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The Red Lily

by Anatole France · in German

DER ROTE LILIE

Von Anatole France

Der eigentliche Name des Gegenstands dieses Vorworts ist Jacques-Anatole Thibault. Er wurde am 16. April 1844 in Paris geboren, als Sohn eines Buchhändlers vom Quai Malaquais, im Schatten des Instituts. Er wurde am Collège Stanislas ausgebildet und veröffentlichte 1868 einen Essay über Alfred de Vigny. Es folgten zwei Gedichtbände: „Les Poèmes Dorés“ (1873) und „Les Noces Corinthiennes“ (1876). Mit dem zuletzt genannten Buch begründete sich sein Ruf.

Anatole France gehört zur Klasse der Dichter, die als „Les Parnassiens“ bekannt sind. Doch ein Buch wie „Les Noces Corinthiennes“ sollte eher einer Gruppe früherer Lyrik zugeordnet werden, da es in hohem Maße den Einfluss von André Chénier und Alfred de Vigny zeigt. France war und ist zudem ein fleißiger Mitarbeiter vieler Zeitschriften und Revuen, unter anderem „Le Globe“, „Les Débats“, „Le Journal Officiel“, „L’Echo de Paris“, „La Revue de Famille“ und „Le Temps“. Bei der zuletzt genannten Zeitung trat er die Nachfolge von Jules Claretie an. Er ist zudem Bibliothekar des Senats und seit 1896 Mitglied der Académie française.

Den oben genannten beiden Gedichtbänden folgten viele Prosawerke, die wir betrachten werden. Frances kritische Schriften sind in vier Bänden unter dem Titel „La Vie Littéraire“ (1888-1892) gesammelt; seine politischen Artikel in „Opinions Sociales“ (2 Bde., 1902). Er vereint in seinem Stil Spuren von Racine, Voltaire, Flaubert und Renan, und tatsächlich sind einige seiner Romane, insbesondere „Thaïs“ (1890), „Jérôme Coignard“ (1893) und „Le Lys Rouge“ (1894), das von der Akademie gekrönt wurde, Liebesromane ersten Ranges.

Die Kritik erscheint Anatole France als die jüngste und möglicherweise letzte Entwicklungsstufe des literarischen Ausdrucks, „bewundernswert geeignet für eine hochzivilisierte Gesellschaft, reich an Erinnerungen und alten Traditionen.... Sie geht“, seiner Meinung nach, „aus Philosophie und Geschichte hervor und verlangt für ihre Entfaltung eine absolute geistige Freiheit..... Sie ist die zeitlich letzte aller literarischen Formen und wird am Ende alle in sich aufsaugen .... Um vollkommen offen zu sein, sollte der Kritiker sagen: ‚Meine Herren, ich schlage vor, meine eigenen Gedanken über Shakespeare, Racine, Pascal, Goethe oder irgendeinen anderen Schriftsteller darzulegen.‘“

Es ist kaum nötig, viel über einen Kritiker mit solch ausgeprägten Ansichten wie Anatole France zu sagen. Er bietet uns in der Tat die volle Blüte des kritischen Renanismus, aber so individualisiert, dass sie zur Vollendung in Anmut wird, die äußerste Blüte des lateinischen Genies. Es ist nicht zu viel gesagt, dass die kritischen Schriften von Anatole France an die „Causeries du Lundi“ erinnern, das goldene Zeitalter von Sainte-Beuve!

Als Romanschriftsteller debütierte Anatole France 1879 mit „Jocaste“ und „Le Chat Maigre“. Der Erfolg auf diesem Gebiet war noch entschieden zweifelhaft, als 1881 „Le Crime de Sylvestre Bonnard“ erschien. Es begründete sofort seinen Ruf; „Sylvestre Bonnard“ wurde, wie später „Le Lys Rouge“, von der Französischen Akademie gekrönt. Diese Romane sind voll von feiner Ironie, wohlwollender Skepsis und pikanten Wendungen und werden den größten Teil der heute in Frankreich gelesenen Romane überdauern. Die Liste der belletristischen Werke von Anatole France ist lang. Die Titel fast aller von ihnen, in chronologischer Reihenfolge angeordnet, lauten wie folgt: „Les Désirs de Jean Servien“ (1882); „Abeille“ (1883); „Le Livre de mon Ami“ (1885); „Nos Enfants“ (1886); „Balthazar“ (1889); „Thaïs“ (1890); „L’Etui de Nacre“ (1892); „Jérôme Coignard“ und „La Rôtisserie de la Reine Pédauque“ (1893); sowie „Histoire Contemporaine“ (1897-1900), letztere bestehend aus vier getrennten Werken: „L’Orme du Mail“, „Le Mannequin d’Osier“, „L’Anneau d’Améthyste“ und „Monsieur Bergeret à Paris“. Alle seine Schriften zeigen seine fein kritische Analyse der Leidenschaft, anfangs spielerisch zärtlich in ihrer Ironie, später jedoch, unter dem Einfluss seines kritischen Antagonismus zu Brunetière, schärfer, stärker und bitterer. In „Thaïs“ hat er es unternommen, das Band der Sympathie zu zeigen, das den pessimistischen Skeptiker mit dem christlichen Asketen verbindet, da beide die Welt verachten. In „Lys Rouge“, seinem bedeutendsten Roman, zeichnet er die gefährlich schmale Linie nach, die die Liebe vom Hass trennt; in „Opinions de M. l’Abbé Jérôme Coignard“ hat er uns das radikalste Brevier des Skeptizismus gegeben, das seit Montaigne erschienen ist. „Le Livre de mon Ami“ ist größtenteils autobiographisch; „Clio“ (1900) enthält historische Skizzen.

Anatole France als einen der unsterblichen Namen in der Literatur darzustellen, wäre kaum übertrieben. Nicht, dass ich Ariel mit der Statur und den Sehnen eines Titanen ausstatten wollte; das hieße, seine unverwechselbaren Qualitäten zu verkennen: Zartheit, Eleganz, Charme. Er gehört zu einer Kategorie von Schriftstellern, die mehr gelesen werden und wahrscheinlich immer größeren Einfluss ausüben werden als manche mit größerem Namen. Letztere zeigen uns das Leben als Ganzes; aber das Leben als Ganzes ist zu gewaltig und zu fern, um in den meisten von uns mehr als eine etwas matte Neugier zu erregen. France beschränkt sich auf Themen von höchstem persönlichen Interesse, das Leben der Welt, in der wir leben. Hierin ist er unübertroffen! Sein Wissen ist weit, seine Sympathien sind vielseitig, seine Ausdruckskraft ist unübertroffen. Niemand hat uns den Geist unserer Zeit mit seinen Halblichten, seinen schattenhaften Ausblicken, seiner Unbestimmtheit, seinem Dunst am Horizont so lebendig vor Augen geführt wie er.

In Octave Mirbeaus berüchtigtem Roman, einem Roman, den man als naturalistisch bezeichnen müsste, um ihm zu schmeicheln, wird die Heldin von ihrem Beichtvater vor den Werken von Anatole France gewarnt: „Ne lisez jamais du Voltaire... C’est un péché mortel... ni de Renan... ni de l’Anatole France. Voilà qui est dangereux.“ Die Namen sind passend vereint; eine reale, wenn auch nicht genau apostolische, Nachfolge existiert zwischen den drei Schriftstellern.

JULES LEMAITRE de l’Académie Française

BUCH 1.

KAPITEL I. „ICH BRAUCHE LIEBE“

Sie warf einen Blick auf die vor dem Kamin platzierten Armlehnstühle, auf den Teetisch, der im Halbdunkel glänzte, und auf die hohen, blassen Blumenstängel, die über den chinesischen Vasen emporstiegen. Sie fuhr mit der Hand zwischen die blühenden Zweige der Schneebälle, um deren silbrige Kugeln erzittern zu lassen. Dann betrachtete sie sich mit ernster Aufmerksamkeit in einem Spiegel. Sie hielt sich seitwärts, den Hals über die Schulter gedreht, um mit den Augen den Schwung ihrer feinen Gestalt in dem hüllenartigen schwarzen Satinkleid zu verfolgen, um das eine leichte, mit Perlen besetzte Tunika schwebte, in der düstere Lichter funkelten. Sie trat näher, neugierig darauf, ihr Gesicht von heute zu sehen. Der Spiegel erwiderte ihren Blick mit Ruhe, als ob diese liebenswürdige Frau, die sie untersuchte und die ihr nicht missfiel, ohne heftige Freude oder tiefe Traurigkeit lebte.

An den Wänden des großen Salons, leer und still, erschienen die Figuren der Wandteppiche, vage wie Schatten, blass inmitten ihrer antiken Spiele und sterbenden Anmut. Wie sie sprachen die Terrakotta-Statuetten auf schlanken Säulen, die Gruppen aus altem Sachsen und die Malereien von Sèvres von vergangenen Herrlichkeiten. Auf einem mit kostbaren Bronzen verzierten Sockel schien die Marmorbüste einer königlichen Prinzessin, als Diana verkleidet, aus ihrem turbulenten Gewand davonfliegen zu wollen, während an der Decke eine Figur der Nacht, gepudert wie eine Marquise und von Amoren umgeben, Blumen säte. Alles schlief, und nur das Knistern der Scheite und das leichte Klappern von Thérèses Perlen war zu hören.

Vom Spiegel abgewandt, hob sie den Saum eines Vorhangs und sah durch das Fenster, jenseits der dunklen Bäume des Kais, die Seine ihre gelben Reflexe ausbreiten. Überdruss am Himmel und am Wasser spiegelte sich in ihren feinen grauen Augen. Das Boot fuhr vorbei, die „Hirondelle“, die aus einem Bogen der Alma-Brücke auftauchte und einfache Reisende Richtung Grenelle und Billancourt beförderte. Sie folgte ihm mit den Augen, ließ dann den Vorhang fallen und setzte sich unter die Blumen, wobei sie ein Buch vom Tisch nahm. Auf dem strohfarbenen Leineneinband glänzte der Titel in Gold: „Yseult la Blonde“ von Vivian Bell. Es war eine Sammlung französischer Verse, die von einer Engländerin verfasst und in London gedruckt worden waren. Sie las gleichgültig, wartete auf Besucher und dachte weniger an die Poesie als an die Dichterin, Miss Bell, die vielleicht ihre angenehmste Freundin war und die sie fast nie sah; die sie bei jedem ihrer Treffen, die so selten waren, küsste, „Liebling“ nannte und plapperte; die, obwohl schlicht und doch verführerisch, fast lächerlich und doch ganz reizend, wie eine Philosophin in Fiesole lebte, während England sie als seine beliebteste Dichterin feierte. Wie Vernon Lee und wie Mary Robinson hatte sie sich in das Leben und die Kunst der Toskana verliebt; und ohne ihren Tristan auch nur zu beenden, dessen erster Teil Burne-Jones zu träumerischen Aquarellen inspiriert hatte, schrieb sie provenzalische Verse und französische Gedichte, die italienische Ideen ausdrückten. Sie hatte ihren „Yseult la Blonde“ an „Liebling“ gesandt, mit einem Brief, der sie einlud, einen Monat bei ihr in Fiesole zu verbringen. Sie hatte geschrieben: „Komm; du wirst die schönsten Dinge der Welt sehen, und du wirst sie verschönern.“

Und „Liebling“ sagte sich, dass sie nicht gehen würde, dass sie in Paris bleiben müsse. Aber der Gedanke, Miss Bell in Italien zu sehen, war ihr nicht gleichgültig. Und während sie in den Seiten des Buches blätterte, blieb sie zufällig bei dieser Zeile stehen:

Liebe und sanftes Herz sind eins.

Und sie fragte sich mit sanfter Ironie, ob Miss Bell jemals verliebt gewesen sei und welche Art von Mann das Ideal von Miss Bell sein könnte. Die Dichterin hatte in Fiesole eine Eskorte, Prinz Albertinelli. Er war sehr gutaussehend, aber ziemlich grob und vulgär; zu sehr, um einem Ästheten zu gefallen, der das Verlangen nach Liebe mit der Mystik einer Verkündigung vermischte.

„Guten Abend, Thérèse. Ich bin absolut erschöpft.“

Prinzessin Seniavine war eingetreten, geschmeidig in ihren Pelzen, die fast einen Teil ihrer dunklen Schönheit zu bilden schienen. Sie setzte sich hastig und sagte mit einer Stimme, die zugleich rau und doch schmeichelnd war:

„Heute Morgen ging ich mit General Larivière durch den Park. Ich traf ihn in einer Allee und zwang ihn, mit mir zur Brücke zu gehen, wo er vom Wächter eine gelehrte Elster kaufen wollte, die das Exerzieren mit einem Gewehr beherrscht. Oh! Ich bin so müde!“

„Aber warum hast du den General zur Brücke geschleppt?“

„Weil er Gicht im Zeh hatte.“

Thérèse zuckte lächelnd mit den Schultern:

„Du verschwendest deine Bosheit. Du verdirbst die Dinge.“

„Und du willst, dass ich, Liebste, meine Güte und meine Bosheit für eine ernsthafte Investition aufspare?“

Thérèse ließ sie etwas Tokajer trinken.

Gefolgt vom Geräusch seines kraftvollen Atems näherte sich General Larivière mit schwerfälligem Stolz und setzte sich zwischen die beiden Frauen, starrsinnig und selbstzufrieden wirkend, in jeder Falte seines Gesichts lachend.

„Wie geht es Monsieur Martin-BelLème? Immer noch so beschäftigt?“

Thérèse glaubte, er sei in der Kammer, und sogar, dass er dort eine Rede halte.

Prinzessin Seniavine, die Kaviarschnittchen aß, fragte Madame Martin, warum sie am Tag zuvor nicht bei Madame Meillan gewesen sei. Dort war eine Komödie gespielt worden.

„Ein skandinavisches Stück? War es ein Erfolg?“

„Ja – ich weiß nicht. Ich war im kleinen grünen Zimmer, unter dem Porträt des Duc d’Orléans. Monsieur Le Ménil kam zu mir und erwies mir einen jener guten Dienste, die man nie vergisst. Er rettete mich vor Monsieur Garain.“

Der General, der den Almanach kannte und alle nützlichen Informationen speicherte, spitzte die Ohren.

„Garain“, fragte er, „der Minister, der im Kabinett war, als die Prinzen verbannt wurden?“

„Er selbst. Ich war überaus liebenswürdig zu ihm. Er sprach zu mir von den Sehnsüchten seines Herzens und sah mich mit alarmierender Zärtlichkeit an. Und von Zeit zu Zeit starrte er seufzend auf das Porträt des Duc d’Orléans. Ich sagte zu ihm: ‚Monsieur Garain, Sie irren sich. Es ist meine Schwägerin, die eine Orleanistin ist. Ich bin es nicht.‘ In diesem Moment kam Monsieur Le Ménil, um mich zum Buffet zu eskortieren. Er machte große Komplimente – meinen Pferden! Er sagte auch, es gäbe nichts Schöneres als den Wald im Winter. Er sprach von Wölfen. Das erfrischte mich.“

Der General, der junge Männer nicht mochte, sagte, er habe Le Ménil am Tag zuvor im Wald getroffen, beim Galoppieren, mit viel Abstand zwischen sich und seinem Sattel.

Er erklärte, dass nur alte Kavaliere die Traditionen guten Reitens bewahrten; dass die Leute in der Gesellschaft heute wie Jockeys ritten.

„Das ist beim Fechten genauso“, fügte er hinzu. „Früher –“

Prinzessin Seniavine unterbrach ihn:

„General, schauen Sie doch, wie bezaubernd Madame Martin ist. Sie ist immer bezaubernd, aber in diesem Moment ist sie hübscher als je zuvor. Es liegt daran, dass sie sich langweilt. Nichts steht ihr besser, als sich zu langweilen. Seit wir hier sind, haben wir sie schrecklich gelangweilt. Schauen Sie sie an: ihre Stirn umwölkt, ihr Blick vage, ihr Mund schmerzlich. Betrachten Sie ein Opfer!“

Sie stand auf, küsste Thérèse stürmisch und floh, den General erstaunt zurücklassend.

Madame Martin-BelLème bat ihn, nicht auf das zu hören, was die Prinzessin gesagt hatte.

Er fasste sich und fragte:

„Und wie geht es Ihren Dichtern, Madame?“

Es fiel ihm schwer, Madame Martin ihre Vorliebe für Menschen zu verzeihen, die vom Schreiben lebten und nicht aus seinem Kreis stammten.

„Ja, Ihre Dichter. Was ist aus diesem Monsieur Choulette geworden, der Sie eingehüllt in einen roten Schal besucht?“

„Meine Dichter? Sie vergessen mich, sie lassen mich im Stich. Man sollte sich auf niemanden verlassen. Männer und Frauen – nichts ist sicher. Das Leben ist ein ständiger Verrat. Nur diese arme Miss Bell vergisst mich nicht. Sie hat mir aus Florenz geschrieben und ihr Buch geschickt.“

„Miss Bell? Ist das nicht diese junge Person, die mit ihrem gelben, welligen Haar wie ein kleiner Schoßhund aussieht?“

Er dachte nach und äußerte die Meinung, dass sie mindestens dreißig sein müsse.

Eine alte Dame, die mit bescheidener Würde ihre Krone aus weißem Haar trug, und ein kleiner, lebhafter Mann mit klugen Augen kamen plötzlich herein – Madame Marmet und M. Paul Vence. Dann erschien, sehr steif wirkend, mit einem quadratischen Monokel im Auge, M. Daniel Salomon, der Schiedsrichter der Eleganz. Der General eilte hinaus.

Man sprach über den Roman der Woche. Madame Marmet hatte oft mit dem Autor zu Abend gegessen, einem jungen und sehr liebenswürdigen Mann. Paul Vence fand das Buch ermüdend.

„Oh“, seufzte Madame Martin, „alle Bücher sind ermüdend. Aber Männer sind ermüdender als Bücher, und sie sind anspruchsvoller.“

Madame Marmet sagte, ihr Ehemann, der viel literarischen Geschmack besessen habe, habe bis ans Ende seiner Tage einen Horror vor dem Naturalismus bewahrt. Sie war die Witwe eines Mitglieds der „Académie des Inscriptions“ und brüstete sich mit ihrem illustren Witwenstand. Sie war süß und bescheiden in ihrem schwarzen Kleid und ihrem schönen weißen Haar.

Madame Martin sagte zu M. Daniel Salomon, dass sie ihn besonders wegen des Bildes einer Gruppe schöner Kinder konsultieren wolle.

„Sie werden mir sagen, ob es Ihnen gefällt. Sie dürfen mir auch Ihre Meinung sagen, Monsieur Vence, es sei denn, Sie verschmähen solche Kleinigkeiten.“

M. Daniel Salomon betrachtete Paul Vence durch sein Monokel mit Verachtung. Paul Vence musterte den Salon.

„Sie haben schöne Dinge, Madame. Das wäre nichts. Aber Sie haben nur schöne Dinge, und alle dienen dazu, Ihre eigene Schönheit hervorzuheben.“

Sie verbarg nicht ihr Vergnügen, ihn so sprechen zu hören. Sie schätzte Paul Vence als den einzigen wirklich intelligenten Mann, den sie kannte. Sie hatte ihn geschätzt, bevor seine Bücher ihn berühmt gemacht hatten. Seine kränkliche Gesundheit, seine düstere Stimmung, seine unermüdliche Arbeit trennten ihn von der Gesellschaft. Der kleine gallige Mann war nicht sehr gefällig; doch er zog sie an. Sie hielt große Stücke auf seine tiefgründige Ironie, seinen großen Stolz, sein in der Einsamkeit gereiftes Talent, und sie bewunderte ihn, mit Grund, als einen ausgezeichneten Schriftsteller, den Autor kraftvoller Essays über Kunst und über das Leben.

Nach und nach füllte sich der Raum mit einer glänzenden Menge. Im großen Kreis der Armlehnstühle saßen Madame de Wesson, über die man schreckliche Geschichten erzählte, und die nach zwanzig Jahren halb unterdrückter Skandale die Augen eines Kindes und Wangen von jungfräulicher Glätte bewahrte; die alte Madame de Morlaine, die ihre geistreichen Sätze in durchdringenden Schreien herausrief; Madame Raymond, die Ehefrau des Akademikers; Madame Garain, die Ehefrau des Ex-Ministers; drei andere Damen; und, sich lässig gegen den Kaminsims lehnend, M. Berthier d’Eyzelles, Herausgeber des „Journal des Débats“, ein Abgeordneter, der seinen weißen Bart streichelte, während Madame de Morlaine ihn anschrie:

„Ihr Artikel über Bimetallismus ist eine Perle, ein Juwel! Besonders das Ende davon.“

Im hinteren Teil des Raumes stehend, lispelten junge Clubmitglieder, sehr ernst, untereinander:

„Was hat er getan, um den Knopf vom Prinzen zu bekommen?“

„Er, nichts. Seine Frau, alles.“

Sie hatten ihre eigene zynische Philosophie. Einer von ihnen hatte keinen Glauben an das Versprechen von Menschen.

„Das sind Typen, die mir nicht passen. Sie tragen ihr Herz auf den Händen und auf den Lippen. Du stellst dich zur Aufnahme in einen Club vor. Sie sagen: ‚Ich verspreche dir, eine weiße Kugel zu geben. Es wird eine Alabasterkugel sein – eine Schneekugel!‘ Sie stimmen ab. Es ist eine schwarze Kugel. Das Leben erscheint mir wie eine niederträchtige Affäre, wenn ich daran denke.“

„Dann denk nicht daran.“

Daniel Salomon, der sich zu ihnen gesellt hatte, flüsterte ihnen mit gesenkter Stimme pikante Geschichten ins Ohr. Und bei jeder seltsamen Enthüllung über Madame Raymond oder Madame Berthier oder Prinzessin Seniavine fügte er beiläufig hinzu:

„Jeder weiß es.“

Dann zerstreute sich nach und nach die Menge der Besucher. Nur Madame Marmet und Paul Vence blieben zurück.

Letzterer ging auf Madame Martin zu und fragte:

„Wann möchten Sie, dass ich Ihnen Dechartre vorstelle?“

Es war das zweite Mal, dass er sie danach fragte. Sie mochte es nicht, neue Gesichter zu sehen. Sie antwortete gleichgültig:

„Ihr Bildhauer? Wenn Sie wollen. Ich habe auf dem Champ de Mars Medaillons von ihm gesehen, die sehr gut sind. Aber er arbeitet nicht viel. Er ist ein Amateur, nicht wahr?“

„Er ist ein feinfühliger Künstler. Er muss nicht arbeiten, um zu leben. Er liebt seine Figuren mit liebender Langsamkeit. Aber täuschen Sie sich nicht in ihm, Madame. Er weiß und er fühlt. Er wäre ein Meister, wenn er nicht allein leben würde. Ich kenne ihn seit seiner Kindheit. Die Leute denken, er sei einsam und mürrisch. Er ist leidenschaftlich und schüchtern. Was ihm fehlt, was ihm immer fehlen wird, um den höchsten Punkt seiner Kunst zu erreichen, ist geistige Einfachheit. Er ist ruhelos und verdirbt seine schönsten Eindrücke. Meiner Meinung nach wurde er weniger für die Bildhauerei als für die Poesie oder Philosophie geschaffen. Er weiß sehr viel, und Sie werden über den Reichtum seines Geistes erstaunt sein.“

Madame Marmet stimmte zu.

Sie gefiel der Gesellschaft, indem sie so tat, als fände sie Gefallen daran. Sie hörte viel zu und sprach wenig. Sehr leutselig, verlieh sie ihrer Leutseligkeit Wert, indem sie sie nicht verschwendete. Entweder weil sie Madame Martin mochte oder weil sie wusste, wie man in jedem Haus, das sie besuchte, diskrete Zeichen der Vorliebe gab, wärmte sie sich zufrieden wie eine Verwandte in einer Ecke des Louis-XVI-Kamins, der ihrer Schönheit entsprach. Ihr fehlte nur ihr Hund.

„Wie geht es Toby?“, fragte Madame Martin. „Monsieur Vence, kennen Sie Toby? Er hat langes seidiges Haar und ein liebes kleines schwarzes Näschen.“

Madame Marmet genoss das Lob für Toby, als ein alter Mann, rosa und blond, mit lockigem Haar, kurzsichtig, fast blind unter seiner goldenen Brille, ziemlich klein, gegen die Möbel stoßend, sich vor leeren Armlehnstühlen verbeugend, in die Spiegel stolpernd, seine krumme Nase vor Madame Marmet schob, die ihn empört ansah.

Es war M. Schmoll, Mitglied der Académie des Inscriptions. Er lächelte und drehte ein Madrigal für die Gräfin Martin mit jener erblichen, rauen, groben Stimme, mit der die Juden, seine Väter, ihre Gläubiger, die Bauern des Elsass, Polens und der Krim, drängten. Er schleppte seine Sätze schwerfällig dahin. Dieser große Philologe kannte alle Sprachen außer Französisch. Und Madame Martin genoss seine leutseligen Sätze, schwer und rostig wie die Eisenwaren von Trödelläden, unter denen getrocknete Blätter der Anthologie fielen. M. Schmoll mochte Dichter und Frauen und hatte Witz.

Madame Marmet tat so, als kenne sie ihn nicht, und ging hinaus, ohne seinen Gruß zu erwidern.

Als er seine hübschen Madrigale erschöpft hatte, wurde M. Schmoll düster und kläglich. Er beklagte sich jämmerlich. Er sei nicht genug dekoriert, nicht mit genug Pfründen versehen, noch vom Staat ausreichend ernährt – er, Madame Schmoll und ihre fünf Töchter. Seine Klagen hatten eine gewisse Größe. Etwas von der Seele eines Ezechiel und eines Jeremia lag darin.

Unglücklicherweise entdeckte er, als er seine golden berillten Augen in Richtung des Tisches wandte, das Buch von Vivian Bell.

„Oh, ‚Yseult La Blonde‘“, rief er verbittert aus. „Sie lesen dieses Buch, Madame? Nun, dann erfahren Sie, dass Mademoiselle Vivian Bell mir eine Inschrift gestohlen hat, und dass sie sie zudem verändert hat, indem sie sie in Verse setzte. Sie finden sie auf Seite 109 ihres Buches: ‚Ein Schatten mag über einen Schatten weinen.‘ Hören Sie, Madame? ‚Ein Schatten mag über einen Schatten weinen.‘ Nun, diese Worte sind wörtlich aus einer Grabinschrift übersetzt, die ich als Erster veröffentlicht und erläutert habe. Letztes Jahr, eines Tages, als ich bei Ihnen zu Tisch saß und neben Mademoiselle Bell platziert war, zitierte ich ihr diesen Satz, und er gefiel ihr sehr. Auf ihre Bitte hin übersetzte ich am nächsten Tag die gesamte Inschrift ins Französische und schickte sie ihr. Und nun finde ich sie verändert in diesem Gedichtband unter dem Titel: ‚Auf der Heiligen Straße‘ – die heilige Straße, das bin ich.“

Und er wiederholte in seiner schlechten Laune:

„Ich, Madame, bin die heilige Straße.“

Er war verärgert, dass die Dichterin nicht mit ihm über diese Inschrift gesprochen hatte. Er hätte seinen Namen gerne oben über dem Gedicht gesehen, in den Versen, in den Reimen. Er wollte seinen Namen überall sehen und suchte immer danach in den Zeitungen, mit denen seine Taschen vollgestopft waren. Aber er hegte keinen Groll. Er war nicht wirklich böse auf Miss Bell. Er gab freimütig zu, dass sie eine ausgezeichnete Person sei und eine Dichterin, die England große Ehre mache.

Als er gegangen war, fragte die Gräfin Martin Paul Vence naiv, ob er wisse, warum diese gute Madame Marmet M. Schmoll mit solch deutlichem, wenn auch stillem Zorn angesehen habe. Er war überrascht, dass sie das nicht wusste.

„Ich weiß niemals irgendetwas“, sagte sie.

„Aber der Streit zwischen Schmoll und Marmet ist berühmt. Er endete erst mit dem Tod von Marmet.

An dem Tag, als der arme Marmet beerdigt wurde, fiel Schnee. Wir waren nass und bis auf die Knochen gefroren. Am Grab, im Wind, im Schlamm, las Schmoll unter seinem Regenschirm eine Rede voller jovialer Grausamkeit und triumphierendem Mitleid, die er anschließend in einer Trauerkutsche zu den Zeitungen brachte. Ein indiskreter Freund ließ Madame Marmet davon hören, und sie wurde ohnmächtig. Ist es möglich, Madame, dass Sie von diesem gelehrten und wilden Streit nichts gehört haben?

Die etruskische Sprache war die Ursache dafür. Marmet machte sie zu seinem einzigen Studienobjekt. Er wurde Marmet der Etrusker genannt. Weder er noch irgendjemand sonst verstand ein Wort von dieser Sprache, deren letzte Spur verloren ist. Schmoll sagte ständig zu Marmet: ‚Sie verstehen kein Etruskisch, mein lieber Kollege; das ist der Grund, warum Sie ein ehrenwerter Gelehrter und ein unvoreingenommener Mann sind.‘ Angestachelt von seinem ironischen Lob, dachte Marmet daran, ein wenig Etruskisch zu lernen. Er las seinem Kollegen eine Abhandlung über die Rolle der Flexionen im Idiom der alten Toskaner vor.“

Madame Martin fragte, was eine Flexion sei.

„Oh, Madame, wenn ich Ihnen das erkläre, wird alles durcheinandergeraten. Begnügen Sie sich mit dem Wissen, dass der arme Marmet in dieser Abhandlung lateinische Texte zitierte und sie falsch wiedergab. Schmoll ist ein Lateiner von großer Gelehrsamkeit und nach Mommsen der bedeutendste Epigraphiker der Welt.

Er warf seinem jungen Kollegen – Marmet war noch keine fünfzig Jahre alt – vor, Etruskisch zu gut und Latein nicht gut genug zu lesen. Von da an hatte Marmet keine Ruhe mehr. Bei jedem Treffen wurde er gnadenlos verspottet; und schließlich, trotz seiner Sanftmut, wurde er zornig. Schmoll hegt keinen Groll. Das ist eine Tugend seiner Rasse. Er trägt denen, die er verfolgt, keinen Groll nach. Eines Tages, als er mit Renan und Oppert die Treppe des Instituts hinaufging, traf er Marmet und reichte ihm die Hand. Marmet weigerte sich, sie zu nehmen, und sagte: ‚Ich kenne Sie nicht.‘ – ‚Halten Sie mich etwa für eine lateinische Inschrift?‘ antwortete Schmoll. Marmet starb und wurde begraben wegen dieser Satire. Nun wissen Sie, warum seine Witwe seinen Feind mit Entsetzen betrachtet.“

„Und ich habe sie zusammen an einen Tisch setzen lassen.“

„Madame, es war nicht unmoralisch, aber es war grausam.“

„Mein lieber Herr, ich werde Sie vielleicht schockieren; aber wenn ich wählen müsste, würde ich lieber eine unmoralische Tat begehen als eine grausame.“

Ein junger Mann, groß, dünn, dunkel, mit einem langen Schnurrbart, trat ein und verbeugte sich mit brüsker Geschmeidigkeit.

„Monsieur Vence, ich glaube, Sie kennen Monsieur Le Menil.“

Sie waren sich bereits bei Madame Martin begegnet und sahen einander oft im Fechtclub. Am Tag zuvor hatten sie sich bei Madame Meillan getroffen.

„Madame Meillan – das ist ein Haus, in dem man sich langweilt“, sagte Paul Vence.

„Dennoch gehen Akademiker dorthin“, sagte M. Robert Le Menil. „Ich überschätze ihren Wert nicht, aber sie sind die Elite.“

Madame Martin lächelte.

„Wir wissen, Monsieur Le Menil, dass Sie bei Madame Meillan mehr von den Frauen als von den Akademikern in Anspruch genommen werden. Sie haben Prinzessin Seniavine zum Buffet begleitet und mit ihr über Wölfe gesprochen.“

„Welche Wölfe?“

„Wölfe und Wälder, die der Winter geschwärzt hat. Wir dachten, dass bei einer so hübschen Frau Ihre Konversation eher wild sei!“

Paul Vence erhob sich.

„Erlauben Sie also, Madame, dass ich meinen Freund Dechartre mitbringe? Er hat den großen Wunsch, Sie kennenzulernen, und ich hoffe, er wird Ihnen nicht missfallen. Es ist Leben in seinem Geist. Er ist voller Ideen.“

„Oh, ich verlange gar nicht so viel“, sagte Madame Martin. „Menschen, die natürlich sind und sich so zeigen, wie sie sind, langweilen mich selten, und manchmal amüsieren sie mich.“

Als Paul Vence gegangen war, lauschte Le Menil, bis das Geräusch der Schritte verhallt war; dann, näher kommend:

„Morgen um drei Uhr? Lieben Sie mich noch?“

Er bat sie um eine Antwort, während sie allein waren. Sie antwortete, dass es spät sei, dass sie keine Besucher mehr erwarte und dass niemand außer ihrem Ehemann kommen werde.

Er flehte sie an. Dann sagte sie:

„Ich werde morgen den ganzen Tag frei haben. Warten Sie um drei Uhr auf mich.“

Er dankte ihr mit einem Blick. Dann, als er sich auf die andere Seite des Kamins stellte, fragte er, wer dieser Dechartre sei, den sie sich vorstellen lassen wolle.

„Ich wünsche nicht, dass er mir vorgestellt wird. Er soll mir vorgestellt werden. Er ist Bildhauer.“

Er beklagte die Tatsache, dass sie neue Gesichter sehen müsse, und fügte hinzu:

„Ein Bildhauer? Die sind gewöhnlich brutal.“

„Oh, aber dieser macht so wenig Bildhauerei! Aber wenn es Sie stört, dass ich ihn treffe, werde ich es nicht tun.“

„Ich würde es bedauern, wenn die Gesellschaft einen Teil der Zeit beanspruchen würde, die Sie mir schenken könnten.“

„Mein Freund, darüber können Sie sich nicht beklagen. Ich bin gestern nicht einmal zu Madame Meillan gegangen.“

„Sie tun recht daran, sich dort so wenig wie möglich zu zeigen. Es ist kein Haus für Sie.“

Er erklärte es ihr. Alle Frauen, die dort verkehrten, hatten irgendein pikantes Abenteuer erlebt, das bekannt war und über das man sprach. Außerdem begünstigte Madame Meillan Intrigen. Er gab Beispiele. Madame Martin hingegen, die Hände auf den Armlehnen des Sessels in bezaubernder Ruhe ausgestreckt, den Kopf geneigt, betrachtete die sterbende Glut im Rost. Ihre nachdenkliche Stimmung war verflogen. Nichts davon blieb auf ihrem Gesicht, das ein wenig traurig war, noch in ihrem trägen Körper, der in der Reglosigkeit ihres Geistes begehrenswerter denn je war. Sie bewahrte eine Weile eine tiefe Unbeweglichkeit, die ihrer persönlichen Anziehungskraft den Reiz der Dinge hinzufügte, die die Kunst erschaffen hatte.

Er fragte sie, woran sie denke. Der Magie des Scheins in der Asche entfliehend, sagte sie:

„Wir werden morgen, wenn Sie möchten, an weit entfernte Orte gehen, in die eigenartigen Viertel, in denen die armen Leute leben. Ich mag die alten Straßen, in denen das Elend wohnt.“

Er versprach, ihrem Geschmack entgegenzukommen, obwohl er sie wissen ließ, dass er ihn für absurd halte. Die Spaziergänge, zu denen sie ihn manchmal verführte, langweilten ihn, und er hielt sie für gefährlich. Die Leute könnten sie sehen.

„Und da wir bis jetzt erfolgreich darin waren, kein Gerede zu verursachen –“

Sie schüttelte den Kopf.

„Glauben Sie, dass die Leute nicht über uns sprechen? Ob sie es wissen oder nicht wissen, sie sprechen darüber. Nicht alles wird gewusst, aber alles wird gesagt.“

Sie verfiel wieder in ihren Traum. Er hielt sie für unzufrieden, mürrisch aus einem Grund, den sie ihm nicht nennen wollte. Er beugte sich über ihre schönen, ernsten Augen, die das Licht des Rostes widerspiegelten. Aber sie beruhigte ihn.

„Ich weiß nicht, ob jemand über mich spricht. Und was kümmert mich das? Nichts ist von Bedeutung.“

Er verließ sie. Er wollte im Club speisen, wo ein Freund auf ihn wartete. Sie folgte ihm mit den Augen, mit friedvoller Anteilnahme. Dann begann sie wieder, in der Asche zu lesen.

Sie sah darin die Tage ihrer Kindheit; das Schloss, in dem sie die süßen, traurigen Sommer verbracht hatte; den dunklen und feuchten Park; den Teich, in dem das grüne Wasser schlief; die Marmornymphen unter den Kastanienbäumen und die Bank, auf der sie geweint und den Tod herbeigesehnt hatte. Heute wusste sie noch immer nicht, was die Ursache ihrer jugendlichen Verzweiflung gewesen war, als das stürmische Erwachen ihrer Vorstellungskraft sie in ein verwirrendes Labyrinth aus Sehnsüchten und Ängsten stürzte. Als sie ein Kind war, machte ihr das Leben Angst. Und nun wusste sie, dass das Leben weder so viel Angst noch so viel Hoffnung wert ist; dass es eine sehr gewöhnliche Sache ist. Sie hätte das wissen müssen. Sie dachte:

„Ich sah Mamma; sie war gut, sehr einfach und nicht sehr glücklich. Ich träumte von einem anderen Schicksal als ihrem. Warum? Ich spürte um mich herum den faden Geschmack des Lebens und schien die Zukunft wie ein salziges und beißendes Aroma einzuatmen. Warum? Was wollte ich, und was erwartete ich? War ich nicht genug vor der Traurigkeit von allem gewarnt worden?“

Sie war reich geboren, im Glanz eines Vermögens, das allzu neu war. Sie war eine Tochter jenes Montessuy, der, anfangs Angestellter in einer Pariser Bank, zwei große Etablissements gründete und leitete, die Ressourcen eines glänzenden Geistes, unbezwingbare Charakterstärke, eine seltene Verbindung von Schlauheit und Ehrlichkeit einbrachte und mit der Regierung verhandelte, als wäre er eine ausländische Macht. Sie war in dem historischen Schloss Joinville aufgewachsen, das von ihrem Vater gekauft, restauriert und prächtig möbliert worden war. Montessuy ließ das Leben alles geben, was es hergeben konnte. Ein instinktiver und mächtiger Atheist, wollte er alle Güter dieser Welt und alle begehrenswerten Dinge, die die Erde hervorbringt. Er häufte Bilder alter Meister und kostbare Skulpturen an. Mit fünfzig hatte er alle schönsten Frauen der Bühne und viele aus der Gesellschaft kennengelernt. Er genoss alles Weltliche mit der Brutalität seines Temperaments und der Scharfsinnigkeit seines Geistes.

Die arme Madame Montessuy, sparsam und vorsichtig, schmachtete in Joinville dahin, zart und arm, unter dem finsteren Blick von zwölf gigantischen Karyatiden, die eine Decke trugen, auf der Lebrun die von Jupiter erschlagenen Titanen gemalt hatte. Dort, im eisernen Kinderbett, das am Fußende des großen Bettes stand, starb sie eines Nachts vor Traurigkeit und Erschöpfung, ohne jemals etwas auf Erden geliebt zu haben außer ihrem Mann und ihrem kleinen Salon in der Rue Maubeuge.

Sie hatte niemals irgendeine Vertraulichkeit mit ihrer Tochter gehabt, von der sie instinktiv fühlte, dass sie zu verschieden von ihr selbst war, zu frei, zu kühn im Herzen; und sie ahnte in Thérèse, obwohl sie süß und gut war, das starke Blut der Montessuys, den Eifer, der sie selbst so sehr hatte leiden lassen, und den sie ihrem Mann verzieh, aber nicht ihrer Tochter.

Doch Montessuy erkannte seine Tochter an und liebte sie. Wie die meisten herzhaften, vitalen Männer hatte er Stunden von bezaubernder Heiterkeit. Obwohl er viel außerhalb seines Hauses lebte, frühstückte er fast jeden Tag mit ihr und nahm sie manchmal mit auf Spaziergänge. Er verstand sich auf Kleider und Schnörkel. Er unterrichtete und formte Thérèse. Er amüsierte sie. In ihrer Nähe inspirierte ihn sein Instinkt für Eroberungen immer noch. Er wollte immer gewinnen, und er gewann seine Tochter. Er trennte sie von ihrer Mutter. Thérèse bewunderte ihn, sie vergötterte ihn.

In ihrem Traum sah sie ihn als die einzige Freude ihrer Kindheit. Sie war davon überzeugt, dass kein Mann auf der Welt so liebenswürdig war wie ihr Vater.

Bei ihrem Eintritt ins Leben verzweifelte sie sofort daran, anderswo eine so reiche Natur zu finden, eine solche Fülle an aktiven und denkenden Kräften. Diese Entmutigung war ihr bei der Wahl eines Ehemannes gefolgt, und vielleicht später bei einer geheimen und freieren Wahl.

Sie hatte ihren Ehemann nicht wirklich ausgewählt. Sie wusste es nicht: Sie hatte sich von ihrem Vater verheiraten lassen, der, damals Witwer und durch die Sorge um ein Mädchen in Verlegenheit gebracht, die Dinge schnell und gut erledigen wollte. Er betrachtete die äußeren Vorteile, schätzte die achtzig Jahre imperialen Adels, die Graf Martin einbrachte. Der Gedanke kam ihm nie, dass sie in der Ehe die Liebe finden wollen könnte.

Er schmeichelte sich damit, dass sie darin die Befriedigung der luxuriösen Wünsche finden würde, die er ihr zuschrieb, die Freude, mit Pracht zu protzen, den vulgären Stolz, die materielle Vorherrschaft, die für ihn den ganzen Wert des Lebens ausmachten, da er keinerlei Vorstellungen vom Glück einer wahren Frau hatte, obwohl er sicher war, dass seine Tochter tugendhaft bleiben würde.

Während sie an seinen absurden, aber natürlichen Glauben an sie dachte, der so schlecht mit seinen eigenen Erfahrungen und Ideen über Frauen übereinstimmte, lächelte sie mit melancholischer Ironie. Und sie bewunderte ihren Vater umso mehr.

Alles in allem war sie nicht so schlecht verheiratet. Ihr Mann war so gut wie jeder andere Mann. Er war durchaus erträglich geworden. Von allem, was sie in der Asche las, im verschleierten Weichlicht der Lampen, von all ihren Erinnerungen war die ihres Ehelebens die vage. Sie fand einige isolierte Züge davon, einige absurde Bilder, einen flüchtigen und heiklen Eindruck. Die Zeit war ihr nicht lang erschienen und hatte nichts hinterlassen. Sechs Jahre waren vergangen, und sie erinnerte sich nicht einmal mehr daran, wie sie ihre Freiheit wiedererlangt hatte, so prompt und einfach war ihre Eroberung dieses kalten, kränklichen, egoistischen und höflichen Ehemannes gewesen; dieses Mannes, vertrocknet und vergilbt durch Geschäfte und Politik, arbeitsam, ehrgeizig und alltäglich. Er mochte Frauen nur aus Eitelkeit, und er hatte seine Frau niemals geliebt. Die Trennung war offen und vollständig gewesen. Und seitdem fühlten sie, als Fremde füreinander, eine stillschweigende, gegenseitige Dankbarkeit für ihre Freiheit. Sie hätte ein gewisses Gefühl für ihn haben können, wenn sie ihn nicht heuchlerisch gefunden hätte und allzu raffiniert in der Kunst, ihre Unterschrift zu erlangen, wenn er Geld für Unternehmungen brauchte, die mehr der Prahlerei als einem wirklichen Nutzen dienten. Der Mann, mit dem sie jeden Tag speiste und sprach, hatte für sie keine Bedeutung.

Mit der Wange in der Hand, vor dem Rost, als ob sie eine Sibylle befragte, sah sie wieder das Gesicht des Marquis de Ré. Sie sah es so präzise, dass es sie überraschte. Der Marquis de Ré war ihr von ihrem Vater vorgestellt worden, der ihn bewunderte, und er erschien ihr groß und blendend für seine dreißig Jahre voller intimer Triumphe und weltlicher Erfolge. Seine Abenteuer folgten ihm wie eine Prozession. Er hatte drei Generationen von Frauen in seinen Bann gezogen und im Herzen all jener, die er geliebt hatte, eine unvergessliche Erinnerung hinterlassen. Seine männliche Anmut, seine stille Eleganz und seine Gewohnheit zu gefallen, hatten seine Jugend weit über das gewöhnliche Maß hinaus verlängert. Er bemerkte insbesondere die junge Gräfin Martin. Die Huldigung dieses Experten schmeichelte ihr. Sie dachte jetzt mit Vergnügen an ihn. Er besaß eine wunderbare Kunst der Konversation. Er amüsierte sie. Sie ließ es ihn wissen, und sofort nahm er sich in seiner heldenhaften Frivolität vor, sein glückliches Leben würdig durch die Unterwerfung dieser jungen Frau zu beenden, die er über alle anderen schätzte und die ihn offensichtlich bewunderte. Er legte, um sie zu erobern, die gelehrtesten Strategien an den Tag. Aber sie entkam ihm sehr leicht.

Sie gab zwei Jahre später Robert Le Menil nach, der sie leidenschaftlich begehrte, mit der ganzen Wärme seiner Jugend, mit der ganzen Einfachheit seines Geistes. Sie sagte sich: „Ich habe mich ihm hingegeben, weil er mich liebte.“ Es war die Wahrheit. Die Wahrheit war auch, dass ein stummer, aber mächtiger Instinkt sie angetrieben hatte und dass sie dem verborgenen Impuls ihres Wesens gefolgt war. Aber selbst das war nicht ihr wahres Selbst; was ihre Natur schließlich erweckte, war die Tatsache, dass sie an die Aufrichtigkeit seines Gefühls glaubte. Sie hatte nachgegeben, sobald sie gespürt hatte, dass sie geliebt wurde. Sie hatte sich schnell, einfach hingegeben. Er dachte, sie hätte leicht nachgegeben. Er irrte sich. Sie hatte die Entmutigung gespürt, die das Irreparable mit sich bringt, und jene Art von Scham, die daher rührt, dass man plötzlich etwas zu verbergen hat. Alles, was man zuvor in ihrer Gegenwart über andere Frauen geflüstert hatte, hallte in ihren brennenden Ohren wider. Aber, stolz und zartfühlend, achtete sie darauf, den Wert des Geschenks, das sie machte, zu verbergen. Er ahnte niemals ihre moralische Unruhe, die nur wenige Tage dauerte und durch vollkommene Ruhe ersetzt wurde. Nach drei Jahren verteidigte sie ihr Verhalten als unschuldig und natürlich.

Da sie niemandem Schaden zugefügt hatte, hatte sie keine Reue. Sie war zufrieden. Sie war verliebt, sie wurde geliebt. Zweifellos hatte sie nicht den Rausch gespürt, den sie erwartet hatte, aber spürt man den jemals? Sie war die Freundin des guten und ehrlichen Kerls, der bei Frauen, die als distanziert und schwer zu befriedigen galten, sehr beliebt war, und er hegte eine wahre Zuneigung zu ihr. Das Vergnügen, das sie ihm bereitete, und die Freude, für ihn schön zu sein, banden sie an diesen Freund. Er machte ihr das Leben nicht ständig entzückend, aber leicht zu ertragen und manchmal angenehm.

Was sie in ihrer Einsamkeit trotz vager Sehnsüchte und scheinbar grundloser Traurigkeit nicht geahnt hatte, hatte er ihr offenbart. Sie erkannte sich selbst, als sie ihn kannte. Es war ein glückliches Erstaunen. Ihre Sympathien lagen nicht in ihrem Verstand. Ihre Zuneigung zu ihm war einfach und offen, und in diesem Augenblick fand sie Gefallen an dem Gedanken, ihn am nächsten Tag in dem kleinen Apartment zu treffen, in dem sie sich seit drei Jahren trafen. Mit einem Kopfschütteln und einem Schulterzucken, gröber, als man es von dieser exquisiten Frau erwartet hätte, die allein am sterbenden Feuer saß, sagte sie sich: „Da! Ich brauche Liebe!“

KAPITEL II. „MAN SIEHT, DASS SIE JUNG SIND!“

Es war nicht mehr hell, als sie aus dem kleinen Apartment in der Rue Spontini kamen. Robert Le Menil gab einem Kutscher ein Zeichen und stieg mit Thérèse in die Kutsche. Dicht beieinander rollten sie inmitten der vagen Schatten, die von plötzlichen Lichtern durchschnitten wurden, durch die geisterhafte Stadt, wobei sie in ihren Köpfen nur süße und entschwindende Eindrücke hatten, während alles um sie herum verwirrt und flüchtig schien.

Die Kutsche näherte sich dem Pont-Neuf. Sie stiegen aus. Eine trockene Kälte belebte das düstere Januarwetter. Unter ihrem Schleier sog Thérèse freudig den Wind ein, der auf dem erstarrten Boden einen Staub weiß wie Salz aufwirbelte. Sie war froh, frei unter unbekannten Dingen umherzustreifen. Sie mochte es, die steinige Landschaft zu sehen, die die Klarheit der Luft deutlich machte; schnell und fest auf dem Kai zu gehen, wo die Bäume das schwarze Maßwerk ihrer Zweige am Horizont zeigten, der vom Rauch der Stadt gerötet war; die Seine zu betrachten. Am Himmel erschienen die ersten Sterne.

„Man sollte meinen, der Wind würde sie auslöschen“, sagte sie.

Er bemerkte auch, dass sie sehr stark flimmerten. Er glaubte nicht, dass es ein Zeichen für Regen sei, wie die Bauern glaubten. Er hatte im Gegenteil beobachtet, dass das Flimmern der Sterne neun von zehn Malen ein Vorzeichen für schönes Wetter war.

In der Nähe der kleinen Brücke fanden sie alte Eisenwarenläden, die von rauchigen Lampen beleuchtet wurden. Sie lief in sie hinein. Sie bog um eine Ecke und ging in einen Laden, in dem sonderbare Stoffe hingen. Hinter den schmutzigen Scheiben zeigte eine brennende Kerze Töpfe, Porzellanvasen, eine Klarinette und einen Brautkranz.

Er verstand nicht, welches Vergnügen sie an ihrer Suche fand.

„Diese Läden sind voller Ungeziefer. Was finden Sie daran interessant?“

„Alles. Ich denke an die arme Braut, deren Kranz unter dieser Glocke liegt. Das Essen fand in Maillot statt. Da war ein Polizist im Hochzeitszug. Es gibt einen in fast allen Hochzeitszügen, die man samstags im Park sieht. Bewegen sie dich nicht, mein Freund, all diese armen, lächerlichen, elenden Wesen, die zur Größe der Vergangenheit beitragen?“

Unter Tassen, die mit Blumen verziert waren, entdeckte sie ein kleines Messer, dessen Elfenbeingriff eine große, schlanke Frau darstellte, deren Haar à la Maintenon frisiert war. Sie kaufte es für ein paar Sous. Es gefiel ihr, weil sie bereits eine dazu passende Gabel besaß. Le Ménil gestand, dass er für solche Dinge keinen Sinn habe, sagte aber, seine Tante verstehe viel davon. In Caen kannten sie alle Händler. Sie hatte ihr Haus stilgerecht restauriert und eingerichtet. Dieses Haus war bereits 1690 bekannt gewesen. In einem seiner Säle standen weiße Schränke voller Bücher. Seine Tante hatte sie ordnen wollen. Sie hatte darin frivole Bücher gefunden, die mit so unkonventionellen Stichen verziert waren, dass sie sie verbrannt hatte.

„Ist deine Tante albern?“, fragte Thérèse.

Schon lange machten ihre Anekdoten über seine Tante sie ungeduldig. Ihr Freund hatte auf dem Land eine Mutter, Schwestern, Tanten und zahlreiche Verwandte, die sie nicht kannte und die sie reizten. Er sprach mit Bewunderung von ihnen. Es ärgerte sie, dass er sie oft besuchte. Wenn er zurückkam, bildete sie sich ein, er trage den Geruch von Dingen an sich, die jahrelang eingepackt gewesen waren. Er war naiv erstaunt und litt unter ihrer Antipathie ihnen gegenüber.

Er sagte nichts. Der Anblick eines Wirtshauses, dessen Fensterscheiben flammten, erinnerte ihn an den Dichter Choulette, der als Trunkenbold galt. Er fragte sie, ob sie diesen Choulette noch sehe, der sie in einem Regenmantel und mit einem roten Schal besuchte.

Es ärgerte sie, dass er wie General Larivière sprach. Sie sagte nicht, dass sie Choulette seit dem Herbst nicht mehr gesehen hatte und dass er sie mit der Sprunghaftigkeit eines Mannes vernachlässigte, der nicht zur Gesellschaft gehörte.

„Er hat Witz“, sagte sie, „Fantasie und ein originelles Temperament. Er gefällt mir.“

Und als er ihr vorwarf, einen seltsamen Geschmack zu haben, erwiderte sie:

„Ich habe keinen Geschmack, ich habe Geschmäcker. Du missbilligst doch hoffentlich nicht alle davon.“

Er antwortete, dass er sie nicht kritisiere. Er fürchte nur, sie könnte sich selbst schaden, wenn sie einen Bohemien empfange, der in anständigen Häusern nicht willkommen sei.

Sie rief aus:

„Nicht willkommen in anständigen Häusern – Choulette? Weißt du denn nicht, dass er jedes Jahr einen Monat bei der Marquise de Rieu verbringt? Ja, bei der Marquise de Rieu, der Katholikin, der Royalistin. Aber da Choulette dich interessiert, hör dir sein neuestes Abenteuer an. Paul Vence hat es mir erzählt. Ich verstehe es in dieser Straße besser, wo Hemden und Blumentöpfe an den Fenstern hängen.

Diesen Winter, eines Nachts, als es regnete, ging Choulette in ein Wirtshaus in einer Straße, deren Namen ich vergessen habe, die aber dieser hier gleichen muss, und traf dort ein unglückliches Mädchen, das die Kellner nicht beachtet hätten und das er wegen ihrer Demut mochte. Ihr Name war Maria. Der Name war nicht ihr eigener. Sie fand ihn an ihre Tür genagelt, oben an der Treppe, wo sie zur Untermiete wohnte. Choulette war von dieser Vollkommenheit an Armut und Schande gerührt. Er nannte sie seine Schwester und küsste ihre Hände. Seither hat er sie keinen Augenblick verlassen. Er nimmt sie mit in die Kaffeehäuser des Quartier Latin, wo die reichen Studenten ihre Zeitschriften lesen. Er sagt ihr süße Dinge. Er weint, sie weint. Sie trinken; und wenn sie betrunken sind, raufen sie sich. Er liebt sie. Er nennt sie seine Keusche, sein Kreuz und sein Heil. Sie war barfuß; er gab ihr Garn und Stricknadeln, damit sie sich Strümpfe machen könne. Und er machte selbst Schuhe für dieses unglückliche Mädchen mit riesigen Nägeln. Er bringt ihr Verse bei, die leicht zu verstehen sind. Er hat Angst, ihre moralische Schönheit zu zerstören, indem er sie aus der Schande holt, in der sie in vollkommener Einfachheit und bewundernswerter Bedürftigkeit lebt.“

Le Ménil zuckte mit den Schultern.

„Aber dieser Choulette ist verrückt, und Paul Vence hat kein Recht, dir solche Geschichten zu erzählen. Ich bin gewiss nicht streng; aber es gibt Unmoral, die mich anekelt.“ Sie gingen ziellos umher. Sie verfiel in einen Traum.

„Ja, Moral, ich weiß – Pflicht! Aber die Pflicht – man braucht den Teufel, um sie zu entdecken. Ich kann dir versichern, dass ich nicht weiß, wo die Pflicht liegt. Es ist wie mit der Schildkröte eines jungen Mädchens in Joinville. Wir verbrachten den ganzen Abend damit, sie unter den Möbeln zu suchen, und als wir sie gefunden hatten, gingen wir zu Bett.“

Er dachte, dass etwas Wahres an ihren Worten war. Er würde darüber nachdenken, wenn er allein wäre.

„Ich bedauere manchmal, dass ich nicht beim Militär geblieben bin. Ich weiß, was du sagen willst – man wird zum Tier in diesem Beruf. Zweifellos, aber man weiß genau, was man zu tun hat, und das ist viel im Leben. Ich denke, dass das Leben meines Onkels sehr schön und sehr angenehm ist. Aber jetzt, wo jeder beim Militär ist, gibt es weder Offiziere noch Soldaten. Alles sieht aus wie ein Bahnhof an einem Sonntag. Mein Onkel kannte persönlich alle Offiziere und alle Soldaten seiner Brigade. Wie kann man heutzutage von einem Offizier erwarten, dass er seine Leute kennt?“

Sie hatte aufgehört zuzuhören. Sie betrachtete eine Frau, die gebratene Kartoffeln verkaufte. Sie erkannte, dass sie Hunger hatte, und wollte gebratene Kartoffeln essen.

Er wandte ein:

„Niemand weiß, wie sie gekocht sind.“

Aber er musste für zwei Sous gebratene Kartoffeln kaufen und darauf achten, dass die Frau Salz darauf tat.

Während Thérèse sie aß, führte er sie in verlassene Straßen, weit weg von den Gaslaternen. Bald befanden sie sich vor der Kathedrale. Der Mond versilberte die Dächer.

„Notre-Dame“, sagte sie. „Schau, sie ist schwer wie ein Elefant und doch zart wie ein Insekt. Der Mond klettert über sie hinweg und betrachtet sie mit der Bosheit eines Affen. Sie sieht nicht aus wie der Mond auf dem Land in Joinville. In Joinville habe ich einen Pfad – einen flachen Pfad – mit dem Mond am Ende. Er ist nicht jede Nacht da; aber er kehrt treu zurück, voll, rot, vertraut. Er ist ein Nachbar vom Land. Ich gehe ernsthaft, um ihn zu treffen. Aber diesen Pariser Mond möchte ich nicht kennen. Er ist keine respektable Gesellschaft. Oh, was der schon alles gesehen hat, während er um die Dächer streift!“

Er lächelte ein zärtliches Lächeln.

„Oh, dein kleiner Pfad, auf dem du allein spazieren gingst und den du mochtest, weil der Himmel am Ende war! Ich sehe ihn, als wäre ich dort.“

Es war im Schloss Joinville gewesen, dass er sie zum ersten Mal gesehen und sofort geliebt hatte. Dort hatte er ihr eines Nachts von seiner Liebe erzählt, der sie stumm zugehört hatte, mit einem schmerzlichen Ausdruck um den Mund und einem vagen Blick in den Augen.

Die Erinnerung an diesen kleinen Pfad, auf dem sie allein spazierte, bewegte ihn, beunruhigte ihn, ließ ihn die verzauberten Stunden seiner ersten Sehnsüchte und Hoffnungen wiedererleben. Er versuchte, ihre Hand in ihrem Muff zu finden, und drückte ihr schmales Handgelenk unter dem Fell.

Ein kleines Mädchen, das Veilchen trug, sah, dass sie Liebende waren, und bot ihnen Blumen an. Er kaufte einen Zwei-Sous-Strauß und bot ihn Thérèse an.

Sie ging auf die Kathedrale zu. Sie dachte: „Sie ist wie ein riesiges Tier – ein Tier der Apokalypse.“

Am anderen Ende der Brücke folgte ihnen eine Blumenverkäuferin, runzelig, bärtig, grau vor Jahren und Staub, mit ihrem Korb voller Mimosen und Rosen. Thérèse, die ihre Veilchen hielt und versuchte, sie sich in die Taille zu stecken, sagte fröhlich:

„Danke, ich habe schon welche.“

„Man sieht, dass Sie jung sind“, rief die alte Frau mit hämischer Miene, während sie weiterging.

Thérèse verstand sofort, und ein Lächeln trat auf ihre Lippen und in ihre Augen. Sie gingen am Portal vorbei, vor den steinernen Figuren, die Zepter und Kronen tragen.

„Lass uns hineingehen“, sagte sie.

Er wollte nicht hineingehen. Er erklärte, dass die Tür verschlossen sei. Sie drückte sie auf und schlüpfte in das riesige Kirchenschiff, wo die leblosen Bäume der Säulen in die Dunkelheit hinaufwuchsen. Im Hintergrund bewegten sich Kerzen vor gespenstischen Priestern, unter dem letzten Nachhall der Orgeln. Sie zitterte in der Stille und sagte:

„Die Traurigkeit der Kirchen bei Nacht bewegt mich; ich fühle in ihnen die Größe des Nichts.“

Er antwortete:

„Wir müssen an etwas glauben. Wenn es keinen Gott gäbe, wenn unsere Seelen nicht unsterblich wären, wäre es zu traurig.“

Sie blieb eine Weile unbeweglich unter den Schattenvorhängen stehen, die von den Bögen herabhingen. Dann sagte sie:

„Mein armer Freund, wir wissen nicht, was wir mit diesem Leben anfangen sollen, das so kurz ist, und doch wünschst du dir ein anderes Leben, das niemals enden soll.“

In der Kutsche, die sie zurückbrachte, sagte er fröhlich, dass er einen schönen Nachmittag verbracht habe. Er küsste sie, zufrieden mit ihr und mit sich selbst. Doch seine gute Laune übertrug sich nicht auf sie. Die letzten Momente, die sie zusammen verbrachten, wurden ihr immer durch die Vorahnung verdorben, dass er beim Abschied nicht das sagen würde, was er sagen sollte. Gewöhnlich verließ er sie brüsk, als ob das, was geschehen war, nicht von Dauer sein sollte. Bei jedem ihrer Abschiede hatte sie ein verwirrtes Gefühl, dass sie sich für immer trennten. Sie litt im Voraus darunter und wurde reizbar.

