.“
„Sind Sie sicher, dass Sie klug handeln?“, fragte ich ernst.
„Natürlich ist sie das“, sagte Caroline. „Ich gehe selbst mit ihr, wenn sie will.“
„Ich wäre lieber, wenn der Doktor mit mir käme, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Miss Sheppard“, sagte Flora.
Sie weiß, wie wertvoll es ist, bei bestimmten Gelegenheiten direkt zu sein. Jeder Hinweis wäre bei Caroline sicherlich verschwendet gewesen.
„Sehen Sie“, erklärte sie, der Direktheit Takt folgen lassend, „da Dr. Sheppard der Arzt ist und die Leiche gefunden hat, könnte er M. Poirot alle Einzelheiten mitteilen.“
„Ja“, sagte Caroline widerwillig, „das sehe ich ein.“
Ich ging ein oder zwei Mal im Zimmer auf und ab.
„Flora“, sagte ich ernst, „lassen Sie sich von mir leiten. Ich rate Ihnen, diesen Detektiv nicht in den Fall hineinzuziehen.“
Flora sprang auf. Die Farbe schoss ihr in die Wangen.
„Ich weiß, warum Sie das sagen“, rief sie. „Aber genau aus diesem Grund bin ich so erpicht darauf, hinzugehen. Sie haben Angst! Aber ich nicht. Ich kenne Ralph besser als Sie.“
„Ralph“, sagte Caroline. „Was hat Ralph damit zu tun?“
Keiner von uns beachtete sie.
„Ralph mag schwach sein“, fuhr Flora fort. „Er mag in der Vergangenheit törichte Dinge getan haben – sogar böse Dinge –, aber er würde niemanden ermorden.“
„Nein, nein“, rief ich. „Das habe ich nie von ihm gedacht.“
„Warum sind Sie dann gestern Abend zum Three Boars gegangen?“, verlangte Flora zu wissen, „auf dem Heimweg – nachdem Onkels Leiche gefunden worden war?“
Ich war einen Moment lang verstummt. Ich hatte gehofft, dass mein Besuch unbemerkt geblieben wäre.
„Woher wissen Sie davon?“, konterte ich.
„Ich war heute Morgen dort“, sagte Flora. „Ich habe von den Bediensteten gehört, dass Ralph dort abgestiegen ist –“
Ich unterbrach sie.
„Sie hatten keine Ahnung, dass er in King’s Abbot war?“
„Nein. Ich war verblüfft. Ich konnte es nicht verstehen. Ich bin dorthin gegangen und habe nach ihm gefragt. Sie sagten mir das, was sie Ihnen gestern Abend vermutlich auch gesagt haben, dass er gestern Abend gegen neun Uhr hinausgegangen ist – und – und nie zurückkam.“
Ihre Augen trafen meine herausfordernd, und als ob sie auf etwas in meinem Blick antworten würde, platzte sie heraus: –
„Nun, warum sollte er nicht? Er könnte überall hingegangen sein. Er ist vielleicht sogar nach London zurückgekehrt.“
„Und hat sein Gepäck zurückgelassen?“, fragte ich sanft.
Flora stampfte mit dem Fuß auf.
„Das ist mir egal. Es muss eine einfache Erklärung geben.“
„Und deshalb wollen Sie zu Hercule Poirot? Ist es nicht besser, die Dinge so zu belassen, wie sie sind? Die Polizei verdächtigt Ralph nicht im Geringsten, denken Sie daran. Sie verfolgen eine ganz andere Spur.“
„Aber genau das ist es“, rief das Mädchen. „Sie verdächtigen ihn sehr wohl. Ein Mann aus Cranchester ist heute Morgen aufgetaucht – Inspektor Raglan, ein schrecklicher, hinterlistiger kleiner Mann. Ich habe herausgefunden, dass er heute Morgen vor mir im Three Boars war. Sie haben mir alles darüber erzählt, dass er dort war und welche Fragen er gestellt hat. Er muss glauben, dass Ralph es getan hat.“
„Das ist ein Meinungsumschwung gegenüber gestern Abend, falls dem so ist“, sagte ich langsam. „Er glaubt also nicht an Davis’ Theorie, dass es Parker war?“
„Parker, tatsächlich“, sagte meine Schwester und schnaubte.
Flora trat vor und legte ihre Hand auf meinen Arm.
„Oh! Dr. Sheppard, lassen Sie uns sofort zu diesem M. Poirot gehen. Er wird die Wahrheit herausfinden.“
„Meine liebe Flora“, sagte ich sanft und legte meine Hand auf ihre. „Sind Sie ganz sicher, dass es die Wahrheit ist, die wir wollen?“
Sie sah mich an und nickte ernst mit dem Kopf.
„Sie sind nicht sicher“, sagte sie. „Ich bin es. Ich kenne Ralph besser als Sie.“
„Natürlich hat er es nicht getan“, sagte Caroline, die nur mit großer Mühe geschwiegen hatte. „Ralph mag verschwenderisch sein, aber er ist ein lieber Junge und hat die nettesten Manieren.“
Ich wollte Caroline sagen, dass eine große Anzahl von Mördern nette Manieren hatte, aber Floras Anwesenheit hielt mich zurück. Da das Mädchen entschlossen war, sah ich mich gezwungen, ihr nachzugeben, und wir brachen sofort auf, noch bevor meine Schwester in der Lage war, weitere Verkündigungen abzufeuern, die mit ihren Lieblingsworten „Natürlich“ begannen.
Eine alte Frau mit einer riesigen bretonischen Haube öffnete uns die Tür von The Larches. M. Poirot war, wie es schien, zu Hause.
Wir wurden in ein kleines, mit formeller Präzision eingerichtetes Wohnzimmer geführt, und dort kam mein Freund von gestern nach ein oder zwei Minuten zu uns.
„Monsieur le docteur“, sagte er lächelnd. „Mademoiselle.“
Er verneigte sich vor Flora.
„Vielleicht“, begann ich, „haben Sie von der Tragödie gehört, die sich letzte Nacht ereignet hat.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Aber gewiss habe ich gehört. Es ist schrecklich. Ich spreche Mademoiselle mein ganzes Mitgefühl aus. Auf welche Weise kann ich Ihnen dienen?“
„Miss Ackroyd“, sagte ich, „möchte, dass Sie – dass Sie – –“
„Den Mörder finden“, sagte Flora mit klarer Stimme.
„Ich verstehe“, sagte der kleine Mann. „Aber die Polizei wird das doch tun, nicht wahr?“
„Sie könnten einen Fehler machen“, sagte Flora. „Sie sind auf dem besten Weg, einen Fehler zu machen, glaube ich. Bitte, M. Poirot, wollen Sie uns nicht helfen? Wenn – wenn es eine Frage des Geldes ist – –“
Poirot hob die Hand.
„Nicht das, ich bitte Sie, Mademoiselle. Nicht, dass mir Geld nicht wichtig wäre.“ Seine Augen zeigten ein kurzes Funkeln. „Geld, es bedeutet mir viel und das hat es immer getan. Nein, wenn ich mich darauf einlasse, müssen Sie eines klar verstehen. Ich werde es bis zum Ende durchziehen. Der gute Hund, er lässt die Fährte nicht los, denken Sie daran! Sie mögen sich wünschen, Sie hätten es doch der örtlichen Polizei überlassen.“
„Ich will die Wahrheit“, sagte Flora und sah ihn direkt an.
„Die ganze Wahrheit?“
„Die ganze Wahrheit.“
„Dann akzeptiere ich“, sagte der kleine Mann ruhig. „Und ich hoffe, Sie werden diese Worte nicht bereuen. Sagen Sie mir nun alle Umstände.“
„Dr. Sheppard sollte es Ihnen erzählen“, sagte Flora. „Er weiß mehr als ich.“
So angewiesen, stürzte ich mich in eine sorgfältige Erzählung, die alle Tatsachen enthielt, die ich bereits dargelegt habe. Poirot hörte aufmerksam zu, fügte hier und da eine Frage ein, saß aber die meiste Zeit schweigend da, den Blick zur Decke gerichtet.
Ich beendete meine Geschichte mit dem Aufbruch des Inspektors und meiner Person von Fernly Park in der vergangenen Nacht.
„Und nun“, sagte Flora, als ich fertig war, „erzählen Sie ihm alles über Ralph.“
Ich zögerte, aber ihr gebieterischer Blick trieb mich voran.
„Sie sind gestern Abend auf dem Heimweg zu diesem Gasthaus – diesem Three Boars – gegangen?“, fragte Poirot, als ich meine Geschichte beendet hatte. „Nun, warum genau war das?“
Ich hielt einen Moment inne, um meine Worte sorgfältig zu wählen.
„Ich dachte, jemand sollte den jungen Mann vom Tod seines Onkels unterrichten. Es kam mir in den Sinn, nachdem ich Fernly verlassen hatte, dass möglicherweise niemand außer mir und Mr. Ackroyd wusste, dass er im Dorf weilte.“
Poirot nickte.
„Ganz recht. Das war Ihr einziges Motiv, dorthin zu gehen, nicht wahr?“
„Das war mein einziges Motiv“, sagte ich steif.
„Es war nicht, um – sagen wir – sich selbst über ce jeune homme zu vergewissern?“
„Mich zu vergewissern?“
„Ich denke, M. le docteur, dass Sie sehr wohl wissen, was ich meine, auch wenn Sie vorgeben, es nicht zu tun. Ich vermute, es wäre eine Erleichterung für Sie gewesen, wenn Sie festgestellt hätten, dass Captain Paton den ganzen Abend zu Hause war.“
„Keineswegs“, sagte ich scharf.
Der kleine Detektiv schüttelte ernst den Kopf.
„Sie haben nicht das Vertrauen zu mir wie Miss Flora“, sagte er. „Aber gleichgültig. Was wir betrachten müssen, ist dies – Captain Paton wird vermisst, unter Umständen, die eine Erklärung erfordern. Ich werde Ihnen nicht verheimlichen, dass die Angelegenheit ernst aussieht. Dennoch mag sie eine vollkommen einfache Erklärung zulassen.“
„Genau das sage ich immer wieder“, rief Flora eifrig.
Poirot ging auf dieses Thema nicht weiter ein. Stattdessen schlug er einen sofortigen Besuch bei der örtlichen Polizei vor. Er hielt es für besser, wenn Flora nach Hause zurückkehrte und ich derjenige war, der ihn dorthin begleitete und ihm den für den Fall zuständigen Beamten vorstellte.
Wir führten diesen Plan unverzüglich aus. Wir fanden Inspektor Davis vor der Polizeistation, der sehr bedrückt aussah. Bei ihm waren Colonel Melrose, der Polizeichef, und ein weiterer Mann, den ich aufgrund Floras Beschreibung als „hinterlistig“ unschwer als Inspektor Raglan aus Cranchester erkannte.
Ich kenne Melrose ziemlich gut, und ich stellte ihm Poirot vor und erklärte die Situation. Der Polizeichef war sichtlich verärgert, und Inspektor Raglan sah aus wie ein Gewitter. Davis schien jedoch durch den Anblick des Ärgers seines Vorgesetzten leicht belebt zu sein.
„Der Fall ist so klar wie Kloßbrühe“, sagte Raglan. „Nicht das Geringste Bedürfnis für Amateure, sich einzumischen. Man sollte meinen, jeder Narr hätte gestern Abend sehen können, wie die Dinge lagen, dann hätten wir keine zwölf Stunden verloren.“
Er richtete einen rachsüchtigen Blick auf den armen Davis, der ihn mit vollkommener Teilnahmslosigkeit entgegennahm.
„Mr. Ackroyds Familie muss natürlich tun, was sie für richtig hält“, sagte Colonel Melrose. „Aber wir können nicht zulassen, dass die offizielle Untersuchung in irgendeiner Weise behindert wird. Ich kenne M. Poirots großen Ruf natürlich“, fügte er höflich hinzu.
„Die Polizei kann sich nicht selbst bewerben, leider“, sagte Raglan.
Es war Poirot, der die Situation rettete.
„Es ist wahr, dass ich mich von der Welt zurückgezogen habe“, sagte er. „Ich hatte nie die Absicht, wieder einen Fall zu übernehmen. Vor allem habe ich einen Horror vor Öffentlichkeit. Ich muss bitten, dass im Falle, dass ich etwas zur Lösung des Geheimnisses beitragen kann, mein Name nicht genannt wird.“
Inspektor Raglans Gesicht hellte sich ein wenig auf.
„Ich habe von einigen sehr bemerkenswerten Erfolgen von Ihnen gehört“, bemerkte der Colonel, der auftaute.
„Ich habe viel Erfahrung“, sagte Poirot ruhig. „Aber die meisten meiner Erfolge habe ich mit Hilfe der Polizei erzielt. Ich bewundere Ihre englische Polizei enorm. Wenn Inspektor Raglan mir erlaubt, ihm zu assistieren, werde ich sowohl geehrt als auch geschmeichelt sein.“
Das Gesicht des Inspektors wurde noch gnädiger.
Colonel Melrose zog mich beiseite.
„Nach allem, was ich höre, hat dieser kleine Kerl einige wirklich bemerkenswerte Dinge vollbracht“, murmelte er. „Wir sind natürlich darauf bedacht, Scotland Yard nicht hinzuziehen zu müssen. Raglan scheint sich sehr seiner selbst sicher zu sein, aber ich bin nicht ganz sicher, ob ich ihm zustimme. Wissen Sie, ich – äh – kenne die betroffenen Parteien besser als er. Dieser Kerl scheint nicht auf Ruhm aus zu sein, oder? Würde unauffällig mit uns zusammenarbeiten, eh?“
„Zur größeren Ehre von Inspektor Raglan“, sagte ich feierlich.
„Nun, nun“, sagte Colonel Melrose lebhaft mit lauterer Stimme, „wir müssen Sie über die neuesten Entwicklungen aufklären, M. Poirot.“
„Ich danke Ihnen“, sagte Poirot. „Mein Freund, Dr. Sheppard, sagte etwas davon, dass der Butler verdächtigt werde?“
„Das ist alles Humbug“, sagte Raglan sofort. „Diese erstklassigen Bediensteten bekommen einen solchen Schreck, dass sie sich grundlos verdächtig verhalten.“
„Die Fingerabdrücke?“, deutete ich an.
„Keineswegs Parkers.“ Er lächelte schwach und fügte hinzu: „Und Ihre und Mr. Raymonds passen auch nicht, Doktor.“
„Was ist mit denen von Captain Ralph Paton?“, fragte Poirot ruhig.
Ich empfand heimliche Bewunderung für die Art und Weise, wie er den Stier bei den Hörnern packte. Ich sah, wie ein Ausdruck von Respekt in die Augen des Inspektors kroch.
„Ich sehe, Sie lassen das Gras nicht unter Ihren Füßen wachsen, Mr. Poirot. Es wird mir ein Vergnügen sein, mit Ihnen zu arbeiten, da bin ich sicher. Wir werden die Fingerabdrücke dieses jungen Gentleman nehmen, sobald wir ihn in die Finger bekommen.“
„Ich kann nicht anders, als zu denken, dass Sie sich irren, Inspektor“, sagte Colonel Melrose herzlich. „Ich kenne Ralph Paton von Kindesbeinen an. Er würde sich niemals zu einem Mord herablassen.“
„Vielleicht nicht“, sagte der Inspektor tonlos.
„Was haben Sie gegen ihn in der Hand?“, fragte ich.
„Ging gestern Abend kurz nach neun Uhr hinaus. Wurde gegen halb zehn in der Nähe von Fernly Park gesehen. Seitdem nicht mehr gesehen. Soll sich in ernsten finanziellen Schwierigkeiten befinden. Ich habe hier ein Paar seiner Schuhe – Schuhe mit Gummistollen. Er hatte zwei Paar, fast genau gleich. Ich gehe jetzt hinauf, um sie mit den Fußabdrücken zu vergleichen. Der Constable ist dort oben und passt auf, dass niemand daran herumpfuscht.“
„Wir gehen sofort“, sagte Colonel Melrose. „Sie und M. Poirot werden uns begleiten, nicht wahr?“
Wir stimmten zu, und alle fuhren im Wagen des Colonels hinauf. Der Inspektor war bestrebt, sofort zu den Fußabdrücken zu gelangen, und bat darum, am Pförtnerhaus abgesetzt zu werden. Etwa auf halber Höhe der Auffahrt zweigte rechts ein Weg ab, der um das Haus herum zur Terrasse und zum Fenster von Ackroyds Arbeitszimmer führte.
„Möchten Sie mit dem Inspektor gehen, M. Poirot?“, fragte der Polizeichef, „oder würden Sie lieber das Arbeitszimmer untersuchen?“
Poirot wählte Letzteres. Parker öffnete uns die Tür. Sein Auftreten war selbstgefällig und unterwürfig, und er schien sich von seinem Schrecken der letzten Nacht erholt zu haben.
Colonel Melrose nahm einen Schlüssel aus der Tasche, schloss die Tür, die in den Vorraum führte, auf und ließ uns in das Arbeitszimmer eintreten.
„Abgesehen von der Entfernung der Leiche, M. Poirot, ist dieser Raum genau so, wie er letzte Nacht war.“
„Und die Leiche wurde gefunden – wo?“
So genau wie möglich beschrieb ich Ackroyds Position. Der Sessel stand noch immer vor dem Kamin.
Poirot ging hin und setzte sich hinein.
„Der blaue Brief, von dem Sie sprechen, wo war er, als Sie den Raum verließen?“
„Mr. Ackroyd hatte ihn auf diesen kleinen Tisch zu seiner Rechten gelegt.“
Poirot nickte.
„Bis auf das war alles an seinem Platz?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Colonel Melrose, wären Sie so außerordentlich zuvorkommend, sich für eine Minute in diesen Stuhl zu setzen. Ich danke Ihnen. Nun, M. le docteur, würden Sie mir bitte die genaue Position des Dolches angeben?“
Ich tat es, während der kleine Mann im Türrahmen stand.
„Das Heft des Dolches war also von der Tür aus deutlich sichtbar. Sowohl Sie als auch Parker konnten es sofort sehen?“
„Ja.“
Poirot ging als Nächstes zum Fenster.
„Das elektrische Licht war natürlich an, als Sie die Leiche entdeckten?“, fragte er über die Schulter.
Ich stimmte zu und schloss mich ihm an, als er die Spuren auf dem Fenstersims untersuchte.
„Die Gummistollen sind vom gleichen Muster wie die in Captain Patons Schuhen“, sagte er ruhig.
Dann kehrte er noch einmal in die Mitte des Raumes zurück. Sein Blick wanderte umher und untersuchte mit einem schnellen, geschulten Blick alles im Raum.
„Sind Sie ein Mann mit guter Beobachtungsgabe, Dr. Sheppard?“, fragte er schließlich.
„Ich glaube schon“, sagte ich überrascht.
„Es brannte Feuer im Kamin, wie ich sehe. Als Sie die Tür aufbrachen und Mr. Ackroyd tot fanden, wie war das Feuer? War es klein?“
Ich stieß ein verärgertes Lachen aus.
„Ich – ich kann es wirklich nicht sagen. Ich habe nicht darauf geachtet. Vielleicht Mr. Raymond oder Major Blunt – –“
Der kleine Mann mir gegenüber schüttelte mit einem schwachen Lächeln den Kopf.
„Man muss immer mit Methode vorgehen. Ich habe einen Beurteilungsfehler begangen, als ich Ihnen diese Frage stellte. Jedem das Seine. Sie könnten mir die Einzelheiten des Aussehens des Patienten mitteilen – da würde Ihnen nichts entgehen. Wenn ich Informationen über die Papiere auf diesem Schreibtisch wollte, hätte Mr. Raymond alles bemerkt, was es zu sehen gab. Um etwas über das Feuer herauszufinden, muss ich den Mann fragen, dessen Aufgabe es ist, solche Dinge zu beobachten. Erlauben Sie – –“
Er bewegte sich schnell zum Kamin und läutete die Glocke.
Nach ein oder zwei Minuten erschien Parker.
„Es hat geklingelt, mein Herr“, sagte er zögernd.
„Kommen Sie herein, Parker“, sagte Colonel Melrose. „Dieser Herr möchte Sie etwas fragen.“
Parker wandte seine respektvolle Aufmerksamkeit Poirot zu.
„Parker“, sagte der kleine Mann, „als Sie letzte Nacht mit Dr. Sheppard die Tür aufbrachen und Ihren Herrn tot vorfanden, in welchem Zustand war das Feuer?“
Parker antwortete ohne zu zögern.
„Es war sehr klein geworden, mein Herr. Es war fast aus.“
„Ah!“, sagte Poirot. Der Ausruf klang fast triumphierend. Er fuhr fort: –
„Sehen Sie sich um, mein guter Parker. Ist dieser Raum genau so wie damals?“
Der Blick des Butlers schweifte umher. Er blieb an den Fenstern hängen.
„Die Vorhänge waren zugezogen, mein Herr, und das elektrische Licht war an.“
Poirot nickte anerkennend.
„Noch etwas?“
„Ja, mein Herr, dieser Stuhl stand ein wenig weiter draußen.“
Er deutete auf einen großen Ohrensessel links von der Tür, zwischen ihr und dem Fenster. Ich füge einen Plan des Raumes bei, in dem der betreffende Stuhl mit einem X markiert ist.
„Zeigen Sie es mir einfach“, sagte Poirot.
Der Butler rückte den besagten Stuhl gut zwei Fuß von der Wand weg und drehte ihn so, dass die Sitzfläche zur Tür wies.
„Voilà ce qui est curieux“, murmelte Poirot. „Niemand würde sich in einer solchen Position in einen Stuhl setzen wollen, denke ich. Wer hat ihn wohl wieder an seinen Platz zurückgeschoben? Waren Sie das, mein Freund?“
„Nein, mein Herr“, sagte Parker. „Ich war viel zu sehr aufgewühlt, als ich den Herrn und alles sah.“
Poirot blickte zu mir hinüber.
„Waren Sie es, Doktor?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Er stand schon wieder an seinem Platz, als ich mit der Polizei eintraf, mein Herr“, warf Parker ein. „Da bin ich mir sicher.“
„Kurios“, sagte Poirot erneut.
„Raymond oder Blunt müssen ihn zurückgeschoben haben“, schlug ich vor. „Das ist doch sicher nicht wichtig?“
„Es ist völlig unwichtig“, sagte Poirot. „Deshalb ist es so interessant“, fügte er leise hinzu.
„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, sagte Colonel Melrose. Er verließ mit Parker den Raum.
„Glauben Sie, dass Parker die Wahrheit sagt?“ fragte ich.
„Was den Stuhl betrifft, ja. Ansonsten weiß ich es nicht. Sie werden feststellen, M. le docteur, wenn Sie viel mit Fällen dieser Art zu tun haben, dass sie sich alle in einer Sache gleichen.“
„Worin besteht diese?“ fragte ich neugierig.
„Jeder, der darin verwickelt ist, hat etwas zu verbergen.“
„Habe ich das?“ fragte ich lächelnd.
Poirot betrachtete mich aufmerksam.
„Ich glaube, Sie haben es“, sagte er ruhig.
„Aber——“
„Haben Sie mir alles über diesen jungen Mann Paton erzählt, was Sie wissen?“ Er lächelte, als ich rot wurde. „Oh! Haben Sie keine Angst. Ich werde Sie nicht bedrängen. Ich werde es schon zur rechten Zeit erfahren.“
„Ich wünschte, Sie würden mir etwas über Ihre Methoden verraten“, sagte ich hastig, um meine Verlegenheit zu überspielen. „Die Sache mit dem Kaminfeuer zum Beispiel?“
„Oh! Das war sehr einfach. Sie verlassen Mr. Ackroyd um—zehn Minuten vor neun, war es das nicht?“
„Ja, ganz genau, würde ich sagen.“
„Das Fenster ist dann geschlossen und verriegelt und die Tür unverschlossen. Um viertel nach zehn, als die Leiche entdeckt wird, ist die Tür verschlossen und das Fenster offen. Wer hat es geöffnet? Offensichtlich kann das nur Mr. Ackroyd selbst gewesen sein, und zwar aus einem von zwei Gründen. Entweder weil es im Zimmer unerträglich heiß wurde (aber da das Feuer fast heruntergebrannt war und die Temperatur letzte Nacht stark abgefallen ist, kann das nicht der Grund sein), oder weil er jemanden auf diesem Weg eingelassen hat. Und wenn er jemanden auf diesem Weg eingelassen hat, muss es jemand gewesen sein, der ihm gut bekannt war, da er sich zuvor schon wegen eben jenes Fensters unwohl gefühlt hatte.“
„Es klingt sehr einfach“, sagte ich.
„Alles ist einfach, wenn man die Fakten methodisch ordnet. Wir beschäftigen uns nun mit der Persönlichkeit der Person, die gestern Abend um halb zehn bei ihm war. Alles deutet darauf hin, dass dies derjenige war, der durch das Fenster eingelassen wurde, und obwohl Mr. Ackroyd später von Miss Flora lebend gesehen wurde, können wir uns einer Lösung des Rätsels nicht nähern, bevor wir wissen, wer dieser Besucher war. Das Fenster könnte nach dessen Abreise offen gelassen worden sein und so dem Mörder Einlass gewährt haben, oder dieselbe Person könnte ein zweites Mal zurückgekehrt sein. Ah! Hier ist der Colonel, der zurückkehrt.“
Colonel Melrose trat mit schwungvoller Miene ein.
„Dieser Telefonanruf ist endlich zurückverfolgt worden“, sagte er. „Er kam nicht von hier. Er wurde gestern Abend um 10.15 Uhr für Dr. Sheppard von einer öffentlichen Telefonzelle am Bahnhof von King’s Abbot aus geführt. Und um 10.23 Uhr fährt der Nachtpostzug nach Liverpool ab.“
KAPITEL VIII
INSPECTOR RAGLAN IST ZUVERSICHTLICH
Wir sahen uns an.
„Sie werden natürlich Nachforschungen am Bahnhof anstellen?“ sagte ich.
„Natürlich, aber ich bin nicht allzu zuversichtlich, was das Ergebnis angeht. Sie wissen ja, wie es an diesem Bahnhof zugeht.“
Das wusste ich. King’s Abbot ist nur ein Dorf, aber sein Bahnhof ist ein wichtiger Knotenpunkt. Die meisten großen Schnellzüge halten dort, und Züge werden rangiert, neu zusammengestellt und gebildet. Er verfügt über zwei oder drei öffentliche Telefonzellen. Um diese Uhrzeit kommen drei Nahverkehrszüge kurz hintereinander an, um den Anschluss an den Schnellzug nach Norden zu bekommen, der um 10.19 Uhr einläuft und um 10.23 Uhr abfährt. Der ganze Ort ist in hellem Aufruhr, und die Chancen, dass eine bestimmte Person beim Telefonieren oder beim Einsteigen in den Schnellzug bemerkt wird, sind in der Tat sehr gering.
„Aber warum überhaupt telefonieren?“ verlangte Melrose zu wissen. „Das finde ich so außergewöhnlich. Es scheint weder Sinn noch Verstand dahinterzustecken.“
Poirot rückte sorgfältig ein Porzellanornament auf einem der Bücherschränke zurecht.
„Seien Sie gewiss, es gab einen Grund“, sagte er über die Schulter.
„Aber welcher Grund könnte das sein?“
„Wenn wir das wissen, werden wir alles wissen. Dieser Fall ist sehr kurios und sehr interessant.“
Es lag etwas fast Unbeschreibliches in der Art, wie er diese letzten Worte sagte. Ich hatte das Gefühl, dass er den Fall aus einem ganz eigenen, sonderbaren Blickwinkel betrachtete, und was er sah, konnte ich nicht sagen.
Er ging zum Fenster und stand dort, hinausblickend.
„Sie sagen, es war neun Uhr, Dr. Sheppard, als Sie diesen Fremden vor dem Tor trafen?“
Er stellte die Frage, ohne sich umzudrehen.
„Ja“, antwortete ich. „Ich hörte, wie die Kirchturmuhr die Stunde schlug.“
„Wie lange würde er brauchen, um das Haus zu erreichen—um dieses Fenster hier zu erreichen, zum Beispiel?“
„Höchstens fünf Minuten. Nur zwei oder drei Minuten, wenn er den Pfad rechts von der Zufahrt genommen hätte und direkt hierher gekommen wäre.“
„Aber um das zu tun, müsste er den Weg kennen. Wie soll ich mich ausdrücken?—es würde bedeuten, dass er schon einmal hier gewesen war—dass er seine Umgebung kannte.“
„Das stimmt“, antwortete Colonel Melrose.
„Wir könnten zweifellos herausfinden, ob Mr. Ackroyd in der vergangenen Woche irgendwelche Fremden empfangen hat?“
„Der junge Raymond könnte uns das sagen“, sagte ich.
„Oder Parker“, schlug Colonel Melrose vor.
„Ou tous les deux“, schlug Poirot lächelnd vor.
Colonel Melrose ging, um Raymond zu suchen, und ich klingelte noch einmal nach Parker.
Colonel Melrose kehrte fast sofort zurück, in Begleitung des jungen Sekretärs, den er Poirot vorstellte. Geoffrey Raymond war so frisch und unbeschwert wie eh und je. Er schien überrascht und erfreut, Poirots Bekanntschaft zu machen.
„Hatte keine Ahnung, dass Sie inkognito unter uns gelebt haben, M. Poirot“, sagte er. „Es wird ein großes Privileg sein, Sie bei der Arbeit zu beobachten——Hallo, was ist denn das?“
Poirot hatte links von der Tür gestanden. Nun trat er plötzlich beiseite, und ich sah, dass er, während ich den Rücken zugedreht hatte, den Sessel flink in die Position gezogen haben musste, die Parker angegeben hatte.
„Soll ich mich in den Sessel setzen, während Sie einen Bluttest machen?“ fragte Raymond gutmütig. „Was ist die Idee?“
„M. Raymond, dieser Sessel wurde gestern Abend herausgezogen—so—als Mr. Ackroyd ermordet aufgefunden wurde. Jemand hat ihn wieder an seinen Platz zurückgeschoben. Waren Sie das?“
Die Antwort des Sekretärs kam ohne das geringste Zögern.
„Nein, tatsächlich nicht. Ich erinnere mich nicht einmal, dass er in dieser Position stand, aber er muss es gewesen sein, wenn Sie das sagen. Wie dem auch sei, irgendjemand anders muss ihn wieder an seinen richtigen Platz geschoben haben. Hat man dabei etwa einen Hinweis zerstört? Wie ärgerlich!“
„Das ist von keiner Bedeutung“, sagte der Detektiv. „Von absolut keiner Bedeutung. Was ich Sie eigentlich fragen möchte, ist dies, M. Raymond: Ist in der vergangenen Woche irgendein Fremder zu Mr. Ackroyd gekommen?“
Der Sekretär dachte ein oder zwei Minuten nach, die Stirn in Falten gelegt, und während der Pause erschien Parker auf das Klingeln hin.
„Nein“, sagte Raymond schließlich. „Ich kann mich an niemanden erinnern. Können Sie das, Parker?“
„Wie bitte, mein Herr?“
„Ist diese Woche irgendein Fremder zu Mr. Ackroyd gekommen?“
Der Butler dachte ein oder zwei Minuten nach.
„Da war der junge Mann, der am Mittwoch kam, mein Herr“, sagte er schließlich. „Von Curtis und Troute, wie ich verstanden habe.“
Raymond tat dies mit einer ungeduldigen Handbewegung ab.
„Oh! Ja, ich erinnere mich, aber das ist nicht die Art von Fremdem, die dieser Herr meint.“ Er wandte sich an Poirot. „Mr. Ackroyd hatte den Gedanken, ein Diktiergerät anzuschaffen“, erklärte er. „Das hätte es uns ermöglicht, in begrenzter Zeit viel mehr Arbeit zu erledigen. Die betreffende Firma schickte ihren Vertreter, aber daraus wurde nichts. Mr. Ackroyd konnte sich nicht zum Kauf entschließen.“
Poirot wandte sich an den Butler.
„Können Sie mir diesen jungen Mann beschreiben, mein guter Parker?“
„Er war blond und klein, mein Herr. Sehr adrett gekleidet in einem blauen Anzug aus Kammgarn. Ein sehr präsentabler junger Mann, mein Herr, für seine gesellschaftliche Stellung.“
Poirot wandte sich an mich.
„Der Mann, den Sie vor dem Tor trafen, Doktor, war groß, nicht wahr?“
„Ja“, sagte ich. „Ungefähr 1,80 Meter, würde ich sagen.“
„Dann hat das nichts zu bedeuten“, erklärte der Belgier. „Ich danke Ihnen, Parker.“
Der Butler sprach zu Raymond.
„Mr. Hammond ist gerade eingetroffen, mein Herr“, sagte er. „Er möchte wissen, ob er behilflich sein kann, und würde sich freuen, ein Wort mit Ihnen zu sprechen.“
„Ich komme sofort“, sagte der junge Mann. Er eilte hinaus. Poirot blickte fragend zum Chief Constable.
„Der Anwalt der Familie, M. Poirot“, sagte dieser.
„Es sind geschäftige Zeiten für diesen jungen M. Raymond“, murmelte M. Poirot. „Er macht einen tüchtigen Eindruck, dieser da.“
„Ich glaube, Mr. Ackroyd hielt ihn für einen äußerst fähigen Sekretär.“
„Wie lange ist er schon hier?“
„Gerade knapp zwei Jahre, glaube ich.“
„Seine Pflichten erfüllt er pünktlich. Davon bin ich überzeugt. Auf welche Weise amüsiert er sich? Betreibt er le sport?“
„Privatsekretäre haben nicht viel Zeit für so etwas“, sagte Colonel Melrose lächelnd. „Raymond spielt Golf, glaube ich. Und Tennis im Sommer.“
„Er besucht nicht die Rennbahnen—ich meine, die Pferderennen?“
„Rennveranstaltungen? Nein, ich glaube nicht, dass er sich für Pferderennen interessiert.“
Poirot nickte und schien das Interesse zu verlieren. Er blickte langsam im Arbeitszimmer umher.
„Ich habe, glaube ich, alles gesehen, was es hier zu sehen gibt.“
Auch ich blickte mich um.
„Wenn diese Wände sprechen könnten“, murmelte ich.
Poirot schüttelte den Kopf.
„Eine Zunge reicht nicht aus“, sagte er. „Sie müssten auch Augen und Ohren haben. Aber seien Sie sich nicht zu sicher, dass diese toten Dinge“—er berührte die Oberseite des Bücherschranks, während er sprach—“immer stumm sind. Zu mir sprechen sie manchmal—Stühle, Tische—sie haben ihre Botschaft!“
Er wandte sich zur Tür.
„Welche Botschaft?“ rief ich. „Was haben sie Ihnen heute gesagt?“
Er blickte über die Schulter und zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Ein geöffnetes Fenster“, sagte er. „Eine verschlossene Tür. Ein Stuhl, der sich scheinbar von selbst bewegte. Zu allen dreien sage ich: ‚Warum?‘ und ich finde keine Antwort.“
Er schüttelte den Kopf, blähte die Brust auf und stand da, blinzelnd zu uns hinüber. Er sah lächerlich erfüllt von seiner eigenen Wichtigkeit aus. Mir kam der Gedanke, ob er als Detektiv wirklich etwas taugte. War sein großer Ruf auf einer Reihe von glücklichen Zufällen aufgebaut?
Ich glaube, der gleiche Gedanke muss auch Colonel Melrose gekommen sein, denn er runzelte die Stirn.
„Möchten Sie noch etwas sehen, M. Poirot?“ erkundigte er sich barsch.
„Sie wären vielleicht so freundlich, mir den Silbertisch zu zeigen, aus dem die Waffe genommen wurde? Danach werde ich Ihre Güte nicht länger in Anspruch nehmen.“
Wir gingen ins Wohnzimmer, aber auf dem Weg dorthin hielt der Polizist den Colonel auf, und nach einem gemurmelten Gespräch entschuldigte sich dieser und ließ uns allein. Ich zeigte Poirot den Silbertisch, und nachdem er den Deckel ein oder zwei Mal angehoben und wieder hatte zufallen lassen, drückte er das Fenster auf und trat auf die Terrasse. Ich folgte ihm.
Inspector Raglan war gerade um die Ecke des Hauses gekommen und ging auf uns zu. Sein Gesicht sah grimmig und zufrieden aus.
„Da sind Sie ja, M. Poirot“, sagte er. „Nun, das wird kein großer Fall werden. Das tut mir auch leid. Ein ganz netter junger Kerl, der auf die schiefe Bahn geraten ist.“
Poirots Gesicht fiel, und er sprach sehr sanft.
„Ich fürchte, dann werde ich Ihnen nicht von großem Nutzen sein können?“
„Beim nächsten Mal vielleicht“, sagte der Inspector beschwichtigend. „Obwohl wir nicht jeden Tag Morde in dieser ruhigen kleinen Ecke der Welt haben.“
Poirots Blick nahm eine bewundernde Qualität an.
„Sie waren von wunderbarer Schnelligkeit“, bemerkte er. „Wie sind Sie genau vorgegangen, wenn ich fragen darf?“
„Gewiss“, sagte der Inspector. „Zunächst einmal—Methode. Das sage ich immer—Methode!“
„Ah!“ rief der andere. „Das ist auch meine Losung. Methode, Ordnung und die kleinen grauen Zellen.“
„Die Zellen?“ sagte der Inspector und starrte ihn an.
„Die kleinen grauen Gehirnzellen“, erklärte der Belgier.
„Oh, natürlich; nun, wir alle benutzen sie, nehme ich an.“
„In einem größeren oder geringeren Maße“, murmelte Poirot. „Und es gibt auch Unterschiede in der Qualität. Dann ist da noch die Psychologie eines Verbrechens. Man muss das studieren.“
„Ah!“ sagte der Inspector, „Sie sind von diesem ganzen Psychoanalyse-Kram gebissen worden? Nun, ich bin ein schlichter Mann——“
„Mrs. Raglan würde dem sicher nicht zustimmen“, sagte Poirot und verbeugte sich leicht vor ihm.
Inspector Raglan, ein wenig verdutzt, verneigte sich.
„Sie verstehen das falsch“, sagte er mit einem breiten Grinsen. „Herrgott, was für einen Unterschied die Sprache macht. Ich erzähle Ihnen, wie ich an die Arbeit gegangen bin. Zuerst einmal, Methode. Mr. Ackroyd wurde zuletzt um viertel vor zehn lebend gesehen, von seiner Nichte, Miss Flora Ackroyd. Das ist Fakt Nummer eins, nicht wahr?“
„Wenn Sie das sagen.“
„Nun, das ist er. Um halb elf sagt der Doktor hier, dass Mr. Ackroyd seit mindestens einer halben Stunde tot ist. Bleiben Sie dabei, Doktor?“
„Gewiss“, sagte ich. „Eine halbe Stunde oder länger.“
„Sehr gut. Das gibt uns genau eine Viertelstunde, in der das Verbrechen begangen worden sein muss. Ich mache eine Liste von jedem im Haus und gehe sie durch, wobei ich hinter ihre Namen schreibe, wo sie waren und was sie zwischen 9.45 Uhr und 22 Uhr taten.“
Er reichte Poirot ein Blatt Papier. Ich las es über seine Schulter. Es war in sauberer Schrift verfasst:—
Major Blunt.—Im Billardzimmer mit Mr. Raymond. (Letzterer bestätigt.)
Mr. Raymond.—Billardzimmer. (Siehe oben.)
_Mrs. Ackroyd.—9.45 Uhr beim Zuschauen des Billardspiels. Ging 9.55 Uhr zu Bett. (Raymond und Blunt beobachteten sie die Treppe hinauf.)_
_Miss Ackroyd.—Ging direkt vom Zimmer ihres Onkels nach oben. (Bestätigt durch Parker, sowie das Hausmädchen, Elsie Dale.)_
Bedienstete:—
_Parker.—Ging direkt in die Anrichte. (Bestätigt durch die Haushälterin, Miss Russell, die um 9.47 Uhr herunterkam, um ihn wegen etwas zu sprechen, und mindestens zehn Minuten blieb.)_
_Miss Russell.—Wie oben. Sprach um 9.45 Uhr oben mit dem Hausmädchen, Elsie Dale._
_Ursula Bourne (Stubenmädchen).—Bis 9.55 Uhr auf ihrem Zimmer. Dann im Dienstbotenraum._
Mrs. Cooper (Köchin).—Im Dienstbotenraum.
Gladys Jones (zweites Hausmädchen).—Im Dienstbotenraum.
_Elsie Dale.—Oben im Schlafzimmer. Dort gesehen von Miss Russell und Miss Flora Ackroyd._
Mary Thripp (Küchenmädchen).—Dienstbotenraum.
„Die Köchin ist seit sieben Jahren hier, das Stubenmädchen seit achtzehn Monaten und Parker seit etwas über einem Jahr. Die anderen sind neu. Abgesehen von etwas Verdächtigem bei Parker scheinen alle ganz in Ordnung zu sein.“
„Eine sehr vollständige Liste“, sagte Poirot und gab sie ihm zurück. „Ich bin ganz sicher, dass Parker den Mord nicht begangen hat“, fügte er ernst hinzu.
„Das ist meine Schwester auch“, warf ich ein. „Und sie hat meistens recht.“ Niemand beachtete meinen Einschub.
„Damit ist die Dienerschaft ziemlich effektiv abgehakt“, fuhr der Inspector fort. „Nun kommen wir zu einem sehr schwerwiegenden Punkt. Die Frau im Pförtnerhaus—Mary Black—zog gestern Abend die Vorhänge zu, als sie Ralph Paton am Tor abbiegen und zum Haus gehen sah.“
„Ist sie sich dessen sicher?“ fragte ich scharf.
„Ganz sicher. Sie kennt ihn gut vom Sehen. Er ging sehr schnell vorbei und bog auf den Pfad nach rechts ab, der eine Abkürzung zur Terrasse ist.“
„Und wie spät war das?“ fragte Poirot, der mit unbewegter Miene dagessen hatte.
„Genau fünfundzwanzig Minuten nach neun“, sagte der Inspector ernst.
Es herrschte Stille. Dann sprach der Inspector wieder.
„Es ist alles klar genug. Es passt lückenlos zusammen. Um fünfundzwanzig nach neun wird Captain Paton am Pförtnerhaus gesehen; um halb zehn oder so hört Mr. Geoffrey Raymond jemanden hier drin um Geld bitten und Mr. Ackroyd ablehnen. Was passiert als nächstes? Captain Paton verlässt das Haus auf demselben Weg—durch das Fenster. Er geht die Terrasse entlang, wütend und frustriert. Er kommt zum offenen Wohnzimmerfenster. Nehmen wir an, es ist jetzt viertel vor zehn. Miss Flora Ackroyd verabschiedet sich von ihrem Onkel. Major Blunt, Mr. Raymond und Mrs. Ackroyd sind im Billardzimmer. Das Wohnzimmer ist leer. Er schleicht sich hinein, nimmt den Dolch vom Silbertisch und kehrt zum Fenster des Arbeitszimmers zurück. Er schlüpft aus den Schuhen, klettert hinein und—nun, ich brauche nicht in Details zu gehen. Dann schlüpft er wieder hinaus und macht sich davon. Hatte nicht die Nerven, zum Gasthof zurückzugehen. Er macht sich auf zum Bahnhof, telefoniert von dort aus——“
„Warum?“ sagte Poirot leise.
Ich zuckte bei der Unterbrechung zusammen. Der kleine Mann lehnte sich vor. Seine Augen leuchteten in einem seltsamen grünen Licht.
Einen Moment lang war Inspector Raglan von der Frage überrumpelt.
„Es ist schwer genau zu sagen, warum er das getan hat“, sagte er schließlich. „Aber Mörder tun komische Dinge. Das wüssten Sie, wenn Sie bei der Polizei wären. Die Cleversten von ihnen machen manchmal dumme Fehler. Aber kommen Sie mit, ich zeige Ihnen diese Fußabdrücke.“
Wir folgten ihm um die Ecke der Terrasse zum Fenster des Arbeitszimmers. Auf ein Wort von Raglan brachte ein Polizeibeamter die Schuhe hervor, die aus dem örtlichen Gasthof geholt worden waren.
Der Inspector legte sie über die Abdrücke.
„Sie sind identisch“, sagte er überzeugt. „Das heißt, es ist nicht das Paar, das tatsächlich diese Abdrücke hinterlassen hat. Er ist mit denen davon gegangen. Dies ist ein Paar, das ihnen genau gleicht, aber älter ist—sehen Sie, wie die Noppen abgenutzt sind.“
„Sicherlich tragen eine ganze Menge Leute Schuhe mit Gumminoppen?“ fragte Poirot.
„Das stimmt natürlich“, sagte der Inspector. „Ich würde nicht so viel Gewicht auf die Fußabdrücke legen, wenn da nicht alles andere wäre.“
„Ein sehr törichter junger Mann, Captain Ralph Paton“, sagte Poirot nachdenklich. „So viele Beweise seiner Anwesenheit zu hinterlassen.“
„Ach! Nun ja“, sagte der Inspector, „es war eine trockene, schöne Nacht, wissen Sie. Er hat keine Abdrücke auf der Terrasse oder auf dem Kiesweg hinterlassen. Aber zu seinem Unglück muss am Ende des Pfades von der Zufahrt her in letzter Zeit eine Quelle entsprungen sein. Sehen Sie hier.“
Ein kleiner Kiesweg stieß einige Fuß entfernt auf die Terrasse. An einer Stelle, wenige Meter vor seinem Ende, war der Boden nass und sumpfig. Diese nasse Stelle kreuzend waren wieder die Spuren von Fußstapfen, und unter ihnen die Schuhe mit den Gumminoppen.
Poirot folgte dem Pfad ein Stück, der Inspector an seiner Seite.
„Sie haben die Fußabdrücke der Frauen bemerkt?“ sagte er plötzlich.
Der Inspector lachte.
„Natürlich. Aber verschiedene Frauen sind diesen Weg gegangen—und Männer auch. Es ist eine regelrechte Abkürzung zum Haus, sehen Sie. Es wäre unmöglich, alle Fußstapfen zu sortieren. Letztlich sind die auf dem Fensterbrett die wirklich wichtigen.“
Poirot nickte.
„Es hat keinen Sinn, weiterzugehen“, sagte der Inspector, als wir die Zufahrt in Sicht bekamen. „Hier ist alles wieder kiesig und so hart, wie es nur sein kann.“
Wieder nickte Poirot, aber seine Augen waren auf ein kleines Gartenhaus fixiert—eine Art gehobenes Sommerhaus. Es lag ein wenig links von dem Pfad vor uns, und ein Kiesweg führte darauf zu.
Poirot verweilte, bis der Inspector zum Haus zurückgegangen war. Dann sah er mich an.
„Sie müssen wahrlich vom lieben Gott gesandt worden sein, um meinen Freund Hastings zu ersetzen“, sagte er mit einem Funkeln. „Ich beobachte, dass Sie nicht von meiner Seite weichen. Was sagen Sie, Dr. Sheppard, sollen wir dieses Sommerhaus untersuchen? Es interessiert mich.“
Er ging auf die Tür zu und öffnete sie. Drinnen war es fast dunkel. Es gab ein oder zwei rustikale Sitze, ein Krocketspiel und einige zusammengeklappte Liegestühle.
Ich war überrascht, meinen neuen Freund zu beobachten. Er war auf Hände und Knie gegangen und kroch auf dem Boden herum. Hin und wieder schüttelte er den Kopf, als sei er nicht zufrieden. Schließlich setzte er sich auf die Fersen.
„Nichts“, murmelte er. „Nun, vielleicht war das auch nicht zu erwarten. Aber es hätte so viel bedeutet——“
Er brach ab und versteifte sich am ganzen Körper. Dann streckte er die Hand nach einem der rustikalen Stühle aus. Er löste etwas von einer der Seiten.
„Was ist es?“, rief ich. „Was haben Sie gefunden?“
Er lächelte und öffnete die Hand, damit ich sehen konnte, was auf seiner Handfläche lag. Ein Fetzen von steifem, weißem Batist.
Ich nahm ihn ihm ab, betrachtete ihn neugierig und gab ihn dann zurück.
„Was halten Sie davon, eh, mein Freund?“, fragte er und musterte mich scharf.
„Ein Fetzen, der von einem Taschentuch abgerissen wurde“, schlug ich vor und zuckte mit den Schultern.
