Die Odyssee
von Homer
in englische Prosa übertragen zum Gebrauch derer, die das Original nicht lesen können
Inhalt
VORWORT ZUR ERSTEN AUSGABE VORWORT ZUR ZWEITEN AUSGABE DIE ODYSSEE ERSTES BUCH. ZWEITES BUCH. DRITTES BUCH. VIERTES BUCH. FÜNFTES BUCH. SECHSTES BUCH. SIEBENTES BUCH. ACHTES BUCH. NEUNTES BUCH. ZEHNTES BUCH. ELFTES BUCH. ZWÖLFTES BUCH. DREIZEHNTES BUCH. VIERZEHNTES BUCH. FÜNFZEHNTES BUCH. SECHZEHNTES BUCH. SIEBZEHNTES BUCH. ACHTZEHNTES BUCH. NEUNZEHNTES BUCH. ZWANZIGSTES BUCH. EINUNDZWANZIGSTES BUCH. ZWEIUNDZWANZIGSTES BUCH. DREIUNDZWANZIGSTES BUCH. VIERUNDZWANZIGSTES BUCH. ANMERKUNGEN:
DEM PROFESSORE CAV. BIAGIO INGROIA, DEM WERTVOLLEN VERBÜNDETEN IN DANKBARKEIT DER VERFASSER.
VORWORT ZUR ERSTEN AUSGABE
Diese Übersetzung soll ein Werk mit dem Titel „The Authoress of the Odyssey“ ergänzen, das ich 1897 veröffentlicht habe. Ich konnte in jenem Buch nicht die ganze „Odyssee“ wiedergeben, ohne es unhandlich zu machen, daher fasste ich meine Übersetzung, die bereits vollendet war und die ich nun vollständig veröffentliche, in den Grundzügen zusammen.
Ich will hier nicht die beiden Hauptthesen erörtern, die in dem eben erwähnten Werk behandelt werden; ich habe dem, was ich dort geschrieben habe, weder etwas hinzuzufügen noch etwas davon zurückzunehmen. Die betreffenden Thesen sind:
(1) dass die „Odyssee“ ganz und gar an dem Ort verfasst und geschöpft wurde, der heute Trapani an der Westküste Siziliens heißt, sowohl was die phäakischen Szenen als auch was die Szenen auf Ithaka betrifft; während die Fahrten des Odysseus, sobald er einmal in leichter Reichweite Siziliens ist, sich in einen Periplus der Insel auflösen, praktisch von Trapani zurück nach Trapani, über die Liparischen Inseln, die Meerenge von Messina und die Insel Pantelleria.
(2) Dass das Gedicht vollständig von einer sehr jungen Frau verfasst wurde, die an dem Ort lebte, der heute Trapani heißt, und sich selbst unter dem Namen Nausikaa in ihr Werk einführte.
Die wesentlichen Argumente, auf die ich die erste dieser etwas verblüffenden Behauptungen stütze, sind seit ihrem Erscheinen (ohne Erwiderung) im „Athenaeum“ vom 30. Januar und 20. Februar 1892 der englischen und italienischen Öffentlichkeit prominent und wiederholt vorgelegt worden. Beide Behauptungen wurden (ebenfalls ohne Erwiderung) im Johnian „Eagle“ im Lent- und Oktober-Trimester desselben Jahres vorgebracht. Aus keiner Richtung ist mir etwas zu Ohren gekommen, worauf ich antworten müsste, und da ich weiß, mit welcher Sorgfalt ich mich bemüht habe, etwaige Schwächen in meiner Argumentation aufzuspüren, beginne ich ein gewisses Vertrauen zu empfinden, dass mir, wenn solche Schwächen bestünden, inzwischen wenigstens einige davon zu Ohren gekommen wären. Ohne daher auch nur für einen Augenblick zu beanspruchen, dass die Gelehrten meinen Schlussfolgerungen im Allgemeinen zustimmen, werde ich so handeln, als hielte ich es für unwahrscheinlich, dass sie mich so widerlegen werden, dass es mir obliegen würde zu antworten, und werde mich darauf beschränken, die „Odyssee“ für englische Leser zu übersetzen, mit solchen Anmerkungen, die mir nützlich erscheinen. Unter diesen möchte ich besonders auf eine zu xxii. 465-473 hinweisen, die Lord Grimthorpe mir freundlicherweise zu veröffentlichen gestattet hat.
Ich habe mehrere der Abbildungen, die in „The Authoress of the Odyssey“ verwendet wurden, wiederholt und zwei weitere hinzugefügt, die, wie ich hoffe, den äußeren Hof des Hauses des Odysseus dem Leser anschaulicher vor Augen führen werden. Ich möchte erklären, dass das Vorhandensein eines Mannes und eines Hundes auf einer Abbildung zufällig ist und von mir erst bemerkt wurde, als ich das Negativ entwickelte. In einem Anhang habe ich auch die Absätze, die den Plan des Hauses des Odysseus erläutern, zusammen mit dem Plan selbst neu abgedruckt. Dem Leser wird empfohlen, diesen Plan mit einiger Aufmerksamkeit zu studieren.
Im Vorwort zu meiner Übersetzung der „Ilias“ habe ich meine Ansichten über die Hauptgrundsätze dargelegt, von denen ein Übersetzer sich leiten lassen sollte, und brauche sie hier nicht zu wiederholen; ich weise nur darauf hin, dass die anfängliche Freiheit, Poesie in Prosa zu übersetzen, das fortwährende Nehmen von mehr oder weniger Freiheit durch die ganze Übersetzung hindurch nach sich zieht; denn vieles, was in der Dichtung richtig ist, ist in der Prosa falsch, und die Erfordernisse lesbarer Prosa sind das Erste, was in einer Prosaübersetzung zu berücksichtigen ist. Damit der Leser jedoch sieht, wie weit ich mich von strengem Construieren entfernt habe, will ich hier die Übersetzung von etwa sechzig Zeilen der „Odyssee“ durch die Herren Butcher und Lang abdrucken. Ihre Übersetzung lautet:
Sage mir, Muse, von jenem Manne, der so gewandt war in der Not, der weit und breit irrte, nachdem er die heilige Burg von Troja zerstört hatte, und vieler Menschen Städte sah und deren Sinn er kennenlernte, ja, und viel Leid erlitt er in seinem Herzen auf dem tiefen Meer, ringend um sein eigenes Leben und die Heimkehr seiner Gefährten. Doch rettete er seine Gefährten nicht, so sehr er es auch ersehnte. Denn durch die Verblendung ihrer eigenen Herzen kamen sie um, die Toren, die die Rinder des Helios Hyperion fraßen: doch der Gott nahm ihnen den Tag der Heimkehr. Von diesen Dingen, Göttin, Tochter des Zeus, woher du auch immer davon erfahren hast, berichte auch uns.
Nun waren alle Übrigen, soweit sie dem bloßen Verderben entflohen waren, daheim und hatten sowohl Krieg als auch Meer überstanden, nur Odysseus jedoch, der nach seiner Frau und seinem Heimweg verlangte, hielt die Nymphe Kalypso fest, jene schöne Göttin, in ihren hohlen Grotten, voll Verlangen, ihn zum Herrn zu haben. Als aber nun das Jahr in seinem Kreislauf der Jahreszeiten gekommen war, in dem die Götter bestimmt hatten, dass er nach Ithaka heimkehren sollte, war er auch dort nicht frei von Mühsal, nicht einmal unter den Seinen; doch alle Götter hatten Mitleid mit ihm außer Poseidon, der unablässig gegen den gottgleichen Odysseus wütete, bis er in sein eigenes Land kam. Doch Poseidon war nun zu den fernen Äthiopiern aufgebrochen, den Äthiopiern, die in zwei Hälften geteilt sind, die äußersten der Menschen, die einen dort, wo Hyperion sinkt, die anderen dort, wo er aufgeht. Dort hoffte er seine Hekatombe von Stieren und Widdern entgegenzunehmen, dort schmauste er froh beim Festmahl, die anderen Götter aber waren versammelt in den Hallen des Olympischen Zeus. Da begann unter ihnen der Vater der Menschen und Götter zu sprechen, denn er gedachte in seinem Herzen des edlen Aigisthos, den der Sohn des Agamemnon, der weitberühmte Orestes, erschlug. Ihn bedenkend, sprach er offen unter den Unsterblichen: ‚Seht ihr nun, wie vergeblich die sterblichen Menschen die Götter beschuldigen! Denn von uns, sagen sie, kommt das Übel, wo sie doch von sich aus, durch die Verblendung ihrer eigenen Herzen, Leiden haben über das hinaus, was bestimmt ist. Gleichwie jüngst Aigisthos, über das hinaus, was bestimmt war, die vermählte Frau des Sohnes des Atreus zu sich nahm und ihren Herrn bei seiner Heimkehr tötete, und das mit vollem Verderben vor Augen, da wir ihn durch die Botschaft des scharfsichtigen Hermes, des Argostöters, gewarnt hatten, dass er weder den Mann töten noch seine Frau freien solle. Denn der Sohn des Atreus wird gerächt werden durch die Hand des Orestes, sobald er zu Mannbarkeit kommt und sich nach seinem eigenen Land sehnt. So sprach Hermes, doch er bewegte das Herz des Aigisthos nicht, bei all seinem guten Willen; doch nun hat er alles mit einem Mal bezahlt.’
Und die Göttin, die grauäugige Athene, antwortete ihm und sprach: ‚O Vater, unser Vater Kronide, auf dem höchsten Thron; jener Mann liegt freilich in einem Tod, der ihm gebührt; so möge auch jeder vergehen, der solche Taten vollbringt! Doch mein Herz ist zerrissen um des weisen Odysseus willen, des Unglücklichen, der fern von seinen Freunden so lange Qual leidet auf einer meerumgürteten Insel, wo der Nabel des Meeres ist, eine waldige Insel, und darin eine Göttin ihre Wohnung hat, die Tochter des Zauberers Atlas, der die Tiefen jedes Meeres kennt und selbst die hohen Säulen trägt, die Himmel und Erde auseinanderhalten. Seine Tochter ist es, die den unglücklichen Mann in Trauer hält; und immer mit sanften und trügerischen Worten wirbt sie ihn, dass er Ithaka vergesse. Doch Odysseus, der sich danach sehnt, auch nur den Rauch aus seinem eigenen Land aufsteigen zu sehen, hat Verlangen zu sterben. Was dich angeht, so kümmert dein Herz sich gar nicht darum, Olympier! Was! Hatte Odysseus nicht bei den Schiffen der Argiver dir freie Opfer dargebracht im weiten Trojanerland? Warum warst du denn so zornig auf ihn, o Zeus?’
Die „Odyssee“ (wie jedermann weiß) strotzt von Stellen, die aus der „Ilias“ entlehnt sind; ich wollte diese in leicht abweichendem Druck mit Randverweisen auf die „Ilias“ drucken und hatte sie zu diesem Zweck in meinem Manuskript gekennzeichnet. Ich fand jedoch, dass die Übersetzung dadurch hoffnungslos scholastisch werden würde, und gab meine Absicht auf. Dennoch möchte ich diejenigen, die unsere Universitätsverlage leiten, nachdrücklich darauf hinweisen, dass sie den Studierenden einen großen Dienst erweisen würden, wenn sie einen griechischen Text der „Odyssee“ herausgäben, in dem die iliadischen Stellen in abweichendem Druck und mit Randverweisen gedruckt wären. Ich habe dem Britischen Museum eine Ausgabe der „Odyssee“ geschenkt, in der die iliadischen Stellen unterstrichen und handschriftlich nachgewiesen sind; ich habe auch eine „Ilias“ geschenkt, in der alle odysseeischen Stellen mit ihren Verweisen angemerkt sind; doch sollten Ausgaben sowohl der „Ilias“ als auch der „Odyssee“ mit solchen Kennzeichnungen allen Studierenden leicht zugänglich sein.
Wer heute die Fragen erörtert, die sich seit Wolfs Zeiten um die „Ilias“ erhoben haben, ohne seinem Leser nachdrücklich vor Augen zu halten, dass die „Odyssee“ nachweislich von einer einzigen Gegend aus geschrieben wurde und daher (auch wenn nichts sonst auf diese Schlussfolgerung hindeutete) vermutlich von nur einer Person – dass sie mit Sicherheit vor 750 und aller Wahrscheinlichkeit nach vor 1000 v. Chr. verfasst wurde – dass der Verfasser dieses sehr frühen Gedichts nachweislich mit der „Ilias“, so wie wir sie heute haben, vertraut war und ebenso frei aus den Büchern schöpfte, deren Echtheit am meisten angefochten wurde, wie aus denen, die Homer zugeschrieben werden – wer diese Punkte seinem Leser nicht vor Augen hält, handelt kaum redlich ihm gegenüber. Wer hingegen seine „Ilias“ und seine „Odyssee“ nach den oben erwähnten Exemplaren im Britischen Museum kennzeichnen will und die einzige Schlussfolgerung zieht, die der gesunde Menschenverstand aus dem Vorhandensein so vieler identischer Stellen in beiden Gedichten ziehen kann, wird, wie ich glaube, keine Schwierigkeit haben, einer großen Zahl von Büchern hier und auf dem Kontinent, die gegenwärtig in beträchtlichem Ansehen stehen, ihren eigentlichen Wert zuzuweisen. Des Weiteren, und dies ist vielleicht ein noch besser zu erringender Vorteil, wird er finden, dass viele Rätsel der „Odyssee“ aufhören, rätselhaft zu sein, sobald man entdeckt, dass sie aus der Übersättigung mit der „Ilias“ entstehen.
Andere Schwierigkeiten werden ebenfalls verschwinden, sobald die Entwicklung des Gedichts im Geiste des Verfassers verstanden wird. Ich habe dies auf den Seiten 251–261 von „The Authoress of the Odyssey“ ausführlicher behandelt. Kurz gesagt, die „Odyssee“ besteht aus zwei verschiedenen Gedichten: (1) Die Heimkehr des Odysseus, die allein die Muse in den Eröffnungsversen des Gedichts zu singen gebeten wird. Dieses Gedicht umfasst die phäakische Episode und die Erzählung von den Abenteuern des Odysseus, wie er sie selbst im IX.–XII. Buch berichtet. Es besteht aus den Versen 1–79 (ungefähr) des I. Buches, aus Vers 28 des V. Buches und von da ohne Unterbrechung bis zur Mitte des Verses 187 des XIII. Buches, an welchem Punkt das ursprüngliche Schema aufgegeben wurde.
(2) Die Geschichte von Penelope und den Freiern, mit der Episode von Telemachos’ Fahrt nach Pylos. Dieses Gedicht beginnt mit Vers 80 (ungefähr) des I. Buches, wird bis zum Ende des IV. Buches fortgeführt und erst wieder aufgenommen, als Odysseus in der Mitte des Verses 187 des XIII. Buches erwacht, von wo es bis zum Ende des XXIV. Buches weitergeht.
In „The Authoress of the Odyssey“ schrieb ich:
Die Einführung der Verse XI. 115–137 und des Verses IX. 535, verbunden mit der Abfassung eines neuen Götterrats zu Beginn des V. Buches, um denjenigen zu ersetzen, der nach I. 1–79 verlegt worden war, waren das Einzige, was getan wurde, um dem alten und dem neuen Schema auch nur den Anschein von Einheit zu verleihen und die Tatsache zu verbergen, dass die Muse, nachdem sie gebeten worden war, einen Gegenstand zu besingen, zwei Drittel ihrer Zeit damit zubringt, einen ganz anderen zu besingen, mit einem Höhepunkt, um den niemand sie gebeten hat. Denn ungefähr nimmt die Heimkehr acht Bücher ein, und Penelope und die Freier sechzehn.
Ich glaube, dass dies im Wesentlichen zutrifft.
Schließlich, um einen ganz unwichtigen Punkt zu behandeln, bemerke ich, dass die Leipziger Teubner-Ausgabe von 894 die Bücher II und III mit einem Komma enden lässt. Satzzeichen sind von so viel jüngerem Datum als die „Odyssee“, dass es wenig sinnvoll erscheint, in so einer Kleinigkeit am Text festzuhalten; dennoch habe ich, aus reinem Konservatismus, vorgezogen, dies zu tun. Warum [Griechisch] am Anfang der Bücher II und VIII, und [Griechisch] am Anfang des VII. Buches Anfangsbuchstaben haben in einer Ausgabe, die viel zu sorgfältig ist, um eine Nachlässigkeit zuzulassen, während [Griechisch] am Anfang der Bücher VI und XIII, und [Griechisch] am Anfang des XVII. Buches keine Anfangsbuchstaben haben, kann ich nicht entscheiden. Keine anderen Bücher der „Odyssee“ haben Anfangsbuchstaben außer den drei genannten, es sei denn, das erste Wort des Buches ist ein Eigenname.
S. BUTLER.
25. Juli 1900.
VORWORT ZUR ZWEITEN AUSGABE
Butlers Übersetzung der „Odyssee“ erschien ursprünglich im Jahr 1900, und „The Authoress of the Odyssey“ im Jahr 1897. Im Vorwort zur neuen Ausgabe der „Authoress“, die gleichzeitig mit dieser neuen Ausgabe der Übersetzung erscheint, habe ich einiges über die Entstehung der beiden Bücher berichtet.
Das Format der Originalseite wurde verkleinert, um beide Bücher mit Butlers anderen Werken in einheitliches Format zu bringen, und glücklicherweise war es möglich, durch Verwendung einer kleineren Schriftart dieselbe Wortzahl auf jede Seite zu bringen, sodass die Verweise ihre Gültigkeit behalten, und mit Ausnahme einiger geringfügiger Änderungen und Umstellungen, die hier, soweit sie die Übersetzung betreffen, aufgeführt werden sollen, sind die neuen Ausgaben getreue Nachdrucke der Originalausgaben, wobei Druckfehler und offensichtliche Irrtümer berichtigt wurden – ohne den Versuch, sie zu redigieren oder auf den neuesten Stand zu bringen.
(a) Der Index wurde überarbeitet.
(b) Wegen der Verkleinerung des Seitenformats war es nötig, einige der Kolumnentitel zu kürzen, und hier wurde von verschiedenen Verbesserungen und Ergänzungen der Kolumnentitel und Randbemerkungen Gebrauch gemacht, die Butler in seinen eigenen Exemplaren der beiden Bücher vorgenommen hatte.
(c) Die Abbildungen nehmen nun größtenteils jeweils eine ganze Seite ein, während sie in den Originalausgaben im Allgemeinen zu zweit auf einer Seite standen. Es war notwendig, den Plan des Hauses des Odysseus zu verkleinern.
Auf Seite 153 der „Authoress“ sagt Butler: „Kein großer Dichter würde seinen Helden mit einem mit Blut und Fett gefüllten Bauch vergleichen, der vor dem Feuer kocht (xx. 24–28).“ Diese Stelle ist in der gekürzten Geschichte der „Odyssee“ am Anfang des Buches nicht wiedergegeben, aber in der Übersetzung lautet sie folgendermaßen:
„So schalt er mit seinem Herzen und zwang es zur Geduld, doch er wälzte sich wie einer, der einen mit Blut und Fett gefüllten Bauch vor einem heißen Feuer wendet, ihn erst auf die eine, dann auf die andere Seite dreht, damit er so bald wie möglich gar werde; ebenso wälzte er sich von einer Seite auf die andere und dachte die ganze Zeit darüber nach, wie er, ganz auf sich allein gestellt, es anstellen sollte, eine so große Schar von Männern wie die ruchlosen Freier zu töten.“
Es sieht so aus, als hätte Butler in der Zwischenzeit zwischen der Veröffentlichung der „Authoress“ (1897) und der Übersetzung (1900) seine Meinung geändert; denn im ersten Fall wird Odysseus selbst mit einem gefüllten Bauch usw. verglichen, im zweiten Fall wird Odysseus mit einem Manne verglichen, der einen gefüllten Bauch usw. wendet. Der zweite Vergleich ist vielleicht einer, den ein großer Dichter machen könnte.
Bei der Drucklegung der Werke hatte ich die unschätzbare Hilfe von Herrn A. T. Bartholomew von der Universitätsbibliothek Cambridge und von Herrn Donald S. Robertson, Fellow des Trinity College Cambridge. Diesen beiden Freunden spreche ich meinen herzlichsten Dank für die Sorgfalt und Geschicklichkeit aus, die sie dabei bewiesen haben. Herr Robertson hat sich die Mühe genommen, alle Zitate aus und Verweise auf die „Ilias“ und „Odyssee“ nachzuprüfen und zu berichtigen, und ich glaube, es hätte nicht besser geschehen können. Es war mir bekannt, dass es ihm ein Vergnügen war; und es wäre auch für Butler ein Vergnügen gewesen, wenn er hätte wissen können, dass sein Werk von dem Sohne seines alten Freundes, Herrn H. R. Robertson, der vor mehr als einem halben Jahrhundert mit ihm an Carys Kunstschule in Streatham Street, Bloomsbury, ein Mitstudent war, behütet wurde.
HENRY FESTING JONES.
120 MAIDA VALE, W.9. 4. Dezember 1921.
DIE ODYSSEE
ERSTES BUCH
DIE GÖTTER IM RAT – MINERVAS BESUCH AUF ITHAKA – DIE HERAUSFORDERUNG VON TELEMACH AN DIE FREIER.
Sage mir, o Muse, von jenem erfindungsreichen Helden, der weit und breit reiste, nachdem er die berühmte Stadt Troja zerstört hatte. Viele Städte besuchte er, und vieler Völker Sitten und Gebräuche lernte er kennen; auch litt er viel zur See, während er versuchte, sein eigenes Leben zu retten und seine Mannschaft sicher nach Hause zu bringen; aber was er auch tun mochte, er konnte seine Männer nicht retten, denn sie kamen durch ihre eigene reine Torheit um, weil sie die Rinder des Sonnengottes Hyperion fraßen; so hinderte der Gott sie daran, jemals die Heimat zu erreichen. Berichte mir auch von allen diesen Dingen, oh Tochter Jupiters, aus welcher Quelle auch immer du sie wissen magst.
So waren denn alle, die dem Tod im Kampf oder im Schiffbruch entronnen waren, wohlbehalten nach Hause gelangt, mit Ausnahme des Ulysses, und er, obwohl er sich danach sehnte, zu seiner Frau und in sein Land zurückzukehren, wurde von der Göttin Calypso festgehalten, die ihn in eine große Höhle gebracht hatte und ihn heiraten wollte. Als aber die Jahre vergingen, kam eine Zeit, da die Götter beschlossen, dass er nach Ithaka zurückkehren sollte; doch selbst dann, als er unter den Seinen war, waren seine Leiden noch nicht vorüber; dennoch hatten nun alle Götter begonnen, Mitleid mit ihm zu haben, mit Ausnahme Neptuns, der ihn noch immer unablässig verfolgte und ihn nicht nach Hause lassen wollte.
Nun war Neptun zu den Äthiopiern fortgegangen, die am Ende der Welt wohnen und in zwei Hälften geteilt liegen, die eine nach Westen, die andere nach Osten blickend.1 Er war dorthin gegangen, um eine Hekatombe von Schafen und Rindern entgegenzunehmen, und vergnügte sich bei seinem Fest; die anderen Götter aber versammelten sich im Hause des olympischen Jupiter, und der Vater der Götter und Menschen ergriff als Erster das Wort. In jenem Augenblick dachte er an Aigisthus, der von Agamemnons Sohn Orestes getötet worden war; so sprach er zu den anderen Göttern:
„Seht nun, wie die Menschen uns Götter beschuldigen für das, was doch nichts als ihre eigene Torheit ist. Schaut Aigisthus an; er musste sich unrechtmäßig in Agamemnons Frau verlieben und dann Agamemnon töten, obwohl er wusste, dass es sein Tod sein würde; denn ich sandte Merkur, um ihn zu warnen, keines von beiden zu tun, da Orestes gewiss Rache nehmen würde, wenn er herangewachsen wäre und heimkehren wollte. Merkur sagte ihm dies in allem guten Willen, aber er wollte nicht hören, und nun hat er alles in vollem Maße bezahlt.“
Da sprach Minerva: „Vater, Sohn des Saturn, König der Könige, Aigisthus geschah recht, und so wird es jedem ergehen, der so handelt wie er; aber Aigisthus tut nichts zur Sache; um Ulysses blutet mein Herz, wenn ich an seine Leiden auf jener einsamen meerumgürteten Insel denke, fern, der arme Mann, von all seinen Freunden. Es ist eine waldbedeckte Insel, mitten im Meer, und eine Göttin wohnt dort, die Tochter des Zauberers Atlas, der den Grund des Ozeans bewahrt und die großen Säulen trägt, die Himmel und Erde auseinanderhalten. Diese Tochter des Atlas hat den armen unglücklichen Ulysses in ihre Gewalt bekommen und versucht mit allerlei Schmeichelei, ihn sein Heim vergessen zu machen, sodass er des Lebens überdrüssig ist und an nichts anderes denkt, als wie er noch einmal den Rauch seiner eigenen Kamine aufsteigen sehen könnte. Ihr, Herr, kümmert Euch nicht darum, und doch – hat Ulysses nicht, als er vor Troja stand, Euch mit vielen Brandopfern versöhnt? Warum solltet Ihr dann fortfahren, so zornig auf ihn zu sein?“
Und Jove sprach: „Mein Kind, was redest du da? Wie könnte ich Ulysses vergessen, den es auf Erden an Tüchtigkeit nicht übertrifft und der an Opfergaben für die unsterblichen Götter im Himmel keinem anderen nachsteht? Doch bedenke, dass Neptun noch immer voller Zorn auf Ulysses ist, weil er dem Polyphemus, dem König der Kyklopen, ein Auge geblendet hat. Polyphemus ist Neptuns Sohn von der Nymphe Thoosa, der Tochter des Meerkönigs Phorcys; darum wird er, obwohl er Ulysses nicht geradehin töten wird, ihn doch quälen, indem er ihm verwehrt, heimzukehren. Gleichwohl lasst uns die Häupter zusammenstecken und zusehen, wie wir ihm zur Heimkehr verhelfen können; Neptun wird sich dann besänftigen lassen, denn wenn wir alle eines Sinnes sind, wird er sich kaum gegen uns stellen können."
Und Minerva sprach: „Vater, Sohn des Saturn, König der Könige, wenn denn die Götter nunmehr beschlossen haben, dass Ulysses heimkehren soll, so sollten wir zunächst Mercurius zur ogygischen Insel senden, um der Calypso zu künden, dass wir unseren Entschluss gefasst haben und er zurückkehren darf. Inzwischen will ich nach Ithaka gehen, um dem Sohne des Ulysses, Telemach, Mut einzuflößen; ich will ihn ermutigen, die Achaier in die Versammlung zu rufen und den Freiern seiner Mutter Penelope die Leviten zu lesen, die ungescheut seine Schafe und Rinder in Menge schlagen; auch will ich ihn geleiten nach Sparta und nach Pylos, ob er irgend etwas über die Heimkehr seines teuren Vaters vernehmen kann – denn das wird ihm den Ruf der Leute eintragen."
So sprechend legte sie ihre glänzenden goldenen, unvergänglichen Sandalen an, mit denen sie wie der Wind über Land und Meer zu fliegen vermag; sie ergriff die furchtbare erzbeschuhte Lanze, so derb und stattlich und stark, mit der sie die Scharen der Helden bezwingt, die ihr missfallen, und sie schoss hernieder von den höchsten Gipfeln des Olymp, und alsbald war sie in Ithaka, am Tore des Hauses des Ulysses, verkleidet als ein Gast, Mentes, der Häuptling der Taphier, und sie hielt eine eherne Lanze in der Hand. Dort fand sie die vornehmen Freier auf Fellen der Rinder sitzen, die sie geschlagen und verzehrt hatten, und vor dem Hause Brettspiel treibend. Diener und Pagen liefen geschäftig umher, um sie zu bedienen; die einen mengten Wein mit Wasser in den Mischkesseln, andere wischten die Tische mit nassen Schwämmen ab und deckten sie von neuem, und wieder andere zerlegten große Mengen Fleisches.
Telemach erblickte sie lange vor allen anderen. Er saß finster unter den Freiern und dachte an seinen tapferen Vater und wie er sie alle aus dem Hause jagen würde, wenn er nur wiederkäme und die alte Ehre genösse. Während er so brütend unter ihnen saß, gewahrte er Minerva und ging stracks zum Tore, denn es verdross ihn, dass ein Fremder auf Einlass warten sollte. Er ergriff ihre rechte Hand in der seinen und bat sie, ihm ihren Speer zu geben. „Seid willkommen", sprach er, „in unserem Hause, und wenn Ihr Speise genossen habt, sollt Ihr uns sagen, was Euch herführt."
Er ging voraus, während er sprach, und Minerva folgte ihm. Drinnen nahm er ihr den Speer ab und lehnte ihn an den Speerständer neben einem starken Tragpfosten, zu den vielen anderen Speeren seines unglücklichen Vaters, und er führte sie zu einem reich verzierten Sessel, unter den er ein Damasttuch breitete. Auch einen Schemel für ihre Füße gab es, und er stellte einen anderen Sitz nahe bei ihr für sich selbst, abseits der Freier, damit sie nicht durch deren Lärm und Unverschämtheit beim Essen belästigt werde und damit er freier nach seinem Vater fragen könne.
Eine Magd brachte ihnen hierauf Wasser in einem schönen goldenen Krug und goss es in eine silberne Schale zum Händewaschen, und sie rückte einen reinen Tisch neben sie heran. Eine obere Dienerin brachte ihnen Brot und bot ihnen mancherlei gute Dinge an, was im Hause vorhanden war; der Tranchier brachte ihnen Platten mit allerlei Fleisch und stellte goldene Becher daneben, und ein Diener brachte ihnen Wein und schenkte ihnen ein.
Dann kamen die Freier herein und nahmen ihre Plätze auf Bänken und Stühlen ein. Alsbald gossen Diener ihnen Wasser über die Hände, Mägde gingen mit den Brotkörben umher, Pagen füllten die Mischkessel mit Wein und Wasser, und sie langten zu bei den guten Dingen, die vor ihnen standen. Als sie sich satt gegessen und getrunken hatten, verlangten sie nach Musik und Tanz, die den festlichen Mahl erst recht verherrlichen; da brachte ein Diener dem Phemius die Leier, den sie mit Gewalt nötigten, ihnen vorzusingen. Sobald er die Leier rührte und zu singen begann, sprach Telemach leise zu Minerva, den Kopf dicht an dem ihren, dass kein Mensch es höre.
„Ich hoffe, Herr", sagte er, „Ihr werdet es mir nicht übelnehmen, was ich jetzt sagen will. Singen ist billig für die, welche nicht dafür zahlen, und all das geschieht auf Kosten dessen, dessen Gebeine irgendwo in der Wildnis vermodern oder im Wellenschaum zu Staub zermalmt werden. Wenn diese Männer meinen Vater nach Ithaka zurückkehren sähen, sie würden eher um längere Beine als um einen längeren Beutel beten, denn Geld nützte ihnen nichts; er aber, ach, ist einem üblen Schicksal verfallen, und selbst wenn die Leute manchmal sagen, er komme, achten wir nicht mehr darauf; wir werden ihn nimmermehr wiedersehen. Und nun, Herr, sagt mir und sagt mir die Wahrheit, wer Ihr seid und woher Ihr kommt. Sagt mir Eure Stadt und Eure Eltern, was für ein Schiff Ihr kamt, wie Eure Leute Euch nach Ithaka brachten und welchen Volkes sie sich rühmten – denn zu Lande könnt Ihr nicht gekommen sein. Sagt mir auch aufrichtig, denn ich will es wissen, seid Ihr ein Fremder in diesem Hause, oder wart Ihr schon zur Zeit meines Vaters hier? Vorzeiten hatten wir viele Gäste, denn mein Vater reiste viel selber."
Und Minerva antwortete: „Ich will Euch wahrhaft und genau alles erzählen. Ich bin Mentes, Sohn des Anchialus, und König der Taphier. Ich bin hierhergekommen mit meinem Schiff und meiner Mannschaft auf einer Fahrt zu Leuten fremder Zunge, nach Temesa bestimmt mit einer Ladung Eisen, und ich werde Kupfer zurückbringen. Was mein Schiff betrifft, so liegt es dort drüben vor dem offenen Lande, abseits der Stadt, im Hafen Rheithron unter dem waldigen Berge Neritum. Unsere Väter waren schon vor uns befreundet, wie der alte Laertes Euch sagen wird, wenn Ihr hingehen und ihn fragen wollt. Man sagt allerdings, dass er jetzt nie mehr in die Stadt kommt und allein auf dem Lande lebt, kärglich sich nährend, mit einer alten Frau, die für ihn sorgt und ihm sein Mahl richtet, wenn er müde von seinem Treiben im Weingarten heimkommt. Man hat mir gesagt, Euer Vater sei wieder zu Hause, und deshalb kam ich; doch es scheint, die Götter halten ihn noch immer fern, denn er ist noch nicht tot, nicht auf dem Festlande. Wahrscheinlicher ist, dass er auf irgendeiner meerumgürteten Insel im Ozean weilt oder ein Gefangener unter Wilden ist, die ihn gegen seinen Willen festhalten. Ich bin kein Seher und verstehe wenig von Vorzeichen, doch rede ich, wie es mir vom Himmel eingegeben wird, und versichere Euch, er wird nicht mehr lange fortbleiben; denn er ist ein Mann von solchem Witz, dass er, wäre er auch in eiserne Ketten geschmiedet, einen Weg fände, wieder heimzukommen. Doch sagt mir, und sagt mir die Wahrheit: kann Ulysses wirklich einen so stattlichen Burschen zum Sohn haben? Ihr gleicht ihm in der Tat wunderbar im Kopfe und in den Augen, denn wir waren eng befreundet, ehe er nach Troja segelte, wohin auch die Blüte aller Argiver ging. Seit jener Zeit hat keiner von uns je den anderen wiedergesehen."
„Meine Mutter", antwortete Telemach, „sagt mir, ich sei Sohn des Ulysses; doch weise ist das Kind, das seinen Vater kennt. Wäre ich doch Sohn eines Mannes, der auf seinen eigenen Gütern alt geworden ist; denn, da Ihr mich fragt: es gibt keinen unglückseligeren Mann unter dem Himmel als den, der, wie man mir sagt, mein Vater ist."
Und Minerva sprach: „Es ist nicht zu befürchten, dass Euer Geschlecht schon ausstirbt, solange Penelope einen so vortrefflichen Sohn hat wie Euch. Doch sagt mir, und sagt mir die Wahrheit: was bedeutet all dieses Schmausen, und wer sind diese Leute? Was hat es zu bedeuten? Habt Ihr ein Festmahl, oder ist eine Hochzeit im Hause – denn keiner scheint eigenes mitzubringen? Und die Gäste – wie abscheulich benehmen sie sich; welchen Lärm machen sie im ganzen Hause; es muss jeden anständigen Menschen anekeln, der ihnen naht."
„Herr", sprach Telemach, „was Eure Frage betrifft: solange mein Vater hier war, stand es gut um uns und um das Haus; doch die Götter haben in ihrem Missfallen es anders beschlossen und haben ihn verborgener gehalten, als je ein Sterblicher verborgen ward. Ich hätte es leichter ertragen, selbst wenn er tot wäre, wäre er mit seinen Mannen vor Troja gefallen oder mit Freunden ringsum, als die Tage seines Kampfes vollendet waren; dann hätten die Achaier einen Hügel über seiner Asche aufgeworfen, und ich selbst hätte seines Ruhmes Erbe sein dürfen; jetzt aber haben ihn die Sturmwinde entführt, wir wissen nicht wohin; er ist gegangen, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen, und ich erbe nichts als Bestürzung. Doch damit nicht genug der Trauer um den Verlust meines Vaters: der Himmel hat mir noch andere Leiden auferlegt; denn die Edlen von allen unseren Inseln, Dulichium, Same und der waldigen Insel Zakynthos, wie auch alle vornehmen Männer Ithakas selbst, zehren mein Haus auf unter dem Vorwand, meiner Mutter den Hof zu machen, die weder rundweg erklären will, dass sie nicht wieder heiraten will, noch die Sache zu Ende bringt; so richten sie mein Erbe zugrunde und werden es bald auch mit mir selbst tun."
„Ist dem so?" rief Minerva aus, „dann braucht Ihr den Ulysses in der Tat wieder daheim. Gebt ihm seinen Helm, Schild und ein Paar Lanzen, und ist er der Mann, der er war, als ich ihn zuerst in unserem Hause kannte, bei Trinken und fröhlichem Gelage, er würde diese ruchlosen Freier bald beim Kragen nehmen, stünde er erst wieder auf seiner eigenen Schwelle. Damals kam er von Ephyra, wo er sich von Ilus, dem Sohne des Mermerus, Gift für seine Pfeile erbeten hatte. Ilus fürchtete die ewig lebenden Götter und wollte ihm nichts geben, doch mein Vater ließ ihm etwas zukommen, denn er hatte ihn sehr lieb. Ist Ulysses der Mann, der er damals war, so wird diesen Freiern kurzer Prozess und eine klägliche Hochzeit bevorstehen.
„Doch was! Es steht im Himmel, ob er zurückkehren und in seinem eigenen Hause Rache nehmen wird oder nicht; ich aber rate Euch, dass Ihr Euch sogleich anschickt, diese Freier loszuwerden. Hört auf meinen Rat: ruft morgen früh die achaïschen Helden in die Versammlung – tragt ihnen Eure Sache vor und ruft den Himmel zum Zeugen an. Heißt die Freier sich packen, jeden an seinen Ort, und ist Eure Mutter entschlossen, wieder zu heiraten, so lasst sie zu ihrem Vater zurückkehren; der wird ihr einen Mann finden und ihr all die Hochzeitsgaben geben, die einer so teuren Tochter gebühren. Was Euch selbst betrifft, so lasst Euch von mir überreden, das beste Schiff zu nehmen, das Ihr bekommen könnt, mit zwanzig Mann Besatzung, und zieht aus, Euren Vater zu erfragen, der so lange vermisst wird. Ein Redlicher könnte Euch etwas sagen, oder – und so erfährt mancherlei – eine himmlische Botschaft mag Euch weisen. Geht zuerst nach Pylos und fragt Nestor; von dort geht weiter nach Sparta und besucht Menelaus, denn er kam als letzter aller Achaier heim; hört Ihr, dass Euer Vater lebt und auf dem Heimweg ist, so könnt Ihr die Verschwendung, die diese Freier anrichten, noch weitere zwölf Monate dulden. Hört Ihr aber von seinem Tode, so kehrt alsbald heim, begeht sein Leichenbegängnis mit allem gebührenden Pomp, errichtet ihm einen Grabhügel und bewirkt, dass Eure Mutter wieder heiratet. Dann aber, wenn all das geschehen ist, sinnt darüber nach, wie Ihr, mit Recht oder Unrecht, diese Freier in Eurem eigenen Hause umbringen könnt. Ihr seid zu alt, um Euch länger auf Eure Kindheit zu berufen; habt Ihr nicht gehört, wie man den Orestes preist, der seines Vaters Mörder Aigisthos getötet hat? Ihr seid ein schmucker, klug aussehender Bursche; zeigt also Euer Metall und macht Euch einen Namen in der Sage. Jetzt jedoch muss ich zurück zu meinem Schiff und zu meiner Mannschaft, die ungeduldig wird, wenn ich sie länger warten lasst; denkt darüber nach und merkt Euch, was ich Euch gesagt habe."
„Herr", antwortete Telemach, „es war sehr gütig von Euch, so mit mir zu reden, als wäre ich Euer eigener Sohn, und ich will alles tun, was Ihr mir sagt; ich weiß, Ihr wollt Eurer Fahrt nachgehen, doch bleibt ein wenig, bis Ihr ein Bad genommen und Euch erfrischt habt. Ich will Euch dann ein Geschenk geben, und Ihr sollt froh Eures Weges ziehen; ich will Euch eines von großer Schönheit und Wert geben – ein Andenken, wie nur teure Freunde einander schenken."
Minerva antwortete: „Versucht nicht, mich aufzuhalten, denn ich möchte sogleich weiter. Was aber ein Geschenk betrifft, das Ihr mir geben wollt, so behaltet es, bis ich wiederkomme, und ich werde es mit nach Hause nehmen. Ihr sollt eines von sehr gutem Werte erhalten, und ich will Euch eins von nicht geringerem dafür geben."
Mit diesen Worten flog sie wie ein Vogel in die Lüfte, doch hatte sie Telemach Mut eingeflößt und ihn noch mehr an seinen Vater denken lassen. Er spürte die Wandlung, staunte darüber und erkannte, dass der Fremde ein Gott gewesen war; also ging er stracks dorthin, wo die Freier saßen.
Phemius sang noch, und seine Hörer saßen in stummem Entzücken, während er die traurige Geschichte der Heimkehr von Troja vortrug und der Leiden, die Minerva über die Achaier verhängt hatte. Penelope, die Tochter des Ikarios, hörte seinen Gesang aus ihrem Gemach oben und kam die große Treppe herab, nicht allein, sondern von zwei ihrer Mägde begleitet. Bei den Freiern angelangt, stellte sie sich neben einen der Tragpfeiler, die das Dach der Halle stützten, mit einer gesetzten Magd zu beiden Seiten. Überdies hielt sie einen Schleier vor ihr Antlitz und weinte bitterlich.
„Phemius", rief sie, „du weißt mancherlei Taten von Göttern und Helden zu singen, wie sie die Sänger zu besingen lieben. Singe den Freiern irgendeine davon, und lass sie schweigend ihren Wein trinken; doch lass ab von dieser traurigen Geschichte, denn sie bricht mir das Herz und erinnert mich an meinen verlorenen Gatten, den ich unablässig beweine und dessen Name groß war über ganz Hellas und mittleres Argos."
„Mutter", antwortete Telemach, „lass den Sänger singen, was er will; die Sänger machen nicht die Übel, die sie besingen; es ist Jove, nicht sie, der sie sendet, und der Heil oder Wehe über die Menschen verhängt nach seinem eigenen Wohlgefallen. Dieser Mann meint es nicht böse, wenn er die unselige Heimkehr der Danaer singt, denn die Leute spenden den jüngsten Liedern stets den wärmsten Beifall. Fasse dich und ertrage es; Ulysses ist nicht der einzige Mann, der nie von Troja heimkehrte; mancher andere ging mit ihm zugrunde. Geh denn hinein und kümmere dich um deine täglichen Pflichten, deinen Webstuhl, deine Spindel und die Führung deiner Dienerschaft; denn Reden ist des Mannes Sache, und die meine vor allen anderen – denn ich bin hier der Herr."
Sie ging verwundert ins Haus zurück und behielt die Worte ihres Sohnes im Herzen. Dann ging sie mit ihren Mägden hinauf in ihr Gemach und beweinte ihren teuren Gatten, bis ihr Minerva süßen Schlaf über die Augen goss. Die Freier aber lärmten in den bedachten Hallen und jeder flehte, er möge ihr Bettgenosse sein.
Da sprach Telemach: „Schamlos", rief er, „und unverschämte Freier, lasst uns nach Herzenslust schmausen, und lass es kein Gezänk geben; denn es ist eine seltene Sache, einen Mann mit so göttlicher Stimme zu hören, wie Phemius sie hat; doch morgen früh kommt in voller Versammlung zusammen, damit ich euch förmlich kündigen kann, dass ihr fort sollt, und einer beim anderen zu Hause schmaust, immer abwechselnd, auf eigene Kosten. Wenn ihr dagegen darauf besteht, weiterhin einem Manne auf der Tasche zu liegen, so helfe mir der Himmel: Jove soll mit euch abrechnen, und wenn ihr im Hause meines Vaters fallt, soll niemand da sein, euch zu rächen."
Die Freier bissen sich auf die Lippen, als sie ihn hörten, und staunten über die Kühnheit seiner Rede. Da sprach Antinoos, der Sohn des Eupeithes: „Die Götter scheinen dich in Prahlen und Großsprecherei unterwiesen zu haben; Jove gebe dir nimmer, in Ithaka der Erste zu sein, wie dein Vater vor dir."
Telemach antwortete: „Antinoos, zürne mir nicht, doch, will's Gott, will auch ich der Erste sein, wenn ich kann. Ist dies das schlimmste Los, das du mir wünschen kannst? Es ist nichts Schlechtes, der Erste zu sein; denn es bringt Reichtum und Ehre. Doch nun, da Ulysses tot ist, gibt es in Ithaka viele große Männer, alt und jung, und ein anderer mag die Führung unter ihnen übernehmen; gleichwohl will ich Herr sein in meinem eigenen Hause und über die gebieten, die Ulysses mir gewonnen hat."
Da antwortete Eurymachos, der Sohn des Polybos: „Es steht beim Himmel, wer unter uns der Erste sein soll; doch du sollst Herr sein in deinem eigenen Hause und über deine eigene Habe; niemand soll dir, solange ein Mann in Ithaka ist, Gewalt tun oder dich berauben. Und nun, mein Bester, möchte ich gern wissen, wer dieser Fremde ist. Aus welchem Lande kommt er? Welchem Geschlecht entstammt er, und wo liegt sein Besitz? Bringt er dir Kunde von der Heimkehr deines Vaters, oder kam er in eigener Sache? Er schien ein wohlhabender Mann, doch eilte er so plötzlich fort, dass er im Nu verschwunden war, ehe wir ihn kennenlernen konnten."
„Mein Vater ist tot und dahin", antwortete Telemach, „und selbst wenn ein Gerücht zu mir dringt, schenke ich ihm keinen Glauben mehr. Meine Mutter zwar schickt manchmal nach einem Wahrsager und befragt ihn, aber ich achte seiner Sprüche nicht. Was aber den Fremden betrifft: er war Mentes, Sohn des Anchialus, der Häuptling der Taphier, ein alter Freund meines Vaters." Im Herzen jedoch wusste er, dass es die Göttin gewesen war.
Die Freier kehrten nun zu Gesang und Tanz zurück, bis der Abend kam; doch als die Nacht über ihr Vergnügen hereinbrach, gingen sie schlafen, jeder in seine eigene Behausung. Telemachs Kammer lag hoch oben in einem Turm, der auf den äußeren Hof hinausblickte; dorthin begab er sich denn, grübelnd und voll Gedanken. Eine brave alte Frau, Eurykleia, Tochter des Ops, des Sohnes des Pisenor, ging ihm voran mit zwei lodernden Fackeln. Laertes hatte sie mit eigenem Gelde erkauft, als sie noch ganz jung war; er gab den Wert von zwanzig Ochsen für sie und erwies ihr in seinem Hause ebenso viel Achtung wie seiner eigenen Ehefrau, nahm sie aber nicht zu Bett, denn er fürchtete den Groll seiner Gattin. Sie war es, die nun Telemach in seine Kammer leuchtete, und sie liebte ihn besser als irgendeine der anderen Frauen im Hause, denn sie hatte ihn als Säugling genährt. Er öffnete die Tür seines Schlafgemachs und setzte sich auf das Bett; als er sein Hemd ablegte, gab er es der braven alten Frau, die es ordentlich zusammenfaltete und für ihn über einen Pflock neben seinem Bett hängte; danach ging sie hinaus, zog die Tür mit einem silbernen Riegel zu und schob den Bolzen mittels des Riemens vor. Doch Telemach, in eine wollene Decke gehüllt, dachte die ganze Nacht hindurch an seine geplante Fahrt und an den Rat, den ihm Minerva gegeben hatte.
ZWEITES BUCH
VOLKSVERSAMMLUNG DER LEUTE VON ITHAKA – REDEN DES TELEMACH UND DER FREIER – TELEMACH TRIFFT SEINE VORBEREITUNGEN UND BRICHT MIT MINERVA, DIE SICH ALS MENTOR VERKLEIDET HAT, NACH PYLOS AUF.
Als nun das Kind des Morgens, die rosenfingerige Dämmerung, erschien, erhob sich Telemach und kleidete sich an. Er band seine Sandalen an seine schönen Füße, gürtete sein Schwert um die Schulter und verließ sein Gemach, einem unsterblichen Gotte gleichend. Sogleich sandte er die Herolde aus, um das Volk zur Versammlung zu rufen; sie riefen sie, und die Leute versammelten sich. Als sie beisammen waren, ging er zur Stätte der Versammlung, den Speer in der Hand – nicht allein, denn seine beiden Hunde folgten ihm. Minerva verlieh ihm eine Erscheinung von solch göttlicher Anmut, dass alle staunten, als er vorbeiging, und als er auf dem Sitz seines Vaters Platz nahm, wichen sogar die ältesten Räte ihm aus.
Aigyptios, ein von Alter gebeugter Mann von unendlicher Erfahrung, sprach als Erster. Sein Sohn Antiphates war mit Odysseus nach Ilios, dem Lande edler Rosse, gezogen, doch der wilde Kyklop hatte ihn getötet, als sie alle in der Höhle eingeschlossen waren, und hatte ihm sein letztes Mahl bereitet. Drei Söhne waren ihm geblieben, von denen zwei noch auf des Vaters Lande arbeiteten, während der dritte, Eurynomos, einer der Freier war; dennoch konnte ihr Vater den Verlust des Antiphates nicht verwinden und weinte noch um ihn, als er zu sprechen begann.
„Männer von Ithaka“, sprach er, „hört meine Worte. Seit dem Tage, da Odysseus uns verließ, hat es keine Versammlung unserer Räte bis heute gegeben; wer mag es da sein, ob alt oder jung, der es für so nötig hält, uns zusammenzurufen? Hat er Wind von einem heranrückenden Heer und will uns warnen, oder möchte er über eine andere Sache von öffentlicher Bedeutung sprechen? Gewiss ist er ein vortrefflicher Mann, und ich hoffe, Zeus wird ihm die Erfüllung seines Herzenswunsches gewähren.“
Telemach deutete diese Rede als gutes Vorzeichen und stand sogleich auf, denn er platzte beinahe vor dem, was er zu sagen hatte. Er stellte sich in die Mitte der Versammlung, und der brave Herold Pisenor brachte ihm seinen Stab. Dann wandte er sich an Aigyptios: „Herr“, sagte er, „ich bin es, wie ihr bald erfahren werdet, der euch zusammengerufen hat, denn ich bin der am meisten Gekränkte. Ich habe keinen Wind von einem heranrückenden Heer, vor dem ich euch warnen möchte, noch ist irgendeine Sache von öffentlicher Bedeutung, über die ich sprechen möchte. Mein Kummer ist rein persönlich und betrifft zwei große Unglücksfälle, die über mein Haus hereingebrochen sind. Das erste ist der Verlust meines vortrefflichen Vaters, der hier der Erste unter euch allen war und einem jeden von euch ein Vater war; das zweite ist weit schlimmer und wird in Kürze der völlige Ruin meiner Habe sein. Die Söhne aller angesehenen Männer unter euch bestürmen meine Mutter, gegen ihren Willen sie zu heiraten. Sie scheuen sich, zu ihrem Vater Ikarios zu gehen, ihn zu bitten, den zu wählen, der ihm am besten gefällt, und seiner Tochter die Hochzeitsgeschenke zu geben; aber Tag für Tag lungern sie um meines Vaters Haus, schlachten unsere Ochsen, Schafe und fetten Ziegen für ihre Gelage und denken nicht im Geringsten an die Menge Wein, die sie trinken. Kein Vermögen kann solcher Rücksichtslosigkeit standhalten; wir haben keinen Odysseus mehr, der Schaden von unserer Schwelle abzuwenden vermag, und ich kann mich ihrer nicht erwehren. Ich werde nie in meinem Leben ein so tüchtiger Mann sein wie er; dennoch würde ich mich wahrlich wehren, hätte ich die Macht dazu, denn ich kann solches Treiben nicht länger ertragen; mein Haus wird geschändet und zugrunde gerichtet. Habt daher Achtung vor eurem eigenen Gewissen und vor der öffentlichen Meinung. Fürchtet auch den Zorn des Himmels, damit nicht die Götter erzürnt werden und sich gegen euch wenden. Ich beschwöre euch bei Zeus und Themis, die der Anfang und das Ende der Ratsversammlungen ist, haltet nicht zurück, meine Freunde, und lasst mich nicht allein – es sei denn, mein tapferer Vater Odysseus habe den Achaiern ein Unrecht getan, das ihr nun an mir rächen wollt, indem ihr diesen Freiern Beistand und Vorschub leistet. Zudem, wenn ich schon gänzlich aus Haus und Hof verzehrt werden soll, möchte ich lieber, dass ihr es selbst esst; denn dann könnte ich mit Aussicht auf Erfolg gegen euch vorgehen und euch von Haus zu Haus mit Mahnbriefen belegen, bis ich vollständig bezahlt wäre, wohingegen ich jetzt kein Mittel habe.“20
Hiermit schleuderte Telemach seinen Stab zu Boden und brach in Tränen aus. Alle hatten großes Mitleid mit ihm, doch saßen sie alle still, und niemand wagte, ihm eine zornige Antwort zu geben, außer Antinoos allein, der also sprach:
„Telemach, unverschämter Prahlhans, dass du dich unterstehst, uns Freiern die Schuld zuzuweisen! Es ist die Schuld deiner Mutter, nicht die unsere, denn sie ist eine überaus verschlagene Frau. Schon drei Jahre lang und beinahe vier hat sie uns in den Wahnsinn getrieben, indem sie einen jeden von uns ermutigte und ihm Botschaften schickte, ohne ein Wort dessen ernst zu meinen. Und dann führte sie uns mit jenem anderen Streich hinters Licht. Sie stellte einen großen Stickrahmen in ihrem Gemach auf und begann, ein gewaltiges Stück feiner Nadelarbeit anzufertigen. ‚Lieben Freunde‘, sagte sie, ‚Odysseus ist freilich tot; dennoch drängt mich nicht, sogleich wieder zu heiraten. Wartet – denn ich möchte nicht, dass die Kunst der Nadelarbeit unverzeichnet dahingeht –, bis ich ein Tuch für den Helden Laertes vollendet habe, bereit für die Zeit, da der Tod ihn hinwegnimmt. Er ist sehr reich, und die Frauen hier werden reden, wenn er ohne Tuch aufgebahrt wird.’
So sprach sie, und wir willigten ein; da konnten wir sie den ganzen Tag an ihrem großen Gewebe arbeiten sehen, doch bei Nacht, im Fackelschein, trennte sie die Stiche wieder auf. So narrte sie uns drei Jahre lang, und wir merkten es nie; als aber die Zeit verstrich und sie nun im vierten Jahre war, verriet uns eine ihrer Mägde, die wusste, was sie tat, und wir ertappten sie, wie sie gerade ihre Arbeit wieder auftrennte, so dass sie sie vollenden musste, ob sie wollte oder nicht. Die Freier geben dir also diese Antwort, damit sowohl du als auch die Achaier es versteht: ‚Schick deine Mutter fort und lass sie den Mann heiraten, den sie selbst und ihr Vater wählt’; denn ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn sie uns noch länger mit der Miene quält, die sie sich auf Grund der Künste gibt, die Minerva sie gelehrt hat, und weil sie so klug ist. Wir haben nie zuvor von einer solchen Frau gehört; wir kennen Tyro, Alkmene, Mykene und die berühmten Frauen der Vorzeit, doch keine von ihnen kam deiner Mutter gleich. Es war nicht recht von ihr, uns so zu behandeln; und solange sie in der Sinnesart verharrt, die der Himmel ihr nun verliehen hat, so lange werden wir fortfahren, dein Vermögen aufzuzehren; und ich sehe nicht, warum sie sich ändern sollte, denn alle Ehre und allen Ruhm erntet sie, und du bezahlst dafür, nicht sie. Wisset denn: wir werden nicht in unsere Lande zurückkehren, weder hierhin noch dorthin, bis sie ihre Wahl getroffen und einen oder den anderen von uns geheiratet hat.“21
Telemach antwortete: „Antinoos, wie kann ich die Mutter, die mich geboren hat, aus meines Vaters Hause treiben? Mein Vater ist in der Ferne, und wir wissen nicht, ob er lebt oder tot ist. Es wird hart für mich sein, wenn ich Ikarios die große Summe zahlen muss, die ich ihm geben muss, falls ich darauf bestehe, seine Tochter zu ihm zurückzuschicken. Nicht nur wird er streng mit mir verfahren, sondern der Himmel wird mich auch strafen; denn meine Mutter wird, wenn sie das Haus verlässt, die Erinnyen anrufen, sie zu rächen; zudem wäre es keine ruhmvolle Tat, und ich will nichts damit zu schaffen haben. Wenn ihr euch dadurch beleidigt fühlt, so verlasst das Haus und schmaust anderswo, wechselweise in eines jeden Haus auf eigene Kosten. Wollt ihr hingegen darauf bestehen, einem Manne weiterhin auf der Tasche zu liegen, so helfe mir der Himmel, doch Zeus wird mit euch abrechnen, und wenn ihr in meines Vaters Hause fallt, wird niemand da sein, euch zu rächen.“22
Während er noch sprach, sandte Zeus zwei Adler vom Gipfel des Berges herab; sie flogen immer weiter mit dem Winde, Seite an Seite in ihrem majestätischen Fluge. Als sie gerade über der Mitte der Versammlung waren, wendeten und kreisten sie, schlugen mit den Schwingen die Luft und sprühten Tod in die Augen derer unten; dann, heftig kämpfend und einander zerfleischend, flogen sie nach rechts über die Stadt hinweg. Die Leute staunten, als sie sie sahen, und fragten einander, was dies alles bedeuten möge; da sprach Halitherses, der beste Seher und Deuter der Vorzeichen unter ihnen, offen und in aller Aufrichtigkeit zu ihnen:
„Hört mich, Männer von Ithaka, und ich rede besonders zu den Freiern, denn ich sehe Unheil für sie heranziehen. Odysseus wird nicht mehr lange fernbleiben; ja, er ist ganz in der Nähe, Tod und Verderben zu bringen, nicht allein über sie, sondern über viele andere von uns, die in Ithaka leben. Seien wir denn bei Zeiten klug und setzen wir diesem Frevel ein Ende, ehe er kommt. Lasst die Freier von sich aus tun; es wird besser für sie sein, denn ich weissage nicht ohne hinreichende Erkenntnis; alles ist Odysseus widerfahren, wie ich es weissagte, als die Argiver nach Troja auszogen und er mit ihnen. Ich sagte, dass er nach viel Not und dem Verlust all seiner Männer im zwanzigsten Jahre heimkehren und dass niemand ihn erkennen werde; und nun alles dies wahr.“23
Eurymachos, Sohn des Polybos, sprach darauf: „Geh heim, alter Mann, und wahrsage deinen eigenen Kindern, oder es möchte übler für sie ausgehen. Ich kann diese Vorzeichen weit besser lesen als du; Vögel fliegen immer irgendwo im Sonnenschein umher, doch selten bedeuten sie etwas. Odysseus ist in einem fernen Lande gestorben, und es ist schade, dass du nicht mit ihm gestorben bist, statt hier von Vorzeichen zu schwatzen und den Zorn des Telemach noch anzufachen, der ohnedies heftig genug ist. Ich denke, du bildest dir ein, er werde dir etwas für deine Familie geben; doch ich sage dir – und es soll gewiss geschehen –: wenn ein alter Mann wie du, der es besser wissen sollte, einen Jungen so lange bearbeitet, bis er lästig wird, so wird zum Ersten sein junger Freund nur um so schlimmer dabei fahren – er wird nichts dabei gewinnen, denn die Freier werden es verhindern –; und zum Zweiten werden wir, mein Herr, eine schwerere Buße über dich verhängen, als dir lieb sein wird zu zahlen, denn sie wird hart auf dir lasten. Was Telemach betrifft, so warne ich ihn vor euch allen, seine Mutter zu ihrem Vater zurückzuschicken, der ihr einen Gatten finden und ihr all die Hochzeitsgaben geben wird, die einer so teuren Tochter gebühren. Bis dahin werden wir ihn mit unserer Werbung weiterhin bedrängen; denn wir fürchten keinen Menschen und achten weder ihn mit all seinen schönen Reden noch irgendeine deiner Wahrsagungen. Du magst predigen, so viel du willst, wir werden dich nur umso mehr hassen. Wir werden wieder an die Arbeit gehen und Telemachs Besitz weiterhin aufzehren, ohne ihn zu bezahlen, bis seine Mutter aufhört, uns zu quälen, indem sie uns Tag für Tag in banger Erwartung hält, ein jeder den anderen in der Werbung um einen Preis von so seltener Vollkommenheit überbietend. Zudem können wir nicht den anderen Frauen nachgehen, die wir der Reihe nach heiraten sollten, wegen der Art, in der sie uns behandelt.“24
Darauf sprach Telemach: „Eurymachos und ihr anderen Freier, ich werde nichts weiter sagen und euch nicht länger anflehen, denn die Götter und die Leute von Ithaka kennen nun meine Geschichte. Gebt mir also ein Schiff und eine Besatzung von zwanzig Mann, die mich hierhin und dorthin tragen, und ich werde nach Sparta und nach Pylos ziehen, auf der Suche nach meinem Vater, der so lange vermisst wird. Mag mir einer etwas berichten, oder (und auf solche Weise hören die Leute oft Dinge) mag mich eine göttliche Botschaft leiten. Höre ich, dass er lebt und auf dem Heimweg ist, so werde ich den Raub, den ihr Freier noch ein weiteres Jahr hindurch begehen werdet, hinnehmen. Höre ich hingegen von seinem Tode, so werde ich sogleich zurückkehren, sein Totenmahl mit aller gebührenden Pracht feiern, einen Grabhügel zu seinem Gedächtnis aufschütten und meine Mutter wieder verheiraten.“25
Mit diesen Worten setzte er sich, und Mentor, der ein Freund des Odysseus gewesen war und mit voller Gewalt über die Diener als Verwalter zurückgelassen worden war, erhob sich zu sprechen. Er nun redete offen und in aller Aufrichtigkeit zu ihnen:
„Hört mich, Männer von Ithaka, ich hoffe, dass ihr nie wieder einen gütigen und wohlgesinnten Herrscher haben mögt, noch einen, der euch gerecht regiert; ich hoffe, dass alle eure Häuptlinge forthin grausam und ungerecht seien; denn nicht einer unter euch ist, der nicht des Odysseus vergessen hätte, der euch regierte, als wäre er euer Vater. Über die Freier bin ich nicht halb so erzürnt; denn wenn sie in der Verruchtheit ihrer Herzen Gewalt üben und ihren Kopf darauf verwetten wollen, dass Odysseus nicht zurückkehrt, so können sie die hohe Hand behalten und sein Vermögen aufzehren; was euch andere betrifft, so empöre ich mich, dass ihr alle still dasitzt, ohne auch nur zu versuchen, solch skandalöses Treiben zu unterbinden – was ihr tun könntet, wenn ihr wolltet; denn ihr seid viele, und sie sind wenige.“26
Leokritos, Sohn des Evenor, antwortete ihm und sprach: „Mentor, was ist dies für ein Unsinn, dass du das Volk aufhetzen willst, uns Einhalt zu gebieten? Es ist eine harte Sache für einen Mann, mit vielen um sein Brot zu streiten. Selbst wenn Odysseus selbst über uns herfiele, während wir in seinem Hause schmausen, und sein Bestes täte, uns hinauszudrängen, seine Frau, die ihn so sehnlichst zurückwünscht, hätte wenig Ursache zur Freude, und sein Blut käme über sein eigenes Haupt, kämpfte er gegen solche Übermacht. Es ist kein Sinn in dem, was du gesagt hast. Geht nun, ihr Leute, an eure Geschäfte, und lasst die alten Freunde seines Vaters, Mentor und Halitherses, diesen Knaben auf seiner Fahrt fördern, wenn er überhaupt geht – was ich nicht glaube; denn er wird wohl eher bleiben, wo er ist, bis einer kommt und ihm etwas zu sagen hat.“27
Hiermit löste er die Versammlung auf, und jeder Mann ging in seine Behausung zurück, während die Freier in das Haus des Odysseus zurückkehrten.
Dann ging Telemach ganz allein an die Meeresküste, wusch sich die Hände in den grauen Wogen und betete zu Minerva.
„Erhöre mich“, rief er, „du Göttin, die mich gestern heimsuchte und mich hieß, die Meere zu befahren auf der Suche nach meinem Vater, der so lange vermisst wird. Ich würde dir gehorchen, doch die Achaier und besonders die ruchlosen Freier behindern mich, dass ich es nicht tun kann.“28
Als er also betete, trat Minerva dicht zu ihm in Gestalt und mit der Stimme des Mentor. „Telemach“, sagte sie, „bist du aus demselben Stoff wie dein Vater, so wirst du forthin weder Tor noch Feigling sein; denn Odysseus hat nie sein Wort gebrochen noch seine Arbeit halb getan. Wenn du ihm nachartest, wird deine Fahrt nicht fruchtlos sein; doch hast du nicht das Blut des Odysseus und der Penelope in den Adern, sehe ich keine Wahrscheinlichkeit, dass du Erfolg hast. Söhne sind selten so tüchtig wie ihre Väter; sie sind meist schlechter, nicht besser; dennoch, da du forthin weder Tor noch Feigling sein wirst und nicht ganz ohne einen Anteil an des Vaters kluger Einsicht, blicke ich mit Hoffnung auf dein Unternehmen. Aber hüte dich, jemals gemeinsame Sache mit irgendeinem jener törichten Freier zu machen; denn sie haben weder Verstand noch Tugend und gedenken nicht des Todes und des Verhängnisses, das alsbald über einen und alle sie hereinbrechen wird, so dass sie an demselben Tage umkommen sollen. Was deine Fahrt betrifft, so soll sie nicht lang aufgeschoben werden; dein Vater war ein so alter Freund von mir, dass ich dir ein Schiff finden und selbst mit dir kommen werde. Kehre nun jedoch heim und geh unter den Freiern umher; beginne, Vorräte für deine Fahrt herzurichten; sorge, dass alles wohl verstaut ist, der Wein in Krügen und das Gerstenmehl, das die Stütze des Lebens ist, in ledernen Säcken, während ich in der Stadt umhergehe und alsbald Freiwillige werbe. Es gibt viele Schiffe in Ithaka, alte und neue; ich werde sie für dich mustern und das beste auswählen; wir wollen es klarmachen und ohne Verzug in See stechen.“29
So sprach Minerva, die Tochter des Zeus, und Telemach verlor keine Zeit, zu tun, wie es die Göttin geheißen. Er ging verdrießlich heim und fand die Freier im äußeren Hofe Ziegen abhäuten und Schweine absengen. Antinoos trat sogleich auf ihn zu und lachte, als er seine Hand in die seine nahm, und sprach: „Telemach, du feiner Feuerschlucker, trage keinen Groll mehr, weder in Wort noch in Tat, sondern iss und trink mit uns wie vordem. Die Achaier werden dir in allem beistehen – ein Schiff und eine auserlesene Mannschaft obendrein –, damit du sogleich nach Pylos segeln und Kunde von deinem edlen Vater erhalten kannst.“30
„Antinoos“, antwortete Telemach, „ich kann nicht in Frieden essen noch irgendeine Freude haben mit solchen Männern wie ihr es seid. War es nicht genug, dass ihr so viel gutes Gut von mir vergeuden musstet, als ich noch ein Knabe war? Nun, da ich älter bin und mehr davon verstehe, bin ich auch stärker, und sei es hier unter diesem Volk oder durch die Fahrt nach Pylos, ich werde euch allen Schaden zufügen, so viel ich vermag. Ich werde gehen, und mein Gehen wird nicht vergeblich sein – obwohl ich, den Freiern sei Dank, weder Schiff noch eigene Mannschaft habe und Fahrgast sein muss, nicht Kapitän.“31
Indem er dies sprach, entzog er dem Antinoos die Hand. Unterdessen fuhren die anderen fort, rings um die Gebäude das Mahl zu bereiten und verspotteten ihn höhnisch dabei.
„Telemach“, sagte einer der jungen Burschen, „will uns allen den Tod bringen; ich vermute, er denkt, er könne Freunde zu Hilfe holen aus Pylos oder wieder aus Sparta, wohin er zu gehen gedenkt. Oder wird er auch nach Ephyra gehen, um Gift für unseren Wein zu holen und uns damit zu töten?“32
Ein anderer sprach: „Vielleicht wird Telemach, wenn er an Bord geht, seinem Vater gleichen und fern von seinen Freunden umkommen. In diesem Fall hätten wir alle Hände voll zu tun, denn wir könnten dann sein Eigentum unter uns aufteilen; das Haus aber, das mögen seine Mutter und der Mann, der sie freit, bekommen.“ So sprachen sie. Telemach aber ging hinab in den hohen und geräumigen Vorratsraum, wo seines Vaters Schätze an Gold und Erz auf dem Boden aufgehäuft lagen, und wo die Leinwand und die Gewänder in offenen Truhen verwahrt waren. Auch fand sich dort ein Vorrat an duftendem Salböl, während Fässer alten, wohlgereiften Weines, unverschnitten und eines Gottes würdig zu trinken, an der Wand gereiht standen, für den Fall, daß Odysseus dennoch heimkehren sollte. Der Raum war mit wohlschließenden Flügeltüren in der Mitte verschlossen; überdies hatte die treue alte Schaffnerin Eurykleia, Tochter des Ops, des Sohnes des Pisenor, bei Tag und Nacht über alles die Aufsicht. Telemach rief sie in den Vorratsraum und sprach:
„Amme, zapfe mir etwas von dem besten Wein ab, den du hast, von dem, was du für den eigenen Trunk meines Vaters zurückbehältst, für den Fall, daß der arme Mann dem Tode entrinnt und dennoch den Weg nach Hause findet. Gib mir zwölf Krüge, und sieh zu, daß sie alle Deckel haben; auch fülle mir einige gut vernähte ledernen Beutel mit Gerstenmehl, ungefähr zwanzig Maß im ganzen. Schaffe diese Dinge sogleich zusammen, und schweig darüber. Ich will alles heute abend fortbringen, sobald meine Mutter hinaufgegangen ist, um zu schlafen. Ich gedenke nach Sparta und nach Pylos zu fahren, um zu hören, ob ich etwas über die Heimkehr meines teuren Vaters erfahren kann.“
Als Eurykleia dies hörte, begann sie zu weinen und sprach zärtlich zu ihm: „Mein liebes Kind, was in aller Welt hat dir nur einen solchen Gedanken in den Kopf gesetzt? Wohin in der Welt willst du gehen — du, der du die einzige Hoffnung des Hauses bist? Dein armer Vater ist in irgendeinem fremden Land, das niemand kennt, tot und dahingangen, und sobald du den Rücken kehrst, werden diese Schurken hier darauf sinnen, dich aus dem Weg zu räumen, und werden alle deine Besitztümer unter sich teilen; bleibe, wo du bist, bei den Deinen, und zieh nicht hinaus, dein Leben auf dem öden Meer zu verzehren und zu vergrämen.“
„Fürchte dich nicht, Amme“, antwortete Telemach, „mein Plan ist nicht ohne des Himmels Beifall; doch schwöre mir, daß du von all dem meiner Mutter nichts sagen willst, bis ich etwa zehn oder zwölf Tage fort gewesen bin, es sei denn, sie erfährt, daß ich gegangen bin, und fragt dich danach; denn ich will nicht, daß sie ihre Schönheit durch Weinen verderbe.“ Die alte Frau schwur feierlich, daß sie schweigen werde, und als sie den Schwur vollendet hatte, begann sie den Wein in Krüge abzufüllen und das Gerstenmehl in die Beutel zu schaffen, während Telemach zu den Freiern zurückkehrte.
Da dachte Minerva an ein anderes Vorhaben. Sie nahm seine Gestalt an und ging in der Stadt zu jedem einzelnen der Schiffsleute, hieß sie sich bei Sonnenuntergang am Schiff einfinden. Sie ging auch zu Noemon, dem Sohn des Phronios, und bat ihn um ein Schiff, das er bereitwillig hergab. Als die Sonne untergegangen war und Dunkelheit das ganze Land bedeckte, brachte sie das Schiff ins Wasser, tat alles Takelwerk an Bord, das Schiffe gewöhnlich führen, und legte es ans Ende des Hafens. Bald kamen die Leute herbei, und die Göttin sprach jedem von ihnen Mut zu. Ferner ging sie zum Hause des Odysseus und warf die Freier in tiefen Schlummer. Sie ließ ihren Trank sie benebeln, und sie entglitten ihnen die Becher aus den Händen, so daß sie sich, statt über dem Wein zu sitzen, in die Stadt zurückbegaben, um zu schlafen, mit schweren, schlafrunkenen Augen. Dann nahm sie die Gestalt und die Stimme des Mentor an und rief Telemach heraus.
„Telemach“, sprach sie, „die Männer sind an Bord und sitzen an den Rudern und warten auf deine Befehle; so beeile dich und laß uns aufbrechen.“ Hierauf ging sie voran, und Telemach folgte ihr auf dem Fuße. Als sie zum Schiff kamen, fanden sie die Mannschaft am Ufer warten, und Telemach sprach: „Nun, meine Leute, helft mir, die Vorräte an Bord zu bringen; sie sind alle im Säulengang zusammengestellt, und meine Mutter weiß nichts davon, auch keine der Mägde, außer einer.“ Mit diesen Worten ging er voran, und die anderen folgten. Als sie die Sachen nach seiner Weisung herangebracht hatten, ging Telemach an Bord, Minerva, die voranging und ihren Platz am Heck des Schiffes einnahm, während Telemach sich neben sie setzte. Da lösten die Männer die Taue und nahmen ihre Plätze auf den Bänken ein. Minerva sandte ihnen einen günstigen Wind von Westen, der über die tiefblauen Wogen pfiff, worauf Telemach ihnen zurief, die Taue zu fassen und das Segel zu hissen, und sie taten, wie er geheißen. Sie setzten den Mast in seine Verzapfung im Querbalken, richteten ihn auf und befestigten ihn mit den Vorstagen; dann hißten sie ihre weißen Segel empor mit Tauen aus gedrehter Ochsenhaut. Als das Segel sich im Winde blähte, flog das Schiff über die tiefblaue Wasserfläche, und der Schaum zischte am Bug, da es dahinschoß. Dann machten sie alles auf dem Schiff fest, füllten die Mischkrüge bis zum Rand und spendeten den unsterblichen Göttern, die von Ewigkeit sind, Trankopfer, mehr aber noch der grauäugigen Tochter des Zeus.
So fuhr denn das Schiff durch die Wachen der Nacht ihren Weg, von Dunkelheit bis zum Morgengrauen.
DRITTES BUCH
TELEMACH BESUCHT NESTOR IN PYLOS.
Als aber die Sonne aus der schönen See aufstieg in das Firmament des Himmels, um Sterblichen und Unsterblichen Licht zu spenden, erreichten sie Pylos, die Stadt des Neleus. Die Bewohner von Pylos aber waren am Meeresufer versammelt, um dem Poseidon, dem Herrn des Erdbebens, schwarze Stiere zu opfern. Neun Gilden zu je fünfhundert Männern waren es, und auf jede Gilde kamen neun Stiere. Während sie nun das Eingeweide verzehrten und die Schenkelknochen im Namen des Poseidon auf den glühenden Kohlen verbrannten, kamen Telemach und seine Leute an, falteten die Segel zusammen, brachten das Schiff vor Anker und gingen ans Land.
Minerva ging voran, und Telemach folgte ihr. Sogleich sprach sie: „Telemach, du darfst durchaus nicht schüchtern oder ängstlich sein; du hast diese Reise unternommen, um zu erfahren, wo dein Vater begraben ist und wie er ums Leben kam; so geh geradewegs zu Nestor, daß wir sehen, was er uns mitzuteilen hat. Bitte ihn, die Wahrheit zu sprechen, und er wird keine Lügen sagen, denn er ist ein vortrefflicher Mann.“
„Aber wie, Mentor“, erwiderte Telemach, „soll ich es wagen, vor Nestor hinzutreten, und wie soll ich ihn anreden? Ich bin es nicht gewohnt, lange Gespräche mit Leuten zu führen, und schäme mich, einen zu befragen, der so viel älter ist als ich selbst.“
„Manches, Telemach“, antwortete Minerva, „wird dir dein eigener Sinn eingeben, und der Himmel wird dich weiterhin leiten; denn ich weiß gewiß, daß die Götter bei dir gewesen sind von deiner Geburt an bis jetzt.“ Darauf ging sie rasch voraus, und Telemach folgte ihr auf dem Fuße, bis sie den Ort erreichten, wo die Gilden der Pylier versammelt waren. Dort fanden sie Nestor mit seinen Söhnen sitzen, während seine Gefolgsleute um ihn herum damit beschäftigt waren, das Mahl zu richten und Fleischstücke auf die Spieße zu stecken, während andere Stücke schon brieten. Als sie die Fremden erblickten, umringten sie diese, faßten sie bei der Hand und hießen sie Platz nehmen. Nestors Sohn Peisistratos bot sofort jedem von ihnen die Hand und setzte sie auf weiche Schaffelle, die auf dem Sande neben seinem Vater und seinem Bruder Thrasymedes lagen. Dann reichte er ihnen ihre Portionen vom Eingeweide und schenkte ihnen Wein in einen goldenen Becher, den er zuerst der Minerva darreichte und sie zugleich begrüßte.
„Spende ein Gebet, Herr“, sprach er, „dem Könige Poseidon, denn seinem Feste gesellst du dich zu; wenn du geziemend gebetet und dein Trankopfer dargebracht hast, reiche den Becher deinem Freunde, daß auch er es tue. Ich zweifle nicht, daß auch er die Hände zum Gebet erhebt, denn der Mensch kann ohne Gott nicht auf der Welt leben. Doch ist er jünger als du und ungefähr in meinem Alter, so will ich dir den Vortritt lassen.“ Damit reichte er ihr den Becher. Minerva fand es recht und schicklich von ihm, daß er ihn zuerst ihr gegeben hatte; sie begann denn auch inbrünstig zu Poseidon zu beten. „O du“, rief sie, „der du die Erde umspannst, gewähre die Bitten deiner Diener, die zu dir flehen. Vor allem bitten wir dich, sende deine Gnade herab auf Nestor und seine Söhne; danach auch gib dem übrigen pylischen Volke einen schönen Lohn für die prächtige Hekatombe, die es dir darbringt. Zuletzt aber, gewähre dem Telemach und mir ein glückliches Gelingen in der Sache, die uns mit unserem Schiff nach Pylos geführt hat.“ Als sie so ihr Gebet beendet hatte, reichte sie den Becher dem Telemach, und auch er betete gleicherweise. Als bald darauf die äußeren Fleischstücke gebraten und von den Spießen abgenommen waren, gab jeder Schinker jedem seinen Teil, und sie hielten alle ein herrliches Mahl. Sobald sie sich an Speise und Trank gelabt hatten, begann Nestor, der Ritter von Gerene, zu sprechen.
„Nun“, sprach er, „da unsere Gäste ihr Mahl beendet haben, ist es am besten, sie zu fragen, wer sie sind. Wer seid ihr denn, ihr Herren Fremdlinge, und aus welchem Hafen seid ihr gesegelt? Seid ihr Handelsleute? Oder fahrt ihr als Seeräuber die Meere, mit der Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider euch?“
Telemach antwortete kühn, denn Minerva hatte ihm Mut eingeflößt, nach seinem Vater zu fragen und sich selbst einen guten Namen zu machen.
„Nestor“, sprach er, „Sohn des Neleus, Zierde des Achaiernamens, du fragst, woher wir kommen, und ich will dir’s sagen. Wir kommen von Ithaka unter dem Neriton, und was ich vorzubringen habe, ist privater, nicht öffentlicher Natur. Ich suche Kunde von meinem unglücklichen Vater Odysseus, der, wie man sagt, die Stadt Troia in deiner Gefolgschaft erobert hat. Wir wissen, welches Geschick jeden der anderen Helden, die vor Troia kämpften, getroffen hat; was aber Odysseus angeht, so hat der Himmel uns selbst die Kunde verborgen, daß er überhaupt tot sei; denn niemand kann uns Gewißheit geben, an welchem Orte er umkam, noch sagen, ob er auf dem Festlande im Kampfe fiel oder auf dem Meere in den Wogen der Amphitrite den Tod fand. Darum liege ich dir zu Füßen als Bittender, ob du mir vielleicht von seinem traurigen Ende erzählen magst, sei es, daß du es mit eigenen Augen gesehen oder von einem anderen Wanderer gehört hast; denn er war ein Mann, der zum Leiden geboren war. Beschönige nichts aus Mitleid mit mir, sondern sage mir in aller Offenheit genau, was du gesehen hast. Wenn mein tapferer Vater Odysseus dir je treue Dienste geleistet hat, sei es mit Wort oder Tat, als ihr Achaier unter den Troern hart bedrängt wurdet, so erinnere dich dessen nun zu meinen Gunsten und sage mir aufrichtig alles.“
„Mein Freund“, antwortete Nestor, „du rufst mir eine Zeit großen Kummers ins Gedächtnis; denn die tapferen Achaier litten viel, sowohl zur See, als sie unter Achilleus auf Kaperei fuhren, als auch vor der gewaltigen Stadt des Königs Priamos. Unsere besten Männer fielen dort alle — Aias, Achilleus, Patroklos, der Göttergleich im Rate war, und mein eigener teurer Sohn Antilochos, ein Mann unvergleichlich schnellfußig und im Kampfe tapfer. Doch wir litten noch weit mehr als dies; welche sterbliche Zunge könnte auch die ganze Geschichte erzählen? Selbst wenn du hier bliebst und mich fünf Jahre, ja sechs Jahre lang befragtest, könnte ich dir nicht alles berichten, was die Achaier litten, und du würdest, bevor die Erzählung zu Ende wäre, heimwärts kehren, müde meiner langen Rede. Neun lange Jahre versuchten wir jede Art von Kriegslist, doch die Hand des Himmels war gegen uns; während all dieser Zeit war keiner, der es an Schlauheit mit deinem Vater hätte aufnehmen können — wenn du wirklich sein Sohn bist; ich kann meinen Augen kaum trauen — und du redest ganz wie er; niemand würde sagen, daß Leute von so verschiedenem Alter so ähnlich sprechen könnten. Er und ich hatten nie irgendeine Meinungsverschiedenheit, vom ersten bis zum letzten, weder im Lager noch im Rat, sondern in einmütigem Herzen und Sinn berieten wir die Argiver, wie alles zum besten geordnet werden könne.
„Als wir jedoch die Stadt des Priamos erobert hatten und mit unseren Schiffen in See stachen, wie es der Himmel uns zerstreut hatte, da fand es Zeus für gut, die Argiver auf ihrer Heimfahrt heimzusuchen; denn sie waren nicht alle klug oder verständig gewesen, und so kamen viele durch den Unwillen von Zeus’ Tochter Minerva zu bösem Ende, die einen Zwist zwischen den beiden Söhnen des Atreus heraufbeschwor.
„Die Söhne des Atreus beriefen eine Versammlung, die nicht war, wie sie sein sollte; denn es war Sonnenuntergang, und die Achaier waren schwer vom Wein. Als sie erklärten, warum sie die Leute zusammengerufen hatten, schien es, daß Menelaos sogleich heimwärts segeln wollte, und das mißfiel Agamemnon, der meinte, wir sollten warten, bis wir Hekatomben dargebracht hätten, um den Zorn der Minerva zu besänftigen. Tor, der er war, er hätte wissen müssen, daß er bei ihr nichts ausrichten würde; denn wenn die Götter einmal ihren Sinn gefaßt haben, ändern sie ihn nicht so leicht. So standen die beiden und tauschten harte Worte, woraufhin die Achaier aufsprangen mit einem Ruf, der die Luft zerriß, und zwiegesinnt waren, was sie tun sollten.
„In jener Nacht ruhten wir und pflegten unseren Groll, denn Zeus brütete Unheil gegen uns. Am Morgen aber zogen einige von uns die Schiffe ins Wasser und luden unsere Habe mit unseren Frauen an Bord, während die übrigen, etwa die Hälfte an Zahl, bei Agamemnon zurückblieben. Wir — die andere Hälfte — gingen an Bord und segelten ab, und die Schiffe liefen gut, denn der Himmel hatte die See geglättet. Als wir Tenedos erreichten, brachten wir den Göttern Opfer dar, denn wir sehnten uns, heimzukommen; der grausame Zeus jedoch meinte es noch nicht, daß wir es so bald tun sollten, und entfachte einen zweiten Zwist, in dessen Verlauf einige unter uns ihre Schiffe wieder wandten und unter Odysseus davonsegelten, um sich mit Agamemnon auszusöhnen; ich aber und alle Schiffe, die mit mir waren, hielten auf unseren Kurs, denn ich sah, daß Unheil im Anzug war. Auch der Sohn des Tydeus fuhr mit mir, und seine Mannschaften mit ihm. Später stieß Menelaos bei Lesbos zu uns und fand uns, wie wir eben über unseren Kurs beratschlagten; denn wir wußten nicht, ob wir außerhalb Chios bei der Insel Psyra, diese zur Linken haltend, segeln sollten oder innerhalb Chios, gegenüber dem sturmumbrausten Vorgebirge Mimas. So befragten wir den Himmel um ein Zeichen, und es ward uns eines gegeben, das besagte, daß wir am ehesten der Gefahr entrinnen würden, wenn wir unsere Schiffe quer über die offene See nach Euböa steuerten. Das taten wir denn, und ein günstiger Wind sprang auf, der uns während der Nacht eine schnelle Überfahrt nach Geraistos bescherte, wo wir Poseidon viele Opfer darbrachten, daß er uns so weit auf unserem Weg geholfen hatte. Vier Tage später legte Diomedes mit seinen Leuten seine Schiffe in Argos vor Anker, ich aber hielt auf Pylos zu, und der Wind ließ nicht nach von dem Tage an, da der Himmel ihn mir zuerst günstig gemacht hatte.
„Darum, mein lieber junger Freund, kehrte ich zurück, ohne etwas über die anderen zu hören. Ich weiß weder, wer glücklich heimkam, noch wer verloren ging; doch, wie es meine Pflicht ist, will ich dir ohne Vorbehalt die Berichte geben, die mich seit meiner Rückkehr hier im eigenen Hause erreicht haben. Man sagt, die Myrmidonen seien unter Achilleus’ Sohn Neoptolemos glücklich heimgekehrt; ebenso der tapfere Sohn des Poias, Philoktetes. Auch Idomeneus verlor auf See keinen Mann, und alle seine Gefolgsleute, die dem Tod auf dem Schlachtfeld entronnen waren, kamen mit ihm unversehrt nach Kreta. Wie weit du auch immer in der Welt lebst, du wirst von Agamemnon und dem schlimmen Ende gehört haben, das er durch die Hand des Aigisthos fand — und eine furchtbare Abrechnung legte Aigisthos alsbald dafür. Sieh, was für ein gutes Ding es ist, wenn ein Mann einen Sohn hinter sich läßt, der tut wie Orestes, der den falschen Aigisthos, den Mörder seines edlen Vaters, erschlug. So zeige denn auch du — denn du bist ein großer, stattlich aussehender Bursche — deinen Mut und mach dir einen Namen in der Sage.“
„Nestor, Sohn des Neleus“, antwortete Telemach, „Zierde des Achaiernamens, die Achaier loben den Orestes, und sein Name wird durch alle Zeiten fortleben, denn er hat seinen Vater edel gerächt. Wollte der Himmel, daß er mir vergönnte, gleiche Rache zu üben an der Frechheit der ruchlosen Freier, die mich schlecht behandeln und meinen Untergang planen! Doch die Götter haben kein solches Glück für mich und meinen Vater aufbewahrt, so müssen wir es tragen, so gut wir können.“
„Mein Freund“, sprach Nestor, „nun, da du mich daran erinnerst, entsinne ich mich, gehört zu haben, daß deine Mutter viele Freier hat, die dir übel gesonnen sind und dein Vermögen verwüsten. Fügst du dem ruhig, oder ist die öffentliche Meinung und die Stimme des Himmels gegen dich? Wer weiß, vielleicht kehrt Odysseus dennoch zurück und zahlt diesen Schurfen heim, entweder im Alleingang oder mit einer Streitmacht von Achaiern hinter sich. Wenn Minerva dieselbe Vorliebe für dich fassen würde, wie sie für Odysseus hegte, als wir vor Troia kämpften — denn nie sah ich die Götter so offen jemandem zugetan wie Minerva damals deinem Vater —, wenn sie ebenso für dich sorgen würde wie für ihn, würden diese Freier gar manche ihr Werben bald vergessen.“ Telemach antwortete: „Derartiges darf ich nicht erwarten; es wäre allzu viel, um darauf zu hoffen. Ich wage nicht, daran zu denken. Selbst wenn die Götter es wollten, könnte mir solches Glück nicht zuteil werden.“ Da sprach Minerva: „Telemach, was redest du da? Der Himmel hat einen langen Arm, wenn er einen Mann retten will; und wäre ich an deiner Stelle, ich würde mir nicht viel daraus machen, wieviel ich auch litte, bevor ich heimkäme, wenn ich nur sicher wäre, wenn ich erst dort wäre. Lieber wollte ich dies, als schnell heimkehren und dann in meinem eigenen Hause getötet zu werden, wie Agamemnon durch den Verrat des Aigisthos und seiner Frau. Doch der Tod ist gewiß, und wenn eines Menschen Stunde gekommen ist, können ihn selbst die Götter nicht retten, wie lieb sie ihm auch sein mögen.“ „Mentor“, antwortete Telemach, „laß uns nicht weiter darüber reden. Es besteht keine Aussicht, daß mein Vater je zurückkehrt; die Götter haben längst seinen Untergang beschlossen. Doch etwas anderes möchte ich Nestor fragen, denn er weiß viel mehr als irgendwer sonst. Man sagt, er habe drei Generationen lang geherrscht, so daß es ist, als spräche man mit einem Unsterblichen. Sage mir daher, Nestor, und sage mir die Wahrheit: wie kam Agamemnon auf jene Weise zu Tode? Was tat Menelaos? Und wie kam es, daß der falsche Aigisthos es wagte, einen so viel besseren Mann als er selbst zu töten? War Menelaos fern von Argos der Achaier, irgendwo auf den Meeren unter den Menschen unterwegs, daß Aigisthos Herz faßte und Agamemnon erschlug?“
„Ich will dir aufrichtig berichten“, antwortete Nestor, „und du hast ja selbst erraten, wie sich alles zutrug. Hätte Menelaos, als er von Troia zurückkehrte, den Aigisthos noch lebend in seinem Hause vorgefunden, so wäre kein Grabhügel für ihn aufgeworfen worden, nicht einmal, da er tot war, sondern er wäre vor die Stadt hinaus den Hunden und Geiern zum Fraß geworfen worden, und keine Frau hätte um ihn getrauert, denn er hatte eine Tat großer Schändlichkeit vollbracht; wir aber waren dort, hart vor Troia kämpfend, und Aigisthos, der es sich im Herzen von Argos bequem gemacht hatte, umgarnte Agamemnons Gemahlin Klytaimestra mit unablässiger Schmeichelei.
„Anfangs wollte sie nichts mit seinem ruchlosen Plan zu schaffen haben, denn sie war von guter natürlicher Veranlagung;30 überdies war ein Barde bei ihr, dem Agamemnon bei seinem Aufbruch nach Troia strenge Befehle gegeben hatte, daß er über seine Gattin wachen solle; doch als der Himmel ihren Untergang beschlossen hatte, verschleppte Aigisthos diesen Barden auf eine öde Insel und ließ ihn dort zurück, damit Krähen und Möwen sich an ihm mästeten — woraufhin sie nur allzu bereitwillig in das Haus des Aigisthos ging. Darauf brachte er den Göttern viele Brandopfer dar und schmückte viele Tempel mit Teppichen und Vergoldung, denn es war ihm weit über seine Erwartungen hinaus gelungen.
„Indessen waren Menelaos und ich auf dem Wege von Troia heimwärts, in gutem Einvernehmen miteinander. Als wir nach Sunion kamen, der Spitze von Athen, tötete Apollon mit seinen schmerzlosen Geschossen Phrontis, den Steuermann von Menelaos' Schiff (und nie verstand ein Mann es besser, ein Fahrzeug bei rauem Wetter zu handhaben), so daß er auf der Stelle starb, das Steuerruder in der Hand, und Menelaos, obwohl ihn sehr danach verlangte, voranzukommen, doch warten mußte, um seinen Gefährten zu bestatten und ihm die schuldigen Totenriten zu gewähren. Bald darauf, als auch er wieder in See stechen konnte und bis zu den Maleischen Vorgebirgen gesegelt war, sann Zeus Böses gegen ihn und ließ es so heftig stürmen, daß die Wellen sich zu Bergen türmten. Hier teilte er seine Flotte und steuerte die eine Hälfte nach Kreta, wo die Kydonier rings um die Wasser des Flusses Iardanos wohnen. Dort gibt es ein hohes Vorgebirge, das sich von einem Orte namens Gortyn aus in das Meer erstreckt, und die ganze Küste entlang bis nach Phaistos geht die See hoch, wenn ein Südwind weht; doch hinter Phaistos ist die Küste geschützter, denn ein kleines Vorgebirge kann schon großen Schutz gewähren. Hier wurde dieser Teil der Flotte auf die Felsen getrieben und zerschellt; doch den Mannschaften gelang es gerade noch, sich zu retten. Die anderen fünf Schiffe aber wurden von Winden und Wogen nach Ägypten getragen, wo Menelaos viel Gold und Besitz unter Leuten fremder Zunge sammelte. Währenddessen ersann Aigisthos hier zu Hause seine böse Tat. Sieben Jahre lang, nachdem er Agamemnon getötet hatte, herrschte er in Mykene, und das Volk war ihm gehorsam; im achten Jahre aber kehrte Orestes aus Athen zurück, zu seinem Verderben, und erschlug den Mörder seines Vaters. Darauf feierte er die Totenriten seiner Mutter und des falschen Aigisthos mit einem Festmahl für das Volk von Argos, und an eben jenem Tage kam Menelaos heim,31 mit so viel Schätzen, als seine Schiffe tragen konnten.
„Folge meinem Rate, und reise nicht lange so fern von daheim umher, noch überlasse dein Besitztum solchen gefährlichen Leuten in deinem Hause; sie werden alles, was du bei ihnen hast, verprassen, und du wirst auf eines Narren Fahrt gegangen sein. Doch rate ich dir durchaus, Menelaos zu besuchen, der kürzlich von einer Fahrt unter so fernen Völkern zurückgekehrt ist, daß kein Mensch je hoffen könnte, von dort heimzugelangen, wenn die Winde ihn einmal so weit aus seinem Kurs getragen hatten; selbst Vögel können die Strecke nicht in einem Jahre durchfliegen, so gewaltig und schrecklich sind die Meere, die sie überqueren müssen. Fahre also zu ihm über See, und nimm deine eigenen Leute mit; oder willst du lieber zu Lande reisen, so kannst du einen Wagen haben, kannst Pferde haben, und hier sind meine Söhne, die dich nach Lakedaimon geleiten können, wo Menelaos lebt. Bitte ihn, die Wahrheit zu sagen, und er wird dir keine Lügen auftischen, denn er ist ein vortrefflicher Mensch."
Als er so sprach, ging die Sonne unter, und es ward dunkel, woraufhin Minerva sprach: „Herr, alles, was ihr gesagt habt, ist gut; nun aber laßt die Zungen der Opfertiere abschneiden und mischt Wein, damit wir Spenden gießen können dem Poseidon und den übrigen Unsterblichen, und legt euch dann schlafen, denn es ist Schlafenszeit. Man soll früh aufbrechen und nicht bis spät bei einem religiösen Feste verweilen."
So sprach die Tochter des Zeus, und sie gehorchten ihrem Worte. Diener gossen Wasser über die Hände der Gäste, während Pagen die Mischkrüge mit Wein und Wasser füllten und ihn herumreichten, nachdem sie jedem seinen Trankopfer gegeben hatten; dann warfen sie die Zungen der Opfertiere ins Feuer und erhoben sich, ihre Spenden zu gießen. Als sie ihre Spenden dargebracht und jeder nach Belieben getrunken hatte, wollten Minerva und Telemachus sich an Bord ihres Schiffes begeben, doch Nestor holte sie sofort ein und hielt sie zurück.
„Himmel und unsterbliche Götter," rief er aus, „daß ihr mein Haus verlassen und an Bord eines Schiffes gehen wollt! Meint ihr, ich sei so arm und schlecht mit Kleidern versehen, oder daß ich so wenige Mäntel habe, daß ich nicht bequeme Lager finden könnte, sowohl für mich als auch für meine Gäste? Wahrlich, ich habe Überfluß sowohl an Decken als auch an Mänteln, und werde nicht zulassen, daß der Sohn meines alten Freundes Odysseus auf dem Deck eines Schiffes kampiert — solange ich lebe — noch werden es meine Söhne nach mir tun, sondern sie werden offene Tafel halten, wie ich es getan habe."
Da antwortete Minerva: „Herr, ihr habt gut gesprochen, und es wird weit besser sein, daß Telemachus tut, wie ihr gesagt habt; er also soll mit euch zurückkehren und in eurem Hause schlafen, ich aber muß zurückgehen, um meiner Mannschaft Befehle zu geben und sie bei gutem Mute zu halten. Ich bin die einzige Ältere unter ihnen; die übrigen sind alle junge Männer von Telemachos' eigenem Alter, die diese Fahrt aus Freundschaft unternommen haben; so muß ich zum Schiff zurückkehren und dort schlafen. Überdies muß ich morgen zu den Kaukoniern gehen, wo mir eine große Summe Geldes lange geschuldet wird. Was aber Telemachos betrifft, da er nun euer Gast ist, so sendet ihn in einem Wagen nach Lakedaimon und laßt einen eurer Söhne mit ihm gehen. Gönnt ihm auch eure besten und schnellsten Pferde."
Als sie so gesprochen hatte, flog sie in Gestalt eines Adlers davon, und alle staunten, da sie es sahen. Nestor war erstaunt und faßte Telemachos bei der Hand. „Mein Freund," sprach er, „ich sehe, daß du einst ein großer Held werden wirst, da die Götter dir so dienen, während du noch so jung bist. Dies kann keine andere derer, die im Himmel wohnen, gewesen sein als die unbesiegbare Tochter des Zeus, die Drittgeborene, die deinem tapferen Vater unter den Argivern solche Gunst erwies. Heilige Königin," fuhr er fort, „gönne, daß deine Gnade auf mich, meine gute Gattin und meine Kinder herabsteige. Zum Dank will ich dir eine breitstirnige, einjährige Färse opfern, die ungebrochen ist und noch nie von einem Menschen unter das Joch gezwungen wurde. Ich will ihre Hörner vergolden und sie dir zum Opfer darbringen."
So betete er, und Minerva erhörte sein Gebet. Darauf führte er den Weg zu seinem eigenen Hause, gefolgt von seinen Söhnen und Schwiegersöhnen. Als sie dort angelangt waren und auf den Bänken und Sitzen Platz genommen hatten, mischte er ihnen eine Schale süßen Weines, der elf Jahre alt war, als die Haushälterin den Deckel vom Kruge nahm, der ihn enthielt. Während er den Wein mischte, betete er viel und spendete der Minerva, der Tochter des Schilderschwingenden Zeus. Als sie dann ihre Spenden dargebracht und jeder nach Belieben getrunken hatte, gingen die anderen heim zu Bett, jeder in seiner eigenen Wohnung; Nestor aber bettete Telemachos in dem Raum über dem Tore neben Pisistratos, der einzige unverheiratete Sohn, der ihm noch verblieben war. Was ihn selbst betraf, so schlief er in einem inneren Gemach des Hauses, mit der Königin, seiner Gattin, an seiner Seite.
Als nun das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, verließ Nestor sein Lager und nahm auf den Bänken aus weißem, poliertem Marmor Platz, die vor seinem Hause standen. Hier saß einst Neleus, der Göttergleiche im Rat, doch der war nun tot und in den Hades hinabgegangen; so saß Nestor auf seinem Sitze, das Szepter in der Hand, als Hüter des gemeinen Wohles. Seine Söhne, wie sie ihre Gemächer verließen, sammelten sich um ihn, Echephron, Stratios, Perseus, Aretos und Thrasymedes; der sechste Sohn war Pisistratos, und als Telemachos sich zu ihnen gesellte, ließen sie ihn neben sich Platz nehmen. Nestor wandte sich nun an sie.
