DER GEHEIMNISVOLLE GEGNER
Von Agatha Christie
ALL JENEN, DIE EIN MONOTONES LEBEN FÜHREN IN DER HOFFNUNG, DASS SIE AUS ZWEITER HAND DIE FREUDEN UND GEFAHREN DES ABENTEUERS ERLEBEN MÖGEN
INHALT
PROLOG
KAPITEL I. DIE JUNGEN ABENTEURER G.M.B.H.
KAPITEL II. MR. WHITTINGTONS ANGEBOT
KAPITEL III. EIN RÜCKSCHLAG
KAPITEL IV. WER IST JANE FINN?
KAPITEL V. MR. JULIUS P. HERSHEIMMER
KAPITEL VI. EIN SCHLACHPLAN
KAPITEL VII. DAS HAUS IN SOHO
KAPITEL VIII. TOMMYS ABENTEUER
KAPITEL IX. TUPPENCE TRITT IN DEN HAUSDIENST
KAPITEL X. AUFTRITT SIR JAMES PEEL EDGERTONS
KAPITEL XI. JULIUS ERZÄHLT EINE GESCHICHTE
KAPITEL XII. EIN FREUND IN DER NOT
KAPITEL XIII. DIE WACHE
KAPITEL XIV. EINE BERATUNG
KAPITEL XV. TUPPENCE ERHÄLT EINEN ANTRAG
KAPITEL XVI. WEITERE ABENTEUER VON TOMMY
KAPITEL XVII. ANNETTE
KAPITEL XVIII. DAS TELEGRAMM
KAPITEL XIX. JANE FINN
KAPITEL XX. ZU SPÄT
KAPITEL XXI. TOMMY MACHT EINE ENTDECKUNG
KAPITEL XXII. IN DER DOWNING STREET
KAPITEL XXIII. EIN WETTRENNEN GEGEN DIE ZEIT
KAPITEL XXIV. JULIUS GREIFT EIN
KAPITEL XXV. JANES GESCHICHTE
KAPITEL XXVI. MR. BROWN
KAPITEL XXVII. EINE ABENDGESELLSCHAFT IM SAVOY
KAPITEL XXVIII. UND DANACH
PROLOG
ES war 14 Uhr am Nachmittag des 7. Mai 1915. Die Lusitania war von zwei aufeinanderfolgenden Torpedos getroffen worden und sank schnell, während die Rettungsboote mit aller Eile zu Wasser gelassen wurden. Die Frauen und Kinder wurden in Reihen aufgestellt, um auf die Reihe zu warten. Manche klammerten sich verzweifelt an ihre Ehemänner und Väter; andere hielten ihre Kinder eng an ihre Brust gedrückt. Ein Mädchen stand allein, ein wenig abseits von den anderen. Sie war noch sehr jung, nicht mehr als achtzehn. Sie schien keine Angst zu haben, und ihre ernsten, festen Augen blickten starr geradeaus.
„Verzeihung.“
Die Stimme eines Mannes neben ihr ließ sie zusammenfahren und sich umdrehen. Sie hatte den Sprecher mehr als einmal unter den Passagieren der ersten Klasse bemerkt. Es hatte etwas Geheimnisvolles an ihm gegeben, das ihre Fantasie angeregt hatte. Er sprach mit niemandem. Wenn jemand ihn ansprach, wies er den Annäherungsversuch brüsk zurück. Außerdem hatte er eine nervöse Art, sich mit einem schnellen, misstrauischen Blick über die Schulter umzusehen.
Sie bemerkte jetzt, dass er höchst aufgeregt war. Perlen von Schweiß standen auf seiner Stirn. Er befand sich offensichtlich in einem Zustand überwältigender Angst. Und doch wirkte er auf sie nicht wie die Art von Mann, der Angst hätte, dem Tod ins Auge zu sehen!
„Ja?“ Ihre ernsten Augen trafen die seinen fragend.
Er stand da und betrachtete sie mit einer Art verzweifelter Unentschlossenheit.
„Es muss sein!“, murmelte er vor sich hin. „Ja – es ist der einzige Weg.“ Dann sagte er laut und unvermittelt: „Sie sind Amerikanerin?“
„Ja.“
„Eine patriotische?“
Das Mädchen errötete.
„Ich glaube, Sie haben kein Recht, so etwas zu fragen! Natürlich bin ich das!“
„Seien Sie nicht beleidigt. Das wären Sie nicht, wenn Sie wüssten, wie viel auf dem Spiel steht. Aber ich muss jemandem vertrauen – und es muss eine Frau sein.“
„Warum?“
„Wegen des Prinzips ‚Frauen und Kinder zuerst‘.“ Er sah sich um und senkte seine Stimme. „Ich befördere Papiere – lebenswichtige Papiere. Sie könnten im Krieg den entscheidenden Unterschied für die Alliierten ausmachen. Verstehen Sie? Diese Papiere müssen gerettet werden! Bei Ihnen haben sie eine bessere Chance als bei mir. Wollen Sie sie nehmen?“
Das Mädchen streckte ihre Hand aus.
„Warten Sie – ich muss Sie warnen. Es könnte ein Risiko geben – falls ich verfolgt wurde. Ich glaube zwar nicht, aber man weiß ja nie. Wenn das der Fall ist, wird es gefährlich. Haben Sie den Mut, das durchzuziehen?“
Das Mädchen lächelte.
„Ich werde es durchziehen, keine Sorge. Und ich bin wirklich stolz darauf, ausgewählt worden zu sein! Was soll ich danach mit ihnen tun?“
„Beobachten Sie die Zeitungen! Ich werde im Anzeigenteil der Times inserieren, beginnend mit ‚Schiffskamerad‘. Wenn nach drei Tagen nichts erscheint – nun, dann werden Sie wissen, dass ich verloren bin. Bringen Sie das Paket dann zur amerikanischen Botschaft und übergeben Sie es persönlich in die Hände des Botschafters. Ist das klar?“
„Völlig klar.“
„Dann machen Sie sich bereit – ich werde mich jetzt verabschieden.“ Er nahm ihre Hand in seine. „Auf Wiedersehen. Viel Glück“, sagte er mit lauterer Stimme.
Ihre Hand schloss sich um das Wachstuchpaket, das in seiner Handfläche gelegen hatte.
Die Lusitania legte sich mit einer deutlicheren Schlagseite nach Steuerbord. Auf einen schnellen Befehl hin ging das Mädchen nach vorn, um ihren Platz im Boot einzunehmen.
KAPITEL I. DIE JUNGEN ABENTEURER G.M.B.H.
„TOMMY, altes Haus!“
„Tuppence, alte Seele!“
Die beiden jungen Leute begrüßten einander herzlich und versperrten für einen Moment den U-Bahn-Ausgang in der Dover Street. Das Adjektiv „alt“ war irreführend. Ihre zusammengerechneten Lebensjahre hätten sicherlich nicht einmal fünfundvierzig ergeben.
„Habe dich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen“, fuhr der junge Mann fort. „Wo gehst du hin? Komm mit, lass uns ein Brötchen essen. Wir machen uns hier gerade etwas unbeliebt – wir blockieren sozusagen den Durchgang. Lass uns verschwinden.“
Das Mädchen stimmte zu, und sie begannen, die Dover Street hinunter Richtung Piccadilly zu laufen.
„Also gut“, sagte Tommy, „wohin gehen wir?“
Die ganz leichte Angst, die seinem Tonfall unterlag, entging den scharfen Ohren von Miss Prudence Cowley nicht, die bei ihren engen Freunden aus irgendeinem geheimnisvollen Grund als „Tuppence“ bekannt war. Sie stieß sofort zu.
„Tommy, du bist pleite!“
„Kein bisschen“, erklärte Tommy wenig überzeugend. „Schwimme im Geld.“
„Du warst schon immer ein schrecklicher Lügner“, sagte Tuppence streng, „obwohl du Schwester Greenbank einmal tatsächlich davon überzeugt hast, dass der Arzt dir Bier als Stärkungsmittel verschrieben, es aber vergessen hatte, auf das Protokoll zu schreiben. Erinnerst du dich?“
Tommy kicherte.
„Und ob ich mich erinnere! War die alte Katze wütend, als sie es herausfand? Nicht, dass sie eigentlich eine schlechte Sorte gewesen wäre, Mutter Greenbank! Gute alte Klinik – ist wohl wie alles andere demobilisiert worden, nehme ich an?“
Tuppence seufzte.
„Ja. Du auch?“
Tommy nickte.
„Vor zwei Monaten.“
„Abfindung?“, deutete Tuppence an.
„Ausgegeben.“
„Oh, Tommy!“
„Nein, altes Haus, nicht für zügelloses Vergnügen. Schön wär’s! Die Lebenshaltungskosten – das ganz gewöhnliche Leben heutzutage ist, das versichere ich dir, wenn du es nicht weißt…“
„Mein liebes Kind“, unterbrach Tuppence, „es gibt nichts, was ich nicht über die Lebenshaltungskosten wüsste. Hier sind wir bei Lyons, und jeder von uns bezahlt für sich selbst. So machen wir es!“ Und Tuppence ging voraus nach oben.
Das Lokal war voll, und sie wanderten umher, auf der Suche nach einem Tisch, wobei sie Gesprächsfetzen aufschnappten.
„Und – weißt du, sie setzte sich hin und weinte, als ich ihr sagte, dass sie die Wohnung doch nicht haben könne.“ „Es war einfach ein Schnäppchen, meine Liebe! Genau wie das, das Mabel Lewis aus Paris mitgebracht hat…“
„Komische Fetzen, die man so aufschnappt“, murmelte Tommy. „Ich bin heute auf der Straße an zwei Kerlen vorbeigekommen, die über jemanden namens Jane Finn sprachen. Hast du jemals so einen Namen gehört?“
Doch in diesem Moment erhoben sich zwei ältere Damen und sammelten ihre Päckchen ein, und Tuppence ließ sich geschickt auf einen der frei gewordenen Plätze nieder.
Tommy bestellte Tee und Brötchen. Tuppence bestellte Tee und gebutterten Toast.
„Und achten Sie darauf, dass der Tee in getrennten Kännchen kommt“, fügte sie streng hinzu.
Tommy setzte sich ihr gegenüber. Sein unbedeckter Kopf enthüllte einen Schopf aus exquisit nach hinten gegeltem rotem Haar. Sein Gesicht war angenehm hässlich – nichtssagend und doch unverkennbar das Gesicht eines Gentlemans und Sportsmanns. Sein brauner Anzug war gut geschnitten, aber gefährlich nahe am Ende seiner Lebensdauer.
Sie waren ein im Wesentlichen modern aussehendes Paar, wie sie da saßen. Tuppence hatte keinen Anspruch auf Schönheit, aber in den elfenhaften Zügen ihres kleinen Gesichts lag Charakter und Charme, mit dem entschlossenen Kinn und den großen, weit auseinanderstehenden grauen Augen, die neblig unter geraden, schwarzen Brauen hervorlugten. Sie trug eine kleine, leuchtend grüne Kappe über ihrem schwarzen Pagenkopf, und ihr extrem kurzer und eher schäbiger Rock enthüllte ein Paar ungewöhnlich zierliche Knöchel. Ihr Erscheinungsbild stellte einen tapferen Versuch dar, schick zu sein.
Der Tee kam schließlich, und Tuppence, die aus einer Meditation erwachte, goss ihn ein.
„Also“, sagte Tommy und biss herzhaft in sein Brötchen, „lass uns auf den neuesten Stand kommen. Denke daran, ich habe dich seit der Zeit im Krankenhaus 1916 nicht mehr gesehen.“
„Sehr wohl.“ Tuppence bediente sich großzügig am gebutterten Toast. „Gekürzte Biografie von Miss Prudence Cowley, fünfte Tochter von Archidiakon Cowley aus Little Missendell, Suffolk. Miss Cowley verließ die Freuden (und Mühen) ihres häuslichen Lebens früh im Krieg und kam nach London, wo sie in einem Offizierskrankenhaus arbeitete. Erster Monat: Jeden Tag sechshundertachtundvierzig Teller abgewaschen. Zweiter Monat: Beförderung zum Abtrocknen besagter Teller. Dritter Monat: Beförderung zum Kartoffelschälen. Vierter Monat: Beförderung zum Brot-und-Butter-Schneiden. Fünfter Monat: Beförderung ein Stockwerk höher zu den Pflichten eines Stationsmädchens mit Wischmopp und Eimer. Sechster Monat: Beförderung zum Bedienen bei Tisch. Siebter Monat: Gefälliges Aussehen und gute Manieren so auffällig, dass ich zur Bedienung der Schwestern befördert werde! Achter Monat: Leichter Rückschlag in der Karriere. Schwester Bond aß Schwester Westhavens Ei! Riesiger Streit! Stationsmädchen eindeutig schuld! Unaufmerksamkeit in solch wichtigen Angelegenheiten kann nicht hoch genug getadelt werden. Wieder Wischmopp und Eimer! Wie sind die Mächtigen gefallen! Neunter Monat: Beförderung zum Fegen der Stationen, wo ich einen Freund meiner Kindheit traf, Lieutenant Thomas Beresford (verbeug dich, Tommy!), den ich fünf lange Jahre nicht gesehen hatte. Das Treffen war ergreifend! Zehnter Monat: Von der Oberschwester gerügt, weil ich in Begleitung eines Patienten, nämlich: des vorgenannten Lieutenant Thomas Beresford, ins Kino gegangen war. Elfter und zwölfter Monat: Pflichten als Stubenmädchen mit vollem Erfolg wiederaufgenommen. Am Ende des Jahres verließ ich das Krankenhaus im Glanz der Ehre. Danach fuhr die talentierte Miss Cowley nacheinander einen Lieferwagen, einen Lastkraftwagen und einen General! Letzteres war am angenehmsten. Er war ein ganz junger General!“
„Welcher Kerl war das denn?“, erkundigte sich Tommy. „Einfach zum Kotzen, wie diese hochrangigen Offiziere vom Kriegsministerium zum Savoy und vom Savoy zum Kriegsministerium fuhren!“
„Ich habe seinen Namen vergessen“, gestand Tuppence. „Um fortzufahren, das war in gewisser Weise der Höhepunkt meiner Karriere. Als Nächstes trat ich in ein Regierungsbüro ein. Wir hatten einige sehr vergnügliche Teegesellschaften. Ich hatte beabsichtigt, Landmädchen, Postbotin und Bus-Schaffnerin zu werden, um meine Karriere abzurunden – aber der Waffenstillstand kam dazwischen! Ich klammerte mich noch viele lange Monate mit der wahren Hartnäckigkeit einer Napfschnecke an das Büro, aber leider wurde ich schließlich ausgesiebt. Seitdem suche ich eine Stelle. Jetzt du – du bist dran.“
„In meiner gab es nicht so viel Beförderung“, sagte Tommy bedauernd, „und sehr viel weniger Abwechslung. Ich bin, wie du weißt, wieder nach Frankreich gegangen. Dann schickten sie mich nach Mesopotamien, ich wurde zum zweiten Mal verwundet und kam dort ins Krankenhaus. Dann steckte ich in Ägypten fest, bis der Waffenstillstand eintrat, vertrieb mir dort noch eine Weile die Zeit und wurde, wie ich dir sagte, schließlich demobilisiert. Und seit zehn langen, müden Monaten suche ich Arbeit! Es gibt keine Stellen! Und wenn es welche gäbe, würden sie sie mir nicht geben. Was bin ich schon wert? Was verstehe ich vom Geschäft? Nichts.“
Tuppence nickte düster.
„Was ist mit den Kolonien?“, schlug sie vor.
Tommy schüttelte den Kopf.
„Ich würde die Kolonien nicht mögen – und ich bin mir absolut sicher, dass sie mich nicht mögen würden!“
„Reiche Verwandte?“
Wieder schüttelte Tommy den Kopf.
„Oh, Tommy, nicht einmal eine Großtante?“
„Ich habe einen alten Onkel, der mehr oder weniger im Geld schwimmt, aber der taugt nichts.“
„Warum nicht?“
„Wollte mich mal adoptieren. Ich habe abgelehnt.“
„Ich glaube, ich erinnere mich, davon gehört zu haben“, sagte Tuppence langsam. „Du hast wegen deiner Mutter abgelehnt…“
Tommy errötete.
„Ja, das wäre ein bisschen hart für Mutter gewesen. Wie du weißt, war ich alles, was sie hatte. Der alte Mann hasste sie – wollte mich von ihr wegkriegen. Nur aus Gehässigkeit.“
„Deine Mutter ist tot, nicht wahr?“, sagte Tuppence sanft.
Tommy nickte.
Tuppences große graue Augen wirkten neblig.
„Du bist ein guter Kerl, Tommy. Ich wusste es immer.“
„Unsinn!“, sagte Tommy hastig. „Nun, das ist meine Lage. Ich bin ziemlich verzweifelt.“
„Ich auch! Ich habe so lange durchgehalten, wie ich konnte. Ich habe mich überall angeboten. Ich habe auf Anzeigen geantwortet. Ich habe alles versucht, was sterblich möglich ist. Ich habe gespart, gegeizt und geknausert! Aber es nützt nichts. Ich werde nach Hause zurückkehren müssen!“
„Willst du das nicht?“
„Natürlich will ich das nicht! Was nützt es, sentimental zu sein? Vater ist ein Schatz – ich habe ihn schrecklich gern –, aber du hast keine Ahnung, wie ich ihn nerve! Er hat diese entzückende frühviktorianische Ansicht, dass kurze Röcke und Rauchen unmoralisch sind. Du kannst dir vorstellen, was für ein Dorn im Auge ich für ihn bin! Er hat nur erleichtert aufgeatmet, als der Krieg mich wegholte. Weißt du, wir sind sieben Kinder zu Hause. Es ist schrecklich! Nur Hausarbeit und Mütterversammlungen! Ich war schon immer das Wechselbalg. Ich will nicht zurück, aber – oh, Tommy, was bleibt mir anderes übrig?“
Tommy schüttelte traurig den Kopf. Es herrschte Schweigen, und dann platzte Tuppence heraus:
„Geld, Geld, Geld! Ich denke morgens, mittags und abends an Geld! Ich wage zu sagen, dass das von mir habgierig ist, aber so ist es nun einmal!“
„Genauso geht es mir“, stimmte Tommy mit Gefühl zu.
„Ich habe auch über jeden erdenklichen Weg nachgedacht, daran zu kommen“, fuhr Tuppence fort. „Es gibt nur drei! Es geerbt bekommen, es einheiraten oder es selbst verdienen. Ersteres fällt weg. Ich habe keine reichen, älteren Verwandten. Die Verwandten, die ich habe, sind in Heimen für verarmte Damen! Ich helfe immer alten Damen über die Straße und hebe Päckchen für alte Herren auf, für den Fall, dass sie sich als exzentrische Millionäre entpuppen. Aber keiner von ihnen hat mich je nach meinem Namen gefragt – und eine ganze Menge haben nie ‚Danke‘ gesagt.“
Es folgte eine Pause.
„Natürlich“, nahm Tuppence wieder auf, „ist die Heirat meine beste Chance. Ich habe mir schon in jungen Jahren vorgenommen, Geld zu heiraten. Jedes denkende Mädchen würde das tun! Ich bin nicht sentimental, weißt du.“ Sie hielt inne. „Komm schon, du kannst nicht sagen, dass ich sentimental bin“, fügte sie scharf hinzu.
„Ganz sicher nicht“, stimmte Tommy hastig zu. „Niemand würde bei dir jemals an Sentimentalität denken.“
„Das ist nicht sehr höflich“, erwiderte Tuppence. „Aber ich wage zu sagen, dass du es gut meinst. Nun, da ist es! Ich bin bereit und willig – aber ich treffe nie reiche Männer! Alle Jungs, die ich kenne, sind genauso pleite wie ich.“
„Was ist mit dem General?“, erkundigte sich Tommy.
„Ich glaube, er betreibt in Friedenszeiten ein Fahrradgeschäft“, erklärte Tuppence. „Nein, so ist es nun einmal! Aber du könntest ein reiches Mädchen heiraten.“
„Ich bin wie du. Ich kenne keine.“
„Das spielt keine Rolle. Du kannst immer jemanden kennenlernen. Wenn ich jetzt einen Mann im Pelzmantel aus dem Ritz kommen sehe, kann ich nicht auf ihn zulaufen und sagen: ‚Hören Sie, Sie sind reich. Ich würde Sie gern kennenlernen.‘“
„Schlägst du vor, dass ich das bei einem ähnlich gekleideten weiblichen Wesen tun sollte?“
„Sei nicht albern. Du trittst ihr auf den Fuß, oder hebst ihr Taschentuch auf oder etwas in der Art. Wenn sie denkt, dass du sie kennenlernen willst, ist sie geschmeichelt und wird es irgendwie für dich arrangieren.“
„Du überschätzt meinen männlichen Charme“, murmelte Tommy.
„Andererseits“, fuhr Tuppence fort, „würde mein Millionär wahrscheinlich um sein Leben rennen! Nein – die Heirat ist voller Schwierigkeiten. Bleibt – Geld zu verdienen!“
„Wir haben es versucht und sind gescheitert“, erinnerte sie Tommy.
„Wir haben alle orthodoxen Wege versucht, ja. Aber lass es uns unorthodox versuchen. Tommy, lass uns Abenteurer sein!“
„Sehr gerne“, antwortete Tommy fröhlich. „Wie fangen wir an?“
„Das ist die Schwierigkeit. Wenn wir uns bekannt machen könnten, würden uns die Leute vielleicht anheuern, um Verbrechen für sie zu begehen.“
„Reizend“, kommentierte Tommy. „Besonders von der Tochter eines Geistlichen!“
„Die moralische Schuld“, wies Tuppence darauf hin, „läge bei ihnen – nicht bei mir. Du musst zugeben, dass es einen Unterschied gibt, ob man eine Diamantkette für sich selbst stiehlt oder ob man angeheuert wird, sie zu stehlen.“
„Es gäbe nicht den geringsten Unterschied, wenn du erwischt würdest!“
„Vielleicht nicht. Aber ich würde nicht erwischt werden. Ich bin so schlau.“
„Bescheidenheit war schon immer deine größte Schwäche“, bemerkte Tommy.
„Hör auf zu frotzeln. Schau mal, Tommy, sollen wir wirklich? Sollen wir eine geschäftliche Partnerschaft gründen?“
„Eine Firma gründen zum Stehlen von Diamantketten?“
„Das war nur ein Beispiel. Lass uns eine – wie nennt man das in der Buchhaltung?“
„Weiß nicht. Habe nie eine gemacht.“
„Ich schon – aber ich habe immer alles durcheinandergebracht und habe Haben-Einträge auf die Soll-Seite gesetzt und umgekehrt – deshalb haben sie mich rausgeworfen. Oh, ich weiß – ein Joint Venture! Der Ausdruck kam mir so romantisch vor, inmitten all der verstaubten alten Zahlen. Er hat einen elisabethanischen Beigeschmack – lässt einen an Galeonen und Dublonen denken. Ein Joint Venture!“
„Handeln unter dem Namen ‚Die jungen Abenteurer G.m.b.H.‘? Ist das deine Idee, Tuppence?“
„Es ist ja alles schön und gut zu lachen, aber ich habe das Gefühl, da könnte etwas dran sein.“
„Wie gedenkst du, mit deinen zukünftigen Arbeitgebern in Kontakt zu treten?“
„Anzeige“, antwortete Tuppence prompt. „Hast du ein Stück Papier und einen Bleistift? Männer scheinen das meistens zu haben. Genauso wie wir Haarnadeln und Puderquasten haben.“
Tommy reichte ihr ein etwas schäbiges grünes Notizbuch, und Tuppence begann geschäftig zu schreiben.
„Sollen wir anfangen: ‚Junger Offizier, zweimal im Krieg verwundet…‘“
„Ganz sicher nicht.“
„Oh, sehr wohl, mein lieber Junge. Aber ich kann dir versichern, dass so etwas das Herz einer älteren Jungfer rühren könnte, und sie könnte dich adoptieren, und dann gäbe es für dich gar keinen Grund mehr, ein junger Abenteurer zu sein.“
„Ich will nicht adoptiert werden.“
„Ich hatte vergessen, dass du eine Abneigung dagegen hast. Ich wollte dich nur aufziehen! Die Zeitungen sind voll von dieser Art von Dingen. Nun hör zu – wie ist das hier? ‚Zwei junge Abenteurer zu vermieten. Bereit, alles zu tun, überallhin zu gehen. Bezahlung muss gut sein.‘ (Wir könnten das genauso gut von Anfang an klarstellen.) Dann könnten wir hinzufügen: ‚Kein vernünftiges Angebot abgelehnt‘ – wie bei Wohnungen und Möbeln.“
„Ich sollte meinen, dass jedes Angebot, das wir als Antwort darauf bekommen, ein ziemlich unvernünftiges sein würde!“
„Tommy! Du bist ein Genie! Das ist viel schicker. ‚Kein unvernünftiges Angebot abgelehnt – wenn die Bezahlung gut ist.‘ Wie ist das?“
„Ich würde die Bezahlung nicht noch einmal erwähnen. Das sieht ziemlich gierig aus.“
„Es könnte nicht so gierig aussehen, wie ich mich fühle! Aber vielleicht hast du recht. Jetzt lese ich es noch einmal ganz durch. ‚Zwei junge Abenteurer zu vermieten. Bereit, alles zu tun, überallhin zu gehen. Bezahlung muss gut sein. Kein unvernünftiges Angebot abgelehnt.‘ Wie würde das auf dich wirken, wenn du es lesen würdest?“
„Es würde auf mich wirken wie entweder ein Scherz oder wie von einem Verrückten geschrieben.“
„Das ist nicht halb so wahnsinnig wie eine Sache, die ich heute Morgen gelesen habe, die mit ‚Petunia‘ anfing und mit ‚Bester Junge‘ unterzeichnet war.“ Sie riss das Blatt heraus und gab es Tommy. „Da hast du es. Times, denke ich. Antwort an Box sowieso. Ich erwarte, dass es etwa fünf Schilling kosten wird. Hier ist eine halbe Krone für meinen Anteil.“
Tommy hielt das Papier nachdenklich in der Hand. Sein Gesicht brannte in einem tieferen Rot.
„Sollen wir es wirklich versuchen?“, sagte er schließlich. „Sollen wir, Tuppence? Nur zum Spaß?“
„Tommy, du bist ein Sportler! Ich wusste, dass du das sein würdest! Lass uns auf den Erfolg trinken.“ Sie goss einige kalte Teereste in die zwei Tassen.
„Auf unser Joint Venture, und möge es gedeihen!“
„Die jungen Abenteurer G.m.b.H.!“, antwortete Tommy.
Sie stellten die Tassen ab und lachten ziemlich unsicher. Tuppence stand auf.
„Ich muss zurück in meine palastartige Suite im Wohnheim.“
„Vielleicht ist es Zeit, dass ich einen Bummel zum Ritz mache“, stimmte Tommy mit einem Grinsen zu. „Wo sollen wir uns treffen? Und wann?“
„Morgen um zwölf Uhr. U-Bahn-Station Piccadilly. Passt dir das?“
„Meine Zeit gehört mir“, antwortete Mr. Beresford großartig.