Er machte eine weitere hastige Bewegung und hob einen kleinen Federkiel auf – dem Aussehen nach ein Gänsekiel.
„Und das?“, rief er triumphierend. „Was halten Sie davon?“
Ich starrte ihn nur an.
Er ließ den Kiel in seine Tasche gleiten und betrachtete erneut das Stück weißen Stoffes.
„Ein Fragment eines Taschentuchs?“, sinnierte er. „Vielleicht haben Sie recht. Aber bedenken Sie dies – eine gute Wäscherei stärkt kein Taschentuch.“
Er nickte mir triumphierend zu, dann verstaute er den Fetzen sorgfältig in seiner Brieftasche.
KAPITEL IX
DER GOLDFISCHTEICH
Wir gingen gemeinsam zum Haus zurück. Vom Inspektor war nichts zu sehen. Poirot blieb auf der Terrasse stehen und stand mit dem Rücken zum Haus, während er langsam den Kopf von einer Seite zur anderen drehte.
„Une belle propriété“, sagte er schließlich anerkennend. „Wer erbt sie?“
Seine Worte versetzten mir fast einen Schock. Es ist eine seltsame Sache, aber bis zu diesem Augenblick war mir die Frage des Erbes nie in den Sinn gekommen. Poirot beobachtete mich scharf.
„Das ist ein neuer Gedanke für Sie, nicht wahr?“, sagte er schließlich. „Sie hatten vorher nicht daran gedacht – eh?“
„Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Ich wünschte, ich hätte es getan.“
Er sah mich wieder neugierig an.
„Ich frage mich, was genau Sie damit meinen“, sagte er nachdenklich. „Ah! Nein“, sagte er, als ich gerade sprechen wollte. „Inutile! Sie würden mir ohnehin nicht Ihre wahren Gedanken sagen.“
„Jeder hat etwas zu verbergen“, zitierte ich lächelnd.
„Genau.“
„Sie glauben das immer noch?“
„Mehr denn je, mein Freund. Aber es ist nicht leicht, Dinge vor Hercule Poirot zu verbergen. Er hat ein Talent dafür, sie herauszufinden.“
Er stieg die Stufen zum holländischen Garten hinab, während er sprach.
„Lassen Sie uns ein wenig spazieren gehen“, sagte er über die Schulter. „Die Luft ist heute angenehm.“
Ich folgte ihm. Er führte mich einen Weg nach links entlang, der von Eibenhecken umschlossen war. In der Mitte verlief ein Fußweg, der auf beiden Seiten von formalen Blumenbeeten gesäumt war, und am Ende befand sich eine runde, gepflasterte Nische mit einer Sitzbank und einem Goldfischteich. Anstatt dem Weg bis zum Ende zu folgen, nahm Poirot einen anderen, der sich den bewaldeten Hang hinaufwand. An einer Stelle waren die Bäume gerodet worden und eine Bank war aufgestellt. Wenn man dort saß, hatte man einen herrlichen Blick über die Landschaft und konnte direkt hinunter auf die gepflasterte Nische und den Goldfischteich sehen.
„England ist sehr schön“, sagte Poirot, dessen Augen über die Aussicht schweiften. Dann lächelte er. „Und das sind englische Mädchen auch“, sagte er leiser. „Still, mein Freund, und schauen Sie sich das hübsche Bild unter uns an.“
Da sah ich Flora. Sie bewegte sich den Weg entlang, den wir gerade verlassen hatten, und summte ein kleines Stück eines Liedes. Ihr Schritt war eher tänzerisch als gehend, und trotz ihres schwarzen Kleides lag nichts als Freude in ihrer ganzen Haltung. Sie machte plötzlich eine Pirouette auf ihren Zehen, und ihre schwarzen Stoffbahnen schwangen aus. Gleichzeitig warf sie den Kopf in den Nacken und lachte laut auf.
In diesem Moment trat ein Mann aus den Bäumen hervor. Es war Hector Blunt.
Das Mädchen zuckte zusammen. Ihr Ausdruck veränderte sich ein wenig.
„Wie Sie mich erschreckt haben – ich habe Sie nicht gesehen.“
Blunt sagte nichts, sondern stand nur da und sah sie ein oder zwei Minuten schweigend an.
„Was ich an Ihnen mag“, sagte Flora mit einem Hauch von Bosheit, „ist Ihre fröhliche Unterhaltung.“
Ich glaube, dass Blunt unter seiner Bräune rot wurde. Seine Stimme klang, als er sprach, anders – sie hatte eine merkwürdige Art von Demut.
„War nie ein großer Redner. Nicht einmal, als ich jung war.“
„Das ist wohl schon eine sehr lange Zeit her“, sagte Flora ernst.
Ich bemerkte den Unterton von Lachen in ihrer Stimme, aber ich glaube nicht, dass Blunt ihn bemerkte.
„Ja“, sagte er einfach, „das ist es.“
„Wie fühlt es sich an, Methusalem zu sein?“, fragte Flora.
Diesmal war das Lachen deutlicher, aber Blunt verfolgte einen eigenen Gedanken.
„Erinnern Sie sich an den Kerl, der seine Seele an den Teufel verkauft hat? Im Austausch dafür, wieder jung zu werden? Da gibt es eine Oper darüber.“
„Faust, meinen Sie?“
„Genau der Kerl. Seltsame Geschichte. Einige von uns würden es tun, wenn sie könnten.“
„Man könnte meinen, Ihre Gelenke würden knarren, wenn man Sie so reden hört“, rief Flora, halb verärgert, halb amüsiert.
Blunt sagte ein oder zwei Minuten nichts. Dann sah er von Flora weg in die mittlere Ferne und bemerkte gegenüber einem angrenzenden Baumstamm, dass es für ihn an der Zeit sei, nach Afrika zurückzukehren.
„Gehen Sie auf eine weitere Expedition – um Dinge zu schießen?“
„Vermutlich. Mache ich normalerweise so, wissen Sie – Dinge schießen, meine ich.“
„Sie haben diesen Kopf in der Halle geschossen, nicht wahr?“
Blunt nickte. Dann stieß er hervor, wobei er ziemlich rot wurde:
„Hätten Sie gerne ein paar anständige Felle? Wenn ja, könnte ich sie für Sie besorgen.“
„Oh! Bitte tun Sie das“, rief Flora. „Werden Sie wirklich? Sie werden es nicht vergessen?“
„Ich werde es nicht vergessen“, sagte Hector Blunt.
Er fügte in einem plötzlichen Anflug von Mitteilsamkeit hinzu:
„Zeit, dass ich gehe. Ich tauge nicht für diese Art von Leben. Habe nicht die Manieren dafür. Ich bin ein rauer Kerl, nicht zu gebrauchen in der Gesellschaft. Vergesse immer die Dinge, die man sagen soll. Ja, Zeit, dass ich gehe.“
„Aber Sie gehen doch nicht sofort“, rief Flora. „Nicht – nicht, während wir in all diesem Ärger stecken. Oh! Bitte. Wenn Sie gehen——“
Sie wandte sich ein wenig ab.
„Sie wollen, dass ich bleibe?“, fragte Blunt.
Er sprach bedächtig, aber ganz einfach.
„Wir alle——“
„Ich meinte Sie persönlich“, sagte Blunt direkt.
Flora drehte sich langsam wieder um und traf seinen Blick.
„Ich möchte, dass Sie bleiben“, sagte sie, „wenn – wenn das einen Unterschied macht.“
„Es macht den ganzen Unterschied“, sagte Blunt.
Es herrschte einen Moment lang Schweigen. Sie setzten sich auf die steinerne Bank am Goldfischteich. Es schien, als wüsste keiner von beiden so recht, was er als Nächstes sagen sollte.
„Es – es ist so ein herrlicher Morgen“, sagte Flora schließlich. „Wissen Sie, ich kann nicht anders, als mich glücklich zu fühlen, trotz – trotz allem. Das ist schrecklich, nehme ich an?“
„Ganz natürlich“, sagte Blunt. „Haben Ihren Onkel erst vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen, nicht wahr? Da kann man nicht erwarten, dass man sehr trauert. Viel besser, keine Heuchelei dabei zu haben.“
„Es hat etwas schrecklich Tröstliches an Ihnen“, sagte Flora. „Sie machen die Dinge so einfach.“
„Die Dinge sind in der Regel einfach“, sagte der Großwildjäger.
„Nicht immer“, sagte Flora.
Ihre Stimme war leiser geworden, und ich sah, wie Blunt sich zu ihr umdrehte und sie ansah, wobei er seine Augen (anscheinend) von der Küste Afrikas abwandte. Er legte ihre Tonfalländerung offensichtlich nach seiner eigenen Auffassung aus, denn er sagte nach ein oder zwei Minuten in ziemlich schroffem Ton:
„Sagen Sie mal, wissen Sie, Sie dürfen sich nicht sorgen. Wegen dieses jungen Burschen, meine ich. Der Inspektor ist ein Esel. Jeder weiß es – völlig absurd zu denken, dass er es hätte tun können. Ein Mann von außerhalb. Ein Einbrecher. Das ist die einzig mögliche Lösung.“
Flora drehte sich zu ihm um.
„Glauben Sie das wirklich?“
„Tun Sie das nicht?“, sagte Blunt schnell.
„Ich – oh, ja, natürlich.“
Ein weiteres Schweigen, und dann platzte Flora heraus:
„Ich – ich sage Ihnen, warum ich mich heute Morgen so glücklich gefühlt habe. Egal wie herzlos Sie mich halten, ich würde es lieber Ihnen sagen. Es ist, weil der Anwalt hier war – Mr. Hammond. Er hat uns vom Testament erzählt. Onkel Roger hat mir zwanzigtausend Pfund hinterlassen. Denken Sie nur – zwanzigtausend wunderschöne Pfund.“
Blunt sah überrascht aus.
„Bedeutet es Ihnen so viel?“
„Bedeutet mir viel? Warum, es ist alles. Freiheit – Leben – kein Intrigieren, Schinden und Lügen mehr——“
„Lügen?“, unterbrach Blunt scharf.
Flora schien für einen Moment verdutzt.
„Sie wissen, was ich meine“, sagte sie unsicher. „So tun, als sei man dankbar für all die garstigen, abgelegten Dinge, die reiche Verwandte einem geben. Die Mäntel und Röcke und Hüte vom letzten Jahr.“
„Verstehe nicht viel von Damenkleidung; hätte gesagt, dass Sie immer sehr gut angezogen waren.“
„Es hat mich allerdings etwas gekostet“, sagte Flora mit leiser Stimme. „Lassen Sie uns nicht über schreckliche Dinge reden. Ich bin so glücklich. Ich bin frei. Frei, zu tun, was ich will. Frei, nicht zu——“
Sie hielt plötzlich inne.
„Nicht zu was?“, fragte Blunt schnell.
„Ich habe es jetzt vergessen. Nichts Wichtiges.“
Blunt hatte einen Stock in der Hand und stieß ihn in den Teich, wobei er an etwas stocherte.
„Was machen Sie da, Major Blunt?“
„Da glänzt etwas da unten. Habe mich gefragt, was es ist – sieht aus wie eine goldene Brosche. Jetzt habe ich den Schlamm aufgewirbelt und es ist weg.“
„Vielleicht ist es eine Krone“, schlug Flora vor. „Wie die, die Mélisande im Wasser sah.“
„Mélisande“, sagte Blunt nachdenklich – „die kommt in einer Oper vor, nicht wahr?“
„Ja, Sie scheinen eine Menge über Opern zu wissen.“
„Leute nehmen mich manchmal mit“, sagte Blunt traurig. „Komische Vorstellung von Vergnügen – schlimmerer Lärm, als die Einheimischen mit ihren Tom-Toms machen.“
Flora lachte.
„Ich erinnere mich an Mélisande“, fuhr Blunt fort, „hat einen alten Kerl geheiratet, der alt genug war, ihr Vater zu sein.“
Er warf ein kleines Stück Feuerstein in den Goldfischteich. Dann, mit einer Veränderung seines Wesens, wandte er sich an Flora.
„Miss Ackroyd, kann ich irgendetwas tun? Wegen Paton, meine ich. Ich weiß, wie schrecklich besorgt Sie sein müssen.“
„Danke“, sagte Flora mit kalter Stimme. „Es gibt wirklich nichts zu tun. Mit Ralph wird alles in Ordnung kommen. Ich habe den wunderbarsten Detektiv der Welt engagiert, und er wird alles darüber herausfinden.“
Seit einiger Zeit fühlte ich mich unwohl wegen unserer Lage. Wir belauschten sie nicht direkt, da die beiden im Garten unter uns nur hätten den Kopf heben müssen, um uns zu sehen. Dennoch hätte ich schon vor geraumer Zeit auf unsere Anwesenheit aufmerksam machen sollen, hätte mein Begleiter nicht einen warnenden Druck auf meinen Arm ausgeübt. Offensichtlich wünschte er, dass ich schweige.
Doch nun erhob er sich schwungvoll und räusperte sich.
„Ich bitte um Verzeihung“, rief er. „Ich kann es nicht zulassen, dass Mademoiselle mir auf so extravagante Weise Komplimente macht, ohne auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Man sagt, der Lauscher hört nichts Gutes über sich selbst, aber das ist diesmal nicht der Fall. Um meine Schamröte zu schonen, muss ich mich Ihnen anschließen und mich entschuldigen.“
Er eilte den Pfad hinunter, ich dicht hinter ihm, und schloss sich den anderen am Teich an.
„Dies ist M. Hercule Poirot“, sagte Flora. „Ich nehme an, Sie haben von ihm gehört.“
Poirot verbeugte sich.
„Ich kenne Major Blunt dem Namen nach“, sagte er höflich. „Ich bin froh, Sie getroffen zu haben, Monsieur. Ich benötige einige Informationen, die Sie mir geben können.“
Blunt sah ihn fragend an.
„Wann haben Sie M. Ackroyd zuletzt lebend gesehen?“
„Beim Abendessen.“
„Und Sie haben nachher weder etwas von ihm gesehen noch gehört?“
„Habe ihn nicht gesehen. Habe seine Stimme gehört.“
„Wie kam das?“
„Ich spazierte auf der Terrasse herum——“
„Verzeihen Sie, wie spät war das?“
„Etwa halb zehn. Ich ging auf und ab und rauchte vor dem Fenster des Wohnzimmers. Ich hörte Ackroyd in seinem Arbeitszimmer sprechen——“
Poirot bückte sich und entfernte ein mikroskopisch kleines Unkraut.
„Sicherlich konnten Sie von diesem Teil der Terrasse aus keine Stimmen im Arbeitszimmer hören“, murmelte er.
Er sah nicht zu Blunt, aber ich tat es, und zu meiner großen Überraschung sah ich, wie Letzterer errötete.
„Bin bis zur Ecke gegangen“, erklärte er widerwillig.
„Ah! Tatsächlich?“, sagte Poirot.
Auf sanfteste Art und Weise vermittelte er den Eindruck, dass er mehr wissen wollte.
„Dachte, ich hätte – eine Frau in die Büsche verschwinden sehen. Nur ein weißer Schimmer, wissen Sie. Muss mich geirrt haben. Es war, als ich an der Ecke der Terrasse stand, dass ich Ackroyds Stimme hörte, wie er mit diesem Sekretär von ihm sprach.“
„Wie er mit Mr. Geoffrey Raymond sprach?“
„Ja – das habe ich damals angenommen. Scheint, ich habe mich geirrt.“
„Mr. Ackroyd hat ihn nicht beim Namen genannt?“
„Oh, nein.“
„Dann, wenn ich fragen darf, warum dachten Sie——?“
Blunt erklärte mühsam.
„Habe es als selbstverständlich angesehen, dass es Raymond sein müsse, weil er kurz bevor ich herauskam gesagt hatte, dass er einige Papiere zu Ackroyd bringen würde. Habe nie daran gedacht, dass es jemand anderes sein könnte.“
„Können Sie sich erinnern, was die Worte waren, die Sie gehört haben?“
„Fürchte, das kann ich nicht. Etwas ganz Gewöhnliches und Unwichtiges. Habe nur einen Fetzen davon aufgefangen. Ich habe in dem Moment an etwas anderes gedacht.“
„Es ist von keiner Bedeutung“, murmelte Poirot. „Haben Sie einen Stuhl gegen die Wand zurückgeschoben, als Sie das Arbeitszimmer betraten, nachdem die Leiche entdeckt worden war?“
„Stuhl? Nein – warum sollte ich?“
Poirot zuckte mit den Schultern, antwortete aber nicht. Er wandte sich an Flora.
„Es gibt eine Sache, die ich von Ihnen wissen möchte, Mademoiselle. Als Sie die Dinge auf dem Silbertisch mit Dr. Sheppard untersuchten, war der Dolch an seinem Platz, oder war er es nicht?“
Floras Kinn schnellte in die Höhe.
„Inspektor Raglan hat mich das auch gefragt“, sagte sie verärgert. „Ich habe es ihm gesagt, und ich werde es Ihnen sagen. Ich bin vollkommen sicher, dass der Dolch nicht dort war. Er glaubt, er war da und dass Ralph ihn später am Abend stibitzt hat. Und – und er glaubt mir nicht. Er denkt, ich sage das, um – um Ralph zu schützen.“
„Und tun Sie das nicht?“, fragte ich ernst.
Flora stampfte mit dem Fuß auf.
„Sie auch, Dr. Sheppard! Oh! Das ist zu viel.“
Poirot sorgte taktvoll für eine Ablenkung.
„Es stimmt, was ich Sie sagen hörte, Major Blunt. Da ist etwas, das in diesem Teich glitzert. Lassen Sie uns sehen, ob ich es erreichen kann.“
Er kniete sich an den Teich, entblößte seinen Arm bis zum Ellbogen und senkte ihn sehr langsam hinein, um den Boden des Teichs nicht aufzuwühlen. Doch trotz all seiner Vorsichtsmaßnahmen wirbelte der Schlamm auf, und er war gezwungen, seinen Arm wieder mit leeren Händen herauszuziehen.
Er betrachtete wehmütig den Schlamm an seinem Arm. Ich bot ihm mein Taschentuch an, das er mit inbrünstigen Dankesbeteuerungen annahm. Blunt sah auf seine Uhr.
„Bald Zeit zum Mittagessen“, sagte er. „Wir sollten besser zum Haus zurückkehren.“
„Sie essen doch mit uns zu Mittag, M. Poirot?“, fragte Flora. „Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Mutter kennenlernen würden. Sie ist – sehr vernarrt in Ralph.“
Der kleine Mann verbeugte sich.
„Ich werde erfreut sein, Mademoiselle.“
„Und Sie bleiben doch auch, nicht wahr, Dr. Sheppard?“
Ich zögerte.
„Oh, bitte!“
Ich wollte bleiben, also nahm ich die Einladung ohne weiteres Zeremoniell an.
Wir machten uns auf den Weg zum Haus, Flora und Blunt gingen voraus.
„Welches Haar“, sagte Poirot leise zu mir und nickte in Richtung Flora. „Das echte Gold! Sie werden ein hübsches Paar abgeben. Sie und der dunkle, gut aussehende Captain Paton. Nicht wahr?“
Ich sah ihn fragend an, aber er begann sich über ein paar mikroskopisch kleine Wassertropfen auf seinem Ärmel aufzuregen. Der Mann erinnerte mich in mancher Hinsicht an eine Katze. Seine grünen Augen und seine pingeligen Gewohnheiten.
„Und alles umsonst“, sagte ich teilnahmsvoll. „Ich frage mich, was es im Teich war?“
„Möchten Sie es sehen?“, fragte Poirot.
Ich starrte ihn an. Er nickte.
„Mein guter Freund“, sagte er sanft und vorwurfsvoll, „Hercule Poirot läuft nicht Gefahr, seine Kleidung in Unordnung zu bringen, ohne sicher zu sein, sein Ziel zu erreichen. Das zu tun, wäre lächerlich und absurd. Ich bin niemals lächerlich.“
„Aber Sie haben Ihre Hand leer herausgeholt“, wandte ich ein.
„Es gibt Zeiten, da ist Diskretion notwendig. Sagen Sie Ihren Patienten alles – alles, Doktor? Ich denke nicht. Noch sagen Sie Ihrer exzellenten Schwester alles, nicht wahr? Bevor ich meine leere Hand zeigte, habe ich den Inhalt in meine andere Hand fallen lassen. Sie sollen sehen, was das war.“
Er hielt seine linke Hand mit offener Handfläche hin. Darauf lag ein kleiner goldener Ring. Ein Ehering für eine Frau.
Ich nahm ihn ihm ab.
„Schauen Sie hinein“, befahl Poirot.
Ich tat es. Darin befand sich eine Gravur in feiner Schrift:
Von R., 13. März.
Ich sah Poirot an, aber er war damit beschäftigt, sein Aussehen in einem winzigen Taschenspiegel zu begutachten. Er widmete seinen Schnurrbärten besondere Aufmerksamkeit und mir überhaupt keine. Ich sah, dass er nicht beabsichtigte, mitteilsam zu sein.
KAPITEL X
DAS STUBENMÄDCHEN
Wir fanden Mrs. Ackroyd in der Halle. Bei ihr war ein kleiner, ausgedörrter Mann mit einem aggressiven Kinn und scharfen grauen Augen, dem man den „Anwalt“ von weitem ansah.
„Mr. Hammond bleibt zum Mittagessen bei uns“, sagte Mrs. Ackroyd. „Sie kennen Major Blunt, Mr. Hammond? Und den lieben Dr. Sheppard – auch ein enger Freund des armen Roger. Und lassen Sie mal sehen——“
Sie hielt inne und betrachtete Hercule Poirot mit einiger Ratlosigkeit.
„Dies ist M. Poirot, Mutter“, sagte Flora. „Ich habe Ihnen heute Morgen von ihm erzählt.“
„Oh! Ja“, sagte Mrs. Ackroyd vage. „Natürlich, mein Kind, natürlich. Er soll Ralph finden, nicht wahr?“
„Er soll herausfinden, wer Onkel getötet hat“, sagte Flora.
„Oh! Mein Kind“, rief ihre Mutter. „Bitte! Meine armen Nerven. Ich bin heute Morgen ein Wrack, ein regelrechtes Wrack. So eine schreckliche Sache, die da passiert ist. Ich kann nicht anders, als das Gefühl zu haben, dass es ein Unfall irgendeiner Art gewesen sein muss. Roger liebte es, mit seltsamen Kuriositäten zu hantieren. Seine Hand muss abgerutscht sein oder so etwas.“
Diese Theorie wurde mit höflichem Schweigen aufgenommen. Ich sah, wie Poirot sich an den Anwalt heranpirschte und in vertraulichem Unterton mit ihm sprach. Sie traten beiseite in die Fensternische. Ich schloss mich ihnen an – dann zögerte ich.
„Vielleicht störe ich“, sagte ich.
„Überhaupt nicht“, rief Poirot herzlich. „Sie und ich, M. le Docteur, wir untersuchen diese Angelegenheit Seite an Seite. Ohne Sie wäre ich verloren. Ich wünsche mir ein paar Informationen von dem guten Mr. Hammond.“
„Ich verstehe, Sie handeln im Auftrag von Captain Ralph Paton“, sagte der Anwalt vorsichtig.
Poirot schüttelte den Kopf.
„Nicht so. Ich handle im Interesse der Gerechtigkeit. Miss Ackroyd hat mich gebeten, den Tod ihres Onkels zu untersuchen.“
Mr. Hammond schien leicht verdutzt.
„Ich kann nicht ernsthaft glauben, dass Captain Paton in dieses Verbrechen verwickelt sein könnte“, sagte er, „wie stark die Indizien gegen ihn auch sein mögen. Die bloße Tatsache, dass er in Geldnot war——“
„War er in Geldnot?“, warf Poirot schnell ein.
Der Anwalt zuckte mit den Schultern.
„Das war ein chronischer Zustand bei Ralph Paton“, sagte er trocken. „Geld zerrann ihm zwischen den Fingern wie Wasser. Er hat sich ständig an seinen Stiefvater gewandt.“
„Hat er das in letzter Zeit getan? Während des letzten Jahres zum Beispiel?“
„Das kann ich nicht sagen. Mr. Ackroyd hat mir gegenüber nichts davon erwähnt.“
„Ich verstehe. Mr. Hammond, ich nehme an, Sie sind mit den Bestimmungen von Mr. Ackroyds Testament vertraut?“
„Natürlich. Das ist heute mein Hauptgeschäft hier.“
„Dann, da ich für Miss Ackroyd handle, werden Sie wohl nichts dagegen haben, mir die Bedingungen dieses Testaments mitzuteilen?“
„Sie sind ganz einfach. Ohne juristische Fachsprache und nach der Zahlung bestimmter Vermächtnisse und Zuwendungen——“
„Wie zum Beispiel——?“, unterbrach Poirot.
Mr. Hammond schien ein wenig überrascht.
„Tausend Pfund für seine Haushälterin, Miss Russell; fünfzig Pfund für die Köchin, Emma Cooper; fünfhundert Pfund für seinen Sekretär, Mr. Geoffrey Raymond. Dann an verschiedene Krankenhäuser——“
Poirot hob die Hand.
„Ah! Die wohltätigen Zuwendungen, die interessieren mich nicht.“
„Ganz recht. Das Einkommen aus Aktien im Wert von zehntausend Pfund soll Mrs. Cecil Ackroyd zu Lebzeiten ausgezahlt werden. Miss Flora Ackroyd erbt zwanzigtausend Pfund direkt. Der Rest – einschließlich dieses Anwesens und der Aktien an Ackroyd und Sohn – geht an seinen Adoptivsohn, Ralph Paton.“
„Mr. Ackroyd besaß ein großes Vermögen?“
„Ein sehr großes Vermögen. Captain Paton wird ein überaus wohlhabender junger Mann sein.“
Es herrschte Schweigen. Poirot und der Anwalt sahen sich an.
„Mr. Hammond“, kam Mrs. Ackroyds Stimme klagend vom Kamin her.
Der Anwalt folgte dem Ruf. Poirot nahm mich am Arm und zog mich direkt ans Fenster.
„Betrachten Sie die Schwertlilien“, bemerkte er mit ziemlich lauter Stimme. „Prächtig, nicht wahr? Ein gerader und erfreulicher Anblick.“
Gleichzeitig spürte ich den Druck seiner Hand auf meinem Arm, und er fügte leise hinzu:
„Wünschen Sie wirklich, mir zu helfen? An dieser Untersuchung teilzunehmen?“
„Ja, wirklich“, sagte ich eifrig. „Es gibt nichts, was ich lieber täte. Sie wissen nicht, was für ein langweiliges Leben ich als alter Sonderling führe. Nie etwas Außergewöhnliches.“
„Gut, dann werden wir Kollegen sein. In einer Minute oder zwei, denke ich, wird Major Blunt zu uns stoßen. Er ist nicht glücklich mit der guten Mama. Nun gibt es einige Dinge, die ich wissen möchte – aber ich möchte nicht so wirken, als wollte ich sie wissen. Verstehen Sie? Also wird es Ihre Aufgabe sein, die Fragen zu stellen.“
„Welche Fragen soll ich stellen?“, fragte ich beunruhigt.
„Ich möchte, dass Sie den Namen Mrs. Ferrars einbringen.“
„Ja?“
„Sprechen Sie in natürlicher Weise von ihr. Fragen Sie ihn, ob er hier unten war, als ihr Mann starb. Sie verstehen, welche Art von Dingen ich meine. Und während er antwortet, beobachten Sie sein Gesicht, ohne dass es so aussieht, als würden Sie ihn beobachten. C’est compris?“
Es blieb keine Zeit mehr, denn in jenem Augenblick, wie Poirot prophezeit hatte, verließ Blunt die anderen auf seine schroffe Art und kam auf uns zu.
Ich schlug vor, auf der Terrasse spazieren zu gehen, und er willigte ein. Poirot blieb zurück.
Ich blieb stehen, um eine späte Rose zu betrachten.
„Wie sich die Dinge im Laufe eines Tages oder so ändern“, bemerkte ich. „Ich war letzten Mittwoch hier oben, ich erinnere mich, und bin diese gleiche Terrasse auf und ab gegangen. Ackroyd war bei mir – voller Lebensfreude. Und jetzt – drei Tage später – ist Ackroyd tot, der arme Kerl, Mrs. Ferrars ist tot – Sie kannten sie doch, nicht wahr? Aber natürlich kannten Sie sie.“
Blunt nickte.
„Hatten Sie sie gesehen, seit Sie diesmal hier unten waren?“
„Bin mit Ackroyd zum Besuch hingegangen. Letzten Dienstag, glaube ich. Eine faszinierende Frau – aber es hatte etwas Sonderbares mit ihr auf sich. Tiefgründig – man wüsste nie, was sie im Schilde führte.“
Ich sah in seine ruhigen grauen Augen. Nichts dort, sicherlich. Ich fuhr fort:
„Ich nehme an, Sie hatten sie schon früher getroffen.“
„Das letzte Mal, als ich hier war – da waren sie und ihr Mann gerade hierher gezogen, um zu leben.“ Er hielt einen Moment inne und fügte dann hinzu: „Eine merkwürdige Sache, sie hatte sich zwischen damals und heute sehr verändert.“
„Inwiefern – verändert?“, fragte ich.
„Sie sah zehn Jahre älter aus.“
„Waren Sie hier unten, als ihr Mann starb?“, fragte ich und versuchte, die Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen.
„Nein. Nach allem, was ich hörte, war es eine Erlösung. Uncharitabel vielleicht, aber die Wahrheit.“
Ich stimmte zu.
„Ashley Ferrars war keineswegs ein Vorzeige-Ehemann“, sagte ich vorsichtig.
„Ein Schurke, dachte ich“, sagte Blunt.
„Nein“, sagte ich, „nur ein Mann mit mehr Geld, als ihm gut tat.“
„Oh! Geld! Alle Sorgen der Welt lassen sich auf Geld zurückführen – oder auf dessen Mangel.“
„Was war Ihre besondere Sorge?“, fragte ich.
„Ich habe genug für das, was ich will. Ich gehöre zu den Glücklichen.“
„Tatsächlich.“
„Ich bin im Moment nicht allzu flüssig, um die Wahrheit zu sagen. Habe vor einem Jahr eine Erbschaft gemacht und mich wie ein Dummkopf dazu überreden lassen, sie in ein waghalsiges Projekt zu stecken.“
Ich zeigte mich verständnisvoll und erzählte von meinem eigenen ähnlichen Problem.
Dann ertönte der Gong, und wir gingen alle zum Mittagessen hinein. Poirot zog mich ein wenig zurück.
„Eh! bien?“
„Er ist in Ordnung“, sagte ich. „Ich bin mir sicher.“
„Nichts – Beunruhigendes?“
„Er hat vor einem Jahr eine Erbschaft gemacht“, sagte ich. „Aber warum nicht? Warum sollte er nicht? Ich schwöre, der Mann ist vollkommen ehrlich und aufrichtig.“
„Ohne Zweifel, ohne Zweifel“, sagte Poirot beschwichtigend. „Regen Sie sich nicht auf.“
Er sprach, als ob er zu einem quengeligen Kind spräche.
Wir zogen alle ins Esszimmer ein. Es schien unglaublich, dass weniger als vierundzwanzig Stunden vergangen waren, seit ich das letzte Mal an diesem Tisch saß.
Danach nahm mich Mrs. Ackroyd beiseite und setzte sich mit mir auf ein Sofa.
„Ich kann nicht anders, als mich ein wenig gekränkt zu fühlen“, murmelte sie und holte ein Taschentuch hervor, das offensichtlich nicht dazu gedacht war, hineinzuholen. „Gekränkt, meine ich, durch Rogers mangelndes Vertrauen in mich. Diese zwanzigtausend Pfund hätten mir vermacht werden sollen – nicht Flora. Einer Mutter könnte man zutrauen, die Interessen ihres Kindes zu wahren. Ein Mangel an Vertrauen, nenne ich das.“
„Sie vergessen, Mrs. Ackroyd“, sagte ich, „Flora war Ackroyds eigene Nichte, eine Blutsverwandte. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn Sie seine Schwester statt seine Schwägerin gewesen wären.“
„Als Witwe des armen Cecil finde ich, dass meine Gefühle hätten berücksichtigt werden sollen“, sagte die Dame und berührte ihre Wimpern vorsichtig mit dem Taschentuch. „Aber Roger war schon immer höchst eigenartig – um nicht zu sagen geizig – in Geldangelegenheiten. Es war eine sehr schwierige Lage für Flora und mich. Er gab dem armen Kind nicht einmal ein Taschengeld. Er bezahlte zwar ihre Rechnungen, wissen Sie, und selbst das mit einer guten Portion Widerwillen und der Frage, wozu sie all diesen Schnickschnack brauche – so typisch Mann – aber – jetzt habe ich vergessen, was ich sagen wollte! Oh ja, keinen Penny, den wir unser Eigen nennen konnten, wissen Sie. Flora ärgerte sich darüber – ja, ich muss sagen, sie ärgerte sich – sehr stark. Obwohl sie natürlich an ihrem Onkel hing. Aber jedes Mädchen hätte sich darüber geärgert. Ja, ich muss sagen, Roger hatte sehr seltsame Vorstellungen von Geld. Er wollte nicht einmal neue Gesichtshandtücher kaufen, obwohl ich ihm sagte, dass die alten Löcher hatten. Und dann“, fuhr Mrs. Ackroyd mit einem plötzlichen Sprung fort, der für ihre Konversation höchst charakteristisch war, „all das Geld zu hinterlassen – tausend Pfund – stellen Sie sich vor, tausend Pfund! – an diese Frau.“
„Welche Frau?“
„Diese Russell-Frau. Etwas sehr Sonderbares mit ihr, und das habe ich schon immer gesagt. Aber Roger wollte kein Wort gegen sie hören. Sagte, sie sei eine Frau von großer Charakterstärke, und dass er sie bewundere und achte. Er redete ständig von ihrer Rechtschaffenheit und Unabhängigkeit und ihrem moralischen Wert. Ich denke, da ist etwas faul an ihr. Sie hat sicherlich ihr Bestes getan, um Roger zu heiraten. Aber dem habe ich schnell einen Riegel vorgeschoben. Sie hat mich immer gehasst. Natürlich. Ich habe sie durchschaut.“
Ich begann mich zu fragen, ob es eine Chance gab, Mrs. Ackroyds Eloquenz zu stoppen und wegzukommen.
Mr. Hammond sorgte für die notwendige Ablenkung, indem er herankam, um sich zu verabschieden. Ich ergriff meine Chance und stand ebenfalls auf.
„Wegen der Untersuchung“, sagte ich. „Wo würden Sie es bevorzugen, dass sie abgehalten wird? Hier oder bei den Three Boars?“
Mrs. Ackroyd starrte mich mit offenem Mund an.
„Die Untersuchung?“, fragte sie, das Bild der Bestürzung. „Aber es wird doch hoffentlich keine Untersuchung geben müssen?“
Mr. Hammond gab ein trockenes kleines Hüsteln von sich und murmelte: „Unvermeidlich. Unter den Umständen“, in zwei kurzen kleinen Belllauten.
„Aber Dr. Sheppard kann doch sicher arrangieren——“
„Es gibt Grenzen für meine Möglichkeiten, Dinge zu arrangieren“, sagte ich trocken.
„Wenn sein Tod ein Unfall war——“
„Er wurde ermordet, Mrs. Ackroyd“, sagte ich brutal.
Sie stieß einen kleinen Schrei aus.
„Keine Unfalltheorie wird auch nur eine Minute standhalten.“
Mrs. Ackroyd sah mich bekümmert an. Ich hatte keine Geduld für das, was ich für ihre alberne Angst vor Unannehmlichkeiten hielt.
„Wenn es eine Untersuchung gibt, werde ich – ich werde doch nicht Fragen beantworten müssen und all das, oder?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht, was notwendig sein wird“, antwortete ich. „Ich nehme an, Mr. Raymond wird Ihnen das Schlimmste abnehmen. Er kennt alle Umstände und kann die formelle Identifizierung bezeugen.“
Der Anwalt stimmte mit einer kleinen Verbeugung zu.
„Ich glaube wirklich nicht, dass es etwas gibt, das man fürchten müsste, Mrs. Ackroyd“, sagte er. „Ihnen werden alle Unannehmlichkeiten erspart bleiben. Nun, was die Frage des Geldes betrifft, haben Sie alles, was Sie für den Augenblick brauchen? Ich meine“, fügte er hinzu, als sie ihn fragend ansah, „bar. Bargeld, wissen Sie. Wenn nicht, kann ich arrangieren, dass Sie bekommen, was immer Sie benötigen.“
„Das sollte in Ordnung sein“, sagte Raymond, der daneben stand. „Mr. Ackroyd hat gestern einen Scheck über hundert Pfund eingelöst.“
„Hundert Pfund?“
„Ja. Für Löhne und andere Ausgaben, die heute fällig sind. Im Moment ist es noch intakt.“
„Wo ist dieses Geld? In seinem Schreibtisch?“
„Nein, er bewahrte sein Bargeld immer in seinem Schlafzimmer auf. In einer alten Kragenschachtel, um genau zu sein. Lustige Idee, nicht wahr?“
„Ich denke“, sagte der Anwalt, „wir sollten sicherstellen, dass das Geld dort ist, bevor ich gehe.“
„Sicher“, stimmte der Sekretär zu. „Ich bringe Sie jetzt hoch... Oh! Ich habe es vergessen. Die Tür ist abgeschlossen.“
Eine Nachfrage bei Parker ergab die Information, dass Inspektor Raglan im Zimmer der Haushälterin sei und ein paar ergänzende Fragen stelle. Ein paar Minuten später schloss sich der Inspektor der Gruppe in der Halle an und brachte den Schlüssel mit. Er schloss die Tür auf, und wir traten in das Vorzimmer und die kleine Treppe hinauf. Oben auf der Treppe stand die Tür zu Ackroyds Schlafzimmer offen. Im Zimmer war es dunkel, die Vorhänge waren zugezogen und das Bett war aufgeschlagen, genau wie es letzte Nacht gewesen war. Der Inspektor zog die Vorhänge auf, ließ das Sonnenlicht herein, und Geoffrey Raymond ging zur obersten Schublade eines Palisander-Schreibsekretärs.
„Er bewahrte sein Geld so auf, in einer unverschlossenen Schublade. Stellen Sie sich das vor“, kommentierte der Inspektor.
Der Sekretär errötete ein wenig.
„Mr. Ackroyd hatte vollkommenes Vertrauen in die Ehrlichkeit all der Dienstboten“, sagte er hitzig.
„Oh! durchaus“, sagte der Inspektor hastig.
Raymond öffnete die Schublade, nahm eine runde Kragenschachtel aus Leder von der Rückseite heraus und zog beim Öffnen ein dickes Portemonnaie heraus.
„Hier ist das Geld“, sagte er und holte ein dickes Bündel Banknoten heraus. „Sie werden feststellen, dass die hundert intakt sind, ich weiß es, denn Mr. Ackroyd hat es gestern Abend in meiner Anwesenheit in die Kragenschachtel gelegt, als er sich für das Abendessen anzog, und natürlich ist es seitdem nicht mehr angerührt worden.“
Mr. Hammond nahm das Bündel von ihm und zählte es. Er sah scharf auf.
„Hundert Pfund, sagten Sie. Aber hier sind nur sechzig.“
Raymond starrte ihn an.
„Unmöglich“, rief er und sprang vor. Er nahm die Banknoten aus der Hand des anderen und zählte sie laut.
Mr. Hammond hatte recht gehabt. Die Summe belief sich auf sechzig Pfund.
„Aber – ich kann es nicht verstehen“, rief der Sekretär, verwirrt.
Poirot stellte eine Frage.
„Sie sahen Mr. Ackroyd dieses Geld gestern Abend wegschließen, als er sich für das Abendessen anzog? Sie sind sicher, dass er noch nichts davon ausgegeben hatte?“
„Ich bin sicher, dass er es nicht getan hatte. Er sagte sogar: ‚Ich möchte keine hundert Pfund zum Abendessen mit mir herumtragen. Zieht zu sehr beulig.‘“
„Dann ist die Angelegenheit sehr einfach“, bemerkte Poirot. „Entweder hat er diese vierzig Pfund irgendwann gestern Abend ausgegeben, oder aber es ist gestohlen worden.“
„Das ist die Sache in einer Nussschale“, stimmte der Inspektor zu. Er wandte sich an Mrs. Ackroyd. „Welches der Dienstmädchen käme gestern Abend hier herein?“
„Ich nehme an, das Hausmädchen würde das Bett aufschlagen.“
„Wer ist sie? Was wissen Sie über sie?“
„Sie ist noch nicht sehr lange hier“, sagte Mrs. Ackroyd. „Aber sie ist ein nettes, gewöhnliches Mädchen vom Land.“
„Ich denke, wir sollten diese Angelegenheit klären“, sagte der Inspektor. „Wenn Mr. Ackroyd dieses Geld selbst ausgegeben hat, könnte das von Bedeutung für das Geheimnis des Verbrechens sein. Die anderen Dienstboten sind alle in Ordnung, soweit Sie wissen?“
„Oh, ich denke schon.“
„Haben sie vorher nichts vermisst?“
„Nein.“
„Kündigt jemand von ihnen, oder so etwas?“
„Das Stubenmädchen kündigt.“
„Wann?“
„Sie hat gestern gekündigt, glaube ich.“
„Bei Ihnen?“
„Oh, nein. Ich habe nichts mit den Dienstboten zu tun. Miss Russell kümmert sich um die Haushaltsangelegenheiten.“
Der Inspektor blieb ein oder zwei Minuten in Gedanken verloren. Dann nickte er mit dem Kopf und bemerkte: „Ich glaube, ich sollte ein Wort mit Miss Russell wechseln, und ich werde das Mädchen Dale ebenfalls sehen.“
Poirot und ich begleiteten ihn zum Zimmer der Haushälterin. Miss Russell empfing uns mit ihrer üblichen Kaltblütigkeit.
Elsie Dale war seit fünf Monaten in Fernly. Ein nettes Mädchen, schnell bei ihrer Arbeit und höchst respektabel. Gute Referenzen. Das letzte Mädchen auf der Welt, um etwas zu nehmen, das ihr nicht gehörte.
Was ist mit dem Stubenmädchen?
„Sie war ebenfalls ein höchst erstklassiges Mädchen. Sehr ruhig und damenhaft. Eine ausgezeichnete Arbeitskraft.“
„Warum kündigt sie dann?“, fragte der Inspektor.
Miss Russell presste die Lippen zusammen.
„Das war nicht mein Werk. Ich verstehe, dass Mr. Ackroyd gestern Nachmittag an ihr etwas auszusetzen hatte. Es war ihre Pflicht, das Arbeitszimmer zu machen, und sie hat einige der Papiere auf seinem Schreibtisch durcheinandergebracht, glaube ich. Er war sehr verärgert darüber, und sie kündigte. Zumindest ist es das, was ich von ihr verstand, aber vielleicht möchten Sie sie selbst sehen?“
Der Inspektor stimmte zu. Ich hatte das Mädchen bereits bemerkt, als sie uns beim Mittagessen bediente. Ein großes Mädchen mit vielen braunen Haaren, die fest im Nacken zusammengerollt waren, und sehr ruhigen grauen Augen. Sie kam als Antwort auf den Ruf der Haushälterin und stand sehr aufrecht mit genau diesen grauen Augen, die auf uns gerichtet waren.
„Sie sind Ursula Bourne?“, fragte der Inspektor.
„Ja, mein Herr.“
„Ich verstehe, Sie kündigen?“
„Ja, mein Herr.“
„Warum ist das?“
„Ich habe einige Papiere auf Mr. Ackroyds Schreibtisch durcheinandergebracht. Er war sehr wütend deswegen, und ich sagte, es sei besser, wenn ich ginge. Er sagte mir, ich solle so bald wie möglich gehen.“
„Waren Sie gestern Abend überhaupt in Mr. Ackroyds Schlafzimmer? Aufräumen oder so etwas?“
„Nein, mein Herr. Das ist Elsies Arbeit. Ich bin nie in die Nähe dieses Teils des Hauses gegangen.“
„Ich muss Ihnen sagen, mein Mädchen, dass eine große Summe Geld aus Mr. Ackroyds Zimmer fehlt.“
Endlich sah ich, wie sie aufgewühlt wurde. Eine Welle von Farbe überfloss ihr Gesicht.
„Ich weiß nichts von irgendeinem Geld. Wenn Sie denken, dass ich es genommen habe und dass das der Grund ist, warum Mr. Ackroyd mich entlassen hat, dann irren Sie sich.“
„Ich beschuldige Sie nicht, es genommen zu haben, mein Mädchen“, sagte der Inspektor. „Fahren Sie nicht so aus.“
Das Mädchen sah ihn kühl an.
„Sie können meine Sachen durchsuchen, wenn Sie wollen“, sagte sie geringschätzig. „Aber Sie werden nichts finden.“
Poirot schaltete sich plötzlich ein.
„Es war gestern Nachmittag, als Mr. Ackroyd Sie entließ – oder Sie sich selbst entließen, nicht wahr?“, fragte er.
Das Mädchen nickte.
„Wie lange dauerte das Gespräch?“
„Das Gespräch?“
„Ja, das Gespräch zwischen Ihnen und Mr. Ackroyd im Arbeitszimmer?“
„Ich – ich weiß es nicht.“
„Zwanzig Minuten? Eine halbe Stunde?“
„So etwas in der Art.“
„Nicht länger?“
„Nicht länger als eine halbe Stunde, sicherlich.“
„Danke, Mademoiselle.“
Ich sah ihn neugierig an. Er ordnete ein paar Gegenstände auf dem Tisch neu an und stellte sie mit präzisen Fingern gerade. Seine Augen leuchteten.
„Das reicht“, sagte der Inspektor.
Ursula Bourne verschwand. Der Inspektor wandte sich an Miss Russell.
„Wie lange ist sie schon hier? Haben Sie eine Kopie der Referenz, die Sie von ihr hatten?“
Ohne die erste Frage zu beantworten, ging Miss Russell zu einem benachbarten Sekretär, öffnete eine der Schubladen und nahm eine Handvoll Briefe heraus, die mit einer Patentklammer zusammengehalten wurden. Sie wählte einen aus und reichte ihn dem Inspektor.
„H’m“, sagte er. „Liest sich gut. Mrs. Richard Folliott, Marby Grange, Marby. Wer ist diese Frau?“
„Ganz gute Leute aus dem Landkreis“, sagte Miss Russell.
„Nun“, sagte der Inspektor und gab ihn zurück, „lassen Sie uns einen Blick auf den anderen werfen, Elsie Dale.“
Elsie Dale war ein großes, blondes Mädchen mit einem freundlichen, aber leicht stumpfsinnigen Gesicht. Sie beantwortete unsere Fragen bereitwillig genug und zeigte viel Bestürzung und Sorge über den Verlust des Geldes.
„Ich glaube nicht, dass etwas mit ihr nicht stimmt“, bemerkte der Inspektor, nachdem er sie entlassen hatte.
„Was ist mit Parker?“
Miss Russell presste ihre Lippen zusammen und antwortete nicht.
„Ich habe das Gefühl, dass etwas mit diesem Mann nicht stimmt“, fuhr der Inspektor nachdenklich fort. „Das Problem ist, dass ich nicht genau sehe, wann er seine Gelegenheit hatte. Er wäre direkt nach dem Abendessen mit seinen Pflichten beschäftigt, und er hat den ganzen Abend über ein ziemlich gutes Alibi. Ich weiß es, denn ich habe ihm besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nun, vielen Dank, Miss Russell. Wir lassen die Dinge vorerst, wie sie sind. Es ist höchst wahrscheinlich, dass Mr. Ackroyd das Geld selbst ausgegeben hat.“
Die Haushälterin wünschte uns einen trockenen guten Nachmittag, und wir verabschiedeten uns.
Ich verließ das Haus mit Poirot.
„Ich frage mich“, sagte ich und durchbrach das Schweigen, „was die Papiere, die das Mädchen durcheinandergebracht hatte, gewesen sein könnten, damit Ackroyd so in Rage geraten konnte? Ich frage mich, ob es da einen Hinweis auf das Geheimnis gibt.“
„Der Sekretär sagte, es seien keine Papiere von besonderer Bedeutung auf dem Schreibtisch gewesen“, sagte Poirot leise.
„Ja, aber——“ Ich hielt inne.