„Meine Söhne," sprach er, „eilt, zu tun, wie ich gebieten werde. Ich wünsche vor allem und zuallererst die große Göttin Minerva zu versöhnen, die sich mir sichtbar während des gestrigen Festes offenbart hat. Geht also, einer oder der andere von euch, auf die Ebene und sagt dem Rinderhirten, er solle mir eine Färse aussuchen und sogleich mit ihr hierher kommen. Ein anderer muß zu Telemachos' Schiff gehen und die ganze Mannschaft einladen, nur zwei Männer zur Bewachung des Fahrzeugs zurücklassend. Jemand anders wird laufen und Laerkeus, den Goldschmied, holen, um die Hörner der Färse zu vergolden. Der Rest, bleibt alle, wo ihr seid; saget den Mägden im Hause, sie sollen ein vortreffliches Mahl bereiten und herbeischaffen Sitze und Holzklötze für ein Brandopfer. Saget ihnen auch, sie sollen mir etwas klares Quellwasser bringen."
Darauf eilten sie auf ihre verschiedenen Aufträge davon. Die Färse wurde von der Ebene hereingebracht, und Telemachos' Mannschaft kam vom Schiffe; der Goldschmied brachte Amboss, Hammer und Zange, mit denen er sein Gold bearbeitete, und Minerva selbst kam, das Opfer anzunehmen. Nestor reichte das Gold heraus, und der Schmied vergoldete die Hörner der Färse, auf daß die Göttin ihre Freude hätte an ihrer Schönheit. Dann führten Stratios und Echephron sie bei den Hörnern herein; Aretos holte Wasser aus dem Hause in einer Kanne, die ein Blumenmuster trug, und in der anderen Hand hielt er einen Korb mit Gerstenmehl; der stämmige Thrasymedes stand bereit mit einer scharfen Axt, die Färse zu schlagen, während Perseus einen Eimer hielt. Da begann Nestor, seine Hände zu waschen und Gerstenmehl zu streuen, und er sprach viele Gebete zu Minerva, während er eine Locke vom Haupte der Färse ins Feuer warf.
Als sie gebetet und das Gerstenmehl gestreut hatten,32 führte Thrasymedes seinen Schlag und streckte die Färse mit einem Hiebe nieder, der die Sehnen am Grunde ihres Halses durchtrennte, woraufhin die Töchter und Schwiegertöchter Nestors und seine ehrwürdige Gattin Eurydike (sie war die älteste Tochter des Klymenos) vor Freude aufschrien. Dann hoben sie der Färse Haupt vom Boden auf, und Pisistratos schnitt ihr die Kehle durch. Als sie ausgeblutet hatte und ganz tot war, zerlegten sie sie. Sie schnitten die Schenkelknochen in der rechten Ordnung heraus, umwickelten sie mit zwei Lagen Fett und legten Stücke rohen Fleisches darauf; dann legte sie Nestor auf das Holzfeuer und goß Wein darüber, während die jungen Männer neben ihm standen mit fünfzackigen Spießen in den Händen. Als die Schenkel verbrannt waren und sie die inneren Fleischstücke gekostet hatten, schnitten sie das übrige Fleisch in kleine Stücke, steckten diese auf die Spieße und rösteten sie über dem Feuer.
Indessen wusch die liebliche Polykaste, Nestors jüngste Tochter, den Telemachos. Als sie ihn gewaschen und mit Öl gesalbt hatte, brachte sie ihm einen schönen Mantel und ein Hemd,33 und er sah aus wie ein Gott, als er aus dem Bade kam und an der Seite Nestors Platz nahm. Als die äußeren Fleischstücke gar waren, zogen sie sie von den Spießen und setzten sich zum Mahle, wo ihnen würdige Knappen aufwarteten, die ihnen unablässig Wein in goldenen Bechern einschenkten. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, sprach Nestor: „Söhne, spannt Telemachos' Pferde vor den Wagen, damit er sogleich aufbrechen kann."
So sprach er, und sie taten, wie er gesagt hatte, und schirrten die flinken Rosse vor den Wagen. Die Haushälterin packte ihnen einen Vorrat an Brot, Wein und süßen Speisen, wie er für Söhne von Fürsten ziemte. Dann stieg Telemachos in den Wagen, während Pisistratos die Zügel aufnahm und sich neben ihn setzte. Er peitschte die Pferde an, und sie flogen nur zu gern vorwärts in das offene Land, hinter sich die hohe Burg von Pylos lassend. Den ganzen Tag fuhren sie dahin, schaukelnd das Joch auf ihren Nacken, bis die Sonne unterging und Finsternis über das ganze Land kam. Dann erreichten sie Pherai, wo Diokles wohnte, der Sohn des Ortilochos und Enkel des Alpheios. Hier verbrachten sie die Nacht, und Diokles bewirtete sie gastfreundlich. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, schirrten sie ihre Rosse wieder an und fuhren aus durch das Tor unter dem hallenden Torhaus.34 Pisistratos peitschte die Pferde an, und sie flogen nur zu gern vorwärts; bald kamen sie in die Kornfluren des offenen Landes, und im Laufe der Zeit vollendeten sie ihre Fahrt, so wohl trugen sie ihre Rosse.35
Als nun die Sonne untergegangen war und Finsternis über dem Lande lag,
VIERTES BUCH
DER BESUCH BEI KÖNIG MENELAOS, DER SEINE GESCHICHTE ERZÄHLT — INDESSEN SCHMIEDEN DIE FREIER IN ITHAKA EIN KOMPLOTT GEGEN TELEMACHOS.
erreichten sie die tiefgelegene Stadt Lakedaimon, wo sie geradewegs zur Wohnung des Menelaos fuhren36 [und ihn in seinem eigenen Hause fanden, wo er mit seinen vielen Stammesgenossen zu Ehren der Hochzeit seines Sohnes schmauste, und auch seiner Tochter, die er dem Sohne jenes tapferen Kriegers Achilleus vermählte. Er hatte seine Einwilligung gegeben und sie ihm versprochen, als er noch vor Troia war, und nun vollendeten die Götter die Vermählung; so sandte er sie mit Wagen und Rossen in die Stadt der Myrmidonen, über die Achilleus' Sohn herrschte. Für seinen einzigen Sohn hatte er eine Braut aus Sparta gefunden,37 die Tochter des Alektor. Dieser Sohn, Megapenthes, war ihm von einer Sklavin geboren worden, denn der Himmel hatte Helena keine weiteren Kinder mehr vergönnt, nachdem sie Hermione geboren hatte, die schön war wie die goldene Aphrodite selbst.
So schmausten und ergötzten sich die Nachbarn und Verwandten des Menelaos in seinem Hause. Es war auch ein Barde dort, der zu ihnen sang und seine Leier spielte, während zwei Gaukler in ihrer Mitte auftraten und Kunststücke vorführten, wenn der Mann mit seinem Lied einsetzte.38
Telemachos und der Sohn des Nestor hielten ihre Rosse am Tore an, woraufhin Eteoneus, der Diener des Menelaos, heraustrat, und sobald er sie erblickte, eilte er ins Haus zurück, um seinem Herrn Meldung zu machen. Er trat dicht zu ihm und sprach: „Menelaos, da sind einige Fremde angekommen, zwei Männer, die aussehen wie Söhne des Zeus. Was sollen wir tun? Sollen wir ihnen die Pferde ausspannen, oder ihnen sagen, sie sollen sich anderswo Freunde suchen, so gut sie können?"
Menelaos war sehr erzürnt und sprach: „Eteoneus, Sohn des Boethos, du warst sonst kein Narr, doch nun redest du wie ein Einfältiger. Natürlich spannt ihnen die Pferde aus, und führt die Fremden herein, damit sie zu Abend essen können; du und ich haben oft genug bei anderen Leuten geweilt, bevor wir hierher zurückkehrten, wo der Himmel gebe, daß wir fortan in Frieden ruhen mögen."
So eilte Eteoneus zurück und hieß die anderen Diener mit ihm kommen. Sie nahmen ihre schwitzenden Rosse aus dem Joch, banden sie an den Krippen fest und gaben ihnen eine Fütterung von Hafer und Gerste gemischt. Dann lehnten sie den Wagen an die Stirnwand des Hofes und führten den Weg ins Haus. Telemachos und Pisistratos staunten, als sie es sahen, denn sein Glanz war wie der von Sonne und Mond; dann, als sie alles nach Herzenslust bewundert hatten, gingen sie in das Bad und wuschen sich.
Als die Diener sie gewaschen und mit Öl gesalbt hatten, brachten sie ihnen wollene Mäntel und Hemden, und die beiden nahmen an der Seite des Menelaos Platz. Eine Magd brachte ihnen Wasser in einer schönen goldenen Kanne und goß es in ein silbernes Becken, damit sie ihre Hände wüschen; und sie stellte einen sauberen Tisch neben sie. Ein oberster Diener brachte ihnen Brot und bot ihnen viele gute Dinge von dem, was im Hause war, während der Vorschneider ihnen Platten mit allerlei Fleisch brachte und goldene Becher neben sie stellte.
Menelaos grüßte sie darauf und sprach: „Greift zu und seid willkommen; wenn ihr das Abendmahl beendet habt, werde ich fragen, wer ihr seid, denn das Geschlecht solcher Männer wie ihr kann nicht verlorengegangen sein. Ihr müßt von einer Linie szeptertragender Könige abstammen, denn arme Leute haben nicht solche Söhne wie ihr."
Darauf reichte er ihnen39 ein Stück fetter, gebratener Lende, das ihm als vorzüglichster Teil vorgelegt worden war, und sie legten die Hände auf die guten Dinge, die vor ihnen standen; als sie genug gegessen und getrunken hatten, sprach Telemachos zu Nestors Sohn, den Kopf so dicht bei ihm, daß niemand hören konnte: „Sieh, Pisistratos, du Mann nach meinem Herzen, siehe den Glanz von Erz und Gold — von Bernstein,40 Elfenbein und Silber. Alles ist so prächtig, daß es ist, als sähe man den Palast des Olympischen Zeus. Ich bin in Bewunderung verloren."
Menelaos vernahm es und sprach: „Niemand, meine Söhne, kann es mit Zeus aufnehmen, denn sein Haus und alles, was ihn umgibt, ist unsterblich; doch unter sterblichen Menschen — nun, es mag einen anderen geben, der ebensoviel Reichtum besitzt wie ich, oder es mag keinen geben; aber jedenfalls habe ich viel gereist und viel Drangsal erlitten, denn es waren beinahe acht Jahre, bis ich mit meiner Flotte heimkehren konnte. Ich ging nach Kypros, Phönizien und zu den Ägyptern; ich ging auch zu den Äthiopiern, den Sidoniern und den Erembern und nach Libyen, wo die Lämmer Hörner haben, sobald sie geboren werden, und die Schafe dreimal im Jahre werfen. Jedermann in jenem Lande, ob Herr oder Knecht, hat Überfluß an Käse, Fleisch und guter Milch, denn die Mutterschafe geben das ganze Jahr hindurch. Doch während ich reiste und unter diesen Völkern großen Reichtum erwarb, wurde mein Bruder heimtückisch und schmählich durch die Treulosigkeit seiner ruchlosen Gattin ermordet, so daß ich keine Freude habe, Herr all dieses Reichtums zu sein. Wer auch immer eure Eltern sein mögen, sie müssen euch all dies erzählt haben, und von meinem schweren Verluste durch den Untergang41 eines stattlichen, vollkommen und prächtig eingerichteten Hauses. Wollte, ich hätte nur ein Drittel dessen, was ich nun besitze, so wäre ich daheim geblieben, und alle die lebten noch, die auf der Ebene vor Troia, fern von Argos, umkamen. Oft trauere ich, wie ich hier in meinem Hause sitze, um einen jeden von ihnen. Manchmal schreie ich laut auf vor Schmerz, doch bald höre ich wieder auf, denn Weinen ist kalter Trost, und man ermüdet bald davon. Doch so sehr ich auch um diese trauern mag, so trauere ich um einen Mann mehr als um sie alle. Ich kann nicht einmal an ihn denken, ohne daß mir Ekel kommt vor Speise und Schlaf, so elend macht er mich, denn keiner von allen Achaiern hat so hart gearbeitet oder so viel gewagt wie er. Es hat ihm nichts eingebracht, und er hat mir ein Erbe von Kummer hinterlassen, denn er ist lange fort, und wir wissen nicht, ob er lebt oder tot ist. Sein alter Vater, seine langduldige Gattin Penelopeia und sein Sohn Telemachos, den er als Säugling zurückließ, sind um seinetwillen in Trauer gestürzt."
So sprach Menelaos, und Telemachos' Herz sehnte sich, als er seines Vaters gedachte. Tränen fielen aus seinen Augen, da er ihn so erwähnt hörte, so daß er seinen Mantel mit beiden Händen vor das Gesicht hielt. Als Menelaos dies sah, schwankte er, ob er ihm selbst die Wahl lassen sollte, wann er sprechen wolle, oder ob er ihn sofort fragen und herausfinden solle, was es zu bedeuten habe.
Während er so in Zweifeln war, kam Helena aus ihrer hohen gewölbten und duftenden Kammer herab, anzusehen so lieblich wie Diana selbst. Adraste brachte ihr einen Sessel, Alkippe eine weiche wollene Decke, während Phylo ihr das silberne Arbeitskästchen holte, das ihr Alcandra, die Gemahlin des Polybus, geschenkt hatte. Polybus wohnte im ägyptischen Theben, der reichsten Stadt der ganzen Welt; er schenkte dem Menelaos zwei Badewannen, beide aus reinem Silber, zwei Dreifüße und zehn Goldtalente; überdies gab seine Gemahlin Helena schöne Geschenke, nämlich eine goldene Spindel und ein silbernes Arbeitskästchen auf Rädern, mit einem goldenen Bande um den Rand. Phylo stellte es nun neben sie, gefüllt mit fein gesponnenem Garn, und eine mit veilchenfarbener Wolle geladene Spindel wurde darauf gelegt. Dann nahm Helena Platz, stellte ihre Füße auf den Schemel und begann, ihren Gemahl zu befragen.
„Wissen wir, Menelaos," sprach sie, „wie diese Fremden heißen, die uns besucht haben? Soll ich richtig oder falsch raten?—doch ich kann nicht umhin zu sagen, was ich denke. Nie zuvor habe ich einen Mann oder eine Frau gesehen, die einem anderen so ähnlich war (ja, wenn ich ihn ansehe, weiß ich kaum, was ich denken soll) wie dieser junge Mann dem Telemachos gleicht, den Odysseus als Kind zurückließ, als ihr Achaier mit Kampf im Herzen nach Troja zogt, meinetwegen, der Schamlosen."
„Meine teure Gattin," erwiderte Menelaos, „ich erkenne die Ähnlichkeit genau wie du. Seine Hände und Füße gleichen denen des Odysseus ganz und gar; ebenso sein Haar, die Form seines Kopfes und der Ausdruck seiner Augen. Überdies, als ich von Odysseus sprach und sagte, wie viel er um meinetwillen gelitten, da fielen ihm Tränen aus den Augen, und er verbarg sein Antlitz in seinem Mantel."
Da sprach Peisistratos: „Menelaos, Sohn des Atreus, du denkst recht, dass dieser junge Mann Telemachos ist, doch er ist sehr bescheiden und schämt sich, hierherzukommen und ein Gespräch zu eröffnen mit einem, dessen Rede so göttlich anziehend ist wie die deine. Mein Vater Nestor sandte mich, ihn hierher zu geleiten, denn er wünschte zu erfahren, ob du ihm irgendeinen Rat oder Wink geben könntest. Ein Sohn hat stets Not zu Hause, wenn sein Vater fortgegangen ist und ihn ohne Beistand gelassen hat; und so ergeht es jetzt dem Telemachos, denn sein Vater ist abwesend, und niemand von den Seinen steht ihm bei."
„Beim Himmel," erwiderte Menelaos, „so empfange ich also den Sohn eines sehr teuren Freundes, der um meinetwillen viel Leid erduldet hat. Ich hatte stets gehofft, ihn mit ausgezeichneter Auszeichnung zu bewirten, wenn der Himmel uns sichere Heimkehr von jenseits der Meere gewährt hätte. Ich hätte ihm eine Stadt in Argos gegründet und ein Haus gebaut. Ich hätte ihn mit seinen Gütern, seinem Sohn und all seinen Leuten von Ithaka weggeführt und hätte für sie eine der benachbarten Städte, die mir untertan sind, zerstört. So hätten wir einander unaufhörlich sehen können, und nichts als der Tod hätte so engen und glücklichen Umgang unterbrechen können. Ich vermute jedoch, dass der Himmel uns ein solches großes Glück missgönnte, denn er hat den armen Mann daran gehindert, jemals überhaupt heimzukehren."
So sprach er, und seine Worte brachten sie alle zum Weinen. Helena weinte, Telemachos weinte, und so auch Menelaos, noch konnte Peisistratos seine Augen nicht davor bewahren, sich zu füllen, als er seines teuren Bruders Antilochos gedachte, den der Sohn der leuchtenden Dawn getötet hatte. Da sprach er zu Menelaos:
„Herr, mein Vater Nestor, wenn wir daheim von dir sprachen, sagte mir, du seiest ein Mann von seltener und vortrefflicher Einsicht. Wenn es nun möglich ist, so tu, wie ich dir anraten möchte. Ich bin kein Freund des Weinens, während ich mein Mahl einnehme. Der Morgen wird zur rechten Zeit kommen, und am Vormittag kümmert es mich wenig, wie viel ich um die Toten und Hinweggegangenen weine. Dies ist alles, was wir für die Armen tun können. Wir können ihnen nur die Haare scheren und die Tränen von den Wangen wringen. Ich hatte einen Bruder, der vor Troja fiel; er war keineswegs der Schlechteste dort; du musst ihn gewiss gekannt haben—sein Name war Antilochos; ich selbst habe ihn nie mit Augen gesehen, doch sie sagen, er sei außerordentlich schnellfüßig und im Kampfe tapfer gewesen."
„Deine Besonnenheit, mein Freund," antwortete Menelaos, „übertrifft deine Jahre. Offenbar artest du nach deinem Vater. Man erkennt es bald, wenn ein Mann der Sohn eines solchen ist, den der Himmel gesegnet hat, was Gattin und Nachkommen anbelangt—und er hat Nestor von Anfang bis Ende alle seine Tage gesegnet, ihm ein grünes Alter in seinem Hause beschert, mit Söhnen um ihn, die wohlgesinnt und tapfer sind. Wir wollen also all diesem Weinen ein Ende machen und uns wieder unserem Mahle zuwenden. Lasst Wasser über unsere Hände gießen. Telemachos und ich können am Morgen einander vollends aussprechen."
Hierauf goss Asphalion, einer der Diener, Wasser über ihre Hände, und sie langten nach den guten Dingen, die vor ihnen standen.
Da gedachte Jupiters Tochter Helena einer anderen Sache. Sie würzte den Wein mit einem Kraut, das alle Sorge, allen Kummer und üble Laune vertreibt. Wer solcherart gewürzten Wein trinkt, kann den ganzen Tag keine einzige Träne vergießen, selbst wenn sein Vater und seine Mutter beide vor seinen Augen tot hinsinken oder er einen Bruder oder Sohn vor seinen Augen in Stücke gehauen sieht. Dieses Kraut von solch königlicher Kraft und Tugend war Helena von Polydamna gegeben worden, der Gemahlin des Thon, einer Ägypterin; dort wachsen allerlei Kräuter, einige gut, sie in die Mischschale zu tun, andere giftig. Überdies ist jedermann im ganzen Lande ein kundiger Arzt, denn sie stammen vom Geschlechte des Paeeon ab. Als Helena dieses Kraut in die Schale getan und den Dienern aufgetragen hatte, den Wein herumzureichen, sprach sie:
„Menelaos, Sohn des Atreus, und ihr meine guten Freunde, Söhne ehrenwerter Männer (was so Jupiters Wille ist, denn er ist der Geber sowohl des Guten als auch des Bösen und vermag zu tun, was er wählt), schmauset hier nach Herzenslust und hört zu, während ich euch eine Geschichte zur rechten Zeit erzähle. Wohl kann ich nicht einzelne jeder Heldentat des Odysseus benennen, doch kann ich sagen, was er tat, als er vor Troja stand und ihr Achaier in allerlei Bedrängnis waret. Er bedeckte sich mit Wunden und Beulen, kleidete sich ganz in Lumpen und betrat die feindliche Stadt, einem Knecht oder Bettler gleichend, ganz anders, als wenn er unter den Seinen war. In dieser Verkleidung betrat er die Stadt Troja, und niemand sprach ihn an. Ich allein erkannte ihn und begann ihn zu befragen, doch er war zu listig für mich. Als ich ihn jedoch gewaschen und gesalbt und ihm Kleider gegeben hatte, und nachdem ich einen feierlichen Eid geschworen, ihn nicht den Troern zu verraten, bis er sicher in sein eigenes Lager und zu den Schiffen zurückgekehrt wäre, da erzählte er mir alles, was die Achaier vorhatten. Er tötete viele Troer und gewann viel Kundschaft, ehe er das argivische Lager erreichte, weshalb die troischen Frauen laut klagten, doch ich meinerseits war froh, denn mein Herz begann sich nach der Heimat zu sehnen, und ich war unglücklich über das Unrecht, das Venus mir angetan, indem sie mich hinübergeführt hatte, fort von meinem Lande, meinem Mädchen und meinem rechtmäßigen Ehemann, der freilich weder an Gestalt noch an Verstand irgend mangelhaft ist."
Da sprach Menelaos: „Alles, was du gesagt hast, meine teure Gattin, ist wahr. Ich habe weit gereist und viel mit Helden zu tun gehabt, doch nie habe ich einen solchen Mann gesehen wie Odysseus. Welche Ausdauer auch, und welchen Mut er im hölzernen Rosse bewies, worin all die tapfersten der Argiver auf der Lauer lagen, den Troern Tod und Verderben zu bringen. In jenem Augenblick kamst du zu uns; ein Gott, der es gut mit den Troern meinte, muss dich dazu angestiftet haben, und Deiphobus war bei dir. Dreimal gingst du rings um unser Versteck und betastetest es; du riefest unsere Anführer jeden bei seinem Namen und ahmtest aller unserer Frauen Stimmen nach—Diomedes, Odysseus und ich hörten von unseren Sitzen im Innern, welchen Lärm du machtest. Diomedes und ich konnten uns nicht entschließen, augenblicklich hervorzuspringen oder dir von innen zu antworten, doch Odysseus hielt uns alle zurück, so saßen wir ganz still, alle außer Antiklos, der anfing, dir zu antworten; da legte Odysseus seine beiden stählernen Hände über seinen Mund und hielt sie dort. Dies rettete uns alle, denn er knebelte den Antiklos, bis Minerva dich wieder fortnahm."
„Wie traurig," rief Telemachos aus, „dass dies alles nichts nützte, ihn zu retten, und auch sein eigener eiserner Mut nicht. Doch nun, Herr, geruhe, uns alle zu Bett zu schicken, dass wir uns niederlegen und des gesegneten Labsals des Schlafes genießen."
Hierauf hieß Helena die Mägde Betten in der Kammer im Torhaus herrichten, sie mit guten roten Decken belegen und Mäntel aus Wolle darüber breiten, damit die Gäste sie umhätten. Also gingen die Mägde hinaus, eine Fackel tragend, und richteten die Lager, zu denen bald ein Diener die Fremden führte. So schliefen denn Telemachos und Peisistratus dort im Vorhof, während der Sohn des Atreus in einem inneren Gemach lag, die liebliche Helena an seiner Seite.
Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dawn, erschien, stand Menelaos auf und kleidete sich an. Er band seine Sandalen an seine stattlichen Füße, gürtete sein Schwert um die Schultern und verließ sein Gemach, einem unsterblichen Gotte gleichend. Dann nahm er neben Telemachos Platz und sprach:
„Und was, Telemachos, hat dich bewogen, diese lange Seefahrt nach Lakedämon zu unternehmen? Bist du in öffentlichen oder privaten Angelegenheiten hier? Sage mir alles."
„Ich bin gekommen, Herr," erwiderte Telemachos, „um zu sehen, ob du mir etwas über meinen Vater sagen kannst. Ich werde aus Haus und Hof aufgefressen; mein schönes Gut wird vergeudet, und mein Haus ist voll von Übeltätern, die unablässig große Scharen meiner Schafe und Rinder schlachten, unter dem Vorwand, meiner Mutter den Hof zu machen. Darum bin ich ein Bittender zu deinen Knien, ob du mir vielleicht vom traurigen Ende meines Vaters künden kannst, ob du es mit eigenen Augen sahst oder von einem anderen Wanderer vernahmst; denn er war ein Mann, zum Leiden geboren. Beschönige nichts aus Mitleid mit mir, sondern sage mir in aller Offenheit genau, was du sahst. Wenn mein tapferer Vater Odysseus dir je treuen Dienst erwies, mit Wort oder Tat, als ihr Achaier von den Troern bedrängt wart, so erinnere dich dessen nun zu meinen Gunsten und sage mir wahrhaftig alles."
Menelaos erschrak sehr, als er dies hörte. „So," rief er aus, „diese Feiglinge würden das Lager eines tapferen Mannes usurpieren? Eine Hindin könnte ebenso gut ihre neugeborenen Jungen in der Höhle eines Löwen ablegen und dann fortgehen, um im Walde oder in einer grasigen Senke zu weiden: der Löwe, wenn er zu seiner Höhle zurückkehrt, wird mit beiden kurzen Prozess machen—und so wird Odysseus mit diesen Freiern. Bei Vater Jupiter, Minerva und Apollo, wenn Odysseus noch der Mann ist, der er war, als er mit Philomeleides auf Lesbos rang und ihn so schwer zu Boden warf, dass alle Achaier ihm Beifall spendeten—wenn er noch ebenderselbe ist und nahe vor diese Freier träte, sie würden ein kurzes Gericht und eine elende Hochzeit haben. Was deine Fragen betrifft, so jedoch will ich weder ausweichen noch dich täuschen, sondern dir unverhohlen alles sagen, was der alte Mann des Meeres mir kündete.
„Ich versuchte, hierherzukommen, doch die Götter hielten mich in Ägypten fest, denn meine Hekatomben hatten ihnen nicht volle Genüge getan, und die Götter sind sehr streng, wenn sie ihre Gebühr fordern. Nun, vor Ägypten, etwa soweit ein Schiff bei gutem steifen Rückenwind in einem Tage segeln kann, liegt eine Insel namens Pharos—sie hat einen guten Hafen, von dem aus Schiffe auf offene See gelangen können, wenn sie Wasser eingenommen haben—und dort hielten mich die Götter zwanzig Tage fest, ohne auch nur einen Hauch günstigen Windes, der mich vorwärts gebracht hätte. Wir hätten rein aufgezehrt und meine Männer wären verhungert, wenn nicht eine Göttin Mitleid mit mir gehabt und mich errettet hätte in der Gestalt der Idothea, der Tochter des Proteus, des alten Mannes des Meeres; denn sie hatte große Zuneigung zu mir gefasst.
„Sie kam eines Tages zu mir, als ich allein war, wie ich es oft war, denn die Männer gingen mit ihren Widerhaken überall auf der Insel umher in der Hoffnung, einen Fisch oder zwei zu fangen, um sich vor den Qualen des Hungers zu retten. ‚Fremder,' sprach sie, ‚mir scheint, dass du auf diese Weise das Verhungern liebst—wenigstens bekümmert es dich nicht sonderlich, denn du bleibst hier Tag für Tag, ohne auch nur den Versuch zu machen fortzukommen, obwohl deine Männer zusehends dahinsterben.'
‚Lass mich dir sagen,' erwiderte ich, ‚welche der Göttinnen du auch sein magst, dass ich nicht aus eigenem Antrieb hierbleibe, sondern die Götter, die im Himmel wohnen, beleidigt haben muss. Sage mir daher, denn die Götter wissen alles, welcher der Unsterblichen es ist, der mich so hindert, und sage mir auch, wie ich das Meer befahren kann, um meine Heimat zu erreichen.'
‚Fremder,' erwiderte sie, ‚ich will dir alles ganz klar machen. Es gibt einen alten Unsterblichen, der hier in der See lebt und dessen Name Proteus ist. Er ist ein Ägypter, und man sagt, er sei mein Vater; er ist Neptuns erster Mann und kennt jede Handbreit Grund auf dem ganzen Meeresboden. Wenn du ihn fangen und festhalten kannst, wird er dir von deiner Fahrt erzählen, welche Kurse du zu nehmen, und wie du das Meer zu befahren hast, um deine Heimat zu erreichen. Er wird dir auch, wenn du willst, alles erzählen, was in deinem Hause vorgegangen ist, Gutes und Böses, während du auf deiner langen und gefahrvollen Reise warst.'
‚Kannst du mir,' sprach ich, ‚eine List zeigen, mit deren Hilfe ich diesen alten Gott fangen kann, ohne dass er es argwöhnt und mich entdeckt? Denn ein Gott ist nicht leicht zu fangen—nicht von einem sterblichen Manne.'
‚Fremder,' sprach sie, ‚ich will dir alles ganz klar machen. Um die Zeit, wenn die Sonne den Mittag erreicht, kommt der alte Mann des Meeres von unter den Wellen herauf, angekündigt vom Westwind, der das Wasser über seinem Haupte kräuselt. Sobald er heraufgekommen ist, legt er sich nieder und schläft in einer großen Meeresgrotte, wohin auch die Seehunde—Halosydnes Küken, wie man sie nennt—von der grauen See heraufkommen und in Scharen um ihn herum schlafen; und einen sehr starken fischigen Geruch bringen sie mit sich. Früh morgen will ich dich an diesen Ort führen und dich in den Hinterhalt legen. Wähle daher die drei besten Männer aus deiner Flotte, und ich will dir alle Streiche erzählen, die der alte Mann dir spielen wird.
‚Zuerst wird er alle seine Seehunde mustern und sie zählen; dann, wenn er sie gesehen und an seinen fünf Fingern abgezählt hat, wird er sich unter sie legen und schlafen, wie ein Hirt unter seinen Schafen. In dem Augenblick, da du siehst, dass er schläft, packe ihn; setze all deine Kraft ein und halte ihn fest, denn er wird sein Äußerstes tun, um dir zu entkommen. Er wird sich in jedes Geschöpf verwandeln, das auf Erden geht, und auch Feuer und Wasser werden; doch du musst ihn festhalten und immer fester und fester zupacken, bis er anfängt, mit dir zu reden, und zu dem wird, was er war, als du ihn entschlafen sahst; dann magst du deinen Griff lockern und ihn loslassen; und du kannst ihn fragen, welcher der Götter es ist, der dir zürnt, und was du tun musst, um über die Meere heimzugelangen.'
„Nach diesen Worten tauchte sie unter die Wellen, worauf ich zu dem Ort zurückkehrte, wo meine Schiffe am Ufer aufgereiht waren, und mein Herz war von Sorge umwölkt, als ich dahinging. Als ich mein Schiff erreichte, bereiteten wir das Mahl, denn die Nacht fiel herein, und lagerten uns am Strande.
„Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dawn, erschien, nahm ich die drei Männer, auf deren Tüchtigkeit in jeder Hinsicht ich mich am meisten verlassen konnte, und ging am Meeresufer dahin, inbrünstig zum Himmel betend. Unterdessen holte die Göttin mir vier Seehundfelle vom Meeresgrunde herauf, alle frisch abgezogen, denn sie wollte ihren Vater täuschen. Dann grub sie vier Gruben, in denen wir liegen sollten, und setzte sich nieder, um zu warten, bis wir heraufkämen. Als wir nahe bei ihr waren, hieß sie uns einer nach dem anderen in die Gruben legen und warf über jeden ein Seehundfell. Unser Hinterhalt wäre unerträglich gewesen, denn der Gestank der fischigen Seehunde war entsetzlich—wer möchte sich schon zu einem Meeresungeheuer ins Bett legen, wenn er es vermeiden könnte?—doch auch hier half uns die Göttin und dachte an etwas, das uns große Erleichterung verschaffte, denn sie legte unter jedes Mannes Nase etwas Ambrosia, das so duftete, dass es den Geruch der Seehunde tötete.
„Wir warteten den ganzen Morgen und machten das Beste daraus, beobachteten, wie die Seehunde zu Hunderten heraufkamen, um sich am Meeresufer zu sonnen, bis zur Mittagszeit auch der alte Mann des Meeres heraufkam, und als er seine fetten Seehunde gefunden hatte, ging er sie durch und zählte sie. Wir waren unter den ersten, die er zählte, und er argwöhnte keinerlei Tücke, sondern legte sich nieder, um zu schlafen, sobald er fertig gezählt hatte. Da stürzten wir mit einem Schrei auf ihn los und packten ihn; worauf er sogleich seine alten Streiche begann und sich zuerst in einen Löwen mit gewaltiger Mähne verwandelte; dann plötzlich wurde er zum Drachen, zum Leoparden, zum Eber; im nächsten Augenblick war er fließendes Wasser, und dann wieder war er unmittelbar ein Baum, doch wir hielten uns an ihm fest und verloren ihn nicht, bis zuletzt das listige alte Wesen in Bedrängnis geriet und sprach: ‚Welcher der Götter war es, Sohn des Atreus, der diesen Anschlag mit dir ausgeheckt hat, mich zu fangen und gegen meinen Willen zu ergreifen? Was willst du?'
‚Du weißt das selbst, alter Mann,' antwortete ich, ‚du wirst nichts gewinnen, wenn du mich abzuwimmeln suchst. Es ist, weil ich so lange auf dieser Insel festgehalten werde und kein Zeichen sehe, dass ich fortkäme. Mir sinkt aller Mut; sage mir daher, denn ihr Götter wisst alles, welcher der Unsterblichen es ist, der mich hindert, und sage mir auch, wie ich das Meer befahren kann, um meine Heimat zu erreichen.'
,Dann,' sprach er, ‚wenn du deine Fahrt beenden und rasch heimkehren willst, musst du Jupiter und den übrigen Göttern opfern, bevor du dich einschiffst; denn es ist beschlossen, dass du nicht zu deinen Freunden und in dein eigenes Haus gelangen wirst, bis du zum himmelgenährten Strome Ägyptens zurückgekehrt bist und den unsterblichen Göttern, die im Himmel herrschen, heilige Hekatomben dargebracht hast. Wenn du dies getan hast, werden sie dich deine Fahrt vollenden lassen.'
„Ich war gebrochenen Herzens, als ich hörte, dass ich die ganze lange und schreckliche Fahrt nach Ägypten zurück machen müsste; dennoch antwortete ich: ‚Ich will alles tun, alter Mann, was du mir auferlegt hast; doch nun sage mir, und sage mir die Wahrheit, ob alle Achaier, die Nestor und ich zurückließen, als wir von Troja segelten, heil heimgekommen sind, oder ob irgendeiner von ihnen ein böses Ende fand, sei es an Bord seines eigenen Schiffes oder unter den Seinen, als die Tage seines Kampfes vorbei waren."
„Sohn des Atreus,“ antwortete er, „warum fragst du mich? Du tust besser daran, nicht zu wissen, was ich dir sagen kann, denn deine Augen werden sich gewiss mit Tränen füllen, wenn du meine Geschichte gehört hast. Viele derer, nach denen du fragst, sind tot und dahingegangen, doch viele sind noch übrig, und nur zwei der vornehmsten Männer unter den Achaiern fanden auf ihrer Heimkehr den Tod. Was aber auf dem Schlachtfeld geschah – du warst selbst dabei. Ein dritter achaierischer Führer ist noch zur See, am Leben, doch an der Heimkehr gehindert. Ajax erlitt Schiffbruch, denn Neptun trieb ihn auf die gewaltigen Klippen von Gyrae; dennoch ließ er ihn unversehrt aus dem Wasser entkommen, und trotz all Minervas Hass wäre er dem Tod entronnen, hätte er sich nicht durch Prahlerei selbst ins Verderben gestürzt. Er sagte, die Götter könnten ihn nicht ertränken, selbst wenn sie es versuchten, und als Neptun diese großmäulige Rede vernahm, packte er seinen Dreizack mit seinen beiden kräftigen Händen und spaltete den Felsen von Gyrae in zwei Stücke. Der Grund blieb, wo er war, doch der Teil, auf dem Ajax saß, stürzte kopfüber ins Meer und riss Ajax mit sich; so trank er Salzwasser und ertrank.
Dein Bruder und seine Schiffe entkamen, denn Juno schützte ihn; als er jedoch gerade das hohe Vorgebirge von Malea erreichen wollte, erfasste ihn ein schwerer Sturm, der ihn, sehr zu seinem Leidwesen, wieder aufs Meer hinaus trug und ihn zu der Landspitze trieb, wo einst Thyestes wohnte, wo nun aber Aegisth hauste. Nach und nach jedoch schien es, als sollte er dennoch sicher heimkehren, denn die Götter drehten den Wind in seine alte Richtung, und sie erreichten die Heimat; woraufhin Agamemnon die heimische Erde küsste und Freudentränen vergoss, dass er wieder in seinem eigenen Lande war.
Nun hatte Aegisth einen Wächter, den er stets auf der Wache hielt und dem er zwei Talente Gold versprochen hatte. Dieser Mann hatte ein ganzes Jahr lang Ausschau gehalten, um sicherzugehen, dass Agamemnon ihm nicht entschlüpfte und Krieg rüstete; als er daher Agamemnon vorbeiziehen sah, ging er und berichtete es Aegisth, der sogleich begann, ein Komplott gegen ihn zu schmieden. Er wählte zwanzig seiner tapfersten Krieger aus und legte sie auf der einen Seite des Klosters in einen Hinterhalt, während er auf der gegenüberliegenden Seite ein Festmahl bereitete. Dann sandte er seine Wagen und Reiter zu Agamemnon und lud ihn zum Mahle ein, doch er meinte es übel. Er lockte ihn dorthin, ohne jede Ahnung von dem Verderben, das seiner wartete, und tötete ihn, als das Mahl beendet war, als schächte er nur einen Ochsen im Schlachthaus; nicht einer von Agamemnons Gefolgsleuten blieb am Leben, noch einer von Aegisths Leuten, sondern sie wurden alle dort in den Klostergängen erschlagen.“
So sprach Proteus, und mir brach das Herz, als ich ihn hörte. Ich setzte mich auf den Sand und weinte; ich fühlte, als könnte ich nicht mehr weiterleben noch das Licht der Sonne schauen. Als ich mich jedoch genug geweint und auf der Erde gewälzt hatte, sprach der alte Mann des Meeres: „Sohn des Atreus, vertrödele nicht mehr Zeit mit solch bitterem Weinen; es kann dir auf keine Weise nützen; finde so schnell wie möglich deinen Weg heim, denn Aegisth mag noch am Leben sein, und selbst wenn Orestes dir bereits zuvorgekommen ist und ihn getötet hat, könntest du noch zu seinem Begräbnis kommen.
Hierüber fasste ich trotz all meines Kummers neuen Mut und sprach: „Ich weiß nun also von diesen beiden Bescheid; sage mir daher von dem dritten Mann, von dem du sprachst; ist er noch am Leben, doch zur See und unfähig heimzukehren? Oder ist er tot? Sage mir, mag es mich auch noch so sehr betrüben.
„Der dritte,“ antwortete er, „ist Odysseus, der in Ithaka wohnt. Ich kann ihn auf einer Insel sehen, wie er im Hause der Nymphe Kalypso schwer bekümmert ist; sie hält ihn gefangen, und er kann seine Heimat nicht erreichen, denn er hat weder Schiffe noch Schiffsleute, die ihn über das Meer trügen. Was aber dein eigenes Ende betrifft, Menelaos, so wirst du nicht in Argos sterben, sondern die Götter werden dich auf die Elyischen Gefilde entrücken, die an den Enden der Welt liegen. Dort herrscht der blondgelockte Rhadamanthys, und die Menschen führen ein leichteres Leben als irgendwo sonst auf der Welt, denn in Elysium fällt weder Regen noch Hagel noch Schnee, sondern Ozeanos haucht stets mit einem Westwind, der sanft vom Meere singt und allen Menschen frisches Leben spendet. Dies wird dir widerfahren, weil du Helena geehelicht hast und Jupiters Schwiegersohn bist.
Als er so sprach, tauchte er unter die Wellen, woraufhin ich mich mit meinen Gefährten zu den Schiffen zurückwandte, und mein Herz war von Sorge umwölkt, als ich dahinging. Als wir die Schiffe erreichten, richteten wir das Mahl her, denn die Nacht fiel herein, und lagerten uns am Strande. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, zogen wir unsere Schiffe ins Wasser und brachten Masten und Segel in ihnen unter; dann gingen wir selbst an Bord, nahmen unsere Plätze auf den Bänken ein und schlugen mit den Rudern das graue Meer. Ich stationierte meine Schiffe abermals in dem von den Göttern gespeisten Strome Ägyptens und brachte Hekatomben dar, die voll und hinreichend waren. Als ich so den Zorn des Himmels besänftigt hatte, errichtete ich einen Grabhügel zum Gedächtnis Agamemnons, auf dass sein Name für immer fortlebe, woraufhin ich eine schnelle Heimfahrt hatte, denn die Götter sandten mir einen günstigen Wind.
Nun aber – was dich betrifft – bleibe hier noch etwa zehn oder zwölf Tage länger, und dann werde ich dich auf deinen Weg geleiten. Ich werde dir ein edles Geschenk machen, einen Wagen und drei Rosse. Auch will ich dir einen schönen Becher geben, damit du, solange du lebst, meiner gedenkst, wann immer du den unsterblichen Göttern ein Trankopfer darbringst.
„Sohn des Atreus,“ erwiderte Telemachos, „dränge mich nicht, länger zu verweilen; ich würde mich begnügen, noch weitere zwölf Monate bei dir zu bleiben; so entzückend finde ich deine Unterhaltung, dass ich mich niemals nach Hause zu meinen Eltern wünschen würde; doch meine Mannschaft, die ich in Pylos zurückgelassen habe, ist bereits ungeduldig, und du hältst mich von ihr fern. Was aber ein Geschenk angeht, das du mir zugedacht haben magst, so möchte ich lieber, dass es ein Stück Tafelgeschirr sei. Ich werde keine Rosse mit zurück nach Ithaka nehmen, sondern sie dir lassen, um deine eigenen Ställe zu zieren, denn du hast viel flaches Land in deinem Königreich, wo der Lotus gedeiht, auch Mädesüß und Weizen und Gerste, und Hafer mit seinen weißen, ausgebreiteten Ähren; wohingegen wir in Ithaka weder offene Felder noch Rennbahnen haben, und das Land taugt besser für Ziegen als für Rosse, und gerade das macht mir es umso lieber. Keine unserer Inseln hat viel ebenen Boden, der sich für Rosse eignet, und Ithaka am allerwenigsten.
Menelaos lächelte und fasste Telemachos' Hand in die seine. „Was du sagst,“ sprach er, „zeigt, dass du aus gutem Hause stammst. Ich kann und will diesen Tausch für dich vollziehen und dir das schönste und kostbarste Stück Tafelgeschirr in meinem ganzen Hause geben. Es ist eine Mischschale von Vulcans eigener Hand, aus reinem Silber, bis auf den Rand, der mit Gold eingelegt ist. Phaidimos, der König der Sidonier, schenkte sie mir bei einem Besuch, den ich ihm abstattete, als ich auf meiner Heimfahrt dorthin zurückkehrte. Ich werde sie dir zum Geschenk machen.
So unterhielten sie sich, [und immer neue Gäste kamen zum Hause des Königs. Sie brachten Schafe und Wein, und ihre Frauen hatten Brot für sie zum Mitnehmen gerichtet; so kochten sie in den Höfen ihre Mahlzeiten].
Währenddessen warfen die Freier Scheiben oder zielten mit Speeren auf ein Ziel auf dem geebneten Boden vor dem Hause des Odysseus, und sie gebärdeten sich mit all ihrer alten Unverschämtheit. Antinoos und Eurymachos, die ihre Rädelsführer und bei weitem die Vordersten unter ihnen allen waren, saßen beieinander, als Noemon, der Sohn des Phronios, herantrat und zu Antinoos sprach:
„Haben wir eine Ahnung, Antinoos, an welchem Tage Telemachos aus Pylos zurückkehrt? Er hat eines meiner Schiffe, und ich brauche es, um nach Elis überzusetzen; ich habe dort zwölf Mutterstuten mit Fohlen von einemjährigen Mauleseln an ihrer Seite, die noch nicht eingefahren sind, und ich möchte eines von ihnen herüberbringen und einreiten.
Sie waren bestürzt, als sie dies hörten, denn sie hatten sich sicher eingebildet, Telemachos' Reise werde zu nichts führen. Sie meinten, er sei nur irgendwo auf den Höfen weg und bei den Schafen oder beim Sauhirten; so sprach Antinoos: „Wann ist er fortgefahren? Sag mir die Wahrheit, und welche jungen Männer nahm er mit? Waren es Freie oder seine eigenen Knechte – denn das könnte er wohl auch bewerkstelligen? Sage mir auch, hast du ihm das Schiff aus freien Stücken geliehen, weil er dich darum bat, oder hat er es ohne deine Erlaubnis genommen?
„Ich lieh es ihm,“ antwortete Noemon, „was hätte ich auch tun können, wenn ein Mann von seinem Range sagte, er sei in Verlegenheit, und mich bat, ihm gefällig zu sein? Ich konnte unmöglich Nein sagen. Was aber diejenigen angeht, die mit ihm fuhren, es waren die besten jungen Männer, die wir haben, und ich sah Mentor als Kapitän an Bord gehen – oder irgendein Gott, der ihm aufs Haar glich. Ich kann es nicht begreifen, denn ich sah Mentor gestern Morgen noch selbst hier, und doch war er gerade im Begriff, nach Pylos aufzubrechen.
Noemon ging darauf zum Hause seines Vaters zurück, doch Antinoos und Eurymachos waren sehr erzürnt. Sie hießen die anderen, vom Spiele abzulassen und zu ihnen zu kommen und sich niederzusetzen. Als sie kamen, sprach Antinoos, der Sohn des Eupeithes, voller Zorn. Sein Herz war schwarz vor Wut, und seine Augen sprühten Feuer, als er sagte:
„Beim Himmel, diese Fahrt des Telemachos ist eine sehr ernste Angelegenheit; wir hatten uns sicher eingebildet, sie werde zu nichts führen, doch der junge Mann ist uns entkommen, und mit einer auserlesenen Mannschaft obendrein. Er wird uns bald Ärger machen; möge Jupiter ihn hinwegnehmen, ehe er voll erwachsen ist. Verschaffe mir also ein Schiff mit einer Besatzung von zwanzig Mann, und ich will ihm in der Meerenge zwischen Ithaka und Samos auflauern; er wird dann den Tag verfluchen, an dem er aufbrach, um Nachricht über seinen Vater einzuholen.
So sprach er, und die anderen billigten seine Rede; sie gingen daraufhin alle in die Gebäude hinein.
Es dauerte nicht lange, da erfuhr Penelope, was die Freier planten; denn ein Diener, Medon, hatte sie von außerhalb des äußeren Hofes belauscht, wie sie drinnen ihre Anschläge schmiedeten, und ging, um es seiner Herrin zu melden. Als er die Schwelle ihrer Kammer überschritt, sprach Penelope: „Medon, weswegen schicken die Freier dich her? Ist es, um den Mägden zu sagen, sie sollen der Arbeit ihres Herren fernbleiben und den Freiern das Mahl kochen? Ich wünschte, sie würden weder freien noch von nun an speisen, weder hier noch anderswo, doch dies möge das allerletzte Mal sein, bei der Verschwendung, die ihr alle mit dem Vermögen meines Sohnes treibt. Haben euch eure Väter nicht in eurer Kindheit erzählt, wie gut Odysseus zu ihnen gewesen ist – niemals hochfahrend gehandelt, noch zu irgendjemand schroff gesprochen? Könige mögen manchmal Dinge sagen, und sie mögen den einen bevorzugen und den anderen ablehnen, doch Odysseus hat nie jemandem Unrecht getan – was zeigt, was für schlimme Herzen ihr habt, und dass es auf dieser Welt keine Dankbarkeit mehr gibt.
Da sprach Medon: „Ich wünschte, Herrin, dies wäre alles; doch sie planen jetzt etwas viel Schrecklicheres – möge der Himmel ihr Vorhaben zunichtewerden. Sie wollen Telemachos ermorden, wenn er von Pylos und Lakedaimon heimkehrt, wo er hingefahren ist, um Nachricht über seinen Vater einzuholen.
Da sank Penelope das Herz, und lange brachte sie kein Wort hervor; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie vermochte nichts zu sagen. Endlich jedoch sprach sie: „Warum hat mich mein Sohn verlassen? Was hatte er darauf zu schiffen auf Schiffen, die weite Fahrten über den Ozean machen wie Seepferde? Will er sterben, ohne jemanden zurückzulassen, der seinen Namen weiterträgt?
„Ich weiß nicht,“ antwortete Medon, „ob irgendein Gott ihn dazu antrieb, oder ob er aus eigenem Antrieb aufbrach, um zu erfahren, ob sein Vater tot oder lebendig und auf der Heimkehr sei.
Dann ging er wieder die Treppe hinunter und ließ Penelope in einer Qual der Verzweiflung zurück. Es gab im Hause genug Sitze, doch sie hatte nicht das Herz, sich auf irgendeinen davon zu setzen; sie konnte sich nur auf den Boden ihrer eigenen Kammer werfen und weinen; woraufhin alle Mägde im Hause, alte wie junge, sich um sie scharten und ebenfalls zu weinen begannen, bis sie endlich in einem Aufruhr des Schmerzes ausrief:
„Meine Lieben, der Himmel hat es gefallen, mich mit mehr Leid zu prüfen als irgendeine andere Frau meines Alters und Landes. Zuerst verlor ich meinen tapferen, löwenherzigen Gatten, der jede gute Eigenschaft unter dem Himmel besaß und dessen Name in ganz Hellas und im mittleren Argos groß war, und nun ist mein geliebter Sohn der Willkür der Winde und Wellen preisgegeben, ohne dass ich auch nur ein Wort darüber gehört hätte, dass er die Heimat verlässt. Ihr Nichtsnutze, keine von euch dachte auch nur daran, mich aus meinem Bett zu rufen, obwohl ihr alle sehr wohl wusstet, als er aufbrach. Hätte ich gewusst, dass er diese Fahrt unternehmen wollte, er hätte sie aufgeben müssen, und sei er noch so sehr darauf versessen gewesen, oder er hätte mich als Leiche zurücklassen müssen – das eine oder das andere. Nun aber geht, eine oder die andere von euch, und ruft den alten Dolios, den mir mein Vater bei meiner Heirat schenkte und der mein Gärtner ist. Heißt ihn sogleich alles dem Laertes berichten, der vielleicht einen Plan ersinnen kann, die öffentliche Anteilnahme auf unsere Seite zu bringen, gegen diejenigen, die sein eigenes Geschlecht und das des Odysseus auszurotten trachten.
Da sprach die teure alte Amme Eurykleia: „Du magst mich töten, Herrin, oder mich in deinem Hause weiterleben lassen, ganz wie du willst, doch ich werde dir die reine Wahrheit sagen. Ich wusste alles darüber und gab ihm alles, was er an Brot und Wein brauchte, doch er ließ mich meinen feierlichen Eid schwören, dass ich dir zehn oder zwölf Tage lang nichts sagen würde, es sei denn, du fragtest oder erfährst zufällig, dass er fort sei, denn er wollte nicht, dass du deine Schönheit durch Weinen verdirbst. Und nun, Herrin, wasche dein Gesicht, wechsle dein Gewand und geh mit deinen Mägden nach oben, um der Minerva, der Tochter des schildtragenden Jupiters, Opfergebete darzubringen, denn sie kann ihn retten, selbst wenn er sich im Rachen des Todes befindet. Bekümmere den Laertes nicht; er hat bereits Kummer genug. Überdies kann ich nicht glauben, dass die Götter das Geschlecht des Sohnes des Arkeisios so sehr hassen, sondern es wird ein Sohn übrig bleiben, der nach ihm aufstehen und sowohl das Haus als auch die schönen Gefilde erben wird, die weithin darum liegen.
Mit diesen Worten brachte sie ihre Herrin zum Aufhören des Weinens und trocknete ihr die Tränen aus den Augen. Penelope wusch ihr Gesicht, wechselte ihr Gewand und ging mit ihren Mägden nach oben. Dann tat sie etwas zerstoßene Gerste in einen Korb und begann, zu Minerva zu beten.
„Höre mich,“ rief sie, „Tochter des schildtragenden Jupiters, unermüdliche. Wenn je Odysseus, als er hier war, dir fette Schenkelknochen von Schafen oder jungen Kühen verbrannte, so erinnere dich nun daran zu meinen Gunsten und rette meinen geliebten Sohn vor der Schurkerei der Freier.
Sie rief laut, als sie sprach, und die Göttin erhörte ihr Gebet; unterdessen lärmten die Freier in dem gedeckten Säulengang, und einer von ihnen sprach:
„Die Königin rüstet sich zur Vermählung mit dem einen oder anderen von uns. Wenig ahnt sie, dass ihr Sohn nun zum Tode bestimmt ist.
Dies war, was sie sagten, doch sie wussten nicht, was geschehen würde. Da sprach Antinoos: „Gefährten, kein lautes Gerede mehr, damit nicht etwas davon nach drinnen getragen wird. Lasst uns aufstehen und in Stille das tun, worin wir alle einig sind.
Darauf wählte er zwanzig Männer aus, und sie gingen hinunter zu ihrem Schiff und zur Meeresküste; sie zogen das Fahrzeug ins Wasser und brachten Mast und Segel in ihm unter; sie banden die Ruder mit gedrehten Riemen aus Leder an die Ruderpfosten, alles in gebührender Ordnung, und breiteten die weißen Segel oben aus, während ihre feinen Diener ihnen die Rüstungen brachten. Dann vertäuten sie das Schiff ein Stück weit draußen, kamen wieder an Land, hielten ihre Abendmahlzeit und warteten, bis die Nacht hereinbräche.
Doch Penelope lag in ihrem eigenen Gemach oben, unfähig zu essen oder zu trinken, und sann darüber nach, ob ihr tapferer Sohn entrinnen oder von den ruchlosen Freiern überwältigt werden würde. Wie eine Löwin, die sich in den Schlingen gefangen sieht, während Jäger sie auf allen Seiten umstellen, dachte sie hin und her, bis sie in einen Schlummer sank und auf ihrem Bett lag, bar aller Gedanken und Bewegung.
Da gedachte Minerva einer anderen Sache und schuf eine Erscheinung im Ebenbilde von Penelopes Schwester Iphthime, der Tochter des Ikarios, die Eumelos geheiratet hatte und in Pherai wohnte. Sie hieß die Erscheinung in das Haus des Odysseus gehen und Penelope das Weinen abgewöhnen, so kam diese durch das Loch, durch das der Riemen ging, um die Tür zuzuziehen, in ihre Kammer und schwebte über ihrem Haupt und sprach:
„Du schläfst, Penelope: die Götter, die in Muße leben, werden nicht dulden, dass du weinst und so traurig bist. Dein Sohn hat ihnen kein Leid getan, so wird er dennoch zu dir zurückkehren.
Penelope, die süß an den Pforten des Traumlandes schlief, antwortete: „Schwester, warum bist du hierher gekommen? Du kommst nicht sehr oft, doch ich vermute, das liegt daran, dass du so weit weg wohnst. Soll ich denn aufhören zu weinen und ablassen von all den traurigen Gedanken, die mich martern? Ich, die ich meinen tapferen, löwenherzigen Gatten verloren habe, der jede gute Eigenschaft unter dem Himmel besaß und dessen Name in ganz Hellas und im mittleren Argos groß war; und nun ist mein geliebter Sohn an Bord eines Schiffes fortgefahren – ein törichter Bursche, der es nie gewohnt war, sich ruppig zu benehmen oder unter Versammlungen von Männern zu gehen. Ich bin um ihn noch ängstlicher als um meinen Gatten; ich bin am ganzen Leibe zitternd, wenn ich an ihn denke, dass ihm etwas zustoßen könnte, sei es von den Leuten, unter denen er weilt, oder auf dem Meere, denn er hat viele Feinde, die gegen ihn planen und darauf aus sind, ihn zu töten, bevor er heimkehren kann.
Da sprach die Erscheinung: „Fasse Mut und sei nicht so sehr erschreckt. Es ist einer mit ihm gegangen, den mancher Mann nur zu gern an seiner Seite hätte, ich meine Minerva; sie ist es, die Mitleid mit dir hat und mich gesandt hat, dir diese Botschaft zu bringen.
„Dann,“ sprach Penelope, „wenn du ein Gott bist oder auf göttlichen Auftrag hierher gesandt wurdest, sage mir auch von jenem anderen Unglücklichen – lebt er noch, oder ist er schon tot und im Hause des Hades?
Und die Erscheinung sprach: „Ich werde dir nicht mit Gewissheit sagen, ob er lebt oder tot ist, und müßige Rede hat keinen Zweck.
Dann schwand sie durch das Riemenloch der Tür und löste sich in dünne Luft auf; doch Penelope erhob sich aus dem Schlafe erquickt und getröstet, so deutlich war ihr Traum gewesen.
Unterdessen gingen die Freier an Bord und fuhren über das Meer, darauf bedacht, Telemachos zu ermorden. Nun gibt es eine felsige kleine Insel namens Asteris, nicht groß, mitten im Fahrwasser zwischen Ithaka und Samos, und auf jeder Seite von ihr liegt ein Hafen, wo ein Schiff vor Anker gehen kann. Dort also legten sich die Achaier in den Hinterhalt.
FÜNFTES BUCH
KALYPSO – ODYSSEUS ERREICHT SCHERIA AUF EINEM FLOSS
Und nun, als die Dämmerung von ihrem Lager neben Tithonos aufstieg – Verkünderin des Lichtes gleichermaßen für Sterbliche und Unsterbliche – versammelten sich die Götter zu Rate, und mit ihnen Jupiter, der Donnerer, der ihr König ist. Da begann Minerva den Göttern die vielen Leiden des Odysseus zu künden, denn sie dauerte ihn, dort drüben im Hause der Nymphe Kalypso.
„Vater Jupiter,“ sprach sie, „und ihr alle, die ihr sonst in ewiger Seligkeit lebt, ich hoffe, es möge nie mehr einen solchen geben, der gütig und wohlgesinnt herrscht, noch einen, der gerecht regiert. Ich hoffe, sie sollen forthan alle grausam und ungerecht sein; denn keiner seiner Untertanen gedenkt noch des Odysseus, der sie regierte, als wäre er ihr Vater. Dort liegt er, in großer Qual, auf einer Insel, wo die Nymphe Kalypso wohnt, die ihn nicht von dannen lassen will; und er kann nicht in seine Heimat zurückkehren, da er weder Schiffe noch Schiffsleute findet, die ihn über das Meer trügen. Mehr noch: ruchlose Männer trachten jetzt seinem einzigen Sohne Telemachos nach dem Leben, der aus Pylos und Lakedämon heimkehrt, wohin er gegangen war, um zu erfahren, ob er Kunde von seinem Vater erhalten könne.“
„Was redest du da, meine Liebe?“ erwiderte ihr Vater. „Hast du ihn nicht selbst dorthin gesandt, weil du dachtest, es würde Odysseus helfen, heimzukehren und die Freier zu strafen? Zumal du vollkommen imstande bist, Telemachos zu schützen und ihn heil wieder nach Hause zu bringen, während die Freier in Hast zurückkommen müssen, ohne ihn getötet zu haben.“
Als er so gesprochen hatte, sagte er zu seinem Sohne Merkur: „Merkur, du bist unser Bote; geh also und melde Kalypso, wir haben verfügt, daß der arme Odysseus heimkehren soll. Er soll weder von Göttern noch von Menschen geleitet werden, sondern nach einer gefahrvollen Fahrt von zwanzig Tagen auf einem Floß das fruchtbare Scheria erreichen, das Land der Phäaken, die den Göttern nah verwandt sind und ihn ehren werden, als wäre er unseresgleichen. Sie werden ihn in einem Schiff in seine Heimat senden und ihm mehr Erz und Gold und Gewänder geben, als er aus Troja heimgebracht hätte, wenn er seine ganze Beute erhalten und ohne Unglück heimgelangt wäre. So haben wir beschlossen, daß er in sein Land und zu seinen Freunden zurückkehren soll.“
So sprach er, und Merkur, der Führer und Hüter, der Schirmer des Argus, tat wie ihm geheißen. Sogleich schnürte er seine schimmernden goldenen Sandalen an, mit denen er wie der Wind über Land und Meer fliegen konnte. Er nahm den Stab, mit dem er der Menschen Augen in Schlummer schließt oder nach Belieben weckt, und flog, ihn in der Hand haltend, über Pierien; dann schwang er sich nieder durch das Himmelsgewölbe, bis er die Fläche des Meeres erreichte, dessen Wogen er wie ein Kormoran streifte, der jede Ritze und jeden Winkel des Ozeans durchfliegt und sein dichtes Gefieder in den Sprühregen taucht. Er flog und flog über manch müde Woge, doch als er endlich zur Insel gelangte, die das Ziel seiner Reise war, verließ er das Meer und ging zu Lande weiter, bis er zur Grotte kam, in der die Nymphe Kalypso wohnte.
Er traf sie zu Hause. Auf der Herdstätte brannte ein großes Feuer, und von ferne schon konnte man den würzigen Duft von brennender Zeder und Sandelholz riechen. Sie selbst aber war eifrig an ihrem Webstuhl beschäftigt, schoß die goldene Spindel durch die Kette und sang mit lieblicher Stimme. Rings um ihre Grotte stand ein dichter Wald von Erlen, Pappeln und duftenden Zypressen, in dem allerlei große Völder ihre Nester gebaut hatten – Eulen, Habichte und schwatzende Seeraben, die ihr Wesen in den Wassern treiben. Eine Rebe, schwer von Trauben, war gezogen und wucherte üppig um den Eingang der Grotte; auch gab es vier rinnende Quellchen in nah beieinander gegrabenen Rinnen, die sich hierhin und dorthin wandten, um die Beete von Veilchen und saftigen Kräutern zu bewässern, über die sie dahinflossen. Selbst ein Gott hätte sich eines so lieblichen Ortes nicht erwehren können, und so stand Merkur still und schaute sich um; doch als er ihn hinlänglich bewundert hatte, ging er in die Grotte hinein.
Kalypso erkannte ihn sogleich – denn die Götter kennen einander alle, wie weit sie auch voneinander wohnen mögen –, Odysseus aber war nicht darin; er war, wie gewöhnlich, am Strande und blickte mit tränenschweren Augen aufs öde Meer hinaus, stöhnend und sein Herz vor Kummer brechend. Kalypso bot Merkur einen Sitz an und sprach: „Warum kommst du mich zu besuchen, Merkur – geehrter und stets willkommener –, denn du suchst mich nicht oft auf? Sage, was du begehrst; ich will es sogleich tun, so ich kann, und wenn es überhaupt getan werden kann; doch tritt ein und laß mich dir Erquickung vorsetzen.“
Indem sie so sprach, zog sie einen mit Ambrosia beladenen Tisch neben ihn und mischte ihm roten Nektar; da aß und trank Merkur, bis er genug hatte, und sprach dann:
„Wir sprechen Gott zu Göttin, und du fragst mich, warum ich hergekommen bin, und ich will dir aufrichtig antworten, wie du es von mir wünschst. Jupiter hat mich gesandt; es war nicht mein eigener Wille; wer wollte schon diese ganze Strecke über das Meer kommen, wo es keine Städte voller Menschen gibt, die mir Opfer oder erlesene Hekatomben darbrächten? Dennoch mußte ich kommen, denn keiner von uns anderen Göttern kann sich Jupiter widersetzen oder seine Befehle übertreten. Er sagt, du hieltest hier den unseligsten von allen denen, die neun Jahre vor der Stadt des Königs Priamus kämpften und im zehnten Jahre heimsegelten, nachdem sie sie zerstört hatten. Auf der Heimfahrt versündigten sie sich an Minerva, die ihnen Wind und Woge entgegenwarf, so daß all seine tapferen Gefährten umkamen, und er allein ward hierher von Wind und Flut getragen. Jupiter gebietet, daß du diesen Mann sogleich ziehen läßt; denn es ist verfügt, daß er nicht hier umkommen soll, fern von den Seinen, sondern in sein Haus und Land zurückkehren und seine Freunde wiedersehen soll.“
Kalypso erbebte vor Zorn, als sie dies hörte. „Ihr Götter,“ rief sie aus, „solltet euch schämen. Ihr seid stets eifersüchtig und könnt es nicht ertragen, wenn eine Göttin einem sterblichen Manne zugetan ist und in offener Ehe mit ihm lebt. So, als die rosige Morgenröte sich in Orion verliebte, wart ihr armseligen Götter alle wütend, bis Diana hinging und ihn in Ortygia tötete. So auch, als Ceres sich in Iasion verliebte und ihm auf einem dreimal gepflügten Brachfeld nachgab, erfuhr Jupiter es noch gar bald und schlug Iasion mit seinen Blitzstrahlen nieder. Und nun zürnt ihr auch mir, weil ich einen Mann hier halte. Ich fand den armen Wicht ganz allein auf einem Kiel sitzend; denn Jupiter hatte sein Schiff mit dem Blitz getroffen und es mitten im Meer versenkt, so daß seine ganze Mannschaft ertrank, er selbst aber von Wind und Wogen auf meine Insel verschlagen ward. Ich gewann ihn lieb und hegte ihn und hatte mir in den Kopf gesetzt, ihn unsterblich zu machen, auf daß er nimmermehr in seinen Tagen altere; doch kann ich mich Jupiter nicht widersetzen noch seine Ratschlüsse zunichte machen. Besteht er also darauf, so laßt den Mann wieder über das Meer fahren; ich selbst aber kann ihn nirgendwohin senden, denn ich habe weder Schiffe noch Leute, die ihn hinbringen könnten. Dennoch will ich ihm gerne, in gutem Glauben, solchen Rat geben, der ihn wahrscheinlich sicher in seine Heimat bringen wird.“
„So laß ihn denn ziehen,“ sagte Merkur, „oder Jupiter wird mit dir zürnen und dich strafen.“
Darauf nahm er Abschied, und Kalypso ging hinaus, um Odysseus zu suchen, denn sie hatte Jupiters Botschaft vernommen. Sie fand ihn am Strande sitzen, die Augen stets von Tränen gefüllt, sterbend vor bloßer Heimsucht; denn er war Kalypso überdrüssig, und obwohl er gezwungen war, nachts mit ihr in der Grotte zu schlafen, war sie es und nicht er, die es so wollte. Den Tag aber verbrachte er auf den Klippen und am Strande, weinend, laut aufschreiend in seiner Verzweiflung, und stets aufs Meer hinausblickend. Da trat Kalypso dicht zu ihm heran und sprach:
„Armer Mann, du sollst nicht länger hier bleiben, dich grämend und dir das Leben verzehrend. Ich werde dich aus eigenem freien Willen ziehen lassen; geh also, fälle einige Balken Holz und baue dir ein großes Floß mit einem Oberdeck, auf daß es dich sicher über das Meer trage. Ich will Brot, Wein und Wasser an Bord schaffen, damit du nicht verhungerst. Auch will ich dir Kleider geben und dir einen günstigen Wind senden, der dich heimbringt, wenn es so der Wille der Götter im Himmel ist – denn sie verstehen mehr von diesen Dingen und können sie besser entscheiden als ich.“
Odysseus schauderte, als er dies vernahm. „O Göttin,“ erwiderte er, „hier steckt etwas dahinter; du kannst es nicht wirklich meinen, mir zur Heimkehr zu helfen, wenn du mich heißt, etwas so Schreckliches zu tun, wie mich auf einem Floß aufs Meer zu begeben. Nicht einmal ein gut ausgerüstetes Schiff könnte mit günstigem Wind sich an eine so weite Fahrt wagen; was immer du auch sagst oder tust, nichts soll mich dazu bringen, mich an Bord eines Floßes zu begeben, es sei denn, du schwörst mir feierlich, daß du mir kein Leid zufügst.“
Kalypso lächelte hierüber und liebkoste ihn mit ihrer Hand: „Du weißt gar viel,“ sprach sie, „doch hier irrst du dich völlig. Himmel oben und Erde unten seien meine Zeugen, samt den Wassern des Styx – und dies ist der feierlichste Eid, den ein seliger Gott schwören kann –, daß ich dir keinerlei Leid zufüge und dir nur rate, genau das zu tun, was ich selbst an deiner Stelle täte. Ich handle ganz aufrichtig mit dir; mein Herz ist nicht von Eisen, und ich bin dir sehr zugetan.“
Als sie so gesprochen hatte, schritt sie rasch vor ihm her, und Odysseus folgte ihren Schritten; so gingen das göttliche Paar und der Mann immer weiter, bis sie zu Kalypsos Grotte kamen, wo Odysseus den Sitz einnahm, den Merkur eben verlassen hatte. Kalypso setzte ihm Speise und Trank vor von der Nahrung, die Sterbliche essen; ihre Mägde aber brachten Ambrosia und Nektar für sie selbst, und sie langten zu den guten Dingen, die vor ihnen standen. Als sie sich an Speise und Trank gelabt hatten, sprach Kalypso:
„Odysseus, edler Sohn des Laertes, so willst du denn sogleich heim in dein Land? Glück auf den Weg! Wenn du nur wüßtest, wie viel Leid dir noch bevorsteht, eh du in dein Land zurückkehrst – du würdest bleiben, wo du bist, mit mir hausen und dich unsterblich machen lassen, wie sehr du auch danach verlangen magst, dein Weib zu sehen, an das du Tag für Tag denkst; und doch schmeichle ich mir, keinen Geringeren an Wuchs und Schönheit zu sein als sie; denn man darf nicht erwarten, daß eine sterbliche Frau an Schönheit einer unsterblichen gleiche.“
„Göttin,“ erwiderte Odysseus, „zürne mir nicht deshalb. Ich weiß sehr wohl, daß mein Weib Penelope bei weitem nicht so groß und schön ist wie du. Sie ist nur eine Sterbliche, du aber bist unsterblich. Dennoch will ich heim, und an nichts anderes kann ich denken. Wenn ein Gott mich auf dem Meere zerschellt, will ich es tragen und das Beste daraus machen. Schon unendliche Mühsal habe ich zu Land und zur See erduldet, so mag auch diese mit dem übrigen gehen.“
Bald ging die Sonne unter, und es ward dunkel; da zogen sich die beiden in den inneren Teil der Grotte zurück und gingen zur Ruhe.
Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, legte Odysseus sein Hemd und seinen Mantel an, die Göttin aber trug ein Kleid von leichtem, gazeartigem Stoff, sehr fein und anmutig, mit einem schönen goldenen Gürtel um die Taille und einem Schleier, der ihr Haupt bedeckte. Sogleich ging sie daran zu denken, wie sie Odysseus auf seine Reise fördern könne. So gab sie ihm eine große erzene Axt, die seinen Händen wohl anstand; sie war auf beiden Seiten geschärft und hatte einen schönen, fest mit ihr verbundenen Stiel aus Olivenholz. Auch gab sie ihm ein scharfes Querbeil, und dann führte ihn den Weg zum fernen Ende der Insel, wo die größten Bäume wuchsen – Erlen, Pappeln und Pinien, die bis zum Himmel reichten –, sehr trocken und gut abgelagert, damit sie ihm im Wasser leicht zu fahren wären. Dann, als sie ihm gezeigt hatte, wo die besten Bäume standen, ging Kalypso heim und ließ ihn schneiden, was er bald vollbracht hatte. Er fällte im ganzen zwanzig Bäume und behobte sie glatt, nach rechter Handwerkersitte rechtwinklig behauend. Unterdessen kam Kalypso mit einigen Bohrern zurück, und so bohrte er Löcher und fügte die Hölzer mit Bolzen und Nieten zusammen. Er machte das Floß so breit, wie ein geschickter Schiffszimmermann den Balken eines großen Fahrzeugs macht, und befestigte oben auf den Rippen ein Deck und zog ringsum eine Reling. Auch machte er einen Mast mit einer Rah und ein Ruder zum Steuern. Er umgab das Floß ringsum mit geflochtenen Weiden als Schutz gegen die Wogen, und dann schichtete er eine Menge Holz darauf. Bald darauf brachte Kalypso ihm Leinen für die Segel, und auch diese verfertigte er, vortrefflich, und befestigte sie mit Brassen und Schoten. Zuletzt zog er mit Hebeln das Floß ins Wasser hinab.
In vier Tagen hatte er das ganze Werk vollendet, und am fünften entließ ihn Kalypso von der Insel, nachdem sie ihn gewaschen und ihm saubere Kleider gegeben hatte. Sie gab ihm einen Ziegenlederschlauch voll dunklen Weines und einen anderen, größeren, mit Wasser; auch gab sie ihm einen Beutel voll Mundvorrat und versah ihn reichlich mit gutem Fleisch. Dazu machte sie ihm den Wind günstig und warm, und freudig breitete Odysseus sein Segel davor aus, während er saß und das Floß mit dem Ruder geschickt lenkte. Niemals schloß er die Augen, sondern hielt sie unverwandt auf die Plejaden, den spät untergehenden Bootes und den Bären gerichtet – den die Menschen auch den Wagen nennen, und der sich immerfort dreht, dem Orion zugewandt, und allein nie in den Strom des Okeanos taucht – denn Kalypso hatte ihm geheißen, diesen zur Linken zu behalten. Sieben und zehn Tage segelte er übers Meer, und am achtzehnten erschienen die dunklen Umrisse der Berge an der nächsten Stelle der phäakischen Küste, gleich einem Schild am Horizont aufsteigend.
Aber König Neptun, der von den Äthiopiern zurückkehrte, erblickte Odysseus von weitem, von den Bergen der Solymer. Er sah ihn auf dem Meere segeln, und es erzürnte ihn sehr, so daß er den Kopf schüttelte und vor sich hinmurmelte: „Beim Himmel, die Götter haben also ihre Meinung über Odysseus geändert, während ich in Äthiopien war, und nun ist er nahe dem Lande der Phäaken, wo es bestimmt ist, daß er den Unglücksfällen entgehen soll, die ihn betroffen haben. Doch soll er noch reichlich Mühsal haben, bevor er damit fertig ist.“
Darauf sammelte er seine Wolken, ergriff seinen Dreizack, rührte ihn im Meere und entfesselte die Wut jeglichen Windes, der weht, bis Erde, Meer und Himmel in Wolken verhüllt waren und die Nacht aus dem Himmel hervorbrach. Winde aus Ost, Süd, Nord und West fielen ihn alle zugleich an, und eine gewaltige See erhob sich, so daß Odysseus das Herz zu sinken begann. „Ach,“ sprach er zu sich selbst in seinem Schrecken, „was wird nur aus mir werden? Ich fürchte, Kalypso hatte recht, als sie sagte, ich werde auf dem Meer noch Drangsal leiden, bevor ich heimkäme. Es alles trifft ein. Wie schwarz färbt Jupiter den Himmel mit seinen Wolken, und was für eine See fachen die Winde von allen Seiten zugleich an. Nun bin ich sicher verloren. Selig und dreimal selig waren jene Danaer, die vor Troja fielen um der Söhne des Atreus willen. Ach, daß ich doch an dem Tage erschlagen worden wäre, als die Trojaner mich so hart um den Leichnam des Achilleus bedrängten; dann hätte man mich gebührlich bestattet, und die Achaier hätten meinen Namen geehrt; nun aber scheint mir ein jämmerlichstes Ende bevorzustehen.“
Während er so sprach, brach eine Woge mit so entsetzlicher Wut über ihm zusammen, daß das Floß von neuem schaukelte und er weit über Bord getragen wurde. Er ließ das Steuerruder fahren, und die Gewalt des Orkans war so groß, daß sie den Mast in der Mitte zerbrach und sowohl Segel als Rah ins Meer flogen. Lange Zeit war Odysseus unter Wasser, und es kostete ihn alle Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen, da ihn die Kleider beschwerten, die Kalypso ihm gegeben hatte; doch zuletzt brachte er den Kopf über Wasser und spie die bittere Salzflut aus, die ihm in Strömen übers Gesicht lief. Trotz all dessen aber verlor er sein Floß nicht aus den Augen, sondern schwamm so schnell er konnte darauf zu, ergriff es und kletterte wieder an Bord, um nicht zu ertrinken. Das Meer erfaßte das Floß und schleuderte es umher wie Herbstwinde Distelwolle auf einer Straße im Kreise wirbeln. Es war, als spielten Süd, Nord, Ost und West alle zugleich Federball mit ihm.
In dieser Not erblickte ihn Ino, die Tochter des Kadmos, die auch Leukothea heißt. Sie war vordem eine bloße Sterbliche gewesen, war aber seither zur Meeresgöttin erhoben worden. Als sie sah, in welcher großen Bedrängnis Odysseus nun war, jammerte sie seiner, und wie eine Möwe sich aus den Wogen erhebend, setzte sie sich auf das Floß.
„Armer guter Mann,“ sprach sie, „warum ist Neptun so rasend wütend auf dich? Er fügt dir viel zu, doch bei all seinem Toben wird er dich nicht töten. Du scheinst ein verständiger Mensch zu sein, tu also, wie ich dir gebiete: entkleide dich, überlaß dein Floß dem Winde und schwimme zur phäakischen Küste, wo besseres Glück deiner wartet. Und hier, nimm meinen Schleier und binde ihn um deine Brust; er ist verzaubert, und kein Leid kann dich treffen, solange du ihn trägst. Sobald du Land berührst, nimm ihn ab, wirf ihn so weit du kannst ins Meer zurück und geh dann deines Weges.“ Mit diesen Worten nahm sie ihren Schleier ab und gab ihn ihm. Dann tauchte sie wieder wie eine Möwe nieder und verschwand in den dunkelblauen Fluten.
Odysseus aber wußte nicht, was er denken sollte. „Ach,“ sprach er zu sich selbst in seinem Schrecken, „dies ist nur die eine oder andere der Götter, die mich ins Verderben lockt, indem sie mir rät, mein Floß zu verlassen. Jedenfalls will ich es jetzt noch nicht tun; denn das Land, wo sie sagt, ich solle aller Drangsal ledig sein, scheint immer noch gute Wegstrecke entfernt. Ich weiß, was ich tun werde – das ist sicher das beste –: was immer auch geschieht, ich will beim Floß bleiben, solange seine Planken zusammenhalten; wenn aber die See es zertrümmert, will ich um mein Leben schwimmen; ich sehe nicht, wie ich es besser machen könnte.“
Während er so zwischen zwei Entschlüssen schwankte, sandte Neptun eine entsetzlich große Woge, die sich über seinem Haupt aufzutürmen schien, bis sie mitten über dem Floß zusammenbrach, das dann in Stücke ging, als wäre es ein Haufen trockener Spreu, den ein Wirbelwind umhertreibt. Odysseus setzte sich rittlings auf ein Brett und ritt darauf wie auf einem Pferd; dann zog er die Kleider aus, die Kalypso ihm gegeben hatte, band sich Inos Schleier unter den Armen fest und stürzte sich ins Meer – entschlossen, ans Ufer zu schwimmen. König Neptun beobachtete ihn dabei, schüttelte den Kopf, murmelte vor sich hin und sprach: „Nun gut, schwimme auf und nieder, wie du am besten kannst, bis du auf wohlsituierte Leute stößt. Ich glaube nicht, daß du sagen wirst, ich habe dich zu glimpflich davongehen lassen." Darauf peitschte er seine Rosse und fuhr nach Aigai, wo sein Palast steht.
Doch Minerva beschloß, dem Odysseus zu helfen, und so fesselte sie die Wege aller Winde bis auf einen und hieß sie ganz still liegen; allein sie weckte einen kräftigen, steifen Nordwind, der die Wasser glätten sollte, bis Odysseus das Land der Phäaken erreichte, wo er in Sicherheit sein würde.
Darauf trieb er zwei Nächte und zwei Tage lang auf dem Wasser umher, mit schwerer Dünung über dem Meer und dem Tod ins Angesicht starrend; doch als der dritte Tag anbrach, fiel der Wind, und es herrschte eine vollkommene Windstille, ohne daß sich auch nur ein Hauch regte. Als er sich auf der Woge hob, spähte er eifrig voraus und konnte Land ganz in der Nähe erkennen. Dann aber, wie Kinder sich freuen, wenn ihr lieber Vater nach langem schwerem Leiden, das ihm ein zürnender Geist auferlegt, endlich genesen will und die Götter ihn vom Übel erretten, so war Odysseus dankbar, als er wieder Land und Bäume sah, und schwamm mit aller Kraft, um noch einmal festen Boden unter die Füße zu bekommen. Als er jedoch in Hörweite kam, begann er die Brandung zu hören, die donnernd gegen die Felsen schlug, denn die Dünung brach sich noch immer mit fürchterlichem Getöse an ihnen. Alles war in Gischt gehüllt; es gab keine Häfen, wo ein Schiff hätte ankern können, noch irgendeinen Schutz, sondern nur Vorgebirge, flache Klippen und Berggipfel.
Odysseus' Herz begann nun zu versagen, und er sprach verzweifelt zu sich selbst: „Ach, Jupiter hat mich Land sehen lassen, nachdem ich so weit geschwommen bin, daß ich alle Hoffnung aufgegeben hatte; aber ich finde keine Landungsstelle, denn die Küste ist felsig und brandungsgepeitscht, die Felsen sind glatt und steigen senkrecht aus dem Meer auf, mit tiefem Wasser dicht unter ihnen, so daß ich nicht aus dem Wasser klettern kann, weil mir der Halt fehlt. Ich fürchte, eine gewaltige Woge wird mir die Beine wegziehen und mich gegen die Felsen schleudern, wenn ich das Wasser verlasse – das wäre eine schlimme Landung. Wenn ich dagegen weiter schwimme auf der Suche nach einem flachen Strand oder Hafen, kann ein Sturm mich erneut aufs Meer hinaus reißen, sehr gegen meinen Willen, oder der Himmel mag mir ein großes Ungeheuer der Tiefe schicken, das mich angreift; denn Amphitrite zeugt viele solcher, und ich weiß, daß Neptun sehr zornig auf mich ist."
Während er so zwischen zwei Möglichkeiten schwankte, erfaßte ihn eine Woge und trug ihn mit solcher Gewalt gegen die Felsen, daß er zermalmt und in Stücke gerissen worden wäre, hätte Minerva ihm nicht gezeigt, was zu tun war. Er ergriff den Fels mit beiden Händen und klammerte sich stöhnend vor Schmerz an ihn, bis die Woge zurückwich; so war er diesmal gerettet; doch bald kam die Woge wieder und trug ihn mit ihr weit zurück ins Meer – wobei sie ihm die Hände aufriß, wie die Saugnäpfe eines Polypen abreißen, wenn jemand ihn aus seinem Lager zieht und die Steine mit ihm hochkommen – ebenso rissen die Felsen die Haut von seinen starken Händen, und dann zog die Woge ihn tief unter das Wasser hinab.
Hier wäre der arme Odysseus sicherlich umgekommen, selbst gegen sein eigenes Schicksal, hätte Minerva ihm nicht geholfen, seinen Verstand zu bewahren. Er schwamm wieder seewärts, außerhalb der Brandung, die gegen das Land schlug, und zugleich blickte er immer wieder zur Küste, ob er einen sicheren Hafen finden oder eine Landzunge, die die Wellen schräg nehmen könnten. Nach und nach, während er weiterschwamm, kam er zur Mündung eines Flusses, und hier, dachte er, wäre der beste Platz, denn es gab keine Felsen, und der Ort bot Schutz vor dem Wind. Er spürte, daß es eine Strömung gab, darum betete er in sich und sprach:
„Höre mich, o König, wer immer du auch sein magst, und rette mich vor dem Zorn des Meergottes Neptun, denn ich nahe dir als Bittender. Wer immer sich verirrt hat, hat zu jeder Zeit ein Recht selbst auf die Götter, weshalb ich in meiner Not zu deinem Strome komme und mich an die Knie deiner Flußgottheit klammere. Erbarme dich meiner, o König, denn ich erkläre mich zu deinem Schützling."
Da hielt der Gott seinen Strom an und stillte die Wellen, machte alles still vor ihm und brachte ihn sicher in die Flußmündung. Hier endlich versagten Odysseus die Knie und die starken Hände, denn das Meer hatte ihn völlig gebrochen. Sein Körper war ganz geschwollen, und aus Mund und Nase floß ihm das Salzwasser in Strömen, so daß er weder atmen noch sprechen konnte und ohnmächtig dalag, vor lauter Erschöpfung; bald aber, als er wieder zu Atem kam und zur Besinnung, da nahm er den Schleier ab, den Ino ihm gegeben hatte, und warf ihn zurück in den salzigen Strom des Flusses, worauf Ino ihn aus der Welle, die ihn zu ihr hintrug, mit ihren Händen entgegennahm. Dann verließ er den Fluß, legte sich unter die Binsen und küßte die freigebige Erde.
„Ach," rief er bei sich in seinem Schrecken, „was soll nur aus mir werden, und wie soll das alles enden? Wenn ich hier auf dem Flußbett durch die langen Wachen der Nacht bleibe, bin ich so erschöpft, daß die bittere Kälte und Feuchtigkeit mich umbringen mögen – denn gegen Sonnenaufgang wird ein scharfer Wind vom Fluß her wehen. Wenn ich dagegen den Hügel hinaufsteige, Schutz im Walde suche und in einem Dickicht schlafe, mag ich der Kälte entgehen und eine gute Nachtruhe haben, aber ein wildes Tier könnte mich überfallen und verschlingen."
Am Ende hielt er es für das beste, sich in den Wald zu schlagen, und er fand einen auf einer Anhöhe unweit des Wassers. Dort kroch er unter zwei Triebe eines Ölbaums, die aus einem einzigen Stamm wuchsen – der eine ein wilder Schößling, der andere gepfropft. Kein Wind, und stürmte er noch so sehr, konnte durch ihr Dach brechen, noch konnten die Strahlen der Sonne sie durchdringen, noch der Regen sie durchwehen, so dicht wuchsen sie ineinander. Odysseus kroch darunter und begann, sich ein Lager zu bereiten, denn es lag eine große Streu von totem Laub umher – genug, um selbst im harten Winter zwei oder drei Menschen zu bedecken. Er war froh genug, dies zu sehen, also legte er sich nieder und schichtete das Laub rings um sich auf. Dann aber, wie einer, der einsam auf dem Lande lebt, fern von jedem Nachbarn, einen Brand als Feuersaat in der Asche verbirgt, um sich die Mühe zu ersparen, anderswo Feuer zu holen, ebenso deckte sich Odysseus mit dem Laub zu; und Minerva goß süßen Schlaf auf seine Augen, schloß seine Lider und ließ ihn alle Erinnerung an seine Leiden vergessen.
SECHTES BUCH
DIE BEGEGNUNG ZWISCHEN NAUSIKAA UND ODYSSEUS.
Hier schlief Odysseus also, von Schlaf und Mühsal überwältigt; Minerva aber ging hin fort in das Land und die Stadt der Phäaken – ein Volk, das einst in der schönen Stadt Hyperia wohnte, nahe bei den gesetzlosen Kyklopen. Die Kyklopen nun waren stärker als sie und plünderten sie aus, darum siedelte ihr König Nausithoos sie von dort fort und ließ sie in Scheria nieder, fern von allen anderen Menschen. Er umgab die Stadt mit einer Mauer, erbaute Häuser und Tempel und verteilte die Ländereien unter sein Volk; doch er war tot und in des Hades Haus gegangen, und König Alkinoos, dessen Ratschläge vom Himmel eingegeben waren, herrschte nun. Zu seinem Hause nun eilte Minerva, um die Heimkehr des Odysseus zu fördern.
Sie ging schnurstracks in das schön geschmückte Schlafgemach, in welchem ein Mädchen schlief, das so lieblich war wie eine Göttin, Nausikaa, die Tochter des Königs Alkinoos. Zwei Dienerinnen schliefen in ihrer Nähe, beide sehr hübsch, eine zu jeder Seite der Tür, die mit gut gearbeiteten Flügeltüren geschlossen war. Minerva nahm die Gestalt der Tochter des berühmten Seekapitäns Dymas an, die eine Busenfreundin der Nausikaa und genau in ihrem Alter war; dann trat sie ans Bett des Mädchens wie ein Windhauch, schwebte über ihrem Haupt und sprach:
„Nausikaa, was ist nur in deine Mutter gefahren, daß sie eine so faule Tochter hat? Da liegen all deine Kleider in Unordnung, und dabei wirst du dich doch bald vermählen und solltest nicht nur selbst gut gekleidet sein, sondern auch gute Kleider für deine Begleiterinnen besorgen. So erwirbt man sich einen guten Namen, und so machst du deinen Vater und deine Mutter stolz. Nimm also an, wir machen morgen einen Waschtag und brechen bei Tagesanbruch auf. Ich werde kommen und dir helfen, so daß du alles so schnell wie möglich bereit hast; denn alle besten jungen Männer aus deinem Volk umwerben dich, und du wirst nicht mehr lange Mädchen bleiben. Bitte also deinen Vater, daß er dir bei Tagesanbruch einen Wagen und Maultiere bereitstellt, für die Teppiche, Gewänder und Gürtel; und du kannst auch mitfahren, was dir viel angenehmer sein wird als zu laufen, denn die Waschbecken sind eine Strecke weit von der Stadt entfernt."
Als sie dies gesagt hatte, ging Minerva fort nach dem Olymp, der, wie man sagt, die ewige Heimat der Götter ist. Hier peitscht kein Wind rauh, und weder Regen noch Schnee können fallen; sondern er verweilt in ewigem Sonnenschein und in großer Friedlichkeit des Lichts, in welchem die seligen Götter auf immer und ewig erleuchtet werden. Dorthin ging die Göttin, nachdem sie dem Mädchen ihre Weisungen gegeben hatte.
Mit der Zeit kam der Morgen und weckte Nausikaa, die über ihren Traum nachzusinnen begann; sie ging daher ans andere Ende des Hauses, um ihrem Vater und ihrer Mutter alles zu erzählen, und fand sie in ihrem eigenen Gemach. Ihre Mutter saß am Herd und spann ihren purpurnen Faden, die Mägde um sie her, und sie traf ihren Vater gerade, als er ausgehen wollte, um an einer Versammlung des Stadtrates teilzunehmen, den die Phäaken-Ältesten einberufen hatten. Sie hielt ihn an und sprach:
„Papa, lieber, könntest du mir einen großen, guten Wagen besorgen? Ich will all unsere schmutzige Wäsche zum Fluß nehmen und sie waschen. Du bist hier der vornehmste Mann, also ist es nur recht, daß du ein sauberes Hemd hast, wenn du zu den Ratsversammlungen gehst. Außerdem hast du fünf Söhne zu Hause, zwei davon verheiratet, die anderen drei aber sind stattliche Junggesellen; du weißt, sie mögen stets saubere Wäsche haben, wenn sie zu einem Tanz gehen, und ich habe an all das gedacht."
Sie sagte kein Wort von ihrer eigenen Hochzeit, denn sie mochte nicht davon reden, doch ihr Vater wußte es und sprach: „Du sollst die Maultiere haben, mein Kind, und was immer du sonst begehren magst. Mach, daß du fortkommst, und die Männer sollen dir einen guten, starken Wagen mit einem Aufbau besorgen, der all deine Kleider faßt."
Darauf gab er den Dienern seine Befehle; diese schafften den Wagen herbei, schirrten die Maultiere an und spannten sie ein, während das Mädchen die Kleider aus dem Wäschezimmer herabbrachte und sie auf den Wagen legte. Ihre Mutter bereitete ihr einen Korb mit Speisen, allerlei guten Dingen, und einen Ziegenlederschlauch voll Wein; das Mädchen stieg nun auf den Wagen, und ihre Mutter gab ihr auch noch ein goldenes Ölfläschchen, daß sie und ihre Frauen sich salben könnten. Dann nahm sie Peitsche und Zügel und trieb die Maultiere an; da setzten sich diese in Trab, und ihre Hufe klapperten auf dem Weg. Sie zogen ohne zu ermatten und trugen nicht nur Nausikaa und ihre Wäscheladung, sondern auch die Mägde, die bei ihr waren.
Als sie zum Wasser kamen, gingen sie zu den Waschbecken, durch die zu jeder Zeit reines Wasser in Fülle floß, um noch so viel Wäsche zu waschen, wie schmutzig sie auch sein mochte. Hier schirrten sie die Maultiere ab und ließen sie auf dem saftigen, süßen Gras weiden, das am Ufer wuchs. Sie nahmen die Kleider aus dem Wagen, tauchten sie ins Wasser und wetteiferten miteinander, sie in den Trögen zu stampfen, um den Schmutz herauszubekommen. Nachdem sie sie gewaschen und ganz sauber hatten, breiteten sie sie am Meeresufer aus, wo die Wellen einen hohen Kieselstrand aufgeworfen hatten, und machten sich daran, sich selbst zu waschen und sich mit Olivenöl zu salben. Darauf hielten sie ihr Mahl am Ufer des Stromes und warteten, bis die Sonne die Wäsche trocknete. Als sie mit dem Essen fertig waren, warfen sie die Schleier ab, die ihre Häupter bedeckten, und begannen, Ball zu spielen, während Nausikaa ihnen vorsang. Wie die Jägerin Diana hinauszieht auf die Berge des Taygetos oder Erymanthus, um wilde Eber oder Hirsche zu jagen, und die Waldnymphen, die Töchter des schildtragenden Jupiter, sich mit ihr vergnügen (dann ist Leto stolz, wenn sie ihre Tochter sieht, die die anderen um Haupteslänge überragt und die Schönste inmitten einer ganzen Schar von Schönen verdunkelt), genau so übertraf das Mädchen seine Mägde.
Als es Zeit wurde, nach Hause aufzubrechen, und sie die Kleider zusammenfalteten und auf den Wagen luden, begann Minerva zu überlegen, wie Odysseus erwachen und das schöne Mädchen sehen sollte, das ihn in die Stadt der Phäaken geleiten würde. Das Mädchen also warf eine der Mägde den Ball zu, der diese verfehlte und ins tiefe Wasser fiel. Darüber schrien sie alle auf, und der Lärm, den sie machten, weckte Odysseus, der sich in seinem Laublager aufrichtete und zu sinnen begann, was das alles sein mochte.
„Ach," sprach er zu sich selbst, „was für Menschen bin ich hier wohl geraten? Sind sie grausam, wild und barbarisch, oder gastfrei und menschlich? Ich glaube, die Stimmen junger Frauen zu hören, und sie klingen wie die der Nymphen, die Berggipfel oder Quellen von Flüssen und Wiesen von grünem Gras bewohnen. Auf jeden Fall bin ich unter einem Geschlecht von Männern und Frauen. Laßt mich versuchen, ob ich nicht einen Blick von ihnen erhaschen kann."
Während er dies sprach, kroch er unter seinem Busch hervor und brach einen Zweig ab, der mit dichten Blättern bedeckt war, um seine Nacktheit zu verbergen. Er glich einem Löwen der Wildnis, der umherstreicht, sich seiner Stärke rühmend und Wind und Regen trotzend; seine Augen glühen, wenn er auf Beute ausgeht, auf Rinder, Schafe oder Hirsche, denn er ist ausgehungert und wird es wagen, selbst in einen wohlummauerten Hof einzubrechen, um an die Schafe zu kommen – genau so erschien Odysseus den jungen Frauen, als er sich ihnen näherte, splitternackt wie er war, denn er litt große Not. Als die anderen einen so Verwilderten sahen, der obendrein noch ganz von Salzwasser verkrustet war, stoben sie aufgeregt davon über die Landzungen, die ins Meer hinausragten; doch die Tochter des Alkinoos stand fest, denn Minerva legte ihr Mut ins Herz und nahm ihr jede Furcht. Sie stand Odysseus direkt gegenüber, und er überlegte, ob er zu ihr hintreten, sich ihr zu Füßen werfen und als Bittender ihre Knie umfassen oder lieber auf Abstand bleiben und sie anflehen solle, ihm Kleider zu geben und ihm den Weg zur Stadt zu zeigen. Am Ende hielt er es für besser, sie aus der Ferne anzuflehen, für den Fall, daß das Mädchen Anstoß nehmen könnte, wenn er nahe genug herankäme, um ihre Knie zu umfassen; darum wandte er sich an sie mit honigsüßen und überredenden Worten.
„O Königin," sprach er, „ich flehe dich um Hilfe an – doch sage mir, bist du eine Göttin oder eine sterbliche Frau? Bist du eine Göttin und wohnst im Himmel, so kann ich nur vermuten, daß du Jupiters Tochter Diana bist, denn Antlitz und Gestalt gleichen niemandem als ihr; bist du dagegen eine Sterbliche und lebst auf Erden, dreifach glücklich sind dein Vater und deine Mutter – dreifach glücklich auch deine Brüder und Schwestern; wie stolz und entzückt müssen sie sein, wenn sie so holden Sprößling wie dich zum Tanze gehen sehen; am glücklichsten jedoch wird jener sein, dessen Hochzeitsgaben am reichlichsten waren und der dich heimführt in sein Haus. Niemals sah ich noch einen so Schönen, weder Mann noch Frau, und ich gerate in Staunen, wenn ich dich betrachte. Ich kann dich nur mit einer jungen Palme vergleichen, die ich sah, als ich auf Delos war, nahe beim Altar Apollos – denn auch dort war ich, mit viel Volk hinter mir, auf jener Reise, die die Quelle all meiner Leiden gewesen ist. Niemals noch schoß ein solcher junger Trieb aus dem Boden wie jener, und ich bewunderte und staunte über ihn, genau wie ich jetzt über dich staune und bewundere. Ich wage nicht, deine Knie zu umfassen, doch ich bin in großer Not; gestern war der zwanzigste Tag, daß ich auf dem Meere umhergetrieben wurde. Die Winde und Wogen haben mich den ganzen Weg von der Ogygischen Insel hierher getragen, und nun hat das Schicksal mich an diese Küste geworfen, daß ich weiteres Leid erdulde; denn ich glaube nicht, daß ich schon am Ende bin, sondern vielmehr, daß der Himmel noch viel Übles für mich bereithält.
„Und nun, o Königin, erbarme dich meiner; denn du bist die erste Person, der ich begegne, und ich kenne sonst niemand in diesem Land. Zeig mir den Weg zu deiner Stadt, und laß mich haben, was immer du mit hierhergebracht hast, um deine Kleider darin zu wickeln. Möge der Himmel dir in allen Dingen gewähren, was dein Herz begehrt – Gatten, Haus und ein glückliches, friedliches Heim; denn es gibt nichts Besseres in dieser Welt, als daß Mann und Frau in einem Hause eines Sinnes sind. Das bringt ihre Feinde zum Schweigen, erfreut das Herz ihrer Freunde, und sie selbst wissen es besser als irgendein anderer."
Hierauf antwortete Nausikaa: „Fremdling, du scheinst mir ein verständiger und gut gesinnter Mensch zu sein. Man kann das Glück nicht ergründen; Jupiter gibt Reichen wie Armen Gedeihen, ganz wie er will, darum mußt du hinnehmen, was er für gut befunden hat dir zu schicken, und das Beste daraus machen. Nun aber, da du in unser Land gekommen bist, soll es dir weder an Kleidern fehlen noch an irgendetwas sonst, das ein Fremder in Not billigerweise erwarten darf. Ich werde dir den Weg zur Stadt zeigen und dir den Namen unseres Volkes nennen; wir werden Phäaken genannt, und ich bin die Tochter des Alkinoos, in dem die ganze Macht des Staates liegt."
Dann rief sie ihre Mägde und sprach: „Bleibt, wo ihr seid, ihr Mädchen. Könnt ihr nicht einen Mann sehen, ohne vor ihm davonzulaufen? Haltet ihr ihn für einen Räuber oder einen Mörder? Weder er noch irgendein anderer kann hierherkommen, um uns Phäaken Schaden zuzufügen; denn wir sind den Göttern lieb und wohnen abgesondert auf einem Vorgebirge, das in das tosende Meer hinausragt, und haben mit keinem anderen Volk etwas zu schaffen. Dies ist nur ein armer Mann, der sich verirrt hat, und wir müssen freundlich zu ihm sein; denn Fremde und Hilfesuchende stehen unter Jupiters Obhut, und sie nehmen, was sie kriegen können, und sind dankbar; darum, Mädchen, gebt dem armen Kerl etwas zu essen und zu trinken, und wascht ihn im Strom an einer Stelle, die vor dem Wind geschützt ist."
