Die Rückkehr von Sherlock Holmes
von Sir Arthur Conan Doyle
Inhalt
Das Abenteuer vom leeren Haus Das Abenteuer vom Norwood-Baumeister Das Abenteuer von den tanzenden Männchen Das Abenteuer vom einsamen Radfahrer Das Abenteuer von der Priory School Das Abenteuer von Black Peter Das Abenteuer von Charles Augustus Milverton Das Abenteuer von den sechs Napoleons Das Abenteuer von den drei Studenten Das Abenteuer vom goldenen Kneifer Das Abenteuer vom vermissten Three-Quarter Das Abenteuer von Abbey Grange Das Abenteuer vom zweiten Fleck
DAS ABENTEUER VOM LEEREN HAUS
Es war im Frühjahr des Jahres 1894, als ganz London durch den Mord am Honourable Ronald Adair unter höchst ungewöhnlichen und unerklärlichen Umständen in Aufregung versetzt und die feine Gesellschaft bestürzt wurde. Die Öffentlichkeit hat bereits jene Einzelheiten des Verbrechens erfahren, die bei der polizeilichen Untersuchung ans Licht kamen, doch bei dieser Gelegenheit wurde einiges verschwiegen, da die Beweislage der Anklage derart erdrückend war, dass es nicht notwendig erschien, alle Fakten vorzubringen. Erst jetzt, nach fast zehn Jahren, ist es mir erlaubt, jene fehlenden Glieder zu liefern, die die gesamte bemerkenswerte Kette bilden. Das Verbrechen war an sich von Interesse, doch dieses Interesse war für mich nichts im Vergleich zu dem unvorstellbaren Nachspiel, das mir den größten Schock und die größte Überraschung bereitete, die ich jemals in meinem abenteuerlichen Leben erfahren habe. Selbst jetzt, nach diesem langen Zeitraum, durchläuft mich ein Schauer, wenn ich daran denke, und ich empfinde noch einmal diese plötzliche Flut von Freude, Staunen und Ungläubigkeit, die meinen Geist vollkommen überflutete. Ich möchte dem Publikum, das ein gewisses Interesse an jenen Einblicken gezeigt hat, die ich ihnen gelegentlich in die Gedanken und Handlungen eines sehr bemerkenswerten Mannes gewährt habe, sagen, dass sie mir keinen Vorwurf machen dürfen, wenn ich mein Wissen nicht mit ihnen geteilt habe, denn ich hätte es als meine erste Pflicht betrachtet, dies zu tun, wäre ich nicht durch ein ausdrückliches Verbot von seinen eigenen Lippen daran gehindert gewesen, das erst am dritten des letzten Monats aufgehoben wurde.
Es lässt sich denken, dass meine enge Vertrautheit mit Sherlock Holmes mich zutiefst für Verbrechen interessiert hatte und dass ich nach seinem Verschwinden niemals versäumte, die verschiedenen Probleme, die an die Öffentlichkeit gelangten, mit Sorgfalt zu lesen. Und ich versuchte sogar mehr als einmal, zu meiner eigenen privaten Befriedigung, seine Methoden bei ihrer Lösung anzuwenden, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Es gab jedoch keines, das mich so sehr ansprach wie diese Tragödie um Ronald Adair. Als ich die Beweise bei der Untersuchung las, die zu einem Schuldspruch wegen vorsätzlichen Mordes gegen eine oder mehrere unbekannte Personen führten, wurde mir klarer als je zuvor, welchen Verlust die Gemeinschaft durch den Tod von Sherlock Holmes erlitten hatte. Es gab Punkte in dieser seltsamen Angelegenheit, die ihn, da war ich sicher, besonders angesprochen hätten, und die Bemühungen der Polizei wären durch die geschulte Beobachtungsgabe und den wachen Geist des ersten Kriminalisten Europas ergänzt oder, was wahrscheinlicher ist, vorweggenommen worden. Den ganzen Tag, während ich meine Runde fuhr, wälzte ich den Fall in meinem Kopf hin und her und fand keine Erklärung, die mir ausreichend erschien. Auf die Gefahr hin, eine bereits erzählte Geschichte zu wiederholen, werde ich die Fakten zusammenfassen, wie sie der Öffentlichkeit am Ende der Untersuchung bekannt waren.
Der Honourable Ronald Adair war der zweite Sohn des Earl of Maynooth, der zu jener Zeit Gouverneur einer der australischen Kolonien war. Adairs Mutter war aus Australien zurückgekehrt, um sich einer Operation wegen Grauen Stars zu unterziehen, und sie, ihr Sohn Ronald und ihre Tochter Hilda lebten gemeinsam in 427, Park Lane. Der junge Mann bewegte sich in den besten Kreisen – hatte, soweit bekannt war, keine Feinde und keine besonderen Laster. Er war mit Miss Edith Woodley aus Carstairs verlobt gewesen, doch die Verlobung war einige Monate zuvor im gegenseitigen Einvernehmen gelöst worden, und es gab kein Anzeichen dafür, dass sie ein tieferes Gefühl hinterlassen hätte. Im Übrigen verlief das Leben des Mannes in einem engen und konventionellen Kreis, denn seine Gewohnheiten waren ruhig und sein Wesen leidenschaftslos. Dennoch war es dieser unbekümmerte junge Aristokrat, den der Tod in höchst seltsamer und unerwarteter Form zwischen zehn und zwanzig nach elf Uhr in der Nacht des 30. März 1894 ereilte.
Ronald Adair liebte Kartenspiele – er spielte ständig, aber niemals um solch hohe Einsätze, die ihm geschadet hätten. Er war Mitglied der Kartenclubs Baldwin, Cavendish und Bagatelle. Es wurde nachgewiesen, dass er nach dem Abendessen am Tag seines Todes im letztgenannten Club eine Partie Whist gespielt hatte. Er hatte dort auch am Nachmittag gespielt. Die Aussagen derer, die mit ihm gespielt hatten – Mr. Murray, Sir John Hardy und Colonel Moran – zeigten, dass Whist gespielt wurde und die Karten ziemlich gleichmäßig verteilt waren. Adair mochte fünf Pfund verloren haben, aber nicht mehr. Sein Vermögen war beträchtlich, und ein solcher Verlust konnte ihn in keiner Weise beeinträchtigen. Er hatte fast jeden Tag in dem einen oder anderen Club gespielt, aber er war ein vorsichtiger Spieler und stand gewöhnlich als Gewinner auf. Bei der Untersuchung kam heraus, dass er in Partnerschaft mit Colonel Moran einige Wochen zuvor in einer Sitzung tatsächlich 420 Pfund von Godfrey Milner und Lord Balmoral gewonnen hatte. So viel zu seiner jüngsten Geschichte, wie sie bei der Untersuchung ans Licht kam.
Am Abend des Verbrechens kehrte er genau um zehn Uhr vom Club zurück. Seine Mutter und seine Schwester waren aus, um den Abend bei einem Verwandten zu verbringen. Die Dienstbotin sagte aus, dass sie ihn das vordere Zimmer im zweiten Stock betreten hörte, das gewöhnlich als sein Wohnzimmer benutzt wurde. Sie hatte dort ein Feuer angezündet, und da es rauchte, hatte sie das Fenster geöffnet. Bis zwanzig nach elf Uhr, der Stunde der Rückkehr von Lady Maynooth und ihrer Tochter, war kein Geräusch aus dem Zimmer zu hören. In dem Wunsch, gute Nacht zu sagen, versuchte sie, das Zimmer ihres Sohnes zu betreten. Die Tür war von innen verschlossen, und auf ihre Rufe und ihr Klopfen erfolgte keine Antwort. Hilfe wurde herbeigeholt und die Tür aufgebrochen. Der unglückliche junge Mann wurde nahe dem Tisch liegend gefunden. Sein Kopf war durch eine expandierende Revolverkugel grauenhaft verstümmelt worden, doch in dem Zimmer war keine Waffe irgendeiner Art zu finden. Auf dem Tisch lagen zwei Banknoten zu je zehn Pfund sowie siebzehn Pfund zehn in Silber und Gold; das Geld war in kleinen Stapeln unterschiedlicher Höhe angeordnet. Auf einem Blatt Papier standen zudem einige Zahlen mit den Namen einiger Clubfreunde daneben, woraus man schloss, dass er vor seinem Tod versucht hatte, seine Verluste oder Gewinne beim Kartenspiel zu ermitteln.
Eine genaue Untersuchung der Umstände diente nur dazu, den Fall noch komplexer zu machen. Erstens konnte kein Grund angegeben werden, warum der junge Mann die Tür von innen verschlossen haben sollte. Es bestand die Möglichkeit, dass der Mörder dies getan und danach durch das Fenster entkommen war. Der Absturz betrug jedoch mindestens zwanzig Fuß, und unter dem Fenster lag ein Beet mit Krokussen in voller Blüte. Weder die Blumen noch die Erde zeigten Anzeichen dafür, dass sie gestört worden waren, noch gab es Spuren auf dem schmalen Grasstreifen, der das Haus von der Straße trennte. Offenbar hatte also der junge Mann selbst die Tür verschlossen. Aber wie kam er zu Tode? Niemand konnte zum Fenster hinaufgeklettert sein, ohne Spuren zu hinterlassen. Angenommen, ein Mann hätte durch das Fenster geschossen, so wäre er in der Tat ein bemerkenswerter Schütze, der mit einem Revolver eine solch tödliche Wunde zufügen könnte. Außerdem ist die Park Lane eine belebte Durchgangsstraße; keine hundert Meter vom Haus entfernt befindet sich ein Taxistand. Niemand hatte einen Schuss gehört. Und doch war da der tote Mann und dort die Revolverkugel, die sich – wie es Weichmantelgeschosse tun – aufpilzte und so eine Wunde zufügte, die den sofortigen Tod zur Folge haben musste. Dies waren die Umstände des Rätsels in der Park Lane, das durch das völlige Fehlen eines Motivs weiter verkompliziert wurde, da, wie ich bereits sagte, nicht bekannt war, dass der junge Adair einen Feind hatte, und kein Versuch unternommen worden war, das Geld oder die Wertsachen im Zimmer zu entwenden.
Den ganzen Tag wälzte ich diese Fakten in meinem Kopf hin und her, in dem Bemühen, auf eine Theorie zu stoßen, die sie alle in Einklang bringen könnte, und jene Linie des geringsten Widerstands zu finden, die mein armer Freund als Ausgangspunkt jeder Untersuchung bezeichnet hatte. Ich gestehe, dass ich nur wenig Fortschritte machte. Am Abend schlenderte ich durch den Park und fand mich gegen sechs Uhr am Ende der Park Lane zur Oxford Street hin wieder. Eine Gruppe von Herumtreibern auf dem Bürgersteig, die alle zu einem bestimmten Fenster hinaufstarrten, wies mir das Haus, das ich aufsuchen wollte. Ein großer, dünner Mann mit farbigen Gläsern, bei dem ich stark vermutete, dass es sich um einen Detektiv in Zivil handelte, erläuterte gerade eine eigene Theorie, während die anderen sich drängten, um zu hören, was er sagte. Ich kam ihm so nah wie möglich, doch seine Beobachtungen erschienen mir absurd, weshalb ich mich mit einiger Abscheu wieder zurückzog. Als ich dies tat, stieß ich gegen einen älteren, verkrüppelten Mann, der hinter mir gewesen war, und stieß mehrere Bücher um, die er bei sich trug. Ich erinnere mich, dass ich beim Aufheben den Titel eines der Bücher bemerkte: „The Origin of Tree Worship“, und es kam mir in den Sinn, dass der Kerl irgendein armer Bibliophiler sein müsse, der entweder als Beruf oder als Hobby obskure Bände sammelte. Ich versuchte, mich für den Unfall zu entschuldigen, aber es war offensichtlich, dass diese Bücher, die ich so unglückselig malträtiert hatte, in den Augen ihres Besitzers sehr kostbare Objekte waren. Mit einem verächtlichen Knurren wandte er sich auf dem Absatz um, und ich sah seinen gekrümmten Rücken und seine weißen Koteletten in der Menge verschwinden.
Meine Beobachtungen von Nr. 427, Park Lane trugen wenig dazu bei, das Problem zu klären, das mich interessierte. Das Haus war durch eine niedrige Mauer und ein Gitter, das zusammen nicht mehr als fünf Fuß hoch war, von der Straße getrennt. Es war daher für jeden ein Leichtes, in den Garten zu gelangen, aber das Fenster war völlig unzugänglich, da es kein Abflussrohr oder irgendetwas gab, das dem agilsten Mann beim Klettern hätte helfen können. Mehr denn je verwirrt, trat ich den Rückweg nach Kensington an. Ich war keine fünf Minuten in meinem Arbeitszimmer, als das Dienstmädchen eintrat und sagte, eine Person wünsche mich zu sprechen. Zu meinem Erstaunen war es niemand anderes als mein seltsamer alter Büchersammler; sein scharfes, verschrumpeltes Gesicht spähte aus einem Rahmen aus weißem Haar hervor, und seine kostbaren Bände, mindestens ein Dutzend, waren unter seinem rechten Arm eingeklemmt.
„Sie sind überrascht, mich zu sehen, mein Herr“, sagte er mit einer seltsamen, krächzenden Stimme.
Ich bestätigte dies.
„Nun, ich habe ein Gewissen, mein Herr, und als ich Sie zufällig in dieses Haus gehen sah, während ich hinter Ihnen herhumpelte, dachte ich bei mir: Ich gehe einfach hinein, sehe nach diesem netten Herrn und sage ihm, dass, falls ich in meiner Art etwas barsch war, das nicht böse gemeint war und dass ich ihm sehr dankbar bin, dass er meine Bücher aufgehoben hat.“
„Sie machen aus einer Kleinigkeit zu viel“, sagte ich. „Darf ich fragen, woher Sie wussten, wer ich bin?“
„Nun, mein Herr, wenn es keine zu große Unverschämtheit ist, ich bin Ihr Nachbar, denn Sie werden meinen kleinen Buchladen an der Ecke der Church Street finden, und ich freue mich sicher sehr, Sie zu sehen. Vielleicht sammeln Sie ja selbst, mein Herr. Hier ist ‚British Birds‘ und ‚Catullus‘ und ‚The Holy War‘ – ein Schnäppchen, jedes einzelne davon. Mit fünf Bänden könnten Sie gerade die Lücke in diesem zweiten Regal füllen. Sie sieht unordentlich aus, nicht wahr, mein Herr?“
Ich bewegte den Kopf, um auf das Kabinett hinter mir zu schauen. Als ich mich wieder umdrehte, stand Sherlock Holmes da und lächelte mich über meinen Schreibtisch hinweg an. Ich erhob mich, starrte ihn einige Sekunden lang voller Erstaunen an, und dann scheint es, als sei ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben in Ohnmacht gefallen. Wahrlich, ein grauer Nebel wirbelte vor meinen Augen, und als er sich lichtete, fand ich meine Kragenenden geöffnet und den prickelnden Nachgeschmack von Brandy auf meinen Lippen. Holmes beugte sich über meinen Stuhl, die Flasche in der Hand.
„Mein lieber Watson“, sagte die wohlbekannte Stimme, „ich schulde Ihnen tausend Entschuldigungen. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie so mitgenommen sein würden.“
Ich packte ihn bei den Armen.
„Holmes!“, rief ich. „Sind Sie es wirklich? Kann es sein, dass Sie tatsächlich am Leben sind? Ist es möglich, dass es Ihnen gelungen ist, aus diesem schrecklichen Abgrund zu klettern?“
„Warten Sie einen Moment“, sagte er. „Sind Sie sicher, dass Sie wirklich in der Verfassung sind, die Dinge zu erörtern? Ich habe Ihnen durch mein unnötig dramatisches Wiedererscheinen einen ernsten Schock versetzt.“
„Mir geht es gut, aber wirklich, Holmes, ich kann meinen Augen kaum trauen. Gütiger Himmel! Daran zu denken, dass Sie – Sie von allen Männern – in meinem Arbeitszimmer stehen sollten.“ Wieder packte ich ihn am Ärmel und fühlte den dünnen, sehnigen Arm darunter. „Nun, Sie sind jedenfalls kein Geist“, sagte ich. „Mein lieber Kerl, ich bin überglücklich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich und erzählen Sie mir, wie Sie lebend aus dieser schrecklichen Schlucht entkommen sind.“
Er setzte sich mir gegenüber und zündete sich in seiner alten, nonchalanten Art eine Zigarette an. Er war in den schäbigen Gehrock des Buchhändlers gekleidet, aber der Rest jener Figur lag in einem Haufen aus weißem Haar und alten Büchern auf dem Tisch. Holmes sah noch dünner und schärfer aus als früher, aber ein totenblasser Unterton in seinem aquilinen Gesicht verriet mir, dass sein Leben in letzter Zeit kein gesundes gewesen war.
„Ich bin froh, mich auszustrecken, Watson“, sagte er. „Es ist kein Spaß, wenn ein großer Mann seine Körpergröße über viele Stunden hinweg um einen Fuß verringern muss. Nun, mein lieber Freund, was diese Erklärungen angeht, so haben wir, wenn ich um Ihre Mitarbeit bitten darf, eine harte und gefährliche Nachtarbeit vor uns. Vielleicht wäre es besser, wenn ich Ihnen einen Bericht über die ganze Situation gebe, wenn diese Arbeit erledigt ist.“
„Ich bin voller Neugier. Ich würde es sehr vorziehen, jetzt davon zu hören.“
„Sie kommen heute Nacht mit mir?“
„Wann Sie wollen und wohin Sie wollen.“
„Das ist wirklich wie in alten Tagen. Wir werden Zeit für einen Bissen zu Abend haben, bevor wir gehen müssen. Nun also, zu dieser Schlucht. Ich hatte keine ernsthaften Schwierigkeiten, herauszukommen, aus dem einfachen Grund, dass ich niemals darin war.“
„Sie waren niemals darin?“
„Nein, Watson, ich war niemals darin. Mein Zettel an Sie war absolut echt. Ich hatte wenig Zweifel daran, dass ich am Ende meiner Laufbahn angelangt war, als ich die etwas finstere Gestalt des verstorbenen Professor Moriarty auf dem schmalen Pfad erblickte, der zur Sicherheit führte. Ich las einen unerbittlichen Vorsatz in seinen grauen Augen. Ich wechselte daher einige Worte mit ihm und erhielt seine höfliche Erlaubnis, den kurzen Zettel zu schreiben, den Sie später erhalten haben. Ich ließ ihn bei meiner Zigarettendose und meinem Stock und ging den Pfad entlang, Moriarty immer noch auf meinen Fersen. Als ich das Ende erreichte, stellte ich mich zur Wehr. Er zog keine Waffe, aber er stürzte auf mich zu und schlang seine langen Arme um mich. Er wusste, dass sein eigenes Spiel aus war, und war nur darauf aus, sich an mir zu rächen. Wir schwankten gemeinsam am Rande des Absturzes. Ich habe jedoch einige Kenntnisse in Baritsu, oder dem japanischen System des Ringkampfes, das mir schon mehr als einmal sehr nützlich war. Ich schlüpfte aus seinem Griff, und er trat mit einem schrecklichen Schrei einige Sekunden lang wild um sich und ruderte mit beiden Händen in der Luft. Doch trotz all seiner Anstrengungen konnte er das Gleichgewicht nicht halten, und er stürzte hinunter. Mit meinem Gesicht über dem Abgrund sah ich ihn ein weites Stück fallen. Dann prallte er gegen einen Felsen, prallte ab und platschte in das Wasser.“
Ich hörte mit Erstaunen dieser Erklärung zu, die Holmes zwischen den Zügen seiner Zigarette abgab.
„Aber die Spuren!“, rief ich. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass zwei den Pfad hinuntergingen und keiner zurückkehrte.“
„Es kam auf diese Weise dazu. In dem Augenblick, als der Professor verschwunden war, fiel mir ein, welch außerordentlich glücklicher Zufall mir vom Schicksal in den Weg gelegt worden war. Ich wusste, dass Moriarty nicht der einzige Mann war, der meinen Tod geschworen hatte. Es gab mindestens drei andere, deren Verlangen nach Rache an mir durch den Tod ihres Anführers nur noch verstärkt werden würde. Sie waren alle höchst gefährliche Männer. Der eine oder andere würde mich sicherlich bekommen. Wenn hingegen die ganze Welt davon überzeugt war, dass ich tot war, würden sie sich Freiheiten herausnehmen, diese Männer, sie würden sich bald entblößen, und früher oder später könnte ich sie vernichten. Dann wäre es an der Zeit für mich, zu verkünden, dass ich noch unter den Lebenden weilte. So schnell arbeitet das Gehirn, dass ich glaube, dies alles durchdacht zu haben, noch bevor Professor Moriarty den Boden der Reichenbachfälle erreicht hatte.
Ich stand auf und untersuchte die Felswand hinter mir. In Ihrem malerischen Bericht über die Angelegenheit, den ich einige Monate später mit großem Interesse las, behaupten Sie, die Wand sei senkrecht gewesen. Das war nicht buchstäblich wahr. Ein paar kleine Tritte boten sich an, und es gab einige Anzeichen eines Felsvorsprungs. Die Klippe ist so hoch, dass es ein offensichtliches Ding der Unmöglichkeit war, sie ganz zu erklimmen, und es war ebenso unmöglich, sich den nassen Pfad entlang zu bewegen, ohne einige Spuren zu hinterlassen. Ich hätte zwar, wie ich es bei ähnlichen Gelegenheiten getan habe, meine Stiefel umdrehen können, aber der Anblick von drei Spuren in eine Richtung hätte sicherlich auf eine Täuschung hingedeutet. Alles in allem war es also das Beste, den Aufstieg zu riskieren. Es war keine angenehme Angelegenheit, Watson. Der Fall unter mir dröhnte. Ich bin kein phantasiereicher Mensch, aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Moriartys Stimme aus dem Abgrund nach mir schreien hörte. Ein Fehler wäre fatal gewesen. Mehr als einmal, als Grasbüschel in meiner Hand nachgaben oder mein Fuß in den nassen Kerben des Felsens abrutschte, dachte ich, es sei um mich geschehen. Aber ich kämpfte mich aufwärts, und schließlich erreichte ich einen Felsvorsprung, mehrere Fuß tief und mit weichem grünem Moos bedeckt, wo ich ungesehen in vollkommenster Bequemlichkeit liegen konnte. Dort lag ich ausgestreckt, als Sie, mein lieber Watson, und all Ihre Gefolgschaft in der mitfühlendsten und ineffizientesten Weise die Umstände meines Todes untersuchten.
Schließlich, als Sie alle Ihre unvermeidlichen und völlig falschen Schlüsse gezogen hatten, reisten Sie zum Hotel ab, und ich blieb allein zurück. Ich hatte mir eingebildet, am Ende meiner Abenteuer angelangt zu sein, doch ein sehr unerwartetes Ereignis zeigte mir, dass noch Überraschungen auf mich warteten. Ein riesiger Felsen, der von oben herabstürzte, donnerte an mir vorbei, schlug auf dem Pfad auf und prallte in den Abgrund. Einen Augenblick lang dachte ich, es sei ein Unfall gewesen, aber einen Moment später, als ich aufblickte, sah ich den Kopf eines Mannes gegen den dunkel werdenden Himmel, und ein weiterer Stein schlug genau auf den Felsvorsprung ein, auf dem ich lag, nur einen Fuß von meinem Kopf entfernt. Natürlich war die Bedeutung dessen offensichtlich. Moriarty war nicht allein gewesen. Ein Verbündeter – und schon dieser eine Blick hatte mir verraten, wie gefährlich ein Mann dieser Verbündete war – hatte Wache gehalten, während der Professor mich angegriffen hatte. Aus der Ferne, von mir unbemerkt, war er Zeuge des Todes seines Freundes und meiner Flucht geworden. Er hatte gewartet, war dann zur Spitze der Klippe hinaufgelangt und hatte versucht, dort Erfolg zu haben, wo sein Kamerad gescheitert war.“
„Ich musste nicht lange darüber nachdenken, Watson. Wieder sah ich dieses grimmige Gesicht über die Klippe spähen, und ich wusste, dass es der Vorbote eines weiteren Steins war. Ich kletterte hastig auf den Pfad hinunter. Ich glaube nicht, dass ich das bei klarem Verstand hätte tun können. Es war hundertmal schwieriger als der Aufstieg. Doch ich hatte keine Zeit, über die Gefahr nachzudenken, denn ein weiterer Stein pfiff an mir vorbei, während ich mit meinen Händen an der Kante des Vorsprungs hing. Auf halbem Weg nach unten rutschte ich aus, aber mit Gottes Segen landete ich, zerrissen und blutend, auf dem Pfad. Ich ergriff die Flucht, legte in der Dunkelheit zehn Meilen über die Berge zurück und fand mich eine Woche später in Florenz wieder, mit der Gewissheit, dass niemand auf der Welt wusste, was aus mir geworden war.
Ich hatte nur einen Vertrauten – meinen Bruder Mycroft. Ich schulde Ihnen viele Entschuldigungen, mein lieber Watson, aber es war von größter Wichtigkeit, dass man mich für tot hielt, und es steht völlig außer Frage, dass Sie keinen so überzeugenden Bericht über mein unglückseliges Ende geschrieben hätten, wenn Sie nicht selbst geglaubt hätten, dass er wahr sei. In den letzten drei Jahren habe ich mehrmals zur Feder gegriffen, um Ihnen zu schreiben, doch immer fürchtete ich, Ihre liebevolle Zuneigung zu mir könnte Sie zu einer Indiskretion verleiten, die mein Geheimnis verraten würde. Aus diesem Grund wandte ich mich heute Abend von Ihnen ab, als Sie meine Bücher umstießen, denn ich befand mich zu jener Zeit in Gefahr, und jedes Zeichen von Überraschung und Rührung Ihrerseits hätte die Aufmerksamkeit auf meine Identität lenken und zu den beklagenswertesten und irreparabelsten Ergebnissen führen können. Was Mycroft betrifft, so musste ich mich ihm anvertrauen, um das Geld zu erhalten, das ich brauchte. Der Lauf der Ereignisse in London verlief nicht so gut, wie ich gehofft hatte, denn der Prozess gegen die Moriarty-Bande ließ zwei ihrer gefährlichsten Mitglieder, meine eigenen rachsüchtigsten Feinde, in Freiheit. Ich reiste daher zwei Jahre lang durch Tibet und amüsierte mich damit, Lhassa zu besuchen und einige Tage bei dem obersten Lama zu verbringen. Sie mögen von den bemerkenswerten Erkundungen eines Norwegers namens Sigerson gelesen haben, aber ich bin sicher, Ihnen kam nie in den Sinn, dass Sie Nachrichten von Ihrem Freund erhielten. Ich reiste dann durch Persien, warf einen Blick auf Mekka und stattete dem Khalifa in Khartum einen kurzen, aber interessanten Besuch ab, dessen Ergebnisse ich dem Foreign Office mitgeteilt habe. Zurück in Frankreich verbrachte ich einige Monate mit Forschungen an den Steinkohlenteer-Derivaten, die ich in einem Labor in Montpellier im Süden Frankreichs durchführte. Nachdem ich dies zu meiner Zufriedenheit abgeschlossen hatte und erfuhr, dass nur noch einer meiner Feinde in London übrig war, wollte ich gerade zurückkehren, als meine Pläne durch die Nachricht von diesem höchst bemerkenswerten Park-Lane-Geheimnis beschleunigt wurden, das mich nicht nur durch seine eigene Art reizte, sondern das auch einige höchst eigentümliche persönliche Möglichkeiten zu bieten schien. Ich kam sofort nach London, erschien in meiner eigenen Person in der Baker Street, versetzte Mrs. Hudson in heftige Hysterie und stellte fest, dass Mycroft meine Zimmer und meine Papiere genau so bewahrt hatte, wie sie immer gewesen waren. So kam es, mein lieber Watson, dass ich mich heute um zwei Uhr in meinem alten Lehnstuhl in meinem eigenen alten Zimmer wiederfand und mir nur wünschte, ich hätte meinen alten Freund Watson in dem anderen Stuhl sehen können, den er so oft geziert hat.“
Dies war die bemerkenswerte Erzählung, der ich an jenem Aprilabend lauschte – eine Erzählung, die mir völlig unglaublich erschienen wäre, hätte sie nicht der tatsächliche Anblick der großen, hageren Gestalt und des scharfen, eifrigen Gesichts bestätigt, von dem ich nie gedacht hätte, es wiederzusehen. Auf irgendeine Weise hatte er von meinem eigenen traurigen Verlust erfahren, und sein Mitgefühl zeigte sich eher in seinem Gebaren als in seinen Worten. „Arbeit ist das beste Gegenmittel gegen Kummer, mein lieber Watson“, sagte er; „und ich habe heute Nacht eine Arbeit für uns beide, die, wenn wir sie zu einem erfolgreichen Abschluss bringen können, das Leben eines Mannes auf diesem Planeten an sich rechtfertigen wird.“ Vergeblich flehte ich ihn an, mir mehr zu sagen. „Sie werden vor dem Morgen genug hören und sehen“, antwortete er. „Wir haben drei Jahre der Vergangenheit zu besprechen. Lassen Sie das bis halb zehn genügen, wenn wir zu dem bemerkenswerten Abenteuer vom leeren Haus aufbrechen.“
Es war wahrlich wie in alten Zeiten, als ich mich um diese Stunde neben ihm in einer Droschke wiederfand, meinen Revolver in der Tasche und den Nervenkitzel des Abenteuers in meinem Herzen. Holmes war kalt, streng und schweigsam. Als der Schein der Straßenlaternen auf seine strengen Züge fiel, sah ich, dass seine Brauen in Gedanken zusammengezogen waren und seine dünnen Lippen fest aufeinandergepresst. Ich wusste nicht, welches wilde Tier wir in dem dunklen Dschungel des kriminellen London zur Strecke bringen wollten, aber ich war mir angesichts des Verhaltens dieses Meisterjägers sicher, dass das Abenteuer ein höchst ernstes war – während das sardonische Lächeln, das gelegentlich durch seine asketische Düsterkeit brach, für das Ziel unserer Suche wenig Gutes verhieß.
Ich hatte mir vorgestellt, wir seien auf dem Weg zur Baker Street, doch Holmes ließ die Droschke an der Ecke des Cavendish Square halten. Ich beobachtete, wie er beim Aussteigen einen höchst prüfenden Blick nach rechts und links warf, und an jeder nachfolgenden Straßenecke gab er sich größte Mühe, sich zu vergewissern, dass er nicht verfolgt wurde. Unsere Route war sicherlich eine sonderbare. Holmes’ Kenntnis der Nebenwege Londons war außergewöhnlich, und bei dieser Gelegenheit passierte er rasch und mit sicherem Schritt ein Geflecht aus Mews und Ställen, von deren Existenz ich nie etwas geahnt hatte. Schließlich kamen wir in eine kleine Straße, die von alten, düsteren Häusern gesäumt war, welche uns in die Manchester Street und so zur Blandford Street führte. Hier bog er rasch in eine schmale Gasse ab, durchschritt ein hölzernes Tor in einen verlassenen Hof und öffnete dann mit einem Schlüssel die Hintertür eines Hauses. Wir traten gemeinsam ein, und er schloss sie hinter uns.
Der Ort war stockfinster, doch es war für mich offensichtlich, dass es sich um ein leerstehendes Haus handelte. Unsere Füße knarrten und knackten auf den bloßen Dielen, und meine ausgestreckte Hand berührte eine Wand, von der die Tapete in Streifen herabhing. Holmes’ kalte, dünne Finger schlossen sich um mein Handgelenk und führten mich einen langen Flur entlang, bis ich schwach das trübe Oberlicht über der Tür sah. Hier bog Holmes plötzlich nach rechts ab, und wir befanden uns in einem großen, quadratischen, leeren Raum, der in den Ecken schwer beschattet, in der Mitte jedoch schwach von den Lichtern der Straße jenseits beleuchtet war. Es gab keine Lampe in der Nähe, und das Fenster war dick mit Staub bedeckt, so dass wir innerhalb nur gerade unsere Gestalten voneinander unterscheiden konnten. Mein Begleiter legte seine Hand auf meine Schulter und seine Lippen nahe an mein Ohr.
„Wissen Sie, wo wir sind?“, flüsterte er.
„Das ist sicherlich die Baker Street“, antwortete ich und starrte durch das trübe Fenster.
„Genau. Wir sind in Camden House, das gegenüber unseren alten Quartieren liegt.“
„Aber warum sind wir hier?“
„Weil es einen so ausgezeichneten Blick auf jenen malerischen Häuserblock bietet. Dürfte ich Sie bitten, mein lieber Watson, ein wenig näher an das Fenster heranzutreten, unter größter Vorsicht, sich nicht zu zeigen, und dann hinauf zu unseren alten Zimmern zu blicken – dem Ausgangspunkt so vieler Ihrer kleinen Märchen? Wir werden sehen, ob meine dreijährige Abwesenheit meine Fähigkeit, Sie zu überraschen, völlig zunichtegemacht hat.“
Ich schlich vorwärts und blickte auf das vertraute Fenster hinüber. Als meine Augen darauf fielen, stieß ich ein Keuchen und einen Schrei des Erstaunens aus. Das Rollo war unten, und ein starkes Licht brannte in dem Zimmer. Der Schatten eines Mannes, der in einem Stuhl darin saß, wurde in hartem, schwarzem Umriss auf den leuchtenden Schirm des Fensters geworfen. Man konnte die Haltung des Kopfes, die Kantigkeit der Schultern, die Schärfe der Züge nicht verkennen. Das Gesicht war halb zur Seite gedreht, und der Effekt war der eines jener schwarzen Silhouettenbilder, die unsere Großeltern so gerne einrahmten. Es war eine perfekte Nachbildung von Holmes. Ich war so verblüfft, dass ich meine Hand ausstreckte, um sicherzugehen, dass der Mann selbst neben mir stand. Er bebte vor stillem Lachen.
„Nun?“, sagte er.
„Guter Himmel!“, rief ich. „Es ist wundervoll.“
„Ich hoffe, dass das Alter nicht welkt noch die Gewohnheit meine unendliche Vielfalt abstumpft“, sagte er, und ich erkannte in seiner Stimme die Freude und den Stolz, den ein Künstler an seiner eigenen Schöpfung findet. „Es ist wirklich ziemlich ähnlich wie ich, nicht wahr?“
„Ich wäre bereit zu schwören, dass Sie es wären.“
„Das Verdienst der Ausführung gebührt Monsieur Oscar Meunier aus Grenoble, der einige Tage mit der Modellierung verbrachte. Es ist eine Büste aus Wachs. Den Rest habe ich heute Nachmittag während meines Besuchs in der Baker Street selbst arrangiert.“
„Aber warum?“
„Weil ich, mein lieber Watson, den stärkstmöglichen Grund hatte, mir zu wünschen, dass gewisse Leute glauben, ich sei dort, während ich in Wirklichkeit woanders war.“
„Und Sie glaubten, die Zimmer würden überwacht?“
„Ich wusste, dass sie überwacht wurden.“
„Von wem?“
„Von meinen alten Feinden, Watson. Von der charmanten Gesellschaft, deren Anführer in den Reichenbachfällen liegt. Sie müssen bedenken, dass sie wussten – und nur sie wussten –, dass ich noch am Leben war. Früher oder später glaubten sie, dass ich in meine Zimmer zurückkehren würde. Sie beobachteten sie ununterbrochen, und heute Morgen sahen sie mich ankommen.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich ihren Wächter erkannte, als ich aus meinem Fenster spähte. Er ist ein harmloser Kerl, Parker mit Namen, ein Würger von Beruf und ein bemerkenswerter Spieler auf der Maultrommel. Er war mir egal. Aber ich machte mir große Sorgen um die weitaus formidablere Person, die hinter ihm stand, den Busenfreund von Moriarty, den Mann, der die Steine über die Klippe stürzen ließ, den gerissensten und gefährlichsten Kriminellen Londons. Das ist der Mann, der heute Nacht hinter mir her ist, Watson, und das ist der Mann, der völlig ahnungslos ist, dass wir hinter ihm her sind.“
Die Pläne meines Freundes enthüllten sich allmählich. Von diesem bequemen Versteck aus wurden die Wächter beobachtet und die Verfolger verfolgt. Jener winklige Schatten dort oben war der Köder, und wir waren die Jäger. Wir standen schweigend zusammen in der Dunkelheit und beobachteten die hastigen Gestalten, die vor uns vorüberzogen. Holmes war still und regungslos; aber ich konnte merken, dass er hellwach war und seine Augen starr auf den Strom der Passanten gerichtet waren. Es war eine raue und stürmische Nacht, und der Wind pfiff schrill die lange Straße hinunter. Viele Menschen bewegten sich hin und her, die meisten in ihre Mäntel und Halstücher gehüllt. Ein- oder zweimal schien es mir, als hätte ich dieselbe Gestalt schon einmal gesehen, und ich bemerkte besonders zwei Männer, die sich in der Tür eines Hauses ein Stück die Straße hinauf vor dem Wind zu schützen schienen. Ich versuchte, die Aufmerksamkeit meines Begleiters auf sie zu lenken; aber er stieß einen kleinen Ausruf der Ungeduld aus und starrte weiter in die Straße. Mehr als einmal zappelte er mit den Füßen und trommelte rasch mit den Fingern auf die Wand. Es war für mich offensichtlich, dass er unruhig wurde und dass seine Pläne nicht ganz so funktionierten, wie er gehofft hatte. Schließlich, als Mitternacht nahte und sich die Straße allmählich leerte, schritt er in unkontrollierbarer Agitation im Raum auf und ab. Ich wollte gerade eine Bemerkung machen, als ich meine Augen zu dem beleuchteten Fenster hob und wieder eine fast so große Überraschung erlebte wie zuvor. Ich packte Holmes am Arm und deutete nach oben.
„Der Schatten hat sich bewegt!“, rief ich.
Es war in der Tat nicht mehr das Profil, sondern der Rücken, der uns zugewandt war.
Drei Jahre hatten die Schroffheit seines Temperaments oder seine Ungeduld mit einem weniger aktiven Verstand als dem seinen sicherlich nicht geglättet.
„Natürlich hat er sich bewegt“, sagte er. „Bin ich ein solcher alberner Stümper, Watson, dass ich eine offensichtliche Attrappe aufstelle und erwarte, dass einige der scharfsinnigsten Männer Europas sich davon täuschen ließen? Wir sind seit zwei Stunden in diesem Raum, und Mrs. Hudson hat achtmal, oder einmal alle Viertelstunde, eine Änderung an dieser Figur vorgenommen. Sie bedient sie von vorne, damit ihr Schatten niemals gesehen werden kann. Ah!“ Er zog den Atem mit einem schrillen, erregten Einatmen ein. Im fernen Licht sah ich, wie er den Kopf vorwarf, seine ganze Haltung starr vor Aufmerksamkeit. Draußen war die Straße völlig verlassen. Jene zwei Männer mochten noch immer in der Tür hocken, aber ich konnte sie nicht mehr sehen. Alles war still und dunkel, bis auf jenen strahlend gelben Schirm vor uns mit der schwarzen Figur, die sich in dessen Mitte abzeichnete. Wieder hörte ich in der vollkommenen Stille jenen dünnen, zischenden Ton, der von intensiver, unterdrückter Erregung sprach. Einen Augenblick später zog er mich in die schwärzeste Ecke des Raumes zurück, und ich spürte seine warnende Hand auf meinen Lippen. Die Finger, die mich packten, bebten. Niemals hatte ich meinen Freund bewegter gesehen, und doch erstreckte sich die dunkle Straße noch immer einsam und regungslos vor uns.
Doch plötzlich wurde ich dessen gewahr, was seine schärferen Sinne bereits unterschieden hatten. Ein leises, verstohlenes Geräusch drang an meine Ohren, nicht aus der Richtung der Baker Street, sondern von der Rückseite des Hauses, in dem wir uns verborgen hielten. Eine Tür öffnete und schloss sich. Einen Augenblick später huschten Schritte den Flur entlang – Schritte, die lautlos sein sollten, die aber hart durch das leere Haus hallten. Holmes kauerte sich gegen die Wand zurück, und ich tat dasselbe, meine Hand schloss sich um den Griff meines Revolvers. Durch die Dunkelheit spähend, sah ich den vagen Umriss eines Mannes, einen Schatten, schwärzer als die Schwärze der offenen Tür. Er stand einen Augenblick still, dann kroch er geduckt, bedrohlich in den Raum. Er war innerhalb von drei Metern von uns entfernt, diese finstere Gestalt, und ich hatte mich darauf eingestellt, seinen Sprung abzuwehren, bevor mir klar wurde, dass er von unserer Anwesenheit keine Ahnung hatte. Er ging dicht an uns vorbei, schlich zum Fenster und öffnete es sehr leise und geräuschlos um einen halben Fuß. Als er sich auf die Höhe dieser Öffnung herabließ, fiel das Licht der Straße, nicht mehr durch das staubige Glas gedämpft, voll auf sein Gesicht. Der Mann schien vor Erregung außer sich zu sein. Seine beiden Augen leuchteten wie Sterne, und seine Züge arbeiteten krampfhaft. Er war ein älterer Mann mit einer dünnen, vorstehenden Nase, einer hohen, kahlen Stirn und einem riesigen, grauen Schnurrbart. Ein Zylinder war in den Nacken geschoben, und ein weißer Frackbrustpanzer schimmerte unter seinem offenen Überzieher hervor. Sein Gesicht war hager und dunkel, von tiefen, wilden Furchen durchzogen. In der Hand trug er etwas, das wie ein Stock aussah, aber als er es auf den Boden legte, gab es ein metallisches Klirren. Dann zog er aus der Tasche seines Überziehers ein sperriges Objekt und beschäftigte sich mit einer Aufgabe, die mit einem lauten, scharfen Klicken endete, als ob eine Feder oder ein Riegel an seinen Platz gefallen wäre. Immer noch auf dem Boden kniend, beugte er sich vor und legte sein ganzes Gewicht und seine ganze Kraft auf einen Hebel, was zu einem langen, wirbelnden, mahlenden Geräusch führte, das erneut in einem kraftvollen Klicken endete. Er richtete sich dann auf, und ich sah, dass das, was er in der Hand hielt, eine Art Gewehr mit einem seltsam missgestalteten Kolben war. Er öffnete es am Verschluss, legte etwas hinein und ließ den Verschluss einrasten. Dann, geduckt, legte er das Ende des Laufs auf den Fenstersims des offenen Fensters, und ich sah, wie sein langer Schnurrbart über den Schaft herabhing und sein Auge leuchtete, als es entlang der Visierlinie spähte. Ich hörte ein kleines Seufzen der Zufriedenheit, als er den Kolben an seine Schulter schmiegte; und sah jenes erstaunliche Ziel, den schwarzen Mann auf dem gelben Grund, klar am Ende seines Korns stehen. Einen Augenblick lang war er starr und regungslos. Dann krümmte sich sein Finger um den Abzug. Es gab ein seltsames, lautes Sausen und ein langes, silbernes Klingen von zerbrochenem Glas. In diesem Augenblick sprang Holmes wie ein Tiger auf den Rücken des Schützen und schleuderte ihn flach auf sein Gesicht. Er war im nächsten Moment wieder oben, und mit krampfhafter Kraft packte er Holmes an der Kehle, aber ich schlug ihm mit dem Kolben meines Revolvers auf den Kopf, und er fiel wieder auf den Boden. Ich stürzte mich auf ihn, und während ich ihn festhielt, blies mein Kamerad einen schrillen Pfiff auf einer Pfeife. Man hörte das Klappern laufender Füße auf dem Pflaster, und zwei Polizisten in Uniform, zusammen mit einem Detektiv in Zivil, stürmten durch den Vordereingang und in den Raum.
„Sind Sie das, Lestrade?“, sagte Holmes.
„Ja, Mr. Holmes. Ich habe den Auftrag selbst übernommen. Es ist gut, Sie wieder in London zu sehen, Sir.“
„Ich glaube, Sie brauchen ein wenig inoffizielle Hilfe. Drei unaufgeklärte Morde in einem Jahr werden nicht gehen, Lestrade. Aber Sie haben den Molesey-Fall mit weniger als Ihrer üblichen – das heißt, Sie haben ihn ziemlich gut gehandhabt.“
Wir waren alle aufgestanden, unser Gefangener atmete schwer, mit einem stämmigen Polizisten auf jeder Seite. Bereits hatten sich einige Herumtreiber auf der Straße angesammelt. Holmes trat ans Fenster, schloss es und ließ die Rollos herunter. Lestrade hatte zwei Kerzen hervorgeholt, und die Polizisten hatten ihre Laternen aufgedeckt. Ich konnte endlich einen guten Blick auf unseren Gefangenen werfen.
Es war ein ungeheuer viriles und doch finsteres Gesicht, das uns zugewandt war. Mit der Stirn eines Philosophen darüber und dem Kiefer eines Sensualisten darunter muss der Mann mit großen Anlagen für das Gute oder das Böse begonnen haben. Doch man konnte nicht auf seine grausamen blauen Augen mit ihren herabhängenden, zynischen Lidern blicken oder auf die wilde, aggressive Nase und die drohende, tief gefurchte Stirn, ohne die deutlichsten Gefahrensignale der Natur zu lesen. Er achtete nicht auf einen von uns, aber seine Augen waren mit einem Ausdruck auf Holmes’ Gesicht fixiert, in dem sich Hass und Erstaunen gleichermaßen mischten. „Du Ungeheuer!“, murmelte er immer wieder. „Du kluges, kluges Ungeheuer!“
„Ah, Oberst!“, sagte Holmes, während er seinen zerknitterten Kragen zurechtrückte. „‚Reisen enden in Liebenden Treffen‘, wie das alte Stück sagt. Ich glaube nicht, dass ich das Vergnügen hatte, Sie zu sehen, seit Sie mich mit jenen Aufmerksamkeiten bedachten, als ich auf dem Vorsprung über den Reichenbachfällen lag.“
Der Oberst starrte meinen Freund immer noch an wie ein Mann in Trance. „Du gerissenes, gerissenes Ungeheuer!“, war alles, was er sagen konnte.
„Ich habe Sie noch nicht vorgestellt“, sagte Holmes. „Dies, meine Herren, ist Oberst Sebastian Moran, einst der indischen Armee Ihrer Majestät angehörig und der beste Schütze auf Großwild, den unser östliches Reich jemals hervorgebracht hat. Ich glaube, ich liege richtig, Oberst, wenn ich sage, dass Ihre Tigerstrecke immer noch unübertroffen ist?“
Der wilde alte Mann sagte nichts, starrte aber weiterhin meinen Begleiter an. Mit seinen wilden Augen und dem borstigen Schnurrbart glich er auf wunderbare Weise selbst einem Tiger.
„Ich wundere mich, dass mein sehr einfaches Täuschungsmanöver einen so alten Shikari täuschen konnte“, sagte Holmes. „Es muss Ihnen sehr vertraut sein. Haben Sie nicht ein junges Zicklein unter einen Baum gebunden, sich mit Ihrem Gewehr darüber gelegt und gewartet, bis der Köder Ihren Tiger anlockte? Dieses leere Haus ist mein Baum, und Sie sind mein Tiger. Sie haben möglicherweise andere Gewehre in Reserve gehabt, falls es mehrere Tiger geben sollte, oder in der unwahrscheinlichen Annahme, dass Ihr eigenes Ziel fehlschlagen sollte. Dies hier“, er deutete umher, „sind meine anderen Gewehre. Die Parallele ist genau.“
Oberst Moran sprang mit einem Knurren vor Wut vor, aber die Polizisten zerrten ihn zurück. Die Wut auf seinem Gesicht war schrecklich anzusehen.
„Ich gestehe, dass Sie eine kleine Überraschung für mich hatten“, sagte Holmes. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie selbst dieses leere Haus und dieses bequeme Vorderfenster benutzen würden. Ich hatte mir vorgestellt, Sie würden von der Straße aus operieren, wo mein Freund Lestrade und seine fröhlichen Männer auf Sie warteten. Mit dieser Ausnahme ist alles so gelaufen, wie ich es erwartet hatte.“
Oberst Moran wandte sich an den offiziellen Detektiv.
„Sie mögen berechtigten Grund haben, mich zu verhaften, oder auch nicht“, sagte er, „aber zumindest kann es keinen Grund geben, warum ich mich den Sticheleien dieser Person unterwerfen sollte. Wenn ich in den Händen des Gesetzes bin, lassen Sie die Dinge auf legale Weise geschehen.“
„Nun, das ist vernünftig genug“, sagte Lestrade. „Haben Sie noch etwas zu sagen, Mr. Holmes, bevor wir gehen?“
Holmes hatte das kraftvolle Luftgewehr vom Boden aufgehoben und untersuchte dessen Mechanismus.
„Eine bewundernswerte und einzigartige Waffe“, sagte er, „geräuschlos und von gewaltiger Durchschlagskraft: Ich kannte Von Herder, den blinden deutschen Mechaniker, der sie im Auftrag des verstorbenen Professor Moriarty anfertigte. Seit Jahren bin ich mir ihrer Existenz bewusst, obwohl ich nie zuvor die Gelegenheit hatte, sie in die Hände zu bekommen. Ich empfehle sie ganz besonders Ihrer Aufmerksamkeit, Lestrade, und ebenso die Kugeln, die dazu passen.“
„Sie können sich darauf verlassen, dass wir uns darum kümmern, Mr. Holmes“, sagte Lestrade, während die ganze Gruppe sich zur Tür bewegte. „Noch etwas zu sagen?“
„Nur die Frage, welche Anklage Sie zu erheben gedenken?“
„Welche Anklage, mein Herr? Nun, natürlich den versuchten Mord an Mr. Sherlock Holmes.“
„Nicht doch, Lestrade. Ich habe nicht die Absicht, in dieser Angelegenheit überhaupt in Erscheinung zu treten. Ihnen und nur Ihnen gebührt das Verdienst für die bemerkenswerte Verhaftung, die Sie vollzogen haben. Ja, Lestrade, ich gratuliere Ihnen! Mit Ihrer üblichen glücklichen Mischung aus List und Kühnheit haben Sie ihn gefasst.“
„Gefasst! Wen gefasst, Mr. Holmes?“
„Den Mann, den die gesamte Polizei vergeblich gesucht hat – Oberst Sebastian Moran, der den Honourable Ronald Adair mit einer Expansionskugel aus einem Luftgewehr durch das offene Fenster des vorderen Zimmers im zweiten Stock von Nummer 427, Park Lane, am Dreißigsten des letzten Monats erschoss. Das ist die Anklage, Lestrade. Und nun, Watson, wenn Sie den Luftzug eines zerbrochenen Fensters ertragen können, denke ich, dass eine halbe Stunde in meinem Arbeitszimmer bei einer Zigarre Ihnen einiges nützliche Vergnügen bereiten könnte.“
Unsere alten Räumlichkeiten waren unter der Aufsicht von Mycroft Holmes und der direkten Fürsorge von Mrs. Hudson unverändert geblieben. Als ich eintrat, sah ich zwar eine ungewohnte Ordnung, aber die alten Wahrzeichen waren alle an ihrem Platz. Da waren die chemische Ecke und der mit Säure befleckte Tisch mit der Tannenholzplatte. Dort auf einem Regal stand die Reihe der beeindruckenden Sammelalben und Nachschlagewerke, die viele unserer Mitbürger so gerne verbrannt hätten. Die Diagramme, der Geigenkasten und das Pfeifenregal – sogar der persische Pantoffel, der den Tabak enthielt – alles traf meine Augen, als ich mich umsah. Es gab zwei Bewohner des Zimmers – die eine, Mrs. Hudson, die uns beide anstrahlte, als wir eintraten – der andere, die seltsame Puppe, die bei den Abenteuern des Abends eine so wichtige Rolle gespielt hatte. Es war ein wachsfarbenes Modell meines Freundes, so bewundernswert gemacht, dass es ein perfektes Abbild war. Es stand auf einem kleinen Podesttisch, und ein alter Morgenmantel von Holmes war so darum drapiert, dass die Illusion von der Straße aus absolut perfekt war.
„Ich hoffe, Sie haben alle Vorsichtsmaßnahmen beachtet, Mrs. Hudson?“, sagte Holmes.
„Ich bin auf den Knien dorthin gegangen, mein Herr, genau wie Sie es mir gesagt haben.“
„Ausgezeichnet. Sie haben die Sache sehr gut ausgeführt. Haben Sie beobachtet, wo die Kugel einschlug?“
„Ja, mein Herr. Ich fürchte, sie hat Ihre schöne Büste ruiniert, denn sie ging direkt durch den Kopf und blieb flach an der Wand hängen. Ich habe sie vom Teppich aufgehoben. Hier ist sie!“
Holmes hielt sie mir hin. „Eine weiche Revolverkugel, wie Sie sehen, Watson. Darin liegt Genialität, denn wer würde erwarten, ein solches Ding aus einem Luftgewehr abgefeuert zu finden? Alles in Ordnung, Mrs. Hudson. Ich bin Ihnen für Ihre Hilfe sehr verbunden. Und nun, Watson, lassen Sie mich Sie wieder einmal auf Ihrem alten Platz sehen, denn es gibt mehrere Punkte, die ich gerne mit Ihnen besprechen möchte.“
Er hatte den schäbigen Gehrock abgelegt, und nun war er wieder der alte Holmes im mausfarbenen Morgenmantel, den er von seinem Ebenbild nahm.
„Die Nerven des alten Shikari haben ihre Festigkeit nicht verloren, noch seine Augen ihre Schärfe“, sagte er lachend, während er die zertrümmerte Stirn seiner Büste untersuchte.
„Genau in die Mitte des Hinterkopfes und glatt durch das Gehirn. Er war der beste Schütze in Indien, und ich vermute, dass es nur wenige bessere in London gibt. Haben Sie den Namen gehört?“
„Nein, habe ich nicht.“
„Nun, nun, so ist der Ruhm! Aber wenn ich mich recht erinnere, hatten Sie auch den Namen von Professor James Moriarty nicht gehört, der eines der größten Gehirne des Jahrhunderts besaß. Geben Sie mir mal mein Biografien-Verzeichnis aus dem Regal.“
Er blätterte träge in den Seiten, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blies große Wolken aus seiner Zigarre.
„Meine Sammlung der M’s ist eine feine Sache“, sagte er. „Moriarty selbst reicht aus, um jeden Buchstaben glänzend zu machen, und hier ist Morgan der Giftmischer und Merridew von abscheulichem Gedächtnis und Mathews, der mir im Wartesaal am Charing Cross meinen linken Eckzahn ausschlug, und schließlich ist hier unser Freund von heute Abend.“
Er reichte mir das Buch, und ich las:
Moran, Sebastian, Oberst. Ohne Anstellung. Ehemals 1. Bangalore Pioneers. Geboren in London, 1840. Sohn von Sir Augustus Moran, C.B., ehemals britischer Gesandter in Persien. Ausbildung in Eton und Oxford. Dienst im Jowaki-Feldzug, Afghanischen Feldzug, Charasiab (Depeschen), Sherpur und Cabul. Autor von *Heavy Game of the Western Himalayas* (1881); *Three Months in the Jungle* (1884). Adresse: Conduit Street. Clubs: The Anglo-Indian, The Tankerville, Bagatelle Card Club.
Am Rand war in Holmes’ präziser Handschrift geschrieben:
Der zweitgefährlichste Mann in London.
„Das ist erstaunlich“, sagte ich, als ich den Band zurückgab. „Die Laufbahn des Mannes ist die eines ehrenwerten Soldaten.“
„Es ist wahr“, antwortete Holmes. „Bis zu einem gewissen Punkt hat er sich gut geschlagen. Er war immer ein Mann von eisernen Nerven, und in Indien erzählt man sich immer noch die Geschichte, wie er nach einem verwundeten menschenfressenden Tiger durch einen Abfluss kroch. Es gibt Bäume, Watson, die bis zu einer gewissen Höhe wachsen und dann plötzlich eine unansehnliche Eigenart entwickeln. Man sieht es oft bei Menschen. Ich habe die Theorie, dass das Individuum in seiner Entwicklung den gesamten Zug seiner Vorfahren darstellt und dass eine solche plötzliche Wendung zum Guten oder Bösen für einen starken Einfluss steht, der in die Linie seines Stammbaums eingetreten ist. Die Person wird sozusagen zum Inbegriff der Geschichte ihrer eigenen Familie.“
„Das ist sicher ziemlich phantastisch.“
„Nun, ich bestehe nicht darauf. Was auch immer die Ursache war, Oberst Moran begann auf die schiefe Bahn zu geraten. Ohne offene Skandale machte er Indien doch zu heiß für sich. Er ging in den Ruhestand, kam nach London und erwarb sich erneut einen bösen Namen. Zu dieser Zeit wurde er von Professor Moriarty aufgesucht, dessen Stabschef er für eine Weile war. Moriarty versorgte ihn großzügig mit Geld und setzte ihn nur für ein oder zwei sehr hochklassige Aufträge ein, die kein gewöhnlicher Krimineller hätte übernehmen können. Sie erinnern sich vielleicht an den Tod von Mrs. Stewart aus Lauder im Jahr 1887. Nicht? Nun, ich bin sicher, Moran steckte dahinter, aber nichts konnte bewiesen werden. So geschickt war der Oberst verborgen, dass wir ihn nicht einmal belasten konnten, als die Moriarty-Bande zerschlagen wurde. Sie erinnern sich an jenem Datum, als ich Sie in Ihren Zimmern besuchte, wie ich aus Angst vor Luftgewehren die Fensterläden hochzog? Zweifellos hielten Sie mich für phantastisch. Ich wusste genau, was ich tat, denn ich wusste von der Existenz dieser bemerkenswerten Waffe, und ich wusste auch, dass einer der besten Schützen der Welt dahinterstehen würde. Als wir in der Schweiz waren, folgte er uns mit Moriarty, und er war es zweifellos, der mir jene bösen fünf Minuten auf dem Vorsprung am Reichenbach bereitete.“
„Sie mögen denken, dass ich während meines Aufenthalts in Frankreich die Zeitungen mit einiger Aufmerksamkeit gelesen habe, auf der Suche nach einer Chance, ihn zur Strecke zu bringen. Solange er in London frei herumlief, wäre mein Leben wirklich nicht lebenswert gewesen. Tag und Nacht hätte der Schatten über mir gelegen, und früher oder später hätte sich seine Chance ergeben müssen. Was konnte ich tun? Ich konnte ihn nicht auf Sicht erschießen, sonst wäre ich selbst auf der Anklagebank gelandet. Es hatte keinen Zweck, sich an einen Magistrat zu wenden. Sie können nicht auf der Grundlage dessen eingreifen, was ihnen wie ein wilder Verdacht erscheinen würde. Also konnte ich nichts tun. Aber ich beobachtete die Kriminalnachrichten, in dem Wissen, dass ich ihn früher oder später kriegen würde. Dann kam der Tod dieses Ronald Adair. Meine Chance war endlich gekommen. Wenn ich wusste, was ich wusste, war es dann nicht sicher, dass Oberst Moran es getan hatte? Er hatte mit dem Jungen Karten gespielt, er hatte ihn vom Club nach Hause verfolgt, er hatte ihn durch das offene Fenster erschossen. Es gab keinen Zweifel daran. Die Kugeln allein reichen aus, um seinen Kopf in eine Schlinge zu bringen. Ich kam sofort herüber. Ich wurde vom Wachposten gesehen, der, wie ich wusste, die Aufmerksamkeit des Obersten auf meine Anwesenheit lenken würde. Er konnte meine plötzliche Rückkehr unmöglich mit seinem Verbrechen unverbunden lassen und musste entsetzlich alarmiert sein. Ich war sicher, dass er einen Versuch machen würde, mich sofort aus dem Weg zu räumen, und zu diesem Zweck seine mörderische Waffe mitbringen würde. Ich ließ ihm ein ausgezeichnetes Ziel im Fenster, und nachdem ich die Polizei gewarnt hatte, dass sie gebraucht werden könnte – übrigens, Watson, Sie haben ihre Anwesenheit in diesem Hauseingang mit untrüglicher Genauigkeit entdeckt – nahm ich einen Posten ein, der mir für die Beobachtung geeignet erschien, ohne auch nur zu ahnen, dass er denselben Platz für seinen Angriff wählen würde. Nun, mein lieber Watson, bleibt mir noch etwas zu erklären?“
„Ja“, sagte ich. „Sie haben nicht klargestellt, was Oberst Morans Motiv war, den Honourable Ronald Adair zu ermorden?“
„Ah! mein lieber Watson, da kommen wir in jene Gefilde der Vermutungen, wo selbst der logischste Geist irren kann. Jeder kann seine eigene Hypothese aufgrund der vorliegenden Beweise aufstellen, und Ihre ist wahrscheinlich genauso richtig wie meine.“
„Sie haben sich also eine gebildet?“
„Ich denke, es ist nicht schwer, die Fakten zu erklären. Es kam bei der Aussage heraus, dass Oberst Moran und der junge Adair zusammen einen beträchtlichen Geldbetrag gewonnen hatten. Nun, Moran spielte zweifellos falsch – dessen bin ich mir schon lange bewusst. Ich glaube, dass Adair am Tag des Mordes entdeckt hatte, dass Moran betrog. Sehr wahrscheinlich hatte er privat mit ihm gesprochen und gedroht, ihn zu entlarven, wenn er nicht freiwillig seine Mitgliedschaft im Club aufgäbe und verspräche, nicht mehr Karten zu spielen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein junger Mann wie Adair sofort einen scheußlichen Skandal machen würde, indem er einen bekannten, viel älteren Mann als sich selbst bloßstellte. Wahrscheinlich handelte er, wie ich vermute. Der Ausschluss aus seinen Clubs hätte den Ruin für Moran bedeutet, der von seinen unrechtmäßig erworbenen Kartengewinnen lebte. Er ermordete daher Adair, der zu dieser Zeit gerade versuchte auszurechnen, wie viel Geld er selbst zurückgeben sollte, da er von dem falschen Spiel seines Partners nicht profitieren konnte. Er verschloss die Tür, damit die Damen ihn nicht überraschten und darauf bestanden zu wissen, was er mit diesen Namen und Münzen tat. Wird das durchgehen?“
„Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie die Wahrheit getroffen haben.“
„Es wird bei der Gerichtsverhandlung bestätigt oder widerlegt werden. In der Zwischenzeit, komme was wolle, wird Oberst Moran uns nicht mehr behelligen. Das berühmte Luftgewehr von Von Herder wird das Scotland Yard Museum schmücken, und Mr. Sherlock Holmes ist wieder einmal frei, sein Leben den interessanten kleinen Problemen zu widmen, die das komplexe Leben Londons so reichlich bietet.“
DAS ABENTEUER VOM NORWOOD-BAUMEISTER
„Vom Standpunkt des Kriminalexperten aus“, sagte Mr. Sherlock Holmes, „ist London eine seltsam uninteressante Stadt geworden, seit dem Tod des verstorbenen, beklagenswerten Professor Moriarty.“
„Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie viele anständige Bürger finden würden, die Ihnen zustimmen“, antwortete ich.
„Nun, nun, ich darf nicht egoistisch sein“, sagte er lächelnd, während er seinen Stuhl vom Frühstückstisch zurückschob. „Die Gemeinschaft ist sicherlich der Gewinner, und niemand verliert, außer dem armen arbeitslosen Spezialisten, dessen Beschäftigung weggefallen ist. Mit diesem Mann auf dem Feld bot die Morgenzeitung unendliche Möglichkeiten. Oft war es nur die kleinste Spur, Watson, der schwächste Hinweis, und doch reichte es aus, um mir zu sagen, dass das große bösartige Gehirn da war, so wie die sanftesten Beben an den Rändern des Netzes einen an die abscheuliche Spinne erinnern, die in der Mitte lauert. Kleine Diebstähle, mutwillige Übergriffe, zwecklose Empörungen – für den Mann, der den Hinweis in der Hand hielt, konnte alles zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet werden. Für den wissenschaftlichen Studenten der höheren kriminellen Welt bot keine Hauptstadt in Europa die Vorteile, die London damals besaß. Aber jetzt——“ Er zuckte mit den Schultern in humorvoller Missbilligung des Zustands der Dinge, den er selbst so sehr herbeigeführt hatte.
Zu der Zeit, von der ich spreche, war Holmes seit einigen Monaten zurück, und ich hatte auf sein Ersuchen hin meine Praxis verkauft und war zurückgekehrt, um die alten Räume in der Baker Street zu teilen. Ein junger Arzt namens Verner hatte meine kleine Kensington-Praxis gekauft und mit erstaunlich wenig Zögern den höchsten Preis gezahlt, den ich zu verlangen wagte – ein Vorfall, der sich erst einige Jahre später erklärte, als ich herausfand, dass Verner ein entfernter Verwandter von Holmes war und dass mein Freund es war, der das Geld tatsächlich gefunden hatte.
Unsere Monate der Partnerschaft waren nicht so ereignislos gewesen, wie er angegeben hatte, denn ich stelle beim Durchsehen meiner Notizen fest, dass diese Zeit den Fall der Papiere des Ex-Präsidenten Murillo umfasst sowie die schockierende Angelegenheit des niederländischen Dampfers Friesland, die uns beide fast das Leben gekostet hätte. Sein kühles und stolzes Wesen war jedoch immer abgeneigt gegen alles, was nach öffentlichem Beifall schmeckte, und er band mich mit den strengsten Bedingungen, kein weiteres Wort über ihn, seine Methoden oder seine Erfolge zu verlieren – ein Verbot, das, wie ich erklärt habe, erst jetzt aufgehoben wurde.
Mr. Sherlock Holmes lehnte sich nach seinem wunderlichen Protest in seinem Stuhl zurück und entfaltete gemächlich seine Morgenzeitung, als unsere Aufmerksamkeit durch ein gewaltiges Klingeln an der Glocke erregt wurde, gefolgt von einem hohlen Trommelgeräusch, als ob jemand mit der Faust gegen die Außentür schlüge. Als sie sich öffnete, kam ein stürmisches Rauschen in den Flur, schnelle Schritte klapperten die Treppe hinauf, und einen Augenblick später stürmte ein junger Mann mit wilden Augen und außer sich, blass, zerzaust und bebend, in das Zimmer. Er blickte von einem zum anderen von uns, und unter unserem forschenden Blick wurde ihm bewusst, dass für diesen unzeremoniellen Eintritt eine Entschuldigung nötig war.
„Es tut mir leid, Mr. Holmes“, rief er. „Sie dürfen mir keine Vorwürfe machen. Ich bin fast wahnsinnig. Mr. Holmes, ich bin der unglückliche John Hector McFarlane.“
Er machte die Ankündigung, als ob der Name allein sowohl seinen Besuch als auch seine Art und Weise erklären würde, aber ich konnte an dem ausdruckslosen Gesicht meines Begleiters sehen, dass er ihm nicht mehr bedeutete als mir.
„Nehmen Sie eine Zigarette, Mr. McFarlane“, sagte er und schob sein Etui hinüber. „Ich bin sicher, dass mein Freund Dr. Watson hier bei Ihren Symptomen ein Beruhigungsmittel verschreiben würde. Das Wetter war in den letzten Tagen so sehr warm. Nun, wenn Sie sich ein wenig gefasster fühlen, wäre ich froh, wenn Sie sich in jenen Stuhl setzen und uns ganz langsam und leise erzählen würden, wer Sie sind und was es ist, das Sie wollen. Sie erwähnten Ihren Namen, als ob ich ihn erkennen müsste, aber ich versichere Ihnen, dass ich, abgesehen von den offensichtlichen Fakten, dass Sie Junggeselle, Anwalt, Freimaurer und Asthmatiker sind, überhaupt nichts über Sie weiß.“
Da ich mit den Methoden meines Freundes vertraut war, fiel es mir nicht schwer, seinen Schlussfolgerungen zu folgen und die Unordnung der Kleidung, das Bündel juristischer Papiere, den Uhrenanhänger und die Atmung zu beobachten, die sie veranlasst hatten. Unser Klient jedoch starrte verblüfft.
„Ja, das alles bin ich, Mr. Holmes; und zusätzlich bin ich der unglücklichste Mann in diesem Augenblick in London. Um Himmels willen, verlassen Sie mich nicht, Mr. Holmes! Wenn sie kommen, um mich zu verhaften, bevor ich meine Geschichte beendet habe, lassen Sie sie mir Zeit geben, damit ich Ihnen die ganze Wahrheit sagen kann. Ich könnte glücklich in den Knast gehen, wenn ich wüsste, dass Sie draußen für mich arbeiten.“
„Sie verhaften!“, sagte Holmes. „Das ist wirklich höchst erfreu—höchst interessant. Auf welche Anklage hin erwarten Sie, verhaftet zu werden?“
„Auf die Anklage, Mr. Jonas Oldacre aus Lower Norwood ermordet zu haben.“
Das ausdrucksvolle Gesicht meines Begleiters zeigte ein Mitgefühl, das, wie ich fürchte, nicht ganz frei von Genugtuung war.
„Lieber Gott“, sagte er, „erst in diesem Moment beim Frühstück sagte ich zu meinem Freund, Dr. Watson, dass sensationelle Fälle aus unseren Zeitungen verschwunden seien.“
Unser Besucher streckte eine zitternde Hand aus und nahm die Daily Telegraph, die noch auf Holmes’ Knie lag.
„Wenn Sie hineingesehen hätten, mein Herr, hätten Sie auf einen Blick gesehen, was der Grund ist, aus dem ich heute Morgen zu Ihnen gekommen bin. Ich habe das Gefühl, als müsste mein Name und mein Unglück in jedermanns Mund sein.“ Er drehte sie um, um die mittlere Seite freizulegen. „Hier ist es, und mit Ihrer Erlaubnis werde ich es Ihnen vorlesen. Hören Sie sich das an, Mr. Holmes. Die Schlagzeilen lauten: ‚Mysteriöse Angelegenheit in Lower Norwood. Verschwinden eines bekannten Baumeisters. Verdacht auf Mord und Brandstiftung. Ein Hinweis auf den Täter.‘ Das ist der Hinweis, dem sie bereits folgen, Mr. Holmes, und ich weiß, dass er unfehlbar zu mir führt. Ich wurde vom Bahnhof London Bridge verfolgt, und ich bin sicher, dass sie nur auf den Haftbefehl warten, um mich festzunehmen. Es wird das Herz meiner Mutter brechen – es wird ihr Herz brechen!“ Er rang die Hände in einer Qual der Angst und schwankte in seinem Stuhl vor und zurück.
Ich betrachtete mit Interesse diesen Mann, der beschuldigt wurde, der Täter eines Gewaltverbrechens zu sein. Er war flachshaarig und gutaussehend, auf eine ausgewaschene, negative Art, mit verängstigten blauen Augen und einem glatt rasierten Gesicht mit einem schwachen, empfindlichen Mund. Sein Alter mochte etwa siebenundzwanzig Jahre sein, seine Kleidung und sein Auftreten die eines Gentleman. Aus der Tasche seines leichten Sommerüberziehers ragte das Bündel gegengezeichneter Papiere, das seinen Beruf verkündete.
„Wir müssen die Zeit nutzen, die wir haben“, sagte Holmes. „Watson, hätten Sie die Güte, die Zeitung zu nehmen und den betreffenden Absatz vorzulesen?“
Unter den kräftigen Schlagzeilen, die unser Klient zitiert hatte, las ich die folgende suggestive Erzählung:
„Spät letzte Nacht oder früh heute Morgen ereignete sich in Lower Norwood ein Zwischenfall, der, wie befürchtet wird, auf ein schweres Verbrechen hindeutet. Mr. Jonas Oldacre ist ein bekannter Einwohner dieses Vororts, wo er seit vielen Jahren sein Geschäft als Bauunternehmer betreibt. Mr. Oldacre ist Junggeselle, zweiundfünfzig Jahre alt und lebt im Deep Dene House, am Ende der gleichnamigen Straße, in Richtung Sydenham. Er hat den Ruf, ein Mann mit exzentrischen Gewohnheiten zu sein, verschlossen und zurückgezogen. Seit einigen Jahren hat er sich praktisch aus dem Geschäft zurückgezogen, in dem er, wie es heißt, beträchtlichen Wohlstand angehäuft hat. Ein kleiner Holzplatz existiert jedoch noch hinter dem Haus, und letzte Nacht, gegen zwölf Uhr, wurde Alarm geschlagen, dass einer der Stapel in Brand stünde. Die Löschfahrzeuge waren bald vor Ort, doch das trockene Holz brannte mit großer Heftigkeit, und es war unmöglich, den Brand einzudämmen, bevor der Stapel vollständig verzehrt war. Bis zu diesem Punkt hatte der Vorfall den Anschein eines gewöhnlichen Unglücks, doch neue Hinweise scheinen auf ein schweres Verbrechen zu deuten. Es wurde Überraschung über die Abwesenheit des Herrn des Hauses am Ort des Feuers geäußert, und eine Untersuchung folgte, die ergab, dass er aus dem Haus verschwunden war. Eine Untersuchung seines Zimmers enthüllte, dass das Bett nicht benutzt worden war, dass ein darin stehender Safe offen stand, dass eine Anzahl wichtiger Dokumente im Zimmer verstreut lag und schließlich, dass es Anzeichen eines mörderischen Kampfes gab, wobei im Zimmer leichte Blutspuren gefunden wurden sowie ein Spazierstock aus Eichenholz, der ebenfalls Blutflecken am Griff aufwies. Es ist bekannt, dass Mr. Jonas Oldacre in jener Nacht einen späten Besucher in seinem Schlafzimmer empfangen hatte, und der gefundene Stock wurde als Eigentum dieser Person identifiziert, bei der es sich um einen jungen Londoner Anwalt namens John Hector McFarlane handelt, Juniorpartner von Graham und McFarlane, aus den Gresham Buildings 426, E.C. Die Polizei glaubt, im Besitz von Beweisen zu sein, die ein sehr überzeugendes Motiv für das Verbrechen liefern, und insgesamt kann nicht bezweifelt werden, dass sensationelle Entwicklungen folgen werden.
„NACHTRAG. – Es geht das Gerücht um, während wir in Druck gehen, dass Mr. John Hector McFarlane tatsächlich unter der Anklage des Mordes an Mr. Jonas Oldacre verhaftet wurde. Zumindest ist sicher, dass ein Haftbefehl erlassen wurde. Es gab weitere und finstere Entwicklungen bei der Untersuchung in Norwood. Neben den Anzeichen eines Kampfes im Zimmer des unglücklichen Bauunternehmers ist nun bekannt, dass die Fenstertüren seines Schlafzimmers (das sich im Erdgeschoss befindet) offen vorgefunden wurden, dass es Spuren gab, als sei ein sperriger Gegenstand zum Holzstapel geschleift worden, und schließlich wird behauptet, dass verkohlte Überreste in der Holzkohleasche des Feuers gefunden wurden. Die Theorie der Polizei besagt, dass ein äußerst sensationelles Verbrechen begangen wurde, dass das Opfer in seinem eigenen Schlafzimmer erschlagen, seine Papiere durchsucht und seine Leiche zum Holzstapel geschleift wurde, der dann angezündet wurde, um alle Spuren des Verbrechens zu verbergen. Die Leitung der kriminalpolizeilichen Untersuchung wurde in die erfahrenen Hände von Inspektor Lestrade von Scotland Yard gelegt, der den Hinweisen mit seiner gewohnten Energie und Scharfsinnigkeit nachgeht.“
Sherlock Holmes hörte sich diesen bemerkenswerten Bericht mit geschlossenen Augen und aneinandergelegten Fingerspitzen an.
„Der Fall hat sicherlich einige interessante Punkte“, sagte er in seiner trägen Art. „Darf ich zunächst fragen, Mr. McFarlane, wie es kommt, dass Sie noch in Freiheit sind, da es genügend Beweise zu geben scheint, um Ihre Verhaftung zu rechtfertigen?“
„Ich wohne in der Torrington Lodge, Blackheath, bei meinen Eltern, Mr. Holmes, aber da ich gestern Abend sehr spät geschäftlich mit Mr. Jonas Oldacre zu tun hatte, übernachtete ich in einem Hotel in Norwood und ging von dort aus meiner Arbeit nach. Ich wusste nichts von dieser Angelegenheit, bis ich im Zug saß und das las, was Sie gerade gehört haben. Ich erkannte sofort die schreckliche Gefahr meiner Lage und eilte, um den Fall in Ihre Hände zu legen. Ich habe keinen Zweifel, dass ich entweder in meinem Büro in der Stadt oder zu Hause verhaftet worden wäre. Ein Mann folgte mir vom Bahnhof London Bridge, und ich habe keinen Zweifel – großer Gott! Was ist das?“
Es war das Läuten der Glocke, gefolgt augenblicklich von schweren Schritten auf der Treppe. Einen Moment später erschien unser alter Freund Lestrade im Türrahmen. Über seine Schulter erhaschte ich einen Blick auf ein oder zwei uniformierte Polizisten draußen.
„Mr. John Hector McFarlane?“, sagte Lestrade.
Unser unglücklicher Klient erhob sich mit totenbleichem Gesicht.
„Ich verhafte Sie wegen des vorsätzlichen Mordes an Mr. Jonas Oldacre aus Lower Norwood.“
McFarlane wandte sich mit einer Geste der Verzweiflung an uns und sank wie ein Gebrochener erneut in seinen Stuhl.
„Einen Moment, Lestrade“, sagte Holmes. „Eine halbe Stunde mehr oder weniger kann für Sie keinen Unterschied machen, und der Herr war gerade dabei, uns einen Bericht über diese sehr interessante Angelegenheit zu geben, was uns helfen könnte, sie aufzuklären.“
„Ich denke, es wird keine Schwierigkeiten geben, sie aufzuklären“, sagte Lestrade grimmig.
„Nichtsdestotrotz wäre ich mit Ihrer Erlaubnis sehr daran interessiert, seine Darstellung zu hören.“
„Nun, Mr. Holmes, es fällt mir schwer, Ihnen irgendetwas abzuschlagen, denn Sie waren in der Vergangenheit ein- oder zweimal für die Polizei nützlich, und wir stehen bei Scotland Yard in Ihrer Schuld“, sagte Lestrade. „Gleichzeitig muss ich bei meinem Gefangenen bleiben, und ich bin verpflichtet, ihn zu warnen, dass alles, was er sagen mag, als Beweismittel gegen ihn verwendet wird.“
„Ich wünsche mir nichts Besseres“, sagte unser Klient. „Alles, worum ich bitte, ist, dass Sie die absolute Wahrheit hören und anerkennen.“
Lestrade schaute auf seine Uhr. „Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde“, sagte er.
„Ich muss zuerst erklären“, sagte McFarlane, „dass ich nichts von Mr. Jonas Oldacre wusste. Sein Name war mir vertraut, denn vor vielen Jahren waren meine Eltern mit ihm bekannt, aber sie verloren sich aus den Augen. Ich war daher sehr überrascht, als er gestern gegen drei Uhr nachmittags in mein Büro in der Stadt spazierte. Aber ich war noch erstaunter, als er mir den Grund seines Besuchs nannte. Er hatte mehrere Blätter eines Notizblocks in der Hand, bedeckt mit gekritzelter Schrift – hier sind sie – und er legte sie auf meinen Tisch.
„‚Hier ist mein Testament‘, sagte er. ‚Ich möchte, dass Sie, Mr. McFarlane, es in eine ordnungsgemäße juristische Form bringen. Ich werde hier sitzen, während Sie das tun.‘
„Ich machte mich daran, es abzuschreiben, und Sie können sich mein Erstaunen vorstellen, als ich feststellte, dass er mit einigen Vorbehalten sein gesamtes Vermögen mir vermacht hatte. Er war ein seltsamer, frettchenartiger Mann mit weißen Wimpern, und als ich zu ihm aufblickte, fand ich seine scharfen grauen Augen mit einem amüsierten Ausdruck auf mich gerichtet. Ich konnte meinen eigenen Augen kaum trauen, als ich die Bedingungen des Testaments las; aber er erklärte, er sei Junggeselle ohne nennenswerte lebende Verwandte, er habe meine Eltern in seiner Jugend gekannt, habe immer von mir als einem sehr verdienten jungen Mann gehört und sei versichert, dass sein Geld in würdigen Händen sein würde. Natürlich konnte ich meinen Dank nur stammelnd ausdrücken. Das Testament wurde ordnungsgemäß fertiggestellt, unterzeichnet und von meinem Angestellten bezeugt. Dies ist es auf dem blauen Papier, und diese Zettel, wie ich erklärt habe, sind der Entwurf. Mr. Jonas Oldacre teilte mir dann mit, dass es eine Reihe von Dokumenten gebe – Bauverträge, Eigentumsurkunden, Hypotheken, Wertpapiere und so weiter –, die ich sehen und verstehen müsse. Er sagte, sein Gewissen fände keine Ruhe, bevor die ganze Sache geregelt sei, und er bat mich, noch in jener Nacht zu seinem Haus in Norwood zu kommen, das Testament mitzubringen und die Angelegenheiten zu regeln. ‚Denken Sie daran, mein Junge, kein Wort gegenüber Ihren Eltern über diese Angelegenheit, bis alles geregelt ist. Wir werden es als kleine Überraschung für sie behalten.‘ Er war sehr nachdrücklich in diesem Punkt und ließ mich dies treu und brav versprechen.
„Sie können sich vorstellen, Mr. Holmes, dass ich nicht in der Stimmung war, ihm irgendetwas abzuschlagen, worum er bitten mochte. Er war mein Wohltäter, und mein einziger Wunsch war es, seine Wünsche in jeder Einzelheit auszuführen. Ich schickte daher ein Telegramm nach Hause, um mitzuteilen, dass ich wichtige Geschäfte zu erledigen hätte und es unmöglich sei zu sagen, wie spät es werden könnte. Mr. Oldacre hatte mir gesagt, er würde mich gerne um neun Uhr zum Abendessen bei sich haben, da er vor dieser Stunde vielleicht nicht zu Hause sein würde. Ich hatte jedoch einige Schwierigkeiten, sein Haus zu finden, und es war fast halb zehn, bis ich es erreichte. Ich fand ihn –“
„Einen Moment!“, sagte Holmes. „Wer öffnete die Tür?“
„Eine Frau mittleren Alters, die, wie ich annehme, seine Haushälterin war.“
„Und sie war es wohl auch, die Ihren Namen nannte?“
„Genau“, sagte McFarlane.
„Bitte fahren Sie fort.“
McFarlane wischte sich die feuchte Stirn ab und setzte dann seine Erzählung fort:
„Ich wurde von dieser Frau in ein Wohnzimmer geführt, wo ein bescheidenes Abendessen aufgetischt war. Danach führte mich Mr. Jonas Oldacre in sein Schlafzimmer, in dem ein schwerer Safe stand. Diesen öffnete er und nahm eine Menge Dokumente heraus, die wir gemeinsam durchgingen. Es war zwischen elf und zwölf, als wir fertig waren. Er bemerkte, dass wir die Haushälterin nicht stören dürften. Er ließ mich durch sein eigenes französisches Fenster hinaus, das die ganze Zeit über offen gestanden hatte.“
„War das Rollo unten?“, fragte Holmes.
„Ich kann nicht sicher sein, aber ich glaube, es war nur halb unten. Ja, ich erinnere mich, wie er es hochzog, um das Fenster aufzuschwingen. Ich konnte meinen Stock nicht finden, und er sagte: ‚Machen Sie sich nichts daraus, mein Junge, ich hoffe, ich werde Sie jetzt öfter sehen, und ich werde Ihren Stock behalten, bis Sie wiederkommen, um ihn zu fordern.‘ Ich ließ ihn dort zurück, den Safe offen und die Papiere in Paketen auf dem Tisch. Es war so spät, dass ich nicht mehr nach Blackheath zurückkehren konnte, also verbrachte ich die Nacht im Anerley Arms, und ich wusste von nichts mehr, bis ich am Morgen von dieser schrecklichen Angelegenheit las.“
„Möchten Sie noch etwas fragen, Mr. Holmes?“, sagte Lestrade, dessen Augenbrauen während dieser bemerkenswerten Erklärung ein- oder zweimal hochgewandert waren.
„Nicht, bevor ich in Blackheath war.“
„Sie meinen Norwood“, sagte Lestrade.
„Oh, ja, zweifellos ist es das, was ich gemeint haben muss“, sagte Holmes mit seinem rätselhaften Lächeln. Lestrade hatte durch mehr Erfahrungen, als er zugeben wollte, gelernt, dass dieser Verstand Dinge durchschneiden konnte, die für ihn undurchdringlich waren. Ich sah, wie er meinen Begleiter neugierig betrachtete.
„Ich denke, ich möchte mich demnächst noch einmal mit Ihnen unterhalten, Mr. Sherlock Holmes“, sagte er. „Nun, Mr. McFarlane, zwei meiner Polizisten sind an der Tür, und eine Droschke wartet.“ Der unglückliche junge Mann erhob sich und verließ mit einem letzten flehenden Blick auf uns das Zimmer. Die Beamten brachten ihn zur Droschke, doch Lestrade blieb.
Holmes hatte die Seiten aufgehoben, die den Entwurf des Testaments bildeten, und betrachtete sie mit größtem Interesse im Gesicht.
„Es gibt einige Punkte an diesem Dokument, Lestrade, nicht wahr?“, sagte er und schob sie hinüber.
Der Beamte betrachtete sie mit einem ratlosen Ausdruck.
„Ich kann die ersten paar Zeilen lesen und diese in der Mitte der zweiten Seite, und ein oder zwei am Ende. Die sind so klar wie Druck“, sagte er, „aber die Schrift dazwischen ist sehr schlecht, und es gibt drei Stellen, an denen ich sie überhaupt nicht lesen kann.“
„Was schließen Sie daraus?“, sagte Holmes.
„Nun, was schließen Sie daraus?“
„Dass es in einem Zug geschrieben wurde. Die gute Schrift stellt Bahnhöfe dar, die schlechte Schrift Bewegung und die sehr schlechte Schrift das Überfahren von Weichen. Ein wissenschaftlicher Experte würde sofort erklären, dass dies auf einer Vorortstrecke verfasst wurde, denn nirgendwo außer in unmittelbarer Nähe einer großen Stadt könnte eine so schnelle Aufeinanderfolge von Weichen vorkommen. Wenn man davon ausgeht, dass seine ganze Reise damit ausgefüllt war, das Testament aufzusetzen, dann war der Zug ein Schnellzug, der zwischen Norwood und London Bridge nur einmal hielt.“
Lestrade begann zu lachen.
„Sie sind mir zu hoch, wenn Sie anfangen, mit Ihren Theorien zu kommen, Mr. Holmes“, sagte er. „Wie hat das mit dem Fall zu tun?“
„Nun, es stützt die Geschichte des jungen Mannes insofern, als das Testament gestern auf der Reise von Jonas Oldacre aufgesetzt wurde. Es ist merkwürdig, nicht wahr, dass ein Mann ein so wichtiges Dokument auf so willkürliche Weise aufsetzt? Es legt nahe, dass er nicht glaubte, es würde von großer praktischer Bedeutung sein. Wenn ein Mann ein Testament aufsetzt, von dem er nicht beabsichtigt, dass es jemals wirksam wird, könnte er es so tun.“
„Nun, er hat gleichzeitig sein eigenes Todesurteil aufgesetzt“, sagte Lestrade.
„Oh, meinen Sie?“
„Tun Sie es nicht?“
„Nun, es ist durchaus möglich, aber der Fall ist mir noch nicht klar.“
„Nicht klar? Nun, wenn das nicht klar ist, was könnte klarer sein? Hier ist ein junger Mann, der plötzlich erfährt, dass er, wenn ein gewisser älterer Mann stirbt, ein Vermögen erben wird. Was tut er? Er sagt niemandem etwas, aber er arrangiert es so, dass er unter irgendeinem Vorwand in jener Nacht seinen Klienten besucht. Er wartet, bis die einzige andere Person im Haus im Bett ist, und dann ermordet er ihn in der Einsamkeit des Zimmers eines Mannes, verbrennt seinen Körper auf dem Holzstapel und reist zu einem nahegelegenen Hotel ab. Die Blutflecken im Zimmer und auch auf dem Stock sind sehr gering. Es ist wahrscheinlich, dass er sich einbildete, sein Verbrechen sei ein unblutiges, und hoffte, dass das Verbrennen des Körpers alle Spuren der Art und Weise seines Todes verbergen würde – Spuren, die aus irgendeinem Grund auf ihn hätten deuten müssen. Ist das nicht alles offensichtlich?“
„Es kommt mir, mein guter Lestrade, ein klein wenig zu offensichtlich vor“, sagte Holmes. „Sie fügen Ihren anderen großen Qualitäten keine Fantasie hinzu, aber wenn Sie sich für einen Moment an die Stelle dieses jungen Mannes versetzen könnten, würden Sie ausgerechnet die Nacht nach der Testamentserrichtung wählen, um Ihr Verbrechen zu begehen? Würde es Ihnen nicht gefährlich erscheinen, eine so enge Verbindung zwischen den beiden Vorfällen herzustellen? Noch einmal, würden Sie eine Gelegenheit wählen, bei der Sie bekanntermaßen im Haus sind, wenn Sie von einem Dienstboten eingelassen wurden? Und schließlich, würden Sie sich so große Mühe geben, den Körper zu verbergen, und dennoch Ihren eigenen Stock als Zeichen dafür zurücklassen, dass Sie der Verbrecher sind? Geben Sie zu, Lestrade, dass all das sehr unwahrscheinlich ist.“
„Was den Stock betrifft, Mr. Holmes, wissen Sie so gut wie ich, dass ein Verbrecher oft nervös ist und solche Dinge tut, die ein ruhiger Mann vermeiden würde. Er hatte höchstwahrscheinlich Angst, in das Zimmer zurückzukehren. Geben Sie mir eine andere Theorie, die zu den Fakten passen würde.“
„Ich könnte Ihnen sehr leicht ein halbes Dutzend geben“, sagte Holmes. „Hier zum Beispiel ist eine sehr mögliche und sogar wahrscheinliche. Ich mache Ihnen ein kostenloses Geschenk damit. Der ältere Mann zeigt Dokumente, die von offensichtlichem Wert sind. Ein vorbeikommender Landstreicher sieht sie durch das Fenster, dessen Rollo nur halb unten ist. Der Anwalt geht hinaus. Der Landstreicher tritt ein! Er ergreift einen Stock, den er dort bemerkt, tötet Oldacre und geht, nachdem er den Körper verbrannt hat.“
„Warum sollte der Landstreicher den Körper verbrennen?“
„Was das betrifft, warum sollte McFarlane es tun?“
„Um Beweise zu verbergen.“
„Möglicherweise wollte der Landstreicher verbergen, dass überhaupt ein Mord begangen wurde.“
„Und warum hat der Landstreicher nichts mitgenommen?“
„Weil es Papiere waren, die er nicht zu Geld machen konnte.“
Lestrade schüttelte den Kopf, obwohl es mir schien, dass seine Art weniger absolut sicher war als zuvor.
„Nun, Mr. Sherlock Holmes, Sie können nach Ihrem Landstreicher suchen, und während Sie ihn finden, werden wir an unserem Mann festhalten. Die Zukunft wird zeigen, wer recht hat. Achten Sie nur auf diesen Punkt, Mr. Holmes: dass, soweit wir wissen, keine der Papiere entfernt wurde und dass der Gefangene der einzige Mensch auf der Welt ist, der keinen Grund hatte, sie zu entfernen, da er der gesetzliche Erbe war und sie ohnehin bekommen würde.“
Mein Freund schien von dieser Bemerkung beeindruckt.
„Ich will nicht leugnen, dass die Beweise in mancher Hinsicht sehr stark für Ihre Theorie sprechen“, sagte er. „Ich möchte nur darauf hinweisen, dass andere Theorien möglich sind. Wie Sie sagen, wird die Zukunft entscheiden. Guten Morgen! Ich nehme an, dass ich im Laufe des Tages in Norwood vorbeischauen und sehen werde, wie Sie vorankommen.“
Als der Detektiv ging, erhob sich mein Freund und bereitete sich auf die Arbeit des Tages vor, mit der wachen Art eines Mannes, der eine ihm gemäße Aufgabe vor sich hat.
„Mein erster Schritt, Watson“, sagte er, während er in seinen Gehrock schlüpfte, „muss, wie ich sagte, in Richtung Blackheath führen.“
„Und warum nicht Norwood?“
„Weil wir es in diesem Fall mit einem singulären Vorfall zu tun haben, der einem anderen singulären Vorfall auf dem Fuße folgt. Die Polizei macht den Fehler, ihre Aufmerksamkeit auf den zweiten zu konzentrieren, weil es derjenige ist, der tatsächlich kriminell ist. Aber es ist für mich offensichtlich, dass der logische Weg, sich dem Fall zu nähern, darin besteht, damit zu beginnen, etwas Licht auf den ersten Vorfall zu werfen – das seltsame Testament, so plötzlich gemacht und für einen so unerwarteten Erben. Es mag dazu beitragen, das zu vereinfachen, was folgte. Nein, mein lieber Freund, ich glaube nicht, dass Sie mir helfen können. Es besteht keine Gefahr, sonst würde ich nicht daran denken, ohne Sie aufzubrechen. Ich hoffe, dass ich Ihnen am Abend berichten kann, dass ich etwas für diesen unglücklichen jungen Burschen tun konnte, der sich unter meinen Schutz gestellt hat.“
Es war spät, als mein Freund zurückkehrte, und ich konnte an seinem gezeichneten und besorgten Gesicht sehen, dass die großen Hoffnungen, mit denen er aufgebrochen war, nicht erfüllt worden waren. Eine Stunde lang spielte er monoton auf seiner Geige und versuchte, seine eigene gereizte Stimmung zu beruhigen. Schließlich warf er das Instrument beiseite und stürzte sich in einen detaillierten Bericht über seine Missgeschicke.
„Es läuft alles schief, Watson – alles so schief, wie es nur laufen kann. Ich bewahrte vor Lestrade ein tapferes Gesicht, aber bei meiner Seele, ich glaube, dass der Kerl ausnahmsweise auf der richtigen Spur ist und wir auf der falschen. All meine Instinkte deuten in die eine Richtung, und alle Fakten in die andere, und ich fürchte sehr, dass die britischen Geschworenen noch nicht das Maß an Intelligenz erreicht haben, bei dem sie meine Theorien den Fakten von Lestrade vorziehen werden.“
„Waren Sie in Blackheath?“
„Ja, Watson, ich war dort, und ich fand sehr schnell heraus, dass der verstorbene Oldacre ein ziemlich beträchtlicher Schurke war. Der Vater war auf der Suche nach seinem Sohn abwesend. Die Mutter war zu Hause – eine kleine, flaumige, blauäugige Person, zitternd vor Angst und Empörung. Natürlich wollte sie nicht einmal die Möglichkeit seiner Schuld zugeben. Aber sie wollte weder Überraschung noch Bedauern über das Schicksal von Oldacre ausdrücken. Im Gegenteil, sie sprach mit solcher Bitterkeit von ihm, dass sie unbewusst den Fall der Polizei beträchtlich stärkte, denn natürlich, wenn ihr Sohn sie in dieser Weise über den Mann sprechen gehört hätte, würde ihn das zu Hass und Gewalt prädisponieren. ‚Er war mehr wie ein bösartiger und gerissener Affe als ein menschliches Wesen‘, sagte sie, ‚und das war er schon immer, seit er ein junger Mann war.‘
„‚Sie kannten ihn zu jener Zeit?‘, sagte ich.
„‚Ja, ich kannte ihn gut, tatsächlich war er ein alter Verehrer von mir. Gott sei Dank hatte ich den Verstand, mich von ihm abzuwenden und einen besseren, wenn auch ärmeren Mann zu heiraten. Ich war mit ihm verlobt, Mr. Holmes, als ich eine schockierende Geschichte darüber hörte, wie er eine Katze in eine Voliere losgelassen hatte, und ich war so entsetzt über seine brutale Grausamkeit, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.‘ Sie kramte in einem Büroschrank und holte schließlich ein Foto einer Frau hervor, das schändlich mit einem Messer entstellt und verstümmelt war. ‚Das ist mein eigenes Foto‘, sagte sie. ‚Er schickte es mir in diesem Zustand, mit seinem Fluch, an meinem Hochzeitstag.‘
„‚Nun‘, sagte ich, ‚wenigstens hat er Ihnen jetzt verziehen, da er Ihr gesamtes Vermögen Ihrem Sohn hinterlassen hat.‘“
„Weder mein Sohn noch ich wollen etwas von Jonas Oldacre, weder tot noch lebendig!“, rief sie mit dem gebührenden Stolz. „Es gibt einen Gott im Himmel, Mr. Holmes, und derselbe Gott, der diesen bösen Mann bestraft hat, wird zu Seiner Zeit zeigen, dass die Hände meines Sohnes unschuldig an seinem Blut sind.“
Nun, ich habe die eine oder andere Spur verfolgt, konnte aber nichts finden, was unsere Hypothese stützen würde, dafür aber mehrere Punkte, die dagegen sprachen. Schließlich gab ich es auf und machte mich auf den Weg nach Norwood.
Dieser Ort, Deep Dene House, ist eine große, moderne Villa aus starrendem Backstein, die zurückgesetzt auf ihrem eigenen Grundstück steht, mit einem lorbeerbestandenen Rasen davor. Zur Rechten und ein Stück hinter der Straße befand sich der Holzplatz, der Schauplatz des Feuers gewesen war. Hier ist eine grobe Skizze auf einem Blatt meines Notizbuches. Dieses Fenster auf der linken Seite ist dasjenige, das in Oldacres Zimmer führt. Man kann von der Straße aus hineinsehen, sehen Sie. Das ist so ziemlich der einzige Trost, den ich heute hatte. Lestrade war nicht dort, aber sein Oberpolizist leistete die Ehren. Sie hatten gerade einen großen Schatzfund gemacht. Sie hatten den Morgen damit verbracht, in der Asche des verbrannten Holzstoßes zu rechen, und neben den verkohlten organischen Überresten hatten sie mehrere verfärbte Metallscheiben sichergestellt. Ich untersuchte sie sorgfältig, und es gab keinen Zweifel, dass es Hosenknöpfe waren. Ich konnte sogar erkennen, dass einer von ihnen mit dem Namen „Hyams“ markiert war, der Oldacres Schneider war. Ich suchte dann den Rasen sehr sorgfältig nach Anzeichen und Spuren ab, aber diese Dürre hat alles hart wie Eisen gemacht. Nichts war zu sehen, außer dass ein Körper oder ein Bündel durch eine niedrige Ligusterhecke geschleift worden war, die in einer Linie mit dem Holzstoß liegt. All das passt natürlich zur offiziellen Theorie. Ich kroch mit einer Augustsonne im Rücken über den Rasen, aber nach einer Stunde stand ich nicht klüger da als zuvor.
Nun, nach diesem Fiasko ging ich in das Schlafzimmer und untersuchte auch das. Die Blutflecken waren sehr gering, bloße Schlieren und Verfärbungen, aber zweifellos frisch. Der Stock war entfernt worden, aber auch dort waren die Spuren gering. Es besteht kein Zweifel, dass der Stock unserem Klienten gehört. Er gibt es zu. Fußabdrücke beider Männer konnten auf dem Teppich ausgemacht werden, aber keine einer dritten Person, was wiederum ein Trick der Gegenseite ist. Sie häuften die ganze Zeit ihre Punkte an und wir traten auf der Stelle.
Nur einen kleinen Hoffnungsschimmer bekam ich – und doch bedeutete er nichts. Ich untersuchte den Inhalt des Safes, von dem das meiste herausgenommen und auf dem Tisch gelassen worden war. Die Papiere waren zu versiegelten Umschlägen zusammengefasst, von denen einer oder zwei von der Polizei geöffnet worden waren. Soweit ich beurteilen konnte, waren sie von keinem großen Wert, noch zeigte das Bankbuch, dass Mr. Oldacre in solch sehr wohlhabenden Verhältnissen lebte. Aber es schien mir, als ob nicht alle Papiere da wären. Es gab Anspielungen auf einige Urkunden – möglicherweise die wertvolleren –, die ich nicht finden konnte. Dies würde natürlich, wenn wir es definitiv beweisen könnten, Lestrades Argument gegen ihn selbst wenden, denn wer würde eine Sache stehlen, wenn er wüsste, dass er sie in Kürze erben würde?
Schließlich, nachdem ich jedes andere Versteck durchsucht und keine Spur aufgenommen hatte, versuchte ich mein Glück bei der Haushälterin. Mrs. Lexington ist ihr Name – eine kleine, dunkle, stille Person mit misstrauischen und schrägen Augen. Sie könnte uns etwas sagen, wenn sie wollte – davon bin ich überzeugt. Aber sie verschloss sich wie Wachs. Ja, sie hatte Mr. McFarlane um halb zehn eingelassen. Sie wünschte, ihre Hand wäre verdorrt, bevor sie das getan hätte. Sie war um halb elf zu Bett gegangen. Ihr Zimmer lag am anderen Ende des Hauses, und sie konnte nichts von dem hören, was vorgefallen war. Mr. McFarlane hatte seinen Hut und, nach bestem Wissen, seinen Stock im Flur gelassen. Sie war durch den Feueralarm geweckt worden. Ihr armer, lieber Herr war sicherlich ermordet worden. Hatte er Feinde? Nun, jeder Mann hatte Feinde, aber Mr. Oldacre hielt sich sehr für sich und traf Leute nur geschäftlich. Sie hatte die Knöpfe gesehen und war sicher, dass sie zu den Kleidern gehörten, die er letzte Nacht getragen hatte. Der Holzstoß war sehr trocken, denn es hatte einen Monat lang nicht geregnet. Er brannte wie Zunder, und als sie die Stelle erreichte, war nichts mehr zu sehen als Flammen. Sie und alle Feuerwehrmänner rochen das verbrannte Fleisch aus seinem Inneren. Sie wusste nichts von den Papieren, noch von Mr. Oldacres privaten Angelegenheiten.