Unter den Bäumen nahm er ihre Hand und küsste sie.

„Ist es nicht selten, Thérèse, so zu lieben, wie wir einander lieben?“

„Selten? Ich weiß nicht; aber ich glaube, dass du mich liebst.“

„Und du?“

„Ich liebe dich auch.“

„Und du wirst mich immer lieben?“

„Was weiß man schon jemals?“

Und als er das Gesicht ihres Geliebten sich verdunkeln sah:

„Wärst du zufriedener mit einer Frau, die schwören würde, dich nur für alle Zeit zu lieben?“

Er blieb beunruhigt, mit einem elenden Ausdruck. Sie war gütig und beruhigte ihn:

„Du weißt sehr wohl, mein Freund, dass ich nicht flatterhaft bin.“

Fast am Ende der Allee verabschiedeten sie sich. Er behielt die Kutsche, um in die Rue Royale zurückzukehren. Er wollte im Club speisen und ins Theater gehen und hatte keine Zeit zu verlieren.

Thérèse kehrte zu Fuß nach Hause zurück. Gegenüber dem Trocadéro erinnerte sie sich an das, was die alte Blumenverkäuferin gesagt hatte: „Man sieht, dass Sie jung sind.“ Die Worte kamen zu ihr zurück mit einer Bedeutung, die nicht unmoralisch, sondern traurig war. „Man sieht, dass Sie jung sind!“ Ja, sie war jung, sie wurde geliebt, und sie langweilte sich zu Tode.

KAPITEL III. EINE DISKUSSION ÜBER DEN KLEINEN KORPORAL

In der Mitte des Tisches waren Blumen in einem Korb aus vergoldeter Bronze angeordnet, der mit Adlern, Sternen und Bienen verziert war und Griffe in Form von Füllhörnern hatte. An seinen Seiten stützten geflügelte Siegesgöttinnen die Zweige von Kandelabern. Dieses Tafelaufsatzstück im Empire-Stil war 1812 von Napoleon an Graf Martin de l’Aisne, den Großvater des jetzigen Grafen Martin-Bellème, verschenkt worden. Martin de l’Aisne, 1809 Abgeordneter im Gesetzgebenden Körper, wurde im folgenden Jahr Mitglied des Finanzausschusses, dessen beharrliche und geheime Arbeiten seinem arbeitsamen Temperament entsprachen. Obwohl Liberaler, gefiel er dem Kaiser durch seinen Fleiß und seine exakte Ehrlichkeit. Zwei Jahre lang war er mit Gunstbezeugungen überschüttet worden. 1813 gehörte er zu der gemäßigten Mehrheit, die den Bericht billigte, in dem Lainé die Macht und das Unglück tadelte, indem er dem Kaiser verspätete Ratschläge gab. Am 1. Januar 1814 ging er mit seinen Kollegen in die Tuilerien. Der Kaiser empfing sie auf erschreckende Weise. Er stürmte auf ihre Reihen zu. Gewalttätig und finster, im Schrecken seiner gegenwärtigen Macht und seines kommenden Sturzes, betäubte er sie mit seinem Zorn und seiner Verachtung.

Er ging zwischen ihren Reihen auf und ab, packte plötzlich Graf Martin an den Schultern, schüttelte ihn und zerrte ihn mit den Worten: „Ein Thron ist vier mit Samt bezogene Holzstücke? Nein! Ein Thron ist ein Mann, und dieser Mann bin ich. Sie haben versucht, mich mit Schlamm zu bewerfen. Ist jetzt die Zeit, mir Vorhaltungen zu machen, wo zweihunderttausend Kosaken an den Grenzen stehen? Ihr Lainé ist ein böser Mensch. Man sollte seine schmutzige Wäsche zu Hause waschen.“ Und während er in seinem Zorn den bestickten Kragen des Abgeordneten in der Hand drehte, sagte er: „Das Volk kennt mich. Es kennt Sie nicht. Ich bin der Auserwählte der Nation. Sie sind die unbedeutenden Delegierten eines Departements.“ Er sagte ihnen das Schicksal der Girondisten voraus. Das Geräusch seiner Sporen begleitete den Klang seiner Stimme. Graf Martin blieb den Rest seines Lebens zitternd und erinnerte sich zitternd an die Bourbonen nach der Niederlage des Kaisers. Die beiden Restaurationen waren umsonst; die Juliregierung und das Zweite Kaiserreich bedeckten seine bedrückte Brust mit Kreuzen und Orden. Erhoben in die höchsten Ämter, mit Ehren überhäuft von drei Königen und einem Kaiser, spürte er für immer die Hand des Korsen auf seiner Schulter. Er starb als Senator Napoleons III. und hinterließ einen Sohn, der von der gleichen Angst geplagt wurde.

Dieser Sohn hatte Mademoiselle Bellème geheiratet, die Tochter des ersten Präsidenten des Gerichtshofs von Bourges, und mit ihr die politischen Herrlichkeiten einer Familie, die der gemäßigten Monarchie drei Minister gegeben hatte. Die Bellèmes, Anwälte zur Zeit Ludwigs XV., hoben die jakobinischen Ursprünge der Martins empor. Der zweite Graf Martin war Mitglied aller Versammlungen bis zu seinem Tod 1881. Sein Sohn nahm ohne Mühe seinen Sitz in der Deputiertenkammer ein. Nachdem er Mademoiselle Thérèse Montessuy geheiratet hatte, deren Mitgift sein politisches Vermögen stützte, erschien er diskret unter den vier oder fünf betitelten und wohlhabenden Bürgern, die sich der Demokratie anschlossen und von den Republikanern, denen die Aristokratie schmeichelte, ohne allzu große Ungnade empfangen wurden.

Im Speisezimmer gab Graf Martin-Bellème den Gastgeber mit der Anmut und der traurigen Höflichkeit, die kürzlich im Élysée vorgeschrieben wurde, um das isolierte Frankreich an einem großen nördlichen Hof zu repräsentieren. Von Zeit zu Zeit richtete er fade Phrasen an Madame Garain zu seiner Rechten; an die Prinzessin Seniavine zu seiner Linken, die, beladen mit Diamanten, sich langweilte. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, streichelte Gräfin Martin, die General Larivière und M. Schmoll, Mitglied der Académie des Inscriptions, an ihrer Seite hatte, mit ihrem Fächer ihre glatten, weißen Schultern. An den beiden Halbkreisen, durch die der Esstisch verlängert wurde, saßen M. Montessuy, robust, mit blauen Augen und rötlichem Teint; eine junge Cousine, Madame Bellème de Saint-Nom, verlegen wegen ihrer langen, dünnen Arme; der Maler Duviquet; M. Daniel Salomon; dann Paul Vence und Garain, der Abgeordnete; Bellème de Saint-Nom; ein unbekannter Senator; und Dechartre, der zum ersten Mal im Haus speiste. Das Gespräch, anfangs trivial und unbedeutend, zog sich zu einem verwirrten Murmeln hin, über dem sich Garains Stimme erhob:

„Jede falsche Idee ist gefährlich. Die Leute denken, dass Träumer keinen Schaden anrichten. Sie irren sich: Träumer richten großen Schaden an. Selbst scheinbar harmlose utopische Ideen üben in Wirklichkeit einen schädlichen Einfluss aus. Sie neigen dazu, Ekel vor der Realität einzuflößen.“

„Das ist vielleicht, weil die Realität nicht schön ist“, sagte Paul Vence.

M. Garain sagte, dass er immer für alle möglichen Verbesserungen gewesen sei. Er hatte zur Zeit des Kaiserreichs die Abschaffung der stehenden Heere und die Trennung von Kirche und Staat gefordert und war der Demokratie immer treu geblieben. Sein Wahlspruch, sagte er, sei „Ordnung und Fortschritt“. Er glaubte, diesen Wahlspruch entdeckt zu haben.

Montessuy sagte:

„Nun, Monsieur Garain, seien Sie aufrichtig. Geben Sie zu, dass es keine Reformen zu machen gibt und dass es das Höchste ist, wenn man die Farbe der Briefmarken ändern kann. Gut oder schlecht, die Dinge sind, wie sie sein sollten. Ja, die Dinge sind, wie sie sein sollten; aber sie ändern sich unaufhörlich. Seit 1870 hat die industrielle und finanzielle Lage des Landes vier oder fünf Revolutionen durchlaufen, die die politischen Ökonomen nicht vorausgesehen hatten und die sie noch immer nicht verstehen. In der Gesellschaft wie in der Natur vollziehen sich Umwandlungen von innen heraus.“

Was Regierungsangelegenheiten betraf, waren seine Ideen knapp und entschieden. Er war stark an die Gegenwart gebunden, unbekümmert um die Zukunft, und die Sozialisten beunruhigten ihn wenig. Ohne sich darum zu sorgen, ob die Sonne und das Kapital eines Tages erlöschen würden, genoss er sie. Seiner Meinung nach sollte man sich treiben lassen. Nur Narren leisteten Widerstand gegen den Strom oder versuchten, ihm zuvorzukommen.

Doch Graf Martin, von Natur aus traurig, hatte düstere Vorahnungen. In verschleierten Worten kündigte er Katastrophen an. Seine furchtsamen Sätze drangen durch die Blumen und reizten M. Schmoll, der zu murren und zu prophezeien begann. Er erklärte, dass christliche Nationen unfähig seien, aus eigener Kraft die Barbarei abzuschütteln, und dass ohne die Juden und die Araber Europa heute, wie zu Zeiten der Kreuzzüge, in Ignoranz, Elend und Grausamkeit versunken wäre.

„Das Mittelalter“, sagte er, „ist nur in den historischen Handbüchern abgeschlossen, die den Schülern gegeben werden, um ihren Verstand zu verderben. In Wirklichkeit sind Barbaren immer Barbaren. Israels Mission ist es, die Nationen zu unterweisen. Es war Israel, das im Mittelalter die Weisheit der Zeitalter nach Europa brachte. Der Sozialismus erschreckt Sie. Er ist ein christliches Übel, wie das Priestertum. Und die Anarchie? Erkennen Sie darin nicht die Pest der Albigenser und der Waldenser? Die Juden, die Europa unterwiesen und verfeinerten, sind die Einzigen, die es heute vor dem evangelischen Übel bewahren können, von dem es verschlungen wird. Aber sie haben ihre Pflicht nicht erfüllt. Sie haben sich unter den Christen zu Christen gemacht. Und Gott bestraft sie. Er erlaubt, dass sie verbannt und beraubt werden. Der Antisemitismus macht überall erschreckende Fortschritte. Aus Russland werden meine Glaubensgenossen wie wilde Tiere vertrieben. In Frankreich werden zivile und militärische Laufbahnen für Juden geschlossen. Sie haben keinen Zugang mehr zu aristokratischen Kreisen. Mein Neffe, der junge Isaac Coblentz, musste auf eine diplomatische Karriere verzichten, nachdem er seine Zulassungsprüfung glänzend bestanden hatte. Die Ehefrauen einiger meiner Kollegen zeigen, wenn Madame Schmoll sie besucht, absichtlich antisemitische Zeitungen vor ihren Augen. Und würden Sie glauben, dass der Minister für öffentlichen Unterricht sich geweigert hat, mir das Kreuz der Ehrenlegion zu verleihen, um das ich mich beworben habe? Das ist Undankbarkeit! Antisemitismus ist der Tod – es ist der Tod, hören Sie? für die europäische Zivilisation.“

Der kleine Mann hatte eine natürliche Art, die alle Kunst der Welt übertraf. Grotesk und schrecklich, versetzte er die Tafel durch seine Aufrichtigkeit in Bestürzung. Madame Martin, die er amüsierte, machte ihm ein Kompliment dazu:

„Wenigstens“, sagte sie, „verteidigen Sie Ihre Glaubensgenossen. Sie sind nicht, Monsieur Schmoll, wie eine schöne jüdische Dame meiner Bekanntschaft, die, nachdem sie in einer Zeitung gelesen hatte, dass sie die Elite der jüdischen Gesellschaft empfange, überall herumlief und schrie, dass sie beleidigt worden sei.“

„Ich bin sicher, Madame, dass Sie nicht wissen, wie schön und anderen Moralvorstellungen überlegen die jüdische Moral ist. Kennen Sie das Gleichnis von den drei Ringen?“

Diese Frage ging im Gemurmel der Dialoge unter, in denen sich Außenpolitik, Gemäldeausstellungen, Modeskandale und Akademie-Reden vermischten. Sie sprachen über den neuen Roman und das kommende Theaterstück. Dies war eine Komödie. Napoleon war eine Nebenfigur darin.

Das Gespräch konzentrierte sich auf Napoleon I., der oft auf die Bühne gebracht und neu in Büchern studiert wurde – ein Objekt der Neugier, eine Modefigur, kein Volksheld mehr, kein Halbgott, der für sein Land Stiefel trug, wie in den Tagen, als Norvins und Béranger, Charlet und Raffet seine Legende komponierten; sondern eine kuriose Persönlichkeit, ein amüsanter Typ in seiner lebendigen Unendlichkeit, eine Figur, deren Stil Künstlern gefällt, deren Bewegungen gedankenlose Müßiggänger anziehen.

Garain, der sein politisches Vermögen auf dem Hass gegen das Kaiserreich gegründet hatte, urteilte aufrichtig, dass diese Rückkehr des nationalen Geschmacks nur eine absurde Verblendung sei. Er sah keine Gefahr darin und verspürte keine Furcht davor. In ihm war die Furcht plötzlich und grausam. Im Moment war er sehr ruhig; er sprach weder davon, Aufführungen zu verbieten, noch Bücher zu beschlagnahmen, Autoren einzusperren oder irgendetwas zu unterdrücken. Ruhig und streng sah er in Napoleon nur Taines ‚Condottiere‘, der Volney in den Magen trat. Jeder wollte den wahren Napoleon definieren. Graf Martin sprach angesichts des kaiserlichen Tafelaufsatzes und der geflügelten Siegesgöttinnen angemessen von Napoleon als Organisator und Verwalter und ordnete ihn an einer hohen Stelle als Vorsitzenden des Staatsrats ein, wo seine Worte Licht auf dunkle Fragen warfen. Garain bekräftigte, dass Napoleon in seinen nur allzu berühmten Sitzungen unter dem Vorwand, eine Prise zu nehmen, die Ratsmitglieder bat, ihm ihre Golddosen zu reichen, die mit Miniaturen verziert und mit Diamanten geschmückt waren und die sie nie wieder sahen. Die Anekdote wurde ihm vom Sohn Mouniers selbst erzählt.

Montessuy schätzte an Napoleon das Genie der Ordnung. „Er liebte“, sagte er, „gut getane Arbeit. Das ist ein Geschmack, den die meisten Menschen verloren haben.“

Der Maler Duviquet, dessen Vorstellungen die eines Künstlers waren, war verlegen. Er fand auf der Totenmaske, die aus St. Helena mitgebracht worden war, nicht die Züge jenes schönen und kraftvollen Gesichts, das Medaillen und Büsten geheiligt haben. Davon musste man sich nun überzeugen, da die Bronze dieser Maske in allen alten Läden zwischen Adlern und Sphinxen aus vergoldetem Holz hing. Und da seiner Ansicht nach das wahre Gesicht Napoleons nicht das des idealen Napoleon war, mag auch seine wirkliche Seele nicht so gewesen sein, wie Idealisten sie sich ausmalten. Vielleicht war es die Seele eines guten Bürgers. Jemand hatte dies gesagt, und er neigte dazu, es für wahr zu halten. Wie dem auch sei, Duviquet, der sich damit brüstete, die besten Porträts des Jahrhunderts geschaffen zu haben, wusste, dass berühmte Männer selten den Vorstellungen gleichen, die man sich von ihnen macht.

M. Daniel Salomon merkte an, dass die schöne Maske, von der Duviquet sprach – der Gipsabguss, der dem leblosen Antlitz des Kaisers abgenommen und von Dr. Antommarchi nach Europa gebracht worden war –, 1833 unter Louis-Philippe zum ersten Mal in Bronze gegossen und per Subskription verkauft wurde und damals Überraschung und Misstrauen erregte. Man verdächtigte den italienischen Chemiker, der eine Art Hanswurst war, stets geschwätzig und hungrig, sich über die Leute lustig gemacht zu haben. Anhänger von Dr. Gall, dessen System damals in Mode war, betrachteten die Maske mit Argwohn. Sie fanden darin nicht die Höcker des Genies; und die Stirn, nach den Theorien des Meisters untersucht, bot in ihrer Form nichts Bemerkenswertes.

„Genau“, sagte Prinzessin Seniavine. „Napoleon war nur insofern bemerkenswert, als er Volney in den Magen getreten und eine mit Diamanten verzierte Schnupftabaksdose gestohlen hat. Das hat uns Monsieur Garain gerade gelehrt.“

„Und doch“, sagte Madame Martin, „ist niemand sicher, dass er Volney getreten hat.“

„Alles kommt schließlich ans Licht“, erwiderte die Prinzessin heiter. „Napoleon hat gar nichts getan. Er hat Volney nicht einmal getreten, und sein Kopf war der eines Idioten.“

General Lariviere fühlte, dass er etwas sagen müsse. Er stieß diese Phrase hervor:

„Napoleon – sein Feldzug von 1813 wird viel diskutiert.“

Der General wollte Garain gefallen, und er hatte keinen anderen Gedanken. Dennoch gelang es ihm nach einer Anstrengung, ein Urteil zu formulieren:

„Napoleon beging Fehler; in seiner Lage hätte er keine begehen dürfen.“ Und er hielt abrupt inne, sehr rot.

Madame Martin fragte:

„Und Sie, Monsieur Vence, was denken Sie über Napoleon?“

„Madame, ich hege keine große Liebe für Waffenträger, und Eroberer erscheinen mir als gefährliche Narren. Aber trotz allem interessiert mich diese Figur des Kaisers, wie sie das Publikum interessiert. Ich finde Charakter und Leben darin. Es gibt kein Gedicht oder keinen Roman, der die Memoiren von Sankt Helena wert wäre, obwohl sie auf lächerliche Weise geschrieben sind. Was ich über Napoleon denke, wenn Sie es wissen wollen, ist, dass er, für den Ruhm geschaffen, die brillante Einfachheit des Helden eines epischen Gedichts besaß. Ein Held muss menschlich sein. Napoleon war menschlich.“

„Oh, oh!“, rief jeder.

Aber Paul Vence fuhr fort:

„Er war gewalttätig und leichtfertig; daher zutiefst menschlich. Ich meine, ähnlich wie jeder andere. Er begehrte mit einzigartiger Kraft alles, was die meisten Menschen schätzen und begehren. Er hatte Illusionen, die er dem Volk vermittelte. Das war seine Macht und seine Schwäche; das war seine Schönheit. Er glaubte an den Ruhm. Er hatte vom Leben und von der Welt dieselbe Meinung wie jeder seiner Grenadiere. Er bewahrte sich immer die kindliche Ernsthaftigkeit, die Freude daran findet, mit Schwertern und Trommeln zu spielen, und jene Art von Unschuld, die gute Militärs ausmacht. Er schätzte die Gewalt aufrichtig. Er war ein Mensch unter Menschen, Fleisch vom menschlichen Fleisch. Er hatte keinen Gedanken, der nicht in Taten umgesetzt wurde, und alle seine Handlungen waren groß und doch gewöhnlich. Es ist diese vulgäre Größe, die Helden ausmacht. Und Napoleon ist der vollkommene Held. Sein Verstand übertraf nie seine Hand – jene Hand, klein und schön, die die Welt ergriff. Er hatte nie, auch nur für einen Augenblick, die geringste Sorge um das, was er nicht erreichen konnte.“

„Dann“, sagte Garain, „war er Ihnen zufolge kein intellektuelles Genie. Ich bin Ihrer Meinung.“

„Sicher“, fuhr Paul Vence fort, „er hatte genug Genie, um auf der zivilen und militärischen Bühne der Welt brillant zu sein. Aber er hatte kein spekulatives Genie. Dieses Genie ist ein anderes Paar Schuhe, wie Buffon sagt. Wir haben eine Sammlung seiner Schriften und Reden. Sein Stil hat Bewegung und Fantasie. Und in dieser Masse von Gedanken kann man keine philosophische Neugier finden, nicht einen Ausdruck der Angst vor dem Unerkennbaren, nicht einen Ausdruck der Furcht vor dem Geheimnis, das das Schicksal umgibt. Auf Sankt Helena, wenn er von Gott und der Seele spricht, scheint er ein kleiner vierzehnjähriger Schuljunge zu sein. In die Welt geworfen, fand sich sein Verstand für die Welt geeignet und umfasste sie ganz. Nichts von diesem Verstand ging im Unendlichen verloren. Selbst ein Dichter, kannte er nur die Poesie der Tat. Er begrenzte seinen mächtigen Lebenstraum auf die Erde. In seiner schrecklichen und rührenden Naivität glaubte er, dass ein Mensch groß sein könne, und weder Zeit noch Unglück ließen ihn diese Idee verlieren. Seine Jugend, oder besser seine erhabene Adoleszenz, dauerte, solange er lebte, weil das Leben ihm niemals eine wirkliche Reife brachte. Solcherart ist der anormale Zustand von Männern der Tat. Sie leben ganz in der Gegenwart, und ihr Genie konzentriert sich auf einen Punkt. Die Stunden ihrer Existenz sind nicht durch eine Kette ernsthafter und uneigennütziger Meditationen verbunden. Sie folgen einander in einer Reihe von Akten. Es fehlt ihnen ein Innenleben. Dieser Mangel ist besonders sichtbar bei Napoleon, der niemals in sich selbst lebte. Davon leitet sich die Leichtfertigkeit des Temperaments ab, die ihn die enorme Last seiner Übel und seiner Fehler leicht ertragen ließ. Sein Geist wurde jeden Tag neu geboren. Er hatte mehr als jeder andere die Fähigkeit zur Zerstreuung. Am ersten Tag, als er die Sonne auf seinem todbringenden Felsen auf Sankt Helena aufgehen sah, sprang er aus dem Bett und pfiff eine romantische Weise. Es war die Ruhe eines Geistes, der über dem Schicksal stand; es war die Leichtfertigkeit eines Geistes, der zur Wiederauferstehung bereit war. Er lebte von außen.“

Garain, der Paul Vences geistreiche Wendungen und Sprache nicht mochte, versuchte den Schluss zu beschleunigen:

„Mit einem Wort“, sagte er, „es steckte etwas vom Monster in dem Mann.“

„Es gibt keine Monster“, antwortete Paul Vence; „und Menschen, die für Monster gelten, flößen Abscheu ein. Napoleon wurde von einem ganzen Volk geliebt. Er hatte die Macht, die Liebe der Menschen zu gewinnen. Das Glück seiner Soldaten bestand darin, für ihn zu sterben.“

Gräfin Martin hätte gewünscht, dass Dechartre seine Meinung äußerte. Aber er entschuldigte sich mit einer Art Schrecken.

„Kennen Sie“, sagte Schmoll wieder, „das Gleichnis von den drei Ringen, eine erhabene Inspiration eines portugiesischen Juden.“

Garain, während er Paul Vence zu seinem brillanten Paradoxon beglückwünschte, bedauerte, dass der Witz auf Kosten von Moral und Gerechtigkeit ausgeübt werde.

„Ein großes Prinzip“, sagte er, „ist, dass Menschen nach ihren Taten beurteilt werden sollten.“

„Und Frauen?“, fragte Prinzessin Seniavine brüsk; „beurteilen Sie sie nach ihren Taten? Und woher wollen Sie wissen, was sie tun?“

Das Geräusch von Stimmen vermischte sich mit dem hellen Klingen von Silberbesteck. Eine warme Luft badete den Raum. Die Rosen ließen ihre Blätter auf das Tischtuch fallen. Leidenschaftlichere Gedanken stiegen ins Gehirn.

General Lariviere verfiel in Träume.

„Wenn öffentlicher Lärm meine Ohren gespalten hat“, sagte er zu seinem Nachbarn, „werde ich nach Tours leben gehen. Ich werde Blumen züchten.“

Er schmeichelte sich damit, ein guter Gärtner zu sein; sein Name war einer Rose gegeben worden. Dies gefiel ihm überaus.

Schmoll fragte wieder, ob sie das Gleichnis von den drei Ringen kennten.

Die Prinzessin zog den Abgeordneten auf.

„Dann wissen Sie also nicht, Monsieur Garain, dass man dieselben Dinge aus sehr verschiedenen Gründen tut?“

Montessuy sagte, sie habe recht.

„Es ist sehr wahr, wie Sie sagen, Madame, dass Taten nichts beweisen. Dieser Gedanke ist frappierend in einer Episode aus dem Leben von Don Juan, die weder Molière noch Mozart bekannt war, die aber in einer englischen Legende enthüllt wird, deren Kenntnis ich meinem Freund James Russell Lowell aus London verdanke. Man erfährt daraus, dass der große Verführer seine Zeit mit drei Frauen verlor. Eine war eine Bürgerliche: Sie war in ihren Ehemann verliebt; die andere war eine Nonne: Sie wollte nicht einwilligen, ihre Gelübde zu brechen; die dritte, die lange Zeit ein ausschweifendes Leben geführt hatte, war hässlich geworden und diente als Magd in einer Spelunke. Nach dem, was sie getan hatte, nach dem, was sie gesehen hatte, bedeutete Liebe ihr nichts. Diese drei Frauen verhielten sich aus sehr verschiedenen Gründen gleich. Eine Handlung beweist nichts. Es ist die Masse der Handlungen, ihr Gewicht, ihre Gesamtsumme, die den Wert des menschlichen Wesens ausmacht.“

„Einige unserer Handlungen“, sagte Madame Martin, „haben unser Aussehen, unser Gesicht: Sie sind unsere Töchter. Andere gleichen uns überhaupt nicht.“

Sie stand auf und nahm den Arm des Generals.

Auf dem Weg zum Salon sagte die Prinzessin:

„Therese hat recht. Manche Handlungen drücken unser wahres Selbst überhaupt nicht aus. Sie sind wie die Dinge, die wir in Albträumen tun.“

Die Nymphen der Wandteppiche lächelten vergeblich in ihrer verblichenen Schönheit die Gäste an, die sie nicht sahen.

Madame Martin servierte den Kaffee mit ihrer jungen Cousine, Madame Belleme de Saint-Nom. Sie beglückwünschte Paul Vence zu dem, was er bei Tisch gesagt hatte.

„Sie sprachen über Napoleon mit einer geistigen Freiheit, die in den Gesprächen, die ich höre, selten ist. Ich habe bemerkt, dass Kinder, wenn sie hübsch sind, wenn sie schmollen, wie Napoleon in Waterloo aussehen. Sie haben mich die tieferen Gründe für diese Ähnlichkeit fühlen lassen.“

Dann, sich an Dechartre wendend:

„Mögen Sie Napoleon?“

„Madame, ich mag die Revolution nicht. Und Napoleon ist die Revolution in Stiefeln.“

„Monsieur Dechartre, warum haben Sie das nicht beim Abendessen gesagt? Aber ich sehe, Sie ziehen es vor, nur im Tête-à-Tête geistreich zu sein.“

Graf Martin-Belleme geleitete die Männer ins Raucherzimmer. Paul Vence blieb allein bei den Frauen. Prinzessin Seniavine fragte ihn, ob er seinen Roman beendet habe und was das Thema sei. Es war eine Studie, in der er versuchte, die Wahrheit durch eine Reihe plausibler Bedingungen zu erreichen.

„So“, sagte er, „gewinnt der Roman eine moralische Kraft, die die Geschichte in ihrer schweren Leichtfertigkeit niemals hatte.“

Sie erkundigte sich, ob das Buch für Frauen geschrieben sei. Er sagte, das sei es nicht.

„Sie tun Unrecht, Monsieur Vence, nicht für Frauen zu schreiben. Ein überlegener Mann kann nichts anderes für sie tun.“

Er wollte wissen, was ihr diese Idee gab.

„Weil ich sehe, dass alle intelligenten Frauen Narren lieben.“

„Die sie langweilen.“

„Gewiss! Aber überlegene Männer würden sie mehr ermüden. Sie hätten mehr Ressourcen, um sie zu langweilen. Aber sagen Sie mir das Thema Ihres Romans.“

„Bestehen Sie darauf?“

„Oh, ich bestehe auf nichts.“

„Nun, ich werde es Ihnen sagen. Es ist eine Studie über Sitten des Volkes; die Geschichte eines jungen Arbeiters, nüchtern und keusch, so hübsch wie ein Mädchen, mit dem Verstand einer Jungfrau, einer sensiblen Seele. Er ist ein Schnitzer und arbeitet gut. Nachts, bei seiner Mutter, die er liebt, studiert er, er liest Bücher. In seinem Verstand, einfach und empfänglich, nisten sich Ideen ein wie Kugeln in einer Wand. Er hat keine Begierden. Er hat weder die Leidenschaften noch die Laster, die uns an das Leben binden. Er ist einsam und rein. Mit starken Tugenden ausgestattet, wird er eingebildet. Er lebt unter elenden Menschen. Er sieht Leiden. Er hat Hingabe ohne Menschlichkeit. Er hat jene Art von kalter Wohltätigkeit, die Altruismus genannt wird. Er ist nicht menschlich, weil er nicht sinnlich ist.“

„Oh! Man muss sinnlich sein, um menschlich zu sein?“

„Gewiss, Madame. Wahres Mitleid, wie Zärtlichkeit, kommt vom Herzen. Er ist nicht intelligent genug, um zu zweifeln. Er glaubt, was er gelesen hat. Und er hat gelesen, dass man zur Errichtung des allgemeinen Glücks die Gesellschaft zerstören muss. Durst nach Märtyrertum verzehrt ihn. Eines Morgens, nachdem er seine Mutter geküsst hat, geht er aus; er lauert dem sozialistischen Abgeordneten seines Bezirks auf, sieht ihn, stürzt sich auf ihn und begräbt einen Dolch in seiner Brust. Es lebe die Anarchie! Er wird verhaftet, vermessen, fotografiert, verhört, beurteilt, zum Tode verurteilt und guillotiniert. Das ist mein Roman.“

„Er ist nicht sehr amüsant“, sagte die Prinzessin; „aber das ist nicht Ihre Schuld. Ihre Anarchisten sind so zaghaft und gemäßigt wie andere Franzosen. Die Russen haben mehr Kühnheit und mehr Fantasie.“

Gräfin Martin fragte Paul Vence, ob er einen stillen, schüchtern aussehenden Mann unter den Gästen kenne. Ihr Mann hatte ihn eingeladen. Sie wusste nichts von ihm, nicht einmal seinen Namen. Paul Vence konnte nur sagen, dass er Senator sei. Er hatte ihn eines Tages zufällig im Luxembourg gesehen, in der Galerie, die als Bibliothek diente.

„Ich ging dorthin, um die Kuppel zu betrachten, wo Delacroix in einem Wald aus bläulichen Myrten Helden und Weise der Antike gemalt hat. Jener Herr war dort, mit demselben elenden und kläglichen Aussehen. Sein Mantel war feucht und er wärmte sich. Er unterhielt sich mit alten Kollegen und sagte, während er sich die Hände rieb: ‚Der Beweis, dass die Republik die beste der Regierungen ist, ist, dass sie 1871 in einer Woche sechzigtausend Aufständische töten konnte, ohne unpopulär zu werden. Nach einer solchen Unterdrückung wäre jedes andere Regime unmöglich gewesen.‘“

„Er ist ein sehr böser Mann“, sagte Madame Martin. „Und zu denken, dass ich Mitleid mit ihm hatte!“

Madame Garain, ihr Kinn sanft auf die Brust gesunken, schlief im Frieden ihres hausfraulichen Geistes und träumte von ihrem Gemüsegarten am Ufer der Loire, wo Gesangvereine kamen, ihr ein Ständchen zu bringen.

Joseph Schmoll und General Lariviere kamen aus dem Raucherzimmer. Der General nahm Platz zwischen Prinzessin Seniavine und Madame Martin.

„Ich traf heute Morgen im Park Baronin Warburg, auf einem prächtigen Pferd. Sie sagte: ‚General, wie schaffen Sie es, so feine Pferde zu haben?‘ Ich antwortete: ‚Madame, um feine Pferde zu haben, muss man entweder sehr wohlhabend oder sehr klug sein.‘“

Er war so zufrieden mit seiner Antwort, dass er sie zweimal wiederholte.

Paul Vence näherte sich Gräfin Martin:

„Ich kenne den Namen jenes Senators: Es ist Lyer. Er ist der Vizepräsident einer politischen Gesellschaft und Autor eines Buches mit dem Titel: Das Verbrechen des zweiten Dezembers.“

Der General fuhr fort:

„Das Wetter war schrecklich. Ich ging in eine Hütte und fand Le Menil dort. Ich war bei schlechter Laune. Er machte sich über mich lustig, sah ich, weil ich Schutz suchte. Er bildet sich ein, weil ich General sei, müsse ich Wind und Schnee mögen. Er sagte, dass er schlechtes Wetter möge und dass er nächste Woche mit Freunden zur Fuchsjagd gehe.“

Es gab eine Pause; der General fuhr fort:

„Ich wünsche ihm viel Freude, aber ich beneide ihn nicht. Fuchsjagd ist nicht angenehm.“

„Aber sie ist nützlich“, sagte Montessuy.

Der General zuckte die Schultern.

„Füchse sind gefährlich für Hühnerställe im Frühling, wenn die Hühner ihre Familien ernähren müssen.“

„Füchse sind schlaue Wilderer, die den Bauern weniger Schaden zufügen als den Jägern. Ich weiß ein wenig darüber.“

Therese hörte der Prinzessin, die zu ihr sprach, nicht zu. Sie dachte:

„Er hat mir nicht gesagt, dass er wegfährt!“

„An was denken Sie, meine Liebe?“, erkundigte sich die Prinzessin.

„An nichts Interessantes“, antwortete Therese.

KAPITEL IV. DAS ENDE EINES TRAUMS

In dem kleinen schattigen Raum, wo der Schall durch Vorhänge, Portieren, Kissen, Bärenfelle und Teppiche aus dem Orient gedämpft wurde, glänzte das Kaminlicht auf den funkelnden Schwertern, die zwischen den verblichenen Gunstbezeugungen der Cotillons von drei Wintern hingen. Das Rosenholz-Chiffonier wurde von einem silbernen Pokal gekrönt, einem Preis irgendeines Sportvereins. Auf einer Porzellanplatte, in der Mitte des Tisches, stand eine Kristallvase, die Zweige weißer Flieder enthielt; und Lichter pulsierten in den warmen Schatten. Therese und Robert, deren Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, bewegten sich leicht unter diesen vertrauten Objekten. Er zündete eine Zigarette an, während sie ihr Haar richtete, vor dem Spiegel stehend, in einer Ecke, so dunkel, dass sie sich kaum sehen konnte. Sie nahm Nadeln aus dem kleinen böhmischen Glasschälchen, das auf dem Tisch stand, wo sie es seit drei Jahren aufbewahrt hatte. Er betrachtete sie, wie sie ihre leichten Finger schnell durch die goldenen Wellen ihres Haares gleiten ließ, während ihr Gesicht, gehärtet und bronziert vom Schatten, einen mysteriösen Ausdruck annahm. Sie sprach nicht.

Er sagte zu ihr:

„Du bist jetzt nicht mehr böse, meine Liebe?“

Und, da er darauf bestand, eine Antwort zu erhalten, sagte sie:

„Was willst du, dass ich sage, mein Freund? Ich kann nur wiederholen, was ich anfangs sagte. Ich finde es seltsam, dass ich von deinen Plänen durch General Lariviere erfahren muss.“

Er wusste sehr wohl, dass sie ihm nicht verziehen hatte; dass sie ihm gegenüber kalt und reserviert geblieben war. Aber er tat so, als ob sie nur schmollte.

„Meine Liebe, ich habe es dir erklärt. Ich habe dir gesagt, dass ich, als ich Lariviere traf, gerade einen Brief von Caumont erhalten hatte, der mich an mein Versprechen erinnerte, den Fuchs in seinen Wäldern zu jagen, und ich antwortete mit dem nächsten Postlauf. Ich hatte vor, es dir heute zu sagen. Es tut mir leid, dass General Lariviere es dir zuerst gesagt hat, aber das hatte keine Bedeutung.“

Ihre Arme waren erhoben wie die Henkel einer Vase. Sie wandte ihm einen Blick aus ihren ruhigen Augen zu, den er nicht verstand.

„Also gehst du?“

„Nächste Woche, Dienstag oder Mittwoch. Ich werde höchstens zehn Tage weg sein.“

Sie setzte sich ihre Mütze aus Robbenfell auf, verziert mit einem Zweig Stechpalme.

„Ist es etwas, das du nicht verschieben kannst?“

„Oh ja. Fuchsfelle wären in einem Monat nichts mehr wert. Außerdem hat Caumont gute Freunde von mir eingeladen, die mein Fernbleiben bedauern würden.“

Indem sie ihre Mütze mit einer langen Nadel am Kopf befestigte, runzelte sie die Stirn.

„Ist Fuchsjagd interessant?“

„Oh ja, sehr. Der Fuchs hat Listen, die man ergründen muss. Die Intelligenz dieses Tieres ist wirklich wunderbar. Ich habe nachts einen Fuchs beobachtet, wie er einen Hasen jagte. Er hatte eine richtige Jagd organisiert. Ich versichere dir, es ist nicht leicht, einen Fuchs aus seinem Bau zu locken. Caumont hat einen ausgezeichneten Keller. Ich kümmere mich nicht darum, aber er wird allgemein geschätzt. Ich werde dir ein halbes Dutzend Felle mitbringen.“

„Was soll ich mit ihnen anfangen?“

„Oh, du kannst Vorleger daraus machen.“

„Und du wirst acht Tage jagen?“

„Nicht die ganze Zeit. Ich werde meine Tante besuchen, die mich erwartet. Letztes Jahr um diese Zeit gab es ein entzückendes Beisammensein in ihrem Haus. Sie hatte ihre zwei Töchter und ihre drei Nichten mit ihren Männern bei sich. Alle fünf Frauen sind hübsch, fröhlich, bezaubernd und untadelig. Ich werde sie wahrscheinlich Anfang nächsten Monats dort versammelt finden, anlässlich des Geburtstages meiner Tante, und ich werde zwei Tage dort bleiben.“

„Mein Freund, bleib so lange, wie es dir beliebt. Ich wäre untröstlich, wenn du einen Aufenthalt, der so angenehm ist, meinetwegen verkürzen würdest.“

„Aber du, Therese?“

„Ich, mein Freund? Ich kann für mich selbst sorgen.“

Das Feuer erlosch. Die Schatten vertieften sich zwischen ihnen. Sie sagte in einem träumerischen Ton:

„Es ist jedoch wahr, dass es niemals klug ist, eine Frau allein zu lassen.“

Er ging zu ihr, versuchend, ihre Augen in der Dunkelheit zu sehen. Er nahm ihre Hand.

„Du liebst mich?“, sagte er.

„Oh, ich versichere dir, dass ich keinen anderen liebe, aber...“

„Was meinst du?“

„Nichts. Ich denke – ich denke, dass wir den ganzen Sommer über getrennt sind; dass du im Winter die Hälfte der Zeit bei deinen Eltern und deinen Freunden lebst; und dass es, wenn wir uns so wenig sehen, besser ist, uns gar nicht zu sehen.“

Er zündete die Kandelaber an. Sein offenes, hartes Gesicht war beleuchtet. Er betrachtete sie mit einer Zuversicht, die weniger aus dem allen Liebenden gemeinsamen Dünkel als aus seinem natürlichen Mangel an Würde stammte. Er glaubte durch die Kraft der Erziehung und die Einfachheit des Verstandes an sie.

„Therese, ich liebe dich, und du liebst mich, das weiß ich. Warum quälst du mich? Manchmal bist du schmerzhaft hart.“

Sie schüttelte brüsk ihr kleines Haupt.

„Was willst du denn? Ich bin hart und eigensinnig. Das liegt im Blut. Ich habe es von meinem Vater. Du kennst Joinville; du hast das Schloss gesehen, die Decken, die Wandteppiche, die Gärten, den Park, die Jagdgründe, du hast gesagt, dass es in Frankreich nichts Besseres gäbe; aber du hast die Werkstatt meines Vaters nicht gesehen – einen weißen Holztisch und einen Mahagonischreibtisch. Alles an mir hat dort seinen Ursprung. Auf diesem Tisch hat mein Vater vierzig Jahre lang Figuren gemacht; zuerst in einem kleinen Zimmer, dann in der Wohnung, in der ich geboren wurde. Wir waren damals nicht sehr wohlhabend. Ich bin die Tochter eines Emporkömmlings, oder die Tochter eines Eroberers, das kommt auf dasselbe hinaus. Wir sind Menschen materieller Interessen. Mein Vater wollte Geld verdienen, besitzen, was er kaufen konnte – das heißt, alles. Ich möchte verdienen und behalten – was? Ich weiß es nicht – das Glück, das ich habe – oder das ich nicht habe. Ich habe meine eigene Art, anspruchsvoll zu sein. Ich sehne mich nach Träumen und Illusionen. Oh, ich weiß sehr wohl, dass all das nicht die Mühe wert ist, die sich eine Frau macht, wenn sie sich einem Mann hingibt; aber es ist eine Mühe, die etwas wert ist, denn meine Mühe bin ich selbst, mein Leben. Ich genieße gerne, was ich mag, oder denke, was ich mag. Ich möchte nicht verlieren. Ich bin wie Papa: Ich verlange, was mir zusteht. Und dann –“

Sie senkte die Stimme:

„Und dann habe ich – Impulse! Nun, mein Lieber, ich langweile dich. Was willst du denn? Du hättest mich nicht lieben sollen.“

Diese Sprache, an die sie ihn gewöhnt hatte, verdarb ihm oft das Vergnügen. Aber sie beunruhigte ihn nicht. Er war empfänglich für alles, was sie tat, aber keineswegs für das, was sie sagte; und er maß den Worten einer Frau keine Bedeutung bei. Da er selbst wenig sprach, konnte er sich nicht vorstellen, dass Worte oft dasselbe sind wie Taten.

Obwohl er sie liebte, oder vielmehr, weil er sie mit Stärke und Zuversicht liebte, hielt er es für seine Pflicht, ihren Launen zu widerstehen, die er für absurd hielt. Wann immer er den Herrn spielte, hatte er Erfolg bei ihr; und naiverweise endete er immer damit, ihn zu spielen.

„Du weißt sehr wohl, Therese, dass ich nichts anderes will, als dir angenehm zu sein. Sei nicht kapriziös mit mir.“

„Und warum sollte ich nicht kapriziös sein? Wenn ich mich dir hingab, dann nicht, weil ich logisch war, noch weil ich dachte, ich müsste. Es war, weil ich kapriziös war.“

Er sah sie erstaunt und betrübt an.

„Das Wort ist dir nicht angenehm, mein Freund? Nun, sagen wir, es war Liebe. Wahrlich, das war es, von ganzem Herzen, und weil ich fühlte, dass du mich liebst. Aber Liebe muss ein Vergnügen sein, und wenn ich darin nicht die Befriedigung dessen finde, was du meine Kapriziösität nennst, was aber in Wahrheit mein Verlangen, mein Leben, meine Liebe ist, dann will ich sie nicht; ich ziehe es vor, allein zu leben. Du bist erstaunlich! Meine Kaprizen! Gibt es denn sonst noch etwas im Leben? Deine Fuchsjagd, ist die nicht kapriziös?“

Er antwortete sehr aufrichtig:

„Wenn ich nicht versprochen hätte, ich schwöre es dir, Therese, würde ich dieses kleine Vergnügen mit großer Freude opfern.“

Sie spürte, dass er die Wahrheit sagte. Sie wusste, wie genau er darin war, selbst die geringfügigsten Verpflichtungen zu erfüllen, erkannte aber, dass er nicht gehen würde, wenn sie darauf bestünde. Doch es war zu spät: Sie wollte nicht gewinnen. Sie wollte fortan nur noch das heftige Vergnügen des Verlierens suchen. Sie gab vor, seinen Verstand ernst zu nehmen, und sagte:

„Ach, du hast es versprochen!“

Und sie tat so, als gäbe sie nach.

Zuerst überrascht, beglückwünschte er sich schließlich dazu, sie zur Vernunft gebracht zu haben. Er war ihr dankbar dafür, dass sie nicht starrköpfig gewesen war. Er legte seinen Arm um ihre Taille und küsste sie zur Belohnung auf den Hals und die Augenlider. Er sagte:

„Wir können uns drei- oder viermal sehen, bevor ich gehe, und öfter, wenn du willst. Ich werde so oft auf dich warten, wie du kommen möchtest. Willst du mich morgen hier treffen?“

Sie gönnte sich die Genugtuung zu sagen, dass sie weder am nächsten Tag noch an irgendeinem anderen Tag kommen könne.

Leise erwähnte sie die Dinge, die sie daran hinderten.

Die Hindernisse schienen gering; Besuche, ein Kleid, das anprobiert werden musste, ein Wohltätigkeitsbasar, Ausstellungen. Während sie die Schwierigkeiten ausführte, schienen sie zu wachsen. Die Besuche ließen sich nicht verschieben; es gab drei Basare; die Ausstellungen würden bald schließen. Kurz gesagt, es war ihr unmöglich, ihn vor seiner Abreise wiederzusehen.

Da er an solche Ausreden gewöhnt war, bemerkte er nicht, dass es für Therese nicht natürlich war, sie vorzubringen. Verlegen über dieses Gewebe sozialer Verpflichtungen, drängte er nicht weiter, sondern blieb schweigsam und unglücklich.

Mit ihrem linken Arm hob sie den Portier-Vorhang, legte ihre rechte Hand auf den Schlüssel der Tür; und während sie vor dem reichen Hintergrund der saphir- und rubinfarbenen Falten der orientalischen Draperien stand, wandte sie den Kopf zu dem Freund, den sie verließ, und sagte, ein wenig spöttisch, doch mit einem Anflug tragischer Rührung:

„Leb wohl, Robert. Amüsiere dich. Meine Besuche, meine Besorgungen, deine kleinen Besuche sind nichts. Das Leben besteht nur aus solchen Nichtigkeiten. Leb wohl!“

Sie ging hinaus. Er hätte sie gerne begleitet, aber er machte es sich zur Regel, sich nicht mit ihr auf der Straße zu zeigen, es sei denn, sie zwang ihn absolut dazu.

Auf der Straße fühlte Therese plötzlich, dass sie allein auf der Welt war, ohne Freude und ohne Schmerz. Sie kehrte zu Fuß in ihr Haus zurück, wie sie es gewohnt war. Es war Nacht; die Luft war gefroren, klar und ruhig. Aber die Alleen, durch die sie ging, in den mit Lichtern übersäten Schatten, umhüllten sie mit jener milden Atmosphäre der Königin der Städte, die für ihre Bewohner so angenehm ist und die sich selbst in der Kälte des Winters bemerkbar macht. Sie ging zwischen den Reihen von Hütten und alten Häusern, Überresten der Festtage von Auteuil, die hier und da von hohen Häusern unterbrochen wurden. Diese kleinen Läden, diese monotonen Fenster bedeuteten ihr nichts. Dennoch fühlte sie sich unter dem geheimnisvollen Zauber der Freundschaft lebloser Dinge; und es schien ihr, dass die Steine, die Türen der Häuser, die Lichter hinter den Fensterscheiben sie freundlich ansahen. Sie war allein, und sie wollte allein sein. Die Schritte, die sie zwischen den beiden Häusern machte, in denen ihre Gewohnheiten fast gleich waren, die Schritte, die sie so oft getan hatte, erschienen ihr heute unwiderruflich. Warum? Was hatte dieser Tag gebracht? Nicht gerade einen Streit. Und doch hatten die an diesem Tag gesprochenen Worte einen subtilen, seltsamen, hartnäckigen Stich hinterlassen, der sie niemals verlassen würde. Was war geschehen? Nichts. Und dieses Nichts hatte alles ausgelöscht. Sie hatte eine Art dunkle Gewissheit, dass sie nie wieder in jenes Zimmer zurückkehren würde, das so kürzlich die geheimsten und liebsten Phasen ihres Lebens umschlossen hatte. Sie hatte Robert mit der Ernsthaftigkeit einer notwendigen Freude geliebt. Geschaffen, um geliebt zu werden, und sehr vernünftig, hatte sie in der Hingabe ihrer selbst nicht jenen Instinkt der Reflexion verloren, jene Notwendigkeit nach Sicherheit, die in ihr so stark war. Sie hatte nicht gewählt: man wählt selten. Sie hatte sich nicht zufällig und überrascht nehmen lassen. Sie hatte getan, was sie tun wollte, so sehr man in solchen Fällen überhaupt tut, was man tun will. Sie hatte nichts zu bereuen. Er war ihr gewesen, was er ihr zu sein hatte. Sie fühlte trotz allem, dass alles zu Ende war. Sie dachte mit trockener Traurigkeit daran, dass drei Jahre ihres Lebens einem ehrlichen Mann gegeben worden waren, der sie geliebt hatte und den sie geliebt hatte. „Denn ich liebte ihn. Ich musste ihn geliebt haben, um mich ihm hinzugeben.“ Aber sie konnte die Gefühle der ersten Tage nicht wiederfinden, die Regungen ihres Geistes, als sie nachgegeben hatte. Sie erinnerte sich an kleine und unbedeutende Umstände: die Blumen auf der Tapete und die Bilder im Zimmer. Sie erinnerte sich an die Worte, ein wenig lächerlich und beinahe rührend, die er zu ihr gesagt hatte. Aber es schien ihr, als sei das Abenteuer einer anderen Frau widerfahren, einer Fremden, die sie nicht mochte und die sie kaum verstand. Und was erst vor einem Augenblick geschehen war, erschien ihr nun weit entfernt. Das Zimmer, die Flieder im Kristallgefäß, das kleine Schälchen aus böhmischem Glas, in dem sie ihre Stecknadeln fand – sie sah all diese Dinge wie durch ein Fenster, an dem man auf der Straße vorbeigeht. Sie war ohne Bitterkeit und sogar ohne Traurigkeit. Sie hatte nichts zu vergeben, ach! Diese Abwesenheit für eine Woche war kein Verrat, es war kein Fehler gegen sie; es war nichts, und doch war es alles. Es war das Ende. Sie wusste es. Sie wollte aufhören. Es war die Zustimmung aller Kräfte ihres Seins. Sie sagte sich: „Ich habe keinen Grund, ihn weniger zu lieben. Liebe ich ihn nicht mehr? Habe ich ihn jemals geliebt?“ Sie wusste es nicht und sie wollte es nicht wissen. Drei Jahre, in denen es Monate gab, in denen sie sich jeden Tag sahen – war das alles nichts? Das Leben ist keine große Sache. Und was man hineinlegt, wie wenig das ist!

Kurz gesagt, sie hatte nichts, worüber sie sich beklagen konnte. Aber es war besser, alles zu beenden. All diese Überlegungen brachten sie wieder an diesen Punkt. Es war kein Entschluss; Entschlüsse können geändert werden. Es war schwerwiegender: es war ein Zustand des Körpers und des Geistes.

Als sie den Platz erreichte, in dessen Mitte ein Brunnen steht und an dessen einer Seite sich eine Kirche im rustikalen Stil befindet, die ihre Glocke in einem offenen Glockenturm zeigt, erinnerte sie sich an den kleinen Veilchenstrauß, den er ihr eines Nachts auf der Brücke bei Notre Dame gegeben hatte. Sie hatten sich an diesem Tag geliebt – vielleicht mehr als gewöhnlich. Ihr Herz wurde bei dieser Erinnerung weich. Aber der kleine Strauß blieb allein, ein armes kleines Blumenskelett, in ihrem Gedächtnis.

Während sie nachdachte, folgten ihr Passanten, die durch die Schlichtheit ihrer Kleidung getäuscht wurden. Einer von ihnen machte ihr Vorschläge: ein Abendessen und das Theater. Es amüsierte sie. Sie war keineswegs beunruhigt; dies war keine Krise. Sie dachte: „Wie stellen andere Frauen solche Dinge an? Und ich, die ich mir versprach, mein Leben nicht zu verderben. Was ist das Leben wert?“

Gegenüber der griechischen Laterne des Musee des Religions fand sie den Boden von Arbeitern aufgewühlt. Da waren Pflastersteine, die von einer Brücke aus einem schmalen, flexiblen Brett gekreuzt wurden. Sie hatte gerade den Fuß darauf gesetzt, als sie am anderen Ende vor sich einen Mann sah, der auf sie wartete. Er erkannte sie und verneigte sich. Es war Dechartre. Sie sah, dass er sich freute, sie zu treffen; sie dankte ihm mit einem Lächeln. Er bat sie um Erlaubnis, einige Schritte mit ihr zu gehen, und sie betraten den großen und luftigen Raum. An diesem Ort treten die hohen Häuser, die etwas zurückgesetzt sind, in den Hintergrund und geben den Blick auf den Himmel frei.

Er erzählte ihr, dass er sie aus der Ferne am Rhythmus ihrer Figur und ihrer Bewegungen erkannt habe, die ausschließlich ihr eigen seien.

„Anmutige Bewegungen“, fügte er hinzu, „sind wie Musik für die Augen.“

Sie antwortete, dass sie gerne gehe; es sei ihr Vergnügen und der Grund für ihre gute Gesundheit.

Auch er ging gerne in bevölkerten Städten und auf schönen Feldern. Das Geheimnis der Landstraßen lockte ihn. Er reiste gern. Obwohl Reisen gewöhnlich und einfach geworden waren, behielten sie für ihn ihren mächtigen Reiz. Er hatte goldene Tage und kristallene Nächte gesehen, Griechenland, Ägypten und den Bosporus; aber es war Italien, zu dem er immer zurückkehrte, wie in das Mutterland seines Geistes.

„Ich werde nächste Woche dorthin gehen“, sagte er. „Ich sehne mich danach, Ravenna wiederzusehen, wie es unter den schwarzen Pinien seiner unfruchtbaren Küste schläft. Haben Sie Ravenna gesehen, Madame? Es ist ein verzaubertes Grab, in dem funkelnde Phantasmen erscheinen. Die Magie des Todes liegt dort. Die Mosaikarbeiten von Saint Vitale mit ihren barbarischen Engeln und ihren aureolierten Kaiserinnen lassen einen die monströsen Wonnen des Orients fühlen. Heute seiner silbernen Lamellen beraubt, ist das Grab der Galla Placidia unter seiner Krypta erschreckend, leuchtend und doch düster. Wenn man durch eine Öffnung im Sarkophag blickt, scheint es, als sähe man die Tochter des Theodosius, auf ihrem goldenen Stuhl sitzend, aufrecht in ihrem Kleid, das mit Steinen besetzt und mit Szenen aus dem Alten Testament bestickt ist; ihr schönes, grausames Gesicht hart und schwarz bewahrt mit aromatischen Pflanzen, und ihre Ebenholzhände unbeweglich auf ihren Knien. Dreizehn Jahrhunderte lang bewahrte sie diese funebre Majestät, bis eines Tages ein Kind ein Licht durch die Öffnung des Grabes hielt und den Körper verbrannte.“

Madame Martin-Belleme fragte, was diese tote Frau, so eigensinnig in ihrem Hochmut, während ihres Lebens getan habe.

„Zweimal Sklavin“, sagte Dechartre, „wurde sie zweimal Kaiserin.“

„Sie muss schön gewesen sein“, sagte Madame Martin. „Sie haben sie mir in ihrem Grab zu lebhaft vor Augen geführt. Sie macht mir Angst. Werden Sie nach Venedig gehen, Monsieur Dechartre? Oder sind Sie der Gondeln müde, der von Palästen gesäumten Kanäle und der Tauben des Heiligen Markus? Ich gestehe, dass ich Venedig noch immer mag, nachdem ich dreimal dort war.“

Er sagte, sie habe recht. Auch er mochte Venedig.

Wann immer er dorthin fuhr, wurde er vom Bildhauer zum Maler und machte Studien. Er würde gerne die Atmosphäre dort malen.

„Anderswo“, sagte er, „selbst in Florenz, ist der Himmel zu hoch. In Venedig ist er überall; er liebkost die Erde und das Wasser. Er umhüllt liebevoll die bleiernen Kuppeln und die Marmorfassaden und wirft seine Perlen und Kristalle in die schillernde Atmosphäre. Die Schönheit Venedigs liegt in seinem Himmel und seinen Frauen. Was für hübsche Geschöpfe die venezianischen Frauen sind! Ihre Formen sind so schlank und geschmeidig unter ihren schwarzen Schals. Wenn von diesen Frauen nichts übrig bliebe als ein Knochen, würde man in diesem Knochen den Charme ihrer exquisiten Struktur finden. Sonntags, in der Kirche, bilden sie lachende Gruppen, unruhig, mit ein wenig spitzen Hüften, eleganten Hälsen, blühendem Lächeln und entflammenden Blicken. Und alle neigen sich mit der Geschmeidigkeit junger Tiere beim Vorübergehen eines Priesters, dessen Kopf dem des Vitellius gleicht und der den Kelch trägt, gefolgt von zwei Chorknaben.“

Er ging mit ungleichem Schritt, dem Rhythmus seiner Gedanken folgend, mal schnell, mal langsam. Sie ging regelmäßiger und überholte ihn fast. Er sah sie von der Seite an und mochte ihre feste und geschmeidige Haltung. Er bemerkte das kleine Zittern, das ihr eigensinniger Kopf von Zeit zu Zeit auf die Stechpalme an ihrer Toque übertrug.

Ohne es zu erwarten, empfand er einen Reiz in dieser fast intimen Begegnung mit einer jungen Frau, die ihm fast unbekannt war.

Sie hatten den Ort erreicht, wo die große Allee ihre vier Baumreihen entfaltet. Sie folgten der Steinbrüstung, die von einer Buchsbaumhecke gekrönt ist, die die Hässlichkeit der Gebäude am Kai vollständig verbirgt. Man spürte die Anwesenheit des Flusses durch die milchige Atmosphäre, die an nebligen Tagen auf dem Wasser zu ruhen scheint. Der Himmel war klar. Die Lichter der Stadt vermischten sich mit den Sternen. Im Süden leuchteten die drei goldenen Nägel des Oriongürtels. Dechartre fuhr fort:

„Letztes Jahr, in Venedig, sah ich jeden Morgen, wenn ich aus meinem Haus trat, an ihrer Tür, drei Stufen über dem Kanal, ein bezauberndes Mädchen mit kleinem Kopf, rundem und starkem Hals und anmutigen Hüften. Sie war dort, in der Sonne und umgeben von Ungeziefer, so rein wie eine Amphore, duftend wie eine Blume. Sie lächelte. Was für ein Mund! Das reichste Juwel im schönsten Licht. Ich erkannte rechtzeitig, dass dieses Lächeln einem Metzger galt, der hinter mir stand, seinen Korb auf dem Kopf.“

An der Ecke der kurzen Straße, die zum Kai führt, zwischen zwei Reihen kleiner Gärten, ging Madame Martin langsamer.

„Es stimmt, dass in Venedig“, sagte sie, „alle Frauen hübsch sind.“

„Sie sind fast alle hübsch, Madame. Ich spreche von den einfachen Mädchen – den Zigarrenverkäuferinnen, den Mädchen unter den Glasarbeitern. Die anderen sind recht gewöhnlich.“

„Mit den anderen meinen Sie die Damen der Gesellschaft; und diese mögen Sie nicht?“

„Damen der Gesellschaft? Oh, manche von ihnen sind bezaubernd. Was das Lieben betrifft, das ist eine andere Angelegenheit.“

„Glauben Sie?“

Sie reichte ihm die Hand und bog plötzlich um die Ecke.

KAPITEL V. EIN ESSEN IM FAMILIENKREIS

Sie speiste an diesem Abend allein mit ihrem Mann. Der schmale Tisch hatte nicht den Korb mit goldenen Adlern und geflügelten Siegesgöttinnen. Die Kandelaber beleuchteten nicht Oudrys Gemälde. Während er von den Ereignissen des Tages sprach, verfiel sie in eine traurige Träumerei. Es schien ihr, als schwebe sie in einem Nebel. Es war ein friedliches und beinahe süßes Leiden. Sie sah vage durch die Wolken das kleine Zimmer in der Rue Spontini, das von Engeln auf einen der Gipfel des Himalaya-Gebirges transportiert worden war, und Robert Le Menil – im Beben einer Art Weltuntergang – war verschwunden, während er seine Handschuhe anzog. Sie fühlte ihren Puls, um zu sehen, ob sie Fieber hatte. Ein Geklapper von Silberbesteck auf dem Tisch weckte sie auf. Sie hörte ihren Mann sagen:

„Mein lieber Freund Gavaut hat heute in der Kammer eine ausgezeichnete Rede zur Frage der Reservefonds gehalten. Es ist erstaunlich, wie gesund und gerecht seine Ideen geworden sind. Oh, er hat sich sehr verbessert.“

Sie konnte nicht umhin zu lächeln.