„Also dann, bis bald.“
„Auf Wiedersehen, altes Haus.“
Die zwei jungen Leute gingen in entgegengesetzte Richtungen davon. Tuppences Wohnheim lag in dem, was man großzügig das südliche Belgravia nannte. Aus Gründen der Sparsamkeit nahm sie keinen Bus.
Sie war mitten im St. James’s Park, als die Stimme eines Mannes hinter ihr sie zusammenfahren ließ.
„Entschuldigen Sie“, sagte er. „Aber darf ich Sie einen Moment sprechen?“
KAPITEL II. MR. WHITTINGTONS ANGEBOT
TUPPENCE drehte sich hastig um, aber die Worte, die auf ihrer Zunge lagen, blieben unausgesprochen, denn das Aussehen und das Auftreten des Mannes bestätigten nicht ihre erste und natürlichste Vermutung. Sie zögerte. Als ob er ihre Gedanken läse, sagte der Mann schnell:
„Ich kann Ihnen versichern, dass ich keine Respektlosigkeit meine.“
Tuppence glaubte ihm. Obwohl sie ihn instinktiv ablehnte und ihm misstraute, war sie geneigt, ihn des Motivs freizusprechen, das sie ihm zuerst unterstellt hatte. Sie sah ihn von oben bis unten an. Er war ein großer Mann, glatt rasiert, mit einem schweren Unterkiefer. Seine Augen waren klein und verschlagen und wichen ihrem direkten Blick aus.
„Nun, was gibt es?“, fragte sie.
Der Mann lächelte.
„Ich habe zufällig einen Teil Ihres Gesprächs mit dem jungen Herrn bei Lyons mitgehört.“
„Nun – was ist damit?“
„Nichts – außer dass ich glaube, dass ich Ihnen von Nutzen sein könnte.“
Ein weiterer Schluss drängte sich Tuppence auf:
„Sie sind mir hierher gefolgt?“
„Ich habe mir diese Freiheit genommen.“
„Und in welcher Weise glauben Sie, mir von Nutzen sein zu können?“
Der Mann nahm eine Karte aus seiner Tasche und überreichte sie ihr mit einer Verbeugung.
Tuppence nahm sie entgegen und prüfte sie aufmerksam. Sie trug die Aufschrift: „Mr. Edward Whittington.“ Unter dem Namen standen die Worte „Esthonia Glassware Co.“ sowie die Adresse eines Büros in der Stadt. Mr. Whittington sprach erneut:
„Wenn Sie mich morgen Vormittag um elf Uhr aufsuchen, werde ich Ihnen die Einzelheiten meines Vorschlags darlegen.“
„Um elf Uhr?“, fragte Tuppence zweifelnd.
„Um elf Uhr.“
Tuppence fasste einen Entschluss.
„Sehr wohl. Ich werde da sein.“
„Danke. Guten Abend.“
Er hob mit einer galanten Geste den Hut und ging davon. Tuppence blieb einige Minuten stehen und sah ihm nach. Dann machte sie eine merkwürdige Bewegung mit den Schultern, so als würde sich ein Terrier schütteln.
„Die Abenteuer haben begonnen“, murmelte sie vor sich hin. „Was er wohl von mir will? Es ist etwas an Ihnen, Mr. Whittington, das mir ganz und gar nicht gefällt. Aber andererseits habe ich nicht das geringste bisschen Angst vor Ihnen. Und wie ich schon sagte und zweifellos noch oft sagen werde: Die kleine Tuppence kann auf sich selbst aufpassen, danke!“
Und mit einem kurzen, heftigen Kopfnicken schritt sie zügig weiter. Infolge weiterer Überlegungen wich sie jedoch vom direkten Weg ab und betrat ein Postamt. Dort sinnierte sie einige Augenblicke lang mit einem Telegrammformular in der Hand. Der Gedanke an mögliche fünf Schillinge, die unnötig ausgegeben würden, spornte sie zum Handeln an, und sie beschloss, das Risiko zu wagen, neun Pence zu verschwenden.
Sie verschmähte die stachelige Feder und den dicken, schwarzen Sirup, den eine wohltätige Regierung bereitgestellt hatte, zog Tommys Bleistift hervor, den sie behalten hatte, und schrieb hastig: „Anzeige nicht aufgeben. Erkläre alles morgen.“ Sie adressierte es an Tommy in seinem Club, aus dem er in einem kurzen Monat austreten müsste, es sei denn, ein gütiges Schicksal erlaubte ihm, seinen Beitrag zu erneuern.
„Es könnte ihn erreichen“, murmelte sie. „Wie dem auch sei, einen Versuch ist es wert.“
Nachdem sie es am Schalter abgegeben hatte, machte sie sich zügig auf den Heimweg und hielt bei einem Bäcker an, um für drei Pennys frische Brötchen zu kaufen.
Später, in ihrer winzigen Kammer unter dem Dach, mampfte sie Brötchen und dachte über die Zukunft nach. Was war die Esthonia Glassware Co., und welches weltliche Bedürfnis könnte diese für ihre Dienste haben? Ein angenehmer Schauer der Aufregung durchlief Tuppence. Jedenfalls war das ländliche Pfarrhaus wieder in den Hintergrund getreten. Der morgige Tag barg Möglichkeiten.
Es dauerte lange, bis Tuppence in dieser Nacht einschlief, und als sie es schließlich tat, träumte sie, Mr. Whittington habe sie dazu verdonnert, einen Stapel Esthonia-Glaswaren abzuwaschen, die eine unerklärliche Ähnlichkeit mit Krankenhaustellern aufwiesen!
Es fehlten noch etwa fünf Minuten bis elf, als Tuppence den Gebäudekomplex erreichte, in dem sich die Büros der Esthonia Glassware Co. befanden. Vor der Zeit zu erscheinen, würde übertrieben eifrig wirken. Also beschloss Tuppence, bis zum Ende der Straße und wieder zurück zu gehen. Das tat sie. Punkt elf Uhr stürzte sie sich in das Innere des Gebäudes. Die Esthonia Glassware Co. befand sich im obersten Stockwerk. Es gab einen Fahrstuhl, aber Tuppence zog es vor, die Treppe zu nehmen.
Etwas außer Atem blieb sie vor der Tür mit dem Milchglas stehen, auf der in großen Lettern „Esthonia Glassware Co.“ stand.
Tuppence klopfte. Auf die Antwort einer Stimme aus dem Inneren drückte sie die Klinke nieder und betrat ein kleines, ziemlich schmutziges Vorzimmer.
Ein Angestellter mittleren Alters stieg von einem hohen Hocker an einem Schreibtisch nahe dem Fenster herab und kam fragend auf sie zu.
„Ich habe einen Termin mit Mr. Whittington“, sagte Tuppence.
„Wenn Sie mir bitte folgen würden.“ Er ging zu einer Zwischentür mit der Aufschrift „Privat“, klopfte, öffnete dann die Tür und trat beiseite, um sie eintreten zu lassen.
Mr. Whittington saß hinter einem großen, mit Papieren bedeckten Schreibtisch. Tuppence sah sich in ihrer vorigen Einschätzung bestätigt. Mit Mr. Whittington stimmte etwas nicht. Die Kombination aus seinem aalglatten Wohlstand und seinem ausweichenden Blick war nicht gerade anziehend.
Er blickte auf und nickte.
„Sie sind also gut angekommen? Das ist schön. Setzen Sie sich doch, bitte.“
Tuppence setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. Sie wirkte heute Morgen besonders klein und sittsam. Sie saß demütig mit gesenkten Augen da, während Mr. Whittington seine Papiere sortierte und raschelte. Schließlich schob er sie beiseite und beugte sich über den Schreibtisch.
„Nun, meine liebe junge Dame, kommen wir zum Geschäft.“ Sein breites Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Sie suchen Arbeit? Nun, ich habe Arbeit für Sie. Was würden Sie dazu sagen, sofort 100 Pfund zu bekommen, wobei alle Auslagen bezahlt werden?“ Mr. Whittington lehnte sich in seinem Stuhl zurück und steckte die Daumen in die Armausschnitte seiner Weste.
Tuppence musterte ihn misstrauisch.
„Und die Art der Arbeit?“, fragte sie.
„Rein formell – absolut formell. Eine angenehme Reise, das ist alles.“
„Wohin?“
Mr. Whittington lächelte wieder.
„Paris.“
„Oh!“, sagte Tuppence nachdenklich. Bei sich dachte sie: „Natürlich, wenn Vater das hören würde, bekäme er einen Anfall! Aber irgendwie kann ich mir Mr. Whittington nicht in der Rolle des charmanten Verführers vorstellen.“
„Ja“, fuhr Whittington fort. „Was könnte entzückender sein? Die Uhr um ein paar Jahre zurückdrehen – nur sehr wenige, da bin ich sicher – und eines jener bezaubernden pensionnats de jeunes filles wieder zu betreten, wie es sie in Paris im Überfluss gibt ...“
Tuppence unterbrach ihn.
„Ein Pensionat?“
„Genau. Madame Colombiers in der Avenue de Neuilly.“
Tuppence kannte den Namen gut. Nichts hätte exklusiver sein können. Sie hatte dort mehrere amerikanische Freunde gehabt. Sie war mehr denn je verwirrt.
„Sie wollen, dass ich zu Madame Colombier gehe? Für wie lange?“
„Das kommt darauf an. Möglicherweise drei Monate.“
„Und das ist alles? Es gibt keine anderen Bedingungen?“
„Keinerlei. Sie würden natürlich als mein Mündel auftreten, und Sie dürften keinerlei Verbindung zu Ihren Freunden unterhalten. Ich müsste um absolute Verschwiegenheit für die Dauer der Zeit bitten. Übrigens, Sie sind Engländerin, nicht wahr?“
„Ja.“
„Dennoch sprechen Sie mit einem leichten amerikanischen Akzent?“
„Meine beste Freundin im Krankenhaus war ein kleines amerikanisches Mädchen. Ich nehme an, ich habe es von ihr aufgeschnappt. Ich kann es mir bald wieder abgewöhnen.“
„Im Gegenteil, es wäre vielleicht einfacher für Sie, als Amerikanerin durchzugehen. Einzelheiten über Ihr früheres Leben in England wären schwieriger aufrechtzuerhalten. Ja, ich denke, das wäre entschieden besser. Dann ...“
„Einen Augenblick, Mr. Whittington! Sie scheinen mein Einverständnis als gegeben vorauszusetzen.“
Whittington sah überrascht aus.
„Sie denken doch sicher nicht daran abzulehnen? Ich kann Ihnen versichern, dass Madame Colombiers eine äußerst erstklassige und seriöse Einrichtung ist. Und die Bedingungen sind überaus großzügig.“
„Genau“, sagte Tuppence. „Das ist es ja gerade. Die Bedingungen sind fast zu großzügig, Mr. Whittington. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, wie ich Ihnen diese Summe Geld wert sein kann.“
„Nein?“, sagte Whittington sanft. „Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich könnte zweifellos jemand anderen für sehr viel weniger bekommen. Wofür ich zu zahlen bereit bin, ist eine junge Dame mit genügend Intelligenz und Geistesgegenwart, um ihre Rolle gut zu spielen, und zudem eine, die genügend Diskretion besitzt, nicht zu viele Fragen zu stellen.“
Tuppence lächelte ein wenig. Sie hatte das Gefühl, Whittington habe gepunktet.
„Da ist noch etwas. Bisher war keine Rede von Mr. Beresford. Wo passt er ins Bild?“
„Mr. Beresford?“
„Mein Partner“, sagte Tuppence würdevoll. „Sie haben uns gestern zusammen gesehen.“
„Ach ja. Aber ich fürchte, seine Dienste werden wir nicht benötigen.“
„Dann ist es abgemacht!“ Tuppence stand auf. „Entweder beide oder keiner. Tut mir leid – aber so ist es. Guten Morgen, Mr. Whittington.“
„Warten Sie einen Moment. Lassen Sie uns sehen, ob sich da nicht etwas machen lässt. Setzen Sie sich wieder, Miss ...“ Er hielt fragend inne.
Tuppences Gewissen meldete sich flüchtig, als sie an den Archidiakon dachte. Sie griff hastig nach dem ersten Namen, der ihr in den Sinn kam.
„Jane Finn“, sagte sie voreilig; und hielt dann mit offenem Mund inne, als sie die Wirkung dieser zwei einfachen Worte sah.
Alle Herzlichkeit war aus Whittingtons Gesicht gewichen. Es war purpurrot vor Wut, und die Adern auf seiner Stirn traten hervor. Und dahinter verbarg sich eine Art ungläubiger Bestürzung. Er beugte sich vor und zischte wild:
„Das ist also dein kleines Spiel, ja?“
Tuppence, obwohl völlig überrumpelt, behielt dennoch einen klaren Kopf. Sie verstand nicht im Geringsten, was er meinte, aber sie war von Natur aus schlagfertig und empfand es als zwingend notwendig, „sich zu behaupten“, wie sie es nannte.
Whittington fuhr fort:
„Hast die ganze Zeit Katz und Maus mit mir gespielt, was? Wusstest die ganze Zeit, wofür ich dich brauchte, hast aber die Komödie aufrechterhalten. Ist es das, heh?“ Er beruhigte sich. Die rote Farbe wich aus seinem Gesicht. Er betrachtete sie scharf. „Wer hat geplaudert? Rita?“
Tuppence schüttelte den Kopf. Sie war sich unsicher, wie lange sie diese Illusion aufrechterhalten konnte, erkannte aber, wie wichtig es war, eine unbekannte Rita nicht da hineinzuziehen.
„Nein“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Rita weiß nichts von mir.“
Seine Augen bohrten sich noch immer wie ein Bohrer in sie hinein.
„Wie viel weißt du?“, schoss er hervor.
„Sehr wenig“, antwortete Tuppence und stellte mit Befriedigung fest, dass Whittingtons Unbehagen eher noch zunahm, als dass es sich legte. Zu prahlen, sie wisse viel, hätte Zweifel in seinem Geist wecken können.
„Wie dem auch sei“, knurrte Whittington, „du wusstest genug, um hier hereinzukommen und diesen Namen herauszuposaunen.“
„Es könnte mein eigener Name sein“, gab Tuppence zu bedenken.
„Es ist wahrscheinlich, nicht wahr, dass es dann zwei Mädchen mit so einem Namen gäbe?“
„Oder ich könnte ihn einfach durch Zufall getroffen haben“, fuhr Tuppence fort, berauscht vom Erfolg der Wahrheitsliebe.
Mr. Whittington ließ seine Faust mit einem Schlag auf den Schreibtisch niedersausen.
„Hör auf mit der Albernheit! Wie viel weißt du? Und wie viel willst du?“
Die letzten fünf Worte gefielen Tuppence mächtig, besonders nach einem kargen Frühstück und einem Abendessen aus Brötchen am Vorabend. Ihre jetzige Rolle war eher die einer Abenteurerin als eines abenteuerlustigen Mädchens, aber sie leugnete die Möglichkeiten nicht. Sie setzte sich auf und lächelte mit der Miene einer Person, die die Situation vollkommen im Griff hat.
„Mein lieber Mr. Whittington“, sagte sie, „lassen Sie uns doch alle Karten auf den Tisch legen. Und bitte seien Sie nicht so wütend. Sie haben mich gestern sagen hören, dass ich beabsichtige, von meinem Verstand zu leben. Es scheint mir, dass ich nun bewiesen habe, dass ich über Verstand verfüge, von dem ich leben kann! Ich gebe zu, dass ich einen gewissen Namen kenne, aber vielleicht endet mein Wissen dort auch schon.“
„Ja – und vielleicht auch nicht“, knurrte Whittington.
„Sie bestehen darauf, mich falsch einzuschätzen“, sagte Tuppence und seufzte leise.
„Wie ich schon einmal sagte“, sagte Whittington wütend, „hör auf mit dem Quatsch und komm zum Punkt. Du kannst mir nicht die Unschuldige vorspielen. Du weißt sehr viel mehr, als du zuzugeben bereit bist.“
Tuppence hielt einen Moment inne, um ihren eigenen Einfallsreichtum zu bewundern, und sagte dann leise:
„Ich würde Ihnen nur ungern widersprechen, Mr. Whittington.“
„Also kommen wir zur üblichen Frage – wie viel?“
Tuppence steckte in einer Zwickmühle. Bisher hatte sie Whittington mit vollem Erfolg getäuscht, aber eine offensichtlich unmögliche Summe zu nennen, könnte sein Misstrauen wecken. Ein Gedanke blitzte in ihrem Gehirn auf.
„Wie wäre es mit einem kleinen Betrag vorab und einer ausführlicheren Diskussion der Angelegenheit später?“
Whittington warf ihr einen bösen Blick zu.
„Erpressung, heh?“
Tuppence lächelte süß.
„Oh nein! Sollen wir es Bezahlung für Dienste im Voraus nennen?“
Whittington brummte.
„Sehen Sie“, erklärte Tuppence weiterhin süß, „ich bin so schrecklich geldgierig!“
„Du bist das Letzte, das bist du“, knurrte Whittington mit einer Art widerwilliger Bewunderung. „Du hast mich gut reingelegt. Ich dachte, du wärst ein ganz sanftes kleines Ding mit gerade genug Grips für meine Zwecke.“
„Das Leben“, philosophierte Tuppence, „ist voller Überraschungen.“
„Trotzdem“, fuhr Whittington fort, „irgendjemand hat geplaudert. Du sagst, es war nicht Rita. War es ...? Oh, kommen Sie herein.“
Der Angestellte folgte seinem diskreten Klopfen in den Raum und legte ein Papier auf den Ellbogen seines Herrn.
„Ein Anruf für Sie, Sir.“
Whittington schnappte es sich und las es. Ein Stirnrunzeln legte sich auf seine Stirn.
„Das reicht, Brown. Sie können gehen.“
Der Angestellte zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich. Whittington wandte sich an Tuppence.
„Kommen Sie morgen zur gleichen Zeit. Ich bin jetzt beschäftigt. Hier sind fünfzig für den Anfang.“
Er sortierte schnell einige Banknoten aus, schob sie über den Tisch zu Tuppence und stand dann auf, sichtlich ungeduldig, dass sie gehen sollte.
Das Mädchen zählte die Banknoten geschäftsmäßig, verstaute sie in ihrer Handtasche und stand auf.
„Guten Morgen, Mr. Whittington“, sagte sie höflich. „Oder besser gesagt, au revoir.“
„Genau. Au revoir!“ Whittington wirkte fast wieder jovial, eine Wendung, die bei Tuppence ein leises Misstrauen weckte. „Au revoir, meine kluge und bezaubernde junge Dame.“
Tuppence eilte leichtfüßig die Treppe hinunter. Ein wilder Jubel bemächtigte sich ihrer. Eine nahegelegene Uhr zeigte, dass es fünf Minuten vor zwölf war.
„Überraschen wir Tommy!“, murmelte Tuppence und rief ein Taxi.
Der Wagen hielt vor der U-Bahn-Station. Tommy war gerade am Eingang. Seine Augen weiteten sich bis zum Maximum, als er herbeieilte, um Tuppence beim Aussteigen zu helfen. Sie lächelte ihn liebevoll an und bemerkte mit leicht affektierter Stimme:
„Bezahlst du das Ding, alter Junge? Ich habe nichts Kleineres als einen Fünf-Pfund-Schein!“
KAPITEL III. EIN RÜCKSCHLAG
Der Moment war nicht ganz so triumphierend, wie er hätte sein sollen. Zunächst einmal waren die Ressourcen von Tommys Taschen etwas begrenzt. Am Ende wurde das Fahrgeld aufgebracht, nachdem sich die Dame an bescheidene zwei Pence erinnert hatte, und der Fahrer, der noch immer das bunte Sammelsurium an Münzen in der Hand hielt, konnte dazu überredet werden, weiterzufahren, was er nach einer letzten heiseren Frage, was der Herr sich wohl dabei gedacht habe, ihm zu geben, auch tat.
„Ich glaube, du hast ihm zu viel gegeben, Tommy“, sagte Tuppence unschuldig. „Ich habe das Gefühl, er will einen Teil davon zurückgeben.“
Es war möglicherweise diese Bemerkung, die den Fahrer dazu veranlasste, davonzufahren.
„Nun“, sagte Mr. Beresford, schließlich in der Lage, seinem Ärger Luft zu machen, „was zum – Kuckuck, hast du ein Taxi nehmen müssen?“
„Ich hatte Angst, ich könnte zu spät kommen und dich warten lassen“, sagte Tuppence sanft.
„Angst – du – könntest – zu – spät – kommen! Oh Gott, ich gebe es auf!“, sagte Mr. Beresford.
„Und ganz im Ernst“, fuhr Tuppence fort und riss die Augen sehr weit auf, „ich habe nichts Kleineres als einen Fünf-Pfund-Schein.“
„Das hast du sehr gut gemacht, alter Junge, aber trotzdem ist der Kerl nicht darauf reingefallen – nicht einen Moment lang!“
„Nein“, sagte Tuppence nachdenklich, „er hat es nicht geglaubt. Das ist das Seltsame daran, die Wahrheit zu sagen. Niemand glaubt sie. Das habe ich heute Morgen herausgefunden. Nun lass uns zum Mittagessen gehen. Wie wäre es mit dem Savoy?“
Tommy grinste.
„Wie wäre es mit dem Ritz?“
„Beim zweiten Nachdenken ziehe ich das Piccadilly vor. Es ist näher. Wir müssen kein weiteres Taxi nehmen. Komm schon.“
„Ist das eine neue Art von Humor? Oder ist dein Verstand tatsächlich getrübt?“, erkundigte sich Tommy.
„Deine letzte Vermutung ist die richtige. Ich bin zu Geld gekommen, und der Schock war zu viel für mich! Für diese spezielle Form von geistiger Störung empfiehlt ein berühmter Arzt unbegrenzte Vorspeisen, Hummer auf amerikanische Art, Chicken Newberg und Pfirsich Melba! Lass uns gehen und sie holen!“
„Tuppence, altes Mädchen, was ist wirklich mit dir los?“
„Oh, du Ungläubiger!“ Tuppence riss ihre Tasche auf. „Sieh hier, und hier, und hier!“
„Großer Jehosaphat! Meine Liebe, winke nicht so mit Fünfern in der Gegend herum!“
„Das sind keine Fünfer. Das sind fünfmal bessere als Fünfer, und dieser hier ist zehnmal besser!“
Tommy stöhnte.
„Ich muss unbewusst getrunken haben! Träume ich, Tuppence, oder sehe ich tatsächlich eine große Menge an Fünf-Pfund-Noten, die auf gefährliche Weise herumgewedelt werden?“
„Selbst so, o König! Nun, kommst du und isst mit mir zu Mittag?“
„Ich komme überallhin mit. Aber was hast du getan? Eine Bank ausgeraubt?“
„Alles zu seiner Zeit. Was für ein schrecklicher Ort der Piccadilly Circus ist. Ein riesiger Bus rast auf uns zu. Es wäre zu schrecklich, wenn sie die Fünf-Pfund-Noten töten würden!“
„Grillroom?“, erkundigte sich Tommy, als sie den gegenüberliegenden Gehweg sicher erreicht hatten.
„Das andere ist teurer“, wandte Tuppence ein.
„Das ist bloße, niederträchtige Verschwendung. Komm, gehen wir hinunter.“
„Bist du sicher, dass ich dort all die Dinge bekommen kann, die ich will?“
„Dieses überaus ungesunde Menü, das du gerade skizziert hast? Natürlich kannst du das – oder zumindest so viel davon, wie dir guttut.“
„Und nun erzähl mir“, sagte Tommy, der seine aufgestaute Neugier nicht länger zurückhalten konnte, während sie in vornehmer Umgebung, umgeben von den vielen Vorspeisen von Tuppences Träumen, saßen.
Miss Cowley erzählte es ihm.
„Und das Seltsame daran ist“, schloss sie, „dass ich den Namen Jane Finn wirklich erfunden habe! Ich wollte meinen eigenen nicht nennen, wegen des armen Vaters – falls ich in irgendetwas Zwielichtiges hineingezogen würde.“
„Vielleicht ist das so“, sagte Tommy langsam. „Aber du hast ihn nicht erfunden.“
„Was?“
„Nein. Ich habe ihn dir gesagt. Erinnerst du dich nicht, ich sagte gestern, ich hätte zwei Leute über eine Frau namens Jane Finn reden hören? Das hat den Namen so prompt in deinen Geist gerufen.“
„Das hast du. Ich erinnere mich jetzt. Wie außergewöhnlich ...“ Tuppence verstummte. Plötzlich straffte sie sich. „Tommy!“
„Ja?“
„Wie sahen sie aus, die beiden Männer, an denen du vorbeigegangen bist?“
Tommy runzelte die Stirn bei der Anstrengung, sich zu erinnern.
„Einer war so ein großer, dicker Typ. Glatt rasiert, glaube ich – und dunkel.“
„Das ist er“, schrie Tuppence in einem grammatikalisch falschen Quietschen. „Das ist Whittington! Wie sah der andere Mann aus?“
„Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe ihn nicht besonders beachtet. Es war wirklich der ausgefallene Name, der meine Aufmerksamkeit erregte.“
„Und Leute sagen, Zufälle gäbe es nicht!“ Tuppence widmete sich glücklich ihrem Pfirsich Melba.
Aber Tommy war ernst geworden.
„Schau her, Tuppence, altes Mädchen, wo soll das hinführen?“
„Zu mehr Geld“, antwortete seine Begleiterin.
„Das weiß ich. Du hast nur eine Idee im Kopf. Was ich meine, ist: Was ist der nächste Schritt? Wie willst du das Spiel aufrechterhalten?“
„Oh!“ Tuppence legte ihren Löffel nieder. „Du hast recht, Tommy, das ist eine harte Nuss.“
„Schließlich kannst du ihn nicht ewig bluffen. Früher oder später wirst du sicher ausrutschen. Und außerdem bin ich mir gar nicht sicher, ob das nicht strafbar ist – Erpressung, weißt du.“
„Unsinn. Erpressung heißt zu sagen, man würde alles erzählen, wenn man kein Geld bekäme. Nun, es gibt nichts, was ich erzählen könnte, weil ich eigentlich gar nichts weiß.“
„Hm“, sagte Tommy zweifelnd. „Nun gut, was werden wir tun? Whittington hatte es heute Morgen eilig, dich loszuwerden, aber beim nächsten Mal wird er mehr wissen wollen, bevor er sich von seinem Geld trennt. Er wird wissen wollen, wie viel du weißt, woher du deine Informationen hast und eine Menge anderer Dinge, mit denen du nicht zurechtkommst. Was wirst du dagegen tun?“
Tuppence runzelte streng die Stirn.
„Wir müssen nachdenken. Bestell türkischen Kaffee, Tommy. Das regt das Gehirn an. Oh je, was habe ich viel gegessen!“
„Du hast dich ganz schön vollgestopft! Ich übrigens auch, aber ich schmeichle mir, dass meine Wahl der Gerichte umsichtiger war als deine. Zwei Kaffee.“ (Das war an den Kellner.) „Ein türkischer, ein französischer.“
Tuppence nippte mit nachdenklicher Miene an ihrem Kaffee und wies Tommy ab, als er sie ansprach.