Also, mein lieber Watson, da ist mein Bericht über ein Scheitern. Und doch – und doch – ballte er seine dünnen Hände in einem Paroxysmus der Überzeugung – ich weiß, dass alles falsch ist. Ich spüre es in meinen Knochen. Es gibt etwas, das nicht herausgekommen ist, und diese Haushälterin weiß es. Es lag eine Art trotziger Widerstand in ihren Augen, der nur mit schuldigem Wissen einhergeht. Wie dem auch sei, es hat keinen Sinn, mehr darüber zu reden, Watson; aber wenn uns nicht ein glücklicher Zufall zu Hilfe kommt, fürchte ich, dass der Fall des Verschwindens von Norwood nicht in jener Chronik unserer Erfolge erscheinen wird, von der ich voraussetze, dass eine geduldige Öffentlichkeit sie früher oder später ertragen muss.
„Sicherlich“, sagte ich, „würde das Erscheinungsbild des Mannes bei jeder Jury viel bewirken?“
„Das ist ein gefährliches Argument, mein lieber Watson. Erinnern Sie sich an diesen schrecklichen Mörder Bert Stevens, den wir ’87 herausboxen sollten? Gab es je einen sanfteren, sonntagsschulartigeren jungen Mann?“
„Es stimmt.“
„Wenn es uns nicht gelingt, eine alternative Theorie aufzustellen, ist dieser Mann verloren. Sie können kaum einen Fehler in dem Fall finden, der jetzt gegen ihn vorgebracht werden kann, und jede weitere Untersuchung hat dazu gedient, ihn zu stärken. Übrigens gibt es einen merkwürdigen kleinen Punkt bei diesen Papieren, der uns als Ausgangspunkt für eine Untersuchung dienen könnte. Beim Durchsehen des Bankbuchs stellte ich fest, dass der niedrige Stand des Saldos hauptsächlich auf große Schecks zurückzuführen ist, die im letzten Jahr auf Mr. Cornelius ausgestellt wurden. Ich gestehe, dass ich interessiert wäre zu wissen, wer dieser Mr. Cornelius sein mag, mit dem ein Bauunternehmer im Ruhestand solche sehr großen Geschäfte macht. Ist es möglich, dass er seine Hand im Spiel hatte? Cornelius könnte ein Makler sein, aber wir haben keine Wertpapiere gefunden, die diesen großen Zahlungen entsprechen würden. In Ermangelung eines anderen Hinweises müssen meine Nachforschungen nun in die Richtung einer Anfrage bei der Bank gehen, wer der Herr ist, der diese Schecks eingelöst hat. Aber ich fürchte, mein lieber Freund, dass unser Fall ruhmlos enden wird, indem Lestrade unseren Klienten aufhängt, was sicherlich ein Triumph für Scotland Yard wäre.“
Ich weiß nicht, wie viel Schlaf Sherlock Holmes in dieser Nacht fand, aber als ich zum Frühstück herunterkam, fand ich ihn blass und gehetzt vor, seine hellen Augen umso leuchtender durch die dunklen Schatten um sie herum. Der Teppich um seinen Stuhl war übersät mit Zigarettenstummeln und mit den frühen Ausgaben der Morgenzeitungen. Ein offenes Telegramm lag auf dem Tisch.
„Was halten Sie davon, Watson?“, fragte er und warf es hinüber.
Es war aus Norwood und lautete wie folgt:
Wichtige neue Beweise eingetroffen. McFarlanes Schuld definitiv erwiesen. Rate Ihnen, Fall aufzugeben. – LESTRADE.
„Das klingt ernst“, sagte ich.
„Es ist Lestrades kleines Kikeriki des Sieges“, antwortete Holmes mit einem bitteren Lächeln. „Und doch mag es verfrüht sein, den Fall aufzugeben. Schließlich sind wichtige neue Beweise ein zweischneidiges Schwert und könnten möglicherweise in eine ganz andere Richtung schneiden, als Lestrade sich vorstellt. Nehmen Sie Ihr Frühstück, Watson, und wir werden zusammen ausgehen und sehen, was wir tun können. Ich habe das Gefühl, dass ich heute Ihre Gesellschaft und Ihre moralische Unterstützung brauchen werde.“
Mein Freund selbst frühstückte nicht, denn es war eine seiner Eigenheiten, dass er sich in seinen intensiveren Momenten keine Nahrung gestattete, und ich habe erlebt, wie er seine eiserne Stärke so weit überstrapazierte, dass er vor reiner Entkräftung in Ohnmacht fiel. „Im Moment kann ich keine Energie und Nervenkraft für die Verdauung erübrigen“, pflegte er auf meine medizinischen Ermahnungen zu antworten. Ich war daher nicht überrascht, als er heute Morgen seine unberührte Mahlzeit hinter sich ließ und mit mir nach Norwood aufbrach. Eine Menge morbider Schaulustiger hatte sich noch immer um Deep Dene House versammelt, das genau die vorstädtische Villa war, die ich mir vorgestellt hatte. Innerhalb der Tore traf uns Lestrade, sein Gesicht gerötet vor Sieg, sein Auftreten grob triumphierend.
„Nun, Mr. Holmes, haben Sie uns schon widerlegt? Haben Sie Ihren Landstreicher gefunden?“, rief er.
„Ich habe mir noch überhaupt keine Meinung gebildet“, antwortete mein Begleiter.
„Aber wir haben unsere gestern gebildet, und nun erweist sie sich als korrekt, also müssen Sie zugeben, dass wir dieses Mal ein wenig vor Ihnen waren, Mr. Holmes.“
„Sie haben sicherlich das Aussehen, als sei etwas Ungewöhnliches geschehen“, sagte Holmes.
Lestrade lachte laut.
„Sie mögen es nicht mehr als der Rest von uns, geschlagen zu werden“, sagte er. „Ein Mann kann nicht immer erwarten, seinen eigenen Willen durchzusetzen, oder, Dr. Watson? Gehen Sie bitte hier entlang, meine Herren, und ich denke, ich kann Sie ein für alle Mal davon überzeugen, dass John McFarlane dieses Verbrechen begangen hat.“
Er führte uns durch den Durchgang und hinaus in einen dunklen Flur dahinter.
„Hier muss der junge McFarlane herausgekommen sein, um seinen Hut zu holen, nachdem das Verbrechen begangen war“, sagte er. „Nun sehen Sie sich das an.“ Mit dramatischer Plötzlichkeit zündete er ein Streichholz an und enthüllte in dessen Licht einen Blutfleck an der weiß getünchten Wand. Als er das Streichholz näher hielt, sah ich, dass es mehr als ein Fleck war. Es war der gut erkennbare Abdruck eines Daumens.
„Sehen Sie sich das mit Ihrer Lupe an, Mr. Holmes.“
„Ja, das tue ich.“
„Sie wissen, dass keine zwei Daumenabdrücke gleich sind?“
„Ich habe so etwas gehört.“
„Nun, dann vergleichen Sie bitte diesen Abdruck mit diesem Wachsabdruck von dem rechten Daumen des jungen McFarlane, der heute Morgen auf meine Anweisung genommen wurde.“
Als er den Wachsabdruck nahe an den Blutfleck hielt, brauchte es keine Lupe, um zu sehen, dass die beiden zweifellos von demselben Daumen stammten. Es war mir offensichtlich, dass unser unglücklicher Klient verloren war.
„Das ist endgültig“, sagte Lestrade.
„Ja, das ist endgültig“, wiederholte ich unwillkürlich.
„Es ist endgültig“, sagte Holmes.
Etwas in seinem Tonfall fiel mir auf, und ich drehte mich um, um ihn anzusehen. Eine außergewöhnliche Veränderung war über sein Gesicht gekommen. Es wand sich vor innerer Heiterkeit. Seine beiden Augen leuchteten wie Sterne. Es schien mir, als mache er verzweifelte Anstrengungen, einen krampfhaften Lachanfall zu unterdrücken.
„Mein Gott! Mein Gott!“, sagte er schließlich. „Nun, wer hätte das gedacht? Und wie täuschend können doch Erscheinungen sein! So ein netter junger Mann, wenn man ihn ansieht! Es ist eine Lektion für uns, unserem eigenen Urteil nicht zu trauen, nicht wahr, Lestrade?“
„Ja, einige von uns neigen ein wenig zu sehr dazu, sich ihrer Sache zu sicher zu sein, Mr. Holmes“, sagte Lestrade. Die Unverschämtheit des Mannes war zum Verrücktwerden, aber wir konnten uns nicht darüber empören.
„Was für eine providentielle Sache, dass dieser junge Mann seinen rechten Daumen gegen die Wand drückt, wenn er seinen Hut vom Haken nimmt! Auch eine sehr natürliche Aktion, wenn man darüber nachdenkt.“ Holmes war äußerlich ruhig, aber sein ganzer Körper gab ein Winden unterdrückter Aufregung von sich, während er sprach.
„Übrigens, Lestrade, wer hat diese bemerkenswerte Entdeckung gemacht?“
„Es war die Haushälterin, Mrs. Lexington, die den Nachtpolizisten darauf aufmerksam machte.“
„Wo war der Nachtpolizist?“
„Er blieb Wache im Schlafzimmer, in dem das Verbrechen begangen wurde, um zu sehen, dass nichts berührt wurde.“
„Aber warum hat die Polizei diesen Fleck gestern nicht gesehen?“
„Nun, wir hatten keinen besonderen Grund, eine sorgfältige Untersuchung des Flurs vorzunehmen. Außerdem ist es nicht an einem sehr auffälligen Ort, wie Sie sehen.“
„Nein, nein – natürlich nicht. Ich nehme an, es gibt keinen Zweifel, dass die Markierung gestern da war?“
Lestrade sah Holmes an, als ob er glaubte, er würde den Verstand verlieren. Ich gestehe, dass ich selbst sowohl über seine ausgelassene Art als auch über seine ziemlich wilde Beobachtung überrascht war.
„Ich weiß nicht, ob Sie glauben, dass McFarlane mitten in der Nacht aus dem Gefängnis kam, um die Beweise gegen sich selbst zu stärken“, sagte Lestrade. „Ich überlasse es jedem Experten der Welt, ob das nicht der Abdruck seines Daumens ist.“
„Es ist zweifellos der Abdruck seines Daumens.“
„Da, das ist genug“, sagte Lestrade. „Ich bin ein praktischer Mann, Mr. Holmes, und wenn ich meine Beweise habe, komme ich zu meinen Schlussfolgerungen. Wenn Sie etwas zu sagen haben, werden Sie mich finden, wie ich meinen Bericht im Wohnzimmer schreibe.“
Holmes hatte seine Fassung wiedergewonnen, obwohl ich immer noch Schimmer von Belustigung in seinem Ausdruck zu entdecken glaubte.
„Mein Gott, dies ist eine sehr traurige Entwicklung, Watson, nicht wahr?“, sagte er. „Und doch gibt es eigenartige Punkte daran, die unserem Klienten einige Hoffnung geben.“
„Ich bin hocherfreut, das zu hören“, sagte ich herzlich. „Ich hatte befürchtet, es sei alles vorbei mit ihm.“
„Ich würde kaum so weit gehen, das zu sagen, mein lieber Watson. Die Tatsache ist, dass es einen wirklich schwerwiegenden Fehler in diesen Beweisen gibt, denen unser Freund so viel Bedeutung beimisst.“
„Tatsächlich, Holmes! Welcher ist das?“
„Nur dieser: dass ich weiß, dass diese Markierung nicht da war, als ich den Flur gestern untersuchte. Und nun, Watson, lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang im Sonnenschein machen.“
Mit verwirrtem Verstand, aber mit einem Herzen, in das etwas Wärme der Hoffnung zurückkehrte, begleitete ich meinen Freund bei einem Spaziergang um den Garten. Holmes nahm jede Seite des Hauses nacheinander und untersuchte sie mit großem Interesse. Dann führte er den Weg hinein und ging das gesamte Gebäude vom Keller bis zum Dachboden durch. Die meisten Räume waren unmöbliert, aber Holmes inspizierte sie dennoch alle minuziös. Schließlich, im oberen Korridor, der außerhalb von drei unbewohnten Schlafzimmern verlief, wurde er erneut von einem Krampf der Heiterkeit ergriffen.
„Es gibt wirklich einige sehr einzigartige Merkmale in diesem Fall, Watson“, sagte er. „Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, dass wir unseren Freund Lestrade in unser Vertrauen ziehen. Er hat sein kleines Lächeln auf unsere Kosten gehabt, und vielleicht können wir ebenso mit ihm verfahren, wenn meine Lesart dieses Problems korrekt ist. Ja, ja, ich glaube, ich sehe, wie wir es angehen sollten.“
Der Inspektor von Scotland Yard schrieb immer noch im Salon, als Holmes ihn unterbrach.
„Ich habe verstanden, dass Sie einen Bericht über diesen Fall schreiben“, sagte er.
„Das tue ich.“
„Glauben Sie nicht, dass es etwas verfrüht sein könnte? Ich kann nicht umhin zu denken, dass Ihre Beweise nicht vollständig sind.“
Lestrade kannte meinen Freund zu gut, um seine Worte zu ignorieren. Er legte seine Feder nieder und sah ihn neugierig an.
„Was meinen Sie damit, Mr. Holmes?“
„Nur, dass es einen wichtigen Zeugen gibt, den Sie nicht gesehen haben.“
„Können Sie ihn hervorbringen?“
„Ich denke, das kann ich.“
„Dann tun Sie es.“
„Ich werde mein Bestes geben. Wie viele Polizisten haben Sie?“
„Es sind drei in Rufweite.“
„Hervorragend!“, sagte Holmes. „Darf ich fragen, ob sie alle große, kräftige Männer mit kräftigen Stimmen sind?“
„Ich bezweifle nicht, dass sie es sind, obwohl ich nicht sehe, was ihre Stimmen damit zu tun haben.“
„Vielleicht kann ich Ihnen helfen, das und ein oder zwei andere Dinge auch zu sehen“, sagte Holmes. „Bitte rufen Sie Ihre Männer, und ich werde es versuchen.“
Fünf Minuten später hatten sich drei Polizisten im Flur versammelt.
„Im Nebengebäude finden Sie eine beträchtliche Menge Stroh“, sagte Holmes. „Ich werde Sie bitten, zwei Bündel davon hereinzutragen. Ich denke, es wird von größter Hilfe sein, um den Zeugen hervorzubringen, den ich benötige. Vielen Dank. Ich glaube, Sie haben einige Streichhölzer in Ihrer Tasche, Watson. Nun, Mr. Lestrade, ich werde Sie alle bitten, mich zum oberen Treppenabsatz zu begleiten.“
Wie ich schon sagte, gab es dort einen breiten Korridor, der außerhalb von drei leeren Schlafzimmern verlief. An einem Ende des Korridors wurden wir alle von Sherlock Holmes aufgestellt, die Polizisten grinsten und Lestrade starrte meinen Freund mit Erstaunen, Erwartung und Spott an, die einander über seine Züge jagten. Holmes stand vor uns mit der Miene eines Zauberers, der einen Trick aufführt.
„Wären Sie so freundlich, einen Ihrer Polizisten für zwei Eimer Wasser zu schicken? Legen Sie das Stroh hier auf den Boden, frei von der Wand auf beiden Seiten. Nun denke ich, dass wir alle bereit sind.“
Lestrades Gesicht hatte begonnen, rot und wütend zu werden. „Ich weiß nicht, ob Sie ein Spiel mit uns treiben, Mr. Sherlock Holmes“, sagte er. „Wenn Sie etwas wissen, können Sie es sicherlich ohne all diese Mätzchen sagen.“
„Ich versichere Ihnen, mein guter Lestrade, dass ich einen ausgezeichneten Grund für alles habe, was ich tue. Sie erinnern sich vielleicht, dass Sie mich vor ein paar Stunden ein wenig aufgezogen haben, als die Sonne auf Ihrer Seite der Hecke zu stehen schien, also dürfen Sie mir jetzt nicht ein wenig Pomp und Zeremonie verübeln. Darf ich Sie bitten, Watson, dieses Fenster zu öffnen und dann ein Streichholz an den Rand des Strohs zu halten?“
Ich tat es, und getrieben vom Luftzug wirbelte eine Spirale aus grauem Rauch den Korridor hinunter, während das trockene Stroh knisterte und aufflammte.
„Nun müssen wir sehen, ob wir diesen Zeugen für Sie finden können, Lestrade. Darf ich Sie alle bitten, in den Ruf ‚Feuer!‘ einzustimmen? Also dann; eins, zwei, drei –“
„Feuer!“, schrien wir alle.
„Danke. Ich werde Sie noch einmal bemühen.“
„Feuer!“
„Nur noch einmal, meine Herren, und alle zusammen.“
„Feuer!“ Der Schrei muss über Norwood gehallt haben.
Er war kaum verklungen, als eine erstaunliche Sache geschah. Eine Tür flog plötzlich aus einer Wand, die massiv erschien, am Ende des Korridors auf, und ein kleiner, verschrumpelter Mann schoss aus ihr hervor, wie ein Kaninchen aus seinem Bau.
„Großartig!“, sagte Holmes ruhig. „Watson, einen Eimer Wasser über das Stroh. Das reicht! Lestrade, erlauben Sie mir, Ihnen Ihren wichtigsten fehlenden Zeugen zu präsentieren, Mr. Jonas Oldacre.“
Der Detektiv starrte den Neuankömmling mit blankem Erstaunen an. Letzterer blinzelte im hellen Licht des Korridors und spähte zu uns und auf das schwelende Feuer hinüber. Es war ein abscheuliches Gesicht – verschlagen, bösartig, maligne, mit flackernden, hellgrauen Augen und weißen Wimpern.
„Was ist das also?“, sagte Lestrade schließlich. „Was haben Sie die ganze Zeit über gemacht, eh?“
Oldacre gab ein unbehagliches Lachen von sich und wich vor dem wütenden roten Gesicht des aufgebrachten Detektivs zurück.
„Ich habe keinen Schaden angerichtet.“
„Keinen Schaden? Sie haben Ihr Bestes getan, um einen unschuldigen Mann hängen zu lassen. Wenn dieser Gentleman hier nicht gewesen wäre, bin ich mir nicht sicher, ob es Ihnen nicht gelungen wäre.“
Das elende Geschöpf begann zu wimmern.
„Ich bin sicher, mein Herr, es war nur mein praktischer Scherz.“
„Oh! Ein Scherz war es? Sie werden das Lachen nicht auf Ihrer Seite finden, das verspreche ich Ihnen. Bringen Sie ihn herunter und behalten Sie ihn im Wohnzimmer, bis ich komme. Mr. Holmes“, fuhr er fort, als sie gegangen waren, „ich konnte nicht vor den Polizisten sprechen, aber ich habe nichts dagegen, in Anwesenheit von Dr. Watson zu sagen, dass dies das Glänzendste ist, was Sie bisher getan haben, obwohl es mir ein Rätsel ist, wie Sie es gemacht haben. Sie haben das Leben eines unschuldigen Mannes gerettet und Sie haben einen sehr schweren Skandal verhindert, der meinen Ruf bei der Polizei ruiniert hätte.“
Holmes lächelte und klopfte Lestrade auf die Schulter.
„Anstatt ruiniert zu werden, mein guter Herr, werden Sie feststellen, dass Ihr Ruf enorm gestärkt wurde. Nehmen Sie nur ein paar Änderungen an diesem Bericht vor, den Sie gerade schrieben, und sie werden verstehen, wie schwer es ist, Inspektor Lestrade Sand in die Augen zu streuen.“
„Und Sie wollen nicht, dass Ihr Name erscheint?“
„Ganz und gar nicht. Die Arbeit ist ihre eigene Belohnung. Vielleicht werde ich die Anerkennung auch an einem fernen Tag bekommen, wenn ich meinem eifrigen Historiker erlaube, sein Konzeptpapier noch einmal auszulegen – eh, Watson? Nun, lassen Sie uns sehen, wo diese Ratte gelauert hat.“
Eine Latten- und Putzwand war sechs Fuß vom Ende entfernt quer durch den Durchgang gezogen worden, mit einer darin geschickt verborgenen Tür. Sie wurde im Inneren durch Schlitze unter den Traufen beleuchtet. Ein paar Möbelstücke und ein Vorrat an Nahrung und Wasser befanden sich darin, zusammen mit einer Anzahl von Büchern und Papieren.
„Das ist der Vorteil, wenn man Baumeister ist“, sagte Holmes, als wir herauskamen. „Er konnte sich sein kleines Versteck ganz ohne Komplizen herrichten – abgesehen natürlich von dieser kostbaren Haushälterin von ihm, die ich, Lestrade, unverzüglich Ihrer Sammlung hinzufügen würde.“
„Ich werde Ihren Rat befolgen. Aber woher wussten Sie von diesem Ort, Mr. Holmes?“
„Ich hatte mich darauf festgelegt, dass der Kerl sich im Haus versteckte. Als ich einen Korridor abschritt und feststellte, dass er sechs Fuß kürzer war als der entsprechende darunter, war es ziemlich klar, wo er steckte. Ich dachte mir, er hätte nicht die Nerven, bei Feueralarm still liegen zu bleiben. Wir hätten natürlich hineingehen und ihn fassen können, aber es amüsierte mich, ihn dazu zu bringen, sich selbst zu offenbaren. Außerdem schuldete ich Ihnen eine kleine Mystifizierung, Lestrade, für Ihr Geplänkel am Morgen.“
„Nun, Sir, das haben Sie mir zweifellos mit gleicher Münze heimgezahlt. Aber wie in aller Welt wussten Sie überhaupt, dass er im Haus war?“
„Der Daumenabdruck, Lestrade. Sie sagten, er sei endgültig; und das war er auch, in einem ganz anderen Sinne. Ich wusste, dass er am Tag zuvor nicht dort gewesen war. Ich schenke Detailfragen eine Menge Aufmerksamkeit, wie Sie vielleicht bemerkt haben, und ich hatte die Halle untersucht und war sicher, dass die Wand frei war. Er war also im Laufe der Nacht angebracht worden.“
„Aber wie?“
„Sehr einfach. Als diese Pakete versiegelt wurden, brachte Jonas Oldacre McFarlane dazu, eines der Siegel zu sichern, indem er seinen Daumen auf das weiche Wachs drückte. Das geschah so schnell und so natürlich, dass ich vermute, der junge Mann selbst hat keinerlei Erinnerung daran. Sehr wahrscheinlich geschah es rein zufällig, und Oldacre hatte selbst keine Ahnung, wozu er es verwenden würde. Während er in dieser Höhle über dem Fall brütete, kam ihm plötzlich in den Sinn, welch absolut erdrückende Beweise er gegen McFarlane erbringen könnte, wenn er diesen Daumenabdruck verwendete. Es war das Einfachste von der Welt für ihn, einen Wachsabdruck vom Siegel zu nehmen, ihn mit so viel Blut zu befeuchten, wie er aus einem Nadelstich gewinnen konnte, und den Abdruck während der Nacht an die Wand zu setzen, entweder mit seiner eigenen Hand oder der seiner Haushälterin. Wenn Sie die Dokumente untersuchen, die er mit in seinen Rückzugsort nahm, wette ich mit Ihnen, dass Sie das Siegel mit dem Daumenabdruck darauf finden werden.“
„Wunderbar!“, sagte Lestrade. „Wunderbar! Es ist alles so klar wie Kristall, wie Sie es ausdrücken. Aber was ist der Zweck dieser tiefgreifenden Täuschung, Mr. Holmes?“
Es war amüsant für mich zu sehen, wie das herrische Gebaren des Detektivs plötzlich in das eines Kindes umschlug, das seinem Lehrer Fragen stellt.
„Nun, ich glaube nicht, dass das schwer zu erklären ist. Ein sehr tiefgründiger, boshafter, rachsüchtiger Mensch ist der Herr, der jetzt unten auf uns wartet. Sie wissen, dass er einst von McFarlanes Mutter abgewiesen wurde? Sie wissen das nicht! Ich sagte Ihnen, Sie sollten zuerst nach Blackheath gehen und dann nach Norwood. Nun, diese Kränkung, wie er sie betrachten würde, hat in seinem bösen, intriganten Gehirn gegärt, und sein Leben lang hat er sich nach Rache gesehnt, aber nie eine Gelegenheit gesehen. In den letzten ein, zwei Jahren sind die Dinge gegen ihn gelaufen – geheime Spekulationen, glaube ich – und er befindet sich in einer schlechten Lage. Er beschließt, seine Gläubiger zu betrügen, und zu diesem Zweck zahlt er große Schecks an einen gewissen Mr. Cornelius, der, wie ich vermute, er selbst unter einem anderen Namen ist. Ich habe diese Schecks noch nicht zurückverfolgt, aber ich habe keinen Zweifel, dass sie unter diesem Namen bei einer Provinzstadt eingereicht wurden, in der Oldacre von Zeit zu Zeit ein Doppelleben führte. Er beabsichtigte, seinen Namen vollständig zu ändern, dieses Geld abzuheben und zu verschwinden, um anderswo ein neues Leben zu beginnen.“
„Nun, das ist gut möglich.“
„Es muss ihm in den Sinn gekommen sein, dass er beim Verschwinden alle Verfolger von seiner Spur abbringen und gleichzeitig eine umfassende und vernichtende Rache an seiner alten Geliebten nehmen könnte, wenn er den Eindruck erwecken könnte, er sei von ihrem einzigen Kind ermordet worden. Es war ein Meisterwerk der Schurkerei, und er führte es meisterhaft aus. Die Idee mit dem Testament, das ein offensichtliches Motiv für das Verbrechen liefern würde, der geheime Besuch, von dem die Eltern nichts wussten, das Zurückbehalten des Stocks, das Blut und die tierischen Überreste samt Knöpfen im Holzstapel – alles war bewundernswert. Es war ein Netz, aus dem es für mich vor ein paar Stunden kein Entrinnen zu geben schien. Aber er besaß nicht die höchste Gabe des Künstlers, das Wissen, wann man aufhören muss. Er wollte das verbessern, was bereits perfekt war – das Seil um den Hals seines unglücklichen Opfers noch enger zuziehen – und so ruinierte er alles. Lassen Sie uns hinuntergehen, Lestrade. Es gibt noch ein oder zwei Fragen, die ich ihm stellen möchte.“
Die bösartige Kreatur saß in ihrem eigenen Wohnzimmer, mit einem Polizisten auf jeder Seite.
„Es war ein Scherz, mein lieber Herr – ein praktischer Scherz, nichts weiter“, winselte er unaufhörlich. „Ich versichere Ihnen, Sir, dass ich mich lediglich versteckte, um die Wirkung meines Verschwindens zu sehen, und ich bin sicher, Sie wären nicht so ungerecht, sich vorzustellen, dass ich zugelassen hätte, dass dem armen jungen Mr. McFarlane irgendein Leid widerfährt.“
„Das muss eine Jury entscheiden“, sagte Lestrade. „Jedenfalls werden wir Sie wegen Verschwörung drankriegen, wenn schon nicht wegen versuchten Mordes.“
„Und Sie werden wahrscheinlich feststellen, dass Ihre Gläubiger das Bankkonto von Mr. Cornelius beschlagnahmen werden“, sagte Holmes.
Der kleine Mann zuckte zusammen und richtete seine bösartigen Augen auf meinen Freund.
„Ich habe Ihnen für eine ganze Menge zu danken“, sagte er. „Vielleicht werde ich meine Schulden eines Tages begleichen.“
Holmes lächelte nachsichtig.
„Ich nehme an, dass Sie für einige Jahre feststellen werden, dass Ihre Zeit vollkommen ausgefüllt ist“, sagte er. „Übrigens, was haben Sie außer Ihrer alten Hose noch in den Holzstapel gelegt? Einen toten Hund oder Kaninchen oder was? Sie wollen es nicht sagen? Meine Güte, wie unfreundlich von Ihnen! Nun, nun, ich nehme an, ein paar Kaninchen würden sowohl das Blut als auch die verkohlte Asche erklären. Wenn Sie jemals einen Bericht schreiben, Watson, können Sie die Kaninchen für Ihre Zwecke nutzen.“
DIE ABENTEUER DER TANZENDEN MÄNNER
Holmes saß seit einigen Stunden schweigend da, seinen langen, dünnen Rücken über ein chemisches Gefäß gebeugt, in dem er ein besonders übelriechendes Produkt zusammenbraute. Sein Kopf war auf seine Brust gesunken, und aus meinem Blickwinkel sah er aus wie ein seltsamer, hagerer Vogel mit stumpfem, grauem Gefieder und einem schwarzen Haarschopf.
„Also, Watson“, sagte er plötzlich, „Sie beabsichtigen nicht, in südafrikanische Wertpapiere zu investieren?“
Ich fuhr vor Staunen zusammen. So sehr ich an Holmes’ kuriose Fähigkeiten gewöhnt war, dieses plötzliche Eindringen in meine intimsten Gedanken war völlig unerklärlich.
„Woher um alles in der Welt wissen Sie das?“, fragte ich.
Er drehte sich auf seinem Hocker um, ein dampfendes Reagenzglas in der Hand und ein Schimmer von Belustigung in seinen tief liegenden Augen.
„Nun, Watson, gestehen Sie, dass Sie völlig verblüfft sind“, sagte er.
„Das bin ich.“
„Ich sollte Sie ein Papier unterschreiben lassen, das dies bestätigt.“
„Warum?“
„Weil Sie in fünf Minuten sagen werden, dass alles so lächerlich einfach ist.“
„Ich bin sicher, dass ich so etwas nicht sagen werde.“
„Sehen Sie, mein lieber Watson“ – er stellte sein Reagenzglas in den Ständer und begann mit der Attitüde eines Professors, der zu seiner Klasse spricht, zu dozieren – „es ist nicht wirklich schwierig, eine Reihe von Schlussfolgerungen aufzubauen, von denen jede von der vorangegangenen abhängt und jede für sich einfach ist. Wenn man danach einfach alle zentralen Schlussfolgerungen herausstreicht und seinem Publikum den Ausgangspunkt und das Ergebnis präsentiert, kann man einen überraschenden, wenn auch möglicherweise oberflächlichen Effekt erzielen. Nun, es war nicht wirklich schwierig, durch eine Untersuchung der Vertiefung zwischen Ihrem linken Zeigefinger und Daumen sicher zu sein, dass Sie nicht beabsichtigten, Ihr kleines Kapital in die Goldfelder zu investieren.“
„Ich sehe keinen Zusammenhang.“
„Sehr wahrscheinlich nicht; aber ich kann Ihnen schnell eine enge Verbindung zeigen. Hier sind die fehlenden Glieder der sehr einfachen Kette: 1. Sie hatten Kreide zwischen Ihrem linken Finger und Daumen, als Sie gestern Abend vom Club zurückkamen. 2. Sie tragen dort Kreide auf, wenn Sie Billard spielen, um das Queue zu stabilisieren. 3. Sie spielen nie Billard außer mit Thurston. 4. Sie sagten mir vor vier Wochen, dass Thurston eine Option auf ein südafrikanisches Grundstück hatte, die in einem Monat auslaufen würde und an der er Sie beteiligen wollte. 5. Ihr Scheckbuch ist in meiner Schublade verschlossen, und Sie haben nicht nach dem Schlüssel gefragt. 6. Sie beabsichtigen nicht, Ihr Geld auf diese Weise zu investieren.“
„Wie lächerlich einfach!“, rief ich.
„Ganz genau!“, sagte er, ein wenig gereizt. „Jedes Problem wird sehr kindisch, sobald es Ihnen erklärt wird. Hier ist ein ungeklärtes. Sehen Sie, was Sie daraus machen können, Freund Watson.“ Er warf ein Blatt Papier auf den Tisch und wandte sich wieder seiner chemischen Analyse zu.
Ich betrachtete mit Erstaunen die absurden Hieroglyphen auf dem Papier.
„Aber Holmes, das ist die Zeichnung eines Kindes“, rief ich.
„Oh, das ist Ihre Idee!“
„Was sollte es denn sonst sein?“
„Das ist es, was Mr. Hilton Cubitt von Riding Thorpe Manor, Norfolk, sehr genau wissen möchte. Dieses kleine Rätsel kam mit der ersten Post, und er sollte mit dem nächsten Zug folgen. Da klingelt es an der Tür, Watson. Ich wäre nicht sehr überrascht, wenn das er wäre.“
Ein schwerer Schritt war auf der Treppe zu hören, und einen Augenblick später trat ein großer, rotwangiger, glatt rasierter Herr ein, dessen klare Augen und blühende Wangen von einem Leben weit weg von den Nebeln der Baker Street kündeten. Er schien einen Hauch seiner starken, frischen, belebenden Ostküstenluft mitzubringen, als er eintrat. Nachdem er jedem von uns die Hand geschüttelt hatte, wollte er sich gerade setzen, als sein Blick auf das Papier mit den seltsamen Markierungen fiel, das ich gerade untersucht und auf dem Tisch liegen gelassen hatte.
„Nun, Mr. Holmes, was halten Sie davon?“, rief er. „Man sagte mir, Sie seien ein Liebhaber seltsamer Mysterien, und ich glaube nicht, dass Sie ein seltsameres finden können als dieses. Ich habe das Papier vorausgeschickt, damit Sie Zeit haben, es zu studieren, bevor ich komme.“
„Es ist sicherlich ein recht merkwürdiges Erzeugnis“, sagte Holmes. „Auf den ersten Blick scheint es sich um einen kindischen Streich zu handeln. Es besteht aus einer Anzahl absurder kleiner Figuren, die über das Papier tanzen, auf das sie gezeichnet sind. Warum sollten Sie einem so grotesken Objekt irgendeine Bedeutung beimessen?“
„Das würde ich nie, Mr. Holmes. Aber meine Frau tut es. Es erschreckt sie zu Tode. Sie sagt nichts, aber ich kann den Schrecken in ihren Augen sehen. Deshalb möchte ich der Sache auf den Grund gehen.“
Holmes hielt das Papier so, dass das Sonnenlicht voll darauf fiel. Es war eine aus einem Notizbuch gerissene Seite. Die Markierungen waren mit Bleistift ausgeführt und verliefen so:
AM-HERE-ABE-SLANEY
Holmes untersuchte es einige Zeit, faltete es dann sorgfältig zusammen und steckte es in seine Brieftasche.
„Dies verspricht ein höchst interessanter und ungewöhnlicher Fall zu werden“, sagte er. „Sie haben mir in Ihrem Brief ein paar Einzelheiten gegeben, Mr. Hilton Cubitt, aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie das alles noch einmal zum Besten meines Freundes, Dr. Watson, wiederholen würden.“
„Ich bin kein großer Geschichtenerzähler“, sagte unser Besucher und rang nervös seine großen, starken Hände. „Sie werden mich einfach alles fragen, was ich nicht klar darstelle. Ich beginne mit der Zeit meiner Hochzeit letztes Jahr, aber ich möchte vorab sagen, dass meine Leute, obwohl ich kein reicher Mann bin, seit fünf Jahrhunderten in Riding Thorpe sind und es keine bekanntere Familie in der Grafschaft Norfolk gibt. Letztes Jahr kam ich zum Jubiläum nach London und stieg in einer Pension am Russell Square ab, weil Parker, der Vikar unserer Gemeinde, dort wohnte. Es gab dort eine junge amerikanische Dame – Patrick war der Name – Elsie Patrick. Auf irgendeine Weise wurden wir Freunde, bis ich, bevor mein Monat um war, so verliebt war, wie ein Mann nur sein kann. Wir heirateten in aller Stille auf dem Standesamt und kehrten als Ehepaar nach Norfolk zurück. Sie werden es für sehr verrückt halten, Mr. Holmes, dass ein Mann aus einer guten alten Familie auf diese Weise eine Frau heiratet, ohne etwas über ihre Vergangenheit oder ihre Leute zu wissen, aber wenn Sie sie sehen und kennen würden, würde es Ihnen helfen, es zu verstehen.
„Sie war sehr direkt, Elsie. Ich kann nicht sagen, dass sie mir nicht jede Gelegenheit gegeben hätte, mich zurückzuziehen, wenn ich das gewollt hätte. ‚Ich hatte einige sehr unangenehme Verbindungen in meinem Leben‘, sagte sie, ‚ich möchte alles darüber vergessen. Ich würde lieber nie auf die Vergangenheit anspielen, denn sie ist sehr schmerzhaft für mich. Wenn du mich nimmst, Hilton, nimmst du eine Frau, die nichts hat, dessen sie sich persönlich schämen müsste, aber du wirst dich mit meinem Wort begnügen und mir erlauben müssen, über alles zu schweigen, was bis zu dem Zeitpunkt geschah, als ich die Deine wurde. Wenn diese Bedingungen zu hart sind, dann geh zurück nach Norfolk und überlass mich dem einsamen Leben, in dem du mich gefunden hast.‘ Es war erst am Tag vor unserer Hochzeit, als sie genau diese Worte zu mir sagte. Ich sagte ihr, dass ich bereit sei, sie zu ihren Bedingungen zu nehmen, und ich habe mein Wort gehalten.
„Nun sind wir seit einem Jahr verheiratet und waren sehr glücklich. Aber vor etwa einem Monat, Ende Juni, sah ich zum ersten Mal Anzeichen von Ärger. Eines Tages erhielt meine Frau einen Brief aus Amerika. Ich sah die amerikanische Briefmarke. Sie wurde totenbleich, las den Brief und warf ihn ins Feuer. Sie erwähnte ihn danach nicht mehr, und ich auch nicht, denn ein Versprechen ist ein Versprechen, aber sie hatte von diesem Moment an keine ruhige Stunde mehr. Es liegt immer ein Ausdruck von Angst auf ihrem Gesicht – ein Blick, als ob sie warten und erwarten würde. Sie würde besser daran tun, mir zu vertrauen. Sie würde feststellen, dass ich ihr bester Freund bin. Aber bis sie spricht, kann ich nichts sagen. Wohlgemerkt, sie ist eine wahrhaftige Frau, Mr. Holmes, und welchen Ärger es auch in ihrem früheren Leben gegeben haben mag, es ist nicht ihre Schuld gewesen. Ich bin nur ein einfacher Gutsherr aus Norfolk, aber es gibt keinen Mann in England, der seine Familienehre höher achtet als ich. Sie weiß es genau, und sie wusste es genau, bevor sie mich heiratete. Sie würde niemals einen Fleck darauf bringen – dessen bin ich sicher.
„Nun komme ich zum merkwürdigen Teil meiner Geschichte. Vor etwa einer Woche – es war der Dienstag letzter Woche – fand ich auf einem der Fensterbretter eine Anzahl absurder kleiner tanzender Figuren wie diese auf dem Papier. Sie waren mit Kreide hingekritzelt. Ich dachte, es sei der Stallbursche gewesen, der sie gezeichnet hätte, aber der Junge schwor, er wisse nichts davon. Wie dem auch sei, sie waren während der Nacht dorthin gekommen. Ich ließ sie abwaschen und erwähnte die Angelegenheit erst danach gegenüber meiner Frau. Zu meiner Überraschung nahm sie es sehr ernst und flehte mich an, sie sehen zu lassen, falls noch mehr kommen sollten. Eine Woche lang kam nichts, und dann fand ich gestern Morgen dieses Papier auf der Sonnenuhr im Garten. Ich zeigte es Elsie, und sie fiel in eine tiefe Ohnmacht. Seitdem sieht sie aus wie eine Frau in einem Traum, halb benommen, und mit Schrecken, der immer in ihren Augen lauert. Damals habe ich das Papier geschrieben und an Sie geschickt, Mr. Holmes. Es war keine Sache, mit der ich zur Polizei gehen konnte, denn die hätten mich ausgelacht, aber Sie werden mir sagen, was zu tun ist. Ich bin kein reicher Mann, aber wenn meiner kleinen Frau Gefahr droht, würde ich meinen letzten Groschen ausgeben, um sie zu beschützen.“
Er war ein feines Geschöpf, dieser Mann aus dem alten englischen Boden – einfach, gerade und sanft, mit seinen großen, ernsten blauen Augen und seinem breiten, ansehnlichen Gesicht. Seine Liebe zu seiner Frau und sein Vertrauen in sie leuchteten in seinen Zügen. Holmes hatte seiner Geschichte mit der größten Aufmerksamkeit zugehört und saß nun einige Zeit in schweigendem Nachdenken da.
„Glauben Sie nicht, Mr. Cubitt“, sagte er schließlich, „dass es Ihr bester Plan wäre, direkt an Ihre Frau zu appellieren und sie zu bitten, ihr Geheimnis mit Ihnen zu teilen?“
Hilton Cubitt schüttelte seinen massiven Kopf.
„Ein Versprechen ist ein Versprechen, Mr. Holmes. Wenn Elsie es mir sagen wollte, würde sie es tun. Wenn nicht, liegt es nicht an mir, ihr Vertrauen zu erzwingen. Aber ich bin gerechtfertigt, meinen eigenen Weg zu gehen – und das werde ich.“
„Dann werde ich Ihnen von ganzem Herzen helfen. Haben Sie zuallererst von Fremden gehört, die in Ihrer Nachbarschaft gesehen wurden?“
„Nein.“
„Ich nehme an, es ist ein sehr ruhiger Ort. Jedes neue Gesicht würde für Aufsehen sorgen?“
„In der unmittelbaren Nachbarschaft, ja. Aber wir haben einige kleine Badeorte nicht sehr weit entfernt. Und die Bauern nehmen Logiergäste auf.“
„Diese Hieroglyphen haben offensichtlich eine Bedeutung. Wenn sie rein willkürlich ist, mag es unmöglich sein, sie zu lösen. Wenn sie andererseits systematisch ist, habe ich keinen Zweifel, dass wir der Sache auf den Grund gehen werden. Aber dieses spezielle Beispiel ist so kurz, dass ich nichts tun kann, und die Fakten, die Sie mir gebracht haben, sind so unbestimmt, dass wir keine Grundlage für eine Untersuchung haben. Ich würde vorschlagen, dass Sie nach Norfolk zurückkehren, dass Sie die Augen offen halten und dass Sie eine exakte Kopie aller neuen tanzenden Männchen anfertigen, die auftauchen könnten. Es ist ein tausendfacher Jammer, dass wir keine Reproduktion derjenigen haben, die mit Kreide auf das Fensterbrett gezeichnet wurden. Stellen Sie auch diskrete Erkundigungen über Fremde in der Nachbarschaft an. Wenn Sie einige neue Beweise gesammelt haben, kommen Sie wieder zu mir. Das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann, Mr. Hilton Cubitt. Sollte es dringende neue Entwicklungen geben, bin ich immer bereit, hinunterzufahren und Sie in Ihrem Heim in Norfolk zu besuchen.“
Das Gespräch ließ Sherlock Holmes sehr nachdenklich zurück, und mehrmals in den nächsten Tagen sah ich, wie er seinen Zettel aus seinem Notizbuch nahm und lange und ernsthaft auf die merkwürdigen Figuren blickte, die darauf gezeichnet waren. Er erwähnte die Angelegenheit jedoch nicht, bis ich eines Nachmittags etwa vierzehn Tage später ausgehen wollte und er mich zurückrief.
„Sie sollten besser hier bleiben, Watson.“
„Warum?“
„Weil ich heute Morgen ein Telegramm von Hilton Cubitt erhalten habe. Sie erinnern sich an Hilton Cubitt, den Mann der tanzenden Männchen? Er sollte Liverpool Street um ein Uhr zwanzig erreichen. Er könnte jeden Moment hier sein. Ich entnehme seinem Telegramm, dass es einige neue Vorfälle von Bedeutung gegeben hat.“
Wir mussten nicht lange warten, denn unser Gutsherr aus Norfolk kam so schnell vom Bahnhof, wie eine Droschke ihn bringen konnte. Er sah besorgt und deprimiert aus, mit müden Augen und einer gefurchten Stirn.
„Diese Angelegenheit geht mir an die Nerven, Mr. Holmes“, sagte er, als er wie ein erschöpfter Mann in einen Sessel sank. „Es ist schlimm genug, das Gefühl zu haben, von unsichtbaren, unbekannten Leuten umgeben zu sein, die irgendeinen Plan mit einem haben, aber wenn man dann noch weiß, dass es seine Frau zentimeterweise umbringt, dann wird es so viel, wie Fleisch und Blut ertragen können. Sie zehrt daran aus – sie zehrt einfach vor meinen Augen aus.“
„Hat sie schon etwas gesagt?“
„Nein, Mr. Holmes, hat sie nicht. Und doch gab es Zeiten, in denen das arme Mädchen sprechen wollte, aber sich nicht ganz dazu durchringen konnte, den Sprung zu wagen. Ich habe versucht ihr zu helfen, aber ich nehme an, ich habe es ungeschickt angestellt und sie davon abgeschreckt. Sie hat über meine alte Familie gesprochen, und unseren Ruf in der Grafschaft, und unseren Stolz auf unsere unbefleckte Ehre, und ich hatte immer das Gefühl, es würde auf den Punkt hinauslaufen, aber irgendwie bog es ab, bevor wir dort ankamen.“
„Aber Sie haben selbst etwas herausgefunden?“
„Eine ganze Menge, Mr. Holmes. Ich habe einige neue Bilder von tanzenden Männchen für Sie zur Untersuchung, und, was noch wichtiger ist, ich habe den Kerl gesehen.“
„Was, den Mann, der sie zeichnet?“
„Ja, ich habe ihn bei seiner Arbeit gesehen. Aber ich werde Ihnen alles der Reihe nach erzählen. Als ich nach meinem Besuch bei Ihnen zurückkehrte, war das Allererste, was ich am nächsten Morgen sah, eine neue Ernte tanzender Männchen. Sie waren mit Kreide auf die schwarze Holztür des Geräteschuppens gezeichnet worden, der neben dem Rasen steht und von den Fenstern an der Vorderseite aus gut zu sehen ist. Ich habe eine exakte Kopie angefertigt, und hier ist sie.“ Er entfaltete ein Papier und legte es auf den Tisch. Hier ist eine Kopie der Hieroglyphen:
AT-ELRIGES
„Ausgezeichnet!“, sagte Holmes. „Ausgezeichnet! Bitte fahren Sie fort.“
„Als ich die Kopie angefertigt hatte, wischte ich die Zeichen weg, aber zwei Morgen später war eine neue Inschrift erschienen. Ich habe hier eine Kopie davon:“
COME-ELSIE
Holmes rieb sich die Hände und kicherte vor Vergnügen.
„Unser Material häuft sich rasch an“, sagte er.
„Drei Tage später wurde eine Nachricht auf Papier gekritzelt und unter einem Kieselstein auf der Sonnenuhr hinterlassen. Hier ist sie. Die Zeichen sind, wie Sie sehen, exakt dieselben wie beim letzten Mal. Danach beschloss ich, mich auf die Lauer zu legen, also holte ich meinen Revolver und setzte mich in meinem Arbeitszimmer auf, das den Rasen und den Garten überblickt. Gegen zwei Uhr morgens saß ich am Fenster, alles war dunkel bis auf das Mondlicht draußen, als ich Schritte hinter mir hörte, und da war meine Frau in ihrem Morgenrock. Sie flehte mich an, ins Bett zu kommen. Ich sagte ihr offen, dass ich sehen wollte, wer es war, der solche absurden Scherze mit uns trieb. Sie antwortete, dass es irgendein sinnloser Streich sei und dass ich ihn nicht beachten solle.
‚Wenn es dich wirklich ärgert, Hilton, könnten wir reisen, du und ich, und so diese Plage vermeiden.‘
‚Was, uns von einem Spaßvogel aus unserem eigenen Haus vertreiben lassen?‘ sagte ich. ‚Wir würden doch die ganze Grafschaft dazu bringen, über uns zu lachen.‘
‚Nun, komm ins Bett‘, sagte sie, ‚und wir können es am Morgen besprechen.‘
Plötzlich, während sie sprach, sah ich, wie ihr weißes Gesicht im Mondlicht noch weißer wurde und ihre Hand sich fest um meine Schulter klammerte. Etwas bewegte sich im Schatten des Geräteschuppens. Ich sah eine dunkle, kriechende Gestalt, die um die Ecke kroch und sich vor der Tür hinhockte. Ich ergriff meine Pistole und wollte hinausstürmen, als meine Frau ihre Arme um mich schlang und mich mit krampfhafter Kraft festhielt. Ich versuchte sie abzuschütteln, aber sie klammerte sich verzweifelt an mich. Schließlich kam ich frei, doch als ich die Tür geöffnet hatte und das Haus erreicht hatte, war das Geschöpf verschwunden. Er hatte jedoch eine Spur seiner Anwesenheit hinterlassen, denn dort an der Tür war genau dieselbe Anordnung tanzender Männchen, die bereits zweimal aufgetaucht war und die ich auf jenem Papier kopiert habe. Nirgendwo sonst gab es ein Zeichen des Kerls, obwohl ich das gesamte Gelände ablief. Und doch ist das Erstaunliche, dass er die ganze Zeit dort gewesen sein muss, denn als ich die Tür am Morgen erneut untersuchte, hatte er unter die Zeile, die ich bereits gesehen hatte, einige weitere seiner Bilder gekritzelt.“
„Haben Sie diese neue Zeichnung?“
„Ja, sie ist sehr kurz, aber ich habe eine Kopie davon gemacht, und hier ist sie.“
Wieder holte er ein Papier hervor. Der neue Tanz hatte diese Form:
NEVER
„Sagen Sie mir“, sagte Holmes – und ich konnte an seinen Augen sehen, dass er sehr aufgeregt war –, „war dies lediglich ein Zusatz zum ersten, oder schien es völlig getrennt zu sein?“
„Es war auf einer anderen Füllung der Tür.“
„Ausgezeichnet! Dies ist bei weitem das Wichtigste von allem für unseren Zweck. Es erfüllt mich mit Hoffnung. Nun, Mr. Hilton Cubitt, bitte setzen Sie Ihre äußerst interessante Aussage fort.“
„Ich habe nichts weiter zu sagen, Mr. Holmes, außer dass ich an jenem Abend wütend auf meine Frau war, weil sie mich zurückgehalten hatte, als ich den schleichenden Schurken hätte erwischen können. Sie sagte, sie fürchte, dass mir ein Leid zustoßen könnte. Für einen Augenblick war mir der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass sie vielleicht eigentlich fürchtete, dass ihm ein Leid zustoßen könnte, denn ich konnte nicht daran zweifeln, dass sie wusste, wer dieser Mann war und was er mit diesen seltsamen Signalen meinte. Aber es liegt ein Ton in der Stimme meiner Frau, Mr. Holmes, und ein Blick in ihren Augen, die keinen Zweifel zulassen, und ich bin sicher, dass es tatsächlich meine eigene Sicherheit war, die sie im Sinn hatte. Das ist der ganze Fall, und nun möchte ich Ihren Rat, was ich tun sollte. Meine eigene Neigung ist es, ein halbes Dutzend meiner Landarbeiter ins Gebüsch zu stellen, und wenn dieser Kerl wiederkommt, ihm ein solches Tracht Prügel zu verabreichen, dass er uns in Zukunft in Frieden lässt.“
„Ich fürchte, es ist ein zu tiefgreifender Fall für solch einfache Mittel“, sagte Holmes. „Wie lange können Sie in London bleiben?“
„Ich muss heute zurück. Ich würde meine Frau für nichts auf der Welt die ganze Nacht allein lassen. Sie ist sehr nervös und hat mich angefleht zurückzukommen.“
„Ich nehme an, Sie haben recht. Aber wenn Sie hätten bleiben können, hätte ich möglicherweise in ein oder zwei Tagen mit Ihnen zurückkehren können. In der Zwischenzeit werden Sie mir diese Papiere überlassen, und ich denke, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass ich Ihnen in Kürze einen Besuch abstatten und etwas Licht in Ihren Fall bringen kann.“
Sherlock Holmes bewahrte seine ruhige, professionelle Art, bis unser Besucher uns verlassen hatte, obwohl es für mich, der ihn so gut kannte, leicht zu sehen war, dass er zutiefst aufgeregt war. In dem Moment, als Hilton Cubitts breiter Rücken durch die Tür verschwunden war, stürzte mein Kamerad zum Tisch, legte alle Zettel mit den tanzenden Männchen vor sich aus und stürzte sich in eine komplizierte und aufwendige Berechnung. Zwei Stunden lang beobachtete ich ihn, wie er Blatt für Blatt mit Zahlen und Buchstaben füllte, so völlig in seine Aufgabe vertieft, dass er meine Anwesenheit offensichtlich vergessen hatte. Manchmal machte er Fortschritte und pfiff und sang bei der Arbeit; manchmal war er ratlos und saß lange Zeit mit gerunzelter Stirn und leerem Blick da. Schließlich sprang er mit einem Freudenschrei von seinem Stuhl auf und schritt mit aneinandergeriebenen Händen im Zimmer auf und ab. Dann schrieb er ein langes Telegramm auf einem Kabelformular. „Wenn meine Antwort hierauf so ausfällt, wie ich hoffe, werden Sie einen sehr hübschen Fall für Ihre Sammlung hinzufügen können, Watson“, sagte er. „Ich erwarte, dass wir morgen nach Norfolk hinunterfahren und unserem Freund einige sehr konkrete Nachrichten über das Geheimnis seiner Belästigung überbringen können.“
Ich gestehe, dass ich voller Neugier war, aber ich wusste, dass Holmes seine Enthüllungen zu seiner eigenen Zeit und auf seine eigene Weise machen wollte, also wartete ich, bis es ihm passte, mich in sein Vertrauen zu ziehen.
Doch es gab eine Verzögerung bei diesem Antworttelegramm, und zwei Tage der Ungeduld folgten, während derer Holmes bei jedem Klingeln des Telefons die Ohren spitzte. Am Abend des zweiten Tages kam ein Brief von Hilton Cubitt. Bei ihm war alles ruhig, außer dass an jenem Morgen eine lange Inschrift auf dem Sockel der Sonnenuhr erschienen war. Er legte eine Kopie bei, die hier wiedergegeben ist:
ELSIE-PREPARE-TO-MEET-THY-GOD
Holmes beugte sich einige Minuten lang über diesen grotesken Fries und sprang dann plötzlich mit einem Ausruf des Erstaunens und der Bestürzung auf. Sein Gesicht war hohl vor Sorge.
„Wir haben diese Angelegenheit lange genug laufen lassen“, sagte er. „Gibt es heute Abend einen Zug nach North Walsham?“
Ich schlug im Fahrplan nach. Der letzte war gerade abgefahren.
„Dann werden wir früh frühstücken und gleich den allerersten am Morgen nehmen“, sagte Holmes. „Unsere Anwesenheit ist dringend erforderlich. Ah! Hier ist unser erwartetes Kabeltelegramm. Einen Moment, Mrs. Hudson, vielleicht gibt es eine Antwort. Nein, das ist genau so, wie ich es erwartet habe. Diese Nachricht macht es umso wichtiger, dass wir keine Stunde verlieren, Hilton Cubitt wissen zu lassen, wie die Dinge stehen, denn es ist ein sonderbares und gefährliches Netz, in dem unser einfacher Squire aus Norfolk verstrickt ist.“
So erwies es sich in der Tat, und während ich zur düsteren Schlussfolgerung einer Geschichte komme, die mir nur kindisch und bizarr erschienen war, erlebe ich erneut die Bestürzung und das Entsetzen, die mich erfüllten. Wollte Gott, ich hätte ein helleres Ende für meine Leser, aber dies sind die Chroniken der Fakten, und ich muss der seltsamen Ereigniskette, die Riding Thorpe Manor einige Tage lang in ganz England in aller Munde brachte, bis zu ihrem dunklen Krisenpunkt folgen.
Wir waren kaum in North Walsham ausgestiegen und hatten den Namen unseres Ziels erwähnt, als der Bahnhofsvorsteher auf uns zueilte. „Ich nehme an, Sie sind die Detektive aus London?“, sagte er.
Ein Ausdruck von Verärgerung huschte über Holmes’ Gesicht.
„Was bringt Sie auf einen solchen Gedanken?“
„Weil Inspektor Martin aus Norwich gerade durchgekommen ist. Aber vielleicht sind Sie die Ärzte. Sie ist nicht tot – oder war es nach den letzten Berichten nicht. Sie könnten noch rechtzeitig kommen, um sie zu retten – auch wenn es für den Galgen ist.“
Holmes’ Stirn war dunkel vor Sorge.
„Wir fahren nach Riding Thorpe Manor“, sagte er, „aber wir haben nichts davon gehört, was dort geschehen ist.“
„Es ist eine schreckliche Angelegenheit“, sagte der Bahnhofsvorsteher. „Sie sind erschossen worden, sowohl Mr. Hilton Cubitt als auch seine Frau. Sie hat ihn erschossen und dann sich selbst – so sagen die Dienstboten. Er ist tot und bei ihr gibt es kaum noch Hoffnung. Ach je, eine der ältesten Familien in der Grafschaft Norfolk und eine der angesehensten.“
Ohne ein Wort eilte Holmes zu einer Kutsche, und während der langen sieben Meilen langen Fahrt öffnete er nicht den Mund. Selten habe ich ihn so völlig niedergeschlagen gesehen. Er war während unserer gesamten Reise aus der Stadt unruhig gewesen, und ich hatte beobachtet, dass er die Morgenzeitungen mit ängstlicher Aufmerksamkeit durchgeblättert hatte, aber nun ließ ihn diese plötzliche Erkenntnis seiner schlimmsten Befürchtungen in einer stumpfen Melancholie zurück. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück, verloren in düsteren Spekulationen. Dennoch gab es vieles um uns herum, das uns hätte interessieren können, denn wir fuhren durch eine so eigenartige Landschaft wie kaum eine andere in England, wo ein paar verstreute Hütten die heutige Bevölkerung repräsentierten, während von allen Seiten gewaltige, quadratische Kirchtürme aus der flachen grünen Landschaft ragten und von der Herrlichkeit und dem Wohlstand des alten East Anglia erzählten. Schließlich erschien der violette Rand der Nordsee über dem grünen Rand der Küste von Norfolk, und der Kutscher deutete mit seiner Peitsche auf zwei alte Ziegel- und Fachwerk-Giebel, die aus einem Baumhain herausragten. „Das ist Riding Thorpe Manor“, sagte er.
Als wir zum säulengeschmückten Vordereingang fuhren, bemerkte ich davor, neben dem Tennisplatz, den schwarzen Geräteschuppen und die Sonnenuhr mit Sockel, mit denen wir solch seltsame Verbindungen hatten. Ein adretter kleiner Mann mit einer schnellen, wachsamen Art und einem gewachsten Schnurrbart war gerade von einer hohen Kutsche gestiegen. Er stellte sich als Inspektor Martin von der Polizei in Norfolk vor, und er war ziemlich erstaunt, als er den Namen meines Begleiters hörte.
„Wie bitte, Mr. Holmes, das Verbrechen wurde erst heute Morgen um drei Uhr begangen. Wie konnten Sie in London davon erfahren und so schnell wie ich am Tatort sein?“
„Ich habe es vorhergesehen. Ich kam in der Hoffnung, es zu verhindern.“
„Dann müssen Sie wichtige Beweise haben, von denen wir nichts wissen, denn sie galten als ein sehr vereintes Paar.“
„Ich habe nur die Beweise der tanzenden Männchen“, sagte Holmes. „Ich werde Ihnen die Angelegenheit später erklären. Da es nun zu spät ist, diese Tragödie zu verhindern, bin ich sehr darauf bedacht, das Wissen, das ich besitze, zu nutzen, um sicherzustellen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Wollen Sie mich in Ihre Ermittlungen einbeziehen, oder ziehen Sie es vor, dass ich unabhängig handle?“
„Ich wäre stolz darauf, das Gefühl zu haben, dass wir zusammenarbeiten, Mr. Holmes“, sagte der Inspektor ernst.
„In diesem Fall wäre ich froh, die Beweise zu hören und die Räumlichkeiten ohne einen Moment unnötigen Aufschubs zu untersuchen.“
Inspektor Martin hatte den gesunden Menschenverstand, meinem Freund zu erlauben, die Dinge auf seine Weise zu tun, und begnügte sich damit, die Ergebnisse sorgfältig zu notieren. Der örtliche Arzt, ein alter Mann mit weißem Haar, war gerade aus dem Zimmer von Mrs. Hilton Cubitt heruntergekommen und berichtete, dass ihre Verletzungen schwer, aber nicht unbedingt tödlich seien. Die Kugel war durch den vorderen Teil ihres Gehirns gegangen, und es würde wahrscheinlich einige Zeit dauern, bis sie das Bewusstsein wiedererlangen könne. Zu der Frage, ob sie erschossen worden war oder sich selbst erschossen hatte, wollte er kein entschiedenes Urteil abgeben. Sicherlich war die Kugel aus sehr kurzer Entfernung abgefeuert worden. Es wurde nur die eine Pistole im Zimmer gefunden, deren zwei Läufe geleert waren. Mr. Hilton Cubitt war durch das Herz geschossen worden. Es war ebenso gut vorstellbar, dass er sie und dann sich selbst erschossen hatte, oder dass sie die Täterin war, denn der Revolver lag auf dem Boden genau zwischen ihnen.
„Ist er bewegt worden?“, fragte Holmes.
„Wir haben nichts bewegt, außer der Dame. Wir konnten sie nicht verwundet auf dem Boden liegen lassen.“
„Wie lange sind Sie schon hier, Doktor?“
„Seit vier Uhr.“
„Noch jemand?“
„Ja, der Polizist hier.“
„Und Sie haben nichts berührt?“
„Nichts.“
„Sie haben mit großer Diskretion gehandelt. Wer hat nach Ihnen geschickt?“
„Das Hausmädchen, Saunders.“
„War sie es, die Alarm geschlagen hat?“
„Sie und Mrs. King, die Köchin.“
„Wo sind sie jetzt?“
„In der Küche, glaube ich.“
„Dann denke ich, wir sollten uns ihre Geschichte sofort anhören.“
Die alte Halle, eichengetäfelt und mit hohen Fenstern, war in ein Untersuchungsgericht verwandelt worden. Holmes saß in einem großen, altmodischen Stuhl, seine unerbittlichen Augen leuchteten aus seinem hohlen Gesicht. Ich konnte in ihnen den festen Entschluss lesen, sein Leben dieser Suche zu widmen, bis der Klient, den er nicht retten konnte, endlich gerächt sein würde. Der adrette Inspektor Martin, der alte, grauhaarige Landarzt, ich selbst und ein stämmiger Dorfpolizist bildeten den Rest dieser seltsamen Gesellschaft.
Die beiden Frauen erzählten ihre Geschichte klar genug. Sie waren durch den Klang einer Explosion aus dem Schlaf gerissen worden, auf die eine Minute später eine zweite gefolgt war. Sie schliefen in nebeneinander liegenden Zimmern, und Mrs. King war zu Saunders geeilt. Gemeinsam waren sie die Treppe hinuntergegangen. Die Tür des Arbeitszimmers stand offen, und auf dem Tisch brannte eine Kerze. Ihr Herr lag bäuchlings in der Mitte des Zimmers. Er war völlig tot. In der Nähe des Fensters kauerte seine Frau, den Kopf an die Wand gelehnt. Sie war schrecklich verwundet, und die Seite ihres Gesichts war rot vor Blut. Sie atmete schwer, war aber unfähig, etwas zu sagen. Der Flur wie auch das Zimmer waren voller Rauch und dem Geruch von Pulver. Das Fenster war sicherlich von innen geschlossen und verriegelt. Beide Frauen waren sich in diesem Punkt sicher. Sie hatten sofort nach dem Arzt und dem Polizisten geschickt. Dann hatten sie mit Hilfe des Reitknechts und des Stalljungen ihre verletzte Herrin auf ihr Zimmer gebracht. Sowohl sie als auch ihr Mann hatten das Bett belegt. Sie war in ihrem Kleid gekleidet – er in seinem Morgenrock über seinem Nachtzeug. Im Arbeitszimmer war nichts bewegt worden. Soweit sie wussten, hatte es niemals Streit zwischen Ehemann und Ehefrau gegeben. Sie hatten sie immer als ein sehr vereintes Paar angesehen.
Dies waren die Hauptpunkte der Aussage der Dienstboten. Auf die Frage von Inspektor Martin hin waren sie sich sicher, dass jede Tür von innen verschlossen war und niemand aus dem Haus hätte entkommen können. Auf Holmes’ Frage hin erinnerten sich beide, dass sie den Geruch von Pulver bemerkt hatten, von dem Moment an, als sie aus ihren Zimmern im obersten Stockwerk liefen. „Ich empfehle diese Tatsache Ihrer sehr sorgfältigen Aufmerksamkeit“, sagte Holmes zu seinem beruflichen Kollegen. „Und nun denke ich, dass wir in der Lage sind, eine gründliche Untersuchung des Zimmers vorzunehmen.“
Das Arbeitszimmer erwies sich als ein kleiner Raum, der an drei Seiten mit Büchern ausgekleidet war, mit einem Schreibtisch gegenüber einem gewöhnlichen Fenster, das auf den Garten hinausging. Unsere erste Aufmerksamkeit galt dem Körper des unglücklichen Squires, dessen riesiger Körper quer durch den Raum lag. Seine unordentliche Kleidung zeigte, dass er hastig aus dem Schlaf geweckt worden war. Die Kugel war von vorne auf ihn abgefeuert worden und war nach dem Durchdringen des Herzens in seinem Körper geblieben. Sein Tod war sicherlich augenblicklich und schmerzlos gewesen. Es gab keine Pulverspuren weder auf seinem Morgenrock noch an seinen Händen. Laut dem Landarzt hatte die Dame Flecken im Gesicht, aber keine an der Hand.
„Das Fehlen letzterer bedeutet nichts, obwohl ihr Vorhandensein alles bedeuten kann“, sagte Holmes. „Es sei denn, das Pulver einer schlecht sitzenden Patrone spritzt zufällig nach hinten, kann man viele Schüsse abgeben, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ich würde vorschlagen, dass Mr. Cubitts Körper jetzt entfernt werden kann. Ich nehme an, Doktor, Sie haben die Kugel, die die Dame verwundet hat, nicht sichergestellt?“
„Eine schwere Operation wird notwendig sein, bevor das geschehen kann. Aber es sind noch vier Patronen im Revolver. Zwei wurden abgefeuert und zwei Wunden zugefügt, so dass jede Kugel erklärt werden kann.“
„So scheint es“, sagte Holmes. „Vielleicht können Sie auch die Kugel erklären, die so offensichtlich den Rand des Fensters getroffen hat?“
Er hatte sich plötzlich umgedreht, und sein langer, dünner Finger zeigte auf ein Loch, das direkt durch den unteren Fensterrahmen gebohrt worden war, etwa einen Zoll über dem Boden.
„Bei Gott!“, rief der Inspektor. „Wie um alles in der Welt haben Sie das gesehen?“
„Weil ich danach gesucht habe.“
„Wunderbar!“, sagte der Landarzt. „Sie haben sicherlich recht, mein Herr. Dann ist ein dritter Schuss abgefeuert worden, und daher muss eine dritte Person anwesend gewesen sein. Aber wer könnte das gewesen sein, und wie konnte er entkommen?“
„Das ist das Problem, das wir nun lösen werden“, sagte Sherlock Holmes. „Sie erinnern sich, Inspektor Martin, als die Dienstboten sagten, dass sie beim Verlassen ihres Zimmers sofort den Geruch von Pulver bemerkten, bemerkte ich, dass der Punkt ein äußerst wichtiger sei?“
„Ja, mein Herr; aber ich muss gestehen, ich bin Ihnen nicht ganz gefolgt.“
„Es deutete darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Schüsse sowohl das Fenster als auch die Tür des Zimmers offen gestanden hatten. Andernfalls hätten die Pulverdämpfe nicht so schnell durch das Haus geweht werden können. Ein Luftzug im Raum war dafür notwendig. Sowohl Tür als auch Fenster waren jedoch nur für eine sehr kurze Zeit offen.“
„Wie beweisen Sie das?“
„Weil die Kerze nicht abgebrannt war.“
„Großartig!“, rief der Inspektor. „Großartig!“
„Da ich mir sicher war, dass das Fenster zum Zeitpunkt der Tragödie offen gewesen war, nahm ich an, dass es eine dritte Person in der Angelegenheit gegeben haben könnte, die außerhalb dieser Öffnung stand und durch sie hindurch feuerte. Jeder Schuss, der auf diese Person gerichtet war, konnte den Rahmen treffen. Ich sah nach, und da war, tatsächlich, die Einschussmarke!“
„Aber wie kam es, dass das Fenster geschlossen und verriegelt war?“
„Der erste Instinkt der Frau wäre es gewesen, das Fenster zu schließen und zu verriegeln. Aber, hallo! Was ist das?“
Es war eine Handtasche einer Dame, die auf dem Tisch des Arbeitszimmers stand – eine adrette kleine Handtasche aus Krokodilleder und Silber. Holmes öffnete sie und schüttete den Inhalt aus. Es waren zwanzig Fünfzig-Pfund-Noten der Bank of England, zusammengehalten von einem Gummiband – sonst nichts.
„Dies muss aufbewahrt werden, denn es wird im Prozess eine Rolle spielen“, sagte Holmes, als er die Tasche mit ihrem Inhalt dem Inspektor reichte. „Es ist nun notwendig, dass wir versuchen, etwas Licht in diese dritte Kugel zu bringen, die offensichtlich, nach dem Absplittern des Holzes, von innerhalb des Zimmers abgefeuert wurde. Ich möchte Mrs. King, die Köchin, noch einmal sehen. Sie sagten, Mrs. King, dass Sie von einer lauten Explosion geweckt wurden. Als Sie das sagten, meinten Sie, dass sie Ihnen lauter vorkam als die zweite?“
„Nun, mein Herr, sie hat mich aus meinem Schlaf geweckt, daher ist es schwer zu beurteilen. Aber es schien sehr laut zu sein.“
„Sie denken nicht, dass es zwei Schüsse gewesen sein könnten, die fast im selben Augenblick abgefeuert wurden?“
„Ich bin sicher, das kann ich nicht sagen, mein Herr.“
„Ich glaube, dass es zweifellos so war. Ich denke eher, Inspektor Martin, dass wir nun alles ausgeschöpft haben, was uns dieser Raum lehren kann. Wenn Sie so freundlich sein wollen, mit mir herumzugehen, werden wir sehen, welche neuen Beweise der Garten zu bieten hat.“
Ein Blumenbeet erstreckte sich bis zum Arbeitszimmerfenster, und wir alle stießen beim Herantreten einen Ausruf des Erstaunens aus. Die Blumen waren niedergetrampelt, und der weiche Boden war überall mit Fußabdrücken übersät. Es waren große, maskuline Füße mit eigentümlich langen, spitzen Zehen. Holmes suchte zwischen dem Gras und den Blättern wie ein Apportierhund nach einem verwundeten Vogel. Dann, mit einem Freudenschrei, bückte er sich und hob ein kleines Messingzylinderchen auf.
„Ich dachte es mir“, sagte er, „der Revolver hatte einen Auswerfer, und hier ist die dritte Patronenhülse. Ich glaube wirklich, Inspektor Martin, dass unser Fall fast abgeschlossen ist.“
Das Gesicht des Landinspektors hatte während der raschen und meisterhaften Fortschritte von Holmes’ Ermittlung tiefstes Erstaunen gezeigt. Zuerst hatte er eine gewisse Neigung gezeigt, seine eigene Position zu behaupten, doch nun war er von Bewunderung überwältigt und bereit, ohne Fragen dorthin zu folgen, wo immer Holmes ihn hinführte.
„Wen verdächtigen Sie?“, fragte er.
„Darauf werde ich später eingehen. Es gibt mehrere Punkte in diesem Problem, die ich Ihnen noch nicht erklären konnte. Jetzt, da ich so weit gekommen bin, tue ich am besten daran, nach meiner eigenen Methode fortzufahren und dann die ganze Angelegenheit ein für alle Mal aufzuklären.“
„Ganz wie Sie wünschen, Mr. Holmes, solange wir unseren Mann bekommen.“
„Ich habe kein Verlangen danach, Geheimnisse zu schaffen, aber es ist unmöglich, im Moment des Handelns in lange und komplexe Erklärungen einzutauchen. Ich habe alle Fäden dieser Affäre in meiner Hand. Selbst falls diese Dame niemals das Bewusstsein wiedererlangen sollte, können wir dennoch die Ereignisse der letzten Nacht rekonstruieren und sicherstellen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Zunächst möchte ich wissen, ob es in dieser Nachbarschaft einen Gasthof gibt, der als ‚Elrige’s‘ bekannt ist?“
Die Bediensteten wurden ins Kreuzverhör genommen, aber keiner von ihnen hatte von einem solchen Ort gehört. Der Stallbursche warf ein Licht auf die Angelegenheit, indem er sich erinnerte, dass ein Farmer dieses Namens einige Meilen entfernt in der Richtung von East Ruston lebte.
„Ist es ein einsamer Bauernhof?“
„Sehr einsam, mein Herr.“
„Vielleicht haben sie dort noch nichts von all dem gehört, was sich hier in der Nacht zugetragen hat?“
„Vielleicht nicht, mein Herr.“
Holmes dachte einen Moment nach, und dann spielte ein sonderbares Lächeln auf seinem Gesicht.
„Satteln Sie ein Pferd, mein Junge“, sagte er. „Ich möchte, dass Sie eine Nachricht zur Elrige’s Farm bringen.“
Er nahm aus seiner Tasche die verschiedenen Zettel mit den tanzenden Männchen. Mit diesen vor sich arbeitete er eine Zeit lang am Arbeitstisch. Schließlich händigte er dem Jungen eine Notiz aus, mit der Anweisung, sie in die Hände der Person zu geben, an die sie adressiert war, und insbesondere keinerlei Fragen zu beantworten, die ihm gestellt werden könnten. Ich sah die Außenseite der Notiz, adressiert in krakeligen, unregelmäßigen Schriftzeichen, ganz anders als Holmes’ gewöhnlich präzise Handschrift. Sie war an Mr. Abe Slaney, Elriges Farm, East Ruston, Norfolk, gerichtet.
„Ich denke, Inspektor“, bemerkte Holmes, „dass Sie gut daran täten, eine Eskorte anzufordern, denn wenn meine Berechnungen korrekt sind, könnten Sie einen besonders gefährlichen Gefangenen zum Bezirksgefängnis zu befördern haben. Der Junge, der diese Nachricht bringt, könnte zweifellos Ihr Telegramm weiterleiten. Falls es einen Nachmittagszug in die Stadt gibt, Watson, denke ich, wir sollten ihn nehmen, da ich eine chemische Analyse von einigem Interesse abzuschließen habe und diese Untersuchung sich rasch ihrem Ende nähert.“
Als der junge Mann mit der Nachricht fortgeschickt worden war, gab Sherlock Holmes seine Anweisungen an die Bediensteten. Sollte ein Besucher kommen und nach Mrs. Hilton Cubitt fragen, dürfe keinerlei Auskunft über ihren Zustand gegeben werden, sondern er sei sofort in das Wohnzimmer zu führen. Er schärfte ihnen diese Punkte mit äußerstem Ernst ein. Schließlich führte er uns in das Wohnzimmer, mit der Bemerkung, dass die Angelegenheit nun nicht mehr in unseren Händen liege und wir uns die Zeit so gut wie möglich vertreiben müssten, bis wir sehen könnten, was für uns in petto sei. Der Arzt war zu seinen Patienten aufgebrochen, und nur der Inspektor und ich blieben zurück.
„Ich glaube, dass ich Ihnen helfen kann, eine Stunde auf interessante und nützliche Weise zu verbringen“, sagte Holmes, zog seinen Stuhl an den Tisch und breitete vor sich die verschiedenen Papiere aus, auf denen die Possen der tanzenden Männchen verzeichnet waren. „Was Sie betrifft, Freund Watson, schulde ich Ihnen jede Wiedergutmachung dafür, dass ich Ihre natürliche Neugier so lange unbefriedigt ließ. Für Sie, Inspektor, mag der ganze Vorfall als eine bemerkenswerte berufliche Studie erscheinen. Ich muss Ihnen zuallererst die interessanten Umstände berichten, die mit den früheren Beratungen zusammenhängen, die Mr. Hilton Cubitt mit mir in der Baker Street geführt hat.“ Er fasste dann kurz die Fakten zusammen, die bereits aufgezeichnet wurden. „Ich habe hier vor mir diese sonderbaren Erzeugnisse, über die man lächeln könnte, hätten sie sich nicht als die Vorboten einer so schrecklichen Tragödie erwiesen. Ich bin ziemlich vertraut mit allen Formen geheimer Schriften und bin selbst der Autor einer unbedeutenden Monografie über dieses Thema, in der ich einhundertsechzig separate Chiffren analysiere, aber ich gestehe, dass dies völlig neu für mich ist. Das Ziel derjenigen, die das System erfanden, war anscheinend zu verbergen, dass diese Zeichen eine Nachricht übermitteln, und den Eindruck zu erwecken, dass es sich lediglich um zufällige Skizzen von Kindern handele.
„Nachdem ich jedoch erkannt hatte, dass die Symbole für Buchstaben standen, und die Regeln angewandt hatte, die uns bei allen Formen geheimer Schriften leiten, war die Lösung leicht genug. Die erste Nachricht, die mir vorgelegt wurde, war so kurz, dass es mir unmöglich war, mehr zu sagen, als mit einiger Zuversicht, dass das Symbol XXX für E stand. Wie Sie wissen, ist E der häufigste Buchstabe im englischen Alphabet, und er dominiert in einem so ausgeprägten Maße, dass man ihn selbst in einem kurzen Satz am häufigsten erwarten würde. Von fünfzehn Symbolen in der ersten Nachricht waren vier gleich, daher war es vernünftig, dies als E festzulegen. Es ist wahr, dass die Figur in einigen Fällen eine Flagge trug und in anderen nicht, aber es war wahrscheinlich, aufgrund der Art und Weise, wie die Flaggen verteilt waren, dass sie dazu dienten, den Satz in Wörter zu unterteilen. Ich akzeptierte dies als eine Hypothese und notierte, dass E dargestellt wurde durch
E
„Doch nun kam die eigentliche Schwierigkeit der Untersuchung. Die Reihenfolge der englischen Buchstaben nach E ist keineswegs gut markiert, und jedes Übergewicht, das sich in einem Durchschnitt eines gedruckten Blattes zeigen mag, kann in einem einzelnen kurzen Satz umgekehrt werden. Grob gesprochen sind T, A, O, I, N, S, H, R, D und L die numerische Reihenfolge, in der Buchstaben vorkommen, aber T, A, O und I liegen sehr nah beieinander, und es wäre eine endlose Aufgabe, jede Kombination auszuprobieren, bis eine Bedeutung gefunden wäre. Ich wartete daher auf neues Material. In meinem zweiten Gespräch mit Mr. Hilton Cubitt konnte er mir zwei weitere kurze Sätze und eine Nachricht geben, die – da keine Flagge vorhanden war – ein einzelnes Wort zu sein schien. Hier sind die Symbole. Nun, in dem einzelnen Wort hatte ich bereits die beiden E’s an zweiter und vierter Stelle in einem Wort aus fünf Buchstaben. Es könnte ‚sever‘, ‚lever‘ oder ‚never‘ sein. Es kann keinen Zweifel geben, dass Letzteres als Antwort auf ein Flehen bei weitem am wahrscheinlichsten ist, und die Umstände deuteten darauf hin, dass es eine Antwort war, die von der Dame geschrieben wurde. Indem wir es als korrekt akzeptieren, sind wir nun in der Lage zu sagen, dass die Symbole jeweils für N, V und R stehen.
N-V-R
„Selbst jetzt war ich in erheblicher Schwierigkeit, doch ein glücklicher Gedanke brachte mich in den Besitz mehrerer anderer Buchstaben. Es kam mir in den Sinn, dass, wenn diese Flehen, wie ich erwartete, von jemandem kamen, der in ihrem frühen Leben mit der Dame vertraut gewesen war, eine Kombination, die zwei E’s mit drei Buchstaben dazwischen enthielt, sehr gut für den Namen ‚ELSIE‘ stehen könnte. Bei der Untersuchung fand ich, dass eine solche Kombination das Ende der Nachricht bildete, die dreimal wiederholt wurde. Es war sicherlich ein Flehen an ‚Elsie‘. Auf diese Weise hatte ich mein L, S und I bekommen. Aber welches Flehen konnte es sein? Es gab nur vier Buchstaben in dem Wort, das ‚Elsie‘ vorausging, und es endete auf E. Sicherlich musste das Wort ‚COME‘ sein. Ich probierte alle anderen vier Buchstaben, die auf E endeten, konnte aber keinen finden, der zum Fall passte. Also war ich nun im Besitz von C, O und M, und ich war in der Lage, die erste Nachricht erneut anzugreifen, sie in Wörter zu unterteilen und Punkte für jedes Symbol zu setzen, das noch unbekannt war. So behandelt, ergab es sich auf diese Weise:
.M .ERE ..E SL.NE.
„Nun kann der erste Buchstabe nur A sein, was eine sehr nützliche Entdeckung ist, da er nicht weniger als dreimal in diesem kurzen Satz vorkommt, und das H ist auch im zweiten Wort erkennbar. Nun wird es zu:
AM HERE A.E SLANE.
Oder, indem man die offensichtlichen Lücken im Namen ausfüllt:
AM HERE ABE SLANEY.
Ich hatte nun so viele Buchstaben, dass ich mit ziemlicher Zuversicht zur zweiten Nachricht übergehen konnte, die sich auf diese Weise ergab:
A. ELRI. ES.
Hier konnte ich nur einen Sinn ergeben, indem ich T und G für die fehlenden Buchstaben einsetzte und annahm, dass der Name der eines Hauses oder Gasthofs war, in dem der Schreiber wohnte.“
Inspektor Martin und ich hatten mit äußerstem Interesse den vollständigen und klaren Bericht darüber angehört, wie mein Freund Ergebnisse erzielt hatte, die zu einer so vollständigen Beherrschung unserer Schwierigkeiten geführt hatten.
„Was haben Sie dann getan, mein Herr?“, fragte der Inspektor.
„Ich hatte allen Grund zu der Annahme, dass dieser Abe Slaney ein Amerikaner war, da Abe eine amerikanische Kurzform ist und da ein Brief aus Amerika der Ausgangspunkt all des Ärgers gewesen war. Ich hatte auch allen Grund zu glauben, dass es ein kriminelles Geheimnis in der Angelegenheit gab. Die Anspielungen der Dame auf ihre Vergangenheit und ihre Weigerung, ihren Ehemann in ihr Vertrauen zu ziehen, deuteten beide in diese Richtung. Ich telegrafierte daher an meinen Freund Wilson Hargreave vom New Yorker Polizeibüro, der mehr als einmal mein Wissen über Londoner Verbrechen genutzt hat. Ich fragte ihn, ob ihm der Name Abe Slaney bekannt sei. Hier ist seine Antwort: ‚Der gefährlichste Gauner in Chicago.‘ Genau an dem Abend, an dem ich seine Antwort erhielt, sandte mir Hilton Cubitt die letzte Nachricht von Slaney. Mit bekannten Buchstaben arbeitend, nahm sie diese Form an:
ELSIE .RE.ARE TO MEET THY GO.
Das Hinzufügen eines P und eines D vervollständigte eine Nachricht, die mir zeigte, dass der Schurke von Überredung zu Drohungen überging, und mein Wissen über die Gauner Chicagos bereitete mich darauf vor, festzustellen, dass er seine Worte sehr rasch in die Tat umsetzen könnte. Ich kam sofort mit meinem Freund und Kollegen, Dr. Watson, nach Norfolk, aber leider nur rechtzeitig, um festzustellen, dass das Schlimmste bereits eingetreten war.“
„Es ist ein Privileg, mit Ihnen bei der Bearbeitung eines Falls verbunden zu sein“, sagte der Inspektor warm. „Sie werden mich jedoch entschuldigen, wenn ich offen zu Ihnen spreche. Sie sind nur sich selbst gegenüber verantwortlich, aber ich muss meinen Vorgesetzten gegenüber Rechenschaft ablegen. Wenn dieser Abe Slaney, der bei Elrige’s lebt, tatsächlich der Mörder ist und wenn ihm die Flucht gelungen ist, während ich hier sitze, würde ich sicherlich in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.“
„Sie brauchen nicht unruhig zu sein. Er wird nicht versuchen zu fliehen.“
„Woher wissen Sie das?“
„Zu fliehen wäre ein Geständnis der Schuld.“
„Dann lassen Sie uns gehen und ihn verhaften.“
„Ich erwarte ihn jeden Augenblick hier.“
„Aber warum sollte er kommen?“
„Weil ich geschrieben und ihn darum gebeten habe.“
„Aber das ist unglaublich, Mr. Holmes! Warum sollte er kommen, weil Sie ihn darum gebeten haben? Würde eine solche Bitte nicht eher seine Verdachtsmomente wecken und ihn dazu veranlassen, zu fliehen?“
„Ich denke, ich habe gewusst, wie ich den Brief formulieren musste“, sagte Sherlock Holmes. „Tatsächlich, wenn ich mich nicht sehr irre, kommt hier der Herr selbst den Auffahrtsweg herauf.“
Ein Mann schritt den Pfad entlang, der zur Tür führte. Er war ein großer, gut aussehender, dunkelhäutiger Kerl, bekleidet mit einem Anzug aus grauem Flanell, mit einem Panamahut, einem borstigen schwarzen Bart und einer großen, aggressiven Hakennase, und er fuchtelte beim Gehen mit einem Stock herum. Er stolzierte den Pfad hinauf, als ob der Ort ihm gehöre, und wir hörten sein lautes, selbstbewusstes Klingeln.
„Ich denke, meine Herren“, sagte Holmes leise, „dass wir am besten unsere Position hinter der Tür einnehmen. Jede Vorsichtsmaßnahme ist notwendig, wenn man es mit einem solchen Kerl zu tun hat. Sie werden Ihre Handschellen brauchen, Inspektor. Das Reden können Sie mir überlassen.“
Wir warteten eine Minute lang in Schweigen – eine jener Minuten, die man niemals vergessen kann. Dann öffnete sich die Tür und der Mann trat ein. In einem Augenblick hielt Holmes ihm eine Pistole an den Kopf, und Martin ließ die Handschellen über seine Handgelenke gleiten. Alles geschah so schnell und geschickt, dass der Kerl hilflos war, bevor er wusste, dass er angegriffen wurde. Er starrte von einem zum anderen von uns mit einem Paar flammender schwarzer Augen. Dann brach er in ein bitteres Lachen aus.
„Nun, meine Herren, diesmal habt ihr mich erwischt. Ich scheine gegen etwas Hartes gestoßen zu sein. Aber ich bin hierhergekommen als Antwort auf einen Brief von Mrs. Hilton Cubitt. Sagt mir nicht, dass sie darin verwickelt ist? Sagt mir nicht, dass sie geholfen hat, mir eine Falle zu stellen?“
„Mrs. Hilton Cubitt wurde schwer verletzt und liegt im Sterben.“
Der Mann stieß einen heiseren Schrei des Kummers aus, der durch das Haus hallte.
„Ihr seid verrückt!“, rief er heftig. „Er war es, der verletzt wurde, nicht sie. Wer hätte der kleinen Elsie etwas antun können? Ich mag sie bedroht haben – Gott verzeih mir! – aber ich hätte kein Haar ihres hübschen Kopfes gekrümmt. Nehmt es zurück – ihr! Sagt, dass sie nicht verletzt ist!“
„Sie wurde schwer verwundet an der Seite ihres toten Ehemannes gefunden.“
Er sank mit einem tiefen Stöhnen auf das Sofa und vergrub sein Gesicht in seinen gefesselten Händen. Fünf Minuten lang war er still. Dann hob er sein Gesicht wieder und sprach mit der kalten Fassung der Verzweiflung.
„Ich habe nichts vor euch zu verbergen, meine Herren“, sagte er. „Wenn ich den Mann erschossen habe, hatte er seinen Schuss auf mich, und da ist kein Mord dabei. Aber wenn ihr denkt, dass ich der Frau etwas hätte antun können, dann kennt ihr weder mich noch sie. Ich sage euch, es gab niemals einen Mann auf dieser Welt, der eine Frau mehr geliebt hat als ich sie geliebt habe. Ich hatte ein Recht auf sie. Sie war mir vor Jahren versprochen. Wer war dieser Engländer, dass er sich zwischen uns stellen sollte? Ich sage euch, dass ich das erste Recht auf sie hatte und dass ich nur mein Eigentum einforderte.“
„Sie brach mit Ihrem Einfluss, als sie herausfand, was für ein Mann Sie sind“, sagte Holmes streng. „Sie floh aus Amerika, um Sie zu meiden, und sie heiratete einen ehrenhaften Gentleman in England. Sie haben sie aufgespürt und verfolgt und ihr Leben zur Qual gemacht, um sie dazu zu bewegen, den Ehemann zu verlassen, den sie liebte und respektierte, um mit Ihnen zu fliehen, den sie fürchtete und hasste. Sie haben schließlich den Tod eines edlen Mannes herbeigeführt und seine Frau in den Selbstmord getrieben. Das ist Ihre Bilanz in dieser Angelegenheit, Mr. Abe Slaney, und Sie werden sich vor dem Gesetz dafür verantworten müssen.“
„Wenn Elsie stirbt, kümmert es mich nicht, was aus mir wird“, sagte der Amerikaner. Er öffnete eine seiner Hände und betrachtete eine Notiz, die in seiner Handfläche zerknüllt war. „Sehen Sie hier, Mister“, rief er mit einem Schimmer von Misstrauen in seinen Augen, „Sie versuchen doch nicht, mich damit zu erschrecken, oder? Wenn die Dame so schwer verletzt ist, wie Sie sagen, wer hat dann diese Notiz geschrieben?“ Er warf sie vorwärts auf den Tisch.
„Ich habe sie geschrieben, um Sie hierherzubringen.“
„Sie haben sie geschrieben? Es gab niemanden auf Erden außerhalb der Gang, der das Geheimnis der tanzenden Männchen kannte. Wie kamen Sie dazu, sie zu schreiben?“
„Was ein Mann erfinden kann, kann ein anderer entdecken“, sagte Holmes. „Es kommt eine Droschke, um Sie nach Norwich zu befördern, Mr. Slaney. Aber inzwischen haben Sie Zeit, eine kleine Wiedergutmachung für das Leid zu leisten, das Sie verursacht haben. Sind Sie sich bewusst, dass Mrs. Hilton Cubitt selbst unter schwerem Verdacht stand, ihren Ehemann ermordet zu haben, und dass es nur meine Anwesenheit hier und das Wissen, das ich zufällig besaß, waren, die sie vor der Anklage bewahrt haben? Das Mindeste, was Sie ihr schulden, ist, der ganzen Welt klarzumachen, dass sie in keiner Weise, direkt oder indirekt, für sein tragisches Ende verantwortlich war.“
„Ich verlange nichts Besseres“, sagte der Amerikaner. „Ich schätze, das Allerbeste, was ich für mich selbst tun kann, ist die absolute, nackte Wahrheit.“
„Es ist meine Pflicht, Sie zu warnen, dass sie gegen Sie verwendet wird“, rief der Inspektor mit dem großartigen Fairplay des britischen Strafrechts.
Slaney zuckte mit den Schultern.
„Das riskiere ich“, sagte er. „Zunächst einmal möchte ich, dass Sie, meine Herren, verstehen, dass ich diese Dame kenne, seit sie ein Kind war. Wir waren sieben in einer Gang in Chicago, und Elsies Vater war der Boss der Gang. Er war ein kluger Mann, der alte Patrick. Er war es, der diese Schrift erfand, die als kindisches Gekritzel durchgegangen wäre, wenn man nicht zufällig den Schlüssel dazu gehabt hätte. Nun, Elsie lernte einige unserer Wege, aber sie konnte das Geschäft nicht ertragen, und sie hatte ein bisschen ehrliches Geld von sich aus, also entkam sie uns allen und machte sich nach London davon. Sie war mit mir verlobt gewesen, und sie hätte mich geheiratet, glaube ich, wenn ich einen anderen Beruf ergriffen hätte, aber sie wollte nichts mit irgendetwas Unehrlichem zu tun haben. Erst nach ihrer Heirat mit diesem Engländer konnte ich herausfinden, wo sie war. Ich schrieb ihr, erhielt aber keine Antwort. Danach kam ich herüber, und da Briefe zu nichts nütze waren, platzierte ich meine Nachrichten dort, wo sie sie lesen konnte.
„Nun, ich bin jetzt einen Monat hier. Ich lebte auf diesem Bauernhof, wo ich unten ein Zimmer hatte und jede Nacht ein- und ausgehen konnte, ohne dass es jemand merkte. Ich versuchte alles, was ich konnte, um Elsie wegzulocken. Ich wusste, dass sie die Nachrichten las, denn einmal schrieb sie eine Antwort unter eine von ihnen. Dann ging mein Temperament mit mir durch, und ich begann, sie zu bedrohen. Sie schickte mir dann einen Brief, in dem sie mich anflehte, wegzugehen, und sagte, es würde ihr Herz brechen, wenn irgendein Skandal über ihren Ehemann käme. Sie sagte, sie würde herunterkommen, wenn ihr Mann um drei Uhr morgens schlief, und durch das Fenster am Ende mit mir sprechen, wenn ich danach weggehen und sie in Frieden lassen würde. Sie kam herunter und brachte Geld mit, in dem Versuch, mich zur Abreise zu bestechen. Das machte mich verrückt, und ich packte sie am Arm und versuchte, sie durch das Fenster zu ziehen. In diesem Moment stürzte der Ehemann mit seinem Revolver in der Hand herein. Elsie war auf den Boden gesunken, und wir standen uns gegenüber. Ich war auch bewaffnet, und ich hielt meine Pistole hoch, um ihn zu verscheuchen und mich entkommen zu lassen. Er feuerte und verfehlte mich. Ich drückte fast im selben Augenblick ab, und er sackte zusammen. Ich machte mich durch den Garten davon, und als ich ging, hörte ich das Fenster hinter mir zuschlagen. Das ist Gottes Wahrheit, meine Herren, jedes Wort davon, und ich hörte nichts mehr darüber, bis dieser Junge mit einer Notiz angeritten kam, die mich wie einen Narren hierhergehen ließ, um mich in eure Hände zu begeben.“
Eine Droschke war vorgefahren, während der Amerikaner gesprochen hatte. Zwei uniformierte Polizisten saßen darin. Inspektor Martin erhob sich und berührte seinen Gefangenen an der Schulter.
„Es ist Zeit für uns zu gehen.“
„Kann ich sie zuerst sehen?“
„Nein, sie ist nicht bei Bewusstsein. Mr. Sherlock Holmes, ich hoffe nur, dass ich, wenn ich jemals wieder einen wichtigen Fall habe, das Glück haben werde, Sie an meiner Seite zu haben.“
Wir standen am Fenster und beobachteten, wie die Droschke davonfuhr. Als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf das Papierknäuel, das der Gefangene auf den Tisch geworfen hatte. Es war die Notiz, mit der Holmes ihn angelockt hatte.
„Versuchen Sie, ob Sie es lesen können, Watson“, sagte er mit einem Lächeln.
Es enthielt kein Wort, sondern nur diese kleine Reihe tanzender Männchen:
K-O-M-M-S-O-F-O-R-T-H-I-E-R-H-E-R
„Wenn Sie den Code verwenden, den ich erklärt habe“, sagte Holmes, „werden Sie feststellen, dass es einfach ‚Komm sofort hierher‘ bedeutet. Ich war überzeugt, dass es eine Einladung war, die er nicht ablehnen würde, da er sich niemals hätte vorstellen können, dass sie von jemand anderem als der Dame stammen könnte. Und so, mein lieber Watson, haben wir es geschafft, die tanzenden Männchen zum Guten zu wenden, wo sie doch so oft die Werkzeuge des Bösen waren, und ich denke, ich habe mein Versprechen eingelöst, Ihnen etwas Ungewöhnliches für Ihr Notizbuch zu geben. Um drei Uhr vierzig fährt unser Zug, und ich denke, wir sollten zum Abendessen wieder in der Baker Street sein.“
Nur noch ein Wort als Epilog. Der Amerikaner Abe Slaney wurde bei den Winter-Assisen in Norwich zum Tode verurteilt, doch seine Strafe wurde in Anbetracht mildernder Umstände und der Gewissheit, dass Hilton Cubitt den ersten Schuss abgegeben hatte, in Zuchthaus umgewandelt. Über Mrs. Hilton Cubitt weiß ich nur, dass ich gehört habe, sie habe sich vollständig erholt, sei weiterhin Witwe und widme ihr ganzes Leben der Fürsorge für die Armen und der Verwaltung des Nachlasses ihres Mannes.
DAS ABENTEUER VOM EINSAMEN RADFAHRER
Von 1894 bis einschließlich 1901 war Mr. Sherlock Holmes ein sehr beschäftigter Mann. Man kann mit Sicherheit sagen, dass es in diesen acht Jahren keinen öffentlichen Fall von einiger Schwierigkeit gab, in dem er nicht zu Rate gezogen wurde, und es gab Hunderte privater Fälle, einige davon von äußerst kompliziertem und außergewöhnlichem Charakter, in denen er eine herausragende Rolle spielte. Viele verblüffende Erfolge und einige wenige unvermeidliche Misserfolge waren das Ergebnis dieser langen Zeit ununterbrochener Arbeit. Da ich sehr ausführliche Aufzeichnungen über all diese Fälle geführt habe und selbst an vielen von ihnen persönlich beteiligt war, kann man sich vorstellen, dass es keine leichte Aufgabe ist zu wissen, welche ich auswählen sollte, um sie der Öffentlichkeit vorzulegen. Ich werde jedoch an meiner früheren Regel festhalten und den Fällen den Vorzug geben, deren Interesse nicht so sehr in der Brutalität des Verbrechens liegt, als vielmehr im Einfallsreichtum und der dramatischen Qualität der Lösung. Aus diesem Grund werde ich dem Leser nun die Fakten im Zusammenhang mit Miss Violet Smith, der einsamen Radfahrerin von Charlington, und das merkwürdige Nachspiel unserer Untersuchung darlegen, das in einer unerwarteten Tragödie gipfelte. Es stimmt zwar, dass die Umstände keine besonders eindrucksvolle Illustration jener Fähigkeiten zuließen, für die mein Freund berühmt war, aber es gab einige Punkte in diesem Fall, die ihn aus jenen langen Kriminalakten herausheben, aus denen ich das Material für diese kleinen Erzählungen schöpfe.
Beim Nachschlagen in meinem Notizbuch für das Jahr 1895 stelle ich fest, dass wir am Samstag, dem 23. April, zum ersten Mal von Miss Violet Smith hörten. Ihr Besuch war, wie ich mich erinnere, für Holmes äußerst ungelegen, da er in diesem Moment tief in ein sehr schwieriges und kompliziertes Problem vertieft war, das die eigentümliche Verfolgung betraf, der John Vincent Harden, der bekannte Tabakmillionär, ausgesetzt war. Mein Freund, der über alles Präzision und Konzentration des Denkens liebte, ärgerte sich über alles, was seine Aufmerksamkeit von der anstehenden Sache ablenkte. Und doch war es ohne eine Härte, die seinem Wesen fremd war, unmöglich, sich zu weigern, der Geschichte der jungen und schönen Frau zuzuhören, groß, anmutig und königlich, die spät am Abend in der Baker Street erschien und ihn um Hilfe und Rat anflehte. Es war zwecklos, darauf zu drängen, dass seine Zeit bereits voll und ganz in Anspruch genommen war, denn die junge Dame war mit der Entschlossenheit gekommen, ihre Geschichte zu erzählen, und es war offensichtlich, dass nichts als Gewalt sie aus dem Zimmer bringen konnte, bevor sie dies getan hatte. Mit resignierter Miene und einem etwas müden Lächeln bat Holmes die schöne Eindringlingsperson, Platz zu nehmen und uns mitzuteilen, was sie bedrückte.
„Zumindest kann es nicht Ihre Gesundheit sein“, sagte er, während seine scharfen Augen sie musterten, „so eine begeisterte Radfahrerin muss voller Energie stecken.“
Sie blickte überrascht auf ihre eigenen Füße hinunter, und ich bemerkte die leichte Aufrauhung der Sohlenseite, die durch die Reibung der Pedalkante verursacht wurde.
„Ja, ich fahre viel Rad, Mr. Holmes, und das hat etwas mit meinem Besuch bei Ihnen heute zu tun.“
Mein Freund nahm die unbewehndte Hand der Dame und untersuchte sie mit so genauer Aufmerksamkeit und so wenig Gefühl, wie ein Wissenschaftler es bei einem Exemplar tun würde.