„Aber Gavaut, mein Freund, ist ein armer Teufel, der an nichts anderes gedacht hat, als der Menge derer zu entkommen, die vor Hunger sterben. Gavaut hatte nie Ideen, außer in seinen Ellenbogen. Nimmt ihn in der politischen Welt irgendjemand ernst? Du kannst sicher sein, dass er keiner Frau je eine Illusion gegeben hat, nicht einmal seiner Frau. Und doch braucht ein Mann nicht viel, um diese Art von Illusion zu erzeugen.“ Sie fügte brüsk hinzu:

„Du weißt, Miss Bell hat mich eingeladen, einen Monat mit ihr in Fiesole zu verbringen. Ich habe zugesagt; ich gehe.“

Weniger erstaunt als unzufrieden, fragte er sie, mit wem sie gehe.

Sofort antwortete sie:

„Mit Madame Marmet.“

Es gab keinen Einwand zu erheben. Madame Marmet war eine angemessene Begleiterin, und es war passend für sie, Italien zu besuchen, wo ihr Mann einige Ausgrabungen gemacht hatte. Er fragte nur:

„Hast du sie eingeladen? Wann gehst du?“

„Nächste Woche.“

Er hatte die Weisheit, keinen Einwand zu erheben, da er urteilte, dass Widerspruch ihre Kapriziösität nur festigen würde, und er fürchtete, diese törichte Idee noch zu befeuern. Er sagte:

„Sicherlich ist Reisen ein angenehmer Zeitvertreib. Ich dachte, wir könnten im Frühjahr den Kaukasus und Turkestan besuchen. Das ist ein interessantes Land. General Annenkoff wird uns Kutschen, Züge und alles andere auf seiner Eisenbahn zur Verfügung stellen. Er ist ein Freund von mir; er ist ganz entzückt von dir. Er wird uns eine Eskorte von Kosaken geben.“

Er beharrte darauf, ihre Eitelkeit zu schmeicheln, unfähig zu erkennen, dass ihr Geist nicht weltlich war. Sie antwortete nachlässig, dass das eine angenehme Reise sein könne. Dann lobte er die Berge, die alten Städte, die Basare, die Kostüme, die Rüstungen.

Er fügte hinzu:

„Wir werden einige Freunde mitnehmen – Prinzessin Seniavine, General Lariviere, vielleicht Vence oder Le Menil.“

Sie antwortete mit einem kleinen trockenen Lachen, dass sie Zeit hätten, ihre Gäste auszuwählen.

Er wurde aufmerksam auf ihre Wünsche.

„Du isst nicht. Du wirst deiner Gesundheit schaden.“

Obwohl er noch nicht an diese baldige Abreise glaubte, empfand er eine gewisse Besorgnis darüber. Jeder hatte seine Freiheit wiedergewonnen, aber er war nicht gern allein. Er fühlte, dass er erst er selbst war, wenn seine Frau da war. Und außerdem hatte er beschlossen, während der Session zwei oder drei politische Abendessen zu geben. Er sah seine Partei wachsen. Dies war der Moment, sich zu behaupten, eine glänzende Vorstellung zu geben. Er sagte geheimnisvoll:

„Es könnte etwas geschehen, das die Hilfe all unserer Freunde erfordert. Du hast den Lauf der Ereignisse nicht verfolgt, Therese?“

„Nein, mein Lieber.“

„Das tut mir leid. Du hast Urteilsvermögen, Offenheit des Geistes. Wenn du den Lauf der Ereignisse verfolgt hättest, wärst du von dem Strom beeindruckt gewesen, der das Land zu moderaten Meinungen zurückführt. Das Land ist der Übertreibungen müde. Es lehnt die Männer ab, die durch radikale Politik und religiöse Verfolgung kompromittiert sind. Eines Tages wird es notwendig sein, ein Kabinett Casimir-Perier mit anderen Männern zu bilden, und an diesem Tag –“

Er hielt inne: Sie hörte wirklich zu unaufmerksam zu.

„Ich wollte dich nicht langweilen, meine Liebe“, sagte er sanft.

Sie entschuldigte sich mit einem Lächeln, das eher Müdigkeit als Reue ausdrückte.

„Du hattest von einem Kabinett Casimir-Perier gesprochen, Robert.“

„Ich sprach von der Zukunft, Thérèse. Aber es ist wahr, die Politik ist trocken. Lass uns von etwas anderem sprechen. Ich habe dir Blumen mitgebracht.“

Er wies auf einen großen Strauß violetter Orchideen, der auf dem Konsoltisch lag. Sie dankte ihm. Sie fand, dass er heute besonders elegant gekleidet war, in einem Gehrock, der seine schlanke Figur betonte. Er hatte das Gesicht eines Mannes, der sein Leben genießt und sich seiner Erfolge bei den Frauen bewusst ist.

„Du gehst also wirklich nach Italien?“, fragte er.

„Ich habe es fest vor.“

„Du wirst die Sonne dort genießen. Hier ist es jetzt schrecklich. Ich beneide dich. Ich muss in der Kammer bleiben und mich mit diesen Angelegenheiten herumschlagen, von denen ich dir erzählte. Aber wenn du zurückkommst, vielleicht im Frühjahr, dann werde ich frei sein. Wir könnten dann zusammen etwas unternehmen.“

Sie antwortete nicht. Sie betrachtete ihre Finger, die einen silbernen Brieföffner auf dem Schreibtisch spielerisch hin und her schoben.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte er und trat einen Schritt näher.

„Alles ist in Ordnung, Robert. Ich bin nur etwas matt.“

Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Die Berührung war leicht, fast flüchtig, doch sie ließ sie zusammenzucken. Er bemerkte es nicht. Er sprach weiter von seinen Plänen, von den gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihnen bevorstanden, wenn sie wieder in Paris wäre.

„Wir müssen Madame Berard de la Malle einladen“, sagte er, als hätte er den Gedanken von früher wieder aufgegriffen. „Das wird gut für unsere Stellung sein.“

Sie sah ihn an. Seine Augen waren klar und ruhig. Es gab keinen Schatten von Zweifel in seinem Blick, kein Wissen um die Leere, die sich in ihr ausgebreitet hatte. Er war ihr so fremd, als käme er aus einem anderen Jahrhundert.

„Wie du willst, Robert“, sagte sie leise. „Du weißt am besten, was für uns gut ist.“

Er beugte sich vor, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Sie wandte den Kopf nicht ab, doch sie fühlte nichts. Es war eine Geste der Höflichkeit zwischen zwei Menschen, die in einem gemeinsamen Leben nebeneinanderher liefen, ohne sich jemals wirklich zu begegnen.

Als er das Zimmer verließ, blieb sie noch einen Augenblick lang reglos stehen. Die Orchideen dufteten schwer und süß in der warmen Luft des Salons. Sie hatte das Gefühl, in einer Kulisse zu stehen, die jeden Moment zusammenfallen könnte. Sie atmete tief ein und ging dann zum Fenster, um in den grauen Himmel über Paris zu blicken. Die Stadt war laut und unruhig, und irgendwo da draußen, hinter den Dächern und den Menschenmassen, wartete Italien. Sie sehnte sich nach der Weite, nach dem Licht, das die Dinge in neue Farben tauchen würde.

Sie nahm einen der Briefe vom Tisch und las ihn noch einmal, ohne den Sinn der Worte wirklich aufzunehmen. Es war ein Brief ihres Vaters, in dem er ihr die neuesten Finanznachrichten mitteilte. Sie legte ihn beiseite und dachte an Choulette, an den Mann, der in den Ruinen eines Lebens den Sinn für das Heilige suchte. Vielleicht war er weniger verrückt, als alle glaubten. Vielleicht war das, was sie als Verrücktheit bezeichneten, nur ein anderer Weg, der Einsamkeit zu entkommen.

Sie beschloss, am Abend ihre Koffer zu packen. Der Gedanke an das Packen gab ihr eine gewisse Ruhe. Es war eine Handlung, die ein Ende markierte. Und sie brauchte dieses Ende, um überhaupt atmen zu können. Sie schloss die Augen und versuchte, sich das Licht von Florenz vorzustellen. Sie wollte sehen, was sie beim letzten Mal übersehen hatte. Sie wollte, dass die Welt ihr endlich etwas sagte, das nicht in den Hieroglyphen ihrer täglichen Pflichten verborgen lag.

Madame Martin, schlank und aufrecht in ihrem Zobel-Korsett, das sich über einer Flut von Spitzen öffnete, weckte mit dem bezaubernden Glanz ihrer grauen Augen den guten Mann, der für die Reize von Frauen empfänglich war. Er hatte ihr am Tag zuvor erzählt, wie die Welt untergehen würde. Er fragte sie, ob sie sich nicht nachts bei den Bildern der von Flammen verschlungenen oder zu einem Eisklumpen erstarrten Erde gefürchtet habe. Während er mit gespielter Galanterie zu ihr sprach, betrachtete sie das Mahagoni-Bücherregal. Es standen nicht viele Bücher darin, aber in einem der Fächer befand sich ein Skelett in Rüstung. Es erstaunte einen, im Haus dieser guten Dame jenen etruskischen Krieger mit dem grünen Bronzehelm und dem Kürass zu sehen. Er schlief zwischen Bonbonschachteln, Vasen aus vergoldetem Porzellan und geschnitzten Marienbildern, die in Luzern und auf der Righi erstanden worden waren. Madame Marmet hatte in ihrer Witwenschaft die Bücher verkauft, die ihr Mann hinterlassen hatte. Von all den antiken Gegenständen, die der Archäologe gesammelt hatte, hatte sie nichts behalten außer dem Etrusker. Viele Leute hatten versucht, ihn für sie zu verkaufen. Paul Vence hatte von der Verwaltung die Zusage erhalten, ihn für den Louvre zu kaufen, aber die gute Witwe wollte sich nicht davon trennen. Es schien ihr, als würde sie, verlöre sie diesen Krieger mit seinem grünen Bronzehelm, den Namen verlieren, den sie würdevoll trug, und aufhören, die Witwe von Louis Marmet von der Académie des Inscriptions zu sein.

„Fürchten Sie sich nicht, Madame; ein Komet wird nicht so bald auf die Erde stürzen. Ein solches Phänomen ist sehr unwahrscheinlich.“

Madame Martin erwiderte, sie kenne keinen ernsthaften Grund, warum die Erde und die Menschheit nicht auf der Stelle ausgelöscht werden sollten.

Der alte Lagrange rief mit tiefer Aufrichtigkeit aus, er hoffe, dass die Katastrophe so spät wie möglich eintreten werde.

Sie sah ihn an. Sein kahler Kopf konnte nur mit ein paar schwarz gefärbten Haaren aufwarten. Seine Augenlider hingen wie Lappen über den immer noch lächelnden Augen; seine Wangen hingen in losen Falten, und man ahnte, dass sein Körper ebenso verwelkt war. Sie dachte: „Und selbst er liebt das Leben!“

Auch Madame Marmet hoffte, dass das Ende der Welt nicht unmittelbar bevorstehe.

„Monsieur Lagrange“, sagte Madame Martin, „Sie wohnen doch in einem hübschen kleinen Haus, dessen Fenster auf den Botanischen Garten hinausgehen? Mir scheint, es muss eine Freude sein, in diesem Garten zu leben, der mich an die Arche Noah meiner Kindheit erinnert und an die irdischen Paradiese in den alten Bibeln.“

Aber er war keineswegs von seinem Haus begeistert. Es war klein, ungepflegt, von Ratten befallen.

Sie räumte ein, dass man sich selten irgendwo zu Hause fühle und dass Ratten überall zu finden seien, ob nun reale oder symbolische, Legionen von Plagen, die uns quälen. Dennoch mochte sie den Botanischen Garten; sie hatte ihn schon immer besuchen wollen, war aber nie dazu gekommen. Es gab dort auch das Museum, das sie neugierig zu besuchen gedachte.

Lächelnd, glücklich, bot er ihr an, sie dorthin zu begleiten. Er betrachtete es als sein Haus. Er würde ihr seltene Exemplare zeigen, von denen einige großartig seien.

Sie wusste nicht, was ein Bolide war. Sie erinnerte sich, dass ihr jemand gesagt hatte, im Museum befänden sich von Urmenschen bearbeitete Knochen und Elfenbeintafeln, in die Bilder von Tieren eingraviert seien, die schon lange ausgestorben seien. Sie fragte, ob das wahr sei. Lagrange hörte auf zu lächeln. Er antwortete gleichgültig, dass solche Gegenstände einen seiner Kollegen beträfen.

„Ah!“, sagte Madame Martin, „dann sind sie also nicht in Ihrer Vitrine.“

Sie bemerkte, dass Gelehrte nicht neugierig seien und dass es indiskret sei, sie nach Dingen zu fragen, die nicht in ihren eigenen Vitrinen stünden. Es stimmt, dass Lagrange ein wissenschaftliches Vermögen durch das Studium von Meteoriten gemacht hatte. Dies hatte ihn dazu geführt, Kometen zu studieren. Aber er war klug. Seit zwanzig Jahren war er mit nichts anderem beschäftigt, als auswärts zu speisen.

Als er gegangen war, teilte Gräfin Martin Madame Marmet mit, was sie von ihr erwartete.

„Ich fahre nächste Woche nach Fiesole, um Miss Bell zu besuchen, und Sie kommen mit mir.“

Die gute Madame Marmet, mit ruhiger Stirn, aber forschenden Augen, schwieg einen Moment; dann lehnte sie sanft ab, willigte aber schließlich ein.

KAPITEL VII. MADAME SETZT SICH DURCH

Der Marseiller Express stand bereit am Bahnsteig, wo die Postboten rannten und die Wagen inmitten von Rauch und Lärm unter dem Licht rollten, das aus den Fenstern fiel. Durch die offenen Türen kamen und gingen Reisende in langen Mänteln. Am Ende des Bahnsteigs, der vor Ruß und Staub blendete, konnte man einen kleinen Regenbogen erkennen, nicht größer als eine Hand. Gräfin Martin und die gute Madame Marmet saßen bereits in ihrem Abteil, unter der mit Taschen beladenen Ablage, inmitten von Zeitungen, die auf den Polstern lagen. Choulette war nicht erschienen, und Madame Martin erwartete ihn nicht mehr. Doch er hatte versprochen, am Bahnhof zu sein. Er hatte seine Vorbereitungen getroffen, um zu reisen, und hatte von seinem Verleger den Preis für *Les Blandices* erhalten. Paul Vence hatte ihn eines Abends zu Madame Martin nach Hause gebracht. Er war süß, kultiviert, voller geistreicher Fröhlichkeit und naiver Freude gewesen. Sie hatte sich viel Vergnügen davon versprochen, mit einem Mann von Genie zu reisen, originell, malerisch hässlich, mit einer amüsanten Einfachheit; wie ein vorzeitig gealtertes und verlassenes Kind, voller Laster, aber mit einem gewissen Grad an Unschuld. Die Türen schlossen sich. Sie erwartete ihn nicht mehr. Sie hätte nicht auf seinen impulsiven und sprunghaften Geist zählen sollen. In dem Moment, als die Lokomotive anfing, heiser zu schnaufen, sagte Madame Marmet, die aus dem Fenster schaute, ruhig:

„Ich glaube, dass Monsieur Choulette kommt.“

Er ging den Bahnsteig entlang, hinkend, mit dem Hut im Nacken, dem Bart ungepflegt, und zog eine alte Teppichtasche hinter sich her. Er war fast abstoßend; doch trotz seiner fünfzig Jahre wirkte er jung, so klar und glänzend waren seine Augen, so viel naive Kühnheit war in seinem gelben, eingefallenen Gesicht geblieben, so lebendig drückte dieser alte Mann die ewige Adoleszenz des Dichters und Künstlers aus. Als sie ihn sah, bereute Thérèse, einen so seltsamen Begleiter eingeladen zu haben. Er ging einher und warf einen flüchtigen Blick in jeden Wagen – einen Blick, der nach und nach mürrisch und misstrauisch wurde. Aber als er Madame Martin erkannte, lächelte er so süß und sagte ihr mit einer so schmeichelnden Stimme guten Morgen, dass nichts mehr von dem wilden alten Vagabunden übrig war, der auf dem Bahnsteig ging, nichts außer der alten Teppichtasche, deren Griffe halb zerbrochen waren.

Er legte sie mit großer Sorgfalt in die Ablage, zwischen die eleganten, mit grauem Tuch umhüllten Taschen, neben denen sie auffallend schäbig wirkte. Sie war mit gelben Blumen auf blutrotem Hintergrund übersät.

Er war bald völlig entspannt und beglückwünschte Madame Martin zur Eleganz ihrer Reisekleidung.

„Verzeihen Sie, meine Damen“, fügte er hinzu, „ich hatte Angst, ich käme zu spät. Ich war in der Messe um sechs Uhr in Saint-Séverin, meiner Pfarrei, in der Marienkapelle, unter jenen hübschen, aber absurden Säulen, die zum Himmel zeigen, obwohl sie zerbrechlich wie Schilfrohr sind – wie wir, arme Sünder, die wir sind.“

„Ah“, sagte Madame Martin, „Sie sind heute fromm.“

Und sie fragte ihn, ob er das Band des Ordens trage, den er gerade gründete. Er nahm eine ernste und bußfertige Miene an.

„Ich fürchte, Madame, dass Monsieur Paul Vence Ihnen viele absurde Geschichten über mich erzählt hat. Ich habe gehört, er erzähle herum, mein Band sei ein Glockenstrick – und was für eine Glocke! Es würde mich schmerzen, wenn irgendjemand eine so elende Geschichte glaubte. Mein Band, Madame, ist ein symbolisches Band. Es wird durch einen einfachen Faden dargestellt, den man unter der Kleidung trägt, nachdem ein Bettler ihn berührt hat, als Zeichen dafür, dass die Armut heilig ist und dass sie die Welt retten wird. Es gibt nichts Gutes außer in der Armut; und seit ich den Preis für *Les Blandices* erhalten habe, fühle ich, dass ich ungerecht und hart bin. Es ist gut, dass ich mehrere dieser mystischen Bänder in meine Tasche gelegt habe.“

Und er zeigte auf die schreckliche Teppichtasche:

„Ich habe auch eine Hostie hineingelegt, die mir ein schlechter Priester gab, die Werke von Monsieur de Maistre, Hemden und verschiedene andere Dinge.“

Madame Martin hob die Augenbrauen, ein wenig unbehaglich. Aber die gute Madame Marmet bewahrte ihre gewohnte Gelassenheit.

Als der Zug durch die unscheinbare Szenerie des Vororts rollte, jenen schwarzen Saum, der der Stadt eine unschöne Grenze verleiht, nahm Choulette ein altes Buch aus der Tasche, in dem er zu kramen begann. Der Schriftsteller, der sich unter dem Vagabunden verbarg, offenbarte sich. Choulette war, ohne dass er den Anschein erwecken wollte, sorgfältig mit seinen Papieren, sehr ordentlich. Er versicherte sich, dass er weder die Zettel verloren hatte, auf denen er im Café seine Ideen für Gedichte notierte, noch das Dutzend schmeichelhafter Briefe, die er, beschmutzt und fleckig, ständig bei sich trug, um sie abends seinen neu gewonnenen Begleitern vorzulesen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass nichts fehlte, nahm er einen gefalteten Brief in einem offenen Umschlag aus dem Buch. Er schwenkte ihn eine Weile mit einer Miene geheimnisvoller Unverschämtheit und reichte ihn dann Gräfin Martin. Es war ein Empfehlungsschreiben der Marquise de Rieu an eine Prinzessin aus dem Hause Frankreich, eine nahe Verwandte des Comte de Chambord, die, alt und verwitwet, zurückgezogen vor den Toren von Florenz lebte. Nachdem er die Wirkung genossen hatte, die er zu erzielen hoffte, sagte er, dass er die Prinzessin vielleicht besuchen werde; dass sie eine gute Person sei, und fromm.

„Eine wahrlich große Dame“, fügte er hinzu, „die ihre Pracht nicht in Kleidern und Hüten zur Schau stellt. Sie trägt ihre Hemden sechs Wochen lang, und manchmal länger. Die Herren aus ihrem Gefolge haben gesehen, wie sie sehr schmutzige weiße Strümpfe trug, die ihr um die Knöchel hingen. Die Tugenden der großen Königinnen von Spanien leben in ihr wieder auf. Oh, diese schmutzigen Strümpfe, welch wahrer Ruhm liegt in ihnen!“

Er nahm den Brief und steckte ihn zurück in sein Buch. Dann bewaffnete er sich mit einem Messer mit Horngriff und begann, mit dessen Spitze eine Figur zu vollenden, die in den Griff seines Stocks geschnitzt war. Er lobte sich dafür:

„Ich bin geschickt in allen Künsten der Bettler und Vagabunden. Ich weiß, wie man Schlösser mit einem Nagel öffnet und wie man Holz mit einem schlechten Messer schnitzt.“

Der Kopf begann sichtbar zu werden. Es war der Kopf einer dünnen Frau, die weinte.

Choulette wollte darin das menschliche Elend ausdrücken, nicht einfach und rührend, wie Menschen anderer Zeiten es in einer Welt aus vermischter Härte und Güte empfunden haben mochten; sondern scheußlich und das Bild der Hässlichkeit reflektierend, das von den freidenkerischen Bourgeois und den militärischen Patrioten der Französischen Revolution geschaffen wurde. Ihm zufolge verkörperte das gegenwärtige Regime nur Heuchelei und Brutalität.

„Ihre Kasernen sind eine scheußliche Erfindung der Neuzeit. Sie stammen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Vor dieser Zeit gab es nur Wachstuben, in denen die Soldaten Karten spielten und Geschichten erzählten. Ludwig XIV. war ein Vorläufer Bonapartes. Aber das Übel hat seine Fülle erreicht seit der monströsen Institution der obligatorischen Einberufung. Die Schande der Kaiser und Republiken ist es, aus dem Töten eine Verpflichtung für den Menschen gemacht zu haben. In den Zeitaltern, die man barbarisch nennt, vertrauten Städte und Fürsten ihre Verteidigung Söldnern an, die vorsichtig kämpften. In einer großen Schlacht wurden nur fünf oder sechs Männer getötet. Und wenn Ritter in den Krieg zogen, wurden sie wenigstens nicht dazu gezwungen; sie starben zu ihrem Vergnügen. Zu etwas anderem waren sie nicht zu gebrauchen. Niemand wäre zur Zeit des Heiligen Ludwig darauf gekommen, einen Gelehrten in die Schlacht zu schicken. Und der Arbeiter wurde nicht vom Boden weggerissen, um getötet zu werden. Heutzutage ist es für einen armen Bauern eine Pflicht, Soldat zu sein. Er wird aus seinem Haus verbannt, dessen Dach in der Stille der Nacht raucht; von den fetten Wiesen, auf denen die Ochsen weiden; von den Feldern und den väterlichen Wäldern. Er wird gelehrt, wie man Menschen tötet; er wird bedroht, beleidigt, ins Gefängnis gesteckt und ihm wird gesagt, es sei eine Ehre; und wenn er sich nichts aus dieser Art von Ehre macht, wird er erschossen. Er gehorcht, weil er terrorisiert wird, und ist von allen Haustieren das sanfteste und fügsamste. Wir sind kriegerisch in Frankreich, und wir sind Bürger. Noch ein Grund, stolz zu sein, dieses Bürgersein! Für die Armen besteht es darin, die Wohlhabenden in ihrer Macht und ihrer Faulheit zu unterstützen und zu bewahren. Der Arme muss dafür arbeiten, angesichts der majestätischen Qualität des Gesetzes, das den Wohlhabenden wie auch den Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf der Straße zu betteln und Brot zu stehlen. Das ist einer der guten Effekte der Revolution. Da diese Revolution von Narren und Idioten zum Nutzen derer gemacht wurde, die Nationalgüter erwarben, und zu nichts anderem führte, als das Vermögen gewiefter Bauern und finanzierender Bourgeois zu machen, hat die Revolution das Imperium des Reichtums nur gestärkt, unter dem Vorwand, alle Menschen gleich zu machen. Sie hat Frankreich in die Hände der Reichen verraten. Sie sind Meister und Herren. Die scheinbare Regierung, die aus armen Teufeln besteht, steht auf der Gehaltsliste der Finanzleute. Seit hundert Jahren gilt in diesem vergifteten Land jeder, der die Armen liebt, als Verräter an der Gesellschaft. Ein Mann wird gefährlich genannt, wenn er sagt, dass es elende Menschen gibt. Es gibt Gesetze gegen Empörung und Mitleid, und was ich hier sage, könnte nicht gedruckt werden.“

Choulette regte sich auf und schwenkte sein Messer, während unter dem winterlichen Sonnenlicht Felder aus brauner Erde, winterlich entlaubte Bäume und Pappelreihen an silbrigen Flüssen vorüberzogen.

Er betrachtete mit Zärtlichkeit die Figur, die in seinen Stock geschnitzt war.

„Da bist du“, sagte er, „arme Menschheit, dünn und weinend, dumm vor Schande und Elend, so wie du von deinen Herren gemacht wurdest – Soldaten und Reiche.“

Die gute Madame Marmet, deren Neffe Hauptmann bei der Artillerie war, war schockiert über die Gewalt, mit der Choulette die Armee angriff. Madame Martin sah darin nur eine amüsante Fantasie. Choulettes Ideen machten ihr keine Angst. Sie hatte vor nichts Angst. Aber sie hielt sie für ein wenig absurd. Sie glaubte nicht, dass die Vergangenheit jemals besser gewesen war als die Gegenwart.

„Ich glaube, Monsieur Choulette, dass die Menschen schon immer so waren wie heute, egoistisch, habgierig und mitleidslos. Ich glaube, dass Gesetze und Sitten schon immer hart und grausam zu den Unglücklichen waren.“

Zwischen La Roche und Dijon frühstückten sie im Speisewagen und ließen Choulette darin zurück, allein mit seiner Pfeife, seinem Glas Bénédictine und seiner Gereiztheit.

Im Abteil sprach Madame Marmet mit friedlicher Zärtlichkeit von dem Mann, den sie verloren hatte. Er hatte sie aus Liebe geheiratet; er hatte bewundernswerte Verse für sie geschrieben, die sie behalten und niemandem gezeigt hatte. Er war lebhaft und sehr fröhlich gewesen. Man hätte es nicht gedacht, wenn man ihn später gesehen hätte, müde von der Arbeit und geschwächt von Krankheit. Er lernte bis zum letzten Moment. Zwei Stunden vor seinem Tod versuchte er wieder zu lesen. Er war liebevoll und gütig. Selbst im Leiden bewahrte er all seine Sanftheit. Madame Martin sagte zu ihr:

„Sie hatten lange Jahre des Glücks; Sie haben die Erinnerung daran bewahrt; das ist ein Anteil am Glück in dieser Welt.“

Aber die gute Madame Marmet seufzte; eine Wolke zog über ihre ruhige Stirn.

„Ja“, sagte sie, „Louis war der beste der Männer und der beste der Ehemänner. Dennoch machte er mich sehr unglücklich. Er hatte nur einen Fehler, aber ich litt grausam darunter. Er war eifersüchtig. So gut, gütig, zärtlich und großzügig er auch war, diese schreckliche Leidenschaft machte ihn ungerecht, ironisch und gewalttätig. Ich kann Ihnen versichern, dass mein Verhalten nicht den geringsten Anlass zu Verdacht gab. Ich war keine Kokette. Aber ich war jung, frisch; ich galt als schön. Das reichte aus. Er ließ mich nicht alleine ausgehen und ließ mich in seiner Abwesenheit keine Besuche empfangen. Wann immer wir zu einem Empfang gingen, zitterte ich im Voraus vor Angst vor der Szene, die er später im Wagen machen würde.“

Und die gute Madame Marmet fügte mit einem Seufzer hinzu:

„Es ist wahr, dass ich gerne tanzte. Aber ich musste darauf verzichten, zu Bällen zu gehen; es ließ ihn zu sehr leiden.“

Gräfin Martin äußerte ihr Erstaunen. Sie hatte sich Marmet immer als alten Mann vorgestellt, schüchtern und in seine Gedanken vertieft; ein wenig lächerlich, zwischen seiner Frau, mollig, weiß und liebenswürdig, und dem Skelett, das einen Helm aus Bronze und Gold trug. Aber die exzellente Witwe vertraute ihr an, dass Louis im Alter von fünfundfünfzig Jahren, als sie dreiundfünfzig war, genauso eifersüchtig war wie am ersten Tag ihrer Ehe.

Und Thérèse dachte, dass Robert sie nie mit Eifersucht gequält hatte. War das von seiner Seite ein Beweis für Takt und guten Geschmack, ein Zeichen des Vertrauens, oder liebte er sie nicht genug, um sie leiden zu lassen? Sie wusste es nicht, und sie hatte nicht das Herz, es herauszufinden. Sie müsste durch die Tiefen ihres Geistes blicken, die sie lieber nicht öffnen wollte.

Sie murmelte gedankenlos:

„Wir sehnen uns danach, geliebt zu werden, und wenn wir geliebt werden, werden wir gequält oder beunruhigt.“

Der Tag endete mit Lesen und Nachdenken. Choulette erschien nicht wieder. Die Nacht bedeckte nach und nach mit ihren grauen Wolken die Maulbeerbäume der Dauphiné. Madame Marmet schlief friedlich ein, auf sich selbst ruhend wie auf einem Haufen Kissen. Thérèse betrachtete sie und dachte:

„Sie ist glücklich, da sie sich gerne erinnert.“

Die Traurigkeit der Nacht drang in ihr Herz. Und als der Mond über den Olivenhainen aufging und sie die weichen Linien der Ebenen und Hügel vorbeiziehen sah, vermisste Thérèse in dieser Landschaft, in der alles von Frieden und Vergessenheit sprach und nichts von ihr, die Seine, den Arc de Triomphe mit seinen strahlenden Alleen und die Alleen des Parks, wo wenigstens die Bäume und die Steine sie kannten.

Plötzlich stürzte Choulette in das Abteil. Bewaffnet mit seinem knorrigen Stock, das Gesicht und den Kopf in rote Wolle und eine Pelzmütze gehüllt, erschreckte er sie beinahe. Das war es, was er tun wollte. Seine gewalttätigen Attitüden und seine wilde Kleidung waren studiert. Da er immer danach suchte, Effekte zu erzielen, gefiel es ihm, furchterregend zu wirken.

Er selbst war ein Feigling und freute sich, die Ängste zu schüren, die er oft selbst empfand. Einen Moment zuvor, als er seine Pfeife rauchte, hatte er, als er sah, wie der Mond von den Wolken verschluckt wurde, eine jener kindlichen Ängste empfunden, die seinen leichten Geist quälten. Er war zur Gräfin gekommen, um sich beruhigen zu lassen.

„Arles“, sagte er. „Kennen Sie Arles? Es ist ein Ort reiner Schönheit. Ich habe im Kreuzgang Tauben gesehen, die auf den Schultern von Statuen ruhten, und ich habe die kleinen grauen Eidechsen gesehen, die sich in der Sonne auf den Gräbern wärmten. Die Gräber stehen jetzt in zwei Reihen an der Straße, die zur Kirche führt. Sie sind wie Zisternen geformt und dienen den Armen nachts als Bett. Eines Nachts, als ich zwischen ihnen spazieren ging, traf ich eine gute alte Frau, die getrocknete Kräuter in das Grab eines alten Mädchens legte, das an seinem Hochzeitstag gestorben war. Wir sagten ihr gute Nacht. Sie antwortete: ‚Möge Gott dich erhören! Aber das Schicksal will, dass dieses Grab zur Seite des Nordwestwinds hin offen ist. Wäre es nur zur anderen Seite offen, läge ich so bequem wie Königin Jeanne.‘“

Thérèse antwortete nicht. Sie döste. Und Choulette fror in der Kälte der Nacht, in der Angst vor dem Tod.

Am nächsten Morgen, als sie den Platz überquerten, auf dem zur Nachahmung antiker Amphitheater zwei Marmorsäulen errichtet sind, sagte Madame Marmet zur Gräfin Martin:

„Ich glaube, ich sehe Monsieur Choulette.“

In einer Schusterwerkstatt sitzend, die Pfeife in der Hand, machte Choulette rhythmische Bewegungen und schien Verse zu rezitieren. Der florentinische Schuster hörte mit einem gütigen Lächeln zu. Er war ein kleiner, kahler Mann und glich einem der Typen, wie sie flämischen Malern vertraut sind. Auf einem Tisch, zwischen Leisten, Nägeln, Leder und Wachs, entfaltete eine Basilikumpflanze ihren runden grünen Kopf. Ein Spatz, dem ein Bein fehlte, das durch ein Zündholz ersetzt worden war, hüpfte auf der Schulter und dem Kopf des alten Mannes umher.

Madame Martin, die sich über diesen Anblick amüsierte, rief Choulette von der Türschwelle aus. Er summte leise eine Melodie, und sie fragte ihn, warum er sie nicht zur Besichtigung der Spanischen Kapelle begleitet habe.

Er stand auf und antwortete:

„Madame, Sie sind mit eitlen Abbildern beschäftigt; ich aber lebe im Leben und in der Wahrheit.“

Er schüttelte dem Schuster die Hand und folgte den beiden Damen.

„Auf dem Weg zur Kirche“, sagte er, „sah ich diesen alten Mann, der über seine Arbeit gebeugt, den Leisten wie in einen Schraubstock zwischen die Knie geklemmt, grobe Schuhe nähte. Ich spürte, dass er schlicht und gütig war. Ich sagte zu ihm auf Italienisch: ‚Mein Vater, wollt Ihr mit mir ein Glas Chianti trinken?‘ Er willigte ein. Er holte einen Fiasco und ein paar Gläser, und ich hütete den Laden.“

Und Choulette deutete auf zwei Gläser und eine Flasche, die auf einem Ofen standen.

„Als er zurückkam, tranken wir zusammen; ich sagte vage, aber freundliche Dinge zu ihm und bezauberte ihn mit der Süße der Laute. Ich werde wieder in seinen Laden gehen; ich werde von ihm lernen, wie man Schuhe macht und wie man ohne Begehren lebt. Danach werde ich nicht mehr traurig sein. Denn nur Begehren und Müßiggang machen uns traurig.“

Die Gräfin Martin lächelte.

„Monsieur Choulette, ich begehre nichts, und dennoch bin ich nicht fröhlich. Muss ich auch Schuhe machen?“

Choulette antwortete ernst:

„Dafür ist es noch nicht an der Zeit.“

Als sie die Gärten der Oricellari erreichten, sank Madame Marmet auf eine Bank. Sie hatte in Santa Maria Novella die Fresken des Ghirlandajo, das Chorgestühl, die Madonna des Cimabue und die Gemälde im Kreuzgang untersucht. Sie hatte dies gewissenhaft getan, im Gedenken an ihren Ehemann, der die italienische Kunst sehr geliebt hatte. Sie war müde. Choulette setzte sich zu ihr und sagte:

„Madame, könnten Sie mir sagen, ob es wahr ist, dass die Gewänder des Papstes von Worth angefertigt werden?“

Madame Marmet glaubte das nicht. Dennoch hatte Choulette in Cafés davon reden hören. Madame Marmet war erstaunt, dass Choulette, ein Katholik und Sozialist, so respektlos von einem Papst sprach, der der Republik freundlich gesinnt war. Aber er mochte Leo XIII. nicht.

„Die Weisheit der Fürsten ist kurzsichtig“, sagte er; „das Heil der Kirche muss von der italienischen Republik kommen, wie Leo XIII. glaubt und wünscht; aber die Kirche wird nicht auf die Weise gerettet werden, wie dieser fromme Machiavelli denkt. Die Revolution wird den Papst seinen letzten Sou kosten lassen, samt dem Rest seines Erbes. Und das wird das Heil sein. Der Papst, mittellos und arm, wird dann mächtig werden. Er wird die Welt aufwühlen. Wir werden wieder Petrus, Linus, Kletus, Anaklet und Klemens sehen; die Demütigen, die Unwissenden; Männer wie die frühen Heiligen werden das Angesicht der Erde verwandeln. Wenn morgen ein wirklicher Bischof, ein wirklicher Christ auf dem Stuhl Petri Platz nähme, würde ich zu ihm gehen und sagen: ‚Sei kein in einem goldenen Grab lebendig begrabener Greis; verlass deine adeligen Garden und deine Kardinäle; verlass deinen Hof und seine Trugbilder der Macht. Nimm meinen Arm und komm mit mir, um unter den Völkern um dein Brot zu betteln. Geh in Lumpen gehüllt, arm, krank, sterbend auf die Landstraßen und zeige an dir selbst das Abbild Jesu. Sage: „Ich bettle um mein Brot zur Verdammnis der Reichen.“ Geh in die Städte und schreie mit erhabener Dummheit von Tür zu Tür: „Seid demütig, seid sanft, seid arm!“ Verkünde Frieden und Nächstenliebe in den Städten, in den Schlupfwinkeln und in den Kasernen. Man wird dich verachten; der Pöbel wird dich mit Steinen bewerfen. Polizisten werden dich ins Gefängnis schleifen. Du wirst für die Niedrigen wie für die Mächtigen, für die Armen wie für die Reichen ein Gegenstand des Gelächters, ein Objekt des Ekels und des Mitleids sein. Deine Priester werden dich vom Thron stoßen und einen Gegenpapst gegen dich erheben, oder sie werden sagen, du seist wahnsinnig. Und es ist notwendig, dass sie die Wahrheit sagen; es ist notwendig, dass du wahnsinnig bist; die Wahnsinnigen haben die Welt gerettet. Die Menschen werden dir die Dornenkrone und das Schilfrohr als Zepter geben, und sie werden dir ins Gesicht spucken, und an diesem Zeichen wirst du als Christus und wahrer König erscheinen; und auf diese Weise wirst du den christlichen Sozialismus begründen, der das Reich Gottes auf Erden ist.‘“

Nachdem er so gesprochen hatte, zündete Choulette eine jener langen und gewundenen italienischen Zigarren an, die mit einem Strohhalm durchstochen sind. Er zog einige Züge ansteckenden Dampfes daraus und fuhr dann gelassen fort:

„Und es wäre praktisch. Sie mögen mir jede Eigenschaft absprechen, außer meinem klaren Blick für die Situationen. Ach, Madame Marmet, Sie werden nie wissen, wie wahr es ist, dass die großen Werke dieser Welt immer von Wahnsinnigen vollbracht wurden. Glauben Sie, Madame Martin, dass der heilige Franz von Assisi, wäre er vernünftig gewesen, die lebendigen Wasser der Nächstenliebe und alle Wohlgerüche der Liebe über die Erde gegossen hätte, um die Völker zu erquicken?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Madame Martin; „aber vernünftige Menschen sind mir immer langweilig erschienen. Das darf ich Ihnen wohl sagen, Monsieur Choulette.“

Sie kehrten mit der Dampfstraßenbahn, die den Hügel hinaufführt, nach Fiesole zurück. Es regnete. Madame Marmet schlief ein und Choulette klagte. All seine Gebrechen überfielen ihn gleichzeitig: Die Feuchtigkeit in der Luft bereitete ihm Knieschmerzen, und er konnte sein Bein nicht beugen; seine Reisetasche, die am Vortag bei der Fahrt vom Bahnhof nach Fiesole verloren gegangen war, war nicht wieder aufgetaucht, und das war ein irreparables Unglück; eine Pariser Zeitschrift hatte gerade eines seiner Gedichte veröffentlicht, mit Druckfehlern, die so auffällig waren wie die Muschel der Aphrodite.

Er beschuldigte Menschen und Dinge, ihm feindlich gesinnt zu sein. Er wurde kindisch, absurd, abscheulich. Madame Martin, die Choulette und der Regen traurig stimmten, dachte, die Fahrt würde niemals enden. Als sie das Haus erreichte, fand sie Miss Bell im Salon, wie sie mit Goldtinte auf einem Blatt Pergament, in einer der aldinischen Kursive nachempfundenen Handschrift, Verse kopierte, die sie in der Nacht verfasst hatte. Bei der Ankunft ihrer Freundin hob sie ihr kleines Gesicht, das zwar schlicht, aber von herrlichen Augen erleuchtet war.

„Liebes, erlauben Sie mir, Ihnen den Prinzen Albertinelli vorzustellen.“

Der Prinz besaß eine gewisse jugendliche, göttliche Schönheit, die sein schwarzer Bart noch verstärkte. Er verbeugte sich.

„Madame, man würde Frankreich lieben lernen, wenn dieses Gefühl nicht schon in unseren Herzen wäre.“

Die Gräfin und Choulette baten Miss Bell, ihnen die Verse vorzulesen, die sie gerade schrieb. Sie entschuldigte sich, ihre unsichere Kadenz nicht dem französischen Dichter vortragen zu wollen, den sie nach François Villon am meisten schätzte. Dann trug sie mit ihrer hübschen, zischenden, vogelartigen Stimme vor.

„Das ist sehr hübsch“, sagte Choulette, „und trägt das Gepräge Italiens, sanft verschleiert von den Nebeln von Thule.“

„Ja“, sagte die Gräfin Martin, „das ist hübsch. Aber warum, liebe Vivian, wollten deine beiden schönen Unschuldigen sterben?“

„Ach, Liebes, weil sie sich so glücklich fühlten, wie es nur möglich ist, und nichts mehr begehrten. Es war entmutigend, Liebes, entmutigend. Wie kannst du das nicht verstehen?“

„Und glaubst du, dass wir leben, weil wir hoffen?“

„Oh, ja. Wir leben in der Hoffnung auf das, was der Morgen bringen wird, der Morgen, König des Märchenlandes, in seinem schwarzen Mantel, besät mit Sternen, Blumen und Tränen. Oh, strahlender König, Morgen!“

Und der stattliche Prinz, hingerissen von der Melodienflut, sang. Seine Stimme entfaltete sich wie das Gefieder eines Pfaus und verstarb in Krämpfen aus „Ohs“ und „Ahs“.

Die gute Madame Marmet, deren Augen an der Tür hingen, sagte:

„Ich glaube, Monsieur Dechartre kommt.“

Er trat ein, belebt, mit Freude auf seinem gewöhnlich ernsten Gesicht.

Miss Bell empfing ihn mit vogelartigen Rufen.

„Monsieur Dechartre, wir waren ungeduldig, Sie zu sehen. Monsieur Choulette hat schlecht über Türen gesprochen – ja, über die Türen der Häuser; und er sagte auch, das Unglück sei ein sehr zuvorkommender alter Herr. Sie haben all diese schönen Dinge verpasst. Sie haben uns sehr lange warten lassen, Monsieur Dechartre. Warum?“

Er entschuldigte sich; er hatte sich nur die Zeit genommen, in sein Hotel zu gehen und sich umzukleiden. Er war nicht einmal hingegangen, um seinem alten Freund, dem bronzenen San Marco, der so imposant in seiner Nische an der Mauer von San Michele steht, seine Aufwartung zu machen. Er pries die Dichterin und begrüßte die Gräfin Martin mit kaum verborgener Freude.

„Bevor ich Paris verließ, ging ich zu Ihrem Haus, wo man mir sagte, Sie seien nach Fiesole gereist, um dort mit Miss Bell auf den Frühling zu warten. Ich hatte dann die Hoffnung, Sie in diesem Land zu finden, das ich jetzt mehr denn je liebe.“

Sie fragte ihn, ob er nach Venedig gefahren sei und ob er in Ravenna die Kaiserinnen mit den Aureolen und die Phantome wiedergesehen habe, die ihn einst geblendet hatten.

Nein, er hatte nirgendwo Halt gemacht.

Sie sagte nichts. Ihre Augen blieben auf die Mauerecke gerichtet, auf die Glocke von St. Paulin.

Er sagte zu ihr:

„Sie betrachten die Nolette.“

Vivian Bell legte ihre Papiere und ihre Stifte beiseite.

„Sie werden bald ein Wunder sehen, Monsieur Dechartre. Ich habe die Königin der kleinen Glocken gefunden. Ich habe sie in Rimini entdeckt, in einem alten, verfallenen Gebäude, das als Lagerhaus dient. Ich habe sie gekauft und selbst verpackt. Ich erwarte sie. Sie werden sehen. Sie trägt einen Christus am Kreuz, zwischen der Jungfrau und dem heiligen Johannes, das Datum 1400 und das Wappen der Malatesta – Monsieur Dechartre, Sie hören nicht richtig zu. Hören Sie mir aufmerksam zu. Im Jahr 1400 flüchtete Lorenzo Ghiberti vor Krieg und Pest und nahm Zuflucht in Rimini, im Haus von Paola Malatesta. Er war es, der die Figuren meiner Glocke modellierte. Und Sie werden hier, nächste Woche, Ghibertis Werk sehen.“

Der Diener kündigte an, dass das Abendessen serviert sei.

Miss Bell entschuldigte sich dafür, ihnen italienische Gerichte zu servieren. Ihr Koch war ein Dichter aus Fiesole.

Bei Tisch, vor den mit Maisstroh umwickelten Fiascani, sprachen sie über das fünfzehnte Jahrhundert, das sie liebten. Prinz Albertinelli pries die Künstler jener Epoche für ihre Universalität, für die inbrünstige Liebe, die sie ihrer Kunst entgegenbrachten, und für das Genie, das sie verzehrte. Er sprach mit Nachdruck, mit einer schmeichelnden Stimme.

Dechartre bewunderte sie. Aber er bewunderte sie auf eine andere Weise.

„Um diese Männer, die so herzhaft arbeiteten, in angemessener Weise zu loben“, sagte er, „sollte das Lob bescheiden und gerecht sein. Man sollte sie in ihre Werkstätten versetzen, in die Läden, in denen sie als Handwerker wirkten. Dort kann man ihre Schlichtheit und ihr Genie bewundern. Sie waren unwissend und grob. Sie hatten wenig gelesen und wenig gesehen. Die Hügel, die Florenz umgeben, bildeten die Grenze ihres Horizonts. Sie kannten nur ihre Stadt, die Heilige Schrift und einige Fragmente antiker Skulpturen, die sie liebevoll studierten und liebkosten.“

„Sie haben recht“, sagte Professor Arrighi. „Sie hatten keine andere Sorge, als die besten Verfahren anzuwenden. Ihr Geist war nur darauf gerichtet, Firnis vorzubereiten und Farben zu mischen. Derjenige, der zuerst darauf kam, eine Leinwand auf eine Tafel zu kleben, damit das Gemälde nicht bricht, wenn sich das Holz spaltet, galt als ein wunderbarer Mann. Jeder Meister hatte seine geheimen Formeln.“

„Glückliche Zeit“, sagte Dechartre, „in der sich niemand um jene Originalität scherte, nach der wir heute so gierig suchen. Der Lehrling versuchte, wie der Meister zu arbeiten. Er hatte keinen anderen Ehrgeiz, als ihm zu gleichen, und er unterschied sich von den anderen, ohne es darauf anzulegen. Sie arbeiteten nicht für den Ruhm, sondern um zu leben.“

„Sie hatten recht“, sagte Choulette. „Nichts ist besser, als für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten.“

„Der Wunsch, Ruhm zu erlangen“, fuhr Dechartre fort, „quälte sie nicht. Da sie die Vergangenheit nicht kannten, begriffen sie die Zukunft nicht; und ihr Traum ging nicht über ihr eigenes Leben hinaus. Sie brachten einen starken Willen auf, gut zu arbeiten. Da sie schlicht waren, machten sie wenige Fehler und sahen die Wahrheit, die unsere Intelligenz vor uns verbirgt.“

Choulette begann, Madame Marmet die Vorfälle eines Besuchs zu schildern, den er am Tag bei der Prinzessin aus dem Hause Frankreich gemacht hatte, der ihm die Marquise de Rieu ein Empfehlungsschreiben gegeben hatte. Er liebte es, den Leuten einzuschärfen, dass er, der Bohemien und Vagabund, von jener königlichen Prinzessin empfangen worden war, bei der weder Miss Bell noch die Gräfin Martin Zutritt gehabt hätten und bei der sich Prinz Albertinelli rühmte, ihr eines Tages bei irgendeiner Zeremonie begegnet zu sein.

„Sie widmet sich“, sagte der Prinz, „den Übungen der Frömmigkeit.“

„Sie ist bewundernswert in ihrer Noblesse und ihrer Einfachheit“, sagte Choulette. „In ihrem Haus, umgeben von ihren Herren und Damen, lässt sie die strengste Etikette wahren, sodass ihre Größe fast eine Buße ist, und jeden Morgen schrubbt sie das Pflaster der Kirche. Es ist eine Dorfkirche, in der die Hühner herumlaufen, während der Pfarrer mit dem Küster Briscola spielt.“

Und Choulette beugte sich über den Tisch, ahmte mit seiner Serviette einen schrubbenden Diener nach; dann, den Kopf erhebend, sagte er gravitätisch:

„Nachdem ich in aufeinanderfolgenden Vorzimmern gewartet hatte, war es mir endlich erlaubt, ihre Hand zu küssen.“

Und er hielt inne.

Madame Martin fragte ungeduldig:

„Was hat sie Ihnen gesagt, diese Prinzessin, die so bewundernswert ist in ihrer Noblesse und ihrer Einfachheit?“

„Sie sagte zu mir: ‚Haben Sie Florenz besucht? Man sagt mir, dass kürzlich neue und schöne Läden eröffnet wurden, die nachts beleuchtet sind.‘ Sie sagte auch: ‚Wir haben hier einen guten Apotheker. Die österreichischen Apotheker sind nicht besser. Er hat mir vor sechs Monaten ein Pflaster auf das Bein gelegt, das noch immer nicht abgefallen ist.‘ Das sind die Worte, die Maria Theresia an mich zu richten geruhte. O schlichte Größe! O christliche Tugend! O Tochter des heiligen Ludwig! O wunderbares Echo deiner Stimme, heilige Elisabeth von Ungarn!“

Madame Martin lächelte. Sie dachte, Choulette mache sich lustig. Aber er wies den Vorwurf empört von sich, und Miss Bell sagte, Madame Martin habe unrecht. Es sei ein Fehler der Franzosen, zu glauben, die Leute machten immer Witze.

Dann kamen sie wieder auf das Thema der Kunst zurück, das man in diesem Land mit der Luft einatmet.

„Was mich betrifft“, sagte die Gräfin Martin, „so bin ich nicht gelehrt genug, um Giotto und seine Schule zu bewundern. Was mich beeindruckt, ist die Sinnlichkeit jener Kunst des fünfzehnten Jahrhunderts, die als christlich gilt. Ich habe Frömmigkeit und Reinheit nur in den Bildern von Fra Angelico gesehen, obwohl sie sehr hübsch sind. Der Rest, diese Gestalten von Jungfrauen und Engeln, sind wollüstig, schmeichelnd und bisweilen pervers naiv. Was ist religiös an jenen jungen Königen aus dem Morgenland, schön wie Frauen; an jenem heiligen Sebastian, strahlend vor Jugend, der nur wie der schmerzerfüllte Bacchus des Christentums wirkt?“

Dechartre antwortete, dass er genauso denke wie sie und dass sie recht haben müssten, sie beide; da Savonarola derselben Meinung war und, da er in keinem Kunstwerk Frömmigkeit fand, sie alle verbrennen wollte.

„Es gab in Florenz zur Zeit des prächtigen Manfred, der halb Muselmann war, Männer, von denen man sagte, sie gehörten der Sekte des Epikur an, und die nach Argumenten gegen die Existenz Gottes suchten. Guido Cavalcanti verachtete das unwissende Volk, das an die Unsterblichkeit der Seele glaubte. Der folgende Satz von ihm wurde zitiert: ‚Der Tod des Menschen ist dem der Tiere genau gleich.‘ Später, als die antike Schönheit aus den Ruinen ausgegraben wurde, erschien der christliche Kunststil traurig. Die Maler, die in den Kirchen und Klöstern arbeiteten, waren weder fromm noch keusch. Perugino war ein Atheist und machte kein Geheimnis daraus.“

„Ja“, sagte Miss Bell; „aber man sagte, sein Kopf sei hart und die himmlischen Wahrheiten könnten nicht in seinen dicken Schädel eindringen. Er war hartherzig und habgierig und steckte ganz in materiellen Interessen. Er dachte nur daran, Häuser zu kaufen.“

Professor Arrighi verteidigte Pietro Vannucci aus Perugia.

„Er war“, sagte er, „ein ehrlicher Mann. Und der Prior der Gesuati von Florenz tat Unrecht daran, ihm zu misstrauen. Jener Mönch übte die Kunst aus, ultramarinblaues Pigment herzustellen, indem er Steine von gebranntem Lapislazuli zerrieb. Ultramarin war damals so viel wert wie Gold; und der Prior, der zweifellos ein Geheimnis hatte, schätzte es kostbarer als Rubine oder Saphire. Er bat Pietro Vannucci, die beiden Kreuzgänge seines Klosters zu schmücken, und er erwartete Wunder, weniger von der Geschicklichkeit des Meisters als von der Schönheit jenes Ultramarins in den Himmeln. Während der ganzen Zeit, in der der Maler in den Kreuzgängen an der Geschichte Jesu Christi arbeitete, blieb der Prior an seiner Seite und präsentierte ihm das kostbare Pulver in einem Beutel, den er niemals verließ. Pietro nahm davon, vor den Augen des heiligen Mannes, die Menge, die er benötigte, und tauchte seinen Pinsel, geladen mit Farbe, in einen Becher voll Wasser, bevor er die Wand damit rieb. Er verbrauchte auf diese Weise eine große Menge des Pulvers. Und der gute Vater, der sah, wie sein Beutel dünner wurde, seufzte: ‚Jesus! Wie dieser Kalk das Ultramarin verschlingt!‘ Als die Fresken vollendet waren und Perugino vom Mönch den vereinbarten Preis erhalten hatte, legte er ihm ein Päckchen blaues Pulver in die Hand: ‚Das ist für Sie, Vater. Ihr Ultramarin, das ich mit meinem Pinsel nahm, fiel auf den Boden meines Bechers, von wo ich es jeden Tag aufsammelte. Ich gebe es Ihnen zurück. Lernen Sie, ehrlichen Leuten zu vertrauen.‘“

„Oh“, sagte Thérèse, „es ist nichts Außergewöhnliches daran, dass Perugino habgierig und doch ehrlich war. Interessierte Menschen sind nicht immer die am wenigsten Skrupellosen. Es gibt viele Geizhälse, die ehrlich sind.“

„Natürlich, Liebling“, sagte Miss Bell. „Geizhälse wollen niemandem etwas schulden, und verschwenderische Leute können damit leben, Schulden zu haben. Sie denken nicht an das Geld, das sie haben, und sie denken noch weniger an das Geld, das sie schulden. Ich habe nicht gesagt, dass Pietro Vannucci aus Perugia ein Mann ohne Besitz war. Ich habe gesagt, dass er einen harten Geschäftssinn hatte und Häuser kaufte. Ich bin sehr froh zu hören, dass er dem Prior der Gesuati das Ultramarin zurückgegeben hat.“

„Da Ihr Pietro reich war“, sagte Choulette, „war es seine Pflicht, das Ultramarin zurückzugeben. Die Reichen sind moralisch verpflichtet, ehrlich zu sein; die Armen sind es nicht.“

In diesem Moment, als der Kellner Choulette eine silberne Schale präsentierte, streckte dieser seine Hände für das parfümierte Wasser aus. Es kam aus einer Vase, die Miss Bell gemäß antikem Brauch nach den Mahlzeiten an ihre Gäste weiterreichte.

„Ich wasche meine Hände“, sagte er, „von dem Bösen, das Madame Martin durch ihr Sprechen oder anderweitig tut oder tun könnte.“

Und er erhob sich unbeholfen, nach Miss Bell, die den Arm von Professor Arrighi nahm.

Im Salon sagte sie, während sie den Kaffee servierte:

„Monsieur Choulette, warum verurteilen Sie uns zu der wilden Traurigkeit der Gleichheit? Warum, Daphnis’ Flöte wäre nicht melodisch, wenn sie aus sieben gleichen Schilfrohren bestünde. Sie wollen die schönen Harmonien zwischen Herren und Dienern, Aristokraten und Handwerkern zerstören. Oh, ich fürchte, Sie sind ein trauriger Barbar, Monsieur Choulette. Sie sind voller Mitleid für diejenigen, die in Not sind, und Sie haben kein Mitleid mit der göttlichen Schönheit, die Sie aus dieser Welt verbannen. Sie stoßen die Schönheit aus, Monsieur Choulette; Sie verstoßen sie, nackt und in Tränen. Seien Sie gewiss: Sie wird nicht auf Erden bleiben, wenn die armen kleinen Menschen alle schwach, zart und unwissend sein werden. Glauben Sie mir, die geniale Gruppierung aufzuheben, die Menschen unterschiedlicher Bedingungen in der Gesellschaft bilden, die Bescheidenen mit den Prächtigen, heißt, ein Feind der Armen und der Reichen zu sein, heißt, ein Feind des menschlichen Geschlechts zu sein.“

„Feinde des menschlichen Geschlechts!“, antwortete Choulette, während er seinen Kaffee umrührte. „Das ist der Satz, den der grausame Römer auf die Christen anwandte, die zu ihm von der göttlichen Liebe sprachen.“

Dechartre, der in der Nähe von Madame Martin saß, befragte sie zu ihren Vorlieben für Kunst und Schönheit, bestärkte, lenkte, belebte ihre Bewunderungen, stachelte sie bisweilen mit schmeichelnder Brüskheit an, wollte, dass sie alles sah, was er gesehen hatte, alles liebte, was er liebte.

Er wünschte, dass sie beim ersten Aufleuchten des Frühlings in die Gärten ginge. Er betrachtete sie bereits auf den edlen Terrassen; er sah schon das Licht, das auf ihrem Hals und in ihrem Haar spielte; den Schatten der Lorbeerbäume, der auf ihre Augen fiel. Für ihn hatten das Land und der Himmel von Florenz keine andere Aufgabe, als dieser jungen Frau als Schmuck zu dienen.

Er pries die Schlichtheit, mit der sie sich kleidete, die Merkmale ihrer Gestalt und ihrer Anmut, die bezaubernde Offenheit der Linien, die jede ihrer Bewegungen erzeugte. Er mochte, sagte er, die lebendigen und bewegten, subtilen und freien Gewänder, die man so selten sieht, die man niemals vergisst.

Obwohl sie oft gepriesen worden war, hatte sie noch nie ein Lob gehört, das ihr mehr gefallen hätte. Sie wusste, dass sie sich gut kleidete, mit kühnem und sicherem Geschmack. Aber kein Mann außer ihrem Vater hatte ihr diesbezüglich die Komplimente eines Kenners gemacht. Sie dachte, dass Männer nur fähig seien, die Wirkung eines Kleides zu spüren, ohne die genialen Details davon zu verstehen. Einige Männer, die sich mit Kleidern auskannten, stießen sie durch ihre verweichlichte Art ab. Sie war nur mit der Anerkennung von Frauen zufrieden, und diese hatten in ihrer Anerkennung geistige Enge, Bösartigkeit und Neid. Die künstlerische Bewunderung von Dechartre erstaunte und erfreute sie. Sie nahm das Lob, das er ihr spendete, angenehm entgegen, ohne daran zu denken, dass es vielleicht zu intim und beinahe indiskret war.

„Sie achten also auf Kleider, Monsieur Dechartre?“

Nein, er achtete selten darauf. Es gab so wenige gut gekleidete Frauen, selbst jetzt, wo Frauen sich so gut wie oder sogar besser als je zuvor kleiden. Er fand kein Vergnügen daran, Stoffballen spazieren gehen zu sehen. Aber wenn eine Frau mit Rhythmus und Linie vor ihm vorbeiging, segnete er sie.

Er fuhr in einem etwas gehobeneren Ton fort:

„Ich kann nicht an eine Frau denken, die sich jeden Tag sorgfältig schmückt, ohne über die große Lektion nachzudenken, die sie den Künstlern erteilt. Sie kleidet sich für ein paar Stunden, und die Sorgfalt, die sie aufgewendet hat, ist nicht verloren. Wir müssen wie sie das Leben schmücken, ohne an die Zukunft zu denken. Für die Nachwelt zu malen, zu meißeln oder zu schreiben, ist nur die Albernheit des Dünkels.“

„Monsieur Dechartre“, fragte Prinz Albertinelli, „wie glauben Sie, würde Miss Bell ein malvenfarbenes Mieder stehen, das mit silbernen Blumen bestickt ist?“

„Ich denke“, sagte Choulette, „so wenig an eine irdische Zukunft, dass ich meine schönsten Gedichte auf Zigarettenpapier geschrieben habe. Sie verschwanden leicht und ließen meinen Versen nur eine Art metaphysischer Existenz.“

Er legte eine Nachlässigkeit an den Tag, die er zur Schau stellte. Tatsächlich hatte er noch nie eine Zeile seines Geschriebenen verloren. Dechartre war aufrichtiger. Er war nicht auf Unsterblichkeit erpicht. Miss Bell machte ihm deshalb Vorwürfe.

„Monsieur Dechartre, damit das Leben groß und vollständig sein kann, muss man die Vergangenheit und die Zukunft hineinlegen. Unsere Werke der Dichtung und der Kunst müssen zu Ehren der Toten und mit dem Gedanken an jene vollbracht werden, die nach uns kommen. So werden wir an dem teilhaben, was war, was ist und was sein wird. Sie wollen nicht unsterblich sein, Monsieur Dechartre? Nehmen Sie sich in acht, denn Gott könnte Sie hören.“

Dechartre antwortete:

„Es würde mir genügen, einen Augenblick länger zu leben.“

Und er verabschiedete sich mit dem Versprechen, am nächsten Tag wiederzukommen, um Madame Martin zur Brancacci-Kapelle zu begleiten.