„Sei still. Ich denke nach.“
„Ein Gruß an Pelmanism!“, sagte Tommy und verstummte.
„Da!“, sagte Tuppence schließlich. „Ich habe einen Plan. Offensichtlich müssen wir mehr über die ganze Sache herausfinden.“
Tommy applaudierte.
„Spotte nicht. Wir können es nur durch Whittington herausfinden. Wir müssen entdecken, wo er wohnt, was er macht – ihn quasi ausspionieren! Nun kann ich das nicht tun, weil er mich kennt, aber er hat dich nur für ein oder zwei Minuten bei Lyons gesehen. Er wird dich wahrscheinlich nicht wiedererkennen. Schließlich ist ein junger Mann wie der andere.“
„Ich weise diese Bemerkung entschieden zurück. Ich bin sicher, meine erfreulichen Gesichtszüge und mein vornehmes Erscheinungsbild würden mich aus jeder Menge herausheben.“
„Mein Plan ist dieser“, fuhr Tuppence ruhig fort, „ich gehe morgen alleine hin. Ich werde ihn wieder abwimmeln, wie ich es heute getan habe. Es macht nichts, wenn ich nicht sofort mehr Geld bekomme. Fünfzig Pfund sollten für ein paar Tage reichen.“
„Oder sogar länger!“
„Du wirst draußen herumlungern. Wenn ich herauskomme, werde ich nicht mit dir sprechen, falls er zusieht. Aber ich werde mich irgendwo in der Nähe aufstellen, und wenn er aus dem Gebäude kommt, lasse ich ein Taschentuch oder so etwas fallen, und los geht’s!“
„Wohin los?“
„Ihm folgen natürlich, Dummkopf! Was hältst du von der Idee?“
„So etwas liest man in Büchern. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass man sich im wirklichen Leben etwas wie ein Esel vorkommt, wenn man stundenlang in der Straße steht und nichts zu tun hat. Die Leute werden sich wundern, was ich vorhabe.“
„Nicht in der City. Jeder ist so in Eile. Wahrscheinlich wird dich niemand überhaupt bemerken.“
„Das ist das zweite Mal, dass du so eine Bemerkung machst. Macht nichts, ich verzeihe dir. Wie dem auch sei, es wird ein ziemlicher Spaß. Was machst du heute Nachmittag?“
„Ich werde versuchen, das Büro der ‚Esthonia Glassware‘ ausfindig zu machen. Wenn Whittington nicht da ist, ist vielleicht jemand anderes da. Und du?“
„Ich werde mich um die Kontakte unserer neuen Bekanntschaft kümmern. Ich habe den Namen ‚Kittson‘ notiert, den der alte Mann erwähnt hat. Vielleicht lässt sich über den etwas herausfinden.“
„Gut. Treffen wir uns morgen um zehn Uhr wieder hier? Dann können wir sehen, was wir erreicht haben.“
Tuppence nickte, zog ihren billigen Hut zurecht und machte sich auf den Weg. Tommy sah ihr nach, wie sie sich in der Menge verlor, dann wandte auch er sich ab.
Der Nachmittag war für Tommy wenig ergiebig. Seine Nachforschungen nach einem gewissen Kittson führten zu nichts, als zu dem Ergebnis, dass es in London eine ganze Armee von Kittsons gab, von denen jedoch keiner auch nur annähernd auf die Beschreibung passte. Er kehrte in seine Räume zurück, müde und ein wenig entmutigt, und fragte sich, ob das Abenteuer vielleicht doch weniger aufregend sein würde, als Tuppence gehofft hatte.
Am nächsten Morgen war er pünktlich an ihrem Treffpunkt. Tuppence wartete bereits. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen leuchteten vor Aufregung.
„Tommy! Ich habe etwas herausgefunden!“
„Was denn? Erzähl schon.“
„Die ‚Esthonia Glassware‘ ist eine reine Briefkastenfirma! Ich habe die ganze Geschichte von einem der Büroangestellten im selben Gebäude erfahren. Sie haben die Büros vor zwei Tagen gemietet und sind gestern wieder ausgezogen. Der Mann, der den Mietvertrag unterschrieben hat, war ein kleiner, glatzköpfiger Herr mit einer Brille. Das klingt nicht nach Whittington, oder?“
„Nein. Wahrscheinlich ein Strohmann. Was noch?“
„Das ist das Seltsame. Der Angestellte sagte, dass Whittington gestern Nachmittag noch einmal da war, kurz bevor sie schlossen. Er war sichtlich nervös. Er hat einen Brief abgeholt, der für ihn hinterlegt worden war.“
„Ein Brief? Hast du eine Ahnung, von wem?“
„Nein. Aber das ist der Punkt, Tommy! Sie wussten, dass wir kommen würden. Sie haben uns beobachtet!“
Tommy starrte sie an. „Du meinst, sie haben uns von Anfang an auf dem Schirm?“
„Ganz genau. Wir sind nicht mehr die Jäger, Tommy. Wir sind die Gejagten!“
„Das klingt, als würde die Sache jetzt erst richtig interessant werden“, sagte Tommy langsam. „Hast du eine Idee, was wir als Nächstes tun sollen?“
Tuppence lachte, ein kurzes, trockenes Lachen. „Wir machen weiter, wie wir angefangen haben. Wir suchen weiter nach Jane Finn. Und wenn sie uns auf den Fersen sind, dann sollen sie es sein! Vielleicht führen sie uns ja direkt zu ihr.“
„Du bist ein verrücktes Mädchen, Tuppence“, sagte Tommy bewundernd. „Aber ich bin dabei.“
„Gut“, sagte sie. „Dann lass uns sehen, was das Geld noch hergibt. Wir brauchen einen Plan.“
Sie setzten sich auf eine Bank in einem nahegelegenen Park, die Köpfe eng zusammengesteckt, während die Welt um sie herum in geschäftiger Eile an ihnen vorüberzog. Das Spiel hatte begonnen, und der Einsatz war höher, als sie es sich je hätten träumen lassen.
„Vielleicht führen sie uns ja direkt zu ihr.“ „Du bist ein verrücktes Mädchen, Tuppence“, sagte Tommy bewundernd. „Aber ich bin dabei.“ „Gut“, sagte sie. „Dann lass uns sehen, was das Geld noch hergibt. Wir brauchen einen Plan.“ Sie setzten sich auf eine Bank in einem nahegelegenen Park, die Köpfe eng zusammengesteckt, während die Welt um sie herum in geschäftiger Eile an ihnen vorüberzog. Das Spiel hatte begonnen, und der Einsatz war höher, als sie es sich je hätten träumen lassen.
Sie folgten den beiden Männern durch die belebten Straßen in Richtung Soho. Die Verfolgung war eine aufregende Angelegenheit, besonders für Tuppence, die sich hinter jedem Hindernis verbarg, das sie finden konnte, sehr zum Leidwesen von Tommy, der fürchtete, sie könnten auffallen. Whittington und sein Begleiter wirkten keineswegs verdächtig; sie schlenderten gemütlich dahin, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Schließlich blieben sie vor einem unscheinbaren Haus in einer schmalen Seitenstraße stehen. Whittington klopfte in einer eigentümlichen Weise an die Tür, und nach einem kurzen Moment des Wartens wurde sie geöffnet. Die Männer verschwanden im Inneren.
„Was jetzt?“, flüsterte Tommy. „Sollen wir klingeln?“
„Bist du wahnsinnig?“, zischte Tuppence. „Wir müssen das Haus beobachten. Wenn Whittington dort verkehrt, ist es wahrscheinlich ein Treffpunkt der Bande.“
Sie postierten sich in einem Hauseingang gegenüber, von wo aus sie den Eingang des Gebäudes gut im Blick hatten. Die Zeit verging nur langsam. Der Nachmittag neigte sich dem Abend zu, und die Lichter in der Straße begannen zu flackern. Tommy, der bereits unruhig wurde, schlug vor, sich abzuwechseln, doch Tuppence wollte keinen Moment verpassen.
„Da!“, sagte sie plötzlich und drückte seinen Arm.
Die Tür hatte sich geöffnet, und ein Mann kam heraus – allerdings nicht Whittington. Er trug einen tief in die Stirn gezogenen Hut und einen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen. Er sah sich kurz um und eilte dann hastig davon.
„Sollen wir ihn verfolgen?“, fragte Tommy.
„Nein“, antwortete Tuppence fest. „Whittington ist noch drinnen. Er ist unser Mann. Wenn wir ihn verlieren, haben wir keinen Anhaltspunkt mehr. Wir bleiben hier.“
Sie warteten weiter, bis die Dunkelheit vollständig eingebrochen war. Schließlich kam eine weitere Person aus dem Haus, aber auch diesmal war es nicht Whittington. Es war eine Frau, die sich sehr vorsichtig umsah, bevor sie in der Dunkelheit verschwand.
„Das wird mir zu bunt“, sagte Tommy. „Das Haus scheint ein wahres Taubenschlag zu sein. Wir erfahren hier nichts, wenn wir nicht riskieren, hineinzugehen.“
„Du hast recht“, stimmte Tuppence zu. „Lass uns sehen, ob wir einen Blick durch ein Fenster werfen können, ohne gesehen zu werden.“
Sie schlichen sich vorsichtig an das Gebäude heran. Die Fenster im Erdgeschoss waren mit schweren Vorhängen verhängt, doch an einer Stelle gab es einen kleinen Spalt. Tuppence spähte hindurch.
„Was siehst du?“, flüsterte Tommy.
„Nicht viel“, antwortete sie atemlos. „Nur einen Flur und eine Treppe. Aber warte... dort ist jemand.“
Ein Schatten bewegte sich im Inneren. Plötzlich wurde das Licht im Flur gelöscht, und es wurde vollkommen dunkel. Ein Geräusch von Schritten hinter der Tür ließ sie zurückweichen.
„Verschwinden wir!“, flüsterte Tommy, und sie hasteten in die Dunkelheit der Straße zurück, bevor sie entdeckt werden konnten.
Zurück im Hotel, sichtlich erschöpft, aber aufgeregt, ließen sie sich in die Sessel fallen. „Das war knapp“, sagte Tommy. „Wir müssen vorsichtiger sein, Tuppence. Wenn sie merken, dass wir sie beschatten, sind wir erledigt.“
„Aber wir wissen jetzt, wo sie sich treffen“, erwiderte Tuppence mit glänzenden Augen. „Das ist mehr, als wir heute Morgen zu hoffen wagten. Und morgen, Tommy, morgen werden wir herausfinden, wer dieses Haus bewohnt.“
Whittington und sein Begleiter schritten zügig voran. Tommy nahm sogleich die Verfolgung auf und sah sie gerade noch, wie sie um die Straßenecke bogen. Dank seiner kräftigen Schritte konnte er den Abstand rasch verringern, und als er selbst die Ecke erreichte, war die Distanz zwischen ihnen merklich geschrumpft. Die kleinen Straßen von Mayfair waren vergleichsweise menschenleer, und er hielt es für klug, sich damit zu begnügen, sie lediglich im Auge zu behalten.
Dieser Sport war neu für ihn. Obwohl ihm die technischen Kniffe durch die Lektüre zahlreicher Romane geläufig waren, hatte er noch nie zuvor versucht, jemanden zu „beschatten“, und es wurde ihm sofort klar, dass dieses Unterfangen in der Realität voller Tücken steckte. Angenommen, sie würden plötzlich ein Taxi herbeirufen? In Büchern sprang man einfach in ein anderes, versprach dem Fahrer ein Sovereign – oder dessen modernes Äquivalent – und schon war man am Ziel. In der Wirklichkeit jedoch ahnte Tommy, dass es äußerst wahrscheinlich kein zweites Taxi geben würde. Er müsste also laufen. Was geschah in der Realität mit einem jungen Mann, der ununterbrochen und hartnäckig durch die Londoner Straßen rannte? Auf einer Hauptstraße könnte er hoffen, die Illusion zu erwecken, er eile lediglich einem Bus hinterher. Doch in diesen abgelegenen aristokratischen Gassen konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass ein übereifriger Polizist ihn anhalten und zur Rede stellen könnte.
In diesem Augenblick seiner Überlegungen bog ein Taxi mit erhobener Flagge um die Ecke vor ihm. Tommy hielt den Atem an. Würden sie es herbeirufen?
Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie es unbeachtet passieren ließen. Ihr Weg war ein Zickzackkurs, der sie so schnell wie möglich zur Oxford Street führen sollte. Als sie schließlich dort einbogen und sich in östlicher Richtung fortbewegten, beschleunigte Tommy sein Tempo ein wenig. Schritt für Schritt holte er auf. Auf dem belebten Gehweg bestand kaum die Gefahr, dass sie auf ihn aufmerksam wurden, und er war begierig darauf, wenn möglich ein oder zwei Worte ihres Gesprächs aufzuschnappen. Dabei scheiterte er jedoch kläglich; sie sprachen leise, und der Lärm des Verkehrs übertönte ihre Stimmen wirksam.
Kurz vor der U-Bahn-Station Bond Street überquerten sie die Straße, Tommy ihnen unbemerkt und treu auf den Fersen, und betraten das große Lyons’. Dort stiegen sie in den ersten Stock und setzten sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Es war spät, und das Lokal leerte sich allmählich. Tommy nahm am Nebentisch Platz, direkt hinter Whittington, für den Fall, dass er erkannt werden sollte. Andererseits hatte er den zweiten Mann voll im Blick und studierte ihn aufmerksam. Er war blond, hatte ein schwaches, unangenehmes Gesicht, und Tommy stufte ihn entweder als Russen oder Polen ein. Er war wahrscheinlich etwa fünfzig Jahre alt, seine Schultern zuckten beim Sprechen ein wenig, und seine kleinen, verschlagenen Augen wanderten rastlos umher.
Da er bereits herzhaft zu Mittag gegessen hatte, begnügte sich Tommy damit, einen Welsh Rarebit und eine Tasse Kaffee zu bestellen. Whittington bestellte ein reichhaltiges Mittagessen für sich und seinen Begleiter; als die Bedienung sich zurückzog, rückte er seinen Stuhl ein wenig näher an den Tisch und begann ernst und leise zu sprechen. Der andere Mann stimmte ein. So sehr Tommy sich auch anstrengte, er konnte nur hier und da ein Wort auffangen; doch der Kern schien aus Anweisungen oder Befehlen zu bestehen, die der große Mann seinem Begleiter eindringlich erteilte und denen dieser von Zeit zu Zeit zu widersprechen schien. Whittington redete den anderen mit Boris an.
Tommy fing mehrmals das Wort „Irland“ auf, ebenso „Propaganda“, aber von Jane Finn war keine Rede. Plötzlich, in einer Gesprächspause im allgemeinen Lärm des Raumes, verstand er einen Satz vollständig. Whittington sprach: „Ach, aber du kennst Flossie nicht. Sie ist ein Wunder. Ein Erzbischof würde schwören, sie sei seine eigene Mutter. Sie trifft die Stimme jedes Mal genau, und das ist eigentlich das Wichtigste.“
Tommy hörte die Antwort von Boris nicht, aber als Reaktion darauf sagte Whittington etwas, das klang wie: „Natürlich – nur im Notfall...“
Dann verlor er wieder den Faden. Doch nach einer Weile wurden die Sätze wieder deutlich, ob nun, weil die beiden anderen unmerklich ihre Stimmen erhoben hatten oder weil Tommys Ohren sich besser darauf eingestellt hatten, konnte er nicht sagen. Aber zwei Worte hatten zweifellos eine höchst anregende Wirkung auf den Zuhörer. Sie wurden von Boris ausgesprochen und lauteten: „Mr. Brown.“
Whittington schien ihn zurechtzuweisen, doch er lachte nur.
„Warum nicht, mein Freund? Es ist ein Name, der höchst respektabel – höchst gewöhnlich ist. Hat er ihn nicht aus diesem Grund gewählt? Ach, ich würde ihn gerne treffen – Mr. Brown.“
In Whittingtons Stimme schwang ein stählerner Klang mit, als er antwortete:
„Wer weiß? Vielleicht hast du ihn schon getroffen.“
„Bah!“, erwiderte der andere. „Das ist Kinderkram – eine Fabel für die Polizei. Weißt du, was ich mir manchmal sage? Dass er eine Fabel ist, erfunden vom Inneren Kreis, ein Popanz, um uns einzuschüchtern. Es könnte sein.“
„Und es könnte auch nicht sein.“
„Ich frage mich... oder ist es tatsächlich wahr, dass er bei uns ist und unter uns weilt, unbekannt für alle außer für ein paar Auserwählte? Wenn dem so ist, bewahrt er sein Geheimnis gut. Und die Idee ist eine gute, ja. Wir wissen es nie. Wir sehen einander an – einer von uns ist Mr. Brown – welcher? Er befiehlt – aber er dient auch. Unter uns – inmitten von uns. Und niemand weiß, wer er ist...“
Mit einer Anstrengung schüttelte der Russe die Laune seiner Fantasie ab. Er blickte auf seine Uhr.
„Ja“, sagte Whittington. „Wir können genauso gut gehen.“
Er rief die Bedienung und verlangte seine Rechnung. Tommy tat dasselbe und folgte wenige Augenblicke später den beiden Männern die Treppe hinunter.
Draußen rief Whittington ein Taxi und wies den Fahrer an, nach Waterloo zu fahren.
Taxis gab es hier im Überfluss, und noch bevor Whittingtons Taxi abgefahren war, fuhr ein weiteres an den Bordstein, dem Wink von Tommys Hand gehorchend.
„Folgen Sie dem anderen Taxi“, wies der junge Mann an. „Verlieren Sie es nicht.“
Der ältere Chauffeur zeigte kein Interesse. Er brummte nur und klappte seine Flagge herunter. Die Fahrt verlief ereignislos. Tommys Taxi hielt am Abfahrtsbahnsteig kurz nach Whittingtons Taxi. Tommy war hinter ihm am Schalter. Er löste eine Fahrkarte erster Klasse nach Bournemouth, Tommy tat dasselbe. Als er herauskam, bemerkte Boris mit einem Blick auf die Uhr: „Sie sind früh dran. Sie haben noch fast eine halbe Stunde.“
Boris’ Worte hatten in Tommys Kopf einen neuen Gedankengang ausgelöst. Es war offensichtlich, dass Whittington die Reise allein antrat, während der andere in London blieb. Er stand also vor der Wahl, wem von beiden er folgen sollte. Offensichtlich konnte er nicht beiden folgen, es sei denn... Wie Boris blickte er auf die Uhr und dann auf die Anzeigetafel der Züge. Der Zug nach Bournemouth fuhr um 15:30 Uhr. Es war jetzt zehn nach. Whittington und Boris gingen am Zeitungsstand auf und ab. Er warf ihnen einen zweifelnden Blick zu, dann eilte er in eine benachbarte Telefonzelle. Er wagte es nicht, Zeit damit zu verschwenden, Tuppence zu erreichen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hielt sie sich immer noch in der Nähe der South Audley Mansions auf. Aber es blieb noch ein Verbündeter. Er rief das Ritz an und fragte nach Julius Hersheimmer. Es klickte und summte. Oh, wenn der junge Amerikaner nur auf seinem Zimmer wäre! Es klickte erneut, und dann ertönte ein „Hallo“ mit unverkennbarem Akzent in der Leitung.
„Sind Sie das, Hersheimmer? Beresford am Apparat. Ich bin in Waterloo. Ich habe Whittington und einen anderen Mann hierher verfolgt. Keine Zeit zu erklären. Whittington fährt mit dem 15:30-Uhr-Zug nach Bournemouth. Können Sie bis dahin dort sein?“
Die Antwort war beruhigend.
„Sicher. Ich werde mich sputen.“
Das Telefonat war beendet. Tommy legte mit einem Seufzer der Erleichterung auf. Er hielt große Stücke auf Julius’ Fähigkeit, sich zu sputen. Er spürte instinktiv, dass der Amerikaner rechtzeitig ankommen würde.
Whittington und Boris waren immer noch dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Wenn Boris blieb, um seinen Freund zu verabschieden, war alles in Ordnung. Dann fuhr Tommy nachdenklich in seine Tasche. Trotz der ihm zugesicherten Carte blanche hatte er sich noch nicht angewöhnt, mit einer größeren Summe Geld bei sich herumzulaufen. Der Kauf der Fahrkarte erster Klasse nach Bournemouth hatte ihm nur noch ein paar Schilling in der Tasche gelassen. Es war zu hoffen, dass Julius besser ausgestattet ankommen würde.
In der Zwischenzeit vergingen die Minuten: 15:15, 15:20, 15:25, 15:27. Angenommen, Julius schaffte es nicht rechtzeitig. 15:29... Türen knallten. Tommy spürte, wie eiskalte Wellen der Verzweiflung über ihn hinwegrollten. Dann legte sich eine Hand auf seine Schulter.
„Hier bin ich, mein Sohn. Ihr britischer Verkehr ist unbeschreiblich! Klären Sie mich sofort über die Gauner auf.“
„Das ist Whittington – dort, der gerade einsteigt, der große, dunkelhaarige Mann. Der andere ist der ausländische Kerl, mit dem er spricht.“
„Ich hab sie im Visier. Welcher von den beiden ist mein Ziel?“
Tommy hatte über diese Frage nachgedacht.
„Haben Sie Geld bei sich?“
Julius schüttelte den Kopf, und Tommys Gesicht fiel ab.
„Ich schätze, ich habe im Moment nicht mehr als drei- oder vierhundert Dollar bei mir“, erklärte der Amerikaner.
Tommy stieß einen leisen Jubelschrei der Erleichterung aus.
„Oh Gott, ihr Millionäre! Ihr sprecht nicht dieselbe Sprache! Steigen Sie ein. Hier ist Ihr Ticket. Whittington ist Ihr Mann.“
„Whittington gehört mir!“, sagte Julius finster. Der Zug setzte sich gerade in Bewegung, als er sich an Bord schwang. „Bis dann, Tommy.“ Der Zug glitt aus dem Bahnhof.
Tommy atmete tief durch. Der Mann namens Boris kam den Bahnsteig auf ihn zu. Tommy ließ ihn passieren und nahm dann die Verfolgung wieder auf.
Von Waterloo aus nahm Boris die U-Bahn bis Piccadilly Circus. Dann ging er die Shaftesbury Avenue hinauf und bog schließlich in das Labyrinth der schäbigen Straßen rund um Soho ab. Tommy folgte ihm in angemessenem Abstand.
Sie erreichten schließlich einen kleinen, baufälligen Platz. Die Häuser dort wirkten inmitten ihres Schmutzes und Verfalls unheilvoll. Boris sah sich um, und Tommy zog sich in den Schutz eines freundlichen Türbogens zurück. Der Ort war fast menschenleer. Es war eine Sackgasse, und daher gab es dort keinen Verkehr. Die heimliche Art, wie der andere sich umgesehen hatte, beflügelte Tommys Fantasie. Vom Schutz des Türrahmens aus beobachtete er, wie er die Stufen eines besonders übel aussehenden Hauses hinaufging und scharf und in einem eigenartigen Rhythmus an die Tür klopfte. Sie wurde prompt geöffnet, er sagte ein oder zwei Worte zum Türsteher und trat dann ein. Die Tür wurde wieder geschlossen.
An diesem Punkt verlor Tommy den Kopf. Was er hätte tun sollen, was jeder vernünftige Mensch getan hätte, war, geduldig dort zu bleiben, wo er war, und darauf zu warten, dass sein Mann wieder herauskam. Was er jedoch tat, war völlig untypisch für den besonnenen gesunden Menschenverstand, der normalerweise sein hervorstechendstes Merkmal war. Etwas, wie er es ausdrückte, schien in seinem Gehirn zu zerbrechen. Ohne einen Moment des Nachdenkens ging er ebenfalls die Stufen hinauf und ahmte so gut er konnte das eigenartige Klopfen nach.
Die Tür schwang mit der gleichen Schnelligkeit auf wie zuvor. Ein Mann mit schurkischem Gesicht und kurz geschorenem Haar stand im Türrahmen.
„Na?“, brummte er.
In diesem Moment dämmerte Tommy das volle Ausmaß seiner Torheit. Aber er wagte nicht zu zögern. Er griff nach den ersten Worten, die ihm in den Sinn kamen.
„Mr. Brown?“, sagte er.
Zu seiner Überraschung trat der Mann beiseite.
„Nach oben“, sagte er und wies mit dem Daumen über die Schulter, „zweite Tür links.“
Tommy gehorchte. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, während er die Treppe hinaufstieg, doch er zwang sich zu einer ruhigen, fast schon gelangweilten Haltung. Er erreichte den Treppenabsatz und sah sich um. Alles war still. Er zählte die Türen. „Zweite links.“ Er trat auf die angegebene Tür zu, hielt kurz den Atem an und klopfte fest an.
„Herein!“
Die Stimme war trocken und präzise. Tommy drückte die Klinke nieder und trat ein. Der Raum war groß, aber schäbig eingerichtet. An einem Tisch in der Mitte saßen drei Männer, die bei seinem Eintritt aufsahen. Der eine war der Mann mit dem schurkischen Gesicht, der ihm die Tür geöffnet hatte; die anderen beiden kannte Tommy nicht. Einer von ihnen war ein großer, beeindruckender Mann mit einem Gesicht, das Tommy irgendwie bekannt vorkam, das er aber nicht recht einordnen konnte. Der dritte im Bunde war ein kleiner, hagerer Mann mit einer scharfen, vogelartigen Nase und brillanten, dunklen Augen.
„Nun?“, fragte der hagerere Mann. Er sprach Englisch mit einem leichten, aber unverkennbaren Akzent.
Tommy räusperte sich. „Ich komme wegen der Angelegenheit mit dem Dokument“, sagte er und hoffte inständig, dass das die richtige Antwort war.
Die drei Männer tauschten einen schnellen, bedeutungsvollen Blick aus. Der große Mann lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Tommy von oben bis unten. Sein Blick war kalt und durchdringend. „Und wer hat Sie geschickt?“, fragte er ruhig.
Tommy zögerte keine Sekunde. „Mr. Brown“, antwortete er kurz.
Wieder herrschte Schweigen. Dann nickte der hagerere Mann dem schurkischen Kerl zu. „Er hat den Namen genannt. Es scheint, er hat die Erlaubnis.“ Er wandte sich wieder an Tommy. „Was wissen Sie?“
Tommy spürte, wie ihm der Schweiß auf der Stirn ausbrach. Er hatte den Namen „Mr. Brown“ als eine Art Zauberformel benutzt, doch nun saß er in der Falle. Was, wenn diese Männer Mr. Brown persönlich kannten? Was, wenn er nun etwas sagen musste, von dem er keine Ahnung hatte?