„Sie werden mich entschuldigen, da bin ich sicher. Es ist mein Geschäft“, sagte er, als er sie losließ. „Ich wäre fast dem Irrtum erlegen, anzunehmen, dass Sie Schreibmaschine schreiben. Natürlich ist es offensichtlich, dass es Musik ist. Sie bemerken die spatelförmigen Fingerspitzen, Watson, die beiden Berufen gemeinsam sind? Es liegt jedoch eine Geistigkeit über dem Gesicht“ – sie wandte es sanft dem Licht zu – „die die Schreibmaschine nicht erzeugt. Diese Dame ist Musikerin.“
„Ja, Mr. Holmes, ich unterrichte Musik.“
„Auf dem Land, nehme ich an, nach Ihrem Teint zu urteilen.“
„Ja, mein Herr, in der Nähe von Farnham, an der Grenze von Surrey.“
„Eine schöne Gegend und voller höchst interessanter Assoziationen. Sie erinnern sich, Watson, dass wir dort in der Nähe Archie Stamford, den Fälscher, gefasst haben. Nun, Miss Violet, was ist Ihnen in der Nähe von Farnham, an der Grenze von Surrey, zugestoßen?“
Die junge Dame machte mit großer Klarheit und Fassung die folgende merkwürdige Aussage:
„Mein Vater ist tot, Mr. Holmes. Er war James Smith, der das Orchester am alten Imperial Theatre leitete. Meine Mutter und ich blieben ohne Verwandte auf der Welt, bis auf einen Onkel, Ralph Smith, der vor fünfundzwanzig Jahren nach Afrika ging, und wir haben seitdem nie wieder ein Wort von ihm gehört. Als Vater starb, waren wir sehr arm, aber eines Tages wurde uns gesagt, dass in der Times eine Anzeige aufgegeben worden sei, in der nach unserem Aufenthaltsort gefragt wurde. Sie können sich vorstellen, wie aufgeregt wir waren, denn wir dachten, jemand hätte uns ein Vermögen hinterlassen. Wir gingen sofort zu dem Anwalt, dessen Name in der Zeitung stand. Dort trafen wir zwei Herren, Mr. Carruthers und Mr. Woodley, die zu einem Besuch aus Südafrika zu Hause waren. Sie sagten, dass mein Onkel ein Freund von ihnen sei, dass er einige Monate zuvor in großer Armut in Johannesburg gestorben sei und dass er sie mit seinem letzten Atemzug gebeten habe, seine Verwandten aufzusuchen und sicherzustellen, dass sie keinen Mangel litten. Es erschien uns seltsam, dass Onkel Ralph, der uns zu Lebzeiten keine Beachtung schenkte, nun, da er tot war, so darauf bedacht sein sollte, sich um uns zu kümmern, aber Mr. Carruthers erklärte, der Grund sei, dass mein Onkel gerade vom Tod seines Bruders erfahren habe und sich daher für unser Schicksal verantwortlich fühle.“
„Entschuldigen Sie“, sagte Holmes. „Wann fand dieses Gespräch statt?“
„Letzten Dezember – vor vier Monaten.“
„Bitte fahren Sie fort.“
„Mr. Woodley erschien mir als eine höchst abscheuliche Person. Er machte mir ständig schöne Augen – ein grober, aufgedunsener junger Mann mit rotem Schnurrbart, dessen Haar auf beiden Seiten seiner Stirn fest angestrichen war. Ich hielt ihn für absolut hassenswert – und ich war mir sicher, dass Cyril nicht wollen würde, dass ich eine solche Person kenne.“
„Oh, Cyril ist sein Name!“, sagte Holmes lächelnd.
Die junge Dame errötete und lachte.
„Ja, Mr. Holmes, Cyril Morton, ein Elektroingenieur, und wir hoffen, Ende des Sommers heiraten zu können. Ach je, wie kam ich nur darauf, von ihm zu sprechen? Was ich sagen wollte, war, dass Mr. Woodley absolut abscheulich war, aber dass Mr. Carruthers, der ein viel älterer Mann war, angenehmer war. Er war eine dunkle, fahlhäutige, glattrasierte, schweigsame Person, aber er hatte höfliche Manieren und ein angenehmes Lächeln. Er erkundigte sich, wie wir hinterlassen wurden, und als er feststellte, dass wir sehr arm waren, schlug er vor, ich solle kommen und seiner einzigen zehnjährigen Tochter Musikunterricht geben. Ich sagte, dass ich meine Mutter nicht gerne verlassen würde, woraufhin er vorschlug, ich solle jedes Wochenende zu ihr nach Hause fahren, und er bot mir hundert Pfund im Jahr an, was sicherlich ein prächtiger Lohn war. So endete es damit, dass ich annahm, und ich fuhr nach Chiltern Grange, etwa sechs Meilen von Farnham entfernt. Mr. Carruthers war Witwer, hatte aber eine Haushälterin engagiert, eine sehr respektable, ältere Person namens Mrs. Dixon, die sich um seinen Haushalt kümmern sollte. Das Kind war ein Schatz, und alles versprach gut zu werden. Mr. Carruthers war sehr freundlich und sehr musikalisch, und wir verbrachten sehr angenehme Abende zusammen. Jedes Wochenende fuhr ich zu meiner Mutter in die Stadt.“
„Der erste Riss in meinem Glück war die Ankunft des rotschnurrbärtigen Mr. Woodley. Er kam für einen einwöchigen Besuch, und oh! es schien mir wie drei Monate. Er war eine schreckliche Person – ein Tyrann gegenüber allen anderen, aber mir gegenüber etwas unendlich Schlimmeres. Er machte mir abscheuliche Avancen, prahlte mit seinem Reichtum, sagte, wenn ich ihn heiratete, könnte ich die schönsten Diamanten in London haben, und schließlich, als ich nichts mit ihm zu tun haben wollte, packte er mich eines Tages nach dem Abendessen – er war grässlich stark – und schwor, dass er mich nicht gehen lassen würde, bis ich ihn geküsst hätte. Mr. Carruthers kam herein und riss ihn von mir los, woraufhin er sich gegen seinen eigenen Gastgeber wandte, ihn niederschlug und ihm das Gesicht aufschnitt. Das war das Ende seines Besuchs, wie Sie sich vorstellen können. Mr. Carruthers entschuldigte sich am nächsten Tag bei mir und versicherte mir, dass ich einer solchen Beleidigung nie wieder ausgesetzt sein würde. Ich habe Mr. Woodley seitdem nicht mehr gesehen.“
„Und nun, Mr. Holmes, komme ich endlich zu der speziellen Sache, die mich dazu veranlasst hat, Sie heute um Rat zu fragen. Sie müssen wissen, dass ich jeden Samstagvormittag mit meinem Fahrrad zum Bahnhof Farnham fahre, um den Zug um 12:22 Uhr in die Stadt zu nehmen. Die Straße von Chiltern Grange ist einsam, und an einer Stelle ist sie es ganz besonders, denn sie führt über eine Meile zwischen Charlington Heath auf der einen Seite und den Wäldern, die um Charlington Hall liegen, auf der anderen. Man könnte nirgendwo eine einsamere Wegstrecke finden, und es ist ziemlich selten, dass man auch nur einem Karren oder einem Bauern begegnet, bis man die Landstraße bei Crooksbury Hill erreicht. Vor zwei Wochen fuhr ich an dieser Stelle vorbei, als ich zufällig über meine Schulter zurückblickte und etwa zweihundert Yards hinter mir einen Mann sah, der ebenfalls auf einem Fahrrad saß. Er schien ein Mann mittleren Alters mit einem kurzen, dunklen Bart zu sein. Ich sah zurück, bevor ich Farnham erreichte, aber der Mann war verschwunden, also dachte ich nicht weiter darüber nach. Aber Sie können sich vorstellen, wie überrascht ich war, Mr. Holmes, als ich bei meiner Rückkehr am Montag denselben Mann auf demselben Straßenabschnitt sah. Mein Erstaunen nahm zu, als sich der Vorfall am folgenden Samstag und Montag genau wie zuvor wiederholte. Er hielt immer seinen Abstand und belästigte mich in keiner Weise, aber dennoch war es sicherlich sehr seltsam. Ich erwähnte es gegenüber Mr. Carruthers, der sich für das, was ich sagte, zu interessieren schien und mir sagte, er habe ein Pferd und eine Kutsche bestellt, damit ich in Zukunft diese einsamen Straßen nicht mehr ohne Begleitung passieren müsse.“
„Das Pferd und die Kutsche hätten diese Woche kommen sollen, aber aus irgendeinem Grund wurden sie nicht geliefert, und wieder musste ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahren. Das war heute Morgen. Sie können sich denken, dass ich Ausschau hielt, als ich nach Charlington Heath kam, und da war er tatsächlich, der Mann, genau wie die zwei Wochen zuvor. Er hielt sich immer so weit von mir fern, dass ich sein Gesicht nicht klar sehen konnte, aber es war sicherlich jemand, den ich nicht kannte. Er war in einen dunklen Anzug mit einer Schiebermütze gekleidet. Das Einzige an seinem Gesicht, das ich deutlich sehen konnte, war sein dunkler Bart. Heute war ich nicht beunruhigt, aber ich war voller Neugier und entschlossen herauszufinden, wer er war und was er wollte. Ich verlangsamte meine Maschine, aber er verlangsamte seine. Dann hielt ich ganz an, aber er hielt auch an. Dann stellte ich ihm eine Falle. Es gibt eine scharfe Kurve in der Straße, und ich trat sehr schnell darum herum, dann hielt ich an und wartete. Ich erwartete, dass er um die Ecke schießen und an mir vorbeifahren würde, bevor er anhalten konnte. Aber er tauchte niemals auf. Dann ging ich zurück und sah um die Ecke. Ich konnte eine Meile Straße sehen, aber er war nicht darauf. Um es noch außergewöhnlicher zu machen, gab es an dieser Stelle keine Seitenstraße, in die er hätte abbiegen können.“
Holmes kicherte und rieb sich die Hände. „Dieser Fall weist sicherlich einige eigene Merkmale auf“, sagte er. „Wie viel Zeit verging zwischen Ihrem Umrunden der Kurve und Ihrer Entdeckung, dass die Straße frei war?“
„Zwei oder drei Minuten.“
„Dann kann er nicht die Straße zurückgefahren sein, und Sie sagen, dass es keine Seitenstraßen gibt?“
„Keine.“
„Dann hat er sicherlich einen Fußpfad auf der einen oder anderen Seite genommen.“
„Es kann nicht auf der Seite der Heide gewesen sein, sonst hätte ich ihn gesehen.“
„Also gelangen wir durch das Ausschlussverfahren zu der Tatsache, dass er sich in Richtung Charlington Hall aufmachte, das, wie ich verstehe, auf seinem eigenen Gelände auf der einen Seite der Straße liegt. Sonst noch etwas?“
„Nichts, Mr. Holmes, außer dass ich so verwirrt war, dass ich das Gefühl hatte, ich würde nicht glücklich sein, bis ich Sie gesehen und Ihren Rat eingeholt hätte.“
Holmes saß einige Zeit schweigend da.
„Wo ist der Herr, mit dem Sie verlobt sind?“, fragte er schließlich.
„Er ist bei der Midland Electrical Company in Coventry.“
„Er würde Ihnen keinen Überraschungsbesuch abstatten?“
„Oh, Mr. Holmes! Als ob ich ihn nicht kennen würde!“
„Hatten Sie andere Verehrer?“
„Mehrere, bevor ich Cyril kannte.“
„Und seitdem?“
„Da war dieser schreckliche Mann, Woodley, wenn man ihn einen Verehrer nennen kann.“
„Sonst niemand?“
Unsere hübsche Klientin schien ein wenig verwirrt.
„Wer war er?“, fragte Holmes.
„Oh, es mag nur eine Einbildung von mir sein; aber es schien mir manchmal, dass mein Arbeitgeber, Mr. Carruthers, ein großes Interesse an mir zeigt. Wir sind eher aufeinander angewiesen. Ich spiele abends seine Begleitung. Er hat nie etwas gesagt. Er ist ein vollkommener Gentleman. Aber ein Mädchen weiß das immer.“
„Ha!“ Holmes sah ernst aus. „Womit verdient er seinen Lebensunterhalt?“
„Er ist ein reicher Mann.“
„Keine Kutschen oder Pferde?“
„Nun, zumindest ist er ziemlich wohlhabend. Aber er fährt zwei- oder dreimal pro Woche in die Stadt. Er interessiert sich sehr für südafrikanische Goldaktien.“
„Sie lassen mich wissen, wenn es eine neue Entwicklung gibt, Miss Smith. Ich bin im Moment sehr beschäftigt, aber ich werde Zeit finden, einige Nachforschungen in Ihrem Fall anzustellen. Unternehmen Sie in der Zwischenzeit keinen Schritt, ohne mich zu informieren. Auf Wiedersehen, und ich hoffe, dass wir nichts als gute Nachrichten von Ihnen hören werden.“
„Es ist Teil der festen Ordnung der Natur, dass ein solches Mädchen Verehrer haben sollte“, sagte Holmes, während er an seiner nachdenklichen Pfeife zog, „aber nach Möglichkeit nicht auf Fahrrädern auf einsamen Landstraßen. Zweifellos irgendein geheimnisvoller Liebhaber. Aber es gibt merkwürdige und aufschlussreiche Details in diesem Fall, Watson.“
„Dass er nur an dieser Stelle erscheinen sollte?“
„Genau. Unsere erste Bemühung muss sein, herauszufinden, wer die Mieter von Charlington Hall sind. Dann, wie steht es um die Verbindung zwischen Carruthers und Woodley, da sie Männer von so unterschiedlichem Typ zu sein scheinen? Wie kamen sie beide dazu, sich so sehr um die Suche nach Ralph Smiths Verwandten zu bemühen? Noch ein Punkt. Was ist das für ein Haushalt, der den doppelten Marktpreis für eine Gouvernante zahlt, aber kein Pferd hält, obwohl er sechs Meilen vom Bahnhof entfernt ist? Seltsam, Watson – sehr seltsam!“
„Sie werden hinfahren?“
„Nein, mein lieber Freund, Sie werden hinfahren. Dies mag eine unbedeutende Intrige sein, und ich kann meine andere wichtige Forschung nicht ihretwegen unterbrechen. Am Montag werden Sie früh in Farnham ankommen; Sie werden sich in der Nähe von Charlington Heath verstecken; Sie werden diese Fakten selbst beobachten und so handeln, wie es Ihr eigenes Urteil Ihnen rät. Nachdem Sie sich dann nach den Bewohnern des Hall erkundigt haben, werden Sie zu mir zurückkehren und Bericht erstatten. Und nun, Watson, kein Wort mehr über diese Angelegenheit, bis wir ein paar solide Trittsteine haben, auf denen wir hoffen können, zu unserer Lösung zu gelangen.“
Wir hatten von der Dame erfahren, dass sie am Montag mit dem Zug fuhr, der um 9:50 Uhr in Waterloo abfährt, also startete ich früh und nahm den um 9:13 Uhr. Am Bahnhof Farnham hatte ich keine Schwierigkeiten, den Weg nach Charlington Heath zu finden. Es war unmöglich, den Schauplatz des Abenteuers der jungen Dame zu verwechseln, denn die Straße verläuft zwischen der offenen Heide auf der einen Seite und einer alten Eibenhecke auf der anderen, die einen Park umgibt, der mit prächtigen Bäumen bestanden ist. Es gab ein Haupttor aus flechtenbedecktem Stein, dessen beide Pfeiler mit verfallenden heraldischen Emblemen gekrönt waren, aber neben dieser zentralen Zufahrt bemerkte ich mehrere Stellen, an denen es Lücken in der Hecke und Pfade gab, die durch sie hindurchführten. Das Haus war von der Straße aus unsichtbar, aber die Umgebung sprach von Düsternis und Verfall.
Die Heide war mit goldenen Flecken von blühendem Ginster bedeckt, der im Licht des hellen Frühlingssonnenscheins herrlich glänzte. Hinter einem dieser Büsche nahm ich meine Position ein, um sowohl das Tor des Hall als auch eine lange Strecke der Straße auf beiden Seiten im Blick zu haben. Sie war verlassen, als ich sie verließ, aber jetzt sah ich einen Radfahrer, der aus der entgegengesetzten Richtung, aus der ich gekommen war, darauf zu radelte. Er war in einen dunklen Anzug gekleidet, und ich sah, dass er einen schwarzen Bart hatte. Als er das Ende des Charlington-Geländes erreichte, sprang er von seiner Maschine und führte sie durch eine Lücke in der Hecke, wobei er aus meinem Blickfeld verschwand.
Eine Viertelstunde verging, und dann erschien ein zweiter Radfahrer. Diesmal war es die junge Dame, die vom Bahnhof kam. Ich sah sie sich umsehen, als sie an die Charlington-Hecke kam. Einen Augenblick später tauchte der Mann aus seinem Versteck auf, schwang sich auf sein Rad und folgte ihr. In der weiten Landschaft waren das die einzigen sich bewegenden Figuren, das anmutige Mädchen, das sehr aufrecht auf ihrer Maschine saß, und der Mann hinter ihr, der sich tief über seine Lenkstange beugte, mit einer seltsam verstohlenen Andeutung in jeder Bewegung. Sie sah zu ihm zurück und verlangsamte ihr Tempo. Er verlangsamte ebenfalls. Sie hielt an. Er hielt sofort auch an und blieb zweihundert Yards hinter ihr. Ihre nächste Bewegung war so unerwartet wie schwungvoll. Sie wirbelte plötzlich ihre Räder herum und raste direkt auf ihn zu. Er war jedoch so schnell wie sie und raste in verzweifelter Flucht davon. Bald kam sie die Straße wieder herauf, den Kopf stolz in die Luft gereckt, ohne es für nötig zu halten, ihren schweigsamen Begleiter weiter zu beachten. Er war ebenfalls umgekehrt und hielt weiterhin seinen Abstand, bis die Kurve der Straße sie vor meinen Augen verbarg.
Ich blieb in meinem Versteck, und es war gut, dass ich das tat, denn bald tauchte der Mann wieder auf und radelte langsam zurück. Er bog in die Tore des Hall ein und stieg von seiner Maschine. Einige Minuten lang konnte ich ihn zwischen den Bäumen stehen sehen. Seine Hände waren erhoben, und er schien seine Krawatte zurechtzurücken. Dann stieg er auf sein Rad und fuhr von mir weg die Zufahrt zum Hall hinunter. Ich lief über die Heide und spähte durch die Bäume. Weit weg konnte ich flüchtige Blicke auf das alte graue Gebäude mit seinen aufstehenden Tudor-Schornsteinen erhaschen, aber die Zufahrt führte durch ein dichtes Gebüsch, und ich sah meinen Mann nicht mehr.
Wie dem auch sei, es schien mir, dass ich einen ziemlich guten Vormittag hinter mir hatte, und ich ging bei bester Laune zurück nach Farnham. Der örtliche Immobilienmakler konnte mir nichts über Charlington Hall sagen und verwies mich an eine bekannte Firma in Pall Mall. Dort hielt ich auf meinem Heimweg an und traf auf Höflichkeit seitens des Vertreters. Nein, ich konnte Charlington Hall nicht für den Sommer haben. Ich kam gerade zu spät. Es war vor etwa einem Monat vermietet worden. Mr. Williamson war der Name des Mieters. Er war ein respektabler, älterer Herr. Der höfliche Makler fürchtete, er könne nicht mehr sagen, da die Angelegenheiten seiner Klienten keine Dinge seien, die er erörtern könne.
Mr. Sherlock Holmes hörte sich den langen Bericht, den ich ihm an jenem Abend erstatten konnte, aufmerksam an, doch er entlockte ihm nicht jenes Wort knappen Lobes, auf das ich gehofft hatte und das ich geschätzt hätte. Im Gegenteil, sein strenges Gesicht war noch ernster als gewöhnlich, als er die Dinge kommentierte, die ich getan, und jene, die ich unterlassen hatte.
„Ihr Versteck, mein lieber Watson, war sehr mangelhaft. Sie hätten hinter der Hecke sein sollen, dann hätten Sie eine Nahansicht dieser interessanten Person gehabt. So aber waren Sie einige hundert Meter entfernt und können mir sogar weniger sagen als Miss Smith. Sie glaubt, den Mann nicht zu kennen; ich bin überzeugt, dass sie es tut. Warum sonst sollte er so verzweifelt darauf bedacht sein, dass sie ihm nicht so nahe kommt, um seine Gesichtszüge zu erkennen? Sie beschreiben ihn, wie er sich über den Lenker beugt. Wieder Verschleierung, sehen Sie. Sie haben sich wirklich bemerkenswert schlecht angestellt. Er kehrt zum Haus zurück, und Sie wollen herausfinden, wer er ist. Sie gehen zu einem Londoner Immobilienmakler!“
„Was hätte ich denn tun sollen?“, rief ich etwas erhitzt.
„Zur nächsten Kneipe gehen. Das ist der Mittelpunkt des dörflichen Klatsches. Man hätte Ihnen dort jeden Namen genannt, vom Hausherrn bis zum Küchenmädchen. Williamson? Das sagt mir gar nichts. Wenn er ein älterer Mann ist, dann ist er nicht dieser aktive Radfahrer, der vor der sportlichen Verfolgung der jungen Dame davonrennt. Was haben wir durch Ihre Expedition gewonnen? Die Erkenntnis, dass die Geschichte des Mädchens wahr ist. Daran habe ich nie gezweifelt. Dass es eine Verbindung zwischen dem Radfahrer und der Hall gibt. Daran habe ich ebenfalls nie gezweifelt. Dass die Hall von Williamson bewohnt wird. Wer ist dadurch klüger geworden? Nun, nun, mein lieber Freund, sehen Sie nicht so niedergeschlagen aus. Wir können bis nächsten Samstag wenig tun, und in der Zwischenzeit mache ich vielleicht selbst ein oder zwei Erkundigungen.“
Am nächsten Morgen hatten wir eine Notiz von Miss Smith, die kurz und präzise genau jene Vorfälle schilderte, die ich gesehen hatte, doch der Kern des Briefes lag im Nachsatz:
„Ich bin sicher, dass Sie mein Vertrauen respektieren werden, Mr. Holmes, wenn ich Ihnen sage, dass meine Stellung hier schwierig geworden ist, da mein Arbeitgeber mir einen Heiratsantrag gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass seine Gefühle zutiefst aufrichtig und ehrenhaft sind. Gleichzeitig ist mein Versprechen natürlich gegeben. Er nahm meine Ablehnung sehr ernst, aber auch sehr sanft. Sie können jedoch verstehen, dass die Situation etwas angespannt ist.“
„Unsere junge Freundin scheint in tiefes Wasser zu geraten“, sagte Holmes nachdenklich, als er den Brief zu Ende gelesen hatte. „Der Fall bietet sicherlich mehr interessante Züge und mehr Entwicklungsmöglichkeiten, als ich ursprünglich dachte. Ein ruhiger, friedlicher Tag auf dem Lande würde mir nicht schaden, und ich bin geneigt, heute Nachmittag hinunterzufahren und ein oder zwei Theorien zu prüfen, die ich aufgestellt habe.“
Holmes’ ruhiger Tag auf dem Land nahm ein sonderbares Ende, denn er kam spät abends mit einer Schnittwunde an der Lippe und einer verfärbten Beule an der Stirn in der Baker Street an, dazu mit einem allgemeinen Anschein von Ausschweifung, der ihn selbst zum passenden Objekt einer Untersuchung durch Scotland Yard gemacht hätte. Er war von seinen eigenen Abenteuern ungemein amüsiert und lachte herzlich, während er sie erzählte.
„Ich bekomme so wenig aktive Bewegung, dass es immer ein Vergnügen ist“, sagte er. „Sie wissen, dass ich einige Fertigkeiten im guten alten britischen Boxsport besitze. Gelegentlich ist es von Nutzen; heute zum Beispiel wäre ich ohne sie in ein sehr schmähliches Unglück geraten.“
Ich bat ihn, mir zu erzählen, was geschehen war.
„Ich fand jene Landkneipe, die ich Ihnen bereits empfohlen hatte, und dort stellte ich meine diskreten Erkundigungen an. Ich war in der Bar, und ein geschwätziger Wirt gab mir alles, was ich wollte. Williamson ist ein weißbärtiger Mann, und er lebt allein mit einem kleinen Personalstab in der Hall. Es gibt das Gerücht, dass er ein Geistlicher ist oder war, aber ein oder zwei Vorfälle während seines kurzen Aufenthalts in der Hall kamen mir als ausgesprochen unkirchlich vor. Ich habe bereits bei einer Vermittlungsagentur für Geistliche nachgefragt, und man sagte mir, es habe einen Mann dieses Namens gegeben, dessen Laufbahn eine ausgesprochen dunkle gewesen sei. Der Wirt informierte mich ferner, dass meistens Wochenendgäste – ‚ein lockeres Völkchen, Sir‘ – in der Hall seien, und besonders ein Herr mit einem roten Schnurrbart, Mr. Woodley mit Namen, sei immer da. Wir waren gerade so weit gekommen, als wer sollte hereinkommen, wenn nicht der Herr selbst, der sein Bier in der Schankstube getrunken und das ganze Gespräch gehört hatte. Wer sei ich? Was wolle ich? Was meinte ich damit, Fragen zu stellen? Er hatte einen schönen Sprachfluss, und seine Adjektive waren sehr kräftig. Er beendete eine Reihe von Beleidigungen mit einem bösartigen Rückhandschlag, dem ich nicht ganz ausweichen konnte. Die nächsten paar Minuten waren köstlich. Es war eine gerade Linke gegen einen schlagenden Rüpel. Ich kam so hervor, wie Sie mich sehen. Mr. Woodley fuhr in einem Karren nach Hause. So endete mein Landausflug, und man muss zugeben, dass mein Tag an der Grenze zu Surrey, so angenehm er auch war, nicht viel ertragreicher war als der Ihre.“
Der Donnerstag brachte uns einen weiteren Brief unserer Klientin.
Sie werden nicht überrascht sein, Mr. Holmes (schrieb sie), zu hören, dass ich Mr. Carruthers’ Dienste verlasse. Selbst die hohe Bezahlung kann mich nicht mit den Unannehmlichkeiten meiner Situation versöhnen. Am Samstag komme ich in die Stadt, und ich habe nicht die Absicht, zurückzukehren. Mr. Carruthers hat eine Kutsche, und so sind die Gefahren der einsamen Straße, falls es jemals welche gab, nun vorüber. Was den eigentlichen Grund meines Weggangs betrifft, so ist es nicht nur die angespannte Situation mit Mr. Carruthers, sondern das Wiederauftauchen jenes abscheulichen Mannes, Mr. Woodley. Er war schon immer grässlich, aber er sieht jetzt noch entsetzlicher aus, denn er scheint einen Unfall gehabt zu haben und ist stark entstellt. Ich sah ihn aus dem Fenster, aber ich bin froh sagen zu können, dass ich ihm nicht begegnet bin. Er hatte ein langes Gespräch mit Mr. Carruthers, der danach sehr aufgeregt wirkte. Woodley muss sich in der Nachbarschaft aufhalten, denn er hat hier nicht geschlafen, und doch erhaschte ich heute Morgen wieder einen Blick auf ihn, wie er im Gebüsch herumschlich. Ich hätte lieber ein wildes Tier in der Nähe des Hauses. Ich verabscheue und fürchte ihn mehr, als ich sagen kann. Wie kann Mr. Carruthers ein solches Geschöpf einen Moment lang ertragen? Wie dem auch sei, am Samstag sind alle meine Sorgen vorbei.“
„Das hoffe ich, Watson, das hoffe ich“, sagte Holmes ernst. „Es findet eine tiefgreifende Intrige um diese kleine Frau statt, und es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie auf dieser letzten Reise niemand belästigt. Ich denke, Watson, wir müssen uns die Zeit nehmen, am Samstagmorgen gemeinsam hinunterzufahren und sicherzustellen, dass diese merkwürdige und umfassende Untersuchung kein unglückliches Ende nimmt.“
Ich gestehe, dass ich den Fall bis jetzt nicht sehr ernst genommen hatte, da er mir eher grotesk und bizarr als gefährlich erschienen war. Dass ein Mann einer sehr schönen Frau auflauert und ihr folgt, ist kein unerhörtes Ding, und wenn er so wenig Kühnheit besitzt, dass er sie nicht nur nicht anzusprechen wagte, sondern sogar vor ihr floh, war er kein sehr furchterregender Angreifer. Der Rüpel Woodley war eine ganz andere Person, aber außer bei einer Gelegenheit hatte er unsere Klientin nicht belästigt, und nun besuchte er das Haus von Carruthers, ohne ihre Gegenwart zu stören. Der Mann auf dem Fahrrad war zweifellos ein Mitglied jener Wochenendgesellschaften in der Hall, von denen der Wirt gesprochen hatte, aber wer er war oder was er wollte, war so undurchsichtig wie eh und je. Es war die Strenge in Holmes’ Art und die Tatsache, dass er sich einen Revolver in die Tasche steckte, bevor er unsere Zimmer verließ, die mir das Gefühl vermittelten, dass hinter dieser seltsamen Ereigniskette eine Tragödie lauern könnte.
Auf eine regnerische Nacht war ein herrlicher Morgen gefolgt, und die mit Heidekraut bewachsene Landschaft mit den leuchtenden Büscheln des blühenden Ginsters erschien den Augen, die des Brauns, Graus und Schiefergraus von London überdrüssig waren, umso schöner. Holmes und ich gingen die breite, sandige Straße entlang, atmeten die frische Morgenluft ein und erfreuten uns an der Musik der Vögel und dem frischen Hauch des Frühlings. Von einer Anhöhe der Straße an der Flanke des Crooksbury Hill konnten wir die düstere Hall sehen, die sich inmitten der alten Eichen erhob, die, so alt sie auch waren, doch jünger waren als das Gebäude, das sie umgaben. Holmes zeigte auf den langen Streifen der Straße, der sich wie ein rötlich-gelbes Band zwischen dem Braun der Heide und dem sprießenden Grün der Wälder wand. Weit entfernt, ein schwarzer Punkt, konnten wir ein Fahrzeug sehen, das sich in unsere Richtung bewegte. Holmes stieß einen Ausruf der Ungeduld aus.
„Ich habe mir einen Spielraum von einer halben Stunde gegeben“, sagte er. „Wenn das ihre Kutsche ist, muss sie den früheren Zug erreichen wollen. Ich fürchte, Watson, sie wird an Charlington vorbeigekommen sein, bevor wir sie überhaupt treffen können.“
Vom Augenblick an, als wir die Anhöhe passierten, konnten wir das Fahrzeug nicht mehr sehen, aber wir eilten mit einer solchen Geschwindigkeit voran, dass sich mein sesshaftes Leben bemerkbar machte und ich zurückfallen musste. Holmes jedoch war immer in Form, denn er besaß unerschöpfliche Vorräte an nervöser Energie, aus denen er schöpfen konnte. Sein federnder Schritt verlangsamte sich nicht, bis er plötzlich, als er hundert Meter vor mir war, anhielt und ich sah, wie er die Hand mit einer Geste des Kummers und der Verzweiflung in die Höhe warf. Im selben Augenblick erschien ein leerer Dogcart, das Pferd im Galopp, die Zügel schleifend, hinter der Straßenkurve und ratterte schnell auf uns zu.
„Zu spät, Watson, zu spät!“, rief Holmes, als ich keuchend an seine Seite lief. „Narr, der ich war, nicht den früheren Zug einzukalkulieren! Es ist Entführung, Watson – Entführung! Mord! Der Himmel weiß, was! Blockieren Sie die Straße! Stoppen Sie das Pferd! Das ist richtig. Jetzt springen Sie hinein, und lassen Sie uns sehen, ob ich die Folgen meines eigenen Fehlers wiedergutmachen kann.“
Wir waren in den Dogcart gesprungen, und Holmes gab dem Pferd, nachdem er es gewendet hatte, einen scharfen Peitschenhieb, und wir flogen die Straße zurück. Als wir die Kurve nahmen, eröffnete sich der ganze Straßenabschnitt zwischen der Hall und der Heide. Ich ergriff Holmes’ Arm.
„Das ist der Mann!“, keuchte ich.
Ein einsamer Radfahrer kam uns entgegen. Sein Kopf war gesenkt und seine Schultern waren gerundet, während er jede Unze Energie, die er besaß, in die Pedale legte. Er flog wie ein Rennfahrer. Plötzlich hob er sein bärtiges Gesicht, sah uns dicht vor sich und hielt an, wobei er von seiner Maschine sprang. Dieser rabenschwarze Bart stand in einem sonderbaren Kontrast zur Blässe seines Gesichts, und seine Augen waren so hell, als hätte er Fieber. Er starrte uns und den Dogcart an. Dann huschte ein Ausdruck des Erstaunens über sein Gesicht.
„Hallo! Halten Sie an!“, rief er und hielt sein Fahrrad fest, um unseren Weg zu versperren. „Woher haben Sie diesen Dogcart? Halten Sie an, Mann!“, schrie er und zog eine Pistole aus seiner Seitentasche. „Halten Sie an, sage ich, oder beim Kuckuck, ich jage Ihrem Pferd eine Kugel in den Leib.“
Holmes warf mir die Zügel in den Schoß und sprang aus dem Wagen.
„Sie sind der Mann, den wir sprechen wollen. Wo ist Miss Violet Smith?“, sagte er in seiner schnellen, klaren Art.
„Das ist es, was ich Sie frage. Sie sitzen in ihrem Dogcart. Sie müssten wissen, wo sie ist.“
„Wir sind dem Dogcart auf der Straße begegnet. Es war niemand darin. Wir fuhren zurück, um der jungen Dame zu helfen.“
„Gott im Himmel! Gott im Himmel! Was soll ich tun?“, rief der Fremde in einer Ekstase der Verzweiflung. „Sie haben sie, dieser Höllenhund Woodley und der Schurkenpfarrer. Kommen Sie, Mann, kommen Sie, wenn Sie wirklich ihr Freund sind. Stehen Sie mir bei, und wir werden sie retten, selbst wenn ich mein Leben im Charlington Wood lassen muss.“
Er rannte geistesabwesend, die Pistole in der Hand, auf eine Lücke in der Hecke zu. Holmes folgte ihm, und ich, der ich das Pferd neben der Straße grasen ließ, folgte Holmes.
„Hier sind sie durchgekommen“, sagte er und wies auf die Abdrücke mehrerer Füße auf dem schlammigen Pfad. „Hallo! Halten Sie einen Moment! Wer ist das im Gebüsch?“
Es war ein junger Bursche von etwa siebzehn Jahren, gekleidet wie ein Stallknecht, mit Lederhosen und Gamaschen. Er lag auf dem Rücken, die Knie angezogen, eine schreckliche Wunde am Kopf. Er war bewusstlos, aber am Leben. Ein Blick auf seine Wunde verriet mir, dass sie nicht bis auf den Knochen eingedrungen war.
„Das ist Peter, der Stallbursche“, rief der Fremde. „Er hat sie gefahren. Die Bestien haben ihn heruntergezogen und niedergeschlagen. Lassen Sie ihn liegen; wir können ihm nicht helfen, aber wir können sie vor dem schlimmsten Schicksal bewahren, das einer Frau widerfahren kann.“
Wir rannten wie besessen den Pfad hinunter, der sich durch die Bäume wand. Wir hatten das Gebüsch erreicht, das das Haus umgab, als Holmes anhielt.
„Sie sind nicht zum Haus gegangen. Hier sind ihre Spuren auf der linken Seite – hier, neben den Lorbeerbüschen. Ah! Ich habe es doch gesagt.“
Während er sprach, brach ein schriller Schrei einer Frau – ein Schrei, der vor Entsetzen vibrierte – aus dem dichten grünen Gebüsch vor uns hervor. Er endete plötzlich auf dem höchsten Ton mit einem Würgen und Gurgeln.
„Hier lang! Hier lang! Sie sind in der Kegelbahn“, rief der Fremde und stürmte durch das Gebüsch. „Ah, die feigen Hunde! Folgen Sie mir, meine Herren! Zu spät! Zu spät! Beim lebendigen Gott!“
Wir waren plötzlich auf eine schöne Lichtung aus grünem Rasen eingebrochen, die von alten Bäumen umgeben war. Auf der anderen Seite, im Schatten einer mächtigen Eiche, stand eine sonderbare Gruppe von drei Personen. Eine war eine Frau, unsere Klientin, die matt und ohnmächtig war, ein Taschentuch um ihren Mund gebunden. Ihr gegenüber stand ein brutaler, schwerfälliger junger Mann mit rotem Schnurrbart, seine beinigten Beine weit gespreizt, ein Arm in die Hüfte gestemmt, der andere eine Reitgerte schwingend, seine ganze Haltung deutete auf triumphierende Prahlerei hin. Zwischen ihnen hatte ein älterer, grau-bärtiger Mann, der ein kurzes Chorhemd über einem hellen Tweed-Anzug trug, offensichtlich gerade die Hochzeitszeremonie vollzogen, denn er steckte sein Gebetbuch ein, als wir auftauchten, und klopfte dem finsteren Bräutigam jovial auf die Schulter zur Gratulation.
„Sie sind verheiratet!“, keuchte ich.
„Kommen Sie!“, rief unser Führer, „kommen Sie!“ Er stürmte über die Lichtung, Holmes und ich dicht auf seinen Fersen. Als wir uns näherten, schwankte die Dame gegen den Baumstamm, um Halt zu finden. Williamson, der ehemalige Geistliche, verbeugte sich mit gespielter Höflichkeit vor uns, und der Tyrann, Woodley, trat mit einem Schrei von brutalem und triumphierendem Gelächter vor.
„Du kannst deinen Bart abnehmen, Bob“, sagte er. „Ich kenne dich gut genug. Nun, du und deine Kumpane seid gerade rechtzeitig gekommen, damit ich euch Mrs. Woodley vorstellen kann.“
Die Antwort unseres Führers war eine sonderbare. Er riss sich den dunklen Bart herunter, der ihn maskiert hatte, und warf ihn auf den Boden, wobei ein langes, fahles, glatt rasiertes Gesicht zum Vorschein kam. Dann hob er seinen Revolver und zielte auf den jungen Rüpel, der mit seiner gefährlichen Reitgerte in der Hand auf ihn zukam.
„Ja“, sagte unser Verbündeter, „ich bin Bob Carruthers, und ich werde dafür sorgen, dass dieser Frau Gerechtigkeit widerfährt, selbst wenn ich dafür hängen muss. Ich habe dir gesagt, was ich tun würde, wenn du sie belästigst, und, bei Gott! Ich werde mein Wort halten.“
„Du bist zu spät. Sie ist meine Frau.“
„Nein, sie ist deine Witwe.“
Sein Revolver knallte, und ich sah, wie das Blut aus der Vorderseite von Woodleys Weste spritzte. Er drehte sich mit einem Schrei um und fiel auf den Rücken, sein grässliches rotes Gesicht nahm plötzlich eine schreckliche fleckige Blässe an. Der alte Mann, immer noch in seinem Chorhemd, brach in eine Reihe von so unflätigen Flüchen aus, wie ich sie noch nie gehört hatte, und zog einen eigenen Revolver, doch bevor er ihn heben konnte, blickte er in den Lauf von Holmes’ Waffe.
„Genug davon“, sagte mein Freund kalt. „Lassen Sie diese Pistole fallen! Watson, heben Sie sie auf! Halten Sie sie an seinen Kopf. Danke. Sie, Carruthers, geben Sie mir diesen Revolver. Wir wollen keine Gewalt mehr. Kommen Sie, geben Sie ihn her!“
„Wer sind Sie dann?“
„Mein Name ist Sherlock Holmes.“
„Gott im Himmel!“
„Sie haben von mir gehört, wie ich sehe. Ich werde die offizielle Polizei vertreten, bis sie eintrifft.“ Er rief einem verängstigten Stallburschen zu, der am Rand der Lichtung aufgetaucht war: „Kommen Sie her. Nehmen Sie diese Notiz und reiten Sie so schnell Sie können nach Farnham.“ Er kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt aus seinem Notizbuch. „Geben Sie es dem Superintendenten auf der Polizeiwache. Bis er kommt, muss ich Sie alle unter meiner persönlichen Aufsicht festhalten.“
Die starke, herrscherische Persönlichkeit von Holmes beherrschte die tragische Szene, und alle waren gleichermaßen Marionetten in seinen Händen. Williamson und Carruthers sahen sich gezwungen, den verwundeten Woodley ins Haus zu tragen, und ich bot dem verängstigten Mädchen meinen Arm an. Der Verletzte wurde auf sein Bett gelegt, und auf Holmes’ Bitte hin untersuchte ich ihn. Ich erstattete meinen Bericht dort, wo er in dem alten, mit Wandteppichen behängten Speisezimmer mit seinen beiden Gefangenen vor sich saß.
„Er wird leben“, sagte ich.
„Was!“, rief Carruthers und sprang aus seinem Stuhl. „Ich gehe nach oben und mache ihm den Garaus. Wollen Sie mir sagen, dass dieser Engel für den Rest ihres Lebens an den brüllenden Jack Woodley gefesselt sein soll?“
„Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen“, sagte Holmes. „Es gibt zwei sehr gute Gründe, warum sie unter keinen Umständen seine Frau sein sollte. Erstens können wir das Recht von Mr. Williamson, eine Ehe zu schließen, mit Fug und Recht in Zweifel ziehen.“
„Ich bin ordiniert worden“, schrie der alte Schurke.
„Und auch aus dem Priesteramt entlassen.“
„Einmal Geistlicher, immer Geistlicher.“
„Ich denke nicht. Was ist mit der Lizenz?“
„Wir hatten eine Lizenz für die Hochzeit. Ich habe sie hier in meiner Tasche.“
„Dann haben Sie sie durch einen Trick bekommen. Aber in jedem Fall ist eine erzwungene Ehe keine Ehe, sondern ein sehr schweres Verbrechen, wie Sie entdecken werden, bevor Sie fertig sind. Sie werden Zeit haben, über diesen Punkt während der nächsten zehn Jahre oder so nachzudenken, wenn ich mich nicht irre. Was Sie betrifft, Carruthers, Sie hätten besser daran getan, Ihre Pistole in der Tasche zu lassen.“
„Ich fange an, das zu glauben, Mr. Holmes, aber wenn ich an all die Vorsichtsmaßnahmen dachte, die ich getroffen hatte, um dieses Mädchen zu schützen – denn ich liebte sie, Mr. Holmes, und es ist das einzige Mal, dass ich wusste, was Liebe ist –, trieb es mich schier in den Wahnsinn, zu denken, dass sie in der Macht des größten Tieres und Tyrannen Südafrikas war – eines Mannes, dessen Name von Kimberley bis Johannesburg ein heiliger Schrecken ist. Warum, Mr. Holmes, Sie werden es kaum glauben, aber seit das Mädchen in meinen Diensten ist, habe ich sie kein einziges Mal an diesem Haus vorbeigehen lassen, wo ich wusste, dass die Schurken lauerten, ohne ihr auf meinem Fahrrad zu folgen, nur um zu sehen, dass ihr kein Leid geschah. Ich hielt Abstand zu ihr und trug einen Bart, damit sie mich nicht erkannte, denn sie ist ein gutes und lebensfrohes Mädchen, und sie wäre nicht lange in meinen Diensten geblieben, wenn sie gedacht hätte, dass ich ihr auf den Landstraßen hinterherlaufen würde.“
„Warum haben Sie ihr nichts von ihrer Gefahr gesagt?“
„Weil sie mich dann wieder verlassen hätte, und ich konnte es nicht ertragen, dem ins Auge zu sehen. Selbst wenn sie mich nicht lieben konnte, war es mir ein großes Stück, nur ihre zierliche Gestalt im Haus zu sehen und den Klang ihrer Stimme zu hören.“
„Nun“, sagte ich, „Sie nennen das Liebe, Mr. Carruthers, aber ich würde es Selbstsucht nennen.“
„Vielleicht gehören die beiden Dinge zusammen. Jedenfalls konnte ich sie nicht gehen lassen. Außerdem war es bei dieser Meute in der Nähe gut, dass sie jemanden bei sich hatte, der auf sie aufpasste. Als dann das Kabel kam, wusste ich, dass sie gezwungen waren, einen Schritt zu tun.“
„Welches Kabel?“
Carruthers nahm ein Telegramm aus seiner Tasche.
„Das ist es“, sagte er.
Es war kurz und bündig:
Der alte Mann ist tot.
„Hm!“, sagte Holmes. „Ich glaube, ich sehe, wie die Dinge funktionierten, und ich kann verstehen, wie diese Nachricht sie, wie Sie sagen, zum Äußersten treiben würde. Aber während Sie warten, könnten Sie mir erzählen, was Sie können.“
Der alte Schuft im Chorhemd brach in eine Salve von Schimpfwörtern aus.
„Beim Himmel!“, sagte er, „wenn du uns verpfeifst, Bob Carruthers, dann werde ich dich so zurichten, wie du Jack Woodley zugerichtet hast. Du kannst wegen des Mädchens nach Herzenslust blöken, denn das ist deine eigene Angelegenheit, aber wenn du deine Kumpane an diesen Zivilfahnder verrätst, wird das der schlimmste Tag deiner Arbeit, den du je hattest.“
„Eure Hochwürden brauchen sich nicht aufzuregen“, sagte Holmes und zündete sich eine Zigarette an. „Der Fall ist gegen Sie klar genug, und alles, worum ich bitte, sind ein paar Einzelheiten für meine private Neugier. Sollte es Ihnen jedoch schwerfallen, mir diese mitzuteilen, werde ich das Reden übernehmen, und dann werden Sie sehen, wie sehr Sie eine Chance haben, Ihre Geheimnisse für sich zu behalten. Erstens: Drei von Ihnen kamen wegen dieser Sache aus Südafrika – Sie, Williamson, Sie, Carruthers, und Woodley.“
„Lüge Nummer eins“, sagte der alte Mann; „ich habe keinen von beiden bis vor zwei Monaten gesehen, und ich war in meinem Leben noch nie in Afrika, also können Sie sich das in Ihre Pfeife stecken und rauchen, Herr Wichtigtuer Holmes!“
„Was er sagt, ist wahr“, sagte Carruthers.
„Nun gut, zwei von Ihnen sind herübergekommen. Seine Hochwürden sind ein hausgemachtes Produkt. Sie kannten Ralph Smith aus Südafrika. Sie hatten Grund zu der Annahme, dass er nicht mehr lange leben würde. Sie fanden heraus, dass seine Nichte sein Vermögen erben würde. Wie ist das, eh?“
Carruthers nickte und Williamson fluchte.
„Sie war die nächste Verwandte, zweifellos, und Sie wussten, dass der alte Herr kein Testament machen würde.“
„Er konnte weder lesen noch schreiben“, sagte Carruthers.
„Also kamen Sie beide herüber und machten das Mädchen ausfindig. Die Idee war, dass einer von Ihnen sie heiraten und der andere einen Anteil an der Beute bekommen sollte. Aus irgendeinem Grund wurde Woodley als Ehemann ausgewählt. Warum war das so?“
„Wir haben auf der Überfahrt Karten um sie gespielt. Er hat gewonnen.“
„Ich verstehe. Sie haben die junge Dame in Ihren Dienst genommen, und dort sollte Woodley den Hof machen. Sie erkannte das betrunkene Biest, das er war, und wollte nichts von ihm wissen. In der Zwischenzeit wurde Ihre Abmachung dadurch ziemlich durcheinandergebracht, dass Sie sich selbst in die Dame verliebt hatten. Sie konnten den Gedanken nicht mehr ertragen, dass dieser Schurke sie besitzen würde?“
„Nein, beim Himmel, das konnte ich nicht!“
„Es gab einen Streit zwischen Ihnen. Er verließ Sie in Wut und begann, seine eigenen Pläne unabhängig von Ihnen zu schmieden.“
„Mir scheint, Williamson, es gibt nicht viel, was wir diesem Gentleman erzählen können“, rief Carruthers mit einem bitteren Lachen. „Ja, wir haben uns gestritten, und er hat mich niedergeschlagen. Ich bin ihm gegenüber jedenfalls quitt. Dann habe ich ihn aus den Augen verloren. Das war, als er sich mit diesem ausgestoßenen Pfaffen hier zusammentat. Ich fand heraus, dass sie zusammen in diesem Haus an der Strecke eingezogen waren, an der sie für den Weg zum Bahnhof vorbeimusste. Ich habe sie danach im Auge behalten, denn ich wusste, dass da etwas Teuflisches im Gange war. Ich habe sie von Zeit zu Zeit gesehen, denn ich wollte wissen, was sie im Schilde führten. Vor zwei Tagen kam Woodley mit diesem Telegramm zu meinem Haus, das zeigte, dass Ralph Smith tot war. Er fragte mich, ob ich zu der Abmachung stehen würde. Ich sagte, das würde ich nicht. Er fragte mich, ob ich das Mädchen selbst heiraten und ihm einen Anteil geben würde. Ich sagte, das würde ich bereitwillig tun, aber sie würde mich nicht wollen. Er sagte: ‚Lass uns sie zuerst heiraten, und nach ein paar Wochen sieht sie die Dinge vielleicht ein bisschen anders.‘ Ich sagte, ich wolle nichts mit Gewalt zu tun haben. Also ging er fluchend davon, wie der schandmäulige Schurke, der er war, und schwor, dass er sie noch bekommen würde. Sie wollte mich an diesem Wochenende verlassen, und ich hatte einen Wagen besorgt, um sie zum Bahnhof zu bringen, aber ich war so unruhig, dass ich ihr mit dem Fahrrad folgte. Sie hatte allerdings einen Vorsprung, und bevor ich sie einholen konnte, war das Unheil geschehen. Das erste, was ich davon mitbekam, war, als ich Sie beide Herren in ihrem Dogcart zurückfahren sah.“
Holmes stand auf und warf das Ende seiner Zigarette in den Kamin. „Ich war sehr begriffsstutzig, Watson“, sagte er. „Als Sie in Ihrem Bericht sagten, Sie hätten den Radfahrer im Gebüsch, wie Sie glaubten, seine Krawatte richten sehen, hätte mir das allein schon alles sagen müssen. Wie dem auch sei, wir können uns zu einem kuriosen und in mancher Hinsicht einzigartigen Fall beglückwünschen. Ich sehe drei Polizisten der Grafschaft in der Zufahrt, und ich bin froh zu sehen, dass der kleine Stallbursche in der Lage ist, mit ihnen Schritt zu halten, sodass es wahrscheinlich ist, dass weder er noch der interessante Bräutigam dauerhaften Schaden von ihren morgendlichen Abenteuern davontragen werden. Ich denke, Watson, dass Sie in Ihrer medizinischen Funktion zu Miss Smith gehen und ihr sagen könnten, dass wir uns freuen würden, sie zum Haus ihrer Mutter zu eskortieren, falls sie sich ausreichend erholt hat. Falls sie noch nicht ganz genesen ist, werden Sie feststellen, dass ein Hinweis darauf, dass wir im Begriff wären, ein Telegramm an einen jungen Elektriker in den Midlands zu schicken, die Heilung wahrscheinlich vollenden würde. Was Sie betrifft, Mr. Carruthers, so denke ich, dass Sie getan haben, was Sie konnten, um Ihren Anteil an einem bösen Komplott wiedergutzumachen. Hier ist meine Karte, mein Herr, und falls meine Aussage in Ihrem Prozess von Nutzen sein kann, steht sie Ihnen zur Verfügung.“
Im Wirbel unserer rastlosen Aktivität ist es mir oft schwergefallen, wie der Leser wahrscheinlich bemerkt hat, meine Erzählungen abzurunden und jene letzten Einzelheiten zu liefern, die der Neugierige erwarten mag. Jeder Fall war das Vorspiel zu einem anderen, und sobald die Krise vorüber war, verschwanden die Akteure für immer aus unserem geschäftigen Leben. Ich finde jedoch eine kurze Notiz am Ende meines Manuskripts zu diesem Fall, in der ich festhielt, dass Miss Violet Smith tatsächlich ein großes Vermögen erbte und nun die Ehefrau von Cyril Morton ist, dem Seniorpartner von Morton & Kennedy, den berühmten Elektrikern aus Westminster. Williamson und Woodley wurden beide wegen Entführung und Körperverletzung vor Gericht gestellt, wobei Ersterer sieben Jahre und Letzterer zehn Jahre erhielt. Über das Schicksal von Carruthers habe ich keine Aufzeichnung, aber ich bin sicher, dass sein Übergriff vom Gericht nicht sehr schwerwiegend betrachtet wurde, da Woodley den Ruf eines höchst gefährlichen Schurken hatte, und ich glaube, dass ein paar Monate ausreichten, um den Anforderungen der Gerechtigkeit Genüge zu tun.
DAS ABENTEUER DER PRIORY SCHOOL
Wir haben einige dramatische Auftritte und Abgänge auf unserer kleinen Bühne in der Baker Street erlebt, aber ich kann mich an nichts Plötzliches und Erschütternderes erinnern als das erste Erscheinen von Thorneycroft Huxtable, M.A., Ph.D. usw. Seine Karte, die zu klein schien, um das Gewicht seiner akademischen Auszeichnungen zu tragen, ging ihm um ein paar Sekunden voraus, und dann trat er selbst ein – so groß, so pompös und so würdevoll, dass er die pure Verkörperung von Selbstbeherrschung und Festigkeit war. Und doch war seine erste Handlung, als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, gegen den Tisch zu taumeln, von wo er auf den Boden glitt, und da lag diese majestätische Gestalt ausgestreckt und bewusstlos auf unserem Bärenfell-Vorleger vor dem Kamin.
Wir waren aufgesprungen, und für einige Augenblicke starrten wir in stummem Erstaunen auf dieses gewichtige Stück Wrackgut, das von einem plötzlichen und verhängnisvollen Sturm weit draußen auf dem Ozean des Lebens zeugte. Dann eilte Holmes mit einem Kissen für seinen Kopf herbei und ich mit Brandy für seine Lippen. Das schwere, weiße Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen, die hängenden Tränensäcke unter den geschlossenen Augen waren von bleierner Farbe, der schlaffe Mund hing kläglich an den Mundwinkeln herab, die wulstigen Kinne waren unrasiert. Kragen und Hemd trugen den Schmutz einer langen Reise, und das Haar sträubte sich ungekämmt von dem wohlgeformten Kopf. Es war ein schwer gezeichneter Mann, der vor uns lag.
„Was ist es, Watson?“, fragte Holmes.
„Absolute Erschöpfung – möglicherweise bloßer Hunger und Ermüdung“, sagte ich, während mein Finger auf dem fadenförmigen Puls lag, wo der Lebensstrom dünn und schwach rann.
„Rückfahrkarte von Mackleton, im Norden Englands“, sagte Holmes und zog sie aus der Uhrtasche. „Es ist noch nicht zwölf Uhr. Er ist sicherlich ein Frühaufsteher gewesen.“
Die zusammengekniffenen Augenlider hatten begonnen zu zucken, und nun blickte uns ein Paar leerer grauer Augen an. Einen Augenblick später hatte sich der Mann auf die Füße gekämpft, sein Gesicht purpurrot vor Scham.
„Verzeihen Sie diese Schwäche, Mr. Holmes, ich war ein wenig überanstrengt. Danke, wenn ich ein Glas Milch und einen Keks haben könnte, habe ich keinen Zweifel, dass es mir besser gehen würde. Ich kam persönlich, Mr. Holmes, um sicherzustellen, dass Sie mit mir zurückkehren. Ich fürchtete, dass kein Telegramm Sie von der absoluten Dringlichkeit des Falles überzeugen würde.“
„Wenn Sie wieder ganz hergestellt sind——“
„Ich bin wieder ganz wohlauf. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich so schwach werden konnte. Ich möchte, dass Sie, Mr. Holmes, mit dem nächsten Zug mit mir nach Mackleton kommen.“
Mein Freund schüttelte den Kopf.
„Mein Kollege, Dr. Watson, könnte Ihnen sagen, dass wir derzeit sehr beschäftigt sind. Ich bin in diesem Fall der Ferrers-Dokumente verpflichtet, und der Mord von Abergavenny kommt vor Gericht. Nur eine sehr wichtige Angelegenheit könnte mich derzeit von London wegrufen.“
„Wichtig!“ Unser Besucher warf die Hände in die Höhe. „Haben Sie nichts von der Entführung des einzigen Sohnes des Herzogs von Holdernesse gehört?“
„Was! Der verstorbene Kabinettsminister?“
„Genau. Wir hatten versucht, es aus den Zeitungen herauszuhalten, aber gestern Abend gab es ein Gerücht im Globe. Ich dachte, es könnte Ihre Ohren erreicht haben.“
Holmes schoss seinen langen, dünnen Arm hervor und holte Band „H“ aus seinem Nachschlagewerk-Lexikon.
„‚Holdernesse, 6. Herzog, K.G., P.C.‘ – das halbe Alphabet! ‚Baron Beverley, Earl of Carston‘ – meine Güte, was für eine Liste! ‚Lord Lieutenant von Hallamshire seit 1900. Verheiratet mit Edith, Tochter von Sir Charles Appledore, 1888. Erbe und einziges Kind, Lord Saltire. Besitzt etwa zweihundertfünfzigtausend Morgen. Bodenschätze in Lancashire und Wales. Adresse: Carlton House Terrace; Holdernesse Hall, Hallamshire; Carston Castle, Bangor, Wales. Lord der Admiralität, 1872; Chefsekretär des Staates für——‘ Nun, nun, dieser Mann ist sicherlich einer der größten Untertanen der Krone!“
„Der größte und vielleicht der wohlhabendste. Ich weiß, Mr. Holmes, dass Sie in professionellen Dingen eine sehr hohe Linie verfolgen und dass Sie bereit sind, für die Arbeit an sich zu arbeiten. Ich kann Ihnen jedoch sagen, dass seine Gnaden bereits angedeutet haben, dass ein Scheck über fünftausend Pfund an die Person übergeben wird, die ihm sagen kann, wo sein Sohn ist, und weitere tausend an denjenigen, der den Mann oder die Männer nennen kann, die ihn mitgenommen haben.“
„Es ist ein fürstliches Angebot“, sagte Holmes. „Watson, ich glaube, wir werden Dr. Huxtable zurück in den Norden Englands begleiten. Und nun, Dr. Huxtable, wenn Sie diese Milch verzehrt haben, werden Sie mir freundlicherweise erzählen, was passiert ist, wann es passiert ist, wie es passiert ist und schließlich, was Dr. Thorneycroft Huxtable von der Priory School bei Mackleton mit der Angelegenheit zu tun hat und warum er drei Tage nach einem Ereignis – der Zustand Ihres Kinns verrät das Datum – kommt, um meine bescheidenen Dienste zu erbitten.“
Unser Besucher hatte seine Milch und Kekse verzehrt. Das Licht war in seine Augen zurückgekehrt und die Farbe in seine Wangen, als er sich mit großer Energie und Klarheit daran machte, die Situation zu erklären.
„Ich muss Sie informieren, meine Herren, dass die Priory eine Vorbereitungsschule ist, deren Gründer und Schulleiter ich bin. *Huxtables Sidelights on Horace* erinnert Sie vielleicht an meinen Namen. Die Priory ist ausnahmslos die beste und exklusivste Vorbereitungsschule in England. Lord Leverstoke, der Earl of Blackwater, Sir Cathcart Soames – sie alle haben mir ihre Söhne anvertraut. Aber ich fühlte, dass meine Schule ihren Zenit erreicht hatte, als vor Wochen der Herzog von Holdernesse Mr. James Wilder, seinen Sekretär, mit der Mitteilung schickte, dass der junge Lord Saltire, zehn Jahre alt, sein einziger Sohn und Erbe, meiner Obhut übergeben werden sollte. Ich ahnte nicht, dass dies das Vorspiel zu dem niederschmetterndsten Unglück meines Lebens sein würde.“
„Am 1. Mai kam der Junge an, da dies der Beginn des Sommersemesters war. Er war ein bezaubernder Jüngling, und er gewöhnte sich bald an unsere Gepflogenheiten. Ich darf Ihnen sagen – ich hoffe, ich bin nicht indiskret, aber halbe Geheimnisse sind in einem solchen Fall absurd –, dass er zu Hause nicht ganz glücklich war. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Eheleben des Herzogs kein friedliches war, und die Angelegenheit endete in einer Trennung im gegenseitigen Einvernehmen, wobei die Herzogin ihren Wohnsitz im Süden Frankreichs nahm. Dies war kurz zuvor geschehen, und das Mitgefühl des Jungen war bekanntlich stark bei seiner Mutter. Er trübsinnte nach ihrem Weggang aus Holdernesse Hall, und das war der Grund, warum der Herzog wünschte, ihn in meine Einrichtung zu schicken. Nach vierzehn Tagen war der Junge ganz bei uns eingelebt und war offenbar vollkommen glücklich.“
„Er wurde zuletzt in der Nacht des 13. Mai gesehen – das ist die Nacht des letzten Montags. Sein Zimmer befand sich im zweiten Stock und war durch ein anderes, größeres Zimmer erreichbar, in dem zwei Jungen schliefen. Diese Jungen sahen und hörten nichts, sodass es sicher ist, dass der junge Saltire nicht auf diesem Weg hinausgegangen ist. Sein Fenster war offen, und es gibt eine kräftige Efeupflanze, die zum Boden führt. Wir konnten unten keine Fußabdrücke finden, aber es ist sicher, dass dies der einzig mögliche Ausgang ist.“
„Sein Fehlen wurde am Dienstag um sieben Uhr morgens entdeckt. Sein Bett war benutzt worden. Er hatte sich vollständig angezogen, bevor er wegging, in seinen üblichen Schulanzug aus schwarzer Eton-Jacke und dunkelgrauer Hose. Es gab keine Anzeichen dafür, dass jemand das Zimmer betreten hatte, und es ist ziemlich sicher, dass etwas in der Art von Schreien oder einem Kampf zu hören gewesen wäre, da Caunter, der ältere Junge im inneren Zimmer, einen sehr leichten Schlaf hat.“
„Als das Verschwinden von Lord Saltire entdeckt wurde, rief ich sofort die gesamte Anstalt zum Appell – Jungen, Lehrer und Bedienstete. Da stellten wir fest, dass Lord Saltire auf seiner Flucht nicht allein gewesen war. Heidegger, der Deutschlehrer, fehlte. Sein Zimmer lag im zweiten Stock, am anderen Ende des Gebäudes, und blickte in die gleiche Richtung wie das von Lord Saltire. Sein Bett war ebenfalls benutzt worden, aber er war offenbar teilweise angezogen weggegangen, da Hemd und Socken auf dem Boden lagen. Er war zweifellos am Efeu hinuntergeklettert, denn wir konnten die Spuren seiner Füße sehen, wo er auf dem Rasen gelandet war. Sein Fahrrad wurde in einem kleinen Schuppen neben diesem Rasen aufbewahrt, und auch das war weg.“
„Er war zwei Jahre bei mir und kam mit den besten Empfehlungen, aber er war ein stiller, mürrischer Mann, der weder bei Lehrern noch bei Jungen sehr beliebt war. Von den Flüchtigen fehlte jede Spur, und jetzt, am Donnerstagmorgen, sind wir genauso unwissend wie am Dienstag. Natürlich wurde sofort bei Holdernesse Hall nachgefragt. Es ist nur wenige Meilen entfernt, und wir stellten uns vor, dass er in einem plötzlichen Anfall von Heimweh zu seinem Vater zurückgekehrt sei, aber dort war nichts von ihm gehört worden. Der Herzog ist sehr erregt, und was mich betrifft, so haben Sie selbst den Zustand nervlicher Erschöpfung gesehen, zu dem mich die Ungewissheit und die Verantwortung gebracht haben. Mr. Holmes, wenn Sie jemals Ihre vollen Kräfte einsetzen, beschwöre ich Sie, tun Sie es jetzt, denn niemals in Ihrem Leben könnten Sie einen Fall haben, der sie mehr verdient.“
Sherlock Holmes hatte den Ausführungen des unglücklichen Schulleiters mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört. Seine zusammengezogenen Brauen und die tiefe Furche dazwischen zeigten, dass er keiner Ermahnung bedurfte, um seine ganze Aufmerksamkeit auf ein Problem zu konzentrieren, das, abgesehen von den enormen Interessen, die auf dem Spiel standen, seine Liebe zum Komplexen und Ungewöhnlichen so direkt ansprechen musste. Er zog nun sein Notizbuch heraus und notierte ein oder zwei Memos.
„Sie waren sehr nachlässig, nicht früher zu mir zu kommen“, sagte er streng. „Sie lassen mich meine Untersuchung mit einem sehr ernsten Handicap beginnen. Es ist zum Beispiel unvorstellbar, dass dieser Efeu und dieser Rasen einem sachkundigen Beobachter nichts geliefert hätten.“
„Ich bin nicht zu tadeln, Mr. Holmes. Seine Gnaden war äußerst bestrebt, jeden öffentlichen Skandal zu vermeiden. Er hatte Angst davor, dass sein Familienunglück vor die Welt gezerrt würde. Er hat einen tiefen Abscheu vor allem, was in diese Richtung geht.“
„Aber es gab doch eine offizielle Untersuchung?“
„Ja, mein Herr, und sie hat sich als höchst enttäuschend erwiesen. Ein scheinbarer Hinweis wurde sofort erlangt, da berichtet wurde, dass ein Junge und ein junger Mann einen benachbarten Bahnhof mit einem frühen Zug verlassen hätten. Erst gestern Abend erhielten wir die Nachricht, dass das Paar in Liverpool aufgespürt worden war, und sie erwiesen sich als völlig unbeteiligt an der Angelegenheit. Dann war es so, dass ich in meiner Verzweiflung und Enttäuschung, nach einer schlaflosen Nacht, mit dem frühen Zug direkt zu Ihnen kam.“
„Ich nehme an, die örtliche Untersuchung wurde gelockert, während dieser falschen Spur nachgegangen wurde?“
„Sie wurde vollständig eingestellt.“
„Sodass drei Tage verschwendet wurden. Die Angelegenheit wurde äußerst bedauerlich gehandhabt.“
„Ich fühle es und gebe es zu.“
„Und doch sollte das Problem einer endgültigen Lösung fähig sein. Ich werde mich sehr gerne damit befassen. Konnten Sie eine Verbindung zwischen dem verschwundenen Jungen und diesem Deutschlehrer feststellen?“
„Überhaupt keine.“
„War er in der Klasse des Lehrers?“
„Nein, er hat, soweit ich weiß, nie ein Wort mit ihm gewechselt.“
„Das ist sicherlich sehr eigenartig. Hatte der Junge ein Fahrrad?“
„Nein.“
„War ein anderes Fahrrad verschwunden?“
„Nein.“
„Ist das sicher?“
„Durchaus.“
„Nun, Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, dass dieser Deutsche mitten in der Nacht auf einem Fahrrad davonfuhr und den Jungen in den Armen hielt?“
„Sicherlich nicht.“
„Was ist dann die Theorie in Ihrem Kopf?“
„Das Fahrrad könnte eine Täuschung gewesen sein. Es könnte irgendwo versteckt worden sein, und das Paar ist zu Fuß davongegangen.“
„Durchaus, aber es scheint eine ziemlich absurde Täuschung, nicht wahr? Gab es weitere Fahrräder in diesem Schuppen?“
„Mehrere.“
„Hätte er nicht ein paar verstecken sollen, wenn er den Eindruck erwecken wollte, dass sie auf ihnen davongefahren wären?“
„Ich nehme an, das hätte er getan.“
„Natürlich hätte er das. Die Täuschungstheorie funktioniert nicht. Aber der Vorfall ist ein bewundernswerter Ausgangspunkt für eine Untersuchung. Schließlich ist ein Fahrrad keine einfache Sache, die man verbergen oder zerstören kann. Eine weitere Frage. Hat am Tag vor seinem Verschwinden jemand angerufen, um den Jungen zu sehen?“
„Nein.“
„Hat er irgendwelche Briefe erhalten?“
„Ja, einen Brief.“
„Von wem?“
„Von seinem Vater.“
„Öffnen Sie die Briefe der Jungen?“
„Nein.“
„Woher wissen Sie, dass er vom Vater war?“
„Das Wappen war auf dem Umschlag, und er war in der eigentümlichen, steifen Handschrift des Herzogs adressiert. Außerdem erinnert sich der Herzog daran, geschrieben zu haben.“
„Wann hatte er davor einen Brief?“
„Nicht seit mehreren Tagen.“
„Hatte er jemals einen aus Frankreich?“
„Nein, niemals.“
„Sie sehen natürlich den Punkt meiner Fragen. Entweder wurde der Junge mit Gewalt entführt oder er ging aus eigenem Willen. Im letzteren Fall würden Sie erwarten, dass eine Aufforderung von außen nötig wäre, um einen so jungen Burschen dazu zu bringen, so etwas zu tun. Wenn er keine Besucher hatte, muss diese Aufforderung in Briefen gekommen sein; daher versuche ich herauszufinden, wer seine Korrespondenten waren.“
„Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht viel helfen. Sein einziger Korrespondent war, soweit ich weiß, sein eigener Vater.“
„Der ihm genau an dem Tag seines Verschwindens schrieb. Waren die Beziehungen zwischen Vater und Sohn sehr freundschaftlich?“
„Seine Gnaden ist nie sehr freundschaftlich mit irgendjemandem. Er ist völlig in große öffentliche Fragen vertieft und für alle gewöhnlichen Emotionen eher unzugänglich. Aber er war immer auf seine Art freundlich zu dem Jungen.“
„Aber das Mitgefühl des Letzteren galt der Mutter?“
„Ja.“
„Hat er das gesagt?“
„Nein.“
„Der Herzog dann?“
„Guter Himmel, nein!“
„Wie konnten Sie es dann wissen?“
„Ich hatte einige vertrauliche Gespräche mit Mr. James Wilder, dem Sekretär seiner Gnaden. Er war es, der mir die Informationen über die Gefühle von Lord Saltire gab.“
„Ich verstehe. Übrigens, dieser letzte Brief des Herzogs – wurde er nach seinem Verschwinden im Zimmer des Jungen gefunden?“
„Nein, er hatte ihn mitgenommen. Ich denke, Mr. Holmes, es ist Zeit, dass wir nach Euston aufbrechen.“
„Ich werde eine Droschke bestellen. In einer Viertelstunde stehen wir zu Ihren Diensten. Falls Sie nach Hause telegraphieren, Mr. Huxtable, wäre es ratsam, die Leute in Ihrer Nachbarschaft in dem Glauben zu lassen, dass die Untersuchung noch immer in Liverpool stattfindet oder wo auch immer dieser falsche Fährte Ihre Meute hingeführt hat. In der Zwischenzeit werde ich ein wenig diskrete Arbeit vor Ihrer eigenen Haustür leisten, und vielleicht ist die Spur noch nicht so kalt, dass zwei alte Spürhunde wie Watson und ich nicht doch noch Witterung aufnehmen können.“
Jener Abend führte uns in die kalte, belebende Atmosphäre des Peak-Distrikts, in dem Dr. Huxtables berühmte Schule liegt. Es war bereits dunkel, als wir sie erreichten. Auf dem Tisch im Flur lag eine Visitenkarte, und der Butler flüsterte seinem Herrn etwas zu, der sich mit Unruhe in jedem schweren Gesichtszug an uns wandte.
„Der Herzog ist hier“, sagte er. „Der Herzog und Mr. Wilder sind im Arbeitszimmer. Kommen Sie, meine Herren, ich werde Sie vorstellen.“
Ich war natürlich mit den Bildern des berühmten Staatsmannes vertraut, doch der Mann selbst unterschied sich sehr von seiner Darstellung. Er war eine hochgewachsene und stattliche Person, sorgfältig gekleidet, mit einem eingefallenen, dünnen Gesicht und einer Nase, die grotesk gekrümmt und lang war. Sein Teint war von einer toten Blässe, die im Kontrast zu einem langen, schmaler werdenden Bart von lebhaftem Rot, der über seine weiße Weste floss und durch dessen Fransen seine Uhrkette schimmerte, umso auffälliger wirkte. Solch eine stattliche Erscheinung war es, die uns steif von der Mitte von Dr. Huxtables Kaminsims aus betrachtete. Neben ihm stand ein sehr junger Mann, den ich als Wilder, den Privatsekretär, identifizierte. Er war klein, nervös, wachsam mit intelligenten, hellblauen Augen und beweglichen Gesichtszügen. Er war es, der sofort in einem scharfen und bestimmten Ton das Gespräch eröffnete.
„Ich kam heute Morgen, Dr. Huxtable, zu spät, um Sie an der Abreise nach London zu hindern. Ich erfuhr, dass es Ihr Ziel war, Mr. Sherlock Holmes mit der Führung dieses Falles zu beauftragen. Seine Gnaden sind überrascht, Dr. Huxtable, dass Sie einen solchen Schritt unternommen haben, ohne ihn zu konsultieren.“
„Als ich erfuhr, dass die Polizei versagt hatte...“
„Seine Gnaden sind keineswegs davon überzeugt, dass die Polizei versagt hat.“
„Aber gewiss doch, Mr. Wilder...“
„Sie wissen sehr wohl, Dr. Huxtable, dass es seiner Gnaden ein besonderes Anliegen ist, jeden öffentlichen Skandal zu vermeiden. Er zieht es vor, so wenige Menschen wie möglich in sein Vertrauen zu ziehen.“
„Die Angelegenheit lässt sich leicht beheben“, sagte der eingeschüchterte Doktor; „Mr. Sherlock Holmes kann mit dem Morgenzug nach London zurückkehren.“
„Wohl kaum, Doktor, wohl kaum“, sagte Holmes mit seiner sanftesten Stimme. „Diese nördliche Luft ist belebend und angenehm, daher schlage ich vor, ein paar Tage in Ihren Moorlandschaften zu verbringen und meinen Geist so gut wie möglich zu beschäftigen. Ob ich den Schutz Ihres Daches oder den des Gasthauses im Dorf genieße, bleibt natürlich Ihnen überlassen.“
Ich konnte sehen, dass der unglückliche Doktor sich im letzten Stadium der Unentschlossenheit befand, aus dem er durch die tiefe, sonore Stimme des rotbärtigen Herzogs errettet wurde, die wie ein Gong zum Abendessen ertönte.
„Ich stimme Mr. Wilder zu, Dr. Huxtable, dass Sie klug daran getan hätten, mich zu konsultieren. Doch da Mr. Holmes bereits in Ihr Vertrauen gezogen wurde, wäre es in der Tat widersinnig, wenn wir seine Dienste nicht in Anspruch nähmen. Weit davon entfernt, ins Gasthaus zu gehen, Mr. Holmes, würde es mich freuen, wenn Sie zu mir nach Holdernesse Hall kämen.“
„Ich danke Eurer Gnaden. Für die Zwecke meiner Untersuchung halte ich es für klüger, am Ort des Rätsels zu verbleiben.“
„Ganz wie Sie wünschen, Mr. Holmes. Jede Information, die Mr. Wilder oder ich Ihnen geben können, steht Ihnen natürlich zur Verfügung.“
„Es wird wahrscheinlich notwendig sein, dass ich Sie in der Hall aufsuche“, sagte Holmes. „Ich möchte Sie jetzt nur fragen, mein Herr, ob Sie sich in Ihrem eigenen Geist bereits eine Erklärung für das geheimnisvolle Verschwinden Ihres Sohnes zurechtgelegt haben?“
„Nein, mein Herr, das habe ich nicht.“
„Verzeihen Sie, wenn ich auf etwas anspiele, das für Sie schmerzhaft ist, aber ich habe keine andere Wahl. Glauben Sie, dass die Herzogin etwas mit der Sache zu tun hat?“
Der große Staatsmann zeigte merkliches Zögern.
„Ich glaube es nicht“, sagte er schließlich.
„Die andere naheliegende Erklärung ist, dass das Kind entführt wurde, um Lösegeld zu erpressen. Haben Sie keine derartige Forderung erhalten?“
„Nein, mein Herr.“
„Noch eine Frage, Eurer Gnaden. Ich nehme an, dass Sie Ihrem Sohn an dem Tag schrieben, als dieser Vorfall geschah.“
„Nein, ich schrieb am Tag zuvor.“
„Genau. Aber er erhielt ihn an jenem Tag?“
„Ja.“
„War in Ihrem Brief etwas enthalten, das ihn aus dem Gleichgewicht hätte bringen oder ihn zu einem solchen Schritt veranlassen können?“
„Nein, mein Herr, gewiss nicht.“
„Haben Sie diesen Brief selbst zur Post gegeben?“
Die Antwort des Adligen wurde von seinem Sekretär unterbrochen, der etwas erhitzt dazwischenfuhr.
„Seine Gnaden haben nicht die Gewohnheit, Briefe selbst aufzugeben“, sagte er. „Dieser Brief wurde zusammen mit anderen auf den Schreibtisch gelegt, und ich persönlich habe sie in den Postsack gesteckt.“
„Sie sind sicher, dass dieser darunter war?“
„Ja, ich habe es bemerkt.“
„Wie viele Briefe haben Eurer Gnaden an jenem Tag geschrieben?“
„Zwanzig oder dreißig. Ich habe eine umfangreiche Korrespondenz. Aber ist das nicht einigermaßen irrelevant?“
„Nicht gänzlich“, sagte Holmes.
„Was mich betrifft“, fuhr der Herzog fort, „so habe ich der Polizei geraten, ihre Aufmerksamkeit auf Südfrankreich zu richten. Ich habe bereits gesagt, dass ich nicht glaube, dass die Herzogin eine solch monströse Tat unterstützen würde, aber der Junge hatte die verkehrtesten Ansichten, und es ist möglich, dass er zu ihr geflohen ist, unterstützt und angestiftet von diesem Deutschen. Ich glaube, Dr. Huxtable, dass wir nun zur Hall zurückkehren werden.“
Ich konnte sehen, dass es noch andere Fragen gab, die Holmes gerne gestellt hätte, doch die schroffe Art des Adligen zeigte, dass das Gespräch beendet war. Es war offensichtlich, dass ihm als zutiefst aristokratischem Wesen diese Diskussion über seine intimen Familienangelegenheiten mit einem Fremden zutiefst zuwider war und dass er fürchtete, jede weitere Frage könnte ein grelleres Licht in die diskret beschatteten Winkel seiner herzoglichen Geschichte werfen.
Als der Adlige und sein Sekretär gegangen waren, stürzte sich mein Freund mit charakteristischem Eifer sofort in die Untersuchung.
Das Zimmer des Jungen wurde sorgfältig untersucht und ergab nichts als die absolute Gewissheit, dass er nur durch das Fenster entkommen konnte. Das Zimmer und die Hinterlassenschaften des deutschen Lehrers lieferten keinen weiteren Hinweis. In seinem Fall war ein Efeuzweig unter seinem Gewicht nachgegeben, und wir sahen im Licht einer Laterne die Spur auf dem Rasen, wo seine Fersen aufgesetzt hatten. Diese eine Delle im kurzen, grünen Gras war der einzige materielle Zeuge, der von dieser unerklärlichen nächtlichen Flucht übrig geblieben war.
Sherlock Holmes verließ das Haus allein und kehrte erst nach elf Uhr zurück. Er hatte eine große Landkarte der Umgebung besorgt, die er in mein Zimmer brachte, wo er sie auf dem Bett ausbreitete und, nachdem er die Lampe in ihrer Mitte ausbalanciert hatte, begann, darüber zu rauchen und gelegentlich mit dem beißend riechenden Bernstein seiner Pfeife auf interessante Objekte zu deuten.
„Dieser Fall wächst mir ans Herz, Watson“, sagte er. „Es gibt definitiv einige interessante Punkte in Verbindung damit. In diesem frühen Stadium möchte ich, dass Sie sich jene geografischen Merkmale vergegenwärtigen, die viel mit unserer Untersuchung zu tun haben könnten.“
„Schauen Sie sich diese Karte an. Dieses dunkle Quadrat ist die Priory School. Ich werde eine Nadel hineinstecken. Nun, diese Linie ist die Hauptstraße. Sie sehen, dass sie östlich und westlich an der Schule vorbeiführt, und Sie sehen auch, dass es eine Meile in beide Richtungen keine Seitenstraße gibt. Wenn diese beiden Leute auf dem Straßenweg verschwunden sind, dann war es diese Straße.“
„Genau.“
„Durch einen sonderbaren und glücklichen Zufall sind wir in der Lage, in gewissem Maße zu überprüfen, was in der fraglichen Nacht auf dieser Straße geschah. An diesem Punkt, wo meine Pfeife jetzt ruht, war ein Polizeibeamter der Grafschaft von zwölf bis sechs Uhr im Dienst. Es ist, wie Sie bemerken, die erste Kreuzung auf der Ostseite. Dieser Mann erklärt, dass er seinen Posten nicht einen Augenblick verlassen hat, und er ist sich sicher, dass weder Junge noch Mann diesen Weg unbemerkt hätten nehmen können. Ich habe heute Abend mit diesem Polizisten gesprochen, und er erscheint mir als eine absolut zuverlässige Person. Das blockiert dieses Ende. Wir müssen uns nun mit dem anderen befassen. Es gibt hier ein Gasthaus, den Red Bull, dessen Wirtin krank war. Sie hatte nach Mackleton nach einem Arzt geschickt, aber er kam erst am Morgen an, da er bei einem anderen Fall abwesend war. Die Leute im Gasthaus waren die ganze Nacht wach und warteten auf sein Kommen, und einer oder der andere von ihnen scheint die Straße ständig im Auge behalten zu haben. Sie erklären, dass niemand vorbeigekommen sei. Wenn ihre Aussage stichhaltig ist, dann haben wir das Glück, den Westen blockieren zu können und auch sagen zu können, dass die Flüchtlinge die Straße überhaupt nicht benutzt haben.“
„Aber das Fahrrad?“, wandte ich ein.
„Ganz recht. Auf das Fahrrad kommen wir gleich zu sprechen. Um unsere Schlussfolgerung fortzusetzen: Wenn diese Leute nicht die Straße entlanggegangen sind, müssen sie das Land nördlich oder südlich des Hauses durchquert haben. Das ist sicher. Lassen Sie uns das eine gegen das andere abwägen. Südlich des Hauses befindet sich, wie Sie bemerken, ein großes Gebiet mit Ackerland, das in kleine Felder unterteilt ist, mit Steinmauern dazwischen. Da, das gebe ich zu, ist ein Fahrrad unmöglich. Wir können den Gedanken verwerfen. Wir wenden uns dem Land im Norden zu. Hier liegt ein Hain von Bäumen, markiert als ‚Ragged Shaw‘, und auf der anderen Seite erstreckt sich ein großes, hügeliges Moor, das Lower Gill Moor, das sich über zehn Meilen erstreckt und allmählich ansteigt. Hier, an einer Seite dieser Wildnis, liegt Holdernesse Hall, zehn Meilen auf der Straße, aber nur sechs über das Moor. Es ist eine besonders öde Ebene. Ein paar Moorlandbauern haben kleine Betriebe, wo sie Schafe und Rinder halten. Abgesehen von diesen sind der Goldregenpfeifer und der Brachvogel die einzigen Bewohner, bis man zur Chesterfield-Hauptstraße kommt. Dort ist eine Kirche, sehen Sie, ein paar Hütten und ein Gasthaus. Jenseits davon werden die Hügel steil. Sicherlich ist es hier im Norden, wo unsere Suche liegen muss.“
„Aber das Fahrrad?“, beharrte ich.
„Nun, nun!“, sagte Holmes ungeduldig. „Ein guter Radfahrer braucht keine Hauptstraße. Das Moor ist von Pfaden durchzogen, und der Mond stand voll. Hallo! Was ist das?“
Es gab ein erregtes Klopfen an der Tür, und einen Augenblick später war Dr. Huxtable im Zimmer. In seiner Hand hielt er eine blaue Cricket-Mütze mit einem weißen Winkel auf dem Schild.
„Endlich haben wir einen Hinweis!“, rief er. „Gott sei Dank! Endlich sind wir auf der Spur des lieben Jungen! Es ist seine Mütze.“
„Wo wurde sie gefunden?“
„Im Wagen der Zigeuner, die im Moor lagerten. Sie reisten am Dienstag ab. Heute hat die Polizei sie aufgespürt und ihren Wohnwagen durchsucht. Dies wurde gefunden.“
„Wie erklären sie das?“
„Sie drucksten herum und logen – sagten, sie hätten sie am Dienstagmorgen im Moor gefunden. Sie wissen, wo er ist, die Schurken! Gott sei Dank sind sie alle sicher unter Schloss und Riegel. Entweder die Angst vor dem Gesetz oder der Geldbeutel des Herzogs wird ihnen sicherlich alles entlocken, was sie wissen.“
„Soweit so gut“, sagte Holmes, als der Doktor endlich das Zimmer verlassen hatte. „Es stützt zumindest die Theorie, dass wir auf der Seite des Lower Gill Moors auf Ergebnisse hoffen müssen. Die Polizei hat vor Ort eigentlich nichts getan, außer der Verhaftung dieser Zigeuner. Sehen Sie hier, Watson! Es gibt einen Wasserlauf durch das Moor. Sie sehen ihn hier auf der Karte markiert. In einigen Teilen weitet er sich zu einem Sumpf aus. Dies ist besonders in der Region zwischen Holdernesse Hall und der Schule der Fall. Es ist zwecklos, bei diesem trockenen Wetter anderswo nach Spuren zu suchen, aber an dieser Stelle gibt es sicherlich eine Chance, dass irgendein Anhaltspunkt hinterlassen wurde. Ich werde Sie morgen früh früh wecken, und Sie und ich werden versuchen, ob wir ein wenig Licht in das Geheimnis bringen können.“
Der Tag brach gerade an, als ich erwachte und die lange, dünne Gestalt von Holmes an meinem Bett fand. Er war vollständig angezogen und war offenbar schon draußen gewesen.
„Ich habe den Rasen und den Fahrradschuppen erledigt“, sagte er. „Ich habe auch eine Runde durch den Ragged Shaw gedreht. Nun, Watson, im Nebenzimmer steht Kakao bereit. Ich muss Sie bitten, sich zu beeilen, denn wir haben einen großen Tag vor uns.“
Seine Augen leuchteten, und seine Wangen waren gerötet von der Erregung des Meisters, der seine Arbeit bereit vor sich liegen sieht. Ein sehr anderer Holmes, dieser aktive, wache Mann, als der introspektive und blasse Träumer aus der Baker Street. Ich fühlte, als ich diese geschmeidige Gestalt betrachtete, lebendig vor nervöser Energie, dass in der Tat ein anstrengender Tag auf uns wartete.
Und doch begann er mit der schwärzesten Enttäuschung. Mit großen Hoffnungen durchquerten wir das torfige, rötliche Moor, das von tausend Schafspfaden durchschnitten war, bis wir zu dem breiten, hellgrünen Streifen kamen, der den Sumpf zwischen uns und Holdernesse markierte. Sicherlich, wenn der Junge heimwärts gegangen wäre, hätte er diesen passieren müssen, und er konnte ihn nicht passieren, ohne seine Spuren zu hinterlassen. Aber kein Anzeichen von ihm oder dem Deutschen war zu sehen. Mit dunkler werdendem Gesicht schritt mein Freund entlang des Randes, eifrig jeden schlammigen Fleck auf der moosigen Oberfläche beobachtend. Schafspuren gab es im Überfluss, und an einer Stelle, einige Meilen weiter unten, hatten Kühe ihre Fährten hinterlassen. Nichts weiter.
„Erste Sackgasse“, sagte Holmes und blickte düster über die hügelige Weite des Moors. „Dort drüben ist noch ein Sumpf, und ein schmaler Hals dazwischen. Hallo! Hallo! Hallo! Was haben wir hier?“
Wir waren auf ein schmales, schwarzes Band eines Pfades gestoßen. In der Mitte, deutlich auf dem durchnässten Boden markiert, war die Spur eines Fahrrads.
„Hurra!“, rief ich. „Wir haben es.“
Doch Holmes schüttelte den Kopf, und sein Gesicht war eher verwirrt und erwartungsvoll als freudig.
„Ein Fahrrad, sicherlich, aber nicht *das* Fahrrad“, sagte er. „Ich bin mit zweiundvierzig verschiedenen Abdrücken vertraut, die von Reifen hinterlassen werden. Dies ist, wie Sie bemerken, ein Dunlop mit einem Flicken auf der Außenhülle. Heideggers Reifen waren Palmers, die Längsstreifen hinterließen. Aveling, der Mathematiklehrer, war sich in diesem Punkt sicher. Daher ist es nicht Heideggers Spur.“
„Die des Jungen also?“
„Möglicherweise, wenn wir beweisen könnten, dass ein Fahrrad in seinem Besitz war. Aber das ist uns völlig misslungen. Diese Spur, wie Sie bemerken, wurde von einem Fahrer gemacht, der aus Richtung der Schule kam.“
„Oder darauf zu?“
„Nein, nein, mein lieber Watson. Der tiefer eingedrückte Abdruck ist natürlich das Hinterrad, auf dem das Gewicht ruht. Sie bemerken mehrere Stellen, an denen es über den flacheren Abdruck des vorderen gefahren ist und diesen ausgelöscht hat. Es bewegte sich zweifellos von der Schule weg. Es mag mit unserer Untersuchung zusammenhängen oder auch nicht, aber wir werden ihr rückwärts folgen, bevor wir weitergehen.“
Wir taten dies und verloren nach ein paar hundert Yards die Spuren, als wir aus dem sumpfigen Teil des Moors hervorkamen. Wir folgten dem Pfad rückwärts und entdeckten eine weitere Stelle, wo eine Quelle darüber hinweglief. Hier war wieder einmal die Spur des Fahrrads, wenn auch durch die Hufe von Kühen fast ausgelöscht. Danach gab es kein Zeichen mehr, aber der Pfad führte direkt in den Ragged Shaw, den Wald, der an die Schule grenzte. Aus diesem Wald muss das Rad gekommen sein. Holmes setzte sich auf einen Felsbrocken und stützte das Kinn in die Hände. Ich hatte zwei Zigaretten geraucht, bevor er sich bewegte.
„Nun, nun“, sagte er schließlich. „Es ist natürlich möglich, dass ein gerissener Mann die Reifen seines Fahrrads wechseln könnte, um ungewohnte Spuren zu hinterlassen. Ein Krimineller, der zu einem solchen Gedanken fähig ist, ist ein Mann, mit dem ich stolz wäre, Geschäfte zu machen. Wir lassen diese Frage unentschieden und kehren zu unserem Sumpf zurück, denn wir haben noch einiges unerforscht gelassen.“
Wir setzten unsere systematische Untersuchung des Randes des durchnässten Teils des Moors fort, und bald wurde unsere Beharrlichkeit glorreich belohnt. Quer über den unteren Teil des Sumpfes lag ein schlammiger Pfad. Holmes stieß einen Freudenruf aus, als er sich ihm näherte. Ein Abdruck wie ein feines Bündel von Telegraphendrähten verlief in der Mitte. Es waren die Palmer-Reifen.
„Hier ist Herr Heidegger, ganz sicher!“, rief Holmes triumphierend. „Meine Schlussfolgerung scheint ziemlich stichhaltig gewesen zu sein, Watson.“
„Ich gratuliere Ihnen.“
„Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Bitte gehen Sie nicht auf dem Pfad. Nun lassen Sie uns der Spur folgen. Ich fürchte, sie wird nicht sehr weit führen.“
Wir stellten jedoch fest, als wir vorankamen, dass dieser Teil des Moors von weichen Stellen durchzogen ist, und obwohl wir die Spur häufig aus den Augen verloren, gelang es uns immer, sie wieder aufzunehmen.
„Bemerken Sie“, sagte Holmes, „dass der Fahrer jetzt zweifellos das Tempo forciert? Daran kann kein Zweifel bestehen. Schauen Sie sich diesen Abdruck an, wo Sie beide Reifen deutlich sehen. Der eine ist so tief wie der andere. Das kann nur bedeuten, dass der Fahrer sein Gewicht auf den Lenker verlagert, wie es ein Mann tut, wenn er sprintet. Beim Jupiter! Er hatte einen Sturz.“
Es gab einen breiten, unregelmäßigen Schmierfleck, der einige Meter der Spur bedeckte. Dann gab es ein paar Fußabdrücke, und der Reifen erschien wieder.
„Ein seitliches Wegrutschen“, schlug ich vor.
Holmes hielt einen zerknitterten Zweig blühenden Stechginsters hoch. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich, dass die gelben Blüten alle mit Purpur bespritzt waren. Auf dem Pfad auch, und zwischen dem Heidekraut, waren dunkle Flecken von geronnenem Blut.
„Schlecht!“, sagte Holmes. „Schlecht! Treten Sie beiseite, Watson! Kein unnötiger Fußschritt! Was lese ich hier? Er fiel verwundet – er stand auf – er stieg wieder auf – er fuhr weiter. Aber es gibt keine andere Spur. Vieh auf diesem Seitenpfad. Er wurde sicher nicht von einem Stier aufgespießt? Unmöglich! Aber ich sehe keine Spuren von jemand anderem. Wir müssen weiter, Watson. Sicherlich, mit Flecken sowie der Spur, die uns leitet, kann er uns jetzt nicht entkommen.“
Unsere Suche dauerte nicht sehr lange. Die Spuren des Reifens begannen sich phantastisch auf dem nassen und glänzenden Pfad zu krümmen. Plötzlich, als ich nach vorne blickte, fiel mein Blick zwischen den dichten Ginsterbüschen auf das Schimmern von Metall. Wir zerrten ein Fahrrad hervor, Palmer-bereift, ein Pedal verbogen, und die ganze Vorderseite schrecklich mit Blut verschmiert und besudelt. Auf der anderen Seite der Büsche ragte ein Schuh hervor. Wir rannten herum, und da lag der unglückliche Fahrer. Er war ein großer Mann, voll bärtig, mit einer Brille, von der ein Glas herausgeschlagen war. Die Todesursache war ein schrecklicher Schlag auf den Kopf, der einen Teil seines Schädels zertrümmert hatte. Dass er nach einer solchen Verletzung noch weitergefahren sein konnte, sprach viel für die Vitalität und den Mut des Mannes. Er trug Schuhe, aber keine Socken, und sein offener Mantel enthüllte ein Nachthemd darunter. Es war zweifellos der deutsche Lehrer.
Holmes drehte den Körper ehrfürchtig um und untersuchte ihn mit großer Aufmerksamkeit. Er saß dann eine Zeit lang in tiefen Gedanken, und ich konnte an seiner gerunnten Stirn sehen, dass diese düstere Entdeckung uns seiner Meinung nach bei unserer Untersuchung nicht viel weitergebracht hatte.
„Es ist ein wenig schwierig zu wissen, was zu tun ist, Watson“, sagte er schließlich. „Meine eigene Neigung ist es, diese Untersuchung voranzutreiben, denn wir haben bereits so viel Zeit verloren, dass wir es uns nicht leisten können, eine weitere Stunde zu verschwenden. Andererseits sind wir verpflichtet, die Polizei von der Entdeckung zu benachrichtigen und dafür zu sorgen, dass für den Körper dieses armen Kerls gesorgt wird.“
„Ich könnte eine Notiz zurückbringen.“
„Aber ich brauche Ihre Gesellschaft und Unterstützung. Warten Sie ein wenig! Da drüben schneidet ein Kerl Torf. Bringen Sie ihn hierher, und er wird die Polizei führen.“
Ich brachte den Bauern herüber, und Holmes schickte den verängstigten Mann mit einer Notiz an Dr. Huxtable fort.
„Nun, Watson“, sagte er, „wir haben heute Morgen zwei Spuren aufgenommen. Die eine ist das Fahrrad mit dem Palmer-Reifen, und wir sehen, wohin das geführt hat. Die andere ist das Fahrrad mit dem geflickten Dunlop-Reifen. Bevor wir beginnen, diese zu untersuchen, wollen wir versuchen, uns klarzumachen, was wir wissen, um das Beste daraus zu machen und das Wesentliche vom Zufälligen zu trennen.“
„Zuerst möchte ich Ihnen eindringlich sagen, dass der Junge das Haus ganz sicher aus freiem Willen verlassen hat. Er ist aus dem Fenster gestiegen und ist davongegangen, entweder allein oder mit jemandem zusammen. Das ist sicher.“
Ich stimmte zu.
„Nun gut, wenden wir uns diesem unglücklichen deutschen Lehrer zu. Der Junge war vollständig angekleidet, als er floh. Er hat also vorhergesehen, was er tun würde. Aber der Deutsche ging ohne seine Socken. Er hat sicherlich sehr kurzfristig gehandelt.“
„Zweifellos.“
„Warum ist er gegangen? Weil er aus seinem Schlafzimmerfenster die Flucht des Jungen beobachtet hat, weil er ihn einholen und zurückbringen wollte. Er griff sich sein Fahrrad, verfolgte den Jungen und fand bei dieser Verfolgung den Tod.“
„So scheint es.“
„Nun komme ich zum kritischen Teil meiner Beweisführung. Die natürliche Handlung eines Mannes, der einen kleinen Jungen verfolgt, wäre, hinter ihm herzulaufen. Er müsste wissen, dass er ihn einholen kann. Aber der Deutsche tut das nicht. Er wendet sich seinem Fahrrad zu. Man hat mir gesagt, dass er ein ausgezeichneter Radfahrer war. Das würde er nicht tun, wenn er nicht gesehen hätte, dass der Junge ein schnelles Mittel zur Flucht hatte.“
„Das andere Fahrrad.“
„Setzen wir unsere Rekonstruktion fort. Er findet seinen Tod fünf Meilen von der Schule entfernt – wohlgemerkt nicht durch eine Kugel, die selbst ein Junge möglicherweise abfeuern könnte, sondern durch einen brutalen Schlag, der von einem kräftigen Arm geführt wurde. Der Junge hatte also einen Begleiter bei seiner Flucht. Und die Flucht war eine schnelle, da es fünf Meilen dauerte, bis ein geübter Radfahrer sie einholen konnte. Dennoch untersuchen wir den Boden rund um den Schauplatz der Tragödie. Was finden wir? Ein paar Viehspuren, nichts weiter. Ich habe einen weiten Bogen um das Gelände gemacht, und es gibt keinen Pfad im Umkreis von fünfzig Yards. Ein anderer Radfahrer kann mit dem eigentlichen Mord nichts zu tun gehabt haben, auch gab es keine menschlichen Fußabdrücke.“
„Holmes“, rief ich, „das ist unmöglich.“
„Bewundernswert!“, sagte er. „Eine sehr aufschlussreiche Bemerkung. Es ist unmöglich, so wie ich es darstelle, und daher muss ich es in irgendeiner Hinsicht falsch dargestellt haben. Dennoch haben Sie es selbst gesehen. Können Sie irgendeinen Trugschluss aufzeigen?“
„Er könnte sich bei einem Sturz den Schädel gebrochen haben?“
„In einem Morast, Watson?“
„Ich bin mit meinem Latein am Ende.“
„Pah, pah, wir haben schon schlimmere Probleme gelöst. Zumindest haben wir reichlich Material, wenn wir es nur zu nutzen wissen. Kommen Sie also, und nachdem wir den Palmer-Reifen erschöpfend behandelt haben, lassen wir uns sehen, was der Dunlop mit der geflickten Decke uns zu bieten hat.“
Wir nahmen die Spur wieder auf und folgten ihr ein Stück weit, doch bald stieg das Moor zu einer langen, mit Heidekraut bewachsenen Kurve an, und wir ließen den Wasserlauf hinter uns. Von Spuren war keine weitere Hilfe mehr zu erwarten. An der Stelle, wo wir den Dunlop-Reifen zuletzt sahen, hätte er ebenso gut zum Holdernesse Hall führen können, dessen stattliche Türme einige Meilen zu unserer Linken aufragten, oder zu einem niedrigen, grauen Dorf, das vor uns lag und die Lage der Landstraße nach Chesterfield markierte.
Als wir uns dem abstoßenden und schäbigen Gasthaus mit dem Schild eines Kampfhahns über der Tür näherten, stieß Holmes ein plötzliches Stöhnen aus und packte mich an der Schulter, um sich vor dem Fallen zu bewahren. Er hatte eine jener heftigen Zerrungen am Knöchel erlitten, die einen Mann hilflos machen. Mit Mühe humpelte er zur Tür, wo ein untersetzter, dunkelhäutiger, älterer Mann eine schwarze Tonpfeife rauchte.
„Wie geht es Ihnen, Mr. Reuben Hayes?“, sagte Holmes.
„Wer sind Sie, und woher kennen Sie meinen Namen so genau?“, antwortete der Landmann mit einem misstrauischen Blitzen seiner listigen Augen.
„Nun, er steht auf dem Schild über Ihrem Kopf gedruckt. Es ist leicht, einen Mann zu erkennen, der Herr in seinem eigenen Haus ist. Ich nehme an, Sie haben nicht zufällig so etwas wie eine Kutsche in Ihren Ställen?“
„Nein, habe ich nicht.“
„Ich kann kaum den Fuß auf den Boden setzen.“
„Dann setzen Sie ihn nicht auf den Boden.“
„Aber ich kann nicht laufen.“
„Nun, dann hüpfen Sie.“
Mr. Reuben Hayes’ Art war alles andere als zuvorkommend, doch Holmes nahm es mit bewundernswertem Gleichmut.
„Hören Sie, mein Guter“, sagte er. „Das ist wirklich eine ziemlich unangenehme Klemme für mich. Es ist mir egal, wie ich weiterkomme.“
„Mir auch nicht“, sagte der mürrische Wirt.
„Die Angelegenheit ist sehr wichtig. Ich würde Ihnen einen Sovereign für die Benutzung eines Fahrrads anbieten.“
Der Wirt spitzte die Ohren.