Eine Stunde später, in dem ästhetischen, mit Wandteppichen behängten Zimmer, in dem Zitronenbäume, beladen mit goldenen Früchten, einen Feenwald bildeten, dachte Thérèse, den Kopf auf dem Kissen und ihre schönen nackten Arme unter dem Kopf verschränkt, und sah die Bilder ihres neuen Lebens verworren vor sich schweben: Vivian Bell und ihre Glocken, ihre präraffaelitischen Gestalten, leicht wie Schatten, Damen, isolierte Ritter, gleichgültig inmitten frommer Szenen, ein wenig traurig und darauf bedacht, zu sehen, wer da komme; sie dachte auch an den Prinzen Albertinelli, Professor Arrighi, Choulette mit seinem eigenartigen Gedankenspiel und Dechartre mit jugendlichen Augen in einem sorgenzerfressenen Gesicht.

Sie dachte, er habe eine bezaubernde Einbildungskraft, einen Geist, der reicher sei als alle, die ihr offenbart worden waren, und eine Anziehungskraft, der sie nicht länger zu widerstehen versuchte. Sie hatte seine Gabe, zu gefallen, immer erkannt. Sie entdeckte nun, dass er den Willen hatte, zu gefallen. Dieser Gedanke war ihr köstlich; sie schloss die Augen, um ihn festzuhalten. Dann schauderte sie plötzlich. Sie hatte einen tiefen Schlag in ihrem Innersten verspürt. Sie hatte eine plötzliche Vision von Robert, sein Gewehr unter dem Arm, in den Wäldern. Er ging mit festem und regelmäßigem Schritt durch das schattige Dickicht. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, und das beunruhigte sie. Sie hegte keinen Groll gegen ihn. Sie war nicht unzufrieden mit ihm, sondern mit sich selbst. Robert ging geradeaus weiter, ohne den Kopf zu wenden, weit und immer weiter, bis er nur noch ein schwarzer Punkt im trostlosen Wald war. Sie dachte, dass sie vielleicht launisch und hart gewesen war, ihn ohne ein Wort des Abschieds, nicht einmal einen Brief, zu verlassen. Er war ihr Liebhaber und ihr einziger Freund. Sie hatte nie einen anderen gehabt. „Ich will nicht, dass er wegen mir unglücklich ist“, dachte sie.

Nach und nach beruhigte sie sich. Er liebte sie zweifellos; aber er war nicht empfänglich, nicht erfinderisch, glücklicherweise, darin, sich selbst zu quälen. Sie sagte sich:

„Er ist auf der Jagd und genießt den Sport. Er ist bei seiner Tante, die er bewundert.“ Sie beruhigte ihre Ängste und kehrte zur bezaubernden Heiterkeit von Florenz zurück. Sie hatte flüchtig in den Uffizien ein Bild gesehen, das Dechartre mochte. Es war ein abgehackter Kopf der Medusa, ein Werk, worin Leonardo, wie der Bildhauer sagte, die minuziöse Tiefe und tragische Raffinesse seines Genies ausgedrückt hatte. Sie wollte es wiedersehen, bedauernd, dass sie es anfangs nicht besser betrachtet hatte. Sie löschte ihre Lampe und schlief ein.

Sie träumte, dass sie in einer verlassenen Kirche Robert Le Menil begegnete, eingehüllt in Pelze, die sie ihn nie hatte tragen sehen. Er wartete auf sie, aber eine Menge Priester hatte sie getrennt. Sie wusste nicht, was aus ihm geworden war. Sie hatte sein Gesicht nicht gesehen, und das erschreckte sie. Sie erwachte und hörte am offenen Fenster einen traurigen, monotonen Schrei und sah einen Kolibri, der im Licht der frühen Morgendämmerung umherschoss. Dann, ohne Grund, begann sie zu weinen, in einer Leidenschaft des Selbstmitleids und mit der Hingabe eines Kindes.

KAPITEL XI. „DIE MORGENRÖTE DES GLAUBENS UND DER LIEBE“

Sie fand Vergnügen daran, sich früh anzukleiden, mit delikatem und subtilem Geschmack. Ihr Ankleidezimmer, eine ästhetische Fantasie von Vivian Bell, mit seiner grob glasierten Keramik, seinen hohen Kupferkannen und seinem Fayence-Pflaster wie ein Schachbrett, glich der Küche einer Fee. Es war rustikal und wundersam, und die Gräfin Martin konnte darin die angenehme Überraschung erleben, sich selbst für eine Fee zu halten. Während ihre Zofe ihr das Haar frisierte, hörte sie Dechartre und Choulette unter ihren Fenstern sprechen. Sie ordnete alles, was Pauline getan hatte, neu und entblößte die Linie ihres Nackens, die fein und rein war. Sie betrachtete sich im Spiegel und ging in den Garten.

Dechartre war dort, rezitierte Verse von Dante und betrachtete Florenz: „Zur Stunde, da unser Geist, ein größerer Fremdling für das Fleisch...“

In seiner Nähe saß Choulette auf der Balustrade der Terrasse, die Beine baumelnd und die Nase im Bart, und arbeitete noch immer an der Figur des Elends auf seinem Stock.

Dechartre nahm die Reime des Gesangs wieder auf: „Zur Stunde, da unser Geist, ein größerer Fremdling für das Fleisch; und weniger unter der Besessenheit von Gedanken, in seinen Visionen beinahe göttlich ist...“

Sie näherte sich neben der Buchsbaumhecke, einen Sonnenschirm haltend und in einem strohgelben Kleid. Das schwache Licht des Winters hüllte sie in fahles Gold.

Dechartre begrüßte sie freudig.

Sie sagte:

„Sie rezitieren Verse, die ich nicht kenne. Ich kenne nur Metastasio. Mein Lehrer mochte nur Metastasio. Was ist die Stunde, da der Geist göttliche Visionen hat?“

„Madame, diese Stunde ist die Morgendämmerung des Tages. Es kann auch die Morgenröte des Glaubens und der Liebe sein.“

Choulette bezweifelte, dass der Dichter Träume des Morgens meinte, die beim Erwachen lebhafte und schmerzliche Eindrücke hinterlassen und dem Fleische nicht gänzlich fremd sind. Aber Dechartre hatte diese Verse in der Freude über den herrlichen Morgen zitiert, den er an jenem Tag auf den goldenen Hügeln gesehen hatte. Er war lange Zeit von den Bildern beunruhigt gewesen, die man im Schlaf sieht, und er glaubte, dass diese Bilder nicht mit dem Gegenstand in Verbindung stünden, der einen am meisten beschäftige, sondern im Gegenteil mit Gedanken, die man während des Tages verlassen habe.

Therese erinnerte sich an ihren Morgentraum, den Jäger, der sich im Dickicht verirrt hatte.

„Ja“, sagte Dechartre, „die Dinge, die wir nachts sehen, sind unglückliche Überreste dessen, was wir am Tag zuvor vernachlässigt haben. Träume rächen die Dinge, die man verschmäht hat. Es sind Vorwürfe verlassener Freunde. Daher ihre Traurigkeit.“

Sie war einen Augenblick lang in Träume verloren, dann sagte sie:

„Das ist vielleicht wahr.“

Dann fragte sie schnell Choulette, ob er das Porträt des Elends auf seinem Stock vollendet habe. Das Elend war nun zu einer Gestalt der Frömmigkeit geworden, und Choulette erkannte die Jungfrau darin. Er hatte sogar einen Vierzeiler verfasst, den er in Spiralform darauf schreiben wollte – einen didaktischen und moralischen Vierzeiler. Er wollte nicht mehr schreiben, außer im Stil der Gebote Gottes, in französische Verse übertragen. Die vier Zeilen drückten Einfachheit und Güte aus. Er willigte ein, sie aufzusagen.

Therese ruhte auf der Balustrade der Terrasse und suchte in der Ferne, in der Tiefe des Lichtmeeres, die Gipfel von Vallambrosa, fast so blau wie der Himmel. Jacques Dechartre betrachtete sie. Es schien ihm, als sehe er sie zum ersten Mal, so groß war die Zartheit, die er in ihrem Gesicht entdeckte, das Zärtlichkeit und Intelligenz mit Nachdenklichkeit erfüllt hatten, ohne ihren jungen, frischen Anmut zu verändern. Das Tageslicht, das sie liebte, war nachsichtig mit ihr. Und wahrlich, sie war hübsch, gebadet in jenem Licht von Florenz, das schöne Formen liebkost und edle Gedanken nährt. Eine feine, rosige Farbe stieg in ihre wohlgeformten Wangen; ihre bläulich-grauen Augen lachten; und wenn sie sprach, hob die Brillanz ihrer Zähne ihre Lippen von glühender Süße hervor. Sein Blick umfasste ihre geschmeidige Büste, ihre vollen Hüften und die kühne Haltung ihrer Taille. Sie hielt ihren Sonnenschirm mit der linken Hand, die andere Hand spielte mit Veilchen. Dechartre hatte eine Manie für schöne Hände. Hände präsentierten seinen Augen eine Physiognomie, die ebenso auffallend war wie das Gesicht – ein Charakter, eine Seele. Diese Hände bezauberten ihn. Sie waren exquisit. Er verehrte ihre schlanken Finger, ihre rosigen Nägel, ihre Handflächen, weich und zart, durchzogen von Linien, die so elegant wie Arabesken waren und sich an der Basis der Finger in harmonischen Erhöhungen wölbten. Er betrachtete sie mit verzauberter Aufmerksamkeit, bis sie sie um den Griff ihres Regenschirms schloss. Dann, hinter ihr stehend, betrachtete er sie erneut. Ihr Busen und ihre Arme, in der Linie anmutig und rein, ihre schöne Gestalt, die wie die einer lebendigen Amphore war, gefielen ihm.

„Monsieur Dechartre, dieser schwarze Punkt dort drüben ist der Boboli-Garten, nicht wahr? Ich habe die Gärten vor drei Jahren gesehen. Es gab nicht viele Blumen darin. Dennoch mochte ich ihre hohen, düsteren Bäume.“

Es erstaunte ihn, dass sie sprach, dass sie dachte. Der klare Klang ihrer Stimme verblüffte ihn, als ob er sie nie zuvor gehört hätte.

Er antwortete aufs Geratewohl. Er war unbeholfen. Sie tat so, als bemerke sie es nicht, empfand aber eine tiefe innere Freude. Seine tiefe Stimme, die verschleiert und weich war, schien sie zu liebkosen. Sie sagte gewöhnliche Dinge:

„Diese Aussicht ist schön. Das Wetter ist gut.“

KAPITEL XII. ERWACHTE HERZEN

Am Morgen, den Kopf auf dem bestickten Kissen, dachte Therese an die Spaziergänge vom Vortag; an die Jungfrauen, umrahmt von Engeln; an die unzähligen Kinder, gemalt oder geschnitzt, alle schön, alle glücklich, die naiv das Halleluja der Anmut und der Schönheit singen. In der berühmten Kapelle der Brancacci, vor jenen Fresken, bleich und strahlend wie eine göttliche Morgenröte, hatte er ihr von Masaccio erzählt, in einer so lebendigen Sprache, dass es ihr schien, als hätte sie ihn gesehen, den jugendlichen Meister der Meister, den Mund halb offen, die Augen dunkel und blau, sterbend, verzaubert. Und sie hatte diese Wunder eines Morgens, der reizender war als ein Tag, geliebt. Dechartre war für sie die Seele jener großartigen Formen, der Geist jener edlen Dinge. Durch ihn, durch ihn allein verstand sie Kunst und Leben. Sie interessierte sich nicht für Dinge, die ihn nicht interessierten. Wie war diese Zuneigung zu ihr gekommen? Sie hatte keine genaue Erinnerung daran. Zuerst, als Paul Vence sie ihm vorstellen wollte, hatte sie kein Verlangen, ihn kennenzulernen, kein Vorherwissen, dass er ihr gefallen würde. Sie erinnerte sich an elegante Bronzestatuetten, feine Wachsarbeiten, die mit seinem Namen signiert waren, die sie im Salon des Champ de Mars oder bei Durand-Ruel bemerkt hatte. Aber sie stellte sich nicht vor, dass er ihr angenehm sein könnte oder verlockender als viele Künstler und Kunstliebhaber, über die sie mit ihren Freunden lachte. Als sie ihn sah, gefiel er ihr; sie hatte den Wunsch, ihn anzuziehen, ihn oft zu sehen. An dem Abend, als er bei ihr zu Hause speiste, erkannte sie, dass sie für ihn eine edle und erhebende Zuneigung empfand. Aber kurz darauf reizte er sie ein wenig; es machte sie ungeduldig, ihn in sich selbst verschlossen zu sehen und zu wenig von ihr in Anspruch genommen. Sie hätte ihn gerne gestört. Sie war in diesem Zustand der Ungeduld, als sie ihn eines Abends vor dem Gitter des Musée des Religions traf und er ihr von Ravenna und der Kaiserin erzählte, die in ihrem Grab auf einem goldenen Stuhl saß. Sie hatte ihn ernst und bezaubernd gefunden, seine Stimme warm, seine Augen weich im Schatten der Nacht, aber zu sehr ein Fremder, zu fern von ihr, zu unbekannt. Sie hatte eine Art Unbehagen gespürt, und sie wusste nicht, als sie den Buchsbaum entlangging, der die Terrasse säumte, ob sie wünschte, ihn jeden Tag zu sehen oder ihn nie wiederzusehen.

Seitdem war in Florenz ihr einziges Vergnügen, ihn in ihrer Nähe zu wissen, ihn zu hören. Er machte das Leben für sie reizvoll, vielfältig, lebendig, neu. Er enthüllte ihr zarte Freuden und eine entzückende Traurigkeit; er erweckte in ihr eine Wollust, die immer geschlummert hatte. Nun war sie entschlossen, ihn niemals aufzugeben. Aber wie? Sie sah Schwierigkeiten voraus; ihr klarer Geist und ihr Temperament präsentierten sie ihr alle. Einen Augenblick lang versuchte sie, sich selbst zu täuschen; sie überlegte, dass er vielleicht, ein Träumer, exaltiert, in seinen Kunststudien verloren, assidu bleiben könnte, ohne fordernd zu sein. Aber sie wollte sich nicht mit diesem Gedanken beruhigen. Wenn Dechartre kein Liebhaber wäre, verlöre er all seinen Charme. Sie wagte nicht, an die Zukunft zu denken. Sie lebte in der Gegenwart, glücklich, ängstlich und die Augen schließend.

Sie träumte so, im Schatten, der von Lichtpfeilen durchzogen war, als Pauline ihr zum Morgentee einige Briefe brachte. Auf einem Umschlag, der mit dem Monogramm des Rue Royale Club versehen war, erkannte sie die Handschrift von Le Menil. Sie hatte diesen Brief erwartet. Sie war nur erstaunt, dass das, was sicher kommen musste, gekommen war, wie in ihrer Kindheit, wenn die unfehlbare Uhr die Stunde ihrer Klavierstunde schlug.

In seinem Brief machte Robert vernünftige Vorwürfe. Warum war sie gegangen, ohne etwas zu sagen, ohne ein Wort des Abschieds zu hinterlassen? Seit seiner Rückkehr nach Paris hatte er jeden Morgen einen Brief erwartet, der nicht gekommen war. Er war im Jahr zuvor glücklicher gewesen, als er morgens, zwei- oder dreimal die Woche, Briefe erhalten hatte, die so sanft und so gut geschrieben waren, dass er es bedauerte, sie nicht drucken zu können. Besorgt war er zu ihrem Haus gegangen.

„Ich war erstaunt, von deiner Abreise zu hören. Dein Mann empfing mich. Er sagte, dass du, seinem Rat nachgebend, gegangen seist, um den Winter mit Miss Bell in Florenz zu verbringen. Er sagte, dass du seit einiger Zeit blass und dünn aussähst. Er dachte, ein Klimawechsel würde dir gut tun. Du wolltest nicht gehen, aber da du immer mehr littest, gelang es ihm, dich zu überzeugen.

„Ich hatte nicht bemerkt, dass du dünn warst. Es schien mir im Gegenteil, dass deine Gesundheit gut war. Und dann ist Florenz kein guter Winterkurort. Ich kann deine Abreise nicht verstehen. Ich bin sehr davon gequält. Beruhige mich sofort, ich bitte dich.

„Denkst du, es ist angenehm für mich, Nachrichten von dir durch deinen Mann zu erhalten und seine Vertraulichkeiten entgegenzunehmen? Er bedauert, dass du nicht hier bist; es ärgert ihn, dass die Verpflichtungen des öffentlichen Lebens ihn zwingen, in Paris zu bleiben. Ich habe im Club gehört, dass er Chancen habe, Minister zu werden. Das erstaunt mich, weil Minister normalerweise nicht unter modischen Leuten ausgewählt werden.“

Dann erzählte er ihr Jagdgeschichten. Er hatte für sie drei Fuchsfelle mitgebracht, von denen eines sehr schön war; das Fell eines tapferen Tieres, das er am Schwanz gezogen hatte und das ihn in die Hand gebissen hatte.

In Paris war er besorgt. Sein Cousin war im Club vorgestellt worden. Er fürchtete, er könnte durchfallen. Seine Kandidatur war ausgehängt worden. Unter diesen Bedingungen wagte er nicht, ihm zu raten, zurückzutreten; das wäre eine zu große Verantwortung. Wenn er durchfiele, wäre das sehr unangenehm. Er endete damit, sie anzuflehen, zu schreiben und bald zurückzukehren.

Nachdem sie diesen Brief gelesen hatte, zeriss sie ihn sanft, warf ihn ins Feuer und sah ruhig zu, wie er verbrannte.

Zweifellos hatte er recht. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte; er hatte sich beklagt, wie es seine Pflicht war, sich zu beklagen. Was konnte sie antworten? Sollte sie ihren Streit fortsetzen? Der Gegenstand desselben war ihr so gleichgültig geworden, dass es Überlegung bedurfte, um sich daran zu erinnern. Oh, nein; sie hatte keinen Wunsch, gequält zu werden. Sie fühlte sich im Gegenteil sehr sanft gegenüber ihm! Da sie sah, dass er sie mit Vertrauen liebte, in hartnäckiger Ruhe, wurde sie traurig und erschrocken. Er hatte sich nicht verändert. Er war derselbe Mann, der er zuvor gewesen war. Sie war nicht dieselbe Frau. Sie waren nun durch unmerkliche, aber starke Einflüsse getrennt, wie Essenzen in der Luft, die einen leben oder sterben lassen. Als ihre Zofe kam, um sie anzukleiden, hatte sie noch nicht begonnen, eine Antwort zu schreiben.

Besorgt dachte sie: „Er vertraut mir. Er ahnt nichts.“ Das machte sie ungeduldiger als alles andere. Es reizte sie zu denken, dass es einfache Menschen gibt, die weder an sich selbst noch an anderen zweifeln.

Sie ging in den Salon, wo sie Vivian Bell beim Schreiben fand. Diese sagte:

„Willst du wissen, Liebling, was ich tat, während ich auf dich wartete? Nichts und alles. Verse. Oh, Liebling, Poesie muss unsere Seelen sein, die natürlich ausgedrückt werden.“

Therese küsste Miss Bell, ruhte ihren Kopf auf der Schulter ihrer Freundin und sagte:

„Darf ich sehen?“

„Sieh, wenn du willst, Liebste. Es sind Verse, die nach dem Vorbild der Volkslieder deines Landes gemacht sind.“

„Ist es ein Symbol, Vivian? Erkläre es mir.“

„Oh, Liebling, warum erklären, warum? Ein poetisches Bild muss mehrere Bedeutungen haben. Die, die du findest, ist die wahre. Aber es gibt eine sehr klare Bedeutung darin, meine Liebe; das ist, dass man sich nicht leicht von dem lösen sollte, was man ins Herz geschlossen hat.“

Die Pferde waren angespannt. Sie fuhren, wie es vereinbart war, um die Galerie Albertinelli zu besuchen. Der Fürst erwartete sie, und Dechartre sollte sie im Palast treffen. Unterwegs, während die Kutsche auf der breiten Landstraße rollte, sprach Vivian Bell mit ihrem üblichen Transzendentalismus. Während sie zwischen rosa und weißen Häusern, Gärten und mit Statuen und Springbrunnen verzierten Terrassen hinabstiegen, zeigte sie ihrer Freundin die Villa, die unter bläulichen Kiefern verborgen war, wo die Damen und Kavaliere des Dekameron vor der Pest, die Florenz verwüstete, Zuflucht suchten und sich mit frivolen, scherzhaften oder tragischen Erzählungen zerstreuten. Dann gestand sie den Gedanken, der ihr am Vortag gekommen war.

„Du warst, Liebling, mit Monsieur Dechartre nach Carmine gegangen, und du hattest Madame Marmet in Fiesole zurückgelassen, die eine angenehme Person ist, eine gemäßigte und kultivierte Frau. Sie kennt viele Anekdoten über bedeutende Personen, die in Paris leben. Und wenn sie sie erzählt, macht sie es so, wie mein Koch Pompaloni, wenn er Eier serviert: Er tut kein Salz hinein, aber er stellt die Salzkanne daneben. Madame Marmets Zunge ist sehr süß, aber das Salz ist nah bei ihr, in ihren Augen. Ihre Konversation ist wie Pompalonis Gericht, meine Liebe – jeder würzt nach seinem Geschmack. Oh, ich mag Madame Marmet sehr. Gestern, nachdem du gegangen warst, fand ich sie allein und traurig in einer Ecke des Salons. Sie dachte schwermütig an ihren Mann. Ich sagte zu ihr: ‚Willst du, dass ich auch an deinen Mann denke? Ich werde mit dir an ihn denken. Mir wurde gesagt, er sei ein gelehrter Mann gewesen, ein Mitglied der Royal Society von Paris. Madame Marmet, sprich mit mir von ihm.‘ Sie antwortete, dass er sich den Etruskern gewidmet habe und dass er ihnen sein ganzes Leben gegeben habe. Oh, Liebling, ich schätzte sofort das Andenken an jenen Monsieur Marmet, der für die Etrusker lebte. Und dann kam mir eine gute Idee. Ich sagte zu Madame Marmet: ‚Wir haben in Fiesole, im Palazzo Pretorio, ein bescheidenes kleines etruskisches Museum. Komm und besuche es mit mir. Willst du?‘ Sie antwortete, es sei das, was sie in Italien am meisten sehen wolle. Wir gingen zum Palazzo Pretorio; wir sahen eine Löwin und eine ganze Menge kleiner Bronzefiguren, grotesk, sehr dick oder sehr dünn. Die Etrusker waren ein ernsthaft fröhliches Volk. Sie machten Bronzekarikaturen. Aber die Affen – manche mit dicken Bäuchen geplagt, andere erstaunt, ihre Knochen zu zeigen – Madame Marmet betrachtete sie mit widerstrebender Bewunderung. Sie betrachtete sie wie – da ist ein schönes französisches Wort, das mir entfällt – wie die Denkmäler und die Trophäen von Monsieur Marmet.“

Madame Martin lächelte. Aber sie war unruhig. Sie fand den Himmel trüb, die Straßen hässlich, die Passanten gewöhnlich.

„Oh, Liebling, der Fürst wird sehr froh sein, dich in seinem Palast zu empfangen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Warum, Liebling, warum?“

„Weil ich ihm nicht sehr gefalle.“

Vivian Bell erklärte, dass der Fürst im Gegenteil ein großer Bewunderer der Gräfin Martin sei.

Die Pferde hielten vor dem Palast Albertinelli. An der düsteren Fassade waren jene bronzenen Ringe befestigt, die einst in Festnächten Harzfackeln hielten. Diese Bronzeringe kennzeichnen in Florenz die Paläste der illustresten Familien. Der Palast hatte einen Anflug von hochmütigem Stolz. Der Fürst eilte ihnen entgegen und führte sie durch die leeren Salons in die Galerie. Er entschuldigte sich dafür, Leinwände zu zeigen, die vielleicht keinen attraktiven Aspekt hätten. Die Galerie war von Kardinal Giulio Albertinelli zu einer Zeit gebildet worden, als der Geschmack für Guido und Caraccio, heute gefallen, vorherrschte. Sein Vorfahr hatte Gefallen daran gefunden, die Werke der Bologneser Schule zu sammeln. Aber er würde Madame Martin mehrere Gemälde zeigen, die Miss Bell nicht missfallen hätten, unter anderem einen Mantegna.

Die Gräfin Martin erkannte sofort eine banale und zweifelhafte Sammlung; sie langweilte sich inmitten der Menge kleiner Parrocels, die im Dunkeln ein Stück Rüstung und ein weißes Pferd zeigten.

Ein Diener überreichte eine Karte.

Der Fürst las laut den Namen Jacques Dechartre. In diesem Moment kehrte er den beiden Besuchern den Rücken. Sein Gesicht trug den Ausdruck von grausamem Missfallen, den man auf den Marmorbüsten römischer Kaiser findet. Dechartre war auf der Treppe.

Der Fürst ging mit einem matten Lächeln auf ihn zu. Er war nicht mehr Nero, sondern Antinous.

„Ich habe Monsieur Dechartre eingeladen, in den Palast Albertinelli zu kommen“, sagte Miss Bell. „Ich wusste, dass es Ihnen gefallen würde. Er wollte Ihre Galerie sehen.“

Und es ist wahr, dass Dechartre dort mit Madame Martin sein wollte. Nun gingen alle vier zwischen den Guidos und den Albanos umher.

Miss Bell plapperte zum Fürsten – ihr übliches Geplapper über jene alten Männer und jene Jungfrauen, deren blaue Mäntel von einem unbeweglichen Sturm bewegt wurden. Dechartre, bleich, entnervt, näherte sich Therese und sagte zu ihr mit leiser Stimme:

„Diese Galerie ist ein Lagerhaus, wo Kunsthändler der ganzen Welt die Dinge aufhängen, die sie nicht verkaufen können. Und der Fürst verkauft hier Dinge, die Juden nicht verkaufen könnten.“

Er führte sie zu einer Heiligen Familie, die auf einer mit grünem Samt drapierten Staffelei ausgestellt war und am Rand den Namen Michelangelo trug.

„Ich habe diese Heilige Familie in den Läden von Kunsthändlern in London, in Basel und in Paris gesehen. Da sie die fünfundzwanzig Louis d’or, die sie wert ist, nicht bekommen konnten, haben sie den letzten der Albertinellis beauftragt, sie für fünfzigtausend Franken zu verkaufen.“

Der Fürst, der erriet, was sie sagten, näherte sich ihnen anmutig.

„Es gibt fast überall eine Kopie dieses Bildes. Ich behaupte nicht, dass dies das Original ist. Aber es war immer in der Familie, und alte Inventare schreiben es Michelangelo zu. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“

Und der Fürst wandte sich an Miss Bell, die versuchte, Bilder der Präraffaeliten zu finden.

Dechartre fühlte sich unbehaglich. Seit dem Vortag hatte er an Therese gedacht. Er hatte die ganze Nacht von ihrem Bild geträumt und sich danach gesehnt. Er sah sie wieder, reizend, aber auf eine andere Art und noch begehrenswerter, als er sich in seiner Schlaflosigkeit vorgestellt hatte; weniger visionär, von einer lebhafteren Würze und auch von einem Geist, der mysteriöser und undurchdringlicher war. Sie war traurig; sie schien kalt und gleichgültig. Er sagte sich, dass er ihr nichts bedeute; dass er lästig und lächerlich werde. Das reizte ihn. Er murmelte bitter in ihr Ohr: „Ich habe nachgedacht. Ich wollte nicht kommen. Warum bin ich gekommen?“ Sie verstand sofort, was er meinte, dass er sie nun fürchtete und dass er ungeduldig, schüchtern und unbeholfen war. Es gefiel ihr, dass er so war, und sie war ihm dankbar für die Unruhe und die Wünsche, die er in ihr erweckte. Ihr Herz schlug schneller. Aber indem sie vorgab zu verstehen, dass er bedauerte, sich bemüht zu haben, um schlechte Gemälde zu sehen, antwortete sie, dass diese Galerie in der Tat nicht interessant sei. Schon unter der Angst, ihr zu missfallen, fühlte er sich beruhigt und glaubte, dass sie, wirklich gleichgültig, weder den Akzent noch die Bedeutung dessen, was er gesagt hatte, wahrgenommen habe. Er sagte: „Nein, nichts Interessantes.“ Der Fürst, der die beiden Besucher zum Frühstück eingeladen hatte, bat ihren Freund, bei ihnen zu bleiben. Dechartre entschuldigte sich. Er war im Begriff zu gehen, als er sich im großen, leeren Salon allein mit Madame Martin befand. Er hatte den Gedanken gehabt, vor ihr wegzulaufen. Er hatte nun keinen anderen Wunsch, als sie wiederzusehen. Er erinnerte sie daran, dass sie am nächsten Morgen den Bargello besuchen wollte. „Sie haben mir erlaubt, Sie zu begleiten.“ Sie fragte ihn, ob er sie nicht launisch und langweilig gefunden habe. Oh, nein; er hatte sie nicht für langweilig gehalten, aber er fürchtete, sie sei traurig.

„Ach“, fügte er hinzu, „Ihre Traurigkeit, Ihre Freuden, ich habe nicht das Recht, sie zu kennen.“ Sie wandte ihm einen Blick zu, der fast hart war. „Sie denken doch nicht, dass ich Sie als Vertrauten nehmen werde, oder?“ Und sie ging abrupt davon.

KAPITEL XIII. „DU MUSST MICH MIT MEINER EIGENEN SEELE NEHMEN!“

Nach dem Abendessen, im Salon der Glocken, unter den Lampen, deren große Schirme nur ein dunkles Licht filtern ließen, wärmte sich die gute Madame Marmet am Kamin, mit einer weißen Katze auf den Knien. Der Abend war kühl. Madame Martin, deren Augen die Erinnerung an das goldene Licht, die violetten Gipfel und die alten Bäume von Florenz bewahrten, lächelte mit glücklicher Müdigkeit. Sie war mit Miss Bell, Dechartre und Madame Marmet zum Kartäuserkloster von Ema gefahren. Und nun, im Rausch ihrer Visionen, vergaß sie die Sorge vom Vortag, die lästigen Briefe, die fernen Vorwürfe und dachte an nichts auf der Welt als an gemeißelte und bemalte Klöster, Dörfer mit roten Dächern und Straßen, wo sie das erste Erröten des Frühlings sah. Dechartre hatte für Miss Bell eine Wachsfigur der Beatrice modelliert. Vivian malte Engel. Sanft über sie gebeugt, streichelte Fürst Albertinelli seinen Bart und warf Blicke um sich, die Bewunderung zu suchen schienen.

In Erwiderung auf eine Bemerkung von Vivian Bell über Ehe und Liebe:

„Eine Frau muss wählen“, sagte er. „Bei einem Mann, den eine Frau liebt, findet ihr Herz keine Ruhe. Bei einem Mann, den die Frauen nicht lieben, ist sie nicht glücklich.“

„Lieber“, fragte Miss Bell, „was würdest du dir für eine dir teure Freundin wünschen?“

„Ich würde mir, Vivian, wünschen, dass meine Freundin glücklich wäre. Ich würde mir auch wünschen, dass sie Ruhe fände. Sie sollte Ruhe finden im Hass gegen Verrat, erniedrigende Verdächtigungen und Misstrauen.“

„Aber, Lieber, da der Fürst gesagt hat, dass eine Frau nicht zugleich Glück und Sicherheit haben kann, sag mir, was deine Freundin wählen sollte.“

„Man wählt niemals, Vivian; man wählt niemals. Bring mich nicht dazu, zu sagen, was ich von der Ehe halte.“

In diesem Augenblick erschien Choulette, der das großartige Gebaren jener Bettler trug, auf die kleine Städte stolz sind. Er hatte in einem Kaffeehaus in Fiesole mit Bauern Briscola gespielt.

„Hier ist Monsieur Choulette“, sagte Miss Bell. „Er wird uns lehren, was wir von der Ehe zu halten haben. Ich bin geneigt, ihm wie einem Orakel zuzuhören. Er sieht nicht die Dinge, die wir sehen, und er sieht Dinge, die wir nicht sehen. Monsieur Choulette, was halten Sie von der Ehe?“

Er nahm Platz und hob einen sokratischen Finger in die Luft:

„Sprechen Sie, Mademoiselle, von der feierlichen Verbindung zwischen Mann und Frau? In diesem Sinne ist die Ehe ein Sakrament. Aber manchmal, ach! ist sie fast ein Sakrileg. Was die Zivilehe betrifft, so ist sie eine Formalität. Die Bedeutung, die ihr in unserer Gesellschaft beigemessen wird, ist eine idiotische Sache, über die die Frauen anderer Zeiten gelacht hätten. Wir verdanken dieses Vorurteil, wie viele andere, den Bourgeois, den wahnsinnigen Aufführungen einer Schar von Finanziers, die man Revolution genannt hat und die denen bewundernswert erscheinen, die davon profitiert haben. Die Zivilehe ist in Wirklichkeit nur eine Registrierung, wie viele andere, die der Staat verlangt, um sich des Standes der Personen zu versichern: In jedem gut organisierten Staat muss jedermann katalogisiert sein. Moralisch gesehen hat diese Eintragung in ein großes Register nicht einmal die Tugend, eine Ehefrau dazu zu verleiten, sich einen Liebhaber zu nehmen. Wer denkt schon daran, einen Eid zu brechen, der vor einem Bürgermeister geleistet wurde? Um Freude am Ehebruch zu finden, muss man fromm sein.“

„Aber, Monsieur“, sagte Thérèse, „wir haben kirchlich geheiratet.“

Dann, mit einem Anflug von Aufrichtigkeit:

„Ich kann nicht begreifen, wie ein Mann sich jemals dazu entschließen kann zu heiraten; noch wie eine Frau, nachdem sie ein Alter erreicht hat, in dem sie weiß, was sie tut, diese Torheit begehen kann.“

Der Fürst betrachtete sie mit Misstrauen. Er war klug, aber er war unfähig zu begreifen, dass man ohne Ziel, uneigennützig und zur Äußerung allgemeiner Ideen sprechen könnte. Er bildete sich ein, die Gräfin Martin-Bellevue unterbreite ihm Projekte, die er prüfen solle. Und da er daran dachte, sich zu verteidigen und sich auch zu rächen, machte er ihr schöne Augen und sprach mit zärtlicher Galanterie:

„Sie legen, Madame, den Stolz der schönen und intelligenten französischen Frauen an den Tag, die die Unterwerfung reizt. Französische Frauen lieben die Freiheit, und keine von ihnen ist der Freiheit so würdig wie Sie. Ich habe ein wenig in Frankreich gelebt. Ich habe die elegante Gesellschaft von Paris gekannt und bewundert, die Salons, die Feste, die Konversationen, die Theaterstücke. Aber in unseren Bergen, unter unseren Olivenbäumen, werden wir wieder bäuerisch. Wir nehmen Sitten des goldenen Zeitalters an, und die Ehe ist für uns ein Idyll voller Frische.“

Vivian Bell untersuchte die Statuette, die Dechartre auf dem Tisch gelassen hatte.

„Oh! So sah Beatrice aus, da bin ich sicher. Und wissen Sie, Monsieur Dechartre, es gibt böse Menschen, die sagen, Beatrice habe nie existiert?“

Choulette erklärte, er wolle zu diesen bösen Menschen gezählt werden. Er glaubte nicht, dass Beatrice mehr Realität besaß als andere Damen, durch die alte Dichter, die die Liebe besangen, eine scholastische Idee darstellten, lächerlich subtil.

Ungeduldig über Lob, das nicht ihm galt, eifersüchtig auf Dante wie auf das Universum, ein raffinierter Literat, fuhr Choulette fort:

„Ich vermute, dass die kleine Schwester der Engel niemals lebte, außer in der Einbildung des Dichters. Es scheint eine reine Allegorie zu sein oder vielmehr eine arithmetische Übung oder ein Thema der Astrologie. Dante, der ein guter Doktor von Bologna war und viele Monde unter seiner spitzen Mütze im Kopf hatte – Dante glaubte an die Tugend der Zahlen. Dieser entflammte Mathematiker träumte von Figuren, und seine Beatrice ist die Blume der Arithmetik, das ist alles.“

Und er zündete seine Pfeife an.

Vivian Bell rief aus:

„Oh, reden Sie nicht so, Monsieur Choulette. Sie betrüben mich sehr, und wenn unser Freund Monsieur Gebhart Sie hörte, wäre er nicht erfreut über Sie. Um Sie zu bestrafen, wird Ihnen Fürst Albertinelli den Gesang vorlesen, in dem Beatrice die Flecken auf dem Mond erklärt. Nehmen Sie die Göttliche Komödie, Eusebio. Es ist das weiße Buch, das Sie auf dem Tisch sehen. Schlagen Sie es auf und lesen Sie.“

Während des Lesens des Fürsten sprach Dechartre, auf dem Sofa nahe der Gräfin Martin sitzend, mit Begeisterung von Dante als dem besten Bildhauer unter den Dichtern. Er erinnerte Thérèse an das Gemälde, das sie zwei Tage zuvor zusammen gesehen hatten, an der Tür der Servi, ein fast ausgelöschtes Fresko, auf dem man die Anwesenheit des Dichters mit dem Lorbeerkranz, Florenz und die sieben Kreise kaum erahnte. Das reichte aus, um den Künstler zu exaltieren. Aber sie hatte nichts unterschieden, sie war nicht bewegt worden. Und dann gestand sie, dass Dante sie nicht anzog. Dechartre, daran gewöhnt, dass sie all seine Ideen von Kunst und Poesie teilte, fühlte Erstaunen und ein wenig Unmut. Er sagte laut:

„Es gibt viele große und starke Dinge, die Sie nicht empfinden.“

Miss Bell, den Kopf hebend, fragte, was das für Dinge seien, die die „Liebe“ nicht empfinde; und als sie erfuhr, dass es das Genie Dantes sei, rief sie in gespieltem Zorn aus:

„Oh, ehren Sie nicht den Vater, den Meister, der alles Lobes würdig ist, den Gott? Ich liebe Sie nicht mehr, Liebes. Ich verabscheue Sie.“

Und als Vorwurf an Choulette und die Gräfin Martin erinnerte sie an die Frömmigkeit jenes Bürgers von Florenz, der die Kerzen vom Altar nahm, die zu Ehren Christi angezündet worden waren, und sie vor die Büste Dantes stellte.

Der Fürst setzte sein unterbrochenes Lesen fort. Dechartre beharrte darauf, Thérèse dazu bringen zu wollen, zu bewundern, was sie nicht kannte. Sicherlich hätte er Dante und alle Dichter des Universums leicht für sie geopfert. Aber in seiner Nähe, ruhig und ein Objekt des Begehrens, reizte sie ihn, fast ohne dass er es merkte, durch den Charme ihrer lachenden Schönheit. Er beharrte darauf, ihr seine Ideen, seine künstlerischen Leidenschaften, sogar seine Fantasie und seine Launen aufzuzwingen. Er drängte leise, in knappen und streitlustigen Phrasen. Sie sagte:

„Oh, wie heftig Sie sind!“

Dann beugte er sich zu ihrem Ohr und mit einer glühenden Stimme, die er zu mildern versuchte:

„Sie müssen mich mit meiner eigenen Seele nehmen!“

Thérèse fühlte einen Schauer der Angst, vermischt mit Freude.

KAPITEL XIV. DAS GESTÄNDNIS

Am nächsten Tag sagte sie sich, dass sie Robert antworten würde. Es regnete. Sie lauschte matt den Tropfen, die auf die Terrasse fielen. Vivian Bell, sorgfältig und raffiniert, hatte auf den Tisch künstlerisches Briefpapier gelegt, Blätter, die das Pergament von Messbüchern imitierten, andere in blassem Violett, mit Silberstaub bestäubt; Zelluloidfedern, weiß und leicht, die man wie Pinsel führen musste; eine Iris-Tinte, die auf einer Seite einen Nebel aus Azur und Gold verbreitete. Thérèse mochte solche Feinheit nicht. Sie schien ihr nicht angemessen für Briefe, die sie einfach und bescheiden halten wollte. Als sie sah, dass der Name „Freund“, den sie Robert in der ersten Zeile gab, auf dem silbernen Papier wie Perlmutt schimmerte, huschte ein halbes Lächeln über ihre Lippen. Die ersten Sätze waren schwer zu schreiben. Den Rest eilte sie ab, sprach viel von Vivian Bell und von Fürst Albertinelli, ein wenig von Choulette und davon, dass sie Dechartre in Florenz gesehen habe. Sie lobte einige Bilder der Museen, aber ohne Unterscheidung und nur, um die Seiten zu füllen. Sie wusste, dass Robert kein Verständnis für Malerei hatte; dass er nichts bewunderte außer einem kleinen Kürassier von Detaille, gekauft bei Goupil.

Sie sah im Geiste diesen Kürassier wieder, den er ihr eines Tages stolz in seinem Schlafzimmer gezeigt hatte, nahe dem Spiegel, unter Familienporträts. All dies erschien ihr aus der Ferne kleinlich und ermüdend. Sie beendete ihren Brief mit Worten der Freundschaft, deren Süße nicht geheuchelt war. Wahrlich, sie hatte sich ihrem Liebhaber gegenüber nie friedlicher und sanfter gefühlt. Auf vier Seiten hatte sie wenig gesagt und weniger erklärt. Sie kündigte nur an, dass sie einen Monat in Florenz bleiben werde, dessen Luft ihr gut tue. Dann schrieb sie an ihren Vater, an ihren Ehemann und an Fürstin Seniavine. Sie ging die Treppe hinunter mit den Briefen in der Hand. In der Halle warf sie drei davon auf das silberne Tablett, das für die Post bestimmt war. Madame Marmet misstrauend, ließ sie den Brief an Le Ménil in ihre Tasche gleiten, darauf bauend, dass der Zufall ihn in einen Briefkasten werfen würde.

Fast zur selben Zeit kam Dechartre, um die drei Freunde auf einem Spaziergang durch die Stadt zu begleiten. Während er wartete, sah er die Briefe auf dem Tablett.

Ohne zu glauben, dass man Charaktere durch die Handschrift erraten könne, war er für die Form der Buchstaben ebenso empfänglich wie für die Eleganz einer Zeichnung. Die Schrift von Thérèse bezauberte ihn, und er mochte ihre Offenheit, die kühne und einfache Wendung ihrer Linien. Er betrachtete die Adressen, ohne sie zu lesen, mit der Bewunderung eines Künstlers.

Sie besuchten an jenem Morgen Santa Maria Novella, wohin die Gräfin Martin bereits mit Madame Marmet gegangen war. Aber Miss Bell hatte ihnen vorgeworfen, die schöne Ginevra de’ Benci auf einem Fresko des Chors nicht zu beachten. „Sie müssen diese Gestalt des Morgens in einem Morgenlicht besuchen“, sagte Vivian. Während die Dichterin und Thérèse miteinander sprachen, hörte Dechartre geduldig Madame Marmets Konversation zu, die mit Anekdoten gefüllt war, in denen Akademiker mit eleganten Frauen speisten, und teilte die Sorge dieser Dame, die seit einigen Tagen sehr damit beschäftigt war, einen Tüllschleier zu kaufen. Sie konnte in den Geschäften von Florenz keinen nach ihrem Geschmack finden.

Als sie aus der Kirche kamen, gingen sie an der Werkstatt des Schusters vorbei. Der gute Mann flickte bäuerliche Schuhe. Madame Martin fragte den alten Mann, ob es ihm gut gehe, ob er genug Arbeit zum Leben habe, ob er glücklich sei. Auf all diese Fragen antwortete er mit dem bezaubernden Bejahen Italiens, dem musikalischen „si“, das selbst in seinem zahnlosen Mund melodisch klang. Sie ließ ihn die Geschichte seines Spatzen erzählen. Der arme Vogel hatte einst sein Bein in brennendes Wachs getaucht.

„Ich habe für meinen kleinen Gefährten ein Holzbein aus einem Streichholz gemacht, und er hüpft auf meiner Schulter wie früher“, sagte der Schuster.

„Es ist dieser gute alte Mann“, sagte Miss Bell, „der Monsieur Choulette Weisheit lehrt. Es gab in Athen einen Schuster namens Simon, der Bücher über Philosophie schrieb und der ein Freund des Sokrates war. Ich habe immer gedacht, dass Monsieur Choulette dem Sokrates ähnelt.“

Thérèse bat den Schuster, seinen Namen und seine Geschichte zu erzählen. Sein Name war Serafino Stoppini, und er stammte aus Stia. Er war alt. Er hatte viel Leid in seinem Leben erfahren.

Er hob seine Brille auf die Stirn und entblößte blaue Augen, sehr sanft und fast erloschen unter ihren roten Lidern.

„Ich hatte eine Frau und Kinder; jetzt habe ich keine mehr. Ich habe Dinge gekannt, die ich nicht mehr kenne.“

Miss Bell und Madame Marmet gingen, um einen Schleier zu suchen.

„Er hat nichts auf der Welt“, dachte Thérèse, „außer seinem Werkzeug, einer Handvoll Nägel, dem Bottich, in den er sein Leder taucht, und einem Topf mit Basilikum, und doch ist er glücklich.“

Sie sagte zu ihm:

„Diese Pflanze duftet, und sie wird bald blühen.“

Er antwortete:

„Wenn die arme kleine Pflanze zu blühen beginnt, wird sie sterben.“

Thérèse legte beim Abschied eine Münze auf den Tisch.

Dechartre war in ihrer Nähe. Ernst, fast streng, sagte er zu ihr:

„Sie wissen...“

Sie sah ihn an und wartete.

Er beendete seinen Satz:

„... dass ich Sie liebe?“

Sie fuhr fort, ihn schweigend mit dem Blick ihrer klaren Augen zu fixieren, deren Lider zitterten. Dann machte sie eine Kopfbewegung, die „Ja“ bedeutete. Und ohne dass er versuchte, sie aufzuhalten, schloss sie sich wieder Miss Bell und Madame Marmet an, die an der Ecke auf sie warteten.

KAPITEL XV. DER GEHEIMNISVOLLE BRIEF

Thérèse frühstückte nach der Trennung von Dechartre mit ihrer Freundin und Madame Marmet im Haus einer alten Florentiner Dame, die Viktor Emanuel geliebt hatte, als er Herzog von Savoyen war. Seit dreißig Jahren hatte sie ihren Palast am Arno kein einziges Mal verlassen, wo sie malte und, eine Perücke tragend, in ihrem geräumigen weißen Salon Gitarre spielte. Sie empfing die beste Gesellschaft von Florenz, und Miss Bell besuchte sie oft. Bei Tisch befragte diese Einsiedlerin, siebenundachtzig Jahre alt, die Gräfin Martin über die Modewelt von Paris, deren Bewegung ihr durch die Zeitungen vertraut war. Einsam bewahrte sie Respekt und eine Art Hingabe für die Welt des Vergnügens.

Als sie aus dem Palazzo kamen, führte Miss Bell ihre Freundinnen, um dem Wind auszuweichen, der vom Fluss her wehte, in die alten Gassen mit den Häusern aus schwarzem Stein und einem Blick auf den fernen Horizont, wo in der reinen Luft ein Hügel mit drei schlanken Bäumen steht. Sie gingen; und Vivian zeigte ihrer Freundin an Fassaden, an denen rote Lumpen hingen, ein Meisterwerk aus Marmor – eine Jungfrau, eine Lilie, eine Heilige Katharina. Sie spazierten durch diese Gassen der antiken Stadt zur Kirche Orsanmichele, wo man vereinbart hatte, dass Dechartre sie treffen würde. Thérèse dachte jetzt mit tiefstem Interesse an ihn. Madame Marmet dachte daran, einen Schleier zu kaufen; sie hoffte, einen auf dem Corso zu finden. Diese Angelegenheit erinnerte sie an M. Lagrange, der eines Tages bei seiner regulären Vorlesung einen Schleier mit goldenen Punkten aus der Tasche zog und sich damit die Stirn abwischte, im Glauben, es sei sein Taschentuch. Das Publikum war erstaunt und tuschelte miteinander. Es war ein Schleier, der ihm am Tag zuvor von seiner Nichte, Mademoiselle Jeanne Michot, anvertraut worden war, die er ins Theater begleitet hatte, und Madame Marmet erklärte, wie er ihn, als er ihn in der Tasche seines Überziehers fand, mitgenommen habe, um ihn seiner Nichte zurückzugeben.

Bei Lagranges Namen erinnerte sich Thérèse an den flammenden Kometen, den der Gelehrte angekündigt hatte, und sagte sich mit spöttischer Traurigkeit, dass es Zeit sei, dass dieser Komet der Welt ein Ende bereite und sie aus ihrer Not befreie. Aber über den Mauern der alten Kirche sah sie den Himmel, der, von den Wolken durch den Wind vom Meer befreit, blassblau und kalt glänzte. Miss Bell zeigte ihr eine der Bronzestatuen, die in ihren gemeißelten Nischen die Fassade der Kirche schmücken.

„Schau, Liebes, wie jung und stolz der Heilige Georg ist. Der Heilige Georg war früher der Kavalier, von dem die jungen Mädchen träumten.“

Aber „Liebes“ sagte, er sehe präzise, ermüdend und dickköpfig aus. In diesem Augenblick erinnerte sie sich plötzlich an den Brief, der noch immer in ihrer Tasche steckte.

„Ah! Da kommt Monsieur Dechartre“, sagte die gute Madame Marmet.

Er hatte sie in der Kirche gesucht, vor dem Tabernakel. Er hätte sich an die unwiderstehliche Anziehungskraft erinnern sollen, die Donatellos Heiliger Georg auf Miss Bell ausübte. Auch er bewunderte diese berühmte Figur. Aber er bewahrte eine besondere Freundschaft für den Heiligen Markus, bäuerlich und offen, den sie in seiner Nische zur Linken sehen konnten.

Als Thérèse sich der Statue näherte, auf die er sie hinwies, sah sie einen Briefkasten an der Wand der engen Gasse gegenüber dem Heiligen. Dechartre, am günstigsten Aussichtspunkt positioniert, sprach von seinem Heiligen Markus mit tiefer Freundschaft.

„Ihm statte ich meinen ersten Besuch ab, wenn ich nach Florenz komme. Das habe ich nur einmal versäumt. Er wird mir verzeihen; er ist ein ausgezeichneter Mann. Er wird von der Menge nicht geschätzt und erregt keine Aufmerksamkeit. Ich habe jedoch Freude an seiner Gesellschaft. Er ist lebendig. Ich verstehe, dass Donatello, nachdem er ihm eine Seele verliehen hatte, ausrief: ‚Markus, warum sprichst du nicht?‘“

Madame Marmet, der es leid war, den Heiligen Markus zu bewundern, und die den brennenden Wind im Gesicht fühlte, zog Miss Bell auf der Suche nach einem Schleier in die Via de’ Calzaiuoli.

Thérèse und Dechartre blieben zurück.

„Ich mag ihn“, fuhr der Bildhauer fort; „ich mag den Heiligen Markus, weil ich in ihm, viel mehr als im Heiligen Georg, die Hand und den Geist Donatellos spüre, der ein guter Handwerker war. Ich mag ihn heute noch mehr, weil er mich in seiner ehrwürdigen und berührenden Offenherzigkeit an den alten Schuster erinnert, zu dem Sie heute Morgen so freundlich gesprochen haben.“

„Ah“, sagte sie, „ich habe seinen Namen vergessen. Wenn wir mit Monsieur Choulette sprechen, nennen wir ihn Quentin Matsys, weil er den alten Männern dieses Malers ähnelt.“

Als sie die Ecke der Kirche bogen, um die Fassade zu sehen, befand sie sich vor dem Briefkasten, der so staubig und rostig war, dass es schien, als käme der Postbote niemals in seine Nähe. Sie warf ihren Brief unter dem treuherzigen Blick des Heiligen Markus hinein.

Dechartre sah sie und fühlte, als wäre ein schwerer Schlag gegen sein Herz geführt worden. Er versuchte zu sprechen, zu lächeln; aber die behandschuhte Hand, die den Brief fallen gelassen hatte, blieb vor seinen Augen. Er erinnerte sich, am Morgen Thérèses Briefe auf dem Tablett in der Halle gesehen zu haben. Warum hatte sie diesen nicht zu den anderen gelegt? Der Grund war nicht schwer zu erraten. Er blieb unbeweglich, verträumt und starrte, ohne zu sehen. Er versuchte sich zu beruhigen; vielleicht war es ein unbedeutender Brief, den sie vor der lästigen Neugier von Madame Marmet zu verbergen versuchte.

„Monsieur Dechartre, es ist Zeit, zu unseren Freunden bei der Schneiderin zurückzukehren.“

Vielleicht war es ein Brief an Madame Schmoll, die keine Freundin von Madame Marmet war, aber sofort wurde ihm klar, dass dieser Gedanke töricht war.

Alles war klar. Sie hatte einen Liebhaber. Sie schrieb ihm. Vielleicht sagte sie ihm: „Ich habe heute Dechartre gesehen; der arme Kerl ist tief in mich verliebt.“ Aber ob sie das oder etwas anderes schrieb, sie hatte einen Liebhaber. Daran hatte er nicht gedacht. Zu wissen, dass sie einem anderen gehörte, ließ ihn tief leiden. Und diese Hand, diese kleine Hand, die den Brief fallen ließ, blieb in seinen Augen und ließ sie brennen.

Sie wusste nicht, warum er plötzlich stumm und düster geworden war. Als sie sah, wie er einen ängstlichen Blick zurück auf den Briefkasten warf, ahnte sie den Grund. Sie fand es seltsam, dass er eifersüchtig sein sollte, ohne das Recht dazu zu haben; aber das missfiel ihr nicht.

Als sie den Corso erreichten, sahen sie Miss Bell und Madame Marmet aus dem Laden der Schneiderin kommen.

Dechartre sagte zu Thérèse mit gebieterischer und bittender Stimme:

„Ich muss mit Ihnen sprechen. Ich muss Sie morgen allein sehen; treffen Sie mich um sechs Uhr am Lungarno Acciaiuoli.“

Sie antwortete nicht.

KAPITEL XVI. „MORGEN?“

Als sie in ihrem Mantel der Karmelitinnen gegen halb sieben am Lungarno Acciaiuoli ankam, begrüßte Dechartre sie mit einem demütigen Blick, der sie bewegte. Die untergehende Sonne färbte den Arno purpurn. Sie blieben einen Moment schweigend. Während sie an der monotonen Reihe der Paläste zur alten Brücke vorbeigingen, ergriff sie als Erste das Wort.

„Sie sehen, ich bin gekommen. Ich dachte, ich müsste kommen. Ich glaube nicht, dass ich ganz unschuldig an dem bin, was geschehen ist. Ich weiß: Ich habe getan, was mein Schicksal war, damit Sie für mich das sind, was Sie jetzt sind. Meine Haltung hat Gedanken in Ihren Kopf gesetzt, die Sie sonst nicht gehabt hätten.“

Er sah aus, als verstünde er nicht. Sie fuhr fort:

„Ich war egoistisch, ich war unvorsichtig. Sie waren mir angenehm; ich mochte Ihren Geist; ich konnte nicht ohne Sie auskommen. Ich habe getan, was ich konnte, um Sie anzuziehen, um Sie zu halten. Ich war eine Kokette – nicht kalt, noch hinterhältig, aber eine Kokette.“

Er schüttelte den Kopf und bestritt, jemals ein Anzeichen dafür gesehen zu haben.

„Ja, ich war eine Kokette. Doch es lag nicht in meiner Gewohnheit. Aber ich war eine Kokette mit Ihnen. Ich sage nicht, dass Sie versucht hätten, daraus einen Vorteil zu ziehen, wie Sie es das Recht gehabt hätten, noch dass Sie eitel darauf wären. Ich habe keine Eitelkeit bei Ihnen bemerkt. Es mag sein, dass Sie es nicht bemerkt hatten. Überlegenen Männern fehlt es manchmal an Scharfsinn. Aber ich weiß sehr wohl, dass ich nicht so war, wie ich hätte sein sollen, und ich bitte Sie um Verzeihung. Das ist der Grund, warum ich gekommen bin. Lassen Sie uns gute Freunde sein, solange es noch Zeit ist.“

Er wiederholte mit düsterer Sanftheit, dass er sie liebe. Die ersten Stunden dieser Liebe waren leicht und entzückend gewesen. Er hatte nur den Wunsch gehabt, sie zu sehen und sie wiederzusehen. Doch bald hatte sie ihn beunruhigt. Das Übel war eines Tages plötzlich und heftig auf der Terrasse von Fiesole über ihn gekommen. Und nun hatte er nicht den Mut, zu leiden und nichts zu sagen. Er war nicht mit einem festen Plan gekommen. Wenn er von seiner Leidenschaft sprach, so sprach er aus Zwang und wider Willen; in der dringenden Notwendigkeit, ihr gegenüber von ihr zu sprechen, da sie für ihn das einzige Wesen auf der Welt war. Sein Leben war nicht mehr in ihm selbst, es war in ihr. Sie sollte es also wissen, dass er in sie verliebt war, nicht mit vager Zärtlichkeit, sondern mit grausamer Inbrunst. Ach! Seine Einbildungskraft war genau und präzise. Er sah sie unaufhörlich, und sie quälte ihn.

Und dann schien es ihm, dass sie Freuden haben könnten, die das Leben lebenswert machen würden. Ihr Dasein könnte ein Kunstwerk sein, schön und verborgen. Sie würden zusammen denken, begreifen und fühlen. Es wäre eine wunderbare Welt der Gefühle und Ideen.

„Wir könnten aus dem Leben einen entzückenden Garten machen.“

Sie täuschte vor, zu glauben, dass der Traum unschuldig sei.

„Sie wissen sehr wohl, dass ich für den Charme Ihres Geistes empfänglich bin. Es ist eine Notwendigkeit geworden, Sie zu sehen und Sie zu hören. Ich habe nur allzu deutlich zugelassen, dass Sie dies merken. Zählen Sie auf meine Freundschaft und quälen Sie sich nicht.“ Sie reichte ihm die Hand. Er nahm sie nicht, sondern antwortete schroff:

„Ich begehre Ihre Freundschaft nicht. Ich will sie nicht. Ich muss Sie ganz haben oder Sie nie wiedersehen. Das wissen Sie sehr wohl. Warum reichen Sie mir Ihre Hand mit spöttischen Phrasen? Ob Sie es wollten oder nicht, Sie haben mich verzweifelt in sich verliebt gemacht. Sie sind mein Übel, mein Leiden, meine Qual geworden, und Sie verlangen von mir, ein angenehmer Freund zu sein. Nun sind Sie kokett und grausam. Wenn Sie mich nicht lieben können, lassen Sie mich gehen; ich werde gehen, ich weiß nicht wohin, um Sie zu vergessen und zu hassen. Denn ich hege gegen Sie ein latentes Gefühl von Hass und Zorn. Oh, ich liebe Sie, ich liebe Sie!“

Sie glaubte, was er sagte, fürchtete, dass er gehen könnte, und fürchtete die Traurigkeit des Lebens ohne ihn. Sie antwortete:

„Ich habe Sie auf meinem Weg gefunden. Ich möchte Sie nicht verlieren. Nein, ich möchte Sie nicht verlieren.“

Scheu und doch heftig stammelte er; die Worte erstickten in seiner Kehle. Die Dämmerung stieg von den fernen Bergen herab, und die letzten Reflexe der Sonne wurden im Osten blass. Sie sagte:

„Wenn Sie mein Leben kennten, wenn Sie gesehen hätten, wie leer es war, bevor ich Sie kannte, würden Sie wissen, was Sie für mich sind, und würden nicht daran denken, mich zu verlassen.“

Doch mit dem ruhigen Ton ihrer Stimme und mit dem Rascheln ihres Kleides auf dem Pflaster irritierte sie ihn.

Er erzählte ihr, wie er litt. Er kannte nun die göttliche Krankheit der Liebe.

„Die Anmut Ihrer Gedanken, Ihren großartigen Mut, Ihren stolzen Hochmut, ich atme sie ein wie ein Parfüm. Es scheint mir, wenn Sie sprechen, dass Ihr Geist auf Ihren Lippen schwebt. Ihr Geist ist für mich nur der Duft Ihrer Schönheit. Ich habe die Instinkte eines primitiven Menschen bewahrt; Sie haben sie wiedererweckt. Ich fühle, dass ich Sie mit wilder Einfachheit liebe.“

Sie sah ihn sanft an und sagte nichts. Sie sahen die Lichter des Abends und hörten traurige Gesänge, die auf sie zukamen. Und dann, wie Gespenster, die vom Wind gejagt wurden, erschienen die schwarzen Büßer. Das Kruzifix war vor ihnen. Es waren Brüder der Barmherzigkeit, die Fackeln hielten und Psalmen auf dem Weg zum Friedhof sangen. Gemäß der italienischen Sitte schritt der Trauerzug schnell voran. Die Kreuze, der Sarg, die Banner schienen auf dem verlassenen Kai zu springen. Jacques und Therese standen gegen die Wand, damit der Trauerzug vorbeiziehen konnte.

Die schwarze Lawine war verschwunden. Hinter dem Sarg, der von den schwarzen Phantomen getragen wurde, die schwere Schuhe trugen, weinten Frauen.