„Es erscheint Ihnen seltsam, dass Ackroyd wegen einer so trivialen Angelegenheit in Wut geraten sein sollte?“
„Ja, eigentlich schon.“
„Aber war es eine triviale Angelegenheit?“
„Natürlich“, gab ich zu, „wir wissen nicht, was diese Papiere gewesen sein mögen. Aber Raymond sagte sicherlich——“
„Lassen Sie M. Raymond für einen Moment aus dem Spiel. Was hielten Sie von diesem Mädchen?“
„Welchem Mädchen? Dem Stubenmädchen?“
„Ja, dem Stubenmädchen. Ursula Bourne.“
„Sie schien ein nettes Mädchen zu sein“, sagte ich zögernd.
Poirot wiederholte meine Worte, aber während ich ein leichtes Gewicht auf das vierte Wort gelegt hatte, legte er es auf das zweite.
„Sie schien ein nettes Mädchen zu sein – ja.“
Dann, nach einer Minute des Schweigens, nahm er etwas aus seiner Tasche und reichte es mir.
„Sehen Sie, mein Freund, ich werde Ihnen etwas zeigen. Schauen Sie dort.“
Das Papier, das er mir gegeben hatte, war das, das der Inspektor zusammengestellt und Poirot an jenem Morgen gegeben hatte. Dem zeigenden Finger folgend, sah ich ein kleines Kreuz, das mit Bleistift neben dem Namen Ursula Bourne markiert war.
„Sie haben es vielleicht zu der Zeit nicht bemerkt, mein guter Freund, aber es gab eine Person auf dieser Liste, deren Alibi keinerlei Bestätigung hatte. Ursula Bourne.“
„Sie denken doch nicht——“
„Dr. Sheppard, ich wage es, alles zu denken. Ursula Bourne mag Mr. Ackroyd getötet haben, aber ich gestehe, ich kann kein Motiv für ihr Handeln sehen. Können Sie?“
Er sah mich sehr hart an – so hart, dass ich mich unwohl fühlte.
„Können Sie?“, wiederholte er.
„Kein Motiv überhaupt“, sagte ich fest.
Sein Blick entspannte sich. Er runzelte die Stirn und murmelte vor sich hin:
„Da der Erpresser ein Mann war, folgt daraus, dass sie nicht die Erpresserin sein kann, dann——“
Ich hustete.
„Soweit es das betrifft——“, begann ich zweifelnd.
Er wirbelte zu mir herum.
„Was? Was werden Sie sagen?“
„Nichts. Nichts. Nur, dass Mrs. Ferrars in ihrem Brief streng genommen eine Person erwähnte – sie spezifizierte nicht tatsächlich einen Mann. Aber wir nahmen als selbstverständlich an, Ackroyd und ich, dass es ein Mann war.“
Poirot schien mir nicht zuzuhören. Er murmelte wieder vor sich hin.
„Aber dann ist es doch möglich – ja, sicherlich ist es möglich – aber dann – ah! Ich muss meine Ideen neu ordnen. Methode, Ordnung; niemals habe ich sie mehr gebraucht. Alles muss hineinpassen – an seinen zugewiesenen Platz – sonst bin ich auf der falschen Fährte.“
Er brach ab und wirbelte wieder zu mir herum.
„Wo ist Marby?“
„Es ist auf der anderen Seite von Cranchester.“
„Wie weit weg?“
„Oh! – vierzehn Meilen, vielleicht.“
„Wäre es Ihnen möglich, dorthin zu fahren? Morgen, sagen wir?“
„Morgen? Lassen Sie mich sehen, das ist Sonntag. Ja, ich könnte es einrichten. Was wollen Sie, dass ich dort tue?“
„Sehen Sie diese Mrs. Folliott. Finden Sie alles heraus, was Sie über Ursula Bourne können.“
„Sehr wohl. Aber – ich mache mir nicht viel aus dem Auftrag.“
„Es ist nicht die Zeit, Schwierigkeiten zu machen. Ein Menschenleben kann davon abhängen.“
„Der arme Ralph“, sagte ich mit einem Seufzer. „Sie glauben doch, dass er unschuldig ist, oder?“
Poirot sah mich sehr ernst an.
„Wollen Sie die Wahrheit wissen?“
„Natürlich.“
„Dann sollen Sie sie haben. Mein Freund, alles deutet auf die Annahme hin, dass er schuldig ist.“
„Was!“, rief ich aus.
Poirot nickte.
„Ja, dieser dumme Inspektor – denn er ist dumm – hat alles, was auf seinen Weg deutet. Ich suche nach der Wahrheit – und die Wahrheit führt mich jedes Mal zu Ralph Paton. Motiv, Gelegenheit, Mittel. Aber ich werde keinen Stein auf dem anderen lassen. Ich habe Mademoiselle Flora versprochen. Und sie war sehr sicher, die Kleine. Aber sehr sicher in der Tat.“
KAPITEL XI
POIROT MACHT EINEN BESUCH
Ich war leicht nervös, als ich am folgenden Nachmittag an der Tür von Marby Grange klingelte. Ich fragte mich sehr, was Poirot erwartete, herauszufinden. Er hatte mir den Auftrag übertragen. Warum? War es, weil er, wie im Fall der Befragung von Major Blunt, im Hintergrund bleiben wollte? Der Wunsch, im ersten Fall verständlich, erschien mir hier völlig bedeutungslos.
Meine Meditationen wurden durch das Erscheinen eines eleganten Stubenmädchens unterbrochen.
Ja, Mrs. Folliott war zu Hause. Ich wurde in ein großes Wohnzimmer geführt und sah mich neugierig um, während ich auf die Herrin des Hauses wartete. Ein großer, kahler Raum, einige gute Stücke altes Porzellan und einige wunderschöne Radierungen, abgenutzte Bezüge und Vorhänge. Ein Zimmer einer Dame in jeder Hinsicht des Begriffs.
Ich wandte mich von der Inspektion eines Bartolozzi an der Wand ab, als Mrs. Folliott das Zimmer betrat. Sie war eine große Frau mit unordentlichem braunen Haar und einem sehr gewinnenden Lächeln.
„Dr. Sheppard“, sagte sie zögernd.
„Das ist mein Name“, antwortete ich. „Ich muss mich entschuldigen, dass ich Sie so aufsuche, aber ich wollte einige Informationen über ein Stubenmädchen, das zuvor bei Ihnen angestellt war, Ursula Bourne.“
Mit der Äußerung des Namens verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht, und alle Herzlichkeit gefror aus ihrer Art. Sie sah unbehaglich und unwohl aus.
„Ursula Bourne?“, sagte sie zögernd.
„Ja“, sagte ich. „Vielleicht erinnern Sie sich nicht an den Namen?“
„Oh, ja, natürlich. Ich – ich erinnere mich vollkommen.“
„Sie hat Sie vor etwas über einem Jahr verlassen, verstehe ich?“
„Ja. Ja, das hat sie. Das ist völlig richtig.“
„Und Sie waren mit ihr zufrieden, während sie bei Ihnen war? Wie lange war sie übrigens bei Ihnen?“
„Oh! ein Jahr oder zwei – ich kann mich nicht genau erinnern, wie lange. Sie – sie ist sehr fähig. Ich bin sicher, Sie werden sie ganz zufriedenstellend finden. Ich wusste nicht, dass sie Fernly verlässt. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon.“
„Können Sie mir irgendetwas über sie sagen?“, fragte ich.
„Irgendetwas über sie?“
„Ja, woher sie kommt, wer ihre Leute sind – solche Dinge eben?“
Mrs. Folliotts Gesicht wirkte starrer denn je.
„Das weiß ich überhaupt nicht.“
„Bei wem war sie, bevor sie zu Ihnen kam?“
„Ich fürchte, daran erinnere ich mich nicht.“
Ein Funke Zorn mischte sich nun unter ihre Nervosität. Sie warf den Kopf in einer Geste zurück, die mir vage bekannt vorkam.
„Ist es wirklich notwendig, all diese Fragen zu stellen?“
„Keineswegs“, sagte ich mit einer Miene der Überraschung und einem Hauch von Entschuldigung in meinem Auftreten. „Ich hatte keine Ahnung, dass es Ihnen etwas ausmachen würde, sie zu beantworten. Das tut mir sehr leid.“
Ihr Zorn verflog und sie wirkte wieder verwirrt.
„Oh! Es macht mir nichts aus, sie zu beantworten. Ich versichere Ihnen, das tut es nicht. Warum sollte es auch? Es – es kam mir nur ein wenig seltsam vor, wissen Sie. Das ist alles. Ein wenig seltsam.“
Ein Vorteil des Arztberufs ist, dass man meistens merkt, wenn Leute einen belügen. Ich hätte an Mrs. Folliotts Art, wenn schon nicht an etwas anderem, erkennen müssen, dass es ihr sehr wohl etwas ausmachte, meine Fragen zu beantworten – sogar sehr viel. Sie war vollkommen unbehaglich und verstört, und es lag ganz offensichtlich ein Geheimnis in der Luft. Ich schätzte sie als eine Frau ein, die keinerlei Täuschung gewohnt war und sich daher äußerst unwohl fühlte, wenn sie gezwungen war, eine zu begehen. Ein Kind hätte sie durchschaut.
Doch es war auch klar, dass sie nicht die Absicht hatte, mir irgendetwas Weiteres zu verraten. Was auch immer das Geheimnis um Ursula Bourne sein mochte, durch Mrs. Folliott würde ich es nicht erfahren.
Geschlagen entschuldigte ich mich noch einmal für die Störung, nahm meinen Hut und ging.
Ich besuchte ein paar Patienten und kam gegen sechs Uhr nach Hause. Caroline saß neben dem Überrest des Teeservices. Sie hatte diesen Ausdruck unterdrückter Begeisterung im Gesicht, den ich nur zu gut kenne. Bei ihr ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass sie entweder Informationen erhalten oder weitergegeben hat. Ich fragte mich, was von beidem es gewesen war.
„Ich hatte einen sehr interessanten Nachmittag“, begann Caroline, als ich mich in meinen speziellen Sessel fallen ließ und die Füße dem einladenden Feuer im Kamin entgegenstreckte.
„Ach ja?“, fragte ich. „War Miss Ganett zum Tee hier?“
Miss Ganett ist eine unserer wichtigsten Nachrichtenbörsen.
„Rate noch einmal“, sagte Caroline mit intensiver Selbstzufriedenheit.
Ich riet mehrmals und arbeitete mich langsam durch alle Mitglieder von Carolines Nachrichtendienst. Meine Schwester quittierte jeden Tipp mit einem triumphierenden Kopfschütteln. Schließlich bot sie die Information von sich aus an.
„M. Poirot!“, sagte sie. „Was sagst du nun dazu?“
Ich dachte mir eine ganze Menge dazu, aber ich hütete mich, es Caroline zu sagen.
„Warum ist er gekommen?“, fragte ich.
„Um mich zu besuchen, natürlich. Er sagte, da er meinen Bruder so gut kenne, hoffe er, man gestatte ihm, die Bekanntschaft seiner reizenden Schwester zu machen – deiner reizenden Schwester, ich habe mich vertan, aber du weißt, was ich meine.“
„Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte ich.
„Er hat mir viel von sich und seinen Fällen erzählt. Du weißt doch, dieser Prinz Paul von Mauretanien – der, der gerade eine Tänzerin geheiratet hat?“
„Ja?“
„Ich habe neulich einen höchst faszinierenden Artikel über sie in den Society Snippets gelesen, der andeutete, sie sei in Wahrheit eine russische Großfürstin – eine der Töchter des Zaren, die den Bolschewiken entkommen konnte. Nun, es scheint, M. Poirot habe einen rätselhaften Mordfall gelöst, der beide zu gefährden drohte. Prinz Paul war außer sich vor Dankbarkeit.“
„Hat er ihm eine Smaragd-Krawattennadel in der Größe eines Kiebitzeis geschenkt?“, erkundigte ich mich sarkastisch.
„Er hat sie nicht erwähnt. Warum?“
„Nichts“, sagte ich. „Ich dachte, das macht man so. Jedenfalls in Kriminalromanen. Der Superdetektiv hat seine Zimmer immer mit Rubinen, Perlen und Smaragden von dankbaren königlichen Klienten übersät.“
„Es ist sehr interessant, von diesen Dingen aus erster Hand zu hören“, sagte meine Schwester selbstgefällig.
Das wäre es – für Caroline. Ich konnte nicht anders, als die Genialität von M. Hercule Poirot zu bewundern, der zielsicher genau den Fall ausgewählt hatte, der eine ältere, in einem kleinen Dorf lebende Dame am meisten ansprechen würde.
„Hat er dir erzählt, ob die Tänzerin wirklich eine Großfürstin ist?“, erkundigte ich mich.
„Er war nicht befugt, darüber zu sprechen“, sagte Caroline bedeutungsvoll.
Ich fragte mich, wie weit Poirot die Wahrheit gedehnt hatte, als er mit Caroline sprach – wahrscheinlich gar nicht. Er hatte seine Andeutungen mit den Augenbrauen und den Schultern übermittelt.
„Und nach all dem“, bemerkte ich, „warst du sicher bereit, ihm aus der Hand zu fressen.“
„Sei nicht grob, James. Ich weiß nicht, woher du diese vulgären Ausdrücke hast.“
„Wahrscheinlich von meiner einzigen Verbindung zur Außenwelt – meinen Patienten. Leider besteht meine Praxis nicht aus königlichen Prinzen und interessanten russischen Emigranten.“
Caroline schob ihre Brille hoch und sah mich an.
„Du wirkst sehr mürrisch, James. Das muss deine Leber sein. Eine blaue Pille, denke ich, für heute Abend.“
Wenn man mich bei mir zu Hause sähe, würde man nie vermuten, dass ich praktischer Arzt bin. Caroline verordnet Medikamente für sich und für mich.
„Verflucht sei meine Leber“, sagte ich gereizt. „Habt ihr überhaupt über den Mord gesprochen?“
„Nun, natürlich, James. Worüber sollte man sich hier sonst unterhalten? Ich konnte M. Poirot in mehreren Punkten korrigieren. Er war mir sehr dankbar. Er sagte, ich hätte das Zeug zu einer geborenen Detektivin – und eine wunderbare psychologische Einsicht in die menschliche Natur.“
Caroline war genau wie eine Katze, die bis zum Überlaufen voll mit Sahne ist. Sie schnurrte förmlich.
„Er hat viel über die kleinen grauen Zellen des Gehirns gesprochen und über ihre Funktionen. Seine eigenen, sagt er, seien von erster Qualität.“
„Das würde er sagen“, bemerkte ich bitter. „Bescheidenheit gehört sicherlich nicht zu seinen Stärken.“
„Ich wünschte, du wärst nicht so entsetzlich amerikanisch, James. Er hielt es für sehr wichtig, dass Ralph so schnell wie möglich gefunden und dazu bewegt wird, sich zu stellen und eine Aussage zu machen. Er sagt, sein Verschwinden werde bei der Untersuchung einen sehr unglücklichen Eindruck hinterlassen.“
„Und was hast du darauf gesagt?“
„Ich habe ihm zugestimmt“, sagte Caroline wichtig. „Und ich konnte ihm sagen, wie die Leute bereits darüber reden.“
„Caroline“, sagte ich scharf, „hast du M. Poirot erzählt, was du an jenem Tag im Wald mitangehört hast?“
„Habe ich“, sagte Caroline selbstgefällig.
Ich stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Du bist dir hoffentlich im Klaren darüber, was du tust“, stieß ich hervor. „Du legst Ralph Paton die Schlinge um den Hals, so sicher, wie du in diesem Stuhl sitzt.“
„Überhaupt nicht“, sagte Caroline völlig ungerührt. „Ich war überrascht, dass du es ihm nicht gesagt hast.“
„Ich habe sehr darauf geachtet, es nicht zu tun“, sagte ich. „Ich mag den Jungen.“
„Ich auch. Deshalb sage ich ja, dass du Unsinn redest. Ich glaube nicht, dass Ralph es war, also kann ihm die Wahrheit nicht schaden, und wir sollten M. Poirot jede Hilfe zukommen lassen, die wir können. Überleg doch mal, sehr wahrscheinlich war Ralph in der Nacht des Mordes mit eben diesem Mädchen unterwegs, und wenn das so ist, hat er ein perfektes Alibi.“
„Wenn er ein perfektes Alibi hat“, entgegnete ich, „warum stellt er sich dann nicht und sagt das?“
„Könnte das Mädchen in Schwierigkeiten bringen“, sagte Caroline klugscheißerisch. „Aber wenn M. Poirot sie in die Finger bekommt und es ihr als ihre Pflicht vorlegt, wird sie von sich aus kommen und Ralph entlasten.“
„Du scheinst dir deine eigene romantische Märchengeschichte ausgedacht zu haben“, sagte ich. „Du liest zu viele Schundromane, Caroline. Das habe ich dir schon immer gesagt.“
Ich ließ mich wieder in meinen Sessel fallen.
„Hat Poirot dir noch mehr Fragen gestellt?“, erkundigte ich mich.
„Nur nach den Patienten, die du an diesem Morgen hattest.“
„Die Patienten?“, fragte ich ungläubig.
„Ja, deine Patienten in der Sprechstunde. Wie viele es waren und wer sie waren.“
„Willst du damit sagen, dass du ihm das sagen konntest?“, fragte ich.
Caroline ist wirklich erstaunlich.
„Warum nicht?“, fragte meine Schwester triumphierend. „Ich kann von diesem Fenster aus den Weg zur Tür der Praxis perfekt einsehen. Und ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis, James. Weitaus besser als deines, das kann ich dir sagen.“
„Da bin ich sicher“, murmelte ich mechanisch.
Meine Schwester fuhr fort und zählte die Namen an ihren Fingern ab.
„Da war die alte Mrs. Bennett und dieser Junge vom Bauernhof mit dem entzündeten Finger, Dolly Grice, der eine Nadel aus dem Finger gezogen werden musste; dieser amerikanische Steward von dem Linienschiff. Lass mich sehen – das sind vier. Ja, und der alte George Evans mit seinem Geschwür. Und zu guter Letzt——“
Sie hielt bedeutungsvoll inne.
„Nun?“
Caroline brachte ihren Höhepunkt triumphierend hervor. Sie zischte nach bester Manier – unterstützt durch die glückliche Anzahl an „s“, die ihr zur Verfügung standen.
„Miss Russell!“
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah mich vielsagend an, und wenn Caroline einen vielsagend ansieht, kann man das unmöglich übersehen.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, sagte ich, völlig wahrheitswidrig. „Warum sollte Miss Russell mich nicht wegen ihres kranken Knies konsultieren?“
„Krankes Knie“, sagte Caroline. „Papperlapapp! Kein bisschen krankes Knie mehr als du oder ich. Sie war hinter etwas anderem her.“
„Was?“, fragte ich.
Caroline musste zugeben, dass sie es nicht wusste.
„Aber verlass dich drauf, genau das wollte er herausfinden, M. Poirot meine ich. Mit dieser Frau stimmt etwas nicht, und das weiß er.“
„Genau die Bemerkung hat Mrs. Ackroyd gestern gegenüber mir gemacht“, sagte ich. „Dass mit Miss Russell etwas nicht stimme.“
„Ah!“, sagte Caroline düster, „Mrs. Ackroyd! Da haben wir noch so eine!“
„Noch eine was?“
Caroline weigerte sich, ihre Bemerkungen zu erklären. Sie nickte nur mehrmals mit dem Kopf, rollte ihr Strickzeug zusammen und ging nach oben, um die hohe mauvefarbene Seidenbluse und das goldene Medaillon anzulegen, was sie „sich für das Abendessen schick machen“ nennt.
Ich blieb sitzen, starrte ins Feuer und dachte über Carolines Worte nach. War Poirot wirklich gekommen, um Informationen über Miss Russell zu erhalten, oder war es nur Carolines verschlungener Geist, der alles nach ihren eigenen Vorstellungen interpretierte?
Es hatte an diesem Morgen sicherlich nichts in Miss Russells Auftreten gegeben, das Verdacht erregt hätte. Zumindest——
Ich erinnerte mich an ihr beharrliches Gespräch über das Thema Drogenkonsum, und von da aus hatte sie das Gespräch auf Gifte und Vergiftungen gelenkt. Aber daran war nichts. Ackroyd war nicht vergiftet worden. Dennoch war es seltsam....
Ich hörte Carolines Stimme, die etwas säuerlich klang, vom oberen Treppenabsatz rufen:
„James, du wirst zu spät zum Abendessen kommen.“
Ich legte etwas Kohle auf das Feuer und ging gehorsam nach oben.
Es ist um jeden Preis gut, Frieden im Haus zu haben.
KAPITEL XII
RUND UM DEN TISCH
Am Montag fand eine gemeinsame Untersuchung statt.
Ich habe nicht die Absicht, den Hergang im Detail wiederzugeben. Das würde nur bedeuten, immer wieder dieselben Punkte durchzugehen. Nach Absprache mit der Polizei wurde nur sehr wenig nach außen gelassen. Ich gab meine Aussage zur Todesursache von Ackroyd und dem wahrscheinlichen Zeitpunkt ab. Das Fehlen von Ralph Paton wurde vom Coroner kommentiert, aber nicht übermäßig betont.
Danach wechselten Poirot und ich ein paar Worte mit Inspektor Raglan. Der Inspektor war sehr ernst.
„Es sieht schlecht aus, Mr. Poirot“, sagte er. „Ich versuche, die Sache gerecht und objektiv zu beurteilen. Ich bin ein Einheimischer und habe Captain Paton schon oft in Cranchester gesehen. Ich möchte nicht, dass er der Schuldige ist – aber egal, wie man es betrachtet, es sieht schlecht aus. Wenn er unschuldig ist, warum stellt er sich dann nicht? Wir haben Beweise gegen ihn, aber es ist durchaus möglich, dass diese Beweise entkräftet werden könnten. Warum liefert er dann keine Erklärung?“
Hinter den Worten des Inspektors steckte weit mehr, als ich damals wusste. Ralphs Personenbeschreibung war an jeden Hafen und jeden Bahnhof in England gefunkt worden. Die Polizei war überall in Alarmbereitschaft. Seine Zimmer in der Stadt wurden überwacht, ebenso wie alle Häuser, von denen bekannt war, dass er sie regelmäßig besuchte. Bei einer solchen Absperrung schien es unmöglich, dass Ralph einer Entdeckung entgehen konnte. Er hatte kein Gepäck und, soweit jemand wusste, kein Geld.
„Ich kann niemanden finden, der ihn in jener Nacht am Bahnhof gesehen hat“, fuhr der Inspektor fort. „Und doch ist er hier unten gut bekannt, und man sollte meinen, jemand hätte ihn bemerkt. Auch aus Liverpool gibt es keine Nachrichten.“
„Glauben Sie, dass er nach Liverpool gefahren ist?“, fragte Poirot.
„Nun, es ist möglich. Diese telefonische Nachricht vom Bahnhof, nur drei Minuten bevor der Liverpool-Express abfuhr – da müsste etwas dran sein.“
„Es sei denn, sie war absichtlich dazu gedacht, Sie auf eine falsche Fährte zu locken. Das könnte möglicherweise der Sinn des Telefonanrufs gewesen sein.“
„Das ist ein Gedanke“, sagte der Inspektor eifrig. „Glauben Sie wirklich, das ist die Erklärung für den Telefonanruf?“
„Mein Freund“, sagte Poirot ernst, „ich weiß es nicht. Aber ich sage Ihnen eines: Ich glaube, wenn wir die Erklärung für diesen Telefonanruf finden, werden wir die Erklärung für den Mord finden.“
„Sie haben schon einmal so etwas gesagt, erinnere ich mich“, bemerkte ich und sah ihn neugierig an.
Poirot nickte.
„Ich komme immer wieder darauf zurück“, sagte er ernst.
„Es scheint mir völlig irrelevant“, erklärte ich.
„Das würde ich nicht sagen“, wandte der Inspektor ein. „Aber ich muss gestehen, ich glaube, Mr. Poirot hier reitet ein wenig zu sehr darauf herum. Wir haben bessere Hinweise als diesen. Die Fingerabdrücke auf dem Dolch zum Beispiel.“
Poirot wurde plötzlich sehr ausländisch in seiner Art, wie er es oft tat, wenn er über etwas erregt war.
„M. l’Inspecteur“, sagte er, „hüten Sie sich vor der blinden – der blinden – comment dire? – der kleinen Straße, die in eine Sackgasse führt.“
Inspektor Raglan starrte ihn an, aber ich war schneller.
„Sie meinen eine Sackgasse?“, sagte ich.
„Genau – die blinde Straße, die nirgendwohin führt. So mag es mit diesen Fingerabdrücken sein – sie führen Sie vielleicht nirgendwohin.“
„Ich sehe nicht, wie das sein kann“, sagte der Polizeibeamte. „Ich nehme an, Sie spielen darauf an, dass sie gefälscht sind? Ich habe von solchen Dingen gelesen, auch wenn ich nicht sagen kann, dass mir das in meiner Erfahrung je untergekommen wäre. Aber ob gefälscht oder echt – sie müssen zwangsläufig zu irgendetwas führen.“
Poirot zuckte nur mit den Achseln und breitete die Arme weit aus.
Der Inspektor zeigte uns dann verschiedene vergrößerte Fotografien der Fingerabdrücke und begann, über das Thema Schleifen und Wirbel fachzusimpeln.
„Kommen Sie schon“, sagte er schließlich, genervt von Poirots distanzierter Art, „Sie müssen zugeben, dass diese Abdrücke von jemandem stammen, der in jener Nacht im Haus war?“
„Bien entendu“, sagte Poirot und nickte.
„Nun, ich habe die Abdrücke von jedem Mitglied des Haushalts genommen, von jedem, wohlgemerkt, von der alten Dame bis hinunter zum Küchenmädchen.“
Ich glaube nicht, dass Mrs. Ackroyd es genießen würde, als die alte Dame bezeichnet zu werden. Sie muss ein beträchtliches Vermögen für Kosmetika ausgeben.
„Von jedem“, wiederholte der Inspektor umständlich.
„Einschließlich meiner“, sagte ich trocken.
„Sehr wohl. Keiner von ihnen stimmt überein. Das lässt uns zwei Alternativen. Ralph Paton oder der mysteriöse Fremde, von dem uns der Doktor hier erzählt. Wenn wir diese beiden erst einmal haben——“
„Könnte viel wertvolle Zeit verloren gegangen sein“, unterbrach ihn Poirot.
„Ich verstehe Sie nicht ganz, Mr. Poirot?“
„Sie haben die Abdrücke von jedem im Haus genommen, sagen Sie“, murmelte Poirot. „Ist das die reine Wahrheit, die Sie mir da erzählen, M. l’Inspecteur?“
„Sicher.“
„Ohne jemanden zu übersehen?“
„Ohne jemanden zu übersehen.“
„Die Lebenden oder die Toten?“
Für einen Moment wirkte der Inspektor verwirrt über das, was er für eine religiöse Betrachtung hielt. Dann reagierte er langsam.
„Sie meinen——“
„Die Toten, M. l’Inspecteur.“
Der Inspektor brauchte immer noch ein oder zwei Minuten, um zu verstehen.
„Ich schlage vor“, sagte Poirot gelassen, „dass die Fingerabdrücke auf dem Dolchgriff von Mr. Ackroyd selbst stammen. Es ist eine einfache Sache, das zu überprüfen. Sein Körper ist immer noch verfügbar.“
„Aber warum? Was wäre der Sinn davon? Sie wollen doch sicher nicht etwa Selbstmord andeuten, Mr. Poirot?“
„Ah! Nein. Meine Theorie ist, dass der Mörder Handschuhe trug oder etwas um seine Hand gewickelt hatte. Nachdem der Schlag geführt worden war, nahm er die Hand des Opfers und schloss sie um den Dolchgriff.“
„Aber warum?“
Poirot zuckte wieder mit den Schultern.
„Um einen verwirrenden Fall noch verwirrender zu machen.“
„Nun“, sagte der Inspektor, „ich werde der Sache nachgehen. Was hat Sie überhaupt auf die Idee gebracht?“
„Als Sie so freundlich waren, mir den Dolch zu zeigen und auf die Fingerabdrücke aufmerksam zu machen. Ich verstehe nur sehr wenig von Schleifen und Wirbeln – sehen Sie, ich gestehe meine Unwissenheit freimütig ein. Aber mir kam der Gedanke, dass die Position der Abdrücke etwas unbeholfen war. So hätte ich einen Dolch nicht gehalten, um zuzustechen. Natürlich wäre es schwierig gewesen, ihn mit der rechten Hand, die man von hinten über die Schulter führt, genau in die richtige Position zu bringen.“
Inspektor Raglan starrte den kleinen Mann an. Poirot, mit einer Miene großer Gleichgültigkeit, schnippte ein Staubkorn von seinem Jackenärmel.
„Nun“, sagte der Inspektor, „das ist eine Idee. Ich werde das überprüfen, aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn nichts dabei herauskommt.“
Er bemühte sich, seinen Ton freundlich und herablassend klingen zu lassen. Poirot beobachtete, wie er wegging. Dann wandte er sich mit blitzenden Augen an mich.
„Ein anderes Mal“, bemerkte er, „muss ich vorsichtiger mit seinem amour propre sein. Und nun, da wir auf uns allein gestellt sind, was halten Sie, mein guter Freund, von einem kleinen Wiedersehen der Familie?“
Das „kleine Wiedersehen“, wie Poirot es nannte, fand etwa eine halbe Stunde später statt. Wir saßen um den Tisch im Esszimmer von Fernly – Poirot am Kopfende des Tisches, wie der Vorsitzende einer schrecklichen Vorstandssitzung. Die Dienstboten waren nicht anwesend, also waren wir insgesamt zu sechst. Mrs. Ackroyd, Flora, Major Blunt, der junge Raymond, Poirot und ich.
Als alle versammelt waren, erhob sich Poirot und verbeugte sich.
„Messieurs, mesdames, ich habe Sie zu einem bestimmten Zweck zusammengerufen.“ Er hielt inne. „Zunächst möchte ich ein ganz besonderes Anliegen an Mademoiselle richten.“
„An mich?“, sagte Flora.
„Mademoiselle, Sie sind mit Captain Ralph Paton verlobt. Wenn jemand sein Vertrauen genießt, dann sind Sie es. Ich bitte Sie inständig, wenn Sie wissen, wo er sich aufhält, überreden Sie ihn, sich zu stellen. Einen kleinen Moment noch“ – als Flora den Kopf hob, um zu sprechen – „sagen Sie nichts, bis Sie gründlich nachgedacht haben. Mademoiselle, seine Lage wird täglich gefährlicher. Wenn er sich sofort gestellt hätte, egal wie erdrückend die Fakten sind, hätte er eine Chance gehabt, sie zu erklären. Aber dieses Schweigen – diese Flucht – was kann das bedeuten? Sicherlich nur eines: das Wissen um die Schuld. Mademoiselle, wenn Sie wirklich an seine Unschuld glauben, überreden Sie ihn, sich zu stellen, bevor es zu spät ist.“
Floras Gesicht war sehr blass geworden.
„Zu spät!“, wiederholte sie ganz leise.
Poirot beugte sich vor und sah sie an.
„Sehen Sie nun, Mademoiselle“, sagte er sehr sanft, „es ist Papa Poirot, der Sie das fragt. Der alte Papa Poirot, der viel Wissen und viel Erfahrung hat. Ich möchte Sie nicht in eine Falle locken, Mademoiselle. Wollen Sie mir nicht vertrauen – und mir sagen, wo sich Ralph Paton versteckt?“
Das Mädchen erhob sich und trat ihm gegenüber.
„M. Poirot“, sagte sie mit klarer Stimme, „ich schwöre Ihnen – schwöre feierlich –, dass ich keine Ahnung habe, wo Ralph ist, und dass ich ihn weder am Tag des – des Mordes noch danach gesehen oder von ihm gehört habe.“
Sie setzte sich wieder. Poirot betrachtete sie ein oder zwei Minuten lang schweigend, dann ließ er seine Hand mit einem scharfen Schlag auf den Tisch fallen.
„Bien! Das wäre das“, sagte er. Sein Gesicht wurde hart. „Nun appelliere ich an die anderen, die hier um den Tisch sitzen: Mrs. Ackroyd, Major Blunt, Dr. Sheppard, Mr. Raymond. Sie alle sind Freunde und Vertraute des Vermissten. Wenn Sie wissen, wo sich Ralph Paton versteckt, dann sprechen Sie.“
Es herrschte langes Schweigen. Poirot sah einen nach dem anderen an.
„Ich bitte Sie“, sagte er leise, „sprechen Sie.“
Doch es blieb still, bis das Schweigen schließlich von Mrs. Ackroyd unterbrochen wurde.
„Ich muss schon sagen“, bemerkte sie mit weinerlicher Stimme, „dass Ralphs Abwesenheit höchst merkwürdig ist – wirklich höchst merkwürdig. Sich in einer solchen Zeit nicht zu stellen. Es sieht, wissen Sie, ganz so aus, als ob etwas dahintersteckte. Ich kann nicht umhin zu denken, Flora meine Liebe, dass es ein großes Glück war, dass eure Verlobung nie offiziell bekannt gegeben wurde.“
„Mutter!“, rief Flora zornig.
„Die Vorsehung“, erklärte Mrs. Ackroyd. „Ich habe einen tiefen Glauben an die Vorsehung – eine Gottheit, die unsere Wege lenkt, wie Shakespeares wunderschöne Zeile lautet.“
„Sie machen doch wohl nicht den Allmächtigen direkt für dicke Knöchel verantwortlich, Mrs. Ackroyd, oder?“, fragte Geoffrey Raymond, und sein unverantwortliches Lachen hallte durch den Raum.
Sein Ziel war es, denke ich, die Spannung zu lockern, doch Mrs. Ackroyd warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und holte ihr Taschentuch hervor.
„Flora ist eine schreckliche Menge an Aufmerksamkeit und Unannehmlichkeiten erspart geblieben. Nicht einen Augenblick lang glaube ich, dass der liebe Ralph irgendetwas mit dem Tod des armen Roger zu tun hatte. Das glaube ich nicht. Aber ich habe nun einmal ein vertrauensvolles Herz – das hatte ich schon immer, seit ich ein Kind war. Ich bringe es nicht über mich, von irgendjemandem das Schlechteste zu glauben. Aber natürlich muss man bedenken, dass Ralph als kleiner Junge mehrere Luftangriffe miterlebt hat. Die Folgen zeigen sich manchmal noch lange danach, sagt man. Die Menschen sind für ihre Handlungen nicht im Geringsten verantwortlich. Sie verlieren die Kontrolle, wissen Sie, ohne dass sie etwas dagegen tun können.“
„Mutter“, rief Flora, „du glaubst doch nicht, dass Ralph es getan hat?“
„Kommen Sie, Mrs. Ackroyd“, sagte Blunt.
„Ich weiß nicht, was ich denken soll“, sagte Mrs. Ackroyd unter Tränen. „Es ist alles sehr aufwühlend. Was würde wohl mit dem Anwesen geschehen, wenn Ralph für schuldig befunden würde?“
Raymond stieß seinen Stuhl heftig vom Tisch weg. Major Blunt blieb ganz still und betrachtete sie nachdenklich. „Wie ein Granatschock, wissen Sie“, sagte Mrs. Ackroyd hartnäckig, „und ich wage zu behaupten, dass Roger ihn sehr kurz gehalten hat mit dem Geld – natürlich in bester Absicht. Ich sehe schon, ihr seid alle gegen mich, aber ich finde es sehr seltsam, dass Ralph sich nicht gemeldet hat, und ich muss sagen, ich bin dankbar, dass Floras Verlobung nie offiziell bekannt gegeben wurde.“
„Das wird sie morgen“, sagte Flora mit klarer Stimme.
„Flora!“, rief ihre Mutter entsetzt.
Flora hatte sich an den Sekretär gewandt.
„Würden Sie bitte die Ankündigung an die Morning Post und die Times schicken, Mr. Raymond.“
„Wenn Sie sicher sind, dass das klug ist, Miss Ackroyd“, antwortete er ernst.
Sie wandte sich impulsiv an Blunt.
„Sie verstehen“, sagte sie. „Was kann ich denn sonst tun? So wie die Dinge liegen, muss ich zu Ralph stehen. Begreifen Sie denn nicht, dass ich das muss?“
Sie sah ihn sehr forschend an, und nach einer langen Pause nickte er abrupt.
Mrs. Ackroyd brach in schrille Proteste aus. Flora blieb ungerührt. Dann sprach Raymond.
„Ich erkenne Ihre Beweggründe an, Miss Ackroyd. Aber glauben Sie nicht, dass Sie etwas voreilig handeln? Warten Sie einen oder zwei Tage.“
„Morgen“, sagte Flora mit klarer Stimme. „Es hat keinen Zweck, Mutter, so weiterzumachen. Was auch immer ich sonst bin, meine Freunde lasse ich nicht im Stich.“
„M. Poirot“, appellierte Mrs. Ackroyd unter Tränen, „können Sie denn gar nichts sagen?“
„Es gibt nichts zu sagen“, warf Blunt ein. „Sie tut das Richtige. Ich werde zu ihr stehen, komme, was wolle.“
Flora reichte ihm die Hand.
„Danke, Major Blunt“, sagte sie.
„Mademoiselle“, sagte Poirot, „lassen Sie einen alten Mann Ihnen zu Ihrem Mut und Ihrer Loyalität gratulieren. Und würden Sie mich missverstehen, wenn ich Sie bitte – Sie inständig bitte –, die Ankündigung, von der Sie sprechen, um mindestens zwei weitere Tage aufzuschieben?“
Flora zögerte.
„Ich bitte darum genauso sehr in Ralph Patons Interesse wie in Ihrem eigenen, Mademoiselle. Sie runzeln die Stirn. Sie sehen nicht, wie das möglich sein soll. Aber ich versichere Ihnen, dass es so ist. Pas de blagues. Sie legen den Fall in meine Hände – Sie dürfen mich jetzt nicht behindern.“
Flora hielt ein paar Minuten inne, bevor sie antwortete.
„Es gefällt mir nicht“, sagte sie schließlich, „aber ich werde tun, was Sie sagen.“
Sie setzte sich wieder an den Tisch.
„Und nun, messieurs et mesdames“, sagte Poirot hastig, „werde ich mit dem fortfahren, was ich sagen wollte. Verstehen Sie das, ich habe die Absicht, die Wahrheit zu finden. Die Wahrheit, so hässlich sie an sich auch sein mag, ist für den, der sie sucht, immer merkwürdig und schön. Ich bin sehr gealtert, meine Kräfte sind vielleicht nicht mehr das, was sie waren.“ Hier erwartete er sichtlich einen Widerspruch. „Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dies der letzte Fall, den ich jemals untersuchen werde. Aber Hercule Poirot endet nicht mit einem Versagen. Messieurs et mesdames, ich sage Ihnen, ich habe die Absicht, es zu wissen. Und ich werde es wissen – trotz Ihrer aller.“
Er brachte die letzten Worte provokant hervor, als schleuderte er sie uns ins Gesicht. Ich glaube, wir zuckten alle ein wenig zurück, mit Ausnahme von Geoffrey Raymond, der wie gewöhnlich gut gelaunt und unbeirrt blieb.
„Wie meinen Sie das – trotz unserer aller?“, fragte er mit leicht hochgezogenen Augenbrauen.
„Aber – genau das, Monsieur. Jeder von Ihnen in diesem Raum verbirgt etwas vor mir.“ Er hob die Hand, als ein leises Murren des Protests aufkam. „Ja, ja, ich weiß, was ich sage. Es mag etwas Unwichtiges sein – Triviales –, von dem man annimmt, dass es keinen Bezug zum Fall hat, aber es ist da. Jeder von Ihnen hat etwas zu verbergen. Kommen Sie, habe ich recht?“
Sein herausfordernder und anklagender Blick schweifte über den Tisch. Und jedes Augenpaar senkte sich vor seinem. Ja, auch meines.
„Ich habe meine Antwort“, sagte Poirot mit einem merkwürdigen Lachen. Er erhob sich von seinem Platz. „Ich appelliere an Sie alle. Sagen Sie mir die Wahrheit – die ganze Wahrheit.“ Es herrschte Schweigen. „Will niemand sprechen?“
Er stieß wieder das kurze Lachen aus.
„C’est dommage“, sagte er und ging hinaus.
KAPITEL XIII
DER GÄNSEKIEL
An jenem Abend suchte ich auf Poirots Wunsch hin nach dem Abendessen sein Haus auf. Caroline sah mich mit sichtbarem Widerwillen fortgehen. Ich glaube, sie hätte mich gerne begleitet.
Poirot begrüßte mich gastfreundlich. Er hatte eine Flasche irischen Whisky (den ich verabscheue) auf einen kleinen Tisch gestellt, zusammen mit einem Sodawassersiphon und einem Glas. Er selbst war damit beschäftigt, heiße Schokolade zuzubereiten. Es war ein Lieblingsgetränk von ihm, wie ich später herausfand.
Er erkundigte sich höflich nach meiner Schwester, die er als eine höchst interessante Frau bezeichnete.
„Ich fürchte, Sie haben ihr den Kopf verdreht“, sagte ich trocken. „Was ist mit dem Sonntagnachmittag?“
Er lachte und seine Augen funkelten.
„Ich ziehe es immer vor, den Experten einzusetzen“, bemerkte er vage, weigerte sich jedoch, die Bemerkung zu erklären.
„Sie haben jedenfalls den ganzen lokalen Klatsch mitbekommen“, bemerkte ich. „Wahr und unwahr.“
„Und eine ganze Menge wertvoller Informationen“, fügte er ruhig hinzu.
„Wie zum Beispiel——?“
Er schüttelte den Kopf.
„Warum haben Sie mir nicht die Wahrheit gesagt?“, entgegnete er. „An einem Ort wie diesem musste Ralph Patons gesamtes Treiben bekannt werden. Wenn Ihre Schwester an jenem Tag nicht zufällig durch den Wald gegangen wäre, hätte es jemand anderes getan.“
„Das nehme ich an“, sagte ich mürrisch. „Was hat es mit diesem Interesse Ihrerseits an meinen Patienten auf sich?“
Wieder funkelten seine Augen.
„Nur an einer von ihnen, Doktor. Nur an einer von ihnen.“
„An der letzten?“, wagte ich zu fragen.
„Ich finde, Miss Russell ist ein höchst interessantes Studienobjekt“, sagte er ausweichend.
„Stimmen Sie meiner Schwester und Mrs. Ackroyd zu, dass mit ihr etwas nicht stimmt?“, fragte ich.
„Eh? Was sagen Sie da – nicht stimmt?“
Ich erklärte es so gut ich konnte.
„Und das sagen die beiden, ja?“
„Hat meine Schwester Ihnen das gestern Nachmittag nicht vermittelt?“
„C’est possible.“
„Ohne jeden Grund“, erklärte ich.
„Les femmes“, generalisierte Poirot. „Sie sind wunderbar! Sie erfinden aufs Geratewohl – und wie durch ein Wunder haben sie recht. Nicht, dass es das ist, wirklich. Frauen beobachten unterbewusst tausend kleine Details, ohne zu wissen, dass sie es tun. Ihr Unterbewusstsein fügt diese kleinen Dinge zusammen – und sie nennen das Ergebnis Intuition. Ich, ich bin sehr bewandert in der Psychologie. Ich kenne diese Dinge.“
Er blähte seine Brust wichtig auf und sah dabei so lächerlich aus, dass ich Mühe hatte, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Dann nahm er einen kleinen Schluck von seiner Schokolade und wischte sich sorgfältig den Schnurrbart ab.
„Ich wünschte, Sie würden mir sagen“, platzte ich heraus, „was Sie wirklich von alldem halten?“
Er stellte seine Tasse ab.
„Das wünschen Sie?“
„Das tue ich.“
„Sie haben gesehen, was ich gesehen habe. Sollten unsere Ideen nicht dieselben sein?“
„Ich fürchte, Sie machen sich über mich lustig“, sagte ich steif. „Natürlich habe ich keine Erfahrung mit Dingen dieser Art.“
Poirot lächelte mich nachsichtig an.
„Sie sind wie ein kleines Kind, das wissen will, wie die Maschine funktioniert. Sie möchten die Angelegenheit nicht so sehen, wie der Hausarzt sie sieht, sondern mit dem Auge eines Detektivs, der niemanden kennt und sich um niemanden sorgt – für den sie alle Fremde sind und alle gleichermaßen der Verdächtigung unterliegen.“
„Sie drücken es sehr gut aus“, sagte ich.
„Also gebe ich Ihnen dann eine kleine Lektion. Das Erste ist, eine klare Historie dessen zu erhalten, was an jenem Abend geschah – immer im Hinterkopf behaltend, dass die Person, die spricht, lügen könnte.“
Ich hob meine Augenbrauen.
„Eine ziemlich misstrauische Haltung.“
„Aber notwendig – ich versichere Ihnen, notwendig. Nun, zuerst – Dr. Sheppard verlässt das Haus um zehn vor neun. Woher weiß ich das?“
„Weil ich es Ihnen gesagt habe.“
„Aber Sie könnten nicht die Wahrheit sagen – oder die Uhr, nach der Sie gingen, könnte falsch gehen. Aber Parker sagt auch, dass Sie das Haus um zehn vor neun verlassen haben. Also akzeptieren wir diese Aussage und fahren fort. Um neun Uhr laufen Sie einem Mann über den Weg – und hier kommen wir zu dem, was wir die Romanze vom geheimnisvollen Fremden nennen wollen – direkt vor den Toren des Parks. Woher weiß ich, dass das so ist?“
„Das habe ich Ihnen gesagt“, begann ich erneut, aber Poirot unterbrach mich mit einer Geste der Ungeduld.
„Ah! Aber Sie sind heute Abend ein wenig dumm, mein Freund. Sie wissen, dass es so ist – aber woher soll ich das wissen? Eh bien, ich kann Ihnen sagen, dass der geheimnisvolle Fremde keine Halluzination Ihrerseits war, denn das Dienstmädchen einer Miss Ganett traf ihn ein paar Minuten vor Ihnen, und auch sie fragte er nach dem Weg zum Fernly Park. Wir akzeptieren also seine Anwesenheit, und wir können uns ziemlich sicher sein, zwei Dinge über ihn zu wissen – dass er ein Fremder in der Nachbarschaft war und dass, was auch immer sein Ziel war, nach Fernly zu gehen, es keine große Geheimhaltung gab, da er zweimal nach dem Weg dorthin fragte.“
„Ja“, sagte ich, „das verstehe ich.“
„Nun habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mehr über diesen Mann herauszufinden. Er hat einen Drink im ‚Three Boars‘ genommen, wie ich erfahre, und die Bardame dort sagt, dass er mit amerikanischem Akzent sprach und erwähnte, gerade aus den Staaten gekommen zu sein. Ist Ihnen aufgefallen, dass er einen amerikanischen Akzent hatte?“
„Ja, ich glaube, das hatte er“, sagte ich nach ein oder zwei Minuten, in denen ich meine Gedanken zurückschweifen ließ; „aber ein sehr leichter.“
„Précisément. Es gibt auch dies, was ich, wie Sie sich erinnern werden, im Gartenhaus aufgehoben habe?“
Er hielt mir den kleinen Kiel hin. Ich betrachtete ihn neugierig. Dann regte sich in mir die Erinnerung an etwas, das ich gelesen hatte.
Poirot, der mein Gesicht beobachtet hatte, nickte.
„Ja, Heroin, ‚Schnee‘. Drogensüchtige tragen es so bei sich und schnupfen es durch die Nase.“
„Diamorphinhydrochlorid“, murmelte ich mechanisch.
„Diese Methode, die Droge zu nehmen, ist auf der anderen Seite sehr verbreitet. Ein weiterer Beweis, falls wir einen bräuchten, dass der Mann aus Kanada oder den Staaten kam.“
„Was hat Sie zuerst auf das Gartenhaus aufmerksam gemacht?“, fragte ich neugierig.
„Mein Freund, der Inspektor, nahm als selbstverständlich an, dass jeder, der diesen Pfad benutzte, dies als Abkürzung zum Haus tat, aber sobald ich das Gartenhaus sah, wurde mir klar, dass derselbe Pfad von jedem benutzt werden würde, der das Gartenhaus als Treffpunkt nutzte. Nun scheint es ziemlich sicher, dass der Fremde weder zur Vorder- noch zur Hintertür kam. Ist also jemand aus dem Haus hinausgegangen und hat ihn getroffen? Wenn ja, was könnte ein günstigerer Ort sein als dieses kleine Gartenhaus? Ich habe es in der Hoffnung durchsucht, dass ich einen Hinweis im Inneren finden könnte. Ich fand zwei, das Stück Batist und den Kiel.“
„Und das Stück Batist?“, fragte ich neugierig. „Was ist damit?“
Poirot hob die Augenbrauen.