Da hörten die Mägde auf fortzulaufen und begannen einander zurückzurufen. Sie ließen Odysseus sich im Schutz niederlassen, wie Nausikaa ihnen gesagt hatte, und brachten ihm ein Hemd und einen Mantel. Sie brachten ihm auch das kleine goldene Ölfläschchen und hießen ihn zum Fluß gehen und sich waschen. Doch Odysseus sprach: „Junge Frauen, bitte tretet ein wenig zur Seite, daß ich den Salzschaum von meinen Schultern waschen und mich mit Öl salben kann; denn es ist lange her, daß meine Haut auch nur einen Tropfen Öl gesehen hat. Ich kann mich nicht waschen, solange ihr alle dort stehen bleibt. Ich schäme mich, mich vor einer Schar so hübscher junger Frauen zu entkleiden."
Da traten sie zur Seite und gingen, es dem Mädchen zu melden; Odysseus aber wusch sich im Strome und scheuerte den Salzschaum von seinem Rücken und seinen breiten Schultern. Als er sich nunmehr gründlich gewaschen und das Salzwasser aus den Haaren entfernt hatte, salbte er sich mit Öl und legte die Gewänder an, die das Mädchen ihm gegeben hatte; Minerva aber ließ ihn höher und stärker erscheinen als zuvor; auch ließ sie das Haar auf seinem Haupte dicht hervorsprießen und in Locken herabfallen gleich Hyazinthenblüten; sie verherrlichte ihn an Haupt und Schultern, wie ein kunstreicher Meister, der unter Vulkan und Minerva jegliche Kunst erlernt hat, ein silbernes Gerät mit Gold zu zieren — und sein Werk ist voll Schönheit. Dann ging er und setzte sich ein wenig abseits am Strande nieder, gar jugendlich und schön anzuschauen, und das Mädchen betrachtete ihn voll Bewunderung; darauf sprach es zu seinen Mägden:
„Still, meine Lieben, ich möchte euch etwas sagen. Ich glaube, die Götter, die im Himmel wohnen, haben diesen Mann zu den Phäaken gesandt. Als ich ihn zuerst erblickte, dachte ich, er sei unansehnlich, doch nun gleicht sein Aussehen dem der Götter, die im Himmel wohnen. Ich möchte, daß mein künftiger Gatte ebenso beschaffen wäre wie er, wenn er nur hier bleiben und nicht fortziehen wollte. Doch gebt ihm zu essen und zu trinken."
Sie taten, wie ihnen geheißen, und setzten Odysseus Speise vor; er aber aß und trank mit heißem Hunger, denn es war lange her, daß er irgendwelche Nahrung zu sich genommen hatte. Unterdessen gedachte Nausikaa noch eines anderen. Sie ließ die Wäsche falten und auf den Wagen legen, spannte die Maultiere an und sprach, als sie Platz nahm, zu Odysseus:
„Fremdling," sprach sie, „erhebe dich und laß uns zur Stadt zurückkehren; ich will dich im Hause meines vortrefflichen Vaters einführen, wo du, das kann ich dir sagen, die angesehensten unter den Phäaken alle treffen wirst. Doch tu ja, wie ich dir gebiete, denn du scheinst ein verständiger Mann zu sein. Solange wir an Feldern und Ackern vorbeifahren, folge rasch hinter dem Wagen mit den Mägden, und ich will den Weg selbst anführen. Bald aber werden wir zur Stadt kommen, wo du eine hohe Mauer ringsum laufen siehst, auch einen guten Hafen zu beiden Seiten mit einer schmalen Einfahrt in die Stadt, und die Schiffe werden am Wege aufgezogen, denn jeder hat seinen eigenen Platz, wo sein Schiff liegen kann. Du wirst den Marktplatz sehen mit einem Tempel des Neptun in seiner Mitte, mit großen, in die Erde eingefügten Steinen gepflastert. Hier handelt man mit Schiffsgerät aller Art, Tauen und Segeln, und hier sind auch die Stätten, wo die Ruder verfertigt werden; denn die Phäaken sind kein Volk von Bogenschützen, sie verstehen nichts von Bogen und Pfeilen, sondern sind ein seemännisches Volk und rühmen sich ihrer Masten, Ruder und Schiffe, mit denen sie weit über das Meer fahren.
„Ich fürchte das Gerede und den Skandal, den man später gegen mich ins Werk setzen könnte; denn die Leute hier sind sehr bösartig, und irgendein niedriger Gesell, wenn er uns träfe, könnte sagen: ‚Wer ist dieser feine Fremdling, der da mit Nausikaa einhergeht? Wo hat sie ihn aufgefunden? Ich denke, sie will ihn heiraten. Vielleicht ist er ein fahrender Schiffer, den sie von irgendeinem fremden Schiffe genommen hat; denn wir haben keine Nachbarn; oder ein Gott ist endlich vom Himmel herabgekommen auf ihr Gebet, und sie wird den Rest ihres Lebens mit ihm zubringen. Es wäre gut, wenn sie sich davonmachte und anderswo einen Gatten fände; denn sie wird keinen der vielen vortrefflichen jungen Phäaken anschauen, die in sie verliebt sind.' Das ist die Art herabsetzender Rede, die man über mich führen würde, und ich könnte mich nicht beklagen; denn ich selbst wäre empört, wenn ich ein anderes Mädchen ebenso handeln und sich vor aller Welt Augen mit Männern herumtreiben sähe, während ihr Vater und ihre Mutter noch leben und ohne daß sie in aller Form vermählt worden wäre.
„Willst du daher, daß mein Vater dir ein Geleit gibt und dir nach Hause hilft, so tu, wie ich dir gebiete; du wirst einen schönen Pappelhain am Wege sehen, der Minerva geweiht ist; ein Brunnen ist darin und eine Wiese ringsum. Hier hat mein Vater ein Stück reichen Gartenlandes, so weit von der Stadt entfernt, als die Stimme eines Mannes reicht. Setze dich dort nieder und warte eine Weile, bis wir übrigen in die Stadt gelangen und das Haus meines Vaters erreichen können. Wenn du dann glaubst, daß wir so weit sein müssen, so geh in die Stadt und frage nach dem Wege zum Hause meines Vaters Alkinoos. Du wirst es leicht finden; jedes Kind wird dir den Weg weisen, denn niemand in der ganzen Stadt hat ein so prächtiges Haus wie er. Wenn du durch die Tore und durch den äußeren Hof gegangen bist, so schreite quer durch den inneren Hof, bis du zu meiner Mutter kommst. Du wirst sie am Feuer sitzen und im Feuerschein ihre purpurne Wolle spinnen finden. Es ist ein schöner Anblick, sie zu sehen, wie sie sich an einen der Tragpfeiler lehnt, während die Mägde alle hinter ihr gereiht stehen. Dicht neben ihrem Sitze steht derjenige meines Vaters, auf dem er sitzt und zecht wie ein unsterblicher Gott. Kümre dich nicht um ihn, sondern tritt vor meine Mutter und lege deine Hände auf ihre Knie, wenn du bald nach Hause gelangen willst. Gewinnst du sie für dich, so darfst du hoffen, dein eigenes Land wiederzusehen, mag es auch noch so fern sein."
So sprach sie, schlug die Maultiere mit der Peitsche, und sie verließen den Fluß. Die Maultiere zogen tüchtig, und ihre Hufe hoben und senkten sich auf dem Wege. Sie gab acht, nicht zu schnell für Odysseus und die Mägde zu fahren, die zu Fuß dem Wagen folgten; darum führte sie die Peitsche mit Bedacht. Als die Sonne untergehen wollte, kamen sie zum heiligen Hain der Minerva, und Odysseus setzte sich dort nieder und betete zur mächtigen Tochter des Zeus.
„Höre mich," rief er, „Tochter des schildtragenden Zeus, unermüdliche, höre mich jetzt, denn du hast mein Flehen nicht beachtet, als Neptun mich zerschmetterte. Darum erbarme dich nun mein und gewähre, daß ich Freunde finde und von den Phäaken gastlich aufgenommen werde."
Also betete er, und Minerva erhörte sein Gebet, doch sie wollte sich ihm nicht offen zeigen, denn sie fürchtete ihren Oheim Neptun, der noch immer in seinem Zorne eiferte, Odysseus an der Heimkehr zu hindern.
SIEBENTES BUCH
WIE ODYSSEUS IM PALASTE DES KÖNIGS ALKINOOS AUFGENOMMEN WIRD.
So wartete und betete Odysseus; das Mädchen aber fuhr weiter zur Stadt. Als sie das Haus ihres Vaters erreichte, hielt sie am Tore, und ihre Brüder — göttergleich an Schönheit — traten herzu, nahmen die Maultiere aus dem Wagen und trugen die Kleider ins Haus; sie selbst aber ging in ihre Kammer, wo eine alte Dienerin, Eurymedusa aus Apeira, ihr das Feuer anzündete. Diese Alte war über See aus Apeira herbeigebracht und Alkinoos als Preis zugesprochen worden, weil er König über die Phäaken war und das Volk ihm gehorchte, als wäre er ein Gott. Sie hatte Nausikaa einst als Amme gepflegt und zündete ihr nun das Feuer an und trug ihr das Nachtmahl in ihre Kammer.
Unterdessen machte sich Odysseus auf, um zur Stadt zu gehen; Minerva aber breitete rings um ihn einen dichten Nebel, ihn zu verbergen, damit keiner der stolzen Phäaken, die ihm begegneten, ihm unhöflich begegne oder ihn frage, wer er sei. Als er eben in die Stadt eintrat, kam sie ihm in der Gestalt eines kleinen Mädchens entgegen, das einen Wasserkrug trug. Sie trat gerade vor ihn hin, und Odysseus sprach:
„Mein Kind, sei so gut und zeige mir das Haus des Königs Alkinoos. Ich bin ein unglücklicher Fremdling in Not und kenne niemand in eurer Stadt und eurem Lande."
Da sprach Minerva: „Ja, teurer Fremdling, ich will dir das Haus zeigen, das du suchst; denn Alkinoos wohnt ganz in der Nähe meines eigenen Vaters. Ich will vorangehen und dir den Weg weisen, aber sprich kein Wort, wenn du gehst, und schaue keinen Mann an und frage ihn nicht; denn die Leute hier können Fremdlinge nicht leiden und mögen keine Männer, die von anderswoher kommen. Sie sind ein seemännisches Volk und fahren die Meere mit Gunst des Neptun in Schiffen, die gleiten wie der Gedanke oder ein Vogel in der Luft."
Hierauf ging sie voran, und Odysseus folgte ihr auf dem Fuße; aber kein einziger der Phäaken konnte ihn sehen, wie er mitten unter ihnen die Stadt durchschritt; denn die große Göttin Minerva hatte ihn in ihrer Huld zu ihm in eine dichte Wolke von Dunkel gehüllt. Er bewunderte ihre Häfen, Schiffe, Versammlungsplätze und die hohen Mauern der Stadt, die mit der Palisade obendrauf einen gewaltigen Eindruck machten; und als sie das Haus des Königs erreichten, sprach Minerva:
„Dies ist das Haus, teurer Fremdling, das du dir zeigen lassen wolltest. Du wirst eine Anzahl großer Herren bei Tische finden, doch fürchte dich nicht; geh gerade hinein; denn je kühner ein Mann ist, desto eher setzt er seinen Willen durch, auch wenn er ein Fremdling ist. Suche zuerst die Königin auf. Ihr Name ist Arete, und sie stammt aus demselben Geschlecht wie ihr Gatte Alkinoos. Beide stammen ursprünglich von Neptun ab, der Vater des Nausithoos war durch Periboea, eine Frau von großer Schönheit. Periboea war die jüngste Tochter des Eurymedon, der einst über die Riesen herrschte, aber er brachte sein unseliges Volk zugrunde und kam auch selbst dabei um.
„Neptun aber zeugte mit seiner Tochter einen Sohn, den gewaltigen Nausithoos, der über die Phäaken herrschte. Nausithoos hatte zwei Söhne, Rhexenor und Alkinoos; Apollon tötete den ersten von ihnen, als er noch Bräutigam war und ohne männliche Nachkommen; er hinterließ aber eine Tochter Arete, die Alkinoos heiratete und die er ehrt wie keine andere Frau geehrt wird von allen, die mit ihren Männern Haus halten.
„So war und wird sie auch über die Maßen geachtet von ihren Kindern, von Alkinoos selbst und vom ganzen Volke, das sie als Göttin betrachtet und sie grüßt, wo immer sie in der Stadt einhergeht; denn sie ist eine gründlich gute Frau an Verstand und Herz, und wenn Frauen mit ihr befreundet sind, hilft sie auch ihren Männern, ihre Streitigkeiten beizulegen. Kannst du ihre Gunst gewinnen, so darfst du hoffen, deine Freunde wiederzusehen und wohlbehalten in deine Heimat und dein Land zu gelangen."
Dann verließ Minerva Scheria und fuhr über das Meer hinweg. Sie ging nach Marathon und in die geräumigen Straßen Athens, wo sie in die Wohnung des Erechtheus trat; Odysseus aber ging weiter zum Hause des Alkinoos, und er sann viel nach, als er ein Weilchen inne hielt, ehe er die Schwelle aus Erz erreichte; denn die Pracht des Palastes glich der Sonne oder dem Monde. Die Wände zu beiden Seiten waren von Ende zu Ende aus Erz, und der Sims war von blauem Schmelzwerk. Die Türen waren golden und hingen an Pfeilern aus Silber, die sich aus einem Boden aus Erz erhoben, während der Türsturz silbern und der Türhaken golden war.
Zu beiden Seiten standen goldene und silberne Kettenhunde, die Vulkan mit seiner vollendeten Kunst eigens dazu gebildet hatte, den Palast des Königs Alkinoos zu bewachen; so waren sie unsterblich und konnten niemals altern. Sitze waren an der Wand entlang aufgereiht, hier und da von einem Ende zum andern, mit Überzügen aus feiner Webarbeit, die die Frauen des Hauses hergestellt hatten. Hier pflegten die vornehmsten Männer der Phäaken zu sitzen, zu essen und zu trinken, denn es war zu allen Zeiten Überfluß; und es standen goldene Gestalten junger Männer mit brennenden Fackeln in den Händen auf Postamenten, um nachts den Schmausenden Licht zu spenden. Es sind fünfzig Mägde im Hause, deren einige stets das reiche goldene Korn an der Mühle mahlen, während andere an dem Webstuhle arbeiten oder sitzen und spinnen, und ihre Spindeln gehen hin und her gleich dem Flattern von Espenlaub, während das Linnen so dicht gewebt ist, daß es Öl abhält. Wie die Phäaken die besten Schiffer der Welt sind, so übertreffen ihre Frauen alle anderen im Weben; denn Minerva hat sie allerlei nützliche Künste gelehrt, und sie sind sehr verständig.
Draußen vor dem Tore des äußeren Hofes liegt ein großer Garten von etwa vier Morgen mit einer Mauer ringsum. Er ist voll schöner Bäume — Birnen, Granatäpfel und der köstlichsten Äpfel. Es gibt auch saftige Feigen und Oliven in voller Reife. Die Früchte verfaulen noch fehlen das ganze Jahr hindurch, weder im Winter noch im Sommer, denn die Luft ist so mild, daß eine neue Ernte reift, bevor die alte abgefallen ist. Birne wächst auf Birne, Apfel auf Apfel, Feige auf Feige, und ebenso mit den Trauben; denn es gibt einen vortrefflichen Weinberg: auf dem ebenen Boden eines Teils davon werden die Trauben zu Rosinen gemacht; an einem anderen Teile werden sie gelesen; einige werden in den Weinkufen gekeltert, andere weiter hinten haben ihre Blüte abgeworfen und beginnen Frucht zu zeigen, wieder andere sind eben im Farbewechsel. Im entlegensten Teile des Grundstücks sind wundervoll geordnete Blumenbeete, die das ganze Jahr hindurch blühen. Zwei Bäche durchziehen ihn, der eine durch Kanäle in den ganzen Garten geleitet, während der andere unter dem Boden des äußeren Hofes bis zum Hause selbst geführt wird, und die Stadtleute schöpfen Wasser daraus. Solcher Art waren die Herrlichkeiten, mit denen die Götter das Haus des Königs Alkinoos geschmückt hatten.
So stand Odysseus eine Weile und schaute sich um; als er sich aber genug umgeschaut hatte, überschritt er die Schwelle und trat in den Bezirk des Hauses. Dort fand er alle vornehmen Männer der Phäaken bei ihren Trankopfern für Merkur, die sie stets zuletzt verrichteten, ehe sie sich für die Nacht zurückzogen. Er ging mitten durch den Hof, noch immer verborgen durch den Mantel der Dunkelheit, in den Minerva ihn gehüllt hatte, bis er zu Arete und König Alkinoos gelangte; da legte er seine Hände auf die Knie der Königin, und in demselben Augenblick fiel die wunderbare Finsternis von ihm ab, und er wurde sichtbar. Alle waren sprachlos vor Staunen, einen Mann dort zu sehen; Odysseus aber begann sogleich mit seiner Bitte.
„Königin Arete," rief er aus, „Tochter des gewaltigen Rhexenor, in meiner Not flehe ich demütig zu dir, wie auch zu deinem Gatten und diesen deinen Gästen (die der Himmel mit langem Leben und Glück segnen möge, und die sie ihre Habe ihren Kindern hinterlassen mögen und all die Ehren, die ihnen der Staat verliehen hat), hilf mir, so bald als möglich nach Hause in mein eigenes Land zu gelangen; denn ich bin schon lange in Trübsal und fern von meinen Freunden."
Dann setzte er sich auf den Herd in die Asche, und sie alle schwiegen, bis endlich der alte Held Echeneus, der ein vortrefflicher Redner und ein Ältester unter den Phäaken war, offen und in aller Aufrichtigkeit also zu ihnen sprach:
„Alkinoos," sprach er, „es gereicht dir nicht zur Ehre, daß ein Fremdling auf der Asche deines Herdes sitzend gesehen wird; jedermann wartet darauf, zu hören, was du zu tun gedenkst; so sage ihm denn, er solle sich erheben und auf einem mit Silber eingelegten Sessel Platz nehmen, und heiße deine Diener Wein und Wasser mischen, damit wir dem Donnerer Zeus einen Trankopfer darbringen, der alle gutgesinnten Schutzflehenden unter seinen Schutz nimmt; und die Hausverwalterin gebe ihm etwas zu essen, was immer im Hause vorhanden ist."
Als Alkinoos dies hörte, ergriff er Odysseus bei der Hand, hob ihn vom Herde auf und hieß ihn auf dem Sitze des Laodamas Platz nehmen, der neben ihm gesessen hatte und sein Lieblingssohn war. Eine Magd brachte ihm hierauf Wasser in einem schönen goldenen Krug und goß es in eine silberne Schale, damit er sich die Hände wasche, und sie stellte einen reinen Tisch neben ihn; ein Oberschenk trug ihm Brot auf und bot ihm viele gute Dinge von dem, was im Hause war, und Odysseus aß und trank. Darauf sprach Alkinoos zu einem der Diener: „Pontonous, mische einen Becher Wein und reiche ihn herum, damit wir dem Donnerer Zeus einen Trankopfer darbringen, der der Beschützer aller gutgesinnten Schutzflehenden ist."
Pontonous mischte darauf Wein und Wasser, reichte ihn herum, nachdem er jedem Mann seinen Trankopfer gegeben hatte. Als sie ihre Spenden vollbracht und jeder getrunken hatte, soviel er wollte, sprach Alkinoos:
„Älteste und Ratsherren der Phäaken, hört meine Worte. Ihr habt zu Nacht gegessen, so geht denn jetzt heim zu Bett. Morgen früh werde ich noch eine größere Zahl von Ältesten einladen und ein Opfermahl zu Ehren unseres Gastes geben; wir können dann die Frage seines Geleits erörtern und überlegen, wie wir ihn sogleich voll Freude in seine Heimat zurücksenden können ohne Mühe und Ungelegenheit für ihn selbst, mag diese auch noch so fern sein. Wir müssen zusehen, daß ihm auf seiner Heimreise kein Leid geschieht; ist er aber erst zu Hause, wird er das Glück, das ihm bei der Geburt beschieden ward, zum Guten oder zum Schlechten tragen müssen wie andere Menschen. Es ist indessen möglich, daß der Fremdling einer der Unsterblichen ist, der vom Himmel herabgekommen ist, uns zu besuchen; aber in diesem Falle weichen die Götter von ihrer gewohnten Praxis ab; denn bisher haben sie sich uns vollkommen zu erkennen gegeben, wenn wir ihnen Hekatomben dargebracht haben. Sie kommen und sitzen bei unseren Festen ganz wie einer der Unsrigen, und wenn ein einsamer Wanderer zufällig auf den einen oder anderen von ihnen stößt, machen sie kein Hehl daraus; denn wir sind den Göttern so nahe verwandt wie die Kyklopen und die wilden Riesen."
Da sprach Odysseus: „Ich bitte dich, Alkinoos, hege keinen solchen Gedanken. Ich habe nichts Unsterbliches an mir, weder an Leib noch an Seele, und gleiche am meisten denen unter euch, die am meisten geplagt sind. Ja, wollte ich dir all das erzählen, was der Himmel über mich zu verhängen beliebt hat, du würdest sagen, ich stehe noch schlimmer da als sie. Dennoch laßt mich essen trotz meines Kummers; denn ein leerer Magen ist ein gar zudringliches Ding und drängt sich der Beachtung eines Mannes auf, mag sein Elend auch noch so furchtbar sein. Ich bin in großer Not, und doch beharrt er darauf, daß ich essen und trinken soll, gebietet mir, aller Erinnerung an meine Leiden abzulegen und nur auf seine gehörige Füllung bedacht zu sein. Was euch betrifft, so tut, was ihr vorschlagt, und nehmt euch bei Tagesanbruch meiner Heimkehr an. Ich will zufrieden sterben, wenn ich nur noch einmal mein Eigentum, meine Leibeigenen und all die Größe meines Hauses schauen darf."
Also sprach er. Alle billigten seine Rede und waren einverstanden, daß er sein Geleit erhalten solle, da er verständig gesprochen hatte. Dann vollbrachten sie ihre Trankopfer, tranken, soviel ein jeder wollte, und gingen heim zu Bett, jeder in seine eigene Wohnung, und ließen Odysseus im Säulengang mit Arete und Alkinoos zurück, während die Diener nach dem Nachtmahl die Geräte wegtrugen. Arete war die erste, die sprach, denn sie erkannte das Hemd, den Mantel und die guten Kleider, die Odysseus trug, als das Werk ihrer selbst und ihrer Mägde; so sprach sie: „Fremdling, ehe wir weitergehen, ist da eine Frage, die ich dir gerne stellen möchte. Wer bist du, und woher kommst du, und wer gab dir diese Kleider? Sagtest du nicht, du seiest über das Meer hierhergekommen?"
Odysseus aber antwortete: „Würde lang, o Königin, die Erzählung werden, wenn ich all mein Unglück der Reihe nach berichten wollte; denn hart hat mich die Hand des Himmels heimgesucht. Doch auf deine Frage will ich dir kürzlich antworten. Es liegt fern im Meere eine Insel, die Ogygia heißt. Dort wohnt Kalypso, die kluge, mächtige Göttin, des Atlas Tochter, einsam, fern von allen Nachbarn, seien es Menschen oder Götter. Das Geschick aber führte mich zu ihrem Herde, elend und allein; denn Zeus zerschmetterte mein Schiff mit seinen Blitzen und zertrümmerte es mitten im Ozean. Alle meine tapferen Gefährten ertranken, Mann für Mann; ich aber klammerte mich an den Kiel und ward neun Tage lang umhergetrieben, bis mich in der Nacht des zehnten Tages die Götter zur ogygischen Insel trugen, wo die große Göttin Kalypso wohnt. Sie nahm mich auf und behandelte mich mit der größten Güte; ja, sie wollte mich unsterblich machen, daß ich nimmer altern sollte; doch sie konnte mich nicht dazu bewegen, es zu dulden.
Sieben Jahre hindurch verweilte ich bei Kalypso in einem Zuge, und all die Zeit beweinte ich die guten Kleider, die sie mir gab. Als aber das achte Jahr sich herannahte, hieß sie mich aus eigenem Willen scheiden, entweder weil Zeus ihr geboten, oder weil sie andern Sinnes geworden war. Sie entsandte mich von ihrer Insel auf einem Floß, das sie reichlich mit Brot und Wein versah. Auch gab sie mir gute, starke Kleider und sandte mir einen Wind, der warm und günstig blies. Sieben Tage und zehn fuhr ich über die Meerflut, und am achtzehnten erblickte ich die ersten Schatten eurer Berge an der Küste, und froh war ich, sie zu sehen. Doch noch mancherlei Leid war mir aufbewahrt; denn nunmehr ließ Poseidon mich nicht weiter ziehen und erregte einen gewaltigen Sturm gegen mich. Die See ward so furchtbar hoch, daß ich mein Floß nicht länger halten konnte; es zerbrach unter der Wut des Windes, und ich mußte schwimmen, bis Wind und Strom mich an eure Gestade trugen.
Dort versuchte ich zu landen, doch es wollte mir nicht glücken, denn der Strand war unwirtlich und die Wogen warfen mich gegen die Felsen. Da warf ich mich abermals ins Meer und schwamm weiter, bis ich zu einem Flusse gelangte, der mir der geeignetste Landungsplatz schien, weil dort keine Felsen waren und er vor dem Winde Schutz bot. Hier stieg ich aus dem Wasser und sammelte meine Sinne wieder. Die Nacht nahte; ich verließ den Fluß und ging in ein Dickicht, wo ich mich ganz mit Blättern bedeckte; und der Himmel sandte mir alsbald einen tiefen Schlaf. Elend und matt, wie ich war, schlief ich unter den Blättern die ganze Nacht und den folgenden Tag bis zum Nachmittag. Als ich erwachte, neigte sich die Sonne schon dem Westen zu, und ich sah die Mägde eurer Tochter am Strande spielen und eure Tochter in ihrer Mitte, einer Göttin gleich. Ich flehte sie um Hilfe an, und sie erwies sich als überaus freundlich, weit mehr, als man von einer so jungen Person erwarten konnte, denn junge Leute sind leicht unbesonnen. Sie gab mir Brot und Wein in Fülle, und als sie mich im Flusse hatte waschen lassen, schenkte sie mir auch die Kleider, die du an mir siehst. So habe ich dir denn, obgleich es mich schmerzte, die volle Wahrheit gesagt."
Da sprach Alkinoos: „Fremdling, es war sehr unrecht von meiner Tochter, daß sie dich nicht sogleich mit den Mägden zu mir ins Haus geführt hat, da sie doch die erste war, die du um Hilfe batest."
„Schilt sie nicht, o Herr," erwiderte Odysseus, „sie trifft keine Schuld. Wohl hieß sie mich mit den Mägden mitgehen, doch ich schämte mich und fürchtete mich, weil ich dachte, du möchtest vielleicht unwillig werden, wenn du mich sähest. Jedermann ist zuweilen ein wenig argwöhnisch und reizbar."
„Fremdling," antwortete Alkinoos, „ich bin nicht der Mann, der sich ohne Grund erzürnt; es ist stets besser, vernünftig zu sein. Doch beim Vater Zeus, bei Minerva und Apollon — jetzt, da ich sehe, was für ein Mann du bist und wie sehr du in deiner Gesinnung mit mir übereinstimmst, möchte ich, du bliebest hier, freitest meine Tochter und würdest mein Eidam. Willst du bleiben, so will ich dir ein Haus und ein Erbgut geben; doch niemand, so wahr mir Gott helfe, soll dich hier gegen deinen Willen festhalten. Und damit du dessen gewiß seiest, will ich morgen deine Weiterreise ordnen. Du kannst die ganze Fahrt über schlafen, wenn du willst, und meine Leute sollen dich über glatte Wasser entweder in deine Heimat oder sonst wohin gelangen, selbst wenn es noch weiter wäre als Euböa, das, wie diejenigen meiner Leute berichten, die den blondhaarigen Rhadamanthys zum Sohne der Gaia, dem Tityos, geleiteten und es sahen, der fernste aller Orte ist — und doch vollbrachten sie die ganze Fahrt in einem einzigen Tage, ohne sich anzustrengen, und kehrten danach wieder zurück. So magst du erkennen, wie sehr meine Schiffe alle anderen übertreffen und was für vortreffliche Ruderer meine Leute sind."
Da ward Odysseus froh und betete laut: „Vater Zeus, gib, daß Alkinoos all dies vollbringe, was er verheißen; so wird er einen unvergänglichen Namen unter den Menschen erlangen, und ich werde in meine Heimat zurückkehren."
So sprachen sie miteinander. Darauf befahl Arete den Mägden, ein Lager in dem Raum am Torgebäude zu bereiten und es mit guten roten Decken zu polstern und oben wollene Mäntel darüber zu breiten, damit Odysseus sie um sich schlagen könne. Die Mägde gingen mit Fackeln in den Händen fort, und als sie das Lager gerichtet hatten, kamen sie zu Odysseus und sprachen: „Steh auf, Herr, und komm mit uns, denn dein Lager ist bereitet." Und er war in Wahrheit froh, zur Ruhe zu gehen.
So schlief Odysseus auf dem Lager im Raume über dem hallenden Torgebäude; Alkinoos aber ruhte im inneren Teile des Hauses, die Königin, sein Weib, ihm zur Seite.
ACHTES BUCH
MAHL IM HAUSE DES ALKINOOS — DIE SPIELE.
Als nun das Kind des Morgens, die rosenfingrige Eos, erschien, standen Alkinoos und Odysseus beide auf, und Alkinoos führte den Weg zur Versammlungsstätte der Phaiaken, die bei den Schiffen lag. Als sie dort anlangten, setzten sie sich nebeneinander auf einen Sitz aus glattem Stein. Minerva aber nahm die Gestalt eines der Diener des Alkinoos an und ging durch die Stadt, um Odysseus zur Heimkehr zu verhelfen. Sie ging zu den Bürgern, Mann für Mann, und sprach: „Älteste und Ratsherren der Phaiaken, kommt alle zur Versammlung und hört den Fremdling an, der soeben nach langer Fahrt im Hause des Königs Alkinoos angelangt ist; er gleicht einem unsterblichen Gotte."
Mit diesen Worten erweckte sie in allen die Lust zu kommen, und sie strömten zur Versammlung, bis Sitzplätze und Stehraum gleichermaßen gefüllt waren. Jedermann war erstaunt über die Erscheinung des Odysseus, denn Minerva hatte ihn an Haupt und Schultern verschönt, ihn größer und stattlicher erscheinen lassend, als er wirklich war, damit er bei den Phaiaken als ein gar vortrefflicher Mann einen günstigen Eindruck mache und bei den vielen Wettkämpfen, zu denen sie ihn herausfordern würden, wohl bestehe. Als sie versammelt waren, sprach Alkinoos:
„Hört mich, ihr Ältesten und Ratsherren der Phaiaken, damit ich reden kann, wie ich gesinnt bin. Dieser Fremdling, wer immer er auch sein mag, hat auf irgendeinem Wege, östlich oder westlich, mein Haus erreicht. Er wünscht eine Begleitung und möchte die Sache geordnet sehen. So lasst uns denn eine bereitstellen, wie wir es auch früher für andere getan haben. Keiner, der je zu meinem Hause kam, konnte sich beklagen, daß ich ihn nicht schnell genug weiterbefördert hätte. Lasst uns ein Schiff zu Wasser ziehen — eines, das noch nie eine Fahrt gemacht hat — und es mit zweiundfünfzig unserer flinksten jungen Ruderer bemannen. Wenn ihr dann jeder die Ruder an seinem Platze festgemacht habt, verlasst das Schiff und kommt zu meinem Hause, um ein Festmahl zu rüsten. Ich will euch alles geben. Dies sind meine Weisungen an die jungen Männer, die die Bemannung bilden werden. Ihr aber, Älteste und Ratsherren, sollt mit mir zusammen unseren Gast in den Hallen bewirten. Ich dulde keine Ausreden, und wir wollen uns Demodokos zum Gesang holen; denn es gibt keinen Sänger wie ihn, worüber er auch singen mag."
Alkinoos schritt voran, und die anderen folgten ihm nach, während ein Diener ausging, Demodokos zu holen. Die zweiundfünfzig auserlesenen Ruderer begaben sich, wie ihnen befohlen, zum Strande, und als sie dort waren, zogen sie das Schiff ins Wasser, brachten Mast und Segel hinein, banden die Ruder mit gedrehten Lederriemen an die Dollen, alles in der rechten Ordnung, und hissten die weißen Segel empor. Sie vertäuten das Fahrzeug ein wenig vom Lande entfernt und gingen dann ans Ufer und in das Haus des Königs Alkinoos. Die Höfe, Hallen und der ganze Bezirk waren erfüllt von Scharen von Menschen in großer Menge, alt und jung; und Alkinoos schlachtete ihnen ein Dutzend Schafe, acht ausgewachsene Schweine und zwei Rinder. Diese zogen sie ab und richteten sie zu, so daß ein prächtiges Mahl bereitet ward.
Ein Diener führte alsbald den berühmten Sänger Demodokos herein, den die Muse innig geliebt hatte, dem sie aber Gutes und Böses zugleich gegeben; denn obwohl sie ihn mit göttlicher Gabe des Gesanges begnadet, hatte sie ihm das Augenlicht geraubt. Pontonoos setzte ihm einen Sitz unter den Gästen und lehnte ihn an einen Tragpfeiler. Er hängte die Leier für ihn an einen Pflock über seinem Haupte und zeigte ihm, wo er sie mit den Händen greifen könne. Auch stellte er einen schönen Tisch mit einem Korb voll Speise neben ihn und einen Becher Wein, aus dem er trinken konnte, wann immer er Lust hatte.
Die Gesellschaft legte nun die Hände an die guten Dinge, die vor ihnen standen; als sie aber genug gegessen und getrunken hatten, begeisterte die Muse den Demodokos, die Taten der Helden zu besingen, und ganz besonders eine Sache, die damals aller Mund war, nämlich den Streit zwischen Odysseus und Achilleus und die heftigen Worte, die sie einander im Beieinander beim Mahle vorwarfen. Agamemnon aber war froh, als er seine Fürsten miteinander zanken hörte; denn dies hatte ihm Apollon in Pytho geweissagt, als er über den steinernen Boden ging, das Orakel zu befragen. Hier war der Anfang des Übels, das nach dem Willen des Zeus über Danaer und Trojaner zugleich hereinbrach.
So sang der Sänger; Odysseus aber zog seinen purpurnen Mantel über den Kopf und bedeckte sein Gesicht; denn er schämte sich, daß die Phaiaken sehen könnten, wie er weinte. Wenn der Sänger zu singen aufhörte, wischte er die Tränen aus den Augen, enthüllte sein Antlitz und goß, den Becher ergreifend, den Göttern ein Trankopfer. Wenn aber die Phaiaken den Demodokos drängten, weiterzus — innen, denn sie erfreuten sich seiner Weisen —, dann zog Odysseus abermals den Mantel über den Kopf und weinte bitterlich. Niemand bemerkte seinen Kummer außer Alkinoos, der neben ihm saß und die schweren Seufzer hörte, die er ausstieß. So sprach er alsbald: „Älteste und Ratsherren der Phaiaken, nun haben wir des Mahles und des Sängerliedes, das es begleitet, genug. Lasst uns nun zu den Wettspielen schreiten, damit unser Gast bei seiner Heimkehr seinen Freunden erzählen könne, wie sehr wir alle anderen Völker übertreffen als Faustkämpfer, Ringer, Springer und Läufer."
Mit diesen Worten schritt er voran, und die anderen folgten ihm nach. Ein Diener hängte Demodokos' Leier an ihren Pflock, führte ihn aus der Halle und setzte ihn auf demselben Wege ab, auf dem alle vornehmen Phaiaken zu den Spielen gingen; eine Menge von mehreren Tausenden von Leuten folgte ihnen, und es gab vortreffliche Bewerber um alle Preise. Akroneos, Okyalos, Elatreus, Nauteus, Prymneus, Anchialos, Eretmeus, Ponteus, Proreus, Thoon, Anabesineos und Amphialos, des Polyneus Sohn, des Tekton Enkel. Auch war da Euryalos, des Naubolos Sohn, der dem Ares selbst glich und der schönste Mann unter den Phaiaken war, Laodamas ausgenommen. Auch drei Söhne des Alkinoos, Laodamas, Halios und Klytoneus, kämpften mit.
Die Fußrennen kamen zuerst. Die Bahn war vom Startpfosten ausgesteckt, und sie wirbelten Staub auf der Ebene auf, als sie alle im selben Augenblick vorwärts flogen. Klytoneus kam mit großem Vorsprung als erster ein; er ließ alle anderen um die Länge der Furche hinter sich, die ein Gespann von Maultieren in einem Brachfeld pflügen kann. Darauf wandten sie sich der mühsamen Kunst des Ringens zu, und hier erwies sich Euryalos als der beste Mann. Amphialos übertraf alle anderen im Springen, und im Diskuswerfen gab es niemand, der sich dem Elatreus hätte nähern können. Laodamas, Alkinoos' Sohn, war der beste Faustkämpfer, und er war es auch, der, als sie alle an den Spielen ihre Freude gehabt hatten, alsbald sprach: „Lasst uns den Fremdling fragen, ob er in einer dieser Übungen sich auszeichnet; er scheint sehr kräftig gebaut zu sein; seine Schenkel, Waden, Hände und sein Nacken sind von gewaltiger Stärke, und er ist keineswegs alt, obgleich er viel gelitten hat. Nichts gibt es, was einen Mann so mitnimmt wie die See, und mag er auch noch so stark sein."
„Du hast ganz recht, Laodamas," erwiderte Euryalos, „geh selbst zu deinem Gast hin und sprich ihn darauf an."
Als Laodamas dies hörte, bahnte er sich einen Weg durch die Mitte der Menge und sprach zu Odysseus: „Ich hoffe, Herr, daß du dich für den einen oder anderen unserer Wettkämpfe eintragen willst, wenn du in irgendeinem geübt bist — und du mußt früher schon manchen mitgemacht haben. Nichts gereicht einem Menschen so zeitlebens zur Ehre, als daß er sich mit Händen und Füßen als tüchtiger Mann erweist. Versuche es also mit irgendetwas und verbannen aller Kummer aus deinem Herzen. Deine Heimkehr wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn das Schiff ist schon ins Wasser gezogen und die Bemannung bereit."
Odysseus antwortete: „Laodamas, warum verspottest du mich so? Mein Sinn steht mehr auf Sorgen als auf Wettstreit; ich habe unsägliches Leid durchgemacht und komme nun als Bittender zu euch, euren König und sein Volk anflehend, mir zur Heimkehr zu verhelfen."
Da schmähte ihn Euryalos geradezu und sprach: „So schließe ich denn, daß du in keiner der vielen Sportarten, an denen sich die Menschen sonst erfreuen, geübt bist. Du bist wohl einer von jenen gewinnsüchtigen Händlern, die als Kapitäne oder Kaufleute auf Schiffen umherfahren und an nichts denken als an ihre ausgehenden Frachten und heimkehrenden Ladungen. Es scheint nicht viel vom Athleten an dir zu sein."
„Pfui, Herr," erwiderte Odysseus scharf, „du bist ein unverschämter Bursche — so wahr ist es, daß die Götter nicht alle Menschen gleicherweise mit Rede, Gestalt und Verstand schmücken. Der eine mag von unscheinbarer Gestalt sein, doch der Himmel hat diese mit solch guter Rede geziert, daß er jeden bezaubert, der ihn sieht; seine honigsüße Mäßigung reißt seine Hörer mit sich fort, so daß er in allen Versammlungen seiner Genossen deren Führer ist und, wohin er geht, hoch angesehen wird. Ein anderer mag so schön sein wie ein Gott, doch seine Schönheit ist nicht mit Klugheit gekrönt. Das ist dein Fall. Kein Gott könnte einen schöneren Burschen machen, als du bist, aber du bist ein Tor. Deine schlechtbedachten Reden haben mich über die Maßen erzürnt, und du irrst dich sehr; denn ich bin in gar mancherlei Leibesübungen vorzüglich. Ja, solange ich Jugend und Kraft besaß, war ich unter den ersten Wettkämpfern meiner Zeit. Nun aber bin ich durch Mühsal und Kummer aufgerieben, denn ich habe viel erduldet, sowohl auf dem Schlachtfeld als auch auf den Wogen der mühseligen See. Dennoch, trotz alledem, will ich mich am Wettkampf beteiligen, denn deine Sticheleien haben mich bis ins Mark getroffen."
So eilte er hin, ohne auch nur den Mantel abzulegen, und ergriff einen Diskus, größer, massiger und viel schwerer als die, welche die Phaiaken beim Diskuswerfen untereinander gebrauchten. Dann, ihn zurückschwingend, schleuderte er ihn aus seiner sehnigen Hand, und er gab ein schwirrendes Geräusch in der Luft von sich, als er ihn warf. Die Phaiaken erschraken vor dem Brausen seines Fluges, wie er anmutig aus seiner Hand schnellte und über jede bisher gemachte Marke hinausflog. Minerva, in der Gestalt eines Mannes, kam herbei und bezeichnete die Stelle, wo er gefallen war. „Ein Blinder, Herr," sprach sie, „könnte deine Marke leicht durch Tasten finden — so weit liegt sie vor jeder anderen. Du kannst deines Sieges in diesem Wettstreit gewiß sein, denn kein Phaiake kann sich auch nur einem solchen Wurf von dir nähern."
Odysseus war froh, als er einen Freund unter den Zuschauern fand, und begann freundlicher zu sprechen. „Junge Männer," sagte er, „kommt her, wenn ihr könnt, zu jenem Wurf, und ich will einen anderen Diskus werfen, ebenso schwer oder noch schwerer. Wenn jemand mit mir einen Gang machen will, mag er hervortreten; denn ich bin über die Maßen erzürnt. Ich will boxen, ringen oder laufen, es ist mir gleich, mit jedem von euch, Laodamas ausgenommen, doch nicht mit ihm, weil er mein Gastgeber ist, und man kann sich nicht mit seinem persönlichen Freunde messen. Wenigstens halte ich es nicht für klug oder vernünftig, daß ein Gast die Familie seines Wirtes bei irgendeinem Spiele herausfordert, besonders wenn er in fremdem Lande ist. Er würde sich selbst den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn er es täte. Doch für alle anderen mache ich keine Ausnahme, denn ich will die Sache ausfechten und wissen, wer der beste Mann ist. Ich bin in jeder Art athletischer Übung, die es unter den Menschen gibt, gut. Ich bin ein vortrefflicher Bogenschütze. Im Kampf bin ich stets der erste, der einen Mann mit meinem Pfeil niederstreckt, mag er auch noch so viele andere neben mir auf ihn zielen. Philoktet war der einzige, der besser schießen konnte als ich, als wir Achaier vor Troja waren und übten. Ich übertreffe bei weitem jeden anderen auf der ganzen Welt von denen, die noch Brot essen auf der Erde; doch ich möchte nicht gegen die gewaltigen Toten schießen, wie etwa Herakles oder Eurytos aus Oichalia — Männer, die selbst gegen die Götter schießen konnten. Daher kam es auch, daß Eurytos zu früh seinen Tod fand; denn Apollon zürnte ihm und tötete ihn, weil er ihn als Bogenschützen herausforderte. Ich kann einen Speer weiter werfen, als irgendein anderer einen Pfeil schießen kann. Im Laufen allein fürchte ich, daß mich einige der Phaiaken besiegen könnten; denn ich bin auf der See sehr heruntergekommen; meine Vorräte waren knapp geworden, und darum bin ich noch schwach."
Alle schwiegen, nur König Alcinous begann: „Herr, es hat uns große Freude bereitet, alles zu hören, was ihr uns erzählt habt; daraus ersehe ich, daß ihr geneigt seid, eure Kampfkraft zu zeigen, da ihr über beleidigende Reden eines unserer Wettkämpfer erzürnt wart, wie sie niemals jemand hätte äußern dürfen, der zu reden versteht, wie sich’s gebührt. Ich hoffe, ihr werdet verstehen, was ich meine, und werdet einem der angesehensten Männer, die mit euch und eurer Familie speisen, wenn ihr heimkommt, berichten, daß uns eine ererbte Begabung für alle Künste eigen ist. Wir sind weder besonders im Faustkampf noch als Ringer hervorragend, doch sind wir ausnehmend schnellfüßig und vortreffliche Seeleute. Wir haben eine ausgesprochene Vorliebe für gute Mahlzeiten, für Musik und Tanz; wir schätzen auch häufigen Wechsel der Gewänder, warme Bäder und gute Betten. Darum macht euch jetzt, bitte, einige von euch, die die besten Tänzer sind, daran zu tanzen, damit unser Gast, wenn er heimkehrt, seinen Freunden berichten kann, wie sehr wir alle anderen Völker an Seefahrt, Lauf, Tanz und Gesang übertreffen. Demodocus hat seine Leier in meinem Hause gelassen; darum laufe einer von euch und hole sie ihm herbei."
Auf dies hin eilte ein Diener fort, um die Leier aus dem Hause des Königs zu holen, und die neun Männer, die als Schiedsrichter erwählt waren, traten vor. Es war ihre Aufgabe, alles, was mit den Wettspielen zusammenhing, zu ordnen; darum ebneten sie den Boden und bezeichneten einen weiten Raum für die Tänzer. Bald kam der Diener mit Demodocus’ Leier zurück, und der Sänger nahm seinen Platz in ihrer Mitte ein; sogleich begannen die besten jungen Tänzer der Stadt so geschickt zu springen und zu trippeln, daß Odysseus sich über das muntere Flickern ihrer Füße erfreute.
Unterdessen begann der Sänger die Liebschaft des Mars und der Venus zu besingen, und wie sie ihre Heimlichkeit im Hause des Vulcan begannen. Mars machte Venus viele Geschenke und entweihte König Vulcans Ehebett; da erzählte die Sonne, die sah, was sie trieben, es dem Vulcan. Vulcan war sehr zornig, als er solche schlimme Kunde vernahm, ging daher in seine Schmiede, finstre Ränke sinnend, brachte seinen großen Amboß an seinen Platz und begann Ketten zu schmieden, die niemand lösen oder brechen konnte, so daß sie an Ort und Stelle festgehalten würden. Als er seine Schlinge vollendet hatte, ging er in sein Schlafgemach und umspann die Bettpfosten allenthalben mit Ketten gleich Spinnweben; auch ließ er viele vom großen Querbalken der Decke herabhängen. Selbst ein Gott hätte sie nicht sehen können, so fein und kunstvoll waren sie. Sobald er die Ketten über das ganze Bett gebreitet hatte, tat er, als wolle er sich auf die Fahrt zur schönen Stadt Lemnos begeben, die von allen Orten der Welt der war, den er am meisten liebte. Mars aber ließ seine Augen nicht blinzeln, und sobald er ihn aufbrechen sah, eilte er brünstig nach seines Hauses, Venus liebend.
Nun war Venus eben von einem Besuch bei ihrem Vater Jove zurückgekehrt und wollte sich eben niederlassen, als Mars ins Haus trat und sprach, indem er ihre Hand in die seine nahm: „Laß uns zur Lagerstatt Vulcans gehen; er ist nicht zu Hause, sondern ist fortgegangen nach Lemnos zu den Sintiern, deren Sprache barbarisch klingt."
Sie war nicht abgeneigt; so begaben sie sich zur Lagerstatt, um auszuruhen, und wurden in den Schlingen gefangen, die der schlaue Vulcan über sie gebreitet hatte; sie konnten sich weder erheben noch Hand noch Fuß rühren, und erkannten zu spät, daß sie in einer Falle saßen. Da kam Vulcan zu ihnen herbei, denn er hatte umgekehrt, bevor er Lemnos erreichte, als sein Späher, die Sonne, ihm sagte, was vorging. Er war in wütender Leidenschaft und stand im Vorhof, einen schrecklichen Lärm erhebend, indem er allen Göttern zurief:
„Vater Jove," rief er, „und ihr anderen seligen Götter, die ihr ewig lebet, kommt herbei und seht das lächerliche und schmähliche Schauspiel, das ich euch zeigen will. Jovis Tochter Venus entehrt mich beständig, weil ich lahm bin. Sie liebt den Mars, der schön und ebenmäßig gebaut ist, wohingegen ich ein Krüppel bin — doch meine Eltern sind daran schuld, nicht ich; sie hätten mich gar nicht zeugen sollen. Kommt herbei und seht das Paar zusammen auf meinem Bett schlafend. Es macht mich rasend, sie anzusehen. Sie sind sehr zueinander geneigt, doch ich denke nicht, daß sie dort länger liegen werden, als sie können, noch daß sie viel schlafen werden; doch dort sollen sie bleiben, bis ihr Vater mir die Summe erstattet, die ich ihm für sein Gepäckstück von einer Tochter gab, die schön, aber nicht tugendsam ist."
Darauf versammelten sich die Götter im Hause Vulcans. Der erdenumspannende Neptune kam, und Mercurius, der Bringer des Glückes, und König Apollo; die Göttinnen aber blieben alle aus Scham zu Hause. Dann standen die Spender alles Guten in der Tür, und die seligen Götter lachten mit unauslöschlichem Gelächter auf, als sie sahen, wie schlau Vulcan gewesen war; da wandte sich einer zum Nachbar und sprach:
„Böse Taten gedeihen nicht, und die Schwachen beschämen die Starken. Sieht, wie der hinkende Vulcan, lahm wie er ist, den Mars gefangen hat, der der schnellste Gott im Himmel ist; und nun wird Mars in schwere Schadenersatzforderung verstrickt werden."
So sprachen sie untereinander; doch König Apollo sprach zu Mercurius: „Botenbringender Mercurius, Spender des Guten, es wäre dir wohl gleich, wie stark die Ketten wären, nicht wahr, wenn du bei Venus schlafen könntest?"
„König Apollo," antwortete Mercurius, „ich wünschte nur, ich bekäme die Gelegenheit, und wären es dreimal so viele Ketten — und ihr alle, Götter und Göttinnen, mögtet zuschauen, ich aber würde bei ihr schlafen, wenn ich nur könnte."
Die unsterblichen Götter brachen in Gelächter aus, als sie ihn hörten; doch Neptune nahm die Sache ernst und flehte Vulcan unablässig an, den Mars wieder freizugeben. „Laß ihn gehen," rief er, „und ich verbürge mich, wie du es forderst, daß er dir allen Schadenersatz zahlen wird, der unter den unsterblichen Göttern als billig erachtet wird."
„Fordere," erwiderte Vulcan, „nicht von mir, dies zu tun; eines bösen Mannes Bürgschaft ist schlechte Sicherheit; welchen Rechtsbehelf könnte ich gegen dich durchsetzen, wenn Mars fortginge und seine Schulden samt seinen Ketten zurückließe?"
„Vulcan," sprach Neptune, „wenn Mars fortgeht, ohne seinen Schadenersatz zu zahlen, werde ich dir selbst zahlen." Da antwortete Vulcan: „In diesem Fall kann und darf ich dir nicht absagen."
Darauf löste er die Bande, die sie fesselten, und sobald sie frei waren, sprangen sie davon: Mars nach Thracien und die lachende Venus nach Cypern und nach Paphos, wo ihr Hain ist und ihr Altar, der von Brandopfern duftet. Hier badeten sie die Grazien und salbten sie mit ambrosischem Öl, wie es die unsterblichen Götter gebrauchen, und kleideten sie in Gewänder von bezaubernder Schönheit.
So sang der Sänger, und sowohl Odysseus als auch die seefahrenden Phaiaken waren entzückt, als sie ihn hörten.
Dann hieß Alcinous den Laodamas und den Halius allein tanzen, denn niemand war da, der mit ihnen wetteifern konnte. Da nahmen sie einen roten Ball, den Polybus für sie gefertigt hatte, und einer bog sich rückwärts und warf ihn empor zu den Wolken, während der andere vom Boden emporsprang und ihn mit Leichtigkeit auffing, bevor er wieder herabkam. Als sie den Ball geradewegs in die Luft geworfen hatten, begannen sie zu tanzen und warfen ihn zugleich wechselweise einander zu, während alle jungen Männer im Kreise Beifall klatschten und mit den Füßen laut aufstampften. Da sprach Odysseus:
„König Alcinous, ihr sagtet, euer Volk seien die behendesten Tänzer der Welt, und wahrlich, sie haben sich als solche erwiesen. Ich staunte, als ich sie sah."
Der König war hierüber erfreut und rief den Phaiaken zu: „Älteste und Ratsherren, unser Gast scheint ein Mann von einzigartigem Urteil zu sein; laßt uns ihm solchen Beweis unserer Gastfreundschaft geben, wie er billigerweise erwarten darf. Es gibt zwölf angesehene Männer unter euch, und mich mitgezählt sind es dreizehn; steuert, jeder von euch, einen reinen Mantel, ein Hemd und ein Talent feinen Goldes bei; laßt uns ihm all dies auf einmal in einem Bündel geben, damit er, wenn er zu Nacht isst, dies mit leichtem Herzen tun kann. Was aber den Euryalus betrifft, so wird er eine förmliche Entschuldigung und auch ein Geschenk geben müssen, denn er ist unhöflich gewesen."
So sprach er. Die anderen alle spendeten seinen Worten Beifall und sandten ihre Diener, die Geschenke zu holen. Da sprach Euryalus: „König Alcinous, ich will dem Fremden alle Genugtuung geben, die ihr verlangt. Er soll mein Schwert haben, das von Bronze ist, bis auf den Griff, der von Silber ist. Auch will ich ihm die Scheide von frisch gesägtem Elfenbein geben, darein es paßt. Sie wird ihm viel wert sein."
Indem er dies sprach, legte er das Schwert in Odysseus’ Hände und sagte: „Glück auf, Vater Fremdling; wenn etwas ungeziemend gesagt worden ist, mögen die Winde es mit sich forttragen, und der Himmel möge euch eine sichere Heimkehr gewähren, denn ich verstehe, daß ihr lange von Haus fort gewesen seid und viel Not gelitten habt."
Odysseus antwortete: „Glück auf auch dir, mein Freund, und mögen die Götter dir alles Glück gewähren. Ich hoffe, du wirst das Schwert, das du mir gegeben hast, samt deiner Entschuldigung nicht vermissen."
Mit diesen Worten gürtete er das Schwert um die Schultern, und gegen Sonnenuntergang begannen die Geschenke einzutreffen, da die Diener der Geber sie in das Haus des Königs Alcinous brachten; hier nahmen seine Söhne sie entgegen und legten sie der Mutter zur Verwahrung vor. Dann ging Alcinous voran zum Hause und hieß seine Gäste sich niedersetzen.
„Gattin," sprach er, sich zu Königin Arete wendend, „hole die beste Truhe, die wir haben, und lege einen reinen Mantel und ein Hemd hinein. Setze auch einen Kupferkessel aufs Feuer und erwärme Wasser; unser Gast wird ein warmes Bad nehmen; sorge auch für die sorgfältige Verpackung der Geschenke, die die edlen Phaiaken ihm gemacht haben; er wird so beides, sein Nachtmahl und den Gesang, der folgen wird, besser genießen. Ich selbst will ihm diesen goldenen Becher geben — der von erlesener Arbeit ist —, damit er sein Leben lang, sooft er ein Trankopfer dem Jove oder einem der Götter darbringt, meiner gedenke."
Da hieß Arete ihre Mägde, so schnell sie könnten, einen großen Dreifuß aufs Feuer zu setzen; sie setzten einen Dreifuß voll Badewasser aufs blanke Feuer; sie warfen Holz auf, damit es lohe, und das Wasser wurde heiß, als die Flamme um den Bauch des Dreifußes spielte. Unterdessen brachte Arete eine prächtige Truhe aus ihrem eigenen Gemach und verpackte darin all die schönen Geschenke an Gold und Gewändern, welche die Phaiaken gebracht hatten. Zuletzt fügte sie einen Mantel und ein gutes Hemd von Alcinous hinzu und sprach zu Odysseus:
„Sieh selbst nach dem Deckel und laß alles sogleich umbinden, damit dir nicht jemand auf dem Wege etwas stehle, wenn du in deinem Schiffe schläfst."
Als Odysseus dies hörte, legte er den Deckel auf die Truhe und band sie mit einem Knoten fest, den Circe ihn gelehrt hatte. Er hatte dies noch getan, als ein oberer Diener ihm sagen hieß, zum Bade zu kommen und sich zu waschen. Es war ihm sehr willkommen, ein warmes Bad zu nehmen, denn er hatte niemand gehabt, der ihm aufwartete, seit er das Haus der Calypso verlassen hatte, die, solange er bei ihr war, so gut für ihn gesorgt hatte, als wäre er ein Gott gewesen. Als die Diener ihn gewaschen und mit Öl gesalbt und ihm einen reinen Mantel und ein Hemd gegeben hatten, verließ er das Bad und gesellte sich zu den Gästen, die beim Wein saßen. Die holde Nausicaa stand bei einem der tragenden Pfosten, die das Dach der Halle stützten, und bewunderte ihn, als sie ihn vorbeigehen sah. „Leb wohl, Fremdling," sprach sie, „vergesse mein nicht, wenn du wieder sicher daheim bist; denn mir zuerst verdankst du ein Lösegeld dafür, daß du dein Leben gerettet hast."
Und Odysseus sprach: „Nausicaa, Tochter des großen Alcinous, Jove, der mächtige Gatte der Juno, möge mir gewähren, mein Haus zu erreichen; so will ich dich alle meine Tage als meine Schutzgöttin preisen, denn du hast mich gerettet."
Als er dies gesagt hatte, setzte er sich neben Alcinous. Dann wurde das Mahl aufgetragen und der Wein zum Trinken gemischt. Ein Diener führte den Lieblingssänger Demodocus herein und setzte ihn mitten in die Gesellschaft, nahe einem der tragenden Pfosten, die die Halle stützten, damit er sich daran lehnen könne. Da schnitt Odysseus ein Stück gebratenes Schweinefleisch mit reichlich Fett ab (denn es war noch Überfluß am Braten) und sprach zu einem Diener: „Bringe dieses Stück Fleisch zu Demodocus hinüber und sage ihm, er solle es essen; denn allen Schmerz, den seine Lieder mir verursachen, will ich ihn darum nicht weniger grüßen; Sänger werden in aller Welt geehrt und geachtet, denn die Muse lehrt sie ihre Lieder und liebt sie."
Der Diener trug das Fleisch in seinen Fingern zu Demodocus hinüber, der es nahm und sich sehr erfreut zeigte. Dann langten sie bei den guten Dingen zu, die vor ihnen standen, und sobald sie gegessen und getrunken hatten, sprach Odysseus zu Demodocus: „Demodocus, niemand auf der Welt bewundere ich mehr als dich. Du mußt bei der Muse, Jovis Tochter, und bei Apollo studiert haben, so genau singst du die Heimkehr der Achaeer mit allen ihren Leiden und Abenteuern. Warst du nicht selbst dabei, so mußt du alles von jemand gehört haben, der dabei war. Nun aber ändere dein Lied und erzähle uns vom hölzernen Pferd, das Epeus mit Minervas Beistand verfertigte und das Odysseus durch List in die Feste von Troja brachte, nachdem er es mit den Männern beladen hatte, die hernach die Stadt eroberten. Wenn du dies Lied recht singst, will ich aller Welt künden, wie herrlich der Himmel dich begabt hat."
Der gottbegeisterte Sänger nahm die Geschichte dort auf, wo einige der Argiver ihre Zelte in Brand steckten und davonsegelten, während andere, im Pferd verborgen, mit Odysseus am Versammlungsplatz der Trojaner warteten. Denn die Trojaner selbst hatten das Pferd in ihre Feste gezogen, und es stand dort, während sie in Ratsversammlung um es herum saßen und dreierlei im Sinne hatten, was sie tun sollten. Einige wollten es auf der Stelle zerschlagen; andere wollten es auf die Höhe des Felsens, auf dem die Feste stand, schleppen und es dann den Abhang hinabstürzen; wieder andere waren dafür, es als Weihe- und Sühnopfer für die Götter stehen zu lassen. Und so entschieden sie es zuletzt; denn die Stadt war dem Verderben geweiht, als sie jenes Pferd aufnahm, in welchem die tapfersten der Argiver verborgen waren, die den Trojanern Tod und Verderben bringen sollten. Bald sang er, wie die Söhne der Achaeer aus dem Pferd hervorgegangen seien und die Stadt eroberten, aus ihrem Hinterhalt hervorbrechend. Er sang, wie sie die Stadt nach allen Seiten durchstreiften und sie verwüsteten, und wie Odysseus, gleich Mars rasend, mit Menelaus zum Hause des Deiphobus zog. Dort wütete der Kampf am heftigsten, doch durch Minervas Hilfe siegte er.
Dies alles erzählte er, aber Odysseus ward überwältigt, als er ihn hörte, und seine Wangen waren naß von Tränen. Er weinte, wie eine Frau weint, die sich auf den Leichnam ihres Gatten wirft, der vor seiner eigenen Stadt und seinem Volke gefallen ist, tapfer kämpfend zur Verteidigung seines Heimes und seiner Kinder. Sie schreit laut auf und schlingt ihre Arme um ihn, wie er nach Atem ringend und sterbend daliegt; aber ihre Feinde schlagen sie von hinten auf Rücken und Schultern und führen sie hinweg in die Knechtschaft, zu einem Leben der Mühsal und des Kummers, und die Schönheit schwindet von ihren Wangen — ebenso jammervoll weinte Odysseus, doch niemand von den Anwesenden bemerkte seine Tränen außer Alcinous, der neben ihm saß und das Schluchzen und Seufzen hören konnte, das er ausstieß. Der König erhob sich daher sogleich und sprach:
„Älteste und Ratsherren der Phaiaken, laßt Demodocus mit seinem Gesang innehalten, denn es sind welche hier, denen er nicht zu gefallen scheint. Von dem Augenblick an, da wir das Mahl beendet hatten und Demodocus zu singen begann, hat unser Gast beständig gestöhnt und geklagt. Er ist offenbar in großer Trübsal; darum laßt den Sänger abbrechen, damit wir alle, Gastgeber und Gast gleichermaßen, uns erfreuen können. Dies wird weit mehr so, wie sich’s gebührt; denn alle diese Festlichkeiten samt dem Geleit und den Geschenken, die wir so bereitwillig darbringen, gelten ganz und gar seiner Ehre, und jeder, der nur ein wenig rechtes Gefühl besitzt, weiß, daß er einen Gast und Schutzflehenden behandeln muß, als wäre er sein eigener Bruder.
„Darum, Herr, gebt ihrerseits länger keine Verheimlichung und Zurückhaltung in der Sache, nach der ich euch fragen werde; es wird höflicher von euch sein, mir eine offene Antwort zu geben; sagt mir den Namen, mit dem euch euer Vater und eure Mutter dort drüben zu rufen pflegten und mit dem ihr bei euren Nachbarn und Mitbürgern bekannt wart. Es gibt niemand, weder reich noch arm, der schlechthin ohne jeden Namen wäre; denn die Väter und Mütter geben den Menschen Namen, sobald sie geboren sind. Sagt mir auch euer Land, Volk und Stadt, damit unsere Schiffe ihr Ziel danach bestimmen und euch dorthin bringen können. Denn die Phaiaken haben keine Steuermänner; ihre Schiffe haben keine Ruder wie die anderen Völker; aber die Schiffe selbst verstehen, was wir denken und wünschen; sie kennen alle Städte und Länder der ganzen Welt und können das Meer ebenso gut durchfahren, selbst wenn es in Nebel und Wolken gehüllt ist, so daß keine Gefahr besteht, Schiffbruch zu leiden oder Schaden zu nehmen. Doch erinnere ich mich, meinen Vater sagen gehört zu haben, daß Neptune uns zürne, weil wir allzu leichtfertig seien im Geben von Geleit. Er sagte, eines Tages werde er eines unserer Schiffe zertrümmern, wenn es von der Geleitung eines anderen heimkehre, und unsere Stadt unter einem hohen Berge begraben. Dies pflegte mein Vater zu sagen; doch ob der Gott seine Drohung ausführen wird oder nicht, ist eine Sache, die er selbst entscheiden wird.
„Und nun, sagt mir und sagt mir die Wahrheit. Wo seid ihr umhergewandert, und durch welche Länder seid ihr gereist? Erzählt uns von den Völkern selbst und von ihren Städten — welche feindselig, wild und unzivilisiert waren und welche, andererseits, gastfreundlich und menschlich. Sagt uns auch, warum ihr so unglücklich seid, da ihr die Heimkehr der argivischen Danaer von Troja hört. Die Götter haben dies alles so gefügt und sandten ihnen ihre Unglücksfälle, damit künftige Geschlechter etwas zum Besingen hätten. Habt ihr einen tapferen Verwandten eurer Gattin verloren, als ihr vor Troja waret? einen Schwiegersohn oder Schwiegervater — was die nächsten Verwandten sind, die ein Mann außer seinem eigenen Fleisch und Blut hat? oder war es ein tapferer und gutmütiger Kampfgenosse — denn ein guter Freund ist einem Manne so teuer wie sein eigener Bruder?"
NEUNTES BUCH
ODYSSEUS GIBT SICH ZU ERKENNEN UND BEGINNT SEINE ERZÄHLUNG — DIE KIKONEN, DIE LOTOPHAGEN UND DIE KYKLOPEN.
Odysseus antwortete: „König Alcinous, es ist eine gute Sache, einen Sänger mit so göttlicher Stimme wie dieser Mann zu hören. Es gibt nichts Besseres oder Erfreulicheres, als wenn ein ganzes Volk zusammen fröhlich ist, die Gäste in Ordnung dasitzen und zuhören, während der Tisch mit Brot und Speisen beladen ist und der Mundschenk Wein einschenkt und jedem seinen Becher füllt. Dies ist in Wahrheit ein so schöner Anblick, wie ihn ein Mensch nur sehen kann. Nun aber, da ihr geneigt seid, die Geschichte meiner Leiden zu erfragen und meine eigenen traurigen Erinnerungen daran wieder anzufachen, weiß ich weder, wie ich beginnen, noch wie ich fortfahren und meine Erzählung beschließen soll; denn die Hand des Himmels hat schwer auf mir gelegen.
„Zuerst also will ich euch meinen Namen nennen, auf dass auch ihr ihn kennt und einst, so ich diese Zeit des Leidens überlebe, meine Gäste werdet, obwohl ich so fern von euch allen wohne. Ich bin Odysseus, Sohn des Laertes, im Ruf der Menschheit für jedwede List berühmt, so dass mein Name zum Himmel aufsteigt. Ich lebe auf Ithaka, wo es einen hohen Berg gibt, Neriton genannt, mit Wäldern bedeckt; und nicht weit von ihm liegt eine Gruppe von Inseln, einander sehr nahe — Dulichion, Same und die waldreiche Insel Zakynthos. Sie duckt sich am Horizont, ganz zu oberst im Meer gegen Sonnenuntergang, während die andern von ihr weg gegen Morgen liegen. Es ist eine rauhe Insel, doch sie zeugt tapfere Männer, und meine Augen kennen keine, die sie lieber erblicken. Die Göttin Kalypso hielt mich bei sich in ihrer Grotte und wollte, dass ich sie heirate, wie auch die listige ääische Göttin Kirke; doch keine von beiden konnte mich überreden, denn nichts ist einem Manne teurer als sein eigenes Land und seine Eltern, und wie prächtig auch immer seine Heimstatt im fremden Lande sein mag, ist sie fern von Vater oder Mutter, so liegt ihm nichts daran. Jetzt aber will ich euch von den mannigfaltigen gefahrvollen Abenteuern erzählen, die mir nach Jupiters Willen auf der Rückkehr von Troja begegneten.
„Als ich von dort die Segel setzte, trug mich der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der Kikonen. Dort eroberte ich die Stadt und hieb das Volk nieder. Wir nahmen ihre Frauen und auch reiche Beute, die wir redlich unter uns teilten, damit keiner Grund zur Klage hätte. Ich sprach dann, wir täten besser, sogleich zu fliehen, doch meine Leute gehorchten mir in ihrer Torheit nicht, sondern blieben, tranken viel Wein und schlachteten am Meeresstrand zahllose Schafe und Rinder. Inderhalb riefen die Kikonen andere Kikonen zu Hilfe, die landeinwärts wohnten. Diese waren zahlreicher und stärker und im Kriegshandwerk geschickter, denn sie kämpften, je nach Lage, bald von Wagen, bald zu Fuß; am Morgen also kamen sie, dicht wie Blätter und Blüten im Sommer, und die Hand des Himmels war gegen uns, so dass wir hart bedrängt wurden. Sie stellten die Schlacht bei den Schiffen auf, und die Heere schleuderten ihre erzbeschlagenen Speere aufeinander. So lange der Tag wuchs und es noch Morgen war, hielten wir stand gegen sie, obwohl sie zahlreicher waren als wir; doch als die Sonne sank, zur Stunde, da die Männer ihre Ochsen ausspannen, gewannen die Kikonen die Oberhand, und wir verloren ein halbes Dutzend Mann von jedem Schiff; so entkamen wir mit denen, die übrig waren.
„Von dort segelten wir weiter, mit Leid im Herzen, doch froh, dem Tode entronnen zu sein, wiewohl wir unsere Gefährten verloren hatten, und wir fuhren nicht fort, bis wir dreier jeden der Armen, die durch der Kikonen Hand gefallen waren, im Gebet angerufen hatten. Dann erhob Jupiter den Nordwind gegen uns und blies ihn zum Sturm, so dass Land und Himmel in dichten Wolken verschwanden und die Nacht aus dem Himmel hervorbrach. Wir ließen die Schiffe vor dem Sturm laufen, doch die Gewalt des Windes zerriss uns die Segel in Fetzen; also holten wir sie ein, aus Furcht vor Schiffbruch, und ruderten mit aller Kraft dem Lande zu. Dort lagen wir zwei Tage und zwei Nächte, in gleicher Weise von Mühsal und Seelenqual geplagt, doch am Morgen des dritten Tages hissten wir die Maste wieder, setzten Segel und nahmen unsere Plätze ein, überließen unser Schiff dem Wind und dem Steuermann. Damals wäre ich unversehrt heimgekehrt, hätte nicht der Nordwind und die Strömung mich beim Umsegeln des Kaps Malea gegen mich gehabt und mich hart bei der Insel Kythera vom Kurs abgebracht.
„Von dort trieben mich widrige Winde neun Tage lang über die See, doch am zehnten Tage erreichten wir das Land der Lotophagen, die von einer Speise leben, die von einer Art Blume stammt. Hier landeten wir, um frisches Wasser einzunehmen, und unsere Leute hielten am Strande bei den Schiffen ihre Mittagsmahlzeit. Als sie gegessen und getrunken hatten, sandte ich zwei meiner Gefährten aus, zu erkunden, was für Leute die Bewohner des Landes seien, und sie hatten einen dritten Mann unter sich. Sie brachen sogleich auf und gingen unter die Lotophagen, die ihnen kein Leid zufügten, sondern ihnen vom Lotos zu essen gaben, der so köstlich war, dass die, welche davon aßen, die Sehnsucht nach der Heimat verloren und nicht einmal zurückkehren und berichten wollten, was geschehen war, sondern dabeibleiben und mit den Lotophagen Lotos kauen wollten, ohne weiter an die Rückkehr zu denken; dennoch zwang ich sie, obwohl sie bitterlich weinten, zu den Schiffen zurück und band sie unter die Bänke. Dann hieß ich die übrigen, sich sogleich an Bord zu begeben, damit keiner von ihnen vom Lotos koste und die Lust verliere, heimzukehren; so nahmen sie ihre Plätze ein und schlugen das graue Meer mit ihren Rudern.
„Von dort segelten wir, stets in großer Not, bis wir in das Land der gesetzlosen und unmenschlichen Kyklopen kamen. Nun pflanzen die Kyklopen weder noch pflügen sie, sondern vertrauen auf die Vorsehung und leben von dem, was an Weizen, Gerste und Trauben wild wächst, ohne alle Art von Bearbeitung, und ihre wilden Reben schenken ihnen Wein, wie Sonne und Regen sie gedeihen lassen. Sie haben keine Gesetze noch Volksversammlungen, sondern leben in Höhlen auf den Gipfeln hoher Berge; jeder ist Herr und Gebieter in seiner Familie, und sie kümmern sich nicht um ihre Nachbarn.
„Nun liegt vor ihrem Hafen eine bewaldete und fruchtbare Insel, nicht ganz nahe am Land der Kyklopen, aber doch nicht fern. Sie wimmelt von wilden Ziegen, die dort in großer Zahl sich vermehren und nie von eines Menschen Fuß beunruhigt werden; denn Jäger — die sonst soviel Mühsal in Wäldern oder zwischen Bergklippen auf sich nehmen — gehen nicht dorthin, noch wird sie je gepflügt oder abgeweidet, sondern liegt als Wildnis, unbebaut und unbesät, Jahr um Jahr, und kein lebendes Wesen ist auf ihr außer nur den Ziegen. Denn die Kyklopen haben keine Schiffe, noch Schiffsbauer, die ihnen Schiffe bauen könnten; sie können daher nicht von Stadt zu Stadt fahren noch über das Meer zum Land des andern segeln, wie Leute, die Schiffe besitzen, es können; hätten sie diese, so hätten sie die Insel besiedelt, denn sie ist sehr gut und brächte alles zur rechten Zeit hervor. Es gibt Wiesen, die an manchen Stellen bis ans Meeresufer reichen, gut bewässert und voll saftigen Grases; Reben gediehen dort vortrefflich; es gibt ebenes Land zum Pflügen, und es gäbe zur Erntezeit stets reichen Ertrag, denn der Boden ist tief. Es gibt einen guten Hafen, wo man keine Taue braucht noch Anker, noch muss ein Schiff vertäut werden, sondern alles, was man tun muss, ist, sein Fahrzeug auf den Strand zu setzen und dazubleiben, bis der Wind günstig wird, um wieder auszulaufen. Am Eingang des Hafens entspringt eine Quelle klaren Wassers aus einer Grotte, und ringsum wachsen Pappeln.
„Hier liefen wir ein, doch so dunkel war die Nacht, dass irgendein Gott uns hereingeführt haben muss, denn es war überhaupt nichts zu sehen. Ein dichter Nebel lag rings um unsere Schiffe; der Mond war hinter einer Masse von Wolken verborgen, so dass niemand die Insel hätte sehen können, selbst wenn er danach gesucht hätte, noch gab es Brandung, die uns verriet, dass wir nahe am Lande waren, bevor wir uns auf dem Lande selbst befanden; als wir jedoch die Schiffe auf den Strand gesetzt hatten, holten wir die Segel ein, gingen an Land und lagerten uns am Strande bis zum Morgengrauen.
„Als das Kind des Morgens, die rosenfingerige Eos, erschien, bewunderten wir die Insel und durchstreiften sie nach allen Seiten, während die Nymphen, Jupiters Töchter, die wilden Ziegen aufscheuchten, damit wir Fleisch für unsere Mahlzeit bekämen. Also holten wir unsere Speere und Bogen und Pfeile von den Schiffen, und indem wir uns in drei Haufen teilten, begannen wir die Ziegen zu erlegen. Der Himmel bescherte uns vortreffliche Beute; ich hatte zwölf Schiffe bei mir, und jedes Schiff bekam neun Ziegen, während mein eigenes Schiff zehn bekam; so aßen und tranken wir den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang nach Herzenslust, und wir hatten noch Wein übrig, denn ein jeder von uns hatte viele Krüge voll mitgenommen, als wir die Stadt der Kikonen eroberten, und dies war noch nicht verbraucht. Während wir schmausten, richteten wir immer wieder unsere Augen auf das Land der Kyklopen, das nahebei lag, und sahen den Rauch ihrer Stoppelfeuer. Wir konnten uns fast einbilden, ihre Stimmen und das Blöken ihrer Schafe und Ziegen zu hören, doch als die Sonne unterging und es dunkel wurde, lagerten wir uns am Strande, und am nächsten Morgen berief ich eine Versammlung.
„‚Bleibt hier, ihr tapferen Gefährten‘, sprach ich, ‚ihr alle übrigen, während ich selbst mit meinem Schiff diese Leute erkunde: ich will sehen, ob sie unzivilisierte Wilde sind oder ein gastfreundliches und menschliches Geschlecht.'
„Ich ging an Bord und hieß auch meine Leute es tun und die Taue lösen; so nahmen sie ihre Plätze ein und schlugen das graue Meer mit ihren Rudern. Als wir das Land erreichten, das nicht fern war, sahen wir dort, am Abhang einer Klippe nahe dem Meere, eine große Höhle, mit Lorbeer überhangen. Es war eine Station für viele Schafe und Ziegen, und draußen gab es einen großen Hof, mit einer hohen Mauer ringsum, aus Steinen, die in die Erde gefügt waren, und aus Bäumen, sowohl Kiefern als auch Eichen. Dies war die Wohnstatt eines gewaltigen Ungeheuers, das damals nicht zu Hause war, da es seine Herden weidete. Es wollte mit anderen Leuten nichts zu schaffen haben, sondern führte das Leben eines Geächteten. Es war ein abscheuliches Wesen, einem Menschen keineswegs ähnlich, vielmehr glich es einem Felsen, der kühn am Gipfel eines hohen Berges gegen den Himmel ragt.
„Ich trug meinen Leuten auf, das Schiff auf den Strand zu ziehen und dort zu bleiben, alle bis auf die zwölf Besten unter ihnen, die mit mir gehen sollten. Ich nahm auch einen Ziegenbalg mit süßem schwarzem Wein mit, den mir Maron, Sohn des Euanthes, geschenkt hatte, der Priester des Apollo, des Schutzgottes von Ismaros, und innerhalb des waldigen Bezirks des Tempels wohnte. Als wir die Stadt eroberten, schonten wir ihn und verschonten sein Leben, wie auch das seiner Frau und seines Kindes; so machte er mir Geschenke von großem Wert — sieben Talente feinen Goldes und eine Schale aus Silber, mit zwölf Krügen süßen Weines, unvermischt und von köstlichstem Geschmack. Kein Mann und keine Magd im Hause wusste davon, sondern nur er selbst, seine Frau und ein Hausverwalter: wenn er ihn trank, mischte er zwanzig Teile Wasser zu einem Teil Wein, und doch war der Duft aus der Mischschale so köstlich, dass es unmöglich war, sich des Trinkens zu enthalten. Ich füllte einen großen Schlauch mit diesem Wein und nahm einen Beutel voll Vorrat mit mir, denn mein Herz ahnte, dass ich es mit einem Wilden zu tun haben könnte, der von großer Kraft wäre und weder Recht noch Gesetz achtete.
„Bald erreichten wir seine Höhle, doch er war auswärts beim Weiden, also gingen wir hinein und musterten alles, was wir sehen konnten. Seine Käsegestelle waren mit Käsen beladen, und er hatte mehr Lämmer und Zicklein, als seine Pferche fassen konnten. Sie wurden in getrennten Herden gehalten; zuerst die Jährlinge, dann die ältesten der jüngeren Lämmer und zuletzt die ganz jungen, alle voneinander gesondert; was seine Milchkammer betrifft, so schwammen alle Gefäße, Schalen und Milcheimer, in die er molk, von Molken. Als sie dies sahen, baten mich meine Leute, zuerst einige Käse stehlen und mit ihnen zum Schiff fliehen zu dürfen; sie würden dann zurückkehren, die Lämmer und Zicklein heruntertreiben, an Bord bringen und mit ihnen davonsegeln. Es wäre freilich besser gewesen, wenn wir dies getan hätten, doch ich wollte nicht auf sie hören, denn ich wollte den Besitzer selbst sehen, in der Hoffnung, er könnte mir ein Geschenk geben. Als wir ihn jedoch sahen, fanden meine armen Leute ihn schwer zu handhaben.
„Wir entzündeten ein Feuer, opferten einige der Käse, aßen andere von ihnen und saßen dann und warteten, bis der Kyklop mit seinen Schafen heimkommen sollte. Als er kam, brachte er mit sich eine gewaltige Last trockenen Holzes, um das Feuer für sein Abendessen anzuzünden, und dies schleuderte er mit solchem Getöse auf den Boden seiner Höhle, dass wir uns aus Furcht ans hinterste Ende der Grotte verbargen. Inderhalb trieb er alle Mutterschafe hinein sowie die Ziegen, die er melken wollte, und ließ die Männchen, sowohl Widder als auch Böcke, draußen in den Höfen. Dann wälzte er einen gewaltigen Stein vor den Höhleneingang — so gewaltig, dass zweiundzwanzig starke vierrädrige Wagen ihn nicht von seinem Platz vor der Tür fortzuziehen vermöchten. Als er dies getan hatte, setzte er sich und molk seine Schafe und Ziegen, der Reihe nach, und gab dann jedem sein Junges. Die Hälfte der Milch ließ er gerinnen und stellte sie in geflochtenen Seihtöpfen beiseite, die andere Hälfte aber goss er in Schalen, damit er sie zu seinem Abendessen tränke. Als er mit all seiner Arbeit fertig war, machte er das Feuer an, und da erblickte er uns, worauf er sprach:
„‚Fremdlinge, wer seid ihr? Woher segelt ihr? Seid ihr Händler, oder durchpflügt ihr das Meer als Räuber, mit eurer Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider euch?'
„Wir waren vor Schrecken außer uns bei seiner lauten Stimme und seiner ungeheuren Gestalt, doch ich brachte heraus: ‚Wir sind Achaier auf der Heimfahrt von Troja, doch durch Jupiters Willen und die Gewalt des Sturms sind wir weit von unserem Kurs abgetrieben worden. Wir sind das Volk des Agamemnon, Sohn des Atreus, der unendlichen Ruhm in der ganzen Welt erworben hat, indem er eine so große Stadt eroberte und so viele Leute tötete. Wir flehen euch daher demütig, uns etwas Gastfreundschaft zu erweisen und uns im übrigen solche Geschenke zu machen, wie Besucher mit Recht erwarten dürfen. Möge eure Hoheit den Zorn des Himmels fürchten, denn wir sind eure Bittflehenden, und Jupiter nimmt alle achten Wanderer unter seinen Schutz, da er der Rächer aller Bittflehenden und Fremdlinge in Not ist.'
„Hierauf gab er mir nur eine mitleidlose Antwort: ‚Fremdling', sprach er, ‚du bist ein Tor, oder du weißt nichts von diesem Lande. Rede du mir wahrlich vom Fürchten der Götter oder vom Meiden ihres Zorns? Wir Kyklopen kümmern uns nicht um Jupiter oder einen eurer seligen Götter, denn wir sind gar viel stärker als sie. Ich werde weder dich noch deine Gefährten schonen aus irgendeiner Rücksicht auf Jupiter, es sei denn, ich hätte Lust dazu. Und nun sage mir, wo du dein Schiff festgemacht hast, als du an Land gingst. Lag es um die Landspitze, oder liegt es gerade vor dem Lande?'
„Er sagte dies, um mich aus der Reserve zu locken, doch ich war zu klug, mich auf diese Weise fangen zu lassen, und antwortete mit einer Lüge: ‚Neptun', sprach ich, ‚hat mein Schiff auf die Felsen am fernen Ende eures Landes geworfen und es zerschellt. Wir wurden vom offenen Meer auf sie getrieben, doch ich und die mit mir sind dem Schlunde des Todes entronnen.'
„Der grausame Wackere gönnte mir kein einziges Wort der Antwort, sondern packte mit einem plötzlichen Griff zwei meiner Leute auf einmal und schleuderte sie auf den Boden, als wären sie junge Hunde gewesen. Ihr Gehirn ergoss sich auf die Erde, und der Boden war feucht von ihrem Blut. Dann zerriss er sie Glied um Glied und verzehrte sie. Er schlang sie hinab wie ein Löwe in der Wildnis, Fleisch, Knochen, Mark und Eingeweide, ohne etwas ungegessen zu lassen. Was uns betrifft, so weinten wir und erhoben die Hände zum Himmel bei einem so entsetzlichen Anblick, denn wir wussten nicht, was wir sonst tun sollten; doch als der Kyklop seinen gewaltigen Wanst gefüllt und sein Mahl aus Menschenfleisch mit einem Trunk unverdünnter Milch hinuntergespült hatte, streckte er sich in voller Länge auf dem Boden zwischen seinen Schafen aus und schlief ein. Ich war anfangs geneigt, nach meinem Schwert zu greifen, es zu ziehen und es ihm in die Eingeweide zu stoßen, doch ich überlegte, dass wir, wenn ich es täte, alle sicher verloren wären, denn wir würden niemals imstande sein, den Stein, den das Ungeheuer vor die Tür gewälzt hatte, wegzubewegen. Also blieben wir, wo wir waren, schluchzend und seufzend, bis der Morgen kam.
„Als das Kind des Morgens, die rosenfingerige Eos, erschien, machte er wieder sein Feuer an, molk seine Ziegen und Schafe, ganz ordentlich, und gab dann jedem sein Junges; sobald er mit all seiner Arbeit fertig war, packte er zwei weitere meiner Leute und begann, sie als sein Frühmahl zu verzehren. Sogleich, mit größter Leichtigkeit, wälzte er den Stein von der Tür und trieb seine Schafe hinaus, doch er setzte ihn sofort wieder vor — so leicht, als schlüge er nur den Deckel auf einen Köcher voller Pfeile. Sobald er dies getan hatte, schrie er und rief ‚Husch, husch' seinen Schafen nach, um sie auf den Berg zu treiben; so blieb ich zurück, um irgendeinen Weg zu ersinnen, mich zu rächen und mich mit Ruhm zu bedecken.
„Am Ende erachtete ich es als besten Plan, folgendermaßen zu verfahren: Der Kyklop hatte eine gewaltige Keule, die nahe bei einem der Schafspferche lag; sie war aus grünem Olivenholz, und er hatte sie abgeschnitten, um sie als Stab zu gebrauchen, sobald sie trocken wäre. Sie war so gewaltig, dass wir sie nur mit dem Mast eines zwanzigrudrigen Handelsschiffes von großer Tragfähigkeit vergleichen konnten, das sich auf die offene See hinauswagen darf. Ich ging zu dieser Keule hin und schnitt ungefähr sechs Fuß von ihr ab; dann gab ich dieses Stück den Männern und trug ihnen auf, es an einem Ende gleichmäßig zuzuspitzen, was sie taten, und zuletzt brachte ich es selbst noch zu einer Spitze, indem ich das Ende im Feuer härtete, damit es härter werde. Als ich dies getan hatte, verbarg ich es unter dem Mist, der überall in der Höhle herumlag, und trug den Männern auf, das Los zu werfen, wer von ihnen mit mir wagen solle, es emporzuheben und es dem Ungeheuer, während es schlafe, ins Auge zu bohren. Das Los fiel auf genau die vier, die ich gewählt hätte, und ich selbst machte den fünften. Am Abend kam der Wackere vom Weiden zurück und trieb seine Herden in die Höhle — diesmal trieb er sie alle hinein und ließ keine in den Höfen; ich vermute, irgendeine Laune muss ihn ergriffen haben, oder ein Gott musste ihn dazu antreiben. Sobald er den Stein wieder an seinen Platz vor der Tür gesetzt hatte, setzte er sich, molk seine Schafe und Ziegen ganz ordentlich und gab dann jedem sein Junges; als er mit all dieser Arbeit fertig war, packte er zwei weitere meiner Leute und machte sein Abendessen mit ihnen. Also ging ich mit einer Schale aus Efeuholz mit schwarzem Wein in den Händen zu ihm:
„‚Sieh hier, Kyklop', sprach ich, ‚du hast eine Menge Menschenfleisch gegessen, so nimm dies und trink etwas Wein, damit du siehst, was für ein Getränk wir an Bord meines Schiffes hatten. Ich brachte es dir als Trankopfer in der Hoffnung, du würdest Mitleid mit mir haben und mich auf meinem Heimweg weiterbringen, wohingegen du nichts tust, als in unerträglicher Weise zu rasen und zu toben. Du solltest dich schämen; wie kannst du erwarten, dass die Leute dich noch besuchen, wenn du sie so behandelst?'
„Da nahm er den Becher und trank. So sehr entzückte ihn der Geschmack des Weines, dass er mich um eine zweite Schale voll anflehte. ‚Sei so gütig', sagte er, ‚und gib mir noch etwas davon und sage mir sogleich deinen Namen. Ich will dir ein Geschenk machen, über das du dich freuen wirst. Wir haben sogar Wein in diesem Lande, denn unser Boden trägt Reben und die Sonne reift sie, doch dieser hier schmeckt wie Nektar und Ambrosia in einem.'
„Ich gab ihm also noch mehr; dreimal füllte ich ihm die Schale, und dreimal leerte er sie, ohne Sinn und Verstand; als ich dann sah, dass ihm der Wein in den Kopf gestiegen war, sprach ich so überzeugend ich konnte zu ihm: ‚Kyklop, du fragst nach meinem Namen, ich will ihn dir nennen; gib mir also das Geschenk, das du mir versprochen hast; mein Name ist Niemand; so haben mich immer Vater und Mutter und meine Freunde genannt.'
„Doch der grausame Wicht sprach: ‚So will ich all Niemands Gefährten vor Niemand selbst verzehren und Niemand mir zuletzt aufsparen. Das ist das Geschenk, das ich ihm machen will.'
„Während er so sprach, taumelte er und fiel rücklings auf den Boden, lang ausgestreckt mit dem Gesicht nach oben. Sein mächtiger Nacken hing schwer nach hinten, und tiefer Schlaf ergriff ihn. Bald ward ihm übel, und er brach sowohl den Wein als auch die Brocken Menschenfleisch aus, mit denen er sich vollgefressen hatte, denn er war sehr betrunken. Da stieß ich den Balken tief in die Glut, um ihn zu erhitzen, und ich munterte meine Leute auf, dass nicht einer von ihnen feige werde. Als das Holz, obwohl noch grün, zu brennen beginnen wollte, zog ich es glühend heiß aus dem Feuer, und meine Männer sammelten sich um mich, denn der Himmel hatte ihnen Mut ins Eingegeben. Wir trieben das spitze Ende des Balkens in das Auge des Ungeheuers, und mit meinem ganzen Gewicht darauf drückend drehte ich ihn unablässig hin und her, als bohrte ich ein Loch in die Planke eines Schiffes mit einem Schiffsbohrer, den zwei Männer mit Winde und Riemen nach Belieben in Gang halten können. Genau so bohrten wir den glühend heißen Balken in sein Auge, bis das siedende Blut ringsum aufwallte, während wir ihn immerfort drehten, so dass der Dampf aus dem brennenden Augapfel seine Lider und Brauen verbrühte und die Wurzeln des Auges im Feuer knisterten. Wie ein Schmied eine Axt oder ein Beil in kaltes Wasser taucht, um es zu härten — denn das erst verleiht dem Eisen die Stärke — und es dabei laut zischt, so zischte das Auge des Kyklopen rings um den Olivenholzbalken, und sein entsetzliches Geheul ließ die Höhle widerhallen. Wir flohen in Schrecken davon, doch er riss den Balken, über und über mit Blut besudelt, aus seinem Auge und schleuderte ihn in einem Anfall von Raserei und Schmerz von sich, wobei er laut den anderen Kyklopen zurief, die auf den öden Klippen bei ihm wohnten; so kamen sie aus allen Richtungen zu seiner Höhle zusammen, als sie ihn schreien hörten, und fragten, was mit ihm los sei.
„‚Was fehlt dir, Polyphem', sprachen sie, ‚dass du solchen Lärm machst und die Stille der Nacht brichst und uns am Schlafen hinderst? Trägt dir etwa jemand deine Schafe weg? Versucht dich etwa jemand zu töten, sei es durch List oder Gewalt?'
„Doch Polyphem schrie ihnen aus dem Innern der Höhle zu: ‚Niemand tötet mich durch List; niemand tötet mich durch Gewalt.'
„‚Dann', sprachen sie, ‚wenn dich niemand angreift, musst du wohl krank sein; wenn Jupiter die Menschen krank macht, ist da kein Rat, und du tust besser daran, zu deinem Vater Neptun zu beten.'
„Dann gingen sie fort, und ich lachte in meinem Innern über den Erfolg meiner klugen List, doch der Kyklop, stöhnend und in Schmerzqualen, tastete mit den Händen umher, bis er den Stein fand und von der Tür wegrollte; dann setzte er sich in den Eingang und streckte seine Hände davor aus, um jeden zu fangen, der mit den Schafen hinausging, denn er dachte, ich könnte so töricht sein, dies zu versuchen.
„Was mich betrifft, so sann ich unablässig nach, wie ich am besten mein eigenes Leben und das meiner Gefährten retten könnte; ich grübelte und grübelte, wie einer, der weiß, dass sein Leben davon abhängt, denn die Gefahr war sehr groß. Endlich erschien mir dieser Plan als der beste: die männlichen Schafe waren wohlgewachsen und trugen ein schweres schwarzes Vlies, also band ich sie geräuschlos zu dreien zusammen, mit einigen der Weidenruten, auf denen das ruchlose Ungeheuer zu schlafen pflegte. Unter dem mittleren Schaf sollte ein Mann sein, und die beiden zu beiden Seiten sollten ihn decken, so dass drei Schafe auf jeden Mann kamen. Was mich anging, so gab es einen Widder, schöner als alle anderen, also fasste ich ihn am Rücken, verbarg mich in der dichten Wolle unter seinem Bauch und hing mich geduldig an sein Vlies, mit dem Gesicht nach oben, mich die ganze Zeit fest daran haltend.
„So warteten wir denn in großer Angst des Herzens, bis der Morgen kam, doch als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Eos, erschien, eilten die Widder hinaus zu weiden, während die Mutterschafe blökend bei den Pferchen blieben und darauf warteten, gemolken zu werden, denn ihre Euter waren zum Bersten voll; doch ihr Herr fühlte, allen Schmerzes ungeachtet, den Rücken aller Schafe ab, wie sie aufrecht standen, ohne schlau genug zu sein, zu merken, dass die Männer unter ihren Bäuchen waren. Als der Widder als letzter hinausging, schwer von seinem Vlies und von der Last meiner listigen Person, da ergriff ihn Polyphem und sprach:
„‚Mein guter Widder, was ist es, das dich heute Morgen als letzten meine Höhle verlassen lässt? Du pflegst sonst die Mutterschafe nicht vor dir gehen zu lassen, sondern führst die Herde im Lauf an, ob zur blumenreichen Weide oder zum sprudelnden Born, und bist der erste, der des Nachtes wieder heimkommt; doch jetzt hinkst du als letzter hinterdrein. Ist es, weil du weißt, dass dein Herr sein Auge verloren hat, und trauerst du, weil dieser schurkische Niemand mit seiner garstigen Bande ihn im Trunke überwältigt und geblendet hat? Aber ich werde ihn doch noch zu fassen kriegen. Wenn du verstehen und sprechen könntest, würdest du mir sagen, wo sich der Schuft versteckt, und ich würde ihm das Hirn auf dem Boden zerschmettern, bis es in der ganzen Höhle umherspritzte. So hätte ich einige Genugtuung für den Schaden, den dieser nichtsnutzige Niemand mir angetan hat.'
„Während er so sprach, trieb er den Widder hinaus, doch als wir ein Stück von der Höhle und vom Hofe entfernt waren, kam ich zuerst unter dem Bauch des Widders hervor und befreite dann meine Gefährten; was die Schafe betrifft, die sehr fett waren, so trieben wir sie, indem wir sie ständig in die richtige Richtung lenkten, hinunter zum Schiff. Die Mannschaft freute sich sehr, die von uns wiederzusehen, die dem Tode entronnen waren, weinte aber um die anderen, die der Kyklop getötet hatte. Gleichwohl gab ich ihnen durch Nicken und Stirnrunzeln Zeichen, dass sie ihr Weinen stillen sollten, und hieß sie, sofort alle Schafe an Bord bringen und in See stechen; so gingen sie an Bord, nahmen ihre Plätze ein und schlugen mit ihren Rudern die graue See. Als ich mich dann so weit entfernt hatte, wie meine Stimme reichte, begann ich, den Kyklopen zu verhöhnen.
„‚Kyklop', rief ich, ‚du hättest besser Maß nehmen sollen mit deinem Mann, bevor du seine Gefährten in deiner Höhle auffressen wolltest. Du Wicht, iss deine Gäste in deinem eigenen Hause auf? Du hättest wissen müssen, dass deine Schuld dich verraten würde, und nun hat Jupiter mit den anderen Göttern dich bestraft.'
„Er wurde immer wütender, als er mich hörte, so riss er die Spitze von einem hohen Berge ab und schleuderte sie knapp vor mein Schiff, dass sie das Ende des Steuerruders nur wenig verfehlte. Das Meer erbebte, als der Fels hineinstürzte, und der Schwall der Welle, die er aufwarf, trug uns zurück zum Festland und drängte uns ans Ufer. Doch ich ergriff eine lange Stange und hielt das Schiff davon ab, wobei ich meinen Leuten durch Kopfnicken Zeichen gab, sie müssten um ihr Leben rudern, worauf sie mit voller Kraft loslegten. Als wir doppelt so weit gekommen waren wie zuvor, wollte ich den Kyklopen schon wieder verhöhnen, doch die Männer flehten mich an und baten mich, den Mund zu halten.
„‚Sei nicht', riefen sie, ‚wahnsinnig genug, dieses wilde Geschöpf noch weiter zu reizen; er hat schon einen Felsen auf uns geworfen, der uns wieder zurück ans Festland trieb, und wir waren sicher, es sei unser Tod gewesen; hätte er dann noch irgendeinen weiteren Laut von Stimmen vernommen, er hätte uns die Köpfe und die Schiffshölzer zu Brei zermalmt mit den schroffen Felsen, die er auf uns geschleudert hätte, denn er kann sie weit werfen.'
„Doch ich wollte nicht auf sie hören und schrie ihm in meinem Zorn zu: ‚Kyklop, wenn dich jemand fragt, wer dir das Auge ausgestochen und deine Schönheit zerstört hat, so sage ihm, es war der tapfere Krieger Odysseus, Sohn des Laertes, der in Ithaka wohnt.'
„Darauf stöhnte er und schrie: ‚Wehe, wehe, dann erfüllt sich die alte Weissagung über mich. Einst lebte hier ein Seher, ein Mann, tapfer und von großem Wuchs, Telemus, Sohn des Eurymus, ein vortrefflicher Wahrsager, der allen Kyklopen weissagte, bis er alt wurde; er sagte mir, all dies werde mir einst zustoßen, und sprach, ich werde mein Augenlicht durch die Hand des Odysseus verlieren. Ich habe die ganze Zeit einen Mann von eindrucksvoller Gestalt und übermenschlicher Kraft erwartet, und siehe, es ist ein kleiner unbedeutender Schwächling, der es vermocht hat, mich in meiner Trunkenheit zu überlisten und mir das Auge zu blenden; komm also her, Odysseus, damit ich dir Geschenke mache zum Zeichen meiner Gastfreundschaft und Neptun bitte, dich auf deiner Fahrt weiterzuhelfen — denn Neptun und ich sind Vater und Sohn. Er, so er will, wird mich heilen, was kein anderer kann, weder Gott noch Mensch.'
„Da sprach ich: ‚Ich wollte, ich könnte so sicher sein, dich auf der Stelle zu töten und hinab in des Hades Haus zu schicken, wie ich dessen sicher bin, dass es mehr als Neptun brauchen wird, um dir jenes Auge zu heilen.'
„Darauf hob er die Hände zum Firmament des Himmels und betete: ‚Höre mich, großer Neptun; wenn ich wahrhaftig dein eigener leiblicher Sohn bin, so gewähre, dass Odysseus niemals lebend seine Heimat erreicht; oder wenn er doch zuletzt zu den Seinen gelangen muss, so lasse ihn es spät und in elender Lage tun, nachdem er alle seine Leute verloren hat [er möge seine Heimat auf eines anderen Mannes Schiff erreichen und Ungemach in seinem Hause vorfinden].'
„So betete er, und Neptun erhörte sein Gebet. Dann hob er einen weit größeren Felsen auf als den ersten, schwang ihn empor und schleuderte ihn mit ungeheurer Kraft. Er fiel nur knapp am Schiff vorbei, traf aber das Ende des Steuerruders nur wenig. Das Meer erbebte, als der Fels hineinstürzte, und der Schwall der Welle, die er aufwarf, trieb uns auf unserem Weg weiter gegen die Küste der Insel.