„Wo wollen Sie hin?“
„Nach Holdernesse Hall.“
„Kumpel vom Dook, was?“, sagte der Wirt und musterte unsere schlammverschmierten Kleidungsstücke mit ironischem Blick.
Holmes lachte gutmütig.
„Er wird jedenfalls froh sein, uns zu sehen.“
„Warum?“
„Weil wir ihm Nachrichten von seinem verlorenen Sohn bringen.“
Der Wirt zuckte sichtlich zusammen.
„Was, Sie sind auf seiner Spur?“
„Man hat in Liverpool von ihm gehört. Sie erwarten, ihn jede Stunde zu erwischen.“
Wieder huschte eine schnelle Veränderung über das schwere, unrasierte Gesicht. Seine Art war plötzlich herzlich.
„Ich habe weniger Grund als die meisten Leute, dem Dook alles Gute zu wünschen“, sagte er, „denn ich war einmal leitender Kutscher, und er hat mich verdammt schlecht behandelt. Er war es, der mich ohne Arbeitszeugnis auf das Wort eines lügenden Kornhändlers hin entlassen hat. Aber ich freue mich zu hören, dass der junge Lord in Liverpool gesehen wurde, und ich werde Ihnen helfen, die Nachricht zum Schloss zu bringen.“
„Danke“, sagte Holmes. „Wir werden zuerst etwas essen. Dann können Sie das Fahrrad bringen.“
„Ich habe kein Fahrrad.“
Holmes hielt einen Sovereign hoch.
„Ich sage Ihnen, Mann, dass ich keines habe. Ich überlasse Ihnen zwei Pferde bis zum Schloss.“
„Nun gut, nun gut“, sagte Holmes, „wir werden darüber reden, wenn wir etwas gegessen haben.“
Als wir allein in der steingepflasterten Küche zurückblieben, war es erstaunlich, wie schnell sich dieser verstauchte Knöchel erholte. Es war fast Nacht, und wir hatten seit dem frühen Morgen nichts gegessen, sodass wir einige Zeit mit unserem Essen verbrachten. Holmes war in Gedanken versunken, und ein- oder zweimal ging er zum Fenster und starrte eindringlich hinaus. Es öffnete sich zu einem schäbigen Innenhof. In der hinteren Ecke befand sich eine Schmiede, in der ein rußiger Junge bei der Arbeit war. Auf der anderen Seite waren die Ställe. Holmes hatte sich nach einem dieser Ausflüge wieder gesetzt, als er plötzlich mit einem lauten Ausruf aus seinem Stuhl sprang.
„Beim Himmel, Watson, ich glaube, ich habe es!“, rief er. „Ja, ja, so muss es sein. Watson, erinnern Sie sich, heute Kuhspuren gesehen zu haben?“
„Ja, mehrere.“
„Wo?“
„Nun, überall. Sie waren am Morast und wieder auf dem Pfad und wieder dort, wo der arme Heidegger den Tod fand.“
„Genau. Nun, Watson, wie viele Kühe haben Sie im Moor gesehen?“
„Ich erinnere mich nicht, welche gesehen zu haben.“
„Seltsam, Watson, dass wir überall auf unserer Linie Spuren sehen, aber nie eine Kuh im ganzen Moor. Sehr seltsam, Watson, nicht wahr?“
„Ja, das ist seltsam.“
„Nun, Watson, strengen Sie sich an, lassen Sie Ihre Gedanken zurückschweifen. Können Sie diese Spuren auf dem Pfad sehen?“
„Ja, das kann ich.“
„Können Sie sich erinnern, dass die Spuren manchmal so waren, Watson“ – er ordnete eine Anzahl von Brotkrumen in dieser Weise an: : : : : : — „und manchmal so“ — : . : . : . : . — „und gelegentlich so“ — .・.・.・. „Können Sie sich daran erinnern?“
„Nein, das kann ich nicht.“
„Aber ich kann es. Ich könnte darauf schwören. Wie dem auch sei, wir werden in aller Ruhe zurückgehen und es überprüfen. Was für ein blinder Maulwurf ich gewesen bin, nicht eher meine Schlussfolgerung zu ziehen.“
„Und was ist Ihre Schlussfolgerung?“
„Nur die, dass es eine bemerkenswerte Kuh ist, die geht, trabt und galoppiert. Potztausend! Watson, das war nicht das Gehirn eines Landwirts, das sich eine solche Täuschung ausgedacht hat. Die Luft scheint rein zu sein, bis auf den Jungen in der Schmiede. Lassen Sie uns hinausschleichen und sehen, was wir sehen können.“
Es standen zwei struppige, ungepflegte Pferde in dem baufälligen Stall. Holmes hob das Hinterbein eines der Tiere und lachte laut auf.
„Alte Eisen, aber frisch beschlagen – alte Eisen, aber neue Nägel. Dieser Fall verdient es, ein Klassiker zu werden. Gehen wir hinüber zur Schmiede.“
Der Junge setzte seine Arbeit fort, ohne uns zu beachten. Ich sah Holmes’ Augen nach rechts und links zwischen dem Durcheinander von Eisen und Holz umherschweifen, das auf dem Boden verstreut lag. Plötzlich jedoch hörten wir einen Schritt hinter uns, und da war der Wirt, seine schweren Brauen über seine wilden Augen gezogen, seine dunklen Züge vor Leidenschaft verzerrt. Er hielt einen kurzen, metallbeschlagenen Stock in der Hand und trat uns so drohend entgegen, dass ich sehr froh war, den Revolver in meiner Tasche zu spüren.
„Ihr verfluchten Spione!“, schrie der Mann. „Was macht ihr da?“
„Nun, Mr. Reuben Hayes“, sagte Holmes kühl, „man könnte meinen, Sie hätten Angst, dass wir etwas herausfinden.“
Der Mann beherrschte sich mit einer gewaltsamen Anstrengung, und sein grimmiger Mund verzog sich zu einem falschen Lachen, das bedrohlicher war als sein Stirnrunzeln.
„Ihr seid willkommen, alles herauszufinden, was ihr in meiner Schmiede finden könnt“, sagte er. „Aber hören Sie mal, mein Herr, ich mag es nicht, wenn Leute ohne meine Erlaubnis in meinem Laden herumschnüffeln, also je eher Sie Ihre Rechnung bezahlen und hier verschwinden, desto lieber ist es mir.“
„In Ordnung, Mr. Hayes, war nicht so gemeint“, sagte Holmes. „Wir haben uns Ihre Pferde angesehen, aber ich glaube, ich werde doch laufen. Es ist nicht weit, glaube ich.“
„Nicht mehr als zwei Meilen bis zu den Toren des Schlosses. Das ist die Straße nach links.“ Er beobachtete uns mit mürrischen Augen, bis wir sein Gelände verlassen hatten.
Wir kamen nicht weit auf der Straße, denn Holmes blieb stehen, sobald uns die Kurve vor dem Blick des Wirtes verbarg.
„Wir waren auf der richtigen Fährte, wie die Kinder sagen, in diesem Gasthaus“, sagte er. „Ich scheine mit jedem Schritt, den ich mich davon entferne, kälter zu werden. Nein, nein, ich kann es unmöglich verlassen.“
„Ich bin überzeugt“, sagte ich, „dass dieser Reuben Hayes alles darüber weiß. Ein offensichtlicheres Scheusal habe ich noch nie gesehen.“
„Oh! Er hat Sie so beeindruckt, ja? Da sind die Pferde, da ist die Schmiede. Ja, es ist ein interessanter Ort, dieser Kampfhahn. Ich denke, wir werden ihn uns noch einmal auf unauffällige Weise ansehen.“
Ein langer, abfallender Hang, übersät mit grauen Kalksteinblöcken, erstreckte sich hinter uns. Wir waren von der Straße abgebogen und machten uns auf den Weg den Hügel hinauf, als ich in Richtung Holdernesse Hall einen Radfahrer schnell herankommen sah.
„Gehen Sie in Deckung, Watson!“, rief Holmes und legte seine schwere Hand auf meine Schulter. Wir waren kaum in Deckung gegangen, als der Mann an uns auf der Straße vorbeiflog. Inmitten einer wirbelnden Staubwolke erhaschte ich einen Blick auf ein blasses, aufgeregtes Gesicht – ein Gesicht, in dessen jedem Zug Entsetzen lag, der Mund offen, die Augen starrten wild vor sich hin. Es war wie eine seltsame Karikatur des adretten James Wilder, den wir am Abend zuvor gesehen hatten.
„Der Sekretär des Herzogs!“, rief Holmes. „Kommen Sie, Watson, lassen Sie uns sehen, was er tut.“
Wir kletterten von Fels zu Fels, bis wir nach wenigen Augenblicken einen Punkt erreicht hatten, von dem aus wir die Vordertür des Gasthauses sehen konnten. Wilders Fahrrad lehnte an der Wand daneben. Niemand bewegte sich um das Haus, noch konnten wir einen Blick auf Gesichter an den Fenstern erhaschen. Langsam kroch die Dämmerung herab, während die Sonne hinter den hohen Türmen von Holdernesse Hall versank. Dann, im Dunkeln, sahen wir die beiden Seitenlampen einer Kutsche aufleuchten auf dem Stallhof des Gasthauses, und kurz darauf hörten wir das Klappern von Hufen, als sie auf die Straße hinausrollte und mit wütendem Tempo in Richtung Chesterfield davonraste.
„Was machen Sie daraus, Watson?“, flüsterte Holmes.
„Es sieht aus wie eine Flucht.“
„Ein einzelner Mann in einer Dogcart, soweit ich sehen konnte. Nun, es war sicherlich nicht Mr. James Wilder, denn dort ist er an der Tür.“
Ein rotes Quadrat aus Licht war aus der Dunkelheit aufgetaucht. In seiner Mitte war die schwarze Gestalt des Sekretärs, den Kopf vorgestreckt, in die Nacht hinaus spähend. Es war offensichtlich, dass er jemanden erwartete. Dann endlich waren Schritte auf der Straße zu hören, eine zweite Gestalt war einen Augenblick lang vor dem Licht sichtbar, die Tür schloss sich, und alles war wieder schwarz. Fünf Minuten später wurde in einem Zimmer im ersten Stock eine Lampe angezündet.
„Es scheint eine seltsame Art von Kundschaft zu sein, die der Kampfhahn bedient“, sagte Holmes.
„Die Bar ist auf der anderen Seite.“
„Ganz recht. Das sind die, die man wohl Privatgäste nennen kann. Nun, was um alles in der Welt macht Mr. James Wilder zu dieser späten Stunde in dieser Höhle, und wer ist der Begleiter, der ihn dort trifft? Kommen Sie, Watson, wir müssen wirklich ein Risiko eingehen und versuchen, das etwas genauer zu untersuchen.“
Zusammen schlichen wir zur Straße hinunter und krochen bis zur Tür des Gasthauses. Das Fahrrad lehnte noch immer an der Wand. Holmes zündete ein Streichholz an und hielt es an das Hinterrad, und ich hörte ihn kichern, als das Licht auf einen geflickten Dunlop-Reifen fiel. Über uns war das beleuchtete Fenster.
„Ich muss da mal einen Blick hineinwerfen, Watson. Wenn Sie den Rücken beugen und sich an der Wand abstützen, denke ich, dass ich es schaffen kann.“
Einen Augenblick später waren seine Füße auf meinen Schultern, aber er war kaum oben, da war er auch schon wieder unten.
„Kommen Sie, mein Freund“, sagte er, „unser Tagewerk war lang genug. Ich denke, wir haben alles gesammelt, was wir können. Es ist ein langer Fußmarsch bis zur Schule, und je eher wir uns auf den Weg machen, desto besser.“
Er öffnete während des ermüdenden Marsches über das Moor kaum die Lippen, noch wollte er die Schule betreten, als er sie erreichte, sondern ging weiter zum Bahnhof Mackleton, von wo aus er einige Telegramme schicken konnte. Spät in der Nacht hörte ich ihn Dr. Huxtable trösten, der von der Tragödie des Todes seines Lehrers niedergeschlagen war, und später noch betrat er mein Zimmer, so aufmerksam und kräftig wie am Morgen beim Aufbruch. „Alles läuft gut, mein Freund“, sagte er. „Ich verspreche, dass wir vor morgen Abend die Lösung des Rätsels erreicht haben werden.“
Um elf Uhr am nächsten Vormittag gingen mein Freund und ich die berühmte Eibenallee von Holdernesse Hall entlang. Wir wurden durch das prächtige elisabethanische Portal in das Arbeitszimmer Seiner Gnaden geführt. Dort trafen wir Mr. James Wilder an, sittsam und höflich, aber mit einer Spur jenes wilden Entsetzens des Vorabends, das noch immer in seinen verstohlenen Augen und seinen zuckenden Zügen lauerte.
„Sie sind gekommen, um Seine Gnaden zu sehen? Es tut mir leid, aber die Tatsache ist, dass es dem Herzog bei weitem nicht gut geht. Er ist durch die tragischen Nachrichten sehr aufgewühlt worden. Wir haben gestern Nachmittag ein Telegramm von Dr. Huxtable erhalten, das uns von Ihrer Entdeckung berichtete.“
„Ich muss den Herzog sehen, Mr. Wilder.“
„Aber er ist in seinem Zimmer.“
„Dann muss ich in sein Zimmer gehen.“
„Ich glaube, er liegt in seinem Bett.“
„Ich werde ihn dort sehen.“
Holmes’ kalte und unerbittliche Art zeigte dem Sekretär, dass es zwecklos war, mit ihm zu streiten.
„Sehr gut, Mr. Holmes, ich werde ihm sagen, dass Sie hier sind.“
Nach einer Stunde des Wartens erschien der große Adlige. Sein Gesicht war noch leichenblasser als zuvor, seine Schultern waren rund geworden, und er schien mir ein insgesamt älterer Mann zu sein als am Morgen zuvor. Er begrüßte uns mit staatlicher Höflichkeit und setzte sich an seinen Schreibtisch, wobei sein roter Bart auf den Tisch herabfiel.
„Nun, Mr. Holmes?“, sagte er.
Aber die Augen meines Freundes waren auf den Sekretär gerichtet, der neben dem Stuhl seines Herrn stand.
„Ich glaube, Eure Gnaden, dass ich in Mr. Wilders Abwesenheit freier sprechen könnte.“
Der Mann wurde eine Nuance blasser und warf einen bösartigen Blick auf Holmes.
„Wenn Eure Gnaden wünschen——“
„Ja, ja, Sie gehen besser. Nun, Mr. Holmes, was haben Sie zu sagen?“
Mein Freund wartete, bis die Tür hinter dem zurückweichenden Sekretär geschlossen war.
„Die Tatsache ist, Eure Gnaden“, sagte er, „dass mein Kollege Dr. Watson und ich von Dr. Huxtable die Zusicherung hatten, dass in diesem Fall eine Belohnung ausgesetzt wurde. Ich möchte dies gerne aus Ihrem eigenen Mund bestätigt haben.“
„Gewiss, Mr. Holmes.“
„Sie belief sich, wenn ich richtig informiert bin, auf fünftausend Pfund für jeden, der Ihnen sagen kann, wo Ihr Sohn ist?“
„Genau.“
„Und weitere tausend für den Mann, der die Person oder Personen benennt, die ihn in Gewahrsam halten?“
„Genau.“
„Unter den letzteren Punkt fallen zweifellos nicht nur diejenigen, die ihn vielleicht entführt haben, sondern auch diejenigen, die sich verschworen haben, ihn in seiner jetzigen Lage zu halten?“
„Ja, ja“, rief der Herzog ungeduldig. „Wenn Sie Ihre Arbeit gut machen, Mr. Sherlock Holmes, werden Sie keinen Grund haben, sich über kleinliche Behandlung zu beklagen.“
Mein Freund rieb seine dünnen Hände mit einem Anschein von Gier zusammen, was für mich, der seine genügsamen Vorlieben kannte, eine Überraschung war.
„Ich glaube, das Scheckbuch Eurer Gnaden auf dem Tisch zu sehen“, sagte er. „Ich wäre froh, wenn Sie mir einen Scheck über sechstausend Pfund ausstellen würden. Es wäre vielleicht gut, wenn Sie ihn kreuzen würden. Die Capital and Counties Bank, Zweigstelle Oxford Street, sind meine Agenten.“
Seine Gnaden saß sehr streng und aufrecht in seinem Stuhl und blickte steinernd auf meinen Freund.
„Ist das ein Scherz, Mr. Holmes? Es ist kaum ein Thema für Scherze.“
„Keineswegs, Eure Gnaden. Ich war noch nie in meinem Leben ernster.“
„Was meinen Sie dann?“
„Ich meine, dass ich die Belohnung verdient habe. Ich weiß, wo Ihr Sohn ist, und ich kenne einige, zumindest, von denen, die ihn festhalten.“
Der Bart des Herzogs war gegen sein totenblasses Gesicht noch aggressiver rot geworden.
„Wo ist er?“, keuchte er.
„Er ist, oder war letzte Nacht, im Gasthaus zum Kampfhahn, etwa zwei Meilen von Ihrem Parktor entfernt.“
Der Herzog sank in seinem Stuhl zurück.
„Und wen beschuldigen Sie?“
Sherlock Holmes’ Antwort war eine verblüffende. Er trat schnell vor und berührte den Herzog an der Schulter.
„Ich beschuldige Sie“, sagte er. „Und nun, Eure Gnaden, bitte ich um diesen Scheck.“
Niemals werde ich das Aussehen des Herzogs vergessen, als er aufsprang und mit seinen Händen krallte, wie einer, der in einen Abgrund sinkt. Dann, mit einer außerordentlichen Anstrengung aristokratischer Selbstbeherrschung, setzte er sich und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Es dauerte einige Minuten, bevor er sprach.
„Wie viel wissen Sie?“, fragte er schließlich, ohne den Kopf zu heben.
„Ich habe Sie gestern Nacht zusammen gesehen.“
„Weiß es sonst noch jemand außer Ihrem Freund?“
„Ich habe mit niemandem gesprochen.“
Der Herzog nahm einen Füller in seine zitternden Finger und öffnete sein Scheckbuch.
„Ich werde mein Wort halten, Mr. Holmes. Ich bin im Begriff, Ihren Scheck zu schreiben, so unerwünscht die Information, die Sie gewonnen haben, für mich auch sein mag. Als das Angebot zum ersten Mal gemacht wurde, habe ich wenig an die Wendung gedacht, die die Ereignisse nehmen könnten. Aber Sie und Ihr Freund sind Männer der Diskretion, Mr. Holmes?“
„Ich verstehe Eure Gnaden kaum.“
„Ich muss es offen aussprechen, Mr. Holmes. Wenn nur Sie beide von diesem Vorfall wissen, gibt es keinen Grund, warum er weiter bekannt werden sollte. Ich denke, zwölftausend Pfund ist die Summe, die ich Ihnen schulde, nicht wahr?“
Aber Holmes lächelte und schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, Eure Gnaden, dass sich die Dinge kaum so leicht regeln lassen. Es gibt den Tod dieses Schullehrers, der aufgeklärt werden muss.“
„Aber James wusste nichts davon. Sie können ihn dafür nicht verantwortlich machen. Es war das Werk dieses brutalen Schurken, den er unglücklicherweise angestellt hatte.“
„Ich muss die Ansicht vertreten, Eure Gnaden, dass ein Mann, der sich auf ein Verbrechen einlässt, moralisch für jedes andere Verbrechen schuldig ist, das daraus entstehen mag.“
„Moralisch, Mr. Holmes. Ohne Zweifel haben Sie recht. Aber sicherlich nicht in den Augen des Gesetzes. Ein Mann kann nicht für einen Mord verurteilt werden, bei dem er nicht anwesend war und den er ebenso verabscheut und verabscheut wie Sie. In dem Augenblick, als er davon hörte, legte er mir ein vollständiges Geständnis ab, so erfüllt war er von Entsetzen und Reue. Er verlor keine Stunde, um vollständig mit dem Mörder zu brechen. Oh, Mr. Holmes, Sie müssen ihn retten – Sie müssen ihn retten! Ich sage Ihnen, dass Sie ihn retten müssen!“ Der Herzog hatte den letzten Versuch der Selbstbeherrschung aufgegeben und schritt mit verzerrtem Gesicht durch das Zimmer, während seine geballten Fäuste in der Luft tobten. Schließlich bezwang er sich und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. „Ich weiß es zu schätzen, dass Sie hierhergekommen sind, bevor Sie mit jemand anderem gesprochen haben“, sagte er. „Zumindest können wir uns beraten, wie weit wir diesen abscheulichen Skandal minimieren können.“
„Genau“, sagte Holmes. „Ich denke, Eure Gnaden, dass dies nur durch absolute Offenheit zwischen uns geschehen kann. Ich bin bereit, Eurer Gnaden nach besten Kräften zu helfen, aber dazu muss ich bis ins letzte Detail verstehen, wie die Lage steht. Mir ist klar, dass sich Ihre Worte auf Mr. James Wilder bezogen und dass er nicht der Mörder ist.“
„Nein, der Mörder ist entkommen.“
Sherlock Holmes lächelte verschmitzt.
„Eure Gnaden haben kaum von dem kleinen Ruf gehört, den ich besitze, sonst würden Sie sich nicht einbilden, dass es so leicht ist, mir zu entkommen. Mr. Reuben Hayes wurde auf meine Informationen hin gestern Abend um elf Uhr in Chesterfield verhaftet. Ich erhielt ein Telegramm vom Leiter der örtlichen Polizei, bevor ich heute Morgen die Schule verließ.“
Der Herzog lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte meinen Freund voller Erstaunen an.
„Sie scheinen Fähigkeiten zu haben, die kaum menschlich sind“, sagte er. „Reuben Hayes ist also gefasst? Ich bin sehr froh, das zu hören, wenn es sich nicht auf das Schicksal von James auswirkt.“
„Ihr Sekretär?“
„Nein, mein Herr, mein Sohn.“
Nun war es an Holmes, erstaunt zu schauen.
„Ich gestehe, dass dies für mich völlig neu ist, Eure Gnaden. Ich muss Sie bitten, deutlicher zu werden.“
„Ich werde Ihnen nichts verheimlichen. Ich stimme Ihnen zu, dass vollständige Offenheit, so schmerzhaft sie für mich auch sein mag, die beste Politik in dieser verzweifelten Lage ist, in die uns James’ Torheit und Eifersucht gebracht haben. Als ich ein sehr junger Mann war, Mr. Holmes, liebte ich mit einer solchen Liebe, wie sie nur einmal im Leben vorkommt. Ich bot der Dame die Ehe an, aber sie lehnte sie mit der Begründung ab, dass eine solche Verbindung meine Karriere ruinieren könnte. Hätte sie gelebt, hätte ich sicherlich niemals eine andere geheiratet. Sie starb und hinterließ dieses eine Kind, das ich ihr zuliebe gehegt und gepflegt habe. Ich konnte die Vaterschaft nicht vor der Welt anerkennen, aber ich gab ihm die beste Ausbildung, und seit er erwachsen ist, habe ich ihn in meiner Nähe behalten. Er vermutete mein Geheimnis und hat seitdem den Anspruch, den er an mich hat, und seine Macht, einen Skandal zu provozieren, der mir ein Gräuel wäre, ausgenutzt. Seine Anwesenheit hatte etwas mit dem unglücklichen Ausgang meiner Ehe zu tun. Vor allem hasste er meinen jungen legitimen Erben von Anfang an mit einem hartnäckigen Hass. Sie mögen mich zu Recht fragen, warum ich James unter diesen Umständen immer noch unter meinem Dach behielt. Ich antworte, dass es deshalb war, weil ich das Gesicht seiner Mutter in seinem sehen konnte und dass es ihr zuliebe kein Ende meiner Geduld gab. All ihre hübschen Manieren auch – es gab keine einzige, die er nicht andeuten und mir in Erinnerung rufen konnte. Ich konnte ihn nicht wegschicken. Aber ich fürchtete mich so sehr davor, dass er Arthur – das ist Lord Saltire – etwas antun könnte, dass ich ihn zur Sicherheit an Dr. Huxtables Schule schickte.“
„James kam mit diesem Kerl Hayes in Kontakt, weil der Mann mein Pächter war und James als Verwalter fungierte. Der Kerl war von Anfang an ein Schurke, aber auf eine seltsame Weise wurde James vertraut mit ihm. Er hatte schon immer einen Hang zu niederen Kreisen. Als James beschloss, Lord Saltire zu entführen, war es der Dienst dieses Mannes, dessen er sich bediente. Sie erinnern sich, dass ich Arthur an jenem letzten Tag schrieb. Nun, James öffnete den Brief und legte einen Zettel bei, in dem er Arthur bat, ihn in einem kleinen Wald namens Ragged Shaw zu treffen, der in der Nähe der Schule liegt. Er benutzte den Namen der Herzogin und brachte den Jungen auf diese Weise dazu, zu kommen. An jenem Abend fuhr James mit dem Fahrrad hinüber – ich erzähle Ihnen, was er mir selbst gestanden hat – und er sagte Arthur, den er im Wald traf, dass seine Mutter sich danach sehne, ihn zu sehen, dass sie im Moor auf ihn warte und dass er, wenn er um Mitternacht zurück in den Wald käme, einen Mann mit einem Pferd finden würde, der ihn zu ihr bringen würde. Der arme Arthur ging in die Falle. Er kam zum Treffpunkt und fand diesen Kerl Hayes mit einem geführten Pony vor. Arthur stieg auf, und sie machten sich gemeinsam auf den Weg. Es scheint – obwohl James dies erst gestern erfuhr –, dass sie verfolgt wurden, dass Hayes den Verfolger mit seinem Stock schlug und dass der Mann an seinen Verletzungen starb. Hayes brachte Arthur in sein Gasthaus, das Fighting Cock, wo er in einem oberen Zimmer unter der Obhut von Mrs. Hayes festgehalten wurde, die eine freundliche Frau ist, aber völlig unter der Kontrolle ihres brutalen Ehemanns steht.“
„Nun, Mr. Holmes, das war der Stand der Dinge, als ich Sie vor zwei Tagen zum ersten Mal sah. Ich hatte keine Ahnung von der Wahrheit, genau wie Sie. Sie werden mich fragen, was James’ Motiv war, eine solche Tat zu begehen. Ich antworte, dass es eine große Menge an Unvernunft und Fanatismus in dem Hass gab, den er meinem Erben entgegenbrachte. Seiner Ansicht nach hätte er selbst der Erbe all meiner Ländereien sein sollen, und er war tief gekränkt von jenen sozialen Gesetzen, die es unmöglich machten. Gleichzeitig hatte er auch ein konkretes Motiv. Er war begierig darauf, dass ich das Fideikommiss auflöse, und er war der Meinung, dass es in meiner Macht stünde, dies zu tun. Er beabsichtigte, einen Handel mit mir zu schließen – Arthur wiederherzustellen, wenn ich das Fideikommiss auflösen würde, um es so möglich zu machen, dass das Anwesen ihm per Testament hinterlassen werden konnte. Er wusste genau, dass ich niemals freiwillig die Hilfe der Polizei gegen ihn in Anspruch nehmen würde. Ich sage, dass er mir einen solchen Handel vorgeschlagen hätte, aber er tat es nicht wirklich, denn die Ereignisse überschlugen sich für ihn, und er hatte keine Zeit, seine Pläne in die Tat umzusetzen.“
„Was all seine bösen Pläne zunichtemachte, war Ihre Entdeckung der Leiche dieses Mannes Heidegger. James wurde von Schrecken ergriffen bei dieser Nachricht. Es erreichte uns gestern, als wir zusammen in diesem Arbeitszimmer saßen. Dr. Huxtable hatte ein Telegramm geschickt. James war so überwältigt von Kummer und Aufregung, dass meine Verdächtigungen, die nie ganz verschwunden waren, sofort zur Gewissheit wurden, und ich stellte ihn wegen der Tat zur Rede. Er legte ein vollständiges freiwilliges Geständnis ab. Dann flehte er mich an, sein Geheimnis noch drei Tage länger zu bewahren, um seinem elenden Komplizen eine Chance zu geben, sein schuldiges Leben zu retten. Ich gab nach – wie ich immer nachgegeben hatte – seinen Bitten, und sofort eilte James zum Fighting Cock, um Hayes zu warnen und ihm die Mittel zur Flucht zu geben. Ich konnte nicht bei Tageslicht dorthin gehen, ohne Gerede zu verursachen, aber sobald die Nacht hereinbrach, eilte ich los, um meinen lieben Arthur zu sehen. Ich fand ihn sicher und wohlauf, aber über alle Maßen entsetzt über die schreckliche Tat, die er miterlebt hatte. Aus Rücksicht auf mein Versprechen und sehr gegen meinen Willen stimmte ich zu, ihn für drei Tage dort zu lassen, unter der Obhut von Mrs. Hayes, da es offensichtlich war, dass es unmöglich war, die Polizei zu informieren, wo er war, ohne ihr auch zu sagen, wer der Mörder sei, und ich konnte nicht sehen, wie dieser Mörder bestraft werden konnte, ohne meinen unglücklichen James zu ruinieren. Sie verlangten Offenheit, Mr. Holmes, und ich habe Sie beim Wort genommen, denn ich habe Ihnen nun alles erzählt, ohne einen Versuch der Umschreibung oder Verheimlichung. Seien Sie nun Ihrerseits ebenso offen zu mir.“
„Das werde ich“, sagte Holmes. „Erstens, Eure Gnaden, bin ich verpflichtet Ihnen zu sagen, dass Sie sich in den Augen des Gesetzes in eine sehr ernste Lage gebracht haben. Sie haben ein Verbrechen gebilligt und Sie haben bei der Flucht eines Mörders geholfen, denn ich kann nicht bezweifeln, dass alles Geld, das James Wilder nahm, um seinem Komplizen bei der Flucht zu helfen, aus der Geldbörse Eurer Gnaden stammte.“
Der Herzog neigte zustimmend den Kopf.
„Dies ist in der Tat eine sehr ernste Angelegenheit. Noch tadelnswerter ist meiner Meinung nach, Eure Gnaden, Ihre Haltung gegenüber Ihrem jüngeren Sohn. Sie lassen ihn drei Tage lang in dieser Höhle.“
„Unter feierlichen Versprechen——“
„Was sind Versprechen für solche Leute wie diese? Sie haben keine Garantie, dass er nicht wieder verschleppt wird. Um Ihrem schuldigen älteren Sohn nachzugeben, haben Sie Ihren unschuldigen jüngeren Sohn einer unmittelbaren und unnötigen Gefahr ausgesetzt. Es war ein absolut unverantwortliches Handeln.“
Der stolze Lord von Holdernesse war es nicht gewohnt, in seiner eigenen herzoglichen Halle so zurechtgewiesen zu werden. Das Blut schoss in seine hohe Stirn, aber sein Gewissen ließ ihn verstummen.
„Ich werde Ihnen helfen, aber nur unter einer Bedingung. Nämlich, dass Sie nach dem Lakaien klingeln und mich solche Anweisungen geben lassen, wie ich es für richtig halte.“
Ohne ein Wort drückte der Herzog auf die elektrische Klingel. Ein Diener trat ein.
„Sie werden froh sein zu hören“, sagte Holmes, „dass Ihr junger Herr gefunden wurde. Es ist der Wunsch des Herzogs, dass die Kutsche sofort zum Gasthaus Fighting Cock fährt, um Lord Saltire nach Hause zu bringen.“
„Nun“, sagte Holmes, als der jubelnde Lakai verschwunden war, „da wir die Zukunft gesichert haben, können wir es uns leisten, mit der Vergangenheit nachsichtiger zu sein. Ich bin nicht in einer offiziellen Position, und es gibt keinen Grund, solange die Zwecke der Gerechtigkeit erfüllt werden, warum ich alles enthüllen sollte, was ich weiß. Was Hayes betrifft, so sage ich nichts. Der Galgen erwartet ihn, und ich würde nichts tun, um ihn davor zu bewahren. Was er preisgeben wird, kann ich nicht sagen, aber ich habe keinen Zweifel daran, dass Eure Gnaden ihn verstehen lassen könnten, dass es in seinem Interesse liegt, zu schweigen. Aus polizeilicher Sicht wird er den Jungen zum Zwecke der Lösegelderpressung entführt haben. Wenn sie es nicht selbst herausfinden, sehe ich keinen Grund, warum ich sie dazu anregen sollte, einen breiteren Blickwinkel einzunehmen. Ich möchte Eure Gnaden jedoch warnen, dass die weitere Anwesenheit von Mr. James Wilder in Ihrem Haushalt nur zu Unglück führen kann.“
„Das verstehe ich, Mr. Holmes, und es ist bereits beschlossene Sache, dass er mich für immer verlassen und sein Glück in Australien suchen wird.“
„In diesem Fall, Eure Gnaden, da Sie selbst festgestellt haben, dass jegliches Unglück in Ihrem Eheleben durch seine Anwesenheit verursacht wurde, würde ich vorschlagen, dass Sie der Herzogin gegenüber so gut wie möglich Wiedergutmachung leisten und versuchen, jene Beziehungen wieder aufzunehmen, die so unglücklich unterbrochen wurden.“
„Auch das habe ich arrangiert, Mr. Holmes. Ich habe der Herzogin heute Morgen geschrieben.“
„In diesem Fall“, sagte Holmes und erhob sich, „glaube ich, dass mein Freund und ich uns zu einigen sehr glücklichen Ergebnissen unseres kleinen Besuchs im Norden gratulieren können. Es gibt noch einen anderen kleinen Punkt, über den ich etwas Aufklärung wünsche. Dieser Kerl Hayes hatte seine Pferde mit Hufeisen beschlagen, die die Spuren von Kühen nachahmten. Hat er eine so außergewöhnliche Vorrichtung von Mr. Wilder gelernt?“
Der Herzog stand einen Moment lang nachdenklich da, mit einem Ausdruck von großem Erstaunen im Gesicht. Dann öffnete er eine Tür und führte uns in einen großen Raum, der wie ein Museum eingerichtet war. Er führte uns zu einer Glasvitrine in einer Ecke und deutete auf die Inschrift.
„Diese Hufeisen“, stand dort, „wurden im Wassergraben von Holdernesse Hall ausgegraben. Sie sind für den Gebrauch von Pferden bestimmt, aber sie sind unten mit einem gespaltenen Hufeisen aus Eisen geformt, um Verfolger von der Spur abzubringen. Sie sollen einigen der marodierenden Barone von Holdernesse im Mittelalter gehört haben.“
Holmes öffnete die Vitrine, befeuchtete seinen Finger und fuhr damit am Hufeisen entlang. Ein dünner Film von frischem Schlamm blieb auf seiner Haut zurück.
„Danke“, sagte er, als er das Glas wieder schloss. „Es ist das zweitinteressanteste Objekt, das ich im Norden gesehen habe.“
„Und das erste?“
Holmes faltete seinen Scheck zusammen und legte ihn sorgfältig in sein Notizbuch. „Ich bin ein armer Mann“, sagte er, während er ihn liebevoll tätschelte und in die Tiefen seiner Innentasche steckte.
DAS ABENTEUER VOM SCHWARZEN PETER
Ich habe meinen Freund nie in besserer Form erlebt, sowohl geistig als auch körperlich, als im Jahr ’95. Sein wachsender Ruhm hatte eine immense Praxis mit sich gebracht, und ich würde mich einer Indiskretion schuldig machen, wenn ich auch nur andeuten würde, wer einige der illustren Klienten waren, die unsere bescheidene Schwelle in der Baker Street überschritten. Holmes jedoch lebte, wie alle großen Künstler, für seine Kunst, und abgesehen vom Fall des Herzogs von Holdernesse habe ich ihn selten eine große Belohnung für seine unschätzbaren Dienste verlangen sehen. So weltfremd war er – oder so launisch –, dass er häufig seine Hilfe für Mächtige und Reiche verweigerte, wenn das Problem nicht seinen Sympathien entsprach, während er Wochen intensivster Arbeit den Angelegenheiten irgendeines bescheidenen Klienten widmete, dessen Fall jene seltsamen und dramatischen Qualitäten aufwies, die seine Fantasie anregten und seinen Scharfsinn herausforderten.
In diesem denkwürdigen Jahr ’95 hatte eine merkwürdige und ungleiche Reihe von Fällen seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, angefangen bei seiner berühmten Untersuchung des plötzlichen Todes von Kardinal Tosca – einer Ermittlung, die er auf ausdrücklichen Wunsch Seiner Heiligkeit des Papstes durchführte – bis hin zu seiner Verhaftung von Wilson, dem berüchtigten Kanarienvogel-Züchter, der einen Schandfleck aus dem East End von London beseitigte. Dicht auf den Fersen dieser beiden berühmten Fälle folgte die Tragödie von Woodman’s Lee und die sehr undurchsichtigen Umstände, die den Tod von Kapitän Peter Carey umgaben. Keine Aufzeichnung der Unternehmungen von Mr. Sherlock Holmes wäre vollständig, die nicht einen Bericht über diese sehr ungewöhnliche Angelegenheit enthielte.
Während der ersten Juliwoche war mein Freund so oft und so lange von unseren Unterkünften abwesend gewesen, dass ich wusste, dass er etwas im Schilde führte. Die Tatsache, dass mehrere grob aussehende Männer in dieser Zeit anriefen und nach Kapitän Basil fragten, ließ mich verstehen, dass Holmes irgendwo unter einer der zahlreichen Verkleidungen und Namen arbeitete, mit denen er seine eigene beeindruckende Identität verbarg. Er besaß mindestens fünf kleine Zufluchtsorte in verschiedenen Teilen Londons, in denen er seine Persönlichkeit wechseln konnte. Er sagte mir nichts über seine Geschäfte, und es war nicht meine Gewohnheit, ein Vertrauen zu erzwingen. Das erste positive Anzeichen, das er mir über die Richtung gab, die seine Untersuchung nahm, war ein außergewöhnliches. Er war vor dem Frühstück ausgegangen, und ich hatte mich gerade zum meinen gesetzt, als er mit aufgesetztem Hut und einem riesigen, mit Widerhaken versehenen Speer, der wie ein Regenschirm unter seinem Arm klemmte, in das Zimmer stürmte.
„Gütiger Himmel, Holmes!“, rief ich. „Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Sie mit diesem Ding durch London gelaufen sind?“
„Ich bin zum Metzger und zurück gefahren.“
„Zum Metzger?“
„Und ich kehre mit einem ausgezeichneten Appetit zurück. Es kann kein Zweifel bestehen, mein lieber Watson, über den Wert von Bewegung vor dem Frühstück. Aber ich bin bereit zu wetten, dass Sie nicht erraten werden, welche Form diese Bewegung angenommen hat.“
„Ich werde es nicht versuchen.“
Er kicherte, während er den Kaffee einschenkte.
„Wenn Sie in Allardyce’ Laden hätten schauen können, hätten Sie ein totes Schwein an einem Haken von der Decke hängen sehen und einen Gentleman in Hemdsärmeln, der wütend mit dieser Waffe darauf einstach. Ich war diese tatkräftige Person, und ich habe mich überzeugt, dass ich mit keiner Anstrengung meiner Kraft das Schwein mit einem einzigen Schlag durchbohren kann. Vielleicht möchten Sie es versuchen?“
„Nicht für alles in der Welt. Aber warum haben Sie das getan?“
„Weil es mir so vorkam, als hätte es eine indirekte Bedeutung für das Geheimnis von Woodman’s Lee. Ah, Hopkins, ich habe Ihr Telegramm gestern Abend erhalten, und ich habe Sie erwartet. Kommen Sie und leisten Sie uns Gesellschaft.“
Unser Besucher war ein überaus aufgeweckter Mann von dreißig Jahren, der in einen schlichten Tweedanzug gekleidet war, sich aber die aufrechte Haltung bewahrt hatte, die man von jemandem kannte, der an eine offizielle Uniform gewöhnt war. Ich erkannte ihn sofort als Stanley Hopkins, einen jungen Polizeiinspektor, für dessen Zukunft Holmes große Hoffnungen hegte, während dieser seinerseits die Bewunderung und den Respekt eines Schülers für die wissenschaftlichen Methoden des berühmten Amateurs bekundete. Hopkins’ Stirn war umwölkt, und er setzte sich mit einer Miene tiefer Niedergeschlagenheit.
„Nein, danke, mein Herr. Ich habe gefrühstückt, bevor ich vorbeikam. Ich habe die Nacht in der Stadt verbracht, denn ich bin gestern heraufgekommen, um Bericht zu erstatten.“
„Und was hatten Sie zu berichten?“
„Versagen, mein Herr, absolutes Versagen.“
„Sie haben keine Fortschritte gemacht?“
„Keine.“
„Du meine Güte! Ich muss mir die Sache ansehen.“
„Ich wünschte bei Gott, dass Sie das täten, Mr. Holmes. Es ist meine erste große Chance, und ich bin mit meinem Latein am Ende. Um Himmels willen, kommen Sie herunter und leihen Sie mir eine Hand.“
„Nun, nun, es trifft sich gerade, dass ich bereits alle verfügbaren Beweise gelesen habe, einschließlich des Berichts über die Untersuchung, mit einiger Sorgfalt. Übrigens, was halten Sie von jener Tabakspfeife, die am Tatort gefunden wurde? Gibt es da keinen Anhaltspunkt?“
Hopkins sah überrascht aus.
„Es war die eigene Tasche des Mannes, mein Herr. Seine Initialen waren darin. Und sie war aus Robbenfell – und er war ein alter Robbenfänger.“
„Aber er hatte keine Pfeife.“
„Nein, mein Herr, wir konnten keine Pfeife finden. Tatsächlich rauchte er sehr wenig, und doch könnte er etwas Tabak für seine Freunde aufbewahrt haben.“
„Kein Zweifel. Ich erwähne es nur, weil ich, wenn ich den Fall bearbeitet hätte, dazu geneigt hätte, das zum Ausgangspunkt meiner Untersuchung zu machen. Wie auch immer, mein Freund, Dr. Watson, weiß nichts von dieser Angelegenheit, und es würde mir nicht schaden, den Ablauf der Ereignisse noch einmal zu hören. Geben Sie uns einfach eine kurze Skizze des Wesentlichen.“
Stanley Hopkins zog einen Zettel aus seiner Tasche.
„Ich habe hier ein paar Daten, die Ihnen den Werdegang des Toten, Kapitän Peter Carey, geben werden. Er wurde ’45 geboren – fünfzig Jahre alt. Er war ein überaus kühner und erfolgreicher Robben- und Walfischer. Im Jahr 1883 befehligte er den Dampf-Robbenfänger Sea Unicorn aus Dundee. Er hatte damals mehrere erfolgreiche Reisen hintereinander gemacht, und im folgenden Jahr, 1884, ging er in den Ruhestand. Danach reiste er einige Jahre und kaufte schließlich einen kleinen Ort namens Woodman’s Lee bei Forest Row in Sussex. Dort hat er sechs Jahre lang gelebt, und dort ist er heute vor genau einer Woche gestorben.“
„Es gab einige höchst eigenartige Punkte an dem Mann. Im gewöhnlichen Leben war er ein strenger Puritaner – ein schweigsamer, düsterer Geselle. Sein Haushalt bestand aus seiner Frau, seiner Tochter, zwanzig Jahre alt, und zwei Dienstmädchen. Letztere wechselten ständig, denn es war nie eine sehr fröhliche Situation, und manchmal wurde es unerträglich. Der Mann war ein periodischer Trinker, und wenn ihn der Anfall packte, war er ein regelrechter Teufel. Es ist bekannt, dass er seine Frau und Tochter mitten in der Nacht ins Freie gejagt und durch den Park gepeitscht hat, bis das ganze Dorf vor den Toren durch ihre Schreie aufgeweckt wurde.“
„Er wurde einmal wegen eines brutalen Überfalls auf den alten Vikar vorgeladen, der ihn besucht hatte, um ihn wegen seines Verhaltens zur Rede zu stellen. Kurz gesagt, Mr. Holmes, Sie müssten lange suchen, bevor Sie einen gefährlicheren Mann als Peter Carey finden würden, und ich habe gehört, dass er denselben Charakter hatte, als er sein Schiff befehligte. Er war im Handel als Schwarzer Peter bekannt, und der Name wurde ihm nicht nur wegen seiner dunklen Gesichtszüge und der Farbe seines riesigen Bartes gegeben, sondern wegen der Launen, die der Schrecken aller um ihn herum waren. Ich brauche nicht zu sagen, dass er von jedem seiner Nachbarn verabscheut und gemieden wurde und dass ich kein einziges Wort des Bedauerns über sein schreckliches Ende gehört habe.“
„Sie müssen in dem Bericht über die Untersuchung von der Hütte des Mannes gelesen haben, Mr. Holmes, aber vielleicht hat Ihr Freund hier nichts davon gehört. Er hatte sich ein hölzernes Nebengebäude gebaut – er nannte es immer seine ‚Kajüte‘ –, nur ein paar hundert Meter von seinem Haus entfernt, und genau hier schlief er jede Nacht. Es war eine kleine, einräumige Hütte, sechzehn mal zehn Fuß groß. Er bewahrte den Schlüssel in seiner Tasche auf, machte sein Bett selbst, reinigte es allein und erlaubte keinem anderen Fuß, die Schwelle zu überschreiten. An jeder Seite befinden sich kleine Fenster, die mit Vorhängen verdeckt und niemals geöffnet wurden. Eines dieser Fenster war zur Hauptstraße hin ausgerichtet, und wenn nachts darin Licht brannte, pflegten die Leute darauf zu deuten und sich zu fragen, was Schwarzer Peter wohl dort drinnen trieb. Das ist das Fenster, Mr. Holmes, das uns einen der wenigen handfesten Beweise lieferte, die bei der Untersuchung zutage traten.
Sie erinnern sich vielleicht, dass ein Steinmetz namens Slater, der zwei Tage vor dem Mord gegen ein Uhr morgens von Forest Row nach Hause ging, stehen blieb, als er das Grundstück passierte, und zu dem Lichtviereck hinaufblickte, das noch immer zwischen den Bäumen schien. Er schwört, dass der Schatten des Kopfes eines Mannes, der sich zur Seite wandte, deutlich auf dem Rollo zu erkennen war und dass dieser Schatten mit Sicherheit nicht der von Peter Carey war, den er gut kannte. Es war der eines bärtigen Mannes, doch der Bart war kurz und sträubte sich auf eine Weise nach vorne, die sich sehr von der des Kapitäns unterschied. So sagt er es zumindest, aber er hatte zwei Stunden im Wirtshaus verbracht, und es ist ein Stück Weg von der Straße bis zum Fenster. Außerdem bezieht sich dies auf den Montag, und das Verbrechen geschah am Mittwoch.
Am Dienstag war Peter Carey in einer seiner schwärzesten Stimmungen, gerötet vom Alkohol und so wild wie ein gefährliches Raubtier. Er streifte im Haus umher, und die Frauen rannten davon, wenn sie ihn kommen hörten. Spät am Abend ging er hinunter in seine Hütte. Gegen zwei Uhr am nächsten Morgen hörte seine Tochter, die bei offenem Fenster schlief, einen entsetzlichen Schrei aus dieser Richtung, aber es war nichts Ungewöhnliches, dass er brüllte und schrie, wenn er getrunken hatte, also wurde dem keine Beachtung geschenkt. Als sie um sieben Uhr aufstanden, bemerkte eines der Dienstmädchen, dass die Tür der Hütte offen stand, doch der Terror, den der Mann verbreitete, war so groß, dass es Mittag wurde, bevor jemand es wagte, nachzusehen, was aus ihm geworden war. Als sie durch die offene Tür spähten, sahen sie einen Anblick, der sie mit bleichen Gesichtern davonlaufen ließ, mitten ins Dorf. Innerhalb einer Stunde war ich vor Ort und hatte den Fall übernommen.
Nun, ich habe ziemlich gute Nerven, wie Sie wissen, Mr. Holmes, aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich einen Schock bekam, als ich meinen Kopf in dieses kleine Haus steckte. Es dröhnte wie ein Harmonium von den Fliegen und Schmeißfliegen, und der Boden und die Wände glichen einem Schlachthaus. Er hatte es eine Kajüte genannt, und eine Kajüte war es wahrlich, denn man hätte meinen können, man befinde sich auf einem Schiff. Es gab eine Koje an einem Ende, eine Seekiste, Karten und Seekarten, ein Bild der Sea Unicorn, eine Reihe von Logbüchern im Regal, alles ganz so, wie man es in der Kammer eines Kapitäns erwarten würde. Und dort, inmitten dessen, lag der Mann selbst – sein Gesicht verzerrt wie das einer verlorenen Seele in Qual, und sein gewaltiger, gesprenkelter Bart stand in seiner Agonie nach oben. Mitten durch seine breite Brust war eine Stahlharpune getrieben worden, und sie war tief in das Holz der Wand hinter ihm eingedrungen. Er war wie ein Käfer auf einer Nadel festgesteckt. Natürlich war er völlig tot, und das war er schon in dem Augenblick, als er diesen letzten Schrei der Agonie ausgestoßen hatte.
Ich kenne Ihre Methoden, mein Herr, und ich habe sie angewandt. Bevor ich erlaubte, dass irgendetwas bewegt wurde, untersuchte ich sehr sorgfältig den Boden draußen und auch den Boden des Raumes. Es gab keine Fußabdrücke.“
„Das bedeutet, dass Sie keine gesehen haben?“
„Ich versichere Ihnen, mein Herr, dass dort keine waren.“
„Mein lieber Hopkins, ich habe viele Verbrechen untersucht, aber ich habe noch nie eines gesehen, das von einem fliegenden Wesen begangen wurde. Solange der Verbrecher auf zwei Beinen bleibt, muss es irgendeine Vertiefung, irgendeinen Abrieb, irgendeine unbedeutende Verschiebung geben, die von einem wissenschaftlichen Ermittler entdeckt werden kann. Es ist unglaublich, dass dieser blutverschmierte Raum keine Spur enthielt, die uns hätte helfen können. Ich entnehme jedoch der Untersuchung, dass es einige Gegenstände gab, die Sie nicht übersehen haben?“
Der junge Inspektor zuckte bei den ironischen Bemerkungen meines Begleiters zusammen.
„Ich war ein Narr, Sie nicht schon damals hinzuzuziehen, Mr. Holmes. Aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Ja, es gab mehrere Gegenstände im Raum, die besondere Aufmerksamkeit erforderten. Einer war die Harpune, mit der die Tat begangen wurde. Sie war von einem Wandhalter heruntergerissen worden. Zwei andere hingen noch dort, und es gab einen freien Platz für die dritte. Auf dem Schaft war eingraviert: ‚SS. Sea Unicorn, Dundee.‘ Dies schien zu belegen, dass das Verbrechen in einem Anfall von Wut begangen worden war und dass der Mörder die erste Waffe ergriffen hatte, die ihm in die Hände kam. Die Tatsache, dass das Verbrechen um zwei Uhr morgens begangen wurde und Peter Carey dennoch vollständig angekleidet war, legte nahe, dass er eine Verabredung mit dem Mörder hatte, was durch die Tatsache gestützt wird, dass eine Flasche Rum und zwei schmutzige Gläser auf dem Tisch standen.“
„Ja“, sagte Holmes; „ich denke, dass beide Schlussfolgerungen zulässig sind. Gab es noch eine andere Spirituose als Rum im Raum?“
„Ja, auf der Seekiste stand ein Tantalus mit Brandy und Whisky. Er ist jedoch nicht wichtig für uns, da die Karaffen voll waren und er daher nicht benutzt wurde.“
„Trotz alledem ist seine Anwesenheit von Bedeutung“, sagte Holmes. „Doch lassen Sie uns mehr über die Gegenstände hören, die Ihnen für den Fall von Belang scheinen.“
„Da war dieser Tabaksbeutel auf dem Tisch.“
„An welcher Stelle des Tisches?“
„Er lag in der Mitte. Er war aus grobem Robbenfell – das Fell mit den glatten Haaren, mit einem Lederband zum Zubinden. Innen stand ‚P.C.‘ auf der Klappe. Es war eine halbe Unze starker Schiffstabak darin.“
„Ausgezeichnet! Was noch?“
Stanley Hopkins zog ein Notizbuch mit schlichtem Einband aus seiner Tasche. Die Außenseite war rau und abgenutzt, die Seiten verfärbt. Auf der ersten Seite standen die Initialen „J.H.N.“ und das Datum „1883“. Holmes legte es auf den Tisch und untersuchte es auf seine akribische Art, während Hopkins und ich über seine Schultern blickten. Auf der zweiten Seite befanden sich die gedruckten Buchstaben „C.P.R.“, und dann folgten mehrere Blätter mit Zahlen. Eine weitere Überschrift war „Argentinien“, eine andere „Costa Rica“ und eine weitere „San Paulo“, jeweils gefolgt von Seiten mit Zeichen und Ziffern.
„Was halten Sie davon?“, fragte Holmes.
„Es scheint sich um Listen von Börsenpapieren zu handeln. Ich dachte, ‚J.H.N.‘ seien die Initialen eines Maklers und ‚C.P.R.‘ könnte sein Klient gewesen sein.“
„Versuchen Sie Canadian Pacific Railway“, sagte Holmes.
Stanley Hopkins fluchte leise zwischen den Zähnen und schlug sich mit der geballten Faust auf den Schenkel.
„Was für ein Dummkopf ich war!“, rief er. „Natürlich ist es so, wie Sie sagen. Dann sind ‚J.H.N.‘ die einzigen Initialen, die wir lösen müssen. Ich habe bereits die alten Börsenlisten untersucht und kann niemanden aus dem Jahr 1883 finden, weder im Haus noch unter den freien Maklern, dessen Initialen mit diesen übereinstimmen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass dies der wichtigste Hinweis ist, den ich habe. Sie werden zugeben, Mr. Holmes, dass die Möglichkeit besteht, dass diese Initialen zu der zweiten Person gehören, die anwesend war – mit anderen Worten, zum Mörder. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass die Einbeziehung eines Dokuments, das sich auf große Mengen wertvoller Wertpapiere bezieht, uns zum ersten Mal einen Hinweis auf ein Motiv für das Verbrechen gibt.“
Das Gesicht von Sherlock Holmes zeigte, dass er von dieser neuen Entwicklung völlig überrascht war.
„Ich muss Ihnen in beiden Punkten zustimmen“, sagte er. „Ich gestehe, dass dieses Notizbuch, das bei der Untersuchung nicht auftauchte, alle Ansichten, die ich mir gebildet haben mag, verändert. Ich war zu einer Theorie über das Verbrechen gekommen, in der ich dafür keinen Platz finden kann. Haben Sie versucht, irgendwelche der hier genannten Wertpapiere zurückzuverfolgen?“
„Erkundigungen werden jetzt bei den Büros eingeholt, aber ich fürchte, dass das vollständige Register der Aktionäre dieser südamerikanischen Unternehmungen in Südamerika liegt und dass einige Wochen vergehen müssen, bevor wir die Aktien zurückverfolgen können.“
Holmes hatte den Einband des Notizbuchs mit seiner Lupe untersucht.
„Hier ist doch sicherlich eine Verfärbung“, sagte er.
„Ja, mein Herr, das ist ein Blutfleck. Ich sagte Ihnen, dass ich das Buch vom Boden aufgehoben habe.“
„War der Blutfleck oben oder unten?“
„Auf der Seite, die den Dielen zugewandt war.“
„Was natürlich beweist, dass das Buch fallen gelassen wurde, nachdem das Verbrechen begangen worden war.“
„Ganz genau, Mr. Holmes. Ich habe diesen Punkt erkannt und vermutete, dass es vom Mörder auf seiner überstürzten Flucht fallen gelassen wurde. Es lag nahe der Tür.“
„Ich nehme an, dass keines dieser Wertpapiere unter dem Eigentum des Toten gefunden wurde?“
„Nein, mein Herr.“
„Haben Sie einen Grund, Raub zu vermuten?“
„Nein, mein Herr. Nichts schien berührt worden zu sein.“
„Meine Güte, es ist sicherlich ein sehr interessanter Fall. Dann gab es doch ein Messer, nicht wahr?“
„Ein Scheidenmesser, noch in seiner Scheide. Es lag zu den Füßen des Toten. Mrs. Carey hat es als das Eigentum ihres Mannes identifiziert.“
Holmes war für einige Zeit in Gedanken versunken.
„Nun“, sagte er schließlich, „ich nehme an, ich werde herausfahren und es mir ansehen müssen.“
Stanley Hopkins stieß einen Freudenschrei aus.
„Danke, mein Herr. Das wird mir wirklich eine Last vom Herzen nehmen.“
Holmes schüttelte mit dem Finger in Richtung des Inspektors.
„Vor einer Woche wäre es eine einfachere Aufgabe gewesen“, sagte er. „Aber selbst jetzt ist mein Besuch vielleicht nicht ganz fruchtlos. Watson, wenn Sie die Zeit erübrigen können, würde ich mich sehr über Ihre Begleitung freuen. Wenn Sie eine Droschke rufen, Hopkins, werden wir in einer Viertelstunde bereit sein, nach Forest Row aufzubrechen.“
Als wir an der kleinen Bahnstation ausstiegen, fuhren wir einige Meilen durch die Überreste weitläufiger Wälder, die einst Teil jenes großen Waldes waren, der so lange die sächsischen Eindringlinge in Schach hielt – das undurchdringliche „Weald“, sechzig Jahre lang das Bollwerk Britanniens. Große Teile davon wurden gerodet, denn dies ist der Sitz der ersten Eisenhütten des Landes, und die Bäume wurden gefällt, um das Erz zu schmelzen. Heute haben die reicheren Felder des Nordens den Handel übernommen, und nichts außer diesen verwüsteten Hainen und großen Narben in der Erde zeugt noch von der Arbeit der Vergangenheit. Hier, auf einer Lichtung am grünen Hang eines Hügels, stand ein langes, niedriges Steinhaus, zu dem ein geschwungener Weg durch die Felder führte. Näher an der Straße und an drei Seiten von Büschen umgeben, befand sich ein kleines Nebengebäude, dessen Tür und ein Fenster in unsere Richtung wiesen. Es war der Ort des Mordes.
Stanley Hopkins führte uns zuerst zum Haus, wo er uns einer hageren, grauhaarigen Frau vorstellte, der Witwe des ermordeten Mannes, deren ausgemergeltes und tief gefurchtes Gesicht mit dem verstohlenen Ausdruck von Terror in der Tiefe ihrer geröteten Augen von den Jahren der Härte und Misshandlung erzählte, die sie erlitten hatte. Bei ihr war ihre Tochter, ein blasses, blondes Mädchen, dessen Augen trotzig aufleuchteten, als sie uns erzählte, dass sie froh sei, dass ihr Vater tot sei, und dass sie die Hand segne, die ihn erschlagen habe. Es war ein schrecklicher Haushalt, den sich Schwarzer Peter Carey selbst geschaffen hatte, und es war mit einem Gefühl der Erleichterung, dass wir wieder im Sonnenlicht standen und uns auf einen Pfad begaben, der durch die Füße des toten Mannes über die Felder ausgetreten worden war.
Das Nebengebäude war eine einfachste Behausung, mit Holzwänden, schindelgedecktem Dach, einem Fenster neben der Tür und einem auf der anderen Seite. Stanley Hopkins zog den Schlüssel aus der Tasche und hatte sich gerade zum Schloss gebückt, als er mit einem Ausdruck von Aufmerksamkeit und Überraschung im Gesicht innehielt.
„Jemand hat sich daran zu schaffen gemacht“, sagte er.
Daran konnte kein Zweifel bestehen. Das Holz war zerschnitten, und die Kratzer zeigten weiß durch die Farbe, als wären sie in diesem Augenblick entstanden. Holmes hatte das Fenster untersucht.
„Jemand hat versucht, auch dieses aufzubrechen. Wer auch immer es war, er hat es nicht geschafft, hineinzukommen. Er muss ein sehr schlechter Einbrecher gewesen sein.“
„Das ist eine höchst außergewöhnliche Sache“, sagte der Inspektor, „ich könnte schwören, dass diese Spuren gestern Abend noch nicht da waren.“
„Vielleicht irgendein neugieriger Mensch aus dem Dorf“, schlug ich vor.
„Sehr unwahrscheinlich. Nur wenige von ihnen würden es wagen, das Grundstück zu betreten, geschweige denn zu versuchen, sich gewaltsam Zutritt zur Hütte zu verschaffen. Was meinen Sie dazu, Mr. Holmes?“
„Ich glaube, dass das Schicksal uns sehr gewogen ist.“
„Sie meinen, dass die Person wiederkommen wird?“
„Es ist sehr wahrscheinlich. Er kam in der Erwartung, die Tür offen zu finden. Er hat versucht, mit der Klinge eines sehr kleinen Taschenmessers hineinzukommen. Das ist ihm nicht gelungen. Was wird er tun?“
„Nächste Nacht mit einem nützlicheren Werkzeug wiederkommen.“
„Das würde ich auch sagen. Es wäre unsere Schuld, wenn wir nicht dort wären, um ihn in Empfang zu nehmen. Lassen Sie mich unterdessen das Innere der Hütte sehen.“
Die Spuren der Tragödie waren beseitigt, aber die Einrichtung in dem kleinen Raum stand noch so, wie sie in der Nacht des Verbrechens gewesen war. Zwei Stunden lang untersuchte Holmes mit intensivster Konzentration jeden Gegenstand nacheinander, doch sein Gesicht zeigte, dass seine Suche nicht erfolgreich war. Nur einmal hielt er bei seiner geduldigen Untersuchung inne.
„Haben Sie irgendetwas aus diesem Regal genommen, Hopkins?“
„Nein, ich habe nichts bewegt.“
„Es ist etwas weggenommen worden. In dieser Ecke des Regals ist weniger Staub als anderswo. Es mag ein Buch gewesen sein, das flach darauf lag. Es mag eine Schachtel gewesen sein. Nun, nun, ich kann nichts mehr tun. Lassen Sie uns in diesen wunderschönen Wäldern spazieren gehen, Watson, und den Vögeln und Blumen ein paar Stunden widmen. Wir treffen Sie später hier, Hopkins, und sehen, ob wir mit dem Herrn, der diesen nächtlichen Besuch abgestattet hat, auf Tuchfühlung gehen können.“
Es war nach elf Uhr, als wir unseren kleinen Hinterhalt bildeten. Hopkins war dafür, die Tür der Hütte offen zu lassen, aber Holmes war der Meinung, dass dies den Argwohn des Fremden erwecken würde. Das Schloss war ein völlig einfaches, und nur eine starke Klinge war nötig, um es zurückzuschieben. Holmes schlug außerdem vor, dass wir nicht innerhalb der Hütte warten sollten, sondern außerhalb, zwischen den Büschen, die um das weiter entfernte Fenster wuchsen. Auf diese Weise wären wir in der Lage, unseren Mann zu beobachten, falls er ein Licht anzündete, und zu sehen, was sein Ziel bei diesem verstohlenen nächtlichen Besuch war.
Es war eine lange und schwermütige Totenwache, und doch brachte sie etwas von jenem Nervenkitzel mit sich, den der Jäger verspürt, wenn er neben dem Wasserloch liegt und auf das Erscheinen des durstigen Raubtiers wartet. Welches wilde Geschöpf mochte es sein, das sich aus der Dunkelheit an uns heranschleichen würde? War es ein wilder Tiger des Verbrechens, der nur durch harten Kampf mit blitzenden Zähnen und Krallen gefangen werden konnte, oder würde es sich als ein schleichender Schakal erweisen, der nur für die Schwachen und Unbewachten gefährlich war?
In absolutem Schweigen kauerten wir zwischen den Büschen und warteten auf alles, was kommen mochte. Anfangs erleichterten die Schritte einiger verspäteter Dorfbewohner oder das Geräusch von Stimmen aus dem Dorf unsere Wache, doch nach und nach starben diese Unterbrechungen ab, und eine absolute Stille legte sich über uns, abgesehen vom Geläut der fernen Kirche, das uns den Fortschritt der Nacht verriet, und vom Rascheln und Flüstern eines feinen Regens, der mitten in das Laub fiel, das uns überdachte.
Es hatte halb drei geschlagen, und es war die dunkelste Stunde, die der Morgendämmerung vorausgeht, als wir alle zusammenfuhren, da ein leises, aber scharfes Klicken aus der Richtung des Tors kam. Jemand hatte die Auffahrt betreten. Wieder gab es ein langes Schweigen, und ich hatte bereits befürchtet, es sei ein Fehlalarm, als auf der anderen Seite der Hütte ein verstohlener Schritt zu hören war und einen Augenblick später ein metallisches Scharren und Klicken. Der Mann versuchte, das Schloss aufzubrechen. Diesmal war seine Geschicklichkeit größer oder sein Werkzeug besser, denn es gab ein plötzliches Knacken und das Quietschen der Scharniere. Dann wurde ein Streichholz angezündet, und im nächsten Augenblick füllte das stetige Licht einer Kerze das Innere der Hütte. Durch den Gazevorhang waren unsere Augen alle auf das Geschehen im Inneren fixiert.
Der nächtliche Besucher war ein junger Mann, gebrechlich und dünn, mit einem schwarzen Schnurrbart, der die tödliche Blässe seines Gesichts noch verstärkte. Er konnte kaum viel älter als zwanzig Jahre gewesen sein. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der in einer solch erbärmlichen Angst zu sein schien, denn seine Zähne klapperten sichtbar, und er bebte an jedem Glied. Er war wie ein Gentleman gekleidet, in Norfolk-Jacke und Kniebundhose, mit einer Stoffmütze auf dem Kopf. Wir beobachteten, wie er mit erschrockenen Augen umherblickte. Dann legte er den Kerzenstummel auf den Tisch und verschwand aus unserem Blickfeld in eine der Ecken. Er kehrte mit einem großen Buch zurück, einem der Logbücher, die eine Reihe auf den Regalen bildeten. Er lehnte sich über den Tisch und blätterte hastig in diesem Band, bis er zu dem Eintrag kam, den er suchte. Dann schloss er mit einer wütenden Geste seiner geballten Faust das Buch, stellte es zurück in die Ecke und löschte das Licht. Er hatte sich kaum umgedreht, um die Hütte zu verlassen, als Hopkins’ Hand am Kragen des Kerls lag, und ich hörte sein lautes Keuchen vor Terror, als er begriff, dass er gefasst war. Die Kerze wurde wieder angezündet, und da war unser elender Gefangener, zitternd und kauernd im Griff des Detektivs. Er sank auf die Seekiste und blickte hilflos von einem zum anderen von uns.
„Nun, mein feiner Freund“, sagte Stanley Hopkins, „wer sind Sie, und was wollen Sie hier?“
Der Mann fing sich wieder und sah uns mit einem Versuch von Selbstbeherrschung an.
„Sie sind Detektive, nehme ich an?“, sagte er. „Sie bilden sich ein, ich stünde mit dem Tod von Kapitän Peter Carey in Verbindung. Ich versichere Ihnen, dass ich unschuldig bin.“
„Das werden wir noch sehen“, sagte Hopkins. „Zuerst einmal, wie ist Ihr Name?“
„Es ist John Hopley Neligan.“
Ich sah, wie Holmes und Hopkins einen schnellen Blick austauschten.
„Was machen Sie hier?“
„Kann ich vertraulich sprechen?“
„Nein, sicherlich nicht.“
„Warum sollte ich es Ihnen sagen?“
„Wenn Sie keine Antwort haben, kann es Ihnen bei der Gerichtsverhandlung schlecht ergehen.“
Der junge Mann zuckte zusammen.
„Nun, ich werde es Ihnen sagen“, sagte er. „Warum sollte ich nicht? Und doch hasse ich den Gedanken daran, dass dieser alte Skandal neues Leben gewinnt. Haben Sie jemals von Dawson und Neligan gehört?“
Ich konnte an Hopkins’ Gesicht sehen, dass er es nicht hatte, aber Holmes war brennend interessiert.
„Sie meinen die Bankiers aus dem West Country“, sagte er. „Sie machten pleite mit einer Million, ruinierten die Hälfte der Familien des Bezirks in Cornwall, und Neligan verschwand.“
„Genau. Neligan war mein Vater.“
Endlich erfuhren wir etwas Handfestes, und doch schien es eine große Lücke zwischen einem flüchtigen Bankier und Kapitän Peter Carey zu geben, der mit einer seiner eigenen Harpunen an die Wand gepinnt war. Wir alle hörten aufmerksam auf die Worte des jungen Mannes.
„Mein Vater war es, der wirklich besorgt war. Dawson war in den Ruhestand gegangen. Ich war damals erst zehn Jahre alt, aber alt genug, um die Scham und das Entsetzen über das alles zu spüren. Es wurde immer gesagt, dass mein Vater alle Wertpapiere stahl und floh. Das ist nicht wahr. Er war der Überzeugung, dass, wenn man ihm Zeit ließe, sie zu liquidieren, alles gut werden und jeder Gläubiger voll ausbezahlt werden würde. Er brach kurz bevor der Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde mit seiner kleinen Yacht nach Norwegen auf. Ich kann mich an jene letzte Nacht erinnern, als er von meiner Mutter Abschied nahm. Er hinterließ uns eine Liste der Wertpapiere, die er mitnahm, und er schwor, dass er mit reingewaschener Ehre zurückkehren würde und dass niemand, der ihm vertraut hatte, Schaden erleiden sollte. Nun, es ist nie wieder ein Wort von ihm gehört worden. Sowohl die Yacht als auch er verschwanden völlig. Wir glaubten, meine Mutter und ich, dass er und das Schiff, mitsamt den Wertpapieren, die er mitgenommen hatte, auf dem Grund des Meeres lägen. Wir hatten jedoch einen treuen Freund, einen Geschäftsmann, und er war es, der vor einiger Zeit entdeckte, dass einige der Wertpapiere, die mein Vater bei sich hatte, auf dem Londoner Markt wieder aufgetaucht waren. Sie können sich unser Erstaunen vorstellen. Ich verbrachte Monate damit, sie zurückzuverfolgen, und schließlich, nach vielen Zweifeln und Schwierigkeiten, entdeckte ich, dass der ursprüngliche Verkäufer Kapitän Peter Carey gewesen war, der Eigentümer dieser Hütte.
Natürlich erkundigte ich mich nach dem Mann. Ich fand heraus, dass er das Kommando über einen Walfänger innehatte, der genau zu der Zeit von den arktischen Meeren zurückkehren sollte, als mein Vater nach Norwegen übersetzte. Der Herbst jenes Jahres war stürmisch, und es gab eine lange Folge von Südwinden. Die Yacht meines Vaters mag durchaus nach Norden abgetrieben und dort auf das Schiff von Kapitän Peter Carey getroffen sein. Wenn das der Fall war, was war aus meinem Vater geworden? Jedenfalls, wenn ich durch Peter Careys Aussage beweisen könnte, wie diese Wertpapiere auf den Markt kamen, wäre das ein Beweis dafür, dass mein Vater sie nicht verkauft hatte und dass er beim Mitnehmen keinerlei Absicht auf persönlichen Gewinn verfolgt hatte.
Ich kam nach Sussex mit der Absicht, den Kapitän zu sehen, aber genau in diesem Moment geschah sein schrecklicher Tod. Ich las bei der Untersuchung eine Beschreibung seiner Kajüte, in der es hieß, dass die alten Logbücher seines Schiffes dort aufbewahrt wurden. Es kam mir der Gedanke, dass ich das Geheimnis um das Schicksal meines Vaters lüften könnte, wenn ich sehen würde, was sich im Monat August 1883 an Bord der Sea Unicorn ereignete. Ich versuchte letzte Nacht, an diese Logbücher heranzukommen, war aber nicht in der Lage, die Tür zu öffnen. Heute Nacht versuchte ich es erneut und hatte Erfolg, aber ich stellte fest, dass die Seiten, die diesen Monat behandeln, aus dem Buch herausgerissen worden sind. In diesem Moment fand ich mich als Gefangener in Ihren Händen wieder.“
„Ist das alles?“, fragte Hopkins.
„Ja, das ist alles.“ Seine Augen wanderten umher, als er das sagte.
„Haben Sie uns sonst nichts zu sagen?“
Er zögerte.
„Nein, da ist nichts.“
„Sie waren vor letzter Nacht nicht hier?“
„Nein.“
„Wie erklären Sie sich dann das?“, rief Hopkins und hielt das belastende Notizbuch hoch, mit den Initialen unseres Gefangenen auf dem ersten Blatt und dem Blutfleck auf dem Umschlag.
Der unglückliche Mann brach zusammen. Er vergrub das Gesicht in den Händen und bebte am ganzen Körper.
„Woher haben Sie das?“, stöhnte er. „Ich wusste es nicht. Ich dachte, ich hätte es im Hotel verloren.“
„Das reicht“, sagte Hopkins streng. „Was auch immer Sie sonst noch zu sagen haben, müssen Sie vor Gericht sagen. Sie gehen jetzt mit mir zum Polizeirevier. Nun, Mr. Holmes, ich bin Ihnen und Ihrem Freund sehr zu Dank verpflichtet, dass Sie gekommen sind, um mir zu helfen. Wie sich herausstellt, war Ihre Anwesenheit unnötig, und ich hätte den Fall auch ohne Sie zu diesem erfolgreichen Ende gebracht, aber dennoch bin ich dankbar. Im Brambletye Hotel sind Zimmer für Sie reserviert, also können wir alle zusammen ins Dorf hinuntergehen.“
„Nun, Watson, was halten Sie davon?“, fragte Holmes, als wir am nächsten Morgen zurückreisten.
„Ich sehe, dass Sie nicht zufrieden sind.“
„Oh doch, mein lieber Watson, ich bin vollkommen zufrieden. Gleichzeitig sagen mir die Methoden von Stanley Hopkins nicht zu. Ich bin von Stanley Hopkins enttäuscht. Ich hatte mir Besseres von ihm erhofft. Man sollte immer nach einer möglichen Alternative Ausschau halten und für sie Vorsorge treffen. Das ist die erste Regel der kriminalistischen Untersuchung.“
„Was ist dann die Alternative?“
„Die Ermittlungslinie, die ich selbst verfolgt habe. Sie mag uns nichts bringen. Ich kann es nicht sagen. Aber zumindest werde ich sie bis zum Ende verfolgen.“
In der Baker Street warteten mehrere Briefe auf Holmes. Er schnappte sich einen davon, öffnete ihn und brach in ein triumphierendes Kichern aus.
„Ausgezeichnet, Watson! Die Alternative entwickelt sich. Haben Sie Telegrammformulare? Schreiben Sie einfach ein paar Nachrichten für mich: ‚Sumner, Schifffahrtsagent, Ratcliff Highway. Schicken Sie drei Männer vor, Ankunft morgen zehn Uhr.—Basil.‘ Das ist mein Name in diesen Kreisen. Die andere lautet: ‚Inspektor Stanley Hopkins, 46 Lord Street, Brixton. Kommen Sie morgen um halb zehn zum Frühstück. Wichtig. Drahten Sie, falls Sie nicht kommen können.—Sherlock Holmes.‘ So, Watson, dieser verfluchte Fall hat mich zehn Tage lang verfolgt. Hiermit verbanne ich ihn vollständig aus meiner Gegenwart. Morgen, so hoffe ich, werden wir für immer das Letzte davon hören.“
Pünktlich zur genannten Stunde erschien Inspektor Stanley Hopkins, und wir setzten uns zusammen zu dem ausgezeichneten Frühstück, das Mrs. Hudson vorbereitet hatte. Der junge Detektiv war wegen seines Erfolges in bester Stimmung.
„Sie glauben wirklich, dass Ihre Lösung korrekt sein muss?“, fragte Holmes.
„Ich könnte mir keinen vollständigeren Fall vorstellen.“
„Mir schien er nicht schlüssig.“
„Sie erstaunen mich, Mr. Holmes. Was könnte man mehr verlangen?“
„Deckt Ihre Erklärung jeden Punkt ab?“
„Zweifellos. Ich habe herausgefunden, dass der junge Neligan genau an dem Tag des Verbrechens im Brambletye Hotel ankam. Er kam unter dem Vorwand, Golf zu spielen. Sein Zimmer war im Erdgeschoss, und er konnte hinaus, wann immer er wollte. Genau in jener Nacht ging er hinunter nach Woodman’s Lee, sah Peter Carey in der Hütte, stritt sich mit ihm und tötete ihn mit der Harpune. Dann, entsetzt über das, was er getan hatte, floh er aus der Hütte und ließ das Notizbuch fallen, das er mitgebracht hatte, um Peter Carey über diese verschiedenen Wertpapiere zu befragen. Sie mögen beobachtet haben, dass einige davon mit Häkchen markiert waren und die anderen – die große Mehrheit – nicht. Diejenigen, die angekreuzt sind, konnten auf dem Londoner Markt zurückverfolgt werden, aber die anderen waren vermutlich noch im Besitz Careys, und der junge Neligan war laut seiner eigenen Aussage begierig darauf, sie wiederzuerlangen, um gegenüber den Gläubigern seines Vaters das Richtige zu tun. Nach seiner Flucht wagte er es eine Zeit lang nicht, sich der Hütte wieder zu nähern, aber schließlich zwang er sich dazu, um die Informationen zu erhalten, die er brauchte. Ist das nicht alles einfach und offensichtlich?“
Holmes lächelte und schüttelte den Kopf.
„Sie scheint mir nur einen Nachteil zu haben, Hopkins, und zwar den, dass sie in sich unmöglich ist. Haben Sie schon einmal versucht, eine Harpune durch einen Körper zu treiben? Nein? Potztausend, mein lieber Herr, Sie müssen wirklich auf diese Details achten. Mein Freund Watson könnte Ihnen sagen, dass ich einen ganzen Vormittag mit dieser Übung verbracht habe. Es ist keine leichte Sache und erfordert einen starken und geübten Arm. Aber dieser Schlag wurde mit solcher Gewalt geführt, dass der Kopf der Waffe tief in die Wand eindrang. Bilden Sie sich ein, dass dieser blasse Jüngling zu einem so furchtbaren Angriff fähig war? Ist er der Mann, der mitten in der Nacht mit Black Peter bei Rum und Wasser zusammensaß? War es sein Profil, das zwei Nächte zuvor auf dem Rollo gesehen wurde? Nein, nein, Hopkins, es ist eine andere und weitaus furchteinflößendere Person, die wir suchen müssen.“
Das Gesicht des Detektivs war während Holmes’ Rede immer länger geworden. Seine Hoffnungen und Ambitionen bröckelten um ihn herum. Aber er wollte seine Position nicht kampflos aufgeben.
„Sie können nicht leugnen, dass Neligan in jener Nacht anwesend war, Mr. Holmes. Das Buch wird das beweisen. Ich bilde mir ein, dass ich genug Beweise habe, um eine Jury zufriedenzustellen, selbst wenn Sie in der Lage sind, ein Haar in der Suppe zu finden. Außerdem, Mr. Holmes, habe ich meine Hand auf meinen Mann gelegt. Was diese schreckliche Person von Ihnen betrifft, wo ist er?“
„Ich vermute eher, dass er auf der Treppe ist“, sagte Holmes gelassen. „Ich denke, Watson, Sie täten gut daran, diesen Revolver dorthin zu legen, wo Sie ihn erreichen können.“ Er stand auf und legte ein beschriebenes Blatt Papier auf einen Beistelltisch. „Nun sind wir bereit“, sagte er.
Draußen waren Stimmen in grobem Ton zu hören, und nun öffnete Mrs. Hudson die Tür, um zu sagen, dass drei Männer nach Kapitän Basil fragten.
„Lassen Sie sie einzeln herein“, sagte Holmes.
Der erste, der eintrat, war ein kleiner, untersetzter Mann mit rosigen Wangen und flauschigen weißen Backenbärten. Holmes hatte einen Brief aus seiner Tasche gezogen.
„Welcher Name?“, fragte er.
„James Lancaster.“
„Es tut mir leid, Lancaster, aber die Stelle ist besetzt. Hier ist ein halber Sovereign für Ihre Mühe. Gehen Sie einfach in dieses Zimmer und warten Sie dort für ein paar Minuten.“
Der zweite Mann war eine lange, ausgetrocknete Kreatur mit schlaffem Haar und fahlen Wangen. Sein Name war Hugh Pattins. Auch er erhielt seine Abweisung, seinen halben Sovereign und die Anweisung zu warten.
Der dritte Bewerber war ein Mann von bemerkenswertem Aussehen. Ein grimmiges Bulldoggen-Gesicht war eingerahmt von einem Wirrwarr aus Haar und Bart, und zwei kühne, dunkle Augen blitzten unter dem Schutz dicker, buschiger, überhängender Augenbrauen hervor. Er salutierte und stand in Seemannsart, während er seine Mütze in den Händen drehte.
„Ihr Name?“, fragte Holmes.
„Patrick Cairns.“
„Harpunier?“
„Ja, Sir. Sechsundzwanzig Fahrten.“
„Dundee, nehme ich an?“
„Ja, Sir.“
„Und bereit, mit einem Expeditionsschiff auszulaufen?“
„Ja, Sir.“
„Was für ein Lohn?“
„Acht Pfund im Monat.“
„Könnten Sie sofort anfangen?“
„Sobald ich meine Ausrüstung habe.“
„Haben Sie Ihre Papiere?“
„Ja, Sir.“ Er nahm ein Bündel abgewetzter und fettiger Formulare aus seiner Tasche. Holmes überflog sie und gab sie zurück.
„Sie sind genau der Mann, den ich brauche“, sagte er. „Hier ist der Vertrag auf dem Beistelltisch. Wenn Sie unterschreiben, ist die ganze Angelegenheit erledigt.“
Der Seemann schwankte durch den Raum und nahm die Feder.
„Soll ich hier unterschreiben?“, fragte er, über den Tisch gebeugt.
Holmes lehnte sich über seine Schulter und legte beide Hände um seinen Nacken.
„Das genügt“, sagte er.
Ich hörte ein Klicken von Stahl und ein Brüllen wie von einem wütenden Stier. Im nächsten Augenblick rollten Holmes und der Seemann zusammen auf dem Boden. Er war ein Mann von so gigantischer Stärke, dass er, selbst mit den Handschellen, die Holmes so geschickt an seinen Handgelenken befestigt hatte, meinen Freund sehr schnell überwältigt hätte, wären Hopkins und ich ihm nicht zu Hilfe geeilt. Erst als ich die kalte Mündung des Revolvers an seine Schläfe drückte, begriff er endlich, dass Widerstand zwecklos war. Wir fesselten seine Knöchel mit einer Schnur und erhoben uns atemlos aus dem Kampf.
„Ich muss mich wirklich entschuldigen, Hopkins“, sagte Sherlock Holmes. „Ich fürchte, das Rührei ist kalt. Wie auch immer, Sie werden den Rest Ihres Frühstücks umso besser genießen, nicht wahr, bei dem Gedanken, dass Sie Ihren Fall zu einem triumphalen Abschluss gebracht haben.“
Stanley Hopkins war sprachlos vor Staunen.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Mr. Holmes“, platzte er schließlich mit sehr rotem Gesicht heraus. „Es scheint mir, dass ich mich von Anfang an zum Narren gemacht habe. Ich verstehe jetzt, was ich nie hätte vergessen dürfen, dass ich der Schüler bin und Sie der Meister. Selbst jetzt sehe ich, was Sie getan haben, aber ich weiß nicht, wie Sie es gemacht haben oder was es bedeutet.“
„Nun, nun“, sagte Holmes gutmütig. „Wir alle lernen aus Erfahrung, und Ihre Lektion dieses Mal ist, dass Sie die Alternative nie aus den Augen verlieren sollten. Sie waren so auf den jungen Neligan fixiert, dass Sie keinen Gedanken an Patrick Cairns verschwenden konnten, den wahren Mörder von Peter Carey.“
Die heisere Stimme des Seemanns unterbrach unser Gespräch.
„Sehen Sie mal hier, Mister“, sagte er, „ich beschwere mich nicht darüber, dass ich auf diese Weise angepackt werde, aber ich möchte, dass Sie die Dinge bei ihren richtigen Namen nennen. Sie sagen, ich habe Peter Carey ermordet, ich sage, ich habe Peter Carey getötet, und da liegt der ganze Unterschied. Vielleicht glauben Sie nicht, was ich sage. Vielleicht denken Sie, ich erzähle Ihnen nur ein Märchen.“
„Keineswegs“, sagte Holmes. „Lassen Sie uns hören, was Sie zu sagen haben.“
„Es ist schnell erzählt, und beim Herrn, jedes Wort davon ist die Wahrheit. Ich kannte Black Peter, und als er sein Messer herauszog, jagte ich ihm flink eine Harpune durch, denn ich wusste, dass es entweder er oder ich war. So ist er gestorben. Sie können es Mord nennen. Wie dem auch sei, ich würde lieber mit einem Strick um den Hals sterben als mit Black Peters Messer in meinem Herzen.“
„Wie kamen Sie dort hin?“, fragte Holmes.
„Ich erzähle es Ihnen von Anfang an. Setzen Sie mich nur ein wenig auf, damit ich bequem sprechen kann. Es war im Jahr ’83, als es passierte – im August jenes Jahres. Peter Carey war Kapitän der Sea Unicorn, und ich war Ersatzharpunier. Wir kamen aus dem Packeis auf dem Heimweg, mit Gegenwind und einer Woche Südwind, als wir ein kleines Boot aufnahmen, das nach Norden abgetrieben war. Es war ein Mann darauf – ein Landsmann. Die Besatzung hatte geglaubt, sie würde untergehen, und war mit dem Beiboot zur norwegischen Küste gerudert. Ich schätze, sie sind alle ertrunken. Nun, wir nahmen ihn an Bord, diesen Mann, und er und der Kapitän hatten einige lange Gespräche in der Kajüte. Alles Gepäck, das wir mit ihm mitnahmen, war eine Blechkiste. Soweit ich weiß, wurde der Name des Mannes nie erwähnt, und in der zweiten Nacht verschwand er, als ob er nie existiert hätte. Es wurde verlautbart, er habe sich entweder selbst über Bord geworfen oder sei bei dem schweren Wetter, das wir hatten, über Bord gefallen. Nur ein Mann wusste, was mit ihm geschehen war, und das war ich, denn mit meinen eigenen Augen sah ich, wie der Kapitän ihn in der mittleren Wache einer dunklen Nacht, zwei Tage bevor wir die Lichter der Shetlandinseln sichteten, bei den Hacken nahm und über die Reling beförderte. Nun, ich behielt mein Wissen für mich und wartete ab, was daraus werden würde. Als wir nach Schottland zurückkamen, wurde es leicht vertuscht, und niemand stellte Fragen. Ein Fremder starb durch einen Unfall, und es war niemandes Geschäft, nachzuforschen. Kurz darauf gab Peter Carey die Seefahrt auf, und es dauerte lange Jahre, bis ich herausfinden konnte, wo er war. Ich vermutete, dass er die Tat um dessen willen begangen hatte, was in dieser Blechkiste war, und dass er es sich nun leisten konnte, mich gut dafür zu bezahlen, dass ich meinen Mund hielt. Ich fand heraus, wo er war, durch einen Seemann, der ihn in London getroffen hatte, und ich fuhr hinunter, um ihn auszuquetschen. Die erste Nacht war er vernünftig genug und bereit, mir das zu geben, was mich für den Rest meines Lebens von der Seefahrt befreien würde. Wir sollten alles zwei Nächte später festmachen. Als ich kam, fand ich ihn zu drei Vierteln betrunken und in einer abscheulichen Stimmung. Wir setzten uns, tranken und plauderten über alte Zeiten, aber je mehr er trank, desto weniger gefiel mir sein Gesichtsausdruck. Ich entdeckte diese Harpune an der Wand und dachte, ich könnte sie gebrauchen, bevor ich fertig war. Dann schließlich platzte es aus ihm heraus, er spuckte und fluchte, mit Mord in den Augen und einem großen Klappmesser in der Hand. Er hatte keine Zeit, es aus der Scheide zu ziehen, bevor ich die Harpune durch ihn hindurch hatte. Himmel! Was für einen Schrei er ausstieß! Und sein Gesicht kommt mir immer wieder zwischen meinen Schlaf. Ich stand da, sein Blut spritzte um mich herum, und ich wartete eine Weile, aber alles war ruhig, also fasste ich wieder Mut. Ich sah mich um, und da stand die Blechkiste auf dem Regal. Ich hatte ohnehin genauso viel Recht darauf wie Peter Carey, also nahm ich sie mit und verließ die Hütte. Wie ein Dummkopf ließ ich meinen Tabaksbeutel auf dem Tisch liegen.“
„Jetzt erzähle ich Ihnen den seltsamsten Teil der ganzen Geschichte. Ich war kaum aus der Hütte heraus, als ich jemanden kommen hörte, und ich versteckte mich im Gebüsch. Ein Mann kam herangeschlichen, ging in die Hütte, stieß einen Schrei aus, als hätte er ein Gespenst gesehen, und rannte so schnell er konnte davon, bis er außer Sicht war. Wer er war oder was er wollte, weiß ich nicht. Ich für meinen Teil lief zehn Meilen, nahm einen Zug in Tunbridge Wells und erreichte so London, und niemand war klüger.“
„Nun, als ich die Kiste untersuchte, stellte ich fest, dass kein Geld darin war und nichts als Papiere, die ich nicht zu verkaufen wagte. Ich hatte meinen Halt auf Black Peter verloren und saß ohne einen Schilling in London fest. Da blieb nur noch mein Handwerk. Ich sah diese Anzeigen wegen Harpuniere und hohem Lohn, also ging ich zu den Schifffahrtsagenten, und die schickten mich hierher. Das ist alles, was ich weiß, und ich sage noch einmal, wenn ich Black Peter getötet habe, sollte das Gesetz mir danken, denn ich habe ihnen den Preis für einen Hanfstrick erspart.“
„Eine sehr klare Aussage“, sagte Holmes, stand auf und zündete seine Pfeife an. „Ich denke, Hopkins, Sie sollten keine Zeit verlieren, Ihren Gefangenen an einen sicheren Ort zu bringen. Dieser Raum ist nicht gut als Zelle geeignet, und Mr. Patrick Cairns nimmt einen zu großen Teil unseres Teppichs ein.“
„Mr. Holmes“, sagte Hopkins, „ich weiß nicht, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken soll. Selbst jetzt verstehe ich nicht, wie Sie dieses Ergebnis erreicht haben.“
„Einfach dadurch, dass ich das Glück hatte, von Anfang an den richtigen Hinweis zu erhalten. Es ist sehr gut möglich, dass, wenn ich von diesem Notizbuch gewusst hätte, es meine Gedanken in die Irre geführt hätte, so wie es bei Ihnen der Fall war. Aber alles, was ich hörte, deutete in die eine Richtung. Die erstaunliche Kraft, die Geschicklichkeit im Gebrauch der Harpune, der Rum mit Wasser, der Tabaksbeutel aus Robbenfell mit dem groben Tabak – all das deutete auf einen Seemann hin, und zwar einen, der auf einem Walfänger gewesen war. Ich war überzeugt, dass die Initialen ‚P.C.‘ auf dem Beutel ein Zufall waren und nicht die von Peter Carey, da er selten rauchte und in seiner Kajüte keine Pfeife gefunden wurde. Sie erinnern sich, dass ich fragte, ob Whisky und Brandy in der Kajüte waren. Sie sagten, sie wären es. Wie viele Landsleute gibt es, die Rum trinken würden, wenn sie diese anderen Spirituosen bekommen könnten? Ja, ich war sicher, dass es ein Seemann war.“
„Und wie haben Sie ihn gefunden?“
„Mein lieber Herr, das Problem war sehr einfach geworden. Wenn es ein Seemann war, konnte es nur ein Seemann sein, der mit ihm auf der Sea Unicorn gewesen war. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war er auf keinem anderen Schiff gefahren. Ich verbrachte drei Tage damit, nach Dundee zu telegraphieren, und am Ende dieser Zeit hatte ich die Namen der Besatzung der Sea Unicorn im Jahr 1883 ermittelt. Als ich Patrick Cairns unter den Harpuniere fand, näherte sich meine Untersuchung ihrem Ende. Ich argumentierte, dass der Mann wahrscheinlich in London sei und dass er das Land für eine Weile verlassen wolle. Ich verbrachte daher einige Tage im East End, erdachte eine Arktis-Expedition, stellte verlockende Bedingungen für Harpuniere auf, die unter Kapitän Basil dienen würden – und siehe da, das Ergebnis!“
„Wunderbar!“, rief Hopkins. „Wunderbar!“
„Sie müssen die Freilassung des jungen Neligan so schnell wie möglich erwirken“, sagte Holmes. „Ich gestehe, dass ich denke, Sie schulden ihm eine Entschuldigung. Die Blechkiste muss ihm zurückgegeben werden, aber natürlich sind die Wertpapiere, die Peter Carey verkauft hat, für immer verloren. Da ist die Droschke, Hopkins, und Sie können Ihren Mann abtransportieren. Wenn Sie mich für den Prozess brauchen, meine Adresse und die von Watson wird irgendwo in Norwegen sein – ich sende später Einzelheiten.“
Es ist Jahre her, seit die Vorfälle, von denen ich berichte, stattgefunden haben, und doch spreche ich nur mit Zurückhaltung von ihnen. Lange Zeit wäre es selbst mit der äußersten Diskretion und Verschwiegenheit unmöglich gewesen, die Tatsachen öffentlich zu machen, doch nun ist die Hauptperson, um die es geht, dem menschlichen Gesetz entzogen, und mit gebotener Unterdrückung kann die Geschichte in einer Weise erzählt werden, die niemandem schadet. Sie dokumentiert eine absolut einzigartige Erfahrung in der Laufbahn sowohl von Mr. Sherlock Holmes als auch von mir selbst. Der Leser möge mir verzeihen, wenn ich das Datum oder jede andere Tatsache verschweige, anhand derer er den tatsächlichen Hergang nachvollziehen könnte.
Wir waren zu einem unserer abendlichen Spaziergänge unterwegs gewesen, Holmes und ich, und waren gegen sechs Uhr an einem kalten, frostigen Winterabend zurückgekehrt. Als Holmes die Lampe aufdrehte, fiel das Licht auf eine Karte auf dem Tisch. Er warf einen Blick darauf und warf sie dann mit einem Ausruf des Abscheus auf den Boden. Ich hob sie auf und las:
CHARLES AUGUSTUS MILVERTON, Appledore Towers, Hampstead. Agent.
„Wer ist das?“, fragte ich.
„Der schlimmste Mann in London“, antwortete Holmes, während er sich setzte und die Beine vor dem Kamin ausstreckte. „Steht etwas auf der Rückseite der Karte?“
Ich drehte sie um.
„Werde um 6:30 Uhr vorbeikommen – C.A.M.“, las ich.
„Hm! Er ist überfällig. Verspüren Sie ein kriechendes, schrumpfendes Gefühl, Watson, wenn Sie im Zoo vor den Schlangen stehen und die glitschigen, gleitenden, giftigen Geschöpfe mit ihren tödlichen Augen und den bösen, flachen Gesichtern sehen? Nun, genau so beeindruckt mich Milverton. Ich habe in meiner Laufbahn mit fünfzig Mördern zu tun gehabt, aber der schlimmste von ihnen hat in mir nie den Abscheu hervorgerufen, den ich für diesen Kerl empfinde. Und doch komme ich nicht umhin, mit ihm Geschäfte zu machen – tatsächlich ist er auf meine Einladung hin hier.“
„Aber wer ist er?“
„Ich will es dir sagen, Watson. Er ist der König aller Erpresser. Gott stehe dem Mann bei, und noch mehr der Frau, deren Geheimnis und Ruf in die Gewalt von Milverton geraten! Mit einem lächelnden Gesicht und einem Herzen aus Marmor wird er sie ausquetschen und ausquetschen, bis er sie völlig ausgehöhlt hat. Der Kerl ist auf seine Art ein Genie und hätte in einem ehrenwerteren Gewerbe sicher Karriere gemacht. Seine Methode ist wie folgt: Er lässt bekannt werden, dass er bereit ist, sehr hohe Summen für Briefe zu zahlen, die wohlhabende und angesehene Leute kompromittieren. Er bezieht diese Ware nicht nur von treulosen Kammerdienern oder Zofen, sondern häufig auch von vornehmen Schurken, die das Vertrauen und die Zuneigung leichtgläubiger Frauen gewonnen haben. Er handelt nicht geizig. Ich weiß zufällig, dass er einem Lakaien siebenhundert Pfund für eine zwei Zeilen lange Notiz zahlte, und dass der Ruin einer Adelsfamilie das Ergebnis war. Alles, was auf dem Markt ist, geht an Milverton, und es gibt Hunderte in dieser großen Stadt, die bei seinem Namen bleich werden. Niemand weiß, wo sein Griff zupacken mag, denn er ist viel zu reich und viel zu gerissen, als dass er von der Hand in den Mund leben müsste. Er hält eine Karte jahrelang zurück, um sie in dem Moment auszuspielen, in dem der Einsatz am lohnendsten ist. Ich habe gesagt, er sei der schlimmste Mann in London, und ich möchte Sie fragen, wie man den Schurken, der im Affekt seinen Gefährten erschlägt, mit diesem Mann vergleichen kann, der methodisch und in aller Ruhe die Seele quält und die Nerven zermürbt, um seine ohnehin schon prall gefüllten Geldsäcke weiter zu füllen?“
Ich hatte meinen Freund selten mit einer solchen Intensität des Gefühls sprechen hören.
„Aber sicher“, sagte ich, „muss der Kerl doch in den Griff des Gesetzes zu bekommen sein?“
„Technisch zweifellos, praktisch jedoch nicht. Was würde es zum Beispiel einer Frau nützen, wenn er ein paar Monate ins Gefängnis käme, wenn ihr eigener Ruin unmittelbar darauf folgen müsste? Seine Opfer wagen es nicht, zurückzuschlagen. Wenn er jemals eine unschuldige Person erpresst hätte, dann hätten wir ihn tatsächlich, aber er ist so gerissen wie der Teufel selbst. Nein, nein, wir müssen andere Wege finden, ihn zu bekämpfen.“
„Und warum ist er hier?“
„Weil eine erlauchte Klientin ihren kläglichen Fall in meine Hände gelegt hat. Es ist Lady Eva Blackwell, die schönste Debütantin der letzten Saison. Sie soll in vierzehn Tagen den Earl of Dovercourt heiraten. Dieser Unhold besitzt mehrere unvorsichtige Briefe – unvorsichtige, Watson, nichts Schlimmeres –, die an einen mittellosen jungen Landadeligen geschrieben wurden. Sie würden ausreichen, um die Verbindung zu lösen. Milverton wird die Briefe an den Earl schicken, falls ihm nicht eine große Geldsumme gezahlt wird. Ich wurde beauftragt, ihn zu treffen und – die bestmöglichen Bedingungen auszuhandeln.“
In diesem Augenblick gab es ein Klappern und Rasseln auf der Straße unter uns. Als ich hinunterblickte, sah ich eine stattliche Kutsche mit zwei Pferden, deren helle Lampen auf den glänzenden Hinterteilen der edlen Füchse glänzten. Ein Lakai öffnete die Tür, und ein kleiner, untersetzter Mann in einem zotteligen Astrachan-Mantel stieg aus. Eine Minute später war er im Raum.
Charles Augustus Milverton war ein Mann von fünfzig Jahren mit einem großen, intellektuellen Kopf, einem runden, pummeligen, haarlosen Gesicht, einem ständig eingefrorenen Lächeln und zwei scharfen, grauen Augen, die hell hinter einer breiten, goldgeränderten Brille hervorblitzten. Es lag etwas von der Gutmütigkeit eines Mr. Pickwick in seinem Erscheinungsbild, das nur durch die Unaufrichtigkeit des starren Lächelns und das harte Funkeln dieser rastlosen und durchdringenden Augen getrübt wurde. Seine Stimme war so sanft und geschmeidig wie sein Antlitz, als er mit einer kleinen, pummeligen Hand auf uns zuging und sein Bedauern darüber murmelte, uns bei seinem ersten Besuch verpasst zu haben. Holmes ignorierte die ausgestreckte Hand und betrachtete ihn mit einem Gesicht aus Granit. Milvertons Lächeln wurde breiter, er zuckte mit den Schultern, legte seinen Mantel ab, faltete ihn mit großer Bedachtsamkeit über die Lehne eines Stuhls und nahm dann Platz.
„Dieser Herr?“, sagte er mit einer Geste in meine Richtung. „Ist es diskret? Ist es richtig?“
„Dr. Watson ist mein Freund und Partner.“
„Sehr gut, Mr. Holmes. Ich habe nur im Interesse Ihrer Klientin protestiert. Die Angelegenheit ist so überaus heikel –“
„Dr. Watson hat bereits davon gehört.“
„Dann können wir zum Geschäftlichen übergehen. Sie sagen, dass Sie für Lady Eva handeln. Hat sie Sie bevollmächtigt, meine Bedingungen zu akzeptieren?“
„Was sind Ihre Bedingungen?“
„Siebentausend Pfund.“
„Und die Alternative?“
„Mein lieber Herr, es ist mir schmerzlich, darüber zu diskutieren, aber wenn das Geld nicht am 14. gezahlt wird, wird es am 18. sicherlich keine Hochzeit geben.“ Sein unerträgliches Lächeln war selbstgefälliger denn je.
Holmes dachte einen Augenblick nach.
„Sie scheinen mir“, sagte er schließlich, „die Dinge zu sehr als gegeben vorauszusetzen. Ich bin natürlich mit dem Inhalt dieser Briefe vertraut. Meine Klientin wird sicherlich tun, was ich ihr rate. Ich werde ihr raten, ihrem zukünftigen Ehemann die ganze Geschichte zu erzählen und auf seine Großmut zu vertrauen.“
Milverton kicherte.