„Sie benutzen Ihre kleinen grauen Zellen nicht“, bemerkte er trocken. „Das Stück gestärkter Batist sollte offensichtlich sein.“
„Nicht sehr offensichtlich für mich.“ Ich wechselte das Thema. „Wie dem auch sei“, sagte ich, „dieser Mann ging zum Gartenhaus, um jemanden zu treffen. Wer war dieser jemand?“
„Genau die Frage“, sagte Poirot. „Sie werden sich erinnern, dass Mrs. Ackroyd und ihre Tochter aus Kanada kamen, um hier zu leben?“
„Ist es das, was Sie heute meinten, als Sie sie beschuldigten, die Wahrheit zu verbergen?“
„Vielleicht. Nun ein weiterer Punkt. Was hielten Sie von der Geschichte des Stubenmädchens?“
„Welche Geschichte?“
„Die Geschichte ihrer Entlassung. Braucht man eine halbe Stunde, um ein Dienstmädchen zu entlassen? War die Geschichte von jenen wichtigen Papieren glaubwürdig? Und denken Sie daran, obwohl sie sagt, sie sei von halb zehn bis zehn Uhr in ihrem Schlafzimmer gewesen, gibt es niemanden, der ihre Aussage bestätigt.“
„Sie verwirren mich“, sagte ich.
„Für mich wird es klarer. Aber sagen Sie mir jetzt Ihre eigenen Ideen und Theorien.“
Ich zog ein Stück Papier aus meiner Tasche.
„Ich habe nur ein paar Vorschläge notiert“, sagte ich entschuldigend.
„Aber ausgezeichnet – Sie haben Methode. Lassen Sie uns hören.“
Ich las mit etwas verlegener Stimme vor.
„Um anzufangen, muss man die Sache logisch betrachten——“
„Genau das, was mein armer Hastings immer zu sagen pflegte“, unterbrach Poirot, „aber leider! Er tat es nie.“
„Punkt Nr. 1. – Mr. Ackroyd wurde gehört, wie er um halb zehn mit jemandem sprach.
Punkt Nr. 2. – Irgendwann am Abend muss Ralph Paton durch das Fenster hereingekommen sein, wie die Abdrücke seiner Schuhe beweisen.
Punkt Nr. 3. – Mr. Ackroyd war an jenem Abend nervös und hätte nur jemanden hereingelassen, den er kannte.
Punkt Nr. 4. – Die Person, die um halb zehn bei Mr. Ackroyd war, bat um Geld. Wir wissen, dass Ralph Paton in einer Klemme steckte.
Diese vier Punkte deuten darauf hin, dass die Person, die um halb zehn bei Mr. Ackroyd war, Ralph Paton war. Aber wir wissen, dass Mr. Ackroyd um viertel vor zehn noch lebte, also war es nicht Ralph, der ihn umgebracht hat. Ralph ließ das Fenster offen. Danach kam der Mörder auf diesem Weg herein.“
„Und wer war der Mörder?“, erkundigte sich Poirot.
„Der amerikanische Fremde. Er könnte mit Parker unter einer Decke gesteckt haben, und möglicherweise haben wir in Parker den Mann, der Mrs. Ferrars erpresste. Wenn ja, könnte Parker genug gehört haben, um zu erkennen, dass das Spiel aus war, dies seinem Komplizen mitgeteilt haben, und der Letztere beging das Verbrechen mit dem Dolch, den Parker ihm gab.“
„Das ist eine Theorie“, gab Poirot zu. „Entschieden, Sie haben Zellen einer Art. Aber sie lässt eine ganze Menge ungeklärt.“
„Wie zum Beispiel——?“
„Der Telefonanruf, der zurückgeschobene Stuhl——“
„Glauben Sie wirklich, dass Letzteres wichtig ist?“, unterbrach ich.
„Vielleicht nicht“, gab mein Freund zu. „Er könnte versehentlich herausgezogen worden sein, und Raymond oder Blunt könnten ihn unter dem Druck der Emotionen unbewusst wieder an seinen Platz geschoben haben. Dann gibt es die fehlenden vierzig Pfund.“
„Von Ackroyd an Ralph gegeben“, schlug ich vor. „Er könnte seine erste Weigerung überdacht haben.“
„Das lässt immer noch eine Sache unerklärt?“
„Was?“
„Warum war Blunt sich in seinem eigenen Geist so sicher, dass es Raymond war, der um halb zehn bei Mr. Ackroyd war?“
„Das hat er erklärt“, sagte ich.
„Sie glauben das? Ich werde nicht auf dem Punkt herumreiten. Sagen Sie mir stattdessen, was waren Ralph Patons Gründe für sein Verschwinden?“
„Das ist etwas schwieriger“, sagte ich langsam. „Ich muss als medizinischer Fachmann sprechen. Ralphs Nerven müssen den Geist aufgegeben haben! Wenn er plötzlich herausfand, dass sein Onkel nur wenige Minuten nachdem er ihn verlassen hatte – vielleicht nach einem etwas stürmischen Gespräch – ermordet worden war, nun, da könnte er Angst bekommen und sich einfach aus dem Staub gemacht haben. Es ist bekannt, dass Männer so etwas tun – sich schuldig verhalten, wenn sie vollkommen unschuldig sind.“
„Ja, das ist wahr“, sagte Poirot. „Aber wir dürfen eine Sache nicht aus den Augen verlieren.“
„Ich weiß, was Sie sagen wollen“, bemerkte ich: „Motiv. Ralph Paton erbt durch den Tod seines Onkels ein großes Vermögen.“
„Das ist ein Motiv“, stimmte Poirot zu.
„Eines?“
„Mais oui. Realisieren Sie, dass uns drei separate Motive ins Gesicht starren? Jemand hat sicherlich den blauen Umschlag und seinen Inhalt gestohlen. Das ist ein Motiv. Erpressung! Ralph Paton könnte der Mann gewesen sein, der Mrs. Ferrars erpresste. Denken Sie daran, soweit Hammond wusste, hatte Ralph Paton seinen Onkel in letzter Zeit nicht um Hilfe gebeten. Das sieht so aus, als ob er anderswo mit Geld versorgt wurde. Dann gibt es die Tatsache, dass er in einer – wie sagen Sie – Klemme steckte?, von der er fürchtete, dass sie dem Onkel zu Ohren kommen könnte. Und schließlich ist da das, was Sie gerade erwähnt haben.“
„Du meine Güte“, sagte ich, etwas verdutzt. „Der Fall scheint schwarz gegen ihn zu stehen.“
„Tut er das?“, sagte Poirot. „Das ist der Punkt, an dem wir uns uneinig sind, Sie und ich. Drei Motive – das ist fast zu viel. Ich neige dazu zu glauben, dass Ralph Paton nach allem unschuldig ist.“
KAPITEL XIV
MRS. ACKROYD
Nach dem abendlichen Gespräch, das ich gerade festgehalten habe, schien die Angelegenheit für mich in eine andere Phase einzutreten. Das Ganze lässt sich in zwei Teile unterteilen, jeder klar und deutlich vom anderen getrennt. Teil I reicht vom Tod Ackroyds am Freitagabend bis zum folgenden Montagabend. Es ist die geradlinige Erzählung dessen, was geschah, wie sie Hercule Poirot präsentiert wurde. Ich war die ganze Zeit an Poirots Seite. Ich sah, was er sah. Ich versuchte mein Bestes, seine Gedanken zu lesen. Wie ich jetzt weiß, bin ich bei dieser letzteren Aufgabe gescheitert. Obwohl Poirot mir all seine Entdeckungen zeigte – wie zum Beispiel den goldenen Ehering –, hielt er die entscheidenden und doch logischen Eindrücke, die er gewann, zurück. Wie ich später erfuhr, war diese Geheimniskrämerei charakteristisch für ihn. Er gab Hinweise und Vorschläge, aber darüber hinaus wollte er nicht gehen.
Wie ich sage, bis zum Montagabend hätte meine Erzählung die von Poirot selbst sein können. Ich spielte Watson für seinen Sherlock. Aber nach Montag trennten sich unsere Wege. Poirot war in eigener Sache beschäftigt. Ich bekam mit, was er tat, denn in King’s Abbot bekommt man alles mit, aber er weihte mich nicht im Voraus in sein Vertrauen ein. Und auch ich hatte meine eigenen Beschäftigungen.
Wenn ich zurückblicke, ist das, was mich am meisten beeindruckt, der stückweise Charakter dieser Zeit. Jeder hatte einen Anteil an der Aufklärung des Rätsels. Es war eher wie ein Puzzlespiel, zu dem jeder seinen eigenen kleinen Teil an Wissen oder Entdeckung beitrug. Aber ihre Aufgabe endete dort. Poirot allein gebührt der Ruhm, diese Teile an ihren richtigen Platz zu fügen.
Einige der Vorfälle schienen zu jener Zeit irrelevant und bedeutungslos. Da war zum Beispiel die Frage mit den schwarzen Stiefeln. Aber das kommt später.... Um die Dinge strikt in chronologischer Reihenfolge zu nehmen, muss ich mit der Vorladung von Mrs. Ackroyd beginnen.
Sie ließ mich früh am Dienstagmorgen rufen, und da die Vorladung dringend klang, eilte ich dorthin, in der Erwartung, sie in extremis vorzufinden.
Die Dame lag im Bett. So viel gab sie der Etikette der Situation nach. Sie reichte mir ihre knochige Hand und deutete auf einen Stuhl, der an das Bett herangezogen war.
„Nun, Mrs. Ackroyd“, sagte ich, „und was fehlt Ihnen?“
Ich sprach mit jener Art von falscher Herzlichkeit, die von Allgemeinmedizinern erwartet zu werden scheint.
„Ich bin am Ende“, sagte Mrs. Ackroyd mit schwacher Stimme. „Völlig am Ende. Es ist der Schock über Rogers armen Tod. Man sagt, diese Dinge spürt man oft nicht zum Zeitpunkt des Geschehens, wissen Sie. Es ist die Reaktion danach.“
Es ist ein Jammer, dass ein Arzt durch seinen Beruf daran gehindert wird, manchmal sagen zu können, was er wirklich denkt.
Ich hätte alles dafür gegeben, antworten zu können: „Unsinn!“
Stattdessen schlug ich ein Stärkungsmittel vor. Mrs. Ackroyd akzeptierte das Stärkungsmittel. Ein Spielzug schien nun abgeschlossen. Nicht einen Augenblick lang bildete ich mir ein, dass ich wegen des Schocks über Ackroyds Tod gerufen worden war. Aber Mrs. Ackroyd ist völlig unfähig, in irgendeiner Angelegenheit einen geradlinigen Kurs zu verfolgen. Sie nähert sich ihrem Ziel immer auf verschlungenen Wegen. Ich fragte mich sehr, warum sie nach mir hatte schicken lassen.
„Und dann diese Szene – gestern“, fuhr meine Patientin fort.
Sie hielt inne, als ob sie von mir erwartete, einen Hinweis aufzugreifen.
„Welche Szene?“
„Doktor, wie können Sie nur? Haben Sie vergessen? Dieser schreckliche kleine Franzose – oder Belgier – oder was auch immer er ist. Uns alle so zu schikanieren, wie er es getan hat. Das hat mich völlig aufgeregt. Noch dazu nach Rogers Tod.“
„Das tut mir sehr leid, Mrs. Ackroyd“, sagte ich.
„Ich weiß nicht, was er meinte – uns so anzuschreien. Ich sollte hoffen, dass ich meine Pflicht zu gut kenne, um auch nur daran zu denken, irgendetwas zu verheimlichen. Ich habe der Polizei jede Unterstützung geleistet, die in meiner Macht stand.“
Mrs. Ackroyd hielt inne, und ich sagte: „Ganz recht.“ Ich begann zu ahnen, worum es bei dem ganzen Ärger ging.
„Niemand kann sagen, dass ich meine Pflicht vernachlässigt habe“, fuhr Mrs. Ackroyd fort. „Ich bin sicher, Inspektor Raglan ist vollkommen zufrieden. Warum muss dieser kleine Emporkömmling von einem Ausländer einen Aufstand machen? Ein lächerlich aussehendes Geschöpf ist er auch noch – genau wie ein komischer Franzose in einer Revue. Ich kann nicht verstehen, warum Flora darauf bestand, ihn in den Fall hineinzuziehen. Sie hat kein Wort darüber zu mir gesagt. Ist einfach losgegangen und hat es auf eigene Faust getan. Flora ist zu unabhängig. Ich bin eine Frau von Welt und ihre Mutter. Sie hätte zuerst zu mir kommen sollen, um mich um Rat zu fragen.“
Ich hörte mir das alles schweigend an.
„Was bildet er sich eigentlich ein? Das ist es, was ich wissen will. Glaubt er etwa im Ernst, ich würde etwas verbergen? Er – er – hat mich gestern regelrecht beschuldigt.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Das hat sicher nichts zu bedeuten, Mrs. Ackroyd“, sagte ich. „Da Sie nichts zu verbergen haben, treffen irgendwelche Bemerkungen, die er vielleicht gemacht hat, nicht auf Sie zu.“
Mrs. Ackroyd kam auf ihre übliche Art vom Hundertsten ins Tausendste.
„Dienstboten sind so anstrengend“, sagte sie. „Sie klatschen und reden untereinander. Und dann macht es die Runde – und dabei ist wahrscheinlich gar nichts dran.“
„Haben die Dienstboten geredet?“, fragte ich. „Worüber?“
Mrs. Ackroyd warf mir einen sehr scharfsinnigen Blick zu. Er brachte mich völlig aus dem Konzept.
„Ich war sicher, dass Sie es wissen würden, Doktor, wenn es irgendjemand wüsste. Sie waren doch die ganze Zeit bei M. Poirot, nicht wahr?“
„Das war ich.“
„Dann wissen Sie es natürlich. Es war dieses Mädchen, Ursula Bourne, oder? Natürlich – sie kündigt. Sie wollte sicher so viel Ärger machen, wie sie nur konnte. Gehässig, das sind sie. Sie sind alle gleich. Nun, da Sie dabei waren, Doktor, müssen Sie doch genau wissen, was sie gesagt hat? Ich bin sehr besorgt, dass kein falscher Eindruck entsteht. Schließlich erzählt man der Polizei doch nicht jedes kleine Detail, oder? Es gibt manchmal Familienangelegenheiten – die nichts mit der Frage des Mordes zu tun haben. Aber wenn das Mädchen gehässig war, hat sie sich vielleicht alles Mögliche ausgedacht.“
Ich war scharfsinnig genug, um zu erkennen, dass hinter diesen Ergüssen eine sehr reale Angst steckte. Poirot war mit seinen Voraussetzungen im Recht gewesen. Von den sechs Personen, die gestern am Tisch saßen, hatte zumindest Mrs. Ackroyd etwas zu verbergen. Es war an mir, herauszufinden, was das sein mochte.
„An Ihrer Stelle, Mrs. Ackroyd“, sagte ich schroff, „würde ich reinen Tisch machen.“
Sie stieß einen kleinen Schrei aus.
„Oh! Doktor, wie können Sie nur so barsch sein. Das klingt, als ob – als ob... Und ich kann doch alles so einfach erklären.“
„Warum tun Sie es dann nicht?“, schlug ich vor.
Mrs. Ackroyd holte ein gerüschtes Taschentuch hervor und wurde tränenreich.
„Ich dachte, Doktor, Sie könnten es M. Poirot vortragen – es ihm erklären, wissen Sie –, denn für einen Ausländer ist es so schwer, unseren Standpunkt zu verstehen. Und Sie wissen nicht – niemand könnte wissen –, womit ich zu kämpfen hatte. Ein Martyrium – ein langes Martyrium. Das ist mein Leben gewesen. Ich spreche nicht gerne schlecht über die Toten – aber so ist es nun einmal. Nicht die kleinste Rechnung, aber sie musste jedes Mal durchgegangen werden – gerade als ob Roger ein paar geizige Hunderte im Jahr hätte, anstatt (wie Mr. Hammond mir gestern sagte) einer der reichsten Männer in dieser Gegend zu sein.“
Mrs. Ackroyd hielt inne, um sich mit dem gerüschten Taschentuch die Augen zu tupfen.
„Ja“, sagte ich ermutigend. „Sie sprachen von Rechnungen?“
„Diese schrecklichen Rechnungen. Und einige wollte ich Roger überhaupt nicht zeigen. Es waren Dinge, die ein Mann nicht verstehen würde. Er hätte gesagt, die Dinge seien nicht notwendig. Und natürlich haben sie sich aufgetürmt, wissen Sie, und sie kamen immer weiter rein...“
Sie sah mich flehend an, als ob sie mich bitten würde, ihr wegen dieser auffälligen Eigenart beizupflichten.
„Das ist so eine Gewohnheit von ihnen“, stimmte ich zu.
„Und der Ton änderte sich – wurde regelrecht beleidigend. Ich versichere Ihnen, Doktor, ich war dabei, ein Nervenwrack zu werden. Ich konnte nachts nicht schlafen. Und ein schreckliches Flattern um das Herz. Und dann bekam ich einen Brief von einem schottischen Gentleman – tatsächlich waren es zwei Briefe – beides schottische Gentlemen. Mr. Bruce MacPherson war der eine, und der andere war Colin MacDonald. Ein ziemlicher Zufall.“
„Kaum“, sagte ich trocken. „Es sind meistens schottische Gentlemen, aber ich vermute einen semitischen Einschlag in ihrer Abstammung.“
„Zehn Pfund bis zehntausend allein auf Wechselbürgschaft“, murmelte Mrs. Ackroyd in Erinnerungen schwelgend. „Ich habe einem von ihnen geschrieben, aber es schien Schwierigkeiten zu geben.“
Sie hielt inne.
Ich schloss daraus, dass wir gerade auf heikles Terrain gerieten. Ich habe noch nie jemanden erlebt, den man schwieriger auf den Punkt bringen konnte.
„Sehen Sie“, murmelte Mrs. Ackroyd, „es ist alles eine Frage der Erwartungen, nicht wahr? Testamentarische Erwartungen. Und obwohl ich natürlich erwartete, dass Roger für mich sorgen würde, wusste ich es nicht. Ich dachte, wenn ich nur einen Blick auf eine Kopie seines Testaments werfen könnte – nicht in einem Sinne von vulgärer Neugier –, aber nur, damit ich meine eigenen Vorkehrungen treffen könnte.“
Sie warf mir einen Seitenblick zu. Die Lage war jetzt in der Tat sehr heikel. Glücklicherweise dienen Worte, wenn sie geschickt eingesetzt werden, dazu, die Hässlichkeit nackter Tatsachen zu maskieren.
„Ich konnte das nur Ihnen sagen, lieber Dr. Sheppard“, sagte Mrs. Ackroyd schnell. „Ich kann darauf vertrauen, dass Sie mich nicht falsch beurteilen und die Angelegenheit M. Poirot im rechten Licht darstellen. Es war am Freitagnachmittag...“
Sie blieb stehen und schluckte unsicher.
„Ja“, wiederholte ich ermutigend. „Am Freitagnachmittag. Nun?“
„Jeder war aus dem Haus, oder so dachte ich. Und ich ging in Rogers Arbeitszimmer – ich hatte einen wirklichen Grund, dorthin zu gehen – ich meine, es war nichts Hinterhältiges dabei. Und als ich all die Papiere auf dem Schreibtisch sah, kam es mir einfach so, wie ein Blitz: ‚Ich frage mich, ob Roger sein Testament in einer der Schubladen des Schreibtischs aufbewahrt.‘ Ich bin so impulsiv, das war ich schon als Kind. Ich tue Dinge im Affekt. Er hatte seine Schlüssel – sehr unvorsichtig von ihm – im Schloss der obersten Schublade gelassen.“
„Ich verstehe“, sagte ich hilfreich. „Also haben Sie den Schreibtisch durchsucht. Haben Sie das Testament gefunden?“
Mrs. Ackroyd stieß einen kleinen Schrei aus, und mir wurde klar, dass ich nicht diplomatisch genug gewesen war.
„Wie schrecklich das klingt. Aber so war es nun wirklich nicht.“
„Natürlich war es das nicht“, sagte ich hastig. „Sie müssen meine unglückliche Art, Dinge auszudrücken, entschuldigen.“
„Sehen Sie, Männer sind so eigenartig. An Rogers Stelle hätte ich mich nicht dagegen gewehrt, die Bestimmungen meines Testaments offenzulegen. Aber Männer sind so verschlossen. Man ist gezwungen, zur Selbstverteidigung zu kleinen Ausflüchten zu greifen.“
„Und das Ergebnis der kleinen Ausflucht?“, fragte ich.
„Das ist es ja, was ich Ihnen sage. Als ich zur untersten Schublade kam, kam Bourne herein. Sehr unangenehm. Natürlich habe ich die Schublade zugemacht und mich aufgerichtet, und ich habe sie auf ein paar Staubkörner auf der Oberfläche aufmerksam gemacht. Aber ich mochte nicht, wie sie aussah – zwar respektvoll in ihrem Auftreten, aber ein sehr böses Leuchten in ihren Augen. Fast verächtlich, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich habe dieses Mädchen noch nie besonders gemocht. Sie ist eine gute Dienstbotin, und sie sagt ‚Gnädige Frau‘ und hat nichts dagegen, Hauben und Schürzen zu tragen (was, wie ich Ihnen versichere, viele von ihnen heutzutage tun), und sie kann ‚Nicht zu Hause‘ sagen, ohne Skrupel, wenn sie die Tür öffnen muss statt Parker, und sie hat nicht diese eigenartigen gurgelnden Geräusche im Inneren, die so viele Stubenmädchen zu haben scheinen, wenn sie bei Tisch bedienen... Lassen Sie mich sehen, wo war ich?“
„Sie sagten, dass Sie Bourne trotz einiger wertvoller Eigenschaften nie gemocht haben.“
„Nein, das habe ich nicht. Sie ist – eigenartig. Es ist etwas anders an ihr als an den anderen. Zu gut ausgebildet, das ist meine Meinung. Man kann heutzutage nicht mehr sagen, wer Damen sind und wer nicht.“
„Und was geschah dann?“, fragte ich.
„Nichts. Zumindest kam Roger herein. Und ich dachte, er sei zu einem Spaziergang ausgegangen. Und er sagte: ‚Was soll das alles?‘ und ich sagte: ‚Nichts. Ich wollte nur den Punch holen.‘ Und ich nahm den Punch und ging damit hinaus. Bourne blieb zurück. Ich hörte, wie sie Roger fragte, ob sie eine Minute mit ihm sprechen könne. Ich ging direkt auf mein Zimmer, um mich hinzulegen. Ich war sehr aufgeregt.“
Es gab eine Pause.
„Sie werden es M. Poirot erklären, nicht wahr? Sie können selbst sehen, was für eine triviale Angelegenheit das Ganze war. Aber natürlich, als er so streng war, was das Verbergen von Dingen anging, habe ich sofort daran gedacht. Bourne mag sich eine außergewöhnliche Geschichte daraus zusammengereimt haben, aber Sie können das doch erklären, oder?“
„Das ist alles?“, sagte ich. „Sie haben mir alles erzählt?“
„Ja-a“, sagte Mrs. Ackroyd. „Oh! ja“, fügte sie bestimmt hinzu.
Aber ich hatte das kurzzeitige Zögern bemerkt, und ich wusste, dass es noch etwas gab, das sie zurückhielt. Es war nichts weniger als ein Geistesblitz, der mich dazu brachte, die Frage zu stellen, die ich stellte.
„Mrs. Ackroyd“, sagte ich, „waren Sie es, die den Silbertisch offen gelassen hat?“
Ich bekam meine Antwort in der Schamröte, die selbst Rouge und Puder nicht verbergen konnten.
„Woher wussten Sie das?“, flüsterte sie.
„Sie waren es also?“
„Ja – ich – sehen Sie – da waren ein oder zwei Stücke altes Silber – sehr interessant. Ich hatte über das Thema gelesen, und es gab eine Abbildung von einem ziemlich kleinen Stück, das bei Christy’s eine immense Summe eingebracht hatte. Es sah für mich genauso aus wie das im Silbertisch. Ich dachte, ich würde es mit nach London nehmen, wenn ich gehe – und – und es schätzen lassen. Dann, wenn es wirklich ein wertvolles Stück wäre, denken Sie nur, was für eine charmante Überraschung das für Roger gewesen wäre?“
Ich enthielt mich jedes Kommentars und akzeptierte Mrs. Ackroyds Geschichte nach ihrem Wert. Ich unterließ es sogar, sie zu fragen, warum es notwendig war, das, was sie wollte, auf eine so heimliche Art an sich zu nehmen.
„Warum haben Sie den Deckel offen gelassen?“, fragte ich. „Haben Sie es vergessen?“
„Ich war erschrocken“, sagte Mrs. Ackroyd. „Ich hörte Schritte auf der Terrasse draußen. Ich eilte aus dem Zimmer und schaffte es gerade noch die Treppe hinauf, bevor Parker Ihnen die Haustür öffnete.“
„Das muss Miss Russell gewesen sein“, sagte ich nachdenklich. Mrs. Ackroyd hatte mir eine Tatsache enthüllt, die äußerst interessant war. Ob ihre Absichten bezüglich Ackroyds Silber streng ehrenhaft gewesen waren, wusste ich nicht und war mir auch egal. Was mich interessierte, war die Tatsache, dass Miss Russell durch das Fenster ins Wohnzimmer gekommen sein musste und dass ich mich nicht geirrt hatte, als ich sie für außer Atem vom Laufen hielt. Wo war sie gewesen? Ich dachte an das Gartenhaus und das Stück Batist.
„Ich frage mich, ob Miss Russell ihre Taschentücher stärken lässt!“, rief ich spontan aus.
Mrs. Ackroyds Zusammenzucken rief mich zu mir selbst zurück, und ich stand auf.
„Glauben Sie, dass Sie es M. Poirot erklären können?“, fragte sie besorgt.
„Oh, gewiss. Absolut.“
Ich kam schließlich weg, nachdem ich gezwungen war, mir noch mehr Rechtfertigungen für ihr Verhalten anzuhören.
Das Stubenmädchen war in der Halle, und sie war es, die mir in meinen Mantel half. Ich beobachtete sie genauer, als ich es bisher getan hatte. Es war klar, dass sie geweint hatte.
„Wie kommt es“, fragte ich, „dass Sie uns sagten, Mr. Ackroyd hätte Sie am Freitag in sein Arbeitszimmer gerufen? Ich höre jetzt, dass Sie es waren, die gebeten hat, mit ihm zu sprechen?“
Für eine Minute senkte das Mädchen die Augen vor meinen.
Dann sprach sie.
„Ich wollte ohnehin gehen“, sagte sie unsicher.
Ich sagte nichts mehr. Sie öffnete mir die Haustür. Gerade als ich hinausging, sagte sie plötzlich mit leiser Stimme: –
„Entschuldigen Sie, Sir, gibt es irgendwelche Nachrichten von Captain Paton?“
Ich schüttelte den Kopf und sah sie fragend an.
„Er sollte zurückkommen“, sagte sie. „Wirklich – wirklich, er sollte zurückkommen.“
Sie sah mich mit flehenden Augen an.
„Weiß niemand, wo er ist?“, fragte sie.
„Wissen Sie es?“, sagte ich scharf.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, wirklich. Ich weiß nichts. Aber jeder, der ein Freund von ihm wäre, würde ihm das sagen: Er sollte zurückkommen.“
Ich zögerte, in der Hoffnung, das Mädchen würde noch mehr sagen. Ihre nächste Frage überraschte mich.
„Wann glauben sie, wurde der Mord begangen? Kurz vor zehn Uhr?“
„Das ist die Vorstellung“, sagte ich. „Zwischen Viertel vor zehn und der vollen Stunde.“
„Nicht früher? Nicht vor Viertel vor zehn?“
Ich betrachtete sie aufmerksam. Sie war so offensichtlich begierig auf eine bejahende Antwort.
„Das kommt nicht in Frage“, sagte ich. „Miss Ackroyd hat ihren Onkel um Viertel vor zehn lebend gesehen.“
Sie wandte sich ab, und ihre ganze Gestalt schien in sich zusammenzusinken.
„Ein hübsches Mädchen“, sagte ich zu mir selbst, als ich davonfuhr. „Ein überaus hübsches Mädchen.“
Caroline war zu Hause. Sie hatte einen Besuch von Poirot erhalten und war sehr zufrieden und wichtig deswegen.
„Ich helfe ihm bei dem Fall“, erklärte sie.
Ich fühlte mich ziemlich unwohl. Caroline ist ohnehin schon schlimm genug. Wie wird sie erst sein, wenn ihre detektivischen Instinkte ermutigt werden?
„Gehen Sie in der Nachbarschaft herum und suchen Sie nach Ralph Patons geheimnisvollem Mädchen?“, erkundigte ich mich.
„Das könnte ich auf eigene Faust tun“, sagte Caroline. „Nein, das ist eine spezielle Sache, die M. Poirot für ihn herausfinden möchte.“
„Was ist es?“, fragte ich.
„Er möchte wissen, ob Ralph Patons Stiefel schwarz oder braun waren“, sagte Caroline mit enormer Feierlichkeit.
Ich starrte sie an. Ich sehe jetzt, dass ich wegen dieser Stiefel unglaublich dumm war. Ich habe den Punkt überhaupt nicht begriffen.
„Es waren braune Schuhe“, sagte ich. „Ich habe sie gesehen.“
„Keine Schuhe, James, Stiefel. M. Poirot möchte wissen, ob ein Paar Stiefel, das Ralph im Hotel bei sich hatte, braun oder schwarz war. Davon hängt viel ab.“
Nennen Sie mich begriffsstutzig, wenn Sie wollen. Ich sah es nicht.
„Und wie wollen Sie das herausfinden?“, fragte ich.
Caroline sagte, das wäre kein Problem. Unsere Annies liebste Freundin war Miss Ganetts Dienstmädchen, Clara. Und Clara ging mit dem Stiefelknecht bei den ‚Three Boars‘ aus. Die ganze Sache war kinderleicht, und mit Hilfe von Miss Ganett, die loyal kooperierte und Clara sofort Urlaub gab, war die Angelegenheit in Expressgeschwindigkeit erledigt.
Als wir uns zum Mittagessen hinsetzten, bemerkte Caroline mit gewolltem Desinteresse: –
„Wegen dieser Stiefel von Ralph Paton.“
„Nun“, sagte ich, „was ist mit ihnen?“
„M. Poirot dachte, sie seien wahrscheinlich braun. Er hat sich geirrt. Sie sind schwarz.“
Und Caroline nickte mehrmals mit dem Kopf. Sie hatte offensichtlich das Gefühl, bei Poirot gepunktet zu haben.
Ich antwortete nicht. Ich grübelte darüber nach, was die Farbe eines Paares von Ralph Patons Stiefeln mit dem Fall zu tun hatte.
KAPITEL XV
GEOFFREY RAYMOND
Ich sollte an diesem Tag einen weiteren Beweis für den Erfolg von Poirots Taktik erhalten. Diese Herausforderung von ihm war ein subtiler Zug gewesen, der seinem Wissen über die menschliche Natur entsprang. Eine Mischung aus Angst und Schuld hatte Mrs. Ackroyd die Wahrheit entlockt. Sie war die Erste, die reagierte.
Als ich an diesem Nachmittag von meinen Patienten zurückkehrte, erzählte mir Caroline, dass Geoffrey Raymond gerade gegangen sei.
„Wollte er mich sprechen?“, fragte ich, als ich meinen Mantel in der Halle aufhängte.
Caroline schwebte an meinem Ellbogen.
„Er wollte M. Poirot sprechen“, sagte sie. „Er kam gerade von ‚The Larches‘. M. Poirot war aus. Mr. Raymond dachte, er könnte hier sein, oder dass Sie wissen könnten, wo er ist.“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“
„Ich habe versucht, ihn zum Warten zu bewegen“, sagte Caroline, „aber er sagte, er würde in einer halben Stunde wieder bei ‚The Larches‘ vorbeischauen, und ging das Dorf hinunter. Sehr schade, denn M. Poirot kam praktisch eine Minute, nachdem er gegangen war, herein.“
„Hier herein?“
„Nein, in sein eigenes Haus.“
„Woher wissen Sie das?“
„Das Seitenfenster“, sagte Caroline kurz.
Es schien mir, dass wir das Thema nun erschöpft hätten. Caroline sah das anders.
„Gehen Sie nicht hinüber?“
„Hinüber wohin?“
„Zu ‚The Larches‘ natürlich.“
„Meine liebe Caroline“, sagte ich, „wozu?“
„Mr. Raymond wollte ihn ganz besonders sprechen“, sagte Caroline. „Sie könnten hören, worum es geht.“
Ich hob die Augenbrauen.
„Neugier ist nicht meine größte Sünde“, bemerkte ich kühl. „Ich kann bequem existieren, ohne genau zu wissen, was meine Nachbarn tun und denken.“
„Unsinn, James“, sagte meine Schwester. „Du willst genauso viel wissen wie ich. Du bist nur nicht so ehrlich, das ist alles. Du musst immer so tun als ob.“
„Wirklich, Caroline“, sagte ich und zog mich in meine Praxis zurück.
Zehn Minuten später klopfte Caroline an die Tür und trat ein. In ihrer Hand hielt sie ein Glas, das wie Mispelgelee aussah.
„Ich frage mich, James“, sagte sie, „ob es dir etwas ausmachen würde, dieses Glas Mispelgelee zu M. Poirot hinüberzubringen? Ich habe es ihm versprochen. Er hat noch nie hausgemachtes Mispelgelee probiert.“
„Warum kann Annie nicht gehen?“, fragte ich kühl.
„Sie ist beim Ausbessern. Ich kann sie nicht entbehren.“
Caroline und ich sahen uns an.
„Sehr wohl“, sagte ich und stand auf. „Aber wenn ich das verfluchte Ding mitnehme, werde ich es einfach an der Tür abstellen. Verstehst du das?“
Meine Schwester hob die Augenbrauen.
„Natürlich“, sagte sie. „Wer hat behauptet, du solltest etwas anderes tun?“
Die Ehre lag bei Caroline.
„Wenn du M. Poirot zufällig siehst“, sagte sie, als ich die Haustür öffnete, „könntest du ihm von den Stiefeln erzählen.“
Es war ein höchst subtiler Abschiedsschuss. Ich wollte schrecklich gerne das Rätsel der Stiefel verstehen. Als die alte Dame mit der bretonischen Haube mir die Tür öffnete, ertappte ich mich dabei, wie ich ganz automatisch fragte, ob M. Poirot da sei.
Poirot sprang auf, um mich zu begrüßen, mit allem Anschein von Vergnügen.
„Setzen Sie sich, mein guter Freund“, sagte er. „Der große Sessel? Dieser kleine? Das Zimmer ist nicht zu heiß, nein?“
Ich fand es stickig, verkneife es mir aber, das zu sagen. Die Fenster waren geschlossen, und ein großes Feuer brannte im Kamin.
„Die Engländer haben eine Manie für die frische Luft“, erklärte Poirot. „Die große Luft, die ist schon gut draußen, wo sie hingehört. Warum sie ins Haus lassen? Aber lassen Sie uns solche Banalitäten nicht diskutieren. Sie haben etwas für mich, ja?“
„Zwei Dinge“, sagte ich. „Erstens – dies – von meiner Schwester.“
Ich überreichte das Glas Mispelgelee.
„Wie freundlich von Mademoiselle Caroline. Sie hat an ihr Versprechen gedacht. Und das zweite Ding?“
„Informationen – gewisser Art.“
Und ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit Mrs. Ackroyd. Er hörte mit Interesse zu, aber nicht mit viel Aufregung.
„Es räumt das Gelände“, sagte er nachdenklich. „Und es hat einen gewissen Wert als Bestätigung der Aussage der Haushälterin. Sie sagte, erinnern Sie sich, dass sie den Deckel des Silbertisches offen fand und ihn beim Vorbeigehen schloss.“
„Was ist mit ihrer Aussage, dass sie ins Wohnzimmer ging, um zu sehen, ob die Blumen frisch seien?“
„Ah! Das haben wir nie sehr ernst genommen, nicht wahr, mein Freund? Es war offensichtlich eine Ausrede, hastig zusammengestoppelt von einer Frau, die es für dringend hielt, ihre Anwesenheit zu erklären – was Sie übrigens wahrscheinlich nie in Frage gestellt hätten. Ich hielt es für möglich, dass ihre Aufregung daher rührte, dass sie am Silbertisch herumhantiert hatte, aber ich denke jetzt, dass wir nach einer anderen Ursache suchen müssen.“
„Ja“, sagte ich. „Wen ist sie treffen gegangen? Und warum?“
„Sie glauben, sie ist gegangen, um jemanden zu treffen?“
„Das tue ich.“
Poirot nickte.
„Ich auch“, sagte er nachdenklich.
Es gab eine Pause.
„Übrigens“, sagte ich, „ich habe eine Nachricht von meiner Schwester für Sie. Ralph Patons Stiefel waren schwarz, nicht braun.“
Ich beobachtete ihn genau, als ich die Nachricht überbrachte, und ich bildete mir ein, ein flüchtiges Anzeichen von Unbehagen zu sehen. Wenn dem so war, verschwand es fast sofort.
„Sie ist absolut sicher, dass sie nicht braun sind?“
„Absolut.“
„Ah!“, sagte Poirot bedauernd. „Das ist ein Jammer.“
Und er schien ganz niedergeschlagen.
Er ließ sich auf keine Erklärungen ein, sondern begann sofort ein neues Gesprächsthema.
„Die Haushälterin, Miss Russell, die Sie an jenem Freitagmorgen konsultieren kam – ist es indiskret zu fragen, was bei diesem Gespräch passierte – abgesehen von den medizinischen Details, meine ich?“
„Überhaupt nicht“, sagte ich. „Nachdem der professionelle Teil des Gesprächs beendet war, sprachen wir ein paar Minuten über Gifte und die Leichtigkeit oder Schwierigkeit, sie nachzuweisen, und über Drogenkonsum und Drogenabhängige.“
„Mit besonderem Bezug auf Kokain?“, fragte Poirot.
„Woher wussten Sie das?“, fragte ich, etwas überrascht.
Zur Antwort stand der kleine Mann auf und ging durch den Raum dorthin, wo Zeitungen abgelegt waren. Er brachte mir eine Ausgabe des Daily Budget vom Freitag, dem 16. September, und zeigte mir einen Artikel über den Kokainschmuggel. Es war ein etwas reißerischer Artikel, geschrieben mit einem Auge für malerische Effekte.
„Das ist es, was ihr Kokain in den Kopf gesetzt hat, mein Freund“, sagte er.
Ich hätte ihn gerne weiter ausgefragt, denn ich verstand seine Bedeutung nicht ganz, aber in diesem Moment öffnete sich die Tür und Geoffrey Raymond wurde angekündigt.
Er kam frisch und gewandt wie immer herein und begrüßte uns beide.
„Wie geht es Ihnen, Doktor? M. Poirot, das ist das zweite Mal, dass ich heute Morgen hier bin. Ich war darauf erpicht, Sie zu erwischen.“
„Vielleicht sollte ich besser verschwinden“, schlug ich ziemlich unbeholfen vor.
„Nicht meinetwegen, Doktor. Nein, es ist nur das“, fuhr er fort, als er sich auf ein winkendes Zeichen von Poirot hin setzte, „ich habe ein Geständnis zu machen.“
„En vérité?“, sagte Poirot mit einer Miene höflichen Interesses.
„Oh, es ist wirklich von keinerlei Bedeutung. Aber um die Wahrheit zu sagen, plagt mich mein Gewissen seit gestern Nachmittag. Sie haben uns alle beschuldigt, etwas zurückzuhalten, M. Poirot. Ich bekenne mich schuldig. Ich habe etwas im Schilde geführt.“
„Und was ist das, M. Raymond?“
„Wie ich schon sagte, es ist nichts von Bedeutung – nur dies. Ich war verschuldet – schwer, und dieses Vermächtnis kam gerade zur rechten Zeit. Fünfhundert Pfund bringen mich wieder auf die Beine, und ein wenig bleibt sogar noch übrig.“
Er lächelte uns beide mit jener gewinnenden Offenheit an, die ihn zu einem so sympathischen jungen Mann machte.
„Sie wissen ja, wie das ist. Ein misstrauischer Polizist – man gibt nicht gern zu, dass man in Geldnöten war – man denkt, das wird vor ihnen schlecht aussehen. Aber ich war wirklich ein Narr, denn Blunt und ich waren von Viertel vor zehn an im Billardzimmer, ich habe also ein wasserdichtes Alibi und nichts zu befürchten. Trotzdem, als Sie so donnernd von dem Verschweigen von Dingen sprachen, fühlte ich einen unangenehmen Stich im Gewissen und dachte, ich würde es gern loswerden.“
Er stand wieder auf und lächelte uns an.
„Sie sind ein sehr kluger junger Mann“, sagte Poirot und nickte ihm anerkennend zu. „Sehen Sie, wenn ich weiß, dass jemand Dinge vor mir verbirgt, vermute ich, dass das Verborgene etwas sehr Schlechtes sein könnte. Sie haben gut gehandelt.“
„Ich bin froh, dass ich vom Verdacht reingewaschen bin“, lachte Raymond. „Ich werde jetzt gehen.“
„So ist das also“, bemerkte ich, als die Tür hinter dem jungen Sekretär ins Schloss fiel.
„Ja“, stimmte Poirot zu. „Eine bloße Bagatelle – aber wenn er nicht im Billardzimmer gewesen wäre – wer weiß? Schließlich wurden viele Verbrechen für weniger als fünfhundert Pfund begangen. Es kommt ganz darauf an, welche Summe ausreicht, um einen Mann zu brechen. Eine Frage der Relativität, nicht wahr? Haben Sie darüber nachgedacht, mein Freund, dass viele Leute in diesem Haus von Mr. Ackroyds Tod profitieren würden? Mrs. Ackroyd, Miss Flora, der junge Mr. Raymond, die Haushälterin, Miss Russell. Nur einer tatsächlich nicht: Major Blunt.“
Sein Tonfall beim Aussprechen dieses Namens war so eigentümlich, dass ich verwirrt aufblickte.
„Ich verstehe Sie nicht ganz?“, sagte ich.
„Zwei der Leute, die ich beschuldigt habe, haben mir die Wahrheit gesagt.“
„Glauben Sie, dass Major Blunt auch etwas zu verbergen hat?“
„Was das betrifft“, bemerkte Poirot gleichmütig, „gibt es ein Sprichwort, nicht wahr, dass Engländer nur eine einzige Sache verbergen – ihre Liebe? Und Major Blunt, so würde ich sagen, ist nicht gut im Verbergen.“
„Manchmal“, sagte ich, „frage ich mich, ob wir nicht voreilig Schlüsse gezogen haben, was einen Punkt betrifft.“
„Welchen?“
„Wir haben angenommen, dass der Erpresser von Mrs. Ferrars notwendigerweise der Mörder von Mr. Ackroyd ist. Könnten wir uns da nicht irren?“
Poirot nickte energisch.
„Sehr gut. Sehr gut sogar. Ich habe mich gefragt, ob Ihnen dieser Gedanke kommen würde. Natürlich ist es möglich. Aber wir müssen einen Punkt bedenken. Der Brief verschwand. Doch das, wie Sie sagen, muss nicht unbedingt bedeuten, dass der Mörder ihn genommen hat. Als Sie die Leiche zum ersten Mal fanden, könnte Parker den Brief unbemerkt von Ihnen an sich genommen haben.“
„Parker?“
„Ja, Parker. Ich komme immer wieder auf Parker zurück – nicht als Mörder – nein, er hat den Mord nicht begangen; aber wer ist geeigneter als er als der mysteriöse Schurke, der Mrs. Ferrars terrorisierte? Er könnte seine Informationen über den Tod von Mr. Ferrars von einem der Bediensteten aus King’s Paddock erhalten haben. Jedenfalls ist es wahrscheinlicher, dass er darauf gestoßen ist, als ein zufälliger Gast wie zum Beispiel Blunt.“
„Parker könnte den Brief genommen haben“, gab ich zu. „Erst später bemerkte ich, dass er weg war.“
„Wie viel später? Nachdem Blunt und Raymond im Raum waren oder davor?“
„Ich kann mich nicht erinnern“, sagte ich langsam. „Ich glaube, es war davor – nein, danach. Ja, ich bin mir fast sicher, dass es danach war.“
„Das erweitert den Kreis auf drei“, sagte Poirot nachdenklich. „Aber Parker ist der Wahrscheinlichste. Ich habe im Sinn, ein kleines Experiment mit Parker zu versuchen. Was sagen Sie, mein Freund, begleiten Sie mich nach Fernly?“
Ich stimmte zu, und wir machten uns sofort auf den Weg. Poirot bat darum, Miss Ackroyd zu sehen, und kurz darauf kam Flora zu uns.
„Mademoiselle Flora“, sagte Poirot, „ich muss Ihnen ein kleines Geheimnis anvertrauen. Ich bin von der Unschuld Parkers noch nicht überzeugt. Ich schlage vor, mit Ihrer Hilfe ein kleines Experiment zu machen. Ich möchte einige seiner Handlungen an jenem Abend rekonstruieren. Aber wir müssen uns etwas einfallen lassen, was wir ihm sagen – ah! Ich habe es. Ich möchte mich davon überzeugen, ob man Stimmen in dem kleinen Vorraum draußen auf der Terrasse hätte hören können. Rufen Sie nun bitte nach Parker, wenn Sie so gut sein wollen.“
Ich tat es, und bald darauf erschien der Butler, gewandt wie eh und je.
„Sie haben geläutet, mein Herr?“
„Ja, mein guter Parker. Ich habe ein kleines Experiment im Sinn. Ich habe Major Blunt auf der Terrasse vor dem Fenster des Arbeitszimmers platziert. Ich möchte sehen, ob dort draußen jemand die Stimmen von Miss Ackroyd und Ihnen in jener Nacht im Vorraum hätte hören können. Ich möchte diese kleine Szene noch einmal nachstellen. Vielleicht könnten Sie das Tablett holen oder was auch immer Sie trugen?“
Parker verschwand, und wir begaben uns in den Vorraum vor der Tür des Arbeitszimmers. Bald hörten wir ein Klirren in der äußeren Halle, und Parker erschien im Türrahmen mit einem Tablett, auf dem ein Siphon, eine Whisky-Karaffe und zwei Gläser standen.
„Einen Moment“, rief Poirot, hob die Hand und wirkte sehr aufgeregt. „Wir müssen alles in Ordnung bringen. Genau wie es geschah. Das ist eine kleine Methode von mir.“
„Ein ausländischer Brauch, mein Herr“, sagte Parker. „Rekonstruktion des Verbrechens nennen sie das, nicht wahr?“
Er war völlig unerschütterlich, als er dort stand und höflich auf Poirots Anweisungen wartete.
„Ah! Er weiß etwas, der gute Parker“, rief Poirot. „Er hat von solchen Dingen gelesen. Nun, ich bitte Sie, lassen Sie uns alles ganz exakt machen. Sie kamen aus der äußeren Halle – so. Mademoiselle war – wo?“
„Hier“, sagte Flora und stellte sich direkt vor die Tür des Arbeitszimmers.
„Ganz richtig, mein Herr“, sagte Parker.
„Ich hatte gerade die Tür geschlossen“, fuhr Flora fort.
„Ja, gnädiges Fräulein“, stimmte Parker zu. „Ihre Hand war noch am Griff, genau wie jetzt.“
„Dann allez“, sagte Poirot. „Spielen Sie mir die kleine Komödie vor.“
Flora stand mit der Hand am Türgriff, und Parker kam mit dem Tablett durch die Tür aus der Halle.
Er blieb kurz hinter der Tür stehen. Flora sprach.
„Oh! Parker. Mr. Ackroyd möchte heute Abend nicht mehr gestört werden.“
„Ist das richtig?“, fügte sie leise hinzu.