Therese seufzte:

„Was wird es nützen, dass wir uns in dieser Welt gequält haben?“

Er sah aus, als hätte er nicht gehört, und sagte:

„Bevor ich Sie kannte, war ich nicht unglücklich. Ich mochte das Leben. Ich wurde darin durch Träume festgehalten. Ich mochte Formen und den Geist in den Formen, die Erscheinungen, die liebkosen und schmeicheln. Ich hatte die Freude am Sehen und am Träumen. Ich genoss alles und hing von nichts ab. Meine Wünsche, reichlich und leicht, befriedigte ich ohne Mühe. Ich interessierte mich für alles und wünschte mir nichts. Man leidet nur durch den Willen. Ohne es zu wissen, war ich glücklich. Oh, es war nicht viel, es war nur genug, um zu leben. Jetzt habe ich keine Freude am Leben. Meine Vergnügungen, das Interesse, das ich an den Bildern des Lebens und der Kunst nahm, die lebhafte Unterhaltung, mit meinen Händen die Figuren meiner Träume zu erschaffen – Sie haben mich alles verlieren lassen und mir nicht einmal Reue gelassen. Ich will meine Freiheit und Ruhe nicht zurück. Es scheint mir, dass ich vor Ihnen nicht lebte; und jetzt, da ich fühle, dass ich lebe, kann ich weder fern von Ihnen noch nahe bei Ihnen leben. Ich bin elender als die Bettler, die wir auf dem Weg nach Ema sahen. Sie hatten Luft zum Atmen, und ich kann nur Sie atmen, die ich nicht habe. Dennoch bin ich froh, Sie gekannt zu haben. Das allein zählt in meinem Dasein. Vor einem Augenblick dachte ich, ich hasste Sie. Ich habe mich geirrt; ich verehre Sie, und ich segne Sie für das Leid, das Sie mir zugefügt haben. Ich liebe alles, was von Ihnen zu mir kommt.“

Sie näherten sich den schwarzen Bäumen am Eingang der San-Niccola-Brücke. Auf der anderen Seite des Flusses zeigten die vagen Felder ihre Traurigkeit, die durch die Nacht verstärkt wurde. Da sie sah, dass er ruhig und voll einer sanften Mattigkeit war, dachte sie, dass seine Liebe, die ganz Einbildungskraft war, in Worten entflohen sei und dass seine Wünsche nur noch eine Träumerei geworden seien. Sie hatte keine so schnelle Resignation erwartet. Es enttäuschte sie fast, der Gefahr zu entgehen, die sie gefürchtet hatte.

Sie reichte ihm die Hand, diesmal kühner als zuvor.

„Dann lassen Sie uns Freunde sein. Es ist spät. Kehren wir zurück. Bringen Sie mich zu meiner Kutsche. Ich werde für Sie sein, was ich war, eine ausgezeichnete Freundin. Sie haben mir nicht missfallen.“

Doch er führte sie auf die Felder, in die wachsende Einsamkeit des Ufers.

„Nein, ich lasse Sie nicht gehen, ohne Ihnen gesagt zu haben, was ich sagen möchte. Aber ich weiß nicht mehr, wie man spricht; ich finde die Worte nicht. Ich liebe Sie. Ich möchte wissen, dass Sie mein sind. Ich schwöre Ihnen, dass ich keine weitere Nacht in dem Schrecken leben werde, daran zu zweifeln.“

Er drückte sie an seine Brust; und während er durch die Dunkelheit ihres Schleiers das Licht ihrer Augen suchte, sagte er: „Sie müssen mich lieben. Ich will, dass Sie mich lieben, und es ist Ihre Schuld, denn Sie haben es auch gewollt. Sagen Sie, dass Sie mein sind. Sagen Sie es.“

Nachdem sie sich sanft aus seinem Griff gelöst hatte, antwortete sie schwach und langsam: „Ich kann nicht! Ich kann nicht! Sie sehen, ich bin offen zu Ihnen. Ich sagte Ihnen vorhin, dass Sie mir nicht missfallen haben. Aber ich kann nicht tun, was Sie wollen.“

Und während sie an den Abwesenden dachte, der auf sie wartete, wiederholte sie: „Ich kann nicht!“ Über sie gebeugt, befragte er ängstlich ihre Augen, die doppelten Sterne, die zitterten und sich verschleierten. „Warum? Sie lieben mich, ich fühle es, ich sehe es. Sie lieben mich. Warum wollen Sie mir dieses Unrecht antun?“

Er zog sie an sich und wollte seine Seele mit seinen Lippen auf ihre verschleierten Lippen legen. Sie entzog sich ihm schnell und sagte: „Ich kann nicht. Verlangen Sie nicht mehr. Ich kann nicht Ihr sein.“

Seine Lippen zitterten, sein Gesicht war verzerrt. Er rief aus: „Sie haben einen Liebhaber, und Sie lieben ihn. Warum verspotten Sie mich?“

„Ich schwöre Ihnen, ich habe nicht den Wunsch, Sie zu verspotten, und dass, wenn ich irgendjemanden auf der Welt lieben würde, es Sie wären.“ Doch er hörte ihr nicht zu.

„Lassen Sie mich, lassen Sie mich!“ Und er rannte auf die dunklen Felder zu. Der Arno bildete Lagunen, auf denen der halb verschleierte Mond flackernd schien. Er schritt durch das Wasser und den Schlamm, mit einem schnellen, blinden Schritt, wie der eines Berauschten. Sie erschrak und schrie auf. Sie rief ihn. Doch er drehte den Kopf nicht und gab keine Antwort. Er floh mit alarmierender Rücksichtslosigkeit. Sie lief ihm nach. Ihre Füße wurden von den Steinen verletzt, und ihr Rock war schwer vom Wasser, doch bald holte sie ihn ein.

„Was wollten Sie tun?“

Er sah sie an und sah ihr Erschrecken in ihren Augen. „Haben Sie keine Angst“, sagte er. „Ich sah nicht, wohin ich ging. Ich versichere Ihnen, ich hatte nicht die Absicht, mich umzubringen. Ich bin verzweifelt, aber ich bin ruhig. Ich versuchte nur, Ihnen zu entkommen. Ich bitte Sie um Verzeihung. Aber ich konnte Sie nicht länger sehen. Lassen Sie mich, ich flehe Sie an. Lebwohl!“

Sie antwortete, aufgeregt und bebend: „Kommen Sie! Wir werden tun, was wir können.“

Er blieb düster und gab keine Antwort. Sie wiederholte: „Kommen Sie!“

Sie nahm seinen Arm. Die lebendige Wärme ihrer Hand belebte ihn. Er sagte:

„Wollen Sie es?“

„Ich kann Sie nicht verlassen.“

„Sie versprechen es?“

„Ich muss.“

Und in ihrer Ängstlichkeit und Qual lächelte sie fast bei dem Gedanken, dass er durch seine Torheit so schnell Erfolg gehabt hatte.

„Morgen?“, fragte er forschend.

Sie antwortete schnell, mit einem instinktiven Abwehrmechanismus:

„Oh, nein; nicht morgen!“

„Sie lieben mich nicht; Sie bereuen, dass Sie es versprochen haben.“

„Nein, ich bereue nicht, aber –“

Er flehte, er beschwor sie. Sie sah ihn einen Moment an, drehte den Kopf weg, zögerte und sagte mit leiser Stimme:

„Samstag.“

KAPITEL XVII. MISS BELL STELLT EINE FRAGE

Nach dem Abendessen zeichnete Miss Bell im Salon. Sie entwarf auf Leinwand Profile bärtiger Etrusker für ein Kissen, das Madame Marmet sticken sollte. Prinz Albertinelli wählte die Wolle mit einer fast weiblichen Kenntnis der Schattierungen aus. Es war spät, als Choulette, der wie üblich beim Caterer Briscola mit dem Koch gespielt hatte, so freudig erschien, als besäße er den Geist eines Gottes. Er nahm auf einem Sofa neben Madame Martin Platz und sah sie zärtlich an. Wollust leuchtete aus seinen grünen Augen. Er umhüllte sie, während er mit ihr sprach, mit poetischen und malerischen Phrasen. Es war wie der Entwurf eines Liebesliedes, das er für sie improvisierte. In seltsam verschlungenen Sätzen erzählte er ihr von dem Charme, den sie ausstrahlte.

„Er auch!“, sagte sie bei sich.

Sie amüsierte sich damit, ihn zu necken. Sie fragte, ob er nicht in Florenz, in den Armenvierteln, eine jener Frauen gefunden habe, die er gerne aufsuchte. Seine Vorlieben waren bekannt. Er konnte es leugnen, so sehr er wollte: Niemand wusste nicht, vor welcher Tür er das Kordel seines Dritten Ordens gefunden hatte. Seine Freunde hatten ihn auf dem Boulevard getroffen. Sein Geschmack für unglückliche Frauen war in seinen schönsten Gedichten offensichtlich.

„Oh, Monsieur Choulette, soweit ich beurteilen kann, mögen Sie sehr schlechte Frauen.“

Er antwortete feierlich:

„Madame, Sie mögen das Korn der Verleumdung sammeln, das von Monsieur Paul Vence gesät wurde, und es mir handvollweise zuwerfen. Ich werde nicht versuchen, dem auszuweichen. Es ist nicht notwendig, dass Sie wissen, dass ich keusch bin und mein Geist rein ist. Aber urteilen Sie nicht leichtfertig über jene, die Sie unglücklich nennen und die Ihnen heilig sein sollten, da sie unglücklich sind. Das verschmähte und verlorene Mädchen ist der fügsame Ton unter dem Finger des göttlichen Töpfers: Sie ist das Opfer und der Altar der Brandopferung. Die Unglücklichen sind Gott näher als die ehrbaren Frauen: Sie haben die Einbildung verloren. Sie brüsten sich nicht mit der unerprobten Tugend, auf die die Matrone stolz ist. Sie besitzen Demut, die der Grundstein der Gott wohlgefälligen Tugenden ist. Eine kurze Reue wird für sie ausreichen, um die Ersten im Himmel zu sein; denn ihre Sünden, ohne Bosheit und ohne Freude, enthalten ihre eigene Vergebung. Ihre Fehler, die Schmerzen sind, haben Anteil an den Verdiensten, die mit dem Schmerz verbunden sind; Sklaven der brutalen Leidenschaft, sind sie jeder Wollust beraubt, und darin sind sie wie die Menschen, die Enthaltsamkeit für das Reich Gottes üben. Sie sind wie wir Schuldige; doch Scham fällt auf ihr Verbrechen wie ein Balsam, Leiden reinigt es wie Feuer. Das ist der Grund, warum Gott die erste Stimme hören wird, die sie zu ihm senden. Ein Thron ist für sie zur Rechten des Vaters bereitet. Im Reich Gottes werden die Königin und die Kaiserin glücklich sein, zu Füßen der Unglücklichen zu sitzen; denn Sie dürfen nicht denken, dass das himmlische Haus nach einem menschlichen Plan erbaut ist. Weit gefehlt, Madame.“

Dennoch räumte er ein, dass mehr als ein Weg zur Erlösung führe. Man könne dem Pfad der Liebe folgen.

„Des Menschen Liebe ist irdisch“, sagte er, „aber sie erhebt sich durch schmerzhafte Stufen und führt schließlich zu Gott.“

Der Prinz war aufgestanden. Er küsste Miss Bells Hand und sagte:

„Samstag.“

„Ja, übermorgen, Samstag“, antwortete Vivian.

Therese zuckte zusammen. Samstag! Sie sprachen ruhig von Samstag, wie von einem gewöhnlichen Tag. Bis dahin hatte sie nicht daran denken wollen, dass der Samstag so bald oder so natürlich kommen würde.

Die Gäste waren seit einer halben Stunde weg. Therese, müde, lag in ihrem Bett und dachte nach, als sie ein Klopfen an ihrer Zimmertür hörte. Das Paneel öffnete sich, und Vivians kleiner Kopf erschien.

„Störe ich nicht, Liebling? Du bist nicht schläfrig?“

Nein, Therese hatte kein Verlangen zu schlafen. Sie stützte sich auf den Ellbogen. Vivian saß auf dem Bett, so leicht, dass sie keinen Eindruck darauf hinterließ.

„Liebling, ich bin sicher, du hast sehr viel Verstand. Oh, ich bin mir sicher. Du bist vernünftig auf die gleiche Art, wie Monsieur Sadler ein Violinist ist. Er spielt ein wenig unsauber, wenn er es will. Und du auch, wenn du nicht ganz logisch bist, dann ist es zu deinem eigenen Vergnügen. Oh, Liebling, du hast sehr viel Verstand und Urteilsvermögen, und ich komme, um dich um Rat zu fragen.“

Erstaunt und ein wenig beunruhigt leugnete Therese, dass sie logisch sei. Sie leugnete dies sehr aufrichtig. Doch Vivian wollte ihr nicht zuhören.

„Ich habe viel Francois Rabelais gelesen, meine Liebe. Es ist bei Rabelais und bei Villon, dass ich Französisch gelernt habe. Es sind gute alte Meister der Sprache. Aber, Liebling, kennst du den ‚Pantagruel‘? ‚Pantagruel‘ ist wie eine schöne und edle Stadt, voller Paläste, im strahlenden Morgengrauen, bevor die Straßenkehrer von Paris gekommen sind. Die Kehrer haben den Schmutz nicht hinausgebracht, und die Dienstmädchen haben die Marmorstufen nicht gewaschen. Und ich habe gesehen, dass französische Frauen den ‚Pantagruel‘ nicht lesen. Du kennst ihn nicht? Nun, es ist nicht notwendig. Im ‚Pantagruel‘ fragt Panurge, ob er heiraten soll, und er macht sich lächerlich, meine Liebe. Nun, ich bin genauso lächerlich wie er, da ich dir dieselbe Frage stelle.“

Therese antwortete mit einer Unbehaglichkeit, die sie nicht zu verbergen versuchte:

„Was das angeht, meine Liebe, frage mich nicht. Ich habe dir meine Meinung bereits gesagt.“

„Aber, Liebling, du hast gesagt, dass nur Männer unrecht daran tun, zu heiraten. Ich kann diesen Rat für mich selbst nicht annehmen.“

Madame Martin betrachtete das kleine jungenhafte Gesicht und den Kopf von Miss Bell, die auf seltsame Weise Zärtlichkeit und Bescheidenheit ausdrückten.

Dann umarmte sie sie und sagte:

„Liebes, es gibt keinen Mann auf der Welt, der exquisit und feinfühlig genug für dich wäre.“

Sie fügte mit einem Ausdruck von liebevollem Ernst hinzu:

„Du bist kein Kind. Wenn dich jemand liebt und du ihn liebst, tue, was du für richtig hältst, ohne Interessen und Kombinationen zu vermischen, die nichts mit Gefühl zu tun haben. Das ist der Rat einer Freundin.“

Miss Bell zögerte einen Moment. Dann errötete sie und stand auf. Sie war ein wenig schockiert gewesen.

KAPITEL XVIII. „ICH KÜSSE IHRE FÜSSE, WEIL SIE GEKOMMEN SIND!“

Am Samstag um vier Uhr ging Therese, wie sie versprochen hatte, zum Tor des englischen Friedhofs. Dort fand sie Dechartre. Er war ernst und aufgeregt; er sprach wenig. Sie war froh, dass er seine Freude nicht zur Schau stellte. Er führte sie an den verlassenen Mauern der Gärten entlang zu einer engen Straße, die sie nicht kannte. Sie las auf einem Schild: Via Alfieri. Nachdem sie fünfzig Schritte gegangen waren, hielt er vor einer düsteren Gasse an:

„Es ist da drin“, sagte er.

Sie sah ihn mit unendlicher Traurigkeit an.

„Sie möchten, dass ich hineingehe?“

Sie sah, dass er entschlossen war, und folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, in den feuchten Schatten der Gasse. Er durchquerte einen Innenhof, in dem das Gras zwischen den Steinen wuchs. Im Hintergrund war ein Pavillon mit drei Fenstern, mit Säulen und einem Giebel, der mit Ziegen und Nymphen verziert war. Auf den moosbedeckten Stufen drehte er in dem Schloss einen Schlüssel, der knarrte und Widerstand leistete. Er murmelte:

„Er ist verrostet.“

Sie antwortete ohne nachzudenken: „Alle Schlüssel sind rostig in diesem Land.“

Sie stiegen eine Treppe hinauf, die so still war, dass sie den Klang von Schritten vergessen zu haben schien. Er stieß eine Tür auf und ließ Therese in das Zimmer eintreten. Sie ging direkt zu einem Fenster, das sich zum Friedhof hin öffnete. Über der Mauer erhoben sich die Wipfel von Pinien, die in diesem Land nicht todbringend sind, wo Trauer sich mit Freude vermischt, ohne sie zu stören, wo die Süße des Lebens bis zur Stadt der Toten reicht. Er nahm ihre Hand und führte sie zu einem Sessel. Er blieb stehen und betrachtete den Raum, den er vorbereitet hatte, damit sie sich nicht darin verloren fühlte. Paneele aus altem Druckstoff mit Komödienfiguren verliehen den Wänden die Traurigkeit vergangener Fröhlichkeit. Er hatte in eine Ecke ein blasses Pastell gestellt, das sie gemeinsam bei einem Antiquar gesehen hatten und das sie wegen seiner schattenhaften Anmut den Schatten der Rosalba nannte. Da war ein Großmuttersessel; weiße Stühle; und auf dem Tisch bemalte Tassen und venezianische Gläser. In allen Ecken waren Paravents aus farbigem Papier, auf denen Masken waren, groteske Figuren, die leichte Seele von Florenz, von Bologna und von Venedig zur Zeit der Großherzöge und der letzten Dogen. Ein Spiegel und ein Teppich vervollständigten die Einrichtung.

Er schloss das Fenster und zündete das Feuer an. Sie saß in dem Sessel, und da sie aufrecht darin sitzen blieb, kniete er vor ihr, nahm ihre Hände, küsste sie und sah sie mit einem staunenden Ausdruck an, furchtsam und stolz. Dann drückte er seine Lippen auf die Spitze ihres Stiefels.

„Was tun Sie da?“

„Ich küsse Ihre Füße, weil sie gekommen sind.“

Er stand auf, zog sie sanft an sich und drückte einen langen Kuss auf ihre Lippen. Sie blieb reglos, den Kopf zurückgeworfen, die Augen geschlossen. Ihre Haube fiel, ihr Haar löste sich auf ihre Schultern.

Zwei Stunden später, als die untergehende Sonne die Schatten auf den Steinen unermesslich länger machte, fand sich Therese, die alleine in der Stadt hatte spazieren wollen, vor den beiden Obelisken von Santa Maria Novella wieder, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt war. Sie sah an der Ecke des Platzes den alten Schuster, der mit seiner ewigen Geste seinen Faden zog. Er lächelte und trug seinen Spatz auf der Schulter.

Sie ging in den Laden und setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte auf Französisch:

„Quentin Matsys, mein Freund, was habe ich getan, und was wird aus mir werden?“

Er sah sie ruhig an, mit lachender Güte, ohne zu verstehen oder sich darum zu sorgen. Nichts erstaunte ihn. Sie schüttelte den Kopf.

„Was ich tat, mein guter Quentin, tat ich, weil er litt und weil ich ihn liebte. Ich bereue nichts.“

Er antwortete, wie es seine Gewohnheit war, mit der wohlklingenden Silbe Italiens:

„Si! si!“

„Ist es nicht so, Quentin? Habe ich nicht recht gehandelt? Aber, mein Gott! Was wird nun geschehen?“

Sie machte sich bereit zu gehen. Er ließ sie verstehen, dass er wünschte, sie solle warten. Er zupfte sorgfältig ein wenig Basilikum ab und bot es ihr an.

„Für den Duft, Signora!“

KAPITEL XIX. CHOULETTE MACHT EINE REISE

Es war am nächsten Tag.

Nachdem er sorgfältig seinen knotigen Stock, seine Pfeife und seine antike Teppichtasche auf den Salontisch gelegt hatte, verbeugte sich Choulette vor Madame Martin, die am Fenster las. Er wollte nach Assisi. Er trug einen Schaffellmantel und glich den alten Hirten auf Bildern der Geburt Christi.

„Lebt wohl, Madame. Ich verlasse Fiesole, Euch, Dechartre, den allzu schönen Prinzen Albertinelli und jene sanfte Menschenfresserin, Miss Bell. Ich gehe, um den Berg von Assisi zu besuchen, der, wie der Dichter sagt, nicht mehr Assisi heißen darf, sondern der Orient, denn dort ist die Sonne der Liebe aufgegangen. Ich werde vor der glücklichen Krypta niederknien, wo der heilige Franziskus in einer steinernen Krippe ruht, mit einem Stein als Kopfkissen. Denn er wollte nicht einmal ein Leichentuch aus dieser Welt mitnehmen – aus dieser Welt, in der er die Offenbarung aller Freude und aller Güte hinterließ.“

„Lebt wohl, Monsieur Choulette. Bringen Sie mir eine Medaille der heiligen Klara mit. Ich mag die heilige Klara sehr.“

„Sie haben recht, Madame; sie war eine Frau von Stärke und Klugheit. Als der heilige Franziskus, krank und fast blind, kam, um einige Tage bei seiner Freundin in San Damiano zu verbringen, baute sie eigenhändig eine Hütte für ihn im Garten. Schmerz, Mattigkeit und brennende Augenlider raubten ihm den Schlaf. Riesige Ratten kamen, um ihn in der Nacht anzugreifen. Da verfasste er einen freudigen Lobgesang auf unseren strahlenden Bruder Sonne und unsere Schwester Wasser, keusch, nützlich und rein. Meine schönsten Verse besitzen weniger Charme und Glanz. Und es ist recht, dass es so ist, denn die Seele des heiligen Franziskus war schöner als sein Geist. Ich bin besser als alle meine Zeitgenossen, die ich gekannt habe, und doch bin ich nichts wert. Als der heilige Franziskus seinen Sonnengesang vollendet hatte, freute er sich. Er dachte: ‚Wir werden gehen, meine Brüder und ich, in die Städte, und wir werden auf den Marktplätzen stehen, mit einer Laute, am Markttag. Die guten Leute werden sich uns nähern, und wir werden zu ihnen sagen: „Wir sind die Gaukler Gottes, und wir wollen ein Lied für euch singen. Wenn es euch gefällt, werdet ihr uns belohnen.“‘ Sie werden es versprechen, und wenn wir gesungen haben, werden wir sie an ihr Versprechen erinnern. Wir werden zu ihnen sagen: ‚Ihr schuldet uns eine Belohnung. Und die, die wir von euch erbitten, ist, dass ihr einander liebt.‘ Zweifellos werden sie, um ihr Wort zu halten und Gottes armen Gauklern nicht zu schaden, es vermeiden, anderen Böses zu tun.“

Madame Martin dachte, der heilige Franziskus sei der liebenswürdigste der Heiligen.

„Sein Werk“, antwortete Choulette, „wurde zerstört, noch zu seinen Lebzeiten. Doch er starb glücklich, weil in ihm die Freude mit der Demut vereint war. Er war in der Tat der süße Sänger Gottes. Und es ist recht, dass ein anderer armer Dichter seine Aufgabe übernimmt und die Welt wahre Religion und wahre Freude lehrt. Ich werde dieser Dichter sein, Madame, wenn ich mich von Vernunft und Eitelkeit entblößen kann. Denn alle moralische Schönheit wird in dieser Welt durch die unbegreifliche Weisheit erreicht, die von Gott kommt und der Torheit gleicht.“

„Ich werde Sie nicht entmutigen, Monsieur Choulette. Aber ich mache mir Sorgen um das Schicksal, das Sie den armen Frauen in Ihrer neuen Gesellschaft vorbehalten. Sie werden sie alle in Klöster sperren.“

„Ich gestehe“, antwortete Choulette, „dass sie mich bei meinem Reformprojekt sehr in Verlegenheit bringen. Die Heftigkeit, mit der man sie liebt, ist hart und schädlich. Das Vergnügen, das sie gewähren, ist nicht friedlich und führt nicht zur Freude. Ich habe für sie in meinem Leben zwei oder drei abscheuliche Verbrechen begangen, von denen niemand weiß. Ich bezweifle, dass ich Sie jemals zu einem Abendessen einladen werde, Madame, im neuen Santa Maria degli Angeli.“ Er nahm seine Pfeife, seine Teppichtasche und seinen Stock:

„Die Verbrechen der Liebe werden vergeben. Oder vielmehr: Man kann kein Böses tun, wenn man rein liebt. Aber die sinnliche Liebe ist ebenso aus Hass, Selbstsucht und Zorn geformt wie aus Leidenschaft. Weil ich Sie eines Nachts auf diesem Sofa schön fand, wurde ich von einer Wolke heftiger Gedanken überfallen. Ich kam aus dem Albergo, wo ich Miss Bells Koch zwölfhundert Verse über den Frühling prachtvoll improvisieren gehört hatte. Ich war von einer himmlischen Freude überschwemmt, die mich der Anblick von Ihnen verlieren ließ. Es muss sein, dass eine tiefe Wahrheit im Fluch der Eva beschlossen liegt. Denn in Ihrer Nähe fühlte ich mich leichtfertig und bösartig. Ich hatte sanfte Worte auf den Lippen. Es waren Lügen. Ich spürte, dass ich Ihr Widersacher und Ihr Feind war; ich hasste Sie. Als ich Sie lächeln sah, verspürte ich den Wunsch, Sie zu töten.“

„Wirklich?“

„Oh, Madame, es ist ein sehr natürliches Gefühl, das Sie mehr als einmal geweckt haben müssen. Aber die gewöhnlichen Menschen empfinden es, ohne sich dessen bewusst zu sein, während meine lebhafte Phantasie mir mein Selbst unaufhörlich vor Augen führt. Ich betrachte meinen Geist, zuweilen herrlich, oft abscheulich. Wenn Sie jene Nacht meinen Geist hätten lesen können, hätten Sie vor Schreck geschrien.“

Thérèse lächelte:

„Lebt wohl, Monsieur Choulette. Vergessen Sie meine Medaille der heiligen Klara nicht.“

Er stellte seine Tasche auf den Boden, hob den Arm und zeigte mit dem Finger:

„Sie haben nichts von mir zu befürchten. Aber derjenige, den Sie lieben werden und der Sie lieben wird, wird Ihnen schaden. Lebt wohl, Madame.“

Er nahm sein Gepäck und ging hinaus. Sie sah, wie seine lange, bäuerliche Gestalt hinter den Büschen des Gartens verschwand.

Am Nachmittag ging sie zu San Marco, wo Dechartre auf sie wartete. Sie wünschte ihn so bald wiederzusehen, doch sie fürchtete es auch. Sie fühlte eine Beklemmung, die ein unbekanntes, zutiefst sanftes Gefühl besänftigte. Sie empfand nicht die Betäubung des ersten Mals, als sie sich der Liebe hingegeben hatte; sie empfand nicht die jähe Vision des Irreparablen. Sie stand unter Einflüssen, die langsamer, vager und mächtiger waren. Diesmal badete eine bezaubernde Träumerei in der Erinnerung an die Liebkosungen, die sie empfangen hatte. Sie war voller Unruhe und Angst, doch sie empfand kein Bedauern. Sie hatte weniger aus eigenem Willen gehandelt als durch eine Kraft, die sie als höher erahnte. Sie sprach sich frei aufgrund ihrer Uneigennützigkeit. Sie rechnete mit nichts, da sie nichts berechnet hatte.

Zweifellos hatte sie unrecht gehandelt, als sie nachgab, da sie nicht frei war; doch sie hatte nichts gefordert. Vielleicht war sie für ihn nur eine heftige Laune. Sie kannte ihn nicht. Sie besaß nicht jene lebhafte Phantasie, die im Guten wie im Bösen die gewöhnliche Mittelmäßigkeit bei weitem übertrifft. Wenn er sie verließe und verschwände, würde sie ihm keine Vorwürfe machen; zumindest glaubte sie das nicht. Sie würde die Erinnerung und den Eindruck dessen bewahren, was man am seltensten und Kostbarsten auf der Welt finden kann. Vielleicht war er zu einer wirklichen Bindung unfähig. Er glaubte, sie zu lieben. Er hatte sie eine Stunde lang geliebt. Sie wagte nicht, sich mehr zu wünschen, in der Verlegenheit der falschen Situation, die ihre Offenheit und ihren Stolz reizte und die Klarheit ihres Verstandes trübte. Während die Kutsche sie nach San Marco trug, redete sie sich ein, er werde ihr nichts vom Vortag sagen und das Zimmer, von dem aus man die Pinien zum Himmel aufsteigen sehen konnte, werde ihnen nur den Traum eines Traums hinterlassen.

Er reichte ihr die Hand. Bevor er sprach, sah sie in seinem Blick, dass er sie jetzt genauso sehr liebte wie zuvor, und sie spürte gleichzeitig, dass sie wollte, dass er so sei.

„Sie –“, sagte er, „ich bin seit Mittag hier. Ich habe gewartet, im Wissen, dass Sie nicht so bald kommen würden, aber unfähig, an einem anderen Ort zu leben als dort, wo ich Sie sehen würde. Sie sind es! Sprechen Sie; lassen Sie mich Sie sehen und hören.“

„Sie lieben mich also immer noch?“

„Jetzt liebe ich Sie. Ich dachte, ich liebte Sie, als Sie nur ein Phantom waren. Jetzt sind Sie das Wesen, in dessen Hände ich meine Seele gelegt habe. Es ist wahr, dass Sie mein sind! Was habe ich getan, um das größte, das einzige Gut dieser Welt zu erlangen? Und jene Menschen, mit denen die Erde bedeckt ist, glauben, sie würden leben! Ich allein lebe! Sagen Sie mir, was habe ich getan, um Sie zu erlangen?“

„Oh, was getan werden musste, habe ich getan. Ich sage Ihnen das offen. Wenn wir an diesen Punkt gelangt sind, ist es meine Schuld. Wissen Sie, Frauen gestehen es nicht immer, aber es ist immer ihre Schuld. Also, was auch immer geschehen mag, ich werde Ihnen niemals einen Vorwurf machen.“

Eine flinke Schar schreiender Bettler, Führer und Kutscher umringte sie mit einer Zudringlichkeit, in der sich die Anmut mischte, die die Italiener niemals verlieren. Ihre Feinheit ließ sie ahnen, dass dies Liebende waren, und sie wussten, dass Liebende freigebig sind. Dechartre warf ihnen Münzen zu, und sie alle kehrten in ihre glückliche Faulheit zurück.

Ein städtischer Wächter empfing die Besucher. Madame Martin bedauerte, dass kein Mönch da war. Die weiße Kutte der Dominikaner war so schön unter den Arkaden des Klosters!

Sie besuchten die Zellen, wo Fra Angelico, unterstützt von seinem Bruder Benedetto, auf dem nackten Putz unschuldige Bilder für seine Gefährten malte.

„Erinnern Sie sich an die Winternacht, als ich Sie nach einer Begegnung vor dem Musée Guimet bis zu der engen Gasse mit den kleinen Gärten begleitete, die zum Quai de Billy führt? Bevor wir uns trennten, hielten wir einen Augenblick an der Brüstung, an der eine schmale Buchsbaumhecke entlangläuft. Sie betrachteten diesen vom Winter ausgetrockneten Buchsbaum. Und als Sie gingen, betrachtete ich ihn lange.“

Sie waren in der Zelle, in der Savonarola gelebt hatte. Der Führer zeigte ihnen das Porträt und die Reliquien des Märtyrers.

„Was mag damals an mir gewesen sein, das Ihnen gefiel? Es war dunkel.“

„Ich sah Sie gehen. In den Bewegungen sprechen die Formen. Jeder Ihrer Schritte verriet mir die Geheimnisse Ihrer bezaubernden Schönheit. Oh! Meine Phantasie war niemals diskret, was Sie betraf. Ich wagte nicht, Sie anzusprechen. Als ich Sie sah, erschreckte es mich. Es erschreckte mich, weil Sie alles für mich bedeuten konnten. Wenn Sie zugegen waren, verehrte ich Sie zitternd. Wenn Sie fern von mir waren, spürte ich alle Gottlosigkeiten des Verlangens.“

„Das habe ich nicht geahnt. Aber erinnern Sie sich an das erste Mal, als wir uns sahen, als Paul Vence Sie vorstellte? Sie saßen in der Nähe eines Paravents. Sie betrachteten die Miniaturen. Sie sagten zu mir: ‚Diese Dame, von Siccardi gemalt, ähnelt der Mutter von André Chénier.‘ Ich antwortete Ihnen: ‚Sie ist die Urgroßmutter meines Mannes. Wie sah André Chéniers Mutter aus?‘ Und Sie sagten: ‚Es gibt ein Porträt von ihr: eine verblasste Levantinerin.‘“

Er entschuldigte sich und dachte, er hätte sich nicht so unverschämt geäußert.

„Haben Sie aber. Mein Gedächtnis ist besser als Ihres.“

Sie gingen in der weißen Stille des Klosters. Sie sahen die Zelle, die Angelico mit der lieblichsten Malerei geschmückt hatte. Und dort, vor der Jungfrau, die am blassen Himmel von Gottvater die unsterbliche Krone empfängt, nahm er Thérèse in seine Arme und drückte einen Kuss auf ihre Lippen, fast vor den Augen zweier Engländerinnen, die durch die Korridore gingen und ihren Baedeker zu Rate zogen. Sie sagte zu ihm:

„Wir dürfen die Zelle des heiligen Antonius nicht vergessen.“

„Thérèse, ich leide in meinem Glück unter allem, was Ihr ist und was mir entgeht. Ich leide, weil Sie nicht für mich allein leben. Ich möchte Sie ganz besitzen und Sie in der Vergangenheit besessen haben.“

Sie zuckte ein wenig mit den Schultern.

„Oh, die Vergangenheit!“

„Die Vergangenheit ist die einzige menschliche Realität. Alles, was ist, ist vergangen.“

Sie hob ihre Augen zu ihm, die Stücken blauen Himmels glichen, erfüllt von einer Mischung aus Sonne und Regen.

„Nun, das kann ich Ihnen sagen: Ich habe nie das Gefühl gehabt, gelebt zu haben, außer mit Ihnen.“

Als sie nach Fiesole zurückkehrte, fand sie einen kurzen und drohenden Brief von Le Menil. Er konnte ihre lange Abwesenheit, ihr Schweigen nicht verstehen. Wenn sie nicht sofort ihre Rückkehr ankündigte, würde er ihretwegen nach Florenz kommen.

Sie las ohne Erstaunen, war aber verärgert, zu sehen, dass alles Unangenehme, das geschehen konnte, geschah und ihr nichts von dem erspart blieb, was sie gefürchtet hatte. Sie konnte ihn noch beruhigen und versichern: Sie musste ihm nur sagen, dass sie ihn liebte; dass sie bald nach Paris zurückkehren würde; dass er den törichten Gedanken aufgeben solle, sie hier wiederzutreffen; dass Florenz ein Dorf sei, in dem man sofort beobachtet würde. Aber sie müsste schreiben: „Ich liebe dich.“ Sie musste ihn mit schmeichelnden Phrasen beruhigen.

Sie hatte nicht den Mut dazu. Sie würde ihn die Wahrheit erraten lassen. Sie klagte sich in verschleierten Worten an. Sie schrieb dunkel von Seelen, die von der Flut des Lebens fortgerissen werden, und von dem Atom, das man auf dem bewegten Ozean der Ereignisse ist. Sie bat ihn mit liebevoller Traurigkeit, eine zärtliche Erinnerung an sie in einem Winkel seiner Seele zu bewahren.

Sie brachte den Brief zum Postkasten auf dem Marktplatz von Fiesole. Kinder spielten in der Dämmerung. Sie blickte vom Gipfel des Hügels auf den schönen Kelch, der das schöne Florenz wie ein Juwel trug. Und der Friede der Nacht ließ sie frösteln. Sie warf den Brief in den Kasten. Erst dann hatte sie die klare Vision dessen, was sie getan hatte und was das Ergebnis sein würde.

KAPITEL XX. WAS IST OFFENHEIT?

Auf dem Platz, wo die Frühlingssonne ihre gelben Rosen verstreute, zerstreuten die Glocken mittags die bäuerliche Menge der Getreidehändler, die sich versammelt hatten, um ihre Waren zu verkaufen. Am Fuße der Loggia dei Lanzi, vor den Statuen, hatten die Eisverkäufer auf Tischen, die mit rotem Kattun bedeckt waren, kleine Schlösser mit der Aufschrift „Bibite ghiacciate“ aufgestellt. Und die Freude stieg vom Himmel auf die Erde herab. Thérèse und Jacques, die von einem frühen Spaziergang in den Boboli-Gärten zurückkehrten, gingen an der berühmten Loggia vorbei. Thérèse betrachtete die Sabinerin von Giovanni da Bologna mit der interessierten Neugier einer Frau, die eine andere Frau prüft. Doch Dechartre betrachtete nur Thérèse. Er sagte zu ihr:

„Es ist wunderbar, wie das helle Tageslicht Ihre Schönheit schmeichelt, Sie liebt und das Perlmutt auf Ihren Wangen liebkost.“

„Ja“, sagte sie. „Kerzenlicht macht meine Züge hart. Ich habe das beobachtet. Ich bin leider keine Frau für den Abend. Nachts haben Frauen die Chance, sich zu zeigen und zu gefallen. Nachts hat Prinzessin Seniavine einen schönen blonden Teint; in der Sonne ist sie gelb wie eine Zitrone. Man muss zugeben, dass es ihr egal ist. Sie ist keine Kokette.“

„Und Sie sind es?“

„Oh ja. Früher war ich eine Kokette für mich selbst, jetzt bin ich eine Kokette für Sie.“

Sie blickte auf die Sabinerin, die mit ihren winkenden Armen, lang und kräftig, versuchte, den Umarmungen des Römers zu entgehen.

„Muss eine Frau, um schön zu sein, diese schlanke Form und diese Gliedmaßenlänge haben? Ich bin nicht so gebaut.“

Er gab sich Mühe, sie zu beruhigen. Aber sie war nicht beunruhigt darüber. Sie betrachtete nun das kleine Schloss des Eisverkäufers. Ein plötzlicher Wunsch war in ihr entstanden, dort im Stehen ein Eis zu essen, wie es die Arbeiterinnen der Stadt taten.

„Warten Sie einen Augenblick“, sagte Dechartre.

Er lief zu der Straße, die an der linken Seite der Loggia entlangführt, und verschwand.

Nach einem Augenblick kam er zurück und gab ihr einen kleinen goldenen Löffel, dessen Griff in einer Lilie von Florenz endete, deren Kelch rot emailliert war.

„Sie müssen Ihr Eis damit essen. Der Mann gibt keinen Löffel zu seinem Eis. Sie hätten Ihre Zunge herausstrecken müssen. Es wäre hübsch gewesen, aber Sie sind nicht daran gewöhnt.“

Sie erkannte den Löffel, ein Schmuckstück, das sie am Vortag in der Vitrine eines Antiquars bemerkt hatte.

Sie waren glücklich; sie verbreiteten ihre Freude, die voll und einfach war, in leichten Worten, die keinen Sinn ergaben. Und sie lachten, wenn der Florentiner ihnen Passagen der alten italienischen Schriftsteller vortrug. Sie genoss das Spiel seines Gesichts, das im antiken Stil war und einen jovialen Ausdruck hatte. Aber sie verstand nicht immer, was er sagte. Sie fragte Jacques:

„Was hat er gesagt?“

„Wollen Sie es wirklich wissen?“

Ja, sie wollte es wissen.

„Nun, er sagte, er wäre glücklich, wenn die Flöhe in seinem Bett wie Sie geformt wären!“

Als sie das Eis gegessen hatte, bat er sie, nach San Michele zurückzukehren. Es war so nah! Sie würden den Platz überqueren und sofort das Meisterwerk in Stein entdecken. Sie gingen. Sie betrachteten den heiligen Georg und den heiligen Markus aus Bronze. Dechartre sah an der Mauer wieder den Briefkasten, und er erinnerte sich mit schmerzhafter Genauigkeit an die kleine behandschuhte Hand, die den Brief eingeworfen hatte. Er fand es abscheulich, diesen kupfernen Mund, der Thérèses Geheimnis verschluckt hatte. Er konnte die Augen nicht davon abwenden. All seine Fröhlichkeit war verflogen. Sie bewunderte die rohe Statue des Evangelisten.

„Es ist wahr, dass er ehrlich und offen aussieht, und es scheint, als kämen, wenn er spräche, nur Worte der Wahrheit aus seinem Mund.“

Er antwortete bitter:

„Es ist nicht der Mund einer Frau.“

Sie verstand seinen Gedanken und sagte in ihrem sanften Ton:

„Mein Freund, warum sagen Sie mir das? Ich bin offen.“

„Was nennen Sie offen? Sie wissen, dass eine Frau gezwungen ist zu lügen.“

Sie zögerte. Dann sagte sie:

„Eine Frau ist offen, wenn sie nicht nutzlos lügt.“

KAPITEL XXI. „ICH HABE NIEMALS JEMANDEN GELIEBT AUSSER DIR!“

Thérèse war in ein dunkles Grau gekleidet. Die Büsche am Rande der Terrasse waren mit silbernen Sternen bedeckt, und an den Hängen warfen die Lorbeerbäume ihre duftende Flamme. Der Kelch von Florenz stand in Blüte.

Vivian Bell ging, in Weiß gekleidet, durch den duftenden Garten.

„Sehen Sie, Liebling, Florenz ist wahrlich die Stadt der Blumen, und es ist nicht unpassend, dass sie eine rote Lilie als Emblem hat. Es ist ein Fest heute, Liebling.“

„Ein Fest, heute?“

„Liebling, wissen Sie nicht, dass heute der erste Mai ist? Sind Sie heute Morgen nicht in einem bezaubernden Feenspektakel erwacht? Feiern Sie nicht das Blumenfest? Fühlen Sie sich nicht freudig, Sie, die Sie Blumen lieben? Denn Sie lieben sie, meine Liebe, ich weiß es: Sie sind sehr gut zu ihnen. Sie sagten mir, dass sie Freude und Schmerz empfinden; dass sie so leiden wie wir.“

„Ah! Ich habe gesagt, dass sie so leiden wie wir?“

„Ja, das haben Sie gesagt. Es ist ihr Fest heute. Wir müssen es mit den Riten feiern, die von alten Malern geheiligt wurden.“

Thérèse hörte zu, ohne zu verstehen. Sie zerknüllte unter ihrem Handschuh einen Brief, den sie gerade erhalten hatte, der die italienische Briefmarke trug und nur diese zwei Zeilen enthielt:

„Ich wohne im Hotel Great Britain, Lungarno Acciaoli. Ich erwarte Sie morgen früh. Nr. 18.“

„Liebling, wissen Sie nicht, dass es der Brauch von Florenz ist, jedes Jahr am ersten Mai den Frühling zu feiern? Dann haben Sie also die Bedeutung von Botticellis Bild, das dem Blumenfest geweiht ist, nicht verstanden. Früher, Liebling, gab sich die ganze Stadt am ersten Mai der Freude hin. Junge Mädchen, gekrönt mit Heckenrosen und anderen Blumen, bildeten einen langen Zug durch den Corso, unter Bögen hindurch, und sangen Chöre auf dem frischen Gras. Wir werden es so machen wie sie. Wir werden im Garten tanzen.“

„Ah, wir werden im Garten tanzen?“

„Ja, Liebling; und ich werde Ihnen toskanische Schritte aus dem fünfzehnten Jahrhundert beibringen, die in einem Manuskript von Mr. Morrison gefunden wurden, dem ältesten Bibliothekar in London. Kommen Sie bald wieder, meine Liebe; wir werden Blumenhüte aufsetzen und tanzen.“

„Ja, Liebling, wir werden tanzen“, sagte Thérèse.

Und das Tor öffnend, rannte sie durch den kleinen Pfad, der seine Steine unter Rosenbüschen verbarg. Sie warf sich in die erste Kutsche, die sie fand. Der Kutscher trug Vergissmeinnicht an seinem Hut und am Griff seiner Peitsche:

„Hotel Great Britain, Lungarno Acciaoli.“

Sie wusste, wo das war, Lungarno Acciaoli. Sie war dort bei Sonnenuntergang gewesen und hatte die Strahlen der Sonne auf der bewegten Oberfläche des Flusses gesehen. Dann war die Nacht gekommen, das Murmeln der Wasser in der Stille, die Worte und die Blicke, die sie verwirrt hatten, der erste Kuss ihres Geliebten, der Beginn einer unvergleichlichen Liebe. Oh ja, sie erinnerte sich an Lungarno Acciaoli und das Flussufer jenseits der alten Brücke – Hotel Great Britain – sie wusste es: eine große Steinfassade am Kai. Es war ein Glück, da er kommen würde, dass er dorthin gegangen war. Er hätte ebenso gut ins Hotel de la Ville gehen können, wo Dechartre war. Es war ein Glück, dass sie nicht nebeneinander im selben Korridor waren. Lungarno Acciaoli! Der tote Körper, den sie hatten vorbeiziehen sehen, ruhte irgendwo in dem kleinen, blumigen Friedhof.

„Nummer 18.“

Es war ein karges Hotelzimmer, mit einem Ofen nach italienischer Art, einer Reihe von Bürsten auf dem Tisch und einem Fahrplan. Kein Buch, keine Zeitung. Er war dort; sie sah das Leid auf seinem knochigen Gesicht, einen Blick voll Fieber. Dies hinterließ bei ihr einen traurigen Eindruck. Er wartete einen Moment auf ein Wort, eine Geste; doch sie wagte nichts zu tun. Er bot ihr einen Stuhl an. Sie lehnte ab und blieb stehen.

„Thérèse, es ist etwas geschehen, von dem ich nichts weiß. Sprich.“

Nach einem Moment des Schweigens antwortete sie mit schmerzlicher Langsamkeit:

„Mein Freund, als ich in Paris war, warum bist du von mir gegangen?“

Durch die Traurigkeit ihres Akzents glaubte er, wollte er an den Ausdruck eines liebevollen Vorwurfs glauben. Sein Gesicht rötete sich. Er antwortete leidenschaftlich:

„Ach, hätte ich es vorhersehen können! Diese Jagdgesellschaft – ich machte mir nicht viel daraus, wie du dir denken kannst! Aber du – dein Brief, der vom siebenundzwanzigsten“ – er hatte ein Talent für Daten – „hat mich in eine schreckliche Angst versetzt. Es ist etwas geschehen. Sag mir alles.“

„Mein Freund, ich glaubte, du hättest aufgehört, mich zu lieben.“

„Aber jetzt, wo du das Gegenteil weißt?“

„Jetzt –“

Sie hielt inne, ihre Arme fielen herab und ihre Hände verschränkten sich.

Dann fuhr sie mit gespielter Ruhe fort:

„Nun, mein Freund, wir haben uns genommen, ohne es zu wissen. Man weiß es nie. Du bist jung; jünger als ich, da wir im gleichen Alter sind. Du hast zweifellos Pläne für die Zukunft.“

Er sah sie stolz an. Sie fuhr fort:

„Deine Familie, deine Mutter, deine Tanten, dein Onkel, der General, haben Pläne für dich. Das ist natürlich. Ich hätte zu einem Hindernis werden können. Es ist besser, dass ich aus deinem Leben verschwinde. Wir werden ein liebevolles Andenken aneinander bewahren.“

Sie reichte ihm ihre behandschuhte Hand. Er verschränkte die Arme:

„Also, du willst mich nicht? Du hast mich glücklich gemacht, wie kein anderer Mann es je war, und du glaubst jetzt, mich beiseite schieben zu können? Wahrlich, du scheinst zu glauben, du seist mit mir fertig. Was bist du gekommen, um mir zu sagen? Dass es eine Liaison war, die leicht zu beenden ist? Dass die Leute sich nehmen, sich verlassen – nun, nein! Du bist keine Person, die man leicht verlassen kann.“

„Ja“, sagte Thérèse, „du hattest mir vielleicht mehr von deinem Herzen gegeben, als man es gewöhnlich in solchen Fällen tut. Ich war mehr als ein Zeitvertreib für dich. Aber wenn ich nicht die Frau bin, für die du mich hieltest, wenn ich dich getäuscht habe, wenn ich leichtfertig bin – du weißt, die Leute haben das gesagt – nun, wenn ich dir nicht das gewesen bin, was ich hätte sein sollen –“

Sie zögerte und fuhr in einem mutigen Ton fort, der im Widerspruch zu dem stand, was sie sagte:

„Wenn ich, während ich dein war, in die Irre geführt wurde; wenn ich neugierig war; wenn ich dir sage, dass ich nicht für ernsthafte Gefühle geschaffen war –“

Er unterbrach sie:

„Du sagst nicht die Wahrheit.“

„Nein, ich sage nicht die Wahrheit. Und ich weiß nicht, wie man lügt. Ich wollte unsere Vergangenheit verderben. Ich hatte Unrecht. Es war – du weißt, was es war. Aber –“

„Aber?“

„Ich habe dir immer gesagt, dass ich meiner selbst nicht sicher bin. Es gibt Frauen, so sagt man, die ihrer selbst sicher sind. Ich habe dich gewarnt, dass ich nicht wie sie bin.“

Er schüttelte heftig den Kopf, wie ein gereiztes Tier.

„Was meinst du? Ich verstehe nicht. Ich verstehe nichts. Sprich klar. Da ist etwas zwischen uns. Ich weiß nicht was. Ich verlange zu wissen, was es ist. Was ist es?“

„Es ist die Tatsache, dass ich keine Frau bin, die ihrer selbst sicher ist, und dass du dich nicht auf mich verlassen solltest. Nein, du solltest dich nicht auf mich verlassen. Ich hatte nichts versprochen – und selbst wenn ich es versprochen hätte, was sind Worte?“

„Du liebst mich nicht. Oh, du liebst mich nicht mehr! Ich kann es sehen. Aber es ist umso schlimmer für dich! Ich liebe dich. Du hättest dich mir nicht hingeben sollen. Denke nicht, dass du dich zurücknehmen kannst. Ich liebe dich und ich werde dich behalten. Also hast du gedacht, du könntest dich ganz still und leise aus der Affäre ziehen? Hör einen Moment zu. Du hast alles getan, um mich dazu zu bringen, dich zu lieben, mich an dich zu binden, es mir unmöglich zu machen, ohne dich zu leben.

Vor sechs Wochen hast du dir nichts Besseres gewünscht. Du warst alles für mich, ich war alles für dich. Und nun begehrst du plötzlich, dass ich dich nicht mehr kenne; dass du für mich eine Fremde sein sollst, eine Dame, die man in der Gesellschaft trifft. Ah, du hast eine schöne Kühnheit! Habe ich geträumt? Ist die ganze Vergangenheit ein Traum? Habe ich mir das alles ausgedacht? Oh, daran kann es keinen Zweifel geben. Du hast mich geliebt. Ich fühle es noch. Nun, ich habe mich nicht verändert. Ich bin, was ich war; du hast keinen Grund, dich zu beklagen. Ich habe dich nicht für andere Frauen betrogen. Es ist kein Verdienst, das ich für mich in Anspruch nehme. Ich hätte es nicht tun können. Wenn man dich gekannt hat, findet man die schönsten Frauen fade. Ich hatte nie die Idee, dich zu betrügen. Ich habe mich dir gegenüber immer gut verhalten. Warum solltest du mich nicht lieben? Antworte! Sprich! Sag, dass du mich noch liebst. Sag es, da es wahr ist. Komm, Thérèse, du wirst sofort fühlen, dass du liebst, wie du mich früher in dem kleinen Nest geliebt hast, wo wir so glücklich waren. Komm!“

Er näherte sich ihr leidenschaftlich. Sie, die Augen voller Schrecken, stieß ihn mit einer Art Entsetzen zurück.

Er verstand, hielt inne und sagte:

„Du hast einen Liebhaber.“

Sie senkte den Kopf, hob ihn dann, ernst und stumm.

Dann machte er eine Geste, als wolle er sie schlagen, und wich sofort beschämt zurück. Er senkte die Augen und schwieg. Als er die Finger an seine Lippen führte und auf seinen Nägeln kaute, sah er, dass seine Hand von einer Nadel an ihrem Mieder gestochen worden war und blutete. Er warf sich in einen Sessel, zog sein Taschentuch hervor, um das Blut abzuwischen, und blieb teilnahmslos und ohne Gedanken.

Sie, mit dem Rücken zur Tür, das Gesicht ruhig und blass, den Blick vage, richtete ihren Hut mit instinktiver Sorgfalt. Bei dem Geräusch, das früher entzückend war, das das Rascheln ihrer Röcke machte, schreckte er auf, sah sie an und fragte wütend:

„Wer ist er? Ich werde es wissen.“

Sie bewegte sich nicht. Sie antwortete mit sanfter Entschlossenheit:

„Ich habe dir alles gesagt, was ich kann. Frage nicht weiter; es wäre nutzlos.“

Er sah sie mit einem grausamen Ausdruck an, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

„Oh, nenne mir seinen Namen nicht. Es wird für mich nicht schwer sein, ihn zu finden.“

Sie sagte kein Wort, betrübt für ihn, besorgt um einen anderen, voller Qual und Angst, und doch ohne Reue, ohne Bitterkeit, weil ihre wahre Seele anderswo war.

Er hatte eine vage Empfindung von dem, was in ihrem Geist vorging. In seinem Zorn, sie so süß und so gelassen zu sehen, sie schön zu finden, und schön für einen anderen, verspürte er den Wunsch, sie zu töten, und er schrie sie an:

„Geh!“

Dann, geschwächt von dieser Anstrengung des Hasses, die nicht natürlich für ihn war, vergrub er sein Gesicht in den Händen und schlief.

Sein Schmerz berührte sie, gab ihr die Hoffnung, ihn zu beruhigen. Sie dachte, sie könnte ihn vielleicht über ihren Verlust trösten. Freundschaftlich und bequem setzte sie sich neben ihn.

„Mein Freund, beschuldige mich. Ich bin schuld, aber mehr noch zu bemitleiden. Verachte mich, wenn du willst, wenn man eine unglückliche Kreatur verachten kann, die das Spielzeug des Lebens ist. Kurz, urteile über mich, wie du willst. Aber bewahre mir ein wenig Freundschaft in deinem Zorn, eine kleine bittersüße Erinnerung, etwas wie jene Tage im Herbst, an denen es Sonnenschein und starken Wind gibt. Das ist es, was ich verdiene. Sei nicht hart zu der angenehmen, aber leichtfertigen Besucherin, die durch dein Leben ging. Verabschiede dich von mir wie von einem Reisenden, der man weiß nicht wohin geht, und der traurig ist. Es gibt so viel Traurigkeit bei der Trennung! Du warst vorhin gereizt gegen mich. Oh, ich mache dir keinen Vorwurf daraus. Ich leide nur darunter. Reserviere ein wenig Mitgefühl für mich. Wer weiß? Die Zukunft ist immer unbekannt. Sie ist sehr grau und dunkel vor mir. Lass mich mir sagen, dass ich freundlich, einfach, offen zu dir war und dass du es nicht vergessen hast. Mit der Zeit wirst du verstehen, du wirst verzeihen; habe heute ein wenig Mitleid.“

Er hörte nicht auf ihre Worte. Er war einfach durch das Streicheln ihrer Stimme besänftigt, deren Ton limpid und klar war. Er rief aus:

„Du liebst ihn nicht. Ich bin derjenige, den du liebst. Also –“

Sie zögerte:

„Ach, zu sagen, wen man liebt oder nicht liebt, ist keine leichte Sache für eine Frau, oder zumindest für mich. Ich weiß nicht, wie andere Frauen es machen. Aber das Leben ist nicht gut zu mir. Ich werde durch die Umstände hin und her geworfen.“

Er sah sie ruhig an. Eine Idee kam ihm. Er hatte einen Entschluss gefasst; er verzieh, er vergaß, vorausgesetzt, sie kehrte sofort zu ihm zurück.

„Thérèse, du liebst ihn nicht. Es war ein Irrtum, ein Moment der Vergesslichkeit, eine schreckliche und dumme Sache, die du aus Schwäche, aus Überraschung, vielleicht aus Trotz getan hast. Schwöre mir, dass du ihn niemals wiedersehen wirst.“

Er nahm ihren Arm:

„Schwöre es mir!“

Sie sagte kein Wort, ihre Zähne waren zusammengebissen, ihr Gesicht war düster. Er riss ihr Handgelenk. Sie rief aus:

„Du tust mir weh!“

Dennoch folgte er seiner Idee; er führte sie zum Tisch, auf dem sich neben den Bürsten ein Tintenfass befand und mehrere Blätter Briefpapier, verziert mit einer großen blauen Vignette, die die Fassade des Hotels darstellte, mit unzähligen Fenstern.

„Schreibe, was ich dir diktieren werde. Ich werde jemanden rufen, der den Brief nimmt.“

Und als sie widerstand, ließ er sie auf die Knie fallen. Stolz und entschlossen sagte sie:

„Ich kann nicht, ich will nicht.“

„Warum?“

„Weil – willst du es wissen? – weil ich ihn liebe.“

Brüsk ließ er sie los. Wenn er seinen Revolver zur Hand gehabt hätte, hätte er sie vielleicht getötet. Aber fast sofort wurde sein Zorn durch Traurigkeit gedämpft; und nun, verzweifelt, war er derjenige, der sterben wollte.

„Ist das, was du sagst, wahr? Ist es möglich?“

„Woher soll ich das wissen? Kann ich es sagen? Verstehe ich es? Habe ich eine Idee, ein Gefühl für irgendetwas?“

Mit einer Anstrengung fügte sie hinzu:

„Bin ich mir in diesem Moment irgendetwas bewusst außer meiner Traurigkeit und deiner Verzweiflung?“

„Du liebst ihn, du liebst ihn! Was ist er, wer ist er, dass du ihn lieben solltest?“

Seine Überraschung machte ihn dumm; er befand sich in einem Abgrund des Erstaunens. Aber was sie gesagt hatte, trennte sie. Er wagte nicht, sich zu beklagen. Er wiederholte nur:

„Du liebst ihn, du liebst ihn! Aber was hat er dir getan, was hat er gesagt, dass du ihn lieben solltest? Ich kenne dich. Ich habe dir nicht jedes Mal gesagt, wenn deine Ideen mich schockierten. Ich würde wetten, er ist nicht einmal ein Mann der Gesellschaft. Und du glaubst, er liebt dich? Du glaubst es? Nun, du täuschst dich selbst. Er liebt dich nicht. Du schmeichelst ihm einfach. Er wird dich bei der ersten Gelegenheit verlassen. Wenn er dich kompromittiert haben wird, wird er dich verlassen. Nächstes Jahr werden die Leute von dir sagen: ‚Sie ist überhaupt nicht exklusiv.‘ Es tut mir leid für deinen Vater; er ist einer meiner Freunde und wird von deinem Verhalten erfahren. Du kannst nicht erwarten, ihn zu täuschen.“

Sie hörte zu, gedemütigt, aber getröstet, und dachte daran, wie sie gelitten hätte, wenn sie ihn großzügig gefunden hätte.

In seiner Einfachheit verachtete er sie aufrichtig. Diese Verachtung erleichterte ihn.

„Wie ist die Sache passiert? Du kannst es mir sagen.“

Sie zuckte so mitleidig mit den Schultern, dass er nicht wagte, fortzufahren. Er wurde wieder verächtlich.

„Bildest du dir ein, dass ich dir helfen werde, den Schein zu wahren, dass ich in dein Haus zurückkehren werde, dass ich weiterhin deinen Ehemann besuchen werde?“

„Ich denke, du wirst weiterhin tun, was ein Gentleman tun sollte. Ich verlange nichts von dir. Ich hätte gerne von dir die Erinnerung an einen ausgezeichneten Freund bewahrt. Ich dachte, du könntest nachsichtig und freundlich zu mir sein, aber es ist nicht möglich. Ich sehe, dass Liebende sich nie im Guten trennen. Später wirst du besser über mich urteilen. Leb wohl!“

Er sah sie an. Jetzt drückte sein Gesicht mehr Schmerz als Zorn aus. Sie hatte seine Augen noch nie so trocken und so schwarz gesehen. Es schien, als sei er in einer Stunde gealtert.

„Ich ziehe es vor, es dir im Voraus zu sagen. Es wird mir unmöglich sein, dich wiederzusehen. Du bist keine Frau, die man treffen darf, nachdem man von ihr geliebt wurde. Du bist nicht wie die anderen. Du hast ein Gift an dir, das du mir gegeben hast und das ich in mir spüre, in meinen Adern. Warum habe ich dich kennengelernt?“

Sie sah ihn freundlich an.

„Leb wohl! Sag dir, dass ich es nicht wert bin, so sehr vermisst zu werden.“

Dann, als er sah, dass sie ihre Hand auf die Klinke der Tür legte, als er bei dieser Geste spürte, dass er sie verlieren würde, dass er sie nie wiederhaben würde, schrie er. Er vergaß alles. Es blieb in ihm nur das betäubte Gefühl eines großen, vollendeten Unglücks, einer irreparablen Katastrophe. Und aus der Tiefe seiner Erstarrung stieg ein Verlangen auf. Er begehrte, die Frau wieder zu besitzen, die ihn verließ und die niemals zurückkehren würde. Er zog sie zu sich. Er begehrte sie, mit aller Kraft seiner tierischen Natur. Sie widerstand mit der ganzen Kraft ihres Willens, der frei und auf der Hut war. Sie machte sich los, zerknittert, zerrissen, ohne auch nur Angst gehabt zu haben.