„Ich weiß, dass die Zeit drängt“, sagte er mit so viel Selbstvertrauen, wie er aufbringen konnte. „Und ich weiß, dass es Schwierigkeiten gibt. Mr. Brown möchte einen Bericht über den aktuellen Stand der Dinge.“
Der hagerere Mann, der offensichtlich der Anführer war, starrte ihn scharf an. „Einen Bericht? Von Ihnen? Das klingt höchst ungewöhnlich.“
Tommy zuckte mit den Schultern. „Mr. Brown ist ein Mann der ungewöhnlichen Methoden.“
Der große Mann lachte leise, ein trockenes, humorloses Geräusch. „Das ist wohl wahr. Aber wie soll ich wissen, dass Sie kein Spion sind?“
Tommy spürte, wie sich die Schlinge um seinen Hals zuzog. Er wusste, dass er hier nur mit einer gewagten Lüge oder einem Bluff weiterkam. Er setzte sein gewinnendstes Lächeln auf. „Wenn ich ein Spion wäre, glauben Sie dann wirklich, ich würde hier einfach so hereinspazieren und den Namen des Chefs nennen?“
Ein weiteres Schweigen folgte. Dann beugte sich der hagerere Mann vor. „Vielleicht haben Sie Recht. Oder vielleicht sind Sie ein sehr törichter junger Mann. Wie dem auch sei, wenn Sie von Mr. Brown geschickt wurden, werden Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Wir besprechen gerade die Details der Finanzierung und die Vorbereitungen für den 29sten. Wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie sich als nützlich erweisen.“
Tommy atmete innerlich auf. Er war noch nicht entlarvt. „Ich bin bereit“, sagte er.
„Gut“, sagte der Anführer. „Setzen Sie sich. Wir sind gerade dabei, die Verteilung der Mittel zu prüfen. Hören Sie genau zu, denn was hier besprochen wird, verlässt diesen Raum nicht. Wenn es doch geschieht, wird es für denjenigen, der redet, ein kurzes Leben geben.“
Tommy setzte sich auf den Stuhl, den ihm der Mann mit dem schurkischen Gesicht zuschob. Er tat so, als würde er aufmerksam zuhören, während sein Verstand fieberhaft arbeitete. Er war mitten im Herzen der Verschwörung gelandet, doch die Gefahr war größer, als er es sich je hätte träumen lassen. Jeder falsche Schritt, jedes falsche Wort konnte sein Ende bedeuten. Doch er hatte keine Wahl. Er musste das Dokument finden – oder zumindest herausfinden, wo es war, und wer dieses Mädchen war, von dem sie gesprochen hatten.
„Schön, dass es dir gefällt, Albert“, erwiderte Tuppence bescheiden. „Übrigens, bin ich nun deine Cousine oder nicht?“
„Deine Stimme auch“, rief der entzückte Junge. „Sie klingt absolut englisch! Nein, ich sagte doch, dass ein Bekannter von mir ein junges Fräulein kannte. Annie war nicht gerade erfreut. Sie ist bis heute geblieben – um uns einen Gefallen zu tun, sagte sie, aber eigentlich nur, um dir den Platz madig zu machen.“
„Nettes Mädchen“, sagte Tuppence.
Albert ahnte nichts von der Ironie.
„Sie hat Stil und hält das Silber in Schuss – aber meine Güte, hat die ein Temperament. Wollen Sie jetzt hoch, Miss? Steigen Sie in den Aufzug. Nr. 20, sagten Sie?“ Und er zwinkerte ihr zu.
Tuppence brachte ihn mit einem strengen Blick zum Schweigen und stieg ein.
Als sie an der Tür von Nr. 20 klingelte, war sie sich bewusst, wie Alberts Augen langsam unter das Niveau des Flurs absanken.
Eine adrette junge Frau öffnete die Tür.
„Ich komme wegen der Stelle“, sagte Tuppence.
„Es ist eine miese Stelle“, sagte die junge Frau ohne Zögern. „Eine regelrechte alte Kratzbürste – mischt sich immer ein. Hat mich beschuldigt, ihre Briefe geöffnet zu haben. Mich! Die Klappe war sowieso halb offen. Im Papierkorb ist nie etwas – sie verbrennt alles. Sie ist ein falsches Stück, das ist sie. Vornehme Kleidung, aber kein Benehmen. Die Köchin weiß etwas über sie – aber sie sagt es nicht – sie hat eine Heidenangst vor ihr. Und misstrauisch! Sie ist sofort hinter dir her, wenn du nur mit einem Kerl sprichst. Ich kann dir sagen ...“
Doch was Annie noch hätte sagen können, sollte Tuppence nie erfahren, denn in diesem Moment rief eine klare Stimme mit einem eigentümlich stählernen Klang:
„Annie!“
Die adrette junge Frau zuckte zusammen, als wäre sie erschossen worden.
„Ja, gnädige Frau.“
„Mit wem sprechen Sie da?“
„Es ist eine junge Frau wegen der Stelle, gnädige Frau.“
„Dann lassen Sie sie herein. Sofort.“
„Ja, gnädige Frau.“
Tuppence wurde in ein Zimmer rechts vom langen Flur geführt. Eine Frau stand am Kamin. Sie war nicht mehr in ihrer ersten Jugend, und die Schönheit, die sie zweifellos besaß, war hart und grob geworden. In ihrer Jugend musste sie hinreißend gewesen sein. Ihr hellblondes Haar, das einer leichten Unterstützung durch die Kunst verdankte, war tief im Nacken zusammengesteckt; ihre Augen von einem stechenden, elektrischen Blau schienen die Fähigkeit zu besitzen, in die Seele der Person zu bohren, die sie ansah. Ihre exquisite Figur wurde durch ein wunderbares Kleid aus indigoblauer Charmeuse hervorgehoben. Und doch, trotz ihrer wiegenden Anmut und der fast ätherischen Schönheit ihres Gesichts, spürte man instinktiv das Vorhandensein von etwas Hartem und Bedrohlichem, eine Art metallische Stärke, die in den Tönen ihrer Stimme und in dieser bohrerartigen Qualität ihrer Augen zum Ausdruck kam.
Zum ersten Mal fühlte sich Tuppence ängstlich. Sie hatte Whittington nicht gefürchtet, aber diese Frau war anders. Wie fasziniert beobachtete sie die lange, grausame Linie des roten, geschwungenen Mundes, und wieder spürte sie, wie ein Gefühl der Panik über sie kam. Ihr übliches Selbstvertrauen verließ sie. Vage spürte sie, dass es etwas ganz anderes sein würde, diese Frau zu täuschen, als Whittington. Mr. Carters Warnung kam ihr wieder in den Sinn. Hier durfte sie in der Tat kein Erbarmen erwarten.
Sie kämpfte gegen diesen Instinkt der Panik an, der sie dazu drängte, auf dem Absatz kehrtzumachen und ohne weiteres Zögern zu fliehen, und erwiderte den Blick der Dame fest und respektvoll.
Als wäre diese erste Prüfung zufriedenstellend gewesen, deutete Mrs. Vandemeyer auf einen Stuhl.
„Sie können sich setzen. Wie haben Sie davon erfahren, dass ich ein Hausmädchen suche?“
„Durch einen Freund, der den Aufzugjungen hier kennt. Er dachte, die Stelle könnte für mich passen.“
Wieder schien dieser basiliskenhafte Blick sie zu durchbohren.
„Sie sprechen wie ein gebildetes Mädchen?“
Flüssig genug spulte Tuppence ihren erfundenen Lebenslauf ab, basierend auf den von Mr. Carter vorgeschlagenen Punkten. Während sie das tat, schien ihr, als ließe die Anspannung in Mrs. Vandemeyers Haltung nach.
„Ich verstehe“, bemerkte diese schließlich. „Gibt es jemanden, bei dem ich mich nach einer Referenz erkundigen kann?“
„Ich habe zuletzt bei einer Miss Dufferin im Pfarrhaus in Llanelly gearbeitet. Ich war zwei Jahre bei ihr.“
„Und dann dachten Sie, Sie könnten in London mehr Geld verdienen, nehme ich an? Nun, das ist mir gleichgültig. Ich zahle Ihnen 50 – 60 Pfund, was auch immer Sie wollen. Können Sie sofort anfangen?“
„Ja, gnädige Frau. Heute, wenn Sie möchten. Mein Koffer steht in Paddington.“
„Dann holen Sie ihn mit einem Taxi. Es ist eine leichte Stelle. Ich bin viel unterwegs. Übrigens, wie heißen Sie?“
„Prudence Cooper, gnädige Frau.“
„Sehr gut, Prudence. Gehen Sie und holen Sie Ihren Koffer. Ich werde zum Mittagessen nicht da sein. Die Köchin zeigt Ihnen, wo alles ist.“
„Danke, gnädige Frau.“
Tuppence zog sich zurück. Die adrette Annie war nicht zu sehen. In der Halle unten hatte ein prächtiger Portier Albert in den Hintergrund gedrängt. Tuppence warf ihm nicht einmal einen Blick zu, als sie demütig hinausging.
Das Abenteuer hatte begonnen, doch sie fühlte sich weniger beschwingt als noch am Morgen. Ihr kam der Gedanke, dass es der unbekannten Jane Finn wahrscheinlich schlecht ergangen war, falls sie in die Hände von Mrs. Vandemeyer gefallen war.
KAPITEL X. AUFTRITT SIR JAMES PEEL EDGERTON
TUPPENCE verriet bei ihren neuen Pflichten keine Ungeschicklichkeit. Die Töchter des Archidiakons waren in häuslichen Arbeiten gut ausgebildet. Sie waren zudem Experten darin, ein „rohes Mädchen“ anzulernen, mit dem unvermeidlichen Ergebnis, dass das rohe Mädchen nach der Ausbildung anderswohin ging, wo ihr neu erworbenes Wissen eine substanziellere Entlohnung versprach, als der knappe Geldbeutel des Archidiakons es erlaubte.
Tuppence hatte daher wenig Angst, sich als unfähig zu erweisen. Mrs. Vandemeyers Köchin gab ihr Rätsel auf. Offensichtlich lebte sie in tödlicher Angst vor ihrer Herrin. Das Mädchen hielt es für wahrscheinlich, dass die andere Frau etwas gegen sie in der Hand hatte. Was den Rest betraf, so kochte sie wie ein Chefkoch, wovon Tuppence sich an jenem Abend überzeugen konnte. Mrs. Vandemeyer erwartete einen Gast zum Abendessen, und Tuppence deckte dementsprechend den wunderschön polierten Tisch für zwei Personen. Sie machte sich ein wenig Gedanken über diesen Besucher. Es war gut möglich, dass es sich um Whittington handeln würde. Obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass er sie nicht erkennen würde, wäre es ihr lieber gewesen, der Gast wäre ein völlig Fremder. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig, als auf das Beste zu hoffen.
Kurz nach acht Uhr klingelte die Haustür, und Tuppence ging mit einigem inneren Zittern, um zu öffnen. Sie war erleichtert zu sehen, dass der Besucher der zweite der beiden Männer war, denen Tommy gefolgt war.
Er nannte seinen Namen als Graf Stepanov. Tuppence kündigte ihn an, und Mrs. Vandemeyer erhob sich mit einem raschen Murmeln der Freude von ihrem Platz auf einem niedrigen Diwan.
„Es ist entzückend, Sie zu sehen, Boris Ivanovitch“, sagte sie.
„Und Sie, Madame!“ Er verneigte sich tief über ihre Hand.
Tuppence kehrte in die Küche zurück.
„Graf Stepanov, oder so ähnlich“, bemerkte sie und heuchelte eine offene und unverblümte Neugier: „Wer ist das?“
„Ein russischer Herr, glaube ich.“
„Kommt er oft her?“
„Ab und zu. Warum willst du das wissen?“
„Dachte nur, er könnte in die Herrin verschossen sein, das ist alles“, erklärte das Mädchen und fügte mit einer Anwandlung von Schmollmund hinzu: „Wie du einen immer gleich so angehst!“
„Ich bin mit dem Soufflé nicht ganz glücklich“, erklärte die andere.
„Du weißt etwas“, dachte Tuppence bei sich, aber laut sagte sie nur: „Willst du jetzt auftragen? Alles klar.“
Während sie bei Tisch bediente, lauschte Tuppence aufmerksam jedem Wort. Sie erinnerte sich, dass dies einer der Männer war, die Tommy beschattete, als sie ihn zuletzt gesehen hatte. Schon jetzt, obwohl sie es kaum zugeben wollte, wurde sie unruhig wegen ihres Partners. Wo war er? Warum war kein Wort von ihm gekommen? Sie hatte vor ihrer Abreise aus dem Ritz vereinbart, dass alle Briefe oder Nachrichten sofort per Eilboten an einen kleinen Schreibwarenladen in der Nähe geschickt werden sollten, wo Albert regelmäßig vorbeischauen sollte. Zwar hatte sie sich erst gestern Morgen von Tommy getrennt, und sie sagte sich, dass jede Sorge um ihn absurd sei. Dennoch war es seltsam, dass er keinerlei Nachricht geschickt hatte.
Doch so sehr sie auch lauschte, das Gespräch bot keinen Anhaltspunkt. Boris und Mrs. Vandemeyer sprachen über völlig belanglose Dinge: Theaterstücke, die sie gesehen hatten, neue Tänze und den neuesten Klatsch aus der Gesellschaft. Nach dem Essen zogen sie sich in das kleine Boudoir zurück, wo Mrs. Vandemeyer, auf dem Diwan ausgestreckt, noch bösartiger schön aussah als zuvor. Tuppence brachte den Kaffee und die Liköre und zog sich widerwillig zurück. Als sie dies tat, hörte sie Boris sagen:
„Neu, nicht wahr?“
„Sie kam heute. Die andere war ein Teufel. Dieses Mädchen scheint ganz in Ordnung. Sie bedient gut.“
Tuppence verweilte noch einen Moment an der Tür, die sie geflissentlich offen gelassen hatte, und hörte ihn sagen:
„Ganz sicher, nehme ich an?“
„Wirklich, Boris, du bist absurd misstrauisch. Ich glaube, sie ist die Cousine des Portiers oder so etwas in der Art. Und niemand ahnt auch nur, dass ich irgendeine Verbindung zu unserem – gemeinsamen Freund, Mr. Brown, habe.“
„Um Himmels willen, sei vorsichtig, Rita. Die Tür ist nicht zu.“
„Na, dann mach sie zu“, lachte die Frau.
Tuppence entfernte sich eilig.
Sie wagte es nicht, sich länger vom hinteren Bereich fernzuhalten, aber sie räumte ab und spülte mit einer atemlosen Geschwindigkeit, die sie im Krankenhaus erlernt hatte. Dann schlich sie sich leise zurück zur Boudoirtür. Die Köchin war gemütlicher und immer noch in der Küche beschäftigt; falls sie die andere vermisste, würde sie nur annehmen, dass sie die Betten aufschlug.
Ach! Das Gespräch drinnen wurde in einem zu leisen Ton geführt, als dass sie etwas hätte verstehen können. Sie wagte es nicht, die Tür wieder zu öffnen, so leise sie es auch tun mochte. Mrs. Vandemeyer saß ihr fast frontal gegenüber, und Tuppence respektierte die luchsartigen Beobachtungsgaben ihrer Herrin.
Dennoch fühlte sie, dass sie viel darum geben würde, zu hören, was vor sich ging. Möglicherweise könnte sie, falls etwas Unvorhergesehenes geschehen war, Nachrichten von Tommy bekommen. Einen Moment lang dachte sie verzweifelt nach, dann hellte sich ihr Gesicht auf. Sie ging schnell den Flur entlang zu Mrs. Vandemeyers Schlafzimmer, das lange französische Fenster besaß, die auf einen Balkon führten, der sich über die gesamte Länge der Wohnung erstreckte. Sie schlüpfte schnell durch das Fenster und schlich sich lautlos entlang, bis sie das Fenster des Boudoirs erreichte. Wie sie vermutet hatte, stand es einen Spalt breit offen, und die Stimmen im Inneren waren deutlich zu hören.
Tuppence lauschte aufmerksam, aber es wurde nichts erwähnt, was man auf Tommy beziehen könnte. Mrs. Vandemeyer und der Russe schienen sich über eine Angelegenheit uneinig zu sein, und schließlich rief letzterer bitter aus:
„Mit deiner hartnäckigen Rücksichtslosigkeit wirst du uns am Ende ruinieren!“
„Bah!“, lachte die Frau. „Berühmtheit der richtigen Art ist das beste Mittel, um Misstrauen zu entwaffnen. Das wirst du eines Tages einsehen – vielleicht früher, als du denkst!“
„In der Zwischenzeit läufst du überall mit Peel Edgerton herum. Er ist nicht nur vielleicht der berühmteste Kronanwalt Englands, sondern sein spezielles Hobby ist die Kriminologie! Das ist Wahnsinn!“
„Ich weiß, dass seine Beredsamkeit unzähligen Männern den Galgen erspart hat“, sagte Mrs. Vandemeyer ruhig. „Was macht das schon? Ich könnte seine Hilfe in dieser Richtung vielleicht eines Tages selbst brauchen. Wenn das so ist, wie glücklich kann man sich schätzen, einen solchen Freund bei Hofe zu haben – oder vielleicht wäre es treffender zu sagen: vor Gericht.“
Boris stand auf und begann auf und ab zu schreiten. Er war sehr aufgeregt.
„Du bist eine kluge Frau, Rita; aber du bist auch eine Närrin! Lass dich von mir leiten und gib Peel Edgerton auf.“
Mrs. Vandemeyer schüttelte sanft den Kopf.
„Ich glaube nicht.“
„Du weigerst dich?“ In der Stimme des Russen schwang ein hässlicher Unterton mit.
„Ich tue es.“
„Dann, bei Gott“, knurrte der Russe, „werden wir sehen ...“
Doch Mrs. Vandemeyer erhob sich ebenfalls, ihre Augen blitzten.
„Du vergisst, Boris“, sagte sie. „Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich nehme meine Befehle nur entgegen von – Mr. Brown.“
Der andere warf verzweifelt die Hände in die Luft.
„Du bist unmöglich“, murmelte er. „Unmöglich! Vielleicht ist es schon zu spät. Man sagt, Peel Edgerton kann einen Kriminellen riechen! Woher wissen wir, was hinter seinem plötzlichen Interesse an dir steckt? Vielleicht sind seine Verdachtsmomente schon jetzt geweckt. Er ahnt ...“
Mrs. Vandemeyer betrachtete ihn spöttisch.
„Beruhige dich, mein lieber Boris. Er ahnt nichts. Mit weniger als deiner üblichen Ritterlichkeit scheinst du zu vergessen, dass ich gemeinhin als schöne Frau gelte. Ich versichere dir, das ist alles, was Peel Edgerton interessiert.“
Boris schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Er hat das Verbrechen studiert wie kein anderer Mann in diesem Königreich. Glaubst du, du kannst ihn täuschen?“
Mrs. Vandemeyers Augen verengten sich.
„Wenn er alles ist, was du sagst – dann würde es mich amüsieren, es zu versuchen!“
„Um Himmels willen, Rita ...“
„Außerdem“, fügte Mrs. Vandemeyer hinzu, „ist er extrem reich. Ich gehöre nicht zu denen, die Geld verachten. Die ‚Nerven des Krieges‘, weißt du, Boris!“
„Geld – Geld! Das ist immer die Gefahr bei dir, Rita. Ich glaube, du würdest deine Seele für Geld verkaufen. Ich glaube ...“ Er hielt inne, dann sagte er mit tiefer, finsterer Stimme langsam: „Manchmal glaube ich, dass du uns verkaufen würdest!“
Mrs. Vandemeyer lächelte und zuckte mit den Schultern.
„Der Preis müsste jedenfalls enorm sein“, sagte sie leichtfertig. „Es läge nicht in der Macht eines anderen als eines Millionärs, ihn zu bezahlen.“
„Ah!“, knurrte der Russe. „Siehst du, ich hatte recht!“
„Mein lieber Boris, kannst du keinen Spaß verstehen?“
„War es ein Spaß?“
„Natürlich.“
„Dann kann ich nur sagen, dass deine Vorstellungen von Humor eigentümlich sind, meine liebe Rita.“
Mrs. Vandemeyer lächelte.
„Lass uns nicht streiten, Boris. Drück auf die Klingel. Wir werden etwas trinken.“
Tuppence trat hastig den Rückzug an. Sie hielt einen Moment inne, um sich in Mrs. Vandemeyers langem Spiegel zu betrachten und sicherzugehen, dass an ihrem Erscheinungsbild nichts auszusetzen war. Dann folgte sie brav dem Klingeln.
Das Gespräch, das sie mitgehört hatte, war zwar interessant, da es zweifelsfrei die Komplizenschaft von Rita und Boris bewies, doch es warf nur wenig Licht auf die aktuellen Sorgen. Der Name Jane Finn war nicht einmal erwähnt worden.
Am nächsten Morgen ergab ein kurzes Wort mit Albert, dass nichts für sie beim Schreibwarenladen wartete. Es schien unglaublich, dass Tommy, wenn alles in Ordnung mit ihm wäre, ihr keine Nachricht senden würde. Eine kalte Hand schien sich um ihr Herz zu schließen ... Angenommen ... Sie würgte ihre Ängste tapfer hinunter. Es hatte keinen Zweck, sich Sorgen zu machen. Aber sie ergriff eine Gelegenheit, die ihr Mrs. Vandemeyer bot.
„An welchem Tag hast du normalerweise frei, Prudence?“
„Freitag ist mein gewöhnlicher Tag, gnädige Frau.“
Mrs. Vandemeyer hob die Augenbrauen.
„Und heute ist Freitag! Aber ich nehme an, Sie möchten kaum heute ausgehen, da Sie erst gestern angefangen haben.“
„Ich wollte Sie gerade fragen, ob ich darf, gnädige Frau.“
Mrs. Vandemeyer sah sie noch eine Minute lang an und lächelte dann.
„Ich wünschte, Graf Stepanov könnte Sie hören. Er hat gestern Abend eine Bemerkung über Sie gemacht.“ Ihr Lächeln wurde breiter, katzenartig. „Ihre Bitte ist sehr ... typisch. Ich bin zufrieden. Sie verstehen das alles nicht – aber Sie können heute ausgehen. Es macht für mich keinen Unterschied, da ich nicht zu Hause essen werde.“
„Danke, gnädige Frau.“
Tuppence verspürte ein Gefühl der Erleichterung, sobald sie nicht mehr in der Gegenwart der anderen war. Wieder einmal gab sie vor sich selbst zu, dass sie Angst hatte, schreckliche Angst vor der schönen Frau mit den grausamen Augen.
Mitten beim letzten oberflächlichen Polieren ihres Silbers wurde Tuppence durch das Klingeln der Haustür gestört und ging, um zu öffnen. Diesmal war der Besucher weder Whittington noch Boris, sondern ein Mann von auffallendem Erscheinungsbild.
Nur ein kleines Stück überdurchschnittlich groß, vermittelte er dennoch den Eindruck eines bedeutenden Mannes. Sein Gesicht, glatt rasiert und von exquisiter Beweglichkeit, war geprägt von einem Ausdruck von Macht und Kraft, der weit über das Gewöhnliche hinausging. Magnetismus schien von ihm auszustrahlen.
Tuppence war einen Moment lang unschlüssig, ob sie ihn als Schauspieler oder Anwalt einstufen sollte, doch ihre Zweifel wurden bald ausgeräumt, als er ihr seinen Namen nannte: Sir James Peel Edgerton.
Sie betrachtete ihn mit neuem Interesse. Dies war also der berühmte Kronanwalt, dessen Name in ganz England bekannt war. Sie hatte sagen hören, dass er eines Tages Premierminister werden könnte. Es war bekannt, dass er ein Amt zugunsten seines Berufs abgelehnt hatte, da er es vorzog, ein einfacher Abgeordneter für einen schottischen Wahlkreis zu bleiben.
Tuppence ging nachdenklich in ihre Speisekammer zurück. Der große Mann hatte Eindruck auf sie gemacht. Sie verstand Boris’ Aufregung. Peel Edgerton würde kein Mann sein, den man leicht täuschen konnte.
Nach etwa einer Viertelstunde klingelte es, und Tuppence begab sich in die Halle, um den Besucher hinausbegleiten. Er hatte sie schon zuvor durchdringend gemustert. Jetzt, als sie ihm Hut und Stock reichte, war sie sich bewusst, dass seine Augen sie regelrecht durchleuchteten. Als sie die Tür öffnete und beiseite trat, um ihn passieren zu lassen, hielt er im Türrahmen inne.
„Machst du das noch nicht lange, was?“
Tuppence hob erstaunt die Augen. Sie las in seinem Blick Güte und etwas anderes, das schwieriger zu ergründen war.
Er nickte, als hätte sie geantwortet.
„V.A.D.-Schwester und pleite, nehme ich an?“
„Hat Mrs. Vandemeyer Ihnen das erzählt?“, fragte Tuppence misstrauisch.
„Nein, Kind. Dein Aussehen hat es mir verraten. Gute Stelle hier?“
„Sehr gut, danke, Sir.“
„Ah, aber es gibt heutzutage viele gute Stellen. Und eine Veränderung schadet manchmal nicht.“
„Meinen Sie ...?“, begann Tuppence.
Aber Sir James war bereits auf der obersten Stufe. Er blickte mit seinem gütigen, scharfsinnigen Blick zurück.
„Nur ein Hinweis“, sagte er. „Das ist alles.“
Tuppence kehrte nachdenklicher denn je in die Speisekammer zurück.
KAPITEL XI. JULIUS ERZÄHLT EINE GESCHICHTE
Appropriat gekleidet, machte sich Tuppence pflichtgemäß auf zu ihrem „freien Nachmittag“. Albert war vorübergehend nicht erreichbar, aber Tuppence ging selbst zum Schreibwarenladen, um sicherzugehen, dass nichts für sie eingegangen war. Zufrieden mit diesem Punkt, machte sie sich auf zum Ritz. Auf Nachfrage erfuhr sie, dass Tommy noch nicht zurückgekehrt war. Es war die Antwort, die sie erwartet hatte, doch es war ein weiterer Nagel im Sarg ihrer Hoffnungen. Sie beschloss, sich an Mr. Carter zu wenden, ihm zu sagen, wann und wo Tommy seine Suche begonnen hatte, und ihn zu bitten, etwas zu unternehmen, um ihn aufzuspüren. Die Aussicht auf seine Hilfe belebte ihre sprunghafte Stimmung, und sie erkundigte sich als Nächstes nach Julius Hersheimmer. Die Antwort war, dass er vor etwa einer halben Stunde zurückgekehrt, aber sofort wieder hinausgegangen sei.
Tuppences Stimmung hellte sich noch mehr auf. Es wäre etwas, Julius zu sehen. Vielleicht konnte er einen Plan entwickeln, um herauszufinden, was aus Tommy geworden war. Sie schrieb ihre Nachricht an Mr. Carter in Julius’ Wohnzimmer und war gerade dabei, den Umschlag zu adressieren, als die Tür aufgestoßen wurde.
„Was zum Teufel ...“, begann Julius, hielt aber abrupt inne. „Ich bitte um Entschuldigung, Miss Tuppence. Diese Narren unten im Büro wollten darauf beharren, dass Beresford nicht mehr hier sei – seit Mittwoch nicht mehr hier gewesen sei. Stimmt das?“
Tuppence nickte.