„So weit ich mich erinnere, Miss Flora“, sagte Parker, „aber ich glaube, Sie benutzten das Wort Abend statt Nacht.“ Dann, als er seine Stimme etwas theatralisch erhob: „Sehr wohl, gnädiges Fräulein. Soll ich wie üblich abschließen?“
„Ja, bitte.“
Parker zog sich durch die Tür zurück, Flora folgte ihm und begann, die Haupttreppe hinaufzusteigen.
„Reicht das?“, fragte sie über die Schulter.
„Bewundernswert“, erklärte der kleine Mann und rieb sich die Hände. „Übrigens, Parker, sind Sie sicher, dass an jenem Abend zwei Gläser auf dem Tablett standen? Für wen war das zweite?“
„Ich bringe immer zwei Gläser, mein Herr“, sagte Parker. „Wünschen Sie sonst noch etwas?“
„Nichts. Ich danke Ihnen.“
Parker zog sich zurück, würdevoll bis zuletzt.
Poirot stand mitten in der Halle und runzelte die Stirn. Flora kam herunter und gesellte sich zu uns.
„War Ihr Experiment erfolgreich?“, fragte sie. „Ich verstehe nicht ganz, wissen Sie...“
Poirot lächelte sie bewundernd an.
„Das ist nicht nötig“, sagte er. „Aber sagen Sie mir, standen an jenem Abend tatsächlich zwei Gläser auf Parkers Tablett?“
Flora runzelte eine Minute lang die Stirn.
„Ich kann mich wirklich nicht erinnern“, sagte sie. „Ich glaube schon. Ist – ist das das Ziel Ihres Experiments?“
Poirot nahm ihre Hand und tätschelte sie.
„Drücken wir es so aus“, sagte er. „Ich bin immer daran interessiert zu sehen, ob Leute die Wahrheit sagen.“
„Und hat Parker die Wahrheit gesagt?“
„Ich glaube fast, er hat es“, sagte Poirot nachdenklich.
Ein paar Minuten später machten wir uns auf den Rückweg ins Dorf.
„Was hatte es mit der Frage nach den Gläsern auf sich?“, fragte ich neugierig.
Poirot zuckte mit den Schultern.
„Man muss ja etwas sagen“, bemerkte er. „Diese spezielle Frage tat es genauso gut wie jede andere.“
Ich starrte ihn an.
„Jedenfalls, mein Freund“, sagte er ernster, „weiß ich jetzt etwas, das ich wissen wollte. Lassen Sie es dabei bewenden.“
KAPITEL XVI
EIN ABEND BEIM MAH-JONGG
An jenem Abend hatten wir eine kleine Mah-Jongg-Runde. Diese Art der einfachen Unterhaltung ist in King’s Abbot sehr beliebt. Die Gäste kommen nach dem Abendessen in Galoschen und Regenmänteln. Sie nehmen Kaffee und später Kuchen, Sandwiches und Tee zu sich.
An diesem besonderen Abend waren unsere Gäste Miss Ganett und Colonel Carter, der in der Nähe der Kirche wohnt. Bei diesen Abenden wird eine Menge Klatsch ausgetauscht, was manchmal das laufende Spiel ernsthaft stört. Früher spielten wir Bridge – geplappertes Bridge von der schlimmsten Sorte. Wir finden Mah-Jongg viel friedlicher. Die gereizte Frage, warum um Himmels willen der Partner eine bestimmte Karte nicht ausgespielt hat, fällt völlig weg, und obwohl wir immer noch offen Kritik äußern, herrscht nicht derselbe verbissene Geist.
„Sehr kalter Abend, was, Sheppard?“, sagte Colonel Carter und stellte sich mit dem Rücken zum Kamin. Caroline hatte Miss Ganett in ihr Zimmer mitgenommen und half ihr dort, sich aus ihren vielen Umhüllungen zu befreien. „Erinnert mich an die afghanischen Pässe.“
„Tatsächlich?“, sagte ich höflich.
„Sehr mysteriöse Angelegenheit, das mit dem armen Ackroyd“, fuhr der Colonel fort und nahm eine Tasse Kaffee entgegen. „Da steckt ein Teufelskerl dahinter – das sage ich Ihnen. Unter uns, Sheppard, ich habe das Wort Erpressung fallen hören!“
Der Colonel warf mir den Blick zu, der sich als „ein Mann von Welt zum anderen“ klassifizieren ließe.
„Eine Frau ist sicher darin verwickelt“, sagte er. „Verlassen Sie sich darauf, eine Frau steckt dahinter.“
Caroline und Miss Ganett gesellten sich in diesem Augenblick zu uns. Miss Ganett trank Kaffee, während Caroline die Mah-Jongg-Box herausholte und die Steine auf den Tisch schüttete.
„Die Steine waschen“, sagte der Colonel scherzhaft. „Das ist richtig – die Steine waschen, wie wir im Shanghai Club immer zu sagen pflegten.“
Es ist die private Meinung sowohl von Caroline als auch von mir, dass Colonel Carter noch nie in seinem Leben im Shanghai Club war. Mehr noch, dass er nie weiter östlich war als in Indien, wo er während des Großen Krieges mit Dosen von Dosenfleisch und Pflaumen-Apfel-Marmelade jonglierte. Aber der Colonel ist entschlossen militärisch, und in King’s Abbot erlauben wir den Menschen, ihre kleinen Eigenheiten frei auszuleben.
„Sollen wir anfangen?“, sagte Caroline.
Wir saßen um den Tisch herum. Fünf Minuten lang herrschte völlige Stille, da ein ungeheurer geheimer Wettbewerb unter uns herrschte, wer seine Mauer am schnellsten bauen konnte.
„Mach schon, James“, sagte Caroline schließlich. „Du bist Ostwind.“
Ich legte einen Stein ab. Eine oder zwei Runden verliefen, unterbrochen von den monotonen Bemerkungen „Drei Bambus“, „Zwei Kreise“, „Pung“ und häufig von Miss Ganett „Unpung“, was an der Gewohnheit der Dame lag, zu hastig Steine für sich zu beanspruchen, auf die sie kein Recht hatte.
„Ich habe Flora Ackroyd heute Morgen gesehen“, sagte Miss Ganett. „Pung – nein – Unpung. Ich habe mich geirrt.“
„Vier Kreise“, sagte Caroline. „Wo haben Sie sie gesehen?“
„Sie hat mich nicht gesehen“, sagte Miss Ganett mit jener ungeheuren Bedeutungsschwere, die man nur in kleinen Dörfern antrifft.
„Ah!“, sagte Caroline interessiert. „Chow.“
„Ich glaube“, sagte Miss Ganett, vorübergehend abgelenkt, „dass es heutzutage richtig ist, ‚Chee‘ zu sagen, nicht ‚Chow‘.“
„Unsinn“, sagte Caroline. „Ich habe immer ‚Chow‘ gesagt.“
„Im Shanghai Club“, sagte Colonel Carter, „sagen sie ‚Chow‘.“
Miss Ganett zog sich geschlagen zurück.
„Was sagten Sie über Flora Ackroyd?“, fragte Caroline nach ein oder zwei dem Spiel gewidmeten Momenten. „War sie mit jemandem zusammen?“
„Sehr wohl“, sagte Miss Ganett.
Die Augen der beiden Damen trafen sich und schienen Informationen auszutauschen.
„Wirklich“, sagte Caroline interessiert. „Ist es das? Nun, das überrascht mich keineswegs.“
„Wir warten darauf, dass Sie ablegen, Miss Caroline“, sagte der Colonel. Er nimmt manchmal die Pose des schroffen Mannes ein, der auf das Spiel konzentriert und gleichgültig gegenüber Klatsch ist. Aber niemand lässt sich täuschen.
„Wenn Sie mich fragen“, sagte Miss Ganett. („War das ein Bambus, den Sie abgelegt haben, Liebes? Oh! Nein, ich sehe es jetzt – es war ein Kreis.) Wie ich schon sagte, wenn Sie mich fragen, hatte Flora außerordentliches Glück. Außerordentliches Glück hatte sie.“
„Wie das, Miss Ganett?“, fragte der Colonel. „Ich Punge diesen Grünen Drachen. Wie kommen Sie darauf, dass Miss Flora Glück hatte? Sehr bezauberndes Mädchen und so weiter, das weiß ich.“
„Ich mag nicht viel von Verbrechen verstehen“, sagte Miss Ganett mit der Miene einer, die alles weiß, was es zu wissen gibt, „aber eines kann ich Ihnen sagen. Die erste Frage, die immer gestellt wird, ist: ‚Wer hat den Verstorbenen zuletzt lebend gesehen?‘ Und die Person, die es tat, wird mit Misstrauen betrachtet. Nun, Flora Ackroyd hat ihren Onkel zuletzt lebend gesehen. Es hätte sehr unangenehm für sie aussehen können – sehr unangenehm sogar. Es ist meine Meinung – und ich gebe sie so weiter, wie sie ist –, dass Ralph Paton ihr zuliebe wegbleibt, um den Verdacht von ihr abzulenken.“
„Kommen Sie jetzt“, protestierte ich sanft, „Sie können doch wohl nicht andeuten, dass ein junges Mädchen wie Flora Ackroyd fähig ist, ihren Onkel kaltblütig zu erstechen?“
„Nun, ich weiß nicht“, sagte Miss Ganett. „Ich habe gerade ein Buch aus der Bibliothek über die Unterwelt von Paris gelesen, und da steht, dass einige der schlimmsten weiblichen Kriminellen junge Mädchen mit dem Gesicht von Engeln sind.“
„Das ist in Frankreich“, sagte Caroline sofort.
„Eben“, sagte der Colonel. „Nun, ich erzähle Ihnen eine sehr kuriose Sache – eine Geschichte, die in Indien auf den Basaren kursierte...“
Die Geschichte des Colonels war von unendlicher Länge und von erstaunlich geringem Interesse. Ein Ereignis, das vor vielen Jahren in Indien geschah, kann sich keinen Augenblick mit einem Ereignis messen, das sich vorgestern in King’s Abbot ereignete.
Es war Caroline, die die Geschichte des Colonels beendete, indem sie glücklicherweise Mah-Jongg hatte. Nach der leichten Unannehmlichkeit, die meine Korrekturen von Carolines etwas fehlerhafter Arithmetik immer verursachten, begannen wir eine neue Runde.
„Ostwind passt“, sagte Caroline. „Ich habe meine eigene Idee über Ralph Paton. Drei Schriftzeichen. Aber die behalte ich vorerst für mich.“
„Wirklich, Liebes?“, sagte Miss Ganett. „Chow – ich meine Pung.“
„Ja“, sagte Caroline bestimmt.
„War das in Ordnung mit den Stiefeln?“, fragte Miss Ganett. „Dass sie schwarz waren, meine ich?“
„Ganz in Ordnung“, sagte Caroline.
„Was war wohl der Sinn davon?“, fragte Miss Ganett.
Caroline presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf mit der Miene, alles darüber zu wissen.
„Pung“, sagte Miss Ganett. „Nein – Unpung. Ich nehme an, dass der Doktor jetzt, wo er mit M. Poirot zusammenarbeitet, alle Geheimnisse kennt?“
„Weit gefehlt“, sagte ich.
„James ist so bescheiden“, sagte Caroline. „Ah! Ein verdeckter Kong.“
Der Colonel stieß einen Pfiff aus. Für einen Moment war der Klatsch vergessen.
„Ihr eigener Wind auch noch“, sagte er. „Und Sie haben zwei Pungs von Drachen. Wir müssen vorsichtig sein. Miss Caroline spielt auf eine große Hand.“
Wir spielten einige Minuten lang ohne irrelevante Unterhaltung.
„Dieser M. Poirot jetzt“, sagte Colonel Carter, „ist er wirklich so ein großer Detektiv?“
„Der größte, den die Welt je gekannt hat“, sagte Caroline feierlich. „Er musste inkognito hierher kommen, um Publizität zu vermeiden.“
„Chow“, sagte Miss Ganett. „Ganz wunderbar für unser kleines Dorf, ich bin sicher. Übrigens, Clara – mein Dienstmädchen, wissen Sie – ist sehr befreundet mit Elsie, dem Hausmädchen in Fernly, und was glauben Sie, was Elsie ihr erzählt hat? Dass eine Menge Geld gestohlen wurde, und sie ist der Meinung – Elsies Meinung –, dass das Stubenmädchen etwas damit zu tun hatte. Sie kündigt zum Monatsende und weint nachts sehr viel. Wenn Sie mich fragen, steckt das Mädchen höchstwahrscheinlich mit einer Bande unter einer Decke. Sie war schon immer ein seltsames Mädchen – sie ist mit keinem der Mädchen hier in der Gegend befreundet. An ihrem freien Tag geht sie allein weg – sehr unnatürlich, nenne ich das, und höchst verdächtig. Ich habe sie einmal gebeten, zu unseren Abenden für junge Mädchen zu kommen, aber sie hat abgelehnt, und dann habe ich ihr ein paar Fragen über ihr Zuhause und ihre Familie gestellt – all das Zeug, und ich muss sagen, ich fand ihr Benehmen höchst unverschämt. Äußerlich sehr respektvoll – aber sie hat mich auf die dreisteste Weise abgefertigt.“
Miss Ganett hielt inne, um Luft zu holen, und der Colonel, der sich absolut nicht für die Dienstbotenfrage interessierte, bemerkte, dass im Shanghai Club ein flottes Spiel die unveränderliche Regel sei.
Wir hatten eine Runde flottes Spiel.
„Diese Miss Russell“, sagte Caroline. „Sie kam her und gab vor, James am Freitagmorgen zu konsultieren. Es ist meine Meinung, dass sie sehen wollte, wo die Gifte aufbewahrt werden. Fünf Schriftzeichen.“
„Chow“, sagte Miss Ganett. „Was für eine außergewöhnliche Idee? Ich frage mich, ob Sie recht haben könnten.“
„Wo wir gerade von Giften sprechen“, sagte der Colonel. „Äh – was? Habe ich nicht abgelegt? Oh! Acht Bambus.“
„Mah-Jongg!“, sagte Miss Ganett.
Caroline war sehr verärgert.
„Ein Roter Drache“, sagte sie bedauernd, „und ich hätte eine Hand mit drei Verdopplungen gehabt.“
„Ich hatte die ganze Zeit zwei Rote Drachen“, erwähnte ich.
„So genau wie du, James“, sagte Caroline vorwurfsvoll. „Du hast keinen Begriff vom Geist des Spiels.“
Ich selbst fand, ich hätte ziemlich clever gespielt. Ich hätte Caroline eine enorme Summe zahlen müssen, wenn sie Mah-Jongg gehabt hätte. Miss Ganetts Mah-Jongg war von der schlechtesten Sorte, die möglich war, worauf Caroline nicht versäumte, sie hinzuweisen.
Ostwind passte, und wir begannen in Stille von Neuem. Annie brachte das Teeservice herein. Caroline und Miss Ganett waren beide leicht zerzaust, wie es bei solchen festlichen Abenden oft der Fall ist.
„Wenn du nur ein kleines bisschen schneller spielen würdest, Liebes“, sagte Caroline, als Miss Ganett bei ihrem Ablegen zögerte. „Die Chinesen legen die Steine so schnell hin, es klingt wie das Trippeln kleiner Vögel.“
Einige Minuten lang spielten wir wie die Chinesen.
„Du hast nicht viel zum Informationsschatz beigetragen, Sheppard“, sagte Colonel Carter jovial. „Du bist ein gerissener Hund. Hand in Hand mit dem großen Detektiv, und kein Sterbenswort darüber, wie sich die Dinge entwickeln.“
„James ist ein außergewöhnliches Geschöpf“, sagte Caroline. „Er kann sich einfach nicht dazu durchringen, Informationen preiszugeben.“
Sie sah mich mit einer gewissen Missbilligung an.
„Ich versichere dir“, sagte ich, „dass ich nichts weiß. Poirot behält seine Gedanken für sich.“
„Ein kluger Mann“, sagte der Colonel mit einem Kichern. „Er verrät sich nicht. Aber das sind wunderbare Kerle, diese ausländischen Detektive. Sie beherrschen alle möglichen Tricks, wie ich glaube.“
„Pung“, sagte Miss Ganett in einem Ton stillen Triumphs. „Und Mah-Jongg.“
Die Situation spannte sich noch weiter an. Es war der Ärger darüber, dass Miss Ganett zum dritten Mal in Folge Mah-Jongg hatte, der Caroline dazu veranlasste, zu mir zu sagen, während wir eine neue Mauer bauten:
„Du bist zu anstrengend, James. Du sitzt da wie ein Statist und sagst überhaupt nichts!“
„Aber meine Liebe“, wandte ich ein, „ich habe wirklich nichts zu sagen – zumindest nichts von der Art, wie du es meinst.“
„Unsinn“, sagte Caroline, während sie ihre Steine sortierte. „Du musst doch etwas Interessantes wissen.“
Ich antwortete einen Moment lang nicht. Ich war überwältigt und berauscht. Ich hatte von so etwas wie dem perfekten Gewinn gelesen – beim Mah-Jongg direkt mit der ursprünglichen Hand zu gewinnen. Ich hatte nie gehofft, selbst einmal diese Hand zu halten.
Mit unterdrücktem Triumph legte ich meine Hand offen auf den Tisch.
„Wie man im Shanghai Club sagt“, bemerkte ich, „Tin-ho – der perfekte Gewinn!“
Die Augen des Colonels quollen fast aus ihrem Höhlen.
„Bei meiner Seele“, sagte er. „Was für eine außergewöhnliche Sache. Das habe ich noch nie zuvor gesehen!“
Es war in diesem Moment, als ich, angestachelt durch Carolines Sticheleien und durch meinen Triumph leichtsinnig geworden, fortfuhr:
„Und was das Interessante angeht“, sagte ich. „Wie wäre es mit einem goldenen Ehering mit einem Datum und ‚Von R.‘ auf der Innenseite?“
Ich übergehe die Szene, die darauf folgte. Ich wurde gezwungen, genau zu sagen, wo dieser Schatz gefunden wurde. Ich wurde gezwungen, das Datum preiszugeben.
„13. März“, sagte Caroline. „Gerade einmal sechs Monate her. Ah!“
Aus dem Stimmengewirr aufgeregter Vermutungen und Annahmen entwickelten sich drei Theorien:
1. Die von Colonel Carter: dass Ralph heimlich Flora geheiratet hatte. Die erste oder einfachste Lösung.
2. Die von Miss Ganett: dass Roger Ackroyd heimlich Mrs. Ferrars geheiratet hatte.
3. Die meiner Schwester: dass Roger Ackroyd seine Haushälterin, Miss Russell, geheiratet hatte.
Eine vierte oder Super-Theorie wurde später von Caroline aufgestellt, als wir nach oben gingen, um schlafen zu gehen.
„Merk dir meine Worte“, sagte sie plötzlich, „ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn Geoffrey Raymond und Flora nicht verheiratet wären.“
„Sicherlich stünde dann ‚Von G.‘ und nicht ‚Von R.‘ darin“, gab ich zu bedenken.
„Man weiß nie. Manche Mädchen nennen Männer bei ihrem Nachnamen. Und du hast heute Abend gehört, was Miss Ganett gesagt hat – über Floras Umtriebe.“
Streng genommen hatte ich Miss Ganett nichts Derartiges sagen hören, aber ich respektierte Carolines Kenntnis von Anspielungen.
„Wie steht es mit Hector Blunt“, deutete ich an. „Falls es irgendjemand ist...“
„Unsinn“, sagte Caroline. „Ich wage zu behaupten, er bewundert sie – vielleicht ist er sogar in sie verliebt. Aber verlass dich drauf, ein Mädchen wird sich nicht in einen Mann verlieben, der alt genug ist, ihr Vater zu sein, wenn ein gut aussehender junger Sekretär in der Nähe ist. Sie mag Major Blunt ermutigen, nur als Blendwerk. Mädchen sind sehr gerissen. Aber eines sage ich dir, James Sheppard: Flora Ackroyd schert sich kein bisschen um Ralph Paton, und das hat sie auch noch nie. Das kannst du mir glauben.“
Ich glaubte es ihr unterwürfig.
KAPITEL XVII
PARKER
Am nächsten Morgen kam mir der Gedanke, dass ich unter dem Einfluss der Hochstimmung indiskret gewesen war. Zwar hatte mich Poirot nicht gebeten, die Entdeckung des Rings für mich zu behalten. Andererseits hatte er in Fernly kein Wort darüber verloren, und soweit ich wusste, war ich die einzige Person, die davon wusste, dass er gefunden worden war. Ich fühlte mich deutlich schuldig. Die Nachricht verbreitete sich mittlerweile wie ein Lauffeuer in King’s Abbot. Ich erwartete jeden Moment heftige Vorwürfe von Poirot.
Das gemeinsame Begräbnis von Mrs. Ferrars und Roger Ackroyd war auf elf Uhr festgesetzt. Es war eine melancholische und eindrucksvolle Zeremonie. Die gesamte Gesellschaft aus Fernly war anwesend.
Danach nahm mich Poirot, der ebenfalls anwesend gewesen war, beim Arm und lud mich ein, ihn nach The Larches zu begleiten. Er sah sehr ernst aus, und ich fürchtete, dass mein Indiskretion vom Vorabend ihm zu Ohren gekommen war. Aber es stellte sich bald heraus, dass seine Gedanken mit etwas völlig anderem beschäftigt waren.
„Hören Sie“, sagte er. „Wir müssen handeln. Mit Ihrer Hilfe schlage ich vor, einen Zeugen zu vernehmen. Wir werden ihn befragen, wir werden ihm solche Angst einjagen, dass die Wahrheit ans Licht kommen muss.“
„Von welchem Zeugen sprechen Sie?“, fragte ich sehr überrascht.
„Parker!“, sagte Poirot. „Ich habe ihn gebeten, heute Morgen um zwölf Uhr in meinem Haus zu sein. Er müsste jeden Augenblick dort auf uns warten.“
„Was denken Sie?“, wagte ich zu fragen und warf einen Blick von der Seite auf sein Gesicht.
„Ich weiß Folgendes: Ich bin nicht zufrieden.“
„Glauben Sie, dass er es war, der Mrs. Ferrars erpresst hat?“
„Entweder das, oder...“
„Nun?“, sagte ich, nachdem ich eine Minute oder zwei gewartet hatte.
„Mein Freund, ich sage Ihnen dies: Ich hoffe, er war es.“
Die Ernsthaftigkeit seines Auftretens und etwas Unbeschreibliches, das darin mitschwang, ließen mich verstummen.
Bei unserer Ankunft in The Larches erfuhren wir, dass Parker bereits dort war und auf unsere Rückkehr wartete. Als wir den Raum betraten, erhob sich der Butler respektvoll.
„Guten Morgen, Parker“, sagte Poirot freundlich. „Einen Augenblick bitte, ich bitte Sie.“
Er legte seinen Überzieher und seine Handschuhe ab.
„Erlauben Sie, mein Herr“, sagte Parker und eilte vor, um ihm zu helfen. Er legte die Gegenstände ordentlich auf einen Stuhl neben der Tür. Poirot beobachtete ihn mit Anerkennung.
„Danke, mein guter Parker“, sagte er. „Setzen Sie sich doch, wollen Sie nicht? Was ich zu sagen habe, könnte einige Zeit in Anspruch nehmen.“
Parker setzte sich mit einer entschuldigenden Neigung des Kopfes.
„Nun, was denken Sie, warum ich Sie heute Morgen hierher bestellt habe – eh?“
Parker hustete.
„Ich nahm an, mein Herr, dass Sie mir ein paar Fragen zu meinem verstorbenen Dienstherrn stellen wollten – so unter uns.“
„Précisément“, sagte Poirot und strahlte. „Haben Sie schon viele Experimente mit Erpressung gemacht?“
„Mein Herr!“
Der Butler sprang auf.
„Regen Sie sich nicht auf“, sagte Poirot gelassen. „Spielen Sie nicht die Farce des ehrlichen, gekränkten Mannes. Sie wissen alles, was es über die Erpressung zu wissen gibt, nicht wahr?“
„Mein Herr, ich – ich wurde nie – nie...“
„Beleidigt“, schlug Poirot vor, „auf diese Weise zuvor. Warum also, mein ausgezeichneter Parker, waren Sie so darauf erpicht, das Gespräch in Mr. Ackroyds Arbeitszimmer neulich Abend mitzuhören, nachdem Sie das Wort Erpressung aufgeschnappt hatten?“
„Ich war nicht – ich...“
„Wer war Ihr letzter Dienstherr?“, schoss Poirot plötzlich hervor.
„Mein letzter Dienstherr?“
„Ja, der Dienstherr, bei dem Sie waren, bevor Sie zu Mr. Ackroyd kamen.“
„Ein Major Ellerby, mein Herr...“
Poirot nahm ihm die Worte aus dem Mund.
„Genau, Major Ellerby. Major Ellerby war drogenabhängig, nicht wahr? Sie reisten mit ihm umher. Als er auf den Bermudas war, gab es Ärger – ein Mann wurde getötet. Major Ellerby war teilweise verantwortlich. Es wurde vertuscht. Aber Sie wussten davon. Wie viel hat Major Ellerby Ihnen bezahlt, damit Sie den Mund halten?“
Parker starrte ihn mit offenem Mund an. Der Mann war zusammengebrochen, seine Wangen bebten schlaff.
„Sehen Sie, ich habe Nachforschungen angestellt“, sagte Poirot freundlich. „Es ist so, wie ich sage. Sie haben damals eine schöne Summe als Erpressungsgeld bekommen, und Major Ellerby zahlte weiter, bis er starb. Nun möchte ich von Ihrem neuesten Experiment hören.“
Parker starrte immer noch.
„Es ist zwecklos zu leugnen. Hercule Poirot weiß es. Es ist doch so, wie ich über Major Ellerby gesagt habe, nicht wahr?“
Wie gegen seinen Willen nickte Parker einmal widerwillig. Sein Gesicht war aschfahl.
„Aber ich habe keinem Haar auf Mr. Ackroyds Haupt etwas zuleide getan“, wimmerte er. „Bei Gott, mein Herr, das habe ich nicht. Ich habe die ganze Zeit Angst gehabt, dass es so weit kommt. Und ich sage Ihnen, ich habe ihn nicht – ich habe ihn nicht umgebracht.“
Seine Stimme stieg fast zu einem Schrei an.
„Ich neige dazu, Ihnen zu glauben, mein Freund“, sagte Poirot. „Dazu fehlt Ihnen die Nervenstärke – der Mut. Aber ich muss die Wahrheit erfahren.“
„Ich sage Ihnen alles, mein Herr, alles, was Sie wissen wollen. Es stimmt, dass ich versucht habe, in jener Nacht zu lauschen. Ein oder zwei Worte, die ich hörte, machten mich neugierig. Und dass Mr. Ackroyd nicht gestört werden wollte und sich mit dem Doktor einschloss, wie er es tat. Es ist die reine Wahrheit, was ich der Polizei gesagt habe. Ich hörte das Wort Erpressung, mein Herr, und nun ja...“
Er hielt inne.
„Sie dachten, da könnte etwas für Sie dabei sein?“, schlug Poirot sanft vor.
„Nun – nun ja, das tat ich, mein Herr. Ich dachte mir, wenn Mr. Ackroyd erpresst wird, warum sollte ich nicht einen Anteil an der Beute abbekommen?“
Ein sehr seltsamer Ausdruck huschte über Poirots Gesicht. Er lehnte sich vor.
„Hatten Sie vor jener Nacht irgendeinen Grund anzunehmen, dass Mr. Ackroyd erpresst wurde?“
„Nein, wirklich nicht, mein Herr. Es war eine große Überraschung für mich. So ein gesetzter Herr in all seinen Gewohnheiten.“
„Wie viel haben Sie mitgehört?“
„Nicht sehr viel, mein Herr. Es schien, als ob da so etwas wie ein Groll gegen mich wäre. Natürlich musste ich meine Pflichten in der Anrichte erfüllen. Und als ich das eine oder andere Mal zum Arbeitszimmer schlich, war es zwecklos. Das erste Mal kam Dr. Sheppard heraus und erwischte mich fast auf frischer Tat, und ein anderes Mal ging Mr. Raymond im großen Flur an mir vorbei und in diese Richtung, also wusste ich, dass es keinen Sinn hatte; und als ich mit dem Tablett kam, hielt mich Miss Flora ab.“
Poirot starrte den Mann lange an, als wollte er seine Aufrichtigkeit prüfen. Parker erwiderte seinen Blick ernst.
„Ich hoffe, Sie glauben mir, mein Herr. Ich habe die ganze Zeit befürchtet, die Polizei würde die alte Geschichte mit Major Ellerby ausgraben und mich infolgedessen verdächtigen.“
„Eh bien“, sagte Poirot schließlich. „Ich bin geneigt, Ihnen zu glauben. Aber eine Sache muss ich von Ihnen verlangen: Zeigen Sie mir Ihr Sparbuch. Sie haben ein Sparbuch, nehme ich an?“
„Ja, mein Herr, tatsächlich habe ich es bei mir.“
Ohne Anzeichen von Verwirrung holte er es aus seiner Tasche. Poirot nahm das schmale, grün gebundene Buch und las die Einträge.
„Ah! Ich sehe, Sie haben in diesem Jahr für 500 Pfund nationale Sparbriefe erworben?“
„Ja, mein Herr. Ich habe bereits über tausend Pfund gespart – das Ergebnis meiner Verbindung mit – äh – meinem verstorbenen Dienstherrn, Major Ellerby. Und ich habe dieses Jahr ein wenig auf Pferde gewettet – sehr erfolgreich. Wenn Sie sich erinnern, mein Herr, gewann ein krasser Außenseiter das Jubilee. Ich hatte das Glück, darauf zu setzen – 20 Pfund.“
Poirot gab ihm das Buch zurück.
„Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen. Ich glaube, dass Sie mir die Wahrheit gesagt haben. Falls nicht – umso schlimmer für Sie, mein Freund.“
Als Parker gegangen war, nahm Poirot seinen Überzieher wieder auf.
„Gehen wir wieder aus?“, fragte ich.
„Ja, wir werden dem guten M. Hammond einen kleinen Besuch abstatten.“
„Sie glauben Parkers Geschichte?“
„Sie ist auf den ersten Blick glaubwürdig genug. Es scheint klar zu sein – es sei denn, er ist ein wirklich guter Schauspieler –, dass er ernsthaft glaubt, es sei Ackroyd selbst gewesen, der das Opfer einer Erpressung wurde. Wenn dem so ist, weiß er absolut nichts über die Angelegenheit mit Mrs. Ferrars.“
„Dann, in diesem Fall – wer...“
„Précisément! Wer? Aber unser Besuch bei M. Hammond wird einen Zweck erfüllen. Er wird Parker entweder vollständig entlasten oder aber...“
„Nun?“
„Ich verfalle heute Morgen der schlechten Angewohnheit, meine Sätze unvollendet zu lassen“, sagte Poirot entschuldigend. „Sie müssen Nachsicht mit mir haben.“
„Übrigens“, sagte ich etwas verlegen, „ich habe ein Geständnis zu machen. Ich fürchte, ich habe versehentlich etwas über diesen Ring ausgeplaudert.“
„Welchen Ring?“
„Den Ring, den Sie im Goldfischteich gefunden haben.“
„Ah! Ja“, sagte Poirot und lächelte breit.
„Ich hoffe, Sie sind nicht verärgert? Es war sehr unvorsichtig von mir.“
„Aber ganz und gar nicht, mein guter Freund, ganz und gar nicht. Ich habe Ihnen keine Befehle erteilt. Es stand Ihnen frei, darüber zu sprechen, wenn Sie es wollten. Sie war interessiert, Ihre Schwester?“
„Das war sie in der Tat. Es hat für Aufsehen gesorgt. Alle möglichen Theorien fliegen herum.“
„Ah! Und doch ist es so einfach. Die wahre Erklärung sprang ins Auge, nicht wahr?“
„Tat sie das?“, sagte ich trocken.
Poirot lachte.
„Der kluge Mann legt sich nicht fest“, bemerkte er. „Ist das nicht so? Aber hier sind wir bei Mr. Hammond.“
Der Anwalt war in seinem Büro, und wir wurden ohne Verzug hereingebeten. Er erhob sich und begrüßte uns in seiner trockenen, präzisen Art.
Poirot kam sofort zum Punkt.
„Monsieur, ich wünsche von Ihnen bestimmte Informationen, das heißt, wenn Sie so gut sein wollen, sie mir zu geben. Sie waren, wie ich verstehe, der Anwalt der verstorbenen Mrs. Ferrars aus King’s Paddock?“
Ich bemerkte das flüchtige Aufblitzen von Überraschung in den Augen des Anwalts, bevor seine professionelle Reserve wie eine Maske wieder über sein Gesicht fiel.
„Gewiss. Alle ihre Angelegenheiten gingen durch unsere Hände.“
„Sehr gut. Nun, bevor ich Sie bitte, mir etwas zu sagen, möchte ich, dass Sie der Geschichte zuhören, die Dr. Sheppard Ihnen erzählen wird. Sie haben doch nichts dagegen, mein Freund, das Gespräch zu wiederholen, das Sie am letzten Freitagabend mit Mr. Ackroyd hatten?“
„Nicht im Geringsten“, sagte ich und begann sogleich mit der Schilderung jenes merkwürdigen Abends.
Hammond hörte aufmerksam zu.
„Das ist alles“, sagte ich, als ich fertig war.
„Erpressung“, sagte der Anwalt nachdenklich.
„Sie sind überrascht?“, fragte Poirot.
Der Anwalt nahm seine Pince-nez ab und polierte sie mit seinem Taschentuch.
„Nein“, antwortete er, „ich kann kaum sagen, dass ich überrascht bin. Ich habe schon seit einiger Zeit etwas in dieser Richtung vermutet.“
„Das bringt uns“, sagte Poirot, „zu der Information, um die ich bitte. Wenn irgendjemand uns eine Vorstellung von den tatsächlich gezahlten Summen geben kann, dann Sie, Monsieur.“
„Ich sehe keinen Grund, die Informationen zurückzuhalten“, sagte Hammond nach einem oder zwei Momenten. „Während des letzten Jahres hat Mrs. Ferrars bestimmte Wertpapiere verkauft, und das Geld dafür wurde auf ihr Konto eingezahlt und nicht wieder angelegt. Da ihr Einkommen groß war und sie nach dem Tod ihres Mannes sehr zurückgezogen lebte, scheint es sicher, dass diese Geldbeträge für einen speziellen Zweck ausgegeben wurden. Ich habe sie einmal diesbezüglich sondiert, und sie sagte, sie sei verpflichtet, einige der armen Verwandten ihres Mannes zu unterstützen. Ich ließ das Thema natürlich fallen. Bis jetzt habe ich immer angenommen, das Geld sei an eine Frau gezahlt worden, die Ansprüche an Ashley Ferrars gehabt hätte. Ich habe nie im Traum daran gedacht, dass Mrs. Ferrars selbst darin verwickelt war.“
„Und die Summe?“, fragte Poirot.
„Alles in allem würde ich sagen, dass die verschiedenen Beträge insgesamt mindestens zwanzigtausend Pfund ausmachten.“
„Zwanzigtausend Pfund!“, rief ich aus. „In einem Jahr!“
„Mrs. Ferrars war eine sehr wohlhabende Frau“, sagte Poirot trocken. „Und die Strafe für Mord ist keine angenehme.“
„Gibt es sonst noch etwas, das ich Ihnen sagen kann?“, erkundigte sich Mr. Hammond.
„Ich danke Ihnen, nein“, sagte Poirot und erhob sich. „Alle meine Entschuldigungen dafür, Sie gestört zu haben.“
„Keineswegs, keineswegs.“
„Das Wort ‚stören‘“, bemerkte ich, als wir wieder draußen waren, „ist nur auf geistige Verwirrung anwendbar.“
„Ah!“, rief Poirot, „niemals wird mein Englisch ganz perfekt sein. Eine merkwürdige Sprache. Ich hätte also sagen sollen ‚in Unordnung gebracht‘, n’est-ce pas?“
„Sie hatten das Wort ‚beunruhigt‘ im Sinn.“
„Ich danke Ihnen, mein Freund. Das exakte Wort, Sie sind eifrig darauf bedacht. Eh bien, was ist nun mit unserem Freund Parker? Hätte er mit zwanzigtausend Pfund in der Hand weiterhin als Butler gearbeitet? Je ne pense pas. Es ist natürlich möglich, dass er das Geld unter einem anderen Namen auf ein Bankkonto eingezahlt hat, aber ich neige dazu zu glauben, dass er uns die Wahrheit gesagt hat. Wenn er ein Schurke ist, dann ist er ein Schurke im kleinen Maßstab. Er hat nicht die großen Ideen. Das lässt uns als Möglichkeit Raymond oder – nun – Major Blunt.“
„Sicherlich nicht Raymond“, wandte ich ein. „Da wir wissen, dass er wegen einer Summe von fünfhundert Pfund verzweifelt in Geldnot war.“
„Das ist es, was er sagt, ja.“
„Und was Hector Blunt angeht...“
„Ich werde Ihnen etwas über den guten Major Blunt sagen“, unterbrach Poirot. „Es ist meine Aufgabe, Nachforschungen anzustellen. Ich stelle sie an. Eh bien – diese Erbschaft, von der er spricht, ich habe herausgefunden, dass sich deren Höhe auf nahezu zwanzigtausend Pfund belief. Was denken Sie darüber?“
Ich war so verblüfft, dass ich kaum sprechen konnte.
„Das ist unmöglich“, sagte ich schließlich. „Ein so bekannter Mann wie Hector Blunt.“
Poirot zuckte mit den Schultern.
„Wer weiß? Zumindest ist er ein Mann mit großen Ideen. Ich gestehe, dass ich ihn kaum als Erpresser sehe, aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, die Sie nicht einmal in Betracht gezogen haben.“
„Was ist das?“
„Das Feuer, mein Freund. Ackroyd selbst könnte diesen Brief, den blauen Umschlag und alles, vernichtet haben, nachdem Sie ihn verlassen haben.“
„Das halte ich kaum für wahrscheinlich“, sagte ich langsam. „Und doch – natürlich kann es so sein. Er könnte seine Meinung geändert haben.“
Wir waren gerade bei meinem Haus angekommen, und spontan lud ich Poirot ein, hereinzukommen und das zu essen, was wir eben da hatten.
Ich dachte, Caroline würde mit mir zufrieden sein, aber es ist schwer, seine weiblichen Angehörigen zufriedenzustellen. Es stellte sich heraus, dass wir Koteletts zu Mittag aßen – das Küchenpersonal wurde mit Kutteln und Zwiebeln bewirtet. Und zwei Koteletts für drei Personen führen zu Verlegenheit.
Aber Caroline lässt sich selten lange entmutigen. Mit großartiger Verlogenheit erklärte sie Poirot, dass sie sich – obwohl James sie dafür auslachte – strikt vegetarisch ernähre. Sie schwärmte ekstatisch von den Vorzügen von Nuss-Schnitzeln (von denen ich mir sicher bin, dass sie sie noch nie probiert hat) und aß genüsslich ein Welsh Rarebit, wobei sie häufig schneidende Bemerkungen über die Gefahren von „Fleisch“-Nahrung machte.
Später, als wir vor dem Kamin saßen und rauchten, griff Caroline Poirot direkt an.
„Noch immer nicht Ralph Paton gefunden?“, fragte sie.
„Wo sollte ich ihn finden, Mademoiselle?“
„Ich dachte, vielleicht hätten Sie ihn in Cranchester gefunden“, sagte Caroline mit intensiver Bedeutung in ihrem Tonfall.
Poirot sah lediglich verwirrt aus.
„In Cranchester? Aber warum in Cranchester?“
Ich klärte ihn mit einem Hauch von Bosheit auf.
„Einer aus unserem großen Stab von Privatdetektiven hat Sie zufällig gestern in einem Auto auf der Straße nach Cranchester gesehen“, erklärte ich.
Poirots Verwirrung verschwand. Er lachte herzlich.
„Ah, das! Ein einfacher Besuch beim Zahnarzt, c’est tout. Mein Zahn, er schmerzt. Ich gehe dorthin. Mein Zahn, er ist sofort besser. Ich denke, schnell zurückzukehren. Der Zahnarzt, er sagt Nein. Besser, ihn herauszuziehen. Ich streite. Er besteht darauf. Er bekommt seinen Willen! Dieser spezielle Zahn, er wird nie wieder schmerzen.“
Caroline fiel in sich zusammen wie ein angestochener Luftballon.
Wir begannen, Ralph Paton zu diskutieren.
„Ein schwacher Charakter“, beharrte ich. „Aber kein bösartiger.“
„Ah!“, sagte Poirot. „Aber Schwäche, wo endet sie?“
„Genau“, sagte Caroline. „Nehmen Sie James hier – schwach wie Wasser, wenn ich nicht da wäre, um mich um ihn zu kümmern.“
„Meine liebe Caroline“, sagte ich gereizt, „kannst du nicht reden, ohne Persönlichkeiten mit hineinzuziehen?“
„Du bist schwach, James“, sagte Caroline, ganz ungerührt. „Ich bin acht Jahre älter als du – oh! Ich habe nichts dagegen, dass M. Poirot das weiß...“
„Ich hätte es nie erraten, Mademoiselle“, sagte Poirot mit einer galanten kleinen Verbeugung.
„Acht Jahre älter. Aber ich habe es immer als meine Pflicht betrachtet, mich um dich zu kümmern. Bei einer schlechten Erziehung, wer weiß, in welch ein Unheil du bis jetzt hättest geraten können.“
„Ich hätte eine schöne Abenteurerin heiraten können“, murmelte ich, starrte an die Decke und blies Rauchringe.
„Abenteurerin!“, sagte Caroline mit einem Schnauben. „Wenn wir von Abenteurerinnen sprechen...“
Sie ließ den Satz unvollendet.
„Nun?“, sagte ich mit einiger Neugier.
„Nichts. Aber mir fällt da jemand ein, der nicht hundert Meilen entfernt ist.“
Dann wandte sie sich plötzlich an Poirot.
„James bleibt dabei, dass Sie glauben, jemand im Haus habe den Mord begangen. Alles, was ich sagen kann, ist, Sie irren sich.“
„Ich würde mich ungern irren“, sagte Poirot. „Das ist nicht – wie sagen Sie – mein Métier?“
„Ich habe die Fakten ziemlich klar“, fuhr Caroline fort, ohne Poirots Bemerkung zu beachten, „von James und anderen. Soweit ich sehen kann, hätten von den Personen im Haus nur zwei die Gelegenheit dazu gehabt. Ralph Paton und Flora Ackroyd.“
„Meine liebe Caroline...“
„Nun, James, unterbrich mich nicht. Ich weiß, wovon ich rede. Parker traf sie vor der Tür, nicht wahr? Er hat nicht gehört, wie ihr Onkel ihr gute Nacht gesagt hat. Sie hätte ihn dann und dort umbringen können.“
„Caroline.“
„Ich sage nicht, dass sie es getan hat, James. Ich sage, dass sie es hätte tun können. Um die Wahrheit zu sagen, glaube ich zwar nicht eine Sekunde lang, dass Flora – obwohl sie wie all diese jungen Mädchen heutzutage ist, ohne jede Ehrfurcht vor ihren Vorgesetzten und in der Meinung, sie wüssten bei jedem Thema unter der Sonne besser Bescheid – auch nur ein Huhn töten würde. Aber es ist nun einmal so. Mr. Raymond und Major Blunt haben Alibis. Mrs. Ackroyd hat ein Alibi. Sogar dieses Russell-Weib scheint eines zu haben – und es ist ein Glück für sie, dass sie es hat. Wer bleibt übrig? Nur Ralph und Flora! Und sag, was du willst, ich glaube nicht, dass Ralph Paton ein Mörder ist. Ein Junge, den wir unser ganzes Leben lang kennen.“
Poirot schwieg eine Minute lang und beobachtete den kräuselnden Rauch, der von seiner Zigarette aufstieg. Als er schließlich sprach, tat er es mit einer sanften, entrückten Stimme, die einen seltsamen Eindruck hinterließ. Sie unterschied sich völlig von seiner üblichen Art.
„Nehmen wir einen Mann – einen ganz gewöhnlichen Mann. Einen Mann, der keinen Gedanken an Mord im Herzen trägt. Irgendwo in ihm steckt eine Schwäche – tief im Inneren. Sie wurde bisher nie auf die Probe gestellt. Vielleicht wird sie es nie – und dann wird er von jedem geehrt und geachtet zu Grabe getragen werden. Doch nehmen wir an, es geschieht etwas. Er steckt in Schwierigkeiten – oder vielleicht nicht einmal das. Er könnte zufällig auf ein Geheimnis stoßen – ein Geheimnis, bei dem es für jemanden um Leben oder Tod geht. Und sein erster Impuls wird sein, es auszusprechen – seine Pflicht als ehrlicher Bürger zu tun. Und dann macht sich die Schwäche bemerkbar. Hier ist eine Gelegenheit für Geld – eine große Menge Geld. Er will Geld – er begehrt es – und es ist so einfach. Er muss nichts dafür tun – nur schweigen. Das ist der Anfang. Das Verlangen nach Geld wächst. Er muss mehr haben – und noch mehr! Er ist berauscht von der Goldmine, die sich zu seinen Füßen geöffnet hat. Er wird gierig. Und in seiner Gier überhebt er sich. Man kann einen Mann so weit drängen, wie man will – aber eine Frau darf man nicht zu weit drängen. Denn eine Frau trägt im Herzen ein großes Verlangen, die Wahrheit zu sagen. Wie viele Ehemänner, die ihre Frauen betrogen haben, gehen bequem zu Grabe und nehmen ihr Geheimnis mit! Wie viele Ehefrauen, die ihre Männer betrogen haben, ruinieren ihr Leben, indem sie genau diesen Männern die Tatsache unter die Nase reiben! Sie wurden zu weit gedrängt. In einem unbedachten Moment (den sie hinterher bereuen werden, bien entendu) werfen sie die Vorsicht über Bord und wehren sich, indem sie die Wahrheit mit einem großen, flüchtigen Gefühl der Befriedigung für sich selbst verkünden. So war es, denke ich, auch in diesem Fall. Der Druck war zu groß. Und so kam es zu Ihrem Sprichwort, dem Tod der Gans, die die goldenen Eier legte. Aber das ist noch nicht das Ende. Dem Mann, von dem wir sprechen, drohte die Entlarvung. Und er ist nicht mehr derselbe Mann, der er vor, sagen wir, einem Jahr war. Sein moralisches Rückgrat ist abgestumpft. Er ist verzweifelt. Er führt einen aussichtslosen Kampf, und er ist bereit, jedes Mittel zu ergreifen, das ihm in die Hände fällt, denn Entlarvung bedeutet für ihn den Ruin. Und so – schlägt der Dolch zu!“
Er schwieg einen Moment. Es war, als hätte er einen Zauber über den Raum gelegt. Ich kann nicht versuchen, den Eindruck zu beschreiben, den seine Worte hervorriefen. Es lag etwas in der gnadenlosen Analyse und der rücksichtslosen Sehkraft, das uns beide mit Furcht erfüllte.
„Danach“, fuhr er leise fort, „wenn die Gefahr beseitigt ist, wird er wieder er selbst sein, normal, freundlich. Aber wenn die Notwendigkeit wieder entsteht, dann wird er erneut zuschlagen.“
Caroline raffte sich schließlich auf.
„Sie sprechen von Ralph Paton“, sagte sie. „Sie mögen recht haben, Sie mögen auch nicht recht haben, aber Sie haben nicht das Recht, einen Mann zu verurteilen, ohne ihn angehört zu haben.“
Das Telefon klingelte schrill. Ich ging in den Flur und nahm den Hörer ab.
„Was?“, sagte ich. „Ja. Dr. Sheppard am Apparat.“
Ich hörte ein oder zwei Minuten lang zu und antwortete dann kurz. Ich legte den Hörer auf und ging zurück ins Wohnzimmer.
„Poirot“, sagte ich, „sie haben einen Mann in Liverpool festgehalten. Sein Name ist Charles Kent, und man glaubt, dass er der Fremde ist, der Fernly in jener Nacht besuchte. Sie wollen, dass ich sofort nach Liverpool fahre und ihn identifiziere.“
KAPITEL XVIII
CHARLES KENT
Eine halbe Stunde später saßen Poirot, ich selbst und Inspektor Raglan im Zug auf dem Weg nach Liverpool. Der Inspektor war sichtlich sehr aufgeregt.