Er verstand, dass alles nutzlos war; er erkannte, dass sie nicht mehr für ihn war, weil sie einem anderen gehörte. Als sein Leiden zurückkehrte, stieß er sie aus der Tür.

Sie blieb einen Moment im Korridor und wartete stolz auf ein Wort.

Aber er schrie wieder: „Geh!“ und schlug die Tür heftig zu.

Auf der Via Alfieri sah sie wieder den Pavillon im hinteren Teil des Hofes, wo blasse Gräser wuchsen. Sie fand ihn still und ruhig, treu, mit seinen Ziegen und Nymphen, den Liebenden aus der Zeit der Großherzogin Eliza. Sie fühlte sich sofort befreit von der schmerzhaften, brutalen Welt und versetzt in Zeitalter, in denen sie die Traurigkeit des Lebens nicht gekannt hatte. Am Fuß der Treppe, deren Stufen mit Rosen bedeckt waren, wartete Dechartre. Sie warf sich in seine Arme. Er trug sie träge, wie eine kostbare Trophäe, vor der er bleich und zitternd geworden war. Sie genoss, die Augenlider halb geschlossen, die großartige Demütigung, eine schöne Beute zu sein. Ihre Müdigkeit, ihre Traurigkeit, ihr Ekel vor dem Tag, die Erinnerung an die Gewalt, ihre wiedergewonnene Freiheit, das Bedürfnis zu vergessen, Reste von Angst, alles belebte, erweckte ihre Zärtlichkeit. Sie warf ihre Arme um den Hals ihres Geliebten.

Sie waren so fröhlich wie Kinder. Sie lachten, sagten sich Nichtigkeiten, spielten, aßen Zitronen, Orangen und andere Früchte, die sich in ihrer Nähe auf bemalten Tellern stapelten. Ihre Lippen, halb geöffnet, zeigten ihre brillanten Zähne. Sie fragte mit koketter Angst, ob er nicht desillusioniert sei nach dem schönen Traum, den er sich von ihr gemacht hatte.

Im schmeichelnden Licht des Tages, für dessen Genuss er gesorgt hatte, betrachtete er sie mit jugendlicher Freude. Er überhäufte sie mit Lob und Küssen. Sie vergaßen sich in Liebkosungen, in freundschaftlichen Streitereien, in glücklichen Blicken.

Er fragte sie, wie ein kleiner roter Fleck an ihrer Schläfe dorthin gekommen sei. Sie antwortete, dass sie es vergessen habe; dass es nichts sei. Sie log kaum; sie hatte es wirklich vergessen.

Sie erinnerten sich gegenseitig an ihre kurze, aber schöne Geschichte, an ihr ganzes Leben, das an dem Tag begann, an dem sie sich getroffen hatten.

„Weißt du, auf der Terrasse, den Tag nach deiner Ankunft, hast du vage Dinge zu mir gesagt. Ich ahnte, dass du mich liebtest.“

„Ich hatte Angst, dir dumm zu erscheinen.“

„Das warst du, ein wenig. Es war mein Triumph. Es machte mich ungeduldig, dich so wenig beunruhigt in meiner Nähe zu sehen. Ich liebte dich, bevor du mich liebtest. Oh, ich erröte nicht deswegen!“

Er gab ihr ein Glas Asti. Aber da war eine Flasche Trasimeno. Sie wollte sie probieren, in Erinnerung an den See, den sie sechs Jahre zuvor bei Nacht still und schön in seiner Opalschale gesehen hatte. Das war, als sie Italien zum ersten Mal besucht hatte.

Er tadelte sie dafür, dass sie die Schönheit der Dinge ohne seine Hilfe entdeckt hatte.

Sie sagte:

„Ohne dich wusste ich nicht, wie man irgendetwas sieht. Warum bist du nicht früher zu mir gekommen?“

Er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss. Dann sagte sie:

„Ja, ich liebe dich! Ja, ich habe nie jemanden geliebt außer dir!“

KAPITEL XXII. EIN TREFFEN AM BAHNHOF

Le Ménil hatte geschrieben: „Ich reise morgen Abend um sieben Uhr ab. Treffen wir uns am Bahnhof.“

Sie war gegangen, um ihn zu treffen. Sie sah ihn im langen Mantel und Umhang, präzise und ruhig, vor den Hotelkutschen. Er sagte nur:

„Ah, du bist gekommen.“

„Aber, mein Freund, du hast mich gerufen.“

Er gestand nicht, dass er in der absurden Hoffnung geschrieben hatte, dass sie ihn wieder lieben würde und dass der Rest vergessen wäre, oder dass sie zu ihm sagen würde: „Es war nur eine Prüfung deiner Liebe.“

Wenn sie es gesagt hätte, hätte er ihr jedoch geglaubt.

Erstaunt, weil sie nicht sprach, sagte er trocken:

„Was hast du mir zu sagen? Es ist nicht an mir zu sprechen, sondern an dir. Ich habe dir keine Erklärungen zu geben. Ich habe keinen Verrat zu rechtfertigen.“

„Mein Freund, sei nicht grausam, sei nicht undankbar. Das ist es, was ich dir zu sagen hatte. Und ich muss wiederholen, dass ich dich mit der Traurigkeit eines echten Freundes verlasse.“

„Ist das alles? Geh und sag das dem anderen Mann. Es wird ihn mehr interessieren als mich.“

„Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen; lass mich das nicht bereuen.“

„Es tut mir leid, dich gestört zu haben. Du könntest zweifellos eine bessere Verwendung für deine Zeit finden. Ich werde dich nicht aufhalten. Schließ dich ihm an, da du dich danach sehnst.“

Bei dem Gedanken, dass seine unglücklichen Worte einen Moment ewigen menschlichen Schmerzes ausdrückten und dass die Tragödie viele ähnliche Leiden illustriert hatte, fühlte sie die ganze Traurigkeit und Ironie der Situation, was ein Zucken ihrer Lippen verriet. Er dachte, sie lache.

„Lach nicht; hör mir zu. Neulich, im Hotel, wollte ich dich töten. Ich war so nah dran, es zu tun, dass ich jetzt weiß, was mir entgangen ist. Ich werde es nicht tun. Du kannst beruhigt sein. Was wäre der Sinn? Da ich den Schein wahren will, werde ich dich in Paris besuchen. Es wird mich betrüben zu erfahren, dass du mich nicht empfangen kannst. Ich werde deinen Mann sehen, ich werde auch deinen Vater sehen. Es wird sein, um sich von ihnen zu verabschieden, da ich beabsichtige, eine lange Reise zu machen. Leb wohl, Madame!“

In dem Moment, als er ihr den Rücken zukehrte, sah Thérèse Miss Bell und Prinz Albertinelli vom Güterbahnhof auf sie zukommen. Der Prinz war sehr gutaussehend. Vivian ging an seiner Seite mit der Leichtigkeit keuscher Freude.

„Oh, Liebling, was für eine angenehme Überraschung, dich hier zu finden! Der Prinz und ich haben beim Zoll die neue Glocke gesehen, die gerade angekommen ist.“

„Ah, die Glocke ist angekommen?“

„Sie ist hier, Liebling, die Ghiberti-Glocke. Ich habe sie in ihrem hölzernen Käfig gesehen. Sie hat nicht geläutet, weil sie eine Gefangene war. Aber sie wird einen Campanile in meinem Haus in Fiesole bekommen.“

„Wenn sie die Luft von Florenz spürt, wird sie glücklich sein, ihre silberne Stimme hören zu lassen. Von Tauben besucht, wird sie für all unsere Freuden und all unsere Leiden läuten. Sie wird für dich läuten, für mich, für den Prinzen, für die gute Madame Marmet, für Monsieur Choulette, für all unsere Freunde.“

„Liebes, Glocken läuten niemals für wahre Freuden und wahre Leiden. Glocken sind ehrliche Beamte, die nur offizielle Empfindungen kennen.“

„Oh, Liebling, da täuschst du dich sehr. Glocken kennen die Geheimnisse der Seelen; sie wissen alles. Aber ich bin sehr froh, dich hier zu finden. Ich weiß, mein Schatz, warum du zum Bahnhof gekommen bist. Deine Zofe hat dich verraten. Sie sagte mir, du würdest auf ein rosa Kleid warten, dessen Ankunft sich verzögert habe, und dass du sehr ungeduldig seist. Aber lass dich davon nicht beunruhigen. Du bist immer schön, mein Schatz.“

Sie ließ Madame Martin in ihren Wagen steigen.

„Komm, schnell, Liebling; Monsieur Jacques Dechartre speist heute Abend im Haus, und ich möchte ihn ungern warten lassen.“

Und während sie durch die Stille der Nacht fuhren, durch die Wege voll vom frischen Duft der wilden Blumen, sagte sie:

„Siehst du dort drüben, Liebling, die schwarzen Spindeln der Schicksalsgöttinnen, die Zypressen des Friedhofs? Dort möchte ich schlafen.“

Doch Therese dachte voller Angst: „Sie haben ihn gesehen. Haben sie ihn erkannt? Ich glaube nicht. Der Ort war dunkel und hatte nur kleine, blendende Lichter. Hat sie ihn gekannt? Ich erinnere mich nicht, ob sie ihn letztes Jahr bei mir zu Hause gesehen hat.“

Was sie beunruhigte, war ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht des Prinzen.

„Liebling, wünschst du dir einen Platz neben mir auf diesem ländlichen Friedhof? Sollen wir Seite an Seite unter ein wenig Erde und sehr viel Himmel ruhen? Aber ich tue Unrecht, dir eine Einladung auszusprechen, die du nicht annehmen kannst. Es wird dir nicht gestattet sein, deinen ewigen Schlaf am Fuße des Hügels von Fiesole zu schlafen, mein Schatz. Du musst in Paris ruhen, in einem stattlichen Grab, an der Seite von Graf Martin-Belleme.“

„Warum? Glaubst du, Liebling, dass die Ehefrau auch nach dem Tod mit ihrem Ehemann vereint sein muss?“

„Gewiss muss sie das, Liebling. Die Ehe gilt für die Zeit und für die Ewigkeit. Kennst du nicht die Geschichte eines jungen Paares, das sich in der Provinz Auvergne liebte? Sie starben fast zur gleichen Zeit und wurden in zwei Gräbern beigesetzt, die durch eine Straße getrennt waren. Aber jede Nacht warf ein Heckenrosenstrauch seine blumigen Zweige von einem Grab zum anderen. Die beiden Särge mussten zusammengebettet werden.“

Als sie die Badia passiert hatten, sahen sie einen Prozessionszug den Hügel hinaufkommen. Der Wind blies in die Kerzen, die in vergoldeten hölzernen Leuchtern getragen wurden. Die Mädchen der Vereine, in Weiß und Blau gekleidet, trugen bemalte Banner. Dann kam ein kleiner heiliger Johannes, blond, lockig, nackt, unter einem Lammfell, das seine Arme und Schultern entblößte; und eine siebenjährige heilige Maria Magdalena, nur mit ihrem wallenden goldenen Haar bekränzt. Die Leute von Fiesole folgten. Gräfin Martin erkannte Choulette unter ihnen. Mit einer Kerze in der einen Hand, einem Buch in der anderen und einer blauen Brille auf der Nasenspitze sang er. Sein ungepflegter Bart bewegte sich im Rhythmus des Gesangs auf und ab. In der Härte von Licht und Schatten, die auf seinem Gesicht spielten, hatte er das Aussehen eines einsamen Mönchs, der imstande wäre, ein Jahrhundert der Buße zu leisten.

„Wie amüsant er ist!“, sagte Therese. „Er macht ein Schauspiel aus sich selbst für sich selbst. Er ist ein großer Künstler.“

„Liebling, warum bestehst du darauf, dass Monsieur Choulette kein frommer Mann ist? Warum? Es gibt viel Freude und viel Schönheit im Glauben. Dichter wissen das. Wenn Monsieur Choulette keinen Glauben hätte, könnte er nicht die bewundernswerten Verse schreiben, die er schreibt.“

„Und du, Liebling, hast du Glauben?“

„Oh, ja; ich glaube an Gott und an das Wort Christi.“

Inzwischen waren die Banner und die weißen Schleier die Straße hinunter verschwunden. Doch man konnte auf Choulettes kahlem Schädel die Flamme der Kerze in Strahlen aus Gold reflektiert sehen.

Dechartre jedoch wartete allein im Garten. Therese fand ihn ruhend auf dem Balkon der Terrasse, wo er die ersten Leiden der Liebe gefühlt hatte. Während Miss Bell und der Prinz versuchten, einen geeigneten Platz für den Campanile festzulegen, führte Dechartre seine Geliebte unter die Bäume.

„Du hast mir versprochen, dass du im Garten sein würdest, wenn ich komme. Ich habe eine Stunde auf dich gewartet, die mir ewig vorkam. Du solltest nicht ausgehen. Dein Ausbleiben hat mich überrascht und betrübt.“

Sie antwortete vage, dass sie gezwungen gewesen sei, zum Bahnhof zu fahren, und dass Miss Bell sie im Wagen zurückgebracht habe.

Er bat sie um Entschuldigung für seine Unruhe, doch alles beunruhigte ihn. Sein Glück machte ihm Angst.

Sie saßen bereits bei Tisch, als Choulette erschien, mit dem Gesicht eines antiken Satyrs. Eine schreckliche Freude strahlte aus seinen phosphorhaltigen Augen. Seit seiner Rückkehr aus Assisi lebte er nur unter den Armen, trank den ganzen Tag Chianti mit Mädchen und Handwerkern, denen er die Schönheit der Freude und Unschuld, das Kommen Jesu Christi und die bevorstehende Abschaffung von Steuern und Wehrdienst lehrte. Zu Beginn des Prozessionszuges hatte er Landstreicher in den Ruinen des römischen Theaters versammelt und ihnen in einer makaronischen Sprache, halb Französisch und halb Toskanisch, eine Predigt gehalten, die er nun mit Vergnügen wiederholte:

„Könige, Senatoren und Richter haben gesagt: ‚Das Leben der Nationen liegt in uns.‘ Nun, sie lügen; und sie sind der Sarg, der sagt: ‚Ich bin die Wiege.‘

Das Leben der Nationen liegt in den Ernten der Felder, die unter dem Auge des Herrn gelb werden. Es liegt in den Weinstöcken und in dem Lächeln und den Tränen, mit denen der Himmel die Früchte auf den Bäumen benetzt.

Das Leben der Nationen liegt nicht in den Gesetzen, die von den Reichen und Mächtigen zur Erhaltung von Reichtum und Macht gemacht wurden.

Die Häupter der Königreiche und der Republiken haben in ihren Büchern gesagt, dass das Recht der Völker das Recht des Krieges sei, und sie haben die Gewalt verherrlicht. Und sie erweisen den Eroberern Ehren und errichten auf den öffentlichen Plätzen Statuen für den siegreichen Mann und sein Pferd. Doch man hat nicht das Recht zu töten; das ist der Grund, warum der gerechte Mann aus der Urne keine Nummer ziehen wird, die ihn in den Krieg schickt. Das Recht besteht nicht darin, die Torheit und die Verbrechen eines Prinzen zu verwöhnen, der über ein Königreich oder eine Republik erhoben ist; und das ist der Grund, warum der gerechte Mann keine Steuern zahlen und den Zöllnern kein Geld geben wird. Er wird in Frieden die Frucht seiner Arbeit genießen, und er wird Brot backen aus dem Weizen, den er gesät hat, und er wird die Früchte der Bäume essen, die er beschnitten hat.“

„Ach, Monsieur Choulette“, sagte Prinz Albertinelli ernst, „Sie haben recht, sich für den Zustand unserer unglücklichen Felder zu interessieren, die die Steuern auszehren. Welche Frucht lässt sich aus einem Boden ziehen, der mit dreiunddreißig Prozent seines Nettoeinkommens besteuert wird? Der Herr und die Diener sind die Beute der Zöllner.“

Dechartre und Madame Martin waren von der unerwarteten Aufrichtigkeit seines Tons getroffen.

Er fügte hinzu:

„Ich mag den König. Ich bin meiner Treue gewiss, aber das Unglück der Bauern bewegt mich.“

Die Wahrheit war, dass er hartnäckig ein einziges Ziel verfolgte: das Gut von Casentino wiederherzustellen, das sein Vater, Prinz Carlo, ein Offizier unter Viktor Emanuel, von Wucherern verschlungen hinterlassen hatte. Seine gespielte Sanftmut verbarg seine Starrsinnigkeit. Er besaß nur nützliche Laster. Um ein großer toskanischer Grundbesitzer zu werden, hatte er mit Bildern gehandelt, die berühmten Decken seines Palastes verkauft, reichen alten Damen den Hof gemacht und schließlich um die Hand von Miss Bell angehalten, von der er wusste, dass sie geschickt darin war, Geld zu verdienen und in der Kunst der Haushaltsführung geübt war. Er mochte die Bauern wirklich. Die leidenschaftlichen Lobreden von Choulette, die er nur vage verstand, weckten diese Zuneigung in ihm. Er vergaß sich so weit, seine Meinung zu äußern:

„In einem Land, in dem Herr und Diener eine Familie bilden, hängt das Schicksal des einen von dem des anderen ab. Die Steuern berauben uns. Wie gut sind unsere Bauern! Sie sind die besten Menschen der Welt, um den Boden zu bestellen.“

Madame Martin gestand, dass sie das nicht geglaubt hätte. Nur die Gegend der Lombardei schien ihr gut kultiviert. Die Toskana erschien ihr wie ein schöner, wilder Obstgarten.

Der Prinz antwortete lächelnd, dass sie vielleicht nicht so sprechen würde, wenn sie ihm die Ehre erwiesen hätte, seine Güter im Casentino zu besuchen, obwohl diese unter langwierigen und ruinösen Rechtsstreitigkeiten gelitten hätten. Sie hätte dort gesehen, was eine italienische Landschaft wirklich ist.

„Ich kümmere mich sehr um mein Gut. Ich kam heute Abend von dort, als ich das doppelte Vergnügen hatte, am Bahnhof Miss Bell zu finden, die dorthin gegangen war, um ihre Ghiberti-Glocke zu holen, und Sie, gnädige Frau, die Sie mit einem Freund aus Paris sprachen.“

Er hatte die Vorstellung, dass es ihr unangenehm sein würde, ihn über diese Begegnung sprechen zu hören. Er sah sich am Tisch um und bemerkte den Ausdruck ängstlicher Überraschung, den Dechartre nicht unterdrücken konnte. Er beharrte:

„Verzeihen Sie einem Landmann eine gewisse Anmaßung, etwas von der Welt zu verstehen. In dem Mann, der mit Ihnen sprach, erkannte ich einen Pariser, weil er etwas Englisches an sich hatte; und während er Steifheit heuchelte, zeigte er vollkommene Leichtigkeit und besondere Lebhaftigkeit.“

„Oh“, sagte Therese gleichgültig, „ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Ich war sehr überrascht, ihn im Moment seiner Abreise in Florenz zu treffen.“

Sie sah Dechartre an, der so tat, als würde er nicht zuhören.

„Ich kenne diesen Herrn“, sagte Miss Bell. „Es ist Monsieur Le Menil. Ich habe zweimal mit ihm bei Madame Martin gespeist, und er hat sich sehr gut mit mir unterhalten. Er sagte, er möge Fußball; dass er das Spiel in Frankreich eingeführt habe und dass Fußball jetzt ganz in Mode sei. Er erzählte mir auch von seinen Jagdabenteuern. Er mag Tiere. Ich habe beobachtet, dass Jäger Tiere mögen. Ich versichere Ihnen, Liebling, dass Monsieur Le Menil bewundernswert über Hasen spricht. Er kennt ihre Gewohnheiten. Er sagte mir, es sei ein Vergnügen, ihnen zuzusehen, wie sie im Mondlicht auf den Ebenen tanzen. Er versicherte mir, dass sie sehr intelligent seien, und dass er einen alten Hasen gesehen habe, der, von Hunden verfolgt, einen anderen Hasen zwang, den Pfad zu verlassen, um die Jäger zu täuschen. Liebling, hat Monsieur Le Menil jemals mit dir über Hasen gesprochen?“

Therese antwortete, sie wisse es nicht, und sie finde Jäger langweilig.

Miss Bell rief aus. Sie glaube nicht, dass M. Le Menil jemals langweilig sei, wenn er von den Hasen erzähle, die im Mondlicht auf den Ebenen und zwischen den Weinstöcken tanzten. Sie würde gerne einen Hasen aufziehen, wie Phanion.

„Liebling, du kennst Phanion nicht. Oh, ich bin sicher, dass Monsieur Dechartre sie kennt. Sie war schön und den Dichtern teuer. Sie lebte auf der Insel Kos, neben einem Tal, das, mit Zitronenbäumen bedeckt, zum blauen Meer hinabführte. Und man sagt, dass sie auf die blauen Wellen blickte. Ich erzählte Monsieur Le Menil die Geschichte von Phanion, und er war sehr froh, sie zu hören. Sie hatte von einem Jäger einen kleinen Hasen mit langen Ohren bekommen. Sie hielt ihn auf ihren Knien und fütterte ihn mit Frühlingsblumen. Er liebte Phanion und vergaß seine Mutter. Er starb, bevor er zu viele Blumen gegessen hatte. Phanion beklagte seinen Verlust. Sie begrub ihn im Zitronenhain, in einem Grab, das sie von ihrem Bett aus sehen konnte. Und der Schatten des kleinen Hasen wurde durch die Lieder der Dichter getröstet.“

Die gute Madame Marmet sagte, dass M. Le Menil durch seine eleganten und diskreten Manieren gefalle, die junge Männer heute nicht mehr praktizierten. Sie hätte ihn gerne gesehen. Sie wollte, dass er etwas für sie tue.

„Oder vielmehr für meinen Neffen“, sagte sie. „Er ist Hauptmann bei der Artillerie, und seine Vorgesetzten mögen ihn. Sein Oberst stand lange Zeit unter dem Befehl von Monsieur Le Menils Onkel, General La Briche. Wenn Monsieur Le Menil seinen Onkel bitten würde, zugunsten meines Neffen an Oberst Faure zu schreiben, wäre ich ihm dankbar. Mein Neffe ist Monsieur Le Menil nicht fremd. Sie haben sich letztes Jahr auf dem Maskenball getroffen, den Hauptmann de Lassay im Hotel in Caen gab.“

Madame Marmet senkte den Blick und fügte hinzu:

„Die geladenen Gäste waren natürlich keine Damen der Gesellschaft. Aber man sagt, einige von ihnen seien sehr hübsch gewesen. Sie kamen aus Paris. Mein Neffe, der mir diese Einzelheiten berichtete, war als Kutscher verkleidet. Monsieur Le Menil war als Husar des Todes verkleidet, und er hatte großen Erfolg.“

Miss Bell sagte, es tue ihr leid, nicht gewusst zu haben, dass M. Le Menil in Florenz war. Sie hätte ihn sicherlich eingeladen, nach Fiesole zu kommen.

Dechartre blieb während des restlichen Essens düster und distanziert; und als Therese ihm beim Abschied die Hand reichte, spürte sie, dass er es vermied, sie in seine zu drücken.

BUCH 3.

KAPITEL XXIII. „MAN IST NIEMALS GÜTIG, WENN MAN VERLIEBT IST“

Am nächsten Tag, im versteckten Pavillon der Via Alfieri, fand sie ihn befangen vor. Sie versuchte, ihn mit leidenschaftlicher Heiterkeit, mit der Süße drängender Vertraulichkeit, mit großartiger Demut abzulenken. Doch er blieb düster. Er hatte die ganze Nacht über seine Traurigkeit nachgedacht, sich mit ihr gequält und sie erkannt. Er hatte Gründe zum Leiden gefunden. Sein Gedanke hatte die Hand, die einen Brief in den Briefkasten vor dem bronzenen San Marco warf, mit dem schrecklichen Unbekannten zusammengebracht, der am Bahnhof gesehen worden war. Nun gab Jacques Dechartre der Ursache seines Leidens ein Gesicht und einen Namen. In dem Sessel der Großmutter, in dem Therese am Tag ihrer Ankunft gesessen hatte und den sie ihm diesmal angeboten hatte, wurde er von schmerzhaften Bildern bestürmt; während sie, über einen seiner Arme gebeugt, ihn mit ihrer warmen Umarmung und ihrem liebenden Herzen umhüllte. Sie ahnte nur zu gut, was er litt, um ihn einfach danach zu fragen.

Um ihn auf angenehmere Gedanken zu bringen, erinnerte sie an die Geheimnisse des Zimmers, in dem sie waren, und an die Erinnerungen an ihre Spaziergänge durch die Stadt. Sie war anmutig vertraut.

„Den kleinen Löffel, den du mir gegeben hast, den kleinen roten Lilienlöffel, benutze ich morgens für meinen Tee. Und ich weiß an dem Vergnügen, das ich empfinde, wenn ich ihn beim Aufwachen sehe, wie sehr ich dich liebe.“

Dann, als er nur mit traurigen und ausweichenden Sätzen antwortete, sagte sie:

„Ich bin bei dir, aber du sorgst dich nicht um mich. Du bist mit einem Gedanken beschäftigt, den ich nicht ergründe. Doch ich bin lebendig, und ein Gedanke ist nichts.“

„Ein Gedanke ist nichts? Glaubst du das? Man kann wegen eines Gedankens elend oder glücklich sein; man kann für einen Gedanken leben und man kann für einen Gedanken sterben. Nun, ich denke nach.“

„Worüber denkst du nach?“

„Warum fragst du? Du weißt sehr wohl, dass ich über das nachdenke, was ich letzte Nacht gehört habe, was du mir verheimlicht hast. Ich denke an deine Begegnung am Bahnhof, die keinem Zufall geschuldet war, sondern die ein Brief verursacht hatte, ein Brief, der – erinnere dich! – in den Briefkasten von San Michele geworfen wurde. Oh, ich mache dir keine Vorwürfe deswegen. Ich habe nicht das Recht dazu. Aber warum hast du dich mir hingegeben, wenn du nicht frei warst?“

Sie dachte, sie müsse eine Unwahrheit sagen.

„Du meinst jemanden, den ich gestern am Bahnhof getroffen habe? Ich versichere dir, es war die gewöhnlichste Begegnung der Welt.“

Er war schmerzlich davon beeindruckt, dass sie es nicht wagte, denjenigen zu nennen, von dem sie sprach. Auch er vermied es, diesen Namen auszusprechen.

„Therese, war er nicht deinetwegen gekommen? Wusstest du nicht, dass er in Florenz war? Ist er für dich nichts weiter als ein Mann, den man gesellschaftlich trifft? Ist er nicht derjenige, der dich, als er abwesend war, zu mir sagen ließ: ‚Ich kann nicht‘? Ist er nichts für dich?“

Sie antwortete entschlossen:

„Er kommt manchmal in mein Haus. Er wurde mir von General Lariviere vorgestellt. Ich habe dir nichts weiter über ihn zu sagen. Ich versichere dir, er interessiert mich nicht, und ich kann mir nicht vorstellen, was dir über ihn im Sinn sein könnte.“

Sie empfand eine Art Befriedigung dabei, den Mann zu verleugnen, der gegen ihren Willen mit so viel Härte und Gewalt auf seine Eigentumsrechte beharrt hatte. Aber sie beeilte sich, ihrem verworrenen Pfad zu entkommen. Sie stand auf und sah ihren Geliebten mit schönen, zärtlichen und ernsten Augen an.

„Hör mir zu: An dem Tag, als ich dir mein Herz gab, war mein Leben ganz dein. Wenn ein Zweifel oder ein Verdacht in dir aufkommt, befrage mich. Die Gegenwart gehört dir, und du weißt sehr wohl, dass es nur dich gibt, nur dich allein darin. Was meine Vergangenheit betrifft, wenn du wüsstest, was für ein Nichts sie war, würdest du froh sein. Ich glaube nicht, dass eine andere Frau, die so geschaffen ist wie ich, um zu lieben, dir einen Geist hätte bringen können, der unerfahrener in der Liebe ist als meiner. Das schwöre ich dir. Die Jahre, die ohne dich vergingen – ich habe nicht gelebt! Lass uns nicht von ihnen sprechen. Es ist nichts darin, dessen ich mich schämen müsste. Sie zu bereuen, ist etwas anderes. Ich bedauere, dich so spät kennengelernt zu haben. Warum bist du nicht früher gekommen? Du hättest mich vor fünf Jahren genauso leicht kennenlernen können wie heute. Aber glaube mir, wir sollten uns nicht damit ermüden, von der Zeit zu sprechen, die vergangen ist. Erinnere dich an Lohengrin. Wenn du mich liebst, bin ich für dich wie der Schwanenritter. Ich habe nichts von dir verlangt. Ich wollte nichts wissen. Ich habe dich nicht wegen Mademoiselle Jeanne Tancrede getadelt. Ich sah, dass du mich liebtest, dass du littest, und das war genug – weil ich dich liebte.“

„Eine Frau kann nicht auf die gleiche Weise eifersüchtig sein wie ein Mann, noch fühlen, was uns leiden lässt.“

„Das weiß ich nicht. Warum kann sie das nicht?“

„Warum? Weil es im Blut, im Fleisch einer Frau nicht diese absurde und großzügige Wut nach Besitz gibt, diesen primitiven Instinkt, aus dem der Mann ein Recht gemacht hat. Der Mann ist der Gott, der seine Gefährtin für sich allein will. Seit undenklichen Zeiten ist die Frau daran gewöhnt, die Liebe der Männer zu teilen. Es ist die Vergangenheit, die dunkle Vergangenheit, die unsere Leidenschaften bestimmt. Wir sind schon so alt, wenn wir geboren werden! Eifersucht ist für eine Frau nur eine Wunde ihres eigenen Selbstwertgefühls. Für einen Mann ist sie eine Folter, die so tief ist wie moralisches Leiden, so stetig wie körperliches Leiden. Du fragst nach dem Grund? Weil du, trotz meiner Unterwerfung und meines Respekts, trotz der Unruhe, die du mir bereitest, Materie bist und ich die Idee; du bist die Sache und ich der Geist; du bist der Ton und ich der Töpfer. Beklage dich nicht darüber. Was ist der grobe und bescheidene Töpfer neben der perfekten Amphore, die mit Girlanden geschmückt ist? Die Amphore ist ruhig und schön; er ist elend; er ist gequält; er will; er leidet; denn wollen heißt leiden. Ja, ich bin eifersüchtig. Ich weiß, was in meiner Eifersucht steckt. Wenn ich sie untersuche, finde ich darin erbliche Vorurteile, wilde Einbildung, kränkliche Empfindlichkeit, eine Mischung aus rohester Gewalt und grausamer Schwäche, schwachsinnige und böse Revolte gegen die Gesetze des Lebens und der Gesellschaft. Aber es spielt keine Rolle, dass ich weiß, was sie ist: sie existiert und sie quält mich. Ich bin der Chemiker, der beim Studium der Eigenschaften einer Säure, die er getrunken hat, weiß, wie sie zusammengesetzt ist und welche Salze sie bilden. Dennoch brennt ihn die Säure und wird ihn bis auf die Knochen brennen.“

„Mein Schatz, du bist absurd.“

„Ja, ich bin absurd. Ich fühle es besser, als du es selbst fühlst. Eine Frau in all dem Glanz ihrer Schönheit und ihres Geistes zu begehren, die ihre eigene Herrin ist, die weiß und die wagt; in diesem Sinne schöner und begehrenswerter, deren Wahl frei, freiwillig, wohlüberlegt ist; sie zu begehren, sie für das zu lieben, was sie ist, und darunter zu leiden, dass sie keine kindliche Offenheit oder blasse Unschuld ist, was bei ihr schockierend wäre, wenn es möglich wäre, sie dort zu finden; von ihr gleichzeitig zu verlangen, dass sie sie selbst sei und nicht sie selbst; sie so zu verehren, wie das Leben sie gemacht hat, und bitterlich zu bereuen, dass das Leben, das sie so schön gemacht hat, sie berührt hat – oh, das ist absurd! Ich liebe dich! Ich liebe dich mit allem, was du mir an Empfindungen, an Gewohnheiten bringst, mit allem, was aus deinen Erfahrungen kommt, mit allem, was von ihm kommt – vielleicht von ihnen –, woher soll ich das wissen? Diese Dinge sind mein Entzücken und sie sind meine Folter. Es muss einen tiefen Sinn in der öffentlichen Idiotie geben, die besagt, dass eine Liebe wie die unsere schuldig ist. Freude ist schuldig, wenn sie unermesslich ist. Das ist der Grund, warum ich leide, meine Geliebte.“

Sie kniete vor ihm nieder, nahm seine Hände und zog ihn zu sich heran.

„Ich möchte nicht, dass du leidest; ich will es nicht. Es wäre Wahnsinn. Ich liebe dich, und ich habe nie jemanden geliebt außer dir. Du kannst mir glauben; ich lüge nicht.“

Er küsste ihre Stirn.

„Wenn du mich täuschtest, meine Liebe, würde ich dir das nicht vorwerfen; im Gegenteil, ich wäre dir dankbar. Nichts ist so legitim, so menschlich, als den Schmerz zu täuschen. Was würde aus uns werden, wenn die Frauen nicht das Mitleid der Unwahrheit für uns hätten? Lüge, meine Geliebte, lüge um der Barmherzigkeit willen. Schenk mir den Traum, der den schwarzen Kummer färbt. Lüge; habe keine Skrupel. Du wirst der Illusion der Liebe und der Schönheit nur eine weitere Illusion hinzufügen.“

Er seufzte:

„Oh, der gesunde Menschenverstand, die allgemeine Weisheit!“

Sie fragte ihn, was er meine und was die allgemeine Weisheit sei. Er sagte, es sei ein vernünftiges Sprichwort, aber brutal, das man besser nicht wiederhole.

„Wiederhole es trotzdem.“

„Du willst, dass ich es dir sage: ‚Geküsste Lippen verlieren ihre Frische nicht.‘“

Und er fügte hinzu:

„Es ist wahr, dass die Liebe die Schönheit bewahrt und dass die Schönheit der Frauen sich von Liebkosungen nährt, wie Bienen sich von Blumen nähren.“

Sie legte ihm einen Schwur in Form eines Kusses auf die Lippen.

„Ich schwöre dir, ich habe nie jemanden geliebt außer dir. Oh nein, es sind nicht Liebkosungen, die die wenigen Reize bewahrt haben, die ich glücklich bin zu haben, um sie dir anzubieten. Ich liebe dich! Ich liebe dich!“

Aber er erinnerte sich noch immer an den Brief, der in den Briefkasten gefallen war, und die unbekannte Person, die sie am Bahnhof getroffen hatte.

„Wenn du mich wahrhaftig liebtest, würdest du nur mich lieben.“

Sie stand empört auf:

„Du glaubst also, ich liebe einen anderen? Was du da sagst, ist ungeheuerlich. Ist es das, was du von mir denkst? Und du sagst, du liebst mich! Ich bemitleide dich, denn du bist wahnsinnig.“

„Wahr, ich bin wahnsinnig.“

Sie, kniend, umhüllte seine Schläfen und Wangen mit den geschmeidigen Handflächen. Er sagte wieder, er sei verrückt, sich wegen eines zufälligen und banalen Treffens zu sorgen. Sie zwang ihn, ihr zu glauben, oder vielmehr zu vergessen. Er sah oder wusste nichts mehr. Seine verschwundene Bitterkeit und sein Zorn ließen ihm nichts als das harte Verlangen, alles zu vergessen, sie alles vergessen zu lassen.

Sie fragte ihn, warum er traurig sei.

„Du warst vorhin glücklich. Warum bist du jetzt nicht glücklich?“

Und als er den Kopf schüttelte und nichts sagte:

„Sprich! Ich mag deine Klagen lieber als dein Schweigen.“

Dann sagte er:

„Du willst es wissen? Sei nicht böse. Ich leide jetzt mehr denn je, weil ich jetzt weiß, wozu du fähig bist zu geben.“

Sie zog sich brüsk aus seinen Armen zurück und sagte mit Augen voller Schmerz und Vorwurf:

„Du kannst glauben, dass ich jemals für einen anderen war, was ich für dich bin! Du verletzt mich in meinem empfindlichsten Gefühl, in meiner Liebe zu dir. Das vergebe ich dir nicht. Ich liebe dich! Ich habe nie jemanden geliebt außer dir. Ich habe nie gelitten, außer durch dich. Sei zufrieden. Du tust mir sehr weh. Wie kannst du so grausam sein?“

„Thérèse, man ist niemals gütig, wenn man verliebt ist.“

Sie blieb lange unbeweglich und verträumt. Ihr Gesicht rötete sich, und eine Träne stieg ihr in die Augen.

„Thérèse, du weinst!“

„Verzeih mir, mein Herz, es ist das erste Mal, dass ich geliebt habe und dass ich wirklich geliebt wurde. Ich habe Angst.“

KAPITEL XXIV. CHOULETTES EHRGEIZ

Während das Rollen ankommender Kisten die Villa Bell erfüllte; während Pauline, beladen mit Paketen, leicht die Stufen herabkam; während die gute Madame Marmet mit ruhiger Wachsamkeit alles beaufsichtigte; und während Miss Bell sich in ihrem Zimmer fertig anzog, betrachtete Thérèse, in Grau gekleidet, auf der Terrasse ruhend, noch einmal die Blumenstadt.

Sie hatte beschlossen, nach Hause zurückzukehren. Ihr Mann rief sie in jedem seiner Briefe zurück. Wenn sie, wie er sie bat, in den ersten Maitagen nach Paris zurückkehrte, könnten sie zwei oder drei Abendessen geben, gefolgt von Empfängen. Seine politische Gruppe wurde von der öffentlichen Meinung unterstützt. Die Flut trug ihn voran, und Garain dachte, der Salon der Gräfin Martin könne einen ausgezeichneten Einfluss auf die Zukunft des Landes ausüben. Diese Gründe bewegten sie nicht; aber sie verspürte den Wunsch, ihrem Mann gegenüber angenehm zu sein. Sie hatte am Tag zuvor einen Brief von ihrem Vater, Monsieur Montessuy, erhalten, der, ohne die politischen Ansichten seines Schwiegersohns zu teilen und ohne seiner Tochter einen Rat zu geben, durchblicken ließ, dass die Gesellschaft zu tratschen begann über den geheimnisvollen Aufenthalt der Gräfin Martin in Florenz inmitten von Dichtern und Künstlern. Die Villa Bell nahm aus der Ferne einen Anschein von sentimentaler Fantasie an. Sie fühlte selbst, dass sie in Resole zu genau beobachtet wurde. Madame Marmet nervte sie. Prinz Albertinelli beunruhigte sie. Die Treffen im Pavillon der Via Alfieri waren schwierig und gefährlich geworden. Professor Arrighi, den der Prinz oft traf, hatte sie eines Nachts gesehen, als sie durch die verlassenen Straßen ging, gestützt auf Dechartre. Professor Arrighi, Autor einer Abhandlung über Landwirtschaft, war der liebenswürdigste aller Gelehrten. Er hatte sein schönes, heldenhaftes Gesicht gedreht und erst am nächsten Tag zu der jungen Frau gesagt: „Früher konnte ich aus großer Entfernung das Nahen einer schönen Frau erkennen. Jetzt, da ich das Alter überschritten habe, um von Frauen wohlwollend betrachtet zu werden, hat der Himmel Mitleid mit mir. Der Himmel verhindert, dass ich sie sehe. Meine Augen sind sehr schlecht. Das bezauberndste Gesicht kann ich nicht mehr erkennen.“ Sie hatte es verstanden und die Warnung beachtet. Sie wollte nun ihre Freude in der Weite von Paris verbergen.

Vivian, der sie ihre Abreise angekündigt hatte, hatte sie gebeten, noch einige Tage länger zu bleiben. Aber Thérèse vermutete, dass ihre Freundin immer noch schockiert war über den Rat, den sie eines Nachts in dem mit Zitronen geschmückten Zimmer erhalten hatte; dass sie sich zumindest nicht ganz wohlfühlte in der Vertrautheit einer Vertrauten, die ihre Wahl missbilligte und die der Prinz ihr als Kokette und vielleicht Schlimmerem dargestellt hatte. Das Datum ihrer Abreise war auf den 5. Mai festgelegt worden.

Der Tag schien strahlend, rein und reizvoll über dem Arno-Tal. Thérèse, verträumt, sah von der Terrasse aus die riesige Morgenrose, die in den blauen Becher von Florenz gelegt war. Sie beugte sich vor, um am Fuße der blumigen Hügel den unmerklichen Punkt zu entdecken, an dem sie unendliche Freuden erfahren hatte. Dort bildete der Friedhofsgarten einen kleinen, düsteren Fleck, in dessen Nähe sie die Via Alfieri erahnte. Sie sah sich wieder in dem Zimmer, in dem sie zweifellos niemals mehr eintreten würde. Die dort verbrachten Stunden hatten für sie die Traurigkeit eines Traums. Sie fühlte, wie sich ihre Augen verschleierten, ihre Knie schwach wurden und ihre Seele erbebte. Es schien ihr, dass das Leben nicht mehr in ihr war und dass sie es in jener Ecke gelassen hatte, wo sie die schwarzen Kiefern ihre unbeweglichen Gipfel erheben sah. Sie machte sich Vorwürfe, grundlos Angst zu empfinden, wo sie doch im Gegenteil beruhigt und fröhlich sein sollte. Sie wusste, dass sie Jacques Dechartre in Paris treffen würde. Sie hätten gerne zur gleichen Zeit dort ankommen oder vielmehr zusammen dorthin gehen wollen. Sie hatten es für unumgänglich gehalten, dass er drei oder vier Tage länger in Florenz bleiben sollte, aber ihr Treffen würde nicht länger als das hinausgezögert werden. Sie hatten ein Stelldichein vereinbart, und sie freute sich bei dem Gedanken daran. Sie trug ihre Liebe mit ihrem Wesen vermischt und in ihrem Blut fließend. Dennoch blieb ein Teil von ihr in dem mit Ziegen und Nymphen geschmückten Pavillon, ein Teil von ihr, der niemals zu ihr zurückkehren würde. In der vollen Glut des Lebens starb sie für Dinge, die unendlich zart und kostbar waren. Sie erinnerte sich, dass Dechartre zu ihr gesagt hatte: „Die Liebe liebt Reize. Ich pflückte von der Terrasse die Blätter eines Baumes, den du bewundert hattest.“ Warum hatte sie nicht daran gedacht, einen Stein aus dem Pavillon mitzunehmen, in dem sie die Welt vergessen hatte?

Ein Ruf von Pauline riss sie aus ihren Gedanken. Choulette, der aus einem Gebüsch sprang, hatte plötzlich das Dienstmädchen geküsst, das Mäntel und Taschen zum Wagen trug. Nun rannte er durch die Alleen, fröhlich, die Ohren wie Hörner abstehend. Er verneigte sich vor der Gräfin Martin.

„Ich muss mich also von Ihnen verabschieden, Madame.“

Er beabsichtigte, in Italien zu bleiben. Eine Dame rufe ihn, sagte er: es sei Rom. Er wolle die Kardinäle sehen. Einer von ihnen, den die Leute als einen alten Mann voller Vernunft priesen, würde vielleicht die Ideen der sozialistischen und revolutionären Kirche teilen. Choulette hatte sein Ziel: auf den Ruinen einer ungerechten und grausamen Zivilisation das Kreuz von Golgatha zu pflanzen, nicht tot und kahl, sondern lebendig, und mit seinen blumigen Armen die Welt umarmend. Er gründete mit diesem Entwurf einen Orden und eine Zeitung. Madame Martin kannte den Orden. Die Zeitung sollte für einen Cent verkauft werden und in rhythmischen Phrasen geschrieben sein. Es war eine Zeitung, die gesungen werden sollte. Verse, einfach, gewalttätig oder fröhlich, waren die einzige Sprache, die dem Volk angemessen war. Prosa gefiel nur Menschen, deren Intelligenz sehr subtil war. Er hatte Anarchisten in den Tavernen der Rue Saint-Jacques gesehen. Sie verbrachten ihre Abende damit, Romanzen zu rezitieren und ihnen zuzuhören.

Und er fügte hinzu:

„Eine Zeitung, die gleichzeitig ein Liederbuch ist, wird die Seele des Volkes berühren. Die Leute sagen, ich habe Genie. Ich weiß nicht, ob sie recht haben. Aber man muss zugeben, dass ich einen praktischen Verstand habe.“

Miss Bell kam die Stufen herunter und zog ihre Handschuhe an:

„Oh, Liebling, die Stadt und die Berge und der Himmel möchten, dass du deine Abreise beklagst. Sie machen sich heute schön, um dich zu reuen, sie zu verlassen, und den Wunsch zu wecken, sie wiederzusehen.“

Aber Choulette, den die Trockenheit des toskanischen Klimas ermüdete, vermisste das grüne Umbrien und seinen feuchten Himmel. Er erinnerte sich an Assisi. Er sagte:

„Es gibt Wälder und Felsen, einen schönen Himmel und weiße Wolken. Ich bin dort auf den Spuren des guten heiligen Franziskus gewandert und habe seinen Sonnengesang in altfranzösischen Reimen transkribiert, einfach und arm.“

Madame Martin sagte, sie würde ihn gerne hören. Miss Bell hörte bereits zu, und ihr Gesicht trug den inbrünstigen Ausdruck eines von Mino skulptierten Engels.

Choulette sagte ihnen, es sei ein ländliches und kunstloses Werk. Die Verse versuchten nicht, schön zu sein. Sie waren einfach, wenn auch ungleichmäßig, um der Leichtigkeit willen. Dann rezitierte er mit langsamer und eintöniger Stimme den Gesang.

„Oh, Monsieur Choulette“, sagte Miss Bell, „dieser Gesang steigt zum Himmel empor, wie der Eremit auf dem Campo Santo von Pisa, den jemand den Berg hinaufsteigen sah, den die Ziegen mochten. Ich werde es Ihnen sagen. Der alte Eremit stieg hinauf, gestützt auf den Stab des Glaubens, und sein Schritt war ungleich, weil die Krücke, da sie auf einer Seite war, einem seiner Füße einen Vorteil gegenüber dem anderen gab. Das ist der Grund, warum Ihre Verse ungleich sind. Ich habe es verstanden.“

Der Dichter nahm dieses Lob an, überzeugt davon, dass er es unwissentlich verdient hatte.

„Sie haben Glauben, Monsieur Choulette“, sagte Thérèse. „Wozu nützt er Ihnen, wenn nicht dazu, schöne Verse zu schreiben?“

„Der Glaube dient mir dazu, Sünden zu begehen, Madame.“

„Oh, wir begehen Sünden auch ohne das.“

Madame Marmet erschien, für die Reise gerüstet, in der stillen Freude, in ihre hübsche Wohnung, ihren kleinen Hund Toby, ihren alten Freund Lagrange zurückzukehren und nach den Etruskern von Fiesole wieder das Skelett des Kriegers zu sehen, der zwischen den Bonbonschachteln aus dem Fenster schaute.

Miss Bell begleitete ihre Freunde in ihrem Wagen zum Bahnhof.

KAPITEL XXV. „WIR BESTEHLEN DAS LEBEN“

Dechartre kam zum Wagen, um die beiden Reisenden zu grüßen. Von ihm getrennt, fühlte Thérèse, was er für sie war: Er hatte ihr einen neuen Geschmack des Lebens gegeben, köstlich und so lebendig, so real, dass sie ihn auf ihren Lippen spürte. Sie lebte unter einem Zauber in dem Traum, ihn wiederzusehen, und war überrascht, als Madame Marmet während der Reise sagte: „Ich glaube, wir überschreiten die Grenze“, oder „Rosenbüsche blühen am Meer“. Sie war fröhlich, als sie nach einer Nacht im Hotel in Marseille die grauen Olivenbäume auf den steinigen Feldern sah, dann die Maulbeerbäume und das ferne Profil des Mount Pilatus, und die Rhône, und Lyon, und dann die vertrauten Landschaften, die Bäume, die ihre Gipfel in Blumensträußen erhoben, gekleidet in zartes Grün, und die Reihen der Pappeln neben den Flüssen. Sie genoss die Fülle der Stunden, die sie lebte, und das Erstaunen tiefer Freuden. Und es war mit dem Lächeln eines plötzlich erwachten Schläfers, dass sie am Bahnhof in Paris, im Licht des Bahnhofs, ihren Mann begrüßte, der froh war, sie zu sehen. Als sie Madame Marmet küsste, sagte sie ihr, dass sie ihr von ganzem Herzen danke. Und wahrlich, sie war allen Dingen dankbar, wie M. Choulettes heiliger Franziskus.

Im Coupé, das den Kais im leuchtenden Staub der untergehenden Sonne folgte, hörte sie ohne Ungeduld ihrem Mann zu, der ihr seine Erfolge als Redner, die Absichten seiner parlamentarischen Gruppen, seine Projekte, seine Hoffnungen und die Notwendigkeit, zwei oder drei politische Abendessen zu geben, anvertraute. Sie schloss die Augen, um besser denken zu können. Sie sagte sich: „Ich werde morgen einen Brief haben und ihn innerhalb von acht Tagen wiedersehen.“ Als das Coupé über die Brücke fuhr, betrachtete sie das Wasser, das zu fließen schien wie Flammen; die rauchigen Bögen; die Reihen der Bäume; die Köpfe der blühenden Kastanienbäume auf dem Cours-la-Reine; all diese vertrauten Aspekte schienen für sie in neuartige Pracht gekleidet zu sein. Es schien ihr, dass ihre Liebe dem Universum eine neue Farbe gegeben hatte. Und sie fragte sich, ob die Bäume und die Steine sie erkannten. Sie dachte: „Wie kommt es, dass mein Schweigen, meine Augen und Himmel und Erde nicht mein süßes Geheimnis verraten?“

M. Martin-Belleme, der dachte, sie sei ein wenig müde, riet ihr, sich auszuruhen. Und in der Nacht, in ihrem Zimmer eingeschlossen, in der Stille, in der sie das Klopfen ihres Herzens hörte, schrieb sie dem Abwesenden einen Brief voll dieser Worte, die in ihrer ewigen Neuheit Blumen gleichen: „Ich liebe dich. Ich warte auf dich. Ich bin glücklich. Ich fühle, dass du mir nahe bist. Es gibt niemanden außer dir und mir auf der Welt. Ich sehe von meinem Fenster aus einen blauen Stern, der zittert, und ich betrachte ihn, in dem Gedanken, dass du ihn in Florenz siehst. Ich habe den kleinen Rote-Lilien-Löffel auf meinen Tisch gelegt. Komm! Komm!“ Und so fand sie in ihrem Geist frisch die ewigen Empfindungen und Bilder.

Eine Woche lang lebte sie ein innerliches Leben, spürte in sich die sanfte Wärme, die von den Tagen in der Via Alfieri geblieben war, atmete die Küsse, die sie erhalten hatte, und liebte sich dafür, geliebt zu werden. Sie pflegte zarte Sorgfalt und zeigte aufmerksamen Geschmack bei neuen Kleidern. Es war auch sich selbst, die sie erfreute. Wahnsinnig unruhig, wenn nichts für sie auf dem Postamt war, bebend und fröhlich, wenn sie durch das kleine Fenster einen Brief erhielt, in dem sie die große Handschrift ihres Geliebten erkannte, verschlang sie ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und ihre Hoffnungen. So vergingen die Stunden schnell.

Der Morgen des Tages, an dem er ankommen sollte, erschien ihr abscheulich lang. Sie war am Bahnhof, bevor der Zug ankam. Eine Verspätung war signalisiert worden. Sie lastete schwer auf ihr. Optimistisch in ihren Projekten und wie ihr Vater mit Gewalt den Glauben auf die Seite ihres Willens legend, erschien ihr diese Verspätung, die sie nicht vorhergesehen hatte, als Verrat. Das graue Licht, das die drei Viertelstunden durch die Fensterscheiben des Bahnhofs filterten, fiel auf sie wie die Strahlen einer riesigen Sanduhr, die für sie die Minuten verlorenen Glücks maß. Sie beklagte ihr Schicksal, als sie im roten Sonnenlicht die Lokomotive des Expresszuges monströs und fügsam am Bahnsteig halten sah, und in der Menge der Reisenden, die aus den Wagen stiegen, näherte sich Jacques ihr. Er betrachtete sie mit jener Art von düsterer und gewaltsamer Freude, die sie oft bei ihm beobachtet hatte. Er sagte:

„Endlich bist du da. Ich fürchtete zu sterben, bevor ich dich wiedersehe. Du weißt nicht, ich wusste es selbst nicht, welch eine Qual es ist, eine Woche fern von dir zu leben. Ich bin in den kleinen Pavillon der Via Alfieri zurückgekehrt. In dem Zimmer, das du kennst, vor dem alten Pastell, habe ich vor Liebe und Wut geweint.“

Sie sah ihn zärtlich an.

„Und ich, glaubst du nicht, dass ich dich gerufen habe, dass ich dich wollte, dass ich allein meine Arme nach dir ausstreckte? Ich hatte deine Briefe in der Kommode versteckt, wo meine Juwelen sind. Ich las sie nachts: es war köstlich, aber es war unklug. Deine Briefe waren du selbst – zu viel und nicht genug.“

Sie durchquerten den Hof, wo Fiaker beladen mit Koffern wegrollten. Sie fragte, ob sie eine Kutsche nehmen sollten.

Er gab keine Antwort. Er schien nicht zu hören. Sie sagte:

„Ich bin zu deinem Haus gegangen; ich wagte nicht hineinzugehen. Ich sah durch das Gitter und sah Fenster, die hinter Rosenbüschen im hinteren Teil eines Hofes verborgen waren, hinter einem Baum, und ich sagte: ‚Es ist dort!‘ Ich bin noch nie so bewegt gewesen.“

Er hörte ihr nicht zu und sah sie nicht an. Er ging schnell mit ihr die gepflasterte Straße entlang und erreichte über eine schmale Treppe eine verlassene Straße in der Nähe des Bahnhofs. Dort, zwischen Holz- und Kohlenhändlern, war ein Hotel mit einem Restaurant im ersten Stock und Tischen auf dem Bürgersteig. Unter dem gemalten Schild hingen weiße Vorhänge an den Fenstern. Dechartre blieb vor der kleinen Tür stehen und schob Thérèse in den dunklen Flur. Sie fragte:

„Wohin führst du mich? Wie spät ist es? Ich muss um halb acht zu Hause sein. Wir sind wahnsinnig.“

Als sie das Haus verließen, sagte sie:

„Jacques, mein Liebling, wir sind zu glücklich; wir bestehlen das Leben.“

Er lachte leise und führte sie durch die Straßen, die im Zwielicht der Dämmerung versanken. Die Luft war mild, und ein ferner Geruch von Sommerregen hing über der Stadt. „Das Leben bestiehlt uns täglich, Thérèse“, antwortete er. „Ist es da nicht nur gerecht, wenn wir uns unseren Teil zurückholen?“ Sie ging an seiner Seite, und die flüchtigen Blicke der Passanten schienen sie nicht zu berühren; sie fühlte sich in einen Schutzmantel aus Verlegenheit und Ekstase gehüllt.

Am nächsten Tag war der Himmel grau, und ein feiner Nieselregen legte sich wie ein Schleier über die Dächer von Paris. Thérèse saß in ihrem Zimmer und betrachtete ihr Spiegelbild. Die Züge ihres Gesichts wirkten ihr fremd, als hätte die Leidenschaft, die sie für Dechartre empfand, die alten Konturen ihres Ichs ein wenig verschoben. Sie dachte an die Statue der Flora, die einsam im Hof lag, und fragte sich, ob sie selbst ebenso in den Staub gefallen war, um darauf zu warten, von ihm wieder aufgerichtet zu werden.

Sie verließ das Haus, ohne ein Ziel zu nennen, doch ihre Schritte trugen sie wie von selbst in Richtung jenes Stadtviertels, das ihr mittlerweile vertrauter war als ihr eigenes Heim. Als sie vor dem alten Haus stand, schien die Welt um sie herum stillzustehen. Die Tauben gurrten auf dem Sims, und das ferne Geräusch eines Schlosses, das gedreht wurde, klang wie ein Versprechen. Sie klopfte, und wieder öffnete der militärisch wirkende Diener, dessen Schnurrbart in der trüben Beleuchtung des Flurs wie eine Grenze zwischen zwei Welten wirkte.

Dechartre erwartete sie bereits im Atelier. Er stand vor einer unvollendeten Arbeit, die Finger mit Ton verschmiert, den Blick in die Leere gerichtet. Als er sie sah, hellte sich sein Gesicht auf. „Du bist gekommen“, sagte er, und seine Stimme hatte diesen tiefen, vibrierenden Ton, der sie immer wieder erschütterte. Er legte seine Arbeit beiseite, ohne auf die Details zu achten, und trat auf sie zu. Es war keine Begrüßung der Höflichkeit, sondern ein Anerkennen einer Notwendigkeit.

Sie sprachen wenig. Die Stille im Raum war von den Dingen gefüllt, die er um sich versammelt hatte – den verblassten Wandteppichen, dem schweren Duft der Farben und dem subtilen Hauch von Verfall, der dem ganzen Haus anhaftete. Thérèse setzte sich in den Armstuhl, den sie schon bei ihrem ersten Besuch gewählt hatte, und beobachtete ihn. Er wirkte in diesem Augenblick weniger wie ein Bildhauer als wie ein Gefangener seiner eigenen Sehnsüchte, ein Mann, der in der Vergangenheit lebte, weil die Gegenwart ihn mit ihrer Oberflächlichkeit schmerzte.

„Denkst du manchmal an das Ende?“, fragte sie plötzlich, während sie mit den Fransen ihres Handschuhs spielte. Er sah sie fragend an, als käme die Frage aus einer Welt, die ihm fern war. „Das Ende? Das Ende ist nur der Rahmen, der dem Bild seine Form gibt, Thérèse. Ohne das Ende gäbe es keine Dringlichkeit, keinen Wunsch, festzuhalten, was ohnehin zerrinnt.“ Er näherte sich ihr und legte seine Hände auf ihre Schultern. Die Wärme seines Körpers durchdrang ihre Kleidung.

„Ich habe Angst, dass diese Zeit uns entgleitet“, flüsterte sie. Er beugte sich hinunter und küsste sie auf die Stirn. „Lass sie entgleiten. Was uns bleibt, ist nicht die Zeit, sondern das, was wir in den Momenten der höchsten Intensität in uns aufnehmen. Wir sind wie die Figuren in meinen Skizzen – wir sind nur so lange real, wie wir geliebt werden.“ Sie schloss die Augen und ließ sich in den Moment fallen, wohl wissend, dass jede Minute, die sie hier verbrachte, eine Absage an ihre Pflichten, an ihre soziale Stellung und an das Leben war, das sie bisher geführt hatte. Doch in diesem verstaubten, archaischen Haus fühlte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaftig.

Es war sieben Uhr. Sie sagte, sie müsse gehen. Jeden Tag kehrte sie später nach Hause zurück. Ihr Mann hatte es bemerkt. Er hatte gesagt: „Wir sind bei allen Abendessen die Letzten, die eintreffen; es liegt ein Verhängnis darin!“ Aber da Therese jeden Tag in der Deputiertenkammer aufgehalten wurde, wo über den Haushalt debattiert wurde, und von der Arbeit eines Unterausschusses, dessen Vorsitzender er war, in Anspruch genommen wurde, entschuldigten staatliche Gründe Thereses mangelnde Pünktlichkeit. Sie erinnerte sich lächelnd an einen Abend, an dem sie erst um halb neun bei Madame Garain eingetroffen war. Sie hatte befürchtet, einen Skandal zu verursachen. Doch es war ein Tag großer Angelegenheiten. Ihr Mann kam erst um neun Uhr mit Garain aus der Kammer. Sie speisten im Morgenanzug. Sie hatten das Ministerium gerettet.

Dann verfiel sie in einen Traum.

„Wenn die Kammer vertagt ist, mein Freund, werde ich keinen Vorwand mehr haben, in Paris zu bleiben. Mein Vater versteht meine Hingabe an meinen Mann nicht, die mich in Paris hält. In einer Woche werde ich nach Dinard müssen. Was soll aus mir ohne dich werden?“

Sie faltete die Hände und blickte ihn mit einer unendlich zärtlichen Traurigkeit an. Doch er, düsterer, sagte:

„Ich bin es, Therese, ich bin es, der ängstlich fragen muss: Was soll aus mir ohne dich werden? Wenn du mich allein lässt, werde ich von schmerzhaften Gedanken überfallen; schwarze Ideen kommen und setzen sich im Kreis um mich herum.“

Sie fragte ihn, was das für Ideen seien.

Er antwortete:

„Meine Geliebte, ich habe es dir schon gesagt: Ich muss dich mit dir selbst vergessen. Wenn du fort bist, wird mich deine Erinnerung quälen. Ich muss für das Glück bezahlen, das du mir gibst.“

KAPITEL XXVIII. NACHRICHTEN VON LE MENIL

Das blaue Meer, übersät mit rosafarbenen Untiefen, warf seinen silbrigen Saum sanft auf den feinen Sand des Strandes, entlang des Amphitheaters, das von zwei goldenen Hörnern begrenzt wurde. Die Schönheit des Tages warf einen Sonnenstrahl auf das Grab von Chateaubriand. In einem Zimmer, dessen Balkon auf den Strand, den Ozean, die Inseln und die Landzungen hinausging, las Therese die Briefe, die sie am Morgen im Postamt von St. Malo gefunden hatte und die sie auf dem Boot, das voller Passagiere war, nicht geöffnet hatte. Gleich nach dem Frühstück hatte sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, und dort, die Briefe auf ihren Knien entfaltet, genoss sie hastig ihr verstohlenes Glück. Sie sollte um zwei Uhr mit ihrem Vater, ihrem Mann, der Prinzessin Seniavine, Madame Berthier-d’Eyzelles, der Frau des Deputierten, und Madame Raymond, der Frau des Akademikers, auf der Promenade fahren. Sie hatte an diesem Tag zwei Briefe. Der erste, den sie las, verströmte ein zärtliches Aroma der Liebe. Jacques hatte noch nie mehr Einfachheit, mehr Glück und mehr Charme gezeigt.