„Sie wissen nicht, wo er ist?“, fragte sie schwach.
„Ich? Woher sollte ich das wissen? Ich habe kein verdammtes Wort von ihm gehört, obwohl ich ihm gestern Morgen ein Telegramm geschickt habe.“
„Ich vermute, Ihr Telegramm liegt ungeöffnet im Büro.“
„Aber wo ist er?“
„Ich weiß es nicht. Ich hatte gehofft, Sie wüssten es.“
„Ich sage Ihnen, ich habe kein verdammtes Wort von ihm gehört, seit wir uns am Mittwoch am Bahnhof getrennt haben.“
„Welcher Bahnhof?“
„Waterloo. Ihre London and South Western-Linie.“
„Waterloo?“, runzelte Tuppence die Stirn.
„Warum, ja. Hat er es Ihnen nicht gesagt?“
„Ich habe ihn auch nicht gesehen“, antwortete Tuppence ungeduldig. „Erzählen Sie weiter von Waterloo. Was haben Sie dort gemacht?“
„Er hat mich angerufen. Am Telefon. Sagte mir, ich solle mich beeilen und loslegen. Sagte, er beschatte zwei Ganoven.“
„Oh!“, sagte Tuppence, und ihre Augen weiteten sich. „Ich verstehe. Erzählen Sie weiter.“
„Ich habe mich sofort beeilt. Beresford war dort. Er zeigte mir die Ganoven. Der Große war meiner, der Kerl, den Sie blufften. Tommy drückte mir ein Ticket in die Hand und sagte mir, ich solle in den Zug steigen. Er wollte den anderen Ganoven verfolgen.“ Julius hielt inne. „Ich dachte sicher, Sie wüssten das alles.“
„Julius“, sagte Tuppence bestimmt, „hör auf, auf und ab zu laufen. Davon wird mir schwindelig. Setzen Sie sich in den Sessel und erzählen Sie mir die ganze Geschichte mit so wenigen ausgefallenen Redewendungen wie möglich.“
Mr. Hersheimmer gehorchte.
„Sicher“, sagte er. „Wo soll ich anfangen?“
„Wo Sie aufgehört haben. In Waterloo.“
„Nun“, begann Julius, „ich stieg in eines Ihrer lieben alten, erstklassigen britischen Abteile. Der Zug fuhr gerade ab. Das Erste, was passierte, war, dass ein Schaffner daherkam und mir überaus höflich mitteilte, dass ich mich nicht in einem Raucherabteil befände. Ich drückte ihm einen halben Dollar in die Hand, und damit war die Sache erledigt. Ich erkundete ein wenig den Korridor zum nächsten Wagen. Whittington war tatsächlich dort. Als ich diesen Stinker mit seinem großen, glatten, fetten Gesicht sah und an die arme kleine Jane in seinen Klauen dachte, wurde ich richtig wütend, dass ich keine Knarre bei mir hatte. Ich hätte ihm ordentlich eingeheizt.
Wir kamen gut in Bournemouth an. Whittington nahm eine Droschke und nannte den Namen eines Hotels. Ich tat dasselbe, und wir fuhren im Abstand von drei Minuten vor. Er nahm ein Zimmer, und ich nahm auch eins. Soweit lief alles glatt. Er hatte nicht den geringsten Schimmer, dass ihm jemand auf der Spur war. Nun, er saß einfach in der Hotelhalle herum, las die Zeitungen und so weiter, bis es Zeit zum Abendessen war. Er beeilte sich auch damit nicht im Geringsten.
Ich fing an zu glauben, dass nichts daraus werden würde, dass er nur für seine Gesundheit den Ausflug gemacht hatte, aber ich erinnerte mich daran, dass er sich nicht für das Abendessen umgezogen hatte, obwohl es ein ziemlich vornehmes Hotel war, also schien es wahrscheinlich genug, dass er danach wegen seiner eigentlichen Geschäfte ausgehen würde.
Und tatsächlich, gegen neun Uhr tat er es. Er nahm ein Auto quer durch die Stadt – ein verdammt hübscher Ort übrigens, ich glaube, ich werde Jane für eine Weile dorthin mitnehmen, wenn ich sie gefunden habe –, bezahlte es dann und machte sich auf den Weg durch diese Kiefernwälder oben auf der Klippe. Ich war auch da, verstehen Sie. Wir sind vielleicht eine halbe Stunde gelaufen. Es gibt dort den ganzen Weg entlang eine Menge Villen, aber nach und nach schienen sie immer spärlicher zu werden, und schließlich kamen wir zu einer, die die letzte der Gruppe zu sein schien. Ein großes Haus war es, mit einer Menge kiefernbestandenem Gelände drumherum.
Es war eine ziemlich finstere Nacht, und die Zufahrt zum Haus war stockdunkel. Ich konnte ihn vor mir hören, obwohl ich ihn nicht sehen konnte. Ich musste vorsichtig gehen, falls er merken sollte, dass er verfolgt wurde. Ich bog um eine Kurve und war gerade noch rechtzeitig da, um zu sehen, wie er an der Glocke zog und ins Haus eingelassen wurde. Ich blieb einfach stehen, wo ich war. Es fing an zu regnen, und ich war bald fast bis auf die Knochen durchnässt. Außerdem war es verdammt kalt.
Whittington kam nicht wieder heraus, und nach einer Weile wurde ich etwas unruhig und fing an, dort herumzuschleichen. Alle Fenster im Erdgeschoss waren fest verschlossen, aber oben, im ersten Stock (es war ein zweistöckiges Haus), bemerkte ich ein Fenster, in dem ein Licht brannte und die Vorhänge nicht zugezogen waren.
Nun, genau gegenüber diesem Fenster wuchs ein Baum. Er war vielleicht dreißig Fuß vom Haus entfernt, und ich bildete mir irgendwie ein, dass ich, wenn ich auf diesen Baum kletterte, sehr wahrscheinlich in dieses Zimmer sehen könnte. Natürlich wusste ich, dass es keinen Grund gab, warum Whittington in diesem Zimmer sein sollte statt in irgendeinem anderen – weniger Grund sogar, denn die Wette würde darauf laufen, dass er in einem der Empfangszimmer unten war. Aber ich glaube, ich hatte den Koller vom langen Stehen im Regen, und alles schien besser, als so weiterzumachen und gar nichts zu tun. Also fing ich an zu klettern.
Das war bei weitem nicht so einfach! Der Regen hatte die Äste verdammt schlüpfrig gemacht, und es kostete mich alle Mühe, mich festzuhalten, aber Stück für Stück schaffte ich es, bis ich schließlich auf Fensterhöhe war.
Aber dann war ich enttäuscht. Ich war zu weit links. Ich konnte nur seitwärts in den Raum sehen. Ein Stück Vorhang und ein Yard Tapete waren alles, was ich sehen konnte. Nun, das nützte mir gar nichts, aber gerade als ich aufgeben und schmählich wieder hinunterklettern wollte, bewegte sich jemand drinnen und warf seinen Schatten auf mein kleines Stück Wand – und, beim Kuckuck, es war Whittington!
Danach war mein Blut in Wallung. Ich musste einfach einen Blick in dieses Zimmer werfen. Es war an mir herauszufinden, wie. Ich bemerkte, dass ein langer Ast in die richtige Richtung vom Baum abging. Wenn ich nur etwa zur Hälfte daran entlangkriechen könnte, wäre die Sache gelöst. Aber es war höchst ungewiss, ob er mein Gewicht tragen würde. Ich beschloss, dass ich das einfach riskieren musste, und fing an. Sehr vorsichtig, Zoll für Zoll, kroch ich entlang. Der Ast knarrte und schwankte auf eine üble Art, und es war nicht gut, an den Absturz darunter zu denken, aber schließlich kam ich sicher dort an, wo ich hinwollte.
Der Raum war mittelgroß und auf eine Art kahl und hygienisch eingerichtet. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit einer Lampe darauf, und an diesem Tisch saß, mir zugewandt, Whittington – ganz sicher. Er sprach mit einer Frau, die als Krankenschwester gekleidet war. Sie saß mit dem Rücken zu mir, sodass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Obwohl die Rollos oben waren, war das Fenster selbst geschlossen, also konnte ich kein Wort von dem verstehen, was sie sagten. Whittington schien die ganze Zeit zu reden, und die Krankenschwester hörte nur zu. Hin und wieder nickte sie, und manchmal schüttelte sie den Kopf, als ob sie Fragen beantworten würde. Er schien sehr nachdrücklich zu sein – ein- oder zweimal schlug er mit der Faust auf den Tisch. Der Regen hatte jetzt aufgehört, und der Himmel klarte sich auf, wie es dort so plötzlich geschieht.
Bald darauf schien er am Ende dessen zu sein, was er sagte. Er stand auf, und sie auch. Er schaute zum Fenster und fragte etwas – ich vermute, es war, ob es regnete. Wie dem auch sei, sie kam direkt herüber und schaute hinaus. In diesem Moment kam der Mond hinter den Wolken hervor. Ich hatte Angst, die Frau würde mich entdecken, denn ich war voll im Mondlicht. Ich versuchte, mich ein Stück zurückzubewegen. Der Ruck, den ich machte, war zu viel für diesen morschen, alten Ast. Mit einem gewaltigen Krachen kam er herunter, und Julius P. Hersheimmer mit ihm!“
„Oh, Julius“, hauchte Tuppence, „wie aufregend! Erzähl weiter.“
„Nun, zu meinem Glück stürzte ich in ein schönes weiches Blumenbeet – aber es setzte mich für den Moment sicher außer Gefecht. Das Nächste, was ich wusste, war, dass ich im Bett lag, mit einer Krankenschwester (nicht die von Whittington) auf der einen Seite und einem kleinen schwarzbärtigen Mann mit Goldbrille, dem man den Arzt von weitem ansah, auf der anderen. Er rieb sich die Hände und hob die Augenbrauen, als ich ihn anstarrte. ‚Ah!‘ sagte er. ‚Da kommt unser junger Freund wieder zu sich. Hervorragend. Hervorragend.‘
Ich spielte das übliche Stück. Sagte: ‚Was ist passiert?‘ Und ‚Wo bin ich?‘ Aber ich wusste die Antwort auf Letzteres nur zu gut. Mein Gehirn ist nicht eingerostet. ‚Ich denke, das reicht für den Moment, Schwester‘, sagte der kleine Mann, und die Krankenschwester verließ das Zimmer auf eine Art geschäftige, gut geschulte Weise. Aber ich erwischte sie dabei, wie sie mir einen Blick tiefster Neugier zuwarf, als sie zur Tür hinausging.
Dieser Blick von ihr brachte mich auf eine Idee. ‚Nun denn, Doc‘, sagte ich und versuchte, mich im Bett aufzusetzen, aber mein rechter Fuß gab mir einen fiesen Stich, als ich das tat. ‚Eine leichte Verstauchung‘, erklärte der Arzt. ‚Nichts Ernstes. Sie werden in ein paar Tagen wieder auf den Beinen sein.‘“
„Ich habe bemerkt, dass Sie hinken“, warf Tuppence ein.
Julius nickte und fuhr fort:
„‚Wie ist es passiert?‘ fragte ich erneut. Er antwortete trocken: ‚Sie sind mit einem beträchtlichen Teil eines meiner Bäume in eines meiner neu angelegten Blumenbeete gefallen.‘
Der Mann gefiel mir. Er schien einen Sinn für Humor zu haben. Ich war sicher, dass er zumindest vollkommen aufrichtig war. ‚Sicher, Doc‘, sagte ich, ‚es tut mir leid wegen des Baums, und ich schätze, die neuen Zwiebeln gehen auf mich. Aber vielleicht möchten Sie wissen, was ich in Ihrem Garten gemacht habe?‘ ‚Ich denke, die Tatsachen verlangen nach einer Erklärung‘, antwortete er. ‚Nun, zuerst einmal war ich nicht hinter dem Tafelsilber her.‘
Er lächelte. ‚Meine erste Theorie. Aber ich änderte bald meine Meinung. Übrigens, Sie sind Amerikaner, nicht wahr?‘ Ich nannte ihm meinen Namen. ‚Und Sie?‘ ‚Ich bin Dr. Hall, und dies ist, wie Sie zweifellos wissen, meine private Pflegeklinik.‘
Ich wusste es nicht, aber ich wollte ihn nicht schlau machen. Ich war einfach nur dankbar für die Information. Der Mann gefiel mir, und ich hatte das Gefühl, er sei aufrichtig, aber ich wollte ihm nicht die ganze Geschichte erzählen. Zum einen hätte er sie wahrscheinlich nicht geglaubt.
Ich entschied mich in einem Blitzmoment. ‚Wissen Sie, Doktor‘, sagte ich, ‚ich glaube, ich komme mir wie ein verdammt großer Narr vor, aber ich schulde es Ihnen, Sie wissen zu lassen, dass es nicht die Bill-Sikes-Nummer war, die ich abgezogen habe.‘ Dann fuhr ich fort und murmelte etwas von einem Mädchen. Ich tischte ihm die Geschichte mit dem strengen Vormund und einem Nervenzusammenbruch auf und erklärte schließlich, dass ich mir eingebildet hätte, sie unter den Patienten in der Klinik wiedererkannt zu haben, daher meine nächtlichen Abenteuer. Ich schätze, das war genau die Art von Geschichte, die er erwartete. ‚Eine ziemliche Romanze‘, sagte er freundlich, als ich fertig war. ‚Nun, Doc‘, fuhr ich fort, ‚wollen Sie ehrlich zu mir sein? Haben Sie hier jetzt, oder hatten Sie hier zu irgendeiner Zeit, ein junges Mädchen namens Jane Finn?‘ Er wiederholte den Namen nachdenklich. ‚Jane Finn?‘ sagte er. ‚Nein.‘
Ich war gekränkt, und ich schätze, das habe ich auch gezeigt. ‚Sie sind sicher?‘ ‚Ganz sicher, Mr. Hersheimmer. Es ist ein ungewöhnlicher Name, und ich hätte ihn wahrscheinlich nicht vergessen.‘
Nun, das war ernüchternd. Es hat mich für eine Weile umgehauen. Ich hatte irgendwie gehofft, meine Suche sei zu Ende. ‚Das wäre das‘, sagte ich schließlich. ‚Nun gibt es noch eine andere Angelegenheit. Als ich diesen verdammten Ast umklammerte, glaubte ich, einen alten Freund von mir erkannt zu haben, der mit einer Ihrer Krankenschwestern sprach.‘ Ich nannte absichtlich keinen Namen, denn Whittington könnte sich hier unten natürlich ganz anders nennen, aber der Arzt antwortete sofort: ‚Mr. Whittington vielleicht?‘ ‚Genau der Kerl‘, antwortete ich. ‚Was macht er hier unten? Erzählen Sie mir nicht, seine Nerven seien nicht in Ordnung?‘
Dr. Hall lachte. ‚Nein. Er kam her, um eine meiner Krankenschwestern zu besuchen, Schwester Edith, die eine Nichte von ihm ist.‘ ‚Was für ein Zufall!‘ rief ich aus. ‚Ist er noch hier?‘ ‚Nein, er ist fast sofort zurück in die Stadt gefahren.‘ ‚Wie schade!‘ stieß ich hervor. ‚Aber vielleicht könnte ich mit seiner Nichte sprechen – Schwester Edith, sagten Sie, sei ihr Name?‘
Aber der Arzt schüttelte den Kopf. ‚Ich fürchte, auch das ist unmöglich. Schwester Edith ist heute Abend ebenfalls mit einem Patienten abgereist.‘ ‚Ich scheine wirklich vom Pech verfolgt zu sein‘, bemerkte ich. ‚Haben Sie Mr. Whittingtons Adresse in der Stadt? Ich schätze, ich würde ihn gerne besuchen, wenn ich zurückkomme.‘ ‚Ich kenne seine Adresse nicht. Ich kann Schwester Edith deswegen schreiben, wenn Sie möchten.‘ Ich dankte ihm. ‚Sagen Sie nicht, wer sie haben will. Ich möchte ihm eine kleine Überraschung bereiten.‘
Das war so ziemlich alles, was ich für den Moment tun konnte. Natürlich, wenn das Mädchen wirklich Whittingtons Nichte war, könnte sie zu schlau sein, um in die Falle zu tappen, aber einen Versuch war es wert. Das Nächste, was ich tat, war, ein Telegramm an Beresford aufzusetzen, in dem ich ihm mitteilte, wo ich war, dass ich mit einem verstauchten Fuß festsaß, und ihm sagte, er solle herunterkommen, wenn er nicht beschäftigt sei. Ich musste mich vorsichtig ausdrücken. Wie dem auch sei, ich hörte nichts von ihm, und mein Fuß wurde bald wieder in Ordnung. Er war nur gezerrt, nicht wirklich verstaucht, also verabschiedete ich mich heute von dem kleinen Doktor, bat ihn, mir Bescheid zu geben, falls er von Schwester Edith höre, und kam direkt zurück in die Stadt. Sagen Sie, Miss Tuppence, Sie sehen verdammt blass aus!“
„Es ist Tommy“, sagte Tuppence. „Was kann mit ihm passiert sein?“
„Kopf hoch, ich schätze, es geht ihm gut. Warum sollte es nicht so sein? Sehen Sie, er ist hinter einem ausländisch aussehenden Typen hergelaufen. Vielleicht sind sie ins Ausland gegangen – nach Polen oder so etwas in der Art?“
Tuppence schüttelte den Kopf.
„Das könnte er nicht ohne Reisepass und so weiter. Außerdem habe ich diesen Mann, Boris Irgendwas, seitdem gesehen. Er hat gestern Abend bei Mrs. Vandemeyer gespeist.“
„Mrs. wer?“
„Ich habe es vergessen. Natürlich wissen Sie das alles nicht.“
„Ich höre zu“, sagte Julius und ließ seinem Lieblingsausdruck freien Lauf. „Klären Sie mich auf.“
Tuppence berichtete daraufhin von den Ereignissen der letzten zwei Tage. Julius’ Erstaunen und seine Bewunderung waren grenzenlos.
„Hut ab! Stellen Sie sich vor, Sie als Dienstmädchen. Das amüsiert mich zu Tode!“ Dann fügte er ernst hinzu: „Aber sagen Sie mal, das gefällt mir nicht, Miss Tuppence, wirklich nicht. Sie sind so tapfer, wie sie nur sein können, aber ich wünschte, Sie würden sich aus der Sache raushalten. Diese Gauner, mit denen wir es zu tun haben, würden ein Mädchen genauso schnell umlegen wie einen Mann, jeden Tag.“
„Glauben Sie, ich habe Angst?“ sagte Tuppence entrüstet und unterdrückte tapfer die Erinnerungen an das stählerne Funkeln in Mrs. Vandemeyers Augen.
„Ich sagte bereits, Sie sind verdammt tapfer. Aber das ändert nichts an den Tatsachen.“
„Ach, machen Sie sich um mich keine Sorgen!“ sagte Tuppence ungeduldig. „Lassen Sie uns darüber nachdenken, was mit Tommy passiert sein könnte. Ich habe Mr. Carter deswegen geschrieben“, fügte sie hinzu und berichtete ihm den Kern ihres Briefes.
Julius nickte ernst.
„Ich schätze, das ist gut und schön. Aber es liegt an uns, uns an die Arbeit zu machen und etwas zu tun.“
„Was können wir tun?“ fragte Tuppence, deren Stimmung stieg.
„Ich schätze, wir sollten uns an Boris’ Fersen heften. Sie sagen, er war bei Ihnen. Ist es wahrscheinlich, dass er wiederkommt?“
„Vielleicht. Ich weiß es wirklich nicht.“
„Verstehe. Nun, ich schätze, ich sollte ein Auto kaufen, ein erstklassiges, mich als Chauffeur verkleiden und draußen herumlungern. Wenn Boris dann kommt, könnten Sie ein Zeichen geben, und ich würde ihn verfolgen. Was halten Sie davon?“
„Großartig, aber er kommt vielleicht wochenlang nicht.“
„Das Risiko müssen wir eingehen. Ich freue mich, dass Ihnen der Plan gefällt.“ Er stand auf.
„Wo gehen Sie hin?“
„Um das Auto zu kaufen, natürlich“, antwortete Julius überrascht. „Welche Marke mögen Sie? Ich schätze, Sie werden einige Fahrten darin machen, bevor wir fertig sind.“
„Oh“, sagte Tuppence schwach, „ich mag Rolls-Royce, aber...“
„Sicher“, stimmte Julius zu. „Was Sie sagen, gilt. Ich werde einen besorgen.“
„Aber das können Sie nicht sofort“, rief Tuppence. „Die Leute warten manchmal ewig.“
„Der kleine Julius nicht“, bekräftigte Mr. Hersheimmer. „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin in einer halben Stunde mit dem Wagen da.“
Tuppence stand auf.
„Sie sind schrecklich gut, Julius. Aber ich kann nicht umhin zu fühlen, dass es eine ziemlich aussichtslose Sache ist. Ich setze eigentlich all mein Vertrauen auf Mr. Carter.“
„Dann würde ich das nicht tun.“
„Warum?“
„Nur so eine Idee von mir.“
„Oh; aber er muss doch etwas tun. Es gibt niemand anderen. Übrigens habe ich vergessen, Ihnen von einer merkwürdigen Sache zu erzählen, die heute Morgen passiert ist.“
Und sie erzählte von ihrer Begegnung mit Sir James Peel Edgerton. Julius war interessiert.
„Was hat der Kerl wohl gemeint, glauben Sie?“ fragte er.
„Ich weiß nicht genau“, sagte Tuppence nachdenklich. „Aber ich glaube, dass er auf diese zweideutige, rechtliche, ‚ohne Vorurteil‘-Anwaltsart versucht hat, mich zu warnen.“
„Warum sollte er?“
„Ich weiß es nicht“, gestand Tuppence. „Aber er sah freundlich aus und einfach unglaublich schlau. Ich hätte nichts dagegen, zu ihm zu gehen und ihm alles zu erzählen.“
Etwas zu ihrer Überraschung wies Julius den Gedanken scharf zurück.
„Hören Sie mal“, sagte er, „wir wollen keine Anwälte in dieser Sache haben. Dieser Kerl könnte uns nicht helfen.“
„Nun, ich glaube, das könnte er“, beharrte Tuppence hartnäckig.
„Glauben Sie das nicht. Bis dann. Ich bin in einer halben Stunde zurück.“
Fünfunddreißig Minuten waren vergangen, als Julius zurückkam. Er nahm Tuppence am Arm und führte sie zum Fenster.
„Da ist sie.“
„Oh!“ sagte Tuppence mit einem Ton der Ehrfurcht in ihrer Stimme, als sie auf das riesige Auto hinunterstarrte.
„Sie ist eine echte Tempomacherin, das kann ich Ihnen sagen“, sagte Julius selbstgefällig.
„Wie haben Sie das bekommen?“ japste Tuppence.
„Sie wurde gerade an irgendein großes Tier ausgeliefert.“
„Nun?“
„Ich bin zu seinem Haus gefahren“, sagte Julius. „Ich sagte, dass ich schätze, ein Auto wie dieses sei jeden Penny von zwanzigtausend Dollar wert. Dann sagte ich ihm, dass es mir etwa fünfzigtausend Dollar wert sei, wenn er ausstiege.“
„Und?“ sagte Tuppence, berauscht.
„Nun“, erwiderte Julius, „er ist ausgestiegen, das ist alles.“
KAPITEL XII. EINE FREUNDIN IN DER NOT
FREITAG und Samstag vergingen ereignislos. Tuppence hatte eine kurze Antwort auf ihren Hilferuf von Mr. Carter erhalten. Darin wies er darauf hin, dass die Jungen Abenteurer die Arbeit auf eigenes Risiko übernommen hätten und vor den Gefahren voll gewarnt worden seien. Wenn Tommy etwas zugestoßen sei, bedauere er das zutiefst, aber er könne nichts tun.
Das war ein schwacher Trost. Irgendwie war ohne Tommy der ganze Reiz des Abenteuers verflogen, und zum ersten Mal fühlte sich Tuppence zweifelnd, ob sie Erfolg haben würden. Während sie zusammen gewesen waren, hatte sie nie auch nur eine Minute daran gezweifelt. Obwohl sie es gewohnt war, die Führung zu übernehmen und stolz auf ihren schnellen Verstand zu sein, hatte sie sich in Wirklichkeit mehr auf Tommy verlassen, als sie sich damals bewusst war. Er hatte etwas so überaus Nüchternes und Klarsichtiges an sich, sein gesunder Menschenverstand und seine Urteilsfähigkeit waren so beständig, dass sich Tuppence ohne ihn wie ein steuerloses Schiff fühlte. Es war merkwürdig, dass Julius, der zweifellos viel klüger als Tommy war, ihr nicht dasselbe Gefühl von Rückhalt gab. Sie hatte Tommy vorgeworfen, ein Pessimist zu sein, und es ist sicher, dass er immer die Nachteile und Schwierigkeiten sah, die sie selbst optimistisch zu übersehen pflegte, aber dennoch hatte sie sich wirklich ein gutes Stück auf sein Urteil verlassen. Er mochte langsam sein, aber er war sehr sicher.
Dem Mädchen schien es, als würde ihr zum ersten Mal der unheimliche Charakter der Mission bewusst, die sie so leichtfertig übernommen hatten. Es hatte wie eine Seite aus einem Roman begonnen. Nun, ohne seinen Glanz, schien es zu einer bitteren Realität zu werden. Tommy – das war alles, was zählte. Viele Male am Tag blinzelte Tuppence entschlossen die Tränen aus den Augen. „Kleiner Narr“, sagte sie zu sich selbst, „heul nicht. Natürlich hast du ihn gern. Du kennst ihn dein ganzes Leben lang. Aber es besteht kein Grund, sentimental deswegen zu werden.“
In der Zwischenzeit sah man nichts mehr von Boris. Er kam nicht in die Wohnung, und Julius und das Auto warteten vergeblich. Tuppence gab sich neuen Überlegungen hin. Während sie die Wahrheit von Julius’ Einwänden zugab, hatte sie dennoch nicht ganz die Idee aufgegeben, sich an Sir James Peel Edgerton zu wenden. Tatsächlich war sie so weit gegangen, seine Adresse im Red Book nachzuschlagen. Hatte er sie an jenem Tag warnen wollen? Wenn ja, warum? Sicherlich hatte sie zumindest das Recht, eine Erklärung zu verlangen. Er hatte sie so freundlich angesehen. Vielleicht könnte er ihnen etwas über Mrs. Vandemeyer sagen, das zu einem Hinweis auf Tommys Aufenthaltsort führen könnte.
Wie auch immer, beschloss Tuppence mit ihrem üblichen Schulterzucken, es war einen Versuch wert, und versuchen würde sie es. Sonntag war ihr freier Nachmittag. Sie würde Julius treffen, ihn von ihrem Standpunkt überzeugen, und sie würden den Löwen in seiner Höhle aufsuchen.
Als der Tag kam, brauchte Julius eine beträchtliche Überzeugungsarbeit, aber Tuppence blieb standhaft. „Es kann nicht schaden“, war das, worauf sie immer zurückkam. Am Ende gab Julius nach, und sie fuhren mit dem Auto zur Carlton House Terrace.