„Wir könnten eine Spur zum Erpressungsteil der Sache bekommen, wenn schon zu nichts anderem“, verkündete er jubelnd. „Er ist ein rauer Bursche, dieser Kerl, nach dem, was ich am Telefon gehört habe. Nimmt auch Drogen. Wir sollten es leicht haben, aus ihm herauszubekommen, was wir wollen. Wenn es auch nur den Schatten eines Motivs gab, ist nichts wahrscheinlicher, als dass er Mr. Ackroyd getötet hat. Aber warum hält sich der junge Paton dann aus der Schusslinie? Die ganze Sache ist ein Durcheinander – das ist es. Übrigens, M. Poirot, Sie hatten völlig recht mit diesen Fingerabdrücken. Sie waren Mr. Ackroyds eigene. Ich hatte selbst einen ähnlichen Gedanken, aber ich tat ihn als kaum durchführbar ab.“
Ich lächelte in mich hinein. Inspektor Raglan versuchte so offensichtlich, sein Gesicht zu wahren.
„Was diesen Mann betrifft“, sagte Poirot, „er ist noch nicht verhaftet, nicht wahr?“
„Nein, unter Verdacht festgehalten.“
„Und was gibt er über sich selbst an?“
„Verdammt wenig“, sagte der Inspektor mit einem Grinsen. „Er ist ein vorsichtiger Vogel, wie ich mitbekomme. Eine Menge Beschimpfungen, aber sehr wenig mehr.“
Bei unserer Ankunft in Liverpool war ich überrascht festzustellen, dass Poirot mit großem Beifall begrüßt wurde. Superintendent Hayes, der uns empfing, hatte vor langer Zeit bei einem Fall mit Poirot zusammengearbeitet und hatte offensichtlich eine übertriebene Meinung von seinen Fähigkeiten.
„Jetzt, wo wir M. Poirot hier haben, wird es nicht lange dauern“, sagte er fröhlich. „Ich dachte, Sie wären im Ruhestand, Moosieur?“
„Das war ich auch, mein guter Hayes, das war ich. Aber wie ermüdend ist der Ruhestand! Sie können sich die Monotonie nicht vorstellen, mit der Tag auf Tag folgt.“
„Sehr wahrscheinlich. Sie sind also gekommen, um sich unseren besonderen Fund anzusehen? Ist das Dr. Sheppard? Glauben Sie, dass Sie ihn identifizieren können, mein Herr?“
„Ich bin mir nicht sehr sicher“, sagte ich zweifelnd.
„Wie sind Sie seiner habhaft geworden?“, erkundigte sich Poirot.
„Die Beschreibung wurde verbreitet, wie Sie wissen. In der Presse und privat. Nicht viel, worauf man aufbauen könnte, das gebe ich zu. Dieser Kerl hat jedenfalls einen amerikanischen Akzent, und er leugnet nicht, dass er in jener Nacht in der Nähe von King’s Abbot war. Er fragt nur, was zum Teufel uns das angeht, und dass er uns in der Hölle sehen wird, bevor er irgendwelche Fragen beantwortet.“
„Ist es gestattet, dass auch ich ihn sehe?“, fragte Poirot.
Der Superintendent schloss wissend ein Auge.
„Sehr gerne, mein Herr. Sie haben die Erlaubnis, alles zu tun, was Ihnen beliebt. Inspektor Japp von Scotland Yard hat neulich nach Ihnen gefragt. Er sagte, er hätte gehört, Sie seien inoffiziell mit diesem Fall verbunden. Wo versteckt sich Captain Paton, können Sie mir das sagen?“
„Ich bezweifle, dass das zum jetzigen Zeitpunkt klug wäre“, sagte Poirot steif, und ich biss mir auf die Lippen, um ein Lächeln zu unterdrücken.
Der kleine Mann machte das wirklich sehr gut.
Nach weiteren Verhandlungen wurden wir zum Verhör des Gefangenen geführt.
Er war ein junger Bursche, ich würde sagen, nicht mehr als zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig. Groß, dünn, mit leicht zitternden Händen und Anzeichen erheblicher körperlicher Stärke, die etwas heruntergekommen wirkte. Sein Haar war dunkel, aber seine Augen waren blau und flackernd, selten einem Blick direkt begegnend. Ich hatte die ganze Zeit die Illusion gehegt, dass mir die Gestalt, die ich in jener Nacht getroffen hatte, irgendwie bekannt vorkam, aber wenn dies tatsächlich er war, hatte ich mich völlig getäuscht. Er erinnerte mich nicht im Geringsten an jemanden, den ich kannte.
„Also gut, Kent“, sagte der Superintendent, „stehen Sie auf. Hier sind einige Besucher, die Sie sehen wollen. Erkennen Sie jemanden von ihnen?“
Kent starrte uns finster an, antwortete aber nicht. Ich sah, wie sein Blick über uns drei schweifte und auf mir ruhen blieb.
„Nun, mein Herr“, sagte der Superintendent zu mir, „was sagen Sie?“
„Die Körpergröße ist dieselbe“, sagte ich, „und was das allgemeine Erscheinungsbild angeht, könnte es gut der betreffende Mann sein. Weiter könnte ich nicht gehen.“
„Was zum Teufel soll das alles bedeuten?“, fragte Kent. „Was haben Sie gegen mich? Los, raus damit! Was soll ich getan haben?“
Ich nickte mit dem Kopf.
„Er ist es“, sagte ich. „Ich erkenne die Stimme.“
„Erkennen meine Stimme, tun Sie das? Wo glauben Sie, sie schon mal gehört zu haben?“
„Am letzten Freitagabend, vor den Toren von Fernly Park. Sie haben mich nach dem Weg dorthin gefragt.“
„Das habe ich, habe ich?“
„Geben Sie es zu?“, fragte der Inspektor.
„Ich gebe gar nichts zu. Nicht, bis ich weiß, was Sie gegen mich in der Hand haben.“
„Haben Sie in den letzten Tagen nicht die Zeitungen gelesen?“, fragte Poirot, der zum ersten Mal sprach.
Die Augen des Mannes verengten sich.
„Also das ist es also, was? Ich habe gesehen, dass ein alter Herr in Fernly abgemurkst wurde. Versuchen Sie mir einzureden, dass ich den Job erledigt habe, was?“
„Sie waren in jener Nacht dort“, sagte Poirot ruhig.
„Woher wollen Sie das wissen, Mister?“
„Daran.“ Poirot nahm etwas aus seiner Tasche und hielt es hin.
Es war der Gänsekiel, den wir im Sommerhaus gefunden hatten.
Beim Anblick des Kiels veränderte sich das Gesicht des Mannes. Er hielt halb seine Hand hin.
„Schnee“, sagte Poirot nachdenklich. „Nein, mein Freund, er ist leer. Er lag dort, wo Sie ihn in jener Nacht im Sommerhaus fallen ließen.“
Charles Kent sah ihn unsicher an.
„Sie scheinen verdammt viel über alles zu wissen, Sie kleiner ausländischer Kuckuck. Vielleicht erinnern Sie sich an Folgendes: In den Zeitungen steht, dass der alte Herr zwischen viertel vor zehn und zehn Uhr abgemurkst wurde?“
„Das ist so“, stimmte Poirot zu.
„Ja, aber ist es wirklich so? Darauf will ich hinaus.“
„Dieser Herr wird es Ihnen sagen“, sagte Poirot.
Er deutete auf Inspektor Raglan. Letzterer zögerte, warf Superintendent Hayes einen Blick zu, dann Poirot, und schließlich, als ob er eine Genehmigung erhielte, sagte er:
„Das stimmt. Zwischen viertel vor zehn und zehn Uhr.“
„Dann haben Sie keinen Grund mehr, mich hier zu behalten“, sagte Kent. „Ich war um fünfundzwanzig nach neun aus Fernly Park weg. Sie können im Dog and Whistle fragen. Das ist eine Kneipe etwa eine Meile außerhalb von Fernly an der Straße nach Cranchester. Ich habe dort ein bisschen Krach gemacht, das weiß ich noch. Es war so gut wie viertel vor zehn. Was sagen Sie dazu?“
Inspektor Raglan schrieb etwas in sein Notizbuch.
„Nun?“, verlangte Kent.
„Es werden Nachforschungen angestellt“, sagte der Inspektor. „Wenn Sie die Wahrheit gesagt haben, werden Sie keinen Grund zur Beschwerde haben. Was haben Sie überhaupt in Fernly Park gemacht?“
„Ich bin dorthin gegangen, um jemanden zu treffen.“
„Wen?“
„Das geht Sie gar nichts an.“
„Sie sollten sich besser zivilisiert ausdrücken, mein Guter“, warnte ihn der Superintendent.
„Zur Hölle mit zivilisiertem Ausdruck. Ich bin in meiner eigenen Angelegenheit dorthin gegangen, und das ist alles, was es dazu zu sagen gibt. Wenn ich weg war, bevor der Mord begangen wurde, ist das alles, was die Bullen interessiert.“
„Ihr Name ist Charles Kent“, sagte Poirot. „Wo sind Sie geboren?“
Der Mann starrte ihn an, dann grinste er.
„Ich bin ein waschechter Brite, das stimmt schon“, sagte er.
„Ja“, sagte Poirot nachdenklich, „ich denke, das sind Sie. Ich glaube, Sie sind in Kent geboren.“
Der Mann starrte ihn an.
„Warum das? Wegen meines Namens? Was hat das damit zu tun? Muss ein Mann, der Kent heißt, unbedingt in dieser Grafschaft geboren sein?“
„Unter gewissen Umständen kann ich mir vorstellen, dass er es sein könnte“, sagte Poirot sehr bedächtig. „Unter gewissen Umständen, verstehen Sie.“
Es lag so viel Bedeutung in seiner Stimme, dass es die beiden Polizeibeamten überraschte. Was Charles Kent betrifft, so lief er ziegelrot an, und für einen Moment dachte ich, er würde sich auf Poirot stürzen. Er überlegte es sich jedoch anders und wandte sich mit einer Art Lachen ab.
Poirot nickte, als sei er zufrieden, und machte sich auf den Weg zur Tür. Er wurde bald darauf von den beiden Beamten eingeholt.
„Wir werden diese Aussage überprüfen“, bemerkte Raglan. „Ich glaube allerdings nicht, dass er lügt. Aber er muss mit einer Erklärung herausrücken, was er in Fernly gemacht hat. Es sieht für mich so aus, als hätten wir unseren Erpresser geschnappt. Auf der anderen Seite, vorausgesetzt seine Geschichte stimmt, kann er nichts mit dem eigentlichen Mord zu tun gehabt haben. Er hatte zehn Pfund bei sich, als er verhaftet wurde – eine ziemlich große Summe. Ich vermute, dass vierzig Pfund an ihn gingen – die Nummern der Banknoten stimmten nicht überein, aber er hätte sie natürlich als Erstes gewechselt. Mr. Ackroyd muss ihm das Geld gegeben haben, und er ist so schnell wie möglich damit abgehauen. Was war das damit, dass Kent sein Geburtsort sei? Was hat das damit zu tun?“
„Absolut nichts“, sagte Poirot sanft. „Eine kleine Idee von mir, das war alles. Ich, ich bin berühmt für meine kleinen Ideen.“
„Sind Sie das wirklich?“, sagte Raglan und musterte ihn mit einem verwirrten Ausdruck.
Der Superintendent brach in ein schallendes Gelächter aus.
„Wie oft habe ich Inspektor Japp das sagen hören! M. Poirot und seine kleinen Ideen! Zu phantasievoll für mich, würde er sagen, aber es ist immer etwas dran.“
„Sie verspotten mich“, sagte Poirot lächelnd; „aber machen Sie sich nichts daraus. Die Alten lachen manchmal zuletzt, wenn die jungen, klugen Leute gar nicht mehr lachen.“
Und mit einem weisen Nicken in ihre Richtung ging er auf die Straße hinaus.
Er und ich aßen gemeinsam in einem Hotel zu Mittag. Ich weiß jetzt, dass die ganze Sache klar entwirrt vor ihm lag. Er hatte den letzten Faden, den er brauchte, um ihn zur Wahrheit zu führen.
Aber damals hatte ich keinen Verdacht auf diese Tatsache. Ich überschätzte sein allgemeines Selbstvertrauen und hielt es für selbstverständlich, dass die Dinge, die mich verwirrten, für ihn ebenso rätselhaft sein mussten.
Mein Haupträtsel war, was der Mann Charles Kent in Fernly gemacht haben konnte. Immer wieder stellte ich mir die Frage und konnte keine befriedigende Antwort finden.
Schließlich wagte ich eine vorsichtige Frage an Poirot. Seine Antwort kam sofort.
„Mon ami, ich denke nicht; ich weiß.“
„Wirklich?“, sagte ich ungläubig.
„Ja, in der Tat. Ich nehme an, dass es für Sie keinen Sinn ergeben würde, wenn ich Ihnen sagte, dass er in jener Nacht nach Fernly ging, weil er in Kent geboren ist?“
Ich starrte ihn an.
„Es scheint für mich jedenfalls keinen Sinn zu ergeben“, sagte ich trocken.
„Ah!“, sagte Poirot mitleidig. „Nun, macht nichts. Ich habe immer noch meine kleine Idee.“
KAPITEL XIX
FLORA ACKROYD
Als ich am nächsten Morgen von meinem Rundgang zurückkehrte, wurde ich von Inspektor Raglan angehalten. Ich hielt an, und der Inspektor stieg auf das Trittbrett.
„Guten Morgen, Dr. Sheppard“, sagte er. „Nun, dieses Alibi ist gut genug.“
„Das von Charles Kent?“
„Das von Charles Kent. Die Bardame im Dog and Whistle, Sally Jones, sie erinnert sich perfekt an ihn. Sie hat sein Foto aus fünf anderen herausgesucht. Es war genau viertel vor zehn, als er in die Bar kam, und das Dog and Whistle ist gut eine Meile von Fernly Park entfernt. Das Mädchen erwähnt, dass er eine Menge Geld bei sich hatte – sie sah, wie er ein Bündel Geldscheine aus der Tasche zog. Das hat sie ziemlich überrascht, wenn man bedenkt, aus welcher Klasse der Kerl stammte, mit Stiefeln, die ihm fast vom Fuß fielen. Da sind diese vierzig Pfund also sicher gelandet.“
„Der Mann weigert sich immer noch, eine Erklärung für seinen Besuch in Fernly abzugeben?“
„Stur wie ein Maultier ist er. Ich habe heute Morgen mit Hayes in Liverpool über die Leitung gesprochen.“
„Hercule Poirot sagt, er wisse den Grund, warum der Mann in jener Nacht dorthin gegangen ist“, bemerkte ich.
„Tut er das?“, rief der Inspektor eifrig.
„Ja“, sagte ich boshaft. „Er sagt, er sei dorthin gegangen, weil er in Kent geboren wurde.“
Ich verspürte ein deutliches Vergnügen daran, meine eigene Verwirrung weiterzugeben.
Raglan starrte mich ein oder zwei Momente verständnislos an. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem wieselartigen Gesicht aus und er tippte sich bedeutungsvoll an die Stirn.
„Hier ein bisschen weg“, sagte er. „Das denke ich schon eine ganze Weile. Armer alter Kerl, also deshalb musste er aufgeben und hierherkommen. Liegt in der Familie, sehr wahrscheinlich. Er hat einen Neffen, der völlig neben der Kappe ist.“
„Poirot hat das?“, sagte ich sehr überrascht.
„Ja. Hat er ihn nie bei Ihnen erwähnt? Ziemlich fügsam, glaube ich, und alles, aber verrückt wie ein Hutmacher, der arme Junge.“
„Wer hat Ihnen das erzählt?“
Wieder zeigte sich ein Grinsen auf dem Gesicht von Inspektor Raglan.
„Ihre Schwester, Miss Sheppard, sie hat mir alles darüber erzählt.“
Wirklich, Caroline ist erstaunlich. Sie ruht nie, bis sie die letzten Details der Familiengeheimnisse eines jeden kennt. Leider ist es mir nie gelungen, ihr den Anstand einzuflößen, sie für sich zu behalten.
„Steigen Sie ein, Inspektor“, sagte ich und öffnete die Autotür. „Wir fahren zusammen zu The Larches und machen unseren belgischen Freund mit den neuesten Nachrichten bekannt.“
„Könnte man machen, schätze ich. Schließlich war es, auch wenn er ein bisschen schrullig ist, ein nützlicher Hinweis, den er mir wegen dieser Fingerabdrücke gegeben hat. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dass es mit dem Mann Kent etwas auf sich hat, aber wer weiß – vielleicht steckt etwas Nützliches dahinter.“
Poirot empfing uns mit seiner üblichen lächelnden Höflichkeit.
Er hörte sich die Informationen an, die wir ihm brachten, und nickte ab und zu.
„Scheint alles in Ordnung zu sein, nicht wahr?“, sagte der Inspektor eher düster. „Ein Kerl kann nicht jemanden an einem Ort ermorden, wenn er in einer Bar an einem anderen Ort eine Meile entfernt trinkt.“
„Werden Sie ihn freilassen?“
„Ich sehe nicht, was wir sonst tun könnten. Wir können ihn nicht gut festhalten, weil er Geld unter falschen Vorspiegelungen erlangt hat. Kann nichts beweisen, den Kerl.“
Der Inspektor warf ein Streichholz missmutig in den Rost. Poirot holte es hervor und legte es säuberlich in einen dafür vorgesehenen kleinen Behälter. Seine Handlung war rein mechanisch. Ich konnte sehen, dass seine Gedanken bei etwas ganz anderem waren.
„Wenn ich Sie wäre“, sagte er schließlich, „würde ich den Mann Charles Kent noch nicht freilassen.“
„Was meinen Sie?“
Raglan starrte ihn an.
„Was ich sage. Ich würde ihn noch nicht freilassen.“
„Sie glauben doch nicht, dass er etwas mit dem Mord zu tun gehabt haben kann, oder?“
„Ich denke wahrscheinlich nicht – aber man kann es noch nicht mit Sicherheit sagen.“
„Aber habe ich Ihnen nicht gerade gesagt...“
Poirot hob abwehrend eine Hand.
„Mais oui, mais oui. Ich habe gehört. Ich bin nicht taub – und auch nicht dumm, Gott sei Dank! Aber sehen Sie, Sie gehen die Sache von den falschen – den falschen – Voraussetzungen an, ist das nicht das richtige Wort?“
Der Inspektor starrte ihn schwerfällig an.
„Ich verstehe nicht, wie Sie darauf kommen. Sehen Sie, wir wissen, dass Mr. Ackroyd um viertel vor zehn noch am Leben war. Das geben Sie doch zu, oder?“
Poirot sah ihn einen Moment an, dann schüttelte er den Kopf mit einem schnellen Lächeln.
„Ich gebe nichts zu, was nicht – bewiesen ist!“
„Nun, wir haben genug Beweise dafür. Wir haben die Aussage von Miss Flora Ackroyd.“
„Dass sie ihrem Onkel gute Nacht gesagt hat? Aber ich – ich glaube nicht immer, was mir ein junges Mädchen erzählt – nein, nicht einmal, wenn sie charmant und schön ist.“
„Aber zum Teufel, Mann, Parker hat sie aus der Tür kommen sehen.“
„Nein.“ Poirots Stimme erklang plötzlich scharf. „Das ist genau das, was er nicht gesehen hat. Ich habe mich neulich bei einem kleinen Experiment davon überzeugt – Sie erinnern sich, Doktor? Parker sah sie vor der Tür, die Hand auf der Klinke. Er hat nicht gesehen, wie sie aus dem Zimmer kam.“
„Aber – wo hätte sie sonst sein können?“
„Vielleicht auf der Treppe.“
„Der Treppe?“
„Das ist meine kleine Idee – ja.“
„Aber diese Treppe führt nur zu Mr. Ackroyds Schlafzimmer.“
„Genau.“
Und immer noch starrte der Inspektor ihn an.
„Sie glauben, sie war im Schlafzimmer ihres Onkels? Nun, warum nicht? Warum sollte sie darüber lügen?“
„Ah! Das ist genau die Frage. Es hängt davon ab, was sie dort gemacht hat, nicht wahr?“
„Sie meinen – das Geld? Zum Teufel, Sie wollen doch nicht etwa andeuten, dass es Miss Ackroyd war, die diese vierzig Pfund genommen hat?“
„Ich deute gar nichts an“, sagte Poirot. „Aber ich werde Sie an Folgendes erinnern. Das Leben war für diese Mutter und Tochter nicht sehr leicht. Es gab Rechnungen – es gab ständigen Ärger wegen kleinerer Geldbeträge. Roger Ackroyd war ein eigenartiger Mann, was Geldangelegenheiten anging. Das Mädchen könnte wegen einer vergleichsweise kleinen Summe am Ende ihres Lateins gewesen sein. Stellen Sie sich also vor, was geschieht. Sie hat das Geld genommen, sie kommt die kleine Treppe herunter. Auf halbem Weg hört sie das Klirren von Glas aus der Halle. Sie zweifelt keinen Moment daran, was es ist – Parker kommt in das Arbeitszimmer. Unter allen Umständen darf man sie nicht auf der Treppe antreffen – Parker wird das nicht vergessen, er wird es für merkwürdig halten. Wenn das Geld vermisst wird, wird Parker sich sicher daran erinnern, sie auf dieser Treppe gesehen zu haben. Sie hat gerade noch Zeit, zur Tür des Arbeitszimmers zu eilen – die Hand auf der Klinke, um zu zeigen, dass sie gerade herausgekommen ist –, als Parker im Türrahmen erscheint. Sie sagt das Erste, was ihr in den Sinn kommt, eine Wiederholung der Anweisungen, die Roger Ackroyd ihr früher am Abend gegeben hatte, und geht dann hinauf in ihr eigenes Zimmer.“
„Ja, aber später“, beharrte der Inspektor, „da muss ihr doch die lebenswichtige Bedeutung der Wahrheit bewusst geworden sein? Warum, der ganze Fall hängt davon ab!“
„Danach“, sagte Poirot trocken, „war es für Mademoiselle Flora ein wenig schwierig. Ihr wird einfach gesagt, dass die Polizei da ist und dass es einen Raubüberfall gegeben hat. Natürlich kommt sie sofort zu dem Schluss, dass der Diebstahl des Geldes entdeckt wurde. Ihr einziger Gedanke ist, bei ihrer Geschichte zu bleiben. Als sie erfährt, dass ihr Onkel tot ist, gerät sie in Panik. Junge Frauen fallen heutzutage nicht mehr ohne erheblichen Anlass in Ohnmacht, Monsieur. Eh bien! Da ist es. Sie ist gezwungen, bei ihrer Geschichte zu bleiben, oder aber alles zu gestehen. Und ein junges, hübsches Mädchen gibt nicht gerne zu, dass sie eine Diebin ist – besonders nicht vor denen, deren Achtung sie bewahren möchte.“
Raglan schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Ich glaube es nicht“, sagte er. „Es ist – es ist nicht glaubhaft. Und Sie – Sie wussten das die ganze Zeit?“
„Die Möglichkeit war mir von Anfang an bewusst“, gab Poirot zu. „Ich war stets überzeugt, dass Mademoiselle Flora etwas vor uns verbarg. Um mich zu vergewissern, habe ich das kleine Experiment durchgeführt, von dem ich Ihnen erzählte. Dr. Sheppard hat mich begleitet.“
„Ein Test für Parker, sagten Sie“, bemerkte ich bitter.
„Mon ami“, sagte Poirot entschuldigend, „wie ich Ihnen damals sagte, man muss ja irgendetwas sagen.“
Der Inspektor stand auf.
„Es gibt nur einen Ausweg“, erklärte er. „Wir müssen uns das junge Fräulein sofort vorknöpfen. Kommen Sie mit mir nach Fernly, M. Poirot?“
„Gewiss. Dr. Sheppard wird uns mit seinem Auto hinfahren.“
Ich willigte bereitwillig ein.
Als wir nach Miss Ackroyd fragten, wurden wir in das Billardzimmer geführt. Flora und Major Hector Blunt saßen auf der langen Fensterbank.
„Guten Morgen, Miss Ackroyd“, sagte der Inspektor. „Können wir ein oder zwei Worte allein mit Ihnen wechseln?“
Blunt stand sofort auf und ging zur Tür.
„Was ist denn?“, fragte Flora nervös. „Gehen Sie nicht, Major Blunt. Er kann doch bleiben, oder?“, fragte sie und wandte sich an den Inspektor.
„Das bleibt Ihnen überlassen“, sagte der Inspektor trocken. „Es gibt da eine oder zwei Fragen, die ich Ihnen pflichtgemäß stellen muss, Miss, aber ich würde es vorziehen, dies unter vier Augen zu tun, und ich nehme an, das würden Sie auch bevorzugen.“
Flora sah ihn scharf an. Ich sah, wie ihr Gesicht blasser wurde. Dann wandte sie sich an Blunt.
„Ich möchte, dass Sie bleiben – bitte – ja, ich meine es ernst. Was auch immer der Inspektor mir zu sagen hat, ich möchte lieber, dass Sie es hören.“
Raglan zuckte mit den Schultern.
„Nun, wenn Sie es so wollen, dann ist das eben so. Also, Miss Ackroyd, M. Poirot hier hat mir einen gewissen Vorschlag gemacht. Er vermutet, dass Sie letzten Freitagabend überhaupt nicht im Arbeitszimmer waren, dass Sie Mr. Ackroyd nie gesehen haben, um ihm eine gute Nacht zu wünschen, sondern dass Sie, anstatt im Arbeitszimmer zu sein, auf der Treppe standen, die von dem Schlafzimmer Ihres Onkels herabführt, als Sie Parker durch die Halle kommen hörten.“
Floras Blick glitt zu Poirot. Er nickte ihr zu.
„Mademoiselle, neulich, als wir um den Tisch saßen, habe ich Sie angefleht, offen zu mir zu sein. Was man Papa Poirot nicht sagt, das findet er heraus. Es war so, nicht wahr? Sehen Sie, ich werde es Ihnen leicht machen. Sie haben das Geld genommen, nicht wahr?“
„Das Geld“, sagte Blunt scharf.
Es herrschte Stille, die mindestens eine Minute dauerte.
Dann richtete sich Flora auf und sprach.
„M. Poirot hat recht. Ich habe das Geld genommen. Ich habe gestohlen. Ich bin eine Diebin – ja, eine gewöhnliche, vulgäre kleine Diebin. Jetzt wissen Sie es! Ich bin froh, dass es herausgekommen ist. Es war ein Albtraum, diese letzten Tage!“ Sie setzte sich plötzlich hin und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie sprach heiser durch ihre Finger. „Sie wissen nicht, wie mein Leben war, seit ich hierher kam. Dinge wollen, sie planen, lügen, betrügen, Rechnungen anhäufen, versprechen zu bezahlen – oh! Ich hasse mich selbst, wenn ich an all das denke! Das ist es, was Ralph und mich zusammengebracht hat. Wir waren beide schwach! Ich habe ihn verstanden, und ich hatte Mitleid – weil ich im Grunde genauso bin. Wir sind nicht stark genug, um allein zu bestehen, wir beide nicht. Wir sind schwache, erbärmliche, verachtenswerte Wesen.“
Sie sah Blunt an und stampfte plötzlich mit dem Fuß auf.
„Warum sehen Sie mich so an – als könnten Sie es nicht glauben? Ich mag eine Diebin sein – aber jedenfalls bin ich jetzt echt. Ich lüge nicht mehr. Ich gebe nicht mehr vor, die Art von Mädchen zu sein, die Sie mögen, jung und unschuldig und einfach. Es ist mir egal, ob Sie mich nie wiedersehen wollen. Ich hasse mich, verachte mich – aber eines müssen Sie glauben: Wenn die Wahrheit die Dinge für Ralph besser gemacht hätte, hätte ich sie ausgesprochen. Aber ich habe von Anfang an gesehen, dass es für Ralph nicht besser wäre – es lässt den Fall gegen ihn nur noch schwärzer aussehen. Ich habe ihm mit meinem Festhalten an der Lüge nicht geschadet.“
„Ralph“, sagte Blunt. „Ich verstehe – immer nur Ralph.“
„Sie verstehen es nicht“, sagte Flora hoffnungslos. „Das werden Sie nie.“
Sie wandte sich an den Inspektor.
„Ich gebe alles zu; ich war wegen des Geldes am Ende meines Lateins. Ich habe meinen Onkel an jenem Abend nicht mehr gesehen, nachdem er den Esstisch verlassen hatte. Was das Geld betrifft, können Sie Schritte einleiten, wie Sie wollen. Schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden!“
Plötzlich brach sie wieder zusammen, verbarg ihr Gesicht in den Händen und stürmte aus dem Zimmer.
„Nun“, sagte der Inspektor in tonlosem Klang, „das wäre also das.“
Er schien ziemlich ratlos, was er als Nächstes tun sollte.
Blunt trat vor.
„Inspektor Raglan“, sagte er ruhig, „dieses Geld wurde mir von Mr. Ackroyd für einen besonderen Zweck gegeben. Miss Ackroyd hat es nie angerührt. Wenn sie sagt, sie habe es getan, lügt sie mit der Absicht, Captain Paton zu schützen. Die Wahrheit ist so, wie ich sagte, und ich bin bereit, in den Zeugenstand zu treten und es zu beschwören.“
Er machte eine Art ruckartige Verbeugung, dann drehte er sich abrupt um und verließ den Raum.
Poirot war ihm in einem Blitz gefolgt. Er holte den anderen in der Halle ein.
„Monsieur – einen Augenblick, ich bitte Sie, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
„Nun, mein Herr?“
Blunt war sichtlich ungeduldig. Er stand da und sah finster auf Poirot herab.
„Es ist dies“, sagte Poirot hastig: „Ich lasse mich von Ihrer kleinen Fantasie nicht täuschen. Nein, wahrlich nicht. Es war wirklich Miss Flora, die das Geld nahm. Dennoch ist es gut ausgedacht, was Sie da sagen – es gefällt mir. Es ist sehr gut, was Sie da getan haben. Sie sind ein Mann, der schnell denkt und handelt.“
„Ich bin keineswegs begierig auf Ihre Meinung, danke“, sagte Blunt kalt.
Er tat erneut so, als wolle er weitergehen, doch Poirot, keineswegs beleidigt, legte eine zurückhaltende Hand auf seinen Arm.
„Ah! Aber Sie müssen mir zuhören. Ich habe noch mehr zu sagen. Neulich sprach ich von Verheimlichungen. Nun gut, die ganze Zeit habe ich gesehen, was Sie verbergen. Mademoiselle Flora, Sie lieben sie von ganzem Herzen. Vom ersten Moment an, als Sie sie sahen, nicht wahr? Oh! Lassen wir uns nicht scheuen, diese Dinge auszusprechen – warum muss man in England meinen, es sei notwendig, von Liebe zu sprechen, als wäre sie ein schändliches Geheimnis? Sie lieben Mademoiselle Flora. Sie versuchen, diese Tatsache vor der ganzen Welt zu verbergen. Das ist sehr gut – das ist, wie es sein sollte. Aber nehmen Sie den Rat von Hercule Poirot an – verbergen Sie es nicht vor Mademoiselle selbst.“
Blunt hatte während Poirots Worten mehrere Anzeichen von Unruhe gezeigt, aber die letzten Worte schienen seine Aufmerksamkeit zu fesseln.
„Was meinen Sie damit?“, sagte er scharf.
„Sie glauben, dass sie den Capitaine Ralph Paton liebt – aber ich, Hercule Poirot, sage Ihnen, dass das nicht so ist. Mademoiselle Flora hat Captain Paton akzeptiert, um ihrem Onkel zu gefallen, und weil sie in der Ehe einen Ausweg aus ihrem Leben hier sah, das ihr offen gesagt unerträglich wurde. Sie mochte ihn, und es gab viel Mitgefühl und Verständnis zwischen ihnen. Aber Liebe – nein! Es ist nicht Captain Paton, den Mademoiselle Flora liebt.“
„Was zum Teufel meinen Sie?“, fragte Blunt.
Ich sah das dunkle Rot unter seiner Bräunung.
„Sie waren blind, Monsieur. Blind! Sie ist loyal, die Kleine. Ralph Paton steht unter Verdacht, sie ist in Ehren gebunden, zu ihm zu halten.“
Ich fühlte, es war an der Zeit, ein Wort beizusteuern, um das gute Werk zu fördern.
„Meine Schwester erzählte mir neulich“, sagte ich ermutigend, „dass Flora nie einen Pfifferling für Ralph Paton übrig hatte und nie haben würde. Meine Schwester hat bei solchen Dingen immer recht.“
Blunt ignorierte meine wohlgemeinten Bemühungen. Er sprach zu Poirot.
„Glauben Sie wirklich——“, begann er und hielt inne.
Er ist einer dieser wortkargen Männer, denen es schwerfällt, Dinge in Worte zu fassen.
Poirot kennt eine solche Behinderung nicht.
„Wenn Sie an mir zweifeln, fragen Sie sie selbst, Monsieur. Aber vielleicht liegt Ihnen nicht mehr daran – die Sache mit dem Geld——“
Blunt stieß einen Laut aus, der wie ein wütendes Lachen klang.
„Glauben Sie, ich würde ihr das vorhalten? Roger war immer ein seltsamer Kauz, was Geld anging. Sie ist in Schwierigkeiten geraten und wagte es nicht, ihm davon zu erzählen. Armes Kind. Armes, einsames Kind.“
Poirot blickte nachdenklich auf die Seitentür.
„Mademoiselle Flora ist in den Garten gegangen, glaube ich“, murmelte er.
„Ich bin ein Narr in jeder Hinsicht gewesen“, sagte Blunt abrupt. „Ein seltsames Gespräch, das wir da geführt haben. Wie in einem dieser dänischen Stücke. Aber Sie sind ein vernünftiger Kerl, M. Poirot. Danke.“
Er nahm Poirots Hand und drückte sie so fest, dass der andere vor Schmerz zusammenzuckte. Dann schritt er zur Seitentür und trat hinaus in den Garten.
„Nicht ein Narr in jeder Hinsicht“, murmelte Poirot, während er zärtlich das verletzte Glied pflegte. „Nur eine Art – der Narr, der liebt.“
KAPITEL XX
MISS RUSSELL
Inspektor Raglan hatte einen heftigen Stoß bekommen. Er ließ sich von Blunts tapferer Lüge genauso wenig täuschen wie wir. Unser Weg zurück zum Dorf war durch seine Klagen unterbrochen.
„Das ändert alles, das tut es. Ich weiß nicht, ob Sie sich dessen bewusst sind, Monsieur Poirot?“
„Ich denke schon, ja, ich denke schon“, sagte Poirot. „Wissen Sie, ich, ich bin schon seit einiger Zeit mit der Idee vertraut.“
Inspektor Raglan, dem die Idee erst vor einer knappen halben Stunde präsentiert worden war, sah Poirot unglücklich an und fuhr mit seinen Entdeckungen fort.
„Diese Alibis jetzt. Wertlos! Absolut wertlos. Man muss wieder ganz von vorn anfangen. Herausfinden, was jeder ab halb zehn getan hat. Halb zehn – das ist die Zeit, an der wir uns festhalten müssen. Sie hatten völlig recht mit dem Mann Kent – wir lassen ihn vorerst noch nicht frei. Lassen Sie mal sehen – viertel vor zehn im Dog and Whistle. Er könnte in einer Viertelstunde dort gewesen sein, wenn er gelaufen ist. Es ist durchaus möglich, dass es seine Stimme war, die Mr. Raymond mit Mr. Ackroyd sprechen hörte – als er um Geld bat, das Mr. Ackroyd ihm verweigerte. Aber eines ist klar – er war es nicht, der den Anruf getätigt hat. Die Station ist eine halbe Meile in der anderen Richtung – über eineinhalb Meilen vom Dog and Whistle entfernt, und er war bis etwa zehn nach zehn im Dog and Whistle. Verflucht sei dieser Telefonanruf! Wir stoßen immer wieder darauf.“
„Das tun wir in der Tat“, stimmte Poirot zu. „Es ist seltsam.“
„Es ist gut möglich, dass Captain Paton, als er in das Zimmer seines Onkels kletterte und ihn dort ermordet vorfand, den Anruf getätigt haben könnte. Er bekam Angst, dachte, er würde beschuldigt werden, und machte sich aus dem Staub. Das ist möglich, nicht wahr?“
„Warum sollte er angerufen haben?“
„Vielleicht hatte er Zweifel, ob der alte Mann wirklich tot war. Er dachte, er würde den Arzt so schnell wie möglich herbeiholen, wollte sich aber nicht verraten. Ja, sagen Sie mal, wie ist das als Theorie? Da ist etwas dran, würde ich sagen.“
Der Inspektor blähte seine Brust wichtig auf. Er war so sichtlich von sich selbst entzückt, dass jedes unserer Worte völlig überflüssig gewesen wäre.
Wir kamen in diesem Moment bei meinem Haus an, und ich eilte hinein zu meinen Patienten, die schon eine beträchtliche Zeit gewartet hatten, während ich Poirot zurückließ, um mit dem Inspektor zur Polizeistation zu gehen.
Nachdem ich den letzten Patienten entlassen hatte, schlenderte ich in den kleinen Raum hinten im Haus, den ich meine Werkstatt nenne – ich bin ziemlich stolz auf das selbstgebaute Radio, das ich zusammengebaut habe. Caroline hasst mein Arbeitszimmer. Ich bewahre dort meine Werkzeuge auf, und Annie darf dort kein Chaos mit Kehrblech und Besen anrichten. Ich war gerade dabei, das Innere eines Weckers zu justieren, der vom Haushalt als völlig unzuverlässig denunziert worden war, als sich die Tür öffnete und Caroline ihren Kopf hereinsteckte.
„Oh! Da bist du ja, James“, sagte sie mit tiefem Missfallen. „M. Poirot möchte dich sprechen.“
„Nun“, sagte ich ziemlich gereizt, denn ihr plötzlicher Auftritt hatte mich erschreckt und ich hatte ein Stück eines empfindlichen Mechanismus losgelassen, „wenn er mich sprechen will, kann er hier hereinkommen.“
„Hier hinein?“, sagte Caroline.
„Das habe ich gesagt – hier hinein.“
Caroline stieß ein missbilligendes Schnauben aus und zog sich zurück. Nach einem Augenblick kehrte sie zurück, führte Poirot herein und zog sich dann wieder zurück, wobei sie die Tür mit einem Knall schloss.
„Aha! Mein Freund“, sagte Poirot, trat vor und rieb sich die Hände. „Sie sind mich also doch nicht so leicht losgeworden!“
„Fertig mit dem Inspektor?“, fragte ich.
„Für den Moment, ja. Und Sie, haben Sie alle Patienten gesehen?“
„Ja.“
Poirot setzte sich und sah mich an, wobei er seinen eiförmigen Kopf zur Seite neigte, mit der Miene eines Menschen, der einen köstlichen Scherz genießt.
„Sie irren sich“, sagte er schließlich. „Sie haben noch einen Patienten zu sehen.“
„Nicht Sie selbst?“, rief ich überrascht aus.
„Ah, nicht ich, bien entendu. Ich, ich habe eine prächtige Gesundheit. Nein, um die Wahrheit zu sagen, es ist eine kleine Verschwörung von mir. Es gibt jemanden, den ich sehen möchte, verstehen Sie – und gleichzeitig ist es nicht notwendig, dass sich das ganze Dorf über diese Angelegenheit den Kopf zerbricht – was passieren würde, wenn man die Dame zu meinem Haus kommen sähe –, denn es handelt sich um eine Dame. Aber bei Ihnen war sie bereits als Patientin.“
„Miss Russell!“, rief ich aus.
„Précisément. Ich möchte unbedingt mit ihr sprechen, also schicke ich ihr ein kleines Schreiben und vereinbare den Termin in Ihrer Praxis. Sie sind nicht verärgert über mich?“
„Im Gegenteil“, sagte ich. „Das heißt, vorausgesetzt, ich darf bei dem Gespräch anwesend sein?“
„Aber natürlich! In Ihrer eigenen Praxis!“
„Wissen Sie“, sagte ich und warf die Zange, die ich in der Hand hielt, nieder, „es ist außerordentlich faszinierend, das Ganze. Jede neue Entwicklung, die sich ergibt, ist wie das Drehen an einem Kaleidoskop – das Ding ändert völlig sein Aussehen. Nun, warum sind Sie so darauf bedacht, Miss Russell zu sehen?“
Poirot zog die Augenbrauen hoch.
„Sicherlich ist es offensichtlich?“, murmelte er.
„Da haben wir es wieder“, brummte ich. „Ihrer Meinung nach ist alles offensichtlich. Aber Sie lassen mich im Nebel herumirren.“
Poirot schüttelte amüsiert den Kopf.
„Sie machen sich über mich lustig. Nehmen Sie die Sache mit Mademoiselle Flora. Der Inspektor war überrascht – aber Sie – Sie waren es nicht.“
„Ich hätte mir nie träumen lassen, dass sie die Diebin ist“, wandte ich ein.
„Das – vielleicht nein. Aber ich habe Ihr Gesicht beobachtet, und Sie waren nicht – wie Inspektor Raglan – erschrocken und ungläubig.“
Ich überlegte eine Minute oder zwei.
„Vielleicht haben Sie recht“, sagte ich schließlich. „Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass Flora etwas zurückhielt – also war die Wahrheit, als sie ans Licht kam, unterbewusst erwartet. Es hat Inspektor Raglan wirklich sehr aus der Fassung gebracht, der arme Mann.“
„Ah! pour ça, oui! Der arme Mann muss all seine Ideen neu ordnen. Ich habe seinen Zustand geistigen Chaos genutzt, um ihn dazu zu bewegen, mir einen kleinen Gefallen zu tun.“
„Welchen?“
Poirot nahm einen Bogen Briefpapier aus seiner Tasche. Einige Worte waren darauf geschrieben, und er las sie laut vor.
„Die Polizei sucht seit einigen Tagen nach Captain Ralph Paton, dem Neffen von Mr. Ackroyd aus Fernly Park, dessen Tod letzten Freitag unter so tragischen Umständen geschah. Captain Paton wurde in Liverpool gefunden, wo er im Begriff war, nach Amerika einzuschiffen.“
Er faltete das Stück Papier wieder zusammen.
„Das, mein Freund, wird morgen früh in den Zeitungen stehen.“
Ich starrte ihn sprachlos an.
„Aber – aber das ist nicht wahr! Er ist nicht in Liverpool!“
Poirot strahlte mich an.
„Sie haben so eine schnelle Auffassungsgabe! Nein, er wurde nicht in Liverpool gefunden. Inspektor Raglan war sehr abgeneigt, mich diesen Absatz an die Presse geben zu lassen, besonders da ich ihn nicht in mein Vertrauen ziehen konnte. Aber ich versicherte ihm höchst feierlich, dass sehr interessante Ergebnisse folgen würden, wenn es gedruckt würde, also gab er nach, nachdem er festlegte, dass er keinesfalls die Verantwortung dafür zu tragen habe.“
Ich starrte Poirot an. Er lächelte zurück.
„Es übersteigt meinen Verstand“, sagte ich schließlich, „was Sie sich davon versprechen.“
„Sie sollten Ihre kleinen grauen Zellen einsetzen“, sagte Poirot ernst.
Er stand auf und kam zur Werkbank.
„Es ist so, dass Sie wirklich die Liebe zur Mechanik haben“, sagte er, nachdem er die Überreste meiner Arbeit inspiziert hatte.
Jeder Mensch hat sein Hobby. Ich lenkte Poirots Aufmerksamkeit sofort auf mein selbstgebautes Radio. Da ich ihn verständnisvoll fand, zeigte ich ihm ein oder zwei kleine Erfindungen von mir – Kleinigkeiten, aber nützlich im Haushalt.
„Entschieden“, sagte Poirot, „Sie sollten von Beruf Erfinder sein, nicht Arzt. Aber ich höre die Glocke – das ist Ihr Patient. Gehen wir in die Praxis.“
Schon einmal war mir die verbliebene Schönheit im Gesicht der Haushälterin aufgefallen. Heute Morgen war ich aufs Neue beeindruckt. Sehr schlicht in Schwarz gekleidet, groß, aufrecht und unabhängig wie immer, mit ihren großen dunklen Augen und einer ungewohnten Röte in ihren sonst blassen Wangen, wurde mir klar, dass sie als junges Mädchen atemberaubend schön gewesen sein musste.
„Guten Morgen, Mademoiselle“, sagte Poirot. „Wollen Sie Platz nehmen? Dr. Sheppard ist so freundlich, mir seine Praxis für eine kleine Unterhaltung zu überlassen, die ich sehr gerne mit Ihnen führen würde.“
Miss Russell setzte sich mit ihrer gewohnten Gelassenheit. Wenn sie eine innere Erregung verspürte, zeigte sie sich nicht nach außen.
„Es scheint eine seltsame Art zu sein, Dinge zu tun, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben“, bemerkte sie.
„Miss Russell – ich habe Neuigkeiten für Sie.“
„Tatsächlich!“
„Charles Kent wurde in Liverpool verhaftet.“
Kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. Sie öffnete lediglich ihre Augen ein wenig weiter und fragte mit einem Anflug von Trotz:
„Nun, was ist damit?“
Aber in diesem Moment kam es mir – die Ähnlichkeit, die mich die ganze Zeit verfolgt hatte, etwas Vertrautes im trotzigen Auftreten von Charles Kent. Die beiden Stimmen, eine rau und grob, die andere schmerzlich vornehm – waren seltsamerweise im Timbre gleich. Es war Miss Russell gewesen, an die ich jene Nacht vor den Toren von Fernly Park erinnert worden war.
Ich sah Poirot voll meiner Entdeckung an, und er gab mir ein unmerkliches Nicken.
Als Antwort auf Miss Russells Frage warf er seine Hände in einer typisch französischen Geste aus.
„Ich dachte, es könnte Sie interessieren, das ist alles“, sagte er milde.
„Nun, das tut es mich nicht besonders“, sagte Miss Russell. „Wer ist dieser Charles Kent überhaupt?“
„Er ist ein Mann, Mademoiselle, der in der Nacht des Mordes in Fernly war.“
„Wirklich?“
„Glücklicherweise für ihn hat er ein Alibi. Um viertel vor zehn war er in einer Kneipe eine Meile von hier entfernt.“
„Ein Glück für ihn“, kommentierte Miss Russell.
„Aber wir wissen immer noch nicht, was er in Fernly gemacht hat – wen er zum Beispiel treffen wollte.“
„Ich fürchte, ich kann Ihnen überhaupt nicht helfen“, sagte die Haushälterin höflich. „Nichts kam mir zu Ohren. Wenn das alles ist——“
Sie machte eine zögernde Bewegung, als wolle sie aufstehen. Poirot hielt sie auf.
„Es ist noch nicht ganz alles“, sagte er sanft. „Heute Morgen haben sich neue Entwicklungen ergeben. Es scheint nun, dass Mr. Ackroyd nicht um Viertel vor zehn ermordet wurde, sondern früher. Zwischen zehn vor neun, als Dr. Sheppard ging, und Viertel vor zehn.“
Ich sah, wie die Farbe aus dem Gesicht der Haushälterin wich und es totenbleich hinterließ. Sie beugte sich vor, ihre Gestalt schwankte.
„Aber Miss Ackroyd sagte – Miss Ackroyd sagte——“
„Miss Ackroyd hat zugegeben, dass sie gelogen hat. Sie war an jenem Abend überhaupt nicht im Arbeitszimmer.“
„Dann——?“
„Dann scheint es, dass wir in diesem Charles Kent den Mann haben, den wir suchen. Er kam nach Fernly und kann nicht erklären, was er dort wollte——“
„Ich kann Ihnen sagen, was er dort wollte. Er hat kein Haar an dem Kopf des alten Ackroyd gekrümmt – er ist nicht einmal in die Nähe des Arbeitszimmers gegangen. Er war es nicht, das sage ich Ihnen.“
Sie lehnte sich weit vor. Diese eiserne Selbstbeherrschung war endlich gebrochen. Entsetzen und Verzweiflung standen ihr ins Gesicht geschrieben.
„M. Poirot! M. Poirot! Oh, glauben Sie mir doch.“
Poirot stand auf und trat zu ihr. Er klopfte ihr beruhigend auf die Schulter.