Seit er in sie verliebt sei, schrieb er, sei er so leicht gegangen und von einer solchen Freude getragen worden, dass seine Füße die Erde nicht berührten. Er habe nur eine einzige Angst, nämlich dass er träume und ohne ihr Wissen erwachen könnte. Zweifellos träumte er nur. Und was für ein Traum! Er war wie einer, der berauscht ist und singt. Er hatte glücklicherweise nicht seinen Verstand. Wenn sie abwesend war, sah er sie ständig. „Ja, ich sehe dich in meiner Nähe; ich sehe deine Wimpern, die Augen beschatten, deren Grau köstlicher ist als alles Blau des Himmels und der Blumen; deine Lippen, die den Geschmack einer wunderbaren Frucht haben; deine Wangen, in die das Lachen zwei entzückende Grübchen zaubert; ich sehe dich schön und begehrt, doch fliehend und entgleitend; und wenn ich meine Arme öffne, bist du fort; und ich sehe dich in der Ferne am langen, langen Strand, nicht größer als eine Fee, in deinem rosafarbenen Kleid, unter deinem Sonnenschirm. Oh, so klein! – klein wie an jenem Tag, als ich dich vom Campanile auf dem Platz in Florenz aus sah. Und ich sage mir, wie ich an jenem Tag sagte: ‚Ein wenig Gras würde genügen, um dich vor mir zu verbergen, und doch bist du für mich das Unendliche der Freude und des Schmerzes.‘“

Er klagte über die Qualen der Abwesenheit. Und er mischte unter seine Klagen das Lächeln einer glücklichen Liebe. Er drohte scherzhaft, sie in Dinard zu überraschen. „Habe keine Angst. Sie werden mich nicht erkennen. Ich werde als Verkäufer von Gipsfiguren verkleidet sein. Es wird keine Lüge sein. In grauer Tunika und Hose, mein Bart und Gesicht mit weißem Staub bedeckt, werde ich an der Glocke der Villa Montessuy ziehen. Du kannst mich, Therese, an den Statuetten auf dem Brett erkennen, das ich auf dem Kopf trage. Es werden alles Amoretten sein. Es wird die treue Liebe geben, die eifersüchtige Liebe, die zärtliche Liebe, die lebendige Liebe; es wird viele lebendige Lieben geben. Und ich werde in der rauen und klangvollen Sprache der Handwerker von Pisa oder Florenz rufen: ‚Tutti gli Amori per la Signora Teersinal!‘“

Die letzte Seite dieses Briefes war zärtlich und ernst. Es gab fromme Ergüsse darin, die Therese an die Gebetbücher erinnerten, die sie als Kind las. „Ich liebe dich, und ich liebe alles an dir: die Erde, die dich trägt, auf der du so leicht wiegst, und die du verschönerst; das Licht, das mir erlaubt, dich zu sehen; die Luft, die du atmest. Ich mag den verbogenen Baum in meinem Hof, weil du ihn gesehen hast. Ich bin heute Nacht die Allee entlanggegangen, wo ich dich eines Winternachts traf. Ich habe einen Zweig des Buchsbaums gepflückt, den du angesehen hast. In dieser Stadt, in der du nicht bist, sehe ich nur dich.“

Er schrieb am Ende seines Briefes, dass er auswärts speisen werde. In Abwesenheit von Madame Fusellier, die aufs Land gefahren war, werde er in ein Weinlokal in der Rue Royale gehen, wo er bekannt sei. Und dort, in der undeutlichen Menge, werde er allein mit ihr sein.

Therese, schläfrig gemacht von der Sanftheit unsichtbarer Liebkosungen, schloss die Augen und legte den Kopf in den Sessel zurück. Als sie das Geräusch des Wagens hörte, der sich dem Haus näherte, öffnete sie den zweiten Brief. Sobald sie die veränderte Handschrift darauf sah, die hastigen und unebenen Zeilen, das verstörte Aussehen der Adresse, war sie beunruhigt.

Sein dunkler Anfang deutete auf plötzliche Qual und schwarzes Misstrauen hin: „Therese, Therese, warum hast du dich mir gegeben, wenn du dich mir nicht ganz gegeben hast? Was nützt es mir, dass du mich betrogen hast, jetzt, da ich weiß, was ich nicht wissen wollte?“

Sie hielt inne; ein Schleier legte sich über ihre Augen. Sie dachte:

„Wir waren vor einem Augenblick so glücklich. Was ist geschehen? Und ich freute mich so sehr über seine Freude, als sie schon vergangen war; es wäre besser, nicht zu schreiben, da Briefe nur entschwundene Gefühle und ausgelöschte Ideen zeigen.“

Sie las weiter. Und als sie sah, dass er voller Eifersucht war, fühlte sie sich entmutigt.

„Wenn ich ihm nicht bewiesen habe, dass ich ihn mit all meiner Kraft liebe, dass ich ihn mit allem liebe, was in mir ist, wie soll ich ihn jemals davon überzeugen?“

Und sie war ungeduldig, die Ursache seines Wahnsinns zu entdecken. Jacques erzählte sie. Während er in der Rue Royale frühstückte, hatte er einen ehemaligen Gefährten getroffen, der gerade von der Küste zurückgekehrt war. Sie hatten miteinander gesprochen; der Zufall wollte es, dass dieser Mann von der Gräfin Martin sprach, die er kannte. Und sofort, die Erzählung unterbrechend, rief Jacques aus: „Therese, Therese, warum hast du mich belogen, da ich doch eines Tages sicher erfahren würde, was nur ich allein nicht wusste? Aber der Fehler liegt mehr bei mir als bei dir. Der Brief, den du in den Briefkasten von San Michele geworfen hast, unser Treffen am Bahnhof von Florenz, hätte mir die Augen geöffnet, wenn ich nicht hartnäckig an meinen Illusionen festgehalten und die Beweise missachtet hätte.

„Ich wusste es nicht; ich wollte unwissend bleiben. Ich habe dich nach nichts gefragt, aus Angst, du könntest nicht mehr lügen können; ich war klug; und es ist geschehen, dass ein Idiot plötzlich, brutal, an einem Restauranttisch, mir die Augen geöffnet und mich gezwungen hat, es zu wissen. Oh, jetzt, da ich es weiß, jetzt, da ich nicht mehr zweifeln kann, scheint es mir, als wäre zu zweifeln köstlich! Er nannte den Namen – den Namen, den ich in Fiesole von Miss Bell gehört hatte, und er fügte hinzu: ‚Das weiß jeder.‘

„Also hast du ihn geliebt. Du liebst ihn immer noch! Er ist zweifellos in deiner Nähe. Er fährt jedes Jahr zu den Rennen von Dinard. Das hat man mir gesagt. Ich sehe ihn. Ich sehe alles. Wenn du die Bilder kennen würdest, die mich quälen, würdest du sagen: ‚Er ist verrückt‘, und du würdest Mitleid mit mir haben. Oh, wie würde ich dich und alles vergessen wollen! Aber ich kann nicht. Du weißt sehr wohl, dass ich dich nicht vergessen kann, außer mit dir. Ich sehe dich unaufhörlich mit ihm. Es ist eine Folter. Ich dachte, ich sei in jener Nacht am Ufer des Arno unglücklich. Aber ich wusste damals nicht, was es heißt zu leiden. Heute weiß ich es.“

Als sie den Brief zu Ende gelesen hatte, dachte Therese: „Ein beiläufig hingeworfenes Wort hat ihn in diesen Zustand versetzt, ein Wort hat ihn verzweifelt und wahnsinnig gemacht.“ Sie versuchte zu überlegen, wer der Elende sein könnte, der so geredet haben mochte. Sie verdächtigte zwei oder drei junge Männer, die Le Menil ihr einmal vorgestellt hatte, mit der Warnung, ihnen nicht zu trauen. Und mit einem der weißen und kalten Zornesausbrüche, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, sagte sie sich: „Ich muss wissen, wer er ist.“ Unterdessen, was sollte sie tun? Ihr Geliebter in Verzweiflung, wahnsinnig, krank, sie konnte nicht zu ihm laufen, ihn umarmen und sich mit einer solchen Hingabe auf ihn werfen, dass er fühlen würde, wie sehr sie ganz sein war, und gezwungen wäre, an sie zu glauben. Sollte sie schreiben? Wie viel besser wäre es, zu ihm zu gehen, ihm an den Hals zu fallen und zu sagen: „Wage es zu glauben, dass ich nicht nur dir gehöre!“ Aber sie konnte nur schreiben. Sie hatte kaum ihren Brief begonnen, als sie Stimmen und Lachen im Garten hörte. Therese ging hinunter, ruhig und lächelnd; ihr großer Strohhut warf einen durchsichtigen Schatten auf ihr Gesicht, in dem ihre grauen Augen leuchteten.

„Wie schön sie ist!“, rief Prinzessin Seniavine. „Wie schade, dass wir sie nie sehen! Am Morgen promeniert sie in den Gassen von Saint Malo, am Nachmittag ist sie in ihrem Zimmer eingeschlossen. Sie läuft vor uns weg.“

Der Wagen fuhr um den großen Kreis des Strandes am Fuße der Villen und Gärten am Hang. Und sie sahen links die Stadtmauern und den Kirchturm von St. Malo aus dem blauen Meer aufragen. Dann fuhr der Wagen in eine Straße, die von Hecken gesäumt war, an denen Dinarder Frauen entlanggingen, aufrecht unter ihren breiten Kopfbedeckungen.

„Unglücklicherweise“, sagte Madame Raymond, die neben Montessuy auf dem Bock saß, „sterben die alten Trachten aus. Die Schuld liegt bei den Eisenbahnen.“

„Es ist wahr“, sagte Montessuy, „dass die Bauern ohne die Eisenbahnen immer noch ihre malerischen Trachten von früher tragen würden. Aber wir würden sie nicht sehen.“

„Was macht das schon?“, antwortete Madame Raymond. „Wir könnten sie uns vorstellen.“

„Aber“, fragte die Prinzessin Seniavine, „sehen Sie jemals interessante Dinge? Ich nie.“

Madame Raymond, die aus den Büchern ihres Mannes einen vagen Anstrich von Philosophie angenommen hatte, erklärte, dass die Dinge nichts seien und dass die Idee alles sei.

Ohne Madame Berthier-d’Eyzelles anzusehen, die zu ihrer Rechten saß, murmelte die Gräfin Martin:

„Oh ja, die Menschen sehen nur ihre Ideen; sie folgen nur ihren Ideen. Sie gehen blind und taub ihres Weges. Man kann sie nicht aufhalten.“

„Aber, meine Liebe“, sagte Graf Martin, der vor ihr neben der Prinzessin saß, „ohne Leitideen würde man aufs Geratewohl gehen. Hast du, Montessuy, die Rede gelesen, die Loyer bei der Enthüllung der Cadet-Gassicourt-Statue gehalten hat? Der Anfang ist bemerkenswert. Loyer fehlt es nicht an politischem Gespür.“

Der Wagen, der die mit Weiden gesäumten Felder durchquert hatte, fuhr einen Hügel hinauf und bewegte sich auf einem weitläufigen, bewaldeten Plateau. Lange Zeit fuhr er an den Parkmauern entlang.

„Ist das der Guerric?“, fragte die Prinzessin Seniavine.

Plötzlich erschien zwischen zwei von Löwen gekrönten Steinsäulen das geschlossene Tor. Am Ende einer langen Allee standen die grauen Steine eines Schlosses.

„Ja“, sagte Montessuy, „das ist der Guerric.“

Und an Therese gewandt:

„Kannten Sie den Marquis de Re? Mit fünfundsechzig hatte er seine Kraft und seine Jugend bewahrt. Er gab den Ton an und wurde geliebt. Junge Männer kopierten seinen Gehrock, sein Monokel, seine Gesten, seine exquisite Unverschämtheit, seine amüsanten Marotten. Plötzlich gab er die Gesellschaft auf, schloss sein Haus, verkaufte seinen Stall, hörte auf, sich zu zeigen. Erinnern Sie sich, Therese, an sein plötzliches Verschwinden? Sie waren erst kurze Zeit verheiratet. Er besuchte Sie oft. Eines schönen Tages erfuhr man, dass er Paris verlassen hatte. Das ist der Ort, an den er im Winter gekommen war. Man versuchte, einen Grund für seinen plötzlichen Rückzug zu finden; manche glaubten, er sei unter dem Einfluss von Kummer oder Demütigung geflohen, oder aus Angst, die Welt könnte ihn altern sehen. Er fürchtete das Alter mehr als alles andere. Seit sieben Jahren lebt er im Rückzug von der Gesellschaft; er hat das Schloss kein einziges Mal verlassen. Er empfängt im Guerric zwei oder drei alte Männer, die seine Gefährten in der Jugend waren. Dieses Tor wird nur für sie geöffnet. Seit seinem Rückzug hat ihn niemand mehr gesehen; niemand wird ihn jemals wieder sehen. Er zeigt die gleiche Sorgfalt, sich zu verbergen, wie er früher Sorgfalt darauf verwandte, sich zu zeigen. Er hat nicht unter seinem Verfall gelitten. Er existiert in einer Art lebendigem Tod.“

Und Therese, die sich an den liebenswürdigen alten Mann erinnerte, der ihr Leben der Galanterie glorreich mit ihr beenden wollte, drehte den Kopf und betrachtete den Guerric, der seine vier Türme über die grauen Gipfel der Eichen erhob.

Bei ihrer Rückkehr sagte sie, sie habe Kopfschmerzen und werde nicht zu Abend essen. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein und holte den kläglichen Brief aus ihrem Schmuckkästchen. Sie las die letzte Seite noch einmal.

„Der Gedanke, dass du einem anderen gehörst, verbrennt mich. Und dann wollte ich nicht, dass jener Mann derjenige ist.“

Es war eine fixe Idee. Er hatte dreimal auf dasselbe Blatt diese Worte geschrieben: „Ich wollte nicht, dass jener Mann derjenige ist.“

Auch sie hatte nur eine Idee: ihn nicht zu verlieren. Um ihn nicht zu verlieren, hätte sie alles gesagt, hätte sie alles getan. Sie ging zu ihrem Tisch und schrieb, unter dem Stachel einer zärtlichen und klagenden Heftigkeit, einen Brief, in dem sie wie ein Stöhnen wiederholte: „Ich liebe dich, ich liebe dich! Ich habe nie jemanden geliebt außer dir. Du bist allein, allein – hörst du? – in meinem Geist, in mir. Denke nicht an das, was dieser elende Mann gesagt hat. Hör mir zu! Ich habe nie jemanden geliebt, ich schwöre es, niemanden vor dir.“

Während sie schrieb, begleitete das sanfte Seufzen des Meeres ihr eigenes Seufzen. Sie wollte wirkliche Dinge sagen, sie glaubte, sie zu sagen; und alles, was sie sagte, war wahr mit der Wahrheit ihrer Liebe. Sie hörte den schweren Schritt ihres Vaters auf der Treppe. Sie versteckte ihren Brief und öffnete die Tür. Montessuy fragte sie, ob sie sich besser fühle.

„Ich kam“, sagte er, „um dir gute Nacht zu sagen und dich etwas zu fragen. Es ist wahrscheinlich, dass ich Le Menil bei den Rennen treffe. Er fährt jedes Jahr dorthin. Wenn ich ihn treffe, Liebes, hättest du etwas dagegen, wenn ich ihn einlade, für ein paar Tage hierher zu kommen? Dein Mann denkt, er wäre eine angenehme Gesellschaft für dich. Wir könnten ihm das blaue Zimmer geben.“

„Wie du willst. Aber ich würde es vorziehen, dass du das blaue Zimmer für Paul Vence freihältst, der kommen möchte. Es ist auch möglich, dass Choulette ohne Vorwarnung kommt. Es ist seine Angewohnheit. Wir werden ihn eines Morgens wie einen Bettler am Tor klingeln sehen. Du weißt, mein Mann irrt sich, wenn er denkt, dass mir Le Menil gefällt. Und dann muss ich nächste Woche für zwei oder drei Tage nach Paris.“

KAPITEL XXIX. EIFERSUCHT

Vierundzwanzig Stunden, nachdem sie ihren Brief geschrieben hatte, fuhr Therese von Dinard zum kleinen Haus in den Ternes. Es war nicht schwierig für sie gewesen, einen Vorwand zu finden, um nach Paris zu fahren. Sie hatte die Reise mit ihrem Mann gemacht, der seine Wähler sehen wollte, die von den Sozialisten bearbeitet wurden. Sie überraschte Jacques am Morgen im Atelier, während er eine hohe Figur von Florenz skizzierte, die am Ufer des Arno weinte.

Das Modell, auf einem sehr hohen Hocker sitzend, hielt ihre Pose. Sie war ein langes, dunkles Mädchen. Das harte Licht, das aus dem Oberlicht fiel, gab den reinen Linien ihrer Hüfte und Schenkel Präzision, betonte ihr hartes Gesicht, ihren dunklen Hals, ihre marmorne Brust, die Linien ihrer Knie und Füße, deren Zehen übereinandergelegt waren. Therese betrachtete sie neugierig und erriet ihre exquisite Form unter dem Elend ihres Fleisches, das schlecht ernährt und schlecht gepflegt war.

Dechartre kam mit einem Ausdruck von schmerzlicher Zärtlichkeit auf Therese zu, der sie bewegte. Dann, nachdem er seinen Ton und das Werkzeug neben die Staffelei gelegt und die Figur mit einem nassen Tuch bedeckt hatte, sagte er zum Modell:

„Das ist genug für heute.“

Sie stand auf, nahm unbeholfen ihre Kleidung auf, eine Handvoll dunkler Wolle und verschmutzter Wäsche, und ging hinter den Wandschirm, um sich anzuziehen.

Währenddessen ging der Bildhauer, nachdem er seine Hände, die der zähe Ton weiß gemacht hatte, in das Wasser einer grünen Schüssel getaucht hatte, mit Therese aus dem Atelier.

Sie gingen unter dem Baum hindurch, der den Sand des Hofes mit den Schalen seiner abgeschälten Rinde übersäte. Sie sagte:

„Du hast keinen Glauben mehr, nicht wahr?“

Er führte sie in sein Zimmer.

Der Brief aus Dinard hatte seine schmerzhaften Eindrücke bereits gemildert. Sie war in dem Moment gekommen, als er, müde vom Leiden, das Bedürfnis nach Ruhe und Zärtlichkeit spürte. Ein paar Zeilen Handschrift hatten seinen Geist besänftigt, der sich von Bildern nährte, weniger empfänglich für Dinge als für die Zeichen der Dinge; doch er spürte einen Schmerz im Herzen.

In dem Raum, in dem alles von ihr sprach, wo die Möbel, die Vorhänge und die Teppiche von ihrer Liebe erzählten, flüsterte sie sanfte Worte:

„Du konntest glauben – weißt du nicht, was du bist? – es war Wahnsinn! Wie kann eine Frau, die dich gekannt hat, sich nach dir noch für einen anderen interessieren?“

„Aber vorher?“

„Vorher habe ich auf dich gewartet.“

„Und er hat die Rennen in Dinard nicht besucht?“

Sie glaubte nicht, dass er es getan hatte, und es war sehr sicher, dass sie selbst sie nicht besucht hatte. Pferde und pferdebegeisterte Männer langweilten sie.

„Jacques, fürchte niemanden, da du mit niemandem vergleichbar bist.“

Er wusste im Gegenteil, wie unbedeutend er war und wie unbedeutend jeder auf dieser Welt ist, in der Wesen, aufgewühlt wie Getreide in einer Worfschaufel, durch einen Schüttler des Bauern oder Gottes vermischt und getrennt werden. Diese Idee der landwirtschaftlichen oder mystischen Worfschaufel repräsentierte Maß und Ordnung zu sehr, um genau auf das Leben angewendet zu werden. Es schien ihm, als seien die Menschen Körner in einer Kaffeemühle. Er hatte dies am Tag zuvor lebhaft gespürt, als er Madame Fusellier in ihrer Mühle Kaffee mahlen sah.

Therese sagte zu ihm:

„Warum bist du nicht eingebildet?“

Sie fügte nur wenige Worte hinzu, aber sie sprach mit ihren Augen, ihren Armen, dem Atem, der ihren Busen heben ließ.

In der glücklichen Überraschung, sie zu sehen und zu hören, ließ er sich überzeugen.

Sie fragte, wer so etwas Abscheuliches gesagt habe.

Er hatte keinen Grund, seinen Namen vor ihr zu verbergen. Es war Daniel Salomon.

Sie war nicht überrascht. Daniel Salomon, der als einer galt, der nicht der Liebhaber irgendeiner Frau gewesen war, wollte zumindest das Vertrauen aller haben und ihre Geheimnisse kennen. Sie erriet den Grund, warum er gesprochen hatte.

„Jacques, sei nicht böse über das, was ich dir sage. Du bist nicht geschickt darin, deine Gefühle zu verbergen. Er ahnte, dass du in mich verliebt warst, und er wollte sichergehen. Ich bin überzeugt, dass er jetzt keinen Zweifel mehr an unseren Beziehungen hat. Aber das ist mir gleichgültig. Im Gegenteil, wenn du besser zu verstellen wüsstest, wäre ich weniger glücklich. Ich würde denken, du liebst mich nicht genug.“

Aus Angst, ihn zu beunruhigen, wandte sie sich anderen Gedanken zu:

„Ich habe dir noch nicht gesagt, wie sehr mir deine Skizze gefällt. Es ist Florenz am Arno. Dann sind wir das?“

„Ja, ich habe in diese Figur das Gefühl meiner Liebe gelegt. Sie ist traurig, und ich wollte, sie wäre schön. Weißt du, Thérèse, Schönheit ist schmerzhaft. Darum leide ich, da das Leben schön ist.“

Er holte aus seinem Flanellrock seine Zigarettenspitze, doch sie hieß ihn, sich anzukleiden. Sie würde ihn zum Frühstück mitnehmen. Sie würden sich an diesem Tag nicht voneinander trennen. Es würde herrlich werden.

Sie sah ihn mit kindlicher Freude an. Dann wurde sie traurig bei dem Gedanken, dass sie am Ende der Woche nach Dinard zurückkehren und später nach Joinville gehen müsse und dass sie in dieser Zeit getrennt sein würden.

In Joinville, bei ihrem Vater, würde sie ihn für ein paar Tage einladen lassen. Aber sie würden dort nicht frei und allein sein, wie sie es in Paris waren.

„Es ist wahr“, sagte er, „dass Paris gut zu uns ist in seiner verworrenen Unermesslichkeit.“

Und er fügte hinzu:

„Selbst in deiner Abwesenheit kann ich Paris nicht verlassen. Es wäre schrecklich für mich, in Ländern zu leben, die dich nicht kennen. Ein Himmel, Berge, Bäume, Brunnen, Statuen, die nicht von dir zu sprechen wissen, hätten mir nichts zu sagen.“

Während er sich anzog, blätterte sie in einem Buch, das sie auf dem Tisch gefunden hatte. Es war Tausendundeine Nacht. Romantische Stiche zeigten hier und da im Text Großwesire, Sultaninnen, schwarze Tuniken, Basare und Karawanen.

Sie fragte:

„Tausendundeine Nacht – amüsiert dich das?“

„Sehr“, antwortete er und band seine Krawatte. „Ich glaube so sehr ich nur will an diese arabischen Prinzen, deren Beine zu schwarzem Marmor werden, und an diese Frauen aus dem Harem, die nachts auf Friedhöfen umherwandern. Diese Geschichten schenken mir angenehme Träume, die mich das Leben vergessen lassen. Letzte Nacht ging ich traurig zu Bett und las die Geschichte der drei Kalender.“

Sie sagte mit ein wenig Bitterkeit:

„Du versuchst zu vergessen. Ich würde um nichts in der Welt darauf verzichten wollen, die Erinnerung an einen Schmerz zu verlieren, der mir von dir kam.“

Sie gingen zusammen auf die Straße. Sie sollte ein Stück weiter eine Kutsche nehmen und ihm um ein paar Minuten in ihrem Haus zuvorkommen.

„Mein Mann erwartet dich zum Frühstück.“

Sie sprachen auf dem Weg von belanglosen Dingen, die ihre Liebe groß und bezaubernd machte. Sie planten ihren Nachmittag im Voraus, um ihn mit der Unendlichkeit tiefer Freude und erfinderischen Vergnügens zu füllen. Sie beriet sich mit ihm über ihre Kleider. Sie konnte sich nicht entschließen, ihn zu verlassen, glücklich, mit ihm durch die Straßen zu gehen, die die Sonne und die Heiterkeit des Mittags erfüllten. Als sie die Avenue des Ternes erreichten, sahen sie vor sich auf der Allee Läden, die nebeneinander eine großartige Fülle an Speisen zur Schau stellten. Da waren Hühnerketten beim Feinkosthändler, und beim Obsthändler Kisten mit Aprikosen und Pfirsichen, Körbe mit Weintrauben, Stapel von Birnen. Wagen voller Früchte und Blumen säumten den Gehweg. Unter der Markise eines Restaurants nahmen Männer und Frauen ihr Frühstück ein. Thérèse erkannte unter ihnen, allein an einem kleinen Tisch an einem Lorbeerbaum in einem Kübel, Choulette, der sich seine Pfeife anzündete.

Als er sie sah, warf er großspurig ein Fünffrankenstück auf den Tisch, stand auf und verneigte sich. Er war ernst; sein langer Gehrock verlieh ihm ein Ansehen von Anstand und Strenge.

Er sagte, er hätte Madame Martin gern in Dinard besucht, sei aber in der Vendée von der Marquise de Rieu aufgehalten worden. Er habe jedoch eine neue Ausgabe des Jardin Clos herausgegeben, erweitert um den Verger de Sainte-Claire. Er habe Seelen bewegt, die man für unempfindlich hielt, und habe Quellen aus Felsen entspringen lassen.

„So“, sagte er, „war ich gewissermaßen ein Moses.“

Er kramte in seiner Tasche und zog aus einem Buch einen Brief, abgenutzt und fleckig.

„Das schreibt mir Madame Raymond, die Frau des Akademikers. Ich veröffentliche, was sie sagt, denn es gereicht ihr zur Ehre.“

Und während er die dünnen Blätter entfaltete, las er:

„Ich habe meinem Mann Ihr Buch bekannt gemacht, der ausrief: ‚Das ist reiner Spiritualismus. Hier ist ein geschlossener Garten, der auf der Seite der Lilien und weißen Rosen, so stelle ich mir vor, ein kleines Tor hat, das sich zum Weg zur Académie öffnet.‘“

Choulette genoss diese Sätze, die sich in seinem Mund mit dem Duft von Whisky vermischten, und legte den Brief sorgfältig zurück in sein Buch.

Madame Martin beglückwünschte den Dichter dazu, der Kandidat von Madame Raymond zu sein.

„Sie sollten meiner sein, Monsieur Choulette, wenn ich mich für akademische Wahlen interessierte. Aber erweckt das Institut Ihren Neid?“

Er bewahrte für einige Augenblicke ein feierliches Schweigen, dann:

„Ich werde nun, Madame, mit verschiedenen bedeutenden Personen der politischen und religiösen Welt konferieren, die in Neuilly wohnen. Die Marquise de Rieu wünscht, dass ich in ihrem Land für einen Senatssitz kandidiere, der durch den Tod eines alten Mannes vakant wurde, der, wie man sagt, ein General während seines illusorischen Lebens war. Ich werde mit Priestern, Frauen und Kindern beraten – oh, ewige Weisheit! – auf dem Boulevard Bineau. Die Wählerschaft, deren Stimmen ich zu erlangen versuchen werde, bewohnt ein hügeliges und bewaldetes Land, in dem Weiden die Felder einrahmen. Und es ist keine Seltenheit, im hohlen Stamm einer dieser alten Weiden das Skelett eines Chouan zu finden, der sein Gewehr an die Brust drückt und seinen Rosenkranz in den fleischlosen Fingern hält. Ich werde mein Programm an die Rinde von Eichen heften lassen. Ich werde sagen: ‚Friede den Pfarrhäusern! Möge der Tag kommen, an dem die Bischöfe, den hölzernen Krummstab in ihren Händen, sich dem ärmsten Diener der ärmsten Gemeinde gleichmachen! Es waren die Bischöfe, die Jesus Christus kreuzigten. Ihre Namen waren Hannas und Kaiphas. Und sie behalten diese Namen noch vor dem Sohn Gottes. Während sie Ihn ans Kreuz nagelten, war ich der gute Schächer, der an Seiner Seite hing.‘“

Er hob seinen Stock und zeigte in Richtung Neuilly:

„Dechartre, mein Freund, glauben Sie nicht, dass der Boulevard Bineau der staubige da drüben zur Rechten ist?“

„Lebwohl, Monsieur Choulette“, sagte Thérèse. „Denken Sie an mich, wenn Sie Senator sind.“

„Madame, ich vergesse Sie in keinem meiner Gebete, morgens und abends. Und ich sage zu Gott: ‚Da du ihr in deinem Zorn Reichtum und Schönheit gegeben hast, betrachte sie, Herr, mit Güte und behandle sie gemäß deiner souveränen Barmherzigkeit.‘“

Und er ging aufrecht und mit schleppendem Bein die belebte Allee entlang.

KAPITEL XXX. EIN BRIEF VON ROBERT

Eingehüllt in einen Mantel aus rosafarbenem Tuch ging Thérèse mit Dechartre die Stufen hinab. Er war am Morgen nach Joinville gekommen. Sie hatte ihn in den Kreis ihrer engen Freunde aufgenommen, noch vor der Jagdgesellschaft, zu der, wie sie fürchtete, Le Menil eingeladen worden war, wie es so üblich war. Die leichte Septemberluft bewegte die Locken ihres Haares, und die Sonne ließ goldene Funken im tiefen Grau ihrer Augen aufleuchten. Hinter ihnen zeigte die Fassade des Schlosses über den drei Arkaden des ersten Stocks, in den Abständen der Fenster, auf langen Tischen Büsten römischer Kaiser. Das Haus lag zwischen zwei hohen Pavillons, die ihre großen Schieferdächer noch erhöhten, über Säulen ionischer Ordnung. Dieser Stil verriet die Kunst des Architekten Leveau, der im Jahr 1650 das Schloss Joinville-sur-Oise für jenen reichen Mareuilles erbaut hatte, ein Geschöpf Mazarins und glücklicher Komplize Fouquets.

Thérèse und Jacques sahen vor sich die von Le Nôtre entworfenen Blumenbeete, den grünen Teppich, den Brunnen; dann die Grotte mit ihren fünf rustikalen Arkaden, gekrönt von den hohen Bäumen, auf denen der Herbst bereits damit begonnen hatte, seinen goldenen Mantel auszubreiten.

„Diese grüne Geometrie ist schön“, sagte Dechartre.

„Ja“, sagte Thérèse. „Aber ich denke an den Baum, der sich im kleinen Innenhof neigt, wo Gras zwischen den Steinen wächst. Wir werden dort einen schönen Brunnen bauen, nicht wahr, und Blumen hineinsetzen?“

Sie lehnte an einem der steinernen Löwen mit fast menschlichen Gesichtern, die die Treppe bewachten, wandte den Kopf zum Schloss und sagte, während sie auf eines der Fenster blickte:

„Dort ist dein Zimmer; ich bin letzte Nacht hineingegangen. Auf demselben Stockwerk, auf der anderen Seite, am anderen Ende, ist das Büro meines Vaters. Ein weißer Holztisch, eine Mahagonimappe, eine Karaffe auf dem Kaminsims: sein Büro, als er ein junger Mann war. Unser gesamtes Vermögen stammte von diesem Ort.“

Durch die sandbedeckten Pfade zwischen den Blumenbeeten gingen sie zu der Buchsbaumhecke, die den Park auf der Südseite begrenzte. Sie kamen am Orangeriegarten vorbei, dessen monumentales Tor vom Lothringer Kreuz des Mareuilles überragt wurde, und gingen dann unter den Linden hindurch, die eine Allee auf dem Rasen bildeten. Statuen von Nymphen zitterten im feuchten Schatten, der mit bleichen Lichtern übersät war. Eine Taube, die auf der Schulter einer der weißen Frauen saß, floh. Von Zeit zu Zeit löste ein Windhauch ein vertrocknetes Blatt, das wie eine Schale aus rotem Gold zu Boden fiel, wo ein Regentropfen haften blieb. Thérèse deutete auf die Nymphe und sagte:

„Sie sah mich, als ich ein Mädchen war und sterben wollte. Ich litt unter Träumen und unter Angst. Ich wartete auf dich. Aber du warst so weit weg!“

Die Lindenallee endete in der Nähe des großen Beckens, in dessen Mitte eine Gruppe von Tritonen ihre Muscheln blies, um, wenn die Wasser spielten, ein flüssiges Diadem mit Schaumblüten zu bilden.

„Es ist die Krone von Joinville“, sagte sie.

Sie deutete auf einen Pfad, der vom Becken ausging und sich in den Feldern in Richtung der aufgehenden Sonne verlor.

„Dies ist mein Pfad. Wie oft bin ich ihn traurig entlanggegangen! Ich war traurig, als ich dich noch nicht kannte.“

Sie fanden die Allee, die mit anderen Linden und anderen Nymphen weiterführte. Und sie folgten ihr bis zu den Grotten. Im hinteren Teil des Parks befand sich ein Halbkreis aus fünf großen Felsnischen, die von Balustraden gekrönt und durch gigantische Terminus-Götter getrennt waren. Einer dieser Götter, an einer Ecke des Monuments, überragte alle anderen durch seine monströse Nacktheit und senkte auf sie seinen steinernen Blick.

„Als mein Vater Joinville kaufte“, sagte sie, „waren die Grotten nur Ruinen, voller Gras und Vipern. Tausend Kaninchen hatten Löcher hineingegraben. Er restaurierte die Terminus-Götter und die Arkaden gemäß den Drucken von Perelle, die in der Bibliothèque Nationale aufbewahrt werden. Er war sein eigener Architekt.“

Der Wunsch nach Schatten und Geheimnis führte sie zur Laube in der Nähe der Grotten. Doch das Geräusch von Schritten, das sie aus der überdachten Allee hörten, ließ sie für einen Moment innehalten, und sie sahen durch die Blätter Montessuy, wie er seinen Arm um die Taille der Prinzessin Seniavine gelegt hatte. Ruhig gingen sie in Richtung des Schlosses. Jacques und Thérèse, die sich hinter dem riesigen Terminus-Gott versteckten, warteten, bis sie vorbeigegangen waren.

Dann sagte sie zu Dechartre, der sie schweigend ansah:

„Das ist verblüffend! Ich verstehe jetzt, warum die Prinzessin Seniavine im Winter meinen Vater um Rat bat, als sie Pferde kaufen wollte.“

Dennoch bewunderte Thérèse ihren Vater dafür, dass er jene schöne Frau erobert hatte, die als schwer zufriedenzustellen galt und von der man wusste, dass sie vermögend war, ungeachtet der Verlegenheiten, die ihr ihre wahnwitzige Unordnung bereitet hatte. Sie fragte Jacques, ob er die Prinzessin nicht für schön halte. Er sagte, sie besitze Eleganz. Sie sei zweifellos schön.

Thérèse führte Jacques zu den moosbewachsenen Stufen, die hinter den Grotten anstiegen und zum Gerbe-de-l’Oise führten, der aus bleiernen Schilfrohren inmitten einer großen Vase aus rosa Marmor gebildet war. Hohe Bäume schlossen die Perspektive des Parks ab und standen am Beginn des Waldes. Sie gingen unter ihnen hindurch. Sie waren schweigend unter dem leisen Stöhnen der Blätter.

Er drückte sie in seine Arme und küsste ihre Augenlider. Die Nacht senkte sich herab, die ersten Sterne zitterten zwischen den Zweigen. Im feuchten Gras seufzten die Flöten der Frösche. Sie gingen nicht weiter.

Als sie mit ihm in der Dunkelheit den Weg zum Schloss einschlug, blieb der Geschmack von Küssen und Minze auf ihren Lippen, und in ihren Augen war das Bild ihres Geliebten. Sie lächelte unter den Linden den Nymphen zu, die die Tränen ihrer Kindheit gesehen hatten. Der Schwan hob am Himmel sein Kreuz aus Sternen, und der Mond spiegelte sein schmales Horn im Becken der Krone. Insekten im Gras stießen Liebesrufe aus. An der letzten Biegung der Buchsbaumhecke sahen Thérèse und Jacques die dreifache schwarze Masse des Schlosses und unterschieden durch die weiten Fenstertüren des ersten Stocks bewegte Gestalten im roten Licht. Die Glocke läutete.

Thérèse rief aus:

„Ich habe kaum Zeit, mich für das Abendessen anzuziehen.“

Und sie schritt rasch zwischen den steinernen Löwen hindurch und ließ ihren Geliebten unter dem Eindruck einer märchenhaften Vision zurück.

Im Salon las Monsieur Berthier-d’Eyzelles nach dem Abendessen die Zeitung, und die Prinzessin Seniavine spielte Patience. Thérèse saß da, die Augen halb geschlossen über einem Buch.

Die Prinzessin fragte, ob sie das, was sie las, amüsant finde.

„Ich weiß es nicht. Ich las und dachte nach. Paul Vence hat recht: ‚Wir finden nur uns selbst in den Büchern.‘“

Durch die Vorhänge drangen aus dem Billardzimmer die Stimmen der Spieler und das Klappern der Kugeln.

„Ich hab’s!“, rief die Prinzessin und warf die Karten hin.

Sie hatte eine hohe Summe auf ein Pferd gewettet, das an diesem Tag bei den Rennen in Chantilly lief.

Thérèse sagte, sie habe einen Brief aus Fiesole erhalten. Miss Bell kündigte ihre bevorstehende Hochzeit mit Prinz Eusebia Albertinelli della Spina an.

Die Prinzessin lachte:

„Da ist ein Mann, der ihr einen Dienst erweisen wird.“

„Welchen Dienst?“, fragte Thérèse.

„Er wird ihr die Männer verleiden, natürlich.“

Montessuy kam vergnügt in den Salon. Er hatte die Partie gewonnen.

Er setzte sich neben Berthier-d’Eyzelles, nahm eine Zeitung vom Sofa und sagte:

„Der Finanzminister kündigt an, dass er bei der Wiederaufnahme der Sitzungen der Kammer sein Sparkassengesetz vorschlagen wird.“

Dieses Gesetz sollte den Sparkassen die Befugnis geben, Geld an Gemeinden zu verleihen, ein Vorgehen, das den Geschäftshäusern von Montessuy ihre besten Kunden entziehen würde.

„Berthier“, fragte der Finanzier, „sind Sie entschieden gegen dieses Gesetz?“

Berthier nickte.

Montessuy stand auf, legte seine Hand auf die Schulter des Abgeordneten und sagte:

„Mein lieber Berthier, ich habe die Ahnung, dass das Kabinett zu Beginn der Sitzungsperiode fallen wird.“

Er näherte sich seiner Tochter.

„Ich habe einen seltsamen Brief von Le Menil erhalten.“

Thérèse stand auf und schloss die Tür, die den Salon vom Billardzimmer trennte.

Sie fürchte sich vor Zugluft, sagte sie.

„Ein merkwürdiger Brief“, fuhr Montessuy fort. „Le Menil wird nicht nach Joinville kommen. Er hat die Yacht Rosebud gekauft. Er ist auf dem Mittelmeer und kann nur auf dem Wasser leben. Es ist ein Jammer. Er ist der Einzige, der eine Jagd zu leiten weiß.“

In diesem Augenblick kam Dechartre mit Graf Martin in den Raum, der, nachdem er ihn beim Billard besiegt hatte, eine große Zuneigung für ihn gefasst hatte und ihm die Gefahren einer persönlichen Steuer erklärte, die sich nach der Anzahl der Dienstboten richtete, die man hielt.

KAPITEL XXXI. EINE UNERWÜNSCHTE ERSCHEINUNG

Eine bleiche Wintersonne, die den Nebel über der Seine durchbrach, beleuchtete die Hunde, die Oudry auf die Türen des Esszimmers gemalt hatte.

Madame Martin hatte zu ihrer Rechten Garain, den Abgeordneten, ehemals Kanzler und auch Ratspräsident, und zu ihrer Linken Senator Loyer. Zur Rechten von Graf Martin-Bellemé saß Monsieur Berthier-d’Eyzelles. Es war ein vertrautes und ernstes Geschäftstreffen. Entsprechend Montessuys Vorhersage war das Kabinett vier Tage zuvor gestürzt. Am selben Morgen in den Élysée gerufen, hatte Garain die Aufgabe angenommen, ein Kabinett zu bilden. Während des Frühstücks bereitete er die Zusammensetzung vor, die am Abend dem Präsidenten vorgelegt werden sollte. Und während sie über Namen diskutierten, ließ Thérèse in ihrem Inneren die Bilder ihres Privatlebens Revue passieren.

Sie war mit Graf Martin zu Beginn der parlamentarischen Sitzungsperiode nach Paris zurückgekehrt und führte seit jenem Augenblick ein verzaubertes Leben.

Jacques liebte sie; er liebte sie mit einer köstlichen Mischung aus Leidenschaft und Zärtlichkeit, aus gelehrter Erfahrung und kurioser Genialität. Er war nervös, reizbar, ängstlich. Aber die Unbeständigkeit seines Humors machte seine Heiterkeit nur noch bezaubernder. Diese künstlerische Heiterkeit, die plötzlich wie eine Flamme ausbrach, liebkoste die Liebe, ohne sie zu kränken. Und der spielerische Witz ihres Geliebten versetzte Thérèse in Staunen. Sie hätte sich niemals den untrüglichen Geschmack vorstellen können, den er ganz natürlich bei freudigen Launen und vertrauten Fantasien an den Tag legte. Zuerst hatte er nur die Monotonie leidenschaftlicher Glut gezeigt. Das allein hatte sie gefangen genommen. Doch seitdem hatte sie in ihm einen heiteren Geist entdeckt, wohlbestückt und vielfältig, sowie die Gabe angenehmer Schmeichelei.

„Ein homogenes Ministerium zusammenzustellen“, rief Garain, „ist leicht gesagt. Doch man muss sich von den Tendenzen der verschiedenen Fraktionen der Kammer leiten lassen.“

Er war unruhig. Er sah sich von ebenso vielen Fallen umgeben wie jenen, die er gestellt hatte. Selbst seine Mitarbeiter wurden ihm gegenüber feindselig.

Graf Martin wünschte, dass das neue Ministerium die Bestrebungen der neuen Männer befriedige.

„Ihre Liste besteht aus Persönlichkeiten, die sich in Herkunft und Tendenz wesentlich unterscheiden“, sagte er. „Doch die wichtigste Tatsache in der politischen Geschichte der letzten Jahre ist die Möglichkeit, ich sollte sagen die Notwendigkeit, Einheit in die Ansichten bei der Regierung der Republik zu bringen. Das sind Ideen, die Sie, mein lieber Garain, mit seltener Beredsamkeit zum Ausdruck gebracht haben.“

Monsieur Berthier-d’Eyzelles blieb stumm.

Senator Loyer rollte Krümel mit seinen Fingern. Er war früher ein häufiger Gast in Bierhallen gewesen, und während er Krümel formte oder Korken schnitt, fand er Ideen. Er hob sein rotes Gesicht. Und während er Garain mit faltigen Augen ansah, in denen ein rotes Feuer funkelte, sagte er:

„Ich habe es gesagt, und niemand wollte es glauben. Die Vernichtung der monarchistischen Rechten war für die Chefs der republikanischen Partei ein unersetzliches Unglück. Wir regierten früher gegen sie. Die wahre Stütze einer Regierung ist die Opposition. Das Kaiserreich regierte gegen die Orléanisten und gegen uns; MacMahon regierte gegen die Republikaner. Glücklicherweise regierten wir gegen die Rechte. Die Rechte – was für eine großartige Opposition war das! Sie drohte, sie war aufrichtig, machtlos, groß, ehrlich, unbeliebt! Wir hätten sie hegen sollen. Wir haben es nicht verstanden. Und dann, natürlich, nutzt sich alles ab. Doch man muss immer gegen etwas regieren. Es gibt heute nur Sozialisten, die uns die Stütze geben könnten, die uns die Rechte vor fünfzehn Jahren mit so beständiger Großzügigkeit lieh. Aber sie sind zu schwach. Wir sollten sie stärken, sie zu einer politischen Partei machen. Dies in der jetzigen Stunde zu tun, ist die erste Pflicht eines Staatsministers.“

Garain, der nicht zynisch war, gab keine Antwort.

„Garain, wissen Sie noch nicht“, fragte Graf Martin, „ob Sie mit dem Premierministeramt das Siegelbewahreramt oder das Innenministerium übernehmen?“

Garain antwortete, dass seine Entscheidung von der Wahl abhinge, die jemand anderes treffen würde. Die Anwesenheit dieser Persönlichkeit im Kabinett sei notwendig, und er schwanke zwischen zwei Portefeuilles. Garain opferte seine persönliche Bequemlichkeit übergeordneten Interessen.

Senator Loyer zog ein verkniffenes Gesicht. Er wollte das Siegelbewahreramt. Es war ein lange gehegter Wunsch. Als Dozent für Jura unter dem Kaiserreich gab er in Cafés Unterricht, der geschätzt wurde. Er besaß den Sinn für Winkelzüge. Da er sein politisches Glück mit Artikeln begonnen hatte, die geschickt geschrieben waren, um Strafverfolgung, Prozesse und mehrere Wochen Gefängnis auf sich zu ziehen, hatte er die Presse als eine Waffe der Opposition betrachtet, die jede gute Regierung zerbrechen sollte. Seit dem 4. September 1870 hatte er den Ehrgeiz, Siegelbewahrer zu werden, damit jeder sehen könne, wie der alte Bohemien, der früher den Code erklärte, während er Sauerkraut aß, als oberster Chef der Justiz erscheinen würde.

Dutzende Idioten waren über seinen Rücken geklettert. Nun, da er in den gewöhnlichen Ehren des Senats gealtert, ungeschliffen, mit einem Brauereimädchen verheiratet, arm, faul und desillusioniert war, machten ihn sein alter jakobinischer Geist und seine aufrichtige Verachtung für das Volk, die seinen Ehrgeiz überlebten, zu einem guten Mann für die Regierung. Diesmal bildete er sich ein, als Teil der Garain-Kombination das Justizministerium innezuhaben. Und sein Beschützer, der es ihm nicht geben wollte, war ein unglücklicher Rivale. Er lachte, während er aus einem Stück Brot einen Hund formte.

Monsieur Berthier-d’Eyzelles, ruhig und ernst, streichelte seinen schönen weißen Bart.

„Glauben Sie nicht, Monsieur Garain, dass es gut wäre, den Männern einen Platz im Kabinett zu geben, die von Anfang an die politischen Prinzipien verfolgt haben, auf die wir uns heute zubewegen?“

„Sie haben sich dabei verloren“, erwiderte Garain ungeduldig. „Der Politiker sollte den Umständen niemals voraus sein. Es ist ein Fehler, zu früh im Recht zu sein. Denker sind keine Geschäftsmänner. Und dann – lassen Sie uns offen sprechen – wenn Sie ein Ministerium der Sorte Linkszentrum wollen, dann sagen Sie es: Ich werde zurücktreten. Aber ich warne Sie, dass weder die Kammer noch das Land Sie stützen werden.“

„Es ist offensichtlich“, sagte Graf Martin, „dass wir uns einer Mehrheit sicher sein müssen.“

„Mit meiner Liste haben wir eine Mehrheit“, sagte Garain. „Es ist die Minderheit, die das Ministerium gegen uns gestützt hat. Meine Herren, ich appelliere an Ihre Hingabe.“

Und die mühsame Verteilung der Portefeuilles begann von vorn. Graf Martin erhielt zunächst die öffentlichen Arbeiten, die er aus Mangel an Kompetenz ablehnte, und danach das Außenministerium, das er ohne Einwand annahm.

Doch Monsieur Berthier-d’Eyzelles, dem Garain Handel und Landwirtschaft anbot, behielt sich seine Entscheidung vor.

Loyer bekam die Kolonien. Er schien sehr damit beschäftigt, seinen Brothund auf dem Tischtuch stehen zu lassen. Dennoch spähte er aus den Augenwinkeln seiner kleinen, faltigen Lider zur Gräfin Martin hinüber und dachte bei sich, dass sie begehrenswert sei. Er dachte vage an das Vergnügen, sie wiederzusehen.

Während er Garain bei seiner Kombination beließ, war er mit seiner schönen Gastgeberin beschäftigt; er versuchte, ihre Vorlieben und Gewohnheiten zu erraten, fragte sie, ob sie ins Theater gehe und ob sie jemals abends mit ihrem Mann in ein Kaffeehaus gehe. Und Thérèse begann zu denken, er sei interessanter als die anderen, mit seiner offensichtlichen Unkenntnis ihrer Welt und seinem großartigen Zynismus.

Garain erhob sich. Er musste noch einige Personen sehen, bevor er dem Präsidenten der Republik seine Liste vorlegte. Graf Martin bot ihm seine Kutsche an, doch Garain hatte eine eigene.

„Glauben Sie nicht“, fragte Graf Martin, „dass der Präsident gegen einige Namen Einwände erheben könnte?“

„Der Präsident“, erwiderte Garain, „wird sich von den Notwendigkeiten der Lage inspirieren lassen.“

Er war bereits zur Tür hinaus, als er sich mit der Hand an die Stirn schlug.

„Wir haben das Kriegsministerium vergessen.“

„Wir werden leicht jemanden dafür unter den Generälen finden“, sagte Graf Martin.

„Ach“, rief Garain, „Sie glauben, die Wahl eines Kriegsministers sei einfach. Es ist klar, dass Sie nicht wie ich Mitglied dreier Kabinette und Präsident des Ministerrats waren. In meinen Kabinetten und während meiner Präsidentschaft kamen die größten Schwierigkeiten vom Kriegsministerium. Generäle sind alle gleich. Sie kennen denjenigen, den ich für das Kabinett wählte, das ich bildete. Als wir ihn nahmen, wusste er nichts von den Geschäften. Er wusste kaum, dass es zwei Kammern gab. Wir mussten ihm alle Räder der parlamentarischen Maschinerie erklären; wir mussten ihn lehren, dass es einen Armeeausschuss, einen Finanzausschuss, Unterausschüsse, Ausschussvorsitzende, ein Budget gab. Er verlangte, dass all diese Informationen für ihn auf ein Blatt Papier geschrieben würden. Seine Unwissenheit über Menschen und Dinge verblüffte und beunruhigte uns. In vierzehn Tagen kannte er die subtilsten Kniffe des Handwerks; er kannte persönlich alle Senatoren und alle Abgeordneten und intrigierte mit ihnen gegen uns. Wenn nicht die Hilfe des Präsidenten Grévy gewesen wäre, hätte er uns gestürzt. Und er war ein sehr gewöhnlicher General, ein General wie jeder andere. Oh nein; glauben Sie nicht, dass das Portefeuille des Krieges hastig, ohne Überlegung vergeben werden darf.“

Und Garain schauderte noch bei dem Gedanken an seinen ehemaligen Kollegen.

Thérèse erhob sich. Senator Loyer bot ihr seinen Arm an, mit der graziösen Haltung, die er vierzig Jahre zuvor im Tanzsaal Bullier gelernt hatte. Sie ließ die Politiker im Salon zurück und eilte, um Dechartre zu treffen.

Ein rosiger Nebel bedeckte die Seine, die steinernen Kais und die goldenen Bäume. Die rote Sonne warf die letzten Herrlichkeiten des Jahres in den bewölkten Himmel. Thérèse genoss, als sie hinaustrat, die Schärfe der Luft und den sterbenden Glanz des Tages. Seit ihrer Rückkehr nach Paris fand sie, glücklich, jeden Morgen Gefallen an den Wetterumschwüngen. Es schien ihr in ihrem großzügigen Egoismus, als ob der Wind für sie in den Bäumen wehe oder der feine, graue Regen den Horizont der Alleen benetze; für sie, damit sie beim Betreten des kleinen Hauses in den Ternes sagen konnte: „Es ist windig; es regnet; das Wetter ist angenehm“ – und so den Ozean der Dinge mit der Vertrautheit ihrer Liebe vermengte. Und jeder Tag war schön für sie, da jeder sie in die Arme ihres Geliebten brachte.

Während sie an jenem Tag auf dem Weg zum kleinen Haus in den Ternes war, dachte sie an ihr unerwartetes Glück, so voll und so sicher. Sie ging im letzten Glanz der bereits vom Winter berührten Sonne und sagte sich:

„Er liebt mich; ich glaube, er liebt mich ganz. Zu lieben ist für ihn leichter und natürlicher als für andere Männer. Sie haben im Leben Ideen, die sie für überlegen gegenüber der Liebe halten – Glauben, Gewohnheiten, Interessen. Sie glauben an Gott, oder an Pflichten, oder an sich selbst. Er glaubt nur an mich. Ich bin sein Gott, seine Pflicht und sein Leben.“

Dann dachte sie:

„Es ist auch wahr, dass er niemanden braucht, nicht einmal mich. Seine Gedanken allein sind eine großartige Welt, in der er leicht für sich leben könnte. Aber ich kann nicht ohne ihn leben. Was würde aus mir werden, wenn ich ihn nicht hätte?“

Sie war nicht beunruhigt durch die heftige Leidenschaft, die er für sie empfand. Sie erinnerte sich, dass sie eines Tages zu ihm gesagt hatte: „Deine Liebe zu mir ist nur sinnlich. Ich beklage mich nicht darüber; es ist vielleicht die einzige wahre Liebe.“ Und er hatte geantwortet: „Es ist auch die einzige große und starke Liebe. Sie hat ihr Maß und ihre Waffen. Sie ist voll von Bedeutung und Bildern. Sie ist heftig und geheimnisvoll. Sie heftet sich an das Fleisch und an die Seele des Fleisches. Der Rest ist nur Illusion und Unwahrheit.“ Sie war fast ruhig in ihrer Freude. Argwohn und Ängste waren wie die Nebel eines Sommergewitters verflogen. Das schlimmste Wetter ihrer Liebe war gewesen, wenn sie voneinander getrennt waren. Man sollte niemals denjenigen verlassen, den man liebt.

An der Ecke der Avenue Marceau und der Rue Galilée erahnte sie eher, als dass sie einen Schatten erkannte, der an ihr vorbeigezogen war, eine vergessene Gestalt. Sie dachte, sie wollte denken, sie irre sich. Diejenige, die sie zu sehen geglaubt hatte, existierte nicht mehr, hatte niemals existiert. Es war ein Gespenst, das im Limbus einer anderen Welt gesehen wurde, im Dunkel eines Halblichtes. Und sie ging weiter, wobei sie von dieser unbestimmten Begegnung einen Eindruck von Kälte, von vager Verlegenheit und von Schmerz im Herzen behielt.

Während sie die Avenue entlangging, sah sie Zeitungsjungen auf sich zukommen, die die Abendblätter hielten, welche das neue Kabinett ankündigten. Sie überquerte den Platz; ihre Schritte folgten der glücklichen Ungeduld ihres Verlangens. Sie hatte Visionen von Jacques, wie er am Fuß der Treppe auf sie wartete, inmitten der Marmorfiguren; wie er sie in seine Arme nahm und sie, bebend vor Küssen, in jenes Zimmer voller Schatten und Wonnen trug, wo die Süße des Lebens sie das Leben vergessen ließ.

Doch in der Einsamkeit der Avenue MacMahon kam der Schatten, den sie an der Ecke der Rue Galilée gesehen hatte, mit einer Direktheit näher, die unverkennbar war.

Sie erkannte Robert Le Ménil, der ihr vom Kai gefolgt war und sie an der ruhigsten und sichersten Stelle aufhielt.

Sein Wesen, seine Haltung drückten die Einfachheit des Motivs aus, die Thérèse früher gefallen hatte. Sein Gesicht, von Natur aus hart, von Sonnenbrand gebräunt, etwas eingefallen, aber ruhig, drückte tiefes Leiden aus.

„Ich muss mit dir sprechen.“

Sie verlangsamte ihren Schritt. Er ging an ihrer Seite.

„Ich habe versucht, dich zu vergessen. Nach dem, was geschehen war, war das natürlich, nicht wahr? Ich habe getan, was ich konnte. Es wäre sicher besser gewesen, dich zu vergessen; aber ich konnte nicht. Also kaufte ich ein Boot und bin sechs Monate lang gereist. Du weißt es vielleicht?“

Sie gab ein Zeichen, dass sie es wusste.

Er fuhr fort:

„Die Rosebud, eine schöne Yacht. Es waren sechs Mann Besatzung. Ich habe mit ihnen manövriert. Es war ein Zeitvertreib.“

Er hielt inne. Sie ging langsam, betrübt und vor allem verärgert. Es erschien ihr als eine absurde und schmerzhafte Sache, jenseits allen Ausdrucks, sich solche Worte von einem Fremden anhören zu müssen.

Er fuhr fort:

„Was ich auf diesem Boot gelitten habe, dafür müsste ich mich schämen, es dir zu sagen.“

Sie spürte, dass er die Wahrheit sagte.

„Oh, ich vergebe dir – ich habe allein sehr viel nachgedacht. Ich habe viele Nächte und Tage auf dem Diwan im Deckshaus verbracht und immer wieder dieselben Gedanken in meinem Kopf gewälzt. Sechs Monate lang habe ich mehr gedacht, als ich es je in meinem Leben getan habe. Lache nicht. Es gibt nichts Besseres als Leiden, um den Geist zu erweitern. Ich verstehe, dass, wenn ich dich verloren habe, die Schuld bei mir liegt. Ich hätte wissen müssen, wie ich dich halten kann. Und ich sagte mir: ‚Ich wusste es nicht. Oh, wenn ich doch nur wieder von vorne anfangen könnte!‘ Durch das viele Denken und Leiden verstehe ich es. Ich weiß jetzt, dass ich deine Vorlieben und deine Ideen nicht ausreichend geteilt habe. Du bist eine überlegene Frau. Das ist mir vorher nicht aufgefallen, weil ich dich nicht deshalb geliebt habe. Ohne es zu ahnen, habe ich dich gereizt.“

Sie schüttelte den Kopf. Er drängte.

„Ja, ja, ich habe oft deine Gefühle verletzt. Ich habe keine Rücksicht auf deine Zartheit genommen. Es gab Missverständnisse zwischen uns. Der Grund war, dass wir nicht dasselbe Temperament haben. Und dann wusste ich nicht, wie ich dich amüsieren sollte. Ich wusste nicht, wie ich dir das Vergnügen bereiten konnte, das du brauchst. Ich habe dir nicht die Freuden verschafft, die eine Frau, die so intelligent ist wie du, verlangt.“

Er war in seinem Bedauern und in seinem Schmerz so einfach und wahr, dass sie ihn der Anteilnahme würdig fand. Sie sagte leise zu ihm:

„Mein Freund, ich hatte nie Grund, mich über dich zu beklagen.“

Er fuhr fort:

„Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr. Ich habe das begriffen, als ich allein auf meinem Boot war. Ich habe Stunden darauf verbracht, zu denen ich nicht meinen schlimmsten Feind verurteilen würde. Oft hatte ich Lust, mich ins Wasser zu werfen. Ich habe es nicht getan. War es, weil ich religiöse Prinzipien oder familiäre Gefühle habe, oder weil ich keinen Mut habe? Ich weiß es nicht. Der Grund ist vielleicht, dass du mich aus der Ferne am Leben gehalten hast. Ich wurde von dir angezogen, da ich hier bin. Zwei Tage lang habe ich dich beobachtet. Ich wollte nicht wieder in deinem Haus auftauchen. Ich hätte dich nicht allein angetroffen; ich hätte nicht mit dir sprechen können. Und dann hättest du mich empfangen müssen. Ich hielt es für besser, auf der Straße mit dir zu sprechen. Die Idee kam mir auf dem Boot. Ich sagte mir: ‚Auf der Straße wird sie mir nur zuhören, wenn sie will, so wie sie es vor vier Jahren im Park von Joinville wollte, du weißt schon, unter den Statuen, nahe der Krone.‘“

Er fuhr mit einem Seufzer fort:

„Ja, wie in Joinville, da alles wieder von vorn beginnen muss. Zwei Tage lang habe ich dich beobachtet. Gestern hat es geregnet; du bist in einer Kutsche ausgegangen. Ich hätte dir folgen und erfahren können, wohin du fährst, wenn ich es gewollt hätte. Ich habe es nicht getan. Ich will nicht tun, was dir missfallen würde.“

Sie reichte ihm die Hand.

„Ich danke dir. Ich wusste, dass ich das Vertrauen, das ich in dich gesetzt habe, nicht bereuen würde.“

Alarmiert, ungeduldig, fürchtend, was er noch sagen könnte, versuchte sie, ihm zu entkommen.