Die Tür wurde von einem untadeligen Butler geöffnet. Tuppence fühlte sich ein wenig nervös. Schließlich war es vielleicht eine kolossale Frechheit von ihr. Sie hatte beschlossen, nicht zu fragen, ob Sir James „zu Hause“ sei, sondern eine persönlichere Haltung einzunehmen.
„Würden Sie Sir James fragen, ob ich ihn für ein paar Minuten sprechen kann? Ich habe eine wichtige Nachricht für ihn.“
Der Butler zog sich zurück und kehrte einen Moment später zurück.
„Sir James wird Sie empfangen. Würden Sie bitte hier entlangkommen?“
Er führte sie in ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses, das als Bibliothek eingerichtet war. Die Büchersammlung war prächtig, und Tuppence bemerkte, dass eine ganze Wand Werken über Verbrechen und Kriminologie gewidmet war. Es gab mehrere tief gepolsterte Ledersessel und einen altmodischen offenen Kamin. Am Fenster stand ein großer Rollschreibtisch, der mit Papieren übersät war, an dem der Hausherr saß.
Er stand auf, als sie eintraten.
„Sie haben eine Nachricht für mich? Ah“ – er erkannte Tuppence mit einem Lächeln – „Sie sind es, nicht wahr? Sie bringen wohl eine Nachricht von Mrs. Vandemeyer?“
„Nicht direkt“, sagte Tuppence. „Ehrlich gesagt, fürchte ich, das habe ich nur gesagt, um sicherzugehen, dass ich hereingelassen werde. Oh, übrigens, das hier ist Mr. Hersheimmer, Sir James Peel Edgerton.“
„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte der Amerikaner und streckte die Hand aus.
„Wollen Sie sich nicht beide setzen?“, fragte Sir James. Er schob zwei Stühle heran.
„Sir James“, begann Tuppence und wagte den Vorstoß, „ich wage zu behaupten, Sie werden es für eine ungeheure Frechheit von mir halten, dass ich so hierherkomme. Denn natürlich hat das alles rein gar nichts mit Ihnen zu tun, und außerdem sind Sie eine sehr bedeutende Persönlichkeit, während Tommy und ich natürlich sehr unbedeutend sind.“ Sie hielt inne, um Luft zu holen.
„Tommy?“, fragte Sir James und sah zu dem Amerikaner hinüber.
„Nein, das ist Julius“, erklärte Tuppence. „Ich bin ziemlich nervös, und deshalb bringe ich es so schlecht vor. Was ich wirklich wissen möchte, ist: Was meinten Sie mit dem, was Sie neulich zu mir sagten? Wollten Sie mich vor Mrs. Vandemeyer warnen? Das wollten Sie doch, oder?“
„Meine liebe junge Dame, soweit ich mich erinnere, erwähnte ich nur, dass man andernorts ebenso gute Stellungen bekommen kann.“
„Ja, das weiß ich. Aber es war ein Hinweis, nicht wahr?“
„Nun, vielleicht war es das“, gab Sir James ernst zu.
„Ich möchte mehr wissen. Ich möchte wissen, warum genau Sie mir einen Hinweis gegeben haben.“
Sir James lächelte über ihren Eifer.
„Angenommen, die Dame strengt eine Verleumdungsklage wegen übler Nachrede gegen mich an?“
„Natürlich“, sagte Tuppence. „Ich weiß, Anwälte sind immer schrecklich vorsichtig. Aber können wir nicht zuerst ‚ohne Präjudiz‘ sagen und dann genau das aussprechen, was wir wollen?“
„Nun“, sagte Sir James und lächelte immer noch, „ohne Präjudiz also: Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ihren Lebensunterhalt verdienen müsste, würde ich sie nicht gerne im Dienst von Mrs. Vandemeyer sehen. Ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen einen Hinweis zu geben. Es ist kein Ort für ein junges und unerfahrenes Mädchen. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.“
„Ich verstehe“, sagte Tuppence nachdenklich. „Vielen Dank. Aber ich bin nicht wirklich unerfahren, wissen Sie. Ich wusste ganz genau, dass sie ein schlechter Umgang ist, als ich dort anfing – eigentlich bin ich deshalb dorthin gegangen...“ Sie brach ab, als sie eine gewisse Verwirrung im Gesicht des Anwalts sah, und fuhr fort: „Ich glaube, ich erzähle Ihnen besser die ganze Geschichte, Sir James. Ich habe das Gefühl, Sie würden sofort merken, wenn ich nicht die Wahrheit sage, also können Sie genauso gut von Anfang an alles wissen. Was meinst du, Julius?“
„Da du so entschlossen bist, würde ich direkt mit den Fakten fortfahren“, antwortete der Amerikaner, der bisher geschwiegen hatte.
„Ja, erzählen Sie mir alles darüber“, sagte Sir James. „Ich möchte wissen, wer Tommy ist.“
So ermutigt, stürzte sich Tuppence in ihre Erzählung, und der Anwalt hörte aufmerksam zu.
„Sehr interessant“, sagte er, als sie geendet hatte. „Ein Großteil dessen, was Sie mir erzählen, Kind, ist mir bereits bekannt. Ich hatte meine eigenen Theorien über diese Jane Finn. Sie haben bis jetzt außerordentlich gut gearbeitet, aber es ist doch zu dumm von – wie kennen Sie ihn? – Mr. Carter, dass er Sie beide jungen Leute in eine Angelegenheit dieser Art hineingestoßen hat. Übrigens, wo kam Mr. Hersheimmer ursprünglich ins Spiel? Das haben Sie nicht klargestellt.“
Julius antwortete selbst.
„Ich bin Janes Cousin ersten Grades“, erklärte er und erwiderte den forschenden Blick des Anwalts.
„Ah!“
„Oh, Sir James“, platzte Tuppence heraus, „was glauben Sie, was aus Tommy geworden ist?“
„Hm.“ Der Anwalt stand auf und schritt langsam auf und ab. „Als Sie ankamen, junge Dame, war ich gerade dabei, meine Sachen zu packen. Ich wollte mit dem Nachtzug für ein paar Tage zum Fischen nach Schottland fahren. Aber es gibt verschiedene Arten des Fischens. Ich bin versucht zu bleiben und zu sehen, ob wir nicht auf die Spur dieses jungen Mannes kommen können.“
„Oh!“ Tuppence faltete entzückt die Hände.
„Trotzdem, wie ich schon sagte, ist es zu dumm von – von Carter, dass er euch zwei Babys auf einen solchen Auftrag ansetzt. Nun, seien Sie nicht beleidigt, Miss – äh...“
„Cowley. Prudence Cowley. Aber meine Freunde nennen mich Tuppence.“
„Nun, Miss Tuppence also, da ich sicherlich ein Freund sein werde. Seien Sie nicht beleidigt, weil ich denke, dass Sie jung sind. Jugend ist ein Fehler, dem man nur allzu leicht entwächst. Nun, zu Ihrem jungen Tommy...“
„Ja.“ Tuppence faltete die Hände.
„Offen gesagt, sieht es schlecht für ihn aus. Er hat sich irgendwo eingemischt, wo er nicht erwünscht war. Kein Zweifel daran. Aber geben Sie die Hoffnung nicht auf.“
„Und Sie werden uns wirklich helfen? Da, Julius! Er wollte nicht, dass ich komme“, fügte sie zur Erklärung hinzu.
„Hm“, sagte der Anwalt und warf Julius einen weiteren scharfen Blick zu. „Und warum war das so?“
„Ich dachte, es wäre nicht gut, Sie mit einer so kleinen, unbedeutenden Angelegenheit zu behelligen.“
„Ich verstehe.“ Er hielt einen Moment inne. „Diese kleine, unbedeutende Angelegenheit, wie Sie sie nennen, steht in direktem Zusammenhang mit einer sehr großen Sache, vielleicht größer, als weder Sie noch Miss Tuppence wissen. Wenn dieser Junge am Leben ist, hat er möglicherweise sehr wertvolle Informationen für uns. Daher müssen wir ihn finden.“
„Ja, aber wie?“, rief Tuppence. „Ich habe versucht, an alles zu denken.“
Sir James lächelte.
„Und doch gibt es eine Person ganz in der Nähe, die aller Wahrscheinlichkeit nach weiß, wo er ist, oder zumindest, wo er sich wahrscheinlich aufhält.“
„Wer ist das?“, fragte Tuppence verwirrt.
„Mrs. Vandemeyer.“
„Ja, aber die würde es uns niemals sagen.“
„Ah, da komme ich ins Spiel. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass ich Mrs. Vandemeyer dazu bringen kann, mir das zu sagen, was ich wissen will.“
„Wie?“, verlangte Tuppence zu wissen und öffnete die Augen ganz weit.
„Oh, indem ich ihr einfach Fragen stelle“, antwortete Sir James gelassen. „So machen wir das, wissen Sie.“
Er klopfte mit dem Finger auf den Tisch, und Tuppence spürte wieder die immense Kraft, die von diesem Mann ausging.
„Und wenn sie es nicht sagen will?“, fragte Julius plötzlich.
„Ich glaube, das wird sie. Ich habe ein oder zwei mächtige Hebel. Dennoch gibt es für diesen unwahrscheinlichen Fall immer noch die Möglichkeit der Bestechung.“
„Sicher. Und da komme ich ins Spiel!“, rief Julius und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Sie können, falls nötig, mit einer Million Dollar rechnen. Jawohl, Sir, eine Million Dollar!“
Sir James setzte sich und unterzog Julius einer langen Musterung.
„Mr. Hersheimmer“, sagte er schließlich, „das ist eine sehr große Summe.“
„Ich schätze, das wird nötig sein. Das ist nicht die Art von Leuten, denen man sechs Pence anbietet.“
„Beim derzeitigen Wechselkurs entspricht das deutlich mehr als zweihundertfünfzigtausend Pfund.“
„Das stimmt. Vielleicht denken Sie, ich rede Unsinn, aber ich kann die Ware liefern, und es bleibt sogar noch genug für Ihr Honorar übrig.“
Sir James errötete leicht.
„Von einem Honorar kann keine Rede sein, Mr. Hersheimmer. Ich bin kein Privatdetektiv.“
„Entschuldigung. Ich schätze, ich war nur ein wenig voreilig, aber diese Geldfrage hat mir Sorgen bereitet. Ich wollte schon vor Tagen eine große Belohnung für Nachrichten über Jane aussetzen, aber Ihre verkrustete Institution von Scotland Yard hat mir davon abgeraten. Sagten, es sei unerwünscht.“
„Wahrscheinlich hatten sie recht“, sagte Sir James trocken.
„Aber bei Julius ist alles in Ordnung“, warf Tuppence ein. „Er zieht Sie nicht auf. Er hat buchstäblich Unmengen von Geld.“
„Der alte Herr hat es tüchtig angehäuft“, erklärte Julius. „Nun, kommen wir zur Sache. Was ist Ihre Idee?“
Sir James überlegte einen Moment.
„Es darf keine Zeit verloren werden. Je eher wir zuschlagen, desto besser.“ Er wandte sich an Tuppence. „Wissen Sie, ob Mrs. Vandemeyer heute Abend ausgeht?“
„Ja, ich glaube schon, aber sie wird nicht lange wegbleiben. Sonst hätte sie den Hausschlüssel mitgenommen.“
„Gut. Ich werde sie gegen zehn Uhr aufsuchen. Wann müssen Sie zurück sein?“
„Gegen halb zehn oder zehn, aber ich könnte früher zurückgehen.“
„Das dürfen Sie auf keinen Fall tun. Es könnte Verdacht erregen, wenn Sie nicht bis zur üblichen Zeit wegbleiben. Seien Sie um halb zehn zurück. Ich werde um zehn eintreffen. Mr. Hersheimmer wird vielleicht unten in einem Taxi warten.“
„Er hat einen neuen Rolls-Royce“, sagte Tuppence mit stellvertretendem Stolz.
„Noch besser. Wenn es mir gelingt, die Adresse von ihr zu erfahren, können wir sofort dorthin fahren und gegebenenfalls Mrs. Vandemeyer mitnehmen. Verstehen Sie?“
„Ja.“ Tuppence sprang mit einem Freudensprung auf. „Oh, ich fühle mich so viel besser!“
„Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf, Miss Tuppence. Gehen Sie es langsam an.“
Julius wandte sich an den Anwalt.
„Sagen Sie, dann hole ich Sie gegen halb zehn mit dem Wagen ab. Ist das in Ordnung?“
„Das ist vielleicht der beste Plan. Es wäre unnötig, zwei Wagen warten zu lassen. Nun, Miss Tuppence, mein Rat an Sie ist: Gehen Sie ein gutes Abendessen essen, ein wirklich gutes, wohlgemerkt. Und denken Sie nicht mehr als nötig an das, was kommen mag.“
Er schüttelte beiden die Hand, und einen Augenblick später waren sie draußen.
„Ist er nicht ein Schatz?“, erkundigte sich Tuppence ekstatisch, während sie die Stufen hinunterhüpfte. „Oh, Julius, ist er nicht einfach ein Schatz?“
„Nun, ich gebe zu, er scheint der Richtige für den Job zu sein. Und ich lag falsch mit der Annahme, es sei nutzlos, zu ihm zu gehen. Sag mal, sollen wir direkt zurück ins Ritz?“
„Ich muss ein bisschen laufen, glaube ich. Ich bin so aufgeregt. Setz mich im Park ab, ja? Es sei denn, du möchtest auch mitkommen?“
„Ich will Benzin besorgen“, erklärte er. „Und ein oder zwei Telegramme abschicken.“
„Alles klar. Ich treffe dich um sieben im Ritz. Wir müssen oben essen. Ich kann mich nicht in diesen feinen Klamotten zeigen.“
„Sicher. Ich lasse mir von Felix beim Aussuchen des Menüs helfen. Der Mann ist ein erstklassiger Oberkellner. Bis dann.“
Tuppence ging zügig in Richtung Serpentine und warf zunächst einen Blick auf ihre Uhr. Es war fast sechs Uhr. Sie erinnerte sich, dass sie keinen Tee getrunken hatte, fühlte sich aber zu aufgeregt, um Hunger zu verspüren. Sie lief bis zu den Kensington Gardens und trat dann langsam den Rückweg an, wobei sie sich durch die frische Luft und die Bewegung unendlich viel besser fühlte. Es war nicht so einfach, Sir James’ Rat zu befolgen und die möglichen Ereignisse des Abends aus dem Kopf zu verdrängen. Als sie dem Hyde Park Corner immer näher kam, war die Versuchung, zu den South Audley Mansions zurückzukehren, fast unwiderstehlich.
Auf jeden Fall, entschied sie, könne es nicht schaden, einfach hinzugehen und sich das Gebäude anzusehen. Vielleicht könne sie sich dann damit abfinden, geduldig bis zehn Uhr zu warten.
Die South Audley Mansions sahen genau so aus wie immer. Was Tuppence erwartet hatte, wusste sie kaum, aber der Anblick der stoischen Backsteinbauten linderte die wachsende und völlig unbegründete Unruhe, die sie befallen hatte. Sie wollte gerade umkehren, als sie einen durchdringenden Pfiff hörte und der treue Albert aus dem Gebäude gerannt kam, um sie einzuholen.
Tuppence runzelte die Stirn. Es war nicht Teil des Plans, Aufmerksamkeit auf ihre Anwesenheit in der Nachbarschaft zu lenken, aber Albert war vor unterdrückter Aufregung ganz lila im Gesicht.
„Ich sage Ihnen, Miss, sie haut ab!“
„Wer haut ab?“, verlangte Tuppence scharf zu wissen.
„Die Gaunerin. Bereite Rita. Mrs. Vandemeyer. Sie packt gerade ihre Sachen und hat mir gerade Bescheid gesagt, dass ich ihr ein Taxi holen soll.“
„Was?“ Tuppence klammerte sich an seinen Arm.
„Es ist die Wahrheit, Miss. Ich dachte, vielleicht wissen Sie nichts davon.“
„Albert“, rief Tuppence, „du bist ein Goldstück. Wenn du nicht gewesen wärst, hätten wir sie verloren.“
Albert errötete vor Vergnügen über dieses Lob.
„Es gibt keine Zeit zu verlieren“, sagte Tuppence und überquerte die Straße. „Ich muss sie aufhalten. Um jeden Preis muss ich sie hierbehalten, bis...“ Sie brach ab. „Albert, es gibt hier ein Telefon, nicht wahr?“
Der Junge schüttelte den Kopf.
„Die Wohnungen haben meistens ihre eigenen, Miss. Aber gleich um die Ecke ist eine Zelle.“
„Geh sofort hin und ruf im Ritz Hotel an. Frag nach Mr. Hersheimmer, und wenn du ihn am Apparat hast, sag ihm, er soll Sir James holen und sofort herkommen, da Mrs. Vandemeyer versucht, sich aus dem Staub zu machen. Wenn du ihn nicht erreichst, ruf Sir James Peel Edgerton an, seine Nummer findest du im Buch, und erzähl ihm, was passiert. Du vergisst die Namen nicht, oder?“
Albert wiederholte sie flink. „Verlassen Sie sich auf mich, Miss, das wird schon in Ordnung gehen. Aber was ist mit Ihnen? Haben Sie keine Angst, sich allein mit ihr einzulassen?“
„Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Aber geh und telefonier. Sei schnell.“
Tuppence holte tief Luft, betrat die Mansions und lief zur Tür von Nummer 20. Wie sie Mrs. Vandemeyer aufhalten sollte, bis die beiden Männer eintrafen, wusste sie nicht, aber irgendwie musste es getan werden, und sie musste diese Aufgabe allein bewältigen. Was hatte diesen überstürzten Aufbruch veranlasst? Hatte Mrs. Vandemeyer sie im Verdacht?
Spekulationen waren müßig. Tuppence drückte fest auf die Klingel. Vielleicht konnte sie etwas von der Köchin erfahren.
Nichts geschah, und nachdem sie einige Minuten gewartet hatte, drückte Tuppence erneut auf die Klingel und ließ den Finger eine ganze Weile auf dem Knopf. Schließlich hörte sie Schritte im Inneren, und einen Augenblick später öffnete Mrs. Vandemeyer selbst die Tür. Sie zog beim Anblick des Mädchens die Augenbrauen hoch.
„Sie?“
„Ich hatte ein bisschen Zahnschmerzen, gnädige Frau“, sagte Tuppence flink. „Deshalb dachte ich, es wäre besser, nach Hause zu kommen und einen ruhigen Abend zu haben.“
Mrs. Vandemeyer sagte nichts, trat aber zurück und ließ Tuppence in den Flur.
„Wie unglücklich für Sie“, sagte sie kalt. „Sie sollten besser ins Bett gehen.“
„Oh, in der Küche wird es schon gehen, gnädige Frau. Die Köchin wird...“
„Die Köchin ist ausgegangen“, sagte Mrs. Vandemeyer in einem ziemlich unangenehmen Ton. „Ich habe sie fortgeschickt. Sie sehen also, Sie sollten besser ins Bett gehen.“
Plötzlich bekam Tuppence Angst. Es lag ein Klang in Mrs. Vandemeyers Stimme, der ihr überhaupt nicht gefiel. Außerdem drängte die andere Frau sie langsam den Flur hinauf. Tuppence stellte sich zum Kampf.
„Ich will nicht...“
Dann, in einem Blitz, berührte ein kalter Stahlring ihre Schläfe, und Mrs. Vandemeyers Stimme wurde kalt und bedrohlich:
„Du verdammtes kleines Ding! Glaubst du, ich weiß nicht Bescheid? Nein, antworte nicht. Wenn du dich wehrst oder schreist, schieße ich dich wie einen Hund nieder.“
Der Stahlring drückte etwas fester gegen die Schläfe des Mädchens.
„Und jetzt marsch“, fuhr Mrs. Vandemeyer fort. „Hier lang – in mein Zimmer. In einer Minute, wenn ich mit dir fertig bin, gehst du ins Bett, wie ich es dir gesagt habe. Und du wirst schlafen – oh ja, meine kleine Spionin, du wirst gut schlafen!“
In den letzten Worten lag eine Art abscheuliche Heiterkeit, die Tuppence überhaupt nicht gefiel. Im Moment gab es nichts zu tun, und sie ging gehorsam in Mrs. Vandemeyers Schlafzimmer. Die Pistole verließ ihre Stirn nicht. Das Zimmer war in einem Zustand wilder Unordnung, Kleider waren links und rechts herumgeworfen, ein Koffer und eine Hutschachtel, halb gepackt, standen mitten auf dem Boden.
Tuppence fasste sich mit Mühe zusammen. Ihre Stimme zitterte ein wenig, aber sie sprach tapfer.
„Kommen Sie schon“, sagte sie. „Das ist Unsinn. Sie können mich nicht erschießen. Jeder im Gebäude würde den Knall hören.“
„Das würde ich riskieren“, sagte Mrs. Vandemeyer fröhlich. „Aber solange du nicht um Hilfe rufst, bist du in Sicherheit – und ich glaube nicht, dass du das tun wirst. Du bist ein schlaues Mädchen. Du hast mich gut getäuscht. Ich hatte keinen Verdacht gegen dich! Also habe ich keinen Zweifel daran, dass du ganz genau verstehst, dass ich hier am längeren Hebel sitze und du am kürzeren. Also gut – setz dich aufs Bett. Nimm die Hände über den Kopf, und wenn dir dein Leben lieb ist, beweg sie nicht.“
Tuppence gehorchte passiv. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass es nichts anderes zu tun gab, als sich in die Lage zu fügen. Wenn sie um Hilfe schrie, gab es nur sehr geringe Chancen, dass sie jemand hörte, während die Chance, dass Mrs. Vandemeyer sie erschoss, wahrscheinlich ziemlich gut war. In der Zwischenzeit war jede gewonnene Minute wertvoll.
Mrs. Vandemeyer legte den Revolver auf den Rand des Waschtisches, in Reichweite ihrer Hand, und während sie Tuppence weiterhin wie ein Luchs beobachtete, falls das Mädchen versuchen sollte, sich zu bewegen, nahm sie eine kleine Flasche mit Stopfen vom Marmor und goss einen Teil des Inhalts in ein Glas, das sie mit Wasser auffüllte.
„Was ist das?“, fragte Tuppence scharf.
„Etwas, damit du tief und fest schläfst.“
Tuppence erblasste ein wenig.
„Wollen Sie mich vergiften?“, fragte sie flüsternd.
„Vielleicht“, sagte Mrs. Vandemeyer und lächelte angenehm.
„Dann werde ich es nicht trinken“, sagte Tuppence fest. „Ich würde lieber erschossen werden. Das würde wenigstens Aufsehen erregen, und vielleicht würde es jemand hören. Aber ich lasse mich nicht einfach wie ein Lamm lautlos abschlachten.“
Mrs. Vandemeyer stampfte mit dem Fuß auf.
„Sei kein kleines Dummchen! Glaubst du wirklich, ich will, dass wegen eines Mordes eine Fahndung nach mir läuft? Wenn du auch nur ein bisschen Verstand hast, wirst du erkennen, dass es mir überhaupt nicht in den Kram passt, dich zu vergiften. Es ist nur ein Schlafmittel, nichts weiter. Du wirst morgen früh aufwachen und wirst keinen Schaden davongetragen haben. Ich will einfach nicht die Mühe haben, dich zu fesseln und zu knebeln. Das ist die Alternative – und die wird dir nicht gefallen, das kann ich dir sagen! Ich kann sehr grob werden, wenn ich will. Also trink das wie ein braves Mädchen, und es wird dir nicht schaden.“
Tief in ihrem Inneren glaubte Tuppence ihr. Die Argumente, die sie angeführt hatte, klangen wahr. Es war eine einfache und effektive Methode, sie für die Dauer der Zeit aus dem Weg zu räumen. Dennoch gefiel dem Mädchen die Vorstellung nicht, zahm in den Schlaf geschickt zu werden, ohne auch nur einen Versuch zur Flucht zu unternehmen. Sie spürte, dass die letzte Hoffnung, Tommy zu finden, dahin wäre, sobald Mrs. Vandemeyer ihnen entkam.
Tuppence war schnell in ihren mentalen Prozessen. All diese Überlegungen schossen ihr in einem Blitz durch den Kopf, und sie sah, wo eine Chance, eine sehr problematische Chance lag, und sie beschloss, alles in einer letzten, verzweifelten Anstrengung aufs Spiel zu setzen.
Dementsprechend rutschte sie plötzlich vom Bett und fiel auf die Knie vor Mrs. Vandemeyer, wobei sie sich verzweifelt an ihren Röcken festklammerte.
„Ich glaube es nicht“, wimmerte sie. „Es ist Gift – ich weiß, es ist Gift. Oh, zwingen Sie mich nicht, es zu trinken“ – ihre Stimme steigerte sich zu einem Schrei – „zwingen Sie mich nicht, es zu trinken!“
Mrs. Vandemeyer, das Glas in der Hand, sah mit hochgezogener Lippe auf diesen plötzlichen Zusammenbruch herab.
„Steh auf, du kleine Idiotin! Hör auf, da so rumzujammern. Wie du jemals die Nerven hattest, deine Rolle so zu spielen, wie du es getan hast, ist mir ein Rätsel.“ Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Steh auf, sage ich.“
Aber Tuppence klammerte sich weiter fest und schluchzte, wobei sie ihre Schluchzer mit zusammenhanglosen Bitten um Gnade unterbrach. Jede Minute, die sie gewann, war ein Gewinn. Außerdem bewegte sie sich, während sie so am Boden kroch, unmerklich näher an ihr Ziel heran.
Mrs. Vandemeyer stieß einen scharfen, ungeduldigen Ausruf aus und zerrte das Mädchen auf die Knie.
„Trink es sofort!“ Gebieterisch drückte sie das Glas an die Lippen des Mädchens.
Tuppence stieß ein letztes verzweifeltes Wimmern aus.
„Sie schwören, dass es mir nicht schadet?“, verzögerte sie.
„Natürlich wird es dir nicht schaden. Sei kein Dummkopf.“
„Wollen Sie es schwören?“
„Ja, ja“, sagte die andere ungeduldig. „Ich schwöre es.“
Tuppence hob eine zitternde linke Hand zum Glas.
„Sehr wohl.“ Ihr Mund öffnete sich demütig.
Mrs. Vandemeyer stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, für einen Moment unachtsam. Dann, so schnell wie ein Blitz, riss Tuppence das Glas so hart sie konnte nach oben. Die Flüssigkeit darin spritzte Mrs. Vandemeyer ins Gesicht, und während ihres momentanen Keuchens schoss Tuppences rechte Hand vor und ergriff den Revolver, der auf dem Rand des Waschtisches lag. Im nächsten Moment war sie einen Schritt zurückgesprungen, und der Revolver zielte direkt auf Mrs. Vandemeyers Herz, ohne jedes Zittern in der Hand, die ihn hielt.
Im Moment des Sieges zeigte Tuppence einen etwas unsportlichen Triumph.
„Wer sitzt jetzt am längeren Hebel und wer am kürzeren?“, krähte sie.