„Sie kennen den Earl offensichtlich nicht“, sagte er.
An dem ratlosen Ausdruck auf Holmes’ Gesicht konnte ich deutlich sehen, dass er ihn kannte.
„Welchen Schaden richten die Briefe an?“, fragte er.
„Sie sind spritzig – sehr spritzig“, antwortete Milverton. „Die Dame war eine bezaubernde Briefschreiberin. Aber ich kann Ihnen versichern, dass der Earl of Dovercourt sie nicht zu schätzen wüsste. Wie dem auch sei, da Sie anderer Meinung sind, lassen wir es dabei bewenden. Es ist rein geschäftlich. Wenn Sie glauben, dass es im besten Interesse Ihrer Klientin ist, dass diese Briefe in die Hände des Earls gelangen, dann wären Sie in der Tat töricht, eine so große Summe zu zahlen, um sie zurückzuerlangen.“ Er erhob sich und ergriff seinen Astrachan-Mantel.
Holmes war grau vor Zorn und Demütigung.
„Warten Sie ein wenig“, sagte er. „Sie gehen zu schnell vor. Wir sollten sicherlich alle Anstrengungen unternehmen, um einen Skandal in einer so heiklen Angelegenheit zu vermeiden.“
Milverton ließ sich wieder in seinen Stuhl zurückfallen.
„Ich war sicher, dass Sie es in diesem Licht sehen würden“, schnurrte er.
„Gleichzeitig“, fuhr Holmes fort, „ist Lady Eva keine wohlhabende Frau. Ich versichere Ihnen, dass zweitausend Pfund eine Belastung für ihre Mittel wären und dass die Summe, die Sie nennen, völlig außerhalb ihrer Möglichkeiten liegt. Ich bitte Sie daher, Ihre Forderungen zu mäßigen und die Briefe zu dem Preis zurückzugeben, den ich nenne, der, wie ich Ihnen versichere, der höchste ist, den Sie bekommen können.“
Milvertons Lächeln wurde breiter und seine Augen funkelten humorvoll.
„Ich bin mir bewusst, dass das, was Sie über die Mittel der Dame sagen, der Wahrheit entspricht“, sagte er. „Gleichzeitig müssen Sie zugeben, dass der Anlass der Hochzeit einer Dame ein sehr geeigneter Zeitpunkt für ihre Freunde und Verwandten ist, sich ein wenig für sie einzusetzen. Sie mögen bezüglich eines akzeptablen Hochzeitsgeschenks zögern. Lassen Sie mich ihnen versichern, dass dieses kleine Bündel Briefe mehr Freude bereiten würde als alle Kandelaber und Butterdosen in London.“
„Das ist unmöglich“, sagte Holmes.
„Du meine Güte, du meine Güte, wie bedauerlich!“, rief Milverton und holte eine umfangreiche Brieftasche hervor. „Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Damen schlecht beraten sind, wenn sie sich nicht bemühen. Schauen Sie sich das an!“ Er hielt eine kleine Notiz mit einem Wappen auf dem Umschlag hoch. „Das gehört zu – nun, vielleicht ist es kaum fair, den Namen bis morgen früh zu nennen. Aber zu dieser Zeit wird es in den Händen des Ehemannes der Dame sein. Und alles nur, weil sie keine erbärmliche Summe aufbringen will, die sie bekommen könnte, wenn sie ihre Diamanten in Glassteine verwandelte. Es ist so ein Jammer! Erinnern Sie sich an das plötzliche Ende der Verlobung zwischen der Honourable Miss Miles und Colonel Dorking? Nur zwei Tage vor der Hochzeit gab es eine Notiz in der Morning Post, dass alles geplatzt sei. Und warum? Es ist fast unglaublich, aber die absurde Summe von zwölftausend Pfund hätte die ganze Frage geklärt. Ist es nicht jämmerlich? Und hier finde ich Sie, einen vernünftigen Mann, der wegen der Bedingungen feilscht, wenn die Zukunft und die Ehre Ihrer Klientin auf dem Spiel stehen. Sie überraschen mich, Mr. Holmes.“
„Was ich sage, ist wahr“, antwortete Holmes. „Das Geld ist nicht aufzubringen. Wäre es für Sie nicht sicher besser, die beachtliche Summe anzunehmen, die ich anbiete, anstatt die Karriere dieser Frau zu ruinieren, was Ihnen in keiner Weise nützen kann?“
„Da machen Sie einen Fehler, Mr. Holmes. Eine Enthüllung würde mir indirekt in beträchtlichem Maße nützen. Ich habe acht oder zehn ähnliche Fälle, die reifen. Wenn unter ihnen bekannt würde, dass ich an Lady Eva ein strenges Exempel statuiert habe, würde ich alle viel vernünftiger vorfinden. Verstehen Sie meinen Standpunkt?“
Holmes sprang von seinem Stuhl auf.
„Hinter ihn, Watson! Lassen Sie ihn nicht raus! Nun, mein Herr, zeigen Sie uns den Inhalt dieses Notizbuchs.“
Milverton war so schnell wie eine Ratte an die Seite des Raumes geglitten und stand mit dem Rücken gegen die Wand.
„Mr. Holmes, Mr. Holmes“, sagte er, schlug die Vorderseite seines Mantels auf und zeigte den Griff eines großen Revolvers, der aus der Innentasche ragte. „Ich habe erwartet, dass Sie etwas Originelles tun würden. Das wurde schon so oft versucht, und was hat es je gebracht? Ich versichere Ihnen, dass ich bis an die Zähne bewaffnet bin, und ich bin voll und ganz bereit, meine Waffen zu benutzen, in dem Wissen, dass das Gesetz mich unterstützen wird. Außerdem ist Ihre Vermutung, dass ich die Briefe hier in einem Notizbuch bei mir trage, völlig falsch. Ich würde nichts so Törichtes tun. Und nun, meine Herren, habe ich heute Abend noch ein oder zwei kleine Besprechungen, und es ist ein weiter Weg nach Hampstead.“ Er trat vor, nahm seinen Mantel, legte die Hand auf seinen Revolver und wandte sich zur Tür. Ich nahm einen Stuhl, aber Holmes schüttelte den Kopf, und ich stellte ihn wieder ab. Mit einer Verbeugung, einem Lächeln und einem Funkeln in den Augen war Milverton aus dem Raum, und wenige Augenblicke später hörten wir das Zuschlagen der Kutschentür und das Rasseln der Räder, als er davonfuhr.
Holmes saß regungslos am Kamin, die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben, das Kinn auf die Brust gesunken, die Augen auf die glühende Asche gerichtet. Eine halbe Stunde lang war er stumm und still. Dann, mit der Geste eines Mannes, der eine Entscheidung getroffen hat, sprang er auf und ging in sein Schlafzimmer. Kurz darauf zündete ein verwegen aussehender junger Arbeiter mit Kinnbart und stolzer Haltung seine Tonpfeife an der Lampe an, bevor er auf die Straße hinunterging. „Ich werde irgendwann zurück sein, Watson“, sagte er und verschwand in der Nacht. Ich begriff, dass er seinen Feldzug gegen Charles Augustus Milverton eröffnet hatte, aber ich ahnte kaum, welche seltsame Form dieser Feldzug annehmen sollte.
Einige Tage lang kam und ging Holmes zu allen möglichen Zeiten in diesem Aufzug, aber abgesehen von der Bemerkung, dass er seine Zeit in Hampstead verbringe und sie nicht verschwendet sei, wusste ich nichts von dem, was er tat. Endlich jedoch, an einem wilden, stürmischen Abend, als der Wind schrie und gegen die Fenster rüttelte, kehrte er von seinem letzten Streifzug zurück, und nachdem er seine Verkleidung abgelegt hatte, saß er vor dem Kamin und lachte herzlich auf seine stille, in sich gekehrte Art.
„Sie würden mich nicht als einen Mann bezeichnen, der heiratet, Watson?“
„Nein, wahrlich nicht!“
„Sie werden interessiert sein zu hören, dass ich verlobt bin.“
„Mein lieber Freund! Ich gratulie –“
„Mit Milvertons Hausmädchen.“
„Guter Gott, Holmes!“
„Ich wollte Informationen, Watson.“
„Da sind Sie sicher zu weit gegangen?“
„Es war ein absolut notwendiger Schritt. Ich bin Klempner mit einem florierenden Geschäft, Escott mit Namen. Ich bin jeden Abend mit ihr ausgegangen und habe mit ihr gesprochen. Guter Gott, diese Gespräche! Wie dem auch sei, ich habe alles bekommen, was ich wollte. Ich kenne Milvertons Haus, wie ich meine Westentasche kenne.“
„Aber das Mädchen, Holmes?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Man kann nicht anders, mein lieber Watson. Man muss seine Karten so gut wie möglich ausspielen, wenn ein solcher Einsatz auf dem Tisch liegt. Ich freue mich jedoch sagen zu können, dass ich einen verhassten Nebenbuhler habe, der mich sicherlich ausstechen wird, sobald ich den Rücken drehe. Was für eine großartige Nacht das ist!“
„Sie mögen dieses Wetter?“
„Es kommt meinem Zweck entgegen. Watson, ich habe vor, heute Nacht in Milvertons Haus einzubrechen.“
Ich hielt den Atem an, und meine Haut wurde kalt bei diesen Worten, die langsam in einem Ton konzentrierter Entschlossenheit ausgesprochen wurden. Wie ein Blitzschlag in der Nacht in einem Augenblick jedes Detail einer wilden Landschaft erhellt, so schien ich auf einen Blick jede mögliche Folge einer solchen Handlung zu sehen – die Entdeckung, die Gefangennahme, die ehrenhafte Laufbahn, die in einem irreparablen Scheitern und in Schande endet, mein Freund selbst der Gnade des abscheulichen Milverton ausgeliefert.
„Um Himmels willen, Holmes, bedenken Sie, was Sie tun“, rief ich.
„Mein lieber Freund, ich habe es gründlich erwogen. Ich bin in meinen Handlungen niemals vorschnell, und ich würde keinen so energischen und in der Tat so gefährlichen Kurs einschlagen, wenn irgendein anderer möglich wäre. Lassen Sie uns die Angelegenheit klar und unvoreingenommen betrachten. Ich nehme an, Sie werden zugeben, dass die Handlung moralisch gerechtfertigt ist, auch wenn sie technisch gesehen kriminell ist. In sein Haus einzubrechen ist nicht mehr, als ihm gewaltsam seine Brieftasche abzunehmen – eine Aktion, bei der Sie bereit waren, mir zu helfen.“
Ich ging es in Gedanken durch.
„Ja“, sagte ich, „sie ist moralisch gerechtfertigt, solange unser Ziel darin besteht, keine Gegenstände außer denen mitzunehmen, die für einen illegalen Zweck verwendet werden.“
„Genau. Da sie moralisch gerechtfertigt ist, muss ich nur die Frage des persönlichen Risikos bedenken. Sicherlich sollte ein Gentleman dem nicht allzu viel Bedeutung beimessen, wenn eine Dame in höchster Not auf seine Hilfe angewiesen ist?“
„Sie werden sich in einer so falschen Position befinden.“
„Nun, das ist Teil des Risikos. Es gibt keinen anderen möglichen Weg, diese Briefe zurückzugewinnen. Die unglückliche Dame hat das Geld nicht, und es gibt niemanden unter ihren Leuten, dem sie sich anvertrauen könnte. Morgen ist der letzte Tag der Gnadenfrist, und wenn wir die Briefe nicht heute Nacht bekommen können, wird dieser Schurke sein Wort halten und ihren Ruin herbeiführen. Ich muss also meine Klientin ihrem Schicksal überlassen oder diese letzte Karte ausspielen. Unter uns gesagt, Watson, es ist ein sportliches Duell zwischen diesem Kerl Milverton und mir. Er hatte, wie Sie sahen, die Oberhand in den ersten Runden, aber mein Selbstwertgefühl und mein Ruf verlangen es, es bis zum Ende auszukämpfen.“
„Nun, mir gefällt es nicht, aber ich nehme an, es muss sein“, sagte ich. „Wann brechen wir auf?“
„Sie kommen nicht mit.“
„Dann gehen Sie auch nicht“, sagte ich. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – und ich habe es in meinem Leben nie gebrochen –, dass ich eine Droschke direkt zur Polizeistation nehmen und Sie verraten werde, wenn Sie mich nicht an diesem Abenteuer teilhaben lassen.“
„Sie können mir nicht helfen.“
„Woher wollen Sie das wissen? Sie können nicht sagen, was passieren mag. Jedenfalls steht mein Entschluss fest. Andere Leute außer Ihnen haben ein Selbstwertgefühl und sogar einen Ruf.“
Holmes hatte verärgert ausgesehen, aber seine Stirn klärte sich, und er klopfte mir auf die Schulter.
„Nun, nun, mein lieber Freund, dann sei es so. Wir teilen uns seit einigen Jahren dasselbe Zimmer, und es wäre amüsant, wenn wir am Ende dieselbe Zelle teilen würden. Wissen Sie, Watson, ich scheue mich nicht, Ihnen zu gestehen, dass ich immer die Idee hatte, dass ich ein hocheffizienter Krimineller geworden wäre. Dies ist die Chance meines Lebens in dieser Richtung. Schauen Sie hier!“ Er nahm ein schmuckes kleines Lederetui aus einer Schublade und präsentierte beim Öffnen eine Reihe glänzender Instrumente. „Dies ist ein erstklassiges, modernes Einbruchswerkzeug, mit vernickeltem Brecheisen, Glasschneider mit Diamantspitze, anpassbaren Schlüsseln und jeder modernen Verbesserung, die der Fortschritt der Zivilisation verlangt. Hier ist auch meine dunkle Laterne. Alles ist in Ordnung. Haben Sie ein Paar geräuschlose Schuhe?“
„Ich habe Tennisschuhe mit Gummisohlen.“
„Ausgezeichnet! Und eine Maske?“
„Ich kann ein paar aus schwarzer Seide anfertigen.“
„Ich sehe, dass Sie eine starke, natürliche Veranlagung für diese Art von Dingen haben. Sehr gut, fertigen Sie die Masken an. Wir werden ein kaltes Abendessen zu uns nehmen, bevor wir aufbrechen. Es ist jetzt halb zehn. Um elf Uhr werden wir bis zur Church Row fahren. Von dort ist es eine Viertelstunde Fußweg bis zu den Appledore Towers. Wir werden vor Mitternacht bei der Arbeit sein. Milverton schläft tief und geht pünktlich um halb elf zu Bett. Mit etwas Glück sollten wir bis zwei Uhr wieder hier sein, mit den Briefen von Lady Eva in meiner Tasche.“
Holmes und ich zogen unsere Abendgarderobe an, damit wir wie zwei Theaterbesucher auf dem Heimweg erschienen. In der Oxford Street nahmen wir eine Droschke und fuhren zu einer Adresse in Hampstead. Hier zahlten wir unseren Kutscher, und mit zugeknöpften Mänteln, denn es war bitterkalt und der Wind schien durch uns hindurchzuwehen, gingen wir am Rande der Heide entlang.
„Es ist ein Geschäft, das eine heikle Behandlung erfordert“, sagte Holmes. „Diese Dokumente befinden sich in einem Safe im Arbeitszimmer des Kerls, und das Arbeitszimmer ist das Vorzimmer zu seinem Schlafzimmer. Auf der anderen Seite ist er, wie alle diese untersetzten kleinen Männer, die es sich gut gehen lassen, ein tief schlafender Mensch. Agatha – das ist meine Verlobte – sagt, es sei ein Witz in der Dienerschaft, dass es unmöglich sei, den Herrn zu wecken. Er hat einen Sekretär, der seinen Interessen ergeben ist und sich den ganzen Tag nicht vom Arbeitszimmer wegbewegt. Deshalb gehen wir bei Nacht. Dann hat er ein Biest von Hund, das im Garten herumstreift. Ich habe Agatha die letzten beiden Abende spät getroffen, und sie sperrt das Tier ein, damit ich freie Bahn habe. Das ist das Haus, dieses große hier auf seinem eigenen Gelände. Durch das Tor – jetzt rechts zwischen die Lorbeerbüsche. Ich denke, wir könnten hier unsere Masken aufsetzen. Sehen Sie, in keinem der Fenster ist ein Lichtschimmer, und alles läuft großartig.“
Mit unseren Gesichtsmasken aus schwarzer Seide, die uns zu zwei der finstersten Gestalten Londons machten, schlichen wir uns an das stille, düstere Haus heran. Eine Art geflieste Veranda erstreckte sich entlang einer Seite des Hauses, gesäumt von mehreren Fenstern und zwei Türen.
„Das ist sein Schlafzimmer“, flüsterte Holmes. „Diese Tür führt direkt in das Arbeitszimmer. Sie würde uns am besten passen, aber sie ist ebenso verriegelt wie verschlossen, und wir würden beim Eindringen zu viel Lärm machen. Kommen Sie hier herum. Da ist ein Gewächshaus, das zum Wohnzimmer führt.“
Der Ort war verschlossen, doch Holmes entfernte einen Glaskreis und drehte den Schlüssel von innen um. Einen Augenblick später hatte er die Tür hinter uns geschlossen, und wir waren in den Augen des Gesetzes zu Verbrechern geworden. Die dichte, warme Luft des Gewächshauses und der schwere, erstickende Duft exotischer Pflanzen schnürten uns die Kehle zu. Er ergriff meine Hand in der Dunkelheit und führte mich rasch an Büschen vorbei, die unsere Gesichter streiften. Holmes besaß bemerkenswerte, sorgfältig kultivierte Fähigkeiten, im Dunkeln zu sehen. Während er immer noch meine Hand in einer seiner Hände hielt, öffnete er eine Tür, und ich nahm vage wahr, dass wir einen großen Raum betreten hatten, in dem kurz zuvor eine Zigarre geraucht worden war. Er tastete sich zwischen den Möbeln hindurch, öffnete eine weitere Tür und schloss sie hinter uns. Ich streckte die Hand aus und spürte mehrere Mäntel, die an der Wand hingen, und ich begriff, dass ich mich in einem Flur befand. Wir gingen ihn entlang, und Holmes öffnete ganz behutsam eine Tür auf der rechten Seite. Etwas stürzte auf uns zu, und mein Herz rutschte mir in die Hose, aber ich hätte lachen können, als ich erkannte, dass es die Katze war. In diesem neuen Zimmer brannte ein Feuer, und auch hier war die Luft schwer vom Tabakrauch. Holmes betrat den Raum auf Zehenspitzen, wartete darauf, dass ich folgte, und schloss dann ganz leise die Tür. Wir befanden uns in Milvertons Arbeitszimmer, und eine Türvorhang an der gegenüberliegenden Seite zeigte den Eingang zu seinem Schlafzimmer.
Es war ein gutes Feuer, und der Raum wurde davon erhellt. In der Nähe der Tür sah ich das Schimmern eines Lichtschalters, aber es war unnötig, ihn einzuschalten, selbst wenn es gefahrlos gewesen wäre. Auf einer Seite des Kamins hing ein schwerer Vorhang, der das Erkerfenster verdeckte, das wir von außen gesehen hatten. Auf der anderen Seite befand sich die Tür, die zur Veranda führte. In der Mitte stand ein Schreibtisch mit einem Drehstuhl aus glänzendem rotem Leder. Gegenüber stand ein großes Bücherregal mit einer Marmorbüste der Athene darauf. In der Ecke, zwischen dem Bücherregal und der Wand, stand ein hoher, grüner Tresor, von dessen polierten Messingknöpfen sich der Feuerschein widerspiegelte. Holmes schlich hinüber und betrachtete ihn. Dann kroch er zur Schlafzimmertür und stand mit geneigtem Kopf da, um aufmerksam zu lauschen. Aus dem Inneren drang kein Geräusch. In der Zwischenzeit war mir der Gedanke gekommen, dass es klug wäre, unseren Rückzug durch die Außentür zu sichern, also untersuchte ich sie. Zu meinem Erstaunen war sie weder verriegelt noch verriegelt. Ich berührte Holmes am Arm, und er drehte sein maskiertes Gesicht in diese Richtung. Ich sah ihn zusammenzucken, und er war sichtlich genauso überrascht wie ich.
„Das gefällt mir nicht“, flüsterte er und legte seine Lippen direkt an mein Ohr. „Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Wie dem auch sei, wir haben keine Zeit zu verlieren.“
„Kann ich irgendetwas tun?“
„Ja, bleib an der Tür stehen. Wenn du hörst, dass jemand kommt, verriegele sie von innen, und wir können so entkommen, wie wir gekommen sind. Wenn sie von der anderen Seite kommen, können wir durch die Tür verschwinden, falls unsere Arbeit getan ist, oder uns hinter diesen Fenstervorhängen verstecken, falls nicht. Verstehst du?“
Ich nickte und stellte mich an die Tür. Mein erstes Angstgefühl war verflogen, und ich war nun von einer schärferen Begeisterung erfüllt, als ich sie jemals gespürt hatte, wenn wir die Verteidiger des Gesetzes statt seine Verächter waren. Das hehre Ziel unserer Mission, das Bewusstsein, dass sie selbstlos und ritterlich war, der schurkische Charakter unseres Gegners – all das trug zum sportlichen Reiz des Abenteuers bei. Weit davon entfernt, mich schuldig zu fühlen, jubelte ich und triumphierte über unsere Gefahren. Mit einem Gefühl der Bewunderung beobachtete ich, wie Holmes sein Etui mit Instrumenten ausrollte und sein Werkzeug mit der ruhigen, wissenschaftlichen Präzision eines Chirurgen wählte, der eine heikle Operation durchführt. Ich wusste, dass das Öffnen von Tresoren ein besonderes Hobby von ihm war, und ich verstand die Freude, die es ihm bereitete, sich diesem grün-goldenen Ungeheuer gegenüberzusehen, dem Drachen, der im Rachen die Reputationen vieler schöner Damen hielt. Er schlug die Manschetten seines Gehrocks hoch – seinen Übermantel hatte er auf einen Stuhl gelegt – und legte zwei Bohrer, ein Brecheisen und mehrere Dietrichschlüssel bereit. Ich stand an der mittleren Tür und ließ meine Augen über die anderen schweifen, bereit für jeden Notfall, obwohl meine Pläne, was ich tun sollte, falls wir unterbrochen würden, in der Tat etwas vage waren. Eine halbe Stunde lang arbeitete Holmes mit konzentrierter Energie, legte ein Werkzeug weg, griff ein anderes und hantierte mit jedem mit der Kraft und Feingefühl eines gelernten Mechanikers. Schließlich hörte ich ein Klicken, die breite grüne Tür schwang auf, und ich erhaschte einen Blick auf eine Reihe von Papierbündeln, jedes verschnürt, versiegelt und beschriftet. Holmes nahm eines heraus, aber es war im flackernden Feuer schwer zu lesen, und er zog seine kleine dunkle Laterne hervor, denn es war zu gefährlich, bei Milverton im Nebenzimmer das elektrische Licht einzuschalten. Plötzlich sah ich ihn innehalten, aufmerksam lauschen, und im nächsten Augenblick hatte er die Tresortür zugeschlagen, seinen Mantel aufgehoben, seine Werkzeuge in die Taschen gestopft und war hinter den Fenstervorhang gehuscht, wobei er mir bedeutete, dasselbe zu tun.
Erst als ich mich dort zu ihm gesellt hatte, hörte ich, was seine schärferen Sinne alarmiert hatte. Irgendwo im Haus war ein Geräusch zu hören. In der Ferne schlug eine Tür zu. Dann verwandelte sich ein verworrenes, dumpfes Gemurmel in das rhythmische Pochen schwerer, sich rasch nähernder Schritte. Sie waren auf dem Flur vor dem Zimmer. Sie hielten an der Tür inne. Die Tür öffnete sich. Es gab ein kurzes Klicken, als das elektrische Licht eingeschaltet wurde. Die Tür schloss sich wieder, und der beißende Gestank einer starken Zigarre drang an unsere Nasen. Dann gingen die Schritte innerhalb weniger Meter von uns entfernt auf und ab, immer wieder hin und her. Schließlich knarrte ein Stuhl, und die Schritte verstummten. Dann klickte ein Schlüssel in einem Schloss, und ich hörte das Rascheln von Papier.
Bisher hatte ich es nicht gewagt herauszuschauen, aber nun schob ich vorsichtig den Spalt zwischen den Vorhängen vor mir beiseite und spähte hindurch. Durch den Druck von Holmes’ Schulter gegen meine wusste ich, dass er meine Beobachtungen teilte. Direkt vor uns, fast in unserer Reichweite, war der breite, gerundete Rücken von Milverton. Es war offensichtlich, dass wir seine Bewegungen völlig falsch eingeschätzt hatten, dass er nie in seinem Schlafzimmer gewesen war, sondern in irgendeinem Raucher- oder Billardzimmer im weiter entfernten Flügel des Hauses gesessen hatte, dessen Fenster wir nicht gesehen hatten. Sein breiter, ergrauter Kopf mit der glänzenden kahlen Stelle befand sich direkt in unserem Blickfeld. Er lehnte sich weit zurück im roten Ledersessel, die Beine ausgestreckt, eine lange, schwarze Zigarre steckte in einem Winkel aus seinem Mund. Er trug eine halb-militärische Smokingjacke, weinrot, mit einem Kragen aus schwarzem Samt. In der Hand hielt er ein langes juristisches Dokument, das er auf eine träge Art las, während er dabei Ringe aus Tabakrauch von seinen Lippen blies. In seiner gelassenen Haltung und seinem bequemen Auftreten lag kein Versprechen eines baldigen Aufbruchs.
Ich spürte, wie Holmes’ Hand in meine glitt und mir einen beruhigenden Druck gab, als wollte er sagen, dass die Situation in seiner Gewalt sei und er sich keine Sorgen mache. Ich war mir nicht sicher, ob er gesehen hatte, was von meinem Platz aus nur allzu deutlich war, dass die Tür des Tresors nur unvollkommen geschlossen war und Milverton sie jeden Augenblick bemerken könnte. Ich hatte mir fest vorgenommen, dass, wenn ich mir aus der Starrheit seines Blickes sicher wäre, dass er es bemerkt hätte, ich sofort herausspringen, ihm meinen Mantel über den Kopf werfen, ihn fesseln und den Rest Holmes überlassen würde. Aber Milverton schaute nie auf. Er war gelangweilt interessiert an den Papieren in seiner Hand, und Seite um Seite wurde umgeblättert, während er der Argumentation des Anwalts folgte. Wenigstens, dachte ich, wenn er mit dem Dokument und der Zigarre fertig ist, wird er in sein Zimmer gehen, aber bevor er das Ende von beidem erreicht hatte, kam es zu einer bemerkenswerten Entwicklung, die unsere Gedanken in eine ganz andere Richtung lenkte.
Mehrere Male hatte ich beobachtet, dass Milverton auf seine Uhr schaute, und einmal war er aufgestanden und hatte sich wieder hingesetzt, mit einer Geste der Ungeduld. Der Gedanke jedoch, dass er zu einer so seltsamen Stunde eine Verabredung haben könnte, kam mir nie in den Sinn, bis mich ein leises Geräusch von der Veranda draußen erreichte. Milverton ließ seine Papiere fallen und saß starr in seinem Stuhl. Das Geräusch wiederholte sich, und dann klopfte es leise an der Tür. Milverton stand auf und öffnete sie.
„Nun“, sagte er kurz angebunden, „du bist fast eine halbe Stunde zu spät.“
Das war also die Erklärung für die unverschlossene Tür und die nächtliche Wache von Milverton. Es gab das sanfte Rascheln eines Frauenkleides. Ich hatte den Spalt zwischen den Vorhängen geschlossen, als sich Milvertons Gesicht in unsere Richtung gedreht hatte, aber nun wagte ich es, ihn sehr vorsichtig wieder zu öffnen. Er hatte seinen Platz wieder eingenommen, die Zigarre ragte noch immer in einem unverschämten Winkel aus seinem Mundwinkel. Vor ihm, im vollen Schein des elektrischen Lichts, stand eine große, schlanke, dunkelhaarige Frau, ein Schleier über ihrem Gesicht, ein Umhang um ihr Kinn gezogen. Ihr Atem kam schnell und schwer, und jeder Zentimeter ihrer geschmeidigen Gestalt bebte vor starker Erregung.
„Nun“, sagte Milverton, „du hast mich eine gute Nachtruhe gekostet, meine Liebe. Ich hoffe, du bist es wert. Du konntest nicht zu einer anderen Zeit kommen – eh?“
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Nun, wenn du nicht konntest, dann konntest du nicht. Wenn die Gräfin eine harte Herrin ist, hast du jetzt deine Chance, es ihr heimzuzahlen. Segne das Mädchen, warum zitterst du so? Das ist richtig. Fass dich zusammen. Nun, lass uns zum Geschäft kommen.“ Er nahm ein Notizbuch aus der Schublade seines Schreibtisches. „Du sagst, du hast fünf Briefe, die die Gräfin d’Albert kompromittieren. Du willst sie verkaufen. Ich will sie kaufen. Soweit so gut. Es bleibt nur noch, einen Preis festzulegen. Ich müsste die Briefe natürlich prüfen. Wenn es wirklich gute Exemplare sind – Großer Gott, bist du es?“
Die Frau hatte ohne ein Wort ihren Schleier gelüftet und den Umhang von ihrem Kinn fallen lassen. Es war ein dunkles, schönes, scharf geschnittenes Gesicht, das Milverton gegenüberstand – ein Gesicht mit einer gebogenen Nase, kräftigen, dunklen Augenbrauen, die harte, funkelnde Augen beschatteten, und einem geraden, dünnlippigen Mund, der in ein gefährliches Lächeln gesetzt war.
„Ich bin es“, sagte sie, „die Frau, deren Leben du ruiniert hast.“
Milverton lachte, aber Angst schwang in seiner Stimme mit. „Du warst so sehr starrsinnig“, sagte er. „Warum hast du mich zu solchen Extremen getrieben? Ich versichere dir, ich würde aus eigenem Antrieb keiner Fliege etwas zuleide tun, aber jeder Mann hat sein Geschäft, und was sollte ich tun? Ich habe den Preis gut in deine Möglichkeiten gelegt. Du wolltest nicht zahlen.“
„Also hast du die Briefe an meinen Ehemann geschickt, und er – der edelste Gentleman, der jemals lebte, ein Mann, dessen Stiefel zu putzen ich nie würdig war – er brach sein tapferes Herz und starb. Du erinnerst dich an jene letzte Nacht, als ich durch diese Tür kam, flehte und betete ich dich um Gnade an, und du lachtest mir ins Gesicht, wie du es jetzt versuchst zu tun, nur kann dein feiges Herz deine Lippen nicht vor dem Zucken bewahren. Ja, du hättest nie gedacht, mich hier wiederzusehen, aber diese Nacht hat mich gelehrt, wie ich dir von Angesicht zu Angesicht und allein begegnen könnte. Nun, Charles Milverton, was hast du dazu zu sagen?“
„Bild dir nicht ein, dass du mich einschüchtern kannst“, sagte er und erhob sich von seinem Sitz. „Ich muss nur meine Stimme erheben, um meine Diener zu rufen und dich verhaften zu lassen. Aber ich werde Nachsicht walten lassen für deinen natürlichen Zorn. Verlass das Zimmer sofort, wie du gekommen bist, und ich werde nichts weiter sagen.“
Die Frau stand da, die Hand in ihrem Busen vergraben und mit demselben tödlichen Lächeln auf den dünnen Lippen.
„Du wirst keine Leben mehr ruinieren, wie du meines ruiniert hast. Du wirst keine Herzen mehr quälen, wie du meines gequält hast. Ich werde die Welt von einem giftigen Ding befreien. Nimm das, du Hund – und das! – und das! – und das!“
Sie hatte einen kleinen, glänzenden Revolver gezogen und ein Magazin nach dem anderen in Milvertons Körper entleert, die Mündung keine zwei Fuß von seiner Brust entfernt. Er wich zurück und fiel dann nach vorne auf den Tisch, wobei er heftig hustete und unter den Papieren kratzte. Dann taumelte er auf die Füße, erhielt einen weiteren Schuss und rollte auf den Boden. „Du hast mich erledigt“, schrie er und blieb still liegen. Die Frau betrachtete ihn aufmerksam und drückte ihre Ferse in sein nach oben gerichtetes Gesicht. Sie schaute noch einmal hin, aber es gab kein Geräusch oder Bewegung. Ich hörte ein scharfes Rascheln, die Nachtluft wehte in den aufgeheizten Raum, und die Rächerin war verschwunden.
Kein Eingreifen unsererseits hätte den Mann vor seinem Schicksal bewahren können, aber als die Frau Kugel um Kugel in Milvertons zurückweichenden Körper feuerte, war ich kurz davor, herauszuspringen, als ich Holmes’ kalten, festen Griff an meinem Handgelenk spürte. Ich verstand das ganze Argument dieses festen, zurückhaltenden Griffs – dass es nicht unsere Angelegenheit war, dass die Gerechtigkeit einen Schurken eingeholt hatte, dass wir unsere eigenen Pflichten und unsere eigenen Ziele hatten, die nicht aus den Augen verloren werden durften. Doch kaum war die Frau aus dem Zimmer gestürmt, war Holmes mit schnellen, lautlosen Schritten an der anderen Tür. Er drehte den Schlüssel im Schloss. Im selben Augenblick hörten wir Stimmen im Haus und das Geräusch eiliger Schritte. Die Revolverschüsse hatten den Haushalt aufgeschreckt. Mit vollkommener Kaltblütigkeit schlüpfte Holmes zum Tresor, füllte seine beiden Arme mit Briefbündeln und warf sie alle in das Feuer. Immer wieder tat er es, bis der Tresor leer war. Jemand drehte an der Klinke und hämmerte gegen die Außenseite der Tür. Holmes sah sich rasch um. Der Brief, der der Bote des Todes für Milverton gewesen war, lag, ganz mit seinem Blut befleckt, auf dem Tisch. Holmes warf ihn zu den brennenden Papieren. Dann zog er den Schlüssel von der Außentür, ging nach mir hindurch und schloss sie von außen ab. „Hier lang, Watson“, sagte er, „wir können in dieser Richtung die Gartenmauer erklimmen.“
Ich hätte nicht geglaubt, dass sich ein Alarm so schnell verbreiten könnte. Als ich zurückblickte, war das riesige Haus ein einziges Lichtermeer. Die Vordertür war offen, und Gestalten stürmten die Auffahrt hinunter. Der ganze Garten war voller Menschen, und ein Bursche stieß einen Jagdruf aus, als wir aus der Veranda kamen, und folgte uns dicht auf den Fersen. Holmes schien das Gelände perfekt zu kennen, und er bahnte sich flink seinen Weg durch eine Anpflanzung kleiner Bäume, ich dicht hinter ihm, und unser vorderster Verfolger keuchend hinter uns. Es war eine sechs Fuß hohe Mauer, die unseren Weg versperrte, aber er sprang auf den Gipfel und darüber hinweg. Als ich dasselbe tat, spürte ich die Hand des Mannes hinter mir an meinem Knöchel, aber ich trat mich frei und kletterte über eine mit Gras bedeckte Abdeckung. Ich fiel auf mein Gesicht in einige Büsche, aber Holmes hatte mich im Nu wieder auf den Beinen, und gemeinsam rannten wir über die riesige Weite der Hampstead Heath davon. Wir waren wohl zwei Meilen gelaufen, bevor Holmes endlich anhielt und aufmerksam lauschte. Hinter uns herrschte absolute Stille. Wir hatten unsere Verfolger abgeschüttelt und waren in Sicherheit.
Wir hatten gefrühstückt und rauchten unsere Morgenpfeife am Tag nach dem bemerkenswerten Erlebnis, das ich aufgezeichnet habe, als Mr. Lestrade von Scotland Yard, sehr ernst und beeindruckend, in unser bescheidenes Wohnzimmer geführt wurde.
„Guten Morgen, Mr. Holmes“, sagte er; „guten Morgen. Darf ich fragen, ob Sie gerade sehr beschäftigt sind?“
„Nicht zu beschäftigt, um Ihnen zuzuhören.“
„Ich dachte, vielleicht, wenn Sie nichts Besonderes vorhätten, würden Sie uns bei einem höchst bemerkenswerten Fall unterstützen wollen, der sich erst letzte Nacht in Hampstead ereignet hat.“
„Ach was!“, sagte Holmes. „Was war das?“
„Ein Mord – ein höchst dramatischer und bemerkenswerter Mord. Ich weiß, wie sehr Sie sich für solche Dinge interessieren, und ich würde es als großen Gefallen ansehen, wenn Sie nach Appledore Towers hinunterfahren und uns mit Ihrem Rat zur Seite stehen würden. Es ist kein gewöhnliches Verbrechen. Wir haben diesen Mr. Milverton schon seit einiger Zeit im Auge behalten, und unter uns gesagt, er war ein ziemlicher Schurke. Er soll Papiere besessen haben, die er für Erpressungszwecke nutzte. Diese Papiere sind alle von den Mördern verbrannt worden. Es wurde kein Wertgegenstand mitgenommen, da es wahrscheinlich ist, dass die Kriminellen Männer in guter Stellung waren, deren einziges Ziel es war, eine soziale Bloßstellung zu verhindern.“
„Kriminelle?“, sagte Holmes. „Mehrzahl?“
„Ja, es waren zwei von ihnen. Sie wären fast auf frischer Tat ertappt worden. Wir haben ihre Fußabdrücke, wir haben ihre Beschreibung, es steht zehn zu eins, dass wir sie aufspüren. Der erste Kerl war etwas zu aktiv, aber der zweite wurde vom Untergärtner gefasst und entkam erst nach einem Kampf. Er war ein mittelgroßer, kräftig gebauter Mann – quadratisches Kinn, dicker Hals, Schnurrbart, eine Maske über den Augen.“
„Das ist ziemlich vage“, sagte Sherlock Holmes. „Mein Gott, das könnte eine Beschreibung von Watson sein!“
„Es stimmt“, sagte der Inspektor amüsiert. „Es könnte eine Beschreibung von Watson sein.“
„Nun, ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen, Lestrade“, sagte Holmes. „Die Tatsache ist, dass ich diesen Kerl Milverton kannte, dass ich ihn für einen der gefährlichsten Männer Londons hielt und dass ich denke, es gibt bestimmte Verbrechen, die das Gesetz nicht erreichen kann und die daher bis zu einem gewissen Grad private Rache rechtfertigen. Nein, es hat keinen Sinn zu streiten. Ich habe mich entschieden. Meine Sympathien liegen eher bei den Kriminellen als bei dem Opfer, und ich werde diesen Fall nicht übernehmen.“
Holmes hatte mir kein Wort über die Tragödie gesagt, die wir miterlebt hatten, aber ich bemerkte den ganzen Morgen über, dass er in seiner nachdenklichsten Stimmung war, und er gab mir mit seinen leeren Augen und seiner geistesabwesenden Art den Eindruck eines Mannes, der versucht, sich an etwas zu erinnern. Wir waren mitten im Mittagessen, als er plötzlich aufsprang. „Beim Jupiter, Watson, ich hab’s!“, rief er. „Nehmen Sie Ihren Hut! Kommen Sie mit mir!“ Er eilte mit Höchstgeschwindigkeit die Baker Street hinunter und die Oxford Street entlang, bis wir fast den Regent Circus erreicht hatten. Hier, auf der linken Seite, steht ein Schaufenster, das mit Fotografien der Berühmtheiten und Schönheiten des Tages gefüllt ist. Holmes’ Augen fixierten sich auf eines davon, und seinem Blick folgend sah ich das Bild einer königlichen und stattlichen Dame in Hofkleidung mit einer hohen Diamanttiara auf ihrem edlen Haupt. Ich betrachtete diese zart geschwungene Nase, die markanten Augenbrauen, den geraden Mund und das kräftige kleine Kinn darunter. Dann hielt ich den Atem an, als ich den altehrwürdigen Titel des großen Adligen und Staatsmannes las, dessen Frau sie gewesen war. Meine Augen trafen die von Holmes, und er legte den Finger auf seine Lippen, als wir uns vom Fenster abwandten.
„Wahnsinn, wie auch immer. Und noch dazu ein sonderbarer Wahnsinn. Man sollte meinen, dass heutzutage niemand mehr lebt, der Napoleon den Ersten so sehr hasst, dass er jedes Bildnis von ihm zertrümmert, das er zu Gesicht bekommt.“
Holmes sank in seinem Stuhl zurück.
„Das ist nicht meine Angelegenheit“, sagte er.
„Genau. Das sagte ich auch. Aber wenn der Mann einen Einbruch begeht, um Bilder zu zerstören, die ihm nicht gehören, dann ist das keine Sache mehr für den Arzt, sondern für die Polizei.“
Holmes setzte sich wieder auf.
„Einbruch! Das ist schon interessanter. Lassen Sie mich die Einzelheiten hören.“
Lestrade zog sein offizielles Notizbuch hervor und frische sein Gedächtnis mit dessen Seiten auf.
„Der erste gemeldete Fall war vor vier Tagen“, sagte er. „Es geschah im Laden von Morse Hudson, der in der Kennington Road Bilder und Statuen verkauft. Der Gehilfe hatte den Verkaufsraum für einen Augenblick verlassen, als er ein Krachen hörte. Als er hineineilte, fand er eine Gipsbüste von Napoleon, die zusammen mit anderen Kunstwerken auf dem Tresen stand, in Stücke zerschmettert vor. Er rannte auf die Straße, doch obwohl mehrere Passanten angaben, einen Mann aus dem Laden laufen gesehen zu haben, konnte er weder jemanden entdecken noch irgendeinen Anhaltspunkt zur Identifizierung des Schurken finden. Es schien einer jener sinnlosen Akte von Vandalismus zu sein, die von Zeit zu Zeit vorkommen, und wurde dem zuständigen Polizisten auch so gemeldet. Der Gipsabguss war nicht mehr als ein paar Schilling wert, und die ganze Angelegenheit erschien zu kindisch für irgendeine besondere Untersuchung.“
„Der zweite Fall war jedoch ernster und auch eigenartiger. Er ereignete sich erst letzte Nacht.“
„In der Kennington Road, nur wenige hundert Meter von Morse Hudsons Laden entfernt, lebt ein bekannter praktischer Arzt namens Dr. Barnicot, der eine der größten Praxen auf der Südseite der Themse führt. Sein Wohnhaus und sein Hauptbehandlungszimmer befinden sich in der Kennington Road, aber er hat eine Zweitpraxis mit Apotheke in der Lower Brixton Road, zwei Meilen entfernt. Dieser Dr. Barnicot ist ein enthusiastischer Bewunderer Napoleons, und sein Haus ist voll von Büchern, Bildern und Reliquien des französischen Kaisers. Vor einiger Zeit erwarb er von Morse Hudson zwei identische Gipsabgüsse des berühmten Napoleon-Kopfes des französischen Bildhauers Devine. Einen davon stellte er in den Flur seines Hauses in der Kennington Road, den anderen auf den Kaminsims der Praxis in Lower Brixton. Nun, als Dr. Barnicot heute Morgen herunterkam, war er erstaunt, dass in sein Haus in der Nacht eingebrochen worden war, aber nichts mitgenommen wurde außer dem Gipskopf aus dem Flur. Er war hinausgetragen und wütend gegen die Gartenmauer geschleudert worden, unter der seine zersplitterten Überreste gefunden wurden.“
Holmes rieb sich die Hände.
„Das ist wahrlich sehr neuartig“, sagte er.
„Ich dachte, das würde Sie freuen. Aber ich bin noch nicht am Ende. Dr. Barnicot wurde um zwölf Uhr in seiner Praxis erwartet, und Sie können sich sein Erstaunen vorstellen, als er bei seiner Ankunft feststellte, dass in der Nacht das Fenster geöffnet worden war und die zerbrochenen Stücke seiner zweiten Büste im ganzen Raum verstreut lagen. Sie war an Ort und Stelle in Stücke geschlagen worden. In keinem der beiden Fälle gab es Anzeichen, die uns einen Hinweis auf den Kriminellen oder Verrückten geben könnten, der den Schaden angerichtet hat. Nun, Mr. Holmes, jetzt haben Sie die Fakten.“
„Sie sind eigenartig, um nicht zu sagen grotesk“, sagte Holmes. „Darf ich fragen, ob die beiden im Zimmer von Dr. Barnicot zertrümmerten Büsten exakte Duplikate derjenigen waren, die in Morse Hudsons Laden zerstört wurde?“
„Sie stammten aus derselben Form.“
„Eine solche Tatsache muss gegen die Theorie sprechen, dass der Mann, der sie zertrümmert, von einem allgemeinen Hass auf Napoleon geleitet wird. Wenn man bedenkt, wie viele Hunderte von Statuen des großen Kaisers es in London geben muss, ist es zu viel verlangt, einen solchen Zufall anzunehmen, dass ein wahlloser Bilderstürmer ausgerechnet mit drei Exemplaren derselben Büste beginnt.“
„Nun, ich dachte wie Sie“, sagte Lestrade. „Andererseits ist dieser Morse Hudson der Anbieter von Büsten in diesem Teil von London, und diese drei waren die einzigen, die seit Jahren in seinem Laden waren. Auch wenn es, wie Sie sagen, viele Hunderte von Statuen in London gibt, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese drei die einzigen in diesem Bezirk waren. Daher würde ein örtlicher Fanatiker bei ihnen anfangen. Was denken Sie, Dr. Watson?“
„Den Möglichkeiten einer Monomanie sind keine Grenzen gesetzt“, antwortete ich. „Es gibt den Zustand, den die modernen französischen Psychologen als idée fixe bezeichnet haben, der von geringfügiger Natur sein und mit völliger geistiger Gesundheit in jeder anderen Hinsicht einhergehen kann. Ein Mann, der tiefgründig über Napoleon gelesen hat oder möglicherweise durch den großen Krieg eine erbliche familiäre Schädigung erlitten hat, könnte sich eine solche idée fixe bilden und unter deren Einfluss zu jedem phantastischen Frevel fähig sein.“
„Das reicht nicht aus, mein lieber Watson“, sagte Holmes und schüttelte den Kopf, „denn keine noch so große idée fixe würde Ihren interessanten Monomanen in die Lage versetzen, herauszufinden, wo sich diese Büsten befanden.“
„Nun, wie erklären Sie es sich dann?“
„Ich versuche es gar nicht. Ich möchte nur bemerken, dass das exzentrische Vorgehen des Herrn einer gewissen Methode folgt. Zum Beispiel wurde im Flur von Dr. Barnicot, wo ein Geräusch die Familie hätte wecken können, die Büste nach draußen gebracht, bevor sie zerstört wurde, während sie in der Praxis, wo weniger Gefahr eines Alarms bestand, an Ort und Stelle zerschlagen wurde. Die Angelegenheit scheint absurd belanglos, und doch wage ich es nicht, etwas als trivial zu bezeichnen, wenn ich bedenke, dass einige meiner klassischsten Fälle die am wenigsten vielversprechenden Anfänge hatten. Sie werden sich erinnern, Watson, wie mir die schreckliche Angelegenheit der Familie Abernetty zum ersten Mal durch die Tiefe aufgefallen ist, in der die Petersilie an einem heißen Tag in die Butter gesunken war. Ich kann es mir daher nicht leisten, über Ihre drei zerbrochenen Büsten zu lächeln, Lestrade, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich über jede neue Entwicklung einer so sonderbaren Kette von Ereignissen informieren würden.“
Die Entwicklung, um die mein Freund gebeten hatte, kam in einer schnelleren und unendlich tragischeren Form, als er es sich hätte vorstellen können. Ich kleidete mich am nächsten Morgen noch in meinem Schlafzimmer an, als es an die Tür klopfte und Holmes mit einem Telegramm in der Hand eintrat. Er las es laut vor:
„Kommen Sie sofort, Pitt Street 131, Kensington. — LESTRADE.“
„Was ist es denn?“, fragte ich.
„Weiß nicht — kann alles sein. Aber ich vermute, es ist die Fortsetzung der Geschichte mit den Statuen. In diesem Fall hat unser Freund, der Bilderstürmer, seine Operationen in einem anderen Stadtteil von London begonnen. Es gibt Kaffee auf dem Tisch, Watson, und ich habe eine Droschke vor der Tür.“
In einer halben Stunde hatten wir die Pitt Street erreicht, ein ruhiges kleines Rückzugsgebiet direkt neben einer der lebhaftesten Strömungen des Londoner Lebens. Nr. 131 war eines von einer Reihe flachbrüstiger, respektabler und höchst unromantischer Wohnhäuser. Als wir vorfuhren, fanden wir die Gitter vor dem Haus von einer neugierigen Menge gesäumt. Holmes pfiff.
„Beim Jupiter! Es ist zumindest ein versuchter Mord. Nichts Geringeres hält den Londoner Zeitungsjungen auf. In den runden Schultern und dem vorgestreckten Hals dieses Kerls deutet sich ein Gewaltverbrechen an. Was ist das, Watson? Die oberen Stufen nass gewischt und die anderen trocken. Fußabdrücke gibt es jedenfalls genug! Nun, nun, da ist Lestrade am vorderen Fenster, und wir werden bald alles darüber wissen.“
Der Beamte empfing uns mit sehr ernstem Gesicht und führte uns in ein Wohnzimmer, in dem ein äußerst ungepflegter und aufgeregter älterer Mann, bekleidet mit einem Flanell-Morgenrock, auf und ab ging. Er wurde uns als der Besitzer des Hauses vorgestellt — Mr. Horace Harker vom Central Press Syndicate.
„Es ist wieder die Napoleon-Büsten-Sache“, sagte Lestrade. „Sie schienen gestern Abend interessiert zu sein, Mr. Holmes, also dachte ich, Sie wären vielleicht froh, anwesend zu sein, jetzt, da die Angelegenheit eine sehr viel ernstere Wendung genommen hat.“
„Was ist daraus geworden?“
„Zum Mord. Mr. Harker, werden Sie diesen Herren genau sagen, was geschehen ist?“
Der Mann im Morgenrock wandte sich mit einem höchst melancholischen Gesichtsausdruck an uns.
„Es ist eine außerordentliche Sache“, sagte er, „dass ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, die Nachrichten anderer Leute zu sammeln, und jetzt, wo mir ein echtes Stück Nachricht begegnet ist, bin ich so verwirrt und beunruhigt, dass ich keine zwei Worte zusammenbringen kann. Wäre ich als Journalist hierhergekommen, hätte ich mich selbst interviewt und zwei Spalten in jeder Abendzeitung gehabt. So aber verschenke ich wertvolles Material, indem ich meine Geschichte immer wieder einer Reihe verschiedener Leute erzähle, und kann sie selbst nicht verwenden. Wie dem auch sei, ich habe Ihren Namen gehört, Mr. Sherlock Holmes, und wenn Sie nur diese seltsame Geschichte erklären, werde ich für meine Mühe, Ihnen die Geschichte zu erzählen, entschädigt werden.“
Holmes setzte sich und hörte zu.
„Alles scheint sich um diese Büste von Napoleon zu drehen, die ich vor etwa vier Monaten für genau dieses Zimmer gekauft habe. Ich habe sie billig bei Harding Brothers erstanden, zwei Häuser von der High Street Station entfernt. Ein Großteil meiner journalistischen Arbeit wird nachts erledigt, und ich schreibe oft bis in den frühen Morgen. So war es auch heute. Ich saß in meinem Arbeitszimmer, das sich im hinteren Teil des obersten Stockwerks befindet, gegen drei Uhr, als ich überzeugt war, dass ich einige Geräusche im Erdgeschoss hörte. Ich lauschte, aber sie wiederholten sich nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass sie von draußen kamen. Dann plötzlich, etwa fünf Minuten später, ertönte ein schrecklicher Schrei — das entsetzlichste Geräusch, Mr. Holmes, das ich je gehört habe. Er wird mir so lange in den Ohren klingen, wie ich lebe. Ich saß eine oder zwei Minuten vor Entsetzen wie erstarrt da. Dann ergriff ich den Schürhaken und ging nach unten. Als ich diesen Raum betrat, fand ich das Fenster weit offen, und ich bemerkte sofort, dass die Büste vom Kaminsims verschwunden war. Warum ein Einbrecher so etwas mitnehmen sollte, übersteigt mein Verständnis, denn es war nur ein Gipsabguss und von absolut keinem wirklichen Wert.“
„Sie können selbst sehen, dass jeder, der durch dieses offene Fenster geht, mit einem langen Schritt die vordere Türschwelle erreichen könnte. Das war eindeutig, was der Einbrecher getan hatte, also ging ich herum und öffnete die Tür. Als ich in die Dunkelheit trat, stolperte ich beinahe über einen toten Mann, der dort lag. Ich rannte zurück, um ein Licht zu holen, und da lag der arme Kerl, ein großer Schnitt in der Kehle und der ganze Platz schwamm in Blut. Er lag auf dem Rücken, die Knie angezogen und der Mund entsetzlich weit offen. Ich werde ihn in meinen Träumen sehen. Ich hatte gerade noch Zeit, in meine Polizeipfeife zu blasen, und dann muss ich das Bewusstsein verloren haben, denn ich wusste nichts mehr, bis ich den Polizisten im Flur über mir stehen sah.“
„Nun, wer war der ermordete Mann?“, fragte Holmes.
„Es gibt nichts, was zeigt, wer er war“, sagte Lestrade. „Sie werden die Leiche im Leichenschauhaus sehen, aber wir haben bis jetzt nichts herausgefunden. Er ist ein großer Mann, sonnengebräunt, sehr kräftig, nicht älter als dreißig. Er ist ärmlich gekleidet und scheint doch kein Arbeiter zu sein. Ein Klappmesser mit Horngriff lag in einer Blutlache neben ihm. Ob es die Waffe war, die die Tat beging, oder ob es dem Toten gehörte, weiß ich nicht. Es war kein Name in seiner Kleidung, und nichts in seinen Taschen außer einem Apfel, etwas Schnur, einer Ein-Schilling-Karte von London und einem Foto. Hier ist es.“
Es war offensichtlich ein Schnappschuss von einer kleinen Kamera. Es stellte einen wachsamen, scharfgesichtigen, affenartigen Mann dar, mit dichten Augenbrauen und einer sehr eigentümlichen Vorwölbung des unteren Teils des Gesichts, wie die Schnauze eines Pavians.
„Und was wurde aus der Büste?“, fragte Holmes, nachdem er dieses Bild eingehend studiert hatte.
„Wir hatten kurz bevor Sie kamen Nachricht davon. Sie wurde im Vorgarten eines leeren Hauses in der Campden House Road gefunden. Sie war in Stücke zerbrochen. Ich gehe jetzt dorthin, um sie mir anzusehen. Kommen Sie mit?“
„Sicher. Ich muss mich nur einmal umsehen.“ Er untersuchte den Teppich und das Fenster. „Der Kerl hatte entweder sehr lange Beine oder war ein äußerst aktiver Mann“, sagte er. „Mit einem Lichthof darunter war es keine geringe Leistung, diesen Fenstersims zu erreichen und dieses Fenster zu öffnen. Der Rückweg war vergleichsweise einfach. Kommen Sie mit uns, um die Überreste Ihrer Büste zu sehen, Mr. Harker?“
Der trostlose Journalist hatte sich an einen Schreibtisch gesetzt.
„Ich muss versuchen, etwas daraus zu machen“, sagte er, „obwohl ich keinen Zweifel daran habe, dass die ersten Ausgaben der Abendzeitungen bereits mit allen Einzelheiten draußen sind. Das ist typisch für mein Glück! Erinnern Sie sich, als die Tribüne in Doncaster einstürzte? Nun, ich war der einzige Journalist auf der Tribüne, und meine Zeitung die einzige, die keinen Bericht darüber hatte, denn ich war zu erschüttert, um ihn zu schreiben. Und jetzt werde ich zu spät kommen mit einem Mord, der direkt vor meiner Haustür begangen wurde.“
Als wir den Raum verließen, hörten wir seine Feder schrill über das Konzeptpapier fahren.
Der Ort, an dem die Fragmente der Büste gefunden worden waren, war nur wenige hundert Meter entfernt. Zum ersten Mal ruhten unsere Augen auf diesem Abbild des großen Kaisers, das im Geist des Unbekannten solch einen rasenden und zerstörerischen Hass zu wecken schien. Es lag verstreut in zersplitterten Scherben auf dem Gras. Holmes hob mehrere davon auf und untersuchte sie sorgfältig. Ich war überzeugt, an seinem konzentrierten Gesicht und seiner entschlossenen Art, dass er endlich auf eine Spur gestoßen war.
„Nun?“, fragte Lestrade.
Holmes zuckte mit den Schultern.
„Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, sagte er. „Und doch — und doch — nun, wir haben einige aufschlussreiche Fakten, auf denen wir aufbauen können. Der Besitz dieser unbedeutenden Büste war in den Augen dieses seltsamen Kriminellen mehr wert als ein Menschenleben. Das ist der eine Punkt. Dann ist da noch die eigenartige Tatsache, dass er sie nicht im Haus oder unmittelbar außerhalb des Hauses zerbrach, wenn es sein einziges Ziel war, sie zu zertrümmern.“
„Er war durch die Begegnung mit diesem anderen Kerl verunsichert und gehetzt. Er wusste kaum, was er tat.“
„Nun, das ist gut möglich. Aber ich möchte Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders auf die Lage dieses Hauses lenken, in dessen Garten die Büste zerstört wurde.“
Lestrade sah sich um.
„Es war ein leeres Haus, und so wusste er, dass er im Garten nicht gestört werden würde.“
„Ja, aber weiter oben in der Straße gibt es noch ein anderes leeres Haus, an dem er vorbeigegangen sein muss, bevor er zu diesem hier kam. Warum hat er sie nicht dort zerbrochen, da es offensichtlich ist, dass jeder Meter, den er sie trug, das Risiko erhöhte, dass ihm jemand begegnet?“
„Ich gebe auf“, sagte Lestrade.
Holmes zeigte auf die Straßenlaterne über unseren Köpfen.
„Er konnte hier sehen, was er tat, und dort konnte er es nicht. Das war sein Grund.“
„Beim Jupiter! Das stimmt“, sagte der Detektiv. „Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wurde Dr. Barnicots Büste nicht weit von seiner roten Lampe zerbrochen. Nun, Mr. Holmes, was fangen wir mit dieser Tatsache an?“
„Sie sich merken — sie notieren. Wir könnten später auf etwas stoßen, das damit zusammenhängt. Welche Schritte schlagen Sie jetzt vor, Lestrade?“
„Der praktischste Weg, um dahinterzukommen, ist meiner Meinung nach, den toten Mann zu identifizieren. Das dürfte keine Schwierigkeit sein. Wenn wir herausgefunden haben, wer er ist und wer seine Gefährten sind, sollten wir einen guten Ansatzpunkt haben, um zu erfahren, was er letzte Nacht in der Pitt Street tat und wer es war, der ihn traf und auf der Türschwelle von Mr. Horace Harker tötete. Glauben Sie nicht auch?“
„Zweifellos; und doch ist das nicht ganz der Weg, wie ich den Fall angehen würde.“
„Was würden Sie dann tun?“
„Oh, Sie dürfen mich in keiner Weise beeinflussen lassen. Ich schlage vor, dass Sie Ihren Weg gehen und ich meinen. Wir können die Ergebnisse später vergleichen, und jeder wird den anderen ergänzen.“
„Sehr gut“, sagte Lestrade.
„Wenn Sie zur Pitt Street zurückkehren, könnten Sie Mr. Horace Harker sehen. Sagen Sie ihm von mir, dass ich mich fest entschlossen habe und dass es sicher ist, dass ein gefährlicher mörderischer Wahnsinniger mit Napoleon-Wahnvorstellungen letzte Nacht in seinem Haus war. Das wird für seinen Artikel nützlich sein.“
Lestrade starrte ihn an.
„Das glauben Sie doch nicht im Ernst?“
Holmes lächelte.
„Glaube ich das nicht? Nun, vielleicht nicht. Aber ich bin sicher, dass es Mr. Horace Harker und die Abonnenten des Central Press Syndicate interessieren wird. Nun, Watson, ich denke, wir werden feststellen, dass wir einen langen und ziemlich komplexen Arbeitstag vor uns haben. Es wäre mir lieb, Lestrade, wenn Sie es einrichten könnten, uns heute Abend um sechs Uhr in der Baker Street zu treffen. Bis dahin möchte ich dieses Foto behalten, das in der Tasche des toten Mannes gefunden wurde. Es ist möglich, dass ich Ihre Gesellschaft und Unterstützung bei einer kleinen Expedition erbitten muss, die heute Nacht unternommen werden muss, falls sich meine Schlussfolgerungskette als richtig erweisen sollte. Bis dahin, auf Wiedersehen und viel Glück!“
Sherlock Holmes und ich gingen zusammen zur High Street, wo wir bei dem Laden von Harding Brothers anhielten, von wo die Büste erworben worden war. Ein junger Gehilfe informierte uns, dass Mr. Harding bis zum Nachmittag abwesend sei und er selbst ein Neuling sei, der uns keine Informationen geben könne. Holmes’ Gesicht zeigte seine Enttäuschung und seinen Ärger.
„Nun, nun, wir können nicht erwarten, dass alles nach unserem Wunsch läuft, Watson“, sagte er schließlich. „Wir müssen am Nachmittag wiederkommen, wenn Mr. Harding bis dahin nicht hier sein wird. Ich bin, wie Sie zweifellos vermutet haben, bemüht, diese Büsten bis zu ihrer Quelle zurückzuverfolgen, um herauszufinden, ob es nicht etwas Eigentümliches gibt, das ihr bemerkenswertes Schicksal erklären könnte. Lassen Sie uns zu Mr. Morse Hudson in der Kennington Road gehen und sehen, ob er etwas Licht in das Problem bringen kann.“
Eine einstündige Fahrt brachte uns zum Laden des Kunsthändlers. Er war ein kleiner, stämmiger Mann mit einem roten Gesicht und einer aufbrausenden Art.
„Ja, mein Herr. Auf meinem eigenen Tresen, mein Herr“, sagte er. „Wofür wir Abgaben und Steuern zahlen, weiß ich nicht, wenn jeder Schurke hereinkommen und einem die Waren zerbrechen kann. Ja, mein Herr, ich war es, der Dr. Barnicot seine zwei Statuen verkaufte. Skandalös, mein Herr! Eine Nihilisten-Verschwörung — das ist es, was ich vermute. Niemand außer einem Anarchisten würde herumlaufen und Statuen zerbrechen. Rote Republikaner — so nenne ich sie. Von wem ich die Statuen habe? Ich sehe nicht, was das damit zu tun hat. Nun, wenn Sie es wirklich wissen wollen, ich habe sie von Gelder & Co. in der Church Street, Stepney. Das ist ein bekanntes Haus im Handel und besteht seit zwanzig Jahren. Wie viele hatte ich? Drei — zwei und eins ist drei — zwei für Dr. Barnicot und eine, die bei hellichtem Tag auf meinem eigenen Tresen zerschlagen wurde. Ob ich dieses Foto kenne? Nein, tue ich nicht. Ja, doch, tue ich. Warum, das ist Beppo. Er war eine Art italienischer Akkordarbeiter, der sich im Laden nützlich machte. Er konnte ein wenig schnitzen, vergolden und rahmen und Gelegenheitsarbeiten verrichten. Der Kerl hat mich letzte Woche verlassen, und ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört. Nein, ich weiß nicht, wo er herkam, noch wo er hinging. Ich hatte nichts gegen ihn, während er hier war. Er war zwei Tage weg, bevor die Büste zerschlagen wurde.“
„Nun, das ist alles, was wir vernünftigerweise von Morse Hudson erwarten konnten“, sagte Holmes, als wir aus dem Laden kamen. „Wir haben diesen Beppo als gemeinsamen Faktor, sowohl in Kennington als auch in Kensington, also ist das eine zehn Meilen lange Fahrt wert. Nun, Watson, lassen Sie uns zu Gelder & Co. in Stepney gehen, der Quelle und dem Ursprung der Büsten. Ich werde überrascht sein, wenn wir dort unten nicht etwas Hilfe bekommen.“
In rascher Folge durchquerten wir den Rand des modischen London, des Hotel-London, des Theater-London, des literarischen London, des kommerziellen London und schließlich des maritimen London, bis wir zu einer Stadt am Flussufer mit hunderttausend Seelen kamen, wo die Mietskasernen vor sich hin schmoren und nach den Ausgestoßenen Europas stinken. Hier, in einer breiten Durchgangsstraße, einst der Wohnsitz wohlhabender City-Kaufleute, fanden wir die Bildhauerwerkstatt, die wir suchten. Draußen befand sich ein beachtlicher Hof voller monumentaler Steinmetzarbeiten. Drinnen gab es einen großen Raum, in dem fünfzig Arbeiter schnitzten oder formten. Der Manager, ein großer blonder Deutscher, empfing uns höflich und gab auf alle Fragen von Holmes eine klare Antwort. Ein Blick in seine Bücher zeigte, dass Hunderte von Abgüssen von einer Marmorkopie von Devines Napoleon-Kopf genommen worden waren, dass aber die drei, die etwa ein Jahr zuvor an Morse Hudson geschickt worden waren, die Hälfte einer Charge von sechs Stück gewesen waren, wobei die anderen drei an Harding Brothers in Kensington gegangen waren. Es gab keinen Grund, warum diese sechs von den anderen Abgüssen verschieden sein sollten. Er konnte keinen denkbaren Grund nennen, warum jemand sie zerstören wollte – tatsächlich lachte er über diesen Gedanken. Ihr Großhandelspreis betrug sechs Schilling, aber der Einzelhändler würde zwölf oder mehr erzielen. Der Abguss wurde in zwei Formen von jeder Seite des Gesichts genommen, und dann wurden diese beiden Profile aus Gips zusammengefügt, um die vollständige Büste zu bilden. Die Arbeit wurde normalerweise von Italienern in dem Raum verrichtet, in dem wir uns befanden. Wenn sie fertig waren, wurden die Büsten zum Trocknen auf einen Tisch im Flur gestellt und danach eingelagert. Das war alles, was er uns sagen konnte.
Doch das Vorzeigen des Fotos hatte eine bemerkenswerte Wirkung auf den Manager. Sein Gesicht rötete sich vor Zorn, und seine Brauen verknoteten sich über seinen blauen teutonischen Augen.
„Ah, der Schurke!“, rief er. „Ja, in der Tat, ich kenne ihn sehr gut. Dies ist immer ein respektables Etablissement gewesen, und das einzige Mal, dass wir jemals die Polizei im Haus hatten, war wegen genau dieses Kerls. Es ist jetzt mehr als ein Jahr her. Er hat einen anderen Italiener auf der Straße niedergestochen, und dann kam er mit der Polizei auf den Fersen zu den Werkstätten, und er wurde hier gefasst. Beppo war sein Name – seinen zweiten Namen habe ich nie erfahren. Recht geschieht mir, einen Mann mit einem solchen Gesicht einzustellen. Aber er war ein guter Arbeiter – einer der besten.“
„Was hat er bekommen?“
„Der Mann überlebte, und er kam mit einem Jahr davon. Ich habe keinen Zweifel, dass er jetzt wieder draußen ist, aber er hat es nicht gewagt, seine Nase hier blicken zu lassen. Wir haben einen Cousin von ihm hier, und ich wage zu behaupten, er könnte Ihnen sagen, wo er ist.“
„Nein, nein“, rief Holmes, „kein Wort zum Cousin – kein Wort, ich bitte Sie. Die Angelegenheit ist sehr wichtig, und je weiter ich damit komme, desto wichtiger scheint sie zu werden. Als Sie in Ihrem Hauptbuch auf den Verkauf dieser Abgüsse verwiesen, bemerkte ich, dass das Datum der 3. Juni letzten Jahres war. Könnten Sie mir das Datum nennen, an dem Beppo verhaftet wurde?“
„Ich könnte es Ihnen ungefähr anhand der Lohnliste sagen“, antwortete der Manager. „Ja“, fuhr er nach einigem Umblättern der Seiten fort, „er wurde am 20. Mai zuletzt bezahlt.“
„Danke“, sagte Holmes. „Ich glaube nicht, dass ich Ihre Zeit und Geduld noch länger in Anspruch nehmen muss.“ Mit einer letzten Ermahnung, dass er nichts über unsere Nachforschungen sagen solle, wandten wir unsere Gesichter wieder nach Westen.
Der Nachmittag war weit fortgeschritten, bevor wir in einem Restaurant einen hastigen Imbiss zu uns nehmen konnten. Ein Anschlag am Eingang kündigte an: „Kensington-Verbrechen. Mord durch einen Wahnsinnigen“, und der Inhalt der Zeitung zeigte, dass Mr. Horace Harker seinen Bericht doch noch in den Druck bekommen hatte. Zwei Spalten waren mit einer höchst sensationellen und blumigen Schilderung des gesamten Vorfalls gefüllt. Holmes lehnte sie gegen den Menage-Ständer und las sie, während er aß. Ein- oder zweimal kicherte er.
„Das ist in Ordnung, Watson“, sagte er. „Hören Sie sich das an:
‚Es ist befriedigend zu wissen, dass es keine Meinungsverschiedenheit über diesen Fall geben kann, da Mr. Lestrade, eines der erfahrensten Mitglieder der offiziellen Polizei, und Mr. Sherlock Holmes, der bekannte beratende Sachverständige, beide zu dem Schluss gekommen sind, dass die groteske Reihe von Vorfällen, die auf so tragische Weise endete, eher aus Wahnsinn als aus vorsätzlichem Verbrechen resultiert. Keine andere Erklärung außer geistiger Umnachtung kann die Fakten abdecken.‘
Die Presse, Watson, ist eine sehr wertvolle Institution, wenn man nur weiß, wie man sie benutzt. Und nun, wenn Sie ganz fertig sind, werden wir nach Kensington zurückkehren und sehen, was der Manager von Harding Brothers zu der Angelegenheit zu sagen hat.“
Der Gründer jenes großen Kaufhauses erwies sich als eine flinke, schlagfertige kleine Person, sehr adrett und schnell, mit einem klaren Kopf und einer bereiten Zunge.
„Ja, mein Herr, ich habe den Bericht bereits in den Abendzeitungen gelesen. Mr. Horace Harker ist ein Kunde von uns. Wir haben ihn vor einigen Monaten mit der Büste beliefert. Wir haben drei Büsten dieser Art bei Gelder & Co. in Stepney bestellt. Sie sind jetzt alle verkauft. An wen? Oh, ich wage zu behaupten, dass wir es Ihnen sehr leicht sagen könnten, wenn wir unser Verkaufsbuch zu Rate ziehen. Ja, wir haben die Einträge hier. Eine an Mr. Harker, wie Sie sehen, und eine an Mr. Josiah Brown, von Laburnum Lodge, Laburnum Vale, Chiswick, und eine an Mr. Sandeford, von Lower Grove Road, Reading. Nein, dieses Gesicht, das Sie mir auf dem Foto zeigen, habe ich noch nie gesehen. Man würde es kaum vergessen, nicht wahr, mein Herr, denn ich habe selten ein hässlicheres gesehen. Haben wir Italiener in der Belegschaft? Ja, mein Herr, wir haben mehrere unter unseren Arbeitern und Reinigungskräften. Ich wage zu behaupten, dass sie vielleicht einen Blick in das Verkaufsbuch werfen könnten, wenn sie wollten. Es gibt keinen besonderen Grund, dieses Buch zu bewachen. Nun, nun, es ist eine sehr seltsame Angelegenheit, und ich hoffe, dass Sie mich wissen lassen, falls aus Ihren Nachforschungen etwas wird.“
Holmes hatte während Mr. Hardings Aussage mehrere Notizen gemacht, und ich konnte sehen, dass er mit dem Lauf der Dinge vollkommen zufrieden war. Er machte jedoch keine Bemerkung, außer dass wir zu spät zu unserem Termin mit Lestrade kommen würden, wenn wir uns nicht beeilten. Tatsächlich war der Detektiv bereits da, als wir die Baker Street erreichten, und wir fanden ihn in einem Fieber der Ungeduld auf und ab gehen. Sein wichtiger Blick zeigte, dass sein Tagewerk nicht umsonst gewesen war.
„Nun?“, fragte er. „Was für ein Glück, Mr. Holmes?“
„Wir hatten einen sehr arbeitsreichen Tag, und nicht ganz einen verlorenen“, erklärte mein Freund. „Wir haben sowohl die Einzelhändler als auch die Großhandelshersteller gesehen. Ich kann jetzt jede der Büsten von Anfang an zurückverfolgen.“
„Die Büsten“, rief Lestrade. „Nun, nun, Sie haben Ihre eigenen Methoden, Mr. Sherlock Holmes, und es steht mir nicht zu, ein Wort dagegen zu sagen, aber ich denke, ich habe einen besseren Tagewerk vollbracht als Sie. Ich habe den Toten identifiziert.“
„Das sagen Sie nicht?“
„Und einen Grund für das Verbrechen gefunden.“
„Großartig!“
„Wir haben einen Inspektor, der sich auf Saffron Hill und das italienische Viertel spezialisiert hat. Nun, dieser Tote trug ein katholisches Emblem um seinen Hals, und das, zusammen mit seiner Hautfarbe, ließ mich denken, dass er aus dem Süden stammte. Inspektor Hill kannte ihn in dem Moment, als er ihn erblickte. Sein Name ist Pietro Venucci aus Neapel, und er ist einer der größten Halsabschneider in London. Er steht mit der Mafia in Verbindung, die, wie Sie wissen, eine geheime politische Gesellschaft ist, die ihre Dekrete durch Mord durchsetzt. Nun sehen Sie, wie sich die Angelegenheit zu klären beginnt. Der andere Kerl ist wahrscheinlich auch ein Italiener und ein Mitglied der Mafia. Er hat in irgendeiner Weise gegen die Regeln verstoßen. Pietro ist auf seine Fährte angesetzt. Wahrscheinlich ist das Foto, das wir in seiner Tasche gefunden haben, der Mann selbst, damit er nicht den Falschen absticht. Er verfolgt den Kerl, sieht ihn ein Haus betreten, wartet draußen auf ihn, und in dem Handgemenge erhält er seine eigene tödliche Wunde. Wie ist das, Mr. Sherlock Holmes?“
Holmes klatschte anerkennend in die Hände.
„Ausgezeichnet, Lestrade, ausgezeichnet!“, rief er. „Aber ich bin Ihrer Erklärung für die Zerstörung der Büsten nicht ganz gefolgt.“
„Die Büsten! Sie können diese Büsten einfach nicht aus dem Kopf bekommen. Alles in allem ist das nichts; kleiner Diebstahl, höchstens sechs Monate. Es ist der Mord, den wir wirklich untersuchen, und ich sage Ihnen, dass ich alle Fäden in meinen Händen zusammenführe.“
„Und der nächste Schritt?“
„Ist ein sehr einfacher. Ich werde mit Hill ins italienische Viertel gehen, den Mann finden, dessen Foto wir haben, und ihn wegen Mordes verhaften. Kommen Sie mit uns?“
„Ich glaube nicht. Ich denke, wir können unser Ziel auf einem einfacheren Weg erreichen. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, denn es hängt alles ab – nun, es hängt alles von einem Faktor ab, der völlig außerhalb unserer Kontrolle liegt. Aber ich habe große Hoffnungen – tatsächlich stehen die Wetten genau zwei zu eins –, dass ich Ihnen helfen kann, ihn dingfest zu machen, wenn Sie heute Abend mit uns kommen.“
„Im italienischen Viertel?“
„Nein, ich denke, Chiswick ist eine Adresse, an der man ihn eher finden wird. Wenn Sie heute Abend mit mir nach Chiswick kommen, Lestrade, verspreche ich Ihnen, morgen mit Ihnen ins italienische Viertel zu gehen, und durch die Verzögerung wird kein Schaden entstehen. Und nun denke ich, dass ein paar Stunden Schlaf uns allen gut tun würden, denn ich habe nicht vor, vor elf Uhr aufzubrechen, und es ist unwahrscheinlich, dass wir vor dem Morgen zurück sein werden. Sie werden bei uns zu Abend essen, Lestrade, und dann sind Sie herzlich eingeladen, das Sofa zu benutzen, bis es Zeit für uns ist, aufzubrechen. In der Zwischenzeit, Watson, wäre ich froh, wenn Sie nach einem Eilboten klingeln würden, denn ich habe einen Brief zu verschicken, und es ist wichtig, dass er sofort wegkommt.“
Holmes verbrachte den Abend damit, in den Archiven der alten Tageszeitungen zu stöbern, mit denen einer unserer Abstellräume vollgestopft war. Als er schließlich herunterkam, lag Triumph in seinen Augen, aber er sagte weder mir noch Lestrade etwas über das Ergebnis seiner Nachforschungen. Ich meinerseits hatte Schritt für Schritt die Methoden verfolgt, mit denen er die verschiedenen Windungen dieses komplexen Falls zurückverfolgt hatte, und obwohl ich das Ziel, das wir erreichen würden, noch nicht erkennen konnte, verstand ich deutlich, dass Holmes erwartete, dass dieser groteske Verbrecher einen Versuch auf die zwei verbleibenden Büsten unternehmen würde, von denen, wie ich mich erinnerte, eine in Chiswick war. Zweifellos war das Ziel unserer Reise, ihn auf frischer Tat zu ertappen, und ich konnte nicht umhin, die List zu bewundern, mit der mein Freund einen falschen Hinweis in der Abendzeitung platziert hatte, um dem Kerl die Idee zu geben, dass er seinen Plan ungestraft fortsetzen könne. Ich war nicht überrascht, als Holmes vorschlug, dass ich meinen Revolver mitnehmen sollte. Er selbst hatte die geladene Reitpeitsche mitgenommen, die seine Lieblingswaffe war.
Eine Droschke stand um elf Uhr vor der Tür, und mit ihr fuhren wir zu einem Punkt auf der anderen Seite der Hammersmith Bridge. Hier wurde der Kutscher angewiesen zu warten. Ein kurzer Fußmarsch brachte uns zu einer abgelegenen Straße, die von angenehmen Häusern gesäumt war, von denen jedes auf seinem eigenen Grundstück stand. Im Licht einer Straßenlaterne lasen wir „Laburnum Villa“ auf dem Torpfosten eines von ihnen. Die Bewohner hatten sich offenbar zur Ruhe begeben, denn alles war dunkel, bis auf ein Oberlicht über der Haustür, das einen einzelnen verschwommenen Kreis auf den Gartenweg warf. Der Holzzaun, der das Grundstück von der Straße trennte, warf einen dichten schwarzen Schatten auf die Innenseite, und genau dort kauerten wir uns nieder.
„Ich fürchte, Sie werden lange warten müssen“, flüsterte Holmes. „Wir können unseren Sternen danken, dass es nicht regnet. Ich glaube nicht, dass wir es auch nur wagen können zu rauchen, um uns die Zeit zu vertreiben. Wie dem auch sei, es ist eine Zwei-zu-eins-Chance, dass wir etwas bekommen, das uns für unsere Mühe entschädigt.“
Es erwies sich jedoch, dass unser Warten nicht so lang sein würde, wie Holmes uns befürchten ließ, und es endete auf eine sehr plötzliche und eigenartige Weise. In einem Augenblick, ohne das leiseste Geräusch, das uns vor seinem Kommen hätte warnen können, schwang das Gartentor auf, und eine geschmeidige, dunkle Gestalt, so schnell und aktiv wie ein Affe, eilte den Gartenweg hinauf. Wir sahen, wie sie an dem Licht, das von der Tür fiel, vorbeihuschte und im schwarzen Schatten des Hauses verschwand. Es gab eine lange Pause, während der wir den Atem anhielten, und dann drang ein sehr leises knarrendes Geräusch an unsere Ohren. Das Fenster wurde geöffnet. Das Geräusch hörte auf, und wieder herrschte langes Schweigen. Der Kerl bahnte sich seinen Weg ins Haus. Wir sahen das plötzliche Aufleuchten einer dunklen Laterne im Zimmer. Was er suchte, war offenbar nicht dort, denn wir sahen das Licht wieder hinter einem anderen Rollo und dann hinter einem weiteren.
„Lassen Sie uns zum offenen Fenster gelangen. Wir werden ihn schnappen, wenn er herausklettert“, flüsterte Lestrade.
Doch bevor wir uns bewegen konnten, war der Mann wieder herausgekommen. Als er in den schimmernden Lichtfleck trat, sahen wir, dass er etwas Weißes unter dem Arm trug. Er blickte verstohlen um sich. Die Stille der verlassenen Straße beruhigte ihn. Er wandte uns den Rücken zu, legte seine Last nieder, und im nächsten Augenblick ertönte ein scharfer Schlag, gefolgt von einem Klappern und Rasseln. Der Mann war so sehr auf das konzentriert, was er tat, dass er unsere Schritte nicht hörte, als wir über die Rasenfläche schlichen. Mit dem Sprung eines Tigers war Holmes auf seinem Rücken, und einen Augenblick später hatten Lestrade und ich ihn an beiden Handgelenken, und die Handschellen waren geschlossen. Als wir ihn umdrehten, sah ich ein scheußliches, fahlgelbes Gesicht mit zuckenden, wütenden Zügen, das uns anstarrte, und ich wusste, dass es tatsächlich der Mann von dem Foto war, den wir gestellt hatten.
Doch es war nicht unser Gefangener, dem Holmes seine Aufmerksamkeit schenkte. Auf der Türschwelle hockend, war er damit beschäftigt, das, was der Mann aus dem Haus gebracht hatte, aufs Sorgfältigste zu untersuchen. Es war eine Büste Napoleons, genau wie die, die wir an jenem Morgen gesehen hatten, und sie war in ähnliche Fragmente zerbrochen. Vorsichtig hielt Holmes jede einzelne Scherbe ins Licht, aber sie unterschied sich in keiner Weise von jedem anderen zertrümmerten Gipsstück. Er hatte seine Untersuchung gerade beendet, als die Flurlichter aufleuchteten, die Tür sich öffnete und der Besitzer des Hauses, eine fröhliche, rundliche Gestalt in Hemd und Hose, sich präsentierte.
„Mr. Josiah Brown, nehme ich an?“, sagte Holmes.
„Ja, mein Herr; und Sie sind zweifellos Mr. Sherlock Holmes? Ich habe den Brief erhalten, den Sie per Eilboten geschickt haben, und ich habe genau das getan, was Sie mir gesagt haben. Wir haben jede Tür von innen verriegelt und die Entwicklungen abgewartet. Nun, ich bin sehr froh zu sehen, dass Sie den Schurken haben. Ich hoffe, meine Herren, dass Sie hereinkommen und eine Erfrischung zu sich nehmen werden.“
Lestrade war jedoch bestrebt, seinen Mann an einen sicheren Ort zu bringen, also wurde innerhalb weniger Minuten unsere Droschke gerufen und wir alle vier waren auf dem Weg nach London. Unser Gefangener wollte kein Wort sagen, aber er starrte uns aus dem Schatten seines verfilzten Haares an, und einmal, als meine Hand in seine Reichweite zu kommen schien, schnappte er danach wie ein hungriger Wolf. Wir blieben lange genug auf der Polizeiwache, um zu erfahren, dass eine Durchsuchung seiner Kleidung nichts außer ein paar Schillingen und einem langen Stiefelmesser zutage förderte, dessen Griff reichliche Spuren von frischem Blut aufwies.
„Das ist in Ordnung“, sagte Lestrade, als wir uns trennten. „Hill kennt all diese Herrschaften, und er wird ihm einen Namen geben können. Sie werden sehen, dass meine Mafia-Theorie schon aufgehen wird. Aber ich bin Ihnen außerordentlich verpflichtet, Mr. Holmes, für die fachmännische Art und Weise, wie Sie ihn gestellt haben. Ich verstehe das alles noch nicht ganz.“
„Ich fürchte, es ist eine viel zu späte Stunde für Erklärungen“, sagte Holmes. „Außerdem gibt es noch ein oder zwei Details, die nicht abgeschlossen sind, und es ist einer jener Fälle, die es wert sind, bis zum Ende durchgearbeitet zu werden. Wenn Sie morgen um sechs Uhr noch einmal in meine Räume kommen, denke ich, dass ich Ihnen zeigen kann, dass Sie selbst jetzt noch nicht die ganze Bedeutung dieser Angelegenheit erfasst haben, die einige Merkmale aufweist, die sie in der Geschichte des Verbrechens absolut originell machen. Wenn ich Ihnen jemals erlaube, mehr von meinen kleinen Problemen zu dokumentieren, Watson, sehe ich voraus, dass Sie Ihre Seiten mit einem Bericht über das sonderbare Abenteuer der Napoleon-Büsten beleben werden.“
Als wir uns am nächsten Abend wieder trafen, war Lestrade mit vielen Informationen über unseren Gefangenen versorgt. Sein Name war, wie es schien, Beppo, zweiter Name unbekannt. Er war ein bekannter Nichtsnutz in der italienischen Kolonie. Er war einst ein geschickter Bildhauer gewesen und hatte einen ehrlichen Lebensunterhalt verdient, aber er war auf die schiefe Bahn geraten und hatte bereits zweimal im Gefängnis gesessen – einmal wegen eines kleineren Diebstahls und einmal, wie wir bereits gehört hatten, wegen des Niederstechens eines Landsmanns. Er konnte perfekt Englisch sprechen. Seine Gründe für die Zerstörung der Büsten waren immer noch unbekannt, und er weigerte sich, Fragen zu diesem Thema zu beantworten, aber die Polizei hatte entdeckt, dass diese selben Büsten sehr wohl aus seinen eigenen Händen stammen konnten, da er in dieser Art von Arbeit im Etablissement von Gelder & Co. beschäftigt war. All diese Informationen, von denen wir vieles bereits wussten, hörte sich Holmes mit höflicher Aufmerksamkeit an, aber ich, der ich ihn so gut kannte, konnte deutlich sehen, dass seine Gedanken woanders waren, und ich bemerkte eine Mischung aus Unbehagen und Erwartung unter jener Maske, die er gewöhnlich aufzusetzen pflegte. Schließlich zuckte er in seinem Stuhl zusammen, und seine Augen hellten sich auf. Es hatte an der Tür geklingelt. Eine Minute später hörten wir Schritte auf der Treppe, und ein älterer, rotgesichtiger Mann mit graumelierten Backenbärten wurde hereingeführt. In seiner rechten Hand trug er eine altmodische Teppichtasche, die er auf den Tisch stellte.
„Ist Mr. Sherlock Holmes hier?“
Mein Freund verneigte sich und lächelte. „Mr. Sandeford aus Reading, nehme ich an?“, sagte er.
„Ja, mein Herr, ich fürchte, ich bin ein wenig spät dran, aber die Züge waren ungünstig. Sie schrieben mir wegen einer Büste, die sich in meinem Besitz befindet.“
„Ganz recht.“
„Ich habe Ihren Brief hier. Sie schrieben: ‚Ich wünsche eine Kopie von Devines Napoleon zu besitzen und bin bereit, Ihnen zehn Pfund für diejenige zu zahlen, die sich in Ihrem Besitz befindet.‘ Ist das richtig?“
„Sicher.“
„Ich war sehr überrascht über Ihren Brief, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie Sie wussten, dass ich so etwas besitze.“
„Natürlich müssen Sie überrascht gewesen sein, aber die Erklärung ist sehr einfach. Mr. Harding von Harding Brothers sagte, dass sie Ihnen ihr letztes Exemplar verkauft hätten, und er gab mir Ihre Adresse.“
„Oh, das war es also? Hat er Ihnen gesagt, was ich dafür bezahlt habe?“
„Nein, das hat er nicht.“
„Nun, ich bin ein ehrlicher Mann, wenn auch kein sehr reicher. Ich habe nur fünfzehn Schilling für die Büste gegeben, und ich denke, das sollten Sie wissen, bevor ich zehn Pfund von Ihnen annehme.“
„Ich bin sicher, die Skrupel ehren Sie, Mr. Sandeford. Aber ich habe diesen Preis genannt, also beabsichtige ich, dabei zu bleiben.“
„Nun, das ist sehr großzügig von Ihnen, Mr. Holmes. Ich habe die Büste mitgebracht, wie Sie mich gebeten haben. Hier ist sie!“ Er öffnete seine Tasche, und endlich sahen wir auf unserem Tisch ein vollständiges Exemplar jener Büste platziert, die wir bereits mehr als einmal in Fragmenten gesehen hatten.
Holmes nahm ein Papier aus seiner Tasche und legte eine Zehn-Pfund-Note auf den Tisch.
„Sie werden freundlicherweise dieses Papier unterzeichnen, Mr. Sandeford, im Beisein dieser Zeugen. Es besagt lediglich, dass Sie jedes mögliche Recht, das Sie jemals an der Büste hatten, auf mich übertragen. Ich bin ein methodischer Mensch, sehen Sie, und man weiß nie, welche Wendung die Ereignisse hinterher nehmen könnten. Danke, Mr. Sandeford; hier ist Ihr Geld, und ich wünsche Ihnen einen sehr guten Abend.“
Als unser Besucher verschwunden war, waren Sherlock Holmes’ Bewegungen so, dass sie unsere Aufmerksamkeit fesselten. Er begann damit, ein sauberes weißes Tuch aus einer Schublade zu nehmen und es über den Tisch zu breiten. Dann stellte er seine neu erworbene Büste in die Mitte des Tuches. Schließlich nahm er seine Reitpeitsche und versetzte Napoleon einen kräftigen Schlag auf den Kopf. Die Figur zerbrach in Fragmente, und Holmes beugte sich eifrig über die zerschlagenen Überreste. Im nächsten Augenblick hielt er mit einem lauten Triumphruf einen Splitter hoch, in dem ein rundes, dunkles Objekt steckte wie eine Pflaume in einem Pudding.
„Meine Herren“, rief er, „darf ich Sie mit der berühmten schwarzen Perle der Borgias bekannt machen?“
Lestrade und ich saßen einen Moment lang schweigend da, und dann brachen wir beide wie auf einen spontanen Impuls hin in Applaus aus, wie beim gut ausgearbeiteten Höhepunkt eines Theaterstücks. Ein roter Schimmer stieg in Holmes’ bleiche Wangen, und er verbeugte sich vor uns wie der Meisterschauspieler, der die Huldigung seines Publikums entgegennimmt. Es waren solche Momente, in denen er für einen Augenblick aufhörte, eine logische Maschine zu sein, und seine menschliche Liebe zu Bewunderung und Beifall verriet. Dasselbe seltsam stolze und zurückhaltende Wesen, das sich mit Verachtung von öffentlicher Bekanntheit abwandte, war fähig, bis in die Tiefen durch spontanes Staunen und Lob eines Freundes bewegt zu werden.
„Ja, meine Herren“, sagte er, „es ist die berühmteste Perle, die heute auf der Welt existiert, und es war mein Glück, sie durch eine zusammenhängende Kette induktiver Schlussfolgerungen von dem Schlafzimmer des Prinzen von Colonna im Dacre Hotel, wo sie verloren ging, bis in das Innere dieser, der letzten der sechs Büsten Napoleons, die von Gelder & Co. in Stepney gefertigt wurden, zurückzuverfolgen. Sie werden sich erinnern, Lestrade, an das Aufsehen, das das Verschwinden dieses wertvollen Juwels erregte, und die vergeblichen Bemühungen der Londoner Polizei, es wiederzubeschaffen. Ich wurde selbst zu dem Fall konsultiert, aber ich konnte kein Licht in die Angelegenheit bringen. Der Verdacht fiel auf das Dienstmädchen der Prinzessin, das eine Italienerin war, und es wurde bewiesen, dass sie einen Bruder in London hatte, aber es gelang uns nicht, eine Verbindung zwischen ihnen nachzuweisen. Der Name des Mädchens war Lucretia Venucci, und es besteht für mich kein Zweifel, dass dieser Pietro, der vor zwei Nächten ermordet wurde, der Bruder war. Ich habe die Daten in den alten Zeitungsarchiven nachgeschlagen und festgestellt, dass das Verschwinden der Perle genau zwei Tage vor der Verhaftung von Beppo wegen eines Gewaltverbrechens lag – ein Ereignis, das sich in der Fabrik von Gelder & Co. zu genau dem Zeitpunkt abspielte, als diese Büsten hergestellt wurden. Nun sehen Sie deutlich die Abfolge der Ereignisse, obwohl Sie sie natürlich in umgekehrter Reihenfolge sehen, als sie sich mir darboten. Beppo hatte die Perle in seinem Besitz. Er mag sie Pietro gestohlen haben, er mag Pietros Komplize gewesen sein, er mag der Vermittler zwischen Pietro und seiner Schwester gewesen sein. Es ist für uns ohne Belang, welche die richtige Lösung ist.
„Die Hauptsache ist, dass er die Perle hatte, und in jenem Moment, als er sie bei sich trug, wurde er von der Polizei verfolgt. Er rannte zu der Fabrik, in der er arbeitete, und wusste, dass er nur wenige Minuten Zeit hatte, um diesen enorm wertvollen Preis zu verstecken, der ansonsten bei einer Durchsuchung bei ihm gefunden worden wäre. Sechs Gipsabgüsse von Napoleon trockneten im Durchgang. Einer davon war noch weich. In einem Augenblick machte Beppo, ein geschickter Arbeiter, ein kleines Loch in den feuchten Gips, ließ die Perle hineinfallen und verschloss die Öffnung mit wenigen Handgriffen wieder. Es war ein bewundernswertes Versteck. Niemand konnte es jemals finden. Aber Beppo wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, und währenddessen wurden seine sechs Büsten über ganz London verstreut. Er konnte nicht wissen, welche seinen Schatz enthielt. Nur durch Zerbrechen konnte er es sehen. Selbst Schütteln hätte ihm nichts verraten, denn da der Gips feucht war, war es wahrscheinlich, dass die Perle daran haften bleiben würde – wie sie es tatsächlich getan hat. Beppo verzweifelte nicht, und er führte seine Suche mit beträchtlichem Einfallsreichtum und Beharrlichkeit durch. Durch einen Cousin, der bei Gelder arbeitet, fand er die Einzelhandelsfirmen heraus, die die Büsten gekauft hatten. Es gelang ihm, eine Anstellung bei Morse Hudson zu finden, und auf diese Weise spürte er drei von ihnen auf. Die Perle war nicht dort. Dann gelang es ihm mit Hilfe eines italienischen Angestellten herauszufinden, wohin die anderen drei Büsten gegangen waren. Die erste war bei Harker. Dort wurde er von seinem Komplizen beschattet, der Beppo für den Verlust der Perle verantwortlich machte, und er erstach ihn in dem anschließenden Handgemenge.“
„Wenn er sein Komplize war, warum sollte er dann sein Foto bei sich tragen?“, fragte ich.
„Als Mittel, um ihn aufzuspüren, falls er sich bei einer dritten Person nach ihm erkundigen wollte. Das war der offensichtliche Grund. Nun, nach dem Mord berechnete ich, dass Beppo seine Bewegungen wahrscheinlich beschleunigen statt verzögern würde. Er würde fürchten, dass die Polizei sein Geheimnis lesen könnte, und so eilte er weiter, bevor sie ihm zuvorkommen konnte. Natürlich konnte ich nicht sagen, dass er die Perle nicht in Harkers Büste gefunden hatte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es die Perle war, aber es war mir offensichtlich, dass er nach etwas suchte, da er die Büste an den anderen Häusern vorbeischleppte, um sie in dem Garten zu zertrümmern, der von einer Lampe überblickt wurde. Da Harkers Büste eine von dreien war, standen die Chancen genau so, wie ich Ihnen sagte – zwei zu eins dagegen, dass die Perle darin war. Es blieben zwei Büsten, und es war offensichtlich, dass er zuerst die in London aufsuchen würde. Ich warnte die Bewohner des Hauses, um eine zweite Tragödie zu vermeiden, und wir gingen hinunter, mit dem glücklichsten Ergebnis. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich natürlich sicher, dass es die Borgia-Perle war, hinter der wir her waren. Der Name des Ermordeten verknüpfte das eine Ereignis mit dem anderen. Es blieb nur noch eine einzige Büste übrig – die in Reading – und die Perle musste dort sein. Ich habe sie in Ihrer Anwesenheit vom Besitzer gekauft – und da liegt sie.“
Wir saßen einen Moment schweigend da.
„Nun“, sagte Lestrade, „ich habe Sie schon viele Fälle handhaben sehen, Mr. Holmes, aber ich weiß nicht, ob ich jemals einen fachmännischeren gekannt habe als diesen. Wir sind nicht neidisch auf Sie bei Scotland Yard. Nein, Sir, wir sind sehr stolz auf Sie, und wenn Sie morgen vorbeikommen, gibt es keinen Mann, vom ältesten Inspektor bis zum jüngsten Constable, der sich nicht freuen würde, Ihnen die Hand zu schütteln.“
„Danke!“, sagte Holmes. „Danke!“ Und als er sich abwandte, schien es mir, als wäre er den weicheren menschlichen Gefühlen näher gewesen, als ich ihn je zuvor gesehen hatte. Einen Augenblick später war er wieder der kalte und praktische Denker. „Legen Sie die Perle in den Tresor, Watson“, sagte er, „und holen Sie die Unterlagen des Falls Conk-Singleton-Fälschung heraus. Auf Wiedersehen, Lestrade. Wenn Ihnen ein kleines Problem über den Weg läuft, werde ich mich freuen, Ihnen, wenn ich kann, einen oder zwei Hinweise zur Lösung zu geben.“
DAS ABENTEUER DER DREI STUDENTEN
Es war im Jahr ’95, dass eine Kombination von Ereignissen, auf die ich nicht näher eingehen muss, Sherlock Holmes und mich dazu brachte, einige Wochen in einer unserer großen Universitätsstädte zu verbringen, und es war während dieser Zeit, dass uns das kleine, aber lehrreiche Abenteuer widerfuhr, von dem ich berichten werde. Es wird offensichtlich sein, dass alle Einzelheiten, die dem Leser helfen würden, das College oder den Kriminellen genau zu identifizieren, unklug und anstößig wären. Ein so peinlicher Skandal darf wohl in Vergessenheit geraten. Mit gebührender Diskretion kann der Vorfall selbst jedoch beschrieben werden, da er dazu dient, einige jener Qualitäten zu illustrieren, für die mein Freund bemerkenswert war. Ich werde mich in meiner Darstellung bemühen, Begriffe zu vermeiden, die dazu dienen würden, die Ereignisse auf einen bestimmten Ort zu begrenzen oder einen Hinweis auf die betroffenen Personen zu geben.
Wir wohnten zu der Zeit in möblierten Zimmern in der Nähe einer Bibliothek, in der Sherlock Holmes einige mühsame Forschungen über frühe englische Urkunden betrieb – Forschungen, die zu Ergebnissen führten, die so verblüffend sind, dass sie das Thema einer meiner zukünftigen Erzählungen sein könnten. Hier war es, dass wir eines Abends einen Besuch von einem Bekannten erhielten, Mr. Hilton Soames, Tutor und Dozent am St. Luke’s College. Mr. Soames war ein großer, hagerer Mann von nervösem und erregbarem Temperament. Ich hatte ihn immer als unruhig in seinem Auftreten gekannt, aber bei dieser speziellen Gelegenheit befand er sich in einem Zustand unkontrollierbarer Erregung, dass es klar war, dass etwas sehr Ungewöhnliches geschehen war.
„Ich hoffe, Mr. Holmes, dass Sie mir ein paar Stunden Ihrer wertvollen Zeit entbehren können. Wir hatten einen sehr peinlichen Vorfall am St. Luke’s, und wirklich, wäre nicht der glückliche Zufall, dass Sie in der Stadt sind, wäre ich ratlos gewesen, was zu tun ist.“
„Ich bin im Moment sehr beschäftigt und wünsche keine Ablenkungen“, antwortete mein Freund. „Ich würde es sehr vorziehen, wenn Sie die Hilfe der Polizei in Anspruch nähmen.“
„Nein, nein, mein lieber Herr; ein solcher Weg ist völlig unmöglich. Wenn das Gesetz erst einmal angerufen ist, kann es nicht mehr aufgehalten werden, und dies ist genau einer jener Fälle, in denen es für das Ansehen des Colleges höchst wichtig ist, einen Skandal zu vermeiden. Ihre Diskretion ist ebenso bekannt wie Ihre Fähigkeiten, und Sie sind der einzige Mann auf der Welt, der mir helfen kann. Ich flehe Sie an, Mr. Holmes, zu tun, was Sie können.“
Die Laune meines Freundes hatte sich nicht gebessert, seit er der vertrauten Umgebung der Baker Street beraubt worden war. Ohne seine Sammelalben, seine Chemikalien und seine häusliche Unordentlichkeit war er ein unbequemer Mann. Er zuckte mit den Schultern in unfreundlicher Zustimmung, während unser Besucher mit hastigen Worten und unter viel aufgeregter Gestikulation seine Geschichte ausschüttete.
„Ich muss Ihnen erklären, Mr. Holmes, dass morgen der erste Tag der Prüfung für das Fortescue-Stipendium ist. Ich bin einer der Prüfer. Mein Fach ist Griechisch, und die erste der Arbeiten besteht aus einer großen Passage griechischer Übersetzung, die der Kandidat nicht gesehen hat. Diese Passage ist auf dem Prüfungsbogen gedruckt, und es wäre natürlich ein immenser Vorteil, wenn der Kandidat sie im Voraus vorbereiten könnte. Aus diesem Grund wird große Sorgfalt darauf verwendet, den Bogen geheim zu halten.