„Als wir endlich zu der Insel gelangten, wo wir die übrigen Schiffe zurückgelassen hatten, fanden wir unsere Gefährten, die um uns trauerten und ängstlich auf unsere Rückkehr warteten. Wir liefen mit unserem Schiff auf den Sand und stiegen ans Meeresufer; wir landeten auch die Schafe des Kyklopen und verteilten sie gerecht unter uns, damit keiner Anlass zur Klage hätte. Was den Widder betrifft, so waren meine Gefährten einverstanden, dass ich ihn als Sonderanteil bekäme; so opferte ich ihn am Meeresufer und verbrannte seine Schenkelknochen dem Jupiter, dem Herrn über alle. Doch er kümmerte sich nicht um mein Opfer und dachte nur daran, wie er sowohl meine Schiffe als auch meine Gefährten vernichten könnte.
„So feierten wir den ganzen langen Tag bis zum Sonnenuntergang reichlich Fleisch und Trank, doch als die Sonne unterging und es dunkel wurde, lagerten wir am Strande. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Eos, erschien, hieß ich meine Männer an Bord gehen und die Taue lösen. Da nahmen sie ihre Plätze ein und schlugen mit ihren Rudern die graue See; so segelten wir mit Kummer im Herzen weiter, doch froh, dem Tode entronnen zu sein, obwohl wir unsere Gefährten verloren hatten.
ZEHNTER GESANG
AEOLUS, DIE LAISTRYGONEN, KIRKE.
„Von dort fuhren wir weiter zur Äolischen Insel, wo Aeolus, Sohn des Hippotas, wohnt, der Unsterblichen lieb. Es ist eine Insel, die gleichsam auf dem Meere schwimmt, von einer eisernen Mauer umgürtet. Nun hat Aeolus sechs Töchter und sechs stattliche Söhne, so vermählte er die Söhne mit den Töchtern, und sie alle leben mit ihrem lieben Vater und ihrer Mutter, schmausen und genießen jede nur erdenkliche Art von Luxus. Den ganzen Tag lang ist die Luft im Hause geschwängert vom Duft gebratener Fleischspeisen, dass Hof und Haus davon ächzen; doch des Nachts schlafen sie auf ihren wohlgemachten Bettstellen, jeder mit seiner eigenen Frau zwischen den Decken. Dies waren die Leute, zu denen wir nun kamen.
„Aeolus bewirtete mich einen ganzen Monat lang und fragte mich die ganze Zeit nach Troja, der Argivischen Flotte und der Heimkehr der Achaier. Ich erzählte ihm genau, wie alles geschehen war, und als ich sagte, ich müsse gehen und ihn bat, mich weiter auf meinem Weg zu fördern, machte er keinerlei Schwierigkeiten, sondern schickte sich sofort an, es zu tun. Überdies zog er mir einen vortrefflichen Ochsenbalg ab, um die Wege der brausenden Winde darin zu fassen, die er in den Balg wie in einen Sack einschloss — denn Jupiter hatte ihn zum Herrn über die Winde bestellt, und er konnte jeden von ihnen nach eigenem Gutdünken erregen oder stillen. Er legte den Sack in das Schiff und verschnürte die Öffnung so fest mit einem silbernen Faden, dass auch nicht ein Hauch eines Seitenwindes aus irgendeiner Richtung wehen konnte. Den Westwind, der uns günstig war, ließ er als einzigen nach Belieben wehen; doch es war alles umsonst, denn wir gingen durch unsere eigene Torheit zugrunde.
„Neun Tage und neun Nächte segelten wir, und am zehnten Tag zeigte sich am Horizont unser heimatliches Land. Wir kamen so nahe heran, dass wir die Stoppelfeuer brennen sehen konnten, und ich, damals völlig erschöpft, fiel in einen leichten Schlaf, denn ich hatte das Ruder nie aus den eigenen Händen gelassen, damit wir umso schneller heimkämen. Da fielen die Männer ins Gespräch untereinander und sagten, ich brächte Gold und Silber in dem Sack zurück, den Aeolus mir gegeben habe. ‚Bei meinem Leben', wandte sich einer zum Nachbarn, ‚wie dieser Mensch geehrt wird und sich Freunde macht, in welcher Stadt oder welchem Lande er auch weilen mag. Sieh nur, was für feine Preise er von Troja heimbringt, während wir, die wir ebenso weit gereist sind wie er, mit ebenso leeren Händen heimkommen, wie wir ausgefahren sind — und nun hat Aeolus ihm obendrein noch viel mehr gegeben. Rasch — lasst uns sehen, was das alles ist, und wie viel Gold und Silber in dem Sack ist, den er ihm gab.'
„So redeten sie, und böse Ratschläge siegten. Sie banden den Sack auf, worauf der Wind heulend herausfuhr und einen Sturm entfesselte, der uns weinend hinaus aufs Meer und fort von unserer Heimat trug. Da erwachte ich und wusste nicht, ob ich mich ins Meer stürzen oder weiterleben und das Beste daraus machen sollte; doch ich ertrug es, hüllte mich ein und legte mich im Schiffe nieder, während die Männer bitter klagten, als die heftigen Winde unsere Flotte zur Äolischen Insel zurücktrugen.
„Als wir sie erreichten, gingen wir an Land, um Wasser einzunehmen, und speisten hart bei den Schiffen. Unmittelbar nach dem Mahle nahm ich einen Herold und einen meiner Leute und ging geradewegs zum Hause des Aeolus, wo ich ihn beim Mahle mit seiner Frau und seiner Familie fand; so setzten wir uns als Bittflehende auf die Schwelle. Sie staunten, als sie uns sahen, und sprachen: ‚Odysseus, was führt dich hierher? Welcher Gott hat dir übel mitgespielt? Wir haben uns große Mühe gegeben, dich auf deinem Weg nach Ithaka weiterzubringen, oder wohin auch immer du gehen wolltest.'
„So sprachen sie, doch ich antwortete traurig: ‚Meine Männer haben mich zugrunde gerichtet; sie und der grausame Schlaf haben mich verderbt. Meine Freunde, bessert mir diesen Schaden, denn ihr könnt es, wenn ihr wollt.'
„Ich sprach so bewegt ich konnte, doch sie schwiegen, bis ihr Vater antwortete: ‚Geringster unter den Menschen, packe dich sogleich von der Insel; wem der Himmel feind ist, dem will ich keineswegs helfen. Fort mit dir, denn du kommst hierher als einer, der dem Himmel verhasst ist.' Und mit diesen Worten schickte er mich trauernd von seiner Tür.
„Von dort segelten wir traurig weiter, bis die Männer vom langen und fruchtlosen Rudern erschöpft waren, denn es gab keinen Wind mehr, der ihnen half. Sechs Tage, Nacht und Tag, mühten wir uns ab, und am siebten Tage erreichten wir die felsige Feste des Lamos — Telepylos, die Stadt der Laistrygonen, wo der Hirt, der seine Schafe und Ziegen [zum Melken] heimtreibt, den grüßt, der seine Herde [zum Weiden] hinaustreibt, und dieser den Gruß erwidert. In jenem Lande könnte ein Mann, der ohne Schlaf auszukommen vermag, doppelten Lohn verdienen, den einen als Rinderhirt, den anderen als Schafhirt, denn sie arbeiten bei Nacht ebenso viel wie bei Tag.
„Als wir den Hafen erreichten, fanden wir ihn von steilen Felsen landumschlossen, mit einem schmalen Eingang zwischen zwei Landspitzen. Meine Kapitäne brachten all ihre Schiffe hinein und machten sie dicht beieinander fest, denn drinnen wehte auch nicht ein Lüftchen, sondern es war immer völlige Windstille. Ich hielt mein eigenes Schiff draußen und vertäute es an einen Felsen ganz am Ende der Landspitze; dann stieg ich auf einen hohen Felsen, um zu rekognoszieren, konnte aber weder Mensch noch Vieh erblicken, nur etwas Rauch, der vom Boden aufstieg. So sandte ich zwei meiner Leute mit einem Begleiter aus, um herauszufinden, was für Leute die Bewohner seien.
„Die Männer folgten, als sie an Land gekommen waren, einer ebenen Straße, auf der die Leute ihr Brennholz aus den Bergen in die Stadt schaffen, bis sie bald einer jungen Frau begegneten, die nach draußen gekommen war, um Wasser zu holen, und die Tochter eines Laistrygonen namens Antiphates war. Sie ging zum Brunnen Artakia, von dem die Leute ihr Wasser holen, und als meine Männer sich ihr genähert hatten, fragten sie sie, wer der König jenes Landes sei und über was für Leute er herrsche; da wies sie sie zum Hause ihres Vaters, doch als sie dort anlangten, fanden sie seine Frau als Riesin, so groß wie ein Berg, und sie erschraken beim Anblick.
„Sie rief sofort ihren Mann Antiphates von der Volksversammlung herbei, und sogleich machte er sich daran, meine Männer zu töten. Er packte einen von ihnen und begann, ihn auf der Stelle zum Abendessen zu verzehren, worauf die anderen beiden so schnell sie konnten zu den Schiffen liefen. Doch Antiphates erhob ein Zetergeschrei hinter ihnen, und tausende von stämmigen Laistrygonen sprangen von allen Seiten herbei — Ungeheuer, nicht Männer. Sie warfen gewaltige Felsen von den Klippen auf uns herab, als wären es bloße Steine gewesen, und ich hörte das entsetzliche Geräusch der Schiffe, die gegeneinander knirschten, und die Todesschreie meiner Männer, als die Laestrygonen sie wie Fische aufspießten und heimschleppten, um sie zu verspeisen. Während sie so meine Männer im Hafen niedermetzelten, zog ich mein Schwert, kappte das Tau meines eigenen Schiffes und hieß meine Männer aus Leibeskräften rudern, wenn sie nicht das gleiche Schicksal erleiden wollten wie die übrigen; so legten sie sich um ihr Leben ins Zeug, und wir waren mehr als froh, als wir in offenes Wasser gelangten, außer Reichweite der Felsen, die sie auf uns schleuderten. Von den anderen aber war nicht ein einziger am Leben geblieben.
„Von dort segelten wir traurig weiter, froh, dem Tod entronnen zu sein, obwohl wir unsere Gefährten verloren hatten, und kamen zur Insel Aiaia, wo Kirke wohnt – eine große und listenreiche Göttin, die die leibliche Schwester des Zauberers Aietes ist; denn beide sind Kinder des Helios und der Perse, der Tochter des Okeanos. Wir brachten unser Schiff in einen sicheren Hafen, ohne ein Wort zu sprechen, denn ein Gott hatte uns dorthin geleitet; und als wir gelandet waren, ruhten wir dort zwei Tage und zwei Nächte aus, erschöpft an Leib und Seele. Als der dritte Morgen kam, nahm ich meinen Speer und mein Schwert und ging vom Schiff weg, um zu erkunden, ob ich vielleicht Spuren menschlicher Arbeit entdecken oder den Klang von Stimmen hören könnte. Ich stieg auf eine hohe Warte und erblickte den Rauch von Kirkes Haus, der sich mitten aus einem dichten Wald von Bäumen emporhob; und als ich dies sah, war ich unschlüssig, ob ich, nachdem ich den Rauch gesehen hatte, nicht sogleich weitergehen und mehr herausfinden sollte, doch am Ende hielt ich es für das Beste, zum Schiff zurückzukehren, den Männern ihr Mahl zu geben und einige von ihnen statt meiner auszuschicken.
Als ich fast beim Schiff angelangt war, hatte ein Gott Erbarmen mit meiner Einsamkeit und trieb mir einen prächtigen, geweihragenden Hirsch genau in den Weg. Er kam aus seiner Waldweide herab, um am Fluss zu trinken, denn die Hitze der Sonne trieb ihn, und als er vorüberzog, traf ich ihn mitten auf dem Rücken; die bronzene Spitze des Speeres fuhr ihm glatt hindurch, und er lag stöhnend im Staub, bis ihm das Leben entschwand. Dann stellte ich meinen Fuß auf ihn, zog meinen Speer aus der Wunde und legte ihn nieder; auch sammelte ich grobes Gras und Binsen und drehte sie zu einem Klafter oder so guten, dicken Seiles zusammen, mit dem ich die vier Füße des edlen Tieres zusammenband; als ich das getan hatte, hängte ich es mir um den Hals und ging, auf meinen Speer gestützt, zum Schiff zurück, denn der Hirsch war viel zu groß, als dass ich ihn auf der Schulter hätte tragen und mit einer Hand hätte im Gleichgewicht halten können. Als ich ihn vor dem Schiff niederwarf, rief ich die Männer an und sprach einen nach dem anderen ihnen Mut zu. ‚Schaut hier, meine Freunde‘, sagte ich, ‚wir werden doch nicht allzu bald sterben, und jedenfalls werden wir nicht hungern, solange wir noch etwas zu essen und zu trinken an Bord haben.‘ Daraufhin entblößten sie am Meeresstrand ihr Haupt und bewunderten den Hirsch, denn er war in der Tat ein prächtiges Tier. Dann, als sie sich an ihm sattgesehen hatten, wuschen sie sich die Hände und machten sich daran, ihn zum Abendessen zuzubereiten.
So verbrachten wir den ganzen langen Tag bis zum Sonnenuntergang dort, aßen und tranken nach Herzenslust; als aber die Sonne unterging und es dunkel wurde, lagerten wir am Meeresstrand. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Eos, erschien, berief ich eine Versammlung und sprach: ‚Meine Freunde, wir befinden uns in sehr großer Bedrängnis; hört daher auf mich. Wir wissen nicht, wo die Sonne untergeht oder aufgeht, so dass wir nicht einmal Ost von West zu unterscheiden vermögen. Ich sehe keinen Ausweg; dennoch müssen wir einen suchen. Wir sind gewiss auf einer Insel, denn ich bin heute Morgen so hoch hinaufgestiegen, wie ich konnte, und sah das Meer ringsum bis zum Horizont reichen; sie liegt tief, aber gegen die Mitte hin sah ich Rauch aus einem dichten Wald von Bäumen aufsteigen.'
Ihre Herzen sanken, als sie mich hörten, denn sie erinnerten sich, wie sie von Antiphates, dem Laistrygonier, und vom wilden Unhold Polyphem waren behandelt worden. Sie weinten bitterlich in ihrer Bestätzung; doch war mit Weinen nichts auszurichten, so teilte ich sie in zwei Scharen und setzte über jede einen Anführer; die eine Schar gab ich Eurylochos, während ich selbst das Kommando über die andere übernahm. Dann warfen wir das Los in einem Helm, und das Los fiel auf Eurylochos; so brach er mit seinen zweiundzwanzig Männern auf, und sie weinten, wie auch wir, die wir zurückblieben.
Als sie Kirkes Haus erreichten, fanden sie es aus behauenen Steinen erbaut, an einem Ort, der von weitem zu sehen war, mitten im Walde. Ringsum streiften wilde Bergwölfe und Löwen – arme verzauberte Geschöpfe, die sie durch ihre Zauberkünste gezähmt und mit Zaubertränken gefügig gemacht hatte. Sie fielen meine Männer nicht an, sondern wedelten mit ihren mächtigen Schwänzen, schmeichelten ihnen und rieben ihre Nasen liebevoll an ihnen. Wie Hunde sich um ihren Herrn drängen, wenn sie ihn vom Mahle kommen sehen – denn sie wissen, dass er ihnen etwas bringen wird –, ebenso schmeichelten diese Wölfe und Löwen mit ihren gewaltigen Pranken meinen Männern; doch die Männer erschraken heftig beim Anblick so seltsamer Geschöpfe. Bald darauf erreichten sie die Tore der Göttin Haus, und als sie davorstanden, konnten sie Kirke drinnen hören, die überaus schön sang, während sie an ihrem Webstuhl arbeitete und ein Gewebe webte, so fein, so zart und von so blendenden Farben, wie es nur eine Göttin zu weben vermag. Da sagte Polites, den ich höher achtete und mehr vertraute als irgendeinen anderen meiner Männer: ‚Dort drinnen ist jemand, der an einem Webstuhl arbeitet und überaus schön singt; der ganze Ort hallt davon wider; lasst uns rufen und sehen, ob sie Frau oder Göttin ist.'
Sie riefen sie, und sie kam herab, öffnete die Tür und hieß sie eintreten. Sie, die nichts Böses ahnten, folgten ihr, alle außer Eurylochos, der Tücke vermutete und draußen blieb. Als sie sie ins Haus gelockt hatte, setzte sie sie auf Bänke und Stühle und mischte ihnen einen Trank aus Käse, Honig, Mehl und pramnischem Wein; doch sie vergiftete ihn mit bösen Zauberkräutern, damit sie ihre Heimat vergäßen, und als sie getrunken hatten, verwandelte sie sie mit einem Schlag ihres Zauberstabs in Schweine und sperrte sie in ihre Schweineställe. Sie glichen Schweinen, Kopf, Borsten und allem, und sie grunzten ganz wie Schweine; doch ihr Verstand war wie zuvor, und sie erinnerten sich an alles.
So lagen sie denn eingesperrt und quietschten, und Kirke warf ihnen Eicheln und Bucheckern zu, wie Schweine sie fressen; Eurylochos aber eilte zurück, um mir vom traurigen Geschick unserer Gefährten zu berichten. Er war so von Schrecken überwältigt, dass er, obwohl er sprechen wollte, doch keine Worte dafür fand; seine Augen füllten sich mit Tränen, und er konnte nur schluchzen und seufzen, bis wir ihm endlich seine Geschichte entrissen, und er uns erzählte, was den anderen widerfahren war.
‚Wir gingen‘, sagte er, ‚wie du uns sagtest, durch den Wald, und in seiner Mitte stand ein prächtiges Haus aus behauenen Steinen an einem Ort, der von weitem zu sehen war. Dort fanden wir eine Frau – oder vielmehr eine Göttin –, die an ihrem Webstuhl arbeitete und lieblich sang; da riefen die Männer ihr zu und riefen sie an; woraufhin sie sogleich herabkam, die Tür öffnete und uns einlud. Die anderen argwöhnten keinen Hinterhalt und folgten ihr ins Haus; ich aber blieb, wo ich war, denn ich dachte, es könnte Verrat sein. Von diesem Augenblick an sah ich sie nicht mehr, denn nicht einer von ihnen kam je wieder heraus, obwohl ich lange Zeit davor saß und auf sie wartete.'
Da nahm ich mein Bronzeschwert und gürtete es um die Schultern; auch nahm ich meinen Bogen und befahl Eurylochos, mit mir zurückzukehren und mir den Weg zu zeigen. Doch er ergriff mich mit beiden Händen und sprach kläglich: ‚Herr, zwingt mich nicht, mit euch zu gehen, sondern lasst mich hier bleiben, denn ich weiß, dass ihr nicht einen von ihnen zurückbringen werdet, ja nicht einmal selbst lebend zurückkehren werdet; lasst uns lieber sehen, ob wir nicht wenigstens mit den wenigen, die uns geblieben sind, entkommen können, denn wir können unser Leben vielleicht noch retten.'
‚So bleibe denn, wo du bist,' antwortete ich, ‚und iss und trink beim Schiff; ich aber muss gehen, denn es drängt mich aufs höchste.'
Damit verließ ich das Schiff und ging landeinwärts. Als ich den zauberischen Hain durchquert hatte und dem großen Haus der Zauberin Kirke nahe war, begegnete mir Hermes mit seinem goldenen Stab, verkleidet als junger Mann in der Blüte seiner Jugend und Schönheit, mit dem ersten Flaum auf den Wangen. Er trat auf mich zu, ergriff meine Hand mit der seinen und sprach: ‚Mein armer unglücklicher Mensch, wohin gehst du über diesen Bergkamm, allein und ohne den Weg zu kennen? Deine Männer sind in Kirkes Schweineställen eingesperrt, wie so viele Wildschweine in ihren Lagern. Du bildest dir doch nicht ein, dass du sie befreien kannst? Ich sage dir, du wirst nicht zurückkehren, sondern musst dort bei den übrigen bleiben. Doch kümmere dich nicht, ich werde dich schützen und aus deiner Not befreien. Nimm dieses Kraut, das von großer Heilkraft ist, und trage es bei dir, wenn du zu Kirkes Haus gehst; es wird dir ein Talisman gegen jede Art von Unheil sein.
Und ich will dir all die böse Zauberei sagen, die Kirke an dir versuchen wird. Sie wird dir einen Trank mischen, den du trinken sollst, und sie wird das Mehl, mit dem sie ihn anrührt, mit Zauberkräutern versetzen; aber sie wird dich nicht verzaubern können, denn die Kraft des Krautes, das ich dir geben werde, wird ihre Zaubersprüche unwirksam machen. Ich will dir alles genau erklären. Wenn Kirke dich mit ihrem Stab schlägt, so zücke dein Schwert und stürze dich auf sie, als wolltest du sie töten. Sie wird dann Furcht bekommen und begehren, dass du zu ihr ins Bett kommst; hierauf darfst du nicht rundweg ablehnen, denn du willst, dass sie deine Gefährten freilässt und auch dich selbst gut versorgt; aber du musst sie feierlich bei allen seligen Göttern schwören lassen, dass sie keinen weiteren Anschlag gegen dich plant, sonst wird sie, wenn sie dich nackt vor sich hat, dich entmannen und zu nichts mehr taugen lassen.'
Während er so sprach, zog er das Kraut aus der Erde und zeigte mir, wie es aussah. Die Wurzel war schwarz, die Blüte aber so weiß wie Milch; die Götter nennen es Moly, und sterbliche Menschen können es nicht ausreißen, doch den Göttern ist alles möglich.
Dann kehrte Hermes zum hohen Olymp zurück, über die bewaldete Insel hinweg; ich aber schritt zum Haus der Kirke, und mein Herz war von Sorgen umwölkt, als ich dahinging. Als ich zu den Toren kam, blieb ich stehen und rief die Göttin; und sobald sie mich hörte, kam sie herab, öffnete die Tür und bat mich einzutreten; so folgte ich ihr – tief im Herzen beunruhigt. Sie setzte mich auf einen reich verzierten, mit Silber eingelegten Sessel, ein Schemel war auch unter meinen Füßen, und sie mischte mir einen Trank in einem goldenen Becher zu trinken; doch sie vergiftete ihn, denn sie wollte mir Böses. Als sie ihn mir gegeben hatte und ich ihn getrunken hatte, ohne dass er mich verzauberte, schlug sie mit ihrem Stab nach mir. ‚Nun gut,' rief sie, ‚ab mit dir in den Schweinestall und richte dir dein Lager bei den übrigen ein.'
Doch ich stürzte mich mit gezücktem Schwert auf sie, als wollte ich sie töten; da fiel sie mit lautem Schrei zu Boden, umklammerte meine Knie und sprach kläglich: ‚Wer und woher bist du? Aus welchem Land und welchem Volk stammst du? Wie kann es sein, dass meine Tränke keine Macht haben, dich zu verzaubern? Nie zuvor vermochte ein Mann auch nur einen Schluck des Krautes, das ich dir gab, zu ertragen; du musst zauberfest sein; wahrlich, du kannst kein anderer sein als der kühne Held Odysseus, von dem Hermes immer sagte, er werde eines Tages hierher kommen mit seinem Schiff auf der Heimkehr von Troja; so sei es denn; stecke dein Schwert in die Scheide und lass uns zu Bett gehen, auf dass wir Freundschaft schließen und einander Vertrauen lernen.'
Und ich antwortete: ‚Kirke, wie kannst du von mir erwarten, dass ich freundlich zu dir bin, wenn du soeben alle meine Männer in Schweine verwandelt hast? Und nun, da du mich selbst hierher gelockt hast, sinnst du mir auf Böses, wenn du mich bittest, mit dir zu Bett zu gehen, und willst mich entmannen und zu nichts mehr brauchbar machen. Ich werde gewiss nicht einwilligen, mit dir zu Bett zu gehen, es sei denn, du schwörst mir zuvor feierlich, keinen weiteren Schaden gegen mich zu planen.'
So schwor sie auf der Stelle, wie ich es ihr gesagt hatte, und als sie ihren Schwur vollendet hatte, ging ich mit ihr zu Bett.
Unterdessen machten sich ihre vier Dienerinnen, ihre Hausmägde, an ihre Arbeit. Es sind Töchter der Haine und Quellen und der heiligen Wasser, die ins Meer hinabfließen. Eine von ihnen breitete einen schönen purpurnen Teppich über einen Sessel und legte eine Decke darunter. Eine andere trug silberne Tische zu den Sitzen heran und stellte Körbe aus Gold darauf. Eine dritte mischte süßen Wein mit Wasser in einer silbernen Schale und stellte gold cups auf die Tische, während die vierte Wasser herbeibrachte und es in einem großen Kessel über einem tüchtigen Feuer, das sie angezündet hatte, zum Sieden brachte. Als das Wasser im Kessel kochte, goss sie kaltes Wasser dazu, bis es genau so war, wie ich es mochte, und dann setzte sie mich in ein Bad und begann mich aus dem Kessel am Kopf und an den Schultern zu waschen, um die Müdigkeit und Steifheit aus meinen Gliedern zu vertreiben. Sobald sie mich gewaschen und mit Öl gesalbt hatte, kleidete sie mich in einen guten Mantel und ein Hemd und führte mich zu einem reich verzierten, mit Silber eingelegten Sessel; auch ein Schemel stand unter meinen Füßen. Eine Magd brachte mir dann Wasser in einer schönen goldenen Kanne und goss es in ein silbernes Becken, damit ich mir die Hände wüsche; sie rückte einen sauberen Tisch neben mich; eine Obermagd brachte mir Brot und bot mir von allem, was im Hause war, vieles an, und dann hieß mich Kirke essen; doch ich wollte nicht, sondern saß, ohne mich um das Vorhandene zu kümmern, noch immer verstimmt und argwöhnisch da.
Als Kirce sah, dass ich so dasaß, ohne zu essen, und in großem Kummer, trat sie zu mir und sprach: ‚Odysseus, warum sitzt du so da, als wärst du stumm, nagst an deinem eigenen Herzen und weigerst dich, Speise und Trank anzunehmen? Ist es, dass du noch immer Argwohn hegst? Du solltest es nicht, denn ich habe bereits feierlich geschworen, dass ich dir nichts antun werde.'
Und ich sprach: ‚Kirke, kein Mann mit einem Funken Sinn für Recht und Ordnung kann daran denken, in deinem Hause zu essen oder zu trinken, bevor du seine Freunde freigelassen und er sie erblickt hat. Wenn du willst, dass ich esse und trinke, musst du meine Männer freilassen und sie zu mir bringen, damit ich sie mit eigenen Augen sehe.'
Als ich dies gesagt hatte, ging sie schnurstracks durch den Hof, den Stab in der Hand, und öffnete die Türen der Schweineställe. Meine Männer kamen heraus wie so viele stattliche Eber und standen da und sahen sie an; doch sie ging zwischen ihnen umher und salbte jeden mit einem zweiten Zaubertrank; da fielen die Borsten, die der böse Trank ihnen gegeben hatte, ab, und sie wurden wieder zu Menschen, jünger als zuvor und weit größer und stattlicher. Sie erkannten mich sogleich, ergriffen mich jeder bei der Hand, und weinten vor Freude, bis das ganze Haus vom Schall ihres Hallo-Ballu erfüllt war, und Kirke selbst wurde ihrer so erbarmen, dass sie zu mir trat und sprach: ‚Odysseus, edler Sohn des Laertes, geh sogleich zurück zum Meere, wo du dein Schiff gelassen hast, ziehe es zuerst ans Land, dann verbirg all dein Schiffsgerät und deine Habe in einer Höhle und komm hierher zurück mit deinen Männern.'
Ich willigte ein, ging also zum Meeresstrand zurück und fand die Männer beim Schiff, die jämmerlich weinten und klagten. Als sie mich sahen, begannen die albernen, jammernden Kerle um mich herumzutollen wie Kälber, die ausschlagen und um sie herumspringen, wenn sie ihre Mütter zur Melkzeit nach Hause kommen sehen, nachdem sie den ganzen Tag geweidet haben, und der Hof von ihrem Blöken widerhallt. Sie schienen so froh, mich zu sehen, als wären sie wieder in ihrem heimatlichen, rauen Ithaka, wo sie geboren und aufgewachsen waren. ‚Herr,' sagten die treuherzigen Geschöpfe, ‚wir sind so froh, euch zurückzusehen, als wären wir glücklich nach Ithaka heimgekehrt; aber erzählt uns vom Schicksal unserer Gefährten.'
Ich sprach ihnen Trost zu und sagte: ‚Wir müssen unser Schiff an Land ziehen und das Schiffsgerät mitsamt all unserer Habe in einer Höhle verbergen; dann kommt alle so schnell ihr könnt mit mir zu Kirkes Haus, wo ihr eure Gefährten beim Essen und Trinken inmitten großer Fülle finden werdet.'
Daraufhin wären die Männer sogleich mit mir gekommen, doch Eurylochos suchte sie zurückzuhalten und sprach: ‚Ach, wir armen Elenden, was wird aus uns werden? Stürzt euch nicht ins Verderben, indem ihr zum Hause der Kirke geht, die uns alle in Schweine oder Wölfe oder Löwen verwandeln wird, und wir werden über ihr Haus wachen müssen. Erinnert euch, wie der Zyklop uns behandelte, als unsere Gefährten in seine Höhle gingen, und Odysseus mit ihnen. Es war allein durch seine reine Torheit, dass jene Männer ihr Leben verloren.'
Als ich dies hörte, war ich in zwei Herzen, ob ich nicht das scharfe Schwert ziehen sollte, das an meinem kräftigen Oberschenkel hing, und ihm den Kopf abschlagen sollte, obwohl er ein naher Verwandter von mir war; doch die Männer baten für ihn und sprachen: ‚Herr, wenn es so sein darf, so lasst diesen hier bleiben und das Schiff hüten; uns aber nehmt mit euch zu Kirkes Haus.'
Daraufhin gingen wir alle landeinwärts, und Eurylochus wurde schließlich doch nicht zurückgelassen, sondern kam mit, denn er war durch den scharfen Tadel, den ich ihm erteilt hatte, eingeschüchtert.
Unterdessen hatte Kirke dafür gesorgt, dass die zurückgelassenen Männer gewaschen und mit Olivenöl gesalbt worden waren; sie hatte ihnen auch wollene Mäntel und Hemden gegeben, und als wir kamen, fanden wir sie alle behaglich bei Tisch in ihrem Hause. Sobald die Männer einander von Angesicht zu Angesicht sahen und sich erkannten, weinten sie vor Freude und jubelten laut auf, bis der ganze Palast wiederhallte. Darauf trat Kirke zu mir und sprach: ‚Odysseus, edler Sohn des Laertes, sag deinen Männern, sie sollen aufhören zu weinen; ich weiß, wie viel ihr alle auf See gelitten habt und wie schlecht es euch unter grausamen Wilden auf dem Festland ergangen ist; doch das ist nun vorbei, so bleibt hier, esst und trinkt, bis ihr wieder so stark und rüstig seid, wie ihr wart, als ihr Ithaka verließt; denn gegenwärtig seid ihr geschwächt, an Leib und Seele; ihr denkt beständig an die Strapazen, die ihr auf euren Fahrten erduldet habt, so dass euch keine Heiterkeit mehr geblieben ist.'
So sprach sie, und wir willigten ein. Wir blieben ein ganzes Jahr bei Kirke und schmausten von einer unermesslichen Menge an Fleisch und Wein. Als aber das Jahr vergangen war im Schwinden der Monde und die langen Tage wiederkehrten, riefen mich meine Männer beiseite und sprachen: ‚Herr, es ist Zeit, dass du anfängst, an die Heimkehr zu denken, wenn du überhaupt dein Haus und dein Heimatland wiedersehen sollst.'
„So sprachen sie, und ich willigte ein. Den ganzen Tag lang, bis die Sonne unterging, schmausten wir uns satt an Fleisch und Wein; als jedoch die Sonne versank und es dunkel wurde, legten sich die Männer in den gedeckten Hallen zum Schlafe nieder. Ich aber, nachdem ich mich zu Kirke ins Bett gelegt hatte, bat sie bei den Knien, und die Göttin erhörte meine Worte. ‚Kirke‘, sprach ich, ‚halte das Versprechen, das du mir gabst, mich auf meiner Heimfahrt zu fördern. Ich möchte zurück, und so ergehen meine Männer mich immerfort mit ihren Klagen, sobald du nur den Rücken kehrst.'
Und die Göttin antwortete: ‚Odysseus, edler Sohn des Laertes, keiner von euch soll hier länger weilen, wenn ihr nicht wollt; doch habt ihr eine andere Fahrt noch zu bestehen, bevor ihr heimwärts segeln könnt. Du musst zum Hause des Hades und der furchtbaren Proserpina gehen, den Geist des blinden thebanischen Sehers Teiresias zu befragen, dessen Sinn noch unerschüttert ist. Ihm allein hat Proserpina sein Verstand auch im Tode gelassen, doch die anderen Geister flattern ziellos umher.'
Ich war entsetzt, als ich dies vernahm. Ich richtete mich im Bette auf und weinte und hätte das Licht der Sonne gar nicht mehr schauen mögen; doch als ich des Weinens und Hin- und Herwerfens müde war, sprach ich: ‚Und wer soll mich auf dieser Fahrt geleiten? Denn das Haus des Hades ist ein Hafen, den kein Schiff erreichen kann.'
‚Eines Führers bedarfst du nicht‘, antwortete sie; ‚richte den Mast auf, spann die weißen Segel, sitze ganz still, und der Nordwind wird dich von selbst dorthin wehen. Wenn dein Schiff die Wasser des Okeanos durchquert hat, wirst du das fruchtbare Ufer von Proserpinas Land erreichen mit seinen Hainen hoher Pappeln und Weiden, die ihre Frucht vor der Zeit abwerfen. Hier setze dein Schiff am Ufer des Okeanos auf den Strand und gehe geradewegs weiter zur dunklen Wohnung des Hades. Du wirst sie nahe dem Orte finden, wo die Ströme Pyriphlegethon und Kokytos (der ein Arm des Styx ist) sich in den Acheron ergießen, und du wirst einen Fels in der Nähe sehen, gerade dort, wo die beiden tosenden Flüsse ineinander münden.
‚Wenn du diese Stätte erreicht hast, wie ich dir nun sage, grabe eine Grube von etwa einer Elle in Länge, Breite und Tiefe und gieße als Trankopfer für alle Toten zunächst Honig mit Milch hinein, dann Wein, und drittens Wasser, und bestreue das Ganze mit weißem Gerstenmehl. Auch musst du viele Gebete an die armen, kraftlosen Geister richten und ihnen verheißen, dass du, wenn du nach Ithaka heimkehrst, ihnen eine unfruchtbare Kuh opfern wirst, die beste, die du hast, und den Scheiterhaufen mit guten Dingen beladen. Insbesondere musst du verheißen, dass Teiresias allein ein schwarzes Schaf erhalten soll, das feinste aus deinen Herden.
‚Wenn du so die Geister mit Gebeten angefleht hast, opfere ihnen einen Widder und eine schwarze Mutterschaf, ihre Häupter dem Erebos zugewandt; doch wende du dich von ihnen ab, als wolltest du dich zum Flusse wenden. Alsdann werden die Geister vieler Toten zu dir kommen, und du musst deinen Männern befehlen, den beiden Schafen, die du soeben geschlachtet hast, die Haut abzuziehen und sie als Brandopfer darzubringen mit Gebeten zu Hades und zu Proserpina. Dann zücke dein Schwert und setze dich dorthin, damit kein armer Geist sich dem vergossenen Blute nahen kann, ehe Teiresias deine Fragen beantwortet hat. Der Seher wird alsbald zu dir kommen und wird dir von deiner Fahrt erzählen – welche Stationen du zu machen hast und wie du das Meer zu befahren hast, um dein Heim zu erreichen.'
Es war Tag geworden, als sie ausgesprochen hatte; da kleidete sie mich in Hemd und Mantel. Sie selbst aber warf einen schönen lichten Schleier über die Schultern, gürtete ihn mit einem goldenen Gürtel um die Hüften und bedeckte ihr Haupt mit einem Obergewand. Dann ging ich unter den Männern allenthalben im Hause umher und redete einen jeden freundlich an: ‚Hier dürft ihr nicht länger schlafen', sprach ich zu ihnen, ‚wir müssen aufbrechen, denn Kirke hat mir alles gesagt.' Und sie taten, wie ich gebot.
Doch auch so brachte ich sie nicht ohne Missgeschick fort. Wir hatten einen gewissen Jüngling bei uns, Elpenor geheißen, nicht sehr ausgezeichnet an Verstand und Mut, der sich berauscht hatte und auf dem Dache des Hauses abseits von den übrigen Männern lag, um seinen Rausch in der Kühle auszuschlafen. Als er den Lärm der geschäftigen Männer hörte, fuhr er plötzlich empor und vergaß ganz, durch die Haupttreppe herabzusteigen; so stürzte er geradewegs vom Dache herab und brach den Nacken, und seine Seele fuhr hinab zum Hause des Hades.
Als ich die Männer versammelt hatte, sprach ich zu ihnen: ‚Ihr glaubt, ihr wollet wieder nach Hause aufbrechen; doch Kirke hat mir erklärt, dass wir stattdessen zum Hause des Hades und der Proserpina gehen müssen, um den Geist des thebanischen Sehers Teiresias zu befragen.'
Die Männer waren gebrochenen Herzens, als sie mich hörten, und warfen sich auf die Erde, stöhnten und rauften sich die Haare, doch besserten sie die Sache nicht durch ihr Weinen. Als wir das Gestade erreichten, weinend und unser Los beklagend, brachte Kirke den Widder und das Mutterschaf, und wir machten sie dicht beim Schiffe fest. Sie ging mitten durch uns hindurch, ohne dass wir es bemerkten; denn wer kann das Kommen und Gehen eines Gottes sehen, wenn der Gott nicht gesehen werden will?
BUCH XI
DER BESUCH BEI DEN TOTEN
‚Als wir nun zum Meeresgestade hinabgegangen waren, zogen wir unser Schiff ins Wasser und brachten Mast und Segel hinein; auch luden wir die Schafe ein und nahmen unsere Plätze ein, weinend und in großer Herzensnot. Kirke, die große und listenreiche Göttin, sandte uns einen günstigen Wind, der steuerbord achterlich blies und beständig mit uns hielt, unsere Segel allezeit wohl gefüllt; so taten wir, was am Schiffsgerät not tat, und ließen es laufen, wohin Wind und Steuermann es richteten. Den ganzen Tag lang standen die Segel voll, da sie ihren Kurs über das Meer hielt; als aber die Sonne unterging und Finsternis über die ganze Erde kam, gelangten wir in die tiefen Wasser des Stromes Okeanos, wo das Land und die Stadt der Kimmerier liegen, die in Nebel und Dunkel gehüllt leben, das die Strahlen der Sonne niemals durchdringen, weder bei ihrem Aufgang noch wenn sie wieder aus dem Himmel hinabsteigt, sondern die armen Geschöpfe führen ein einziges langes, schwermütiges Nachtdasein. Als wir dort anlangten, zogen wir das Schiff auf den Strand, nahmen die Schafe heraus und gingen am Wasser des Okeanos entlang, bis wir zu dem Orte kamen, von dem Kirke uns gesagt hatte.
‚Hier hielten Perimedes und Eurylochos die Opfertiere, während ich mein Schwert zog und die Grube nach jeder Seite eine Elle tief grub. Ich vollzog ein Trankopfer für alle Toten, zuerst mit Honig und Milch, dann mit Wein, und drittens mit Wasser, und ich bestreute das Ganze mit weißem Gerstenmehl, flehte inständig zu den armen, kraftlosen Geistern und verhieß ihnen, dass ich, wenn ich nach Ithaka heimkehrte, für sie eine unfruchtbare Kuh opfern wirst, die beste, die ich hätte, und den Scheiterhaufen mit guten Dingen beladen wolle. Auch verhieß ich insbesondere, dass Teiresias allein ein schwarzes Schaf haben solle, das beste aus meinen Herden. Als ich genug zu den Toten gebetet hatte, schnitt ich den beiden Schafen die Kehle durch und ließ das Blut in die Grube fließen; da kamen die Geister aus dem Erebos heraufgeströmt – Bräute, junge Burschen, alte, abgearbeitete Männer, Mädchen, die in der Liebe gekränkt worden waren, und tapfere Männer, die in der Schlacht gefallen waren, mit ihren Rüstungen noch blutbesudelt; sie kamen von allen Seiten und flatterten um die Grube mit einem seltsam schreienden Laut, dass ich erbleichte vor Furcht. Als ich sie kommen sah, hieß ich die Männer eilig die Leiber der beiden toten Schafe abhäuten und Brandopfer darbringen und zugleich Gebete zu Hades und zu Proserpina sprechen; doch ich saß, wo ich war, mit gezücktem Schwert und ließ die armen, kraftlosen Geister sich dem Blute nicht nahen, bis Teiresias meine Fragen beantwortet hätte.
‚Der erste Geist, der kam, war der meines Gefährten Elpenor; denn er war noch nicht unter der Erde bestattet worden. Wir hatten seinen Leichnam unbeweint und unbegraben im Hause der Kirke gelassen, da wir allzu viel anderes zu tun gehabt hatten. Ich war sehr beträbt um ihn und weinte, als ich ihn sah: ‚Elpenor', sprach ich, ‚wie bist du denn hierher in dieses Dunkel und diese Finsternis gekommen? Du bist zu Fuß schneller hierher gelangt als ich mit meinem Schiffe.'
‚Herr', antwortete er mit einem Seufzer, ‚es war lauter Unglück und meine eigene unsägliche Trunkenheit. Ich lag oben auf dem Hause der Kirke im Schlafe und dachte gar nicht daran, wieder die große Treppe herabzusteigen, sondern stürzte geradewegs vom Dache und brach den Nacken; so kam meine Seele zum Hause des Hades. Nun aber flehe ich dich an bei allen, die du zurückgelassen hast, auch wenn sie nicht hier sind, bei deinem Weibe, bei dem Vater, der dich aufzog, als du ein Kind warst, und bei Telemach, der die einzige Hoffnung deines Hauses ist – tue, was ich dich jetzt bitten will. Ich weiß, dass du, wenn du diese Vorhölle verlässt, dein Schiff wieder zur ääischen Insel halten wirst. Geh nicht von dort fort und lass mich unbeweint und unbegraben zurück, sonst könnte ich den Zorn des Himmels auf dich herabziehen; sondern verbrenne mich mit all meiner Rüstung, errichte mir einen Grabhügel am Meeresgestade, dass künftige Menschen erfahren, was für ein armer unglücklicher Kerl ich war, und pflanze über meinem Grabe das Ruder auf, mit dem ich ruderte, als ich noch lebte und mit meinen Tischgenossen fuhr.' Und ich sprach: ‚Mein armer Freund, alles, was du erbeten hast, will ich tun.'
‚So saßen wir denn und führten traurige Reden miteinander, ich auf der einen Seite der Grube mit dem Schwert über dem Blute, und der Geist meines Gefährten sagte mir dies alles von der anderen Seite. Dann kam der Geist meiner toten Mutter Antikleia, der Tochter des Autolykos. Ich hatte sie lebend zurückgelassen, als ich nach Troja aufbrach, und war zu Tränen gerührt, als ich sie sah; doch trotz all meines Schmerzes ließ ich sie sich dem Blute nicht nahen, bis ich meine Fragen an Teiresias gerichtet hatte.
‚Dann kam auch der Geist des thebanischen Teiresias mit dem goldenen Szepter in der Hand. Er erkannte mich und sprach: ‚Odysseus, edler Sohn des Laertes, warum, armer Mann, hast du das Tageslicht verlassen und bist herabgekommen, die Toten an diesem traurigen Orte zu besuchen? Tritt zurück von der Grube und zieh dein Schwert ein, damit ich vom Blute trinken und deine Fragen wahrhaft beantworten kann.'
‚Also trat ich zurück und stieß das Schwert in die Scheide; als er nun vom Blute getrunken hatte, hob er an mit seiner Weissagung.
‚‚Du willst wissen', sprach er, ‚von deiner Heimkehr; doch der Himmel wird dir diese schwer machen. Ich glaube nicht, dass du dem Auge des Poseidon entgehen wirst, der noch seinen bitteren Groll gegen dich hegt, weil du seinen Sohn geblendet hast. Dennoch magst du nach vielem Leid heimkehren, wenn du dich und deine Gefährten zu bezähmen vermagst, wenn euer Schiff die thrinakische Insel erreicht, wo ihr die Schafe und Rinder des Sonnengottes finden werdet, der alles sieht und hört. Wenn ihr diese Herden unversehrt lasst und nur an die Heimkehr denkt, mögt ihr nach mancher Mühsal noch Ithaka erreichen; wenn ihr sie aber schädigt, so warne ich dich vor der Vernichtung deines Schiffes und deiner Männer. Selbst wenn du selbst entrinnen solltest, wirst du in üblem Zustande zurückkehren, nachdem du alle deine Männer verloren hast [auf eines fremden Mannes Schiff, und du wirst Unheil in deinem Hause finden, das von hochfahrenden Leuten überrannt sein wird, die dein Gut verprassen unter dem Vorwand, deinem Weibe den Hof zu machen und Geschenke zu bringen.
‚‚Wenn du heimkommst, wirst du dich an diesen Freiern rächen; und nachdem du sie mit Gewalt oder List in deinem eigenen Hause getötet hast, musst du ein wohlgefügtes Ruder nehmen und immer weiter damit gehen, bis du in ein Land kommst, dessen Leute nie vom Meere gehört haben und nicht einmal Salz ihrer Speise beimischen, noch etwas wissen von Schiffen und Rudern, die gleich den Flügeln eines Schiffes sind. Ich will dir dies untrügliche Zeichen geben. Ein Wanderer wird dir begegnen und wird sagen, du müssest eine Worfelschaufel auf der Schulter tragen; dort musst du das Ruder in die Erde stecken und dem Poseidon einen Widder, einen Stier und einen Eber opfern. Dann geh heim und opfere Hekatomben allen Göttern im Himmel, einen nach dem anderen. Was dich aber betrifft, so wird dir der Tod vom Meere kommen, und dein Leben wird ganz sanft dahinschwinden, wenn du des Alters und des Friedens voll bist, und dein Volk wird dich preisen. Alles, was ich gesagt habe, wird eintreffen].'
‚‚Dies', antwortete ich, ‚mag sein, wie es dem Himmel gefällt; doch sage mir und sage mir wahrhaft: Ich sehe den Geist meiner armen Mutter dicht bei uns; sie sitzt am Blute und redet kein Wort, und obwohl ich ihr eigener Sohn bin, erkennt sie mich nicht und spricht nicht mit mir. Sage mir, Herr, wie ich sie dazu bringen kann, mich zu erkennen.'
‚‚Das', sprach er, ‚kann ich bald tun. Welchen Geist du auch vom Blute kosten lässt, der wird mit dir reden wie ein vernünftiges Wesen; wenn du ihnen aber kein Blut gewährst, werden sie wieder von dannen gehen.'
‚Hierauf kehrte der Geist des Teiresias in das Haus des Hades zurück; denn seine Weissagungen waren nun gesprochen. Ich aber saß still, wo ich war, bis meine Mutter herankam und vom Blute kostete. Da erkannte sie mich sogleich und sprach zärtlich zu mir: ‚Mein Sohn, wie bist du in diese Wohnung der Finsternis herabgekommen, da du doch noch lebst? Es ist ein hartes Ding für die Lebenden, diese Orte zu schauen; denn zwischen uns und ihnen liegen große und schreckliche Wasser, und da ist der Okeanos, den kein Mann zu Fuß überschreiten kann, sondern er muss ein gutes Schiff haben, das ihn hinüberträgt. Bist du die ganze Zeit auf dem Wege, von Troja heimzufinden, und bist du noch nie nach Ithaka zurückgelangt noch hast dein Weib in deinem Hause gesehen?'
‚‚Mutter', sprach ich, ‚ich musste hierherkommen, um den Geist des thebanischen Sehers Teiresias zu befragen. Ich bin dem achäischen Lande noch nie nahe gewesen noch habe meinen Heimatland betreten, und ich habe vom allerersten Tage an, da ich mit Agamemnon nach Ilios, dem Lande der edlen Rosse, aufbrach, um gegen die Trojaner zu kämpfen, nichts als eine einzige lange Reihe von Unglücksfällen gehabt. Doch sage mir, und sage mir wahr: Auf welche Weise bist du gestorben? Hast du eine lange Krankheit gehabt, oder hat dir der Himmel einen sanften, leichten Übergang in die Ewigkeit gewährt? Sage mir auch von meinem Vater und dem Sohne, den ich zurückließ: Ist mein Besitz noch in ihren Händen, oder hat ein anderer ihn an sich gebracht, der glaubt, dass ich nicht zurückkehren werde, um ihn zu fordern? Sage mir ferner, was mein Weib zu tun gedenkt und wie sie gesinnt ist; lebt sie mit meinem Sohne und hütet mein Gut treulich, oder hat sie die beste Partie gemacht, die sie finden konnte, und ist wieder vermählt?'
‚Meine Mutter antwortete: ‚Dein Weib weilt noch immer in deinem Hause, doch ist sie in großer Herzensnot und bringt ihre ganze Zeit mit Weinen zu, bei Nacht und bei Tag. Noch hat niemand Besitz von deinem schönen Eigentum ergriffen, und Telemach hält unangefochten deine Güter. Er muss allerdings gastfrei aufnehmen, wie sich das gebührt, da er als Magistrat gilt und jedermann ihn einlädt. Dein Vater weilt an seinem alten Platze auf dem Lande und kommt nie in die Stadt. Er hat kein bequemes Bett noch Lager; im Winter schläft er auf dem Boden vor dem Feuer bei den Knechten und geht in Lumpen einher; wenn aber der Sommer mit seiner Wärme wiederkehrt, liegt er draußen im Weingarten auf einem Lager von Weinblättern, die wahllos auf die Erde geworfen sind. Er grämt sich beständig darüber, dass du nie heimgekommen bist, und leidet immer mehr, je älter er wird. Was meinen eigenen Tod betrifft, so verhielt es sich also: Der Himmel nahm mich nicht jäh und schmerzlos in meinem Hause hinweg, und es befiel mich auch keine Krankheit, wie sie sonst die Menschen aufreibt und tötet; aber meine Sehnsucht zu erfahren, was du treibest, und die Gewalt meiner Liebe zu dir – das war es, was mir den Tod brachte.'
‚Dann versuchte ich, irgendeinen Weg zu finden, den Geist meiner armen Mutter zu umfassen. Dreimal sprang ich auf sie zu und suchte sie in meine Arme zu schließen; doch jedesmal entschwand sie mir aus der Umarmung wie ein Traum oder Trugbild, und tief im Herzen getroffen sprach ich zu ihr: ‚Mutter, warum bleibst du nicht stehen, wenn ich dich umarmen möchte? Wenn wir die Arme umeinander schlingen könnten, fänden wir vielleicht traurigen Trost im gemeinsamen Ertragen unserer Leiden, selbst im Hause des Hades. Will Proserpina mir noch eine weitere Last auferlegen, indem sie mich mit einem Scheinbilde täuscht?'
‚‚Mein Sohn', antwortete sie, ‚du Unseligster aller Menschen, nicht Proserpina täuscht dich, sondern so sind alle Menschen, wenn sie tot sind. Die Sehnen halten Fleisch und Gebeine nicht mehr zusammen; diese vergehen in der Heftigkeit des verzehrenden Feuers, sobald das Leben den Leib verlassen hat, und die Seele entfliegt wie ein Traum. Nun aber geh so schnell du kannst zurück zum Tageslicht und merke dir all dies, damit du es einst deinem Weibe erzählen kannst.'
‚So sprachen wir miteinander; alsbald sandte Proserpina die Geister der Weiber und Töchter aller berühmtesten Männer herauf. Sie sammelten sich scharenweise um das Blut, und ich sann, wie ich sie eine nach der anderen befragen könnte. Schließlich dünkte mich das beste, die scharfe Klinge zu ziehen, die an meinem kräftigen Schenkel hing, und sie abzuhalten, dass sie nicht alle zugleich vom Blute tränken. So kamen sie eine nach der anderen herbei, und jede, wenn ich sie fragte, nannte mir ihr Geschlecht und ihre Herkunft.
‚Die erste, die ich sah, war Tyro. Sie war Tochter des Salmoneus und Gattin des Kretheus, des Sohnes des Aiolos. Sie verliebte sich in den Strom Enipeus, der bei weitem der schönste Fluss der ganzen Welt ist. Als sie einst wie gewöhnlich an seiner Seite wandelte, legte sich Poseidon, als ihr Geliebter verkleidet, bei der Mündung des Flusses zu ihr, und eine gewaltige blaue Woge wölbte sich wie ein Berg über ihnen, um sowohl die Frau als auch den Gott zu verbergen; da löste er ihren jungfräulichen Gürtel und versenkte sie in tiefen Schlummer. Als der Gott das Werk der Liebe vollbracht hatte, ergriff er ihre Hand und sprach: ‚Tyro, freue dich in aller Güte; die Umarmungen der Götter sind nicht fruchtlos, und du wirst um diese Zeit in zwölf Monaten schöne Zwillinge haben. Hüte sie wohl. Ich bin Poseidon; geh nun heim, doch schweige und verrate es niemandem.'
‚Dann tauchte er unter die See, und sie gebar zu rechter Zeit Pelias und Neleus, die beide dem Zeus mit aller Macht dienten. Pelias war ein großer Schafzüchter und lebte in Iolkos, der andere aber in Pylos. Die übrigen Kinder stammten von Kretheus, nämlich Aison, Pheres und Amythaon, ein gewaltiger Krieger und Wagenlenker.
Neben ihr erblickte ich Antiope, die Tochter des Asopos, die sich rühmen durfte, einst sogar in den Armen des Zeus selbst geruht zu haben; sie gebar ihm zwei Söhne, Amphion und Zethos. Diese gründeten Theben mit seinen sieben Toren und ummauerten es; denn so stark sie auch waren, konnten sie Theben doch nicht halten, bevor sie es nicht mit Mauern umgeben hatten.
Dann sah ich Alkmene, die Gemahlin des Amphitryon, die ebenfalls dem Zeus den unbezähmbaren Herakles gebar; und Megara, die Tochter des großen Königs Kreon, die den furchtlosen Sohn des Amphitryon ehelichte.
Auch sah ich die schöne Epikaste, die Mutter des Königs Ödipus, dem es als schreckliches Los beschieden war, ohne es zu ahnen, seinen eigenen Sohn zu heiraten. Er ehelichte sie, nachdem er seinen Vater erschlagen hatte, doch die Götter verkündeten der Welt die ganze Geschichte; woraufhin er König von Theben blieb, in großem Schmerz über die Tücke, die die Götter gegen ihn hegten; Epikaste aber ging in das Haus des gewaltigen Kerkermeisters Hades, nachdem sie sich aus Gram erhängt hatte, und die rächenden Geister verfolgten ihn als hätte er eine Mutter geschändet – was ihn noch bitter reuen sollte.
Dann sah ich Chloris, die Neleus um ihrer Schönheit willen heiratete, nachdem er unschätzbare Gaben für sie gegeben hatte. Sie war die jüngste Tochter des Amphion, Sohn des Iasos und König des minyschen Orchomenos, und war Königin in Pylos. Sie gebar Nestor, Chromios und Periklymenos, und sie gebar auch jene wunderbar liebliche Frau Pero, die von allen ringsum im Lande umworben wurde; Neleus aber wollte sie nur dem geben, der die Rinder des Iphikles aus den Weidegründen von Phylake rauben würde, und dies war eine schwere Aufgabe. Der einzige Mann, der es unternahm, sie zu rauben, war ein gewisser vortrefflicher Seher, doch der Wille des Himmels war gegen ihn, denn die Hüter der Rinder fingen ihn und sperrten ihn ein; dennoch, als ein volles Jahr vergangen war und die gleiche Jahreszeit wiederkehrte, entließ Iphikles ihn in die Freiheit, nachdem er alle Orakel des Himmels ausgelegt hatte. So wurde denn der Wille des Zeus erfüllt.
Und ich sah Leda, die Gemahlin des Tyndareus, die ihm zwei berühmte Söhne gebar, Kastor den Pferdebändiger, und Polydeukes den gewaltigen Faustkämpfer. Beide Helden ruhen unter der Erde, obwohl sie noch am Leben sind, denn durch eine besondere Verfügung des Zeus sterben sie und erstehen wieder, jeder von ihnen alle zwei Tage auf ewig, und sie haben den Rang von Göttern.
Nach ihr sah ich Iphimedeia, die Gemahlin des Aloeus, die sich der Umarmung des Poseidon rühmte. Sie gebar zwei Söhne, Otos und Ephialtes, doch beide waren kurzlebig. Sie waren die herrlichsten Kinder, die je in dieser Welt geboren wurden, und die schönsten, Orion ausgenommen; denn mit neun Jahren waren sie neun Klafter hoch und maßen neun Ellen um die Brust. Sie drohten, Krieg mit den Göttern auf dem Olymp zu führen, und versuchten, den Ossa auf den Olymp zu türmen und den Pelion auf den Ossa, dass sie den Himmel selbst erstürmen könnten, und sie hätten es auch vollbracht, wären sie nur her
»Da ging dieser Herkules wieder hinab in des Hades Haus, ich aber blieb, wo ich war, ob nicht ein anderer der mächtigen Toten zu mir käme. Und ich hätte noch andere der Dahingegangenen schauen können, die ich gern gesehen hätte — Theseus und Pirithous, die ruhmreichen Kinder der Götter —, doch so viele Tausende von Schatten umdrängten mich und stießen so entsetzliche Laute aus, dass ich von panischem Schrecken erfüllt wurde, Proserpina möchte aus des Hades Haus das Haupt des schrecklichen Ungeheuers der Gorgone heraufsenden. Da eilte ich zu meinem Schiffe zurück und gebot meinen Leuten, sich sogleich an Bord zu begeben und die Taue zu lösen; so stiegen sie ein und nahmen ihre Plätze ein, woraufhin das Schiff den Strom des Okeanos hinabglitt. Zuerst mussten wir rudern, doch bald sprang ein günstiger Wind auf.
ZWÖLFTES BUCH
DIE SIRENEN, SKYLLA UND CHARYBDIS, DIE RINDER DES SONNENGOTTES.
»Als wir des Stromes Okeanos ledig waren und das offene Meer gewonnen hatten, fuhren wir weiter, bis wir die Aiaische Insel erreichten, wo wie anderswo Morgenröte und Sonnenaufgang sind. Dann zogen wir unser Schiff auf den Sand und stiegen an der Küste aus, wo wir uns zur Ruhe begaben und warteten, bis der Tag anbräche.
»Als darauf das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, sandte ich einige Männer zu Kirkes Haus, den Leichnam des Elpenor zu holen. Wir schlugen Holz in einem Gehölze, wo das Vorgebirge ins Meer hinausragte, und nachdem wir um ihn geweint und ihn betrauert hatten, verrichteten wir seine Bestattungsfeier. Als sein Leib und seine Rüstung zu Asche verbrannt waren, schichteten wir einen Steinhügel auf, setzten einen Stein darüber und befestigten oben auf dem Hügel das Ruder, mit dem er zu rudern gewohnt war.
»Während wir all dies taten, rüstete sich Kirke, die wusste, dass wir aus des Hades Haus zurückgekehrt waren, und kam so schnell sie als zu uns; und ihre Mägde kamen mit ihr und brachten uns Brot, Fleisch und Wein. Dann trat sie in unsere Mitte und sprach: ‚Ihr habt ein kühnes Werk getan, da ihr lebend hinabgegangen seid in des Hades Haus, und ihr werdet zweimal gestorben sein, einmal für andere Menschen; nun aber, so bleibet hier den Rest des Tages, labet euch an der Mahlzeit und setzet eure Fahrt bei Tagesanbruch morgen früh fort. Inzwischen will ich dem Odysseus über euren Kurs berichten und will ihm alles so erklären, dass ihr weder zu Lande noch zu Meere von Missgeschick heimgesucht werdet.’
»Wir willigten ein, wie sie gesagt hatte, und schmausten den ganzen Tag hindurch bis zum Sonnenuntergang; als aber die Sonne untergegangen und es dunkel geworden war, legten sich die Männer schlafen bei den Achtertauen des Schiffes. Da nahm mich Kirke bei der Hand und hieß mich abseits von den anderen niedersetzen, während sie sich an meine Seite legte und mich nach allen unseren Abenteuern fragte.
‚‚Soweit ist alles gut’, sprach sie, als ich meine Geschichte beendet hatte, ‚und nun höre auf das, was ich dir sagen werde — der Himmel selbst wird es dir ins Gedächtnis zurückrufen. Zuerst wirst du zu den Sirenen kommen, die alle bezaubern, die in ihre Nähe kommen. Wenn jemand unvorsichtig zu nahe heranseilt und den Gesang der Sirenen vernimmt, werden ihn sein Weib und seine Kinder nimmer daheim willkommen heißen, denn sie sitzen auf einer grünen Au und wiegen ihn mit der Süße ihres Liedes in den Tod. Ringsum liegt ein großer Haufen von Totengebeinen, denen noch das Fleisch von den Knochen fault. Darum fahre an diesen Sirenen vorüber und verstopfe deinen Leuten die Ohren mit Wachs, dass keiner von ihnen höre; doch wenn du willst, kannst du selbst zuhören, denn du kannst die Männer dich binden lassen, wie du aufrecht auf einem Querbalken halbwegs am Maste stehst, und sie müssen die Enden des Seiles am Mast selbst festmachen, auf dass du das Vergnügen des Hörens habest. Wenn du die Männer anflehst und bittest, dich loszubinden, dann müssen sie dich umso fester binden.
‚‚Wenn deine Ruderschaft dich an diesen Sirenen vorübergetragen hat, kann ich dir keine zusammenhängende Weisung geben, welchen von zwei Kursen du nehmen sollst; ich werde dir die beiden Möglichkeiten vorlegen, und du musst sie selbst erwägen. Auf der einen Seite ragen überhängende Klippen empor, gegen die die dunkelblauen Wogen der Amphitrite mit entsetzlicher Wut schlagen; die seligen Götter nennen diese Klippen die Wandelbaren. Hier kann nicht einmal ein Vogel vorüber, ja, nicht einmal die scheuen Tauben, die dem Vater Zeus Ambrosia bringen, doch der blanke Fels rafft immer eine von ihnen dahin, und Vater Zeus muss eine andere senden, um ihre Zahl zu ergänzen; kein Schiff, das jemals zu diesen Klippen kam, ist wieder entkommen, sondern die Wogen und Wirbelwinde des Feuers sind beladen mit Wrack und mit den Leibern toter Männer. Das einzige Fahrzeug, das je segelte und durchkam, war die berühmte Argo auf ihrer Fahrt von Aietes Haus, und auch sie wäre an diesen großen Klippen zerschellt, hätte Juno sie nicht um Jason’s willen an ihnen vorbeigelotst.
‚‚Von diesen beiden Klippen reicht die eine bis zum Himmel, und ihre Spitze verliert sich in einer dunklen Wolke. Diese verlässt sie nie, so dass der Gipfel selbst im Sommer und Frühherbst niemals klar ist. Kein Mensch, hätte er auch zwanzig Hände und zwanzig Füße, könnte auf ihr Fuß fassen und sie erklimmen, denn sie steigt senkrecht empor, so glatt, als wäre sie poliert. In ihrer Mitte befindet sich eine große Höhle, die nach Westen schaut und sich nach Erebus wendet; du musst dein Schiff auf diesem Wege halten, doch die Höhle liegt so hoch, dass selbst der stärkste Bogenschütze keinen Pfeil in sie hineinsenden könnte. Drinnen sitzt Skylla und kläfft mit einer Stimme, die man für die Stimme eines jungen Hundes halten könnte, doch in Wahrheit ist sie ein schreckliches Ungeheuer, und niemand — nicht einmal ein Gott — könnte ihr ins Angesicht treten, ohne von Entsetzen ergriffen zu werden. Sie hat zwölf missgestaltete Füße und sechs Hälse von ungeheuerlicher Länge; und am Ende eines jeden Halses sitzt ein scheußlicher Kopf mit drei Reihen Zähne in jedem, die alle dicht beieinander stehen, so dass sie jeden im Augenblick zermalmen würden, und sie sitzt tief in ihrer schattigen Zelle, streckt ihre Köpfe heraus und späht rings um den Fels, auf dass sie Delphine oder Haie oder irgendein größeres Ungeheuer fange von den Tausenden, mit denen Amphitrite wimmelt. Kein Schiff ist je ungestraft an ihr vorübergekommen, denn sie schnellt alle ihre Köpfe zugleich hervor und rafft in jedem Maul einen Mann dahin.
‚‚Den anderen Felsen wirst du tiefer gelegen finden, doch liegen sie so dicht beieinander, dass zwischen ihnen nicht mehr als ein Bogenschuss Raum ist. [Ein großer Feigenbaum in voller Blüte wächst auf ihm], und darunter liegt der saugende Strudel der Charybdis. Dreimal des Tages speit sie ihre Wasser aus, und dreimal zieht sie sie wieder hinab; sieh zu, dass du nicht dort seist, wenn sie saugt, denn wenn du es bist, könnte selbst Neptun dich nicht retten; du musst dich an die Skylla-Seite halten und das Schiff so schnell du als vorüberjagen, denn besser ist es, sechs Männer zu verlieren als deine ganze Mannschaft.’
‚‚Gibt es denn kein Mittel’, sprach ich, ‚der Charybdis zu entrinnen und zugleich die Skylla abzuwehren, wenn sie meinen Leuten zu schaden sucht?’
‚‚Du Tollkopf’, erwiderte die Göttin, ‚du willst immer mit jemandem oder etwas kämpfen; du willst nicht einmal von den Unsterblichen besiegt werden. Denn Skylla ist nicht sterblich; obendrein ist sie wild, maßlos, roh, grausam und unbezwingbar. Da ist kein Rat; deine beste Aussicht ist, so schnell du nur irgend kannst an ihr vorüberzukommen, denn wenn du dich bei ihrem Felsen aufhältst, während du deine Rüstung anlegst, mag sie dich mit einem zweiten Wurf ihrer sechs Köpfe packen und ein weiteres halbes Dutzend deiner Leute schnappen; so jage dein Schiff mit voller Geschwindigkeit an ihr vorüber und brülle aus Leibeskräften der Krataiis, Skyllas Mutter, zum Verderben, dass sie sie dann abhalten wird, einen zweiten Überfall auf dich zu tun.’
‚‚Du wirst nun zur thrinakischen Insel kommen, und dort wirst du viele Herden von Rindern und Herden von Schafen sehen, die dem Sonnengott gehören — sieben Herden Rinder und sieben Herden Schafe, mit fünfzig Stück in jeder Herde. Sie zeugen nicht, noch wird ihre Zahl geringer, und sie werden von den Göttinnen Phaethusa und Lampetie gehütet, die Kinder des Sonnengottes Hyperion von Neaira sind. Ihre Mutter, als sie sie geboren und sie gesäugt hatte, sandte sie auf die thrinakische Insel, die weit entfernt lag, dass sie dort wohnten und die Herden ihres Vaters hüteten. Wenn du diese Herden unversehrt lässt und an nichts denkst als heimzukehren, magst du nach viel Not doch Ithaka erreichen; doch wenn du sie schädigst, dann künde ich dir die Vernichtung an, sowohl deines Schiffes als auch deiner Gefährten; und selbst wenn du selbst entrinnst, wirst du spät zurückkehren, in übler Verfassung, nachdem du alle deine Männer verloren hast.’
»Hier endete sie, und die in Gold thronende Dämmerung begann sich am Himmel zu zeigen, woraufhin sie landeinwärts zurückkehrte. Ich ging dann an Bord und hieß meine Leute das Schiff von seiner Vertäuung lösen; so traten sie sogleich in das Schiff, nahmen ihre Plätze ein und begannen das graue Meer mit ihren Rudern zu schlagen. Bald darauf ward uns die große und listige Göttin Kirke mit einem günstigen Wind hold, der steuerbord achtern blies und stetig bei uns verharrte, unsere Segel gut gefüllt haltend, so taten wir alles, was am Schiffsgerät zu tun nötig war, und ließen es laufen, wohin Wind und Steuermann es richteten.
»Da sprach ich, in großer Herzensnot, zu meinen Leuten: ‚Meine Freunde, es ist nicht recht, dass einer oder zwei von uns allein die Weissagungen kennen, die Kirke mir gemacht hat; darum will ich euch davon berichten, damit wir, ob wir leben oder sterben, es mit offenen Augen tun. Zuerst sagte sie, wir sollten uns von den Sirenen fernhalten, die in einem Blumenfelde sitzen und aufs Schönste singen; doch sagte sie, ich selbst dürfe sie hören, solange kein anderer es tue. Darum nehmt mich und bindet mich auf den Querbalken halbwegs am Mast; bindet mich, wie ich aufrecht stehe, mit einer so festen Fessel, dass ich unmöglich losbrechen kann, und schnürt die Enden des Seiles am Mast selbst fest. Wenn ich euch anflehе und bitte, mich loszubinden, dann bindet mich nur noch fester.’
»Kaum hatte ich den Männern alles erzählt, so erreichten wir auch schon die Insel der beiden Sirenen, denn der Wind war sehr günstig gewesen. Da plötzlich ward es ganz windstill; kein Lüftchen regte sich, keine Kräuselung auf dem Wasser, so nahmen die Männer die Segel zusammen und verstauten sie; dann griffen sie zu den Rudern und weißten das Wasser mit dem Schaum, den sie beim Rudern aufwarfen. Mittlerweile nahm ich eine große Scheibe Wachs und schnitt sie mit meinem Schwerte klein. Dann knetete ich das Wachs in meinen starken Händen, bis es weich ward, was es zwischen dem Kneten und den Strahlen des Sonnengottes, des Sohnes des Hyperion, bald auch tat. Darauf verstopfte ich allen meinen Männern die Ohren, und sie banden mich, wie ich aufrecht auf dem Querbalken stand, an Händen und Füßen am Mast fest; doch ruderten sie selbst weiter. Als wir in Hörweite des Landes gelangt waren und das Schiff gut vorwärtslief, sahen uns die Sirenen herankommen und begannen mit ihrem Gesange.
‚‚Hierher’, so sangen sie, ‚gepriesener Odysseus, du Zierde des Achäischen Namens, und höre unsere beiden Stimmen. Niemand ist je an uns vorbeigesegelt, ohne zu verweilen und die bezaubernde Süße unseres Liedes zu hören — und wer zuhört, geht seines Weges nicht nur bezaubert, sondern auch weiser, denn wir wissen all das Unheil, das die Götter über die Argeier und Trojaner vor Troja verhängten, und können dir alles künden, was über die ganze Welt hin geschehen wird.’
»So sangen sie diese Worte aufs Wohlklingendste, und da ich sie weiter zu hören begehrte, gab ich meinen Leuten durch Stirnrunzeln Zeichen, sie sollten mich losbinden; doch sie verdoppelten ihren Ruderschlag, und Eurylochos und Perimedes banden mich mit noch stärkeren Fesseln, bis wir außer Hörweite der Sirenenstimmen waren. Da nahmen mir meine Männer den Wachs aus den Ohren und banden mich los.
»Gleich nachdem wir die Insel passiert hatten, sah ich eine gewaltige Woge, von der Gischt emporstieg, und hörte ein lautes tosendes Getöse. Die Männer waren so entsetzt, dass sie ihre Ruder fahren ließen, denn das ganze Meer erdröhnte vom Brausen der Wasser, doch das Schiff blieb, wo es war, da die Männer aufgehört hatten zu rudern. Ich ging daher umher und ermahnte sie, Mann für Mann, den Mut nicht zu verlieren.
‚‚Meine Freunde’, sprach ich, ‚dies ist nicht das erste Mal, dass wir in Gefahr sind, und wir sind bei weitem nicht so schlimm daran wie damals, als der Kyklop uns in seiner Höhle einsperrte; dennoch retteten mich damals mein Mut und weiser Rat, und wir werden leben, um auf all dies als auf Vergangenes zurückzublicken. Nun denn, lasst uns alle tun, was ich sage, vertraut auf Zeus und rudert, so sehr ihr könnt. Was dich, Steuermann, betrifft, so sind dies deine Befehle; merke sie dir, denn das Schiff ist in deiner Hand; wende seinen Kopf weg von diesen dampfenden Schnellen und halte dich dicht am Felsen, sonst wird es dir entgleiten und im Nu drüben sein, ehe du dich’s versiehst, und du wirst unser aller Verderben sein.’
»So taten sie, wie ich ihnen gesagt hatte; doch von dem schrecklichen Ungeheuer Skylla erwähnte ich nichts, denn ich wusste, die Männer würden nicht weiter rudern, wenn ich es täte, sondern sich im Schiffsraum zusammendrängen. In einem Punkte nur war ich Kirkes strengen Weisungen ungehorsam — ich legte meine Rüstung an. Dann ergriff ich zwei starke Speere und stellte mich auf dem Vorschiff auf, denn dort erwartete ich zuerst das Ungeheuer des Felsens zu sehen, das meinen Männern so viel Leid zufügen sollte; doch ich konnte sie nirgends erspähen, obwohl ich meine Augen anstrengte und den düsteren Fels immer und immer wieder absuchte.
»Da fuhren wir in die Meerenge in großer Herzensangst, denn auf der einen Seite war Skylla, und auf der anderen sog die schreckliche Charybdis das Salzwasser in sich hinein. Wenn sie es wieder ausspie, glich es dem Wasser in einem Kessel, der über großem Feuer überkocht, und der Gischt erreichte die Gipfel der Felsen zu beiden Seiten. Wenn sie wieder zu saugen begann, konnten wir das Wasser innen wirbeln sehen, und es machte ein ohrenbetäubendes Getöse, wenn es gegen die Felsen schlug. Wir konnten den Grund des Strudels ganz schwarz von Sand und Schlamm sehen, und die Männer waren vor Furcht am Ende ihrer Weisheit. Während wir hiermit beschäftigt waren und jeden Augenblick unseren letzten erwarteten, stürzte plötzlich Skylla auf uns herab und entriss mir meine sechs besten Männer. Ich schaute zugleich nach Schiff und Männern aus, und im selben Augenblick sah ich ihre Hände und Füße hoch über mir in der Luft zappeln, während Skylla sie davonschleppte, und ich hörte sie meinen Namen rufen in einem letzten verzweiflungsvollen Schrei. Wie ein Fischer, der, den Speer in der Hand, auf einem vorspringenden Fels sitzt und die Köder ins Wasser wirft, die armen Fischlein zu täuschen, und sie mit dem Rinderhorn, mit dem sein Speer beschlagen ist, aufspießt und sie zappelnd ans Land wirft, einen nach dem anderen — ganz so landete Skylla diese keuchenden Geschöpfe auf ihrem Fels und mampfte sie vor dem Eingang ihrer Höhle auf, während sie schrien und mir in ihrer Todesqual die Hände entgegenstreckten. Dies war der ekelhafteste Anblick, den ich auf allen meinen Fahrten sah.
»Als wir die Wandelbaren Felsen mit Skylla und der schrecklichen Charybdis passiert hatten, erreichten wir die edle Insel des Sonnengottes, wo die schönen Rinder und Schafe standen, die dem Sonnen-Hyperion gehörten. Schon vom Meere aus, auf meinem Schiffe, konnte ich die Rinder brüllen hören, wie sie zu den Höfen heimkehrten, und die Schafe blöken. Da gedachte ich, was mir der blinde thebanische Seher Teiresias gesagt hatte und wie sorgfältig mich die aiaische Kirke gemahnt hatte, die Insel des seligen Sonnengottes zu meiden. So sprach ich, in großer Bedrängnis, zu den Männern: ‚Meine Männer, ich weiß, ihr seid hart bedrängt, doch hört, während ich euch die Weissagung erzähle, die mir Teiresias gab, und wie sorgfältig mich die aiaische Kirke gemahnt hat, die Insel des seligen Sonnengottes zu meiden, denn hier, sagte sie, werde unsere größte Gefahr liegen. Lenkt das Schiff daher von der Insel ab.’
»Die Männer waren bei diesen Worten verzweifelt, und Eurylochus gab mir sogleich eine freche Antwort. ‚Odysseus’, sprach er, ‚du bist grausam; du selbst bist sehr stark und wirst nie müde; du scheinst aus Eisen gemacht zu sein, und nun, obwohl deine Männer von Mühsal und Schlafmangel erschöpft sind, willst du sie nicht an Land lassen und ihnen auf dieser Insel ein gutes Abendessen kochen lassen, sondern heißt sie in See stechen und fruchtlos durch die Wachen der fliegenden Nacht hindurchfahren. Des Nachts wehen die Winde am heftigsten und richten so viel Schaden an; wie wollten wir entrinnen, sollte einer jener plötzlichen Böen aus Südwest oder West aufkommen, die so oft ein Schiff zertrümmern, wenn die Götter, unsere Herren, uns nicht gnädig sind? Darum gehorchen wir nun den Geboten der Nacht und richten unser Abendmahl hier dicht beim Schiffe her; morgen früh werden wir wieder an Bord gehen und in See stechen.’
»So sprach Eurylochus, und die Männer billigten seine Worte. Ich sah, dass der Himmel uns Übles bedeutete, und sprach: ‚Ihr zwingt mich nachzugeben, denn ihr seid viele gegen einen, doch muss ein jeder von euch seinen feierlichen Eid schwören, dass, wenn er auf eine Herde Rinder oder eine große Schafherde trifft, er nicht so toll sein wird, auch nur ein einzelnes Stück von ihnen zu töten, sondern sich mit der Speise begnügen wird, die Kirke uns gegeben hat.’
»Sie schwuren alle, wie ich es gebot, und als sie ihren Eid vollendet hatten, machten wir das Schiff in einem Hafen fest, der nahe bei einem süßen Wasserstrom lag, und die Männer gingen an Land und kochten ihr Abendessen. Sobald sie sich an Speise und Trank gelabt hatten, begannen sie von ihren armen Gefährten zu reden, die Skylla entrissen und verschlungen hatte; dies brachte sie zum Weinen, und sie fuhren fort zu klagen, bis sie in tiefen Schlaf fielen.
»In der dritten Nachtwache, als die Sterne ihre Plätze gewechselt hatten, erregte Zeus einen gewaltigen Sturmwind, der zum Orkan wurde, so dass Land und Meer von dichten Wolken bedeckt waren, und die Nacht aus den Himmeln hervorsprang. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, brachten wir das Schiff ans Land und zogen es in eine Höhle, darin die Meernymphen ihre Gerichte und Tänze halten, und ich berief die Männer zur Beratung.
‚‚Meine Freunde’, sprach ich, ‚wir haben Speise und Trank im Schiffe, darum lasst uns achthaben und die Rinder nicht antasten, oder wir werden es büßen; denn diese Rinder und Schafe gehören dem mächtigen Sonnengotte, der alles sieht und alles hört.’ Und wieder versprachen sie, gehorchen zu wollen.
Einen ganzen Monat hindurch wehte der Wind stetig aus Süden, und es gab keinen anderen Wind, sondern nur Süd und Ost.115 Solange Korn und Wein vorhielten, rührten die Männer das Vieh nicht an, wenn sie Hunger hatten; als sie jedoch alles, was im Schiffe war, verzehrt hatten, sahen sie sich gezwungen, weiter auszuschwärmen, und fingen mit Haken und Schnur Vögel und nahmen, was sie nur ergreifen konnten; denn sie litten Hunger. Eines Tages ging ich also landeinwärts, auf daß ich den Himmel anflehen möge, mir ein Mittel zur Heimkehr zu zeigen. Als ich weit genug gegangen war, um außer Sicht meiner Leute zu sein, und einen Ort gefunden hatte, der gut gegen den Wind geschützt war, wusch ich mir die Hände und flehte zu allen Göttern auf dem Olymp, bis sie mich nach und nach in einen süßen Schlaf sandten.
Indes hatte Eurylochos den Männern bösen Rat erteilt: „Hört mich an“, sprach er, „ihr armen Gefährten. Jeder Tod ist hart, doch keiner ist so hart wie der Hungertod. Warum sollten wir nicht die besten dieser Kühe herantreiben und sie den unsterblichen Göttern zum Opfer darbringen? Wenn wir je nach Ithaka zurückkehren, können wir dem Sonnengott einen schönen Tempel errichten und ihn mit allerlei Zierrat schmücken; hat er jedoch beschlossen, unser Schiff zur Rache für diese gehörnten Rinder zu versenken, und sind die anderen Götter derselben Meinung, so möchte ich für mein Teil lieber auf einmal Salzwasser trinken und es hinter mich bringen, als hier auf einer so wüsten Insel Zoll um Zoll vor Hunger zu sterben.”
So sprach Eurylochos, und die Männer billigten seine Worte. Die Rinder aber, so schön und stattlich, weideten nicht fern vom Schiffe; die Männer trieben also die besten von ihnen heran, und sie alle umstanden sie, sprachen ihre Gebete und gebrauchten junge Eichentriebe statt der Gerstenkörner, denn es war kein Gerste mehr vorhanden. Nachdem sie gebetet hatten, schlachteten sie die Kühe und richteten die Schlachtkörper zu; sie schnitten die Schenkelknochen heraus, umwickelten sie mit zwei Lagen Fett und legten rohe Fleischstücke darauf. Wein hatten sie nicht, um Trankopfer über dem Opfer auszugießen, während es gar wurde; darum gossen sie von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser darüber, während das Eingeweide am Spieße briet; dann, als die Schenkelknochen verbrannt waren und sie die Eingeweide gekostet hatten, schnitten sie das übrige klein und steckten die Stücke auf die Spieße.
Um diese Zeit hatte mich der tiefe Schlaf verlassen, und ich kehrte zum Schiffe und zur Küste zurück. Als ich mich näherte, begann ich, heißes Bratenfleisch zu riechen, darum stieß ich einen Klageruf zu den unsterblichen Göttern aus. „Vater Zeus“, rief ich, „und all ihr anderen Götter, die ihr in ewiger Seligkeit lebt, ihr habt mir Böses angetan durch den Schlaf, in den ihr mich gesandt habt; seht, was für vortreffliche Arbeit meine Männer in meiner Abwesenheit geleistet haben!”
Indes eilte Lampetie stracks zur Sonne und meldete ihr, daß wir ihre Kühe geschlachtet hätten, worauf diese in großen Zorn geriet und zu den Unsterblichen sprach: „Vater Zeus, und all ihr anderen Götter, die ihr in ewiger Seligkeit lebt, ich muß Rache nehmen an der Mannschaft von Odysseus’ Schiff: sie haben die Frechheit besessen, meine Kühe zu töten, die das einzige waren, was ich mit Freuden betrachtete, ob ich nun gen Himmel fuhr oder wieder herab. Wenn sie mir meine Kühe nicht vergüten, will ich zum Hades hinabfahren und dort leuchten unter den Toten.”
„Sonne“, sprach Zeus, „fahre fort, uns Götter und die Menschen über der fruchtbaren Erde zu bescheinen. Ich will ihr Schiff mit einem weißen Blitzstrahl in kleine Stücke zersplittern, sobald sie sich aufs Meer hinausbegeben.”
Dies alles wurde mir von Kalypso erzählt, die, wie sie sagte, es aus Merkurs eigenem Munde vernommen hatte.
Sobald ich zu meinem Schiffe und zur Küste hinabgegangen war, tadelte ich jeden meiner Leute einzeln, doch wir sahen keinen Ausweg, denn die Kühe waren bereits tot. Und fürwahr, die Götter begannen sofort, uns Zeichen und Wunder zu zeigen, denn die Häute der Rinder krochen umher, und die Fleischstücke auf den Spießen begannen wie Kühe zu brüllen, und das Fleisch, ob gekocht oder roh, machte unaufhörlich Lärm, ganz wie die Kühe es tun.
Sechs Tage lang trieben meine Männer die besten Kühe herbei und schmausten von ihnen, als jedoch Zeus, der Sohn des Kronos, einen siebenten Tag hinzugefügt hatte, legte sich die Wut des Sturmes; wir gingen also an Bord, setzten die Masten, spannten die Segel und stachen in See. Sobald wir uns weit genug von der Insel entfernt hatten und nichts mehr sahen als Himmel und Meer, türmte der Sohn des Kronos eine schwarze Wolke über unserem Schiffe auf, und das Meer darunter wurde dunkel. Wir kamen nicht viel weiter, denn im nächsten Augenblick erfaßte uns ein furchtbarer Stoßwind aus Westen, der die Wanten des Mastes so zerriß, daß er nach hinten fiel, während das gesamte Schiffsgerät am Boden des Fahrzeugs durcheinanderrollte. Der Mast fiel auf den Kopf des Steuermanns im Heck des Schiffes, daß die Knochen seines Schädels zertrümmert wurden, und er fiel, als tauche er, über Bord, ohne noch Leben in sich zu haben.
Darauf schleuderte Zeus seine Blitze, und das Schiff drehte sich immer im Kreise und wurde mit Feuer und Schwefel erfüllt, als der Blitz es traf. Die Männer fielen alle ins Meer; sie wurden im Wasser um das Schiff herumgetragen und glichen so vielen Seemöwen, doch der Gott nahm ihnen bald jede Aussicht, je wieder heimzukehren.
Ich hielt mich am Schiffe fest, bis das Meer ihm die Seiten vom Kiel abgeschlagen hatte (welcher allein umhertrieb) und den Mast aus ihm herausschlug in Richtung des Kiels; doch es hing noch ein Stütztau aus starkem Ochsenleder an ihm, und damit band ich Mast und Kiel zusammen, schwang mich rittlings darauf und wurde getragen, wohin die Winde mich führen wollten.
[Jener Sturm aus Westen hatte nun seine Kraft verausgabt, und der Wind drehte wieder nach Süden, was mich fürchten ließ, ich könnte in den schrecklichen Strudel der Charybdis zurückgerissen werden. Dies geschah denn auch wirklich, denn ich wurde von den Wogen die ganze Nacht hindurch getrieben und hatte bei Sonnenaufgang den Felsen der Skylla und den Strudel erreicht. Sie sog eben das salzige Meerwasser hinunter,116 doch ich wurde emporgetragen gegen den Feigenbaum, den ich ergriff und mich an ihn klammerte wie eine Fledermaus. Nirgends konnte ich die Füße so aufsetzen, daß ich festen Stand fand, denn die Wurzeln waren weit entfernt, und die Äste, die den ganzen Tümpel überschatteten, waren zu hoch, zu gewaltig und zu weit auseinander, als daß ich sie hätte erreichen können; so hing ich mich geduldig an und wartete, bis der Strudel meinen Mast und mein Floß wieder ausspeien würde — und eine gar lange Weile deuchte es mich. Kein Geschworener ist froher, nach langem Aufenthalt im Gericht wegen beschwerlicher Fälle endlich zum Abendessen heimzukommen, als ich es war, mein Floß sich wieder aus dem Strudel herausarbeiten zu sehen. Endlich ließ ich mit Händen und Füßen los, fiel schwer ins Meer, hart neben mein Floß, auf das ich dann stieg und zu rudern begann mit meinen Händen. Was aber Skylla betrifft, so wollte der Vater der Götter und Menschen ihr keinen weiteren Blick auf mich vergönnen — sonst wäre ich gewiß verlorengewesen.117
Daher wurde ich neun Tage lang fortgetragen, bis mich in der zehnten Nacht die Götter auf der ogygischen Insel strandeten, wo die große und mächtige Göttin Kalypso wohnt. Sie nahm mich auf und war gütig zu mir, doch brauche ich darüber nicht mehr zu sagen, denn ich habe dir und deiner edlen Gattin gestern alles erzählt, und ich hasse es, ein und dasselbe immer wieder zu sagen.]
DREIZEHNTES BUCH
ODYSSEUS VERLÄSST SCHERIA UND KEHRT NACH ITHAKA ZURÜCK.
So sprach er, und sie alle schwiegen in der überdachten Halle, bezaubert vom Reiz seiner Erzählung, bis endlich Alkinoos begann zu sprechen.
„Odysseus“, sagte er, „nun du mein Haus erreicht hast, zweifle ich nicht, daß du ohne weiteres Ungemach heimkehren wirst, wie viel du auch in der Vergangenheit gelitten hast. Euch andere aber, die ihr Nacht für Nacht hierherkommt, meinen besten Wein zu trinken und meinem Sänger zu lauschen, möchte ich folgendes nachdrücklich ans Herz legen. Unser Gast hat bereits die Kleider, das gewirkte Gold118 und die anderen Kostbarkeiten, die ihr ihm zum Geschenk gebracht habt, verpackt; darum laßt uns ihm nun weiterhin ein jeder von uns einen großen Dreifuß und einen Kessel darbringen. Wir werden uns schadlos halten durch eine allgemeine Umlage; denn Privatleute kann man nicht erwarten, daß sie die Last eines so stattlichen Geschenkes allein tragen.”
Alle billigten diesen Vorschlag, und dann begaben sich ein jeder in seine eigene Behausung zur Ruhe. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, eilten sie zum Schiffe hinab und brachten ihre Kessel mit. Alkinoos ging an Bord und sah nach, daß alles so sicher unter den Bänken des Schiffes verstaut war, daß nichts sich losreißen und die Ruderer verletzen konnte. Dann begaben sie sich zum Hause des Alkinoos, um das Mahl einzunehmen, und er opferte ihnen einen Stier zu Ehren des Zeus, der der Herr über alles ist. Sie setzten die Fleischstücke zum Braten auf und hielten ein vortreffliches Mahl, worauf der begeisterte Sänger Demodokos, der bei jedermann beliebt war, ihnen vorsang; doch Odysseus wandte unaufhörlich die Augen zur Sonne, als wolle er deren Untergang beschleunigen, denn er sehnte sich, auf dem Weg zu sein. Wie einer, der den ganzen Tag einen Brachacker mit einem Joch Ochsen gepflügt hat, immer ans Abendessen denkt und froh ist, wenn die Nacht kommt, daß er gehen und es einnehmen kann, denn seine Beine tragen ihn kaum noch, genau so froh war Odysseus, als die Sonne unterging, und sogleich sprach er zu den Phaiaken, insbesondere an König Alkinoos gewandt:
„Herr, und all ihr anderen, lebt wohl. Bringt eure Trankopfer dar und entlaßt mich meiner Wege froh, denn ihr habt meines Herzens Wunsch erfüllt, indem ihr mir Geleit gabt und mich beschenktet; der Himmel gebe, daß ich es zum Guten wende; möge ich meine vortreffliche Gattin im Kreise ihrer Freunde in Frieden lebend antreffen,119 und mögt ihr, die ich zurücklasse, euren Frauen und Kindern Genüge tun;120 der Himmel gewähre euch jede Gnade und kein Übel komme über euer Volk.”
So sprach er. Seine Zuhörer billigten allesamt seine Worte und kamen überein, ihm das Geleit zu geben, da er vernünftig gesprochen hatte. Alkinoos sprach daher zu seinem Diener: „Pontonous, mische den Wein und reiche ihn allen herum, auf daß wir zu Vater Zeus beten und unseren Gast auf seine Reise entlassen mögen.”
Pontonous mischte den Wein und reichte ihn einem jeden der Reihe nach; die anderen brachten jeder von seinem Sitze aus den seligen Göttern, die im Himmel wohnen, ein Trankopfer dar, doch Odysseus erhob sich und legte den doppelten Becher in die Hände der Königin Arete.
„Leb wohl, Königin“, sprach er, „hinfort und für immer, bis Alter und Tod, das gemeinsame Los der Menschheit, ihre Hände auf euch legen. Nun nehme ich Abschied; sei glücklich in diesem Hause mit deinen Kindern, deinem Volk und mit König Alkinoos.”
Als er so gesprochen hatte, schritt er über die Schwelle, und Alkinoos sandte einen Mann, der ihn zu seinem Schiffe und zur Küste geleiten sollte. Auch Arete sandte einige Dienerinnen mit ihm — die eine mit einem reinen Hemd und Mantel, eine andere, die seinen starken Kasten tragen sollte, und eine dritte mit Korn und Wein. Als sie zur Wasserseite kamen, nahmen die Leute diese Dinge und brachten sie an Bord, samt allem Essen und Trank; doch für Odysseus breiteten sie auf dem Deck eine Decke und ein leinenes Laken aus, damit er im Heck des Schiffes fest schlafen könne. Dann ging auch er an Bord und legte sich ohne ein Wort nieder, aber die Leute nahmen jeder seinen Platz ein und lösten das Tau von dem durchbohrten Stein, an den es gebunden gewesen war. Sobald sie zu rudern begannen, um aufs Meer hinauszukommen, verfiel Odysseus in einen tiefen, süßen und fast todesähnlichen Schlummer.121
Das Schiff sprang vorwärts auf seinem Weg, wie ein Viergespann über die Rennbahn fliegt, wenn die Rosse die Peitsche fühlen. Sein Bug bäumte sich auf gleich dem Halse eines Hengstes, und eine gewaltige Woge dunkelblauen Wassers brodelte in seinem Kielwasser. Es hielt stetig seinen Kurs, und selbst ein Falke, der schnellste aller Vögel, hätte nicht mit ihm Schritt halten können. So also durchpflügte es das Wasser und trug einen, der so verschlagen war wie die Götter, der aber nun friedlich schlief, all dessen vergessend, was er erlitten hatte, sowohl auf dem Schlachtfeld als auch auf den Wogen des müden Meeres.
Als der helle Stern, der die Ankunft der Dämmerung verkündet, sich zu zeigen begann, nahte das Schiff dem Lande.122 Nun gibt es in Ithaka einen Hafen des alten Meermannes Phorkys, der zwischen zwei Landzungen liegt, welche die Linie des Meeres brechen und den Hafen einschließen. Diese schützen ihn vor den Stürmen des Windes und der See, die draußen toben, so daß ein Schiff, wenn es einmal darin ist, liegen kann, ohne auch nur vertäut zu werden. Am Eingang dieses Hafens steht ein großer Ölbaum, und nicht weit davon eine schöne, gewölbte Grotte, den Nymphen geweiht, welche Naiaden heißen.123 Darinnen stehen Mischkessel und steinerne Weinkrüge, und die Bienen nisten dort. Außerdem gibt es dort große steinerne Webstühle, auf denen die Nymphen ihre Gewänder von Meerpurrn weben — sehr sehenswert — und zu allen Zeiten ist Wasser darin. Sie hat zwei Eingänge, von denen der eine nach Norden schaut und durch den Sterbliche in die Grotte hinabsteigen können, während der andere von Süden kommt und geheimnisvoller ist; Sterbliche können auf diesem schlechterdings nicht hineingelangen, er ist der Weg der Götter.
In diesen Hafen also lenkten sie ihr Schiff, denn sie kannten den Ort.124 Es hatte so viel Fahrt, daß es die Hälfte seiner eigenen Länge auf den Strand lief;125 als sie jedoch gelandet waren, trugen sie als erstes Odysseus mit seiner Decke und dem leinenen Laken aus dem Schiff und legten ihn am Strande nieder, noch immer in tiefem Schlaf. Dann nahmen sie die Geschenke heraus, die Minerva die Phaiaken zu geben bewogen hatte, als er sich auf seine Heimreise begab. Sie schichteten dies alles am Fuße des Ölbaums aufseits der Straße, aus Furcht, es könnte ein Vorüberkommender kommen und sie stehlen, bevor Odysseus erwachte; und dann machten sie sich schleunigst wieder auf den Heimweg.
Neptune aber vergaß die Drohungen nicht, mit denen er Odysseus bereits gedroht hatte, darum beriet er sich mit Zeus. „Vater Zeus“, sprach er, „ich werde fortan bei euch Göttern in keinerlei Achtung mehr stehen, wenn Sterbliche wie die Phaiaken, die mein eigenes Fleisch und Blut sind, so geringe Rücksicht auf mich nehmen. Ich sagte, ich wolle Odysseus heimkehren lassen, wenn er genug gelitten habe. Ich sagte nicht, daß er überhaupt nicht heimkehren solle, denn ich wußte, daß du bereits dazu genickt und es zugesichert hattest; nun aber haben sie ihn in einem Schiere tief schlafend heimgebracht und in Ithaka gelandet, nachdem sie ihn mit prächtigeren Gaben an Erz, Gold und Gewändern beladen hatten, als er je von Troja mitgebracht hätte, hätte er seinen Anteil an der Beute erhalten und wäre ohne Ungemach heimgekehrt.”
Und Zeus antwortete: „Was redest du da, o Herr des Erdbebens? Keineswegs fehlt es bei den Göttern an Achtung vor dir. Es wäre ein Unding, wollten sie einen so alten und geehrten wie dich beleidigen. Was indes die Sterblichen betrifft, so liegt es, wenn einer von ihnen sich Übermut erlaubt und dich unehrerbietig behandelt, stets bei dir selbst, mit ihm zu verfahren, wie es dir gut dünkt; handle also ganz nach deinem Belieben.”
„Ich hätte es sogleich getan“, erwiderte Neptune, „wenn ich nicht besorgt wäre, dir zu mißfallen; nun möchte ich also das phaiakische Schiff auf der Rückkehr von seinem Geleit zerschellen lassen. Das wird sie abhalten, künftig noch Leute zu geleiten; und ich möchte auch ihre Stadt unter einem gewaltigen Berg begraben.”
„Mein guter Freund“, antwortete Zeus, „ich rate dir, genau in dem Augenblick, da die Leute aus der Stadt das Schiff auf seinem Weg beobachten, es in einen Felsen zu verwandeln nahe dem Lande, der einem Schiffe gleicht. Das wird jedermann in Staunen setzen, und du kannst danach ihre Stadt unter dem Berge begraben.”
Als der erdenumspannende Neptune dies hörte, begab er sich nach Scheria, wo die Phaiaken wohnen, und blieb dort, bis das Schiff, das rasch dahinfuhr, sich dicht herangenaht hatte. Dann ging er zu ihm hin, verwandelte es in Stein und stieß es mit der flachen Hand nieder, so daß es im Boden festwurzelte. Danach ging er wieder fort.
Die Phaiaken begannen daraufhin untereinander zu reden, und einer wandte sich zum Nachbarn und sprach: „Beim Himmel, wer kann nur das Schiff mitten im Meere festgewurzelt haben, gerade als es in den Hafen einlief? Vor einem Augenblick konnten wir es noch vollständig sehen.”
So redeten sie, doch sie wußten nichts davon; und Alkinoos sprach: „Nun fällt mir die alte Weissagung meines Vaters wieder ein. Er sagte, Neptune werde uns zürnen, weil wir jeden so sicher über das Meer brächten, und werde einst ein phaiakisches Schiff zerschellen, wenn es von einem Geleit heimkehre, und unsere Stadt unter einem hohen Berge begraben. Das war es, was mein alter Vater zu sagen pflegte, und nun geht alles in Erfüllung.126 Laßt uns also alle tun, was ich sage; vor allem müssen wir aufhören, den Leuten, die hierherkommen, Geleit zu geben, und sodann laßt uns zwölf auserlesene Stiere dem Neptune opfern, daß er sich unser erbarme und unsere Stadt nicht unter dem hohen Berge begrabe.” Als das Volk dies hörte, fürchtete es sich und brachte die Stiere herbei.
So beteten die Häuptlinge und Ratsherren der Phaiaken zu König Neptune, um seinen Altar versammelt; und zur selben Zeit127 erwachte Odysseus abermals auf seinem eigenen Boden. Er war so lange fort gewesen, daß er ihn nicht wiedererkannte; überdies hatte Joves Tochter Minerva einen nebligen Tag gemacht, damit die Leute nicht erführen, daß er gekommen war, und damit sie ihm alles sagen könnte, ohne daß sein Weib oder seine Mitbürger und Freunde ihn erkannten,128 bis er Rache genommen hätte an den frechen Freiern. So schien ihm denn alles ganz verändert — die langen geraden Pfade, die Häfen, die Klippen und die stattlichen Bäume erschienen ihm alle fremd, als er aufsprang und seine Heimat erblickte. Da schlug er sich mit der flachen Hand auf die Schenkel und rief laut in seiner Verzweiflung.