Das Gesicht der anderen war vor Wut verzerrt. Für einen Moment dachte Tuppence, sie würde sich auf sie stürzen, was das Mädchen in ein unangenehmes Dilemma gebracht hätte, da sie eigentlich davon absah, den Revolver tatsächlich abzufeuern. Mit einer Anstrengung kontrollierte sich Mrs. Vandemeyer jedoch, und schließlich stahl sich ein langsames, böses Lächeln über ihr Gesicht.
„Doch kein Dummkopf also, nach allem! Das hast du gut gemacht, Mädchen. Aber du wirst dafür bezahlen – oh ja, du wirst dafür bezahlen! Ich habe ein langes Gedächtnis!“
„Es wundert mich, dass Sie so leicht getäuscht wurden“, sagte Tuppence spöttisch. „Haben Sie wirklich geglaubt, ich wäre die Art von Mädchen, die auf dem Boden herumkriecht und um Gnade winselt?“
„Das magst du noch tun – eines Tages!“, sagte die andere vielsagend.
Die kalte Bösartigkeit ihrer Art ließ Tuppence einen unangenehmen Schauer über den Rücken laufen, aber sie wollte sich dem nicht beugen.
„Nehmen wir an, wir setzen uns“, sagte sie freundlich. „Unsere derzeitige Haltung ist ein wenig melodramatisch. Nein – nicht auf dem Bett. Ziehen Sie einen Stuhl an den Tisch, so ist es recht. Jetzt setze ich mich Ihnen gegenüber mit dem Revolver vor mir – nur für den Fall der Fälle. Großartig. Nun, lassen Sie uns reden.“
„Worüber?“, sagte Mrs. Vandemeyer mürrisch.
Tuppence musterte sie einen Moment lang nachdenklich. Sie erinnerte sich an verschiedene Dinge. Boris’ Worte: „Ich glaube, du würdest uns – verkaufen!“ und ihre Antwort: „Der Preis müsste enorm sein“, die zwar leichtfertig gegeben war, aber steckte vielleicht doch ein Funken Wahrheit darin? Hatte Whittington nicht schon vor langer Zeit gefragt: „Wer hat geplaudert? Rita?“ Würde sich Rita Vandemeyer als die Schwachstelle in der Rüstung von Mr. Brown erweisen?
Während sie ihren Blick fest auf das Gesicht der anderen gerichtet hielt, antwortete Tuppence ruhig:
„Geld …“
Mrs. Vandemeyer zuckte zusammen. Offensichtlich war die Antwort unerwartet.
„Was meinen Sie damit?“
„Ich werde es Ihnen sagen. Sie sagten gerade, Sie hätten ein gutes Gedächtnis. Ein gutes Gedächtnis ist nicht halb so nützlich wie ein gut gefüllter Geldbeutel! Ich nehme an, es erleichtert Ihre Gefühle sehr, sich all die schrecklichen Dinge auszumalen, die Sie mir antun könnten, aber ist das praktisch? Rache ist sehr unbefriedigend. Das sagt jeder. Aber Geld“ – Tuppence wurde warm bei ihrem Lieblingsglaubenssatz – „nun, daran ist nichts unbefriedigend, nicht wahr?“
„Glauben Sie“, sagte Mrs. Vandemeyer spöttisch, „dass ich die Art von Frau bin, die ihre Freunde verkauft?“
„Ja“, sagte Tuppence prompt. „Wenn der Preis hoch genug wäre.“
„Ein lumpiges Hundert Pfund oder so etwas!“
„Nein“, sagte Tuppence. „Ich würde vorschlagen – hunderttausend!“
Ihr ökonomischer Geist erlaubte es ihr nicht, die ganze Million Dollar zu erwähnen, die Julius vorgeschlagen hatte.
Ein Erröten kroch über Mrs. Vandemeyers Gesicht.
„Was haben Sie gesagt?“, fragte sie, während ihre Finger nervös mit einer Brosche an ihrer Brust spielten. In diesem Moment wusste Tuppence, dass der Fisch angebissen hatte, und zum ersten Mal empfand sie Abscheu vor ihrem eigenen, geldgierigen Geist. Es gab ihr ein schreckliches Gefühl der Verwandtschaft mit der Frau, die ihr gegenüberstand.
„Hunderttausend Pfund“, wiederholte Tuppence.
Das Leuchten erlosch in Mrs. Vandemeyers Augen. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
„Bah!“, sagte sie. „Sie haben sie nicht.“
„Nein“, gab Tuppence zu, „ich habe sie nicht – aber ich kenne jemanden, der sie hat.“
„Wer?“
„Ein Freund von mir.“
„Muss ein Millionär sein“, bemerkte Mrs. Vandemeyer ungläubig.
„Tatsächlich ist er das. Er ist Amerikaner. Er wird sie Ihnen ohne Murren zahlen. Sie können mir glauben, dass es ein absolut seriöses Angebot ist.“
Mrs. Vandemeyer setzte sich wieder auf.
„Ich bin geneigt, Ihnen zu glauben“, sagte sie langsam.
Eine Zeit lang herrschte Schweigen zwischen ihnen, dann sah Mrs. Vandemeyer auf.
„Was will er wissen, dieser Freund von Ihnen?“
Tuppence kämpfte einen Moment mit sich, aber es war Julius’ Geld, und seine Interessen mussten Vorrang haben.
„Er will wissen, wo Jane Finn ist“, sagte sie mutig.
Mrs. Vandemeyer zeigte keine Überraschung.
„Ich bin mir nicht sicher, wo sie im Augenblick ist“, antwortete sie.
„Aber Sie könnten es herausfinden?“
„Oh ja“, erwiderte Mrs. Vandemeyer gleichgültig. „Das wäre kein Problem.“
„Dann“ – Tuppences Stimme zitterte ein wenig – „gibt es einen Jungen, einen Freund von mir. Ich fürchte, ihm ist durch Ihren Kumpan Boris etwas zugestoßen.“
„Wie heißt er?“
„Tommy Beresford.“
„Noch nie von ihm gehört. Aber ich werde Boris fragen. Er wird mir alles sagen, was er weiß.“
„Danke.“ Tuppences Stimmung stieg gewaltig. Es trieb sie zu noch kühneren Anstrengungen an. „Eines ist da noch.“
„Nun?“
Tuppence lehnte sich vor und senkte die Stimme.
„Wer ist Mr. Brown?“
Ihre schnellen Augen bemerkten das plötzliche Erblassen des schönen Gesichts. Mit einer Anstrengung riss sich Mrs. Vandemeyer zusammen und versuchte, ihr früheres Gehabe wieder anzunehmen. Aber der Versuch war nur eine Parodie.
Sie zuckte mit den Schultern.
„Sie können nicht viel über uns gelernt haben, wenn Sie nicht wissen, dass niemand weiß, wer Mr. Brown ist …“
„Sie wissen es“, sagte Tuppence leise.
Wieder wich die Farbe aus dem Gesicht der anderen.
„Was bringt Sie darauf?“
„Ich weiß es nicht“, sagte das Mädchen wahrheitsgemäß. „Aber ich bin sicher.“
Mrs. Vandemeyer starrte lange vor sich hin.
„Ja“, sagte sie schließlich heiser, „ich weiß es. Ich war schön, wissen Sie – sehr schön …“
„Sie sind es immer noch“, sagte Tuppence bewundernd.
Mrs. Vandemeyer schüttelte den Kopf. Ein seltsamer Glanz lag in ihren elektrisch blauen Augen.
„Nicht schön genug“, sagte sie mit sanfter, gefährlicher Stimme. „Nicht – schön – genug! Und manchmal, in letzter Zeit, habe ich Angst gehabt … Es ist gefährlich, zu viel zu wissen!“ Sie lehnte sich über den Tisch vor. „Schwören Sie, dass mein Name nicht mit hineingezogen wird – dass niemand jemals etwas erfahren wird.“
„Ich schwöre es. Und sobald er gefasst ist, werden Sie außer Gefahr sein.“
Ein verängstigter Blick huschte über Mrs. Vandemeyers Gesicht.
„Werde ich das? Werde ich das jemals sein?“ Sie umklammerte Tuppences Arm. „Sie sind sicher wegen des Geldes?“
„Ganz sicher.“
„Wann werde ich es haben? Es darf keine Verzögerung geben.“
„Dieser Freund von mir wird bald hier sein. Er muss vielleicht Telegramme oder so etwas schicken. Aber es wird keine Verzögerung geben – er ist ein enormer Macher.“
Ein entschlossener Ausdruck legte sich auf Mrs. Vandemeyers Gesicht.
„Ich werde es tun. Es ist eine große Summe Geld, und außerdem“ – sie lächelte seltsam – „ist es nicht klug, eine Frau wie mich abzuservieren!“
Für einen Moment blieb sie lächelnd sitzen und trommelte leicht mit den Fingern auf den Tisch. Plötzlich schreckte sie auf, und ihr Gesicht wurde bleich.
„Was war das?“
„Ich habe nichts gehört.“
Mrs. Vandemeyer blickte sich voller Furcht um.
„Falls jemand zuhören sollte …“
„Unsinn. Wer sollte das sein?“
„Sogar die Wände könnten Ohren haben“, flüsterte die andere. „Ich sage Ihnen, ich habe Angst. Sie kennen ihn nicht!“
„Denken Sie an die hunderttausend Pfund“, sagte Tuppence beschwichtigend.
Mrs. Vandemeyer fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.
„Sie kennen ihn nicht“, wiederholte sie heiser. „Er ist – ah!“
Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf. Ihre ausgestreckte Hand deutete über Tuppences Kopf. Dann schwankte sie zu Boden und fiel in eine tiefe Ohnmacht.
Tuppence blickte sich um, um zu sehen, was sie erschreckt hatte.
Im Türrahmen standen Sir James Peel Edgerton und Julius Hersheimmer.
„Wenn das nicht das grausamste Glück ist“, rief Julius verzweifelt.
Der Anwalt war ruhiger, aber in seinen Augen lag ein seltsamer Glanz.
„Wenn es Glück ist“, erwiderte er.
„Sie glauben nicht – aber das ist doch völlig unmöglich – niemand konnte hereingekommen sein.“
„Nein“, gab der Anwalt zu. „Ich sehe nicht, wie sie hätten hereinkommen können. Und doch – sie ist im Begriff, Mr. Brown zu verraten, und – sie stirbt. Ist das nur Zufall?“
„Aber wie –“
„Ja, wie! Das ist es, was wir herausfinden müssen.“ Er stand dort schweigend und strich sich sanft über das Kinn. „Wir müssen es herausfinden“, sagte er leise, und Tuppence spürte, dass sie, wenn sie Mr. Brown wäre, den Ton dieser einfachen Worte nicht mögen würde.
Julius’ Blick ging zum Fenster.
„Das Fenster ist offen“, bemerkte er. „Glauben Sie –“
Tuppence schüttelte den Kopf.
„Der Balkon reicht nur bis zum Boudoir. Wir waren dort.“
„Er könnte sich davongeschlichen haben –“, schlug Julius vor.
Aber Sir James unterbrach ihn.
„Mr. Browns Methoden sind nicht so plump. Inzwischen müssen wir einen Arzt holen, aber bevor wir das tun, gibt es in diesem Zimmer etwas, das für uns von Wert sein könnte?“
Hastig durchsuchten die drei das Zimmer. Eine verkohlte Masse im Kamin zeigte an, dass Mrs. Vandemeyer am Vorabend ihrer Flucht Papiere verbrannt hatte. Es blieb nichts von Bedeutung übrig, obwohl sie auch die anderen Zimmer durchsuchten.
„Da ist das“, sagte Tuppence plötzlich und zeigte auf einen kleinen, altmodischen Safe, der in die Wand eingelassen war. „Er ist für Schmuck, glaube ich, aber es könnte auch etwas anderes darin sein.“
Der Schlüssel steckte im Schloss, und Julius öffnete die Tür und suchte im Inneren. Er brauchte eine Weile dafür.
„Na?“, sagte Tuppence ungeduldig.
Es gab eine Pause, bevor Julius antwortete, dann zog er seinen Kopf zurück und schloss die Tür.
„Nichts“, sagte er.
Fünf Minuten später kam ein flinker junger Arzt, der hastig gerufen worden war. Er war Sir James gegenüber respektvoll, den er erkannte.
„Herzversagen oder möglicherweise eine Überdosis eines Schlafmittels. Er schnupperte. „Eher ein Geruch von Chloral in der Luft.“
Tuppence erinnerte sich an das Glas, das sie umgeworfen hatte. Ein neuer Gedanke trieb sie zum Waschtisch. Sie fand die kleine Flasche, aus der Mrs. Vandemeyer ein paar Tropfen gegossen hatte.
Sie war zu drei Vierteln voll gewesen. Jetzt – war sie leer.
KAPITEL XIV. EINE BERATUNG
NICHTS war für Tuppence überraschender und verwirrender als die Leichtigkeit und Einfachheit, mit der alles aufgrund von Sir James’ geschickter Handhabung geregelt wurde. Der Arzt akzeptierte ohne Weiteres die Theorie, dass Mrs. Vandemeyer versehentlich eine Überdosis Chloral eingenommen hatte. Er zweifelte daran, ob eine Untersuchung notwendig sein würde. Wenn ja, würde er Sir James informieren. Er verstand, dass Mrs. Vandemeyer kurz vor der Abreise ins Ausland stand und dass die Diener bereits gegangen waren? Sir James und seine jungen Freunde hatten ihr einen Besuch abgestattet, als sie plötzlich niedergestreckt wurde, und sie hatten die Nacht in der Wohnung verbracht, weil sie sie nicht allein lassen wollten. Kannten sie Verwandte? Sie kannten keine, aber Sir James verwies ihn an Mrs. Vandemeyers Anwalt.
Kurz darauf kam eine Krankenschwester, um die Leitung zu übernehmen, und die anderen verließen das unheilvolle Gebäude.
„Und was nun?“, fragte Julius mit einer Geste der Verzweiflung. „Ich schätze, wir sind endgültig am Ende.“
Sir James strich sich nachdenklich über das Kinn.
„Nein“, sagte er leise. „Es besteht noch die Chance, dass Dr. Hall uns etwas sagen kann.“
„Verdammt! Ich hatte ihn vergessen.“
„Die Chance ist gering, aber sie darf nicht vernachlässigt werden. Ich habe Ihnen, glaube ich, gesagt, dass er im Métropole wohnt. Ich würde vorschlagen, dass wir ihn dort so bald wie möglich aufsuchen. Sollen wir sagen, nach einem Bad und Frühstück?“
Es wurde vereinbart, dass Tuppence und Julius zum Ritz zurückkehren und Sir James im Auto abholen sollten. Dieses Programm wurde treu ausgeführt, und kurz nach elf Uhr hielten sie vor dem Métropole. Sie fragten nach Dr. Hall, und ein Page ging, um ihn zu holen. Nach wenigen Minuten kam der kleine Arzt eilig auf sie zu.
„Können Sie uns ein paar Minuten Zeit geben, Dr. Hall?“, sagte Sir James freundlich. „Darf ich Ihnen Miss Cowley vorstellen. Mr. Hersheimmer, denke ich, kennen Sie bereits.“
Ein spöttischer Glanz kam in die Augen des Arztes, als er Julius die Hand schüttelte.
„Ach ja, mein junger Freund vom Baum-Zwischenfall! Knöchel in Ordnung, was?“
„Ich schätze, er ist dank Ihrer geschickten Behandlung geheilt, Doc.“
„Und die Herzbeschwerden? Ha ha!“
„Immer noch auf der Suche“, sagte Julius kurz.
„Kommen wir zum Punkt, können wir ein Wort mit Ihnen unter vier Augen wechseln?“, fragte Sir James.
„Selbstverständlich. Ich denke, es gibt hier ein Zimmer, in dem wir ganz ungestört sein werden.“
Er ging voran, und die anderen folgten ihm. Sie setzten sich, und der Arzt blickte fragend zu Sir James.
„Dr. Hall, ich bin sehr daran interessiert, eine bestimmte junge Dame zu finden, um eine Aussage von ihr zu erhalten. Ich habe Grund zu der Annahme, dass sie zu verschiedenen Zeiten in Ihrer Einrichtung in Bournemouth war. Ich hoffe, ich verletze keine berufliche Etikette, wenn ich Sie dazu befrage?“
„Ich nehme an, es geht um eine Zeugenaussage?“
Sir James zögerte einen Moment, dann antwortete er:
„Ja.“
„Ich werde Ihnen gerne alle Informationen geben, die in meiner Macht stehen. Wie ist der Name der jungen Dame? Mr. Hersheimmer hat mich gefragt, ich erinnere mich –“ Er wandte sich halb an Julius.
„Der Name“, sagte Sir James barsch, „ist eigentlich unerheblich. Sie würde fast mit Sicherheit unter einem angenommenen Namen zu Ihnen geschickt worden sein. Aber ich würde gerne wissen, ob Sie eine Mrs. Vandemeyer kennen?“
„Mrs. Vandemeyer von 20 South Audley Mansions? Ich kenne sie flüchtig.“
„Sie wissen nicht, was passiert ist?“
„Was meinen Sie?“
„Sie wissen nicht, dass Mrs. Vandemeyer tot ist?“
„Ach du lieber Himmel, ich hatte keine Ahnung! Wann ist das passiert?“
„Sie hat letzte Nacht eine Überdosis Chloral eingenommen.“
„Absichtlich?“
„Versehentlich, wie man glaubt. Ich selbst möchte das nicht sagen. Jedenfalls wurde sie heute Morgen tot aufgefunden.“
„Sehr traurig. Eine außergewöhnlich hübsche Frau. Ich nehme an, sie war eine Freundin von Ihnen, da Sie mit all diesen Details vertraut sind.“
„Ich bin mit den Details vertraut, weil – nun, ich war es, der sie tot gefunden hat.“
„Tatsächlich“, sagte der Arzt und zuckte zusammen.
„Ja“, sagte Sir James und strich sich nachdenklich über das Kinn.
„Das sind sehr traurige Nachrichten, aber Sie werden mir verzeihen, wenn ich sage, dass ich nicht sehe, wie das mit dem Gegenstand Ihrer Untersuchung zusammenhängt?“
„Es hängt damit zusammen, dass Mrs. Vandemeyer eine junge Verwandte von ihr in Ihre Obhut gegeben hat, nicht wahr?“
Julius beugte sich neugierig vor.
„Das ist der Fall“, sagte der Arzt ruhig.
„Unter dem Namen –?“
„Janet Vandemeyer. Ich verstand, dass sie eine Nichte von Mrs. Vandemeyer war.“
„Und sie kam zu Ihnen?“
„So weit ich mich erinnern kann, im Juni oder Juli 1915.“
„War sie ein psychischer Fall?“
„Sie ist völlig gesund, wenn Sie das meinen. Ich verstand von Mrs. Vandemeyer, dass das Mädchen mit ihr auf der Lusitania war, als dieses verhängnisvolle Schiff sank, und dass es infolgedessen einen schweren Schock erlitten hatte.“
„Wir sind auf der richtigen Spur, denke ich?“, sagte Sir James und blickte sich um.
„Wie ich schon sagte, ich bin ein Dummkopf!“, erwiderte Julius.
Der Arzt sah sie alle neugierig an.
„Sie sprachen davon, eine Aussage von ihr zu wollen“, sagte er. „Angenommen, sie ist nicht in der Lage, eine zu geben?“
„Was? Sie haben gerade gesagt, dass sie völlig gesund ist.“
„Das ist sie auch. Dennoch, wenn Sie eine Aussage von ihr über irgendwelche Ereignisse vor dem 7. Mai 1915 wollen, wird sie Ihnen keine geben können.“
Sie sahen den kleinen Mann verblüfft an. Er nickte fröhlich.
„Das ist schade“, sagte er. „Sehr schade, insbesondere da ich vermute, Sir James, dass die Angelegenheit wichtig ist. Aber so ist es, sie kann Ihnen nichts sagen.“
„Aber warum, Mann? Verdammt noch mal, warum?“
Der kleine Mann richtete seinen wohlwollenden Blick auf den aufgeregten jungen Amerikaner.
„Weil Janet Vandemeyer an einem vollständigen Gedächtnisverlust leidet.“
„Was?“
„Ganz recht. Ein interessanter Fall, ein sehr interessanter Fall. Nicht so ungewöhnlich, wirklich, wie Sie denken würden. Es gibt mehrere sehr bekannte Parallelen. Es ist der erste Fall dieser Art, den ich unter meiner eigenen persönlichen Beobachtung hatte, und ich muss zugeben, dass ich ihn als äußerst faszinierend empfunden habe.“ Es war etwas eher Makaberes in der Zufriedenheit des kleinen Mannes.
„Und sie erinnert sich an nichts“, sagte Sir James langsam.
„An nichts vor dem 7. Mai 1915. Nach diesem Datum ist ihr Gedächtnis so gut wie Ihres oder meines.“
„Dann das Erste, woran sie sich erinnert?“
„Ist die Landung mit den Überlebenden. Alles davor ist ein leeres Blatt. Sie kannte ihren eigenen Namen nicht, oder woher sie kam, oder wo sie war. Sie konnte nicht einmal ihre eigene Sprache sprechen.“
„Aber sicherlich ist all das sehr ungewöhnlich?“, warf Julius ein.
„Nein, mein lieber Herr. Ganz normal unter den gegebenen Umständen. Schwerer Schock des Nervensystems. Gedächtnisverlust verläuft fast immer auf die gleiche Weise. Ich habe natürlich einen Spezialisten vorgeschlagen. Es gibt einen sehr guten Mann in Paris – der sich mit solchen Fällen beschäftigt –, aber Mrs. Vandemeyer lehnte die Idee der Publicity ab, die aus einem solchen Vorgehen resultieren könnte.“
„Ich kann mir vorstellen, dass sie das tat“, sagte Sir James grimmig.
„Ich stimmte ihren Ansichten zu. Es gibt eine gewisse Berühmtheit, die mit solchen Fällen verbunden ist. Und das Mädchen war sehr jung – neunzehn, glaube ich. Es schien schade, dass ihre Gebrechen diskutiert werden sollten – könnte ihre Aussichten beeinträchtigen. Außerdem gibt es keine spezielle Behandlung, die in solchen Fällen verfolgt werden kann. Es ist wirklich eine Frage des Wartens.“
„Wartens?“
„Ja, früher oder später wird das Gedächtnis zurückkehren – so plötzlich, wie es ging. Aber mit größter Wahrscheinlichkeit wird das Mädchen die Zwischenzeit völlig vergessen haben und das Leben dort aufnehmen, wo es es verlassen hat – beim Untergang der Lusitania.“
„Und wann erwarten Sie, dass das passiert?“
Der Arzt zuckte mit den Schultern.
„Ach, das kann ich nicht sagen. Manchmal ist es eine Frage von Monaten, manchmal ist es bekannt, dass es so lange wie zwanzig Jahre gedauert hat! Manchmal tut ein weiterer Schock den Trick. Einer stellt wieder her, was der andere weggenommen hat.“
„Ein weiterer Schock, was?“, sagte Julius nachdenklich.
„Genau. Es gab einen Fall in Colorado –“ Die Stimme des kleinen Mannes plätscherte weiter, wortreich, mäßig begeistert.
Julius schien nicht zuzuhören. Er war in seine eigenen Gedanken versunken und runzelte die Stirn. Plötzlich kam er aus seiner Grübelei heraus und schlug so fest mit der Faust auf den Tisch, dass jeder zusammenzuckte, der Arzt am meisten.
„Ich hab’s! Ich schätze, Doc, ich würde gerne Ihre medizinische Meinung zu dem Plan hören, den ich gleich skizziere. Sagen wir, Jane würde den Heringsteich noch einmal überqueren, und dasselbe würde passieren. Das U-Boot, das sinkende Schiff, jeder geht in die Boote – und so weiter. Würde das nicht den Trick machen? Würde es nicht einen mächtigen großen Stoß zu ihrem Unterbewusstsein geben, oder was auch immer das Fachjargon ist, und es sofort wieder zum Funktionieren bringen?“
„Eine sehr interessante Spekulation, Mr. Hersheimmer. Meiner eigenen Meinung nach wäre sie erfolgreich. Es ist bedauerlich, dass es keine Chance gibt, dass sich die Bedingungen so wiederholen, wie Sie vorschlagen.“
„Nicht von der Natur, vielleicht, Doc. Aber ich rede von Kunst.“
„Kunst?“
„Na ja. Was ist das Problem? Mieten Sie einen Liner –“
„Einen Liner!“, murmelte Dr. Hall schwach.
„Mieten Sie einige Passagiere, mieten Sie ein U-Boot – das ist das einzige Problem, schätze ich. Regierungen neigen dazu, ein bisschen engstirnig über ihre Kriegsmaschinen zu sein. Sie verkaufen nicht an den Erstbesten. Trotzdem, ich schätze, das kann überwunden werden. Haben Sie schon einmal von dem Wort ‚Graft‘ gehört, Sir? Na ja, Graft kommt jedes Mal an! Ich schätze, wir werden wirklich kein Torpedo abfeuern müssen. Wenn jeder sich beeilt und laut genug schreit, dass das Schiff sinkt, sollte es für ein unschuldiges junges Mädchen wie Jane genug sein. Bis sie eine Schwimmweste anhat und in ein Boot gehetzt wird, mit einer gut eingeübten Truppe von Künstlern, die auf dem Deck die hysterische Nummer machen, nun – sie sollte direkt zurück sein, wo sie im Mai 1915 war. Wie gefällt Ihnen das als grobe Skizze?“
Dr. Hall sah Julius an. Alles, was er für den Moment nicht sagen konnte, war in diesem Blick beredt.
„Nein“, sagte Julius als Antwort darauf, „ich bin nicht verrückt. Die Sache ist völlig möglich. Es wird jeden Tag in den Staaten für die Filme gemacht. Haben Sie nicht auf der Leinwand Züge in Kollision gesehen? Was ist der Unterschied zwischen dem Kauf eines Zuges und dem Kauf eines Liners? Besorgen Sie die Requisiten, und Sie können direkt loslegen!“
Dr. Hall fand seine Stimme wieder.
„Aber die Kosten, mein lieber Herr. Seine Stimme stieg an. „Die Kosten! Sie werden kolossal sein!“
„Geld macht mir nichts aus“, erklärte Julius einfach.
Dr. Hall wandte sich mit einem flehenden Gesicht an Sir James, der leicht lächelte.
„Mr. Hersheimmer ist sehr wohlhabend – sehr wohlhabend indeed.“
Der Blick des Arztes kam mit einer neuen und subtilen Qualität zu Julius zurück. Dies war nicht länger ein exzentrischer junger Mann mit der Angewohnheit, von Bäumen zu fallen. Die Augen des Arztes hielten die Ehrerbietung, die einem wirklich reichen Mann gezollt wird.