„Aber ja – aber ja, ich werde es glauben. Ich musste Sie dazu bringen, zu sprechen, wissen Sie.“
Für einen Augenblick flammte Misstrauen in ihr auf.
„Ist das, was Sie sagten, wahr?“
„Dass Charles Kent des Verbrechens verdächtigt wird? Ja, das ist wahr. Nur Sie allein können ihn retten, indem Sie den Grund für seinen Aufenthalt in Fernly nennen.“
„Er kam, um mich zu sehen.“ Sie sprach mit leiser, hastiger Stimme. „Ich ging hinaus, um ihn zu treffen——“
„Im Sommerhaus, ja, ich weiß.“
„Woher wissen Sie das?“
„Mademoiselle, es ist das Geschäft von Hercule Poirot, Dinge zu wissen. Ich weiß, dass Sie früher am Abend hinausgingen, dass Sie eine Nachricht im Sommerhaus hinterließen, um zu sagen, wann Sie dort sein würden.“
„Ja, das habe ich getan. Ich hatte von ihm gehört – er sagte, er käme. Ich wagte es nicht, ihn ins Haus kommen zu lassen. Ich schrieb an die Adresse, die er mir gab, und sagte, ich würde ihn im Sommerhaus treffen, und beschrieb es ihm, damit er es finden konnte. Dann hatte ich Angst, er könnte dort nicht geduldig warten, und ich lief hinaus und hinterließ einen Zettel, auf dem stand, dass ich gegen zehn nach neun dort sein würde. Ich wollte nicht, dass die Dienstboten mich sehen, also schlüpfte ich durch das Fenster des Salons hinaus. Als ich zurückkam, traf ich Dr. Sheppard, und ich bildete mir ein, dass er es seltsam finden würde. Ich war außer Atem, denn ich war gerannt. Ich hatte keine Ahnung, dass er an jenem Abend zum Abendessen erwartet wurde.“
Sie hielt inne.
„Fahren Sie fort“, sagte Poirot. „Sie gingen um zehn nach neun hinaus, um ihn zu treffen. Was haben Sie einander gesagt?“
„Es ist schwierig. Wissen Sie——“
„Mademoiselle“, sagte Poirot und unterbrach sie, „in dieser Angelegenheit muss ich die ganze Wahrheit wissen. Was Sie uns sagen, wird niemals über diese vier Wände hinausgehen. Dr. Sheppard wird diskret sein, und das werde ich auch. Sehen Sie, ich werde Ihnen helfen. Dieser Charles Kent, er ist Ihr Sohn, nicht wahr?“
Sie nickte. Die Röte war ihr in die Wangen geschossen.
„Niemand hat es je gewusst. Es ist lange her – sehr lange her – unten in Kent. Ich war nicht verheiratet....“
„Also nahmen Sie den Namen der Grafschaft als Nachnamen für ihn. Ich verstehe.“
„Ich fand Arbeit. Ich schaffte es, für seine Kost und Logis zu bezahlen. Ich habe ihm nie gesagt, dass ich seine Mutter bin. Aber er geriet auf die schiefe Bahn, er trank, dann nahm er Drogen. Ich schaffte es, seine Überfahrt nach Kanada zu bezahlen. Ich habe ein oder zwei Jahre nichts von ihm gehört. Dann, irgendwie, fand er heraus, dass ich seine Mutter war. Er schrieb und bat mich um Geld. Schließlich hörte ich von ihm, er sei wieder in diesem Land. Er käme nach Fernly, um mich zu sehen, sagte er. Ich wagte es nicht, ihn ins Haus kommen zu lassen. Ich wurde immer für so – so sehr respektabel gehalten. Wenn irgendjemand einen Verdacht geschöpft hätte – wäre es mit meiner Stellung als Haushälterin aus gewesen. Also schrieb ich ihm auf die Weise, die ich Ihnen gerade erzählt habe.“
„Und am Morgen sind Sie zu Dr. Sheppard gegangen?“
„Ja. Ich fragte mich, ob man etwas tun könne. Er war kein schlechter Junge – bevor er mit den Drogen anfing.“
„Ich verstehe“, sagte Poirot. „Lassen Sie uns nun mit der Geschichte fortfahren. Er kam an jenem Abend zum Sommerhaus?“
„Ja, er wartete auf mich, als ich dort ankam. Er war sehr rau und beleidigend. Ich hatte alles Geld, das ich hatte, mitgebracht und gab es ihm. Wir sprachen ein wenig, und dann ging er weg.“
„Um wie viel Uhr war das?“
„Es muss zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Minuten nach neun gewesen sein. Es war noch nicht halb zehn, als ich zum Haus zurückkam.“
„Welchen Weg nahm er?“
„Geradewegs hinaus auf demselben Weg, wie er gekommen war, über den Pfad, der kurz hinter den Toren des Pförtnerhauses in die Zufahrt mündete.“
Poirot nickte.
„Und Sie, was haben Sie getan?“
„Ich ging zurück zum Haus. Major Blunt ging auf der Terrasse auf und ab und rauchte, also machte ich einen Umweg, um zur Seitentür zu gelangen. Es war damals gerade halb zehn, wie ich Ihnen sage.“
Poirot nickte erneut. Er machte sich ein oder zwei Notizen in einem mikroskopisch kleinen Notizbuch.
„Ich glaube, das ist alles“, sagte er nachdenklich.
„Sollte ich——“ sie zögerte. „Sollte ich Inspector Raglan das alles erzählen?“
„Es mag so weit kommen. Aber lassen Sie uns nicht in Eile sein. Lassen Sie uns langsam vorgehen, mit der gebührenden Ordnung und Methode. Charles Kent ist noch nicht offiziell des Mordes angeklagt. Es können Umstände eintreten, die Ihre Geschichte unnötig machen.“
Miss Russell erhob sich.
„Vielen Dank, M. Poirot“, sagte sie. „Sie waren sehr freundlich – wirklich sehr freundlich. Sie – Sie glauben mir doch, nicht wahr? Dass Charles nichts mit diesem abscheulichen Mord zu tun hatte!“
„Es scheint keinen Zweifel daran zu geben, dass der Mann, der um halb zehn mit Mr. Ackroyd im Arbeitszimmer sprach, unmöglich Ihr Sohn gewesen sein kann. Fassen Sie Mut, Mademoiselle. Es wird noch alles gut werden.“
Miss Russell ging. Poirot und ich blieben allein zurück.
„Das wäre also das“, sagte ich. „Jedes Mal kommen wir wieder auf Ralph Paton zurück. Wie haben Sie es geschafft, Miss Russell als die Person auszumachen, die Charles Kent treffen wollte? Haben Sie die Ähnlichkeit bemerkt?“
„Ich hatte sie schon lange mit dem unbekannten Mann in Verbindung gebracht, bevor wir ihm tatsächlich gegenüberstanden. Sobald wir diese Feder fanden. Die Feder deutete auf Rauschgift hin, und ich erinnerte mich an Ihren Bericht über Miss Russells Besuch bei Ihnen. Dann fand ich den Artikel über Kokain in der Zeitung von jenem Morgen. Alles erschien sehr klar. Sie hatte an jenem Morgen von jemandem gehört – jemandem, der drogenabhängig war, sie las den Artikel in der Zeitung und kam zu Ihnen, um ein paar vorsichtige Fragen zu stellen. Sie erwähnte Kokain, da der betreffende Artikel über Kokain handelte. Als Sie dann zu interessiert schienen, wechselte sie hastig zum Thema Detektivgeschichten und unaufspürbare Gifte. Ich vermutete einen Sohn oder einen Bruder oder einen anderen unerwünschten männlichen Verwandten. Ah! Aber ich muss gehen. Es ist Zeit für das Mittagessen.“
„Bleiben Sie und essen Sie mit uns zu Mittag“, schlug ich vor.
Poirot schüttelte den Kopf. Ein schwaches Funkeln trat in seine Augen.
„Nicht heute schon wieder. Ich möchte Mademoiselle Caroline nicht dazu zwingen, zwei Tage hintereinander eine vegetarische Diät einzuhalten.“
Mir kam der Gedanke, dass es nicht viel gab, was Hercule Poirot entging.
KAPITEL XXI
DER ABSATZ IN DER ZEITUNG
Caroline hatte natürlich nicht versäumt, zu sehen, wie Miss Russell zur Tür der Praxis kam. Ich hatte dies vorhergesehen und eine ausgeklügelte Erklärung für das schlechte Knie der Dame parat. Aber Caroline war nicht in der Stimmung für ein Verhör. Ihr Standpunkt war, dass sie wusste, weswegen Miss Russell wirklich gekommen war, und dass ich es nicht wusste.
„Sie auszuquetschen, James“, sagte Caroline. „Sie auf die schamloseste Weise auszuquetschen, daran habe ich keinen Zweifel. Es hat keinen Sinn, zu unterbrechen. Ich wette, Sie hatten nicht den leisesten Schimmer, dass sie es tat. Männer sind so einfach. Sie weiß, dass Sie das Vertrauen von M. Poirot genießen, und sie will Dinge herausfinden. Wissen Sie, was ich denke, James?“
„Ich könnte es mir nicht einmal im Traum vorstellen. Sie denken so viele außergewöhnliche Dinge.“
„Es hat keinen Sinn, sarkastisch zu sein. Ich glaube, Miss Russell weiß mehr über Mr. Ackroyds Tod, als sie zuzugeben bereit ist.“
Caroline lehnte sich triumphierend in ihrem Stuhl zurück.
„Glauben Sie das wirklich?“, sagte ich geistesabwesend.
„Sie sind heute sehr stumpfsinnig, James. Keine Lebhaftigkeit an Ihnen. Das ist Ihre Leber.“
Unser Gespräch befasste sich dann mit rein persönlichen Angelegenheiten.
Der von Poirot inspirierte Absatz erschien am nächsten Morgen ordnungsgemäß in unserer Tageszeitung. Ich war im Dunkeln über dessen Zweck, aber seine Wirkung auf Caroline war immens.
Sie begann damit, höchst unwahrhaftig zu behaupten, sie hätte das alles schon die ganze Zeit gesagt. Ich hob die Augenbrauen, argumentierte aber nicht. Caroline muss jedoch ein schlechtes Gewissen gehabt haben, denn sie fuhr fort:
„Ich habe vielleicht nicht direkt Liverpool erwähnt, aber ich wusste, dass er versuchen würde, nach Amerika zu entkommen. Das ist es, was Crippen getan hat.“
„Ohne großen Erfolg“, erinnerte ich sie.
„Armer Junge, und nun haben sie ihn also gefasst. Ich finde, James, es ist Ihre Pflicht, dafür zu sorgen, dass er nicht gehängt wird.“
„Was erwarten Sie, dass ich tue?“
„Nun, Sie sind ein medizinischer Fachmann, nicht wahr? Sie kennen ihn, seit er ein Junge war. Nicht geistig verantwortlich. Das ist die Linie, die man eindeutig verfolgen muss. Ich habe erst neulich gelesen, dass sie in Broadmoor sehr glücklich sind – es ist fast wie ein erstklassiger Club.“
Aber Carolines Worte hatten mich an etwas erinnert.
„Ich wusste nie, dass Poirot einen schwachsinnigen Neffen hat?“, sagte ich neugierig.
„Wussten Sie das nicht? Oh, er hat mir alles darüber erzählt. Armer Junge. Es ist ein großes Leid für die ganze Familie. Sie haben ihn bisher zu Hause behalten, aber es nimmt solche Ausmaße an, dass sie fürchten, er müsse in eine Art Anstalt.“
„Ich nehme an, Sie wissen inzwischen so ziemlich alles, was es über Poirots Familie zu wissen gibt“, sagte ich gereizt.
„Ziemlich alles“, sagte Caroline selbstgefällig. „Es ist für die Leute eine große Erleichterung, all ihre Sorgen jemandem anvertrauen zu können.“
„Das mag sein“, sagte ich, „wenn es ihnen jemals erlaubt würde, dies spontan zu tun. Ob sie es genießen, wenn ihnen Vertraulichkeiten mit Gewalt entlockt werden, ist eine andere Sache.“
Caroline sah mich lediglich mit der Miene eines christlichen Märtyrers an, der das Martyrium genießt.
„Sie sind so verschlossen, James“, sagte sie. „Sie hassen es, sich auszusprechen oder selbst Informationen preiszugeben, und Sie denken, jeder andere müsse genauso sein wie Sie. Ich hoffe, dass ich niemandem jemals Vertraulichkeiten entlocke. Zum Beispiel, wenn M. Poirot heute Nachmittag hereinkommt, wie er sagte, dass er es vielleicht tun würde, werde ich nicht im Traum daran denken, ihn zu fragen, wer heute Morgen früh bei ihm angekommen ist.“
„Heute Morgen früh?“, fragte ich.
„Sehr früh“, sagte Caroline. „Bevor die Milch kam. Ich habe zufällig aus dem Fenster geschaut – das Rollo flatterte. Es war ein Mann. Er kam in einem geschlossenen Wagen, und er war dick eingepackt. Ich konnte keinen Blick auf sein Gesicht erhaschen. Aber ich sage Ihnen meine Idee, und Sie werden sehen, dass ich Recht habe.“
„Was ist Ihre Idee?“
Caroline senkte ihre Stimme geheimnisvoll.
„Ein Experte des Innenministeriums“, hauchte sie.
„Ein Experte des Innenministeriums“, sagte ich erstaunt. „Meine liebe Caroline!“
„Merken Sie sich meine Worte, James, Sie werden sehen, dass ich Recht habe. Diese Russell-Frau war an jenem Morgen hier wegen Ihrer Gifte. Roger Ackroyd könnte an jenem Abend leicht durch sein Essen vergiftet worden sein.“
Ich lachte laut auf.
„Unsinn“, rief ich. „Er wurde in den Hals gestochen. Das wissen Sie so gut wie ich.“
„Nach dem Tod, James“, sagte Caroline; „um eine falsche Fährte zu legen.“
„Gute Frau“, sagte ich, „ich habe die Leiche untersucht, und ich weiß, wovon ich spreche. Diese Wunde wurde nicht nach dem Tod zugefügt – sie war die Todesursache, und da können Sie sich sicher sein.“
Caroline sah weiterhin allwissend aus, was mich so sehr ärgerte, dass ich fortfuhr:
„Vielleicht sagen Sie mir, Caroline, ob ich einen medizinischen Abschluss habe oder ob ich keinen habe?“
„Sie haben den medizinischen Abschluss, das wage ich zu sagen, James – zumindest meine ich, ich weiß, dass Sie ihn haben. Aber Sie haben überhaupt keine Fantasie.“
„Nachdem ich Sie mit einem dreifachen Anteil ausgestattet habe, blieb für mich keiner mehr übrig“, sagte ich trocken.
Ich war amüsiert, Carolines Manöver an jenem Nachmittag zu beobachten, als Poirot planmäßig eintraf. Meine Schwester umging, ohne eine direkte Frage zu stellen, das Thema des mysteriösen Gastes auf jede erdenkliche Weise. An dem Funkeln in Poirots Augen sah ich, dass er ihr Ziel erkannte. Er blieb sanft unempfänglich und blockierte ihre Versuche so erfolgreich, dass sie selbst nicht wusste, wie sie fortfahren sollte.
Nachdem er, so vermute ich, das kleine Spiel insgeheim genossen hatte, erhob er sich und schlug einen Spaziergang vor.
„Es ist so, dass ich die Figur ein wenig reduzieren muss“, erklärte er. „Werden Sie mich begleiten, Doktor? Und vielleicht gibt uns Miss Caroline später ein wenig Tee.“
„Mit Vergnügen“, sagte Caroline. „Wird Ihr – ähm – Gast nicht auch hereinkommen?“
„Sie sind zu gütig“, sagte Poirot. „Aber nein, mein Freund ruht sich aus. Bald werden Sie seine Bekanntschaft machen müssen.“
„Ein ganz alter Freund von Ihnen, wie mir jemand sagte“, sagte Caroline und unternahm einen letzten tapferen Versuch.
„Tatsächlich?“, murmelte Poirot. „Nun, wir müssen aufbrechen.“
Unser Marsch führte uns in Richtung Fernly. Ich hatte im Voraus geahnt, dass dies geschehen könnte. Ich begann, Poirots Methoden zu verstehen. Jede kleine Unwichtigkeit hatte einen Bezug zum Ganzen.
„Ich habe einen Auftrag für Sie, mein Freund“, sagte er schließlich. „Heute Abend möchte ich bei mir zu Hause eine kleine Konferenz abhalten. Sie werden teilnehmen, nicht wahr?“
„Sicher“, sagte ich.
„Gut. Ich brauche auch all jene im Haus – das heißt: Mrs. Ackroyd, Mademoiselle Flora, Major Blunt, M. Raymond. Ich möchte, dass Sie mein Botschafter sind. Dieses kleine Wiedersehen ist für neun Uhr angesetzt. Sie werden sie fragen – ja?“
„Mit Vergnügen; aber warum fragen Sie sie nicht selbst?“
„Weil sie dann die Fragen stellen werden: Warum? Wozu? Sie werden verlangen, was meine Idee ist. Und, wie Sie wissen, mein Freund, missfällt es mir sehr, meine kleinen Ideen erklären zu müssen, bis die Zeit reif ist.“
Ich lächelte ein wenig.
„Mein Freund Hastings, von dem ich Ihnen erzählte, pflegte über mich zu sagen, ich sei die menschliche Auster. Aber er war ungerecht. Von Fakten behalte ich nichts für mich. Aber jeder hat seine eigene Interpretation davon.“
„Wann soll ich das tun?“
„Jetzt, wenn Sie wollen. Wir sind nah am Haus.“
„Kommen Sie nicht mit hinein?“
„Nein, ich werde mich im Park ergehen. Ich werde Sie in einer Viertelstunde bei den Toren des Pförtnerhauses wiedertreffen.“
Ich nickte und machte mich an meine Aufgabe. Das einzige Familienmitglied, das zu Hause war, erwies sich als Mrs. Ackroyd, die an einer frühen Tasse Tee nippte. Sie empfing mich sehr gnädig.
„So dankbar ich Ihnen bin, Doktor“, murmelte sie, „dass Sie diese kleine Angelegenheit mit M. Poirot geklärt haben. Aber das Leben ist ein Ärger nach dem anderen. Sie haben natürlich von Flora gehört?“
„Was genau?“, fragte ich vorsichtig.
„Diese neue Verlobung. Flora und Hector Blunt. Natürlich keine so gute Partie wie Ralph es gewesen wäre. Aber schließlich geht das Glück vor. Was die liebe Flora braucht, ist ein älterer Mann – jemand Beständiges und Zuverlässiges, und dann ist Hector auf seine Weise wirklich ein sehr angesehener Mann. Sie haben heute Morgen die Nachricht von Ralphs Verhaftung in der Zeitung gelesen?“
„Ja“, sagte ich, „das habe ich.“
„Schrecklich.“ Mrs. Ackroyd schloss die Augen und schauderte. „Geoffrey Raymond war in einer schrecklichen Verfassung. Er rief in Liverpool an. Aber sie wollten ihm auf dem Polizeirevier dort nichts sagen. Tatsächlich sagten sie, sie hätten Ralph überhaupt nicht verhaftet. Mr. Raymond besteht darauf, dass alles ein Irrtum ist – ein – wie nennen sie es? – Zeitungsente. Ich habe verboten, es vor den Dienstboten zu erwähnen. So eine schreckliche Schande. Stellen Sie sich vor, wenn Flora tatsächlich mit ihm verheiratet gewesen wäre.“
Mrs. Ackroyd schloss ihre Augen vor Qual. Ich begann mich zu fragen, wie bald ich in der Lage sein würde, Poirots Einladung zu überbringen.
Bevor ich sprechen konnte, legte Mrs. Ackroyd wieder los.
„Sie waren gestern hier, nicht wahr, mit diesem schrecklichen Inspector Raglan? Ein Tier von einem Mann – er hat Flora in Angst und Schrecken versetzt, sodass sie sagte, sie hätte dieses Geld aus dem Zimmer des armen Roger genommen. Und die Angelegenheit war eigentlich so einfach. Das liebe Kind wollte ein paar Pfund leihen, wollte ihren Onkel nicht stören, da er strenge Anweisungen dagegen gegeben hatte, aber da sie wusste, wo er seine Notizen aufbewahrte, ging sie hin und nahm, was sie brauchte.“
„Ist das Floras Darstellung der Angelegenheit?“, fragte ich.
„Mein lieber Doktor, Sie wissen, wie Mädchen heutzutage sind. So leicht durch Suggestion zu beeinflussen. Sie wissen natürlich alles über Hypnose und dergleichen. Der Inspektor schreit sie an, sagt das Wort ‚stehlen‘ immer und immer wieder, bis das arme Kind eine Hemmung bekommt – oder ist es ein Komplex? – ich verwechsle diese beiden Wörter immer – und tatsächlich selbst glaubt, sie habe das Geld gestohlen. Ich habe sofort gesehen, wie es war. Aber ich kann in gewisser Weise nicht dankbar genug für das ganze Missverständnis sein – es scheint diese beiden zusammengebracht zu haben – Hector und Flora, meine ich. Und ich versichere Ihnen, dass ich mir in der Vergangenheit große Sorgen um Flora gemacht habe: warum, zu einer Zeit dachte ich tatsächlich, es würde so etwas wie eine Übereinkunft zwischen ihr und dem jungen Raymond geben. Denken Sie nur!“ Mrs. Ackroyds Stimme stieg in schrillem Entsetzen an. „Ein Privatsekretär – mit praktisch keinerlei eigenem Vermögen.“
„Das wäre ein schwerer Schlag für Sie gewesen“, sagte ich. „Nun, Mrs. Ackroyd, ich habe eine Nachricht von M. Hercule Poirot für Sie.“
„Für mich?“
Mrs. Ackroyd sah ziemlich beunruhigt aus.
Ich beeilte mich, sie zu beruhigen, und erklärte, was Poirot wollte.
„Natürlich“, sagte Mrs. Ackroyd ziemlich zweifelnd, „ich nehme an, wir müssen kommen, wenn M. Poirot es sagt. Aber worum geht es überhaupt? Ich wüsste es gerne vorher.“
Ich versicherte der Dame wahrheitsgemäß, dass ich selbst nicht mehr wisse als sie.
„Sehr wohl“, sagte Mrs. Ackroyd schließlich, ziemlich widerwillig, „ich werde es den anderen sagen, und wir werden um neun Uhr dort sein.“
Daraufhin verabschiedete ich mich und traf Poirot am vereinbarten Treffpunkt.
„Ich habe länger als eine Viertelstunde gebraucht, fürchte ich“, bemerkte ich. „Aber sobald diese gute Dame anfängt zu reden, ist es eine Sache von äußerster Schwierigkeit, auch nur ein Wort dazwischen zu bekommen.“
„Es macht nichts“, sagte Poirot. „Ich habe mich gut amüsiert. Dieser Park ist großartig.“
Wir machten uns auf den Heimweg. Als wir ankamen, öffnete zu unserer großen Überraschung Caroline, die uns offensichtlich beobachtet hatte, selbst die Tür.
Sie legte ihre Finger auf ihre Lippen. Ihr Gesicht war voller Wichtigkeit und Aufregung.
„Ursula Bourne“, sagte sie, „das Stubenmädchen aus Fernly. Sie ist hier! Ich habe sie ins Esszimmer gesetzt. Sie ist in einer schrecklichen Verfassung, die Arme. Sagt, sie müsse M. Poirot sofort sprechen. Ich habe getan, was ich konnte. Habe ihr eine Tasse heißen Tee gebracht. Es geht einem wirklich zu Herzen, jemanden in einem solchen Zustand zu sehen.“
„Im Esszimmer?“, fragte Poirot.
„Hier entlang“, sagte ich und stieß die Tür auf.
Ursula Bourne saß am Tisch. Ihre Arme waren vor ihr ausgebreitet, und sie hatte offensichtlich gerade ihren Kopf dort gehoben, wo er vergraben gewesen war. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet.
„Ursula Bourne“, murmelte ich.
Aber Poirot ging mit ausgestreckten Händen an mir vorbei.
„Nein“, sagte er, „das ist nicht ganz richtig, glaube ich. Es ist nicht Ursula Bourne, nicht wahr, mein Kind – sondern Ursula Paton? Mrs. Ralph Paton.“
KAPITEL XXII
URSULAS GESCHICHTE
Für ein oder zwei Augenblicke sah das Mädchen stumm zu Poirot auf. Dann, als ihre Zurückhaltung vollständig zusammenbrach, nickte sie einmal und brach in einen Schluchzenausbruch aus.
Caroline drängte sich an mir vorbei, legte ihren Arm um das Mädchen und tätschelte ihr die Schulter.
„Na, na, meine Liebe“, sagte sie beruhigend, „es wird alles gut werden. Sie werden sehen – es wird alles gut werden.“
Vergraben unter Neugier und Klatschsucht gibt es viel Güte in Caroline. Im Moment ging selbst das Interesse an Poirots Enthüllung im Anblick der Not des Mädchens verloren.
Nach einer Weile setzte sich Ursula auf und wischte sich die Augen.
„Das ist sehr schwach und albern von mir“, sagte sie.
„Nein, nein, mein Kind“, sagte Poirot gütig. „Wir alle können die Anspannung dieser letzten Woche nachempfinden.“
„Es muss eine schreckliche Prüfung gewesen sein“, sagte ich.
„Und dann herauszufinden, dass Sie es wussten“, fuhr Ursula fort. „Woher wussten Sie es? War es Ralph, der es Ihnen erzählt hat?“
Poirot schüttelte den Kopf.
„Sie wissen, was mich heute Abend zu Ihnen geführt hat“, fuhr das Mädchen fort. „Dies——“
Sie hielt ein zerknittertes Stück Zeitung hin, und ich erkannte den Absatz wieder, den Poirot hatte einsetzen lassen.
„Darin steht, dass Ralph verhaftet wurde. Also ist alles zwecklos. Ich muss nicht länger so tun als ob.“
„Zeitungsabsätze entsprechen nicht immer der Wahrheit, mademoiselle“, murmelte Poirot, der so viel Anstand besaß, sich seiner selbst zu schämen. „Dennoch halte ich es für das Beste, wenn Sie reinen Tisch machen. Die Wahrheit ist es, was wir jetzt brauchen.“
Das Mädchen zögerte und blickte ihn zweifelnd an.
„Sie vertrauen mir nicht“, sagte Poirot sanft. „Und doch sind Sie zu mir gekommen, um mich zu finden, nicht wahr? Warum war das?“
„Weil ich nicht glaube, dass Ralph es getan hat“, sagte das Mädchen mit sehr leiser Stimme. „Und ich glaube, dass Sie klug sind und die Wahrheit herausfinden werden. Und außerdem——“
„Ja?“
„Ich glaube, dass Sie freundlich sind.“
Poirot nickte mehrmals mit dem Kopf.
„Es ist sehr gut, dass – ja, es ist sehr gut. Hören Sie, ich glaube wahrhaftig, dass dieser Ihr Ehemann unschuldig ist – aber die Angelegenheit schreitet schlecht voran. Wenn ich ihn retten soll, muss ich alles wissen, was es zu wissen gibt – auch wenn es den Anschein haben sollte, als würde die Beweislast gegen ihn dadurch noch erdrückender.“
„Wie gut Sie das verstehen“, sagte Ursula.
„Also werden Sie mir die ganze Geschichte erzählen, nicht wahr? Von Anfang an.“
„Sie werden mich doch hoffentlich nicht wegschicken“, sagte Caroline und machte es sich in einem Lehnstuhl bequem. „Was ich wissen will“, fuhr sie fort, „ist, warum dieses Kind sich als Stubenmädchen verkleidet hat?“
„Verkleidet?“ fragte ich.
„Das habe ich gesagt. Warum hast du das getan, Kind? Wegen einer Wette?“
„Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagte Ursula trocken.
Und ermutigt begann sie die Geschichte, die ich hier mit meinen eigenen Worten wiedergebe.
Ursula Bourne, so schien es, stammte aus einer siebenköpfigen Familie verarmter irischer Landedelleute. Nach dem Tod ihres Vaters wurden die meisten Mädchen in die Welt hinausgeschickt, um ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Ursulas älteste Schwester war mit Captain Folliott verheiratet. Sie war es, die ich an jenem Sonntag gesehen hatte, und der Grund für ihre Verlegenheit war nun nur allzu deutlich. Entschlossen, ihr Geld selbst zu verdienen, und wenig angetan von der Vorstellung, Kindermädchen zu werden – der einzige Beruf, der einem ungelernten Mädchen offenstand –, zog Ursula die Arbeit als Stubenmädchen vor. Sie verschmähte es, sich als „feines Stubenmädchen“ zu bezeichnen. Sie wollte ein echtes sein, wobei ihr das Empfehlungsschreiben von ihrer Schwester ausgestellt wurde. In Fernly war sie trotz einer Zurückhaltung, die, wie wir gesehen haben, zu einigem Gerede Anlass gab, in ihrem Beruf erfolgreich – schnell, kompetent und gründlich.
„Die Arbeit hat mir Spaß gemacht“, erklärte sie. „Und ich hatte viel Zeit für mich.“
Und dann kam ihr Treffen mit Ralph Paton und die Liebesbeziehung, die in einer heimlichen Hochzeit gipfelte. Ralph hatte sie dazu überredet, wenn auch etwas gegen ihren Willen. Er hatte erklärt, sein Stiefvater würde nichts davon wissen wollen, dass er ein mittelloses Mädchen heiratete. Es sei besser, heimlich zu heiraten und ihm die Neuigkeit zu einem späteren und günstigeren Zeitpunkt zu überbringen.
Und so geschah es, und aus Ursula Bourne wurde Ursula Paton. Ralph hatte erklärt, er wolle seine Schulden abbezahlen, einen Job finden, und sobald er in der Lage wäre, für sie zu sorgen und unabhängig von seinem Adoptivvater zu sein, würden sie es ihm mitteilen.
Doch für Menschen wie Ralph Paton ist es in der Theorie leichter, ein neues Blatt aufzuschlagen, als in der Praxis. Er hoffte, dass sein Stiefvater, während er noch nichts von der Ehe wusste, dazu überredet werden könnte, seine Schulden zu begleichen und ihn wieder auf die Beine zu bringen. Doch die Enthüllung über die Höhe von Ralphs Verbindlichkeiten brachte Roger Ackroyd nur in Rage, und er weigerte sich, irgendetwas zu tun. Einige Monate vergingen, und dann wurde Ralph erneut nach Fernly beordert. Roger Ackroyd redete nicht lange um den heißen Brei herum. Es war sein sehnlichster Wunsch, dass Ralph Flora heiraten sollte, und er legte dem jungen Mann die Angelegenheit unumwunden dar.
Und genau hier zeigte sich die angeborene Schwäche von Ralph Paton. Wie immer griff er nach der einfachen, der unmittelbarsten Lösung. Soweit ich es beurteilen konnte, heuchelten weder Flora noch Ralph Liebe vor. Es war von beiden Seiten ein geschäftliches Abkommen. Roger Ackroyd diktierte seine Wünsche – sie stimmten ihnen zu. Flora akzeptierte die Chance auf Freiheit, Geld und einen erweiterten Horizont; Ralph spielte natürlich ein anderes Spiel. Aber er steckte finanziell in einer sehr schwierigen Lage. Er griff nach der Chance. Seine Schulden würden bezahlt werden. Er könnte mit einem unbeschriebenen Blatt neu anfangen. Er war nicht der Typ, der an die Zukunft dachte, aber ich vermute, er sah vage, dass die Verlobung mit Flora nach einer angemessenen Zeit aufgelöst werden würde. Sowohl Flora als auch er vereinbarten, dass sie vorerst geheim gehalten werden sollte. Er war darauf bedacht, sie vor Ursula zu verbergen. Er spürte instinktiv, dass ihr Charakter, stark und entschlossen, mit einem natürlichen Abscheu vor Falschheit, nicht der richtige war, um einen solchen Kurs gutzuheißen.
Dann kam der entscheidende Moment, als Roger Ackroyd, der immer eigenmächtig handelte, beschloss, die Verlobung bekannt zu geben. Er sagte Ralph kein Wort von seinem Vorhaben – nur Flora, und die apathische Flora erhob keinen Einwand. Auf Ursula wirkte die Nachricht wie eine Bombe. Von ihr gerufen, kam Ralph hastig aus der Stadt herunter. Sie trafen sich im Wald, wo ein Teil ihres Gesprächs von meiner Schwester belauscht wurde. Ralph beschwor sie, noch eine Weile zu schweigen; Ursula war gleichermaßen entschlossen, mit der Heimlichtuerei Schluss zu machen. Sie würde Herrn Ackroyd ohne weiteren Verzug die Wahrheit sagen. Ehemann und Ehefrau trennten sich in erbittertem Streit.
Ursula, standhaft in ihrem Vorsatz, suchte noch am selben Nachmittag das Gespräch mit Roger Ackroyd und offenbarte ihm die Wahrheit. Ihre Unterredung war stürmisch – sie hätte noch stürmischer sein können, wäre Roger Ackroyd nicht bereits von seinen eigenen Problemen besessen gewesen. Es war jedoch schlimm genug. Ackroyd war nicht der Mann, der die Täuschung verzieh, die man ihm gegenüber geübt hatte. Sein Groll richtete sich hauptsächlich gegen Ralph, aber auch Ursula bekam ihren Teil ab, da er sie für ein Mädchen hielt, das absichtlich versucht hatte, den Adoptivsohn eines sehr wohlhabenden Mannes „einzufangen“. Auf beiden Seiten fielen unverzeihliche Worte.
Am selben Abend traf Ursula Ralph nach Verabredung im kleinen Gartenhaus; sie stahl sich durch die Seitentür aus dem Haus, um dies zu tun. Ihr Gespräch bestand auf beiden Seiten aus Vorwürfen. Ralph warf Ursula vor, seine Aussichten durch ihre ungelegene Enthüllung unwiederbringlich ruiniert zu haben. Ursula warf Ralph seine Falschheit vor.
Schließlich trennten sie sich. Etwas mehr als eine halbe Stunde später wurde die Leiche von Roger Ackroyd entdeckt. Seit dieser Nacht hatte Ursula Ralph weder gesehen noch von ihm gehört.
Während sich die Geschichte entfaltete, wurde mir mehr und mehr klar, was für eine erdrückende Reihe von Tatsachen dies war. Lebend hätte Ackroyd sein Testament kaum unverändert gelassen – ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass dies sein erster Gedanke gewesen wäre. Sein Tod kam für Ralph und Ursula Paton gerade zur rechten Zeit. Kein Wunder, dass das Mädchen den Mund gehalten und ihre Rolle so konsequent gespielt hatte.
Meine Überlegungen wurden unterbrochen. Es war Poirots Stimme, die sprach, und ich wusste an der Ernsthaftigkeit seines Tons, dass auch er sich der Tragweite der Lage voll bewusst war.
„Mademoiselle, ich muss Ihnen eine Frage stellen, und Sie müssen sie wahrheitsgemäß beantworten, denn davon kann alles abhängen: Wie spät war es, als Sie sich im Gartenhaus von Captain Ralph Paton trennten? Nehmen Sie sich jetzt einen kleinen Moment Zeit, damit Ihre Antwort sehr genau ist.“
Das Mädchen stieß ein halbes Lachen aus, das bitter genug war, beim Himmel.
„Glauben Sie, ich bin das nicht immer und immer wieder in meinen Gedanken durchgegangen? Es war gerade halb zehn, als ich hinausging, um ihn zu treffen. Major Blunt ging auf der Terrasse auf und ab, also musste ich durch das Gebüsch gehen, um ihm auszuweichen. Es muss etwa siebenundzwanzig Minuten vor zehn gewesen sein, als ich das Gartenhaus erreichte. Ralph wartete auf mich. Ich war zehn Minuten bei ihm – nicht länger, denn es war kurz vor Viertel vor zehn, als ich wieder im Haus war.“
Jetzt begriff ich ihre Beharrlichkeit bei ihrer Frage neulich. Wenn doch nur bewiesen werden könnte, dass Ackroyd vor Viertel vor zehn getötet wurde und nicht danach.
Ich sah den Widerschein dieses Gedankens in Poirots nächster Frage.
„Wer verließ das Gartenhaus zuerst?“
„Ich.“
„Und ließen Captain Ralph Paton im Gartenhaus zurück?“
„Ja – aber Sie denken doch nicht etwa——“
„Mademoiselle, es ist ohne Belang, was ich denke. Was haben Sie getan, als Sie zum Haus zurückkamen?“
„Ich bin auf mein Zimmer gegangen.“
„Und blieben dort bis wann?“
„Bis etwa zehn Uhr.“
„Gibt es jemanden, der das beweisen kann?“
„Beweisen? Dass ich auf meinem Zimmer war, meinen Sie? Oh! Nein. Aber sicherlich – oh! Ich verstehe, sie könnten denken – sie könnten denken——“
Ich sah das aufkeimende Entsetzen in ihren Augen.
Poirot beendete den Satz für sie.
„Dass Sie es waren, die durch das Fenster eingedrungen ist und Herrn Ackroyd erstochen hat, während er in seinem Stuhl saß? Ja, genau das könnten sie denken.“
„Niemand außer einem Narren würde so etwas denken“, sagte Caroline entrüstet.
Sie tätschelte Ursula die Schulter.
Das Mädchen hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen.
„Schrecklich“, murmelte sie. „Schrecklich.“
Caroline gab ihr einen freundschaftlichen Stoß.
„Mach dir keine Sorgen, mein Kind“, sagte sie. „M. Poirot denkt das in Wirklichkeit nicht. Was diesen deinen Ehemann betrifft, so halte ich nicht viel von ihm, das sage ich dir ganz offen. Davonlaufen und dich den Ärger allein ausbaden lassen.“
Doch Ursula schüttelte energisch den Kopf.
„Oh, nein“, rief sie. „So war es ganz und gar nicht. Ralph würde nicht aus eigenem Antrieb weglaufen. Jetzt verstehe ich. Wenn er von der Ermordung seines Stiefvaters hörte, könnte er selbst denken, dass ich es getan habe.“
„Er würde so etwas nicht denken“, sagte Caroline.
„Ich war in jener Nacht so grausam zu ihm – so hart und bitter. Ich wollte nicht hören, was er zu sagen versuchte – wollte nicht glauben, dass er sich wirklich sorgte. Ich stand nur da und sagte ihm, was ich von ihm hielt, und sagte die kältesten, grausamsten Dinge, die mir in den Sinn kamen – ich versuchte mein Bestes, ihn zu verletzen.“
„Das schadet ihm nicht“, sagte Caroline. „Mach dir niemals Gedanken darüber, was du zu einem Mann sagst. Sie sind so eingebildet, dass sie dir nie glauben, dass du es so meinst, wenn es nicht schmeichelhaft ist.“
Ursula fuhr fort, nervös ihre Hände zu verknoten.
„Als der Mord entdeckt wurde und er sich nicht meldete, war ich schrecklich aufgewühlt. Nur für einen Moment fragte ich mich – aber dann wusste ich, dass er es nicht konnte – er konnte nicht.... Aber ich wünschte, er würde sich melden und offen sagen, dass er nichts damit zu tun hatte. Ich wusste, dass er Dr. Sheppard sehr mochte, und ich stellte mir vor, dass Dr. Sheppard vielleicht wüsste, wo er sich versteckte.“
Sie wandte sich an mich.
„Deshalb habe ich an jenem Tag zu Ihnen gesagt, was ich gesagt habe. Ich dachte, wenn Sie wüssten, wo er ist, könnten Sie ihm die Nachricht überbringen.“
„Ich?“ rief ich aus.
„Warum sollte James wissen, wo er ist?“, verlangte Caroline scharf zu wissen.
„Es war sehr unwahrscheinlich, das weiß ich“, gab Ursula zu, „aber Ralph hatte oft von Dr. Sheppard gesprochen, und ich wusste, dass er ihn wahrscheinlich für seinen besten Freund in King’s Abbot halten würde.“
„Mein liebes Kind“, sagte ich, „ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo Ralph Paton sich gegenwärtig aufhält.“
„Das ist wahr genug“, sagte Poirot.
„Aber——“ Ursula hielt den Zeitungsausschnitt ratlos hin.
„Ah! das“, sagte Poirot, leicht verlegen; „eine Kleinigkeit, mademoiselle. A rien du tout. Keinen Augenblick lang glaube ich, dass Ralph Paton verhaftet wurde.“
„Aber dann——“ begann das Mädchen langsam.
Poirot fuhr schnell fort:
„Eines möchte ich noch wissen – trug Captain Paton in jener Nacht Halbschuhe oder Stiefel?“
Ursula schüttelte den Kopf.
„Ich kann mich nicht erinnern.“
„Schade! Aber woher sollten Sie auch? Nun, madame“, er lächelte sie an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, während sein Zeigefinger beredt hin- und herwackelte, „keine Fragen mehr. Und quälen Sie sich nicht. Fassen Sie Mut und setzen Sie Ihr Vertrauen in Hercule Poirot.“
KAPITEL XXIII
POIROTS KLEINES WIEDERSEHEN
„Und jetzt“, sagte Caroline und erhob sich, „kommt dieses Kind mit nach oben, um sich hinzulegen. Mach dir keine Sorgen, mein Kind. M. Poirot wird alles tun, was er kann – sei dir dessen gewiss.“
„Ich sollte zurück nach Fernly“, sagte Ursula unsicher.
Doch Caroline brachte ihre Proteste mit fester Hand zum Schweigen.
„Unsinn. Du bist vorerst in meiner Obhut. Du bleibst jetzt erst einmal hier, nicht wahr, M. Poirot?“
„Das wird der beste Plan sein“, stimmte der kleine Belgier zu. „Heute Abend werde ich mademoiselle – ich bitte um Verzeihung, madame – bei meinem kleinen Wiedersehen erwarten. Um neun Uhr in meinem Haus. Es ist höchst notwendig, dass sie dort anwesend ist.“
Caroline nickte und begleitete Ursula aus dem Zimmer. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Poirot ließ sich wieder in einen Sessel sinken.
„So weit, so gut“, sagte er. „Die Dinge ordnen sich.“
„Sie sehen für Ralph Paton immer schwärzer aus“, bemerkte ich düster.
Poirot nickte.
„Ja, das stimmt. Aber das war zu erwarten, nicht wahr?“
Ich sah ihn leicht verwundert über diese Bemerkung an. Er lehnte sich im Sessel zurück, die Augen halb geschlossen, die Fingerspitzen einander leicht berührend. Plötzlich seufzte er und schüttelte den Kopf.
„Was ist?“, fragte ich.
„Es ist so, dass es Momente gibt, in denen mich eine große Sehnsucht nach meinem Freund Hastings überkommt. Das ist der Freund, von dem ich Ihnen erzählte – derjenige, der jetzt in Argentinien lebt. Immer, wenn ich einen großen Fall hatte, war er an meiner Seite. Und er hat mir geholfen – ja, oft hat er mir geholfen. Denn er hatte ein Talent, dieser, unversehens über die Wahrheit zu stolpern – ohne es selbst zu bemerken, bien entendu. Manchmal hat er etwas besonders Törichtes gesagt, und siehe da, diese törichte Bemerkung hat mir die Wahrheit enthüllt! Und dann war es auch seine Gewohnheit, eine schriftliche Aufzeichnung der Fälle zu führen, die sich als interessant erwiesen.“
Ich unterdrückte ein leicht verlegenes Husten.
„Was das betrifft“, begann ich und hielt dann inne.
Poirot saß kerzengerade im Sessel. Seine Augen funkelten.
„Aber ja? Was ist es, das Sie sagen wollten?“
„Nun, um die Wahrheit zu sagen, ich habe einige von Captain Hastings’ Aufzeichnungen gelesen, und ich dachte, warum versuchst du es nicht selbst einmal mit so etwas? Es schien eine Schande, es nicht zu tun – eine einzigartige Gelegenheit – wahrscheinlich das einzige Mal, dass ich in so etwas verwickelt werde.“
Ich fühlte, wie mir immer heißer wurde und ich immer zusammenhangloser sprach, während ich mich durch das obige Geständnis stammelte.
Poirot sprang aus seinem Sessel auf. Ich hatte einen Moment lang Angst, er würde mich auf französische Art umarmen, aber glücklicherweise unterließ er es.
„Aber das ist großartig – Sie haben also Ihre Eindrücke von dem Fall niedergeschrieben, während er sich entwickelte?“
Ich nickte.
„Epatant!“, rief Poirot. „Lassen Sie sie mich sehen – auf der Stelle.“
Ich war nicht ganz auf eine so plötzliche Forderung vorbereitet. Ich strengte mein Gehirn an, um mich an bestimmte Details zu erinnern.
„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus“, stammelte ich. „Ich war vielleicht ein wenig – ähem – persönlich hier und da.“
„Oh! Ich verstehe vollkommen; Sie haben mich hier und da als komisch bezeichnet – vielleicht als lächerlich? Das spielt überhaupt keine Rolle. Hastings, auch er war nicht immer höflich. Ich, ich habe einen Geist, der über solchen Trivialitäten steht.“
Immer noch etwas zweifelnd kramte ich in den Schubladen meines Schreibtischs und brachte einen unordentlichen Stapel Manuskript hervor, den ich ihm übergab. In Hinblick auf eine mögliche Veröffentlichung in der Zukunft hatte ich das Werk in Kapitel unterteilt, und am Abend zuvor hatte ich es mit einem Bericht über den Besuch von Miss Russell auf den neuesten Stand gebracht. Poirot hatte also zwanzig Kapitel.
Ich überließ ihn damit.
Ich war gezwungen, zu einem Patienten in einiger Entfernung zu fahren, und es war nach acht Uhr, als ich zurückkam. Ich wurde mit einem Teller warmen Abendessens auf einem Tablett begrüßt und der Mitteilung, dass Poirot und meine Schwester um halb acht gemeinsam zu Abend gegessen hatten und dass Ersterer sich dann in mein Arbeitszimmer begeben hatte, um sein Lesen des Manuskripts zu beenden.
„Ich hoffe, James“, sagte meine Schwester, „dass du vorsichtig damit warst, was du in dem Ding über mich sagst?“
Mein Kiefer klappte herunter. Ich war überhaupt nicht vorsichtig gewesen.
„Nicht, dass es sehr viel ausmacht“, sagte Caroline, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutete. „M. Poirot wird schon wissen, was er davon zu halten hat. Er versteht mich viel besser als du.“
Ich ging in das Arbeitszimmer. Poirot saß am Fenster. Das Manuskript lag ordentlich gestapelt auf einem Stuhl neben ihm. Er legte seine Hand darauf und sprach.
„Eh bien“, sagte er, „ich gratuliere Ihnen – zu Ihrer Bescheidenheit!“
„Oh!“, sagte ich, etwas verdutzt.
„Und zu Ihrer Zurückhaltung“, fügte er hinzu.
Ich sagte noch einmal „Oh!“.
„Nicht so hat Hastings geschrieben“, fuhr mein Freund fort. „Auf jeder Seite, viele, viele Male war das Wort ‚ich‘. Was er dachte – was er tat. Aber Sie – Sie haben Ihre Persönlichkeit in den Hintergrund gedrängt; nur ein- oder zweimal tritt sie hervor – in Szenen des häuslichen Lebens, sagen wir mal?“
Ich errötete ein wenig unter dem Funkeln seiner Augen.
„Was halten Sie wirklich von dem Stoff?“, fragte ich nervös.
„Sie wollen meine offene Meinung?“
„Ja.“
Poirot legte seine scherzhafte Art ab.
„Ein sehr gewissenhafter und genauer Bericht“, sagte er freundlich. „Sie haben alle Tatsachen treu und exakt aufgezeichnet – obwohl Sie sich in Bezug auf Ihren eigenen Anteil daran angenehm zurückhaltend gezeigt haben.“
„Und es hat Ihnen geholfen?“
„Ja. Ich kann sagen, dass es mir beträchtlich geholfen hat. Kommen Sie, wir müssen zu meinem Haus hinübergehen und die Bühne für mein kleines Schauspiel bereiten.“
Caroline war im Flur. Ich glaube, sie hatte gehofft, sie würde eingeladen werden, uns zu begleiten. Poirot ging mit der Situation taktvoll um.
„Ich hätte Sie sehr gerne dabei gehabt, mademoiselle“, sagte er bedauernd, „aber in diesem Augenblick wäre das nicht ratsam. Verstehen Sie, all diese Leute heute Abend sind Verdächtige. Unter ihnen werde ich die Person finden, die Herrn Ackroyd getötet hat.“
„Glauben Sie das wirklich?“, sagte ich ungläubig.