„Ach“, rief er, „unter was für ein Volk bin ich da gefallen? Sind es Wilde und Unzivilisierte oder gastfreundliche und menschliche? Wo soll ich all diese Schätze lassen, und wohin soll ich gehen? Wäre ich doch dort bei den Phaiaken geblieben; oder ich hätte zu einem anderen großen Fürsten gehen können, der freundlich zu mir gewesen wäre und mir Geleit gegeben hätte. So aber weiß ich nicht, wohin mit meinen Schätzen, und kann sie hier nicht lassen aus Furcht, ein anderer könnte sie an sich bringen. Wahrlich, die Häuptlinge und Ratsherren der Phaiaken haben nicht redlich an mir gehandelt und haben mich im falschen Lande zurückgelassen; sie sagten, sie wollten mich nach Ithaka bringen, und haben es nicht getan: möge Zeus, der Schutzherr der Schutzflehenden, sie strafen, denn er wacht über jedermann und züchtigt die Übeltäter. Doch freilich muß ich wohl meine Güter zählen und nachsehen, ob die Schiffsmannschaft etwas davon mitgenommen hat.”
Er zählte seine schönen Kupfermünzen und Kessel, sein Gold und all seine Kleider, doch es fehlte nichts; trotz aber klagte er unablässig, daß er nicht in seiner Heimat war, und wanderte am Ufer des tosenden Meeres auf und nieder, sein hartes Los beweinend. Da nahte ihm Pallas Athene in der Gestalt eines jungen Hirten von feiner und fürstlicher Haltung, einen guten Mantel doppelt gefaltet um die Schulter; an den schönen Füßen trug sie Sandalen und hielt einen Wurfspieß in der Hand. Odysseus freute sich, als er sie erblickte, und ging schnurstracks auf sie zu.
„Mein Freund," sprach er, „du bist der erste Mensch, dem ich in diesem Lande begegne; ich grüße dich daher und bitte dich, mir wohlgesinnt zu sein. Schütze diese meine Habe und auch mich selbst, denn ich umfasse deine Knie und flehe dich an, als wärest du ein Gott. So sage mir denn und sage mir die Wahrheit: welches Land und welches Volk ist dies? Wer wohnt hier? Bin ich auf einer Insel, oder ist dies die Küste eines Festlandes?"
Pallas Athene antwortete: „Fremdling, du mußt sehr einfältig sein, oder du mußt von weit her gekommen sein, wenn du nicht weißt, welches Land dies ist. Es ist ein überaus berühmter Ort, den jedermann kennt, im Osten wie im Westen. Das Land ist rauh und nicht gut zu befahren, doch es ist keineswegs eine schlechte Insel, soweit es deren gibt. Es trägt reichlich Getreide und auch Wein, denn es wird getränkt vom Regen und vom Tau; es nährt auch Rinder und Ziegen; allerlei Holz wächst hier, und es gibt Wasserstellen, wo das Wasser niemals versiegt; so, Herr, ist der Name Ithaka selbst bis nach Troja hin bekannt, das, wie ich höre, weit entfernt ist von diesem achäischen Lande."
Odysseus war froh, als er erfuhr, daß er, wie Pallas Athene ihm sagte, in seinem eigenen Lande war, und begann zu antworten, doch sagte er nicht die Wahrheit, sondern erfand eine erlogene Geschichte im instinktiven Trug seines Herzens.
„Ich hörte von Ithaka," sprach er, „als ich jenseits des Meeres in Kreta war, und nun scheint es, daß ich es erreicht habe mit all diesen Schätzen. Ebensoviel habe ich für meine Kinder dort zurückgelassen, doch ich bin auf der Flucht, weil ich Orsilochos, den Sohn des Idomeneus, getötet habe, den schnellsten Läufer in Kreta. Ich erschlug ihn, weil er mich der Beute berauben wollte, die ich mit soviel Mühe und Gefahr bei Troja errungen hatte, sowohl auf dem Schlachtfelde als auch an den Wogen des mühseligen Meeres; er behauptete, ich hätte seinem Vater vor Troja nicht treu als Lehnsmann gedient, sondern mich als unabhängiger Herrscher aufgespielt; so lauerte ich ihm auf mit einem meiner Gefährten am Wege und erlegte ihn mit dem Speer, als er vom Lande in die Stadt kam. Es war eine sehr dunkle Nacht, und niemand sah uns; es blieb daher unbekannt, daß ich ihn getötet hatte; doch sobald ich es getan hatte, ging ich zu einem Schiffe und bat die Eigentümer, die Phönizier waren, mich an Bord zu nehmen und mich in Pylos oder in Elis, wo die Epeer herrschen, auszusetzen, und gab ihnen soviel Beute, als sie zufriedenstellte. Sie hatten keine Arglist im Sinne, doch der Wind trieb sie vom Kurs ab, und wir segelten, bis wir bei Nacht hierher kamen. Wir hatten unsere Not, in den Hafen einzulaufen, und keiner von uns sprach ein Wort vom Abendessen, obwohl wir es dringend nötig hatten, sondern wir gingen alle an Land und legten uns nieder, wie wir gerade waren. Ich war sehr müde und schlief sofort ein, da nahmen sie meine Habe aus dem Schiff und legten sie neben mich, wo ich auf dem Sande lag. Dann segelten sie davon nach Sidonia, und ich wurde hier zurückgelassen in großer Herzensnot."
So lautete seine Geschichte, doch Pallas Athene lächelte und streichelte ihn mit ihrer Hand. Dann nahm sie die Gestalt einer Frau an, schön, stattlich und klug. „Er muß wohl ein äußerst verschlagener Lügner sein," sprach sie, „der dich in allerlei Listen übertreffen könnte, selbst wenn du einen Gott zum Gegner hättest. Tollkühner Bursche, voll Tücke, unermüdlich im Trug, kannst du deine Streiche und deine instinktive Falschheit nicht lassen, selbst jetzt, da du wieder in deiner Heimat bist? Wir wollen indessen nicht weiter davon reden, denn wir können beide von Zeit zu Zeit täuschen — du bist der gewandteste Ratgeber und Redner unter allen Menschen, während ich an Diplomatie und Schlauheit nicht ihresgleichen habe unter den Göttern. Kanntest du denn nicht Zeus' Tochter Pallas Athene — mich, die dir allezeit zur Seite stand, die über dich wachte in allen deinen Nöten und die es bewirkte, daß die Phaiaken dich so sehr ins Herz schlossen? Und nun bin ich wieder hierher gekommen, um mit dir zu beraten und dir zu helfen, den Schatz zu verbergen, den ich die Phaiaken dir geben ließ; ich will dir von den Nöten erzählen, die dich in deinem eigenen Hause erwarten; du mußt ihnen ins Auge sehen, doch sage niemandem, weder Mann noch Frau, daß du heimgekehrt bist. Ertrage alles und nimm jedermanns Frechheit hin, ohne ein Wort."
Odysseus aber antwortete: „Ein Mann, Göttin, mag viel wissen, doch du änderst so beständig deine Gestalt, daß, wenn er dir begegnet, es schwer für ihn ist zu erkennen, ob du es bist oder ein anderer. Soviel indessen weiß ich überaus genau: du warst mir sehr holdselig, solange wir Achäer vor Troja kämpften; doch von dem Tage an, da wir uns einschifften, nachdem wir die Stadt des Priamos geplündert hatten, und der Himmel uns zerstreute — von jenem Tage an, Pallas Athene, sah ich nichts mehr von dir, und kann mich keineswegs erinnern, daß du jemals zu meinem Schiff kamst, um mir in einer Not zu helfen; ich mußte krank und betrübt umherirren, bis die Götter mich vom Übel erlösten und ich die Stadt der Phaiaken erreichte, wo du mich ermutigtest und mich in die Stadt führtest. Und nun, ich flehe dich bei deines Vaters Namen an, sage mir die Wahrheit, denn ich glaube nicht, daß ich wirklich in Ithaka bin. Ich bin in einem anderen Lande, und du höhnst mich und täuschest mich mit allem, was du sagst. So sage mir denn wahrhaftig: bin ich wirklich in mein eigenes Land gelangt?"
„Du sinnst stets auf solche Dinge," erwiderte Pallas Athene, „und eben deshalb kann ich dich in deinen Nöten nicht verlassen; du bist so so überzeugend, klug und verschlagen. Ein anderer an deiner Stelle wäre bei der Rückkehr von so langer Fahrt sogleich heimgegangen, um Weib und Kinder zu sehen, doch du scheinst dich nicht danach zu sehnen, nach ihnen zu fragen oder Kunde von ihnen zu hören, bis du dein Weib ausgenutzt hast, das daheim weilt und vergeblich um dich trauert und nachts wie tags keine Ruhe hat vor den Tränen, die sie um dich weint. Was mein Nichterscheinen betrifft, so war ich niemals um dich besorgt, denn ich war gewiß, daß du heil zurückkehren würdest, wenn du auch alle deine Leute verlörest, und ich wollte mich nicht mit meinem Oheim Neptun entzweien, der dir nie verzieh, daß du seinen Sohn geblendet hast. Doch nun will ich dir die Lage des Landes zeigen, und du wirst mir dann vielleicht glauben. Dies ist der Hafen des alten Meergreises Phorkys, und hier steht der Ölbaum, der an seinem Eingang wächst; [dabei ist die Grotte, die den Naiaden heilig ist; hier auch ist die überwölbte Höhle, in der du so manchen willkommenen Hekatomb den Nymphen dargebracht hast, und dies ist der waldige Berg Neriton."
Als sie so sprach, zerstreute die Göttin den Nebel, und das Land erschien. Da freute sich Odysseus, daß er wieder in seinem eigenen Lande war, und küßte die fruchtbare Erde; er erhob die Hände und betete zu den Nymphen: „Naiaden, Töchter des Zeus, ich war gewiß, daß ich euch niemals wiedersehen würde; nun denn, ich grüße euch mit allen liebevollen Worten, und ich will euch Opfer bringen wie in alten Zeiten, wenn Zeus' unbesiegbare Tochter mir das Leben gewährt und meinen Sohn zum Manne reifen läßt."
„Fasse Mut und gräme dich nicht darüber," erwiderte Pallas Athene, „laß uns vielmehr sogleich daran gehen, deine Habe in der Höhle unterzubringen, wo sie ganz sicher sein wird. Laßt uns zusehen, wie wir alles am besten bewerkstelligen."
Hierauf stieg sie in die Höhle hinab, um die sichersten Versteckplätze zu suchen, während Odysseus alles an Schätzen an Gold, Erz und guten Kleidern heraufbrachte, die ihm die Phaiaken gegeben hatten. Sie verwahrten alles sorgfältig, und Pallas Athene wälzte einen Stein vor den Eingang der Höhle. Dann setzten sich die beiden an die Wurzel des großen Ölbaums und berieten, wie sie die Vernichtung der ruchlosen Freier bewerkstelligen könnten.
„Odysseus," sprach Pallas Athene, „edler Sohn des Laertes, sinne darauf, wie du diese schändlichen Leute fassen kannst, die drei Jahre lang in deinem Hause geschaltet und gewaltet haben, deinem Weibe den Hof machen und ihm Brautgeschenke geben, während sie nichts tut, als deine Abwesenheit zu beklagen, einem jeden von ihnen Hoffnung zu machen und ihm ermutigende Botschaften zu senden, aber das Gegenteil von alledem meint."
Odysseus aber antwortete: „Fürwahr, Göttin, es sieht so aus, als hätte ich in meinem eigenen Hause das gleiche schlimme Ende gefunden wie Agamemnon, wenn du mich nicht so zeitig unterrichtet hättest. Rate mir, wie ich mich am besten rächen werde. Steh mir zur Seite und gib mir Mut ins Herz wie an dem Tage, da wir Trojas schöne Krone von der Stirn lösten. Hilf mir jetzt wie damals, und ich will dreihundert Männer bekämpfen, wenn du, Göttin, mit mir bist."
„Verlasse dich auf mich," sprach sie, „ich werde dich nicht aus den Augen lassen, sobald wir ans Werk gehen, und ich stelle mir vor, daß manche von denen, die dein Gut verzehren, dann mit ihrem Blut und Gehirn den Boden bespritzen werden. Ich will beginnen, indem ich dich so verstelle, daß kein Mensch dich erkennen soll; ich will deinen Körper mit Runzeln bedecken; du sollst all dein blondes Haar verlieren; ich will dich in ein Gewand kleiden, das jeden, der es sieht, mit Abscheu erfüllen wird; ich will deine schönen Augen dir trüben und dich zu einem garstigen Gegenstand machen in den Augen der Freier, deines Weibes und des Sohnes, den du zurückließest. Dann geh sogleich zu dem Schweinehirten, dem deine Schweine anvertraut sind; er ist dir immer wohlgesinnt gewesen und ist Penelope und deinem Sohne ergeben; du wirst ihn seine Schweine hüten finden beim Felsen, den man den Rabenfelsen nennt, bei der Quelle Arethusa, wo sie sich nach ihrer Art an Bucheckern und Quellwasser mästen. Bleib bei ihm und erfahre, wie die Dinge stehen, während ich nach Sparta gehe, um deinen Sohn zu sehen, der bei Menelaos in Lakedaimon weilt, wohin er gegangen ist, um zu erfahren, ob du noch am Leben bist."
„Aber warum," sprach Odysseus, „hast du es ihm nicht gesagt, da du doch alles wußtest? Wolltest du, daß auch er unter allerlei Mühen umherschiffen solle, während andere sein Erbe verzehren?"
Pallas Athene antwortete: „Kümmere dich nicht um ihn; ich sandte ihn, damit er wegen seiner Fahrt gerühmt werde. Er ist in keinerlei Not, sondern weilt ganz behaglich bei Menelaos und ist von Überfluß aller Art umgeben. Die Freier sind ausgelaufen und liegen ihm auf; sie wollen ihn töten, bevor er heimkehrt. Ich glaube kaum, daß es ihnen gelingt, vielmehr daß mancher von denen, die jetzt dein Erbe verzehren, selbst zuerst ein Grab finden wird."
Als sie so sprach, berührte Pallas Athene ihn mit dem Stabe und bedeckte ihn mit Runzeln, nahm ihm all sein blondes Haar und ließ das Fleisch über seinem ganzen Körper zusammenschrumpfen; sie trübte seine Augen, die von Natur sehr schön waren; sie änderte seine Kleider und warf ihm einen alten lumpigen Mantel um und einen Rock, zerlumpt, schmutzig und rußgeschwärzt; auch gab sie ihm ein ungegerbtes Hirschfell als Übergewand und versah ihn mit einem Stocke und einem löchrigen Ranzen, mit einem gedrehten Riemen, ihn über die Schulter zu hängen.
Als die beiden so ihre Pläne gemacht hatten, trennten sie sich, und die Göttin ging schnurstracks nach Lakedaimon, um Telemachos zu holen.
BUCH XIV
ODYSSEUS IN DER HÜTTE DES EUMAIOS.
Odysseus verließ nun den Hafen und nahm den rauen Pfad durch das bewaldete Land und über den Kamm des Berges, bis er den Ort erreichte, wo Pallas Athene ihm gesagt hatte, daß er den Schweinehirten finden werde, den sparsamsten seiner Diener. Er fand ihn vor seiner Hütte sitzen, die bei den Pferchen lag, die er sich auf einem von weitem sichtbaren Platze erbaut hatte. Er hatte sie geräumig und schön gebaut, mit freiem Auslauf für die Schweine ringsum; er hatte sie während der Abwesenheit seines Herrn errichtet, aus Steinen, die er vom Boden aufgelesen hatte, ohne Penelope oder Laertes etwas davon zu sagen, und er hatte sie oben mit Dorngesträuch umzäunt. Außerhalb des Pferchs hatte er einen starken Zaun aus gespaltenen und dicht zusammengestellten eichenen Pfählen errichtet, innen aber hatte er zwölf Ställe nebeneinander gebaut, in denen die Mutterschweine liegen konnten. In jedem Stalle wälzten sich fünfzig Schweine, alles Zuchtsäue; die Eber aber schliefen draußen und waren weit weniger an Zahl, denn die Freier verzehrten sie fortwährend, und der Schweinehirt mußte ihnen immerfort die besten schicken. Es gab dreihundertsechzig Eber, und die vier Hunde des Hirten, die so wild waren wie Wölfe, schliefen stets bei ihnen. Der Schweinehirt war in jenem Augenblick damit beschäftigt, sich ein Paar Sandalen aus einem guten, starken Ochsenfell zuzuschneiden. Drei seiner Leute waren aus und hüteten die Schweine da und dort, und den vierten hatte er in die Stadt geschickt mit einem Eber, den er den Freiern hatte schicken müssen, damit sie ihn opfern und sich an dem Fleische satt essen könnten.
Als die Hunde Odysseus sahen, begannen sie wütend zu bellen und stürzten auf ihn los, doch Odysseus war klug genug, sich niederzusetzen und den Stock, den er in der Hand hatte, loszulassen; dennoch wäre er in seinem eigenen Heim von ihnen zerrissen worden, hätte nicht der Schweinehirt sein Ochsenfell fallen lassen, in vollem Laufe durch das Tor des Pferchs gestürzt wäre und die Hunde durch Schreien und Steinwerfen vertrieben. Dann sprach er zu Odysseus: „Alter, die Hunde hätten dich leicht kurz und klein gerissen, und dann hättest du mich in Schwierigkeiten gebracht. Die Götter geben mir schon Sorgen genug, denn ich habe den besten der Herren verloren und gräme mich unablässig um seinetwillen. Ich muß für andere Schweine hüten, die sie essen, während er, wenn er noch das Tageslicht sieht, in irgendeinem fernen Lande hungert. Doch komm herein, und wenn du dich an Brot und Wein gelabt hast, sage mir, woher du kommst, und erzähle mir all dein Unglück."
Hierauf ging der Schweinehirt voran in die Hütte und lud ihn ein, sich niederzulassen. Er streute eine gute dicke Schicht Binsen auf den Boden, und darüber warf er das zottige Gemsenfell — ein dickes, großes — auf dem er nachts zu schlafen pflegte. Odysseus freute sich über solche gastliche Aufnahme und sprach: „Möge Zeus, Herr, und die übrigen Götter dir dein Herzensbegehr gewähren zum Lohne für die freundliche Weise, mit der du mich aufgenommen hast."
Darauf antwortetest du, o Schweinehirt Eumaios: „Fremdling, wenn auch ein noch ärmerer Mann hierher käme, es wäre nicht recht von mir, ihn zu kränken, denn alle Fremdlinge und Bettler kommen von Zeus. Du mußt nehmen, was du bekommst, und dankbar sein, denn Diener leben in Furcht, wenn sie junge Herren als Gebieter haben; und das ist nun mein Los, denn der Himmel hat die Heimkehr dessen verhindert, der immer gut zu mir gewesen wäre und mir etwas Eigenes gegeben hätte — ein Haus, ein Stück Land, eine hübsche Frau, und all das, was ein freigebiger Herr einem Diener zuteilt, der für ihn hart gearbeitet hat und dessen Arbeit die Götter gesegnet haben wie die meine in meiner Stellung. Wäre mein Herr hier alt geworden, er hätte Großes an mir getan, doch er ist dahin, und ich wünschte, Helens ganzes Geschlecht wäre völlig vertilgt, denn sie hat manchen guten Mann ins Verderben gestürzt. Diese Sache führte meinen Herrn nach Ilion, das Land der edlen Rosse, mit den Troern zu kämpfen im Dienste des Königs Agamemnon."
Als er so sprach, gürtete er sich und ging zu den Ställen, wo die jungen Spanferkel eingepfercht waren. Er wählte zwei aus, die er mitbrachte, und opferte sie. Er sengte sie ab, zerlegte sie und steckte sie auf den Spieß; als das Fleisch gar war, brachte er es vollständig herbei und setzte es Odysseus vor, heiß und noch auf dem Spieße; darüber streute Odysseus weiße Gerstengraupen. Der Schweinehirt mischte dann Wein in einer Schale aus Efeuholz und nahm Odysseus gegenüber Platz und hieß ihn zugreifen.
„Greif zu, Fremdling," sprach er, „zu einer Schüssel Schweinefleisch vom Tisch eines Dieners. Die fetten Schweine müssen den Freiern gehen, die sie ohne Scham und Skrupel auffressen; doch die seligen Götter lieben solch schändliches Tun nicht und achten derer, die recht und billig handeln. Selbst die wilden Freibeuter, die auf fremdem Lande rauben, und denen Zeus die Beute gibt — selbst sie leben, wenn sie die Schiffe gefüllt und die Heimfahrt angetreten haben, mit bösem Gewissen und fürchten das Gericht; doch irgendein Gott scheint diesen Leuten gesagt zu haben, daß Odysseus tot und dahin ist; sie wollen daher nicht auf eigene Faust heimgehen und in gewöhnlicher Weise ihre Heiratsanträge stellen, sondern vergeuden sein Gut mit Gewalt, ohne Furcht und Maß. Kein Tag und keine Nacht kommt vom Himmel, ohne daß sie nicht ein oder zwei Opfertiere schlachten, und sie trinken seinen Wein nach Herzenslust, denn er war überaus reich. Kein anderer großer Mann, weder in Ithaka noch auf dem Festlande, ist so reich wie er; er besaß soviel wie zwanzig Männer zusammen. Ich will dir sagen, was er hatte. Es gibt zwölf Rinderherden auf dem Festlande und ebensoviele Schafherden, auch gibt es zwölf Schweineherden, während seine eigenen Leute und gedungene Fremdlinge ihm zwölf weitverstreute Ziegenherden halten. Hier in Ithaka unterhält er sogar große Ziegenherden am äußersten Ende der Insel, und sie stehen unter der Obhut vortrefflicher Ziegenhirten. Ein jeder von ihnen schickt den Freiern täglich die beste Ziege der Herde. Ich aber habe die Schweine zu besorgen, die du hier siehst, und ich muß fortwährend die besten aussuchen und ihnen schicken."
Das war seine Rede, doch Odysseus aß und trank weiter mit Heißhunger, ohne ein Wort zu sagen, seine Rache brütend. Als er sich satt gegessen hatte und zufrieden war, nahm der Schweinehirt die Schale, aus der er gewöhnlich trank, füllte sie mit Wein und reichte sie Odysseus; der war erfreut und sprach, als er sie in die Hand nahm: „Mein Freund, wer war dieser dein Herr, der dich kaufte und bezahlte, so reich und so mächtig, wie du mir sagst? Du sagst, er sei im Dienste des Königs Agamemnon umgekommen; sage mir, wer er war, vielleicht bin ich einem solchen Manne begegnet. Zeus und die anderen Götter wissen es, doch vielleicht kann ich dir Kunde von ihm geben, denn ich habe viel gereist."
Eumaios antwortete: „Alter, kein Reisender, der hierher kommt mit Kunde, wird der Gattin und dem Sohn des Odysseus seine Geschichte glaublich machen. Dennoch kommen Bettler, die einer Herberge bedürfen, immer wieder daher, mit Lügen im Mund und keinem Wort Wahrheit; jeder, der den Weg nach Ithaka findet, geht zu meiner Herrin und trägt ihr Erdichtungen vor, woraufhin sie sie aufnimmt, sich viel mit ihnen abgibt und ihnen allerlei Fragen stellt, wobei sie die ganze Zeit weint, wie Frauen nun einmal weinen, wenn sie ihre Gatten verloren haben. Auch du, Alter, würdest gewiss für ein Hemd und einen Mantel eine hübsche Geschichte zusammenlügen. Aber die Wölfe und Raubvögel haben Odysseus längst in Stücke gerissen, oder die Fische des Meeres haben ihn gefressen, und seine Gebeine liegen tief im Sand begraben an irgendeinem fremden Gestade; er ist tot und dahin, und schlimm ist es für alle seine Freunde, für mich ganz besonders; wohin ich auch gehe, nimmer werde ich einen so guten Herrn finden, selbst wenn ich heimkehrte zu Vater und Mutter, wo ich geboren und aufgezogen wurde. Doch ich sorge mich nicht mehr allzusehr um meine Eltern, obwohl ich sie von Herzen wiedersehen möchte in meiner Heimat; am meisten schmerzt mich der Verlust des Odysseus; ich kann nicht von ihm sprechen ohne Ehrfurcht, wenn er gleich nicht mehr hier weilt; denn er war mir sehr zugetan und nahm sich meiner so an, dass, wo immer er auch sei, ich sein Andenken stets in Ehren halten werde."
„Mein Freund," erwiderte Odysseus, „du bist sehr bestimmt und sehr ungläubig, was die Heimkehr deines Herrn betrifft; dennoch will ich nicht bloß sagen, sondern schwören, dass er kommt. Gib mir nichts für meine Kunde, bis er wirklich gekommen ist; dann magst du mir ein Hemd und einen Mantel von gutem Tuch geben, wenn du willst. Ich bin in großer Not, aber ich will bis dahin gar nichts annehmen, denn ich hasse einen Mann, so wie ich das Höllenfeuer hasse, der sich durch seine Armut zum Lügen verleiten lässt. Ich schwöre bei König Zeus, bei den Rechten der Gastfreundschaft und bei jener Herdstatt des Odysseus, zu der ich nun gekommen bin, dass alles sich gewiss so zutragen wird, wie ich es gesagt habe. Odysseus wird noch in diesem selben Jahre heimkehren; mit dem Ende dieses Mondes und dem Anfang des nächsten wird er hier sein, um Rache zu üben an allen denen, die sein Weib und seinen Sohn übel behandeln."
Hierauf erwidertest du, o Sauhirte Eumaios: „Alter, du wirst weder Lohn erhalten für gute Kunde, noch wird Odysseus jemals heimkehren; trink deinen Wein in Frieden, und lass uns von etwas anderem reden. Fahre nicht fort, mich an all dies zu erinnern; es schmerzt mich stets, wenn jemand von meinem hochgeehrten Herrn spricht. Was deinen Schwur angeht, so wollen wir ihn auf sich beruhen lassen; ich wünsche nur, er möge kommen, wie auch Penelope, sein alter Vater Laertes und sein Sohn Telemachos es wünschen. Auch um diesen seinen Sohn bin ich gar sehr bekümmert; er wuchs zusehends zum Manne heran und versprach keinem Geringeren als seinem Vater an Gestalt und Antlitz ebenbürtig zu werden; doch irgendwer, sei es ein Gott oder ein Mensch, hat seinen Sinn verwirrt, so dass er nach Pylos aufgebrochen ist, um Kunde von seinem Vater zu erlangen, und die Freier lauern ihm auf, wenn er heimkehrt, in der Hoffnung, das Haus des Arkeisios ohne Namen in Ithaka zu lassen. Doch lass uns von ihm schweigen und ihn seinem Schicksal überlassen, ob er nun gefangen wird oder entrinnt, wenn der Sohn des Kronos seine Hand über ihm hält, ihn zu schützen. Und nun, Alter, erzähle mir deine eigene Geschichte; sage mir auch, denn ich will es wissen, wer du bist und woher du kommst. Sage mir von deiner Stadt und deinen Eltern, mit welchem Schiff du gekommen bist, wie die Schiffsmannschaft dich nach Ithaka brachte und aus welchem Lande sie zu kommen vorgab — denn zu Lande kannst du nicht gekommen sein."
Und Odysseus antwortete: „Ich will dir alles erzählen. Wenn Fleisch und Wein genug vorhanden wären und wir hier in der Hütte bleiben könnten, ohne etwas zu tun als zu essen und zu trinken, während die anderen zu ihrer Arbeit gehen, könnte ich leicht ein volles Jahr hindurch erzählen, ohne je die Geschichte der Leiden zu Ende zu bringen, mit denen es dem Himmel gefallen hat, mich heimzusuchen.
Ich bin von Geburt ein Kreter; mein Vater war ein wohlhabender Mann, der viele ehelich geborene Söhne hatte, während ich der Sohn einer Sklavin war, die er zur Nebenfrau erworben hatte; dennoch stellte mein Vater Kastor, des Hylax Sohn (dessen Stamm ich beanspruche und der bei den Kretern wegen seines Reichtums, seines Wohlstandes und der Tapferkeit seiner Söhne in höchsten Ehren stand) mich auf gleiche Stufe mit meinen Brüdern, die ehelich geboren waren. Als jedoch der Tod ihn in des Hades Haus führte, teilten seine Söhne das Erbe und warfen das Los um ihre Anteile; mir aber gaben sie ein Landgut und sonst wenig; dennoch ermöglichte es mir meine Tapferkeit, in eine reiche Familie einzuheiraten, denn ich war kein Prahler und wich auf dem Schlachtfeld nicht aus. Nun ist es vorbei; dennoch, wenn man die Stoppeln betrachtet, kann man sehen, was die Ähre war, denn ich habe Leid genug und übergenug gehabt. Ares und Athene machten mich kampfesstark; wenn ich meine Leute aussuchte, um den Feind mit einem Hinterhalt zu überraschen, gab ich dem Tod nie einen Gedanken, sondern war stets der erste, der voranstürmte und alle mit dem Speer niederstreckte, die ich einholen konnte. So war ich in der Schlacht, doch lag mir weder die Feldarbeit noch das genügsame Hausleben derer, die Kinder aufziehen wollen. Meine Freude waren Schiffe, Gefechte, Wurfspieße und Pfeile — Dinge, vor denen die meisten Männer schaudern; doch der eine liebt dies, der andere jenes, und dies war meine natürliche Neigung. Bevor die Achaier nach Troja zogen, war ich neunmal Anführer von Männern und Schiffen auf auswärtigem Dienst, und ich häufte großen Reichtum an. Ich hatte meine Wahl aus der Beute zuerst, und noch viel mehr wurde mir später zugeteilt.
Mein Haus wuchs rasch, und ich wurde ein großer Mann unter den Kretern; als jedoch Zeus jenen schrecklichen Feldzug beschloss, in dem so viele umkamen, verlangten die Leute von mir und Idomeneus, dass wir ihre Schiffe nach Troja führten, und es gab keinen Ausweg, denn sie bestanden darauf. Dort kämpften wir neun volle Jahre, aber im zehnten eroberten wir die Stadt des Priamos und segelten heimwärts, wie der Himmel uns zerstreute. Da ersann Zeus Unheil gegen mich. Ich verbrachte nur einen glücklichen Monat mit meinen Kindern, meinem Weib und meinem Besitz, und da fasste ich den Gedanken, einen Überfall auf Ägypten zu machen; also rüstete ich eine schöne Flotte aus und bemannte sie. Ich hatte neun Schiffe, und die Leute strömten herbei, sie zu füllen. Sechs Tage lang feierten ich und meine Leute, und ich beschaffte ihnen viele Opfertiere, sowohl zum Opfer für die Götter als auch für sie selbst; aber am siebten Tage gingen wir an Bord und segelten von Kreta ab mit günstigem Nordwind im Rücken, obwohl wir einen Fluss hinabfuhren. Nichts lief schlecht für eines unserer Schiffe, und wir hatten keine Krankheit an Bord, sondern saßen, wo wir waren, und ließen die Schiffe gehen, wie der Wind und die Steuermänner sie lenkten. Am fünften Tage erreichten wir den Fluss Aegyptus; dort legte ich meine Schiffe im Fluss vor Anker, hieß meine Leute bei ihnen bleiben und sie bewachen, während ich Kundschafter aussandte, von jedem Aussichtspunkt aus zu erkunden.
Aber die Männer gehorchten meinen Befehlen nicht, handelten nach eigenem Gutdünken und verwüsteten das Land der Ägypter, erschlugen die Männer und schleppten deren Frauen und Kinder als Gefangene fort. Der Alarm trug sich rasch zur Stadt, und als sie den Kriegsschrei hörten, strömten die Leute bei Tagesanbruch herbei, bis die Ebene erfüllt war von Reitern und Fußvolk und dem Glanze der Rüstungen. Da verbreitete Zeus Entsetzen unter meinen Leuten, und sie wollten sich dem Feind nicht mehr stellen, denn sie fanden sich umringt. Die Ägypter erschlugen viele von uns und nahmen die übrigen gefangen, um sie zu Frondiensten für sie zu zwingen. Zeus jedoch legte mir in den Sinn, folgendermaßen zu handeln — und ich wollte, ich wäre damals und dort in Ägypten gestorben, denn noch viel Leid stand mir bevor —: Ich nahm meinen Helm ab und den Schild und ließ den Speer aus meiner Hand fallen; dann ging ich geradewegs auf den Wagen des Königs zu, umfasste seine Knie und küsste sie; daraufhin schonte er mein Leben, hieß mich in seinen Wagen steigen und nahm mich, weinend, in sein eigenes Haus mit. Viele stürzten mit ihren Eschenspeeren auf mich los und versuchten, mich in ihrer Wut zu töten, aber der König beschützte mich, denn er fürchtete den Zorn des Zeus, des Beschützers der Fremden, der diejenigen straft, die Übles tun.
Ich blieb dort sieben Jahre und brachte unter den Ägyptern viel Geld zusammen, denn sie alle gaben mir etwas; als aber das achte Jahr heranging, kam ein gewisser Phönizier, ein verschmitzter Schurke, der schon allerlei Schurkereien begangen hatte, und dieser Mann redete mir zu, mit ihm nach Phönizien zu gehen, wo sein Haus und seine Habe lagen. Ich blieb dort ein volles Jahr, aber am Ende dieser Zeit, als Monate und Tage vergangen waren und dieselbe Jahreszeit wiederkehrte, setzte er mich an Bord eines Schiffes, das nach Libyen bestimmt war, unter dem Vorwand, ich solle mit ihm zusammen eine Ladung dorthin nehmen, in Wahrheit aber, um mich als Sklaven zu verkaufen und das Geld einzustreichen, das ich einbrachte. Ich ahnte seine Absicht, ging aber mit ihm an Bord, denn ich konnte nicht anders.
Das Schiff lief vor frischem Nordwind, bis wir das Meer erreichten, das zwischen Kreta und Libyen liegt; dort jedoch beschloss Zeus ihren Untergang; denn sobald wir weit genug von Kreta entfernt waren und nichts mehr sehen konnten als Meer und Himmel, türmte er eine schwarze Wolke über unserem Schiff auf, und das Meer darunter wurde dunkel. Da schleuderte Zeus seine Blitze, und das Schiff drehte sich im Kreise und wurde mit Feuer und Schwefel erfüllt, als der Blitz es traf. Die Männer fielen allesamt ins Meer; sie wurden im Wasser um das Schiff herumgetrieben, sahen aus wie lauter Seemöwen, aber der Gott nahm ihnen bald jede Möglichkeit, je wieder heimzukehren. Ich war ganz verstört. Zeus jedoch ließ mir den Mast des Schiffes in Reichweite kommen, was mir das Leben rettete, denn ich klammerte mich an ihn und wurde vor der Wut des Sturmes dahingetrieben. Neun Tage lang trieb ich so, aber in der Finsternis der zehnten Nacht trug mich eine gewaltige Woge an die Küste der Thesproter. Dort bewirtete mich Pheidon, der König der Thesproter, gastfrei, ohne mir auch nur das Geringste in Rechnung zu stellen — denn sein Sohn fand mich, als ich vor Kälte und Erschöpfung dem Tode nahe war, woraufhin er mich bei der Hand aufhob, mich in seines Vaters Haus führte und mir Kleider zum Anziehen gab.
Dort erfuhr ich Kunde von Odysseus, denn der König sagte mir, er habe ihn bewirtet und ihm viel Gastfreundschaft erwiesen, als er auf seiner Heimreise war. Er zeigte mir auch den Schatz an Gold und geschmiedetem Eisen, den Odysseus zusammengebracht hatte. Es war genug, um seine Familie zehn Generationen lang zu ernähren, so viel hatte er im Hause des Königs Pheidon zurückgelassen. Der König sagte aber, Odysseus sei nach Dodona gegangen, um von der hohen Eiche des Gottes Zeus' Sinn zu erfahren und zu wissen, ob er nach so langer Abwesenheit offen oder heimlich nach Ithaka zurückkehren solle. Zudem schwor der König in meiner Gegenwart, wobei er in seinem eigenen Hause Trankopfer spendete, dass das Schiff am Wasser liege und die Mannschaft bereitstehe, die ihn in sein Heimatland bringen solle. Er schickte mich jedoch fort, bevor Odysseus zurückkehrte, denn es lag gerade ein thesprotisches Schiff segelbereit nach der getreidereichen Insel Dulichion, und er sagte denen, die es befehligten, sie sollten mich ja sicher zu König Akastos bringen.
Diese Männer heckten einen Anschlag gegen mich aus, der mich in das äußerste Elend gestürzt hätte; denn als das Schiff ein gutes Stück von der Küste entfernt war, beschlossen sie, mich als Sklaven zu verkaufen. Sie zogen mir das Hemd und den Mantel ab, die ich trug, und gaben mir stattdessen die zerrissenen alten Lumpen, in denen du mich nun siehst; dann, gegen Einbruch der Nacht, erreichten sie das bebaute Land von Ithaka, und dort banden mich mit einem starken Seil fest im Schiff, während sie an Land gingen, um am Meeresufer zu Nacht zu essen. Aber die Götter lösten mir bald meine Bande, und nachdem ich meine Lumpen über den Kopf gezogen hatte, glitt ich am Ruder ins Meer hinab, wo ich zu schwimmen begann, bis ich gut von ihnen freikam, und kam nahe bei einem dichten Gehölz an Land, in dem ich mich verbarg. Sie waren sehr zornig über meine Flucht und suchten überall nach mir, bis sie es schließlich für nutzlos hielten und zu ihrem Schiff zurückkehrten. Die Götter, die mich so leicht verborgen hatten, führten mich dann zur Tür eines guten Mannes — denn es scheint, dass ich noch nicht sterben soll eine Weile."
Hierauf erwidertest du, o Sauhirte Eumaios: „Armer unglücklicher Fremder, die Geschichte deiner Missgeschicke hat mich sehr interessiert, aber der Teil über Odysseus stimmt nicht; und du wirst mich nie dazu bringen, dir zu glauben. Warum sollte ein Mann wie du auf diese Weise umhergehen und lügen? Ich weiß alles über die Heimkehr meines Herrn. Die Götter, ein jeder von ihnen, verabscheuen ihn, oder sie hätten ihn vor Troja hinweggenommen oder ihn sterben lassen im Kreise seiner Freunde, als die Tage seines Kampfens vorüber waren; denn dann hätten die Achaier einen Grabhügel über seiner Asche errichtet, und sein Sohn wäre Erbe seines Ruhmes geworden; nun aber haben die Sturmwinde ihn fortgezaubert, wir wissen nicht wohin.
Was mich betrifft, so lebe ich hier abseits bei den Schweinen und gehe nie in die Stadt, außer wenn Penelope nach mir schickt, weil irgendeine Kunde von Odysseus eingetroffen ist. Dann sitzen sie alle ringsum und stellen Fragen, sowohl diejenigen, die um die Abwesenheit des Königs trauern, als auch diejenigen, die sich darüber freuen, weil sie seine Habe verzehren können, ohne dafür zu bezahlen. Was mich angeht, so habe ich mich nie darum gekümmert, andere auszufragen, seitdem ich einmal von einem Aitoler hereingelegt wurde, der einen Mann erschlagen hatte und von weit her gekommen war, bis er schließlich meine Hütte erreichte, und ich war sehr freundlich zu ihm. Er sagte, er habe Odysseus mit Idomeneus bei den Kretern gesehen, wie er seine Schiffe ausbesserte, die in einem Sturm beschädigt worden waren. Er sagte, Odysseus werde im nächsten Sommer oder Herbst mit seinen Leuten zurückkehren und viel Reichtum mitbringen. Und nun du, du unglücklicher Alter, da dich das Schicksal an meine Tür geführt hat, versuche nicht, mich auf diese Weise mit eitlen Hoffnungen zu schmeicheln. Nicht aus einem solchen Grunde werde ich dich freundlich behandeln, sondern allein aus Ehrfurcht vor Zeus, dem Gott der Gastfreundschaft, weil ich ihn fürchte und dich bemitleide."
Odysseus antwortete: „Ich sehe, dass du ungläubig bist; ich habe dir meinen Schwur gegeben, und doch willst du mir nicht glauben. Lass uns dann einen Handel machen und alle Götter im Himmel zu Zeugen rufen. Wenn dein Herr heimkehrt, gib mir einen Mantel und ein Hemd von gutem Tuch und schicke mich nach Dulichion, wo ich hinwill; kommt er aber nicht, wie ich sage, dann hetze mir deine Leute auf den Hals und befiehl ihnen, mich von jenem Felsen dort hinabzuwerfen, zur Warnung für Landstreicher, dass sie nicht im Lande umhergehen und Lügen erzählen."
„Und eine schöne Figur würde ich dann abgeben," erwiderte Eumaios, „sowohl jetzt als auch in Zukunft, wenn ich dich töten würde, nachdem ich dich in meine Hütte aufgenommen und dir Gastfreundschaft erwiesen hätte. Ich müsste ernsthaft beten, wenn ich das täte; doch es ist gerade Zeit zum Abendessen, und ich hoffe, meine Leute werden bald kommen, damit wir etwas Schmackhaftes zum Nachtmahl kochen können."
So unterhielten sie sich, und bald kamen die Sauhirten mit den Schweinen herauf, die dann für die Nacht in ihre Ställe gesperrt wurden, und ein gewaltiges Gequietsche erhoben sie, als sie hineingetrieben wurden. Aber Eumaios rief seinen Leuten zu: „Bringt das beste Schwein herbei, das ihr habt, damit ich es für diesen Fremde schlachte, und wir wollen uns an ihm gütlich tun. Wir haben die lange Zeit genug Mühe gehabt, die Schweine zu füttern, während andere die Frucht unserer Arbeit ernten."
Daraufhin begann er, Brennholz zu hacken, während die anderen ein prächtiges, fettes, fünfjähriges Schwein herbeibrachten und es am Altar aufstellten. Eumaios vergaß die Götter nicht, denn er war ein Mann von guten Grundsätzen; als Erstes schnitt er daher Borsten vom Gesicht des Schweines ab und warf sie ins Feuer, wobei er zu allen Göttern betete, dass Odysseus heimkehren möge. Dann schlug er das Schwein mit einem Eichenholzklotz, den er beim Hacken des Brennholzes zurückbehalten hatte, und betäubte es, während die anderen es schlachteten und sengten. Dann zerlegten sie es, und Eumaios begann damit, rohe Stücke von jedem Gelenk auf etwas Fett zu legen; diese bestreute er mit Gerstenmehl und schichtete sie auf die Glut; das übrige Fleisch schnitten sie klein, steckten die Stücke auf die Spieße und brieten sie, bis sie gar waren; als sie sie von den Spießen genommen hatten, warfen sie sie in einem Haufen auf die Anrichte. Der Sauhirte, ein überaus gerechter Mann, stand dann auf, um jedem seinen Anteil zu geben. Er machte sieben Portionen; eine davon sonderte er ab für Hermes, den Sohn der Maia, und die Nymphen, wobei er zu ihnen betete; die anderen teilte er Mann für Mann aus. Odysseus gab er einige der Länge nach von der Lende heruntergeschnittene Scheiben als Zeichen besonderer Ehrerbietung, und Odysseus war sehr erfreut. „Ich hoffe, Eumaios," sprach er, „dass Zeus dir ebenso gewogen sein wird wie ich, für die Achtung, die du einem Ausgestoßenen wie mir erweist."
Hierauf erwidertest du, o Sauhirte Eumaios: „Iss, mein Guter, und genieße dein Abendessen, so wie es ist. Gott gewährt dies und versagt jenes, ganz wie er es für richtig hält, denn er tun kann, was immer er will."
Während er sprach, schnitt er das erste Stück ab und opferte es als Brandopfer den unsterblichen Göttern; dann spendete er ein Trankopfer, legte den Becher in Odysseus' Hände und setzte sich zu seinem eigenen Anteil. Mesaulius brachte ihnen ihr Brot; den Sauhirte hatte diesen Mann auf eigene Faust von den Taphiern während der Abwesenheit seines Herrn mitgebracht und hatte ihn mit eigenem Geld bezahlt, ohne seiner Herrin oder Laertes etwas davon zu sagen. Dann legten sie die Hände auf die guten Dinge, die vor ihnen standen, und als sie sich an Speis und Trank gelabt hatten, trug Mesaulius den Rest des Brotes weg, und sie gingen alle zu Bett, nachdem sie ein reichliches Abendessen gehalten hatten.
Nun kam die Nacht stürmisch und sehr dunkel, denn es gab keinen Mond. Es goß ohne Aufhören, und der Wind wehte heftig aus Westen, einer feuchten Himmelsgegend, und so dachte Odysseus, er wolle sehen, ob Eumaios in seiner vortrefflichen Fürsorge für ihn seinen eigenen Mantel ablegen und ihm geben, oder einen seiner Leute ihm einen geben lassen würde. „Hört mich an,“ sprach er, „Eumaios und ihr übrigen alle; wenn ich ein Gebet gesprochen habe, will ich euch etwas sagen. Es ist der Wein, der mich so reden läßt; der Wein bringt auch einen Weisen zum Singen; er bringt ihn zum Kichern und Tanzen und läßt ihn manches Wort sagen, das er besser ungesprochen ließe; doch wie ich einmal begonnen habe, will ich weiterreden. Wäre ich doch noch jung und stark wie damals, als wir vor Troja einen Hinterhalt anlegten. Menelaos und Odysseus führten die Schar, doch auch ich hatte das Kommando, denn die beiden andern bestanden darauf. Als wir zur Stadtmauer gelangt waren, duckten wir uns unter unseren Rüstungen nieder und lagen dort im Schutz des Schilfs und dichten Gestrüpps, das am Sumpfe wuchs. Da kam Frost bei Nordwind, der Schnee fiel klein und fein wie Reif, und unsere Schilde waren dick mit Rauhfrost überzogen. Die andern hatten alle Mäntel und Hemde und schliefen ganz behaglich mit den Schilden um die Schultern, doch ich hatte unbesorgt meinen Mantel zurückgelassen, da ich nicht dachte, daß mir zu kalt würde, und war nur im Hemd und mit dem Schild fortgegangen. Als die Nacht zwei Drittel vorgerückt war und die Sterne ihre Plätze gewechselt hatten, stieß ich Odysseus, der dicht neben mir lag, mit dem Ellbogen an, und er schenkte mir sogleich sein Ohr.
‚Odysseus,‘ sprach ich, ‚diese Kälte wird mein Tod sein, denn ich habe keinen Mantel; ein Gott hat mich genarrt, daß ich nur im Hemd fortgegangen bin, und ich weiß mir nicht zu helfen.‘
Odysseus, der so listig wie tapfer war, kam auf folgenden Plan:
‚Sei still,‘ sprach er mit leiser Stimme, ‚sonst hören dich die andern.‘ Dann hob er den Kopf auf den Ellbogen.
‚Meine Freunde,‘ sprach er, ‚ich habe einen Traum vom Himmel im Schlaf gehabt. Wir sind weit von den Schiffen; ich wünschte, daß jemand hinunterginge und Agamemnon sagte, er solle uns sofort mehr Leute heraufschicken.‘
Da warf Thoas, der Sohn des Andraemon, seinen Mantel ab und lief eilends zu den Schiffen, worauf ich den Mantel nahm und bequem genug darunter lag bis zum Morgen. Wäre ich doch noch jung und stark, wie ich in jenen Tagen war; dann würde mir einer von euch, ihr Schweinehirten, einen Mantel geben, sowohl aus gutem Willen als auch der Achtung wegen, die einem tapfern Krieger gebührt; jetzt aber sehen die Leute auf mich herab, weil meine Kleider schäbig sind.“
Eumaios aber antwortete: „Alter, du hast uns eine vortreffliche Geschichte erzählt und hast bisher nichts gesagt, was nicht ganz zufriedenstellend wäre; für jetzt daher soll dir weder Kleidung noch irgend etwas sonst fehlen, das ein Fremder in Not mit Fug erwarten darf, doch morgen früh wirst du deine eigenen alten Lumpen wieder um deinen Leib schütteln müssen, denn wir haben hier oben nicht viele Übermäntel noch Hemde, sondern jeder hat nur eins. Wenn des Odysseus Sohn heimkehrt, wird er dir Mantel und Hemd geben und dich schicken, wohin du auch immer willst.“
Damit stand er auf und bereitete Odysseus ein Lager, indem er einige Ziegen- und Schafsfelle auf der Erde vor dem Feuer ausbreitete. Hier legte sich Odysseus nieder, und Eumaios deckte ihn mit einem großen, schweren Mantel zu, den er für einen Wechsel in Bereitschaft hatte, falls außerordentlich schlechtes Wetter einträte.
So schlief Odysseus, und die jungen Leute schliefen neben ihm. Dem Schweinehirten aber behagte es nicht, fern von seinen Schweinen zu schlafen, so machte er sich fertig, hinaus zu gehen, und Odysseus war froh zu sehen, daß er das Gut seines Herrn auch in dessen Abwesenheit in Obhut nahm. Zuerst schlang er sein Schwert über die breiten Schultern und legte einen dicken Mantel an, um den Wind abzuhalten. Auch nahm er das Fell einer großen und wohlgenährten Ziege und einen Wurfspieß, falls ein Angriff von Menschen oder Hunden käme. So ausgerüstet ging er zu seinem Ruheplatz, wo die Schweine unter einem überhängenden Fels lagerten, der ihnen Schutz vor dem Nordwind bot.
FÜNFZEHNTES BUCH
MINERVA RUFT TELEMACH VON LAKEDÄMON ZURÜCK — ER BEGEGNET DEM THEOKLYMENOS IN PYLOS UND BRINGT IHN NACH ITHAKA — BEI DER LANDUNG GEHT ER ZUR HÜTTE DES EUMAIOS.
Minerva aber ging in die schöne Stadt Lakedämon, um des Odysseus Sohn zu sagen, er solle unverzüglich heimkehren. Sie fand ihn und Peisistratos im Vorhof des Hauses des Menelaos schlafend; Peisistratos war in tiefem Schlaf, doch Telemachos konnte die ganze Nacht keine Ruhe finden, da er an seinen unglücklichen Vater dachte, so trat Minerva ganz nahe zu ihm und sprach:
„Telemachos, du solltest nicht länger so fern von der Heimat bleiben noch dein Gut solchen gefährlichen Leuten in deinem Hause anvertraut lassen; sie werden alles, was du unter ihnen hast, auffressen, und du wirst einen törichten Gang getan haben. Bitte Menelaos, daß er dich sofort heimsende, wenn du deine treffliche Mutter noch dort vorfinden willst, wenn du zurückkehrst. Ihr Vater und ihre Brüder dringen schon in sie, Eurymachos zu heiraten, der ihr mehr als alle andern gegeben und seine Brautgeschenke sehr vermehrt hat. Ich hoffe, nichts Kostbares wird trotz dir aus dem Hause fortgekommen sein, doch du weißt, wie die Frauen sind — sie wollen immer das Beste für den Mann tun, der sie heiratet, und denken an die Kinder ihres ersten Gatten nicht mehr, noch an ihren Vater, wenn er tot und dahin ist. Kehre also heim und vertraue alles der anständigsten Magd an, die du hast, bis es dem Himmel gefällt, dir eine eigene Frau zu senden. Auch eine andere Sache will ich dir sagen, die du besser beachten solltest. Die Vornehmsten unter den Freiern liegen dir auf der Lauer in der Meerenge zwischen Ithaka und Samos, und sie gedenken, dich zu töten, ehe du nach Hause gelangen kannst. Ich meine nicht, daß es ihnen gelingen wird; eher wird mancher von denen, die jetzt dein Gut verzehren, selbst ein Grab finden. Fahre bei Nacht und Tag und halte dein Schiff wohl ab von den Inseln; der Gott, der über dich wacht und dich schützt, wird dir einen günstigen Wind senden. Sobald du nach Ithaka kommst, schicke dein Schiff und deine Leute zur Stadt, geh aber selbst geradewegs zu dem Schweinehirten, der deine Schweine versorgt; er ist dir wohlgesinnt, bleibe also die Nacht bei ihm und schicke ihn dann zu Penelope, damit er ihr sage, daß du glücklich von Pylos zurückgekehrt seist.“
Dann kehrte sie nach dem Olymp zurück; Telemachos aber stieß Peisistratos mit dem Absatz an, um ihn zu wecken, und sprach: „Wach auf, Peisistratos, und spanne die Rosse vor den Wagen, denn wir müssen nach Hause aufbrechen.“129
Peisistratos aber sprach: „Wie eilig wir auch haben, wir können doch nicht im Dunkeln fahren. Es wird bald Morgen; warte, bis Menelaos seine Geschenke hergebracht und sie uns in den Wagen gelegt hat; und laß uns auf die übliche Weise von ihm verabschieden. Solange er lebt, sollte ein Gast nie einen Wirt vergessen, der ihm Freundlichkeit erwiesen hat.“
Während er so sprach, begann der Tag zu grauen, und Menelaos, der schon aufgestanden war und Helena im Bett zurückgelassen hatte, kam zu ihnen. Als Telemachos ihn erblickte, warf er so schnell er konnte sein Hemd über, legte einen großen Mantel um die Schultern und ging hinaus, ihm entgegen. „Menelaos,“ sprach er, „laß mich jetzt nach Hause gehen, denn ich möchte heimkommen.“130
Menelaos antwortete: „Telemachos, wenn du durchaus gehen willst, will ich dich nicht aufhalten. Es ist mir nicht lieb, einen Wirt zu sehen, der seinen Gast allzusehr an sich fesselt oder allzu schroff mit ihm verfährt. Das rechte Maß ist in allem das beste, und einen Mann nicht ziehen lassen, wenn er gehen will, ist ebenso schlimm, wie ihm sagen, er solle gehen, wenn er bleiben möchte. Man soll einen Gast, solange er im Hause ist, gut behandeln und ihn fördern, wenn er scheiden will. Warte also, bis ich dir deine schönen Geschenke in den Wagen habe legen lassen und du sie selbst in Augenschein genommen hast. Ich will den Frauen sagen, daß sie dir ein genügendes Mahl von dem bereiten, was im Hause vorhanden ist; es wird zugleich schicklicher und billiger sein, daß du dein Mahl einnimmst, bevor du dich auf eine so lange Reise begibst. Wenn du überdies Lust hast, eine Rundreise durch Hellas oder den Peloponnes zu machen, will ich meine Rosse anschirren und dich selbst durch alle unsere Hauptstädte geleiten. Niemand wird uns mit leeren Händen fortziehen lassen; ein jeder wird uns etwas geben — einen ehernen Dreifuß, ein Maultiergespann oder einen goldenen Becher.“131
„Menelaos,“ erwiderte Telemachos, „ich möchte sogleich heimkehren, denn als ich fortging, ließ ich mein Hab und Gut ohne Schutz, und ich fürchte, daß ich, während ich meinen Vater suche, selbst zugrunde gehe oder daß mir während meiner Abwesenheit etwas Kostbares gestohlen worden ist.“132
Als Menelaos dies hörte, befahl er sofort seiner Frau und den Dienern, ein genügendes Mahl von dem, was im Hause vorhanden sei, zu bereiten. In diesem Augenblick kam Eteoneus zu ihm, denn er wohnte ganz in der Nähe und war gerade aufgestanden; so sagte ihm Menelaos, er solle Feuer machen und Fleisch braten, was jener sofort tat. Dann ging Menelaos hinab in seinen duftenden Vorratsraum, nicht allein, sondern Helena ging mit, samt Megapenthes. Als er den Ort erreichte, wo die Schätze seines Hauses verwahrt wurden, wählte er einen Doppelbecher und trug seinem Sohne Megapenthes auf, auch eine silberne Mischschale zu bringen. Mittlerweile ging Helena zu der Truhe, in der sie die herrlichen Gewande aufbewahrte, die sie mit eigenen Händen verfertigt hatte, und nahm eines heraus, das am größten und am schönsten mit Stickerei verziert war; es glänzte wie ein Stern und lag ganz unten in der Truhe. Dann kamen sie alle wieder durch das Haus zurück, bis sie zu Telemachos gelangten, und Menelaos sprach: „Telemachos, möge Zeus, der gewaltige Gatte der Hera, dich nach deinem Wunsche glücklich nach Hause bringen. Ich will dir jetzt das schönste und kostbarste Stück unter all meinem Hausrat schenken. Es ist eine Mischschale aus reinem Silber, ausgenommen der Rand, der mit Gold eingelegt ist, und sie ist das Werk des Hephaistos. Phaidimos, der König der Sidonier, schenkte sie mir bei einem Besuch, den ich ihm abstattete, als ich auf der Heimreise war. Ich möchte sie dir geben.“133
Mit diesen Worten legte er den Doppelbecher in Telemachos' Hände, während Megapenthes die schöne Mischschale brachte und vor ihn hinstellte. Hart daneben stand die liebliche Helena mit dem Gewand fertig in der Hand.
„Auch ich, mein Sohn,“ sprach sie, „habe etwas für dich als Andenken aus der Hand der Helena; es ist für deine Braut, es am Hochzeitstage zu tragen. Bis dahin laß deine teure Mutter es für dich verwahren; so magst du froh in dein Land und nach Hause zurückkehren.“134
So sprechend, gab sie ihm das Gewand, und er nahm es freudig entgegen. Dann legte Peisistratos die Geschenke in den Wagen und bewunderte sie alle dabei. Bald darauf nahm Menelaos Telemachos und Peisistratos mit ins Haus, und sie setzten sich beide zu Tisch. Eine Magd brachte ihnen Wasser in einer schönen goldenen Kanne und goß es in ein silbernes Becken, damit sie sich die Hände wüschen, und sie schob einen reinen Tisch neben sie; ein oberer Diener brachte ihnen Brot und bot ihnen viele gute Dinge von dem, was im Hause war. Eteoneus zerlegte das Fleisch und gab jedem seinen Anteil, während Megapenthes den Wein einschenkte. Dann legten sie die Hände auf die guten Dinge, die vor ihnen standen, doch sowie sie sich an Speis und Trank gelabt hatten, schirrten Telemachos und Peisistratos die Rosse an und nahmen ihre Plätze im Wagen ein. Sie fuhren aus durch das innere Tor und unter dem hallenden Torhaus des äußeren Hofes hindurch, und Menelaos kam ihnen nach mit einem goldenen Becher Wein in der rechten Hand, damit sie ein Trankopfer darbringen könnten, bevor sie aufbrachen. Er stellte sich vor die Rosse und brachte einen Trinkspruch auf sie aus, indem er sprach: „Lebt wohl, ihr beide; vergeßt nicht, dem Nestor zu sagen, wie ich euch behandelt habe, denn er war mir so liebevoll wie ein Vater, solange wir Achaier vor Troja kämpften.“135
„Wir werden sicher, Herr,“ antwortete Telemachos, „ihm alles erzählen, sobald wir ihn sehen. Wüßte ich doch nur gewiß, den Odysseus heimgekehrt zu finden, wenn ich nach Ithaka zurückkomme, damit ich ihm von der überaus großen Freundlichkeit erzählen kann, die du mir erwiesen hast, und von den vielen schönen Geschenken, die ich mitnehme.“136
Während er so sprach, flog ein Vogel zu seiner Rechten — ein Adler mit einer großen weißen Gans in den Fängen, die er aus dem Hof geraubt hatte — und alle Männer und Frauen liefen hinter ihm her und schrien. Er kam ganz nahe zu ihnen und flog auf ihrer rechten Seite vor den Rossen weg. Als sie es sahen, wurden sie froh, und ihr Herz faßte neuen Mut, worauf Peisistratos sprach: „Sag mir, Menelaos, hat der Himmel dieses Zeichen uns oder dir gesandt?“137
Menelaos überlegte, was die angemessenste Antwort wäre, die er geben könnte, doch Helena war ihm zuvor und sprach: „Ich will diese Sache deuten, wie es mir der Himmel ins Herz gegeben hat, und wie ich nicht zweifle, daß es geschehen wird. Der Adler kam von dem Berge, wo er geboren war und sein Nest hat, und ebenso wird Odysseus, nachdem er weit gereist ist und viel gelitten hat, heimkehren, um Rache zu nehmen — wenn er nicht schon zurück ist und den Freiern Unheil brütet.“138
„Möge Zeus es so fügen,“ erwiderte Telemachos, „wenn es sich als wahr erweisen sollte, werde ich dir Gelübde darbringen, als wärest du ein Gott, selbst wenn ich daheim bin.“139
Während er so sprach, knallte er mit der Peitsche, und die Rosse flogen in voller Geschwindigkeit durch die Stadt ins offene Land hinaus. Sie schwangen das Joch auf ihren Nacken und fuhren den ganzen Tag lang, bis die Sonne unterging und Dunkelheit über das ganze Land hereinbrach. Dann erreichten sie Pherai, wo Diokles wohnte, der Sohn des Orthilos, des Sohnes des Alpheios. Dort übernachteten sie und wurden gastfreundlich aufgenommen. Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Dämmerung, erschien, schirrten sie wieder die Rosse an und nahmen ihre Plätze im Wagen ein. Sie fuhren aus durch das innere Tor und unter dem hallenden Torhaus des äußeren Hofes hindurch. Dann trieb Peisistratos seine Rosse an, und sie flogen willig vorwärts; bald kamen sie nach Pylos, und Telemachos sprach:140
„Peisistratos, ich hoffe, du wirst mir versprechen, was ich dich jetzt bitten will. Du weißt, unsere Väter waren schon vor uns alte Freunde; auch sind wir gleichaltrig, und diese Reise hat uns noch enger zusammengeführt; führe mich daher nicht an meinem Schiff vorüber, sondern laß mich dort aussteigen, denn wenn ich in deines Vaters Haus gehe, wird er mich in der Wärme seiner Zuneigung festzuhalten suchen, und ich muß sogleich heimkehren.“141
Peisistratos überlegte, wie er der Bitte nachkommen sollte, und am Ende fand er es am besten, die Rosse dem Schiff zuzuwenden und die schönen Geschenke an Gold und Gewändern, die von Menelaos stammten, im Heck des Schiffes zu verstauen. Dann sprach er: „Geh sofort an Bord und sage deinen Leuten, daß sie es auch tun sollen, ehe ich heimkehren und meinem Vater berichten kann. Ich weiß, wie hartnäckig er ist, und bin sicher, daß er dich nicht fortlassen wird; er wird hierher herunterkommen, um dich zu holen, und wird nicht ohne dich zurückgehen. Doch er wird sehr zornig sein.“142
Damit lenkte er seine stattlichen Rosse zurück zur Stadt der Pylier und erreichte bald sein Haus; Telemachos aber rief die Männer zusammen und gab seine Befehle. „Nun, ihr Männer,“ sprach er, „bringt alles an Bord des Schiffes in Ordnung, und laßt uns heimwärts aufbrechen.“143
So sprach er, und sie gingen an Bord, ganz wie er gesagt hatte. Doch während Telemachos so beschäftigt war und im Schiffsh Heck auch betete und der Minerva opferte, kam zu ihm ein Mann aus einem fernen Lande, ein Seher, der aus Argos floh, weil er einen Mann getötet hatte. Er stammte von Melampus ab, der einst in Pylos, dem Lande der Schafe, lebte; er war reich und besaß ein großes Haus, doch wurde er von dem mächtigen Könige Neleus in die Verbannung getrieben. Neleus nahm sein Hab und Gut und behielt es ein ganzes Jahr, während dessen er ein enger Gefangener im Hause des Königs Phylakos war und in großer Herzensqual, sowohl wegen der Tochter des Neleus als auch, weil ihn ein schwerer Gram bedrückte, den die furchtbare Erinys über ihn verhängt hatte. Am Ende aber entrann er mit dem Leben, trieb das Vieh von Phylake nach Pylos, rächte das ihm angetane Unrecht und gab die Tochter des Neleus seinem Bruder. Dann verließ er das Land und ging nach Argos, wo es ihm bestimmt war, über viel Volk zu herrschen. Dort vermählte er sich, machte sich ansässig und hatte zwei berühmte Söhne, Antiphates und Mantios. Antiphates wurde Vater des Oikles, und Oikles des Amphiaraos, der von Zeus und Apollo innig geliebt wurde, doch er erreichte kein hohes Alter, denn er wurde in Theben getötet um der Gaben eines Weibes willen. Seine Söhne waren Alkmaion und Amphilochos. Mantios, der andere Sohn des Melampus, war Vater des Polyphides und des Kleitos. Aurora, die goldthronige, entführte Kleitos um seiner Schönheit willen, damit er unter den Unsterblichen wohne; Apollo aber machte Polyphides zum größten Seher in der ganzen Welt, nachdem Amphiaraos tot war. Er entzweite sich mit seinem Vater und ging, in Hyperesia zu wohnen, wo er blieb und allen Menschen Weissagungen gab.144
Sein Sohn, Theoklymenos, war es, der jetzt zu Telemachos trat, als dieser gerade Trankopfer spendete und in seinem Schiffe betete. „Freund,“ sprach er, „da ich dich hier opfern finde, beschwöre ich dich bei den Opfern selbst und bei dem Gotte, dem du sie darbringst, ich flehe dich auch bei deinem eigenen Haupte und bei dem deiner Gefährten, sage mir die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Wer und woher bist du? Sage mir auch deine Stadt und deine Eltern.“145
Telemachos sprach: „Ich will dir ganz wahrheitsgetreu antworten. Ich stamme aus Ithaka, und mein Vater ist Odysseus, so gewiß er je gelebt hat. Doch er ist ein elendes Ende gegangen. Darum habe ich dieses Schiff genommen und meine Mannschaft zusammengebracht, um zu erfahren, ob ich irgendwelche Kunde von ihm erlangen kann, denn er ist schon lange fort.“146
„Auch ich,“ antwortete Theoklymenos, „bin ein Verbannter, denn ich habe einen Mann meines eigenen Geschlechtes getötet. Er hat viele Brüder und Verwandte in Argos, und sie haben große Macht unter den Argivern. Ich fliehe, um dem Tode aus ihrer Hand zu entgehen, und so bin ich dazu verdammt, ein Wanderer auf dem Erdboden zu sein. Ich bin dein Schutzflehender; nimm mich also an Bord deines Schiffes, damit sie mich nicht töten, denn ich weiß, daß sie mich verfolgen.“147
„Ich werde dich nicht abweisen,“ erwiderte Telemachos, „wenn du dich uns anschließen willst. Komm also, und in Ithaka werden wir dich gastfreundlich aufnehmen, so gut wir es vermögen.“148
Da nahm er des Theoklymenos Speer und legte ihn auf das Verdeck des Schiffes. Er ging an Bord und setzte sich ans Heck, hieß den Theoklymenos sich neben ihn setzen; da warfen die Männer die Taue los. Telemachos gebot ihnen, nach den Seilen zu greifen, und sie taten es mit allem Fleiße. Sie stellten den Mast in seinen Sockel auf das Querholz, richteten ihn auf und befestigten ihn mit den Vorstagen, und sie hissten ihre weißen Segel mit Bauschienen aus gedrehter Ochsenhaut. Minerva sandte ihnen einen günstigen Wind, der frisch und stark blies, damit das Schiff seinen Weg so schnell wie möglich zurücklege. So fuhren sie denn an Krouni und Chalkis vorüber.
Bald ging die Sonne unter, und Dunkelheit lag über dem ganzen Land. Das Schiff legte rasch die Fahrt nach Pheai zurück und von da weiter nach Elis, wo die Epeer herrschen. Telemachus steuerte es dann auf die Schäreninseln zu,1245 in seinem Herzen sich fragend, ob er dem Tode entrinnen oder gefangen genommen werden solle.
Indes aßen Odysseus und der Schweinehirt in der Hütte ihr Abendmahl, und die Männer speisten mit ihnen. Als sie gegessen und getrunken hatten, begann Odysseus den Schweinehirten auf die Probe zu stellen und zu sehen, ob er ihn weiterhin freundlich behandeln und ihn auf der Stelle bleiben heißen oder ihn in die Stadt fortschicken werde; darum sprach er:
„Eumaios, und ihr alle, morgen will ich fortgehen und in der Stadt zu betteln anfangen, damit ich euch und euren Leuten nicht länger zur Last falle. Gebt mir also euren Rat, und verschafft mir einen guten Führer, der mich begleitet und mir den Weg zeigt. Ich will in der Stadt umhergehen und betteln, wie ich muß, um zu sehen, ob mir jemand einen Trank und ein Stück Brot geben will. Ich möchte auch zum Hause des Odysseus gehen und der Königin Penelopeia Kunde von ihrem Gatten bringen. Dann könnte ich auch unter den Freiern umhergehen und schauen, ob mir nicht einer von ihrem Überfluß ein Mahl geben will. Ich würde mich ihnen bald als vortrefflicher Diener in allerlei Weise nützlich erweisen. Hört mir zu und glaubt mir: Bei Hermes’ Segen, der allen Werken der Menschen Anmut und guten Namen verleiht, gibt es keinen Lebenden, der ein tüchtigerer Diener wäre als ich — Holz aufs Feuer legen, Brennholz hacken, zerlegen, kochen, Wein einschenken und all die Dienste verrichten, die arme Menschen ihren Vorgesetzten leisten müssen.”
Der Schweinehirt war sehr bestürzt, als er dies hörte. „Beim Himmel,“ rief er aus, „was kann dir nur solchen Gedanken in den Kopf gesetzt haben? Wenn du dich den Freiern näherst, bist du gewiß verloren, denn ihre Hoffart und Anmaßung reicht bis zum Himmel. Sie würden nie daran denken, einen Mann wie dich zum Diener zu nehmen. Ihre Diener sind alles junge Männer, gut gekleidet, die schöne Mäntel und Hemden tragen, mit stattlichem Antlitz und stets gepflegtem Haar; die Tische sind ganz reinlich gehalten und reichlich mit Brot, Fleisch und Wein beladen. Bleib also, wo du bist; du bist niemandem im Wege; es stört mich nicht, daß du hier bist, ebensowenig einen der anderen, und wenn Telemachus heimkehrt, wird er dir ein Hemd und einen Mantel geben und dich schicken, wohin du willst.”
Odysseus antwortete: „Mögest du den Göttern ebenso lieb sein wie mir, weil du mich davor bewahrt hast, umherzuziehen und in Ungelegenheiten zu geraten; es gibt nichts Schlimmeres als das beständige Herumvagabundieren; doch wenn die Menschen einmal tief gesunken sind, ertragen sie viel um ihres elenden Bauches willen. Da du mich aber drängst, hier zu bleiben und Telemachus’ Rückkehr abzuwarten, so sage mir von Odysseus’ Mutter und seinem Vater, den er an der Schwelle des Alters zurückließ, als er nach Troja zog. Leben sie noch, oder sind sie schon tot und im Hause des Hades?”
„Ich will dir alles erzählen,“ erwiderte Eumaios. „Laertes lebt noch und fleht den Himmel an, ihn friedlich in seinem eigenen Hause scheiden zu lassen, denn er ist unsäglich betrübt über die Abwesenheit seines Sohnes und auch über den Tod seiner Gattin, was ihn sehr schmerzte und mehr als alles andere altern ließ. Sie fand ein unglückliches Ende1246 aus Gram um ihren Sohn; möge kein Freund oder Nachbar, der mir freundlich begegnet ist, ein solches Ende finden wie sie. Solange sie noch lebte, ging ich, obwohl sie immer trauerte, gern zu ihr und fragte, wie es ihr gehe; denn sie hatte mich zusammen mit ihrer Tochter Ktimene, dem jüngsten ihrer Kinder, aufgezogen; wir waren Knabe und Mädchen zusammen, und sie machte keinen Unterschied zwischen uns. Als wir beide aber herangewachsen waren, sandten sie Ktimene nach Same und erhielten eine prächtige Mitgift für sie. Mir gab meine Herrin ein gutes Hemd und einen Mantel mit einem Paar Sandalen für meine Füße und schickte mich aufs Land; doch war sie ebenso gut zu mir wie zuvor. Das ist nun alles vorbei. Dennoch hat es dem Himmel gefallen, mein Werk in der Stellung, die ich jetzt bekleide, zu segnen. Ich habe genug zu essen und zu trinken und kann jedem anständigen Fremden, der hierherkommt, etwas bieten; aber ein freundliches Wort oder eine freundliche Tat ist von meiner Herrin nicht zu erlangen, denn das Haus ist in die Hände böser Leute gefallen. Diener möchten zuweilen ihre Herrin sehen und ein Wörtchen mit ihr reden; sie essen und trinken gern im Hause und nehmen auch gern etwas mit zurück aufs Land. Das ist es, was die Diener bei guter Laune erhält.”
Odysseus antwortete: „Da mußt du ein sehr kleiner Knabe gewesen sein, Eumaios, als du so weit von deinem Hause und deinen Eltern weggebracht wurdest. Sag mir, und sag mir die Wahrheit: Wurde die Stadt, in der dein Vater und deine Mutter wohnten, zerstört und geplündert, oder trugen dich einige Feinde fort, als du allein Schafe oder Rinder hütetest, verschifften dich hierher und verkauften dich für das, was dein Herr ihnen gab?”
„Fremder,“ erwiderte Eumaios, „was deine Frage angeht: Sitz still, mach es dir bequem, trink deinen Wein, und hör mir zu. Die Nächte sind nun am längsten; es ist Zeit genug, sowohl zu schlafen als auch wach zu sitzen und miteinander zu reden; du solltest nicht zu Bett gehen vor der Schlafenszeit, zu viel Schlaf ist ebenso schlecht wie zu wenig; wenn einer der anderen schlafen gehen will, mag er uns verlassen und es tun; er kann dann nach dem Frühstück am Morgen die Schweine meines Herrn hinausführen. Auch wir wollen hier in der Hütte essen und trinken und einander Geschichten von unserem Unglück erzählen; denn wenn ein Mann viel gelitten und in der Welt viel Prügel bezogen hat, macht es ihm Freude, sich der vergangenen Leiden zu erinnern. Was deine Frage betrifft, so lautet meine Geschichte also:
„Du magst von einer Insel namens Syra gehört haben, die oberhalb Ortygias1247 liegt, wo das Land sich zu wenden und in eine andere Richtung zu blicken beginnt.1248 Sie ist nicht sehr dicht bevölkert, aber der Boden ist gut, mit reichlich Weideland für Rinder und Schafe, und sie hat Überfluß an Wein und Weizen. Hungersnot kommt dort nicht, und die Leute werden auch nicht von Krankheiten geplagt, aber wenn sie alt werden, kommt Apollon mit Artemis und tötet sie mit seinen schmerzlosen Geschossen. Die Insel umfaßt zwei Gemeinden, und das ganze Land ist zwischen diesen beiden geteilt. Mein Vater Ktesios, des Ormenos Sohn, ein den Göttern vergleichbarer Mann, herrschte über beide.
„Nun kam einst eine listige phönizische Kaufleute (denn die Phönizier sind große Seefahrer) auf einem Schiffe, das sie mit allerlei Tand und Flitter beladen hatten, an diesen Ort. In meines Vaters Hause befand sich zufällig eine phönizische Frau, sehr groß und schön von Ansehen und eine vortreffliche Dienerin; diese Schurken machten sich eines Tages an sie, als sie in der Nähe ihres Schiffes wusch, verführten sie und beschwatzten sie auf eine Weise, der keine Frau widerstehen kann, und sei sie auch noch so gut von Natur. Der Mann, der sie verführt hatte, fragte sie, wer sie sei und woher sie käme, und da nannte sie ihm den Namen ihres Vaters. ‚Ich stamme aus Sidon,’ sprach sie, ‚und bin die Tochter des Arybas, eines überaus reichen Mannes. Als ich eines Tages vom Lande in die Stadt ging, ergriffen mich einige taphische Seeräuber und brachten mich hierher über das Meer, wo sie mich dem Manne verkauften, dem dieses Haus gehört, und er gab ihnen ihren Preis.’
„Da sprach der Mann, der sie verführt hatte: ‚Möchtest du mit uns kommen, um das Haus deiner Eltern und deine Eltern selbst zu sehen? Sie leben beide noch und gelten als wohlhabend.’
‚Ich will es gern tun,’ antwortete sie, ‚wenn ihr Männer mir zuvor einen feierlichen Eid schwört, daß ihr mir unterwegs kein Leid antut.’
Sie schwuren alle, wie sie es verlangte, und als sie ihren Eid vollbracht hatten, sprach die Frau: ‚Seid still; und wenn einer eurer Leute mir auf der Straße oder am Brunnen begegnet, so laßt ihn nicht mit mir reden, damit nicht jemand hingeht und es meinem Herrn meldet; in diesem Falle würde er mich einsperren und euch alle umbringen lassen. Behaltet es also für euch; kauft eure Ware so rasch ihr könnt, und gebt mir Bescheid, wenn ihr fertig beladen habt. Ich will so viel Gold mitnehmen, wie ich nur in die Hände bekommen kann, und es gibt noch etwas anderes, womit ich zur Bezahlung meiner Überfahrt beitragen kann. Ich bin die Amme des Sohnes des Herrn vom Hause, eines drolligen kleinen Kerlchens, der gerade laufen kann. Ich will ihn auf euer Schiff bringen, und ihr werdet viel Geld für ihn bekommen, wenn ihr ihn nehmt und in der Fremde verkauft.’
Darauf ging sie ins Haus zurück. Die Phönizier blieben ein ganzes Jahr, bis sie ihr Schiff mit viel kostbarer Ware beladen hatten, und als sie genügend Fracht hatten, schickten sie der Frau Nachricht. Ihr Bote, ein sehr gerissener Bursche, kam in meines Vaters Haus und brachte ein Halsband aus Gold mit Bernsteinperlen daran gefädelt; und während meine Mutter und die Dienerinnen es in den Händen hielten und bewunderten und über den Preis handelten, gab er der Frau heimlich ein Zeichen und ging dann zum Schiff zurück. Da nahm sie mich bei der Hand und führte mich aus dem Hause. Im vorderen Teile des Hauses sah sie die Tische mit den Bechern der Gäste aufgestellt, die mit meinem Vater gespeist hatten und die ihm aufwarteten; diese waren nun alle zu einer Volksversammlung gegangen, so raffte sie drei Becher zusammen und trug sie im Busen ihres Kleides fort, während ich ihr folgte, denn ich wußte es nicht besser. Die Sonne war nun untergegangen, und Finsternis lag über dem ganzen Land, so eilten wir so schnell wir konnten, bis wir den Hafen erreichten, wo das phönizische Schiff lag. Als sie an Bord gegangen waren, fuhren sie übers Meer, nahmen uns mit, und Zeus sandte ihnen einen günstigen Wind. Sechs Tage fuhren wir bei Tag und Nacht, aber am siebenten Tage schlug Artemis die Frau, und sie stürzte schwer in den Schiffsraum, als wäre sie eine Seeschwalbe, die sich aufs Wasser niederläßt; da warfen sie sie über Bord den Robben und Fischen zum Fraß, und ich blieb traurig und allein zurück. Bald trugen Winde und Wellen das Schiff nach Ithaka, wo Laertes mancherlei von seinem Hab und Gut für mich gab, und so kam es, daß ich jemals dieses Land zu Gesicht bekam.”
Odysseus antwortete: „Eumaios, ich habe deine Geschichte von deinem Unglück mit lebhaftem Interesse und Mitleid vernommen, doch Zeus hat dir Gutes wie Böses gegeben, denn trotz allem hast du einen guten Herrn, der dafür sorgt, daß du stets genug zu essen und zu trinken hast; und du führst ein gutes Leben, während ich noch immer von Stadt zu Stadt bettelnd umherziehe.”
So unterhielten sie sich, und es blieb ihnen nur sehr wenig Zeit zum Schlafen, denn bald brach der Tag an. Indes näherten sich Telemachos und seine Leute dem Lande, so lösten sie die Segel, legten den Mast um und ruderten das Schiff in den Hafen.1249 Sie warfen die Ankertau-Steine aus und machten die Taue fest; dann stiegen sie ans Ufer, mischten ihren Wein und richteten das Mahl. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, sprach Telemachos: „Fahret mit dem Schiff in die Stadt, aber laßt mich hier zurück, denn ich will nach den Hirten auf einem meiner Höfe sehen. Am Abend, wenn ich alles besichtigt habe, will ich in die Stadt hinunterkommen, und morgen früh will ich euch allen zum Lohn für eure Mühe ein gutes Mahl mit Fleisch und Wein geben.“1250
Da sprach Theoklymenos: „Und was, mein lieber junger Freund, soll aus mir werden? Zu wessen Haus soll ich mich unter all deinen vornehmen Männern begeben? Oder soll ich geradewegs in dein Haus und zu deiner Mutter gehen?”
„Zu anderer Zeit,“ erwiderte Telemachos, „würde ich dich gebeten haben, in mein Haus zu gehen, denn es würde dir an Gastfreundschaft nicht fehlen; im Augenblick aber wärst du dort nicht gut aufgehoben, denn ich werde fort sein, und meine Mutter wird dich nicht sehen; sie zeigt sich auch den Freiern nicht oft, sondern sitzt an ihrem Webstuhl in einer oberen Kammer und webt, außerhalb ihres Bereiches; doch ich kann dir einen Mann nennen, zu dem du gehen kannst — ich meine Eurymachos, des Polybos Sohn, der bei jedermann in Ithaka in höchstem Ansehen steht. Er ist der weitaus beste Mann und der beharrlichste Freier unter allen, die meiner Mutter den Hof machen und Odysseus’ Stelle einzunehmen trachten. Zeus jedoch im Himmel allein weiß, ob sie nicht ein schlimmes Ende finden werden, bevor die Hochzeit stattfindet.”
Während er noch sprach, flog ein Vogel an seiner rechten Hand vorüber — ein Habicht, Apollons Bote. Er hielt eine Taube in seinen Klauen, und die Federn, die er ihr ausrupfte,1251 fielen mitten zwischen Telemachus und das Schiff zur Erde. Da rief Theoklymenos ihn beiseite und faßte ihn bei der Hand. „Telemachos,“ sprach er, „jener Vogel flog nicht ohne göttliche Sendung an deiner rechten Hand. Sobald ich ihn sah, erkannte ich, daß er ein Vorzeichen ist; er bedeutet, daß du mächtig bleiben wirst und daß es in Ithaka kein königlicheres Haus geben wird als das deine.”
„Möge es sich bewähren,“ antwortete Telemachos. „Wenn es so kommt, will ich dir so viel Wohlwollen erweisen und dir so viele Geschenke geben, daß alle, die dir begegnen, dich beglückwünschen werden.”
Dann sprach er zu seinem Freunde Peiraios: „Peiraios, des Klytios Sohn, du hast dich unter allen, die mich nach Pylos begleitet haben, stets als der Willigste erwiesen, mir zu dienen; ich möchte, daß du diesen Fremden in dein Haus aufnimmst und gastfreundlich bewirtest, bis ich ihn abholen kann.”
Und Peiraios antwortete: „Telemachos, du kannst beliebig lange wegbleiben, aber ich will für ihn sorgen, und es soll ihm an Gastfreundschaft nicht fehlen.”
So sprach er, ging an Bord und hieß die anderen es ebenfalls tun und die Taue lösen, so nahmen sie ihre Plätze im Schiff ein. Aber Telemachus band seine Sandalen fest und nahm eine lange, wackere Lanze mit einer Spitze aus geschärftem Erz vom Deck des Schiffes. Dann lösten sie die Taue, stießen das Schiff vom Lande ab und fuhren der Stadt zu, wie ihnen geheißen worden war, während Telemachus so schnell er konnte weiterschritt, bis er zur Hofstatt gelangte, wo seine zahllosen Schweineherden weideten und wo der vortreffliche Schweinehirt wohnte, der seinem Herrn so ergeben diente.
SECHSZEHNTES BUCH
ODYSSEUS ENTHÜLLT SICH TELEMACHUS.
Indes hatten Odysseus und der Schweinehirt in der Hütte ein Feuer angezündet und bereiteten bei Tagesanbruch das Frühstück, denn sie hatten die Männer mit den Schweinen hinausgeschickt. Als Telemachus herankam, bellten die Hunde nicht, sondern wedelten ihn an, so sagte Odysseus, der die Schritte hörte und bemerkte, daß die Hunde nicht bellten, zu Eumaios:
„Eumaios, ich höre Schritte; ich vermute, einer deiner Leute oder einer deiner Bekannten kommt hierher, denn die Hunde wedeln ihn an und bellen nicht.”
Die Worte waren kaum seinem Munde entfahren, da stand sein Sohn in der Tür. Eumaios sprang auf, und die Schalen, in denen er Wein mischte, fielen ihm aus den Händen, als er auf seinen Herrn zueilte. Er küßte ihm das Haupt und beide seine schönen Augen und weinte vor Freude. Ein Vater hätte nicht entzückter sein können über die Heimkehr seines einzigen Sohnes, des Kindes seines Alters, nach zehnjähriger Abwesenheit in einem fremden Land und nach mancherlei Mühsal. Er umarmte ihn, küßte ihn am ganzen Leibe, als wäre er von den Toten zurückgekehrt, und sprach zärtlich zu ihm:
„Da bist du also, Telemachos, Licht meiner Augen, der du bist. Als ich hörtest, du seist nach Pylos gefahren, war ich sicher, dich nie wiederzusehen. Komm herein, mein liebes Kind, und setz dich, damit ich dich recht ansehen kann, nun du wieder daheim bist; du kommst nicht oft aufs Land zu uns Hirten; du hältst dich meist in der Stadt auf. Ich denke, du findest es besser, die Freier im Auge zu behalten.”
„So sei es, alter Freund,“ antwortete Telemachos, „aber ich bin jetzt gekommen, weil ich dich sehen will und erfahren, ob meine Mutter noch in ihrem alten Hause ist oder ob ein anderer sie geheiratet hat, so daß das Lager des Odysseus ohne Bettzeug und mit Spinnweben bedeckt ist.”
„Sie ist noch im Hause,“ erwiderte Eumaios, „kummervoll und sich das Herz zerbrechend, und sie tut nichts als weinen, bei Nacht und bei Tag unaufhörlich.”
Während er so sprach, nahm er Telemachos’ Lanze, worauf dieser die steinerne Schwelle überschritt und eintrat. Odysseus erhob sich von seinem Sitz, um ihm Platz zu machen, als er eintrat, aber Telemachus wehrte ihm: „Setz dich, Fremder,“ sprach er, „ich finde leicht einen anderen Sitz, und es ist jemand hier, der ihn mir herrichten wird.”
Odysseus ging auf seinen alten Platz zurück, und Eumaios streute etwas grünes Reisig auf den Boden und warf ein Schaffell darüber, damit Telemachus sich darauf setze. Dann brachte der Schweinehirt ihnen Platten mit kaltem Fleisch, den Rest von dem, was sie tags zuvor gegessen hatten, und er füllte die Brotkörbe so schnell er konnte mit Brot. Er mischte auch Wein in Schalen aus Efeuholz und nahm gegenüber von Odysseus Platz. Dann legten sie die Hände an die guten Dinge, die vor ihnen standen, und sobald sie genug gegessen und getrunken hatten, sprach Telemachos zu Eumaios: „Alter Freund, woher stammt dieser Fremde? Wie hat sein Schiff ihn nach Ithaka gebracht, und wer waren seine Leute? — denn sicherlich kam er nicht zu Lande hierher.”
Darauf antwortetest du, o Schweinehirt Eumaios: „Mein Sohn, ich will dir die reine Wahrheit sagen. Er sagt, er sei ein Kreter, und daß er viel in der Welt herumgekommen sei. In diesem Augenblick ist er vor einem thesprotischen Schiff geflohen und hat bei meiner Hütte Zuflucht gesucht; darum will ich ihn dir übergeben. Tu mit ihm, was du willst, vergiß nur nicht, daß er dein Schutzflehender ist.”
„Ich bin aufs tiefste bekümmert,“ sprach Telemachos, „über das, was du mir soeben erzählt hast. Wie soll ich diesen Fremdling in mein Haus aufnehmen? Ich bin noch jung und nicht stark genug, mich zu behaupten, wenn irgendein Mann mich angreift. Meine Mutter kann sich nicht entschließen, ob sie bleiben soll, wo sie ist, und das Hauswesen versehen aus Achtung vor der öffentlichen Meinung und dem Andenken ihres Gatten, oder ob die Zeit nun gekommen ist, daß sie den besten Mann unter ihren Freiern wählt und den, der ihr das vorteilhafteste Anerbieten macht. Doch da der Fremdling zu deiner Hütte gekommen ist, will ich ihm einen Mantel und ein Hemd von gutem Stoff geben, dazu ein Schwert und Sandalen, und will ihn senden, wohin er will. Oder, wenn du willst, kannst du ihn hier bei deiner Hütte behalten, und ich will ihm Kleider und Speise schicken, damit er weder dir noch deinen Leuten zur Last falle; aber ich dulde nicht, daß er sich den Freiern naht, denn sie sind sehr übermütig und werden ihn gewiß in einer Weise mißhandeln, die mich aufs schwerste betrüben würde; mag ein Mann noch so tapfer sein, gegen eine Überzahl kann er nichts ausrichten, denn sie werden ihm zu stark sein.”
Da sprach Odysseus: „Herr, es ziemt sich, daß auch ich ein Wort sage. Es empört mich aufs tiefste, was du da über die unverschämte Weise erzählt hast, in der die Freier sich aufführen zum Trotz gegen einen Mann wie dich. Sage mir: fügst du dich in solches Gebaren stillschweigend, oder hat irgendein Gott dein Volk gegen dich aufgebracht? Magst du dich nicht über deine Brüder beklagen — denn auf sie darf ein Mann bauen, wie groß sein Streit auch sei? Wäre ich doch so jung wie du und bei dem Sinne, der mich jetzt beseelt; wäre ich der Sohn des Odysseus oder gar Odysseus selbst, so ließe ich mir lieber den Kopf abschlagen, ginge aber ins Haus und würde jedem dieser Männer zum Verderben. Wenn sie mir zu viele wären — ich, der ich allein stehe —, ich wollte lieber in meinem eigenen Hause kämpfend sterben, als solche schändlichen Dinge Tag für Tag mit ansehen: daß Fremdlinge auf schmähliche Weise mißhandelt werden, daß Mannen die Mägde im Hause schänden und schleppen, daß Wein rücksichtslos verschüttet und Brot verschwendet wird, alles zu keinem Zwecke, da das Ende doch nie erreicht werden wird.”
Und Telemachos antwortete: „Ich will dir alles aufrichtig erzählen. Es besteht kein Zwist zwischen mir und meinem Volke, noch kann ich mich über Brüder beklagen, auf die ein Mann sich stützen darf, wie groß auch immer sein Streit sei. Zeus hat uns zu einem Geschlechter von Einzelkindern gemacht. Laertes war der einzige Sohn des Arkesios, und Odysseus der einzige Sohn des Laertes. Ich selbst bin der einzige Sohn des Odysseus, der mich zurückließ, als er fortging, so daß ich ihm nie von Nutzen gewesen bin. Daher kommt es, daß mein Haus in den Händen zahlloser Plünderer ist; denn die Häuptlinge von allen benachbarten Inseln, Dulichion, Same, Zakynthos, wie auch alle vornehmen Männer Ithakas selbst, zehren mein Haus auf unter dem Vorwande, meiner Mutter den Hof zu machen. Sie aber weist weder glattweg ab, daß sie nicht heiraten wolle, noch bringt sie die Sache zum Abschluß, und so richten sie mein Erbe zugrunde und werden, ehe es lang ist, auch mich selbst mit zugrunde richten. Der Ausgang indes liegt bei den Göttern. Doch du, alter Freund Eumaios, geh sogleich und melde der Penelope, daß ich wohlbehalten bin und von Pylos zurückgekehrt. Sage es ihr allein und komm dann hierher zurück, ohne daß irgendein anderer es erfährt; denn viele sind, die Böses gegen mich im Sinne führen.”
„Ich verstehe und gehorche dir,“ erwiderte Eumaios; „du brauchst mich nicht weiter zu belehren, nur eines sage mir noch auf dem Wege, ob es nicht besser wäre, dem armen Laertes zu melden, daß du zurückgekehrt bist. Er pflegte die Arbeit auf seinem Hofe zu beaufsichtigen trotz seines bitteren Schmerzes um Odysseus, und er pflegte nach Belieben mit seinen Knechten zu essen und zu trinken; doch man sagt mir, daß er seit dem Tage, an dem du nach Pylos aufbrachst, weder gegessen noch getrunken hat, wie er sollte, noch nach seinem Hofe sieht, sondern dasitzt, weint und das Fleisch von seinen Knochen schwinden läßt.”
„Um so schlimmer,“ antwortete Telemachos; „er tut mir leid, doch müssen wir ihn jetzt sich selbst überlassen. Könnten die Menschen alles nach ihrem Wunsch haben, so wäre das erste, was ich wählte, die Rückkehr meines Vaters; doch geh und richte deine Botschaft aus; dann eile schleunigst zurück und schlage nicht den Umweg ein, es dem Laertes zu melden. Sage meiner Mutter, sie solle unverzüglich eine ihrer Frauen heimlich mit der Kunde senden, und er soll es von ihr erfahren.”
So trieb er den Schweinehirten an; Eumaios schnürte daher seine Sandalen, band sie an die Füße und machte sich auf nach der Stadt. Athene sah ihn von der Hütte wohl entweichen, kam dann selbst zur Hütte in der Gestalt einer Frau — schön, stattlich und klug. Sie trat an die Seite des Einganges und offenbarte sich dem Odysseus; Telemachos aber konnte sie nicht sehen und wußte nicht, daß sie zugegen war, denn die Götter zeigen sich nicht jedem. Odysseus sah sie, und die Hunde sahen sie ebenfalls, denn sie bellten nicht, sondern wichen furchtsam und winselnd auf die andere Seite des Hofes zurück. Sie nickte mit dem Haupte und winkte ihm mit den Brauen; darauf verließ er die Hütte und trat vor sie, draußen vor der Mauer des Hofes. Da sprach sie zu ihm:
„Odysseus, edler Sohn des Laertes, nun ist es Zeit, daß du dich deinem Sohne zu erkennen gibst; halte ihn nicht länger im Dunkel, sondern sinne auf die Vernichtung der Freier und mache dich dann nach der Stadt auf. Ich werde nicht lange auf mich warten lassen, denn auch mich verlangt es nach dem Kampfe.”
Während sie so sprach, berührte sie ihn mit ihrem goldenen Stabe. Zuerst warf sie ihm einen schönen, reinen Mantel und ein Hemd über die Schultern; dann machte sie ihn jünger und von eindrucksvollerer Gestalt; sie gab ihm seine Farbe wieder, füllte seine Wangen und ließ seinen Bart wieder dunkel werden. Dann ging sie von dannen, und Odysseus kehrte in die Hütte zurück. Sein Sohn war wie vom Donner gerührt, als er ihn sah, und wandte die Augen ab aus Furcht, er möchte einen Gott vor sich haben.
„Fremdling,“ sprach er, „wie plötzlich hast du dich verwandelt seit eben noch! Du bist anders gekleidet und deine Farbe ist eine andere. Bist du dieser oder jener der Götter, die im Himmel wohnen? Wenn ja, so sei mir gnädig, bis ich dir geziemendes Opfer und Gaben aus getriebenem Golde darbringen kann. Erbarme dich meiner.”
Und Odysseus sprach: „Ich bin kein Gott, warum hältst du mich für einen? Ich bin dein Vater, um dessentwillen du so viel Kummer leidest und so viel unter den Händen gesetzloser Männer erdulden mußt.”
Während er so sprach, küßte er seinen Sohn, und eine Träne fiel von seiner Wange auf die Erde, denn er hatte alle Tränen bisher zurückgehalten. Telemachos aber konnte noch nicht glauben, daß es sein Vater sei, und sprach:
„Du bist nicht mein Vater, sondern irgendein Gott täuscht mich mit eitlen Hoffnungen, damit ich nur um so mehr später leide; kein Sterblicher könnte aus eigener Kraft vollbringen, was du getan hast, und sich im Augenblick alt und jung machen, wenn nicht ein Gott bei ihm wäre. Vor einem Augenblick warst du alt und zerlumpt, und nun gleichst du einem Gotte, der vom Himmel herabgestiegen ist.”
Odysseus antwortete: „Telemachos, du darfst nicht so maßlos staunen, daß ich wirklich hier bin. Es wird kein anderer Odysseus mehr kommen hinfort. Solcher, wie ich bin, es bin ich, der nach langem Umherirren und mancherlei Drangsal im zwanzigsten Jahre in seine Heimat gelangt ist. Was dich wundernimmt, ist das Werk der unbesiegbaren Göttin Athene, die mit mir tut, was sie will, denn sie kann, was ihr beliebt. Im einen Augenblick macht sie mich einem Bettler gleich, und im nächsten bin ich ein junger Mann in guten Kleidern; es ist ein leichtes für die Götter, die im Himmel wohnen, einen Menschen bald reich, bald arm erscheinen zu lassen.”
Während er so sprach, setzte er sich nieder, und Telemachos schlang die Arme um seinen Vater und weinte. Beide waren so ergriffen, daß sie laut aufschluchzten gleich Adlern oder Geiern mit krummen Klauen, denen Bauern die halbflüggen Jungen geraubt haben. So jammervoll weinten sie, und die Sonne wäre über ihrer Trauer untergegangen, hätte Telemachos nicht plötzlich gesprochen: „Auf welchem Schiffe, mein teurer Vater, brachte dich deine Mannschaft nach Ithaka? Welches Volkes rühmten sie sich — denn zu Lande kannst du ja nicht gekommen sein?”
„Ich will dir die Wahrheit sagen, mein Sohn,“ erwiderte Odysseus. „Die Phäaken haben mich hergebracht. Sie sind große Schiffer und pflegen jedem ein Geleit zu geben, der ihre Küsten erreicht. Sie führten mich über das Meer, während ich in tiefem Schlafe lag, und setzten mich in Ithaka ans Land, nachdem sie mir viele Geschenke in Erz, Gold und Gewändern gegeben hatten. Diese Dinge liegen durch der Götter Gunst in einer Höhle verborgen, und ich bin nun hierher gekommen auf Athenes Geheiß, auf daß wir beraten, wie wir unsere Feinde töten. Zuerst also gib mir ein Verzeichnis der Freier mit ihrer Zahl, damit ich erfahre, wer und wie viele es sind. Ich kann dann die Sache überdenken und sehen, ob wir zwei allein die ganze Schar bestehen können, oder ob wir noch andere zur Hilfe suchen müssen.”
Hierauf antwortete Telemachos: „Vater, stets habe ich deinen Ruhm vernommen, im Felde wie im Rat, doch das Werk, von dem du sprichst, ist gar zu groß; schon der bloße Gedanke daran macht mich schaudern; zwei Männer können nicht gegen viele und tapfere bestehen. Es sind nicht zehn Freier, auch nicht zwanzig, sondern zehnmal zehn; ihre Zahl sollst du sogleich erfahren. Aus Dulichion sind zweiundfünfzig auserlesene Jünglinge, und sie haben sechs Knechte; aus Same sind vierundzwanzig; aus Zakynthos zwanzig junge Achaier, und aus Ithaka selbst zwölf, alle von edler Herkunft. Bei ihnen sind ein Diener Medon, ein Sänger und zwei Männer, die bei Tische zu tranchieren verstehen. Stehen wir solcher Übermacht gegenüber, so kannst du bitteren Grund haben, dein Kommen und deine Rache zu bereuen. Sieh zu, ob du nicht jemand weißt, der bereit wäre, uns beizustehen.”
„Höre mich an,“ erwiderte Odysseus, „und bedenke, ob Athene und ihr Vater Zeus euch genug dünken, oder ob ich noch einen anderen suchen soll.”
„Die, welche du genannt hast,“ antwortete Telemachos, „sind ein Paar guter Bundesgenossen, denn obwohl sie hoch droben unter den Wolken wohnen, haben sie Macht über Götter und Menschen.”