„Heute, gegen drei Uhr, trafen die Korrekturabzüge dieses Bogens von der Druckerei ein. Die Aufgabe besteht aus einem halben Kapitel des Thukydides. Ich musste es sorgfältig durchlesen, da der Text absolut korrekt sein muss. Um halb fünf war meine Aufgabe noch nicht abgeschlossen. Ich hatte jedoch versprochen, in den Räumen eines Freundes Tee zu trinken, also ließ ich den Abzug auf meinem Schreibtisch liegen. Ich war etwas mehr als eine Stunde abwesend.
„Sie wissen, Mr. Holmes, dass unsere College-Türen doppelt sind – eine mit grünem Baize innen und eine schwere aus Eiche außen. Als ich mich meiner äußeren Tür näherte, war ich erstaunt, einen Schlüssel darin zu sehen. Für einen Augenblick stellte ich mir vor, ich hätte meinen eigenen dort gelassen, aber als ich in meiner Tasche fühlte, fand ich, dass alles in Ordnung war. Das einzige Duplikat, das existierte, soweit ich wusste, war das, das meinem Diener Bannister gehörte – einem Mann, der sich seit zehn Jahren um mein Zimmer kümmert und dessen Ehrlichkeit absolut über jeden Verdacht erhaben ist. Ich fand heraus, dass der Schlüssel tatsächlich seiner war, dass er mein Zimmer betreten hatte, um zu wissen, ob ich Tee wollte, und dass er den Schlüssel sehr unvorsichtig in der Tür gelassen hatte, als er herauskam. Sein Besuch in meinem Zimmer muss nur wenige Minuten nach meinem Weggang gewesen sein. Sein Vergessen des Schlüssels hätte bei jeder anderen Gelegenheit wenig ausgemacht, aber an diesem einen Tag hat es die bedauerlichsten Folgen gehabt.
„In dem Moment, als ich auf meinen Tisch blickte, war mir klar, dass jemand meine Papiere durchwühlt hatte. Der Abzug bestand aus drei langen Streifen. Ich hatte sie alle zusammen gelassen. Nun fand ich, dass einer von ihnen auf dem Boden lag, einer auf dem Beistelltisch in der Nähe des Fensters war und der dritte dort lag, wo ich ihn gelassen hatte.“
Holmes regte sich zum ersten Mal.
„Die erste Seite auf dem Boden, die zweite am Fenster, die dritte dort, wo Sie sie gelassen haben“, sagte er.
„Genau, Mr. Holmes. Sie versetzen mich in Erstaunen. Wie konnten Sie das wissen?“
„Bitte fahren Sie mit Ihrer sehr interessanten Aussage fort.“
„Für einen Augenblick stellte ich mir vor, Bannister hätte sich die unverzeihliche Freiheit genommen, meine Papiere zu untersuchen. Er leugnete es jedoch mit dem größten Ernst, und ich bin überzeugt, dass er die Wahrheit sagte. Die Alternative war, dass jemand, der vorbeiging, den Schlüssel in der Tür bemerkt hatte, wusste, dass ich weg war, und eingetreten war, um sich die Papiere anzusehen. Eine große Summe Geldes steht auf dem Spiel, denn das Stipendium ist ein sehr wertvolles, und ein skrupelloser Mann könnte sehr wohl ein Risiko eingehen, um einen Vorteil gegenüber seinen Mitbewerbern zu erlangen.
„Bannister war sehr aufgebracht über den Vorfall. Er war fast in Ohnmacht gefallen, als wir feststellten, dass die Papiere zweifellos manipuliert worden waren. Ich gab ihm etwas Brandy und ließ ihn zusammengebrochen in einem Stuhl, während ich eine sehr sorgfältige Untersuchung des Zimmers vornahm. Ich sah bald, dass der Eindringling neben den zerknitterten Papieren auch andere Spuren seiner Anwesenheit hinterlassen hatte. Auf dem Tisch am Fenster lagen mehrere Schnipsel eines Bleistifts, der gespitzt worden war. Eine abgebrochene Bleistiftspitze lag ebenfalls dort. Offensichtlich hatte der Schurke das Papier in großer Eile kopiert, seinen Bleistift abgebrochen und war gezwungen gewesen, ihn neu zu spitzen.“
„Ausgezeichnet!“, sagte Holmes, der seine gute Laune wiedererlangte, je mehr seine Aufmerksamkeit von dem Fall gefesselt wurde. „Das Glück ist Ihr Freund gewesen.“
„Das war nicht alles. Ich habe einen neuen Schreibtisch mit einer feinen Oberfläche aus rotem Leder. Ich bin bereit zu schwören, und Bannister ebenso, dass er glatt und fleckenlos war. Nun fand ich einen sauberen Schnitt darin, etwa drei Zoll lang – nicht nur ein Kratzer, sondern ein tatsächlicher Schnitt. Nicht nur das, sondern auf dem Tisch fand ich eine kleine Kugel aus schwarzem Teig oder Ton, mit Sprenkeln von etwas, das wie Sägemehl darin aussieht. Ich bin überzeugt, dass diese Spuren von dem Mann hinterlassen wurden, der die Papiere durchsuchte. Es gab keine Fußspuren und keine anderen Beweise für seine Identität. Ich war mit meinem Latein am Ende, als mir plötzlich der glückliche Gedanke kam, dass Sie in der Stadt waren, und ich kam direkt hierher, um die Angelegenheit in Ihre Hände zu legen. Helfen Sie mir, Mr. Holmes. Sie sehen mein Dilemma. Entweder ich muss den Mann finden, oder die Prüfung muss verschoben werden, bis neue Unterlagen vorbereitet sind, und da dies nicht ohne Erklärung geschehen kann, wird ein scheußlicher Skandal entstehen, der nicht nur auf das College, sondern auf die Universität ein schlechtes Licht werfen wird. Vor allem möchte ich die Angelegenheit ruhig und diskret regeln.“
„Ich werde mich freuen, sie zu untersuchen und Ihnen den Rat zu geben, den ich kann“, sagte Holmes, stand auf und zog seinen Überzieher an. „Der Fall ist nicht völlig uninteressant. Hat Sie jemand in Ihrem Zimmer besucht, nachdem die Papiere zu Ihnen kamen?“
„Ja, der junge Daulat Ras, ein indischer Student, der auf derselben Treppe wohnt, kam herein, um mich nach einigen Einzelheiten zur Prüfung zu fragen.“
„Für die er angemeldet war?“
„Ja.“
„Und die Papiere lagen auf Ihrem Tisch?“
„Meines Wissens waren sie zusammengerollt.“
„Aber könnten sie als Abzüge erkannt worden sein?“
„Möglicherweise.“
„Sonst niemand in Ihrem Zimmer?“
„Nein.“
„Wusste jemand, dass diese Abzüge dort sein würden?“
„Niemand außer dem Drucker.“
„Wusste dieser Mann Bannister davon?“
„Nein, sicherlich nicht. Niemand wusste es.“
„Wo ist Bannister jetzt?“
„Er war sehr krank, der arme Kerl. Ich ließ ihn zusammengebrochen im Stuhl sitzen. Ich hatte es so eilig, zu Ihnen zu kommen.“
„Sie ließen Ihre Tür offen?“
„Ich habe die Papiere zuerst weggeschlossen.“
„Dann läuft es darauf hinaus, Mr. Soames: dass der Mann, der sie manipuliert hat, zufällig auf sie stieß, ohne zu wissen, dass sie dort waren, es sei denn, der indische Student erkannte die Rolle als Abzüge.“
„So scheint es mir.“
Holmes gab ein rätselhaftes Lächeln von sich.
„Nun“, sagte er, „gehen wir hinüber. Kein Fall für Sie, Watson – mental, nicht physisch. Alles klar; kommen Sie mit, wenn Sie wollen. Nun, Mr. Soames – ich stehe zu Ihrer Verfügung!“
Das Wohnzimmer unseres Klienten öffnete sich durch ein langes, niedriges Sprossenfenster auf den alten, flechtenbedeckten Hof des alten Colleges. Eine gotische Bogentür führte zu einer abgenutzten Steintreppe. Im Erdgeschoss war das Zimmer des Tutors. Darüber befanden sich drei Studenten, einer auf jeder Etage. Es dämmerte bereits, als wir den Schauplatz unseres Problems erreichten. Holmes blieb stehen und blickte ernst auf das Fenster. Dann näherte er sich ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte mit gestrecktem Hals in das Zimmer.
„Er muss durch die Tür eingetreten sein. Es gibt keine Öffnung außer der einen Fensterscheibe“, sagte unser gelehrter Führer.
„Ach was!“, sagte Holmes und lächelte auf eigentümliche Weise, während er unseren Begleiter ansah. „Nun, wenn es hier nichts zu erfahren gibt, sollten wir am besten hineingehen.“
Der Dozent schloss die äußere Tür auf und führte uns in sein Zimmer. Wir standen am Eingang, während Holmes den Teppich untersuchte.
„Ich fürchte, es gibt hier keine Zeichen“, sagte er. „Man konnte an einem so trockenen Tag kaum auf welche hoffen. Ihr Diener scheint sich ziemlich erholt zu haben. Sie ließen ihn in einem Stuhl, sagten Sie. Welchem Stuhl?“
„Dort am Fenster.“
„Ich verstehe. In der Nähe dieses kleinen Tisches. Sie können jetzt hereinkommen. Ich bin mit dem Teppich fertig. Lassen Sie uns zuerst den kleinen Tisch betrachten. Was passiert ist, ist natürlich sehr klar. Der Mann kam herein und nahm die Papiere, Blatt für Blatt, vom mittleren Tisch. Er trug sie zum Fenstertisch, weil er von dort aus sehen konnte, ob Sie über den Hof kamen, und so eine Flucht bewerkstelligen konnte.“
„Tatsächlich konnte er das nicht“, sagte Soames, „denn ich kam durch die Seitentür.“
„Ah, das ist gut! Nun, wie dem auch sei, das war in seinem Kopf. Lassen Sie mich die drei Streifen sehen. Keine Fingerabdrücke – nein! Nun, er trug diesen hier zuerst hinüber und kopierte ihn. Wie lange würde er dafür brauchen, jede mögliche Abkürzung benutzend? Eine Viertelstunde, nicht weniger. Dann warf er ihn hin und griff nach dem nächsten. Er war mitten darin, als Ihre Rückkehr ihn zu einem sehr hastigen Rückzug veranlasste – sehr hastig, da er keine Zeit hatte, die Papiere wieder an ihren Platz zu legen, die Ihnen verraten würden, dass er dort gewesen war. Sie bemerkten keine hastigen Schritte auf der Treppe, als Sie durch die äußere Tür eintraten?“
„Nein, das kann ich nicht sagen.“
„Nun, er schrieb so wütend, dass er seinen Bleistift zerbrach und ihn, wie Sie bemerken, neu spitzen musste. Das ist von Interesse, Watson. Der Bleistift war kein gewöhnlicher. Er war über der üblichen Größe, mit weicher Mine, die Außenfarbe war dunkelblau, der Name des Herstellers war in silbernen Buchstaben aufgedruckt, und das verbleibende Stück ist nur etwa anderthalb Zoll lang. Suchen Sie nach einem solchen Bleistift, Mr. Soames, und Sie haben Ihren Mann. Wenn ich hinzufüge, dass er ein großes und sehr stumpfes Messer besitzt, haben Sie eine zusätzliche Hilfe.“
Mr. Soames war von dieser Flut an Informationen etwas überwältigt. „Ich kann den anderen Punkten folgen“, sagte er, „aber wirklich, in dieser Angelegenheit der Länge...“
Holmes hielt einen kleinen Span mit den Buchstaben NN und einem Stück klaren Holzes dahinter hin.
„Sie sehen?“
„Nein, ich fürchte, selbst jetzt...“
„Watson, ich habe Ihnen gegenüber immer Unrecht getan. Es gibt noch andere. Was könnte dieses NN sein? Es steht am Ende eines Wortes. Sie wissen, dass Johann Faber der geläufigste Name eines Herstellers ist. Ist es nicht klar, dass von dem Bleistift noch genauso viel übrig ist, wie gewöhnlich auf den Johann folgt?“ Er hielt den kleinen Tisch schräg in das elektrische Licht. „Ich hatte gehofft, dass, falls das Papier, auf dem er schrieb, dünn war, irgendeine Spur davon auf dieser polierten Oberfläche durchgedrückt sein könnte. Nein, ich sehe nichts. Ich glaube nicht, dass hier noch etwas zu erfahren ist. Nun zum zentralen Tisch. Diese kleine Kugel ist, so vermute ich, die schwarze, teigige Masse, von der Sie sprachen. Von grob pyramidenförmiger Gestalt und ausgehöhlt, wie ich wahrnehme. Wie Sie sagen, scheinen Sägespäne darin zu sein. Ach was, das ist sehr interessant. Und der Schnitt – ein regelrechter Riss, wie ich sehe. Er begann mit einem dünnen Kratzer und endete in einem gezackten Loch. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, dass Sie meine Aufmerksamkeit auf diesen Fall gelenkt haben, Mr. Soames. Wohin führt diese Tür?“
„In mein Schlafzimmer.“
„Waren Sie seit Ihrem Abenteuer darin?“
„Nein, ich bin direkt zu Ihnen gegangen.“
„Ich würde mich gerne einmal umsehen. Was für ein reizvolles, altmodisches Zimmer! Vielleicht haben Sie die Güte, eine Minute zu warten, bis ich den Boden untersucht habe. Nein, ich sehe nichts. Was ist mit diesem Vorhang? Sie hängen Ihre Kleider dahinter auf. Wenn jemand gezwungen wäre, sich in diesem Zimmer zu verstecken, müsste er es dort tun, da das Bett zu niedrig und der Kleiderschrank zu flach ist. Niemand dort, nehme ich an?“
Als Holmes den Vorhang zuzog, bemerkte ich an einer gewissen Steifheit und Wachsamkeit seiner Haltung, dass er auf einen Notfall vorbereitet war. Tatsächlich enthüllte der zugezogene Vorhang nichts als drei oder vier Anzüge, die an einer Reihe von Haken hingen. Holmes wandte sich ab und bückte sich plötzlich zum Boden.
„Hallo! Was ist das?“, sagte er.
Es war eine kleine Pyramide aus schwarzem, kittartigem Stoff, genau wie die auf dem Tisch im Arbeitszimmer. Holmes hielt sie auf seiner offenen Handfläche in den Schein des elektrischen Lichts.
„Ihr Besucher scheint sowohl in Ihrem Schlafzimmer als auch in Ihrem Wohnzimmer Spuren hinterlassen zu haben, Mr. Soames.“
„Was könnte er dort gewollt haben?“
„Ich denke, es ist klar genug. Sie sind auf einem unerwarteten Weg zurückgekehrt, und so hatte er keine Warnung, bis Sie direkt vor der Tür standen. Was konnte er tun? Er raffte alles zusammen, was ihn verraten würde, und stürmte in Ihr Schlafzimmer, um sich zu verstecken.“
„Guter Himmel, Mr. Holmes, wollen Sie mir damit sagen, dass wir, während ich in diesem Zimmer mit Bannister sprach, den Mann als Gefangenen hatten, wenn wir es nur gewusst hätten?“
„So lese ich es.“
„Sicherlich gibt es eine andere Alternative, Mr. Holmes. Ich weiß nicht, ob Sie mein Schlafzimmerfenster beachtet haben?“
„Sprossenfenster, Bleirahmen, drei einzelne Fenster, eines auf Scharnieren schwingend und groß genug, um einen Mann hereinzulassen.“
„Genau. Und es blickt auf einen Winkel des Innenhofs, sodass es teilweise nicht einsehbar ist. Der Mann könnte dort eingedrungen sein, Spuren hinterlassen haben, während er durch das Schlafzimmer ging, und schließlich, da er die Tür offen vorfand, auf diesem Weg entkommen sein.“
Holmes schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Lassen Sie uns praktisch sein“, sagte er. „Ich verstehe Sie so, dass es drei Studenten gibt, die diese Treppe benutzen und die Gewohnheit haben, an Ihrer Tür vorbeizugehen?“
„Ja, die gibt es.“
„Und sie alle nehmen an dieser Prüfung teil?“
„Ja.“
„Haben Sie einen Grund, einen von ihnen mehr zu verdächtigen als die anderen?“
Soames zögerte.
„Das ist eine sehr heikle Frage“, sagte er. „Man möchte kaum Verdächtigungen äußern, wo es keine Beweise gibt.“
„Lassen Sie uns die Verdächtigungen hören. Ich werde mich um die Beweise kümmern.“
„Ich werde Ihnen also mit wenigen Worten den Charakter der drei Männer schildern, die diese Zimmer bewohnen. Der untere der drei ist Gilchrist, ein ausgezeichneter Gelehrter und Athlet, spielt im Rugby-Team und im Cricket-Team für das College und erhielt sein ‚Blue‘ für den Hürdenlauf und den Weitsprung. Er ist ein feiner, männlicher Kerl. Sein Vater war der berüchtigte Sir Jabez Gilchrist, der sich auf der Rennbahn ruiniert hat. Mein Stipendiat ist sehr arm geblieben, aber er ist hart arbeitend und fleißig. Er wird seinen Weg machen.
Die zweite Etage wird von Daulat Ras, dem Inder, bewohnt. Er ist ein ruhiger, undurchschaubarer Bursche, wie die meisten dieser Inder sind. Er ist gut in seiner Arbeit, obwohl Griechisch sein schwaches Fach ist. Er ist beständig und methodisch.
Das oberste Stockwerk gehört Miles McLaren. Er ist ein brillanter Kerl, wenn er arbeiten will – einer der hellsten Köpfe der Universität; aber er ist eigensinnig, liederlich und prinzipienlos. Er wurde in seinem ersten Jahr wegen eines Kartenskandals beinahe exmatrikuliert. Er hat dieses ganze Semester gefaulenzt und muss der Prüfung mit Grauen entgegensehen.“
„Dann ist er es, den Sie verdächtigen?“
„Ich wage nicht, so weit zu gehen. Aber von den dreien ist er vielleicht der am wenigsten Unwahrscheinliche.“
„Genau. Nun, Mr. Soames, lassen Sie uns einen Blick auf Ihren Diener, Bannister, werfen.“
Er war ein kleiner, weißgesichtiger, glatt rasierter, graumelierter Kerl von fünfzig Jahren. Er litt noch immer unter dieser plötzlichen Störung des ruhigen Ablaufs seines Lebens. Sein Pausbackengesicht zuckte vor Nervosität, und seine Finger konnten nicht stillhalten.
„Wir untersuchen diese unglückliche Angelegenheit, Bannister“, sagte sein Herr.
„Ja, mein Herr.“
„Ich verstehe“, sagte Holmes, „dass Sie Ihren Schlüssel in der Tür gelassen haben?“
„Ja, mein Herr.“
„War es nicht sehr außergewöhnlich, dass Sie dies ausgerechnet an dem Tag taten, als diese Papiere darin lagen?“
„Es war höchst unglücklich, mein Herr. Aber ich habe gelegentlich zu anderen Zeiten das Gleiche getan.“
„Wann haben Sie den Raum betreten?“
„Es war etwa halb fünf. Das ist die Teezeit von Mr. Soames.“
„Wie lange sind Sie geblieben?“
„Als ich sah, dass er abwesend war, habe ich mich sofort zurückgezogen.“
„Haben Sie sich diese Papiere auf dem Tisch angesehen?“
„Nein, mein Herr – sicherlich nicht.“
„Wie kamen Sie dazu, den Schlüssel in der Tür zu lassen?“
„Ich hatte das Teetablett in der Hand. Ich dachte, ich würde wegen des Schlüssels zurückkommen. Dann habe ich es vergessen.“
„Hat die Außentür ein Schnappschloss?“
„Nein, mein Herr.“
„Dann war sie die ganze Zeit offen?“
„Ja, mein Herr.“
„Jeder im Zimmer konnte hinausgelangen?“
„Ja, mein Herr.“
„Als Mr. Soames zurückkehrte und nach Ihnen rief, waren Sie sehr verstört?“
„Ja, mein Herr. So etwas ist in den vielen Jahren, die ich hier bin, noch nie vorgekommen. Ich bin beinahe in Ohnmacht gefallen, mein Herr.“
„Das verstehe ich. Wo waren Sie, als Sie sich unwohl zu fühlen begannen?“
„Wo ich war, mein Herr? Nun, hier, in der Nähe der Tür.“
„Das ist seltsam, denn Sie setzten sich in jenen Sessel dort drüben in der Nähe der Ecke. Warum sind Sie an diesen anderen Stühlen vorbeigegangen?“
„Ich weiß es nicht, mein Herr, es war mir egal, wo ich saß.“
„Ich glaube wirklich nicht, dass er viel davon wusste, Mr. Holmes. Er sah sehr schlecht aus – ganz gespenstisch.“
„Sie blieben hier, als Ihr Herr ging?“
„Nur für eine Minute oder so. Dann schloss ich die Tür ab und ging auf mein Zimmer.“
„Wen verdächtigen Sie?“
„Oh, das würde ich nicht zu sagen wagen, mein Herr. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Gentleman an dieser Universität gibt, der fähig wäre, aus einer solchen Handlung Profit zu schlagen. Nein, mein Herr, das glaube ich nicht.“
„Danke, das genügt“, sagte Holmes. „Oh, noch ein Wort. Sie haben keinem der drei Gentlemen, die Sie bedienen, gegenüber erwähnt, dass etwas nicht in Ordnung ist?“
„Nein, mein Herr – kein Wort.“
„Sie haben keinen von ihnen gesehen?“
„Nein, mein Herr.“
„Sehr gut. Nun, Mr. Soames, wir wollen einen Spaziergang im Quadrangle machen, wenn Sie gestatten.“
Drei gelbe Lichtquadrate leuchteten über uns in der aufziehenden Dämmerung.
„Ihre drei Vögel sind alle in ihren Nestern“, sagte Holmes und blickte hinauf. „Hallo! Was ist das? Einer von ihnen scheint unruhig genug zu sein.“
Es war der Inder, dessen dunkle Silhouette plötzlich auf seinem Rollo erschien. Er schritt schnell in seinem Zimmer auf und ab.
„Ich würde gerne einen Blick auf jeden von ihnen werfen“, sagte Holmes. „Ist das möglich?“
„Keinerlei Schwierigkeit“, antwortete Soames. „Diese Zimmerflucht ist die älteste im College, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Besucher sie besichtigen. Kommen Sie mit, und ich werde Sie persönlich führen.“
„Keine Namen, bitte!“, sagte Holmes, als wir an Gilchrist’s Tür klopften. Ein großer, strohblonder, schlanker junger Mann öffnete sie und hieß uns willkommen, als er unser Anliegen verstand. Es gab einige wirklich merkwürdige Stücke mittelalterlicher Wohnarchitektur darin. Holmes war von einem davon so angetan, dass er darauf bestand, es in sein Notizbuch zu zeichnen, seinen Bleistift zerbrach, sich einen von unserem Gastgeber leihen musste und sich schließlich ein Messer lieh, um seinen eigenen zu spitzen. Derselbe kuriose Unfall passierte ihm in den Zimmern des Inders – eines stillen, kleinen Kerls mit Hakennase, der uns schief ansah und offensichtlich froh war, als Holmes’ architektonische Studien ein Ende gefunden hatten. Ich konnte nicht sehen, dass Holmes in beiden Fällen auf den Hinweis gestoßen war, nach dem er suchte. Erst bei der dritten erwies sich unser Besuch als ergebnislos. Die Außentür öffnete sich nicht auf unser Klopfen, und nichts Substanzielleres als ein Strom übler Beschimpfungen kam von dahinter. „Es ist mir egal, wer Sie sind. Sie können zum Teufel gehen!“, brüllte die wütende Stimme. „Morgen ist die Prüfung, und ich lasse mich von niemandem stören.“
„Ein unhöflicher Kerl“, sagte unser Führer, der vor Zorn errötete, als wir die Treppe hinuntergingen. „Natürlich wusste er nicht, dass ich es war, der klopfte, aber dennoch war sein Verhalten sehr unhöflich und unter den Umständen tatsächlich ziemlich verdächtig.“
Holmes’ Antwort war eine sonderbare.
„Können Sie mir seine genaue Körpergröße sagen?“, fragte er.
„Wirklich, Mr. Holmes, das kann ich nicht sagen. Er ist größer als der Inder, nicht so groß wie Gilchrist. Ich nehme an, fünf Fuß sechs käme ungefähr hin.“
„Das ist sehr wichtig“, sagte Holmes. „Und nun, Mr. Soames, wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.“
Unser Führer rief laut vor Erstaunen und Bestürzung. „Guter Himmel, Mr. Holmes, Sie werden mich doch nicht auf diese abrupte Art verlassen! Sie scheinen sich der Lage nicht bewusst zu sein. Morgen ist die Prüfung. Ich muss heute Nacht entschlossen handeln. Ich kann nicht zulassen, dass die Prüfung abgehalten wird, wenn eines der Papiere manipuliert wurde. Der Situation muss ins Auge gesehen werden.“
„Sie müssen es so lassen, wie es ist. Ich werde morgen früh zeitig vorbeischauen und die Angelegenheit besprechen. Es ist möglich, dass ich dann in der Lage bin, ein gewisses Vorgehen anzudeuten. Ändern Sie unterdessen nichts – absolut nichts.“
„Sehr gut, Mr. Holmes.“
„Sie können völlig beruhigt sein. Wir werden sicherlich einen Weg aus Ihren Schwierigkeiten finden. Ich werde den schwarzen Ton mitnehmen, ebenso die Bleistiftschnipsel. Auf Wiedersehen.“
Als wir draußen in der Dunkelheit des Innenhofs waren, schauten wir wieder zu den Fenstern hinauf. Der Inder schritt noch immer in seinem Zimmer auf und ab. Die anderen waren unsichtbar.
„Nun, Watson, was halten Sie davon?“, fragte Holmes, als wir auf die Hauptstraße kamen. „Ein nettes kleines Gesellschaftsspiel – eine Art Hütchenspiel, nicht wahr? Da haben Sie Ihre drei Männer. Einer von ihnen muss es sein. Sie haben die Wahl. Welcher ist Ihrer?“
„Der fluchwütige Kerl ganz oben. Er ist derjenige mit dem schlechtesten Leumund. Und doch war der Inder auch ein hinterlistiger Kerl. Warum sollte er die ganze Zeit in seinem Zimmer auf und ab gehen?“
„Dahinter steckt nichts. Viele Männer tun das, wenn sie versuchen, etwas auswendig zu lernen.“
„Er hat uns auf eine merkwürdige Art angesehen.“
„Das würden Sie auch, wenn ein Haufen Fremder bei Ihnen eindringt, während Sie sich auf eine Prüfung am nächsten Tag vorbereiten und jeder Moment kostbar ist. Nein, da sehe ich nichts drin. Bleistifte auch, und Messer – alles war zufriedenstellend. Aber der Kerl da macht mich stutzig.“
„Wer?“
„Nun, Bannister, der Diener. Was ist sein Spiel bei der Sache?“
„Er machte auf mich den Eindruck eines vollkommen ehrlichen Mannes.“
„Das tat er bei mir auch. Das ist das Rätselhafte daran. Warum sollte ein vollkommen ehrlicher Mann – nun, nun, hier ist ein großes Schreibwarengeschäft. Wir werden unsere Nachforschungen hier beginnen.“
Es gab nur vier Schreibwarenhändler von Bedeutung in der Stadt, und bei jedem präsentierte Holmes seine Bleistiftspäne und bot viel für ein Duplikat. Alle waren sich einig, dass man eines bestellen könne, dass es aber keine übliche Bleistiftgröße sei und nur selten auf Lager gehalten werde. Mein Freund schien von seinem Misserfolg nicht deprimiert zu sein, sondern zuckte mit den Schultern in halb humorvoller Resignation.
„Kein Glück, mein lieber Watson. Dieser, der beste und einzig endgültige Hinweis, hat sich in Luft aufgelöst. Aber tatsächlich zweifle ich kaum daran, dass wir ohne ihn einen ausreichenden Fall aufbauen können. Zum Kuckuck! Mein lieber Freund, es ist fast neun, und die Wirtin schwatzte von grünen Erbsen um halb acht. Bei Ihrem ewigen Tabak, Watson, und Ihrer Unregelmäßigkeit bei den Mahlzeiten, erwarte ich, dass Sie eine Kündigung erhalten und ich Ihren Untergang teilen werde – jedoch nicht, bevor wir das Problem des nervösen Tutors, des sorglosen Dieners und der drei unternehmungslustigen Studenten gelöst haben.“
Holmes machte an diesem Tag keine weitere Anspielung auf die Angelegenheit, obwohl er nach unserem späten Abendessen lange in Gedanken versunken dasaß. Um acht Uhr morgens kam er in mein Zimmer, gerade als ich meine Toilette beendet hatte.
„Nun, Watson“, sagte er, „es ist Zeit, dass wir nach St. Luke’s gehen. Können Sie ohne Frühstück auskommen?“
„Sicherlich.“
„Soames wird schrecklich nervös sein, bis wir ihm etwas Positives sagen können.“
„Haben Sie ihm etwas Positives zu sagen?“
„Ich glaube schon.“
„Sie haben eine Schlussfolgerung gezogen?“
„Ja, mein lieber Watson, ich habe das Rätsel gelöst.“
„Aber welche neuen Beweise könnten Sie gefunden haben?“
„Aha! Es ist nicht umsonst, dass ich mich zu der unchristlichen Stunde von sechs Uhr aus dem Bett geschält habe. Ich habe zwei Stunden harte Arbeit hinter mir und mindestens fünf Meilen zurückgelegt, mit etwas Vorzeigbarem. Schauen Sie sich das an!“
Er hielt seine Hand hin. Auf der Handfläche lagen drei kleine Pyramiden aus schwarzem, teigigem Ton.
„Warum, Holmes, Sie hatten gestern nur zwei.“
„Und eine weitere heute Morgen. Es ist ein stichhaltiges Argument, dass der Ort, von dem Nr. 3 stammt, auch die Quelle der Nr. 1 und 2 ist. Eh, Watson? Nun, kommen wir mit und erlösen wir Freund Soames von seinem Schmerz.“
Der unglückliche Tutor war sicherlich in einem Zustand jämmerlicher Aufregung, als wir ihn in seinen Gemächern fanden. In wenigen Stunden würde die Prüfung beginnen, und er steckte immer noch in dem Dilemma, die Tatsachen öffentlich zu machen oder dem Übeltäter zu erlauben, um das wertvolle Stipendium zu konkurrieren. Er konnte kaum stillstehen, so groß war seine geistige Erregung, und er rannte mit zwei eifrig ausgestreckten Händen auf Holmes zu.
„Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind! Ich fürchtete, Sie hätten es in Verzweiflung aufgegeben. Was soll ich tun? Soll die Prüfung stattfinden?“
„Ja, lassen Sie sie stattfinden, auf jeden Fall.“
„Aber dieser Schurke –?“
„Er wird nicht teilnehmen.“
„Sie kennen ihn?“
„Ich glaube schon. Wenn diese Angelegenheit nicht öffentlich werden soll, müssen wir uns gewisse Befugnisse geben und uns in ein kleines privates Kriegsgericht verwandeln. Sie dort, wenn Sie so freundlich wären, Soames! Watson, Sie hier! Ich nehme den Armlehnstuhl in der Mitte. Ich denke, dass wir jetzt eindrucksvoll genug sind, um Schrecken in ein schuldiges Herz zu versetzen. Bitte läuten Sie die Glocke!“
Bannister trat ein und wich vor unserem richterlichen Auftreten sichtlich überrascht und verängstigt zurück.
„Sie werden freundlicherweise die Tür schließen“, sagte Holmes. „Nun, Bannister, werden Sie uns bitte die Wahrheit über den Vorfall von gestern sagen?“
Der Mann wurde bis zum Haaransatz weiß.
„Ich habe Ihnen alles gesagt, mein Herr.“
„Nichts hinzuzufügen?“
„Absolut nichts, mein Herr.“
„Nun, dann muss ich Ihnen einige Vorschläge machen. Haben Sie sich gestern auf diesen Stuhl gesetzt, um irgendeinen Gegenstand zu verbergen, der gezeigt hätte, wer im Zimmer gewesen war?“
Bannister’s Gesicht war gespenstisch.
„Nein, mein Herr, sicherlich nicht.“
„Es ist nur ein Vorschlag“, sagte Holmes sanft. „Ich gebe offen zu, dass ich nicht in der Lage bin, ihn zu beweisen. Aber es erscheint wahrscheinlich genug, da Sie in dem Moment, als Mr. Soames’ Rücken zugekehrt war, den Mann befreiten, der sich in jenem Schlafzimmer versteckt hielt.“
Bannister leckte sich die trockenen Lippen.
„Da war kein Mann, mein Herr.“
„Ah, das ist ein Jammer, Bannister. Bis jetzt mögen Sie die Wahrheit gesagt haben, aber jetzt weiß ich, dass Sie gelogen haben.“
Das Gesicht des Mannes erstarrte in trotzigem Widerstand.
„Da war kein Mann, mein Herr.“
„Kommen Sie, kommen Sie, Bannister!“
„Nein, mein Herr, da war niemand.“
„In diesem Fall können Sie uns keine weiteren Informationen geben. Würden Sie bitte im Zimmer bleiben? Stellen Sie sich dort drüben in die Nähe der Schlafzimmertür. Nun, Soames, ich werde Sie bitten, die große Freundlichkeit zu haben, in das Zimmer des jungen Gilchrist zu gehen und ihn zu bitten, in Ihres herunterzukommen.“
Einen Augenblick später kehrte der Tutor zurück und brachte den Studenten mit. Er war eine stattliche Erscheinung, groß, geschmeidig und beweglich, mit federndem Schritt und einem angenehmen, offenen Gesicht. Seine unruhigen blauen Augen huschten zu jedem von uns und ruhten schließlich mit einem Ausdruck von blanker Bestürzung auf Bannister in der hinteren Ecke.
„Schließen Sie einfach die Tür“, sagte Holmes. „Nun, Mr. Gilchrist, wir sind hier ganz unter uns, und niemand muss jemals ein Wort von dem erfahren, was zwischen uns vorgeht. Wir können vollkommen offen zueinander sein. Wir möchten wissen, Mr. Gilchrist, wie Sie, ein ehrenwerter Mann, dazu gekommen sind, eine solche Handlung wie die von gestern zu begehen?“
Der unglückliche junge Mann taumelte zurück und warf Bannister einen Blick voller Entsetzen und Vorwurf zu.
„Nein, nein, Mr. Gilchrist, mein Herr, ich habe kein Wort gesagt – kein einziges Wort!“, rief der Diener.
„Nein, aber das haben Sie jetzt“, sagte Holmes. „Nun, mein Herr, Sie müssen einsehen, dass Ihre Position nach Bannisters Worten hoffnungslos ist und dass Ihre einzige Chance in einem offenen Geständnis liegt.“
Einen Augenblick lang versuchte Gilchrist mit erhobener Hand seine zuckenden Gesichtszüge zu beherrschen. Im nächsten Augenblick hatte er sich neben den Tisch auf die Knie geworfen und, sein Gesicht in den Händen vergrabend, war er in einen Sturm leidenschaftlichen Schluchzens ausgebrochen.
„Kommen Sie, kommen Sie“, sagte Holmes freundlich, „es ist menschlich, sich zu irren, und zumindest kann Sie niemand beschuldigen, ein gefühlloser Krimineller zu sein. Vielleicht wäre es für Sie einfacher, wenn ich Mr. Soames erzählte, was geschehen ist, und Sie können mich korrigieren, wo ich falsch liege. Soll ich das tun? Nun, nun, bemühen Sie sich nicht zu antworten. Hören Sie zu und sehen Sie, dass ich Ihnen kein Unrecht tue.
Von dem Moment an, Mr. Soames, als Sie zu mir sagten, dass niemand, nicht einmal Bannister, hätte wissen können, dass die Papiere in Ihrem Zimmer waren, begann die Angelegenheit in meinem Kopf eine feste Form anzunehmen. Den Drucker konnte man natürlich ausschließen. Er konnte die Papiere in seinem eigenen Büro prüfen. Über den Inder dachte ich mir auch nichts. Wenn die Korrekturabzüge in einer Rolle waren, konnte er unmöglich wissen, was sie waren. Auf der anderen Seite schien es ein undenkbarer Zufall zu sein, dass ein Mann es wagen sollte, das Zimmer zu betreten, und dass rein zufällig an genau jenem Tag die Papiere auf dem Tisch lagen. Das verwarf ich. Der Mann, der eintrat, wusste, dass die Papiere dort waren. Woher wusste er das?
Als ich mich Ihrem Zimmer näherte, untersuchte ich das Fenster. Sie amüsierten mich mit der Annahme, dass ich die Möglichkeit in Betracht zog, jemand hätte sich am helllichten Tag, unter den Augen all dieser gegenüberliegenden Zimmer, hindurchgezwängt. Eine solche Idee war absurd. Ich maß, wie groß ein Mann sein müsste, um im Vorbeigehen zu sehen, welche Papiere auf dem zentralen Tisch lagen. Ich bin sechs Fuß groß, und ich könnte es mit einer Anstrengung tun. Niemand, der kleiner ist, hätte eine Chance. Sie sehen, ich hatte bereits Grund zu der Annahme, dass, wenn einer Ihrer drei Studenten ein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße war, er der am ehesten zu Beobachtende von den dreien war.
Ich trat ein und weihte Sie in die Vermutungen über den Beistelltisch ein. Über den zentralen Tisch konnte ich mir keinen Reim machen, bis Sie in Ihrer Beschreibung von Gilchrist erwähnten, dass er ein Weitspringer ist. Da kam mir die ganze Sache in einem Augenblick, und ich brauchte nur noch bestimmte bekräftigende Beweise, die ich schnell erhielt.“
„So geschah es. Dieser junge Bursche hatte seinen Nachmittag auf dem Sportplatz verbracht, wo er das Springen geübt hatte. Er kehrte mit seinen Sprungschuhen zurück, die, wie Sie wissen, mit mehreren scharfen Spikes versehen sind. Als er an Ihrem Fenster vorbeiging, sah er aufgrund seiner großen Körpergröße diese Korrekturabzüge auf Ihrem Tisch und vermutete, worum es sich handelte. Es wäre kein Schaden entstanden, hätte er nicht beim Vorbeigehen an Ihrer Tür den Schlüssel bemerkt, der durch die Nachlässigkeit Ihres Dieners dort steckengelassen worden war. Ein plötzlicher Impuls überkam ihn, einzutreten und nachzusehen, ob es tatsächlich die Abzüge waren. Es war kein gefährliches Unterfangen, denn er konnte immer vorgeben, er habe lediglich kurz hereingeschaut, um eine Frage zu stellen.
Nun, als er sah, dass es tatsächlich die Abzüge waren, gab er der Versuchung nach. Er legte seine Schuhe auf den Tisch. Was hatten Sie auf diesen Stuhl in Fensternähe gelegt?“
„Handschuhe“, sagte der junge Mann.
Holmes blickte triumphierend zu Bannister. „Er legte seine Handschuhe auf den Stuhl und nahm die Abzüge, Blatt für Blatt, um sie zu kopieren. Er dachte, der Tutor müsse durch das Haupttor zurückkehren und würde ihn sehen. Wie wir wissen, kam er durch das Seitentor zurück. Plötzlich hörte er ihn direkt vor der Tür. Es gab kein Entkommen mehr. Er vergaß seine Handschuhe, schnappte sich aber seine Schuhe und stürzte in das Schlafzimmer. Sie bemerken, dass der Kratzer auf jenem Tisch an einer Seite nur oberflächlich ist, sich aber in Richtung der Schlafzimmertür vertieft. Das allein genügt uns, um zu zeigen, dass der Schuh in diese Richtung gezogen wurde und der Übeltäter dort Zuflucht gesucht hatte. Die Erde um den Spike war auf dem Tisch zurückgeblieben, und eine zweite Probe löste sich und fiel im Schlafzimmer zu Boden. Ich darf hinzufügen, dass ich heute Morgen zum Sportplatz hinausgegangen bin, sah, dass dieser zähe schwarze Lehm in der Sprunggrube verwendet wird, und ein Exemplar davon mitnahm, zusammen mit etwas von dem feinen Sand oder Sägemehl, das darauf gestreut wird, um das Ausrutschen der Athleten zu verhindern. Habe ich die Wahrheit gesagt, Mr. Gilchrist?“
Der Student hatte sich aufgerichtet.
„Ja, Sir, es ist wahr“, sagte er.
„Gütiger Himmel! Haben Sie nichts hinzuzufügen?“, rief Soames.
„Doch, Sir, das habe ich, aber der Schock über diese schändliche Entlarvung hat mich völlig verwirrt. Ich habe hier einen Brief, Mr. Soames, den ich Ihnen heute früh inmitten einer ruhelosen Nacht geschrieben habe. Das war, bevor ich wusste, dass meine Sünde mich eingeholt hatte. Hier ist er, Sir. Sie werden sehen, dass ich geschrieben habe: ‚Ich habe beschlossen, nicht an der Prüfung teilzunehmen. Mir wurde eine Stelle bei der Rhodesian Police angeboten, und ich werde sofort nach Südafrika gehen.‘“
„Es freut mich wirklich zu hören, dass Sie nicht beabsichtigten, aus Ihrem unfairen Vorteil Nutzen zu ziehen“, sagte Soames. „Aber warum haben Sie Ihren Entschluss geändert?“
Gilchrist deutete auf Bannister.
„Da ist der Mann, der mich auf den rechten Weg gebracht hat“, sagte er.
„Kommen Sie nun, Bannister“, sagte Holmes. „Aus dem, was ich gesagt habe, wird Ihnen klar sein, dass nur Sie diesen jungen Mann hätten herauslassen können, da Sie im Zimmer zurückgeblieben waren und die Tür abgeschlossen haben mussten, als Sie hinausgingen. Was seine Flucht durch jenes Fenster betrifft, so war das unglaubhaft. Können Sie nicht den letzten Punkt dieses Rätsels aufklären und uns die Gründe für Ihr Handeln nennen?“
„Es war einfach genug, Sir, wenn Sie es nur gewusst hätten, aber bei all Ihrer Klugheit war es unmöglich, dass Sie es wissen konnten. Es gab eine Zeit, Sir, da war ich Butler bei dem alten Sir Jabez Gilchrist, dem Vater dieses jungen Herrn. Als er ruiniert war, kam ich als Diener ans College, aber ich habe meinen alten Dienstherrn nie vergessen, weil er vom Schicksal gebeutelt war. Ich habe seinen Sohn um der alten Zeiten willen so gut ich konnte beobachtet. Nun, Sir, als ich gestern in dieses Zimmer kam, als der Alarm geschlagen wurde, war das Erste, was ich sah, Mr. Gilchrists sandfarbene Handschuhe, die auf jenem Stuhl lagen. Ich kannte diese Handschuhe gut und verstand ihre Botschaft. Wenn Mr. Soames sie gesehen hätte, wäre das Spiel aus gewesen. Ich ließ mich in diesen Stuhl fallen, und nichts hätte mich bewegt, bis Mr. Soames Sie geholt hat. Dann kam mein armer junger Herr heraus, den ich einst auf meinen Knien geschaukelt hatte, und gestand mir alles. War es nicht natürlich, Sir, dass ich ihn retten wollte, und war es nicht auch natürlich, dass ich versuchte, zu ihm so zu sprechen, wie sein verstorbener Vater es getan hätte, und ihm begreiflich zu machen, dass er aus einer solchen Tat keinen Nutzen ziehen konnte? Können Sie mir das verdenken, Sir?“
„Keineswegs“, sagte Holmes herzlich und sprang auf. „Nun, Soames, ich denke, wir haben Ihr kleines Problem gelöst, und unser Frühstück wartet zu Hause auf uns. Kommen Sie, Watson! Was Sie betrifft, Sir, so hoffe ich, dass eine glänzende Zukunft in Rhodesien auf Sie wartet. Einmal sind Sie tief gefallen. Lassen Sie uns in der Zukunft sehen, wie hoch Sie steigen können.“
DAS ABENTEUER MIT DEM GOLDENEN ZWECKER
Wenn ich die drei massiven Manuskriptbände betrachte, die unsere Arbeit für das Jahr 1894 enthalten, so gestehe ich, dass es mir bei einer solchen Fülle an Material sehr schwerfällt, jene Fälle auszuwählen, die an sich am interessantesten sind und zugleich am besten dazu geeignet, jene besonderen Fähigkeiten zur Schau zu stellen, für die mein Freund berühmt war. Während ich die Seiten durchblättere, sehe ich meine Notizen über die abstoßende Geschichte vom roten Blutegel und den schrecklichen Tod von Crosby, dem Bankier. Hier finde ich auch einen Bericht über die Tragödie von Addleton und den sonderbaren Inhalt des alten britischen Grabhügels. Auch der berühmte Erbschaftsfall Smith-Mortimer fällt in diesen Zeitraum, ebenso wie die Verfolgung und Verhaftung von Huret, dem Mörder vom Boulevard – ein Husarenstück, das Holmes ein eigenhändiges Dankesschreiben des französischen Präsidenten und den Orden der Ehrenlegion einbrachte. Jeder dieser Fälle lieferte Stoff für eine Erzählung, doch insgesamt bin ich der Meinung, dass keiner von ihnen so viele sonderbare Aspekte von Interesse vereint wie die Episode von Yoxley Old Place, die nicht nur den beklagenswerten Tod des jungen Willoughby Smith umfasst, sondern auch jene späteren Entwicklungen, die ein so merkwürdiges Licht auf die Hintergründe des Verbrechens warfen.
Es war eine wilde, stürmische Nacht gegen Ende November. Holmes und ich saßen den ganzen Abend schweigend beieinander; er damit beschäftigt, mit einer starken Lupe die Reste der ursprünglichen Inschrift auf einem Palimpsest zu entziffern, ich vertieft in eine neue Abhandlung über Chirurgie. Draußen heulte der Wind die Baker Street hinunter, während der Regen heftig gegen die Fenster peitschte. Es war seltsam, dort, in den tiefsten Tiefen der Stadt, mit zehn Meilen von Menschenhand Geschaffenem auf allen Seiten, den eisernen Griff der Natur zu spüren und sich bewusst zu sein, dass für die gewaltigen elementaren Kräfte ganz London nicht mehr war als die Maulwurfshügel, die die Felder übersäen. Ich ging zum Fenster und sah hinaus auf die verlassene Straße. Die vereinzelten Laternen schimmerten auf der weiten, schlammigen Straße und dem glänzenden Pflaster. Eine einzelne Droschke bahnte sich spritzend ihren Weg vom Ende der Oxford Street her.
„Nun, Watson, es ist gut, dass wir heute Nacht nicht mehr hinaus müssen“, sagte Holmes, legte seine Lupe beiseite und rollte den Palimpsest zusammen. „Ich habe für eine Sitzung genug getan. Es ist eine anstrengende Arbeit für die Augen. Soweit ich es erkennen kann, ist es nichts Aufregenderes als eine Abteirechnung aus der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts. Hallo! Hallo! Hallo! Was ist das?“
Inmitten des Dröhnens des Windes war das Stampfen von Pferdehufen zu hören und das lange Geräusch eines Rades, wie es am Bordstein entlangschrammte. Die Droschke, die ich gesehen hatte, war vor unserer Tür zum Stehen gekommen.
„Was kann er wollen?“, rief ich aus, als ein Mann ausstieg.
„Wollen? Er will uns. Und wir, mein armer Watson, brauchen Mäntel, Halstücher und Überschuhe und jede Hilfe, die der Mensch je erfunden hat, um dem Wetter zu trotzen. Warten Sie aber ein wenig! Da fährt die Droschke schon wieder ab! Es gibt noch Hoffnung. Er hätte sie behalten, wenn er gewollt hätte, dass wir mitkommen. Laufen Sie hinunter, mein lieber Freund, und öffnen Sie die Tür, denn alle tugendhaften Leute liegen schon längst im Bett.“
Als das Licht der Flurlampe auf unseren mitternächtlichen Besucher fiel, hatte ich keine Schwierigkeiten, ihn zu erkennen. Es war der junge Stanley Hopkins, ein vielversprechender Detektiv, für dessen Laufbahn Holmes mehrfach ein sehr praktisches Interesse gezeigt hatte.
„Ist er da?“, fragte er eifrig.
„Kommen Sie herauf, mein lieber Herr“, sagte Holmes’ Stimme von oben. „Ich hoffe, Sie haben bei einer solchen Nacht keine Pläne mit uns.“
Der Detektiv stieg die Treppe herauf, und unsere Lampe glänzte auf seinem glänzenden Regenmantel. Ich half ihm aus ihm heraus, während Holmes ein Feuer aus den Holzscheiten im Kamin schlug.
„Nun, mein lieber Hopkins, rücken Sie näher und wärmen Sie Ihre Zehen“, sagte er. „Hier ist eine Zigarre, und der Doktor hat ein Rezept mit heißem Wasser und einer Zitrone, das ist eine gute Medizin in einer Nacht wie dieser. Es muss etwas Wichtiges sein, das Sie bei einem solchen Sturm hinausgetrieben hat.“
„Das ist es in der Tat, Mr. Holmes. Ich hatte einen geschäftigen Nachmittag, das kann ich Ihnen versprechen. Haben Sie in den neuesten Ausgaben etwas über den Fall Yoxley gesehen?“
„Ich habe heute nichts gelesen, das jünger als das fünfzehnte Jahrhundert ist.“
„Nun, es war nur ein kurzer Absatz, und obendrein völlig falsch, Sie haben also nichts verpasst. Ich habe das Gras nicht unter meinen Füßen wachsen lassen. Es ist unten in Kent, sieben Meilen von Chatham und drei von der Eisenbahnlinie entfernt. Ich wurde um 3:15 Uhr telegraphisch gerufen, erreichte Yoxley Old Place um 5 Uhr, führte meine Untersuchung durch, war mit dem letzten Zug zurück in Charing Cross und bin mit der Droschke direkt zu Ihnen gefahren.“
„Was wohl bedeutet, dass Sie sich über Ihren Fall nicht ganz im Klaren sind?“
„Es bedeutet, dass ich weder Kopf noch Zahl daraus werde. Soweit ich sehen kann, ist es eine ebenso vertrackte Angelegenheit, wie ich sie je bearbeitet habe, und doch schien es anfangs so einfach, dass man keinen Fehler machen konnte. Es gibt kein Motiv, Mr. Holmes. Das ist es, was mich beunruhigt – ich kann kein Motiv finden. Da ist ein toter Mann – das lässt sich nicht leugnen –, aber soweit ich sehen kann, gibt es keinen Grund auf Erden, warum jemand ihm etwas zuleide tun sollte.“
Holmes zündete seine Zigarre an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Lassen Sie uns davon hören“, sagte er.
„Ich habe meine Fakten ziemlich klar“, sagte Stanley Hopkins. „Alles, was ich jetzt will, ist zu wissen, was sie alle bedeuten. Die Geschichte, so weit ich sie nachvollziehen kann, ist wie folgt. Vor einigen Jahren wurde dieses Landhaus, Yoxley Old Place, von einem älteren Mann gemietet, der den Namen Professor Coram angab. Er war ein Invalide, der die Hälfte der Zeit das Bett hütete und die andere Hälfte mit einem Stock durch das Haus humpelte oder vom Gärtner in einem Rollstuhl durch das Gelände geschoben wurde. Er war bei den wenigen Nachbarn, die ihn besuchten, wohl gelitten, und er hat dort den Ruf, ein sehr gelehrter Mann zu sein. Sein Haushalt bestand aus einer älteren Haushälterin, Mrs. Marker, und einem Dienstmädchen, Susan Tarlton. Beide sind seit seiner Ankunft bei ihm und scheinen Frauen von ausgezeichnetem Charakter zu sein. Der Professor schreibt ein gelehrtes Buch, und er fand es vor etwa einem Jahr notwendig, einen Sekretär einzustellen. Die ersten beiden, die er ausprobierte, waren kein Erfolg, aber der dritte, Mr. Willoughby Smith, ein sehr junger Mann direkt von der Universität, scheint genau das gewesen zu sein, was sein Arbeitgeber brauchte. Seine Arbeit bestand darin, den ganzen Vormittag nach dem Diktat des Professors zu schreiben, und er verbrachte den Abend gewöhnlich damit, nach Referenzen und Passagen zu suchen, die für die Arbeit des nächsten Tages von Bedeutung waren. Gegen diesen Willoughby Smith liegt nichts vor, weder als Junge in Uppingham noch als junger Mann in Cambridge. Ich habe seine Zeugnisse gesehen, und von Anfang an war er ein anständiger, ruhiger, hart arbeitender Kerl ohne jede Schwäche. Und doch ist dies der junge Mann, der heute Morgen im Arbeitszimmer des Professors unter Umständen ums Leben gekommen ist, die nur auf Mord hindeuten können.“
Der Wind heulte und schrie an den Fenstern. Holmes und ich rückten näher ans Feuer, während der junge Inspektor langsam und Punkt für Punkt seine sonderbare Geschichte entwickelte.
„Wenn Sie ganz England durchsuchen würden“, sagte er, „glaube ich nicht, dass Sie einen Haushalt finden könnten, der in sich geschlossener oder freier von äußeren Einflüssen wäre. Ganze Wochen vergingen, ohne dass einer von ihnen am Gartentor vorbeiging. Der Professor war in seine Arbeit vertieft und existierte für nichts anderes. Der junge Smith kannte niemanden in der Nachbarschaft und lebte sehr ähnlich wie sein Arbeitgeber. Die beiden Frauen hatten nichts, was sie aus dem Haus lockte. Mortimer, der Gärtner, der den Rollstuhl schiebt, ist ein Armeepensionär – ein alter Krim-Veteran von ausgezeichnetem Charakter. Er wohnt nicht im Haus, sondern in einem Drei-Zimmer-Häuschen am anderen Ende des Gartens. Das sind die einzigen Leute, die man auf dem Gelände von Yoxley Old Place antreffen würde. Gleichzeitig ist das Gartentor hundert Meter von der Hauptstraße London nach Chatham entfernt. Es lässt sich mit einer Klinke öffnen, und nichts hindert jemanden daran, einfach hereinzuspazieren.“
„Nun werde ich Ihnen die Aussage von Susan Tarlton geben, die als einzige etwas Positives über die Angelegenheit sagen kann. Es war am Vormittag, zwischen elf und zwölf Uhr. Sie war gerade damit beschäftigt, im Schlafzimmer im ersten Stock einige Vorhänge aufzuhängen. Professor Coram lag noch im Bett, denn bei schlechtem Wetter steht er selten vor Mittag auf. Die Haushälterin war mit Arbeiten im hinteren Teil des Hauses beschäftigt. Willoughby Smith war in seinem Schlafzimmer gewesen, das er als Wohnzimmer nutzt, aber das Dienstmädchen hörte ihn in diesem Moment den Flur entlanggehen und in das Arbeitszimmer direkt unter ihr hinuntersteigen. Sie sah ihn nicht, aber sie sagt, sie könne sich bei seinem schnellen, festen Schritt nicht geirrt haben. Sie hörte nicht, wie die Studiertür zuging, aber eine Minute oder so später ertönte ein schrecklicher Schrei aus dem Zimmer darunter. Es war ein wilder, heiserer Schrei, so fremd und unnatürlich, dass er entweder von einem Mann oder einer Frau hätte kommen können. Im selben Augenblick gab es einen schweren Schlag, der das alte Haus erschütterte, und dann war alles still. Das Mädchen stand einen Moment wie versteinert, und dann, ihren Mut wiederfindend, rannte sie die Treppe hinunter. Die Studiertür war geschlossen, und sie öffnete sie. Drinnen lag der junge Mr. Willoughby Smith auf dem Boden. Zuerst konnte sie keine Verletzung sehen, aber als sie versuchte, ihn aufzuheben, sah sie, dass Blut aus der Unterseite seines Halses strömte. Er war von einer sehr kleinen, aber sehr tiefen Wunde durchbohrt, die die Halsschlagader durchtrennt hatte. Das Instrument, mit dem die Verletzung beigebracht worden war, lag neben ihm auf dem Teppich. Es war eines dieser kleinen Siegellackmesser, wie man sie auf altmodischen Schreibtischen findet, mit einem Elfenbeingriff und einer steifen Klinge. Es war Teil der Ausstattung des Schreibtisches des Professors selbst.“
„Zuerst dachte das Mädchen, der junge Smith sei bereits tot, aber als sie etwas Wasser aus der Karaffe über seine Stirn goss, öffnete er für einen Augenblick die Augen. ‚Der Professor‘, murmelte er – ‚sie war es.‘ Das Mädchen ist bereit zu schwören, dass dies die genauen Worte waren. Er versuchte verzweifelt, noch etwas anderes zu sagen, und hob seine rechte Hand in die Luft. Dann sank er zurück und war tot.“
„In der Zwischenzeit war auch die Haushälterin am Tatort eingetroffen, aber sie war einen Augenblick zu spät, um die sterbenden Worte des jungen Mannes zu hören. Sie ließ Susan bei der Leiche und eilte zum Zimmer des Professors. Er saß im Bett, entsetzlich aufgewühlt, denn er hatte genug gehört, um überzeugt zu sein, dass etwas Schreckliches geschehen war. Mrs. Marker ist bereit zu schwören, dass der Professor noch in seiner Nachtwäsche war, und tatsächlich war es ihm unmöglich, sich ohne die Hilfe von Mortimer anzuziehen, dessen Befehl es war, um zwölf Uhr zu kommen. Der Professor erklärt, er habe den fernen Schrei gehört, wisse aber nichts weiter. Er kann keine Erklärung für die letzten Worte des jungen Mannes geben, ‚Der Professor – sie war es‘, sondern vermutet, dass sie das Ergebnis von Delirium waren. Er glaubt, dass Willoughby Smith nicht einen Feind auf der Welt hatte, und kann keinen Grund für das Verbrechen angeben. Seine erste Handlung war, Mortimer, den Gärtner, zur örtlichen Polizei zu schicken. Wenig später schickte der Polizeichef nach mir. Nichts wurde bewegt, bevor ich dort ankam, und es wurden strenge Befehle gegeben, dass niemand auf den Wegen zum Haus gehen dürfe. Es war eine großartige Gelegenheit, Ihre Theorien in die Praxis umzusetzen, Mr. Sherlock Holmes. Es fehlte wirklich an nichts.“
„Außer Mr. Sherlock Holmes“, sagte mein Begleiter mit einem etwas bitteren Lächeln. „Nun, lassen Sie uns davon hören. Was für eine Arbeit haben Sie abgeliefert?“
„Ich muss Sie zuerst bitten, Mr. Holmes, einen Blick auf diesen groben Plan zu werfen, der Ihnen eine allgemeine Vorstellung von der Lage des Arbeitszimmers des Professors und den verschiedenen Punkten des Falles geben wird. Er wird Ihnen helfen, meiner Untersuchung zu folgen.“
Er entfaltete die grobe Skizze, die ich hier wiedergebe, und legte sie auf Holmes’ Knie. Ich stand auf, trat hinter Holmes und studierte sie über seine Schulter hinweg.
Arbeitszimmer des Professors
„Sie ist natürlich sehr grob, und sie befasst sich nur mit den Punkten, die mir wesentlich erscheinen. Alles Übrige werden Sie später selbst sehen. Nun, zunächst einmal, vorausgesetzt, der Mörder ist in das Haus eingedrungen, wie ist er oder sie hereingekommen? Zweifellos über den Gartenweg und die Hintertür, von wo aus es einen direkten Zugang zum Arbeitszimmer gibt. Jeder andere Weg wäre außerordentlich kompliziert gewesen. Die Flucht muss ebenfalls auf diesem Weg erfolgt sein, denn von den beiden anderen Ausgängen des Zimmers war einer durch Susan blockiert, als sie die Treppe hinunterlief, und der andere führt direkt zum Schlafzimmer des Professors. Ich richtete daher meine Aufmerksamkeit sofort auf den Gartenweg, der vom jüngsten Regen gesättigt war und sicherlich Fußspuren zeigen würde.“
„Meine Untersuchung zeigte mir, dass ich es mit einem vorsichtigen und fachkundigen Kriminellen zu tun hatte. Auf dem Weg waren keine Fußspuren zu finden. Es gab jedoch keinen Zweifel, dass jemand den grasbewachsenen Rand entlanggegangen war, der den Weg säumt, und dass er dies getan hatte, um keine Spur zu hinterlassen. Ich konnte nichts finden, was einem deutlichen Abdruck entsprach, aber das Gras war niedergedrückt, und jemand war zweifellos vorbeigegangen. Es konnte nur der Mörder gewesen sein, da weder der Gärtner noch jemand anderes an jenem Morgen dort gewesen war und der Regen erst in der Nacht begonnen hatte.“
„Einen Moment“, sagte Holmes. „Wohin führt dieser Pfad?“
„Zur Straße.“
„Wie lang ist er?“
„Etwa hundert Meter.“
„An der Stelle, wo der Pfad durch das Tor führt, könnten Sie sicher Spuren aufnehmen?“
„Leider war der Pfad an dieser Stelle gekachelt.“
„Nun, auf der Straße selbst?“
„Nein, alles war zu Matsch zertreten.“
„Pah-pah! Nun, diese Spuren im Gras, kamen sie oder gingen sie?“
„Es war unmöglich zu sagen. Es gab nie einen Umriss.“
„Ein großer Fuß oder ein kleiner?“
„Man konnte es nicht unterscheiden.“
Holmes stieß einen Ausruf der Ungeduld aus.
„Es hat seitdem in Strömen geregnet und einen Orkan gegeben“, sagte er. „Es wird jetzt schwerer zu lesen sein als jener Palimpsest. Nun, nun, es ist nicht zu ändern. Was haben Sie getan, Hopkins, nachdem Sie sich vergewissert hatten, dass Sie sich von nichts vergewissert hatten?“
„Ich glaube, ich habe mir einer guten Sache versichert, Mr. Holmes. Ich wusste, dass jemand vorsichtig von außen ins Haus eingedrungen war. Als Nächstes untersuchte ich den Korridor. Er ist mit Kokosläufer ausgelegt und hatte keinerlei Abdrücke hinterlassen. Das führte mich in das Arbeitszimmer selbst. Es ist ein spärlich möblierter Raum. Das Hauptstück ist ein großer Schreibtisch mit einem fest eingebauten Bureau. Dieses Bureau besteht aus einer doppelten Schubladenreihe mit einem kleinen Schrank in der Mitte. Die Schubladen waren offen, der Schrank verschlossen. Die Schubladen, so scheint es, waren immer offen, und es wurden keine Wertsachen darin aufbewahrt. Im Schrank befanden sich einige wichtige Papiere, aber es gab keine Anzeichen dafür, dass dieser gewaltsam geöffnet worden war, und der Professor versichert mir, dass nichts fehlte. Es ist sicher, dass kein Raub begangen wurde.
Ich komme nun zur Leiche des jungen Mannes. Sie wurde in der Nähe des Bureaus gefunden, und zwar links davon, wie auf diesem Plan eingezeichnet. Der Stich erfolgte von der rechten Seite des Halses und von hinten nach vorne, so dass es fast unmöglich ist, dass er sich selbst zugefügt wurde.“
„Es sei denn, er fiel auf das Messer“, sagte Holmes.
„Genau. Der Gedanke kam mir auch. Aber wir fanden das Messer einige Fuß vom Körper entfernt, also scheint das unmöglich. Dann gibt es natürlich die letzten Worte des Sterbenden. Und schließlich gab es dieses sehr wichtige Beweisstück, das fest umklammert in der rechten Hand des Toten gefunden wurde.“
Stanley Hopkins zog ein kleines Papierpäckchen aus seiner Tasche. Er faltete es auseinander und enthüllte einen goldenen Pince-nez, an dessen Ende zwei abgerissene Enden einer schwarzen Seidenschnur baumelten. „Willoughby Smith hatte eine ausgezeichnete Sehkraft“, fügte er hinzu. „Es kann kein Zweifel bestehen, dass dies dem Gesicht oder der Person des Mörders entrissen wurde.“
Sherlock Holmes nahm die Brille in die Hand und untersuchte sie mit äußerster Aufmerksamkeit und Interesse. Er setzte sie sich auf die Nase, versuchte durch sie hindurch zu lesen, ging zum Fenster und starrte damit die Straße hinauf, betrachtete sie aufs Genaueste im vollen Licht der Lampe und setzte sich schließlich mit einem Kichern an den Tisch, schrieb ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier und reichte es Stanley Hopkins hinüber.
„Das ist das Beste, was ich für Sie tun kann“, sagte er. „Es könnte sich als nützlich erweisen.“
Der erstaunte Detektiv las die Notiz laut vor. Sie lautete wie folgt:
„Gesucht wird eine Frau von gutem Auftreten, gekleidet wie eine Dame. Sie hat eine bemerkenswert dicke Nase, mit Augen, die eng an beiden Seiten derselben liegen. Sie hat eine gefurchte Stirn, einen spähenden Ausdruck und wahrscheinlich rundliche Schultern. Es gibt Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Monaten mindestens zweimal einen Optiker aufgesucht hat. Da ihre Brille von bemerkenswerter Stärke ist und Optiker nicht sehr zahlreich sind, sollte es keine Schwierigkeit bereiten, sie aufzuspüren.“
Holmes lächelte über das Erstaunen von Hopkins, das sich zweifellos auf meinen Zügen widerspiegelte. „Wahrlich, meine Schlussfolgerungen sind denkbar einfach“, sagte er. „Es wäre schwierig, Gegenstände zu nennen, die ein besseres Feld für Rückschlüsse bieten als eine Brille, besonders eine so bemerkenswerte wie diese. Dass sie einer Frau gehört, schließe ich aus ihrer Feinheit und natürlich auch aus den letzten Worten des Sterbenden. Dass sie eine kultivierte und gut gekleidete Person ist, sehen Sie daran, dass sie kunstvoll in massivem Gold gefasst ist, und es ist undenkbar, dass jemand, der eine solche Brille trägt, in anderer Hinsicht nachlässig wäre. Sie werden feststellen, dass die Clips für Ihre Nase zu weit sind, was zeigt, dass die Nase der Dame an der Basis sehr breit war. Diese Art von Nase ist normalerweise kurz und grob, aber es gibt genügend Ausnahmen, die mich davon abhalten, dogmatisch zu sein oder auf diesem Punkt in meiner Beschreibung zu beharren. Mein eigenes Gesicht ist schmal, und dennoch stelle ich fest, dass ich meine Augen nicht in die Mitte, noch in die Nähe der Mitte dieser Gläser bringen kann. Daher liegen die Augen der Dame sehr nah an den Seiten der Nase. Sie werden bemerken, Watson, dass die Gläser konkav und von ungewöhnlicher Stärke sind. Eine Dame, deren Sicht ihr Leben lang so extrem eingeschränkt war, hat mit Sicherheit die körperlichen Merkmale einer solchen Sicht, die sich an Stirn, Augenlidern und Schultern zeigen.“
„Ja“, sagte ich, „ich kann jedem Ihrer Argumente folgen. Ich gestehe jedoch, dass ich nicht verstehe, wie Sie auf den doppelten Besuch beim Optiker kommen.“
Holmes nahm die Brille in die Hand.
„Sie werden bemerken“, sagte er, „dass die Clips mit winzigen Korkbändern ausgekleidet sind, um den Druck auf die Nase zu mildern. Eines davon ist verfärbt und leicht abgenutzt, das andere aber ist neu. Offensichtlich ist eines abgefallen und ersetzt worden. Ich würde schätzen, dass das ältere von beiden nicht länger als ein paar Monate dort war. Sie stimmen exakt überein, also schließe ich, dass die Dame für den zweiten Besuch in dasselbe Geschäft zurückgekehrt ist.“
„Beim Himmel, das ist wunderbar!“, rief Hopkins in einer Ekstase der Bewunderung. „Zu denken, dass ich all diese Beweise in der Hand hatte und sie nie bemerkte! Ich hatte jedoch vor, die Londoner Optiker abzuklappern.“
„Natürlich hätten Sie das. Haben Sie uns inzwischen noch mehr über den Fall zu berichten?“
„Nichts, Mr. Holmes. Ich glaube, dass Sie jetzt genauso viel wissen wie ich – wahrscheinlich mehr. Wir haben Erkundigungen darüber eingezogen, ob ein Fremder auf den Landstraßen oder am Bahnhof gesehen wurde. Wir haben von keinem gehört. Was mich fertig macht, ist das völlige Fehlen jeglichen Motivs bei dem Verbrechen. Nicht der geringste Grund lässt sich vermuten.“
„Ah! Da bin ich nicht in der Lage, Ihnen zu helfen. Aber ich nehme an, Sie möchten, dass wir morgen rauskommen?“
„Wenn das nicht zu viel verlangt ist, Mr. Holmes. Es gibt einen Zug von Charing Cross nach Chatham um sechs Uhr morgens, und wir sollten zwischen acht und neun im Yoxley Old Place sein.“
„Dann werden wir diesen nehmen. Ihr Fall hat sicherlich einige sehr interessante Merkmale, und ich werde mich freuen, ihn zu untersuchen. Nun, es ist fast eins, und wir sollten am besten ein paar Stunden schlafen. Ich nehme an, Sie kommen auf dem Sofa vor dem Kamin gut zurecht. Ich werde meine Spirituslampe anzünden und Ihnen eine Tasse Kaffee geben, bevor wir aufbrechen.“
Der Sturm hatte sich am nächsten Tag gelegt, aber es war ein bitterkalter Morgen, als wir unsere Reise antraten. Wir sahen die kalte Wintersonne über den trostlosen Sümpfen der Themse und den langen, trüben Flusswindungen aufgehen, die ich für immer mit unserer Verfolgung des Andamanen-Insulaners in den früheren Tagen unserer Laufbahn verbinden werde. Nach einer langen und ermüdenden Reise stiegen wir an einem kleinen Bahnhof einige Meilen von Chatham aus. Während im örtlichen Gasthof ein Pferd vor eine Kutsche gespannt wurde, nahmen wir ein hastiges Frühstück ein, und so waren wir alle bereit für unsere Arbeit, als wir endlich im Yoxley Old Place ankamen. Ein Polizist traf uns am Gartentor.
„Nun, Wilson, gibt es Neuigkeiten?“
„Nein, Sir – nichts.“
„Keine Meldungen über einen gesehenen Fremden?“
„Nein, Sir. Unten am Bahnhof ist man sich sicher, dass gestern weder ein Fremder kam noch ging.“
„Haben Sie Erkundigungen in Gasthöfen und Pensionen eingezogen?“
„Ja, Sir: Es gibt niemanden, für den wir keine Erklärung haben.“
„Nun, es ist nur ein angemessener Fußweg bis Chatham. Jeder könnte dort übernachten oder einen Zug nehmen, ohne bemerkt zu werden. Das ist der Gartenpfad, von dem ich sprach, Mr. Holmes. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass dort gestern keine Spur war.“
„Auf welcher Seite waren die Spuren im Gras?“
„Auf dieser Seite, Sir. Dieser schmale Grasstreifen zwischen dem Pfad und dem Blumenbeet. Ich kann die Spuren jetzt nicht sehen, aber damals waren sie für mich deutlich.“
„Ja, ja: Jemand ist hier vorbeigegangen“, sagte Holmes und beugte sich über den Grasrand. „Unsere Dame muss vorsichtig ihre Schritte gesetzt haben, nicht wahr? Denn auf der einen Seite hätte sie eine Spur auf dem Pfad hinterlassen, und auf der anderen eine noch deutlichere auf dem weichen Beet?“
„Ja, Sir, sie muss eine kühle Person gewesen sein.“
Ich sah einen nachdenklichen Blick über Holmes’ Gesicht huschen.
„Sie sagen, dass sie diesen Weg zurückgekommen sein muss?“
„Ja, Sir, es gibt keinen anderen.“
„Auf diesem Grasstreifen?“
„Sicherlich, Mr. Holmes.“
„Hm! Das war eine sehr bemerkenswerte Leistung – sehr bemerkenswert. Nun, ich denke, wir haben den Pfad erschöpft. Lassen Sie uns weitergehen. Diese Gartentür ist normalerweise offen, nehme ich an? Dann musste diese Besucherin nur hineinspazieren. Der Gedanke an Mord war nicht in ihrem Kopf, sonst hätte sie sich mit einer Art Waffe ausgerüstet, anstatt dieses Messer vom Schreibtisch nehmen zu müssen. Sie schritt diesen Korridor entlang, ohne Spuren auf dem Kokosläufer zu hinterlassen. Dann befand sie sich in diesem Arbeitszimmer. Wie lange war sie dort? Wir haben keine Möglichkeit, das zu beurteilen.“
„Nicht mehr als ein paar Minuten, Sir. Ich habe vergessen Ihnen zu sagen, dass Mrs. Marker, die Haushälterin, nicht lange vorher zum Aufräumen dort gewesen war – etwa eine Viertelstunde, sagt sie.“
„Nun, das gibt uns einen zeitlichen Rahmen. Unsere Dame betritt diesen Raum, und was tut sie? Sie geht zum Schreibtisch. Wozu? Nicht wegen etwas in den Schubladen. Wenn etwas darin gewesen wäre, das es wert gewesen wäre, es mitzunehmen, wäre es sicherlich verschlossen gewesen. Nein, es ging um etwas in diesem hölzernen Bureau. Hallo! Was ist das für ein Kratzer auf der Vorderseite? Halten Sie mal ein Streichholz hin, Watson. Warum haben Sie mir davon nichts gesagt, Hopkins?“
Die Markierung, die er untersuchte, begann an den Messingbeschlägen auf der rechten Seite des Schlüssellochs und erstreckte sich über etwa vier Zoll, wo sie den Lack von der Oberfläche gekratzt hatte.
„Ich habe es bemerkt, Mr. Holmes, aber Kratzer um ein Schlüsselloch herum findet man immer.“
„Dies ist frisch, ganz frisch. Sehen Sie, wie das Messing glänzt, wo es zerkratzt ist. Ein alter Kratzer hätte dieselbe Farbe wie die Oberfläche. Betrachten Sie es durch meine Lupe. Da ist auch der Lack, wie Erde auf beiden Seiten einer Furche. Ist Mrs. Marker da?“
Eine betrübt aussehende, ältere Frau kam in den Raum.
„Haben Sie dieses Bureau gestern Morgen abgestaubt?“
„Ja, Sir.“
„Ist Ihnen dieser Kratzer aufgefallen?“
„Nein, Sir, ist er nicht.“
„Ich bin sicher, das ist er nicht, denn ein Staubtuch hätte diese Lacksplitter hinweggefegt. Wer hat den Schlüssel zu diesem Bureau?“
„Der Professor bewahrt ihn an seiner Uhrenkette auf.“
„Ist es ein einfacher Schlüssel?“
„Nein, Sir, es ist ein Chubb-Schlüssel.“
„Sehr gut. Mrs. Marker, Sie können gehen. Nun machen wir kleine Fortschritte. Unsere Dame betritt den Raum, geht zum Bureau und öffnet es entweder oder versucht es zumindest. Während sie damit beschäftigt ist, betritt der junge Willoughby Smith den Raum. In ihrer Eile, den Schlüssel zurückzuziehen, macht sie diesen Kratzer auf der Tür. Er packt sie, und sie, nach dem nächstbesten Gegenstand greifend, der zufällig dieses Messer ist, sticht auf ihn ein, um ihn dazu zu bringen, sie loszulassen. Der Schlag ist tödlich. Er fällt, und sie entkommt, entweder mit oder ohne den Gegenstand, wegen dem sie gekommen ist. Ist Susan, das Dienstmädchen, da? Hätte jemand nach der Zeit, als Sie den Schrei hörten, durch jene Tür entkommen können, Susan?“
„Nein, Sir, es ist unmöglich. Bevor ich die Treppe hinunterkam, hätte ich jeden im Flur gesehen. Außerdem hat sich die Tür nie geöffnet, sonst hätte ich es gehört.“
„Das klärt diesen Ausgang. Dann ist die Dame zweifellos den Weg zurückgegangen, den sie gekommen ist. Ich verstehe, dass dieser andere Korridor nur zum Zimmer des Professors führt. Gibt es da keinen Ausgang?“
„Nein, Sir.“
„Wir werden ihn hinuntergehen und den Professor kennenlernen. Hallo, Hopkins! Das ist sehr wichtig, wirklich sehr wichtig. Der Korridor des Professors ist ebenfalls mit Kokosläufer ausgelegt.“
„Nun, Sir, was ist damit?“
„Sehen Sie keinen Zusammenhang mit dem Fall? Nun, nun. Ich bestehe nicht darauf. Zweifellos irre ich mich. Und doch scheint es mir aufschlussreich zu sein. Kommen Sie mit mir und stellen Sie mich vor.“
Wir gingen den Flur hinunter, der dieselbe Länge hatte wie der, der zum Garten führte. Am Ende war eine kurze Treppe, die in einer Tür endete. Unser Führer klopfte und geleitete uns dann in das Schlafzimmer des Professors.
Es war ein sehr großer Raum, ausgekleidet mit zahllosen Bänden, die aus den Regalen übergequollen waren und in den Ecken in Stapeln lagen oder rundherum am Fuß der Bücherschränke aufgetürmt waren. Das Bett stand in der Mitte des Raumes, und darin, mit Kissen aufgestützt, lag der Eigentümer des Hauses. Ich habe selten eine bemerkenswertere Person gesehen. Es war ein hageres, aquilines Gesicht, das uns zugewandt war, mit stechenden dunklen Augen, die in tiefen Höhlen unter überhängenden und buschigen Brauen lauerten. Sein Haar und sein Bart waren weiß, nur dass Letzterer um den Mund herum seltsam gelb verfärbt war. Eine Zigarette glühte inmitten des weißen Haargewirrs, und die Luft im Raum war faulig von abgestandenem Tabakrauch. Als er Holmes die Hand entgegenstreckte, bemerkte ich, dass sie ebenfalls von gelbem Nikotin befleckt war.
„Ein Raucher, Mr. Holmes?“, sagte er und sprach ein wohlgewähltes Englisch mit einem seltsamen, kleinen, affektierten Akzent. „Bitte nehmen Sie eine Zigarette. Und Sie, mein Herr? Ich kann sie empfehlen, denn ich lasse sie speziell von Ionides aus Alexandria anfertigen. Er schickt mir tausend auf einmal, und ich muss zu meinem Leidwesen sagen, dass ich alle zwei Wochen für Nachschub sorgen muss. Schlecht, mein Herr, sehr schlecht, aber ein alter Mann hat nur wenige Freuden. Tabak und meine Arbeit – das ist alles, was mir geblieben ist.“
Holmes hatte sich eine Zigarette angezündet und warf kleine, flüchtige Blicke im ganzen Raum umher.
„Tabak und meine Arbeit, aber jetzt nur noch Tabak“, rief der alte Mann aus. „Ach! Was für eine fatale Unterbrechung! Wer hätte eine solch schreckliche Katastrophe vorhersehen können? So ein schätzenswerter junger Mann! Ich versichere Ihnen, nach einer Ausbildung von wenigen Monaten war er ein bewundernswerter Assistent. Was denken Sie über die Angelegenheit, Mr. Holmes?“
„Ich habe mir noch keine Meinung gebildet.“
„Ich wäre Ihnen in der Tat zu Dank verpflichtet, wenn Sie Licht in eine Sache bringen könnten, in der für uns alles so dunkel ist. Für einen armen Bücherwurm und Invaliden wie mich ist ein solcher Schlag lähmend. Ich scheine die Fähigkeit zum Denken verloren zu haben. Aber Sie sind ein Mann der Tat – Sie sind ein Mann der Praxis. Es gehört zur täglichen Routine Ihres Lebens. Sie können Ihr Gleichgewicht in jedem Notfall bewahren. Wir können uns glücklich schätzen, Sie an unserer Seite zu haben.“
Holmes schritt während des Gesprächs des alten Professors auf einer Seite des Raumes auf und ab. Ich bemerkte, dass er mit außerordentlicher Schnelligkeit rauchte. Es war offensichtlich, dass er die Vorliebe unseres Gastgebers für die frischen alexandrinischen Zigaretten teilte.
„Ja, mein Herr, es ist ein niederschmetternder Schlag“, sagte der alte Mann. „Das dort ist mein Magnum Opus – der Stapel Papiere auf dem Beistelltisch da drüben. Es ist meine Analyse der Dokumente, die in den koptischen Klöstern in Syrien und Ägypten gefunden wurden, ein Werk, das tief in das Fundament der offenbarten Religion einschneiden wird. Bei meiner geschwächten Gesundheit weiß ich nicht, ob ich es jemals werde vollenden können, jetzt, wo mein Assistent mir genommen wurde. Ach je! Mr. Holmes, warum, Sie rauchen ja noch schneller als ich selbst.“
Holmes lächelte.
„Ich bin ein Kenner“, sagte er, nahm eine weitere Zigarette aus der Schachtel – seine vierte – und zündete sie am Stummel derer an, die er gerade beendet hatte. „Ich werde Sie nicht mit einem langwierigen Kreuzverhör behelligen, Professor Coram, da ich annehme, dass Sie zum Zeitpunkt des Verbrechens im Bett lagen und nichts darüber wissen konnten. Ich möchte nur das fragen: Was, glauben Sie, meinte dieser arme Kerl mit seinen letzten Worten: ‚Der Professor – sie war es‘?“
Der Professor schüttelte den Kopf.
„Susan ist ein Landmädchen“, sagte er, „und Sie kennen die unglaubliche Dummheit dieser Klasse. Ich vermute, der arme Kerl murmelte ein paar zusammenhanglose, fiebrige Worte, und sie hat sie zu dieser bedeutungslosen Nachricht verdreht.“
„Ich verstehe. Sie haben selbst keine Erklärung für die Tragödie?“
„Möglicherweise ein Unfall, möglicherweise – ich flüstere es nur unter uns – ein Selbstmord. Junge Männer haben ihre verborgenen Sorgen – irgendeine Herzensangelegenheit vielleicht, von der wir nie etwas wussten. Das ist eine wahrscheinlichere Vermutung als Mord.“
„Aber die Brille?“
„Ah! Ich bin nur ein Gelehrter – ein Mann der Träume. Ich kann die praktischen Dinge des Lebens nicht erklären. Aber dennoch, mein Freund, wissen wir, dass Liebespfänder seltsame Formen annehmen können. Nehmen Sie unbedingt noch eine Zigarette. Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie jemand sie so zu schätzen weiß. Ein Fächer, ein Handschuh, eine Brille – wer weiß, welcher Gegenstand als Zeichen bei sich getragen oder bewahrt wird, wenn ein Mann seinem Leben ein Ende setzt? Dieser Herr spricht von Fußstapfen im Gras, aber schließlich ist es leicht, sich in einem solchen Punkt zu irren. Was das Messer betrifft, so könnte es sehr wohl weit von dem unglücklichen Mann weggeschleudert worden sein, als er fiel. Es ist möglich, dass ich wie ein Kind spreche, aber mir scheint es, als hätte Willoughby Smith sein Schicksal durch eigene Hand gefunden.“
Holmes schien von der so vorgetragenen Theorie beeindruckt zu sein, und er schritt noch einige Zeit auf und ab, in Gedanken versunken und Zigarette um Zigarette rauchend.
„Sagen Sie mir, Professor Coram“, sagte er schließlich, „was befindet sich in diesem Schrank im Bureau?“
„Nichts, was einem Dieb helfen würde. Familienpapiere, Briefe meiner armen Frau, Diplome von Universitäten, die mich geehrt haben. Hier ist der Schlüssel. Sie können selbst nachsehen.“
Holmes nahm den Schlüssel auf, betrachtete ihn einen Augenblick und reichte ihn dann zurück.
„Nein, ich glaube kaum, dass mir das helfen würde“, sagte er. „Ich würde es vorziehen, ruhig in Ihren Garten hinunterzugehen und die ganze Angelegenheit in meinem Kopf zu wälzen. Es gibt einiges, was für die Theorie des Selbstmordes spricht, die Sie vorgebracht haben. Wir müssen uns dafür entschuldigen, dass wir Sie gestört haben, Professor Coram, und ich verspreche, dass wir Sie bis nach dem Mittagessen nicht mehr stören werden. Um zwei Uhr werden wir wiederkommen und Ihnen Bericht erstatten, falls in der Zwischenzeit etwas geschehen sein sollte.“
Holmes war merkwürdig geistesabwesend, und wir gingen eine Zeit lang schweigend den Gartenpfad auf und ab.
„Haben Sie einen Anhaltspunkt?“, fragte ich schließlich.
„Es hängt von jenen Zigaretten ab, die ich geraucht habe“, sagte er. „Es ist möglich, dass ich mich völlig täusche. Die Zigaretten werden es mir zeigen.“
„Mein lieber Holmes“, rief ich, „wie um Himmels willen——“
„Nun, nun, Sie werden es selbst sehen. Wenn nicht, ist kein Schaden entstanden. Natürlich haben wir immer noch den Optiker-Anhaltspunkt, auf den wir zurückgreifen können, aber ich nehme den kürzeren Weg, wenn ich kann. Ah, hier ist die gute Mrs. Marker! Lassen Sie uns fünf Minuten belehrendes Gespräch mit ihr genießen.“
Ich habe vielleicht schon früher bemerkt, dass Holmes, wenn er wollte, eine besonders einnehmende Art bei Frauen hatte und dass er sehr bereitwillig ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbaute. In der Hälfte der Zeit, die er genannt hatte, hatte er die Gunst der Haushälterin gewonnen und plauderte mit ihr, als ob er sie seit Jahren kennen würde.
„Ja, Mr. Holmes, es ist, wie Sie sagen, mein Herr. Er raucht ganz schrecklich. Den ganzen Tag und manchmal die ganze Nacht, mein Herr. Ich habe dieses Zimmer am Morgen gesehen – nun, mein Herr, Sie hätten gedacht, es wäre ein Londoner Nebel. Der arme junge Mr. Smith, er war auch Raucher, aber nicht so schlimm wie der Professor. Seine Gesundheit – nun, ich weiß nicht, ob sie durch das Rauchen besser oder schlechter ist.“
„Ah!“, sagte Holmes, „aber es tötet den Appetit.“
„Nun, das weiß ich nicht, mein Herr.“
„Ich nehme an, der Professor isst kaum etwas?“
„Nun, er ist wechselhaft. Das muss ich ihm lassen.“
„Ich wette, er hat heute Morgen kein Frühstück zu sich genommen und wird nach all den Zigaretten, die ich ihn rauchen sah, auch nicht zu Mittag essen.“
„Nun, da liegen Sie falsch, mein Herr, denn er hat heute Morgen ein bemerkenswert großes Frühstück gegessen. Ich weiß nicht, wann ich ihn je ein besseres habe essen sehen, und er hat ein gutes Gericht Koteletts für sein Mittagessen bestellt. Ich bin selbst überrascht, denn seit ich gestern in das Zimmer kam und den jungen Mr. Smith dort auf dem Boden liegen sah, konnte ich es nicht ertragen, Essen anzusehen. Nun, es braucht alle Arten, um eine Welt zu machen, und der Professor hat es sich nicht an den Appetit gehen lassen.“
Wir vertrödelten den Vormittag im Garten. Stanley Hopkins war ins Dorf hinuntergegangen, um einigen Gerüchten über eine fremde Frau nachzugehen, die am Vormittag des Vortages von einigen Kindern auf der Chatham Road gesehen worden war. Was meinen Freund betraf, so schien ihn all seine gewohnte Energie verlassen zu haben. Ich hatte ihn noch nie einen Fall derart lustlos behandeln sehen. Selbst die Nachricht, die Hopkins mitbrachte – dass er die Kinder gefunden habe und dass sie zweifellos eine Frau gesehen hätten, die exakt Holmes’ Beschreibung entsprach und entweder eine Brille oder einen Zwicker trug –, vermochte bei ihm kein Anzeichen von regem Interesse zu wecken. Aufmerksamer wurde er, als Susan, die uns beim Mittagessen bediente, die Information beisteuerte, sie glaube, Mr. Smith sei am gestrigen Vormittag spazieren gewesen und erst eine halbe Stunde vor dem Unglück zurückgekehrt. Ich selbst konnte die Bedeutung dieses Vorfalls nicht erkennen, aber ich nahm deutlich wahr, dass Holmes ihn in den allgemeinen Plan einwebte, den er in seinem Gehirn entworfen hatte. Plötzlich sprang er von seinem Stuhl auf und warf einen Blick auf seine Uhr. „Zwei Uhr, meine Herren“, sagte er. „Wir müssen hinaufgehen und die Sache mit unserem Freund, dem Professor, klären.“
Der alte Mann hatte gerade sein Mittagessen beendet, und sein leerer Teller lieferte wahrlich den Beweis für den guten Appetit, den ihm seine Haushälterin zugeschrieben hatte. Er war in der Tat eine sonderbare Erscheinung, als er seine weiße Mähne und seine glühenden Augen uns zuwandte. Die ewige Zigarette glimmte in seinem Mund. Er hatte sich angezogen und saß in einem Lehnstuhl am Kamin.
„Nun, Mr. Holmes, haben Sie dieses Rätsel schon gelöst?“ Er schob die große Blechdose mit Zigaretten, die auf einem Tisch neben ihm stand, zu meinem Begleiter hinüber. Holmes streckte im selben Moment die Hand aus, und gemeinsam stießen sie die Schachtel über die Kante. Ein oder zwei Minuten lang waren wir alle auf den Knien und sammelten verstreute Zigaretten von unmöglichen Stellen auf. Als wir uns wieder erhoben, bemerkte ich, dass Holmes’ Augen glänzten und seine Wangen gerötet waren. Nur in einer Krise hatte ich diese Kampfsignale aufflammen sehen.
„Ja“, sagte er, „ich habe es gelöst.“
Stanley Hopkins und ich starrten vor Erstaunen. So etwas wie ein spöttisches Lächeln zuckte über die hageren Gesichtszüge des alten Professors.
„Tatsächlich! Im Garten?“
„Nein, hier.“
„Hier! Wann?“
„In diesem Augenblick.“
„Sie scherzen sicher, Mr. Sherlock Holmes. Sie zwingen mich, Ihnen zu sagen, dass dies eine zu ernste Angelegenheit ist, um sie auf eine solche Weise zu behandeln.“
„Ich habe jedes Glied meiner Kette geschmiedet und geprüft, Professor Coram, und ich bin sicher, dass es tragfähig ist. Welche Beweggründe Sie haben oder welche genaue Rolle Sie in dieser seltsamen Angelegenheit spielen, kann ich noch nicht sagen. In wenigen Minuten werde ich es wahrscheinlich aus Ihrem eigenen Mund erfahren. In der Zwischenzeit werde ich das Geschehene zu Ihrem Nutzen rekonstruieren, damit Sie wissen, welche Informationen ich noch benötige.
Eine Dame betrat gestern Ihr Arbeitszimmer. Sie kam mit der Absicht, sich in den Besitz bestimmter Dokumente zu bringen, die sich in Ihrem Schreibtisch befanden. Sie hatte einen eigenen Schlüssel. Ich hatte Gelegenheit, Ihren zu untersuchen, und ich finde nicht die leichte Verfärbung, die der Kratzer, den er auf dem Lack hinterlassen hat, verursacht hätte. Sie waren also kein Komplize, und sie kam, soweit ich die Beweise deuten kann, ohne Ihr Wissen, um Sie zu bestehlen.“
Der Professor blies eine Wolke aus seinen Lippen. „Das ist höchst interessant und lehrreich“, sagte er. „Haben Sie nicht mehr hinzuzufügen? Sicherlich, da Sie diese Dame bis hierher verfolgt haben, können Sie auch sagen, was aus ihr geworden ist.“
„Ich werde mich bemühen, dies zu tun. Zuerst wurde sie von Ihrem Sekretär ergriffen, und sie stach auf ihn ein, um zu entkommen. Diese Katastrophe neige ich dazu, als einen unglücklichen Zufall zu betrachten, denn ich bin überzeugt, dass die Dame nicht die Absicht hatte, eine so schwere Verletzung zuzufügen. Ein Mörder kommt nicht unbewaffnet. Entsetzt über das, was sie getan hatte, rannte sie wild vom Schauplatz des Unglücks davon. Zu ihrem Unglück hatte sie im Gerangel ihre Brille verloren, und da sie extrem kurzsichtig war, war sie ohne sie tatsächlich hilflos. Sie rannte einen Korridor hinunter, von dem sie annahm, es sei der, durch den sie gekommen war – beide waren mit Kokosläufern ausgelegt –, und erst als es zu spät war, begriff sie, dass sie den falschen Gang genommen hatte und ihr der Rückweg abgeschnitten war. Was sollte sie tun? Sie konnte nicht zurück. Sie konnte nicht bleiben, wo sie war. Sie musste weitergehen. Sie ging weiter. Sie stieg eine Treppe hinauf, drückte eine Tür auf und fand sich in Ihrem Zimmer wieder.“
Der alte Mann saß mit offenem Mund da und starrte Holmes wild an. Erstaunen und Angst waren in seine ausdrucksstarken Züge eingeprägt. Nun zuckte er mit einer Anstrengung die Schultern und brach in ein unaufrichtiges Lachen aus.
„Alles sehr schön, Mr. Holmes“, sagte er. „Aber es gibt einen kleinen Fehler in Ihrer glänzenden Theorie. Ich war selbst in meinem Zimmer, und ich habe es den ganzen Tag über nicht verlassen.“
„Das ist mir bekannt, Professor Coram.“
„Und Sie wollen damit sagen, dass ich auf diesem Bett liegen könnte, ohne zu bemerken, dass eine Frau mein Zimmer betreten hat?“
„Das habe ich nie gesagt. Sie waren sich dessen bewusst. Sie haben mit ihr gesprochen. Sie haben sie erkannt. Sie haben ihr zur Flucht verholfen.“
Wieder brach der Professor in ein schrilles Lachen aus. Er war aufgestanden, und seine Augen glühten wie glimmende Kohlen.
„Sie sind wahnsinnig!“, rief er. „Sie reden wirres Zeug. Ich habe ihr zur Flucht verholfen? Wo ist sie jetzt?“
„Sie ist dort“, sagte Holmes und deutete auf ein hohes Bücherregal in der Ecke des Zimmers.
Ich sah den alten Mann die Arme in die Höhe werfen, eine schreckliche Krümmung fuhr über sein grimmiges Gesicht, und er fiel in seinen Sessel zurück. Im selben Augenblick schwang das Bücherregal, auf das Holmes deutete, auf einem Scharnier zur Seite, und eine Frau stürzte in den Raum. „Sie haben recht!“, rief sie mit einer seltsamen fremden Stimme. „Sie haben recht! Ich bin hier.“
Sie war braun vor Staub und mit Spinnweben bedeckt, die von den Wänden ihres Verstecks stammten. Auch ihr Gesicht war mit Schmutz gestreift, und im besten Fall wäre sie nie hübsch gewesen, denn sie besaß genau die körperlichen Merkmale, die Holmes erraten hatte, dazu noch ein langes und eigensinniges Kinn. Was durch ihre natürliche Blindheit und was durch den Wechsel von Dunkelheit zu Licht bedingt war, sie stand da wie benommen und blinzelte um sich, um zu sehen, wo wir waren und wer wir waren. Und doch, trotz all dieser Nachteile, lag eine gewisse Vornehmheit im Auftreten der Frau – eine Tapferkeit in dem trotzigen Kinn und dem erhobenen Kopf, die einiges an Respekt und Bewunderung erzwang.
Stanley Hopkins hatte seine Hand auf ihren Arm gelegt und sie als seine Gefangene beansprucht, aber sie winkte ihn sanft beiseite, doch mit einer übermächtigen Würde, die Gehorsam erzwang. Der alte Mann lag mit zuckendem Gesicht in seinem Sessel zurück und starrte sie mit grübelnden Augen an.
„Ja, mein Herr, ich bin Ihre Gefangene“, sagte sie. „Von dort, wo ich stand, konnte ich alles hören, und ich weiß, dass Sie die Wahrheit erfahren haben. Ich gestehe alles. Ich war es, die den jungen Mann getötet hat. Aber Sie haben recht – Sie, die Sie sagen, es sei ein Unfall gewesen. Ich wusste nicht einmal, dass es ein Messer war, das ich in der Hand hielt, denn in meiner Verzweiflung griff ich nach irgendetwas auf dem Tisch und stieß nach ihm, damit er mich losließe. Es ist die Wahrheit, die ich sage.“
„Gnädige Frau“, sagte Holmes, „ich bin sicher, dass es die Wahrheit ist. Ich fürchte, dass es Ihnen gar nicht gut geht.“
Sie hatte eine schreckliche Farbe angenommen, die unter den dunklen Schmutzstreifen auf ihrem Gesicht noch gespenstischer wirkte. Sie setzte sich auf die Bettkante; dann fuhr sie fort.
„Ich habe nur noch wenig Zeit hier“, sagte sie, „aber ich möchte, dass Sie die ganze Wahrheit erfahren. Ich bin die Frau dieses Mannes. Er ist kein Engländer. Er ist ein Russe. Seinen Namen werde ich nicht nennen.“
Zum ersten Mal bewegte sich der alte Mann. „Gott segne dich, Anna!“, rief er. „Gott segne dich!“
Sie warf einen Blick tiefster Verachtung in seine Richtung. „Warum solltest du dich so klammern an dieses elende Leben von dir, Sergius?“, sagte sie. „Es hat vielen geschadet und niemandem genützt – nicht einmal dir selbst. Wie dem auch sei, es ist nicht an mir, den zerbrechlichen Faden vor Gottes Zeit reißen zu lassen. Ich habe schon genug auf meiner Seele, seit ich die Schwelle dieses verfluchten Hauses überschritten habe. Aber ich muss sprechen, sonst wird es zu spät sein.
Ich habe gesagt, meine Herren, dass ich die Frau dieses Mannes bin. Er war fünfzig und ich ein törichtes Mädchen von zwanzig, als wir heirateten. Es war in einer Stadt in Russland, einer Universität – ich werde den Ort nicht nennen.“
„Gott segne dich, Anna!“, murmelte der alte Mann noch einmal.
„Wir waren Reformer – Revolutionäre – Nihilisten, verstehen Sie. Er und ich und viele andere. Dann kam eine Zeit der Unruhe, ein Polizeibeamter wurde getötet, viele wurden verhaftet, Beweise wurden gesucht, und um sein eigenes Leben zu retten und eine große Belohnung zu verdienen, verriet mein Mann seine eigene Frau und seine Gefährten. Ja, wir wurden alle aufgrund seines Geständnisses verhaftet. Einige von uns fanden ihren Weg zum Galgen, andere nach Sibirien. Ich war unter diesen letzten, aber mein Urteil war nicht lebenslänglich. Mein Mann kam mit seinen unrechtmäßig erworbenen Gewinnen nach England und lebt seitdem in der Stille, wohlwissend, dass, wenn die Bruderschaft wüsste, wo er ist, keine Woche vergehen würde, bis die Gerechtigkeit ihren Lauf nähme.“
Der alte Mann streckte eine zitternde Hand aus und nahm sich eine Zigarette. „Ich bin in deinen Händen, Anna“, sagte er. „Du warst immer gut zu mir.“
„Ich habe Ihnen noch nicht das Ausmaß seiner Schurkerei erzählt“, sagte sie. „Unter unseren Kameraden des Ordens gab es einen, der der Freund meines Herzens war. Er war edel, selbstlos, liebevoll – alles, was mein Mann nicht war. Er hasste Gewalt. Wir waren alle schuldig – wenn das Schuld ist –, aber er war es nicht. Er schrieb immerzu und riet uns von einem solchen Kurs ab. Diese Briefe hätten ihn retten können. Ebenso mein Tagebuch, in das ich Tag für Tag sowohl meine Gefühle ihm gegenüber als auch die Ansicht, die jeder von uns vertreten hatte, eingetragen hatte. Mein Mann fand und behielt sowohl das Tagebuch als auch die Briefe. Er versteckte sie, und er versuchte hart, den jungen Mann durch Meineid um sein Leben zu bringen. Darin scheiterte er, aber Alexis wurde als Sträfling nach Sibirien geschickt, wo er jetzt, in diesem Augenblick, in einem Salzbergwerk arbeitet. Denken Sie daran, Sie Schurke, Sie Schurke! – jetzt, jetzt, in genau diesem Moment, arbeitet und lebt Alexis, ein Mann, dessen Namen auszusprechen Sie nicht wert sind, wie ein Sklave, und doch habe ich Ihr Leben in meinen Händen, und ich lasse Sie laufen.“
„Du warst immer eine edle Frau, Anna“, sagte der alte Mann und paffte an seiner Zigarette.
Sie hatte sich erhoben, fiel aber mit einem kleinen Schmerzensschrei wieder zurück.