„Ich sehe, dass Sie es nicht tun“, sagte Poirot trocken. „Noch wissen Sie Hercule Poirot nicht nach seinem wahren Wert zu schätzen.“
In diesem Augenblick kam Ursula die Treppe herunter.
„Sie sind bereit, mein Kind?“, sagte Poirot. „Das ist gut. Wir gehen gemeinsam zu meinem Haus. Mademoiselle Caroline, glauben Sie mir, ich tue alles in meiner Macht Stehende, um Ihnen zu dienen. Guten Abend.“
Wir gingen hinaus und ließen Caroline auf der Eingangstreppe zurück, die wie ein Hund, dem ein Spaziergang verwehrt wurde, hinter uns herblickte.
Das Wohnzimmer in The Larches war vorbereitet worden. Auf dem Tisch standen verschiedene Sirop-Sorten und Gläser. Auch ein Teller mit Biskuits. Mehrere Stühle waren aus dem anderen Zimmer herbeigeholt worden.
Poirot lief hin und her und stellte die Dinge um. Er zog hier einen Stuhl hervor, veränderte dort die Position einer Lampe und bückte sich gelegentlich, um eine der Matten, die den Boden bedeckten, geradezurücken. Besonders penibel war er bei der Beleuchtung. Die Lampen waren so angeordnet, dass sie ein helles Licht auf den Teil des Zimmers warfen, wo die Stühle gruppiert waren, während sie gleichzeitig das andere Ende des Raumes, wo, wie ich annahm, Poirot selbst sitzen würde, in ein dämmriges Zwielicht tauchten.
Ursula und ich beobachteten ihn. Bald war eine Glocke zu hören.
„Sie kommen“, sagte Poirot. „Gut, alles ist bereit.“
Die Tür öffnete sich und die Gesellschaft aus Fernly zog ein. Poirot ging vor und begrüßte Mrs. Ackroyd und Flora.
„Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie gekommen sind“, sagte er. „Und Major Blunt und Mr. Raymond.“
Der Sekretär war so gewinnend wie immer.
„Was ist die große Idee?“, sagte er lachend. „Irgendeine wissenschaftliche Maschine? Bekommen wir Bänder um unsere Handgelenke, die schuldige Herzschläge registrieren? Es gibt doch so eine Erfindung, nicht wahr?“
„Ich habe davon gelesen, ja“, gab Poirot zu. „Aber ich, ich bin altmodisch. Ich benutze die alten Methoden. Ich arbeite nur mit den kleinen grauen Zellen. Nun lassen Sie uns beginnen – aber zuerst habe ich Ihnen allen eine Ankündigung zu machen.“
Er nahm Ursulas Hand und zog sie nach vorne.
„Diese Dame ist Mrs. Ralph Paton. Sie ist seit letztem März mit Captain Paton verheiratet.“
Ein kleiner Schrei entfuhr Mrs. Ackroyd.
„Ralph! Verheiratet! Seit letztem März! Oh! Aber das ist absurd. Wie könnte er das sein?“
Sie starrte Ursula an, als hätte sie sie noch nie zuvor gesehen.
„Mit Bourne verheiratet?“, sagte sie. „Wirklich, M. Poirot, ich glaube Ihnen nicht.“
Ursula wurde rot und wollte zu sprechen beginnen, doch Flora kam ihr zuvor.
Sie trat schnell an die Seite des anderen Mädchens und legte ihren Arm in den ihren.
„Sie dürfen uns nicht übel nehmen, dass wir überrascht sind“, sagte sie. „Sehen Sie, wir hatten keine Ahnung von einer solchen Sache. Sie und Ralph haben Ihr Geheimnis sehr gut bewahrt. Ich – ich freue mich sehr darüber.“
„Sie sind sehr gütig, Miss Ackroyd“, sagte Ursula mit leiser Stimme, „und Sie haben jedes Recht, außerordentlich wütend zu sein. Ralph hat sich sehr schlecht benommen – besonders Ihnen gegenüber.“
„Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen“, sagte Flora und tätschelte ihr tröstend den Arm. „Ralph saß in der Klemme und hat den einzigen Ausweg gewählt. Ich hätte an seiner Stelle wahrscheinlich dasselbe getan. Ich finde allerdings, er hätte mir das Geheimnis anvertrauen können. Ich hätte ihn nicht im Stich gelassen.“
Poirot klopfte sanft auf einen Tisch und räusperte sich bedeutungsvoll.
„Die Vorstandssitzung wird gleich beginnen“, sagte Flora. „M. Poirot deutet an, dass wir nicht sprechen dürfen. Aber sagen Sie mir nur eines. Wo ist Ralph? Sie müssen es wissen, wenn es irgendjemand weiß.“
„Aber ich weiß es nicht“, rief Ursula, beinahe wimmernd. „Das ist ja gerade der Punkt, ich weiß es nicht.“
„Wird er nicht in Liverpool festgehalten?“, fragte Raymond. „Das stand so in der Zeitung.“
„Er ist nicht in Liverpool“, sagte Poirot kurz angebunden.
„Tatsächlich“, bemerkte ich, „weiß niemand, wo er ist.“
„Außer Hercule Poirot, was?“, sagte Raymond.
Poirot antwortete ernst auf das Geplänkel des anderen.
„Ich, ich weiß alles. Denken Sie daran.“
Geoffrey Raymond hob die Augenbrauen.
„Alles?“ Er pfiff durch die Zähne. „Hui! Das ist eine gewaltige Behauptung.“
„Wollen Sie damit sagen, dass Sie wirklich erraten können, wo Ralph Paton sich versteckt?“, fragte ich ungläubig.
„Sie nennen es erraten. Ich nenne es wissen, mein Freund.“
„In Cranchester?“, wagte ich zu vermuten.
„Nein“, antwortete Poirot ernst, „nicht in Cranchester.“
Er sagte nichts weiter, doch auf eine Geste von ihm hin nahmen die Anwesenden ihre Plätze ein. Während sie dies taten, öffnete sich die Tür erneut und zwei weitere Personen kamen herein und setzten sich in die Nähe der Tür. Es waren Parker und die Haushälterin.
„Die Zahl ist vollständig“, sagte Poirot. „Jeder ist hier.“
In seinem Tonfall schwang Zufriedenheit mit. Und bei diesem Klang sah ich ein Kräuseln, das einer Unruhe glich, über all die Gesichter huschen, die am anderen Ende des Raumes versammelt waren. Es lag etwas in all dem, das an eine Falle erinnerte – eine Falle, die zugeschnappt war.
Poirot las auf wichtige Art von einer Liste ab.
„Mrs. Ackroyd, Miss Flora Ackroyd, Major Blunt, Mr. Geoffrey Raymond, Mrs. Ralph Paton, John Parker, Elizabeth Russell.“
Er legte das Papier auf den Tisch.
„Was soll das alles bedeuten?“, begann Raymond.
„Die Liste, die ich gerade vorgelesen habe“, sagte Poirot, „ist eine Liste der verdächtigen Personen. Jeder von Ihnen, der hier anwesend ist, hatte die Gelegenheit, Mr. Ackroyd zu töten –“
Mit einem Aufschrei sprang Mrs. Ackroyd auf, ihr Hals zuckte.
„Das gefällt mir nicht“, wimmerte sie. „Das gefällt mir nicht. Ich würde viel lieber nach Hause gehen.“
„Sie können nicht nach Hause gehen, Madame“, sagte Poirot streng, „bevor Sie nicht gehört haben, was ich zu sagen habe.“
Er hielt einen Moment inne, dann räusperte er sich.
„Ich werde am Anfang beginnen. Als Miss Ackroyd mich bat, den Fall zu untersuchen, fuhr ich mit dem guten Dr. Sheppard nach Fernly Park. Ich ging mit ihm entlang der Terrasse, wo mir die Fußabdrücke auf dem Fensterbrett gezeigt wurden. Von dort führte mich Inspektor Raglan entlang des Pfades, der zur Auffahrt führt. Mein Blick fiel auf ein kleines Sommerhaus, und ich durchsuchte es gründlich. Ich fand zwei Dinge – ein Stück gestärktes Batist und einen leeren Gänsekiel. Das Stück Batist ließ mich sofort an eine Schürze einer Dienstbotin denken. Als Inspektor Raglan mir seine Liste der Personen im Haus zeigte, bemerkte ich sofort, dass eine der Dienstmädchen – Ursula Bourne, das Hausmädchen – kein echtes Alibi hatte. Ihrer eigenen Geschichte zufolge war sie von halb zehn bis zehn Uhr in ihrem Schlafzimmer. Aber angenommen, sie war stattdessen im Sommerhaus? Wenn dem so war, muss sie dorthin gegangen sein, um jemanden zu treffen. Nun wissen wir von Dr. Sheppard, dass in jener Nacht jemand von außerhalb zum Haus kam – der Fremde, den er direkt am Tor traf. Auf den ersten Blick schien es, als wäre unser Problem gelöst und der Fremde sei zum Sommerhaus gegangen, um Ursula Bourne zu treffen. Es war ziemlich sicher, dass er im Sommerhaus war, wegen des Gänsekiels. Das deutete sofort auf jemanden hin, der Drogen konsumiert – und zwar jemanden, der sich die Gewohnheit auf der anderen Seite des Atlantiks angeeignet hatte, wo das Schnupfen von ‚Schnee‘ gebräuchlicher ist als in diesem Land. Der Mann, den Dr. Sheppard traf, hatte einen amerikanischen Akzent, was zu dieser Vermutung passte.
Ich wurde jedoch durch einen Punkt aufgehalten. Die Zeiten passten nicht zusammen. Ursula Bourne konnte sicherlich nicht vor halb zehn zum Sommerhaus gegangen sein, während der Mann schon wenige Minuten nach neun dort gewesen sein musste. Ich konnte natürlich annehmen, dass er dort eine halbe Stunde gewartet hat. Die einzige alternative Vermutung war, dass es in jener Nacht zwei getrennte Treffen im Sommerhaus gegeben hatte. Eh bien, sobald ich dieser Alternative nachging, fand ich mehrere bedeutsame Fakten. Ich entdeckte, dass Miss Russell, die Haushälterin, an jenem Morgen Dr. Sheppard besucht und ein großes Interesse an Heilmitteln für Drogenabhängige gezeigt hatte. Wenn ich das in Verbindung mit dem Gänsekiel betrachte, nahm ich an, dass der betreffende Mann nach Fernly gekommen war, um die Haushälterin zu treffen, und nicht Ursula Bourne. Wen also traf Ursula Bourne bei diesem Rendezvous? Ich war nicht lange im Zweifel. Zuerst fand ich einen Ring – einen Ehering – mit der Gravur ‚Von R.‘ und einem Datum darin. Dann erfuhr ich, dass Ralph Paton gesehen worden war, wie er den Pfad hinaufkam, der zum Sommerhaus führte, und zwar um 25 Minuten nach neun, und ich hörte auch von einer gewissen Unterhaltung, die an jenem Nachmittag im Wald nahe dem Dorf stattgefunden hatte – eine Unterhaltung zwischen Ralph Paton und einem unbekannten Mädchen. So fügten sich meine Fakten ordentlich und sauber aneinander. Eine geheime Heirat, eine Verlobung, die am Tag der Tragödie bekannt gegeben wurde, das stürmische Gespräch im Wald und das für jene Nacht im Sommerhaus arrangierte Treffen.
Nebenbei bewies mir das eines: dass sowohl Ralph Paton als auch Ursula Bourne (oder Paton) die stärksten Motive hatten, Mr. Ackroyd aus dem Weg zu räumen. Und es machte auch noch einen anderen Punkt unerwartet deutlich. Es kann nicht Ralph Paton gewesen sein, der um halb zehn mit Mr. Ackroyd im Arbeitszimmer war.
So kommen wir zu einem weiteren und höchst interessanten Aspekt des Verbrechens. Wer war um halb zehn mit Mr. Ackroyd im Raum? Nicht Ralph Paton, der mit seiner Frau im Sommerhaus war. Nicht Charles Kent, der bereits gegangen war. Wer also? Ich stellte meine klügste – meine kühnste – Frage: War überhaupt jemand bei ihm?“
Poirot lehnte sich vor und schoss uns die letzten Worte triumphierend entgegen, wobei er sich danach mit der Miene eines Menschen zurückzog, dem ein entscheidender Treffer gelungen war.
Raymond schien jedoch nicht beeindruckt und erhob einen milden Einwand.
„Ich weiß nicht, ob Sie versuchen, mich als Lügner darzustellen, M. Poirot, aber die Angelegenheit beruht nicht allein auf meiner Aussage – außer vielleicht, was die genauen Worte angeht. Denken Sie daran, auch Major Blunt hörte, wie Mr. Ackroyd mit jemandem sprach. Er war draußen auf der Terrasse und konnte die Worte nicht genau verstehen, aber er hörte deutlich die Stimmen.“
Poirot nickte.
„Ich habe das nicht vergessen“, sagte er ruhig. „Aber Major Blunt hatte den Eindruck, dass Mr. Ackroyd mit Ihnen sprach.“
Einen Moment lang schien Raymond verblüfft. Dann fing er sich wieder.
„Blunt weiß jetzt, dass er sich geirrt hat“, sagte er.
„Ganz genau“, stimmte der andere Mann zu.
„Doch es muss einen Grund gegeben haben, warum er das dachte“, sinnierte Poirot. „Oh! Nein“, er hob abwehrend die Hand, „ich kenne den Grund, den Sie nennen werden – aber er reicht nicht aus. Wir müssen anderswo suchen. Ich will es so ausdrücken: Von Beginn des Falls an hat mich eines beeindruckt – die Art jener Worte, die Mr. Raymond belauscht hat. Es ist für mich erstaunlich, dass niemand sie kommentiert hat – dass niemand etwas Seltsames daran gefunden hat.“
Er hielt eine Minute inne und zitierte dann leise:
„... *Die Anforderungen an meinen Geldbeutel waren in letzter Zeit so häufig, dass ich fürchte, es ist mir unmöglich, Ihrer Bitte nachzukommen.* Fällt Ihnen nichts Seltsames an diesen Worten auf?“
„Ich glaube nicht“, sagte Raymond. „Er hat mir häufig Briefe diktiert und dabei fast genau diese Worte benutzt.“
„Ganz genau“, rief Poirot. „Das ist es, worauf ich hinaus will. Würde irgendein Mann einen solchen Satz verwenden, wenn er mit einem anderen spricht? Es ist unmöglich, dass das Teil einer echten Unterhaltung sein könnte. Wenn er nun aber einen Brief diktiert hätte –“
„Sie meinen, er hat einen Brief laut vorgelesen“, sagte Raymond langsam. „Selbst dann muss er ihn jemandem vorgelesen haben.“
„Aber warum? Wir haben keinen Beweis, dass sonst noch jemand im Raum war. Erinnern Sie sich, es wurde keine andere Stimme als die von Mr. Ackroyd gehört.“
„Sicherlich würde ein Mann solche Briefe nicht laut für sich allein lesen – es sei denn, er wäre – nun ja – verrückt geworden.“
„Sie haben alle eines vergessen“, sagte Poirot leise: „den Fremden, der am vorangegangenen Mittwoch im Haus war.“
Sie starrten ihn alle an.
„Aber ja“, sagte Poirot und nickte ermutigend, „am Mittwoch. Der junge Mann selbst war nicht wichtig. Aber die Firma, die er vertrat, interessierte mich sehr.“
„Die Diktaphon-Gesellschaft“, keuchte Raymond. „Jetzt verstehe ich. Ein Diktaphon. Das ist es, was Sie denken?“
Poirot nickte.
„Mr. Ackroyd hatte versprochen, in ein Diktaphon zu investieren, erinnern Sie sich? Ich, ich hatte die Neugier, mich bei der betreffenden Firma zu erkundigen. Ihre Antwort ist, dass Mr. Ackroyd tatsächlich ein Diktaphon von ihrem Vertreter gekauft hat. Warum er die Angelegenheit vor Ihnen verheimlicht hat, weiß ich nicht.“
„Er muss mich damit überraschen wollen“, murmelte Raymond. „Er hatte eine geradezu kindliche Freude daran, Leute zu überraschen. Er wollte es ein oder zwei Tage für sich behalten. Wahrscheinlich hat er damit gespielt wie mit einem neuen Spielzeug. Ja, das passt. Sie haben vollkommen recht – niemand würde solche Worte in einer beiläufigen Unterhaltung benutzen.“
„Es erklärt auch“, sagte Poirot, „warum Major Blunt dachte, Sie seien im Arbeitszimmer gewesen. Die Fetzen, die zu ihm drangen, waren Bruchstücke eines Diktats, und so schloss sein Unterbewusstsein, dass Sie bei ihm waren. Sein Bewusstsein war mit etwas ganz anderem beschäftigt – der weißen Gestalt, die er flüchtig gesehen hatte. Er bildete sich ein, es sei Miss Ackroyd. In Wirklichkeit war es natürlich Ursula Bournes weiße Schürze, die er sah, als sie sich zum Sommerhaus stahl.“
Raymond hatte sich von seiner ersten Überraschung erholt.
„Trotzdem“, bemerkte er, „lässt diese Ihre Entdeckung, so brillant sie auch sein mag (ich bin mir sicher, ich hätte niemals daran gedacht), die grundlegende Lage unverändert. Mr. Ackroyd war um halb zehn noch am Leben, da er in das Diktaphon sprach. Es scheint klar, dass der Mann Charles Kent zu diesem Zeitpunkt das Gelände bereits verlassen hatte. Was Ralph Paton angeht –?“
Er zögerte und blickte zu Ursula.
Ihre Gesichtsfarbe flammte auf, aber sie antwortete fest genug.
„Ralph und ich trennten uns kurz vor viertel vor zehn. Er ist nicht in die Nähe des Hauses gegangen, da bin ich mir sicher. Er hatte nicht die Absicht, dies zu tun. Das Letzte, was er auf der Welt wollte, war, seinem Stiefvater gegenüberzutreten. Er hätte große Angst davor gehabt.“
„Es ist nicht so, dass ich Ihre Geschichte auch nur einen Moment lang anzweifle“, erklärte Raymond. „Ich war immer ganz sicher, dass Captain Paton unschuldig war. Aber man muss an einen Gerichtssaal denken – und die Fragen, die gestellt würden. Er befindet sich in einer höchst unglücklichen Lage, aber wenn er hervortreten würde –“
Poirot unterbrach ihn.
„Das ist Ihr Rat, ja? Dass er hervortreten sollte?“
„Sicherlich. Wenn Sie wissen, wo er ist –“
„Ich bemerke, dass Sie nicht glauben, dass ich es weiß. Und doch habe ich Ihnen gerade gesagt, dass ich alles weiß. Die Wahrheit über den Telefonanruf, die Fußabdrücke auf dem Fensterbrett, das Versteck von Ralph Paton –“
„Wo ist er?“, sagte Blunt scharf.
„Nicht sehr weit weg“, sagte Poirot lächelnd.
„In Cranchester?“, fragte ich.
Poirot wandte sich mir zu.
„Immer fragen Sie mich das. Die Idee von Cranchester ist bei Ihnen eine idée fixe. Nein, er ist nicht in Cranchester. Er ist – dort!“
Er deutete mit einem dramatischen Zeigefinger. Aller Köpfe drehten sich.
Ralph Paton stand im Türrahmen.
„Ich dachte vielleicht, dass Sie ihn aus der Reserve locken könnten, wenn Sie ihn glauben ließen, Sie wüssten Bescheid – nicht notwendigerweise durch ein Geständnis. Er könnte versuchen, Sie zum Schweigen zu bringen, so wie er es früher mit Mr. Ackroyd tat – bevor Sie morgen früh handeln könnten.“
„Eine Falle, bei der ich selbst der Köder bin! Merci, mon ami, aber für so etwas bin ich nicht heldenhaft genug.“
„Dann verstehe ich Sie nicht. Gehen Sie nicht sicher das Risiko ein, den Mörder entkommen zu lassen, indem Sie ihn so in Alarmbereitschaft versetzen?“
Poirot schüttelte den Kopf.
„Er kann nicht entkommen“, sagte er ernst. „Es gibt nur einen Ausweg – und dieser Weg führt nicht in die Freiheit.“
„Glauben Sie wirklich, dass einer der Menschen hier heute Abend den Mord begangen hat?“, fragte ich ungläubig.
„Ja, mein Freund.“
„Welcher?“
Es herrschte einige Minuten lang Stille. Dann schnippte Poirot den Zigarettenstummel in den Kamin und begann mit ruhiger, nachdenklicher Stimme zu sprechen.
„Ich werde Sie den Weg führen, den ich selbst gegangen bin. Schritt für Schritt werden Sie mich begleiten und selbst sehen, dass alle Fakten unbestreitbar auf eine Person hindeuten. Zunächst einmal gab es zwei Fakten und eine kleine zeitliche Unstimmigkeit, die meine Aufmerksamkeit besonders auf sich zogen. Die erste Tatsache war der Telefonanruf. Wenn Ralph Paton tatsächlich der Mörder wäre, würde der Telefonanruf bedeutungslos und absurd werden. Deshalb sagte ich mir: Ralph Paton ist nicht der Mörder.
Ich überzeugte mich davon, dass der Anruf von niemandem im Haus hätte getätigt werden können, und doch war ich davon überzeugt, dass ich meinen Verbrecher unter den an jenem verhängnisvollen Abend Anwesenden suchen musste. Daher schloss ich, dass der Telefonanruf von einem Komplizen getätigt worden sein musste. Diese Schlussfolgerung gefiel mir nicht recht, aber ich ließ sie vorerst so stehen.
Als Nächstes untersuchte ich das Motiv für den Anruf. Das war schwierig. Ich konnte nur dahinterkommen, indem ich sein Ergebnis beurteilte. Und das war – dass der Mord noch in derselben Nacht entdeckt wurde anstatt – aller Wahrscheinlichkeit nach – am nächsten Morgen. Sind Sie damit einverstanden?“
„Ja“, gab ich zu. „Ja. Wie Sie sagen, da Mr. Ackroyd angeordnet hatte, nicht gestört zu werden, wäre wahrscheinlich niemand in jener Nacht in das Arbeitszimmer gegangen.“
„Très bien. Die Angelegenheit schreitet voran, nicht wahr? Aber die Dinge blieben immer noch im Dunkeln. Welchen Vorteil hatte es, das Verbrechen in jener Nacht zu entdecken statt am nächsten Morgen? Der einzige Gedanke, den ich fassen konnte, war, dass der Mörder, in dem Wissen, dass das Verbrechen zu einer bestimmten Zeit entdeckt werden würde, sicherstellen konnte, anwesend zu sein, wenn die Tür aufgebrochen wurde – oder zumindest unmittelbar danach. Und nun kommen wir zur zweiten Tatsache – der vom Wand weggerückten Stuhl. Inspektor Raglan tat dies als unwichtig ab. Ich hingegen habe es immer als von größter Bedeutung angesehen.
In Ihrem Manuskript haben Sie einen sauberen kleinen Plan des Arbeitszimmers gezeichnet. Wenn Sie ihn jetzt gerade bei sich hätten, würden Sie sehen, dass der Stuhl – in der von Parker angegebenen Position – in einer direkten Linie zwischen der Tür und dem Fenster stehen würde.“
„Das Fenster!“, sagte ich schnell.
„Sie haben auch meinen ersten Gedanken. Ich stellte mir vor, dass der Stuhl beiseitegeschoben wurde, damit etwas, das mit dem Fenster in Verbindung stand, von niemandem gesehen werden konnte, der durch die Tür eintrat. Aber ich ließ diese Vermutung bald fallen, denn obwohl der Stuhl ein Ohrensessel mit einer hohen Rückenlehne war, verdeckte er nur sehr wenig vom Fenster – nur den Teil zwischen dem Rahmen und dem Boden. Nein, mon ami – aber denken Sie daran, dass direkt vor dem Fenster ein Tisch mit Büchern und Zeitschriften stand. Dieser Tisch wurde durch den beiseitegeschobenen Stuhl vollständig verdeckt – und sofort hatte ich meinen ersten vagen Verdacht bezüglich der Wahrheit.
Angenommen, auf diesem Tisch hätte etwas gelegen, das nicht gesehen werden sollte? Etwas, das dort vom Mörder platziert wurde? Noch hatte ich keine Ahnung, was dieses Etwas sein könnte. Aber ich kannte einige sehr interessante Fakten darüber. Zum Beispiel war es etwas, das der Mörder zum Zeitpunkt des Mordes nicht mitnehmen konnte. Gleichzeitig war es lebenswichtig, dass es so schnell wie möglich nach der Entdeckung des Verbrechens entfernt wurde. Und so – die telefonische Nachricht und die Gelegenheit für den Mörder, vor Ort zu sein, als die Leiche entdeckt wurde.
Nun waren vier Personen vor Ort, bevor die Polizei eintraf. Sie selbst, Parker, Major Blunt und Mr. Raymond. Parker schloss ich sofort aus, da er, egal wann das Verbrechen entdeckt wurde, die Person war, die mit Sicherheit vor Ort sein würde. Außerdem war er es, der mir von dem beiseitegeschobenen Stuhl erzählte. Parker war also entlastet (was den Mord betrifft, versteht sich. Ich hielt es immer noch für möglich, dass er Mrs. Ferrars erpresst hatte). Raymond und Blunt blieben jedoch unter Verdacht, denn wenn das Verbrechen in den frühen Morgenstunden entdeckt worden wäre, wäre es gut möglich gewesen, dass sie zu spät am Tatort eingetroffen wären, um die Entdeckung des Gegenstands auf dem runden Tisch zu verhindern.
Was war nun dieser Gegenstand? Sie haben heute Abend meine Argumente bezüglich des aufgeschnappten Gesprächsfetzens gehört? Sobald ich erfuhr, dass ein Vertreter einer Diktaphonfirma angerufen hatte, fasste die Idee eines Diktaphons in meinem Kopf Fuß. Sie haben gehört, was ich vor nicht einmal einer halben Stunde in diesem Raum sagte? Sie stimmten alle meiner Theorie zu – aber eine entscheidende Tatsache scheint ihnen entgangen zu sein. Angenommen, Mr. Ackroyd hätte an jenem Abend ein Diktaphon benutzt – warum wurde kein Diktaphon gefunden?“
„Daran habe ich nie gedacht“, sagte ich.
„Wir wissen, dass Mr. Ackroyd ein Diktaphon geliefert wurde. Aber in seinem Nachlass wurde kein Diktaphon gefunden. Wenn also etwas von diesem Tisch genommen wurde – warum sollte dieses Etwas nicht das Diktaphon sein? Aber es gab gewisse Schwierigkeiten. Die Aufmerksamkeit aller war natürlich auf den Ermordeten gerichtet. Ich glaube, jeder hätte unbemerkt von den anderen Personen im Raum zum Tisch gehen können. Aber ein Diktaphon hat eine gewisse Größe – man kann es nicht beiläufig in eine Tasche stecken. Es muss einen Behälter irgendeiner Art gegeben haben, der es aufnehmen konnte.
Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Die Gestalt des Mörders nimmt Formen an. Eine Person, die sofort vor Ort war, die es aber vielleicht nicht gewesen wäre, wenn das Verbrechen erst am nächsten Morgen entdeckt worden wäre. Eine Person, die einen Behälter bei sich trug, in den das Diktaphon passen könnte –“
Ich unterbrach ihn.
„Aber warum das Diktaphon entfernen? Was war der Sinn?“
„Sie sind wie Mr. Raymond. Sie halten es für selbstverständlich, dass das, was um halb zehn zu hören war, Mr. Ackroyds Stimme war, die in ein Diktaphon sprach. Aber bedenken Sie diese nützliche Erfindung für einen kleinen Moment. Man diktiert hinein, nicht wahr? Und zu einem späteren Zeitpunkt schaltet ein Sekretär oder eine Schreibkraft es ein, und die Stimme spricht wieder.“
„Sie meinen –“ ich schnappte nach Luft.
Poirot nickte.
„Ja, das meine ich. Um halb zehn war Mr. Ackroyd bereits tot. Es war das Diktaphon, das sprach – nicht der Mann.“
„Und der Mörder hat es eingeschaltet. Dann muss er in diesem Moment im Raum gewesen sein?“
„Möglicherweise. Aber wir dürfen die Wahrscheinlichkeit einer mechanischen Vorrichtung nicht ausschließen – etwas in der Art einer Zeitschaltuhr oder sogar eines einfachen Weckers. Aber in diesem Fall müssen wir unser imaginäres Porträt des Mörders um zwei Qualifikationen ergänzen. Es muss jemand gewesen sein, der von Mr. Ackroyds Kauf des Diktaphons wusste, und zudem jemand mit dem notwendigen mechanischen Verständnis.
Ich war in meinen Gedanken so weit gekommen, als wir zu den Fußabdrücken auf dem Fensterbrett kamen. Hier boten sich mir drei Schlussfolgerungen. (1) Sie könnten tatsächlich von Ralph Paton stammen. Er war an jenem Abend in Fernly gewesen und könnte in das Arbeitszimmer geklettert sein und seinen Onkel dort tot aufgefunden haben. Das war eine Hypothese. (2) Es bestand die Möglichkeit, dass die Fußabdrücke von jemand anderem stammten, der zufällig die gleiche Art von Stollen an seinen Schuhen hatte. Aber die Bewohner des Hauses trugen Schuhe mit Kreppgummisohlen, und ich weigerte mich, an den Zufall zu glauben, dass jemand von außerhalb die gleiche Art von Schuhen trug wie Ralph Paton. Charles Kent hatte, wie wir von der Schankmaid im Dog and Whistle wissen, ein Paar Stiefel an, die ‚vor Schmutz nur so strotzten‘. (3) Diese Abdrücke wurden von jemandem gemacht, der absichtlich versuchte, den Verdacht auf Ralph Paton zu lenken. Um diese letzte Schlussfolgerung zu überprüfen, war es notwendig, bestimmte Fakten festzustellen. Ein Paar von Ralphs Schuhen war von der Polizei bei den Three Boars sichergestellt worden. Weder Ralph noch jemand anderes hätte sie an jenem Abend tragen können, da sie unten zum Reinigen waren. Nach der Theorie der Polizei trug Ralph ein anderes Paar der gleichen Art, und ich fand heraus, dass es stimmte, dass er zwei Paare besaß. Damit meine Theorie als korrekt erwiesen werden konnte, musste der Mörder an jenem Abend Ralphs Schuhe getragen haben – in diesem Fall muss Ralph noch ein drittes Paar Schuhe irgendeiner Art getragen haben. Ich konnte kaum annehmen, dass er drei Paar Schuhe mitgebracht hätte, die alle gleich waren – das dritte Paar Schuhe waren eher Stiefel. Ich habe Ihre Schwester gebeten, diesbezüglich Nachforschungen anzustellen – wobei ich etwas Nachdruck auf die Farbe legte, um – das gebe ich offen zu – den wahren Grund meiner Frage zu verschleiern.
Sie kennen das Ergebnis ihrer Nachforschungen. Ralph Paton hatte ein Paar Stiefel bei sich gehabt. Die erste Frage, die ich ihm stellte, als er gestern Morgen in mein Haus kam, war, was er an jenem verhängnisvollen Abend an den Füßen getragen hatte. Er antwortete sofort, dass er Stiefel getragen habe – er trug sie tatsächlich immer noch –, da er nichts anderes zum Anziehen hatte.
So kommen wir einen Schritt weiter in unserer Beschreibung des Mörders – einer Person, die an jenem Tag die Gelegenheit hatte, diese Schuhe von Ralph Paton aus den Three Boars zu entwenden.“
Er hielt inne und sagte dann mit leicht erhobener Stimme:
„Es gibt noch einen weiteren Punkt. Der Mörder muss eine Person gewesen sein, die die Gelegenheit hatte, diesen Dolch vom Silbertisch zu entwenden. Sie könnten argumentieren, dass jeder im Haus dies hätte tun können, aber ich erinnere Sie daran, dass Miss Ackroyd sehr bestimmt war, dass der Dolch nicht mehr da war, als sie den Silbertisch untersuchte.“
Er hielt erneut inne.
„Lassen Sie uns rekapitulieren – jetzt, da alles klar ist. Eine Person, die früher an jenem Tag in den Three Boars war, eine Person, die Ackroyd gut genug kannte, um zu wissen, dass er ein Diktaphon gekauft hatte, eine Person, die mechanisch veranlagt war, die die Gelegenheit hatte, den Dolch vom Silbertisch zu nehmen, bevor Miss Flora eintraf, die einen für das Verstecken des Diktaphons geeigneten Behälter bei sich hatte – wie eine schwarze Tasche, und die nach der Entdeckung des Verbrechens einige Minuten lang allein im Arbeitszimmer war, während Parker für die Polizei telefonierte. Tatsächlich – Dr. Sheppard!“
KAPITEL XXVI
UND NICHTS ALS DIE WAHRHEIT
Es herrschte eineinhalb Minuten lang totenstille.
Dann lachte ich.
„Sie sind verrückt“, sagte ich.
„Nein“, sagte Poirot gelassen. „Ich bin nicht verrückt. Es war die kleine zeitliche Unstimmigkeit, die mich gleich zu Beginn auf Sie aufmerksam machte.“
„Zeitliche Unstimmigkeit?“, fragte ich verwirrt.
„Aber ja. Sie werden sich erinnern, dass alle einig waren – Sie selbst eingeschlossen –, dass man fünf Minuten vom Pförtnerhaus zum Haus braucht – weniger, wenn man die Abkürzung zur Terrasse nimmt. Aber Sie verließen das Haus um zehn vor neun – sowohl Ihrer eigenen Aussage als auch der von Parker zufolge, und doch war es neun Uhr, als Sie durch das Tor des Pförtnerhauses gingen. Es war ein kühler Abend – kein Abend, an dem ein Mann dazu neigen würde, zu trödeln; warum brauchten Sie zehn Minuten für einen fünfminütigen Fußweg? Die ganze Zeit über wurde mir klar, dass wir nur Ihre Aussage darüber hatten, dass das Fenster des Arbeitszimmers überhaupt verschlossen war. Ackroyd fragte Sie, ob Sie das getan hätten – er sah nie nach. Angenommen also, das Fenster des Arbeitszimmers war nicht verschlossen? Hätte es in diesen zehn Minuten Zeit gegeben, dass Sie um die Außenseite des Hauses laufen, Ihre Schuhe wechseln, durch das Fenster einsteigen, Ackroyd töten und um neun Uhr am Tor sein konnten? Ich entschied mich gegen diese Theorie, da ein Mann, der so nervös war wie Ackroyd an jenem Abend, aller Wahrscheinlichkeit nach hören würde, wie Sie einsteigen, und dann hätte es einen Kampf gegeben. Aber angenommen, Sie hätten Ackroyd getötet, bevor Sie gingen – während Sie neben seinem Stuhl standen? Dann gehen Sie durch die Vordertür hinaus, laufen zum Sommerhaus, nehmen Ralph Patons Schuhe aus der Tasche, die Sie an jenem Abend mitgebracht hatten, schlüpfen hinein, laufen damit durch den Schlamm und hinterlassen Abdrücke auf dem Fensterbrett, Sie klettern hinein, schließen die Tür des Arbeitszimmers von innen ab, laufen zurück zum Sommerhaus, ziehen Ihre eigenen Schuhe wieder an und eilen zum Tor hinunter. (Ich habe die gleichen Handlungen neulich vollzogen, als Sie bei Mrs. Ackroyd waren – es hat exakt zehn Minuten gedauert.) Dann nach Hause – und ein Alibi –, da Sie das Diktaphon auf halb zehn eingestellt hatten.“
„Mein lieber Poirot“, sagte ich mit einer Stimme, die für meine eigenen Ohren fremd und gezwungen klang, „Sie haben zu lange über diesem Fall gebrütet. Was um Himmels willen hatte ich davon, Ackroyd zu ermorden?“
„Sicherheit. Sie waren es, der Mrs. Ferrars erpresste. Wer hätte besser wissen können, woran Mr. Ferrars gestorben ist, als der Arzt, der ihn behandelte? Als Sie an jenem ersten Tag im Garten mit mir sprachen, erwähnten Sie ein Vermächtnis, das Sie vor etwa einem Jahr erhalten haben. Ich konnte keine Spur eines solchen Vermächtnisses finden. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, um die zwanzigtausend Pfund von Mrs. Ferrars zu erklären. Es hat Ihnen nicht viel Glück gebracht. Sie haben das meiste davon bei Spekulationen verloren – dann haben Sie die Schraube zu fest angezogen, und Mrs. Ferrars wählte einen Ausweg, den Sie nicht erwartet hatten. Wenn Ackroyd die Wahrheit erfahren hätte, hätte er kein Erbarmen mit Ihnen gehabt – Sie wären für immer ruiniert gewesen.“
„Und der Telefonanruf?“, fragte ich und versuchte mich zu fangen. „Sie haben dafür sicher auch eine plausible Erklärung, nehme ich an?“
„Ich muss Ihnen gestehen, dass das mein größter Stolperstein war, als ich herausfand, dass tatsächlich ein Anruf vom Bahnhof King’s Abbot an Sie durchgestellt worden war. Zuerst glaubte ich, Sie hätten die Geschichte einfach erfunden. Das war ein sehr geschickter Schachzug. Sie mussten irgendeine Entschuldigung haben, um in Fernly anzukommen, die Leiche zu finden und so die Gelegenheit zu erhalten, das Diktaphon zu entfernen, von dem Ihr Alibi abhing. Ich hatte eine sehr vage Vorstellung davon, wie das funktioniert haben könnte, als ich Ihre Schwester an jenem ersten Tag besuchte und mich erkundigte, welche Patienten Sie am Freitagmorgen gesehen hatten. Ich dachte damals nicht an Miss Russell. Ihr Besuch war ein glücklicher Zufall, da er Sie von dem eigentlichen Ziel meiner Fragen ablenkte. Ich fand, wonach ich suchte. Unter Ihren Patienten an jenem Morgen war der Steward eines amerikanischen Linienschiffs. Wer wäre besser geeignet, um mit dem Zug an jenem Abend nach Liverpool abzureisen? Und danach wäre er auf hoher See, weit weg. Ich notierte mir, dass die Orion am Samstag auslief, und nachdem ich den Namen des Stewards erfahren hatte, sandte ich ihm eine Funknachricht mit einer bestimmten Frage. Dies ist seine Antwort, die Sie mich gerade erhalten sahen.“
Er hielt mir die Nachricht hin. Sie lautete:
„Vollkommen korrekt. Dr. Sheppard bat mich, eine Notiz bei einem Patientenhaus zu hinterlassen. Ich sollte ihn vom Bahnhof aus mit der Antwort anrufen. Die Antwort lautete ‚Keine Antwort‘.“
* * * * *
„Es war eine geschickte Idee“, sagte Poirot. „Der Anruf war echt. Ihre Schwester hat gesehen, wie Sie ihn entgegengenommen haben. Aber es gab nur das Wort eines Mannes darüber, was tatsächlich gesagt wurde – Ihr eigenes!“
Ich gähnte.
„All das“, sagte ich, „ist sehr interessant – aber kaum im Bereich der praktischen Politik.“
„Glauben Sie das nicht? Denken Sie daran, was ich sagte – die Wahrheit geht morgen früh an Inspektor Raglan. Aber Ihrer lieben Schwester zuliebe bin ich bereit, Ihnen die Chance auf einen anderen Ausweg zu geben. Es könnte zum Beispiel eine Überdosis eines Schlafmittels geben. Verstehen Sie mich? Aber Captain Ralph Paton muss entlastet werden – ça va sans dire. Ich würde vorschlagen, dass Sie Ihr sehr interessantes Manuskript beenden – aber Ihre frühere Zurückhaltung aufgeben.“
„Sie scheinen sehr freigebig mit Vorschlägen zu sein“, bemerkte ich. „Sind Sie sicher, dass Sie ganz fertig sind?“
„Jetzt, wo Sie mich daran erinnern, ist es wahr, dass es noch eine Sache gibt. Es wäre äußerst unklug von Ihnen, zu versuchen, mich zum Schweigen zu bringen, wie Sie Mr. Ackroyd zum Schweigen gebracht haben. Diese Art von Geschäft hat gegen Hercule Poirot keinen Erfolg, verstehen Sie.“
„Mein lieber Poirot“, sagte ich und lächelte ein wenig, „was auch immer ich sein mag, ein Narr bin ich nicht.“
Ich erhob mich.
„Nun, nun“, sagte ich mit einem leichten Gähnen, „ich muss nach Hause. Danke für einen höchst interessanten und lehrreichen Abend.“
Poirot erhob sich ebenfalls und verbeugte sich mit seiner gewohnten Höflichkeit, als ich den Raum verließ.
KAPITEL XXVII
APOLOGIA
Fünf Uhr morgens. Ich bin sehr müde – aber ich habe meine Aufgabe beendet. Mein Arm schmerzt vom Schreiben.
Ein seltsames Ende für mein Manuskript. Ich wollte, dass es eines Tages als die Geschichte eines von Poirots Misserfolgen veröffentlicht wird! Seltsam, wie die Dinge laufen.
Die ganze Zeit über hatte ich eine Vorahnung von Unheil, von dem Moment an, als ich Ralph Paton und Mrs. Ferrars sah, wie sie ihre Köpfe zusammensteckten. Ich dachte damals, sie vertraue sich ihm an; wie sich herausstellte, lag ich da völlig falsch, aber die Idee hielt sich hartnäckig, selbst nachdem ich an jenem Abend mit Ackroyd ins Arbeitszimmer gegangen war, bis er mir die Wahrheit sagte.
Der arme alte Ackroyd. Ich bin immer froh, dass ich ihm eine Chance gegeben habe. Ich drängte ihn, den Brief zu lesen, bevor es zu spät war. Oder lassen Sie mich ehrlich sein – habe ich nicht unterbewusst erkannt, dass es bei einem sturen Kerl wie ihm meine beste Chance war, ihn dazu zu bringen, ihn eben nicht zu lesen? Seine Nervosität an jenem Abend war psychologisch interessant. Er wusste, dass die Gefahr nahe war. Und doch hat er mich nie verdächtigt.
Der Dolch war ein nachträglicher Einfall. Ich hatte eine sehr handliche kleine Waffe bei mir, aber als ich den Dolch auf dem Silbertisch liegen sah, kam mir sofort in den Sinn, wie viel besser es wäre, eine Waffe zu benutzen, die nicht auf mich zurückgeführt werden konnte.
Ich nehme an, ich muss die ganze Zeit vorgehabt haben, ihn zu ermorden. Sobald ich von Mrs. Ferrars’ Tod hörte, war ich überzeugt, dass sie ihm alles erzählt haben würde, bevor sie starb. Als ich ihn traf und er so aufgeregt schien, dachte ich, vielleicht wisse er die Wahrheit, aber er könne sich nicht dazu durchringen, sie zu glauben, und wolle mir die Chance geben, sie zu widerlegen.
Also ging ich nach Hause und traf meine Vorkehrungen. Wenn der Ärger letztendlich nur etwas mit Ralph zu tun hätte – nun, dann wäre kein Schaden entstanden. Das Diktaphon hatte er mir zwei Tage zuvor gegeben, damit ich es justiere. Irgendetwas war ein wenig schiefgelaufen, und ich überredete ihn, mich daran versuchen zu lassen, anstatt es zurückzuschicken. Ich tat, was ich wollte, und nahm es an jenem Abend in meiner Tasche mit nach oben.
Ich bin als Schriftsteller ziemlich mit mir zufrieden. Was könnte zum Beispiel netter sein als das Folgende:
„_Die Briefe wurden um zwanzig vor neun hereingebracht. Es war kurz vor zehn vor neun, als ich ihn verließ, der Brief immer noch ungelesen. Ich zögerte mit der Hand am Türgriff, blickte zurück und fragte mich, ob ich irgendetwas vergessen hatte._“
Alles wahr, sehen Sie. Aber angenommen, ich hätte nach dem ersten Satz eine Reihe von Sternen gesetzt! Hätte sich dann jemand gefragt, was genau in diesen leeren zehn Minuten passiert ist?
Als ich mich von der Tür aus im Raum umsah, war ich sehr zufrieden. Nichts war vergessen worden. Das Diktaphon stand auf dem Tisch am Fenster und war auf halb zehn eingestellt (die Mechanik dieses kleinen Geräts war ziemlich clever – sie basierte auf dem Prinzip eines Weckers), und der Sessel war so beiseitegeschoben, dass er es von der Tür aus verbarg.
Ich muss zugeben, dass es ein kleiner Schock für mich war, Parker direkt vor der Tür in die Arme zu laufen. Ich habe diese Tatsache wahrheitsgemäß aufgezeichnet.
Und später dann, als die Leiche entdeckt wurde und ich Parker losgeschickt hatte, um die Polizei anzurufen, welch ein umsichtiger Gebrauch von Worten: „Ich habe das wenige getan, was getan werden musste!“ Es war in der Tat wenig – nur das Diktaphon in meine Tasche schieben und den Stuhl wieder an seinen richtigen Platz gegen die Wand rücken. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Parker dieser Stuhl aufgefallen wäre. Logischerweise hätte er so sehr von der Leiche in Anspruch genommen sein müssen, dass er für alles andere blind gewesen wäre. Doch ich hatte nicht mit dem Komplex des ausgebildeten Dienstboten gerechnet.
Ich wünschte, ich hätte vorher gewusst, dass Flora behaupten würde, sie habe ihren Onkel um Viertel vor zehn lebend gesehen. Das hat mich mehr verwirrt, als ich sagen kann. Tatsächlich gab es den ganzen Fall über Dinge, die mich hoffnungslos verwirrten. Jeder scheint seine Hand im Spiel gehabt zu haben.
Meine größte Sorge während der ganzen Zeit war Caroline. Ich habe vermutet, sie könnte es erraten. Merkwürdig, wie sie an jenem Tag von meinem „Anflug von Schwäche“ sprach.
Nun, sie wird die Wahrheit niemals erfahren. Es gibt, wie Poirot sagte, einen Ausweg...
Ich kann ihm vertrauen. Er und Inspektor Raglan werden es unter sich regeln. Ich möchte nicht, dass Caroline es erfährt. Sie hat mich gern, und dann ist sie auch stolz... Mein Tod wird ihr Kummer bereiten, aber Kummer vergeht...
Wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, werde ich dieses gesamte Manuskript in einen Umschlag stecken und an Poirot adressieren.
Und dann – was soll es sein? Veronal? Das hätte eine Art poetische Gerechtigkeit. Nicht, dass ich irgendeine Verantwortung für Mrs. Ferrars’ Tod übernehme. Es war die direkte Folge ihres eigenen Handelns. Ich empfinde kein Mitleid für sie.
Ich empfinde auch kein Mitleid für mich selbst.
Also soll es Veronal sein.
Aber ich wünschte, Hercule Poirot wäre niemals in den Ruhestand gegangen und hierhergekommen, um Gemüsekürbisse anzubauen.
DAS ENDE
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Jesi, eine kleine Stadt in der italienischen Mark Ancona, war der Geburtsort von Rafael Sabatini.
Er besuchte zuerst die Schule in der Schweiz und von dort aus das Lyzeum in Porto, Portugal, und hat nie eine englische Schule besucht. Aber Englisch ist für ihn kaum eine angenommene Sprache, da er sie von seiner Mutter, einer Engländerin, lernte.
Heute wird Rafael Sabatini als „Der Alexandre Dumas der modernen Belletristik“ betrachtet.
THE LION’S SKIN THE SHAME OF MOTLEY THE TRAMPLING OF THE LILIES THE GATES OF DOOM THE STROLLING SAINT THE BANNER OF THE BULL THE CAROLINIAN SAINT MARTIN’S SUMMER MISTRESS WILDING FORTUNE’S FOOL BARDELYS THE MAGNIFICENT THE SNARE CAPTAIN BLOOD THE SEA-HAWK SCARAMOUCHE
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Anmerkungen des Transkribierers:
- Text, der von Unterstrichen umschlossen ist, ist kursiv gedruckt (kursiv). - Leere Seiten wurden entfernt. - Offensichtliche typografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - In der Zeile „On this particular night our guests were Miss Ganett, and Colonel Carter who lives near the church.“ ist unklar, auf wen „who lives“ sich bezieht, daher wurde als einfachste Änderung ein Komma hinzugefügt.