„Diese beiden,“ fuhr Odysseus fort, „werden sich nicht lange vom Kampfe fernhalten, wenn die Freier und wir in meinem Hause handgemein werden. Kehre nun morgen früh zeitig heim und geh wie bisher unter den Freiern umher. Später wird mich der Schweinehirt in die Stadt führen, verkleidet als elender alter Bettler. Wenn du siehst, daß sie mich mißhandeln, stähle dein Herz gegen meine Leiden; und wenn sie mich gar fußvoran aus dem Hause schleifen oder mir Dinge nachwerfen, sieh zu und tue nichts weiter, als sie mit sanftem Wort zu mahnen, sich vernünftiger zu benehmen; doch sie werden nicht auf dich hören, denn der Tag ihrer Abrechnung ist nahe. Weiter sage ich und lege dir meine Rede ans Herz: wenn Athene es mir in den Sinn gibt, werde ich dir mit dem Haupte zunicken, und wenn du mich so nicken siehst, mußt du alle Waffen, die im Hause sind, zusammensuchen und in der festen Vorratskammer verbergen. Mach irgendeine Ausrede, wenn die Freier dich fragen, warum du sie fortschaffest; sage, du habest sie fortgetan, damit sie nicht vom Rauch leiden, da sie nicht mehr seien, was sie waren, als Odysseus fortging, sondern rußig und voll Staub geworden. Füge insbesondere hinzu, du fürchtest, Zeus möge sie gegen einander aufhetzen, so daß sie sich im Rausche Leid zufügten, was sowohl Gelage wie Werbung schände, denn der Anblick von Waffen reizt die Menschen, sie zu gebrauchen. Doch laß ein Schwert und einen Speer für dich und mich zurück und zwei Ochsenhaut-Schildchen, damit wir sie im Augenblick ergreifen können; Zeus und Athene werden dann diese Leute bald zur Ruhe bringen. Eins noch: wenn du wahrhaft mein Sohn bist und mein Blut in deinen Adern rollt, so laß niemand wissen, daß Odysseus im Hause ist — weder Laertes noch den Schweinehirten noch einen der Knechte, ja selbst die Penelope nicht. Laß uns beide allein mit den Frauen zu Rate gehen, und laß uns auch etliche der männlichen Diener auf die Probe stellen, um zu sehen, wer auf unserer Seite steht und wer seine Hand gegen uns erhebt.”
„Vater,“ erwiderte Telemachos, „du wirst mich mit der Zeit kennenlernen, und wenn du es erkennst, wirst du finden, daß ich dein Geheimnis wahren kann. Ich glaube jedoch nicht, daß der Plan, den du vorschlägst, für einen von uns beiden gut ausgehen wird. Bedenke es. Es würde uns lange Zeit kosten, die Höfe abzureiten und die Männer auf die Probe zu stellen, und unterdes werden die Freier ungestraft und ohne Gewissensbisse dein Erbe verzehren. Prüfe die Frauen auf alle Fälle, um zu sehen, wer treulos und wer schuldlos ist; doch bin ich nicht dafür, daß wir umherreiten und die Männer prüfen. Dazu können wir später schreiten, wenn du wirklich ein Zeichen von Zeus hast, daß er dich unterstützt.”
So sprachen sie miteinander, und unterdes war das Schiff, das Telemachos und seine Mannschaft von Pylos gebracht hatte, in die Stadt Ithaka eingelaufen. Als sie in den Hafen gekommen waren, zogen sie das Schiff ans Land; ihre Diener kamen und nahmen ihnen die Waffen ab, und sie schafften alle Geschenke in das Haus des Klytios. Dann sandten sie einen Diener, der Penelope melden sollte, Telemachos sei aufs Land gegangen, habe aber das Schiff in die Stadt gesandt, damit sie nicht erschrecke und sich gräme. Dieser Diener und Eumaios trafen zusammen, als sie beide den gleichen Gang hatten, um der Penelope zu melden. Als sie das Haus erreichten, trat der Diener auf und sprach in Gegenwart der wartenden Frauen zur Königin: „Euer Sohn, Herrin, ist soeben von Pylos zurückgekehrt.“ Eumaios aber trat dicht an die Penelope heran und sagte ihr insgeheim alles, was ihr Sohn ihm aufgetragen hatte. Als er seine Botschaft ausgerichtet hatte, verließ er das Haus mit seinen Nebengebäuden und ging wieder zu seinen Schweinen zurück.
Die Freier waren überrascht und erzürnt über das Geschehene, darum gingen sie hinaus vor die große Mauer, die den äußeren Hof umlief, und hielten Rat nahe dem Haupteingang. Eurymachos, Sohn des Polybos, ergriff als erster das Wort.
„Meine Freunde,“ sprach er, „diese Fahrt des Telemachos ist eine sehr ernste Sache; wir waren sicher, daß sie zu nichts führen werde. Nun aber laßt uns ein Schiff zu Wasser ziehen und eine Mannschaft zusammenstellen, die den anderen nachfährt und ihnen sagt, sie sollten so schnell wie möglich umkehren.”
Er hatte kaum ausgesprochen, da wandte sich Amphinomos auf seinem Platze um und sah das Schiff im Hafen, mit der Mannschaft, die die Segel niederließ und die Riemen beiseite legte; da lachte er und sprach zu den anderen: „Wir brauchen ihnen keine Botschaft zu senden, denn sie sind schon da. Irgendein Gott muß es ihnen gesagt haben, oder sie haben das Schiff vorbeifahren sehen und konnten es nicht einholen.”
Darauf standen sie auf und gingen ans Ufer. Die Mannschaft zog das Schiff ans Land; ihre Diener nahmen ihnen die Waffen ab, und sie gingen geschlossen zum Versammlungsplatz, doch ließen sie keinen, weder Alten noch Jungen, sich zu ihnen setzen, und Antinoos, Sohn des Eupeithes, ergriff zuerst das Wort.
„Beim Himmel,“ sprach er, „sieht doch, wie die Götter diesen Mann vor dem Verderben bewahrt haben. Wir hielten Tag für Tag eine Reihe von Wachtposten auf den Vorgebirgen, und als die Sonne unterging, gingen wir nie an Land, um zu schlafen, sondern warteten die ganze Nacht im Schiff bis zum Morgen in der Hoffnung, ihn zu fangen und zu töten; doch irgendein Gott hat ihn trotz unserer Bemühungen heimgebracht. Laßt uns überlegen, wie wir ihm ein Ende machen können. Er darf uns nicht entkommen; unser Vorhaben wird nie gelingen, solange er am Leben ist, denn er ist sehr klug, und die Volksstimmung ist keineswegs ganz auf unserer Seite. Wir müssen eilen, bevor er die Achaier zur Volksversammlung rufen kann; er wird keine Zeit verlieren, denn er wird wütend auf uns sein und der ganzen Welt erzählen, wie wir seinen Tod geplant haben, ihn aber nicht fangen konnten. Das Volk wird das nicht leiden, wenn es erfährt; wir müssen zusehen, daß sie uns nichts zuleide tun und uns nicht aus dem Lande in die Verbannung treiben. Laßt uns versuchen, ihn auf seinem Hofe fern von der Stadt oder auf dem Wege hierher zu fangen. Dann können wir sein Eigentum unter uns teilen und seiner Mutter und dem Manne, der sie freit, das Haus überlassen. Wenn euch das nicht gefällt und ihr wollt, daß Telemachos am Leben bleibe und seines Vaters Erbe behalte, so dürfen wir uns nicht länger hier versammeln und seine Güter auf diese Weise verzehren, sondern müssen unsere Anträge an Penelope jeder von seinem eigenen Hause aus stellen, und sie kann den Mann heiraten, der am meisten für sie bietet und den das Los bestimmt, sie zu gewinnen.”
Sie alle schwiegen, bis sich Amphinomos erhob, um zu sprechen. Er war der Sohn des Nisos, der Sohn des Königs Aretias, und er war der vornehmste unter allen Freiern von der weizenreichen und gut grasigen Insel Dulichion; auch war seine Rede der Penelope angenehmer als die irgendeines anderen Freiers, denn er war ein Mann von guter natürlicher Gesinnung. „Meine Freunde,“ sprach er, offen und ehrlich zu ihnen redend, „ich bin nicht dafür, den Telemachos zu töten. Es ist eine schändliche Tat, einen Mann von edlem Geblüt zu töten. Laßt uns zuerst die Götter befragen, und wenn der Orakelspruch des Zeus es rät, will ich sowohl selbst Hand anlegen und ihn töten, als auch alle anderen dazu treiben; wenn sie uns aber abraten, so will ich, daß ihr eure Hände zurückhaltet.”
So sprach er, und seine Worte gefielen ihnen wohl; darum erhoben sie sich sogleich und gingen zum Hause des Odysseus, wo sie ihre gewohnten Sitze einnahmen.
Da beschloß Penelope, sich den Freiern zu zeigen. Sie wußte von dem Anschlag gegen Telemachos, denn der Diener Medon hatte ihre Beratungen belauscht und es ihr gemeldet; darum ging sie, von ihren Mägden begleitet, hinab in den Hof, und als sie zu den Freiern kam, stellte sie sich an einen der Pfeiler, die das Dach der Halle stützten, hielt einen Schleier vor ihr Antlitz und schalt Antinoos mit den Worten:
„Antinoos, unverschämter und ränkevoller Bösewicht, man sagt, du seiest der beste Redner und Ratgeber unter allen Männern deines Alters in Ithaka, aber du bist nichts dergleichen. Tollkopf, warum trachtest du danach, Telemachos zu Tode zu bringen und kümmerst dich nicht um Schutzflehende, deren Zeuge Zeus selbst ist? Es ziemt sich nicht, daß du so Anschläge gegen die Eigenen schmiedest. Erinnerst du dich nicht, wie dein Vater in Furcht vor dem Volke hierher in dies Haus floh, das gegen ihn erbittert war, weil er mit einigen taphischen Seeräubern ausgezogen war und die Thesproter geplündert hatte, die mit uns in Frieden lebten? Sie wollten ihn in Stücke reißen und alles, was er hatte, auffressen, aber Odysseus hielt sie zurück, obwohl sie wütend waren, und nun zehrt du sein Eigentum auf, ohne dafür zu zahlen, brichst mir das Herz, indem du um seine Frau freist und seinen Sohn zu töten trachtest. Laß ab davon und halte auch die anderen zurück.”
„Nimm dir’s nicht zu Herzen, Königin Penelope, Tochter des Ikarios, und gräme dich nicht über solche Dinge. Der Mann ist noch nicht geboren und wird auch nie geboren werden, der Hand an deinen Sohn Telemachos legen könnte, solange ich noch lebe und das Licht der Erde schaue. Ich sage dir — und es wird gewiß geschehen —, daß mein Speer sich mit seinem Blut röten soll; denn gar oft hat mich Odysseus auf seine Knie gesetzt, mir Wein an die Lippen gehalten und mir Fleischstücke in die Hand gelegt. Darum ist Telemachos mir der liebste Freund, den ich habe, und er hat von unserer Hand nichts zu fürchten. Freilich, wenn der Tod von den Göttern über ihn kommt, kann er ihm nicht entrinnen.“ So sprach er, um sie zu beruhigen, doch in Wahrheit sann er auf Telemachos’ Verderben.
Dann ging Penelope wieder hinauf in ihr Gemach und weinte um ihren Gatten, bis Minerva ihr Schlaf über die Augen breitete. Am Abend kehrte Eumaios zu Odysseus und seinem Sohn zurück, die soeben ein junges, einjähriges Schwein geopfert hatten und einander halfen, das Mahl zu bereiten; da trat Minerva zu Odysseus, verwandelte ihn mit einem Schlag ihres Stabes in einen alten Mann und kleidete ihn wieder in seine alten Lumpen, aus Furcht, der Schweinehirt könnte ihn erkennen und das Geheimnis nicht bewahren, sondern hingehen und es Penelope sagen.
Telemachos ergriff zuerst das Wort. „So bist du also zurück, Eumaios,“ sagte er. „Was gibt es Neues aus der Stadt? Sind die Freier heimgekehrt, oder lauern sie noch dort drüben, um mich auf meinem Weg heim zu geleiten?“
„Ich dachte nicht daran, danach zu fragen,“ erwiderte Eumaios, „als ich in der Stadt war. Ich gedachte, meine Botschaft auszurichten und so schnell wie möglich zurückzukehren. Ich traf einen Mann, den diejenigen, die mit dir nach Pylos gefahren waren, vorausgeschickt hatten, und er war der erste, der deiner Mutter die Kunde brachte; doch kann ich sagen, was ich mit eigenen Augen sah; ich war eben auf den Kamm des Hügels des Hermes über der Stadt gelangt, als ich ein Schiff in den Hafen einlaufen sah mit einer Schar Männer an Bord. Sie hatten viele Schilde und Speere, und ich dachte, es seien die Freier, doch kann ich’s nicht mit Sicherheit sagen.“
Als er dies hörte, lächelte Telemachos seinem Vater zu, doch so, daß Eumaios es nicht sehen konnte.
Als sie dann ihre Arbeit vollendet und die Mahlzeit bereitet war, aßen sie, und ein jeder bekam seinen vollen Anteil, so daß alle satt wurden. Sobald sie gegessen und getrunken hatten, legten sie sich zur Ruhe und genossen der Gabe des Schlafes.
SIEBZEHNTES BUCH
TELEMACHOS BEGEGNET SEINER MUTTER — ODYSSEUS UND EUMAIUS KOMMEN IN DIE STADT HERAB, UND ODYSSEUS WIRD VON MELANTHIOS BELEIDIGT — ER WIRD VOM HUND ARGOS ERKANNT — ER WIRD BELEIDIGT UND ALS BALD VON ANTINOOS MIT EINEM SCHEMEL GESCHLAGEN — PENELOPE WÜNSCHT, DASS ER ZU IHR GESANDT WERDE.
Als das Kind des Morgens, die rosige Morgenröte, erschien, band Telemachos seine Sandalen und ergriff eine starke Lanze, die seinen Händen wohl anlag, denn er wollte in die Stadt gehen. „Alter Freund,“ sprach er zu dem Schweinehirten, „ich will nun in die Stadt gehen und mich meiner Mutter zeigen, denn sie wird nimmer aufhören zu trauern, bis sie mich erblickt hat. Was diesen unglücklichen Fremden angeht, so führe ihn in die Stadt und lass ihn dort bettelnd von jedem, der will, einen Trunk und ein Stück Brot empfangen. Ich habe meiner eigenen Sorgen genug und kann mich nicht auch noch mit fremden Leuten beladen. Wenn es ihn darüber verdrießt, desto schlimmer für ihn; doch pflege ich zu sagen, was ich meine.“
Da sprach Odysseus: „Herr, ich will nicht hier bleiben; ein Bettler vermag in der Stadt jederzeit sein Fortkommen besser als auf dem Land, denn jeder, der mag, kann ihm etwas geben. Ich bin zu alt, um mich darum zu kümmern, hier nach eines Herrn Wink und Geheiß zu bleiben. Darum tue dieser Mann, wie du eben gesagt hast, und führe mich in die Stadt, sobald ich mich am Feuer gewärmt habe und der Tag ein wenig Wärme gewonnen hat. Meine Kleider sind jämmerlich dünn, und an diesem frostigen Morgen werde ich vor Kälte umkommen, denn du sagst, die Stadt sei eine ziemliche Strecke entfernt.“
Hierauf schritt Telemachos durch die Höfe dahin, auf Rache gegen die Freier sinnend. Als er nach Hause kam, lehnte er seinen Speer an einen Tragpfeiler der Säulenhalle, schritt über den steinernen Boden der Halle selbst und ging hinein.
Die Amme Eurykleia sah ihn lange, bevor irgendein anderer es tat. Sie war gerade damit beschäftigt, die Vliese auf die Sitze zu legen, und brach in Tränen aus, als sie auf ihn zulief; auch alle anderen Mägde kamen herbei und bedeckten seinen Kopf und seine Schultern mit ihren Küssen. Penelope trat aus ihrem Gemach, Diana oder Venus gleichend, und weinte, als sie die Arme um ihren Sohn schlang. Sie küsste seine Stirn und seine beiden schönen Augen. „Licht meiner Augen,“ rief sie, während sie zärtlich zu ihm sprach, „so bist du also heimgekehrt; ich war gewiss, dich nimmermehr wiederzusehen. Dass du so ohne ein Wort, ohne meine Einwilligung nach Pylos gezogen bist! Doch komm, erzähle mir, was du gesehen hast.“
„Schilt mich nicht, Mutter,“ antwortete Telemachos, „und kränke mich nicht, da ich doch so knapp dem Verderben entronnen bin; wasche dir vielmehr das Gesicht, wechsele das Gewand, geh hinauf zu deinen Mägden und gelobe allen Göttern volle und ausreichende Hekatomben, wenn Zeus uns nur Rache an den Freiern gewährt. Ich muss jetzt zur Versammlungsstätte gehen, um einen Fremden einzuladen, der mit mir von Pylos heimgekehrt ist. Ich habe ihn mit meiner Mannschaft vorausgeschickt und Piras aufgetragen, ihn in sein Haus zu führen und für ihn zu sorgen, bis ich selbst zu ihm kommen könnte.“
Sie gehorchte den Worten ihres Sohnes, wusch sich das Gesicht, wechselte das Gewand und gelobte allen Göttern volle und ausreichende Hekatomben, wenn sie ihr nur Rache an den Freiern gewähren wollten.
Telemachus ging durch die Säulenhallen hindurch und hinaus, den Speer in der Hand — nicht allein, denn seine beiden schnellen Hunde folgten ihm. Minerva verlieh ihm eine Erscheinung von solch göttlicher Anmut, dass alle staunten, als er vorüberging, und die Freier umringten ihn mit freundlichen Worten auf den Lippen und Bosheit im Herzen; doch er wich ihnen aus und setzte sich zu Mentor, Antiphates und Halitherses, alten Freunden seines väterlichen Hauses, und sie ließen sich von ihm alles erzählen, was ihm widerfahren war. Da kam Piras mit Theoklymenos heran, den er durch die Stadt zur Versammlungsstätte geleitet hatte, worauf Telemachus sich sogleich zu ihnen gesellte. Piras sprach zuerst: „Telemachos,“ sagte er, „ich möchte, dass du einige deiner Frauen in mein Haus schickst, um die Geschenke abzuholen, die Menelaos dir gegeben hat.“
„Wir wissen nicht, Piras,“ antwortete Telemachos, „was geschehen mag. Wenn die Freier mich in meinem eigenen Hause töten und mein Besitztum unter sich teilen, so wollte ich lieber, du hättest die Geschenke, als dass irgendeiner von ihnen ihrer habhaft wird. Wenn es mir hingegen gelingt, sie zu töten, so werde ich dir sehr dankbar sein, wenn du mir freundlich meine Gaben bringst.“ —
Mit diesen Worten führte er Theoklymenos in sein Haus. Als sie dort anlangten, legten sie ihre Mäntel auf die Bänke und Sitze, gingen in die Bäder und wuschen sich. Als die Mägde sie gewaschen und gesalbt und ihnen Mäntel und Hemden gegeben hatten, nahmen sie ihre Plätze an der Tafel ein. Eine Magd brachte ihnen dann Wasser in einem schönen goldenen Krug und goss es in ein silbernes Becken, damit sie sich die Hände wüschen; und sie schob ihnen einen sauberen Tisch heran. Eine obere Magd brachte ihnen Brot und bot ihnen viele gute Dinge von dem, was im Hause vorhanden war. Gegenüber saß Penelope, auf einem Ruhebett an einem der Tragpfeiler der Säulenhalle hingelehnt, und spann. Dann griffen sie zu den guten Speisen, die vor ihnen standen, und sobald sie gegessen und getrunken hatten, sprach Penelope:
„Telemachos, ich will hinaufgehen und mich auf jenes traurige Lager legen, das ich unablässig mit meinen Tränen benetze, seit Odysseus mit den Söhnen des Atreus nach Troja ausfuhr. Du hast es jedoch versäumt, mir klarzumachen, bevor die Freier ins Haus zurückkehrten, ob du etwas über die Heimkehr deines Vaters hast erfahren können oder nicht.“ —
„So will ich dir denn die Wahrheit sagen,“ erwiderte ihr Sohn. „Wir gingen nach Pylos und sahen Nestor, der mich in sein Haus aufnahm und mich so gastlich behandelte, als wäre ich sein eigener Sohn, der eben nach langer Abwesenheit heimgekehrt wäre; desgleichen taten seine Söhne; doch er sagte, er habe kein Wort von irgendeinem Menschen über Odysseus vernommen, ob er lebe oder tot sei. Er sandte mich daher mit einem Wagen und Rossen zu Menelaos. Dort sah ich Helena, um derenwillen so viele, sowohl Argiver als auch Troer, nach himmlischer Weisheit leiden sollten. Menelaos fragte mich, was mich nach Lakedaimon geführt habe, und ich sagte ihm die ganze Wahrheit, worauf er sprach: ‚So wollen diese Feiglinge das Lager eines tapferen Mannes sich anmaßen? Eine Hirschkuh könnte ebenso ihre neugeborenen Jungen in der Höhle eines Löwen ablegen und dann fortgehen, um im Walde oder in einem grasigen Tale zu weiden. Wenn der Löwe in seine Höhle zurückkehrt, wird er mit dem Paare kurzen Prozess machen, und so wird Odysseus mit diesen Freiern verfahren. Bei Vater Zeus, Minerva und Apollon, wenn Odysseus noch der Mann ist, der er war, als er mit Philomeleides auf Lesbos rang und ihn so schwer niederwarf, dass alle Griechen ihm zujubelten — wenn er noch ein solcher ist und diesen Freiern nahte, sie würden ein kurzes Ende und eine schlimme Hochzeit finden. Was jedoch deine Frage angeht, so will ich nicht ausweichen und dich nicht täuschen, sondern was der greise Meergott mir sagte, so viel will ich dir in vollem Umfange berichten. Er sagte, er könne Odysseus auf einer Insel sehen, wie er im Hause der Nymphe Kalypso bitterlich trauere, die ihn gefangen halte; er könne seine Heimat nicht erreichen, denn er habe weder Schiffe noch Schiffsleute, die ihn über das Meer brächten.’ Das war es, was Menelaos mir erzählte, und als ich seine Geschichte vernommen hatte, machte ich mich auf den Weg; die Götter gaben mir dann einen günstigen Wind und brachten mich bald unversehrt wieder heim.“ —
Mit diesen Worten rührte er das Herz der Penelope. Da sprach Theoklymenos zu ihr:
„Herrin, Gemahlin des Odysseus, Telemachos versteht diese Dinge nicht; höre daher auf mich, denn ich vermag sie mit Sicherheit zu deuten und werde dir nichts verbergen. Zeus, der König des Himmels, sei mein Zeuge, und die Riten der Gastfreundschaft, bei diesem Herd des Odysseus, zu dem ich nun komme, dass Odysseus selbst bereits in Ithaka ist und, sei es, dass er das Land durchzieht oder an einem Orte verweilt, all diese Übeltaten untersucht und den Freiern einen Tag der Abrechnung bereitet. Ich sah ein Zeichen, als ich auf dem Schiffe war, das dies bedeutete, und ich habe Telemachos davon berichtet.“ —
„Möge es so geschehen,“ antwortete Penelope; „wenn eure Worte sich bewahrheiten, sollt ihr solche Gaben und solch guten Willen von mir empfangen, dass alle, die euch sehen, euch Glück wünschen werden.“ —
So sprachen sie miteinander. Unterdessen warfen die Freier Scheiben oder zielten mit Speeren nach einem Ziel auf dem geebneten Boden vor dem Hause und betrugen sich mit ihrer alten Überheblichkeit. Als es aber nun Zeit zum Mahle war und die Herde von Schafen und Ziegen mit ihren Hirten wie gewöhnlich aus dem ganzen Umlande in die Stadt gekommen war, da sprach Medon, ihr Lieblingsdiener, der ihnen bei Tische aufwartete: „Nun denn, meine jungen Herren, ihr habt genug gespielt, kommt also herein, dass wir das Mahl bereiten können. Zur Essenszeit ist Essen keine schlechte Sache.“ —
Sie ließen ihre Spiele, wie er ihnen sagte, und als sie im Hause waren, legten sie ihre Mäntel auf die Bänke und Sitze drinnen ab und opferten dann etliche Schafe, Ziegen, Schweine und eine Färse, alle fett und wohlgewachsen. So bereiteten sie ihr Mahl. Unterdessen waren Odysseus und der Schweinehirt im Begriff, nach der Stadt aufzubrechen, und der Schweinehirt sprach: „Fremdling, ich denke, du willst immer noch heute in die Stadt, wie mein Herr sagte, dass du tun solltest; für meinen Teil hätte ich lieber gewünscht, du bliebst hier als ständiger Gehilfe; doch muss ich tun, was mein Herr mir aufträgt, sonst schilt er mich später, und ein Schelten vom Herrn ist eine sehr ernste Sache. Lass uns also aufbrechen, denn es ist nun heller Tag; es wird bald wieder Nacht sein, und dann wirst du es kälter finden.“ —
„Ich weiß und verstehe dich,“ erwiderte Odysseus; „du brauchst nichts weiter zu sagen. Lass uns gehen; wenn du aber einen Stock fertig geschnitten hast, so gib mir ihn zum Gehen, denn du sagst, der Weg sei sehr rau.“ —
Während er so sprach, warf er seinen schäbigen, alten, zerfetzten Ranzen über die Schulter, an dem Strick, an dem er hing, und Eumaios gab ihm einen Stock nach seinem Wunsch. Die beiden brachen dann auf und überließen die Station den Hunden und Hirten, die zurückblieben; der Schweinehirt führte den Weg, und sein Herr folgte ihm nach, einem heruntergekommenen alten Landstreicher gleich, wie er auf seinen Stab gestützt dahinging, und seine Kleider waren alle zerlumpt. Als sie das raue, steile Gelände hinter sich hatten und sich der Stadt näherten, erreichten sie den Brunnen, aus dem die Bürger ihr Wasser schöpften. Dieser war von Ithakos, Neritos und Polyktor angelegt worden. Rings um ihn stand in einem Kreise ein Hain wasserliebender Pappeln, und das klare, kalte Wasser fiel von einem hohen Felsen zu ihm herab, während über dem Brunnen ein Altar der Nymphen errichtet war, an dem alle Wanderer zu opfern pflegten. Hier holte Melanthios, der Sohn des Dolios, sie ein, als er die besten Ziegen seiner Herde für das Mahl der Freier in die Stadt trieb, und zwei Hirten waren bei ihm. Als er Eumaios und Odysseus erblickte, schmähte er sie mit ungeheuerlichen und ungeziemenden Reden, die Odysseus sehr erzürnten.
„Da geht ihr hin,“ rief er, „und ein prächtiges Paar seid ihr. Sieh nur, wie der Himmel Vögel gleicher Federn zueinanderführt. Wohin, sag an, Meister Schweinehirt, führst du dieses arme, elende Geschöpf? Es müsste einem jeden den Appetit verderben, ein solches Geschöpf bei Tische zu sehen. Ein Kerl wie dieser hat in seinem Leben nie einen Preis gewonnen, wird aber herumziehen und seine Schultern an jedem Türpfosten reiben und betteln, nicht wie ein Mann um Schwerter und Kessel, sondern nur um ein paar Brocken, die nicht einmal das Betteln lohnen. Wenn du ihn mir als Hand auf meiner Station gäbest, könnte er dazu taugen, die Pferche reinzumachen oder den Kitzen ein wenig süßes Futter zu bringen, und er könnte seine Schenkel an Molken mästen, so viel er wollte; doch hat er sich schlechten Sitten ergeben und will keinerlei Arbeit mehr tun; er wird nichts tun, als in der ganzen Stadt Speise betteln, um seinen unersättlichen Bauch zu füllen. Ich sage daher — und es wird gewiß geschehen — wenn er sich dem Hause des Odysseus naht, wird er sich den Kopf an den Schemeln zerbrechen, die man nach ihm werfen wird, bis sie ihn hinausjagen.“ —
Hierauf versetzte er, als er vorbeiging, dem Odysseus einen Tritt gegen die Hüfte, aus reiner Mutwilligkeit; doch Odysseus stand fest und wich nicht von seinem Weg. Einen Augenblick schwankte er, ob er nicht auf Melanthius losgehen und ihn mit seinem Stabe erschlagen oder ihn zu Boden schleudern und ihm den Hirn zerschmettern sollte; er beschloss jedoch, es zu erdulden und sich zu beherrschen; doch der Schweinehirt blickte Melanthios scharf an und schalt ihn, hob die Hände empor und betete zum Himmel dabei.
„Nymphen des Brunnens,“ rief er, „Töchter des Zeus, wenn je Odysseus euch Schenkelknochen, in Fett gehüllt, opferte, sei es von Lämmern oder Kitzen, so gewährt mein Gebet und sendet ihn heim! Er würde bald dem Prahlen und Drohen ein Ende machen, mit dem solche Männer wie du einhergehen und die Leute beschimpfen — du streunst in der ganzen Stadt umher, während deine Herden durch schlechte Hut zugrunde gehen.“ —
Da antwortete Melanthios, der Ziegenhirt: „Du übelgearteter Köter, was redest du da? Einstmals werde ich dich an Bord eines Schiffes setzen und in ein fremdes Land bringen, wo ich dich verkaufen und das Geld einstecken kann, das du einbringst. Wollt', ich wäre so sicher, dass Apollon heute noch den Telemachos erschlüge oder dass die Freier ihn töten, wie ich sicher bin, dass Odysseus nimmer heimkehren wird.“ —
Damit ließ er sie ihres Weges weiterziehen, während er selbst rasch vorwärtsging und bald das Haus seines Herrn erreichte. Als er dort anlangte, ging er hinein und setzte sich unter die Freier gegenüber von Eurymachos, der ihn lieber hatte als alle anderen. Die Diener brachten ihm seinen Anteil Fleisch, und eine obere Magd stellte ihm Brot hin, dass er esse. Indessen kamen Odysseus und der Schweinehirt zum Hause herauf und standen davor, inmitten von Musik, denn Phemios hatte eben begonnen, den Freiern vorzusingen. Da fasste Odysseus des Schweinehirten Hand und sprach:
„Eumaios, dieses Haus des Odysseus ist ein sehr schöner Bau. Wie weit du auch gehen magst, du wirst wenige finden, die ihm gleichen. Ein Bau reiht sich an den anderen. Der äußere Hof hat eine Mauer mit Zinnen ringsum; die Tore sind doppelt gefaltet und von guter Arbeit; es wäre eine schwere Sache, es mit Waffengewalt einzunehmen. Auch sehe ich, dass viele Leute darin schmausen, denn es riecht nach gebratenem Fleisch, und ich höre einen Klang von Musik, den die Götter zum Mahle gesellt haben.“ —
Da sprach Eumaios: „Du hast recht gesehen, wie du es eben immer tust; doch lass uns überlegen, was unser bestes Vorgehen sei. Willst du zuerst hineingehen und dich zu den Freiern gesellen, mich aber hier draußen zurücklassen, oder willst du hier warten und mich zuerst hineingehen lassen? Doch warte nicht lange, damit nicht jemand sieht, wie du draußen herumlungerst, und etwas nach dir wirft. Bedenke dies, ich bitte dich.“ —
Und Odysseus antwortete: „Ich verstehe und beherzige es. Geh du zuerst hinein und lass mich hier, wo ich bin. Ich bin es von jeher gewohnt, geschlagen zu werden und mit Gegenständen beworfen zu werden. Ich bin im Kriege und auf dem Meere so viel herumgestoßen worden, dass ich abgehärtet bin, und dies mag es mit dem übrigen aufnehmen. Doch ein Mann kann die Forderungen eines hungrigen Bauches nicht verbergen; das ist ein Feind, der allen Menschen viel Mühe macht; seinetwegen rüstet man Schiffe aus, um die Meere zu befahren und andere Völker zu bekriegen.“ —
Während sie so sprachen, hob ein Hund, der schlafend gelegen hatte, den Kopf und spitzte die Ohren. Es war Argos, den Odysseus aufgezogen hatte, bevor er nach Troja aufbrach, der ihn aber nie zur Arbeit gebraucht hatte. In alten Zeiten pflegten ihn die jungen Männer mitzunehmen, wenn sie auf die Jagd nach Wildziegen, Hirschen oder Hasen gingen; jetzt aber, da sein Herr fort war, lag er vernachlässigt auf den Haufen von Maultier- und Kuhdung, die vor den Stalltüren lagen, bis die Männer kamen und ihn wegräumten, um den großen Gehegen Dünger zuzuführen; und er war voller Flöhe. Sobald er den Odysseus dort stehen sah, legte er die Ohren zurück und wedelte mit dem Schwanz, doch konnte er nicht nahe zu seinem Herrn gelangen. Als Odysseus den Hund auf der anderen Seite des Hofes erblickte, wischte er sich eine Träne aus den Augen, ohne dass Eumaios es bemerkte, und sprach:
„Eumaios, was für ein edler Hund ist das dort drüben auf dem Misthaufen: sein Körperbau ist herrlich; ist er auch so vortrefflich, wie er aussieht, oder ist er nur einer von jenen Hunden, die bettelnd um den Tisch kommen und nur zum Scheine gehalten werden?“
„Dieser Hund,“ antwortete Eumaios, „gehörte dem, der in fernem Land gestorben ist. Wenn er noch wäre, was er war, als Odysseus nach Troja fuhr, so würde er dir bald zeigen, was er vermag. Kein wildes Tier im Walde entrann ihm, wenn er einmal seine Fährte aufgenommen hatte. Nun aber sind böse Zeiten über ihn gekommen; denn sein Herr ist tot und dahin, und die Frauen kümmern sich nicht um ihn. Knechte tun ihre Arbeit niemals, wenn die Hand ihres Herrn nicht mehr über ihnen waltet; denn Zeus nimmt dem Menschen die Hälfte seiner Tüchtigkeit, wenn er ihn zum Knechte macht.“
Während er so sprach, ging er hinein in die Gemächer zu der Säulenhalle, wo die Freier saßen; aber Argos starb, sobald er seinen Herrn erkannt hatte.
Telemachos sah Eumaios lange vor allen anderen und winkte ihm, heranzukommen und sich neben ihn zu setzen; darum blickte er sich um und erblickte einen Stuhl in der Nähe des Tisches, wo der Mundschenk den Freiern ihre Portionen zuteilte; er hob ihn auf, trug ihn zum Tische des Telemachos und setzte sich ihm gegenüber. Dann brachte ihm der Diener seinen Anteil und reichte ihm Brot aus dem Brotkorbe.
Gleich darauf kam Odysseus hinein, einem armseligen, elenden alten Bettler gleich, der sich auf seinen Stab stützt und dessen Kleider in Fetzen herabhängen. Er setzte sich auf die Schwelle aus Eschenholz dicht innerhalb der Tore, die vom äußeren zum inneren Hofe führten, und lehnte sich an einen Tragbalken aus Zypressenholz, den der Zimmermann kunstreich behobelt und mit Richtscheit und Bleilot genau hatte einpassen lassen. Telemachos nahm einen ganzen Laib aus dem Brotkorbe, mit so viel Fleisch, als seine beiden Hände fassen konnten, und sprach zu Eumaios: „Bringe das dem Fremden, und sage ihm, er solle bei den Freiern umhergehen und sie anbetteln; ein Bettler darf nicht schamhaft sein.“
Da ging Eumaios zu ihm und sprach: „Fremder, Telemachos sendet dir dies, und du sollst bei den Freiern umhergehen und betteln; denn Bettler dürfen nicht schamhaft sein.“
Odysseus antwortete: „Möge König Zeus dem Telemachos alles Glück gewähren und den Wunsch seines Herzens erfüllen.“
Dann nahm er mit beiden Händen, was Telemachos ihm geschickt hatte, und legte es auf den schmutzigen alten Bettelsack zu seinen Füßen. Er aß weiter, während der Sänger sang, und hatte eben sein Mahl beendet, als jener schwieg. Die Freier klatschten dem Sänger Beifall; da trat Athene zu Odysseus und trieb ihn an, bei jedem der Freier um ein Stück Brot zu betteln, damit er erkenne, was für Leute sie seien, und die Guten von den Schlechten unterscheide; doch wie es auch enden mochte, sie gedachte keinen einzigen von ihnen zu retten. Odysseus ging also umher, von links nach rechts, und streckte bettelnd die Hände aus, als wäre er ein wirklicher Bettler. Einige von ihnen hatten Mitleid mit ihm und waren neugierig nach ihm und fragten einander, wer er sei und woher er komme; da sprach der Ziegenhirt Melanthios: „Freier meiner edlen Herrin, ich kann euch etwas über ihn sagen, denn ich habe ihn schon früher gesehen. Der Schweinehirt hat ihn hergebracht, aber ich weiß nichts über den Mann selbst, noch woher er kommt.“
Hierauf begann Antinoos den Schweinehirten zu schmähen. „Du vortrefflicher Narr,“ rief er, „was hast du diesen Mann in die Stadt geführt? Haben wir nicht Landstreicher und Bettler genug, die uns beim Mahle belästigen? Meinst du, es sei ein kleines Ding, dass solche Leute sich hier zusammenfinden und das Vermögen deines Herrn verprassen — und du musst auch noch diesen Mann herschleppen?“
Eumaios aber antwortete: „Antinoos, deine Abstammung ist gut, doch deine Worte sind böse. Es war nicht mein Tun, dass er hierher kam. Wer wird wohl einen Fremden aus einem fremden Lande einladen, es sei denn einer von denen, die öffentlichen Nutzen schaffen wie ein Seher, ein Heiler von Wunden, ein Zimmermann oder ein Sänger, der uns durch seinen Gesang entzücken kann? Solche Männer sind in aller Welt willkommen, aber niemand wird einen Bettler einladen, der einen nur belästigen wird. Du gehst mit den Knechten des Odysseus stets härter um als irgendein anderer der Freier, und vor allem mit mir; doch das kümmert mich wenig, solange Telemachos und Penelope am Leben sind und hier weilen.“
Doch Telemachos sprach: „Schweig, antworte ihm nicht; Antinoos hat die bitterste Zunge von allen Freiern, und er macht die anderen nur schlimmer.“ Dann wandte er sich zu Antinoos und sprach: „Antinoos, du sorgst für meine Interessen, als wäre ich dein Sohn. Warum willst du, dass dieser Fremdling aus dem Hause gewiesen wird? Das walte Gott! Nimm ihm selbst etwas und gib es ihm; ich gönne es dir; ich heiße dich, es zu nehmen. Kümmere dich nicht um meine Mutter noch um andere Diener im Hause; aber ich weiß, du wirst nicht tun, was ich sage, denn du bist mehr darauf aus, die Dinge selbst zu verzehren, als sie anderen zu geben.“
„Was soll dieser Prahlerrede, Telemachos?“ erwiderte Antinoos. „Wenn alle Freier ihm soviel geben wollten wie ich, so würde er nicht vor Ablauf von drei Monaten wieder hierherkommen.“ Damit zog er den Schemel, auf dem seine zierlichen Füße ruhten, unter dem Tische hervor und tat, als wollte er ihn nach Odysseus werfen; aber die übrigen Freier gaben ihm alle etwas und füllten seinen Bettelsack mit Brot und Fleisch; er gedachte daher zur Schwelle zurückzugehen und zu verzehren, was die Freier ihm gegeben hatten, doch ging er zuvor zu Antinoos und sprach:
„Herr, gib mir etwas; du bist doch sicher nicht der Ärmste hier; du scheinst einer der Ersten unter ihnen zu sein; darum solltest du auch besser geben, und ich will deine Freigebigkeit weit und breit rühmen. Auch ich war einst ein reicher Mann und besaß ein stattliches eigenes Haus; in jenen Tagen gab ich manchem Landstreicher, wie ich jetzt einer bin, einerlei wer er war und was er begehrte. Ich hatte Diener in Menge und all das andere, was Menschen besitzen, die gut leben und für reich gelten; aber es beliebte Zeus, mir alles zu nehmen. Er sandte mich mit einer Schar umherschweifender Räuber nach Ägypten; es war eine lange Fahrt, und sie wurde mein Verderben. Ich legte meine Schiffe in den Fluss Aigyptos und hieß meine Leute bei ihnen bleiben und sie bewachen, während ich Kundschafter aussandte, von jedem erhöhten Punkt auszuspähen. Doch die Männer gehorchten meinen Befehlen nicht, handelten nach eigenem Gutdünken und verwüsteten das Land der Ägypter, erschlugen die Männer und schleppten deren Frauen und Kinder als Gefangene fort. Der Lärm drang rasch zur Stadt, und als sie den Kriegsruf hörten, strömten die Leute beim Morgengrauen herbei, bis die Ebene von Reiterei und Fußvolk und vom Glanze der Rüstungen erfüllt war. Da warf Zeus Entsetzen unter meine Leute, und sie wollten sich dem Feinde nicht mehr stellen, denn sie fanden sich umringt. Die Ägypter erschlugen viele von uns und führten die übrigen gefangen, sie zu Frondiensten zu zwingen; mich aber gaben sie einem Manne, der ihnen begegnete, einem Freunde, um mich nach Kypros zu bringen, Dmetor mit Namen, Sohn des Iasos, der ein mächtiger Mann auf Kypros war. Von dort bin ich in großer Bedrängnis hierher gelangt.“
Da sprach Antinoos: „Welcher Gott mag uns solch eine Pestilenz geschickt haben, die uns beim Mahle plagt? Mach, dass du fortkommst, hinaus in den offenen Teil des Hofes, oder ich will dir Ägypten und Kypros obendrein geben für deine Frechheit und Zudringlichkeit; du hast alle anderen angebettelt, und sie haben dir reichlich gegeben, denn sie haben Überfluss um sich, und es ist leicht, mit fremdem Gute freigebig zu sein, wenn man dessen genug hat.“ Hierauf machte Odysseus sich auf, fortzugehen, und sprach: „Mein Feiner, dein Aussehen ist besser als deine Erziehung; wenn du in deinem eigenen Hause wärest, würdest du einem armen Manne nicht einmal eine Prise Salz gönnen; denn obwohl du im Hause eines anderen sitzt und von Überfluss umgeben bist, bringst du es nicht über dich, ihm auch nur ein Stück Brot zu geben.“ Das machte Antinoos sehr zornig, und er funkelte ihn an und sprach: „Du sollst dafür büßen, ehe du aus dem Hofe kommst.“ Mit diesen Worten warf er einen Fußschemel nach ihm und traf ihn am rechten Schulterblatt oben am Rücken. Odysseus stand fest wie ein Fels, und der Schlag wankte ihn nicht einmal; aber er schüttelte schweigend das Haupt und sann auf Rache. Dann ging er zur Schwelle zurück und setzte sich nieder, seinen wohlgefüllten Bettelsack zu seinen Füßen legend.
„Hört mich,“ rief er, „ihr Freier der Königin Penelope, damit ich reden kann, wie ich es im Sinne habe. Ein Mann kennt weder Schmerz noch Pein, wenn er getroffen wird, während er um sein Geld kämpft oder um seine Schafe und Rinder; und ebenso hat mich Antinoos geschlagen, während ich im Dienste meines elenden Bauches stand, der die Menschen stets in Schwierigkeiten bringt. Doch wenn die Armen überhaupt Götter und rächende Mächte haben, so flehe ich, dass Antinoos ein böses Ende finde vor seiner Hochzeit.“ „Sitze, wo du bist, und iss dein Mahl schweigend, oder mach dich sonstwohin fort,“ schrie Antinoos. „Wenn du noch mehr sagst, lasse ich dich an Händen und Füßen durch die Höfe schleifen, und die Diener sollen dich bei lebendigem Leibe häuten.“ Die anderen Freier waren sehr ungehalten darüber, und einer der jungen Männer sprach: „Antinoos, du hast schlecht gehandelt, dass du diesen armen Schlucker von Landstreicher geschlagen hast; es wird schlimm für dich ausgehen, wenn er sich etwa als ein Gott entpuppen sollte — und wir wissen, dass die Götter in allerlei Gestalten als Fremde umherwandern und die Welt durchziehen, um zu sehen, wer Unrecht und wer recht handelt.“ So sprachen die Freier, doch Antinoos schenkte ihnen kein Gehör. Telemachos indessen war wütend über den Schlag, der seinem Vater versetzt worden war, und obwohl keine Träne von ihm fiel, schüttelte er schweigend das Haupt und sann auf Rache.
Als nun Penelope erfuhr, dass der Bettler im Speisesaal geschlagen worden war, sprach sie vor ihren Mägden: „Möchte Apollo dich so treffen, Antinoos,“ und ihre Kammerfrau Eurynome antwortete: „Wenn unsere Gebete erhört würden, so würde keiner der Freier je wieder die Sonne aufgehen sehen.“ Da sprach Penelope: „Pflegerin, ich hasse jeden einzelnen von ihnen, denn sie sinnen nichts als Unheil, doch Antinoos hasse ich wie die Finsternis des Todes selbst. Ein armer unglücklicher Landstreicher ist bettelnd ins Haus gekommen, weil ihn die Not treibt. Alle anderen haben ihm etwas in den Bettelsack gesteckt, aber Antinoos hat ihn mit einem Fußschemel aufs rechte Schulterblatt geschlagen.“ So sprach sie mit ihren Mägden in ihrem eigenen Gemach, und unterdessen verschaffte sich Odysseus sein Mahl. Dann rief sie den Schweinehirten und sprach: „Eumaios, geh und sage dem Fremden, er solle herkommen; ich möchte ihn sehen und ihm einige Fragen stellen. Er scheint viel gereist zu sein, und vielleicht hat er etwas gesehen oder gehört von meinem unglücklichen Gatten.“ Hierauf antwortetest du, o Schweinehirt Eumaios: „Wenn diese Achaier, Herrin, nur still sein wollten, so würdet ihr von der Geschichte seiner Abenteuer bezaubert sein. Ich hatte ihn drei Tage und drei Nächte bei mir in meiner Hütte, die der erste Ort war, den er erreichte, nachdem er von seinem Schiffe geflohen war, und er hat die Erzählung seines Unglücks noch nicht vollendet. Wenn er der göttlichste Sänger der ganzen Welt wäre, in dessen Lippen alle Hörer wie gebannt hängen, ich hätte nicht entzückter sein können, als ich in meiner Hütte saß und ihm lauschte. Er sagt, es bestehe alte Freundschaft zwischen seinem Hause und dem des Odysseus, und er stamme aus Kreta, wo die Nachkommen des Minos wohnen, nachdem er von jedem nur denkbaren Unglück hierhin und dorthin verschlagen worden sei; auch erklärt er, er habe gehört, dass Odysseus lebe und ganz in der Nähe bei den Thesprotern weile, und dass er großes Vermögen mit heimbringe.“ „Rufe ihn denn hierher,“ sprach Penelope, „damit auch ich seine Geschichte höre. Was die Freier betrifft, so mögen sie drinnen oder draußen ihre Lust haben, wie es ihnen beliebt; denn sie haben nichts, was ihnen Sorge machen könnte. Ihr Korn und Wein liegt unverbraucht in ihren Häusern, und niemand als Diener verzehrt es, während sie sich Tag für Tag bei unserem Hause aufhalten, unsere Rinder, Schafe und fetten Ziegen für ihre Gelage opfern und nie auch nur einen Gedanken an die Menge des Weines verschwenden, den sie trinken. Kein Besitz kann solcher Verschwendung standhalten, denn wir haben keinen Odysseus mehr, der uns schützt. Kehrte er zurück, er und sein Sohn würden bald ihre Rache haben.“ Während sie so sprach, nieste Telemachos so laut, dass das ganze Haus davon widerhallte. Penelope lachte, als sie es hörte, und sprach zu Eumaios: „Geh und rufe den Fremden; hast du nicht gehört, wie mein Sohn nieste, gerade als ich sprach? Das kann nur bedeuten, dass alle Freier getötet werden sollen und keiner von ihnen entrinnen wird. Weiter sage ich und lege meine Rede dir ans Herz: wenn ich mich überzeugt habe, dass der Fremde die Wahrheit spricht, will ich ihm ein Hemd und einen Mantel von guter Haltbarkeit geben.“ Als Eumaios dies hörte, ging er geradewegs zu Odysseus und sprach: „Väterchen Fremdling, meine Gebieterin Penelope, die Mutter des Telemachos, hat nach dir gesandt; sie ist in großem Schmerz, doch möchte sie hören, was du ihr über ihren Gatten sagen kannst, und wenn sie sich überzeugt, dass du die Wahrheit redest, wird sie dir ein Hemd und einen Mantel geben, gerade das, was du am meisten benötigst. An Brot dagegen kannst du dir in der Stadt genug verschaffen, um den Bauch zu füllen, indem du umhergehst und nehmen lässt, wer geben will.“ „Ich werde Penelope,“ antwortete Odysseus, „nichts als die strenge Wahrheit sagen. Ich weiß alles über ihren Gatten und habe mit ihm das Unglück geteilt; doch ich fürchte mich, durch diese Schar grausamer Freier hindurchzugehen, denn ihr Hochmut und ihre Frechheit reichen bis zum Himmel. Soeben erst hat mir, als ich im Hause umherging, ohne jemandem etwas zuleide zu tun, ein Mann einen Schlag versetzt, der mich sehr schmerzte, aber weder Telemachos noch ein anderer hat mich verteidigt. Sage Penelope daher, sie solle geduldig sein und bis zum Sonnenuntergang warten. Sie soll mir einen Sitz dicht am Feuer geben, denn meine Kleider sind sehr dünn — du weißt es, du hast sie ja gesehen, seit ich dich zum ersten Male bat, mir zu helfen —; dann kann sie mich nach der Heimkehr ihres Gatten fragen.“ Der Schweinehirt ging zurück, als er dies vernommen hatte, und Penelope sprach, da sie ihn die Schwelle überschreiten sah: „Warum bringst du ihn nicht her, Eumaios? Fürchtet er, dass ihm jemand Übles tut, oder scheut er sich, überhaupt ins Haus zu kommen? Bettler dürfen nicht schamhaft sein.“ Hierauf antwortetest du, o Schweinehirt Eumaios: „Der Fremde ist vernünftig. Er meidet die Freier und tut nur, was jeder andere auch täte. Er bittet dich, bis zum Sonnenuntergang zu warten; und es wird weit besser sein, Herrin, wenn du ihn ganz für dich hast, wenn du ihn hören und mit ihm reden kannst, wie du willst.“ „Der Mann ist kein Tor,“ erwiderte Penelope, „es wird vermutlich so sein, wie er sagt, denn solch abscheuliche Menschen wie diese gibt es in der ganzen Welt nicht.“ Als sie geendet hatte, ging Eumaios zu den Freiern zurück, denn er hatte alles ausgerichtet. Dann trat er zu Telemachos und sprach ihm ins Ohr, so dass niemand es hören konnte: „Mein lieber Herr, ich will jetzt zu den Schweinen zurückgehen, um nach deinem Eigentum und nach meinen Geschäften zu sehen. Du wirst auf das achten, was hier vorgeht, vor allem aber hüte dich vor Gefahr, denn viele tragen dir üble Gesinnung nach. Möge Zeus sie ins Verderben stürzen, ehe sie uns Schaden zufügen.“ „Sehr wohl,“ erwiderte Telemachos, „geh heim, wenn du gegessen hast, und komm morgen früh hierher mit den Opfertieren, die wir für den Tag darzubringen haben. Das Übrige überlass dem Himmel und mir.“ Hierauf setzte Eumaios sich wieder nieder, und als er sein Mahl beendet hatte, verließ er die Höfe und die Säulenhalle mit den schmausenden Männern und ging zu seinen Schweinen zurück. Die Freier aber begannen sich nun mit Gesang und Tanz zu ergötzen, denn es ging bereits gegen Abend.
ACHTZEHNTES BUCH
DER KAMPF MIT IRUS — ODYSSES WARNT AMPHINOMOS — PENELOPE ERHÄLT GESCHENKE VON DEN FREIERN — DIE KOHLENBECKEN — ODYSSES STRAFT EURYMACHOS.
Nun kam ein gewöhnlicher Landstreicher, der in der ganzen Stadt Ithaka zu betteln pflegte und als unverbesserlicher Vielfraß und Trunkenbold berüchtigt war. Dieser Mann hatte weder Kraft noch Stütze in sich, doch war er ein großer, schwerer Kerl anzusehen; sein eigentlicher Name, den ihm seine Mutter gegeben hatte, war Arneos, doch die jungen Burschen des Ortes nannten ihn Irus, weil er für jeden, der ihn schickte, Botengänge tat. Sobald er kam, begann er Odysseus zu beschimpfen und ihn aus seinem eigenen Hause treiben zu wollen. „Mach, dass du fortkommst, Alter,“ rief er, „von der Türschwelle, oder du wirst an Hals und Beinen herausgeschleift. Siehst du nicht, dass sie mir alle zublinzeln und wollen, dass ich dich mit Gewalt hinauswerfe, nur dass ich es nicht gern tue? Steh also auf und geh von selbst, sonst werden wir handgemein.“ Odysseus runzelte die Stirn und sprach: „Mein Freund, ich tue dir keinerlei Leid an; die Leute geben dir reichlich, und ich bin nicht neidisch. In dieser Türöffnung ist Raum genug für uns beide, und du brauchst mir Dinge nicht zu missgönnen, die nicht deine sind, um sie zu geben. Du scheinst mir ebensolch ein Landstreicher zu sein wie ich selbst, doch vielleicht werden die Götter uns besseres Glück geben, später einmal. Rede jedoch nicht zu viel vom Kämpfen, sonst erzürnst du mich, und wenn ich auch alt bin, werde ich dir Mund und Brust mit Blut bedecken. Morgen werde ich mehr Ruhe haben, wenn ich es tue, denn du wirst dann nicht mehr in das Haus des Odysseus kommen.“ Irus war sehr zornig und antwortete: „Du schmutziger Vielfraß, du redest daher wie eine alte Fischhändlerin. Ich habe große Lust, dir mit beiden Händen das Fell zu gerben und dir die Zähne aus dem Kopfe zu schlagen wie die Hauer eines Ebers. Mach dich also bereit, und lass diese Leute hier zusehen. Du wirst niemals gegen einen Mann bestehen können, der soviel jünger ist als du.“ So schmähten sie einander rundheraus auf dem glatten Pflaster vor der Tür, und als Antinoos sah, was vorging, lachte er herzlich und sprach zu den anderen: „Das ist das beste Schauspiel, das ihr je gesehen habt; der Himmel hat noch nie etwas Ähnliches in dieses Haus gesandt. Der Fremde und Irus haben sich gezankt und wollen kämpfen; lasst uns sie sogleich dazu antreiben.“ Die Freier kamen alle lachend herbei und versammelten sich um die beiden zerlumpten Landstreicher. „Hört mich,“ sprach Antinoos, „dort am Feuer liegen einige Ziegenmagen, die wir mit Blut und Fett gefüllt und für das Abendessen beiseitegestellt haben; wer siegt und sich als der Stärkere erweist, soll sich seinen Anteil daran wählen; er soll an unserem Tische frei schmausen, und wir wollen keinen anderen Bettler im Hause dulden.“ Die anderen stimmten alle zu, doch Odysseus, um sie von der Fährte abzubringen, sprach: „Ihr Herren, ein alter Mann wie ich, vom Leiden aufgerieben, kann sich gegen einen jungen nicht behaupten; doch mein unersättlicher Bauch treibt mich an, obwohl ich weiß, dass es nur mit einer Tracht Prügel enden kann. Ihr müsst mir aber schwören, dass keiner von ihr mir zugunsten des Irus einen unrechten Schlag versetzen werdet, damit er den Sieg davonträgt.“
Sie schwuren, wie er es ihnen auftrug, und als sie ihren Schwur vollendet hatten, ergriff Telemachos das Wort und sprach: „Fremdling, wenn du diesen Mann hier zur Rede stellen willst, so brauchst du niemanden zu fürchten. Wer dich auch schlägt, der wird es mit mehr als einem zu tun bekommen. Ich bin der Wirt, und auch die anderen Häuptlinge, Antinoos und Eurymachos, beides verständige Männer, sind derselben Meinung wie ich.“
Alle pflichteten bei, und Odysseus gürtete seine alten Lumpen um die Lenden und entblößte so seine kräftigen Schenkel, seine breite Brust und Schultern und seine mächtigen Arme; doch Pallas Athene trat zu ihm und stärkte seine Glieder noch mehr. Die Freier waren über die Maßen erstaunt, und einer wandte sich zum Nachbarn und sprach: „Der Fremde hat aus seinen alten Lumpen einen solchen Schenkel hervorgezogen, dass von Irus bald nichts mehr übrig sein wird.“
Irus wurde sehr unruhig, als er sie so reden hörte, doch die Diener gürteten ihn mit Gewalt und führten ihn [auf den freien Platz des Hofes], so dass ihm vor Schreck alle Glieder zitterten. Antinoos schalt ihn und sprach: „Du Prahlhans, du hättest gar nicht erst geboren werden sollen, wenn du dich vor einem solchen altersschwachen Wrack wie diesem Landstreicher fürchtest. Darum sage ich dir — und es wird gewiss geschehen — wenn er dich besiegt und sich als der Stärkere erweist, werde ich dich auf ein Schiff nach dem Festland packen und zu König Echetus schicken, der jeden umbringt, der in seine Nähe kommt. Er wird dir Nase und Ohren abschneiden und deine Eingeweide den Hunden zum Fraß vorwerfen.“
Das erschreckte Irus noch mehr, doch sie führten ihn mitten auf den Hof, und die beiden Männer hoben die Hände zum Kampf. Da überlegte Odysseus, ob er so heftig auf ihn einschlagen solle, dass er ihn auf der Stelle töte, oder ob er ihm einen leichteren Schlag versetzen solle, der ihn nur niederschmettere; am Ende hielt er es für das Beste, den leichteren Schlag zu führen, aus Furcht, die Achaier könnten auf den Gedanken kommen, wer er sei. Dann begannen sie zu kämpfen, und Irus traf Odysseus auf der rechten Schulter; doch Odysseus versetzte dem Irus einen Schlag an den Hals unter dem Ohr, dass ihm die Knochen des Schädels barsten, und das Blut schoss ihm aus dem Munde; er fiel stöhnend in den Staub, knirschte mit den Zähnen und strampelte am Boden, doch die Freier warfen die Hände in die Höhe und lachten beinahe tot, als Odysseus ihn beim Fuße packte und ihn in den äußeren Hof bis zur Torhalle schleifte. Dort lehnte er ihn an die Wand und legte ihm seinen Stab in die Hände. „Sitz hier“, sprach er, „und halte die Hunde und Schweine ab; du bist ein elendes Geschöpf, und wenn du noch einmal versuchst, dich zum König der Bettler aufzuwerfen, soll es dir noch schlimmer ergehen.“
Dann warf er sich seinen schmutzigen alten Ranzen, ganz zerrissen und zerfetzt, mit dem Riemen, an dem er hing, über die Schulter und ging zurück, um sich auf die Schwelle zu setzen; die Freier aber gingen in den Säulengang hinein, lachend und ihm zutrinkend: „Möge Zeus“, sprachen sie, „und alle anderen Götter dir gewähren, was du dir wünschst, dafür dass du der Aufdringlichkeit dieses unersättlichen Landstreichers ein Ende gemacht hast. Wir werden ihn alsbald aufs Festland schaffen, zu König Echetus, der jeden umbringt, der in seine Nähe kommt.“
Odysseus deutete dies als gutes Vorzeichen, und Antinoos setzte ihm einen großen Ziegenpansen vor, gefüllt mit Blut und Fett. Amphinomos nahm zwei Brote aus dem Brotkorb und brachte sie ihm, indem er ihm zutrank aus einem goldenen Becher Wein. „Glück auf“, sprach er, „Vater Fremdling, du bist zurzeit sehr übel dran, doch ich hoffe, es wird dir in Zukunft besser ergehen.“
Odysseus antwortete: „Amphinomos, du scheinst ein verständiger Mann zu sein, wie du es wohl auch sein magst, da du weißt, wessen Sohn du bist. Man hat mir Gutes von deinem Vater erzählt; er ist Nisus aus Dulichion, ein tapferer und wohlhabender Mann. Man sagt mir, du seist sein Sohn, und du scheinst ein angesehener Mann zu sein; höre daher und achte auf meine Worte. Der Mensch ist das eitelste aller Geschöpfe, die auf Erden weilen. Solange der Himmel ihm Gesundheit und Kraft gewährt, meint er, es werde ihm forthin kein Leid widerfahren, und selbst wenn die seligen Götter Kummer über ihn bringen, trägt er ihn, wie er muss, und macht das Beste daraus; denn der allmächtige Gott gibt den Menschen Tag für Tag ihren täglichen Sinn. Ich weiß dies alles, denn ich war einst ein reicher Mann und tat viel Unrecht in der Verstocktheit meines Hochmuts und im Vertrauen darauf, dass mein Vater und meine Brüder mich stützen würden; darum fürchte ein Mann Gott in allen Dingen allezeit und nehme das Gute, das der Himmel ihm zu senden für gut befindet, ohne eitlen Ruhm. Bedenke die Schande dessen, was diese Freier hier tun; sieh, wie sie das Vermögen verschwenden und die Frau dessen schänden, der gewiss eines Tages zurückkehren wird, und das nicht mehr lange. Ja, er wird bald hier sein; möge der Himmel dich zuvor ruhig nach Hause geleiten, damit du ihm nicht begegnest am Tage seiner Ankunft, denn wenn er erst hier ist, werden die Freier und er nicht ohne Blutvergießen voneinander lassen.“
Mit diesen Worten spendete er ein Trankopfer, und als er getrunken hatte, legte er den goldenen Becher wieder in Amphinomos' Hände, der ernst davonging und den Kopf neigte, denn er ahnte Böses. Doch auch so entging er nicht dem Verderben, denn Pallas Athene hatte ihn bestimmt, durch Telemachos' Hand zu fallen. So nahm er wieder seinen Platz an dem Ort ein, von dem er gekommen war.
Da kam Pallas Athene in den Sinn, Penelope zu bewegen, sich den Freiern zu zeigen, damit sie sich noch mehr in sie verliebten und sie noch mehr Ehre von ihrem Sohn und Gatten gewänne. So tat sie, als lachte sie spöttisch, und sprach: „Eurynome, ich habe meine Meinung geändert und habe Lust, mich den Freiern zu zeigen, obwohl ich sie verabscheue. Ich möchte auch meinem Sohn einen Wink geben, dass er künftig nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben soll. Sie reden freundlich genug, aber sie meinen es böse.“
„Mein liebes Kind“, antwortete Eurynome, „alles, was du gesagt hast, ist wahr; geh und sage es deinem Sohn, aber wasche dich zuerst und salbe dein Antlitz. Laufe nicht mit tränenbedeckten Wangen umher; es ziemt sich nicht, dass du unaufhörlich so trauerst; denn Telemachos, den du immer gebetet hast, mit einem Bart lebend zu sehen, ist bereits ein Mann geworden.“
„Ich weiß, Eurynome“, erwiderte Penelope, „dass du es gut meinst, aber versuche nicht, mich zum Waschen und Salben zu überreden; denn der Himmel hat mir alle Schönheit geraubt an dem Tage, da mein Gatte in die Segel ging; dennoch, sage der Autonoe und der Hippodamia, dass ich sie rufe. Sie sollen bei mir sein, wenn ich in der Säulenhalle bin; ich gehe nicht allein unter die Männer; es schickte sich nicht für mich, dies zu tun.“
Hierauf ging die alte Frau aus dem Gemach, um den Mägden zu sagen, sie sollten zu ihrer Herrin gehen. Inzwischen dachte Pallas Athene an ein anderes Vorhaben und sandte Penelope in süßen Schlummer; so legte sie sich auf ihr Lager, und ihre Glieder wurden schwer vom Schlafe. Da goß die Göttin Anmut und Schönheit über sie aus, dass alle Achaier sie bewunderten. Sie wusch ihr Antlitz mit der ambrosischen Lieblichkeit, die Aphrodite trägt, wenn sie mit den Grazien tanzend einherschreitet; sie machte sie größer und von stattlicherer Gestalt, ihre Haut aber war weißer als geschnittenes Elfenbein. Als Pallas Athene all dies vollbracht hatte, ging sie fort, worauf die Mägde aus dem Frauengemach kamen und Penelope mit ihrem Schwatzen weckten.
„Was für einen überaus süßen Schlaf habe ich gehabt“, sprach sie und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, „trotz all meines Elends. Möchte Artemis mich nur so süß in diesem Augenblick sterben lassen, dass ich nicht länger in Verzweiflung um meinen lieben Gatten schmachten muss, der jede Art guter Eigenschaft besaß und der ausgezeichnetste Mann unter den Achaiern war.“
Mit diesen Worten stieg sie aus ihrem oberen Gemach herab, nicht allein, sondern von zwei ihrer Mägde begleitet, und als sie die Freier erreichte, stellte sie sich bei einem der Pfeiler, die das Dach der Säulenhalle stützten, einen Schleier vor das Antlitz haltend, und zu beiden Seiten eine gesetzte Magd. Als die Freier sie erblickten, wurden sie so hingerissen und so rasend verliebt, dass jeder betete, er möge sie zur Bettgenossin gewinnen.
„Telemachos“, sprach sie und wandte sich an ihren Sohn, „ich fürchte, du bist nicht mehr so besonnen und so wohlerzogen wie ehedem. Als du jünger warst, hattest du mehr Anstandsgefühl; jetzt aber, da du erwachsen bist, obwohl ein Fremder, wenn er dich ansieht, dich der Sohn eines wohlhabenden Vaters nennen würde, was Größe und gutes Aussehen anbelangt, ist dein Betragen bei weitem nicht, wie es sein sollte. Was ist das für ein Aufruhr, der hier stattgefunden hat, und wie konntest du zulassen, dass ein Fremdling so schändlich misshandelt wurde? Was wäre geschehen, wenn er ernstlichen Schaden erlitten hätte als Schützling in unserem Hause? Das wäre gewiss sehr schmachvoll für dich gewesen.“
„Ich wundere mich nicht, meine liebe Mutter“, erwiderte Telemachos, „über deinen Unmut; ich verstehe alles und erkenne, wenn die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten, was ich nicht konnte, als ich jünger war; ich kann mich indessen nicht zu allen Zeiten völlig schicklich benehmen. Bald dieser, bald jener von diesen schlechten Menschen hier bringt mich um den Verstand, und ich habe niemanden, der mir zur Seite steht. Immerhin jedoch ist dieser Kampf zwischen Irus und dem Fremden nicht so ausgegangen, wie es die Freier beabsichtigt hatten, denn der Fremde hat ihn gewonnen. Ich wünschte, Vater Zeus, Pallas und Apollon möchten jedem dieser Freier den Hals brechen, einigen drinnen im Haus und anderen draußen; und ich wünschte, sie alle wären so schlaff wie Irus dort drüben am Tor des äußeren Hofes. Sieh, wie er den Kopf hängen lässt wie ein Betrunkener; er hat solche Prügel bezogen, dass er nicht auf den Füßen stehen noch nach Hause gehen kann, wo immer das auch sein mag, denn er hat keine Kraft mehr in den Gliedern.“
So sprachen sie miteinander. Da trat Eurymachos heran und sprach: „Königin Penelope, Tochter des Ikarios, wenn alle Achaier im iasischen Argos dich in diesem Augenblick sehen könnten, so hättest du morgen früh noch mehr Freier in deinem Hause, denn du bist die bewundernswürdigste Frau in der ganzen Welt, sowohl was körperliche Schönheit als auch was Klugheit des Geistes betrifft.“
Penelope erwiderte: „Eurymachos, der Himmel hat mir alle Schönheit, des Antlitzes wie der Gestalt, geraubt, als die Argiver nach Troja in See stachen und mein lieber Gatte mit ihnen. Kehrte er zurück und besorgte meine Angelegenheiten, so würde ich mehr geachtet werden und der Welt mit besserer Haltung gegenübertreten. So aber bin ich von Sorgen bedrückt und von dem Leid, das der Himmel über mich zu häufen für gut befunden hat. Mein Gatte hat es alles vorausgesehen, und als er von Hause ging, fasste er mein rechtes Handgelenk — ‚Gattin‘, sprach er, ‚wir werden nicht alle heil von Troja heimkehren, denn die Trojaner fechten gut, sowohl mit Bogen als auch mit Speer. Auch im Kampf von den Wagen her sind sie vortrefflich, und nichts entscheidet den Ausgang einer Schlacht schneller als dies. Ich weiß daher nicht, ob der Himmel mich zu dir zurücksenden wird oder ob ich nicht dort vor Troja fallen mag. Indessen sorge du hier für alles. Kümmere dich um meinen Vater und meine Mutter wie bisher und noch mehr während meiner Abwesenheit, doch wenn du siehst, dass unserem Sohn der Bart sprießt, dann vermähle dich, mit wem du willst, und verlasse dein jetziges Heim.' Dies sprach er, und nun geht alles in Erfüllung. Eine Nacht wird kommen, in der ich mich einer Ehe ergeben muss, die ich verabscheue, denn Zeus hat mir alle Hoffnung auf Glück genommen. Dieser weitere Kummer schneidet mir überdies ins Herz. Ihr Freier, ihr umwerbt mich nicht nach der Sitte meines Landes. Wenn Männer um eine Frau werben, die, wie sie glauben, ihnen eine gute Gattin sein wird und die von edler Abkunft ist, und wenn ein jeder sie für sich zu gewinnen sucht, dann pflegen sie Ochsen und Schafe herbeizuführen, um die Freunde der Dame zu bewirten, und sie machen ihr kostbare Geschenke, statt das Eigentum anderer aufzuzehren, ohne es zu bezahlen."
Das war es, was sie sprach, und Odysseus war froh, als er hörte, wie sie versuchte, den Freiern Geschenke abzuschwatzen, und sie mit schönen Worten schmeichelte, die er durchschaute und wusste, dass sie sie nicht meinte.
Da sprach Antinoos: „Königin Penelope, Tochter des Ikarios, nimm so viele Geschenke, wie du willst, von jedem, der sie dir geben will; ein Geschenk zurückzuweisen schickt sich nicht; aber wir werden uns nicht an unser Geschäft machen noch von hier fortgehen, bis du den Besten unter uns geheiratet hast, wer es auch sein mag."
Die anderen billigten, was Antinoos gesagt hatte, und ein jeder sandte seinen Diener, sein Geschenk zu holen. Antinoos' Mann kehrte mit einem großen und prächtigen Gewand zurück, wunderbar fein durchwirkt. Es hatte zwölf kunstvoll gearbeitete Spangen aus reinem Golde, um es zu schließen. Eurymachos brachte sogleich eine herrliche Kette aus goldenen und bernsteinenen Perlen, die wie Sonnenlicht glänzte. Eurydamas' zwei Männer kehrten mit Ohrringen zurück, zu drei leuchtenden Gehängen geformt, die aufs schönste schimmerten; König Pisander, Sohn des Polyktor, schenkte ihr ein Halsband von seltener Arbeit, und jeder andere überreichte ihr ein schönes Geschenk irgendwelcher Art.
Dann ging die Königin zurück in ihr Gemach im Obergeschoss, und ihre Mägde trugen die Geschenke hinter ihr her. Inzwischen begannen die Freier zu singen und zu tanzen und blieben bis zum Abend. Sie sangen und tanzten, bis es dunkel wurde; dann brachten sie drei Kohlenbecken herein, um Licht zu spenden, schichteten sie mit klein gehacktem Brennholz auf, sehr alt und trocken, und zündeten Fackeln daran an, die die Mägde abwechselnd hochhielten. Da sprach Odysseus:
„Mägde, Dienerinnen des Odysseus, der so lange abwesend ist, geht zur Königin ins Haus hinein; setzt euch zu ihr und unterhaltet sie, oder spinnt und zupft Wolle. Ich will diesen allen Leuten hier das Licht halten. Sie mögen bis zum Morgen bleiben, aber sie sollen mich nicht schlagen, denn ich kann viel einstecken."
Die Mägde sahen einander an und lachten, und die hübsche Melantho begann, ihn verächtlich zu verspotten. Sie war eine Tochter des Dolios, aber von Penelope aufgezogen worden, die ihr als Kind Spielzeug zum Spielen gegeben und für sie gesorgt hatte; trotz alledem zeigte sie kein Mitgefühl mit dem Kummer ihrer Herrin und pflegte sich mit Eurymachos zu vergehen, in den sie verliebt war.
„Armer Tropf", sprach sie, „bist du völlig von Sinnen? Geh und schlafe in irgendeiner Schmiede oder einem Ort, wo sich das Volk zum Klatschen trifft, statt hierher zu schwatzen. Schämtst du dich nicht, vor deinen Vorgesetzten den Mund aufzumachen — und vor so vielen noch dazu? Ist dir der Wein in den Kopf gestiegen, oder schwatzest du immer so? Du scheinst den Verstand verloren zu haben, weil du den Landstreicher Irus geschlagen hast; nimm dich in acht, dass nicht ein Besserer als er kommt und dich so verprügelt, dass er dich blutend aus dem Hause jagt."
„Füchsin", erwiderte Odysseus und funkelte sie an, „ich werde hingehen und dem Telemachos erzählen, was du gesagt hast, und der wird dich Glied für Glied zerreißen lassen."
Mit diesen Worten erschreckte er die Frauen, und sie gingen ins Innere des Hauses. Sie zitterten am ganzen Leibe, denn sie glaubten, er werde tun, wie er gesagt hatte. Odysseus aber stellte sich bei den brennenden Kohlenbecken auf, hielt die Fackeln hoch und betrachtete die Leute — indessen brütend über Dinge, die sicheren Laufes geschehen sollten.
Doch Pallas Athene ließ die Freier keinen Augenblick in ihrer Frechheit nachlassen, denn sie wollte, dass Odysseus noch erbitterter gegen sie werde; darum stachelte sie Eurymachos, den Sohn des Polybos, an, ihn zu verspotten, was die anderen lachen machte. „Hört mich an", sprach er, „ihr Freier der Königin Penelope, damit ich ausspreche, was ich im Sinne habe. Nicht umsonst ist dieser Mann in das Haus des Odysseus gekommen; ich glaube, das Licht kommt nicht von den Fackeln, sondern von seinem eigenen Kopfe — denn sein Haar ist ihm ausgegangen, jedes bisschen."
Dann wandte er sich an Odysseus und sprach: „Fremdling, willst du als Knecht arbeiten, wenn ich dich auf die Ödländereien schicke und dafür sorge, dass du gut bezahlt wirst? Kannst du eine Steinmauer bauen oder Bäume pflanzen? Ich will dich das ganze Jahr über verköstigen und dir Schuhe und Kleidung geben. Willst du also gehen? Du nicht; denn du bist auf schlimme Pfade geraten und willst nicht arbeiten; du willst lieber deinen Bauch füllen, indem du im Lande herum bettelst."
„Eurymachos", antwortete Odysseus, „wenn du und ich im Frühsommer, wenn die Tage am längsten sind, gegeneinander arbeiten wollten — gib mir eine gute Sense und nimm du eine andere, und lass uns sehen, wer von uns am längsten durchhält oder am stärksten mäht, vom Morgen bis zum Dunkelwerden, wenn das Mähgras in Hülle und Fülle steht. Oder wenn du gegen mich pflügen willst, so lass uns jeder ein Joch rötlicher Ochsen nehmen, gut gepaart und von großer Stärke und Ausdauer: führe mich auf ein Feld von vier Morgen, und sieh, ob du oder ich die geradere Furche ziehen kann. Wenn ferner heute Krieg ausbräche, gib mir einen Schild, zwei Speere und einen Helm, der gut auf meine Schläfen passt — du würdest mich an vorderster Front im Kampf finden und würdest aufhören, über meinen Bauch zu spotten. Du bist frech und grausam und hältst dich für einen großen Mann, weil du in einer kleinen Welt lebst, und noch dazu in einer schlechten. Wenn Odysseus in sein Eigentum zurückkehrt, stehen ihm die Türen seines Hauses weit offen, aber du wirst sie eng finden, wenn du zu fliehen versuchst."
Eurymachus war wütend über all dies. Er funkelte ihn an und rief: „Du Elender, ich werde dich bald dafür bestrafen, dass du es wagst, mir solche Dinge zu sagen, und noch dazu vor aller Öffentlichkeit. Ist dir der Wein in den Kopf gestiegen, oder schwatzest du immer so? Du scheinst den Verstand verloren zu haben, weil du den Landstreicher Irus geschlagen hast." Damit ergriff er einen Fußschemel, doch Odysseus suchte Schutz an den Knien des Amphinomos von Dulichion, denn er fürchtete sich. Der Schemel traf den Mundschenk an der rechten Hand und schleuderte ihn nieder: der Mann fiel mit einem Schrei flach auf den Rücken, und sein Weinkrug fiel klirrend zu Boden. Die Freier im überdachten Säulengang waren nun in Aufruhr, und einer wandte sich zum Nachbarn und sprach: „Ich wünschte, der Fremdling wäre anderswohin gegangen, zum Unglück für ihn, bei all dem Ärger, den er uns macht. Wir können solche Störung wegen eines Bettlers nicht dulden."
So sprach er, und sein Wort gefiel ihnen wohl, und Mulios aus Dulichion, der Diener des Amphinomos, mischte ihnen eine Schale Wein und Wasser und reichte sie der Reihe nach jedem einzelnen hin, woraufhin sie den seligen Göttern ihre Trankspenden darbrachten. Dann aber, als sie ihre Trankspenden vollbracht und jeder nach Herzenslust getrunken hatte, gingen sie ihres Weges, ein jeder in seine eigene Behausung.
NEUNZEHNTES BUCH
TELEMACH UND ODYSSEUS SCHAFFEN DIE RÜSTUNG BEISEITE — ODYSSEUS SPRICHT MIT PENELOPE — EURYKLEA WÄSCHT IHM DIE FÜSSE UND ERKENNT DIE NARBE AN SEINEM BEIN — PENELOPE ERZÄHLT ODYSSEUS IHREN TRAUM.
Odysseus war im Säulengang zurückgeblieben und sann darüber nach, wie er mit Athenes Hilfe die Freier töten könne. Bald sprach er zu Telemach: „Telemach, wir müssen die Rüstung zusammenholen und sie hinunter in den Speicher schaffen. Wenn dich die Freier fragen, weshalb du sie fortgeräumt hast, so gib irgendeine Auskunft. Sag, du habest sie fortgetan, um sie vor dem Rauch zu schützen, da sie nicht mehr sei, was sie war, als Odysseus fortging, sondern voller Ruß und geschwärzt. Füge namentlich hinzu, du fürchtest, Zeus möge sie im Rausch einander haderig werden lassen, so dass sie sich gegenseitig etwas antun, was sowohl Gelage als auch Werbung in Schande brächte; denn der Anblick von Waffen reizt die Leute zuweilen, sie zu gebrauchen."
Telemach billigte, was sein Vater gesagt hatte, und rief die Amme Eurykleia und sprach: „Amme, schließ die Frauen in ihre Kammer ein, während ich die Rüstung, die mein Vater zurückließ, hinunter in den Speicher trage. Niemand achtet ihrer, nun mein Vater nicht mehr ist, und sie ist mir in meiner Knabenzeit ganz rußig geworden. Ich will sie dort hinunterbringen, wo der Rauch sie nicht erreichen kann."
„Ach, mein Kind," antwortete Eurykleia, „wolltest du doch das ganze Haus in deine eigene Hand nehmen und all das Gut selbst verwalten. Doch wer soll dich begleiten und dir im Speicher leuchten? Die Mägde würden es tun, doch du lässt sie ja nicht zu."
„Der Fremdling," sprach Telemach, „soll mir leuchten; wer mein Brot isst, muss es auch verdienen, gleichviel woher er kommt."
Eurykleia tat, wie ihr geheißen, und schloss die Frauen in ihrer Kammer ein. Dann schafften Odysseus und sein Sohn in aller Eile die Helme, Schilde und Speere hinein; und Athene ging vor ihnen her mit einer goldenen Lampe in der Hand, die einen sanften und hellen Schein verbreitete. Da sprach Telemach: „Vater, meine Augen schauen ein großes Wunder: die Wände samt den Querbalken, den Sparren und den Stützen, auf denen sie ruhen, glühen allesamt wie von loderndem Feuer. Gewiss ist irgendein Gott hier, der vom Himmel herabgestiegen ist."
„Still," antwortete Odysseus, „schweig und frage nicht, denn dies ist die Art der Götter. Geh zu Bett und lass mich hier mit deiner Mutter und den Mägden reden. Deine Mutter wird in ihrer Trauer allerlei Fragen an mich richten."
Hierauf ging Telemach bei Fackelschein auf die andere Seite des inneren Hofes, in die Kammer, in der er immer schlief. Dort ruhte er auf seinem Lager bis zum Morgen, während Odysseus im Säulengang zurückblieb und darüber sann, wie er mit Athenes Hilfe die Freier töten könne.
Da kam Penelope aus ihrer Kammer herab, Venus oder Diana gleichend, und man stellte ihr einen mit silbernen und elfenbeinernen Zierleisten eingelegten Sessel am Feuer an ihrer gewohnten Stätte. Ikmalius hatte ihn verfertigt, und ein Schemel war mit dem Sessel aus einem Stück; und er war mit einem dicken Vlies bedeckt: hierauf nahm sie nun Platz, und die Mägde kamen aus der Frauenkammer, um sich zu ihr zu gesellen. Sie machten sich daran, die Tische abzuräumen, an denen die ruchlosen Freier gespeist hatten, und trugen das übrige Brot weg samt den Bechern, aus denen sie getrunken hatten. Sie leerten die Glut aus den Kohlenbecken und schichteten viel Holz darüber, um Licht und Wärme zu spenden; doch Melantho begann, Odysseus zum zweiten Male zu schmähen und sprach: „Fremdling, willst du uns noch länger plagen, indem du hier im Haus herumhängst und die Frauen belauerst? Hau ab, du Elender, hinaus, und iss dein Abendbrot dort, sonst wird man dich mit einem Feuerbrand hinausjagen."
Odysseus blickte sie finster an und antwortete: „Meine Gute, warum bist du so erzürnt mit mir? Ist es, weil ich nicht reinlich bin und meine Kleider alle zerlumpt, und weil ich bettelnd umherziehen muss nach der Art der Landstreicher und Bettler überhaupt? Auch ich war einst ein reicher Mann und besaß ein schönes Haus; in jenen Tagen gab ich manchem Landstreicher, wie ich nun einer bin, was er auch immer sein mochte und was er auch wünschte. Ich hatte Diener in Menge und all das Übrige, was Leute haben, die gut leben und als wohlhabend gelten; doch Zeus gefiel es, mir all das zu nehmen; darum, Frau, hüte dich, dass nicht auch du jene Hoheit und jenen Rang verlierst, in denen du dich nun über deine Genossinnen erhebst; gib acht, dass du nicht bei deiner Herrin in Ungnade fällst, und dass nicht Odysseus heimkehre, denn es besteht immerhin die Möglichkeit, dass er es doch tut. Obendrein, wenn er auch, wie du meinst, tot ist, so hat er doch durch Apollons Willen einen Sohn hinterlassen, Telemach, der jede Missetat der Mägde im Hause bemerken wird; denn er ist nicht mehr in den Kinderschuhen."
Penelope hörte, was er sagte, und schalt die Magd: „Unverschämtes Ding," sprach sie, „ich sehe, wie abscheulich du dich aufführst, und du sollst dafür büßen. Du wusstest ganz genau, denn ich habe es dir selbst gesagt, dass ich den Fremdling sehen und ihn nach meinem Gatten fragen wollte, um dessentwillen ich in solch beständigem Schmerz bin."
Dann sprach sie zu ihrer obersten Kammerfrau Eurynome: „Bring einen Sessel mit einem Vlies darauf, damit der Fremdling darauf sitzen und seine Geschichte erzählen und auf das hören kann, was ich zu sagen habe. Ich möchte ihm einige Fragen stellen."
Eurynome brachte den Sessel sofort herbei und legte ein Vlies darauf, und sobald Odysseus Platz genommen hatte, begann Penelope: „Fremdling, zuerst will ich dich fragen, wer du bist und woher du kommst. Sage mir deine Heimat und deine Eltern."
„Herrin," antwortete Odysseus, „wer auf der ganzen Erde dürfte es wagen, dir zu widersprechen? Dein Ruhm reicht bis zum Firmament des Himmels selbst; du gleichst einem tadellosen König, der die Gerechtigkeit aufrechterhält als Herrscher über ein großes und tapferes Volk: die Erde trägt Weizen und Gerste, die Bäume biegen sich unter der Frucht, die Schafe gebären Lämmer, und das Meer wimmelt von Fischen um seiner Tugend willen, und sein Volk vollbringt unter ihm gute Taten. Doch wie ich hier in deinem Hause sitze, frage mich etwas anderes und forsche nicht nach meinem Geschlecht und meiner Familie, sonst rufst du Erinnerungen wach, die meinen Schmerz nur noch vermehren werden. Ich bin voll Betrübnis, doch darf ich nicht in eines anderen Haus weinend und klagend sitzen, noch steht es mir an, so unablässig zu trauern. Eine der Mägde oder gar du selbst könnten sich über mich beklagen und sagen, meine Augen schwämmen in Tränen, weil ich vom Wein schwer bin."
Da antwortete Penelope: „Fremdling, der Himmel hat mir alle Schönheit geraubt, an Antlitz und Gestalt, als die Argiver nach Troja in See stachen und mein teurer Gatte mit ihnen. Kehrte er zurück und kümmerte sich um mein Haus, ich würde mehr geachtet und stünde vor der Welt in besserem Ansehen. So aber bin ich von Sorge bedrückt und von den Leiden, die der Himmel mir aufzuerlegen geruht hat. Die Fürsten von all unseren Inseln — Dulichion, Same und Zakynthos, wie auch aus Ithaka selbst — werben um mich gegen meinen Willen und zehren mein Vermögen auf. So kann ich weder Fremden noch Schutzflehenden noch Leuten, die sagen, sie seien geschickte Handwerker, Aufmerksamkeit schenken, sondern bin allezeit wegen Odysseus gebrochenen Herzens. Sie wollen, dass ich sogleich wieder heirate, und ich muss Listen ersinnen, um sie zu täuschen. Zuerst gab mir der Himmel ein, einen großen Webstuhl in meiner Kammer aufzustellen und mit einem überaus großen Stück feiner Nadelarbeit zu beginnen. Dann sprach ich zu ihnen: ‚Liebsten, Odysseus ist zwar wirklich tot, doch drängt mich nicht, sogleich wieder zu heiraten; wartet — denn ich möchte nicht, dass meine Kunst in Nadelarbeit unverzeichnet verloren gehe — bis ich das Totengewand für den Helden Laertes vollendet habe, das zur Hand sei, wenn der Tod ihn dahinrafft. Er ist sehr reich, und die Frauen des Ortes werden reden, wenn er ohne ein solches Totengewand aufgebahrt wird.' Das sprach ich, und sie willigten ein; woraufhin ich tagsüber unablässig an meinem großen Gewebe arbeitete, nachts aber bei Fackelschein die Stiche wieder auftrennte. So täuschte ich sie drei Jahre lang, ohne dass sie es merkten; doch als die Zeit verrann und ich nun im vierten Jahre stand, im abnehmenden Mond, und viele Tage vollendet waren, da verrieten mich diese nichtsnutzigen Weiber, meine Mägde, den Freiern, die über mich herfielen und mich ertappten; sie waren sehr zornig auf mich, so dass ich meine Arbeit vollenden musste, ob ich wollte oder nicht. Und nun sehe ich nicht, wie ich fernerhin einen Ausweg finden könnte, um dieser Ehe zu entrinnen. Meine Eltern setzen mir schwer zu, und mein Sohn empört sich über den Raubbau, den die Freier an seinem Erbe treiben; denn er ist nun alt genug, alles zu verstehen, und durchaus fähig, seine eigenen Angelegenheiten selbst zu besorgen, denn der Himmel hat ihm einen vortrefflichen Charakter verliehen. Doch ungeachtet all dessen, sage mir, wer du bist und woher du kommst — denn Vater und Mutter musst du doch irgendwelche gehabt haben; du kannst nicht der Sohn einer Eiche oder eines Felsens sein."
Da antwortete Odysseus: „Herrin, Gattin des Odysseus, da du darauf bestehst, mich nach meinem Geschlecht zu fragen, will ich antworten, was es mich auch kosten mag; man muss darauf gefasst sein, Schmerz zu erleiden, wenn man so lange verbannt war wie ich und unter so vielen Völkern so viel erduldet hat. Indessen, was deine Frage betrifft, will ich dir alles sagen, was du begehrst. Es gibt eine schöne und fruchtbare Insel im Meer mitten inne, Kreta genannt; sie ist dicht bevölkert und hat neunzig Städte; die Leute sprechen viele verschiedene Sprachen, die einander überschneiden, denn dort gibt es Achäer, tapfere Eteokreter, Dorier dreifachen Stammes und edle Pelasger. Dort ist eine große Stadt, Knossos, wo Minos herrschte, der alle neun Jahre mit Zeus selbst Zwiesprache hielt. Minos war der Vater des Deukalion, dessen Sohn ich bin; denn Deukalion hatte zwei Söhne, Idomeneus und mich. Idomeneus segelte nach Troja, und ich, der Jüngere, heiße Aithon; mein Bruder indes war zugleich der Ältere und der Tapferere von beiden. Daher war es in Kreta, dass ich Odysseus sah und ihm Gastfreundschaft gewährte; denn die Winde verschlugen ihn dorthin, als er auf dem Wege nach Troja war, trugen ihn vom Kap Maleia ab und ließen ihn in Amnisos vor der Höhle der Eileithyia stranden, wo die Häfen schwer anzulaufen sind und er kaum Schutz vor den damals wütenden Winden finden konnte. Sobald er dort anlangte, ging er in die Stadt und fragte nach Idomeneus, gab sich als dessen alter und geschätzter Freund aus; doch Idomeneus war schon etwa zehn oder zwölf Tage zuvor nach Troja in See gestochen, so nahm ich ihn in mein eigenes Haus auf und erwies ihm alle Arten von Gastfreundschaft, denn ich hatte Überfluss an allem. Darüber hinaus speiste ich seine Leute mit Gerstenmehl aus dem öffentlichen Speicher und sammelte Beiträge an Wein und Rindern für sie ein, damit sie nach Herzenslust opfern konnten. Zwölf Tage blieben sie bei mir, denn es wehte ein Nordsturm, so stark, dass man sich an Land kaum auf den Füßen halten konnte. Ich vermute, irgendein feindseliger Gott hatte ihn für sie erregt; doch am dreizehnten Tage legte sich der Wind, und sie kamen davon."
Viele noch klangreiche Geschichten erzählte Odysseus ihr ferner, und Penelope weinte, während sie zuhörte, denn ihr Herz war erweicht. Wie der Schnee auf den Berggipfeln schmilzt, wenn die Winde aus Südost und West über ihn geweht und ihn getaut haben, bis die Ströme ufervoll mit Wasser laufen, so ergossen sich ihre Wangen in Tränen um den Gatten, der die ganze Zeit an ihrer Seite saß. Odysseus empfand Mitleid mit ihr und war ihrer Trauer wegen bekümmert, doch hielt er seine Augen hart wie Horn oder Eisen, ohne sie auch nur zucken zu lassen, so listig hielt er seine Tränen zurück. Dann, als sie sich durch Weinen Erleichterung verschafft hatte, wandte sie sich wieder zu ihm und sprach: „Nun, Fremdling, will ich dich auf die Probe stellen und sehen, ob du meinen Gatten und seine Leute wirklich bewirtet hast, wie du sagst. Sage mir denn, wie er gekleidet war, was für ein Mann er war anzusehen, und ebenso auch seine Gefährten."
„Herrin," antwortete Odysseus, „es ist so lange her, dass ich es kaum sagen kann. Zwanzig Jahre sind gekommen und gegangen, seit er mein Haus verließ und anderswohin fuhr; doch will ich es dir so gut sagen, wie ich mich entsinnen kann. Odysseus trug einen Mantel aus purpurner Wolle, doppelt gefüttert, und er wurde mit einer goldenen Spange mit zwei Verschlüssen für die Nadel geschlossen. Auf ihrer Fläche zeigte sich ein Bild, das einen Hund darstellte, der einen gefleckten Hirsch zwischen den Vorderpfoten hielt und ihn betrachtete, wie er am Boden keuchend dalag. Jedermann staunte über die Art, wie diese Dinge in Gold ausgeführt waren: der Hund, der den Hirsch packte und erwürgte, während der Hirsch sich krampfhaft zu befreien suchte. Was aber das Hemd betrifft, das er auf der Haut trug, so war es so weich, dass es ihm wie die Schale einer Zwiebel anlag und im Sonnenlicht glänzte, zum Staunen aller Frauen, die es erblickten. Ferner sage ich und lege dir meine Rede ans Herz: ich weiß nicht, ob Odysseus diese Kleider trug, als er von Hause fortging, oder ob einer seiner Gefährten sie ihm während der Fahrt geschenkt hatte; oder vielleicht schenkte sie ihm jemand, bei dem er zu Gast war; denn er war ein Mann vieler Freunde und hatte wenige Gleichgestellte unter den Achäern. Ich selbst gab ihm ein Schwert aus Erz und einen schönen purpurnen Mantel, doppelt gefüttert, mit einem Hemd, das ihm bis zu den Füßen reichte, und ich geleitete ihn mit allen Ehren an Bord seines Schiffes. Er hatte einen Diener bei sich, ein wenig älter als er selbst, und ich kann dir sagen, wie er aussah: seine Schultern waren bucklig, er war dunkel und hatte dickes krauses Haar. Sein Name war Eurybates, und Odysseus behandelte ihn vertrauter als alle anderen, da er ihm am meisten gleichgesinnt war."
Penelope ward was noch tiefer ergriffen, als sie die untrüglichen Beweise hörte, die Odysseus ihr vorlegte; und als sie erneut in Tränen Erleichterung gefunden hatte, sprach sie zu ihm: „Fremdling, ich war bereits geneigt, dich zu bemitleiden, doch fortan sollst du in meinem Hause geehrt und willkommen sein. Ich war es, die Odysseus die Kleider gab, von denen du sprichst. Ich holte sie selbst aus der Kammer und faltete sie zusammen, und ich gab ihm auch die goldene Spange als Schmuck zu tragen. Ach! Nie werde ich ihn wieder daheim willkommen heißen. Durch ein böses Geschick ist er je in jene verhasste Stadt gezogen, deren bloßen Namen ich nicht einmal auszusprechen vermag."
Da antwortete Odysseus: „Herrin, Gattin des Odysseus, entstelle dich nicht noch weiter, indem du deinem Verlust so bitterlich nachtrauerst, obwohl ich dich kaum dafür schelten kann. Eine Frau, die ihren Gatten geliebt und ihm Kinder geboren hat, würde ihn naturgemäß betrauern, selbst wenn er ein schlechterer Mann wäre als Odysseus, der, wie man sagt, einem Gotte glich. Doch lass deine Tränen und höre, was ich dir sagen kann. Ich will dir nichts verbergen und kann mit voller Wahrheit sagen, dass ich unlängst vernommen habe, Odysseus sei am Leben und auf dem Heimweg; er ist bei den Thesprotern und bringt viele wertvolle Schätze mit, die er von dem einen und dem anderen erbettelt hat; doch sein Schiff und seine ganze Mannschaft gingen verloren, als sie die Thrinakische Insel verließen, denn Zeus und der Sonnengott waren ihm zürnend, weil seine Leute die Rinder des Sonnengottes geschlachtet hatten, und sie ertranken allesamt. Odysseus aber klammerte sich an den Kiel des Schiffes und wurde an die Küste der Phäaken verschlagen, die den Unsterblichen nahe verwandt sind und ihn behandelten, als wäre er ein Gott, gaben ihm viele Geschenke und wünschten, ihn sicher nach Hause zu geleiten. In der Tat wäre Odysseus schon längst hier, hätte er es nicht vorgezogen, von Land zu Land zu ziehen und Reichtümer zu sammeln; denn es gibt keinen Lebenden, der so verschlagen ist wie er; niemand kann sich mit ihm vergleichen. Pheidon, der König der Thesproter, erzählte mir all dies, und er schwor mir — wobei er in seinem Hause Trankspenden darbrachte — dass das Schiff am Wasser liege und die Mannschaft bereit sei, die Odysseus in seine Heimat bringen werde. Er sandte mich zuerst ab, denn gerade lag ein thesprotisches Schiff segelbereit nach der weizenreichen Insel du Dilichion; doch zeigte er mir all die Schätze, die Odysseus zusammengetragen hatte, und er hatte so viel im Hause des Königs Pheidon liegen, dass es seine Familie zehn Generationen lang ernähren könnte; doch der König sagte, Odysseus sei nach Dodona gegangen, um Jupiters Willen von der hohen Eiche zu erforschen und zu erfahren, ob er nach so langer Abwesenheit offen oder heimlich nach Ithaka zurückkehren solle. So magst du wissen, dass er in Sicherheit ist und bald hier sein wird; er ist ganz in der Nähe und kann nicht lange von zu Hause fortbleiben; gleichwohl will ich meine Worte mit einem Eide bekräftigen und Jupiter, den ersten und mächtigsten aller Götter, zum Zeugen anrufen, wie auch jenen Herd des Odysseus, zu dem ich nun gekommen bin, dass alles, was ich gesprochen habe, sichere erfüllen wird. Odysseus wird noch in diesem selben Jahre zurückkehren; mit dem Ende dieses Mondes und dem Anfang des nächsten wird er hier sein."
„Möge es so sein," antwortete Penelope, „wenn deine Worte wahr werden, sollst du solche Geschenke und solche Gunst von mir empfangen, dass alle, die dich sehen, dir Glück wünschen werden; doch ich weiß nur zu gut, wie es sein wird. Odysseus wird nicht zurückkehren, und auch du wirst von hier nicht weiter geleitet werden, denn so wahr Odysseus je war, so wahr gibt es jetzt keine solchen Herren mehr im Hause, wie er einer war, die ehrenvolle Fremde aufnehmen oder sie auf ihrer Heimreise weiter fördern würden. Und nun, ihr Mägde, waschet ihm die Füße und bereitet ihm ein Lager auf einer Kline mit Teppichen und Decken, damit er bis zum Morgen warm und ruhig sei. Dann, bei Tagesanbruch, wascht ihn nochmals und salbt ihn, damit er im Säulengang sitzen und mit Telemach speisen könne. Es soll jeder von diesen verhassten Leuten, die ihm unhöflich begegnen, übel daran tun; ob es ihm passt oder nicht, er soll in diesem Hause nichts mehr zu schaffen haben. Denn wie, Herr, sollt ihr wohl erkennen können, ob ich anderen meines Geschlechts an Herzensgüte und Verstand überlegen bin, wenn ich euch in meinen Säulenhallen schmutzig und schlecht gekleidet speisen lasse? Die Menschen leben nur eine kleine Weile; sind sie hart und handeln hart, so wünschen ihnen die Leute Übles, solange sie leben, und reden verächtlich von ihnen, wenn sie tot sind; wer aber gerecht ist und gerecht handelt, von dem rühmen die Leute sein Lob in allen Landen, und viele werden ihn seligpreisen."
Odysseus antwortete: „Herrin, ich habe Decken und Felle verschmoren, seitdem ich die schneereichen Höhen Kretas verließ, um mich an Bord zu begeben. Ich will ruhen, wie ich so manches schlaflose Nacht hindurch geruht habe. Nacht um Nacht habe ich auf hartem Lager zugebracht und den Morgen erwartet. Auch dulde ich es nicht, daß man mir die Füße wäscht; ich will keiner der jungen Dirnen in eurem Hause gestatten, mich anzurühren; ist aber eine alte ehrbare Frau bei euch, die so viel Leid erfahren hat wie ich, so will ich ihr erlauben, mir die Füße zu waschen."
Da sprach Penelope: „Lieber Fremdling, von allen Gästen, die jemals mein Haus betraten, hat keiner in allem so rechtschaffen gesprochen wie du. Es ist im Hause eine gar ehrbare alte Frau — dieselbe, die meinen armen teuren Gatten in ihren Armen empfing in der Nacht, da er geboren ward, und die ihn in seiner Kindheit genährt hat. Sie ist nun sehr altersschwach, doch soll sie dir die Füße waschen." — „Komm herbei," sprach sie, „Eurykleia, und wasche deines Herrn Altersgenossen; Odysseus' Hände und Füße, denke ich, werden jetzt wohl nicht gar sehr anders sein als die seinen, denn die Not läßt uns alle furchtbar schnell altern."