„Ich muss zum Schluss kommen“, sagte sie. „Als meine Zeit um war, nahm ich mir vor, das Tagebuch und die Briefe zu bekommen, die, wenn sie an die russische Regierung geschickt würden, die Freilassung meines Freundes bewirken würden. Ich wusste, dass mein Mann nach England gekommen war. Nach monatelanger Suche entdeckte ich, wo er war. Ich wusste, dass er das Tagebuch noch hatte, denn als ich in Sibirien war, hatte ich einmal einen Brief von ihm erhalten, in dem er mir Vorwürfe machte und einige Passagen aus seinen Seiten zitierte. Dennoch war ich mir sicher, dass er es mir aufgrund seiner rachsüchtigen Natur niemals freiwillig geben würde. Ich musste es mir selbst holen. Zu diesem Zweck engagierte ich einen Agenten einer Privatdetektei, der als Sekretär in das Haus meines Mannes eintrat – es war Ihr zweiter Sekretär, Sergius, derjenige, der Sie so eilig verließ. Er fand heraus, dass die Papiere in dem Schrank aufbewahrt wurden, und er machte einen Abdruck des Schlüssels. Weiter wollte er nicht gehen. Er gab mir einen Plan des Hauses und sagte mir, dass das Arbeitszimmer am Vormittag immer leer sei, da der Sekretär hier oben beschäftigt sei. Also nahm ich schließlich meinen ganzen Mut zusammen und kam herunter, um die Papiere selbst zu holen. Ich hatte Erfolg; aber zu welchem Preis!
Ich hatte das Papier gerade genommen und schloss den Schrank ab, als der junge Mann mich ergriff. Ich hatte ihn schon an jenem Morgen gesehen. Er war mir auf der Straße begegnet, und ich hatte ihn gebeten, mir zu sagen, wo Professor Coram wohne, ohne zu wissen, dass er in seinen Diensten stand.“
„Genau! Genau!“, sagte Holmes. „Der Sekretär kam zurück und erzählte seinem Arbeitgeber von der Frau, die er getroffen hatte. Dann, mit seinem letzten Atemzug, versuchte er, eine Nachricht zu senden, dass sie es war – die Sie, die er gerade mit ihm besprochen hatte.“
„Sie müssen mich sprechen lassen“, sagte die Frau mit gebieterischer Stimme, und ihr Gesicht verzog sich, als ob sie Schmerzen hätte. „Als er gefallen war, stürzte ich aus dem Zimmer, wählte die falsche Tür und fand mich im Zimmer meines Mannes wieder. Er sprach davon, mich auszuliefern. Ich zeigte ihm, dass, wenn er das täte, sein Leben in meinen Händen läge. Wenn er mich dem Gesetz auslieferte, könnte ich ihn der Bruderschaft ausliefern. Es war nicht so, dass ich um meiner selbst willen leben wollte, sondern ich wollte mein Ziel erreichen. Er wusste, dass ich tun würde, was ich sagte – dass sein eigenes Schicksal mit meinem verknüpft war. Aus diesem Grund, und aus keinem anderen, schützte er mich. Er stieß mich in dieses dunkle Versteck – ein Relikt alter Zeiten, das nur ihm selbst bekannt war. Er nahm seine Mahlzeiten in seinem eigenen Zimmer ein und konnte mir so einen Teil seines Essens abgeben. Es war vereinbart, dass ich, sobald die Polizei das Haus verlassen hätte, bei Nacht davonhuschen und nicht mehr zurückkehren würde. Aber auf irgendeine Weise haben Sie unsere Pläne gelesen.“ Sie riss ein kleines Päckchen aus dem Busen ihres Kleides. „Dies sind meine letzten Worte“, sagte sie; „hier ist das Päckchen, das Alexis retten wird. Ich vertraue es Ihrer Ehre und Ihrer Liebe zur Gerechtigkeit an. Nehmen Sie es! Sie werden es der russischen Botschaft überbringen. Nun habe ich meine Pflicht getan, und – –“
„Halten Sie sie auf!“, rief Holmes. Er war durch den Raum gesprungen und hatte ihr ein kleines Fläschchen aus der Hand gerissen.
„Zu spät!“, sagte sie und sank auf das Bett zurück. „Zu spät! Ich nahm das Gift, bevor ich mein Versteck verließ. Mein Kopf schwimmt! Ich gehe! Ich beschwöre Sie, mein Herr, an das Päckchen zu denken.“
„Ein einfacher Fall, und doch in mancher Hinsicht ein lehrreicher“, bemerkte Holmes, während wir zurück in die Stadt reisten. „Er hing von Anfang an an dem Zwicker. Ohne den glücklichen Zufall, dass der Sterbende diesen ergriffen hatte, bin ich nicht sicher, ob wir jemals zu unserer Lösung hätten gelangen können. Es war mir aufgrund der Stärke der Gläser klar, dass die Trägerin sehr blind und hilflos gewesen sein musste, wenn sie ihrer beraubt wurde. Als Sie mich bitten wollten zu glauben, dass sie einen schmalen Grasstreifen entlanggegangen sei, ohne einmal einen falschen Schritt zu machen, bemerkte ich, wie Sie sich vielleicht erinnern, dass es eine bemerkenswerte Leistung sei. In meinen Gedanken stufte ich es als eine unmögliche Leistung ein, außer in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie ein zweites Paar Gläser besaß. Ich war daher gezwungen, ernsthaft die Hypothese in Betracht zu ziehen, dass sie im Haus geblieben war. Als ich die Ähnlichkeit der beiden Korridore bemerkte, wurde es klar, dass sie einen solchen Fehler sehr leicht hätte machen können, und in diesem Fall war es offensichtlich, dass sie das Zimmer des Professors betreten haben musste. Ich war daher äußerst wachsam auf alles, was diese Vermutung stützen würde, und untersuchte das Zimmer genau auf etwas, das die Form eines Verstecks hatte. Der Teppich schien durchgehend und fest genagelt zu sein, also verwarf ich die Idee einer Falltür. Es könnte sehr gut eine Nische hinter den Büchern geben. Wie Sie wissen, sind solche Vorrichtungen in alten Bibliotheken üblich. Ich beobachtete, dass die Bücher an allen anderen Stellen auf dem Boden gestapelt waren, dass aber ein Bücherregal frei gelassen worden war. Dies könnte also die Tür sein. Ich konnte keine Markierungen sehen, die mich leiten könnten, aber der Teppich war von einer fahlen Farbe, die sich sehr gut für eine Untersuchung eignet. Ich rauchte daher eine große Anzahl jener ausgezeichneten Zigaretten und ließ die Asche über den ganzen Raum vor dem verdächtigen Bücherregal fallen. Es war ein einfacher Trick, aber überaus effektiv. Ich ging dann nach unten und stellte in Ihrer Gegenwart, Watson, fest, ohne dass Sie die Richtung meiner Bemerkungen bemerkten, dass Professor Corams Nahrungsaufnahme zugenommen hatte – wie man es erwarten würde, wenn er eine zweite Person versorgt. Wir stiegen dann wieder in das Zimmer hinauf, wobei ich durch das Umstoßen der Zigarettenschachtel eine sehr gute Sicht auf den Boden erhielt und anhand der Spuren auf der Zigarettenasche ganz klar sehen konnte, dass die Gefangene in unserer Abwesenheit aus ihrem Versteck gekommen war. Nun, Hopkins, da sind wir in Charing Cross, und ich gratuliere Ihnen dazu, dass Sie Ihren Fall zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht haben. Sie gehen zweifellos zum Hauptquartier. Ich denke, Watson, Sie und ich werden gemeinsam zur russischen Botschaft fahren.“
DAS ABENTEUER DES FEHLENDEN DREIVIERTELS
Wir waren es einigermaßen gewohnt, in der Baker Street seltsame Telegramme zu erhalten, aber ich habe eine besondere Erinnerung an eines, das uns an einem düsteren Februarmorgen vor etwa sieben oder acht Jahren erreichte und Mr. Sherlock Holmes eine verwirrte Viertelstunde bereitete. Es war an ihn adressiert und lautete:
Bitte warten Sie auf mich. Schreckliches Unglück. Rechtsaußen-Dreiviertel fehlt, unentbehrlich für morgen. OVERTON.
„Poststempel Strand, und aufgegeben um zehn Uhr sechsunddreißig“, sagte Holmes, während er es immer wieder las. „Mr. Overton war offensichtlich ziemlich aufgeregt, als er es schickte, und folglich etwas zusammenhanglos. Nun, nun, er wird hier sein, schätze ich, bis ich die Times durchgesehen habe, und dann werden wir alles darüber erfahren. Selbst das unbedeutendste Problem wäre in diesen stagnierenden Tagen willkommen.“
Die Dinge waren in der Tat sehr schleppend bei uns, und ich hatte gelernt, solche Phasen der Untätigkeit zu fürchten, denn ich wusste aus Erfahrung, dass das Gehirn meines Begleiters so anormal aktiv war, dass es gefährlich war, es ohne Material zu lassen, an dem es arbeiten konnte. Jahrelang hatte ich ihn allmählich von jener Drogensucht entwöhnt, die einst gedroht hatte, seine bemerkenswerte Laufbahn zu stoppen. Nun wusste ich, dass er unter normalen Bedingungen nicht mehr nach diesem künstlichen Reiz verlangte, aber ich war mir sehr wohl bewusst, dass das Ungeheuer nicht tot, sondern nur schlafend war, und ich wusste, dass der Schlaf ein leichter war und das Erwachen nahe, wenn ich in Zeiten der Müßiggangs den ausgezehrten Blick auf Holmes’ asketischem Gesicht und das Brüten seiner tief liegenden und unergründlichen Augen gesehen hatte. Daher segnete ich diesen Mr. Overton, wer immer er auch sein mochte, da er mit seiner rätselhaften Nachricht gekommen war, um diese gefährliche Ruhe zu brechen, die meinem Freund mehr Gefahr brachte als alle Stürme seines stürmischen Lebens.
Wie wir erwartet hatten, folgte dem Telegramm bald der Absender, und die Visitenkarte von Mr. Cyril Overton, Trinity College, Cambridge, kündigte die Ankunft eines enormen jungen Mannes an, sechzehn Stone an festen Knochen und Muskeln, der mit seinen breiten Schultern den Türrahmen ausfüllte und uns mit einem hübschen Gesicht, das vor Angst hager war, von einem zum anderen ansah.
„Mr. Sherlock Holmes?“
Mein Begleiter verneigte sich.
„Ich war bei Scotland Yard, Mr. Holmes. Ich habe Inspektor Stanley Hopkins gesehen. Er riet mir, zu Ihnen zu kommen. Er sagte, der Fall sei, soweit er das beurteilen könne, eher Ihr Metier als das der regulären Polizei.“
„Bitte setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was das Problem ist.“
„Es ist schrecklich, Mr. Holmes – einfach schrecklich! Ich wundere mich, dass mein Haar nicht grau ist. Godfrey Staunton – Sie haben natürlich von ihm gehört? Er ist einfach der Dreh- und Angelpunkt, um den sich die ganze Mannschaft dreht. Ich würde lieber auf zwei aus dem Gedränge verzichten, als Godfrey für meine Dreiviertelreihe zu verlieren. Ob Passen, Tackeln oder Dribbeln, niemand reicht ihm das Wasser, und dazu hat er noch das Köpfchen und kann uns alle zusammenhalten. Was soll ich tun? Das ist es, was ich Sie frage, Mr. Holmes. Da ist Moorhouse, der erste Ersatzspieler, aber er ist als Halbspieler ausgebildet und drängt immer direkt in das Gedränge, anstatt an der Seitenlinie zu bleiben. Er ist zwar ein guter Schütze bei Standardsituationen, aber er hat kein Urteilsvermögen und kann absolut nicht sprinten. Warum, Morton oder Johnson, die Flitzer aus Oxford, könnten um ihn herumtoben. Stevenson ist schnell genug, aber er könnte keinen Dropkick von der 25-Yard-Linie machen, und ein Dreiviertelspieler, der weder punten noch einen Dropkick ausführen kann, ist allein wegen seines Tempos keinen Platz wert. Nein, Mr. Holmes, wir sind erledigt, wenn Sie mir nicht helfen können, Godfrey Staunton zu finden.“
Mein Freund hatte dieser langen Rede, die mit außerordentlicher Kraft und Ernsthaftigkeit vorgetragen wurde, mit amüsiertem Erstaunen zugehört, wobei jeder Punkt durch das Schlagen einer kräftigen Hand auf das Knie des Sprechers unterstrichen wurde. Als unser Besucher schwieg, streckte Holmes die Hand aus und nahm den Buchstaben „S“ aus seinem Notizbuch. Diesmal grub er vergeblich in dieser Mine vielfältiger Informationen.
„Es gibt Arthur H. Staunton, den aufstrebenden jungen Fälscher“, sagte er, „und es gab Henry Staunton, den ich an den Galgen gebracht habe, aber Godfrey Staunton ist mir ein neuer Name.“
Nun war unser Besucher an der Reihe, überrascht auszusehen.
„Wie bitte, Mr. Holmes, ich dachte, Sie wüssten Bescheid“, sagte er. „Ich nehme an, wenn Sie noch nie von Godfrey Staunton gehört haben, kennen Sie auch Cyril Overton nicht?“
Holmes schüttelte gutmütig den Kopf.
„Du meine Güte!“, rief der Sportler. „Warum, ich war der erste Ersatzmann für England gegen Wales und habe das ganze Jahr über die Universitätsmannschaft als Kapitän geführt. Aber das ist nichts! Ich hätte nicht gedacht, dass es in England eine Seele gibt, die Godfrey Staunton nicht kennt, den erstklassigen Dreiviertelspieler von Cambridge, Blackheath und fünfmaligen Nationalspieler. Herrgott noch mal! Mr. Holmes, wo haben Sie denn gelebt?“
Holmes lachte über das naive Erstaunen des jungen Riesen.
„Sie leben in einer anderen Welt als ich, Mr. Overton – einer süßeren und gesünderen. Meine Verzweigungen erstrecken sich in viele Bereiche der Gesellschaft, aber glücklicherweise nie in den Amateursport, der das Beste und Gesündeste in England ist. Ihr unerwarteter Besuch heute Morgen zeigt mir jedoch, dass es selbst in jener Welt der frischen Luft und des Fairplay Arbeit für mich geben könnte. Also, mein guter Herr, ich bitte Sie, sich zu setzen und mir langsam und ruhig zu erzählen, was genau geschehen ist und wie ich Ihnen helfen soll.“
Das Gesicht des jungen Overton nahm den geplagten Ausdruck eines Mannes an, der mehr daran gewöhnt ist, seine Muskeln als seinen Verstand zu benutzen, doch nach und nach, mit vielen Wiederholungen und Unklarheiten, die ich aus seiner Erzählung weglassen kann, legte er uns seine seltsame Geschichte dar.
„Es ist so, Mr. Holmes. Wie ich schon sagte, bin ich der Kapitän der Rugbymannschaft der Universität Cambridge, und Godfrey Staunton ist mein bester Mann. Morgen spielen wir gegen Oxford. Gestern sind wir alle angekommen und haben uns in Bentleys Privat-Hotel einquartiert. Um zehn Uhr ging ich herum und sah nach, ob alle Jungs schon zu Bett gegangen waren, denn ich glaube an strenges Training und viel Schlaf, um eine Mannschaft fit zu halten. Ich habe ein oder zwei Worte mit Godfrey gewechselt, bevor er sich schlafen legte. Er schien mir blass und bedrückt. Ich fragte ihn, was los sei. Er sagte, es sei alles in Ordnung – nur ein wenig Kopfschmerz. Ich wünschte ihm gute Nacht und ließ ihn allein. Eine halbe Stunde später erzählte mir der Portier, dass ein verwahrlost aussehender Mann mit Bart mit einer Nachricht für Godfrey vorbeigekommen sei. Er war noch nicht zu Bett gegangen, und die Nachricht wurde in sein Zimmer gebracht. Godfrey las sie und sank in einen Stuhl, als wäre er vom Blitz getroffen worden. Der Portier war so erschrocken, dass er mich holen wollte, aber Godfrey hielt ihn auf, trank ein Glas Wasser und fing sich wieder. Dann ging er nach unten, wechselte ein paar Worte mit dem Mann, der in der Halle wartete, und die beiden gingen zusammen weg. Das Letzte, was der Portier von ihnen sah, war, wie sie fast rennend die Straße in Richtung Strand hinunterliefen. Heute Morgen war Godfreys Zimmer leer, sein Bett war unbenutzt, und seine Sachen waren alle genau so, wie ich sie am Abend zuvor gesehen hatte. Er war Hals über Kopf mit diesem Fremden verschwunden, und seitdem ist kein Wort mehr von ihm gekommen. Ich glaube nicht, dass er jemals zurückkommen wird. Er war ein Sportsmann, Godfrey, bis ins Mark, und er hätte sein Training nicht abgebrochen und seinen Kapitän im Stich gelassen, wenn es nicht einen Grund gegeben hätte, der zu stark für ihn war. Nein: Ich habe das Gefühl, er ist für immer weg und wir werden ihn nie wiedersehen.“
Sherlock Holmes hörte dieser sonderbaren Erzählung mit größter Aufmerksamkeit zu.
„Was haben Sie unternommen?“, fragte er.
„Ich habe ein Telegramm nach Cambridge geschickt, um zu erfahren, ob man dort etwas von ihm gehört hat. Ich habe eine Antwort erhalten. Niemand hat ihn gesehen.“
„Könnte er nach Cambridge zurückgekehrt sein?“
„Ja, es gibt einen späten Zug – um Viertel nach elf.“
„Aber soweit Sie feststellen konnten, hat er ihn nicht genommen?“
„Nein, er ist nicht gesehen worden.“
„Was haben Sie als Nächstes getan?“
„Ich habe ein Telegramm an Lord Mount-James geschickt.“
„Warum an Lord Mount-James?“
„Godfrey ist Waise, und Lord Mount-James ist sein nächster Verwandter – sein Onkel, glaube ich.“
„In der Tat. Das wirft ein neues Licht auf die Angelegenheit. Lord Mount-James ist einer der reichsten Männer Englands.“
„So habe ich Godfrey sagen hören.“
„Und Ihr Freund war eng mit ihm verwandt?“
„Ja, er war sein Erbe, und der alte Herr ist fast achtzig – und obendrein voller Gicht. Man sagt, er könnte seinen Billard-Queue mit seinen Knöcheln kreiden. Er hat Godfrey zeit seines Lebens keinen Schilling gegeben, denn er ist ein absoluter Geizhals, aber es wird ihm alles rechtmäßig zufallen.“
„Haben Sie von Lord Mount-James gehört?“
„Nein.“
„Welches Motiv könnte Ihr Freund gehabt haben, zu Lord Mount-James zu gehen?“
„Nun, irgendetwas hat ihn am Abend zuvor bedrückt, und wenn es mit Geld zu tun hatte, ist es möglich, dass er seinen nächsten Verwandten aufsuchte, der so viel davon hat, obwohl er nach allem, was ich gehört habe, keine große Chance hätte, etwas zu bekommen. Godfrey mochte den alten Mann nicht. Er würde nicht zu ihm gehen, wenn er es vermeiden könnte.“
„Nun, das lässt sich bald feststellen. Wenn Ihr Freund zu seinem Verwandten, Lord Mount-James, wollte, müssen Sie dann den Besuch dieses verwahrlosten Kerls zu so später Stunde und die Aufregung, die sein Kommen verursachte, erklären.“
Cyril Overton drückte seine Hände an den Kopf. „Ich kann mir keinen Reim darauf machen“, sagte er.
„Nun, nun, ich habe einen freien Tag und werde mir die Angelegenheit gerne ansehen“, sagte Holmes. „Ich würde Ihnen dringend empfehlen, Ihre Vorbereitungen für das Spiel ohne Bezug auf diesen jungen Herrn zu treffen. Es muss, wie Sie sagen, eine überwältigende Notwendigkeit gewesen sein, die ihn auf diese Weise fortgerissen hat, und dieselbe Notwendigkeit wird ihn wahrscheinlich fernhalten. Lassen Sie uns zusammen zum Hotel gehen und sehen, ob der Portier ein neues Licht auf die Angelegenheit werfen kann.“
Sherlock Holmes war ein Meister darin, einen einfachen Zeugen in Sicherheit zu wiegen, und sehr bald, in der Privatsphäre von Godfrey Stauntons verlassenem Zimmer, hatte er alles herausgefunden, was der Portier zu sagen hatte. Der Besucher vom Vorabend war kein Gentleman, aber auch kein Arbeiter. Er war einfach das, was der Portier als „durchschnittlich aussehenden Kerl“ beschrieb, ein Mann von fünfzig Jahren, graubärtig, blasses Gesicht, schlicht gekleidet. Er schien selbst aufgeregt zu sein. Der Portier hatte beobachtet, wie seine Hand zitterte, als er den Zettel hinhielt. Godfrey Staunton hatte den Zettel in seine Tasche gestopft. Staunton hatte dem Mann in der Halle nicht die Hand gegeben. Sie hatten ein paar Sätze gewechselt, von denen der Portier nur das eine Wort „Zeit“ verstanden hatte. Dann waren sie in der beschriebenen Weise davongeeilt. Es war genau halb elf nach der Hallenuhr.
„Lassen Sie sehen“, sagte Holmes und setzte sich auf Stauntons Bett. „Sie sind der Tagesportier, nicht wahr?“
„Ja, mein Herr, ich habe um elf Uhr Feierabend.“
„Der Nachtportier hat wohl nichts gesehen?“
„Nein, mein Herr, eine Theatergruppe kam spät herein. Niemand sonst.“
„Waren Sie gestern den ganzen Tag im Dienst?“
„Ja, mein Herr.“
„Haben Sie Nachrichten für Mr. Staunton entgegengenommen?“
„Ja, mein Herr, ein Telegramm.“
„Ah! Das ist interessant. Wie spät war das?“
„Gegen sechs.“
„Wo war Mr. Staunton, als er es erhielt?“
„Hier in seinem Zimmer.“
„Waren Sie dabei, als er es öffnete?“
„Ja, mein Herr, ich habe gewartet, um zu sehen, ob es eine Antwort gibt.“
„Nun, gab es eine?“
„Ja, mein Herr, er schrieb eine Antwort.“
„Haben Sie sie mitgenommen?“
„Nein, er hat sie selbst weggebracht.“
„Aber er hat sie in Ihrer Gegenwart geschrieben.“
„Ja, mein Herr. Ich stand an der Tür, und er mit dem Rücken zu mir an diesem Tisch. Als er sie geschrieben hatte, sagte er: ‚Alles in Ordnung, Portier, das erledige ich selbst.‘“
„Womit hat er sie geschrieben?“
„Mit einem Füller, mein Herr.“
„War das Telegrammformular eines von diesen auf dem Tisch?“
„Ja, mein Herr, es war das oberste.“
Holmes erhob sich. Er nahm die Formulare, trug sie ans Fenster und untersuchte das oberste sorgfältig.
„Es ist ein Jammer, dass er nicht mit Bleistift geschrieben hat“, sagte er und warf sie mit einem enttäuschten Achselzucken wieder hin. „Wie Sie zweifellos schon oft beobachtet haben, Watson, drückt sich der Abdruck normalerweise durch – eine Tatsache, die schon manche glückliche Ehe zerstört hat. Hier kann ich jedoch keine Spur finden. Ich freue mich jedoch festzustellen, dass er mit einem Federkiel mit breiter Spitze geschrieben hat, und ich kann kaum bezweifeln, dass wir auf diesem Löschblatt einen Abdruck finden werden. Ah, ja, das ist sicher genau das Richtige!“
Er riss einen Streifen vom Löschpapier ab und drehte uns das folgende Hieroglyphenbild entgegen:
Hieroglyphenbild
Cyril Overton war sehr aufgeregt. „Halten Sie es gegen das Licht!“, rief er.
„Das ist unnötig“, sagte Holmes. „Das Papier ist dünn, und die Rückseite gibt die Nachricht wieder. Hier ist sie.“ Er drehte es um, und wir lasen:
Die Rückseite
„Das ist also das Ende des Telegramms, das Godfrey Staunton nur wenige Stunden vor seinem Verschwinden abgeschickt hat. Es gibt mindestens sechs Wörter der Nachricht, die uns entgangen sind; aber was bleibt – ‚Stehen Sie uns um Himmels willen bei!‘ – beweist, dass dieser junge Mann eine gewaltige Gefahr auf sich zukommen sah, vor der ihn jemand anderes schützen konnte. ‚Uns‘, merken Sie sich das! Eine weitere Person war beteiligt. Wer sollte es anderes sein als der blasse, bärtige Mann, der selbst so nervös schien? Was ist also die Verbindung zwischen Godfrey Staunton und dem bärtigen Mann? Und was ist die dritte Quelle, aus der jeder von ihnen Hilfe gegen eine drängende Gefahr suchte? Unsere Untersuchung hat sich bereits darauf verengt.“
„Wir müssen nur herausfinden, an wen dieses Telegramm adressiert ist“, schlug ich vor.
„Genau, mein lieber Watson. Ihre Überlegung, obwohl tiefgründig, war mir bereits durch den Kopf gegangen. Aber ich wage zu behaupten, dass Ihnen vielleicht aufgefallen ist, dass die Beamten bei einem Durchschlag der Nachricht eines anderen Mannes möglicherweise wenig geneigt sind, Ihnen einen Gefallen zu tun. Es gibt so viel Bürokratie in diesen Dingen. Ich habe jedoch keinen Zweifel, dass mit ein wenig Feingefühl und Finesse das Ziel erreicht werden kann. In der Zwischenzeit möchte ich in Ihrer Anwesenheit, Mr. Overton, diese Papiere durchsehen, die auf dem Tisch liegen geblieben sind.“
Da war eine Anzahl von Briefen, Rechnungen und Notizbüchern, die Holmes mit schnellen, nervösen Fingern und huschenden, durchdringenden Augen durchsuchte. „Nichts hier“, sagte er schließlich. „Übrigens, ich nehme an, Ihr Freund war ein gesunder junger Bursche – nichts mit ihm nicht in Ordnung?“
„Kerngesund.“
„Haben Sie ihn jemals krank erlebt?“
„Keinen Tag. Er war mal wegen eines Schlags außer Gefecht, und einmal hat er sich die Kniescheibe ausgerenkt, aber das war nichts.“
„Vielleicht war er nicht so stark, wie Sie annehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass er irgendeinen geheimen Kummer hatte. Mit Ihrer Zustimmung werde ich ein oder zwei dieser Papiere in meine Tasche stecken, für den Fall, dass sie für unsere weitere Untersuchung von Bedeutung sind.“
„Einen Moment – einen Moment!“, rief eine quengelige Stimme, und wir sahen auf, um einen seltsamen kleinen alten Mann zu finden, der zuckend und zappelnd im Türrahmen stand. Er war in rostiges Schwarz gekleidet, mit einem sehr breitkrempigen Zylinder und einer losen weißen Krawatte – der Gesamteindruck war der eines sehr ländlichen Pfarrers oder eines Bestattungshelfers. Doch trotz seines schäbigen und sogar absurden Erscheinungsbildes hatte seine Stimme ein scharfes Knistern und seine Art eine schnelle Intensität, die Aufmerksamkeit erzwang.
„Wer sind Sie, mein Herr, und mit welchem Recht fassen Sie die Papiere dieses Herrn an?“, fragte er.
„Ich bin Privatdetektiv und bemühe mich, sein Verschwinden zu klären.“
„Oh, das sind Sie, sind Sie das? Und wer hat Sie beauftragt, he?“
„Dieser Herr, der Freund von Mr. Staunton, wurde von Scotland Yard an mich verwiesen.“
„Wer sind Sie, mein Herr?“
„Ich bin Cyril Overton.“
„Dann sind Sie es, der mir ein Telegramm geschickt hat. Mein Name ist Lord Mount-James. Ich kam so schnell her, wie der Bayswater-Bus mich bringen konnte. Sie haben also einen Detektiv beauftragt?“
„Ja, mein Herr.“
„Und sind Sie bereit, die Kosten zu tragen?“
„Ich habe keinen Zweifel, mein Herr, dass mein Freund Godfrey, wenn wir ihn finden, dazu bereit sein wird.“
„Aber wenn er nie gefunden wird, he? Beantworten Sie mir das!“
„In diesem Fall zweifellos seine Familie——“
„Nichts dergleichen, mein Herr!“, schrie der kleine Mann. „Erwarten Sie von mir keinen Pfennig – keinen Pfennig! Verstehen Sie das, Mr. Detektiv! Ich bin die ganze Familie, die dieser junge Mann hat, und ich sage Ihnen, dass ich nicht verantwortlich bin. Wenn er irgendwelche Erwartungen hat, so liegt das daran, dass ich nie Geld verschwendet habe, und ich beabsichtige nicht, jetzt damit anzufangen. Was diese Papiere angeht, mit denen Sie so freizügig umgehen, so kann ich Ihnen sagen, dass Sie, falls sich etwas von Wert darunter befinden sollte, streng zur Rechenschaft gezogen werden für das, was Sie damit tun.“
„Sehr gut, mein Herr“, sagte Sherlock Holmes. „Darf ich Sie unterdessen fragen, ob Sie selbst eine Theorie haben, die das Verschwinden dieses jungen Mannes erklärt?“
„Nein, mein Herr, habe ich nicht. Er ist groß genug und alt genug, um auf sich selbst aufzupassen, und wenn er so töricht ist, sich zu verirren, weigere ich mich kategorisch, die Verantwortung für die Suche nach ihm zu übernehmen.“
„Ich verstehe Ihre Position vollkommen“, sagte Holmes mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. „Vielleicht verstehen Sie meine nicht ganz. Godfrey Staunton scheint ein armer Mann gewesen zu sein. Wenn er entführt wurde, kann es nicht wegen etwas gewesen sein, das er selbst besitzt. Der Ruf Ihres Reichtums ist bis in die Ferne gedrungen, Lord Mount-James, und es ist durchaus möglich, dass eine Bande von Dieben Ihren Neffen in ihre Gewalt gebracht hat, um von ihm Informationen über Ihr Haus, Ihre Gewohnheiten und Ihren Schatz zu erpressen.“
Das Gesicht unseres unangenehmen kleinen Besuchers wurde so weiß wie sein Halstuch.
„Himmel, mein Herr, was für ein Gedanke! An eine solche Schurkerei habe ich nie gedacht! Was für unmenschliche Schurken es doch auf der Welt gibt! Aber Godfrey ist ein feiner Junge – ein loyaler Junge. Nichts würde ihn dazu bringen, seinen alten Onkel zu verraten. Ich werde das Silber heute Abend in die Bank bringen lassen. In der Zwischenzeit scheuen Sie keine Mühen, Mr. Detektiv! Ich beschwöre Sie, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, um ihn sicher zurückzubringen. Was das Geld angeht, nun, was einen Fünfer oder sogar einen Zehner angeht, können Sie sich immer an mich wenden.“
Selbst in seiner geläuterten Stimmung konnte uns der edle Geizhals keine Informationen geben, die uns hätten helfen können, denn er wusste wenig über das Privatleben seines Neffen. Unser einziger Anhaltspunkt lag in dem verstümmelten Telegramm, und mit einer Kopie davon in der Hand machte sich Holmes auf, um ein zweites Glied für seine Kette zu finden. Wir hatten Lord Mount-James abgeschüttelt, und Overton war gegangen, um sich mit den anderen Mitgliedern seiner Mannschaft über das Unglück zu beraten, das sie getroffen hatte.
Nicht weit vom Hotel entfernt gab es ein Telegrafenamt. Wir hielten davor an.
„Es ist einen Versuch wert, Watson“, sagte Holmes. „Natürlich könnten wir mit einem Durchsuchungsbeschluss verlangen, die Durchschläge zu sehen, aber so weit sind wir noch nicht. Ich glaube nicht, dass man sich in einem so geschäftigen Lokal an Gesichter erinnert. Wagen wir es.“
„Es tut mir leid, Sie zu stören“, sagte er in seiner verbindlichsten Art zu der jungen Frau hinter dem Gitter; „es gibt ein kleines Missverständnis wegen eines Telegramms, das ich gestern abgeschickt habe. Ich habe keine Antwort erhalten, und ich fürchte sehr, dass ich vergessen habe, meinen Namen am Ende anzugeben. Könnten Sie mir sagen, ob das so war?“
Die junge Frau blätterte in einem Stapel Durchschläge.
„Wie spät war es?“, fragte sie.
„Ein wenig nach sechs.“
„An wen war es gerichtet?“
Holmes legte den Finger auf die Lippen und warf mir einen Blick zu. „Die letzten Worte darin waren ‚Um Himmels willen‘“, flüsterte er vertraulich; „ich bin sehr besorgt, keine Antwort zu erhalten.“
Die junge Frau nahm eines der Formulare heraus.
„Das ist es. Es steht kein Name darauf“, sagte sie und strich es auf dem Tresen glatt.
„Dann erklärt das natürlich, warum ich keine Antwort erhalten habe“, sagte Holmes. „Ach je, wie dumm von mir, wirklich! Guten Morgen, Miss, und vielen Dank, dass Sie mich beruhigt haben.“ Er kicherte und rieb sich die Hände, als wir uns wieder auf der Straße befanden.
„Nun?“, fragte ich.
„Wir machen Fortschritte, mein lieber Watson, wir machen Fortschritte. Ich hatte sieben verschiedene Pläne, um einen Blick auf dieses Telegramm zu erhaschen, aber ich konnte kaum hoffen, gleich beim ersten Mal Erfolg zu haben.“
„Und was haben Sie gewonnen?“
„Einen Ausgangspunkt für unsere Untersuchung.“ Er rief eine Droschke. „Bahnhof King’s Cross“, sagte er.
„Wir haben also eine Reise vor uns?“
„Ja, ich glaube, wir müssen zusammen nach Cambridge fahren. Alle Anzeichen scheinen mir in diese Richtung zu deuten.“
„Sagen Sie mir“, fragte ich, als wir die Gray’s Inn Road hinunterrumpelten, „haben Sie schon einen Verdacht bezüglich der Ursache des Verschwindens? Ich glaube nicht, dass ich unter all unseren Fällen einen kenne, bei dem die Motive obskurer sind. Sie stellen sich doch sicher nicht wirklich vor, dass er entführt worden sein könnte, um Informationen gegen seinen wohlhabenden Onkel zu geben?“
„Ich gestehe, mein lieber Watson, dass mir das nicht als eine sehr wahrscheinliche Erklärung erscheint. Es fiel mir jedoch als diejenige ein, die den überaus unangenehmen alten Herrn am ehesten interessieren würde.“
„Das hat es sicherlich; aber was sind Ihre Alternativen?“
„Ich könnte mehrere nennen. Sie müssen zugeben, dass es merkwürdig und aufschlussreich ist, dass dieser Vorfall am Vorabend dieses wichtigen Spiels geschieht und den einzigen Mann betrifft, dessen Anwesenheit für den Erfolg der Mannschaft wesentlich zu sein scheint. Es kann natürlich ein Zufall sein, aber es ist interessant. Amateursport ist frei von Wetten, aber in der Öffentlichkeit wird eine Menge gewettet, und es ist möglich, dass es für jemanden von Wert sein könnte, an einen Spieler heranzukommen, wie die Schurken der Rennbahn an ein Rennpferd herankommen. Das ist die eine Erklärung. Eine zweite, sehr offensichtliche ist, dass dieser junge Mann tatsächlich der Erbe eines großen Vermögens ist, wie bescheiden seine Mittel im Moment auch sein mögen, und es ist nicht unmöglich, dass ein Komplott ausgeheckt wurde, ihn als Geisel zu halten.“
„Diese Theorien berücksichtigen das Telegramm nicht.“
„Ganz recht, Watson. Das Telegramm bleibt das einzige handfeste Ding, mit dem wir es zu tun haben, und wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Aufmerksamkeit davon abweicht. Um Licht auf den Zweck dieses Telegramms zu werfen, sind wir jetzt auf dem Weg nach Cambridge. Der Pfad unserer Untersuchung ist im Moment noch im Dunkeln, aber ich wäre sehr überrascht, wenn wir ihn nicht vor dem Abend geklärt oder einen beachtlichen Schritt darauf vorangekommen wären.“
Es war bereits dunkel, als wir die alte Universitätsstadt erreichten. Holmes nahm am Bahnhof eine Droschke und wies den Fahrer an, zum Haus von Dr. Leslie Armstrong zu fahren. Wenige Minuten später hatten wir vor einem großen Herrenhaus in der geschäftigsten Durchgangsstraße angehalten. Wir wurden hineingelassen und nach langem Warten schließlich in das Sprechzimmer geführt, wo wir den Arzt hinter seinem Schreibtisch sitzen sahen.
Es zeugt davon, wie sehr ich den Kontakt zu meinem eigenen Berufsstand verloren hatte, dass mir der Name Leslie Armstrong unbekannt war. Inzwischen ist mir bewusst, dass er nicht nur einer der Leiter der medizinischen Fakultät der Universität ist, sondern auch ein Denker von europäischem Ruf auf mehr als einem wissenschaftlichen Gebiet. Doch selbst ohne seine glänzende Laufbahn zu kennen, konnte man nicht umhin, von dem bloßen Anblick des Mannes beeindruckt zu sein: das quadratische, massive Gesicht, die grüblerischen Augen unter den buschigen Brauen und die wie aus Granit gemeißelte Form des unnachgiebigen Kiefers. Ein Mann von tiefem Charakter, ein Mann mit wachem Geist, grimmig, asketisch, in sich gekehrt, beeindruckend – so las ich Dr. Leslie Armstrong. Er hielt die Karte meines Freundes in der Hand und blickte mit keinem sehr erfreuten Ausdruck auf seinen strengen Zügen auf.
„Ich habe Ihren Namen gehört, Mr. Sherlock Holmes, und ich bin mir Ihres Berufs bewusst – einen, den ich keineswegs gutheiße.“
„Da werden Sie, Doktor, mit jedem Kriminellen im Land übereinstimmen“, sagte mein Freund ruhig.
„Soweit Ihre Bemühungen auf die Unterdrückung von Verbrechen gerichtet sind, mein Herr, müssen sie die Unterstützung eines jeden vernünftigen Mitglieds der Gesellschaft finden, obwohl ich nicht bezweifeln kann, dass der offizielle Apparat für diesen Zweck völlig ausreicht. Wo Ihre Berufung eher kritikwürdig ist, ist, wenn Sie in die Geheimnisse von Privatpersonen eindringen, wenn Sie Familienangelegenheiten aufwühlen, die besser verborgen blieben, und wenn Sie ganz nebenbei die Zeit von Männern verschwenden, die beschäftigter sind als Sie selbst. Im gegenwärtigen Moment zum Beispiel sollte ich eine Abhandlung schreiben, anstatt mich mit Ihnen zu unterhalten.“
„Zweifellos, Doktor; und doch mag sich das Gespräch als wichtiger erweisen als die Abhandlung. Nebenbei bemerkt kann ich Ihnen sagen, dass wir das Gegenteil von dem tun, was Sie zu Recht tadeln, und dass wir uns bemühen, so etwas wie eine öffentliche Enthüllung privater Angelegenheiten zu verhindern, die notwendigerweise folgen muss, sobald der Fall erst einmal in den Händen der offiziellen Polizei liegt. Sie können mich einfach als einen irregulären Pionier betrachten, der den regulären Kräften des Landes vorausgeht. Ich bin gekommen, um Sie nach Mr. Godfrey Staunton zu fragen.“
„Was ist mit ihm?“
„Sie kennen ihn doch, nicht wahr?“
„Er ist ein enger Freund von mir.“
„Sie wissen, dass er verschwunden ist?“
„Ah, tatsächlich!“ Es gab keine Veränderung des Ausdrucks in den rauen Zügen des Arztes.
„Er hat letzte Nacht sein Hotel verlassen – man hat nichts mehr von ihm gehört.“
„Zweifellos wird er zurückkehren.“
„Morgen ist das Football-Spiel der Universität.“
„Ich habe kein Verständnis für diese kindischen Spiele. Das Schicksal des jungen Mannes interessiert mich zutiefst, da ich ihn kenne und mag. Das Football-Spiel liegt überhaupt nicht in meinem Horizont.“
„Ich fordere dann Ihr Verständnis bei meiner Untersuchung des Schicksals von Mr. Staunton. Wissen Sie, wo er ist?“
„Sicherlich nicht.“
„Sie haben ihn seit gestern nicht gesehen?“
„Nein, habe ich nicht.“
„War Mr. Staunton ein gesunder Mann?“
„Absolut.“
„Haben Sie ihn jemals krank erlebt?“
„Niemals.“
Holmes hielt dem Arzt ein Blatt Papier vor die Augen. „Dann werden Sie vielleicht diese quittierte Rechnung über dreizehn Guineen erklären, die Mr. Godfrey Staunton letzten Monat an Dr. Leslie Armstrong aus Cambridge gezahlt hat. Ich habe sie aus den Papieren auf seinem Schreibtisch herausgefischt.“
Der Arzt rötete sich vor Zorn.
„Ich habe nicht das Gefühl, dass es irgendeinen Grund gibt, warum ich Ihnen gegenüber eine Erklärung abgeben sollte, Mr. Holmes.“
Holmes steckte die Rechnung zurück in sein Notizbuch. „Wenn Sie eine öffentliche Erklärung vorziehen, muss sie früher oder später ohnehin kommen“, sagte er. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich das vertuschen kann, was andere zwangsläufig veröffentlichen werden, und Sie wären wirklich klüger, wenn Sie mir Ihr volles Vertrauen schenkten.“
„Ich weiß nichts darüber.“
„Haben Sie von Mr. Staunton aus London gehört?“
„Sicherlich nicht.“
„Ach je, ach je – schon wieder die Post!“ Holmes seufzte müde. „Ein höchst dringendes Telegramm wurde gestern Abend um sechs Uhr fünfzehn von Godfrey Staunton aus London an Sie versandt – ein Telegramm, das zweifellos mit seinem Verschwinden zusammenhängt – und doch haben Sie es nicht erhalten. Das ist höchst strafbar. Ich werde sicherlich zum Postamt hier gehen und eine Beschwerde einreichen.“
Dr. Leslie Armstrong sprang hinter seinem Schreibtisch hervor, und sein dunkles Gesicht war purpurrot vor Wut.
„Ich bitte Sie, mein Haus zu verlassen, mein Herr“, sagte er. „Sie können Ihrem Arbeitgeber, Lord Mount-James, ausrichten, dass ich nichts mit ihm oder seinen Agenten zu tun haben möchte. Nein, mein Herr – kein Wort mehr!“ Er läutete wütend die Glocke. „John, begleiten Sie diese Herren hinaus!“ Ein pompöser Butler geleitete uns streng zur Tür, und wir fanden uns auf der Straße wieder. Holmes brach in Gelächter aus.
„Dr. Leslie Armstrong ist sicherlich ein Mann von Energie und Charakter“, sagte er. „Ich habe keinen Mann gesehen, der, wenn er seine Talente in diese Richtung lenken würde, eher dazu geeignet wäre, die Lücke zu füllen, die der illustre Moriarty hinterlassen hat. Und nun, mein armer Watson, hier sind wir, gestrandet und ohne Freunde in dieser gastfeindlichen Stadt, die wir nicht verlassen können, ohne unseren Fall aufzugeben. Dieses kleine Gasthaus direkt gegenüber dem Haus des Doktors ist für unsere Bedürfnisse außerordentlich gut geeignet. Wenn Sie ein Zimmer zur Straßenseite nehmen und das Notwendige für die Nacht besorgen würden, habe ich vielleicht Zeit, ein paar Nachforschungen anzustellen.“
Diese paar Nachforschungen erwiesen sich jedoch als ein langwierigeres Unterfangen, als Holmes sich vorgestellt hatte, denn er kehrte erst gegen neun Uhr zum Gasthaus zurück. Er war blass und niedergeschlagen, staubbedeckt und erschöpft vor Hunger und Müdigkeit. Ein kaltes Abendessen stand auf dem Tisch bereit, und als seine Bedürfnisse gestillt und seine Pfeife angezündet war, war er bereit, jene halb komische und vollkommen philosophische Sichtweise einzunehmen, die für ihn natürlich war, wenn seine Angelegenheiten schiefgingen. Das Geräusch von Kutschenrädern veranlasste ihn, aufzustehen und aus dem Fenster zu blicken. Ein Brougham mit zwei Schimmeln stand im Schein einer Gaslaterne vor der Tür des Arztes.
„Er war drei Stunden unterwegs“, sagte Holmes; „ist um halb sieben losgefahren, und hier ist er wieder zurück. Das ergibt einen Radius von zehn oder zwölf Meilen, und er macht das einmal oder manchmal zweimal am Tag.“
„Nichts Ungewöhnliches für einen praktizierenden Arzt.“
„Aber Armstrong ist nicht wirklich ein praktizierender Arzt. Er ist Dozent und Berater, aber er kümmert sich nicht um eine Allgemeinpraxis, die ihn von seiner literarischen Arbeit ablenkt. Warum also unternimmt er diese langen Reisen, die für ihn äußerst mühsam sein müssen, und wen besucht er?“
„Sein Kutscher——“
„Mein lieber Watson, können Sie daran zweifeln, dass ich mich zuerst an ihn gewandt habe? Ich weiß nicht, ob es von seiner eigenen angeborenen Bösartigkeit oder von den Einflüsterungen seines Herrn herrührte, aber er war unhöflich genug, einen Hund auf mich zu hetzen. Weder Hund noch Mann mochten jedoch das Aussehen meines Stocks, und die Angelegenheit verlief im Sande. Die Beziehungen waren danach angespannt, und weitere Nachforschungen kamen nicht in Frage. Alles, was ich gelernt habe, habe ich von einem freundlichen Einheimischen im Hof unseres eigenen Gasthauses erfahren. Er war es, der mir von den Gewohnheiten des Arztes und seiner täglichen Reise erzählte.“ In diesem Augenblick, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, fuhr die Kutsche vor die Tür.
„Konnten Sie ihr nicht folgen?“
„Hervorragend, Watson! Sie funkeln heute Abend richtig. Der Gedanke kam mir auch. Es gibt, wie Sie vielleicht bemerkt haben, ein Fahrradgeschäft neben unserem Gasthaus. In dieses stürmte ich, mietete ein Fahrrad und konnte losfahren, bevor die Kutsche ganz aus dem Blickfeld war. Ich holte sie schnell ein und folgte dann, in einem diskreten Abstand von etwa hundert Yards, ihren Lichtern, bis wir die Stadt hinter uns gelassen hatten. Wir waren schon ein gutes Stück auf der Landstraße, als ein etwas demütigender Vorfall geschah. Die Kutsche hielt an, der Doktor stieg aus, ging schnell zu der Stelle zurück, an der ich ebenfalls angehalten hatte, und teilte mir auf eine vortrefflich sardonische Art mit, dass er fürchte, die Straße sei eng, und dass er hoffe, seine Kutsche behindere nicht die Passage meines Fahrrads. Nichts hätte bewundernswerter sein können als die Art, wie er es ausdrückte. Ich fuhr sofort an der Kutsche vorbei, blieb auf der Hauptstraße, fuhr noch einige Meilen weiter und hielt dann an einem bequemen Ort an, um zu sehen, ob die Kutsche vorbeifuhr. Es gab jedoch kein Anzeichen dafür, und so wurde deutlich, dass sie in eine der mehreren Nebenstraßen abgebogen war, die ich beobachtet hatte. Ich fuhr zurück, sah aber wieder nichts von der Kutsche, und nun, wie Sie sehen, ist sie hinter mir zurückgekehrt. Natürlich hatte ich anfangs keinen besonderen Grund, diese Reisen mit dem Verschwinden von Godfrey Staunton in Verbindung zu bringen, und war nur geneigt, sie aus dem allgemeinen Grund zu untersuchen, dass alles, was Dr. Armstrong betrifft, für uns derzeit von Interesse ist, aber jetzt, da ich feststelle, dass er so genau auf jeden achtet, der ihm auf diesen Ausflügen folgen könnte, erscheint die Angelegenheit wichtiger, und ich werde nicht zufrieden sein, bis ich die Sache geklärt habe.“
„Wir können ihm morgen folgen.“
„Können wir das? Es ist nicht so einfach, wie Sie zu glauben scheinen. Sie sind mit der Landschaft von Cambridgeshire nicht vertraut, oder? Sie eignet sich nicht zum Verstecken. Das ganze Land, das ich heute Abend durchquert habe, ist so flach und sauber wie Ihre Handfläche, und der Mann, dem wir folgen, ist kein Dummkopf, wie er heute Abend sehr deutlich gezeigt hat. Ich habe an Overton telegrafiert, damit er uns an dieser Adresse über neue Entwicklungen in London informiert, und in der Zwischenzeit können wir unsere Aufmerksamkeit nur auf Dr. Armstrong konzentrieren, dessen Namen die zuvorkommende junge Dame im Büro mir auf dem Durchschlag von Stauntons dringender Nachricht lesen ließ. Er weiß, wo der junge Mann ist – darauf schwöre ich, und wenn er es weiß, dann muss es unser eigenes Verschulden sein, wenn wir es nicht schaffen, es auch zu erfahren. Im Moment muss man zugeben, dass er den entscheidenden Stich in der Hand hält, und wie Sie wissen, Watson, ist es nicht meine Art, das Spiel in diesem Zustand zu lassen.“
Und doch brachte uns der nächste Tag der Lösung des Rätsels nicht näher. Nach dem Frühstück wurde ein Zettel abgegeben, den Holmes mir lächelnd hinüberreichte.
MEIN HERR [stand darin], – Ich kann Ihnen versichern, dass Sie Ihre Zeit damit verschwenden, meine Bewegungen zu verfolgen. Ich habe, wie Sie gestern Abend entdeckten, ein Fenster an der Rückseite meines Broughams, und wenn Sie eine zwanzig Meilen lange Fahrt wünschen, die Sie wieder an den Punkt führt, von dem Sie gestartet sind, müssen Sie mir nur folgen. Unterdessen kann ich Ihnen mitteilen, dass kein Ausspionieren meiner Person Mr. Godfrey Staunton in irgendeiner Weise helfen kann, und ich bin überzeugt, dass der beste Dienst, den Sie diesem Herrn erweisen können, darin besteht, sofort nach London zurückzukehren und Ihrem Arbeitgeber zu melden, dass Sie ihn nicht ausfindig machen können. Ihre Zeit in Cambridge wird sicherlich verschwendet sein.
Hochachtungsvoll, LESLIE ARMSTRONG.
„Ein ausgesprochener, ehrlicher Gegenspieler ist der Doktor“, sagte Holmes. „Nun, nun, er weckt meine Neugier, und ich muss es wirklich wissen, bevor ich ihn verlasse.“
„Seine Kutsche steht jetzt vor seiner Tür“, sagte ich. „Dort steigt er ein. Ich sah ihn dabei nach oben zu unserem Fenster blicken. Angenommen, ich versuche mein Glück auf dem Fahrrad?“
„Nein, nein, mein lieber Watson! Bei allem Respekt für Ihren natürlichen Scharfsinn, glaube ich nicht, dass Sie dem werten Doktor ganz gewachsen sind. Ich denke, dass ich unser Ziel möglicherweise durch einige eigene, unabhängige Erkundungen erreichen kann. Ich fürchte, ich muss Sie Ihren eigenen Mitteln überlassen, da das Auftauchen von zwei neugierigen Fremden auf dem verschlafenen Land mehr Gerede auslösen könnte, als mir lieb ist. Zweifellos werden Sie in dieser altehrwürdigen Stadt einige Sehenswürdigkeiten finden, die Sie amüsieren, und ich hoffe, Ihnen vor dem Abend einen günstigeren Bericht erstatten zu können.“
Wieder einmal jedoch sollte mein Freund enttäuscht werden. Er kam abends müde und erfolglos zurück.
„Ich hatte einen ereignislosen Tag, Watson. Nachdem ich die allgemeine Richtung des Doktors herausgefunden hatte, verbrachte ich den Tag damit, alle Dörfer auf dieser Seite von Cambridge zu besuchen und mich mit Wirten und anderen lokalen Nachrichtenagenturen auszutauschen. Ich habe einiges an Strecke zurückgelegt. Chesterton, Histon, Waterbeach und Oakington wurden alle erforscht und haben sich alle als enttäuschend erwiesen. Das tägliche Erscheinen eines Broughams mit zwei Pferden hätte in solchen verschlafenen Nestern kaum übersehen werden können. Der Doktor hat wieder einmal gepunktet. Gibt es ein Telegramm für mich?“
„Ja, ich habe es geöffnet. Hier ist es:
„Fragen Sie nach Pompey von Jeremy Dixon, Trinity College.“
„Ich verstehe es nicht.“
„Oh, es ist klar genug. Es ist von unserem Freund Overton und ist die Antwort auf eine Frage von mir. Ich werde nur kurz eine Notiz an Mr. Jeremy Dixon schicken, und dann habe ich keinen Zweifel, dass sich unser Glück wenden wird. Übrigens, gibt es Neuigkeiten vom Spiel?“
„Ja, die lokale Abendzeitung hat in ihrer letzten Ausgabe einen hervorragenden Bericht. Oxford hat mit einem Goal und zwei Versuchen gewonnen. Die letzten Sätze der Beschreibung lauten:
„‚Die Niederlage der Light Blues kann vollständig auf die unglückliche Abwesenheit des internationalen Spitzenkönners Godfrey Staunton zurückgeführt werden, dessen Fehlen in jedem Moment des Spiels zu spüren war. Das mangelnde Zusammenspiel der Dreiviertelreihe und ihre Schwäche sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung haben die Bemühungen eines schweren und hart arbeitenden Sturms mehr als zunichtegemacht.‘“
„Dann haben sich die Vorahnungen unseres Freundes Overton bewahrheitet“, sagte Holmes. „Persönlich stimme ich mit Dr. Armstrong überein, und Football liegt nicht in meinem Horizont. Früh zu Bett heute Nacht, Watson, denn ich sehe voraus, dass morgen ein ereignisreicher Tag werden könnte.“
Ich war entsetzt bei meinem ersten Anblick von Holmes am nächsten Morgen, denn er saß am Kamin und hielt seine winzige Injektionsspritze. Ich brachte dieses Instrument mit der einzigen Schwäche seines Wesens in Verbindung, und ich fürchtete das Schlimmste, als ich es in seiner Hand glitzern sah. Er lachte über meinen Ausdruck der Bestürzung und legte sie auf den Tisch.
„Nein, nein, mein lieber Freund, es gibt keinen Grund zur Sorge. Es ist bei dieser Gelegenheit nicht das Instrument des Bösen, sondern es wird sich eher als der Schlüssel erweisen, der unser Rätsel lösen wird. Auf diese Spritze gründe ich alle meine Hoffnungen. Ich bin gerade von einer kleinen Erkundungsexpedition zurückgekehrt, und alles ist günstig. Essen Sie ein gutes Frühstück, Watson, denn ich habe vor, heute die Spur von Dr. Armstrong aufzunehmen, und sobald ich sie habe, werde ich nicht für Rast oder Nahrung anhalten, bis ich ihn in seinen Bau getrieben habe.“
„In diesem Fall“, sagte ich, „sollten wir unser Frühstück am besten mitnehmen, denn er bricht früh auf. Seine Kutsche steht vor der Tür.“
„Egal. Lassen Sie ihn gehen. Er wird schlau sein müssen, wenn er dorthin fahren will, wo ich ihm nicht folgen kann. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie mit mir nach unten, und ich werde Sie einem Detektiv vorstellen, der ein sehr bedeutender Spezialist für die Arbeit ist, die vor uns liegt.“
Als wir hinuntergingen, folgte ich Holmes in den Stallhof, wo er die Tür einer Box öffnete und einen stämmigen, schlappohrigen, weiß-braunen Hund herausführte, eine Mischung aus einem Beagle und einem Foxhound.
„Darf ich Ihnen Pompey vorstellen“, sagte er. „Pompey ist der Stolz der lokalen Schleppjagdmeute – kein sehr großer Flieger, wie sein Körperbau zeigen wird, aber ein treuer Hund auf einer Fährte. Nun, Pompey, du magst vielleicht nicht schnell sein, aber ich erwarte, dass du für ein paar Londoner Herren mittleren Alters zu schnell sein wirst, also werde ich mir die Freiheit nehmen, diese Lederleine an deinem Halsband zu befestigen. Nun, Junge, komm mit, und zeig, was du kannst.“ Er führte ihn zur Tür des Doktors. Der Hund schnüffelte einen Augenblick lang umher und lief dann mit einem schrillen Winseln vor Aufregung die Straße hinunter, wobei er an seiner Leine zerrte, um schneller zu sein. In einer halben Stunde hatten wir die Stadt hinter uns gelassen und eilten eine Landstraße entlang.
„Was haben Sie getan, Holmes?“, fragte ich.
„Ein abgenutzter und ehrwürdiger Kniff, aber bei Gelegenheit nützlich. Ich ging heute Morgen in den Hof des Doktors und spritzte meine Spritze voll Anisöl über das Hinterrad. Ein Spürhund folgt Anis von hier bis nach John o’Groat’s, und unser Freund Armstrong müsste durch den Cam fahren, bevor er Pompey von seiner Spur abschütteln könnte. Oh, der schlaue Schurke! So hat er mich neulich an der Nase herumgeführt.“
Der Hund war plötzlich von der Hauptstraße in einen grasbewachsenen Weg eingebogen. Einen halben Meile weiter öffnete sich dieser in eine andere breite Straße, und die Spur bog scharf nach rechts in Richtung der Stadt ab, die wir gerade verlassen hatten. Die Straße machte einen Bogen südlich der Stadt und setzte sich in die entgegengesetzte Richtung fort, in die wir gestartet waren.
„Dieser Umweg war also ganz zu unserem Vorteil?“, sagte Holmes. „Kein Wunder, dass meine Nachfragen bei den Dorfbewohnern zu nichts führten. Der Doktor hat das Spiel sicherlich mit vollem Einsatz gespielt, und man würde gerne den Grund für eine solch aufwendige Täuschung wissen. Das hier müsste das Dorf Trumpington zu unserer Rechten sein. Und beim Jupiter! Hier kommt der Brougham um die Ecke. Schnell, Watson – schnell, oder wir sind verloren!“
Er sprang durch ein Tor auf ein Feld und zog den widerwilligen Pompey hinter sich her. Wir waren kaum unter dem Schutz der Hecke, als die Kutsche vorbeirasselte. Ich erhaschte einen Blick auf Dr. Armstrong im Inneren, seine Schultern gebeugt, sein Kopf auf seine Hände gesunken, das wahre Bild des Kummers. Ich konnte an dem ernsteren Gesicht meines Begleiters erkennen, dass auch er es gesehen hatte.
„Ich fürchte, unser Streben nimmt ein düsteres Ende“, sagte er. „Es kann nicht lange dauern, bis wir es wissen. Komm, Pompey! Ah, es ist das Häuschen auf dem Feld!“
Es konnte keinen Zweifel geben, dass wir das Ende unserer Reise erreicht hatten. Pompey lief herum und winselte eifrig vor dem Tor, wo die Spuren der Räder des Broughams noch zu sehen waren. Ein Fußpfad führte zu dem einsamen Häuschen hinüber. Holmes band den Hund an die Hecke, und wir eilten weiter. Mein Freund klopfte an die kleine rustikale Tür und klopfte erneut, ohne Antwort. Und doch war das Häuschen nicht verlassen, denn ein leises Geräusch drang an unsere Ohren – eine Art Summen aus Elend und Verzweiflung, das unbeschreiblich melancholisch war. Holmes hielt unschlüssig inne und blickte dann auf die Straße zurück, die er gerade durchquert hatte. Ein Brougham kam sie herunter, und es konnte keinen Zweifel an diesen grauen Pferden geben.
„Beim Jupiter, der Doktor kommt zurück!“, rief Holmes. „Das entscheidet es. Wir müssen sehen, was es bedeutet, bevor er kommt.“
Er öffnete die Tür, und wir traten in den Flur. Das summende Geräusch schwoll in unseren Ohren an, bis es zu einem langen, tiefen Wehklagen der Verzweiflung wurde. Es kam von oben. Holmes stürmte die Treppe hinauf, und ich folgte ihm. Er stieß eine halb geschlossene Tür auf, und wir beide standen entsetzt vor dem Anblick.
Eine Frau, jung und schön, lag tot auf dem Bett. Ihr ruhiges, blasses Gesicht mit matten, weit geöffneten blauen Augen blickte nach oben aus einem großen Gewirr von goldenem Haar. Am Fuß des Bettes, halb sitzend, halb kniend, das Gesicht in die Decken vergraben, war ein junger Mann, dessen Körper von Schluchzen geschüttelt wurde. So vertieft war er in seinen bitteren Schmerz, dass er erst aufblickte, als Holmes’ Hand auf seiner Schulter lag.
„Sind Sie Mr. Godfrey Staunton?“
„Ja, ja, ich bin es – aber Sie kommen zu spät. Sie ist tot.“
Der Mann war so benommen, dass er nicht verstehen konnte, dass wir etwas anderes als Ärzte waren, die zu seiner Unterstützung geschickt worden waren. Holmes versuchte, ein paar tröstende Worte zu finden und das Alarmsignal zu erklären, das bei seinen Freunden durch sein plötzliches Verschwinden verursacht worden war, als ein Schritt auf der Treppe erklang und das schwere, ernste, fragende Gesicht von Dr. Armstrong an der Tür erschien.
„Also, meine Herren“, sagte er, „Sie haben Ihr Ziel erreicht und sich sicherlich einen besonders heiklen Moment für Ihr Eindringen ausgesucht. Ich würde nicht im Angesicht des Todes streiten, aber ich kann Ihnen versichern, dass, wenn ich ein jüngerer Mann wäre, Ihr ungeheuerliches Verhalten nicht ungestraft bliebe.“
„Verzeihen Sie, Dr. Armstrong, ich glaube, wir reden ein wenig aneinander vorbei“, sagte mein Freund mit Würde. „Wenn Sie mit uns nach unten kommen könnten, können wir vielleicht gegenseitig etwas Licht in diese elende Angelegenheit bringen.“
Eine Minute später befanden sich der grimmige Doktor und wir im Wohnzimmer unten.
„Nun, mein Herr?“, sagte er.
„Ich möchte, dass Sie zuallererst verstehen, dass ich nicht im Dienst von Lord Mount-James stehe und dass meine Sympathien in dieser Angelegenheit gänzlich gegen diesen Adligen gerichtet sind. Wenn ein Mann vermisst wird, ist es meine Pflicht, sein Schicksal zu ergründen, doch ist dies geschehen, so hat sich die Angelegenheit für mich erledigt, und solange nichts Strafbares vorliegt, bin ich weit mehr darauf bedacht, private Skandale zu vertuschen, als ihnen Publizität zu verleihen. Wenn, wie ich annehme, in dieser Sache kein Gesetzesverstoß vorliegt, können Sie sich voll und ganz auf meine Diskretion und meine Kooperation verlassen, um die Tatsachen aus den Zeitungen herauszuhalten.“
Dr. Armstrong machte einen raschen Schritt vorwärts und schüttelte Holmes die Hand.
„Sie sind ein guter Kerl“, sagte er. „Ich hatte Sie falsch eingeschätzt. Ich danke dem Himmel, dass mein schlechtes Gewissen, den armen Staunton in dieser misslichen Lage ganz allein zu lassen, mich dazu bewog, meine Kutsche umkehren zu lassen und so Ihre Bekanntschaft zu machen. Da Sie so viel wissen, ist die Situation sehr leicht zu erklären. Vor einem Jahr wohnte Godfrey Staunton eine Zeit lang in London und verliebte sich leidenschaftlich in die Tochter seiner Wirtin, die er heiratete. Sie war ebenso gut wie schön und ebenso intelligent wie gut. Kein Mann braucht sich für eine solche Frau zu schämen. Doch Godfrey war der Erbe dieses verbitterten alten Adligen, und es stand völlig außer Zweifel, dass die Nachricht von seiner Heirat das Ende seines Erbes bedeutet hätte. Ich kannte den Burschen gut und liebte ihn für seine vielen ausgezeichneten Eigenschaften. Ich tat alles, was ich konnte, um ihm zu helfen, die Dinge in geordneten Bahnen zu halten. Wir taten unser Äußerstes, um die Sache vor jedem geheim zu halten, denn wenn ein solches Flüstern erst einmal die Runde macht, dauert es nicht lange, bis es jeder gehört hat. Dank dieses einsamen Häuschens und seiner eigenen Diskretion hatte Godfrey bis jetzt Erfolg. Ihr Geheimnis war niemandem bekannt außer mir und einem vortrefflichen Bediensteten, der derzeit zur Hilfeleistung nach Trumpington gegangen ist. Doch schließlich kam ein schrecklicher Schlag in Gestalt einer gefährlichen Krankheit seiner Frau. Es war Schwindsucht der bösartigsten Art. Der arme Junge war vor Kummer halb von Sinnen, und doch musste er nach London gehen, um dieses Spiel zu bestreiten, denn er konnte sich nicht ohne Erklärungen entziehen, die sein Geheimnis enthüllt hätten. Ich versuchte, ihn per Telegramm aufzumuntern, und er schickte mir eines als Antwort, in dem er mich anflehte, alles in meiner Macht Stehende zu tun. Dies war das Telegramm, das Sie auf unerklärliche Weise gesehen zu haben scheinen. Ich sagte ihm nicht, wie dringlich die Gefahr war, denn ich wusste, dass er hier nichts ausrichten konnte, aber ich teilte die Wahrheit dem Vater des Mädchens mit, und er gab sie sehr unbedacht an Godfrey weiter. Das Ergebnis war, dass er sofort in einem Zustand, der an Raserei grenzte, herbeieilte und in diesem Zustand verharrte, am Fußende ihres Bettes kniend, bis der Tod heute Morgen ihrem Leiden ein Ende setzte. Das ist alles, Mr. Holmes, und ich bin sicher, dass ich mich auf Ihre Diskretion und die Ihres Freundes verlassen kann.“
Holmes ergriff die Hand des Doktors.
„Kommen Sie, Watson“, sagte er, und wir verließen dieses Haus der Trauer und traten in das fahle Sonnenlicht des Wintertages hinaus.
DAS ABENTEUER VON ABBEY GRANGE
Es war an einem bitterkalten und frostigen Morgen gegen Ende des Winters ’97, als ich durch ein Zerren an meiner Schulter geweckt wurde. Es war Holmes. Die Kerze in seiner Hand schien auf sein eifriges, gebeugtes Gesicht und verriet mir auf einen Blick, dass etwas nicht in Ordnung war.
„Kommen Sie, Watson, kommen Sie!“, rief er. „Das Spiel hat begonnen. Kein Wort! In Ihre Kleider und kommen Sie!“
Zehn Minuten später saßen wir beide in einer Droschke und ratterten durch die stillen Straßen auf dem Weg zum Bahnhof Charing Cross. Das erste blasse Wintermorgenrot begann zu erscheinen, und wir konnten schemenhaft die gelegentliche Gestalt eines frühen Arbeiters sehen, wie er an uns vorbeiging, verschwommen und undeutlich im opalenen Dunst Londons. Holmes schmiegte sich schweigend in seinen schweren Mantel, und ich war froh, es ihm gleichtun zu können, denn die Luft war überaus beißend, und keiner von uns hatte sein Fasten gebrochen.
Erst als wir am Bahnhof etwas heißen Tee getrunken und unsere Plätze im Zug nach Kent eingenommen hatten, waren wir ausreichend aufgetaut, er, um zu sprechen, und ich, um zuzuhören. Holmes zog einen Zettel aus seiner Tasche und las laut vor:
Abbey Grange, Marsham, Kent, 3:30 Uhr morgens MEIN LIEBER MR. HOLMES:
Ich wäre Ihnen sehr dankbar für Ihre sofortige Unterstützung bei dem, was ein höchst bemerkenswerter Fall zu werden verspricht. Es ist etwas ganz nach Ihrem Geschmack. Abgesehen davon, die Dame zu befreien, werde ich dafür sorgen, dass alles genau so bleibt, wie ich es vorgefunden habe, doch ich flehe Sie an, keine Sekunde zu verlieren, da es schwierig ist, Sir Eustace dort zurückzulassen.
Hochachtungsvoll, STANLEY HOPKINS.
„Hopkins hat mich siebenmal zu Hilfe gerufen, und bei jeder Gelegenheit war seine Aufforderung vollauf gerechtfertigt“, sagte Holmes. „Ich bilde mir ein, dass jeder seiner Fälle den Weg in Ihre Sammlung gefunden hat, und ich muss zugeben, Watson, dass Sie eine gewisse Begabung zur Auswahl besitzen, die vieles wiedergutmacht, was ich an Ihren Erzählungen beklage. Ihre fatale Angewohnheit, alles vom Standpunkt einer Geschichte aus zu betrachten, statt als wissenschaftliche Übung, hat das ruiniert, was eine lehrreiche und sogar klassische Reihe von Demonstrationen hätte werden können. Sie übergehen Arbeiten von größter Finesse und Feinheit, um bei sensationellen Details zu verweilen, die den Leser zwar aufregen, aber unmöglich belehren können.“
„Warum schreiben Sie sie nicht selbst?“, sagte ich mit einiger Bitterkeit.
„Das werde ich, mein lieber Watson, das werde ich. Derzeit bin ich, wie Sie wissen, ziemlich beschäftigt, aber ich beabsichtige, meine letzten Lebensjahre der Abfassung eines Lehrbuchs zu widmen, das die gesamte Kunst der Detektion in einem Band bündeln soll. Unsere gegenwärtige Recherche scheint ein Mordfall zu sein.“
„Sie glauben also, dieser Sir Eustace ist tot?“
„Das würde ich sagen. Hopkins’ Schrift zeigt beträchtliche Aufregung, und er ist kein emotionaler Mann. Ja, ich schließe daraus, dass es Gewalt gegeben hat und dass die Leiche zu unserer Begutachtung daliegt. Ein bloßer Selbstmord hätte ihn nicht dazu veranlasst, nach mir zu schicken. Was die Befreiung der Dame angeht, so scheint es, als wäre sie während der Tragödie in ihrem Zimmer eingesperrt gewesen. Wir bewegen uns in den oberen Kreisen, Watson, knackendes Papier, ‚E.B.‘-Monogramm, Familienwappen, malerische Adresse. Ich denke, Freund Hopkins wird seinem Ruf gerecht werden, und wir werden einen interessanten Morgen haben. Das Verbrechen wurde vor zwölf Uhr letzte Nacht verübt.“
„Woher können Sie das so genau wissen?“
„Durch die Überprüfung der Züge und durch die Berechnung der Zeit. Die örtliche Polizei musste hinzugerufen werden, sie musste mit Scotland Yard kommunizieren, Hopkins musste hinausfahren, und er wiederum musste nach mir schicken. Das alles ergibt eine ordentliche Nachtarbeit. Nun, hier sind wir am Bahnhof Chiselhurst, und wir werden bald unsere Zweifel ausräumen.“
Eine zweimeilige Fahrt durch schmale Landstraßen brachte uns zu einem Parktor, das uns von einem alten Pförtner geöffnet wurde, dessen hageres Gesicht den Widerschein eines großen Unglücks trug. Die Allee verlief durch einen prächtigen Park zwischen Reihen alter Ulmen und endete in einem niedrigen, weitläufigen Haus, das an der Vorderseite nach Art des Palladio mit Säulen versehen war. Der mittlere Teil war offensichtlich von großem Alter und in Efeu gehüllt, doch die großen Fenster zeigten, dass moderne Veränderungen vorgenommen worden waren, und ein Flügel des Hauses schien völlig neu zu sein. Die jugendliche Gestalt und das wache, eifrige Gesicht von Inspektor Stanley Hopkins erwarteten uns in der offenen Tür.
„Ich bin sehr froh, dass Sie gekommen sind, Mr. Holmes. Und Sie auch, Dr. Watson. Aber wahrlich, hätte ich die Zeit noch einmal, würde ich Sie nicht bemüht haben, denn seit die Dame wieder zu sich gekommen ist, hat sie einen so klaren Bericht über die Angelegenheit gegeben, dass für uns nicht viel zu tun übrig bleibt. Erinnern Sie sich an diese Lewisham-Einbrecherbande?“
„Was, die drei Randalls?“
„Genau; der Vater und die zwei Söhne. Es ist ihr Werk. Ich habe keinen Zweifel daran. Sie haben vor vierzehn Tagen einen Job in Sydenham gemacht und wurden gesehen und beschrieben. Ziemlich abgebrüht, so bald und so nah noch einen zu machen, aber es sind sie, ohne allen Zweifel. Diesmal ist es eine Sache, auf die der Galgen steht.“
„Sir Eustace ist also tot?“
„Ja, sein Kopf wurde mit seinem eigenen Schürhaken eingeschlagen.“
„Sir Eustace Brackenstall, wie der Kutscher mir sagt.“
„Genau – einer der reichsten Männer in Kent – Lady Brackenstall ist im Vormittagszimmer. Die arme Dame, sie hat eine höchst schreckliche Erfahrung gemacht. Sie schien halb tot, als ich sie zuerst sah. Ich denke, Sie sollten sie am besten sehen und ihren Bericht über die Fakten hören. Dann werden wir gemeinsam das Esszimmer untersuchen.“
Lady Brackenstall war keine gewöhnliche Person. Selten habe ich eine so anmutige Gestalt, eine so frauliche Erscheinung und ein so schönes Gesicht gesehen. Sie war eine Blonde, goldhaarig, blauäugig, und hätte zweifellos den perfekten Teint gehabt, der zu einer solchen Färbung gehört, hätte ihre jüngste Erfahrung sie nicht gezeichnet und hager hinterlassen. Ihre Leiden waren sowohl körperlicher als auch seelischer Natur, denn über einem Auge erhob sich eine scheußliche, pflaumenfarbene Schwellung, die ihre Zofe, eine große, strenge Frau, eifrig mit Essigwasser abtupfte. Die Dame lag erschöpft auf einer Chaiselongue, doch ihr rascher, beobachtender Blick, als wir den Raum betraten, und der wache Ausdruck ihrer schönen Züge zeigten, dass weder ihr Verstand noch ihr Mut durch ihre schreckliche Erfahrung erschüttert worden waren. Sie war in einen losen Morgenrock aus Blau und Silber gehüllt, doch ein schwarzes, mit Pailletten besetztes Abendkleid lag auf dem Sofa neben ihr.
„Ich habe Ihnen alles erzählt, was geschah, Mr. Hopkins“, sagte sie müde. „Könnten Sie es nicht für mich wiederholen? Nun, wenn Sie es für notwendig halten, werde ich diesen Herren erzählen, was sich zugetragen hat. Waren sie schon im Esszimmer?“
„Ich dachte, sie sollten zuerst die Geschichte Ihrer Ladyschaft hören.“
„Ich werde froh sein, wenn Sie die Angelegenheiten regeln können. Es ist für mich schrecklich, daran zu denken, dass er immer noch dort liegt.“ Sie schauderte und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Während sie das tat, rutschte der lose Morgenrock von ihren Unterarmen zurück. Holmes stieß einen Ausruf aus.
„Sie haben weitere Verletzungen, gnädige Frau! Was ist das?“ Zwei leuchtend rote Punkte hoben sich von einem der weißen, runden Glieder ab. Sie bedeckte es hastig.
„Es ist nichts. Es hat keinen Zusammenhang mit diesem scheußlichen Geschäft heute Nacht. Wenn Sie und Ihr Freund sich setzen, werde ich Ihnen alles erzählen, was ich kann.“
„Ich bin die Ehefrau von Sir Eustace Brackenstall. Ich bin seit etwa einem Jahr verheiratet. Ich nehme an, es hat keinen Zweck, dass ich versuche zu verbergen, dass unsere Ehe keine glückliche war. Ich fürchte, alle unsere Nachbarn würden Ihnen das sagen, selbst wenn ich versuchen würde, es zu leugnen. Vielleicht liegt die Schuld zum Teil bei mir. Ich bin in der freieren, weniger konventionellen Atmosphäre von Südaustralien aufgewachsen, und dieses englische Leben mit seinen Anstandsregeln und seiner Prüderie ist mir nicht zugetan. Doch der Hauptgrund liegt in der einen Tatsache, die jedem bekannt ist, und das ist, dass Sir Eustace ein notorischer Trinker war. Mit einem solchen Mann eine Stunde zusammen zu sein, ist unangenehm. Können Sie sich vorstellen, was es für eine sensible und lebensfrohe Frau bedeutet, Tag und Nacht an ihn gefesselt zu sein? Es ist ein Sakrileg, ein Verbrechen, eine Schurkerei, zu behaupten, dass eine solche Ehe bindend sei. Ich sage, dass diese monströsen Gesetze von Ihnen einen Fluch über das Land bringen werden – Gott wird nicht zulassen, dass eine solche Bosheit Bestand hat.“ Für einen Augenblick setzte sie sich auf, die Wangen gerötet und die Augen unter dem schrecklichen Mal auf ihrer Stirn flammend. Dann zog die starke, beruhigende Hand der strengen Zofe ihren Kopf auf das Kissen zurück, und die wilde Wut starb in leidenschaftlichem Schluchzen ab. Schließlich fuhr sie fort:
„Ich werde Ihnen von letzter Nacht erzählen. Sie wissen vielleicht, dass in diesem Haus alle Bediensteten im modernen Flügel schlafen. Dieser zentrale Block besteht aus den Wohnräumen, mit der Küche dahinter und unserem Schlafzimmer darüber. Meine Zofe, Theresa, schläft über meinem Zimmer. Es ist sonst niemand da, und kein Geräusch könnte diejenigen aufschrecken, die im weiter entfernten Flügel sind. Dies muss den Räubern wohlbekannt gewesen sein, sonst hätten sie nicht so gehandelt.
Sir Eustace zog sich gegen halb elf zurück. Die Dienerschaft war bereits in ihre Quartiere gegangen. Nur meine Zofe war noch auf, und sie war in ihrem Zimmer ganz oben im Haus geblieben, bis ich ihre Dienste benötigte. Ich saß bis nach elf Uhr in diesem Zimmer, vertieft in ein Buch. Dann ging ich herum, um zu sehen, ob alles in Ordnung war, bevor ich nach oben ging. Es war meine Gewohnheit, dies selbst zu tun, denn, wie ich bereits erklärte, war Sir Eustace nicht immer zu trauen. Ich ging in die Küche, die Butler-Speisekammer, das Waffenlager, das Billardzimmer, das Wohnzimmer und schließlich das Esszimmer. Als ich mich dem Fenster näherte, das mit dicken Vorhängen bedeckt ist, spürte ich plötzlich den Wind auf meinem Gesicht und erkannte, dass es offen war. Ich warf den Vorhang beiseite und stand einem breitschultrigen, älteren Mann gegenüber, der gerade in den Raum gestiegen war. Das Fenster ist ein langes französisches, das eigentlich eine Tür zum Rasen bildet. Ich hielt meine Schlafzimmerkerze brennend in der Hand, und bei ihrem Licht sah ich hinter dem ersten Mann zwei andere, die gerade im Begriff waren einzutreten. Ich wich zurück, doch der Kerl war in einem Augenblick bei mir. Er packte mich erst am Handgelenk und dann an der Kehle. Ich öffnete den Mund zum Schreien, doch er versetzte mir einen wütenden Schlag mit der Faust über das Auge und streckte mich zu Boden. Ich muss für einige Minuten bewusstlos gewesen sein, denn als ich wieder zu mir kam, fand ich, dass sie das Glockenseil abgerissen und mich fest an den Eichenstuhl gefesselt hatten, der am Kopfende des Esstisches steht. Ich war so fest gebunden, dass ich mich nicht bewegen konnte, und ein Taschentuch um meinen Mund hinderte mich daran, einen Laut von mir zu geben. In diesem Augenblick trat mein unglücklicher Ehemann in den Raum. Er hatte offensichtlich einige verdächtige Geräusche gehört und war auf eine solche Szene, wie er sie vorfand, vorbereitet. Er war in Nachthemd und Hose gekleidet, mit seinem bevorzugten Schwarzdornstock in der Hand. Er stürzte auf die Einbrecher zu, doch ein anderer – es war ein älterer Mann – bückte sich, nahm den Schürhaken aus dem Kamin und versetzte ihm einen entsetzlichen Schlag, als er vorbeikam. Er fiel mit einem Stöhnen und bewegte sich nie wieder. Ich wurde noch einmal ohnmächtig, aber auch das kann nur für wenige Minuten gewesen sein, in denen ich besinnungslos war. Als ich die Augen öffnete, fand ich, dass sie das Silber vom Anrichtetisch gesammelt hatten und eine Flasche Wein geöffnet hatten, die dort stand. Jeder von ihnen hatte ein Glas in der Hand. Ich habe Ihnen bereits gesagt, nicht wahr, dass einer älter war, mit einem Bart, und die anderen junge, haarlose Burschen? Es hätten ein Vater mit seinen zwei Söhnen sein können. Sie sprachen flüsternd miteinander. Dann kamen sie herüber und überzeugten sich davon, dass ich sicher gefesselt war. Schließlich zogen sie sich zurück und schlossen das Fenster hinter sich. Es dauerte eine gute Viertelstunde, bis ich meinen Mund frei bekam. Als ich es schaffte, brachten meine Schreie die Zofe zu meiner Hilfe. Die anderen Bediensteten waren bald alarmiert, und wir schickten nach der örtlichen Polizei, die sofort mit London kommunizierte. Das ist wirklich alles, was ich Ihnen sagen kann, meine Herren, und ich hoffe, dass es nicht notwendig sein wird, eine so schmerzliche Geschichte noch einmal durchzugehen.“
„Irgendwelche Fragen, Mr. Holmes?“, fragte Hopkins.
„Ich werde Lady Brackenstalls Geduld und Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen“, sagte Holmes. „Bevor ich in das Esszimmer gehe, möchte ich Ihre Erfahrung hören.“ Er sah die Zofe an.
„Ich habe die Männer gesehen, noch bevor sie ins Haus kamen“, sagte sie. „Als ich an meinem Schlafzimmerfenster saß, sah ich drei Männer im Mondlicht dort unten am Pförtnerhaus, doch ich dachte mir damals nichts dabei. Es war mehr als eine Stunde später, als ich meine Herrin schreien hörte, und ich rannte hinunter, um sie zu finden, das arme Lamm, genau wie sie sagt, und ihn auf dem Boden, mit seinem Blut und seinem Gehirn über den ganzen Raum verteilt. Es war genug, um eine Frau um den Verstand zu bringen, da gefesselt, und ihr Kleid selbst mit ihm befleckt, aber an Mut hat es ihr nie gefehlt, der Miss Mary Fraser aus Adelaide, und Lady Brackenstall von Abbey Grange hat keine neuen Sitten gelernt. Sie haben sie lange genug befragt, meine Herren, und nun kommt sie in ihr eigenes Zimmer, nur mit ihrer alten Theresa, um die Ruhe zu finden, die sie bitter nötig hat.“
Mit mütterlicher Zärtlichkeit legte die hageren Frau ihren Arm um ihre Herrin und führte sie aus dem Zimmer.
„Sie ist ihr ganzes Leben bei ihr gewesen“, sagte Hopkins. „Hat sie als Baby gestillt und kam mit ihr nach England, als sie vor achtzehn Monaten zum ersten Mal Australien verließen. Theresa Wright ist ihr Name, und die Art von Zofe, die man heutzutage nicht mehr findet. Hier entlang, Mr. Holmes, wenn es beliebt!“
Das lebhafte Interesse war aus Holmes’ ausdrucksstarkem Gesicht verschwunden, und ich wusste, dass mit dem Geheimnis auch der ganze Reiz des Falles verflogen war. Es blieb noch eine Verhaftung zu vollziehen, aber was waren das für gewöhnliche Schurken, dass er sich mit ihnen die Hände schmutzig machen sollte? Ein tiefgründiger und gelehrter Spezialist, der feststellt, dass er zu einem Masernfall gerufen wurde, würde etwas von dem Verdruss verspüren, den ich in den Augen meines Freundes las. Dennoch war die Szene im Esszimmer von Abbey Grange seltsam genug, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln und sein schwindendes Interesse zurückzurufen.
Es war ein sehr großer und hoher Raum mit geschnitzter Eichendecke, Eichentäfelung und einer schönen Anordnung von Hirschgeweihen und alten Waffen an den Wänden. Am anderen Ende gegenüber der Tür befand sich das hohe französische Fenster, von dem wir gehört hatten. Drei kleinere Fenster auf der rechten Seite erfüllten das Zimmer mit kaltem Wintersonnenschein. Auf der linken Seite befand sich ein großer, tiefer Kamin mit einem massiven, überhängenden Eichenkaminmantel. Neben dem Kamin stand ein schwerer Eichenstuhl mit Armlehnen und Querstreben am Boden. In und durch das offene Holzwerk war eine karmesinrote Kordel geflochten, die auf jeder Seite an der Querstrebe unten befestigt war. Bei der Befreiung der Dame war die Kordel von ihr abgestreift worden, doch die Knoten, mit denen sie befestigt war, blieben bestehen. Diese Details fielen uns erst später auf, denn unsere Gedanken waren völlig von dem schrecklichen Objekt absorbiert, das auf dem Tigerfell-Kaminteppich vor dem Feuer lag.
Es war die Leiche eines großen, wohlgebauten Mannes von etwa vierzig Jahren. Er lag auf dem Rücken, sein Gesicht nach oben gerichtet, mit weißen Zähnen, die durch seinen kurzen, schwarzen Bart grinsten. Seine beiden geballten Fäuste waren über seinem Kopf erhoben, und ein schwerer Schwarzdornstock lag quer darüber. Seine dunklen, schönen, aquilinischen Gesichtszüge waren in einem Krampf von rachsüchtigem Hass verzerrt, der sein totes Gesicht in einem schrecklich teuflischen Ausdruck erstarren ließ. Er muss in seinem Bett gewesen sein, als der Alarm ausgebrochen war, denn er trug ein geckhaftes, besticktes Nachthemd, und seine nackten Füße ragten aus der Hose hervor. Sein Kopf war schrecklich verletzt, und der ganze Raum zeugte von der wilden Grausamkeit des Schlages, der ihn niedergestreckt hatte. Neben ihm lag der schwere Schürhaken, durch den Aufprall in eine Kurve gebogen. Holmes untersuchte sowohl diesen als auch das unbeschreibliche Unheil, das er angerichtet hatte.
„Er muss ein kräftiger Mann sein, dieser ältere Randall“, bemerkte er.
„Ja“, sagte Hopkins. „Ich habe einige Aufzeichnungen über den Kerl, und er ist ein rauer Kunde.“
„Sie sollten keine Schwierigkeiten haben, ihn zu fassen.“
„Nicht die geringsten. Wir haben nach ihm Ausschau gehalten, und es gab die Vermutung, dass er sich nach Amerika abgesetzt hatte. Jetzt, da wir wissen, dass die Bande hier ist, sehe ich nicht, wie sie entkommen können. Wir haben die Nachricht bereits an jedem Seehafen, und vor dem Abend wird eine Belohnung ausgesetzt werden. Was mich verblüfft, ist, wie sie eine so wahnsinnige Sache tun konnten, in dem Wissen, dass die Dame sie beschreiben könnte und dass wir die Beschreibung unweigerlich wiedererkennen würden.“
„Genau. Man hätte erwartet, dass sie Lady Brackenstall ebenfalls zum Schweigen bringen würden.“
„Sie haben vielleicht nicht bemerkt“, gab ich zu bedenken, „dass sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war.“
„Das ist gut möglich. Wenn sie bewusstlos schien, würden sie ihr nicht das Leben nehmen. Was ist mit diesem armen Kerl, Hopkins? Mir scheint, ich habe ein paar sonderbare Geschichten über ihn gehört.“
„Er war ein herzensguter Mann, wenn er nüchtern war, aber ein wahrer Teufel, wenn er trank, oder besser gesagt, wenn er halb betrunken war, denn er ging selten wirklich den ganzen Weg. Der Teufel schien in solchen Momenten in ihm zu stecken, und er war zu allem fähig. Soweit ich höre, wäre er trotz all seines Reichtums und seines Titels das eine oder andere Mal beinahe bei uns gelandet. Es gab einen Skandal, weil er einen Hund mit Petroleum übergoss und anzündete – den Hund ihrer Ladyship, um die Sache noch schlimmer zu machen –, und das konnte nur mit Mühe vertuscht werden. Dann warf er eine Karaffe nach dem Dienstmädchen, Theresa Wright – das gab Ärger. Alles in allem, und unter uns gesagt, wird es ein helleres Haus ohne ihn sein. Was betrachten Sie da gerade?“
Holmes kniete auf dem Boden und untersuchte mit großer Aufmerksamkeit die Knoten an der roten Kordel, mit der die Dame gefesselt worden war. Dann prüfte er sorgfältig das gebrochene und ausgefranste Ende, wo sie abgerissen war, als der Einbrecher sie heruntergezogen hatte.
„Als dies heruntergezogen wurde, muss die Glocke in der Küche laut geläutet haben“, bemerkte er.
„Niemand konnte es hören. Die Küche liegt ganz hinten im Haus.“
„Woher wusste der Einbrecher, dass es niemand hören würde? Wie konnte er es wagen, auf so leichtsinnige Weise an einem Glockenzug zu ziehen?“
„Ganz genau, Mr. Holmes, ganz genau. Sie stellen genau die Frage, die ich mir immer wieder selbst gestellt habe. Es kann keinen Zweifel geben, dass dieser Kerl das Haus und seine Gewohnheiten gekannt haben muss. Er muss genau gewusst haben, dass die Dienerschaft um diese vergleichsweise frühe Stunde bereits zu Bett gegangen war und dass niemand ein Glockenläuten in der Küche hören konnte. Daher muss er im engen Bunde mit einem der Bediensteten gestanden haben. Das ist doch offensichtlich. Aber es gibt acht Bedienstete, und alle haben einen guten Leumund.“
„Wenn alle anderen Umstände gleich sind“, sagte Holmes, „würde man denjenigen verdächtigen, an dessen Kopf der Herr eine Karaffe geworfen hat. Und doch würde das Verrat gegenüber der Herrin bedeuten, der diese Frau ergeben scheint. Nun, nun, der Punkt ist nebensächlich, und wenn Sie Randall haben, werden Sie wahrscheinlich keine Schwierigkeiten haben, seinen Komplizen zu finden. Die Geschichte der Dame scheint durch jedes Detail, das wir hier vor uns sehen, durchaus bestätigt zu werden, falls sie eine Bestätigung nötig hätte.“ Er ging zum Fenstertür und stieß sie auf. „Hier gibt es keine Spuren, aber der Boden ist eisenhart, und man würde auch keine erwarten. Ich sehe, dass diese Kerzen auf dem Kaminsims angezündet worden sind.“
„Ja, bei ihrem Licht und dem der Schlafzimmerkerze der Dame sahen die Einbrecher, wo sie hin mussten.“
„Und was haben sie mitgenommen?“
„Nun, sie haben nicht viel mitgenommen – nur ein halbes Dutzend Silberstücke vom Anrichte. Lady Brackenstall glaubt, dass sie selbst durch den Tod von Sir Eustace so verstört waren, dass sie das Haus nicht durchsuchten, wie sie es sonst getan hätten.“
„Zweifellos ist das wahr, und doch haben sie etwas Wein getrunken, wie ich verstehe.“
„Um ihre Nerven zu beruhigen.“
„Genau. Diese drei Gläser auf der Anrichte sind unberührt geblieben, nehme ich an?“
„Ja, und die Flasche steht da, wie sie sie zurückgelassen haben.“
„Lassen Sie uns einen Blick darauf werfen. Halloa, halloa! Was ist das?“
Die drei Gläser standen beieinander, alle noch mit Wein benetzt, und in einem davon befand sich noch ein Bodensatz an Depot. Die Flasche stand in der Nähe, zu zwei Dritteln voll, und daneben lag ein langer, tief verfärbter Korken. Sein Aussehen und der Staub auf der Flasche zeigten, dass es kein gewöhnlicher Jahrgang war, den die Mörder genossen hatten.
Eine Veränderung war über Holmes’ Art gekommen. Er hatte seinen teilnahmslosen Ausdruck verloren, und wieder sah ich ein waches Licht des Interesses in seinen scharfen, tief liegenden Augen. Er hob den Korken auf und untersuchte ihn eingehend.
„Wie haben sie ihn herausgezogen?“, fragte er.
Hopkins zeigte auf eine halb geöffnete Schublade. Darin lagen etwas Tischwäsche und ein großer Korkenzieher.
„Hat Lady Brackenstall gesagt, dass dieser Zieher benutzt wurde?“
„Nein, Sie erinnern sich, dass sie in dem Moment, als die Flasche geöffnet wurde, bewusstlos war.“
„Ganz recht. Tatsächlich wurde dieser Zieher nicht benutzt. Diese Flasche wurde mit einem Taschenzieher geöffnet, der wahrscheinlich in einem Messer enthalten war und nicht länger als anderthalb Zoll war. Wenn Sie den Kopf des Korkens untersuchen, werden Sie feststellen, dass der Zieher dreimal hineingedreht wurde, bevor der Korken herausgezogen wurde. Er wurde nie ganz durchstochen. Dieser lange Zieher hätte ihn durchstochen und mit einem einzigen Zug herausgezogen. Wenn Sie diesen Kerl schnappen, werden Sie feststellen, dass er eines dieser multifunktionalen Messer bei sich trägt.“
„Exzellent!“, sagte Hopkins.
„Aber diese Gläser machen mich ratlos, das gestehe ich. Lady Brackenstall hat tatsächlich gesehen, wie die drei Männer tranken, nicht wahr?“
„Ja; da war sie sich sicher.“
„Dann ist die Sache erledigt. Was gibt es noch zu sagen? Und doch müssen Sie zugeben, dass die drei Gläser sehr bemerkenswert sind, Hopkins. Was? Sie sehen nichts Bemerkenswertes? Nun, nun, lassen wir es gut sein. Vielleicht ermutigt es einen Mann mit Spezialwissen und besonderen Fähigkeiten wie den meinen eher dazu, eine komplizierte Erklärung zu suchen, wenn eine einfachere zur Hand ist. Natürlich muss es ein reiner Zufall mit den Gläsern sein. Nun, guten Morgen, Hopkins. Ich sehe nicht, dass ich Ihnen von Nutzen sein kann, und Sie scheinen Ihren Fall sehr klar zu haben. Sie lassen mich wissen, wenn Randall verhaftet ist, und ob es weitere Entwicklungen gibt. Ich hoffe, dass ich Ihnen bald zu einem erfolgreichen Abschluss gratulieren kann. Kommen Sie, Watson, ich glaube, wir können uns zu Hause nützlicher beschäftigen.“
Während unserer Rückreise konnte ich an Holmes’ Gesicht sehen, dass er über etwas, das er beobachtet hatte, sehr verwundert war. Hin und wieder versuchte er mit einer Anstrengung, den Eindruck abzuschütteln, und sprach so, als sei die Angelegenheit geklärt, aber dann überkamen ihn seine Zweifel wieder, und seine gerunzelte Stirn und seine abwesenden Augen zeigten, dass seine Gedanken wieder in das große Esszimmer der Abbey Grange zurückgekehrt waren, in dem sich diese mitternächtliche Tragödie abgespielt hatte. Schließlich, durch einen plötzlichen Impuls, gerade als unser Zug aus einem Vorortbahnhof kroch, sprang er auf den Bahnsteig und zog mich hinter sich her.
„Verzeihen Sie mir, mein lieber Freund“, sagte er, als wir beobachteten, wie die hinteren Wagen unseres Zuges hinter einer Kurve verschwanden, „es tut mir leid, Sie zum Opfer dessen zu machen, was wie eine bloße Laune erscheinen mag, aber bei meinem Leben, Watson, ich kann diesen Fall einfach nicht in diesem Zustand belassen. Jeder Instinkt, den ich besitze, schreit dagegen. Es ist falsch – es ist alles falsch – ich könnte schwören, dass es falsch ist. Und doch war die Geschichte der Dame vollständig, die Bestätigung des Dienstmädchens ausreichend, das Detail war ziemlich genau. Was habe ich dem entgegenzusetzen? Drei Weingläser, das ist alles. Aber wenn ich die Dinge nicht als gegeben hingenommen hätte, wenn ich alles mit der Sorgfalt untersucht hätte, die ich gezeigt hätte, wenn wir uns dem Fall de novo genähert hätten und keine fertige Geschichte gehabt hätten, die meinen Verstand trübt, hätte ich dann nicht etwas Definitiveres gefunden, worauf ich aufbauen könnte? Natürlich hätte ich das. Setzen Sie sich auf diese Bank, Watson, bis ein Zug nach Chiselhurst kommt, und erlauben Sie mir, Ihnen die Beweise darzulegen, wobei ich Sie inständig bitte, als Erstes den Gedanken aus Ihrem Kopf zu verbannen, dass alles, was das Dienstmädchen oder ihre Herrin gesagt haben mag, notwendigerweise wahr sein muss. Die charmante Persönlichkeit der Dame darf unser Urteilsvermögen nicht trüben.
Sicherlich gibt es Details in ihrer Geschichte, die, wenn wir sie mit kühlem Kopf betrachten, unseren Verdacht erregen würden. Diese Einbrecher haben vor vierzehn Tagen eine beträchtliche Beute in Sydenham gemacht. Ein Bericht über sie und ihr Aussehen war in den Zeitungen und würde jedem, der eine Geschichte erfinden wollte, in der sich imaginäre Räuber eine Rolle spielen sollen, natürlich in den Sinn kommen. Tatsächlich sind Einbrecher, die einen guten Coup gelandet haben, in der Regel nur allzu froh, die Beute in Ruhe und Frieden zu genießen, ohne sich auf ein weiteres riskantes Unterfangen einzulassen. Wiederum ist es ungewöhnlich für Einbrecher, zu einer so frühen Stunde zu operieren, es ist ungewöhnlich für Einbrecher, eine Dame zu schlagen, um sie am Schreien zu hindern, da man sich vorstellen würde, das sei der sicherste Weg, sie zum Schreien zu bringen, es ist ungewöhnlich für sie, einen Mord zu begehen, wenn sie in ausreichender Zahl sind, um einen Mann zu überwältigen, es ist ungewöhnlich für sie, sich mit einer begrenzten Beute zufrieden zu geben, wenn weit mehr in ihrer Reichweite war, und schließlich würde ich sagen, dass es sehr ungewöhnlich für solche Männer ist, eine Flasche halb leer zurückzulassen. Wie wirken all diese Ungewöhnlichkeiten auf Sie, Watson?“
„Ihre kumulative Wirkung ist sicherlich beträchtlich, und doch ist jedes von ihnen für sich genommen durchaus möglich. Das Ungewöhnlichste von allem scheint mir zu sein, dass die Dame an den Stuhl gebunden wurde.“
„Nun, da bin ich mir nicht so sicher, Watson, denn es ist offensichtlich, dass sie sie entweder töten oder so sichern mussten, dass sie nicht sofort Alarm schlagen konnte, wenn sie flohen. Aber jedenfalls habe ich gezeigt, nicht wahr, dass die Geschichte der Dame ein gewisses Element der Unwahrscheinlichkeit enthält? Und nun kommt noch der Vorfall mit den Weingläsern dazu.“
„Was ist mit den Weingläsern?“
„Können Sie sie vor Ihrem geistigen Auge sehen?“
„Ich sehe sie deutlich.“
„Uns wurde gesagt, dass drei Männer daraus getrunken haben. Erscheint Ihnen das wahrscheinlich?“
„Warum nicht? In jedem Glas war Wein.“
„Genau, aber nur in einem Glas war Depot. Das müssen Sie bemerkt haben. Was suggeriert Ihnen das?“
„Das zuletzt gefüllte Glas enthielt höchstwahrscheinlich das Depot.“
„Keineswegs. Die Flasche war voll davon, und es ist undenkbar, dass die ersten beiden Gläser klar waren und das dritte schwer damit belastet. Es gibt zwei mögliche Erklärungen, und nur zwei. Die eine ist, dass die Flasche nach dem Füllen des zweiten Glases heftig geschüttelt wurde und so das dritte Glas das Depot erhielt. Das erscheint nicht wahrscheinlich. Nein, nein, ich bin sicher, dass ich recht habe.“
„Was vermuten Sie dann?“
„Dass nur zwei Gläser benutzt wurden und dass der Bodensatz aus beiden in ein drittes Glas gegossen wurde, um den falschen Eindruck zu erwecken, dass drei Personen hier gewesen wären. Auf diese Weise wäre das gesamte Depot im letzten Glas, nicht wahr? Ja, ich bin überzeugt, dass es so ist. Aber wenn ich die wahre Erklärung dieses einen kleinen Phänomens gefunden habe, dann steigt der Fall in einem Augenblick vom Gewöhnlichen zum außerordentlich Bemerkenswerten auf, denn es kann nur bedeuten, dass Lady Brackenstall und ihr Dienstmädchen uns absichtlich belogen haben, dass kein einziges Wort ihrer Geschichte zu glauben ist, dass sie einen sehr triftigen Grund haben, den wirklichen Verbrecher zu decken, und dass wir unseren Fall ohne jegliche Hilfe von ihnen selbst konstruieren müssen. Das ist die Mission, die nun vor uns liegt, und hier, Watson, ist der Zug nach Sydenham.“
Die Dienerschaft in der Abbey Grange war sehr überrascht über unsere Rückkehr, aber Sherlock Holmes, der feststellte, dass Stanley Hopkins zur Meldung an das Hauptquartier abgereist war, nahm das Esszimmer in Beschlag, schloss die Tür von innen ab und widmete sich zwei Stunden lang einer jener minutiösen und mühsamen Untersuchungen, die das solide Fundament bilden, auf dem seine brillanten Schlussfolgerungsgebäude errichtet wurden. In einer Ecke sitzend wie ein interessierter Student, der die Demonstration seines Professors beobachtet, verfolgte ich jeden Schritt dieser bemerkenswerten Nachforschung. Das Fenster, die Vorhänge, der Teppich, der Stuhl, das Seil – jedes wurde der Reihe nach minutiös untersucht und gebührend durchdacht. Der Körper des unglücklichen Baronets war entfernt worden, und alles andere blieb, wie wir es am Morgen gesehen hatten. Schließlich, zu meinem Erstaunen, kletterte Holmes auf den massiven Kaminsims. Hoch über seinem Kopf hingen die wenigen Zentimeter der roten Kordel, die noch am Draht befestigt waren. Lange Zeit starrte er hinauf, und dann stützte er, um näher heranzukommen, sein Knie auf eine hölzerne Wandkonsole. Dies brachte seine Hand bis auf wenige Zentimeter an das gebrochene Ende des Seils, aber es war nicht so sehr dies, sondern die Konsole selbst, die seine Aufmerksamkeit zu fesseln schien. Schließlich sprang er mit einem Ausruf der Zufriedenheit hinunter.