„Leb wohl! Du hast noch das ganze Leben vor dir. Du solltest glücklich sein. Schätze es und quäle dich nicht mit Dingen, die der Mühe nicht wert sind.“

Er hielt sie mit einem Blick auf. Sein Gesicht hatte sich zu jenem heftigen und entschlossenen Ausdruck gewandelt, den sie kannte.

„Ich habe dir gesagt, dass ich mit dir sprechen muss. Hör mir eine Minute zu.“

Sie dachte an Jacques, der auf sie wartete. Ein gelegentlicher Passant sah sie an und ging seines Weges. Sie blieb unter den schwarzen Zweigen eines Baumes stehen und wartete mit Mitleid und Schrecken in ihrer Seele.

Er sagte:

„Ich vergebe dir und vergesse alles. Nimm mich zurück. Ich verspreche dir, niemals ein Wort über die Vergangenheit zu verlieren.“

Sie schauderte und machte eine Bewegung der Überraschung und des Widerwillens, die so natürlich war, dass er innehielt. Dann, nach einem Moment des Nachdenkens:

„Mein Vorschlag an dich ist kein gewöhnlicher, das weiß ich wohl. Aber ich habe nachgedacht. Ich habe an alles gedacht. Es ist die einzig mögliche Sache. Denk darüber nach, Thérèse, und antworte nicht sofort.“

„Es wäre falsch, dich zu täuschen. Ich kann nicht, ich will nicht tun, was du sagst; und du kennst den Grund dafür.“

Eine Droschke fuhr langsam an ihnen vorbei. Sie gab dem Kutscher ein Zeichen zu halten. Le Ménil hielt sie noch einen Augenblick fest.

„Ich wusste, dass du mir das sagen würdest, und deshalb sage ich dir: Antworte nicht sofort.“

Mit ihren Fingern an der Türschnalle warf sie ihm den Blick ihrer grauen Augen zu.

Es war ein schmerzhafter Moment für ihn. Er erinnerte sich an die Zeit, als er diese bezaubernden grauen Augen unter halbgeschlossenen Lidern glänzen sah. Er unterdrückte ein Schluchzen und murmelte:

„Hör zu; ich kann nicht ohne dich leben. Ich liebe dich. Jetzt liebe ich dich. Früher wusste ich es nicht.“

Und während sie dem Kutscher aufs Geratewohl die Adresse eines Schneiders nannte, ging Le Ménil davon.

Die Begegnung bereitete ihr viel Unbehagen und Angst. Da sie gezwungen war, ihn wiederzutreffen, hätte sie es vorgezogen, ihn heftig und brutal zu sehen, wie er es in Florenz gewesen war. An der Ecke der Avenue sagte sie zum Kutscher:

„Zu den Ternes.“

KAPITEL XXXII. DIE ROTE LILIE

Es war Freitag, in der Oper. Der Vorhang war über Fausts Laboratorium gefallen. Aus dem Orchester wurden die Operngläser erhoben, um das goldene und purpurne Theater zu mustern. Der düstere Vorhang der Logen umrahmte die blendenden Köpfe und nackten Schultern der Frauen. Das Amphitheater bog über dem Parkett seine Girlande aus Diamanten, Haar, Gaze und Satin. In den Proszeniumslogen saßen die Frau des österreichischen Botschafters und die Herzogin Gladwin; im Amphitheater Berthe d’Osigny und Jane Tulle, letztere am Vortag berühmt geworden durch den Selbstmord eines ihrer Liebhaber; in den Logen Madame Bérard de La Malle, die Augen gesenkt, ihre langen Wimpern beschatteten ihre reinen Wangen; Prinzessin Seniavine, die, prachtvoll aussehend, unter ihrem Fächer pantherhaftes Gähnen verbarg; Madame de Morlaine zwischen zwei jungen Frauen, die sie in der Eleganz des Geistes ausbildete; Madame Meillan, sich auf dreißig Jahre souveräner Schönheit verlassend; Madame Berthier-d’Eyzelles, aufrecht unter eisgrauem Haar, das von Diamanten funkelte. Das Blühen ihrer Wangen unterstrich die strenge Würde ihrer Haltung. Sie erregte viel Aufsehen. Man hatte am Morgen erfahren, dass nach dem Scheitern von Garains neuester Kombination Monsieur Berthier-d’Eyzelles die Aufgabe übernommen hatte, ein Ministerium zu bilden. Die Zeitungen veröffentlichten Listen mit dem Namen Martin-Bellême für das Finanzministerium, und die Operngläser wandten sich der noch leeren Loge der Gräfin Martin zu.

Ein Murmeln von Stimmen erfüllte den Saal. In der dritten Reihe des Parketts stand General Larivière an seinem Platz und sprach mit General de La Briche.

„Ich werde es wie du machen, mein alter Kamerad, ich werde in die Touraine gehen und Kohl pflanzen.“

Er befand sich in einem seiner Momente der Melancholie, in denen ihm die Nichtigkeit als das Ende des Lebens erschien. Er hatte Garain geschmeichelt, und Garain, der ihn für zu klug hielt, hatte für das Kriegsministerium einen kurzsichtigen und nationalen Artilleriegeneral vorgezogen. Zumindest genoss der General das Vergnügen, Garain verlassen und von seinen Freunden Berthier-d’Eyzelles und Martin-Bellême verraten zu sehen. Es ließ ihn bis in die Falten seiner kleinen Augen lachen. Er lachte im Profil. Müde von einem langen Leben der Verstellung, gönnte er sich plötzlich die Freude, seine Gedanken auszusprechen.

„Weißt du, mein guter La Briche, sie machen Narren aus uns mit ihrer Zivilarmee, die eine Menge kostet und nichts wert ist. Kleine Armeen sind die einzigen guten. Das war die Meinung von Napoleon I., der es wusste.“

„Es ist wahr, es ist sehr wahr“, seufzte General de La Briche mit Tränen in den Augen.

Montessuy ging an ihnen vorbei; Larivière reichte ihm die Hand.

„Man sagt, Montessuy, dass Sie es sind, der Garain gestoppt hat. Nehmen Sie meine Komplimente entgegen.“

Montessuy bestritt, politischen Einfluss ausgeübt zu haben. Er sei weder Senator noch Abgeordneter, noch Generalrat. Und, während er durch sein Glas den Saal betrachtete:

„Sehen Sie, Larivière, in dieser Loge rechts, eine sehr schöne Frau, eine Brünette.“

Und er nahm ruhig seinen Platz ein, die Süße der Macht genießend.

Indessen gingen im Saal, in den Korridoren, die Namen der neuen Minister von Mund zu Mund inmitten tiefster Gleichgültigkeit: Präsident des Ministerrats und Innenminister, Berthier-d’Eyzelles; Justiz und Kultus, Loyer; Finanzen, Martin-Bellême. Alle Minister waren bekannt, außer denen für Handel, Krieg und Marine, die noch nicht ernannt waren.

Der Vorhang erhob sich über der Weinstube des Bacchus. Die Studenten sangen ihren zweiten Chor, als Madame Martin in ihrer Loge erschien. Ihr weißes Kleid hatte Ärmel wie Flügel, und auf dem Drapé ihres Mieders, an der linken Brust, leuchtete eine große rote Lilie.

Miss Bell saß in der Nähe, in einem grünen Samtkleid im Queen-Anne-Stil. Verlobt mit Prinz Eusebio Albertinelli della Spina, war sie nach Paris gekommen, um ihre Aussteuer zu bestellen.

Im Treiben und Lärm der Kirmes sagte sie:

„Liebling, du hast in Florenz einen Freund zurückgelassen, der den Charme deiner Erinnerung bewahrt. Es ist Professor Arrighi. Er bewahrt für dich das Lob auf, das er für das schönste hält. Er sagt, du seist ein musikalisches Geschöpf. Aber wie könnte Professor Arrighi dich vergessen, Liebling, wo doch die Bäume im Garten dich nicht vergessen haben? Ihre unbelaubten Zweige beklagen deine Abwesenheit. Sogar sie vermissen dich, Liebling.“

„Sag ihnen“, sagte Thérèse, „dass ich von Fiesole eine herrliche Erinnerung habe, die ich immer bewahren werde.“

Im Hintergrund der Loge erklärte Monsieur Martin-Bellême mit leiser Stimme seine Ideen Joseph Springer und Duviquet. Er sagte: „Frankreichs Unterschrift ist die beste der Welt.“ Er neigte zu Vorsicht in finanziellen Dingen.

Und Miss Bell sagte:

„Liebling, ich werde den Bäumen von Fiesole sagen, dass du sie vermisst und dass du sie bald auf ihren Hügeln besuchen wirst. Aber ich frage dich, siehst du Monsieur Dechartre in Paris? Ich würde ihn sehr gerne sehen. Ich mag ihn, weil sein Geist graziös ist. Liebling, der Geist von Monsieur Dechartre ist voller Anmut und Eleganz.“

Thérèse erwiderte, Monsieur Jacques Dechartre sei zweifellos im Theater, und er werde es nicht versäumen, Miss Bell zu begrüßen.

Der Vorhang fiel über die Fröhlichkeit der Walzerszene. Besucher drängten sich in den Foyers. Finanziers, Künstler, Abgeordnete trafen sich im Vorraum der Loge. Sie umringten Monsieur Martin-Bellême, murmelten höfliche Glückwünsche, machten graziöse Gesten und drängten sich, um ihm die Hand zu schütteln. Joseph Schmoll, hustend, klagend, blind und taub, bahnte sich seinen Weg durch die Menge und erreichte Madame Martin. Er nahm ihre Hand und sagte:

„Man sagt, Ihr Mann sei zum Minister ernannt worden. Ist es wahr?“

Sie wusste, dass man davon sprach, aber sie glaubte nicht, dass er bereits ernannt worden sei. Ihr Mann war da, warum nicht ihn fragen?

Nur für buchstäbliche Wahrheiten empfänglich, sagte Schmoll:

„Ihr Mann ist noch kein Minister? Wenn er ernannt ist, werde ich Sie um eine Unterredung bitten. Es ist eine Angelegenheit von höchster Bedeutung.“

Er hielt inne und warf aus seinen goldenen Brillen die Blicke eines Blinden und eines Visionärs, die ihn trotz der brutalen Exaktheit seines Temperaments in einer Art mystischem Geisteszustand hielten. Er fragte unvermittelt:

„Waren Sie dieses Jahr in Italien, Madame?“

Und ohne ihr Zeit zum Antworten zu lassen:

„Ich weiß, ich weiß. Sie waren in Rom. Sie haben den Bogen des berüchtigten Titus betrachtet, jenes abscheuliche Monument, wo man den siebenarmigen Leuchter unter der Beute der Juden sehen kann. Nun, Madame, es ist eine Schande für die Welt, dass dieses Monument in der Stadt Rom stehen bleibt, in der die Päpste nur durch die Kunst der Juden, der Finanziers und Geldwechsler existiert haben. Die Juden brachten die Wissenschaft Griechenlands und des Orients nach Italien. Die Renaissance, Madame, ist das Werk Israels. Das ist die Wahrheit, gewiss, aber verkannt.“

Und er schritt durch die Menge der Besucher und zerdrückte im Vorbeigehen Hüte.

Prinzessin Seniavine betrachtete ihre Freundin aus ihrer Loge mit der Neugier, welche die Schönheit von Frauen bisweilen in ihr erregte. Sie gab Paul Vence, der in ihrer Nähe war, ein Zeichen:

„Glauben Sie nicht auch, dass Madame Martin in diesem Jahr außerordentlich schön ist?“

Im Foyer, voll von Licht und Gold, fragte General de La Briche Lariviere:

„Haben Sie meinen Neffen gesehen?“

„Ihren Neffen, Le Menil?“

„Ja – Robert. Er war vorhin im Theater.“

La Briche blieb einen Augenblick nachdenklich. Dann sagte er:

„Er war diesen Sommer in Semanville. Ich fand ihn sonderbar. Ein charmanter Bursche, offen und intelligent. Aber er sollte irgendeine Beschäftigung haben, ein Ziel im Leben.“

Die Glocke, die das Ende der Zwischenaktspause ankündigte, war verstummt. Im Foyer gingen die beiden alten Männer allein.

„Ein Ziel im Leben“, wiederholte La Briche, groß, hager und gebeugt, während sein Begleiter, erleichtert und verjüngt, hineineilte, in der Furcht, eine Szene zu verpassen.

Marguerite spann und sang im Garten. Als sie geendet hatte, sagte Miss Bell zu Madame Martin:

„Liebling, Monsieur Choulette hat mir einen vollkommen schönen Brief geschrieben. Er hat mir gesagt, dass er sehr berühmt sei. Und ich bin froh, das zu wissen. Er sagte auch: ‚Der Ruhm anderer Dichter ruht in Myrrhe und aromatischen Pflanzen. Meiner blutet und stöhnt unter einem Regen aus Steinen und Austernschalen.‘ Werfen die Franzosen, mein Schatz, Monsieur Choulette wirklich mit Steinen?“

Während Therese Miss Bell beruhigte, ließ Loyer, gebieterisch und etwas geräuschvoll, die Logentür öffnen. Er erschien nass und mit Schlamm bespritzt.

„Ich komme vom Élysée“, sagte er.

Er hatte die Galanterie, Madame Martin zuerst die gute Nachricht zu verkünden, die er überbrachte:

„Die Dekrete sind unterzeichnet. Ihr Mann bekommt das Finanzministerium. Es ist ein gutes Portfolio.“

„Der Präsident der Republik“, erkundigte sich M. Martin-Belleme, „hatte keinen Einwand, als mein Name ausgesprochen wurde?“

„Nein; Berthier lobte den ererbten Besitz der Martins, Ihre Vorsicht und die Verbindungen, mit denen Sie an gewisse Persönlichkeiten der Finanzwelt geknüpft sind, deren Zustimmung für die Regierung nützlich sein kann. Und der Präsident, um es mit Garains glücklicher Wendung zu sagen, ließ sich von den Notwendigkeiten der Situation inspirieren. Er hat unterzeichnet.“

Auf dem gelblichen Gesicht von Graf Martin erschienen zwei oder drei Falten. Er lächelte.

„Das Dekret“, fuhr Loyer fort, „wird morgen veröffentlicht. Ich habe den Beamten, der es zur Druckerei brachte, persönlich begleitet. Das war sicherer. Zu Grévys Zeiten, und Grévy war kein Idiot, wurden Dekrete auf dem Weg vom Élysée zum Quai Voltaire abgefangen.“

Und Loyer warf sich auf einen Stuhl. Dort, den Anblick von Madame Martin genießend, fuhr er fort:

„Die Leute werden nicht mehr sagen, wie sie es zu Zeiten meines armen Freundes Gambetta taten, dass es der Republik an Frauen mangele. Sie werden uns schöne Feste geben, Madame, in den Salons des Ministeriums.“

Marguerite, die sich mit ihrer Halskette und ihren Ohrringen im Spiegel betrachtete, sang die Arie der Juwelen.

„Wir müssen die Erklärung verfassen“, sagte Graf Martin. „Ich habe darüber nachgedacht. Für mein Ressort habe ich, glaube ich, eine schöne Formel gefunden.“

Loyer zuckte mit den Schultern.

„Mein lieber Martin, wir haben an der Erklärung des vorherigen Kabinetts nichts Wesentliches zu ändern; die Situation ist unverändert.“

Er schlug sich mit der Hand an die Stirn.

„Oh, das hätte ich vergessen. Wir haben Ihren Freund, den alten Lariviere, zum Kriegsminister gemacht, ohne ihn zu konsultieren. Ich muss ihn warnen.“

Er glaubte, ihn in dem Boulevard-Café finden zu können, in das Militärs gehen. Aber Graf Martin wusste, dass der General im Theater war.

„Ich muss ihn finden“, sagte Loyer.

Er verneigte sich vor Therese und sagte:

„Sie erlauben mir, Gräfin, dass ich Ihren Mann mitnehme?“

Sie waren gerade hinausgegangen, als Jacques Dechartre und Paul Vence die Loge betraten.

„Ich gratuliere Ihnen, Madame“, sagte Paul Vence.

Aber sie wandte sich an Dechartre:

„Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, um mir auch zu gratulieren.“

Paul Vence fragte sie, ob sie in die Dienstwohnung des Ministeriums umziehen werde.

„Oh, nein“, antwortete sie.

„Wenigstens, Madame“, sagte Paul Vence, „werden Sie auf die Bälle im Élysée gehen, und wir werden die Kunst bewundern, mit der Sie Ihren geheimnisvollen Charme bewahren.“

„Kabinettumbildungen“, sagte Madame Martin, „regen Sie, Monsieur Vence, zu sehr frivolen Betrachtungen an.“

„Madame“, fuhr Paul Vence fort, „ich werde nicht wie Renan, mein geliebter Meister, sagen: ‚Was kümmert das Sirius?‘, denn jemand würde mit Grund erwidern: ‚Was kümmert das kleine Erdenrund den großen Sirius?‘ Aber ich bin immer wieder überrascht, wenn Menschen, die erwachsen und sogar alt sind, sich von der Illusion der Macht täuschen lassen, als ob Hunger, Liebe und Tod, all die unedlen oder erhabenen Notwendigkeiten des Lebens, nicht ein zu souveränes Regiment über die Menschen ausübten, als dass ihnen etwas anderes bliebe als auf Papier geschriebene Macht und ein Reich der Worte. Und was noch wunderbarer ist, die Menschen bilden sich ein, sie hätten andere Staatsoberhäupter und andere Minister als ihre Nöte, ihre Begierden und ihre Schwachsinnigkeit. Er war ein weiser Mann, der sagte: ‚Lasst uns den Menschen Ironie und Mitleid als Zeugen und Richter geben.‘“

„Aber, Monsieur Vence“, sagte Madame Martin lachend, „Sie sind der Mann, der das geschrieben hat. Ich habe es gelesen.“

Die beiden Minister suchten vergeblich im Theater und in den Korridoren nach dem General. Auf Anraten der Platzanweiser gingen sie hinter die Kulissen.

Zwei Balletttänzerinnen standen traurig mit einem Fuß auf der Stange, die an der Wand angebracht war. Hier und da bildeten Männer in Frack und Frauen in Gaze fast lautlose Gruppen.

Loyer und Martin-Belleme nahmen beim Eintreten ihre Hüte ab. Sie sahen im hinteren Teil des Saals Lariviere bei einem hübschen Mädchen, dessen rosa Tunika, die von einem goldenen Gürtel gehalten wurde, an den Hüften offen war.

Sie hielt in ihrer Hand einen Becher aus vergoldeter Pappe. Als sie in ihrer Nähe waren, hörten sie sie zum General sagen:

„Sie sind zwar alt, aber ich glaube, Sie leisten genauso viel wie er.“

Und sie zeigte verächtlich auf einen grinsenden jungen Mann mit einer Gardenie im Knopfloch, der neben ihnen stand.

Loyer gab dem General zu verstehen, dass er ihn sprechen wolle, und sagte, während er ihn gegen die Stange drängte:

„Ich habe das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, dass Sie zum Kriegsminister ernannt wurden.“

Lariviere, misstrauisch, sagte nichts. Dieser schlecht gekleidete Mann mit langem Haar, der unter seinem staubigen Gehrock wie ein Clown aussah, flößte ihm so wenig Vertrauen ein, dass er eine Falle vermutete, vielleicht einen schlechten Scherz.

„Monsieur Loyer ist Justizminister“, sagte Graf Martin.

„General, Sie können nicht ablehnen“, sagte Loyer. „Ich habe gesagt, Sie werden annehmen. Wenn Sie zögern, begünstigen Sie die Gegenoffensive von Garain. Er ist ein Verräter.“

„Mein lieber Kollege, Sie übertreiben“, sagte Graf Martin; „aber Garain mangelt es vielleicht ein wenig an Offenheit. Und die Unterstützung des Generals ist dringlich.“

„Das Vaterland vor allem“, antwortete Lariviere bewegt.

„Sie wissen, General“, fuhr Loyer fort, „die bestehenden Gesetze sind mit Mäßigung anzuwenden.“

Er sah auf die beiden Tänzerinnen, die ihre kurzen und muskulösen Beine auf der Stange ausstreckten.

Lariviere murmelte:

„Der Patriotismus der Armee ist exzellent; der gute Wille der Chefs ist auf der Höhe der kritischsten Umstände.“

Loyer klopfte ihm auf die Schulter.

„Mein lieber Kollege, es hat einen Nutzen, große Armeen zu haben.“

„Ich glaube es wie Sie“, antwortete Lariviere; „die gegenwärtige Armee erfüllt die höheren Notwendigkeiten der nationalen Verteidigung.“

„Der Nutzen großer Armeen“, fuhr Loyer fort, „ist, den Krieg unmöglich zu machen. Man wäre verrückt, diese unermesslichen Kräfte, deren Handhabung jede menschliche Fähigkeit übersteigt, in einen Krieg zu führen. Ist das nicht Ihre Meinung, General?“

General Lariviere zwinkerte.

„Die Situation“, sagte er, „erfordert Umsicht. Wir stehen vor einem gefährlichen Unbekannten.“

Dann sagte Loyer, während er seinen Kriegskollegen mit zynischer Verachtung betrachtete:

„Glauben Sie nicht, mein lieber Kollege, für den sehr unwahrscheinlichen Fall eines Krieges, dass die wirklichen Generäle die Bahnhofsvorsteher wären?“

Die drei Minister gingen durch die private Treppe hinaus. Der Ministerpräsident wartete auf sie.

Der letzte Akt hatte begonnen; Madame Martin hatte in ihrer Loge nur Dechartre und Miss Bell. Miss Bell sagte:

„Ich freue mich, Liebling, ich bin entzückt bei dem Gedanken, dass du die rote Lilie von Florenz auf deinem Herzen trägst. Monsieur Dechartre, dessen Seele künstlerisch ist, muss auch sehr froh sein, an deinem Mieder dieses bezaubernde Juwel zu sehen.

Ich würde gerne wissen, welcher Juwelier es angefertigt hat, Liebling. Diese Lilie ist geschmeidig und biegsam wie eine Schwertlilie. Oh, sie ist elegant, prachtvoll und grausam. Hast du bemerkt, mein Schatz, dass schöne Juwelen einen Anschein von prächtiger Grausamkeit haben?“

„Mein Juwelier“, sagte Therese, „ist hier, und du hast ihn genannt; es ist Monsieur Dechartre, der dieses Juwel entworfen hat.“

Die Logentür wurde geöffnet. Therese wandte halb den Kopf und sah im Schatten Le Menil, der sich mit seiner brusken Geschmeidigkeit vor ihr verbeugte.

„Übermitteln Sie bitte, Madame, meine Glückwünsche an Ihren Mann.“

Er beglückwünschte sie zu ihrem feinen Aussehen. Er sprach zu Miss Bell einige höfliche und präzise Worte.

Therese hörte ängstlich zu, den Mund halb offen in der schmerzlichen Anstrengung, unbedeutende Dinge zur Antwort zu geben. Er fragte sie, ob sie eine gute Saison in Joinville gehabt habe. Er hätte gerne während der Jagdzeit kommen wollen, konnte aber nicht. Er war am Mittelmeer gewesen, dann hatte er in Semanville gejagt.

„Oh, Monsieur Le Menil“, sagte Miss Bell, „Sie sind auf dem blauen Meer umhergeirrt. Haben Sie Sirenen gesehen?“

Nein, er habe keine Sirenen gesehen, aber drei Tage lang sei ein Delfin im Kielwasser der Yacht geschwommen.

Miss Bell fragte ihn, ob dieser Delfin Musik möge.

Er glaubte nicht.

„Delfine“, sagte er, „sind sehr gewöhnliche Fische, die Seeleute als Meergänse bezeichnen, weil sie gänseförmige Köpfe haben.“

Aber Miss Bell wollte nicht glauben, dass das Ungeheuer, das den Dichter Arion verdient hatte, einen gänseförmigen Kopf besaß.

„Monsieur Le Menil, wenn im nächsten Jahr ein Delfin kommt, um in der Nähe Ihres Bootes zu schwimmen, bitte ich Sie, ihm auf der Flöte den Delphischen Hymnus an Apollo zu spielen. Mögen Sie das Meer, Monsieur Le Menil?“

„Ich bevorzuge die Wälder.“

In sich gekehrt, einfach, sprach er ruhig.

„Oh, Monsieur Le Menil, ich weiß, Sie mögen Wälder, in denen die Hasen im Mondlicht tanzen.“

Dechartre, bleich, stand auf und ging hinaus.

Die Kirchenszene war im Gange. Marguerite, kniend, rang die Hände, und ihr Kopf neigte sich unter der Schwere ihrer langen Flechten. Die Stimmen der Orgel und des Chores sangen das Totenlied.

„Oh, Liebling, weißt du, dass dieses Totenlied, das nur in den katholischen Kirchen gesungen wird, aus einer franziskanischen Einsiedelei stammt? Es klingt wie der Wind, der im Winter in den Bäumen auf dem Gipfel des Alverno weht.“

Therese hörte nicht. Ihre Seele war Dechartre durch die Tür ihrer Loge gefolgt.

Im Vorzimmer war ein Geräusch von umgestürzten Stühlen. Es war Schmoll, der zurückkam. Er hatte erfahren, dass M. Martin-Belleme kürzlich zum Minister ernannt worden war. Sofort verlangte er das Komturkreuz der Ehrenlegion und eine größere Wohnung im Institut. Seine Wohnung war klein, eng, unzureichend für seine Frau und seine fünf Töchter. Er war gezwungen gewesen, seine Werkstatt unter dem Dach unterzubringen. Er brachte lange Klagen vor und willigte erst ein zu gehen, nachdem Madame Martin versprochen hatte, dass sie mit ihrem Mann sprechen würde.

„Monsieur Le Menil“, fragte Miss Bell, „werden Sie nächstes Jahr segeln?“

Le Menil glaubte nicht. Er beabsichtigte nicht, die Rosebud zu behalten. Das Wasser war ermüdend.

Und ruhig, energisch, entschlossen betrachtete er Therese.

Auf der Bühne, in Marguerites Gefängnis, sang Mephistopheles, und das Orchester imitierte das Galoppieren von Pferden. Therese murmelte:

„Ich habe Kopfschmerzen. Es ist zu warm hier.“

Le Menil öffnete die Tür.

Die klare Phrase von Marguerite, die die Engel rief, stieg in weißen Funken zum Himmel empor.

„Liebling, ich will dir sagen, dass die arme Marguerite nicht nach dem Fleische gerettet werden will, und aus diesem Grund ist sie im Geist und in der Wahrheit gerettet. Ich glaube eines, Liebling, ich glaube fest, wir werden alle gerettet werden. Oh ja, ich glaube an die endgültige Läuterung der Sünder.“

Therese stand auf, groß und weiß, mit der roten Blume an ihrer Brust. Miss Bell, unbeweglich, lauschte der Musik. Le Menil nahm im Vorzimmer den Mantel von Madame Martin, und während er ihn entfaltet hielt, durchquerte sie die Loge, das Vorzimmer und blieb vor dem Spiegel der halbgeöffneten Tür stehen. Er legte ihr den Umhang aus rotem Samt, der mit Gold bestickt und mit Hermelin gefüttert war, auf die bloßen Schultern und sagte mit leiser, aber deutlicher Stimme:

„Therese, ich liebe dich. Erinnere dich an das, was ich dich vorgestern gefragt habe. Ich werde jeden Tag, um drei Uhr, bei uns zu Hause sein, in der Rue Spontini.“

In diesem Moment, als sie eine Kopfbewegung machte, um den Mantel entgegenzunehmen, sah sie Dechartre, wie er seine Hand auf den Türknauf legte. Er hatte es gehört. Er sah sie mit all dem Vorwurf und Leid an, das menschliche Augen enthalten können. Dann ging er in den dunklen Korridor. Sie spürte Feuerhämmer in ihrer Brust schlagen und blieb unbeweglich auf der Schwelle stehen.

„Sie haben auf mich gewartet?“, sagte Montessuy. „Sie sind heute allein gelassen. Ich werde Sie und Miss Bell begleiten.“

KAPITEL XXXIII. EINE WEISSE NACHT

In der Kutsche und in ihrem Zimmer sah sie wieder den Blick ihres Geliebten, jenen grausamen und schmerzlichen Blick. Sie wusste, mit welcher Leichtigkeit er in Verzweiflung verfiel, die Schnelligkeit seines Willens, nicht zu wollen. Sie hatte ihn so am Ufer des Arno davonlaufen sehen. Damals, in ihrer Trauer und ihrer Angst glücklich, konnte sie ihm nachlaufen und sagen: „Komm.“ Nun, wieder umringt, bewacht, hätte sie etwas sagen müssen und ihn nicht stumm und trostlos von sich gehen lassen dürfen. Sie war überrascht, betäubt geblieben. Der Vorfall war so absurd und so schnell gewesen! Sie empfand gegen Le Menil das Gefühl von einfachem Zorn, den boshafte Dinge verursachen. Sie machte sich bittere Vorwürfe, ihren Geliebten ohne ein Wort, ohne einen Blick gehen gelassen zu haben, in den sie ihre Seele hätte legen können.

Während Pauline darauf wartete, sie zu entkleiden, ging Therese ungeduldig auf und ab. Dann blieb sie plötzlich stehen. In den dunklen Spiegeln, in denen die Reflexe der Kerzen ertranken, sah sie den Korridor des Theaters und ihren Geliebten, der durch ihn vor ihr floh.

Wo war er jetzt? Was sagte er sich allein? Es war eine Qual für sie, ihn nicht wiederfinden und sofort wiedersehen zu können.

Sie presste ihr Herz mit den Händen; sie erstickte.

Pauline stieß einen Schrei aus. Sie sah Blutstropfen auf dem weißen Mieder ihrer Herrin.

Therese hatte sich, ohne es zu wissen, mit der roten Lilie in die Hand gestochen.

Sie löste das emblematische Juwel, das sie vor allen als das schillernde Geheimnis ihres Herzens getragen hatte, und betrachtete es lange, während sie es in ihren Fingern hielt. Dann sah sie wieder die Tage von Florenz – die Zelle von San Marco, wo der Kuss ihres Geliebten zart auf ihrem Mund wogte, während sie durch ihre gesenkten Wimpern vage wieder die Engel und den an die Wand gemalten Himmel wahrnahm, und den schillernden Springbrunnen des Eisverkäufers vor dem hellen Tuch; den Pavillon in der Via Alfieri, seine Nymphen, seine Ziegen und das Zimmer, wo die Hirten und die Masken auf den Paravents auf ihre Seufzer lauschten und ihre langen Schweigen notierten.

Nein, all diese Dinge waren keine Schatten der Vergangenheit, Gespenster vergangener Stunden. Sie waren die gegenwärtige Wirklichkeit ihrer Liebe. Und ein Wort, das töricht von einem Fremden hingeworfen wurde, sollte diese schönen Dinge zerstören! Glücklicherweise war das nicht möglich. Ihre Liebe, ihr Geliebter, hingen nicht von solch unbedeutenden Angelegenheiten ab. Wenn sie doch nur zu seinem Haus laufen könnte! Sie würde ihn vor dem Kamin finden, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen, traurig. Dann würde sie ihre Finger durch sein Haar fahren lassen, ihn zwingen, den Kopf zu heben, zu sehen, dass sie ihn liebte, dass sie sein Schatz war, bebend vor Freude und Liebe.

Sie hatte ihre Zofe entlassen. In ihrem Bett dachte sie nur an eine Sache.

Es war ein Zufall, ein absurder Zufall. Er würde es verstehen; er würde wissen, dass ihre Liebe nichts mit so etwas Dummem zu tun hatte. Welche Torheit, sich um einen anderen zu sorgen! Als ob es andere Männer auf der Welt gäbe!

M. Martin-Belleme öffnete halb die Schlafzimmertür. Als er Licht sah, trat er ein.

„Du schläfst nicht, Therese?“

Er war bei einer Konferenz mit seinen Kollegen gewesen. Er wollte Rat von seiner Frau in gewissen Punkten. Er musste aufrichtige Worte hören.

„Es ist getan“, sagte er. „Du wirst mir sicher helfen in meiner Lage, die sehr beneidet, aber sehr schwierig und sogar gefährlich ist. Ich verdanke sie ein wenig dir, da sie mir durch den mächtigen Einfluss deines Vaters zuteilwurde.“

Er konsultierte sie bei der Wahl eines Kabinettschefs.

Sie beriet ihn, so gut sie konnte. Sie hielt ihn für vernünftig, ruhig und nicht dümmer als viele andere.

Er verlor sich in Überlegungen.

„Ich muss vor dem Senat das Budget verteidigen, das von der Deputiertenkammer verabschiedet wurde. Das Budget enthält Neuerungen, die ich nicht gebilligt habe. Als ich Abgeordneter war, habe ich sie bekämpft. Jetzt, da ich Minister bin, muss ich sie unterstützen. Früher sah ich die Dinge von außen. Jetzt sehe ich sie von innen, und ihr Aspekt hat sich verändert. Und außerdem bin ich nicht mehr frei.“

Er seufzte:

„Ach, wenn die Leute nur wüssten, wie wenig wir tun können, wenn wir mächtig sind!“

Er erzählte ihr seine Eindrücke. Berthier war zurückhaltend. Die anderen waren undurchdringlich. Loyer allein war übermäßig autoritär.

Sie hörte ihm ohne Aufmerksamkeit und ohne Ungeduld zu. Sein bleiches Gesicht und seine Stimme markierten für sie wie eine Uhr die Minuten, die mit unerträglicher Langsamkeit vergingen.

Loyer hatte seltsame Geistesblitze. Unmittelbar nachdem er sein striktes Festhalten am Konkordat erklärt hatte, sagte er: „Bischöfe sind geistliche Präfekten. Ich werde sie beschützen, da sie mir gehören. Und durch sie werde ich die Hüter der Seelen, die Kapläne, halten.“

Er erinnerte sie daran, dass sie Leute treffen müsse, die nicht aus ihrer Klasse stammten und die sie durch ihre Vulgarität schockieren würden. Aber seine Lage verlangte, dass er niemanden verachte. Jedenfalls zählte er auf ihr Taktgefühl und auf ihre Hingabe.

Sie sah ihn ein wenig erstaunt an.

„Es eilt nicht, mein Lieber. Wir werden später sehen.“

Er war müde. Er sagte gute Nacht und riet ihr zu schlafen. Sie ruiniere ihre Gesundheit, indem sie die ganze Nacht lese. Er verließ sie.

Sie hörte das Geräusch seiner Schritte, schwerer als gewöhnlich, während er die Bibliothek durchquerte, die mit Blaubüchern und Journalen überladen war, um sein Zimmer zu erreichen, wo er vielleicht schlafen würde. Dann spürte sie die Last der nächtlichen Stille auf sich. Sie sah auf ihre Uhr. Es war halb zwei.

Sie sagte sich: „Er leidet auch. Er sah mich mit so viel Verzweiflung und Zorn an.“

Sie war mutig und leidenschaftlich. Sie war ungeduldig, eine Gefangene zu sein. Wenn der Tag käme, würde sie gehen, sie würde ihn sehen, sie würde ihm alles erklären. Es war so klar! In der schmerzlichen Monotonie ihrer Gedanken lauschte sie dem Rollen der Wagen, die in langen Abständen am Kai vorbeifuhren. Dieses Geräusch beschäftigte, interessierte sie fast. Sie lauschte dem Grollen, zuerst schwach und entfernt, dann lauter, in dem sie das Rollen der Räder, das Quietschen der Achsen, den Aufprall der Hufe der Pferde unterscheiden konnte, was, nach und nach abnehmend, in einem unmerklichen Gemurmel endete.

Und als die Stille zurückkehrte, verfiel sie wieder in ihre Träumerei.

Er würde verstehen, dass sie ihn liebte, dass sie niemals jemanden geliebt hatte außer ihm. Es war unglücklich, dass die Nacht so lang war. Sie wagte nicht, auf ihre Uhr zu sehen, aus Angst, in ihr die Unbeweglichkeit der Zeit zu sehen.

Sie stand auf, ging zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Ein fahler Lichtschein lag am bewölkten Himmel. Sie dachte, es könnte der Beginn der Morgendämmerung sein. Sie sah auf ihre Uhr. Es war halb vier.

Sie kehrte zum Fenster zurück. Die düstere Unendlichkeit draußen zog sie an. Sie sah hinaus. Die Gehwege glänzten unter den Gaslaternen. Ein sanfter Regen fiel. Plötzlich erhob sich eine Stimme in der Stille; schrill, dann wieder tief, schien sie aus mehreren Stimmen zu bestehen, die einander antworteten. Es war ein Betrunkener, der mit den Wesen seines Traums stritt, denen er großzügig Gehör verschaffte und die er anschließend mit ausladenden Gesten und in wütenden Sätzen durcheinanderbrachte. Therese konnte den armen Mann in seiner weißen Bluse am Geländer entlanggehen sehen, und sie konnte Worte hören, die unaufhörlich wiederkamen: „Das ist es, was ich der Regierung sage.“

Fröstelnd kehrte sie in ihr Bett zurück. Sie dachte: „Er ist eifersüchtig, er ist wahnsinnig eifersüchtig. Es ist eine Frage der Nerven und des Blutes. Aber auch seine Liebe ist eine Angelegenheit des Blutes und der Nerven. Seine Liebe und seine Eifersucht sind ein und dasselbe. Ein anderer würde es verstehen. Es würde genügen, seinem Selbstwertgefühl zu schmeicheln.“ Doch er war aus tiefster Seele eifersüchtig. Sie wusste das; sie wusste, dass die Eifersucht für ihn eine körperliche Qual war, eine Wunde, die durch die Einbildung vergrößert wurde. Sie wusste, wie tief das Übel saß. Sie hatte gesehen, wie er vor dem bronzenen Markus bleich wurde, als sie den Brief in den Kasten an der Mauer des alten florentinischen Hauses geworfen hatte, zu einer Zeit, als sie ihm nur in Träumen gehörte.

Sie erinnerte sich an seine erstickten Klagen, seine plötzlichen Anfälle von Traurigkeit und das schmerzliche Geheimnis der Worte, die er häufig wiederholte: „Ich kann dich nur vergessen, wenn ich bei dir bin.“ Sie sah wieder den Brief aus Dinard vor sich und seine wütende Verzweiflung über ein Wort, das er an einem Wirtshaustisch aufgeschnappt hatte. Sie spürte, dass der Schlag zufällig an der empfindlichsten Stelle getroffen hatte, an der blutenden Wunde. Doch sie verlor nicht den Mut. Sie würde alles erzählen, sie würde alles gestehen, und all ihre Beteuerungen würden ihm sagen: „Ich liebe dich. Ich habe niemals jemanden geliebt außer dir!“ Sie hatte ihn nicht verraten. Sie würde ihm nichts sagen, was er nicht bereits geahnt hatte. Sie hatte so wenig gelogen, so wenig wie möglich, und auch das nur, um ihm keinen Schmerz zuzufügen. Wie konnte er es nicht verstehen? Es war besser, er wüsste alles, da alles nichts bedeutete. Sie rief sich unaufhörlich dieselben Gedanken ins Gedächtnis, wiederholte sich dieselben Worte.

Ihre Lampe gab nur ein rauchiges Licht. Sie zündete Kerzen an. Es war sechs Uhr. Sie erkannte, dass sie geschlafen hatte. Sie lief zum Fenster. Der Himmel war schwarz und vermischte sich mit der Erde in einem Chaos aus dichter Finsternis. Dann war sie neugierig, genau zu wissen, zu welcher Stunde die Sonne aufgehen würde. Sie hatte keine Vorstellung davon. Sie dachte nur daran, dass die Nächte im Dezember lang waren. Sie dachte nicht daran, in den Kalender zu sehen. Der schwere Schritt von Arbeitern, die in Gruppen gingen, das Geräusch der Wagen von Milchmännern und Markthändlern drangen an ihr Ohr wie Klänge guten Vorzeichens. Sie schauderte bei diesem ersten Erwachen der Stadt.

KAPITEL XXXIV. „ICH SEHE DEN ANDEREN IMMER MIT DIR!“

Um neun Uhr beobachtete sie im Hof des kleinen Hauses, wie Monsieur Fusellier im Regen seine Pfeife rauchend den Boden fegte. Madame Fusellier kam aus ihrer Loge. Beide wirkten verlegen. Madame Fusellier sprach als Erste:

„Monsieur Jacques ist nicht zu Hause.“ Und als Therese stumm und unbeweglich blieb, näherte sich Fusellier ihr mit seinem Besen, während er seine Pfeife mit der linken Hand hinter seinem Rücken verbarg:

„Monsieur Jacques ist noch nicht nach Hause gekommen.“

„Ich werde auf ihn warten“, sagte Therese.

Madame Fusellier führte sie in den Salon, wo sie das Feuer anzündete. Da das Holz rauchte und keine Flamme fangen wollte, blieb sie gebückt mit den Händen auf den Knien stehen.

„Es ist der Regen“, sagte sie, „der den Rauch verursacht.“

Madame Martin sagte, es lohne sich nicht, ein Feuer zu machen, sie führe keine Kälte.

Sie sah sich im Spiegel.

Sie war leichenblass, mit glühenden Flecken auf den Wangen. Erst jetzt spürte sie, dass ihre Füße erfroren waren. Sie näherte sich dem Feuer. Madame Fusellier, die ihre Angst bemerkte, sprach leise zu ihr:

„Monsieur Jacques wird bald kommen. Lassen Sie Madame sich nur wärmen, während sie auf ihn wartet.“

Ein trübes Licht fiel mit dem Regen auf die Glasdecke.

An der Wand war die Dame mit dem Einhorn unter den Kavalieren in einem Wald voller Blumen und Vögel nicht schön. Therese wiederholte sich die Worte: „Er ist noch nicht nach Hause gekommen.“ Und vor lauter Wiederholung verlor sie den Sinn der Worte. Mit brennenden Augen sah sie auf die Tür.

Sie blieb eine Zeit lang so, ohne eine Bewegung, ohne einen Gedanken; vielleicht eine halbe Stunde. Das Geräusch eines Schrittes drang an ihr Ohr, die Tür wurde geöffnet. Er kam herein. Sie sah, dass er vom Regen und Schlamm durchnässt und von Fieber gebrannt war.

Sie fixierte ihn mit einem Blick, der so aufrichtig und offen war, dass er ihn traf. Doch fast augenblicklich rief er sich all seine Leiden ins Gedächtnis zurück.

Er sagte zu ihr:

„Was willst du von mir? Du hast mir alles Leid zugefügt, das du mir zufügen konntest.“

Die Erschöpfung verlieh ihm einen Ausdruck von Sanftheit. Das erschreckte sie.

„Jacques, hör mir zu!“

Er bedeutete ihr, dass er nichts von ihr hören wollte.

„Jacques, hör mir zu. Ich habe dich nicht betrogen. Oh nein, ich habe dich nicht betrogen. War das möglich? War es –“

Er unterbrach sie:

„Hab doch Mitleid mit mir. Lass mich nicht wieder leiden. Geh, ich bitte dich. Wenn du wüsstest, welche Nacht ich verbracht habe, hättest du nicht den Mut, mich wieder zu quälen.“

Er ließ sich auf das Kanapee fallen. Er war die ganze Nacht umhergegangen. Um nicht zu sehr zu leiden, hatte er versucht, Ablenkung zu finden. Am Quai de Bercy hatte er den Mond betrachtet, der in den Wolken schwebte. Eine Stunde lang hatte er beobachtet, wie er sich verhüllte und wieder zum Vorschein kam. Dann hatte er mit minutiöser Sorgfalt die Fenster der Häuser gezählt. Der Regen begann zu fallen. Er war zum Markt gegangen und hatte in einem Lokal Whiskey getrunken. Ein großes Mädchen, das schielte, hatte zu ihm gesagt: „Du siehst nicht glücklich aus.“ Er war auf der ledernen Bank halb eingeschlafen. Es war ein Moment der Vergessenheit gewesen. Die Bilder jener schmerzvollen Nacht zogen vor seinen Augen vorbei. Er sagte: „Ich erinnerte mich an die Nacht am Arno. Du hast mir alle Freude und Schönheit auf der Welt verdorben.“ Er bat sie, ihn in Ruhe zu lassen. In seiner Müdigkeit empfand er ein großes Mitleid mit sich selbst. Er hätte schlafen wollen – nicht sterben; er hegte Abscheu vor dem Tod –, aber schlafen und niemals wieder aufwachen. Doch vor ihm, so begehrenswert wie zuvor, trotz der schmerzlichen Starrheit ihrer trockenen Augen, und geheimnisvoller denn je, sah er sie. Sein Hass wurde durch das Leiden belebt.

Sie streckte ihm die Arme entgegen. „Hör mir zu, Jacques.“ Er bedeutete ihr, dass es nutzlos sei, zu sprechen. Doch er wollte ihr zuhören, und bereits hörte er mit Gier zu. Er verabscheute und wies im Voraus zurück, was sie sagen würde, aber nichts anderes auf der Welt interessierte ihn.

Sie sagte:

„Du magst geglaubt haben, dass ich dich betrüge, dass ich nicht allein für dich lebe. Aber kannst du denn nichts verstehen? Du siehst doch nicht, dass, wenn dieser Mann mein Geliebter wäre, er nicht hätte mit mir in jenem Theater in dieser Loge hätte sprechen müssen; er hätte tausend andere Wege gehabt, mich zu treffen. Oh nein, mein Freund, ich versichere dir, dass ich seit dem Tag, an dem ich das Glück hatte, dich zu treffen, ganz und gar dein bin. Hätte ich eines anderen sein können? Was du dir vorstellst, ist monströs. Aber ich liebe dich, ich liebe dich! Ich liebe nur dich. Ich habe niemals jemanden geliebt außer dir.“

Er antwortete langsam, mit grausamer Schwere:

„‚Ich werde jeden Tag um drei Uhr bei uns zu Hause in der Rue Spontini sein.‘ War das nicht ein Liebhaber, dein Liebhaber, der diese Dinge sagte? Nein! Es war ein Fremder, eine unbekannte Person.“

Sie richtete sich auf und sagte mit schmerzlicher Ernsthaftigkeit:

„Ja, ich war sein gewesen. Du wusstest es. Ich habe es geleugnet, ich habe die Unwahrheit gesagt, um dich nicht zu reizen oder zu kränken. Ich sah dich so besorgt. Aber ich habe so wenig und so schlecht gelogen. Du wusstest es. Wirf es mir nicht vor. Du wusstest es; du hast oft mit mir über die Vergangenheit gesprochen, und dann hat dir eines Tages jemand im Restaurant etwas erzählt – und du hast dir viel mehr eingebildet, als jemals geschehen ist. Indem ich die Unwahrheit sagte, habe ich dich nicht betrogen. Wenn du wüsstest, wie wenig er in meinem Leben bedeutete! Da! Ich kannte dich nicht. Ich wusste nicht, dass du kommen würdest. Ich war einsam.“

Sie fiel auf die Knie.

„Ich habe mich geirrt. Ich hätte auf dich warten sollen. Aber wenn du wüsstest, wie nebensächlich das in meinem Leben war!“

Und mit einer Stimme, die zu einer weichen und singenden Klage moduliert war, sagte sie:

„Warum bist du nicht früher gekommen, warum?“

Sie schleppte sich zu ihm, versuchte seine Hände zu nehmen. Er stieß sie zurück.

„Ich war dumm. Ich habe nicht nachgedacht. Ich wusste es nicht. Ich wollte es nicht wissen.“

Er stand auf und rief in einem Ausbruch von Hass aus:

„Ich wollte nicht, dass er dieser Mann ist.“

Sie setzte sich an den Platz, den er verlassen hatte, und dort erklärte sie klagend, mit leiser Stimme, die Vergangenheit. In jener Zeit lebte sie in einer schrecklich gewöhnlichen Welt. Sie hatte nachgegeben, aber sie hatte es sofort bereut. Wenn er nur die Traurigkeit ihres Lebens wüsste, wäre er nicht eifersüchtig. Er würde Mitleid mit ihr haben. Sie schüttelte den Kopf und sagte, während sie ihn durch die herabfallenden Locken ihres Haares ansah:

„Ich spreche mit dir von einer anderen Frau. Es gibt nichts Gemeinsames zwischen dieser Frau und mir. Ich existiere erst, seit ich dich kenne, seit ich dir gehöre.“

Er lief wie wahnsinnig im Zimmer umher. Er lachte schmerzlich.

„Ja; aber während du mich liebtest, die andere Frau – diejenige, die nicht du warst?“

Sie sah ihn empört an:

„Kannst du glauben –“

„Hast du ihn nicht in Florenz wiedergesehen? Hast du ihn nicht zum Bahnhof begleitet?“

Sie erzählte ihm, dass er nach Italien gekommen sei, um sie zu finden; dass sie ihn gesehen habe; dass sie mit ihm gebrochen habe; dass er verärgert gegangen sei und dass er seitdem versuche, sie zurückzugewinnen; aber dass sie ihn nicht einmal beachtet habe.

„Mein Geliebter, ich sehe, ich kenne nur dich auf der Welt.“ Er schüttelte den Kopf.

„Ich glaube dir nicht.“

Sie bäumte sich auf.

„Ich habe dir alles gesagt. Beschuldige mich, verurteile mich, aber beleidige mich nicht in meiner Liebe zu dir.“

Er schüttelte den Kopf.

„Lass mich. Du hast mir zu sehr geschadet. Ich habe dich so sehr geliebt, dass ich all den Schmerz, den du mir hättest zufügen können, angenommen, behalten, geliebt hätte; aber das hier ist zu scheußlich. Ich hasse es. Lass mich. Ich leide zu sehr. Leb wohl!“

Sie stand aufrecht.

„Ich bin gekommen. Es ist mein Glück, es ist mein Leben, für das ich kämpfe. Ich werde nicht gehen.“

Und sie sagte noch einmal alles, was sie bereits gesagt hatte. Heftig und aufrichtig, ihrer selbst sicher, erklärte sie, wie sie das Band gelöst habe, das ohnehin locker war und sie reizte; wie sie seit dem Tag, an dem sie ihn geliebt hatte, nur sein eigen gewesen war, ohne Reue, ohne einen schweifenden Blick oder Gedanken. Doch indem sie zu ihm von einem anderen sprach, reizte sie ihn. Und er schrie sie an:

„Ich glaube dir nicht.“

Sie wiederholte nur ihre Beteuerungen.

Und plötzlich sah sie instinktiv auf ihre Uhr:

„Oh, es ist Mittag!“

Sie hatte oft diesen Alarmruf ausgestoßen, wenn die Stunde des Abschieds sie überrascht hatte. Und Jacques schauderte bei der Phrase, die so vertraut, so schmerzhaft und diesmal so verzweifelt war. Noch ein paar Minuten lang sagte sie leidenschaftliche Worte und vergoss Tränen. Dann verließ sie ihn; sie hatte nichts gewonnen.

Zu Hause fand sie im Wartezimmer die Marktfrau, die gekommen war, um ihr einen Blumenstrauß zu überreichen. Sie erinnerte sich, dass ihr Ehemann ein Staatsminister war. Es gab Telegramme, Visitenkarten und Briefe, Glückwünsche und Bitten. Madame Marmet schrieb, um ihr ihren Neffen bei General Lariviere zu empfehlen.

Sie ging in das Esszimmer und sank auf einen Stuhl. Monsieur Martin-Belleme beendete gerade sein Frühstück. Er wurde im Kabinettsrat und bei dem ehemaligen Finanzminister erwartet, bei dem er einen Besuch machen musste.

„Vergiss nicht, meine liebe Freundin, Madame Berthier d’Eyzelles zu besuchen. Du weißt, wie empfindlich sie ist.“

Sie gab keine Antwort. Während er seine Finger in die Glasschale tauchte, sah er, dass sie so müde war, dass er es nicht wagte, noch mehr zu sagen. Er befand sich in Gegenwart eines Geheimnisses, das er nicht wissen wollte; in Gegenwart eines intimen Leidens, das ein Wort enthüllen würde. Er fühlte Angst, Furcht und einen gewissen Respekt.

Er warf seine Serviette hin.

„Entschuldige mich, Liebe.“

Er ging hinaus.

Sie versuchte zu essen, konnte aber nichts hinunterschlucken.

Um zwei Uhr kehrte sie zum kleinen Haus bei den Ternes zurück. Sie fand Jacques in seinem Zimmer. Er rauchte eine Holzpfeife. Eine fast leere Kaffeetasse stand auf dem Tisch. Er sah sie mit einer Härte an, die sie frösteln ließ. Sie wagte nicht zu sprechen, da sie fühlte, dass alles, was sie sagen konnte, ihn beleidigen und reizen würde, und doch wusste sie, dass sie seinen Zorn verstärkte, wenn sie diskret und stumm blieb. Er wusste, dass sie zurückkehren würde; er hatte mit Ungeduld auf sie gewartet. Ein plötzlicher Gedanke kam ihr, und sie sah, dass sie unrecht getan hatte zu kommen; dass er sie, wenn sie abwesend gewesen wäre, vielleicht begehrt, gewollt, gerufen hätte. Aber es war zu spät; und wie dem auch sei, sie versuchte nicht, gerissen zu sein.

Sie sagte zu ihm:

„Du siehst, ich bin zurückgekehrt. Ich konnte nicht anders. Und dann war es natürlich, da ich dich liebe. Und du weißt es.“

Sie wusste sehr wohl, dass alles, was sie sagen konnte, ihn nur reizen würde. Er fragte sie, ob sie so auch in der Rue Spontini gesprochen habe.

Sie sah ihn traurig an.

„Jacques, du hast mir oft gesagt, dass Hass und Zorn in deinem Herzen gegen mich seien. Du magst es, mich leiden zu lassen. Ich kann es sehen.“

Mit leidenschaftlicher Geduld erzählte sie ihm schließlich ihr ganzes Leben, das Wenige, das sie hineingelegt hatte; die Traurigkeit der Vergangenheit; und wie sie, seit er sie kannte, nur durch ihn und in ihm gelebt habe.

Die Worte fielen so klar wie ihr Blick. Sie saß in seiner Nähe. Er hörte ihr mit bitterer Gier zu. Grausam gegen sich selbst, wollte er alles über ihre letzten Treffen mit dem anderen wissen. Sie berichtete getreu von den Ereignissen im Great Britain Hotel; aber sie verlegte den Schauplatz nach draußen, in eine Allee des Casinos, aus Angst, das Bild ihres traurigen Zwiegesprächs in einem geschlossenen Raum könnte ihren Geliebten reizen. Dann erklärte sie das Treffen am Bahnhof. Sie hatte einem leidenden Mann, der so gewalttätig war, nicht die Verzweiflung bringen wollen. Aber seitdem hatte sie keine Nachrichten mehr von ihm gehabt, bis zu dem Tag, an dem er sie auf der Straße ansprach. Sie wiederholte, was sie ihm geantwortet hatte. Zwei Tage später hatte sie ihn in der Oper in ihrer Loge gesehen. Sicherlich hatte sie ihn nicht ermutigt zu kommen. Es war die Wahrheit.

Es war die Wahrheit. Aber das alte Gift, das sich langsam in seinem Geist angesammelt hatte, verbrannte ihn. Sie machte ihm die Vergangenheit, die irreparable Vergangenheit, durch ihre Geständnisse gegenwärtig. Er sah Bilder davon, die ihn quälten. Er sagte:

„Ich glaube dir nicht.“

Und er fügte hinzu:

„Und wenn ich dir glaubte, könnte ich dich nicht wiedersehen, wegen der Vorstellung, dass du diesen Mann geliebt hast. Ich habe es dir gesagt, ich habe es dir geschrieben, du erinnerst dich, dass ich nicht wollte, dass er dieser Mann ist. Und seitdem –“

Er hielt inne.

Sie sagte:

„Du weißt sehr wohl, dass seitdem nichts geschehen ist.“

Er antwortete mit Gewalt:

„Seitdem habe ich ihn gesehen.“

Sie blieben lange Zeit stumm. Dann sagte sie, überrascht und klagend:

„Aber mein Freund, du hättest daran denken sollen, dass eine Frau wie ich, verheiratet wie ich war – jeden Tag sieht man Frauen, die ihren Liebhabern eine dunklere Vergangenheit mitbringen als meine, und doch inspirieren sie Liebe. Ach, meine Vergangenheit – wenn du wüsstest, wie unbedeutend sie war!“

„Ich weiß, was du geben kannst. Man kann dir nicht verzeihen, was man einer anderen verzeihen mag.“

„Aber mein Freund, ich bin wie die anderen.“

„Nein, du bist nicht wie die anderen. Dir kann man nichts verzeihen.“

Er sprach mit zusammengebissenen Zähnen. Seine Augen, die sie so groß, vor Zärtlichkeit glühend gesehen hatte, waren nun trocken, hart, unter faltigen Lidern verengt und warfen einen neuen Blick auf sie. Er machte ihr Angst. Sie ging in den hinteren Teil des Zimmers, setzte sich auf einen Stuhl und blieb dort lange Zeit, zitternd, erstickt von ihrem Schluchzen. Dann brach sie in Tränen aus.

Er seufzte:

„Warum habe ich dich jemals kennengelernt?“

Sie antwortete unter Weinen:

„Ich bereue es nicht, dich kennengelernt zu haben. Ich sterbe daran, und ich bereue es nicht. Ich habe geliebt.“

Er fuhr hartnäckig fort, sie leiden zu lassen. Er fühlte, dass er eine abscheuliche Rolle spielte, aber er konnte nicht aufhören.

„Es ist schließlich möglich, dass du mich auch geliebt hast.“

Sie antwortete mit sanfter Bitterkeit:

„Aber ich habe nur dich geliebt. Ich habe dich zu sehr geliebt. Und dafür bestrafst du mich. Oh, kannst du denken, dass ich für einen anderen das war, was ich für dich war?“

„Warum nicht?“

Sie sah ihn ohne Kraft und ohne Mut an.

„Es stimmt, dass du mir nicht glaubst.“

Sie fügte leise hinzu:

„Wenn ich mich tötete, würdest du mir glauben?“

„Nein, ich würde dir nicht glauben.“

Sie wischte sich die Wangen mit ihrem Taschentuch; dann, als sie ihre Augen erhob, die durch ihre Tränen hindurch leuchteten, sagte sie:

„Dann ist alles zu Ende!“

Sie stand auf, sah im Zimmer wieder die tausend Dinge, mit denen sie in lachender Vertrautheit gelebt hatte, die sie als die ihren betrachtet hatte, nun plötzlich für sie zu nichts geworden, und ihr als Fremder und Feind gegenüberstehend. Sie sah wieder die nackte Frau, die während des Laufens die Geste machte, die ihr nicht erklärt worden war; die florentinischen Modelle, die sie an Fiesole und die verzauberten Stunden in Italien erinnerten; die Profilskizze von Dechartre des Mädchens, das in seiner hübschen, pathetischen Magerkeit lachte. Sie hielt einen Moment teilnahmsvoll vor jenem kleinen Zeitungsverkäufermädchen inne, das auch dorthin gekommen war und verschwunden war, fortgerissen im unwiderstehlichen Strom des Lebens und der Ereignisse.

Sie wiederholte:

„Dann ist alles zu Ende?“

Er blieb stumm.

Die Dämmerung machte das Zimmer dunkel.

„Was wird aus mir werden?“, fragte sie.

„Und was wird aus mir werden?“, antwortete er.

Sie sahen einander mit Anteilnahme an, weil jeder von Selbstmitleid bewegt war.

Therese sagte wieder:

„Und ich, die ich fürchtete, in deinen Augen alt zu werden, aus Angst, unsere schöne Liebe könnte enden! Es wäre besser gewesen, sie wäre nie entstanden. Ja, es wäre besser gewesen, wenn ich nicht geboren wäre. Was für eine Vorahnung war das, die mich als Kind unter den Linden von Joinville vor den Marmornymphen überkam! Ich wollte damals sterben.“

Ihre Arme sanken herab, und ihre Hände faltend, hob sie die Augen; ihr nasser Blick warf ein Licht in die Schatten.

„Gibt es denn keinen Weg für mich, dir fühlen zu lassen, dass das, was ich dir sage, wahr ist? Dass niemals, seit ich dein bin, niemals – Aber wie könnte ich? Die bloße Idee davon scheint schrecklich, absurd. Kennst du mich so wenig?“

Er schüttelte traurig den Kopf. „Ich kenne dich nicht.“

Sie befragte noch einmal mit ihren Augen alle Gegenstände im Zimmer.

„Aber dann war das, was wir füreinander waren, eitel, nutzlos. Männer und Frauen zerbrechen aneinander; sie vermischen sich nicht.“

Sie lehnte sich auf. Es war unmöglich, dass er nicht spürte, was er ihr bedeutete. Und im Eifer ihrer Liebe warf sie sich auf ihn und überhäufte ihn mit Küssen und Tränen. Er vergaß alles, nahm sie in seine Arme – schluchzend, schwach, doch glücklich – und schloss sie mit der Heftigkeit des Begehrens fest an sich. Mit dem Kopf gegen das Kissen zurückgelehnt, lächelte sie durch ihre Tränen hindurch. Dann machte er sich brüsk los.

„Ich sehe dich nicht allein. Ich sehe die andere immer bei dir.“ Sie sah ihn an, stumm, empört, verzweifelt. Dann, als sie fühlte, dass in der Tat alles zu Ende war, warf sie einen verwunderten Blick ihrer sehlosen Augen um sich und ging langsam fort.

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