Bei diesen Worten bedeckte die Alte ihr Antlitz mit den Händen; sie begann zu weinen und klagte: „Mein teures Kind, ich weiß wahrlich nicht, was ich mit dir anfangen soll. Keiner, dessen bin ich gewiß, war jemals gottesfürchtiger als du, und doch haßt dich Zeus. Keiner auf der ganzen Welt hat ihm je mehr Schenkelknochen verbrannt noch ihm schönere Hekatomben dargebracht, als du flehtest, du möchtest selbst ein grünes Alter erreichen und deinen Sohn heranwachsen sehen, dir gleich; und sieh nur, wie er dich allein daran gehindert hat, je wieder in dein eigenes Haus zu gelangen. Ich zweifle nicht, daß die Frauen in irgendeinem fremden Palaste, in den Odysseus geraten ist, ihn verspotten, wie diese leichtfertigen Dirnen hier dich verspottet haben. Ich wundere mich nicht, daß du dich nicht von ihnen waschen lassen willst nach all der Schmach, die sie dir angetan haben; ich selbst will dir herzlich gern die Füße waschen, wie Penelope befohlen hat; ich will sie dir waschen, Penelopes wegen und deinetwillen, denn du hast das innigste Mitleid in mir erweckt; und höre noch eins, worauf ich dich bitten möchte, achten zu geben: mancherlei bedrängte Fremdlinge sind schon zuvor hier eingekehrt, doch ich darf kühnlich sagen, daß keiner je kam, der Odysseus an Gestalt, Stimme und Füßen so gliche wie du."
„Die uns beide gesehen haben," antwortete Odysseus, „haben stets gesagt, wir glichen einander auf wunderbare Weise, und auch du hast es nun bemerkt."
Da nahm die Alte den Kessel, in dem sie ihm die Füße waschen wollte, und goß reichlich kaltes Wasser hinein, fügte heißes bei, bis das Bad lau genug war. Odysseus saß beim Feuer, doch alsbald wandte er sich ab vom Lichte, denn es kam ihm in den Sinn, daß die Alte, wenn sie sein Bein in Händen hielte, eine gewisse Narbe erkennen würde, die es trug, worauf die ganze Wahrheit ans Licht käme. Und fürwahr, sobald sie ihren Herrn zu waschen begann, erkannte sie sogleich die Narbe, die ihm ein wilder Eber geschlagen hatte, als er auf dem Parnaß mit seinem vortrefflichen Großvater Autolykos jagte — der der geschickteste Dieb und Meineidige auf der ganzen Welt war — und mit Autolykos' Söhnen. Hermes selbst hatte ihm diese Gabe verliehen, denn er pflegte ihm Schenkelknochen von Böcken und Zicklein zu verbrennen, darum er seine Gesellschaft liebte. Es begab sich einst, daß Autolykos nach Ithaka kam und das neugeborene Kind seiner Tochter fand. Sobald er das Mahl beendet hatte, setzte Eurykleia den Säugling auf seine Knie und sprach: „Autolykos, du mußt deinem Enkel einen Namen geben; du hast sehr gewünscht, einen zu haben."
„Schwiegersohn und Tochter," antwortete Autolykos, „nennet das Kind also: ich bin sehr ungehalten über gar viele Menschen hier und dort, Männer wie Frauen; so gebt ihm den Namen ‚Odysseus' oder ‚Sohn des Zorns'. Wenn er heranwächst und seine Mutterfamilie auf dem Parnaß besucht, wo meine Habe liegt, will ich ihm ein Geschenk machen und ihn froh heimziehen lassen."
Odysseus ging also zum Parnaß, um die Geschenke von Autolykos zu empfangen, der mit seinen Söhnen ihm die Hände schüttelte und ihn willkommen hieß. Seine Großmutter Amphithea schloß ihn in die Arme, küßte ihm Haupt und beide schönen Augen, während Autolykos seine Söhne hieß, das Mahl zu rüsten, und sie taten, wie er gebot. Sie führten einen fünfjährigen Stier herein, zogen ihm die Haut ab, richteten ihn zu und zerlegten ihn in Teile; diese zerstückten sie dann sorgfältig in kleinere Stücke und steckten sie auf den Spieß; sie brieten sie gar und trugen die Portionen auf. So schmausten sie den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang, und ein jeder bekam seinen vollen Anteil, so daß alle gesättigt waren; als aber die Sonne unterging und es dunkel ward, begaben sie sich zur Ruhe und genossen der Wohltat des Schlafes.
Als des Morgens Kind, die rosenfingrige Eos, erschien, gingen Autolykos' Söhne mit ihren Hunden auf die Jagd, und Odysseus ging mit ihnen. Sie stiegen die bewaldeten Hänge des Parnaß hinan und erreichten bald seine windigen Hochtäler; als aber die Sonne begann, die Fluren zu bescheinen, frisch aufgestiegen aus den stillen Strömungen des Okeanos, kamen sie zu einer Bergschlucht. Die Hunde waren voraus und suchten die Fährte des gejagten Tieres, und hinter ihnen kamen Autolykos' Söhne, unter ihnen Odysseus, dicht hinter den Hunden, und er hielt einen langen Speer in der Hand. Hier war der Lager eines gewaltigen Ebers in dichtem Gesträuch, so dicht, daß weder Wind noch Regen hindurchdrangen noch der Strahl der Sonne es durchbohren konnte, und der Boden darunter lag dick von gefallenem Laub. Der Eber vernahm das Geräusch der Männerfüße und das Bellen der Hunde von allen Seiten, als die Jäger sich ihm näherten; da stürzte er aus seinem Lager, sträubte die Borsten am Nackenum und stellte sich zur Wehr, daß das Feuer ihm aus den Augen sprühte. Odysseus war der erste, den Speer zu erheben und ihn dem Tiere einzubohren, doch der Eber war schneller als er und rannte ihn seitlich an, riß ihm oberhalb des Knies eine tiefe Wunde, die indes nicht bis auf den Knochen drang. Den Eber traf Odysseus an der rechten Schulter, und die Spitze des Speeres ging ihm mitten hindurch, so daß er stöhnend in den Staub sank, bis ihm das Leben entwich. Autolykos' Söhne kümmerten sich um den Kadaver des Ebers und verbanden Odysseus' Wunde; dann sprachen sie einen Zauber, die Blutung zu stillen, und kehrten so schnell sie konnten nach Hause. Als aber Autolykos und seine Söhne Odysseus gänzlich geheilt hatten, machten sie ihm prächtige Geschenke und entließen ihn mit gegenseitigem Wohlwollen nach Ithaka. Als er zurückkam, freuten sich Vater und Mutter, ihn zu sehen, und fragten ihn nach allem und wie er sich die Narbe geholt habe; da erzählte er ihnen, wie ihn der Eber angefallen habe, als er mit Autolykos und seinen Söhnen auf dem Parnaß auf der Jagd gewesen sei.
Sobald Eurykleia das narbige Glied in ihren Händen hielt und es recht umfaßt hatte, erkannte sie es und ließ den Fuß fallen. Das Bein fiel in das Bad, das erklang und umstürzte, so daß alles Wasser auf die Erde schoß; Eurykleia standen vor Freude und Schmerz die Augen voller Tränen, und sie konnte nicht sprechen, doch ergriff sie Odysseus am Bart und sprach: „Mein teures Kind, du mußt Odysseus selbst sein, ich erkannte dich nur nicht, bis ich dich wirklich betastet und berührt hatte."
Indem sie so sprach, blickte sie nach Penelope hin, als wollte sie ihr sagen, daß ihr teurer Gatten im Hause sei; doch Penelope vermochte nicht dorthin zu schauen und zu bemerken, was vorging, denn Athene hatte ihre Aufmerksamkeit abgelenkt; da faßte Odysseus Eurykleia mit der rechten Hand an der Kehle und zog sie mit der linken an sich und sprach: „Amme, willst du mein Verderben sein, du, die mich an ihrer Brust genährt hat, nun da ich nach zwanzig Jahren des Umherirrens endlich in mein eigenes Haus gekommen bin? Da es dir vom Himmel eingegeben ist, mich zu erkennen, schweige und sage kein Wort hiervon zu irgend jemand im Hause; tust du es dennoch, so sage ich dir — und es soll gewiß geschehen — wenn der Himmel mir gewährt, die Freier zu töten, werde ich auch dich nicht schonen, obgleich du meine eigene Amme bist, wenn ich die übrigen Frauen niedermache."
„Mein Kind," antwortete Eurykleia, „was redest du? Du weißt wohl, daß mich nichts beugen noch brechen kann. Ich will schweigen wie ein Stein oder ein Stück Eisen; dazu laß mich sagen und merke dir meine Worte: wenn der Himmel die Freier in deine Hand gegeben hat, will ich dir ein Verzeichnis der Frauen im Hause geben, die sich schlecht betragen haben, und derer, die schuldlos sind."
Odysseus antwortete: „Amme, du solltest so nicht sprechen; ich vermag mir mein eigenes Urteil über sie alle zu bilden; schweige und überlaß alles dem Himmel."
Wie er dies sprach, ging Eurykleia aus der Vorhalle, um mehr Wasser zu holen, denn das erste war ganz verschüttet; und als sie ihn gewaschen und mit Öl gesalbt hatte, rückte Odysseus seinen Sitz näher zum Feuer, sich zu wärmen, und verbarg die Narbe unter seinen Lumpen. Da begann Penelope zu ihm zu reden und sprach:
„Fremdling, ich möchte kurz mit dir über eine andere Sache sprechen. Es ist freilich fast Zeit zum Schlafengehen — wenigstens für die, welche trotz ihres Kummers schlafen können. Mir aber hat der Himmel ein Leben von unermeßlichem Leid gegeben, daß selbst am Tage, wenn ich meinen Pflichten obliege und nach dem Gesinde sehe, ich die ganze Zeit weine und klage; wenn dann die Nacht kommt und wir alle zu Bett gehen, liege ich wach und sinnend, und mein Herz wird ein Raub der unablässigsten und grausamsten Qualen. Wie die düstere Nachtigall, des Pandareus Tochter, im Vorfrühling singt von ihrem Sitze im schattigsten Versteck verborgen und mit klagendem Trillern die Geschichte erzählt, wie sie durch Unglück ihr eigenes Kind Itylus tötete, des Königs Zethus Sohn, ebenso wogt und wirft sich mein Sinn in seiner Ungewißheit, ob ich bei meinem Sohne hier bleiben und mein Gut, meine Knechte und die Größe meines Hauses wahren soll, mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung und das Andenken an meinen seligen Gatten, oder ob es nicht an der Zeit ist, mit dem besten dieser Freier, die um mich werben und mir so herrliche Geschenke machen, davonzuziehen. Solange mein Sohn noch jung war und nicht verstehen konnte, wollte er nicht hören, daß ich das Haus meines Gatten verlasse; nun aber, da er herangereift ist, bittet und fleht er mich, es zu tun, empört darüber, wie die Freier sein Vermögen verzehren. Höre denn einen Traum, den ich gehabt habe, und deute ihn mir, sofern du kannst. Ich habe zwanzig Gänse im Hause, die aus einem Trog Futter fressen, und die ich über die Maßen lieb habe. Mir träumte, ein großer Adler stürzte von einem Berge herab und schlug seinen krummen Schnabel in den Hals einer jeden, bis er sie alle getötet hatte. Dann schwang er sich in den Himmel empor und ließ sie tot im Hofe liegen; worauf ich im Traume weinte, bis alle meine Mägde sich um mich sammelten, so jammervoll klagte ich, weil der Adler meine Gänse getötet hatte. Da kam er wieder zurück, setzte sich auf einen vorspringenden Balken und redete mich mit menschlicher Stimme an und hieß mich zu weinen aufhören. ‚Sei guten Mutes,' sprach er, ‚Tochter des Ikarios; dies ist kein Traum, sondern ein Gesicht von guter Vorbedeutung, das sich gewiß erfüllen wird. Die Gänse sind die Freier, und ich bin kein Adler mehr, sondern dein eigener Gatte, der zu dir zurückgekehrt ist und diese Freier zu schimpflichem Ende bringen wird.' Darüber erwachte ich, und als ich hinausschaute, sah ich meine Gänse am Troge wie gewöhnlich ihr Futter fressen."
„Dieser Traum, Herrin," antwortete Odysseus, „kann nur eine Deutung zulassen; denn hätte dir Odysseus selbst nicht gesagt, wie er sich erfüllen soll? Der Tod der Freier ist angezeigt, und nicht ein einziger von ihnen wird entrinnen."
Penelope aber antwortete: „Fremdling, Träume sind gar seltsame und unerklärliche Dinge, und sie treffen keineswegs immer ein. Zwei Tore sind es, durch die diese nichtigen Gebilde hervorgehen; das eine ist von Horn, das andere von Elfenbein. Die durch das elfenbeinerne Tor kommen, sind nichtig; die vom hornenen Tor jedoch bedeuten etwas für den, der sie schaut. Ich glaube indessen nicht, daß mein eigener Traum durch das hornene Tor kam, obwohl ich und mein Sohn sehr dankbar wären, wenn es sich so verhielte. Weiter sage ich — und merke dir meine Worte — der kommende Morgen wird den unheilvollen Tag heraufführen, der mich vom Hause des Odysseus trennen wird; denn ich gedenke einen Wettkampf mit Äxten zu veranstalten. Mein Gatte pflegte zwölf Äxte im Hofe aufzustellen, eine vor der anderen, gleich den Stützen, auf denen ein Schiff gebaut wird; dann trat er von ihnen zurück und schoß einen Pfeil durch alle zwölf hindurch. Ich will die Freier dasselbe versuchen lassen, und wer von ihnen am leichtesten den Bogen spannt und seinen Pfeil durch alle zwölf Äxte sendet, dem will ich folgen und dieses Haus meines rechtmäßigen Gatten verlassen, so herrlich und so reich an Gütern es ist. Doch auch so, hege ich keinen Zweifel, werde ich seiner in Träumen gedenken."
Da antwortete Odysseus: „Herrin, Gemahlin des Odysseus, du brauchst deinen Wettkampf nicht aufzuschieben; denn Odysseus wird zurückkehren, ehe sie noch den Bogen zu spannen vermögen, wie immer sie auch damit umgehen mögen, und ehe sie ihre Pfeile durch das Eisen schicken."
Penelope sprach: „Solange, Herr, als du hier sitzen und mit mir reden willst, kann mich kein Verlangen nach dem Bett ankommen. Doch können die Menschen nicht auf Dauer ohne Schlaf sein, und der Himmel hat uns Erdenbewohnern eine Zeit für alles bestimmt. Ich will also hinaufgehen und mich auf jenes Lager legen, das ich unaufhörlich mit meinen Tränen überströmt habe, seitdem Odysseus nach der Stadt mit dem verhaßten Namen aufbrach."
Dann ging sie hinauf in ihr Gemach, nicht allein, sondern von ihren Mägden begleitet, und dort klagte sie um ihren teuren Gatten, bis Athene süßen Schlaf auf ihre Augenlider senkte.
ZWANZIGSTES BUCH
ODYSSEUS KANN NICHT SCHLAFEN — PENELOPES GEBET ZU ARTEMIS — DIE ZWEI ZEICHEN VOM HIMMEL — EUMAIOS UND PHILÖTIOS KOMMEN AN — DIE FREIER SPEISEN — CTESIPPOS WIRFT EINEN OCHSENFUSS NACH ODYSSEUS — THEOKLYMENOS WEISSAGT DAS UNHEIL UND VERLÄSST DAS HAUS.
Odysseus schlief in der Vorhalle auf einer ungegerbten Stierhaut, auf die er mehrere Felle der Schafe warf, die die Freier verzehrt hatten, und Eurynome warf ihm einen Mantel über, nachdem er sich niedergelegt hatte. Dort nun lag Odysseus schlaflos und sann darüber nach, wie er die Freier töten könnte; und nach einer Weile verließen die Frauen, die sich mit ihnen schlecht betragen hatten, das Haus, kichernd und lachend miteinander. Dies machte Odysseus sehr zornig, und er war unschlüssig, ob er aufstehen und sie alle auf der Stelle nieder machen sollte, oder ob er sie noch ein letztes Mal mit den Freiern schlafen lassen sollte. Sein Herz knurrte in ihm, und wie eine Hündin mit Welpen knurrt und die Zähne zeigt, wenn sie einen Fremden erblickt, so knurrte sein Herz vor Zorn über die üblen Taten, die geschahen; doch schlug er sich an die Brust und sprach: „Herz, sei still, du hast Schlimmeres erduldet an dem Tage, als der grausame Kyklop deine tapferen Gefährten verschlang; und du hast es schweigend ertragen, bis deine List dich sicher aus der Höhle brachte, obwohl du deines Todes gewiß warst."
So schalt er mit seinem Herzen und zwang es zur Geduld; doch wälzte er sich wie einer, der einen Pansen voll Blut und Fett vor heißem Feuer dreht, erst auf die eine Seite, dann auf die andere, damit er gar werde, so wälzte er sich von einer Seite auf die andere und dachte die ganze Zeit darüber nach, wie er allein, wie er war, eine so große Schar Männer wie die ruchlosen Freier erschlagen sollte. Doch endlich kam Athene vom Himmel herab in der Gestalt einer Frau und schwebte über seinem Haupte und sprach: „Mein armer Unglücklicher, warum liegst du so wach? Dies ist dein Haus; dein Weib ist hier drinnen in Sicherheit, und dein Sohn, der eben solch ein junger Mann ist, auf den jeder Vater stolz sein darf."
„Göttin," antwortete Odysseus, „alles, was du sagst, ist wahr, doch bin ich in einigem Zweifel, wie ich allein diese ruchlosen Freier töten soll, da ihrer stets so viele sind. Und da ist diese weitere Schwierigkeit, die noch schwerer wiegt: Angenommen, es gelingt mir mit Zeus' und deiner Hilfe, sie zu töten, so muß ich dich ersinnen lassen, wohin ich vor ihren Rächer entfliehen soll, wenn alles vorüber ist."
„Pfui," antwortete Athene, „ein schlechterer Bundesgenosse als ich würde einem schon Vertrauen einflößen, selbst wenn er nur ein Sterblicher und weniger weise wäre als ich. Bin ich nicht eine Göttin, und habe ich dich nicht in all deinen Nöten beschützt? Ich sage dir offen, selbst wenn uns fünfzig Mannshaaren umringten und uns zu töten trachteten, du solltest all ihre Schafe und Rinder nehmen und mit dir davontreiben. Aber schlafe nun; es ist eine sehr schlimme Sache, die ganze Nacht wach zu liegen, und du sollst deiner Nöte bald ledig sein."
Indem sie dies sprach, goß sie Schlaf über seine Augen und kehrte dann zum Olymp zurück.
Während Ulysses sich so einem sehr tiefen Schlummer überließ, der die Last seiner Sorgen erleichterte, erwachte seine bewundernswürdige Gattin, richtete sich in ihrem Bett auf und begann zu weinen. Als sie sich durch Tränen erleichtert hatte, betete sie zu Diana und sprach: „Große Göttin Diana, Tochter des Jove, treibe einen Pfeil in mein Herz und töte mich; oder laß einen Wirbelwind mich packen und auf Pfaden der Finsternis dahintragen, bis er mich in die Strömungen des überflutenden Ozeanos niedersenke, wie er es mit den Töchtern des Pandareus tat. Die Töchter des Pandareus verloren ihren Vater und ihre Mutter, denn die Götter töteten sie, so daß sie Waisen blieben. Doch Venus nahm sich ihrer an und nährte sie mit Käse, Honig und süßem Wein. Juno lehrte sie, alle Frauen an Schönheit der Gestalt und an Verstand zu übertreffen; Diana verlieh ihnen eine stattliche Erscheinung, und Minerva stattete sie mit jeder Art von Vollkommenheit aus; doch eines Tages, als Venus zum Olymp hinaufgegangen war, um Jove wegen ihrer Verheiratung aufzusuchen (denn wohl weiß er sowohl, was geschehen wird, als auch, was nicht geschehen wird einem jeden), kamen die Sturmwinde und entführten sie, daß sie Mägde der schrecklichen Erinnyen würden. Selbst so wünsche ich, daß die Götter, die im Himmel wohnen, mich vor den Augen der Sterblichen verbergen möchten, oder daß die schöne Diana mich treffe; denn ich möchte wohl selbst unter die traurige Erde hinabfahren, dürfte ich es nur, immer noch nach Ulysses allein schauend, und ohne mich einem schlechteren Manne hingeben zu müssen, als er es war. Zudem, wie sehr die Menschen auch bei Tage trauern mögen, sie können es ertragen, solange sie des Nachts schlafen können; denn wenn die Augen im Schlummer geschlossen sind, vergessen die Menschen Gutes und Böses gleichermaßen; dagegen verfolgt mich mein Elend selbst in meinen Träumen. Diese Nacht gerade dünkte mich, einer liege an meiner Seite, der dem Ulysses glich, wie er war, als er mit seinem Heere fortzog, und ich freute mich, denn ich glaubte, es sei kein Traum, sondern die volle Wahrheit selbst."
Bei diesen Worten brach der Tag an, doch Ulysses hörte den Klang ihres Weinens, und es beunruhigte ihn, denn es war ihm, als wisse sie bereits um ihn und sei an seiner Seite. Da sammelte er den Mantel und die Felle, auf denen er gelegen hatte, und legte sie auf einen Sitz im Säulengange; doch die Stierhaut trug er hinaus ins Freie. Er erhob seine Hände zum Himmel und betete also: „Vater Jove, da du es für gut befunden hast, mich über Land und Meer in meine Heimat zu führen nach all den Drangsalen, die du über mich verhängt hast, gib mir ein Zeichen aus dem Munde irgendeines derer, die jetzt im Hause wach sind, und laß mich ein anderes Zeichen von draußen haben, welcher Art auch immer."
So betete er. Jove erhörte sein Gebet und donnerte sogle hoch oben in den Wolken von der Pracht des Olymp, und Ulysses war froh, als er es hörte. Zugleich im Hause erhob eine Müllerin aus der Nähe in der Mühle ihre Stimme und gab ihm ein anderes Zeichen. Es waren zwölf Müllerinnen da, deren Geschäft es war, Weizen und Gerste zu mahlen, die das tägliche Brot sind. Die anderen hatten ihre Arbeit getan und waren zur Ruhe gegangen, doch diese hatte noch nicht vollendet, denn sie war nicht so stark wie sie; und als sie den Donner hörte, hielt sie im Mahlen inne und gab ihrem Herrn das Zeichen. „Vater Jove," sprach sie, „du, der du über Himmel und Erde herrschest, du hast aus heiterem Himmel gedonnert, ohne daß auch nur eine Wolke daran war, und dies bedeutet etwas für irgend jemand; gewähre denn das Gebet von mir, deiner armen Magd, die dich anruft, und laß diesen der allerletzte Tag sein, an dem die Freier im Hause des Ulysses speisen! Sie haben mich abgemattet mit der Mühe des Mehllkens für sie, und ich hoffe, sie sollen nirgendwo mehr ein Abendessen haben."
Ulysses war froh, als er die Vorzeichen vernahm, die ihm durch die Rede der Frau und durch den Donner gegeben wurden, denn er wußte, sie bedeuteten, daß er sich an den Freiern rächen solle.
Da standen die anderen Mägde im Hause auf und entzündeten das Feuer auf dem Herd; auch Telemachos erhob sich und legte seine Kleider an. Er gürtete sein Schwert um die Schulter, band seine Sandalen an seine wohlgestalten Füße und nahm einen tüchtigen Speer mit einer Spitze aus geschärftem Erz; dann ging er zur Schwelle des Säulenganges und sprach zu Eurykleia: „Ammme, hast du den Fremden sowohl in bezug auf Bett und Tisch versorgt, oder hast du ihn sich selbst überlassen? — denn meine Mutter, obgleich eine gute Frau, hat die Art, sehr auf zweitrangige Leute zu achten und andere zu vernachlässigen, die in Wahrheit viel bessere Männer sind."
„Tadle nicht, Kind," sprach Eurykleia, „wo niemand zu tadeln ist. Der Fremde saß und trank seinen Wein, so lange er wollte: deine Mutter fragte ihn wohl, ob er noch Brot nehmen wolle, und er sagte, er wolle nicht. Als er zu Bett gehen wollte, befahl sie den Mägden, eines für ihn zu bereiten, doch er sagte, er sei ein so erbärmlicher Vertriebener, daß er nicht auf einem Bett und unter Decken schlafen wolle; er bestand darauf, eine ungegerbte Stierhaut und einige Schaffelle in den Säulengang gelegt zu bekommen, und ich warf selbst einen Mantel über ihn."
Dann ging Telemachus vom Hofe fort zu dem Platze, wo die Achaier in der Versammlung tagten; er hatte seinen Speer in der Hand, und er war nicht allein, denn seine zwei Hunde gingen mit ihm. Doch Eurykleia rief die Mägde und sprach: „Wohlauf, wachet auf; geht ans Fegen der Säulenhallen und besprengt sie mit Wasser, den Staub zu binden; legt die Decken auf die Sitze; wischet die Tische ab, einige von euch, mit einem nassen Schwamm; reinigt die Mischkrüge und die Becher, und holt sofort Wasser vom Brunnen; die Freier werden sogleich hier sein; sie werden früh hier sein, denn es ist ein Feiertag."
So sprach sie, und sie taten genau, wie sie gesagt hatte: zwanzig von ihnen gingen zum Brunnen nach Wasser, und die anderen machten sich eifrig an die Arbeit im Hause. Die Männer, die den Freiern aufwarteten, kamen auch herauf und begannen, Brennholz zu hacken. Bald kamen die Frauen vom Brunnen zurück, und der Schweinehirt kam hinter ihnen mit den drei besten Schweinen, die er aussuchen konnte. Diese ließ er auf dem Hofe weiden, und dann sprach er gutgelaunt zu Ulysses: „Fremder, behandeln dich die Freier nun besser, oder sind sie so unverschämt wie je?"
„Möge der Himmel," antwortete Ulysses, „ihnen die Ruchlosigkeit vergelten, mit der sie hochfahrend in eines anderen Mannes Haus schalten, ohne jede Scheu."
So sprachen sie miteinander; unterdessen kam Melanthios, der Ziegenhirt, herauf, denn auch er brachte seine besten Ziegen für das Mahl der Freier; und er hatte zwei Hirten bei sich. Sie banden die Ziegen unter dem Torhause an, und dann begann Melanthios, Ulysses zu sticheln. „Bist du noch hier, Fremder," sprach er, „um die Leute durch Betteln im Hause zu belästigen? Warum kannst du nicht anderswohin gehen? Du und ich werden nicht einig werden, bevor wir uns nicht eine Kostprobe unserer Fäuste gegeben haben. Du bettelst ohne jede Schicklichkeit; gibt es nicht anderswo Feste bei den Achaiern, sowohl als hier?"
Ulysses gab keine Antwort, neigte aber das Haupt und sann. Dann gesellte sich ein dritter Mann zu ihnen, Philoetios, der eine unfruchtbare Kuh und einige Ziegen herbeibrachte. Diese wurden von den Schiffern herübergebracht, die dort sind, um Leute überzusetzen, wenn jemand zu ihnen kommt. So machte Philoetios seine Kuh und seine Ziegen unter dem Torhause fest und ging dann zum Schweinehirten hinauf. „Wer, Schweinehirt," sprach er, „ist dieser Fremde, der kürzlich hierher gekommen ist? Ist er einer deiner Leute? Was ist seine Familie? Woher kommt er? Armer Kerl, er sieht aus, als ob er ein großer Mann gewesen wäre, doch die Götter geben Kummer, wem sie wollen — selbst Königen, wenn es ihnen so gefällt."
Indem er dies sprach, ging er zu Ulysses hinauf und grüßte ihn mit der rechten Hand: „Sei gegrüßt, Vater Fremder," sprach er, „du scheinst jetzt sehr übel daran zu sein, doch ich hoffe, du wirst es mit der Zeit besser haben. Vater Jove, von allen Göttern bist du der arglistigste. Wir sind deine eigenen Kinder, und doch erweist du uns kein Erbarmen in all unserem Elend und unseren Drangsalen. Ein Schweiß kam über mich, als ich diesen Mann sah, und meine Augen füllten sich mit Tränen, denn er erinnert mich an Ulysses, der, wie ich fürchte, in ganz solchen Lumpen herumgeht wie die dieses Mannes, wenn er überhaupt noch unter den Lebenden weilt. Ist er bereits tot und im Hause des Hades, dann, wehe! um meinen guten Herrn, der mich zu seinem Viehmeister machte, als ich noch ganz jung war bei den Kephalleniern, und nun sind seine Herden zahllos; niemand hätte es besser mit ihnen machen können als ich, denn sie haben sich vermehrt wie Ähren des Korns; dennoch muß ich sie immerfort für andere zum Essen hereintreiben, die keine Rücksicht auf seinen Sohn nehmen, obgleich er im Hause ist, und nicht den Zorn des Himmels fürchten, sondern schon begierig sind, Ulysses' Besitz unter sich zu teilen, weil er so lange fort ist. Ich habe oft gedacht — nur wäre es nicht recht, solange sein Sohn lebt —, mit dem Vieh in ein fremdes Land zu fliehen; so schlimm das auch wäre, es ist doch noch härter, hier zu bleiben und wegen anderer Leute Herden schlecht behandelt zu werden. Meine Lage ist unerträglich, und ich wäre längst davongelaufen und hätte mich unter den Schutz eines anderen Häuptlings begeben, nur daß ich glaube, mein armer Herr wird doch noch zurückkehren und alle diese Freier aus dem Hause jagen."
„Viehmeister," antwortete Ulysses, „du scheinst ein sehr wohlgesinnter Mensch zu sein, und ich sehe, daß du ein Mann von Verstand bist. Darum will ich dir etwas sagen und meine Worte mit einem Schwur bekräftigen. Bei Jove, dem Herrscher aller Götter, und bei diesem Herd des Ulysses, zu dem ich nun gekommen bin, Ulysses wird zurückkehren, ehe du diesen Ort verläßt, und wenn du gesonnen bist, sollst du ihn sehen, wie er die Freier tötet, die jetzt hier die Herren sind."
„Wenn Jove dies zustande brächte," erwiderte der Viehmeister, „solltest du sehen, wie ich mein Äußerstes täte, um ihm zu helfen."
Und ebenso betete Eumaios, daß Ulysses heimkehren möge.
So sprachen sie miteinander. Unterdessen brüteten die Freier einen Anschlag aus, um Telemachus zu ermorden; doch ein Vogel flog ihnen zur linken Hand nahe — ein Adler mit einer Taube in den Fängen. Hierauf sprach Amphinomos: „Meine Freunde, unser Anschlag, Telemachus zu ermorden, wird nicht gelingen; laßt uns statt dessen zu Tisch gehen."
Die anderen pflichteten bei, so gingen sie hinein und legten ihre Mäntel auf die Bänke und Sitze. Sie schlachteten die Schafe, Ziegen, Schweine und die Kuh, und als das Eingeweide gekocht war, trugen sie es auf. Sie mischten den Wein in den Mischkesseln, und der Schweinehirt reichte jedem Manne seinen Becher, während Philoetios das Brot in den Brotkörben herumreichte und Melanthios ihnen den Wein einschenkte. Dann langten sie zu und nahmen die guten Dinge, die vor ihnen standen.
Telemachus ließ Ulysses mit Absicht in dem Teil des Säulenganges sitzen, der mit Steinen gepflastert war; er gab ihm einen schäbig aussehenden Sitz an einem kleinen Tische für sich allein und ließ ihm seinen Anteil an dem Eingeweide bringen, mit seinem Wein in einem goldenen Becher. „Sitz dort," sprach er, „und trink deinen Wein unter den vornehmen Leuten. Ich will den Spöttereien und Schlägen der Freier Einhalt gebieten, denn dies ist kein Wirtshaus, sondern gehört Ulysses und ist von ihm auf mich übergegangen. Darum, ihr Freier, haltet eure Hände und eure Zungen bei euch, sonst gibt es Unheil."
Die Freier bissen sich auf die Lippen und verwunderten sich über die Kühnheit seiner Rede; da sprach Antinoos: „Wir mögen solche Worte nicht, aber wir wollen sie uns gefallen lassen, denn Telemachus droht uns in vollem Ernst. Hätte Jove uns gelassen, wir hätten seinem tapferen Gerede schon jetzt ein Ende gemacht."
So sprach Antinoos, doch Telemachus kümmerte sich nicht um ihn. Unterdessen brachten die Herolde die heilige Hekatombe durch die Stadt, und die Achaier versammelten sich unter dem schattigen Haine des Apollon.
Dann rösteten sie das äußere Fleisch, zogen es von den Spießen, gaben jedem seinen Teil und schmausten nach Herzenslust; die Tischdiener gaben Ulysses genau denselben Anteil wie den anderen, denn Telemachus hatte ihnen befohlen, es so zu halten.
Aber Minerva ließ die Freier keinen Augenblick von ihrer Frechheit ablassen, denn sie wollte, daß Ulysses noch erbitterter gegen sie werde. Nun befand sich zufällig unter ihnen ein schamloser Bursche, Ctesippos mit Namen, der aus Same stammte. Dieser Mann, im Vertrauen auf seinen großen Reichtum, warb um die Gattin des Ulysses und sprach zu den Freiern: „Hört, was ich zu sagen habe. Der Fremde hat bereits einen ebenso großen Anteil wie jeder andere erhalten; das ist recht, denn es ist nicht billig noch vernünftig, einen Gast des Telemachus, der hierher kommt, schlecht zu behandeln. Ich will ihm jedoch aus eigenem Antrieb ein Geschenk machen, damit er etwas habe, um es der Badefrau oder einer anderen der Mägde des Ulysses zu geben."
Indem er dies sprach, hob er einen Kuhfuß aus dem Fleischkorbe, in dem er lag, und warf ihn nach Ulysses; doch Ulysses wandte den Kopf ein wenig zur Seite und wich ihm aus, mit grimmigem sardinischen Lächeln, wie er es tat, und er traf die Wand, nicht ihn. Hierauf sprach Telemachus heftig zu Ctesippos: „Es ist gut für dich," sprach er, „daß der Fremde den Kopf wandte, so daß du ihn verfehltest. Hättest du ihn getroffen, ich hätte dich mit meinem Speer durchbohrt, und dein Vater hätte dafür sorgen müssen, dich eher begraben als verheiratet zu sehen in diesem Hause. So laßt mir keine weitere ungeziemende Aufführung von einem von euch, denn ich bin nun herangewachsen zur Kenntnis von Gut und Böse und verstehe, was vorgeht, statt das Kind zu sein, das ich bisher gewesen bin. Lange habe ich gesehen, wie ihr meine Schafe tötetet und mit meinem Korn und Wein schaltet, wie es euch beliebte; ich habe dies geduldet, denn ein Mann ist kein Gegner für viele; aber tut mir keine weitere Gewalt an. Doch wenn ihr mich töten wollt, tötet mich; ich wollte weit lieber sterben, als solche schimpflichen Szenen Tag für Tag mit ansehen — Gäste beleidigt, und Männer, die die Mägde in unschicklicher Weise im Hause herumzerren."
Sie alle schwiegen, bis endlich Agelaus, Sohn des Damastor, sprach: „Niemand sollte Anstoß nehmen an dem, was eben gesagt wurde, oder ihm widersprechen, denn es ist ganz vernünftig. Hört also auf, den Fremden oder irgend jemand sonst von den Dienern, die im Hause sind, schlecht zu behandeln; ich möchte jedoch ein freundliches Wort an Telemachus und seine Mutter richten, das, so vertraue ich, bei beiden Beifall finden wird. ‚Solange,' möchte ich sagen, ‚ihr Grund hattet zu hoffen, daß Ulysses eines Tages heimkehren werde, konnte niemand euch vorwerfen, daß ihr wartet und die Freier in eurem Hause duldet. Es wäre besser gewesen, wenn er zurückgekehrt wäre; doch nun ist es klar genug, daß er es nimmermehr tun wird; darum beredet all dies ruhig mit eurer Mutter und saget ihr, sie solle den besten Mann heiraten und den, der ihr das vorteilhafteste Angebot macht. So werdet ihr selbst euer Erbe verwalten und in Frieden essen und trinken können, während eure Mutter für eines anderen Mannes Haus sorgen wird, nicht das eurige.'"
Hierauf antwortete Telemachus: „Bei Jove, Agelaus, und bei den Leiden meines unglücklichen Vaters, der entweder fern von Ithaka umgekommen ist oder in irgendeinem fernen Lande umherirrt, lege ich meiner Mutter keine Hindernisse in den Weg zur Ehe; im Gegenteil, ich rate ihr, den zu wählen, welchen sie will, und will ihr überdies unzählige Geschenke dazugeben; aber ich getraue mich nicht, rundweg zu bestehen, daß sie das Haus gegen ihren eigenen Willen verlasse. Der Himmel bewahre, daß ich dies tue."
Minerva ließ nun die Freier unmäßig lachen und verwirrte ihnen den Verstand; doch sie lachten mit erzwungenem Lachen. Ihr Fleisch ward mit Blut besudelt; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihre Herzen waren schwer von Vorahnungen. Theoklymenos sah dies und sprach: „Unglückliche Männer, was ist es, das euch quält? Ein Schleier von Finsternis ist über euch gezogen von Kopf zu Fuß, eure Wangen sind naß von Tränen; die Luft ist voll von Wehklagen; die Wände und die Dachbalken triefen von Blut; das Tor des Säulenganges und der Hof dahinter sind voll von Schatten, die hinabscharen in die Nacht der Hölle; die Sonne ist aus dem Himmel getilgt, und ein verderblicher Dunkel liegt über dem ganzen Lande."
So sprach er, und sie alle lachten herzlich. Da sprach Eurymachos: „Dieser Fremde, der kürzlich hierher gekommen ist, hat den Verstand verloren. Diener, werft ihn hinaus auf die Straße, da es ihm hier so dunkel vorkommt."
Doch Theoklymenos sprach: „Eurymachos, du brauchst mir niemanden mitzugeben. Ich habe Augen, Ohren und ein Paar Füße, ganz zu schweigen von einem Verstande, der sein eigener ist. Ich will dies hier aus dem Hause mit mir nehmen, denn ich sehe Unheil über euch schweben, dem nicht einer von euch Männern, die da Leute beleidigen und üble Taten im Hause des Ulysses anzetteln, wird entgehen können."
Er verließ das Haus, wie er sprach, und ging zurück zu Piras, der ihn freundlich aufnahm; doch die Freier blickten einander an und reizten Telemachus, indem sie die Fremden verlachten. Ein frecher Bursche sprach zu ihm: „Telemachos, du hast kein Glück mit deinen Gästen; zuerst hast du diesen zudringlichen Landstreicher, der herkommt und um Brot und Wein bettelt und keinerlei Geschick hat zur Arbeit oder zum harten Kampf, sondern ganz unnütz ist, und nun kommt dieser andere Kerl, der sich als Prophet aufwirft. Laß mich dir raten, denn es wird weit besser sein, sie auf ein Schiff zu setzen und zu den Sikulern zu schicken, damit sie dort verkauft werden, was immer sie einbringen."
Telemachus schenkte ihm keine Beachtung, sondern saß still und beobachtete seinen Vater, jeden Augenblick erwartend, daß er seinen Angriff auf die Freier beginnen werde.
Unterdessen war der Tochter des Ikarios, der klugen Penelope, ein reich verzierter Sitz gegenüber dem Hof und dem Säulengange bereitet worden, so daß sie hören konnte, was ein jeder sprach. Das Mittagsmahl zwar war unter vielem Frohsinn bereitet worden; es war sowohl gut als reichlich gewesen, denn sie hatten viele Opfertiere geschlachtet; doch das Abendessen stand noch bevor, und nichts kann man sich Grausigeres vorstellen als die Mahlzeit, die eine Göttin und ein tapferer Mann ihnen bald auftragen würden — denn sie hatten ihr Verderben über sich selbst gebracht.
Da flößte Minerva der Penelope den Gedanken ein, die Freier ihre Geschicklichkeit im Bogenschießen und mit den eisernen Äxten untereinander messen zu lassen, um auf diese Weise ihr Verderben herbeizuführen. Sie ging die Treppe hinauf in das obere Stockwerk und holte den Schlüssel zur Schatzkammer, der von Erz war und einen Griff aus Elfenbein hatte; sodann ging sie mit ihren Mägden in die Schatzkammer am Ende des Hauses, wo die Schätze ihres Gatten an Gold, Erz und geschmiedetem Eisen verwahrt lagen, und wo auch sein Bogen war und der Köcher voll todbringender Pfeile, den ihm ein Freund geschenkt hatte, dem er in Lakedämon begegnet war — Iphitos, der Sohn des Eurytos. Die beiden waren in Messenien im Hause des Ortilochos aufeinandergetroffen, wo Odysseus sich aufhielt, um eine Schuld einzutreiben, die das ganze Volk ihm schuldete; denn die Messenier hatten dreihundert Schafe von Ithaka weggetrieben und waren mit ihnen und ihren Hirten davongesegelt. Diesen nachzustellen unternahm Odysseus eine lange Reise, noch ganz jung, denn sein Vater und die übrigen Fürsten hatten ihn ausgesandt, sie zurückzuholen. Auch Iphitos war dorthin gekommen, um zwölf Mutterstuten zurückzufordern, die er verloren hatte, und die Maultierfüllen, die mit ihnen liefen. Diese Stuten wurden ihm zuletzt zum Verhängnis; denn als er zum Hause des Sohnes des Zeus ging, des gewaltigen Herakles, der so gewaltige Taten der Tapferkeit vollbrachte, da tötete ihn Herakles zu seiner Schande, obwohl er sein Gast war; denn er fürchtete des Himmels Rache nicht und achtete auch nicht des Tisches, den er vor Iphitos aufgetragen hatte, sondern erschlug ihn trotz allem und behielt die Stuten für sich. Als er diese zurückforderte, begegnete Iphitos dem Odysseus und gab ihm den Bogen, den der gewaltige Eurytos zu tragen pflegte und der bei seinem Tode seinem Sohn hinterlassen worden war. Odysseus gab ihm dafür ein Schwert und einen Speer, und dies war der Beginn einer festen Freundschaft, obwohl sie einander nie in ihren Häusern besuchten; denn der Sohn des Zeus, Herakles, tötete Iphitos, ehe sie es tun konnten. Diesen Bogen nun, den ihm Iphitus gegeben hatte, hatte Odysseus nicht mitgenommen, als er nach Troja segelte; er hatte ihn benutzt, solange er zu Hause gewesen war, aber er hatte ihn zurückgelassen, da er ein Erinnerungsstück von einem geschätzten Freunde war.
Penelope gelangte nun zur Eichenschwelle der Schatzkammer; der Zimmermann hatte diese sorgfältig gehobelt und mit einer Schnur gerade gerichtet; dann hatte er die Türpfosten in sie eingefügt und die Türen eingehängt. Sie löste den Riemen vom Griff der Tür, steckte den Schlüssel hinein und trieb ihn gerade hinein, daß die Riegel zurückschnellten, die die Türen hielten; diese flogen mit einem Laut auf wie ein Stier, der auf der Weide brüllt, und Penelope trat auf die erhöhte Plattform, wo die Truhen standen, in denen die schöne Wäsche und die Kleider lagen, samt duftenden Kräutern: von dort langte sie den Bogen mit seinem Bogenfutteral herab vom Nagel, an dem er hing. Sie setzte sich damit auf den Schoß, weinte bitterlich, als sie den Bogen aus dem Futteral nahm, und als ihre Tränen sich gelegt hatten, ging sie zu dem Säulengang, wo die Freier waren, und trug den Bogen und den Köcher mit den vielen todbringenden Pfeilen, die darin waren. Mit ihr kamen ihre Mägde, die eine Truhe trugen, die viel Eisen und Erz enthielt, das ihr Gatte als Kampfpreise gewonnen hatte. Als sie die Freier erreichte, stellte sie sich neben einen der Pfeiler, die das Dach des Säulengangs trugen, hielt einen Schleier vor ihr Gesicht und hatte zu beiden Seiten eine Magd. Dann sprach sie:
„Hört mich, ihr Freier, die ihr darin fortfahrt, den gastrlichen Rechtstitel dieses Hauses zu mißbrauchen, weil sein Herr lange abwesend ist, und ohne anderen Vorwand, als daß ihr mich heiraten wollt; da dies also der Preis ist, um den ihr streitet, will ich den gewaltigen Bogen des Odysseus heraustragen, und wer von euch ihn am leichtesten spannt und seinen Pfeil durch alle zwölf Äxte hindurch schießt, dem will ich folgen und dieses Haus verlassen, das Haus meines rechtmäßigen Gatten, so stattlich und so reich an Gütern. Aber auch so zweifle ich nicht, daß ich seiner im Traume gedenken werde."
Als sie so sprach, trug sie dem Eumaios auf, den Bogen und die Eisenstücke vor die Freier hinzustellen, und Eumaios weinte, als er sie nahm, um zu tun, wie sie ihm befohlen hatte. Daneben weinte auch der Rinderhirt, als er den Bogen seines Herrn sah, aber Antinoos schalt sie. „Ihr Landstreicher,“ sagte er, „einfältige Toren; warum wollt ihr den Kummer eurer Herrin noch vermehren, indem ihr so weint? Sie hat genug, sie um den Verlust ihres Gatten zu betrauern; so sitzt still und eßt euer Mahl schweigend, oder geht hinaus, wenn ihr weinen wollt, und laßt den Bogen zurück. Wir Freier werden um ihn ringen müssen mit aller Kraft, denn wir werden es nicht leicht finden, einen solchen Bogen zu spannen. Es ist keiner unter uns allen, der ein solcher Mann wäre wie Odysseus; denn ich habe ihn gesehen und erinnere mich seiner, obwohl ich damals noch ein Kind war."
So sprach er, aber die ganze Zeit hoffte er, den Bogen spannen und durch das Eisen hindurchschießen zu können, während er in Wahrheit der erste sein sollte, der die Pfeile aus den Händen des Odysseus kosten sollte, den er in seinem eigenen Hause schändete — und auch die anderen dazu anstachelte.
Da sprach Telemachos. „Großer Himmel,“ rief er aus, „Zeus muß mich meiner Sinne beraubt haben. Hier sagt meine teure und vortreffliche Mutter, sie werde dieses Haus verlassen und wieder heiraten, und ich lache und vergnüge mich, als ob nichts geschähe. Aber, ihr Freier, da der Wettstreit nun einmal vereinbart ist, soll er vorangehen. Es geht um eine Frau, derengleichen nicht in Pylos, Argos oder Mykene zu finden ist, und auch nicht in Ithaka noch auf dem Festland. Ihr wißt dies ebensogut wie ich; was brauche ich da noch zum Lobe meiner Mutter zu reden? Wohlan denn, entschuldigt euch nicht länger, sondern laßt uns sehen, ob ihr den Bogen spannen könnt oder nicht. Auch ich will ihn versuchen, denn wenn ich ihn spanne und durch das Eisen hindurchschieße, werde ich nicht dulden, daß meine Mutter dieses Haus mit einem Fremden verläßt, wenn ich die Preise gewinnen kann, die mein Vater vor mir gewann."
Als er so gesprochen hatte, sprang er von seinem Sitz auf, warf seinen Purpurmantel ab und nahm sein Schwert von der Schulter. Zuerst stellte er die Äxte in einer Reihe auf, in einer langen Rinne, die er für sie gegraben und mit der Schnur gerade gerichtet hatte. Dann stampfte er die Erde fest um sie herum, und alle staunten, als sie sahen, wie ordentlich er sie aufstellte, obwohl er dergleichen nie zuvor gesehen hatte. Danach ging er auf das Pflaster, um den Bogen zu versuchen; dreimal zog er an ihm, indem er mit aller Kraft versuchte, die Sehne zu spannen, und dreimal mußte er ablassen, obwohl er gehofft hatte, den Bogen zu spannen und durch das Eisen hindurch zu schießen. Beim vierten Male versuchte er es, und hätte ihn gespannt, hätte Odysseus ihm nicht ein Zeichen gegeben, ihn innezuhalten, so sehr er sich auch mühte. Da sprach er:
„Wehe mir! Entweder werde ich immerdar schwach und ohne Kraft sein, oder ich bin noch zu jung und habe noch nicht meine volle Stärke erreicht, so daß ich einem Angriff standhalten könnte. Ihr anderen also, die ihr stärker seid als ich, versucht den Bogen und bringt den Wettstreit zu Ende."
Darauf legte er den Bogen hin, ließ ihn an der Tür [die ins Haus führte] lehnen, mit dem Pfeil angelehnt an die Spitze des Bogens. Dann setzte er sich wieder auf den Sitz, von dem er aufgestanden war, und Antinoos sprach:
„Nun denn, jeder von euch an der Reihe, der Reihe nach von rechts her, von der Stelle aus, wo der Mundschenk beginnt, wenn er den Wein kredenzt."
Die übrigen waren einverstanden, und Leiodes, der Sohn des Oenops, stand als erster auf. Er war Opferpriester der Freier und saß in der Ecke beim Mischkrug. Er war der einzige, der ihre üblen Taten haßte und über die anderen empört war. Er nahm nun als erster den Bogen und den Pfeil, ging also auf das Pflaster, um seinen Versuch zu machen, aber er konnte den Bogen nicht spannen, denn seine Hände waren schwach und an schwere Arbeit nicht gewöhnt; sie wurden daher bald müde, und er sprach zu den Freiern: „Meine Freunde, ich kann den Bogen nicht spannen; ein anderer möge ihn nehmen, dieser Bogen wird manchem Fürsten unter uns das Leben und die Seele rauben, denn es ist besser zu sterben, als weiterzuleben, nachdem man den Preis, den wir so lange erstrebt haben und der uns so lange zusammengeführt hat, verfehlt hat. Mancher unter uns hegt sogar jetzt noch die Hoffnung und das Gebet, Penelope zu heiraten; wenn er aber diesen Bogen gesehen und versucht hat, mag er um eine andere Frau werben und ihr Brautgeschenke machen, und Penelope mag den heiraten, der ihr das beste Angebot macht und dessen Los es ist, sie zu gewinnen."
Darauf legte er den Bogen hin, ließ ihn an der Tür lehnen, mit dem Pfeil angelehnt an die Spitze des Bogens. Dann setzte er sich wieder auf den Sitz, von dem er aufgestanden war; und Antinoos tadelte ihn mit den Worten:
„Leiodes, was redest du da? Deine Worte sind ungeheuerlich und unerträglich; es macht mich zornig, dir zuzuhören. Soll denn dieser Bogen manchem Fürsten unter uns das Leben rauben, bloß weil du ihn selber nicht spannen kannst? Wahrlich, du bist nicht zum Bogenschützen geboren, aber es gibt andere, die ihn bald spannen werden."
Dann sprach er zu Melanthios, dem Ziegenhirten: „Mach schnell, zünd ein Feuer im Hof an und stell einen Sitz daneben mit einem Schaffell darauf; bring uns auch einen großen Klumpen Schmalz herbei, von dem, was sie im Hause haben. Laßt uns den Bogen erwärmen und einfetten — dann wollen wir ihn erneut versuchen und den Wettstreit zu Ende bringen."
Melanthios entzündete das Feuer und stellte einen mit Schaffellen bedeckten Sitz daneben. Er brachte auch einen großen Klumpen Schmalz von dem, was sie im Hause hatten, und die Freier erwärmten den Bogen und versuchten ihn erneut, aber keiner von ihnen war auch nur annähernd stark genug, ihn zu spannen. Dennoch blieben noch Antinoos und Eurymachos übrig, die Rädelsführer unter den Freiern und bei weitem die hervorragendsten unter ihnen allen.
Da verließen der Schweinehirt und der Rinderhirt zusammen den Säulengang, und Odysseus folgte ihnen. Als sie vor die Tore und den äußeren Hof gelangt waren, sprach Odysseus leise zu ihnen:
„Rinderhirt, und du, Schweinehirt, ich habe etwas im Sinne, worüber ich im Zweifel bin, ob ich es sagen soll oder nicht; aber ich glaube, ich werde es sagen. Was für Männer wäret ihr, wenn ihr zu Odysseus halten würdet, wenn irgendein Gott ihn plötzlich hierher zurückbrächte? Sagt, wozu ihr geneigt seid — zu den Freiern zu halten oder zu Odysseus?"
„Vater Zeus,“ antwortete der Rinderhirt, „möge es dir doch so fügen! Wenn ein Gott den Odysseus nur zurückbrächte, du solltest sehen, mit welcher Macht und Kraft ich für ihn kämpfen würde."
In gleichen Worten betete Eumaios zu allen Göttern, daß Odysseus zurückkehren möge; als er also gewiß sah, welchen Sinnes sie waren, sprach Odysseus: „Ich bin es, Odysseus, der hier ist. Ich habe viel gelitten, aber endlich, im zwanzigsten Jahre, bin ich in mein eigenes Land zurückgekommen. Ich finde, daß ihr zwei allein von allen meinen Knechten froh seid, daß ich es tue; denn ich habe keinen der anderen für meine Rückkehr beten hören. Euch beiden also will ich die Wahrheit kundtun, wie sie sein wird. Wenn der Himmel die Freier in meine Hände liefert, will ich euch beiden Frauen geben, will euch Haus und Land dicht beim meinen geben, und ihr sollt mir sein, als wäret ihr Brüder und Freunde des Telemachos. Ich will euch jetzt überzeugende Beweise geben, damit ihr mich erkennt und gewiß seid. Seht, hier ist die Narbe von des Ebers Zahn, die mich aufriß, als ich auf dem Parnaß mit den Söhnen des Autolykus auf der Jagd war."
Als er so sprach, zog er seine Lumpen von der großen Narbe zurück, und als sie sie gründlich besichtigt hatten, weinten sie beide um Odysseus, warfen ihre Arme um ihn und küßten sein Haupt und seine Schultern, während Odysseus ihnen die Hände und das Gesicht küßte. Die Sonne wäre über ihrer Trauer untergegangen, hätte Odysseus sie nicht zurückgehalten und gesagt:
„Lasset ab vom Weinen, damit nicht jemand herauskommt und uns sieht und es denen drinnen meldet. Wenn ihr hineingeht, so tut es einzeln, nicht beide zusammen; ich will zuerst gehen, und ihr folgt mir nachher; dies sei auch das Zeichen zwischen uns: die Freier werden alle versuchen, mich daran zu hindern, des Bogens und des Köchers habhaft zu werden; du daher, Eumaios, lege ihn mir in die Hände, wenn du ihn herumträgst, und sage den Frauen, daß sie die Türen ihres Gemaches schließen. Wenn sie ein Stöhnen oder Getöse hören, wie von Männern, die im Hause kämpfen, dürfen sie nicht herauskommen; sie müssen still sein und bleiben, wo sie sind, bei ihrer Arbeit. Und ich gebiete dir, Philoetios, die Türen des äußeren Hofes fest zu machen und sie sogleich sicher zu verriegeln."
Als er so gesprochen hatte, ging er ins Haus zurück und nahm den Sitz wieder ein, den er verlassen hatte. Bald folgten ihm seine beiden Diener ins Haus.
In diesem Augenblick war der Bogen in den Händen des Eurymachos, der ihn am Feuer erwärmte, aber auch so konnte er ihn nicht spannen, und er war sehr betrübt. Er seufzte tief auf und sprach: „Ich gräme mich um mich selbst und um uns alle; ich gräme mich, daß ich die Heirat wird aufgeben müssen, aber das kümmert mich nicht annähernd so sehr; denn es gibt genug andere Frauen in Ithaka und anderswo; was mich am meisten schmerzt, ist die Tatsache, daß wir dem Odysseus so sehr an Stärke unterlegen sind, daß wir seinen Bogen nicht spannen können. Das wird uns vor denen, die noch ungeboren sind, zur Schande gereichen."
„So soll es nicht sein, Eurymachos,“ sagte Antinoos, „und du weißt es selbst. Heute ist das Fest des Apollon im ganzen Lande; wer kann an einem solchen Tage einen Bogen spannen? Legt ihn beiseite — was die Äxte betrifft, so können sie bleiben, wo sie sind; denn es wird wohl niemand ins Haus kommen und sie wegtragen: laßt den Mundschenk mit seinen Bechern herumgehen, damit wir unsere Trankopfer bringen und diese Sache mit dem Bogen fallenlassen können; wir wollen dem Melanthios sagen, er solle uns morgen einige Ziegen bringen — die besten, die er hat; dann können wir dem Apollon, dem mächtigen Bogenschützen, Schenkelknochen opfern und wieder den Bogen versuchen, um den Wettstreit zu Ende zu bringen."
Die übrigen billigten seine Worte, und darauf goßen Knechte Wasser über die Hände der Gäste, während Pagen die Mischkrüge mit Wein und Wasser füllten und ihn herumreichten, nachdem sie jedem seinen Trankopfer gegeben hatten. Als sie dann ihre Opfer dargebracht und jeder so viel getrunken hatte, wie er begehrte, sprach Odysseus verschlagen:
„Freier der ruhmreichen Königin, höret, daß ich sprechen mag, wie ich gesonnen bin. Ich wende mich besonders an Eurymachos und an Antinoos, der soeben so verständig gesprochen hat. Hört auf, für den Augenblick zu schießen, und überlaßt die Sache den Göttern; aber am Morgen möge der Himmel den Sieg geben, wem er will. Für den Augenblick aber gebt mir den Bogen, damit ich die Kraft meiner Hände vor euch allen erprobe und sehe, ob ich noch so viel Stärke besitze wie einstmals, oder ob Reisen und Vernachlässigung sie zu Ende gebracht haben."
Das machte sie alle sehr zornig; denn sie fürchteten, er könnte den Bogen spannen; Antinoos fuhr ihn daher heftig an und sprach: „Elender Wicht, du hast nicht so viel wie ein Körnchen Verstand in deinem ganzen Leibe; du solltest dich glücklich schätzen, daß du unbeschadet unter deinen Besseren speisen darfst, ohne daß dir ein kleinerer Anteil aufgetragen wird, als wir anderen erhalten haben, und daß du unser Gespräch hören darfst. Keinem anderen Bettler oder Fremdling ist erlaubt worden, zu hören, was wir hier untereinander reden; der Wein muß dir einen Schaden getan haben, wie er es bei allen denen tut, die übermäßig trinken. Es war der Wein, der den Kentauren Eurytion entflammte, als er bei Peirithoos unter den Lapithen weilte. Als der Wein ihm in den Kopf gestiegen war, wurde er wahnsinnig und verübte üble Taten im Hause des Peirithoos; das erzürnte die Helden, die dort versammelt waren; so stürzten sie sich auf ihn und schnitten ihm Ohren und Nase ab; dann schleiften sie ihn durch die Tür aus dem Hause, und er ging von Sinnen hinweg und trug die Last seiner Schuld, der Vernunft beraubt. Von da an gab es Krieg zwischen den Menschen und den Kentauren, doch er brachte ihn über sich selbst durch seine eigene Trunkenheit. Ebenso kann ich dir sagen, daß es übel für dich ausgehen wird, wenn du den Bogen spannst: du wirst von niemandem hier Gnade finden; denn wir werden dich sogleich zu König Echetus verschiffen, der jeden tötet, der in seine Nähe kommt: du wirst nie wieder lebend wegkommen, also trink und halte dich ruhig, ohne dich mit Männern anzulegen, die jünger sind als du."
Da sprach Penelope zu ihm. „Antinoos,“ sagte sie, „es ist nicht recht, daß du einen Gast des Telemachos, der in dieses Haus kommt, schlecht behandeln solltest. Wenn der Fremdling stark genug sein sollte, den gewaltigen Bogen des Odysseus zu spannen, kannst du da glauben, daß er mich mit sich heimführen und zu seiner Frau machen wird? Selbst der Mann selbst kann einen solchen Gedanken nicht im Sinne haben; keiner von euch braucht sich deshalb bei seinem Mahl stören zu lassen; es wäre völlig unvernünftig."
„Königin Penelope,“ antwortete Eurymachos, „wir glauben nicht, daß dieser Mann dich mit sich fortführen wird; das ist unmöglich; aber wir fürchten, daß irgendein geringerer Mann oder eine Frau unter den Achaiern klatschen und sagen könnte: ‚Diese Freier sind ein schwächliches Volk; sie werben um die Frau eines tapferen Mannes, dessen Bogen keiner von ihnen spannen konnte, und doch hat ein armseliger Landstreicher, der ins Haus kam, ihn auf der Stelle gespannt und einen Pfeil durch das Eisen geschickt.' Das wird man sagen, und es wird ein Skandal gegen uns sein."
„Eurymachos,“ antwortete Penelope, „Leute, die darauf bestehen, das Vermögen eines großen Fürsten aufzuzehren und sein Haus zu schänden, dürfen nicht erwarten, daß andere gut von ihnen denken. Warum also solltet ihr etwas dagegen haben, wenn die Leute reden, wie ihr meint, daß sie reden werden? Dieser Fremdling ist stark und wohlgebaut, sagt überdies, daß er von edler Abkunft sei. Gebt ihm den Bogen, und laßt uns sehen, ob er ihn spannen kann oder nicht. Ich sage — und es soll gewiß so sein — wenn Apollon ihm die Ehre vergönnt, ihn zu spannen, will ich ihm einen Mantel und ein Hemd von gutem Stoff geben, mit einem Wurfspeer, um Hunde und Räuber abzuwehren, und ein scharfes Schwert. Ich will ihm auch Sandalen geben und will dafür sorgen, daß er sicher dorthin geleitet wird, wo er hin will."
Da sprach Telemachos: „Mutter, ich bin der einzige Mann, sei es in Ithaka oder auf den Inseln gegenüber von Elis, der das Recht hat, irgendjemandem den Bogen zu geben oder zu verweigern. Niemand soll mich in die eine oder andere Richtung zwingen, auch wenn ich dem Fremdling den Bogen gar schenken und ihn mitnehmen lassen wollte. Geh also ins Haus und beschäftige dich mit deinen täglichen Pflichten, deinem Webstuhl, deiner Spindel und der Führung deiner Dienerschaft. Dieser Bogen ist eine Männersache, und die meine vor allen anderen; denn ich bin hier der Herr."
Da ging sie sinnend zurück ins Haus und legte ihres Sohnes Worte in ihr Herz. Dann stieg sie mit ihren Mägden hinauf in ihre Kammer und weinte um den lieben Gatten, bis Minerva ihr süßen Schlaf über die Lider sandte.
Der Schweinehirt nahm nun den Bogen auf und wollte ihn zu Odysseus tragen, doch die Freier erhoben von allen Seiten des Hofes ein Geschrei gegen ihn, und einer sprach: „Du Tölpel, wohin willst du mit dem Bogen? Bist du von Sinnen? Wenn Apollo und die anderen Götter unser Gebet erhören, werden dich deine eigenen Saujäger schon an irgendeinen stillen Ort hetzen und dich zu Tode hetzen."
Eumaios erschrak über das Geschrei, das sie alle erhoben, und legte den Bogen alsbald nieder. Telemachos aber rief ihm von der anderen Seite des Hofes herüber und drohte ihm: „Vater Eumaios, bring den Bogen her, trotz ihnen allen, oder ich, so jung ich bin, werde dich mit Steinen zurück aufs Land jagen, denn ich bin der Stärkere von uns beiden. Wäre ich nur allen anderen Freiern im Hause so sehr überlegen wie dir, ich wollte manchen von ihnen krank und reuig heimschicken, denn sie führen Böses im Schilde."
So sprach er, und sie alle lachten herzlich, was sie Telemachos wieder geneigter machte. Also brachte Eumaios den Bogen her und legte ihn in die Hände des Odysseus. Als er das getan hatte, rief er Eurykleia beiseit und sprach zu ihr: „Eurykleia, Telemachos befiehlt dir, die Türen der Frauenkammern zu schließen. Wenn sie ein Ächzen hören oder einen Lärm, als würden Männer im Hause kämpfen, so sollen sie nicht herauskommen, sondern still sein und bei ihrer Arbeit bleiben."
Eurykleia tat, wie ihr geheißen, und schloss die Türen der Frauenkammern.
Indes schlüpfte Philoetius still hinaus und verschloss die Tore des äußeren Hofes. In der Torhalle lag ein Schiffstau aus Byblosfaser, damit band er die Tore fest und kam dann wieder herein, nahm seinen früheren Platz wieder ein und behielt Odysseus im Auge. Dieser hatte nun den Bogen in den Händen, drehte ihn nach allen Seiten und prüfte ihn überall, ob die Würmer während seiner Abwesenheit in die beiden Hörner gefressen hätten. Da wandte sich einer zum Nachbarn und sprach: „Das ist so ein pfiffiger alter Bogenliebhaber; entweder hat er einen solchen zu Hause, oder er will einen machen, so geschickt handhabt der alte Landstreicher das Ding."
Ein anderer sprach: „Möge er in allem anderen nicht glücklicher sein, als er diesen Bogen zu spannen versteht."
Als aber Odysseus den Bogen aufgenommen und rings besehen hatte, spannte ihn, so leicht, wie ein kundiger Sänger eine neue Saite an seiner Leier spannt und die gedrehte Darmsaite an beiden Enden festmacht. Dann nahm er die Sehne in die rechte Hand, um sie zu prüfen, und sie sang süß unter seiner Berührung, wie das Zwitschern einer Schwalbe. Den Freiern ward angst, und sie wurden bleich, als sie es hörten; in dem Augenblicke donnerte Zeus laut zum Zeichen, und Odysseus' Herz war froh, als er das Wahrzeichen vernahm, das der Sohn des listenreichen Kronos ihm sandte.
Er nahm einen Pfeil, der auf dem Tische lag – denn diejenigen, welche die Achaier alsbald kosten sollten, lagen alle noch im Köcher –, legte ihn auf die Mittelplatte des Bogens und zog die Kerbe des Pfeiles und die Sehne zu sich heran, noch auf seinem Sitze sitzend. Als er gezielt hatte, schoss er los, und sein Pfeil fuhr durch alle Stielöffnungen der Äxte, vom ersten an, bis er ganz hindurch war und in den äußeren Hof drang. Dann sprach er zu Telemachos:
„Dein Gast hat dich nicht beschämt, Telemachos. Ich habe nicht verfehlt, wonach ich zielte, und brauchte nicht lange, meinen Bogen zu spannen. Ich bin noch stark und nicht, wie die Freier spotten, ein Schwächling. Jetzt aber ist es Zeit, dass die Achaier das Mahl richten, solange noch Tageslicht ist, und sich danach mit Gesang und Tanz ergötzen, die eines Festes schönster Schmuck sind."
Wie er so sprach, gab er ein Zeichen mit den Brauen, und Telemachos gürtete sein Schwert um, ergriff seinen Speer und stellte sich gerüstet neben den Sitz seines Vaters.
ZWEIUNDZWANZIGSTES BUCH
DIE TÖTUNG DER FREIER – DIE FEHLBAREN MÄGDE MÜSSEN DEN HOF REINIGEN UND WERDEN DANN AUFGEKNÜPFT.
Da riss Odysseus seine Lumpen ab und sprang auf das breite Steinpflaster, mit dem Bogen und dem vollen Köcher. Die Pfeile schüttete er zu seinen Füßen auf den Boden und sprach: „Der große Wettstreit ist zu Ende. Nun will ich sehen, ob Apollo mir vergönnt, ein anderes Ziel zu treffen, das noch kein Mann getroffen hat."
Damit zielte er einen todbringenden Pfeil auf Antinoos, der eben einen zweihenkligen goldenen Becher erheben wollte, um Wein zu trinken, und ihn schon in den Händen hielt. Er dachte nicht an den Tod – wer unter allen Schmausenden hätte auch gedacht, dass ein einzelner Mann, so tapfer er sei, allein unter so vielen stehen und ihn töten würde? Der Pfeil traf Antinoos in die Kehle, und die Spitze fuhr ihm glatt durch den Hals, sodass er hintenüber sank und der Becher seiner Hand entfiel, während ein dicker Blutstrom ihm aus den Nasenlöchern schoss. Er stieß den Tisch von sich und warf alles darauf um, sodass Brot und gebratene Speisen, die herabfielen, alle besudelt wurden. Die Freier gerieten in Aufruhr, als sie sahen, dass ein Mann getroffen war; sie sprangen voll Schrecken alle zugleich von ihren Sitzen auf und sahen sich nach allen Seiten nach den Wänden um, aber es war weder Schild noch Speer da, und sie schalten Odysseus heftig. „Fremdling," riefen sie, „du sollst es büßen, dass du so unter die Leute schießt: du sollst keinen anderen Wettstreit mehr erleben; du bist ein verlorener Mann; wen du getötet hast, der war der vornehmste Jüngling in Ithaka, und die Geier sollen dich zerreißen, dass du ihn erschlagen hast."
So sprachen sie, denn sie meinten, er habe Antinoos nur aus Versehen getötet, und ahnten nicht, dass der Tod über dem Haupte eines jeden von ihnen schwebte. Aber Odysseus blickte sie finster an und sprach:
„Ihr Hunde, dachtet ihr, ich würde nicht mehr aus Troja zurückkehren? Ihr habt mein Gut verzehrt, habt meine Mägde gezwungen, euch zu Willen zu sein, und habt um meine Frau geworben, während ich noch am Leben war. Ihr habt weder Gott noch Menschen gefürchtet, und nun sollt ihr sterben."
Sie erbleichten vor Furcht, als er so sprach, und ein jeder sah sich um, wohin er fliehen könne, um sein Leben zu retten; allein Eurymachos hob an:
„Bist du Odysseus," sprach er, „so hast du nur Gerechtes gesagt. Wir haben viel Unrecht getan auf deinen Gütern und in deinem Hause. Aber Antinoos, der das Haupt und der Anstifter all des Frevels war, liegt schon danieder. Es war alles sein Werk. Nicht dass er Penelope hätte freien wollen; danach stand ihm nicht der Sinn; was er wollte, war etwas ganz anderes, und Zeus hat es ihm nicht gewährt: er wollte deinen Sohn töten und der erste Mann in Ithaka sein. Da er nun den Tod empfangen, der ihm gebührte, schone dein Volk. Wir wollen alles untereinander gutmachen und dir vollen Ersatz leisten für alles, was wir verzehrt und getrunken haben. Ein jeder von uns soll dir eine Buße im Werte von zwanzig Rindern zahlen, und wir wollen dir Gold und Erz geben, so lange, bis dein Herz sich besänftigt. Bis dies geschehen ist, kann niemand sich beklagen, dass du uns zürnst."
Odysseus blickte ihn wieder finster an und sprach: „Wenn du mir auch alles gäbst, was du jetzt auf der Welt hast und jemals haben wirst, so werde ich doch meine Hand nicht ablassen, bis ich euch allen voll heimgezahlt habe. Kämpfen müsst ihr oder um euer Leben fliehen; und fliehen – nicht einer von euch soll entrinnen."
Ihnen sank das Herz, als sie das hörten, doch Eurymachos sprach abermals:
„Meine Freunde, dieser Mann wird uns nicht schonen. Er wird stehen, wo er steht, und uns niederschiessen, bis er uns alle getötet hat. Lasst uns also kämpfen; zieht eure Schwerter und haltet die Tische vor, dass sie euch gegen seine Pfeile schützen. Lasst uns geschlossen auf ihn einstürmen, um ihn vom Pflaster und von der Tür zu vertreiben: dann können wir zur Stadt durchbrechen und solchen Lärm erheben, dass seinem Schießen bald Einhalt geboten wird."
So sprechend, zog er sein scharfes, zweischneidiges Erzschwert und stürzte mit lautem Schrei auf Odysseus los; doch Odysseus schoss ihm augenblicklich einen Pfeil in die Brust, der ihn an der Brustwarze fasste und sich in die Leber bohrte. Er ließ das Schwert fallen und sank über seinem Tisch zusammen. Der Becher und alle Speisen fielen auf die Erde, als er die Stirn in Todesqualen gegen den Boden schlug, und er strampelte mit den Füßen, bis sich seine Augen im Dunkel schlossen.
Da zog Amphinomos das Schwert und ging geradewegs auf Odysseus los, um ihn von der Tür zu verdrängen; aber Telemachus war schneller als er und traf ihn von hinten; der Speer durchbohrte ihn zwischen den Schultern und fuhr ihm durch die Brust, sodass er schwer zu Boden stürzte und mit der Stirn den Boden schlug. Telemachus sprang von ihm weg und ließ den Speer im Leibe stecken, denn er fürchtete, wenn er bliebe, ihn herauszuziehen, könnte einer der Achaier herankommen und mit dem Schwerte auf ihn einhauen oder ihn niederschlagen. Also lief er fort und war im Augenblick an der Seite seines Vaters. Da sprach er:
„Vater, lass mich dir einen Schild holen, zwei Speere und einen ehernen Helm für deine Schläfen. Auch ich will mich wappnen und für den Schweinehirten und den Rinderhirten Rüstung bringen, denn es ist besser, wir sind gewappnet."
„Lauf und hole sie," antwortete Odysseus, „solange meine Pfeile noch vorhalten, oder sie könnten mich, wenn ich allein bin, von der Tür vertreiben."
Telemachus tat, wie der Vater sagte, und ging in die Vorratskammer, wo die Rüstung verwahrt wurde. Er wählte vier Schilde, acht Speere und vier eherne Helme mit Rosshaarschweifen. Er brachte sie eiligst zu seinem Vater und legte zuerst selbst die Rüstung an, während auch der Rinderhirt und der Schweinehirt ihre Rüstung anlegten und sich neben Odysseus stellten. Inzwischen hatte Odysseus, solange seine Pfeile reichten, die Freier einen nach dem anderen niedergeschossen, und sie fielen dicht aufeinander. Als die Pfeile ausgegangen waren, stellte er den Bogen an die Endwand des Hauses beim Türpfosten und hängte einen Schild von vierfacher Rinderhaut um seine Schultern; auf sein schönes Haupt setzte er den Helm, kunstvoll gefertigt mit einem Rosshaarschweif, der drohend darüber nickte, und erfasste zwei gewaltige erzbeschlagene Speere.
Nun war in der Wand eine Falltür, und an einem Ende des Steinpflasters befand sich ein Ausgang, der zu einem engen Gang führte; dieser Ausgang war durch eine wohlschaffene Tür verschlossen. Odysseus befahl Philoetius, sich neben diese Tür zu stellen und sie zu bewachen, denn nur ein Mann zur Zeit konnte dort angreifen. Agelaus aber schrie laut: „Kann nicht einer zur Falltür hinaufsteigen und den Leuten draußen sagen, was hier vorgeht? Hilfe würde alsbald kommen, und wir würden diesen Mann und sein Schießen bald zu Ende bringen."
„Das geht nicht, Agelaus," antwortete Melanthios, „die Mündung des engen Ganges ist gefährlich nahe dem Eingang zum äußeren Hof. Ein tapferer Mann kann jeden Aufdrängenden abwehren. Aber ich weiß, was ich tun will: ich werde euch Waffen aus der Vorratskammer holen, denn dort, dessen bin ich sicher, haben Odysseus und sein Sohn sie versteckt."
Hierauf ging der Ziegenhirt Melanthios auf Hinterwegen in die Vorratskammer von Odysseus' Haus. Dort wählte er zwölf Schilde mit ebenso vielen Helmen und Speeren und brachte sie so schnell er konnte den Freiern. Odysseus' Herz begann zu sinken, als er sah, wie die Freier die Rüstungen anlegten und die Speere schwangen. Er sah die Größe der Gefahr und sprach zu Telemachos: „Eine von den Frauen drinnen hilft den Freiern gegen uns, oder es ist Melanthios."
Telemachus antwortete: „Die Schuld, Vater, ist die meine, ganz allein die meine; ich habe die Tür der Vorratskammer offen gelassen, und sie haben besser aufgepasst als ich. Geh, Eumaios, mach die Tür zu und sieh, ob es eine der Frauen ist, die das tut, oder ob es, wie ich vermute, Melanthios, der Sohn des Dolios, ist."
So sprachen sie miteinander. Inzwischen ging Melanthios abermals zur Vorratskammer, um mehr Rüstung zu holen; doch der Schweinehirt sah ihn und sprach zu Odysseus, der neben ihm stand: „Odysseus, edler Sohn des Laertes, es ist jener Schurke Melanthios, genau wie wir vermuteten, der zur Vorratskammer geht. Sage, soll ich ihn töten, wenn ich seiner habhaft werden kann, oder soll ich ihn hierher bringen, dass du dich selbst an ihm rächst für all das viele Unrecht, das er in deinem Hause verübt hat?"
Odysseus antwortete: „Telemachos und ich werden diese Freier in Schach halten, was immer sie tun; geht beide zurück und bindet Melanthios Hände und Füße auf den Rücken. Werft ihn in die Vorratskammer und macht die Tür hinter ihm fest; dann legt ihm eine Schlinge um den Leib und zieht ihn an einem hohen Tragebalken dicht an die Sparren hinauf, dass er lange in Qualen schwebe."
So sprach er, und sie taten, wie er befohlen. Sie gingen zur Vorratskammer, die sie betraten, ehe Melanthios sie sah, denn er war im innersten Teil des Raumes eifrig auf der Suche nach Waffen; so stellten sich die beiden zu beiden Seiten der Tür auf und warteten. Bald kam Melanthios heraus mit einem Helm in der einen Hand und einem alten, trockenmorschen Schild in der anderen, den einst Laertes getragen hatte in seiner Jugend, der aber längst beiseite gelegt war und dessen Riemen sich gelöst hatten. Da packten sie ihn, zerrten ihn beim Haar zurück und warfen ihn ringend zu Boden. Sie bogen ihm Hände und Füße tüchtig nach hinten und banden sie mit schmerzhaftem Strick fest, wie Odysseus befohlen hatte; dann legten sie ihm eine Schlinge um den Leib und zogen ihn an einem hohen Pfosten bis dicht unter die Sparren hinauf. Über ihm aber triumphierst du nun, o Schweinehirt Eumaios, und sprachst: „Melanthios, du wirst die Nacht auf einem weichen Bett verbringen, wie du es verdienst. Wohl wird dir der Morgen von den Strömen des Okeanos künden, und es wird Zeit sein, dass du deine Ziegen zum Schmaus für die Freier eintreibst."
Dort ließen sie ihn in grausamer Fessel zurück, legten ihre Rüstung an, schlossen hinter sich die Tür und gingen wieder zurück, um an der Seite des Odysseus ihren Platz einzunehmen. Die vier Männer standen nun im Hof, wild und voll Wut; dennoch waren die im Innern des Hofes noch tapfer und in großer Zahl. Da kam Zeus' Tochter Minerva zu ihnen herauf, in Mentors Stimme und Gestalt. Odysseus war froh, als er sie sah, und sprach: „Mentor, hilf mir und vergiss deinen alten Kampfgenossen nicht, all die vielen guten Dienste, die er dir erwiesen. Du bist ja auch mein Altersgenosse."
Die ganze Zeit aber wusste er sicher, dass es Minerva war; die Freier von der anderen Seite erhoben ein Geschrei, als sie sie sahen. Agelaus war der erste, der ihr Vorwürfe machte. „Mentor," rief er, „lass dich nicht von Odysseus bereden, auf seiner Seite zu stehen und gegen die Freier zu kämpfen. Das werden wir tun: wenn wir diese Leute, Vater und Sohn, getötet haben, töten wir auch dich. Du sollst es mit dem Haupt büßen, und wenn wir dich getötet haben, nehmen wir alles, was du hast, drinnen oder draußen, und mengen es in einen Topf mit Odysseus' Besitz; wir werden deine Söhne nicht in deinem Hause leben lassen, noch deine Töchter, und deine Witwe soll nicht länger in der Stadt Ithaka wohnen."
Das machte Minerva noch zorniger, und sie schalt Odysseus heftig. „Odysseus," sprach sie, „deine Stärke und Kraft sind nicht mehr, was sie waren, als du neun lange Jahre bei den Troern um die edle Helena kämpftest. Du hast manchen Mann damals erschlagen, und durch deine List wurde Priamos' Stadt genommen. Wie kommt es, dass du so kläglich weniger tapfer bist, da du auf eigenem Boden stehst, den Freiern in deinem eigenen Hause von Angesicht zu Angesicht gegenüber? Wohlan, mein Guter, tritt mir zur Seite und sieh, wie Mentor, des Alkimos Sohn, deine Feinde bekämpfen und dir deine Wohltaten vergelten wird."
Doch vollen Sieg gab sie ihm noch nicht, denn sie wollte seine eigene Kraft und die seines tapferen Sohnes noch weiter erproben. So flog sie hinauf zu einem der Dachbalken des Hofes und setzte sich in Gestalt einer Schwalfe darauf.
Indes trugen Agelaus, des Damastor Sohn, Eurynomos, Amphimedon, Demoptolemos, Pisandros und Polybos, des Polyktor Sohn, auf der Seite der Freier die Hauptlast des Kampfes; von allen, die noch um ihr Leben fochten, waren sie bei weitem die tapfersten, denn die anderen waren bereits unter den Pfeilen des Odysseus gefallen. Agelaus rief ihnen zu und sprach: „Meine Freunde, er wird bald aufhören müssen, denn Mentor ist fortgegangen, nachdem er für ihn nichts getan hat als prahlen. Sie stehen unbewacht an den Türen. Zielt nicht alle zugleich auf ihn, sondern werft sechs von euch zuerst die Speere und seht, ob ihr euch nicht mit Ruhm bedecken könnt, indem ihr ihn tötet. Wenn er gefallen ist, brauchen wir uns um die anderen nicht mehr zu sorgen."
Sie schleuderten die Speere, wie er geboten, doch Minerva machte sie alle unwirksam. Einer traf den Türpfosten; ein anderer fuhr gegen die Tür; die eiserne Spitze eines dritten schlug an die Wand. Sobald sie den Speeren der Freier ausgewichen waren, sprach Odysseus zu seinen Leuten: „Freunde, ich meine, auch wir sollten mitten unter sie hineintreiben, oder sie werden all das Unheil, das sie uns getan, noch krönen, indem sie uns vollends erschlagen."
Sie zielten also geradeaus und schleuderten ihre Speere. Odysseus tötete Demoptolemos, Telemachos den Euryades, Eumaios den Elatos, und der Rinderhirt den Pisandros. Sie alle bissen in den Staub, und als die anderen sich in eine Ecke zurückzogen, stürmten Odysseus und seine Männer vor und holten sich ihre Speere wieder, indem sie sie aus den Leibern der Gefallenen zogen.
Die Freier zielten nun ein zweites Mal, doch wieder machte Minerva ihre Waffen großenteils unwirksam. Einer traf einen Tragbalken des Hofes; ein anderer fuhr gegen die Tür; die eiserne Spitze eines dritten schlug an die Wand. Doch Amphimedon schlug Telemachos ein Stück Oberhaut vom Handgelenk, und Ktesippos streifte die Schulter des Eumaios oberhalb seines Schildes; aber der Speer flog weiter und fiel zu Boden. Da ließen Odysseus und seine Männer unter die Schar der Freier fahren. Odysseus traf den Eurydamas, Telemachos den Amphimedon, und Eumaios den Polybos. Danach traf der Rinderhirt den Ktesippos in die Brust und schalt ihn: „Schandmäuliger Sohn des Polytherses, sei nicht so töricht, ein andermal schmählich zu reden, sondern lass den Himmel deine Rede lenken, denn die Götter sind weit stärker als Menschen. Diesen Rat gebe ich dir zum Dank für den Fußtritt, den du dem Odysseus gabst, als er im eigenen Hause bettelnd umherging."
So sprach der Rinderhirt, und Odysseus durchbohrte im Nahkampf den Sohn des Damastor mit dem Speer, während Telemachos dem Leokritos, dem Sohn des Evenor, den Speer in den Leib stieß, so dass der Schaft sauber hindurchfuhr und er kopfüber mit dem Gesicht zu Boden fiel. Da erhob Minerva von ihrem Sitz auf dem Querbalken die verderbenbringende Aegis, und das Herz der Freier erbebte.
Sie flohen zum anderen Ende des Hofes wie eine Herde Rinder, die im Frühsommer, wenn die Tage am längsten sind, von der Bremse gestochen wird. Wie adlerschnäbelige, krummklauige Geier aus den Bergen auf kleinere Vögel herabstürzen, die in Scharen am Boden kauern, und sie töten, weil sie weder kämpfen noch fliehen können, und die Zuschauer sich am Schauspiel erfreuen – so fielen Odysseus und seine Männer über die Freier her und schlugen sie von allen Seiten. Sie stießen ein entsetzliches Stöhnen aus, während ihre Schädel zertrümmert wurden, und der Boden dampfte von ihrem Blut.
Da ergriff Leiodes die Knie des Odysseus und sprach: „Odysseus, ich flehe dich an, erbarme dich meiner und schone mich. Ich habe nie eine der Frauen in deinem Hause gekränkt, weder mit Worten noch mit Taten, und ich suchte die anderen zurückzuhalten. Ich sah, was sie taten, doch sie wollten nicht hören, und nun büßen sie ihre Torheit. Ich war ihr Opferpriester; wenn du mich tötest, werde ich sterben, ohne etwas Verdientes getan zu haben, und werde keinen Lohn empfangen für all das Gute, das ich wirkte."
Odysseus blickte ihn finster an und antwortete: „Wenn du ihr Opferpriester warst, musst du gar oft darum gebetet haben, dass ich noch lange nicht heimkehren möge, dass du vielmehr meine Frau heiraten und Kinder von ihr haben könntest. Darum musst du sterben."
Mit diesen Worten hob er das Schwert auf, das Agelaus hatte fallen lassen, als er getötet wurde, und das am Boden lag. Dann schlug er Leiodes in den Nacken, so dass sein Haupt, noch während er sprach, rollend in den Staub fiel.
Der Sänger Phemios, Sohn des Terpes – der von den Freiern gezwungen worden war, ihnen zu singen –, versuchte nun sein Leben zu retten. Er stand nahe bei der Falltür und hielt seine Leier in der Hand. Er wusste nicht, ob er aus der Vorhalle fliehen und sich neben den Altar Jupiters setzen sollte, der im äußeren Hof stand und an dem sowohl Laertes als auch Odysseus schon manchem Stier die Schenkelknochen dargebracht hatten, oder ob er geradewegs auf Odysseus zugehen und seine Knie umfassen sollte; doch zuletzt erschien es ihm als das Beste, Odysseus’ Knie zu umfassen. So legte er seine Leier auf den Boden zwischen den Mischkrug und den silberbeschlagenen Sessel; dann trat er auf Odysseus zu, ergriff seine Knie und sprach: „Odysseus, ich flehe dich an, erbarme dich meiner und schone mich. Du wirst es später bereuen, wenn du einen Sänger tötest, der wie ich für Götter und Menschen singen kann. Alle meine Lieder dichte ich selbst, und der Himmel schenkt mir jede Art von Eingebung. Ich würde zu dir singen, als wärst du ein Gott; darum sei nicht so rasch, mir den Kopf abzuschlagen. Dein eigener Sohn Telemachos wird dir sagen, dass ich nicht in dein Haus kommen und den Freiern nach ihren Mahlzeiten singen wollte; doch sie waren zu zahlreich und zu stark für mich, und so zwangen sie mich."
Telemachos hörte ihn und ging sogleich zu seinem Vater. „Halt!", rief er, „der Mann ist schuldlos, füge ihm kein Leid zu; und auch Medon wollen wir verschonen, der immer gut zu mir war, als ich ein Knabe war – es sei denn, Philoetios oder Eumaios hat ihn schon getötet, oder er ist dir in den Weg gekommen, als du im Hof wütetest."
Medon vernahm diese Worte des Telemachos; denn er hockte unter einem Sessel, unter dem er sich versteckt hatte, indem er sich mit dem frisch abgezogenen Fell einer jungen Kuh bedeckte. So warf er das Fell ab, trat zu Telemachos und ergriff seine Knie.
„Hier bin ich, mein lieber Herr", sagte er, „haltet daher ein mit der Hand und sagt es eurem Vater, damit er mich nicht in seinem Zorn gegen die Freier tötet, weil sie sein Vermögen verschwendet und euch so töricht missachtet haben."
Odysseus lächelte ihn an und antwortete: „Fürchte dich nicht; Telemachos hat dein Leben gerettet, damit du in Zukunft erkennst und anderen kundtust, wie viel besser gute Taten gedeihen als böse. Geh daher hinaus aus der Vorhalle in den äußeren Hof und bleibe außerhalb des Gemetzels – du und der Sänger –, während ich hier drinnen mein Werk vollende."
Die beiden gingen so schnell sie konnten in den äußeren Hof und setzten sich neben Jupiters großen Altar, schauten sich furchtsam um und erwarteten noch immer, getötet zu werden. Dann durchsuchte Odysseus den ganzen Hof sorgfältig, ob sich jemand versteckt hätte und noch am Leben sei; doch er fand sie alle im Staub liegend und in ihrem Blut wälzend. Sie glichen Fischen, die Fischer aus dem Meer genetzt und auf den Strand geworfen haben, wo sie nach Wasser schnappen, bis die Hitze der Sonne ihnen ein Ende macht. Genau so lagen die Freier dicht aneinandergedrängt.
Da sprach Odysseus zu Telemachos: „Rufe die Amme Eurykleia; ich habe ihr etwas zu sagen."
Telemachos ging und klopfte an die Tür des Frauenraums. „Beeile dich", sagte er, „du alte Frau, die du über alle anderen Frauen im Haus gesetzt bist. Komm heraus; mein Vater wünscht mit dir zu sprechen."
Als Eurykleia dies hörte, öffnete sie die Tür des Frauenraums und trat heraus, Telemachos folgend. Sie fand Odysseus unter den Leichen, mit Blut und Schmutz besudelt wie ein Löwe, der soeben einen Stier zerrissen hat, und seine Brust und beide Wangen waren ganz blutig, so dass er ein furchtbarer Anblick war; genauso war Odysseus von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt. Als sie all die Leichen sah und das viele Blut, wollte sie vor Freude laut aufschreien, denn sie erkannte, dass eine große Tat vollbracht war; doch Odysseus hielt sie zurück. „Alte Frau", sagte er, „freue dich schweigend; bezähme dich und mache keinen Lärm darüber; es ist frevelhaft, über Tote zu triumphieren. Des Himmels Ratschluss und ihre eigenen bösen Taten haben diese Männer ins Verderben gestürzt; denn sie achteten keinen Menschen in der ganzen Welt, weder Reiche noch Arme, die zu ihnen kamen, und so haben sie ein schlimmes Ende gefunden als Strafe für ihre Schlechtigkeit und Torheit. Nun aber sage mir, welche der Frauen im Haus sich schlecht verhalten haben und welche unschuldig sind."
„Ich will dir die Wahrheit sagen, mein Sohn", antwortete Eurykleia. „Es sind fünfzig Frauen im Haus, die wir in allerlei Arbeit unterweisen, wie Wolle zu spinnen und alle Arten hauswirtschaftlicher Verrichtungen. Von diesen haben sich im Ganzen zwölf schlecht benommen und haben es an Respekt gegen mich und auch gegen Penelope fehlen lassen. Telemachus gegenüber zeigten sie keine Missachtung, denn er ist erst kürzlich herangewachsen, und seine Mutter hat ihm nie erlaubt, den Mägden Befehle zu geben; doch lass mich hinaufgehen und deiner Frau alles berichten, was geschehen ist, denn irgendein Gott hat sie in Schlaf gesandt."
„Wecke sie noch nicht", antwortete Odysseus, „sondern sage den Frauen, die sich schlecht verhalten haben, dass sie zu mir kommen sollen."
Eurykleia verließ die Vorhalle, um den Frauen zu melden, dass sie zu Odysseus kommen sollten; inzwischen rief er Telemachos, den Rinderhirten und den Schweinehirten. „Beginnt", sagte er, „die Toten hinauszuschaffen, und lasst die Frauen euch dabei helfen. Dann holt Schwämme und sauberes Wasser, um die Tische und Sessel abzuwaschen. Wenn ihr die ganze Vorhalle gründlich gereinigt habt, bringt die Frauen in den Raum zwischen dem gewölbten Zimmer und der Mauer des äußeren Hofes und stoßt sie mit euren Schwertern nieder, bis sie ganz tot sind und alles vergessen haben, was mit der Liebe und dem heimlichen Beilager mit den Freiern zu tun hat."
Darauf kamen die Frauen geschlossen herab, bitter weinend und klagend. Zuerst trugen sie die toten Körper hinaus und lehnten sie im Torhaus gegeneinander auf. Odysseus trieb sie an und ließ sie ihre Arbeit rasch tun, so mussten sie die Leichen hinaustragen. Als dies geschehen war, reinigten sie alle Tische und Sessel mit Schwämmen und Wasser, während Telemachos und die beiden anderen das Blut und den Schmutz vom Boden schaufelten, und die Frauen trugen alles fort und schütteten es vor die Tür. Dann, als sie den ganzen Platz sauber und ordentlich gemacht hatten, führten sie die Frauen hinaus und schlossen sie in den engen Raum zwischen der Mauer des gewölbten Zimmers und der des Hofes ein, so dass sie nicht entkommen konnten; und Telemachos sprach zu den beiden anderen: „Ich werde diesen Frauen keinen reinen Tod gönnen, denn sie waren frech gegen mich und meine Mutter und pflegten bei den Freiern zu schlafen."
So sprechend befestigte er ein Schiffstau an einem der Tragpfosten, die das Dach des gewölbten Zimmers stützten, und sicherte es rings um das Gebäude in angemessener Höhe, damit keine der Frauen mit den Füßen den Boden berühre; und wie Drosseln oder Tauben gegen ein Netz schlagen, das man ihnen im Gesträuch gestellt hat, gerade wenn sie zu ihrem Nest gelangen wollen, und ein schreckliches Schicksal sie erwartet – so mussten die Frauen einer nach der anderen ihren Kopf in die Schlingen stecken und auf elendeste Weise sterben. Ihre Füße zuckten noch eine Weile krampfhaft, doch nicht allzu lange.
Was Melanthios betrifft, so führten sie ihn durch die Vorhalle in den inneren Hof. Dort schnitten sie ihm Nase und Ohren ab; sie rissen seine Eingeweide heraus und gaben sie den Hunden roh hin, und dann hieben sie ihm in ihrer Wut die Hände und die Füße ab.
Als sie dies getan hatten, wuschen sie sich Hände und Füße und kehrten ins Haus zurück, denn nun war alles vorüber; und Odysseus sprach zu der teuren alten Amme Eurykleia: „Bringe mir Schwefel, das jede Verunreinigung reinigt, und hole auch Feuer, damit ich es verbrenne und die Vorhalle reinige. Geh ferner und sage Penelope, sie solle mit ihren Mägden hierher kommen, und auch alle Mägde, die im Hause sind."
„Alles, was du gesagt hast, ist wahr", antwortete Eurykleia, „doch lass mich dir saubere Kleidung bringen – ein Hemd und einen Mantel. Trage diese Lumpen nicht länger auf dem Rücken. Es geziemt sich nicht."
„Zünde mir zuerst ein Feuer an", erwiderte Odysseus.
Sie brachte das Feuer und den Schwefel, wie er befohlen hatte, und Odysseus reinigte gründlich die Vorhalle und sowohl den inneren als auch den äußeren Hof. Dann ging sie hinein, um die Frauen zu rufen und ihnen zu berichten, was geschehen war; worauf diese aus ihren Gemächern mit Fackeln in den Händen kamen und sich um Odysseus drängten, um ihn zu umarmen, seinen Kopf und seine Schultern küssten und seine Hände ergriffen. Es kam ihm so vor, als möchte er weinen, denn er erinnerte sich an jede einzelne von ihnen.
DAS DREIUNDZWANZIGSTE BUCH
PENELOPE ERKENNT SCHLIESSLICH IHREN MANN WIEDER – FRÜH AM MORGEN VERLASSEN ODYSSEUS, TELEMACHOS, EUMAIOS UND PHILOETIOS DIE STADT.
Eurykleia ging nun lachend die Treppe hinauf, um ihrer Herrin zu melden, dass ihr teurer Mann heimgekehrt sei. Ihre altersschwachen Knie wurden wieder jung, und ihre Füße wurden leicht vor Freude, als sie hinaufging zu ihrer Herrin, sich über ihren Kopf beugte und zu ihr sprach. „Wache auf, Penelope, mein liebes Kind", rief sie, „und sieh mit eigenen Augen etwas, das du dir so lange gewünscht hast. Odysseus ist endlich tatsächlich heimgekehrt und hat die Freier getötet, die in seinem Hause so viel Unheil stifteten, sein Vermögen verprassten und seinen Sohn schlecht behandelten."
„Meine gute Amme", antwortete Penelope, „du musst von Sinnen sein. Die Götter schicken manchmal sehr verständige Menschen aus dem Verstand und machen törichte Menschen verständig. Das müssen sie mit dir getan haben; denn du warst immer ein vernünftiger Mensch. Warum verspottest du mich so, da ich schon genug Kummer habe – redest solchen Unsinn und weckst mich aus einem süßen Schlaf, der sich meiner Augen bemächtigt und sie geschlossen hatte? So fest habe ich nicht geschlafen seit dem Tag, da mein armer Mann in jene Stadt mit dem unheilvollen Namen ging. Geh wieder zurück in den Frauenraum; wäre es irgendeine andere gewesen, die mich geweckt hätte, um mir solch absurde Neuigkeiten zu bringen, ich hätte sie mit einem strengen Verweis fortgeschickt. So aber schützt dich dein Alter."
„Mein liebes Kind", antwortete Eurykleia, „ich verspotte dich nicht. Es ist ganz wahr, wie ich dir sage, dass Odysseus heimgekehrt ist. Er war jener Fremde, den sie alle in der Vorhalle so schlecht behandelten. Telemachos wusste die ganze Zeit, dass er zurück war, doch er bewahrte seines Vaters Geheimnis, damit dieser an all diesen ruchlosen Menschen Rache nehmen könne."
Da sprang Penelope von ihrem Lager auf, schlang die Arme um Eurykleia und weinte vor Freude. „Aber meine liebe Amme", sagte sie, „erkläre mir das: Wenn er wirklich, wie du sagst, heimgekehrt ist, wie hat er es angestellt, die ruchlosen Freier ganz allein zu überwältigen, da ihrer doch immer so viele waren?"
„Ich war nicht dabei", antwortete Eurykleia, „und weiß es nicht; ich hörte sie nur stöhnen, während sie getötet wurden. Wir saßen in einer Ecke des Frauenraums zusammengekauert, mit geschlossenen Türen, bis dein Sohn mich holen kam, weil sein Vater ihn schickte. Da fand ich Odysseus über den Leibern stehen, die am Boden rings um ihn lagen, einer auf dem anderen. Du hättest deine Freude gehabt, wenn du hättest sehen können, wie er dastand, von Kopf bis Fuß mit Blut und Schmutz bedeckt, gerade wie ein Löwe. Aber nun sind die Leichen alle im Torhaus aufgestapelt, das im äußeren Hof liegt, und Odysseus hat ein großes Feuer angezündet, um das Haus mit Schwefel zu reinigen. Er hat mich gesandt, dich zu rufen, darum komm mit mir, damit ihr beide nach allem glücklich zusammensein könnt; denn nun ist endlich der Wunsch deines Herzens erfüllt; dein Mann ist heimgekehrt, um Frau und Sohn am Leben und wohlauf wiederzufinden und in seinem eigenen Hause an den Freiern Rache zu nehmen, die sich so schlecht gegen ihn benommen haben."
„Meine liebe Amme", sagte Penelope, „triumphe nicht zu siegesgewiss über all dies. Du weißt, wie froh jeder wäre, Odysseus heimkehren zu sehen – ich ganz besonders und der Sohn, der uns beiden geboren wurde; aber was du mir sagst, kann nicht wahr sein. Es ist irgendein Gott, der über die Freier wegen ihrer großen Schlechtigkeit erzürnt ist und ihnen ein Ende gemacht hat; denn sie achteten keinen Menschen in der ganzen Welt, weder Reiche noch Arme, die zu ihnen kamen, und so haben sie ein schlimmes Ende gefunden infolge ihrer Bosheit; Odysseus ist tot, fern vom achäischen Land; er wird niemals mehr heimkehren."
Da sagte die Amme Eurykleia: „Mein Kind, was redest du? Aber du bist immer schwer zu überzeugen gewesen und hast dir in den Kopf gesetzt, dass dein Mann nie kommt, obwohl er im Hause und an seinem eigenen Herd in diesem Augenblick ist. Überdies kann ich dir noch einen anderen Beweis geben: Als ich ihn wusch, bemerkte ich die Narbe, die ihm der Wildschwein verursacht hat, und ich wollte es dir sagen, doch er hat mich in seiner Klugheit nicht gelassen und mir den Mund zugehalten; darum komm mit mir, und ich will diese Abmachung mit dir treffen – wenn ich dich täusche, magst du mich auf die grausamste Art töten lassen, die dir einfällt."