„Es ist alles in Ordnung, Watson“, sagte er. „Wir haben unseren Fall – einen der bemerkenswertesten in unserer Sammlung. Aber, mein Gott, wie schwerfällig ich doch gewesen bin, und wie nah war ich daran, den größten Fehler meines Lebens zu begehen! Nun, ich denke, mit ein paar fehlenden Gliedern ist meine Kette fast komplett.“
„Sie haben Ihre Männer?“
„Mann, Watson, Mann. Nur einer, aber eine sehr beeindruckende Persönlichkeit. Stark wie ein Löwe – man denke nur an den Schlag, der den Schürhaken verbog! Sechs Fuß drei Zoll groß, beweglich wie ein Eichhörnchen, geschickt mit den Fingern, schließlich bemerkenswert schlagfertig, denn diese ganze geniale Geschichte ist auf seinem Mist gewachsen. Ja, Watson, wir sind auf die Handarbeit eines sehr bemerkenswerten Individuums gestoßen. Und doch hat er uns in diesem Glockenseil einen Hinweis gegeben, der uns nicht im Zweifel hätte lassen dürfen.“
„Wo war der Hinweis?“
„Nun, wenn Sie an einem Glockenseil ziehen würden, Watson, wo würden Sie erwarten, dass es reißt? Sicherlich an der Stelle, wo es am Draht befestigt ist. Warum sollte es drei Zoll vom oberen Ende entfernt reißen, wie es dieses getan hat?“
„Weil es dort durchgescheuert ist?“
„Genau. Dieses Ende, das wir untersuchen können, ist ausgefranst. Er war schlau genug, das mit seinem Messer zu tun. Aber das andere Ende ist nicht ausgefranst. Das konnten Sie von hier aus nicht sehen, aber wenn Sie auf dem Kaminsims wären, würden Sie sehen, dass es sauber abgeschnitten ist, ohne jede Spur von Ausfransung. Sie können rekonstruieren, was passiert ist. Der Mann brauchte das Seil. Er wollte es nicht abreißen, aus Angst, durch das Läuten der Glocke Alarm zu schlagen. Was tat er? Er sprang auf den Kaminsims, konnte es nicht ganz erreichen, stützte sein Knie auf die Konsole – Sie werden den Abdruck im Staub sehen – und so konnte er mit seinem Messer auf die Kordel einwirken. Ich konnte die Stelle um mindestens drei Zoll nicht erreichen – woraus ich schließe, dass er mindestens drei Zoll größer ist als ich. Sehen Sie sich diesen Fleck auf dem Sitz des Eichenstuhls an! Was ist das?“
„Blut.“
„Zweifellos ist es Blut. Dies allein entkräftet die Geschichte der Dame. Wenn sie auf dem Stuhl saß, als das Verbrechen geschah, woher kommt dann dieser Fleck? Nein, nein, sie wurde nach dem Tod ihres Mannes auf den Stuhl gesetzt. Ich wette, das schwarze Kleid weist einen entsprechenden Fleck auf. Wir haben unser Waterloo noch nicht erlebt, Watson, aber dies ist unser Marengo, denn es beginnt mit einer Niederlage und endet mit einem Sieg. Ich möchte jetzt ein paar Worte mit der Krankenschwester, Theresa, wechseln. Wir müssen eine Weile vorsichtig sein, wenn wir die Informationen bekommen wollen, die wir brauchen.“
Sie war eine interessante Person, diese strenge australische Krankenschwester – wortkarg, misstrauisch, ungnädig, es dauerte einige Zeit, bis Holmes’ freundliches Auftreten und seine offene Annahme von allem, was sie sagte, sie zu einer entsprechenden Liebenswürdigkeit auftaute. Sie versuchte nicht, ihren Hass auf ihren verstorbenen Arbeitgeber zu verbergen.
„Ja, mein Herr, es stimmt, dass er die Karaffe nach mir geworfen hat. Ich hörte, wie er meine Herrin einen Namen nannte, und ich sagte ihm, dass er es nicht wagen würde, so zu sprechen, wenn ihr Bruder hier gewesen wäre. Dann warf er sie nach mir. Er hätte ein Dutzend werfen können, wenn er nur meinen lieben Vogel in Ruhe gelassen hätte. Er hat sie ständig misshandelt, und sie war zu stolz, sich zu beschweren. Sie will mir nicht einmal alles sagen, was er ihr angetan hat. Sie hat mir nie von den Flecken an ihrem Arm erzählt, die Sie heute Morgen gesehen haben, aber ich weiß sehr wohl, dass sie von einem Stich mit einer Hutnadel stammen. Der hinterlistige Teufel – Gott verzeihe mir, dass ich so von ihm spreche, jetzt, da er tot ist! Aber ein Teufel war er, wenn jemals einer auf Erden wandelte. Er war voller Honig, als wir ihn zum ersten Mal trafen – erst achtzehn Monate her, und wir beide fühlen uns, als wären es achtzehn Jahre. Sie war gerade erst in London angekommen. Ja, es war ihre erste Reise – sie war noch nie von zu Hause weg gewesen. Er gewann sie mit seinem Titel und seinem Geld und seiner falschen Londoner Art. Wenn sie einen Fehler gemacht hat, hat sie dafür bezahlt, wie keine andere Frau. In welchem Monat haben wir ihn getroffen? Nun, ich sage Ihnen, es war kurz nachdem wir angekommen waren. Wir kamen im Juni an, und es war Juli. Sie haben im Januar letzten Jahres geheiratet. Ja, sie ist wieder im Frühstückszimmer, und ich bezweifle nicht, dass sie Sie empfangen wird, aber Sie dürfen ihr nicht zu viel zumuten, denn sie hat alles durchgemacht, was Fleisch und Blut ertragen kann.“
Lady Brackenstall lag auf derselben Couch, sah aber heller aus als zuvor. Das Dienstmädchen war mit uns hereingekommen und begann wieder einmal, den Bluterguss an der Stirn ihrer Herrin zu kühlen.
„Ich hoffe“, sagte die Dame, „dass Sie nicht gekommen sind, um mich erneut ins Kreuzverhör zu nehmen?“
„Nein“, antwortete Holmes mit seiner sanftesten Stimme, „ich werde Ihnen keine unnötigen Unannehmlichkeiten bereiten, Lady Brackenstall, und mein einziger Wunsch ist es, Ihnen die Dinge leicht zu machen, denn ich bin überzeugt, dass Sie eine schwer geprüfte Frau sind. Wenn Sie mich wie einen Freund behandeln und mir vertrauen, werden Sie vielleicht feststellen, dass ich Ihr Vertrauen rechtfertige.“
„Was wollen Sie, dass ich tue?“
„Mir die Wahrheit sagen.“
„Mr. Holmes!“
„Nein, nein, Lady Brackenstall – es hat keinen Zweck. Sie mögen von dem kleinen Ruf gehört haben, den ich besitze. Ich setze alles darauf, dass Ihre Geschichte eine absolute Fabrikation ist.“
Herrin und Dienstmädchen starrten Holmes beide mit blassen Gesichtern und verängstigten Augen an.
„Sie sind ein unverschämter Kerl!“, rief Theresa. „Wollen Sie damit sagen, dass meine Herrin gelogen hat?“
Holmes erhob sich von seinem Stuhl.
„Haben Sie mir nichts zu sagen?“
„Ich habe Ihnen alles gesagt.“
„Denken Sie noch einmal nach, Lady Brackenstall. Wäre es nicht besser, offen zu sein?“
Einen Moment lang zögerte sie mit ihrem schönen Gesicht. Dann ließ ein neuer, starker Gedanke es wie eine Maske erstarren.
„Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.“
Holmes nahm seinen Hut und zuckte mit den Schultern. „Es tut mir leid“, sagte er, und ohne ein weiteres Wort verließen wir das Zimmer und das Haus. Es gab einen Teich im Park, und dorthin führte mein Freund den Weg. Er war zugefroren, aber ein einziges Loch war für den Komfort eines einsamen Schwans freigelassen. Holmes betrachtete es und ging dann weiter zum Torhaus. Dort kritzelte er eine kurze Notiz für Stanley Hopkins und hinterließ sie beim Torwächter.
„Es mag ein Treffer sein oder ein Fehlschlag, aber wir sind verpflichtet, etwas für Freund Hopkins zu tun, nur um diesen zweiten Besuch zu rechtfertigen“, sagte er. „Ich werde ihn noch nicht ganz in mein Vertrauen ziehen. Ich denke, unser nächster Einsatzort muss das Versandbüro der Adelaide-Southampton-Linie sein, das sich am Ende der Pall Mall befindet, wenn ich mich recht erinnere. Es gibt eine zweite Linie von Dampfschiffen, die Südaustralien mit England verbindet, aber wir werden zuerst die größere Deckung abdecken.“
Die Visitenkarte, die Holmes dem Geschäftsführer zuschicken ließ, sicherte ihm sofortige Aufmerksamkeit, und es dauerte nicht lange, bis er alle Informationen erhalten hatte, die er benötigte. Im Juni des Jahres ’95 hatte nur eines ihrer Schiffe einen Heimathafen erreicht. Es war die Rock of Gibraltar, ihr größtes und bestes Schiff. Ein Blick in die Passagierliste zeigte, dass Miss Fraser aus Adelaide zusammen mit ihrem Dienstmädchen die Überfahrt auf ihr angetreten hatte. Das Boot befand sich nun irgendwo südlich des Sueskanals auf dem Weg nach Australien. Die Offiziere waren dieselben wie ’95, mit einer Ausnahme. Der erste Offizier, Mr. Jack Crocker, war zum Kapitän befördert worden und sollte das Kommando über ihr neues Schiff, die Bass Rock, übernehmen, das in zwei Tagen von Southampton aus in See stechen sollte. Er wohnte in Sydenham, war aber voraussichtlich an jenem Morgen dort, um Anweisungen entgegenzunehmen, falls wir gewillt wären, auf ihn zu warten.
Nein, Mr. Holmes hatte kein Verlangen danach, ihn zu sehen, wäre aber froh, mehr über seinen Werdegang und seinen Charakter zu erfahren.
Sein Werdegang war glänzend. Es gab keinen Offizier in der Flotte, der ihm das Wasser hätte reichen können. Was seinen Charakter betraf, so war er im Dienst zuverlässig, außerhalb des Decks jedoch ein wilder, verzweifelter Kerl – hitzköpfig, erregbar, aber loyal, ehrlich und gutherzig. Das war der Kern der Informationen, mit denen Holmes das Büro der Adelaide-Southampton-Gesellschaft verließ. Von dort fuhr er zu Scotland Yard, doch anstatt hineinzugehen, saß er mit zusammengezogenen Brauen in seiner Droschke, versunken in tiefes Nachdenken. Schließlich fuhr er zum Telegrafenamt am Charing Cross, schickte eine Nachricht ab, und dann machten wir uns endlich wieder auf den Weg zur Baker Street.
„Nein, Watson, ich konnte es nicht tun“, sagte er, als wir unser Zimmer wieder betraten. „Sobald dieser Haftbefehl ausgestellt wäre, könnte ihn nichts auf der Welt mehr retten. Ein- oder zweimal in meiner Laufbahn habe ich das Gefühl gehabt, durch die Entdeckung des Verbrechers mehr wirklichen Schaden angerichtet zu haben, als er es je durch sein Verbrechen getan hat. Ich bin jetzt vorsichtig geworden, und ich spiele lieber mit dem Gesetz von England als mit meinem eigenen Gewissen. Lassen Sie uns ein wenig mehr wissen, bevor wir handeln.“
Vor dem Abend erhielten wir Besuch von Inspektor Stanley Hopkins. Die Dinge liefen nicht sehr gut für ihn.
„Ich glaube, Sie sind ein Zauberer, Mr. Holmes. Ich denke wirklich manchmal, Sie besitzen Kräfte, die nicht menschlicher Natur sind. Wie um alles in der Welt konnten Sie wissen, dass das gestohlene Silber auf dem Grund dieses Teiches lag?“
„Ich wusste es nicht.“
„Aber Sie sagten mir, ich solle ihn untersuchen.“
„Sie haben es also gefunden?“
„Ja, ich habe es.“
„Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen helfen konnte.“
„Aber Sie haben mir nicht geholfen. Sie haben die Angelegenheit weitaus schwieriger gemacht. Was sind das für Einbrecher, die Silber stehlen und es dann in den nächstbesten Teich werfen?“
„Es war sicherlich ein ziemlich exzentrisches Verhalten. Ich ging lediglich von der Idee aus, dass, falls das Silber von Personen entwendet wurde, die es gar nicht wollten – die es sozusagen nur als Ablenkungsmanöver mitnahmen –, sie dann natürlich darauf bedacht wären, es loszuwerden.“
„Aber warum sollte Ihnen so ein Gedanke durch den Kopf gehen?“
„Nun, ich hielt es für möglich. Als sie durch die Fenstertür nach draußen kamen, war da der Teich mit einem verlockenden kleinen Loch im Eis, genau vor ihrer Nase. Könnte es ein besseres Versteck geben?“
„Ah, ein Versteck – das ist besser!“, rief Stanley Hopkins. „Ja, ja, jetzt sehe ich alles! Es war früh, es waren Leute auf den Straßen, sie hatten Angst, mit dem Silber gesehen zu werden, also versenkten sie es im Teich, in der Absicht zurückzukehren, wenn die Luft rein war. Ausgezeichnet, Mr. Holmes – das ist besser als Ihre Idee mit dem Ablenkungsmanöver.“
„Ganz recht, Sie haben eine bewundernswerte Theorie. Ich habe keinen Zweifel, dass meine eigenen Ideen ziemlich abwegig waren, aber Sie müssen zugeben, dass sie letztlich zur Entdeckung des Silbers geführt haben.“
„Ja, Sir – ja. Das war alles Ihr Werk. Aber ich habe einen schweren Rückschlag erlitten.“
„Einen Rückschlag?“
„Ja, Mr. Holmes. Die Randall-Bande wurde heute Morgen in New York verhaftet.“
„Du meine Güte, Hopkins! Das spricht nun sicherlich gegen Ihre Theorie, dass sie gestern Abend in Kent einen Mord begangen haben.“
„Es ist fatal, Mr. Holmes – absolut fatal. Dennoch gibt es neben den Randalls noch andere Banden von drei Personen, oder es könnte irgendeine neue Bande sein, von der die Polizei noch nie gehört hat.“
„Ganz recht, das ist durchaus möglich. Was, Sie gehen schon?“
„Ja, Mr. Holmes, es gibt für mich keine Ruhe, bis ich der Sache auf den Grund gegangen bin. Ich nehme an, Sie haben keinen Hinweis für mich?“
„Ich habe Ihnen einen gegeben.“
„Welchen?“
„Nun, ich schlug ein Ablenkungsmanöver vor.“
„Aber warum, Mr. Holmes, warum?“
„Ah, das ist natürlich die Frage. Aber ich lege Ihnen den Gedanken ans Herz. Sie könnten möglicherweise feststellen, dass etwas daran ist. Sie bleiben nicht zum Abendessen? Nun, auf Wiedersehen, und lassen Sie uns wissen, wie Sie vorankommen.“
Das Abendessen war beendet und der Tisch abgeräumt, bevor Holmes das Thema wieder ansprach. Er hatte seine Pfeife angezündet und hielt seine in Pantoffeln gesteckten Füße in die behagliche Glut des Feuers. Plötzlich sah er auf seine Uhr.
„Ich erwarte Entwicklungen, Watson.“
„Wann?“
„Jetzt – innerhalb weniger Minuten. Ich nehme an, Sie dachten, ich hätte mich vorhin Stanley Hopkins gegenüber ziemlich schlecht benommen?“
„Ich vertraue Ihrem Urteilsvermögen.“
„Eine sehr vernünftige Antwort, Watson. Sie müssen es so sehen: Was ich weiß, ist inoffiziell, was er weiß, ist offiziell. Ich habe das Recht auf ein privates Urteil, er jedoch keines. Er muss alles offenlegen, oder er ist ein Verräter an seinem Dienst. In einem zweifelhaften Fall würde ich ihn nicht in eine so schmerzliche Lage bringen, und deshalb halte ich meine Informationen zurück, bis ich mir selbst über die Angelegenheit im Klaren bin.“
„Aber wann wird das sein?“
„Die Zeit ist gekommen. Sie werden nun der letzten Szene eines bemerkenswerten kleinen Dramas beiwohnen.“
Es gab ein Geräusch auf der Treppe, und unsere Tür wurde geöffnet, um einen so prächtigen Menschen, wie er jemals durch sie hindurchgegangen war, einzulassen. Er war ein sehr großer junger Mann, goldbärtig, blauäugig, mit einer Haut, die von tropischen Sonnen verbrannt war, und einem federnden Schritt, der zeigte, dass der gewaltige Körper ebenso aktiv wie kräftig war. Er schloss die Tür hinter sich, und dann stand er da mit geballten Fäusten und sich hebender Brust, während er eine überwältigende Emotion hinunterwürgte.
„Setzen Sie sich, Kapitän Crocker. Haben Sie mein Telegramm erhalten?“
Unser Besucher sank in einen Lehnstuhl und blickte mit fragenden Augen von einem zum anderen.
„Ich habe Ihr Telegramm erhalten und bin zu der von Ihnen genannten Stunde gekommen. Ich habe gehört, dass Sie im Büro waren. Es gab kein Entkommen vor Ihnen. Lassen Sie das Schlimmste hören. Was haben Sie mit mir vor? Werden Sie mich verhaften? Sprechen Sie aus, Mann! Sie können nicht hier sitzen und mit mir spielen wie eine Katze mit einer Maus.“
„Geben Sie ihm eine Zigarre“, sagte Holmes. „Beißen Sie darauf, Kapitän Crocker, und lassen Sie nicht zu, dass Ihre Nerven mit Ihnen durchgehen. Sie können sicher sein, dass ich nicht hier sitzen und mit Ihnen rauchen würde, wenn ich Sie für einen gewöhnlichen Kriminellen hielte. Seien Sie aufrichtig zu mir, und wir können vielleicht etwas Gutes bewirken. Spielen Sie Ihre Spielchen mit mir, und ich werde Sie vernichten.“
„Was soll ich tun?“
„Mir einen wahrheitsgetreuen Bericht über alles geben, was gestern Abend in der Abbey Grange geschah – einen wahrheitsgetreuen Bericht, wohlgemerkt, ohne etwas hinzuzufügen und ohne etwas wegzulassen. Ich weiß bereits so viel, dass ich, wenn Sie auch nur einen Zoll vom geraden Weg abweichen, diese Polizeipfeife aus meinem Fenster blasen werde und die Angelegenheit für immer aus meinen Händen gleitet.“
Der Seemann überlegte eine Weile. Dann schlug er sich mit seiner großen, sonnenverbrannten Hand auf den Schenkel.
„Ich riskiere es“, rief er. „Ich glaube, Sie sind ein Mann Ihres Wortes und ein anständiger Kerl, und ich werde Ihnen die ganze Geschichte erzählen. Aber eines will ich zuerst sagen. Was mich betrifft, so bereue ich nichts und fürchte nichts, und ich würde alles wieder tun und wäre stolz auf das Werk. Verdammt sei das Biest, wenn er so viele Leben hätte wie eine Katze, er würde sie mir alle schulden! Aber es geht um die Dame, Mary – Mary Fraser –, denn niemals werde ich sie bei diesem verfluchten Namen nennen. Wenn ich daran denke, sie in Schwierigkeiten zu bringen, ich, der ich mein Leben gäbe, nur um ein einziges Lächeln auf ihr liebes Gesicht zu zaubern, dann ist es das, was meine Seele in Wasser verwandelt. Und doch – und doch – was hätte ich weniger tun können? Ich werde Ihnen meine Geschichte erzählen, meine Herren, und dann werde ich Sie, von Mann zu Mann, fragen: Was hätte ich weniger tun können?
„Ich muss ein Stück zurückgehen. Sie scheinen alles zu wissen, also gehe ich davon aus, dass Sie wissen, dass ich sie traf, als sie Passagierin war und ich erster Offizier der Rock of Gibraltar. Vom ersten Tag an, als ich sie traf, war sie die einzige Frau für mich. Jeden Tag dieser Reise liebte ich sie mehr, und wie oft habe ich seitdem in der Dunkelheit der Nachtwache auf den Knien gelegen und das Deck dieses Schiffes geküsst, weil ich wusste, dass ihre lieben Füße darauf gewandelt waren. Sie war nie mit mir verlobt. Sie behandelte mich so fair, wie eine Frau einen Mann nur behandeln kann. Ich habe keine Klage zu erheben. Es war alles Liebe von meiner Seite, und alles gute Kameradschaft und Freundschaft von ihrer. Als wir uns trennten, war sie eine freie Frau, aber ich konnte nie wieder ein freier Mann sein.
„Als ich das nächste Mal von See zurückkehrte, hörte ich von ihrer Heirat. Nun, warum sollte sie nicht heiraten, wen sie wollte? Titel und Geld – wer könnte sie besser tragen als sie? Sie war für alles Schöne und Zarte geboren. Ich trauerte nicht über ihre Ehe. Ich war nicht so ein selbstsüchtiger Hund. Ich freute mich nur, dass ihr das Glück hold gewesen war und dass sie sich nicht an einen mittellosen Seemann verschwendet hatte. So liebte ich Mary Fraser.
„Nun, ich dachte nie, sie wiederzusehen, aber auf der letzten Reise wurde ich befördert, und das neue Schiff war noch nicht vom Stapel gelaufen, also musste ich ein paar Monate bei meinen Leuten in Sydenham warten. Eines Tages traf ich in einem Feldweg Theresa Wright, ihr altes Dienstmädchen. Sie erzählte mir alles über sie, über ihn, über alles. Ich sage Ihnen, meine Herren, es machte mich fast wahnsinnig. Dieser betrunkene Hund, dass er es wagte, die Hand gegen sie zu erheben, deren Stiefel zu lecken er nicht wert war! Ich traf Theresa wieder. Dann traf ich Mary selbst – und traf sie wieder. Dann wollte sie mich nicht mehr sehen. Aber neulich erhielt ich Bescheid, dass ich innerhalb einer Woche meine Reise antreten sollte, und ich beschloss, sie noch einmal zu sehen, bevor ich ging. Theresa war immer meine Freundin, denn sie liebte Mary und hasste diesen Schurken fast so sehr wie ich. Von ihr erfuhr ich die Gewohnheiten des Hauses. Mary pflegte abends in ihrem kleinen Zimmer unten zu lesen. Ich schlich mich gestern Abend dorthin und kratzte ans Fenster. Zuerst wollte sie mir nicht öffnen, aber in ihrem Herzen weiß ich, dass sie mich jetzt liebt, und sie konnte mich nicht in der frostigen Nacht stehen lassen. Sie flüsterte mir zu, ich solle zum großen Fenster vorn kommen, und ich fand es offen vor, sodass es mich ins Esszimmer ließ. Wieder hörte ich aus ihrem eigenen Mund Dinge, die mein Blut zum Kochen brachten, und wieder verfluchte ich diesen Rohling, der die Frau misshandelte, die ich liebte. Nun, meine Herren, ich stand mit ihr direkt hinter dem Fenster, in aller Unschuld, Gott ist mein Zeuge, als er wie ein Wahnsinniger in den Raum stürmte, sie mit dem niederträchtigsten Namen belegte, den ein Mann einer Frau gegenüber gebrauchen kann, und sie mit dem Stock, den er in der Hand hielt, quer über das Gesicht schlug. Ich war nach dem Schürhaken gesprungen, und es war ein fairer Kampf zwischen uns. Sehen Sie hier, an meinem Arm, wo sein erster Schlag traf. Dann war ich an der Reihe, und ich fuhr durch ihn hindurch, als wäre er ein fauler Kürbis gewesen. Glauben Sie, dass es mir leidtat? Nicht mir! Es war sein Leben oder meines, aber weit mehr als das, es war sein Leben oder ihres, denn wie hätte ich sie in der Gewalt dieses Wahnsinnigen lassen können? So habe ich ihn getötet. Hatte ich unrecht? Nun, was hätten Sie beide, meine Herren, getan, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären?
„Sie hatte geschrien, als er sie schlug, und das brachte die alte Theresa aus dem Zimmer darüber herunter. Da war eine Flasche Wein auf dem Anrichtetisch, und ich öffnete sie und goss Mary ein wenig zwischen die Lippen, denn sie war halb tot vor Schreck. Dann nahm ich selbst einen Schluck. Theresa war so cool wie Eis, und es war ihr Plan so sehr wie meiner. Wir mussten es so aussehen lassen, als hätten Einbrecher das getan. Theresa wiederholte unsere Geschichte immer wieder gegenüber ihrer Herrin, während ich hochkletterte und das Glockenseil abschnitt. Dann band ich sie an ihrem Stuhl fest und franst das Ende des Seils aus, damit es natürlich aussah, sonst hätten sie sich gewundert, wie um alles in der Welt ein Einbrecher dort hinaufgekommen sein könnte, um es zu schneiden. Dann raffte ich ein paar Teller und silberne Kannen zusammen, um die Idee des Raubüberfalls auszuführen, und dort ließ ich sie zurück, mit dem Befehl, Alarm zu schlagen, wenn ich einen Vorsprung von einer Viertelstunde hatte. Ich warf das Silber in den Teich und machte mich auf den Weg nach Sydenham, mit dem Gefühl, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben eine wirklich gute Nachtarbeit geleistet hatte. Und das ist die Wahrheit und die ganze Wahrheit, Mr. Holmes, selbst wenn es mich meinen Kopf kosten sollte.“
Holmes rauchte eine Zeit lang schweigend. Dann überquerte er den Raum und schüttelte unserem Besucher die Hand.
„Das ist es, was ich denke“, sagte er. „Ich weiß, dass jedes Wort wahr ist, denn Sie haben kaum ein Wort gesagt, das ich nicht wusste. Niemand außer einem Akrobaten oder einem Seemann hätte von der Wandkonsole aus an dieses Glockenseil gelangen können, und niemand außer einem Seemann hätte die Knoten machen können, mit denen die Schnur am Stuhl befestigt war. Nur ein einziges Mal war diese Dame mit Seeleuten in Berührung gekommen, und das war auf ihrer Reise, und es war jemand aus ihrem eigenen Lebensstand, da sie sich sehr bemühte, ihn zu schützen, und damit zeigte, dass sie ihn liebte. Sie sehen, wie leicht es für mich war, Sie in die Finger zu bekommen, als ich erst einmal auf der richtigen Spur war.“
„Ich dachte, die Polizei hätte unseren Trick niemals durchschauen können.“
„Und die Polizei hat es nicht, und das wird sie meines Erachtens auch nicht. Nun sehen Sie her, Kapitän Crocker, dies ist eine sehr ernste Angelegenheit, obwohl ich bereit bin zuzugeben, dass Sie unter der extremsten Provokation handelten, der ein Mann ausgesetzt sein konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob Ihre Tat zur Verteidigung Ihres eigenen Lebens nicht für rechtmäßig erklärt werden wird. Wie dem auch sei, das muss eine britische Jury entscheiden. In der Zwischenzeit habe ich so viel Mitleid mit Ihnen, dass ich Ihnen verspreche, dass niemand Sie behindern wird, wenn Sie sich entscheiden, in den nächsten vierundzwanzig Stunden zu verschwinden.“
„Und dann wird alles herauskommen?“
„Sicherlich wird es herauskommen.“
Der Seemann errötete vor Zorn.
„Was ist das für ein Vorschlag, den man einem Mann macht? Ich kenne mich genug mit dem Gesetz aus, um zu verstehen, dass Mary als Komplizin gehalten würde. Glauben Sie, dass ich sie allein lassen würde, um die Suppe auszulöffeln, während ich mich davonstehle? Nein, Sir, lassen Sie sie ihr Schlimmstes an mir tun, aber um Himmels willen, Mr. Holmes, finden Sie einen Weg, meine arme Mary aus den Gerichten herauszuhalten.“
Holmes hielt dem Seemann ein zweites Mal die Hand hin.
„Ich habe Sie nur geprüft, und Sie bewähren sich jedes Mal. Nun, es ist eine große Verantwortung, die ich auf mich nehme, aber ich habe Hopkins einen ausgezeichneten Hinweis gegeben, und wenn er ihn nicht nutzen kann, kann ich nicht mehr tun. Sehen Sie her, Kapitän Crocker, wir werden das in gebührender Form des Gesetzes tun. Sie sind der Gefangene. Watson, Sie sind eine britische Jury, und ich habe noch nie einen Mann getroffen, der besser dazu geeignet wäre, eine solche zu repräsentieren. Ich bin der Richter. Nun, meine Herren Geschworenen, Sie haben die Beweise gehört. Befinden Sie den Gefangenen für schuldig oder nicht schuldig?“
„Nicht schuldig, Euer Ehren“, sagte ich.
„Vox populi, vox Dei. Sie sind freigesprochen, Kapitän Crocker. Solange das Gesetz nicht ein anderes Opfer findet, sind Sie vor mir sicher. Kommen Sie in einem Jahr zu dieser Dame zurück, und möge ihre Zukunft und die Ihre uns in dem Urteil rechtfertigen, das wir in dieser Nacht gefällt haben!“
DAS ABENTEUER MIT DEM ZWEITEN FLECK
Ich hatte beabsichtigt, „Das Abenteuer in der Abbey Grange“ als letzte jener Heldentaten meines Freundes, Mr. Sherlock Holmes, zu verfassen, die ich jemals der Öffentlichkeit mitteilen würde. Dieser Entschluss von mir war nicht auf einen Mangel an Material zurückzuführen, da ich Aufzeichnungen von vielen hunderten Fällen habe, auf die ich nie angespielt habe, noch wurde er durch ein nachlassendes Interesse meiner Leser an der eigenartigen Persönlichkeit und den einzigartigen Methoden dieses bemerkenswerten Mannes verursacht. Der wahre Grund lag in der Zurückhaltung, die Mr. Holmes gegenüber der fortgesetzten Veröffentlichung seiner Erfahrungen an den Tag legte. Solange er tatsächlich beruflich tätig war, waren die Aufzeichnungen seiner Erfolge von praktischem Wert für ihn, aber seit er sich endgültig aus London zurückgezogen hat und sich dem Studium und der Bienenzucht in den Sussex Downs widmet, ist ihm der Bekanntheitsgrad verhasst, und er hat mich nachdrücklich gebeten, seine Wünsche in dieser Angelegenheit strikt zu beachten. Erst als ich ihm darlegte, dass ich das Versprechen gegeben hatte, „Das Abenteuer mit dem zweiten Fleck“ zu veröffentlichen, wenn die Zeit reif sei, und ihn darauf hinwies, dass es nur angemessen sei, dass diese lange Reihe von Episoden in dem wichtigsten internationalen Fall gipfelt, den er jemals zu bearbeiten hatte, gelang es mir schließlich, sein Einverständnis zu erhalten, dass ein sorgfältig gehüteter Bericht über den Vorfall endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden darf. Wenn ich bei der Erzählung der Geschichte in bestimmten Details etwas vage zu sein scheine, wird die Öffentlichkeit leicht verstehen, dass es einen ausgezeichneten Grund für meine Zurückhaltung gibt.
Es war also in einem Jahr, ja sogar in einem Jahrzehnt, das namenlos bleiben soll, dass wir an einem Dienstagmorgen im Herbst zwei Besucher von europäischem Ruhm innerhalb der Mauern unseres bescheidenen Zimmers in der Baker Street vorfanden. Der eine, streng, hochnasig, mit Adleraugen und beherrscht, war kein Geringerer als der berühmte Lord Bellinger, zweimaliger Premierminister von Britannien. Der andere, dunkel, markant und elegant, noch kaum im mittleren Alter und mit jeder Schönheit von Körper und Geist ausgestattet, war der Right Honourable Trelawney Hope, Minister für europäische Angelegenheiten und der aufstrebendste Staatsmann des Landes. Sie saßen Seite an Seite auf unserem mit Papier übersäten Sofa, und es war leicht an ihren gezeichneten und besorgten Gesichtern zu erkennen, dass es Geschäfte von höchster Dringlichkeit waren, die sie zu uns geführt hatten. Die dünnen, blau geäderten Hände des Premierministers waren fest über den Elfenbeinknopf seines Regenschirms gefaltet, und sein hageres, asketisches Gesicht blickte düster von Holmes zu mir. Der Europaminister zupfte nervös an seinem Schnurrbart und spielte mit den Siegeln seiner Uhrkette.
„Als ich meinen Verlust entdeckte, Mr. Holmes, was heute Morgen um acht Uhr war, informierte ich sofort den Premierminister. Auf seinen Vorschlag hin sind wir beide zu Ihnen gekommen.“
„Haben Sie die Polizei informiert?“
„Nein, Sir“, sagte der Premierminister mit der schnellen, entschiedenen Art, für die er berühmt war. „Das haben wir nicht getan, und es ist auch nicht möglich, dass wir dies tun. Die Polizei zu informieren, muss auf lange Sicht bedeuten, die Öffentlichkeit zu informieren. Dies ist es, was wir besonders vermeiden möchten.“
„Und warum, Sir?“
„Weil das fragliche Dokument von so immenser Bedeutung ist, dass seine Veröffentlichung sehr leicht – ich könnte fast sagen wahrscheinlich – zu europäischen Verwicklungen von äußerster Tragweite führen könnte. Es ist nicht zu viel gesagt, dass Frieden oder Krieg vom Ausgang abhängen können. Wenn seine Wiederbeschaffung nicht mit äußerster Geheimhaltung verbunden werden kann, dann kann es genauso gut gar nicht wiederbeschafft werden, denn alles, worauf diejenigen abzielen, die es genommen haben, ist, dass sein Inhalt allgemein bekannt wird.“
„Ich verstehe. Nun, Mr. Trelawney Hope, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir genau die Umstände schildern würden, unter denen dieses Dokument verschwand.“
„Das lässt sich mit sehr wenigen Worten tun, Mr. Holmes. Der Brief – denn es war ein Brief eines ausländischen Potentaten – ging vor sechs Tagen ein. Er war von solcher Wichtigkeit, dass ich ihn niemals in meinem Safe gelassen, sondern jeden Abend mit zu mir nach Hause in Whitehall Terrace genommen und in meinem Schlafzimmer in einer verschlossenen Depeschenmappe aufbewahrt habe. Letzte Nacht war er dort. Dessen bin ich mir gewiss. Ich habe die Mappe tatsächlich geöffnet, während ich mich für das Abendessen anzog, und das Dokument darin gesehen. Heute Morgen war es verschwunden. Die Depeschenmappe hatte die ganze Nacht neben dem Spiegel auf meinem Schminktisch gestanden. Ich schlafe leicht, ebenso meine Frau. Wir sind beide bereit zu schwören, dass niemand während der Nacht das Zimmer betreten haben kann. Und doch wiederhole ich, dass das Papier weg ist.“
„Um wie viel Uhr haben Sie zu Abend gegessen?“
„Halb acht.“
„Wie lange dauerte es, bis Sie zu Bett gingen?“
„Meine Frau war im Theater. Ich habe auf sie gewartet. Es war halb zwölf, als wir in unser Zimmer gingen.“
„Dann lag die Depeschenmappe also vier Stunden lang unbewacht?“
„Niemandem ist es gestattet, dieses Zimmer zu betreten, außer dem Hausmädchen am Morgen und meinem Kammerdiener oder dem Zofen meiner Frau während des restlichen Tages. Beide sind treue Bedienstete, die schon seit geraumer Zeit bei uns sind. Außerdem hätte keiner von ihnen wissen können, dass sich etwas Wertvolleres als die üblichen behördlichen Papiere in meiner Depeschenmappe befand.“
„Wer wusste von der Existenz dieses Briefes?“
„Niemand im Haus.“
„Ihre Frau wusste es doch sicher?“
„Nein, Sir. Ich hatte meiner Frau gegenüber nichts erwähnt, bis ich das Papier heute Morgen vermisste.“
Der Premierminister nickte anerkennend.
„Ich weiß seit langem, Sir, wie ausgeprägt Ihr Pflichtgefühl gegenüber der Öffentlichkeit ist“, sagte er. „Ich bin überzeugt, dass es im Falle eines Geheimnisses von dieser Bedeutung selbst über die engsten häuslichen Bindungen triumphieren würde.“
Der Europaminister verneigte sich.
„Sie tun mir nur Recht, Sir. Bis heute Morgen habe ich gegenüber meiner Frau kein Wort über diese Angelegenheit verloren.“
„Könnte sie es erraten haben?“
„Nein, Mr. Holmes, sie konnte es nicht erraten – und niemand hätte es erraten können.“
„Haben Sie schon einmal Dokumente verloren?“
„Nein, Sir.“
„Wer in England wusste von der Existenz dieses Briefes?“
„Jedes Mitglied des Kabinetts wurde gestern darüber informiert, aber das Versprechen der Geheimhaltung, das jede Kabinettssitzung begleitet, wurde durch die feierliche Warnung des Premierministers noch verstärkt. Mein Gott, wenn ich daran denke, dass ich ihn selbst innerhalb weniger Stunden verloren habe!“ Sein hübsches Gesicht verzerrte sich in einem Krampf der Verzweiflung und seine Hände rauften sich das Haar. Für einen Moment erhaschten wir einen Blick auf den natürlichen Menschen, impulsiv, leidenschaftlich, überaus empfindsam. Im nächsten Augenblick war die aristokratische Maske wieder aufgesetzt und die sanfte Stimme zurückgekehrt. „Außer den Mitgliedern des Kabinetts gibt es zwei oder möglicherweise drei Beamte des Ministeriums, die von dem Brief wissen. Niemand sonst in England, Mr. Holmes, das versichere ich Ihnen.“
„Aber im Ausland?“
„Ich glaube, dass ihn im Ausland niemand gesehen hat, außer dem Mann, der ihn geschrieben hat. Ich bin fest überzeugt, dass seine Minister – dass die üblichen offiziellen Kanäle nicht benutzt wurden.“
Holmes überlegte eine ganze Weile.
„Nun, Sir, ich muss Sie genauer fragen, was dieses Dokument ist und warum sein Verschwinden solch folgenschwere Konsequenzen haben sollte?“
Die beiden Staatsmänner tauschten einen schnellen Blick aus und die buschigen Augenbrauen des Premierministers zogen sich in einer finsteren Miene zusammen.
„Mr. Holmes, der Umschlag ist ein langer, dünner von blassblauer Farbe. Er trägt ein Siegel aus rotem Wachs, in das ein kauernder Löwe geprägt ist. Er ist in großer, kräftiger Handschrift adressiert an –“
„Ich fürchte, Sir“, sagte Holmes, „dass meine Nachforschungen, so interessant und sogar wesentlich diese Details auch sein mögen, eher an die Wurzel der Dinge gehen müssen. Was war der Inhalt des Briefes?“
„Das ist ein Staatsgeheimnis von äußerster Wichtigkeit, und ich fürchte, dass ich es Ihnen nicht sagen kann, noch sehe ich ein, dass es notwendig wäre. Wenn Sie mit Hilfe der Fähigkeiten, die Sie angeblich besitzen, einen Umschlag, wie ich ihn beschreibe, samt seinem Inhalt finden können, werden Sie sich um Ihr Land verdient gemacht und jede Belohnung verdient haben, die in unserer Macht steht zu gewähren.“
Sherlock Holmes stand mit einem Lächeln auf.
„Sie sind zwei der meistbeschäftigten Männer des Landes“, sagte er, „und ich für meinen Teil habe auch eine ganze Reihe von Verpflichtungen. Ich bedauere zutiefst, dass ich Ihnen in dieser Angelegenheit nicht helfen kann, und jede Fortsetzung dieses Gesprächs wäre Zeitverschwendung.“
Der Premierminister sprang mit jenem schnellen, grimmigen Funkeln in seinen tief liegenden Augen auf, vor dem schon ein Kabinett zurückgewichen war. „Ich bin nicht daran gewöhnt, Sir“, begann er, beherrschte aber seinen Zorn und setzte sich wieder. Eine Minute oder länger saßen wir alle schweigend da. Dann zuckte der alte Staatsmann mit den Schultern.
„Wir müssen Ihre Bedingungen akzeptieren, Mr. Holmes. Zweifellos haben Sie recht, und es ist unzumutbar von uns, von Ihnen ein Handeln zu erwarten, wenn wir Ihnen nicht unser volles Vertrauen entgegenbringen.“
„Ich stimme Ihnen zu“, sagte der jüngere Staatsmann.
„Dann werde ich es Ihnen sagen, ganz auf Ihre Ehre und die Ihres Kollegen, Dr. Watson, bauend. Ich darf auch an Ihren Patriotismus appellieren, denn ich könnte mir kein größeres Unglück für das Land vorstellen, als dass diese Affäre an die Öffentlichkeit gerät.“
„Sie können uns getrost vertrauen.“
„Der Brief stammt also von einem gewissen ausländischen Potentaten, der durch einige jüngste koloniale Entwicklungen dieses Landes verärgert wurde. Er wurde hastig und in seiner alleinigen Verantwortung geschrieben. Nachforschungen haben ergeben, dass seine Minister nichts von der Angelegenheit wissen. Gleichzeitig ist er in einer so unglücklichen Weise verfasst, und bestimmte Sätze darin sind von so provokativem Charakter, dass seine Veröffentlichung zweifellos zu einer äußerst gefährlichen Stimmung in diesem Land führen würde. Es gäbe eine solche Aufregung, Sir, dass ich nicht zögere zu sagen, dass dieses Land innerhalb einer Woche nach der Veröffentlichung dieses Briefes in einen großen Krieg verwickelt wäre.“
Holmes schrieb einen Namen auf einen Zettel und reichte ihn dem Premierminister.
„Genau. Er war es. Und es ist dieser Brief – dieser Brief, der wohl die Ausgabe von tausend Millionen und das Leben von hunderttausend Menschen bedeuten kann –, der auf diese unerklärliche Weise verloren gegangen ist.“
„Haben Sie den Absender informiert?“
„Ja, Sir, ein verschlüsseltes Telegramm wurde abgesandt.“
„Vielleicht wünscht er die Veröffentlichung des Briefes.“
„Nein, Sir, wir haben triftige Gründe zu der Annahme, dass er bereits begreift, dass er in einer unbesonnenen und hitzköpfigen Weise gehandelt hat. Es wäre ein größerer Schlag für ihn und sein Land als für uns, wenn dieser Brief an die Öffentlichkeit käme.“
„Wenn das so ist, in wessen Interesse liegt es, dass der Brief bekannt wird? Warum sollte jemand wünschen, ihn zu stehlen oder zu veröffentlichen?“
„Damit, Mr. Holmes, führen Sie mich in Bereiche der hohen internationalen Politik. Aber wenn Sie die europäische Situation betrachten, werden Sie keine Schwierigkeiten haben, das Motiv zu erkennen. Ganz Europa ist ein bewaffnetes Lager. Es gibt ein doppeltes Bündnis, das ein faires Gleichgewicht der militärischen Macht herstellt. Großbritannien hält die Waage. Wenn Großbritannien in einen Krieg mit einer Konföderation getrieben würde, würde dies die Vormachtstellung der anderen Konföderation sichern, ob sie nun am Krieg teilnimmt oder nicht. Verstehen Sie?“
„Sehr deutlich. Es liegt also im Interesse der Feinde dieses Potentaten, diesen Brief in die Hand zu bekommen und zu veröffentlichen, um einen Bruch zwischen seinem Land und dem unseren herbeizuführen?“
„Ja, Sir.“
„Und an wen würde dieses Dokument geschickt werden, wenn es in die Hände eines Feindes fiele?“
„An jede der großen Kanzleien Europas. Er ist wahrscheinlich in diesem Augenblick auf dem Weg dorthin, so schnell der Dampf ihn tragen kann.“
Mr. Trelawney Hope ließ den Kopf auf die Brust sinken und stöhnte laut auf. Der Premierminister legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter.
„Es ist Ihr Unglück, mein lieber Freund. Niemand kann Ihnen einen Vorwurf machen. Es gibt keine Vorsichtsmaßnahme, die Sie versäumt hätten. Nun, Mr. Holmes, Sie sind vollständig über die Fakten informiert. Welches Vorgehen empfehlen Sie?“
Holmes schüttelte klagend den Kopf.
„Sie glauben, Sir, dass es Krieg geben wird, wenn dieses Dokument nicht wiedergefunden wird?“
„Ich halte es für sehr wahrscheinlich.“
„Dann, Sir, bereiten Sie sich auf den Krieg vor.“
„Das ist ein hartes Wort, Mr. Holmes.“
„Bedenken Sie die Fakten, Sir. Es ist undenkbar, dass er nach halb zwölf Uhr nachts entwendet wurde, da ich annehme, dass Mr. Hope und seine Frau von dieser Stunde an bis zur Entdeckung des Verlustes beide im Zimmer waren. Er wurde also gestern Abend zwischen halb acht und halb zwölf gestohlen, wahrscheinlich eher zu der früheren Stunde, da derjenige, der ihn nahm, offensichtlich wusste, dass er dort war, und ihn natürlich so früh wie möglich an sich bringen wollte. Nun, Sir, wenn ein Dokument von solcher Wichtigkeit um diese Zeit entwendet wurde, wo kann es jetzt sein? Niemand hat einen Grund, es zu behalten. Es wurde schnell an diejenigen weitergereicht, die es brauchen. Welche Chance haben wir jetzt, es einzuholen oder auch nur aufzuspüren? Es ist außer unserer Reichweite.“
Der Premierminister erhob sich von der Sitzbank.
„Was Sie sagen, ist vollkommen logisch, Mr. Holmes. Ich habe das Gefühl, dass die Angelegenheit tatsächlich aus unseren Händen geglitten ist.“
„Nehmen wir der Argumentation halber an, dass das Dokument von dem Dienstmädchen oder dem Kammerdiener entwendet wurde –“
„Sie sind beide alte und bewährte Bedienstete.“
„Ich habe Sie so verstanden, dass Ihr Zimmer im zweiten Stock liegt, dass es keinen Zugang von außen gibt und dass von innen niemand unbemerkt hinaufgehen konnte. Es muss also jemand im Haus gewesen sein, der es genommen hat. Zu wem würde der Dieb gehen? Zu einem von mehreren internationalen Spionen und Geheimagenten, deren Namen mir einigermaßen geläufig sind. Es gibt drei, die man als die Köpfe ihres Berufs bezeichnen kann. Ich werde meine Nachforschungen damit beginnen, herumzugehen und festzustellen, ob jeder von ihnen auf seinem Posten ist. Wenn einer fehlt – besonders wenn er seit letzter Nacht verschwunden ist –, werden wir einen Hinweis darauf haben, wohin das Dokument gegangen ist.“
„Warum sollte er fehlen?“, fragte der Europaminister. „Er würde den Brief genauso gut zu einer Botschaft in London bringen.“
„Ich glaube nicht. Diese Agenten arbeiten unabhängig, und ihre Beziehungen zu den Botschaften sind oft angespannt.“
Der Premierminister nickte zustimmend.
„Ich glaube, Sie haben recht, Mr. Holmes. Er würde eine so wertvolle Beute eigenhändig zum Hauptquartier bringen. Ich denke, dass Ihre Vorgehensweise ausgezeichnet ist. Unterdessen, Hope, können wir nicht alle anderen Pflichten aufgrund dieses einen Unglücks vernachlässigen. Sollte es im Laufe des Tages neue Entwicklungen geben, werden wir uns mit Ihnen in Verbindung setzen, und Sie werden uns zweifellos die Ergebnisse Ihrer eigenen Nachforschungen mitteilen.“
Die beiden Staatsmänner verneigten sich und verließen ernst das Zimmer.
Als unsere illustren Besucher gegangen waren, zündete Holmes schweigend seine Pfeife an und saß eine Zeit lang in tiefste Gedanken versunken. Ich hatte die Morgenzeitung aufgeschlagen und war in einen sensationellen Kriminalfall vertieft, der sich in der Nacht zuvor in London ereignet hatte, als mein Freund einen Ausruf tat, aufsprang und seine Pfeife auf den Kaminsims legte.
„Ja“, sagte er, „es gibt keinen besseren Weg, sich der Sache zu nähern. Die Lage ist verzweifelt, aber nicht hoffnungslos. Selbst jetzt, wenn wir sicher sein könnten, welcher von ihnen es genommen hat, ist es durchaus möglich, dass es noch nicht aus seinen Händen gegeben wurde. Letzten Endes ist es bei diesen Leuten eine Frage des Geldes, und ich habe das britische Schatzamt im Rücken. Wenn es auf dem Markt ist, kaufe ich es – selbst wenn es einen weiteren Penny an Einkommenssteuer bedeutet. Es ist denkbar, dass der Kerl es zurückhält, um zu sehen, welche Angebote von dieser Seite kommen, bevor er sein Glück auf der anderen Seite versucht. Es gibt nur diese drei, die ein so gewagtes Spiel spielen können – es sind Oberstein, La Rothiere und Eduardo Lucas. Ich werde jeden von ihnen aufsuchen.“
Ich blickte auf meine Morgenzeitung.
„Ist das Eduardo Lucas aus der Godolphin Street?“
„Ja.“
„Sie werden ihn nicht sehen.“
„Warum nicht?“
„Er wurde letzte Nacht in seinem Haus ermordet.“
Mein Freund hat mich im Laufe unserer Abenteuer so oft in Erstaunen versetzt, dass ich mit einem Gefühl des Triumphs feststellte, wie vollkommen ich ihn in Erstaunen versetzt hatte. Er starrte verblüfft und riss mir dann die Zeitung aus der Hand. Dies war der Absatz, den ich gelesen hatte, als er von seinem Stuhl aufstand:
MORD IN WESTMINSTER
Ein Verbrechen rätselhafter Art wurde letzte Nacht in der Godolphin Street 16 begangen, einer der altmodischen und abgelegenen Reihenhäuser aus dem achtzehnten Jahrhundert, die zwischen dem Fluss und der Abtei liegen, fast im Schatten des großen Turms der Houses of Parliament. Dieses kleine, aber feine Herrenhaus wurde seit einigen Jahren von Mr. Eduardo Lucas bewohnt, der in gesellschaftlichen Kreisen sowohl wegen seiner charmanten Persönlichkeit als auch wegen seines wohlverdienten Rufs als einer der besten Amateurtenöre des Landes bekannt ist. Mr. Lucas ist ein unverheirateter Mann, vierunddreißig Jahre alt, und sein Haushalt besteht aus Mrs. Pringle, einer älteren Haushälterin, und Mitton, seinem Kammerdiener. Erstere geht früh zu Bett und schläft im obersten Stockwerk des Hauses. Der Kammerdiener war den Abend über ausgegangen, um einen Freund in Hammersmith zu besuchen. Von zehn Uhr an hatte Mr. Lucas das Haus für sich allein. Was während dieser Zeit geschah, ist noch nicht bekannt, aber um viertel vor zwölf bemerkte Polizeibeamter Barrett, der die Godolphin Street entlangging, dass die Tür von Nr. 16 einen Spalt offen stand. Er klopfte, erhielt aber keine Antwort. Als er ein Licht im vorderen Zimmer wahrnahm, trat er in den Flur und klopfte erneut, doch wieder ohne Antwort. Dann stieß er die Tür auf und trat ein. Das Zimmer war in einem Zustand wilder Unordnung, die Möbel waren alle zur Seite gefegt, und ein Stuhl lag mitten im Raum auf dem Rücken. Neben diesem Stuhl, noch immer ein Bein davon umklammernd, lag der unglückliche Bewohner des Hauses. Er war durch einen Stich ins Herz getötet worden und muss sofort gestorben sein. Das Messer, mit dem das Verbrechen begangen wurde, war ein gebogener indischer Dolch, der von einer Trophäe orientalischer Waffen genommen wurde, die eine der Wände schmückte. Raub scheint nicht das Motiv des Verbrechens gewesen zu sein, denn es gab keinen Versuch, die wertvollen Gegenstände im Zimmer zu entfernen. Mr. Eduardo Lucas war so bekannt und beliebt, dass sein gewaltsames und geheimnisvolles Schicksal in einem weiten Freundeskreis schmerzliches Interesse und tiefe Anteilnahme hervorrufen wird.
„Nun, Watson, was halten Sie davon?“, fragte Holmes nach einer langen Pause.
„Es ist ein erstaunlicher Zufall.“
„Ein Zufall! Hier ist einer der drei Männer, die wir als mögliche Akteure in diesem Drama benannt hatten, und er findet einen gewaltsamen Tod genau in den Stunden, in denen wir wissen, dass das Drama stattfand. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Zufall handelt, ist verschwindend gering. Keine Zahlen könnten sie ausdrücken. Nein, mein lieber Watson, die beiden Ereignisse hängen zusammen – müssen zusammenhängen. Es liegt an uns, die Verbindung zu finden.“
„Aber jetzt muss die offizielle Polizei doch alles wissen.“
„Keineswegs. Sie wissen alles, was sie in der Godolphin Street sehen. Sie wissen – und sollen nichts wissen – von Whitehall Terrace. Nur wir wissen von beiden Ereignissen und können die Beziehung zwischen ihnen nachvollziehen. Es gibt einen offensichtlichen Punkt, der ohnehin meinen Verdacht gegen Lucas gelenkt hätte. Die Godolphin Street in Westminster ist nur wenige Gehminuten von Whitehall Terrace entfernt. Die anderen Geheimagenten, die ich genannt habe, wohnen im äußersten West End. Es war daher für Lucas einfacher als für die anderen, eine Verbindung herzustellen oder eine Nachricht aus dem Haushalt des Europaministers zu erhalten – eine kleine Sache, und doch kann sie, wenn Ereignisse in wenige Stunden komprimiert sind, entscheidend sein. Hallo! Was haben wir denn da?“
Mrs. Hudson war mit der Visitenkarte einer Dame auf ihrem silbernen Tablett erschienen. Holmes warf einen Blick darauf, zog die Augenbrauen hoch und reichte sie mir.
„Bitten Sie Lady Hilda Trelawney Hope, ob sie so freundlich wäre, heraufzukommen“, sagte er.
Einen Augenblick später wurde unser bescheidenes Apartment, das an diesem Morgen schon so ausgezeichnet war, durch den Besuch der schönsten Frau Londons weiter beehrt. Ich hatte oft von der Schönheit der jüngsten Tochter des Herzogs von Belminster gehört, aber keine Beschreibung und keine Betrachtung farbloser Fotografien hatte mich auf den subtilen, zarten Charme und die wunderschöne Färbung dieses exquisiten Kopfes vorbereitet. Und doch, als wir sie an diesem Herbstmorgen sahen, war es nicht ihre Schönheit, die den Beobachter als Erstes beeindruckte. Die Wange war lieblich, aber vor Erregung blass, die Augen waren hell, aber es war die Helligkeit des Fiebers, der empfindsame Mund war fest zusammengepresst in einer Anstrengung der Selbstbeherrschung. Schrecken – nicht Schönheit – war das, was einem zuerst ins Auge sprang, als unsere schöne Besucherin einen Augenblick lang im offenen Türrahmen stand.
„War mein Mann hier, Mr. Holmes?“
„Ja, gnädige Frau, er war hier.“
„Mr. Holmes, ich beschwöre Sie, sagen Sie ihm nicht, dass ich hier war.“ Holmes verneigte sich kühl und deutete der Dame auf einen Stuhl.
„Ihre Ladyschaft bringt mich in eine sehr heikle Lage. Ich bitte Sie, setzen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie wünschen, aber ich fürchte, dass ich kein vorbehaltloses Versprechen geben kann.“
Sie glitt durch den Raum und setzte sich mit dem Rücken zum Fenster. Es war eine königliche Erscheinung – groß, anmutig und zutiefst weiblich. „Mr. Holmes“, sagte sie – und ihre weiß behandschuhten Hände falteten und entfalteten sich, während sie sprach –, „ich werde offen zu Ihnen sprechen, in der Hoffnung, dass es Sie dazu bewegt, ebenfalls offen zu sein. Zwischen meinem Mann und mir herrscht volles Vertrauen in allen Angelegenheiten bis auf eine. Das ist die Politik. Diesbezüglich sind seine Lippen versiegelt. Er erzählt mir nichts. Nun, ich bin mir bewusst, dass es letzte Nacht in unserem Haus einen höchst bedauerlichen Vorfall gab. Ich weiß, dass ein Papier verschwunden ist. Aber weil die Angelegenheit politisch ist, weigert sich mein Mann, mich in sein volles Vertrauen zu ziehen. Nun ist es wesentlich – wesentlich, sage ich –, dass ich es gründlich verstehe. Sie sind die einzige andere Person, außer diesen Politikern, die die wahren Fakten kennt. Ich bitte Sie also, Mr. Holmes, sagen Sie mir genau, was passiert ist und wozu es führen wird. Sagen Sie mir alles, Mr. Holmes. Lassen Sie sich durch keine Rücksicht auf die Interessen Ihres Klienten zum Schweigen bringen, denn ich versichere Ihnen, dass seinen Interessen, wenn er es nur einsehen wollte, am besten damit gedient wäre, mich in sein volles Vertrauen zu ziehen. Was war das für ein Papier, das gestohlen wurde?“
„Gnädige Frau, was Sie von mir verlangen, ist wirklich unmöglich.“
Sie stöhnte und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
„Sie müssen einsehen, dass dies so ist, gnädige Frau. Wenn Ihr Mann es für richtig hält, Sie in dieser Angelegenheit im Dunkeln zu lassen, steht es mir zu, der ich die wahren Fakten nur unter dem Versprechen professioneller Geheimhaltung erfahren habe, das zu verraten, was er vorenthalten hat? Es ist nicht fair, das zu verlangen. Es ist er, den Sie fragen müssen.“
„Ich habe ihn gefragt. Ich komme zu Ihnen als letztes Mittel. Aber ohne dass Sie mir etwas Bestimmtes sagen, Mr. Holmes, könnten Sie mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie mich in einem Punkt aufklären würden.“
„Welcher ist das, gnädige Frau?“
„Wird die politische Karriere meines Mannes durch diesen Vorfall wahrscheinlich leiden?“
„Nun, gnädige Frau, wenn es nicht in Ordnung gebracht wird, kann es sicherlich eine sehr unglückliche Auswirkung haben.“
„Ah!“ Sie sog scharf die Luft ein, wie jemand, dessen Zweifel gelöst sind.
„Eine weitere Frage, Mr. Holmes. Aus einem Ausdruck, den mein Mann im ersten Schock über dieses Unglück fallen ließ, verstand ich, dass aus dem Verlust dieses Dokuments schreckliche öffentliche Folgen entstehen könnten.“
„Wenn er das gesagt hat, kann ich es sicherlich nicht leugnen.“
„Von welcher Art sind sie?“
„Nein, gnädige Frau, da fragen Sie mich wieder mehr, als ich unmöglich beantworten kann.“
„Dann werde ich Ihre Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen. Ich kann es Ihnen nicht verübeln, Mr. Holmes, dass Sie sich geweigert haben, freier zu sprechen, und Sie Ihrerseits werden mir, da bin ich sicher, nichts Schlechtes nachsagen, weil ich wünsche, selbst gegen seinen Willen, an den Sorgen meines Mannes teilzuhaben. Noch einmal bitte ich Sie, nichts von meinem Besuch zu sagen.“
Sie blickte uns von der Tür aus noch einmal an, und ich hatte einen letzten Eindruck von diesem schönen, gequälten Gesicht, den aufgeschreckten Augen und dem verkniffenen Mund. Dann war sie verschwunden.
„Nun, Watson, das schöne Geschlecht ist Ihr Ressort“, sagte Holmes mit einem Lächeln, als das verebbende Rascheln von Röcken mit dem Zuschlagen der Haustür endete. „Was war das Spiel der schönen Dame? Was wollte sie wirklich?“
„Sicherlich ist ihre eigene Erklärung klar, und ihre Angst ist sehr natürlich.“
„Hm! Denken Sie an ihr Erscheinungsbild, Watson – ihr Auftreten, ihre unterdrückte Erregung, ihre Rastlosigkeit, ihre Beharrlichkeit beim Fragenstellen. Denken Sie daran, dass sie aus einer Schicht stammt, die nicht leicht Emotionen zeigt.“
„Sie war sicherlich sehr bewegt.“
„Denken Sie auch an den merkwürdigen Ernst, mit dem sie uns versicherte, es sei das Beste für ihren Ehemann, dass sie alles wisse. Was meinte sie damit? Und Sie müssen bemerkt haben, Watson, wie sie manövrierte, um das Licht im Rücken zu haben. Sie wollte nicht, dass wir ihren Gesichtsausdruck lesen.“
„Ja, sie wählte den einzigen Stuhl im Raum.“
„Und doch sind die Beweggründe von Frauen so unergründlich. Sie erinnern sich an die Frau in Margate, die ich aus demselben Grund verdächtigte. Kein Puder auf der Nase – das erwies sich als die richtige Lösung. Wie kann man auf solch einem Treibsand bauen? Ihre trivialste Handlung kann Bände sprechen, oder ihr außergewöhnlichstes Verhalten kann von einer Haarnadel oder einem Lockenstab abhängen. Guten Morgen, Watson.“
„Sie gehen schon?“
„Ja, ich werde den Vormittag in der Godolphin Street bei unseren Freunden von der regulären Behörde totschlagen. Bei Eduardo Lucas liegt die Lösung unseres Problems, obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht den geringsten Schimmer habe, welche Form sie annehmen könnte. Es ist ein kapitaler Fehler, Theorien aufzustellen, bevor die Fakten vorliegen. Bleiben Sie auf Posten, mein guter Watson, und nehmen Sie alle neuen Besucher in Empfang. Ich werde mich Ihnen zum Mittagessen anschließen, wenn ich kann.“
Den ganzen Tag und den nächsten und den darauf folgenden war Holmes in einer Stimmung, die seine Freunde als einsilbig, andere als mürrisch bezeichnen würden. Er lief hinaus und herein, rauchte ununterbrochen, spielte Geigenfetzen, versank in Träumereien, verschlang Sandwiches zu unregelmäßigen Zeiten und antwortete kaum auf die beiläufigen Fragen, die ich ihm stellte. Es war offensichtlich für mich, dass es mit ihm oder seiner Suche nicht gut lief. Er sagte nichts über den Fall, und aus den Zeitungen erfuhr ich die Einzelheiten der Leichenbeschau sowie die Verhaftung und spätere Freilassung von John Mitton, dem Kammerdiener des Verstorbenen. Die Geschworenen des Leichenbeschauers kamen zu dem offensichtlichen Schluss auf vorsätzlichen Mord, aber die Beteiligten blieben unbekannt wie eh und je. Es wurde kein Motiv angedeutet. Der Raum war voller Wertgegenstände, aber nichts war entwendet worden. Die Papiere des Toten waren nicht angetastet worden. Sie wurden sorgfältig untersucht und zeigten, dass er ein eifriger Student der internationalen Politik, ein unermüdlicher Tratschbase, ein bemerkenswerter Linguist und ein unermüdlicher Briefschreiber war. Er stand auf vertrautem Fuß mit den führenden Politikern mehrerer Länder. Aber unter den Dokumenten, die seine Schubladen füllten, wurde nichts Sensationelles entdeckt. Was seine Beziehungen zu Frauen betraf, so schienen sie promiskuitiv, aber oberflächlich gewesen zu sein. Er hatte viele Bekannte unter ihnen, aber nur wenige Freunde und niemanden, den er liebte. Seine Gewohnheiten waren regelmäßig, sein Verhalten unanstößig. Sein Tod war ein absolutes Rätsel und würde es wahrscheinlich auch bleiben.
Was die Verhaftung von John Mitton, dem Kammerdiener, betraf, so war sie ein Akt der Verzweiflung als Alternative zum absoluten Nichtstun. Aber kein Fall konnte gegen ihn aufrechterhalten werden. Er hatte in jener Nacht Freunde in Hammersmith besucht. Das Alibi war lückenlos. Es stimmt zwar, dass er zu einer Stunde nach Hause aufbrach, die ihn vor dem Zeitpunkt, als das Verbrechen entdeckt wurde, nach Westminster hätte bringen müssen, aber seine eigene Erklärung, dass er einen Teil des Weges zu Fuß zurückgelegt habe, erschien angesichts des schönen Abends plausibel genug. Er war tatsächlich um zwölf Uhr angekommen und schien von der unerwarteten Tragödie überwältigt zu sein. Er hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinem Herrn gehabt. Mehrere Besitztümer des Toten – insbesondere ein kleines Etui mit Rasiermessern – waren in den Koffern des Kammerdieners gefunden worden, aber er erklärte, dass es Geschenke des Verstorbenen gewesen seien, und die Haushälterin konnte diese Geschichte bestätigen. Mitton war seit drei Jahren in Lucas’ Diensten. Es war auffällig, dass Lucas Mitton nicht mit auf den Kontinent nahm. Manchmal besuchte er drei Monate lang Paris, aber Mitton blieb als Aufseher des Hauses in der Godolphin Street zurück. Was die Haushälterin betrifft, so hatte sie in der Nacht des Verbrechens nichts gehört. Wenn ihr Herr einen Besucher hatte, hatte er ihn selbst eingelassen.
So blieb das Rätsel drei Morgen lang bestehen, soweit ich es in den Zeitungen verfolgen konnte. Wenn Holmes mehr wusste, behielt er es für sich, aber da er mir sagte, dass Inspektor Lestrade ihn in dem Fall ins Vertrauen gezogen hatte, wusste ich, dass er mit jeder Entwicklung eng vertraut war. Am vierten Tag erschien ein langes Telegramm aus Paris, das die ganze Frage zu lösen schien.
Eine Entdeckung, die gerade von der Pariser Polizei gemacht wurde (berichtete der Daily Telegraph), hebt den Schleier, der über dem tragischen Schicksal von Mr. Eduardo Lucas lag, der letzten Montagabend in der Godolphin Street, Westminster, gewaltsam zu Tode kam. Unsere Leser werden sich erinnern, dass der verstorbene Gentleman erstochen in seinem Zimmer aufgefunden wurde und dass ein gewisser Verdacht auf seinen Kammerdiener fiel, der Fall aber an einem Alibi scheiterte. Gestern wurde eine Dame, die als Mme. Henri Fournaye bekannt war und eine kleine Villa in der Rue Austerlitz bewohnte, von ihren Dienstboten den Behörden als wahnsinnig gemeldet. Eine Untersuchung ergab, dass sie tatsächlich eine Manie in gefährlicher und dauerhafter Form entwickelt hatte. Bei Nachforschungen fand die Polizei heraus, dass Mme. Henri Fournaye erst am vergangenen Dienstag von einer Reise nach London zurückgekehrt war, und es gibt Beweise, die sie mit dem Verbrechen in Westminster in Verbindung bringen. Ein Vergleich von Fotografien hat schlüssig bewiesen, dass M. Henri Fournaye und Eduardo Lucas in Wahrheit ein und dieselbe Person waren und dass der Verstorbene aus irgendeinem Grund ein Doppelleben in London und Paris geführt hatte. Mme. Fournaye, die kreolischer Herkunft ist, ist von extrem erregbarer Natur und hat in der Vergangenheit unter Eifersuchtsanfällen gelitten, die an Raserei grenzten. Es wird vermutet, dass sie in einem dieser Anfälle das schreckliche Verbrechen begangen hat, das in London für solches Aufsehen gesorgt hat. Ihre Bewegungen in der Montagnacht wurden noch nicht nachverfolgt, aber es ist zweifellos, dass eine Frau, die ihrer Beschreibung entsprach, am Dienstagmorgen am Bahnhof Charing Cross durch die Wildheit ihres Aussehens und die Heftigkeit ihrer Gesten viel Aufmerksamkeit erregte. Es ist daher wahrscheinlich, dass das Verbrechen entweder im Zustand des Wahnsinns begangen wurde oder dass seine unmittelbare Folge war, die unglückliche Frau um den Verstand zu bringen. Derzeit ist sie nicht in der Lage, eine zusammenhängende Schilderung der Vergangenheit zu geben, und die Ärzte hegen keine Hoffnung auf die Wiederherstellung ihres Verstandes. Es gibt Beweise, dass eine Frau, bei der es sich um Mme. Fournaye gehandelt haben könnte, am Montagabend einige Stunden lang dabei beobachtet wurde, wie sie das Haus in der Godolphin Street beobachtete.
„Was halten Sie davon, Holmes?“ Ich hatte ihm den Bericht laut vorgelesen, während er sein Frühstück beendete.
„Mein lieber Watson“, sagte er, als er sich vom Tisch erhob und im Zimmer auf und ab ging, „Sie sind äußerst geduldig, aber wenn ich Ihnen in den letzten drei Tagen nichts gesagt habe, dann deshalb, weil es nichts zu sagen gab. Selbst jetzt hilft uns dieser Bericht aus Paris nicht viel weiter.“
„Sicherlich ist er endgültig, was den Tod des Mannes betrifft.“
„Der Tod des Mannes ist nur ein Vorfall – eine triviale Episode – im Vergleich zu unserer wirklichen Aufgabe, die darin besteht, dieses Dokument aufzuspüren und eine europäische Katastrophe abzuwenden. Nur eine wichtige Sache ist in den letzten drei Tagen passiert, und zwar, dass nichts passiert ist. Ich erhalte fast stündlich Berichte von der Regierung, und es ist sicher, dass nirgendwo in Europa ein Anzeichen für Schwierigkeiten besteht. Nun, wenn dieser Brief frei wäre – nein, er kann nicht frei sein –, aber wenn er nicht frei ist, wo kann er dann sein? Wer hat ihn? Warum wird er zurückgehalten? Das ist die Frage, die wie ein Hammer in meinem Gehirn schlägt. War es tatsächlich ein Zufall, dass Lucas in der Nacht, in der der Brief verschwand, den Tod fand? Hat der Brief ihn jemals erreicht? Wenn ja, warum ist er nicht unter seinen Papieren? Hat diese wahnsinnige Ehefrau von ihm ihn mitgenommen? Wenn ja, ist er in ihrem Haus in Paris? Wie könnte ich danach suchen, ohne dass die französische Polizei Verdacht schöpft? Es ist ein Fall, mein lieber Watson, bei dem das Gesetz für uns genauso gefährlich ist wie die Kriminellen. Jedermanns Hand ist gegen uns, und doch sind die Interessen, die auf dem Spiel stehen, kolossal. Sollte ich ihn zu einem erfolgreichen Abschluss bringen, wird dies sicherlich der krönende Abschluss meiner Karriere sein. Ah, hier ist mein Neuestes von der Front!“ Er warf einen hastigen Blick auf die Notiz, die ihm gereicht worden war. „Hallo! Lestrade scheint etwas Interessantes beobachtet zu haben. Setzen Sie Ihren Hut auf, Watson, und wir werden zusammen nach Westminster schlendern.“
Es war mein erster Besuch am Tatort – ein hohes, schäbiges, engbrüstiges Haus, steif, formell und solide wie das Jahrhundert, das es hervorgebracht hatte. Lestrades Bulldoggen-Gesicht starrte uns aus dem vorderen Fenster entgegen, und er begrüßte uns herzlich, nachdem ein großer Polizist die Tür geöffnet und uns eingelassen hatte. Der Raum, in den wir geführt wurden, war derjenige, in dem das Verbrechen begangen worden war, aber keine Spur davon war nun mehr geblieben, außer einem hässlichen, unregelmäßigen Fleck auf dem Teppich. Dieser Teppich war ein kleines quadratisches Stück Läufer in der Mitte des Raumes, umgeben von einer breiten Fläche aus schönem, altmodischem Holzboden in quadratischen Blöcken, die hochglänzend poliert waren. Über dem Kamin befand sich eine großartige Trophäensammlung von Waffen, von denen eine in jener tragischen Nacht benutzt worden war. Im Fenster stand ein prächtiger Schreibtisch, und jedes Detail des Zimmers, die Bilder, die Teppiche und die Vorhänge, deuteten auf einen Geschmack hin, der bis zur Grenze der Verweichlichung luxuriös war.
„Haben Sie die Pariser Nachrichten gesehen?“, fragte Lestrade.
Holmes nickte.
„Unsere französischen Freunde scheinen diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Kein Zweifel, es ist genau so, wie sie sagen. Sie klopfte an die Tür – ein Überraschungsbesuch, vermute ich, denn er hielt sein Leben in wasserdichten Abteilungen –, er ließ sie herein, konnte sie nicht auf der Straße stehen lassen. Sie erzählte ihm, wie sie ihn aufgespürt hatte, machte ihm Vorwürfe. Eins kam zum anderen, und dann, mit diesem Dolch so griffbereit, kam das Ende schnell. Es geschah allerdings nicht alles in einem Augenblick, denn diese Stühle waren alle dort drüben umgeworfen, und er hatte einen in der Hand, als ob er versucht hätte, sie damit abzuwehren. Wir haben das alles so klar, als hätten wir es gesehen.“
Holmes zog die Augenbrauen hoch.
„Und doch haben Sie nach mir geschickt?“
„Ah, ja, das ist eine andere Sache – eine bloße Kleinigkeit, aber die Art von Sache, an der Sie Interesse haben – merkwürdig, wissen Sie, und was man wohl als exzentrisch bezeichnen könnte. Es hat nichts mit der Hauptsache zu tun – kann es auch nicht, dem Anschein nach.“
„Was ist es dann?“
„Nun, wissen Sie, nach einem Verbrechen dieser Art sind wir sehr vorsichtig, die Dinge an ihrem Platz zu lassen. Nichts wurde bewegt. Tag und Nacht ein Beamter hier zur Aufsicht. Heute Morgen, als der Mann beerdigt wurde und die Untersuchung – soweit es diesen Raum betrifft – abgeschlossen war, dachten wir, wir könnten ein bisschen aufräumen. Dieser Teppich. Sie sehen, er ist nicht befestigt, liegt nur da. Wir hatten Anlass, ihn anzuheben. Wir fanden——“
„Ja? Sie fanden——“
Holmes’ Gesicht wurde angespannt vor Sorge.
„Nun, ich bin sicher, Sie würden in hundert Jahren nicht erraten, was wir gefunden haben. Sie sehen diesen Fleck auf dem Teppich? Nun, eine ganze Menge muss durchgesickert sein, nicht wahr?“
„Zweifellos muss das so sein.“
„Nun, Sie werden überrascht sein zu hören, dass es auf dem weißen Holz darunter keinen entsprechenden Fleck gibt.“
„Kein Fleck! Aber da muss——“
„Ja, so würden Sie sagen. Aber die Tatsache bleibt, dass es keinen gibt.“
Er nahm die Ecke des Teppichs in die Hand und zeigte, als er ihn umdrehte, dass es tatsächlich so war, wie er sagte.
„Aber die Unterseite ist genauso fleckig wie die Oberseite. Das muss eine Spur hinterlassen haben.“
Lestrade kicherte vor Vergnügen, den berühmten Experten verblüfft zu haben.
„Nun, ich werde Ihnen die Erklärung zeigen. Es gibt einen zweiten Fleck, aber er entspricht nicht dem anderen. Sehen Sie selbst.“ Während er sprach, drehte er einen anderen Teil des Teppichs um, und tatsächlich, da war ein großer purpurroter Fleck auf der quadratischen weißen Verkleidung des altmodischen Bodens. „Was machen Sie daraus, Mr. Holmes?“
„Nun, das ist einfach genug. Die beiden Flecken entsprachen sich, aber der Teppich wurde gedreht. Da er quadratisch und nicht befestigt war, war das leicht zu bewerkstelligen.“
„Die offizielle Polizei braucht Sie nicht, Mr. Holmes, um ihr zu sagen, dass der Teppich gedreht worden sein muss. Das ist klar genug, denn die Flecken liegen übereinander – wenn man ihn auf diese Weise darüberlegt. Aber was ich wissen will, ist, wer hat den Teppich verschoben, und warum?“
Ich konnte an Holmes’ starrem Gesicht sehen, dass er vor innerer Erregung bebte.
„Hören Sie mal, Lestrade“, sagte er, „hat dieser Polizist im Flur die ganze Zeit die Aufsicht über den Ort gehabt?“
„Ja, das hat er.“
„Nun, befolgen Sie meinen Rat. Verhören Sie ihn sorgfältig. Tun Sie es nicht vor uns. Wir warten hier. Nehmen Sie ihn mit in den Hinterraum. Sie werden eher ein Geständnis von ihm bekommen, wenn er allein ist. Fragen Sie ihn, wie er es wagen konnte, Leute einzulassen und sie allein in diesem Raum zu lassen. Fragen Sie ihn nicht, ob er es getan hat. Gehen Sie davon aus. Sagen Sie ihm, Sie wissen, dass jemand hier war. Setzen Sie ihn unter Druck. Sagen Sie ihm, dass ein volles Geständnis seine einzige Chance auf Vergebung ist. Tun Sie genau das, was ich Ihnen sage!“
„Beim Himmel, wenn er es weiß, werde ich es aus ihm herausbekommen!“, rief Lestrade. Er stürmte in den Flur, und wenige Augenblicke später erklang seine herrische Stimme aus dem Hinterraum.
„Jetzt, Watson, jetzt!“, rief Holmes mit rasender Eile. Die ganze dämonische Kraft des Mannes, die hinter dieser teilnahmslosen Art verborgen war, brach in einem Anfall von Energie hervor. Er riss den Läufer vom Boden und war im Nu auf Händen und Knien, wobei er an jedem der quadratischen Holzteile darunter kratzte. Eines drehte sich zur Seite, als er seine Nägel in die Kante grub. Es klappte zurück wie der Deckel einer Kiste. Ein kleiner schwarzer Hohlraum öffnete sich darunter. Holmes stieß seine gierige Hand hinein und zog sie mit einem bitteren Knurren voller Wut und Enttäuschung wieder heraus. Er war leer.
„Schnell, Watson, schnell! Legen Sie es zurück!“ Der Holzdeckel wurde ersetzt, und der Läufer war gerade erst glattgezogen, als Lestrades Stimme auf dem Flur zu hören war. Er fand Holmes vor, der sich gelangweilt gegen den Kaminsims lehnte, ergeben und geduldig, und versuchte, sein ununterdrückbares Gähnen zu verbergen.
„Tut mir leid, Sie warten zu lassen, Mr. Holmes, ich sehe, dass Sie sich mit der ganzen Angelegenheit zu Tode langweilen. Nun, er hat gestanden, alles in Ordnung. Kommen Sie herein, MacPherson. Lassen Sie diese Herren von Ihrem höchst unentschuldbaren Verhalten hören.“
Der große Polizist, sehr erhitzt und zerknirscht, schlich in den Raum.
„Ich meinte es nicht böse, Sir, bestimmt nicht. Die junge Frau kam gestern Abend an die Tür – sie hat sich in der Hausnummer geirrt. Und dann kamen wir ins Gespräch. Es ist einsam, wenn man den ganzen Tag hier Dienst hat.“
„Nun, was passierte dann?“
„Sie wollte sehen, wo das Verbrechen begangen wurde – hatte in den Zeitungen darüber gelesen, sagte sie. Sie war eine sehr respektable, gewählte junge Frau, Sir, und ich sah keinen Schaden darin, sie einen Blick hineinwerfen zu lassen. Als sie diesen Fleck auf dem Teppich sah, fiel sie auf den Boden und lag da, als wäre sie tot. Ich rannte nach hinten und holte etwas Wasser, aber ich konnte sie nicht zu mir bringen. Dann ging ich um die Ecke in das ‚Ivy Plant‘ für etwas Brandy, und als ich zurückkam, hatte sich die junge Frau erholt und war weg – beschämt über sich selbst, wage ich zu sagen, und traute sich nicht, mir in die Augen zu sehen.“
„Wie steht es mit dem Verschieben dieses Läufers?“
„Nun, Sir, er war ein bisschen zerknittert, das stimmt, als ich zurückkam. Wissen Sie, sie fiel darauf, und er liegt auf einem polierten Boden ohne etwas, das ihn an Ort und Stelle hält. Ich habe ihn danach glattgestrichen.“
„Es ist eine Lektion für Sie, dass Sie mich nicht täuschen können, Constable MacPherson“, sagte Lestrade mit Würde. „Sie dachten wohl, dass Ihre Pflichtverletzung niemals entdeckt werden könnte, und doch reichte ein bloßer Blick auf diesen Läufer, um mich davon zu überzeugen, dass jemand in den Raum gelassen worden war. Es ist Ihr Glück, mein Mann, dass nichts fehlt, sonst würden Sie sich in der Klemme wiederfinden. Es tut mir leid, Sie wegen einer so kleinlichen Angelegenheit hergerufen zu haben, Mr. Holmes, aber ich dachte, der Punkt mit dem zweiten Fleck, der nicht dem ersten entsprach, würde Sie interessieren.“
„Sicherlich, es war höchst interessant. Ist diese Frau nur einmal hier gewesen, Constable?“
„Ja, Sir, nur einmal.“
„Wer war sie?“
„Kenne den Namen nicht, Sir. Antwortete auf eine Anzeige für Schreibmaschinenarbeit und kam zur falschen Nummer – eine sehr angenehme, feine junge Frau, Sir.“
„Groß? Hübsch?“
„Ja, Sir, sie war eine gut gewachsene junge Frau. Ich nehme an, man könnte sagen, sie war hübsch. Vielleicht würden manche sagen, sie war sehr hübsch. ‚Oh, Beamter, lassen Sie mich doch einen Blick hineinwerfen!‘, sagte sie. Sie hatte eine hübsche, schmeichelnde Art, wie man so sagt, und ich dachte, es könne nicht schaden, sie nur ihren Kopf durch die Tür stecken zu lassen.“
„Wie war sie gekleidet?“
„Schlicht, Sir – ein langer Mantel bis zu den Füßen.“
„Wie spät war es?“
„Es dämmerte gerade. Sie zündeten die Lampen an, als ich mit dem Brandy zurückkam.“
„Sehr gut“, sagte Holmes. „Kommen Sie, Watson, ich glaube, wir haben wichtigeres zu tun.“
Als wir das Haus verließen, blieb Lestrade im vorderen Raum, während der reumütige Polizist uns die Tür öffnete. Holmes drehte sich auf der Stufe um und hielt etwas in seiner Hand hoch. Der Polizist starrte konzentriert.
„Guter Gott, Sir!“, rief er mit Erstaunen im Gesicht. Holmes legte seinen Finger auf die Lippen, steckte seine Hand wieder in die Brusttasche und brach in Lachen aus, als wir die Straße hinuntergingen. „Ausgezeichnet!“, sagte er. „Kommen Sie, Freund Watson, der Vorhang geht auf für den letzten Akt. Sie werden erleichtert sein zu hören, dass es keinen Krieg geben wird, dass der Right Honourable Trelawney Hope keinen Rückschlag in seiner brillanten Karriere erleiden wird, dass der indiskrete Souverän keine Strafe für seine Indiskretion erhalten wird, dass der Premierminister keine europäische Komplikation zu bewältigen haben wird, und dass mit ein wenig Taktgefühl und Management unsererseits niemand einen Pfennig schlechter gestellt sein wird durch das, was ein sehr hässlicher Vorfall hätte werden können.“
Mein Geist war voller Bewunderung für diesen außergewöhnlichen Mann.
„Sie haben es gelöst!“, rief ich.
„Kaum das, Watson. Es gibt einige Punkte, die so dunkel sind wie eh und je. Aber wir haben so viel, dass es unsere eigene Schuld wäre, wenn wir den Rest nicht herausbekämen. Wir gehen direkt zur Whitehall Terrace und bringen die Sache zum Abschluss.“
Als wir bei der Residenz des Europaministers ankamen, war es Lady Hilda Trelawney Hope, nach der Sherlock Holmes fragte. Wir wurden ins Frühstückszimmer geführt.
„Mr. Holmes!“, sagte die Dame, und ihr Gesicht rötete sich vor Empörung. „Das ist sicherlich höchst unfair und großzügig von Ihrer Seite. Ich wünschte, wie ich erklärt habe, meinen Besuch bei Ihnen geheim zu halten, damit mein Mann nicht denkt, ich würde mich in seine Angelegenheiten einmischen. Und doch kompromittieren Sie mich, indem Sie hierher kommen und so zeigen, dass es geschäftliche Beziehungen zwischen uns gibt.“
„Leider, gnädige Frau, hatte ich keine andere Möglichkeit. Ich wurde beauftragt, dieses immens wichtige Papier wiederzubeschaffen. Ich muss Sie daher bitten, gnädige Frau, so freundlich zu sein, es in meine Hände zu legen.“
Die Dame sprang auf, und die Farbe wich im Nu aus ihrem schönen Gesicht. Ihre Augen wurden glasig – sie schwankte – ich dachte, sie würde in Ohnmacht fallen. Dann raffte sie sich mit einer großen Anstrengung auf, und ein höchstes Erstaunen und Empörung verdrängten jeden anderen Ausdruck aus ihren Gesichtszügen.
„Sie – Sie beleidigen mich, Mr. Holmes.“
„Kommen Sie, kommen Sie, gnädige Frau, es ist zwecklos. Geben Sie den Brief heraus.“
Sie stürmte zur Klingel.
„Der Butler wird Sie hinausbegleiten.“
„Klingeln Sie nicht, Lady Hilda. Wenn Sie es tun, dann werden alle meine ernsten Bemühungen, einen Skandal zu vermeiden, zunichtegemacht. Geben Sie den Brief heraus, und alles wird in Ordnung gebracht. Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, kann ich alles regeln. Wenn Sie gegen mich arbeiten, muss ich Sie entlarven.“
Sie stand da, großartig trotzig, eine königliche Erscheinung, ihre Augen fest auf die seinen gerichtet, als wolle sie seine Seele lesen. Ihre Hand lag auf der Klingel, doch sie hatte davon abgesehen, zu läuten.
„Sie versuchen, mir Angst einzujagen. Es ist nicht sehr männlich, Mr. Holmes, hierher zu kommen und eine Frau einzuschüchtern. Sie sagen, Sie wüssten etwas. Was ist es, das Sie wissen?“
„Bitte setzen Sie sich, gnädige Frau. Sie werden sich dort verletzen, wenn Sie umfallen. Ich werde nicht sprechen, bis Sie sich gesetzt haben. Danke.“
„Ich gebe Ihnen fünf Minuten, Mr. Holmes.“
„Eine reicht, Lady Hilda. Ich weiß von Ihrem Besuch bei Eduardo Lucas, davon, dass Sie ihm dieses Dokument übergeben haben, von Ihrer raffinierten Rückkehr in das Zimmer letzte Nacht und von der Art und Weise, wie Sie den Brief aus dem Versteck unter dem Teppich genommen haben.“
Sie starrte ihn mit aschfahlem Gesicht an und schluckte zweimal, bevor sie sprechen konnte.
„Sie sind verrückt, Mr. Holmes – Sie sind verrückt!“, rief sie schließlich.
Er zog ein kleines Stück Pappe aus seiner Tasche. Es war das Gesicht einer Frau, das aus einem Porträt ausgeschnitten war.
„Ich habe dies bei mir getragen, weil ich dachte, es könnte nützlich sein“, sagte er. „Der Polizist hat es wiedererkannt.“
Sie schnappte nach Luft, und ihr Kopf fiel in den Sessel zurück.
„Kommen Sie, Lady Hilda. Sie haben den Brief. Die Angelegenheit kann noch bereinigt werden. Ich habe kein Verlangen, Ihnen Ärger zu bereiten. Meine Pflicht endet, wenn ich Ihrem Ehemann den verlorenen Brief zurückgegeben habe. Nehmen Sie meinen Rat an und seien Sie offen zu mir. Es ist Ihre einzige Chance.“
Ihr Mut war bewundernswert. Selbst jetzt wollte sie ihre Niederlage nicht eingestehen.
„Ich sage Ihnen noch einmal, Mr. Holmes, dass Sie einer absurden Illusion erlegen sind.“
Holmes erhob sich von seinem Stuhl.
„Es tut mir leid für Sie, Lady Hilda. Ich habe mein Bestes für Sie getan. Ich sehe, dass alles vergebens ist.“
Er läutete die Glocke. Der Butler trat ein.
„Ist Mr. Trelawney Hope zu Hause?“
„Er wird um Viertel vor eins zu Hause sein, mein Herr.“
Holmes blickte auf seine Uhr.
„Noch eine Viertelstunde“, sagte er. „Sehr gut, ich werde warten.“
Der Butler hatte die Tür kaum hinter sich geschlossen, da kniete Lady Hilda bereits zu Füßen von Holmes, die Hände ausgestreckt, ihr wunderschönes Gesicht aufwärts gerichtet und nass von Tränen.
„Oh, verschonen Sie mich, Mr. Holmes! Verschonen Sie mich!“, flehte sie in einer Raserei der Bitte. „Um Himmels willen, sagen Sie es ihm nicht! Ich liebe ihn so sehr! Ich möchte keinen Schatten auf sein Leben werfen, und ich weiß, dies würde sein edles Herz brechen.“
Holmes half der Dame auf. „Ich bin dankbar, gnädige Frau, dass Sie selbst in diesem letzten Moment zur Vernunft gekommen sind! Es darf keine Sekunde verloren gehen. Wo ist der Brief?“
Sie huschte zu einem Schreibtisch, schloss ihn auf und zog einen langen blauen Umschlag hervor.
„Hier ist er, Mr. Holmes. Wollte der Himmel, ich hätte ihn nie gesehen!“
„Wie können wir ihn zurückgeben?“, murmelte Holmes. „Schnell, schnell, wir müssen uns einen Weg überlegen! Wo ist die Depeschenmappe?“
„Immer noch in seinem Schlafzimmer.“
„Was für ein Glück! Schnell, gnädige Frau, bringen Sie sie her!“ Einen Augenblick später erschien sie mit einer flachen roten Mappe in der Hand.
„Wie haben Sie sie vorher geöffnet? Sie haben einen Zweitschlüssel? Ja, natürlich haben Sie einen. Öffnen Sie sie!“
Aus ihrem Dekolleté hatte Lady Hilda einen kleinen Schlüssel gezogen. Die Mappe sprang auf. Sie war vollgestopft mit Papieren. Holmes stieß den blauen Umschlag tief in das Innere, zwischen die Blätter eines anderen Dokuments. Die Mappe wurde geschlossen, verriegelt und ins Schlafzimmer zurückgebracht.
„Nun sind wir bereit für ihn“, sagte Holmes. „Wir haben noch zehn Minuten. Ich werde sehr weit gehen, um Sie zu decken, Lady Hilda. Im Gegenzug werden Sie die Zeit damit verbringen, mir offen die wahre Bedeutung dieser außergewöhnlichen Angelegenheit zu schildern.“
„Mr. Holmes, ich werde Ihnen alles erzählen“, rief die Dame. „Oh, Mr. Holmes, ich würde mir eher die rechte Hand abhacken, als ihm einen Moment des Kummers zu bereiten! Es gibt keine Frau in ganz London, die ihren Mann so liebt wie ich, und doch, wenn er wüsste, wie ich gehandelt habe – wie ich gezwungen war zu handeln –, würde er mir niemals verzeihen. Denn seine eigene Ehre steht so hoch, dass er einen Fehltritt eines anderen weder vergessen noch vergeben könnte. Helfen Sie mir, Mr. Holmes! Mein Glück, sein Glück, unser ganzes Leben steht auf dem Spiel!“
„Schnell, gnädige Frau, die Zeit wird knapp!“
„Es war ein Brief von mir, Mr. Holmes, ein indiskreter Brief, geschrieben vor meiner Ehe – ein törichter Brief, der Brief eines impulsiven, liebenden Mädchens. Ich meinte nichts Böses, und doch hätte er ihn für kriminell gehalten. Hätte er diesen Brief gelesen, wäre sein Vertrauen für immer zerstört gewesen. Es ist Jahre her, seit ich ihn schrieb. Ich hatte geglaubt, die ganze Angelegenheit sei vergessen. Dann hörte ich schließlich von diesem Mann, Lucas, dass er in seine Hände gefallen sei und dass er ihn meinem Mann vorlegen würde. Ich flehte ihn um Gnade an. Er sagte, er würde mir meinen Brief zurückgeben, wenn ich ihm ein bestimmtes Dokument brächte, das er in der Depeschenmappe meines Mannes beschrieb. Er hatte einen Spion im Ministerium, der ihm von dessen Existenz berichtet hatte. Er versicherte mir, dass meinem Mann kein Schaden entstehen könne. Versetzen Sie sich in meine Lage, Mr. Holmes! Was sollte ich tun?“
„Vertrauen Sie sich Ihrem Ehemann an.“
„Ich konnte nicht, Mr. Holmes, ich konnte nicht! Auf der einen Seite schien der sichere Ruin, auf der anderen – so schrecklich es auch schien, das Papier meines Mannes zu nehmen – so konnte ich in einer politischen Angelegenheit die Konsequenzen nicht ermessen, während sie in einer Frage der Liebe und des Vertrauens nur allzu klar für mich waren. Ich tat es, Mr. Holmes! Ich nahm einen Abdruck seines Schlüssels. Dieser Mann, Lucas, besorgte einen Nachschlüssel. Ich öffnete seine Depeschenmappe, nahm das Papier und brachte es zur Godolphin Street.“
„Was geschah dort, gnädige Frau?“
„Ich klopfte an die Tür, wie vereinbart. Lucas öffnete. Ich folgte ihm in sein Zimmer und ließ die Flurtür hinter mir einen Spalt offen, denn ich fürchtete mich, mit dem Mann allein zu sein. Ich erinnere mich, dass eine Frau draußen war, als ich eintrat. Unser Geschäft war schnell erledigt. Er hatte meinen Brief auf seinem Schreibtisch, ich reichte ihm das Dokument. Er gab mir den Brief. In diesem Augenblick gab es ein Geräusch an der Tür. Es waren Schritte im Flur. Lucas schlug schnell den Teppich zurück, stieß das Dokument in ein Versteck dort und deckte es zu.
„Was danach geschah, ist wie ein schrecklicher Traum. Ich habe ein Bild vor Augen von einem dunklen, wütenden Gesicht, von der Stimme einer Frau, die auf Französisch schrie: ‚Mein Warten ist nicht umsonst. Endlich, endlich habe ich dich bei ihr gefunden!‘ Es gab einen wilden Kampf. Ich sah ihn mit einem Stuhl in der Hand, ein Messer blitzte in ihrer. Ich stürmte aus der schrecklichen Szene, rannte aus dem Haus, und erst am nächsten Morgen in der Zeitung erfuhr ich das grausame Ergebnis. In jener Nacht war ich glücklich, denn ich hatte meinen Brief, und ich hatte noch nicht gesehen, was die Zukunft bringen würde.
„Erst am nächsten Morgen realisierte ich, dass ich nur einen Kummer gegen einen anderen eingetauscht hatte. Die Qual meines Mannes über den Verlust seines Papiers ging mir durch Mark und Bein. Ich konnte mich kaum davon abhalten, mich auf der Stelle vor ihn auf die Knie zu werfen und ihm zu sagen, was ich getan hatte. Aber das würde wieder ein Geständnis der Vergangenheit bedeuten. Ich kam an jenem Morgen zu Ihnen, um das volle Ausmaß meines Vergehens zu verstehen. Von dem Augenblick an, als ich es begriff, war mein ganzer Verstand nur noch auf den einen Gedanken gerichtet, das Papier meines Mannes zurückzubekommen. Es musste immer noch dort sein, wo Lucas es platziert hatte, denn es war versteckt worden, bevor diese schreckliche Frau das Zimmer betrat. Wäre sie nicht gekommen, hätte ich nicht gewusst, wo sein Versteck war. Wie sollte ich in das Zimmer gelangen? Zwei Tage lang beobachtete ich den Ort, aber die Tür blieb nie offen. Letzte Nacht unternahm ich einen letzten Versuch. Was ich tat und wie ich Erfolg hatte, haben Sie bereits erfahren. Ich brachte das Papier mit zurück und dachte daran, es zu vernichten, da ich keinen Weg sah, es zurückzugeben, ohne meinem Mann meine Schuld zu gestehen. Himmel, ich höre seine Schritte auf der Treppe!“
Der Minister für europäische Angelegenheiten stürmte aufgeregt in das Zimmer. „Irgendwelche Neuigkeiten, Mr. Holmes, irgendwelche Neuigkeiten?“, rief er.
„Ich habe einige Hoffnung.“
„Ah, Gott sei Dank!“ Sein Gesicht strahlte. „Der Premierminister isst mit mir zu Mittag. Darf er an Ihrer Hoffnung teilhaben? Er hat Nerven aus Stahl, und doch weiß ich, dass er seit diesem schrecklichen Ereignis kaum geschlafen hat. Jacobs, bitten Sie den Premierminister, heraufzukommen? Was Sie betrifft, meine Liebe, ich fürchte, das ist eine politische Angelegenheit. Wir werden in ein paar Minuten im Speisezimmer zu Ihnen stoßen.“
Die Art des Premierministers war gedämpft, aber ich konnte an dem Glanz seiner Augen und dem Zucken seiner knochigen Hände sehen, dass er die Aufregung seines jungen Kollegen teilte.
„Ich verstehe, dass Sie etwas zu berichten haben, Mr. Holmes?“
„Bisher rein negativ“, antwortete mein Freund. „Ich habe an jedem Punkt nachgefragt, wo es sein könnte, und ich bin sicher, dass keine Gefahr zu befürchten ist.“
„Aber das ist nicht genug, Mr. Holmes. Wir können nicht ewig auf einem solchen Vulkan leben. Wir müssen etwas Definitives haben.“
„Ich habe Hoffnung, es zu bekommen. Deshalb bin ich hier. Je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, desto überzeugter bin ich, dass der Brief dieses Haus nie verlassen hat.“
„Mr. Holmes!“
„Wäre er das, wäre er sicherlich längst öffentlich geworden.“
„Aber warum sollte ihn jemand nehmen, nur um ihn im Haus zu behalten?“
„Ich bin nicht überzeugt, dass ihn überhaupt jemand genommen hat.“
„Wie konnte er dann aus der Depeschenmappe verschwinden?“
„Ich bin nicht überzeugt, dass er jemals die Depeschenmappe verlassen hat.“
„Mr. Holmes, dieser Scherz ist sehr unangebracht. Sie haben meine Versicherung, dass er aus der Mappe verschwunden ist.“
„Haben Sie die Mappe seit Dienstagmorgen untersucht?“
„Nein. Es war nicht notwendig.“
„Sie könnten sie möglicherweise übersehen haben.“
„Unmöglich, sage ich.“
„Aber ich bin nicht davon überzeugt. Ich habe erlebt, dass solche Dinge vorkommen. Ich nehme an, es sind andere Papiere darin. Nun, er könnte sich unter sie gemischt haben.“
„Er lag ganz oben.“
„Jemand könnte die Mappe geschüttelt und ihn verschoben haben.“
„Nein, nein, ich hatte alles herausgenommen.“
„Sicherlich ist das leicht zu entscheiden, Hope“, sagte der Premierminister. „Lassen Sie uns die Depeschenmappe hereinbringen.“
Der Minister läutete die Glocke.
„Jacobs, bringen Sie meine Depeschenmappe herunter. Das ist eine närrische Zeitverschwendung, aber nun gut, wenn Sie nichts anderes zufriedenstellt, soll es geschehen. Danke, Jacobs, stellen Sie sie hierher. Ich hatte den Schlüssel immer an meiner Uhrkette. Hier sind die Papiere, sehen Sie. Brief von Lord Merrow, Bericht von Sir Charles Hardy, Memorandum aus Belgrad, Notiz zu den russisch-deutschen Getreidezöllen, Brief aus Madrid, Notiz von Lord Flowers – – Großer Gott! Was ist das? Lord Bellinger! Lord Bellinger!“
Der Premierminister entriss ihm den blauen Umschlag aus der Hand.
„Ja, er ist es – und der Brief ist unversehrt. Hope, ich gratuliere Ihnen.“
„Danke! Danke! Was für eine Last von meinem Herzen. Aber das ist unbegreiflich – unmöglich. Mr. Holmes, Sie sind ein Zauberer, ein Hexenmeister! Woher wussten Sie, dass er dort war?“
„Weil ich wusste, dass er nirgendwo anders war.“
„Ich kann meinen Augen nicht trauen!“ Er rannte wild zur Tür. „Wo ist meine Frau? Ich muss ihr sagen, dass alles gut ist. Hilda! Hilda!“, hörten wir seine Stimme auf der Treppe.
Der Premierminister betrachtete Holmes mit funkelnden Augen.
„Kommen Sie, mein Herr“, sagte er. „Da steckt mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht. Wie kam der Brief zurück in die Mappe?“
Holmes wandte sich lächelnd von der scharfen Prüfung dieser wunderbaren Augen ab.
„Wir haben auch unsere diplomatischen Geheimnisse“, sagte er, nahm seinen Hut und wandte sich der Tür zu.
ENDE