„Meine liebe Amme", sagte Penelope, „so klug du auch sein magst, du kannst die Ratschlüsse der Götter kaum ergründen. Dennoch wollen wir gehen, um meinen Sohn aufzusuchen, damit ich die Leichen der Freier sehe und den Mann, der sie getötet hat."
Darauf stieg sie aus ihrem oberen Gemach herab, und während sie dies tat, überlegte sie, ob sie auf Abstand zu ihrem Mann bleiben und ihn befragen solle, oder ob sie sogleich auf ihn zugehen und ihn umarmen solle. Als sie jedoch den steinernen Boden der Vorhalle überschritten hatte, setzte sie sich gegenüber Odysseus beim Feuer an die Wand im rechten Winkel zu der, durch die sie eingetreten war, während Odysseus nahe bei einem der Tragpfosten saß, zu Boden blickend und wartend zu sehen, was seine tapfere Frau zu ihm sagen würde, wenn sie ihn erblickte. Lange saß sie schweigend, ganz in Staunen verloren. Bald sah sie ihm voll ins Gesicht, doch dann wieder wurde sie durch seine schäbige Kleidung getäuscht und erkannte ihn nicht, bis Telemachos sie zu tadeln begann und sprach:
„Mutter – aber du bist so hart, dass ich dich nicht bei einem solchen Namen nennen kann – warum hältst du dich so fern von meinem Vater? Warum setzt du dich nicht an seine Seite und beginnst mit ihm zu reden und ihn zu befragen? Keine andere Frau könnte es ertragen, sich von ihrem Mann fernzuhalten, wenn er nach zwanzig Jahren der Abwesenheit und nach so vielem, was er durchgemacht hat, zu ihr zurückgekehrt ist; doch dein Herz war immer so hart wie ein Stein."
Penelope antwortete: „Mein Sohn, ich bin so sehr in Staunen verloren, dass ich keine Worte finde, weder um Fragen zu stellen noch um zu antworten. Ich kann ihm nicht einmal gerade ins Gesicht sehen. Doch wenn er wirklich Odysseus ist, der in sein eigenes Haus zurückgekehrt ist, werden wir einander mit der Zeit besser verstehen, denn es gibt Erkennungszeichen, die nur wir beide kennen und die allen anderen verborgen sind."
Odysseus lächelte bei diesen Worten und sprach zu Telemachos: „Lass deine Mutter mich prüfen, wie es ihr beliebt; sie wird sich bald genug ein Urteil bilden. Für den Augenblick weist sie mich zurück und hält mich für einen anderen, weil ich mit Schmutz bedeckt bin und so schlechte Kleidung trage; lasst uns jedoch überlegen, was wir als Nächstes tun sollen. Wenn ein Mann einen anderen tötet – selbst wenn es nicht einer wäre, der viele Freunde hinterlässt, die seine Sache aufnehmen –, muss der Täter sich dennoch von seinen Freunden verabschieden und außer Landes fliehen; wir aber haben den Halt einer ganzen Stadt getötet und die auserlesene Jugend Ithakas. Ich möchte, dass du diese Sache bedenkst."
„Sorge du dafür, Vater", antwortete Telemachos, „denn man sagt, du seiest der weiseste Ratgeber der Welt, und kein anderer sterblicher Mann könne sich mit dir vergleichen. Wir werden dir mit gutem Willen folgen, und du sollst uns nicht versagen finden, soweit unsere Kraft reicht."
„Ich will sagen, was mir das Beste scheint", antwortete Odysseus. „Zuerst wascht euch und zieht Hemden an; sagt auch den Mägden, sie sollen in ihr Zimmer gehen und sich ankleiden. Phemios soll dann auf seiner Leier ein Tanzlied anstimmen, so dass, wenn Leute draußen es hören, oder einer der Nachbarn, oder jemand, der die Straße entlanggeht, es zufällig bemerkt, sie meinen, im Hause sei eine Hochzeit, und keine Gerüchte über den Tod der Freier sich in der Stadt verbreiten, bevor wir in die Wälder auf mein eigenes Land entkommen können. Dort werden wir dann entscheiden, welcher der Wege, die der Himmel uns gewährt, uns als der weiseste erscheint."
So sprach er, und sie taten, wie er gesagt hatte. Zuerst wuschen sie sich und zogen Hemden an, während die Frauen sich fertig machten. Dann nahm Phemios seine Leier und weckte in allen die Sehnsucht nach süßem Gesang und stattlichem Tanz. Das Haus hallte wider vom Klang tanzender Männer und Frauen, und die Leute draußen sprachen: „Ich vermute, die Königin hat endlich geheiratet. Sie sollte sich schämen, dass sie das Vermögen ihres Mannes nicht weiterhin geschützt hat, bis er heimkehrt."
So sprachen sie, doch sie wussten nicht, was geschehen war. Die oberste Dienerin Eurynome wusch und salbte Odysseus in seinem eigenen Haus und gab ihm ein Hemd und einen Mantel, während Minerva ihn größer und stärker erscheinen ließ als zuvor; auch ließ sie das Haar auf seinem Haupte dicht sprießen und in Locken herabfallen gleich Hyazinthenblüten; sie schmückte ihn an Haupt und Schultern, wie ein geschickter Handwerker, der unter Vulkan und Minerva alle Künste erlernt hat – und dessen Werk voll Schönheit ist – ein Stück Silberblech durch Vergolden veredelt. Er kam aus dem Bade, einem der Unsterblichen gleich, und setzte sich gegenüber seiner Gattin auf den Sitz, den er verlassen hatte. „Teure,“ sprach er, „der Himmel hat dir ein Herz gegeben, wie es kein Weib je besessen. Keine andere Frau hätte es ertragen, sich von ihrem Manne fernzuhalten, wenn er nach zwanzig Jahren der Abwesenheit und so vielen Leiden zu ihr heimgekehrt ist. Doch komm, Wärterin, rüste mir ein Lager; ich will allein schlafen, denn dieses Weib hat ein Herz so hart wie Eisen."
„Teurer," antwortete Penelope, „ich hege weder den Wunsch, mich über dich zu erheben, noch dich herabzusetzen; doch dein Anblick erschüttert mich nicht, denn ich erinnere mich gar wohl, welch ein Mann du warst, als du von Ithaka in See stachst. Dennoch, Eurykleia, schaffe sein Bett hinaus aus der Schlafkammer, die er selbst erbaut hat. Bringe das Bett aus diesem Gemach und bette es mit Schaffellen, guten Decken und Wolken.
Sie sprach dies, um ihn zu prüfen; aber Odysseus war sehr erzürnt und sprach: „Weib, es missfällt mir sehr, was du soeben gesagt hast. Wer hat mein Bett von der Stelle, an der ich es ließ, entfernt? Schwer muss es ihm geworden sein, und wäre er noch so geschickter Handwerker, es sei denn, ein Gott kam und half ihm, es zu versetzen. Kein lebender Mann, sei er noch so stark und in seiner Blüte, könnte es von seinem Platze rücken, denn es ist ein wunderbares Kunstwerk, das ich mit eigenen Händen schuf. Ein junger Ölbaum wuchs im Bezirk des Hauses, in voller Kraft und etwa so dick wie ein tragender Pfosten. Um ihn herum baute ich mein Gemach mit starken Steinmauern und einem Dach darüber, und ich fertigte die Türen fest und wohlgefügt. Dann schnitt ich die oberen Äste des Ölbaums ab und ließ den Stumpf stehen. Diesen bearbeitete ich vom Wurzelstock aufwärts roh und arbeitete dann mit des Zimmermanns Werkzeugen wohl und geschickt, glättete mein Werk nach der Schnur und machte ihn zum Bettpfosten. Darauf bohrte ich ein Loch in der Mitte und machte ihn zum Mittelbalken meines Bettes, an dem ich weiterarbeitete, bis ich es vollendet hatte, und legte Gold und Silber ein; danach spannte ich eine Decke aus karmesinrotem Leder von einer Seite zur anderen. Du siehst, ich weiß alles darüber, und ich möchte erfahren, ob es noch dort steht oder ob jemand es entfernt hat, indem er den Ölbaum an der Wurzel abschnitt."
Als sie die untrüglichen Beweise hörte, die Odysseus ihr nun gab, brach sie vollends zusammen. Sie flog weinend zu ihm, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn. „Sei nicht zornig mit mir, Odysseus," rief sie, „dir, dem Weisesten aller Menschen. Wir haben beide gelitten. Der Himmel hat uns das Glück versagt, unsere Jugend gemeinsam zu verbringen und gemeinsam zu altern; so zürne mir denn nicht und nimm es mir nicht übel, dass ich dich nicht sogleich umarmte, als ich dich sah. Ich habe die ganze Zeit gezittert aus Furcht, es könnte jemand kommen und mich mit einer Lügenrede täuschen; denn viele sehr böse Menschen sind unterwegs. Des Zeus Tochter Helena hätte sich niemals einem Manne aus einem fremden Lande hingegeben, hätte sie gewusst, dass die Söhne der Achaier kommen und sie zurückholen würden. Der Himmel legte es ihr ins Herz, Unrecht zu tun, und sie dachte nicht an jene Sünde, die die Quelle all unseren Leidens geworden ist. Jetzt aber, da du mich überzeugt hast, indem du zeigtest, dass du alles über unser Bett weißt (das kein Mensch je gesehen hat außer dir und mir und einer einzigen Magd, der Tochter des Actors, die mir mein Vater zur Heirat schenkte und die die Tür unseres Gemachs hütet) – so hart ich auch zu glauben vermag, kann ich nicht länger zweifeln."
Da schmolz nun auch Odysseus dahin, und weinte, als er seine teure und treue Gattin an seine Brust schloss. Wie der Anblick von Land Männern willkommen ist, die dem Ufer zuschwimmen, wenn Neptun ihr Schiff mit der Wut seiner Winde und Wogen zerschmettert hat; nur wenige erreichen das Land, und diese, vom Salzwasser bedeckt, sind dankbar, wenn sie sich auf festem Boden und außer Gefahr finden – so war ihr Gatte ihr willkommen, als sie ihn erblickte, und sie konnte ihre beiden schönen Arme nicht von seinem Nacken lösen. Ja, sie hätten fortgefahren, ihrem Schmerz nachzugeben, bis die rosigen Finger der Morgenröte erschienen, hätte nicht Minerva es anders beschlossen und die Nacht im fernen Weste zurückgehalten, während sie nicht duldete, dass die Morgenröte den Okeanos verließ und die beiden Rosse Lampos und Phaethon anschirrte, die sie emportragen, um den Tag über die Menschen heraufzuführen.
Endlich aber sprach Odysseus: „Weib, wir haben das Ende unserer Leiden noch nicht erreicht. Ein ungewisses Maß von Mühsal bleibt mir noch zu bestehen. Sie ist lang und schwer, doch ich muss sie vollenden, denn also weissagte mir der Schatten des Teiresias, an dem Tage, als ich hinab in den Hades ging, um nach meiner Heimkehr und der meiner Gefährten zu fragen. Doch nun lass uns zu Bett gehen, auf dass wir uns niederlegen und den seligen Schlaffes genießen."
„Du sollst zu Bett gehen, wann du willst," antwortete Penelope, „nun da die Götter dich heimgesandt haben in dein eigenes Haus und in deine Heimat. Doch da der Himmel dir in den Sinn gegeben hat, davon zu sprechen, so berichte mir von der Aufgabe, die vor dir liegt. Ich werde später doch davon hören müssen, so ist es besser, dass ich sogleich erfahre."
„Teure," antwortete Odysseus, „warum drängst du mich, dir davon zu erzählen? Dennoch will ich es dir nicht verbergen, auch wenn es dir nicht gefallen wird. Mir selbst gefällt es nicht, denn Teiresias hieß mich weit umherreisen, ein Ruder tragend, bis ich in ein Land käme, dessen Bewohner nie vom Meere gehört haben und nicht einmal Salz ihrer Speise beimischen. Sie wissen nichts von Schiffen noch von Rudern, die wie die Flügel eines Schiffes sind. Er gab mir dies sichere Zeichen, das ich dir nicht verhehlen will. Er sagte, ein Wanderer solle mich treffen und mich fragen, ob ich eine Worfelschaufel auf der Schulter trüge. Dann solle ich mein Ruder in die Erde rammen und Neptune einen Widder, einen Stier und einen Eber opfern; danach solle ich heimkehren und allen Göttern im Himmel Hekatomben opfern, einen nach dem anderen. Was mich selbst betrifft, so werde, sprach er, der Tod mir aus dem Meere kommen, und mein Leben werde ganz sanft dahinschwinden, wenn ich erfüllt sei von Jahren und Seelenfrieden, und mein Volk solle mich segnen. Dies alles, sprach er, werde sicher eintreffen."
Und Penelope sprach: „Wenn die Götter dir ein glücklicheres Alter verheißen, so magst du hoffen, einst Ruhe vor dem Unglück zu finden."
So sprachen sie miteinander. Unterdessen rüsteten Eurynome und die Amme Fackeln und bereiteten das Lager mit weichen Decken; sobald sie dies getan hatten, ging die Amme zurück ins Haus, um sich zur Ruhe zu begeben, und überließ es der Schlafkammerfrau Eurynome, Odysseus und Penelope bei Fackelschein zu Bett zu geleiten. Als sie sie in ihr Gemach geführt hatte, ging sie zurück, und sie nahten sich freudig den Riten ihres alten Lagers. Telemachos, Philoetios und der Sauhirt beendeten nun den Tanz und hießen auch die Frauen innehalten. Dann legten sie sich schlafen in den Säulenhallen.
Als Odysseus und Penelope der Liebe genug hatten, fielen sie ins Gespräch miteinander. Sie erzählte ihm, wie viel sie hatte ertragen müssen, da sie das Haus von einer Schar frecher Freier erfüllt sah, die ihretwegen so viele Schafe und Rinder geschlachtet und so viele Fässer Wein getrunken hatten. Odysseus wiederum erzählte ihr, was er gelitten hatte und wie viel Mühe er selbst anderen bereitet hatte. Er berichtete ihr alles, und sie hörte so entzückt zu, dass sie nicht einschlief, bis er seine ganze Geschichte beendet hatte.
Er begann mit seinem Sieg über die Kikoner und wie er von dort in das fruchtbare Land der Lotosesser gelangte. Er erzählte ihr alles vom Kyklopen und wie er ihn dafür bestraft hatte, dass er so unbarmherzig seine tapferen Gefährten verschlungen hatte; wie er dann zu Aiolos weiterzog, der ihn gastfreundlich aufnahm und auf seinem Weg weiter förderte, doch auch so sollte er die Heimat nicht erreichen, denn zu seinem großen Schmerz trug ihn ein Orkan wieder aufs Meer hinaus; wie er weiterzog in die laistrygonische Stadt Telepylos, wo die Leute alle seine Schiffe mitsamt den Mannschaften vernichteten, nur er und sein eigenes Schiff blieben übrig. Dann erzählte er von der listenreichen Kirke und ihrer Kunst, und wie er zum kühlen Haus des Hades segelte, um den Geist des thebanischen Sehers Teiresias zu befragen, und wie er seine alten Waffengefährten sah und seine Mutter, die ihn gebar und aufzog, als er ein Kind war; wie er dann den wundersamen Gesang der Sirenen hörte und weiterzog zu den wandernden Felsen und der schrecklichen Charybdis und zu Skylla, die kein Mensch je unbeschadet passiert hatte; wie seine Gefährten dann die Rinder des Sonnengottes schlachteten und wie Zeus deshalb das Schiff mit seinen Blitzen schlug, sodass alle seine Leute miteinander umkamen, nur er allein blieb am Leben; wie er zuletzt die Ogygische Insel und die Nymphe Kalypso erreichte, die ihn in einer Höhle festhielt und ernährte und ihn heiraten wollte; in welchem Falle sie ihn unsterblich machen wollte, damit er nie altern sollte, doch sie konnte ihn nicht dazu bewegen, es zuzulassen; und wie er nach viel Leid seinen Weg zu den Phaiaken gefunden hatte, die ihn wie einen Gott behandelt und ihn in einem Schiff in seine Heimat zurückgesandt hatten, nachdem sie ihm Gold, Erz und Gewänder in großer Fülle gegeben hatten. Dies war das Letzte, was er ihr erzählte, denn hier ergriff ihn tiefer Schlaf und erleichterte die Last seiner Sorgen.
Da dachte Minerva an ein Weiteres. Als sie vermeinte, Odysseus habe sowohl seiner Gattin als auch der Ruhe genug getan, hieß sie die goldthronende Eos aus dem Okeanos emporsteigen, damit sie Licht über die Menschen gieße. Hierauf erhob sich Odysseus von seinem bequemen Lager und sprach zu Penelope: „Weib, wir beide haben unser volles Maß an Leiden getragen, du hier, da du meine Abwesenheit beklagtest, und ich, da ich daran gehindert wurde, heimzukehren, obwohl ich mich die ganze Zeit danach sehnte. Nun aber, da wir endlich zusammengefunden haben, hüte das Gut, das im Hause ist. Was die Schafe und Ziegen betrifft, die die ruchlosen Freier verzehrt haben, so will ich selbst viele mit Gewalt von anderen holen und die Achaier zwingen, das Übrige zu ersetzen, bis sie all meine Höfe gefüllt haben. Ich gehe jetzt in die waldigen Gefilde draußen im Lande, um meinen Vater zu sehen, der so lange um mich getrauert hat, und dir will ich diese Weisungen geben, obwohl du ihrer kaum bedarfst. Bei Sonnenaufgang wird es sogleich auskommen, dass ich die Freier getötet habe; geh also hinauf und bleib dort mit deinen Frauen. Niemanden sehen und keine Fragen stellen."
Während er sprach, gürtete er seine Rüstung um. Dann weckte er Telemachos, Philoetios und Eumaios und trug ihnen auf, gleichfalls die Rüstung anzulegen. Sie taten es und bewaffneten sich. Als sie fertig waren, öffneten sie die Tore und zogen aus, Odysseus voran. Es war nun Tageslicht, aber Minerva hüllte sie dennoch in Dunkelheit und führte sie rasch aus der Stadt.
BUCH XXIV
DIE SCHATTEN DER FREIER IM HADES – ODYSSEUS UND SEINE LEUTE GEHEN ZUM HAUSE DES LAERTES – DIE LEUTE VON ITHAKA ZIEHEN AUS, ODYSSEUS ANZUGREIFEN, DOCH MINERVA SCHLIEST EINEN FRIEDEN.
Da rief Merkur von Kyllene die Schatten der Freier herbei und hielt in seiner Hand den schönen goldenen Stab, mit dem er der Menschen Augen im Schlaf versiegelt oder sie erweckt, ganz wie es ihm beliebt; mit diesem rief er die Schatten wach und führte sie, während sie winselnd und murmelnd hinter ihm hergingen. Wie Fledermäuse in der Höhlung einer großen Grotte kreischend fliegen, wenn eine aus dem Klumpen gefallen ist, an dem sie hängen – so winselten und kreischten die Schatten, als Merkur, der Heiler des Kummers, sie hinabführte in die dunkle Behausung des Todes. Als sie die Wasser des Okeanos und den Felsen Leukas hinter sich gelassen hatten, kamen sie zu den Toren der Sonne und dem Lande der Träume, worauf sie die Asphodelos-Wiese erreichten, wo die Seelen und Schatten derer wohnen, die nicht mehr arbeiten können.
Hier fanden sie den Schatten des Achilleus, des Sohnes des Peleus, mit denen des Patroklos, des Antilochos und des Aias, der der schönste und stattlichste aller Danaer war nach dem Sohn des Peleus selbst.
Sie versammelten sich um den Schatten des Sohnes des Peleus, und der Schatten des Agamemnon trat zu ihnen, bitterlich trauernd. Um ihn herum waren auch die Schatten derer versammelt, die mit ihm im Hause des Aigisthos umgekommen waren; und der Schatten des Achilleus sprach als Erster.
„Sohn des Atreus," sprach er, „wir pflegten zu sagen, dass Zeus dich von Anfang bis zu Ende besser geliebt habe als jeden anderen Helden, denn du warst Anführer über viele und tapfere Männer, als wir alle zusammen vor Troja kämpften; doch die Hand des Todes, der kein Sterblicher entrinnen kann, legte sich allzu früh auf dich. Besser für dich, du wärst vor Troja gefallen in der Blüte deines Ruhmes; denn die Achaier hätten einen Hügel über deiner Asche aufgeschichtet, und dein Sohn wäre Erbe deines guten Namens geworden, wohingegen es nun dein Los war, auf elendeste Weise zu enden."
„Glücklicher Sohn des Peleus," antwortete der Schatten des Agamemnon, „dass du vor Troja fern von Argos starbst, während die Tapfersten der Troer und der Achaier um dich kämpfend um deinen Leichnam fielen. Dort lagst du in den wirbelnden Staubwolken, riesig und gewaltig, nun deiner Ritterschaft nicht mehr achtend. Wir kämpften den ganzen langen Tag, und wir hätten nie aufgehört, hätte nicht Zeus einen Orkan gesandt, uns zu hemmen. Dann, als wir dich aus dem Getümmel zu den Schiffen getragen hatten, betteten wir dich auf dein Lager und reinigten deine schöne Haut mit warmem Wasser und Salben. Die Danaer rauften sich die Haare und weinten bitterlich rings um dich. Deine Mutter, als sie es vernahm, kam mit ihren unsterblichen Nymphen aus dem Meere herauf, und der Klang großen Jammers erscholl über die Wasser, sodass die Achaier vor Furcht erbebten. Sie wären in panischem Schrecken zu ihren Schiffen geflohen, hätte nicht der weise alte Nestor, dessen Rat stets der beste war, sie zurückgehalten, indem er sprach: ‚Haltet ein, Argiver, flieht nicht, Söhne der Achaier, dies ist seine Mutter, die aus dem Meere kommt mit ihren unsterblichen Nymphen, um den Leichnam ihres Sohnes zu sehen.'"
„So sprach er, und die Achaier fürchteten sich nicht mehr. Die Töchter des alten Mannes des Meeres standen rings um dich und weinten bitterlich, und sie kleideten dich in unsterbliche Gewänder. Auch die neun Musen kamen und erhoben ihre süßen Stimmen in Klage – einander rufend und antwortend; kein Argiver war, der nicht aus Mitleid um den Klagegesang weinte, den sie sangen. Siebzehn Tage und Nächte lang betrauerten wir dich, Sterbliche und Unsterbliche, doch am achtzehnten Tag gaben wir dich den Flammen, und manches fette Schaf mit manchem Stier schlachten wir als Opfer um dich. Du wurdest in Gewändern der Götter verbrannt, mit edlen Harzen und mit Honig, während Helden, Ross und Fuß, rings um den Scheiterhaufen die Rüstung klirren ließen, als du branntest, mit dem Trampeln einer gewaltigen Menge. Als aber die Flammen des Himmels ihr Werk vollbracht hatten, sammelten wir bei Tagesanbruch deine weißen Gebeine und betteten sie in Salben und in reinen Wein. Deine Mutter brachte uns eine goldene Vase, sie zu bergen – ein Geschenk des Bakchos und ein Werk des Vulkan selbst; in dieser mengten wir deine gebleichten Gebeine mit denen des Patroklos, der dir vorangegangen war, und abgesondert schlossen wir auch die des Antilochos ein, der dir nähergestanden hatte als irgendein anderer deiner Gefährten, nun da Patroklos nicht mehr war.
„Über diesen errichtete das Heer der Argiver ein edles Grabmal, auf einem Punkt, der über den offenen Hellespont hinausragt, auf dass es von weitem auf dem Meere gesehen werde von denen, die jetzt leben, und von denen, die hernach geboren werden. Deine Mutter erbat Preise von den Göttern und ließ sie von den Edelsten der Achaier umkämpfen. Du magst bei der Bestattung mancher Helden zugegen gewesen sein, wenn die jungen Männer sich gürten und bereit machen, um Preise zu ringen beim Tode eines großen Häuptlings; doch nie sahest du solche Preise, wie sie silberfüßige Thetis dir zu Ehren darbot; denn die Götter liebten dich wohl. So geht, Achilleus, selbst im Tode dein Ruhm nicht verloren, und dein Name lebt fort und fort unter allen Menschen. Was aber mich betrifft, was blieb mir an Trost, als die Tage meines Kampfens vollendet waren? Denn Zeus wollte meine Vernichtung bei meiner Heimkehr, durch die Hand des Aigisthos und die meiner ruchlosen Gattin."
So sprachen sie miteinander, und alsbald kam Merkur zu ihnen mit den Schatten der Freier, die Odysseus getötet hatte. Die Schatten des Agamemnon und des Achilleus verwunderten sich, als sie sie sahen, und traten sogleich zu ihnen. Der Schatten des Agamemnon erkannte Amphimedon, den Sohn des Melaneus, der in Ithaka lebte und sein Gastgeber gewesen war, und begann mit ihm zu reden.
„Amphimedon," sprach er, „was ist euch allen widerfahren, ihr trefflichen jungen Männer – alle im selben Alter – dass ihr hier unter der Erde weilt? Keine bessere Schar von Männern hätte man aus irgendeiner Stadt aussuchen können. Erhob Neptun seine Winde und Wogen gegen euch, als ihr auf dem Meere wart, oder machten euch eure Feinde auf dem Festlande ein Ende, als ihr Vieh raubtet oder Schafe stahlt, oder während ihr die Frauen und die Stadt verteidigtet? Antworte mir, denn ich bin dein Gast gewesen. Erinnerst du dich nicht, wie ich mit Menelaus in dein Haus kam, um Odysseus zu überreden, mit seinen Schiffen gegen Troja zu uns zu stoßen? Einen ganzen Monat brauchten wir, ehe wir die Reise fortsetzen konnten, denn wir hatten schwere Mühe, Odysseus dazu zu bringen, uns zu begleiten."
Und der Schatten des Amphimedon antwortete: „Agamemnon, Sohn des Atreus, König der Menschen, ich erinnere mich an alles, was du gesagt hast, und will dir vollständig und genau berichten, auf welche Weise unser Ende herbeigeführt wurde. Odysseus war schon lange fort, und wir warben um seine Frau, die jedoch weder rundheraus erklärte, sie wolle nicht heiraten, noch die Sache zum Abschluss brachte; denn sie trachtete danach, uns ins Verderben zu stürzen. Dies war also die List, die sie gegen uns anwandte: Sie ließ in ihrer Kammer einen großen Webrahmen aufstellen und begann, an einem gewaltigen Stück feiner Nadelarbeit zu wirken. ‚Liebe Freier,' sprach sie, ‚Odysseus ist zwar tot, dennoch drängt mich nicht, sogleich wieder zu heiraten; wartet – denn ich möchte nicht, dass meine Kunst im Nadelwerk unbezeugt verlorengeht –, bis ich einen Mantel für den Helden Laertes vollendet habe, für die Zeit, da der Tod ihn ereilt. Er ist sehr reich, und die Frauen der Gegend werden reden, wenn er ohne Totenmantel aufgebahrt wird.' Das war, was sie sagte, und wir willigten ein; woraufhin wir sie den ganzen Tag über an ihrem großen Gewebe arbeiten sahen, doch bei Nacht trennte sie die Fäden wieder bei Fackelschein auf. So täuschte sie uns drei Jahre lang, ohne dass wir es bemerkten; als jedoch die Zeit verrann und sie nun im vierten Jahre stand, im Schwinden der Monde und nachdem viele Tage vollendet waren, da verriet uns eine ihrer Mägde, die um ihr Tun wusste, und wir ertappten sie bei der Arbeit des Auftrennens, sodass sie das Werk vollenden musste, ob sie wollte oder nicht. Und als sie uns den fertigen Mantel zeigte, nachdem er gewaschen worden war, da glänzte er wie die Sonne oder der Mond.
„Dann brachte ein böser Gott Odysseus zu dem hochgelegenen Hofe, wo sein Sauhirte wohnt. Dorthin kam bald darauf auch sein Sohn, der von einer Fahrt nach Pylos zurückkehrte, und die beiden kamen in die Stadt, nachdem sie ihren Plan zu unserem Verderben ausgeheckt hatten. Telemach kam zuerst, und dann, nach ihm, kam, vom Sauhirten begleitet, Odysseus, in Lumpen gekleidet und auf einen Stock gestützt, als wäre er irgendein elender alter Bettler. Er kam so unerwartet, dass keiner von uns ihn erkannte, nicht einmal die Älteren unter uns, und wir beschimpften ihn und warfen mit Gegenständen nach ihm. Er ertrug es, geschlagen und geschmäht zu werden, ohne ein Wort, obwohl er in seinem eigenen Hause war; als jedoch der Wille des schildtragenden Zeus ihn erfüllte, da nahmen er und Telemach die Rüstungen und verbargen sie in einer inneren Kammer, die Türen hinter sich verriegelnd. Dann ließ er listig seine Frau seinen Bogen und eine Menge Eisen als Kampfpreis anbieten, um den wir unseligen Freier wetteifern sollten; und dies war der Beginn unseres Endes, denn keiner von uns konnte den Bogen spannen – nicht einmal annähernd. Als es so weit war, dass er in Odysseus' Hände gelangen sollte, schrien wir alle, er solle ihm nicht gegeben werden, was immer er auch sagen möge, doch Telemach bestand darauf, dass er ihn erhalte. Als er ihn in den Händen hatte, spannte er ihn mühelos und schickte seinen Pfeil durch das Eisen. Dann stand er auf dem Boden des Kreuzganges und schüttete seine Pfeile auf die Erde, mit wildem Blick um sich schauend. Zuerst tötete er Antinoos, dann zielte er gerade vor sich und ließ seine todbringenden Geschosse fliegen, und sie fielen dicht, einer auf den anderen. Es war offenbar, dass einer der Götter ihnen beistand, denn sie stürzten sich mit aller Macht auf uns in den Kreuzgängen, und ein entsetzliches Stöhnen war zu hören, während unsere Hirne zerschmettert wurden, und der Boden wallte von unserem Blut. So, Agamemnon, kam unser Ende über uns, und unsere Leiber liegen noch immer unversorgt im Hause des Odysseus, denn unsere Freunde daheim wissen noch nicht, was geschehen ist, sodass sie uns nicht aufbahren und das schwarze Blut aus unseren Wunden waschen können, indem sie uns nach den Bräuchen, die den Abgeschiedenen gebühren, beklagen."
„Glücklicher Odysseus, Sohn des Laertes," erwiderte der Schatten des Agamemnon, „du bist wahrlich gesegnet im Besitz einer Frau, die mit so seltener Vortrefflichkeit des Verstandes begabt und so treu ihrem Eheherrn ist wie Penelope, die Tochter des Ikarios. Der Ruf ihrer Tugend daher wird niemals sterben, und die Unsterblichen werden ein Lied ver fassen, das willkommen sein wird allen Menschen zu Ehren der Beständigkeit Penelopes. Wie ganz anders war die Schlechtigkeit der Tochter des Tyndareus, die ihren rechtmäßigen Gatten tötete; ihr Lied wird verhasst sein unter den Menschen, denn sie hat allen Frauen Schande gebracht, selbst den guten."
So sprachen sie miteinander im Hause des Hades, tief im Schoße der Erde. Indessen verließen Odysseus und die anderen die Stadt und erreichten bald den schönen und wohlbestellten Hof des Laertes, den er mit unendlicher Mühe wieder urbar gemacht hatte. Hier war sein Haus, mit einem Anbau, der ringsum lief, wo die Sklaven, die für ihn arbeiteten, schliefen, saßen und aßen, während im Inneren des Hauses eine alte Sikelerin war, die ihn auf diesem seinem Landgut versorgte. Als Odysseus dorthin kam, sprach er zu seinem Sohn und zu den beiden anderen:
„Geht zum Haus und schlachtet das beste Schwein, das ihr finden könnt, zum Mahle. Indessen will ich sehen, ob mein Vater mich erkennen wird oder ob er mich nach so langer Abwesenheit nicht wiedererkennt."
Dann legte er seine Rüstung ab und gab sie Eumaios und Philoetios, die geradewegs zum Hause gingen, während er selbst sich in den Weinberg wandte, um seinen Vater auf die Probe zu stellen. Als er in den großen Obstgarten hinabging, sah er weder Dolios noch einen seiner Söhne noch der anderen Leibeigenen, denn sie waren alle damit beschäftigt, Dornen zu sammeln, um einen Zaun für den Weinberg zu errichten, an der Stelle, die der alte Mann ihnen angegeben hatte; so fand er seinen Vater allein, einen Weinstock behackend. Er trug ein schmutziges, altes Hemd, geflickt und sehr schäbig; seine Beine waren mit Riemen aus Ochsenhaut umwickelt, um ihn vor den Dornen zu schützen, und er trug auch Ärmel aus Leder; er hatte eine Ziegenfellmütze auf dem Kopf und sah sehr jammervoll aus. Als Odysseus ihn so abgemagert, so alt und voll Kummer sah, blieb er unter einem hohen Birnbaum stehen und begann zu weinen. Er war unschlüssig, ob er ihn umarmen, küssen und ihm alles erzählen solle, dass er heimgekehrt sei, oder ob er ihn zuerst befragen und sehen solle, was er sagen würde. Zuletzt hielt er es für das Beste, listig mit ihm zu verfahren; mit diesem Gedanken ging er auf seinen Vater zu, der sich niederbeugte und eine Pflanze umgrub.
„Ich sehe, Herr," sprach Odysseus, „dass Ihr ein vortrefflicher Gärtner seid – welch Mühe Ihr Euch doch damit gebt. Da ist nicht eine einzige Pflanze, kein Feigenbaum, Weinstock, Ölbaum, Birnbaum, kein Blumenbeet, das nicht die Spuren Eurer Fürsorge trüge. Ich vertraue jedoch, dass Ihr nicht böse werdet, wenn ich sage, dass Ihr besser für Euren Garten sorgt als für Euch selbst. Ihr seid alt, unansehnlich und sehr armselig gekleidet. Es kann nicht sein, dass Ihr faul seid, weshalb Euer Herr so schlecht für Euch sorgt; wahrlich, Euer Gesicht und Eure Gestalt haben nichts von einem Sklaven an sich und verkünden Euch von edler Abkunft. Ich hätte gemeint, Ihr wäret einer von denen, die sich gut waschen, gut essen und weich schlafen sollten des Nachts, wie es alten Männern zusteht; doch sagt mir, und sagt mir die Wahrheit: wessen Leibeigener seid Ihr, und in wessen Garten arbeitet Ihr? Sagt mir auch noch eines: Ist dieser Ort, wohin ich gekommen bin, wahrhaftig Ithaka? Ich begegnete soeben einem Manne, der dies behauptete, doch er war ein stumpfer Gesell und hatte nicht die Geduld, meine Geschichte anzuhören, als ich ihn nach einem alten Freunde von mir fragte, ob er noch lebe oder schon tot sei im Hause des Hades. Glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass dieser Mann einstmals in mein Haus kam, als ich in meinem eigenen Lande war, und nie zuvor kam ein Fremdling zu mir, der mir lieber gewesen wäre. Er sagte, seine Familie stamme aus Ithaka und sein Vater sei Laertes, Sohn des Arkeisios. Ich nahm ihn gastfreundlich auf, machte ihn mit der ganzen Fülle meines Hauses willkommen, und als er fortging, gab ich ihm alle üblichen Geschenke. Ich gab ihm sieben Talente feinen Goldes und einen Becher aus massivem Silber mit getriebenen Blumen darauf. Ich gab ihm zwölf leichte Mäntel und ebenso viele Stücke Tapisserie; auch gab ich ihm zwölf einfache Mäntel, zwölf Decken, zwölf schöne Überwürfe und ebenso viele Hemden. Dazu fügte ich noch vier schöne Frauen, die in allen nützlichen Künsten geschickt waren, und ließ ihn sich seine Wahl treffen."
Sein Vater vergoss Tränen und antwortete: „Herr, Ihr seid wahrlich in das Land gekommen, das Ihr genannt habt, doch es ist in die Hände böser Menschen gefallen. All dieser Reichtum an Geschenken ist vergeblich gegeben worden. Hättet Ihr Euren Freund hier lebend in Ithaka angetroffen, er hätte Euch gastfreundlich bewirtet und Eure Geschenke reichlich vergolten, als Ihr von ihm schiedet – wie es nur recht gewesen wäre, wenn man bedenkt, was Ihr ihm bereits gegeben hattet. Doch sagt mir, und sagt mir die Wahrheit: wie viele Jahre ist es her, seit Ihr diesen Gast bewirtet habt – meinen unglücklichen Sohn, wie es keinen zweiten gab? Ach! Er ist fern von seinem Vaterland umgekommen; die Fische des Meeres haben ihn gefressen, oder er ist eine Beute der Vögel und wilden Tiere irgendeines Festlandes geworden. Weder seine Mutter noch ich, sein Vater, die wir seine Eltern waren, konnten unsere Arme um ihn schlingen und ihn in sein Totenhemd hüllen, noch konnte seine vortreffliche und reich beschenkte Gattin Penelope ihren Gatten beweinen, wie es natürlich gewesen wäre am Totenbett, und ihm die Augen schließen nach den Bräuchen, die den Abgeschiedenen gebühren. Doch nun sagt mir aufrichtig, denn ich will es wissen: Wer und woher seid Ihr – sagt mir Eure Stadt und Eure Eltern! Wo liegt das Schiff, das Euch und Eure Leute nach Ithaka gebracht hat? Oder wart Ihr ein Passagier auf eines anderen Mannes Schiff, und die, die Euch hergebracht haben, sind ihres Weges gegangen und haben Euch hier gelassen?"
„Ich will Euch alles erzählen," antwortete Odysseus, „ganz wahrheitsgemäß. Ich komme aus Alybas, wo ich ein schönes Haus habe. Ich bin Sohn des Königs Apheidias, der der Sohn des Polypemon ist. Mein eigener Name ist Eperitos; der Himmel trieb mich vom Kurs ab, als ich Sikanien verließ, und ich bin hierher verschlagen worden gegen meinen Willen. Was mein Schiff betrifft, so liegt es dort drüben, vor dem offenen Lande außerhalb der Stadt, und dies ist das fünfte Jahr, seit Odysseus mein Land verließ. Armer Mann! Doch die Vorzeichen waren günstig für ihn, als er von mir schied. Die Vögel flogen alle zu unserer Rechten, und sowohl er als auch ich freuten uns, sie zu sehen, als wir uns trennten, denn wir hatten alle Hoffnung, dass wir einander noch freundschaftlich wiedersehen und Geschenke austauschen würden."
Eine dunkle Wolke des Kummers senkte sich auf Laertes, als er zuhörte. Er füllte beide Hände mit Staub von der Erde und schüttete ihn über sein graues Haupt, schwer stöhnend, als er dies tat. Das Herz des Odysseus war ergriffen, und seine Nasenflügel bebten, als er seinen Vater ansah; dann sprang er auf ihn zu, schlang die Arme um ihn und küsste ihn, indem er sprach: „Ich bin es, Vater, nach dem du fragst – ich bin zurückgekehrt, nachdem ich zwanzig Jahre fort gewesen bin. Doch lass dein Seufzen und Klagen – wir haben keine Zeit zu verlieren, denn ich muss dir mitteilen, dass ich die Freier in meinem Hause getötet habe, um sie für ihre Anmaßung und ihre Verbrechen zu bestrafen."
„Wenn du wirklich mein Sohn Odysseus bist," erwiderte Laertes, „und wirklich zurückgekommen bist, dann musst du mir einen so offenkundigen Beweis deiner Identität geben, dass er mich überzeugt."
„Zuerst beachte diese Narbe," antwortete Odysseus, „die ich von einem Eberzahn erhielt, als ich auf dem Berge Parnass jagte. Du und meine Mutter hattet mich zu Autolykos gesandt, dem Vater meiner Mutter, um die Geschenke in Empfang zu nehmen, die er mir bei seinem Hiersein versprochen hatte. Außerdem will ich dir die Bäume im Weinberg zeigen, die du mir gabst, und ich fragte dich nach ihnen allen, als ich dir im Garten folgte. Wir gingen sie alle durch, und du nanntest mir ihre Namen und was ein jeder war. Du gabst mir dreizehn Birnbäume, zehn Apfelbäume und vierzig Feigenbäume; auch sagtest du, du wolltest mir fünfzig Reihen Weinstöcke geben; zwischen jeder Reihe war Korn gepflanzt, und sie tragen Trauben jeder Art, wenn die Hitze des Himmels schwer auf ihnen lastet."
Die Kraft verließ Laertes, als er die überzeugenden Beweise hörte, die sein Sohn ihm gegeben hatte. Er schlang die Arme um ihn, und Odysseus musste ihn stützen, sonst wäre er in eine Ohnmacht gesunken; doch sowie er wieder zu sich kam und seine Sinne zurückkehrten, sagte er: „O Vater Zeus, dann seid ihr Götter also doch noch auf dem Olymp, wenn die Freier wirklich für ihre Anmaßung und Torheit bestraft worden sind. Dennoch fürchte ich sehr, dass mir alsbald die gesamten Bürger von Ithaka hier heraufkommen werden und Boten in alle Städte der Kephallenier aussenden."
Odysseus antwortete: „Fasse Mut und mach dir darüber keine Sorgen, sondern lass uns zum Hause gehen, das nahe bei deinem Garten liegt. Ich habe bereits Telemachus, Philoetios und Eumaios gesagt, sie sollten dorthin vorausgehen und so schnell wie möglich das Mahl bereiten."
So im Gespräch schlugen die beiden den Weg zum Hause ein. Als sie dort anlangten, fanden sie Telemachus mit dem Rinderhirten und dem Sauhirten Fleisch zerschneidend und Wein mit Wasser mischend. Dann nahm die alte Sikelerin Laertes mit hinein, wusch ihn und salbte ihn mit Öl. Sie legte ihm einen guten Mantel um, und Minerva trat zu ihm und gab ihm eine stattlichere Erscheinung, machte ihn größer und stärker als zuvor. Als er zurückkam, war sein Sohn erstaunt, ihn so unsterblichengleich aussehen zu sehen, und sprach zu ihm: „Mein lieber Vater, einer der Götter hat dich viel größer und besser aussehend gemacht."
Laertes antwortete: „Wollte, bei Vater Zeus, bei Minerva und bei Apollon, dass ich der Mann wäre, der ich war, als ich unter den Kephalleniern herrschte und Nerikon nahm, jene starke Feste auf dem Vorgebirge. Wäre ich noch, was ich damals war, und wäre gestern in unserem Hause mit meiner Rüstung an gewesen, ich hätte dir zur Seite stehen und dir gegen die Freier helfen können. Ich hätte eine große Zahl von ihnen getötet, und du hättest dich gefreut, es zu sehen."
So sprachen sie miteinander; die anderen aber, als sie ihre Arbeit vollendet und das Mahl bereitet hatten, ließen ab von der Arbeit und nahmen jeder seinen gebührenden Platz auf den Bänken und Sitzen ein. Dann begannen sie zu essen; nach einer Weile kamen der alte Dolios und seine Söhne von ihrer Arbeit herauf, denn ihre Mutter, die Sikelerin, die Laertes versorgte, da er nun alt wurde, hatte sie geholt. Als sie Odysseus sahen und gewiss waren, dass er es war, standen sie da, von Staunen ergriffen; doch Odysseus schalt sie gütig und sprach: „Setzt euch zu eurem Mahl, alter Mann, und macht euch nichts aus euerem Staunen; wir haben schon lange beginnen wollen und auf euch gewartet."
Da streckte Dolios beide Hände aus und ging auf Odysseus zu. „Herr," sagte er, indem er die Hand seines Herrn ergriff und sie am Handgelenk küsste, „wir haben uns lange gewünscht, dass du heimkehrst; und nun hat der Himmel dich uns wiedergegeben, nachdem wir die Hoffnung aufgegeben hatten. Alles Gute daher, und mögen die Götter dich segnen. Doch sage mir: weiß Penelope schon von deiner Rückkehr, oder sollen wir jemanden schicken, der es ihr berichtet?"
„Alter Mann," antwortete Odysseus, „sie weiß bereits Bescheid, also braucht ihr euch darum nicht zu kümmern." Hierauf nahm er seinen Sitz, und die Söhne des Dolios sammelten sich um Odysseus, um ihn zu grüßen und einer nach dem anderen zu umarmen; dann nahmen sie in gebührender Ordnung neben ihrem Vater Dolios Platz.
Während sie so mit der Zubereitung ihres Mahles beschäftigt waren, ging das Gerücht in der Stadt umher und verbreitete das schreckliche Geschick, das die Freier ereilt hatte. Sobald daher die Leute es vernahmen, versammelten sie sich aus allen Himmelsrichtungen, stöhnend und schreiend vor dem Hause des Odysseus. Sie trugen die Toten weg, jeder begrub seine eigenen, und schifften die Leichen derjenigen, die von auswärts gekommen waren, auf Fischerboote, damit die Fischer jeden von ihnen an seinen eigenen Ort brächten. Dann kamen sie zornig auf dem Versammlungsplatz zusammen, und als sie versammelt waren, erhob sich Eupeithes, um zu sprechen. Er war von Trauer um den Tod seines Sohnes Antinoos überwältigt, der der erste Mann war, den Odysseus getötet hatte; so sprach er, bitterlich weinend: „Meine Freunde, dieser Mann hat den Achaiern großes Unrecht getan. Er nahm viele unserer besten Männer mit seiner Flotte mit, und er hat sowohl Schiffe als auch Männer verloren; nun aber hat er obendrein bei seiner Rückkehr alle vornehmsten Männer unter den Kephalleniern getötet. Lasst uns auf sein und handeln, bevor er nach Pylos oder nach Elis, wo die Epeier herrschen, entkommen kann, oder wir werden uns für immer schämen müssen. Es wird eine ewige Schande für uns sein, wenn wir nicht den Mord an unseren Söhnen und Brüdern rächen. Was mich betrifft, so hätte ich keine weitere Freude am Leben, sondern wollte lieber sogleich sterben. Lasst uns auf, dann, und hinter ihnen her, bevor sie aufs Festland übersetzen können."
Er weinte, als er sprach, und jedermann bemitleidete ihn. Doch Medon und der Sänger Phemios waren inzwischen erwacht und kamen aus dem Hause des Odysseus zu ihnen. Jedermann staunte, sie zu sehen, doch sie stellten sich in die Mitte der Versammlung, und Medon sprach: „Hört mich, Männer von Ithaka. Odysseus hat diese Dinge nicht gegen den Willen des Himmels getan. Ich selbst sah einen unsterblichen Gott die Gestalt des Mentor annehmen und neben ihm stehen. Dieser Gott erschien, bald vor ihm und ermutigte ihn, bald ging er wütend im Hofe umher und griff die Freier an, woraufhin sie dicht, einer auf den anderen, fielen."
Da ergriff sie blasse Furcht, und der alte Halitherses, Sohn des Mastor, erhob sich, um zu sprechen, denn er war der einzige Mann unter ihnen, der Vergangenheit und Zukunft kannte; so sprach er zu ihnen offen und in voller Aufrichtigkeit:
„Männer von Ithaka, es ist eure eigene Schuld, dass die Dinge so ausgegangen sind, wie sie ausgegangen sind; ihr wolltet nicht auf mich hören, noch auf Mentor, als wir euch geboten, die Torheit eurer Söhne zu zügeln, die großes Unrecht taten in der Zügellosigkeit ihrer Herzen – das Vermögen verschwendend und die Frau eines Häuptlings entehrend, von dem sie glaubten, er werde nicht zurückkehren. Jetzt aber, lasst es so sein, wie ich sage, und tut, wie ich euch sage. Zieht nicht aus gegen Odysseus, oder ihr werdet vielleicht finden, dass ihr Unheil über eure eigenen Häupter heraufbeschworen habt."
Das war, was er sagte, und mehr als die Hälfte erhob lautes Geschrei und verließ sogleich die Versammlung. Doch der Rest blieb, wo er war, denn die Rede des Halitherses missfiel ihnen, und sie stellten sich auf die Seite des Eupeithes; daher eilten sie nach ihren Waffen, und als sie sich bewaffnet hatten, kamen sie vor der Stadt zusammen, und Eupeithes führte sie in ihrer Torheit an. Er glaubte, den Mord an seinem Sohn zu rächen, während er in Wahrheit niemals zurückkehren, sondern selbst bei seinem Versuch umkommen sollte.
Dann sprach Minerva zu Zeus: „Vater, Sohn des Saturn, König der Könige, antworte mir auf diese Frage – Was gedenkst du zu tun? Willst du sie noch weiter gegeneinander kämpfen lassen, oder willst du Frieden zwischen ihnen stiften?"
Und Zeus antwortete: „Mein Kind, warum fragst du mich? War es nicht nach deiner eigenen Verfügung, daß Odysseus heimkam und sich an den Freiern rächte? Tue, was dir beliebt, doch ich will dir sagen, was mir das Vernünftigste scheint. Nun, da Odysseus Rache genommen hat, laß sie einen feierlichen Eid schwören, kraft dessen er weiterhin herrschen soll, während wir die Übrigen dazu bewegen, das Gemetzel an ihren Söhnen und Brüdern zu vergeben und zu vergessen. Mögen sie dann alle wieder Freunde sein wie zuvor, und Friede und Fülle herrschen."
Das war es, was Minerva eifrig herbeizuführen trachtete, und so stürzte sie von den höchsten Gipfeln des Olymp herab.
Als nun Laertes und die anderen zu Ende gespeist hatten, begann Odysseus und sprach: „Einige von euch gehen hinaus und schauen, ob sie sich nicht bereits nähern." So ging auf seinen Befehl einer der Söhne des Dolius. Auf der Schwelle stehend konnte er sie alle ganz in der Nähe erkennen und sagte zu Odysseus: „Sie sind da, laßt uns sogleich die Rüstung anlegen."
Sie legten die Rüstung an, so schnell sie konnten – nämlich Odysseus, seine drei Mannen und die sechs Söhne des Dolius. Auch Laertes und Dolius taten das gleiche – Krieger aus Not, trotz ihres grauen Haares. Als sie alle gewappnet waren, öffneten sie das Tor und rückten aus, Odysseus an der Spitze.
Da kam Zeus' Tochter Minerva zu ihnen, in Mentors Gestalt und Stimme. Odysseus freute sich, als er sie erblickte, und sprach zu seinem Sohn Telemach: „Telemach, da du nun in einen Kampf ziehen wirst, der jeden Manns Tapferkeit offenbaren wird, siehe zu, daß du deine Vorfahren nicht ent Ehrst, die aller Welt ob ihrer Kraft und ihres Mutes hervorragten."
„Du sprichst wahr, mein lieber Vater", antwortete Telemach, „und du sollst sehen, wenn du willst, daß ich durchaus nicht gesonnen bin, dein Geschlecht zu schänden."
Laertes war hocherfreut, als er dies hörte. „Bei den Göttern", rief er aus, „was für ein Tag ist dies für mich! Ich wahrlich freue mich dessen. Mein Sohn und mein Enkel wetteifern in Tapferkeit miteinander."
Da trat Minerva zu ihm und sprach: „Sohn des Arkeisios – bester Freund, den ich auf der Welt habe – bitte zur blauäugigen Jungfrau und zu Zeus, ihrem Vater; dann schwinge den Speer und schleudere ihn."
Wie sie sprach, goß sie neue Kraft in ihn, und als er zu ihr gebetet hatte, schwang er den Speer und schleuderte ihn. Er traf den Helm des Eupeithes, und der Speer drang glatt hindurch, denn der Helm hielt ihn nicht auf, und sein Harnisch klirrte schmetternd, als er schwer zu Boden sank. Indessen fielen Odysseus und sein Sohn über die vorderste Reihe der Feinde her und schlugen sie mit Schwert und Speer; ja, sie hätten sie alle erschlagen und ihnen die Heimkehr für immer verwehrt, hätte nicht Minerva ihre Stimme laut erhoben und jedermann innehalten lassen. „ Männer von Ithaka", rief sie, „laßt ab von diesem furchtbaren Kampf und bringt die Sache sogleich ohne weiteres Blutvergießen zum Austrag."
Da ergriff bleiche Furcht einen jeden; sie erschraken so sehr, daß ihnen die Waffen aus den Händen fielen und auf den Boden klirrten beim Klang der Stimme der Göttin, und sie flohen zurück in die Stadt, um ihr Leben zu retten. Doch Odysseus stieß einen gewaltigen Schrei aus und stürzte, sich zusammenraffend, hernieder wie ein kreisender Adler. Da sandte der Sohn des Saturn einen feurigen Blitz, der dicht vor Minerva niederfuhr, und so sprach sie zu Odysseus: „Odysseus, edler Sohn des Laertes, beende diese kriegerische Zwietracht, sonst wird Zeus mit dir zürnen."
So sprach Minerva, und Odysseus gehorchte ihr freudig. Dann nahm Minerva Mentors Gestalt und Stimme an und stiftete alsbald einen Friedensbund zwischen den beiden streitenden Parteien.
[49] [ Siehe Anmerkung zu Vers 3 dieses Buches. Der Leser wird bemerken, dass es der Verfasserin nicht gelungen ist, die Frauen aus einer Einschaltung von nur vier Versen herauszuhalten. ]
[50] [ Scheria bedeutet ein Stück Land, das ins Meer hinausragt. In meiner „Authoress of the Odyssey“ hielt ich „Jütland“ für eine passende Übersetzung, doch wurde ich darauf hingewiesen, dass „Jütland“ nur das Land der Jüten bedeutet. ]
[51] [ Die hier beschriebene Bewässerung ist in Gärten bei Trapani gebräuchlich. Das Wasser, das die Rinnen speist, wird von Brunnen geschöpft, die ein Maultier mittels eines Rades mit Eimern dreht. ]
[52] [ Hier findet sich kein Wort über die Rinder des Sonnengottes. ]
[53] [ Die Verfasserin war offenbar der Ansicht, dass grünes, wachsendes Holz gleichfalls gut getrocknet sein könne. ]
[54] [ Der Leser beachte, dass der Fluss mit Salzwasser floss, d. h. dass er Gezeiten unterworfen war. ]
[55] [ Damals war die Ogygische Insel nicht so weit entfernt, dass man nicht hätte annehmen können, Nausikaa kenne ihre Lage. ]
[56] [ Griechisch {Greek} ]
[57] [ Ich vermute, dass in dieser Geschichte von Eurymedusas Herkunft aus Apeira ein familiärer Scherz oder eine versteckte Anspielung auf irgendetwas liegt, von dem wir nichts wissen. Das griechische Wort „apeiros“ bedeutet „unerfahren“, „unwissend“. Ist es denkbar, dass Eurymedusa als bekannt unfähig galt? ]
[58] [ Polyphem war ebenfalls Sohn des Neptun, siehe „Od.“ ix. 412, 529. Er war somit Halbbruder des Nausithous, Halbonkel des Königs Alkinoos und Halbgroßonkel der Nausikaa. ]
[59] [ Es scheint, als habe die Verfasserin geglaubt, Marathon liege nahe bei Athen. ]
[60] [ Hier wird die Verfasserin, die weiß, dass sie (mit Ausschmückungen) aus tatsächlich vorhandenen Dingen schöpft, der Vergangenheitsformen ungeduldig und gleitet in die Gegenwart hinüber. ]
[61] [ Dies ist versteckte Bosheit, die unterstellt, die phäakischen Machthaber seien nicht besser, als sie sein sollten. Die Trankspende hätte an Jupiter oder Neptun dargebracht werden sollen, nicht an den Gott der Dieberei und Schurkerei aller Art. In Vers 164 finden wir allerdings Echeneus, der vorschlägt, eine Trankspende an Jupiter darzubringen, doch ist offenbar nach Ansicht unserer Verfasserin Merkur der Gott, der ihnen am nützlichsten sein konnte. ]
[62] [ Dass Alkinoos überhaupt etwas von den Kyklopen weiß, legt nahe, dass in der Vorstellung der Verfasserin Scheria und das Land der Kyklopen nicht weit voneinander entfernt lagen. Ich betrachte die Kyklopen und die Giganten als ein und dasselbe Volk. ]
[63] [ „Mein Besitz usw.“ Die Verfasserin übernimmt hier einen iliadischen Vers (xix. 333), und dies muss das Fehlen jeglichen Hinweises auf Penelope erklären. Hätte sie zufällig an „Il.“ v. 213 gedacht, so hätte sie diesen zweifellos vorgezogen, denn dort heißt es: „mein Land, mein Weib und all die Größe meines Hauses.“ ]
[64] [ Der anfangs unerklärliche Schlaf des Odysseus (Buch xiii. 79 ff.) wird hier, wie auch in viii. 445, offenkundig vorbereitet. Die Verfasserin maß ihm offenbar die allergrößte Bedeutung bei. Wer weiß, dass der Hafen, welcher dem Verfasser der „Odyssee“ als derjen, in which Ulysses landed in Ithaca, was only about 2 miles from the place in which Ulysses is now talking with Alcinous, will understand why the sleep was so necessary. ] [ Wer weiß, dass der Hafen, der dem Verfasser der „Odyssee“ für den Hafen diente, in dem Odysseus auf Ithaka landete, nur etwa zwei Meilen von dem Ort entfernt lag, an dem Odysseus jetzt mit Alkinoos spricht, wird verstehen, warum der Schlaf so notwendig war. ]
[65] [ Es gab zwei Klassen — die untere, die in den Vorräten zu finden war, welche sie sich in den Höfen und äußeren Vorhöfen selbst zubereiten und dort auch essen mussten — und die obere, die in den Bogengängen des inneren Hofes aß und sich das Kochen abnehmen ließ. ]
[66] [ Die Übersetzung ist sehr zweifelhaft. Ich vermute, dass das {Greek} hier die überdachten Schuppen sind, die rings um den äußeren Hof liefen. Siehe Abbildungen am Ende des iii. Buches. ]
[67] [ Die Verfasserin ist offenbar der Meinung, dass die Worte „im Vergleich zu dem, was Ochsen in derselben Zeit pflügen können“, sich von selbst verstehen. Nicht so der Verfasser der „Ilias“, aus der die odysseische Stelle vermutlich entnommen ist. Er erklärt, dass Maultiere schneller pflügen können als Ochsen („Il.“ x. 351-353) ]
[68] [ Es war ein großes Glück, dass gerade eine solche Scheibe vorhanden war, da dergleichen im gewöhnlichen Gebrauch nicht vorkam. ]
[69] [ „Il.“ xiii. 37. Hier wie so oft sonst in der „Odyssee“ macht die Übernahme eines iliadischen Verses, der nicht ganz passend ist, den Leser stutzig. Das „sie“ bezieht sich weder auf die Ketten noch auf Mars und Venus. Es ist ein Überrest aus der iliadischen Stelle, an der Neptun seine Rosse in Fesseln schlägt, „die niemand lösen oder brechen konnte, so dass sie dort an jenem Orte bleiben mussten“. Hätte der Vers auch ohne die Worte „so dass sie dort an jenem Orte bleiben mussten“ das Metrum gewahrt, so wären sie in der „Odyssee“ ausgelassen worden. ]
[70] [ Der Leser beachte, dass Alkinoos nie weiter geht, als zu sagen, dass er den Becher geben werde; er gibt ihn niemals. Sonst sowohl in „Ilias“ als auch in „Odyssee“ folgt auf das Angebot eines Geschenkes sogleich die Angabe, dass es gegeben und freudig empfangen wurde — Alkinoos gibt tatsächlich eine Truhe, einen Mantel und ein Hemd — wahrscheinlich stammen auch etwas von dem Korn und Wein für die lange Zwei-Meilen-Reise von ihm — doch steht völlig fest, dass er weder ein Talent noch einen Becher gab. ]
[71] [ „Il.“ xviii. 344-349. Diese Verse in der „Ilias“ berichten von den Vorbereitungen zur Waschung des Leichnams des Patroklos, und es missfällt mir, dass die Verfasserin der „Odyssee“ sie hier übernommen hat. ]
[72] [ siehe Anmerkung [64] : ]
[73] [ siehe Anmerkung [43] : ]
[74] [ Der Leser wird diese Drohung in Buch xiii erfüllt finden. ]
[75] [ Wenn die anderen Inseln in einiger Entfernung von Ithaka lagen (was das Wort {Greek} nahelegt), was wird dann aus dem πόρθμος, der Meerenge zwischen Ithaka und Samos, von der wir in den Büchern iv. und xv. hören? Ich vermute, dass die Verfasserin in ihrer Vorstellung Telemachos von Pylos zum Vorgebirge Lilybaion und von dort durch die Meerenge zwischen der Isola Grande und dem Festland nach Trapani fahren lässt — wobei die Insel Asteria jene ist, auf der später Motya stand. ]
[76] [ „Il.“ xviii. 533-534. Das plötzliche Zurückfallen in die dritte Person auf ein paar Verse beruht darauf, dass die beiden übernommenen iliadischen Verse in der dritten Person stehen. ]
[77] [ vgl. „Il.“ ii. 776. Die Worte lauten sowohl in „Ilias“ als auch in „Odyssee“ [Fußnote Greek]. In der „Ilias“ werden sie von den Rossen der Gefolgsleute des Achilleus gebraucht, die müßig standen und „Lotos kauten“. ]
[78] [ Ich betrachte die ganze Stelle, dass die Kyklopen keine Schiffe besäßen, als sarkastisch — mit dem Sinn: „Ihr Leute von Drepanum habt keine Entschuldigung dafür, die Insel Favognana nicht zu kolonisieren, was ihr leicht tun könntet, denn ihr habt Schiffe in Hülle und Fülle, und die Insel ist eine sehr gute.“ Dass die hier so ausführlich beschriebene Insel die ägadische oder „Ziegen“-Insel Favognana ist und dass die Kyklopen die alten sikanischen Bewohner des Berges Eryx sind, sollte nicht bezweifelt werden. ]
[79] [ Zu den Gründen, warum die Nacht so außergewöhnlich dunkel sein musste, siehe „The Authoress of the Odyssey“ S. 188-189. ]
[80] [ Es wären nur solche Lämmer im Hof gewesen, die noch bei ihren Müttern gesäugt würden. Die älteren Lämmer hätten draußen weiden sollen. Die Verfasserin hat die Sache völlig falsch dargestellt, doch es spielt keine Rolle. Siehe „The Authoress of the Odyssey“ S. 148. ]
[81] [ Dieser Vers steht im überlieferten Text in Klammern und wird (mit Anmerkung) von den Herren Butcher & Lang ausgelassen. Doch in Klammern eingeschlossene Verse sind fast immer echt; Klammern bedeuten lediglich, dass die eingeklammerte Stelle einen frühen Herausgeber vor ein Rätsel stellte, der sie jedoch im Text zu fest verankert fand, als dass er sie hätte streichen können. Im vorliegenden Fall ist der eingeklammerte Vers gerade der letzte, den ein erwachsener männlicher Herausgeber interpoliert hätte. Sicherer ist die Annahme, dass die Verfasserin, eine junge Frau, die nicht wusste oder sich nicht darum scherte, an welchem Ende des Schiffes das Steuerruder sein sollte, sichergehen wollte, indem sie es an beiden Enden anbrachte, was sie, wie wir sehen werden, dadurch erreicht, dass sie es (Vers 340) am Heck des Schiffes wiederholt. Was die beiden geworfenen Felsen betrifft, so sehe ich den ersten als die Asinelli an, siehe Karte gegenüber S. 80. Den zweiten erblicke ich in den beiden zusammenhängenden Inseln der Formiche, die als eine behandelt werden, siehe Karte gegenüber S. 108. Die Asinelli ist eine insel, die wie ein Boot geformt ist und auf die Insel Favognana zeigt. Ich glaube, die Landsleute der Verfasserin, die sie wahrscheinlich ebensowenig mochten wie sie selbst, verspotteten die Absurdität von Odysseus' Verhalten und sahen in den Asinelli oder „Eseln“ nicht den von Polyphem geworfenen Felsen, sondern das Boot selbst mit Odysseus und seinen Männern. ]
[82] [ Dieser Vers steht hier im Text, nicht aber an der entsprechenden Stelle xii. 141. Ich bin geneigt anzunehmen, dass er (wahrscheinlich von der Dichterin selbst) aus den ersten der Verse xi. 115-137 eingeschoben wurde, die, wie ich kaum bezweifle, von der Verfasserin hinzugefügt wurden, als der Plan des Werkes erweitert und umgestaltet wurde. Siehe „The Authoress of the Odyssey“ S. 254-255. ]
[83] [ „Schwimmend“ (πλωτῇ) ist nicht wörtlich zu nehmen. Die Insel selbst war, abgesehen von ihren Bewohnern, ganz normal. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie sich während des Monats, den Odysseus bei Aiolos verbrachte, bewegt hätte, und bei seiner Rückkehr von seiner unglückseligen Fahrt scheint er sie an derselben Stelle vorgefunden zu haben. Das πλωτῇ darf nämlich ebensowenig pressiert werden wie θοῇσι, wenn es auf Inseln angewandt wird, „Odyssee“ xv. 299 — wo sie „fliegend“ genannt werden, weil das Schiff an ihnen vorüberfliegen würde. Ebenso die „Wanderer“, wie Buttmann erklärt; siehe Anmerkung zu „Odyssee“ xii. 57. ]
[84] [ Wörtlich: „denn die Pfade der Nacht und des Tages sind nahe.“ Ich habe gesehen, was Herr Andrew Lang darüber sagt („Homer and the Epic“, S. 236, und „Longman's Magazine“ für Januar 1898, S. 277) über die „Bernsteinstraße“ und den „Heiligen Weg“ in diesem Zusammenhang; doch solange er seine Gründe für die Auffassung nicht darlegt, dass die Mittelmeervölker im Zeitalter der Odyssee ihren Bernstein aus dem hohen Norden bezogen statt aus Sizilien, wo er noch immer in beträchtlichen Mengen gefunden wird, weiß ich nicht, welches Gewicht ich seiner Meinung beimessen soll. Es ist mir nicht gelungen, Grundlagen für die Behauptung zu finden, dass es um 1000 v. Chr. einen Handelsverkehr zwischen dem Mittelmeer und dem „hohen Norden“ gegeben habe, doch werde ich sehr bereit sein zu lernen, falls Herr Lang mich aufklärt. Siehe „The Authoress of the Odyssey“ S. 185-186. ]
[85] [ Man hätte denken können, dass Odysseus, als die Sonne den Hirsch zum Wasser hinabtrieb, dessen Standort hätte beobachten können. ]
[86] [ Siehe die Übersetzung des Hobbes von Malmesbury. ]
[87] [ „Il.“ vxiii. 349. Wiederum schöpft die Verfasserin aus der Waschung des Leichnams des Patroklos — was anstößig ist. ]
[88] [ Dieser Besuch hat keinerlei topographische Bedeutung. ]
[89] [ Bräute drängten sich der Verfasserin instinktiv als die Phase der Menschheit auf, die sie am interessantesten fand. ]
[90] [ Odysseus sollte in der Tat ein Missionar werden und dem Volke den Neptun predigen, das seinen Namen nicht kannte. Ich hatte das Glück, in Sizilien eine Frau anzutreffen, die eine dieser Wurfschaufeln trug; sie war nicht viel kürzer als ein Ruder, und ich konnte sogleich erkennen, was die Verfasserin der „Odyssee“ gemeint hatte. ]
[91] [ Ich nehme an, dass die Verse, die ich in Klammern gesetzt habe, von der Verfasserin hinzugefügt wurden, als sie ihren ursprünglichen Plan durch die Hinzufügung der Bücher i.-iv. und xiii. (ab Vers 187)-xxiv. erweiterte. Der Leser wird bemerken, dass an der entsprechenden Stelle (xii. 137-141) die Weissagung mit „nachdem du alle deine Gefährten verloren hast“ endet und dass keine Anspielung auf die Freier erfolgt. Für eine ausführlichere Erklärung siehe „The Authoress of the Odyssey“ S. 254-255. ]
[92] [ Der Leser möge sich erinnern, dass wir uns im ersten Jahr von Odysseus' Irrfahrten befinden, Telemachos also erst elf Jahre alt war. Dieselbe Anachronie wird später in diesem Buch begangen. Siehe „The Authoress of the Odyssey“ S. 132-133. ]
[93] [ Der Überlieferung nach hatte sie sich erhängt. Vgl. „Odyssee“ xv. 355 ff. ]
[94] [ Nicht zu verwechseln mit Aiolos, dem König der Winde. ]
[95] [ Melampus, siehe Buch xv. 223 ff. ]
[96] [ Ich habe bereits in einer Anmerkung zu xi. 186 gesagt, dass Telemachos an diesem Punkt von Odysseus' Fahrt erst elf bis zwölf Jahre alt sein konnte. ]
[97] [ Ist der Verfasser ein Mann oder eine Frau? ]
[98] [ Vgl. „Il.“ iv. 521, {Greek}. Der odysseische Vers lautet {Greek}. Die berühmte Daktylizität des odysseischen Verses wurde also vermutlich eher durch die iliadische als durch das Streben angeregt, den Klang dem Sinn anzupassen. Jedenfalls scheint das doppelte Zusammentreffen eines daktylischen Verses und eines Ausgangs {Greek} die Vertrautheit der Verfasserin der „Odyssee“ mit dem iliadischen Vers zu beweisen. ]
[99] [ Vor der Küste Siziliens und Süditaliens habe ich im Mai Männer gesehen, die auf halber Höhe eines Schiffsmastes mit den Füßen auf einem Querholz standen, das gerade groß genug war, um ihnen Halt zu geben. Von dieser Warte aus spear sword-fish. Als ich Männer so beschäftigt sah, konnte ich kaum zweifeln, dass die Verfasserin der „Odyssee“ andere wie sie gesehen und sie im Sinne hatte, als sie die Fesselung des Odysseus beschrieb. Ich habe daher mit einigem Zagen gewagt, von der überlieferten Übersetzung von ἰστοπέδη abzuweichen (vgl. Alkaios Fragm. 18, wo es allerdings sehr schwer zu sagen ist, was ἰστοπέδαν bedeutet). Im Lexikon des Sophokles finde ich einen Verweis auf Chrysostomos (l, 242, A. Ed. Benedictine Paris 1834-1839) für das Wort ἰστοπόδη, das wahrscheinlich mit ἰστοπέδη identisch ist, doch habe ich die Stelle vergebens gesucht. ]
[100] [ Hier ist die Verfasserin fehl am Platz und versucht, es Kirke zuzuschieben. Wenn Odysseus die von Kirke vorgeschriebene Route nimmt, müsste er entweder an den Wanderern oder an einer anderen, uns nicht genannten Schwierigkeit vorbeikommen, doch tut er dies nicht. Die Planctae oder Wanderer gehen in Skylla und Charybdis auf, und die Wahl zwischen ihnen und etwas Unerzähltem geht über in die Frage, ob Odysseus besser Skylla oder Charybdis wählen solle. Dennoch scheint ab Vers 260 vorausgesetzt zu werden, dass Odysseus die Wanderer passiert hat; noch deutlicher wird dies in xxiii. 327, wo Odysseus ausdrücklich erwähnt, dass die Wandernden Felsen zwischen den Sirenen und Skylla und Charybdis gelegen hätten. Die Verfasserin ist sich indessen offenbar nicht bewusst, dass sie ihre eigene Geschichte nicht ganz versteht; ihre Schwierigkeit beruhte vielleicht darauf, dass ihr die trapanesischen Seeleute zwar eine recht genaue Vorstellung davon gegeben hatten, wo alle ihre anderen Örtlichkeiten tatsächlich lagen, dass aber in jenen Tagen ebensowenig wie in unseren jemand die Planctae zu lokalisieren vermochte, die nämlich, wie Buttmann dargelegt hat, nicht von einem bestimmten Ort herrührten, sondern von Seemannsgarn über die Schwierigkeiten, die gesamte Gruppe der Äolischen Inseln zu befahren (siehe Anmerkung zu „Od.“ x. 3). Trotzdem gefiel ihr die Sache mit den armen Tauben, so dass sie darauf nicht verzichten wollte. Die Feuerwirbel und der Rauch, der über Skylla hängt, deuten auf Stromboli und vielleicht sogar den Ätna hin. Skylla liegt auf der italienischen Seite und kann daher als nach Westen blickend gelten. Von dort sind es etwa acht Meilen bis zur sizilianischen Küste, so dass Odysseus sehr wohl gesagt werden kann, er werde nach der Passage von Skylla zur thrinakischen Insel, also Sizilien, gelangen. Charybdis ist einige wenige Meilen nördlich ihrer tatsächlichen Lage versetzt. ]
[101] [ Ich nehme an, dass dieser Vers von der Verfasserin nachträglich eingeschoben wurde, als die Verse 426-446 hinzugefügt wurden. ]
[102] [ Zu den Gründen, die uns erlauben, die Insel der beiden Sirenen mit der liparischen Insel Salinas zu identifizieren — der antiken Didyme oder „Zwillings“-Insel — siehe The Authoress of the Odyssey, S. 195, 196. Die beiden Sirenen waren zweifellos, wie ihr Name nahelegt, die pfeifenden Böen oder Luftlawinen, die bisweilen ohne jede Vorwarnung von den beiden hohen Bergen Salinas herabstürzen — wie auch von allen hohen Punkten in der Umgebung. ]
[103] [ Siehe Admiral Smyth über die Strömungen in der Meerenge von Messina, zitiert in „The Authoress of the Odyssey“, S. 197. ]
[104] [ Auf den Inseln Favognana und Marettimo vor Trapani habe ich Männer genau auf die hier beschriebene Weise fischen gesehen. Sie kauen Brot zu einem Brei und werfen es ins Meer, um die Fische anzulocken, die sie dann mit dem Speer erlegen. Eine Leine wird nicht verwendet. ]
[105] [ Die Verfasserin betrachtet Odysseus offenbar an einer Küste, die nach Osten blickt, nicht allzu weit südlich der Meerenge von Messina, etwa in der Gegend von Tauromenium, dem heutigen Taormina. ]
[106] [ Sicherlich muss hier ein Vers fehlen, der uns berichtet, dass Kiel und Mast in die Charybdis hinabgerissen wurden. Außerdem ist der Aorist {Greek} in seiner jetzigen Umgebung verwirrend. Ich habe ihn übersetzt, als wäre er ein Imperfekt; ich sehe, dass die Herren Butcher und Lang ihn als Plusquamperfekt übersetzen, doch war Charybdis doch wohl gerade dabei, das Wasser einzusaugen, als Odysseus anlangte. ]
[107] [ Ich vermute, dass die eingeklammerte Stelle ein nachträglicher Einfall war, jedoch von derselben Hand wie der Rest des Gedichts. Ich vermute ferner, dass xii. 103 ebenfalls von der Verfasserin hinzugefügt wurde, als sie beschloss, Odysseus zu Charybdis zurückzukehren zu lassen. Das Gleichnis verrät die Hand der Frau oder Tochter eines Richters, die oft ihren Vater mürrisch und müde heimkehren sah. ]
[108] [ Gr. πολυδαίδαλος. Dies schließt geprägtes Geld aus, setzt aber dennoch voraus, dass das Gold zu Schmuckstücken irgendwelcher Art verarbeitet worden war. ]
[109] [ Ich vermute, dass die Weissagung des Teiresias im xi. Buch, Verse 114-120, keinen Eindruck auf Odysseus gemacht hatte. Wahrscheinlicher ist, dass die Weissagung ein nachträglicher Einfall war, der, wie ich bereits sagte, von der Verfasserin eingeschoben wurde, als sie ihren Plan änderte. ]
[110] [ Ein männlicher Verfasser hätte Odysseus sagen lassen: „mögen eure Frauen euch zufriedenstellen“ und nicht „möget ihr eure Frauen zufriedenstellen“. ]
[111] [ Siehe Anmerkung [64]. ]
[112] [ In Wirklichkeit handelte es sich um die flache Bucht, heute die Salinen von S. Cusumano — wobei die Umgebung von Trapani und der Berg Eryx sowohl als Scheria wie auch als Ithaka dienen mussten. Daher die Notwendigkeit, Odysseus nach Einbruch der Dunkelheit aufbrechen zu lassen, ihn sogleich in tiefen Schlaf sinken zu lassen und ihn an einem so nebligen Morgen erwachen zu lassen, dass er nichts erkennen konnte, bis die Unterredungen zwischen Neptun und Jupiter sowie zwischen Odysseus und Minerva dem Publikum Zeit gegeben hatten, die Situation hinzunehmen. Siehe Abbildungen und Karte nahe dem Ende des v. bzw. vi. Buches. ]
[113] [ Diese Höhle, die sich mit singularer Vollständigkeit identifizieren lässt, heißt heute „grotta del toro“, wahrscheinlich eine Verderbung von „tesoro“, da man glaubt, sie enthalte einen Schatz. Siehe The Authoress of the Odyssey, S. 167-170. ]
[114] [ Wahrscheinlich würden sie es tun. ]
[115] [ Dann hatte sie einen flachen, sich abdachenden Grund. ]
[116] [ Zweifellos führte der Weg in odysseischer Zeit am Hafen vorbei, wie er heute an den Salinen vorbeiführt; in der Tat gibt es, wenn es überhaupt einen Weg geben soll, kein anderes ebenes Gelände, das er nehmen könnte. Siehe die oben erwähnte Karte. ]
[117] [ Der Felsen am Ende des Nordhafens von Trapani, auf den sich die Verfasserin der „Odyssee“ hier vermutlich bezieht, trägt noch heute den Namen Malconsiglio — „der Fels des bösen Rates“. Es gibt eine Legende, dass dort ein Schiff türkischer Piraten lag, die Trapani angreifen wollten, doch die „Madonna di Trapani“ zermalmte sie unter diesem Felsen, gerade als sie in den Hafen einliefen. Mein Freund Cavaliere Giannitrapani aus Trapani erzählte mir, sein Vater habe ihm als Junge gesagt, wenn er genau drei Tropfen Öl auf das Wasser nahe dem Felsen träufle, könne er das Schiff noch auf dem Grund sehen. Die Legende ist offenbar eine christianisierte Fassung der odysseischen Geschichte, während der Name das zusätzliche Detail liefert, dass das Unglück infolge eines bösen Rates geschah. ]
[118] [ Es scheint also, dass das Schiff in etwa einer Viertelstunde den ganzen Weg von Ithaka zurückgelegt hatte. ]
[119] [ Und dürfen wir nicht hinzufügen: „und auch, um zu verhindern, dass er erkennt, dass er sich nur an dem Ort befand, an dem er zwei Tage zuvor Nausikaa begegnet war.“ ]
[120] [ Dies alles soll das völlige Fehlen der Minerva in den Büchern ix.–xii. entschuldigen, die, wie ich vermute, bereits niedergeschrieben waren, bevor die Verfasserin sich entschloss, Minerva zu einer so hervortretenden Gestalt zu machen. ]
[121] [ Wir haben diesen etwas lahmen Versuch, die Änderung im Plane der Dichterin am Ende des sechsten Buches zu bemänteln, bereits kennengelernt. ]
[122] [ Das Folgende entnehme ich The Authoress of the Odyssey, S. 167. „Es geht aus dem Text klar hervor, dass es zwei [Höhlen] gab, nicht eine, doch hat irgendwer die beiden Verse, in denen die zweite Höhle erwähnt wird, in Klammern eingeschlossen, vermutlich weil er sich ratlos sah, mit einer zweiten Höhle überfallen zu werden, da ihm bis zu diesem Punkt nur von einer berichtet worden war.
„Ich wage zu glauben, dass er, hätte er das Gelände gekannt, nicht ratlos gewesen wäre; denn es gibt dort zwei Höhlen, etwa 80 oder 100 Yard voneinander entfernt.“ Die Höhle, in der Odysseus seinen Schatz verbarg, ist, wie ich bereits sagte, mit ganz außergewöhnlicher Genauigkeit zu identifizieren. Die andere Höhle weist weder im Gedicht noch in der Natur besondere Merkmale auf. ]
[123] [ Es wird nicht der Versuch gemacht, die Tatsache zu verschleiern, dass Penelope den Freiern lange Zeit Zuspruch gewährt hatte. Die einzige Verteidigung, die vorgebracht wird, ist, dass sie die Freier in Wahrheit nicht habe ermutigen wollen. Wäre es nicht klüger gewesen, ein klein wenig Entmutigung zu versuchen? ]
[124] [ Siehe die Karte gegen Ende des sechsten Buches. Ruccazzù dei corvi bedeutet natürlich „der Fels der Raben." Sowohl der Name als auch die Raben bestehen noch heute. ]
[125] [ Siehe The Authoress of the Odyssey, S. 140, 141. Der wirkliche Grund, Telemach nach Pylos und Lacedaemon zu senden, war, dass die Verfasserin Helena von Troja in ihr Gedicht einführen konnte. Er wurde an dem einzigen Punkt der Handlung ausgesandt, an dem er ausgesandt werden konnte; also musste er entweder jetzt gehen oder gar nicht. ]
[126] [ Die Stelle, die ich für die Hütte des Eumaios ansetze, unweit des Ruccazzù dei corvi, liegt etwa 2000 Fuß über dem Meer und bietet eine weitreichende Aussicht. ]
[127] [ Sandalen, wie sie Eumaios gerade anfertigt, werden in den Abruzzen und anderswo noch getragen. Ein rechteckiges Stück Leder bildet die Sohle: an den vier Ecken werden Löcher geschnitten, und durch diese Löcher werden lederne Riemen gezogen, die um den Fuß gebunden und kreuzweise am Unterschenkel hinaufgeschnürt werden. ]
[128] [ Siehe Anmerkung [75]: ]
[129] [ Telemach scheint wie mancher andere brave junge Mann zu erwarten, dass jedermann für ihn laufe und trage. ]
[130] [ „Il." vi. 288. Die Vorratskammer war duftend, weil sie aus Zedernholz gezimmert war. Siehe „Il." xxiv. 192. ]
[131] [ vgl. „Il." vi. 289 und 293–296. Das Gewand wurde auf dem Boden der Truhe verwahrt als eines, das nur bei den feierlichsten Gelegenheiten benötigt würde; doch hätte die Hochzeit Hermioneas und Megapenthes' (Buch iv. zu Anfang) Helena wohl veranlassen können, es am vorhergehenden Abend zu tragen, in welchem Falle es kaum rechtzeitig hätte zurückgebracht werden können. Wir finden hier keinen Hinweis auf die kurz zuvor stattgefundene Hochzeit des Megapenthes. ]
[132] [ Siehe Anmerkung [83]. ]
[133] [ vgl. „Od." xi. 196 ff. ]
[134] [ Die Namen Syra und Ortygia, auf deren Insel ein großer Teil des dorischen Syrakus ursprünglich erbaut wurde, legen die Vermutung nahe, dass es schon in odysseischer Zeit ein vorgeschichtliches Syrakus gab, dessen Existenz dem Dichter des Epos bekannt war. ]
[135] [ Wörtlich „wo die Wendungen der Sonne sind." Wenn wir, wie wir mit gutem Grund dürfen, voraussetzen, dass sich Syra und Ortygia der „Odyssee" auf Syrakus beziehen, so ist es eine Tatsache, dass nicht weit südlich dieser Orte das Land scharf umbiegt, sodass Schiffer, die der Küste folgen, die Sonne plötzlich auf der anderen Seite ihres Schiffes haben als bisher.
Mr. A. S. Griffith hat mich freundlicherweise auf Herodot iv. 42 aufmerksam gemacht, wo dieser, über die Umschiffung Afrikas durch phönizische Seeleute unter Necho sprechend, schreibt:
„Bei ihrer Rückkehr erklärten sie — ich für meinen Teil glaube es ihnen nicht, doch mögen andere es tun —, dass sie bei der Umschiffung Libyens [d. h. Afrikas] die Sonne zur rechten Hand gehabt hätten. Auf diese Weise wurde die Ausdehnung Libyens zuerst entdeckt.
„Ich vermute, dass Eumaios aus Syrakus stammen gelassen wurde, weil die Dichterin meinte, sie habe eigentlich während ihrer Erzählung von den Fahrten des Odysseus etwas in Syrakus geschehen lassen müssen. Sie konnte indessen seine lange Trift von Charybdis zur Insel Pantelleria nicht unterbrechen; daher beschloss sie, Syrakus auf andere Weise einzuholen."
Moderne Ausgrabungen bestätigen die Existenz von genau zwei vorgriechisch-dorischen Siedlungen bei Syrakus; sie befanden sich, wie mir Dr. Orsi mitteilte, bei Plemmirio und Cozzo Pantano. Siehe The Authoress of the Odyssey, S. 211–213. ]
[136] [ Dieser Hafen ist offensichtlich wieder derselbe Hafen, in dem Odysseus gelandet war, d. h. der Hafen, der heute die Salzwerke von S. Cusumano sind. ]
[137] [ Dies kann nie eine sonderlich karge Entlohnung für etwa acht oder neun Tage Dienst gewesen sein. Ich vermute, die Mannschaft sollte die Lust an einer Fahrt nach Pylos als Ausgleich betrachten. Es findet sich keine Spur davon, dass das Mahl tatsächlich gegeben wurde, sei es am folgenden Morgen oder sonstwann. ]
[138] [ Kein Habicht kann seine Beute im Fluge zerreißen. ]
[139] [ Der Text ist hier offenbar verderben und ergibt, wie er dasteht, keinen Sinn. Ich folge den Herren Butcher & Lang und lasse Vers 101 aus. ]
[140] [ d. h. um gemolken zu werden, wie in den süditalienischen und sizilianischen Städten heute noch. ]
[141] [ Das Schlachten und Zurichten der Tierkörper fand teils im äußeren Hof, teils im offenen Teil des inneren Hofes statt. ]
[142] [ Diese Worte können nicht bedeuten, dass es bald Nachmittag sein werde, nachdem sie gesprochen waren. Odysseus und Eumaios erreichten die Stadt, die „ein gutes Stück entfernt" lag (xvii. 25), rechtzeitig zur frühen Mahlzeit der Freier (xvii. 170 und 176), sagen wir um zehn oder elf Uhr. Der Zusammenhang im übrigen Buch erweist dies. Eumaios und Odysseus können also nicht später als acht oder neun aufgebrochen sein, und die Worte des Eumaios sind als Übertreibung zu verstehen, um Odysseus in Bewegung zu bringen. ]
[143] [ Ich stelle mir vor, dass der Brunnen sich etwa dort befand, wo heute die Kirche der Madonna di Trapani steht, und dass er gespeist wurde von dem, was heute die Fontana Diffali auf dem Monte Eryx heißt. ]
[144] [ Aus dieser und anderen Stellen der „Odyssee" geht hervor, dass wir uns in einer Zeit vor der Verwendung geprägten Geldes befinden — einer Zeit, in der Kessel, Dreifüße, Schwerter, Vieh, allerlei Hausrat, Getreide-, Wein- oder Ölmaße usw. usw., um nicht zu sagen Stücke aus Gold, Silber, Bronze oder selbst Eisen, mehr oder weniger bearbeitet, aber ungestempelt, die größte Annäherung an eine Währung darstellten, die bis dahin erreicht war. ]
[145] [ Gr. ἐς μέσσον. ]
[146] [ Ich lese diese Korrekturen im Ausland und habe Hesiod nicht zur Hand, doch legt diese Stelle meines Erachtens Bekanntschaft mit den Werken und Tagen nahe, wenn sie auch keineswegs dazu zwingt. ]
[147] [ Es hat den Anschein, als seien Eurynome und Eurykleia ein und dieselbe Person. Siehe Anmerkung 156 ]
[148] [ Es ist also offensichtlich, dass Iris allgemein als Botin der Götter galt, obgleich unsere Verfasserin ihr niemals gestattet, für irgendwen zu holen oder zu tragen. ]
[149] [ d. h. der Durchgang vom inneren zum äußeren Hof. ]
[150] [ Siehe Anmerkung 156 ]
[151] [ Diese, stelle ich mir vor, müssen sich im offenen Teil des inneren Hofes befunden haben, wo auch die Mägde standen und das Licht ihrer Fackeln in den überdachten Säulengang warfen, der ringsumlief. Der Rauch wäre sonst unerträglich gewesen. ]
[152] [ Die Übersetzung ist sehr unsicher; siehe Liddell und Scott unter {Greek} ]
[153] [ Siehe das Foto auf der gegenüberliegenden Seite. ]
[154] [ vgl. „Il." ii. 184, sowie 217, 218. Da ein zusätzliches, deutlich ausgeprägtes Merkmal zur Überzeugung Penelopes nötig war, hat die Dichterin den krummen Rücken des Thersites (der in der „Ilias" unmittelbar nach Eurybates erwähnt wird) genommen und ihn auf Eurybates' Rücken gesetzt. ]
[155] [ So werden Gänse heute in Sizilien gefüttert, wenigstens im Sommer, wenn das Gras völlig verbrannt ist. Ich habe sie nie weiden sehen. ]
[156] [ Weiter unten (Vers 143) sagt Eurykleia, dass sie selbst den Mantel über Odysseus geworfen habe — denn der Plural darf nicht so verstanden werden, als sei mehr als eine Person gemeint. Offensichtlich schwankt die Dichterin noch immer zwischen Eurykleia und Eurynome als Namen für die alte Amme. Vermutlich wollte sie sie ursprünglich Eurykleia nennen; da es sich aber nicht sofort bequem machen ließ, dass Eurykleia in xvii. 495 im Versmaß stand, nannte sie sie rasch Eurynome, in der Absicht, entweder diesen Namen später zu ändern oder die frühere Eurykleia in Eurynome umzuwandeln. Dann glitt sie, je nachdem es die Bequemlichkeit weiterhin gebot, zu Eurynome hinüber, ohne dabei von Eurykleia ganz zu lassen, bis sie schließlich fand, dass der Weg des geringsten Widerstandes darin bestehe, Eurynome und Eurykleia zu zwei Personen zu machen. Daher treten in xxiii. 289–292 sowohl Eurynome als auch „die Amme" (die niemand anders als Eurykleia sein kann) zusammen auf. Ich behaupte nicht, dass dies unmännlich ist; aber es ist auch nicht unweiblich. ]
[157] [ Siehe Anmerkung [156] ]
[158] [ Dies lag, wie ich annehme, unmittelbar vor dem Haupteingang des inneren Hofes in das Haus. ]
[159] [ Dies ist die einzige Erwähnung Sardiniens in „Ilias" und „Odyssee". ]
[160] [ Die normale Übersetzung des griechischen Wortes wäre „zurückhalten", „zügeln", „hemmen", doch kann ich nicht glauben, dass die Dichterin dies meinte — sie muss das Wort in seiner anderen Bedeutung von „haben", „halten", „bewahren", „erhalten" gebraucht haben. ]
[161] [ Ich habe vergeblich versucht, mir die hier beschriebene Konstruktion des Verschlusses vorzustellen. ]
[162] [ Siehe den Plan von Odysseus' Haus im Anhang. Es ist offensichtlich, dass der offene Teil des Hofes keinen Bodenbelag hatte außer dem natürlichen Erdreich. ]
[163] [ Siehe den Plan von Odysseus' Haus und Anmerkung [175]. ]
[164] [ d. h. die Tür, die in das Innere des Hauses führte. ]
[165] [ Dies war zweifellos der kleine Tisch, der für Odysseus gedeckt wurde, „Od." xx. 259.
Sicherlich ist die Schwierigkeit dieser Stelle überschätzt worden. Ich vermute, dass der eiserne Teil des Beils in den Stiel eingekeilt oder fest an ihn gebunden war — der Stiel halb in die Erde eingegraben. Das Beil wurde mit der Schneitseite dem Schützen zugewandt aufgestellt, und er musste seinen Pfeil durch das Loch schießen, in das der Stiel passte, wenn das Beil im Gebrauch war. Zwölf Beile wurden in einer Reihe aufgestellt, alle in gleicher Höhe, alle genau hintereinander, alle mit der Schneitseite zu Odysseus, dessen Pfeil durch alle Löcher hindurch vom ersten an ging. Ich vermag nicht zu erkennen, wie der griechische Text eine andere Deutung zulassen könnte; die Worte lauten {Greek}
„Er verfehlte kein einziges Loch vom ersten an." {Greek} ist nach Liddell und Scott „das Loch für den Stiel eines Beils usw.", während {Greek} („Od." v. 236) nach denselben Gewährsleuten der Stiel selbst ist. Die Leistung ist absurderweise unmöglich, doch hat unsere Verfasserin bisweilen eine Seele über den Unmöglichkeiten. ]
[166] [ Der Leser wird bemerken, wie die Dichterin selbst in einem so erhabenen Augenblick wie diesem die Vergeudung guter Speise schmerzt. ]
[167] [ Hier haben wir es wieder. Die Verschwendung von Gut und Habe kommt zuerst. ]
[168] [ vgl. „Il." iii. 337 und drei weiteren Stellen. Es ist seltsam, dass der Dichter der „Ilias" ein wenig Roßhaar so erschreckend finden sollte. Vermutlich entlehnte er lediglich einen geläufigen Versausdruck von einem früheren Dichter — oder einer Dichterin; denn dies ist eher ein Vers einer Frau als eines Mannes. ]
[169] [ Oder vielleicht schlicht „Fenster". Siehe den Plan im Anhang. ]
[170] [ d. h. das Pflaster, auf dem Odysseus stand. ]
[171] [ Die Deutung der Verse 126–143 ist höchst zweifelhaft, und bestenfalls befinden wir uns in einem Bereich des Melodrams: vgl. jedoch i. 425 ff., woraus hervorgeht, dass es im äußeren Hof einen Turm gab und dass Telemach dort zu schlafen pflegte. Die ὀρσοθύρα fasse ich als eine Tür oder Falltür auf, die auf das Dach über Telemachs Schlafgemach führte, von dem uns gesagt wird, dass es an einem allseitig sichtbaren Ort lag — oder es könnte einfach ein Fenster in Telemachs Zimmer sein, das auf die Straße hinausblickte. Von der Spitze des Turms sollte der Außenwelt das Geschehen kundgetan werden, aber durch die ὀρσοθύρα konnten die Leute nicht eindringen; sie mussten durch den Haupteingang kommen, und Melanthios erklärt, dass die Mündung des engen Durchgangs (der im Besitz des Odysseus und seiner Freunde war) den einzigen Zugang beherrschte, durch den Hilfe kommen konnte, sodass ein Alarmgeschrei nichts eingebracht hätte. Was die ῥῶγες in Vers 143 betrifft, so hat kein Altertumsforscher und kein moderner Kommentator sagen können, was damit gemeint war — doch was immer es auch war, Melanthios konnte niemals zwölf Schilde, zwölf Helme und zwölf Speere tragen. Überdies, wo immer er hingehen konnte, konnten auch die anderen hingehen. Wäre ein Dutzend Freier dem Melanthios ins Haus gefolgt, so hätten sie Odysseus von hinten angreifen können, in welchem Falle, hätte Minerva nicht rasch eingegriffen, die „Odyssee" ein anderes Ende gefunden hätte. Doch während der ganzen Szene bewegen wir uns eher in einem Bereich der Übertreibung als der echten Fiktion — nur die ganz Ernsthaften können sie ernst nehmen, bis wir zur Episode mit Phemios und Medon gelangen, wo die Dichterin wieder in ihrem eigentlichen Element ist. ]
[172] [ Ich vermute, es war beabsichtigt, dass ein Haken in den Pfosten eingeschlagen werde. ]
[173] [ Wozu? ]
[174] [ Gr: {Greek}. Dies ist nicht {Greek}. ]
[175] [ Aus den Versen 333 und 341 dieses Buches sowie den Versen 145 und 146 des einundzwanzigsten Buches können wir den Zugang zur {Greek} mit einiger Sicherheit bestimmen. ]
[176] [ Doch in xix. 500–502 schalt Odysseus die Eurykleia, weil sie Auskunft über eben diesen Punkt angeboten hatte, und erklärte, selbst durchaus imstande zu sein, die Sache zu entscheiden. ]
[177] [ Es waren hundertundacht Freier. ]
[178] [ Lord Grimthorpe, dessen Verstand sich nicht leicht etwas vormachen lässt, war so freundlich, mir über meine Überzeugung zu schreiben, dass die „Odyssee" von einer Frau verfasst sei, und mir Bemerkungen über die grobe Absurdität der hier berichteten Begebenheit zu schicken. Es liegt auf der Hand, dass der Verfasserin einzig und allein daran gelegen war, dass die Frauen gehängt würden: was den Versuch betrifft, sich oder ihre Leser begreiflich zu machen, wie das Hängen eigentlich vonstattengegangen sei, so war dies ohne Belang. Der Leser muss ihr aufs Wort glauben und keine Fragen stellen. Lord Grimthorpe schrieb:
„Ich will Ihnen lieber meine Vorstellungen von Nausikaas Hängen der Mägde (nicht ‚Jungfrauen', über die Froude so Schönes in seiner ‚Science of History' geschrieben hat) senden, bevor ich es alles vergesse. Glücklicherweise haben Liddell & Scott die meisten der zweifelhaften Wörter eigens übersetzt, unter Verweisung gerade auf diese Stelle.
‚Ein Schiffskabel. Ich weiß nicht, wie groß das Schiff war, das sie meinte, doch muss es ein sehr kleines gewesen sein, wenn sein ‚Kabel' so dünn sein konnte, dass es sich fest um den Hals einer Frau schlingen ließ, und noch dazu um ein Dutzend ‚in einer Reihe', und obendrein stark genug, sie alle zu halten und emporzuziehen.
Ein Dutzend Durchschnittsfrauen würden das Gewicht und die Kraft von mehr als einem Dutzend starker, schwerer Männer erfordern, selbst über die beste Rolle, die am Dach über ihnen befestigt wäre; und der Gedanke, sie an einem irgendwie um einen Pfeiler gelegten Seil {Greek} emporzuziehen, ist absurd unmöglich; und wie ein Dutzend von ihnen um einen Pfosten baumelnd aufgehängt werden könnte, ist ein Problem, an dem selbst ein senior wrangler sich die Zähne ausbeißen würde... Sie hätte Telemach besser sein Schwert gebrauchen lassen, wie er es vorgehabt hatte, bis sie ihm anderen Sinnes machte." ]
[179] [ Dann waren sie alle über zwanzig Jahre in Odysseus' Dienst gewesen; vielleicht waren die zwölf schuldigen Mägde erst in jüngerer Zeit eingestellt worden. ]
[180] [ Die Übersetzung ist sehr zweifelhaft — vgl. „Il." xxiv. 598. ]
[181] [ Doch warum konnte sie nicht sogleich bitten, die Narbe zu sehen, von der Eurykleia ihr erzählt hatte, oder warum konnte Odysseus sie ihr nicht zeigen? ]
[182] [ Die Ithakesier scheinen ebenso nörgelfreudig gewesen zu sein wie die Phäaken in vi. 273 ff. ]
[183] [ Siehe Anmerkung [156]. Odysseus' Schlafgemach scheint weder im Obergeschoss noch ganz im Inneren des Hauses gelegen zu haben. Ist es möglich, dass es „der gewölbte Raum" war, an dessen Außenseite die sündigen Mägge, soweit wir gehört haben, noch immer hingen? ]
[184] [ In der Vorstellung der Dichterin liegt Odysseus' Schlafgemach hier ebenfalls offenbar im Erdgeschoss. ]
[185] [ Da Penelope nun hinreichend weißgewaschen ist, verschwindet sie aus dem Gedicht. ]
[186] [ Eine so geübte Wäscherin wie unsere Verfasserin wusste zweifellos, dass das Gewebe mittlerweile so zerstört sein musste, dass es bei der Wäsche in Stücke gegangen wäre.
Eine Dame weist mich, gerade als diese Bogen meine Hände verlassen, darauf hin, dass keine wirklich gute Näherin — niemand, dessen Arbeit oder Charakter Beachtung verdiente — das Auftrennen ihrer Tagesarbeit Tag für Tag, drei bis vier Jahre lang, hingenommen hätte, aus welchem Grunde auch immer. ]
[187] [ Wir müssen annehmen, dass Dolios noch nicht wusste, dass sein Sohn Melanthios auf Odysseus' Geheiß am vorhergehenden Tag gefoltert, verstümmelt und zum Sterben liegengelassen worden war und dass seine Tochter Melantho gehängt worden war. Dolios war vermutlich ungewöhnlich einfältig, und sein Name war ironisch. So wurde mir auf dem Monte Eryx ein Mann gezeigt, den alle Sonza Malizia oder „Argloser" nannten — wobei man ihn für ungewöhnlich schlau hielt. ]