„Sehr bemerkenswerter Plan. Sehr bemerkenswert“, murmelte er. „Die Filme – natürlich! Ihr amerikanisches Wort für das Kino. Sehr interessant. Ich fürchte, wir sind vielleicht ein wenig hinter der Zeit in unseren Methoden. Und Sie meinen wirklich, diesen bemerkenswerten Plan von Ihnen auszuführen.“
„Sie können darauf wetten, dass ich es tue.“
Der Arzt glaubte ihm – was ein Tribut an seine Nationalität war. Wenn ein Engländer so etwas vorgeschlagen hätte, hätte er ernsthafte Zweifel an seinem Verstand gehabt.
„Ich kann keine Heilung garantieren“, wies er darauf hin. „Vielleicht sollte ich das ganz klarstellen.“
„Sicher, das ist in Ordnung“, sagte Julius. „Sie bringen Jane nur heraus, und überlassen den Rest mir.“
„Jane?“
„Miss Janet Vandemeyer, dann. Können wir uns sofort mit Ihrem Ort in Verbindung setzen und sie bitten, sie hochzuschicken, oder soll ich sie in meinem Auto abholen?“
Der Arzt starrte ihn an.
„Entschuldigung, Mr. Hersheimmer. Ich dachte, Sie hätten verstanden.“
„Verstanden was?“
„Dass Miss Vandemeyer nicht länger in meiner Obhut ist.“
KAPITEL XV. TUPPENCE ERHÄLT EINEN ANTRAG
JULIUS sprang auf.
„Was?“
„Ich dachte, Sie wären sich dessen bewusst.“
„Wann ist sie gegangen?“
„Lassen Sie mich sehen. Heute ist Montag, nicht wahr? Es muss letzter Mittwoch gewesen sein – warum, sicherlich – ja, es war derselbe Abend, an dem Sie – äh – von meinem Baum gefallen sind.“
„An diesem Abend? Vorher oder nachher?“
„Lassen Sie mich sehen – oh ja, danach. Eine sehr dringende Nachricht kam von Mrs. Vandemeyer. Das junge Mädchen und die Krankenschwester, die sich um sie kümmerte, verließen mit dem Nachtzug.“
Julius sank wieder in seinen Stuhl.
„Krankenschwester Edith – verließ mit einer Patientin – ich erinnere mich“, murmelte er. „Mein Gott, so nah gewesen zu sein!“
Dr. Hall sah verwirrt aus.
„Ich verstehe nicht. Ist das junge Mädchen nicht bei ihrer Tante, schließlich?“
Tuppence schüttelte den Kopf. Sie war im Begriff zu sprechen, als ein warnender Blick von Sir James sie zum Schweigen brachte. Der Anwalt erhob sich.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden, Hall. Wir sind Ihnen sehr dankbar für alles, was Sie uns erzählt haben. Ich fürchte, wir sind jetzt in der Position, Miss Vandemeyer erneut aufspüren zu müssen. Was ist mit der Krankenschwester, die sie begleitete; ich nehme an, Sie wissen nicht, wo sie ist?“
Der Arzt schüttelte den Kopf.
„Wir haben nichts von ihr gehört, wie es sich herausstellt. Ich verstand, dass sie für eine Weile bei Miss Vandemeyer bleiben sollte. Aber was kann passiert sein? Sicherlich wurde das Mädchen nicht entführt.“
„Das bleibt abzuwarten“, sagte Sir James ernst.
Der andere zögerte.
„Denken Sie, ich sollte zur Polizei gehen?“
„Nein, nein. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist das junge Mädchen bei anderen Verwandten.“
Der Arzt war nicht völlig zufrieden, aber er sah, dass Sir James entschlossen war, nichts weiter zu sagen, und erkannte, dass es vergebliche Mühe wäre, mehr Informationen von dem berühmten KC zu extrahieren. Entsprechend verabschiedete er sich von ihnen, und sie verließen das Hotel. Für ein paar Minuten standen sie neben dem Auto und sprachen.
„Wie ärgerlich“, rief Tuppence. „Daran zu denken, dass Julius tatsächlich unter demselben Dach mit ihr für ein paar Stunden gewesen sein muss.“
„Ich war ein verdammter Idiot“, murmelte Julius finster.
„Sie konnten es nicht wissen“, tröstete ihn Tuppence. „Konnte er?“ Sie wandte sich an Sir James.
„Ich würde Ihnen raten, sich keine Sorgen zu machen“, sagte dieser freundlich. „Kein Nutzen, über verschüttete Milch zu weinen, wissen Sie.“
„Das Wichtigste ist, was als Nächstes zu tun ist“, fügte die praktische Tuppence hinzu.
Sir James zuckte mit den Schultern.
„Sie könnten nach der Krankenschwester inserieren, die das Mädchen begleitete. Das ist der einzige Kurs, den ich vorschlagen kann, und ich muss zugeben, dass ich nicht viel Hoffnung habe. Sonst gibt es nichts zu tun.“
„Nichts?“, sagte Tuppence leer. „Und – Tommy?“
„Wir müssen das Beste hoffen“, sagte Sir James. „Oh ja, wir müssen weiter hoffen.“
Aber über ihr niedergeschlagenes Haupt trafen sich seine Augen mit denen von Julius, und fast unmerklich schüttelte er den Kopf. Julius verstand. Der Anwalt hielt den Fall für hoffnungslos. Das Gesicht des jungen Amerikaners wurde ernst. Sir James nahm Tuppences Hand.
„Sie müssen mich wissen lassen, wenn etwas weiter zutage tritt. Briefe werden immer weitergeleitet.“
Tuppence starrte ihn leer an.
„Sie gehen weg?“
„Ich habe es Ihnen gesagt. Erinnern Sie sich nicht? Nach Schottland.“
„Ja, aber ich dachte –“ Das Mädchen zögerte.
Sir James zuckte mit den Schultern.
„Meine liebe junge Dame, ich fürchte, ich kann nichts mehr tun. Unsere Hinweise sind alle in der Luft zerrissen. Sie können mein Wort dafür nehmen, dass nichts mehr zu tun ist. Wenn etwas auftauchen sollte, werde ich mich freuen, Sie in jeder Hinsicht beraten zu können.“
Seine Worte gaben Tuppence ein außergewöhnlich trostloses Gefühl.
„Ich nehme an, Sie haben recht“, sagte sie. „Jedenfalls danke ich Ihnen sehr, dass Sie versucht haben, uns zu helfen. Auf Wiedersehen.“
Julius beugte sich über das Auto. Ein vorübergehendes Mitgefühl kam in die scharfen Augen von Sir James, als er in das niedergeschlagene Gesicht des Mädchens blickte.
„Seien Sie nicht zu niedergeschlagen, Miss Tuppence“, sagte er mit leiser Stimme. „Denken Sie daran, Urlaubszeit ist nicht immer nur Spielzeit. Man schafft es manchmal, auch ein bisschen Arbeit hineinzubringen.“
Etwas in seinem Ton ließ Tuppence scharf aufblicken. Er schüttelte den Kopf mit einem Lächeln.
„Nein, ich werde nichts mehr sagen. Großer Fehler, zu viel zu sagen. Denken Sie daran. Sagen Sie nie alles, was Sie wissen – nicht einmal der Person, die Sie am besten kennen. Verstanden? Auf Wiedersehen.“
Er schritt davon. Tuppence starrte ihm nach. Sie begann, Sir James’ Methoden zu verstehen. Einmal zuvor hatte er ihr auf die gleiche sorglose Art einen Hinweis gegeben. War dies ein Hinweis? Was genau lag hinter diesen letzten kurzen Worten? Meinte er, dass er den Fall schließlich doch nicht aufgegeben hatte; dass er heimlich weiter daran arbeiten würde, während –
Ihre Gedanken wurden von Julius unterbrochen, der sie aufforderte, „sich hineinzusetzen“.
„Sie sehen nachdenklich aus“, bemerkte er, als sie losfuhren. „Hat der alte Kerl noch etwas gesagt?“
Tuppence öffnete den Mund impulsiv und schloss ihn dann wieder. Sir James’ Worte klangen in ihren Ohren: „Sagen Sie nie alles, was Sie wissen – nicht einmal der Person, die Sie am besten kennen.“ Und wie ein Blitz kam ihr eine weitere Erinnerung. Julius vor dem Safe in der Wohnung, ihre eigene Frage und die Pause vor seiner Antwort, „Nichts.“ Gab es wirklich nichts? Oder hatte er etwas gefunden, das er für sich behalten wollte? Wenn er eine Reserve machen konnte, konnte sie es auch.
„Nichts Besonderes“, antwortete sie.
Sie spürte eher als sah, wie Julius sie von der Seite ansah.
„Sagen Sie, sollen wir eine Runde im Park drehen?“
„Wenn Sie möchten.“
Eine Weile fuhren sie schweigend unter den Bäumen entlang. Es war ein wunderschöner Tag. Der scharfe Wind durch die Luft brachte eine neue Begeisterung für Tuppence.
„Sagen Sie, Miss Tuppence, glauben Sie, dass ich Jane jemals finden werde?“
Julius sprach in einer mutlosen Stimme. Die Stimmung war so fremd für ihn, dass Tuppence sich umdrehte und ihn überrascht ansah. Er nickte.
„Das ist so. Ich bin am Boden zerstört wegen der Sache. Sir James hatte heute überhaupt keine Hoffnung, das konnte ich sehen. Ich mag ihn nicht – wir kommen irgendwie nicht zusammen – aber er ist ziemlich schlau, und ich schätze, er würde nicht aufhören, wenn es eine Chance auf Erfolg gäbe – nun, würde er?“
Tuppence fühlte sich etwas unwohl, aber fest an ihre Überzeugung klammernd, dass Julius ihr auch etwas vorenthalten hatte, blieb sie standhaft.
„Er schlug vor, nach der Krankenschwester zu inserieren“, erinnerte sie ihn.
„Ja, mit einem ‚verlorenen Hoffnung‘-Ton in der Stimme! Nein – ich bin ziemlich fertig. Ich habe halb vor, sofort in die Staaten zurückzukehren.“
„Oh nein!“, rief Tuppence. „Wir müssen Tommy finden.“
„Ich habe Beresford völlig vergessen“, sagte Julius reumütig. „Das stimmt. Wir müssen ihn finden. Aber nach – nun, ich habe seit ich mit dieser Reise begonnen habe, Tagträume gehabt – und diese Träume sind ein verdammt schlechtes Geschäft. Ich bin fertig damit. Sagen Sie, Miss Tuppence, es gibt etwas, das ich Sie fragen möchte.“
„Ja?“
Für Kontinuität nur – dies ist das ENDE des vorherigen Abschnitts, bereits übersetzt. Übersetzen Sie es nicht erneut und wiederholen Sie es nicht in Ihrer Ausgabe. Passen Sie seine Namen, Terminologie und Register an: --- „Sie sind sehr freundlich“, sagte Tuppence. „Aber ich fürchte, ich bin nicht die Art von Mädchen, die Sie suchen. Ich bin viel zu praktisch und prosaisch.“
„Das ist genau das, was ich mag“, sagte Julius einfach. „Ich habe nichts für diese flatterhaften, unpraktischen Mädchen übrig, die nicht einmal einen Scheck einlösen können.“
„Dann“, sagte Tuppence langsam, „wenn Sie wirklich so denken, und es nicht nur sagen, um freundlich zu sein –“
„Ich meine es“, unterbrach Julius ernst.
„Dann – ich werde es in Betracht ziehen.“
„Das ist großartig von Ihnen“, sagte Julius strahlend. „Ich meine – ich werde es Ihnen überlassen, Ihre eigenen Bedingungen festzulegen, wissen Sie. Ich werde alles tun, was Sie wollen.“
„Sehr gut“, sagte Tuppence. „Dann ist meine erste Bedingung, dass Sie sofort aufhören, sich Sorgen um Jane Finn zu machen.“
„Aber, Miss Tuppence –“
„Das ist meine Bedingung“, wiederholte Tuppence fest. „Ich habe Sie eine ganze Weile beobachtet, Mr. Hersheimmer, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie ein sehr netter Kerl sind – aber Sie haben einen schrecklichen Fehler.“
„Was ist das?“, fragte Julius neugierig.
„Sentimentalität“, sagte Tuppence. „Exzessive Sentimentalität. Sie sind viel zu leicht zu rühren. Sie haben sich in diese Jane-Finn-Geschäft verrannt, weil Sie sich in sie verliebt haben – in Ihre eigene Vorstellung von ihr, meine ich. Sie ist zu einer Art Engel für Sie geworden – etwas, das nicht von dieser Welt ist. Aber sie ist ein Mädchen aus Fleisch und Blut, Mr. Hersheimmer, und sie ist wahrscheinlich nicht die Hälfte so gut, wie Sie sich vorstellen. Sie sind nicht wirklich in sie verliebt – es ist alles Sentimentalität und Einbildung. Und was Tommy Beresford angeht, so ist er wahrscheinlich ein großer, grober Junge, der Sie zum Lachen bringen würde, wenn Sie ihn sahen. Sie haben sich eine romantische Vorstellung von ihm gemacht, und Sie werden enttäuscht sein, wenn Sie ihn finden.“
„Sie sind sehr hart“, sagte Julius langsam.
„Ich versuche, praktisch zu sein“, sagte Tuppence. „Ich habe mich selbst analysiert, wissen Sie, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht romantisch bin. Ich mag nicht einmal romantische Geschichten. Ich mag, dass Dinge geschehen – nette, gewöhnliche Dinge. Ich mag es, wenn die Menschen glücklich sind und sich amüsieren. Und ich hasse es, wenn Dinge schiefgehen und die Menschen unglücklich sind. Das ist der Grund, warum ich will, dass Sie aufhören, sich Sorgen um Jane Finn zu machen. Sie macht Sie unglücklich, und ich hasse es, Sie unglücklich zu sehen. Und ich hasse es, dass Tommy Beresford in Schwierigkeiten ist. Es ist nicht natürlich für ihn. Er ist der Typ, der immer auf den Beinen landet – wie eine Katze. Und ich hasse es, dass Sir James sich Sorgen macht. Er ist der Typ, der immer weiß, was zu tun ist. Es ist nicht natürlich für ihn, ratlos zu sein. Und ich hasse es, dass ich selbst ratlos bin. Es ist nicht natürlich für mich. Ich bin der Typ, der immer einen Ausweg findet. Und ich hasse es, dass Sie ratlos sind, Mr. Hersheimmer. Es ist nicht natürlich für Sie. Sie sind der Typ, der immer einen Plan hat. Also, was ich sagen will, ist, dass wir alle aufhören sollten, uns Sorgen zu machen und ratlos zu sein, und stattdessen glücklich sein und uns amüsieren sollten.“
Julius sah sie an, als hätte sie ihn mit einem Zauberstab berührt.
„Sie sind ein wunderbares Mädchen, Miss Tuppence“, sagte er langsam. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so praktisch und doch so – so –“
„So was?“, fragte Tuppence neugierig.
„So – so – bezaubernd“, sagte Julius und errötete.
Tuppence lächelte.
„Das ist sehr nett von Ihnen, Mr. Hersheimmer. Aber ich fürchte, ich bin nicht bezaubernd. Ich bin nur praktisch. Und ich denke, dass wir alle praktischer sein sollten. Also, was halten Sie von meinem Vorschlag?“
Julius zögerte einen Moment, dann streckte er seine Hand aus und drückte ihre.
„Ich akzeptiere“, sagte er ernst. „Ich werde aufhören, mir Sorgen um Jane Finn zu machen. Und ich werde versuchen, praktischer zu sein. Aber ich werde nicht aufhören, an Sie zu denken, Miss Tuppence. Sie sind das Praktischste und Bezauberndste, was mir je passiert ist.“
Tuppence lächelte wieder.
„Das ist sehr nett von Ihnen, Mr. Hersheimmer. Aber ich fürchte, ich bin nicht so bezaubernd, wie Sie denken. Ich bin nur ein gewöhnliches Mädchen, das versucht, praktisch zu sein. Und ich denke, dass wir alle praktischer sein sollten. Also, was halten Sie von meinem Vorschlag?“
„Ich akzeptiere“, sagte Julius erneut. „Ich werde aufhören, mir Sorgen um Jane Finn zu machen. Und ich werde versuchen, praktischer zu sein. Aber ich werde nicht aufhören, an Sie zu denken, Miss Tuppence. Sie sind das Praktischste und Bezauberndste, was mir je passiert ist.“
Und so fuhren sie weiter, Hand in Hand, und sprachen über praktische Dinge und wie sie glücklich sein und sich amüsieren konnten, und vergaßen für eine Weile die Sorgen und die Rätsel, die sie umgaben.
„Sie und Beresford. Was hat es damit auf sich?“
„Ich verstehe Sie nicht“, erwiderte Tuppence würdevoll und fügte eher zusammenhanglos hinzu: „Und außerdem liegen Sie falsch!“
„Haben Sie nicht so eine Art freundschaftliche Gefühle füreinander?“
„Ganz sicher nicht“, sagte Tuppence hitzig. „Tommy und ich sind Freunde – mehr nicht.“
„Ich schätze, jedes Liebespaar hat das irgendwann einmal gesagt“, bemerkte Julius.
„Unsinn!“, fuhr Tuppence ihn an. „Sehe ich aus wie die Art von Mädchen, die sich ständig in jeden Mann verliebt, dem sie begegnet?“
„Das tun Sie nicht. Sie sehen aus wie die Art von Mädchen, in die man sich verdammt oft verliebt!“
„Oh!“, sagte Tuppence, sichtlich überrumpelt. „Das ist wohl ein Kompliment, nehme ich an?“
„Sicher. Kommen wir nun zum Punkt. Angenommen, wir finden Beresford nie und – und –“
„Schon gut – sagen Sie es nur! Ich kann Tatsachen ins Auge sehen. Angenommen, er ist – tot! Nun?“
„Und die ganze Sache verläuft im Sande. Was werden Sie dann tun?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Tuppence trostlos.
„Sie werden verdammt einsam sein, du armes Kind.“
„Mir wird es gut gehen“, entgegnete Tuppence scharf, mit ihrer üblichen Abneigung gegen jede Art von Mitleid.
„Was ist mit Heirat?“, erkundigte sich Julius. „Haben Sie Ansichten zu dem Thema?“
„Ich beabsichtige natürlich zu heiraten“, antwortete Tuppence. „Das heißt, falls“ – sie hielt inne, verspürte den flüchtigen Wunsch, einen Rückzieher zu machen, und blieb dann tapfer bei ihrem Standpunkt – „ich jemanden finde, der reich genug ist, damit es sich für mich lohnt. Das ist offen, nicht wahr? Ich nehme an, Sie verachten mich deshalb.“
„Ich verachte niemals einen Geschäftssinn“, sagte Julius. „An welche bestimmte Zahl denken Sie da?“
„Zahl?“, fragte Tuppence verwirrt. „Meinen Sie groß oder klein?“
„Nein. Summe – Einkommen.“
„Oh, ich – ich habe das noch nicht ganz ausgerechnet.“
„Wie wäre es mit mir?“
„Sie?“
„Ganz sicher.“
„Oh, das könnte ich nicht!“
„Warum nicht?“
„Ich sage Ihnen doch, ich könnte das nicht.“
„Noch einmal, warum nicht?“
„Es würde sich so unfair anfühlen.“
„Ich sehe nichts Unfares daran. Ich gehe nur auf Ihr Spiel ein, das ist alles. Ich bewundere Sie ungemein, Miss Tuppence, mehr als jedes Mädchen, das ich je getroffen habe. Sie sind so verdammt mutig. Ich würde Sie liebend gerne einmal so richtig ausführen. Sagen Sie ein Wort, und wir laufen sofort zu einem erstklassigen Juwelier und bringen die Sache mit dem Ring in Ordnung.“
„Ich kann nicht“, japste Tuppence.
„Wegen Beresford?“
„Nein, nein, nein!“
„Nun, woran dann?“
Tuppence schüttelte nur weiterhin heftig den Kopf.
„Sie können vernünftigerweise nicht mehr Dollars erwarten, als ich habe.“
„Oh, darum geht es nicht“, japste Tuppence mit einem fast hysterischen Lachen. „Aber vielen herzlichen Dank und all das, ich glaube, ich sollte besser Nein sagen.“
„Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir den Gefallen täten, bis morgen darüber nachzudenken.“
„Es hat keinen Zweck.“
„Wie dem auch sei, ich schätze, wir lassen es erst einmal so stehen.“
„Sehr wohl“, sagte Tuppence kleinlaut.
Keiner von beiden sprach wieder, bis sie das Ritz erreichten.
Tuppence ging hinauf in ihr Zimmer. Sie fühlte sich nach ihrem Zusammenstoß mit der energischen Persönlichkeit von Julius moralisch zu Boden geschmettert. Sie setzte sich vor den Spiegel und starrte einige Minuten lang ihr eigenes Spiegelbild an.
„Dummkopf“, murmelte Tuppence schließlich und zog eine Grimasse. „Kleiner Dummkopf. Alles, was du dir wünschst – alles, worauf du je gehofft hast, und du blökst wie ein idiotisches kleines Schaf einfach ‚Nein‘. Es ist deine einzige Chance. Warum ergreifst du sie nicht? Schnapp sie dir! Reiße sie an dich! Was willst du noch?“
Als wäre es eine Antwort auf ihre eigene Frage, fielen ihre Augen auf einen kleinen Schnappschuss von Tommy, der in einem schäbigen Rahmen auf ihrem Schminktisch stand. Einen Moment lang kämpfte sie um ihre Selbstbeherrschung, dann gab sie jede Zurückhaltung auf, drückte ihn an ihre Lippen und brach in ein Schluchzen aus.
„Oh, Tommy, Tommy“, rief sie, „ich liebe dich so sehr – und vielleicht sehe ich dich nie wieder...“
Nach fünf Minuten setzte sich Tuppence auf, putzte sich die Nase und strich sich das Haar aus der Stirn.
„Das wäre das“, bemerkte sie streng. „Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Ich scheine mich verliebt zu haben – in einen idiotischen Jungen, dem ich wahrscheinlich völlig egal bin.“ Hier hielt sie inne. „Wie dem auch sei“, fuhr sie fort, als würde sie mit einem unsichtbaren Gegner diskutieren, „ich weiß gar nicht, ob ich ihm egal bin. Er hätte es nie gewagt, es zu sagen. Ich habe Gefühlsduselei immer niedergetrampelt – und jetzt bin ich selbst sentimentaler als jeder andere. Was für Idioten Mädchen doch sind! Das habe ich schon immer gedacht. Ich nehme an, ich werde mit seinem Foto unter meinem Kopfkissen schlafen und die ganze Nacht von ihm träumen. Es ist schrecklich zu fühlen, dass man seinen eigenen Prinzipien untreu geworden ist.“
Tuppence schüttelte traurig den Kopf, während sie über ihren Rückfall nachdachte.
„Ich weiß wirklich nicht, was ich Julius sagen soll. Oh, wie dumm ich mir vorkomme! Ich werde irgendetwas sagen müssen – er ist so amerikanisch und gründlich, er wird auf einer Begründung bestehen. Ich frage mich, ob er in diesem Safe etwas gefunden hat...“
Tuppences Überlegungen schweiften in eine andere Richtung ab. Sie ließ die Ereignisse der letzten Nacht sorgfältig und beharrlich Revue passieren. Irgendwie schienen sie mit Sir James’ rätselhaften Worten verknüpft zu sein...
Plötzlich fuhr sie heftig zusammen – die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ihre Augen starrten fasziniert vor sich hin, die Pupillen geweitet.
„Unmöglich“, murmelte sie. „Unmöglich! Ich muss verrückt werden, wenn ich auch nur an so etwas denke...“
Monströs – und doch erklärte es alles...
Nach kurzem Nachdenken setzte sie sich hin und schrieb eine Notiz, wobei sie jedes Wort abwog. Schließlich nickte sie zufrieden, steckte sie in einen Umschlag und adressierte ihn an Julius. Sie ging den Flur entlang zu seinem Wohnzimmer und klopfte an die Tür. Wie sie erwartet hatte, war der Raum leer. Sie ließ die Notiz auf dem Tisch zurück.
Ein kleiner Hotelpage wartete vor ihrer Tür, als sie dorthin zurückkehrte.
„Ein Telegramm für Sie, Miss.“
Tuppence nahm es vom silbernen Tablett und riss es gleichgültig auf. Dann stieß sie einen Schrei aus. Das Telegramm war von Tommy!
KAPITEL XVI. WEITERE ABENTEUER VON TOMMY
AUS einer Dunkelheit, die von pochenden Feuerstößen durchzuckt wurde, zog Tommy seine Sinne langsam zurück ins Leben. Als er schließlich die Augen öffnete, war er sich nur eines qualvollen Schmerzes in seinen Schläfen bewusst. Er nahm vage eine ihm unbekannte Umgebung wahr. Wo war er? Was war passiert? Er blinzelte schwach. Das war nicht sein Schlafzimmer im Ritz. Und was zum Teufel war mit seinem Kopf los?
„Verdammt!“, sagte Tommy und versuchte sich aufzusetzen. Er hatte sich erinnert. Er war in diesem unheimlichen Haus in Soho. Er stieß ein Stöhnen aus und sank zurück. Durch seine halb geschlossenen Lider kundschaftete er vorsichtig die Lage aus.
„Er kommt zu sich“, bemerkte eine Stimme ganz in der Nähe von Tommys Ohr. Er erkannte sie sofort als die des bärtigen und effizienten Deutschen und blieb künstlerisch regungslos liegen. Er spürte, dass es ein Fehler wäre, zu früh zu erwachen; und solange der Schmerz in seinem Kopf nicht etwas nachließ, fühlte er sich unfähig, seine Gedanken zu sammeln. Schmerzhaft versuchte er zu ergründen, was geschehen war. Offensichtlich musste sich jemand von hinten an ihn herangeschlichen haben, während er lauschte, und ihn mit einem Schlag auf den Kopf niedergestreckt haben. Sie wussten jetzt, dass er ein Spion war, und würden ihm aller Wahrscheinlichkeit nach den Garaus machen. Zweifellos steckte er tief in der Klemme. Niemand wusste, wo er war, daher konnte er keine Hilfe von außen erwarten und musste sich allein auf seinen Verstand verlassen.
„Also gut, auf geht’s“, murmelte Tommy vor sich hin und wiederholte seine vorangegangene Bemerkung.
„Verdammt!“, bemerkte er und schaffte es diesmal, sich aufzusetzen.
In einer Minute trat der Deutsche vor und hielt ihm ein Glas an die Lippen, mit dem kurzen Befehl: „Trink.“ Tommy gehorchte. Die Kraft des Trankes ließ ihn würgen, aber sie klärte seinen Geist auf wundersame Weise.
Er lag auf einer Couch in dem Raum, in dem das Treffen stattgefunden hatte. Auf der einen Seite von ihm stand der Deutsche, auf der anderen der finster dreinblickende Türwächter, der ihn hineingelassen hatte. Die anderen waren in einiger Entfernung gruppiert. Doch Tommy vermisste ein Gesicht. Der Mann, der als Nummer Eins bekannt war, gehörte nicht mehr zur Gesellschaft.
„Fühlen Sie sich besser?“, fragte der Deutsche, als er das leere Glas wegnahm.
„Ja, danke“, erwiderte Tommy fröhlich.
„Ah, mein junger Freund, es ist ein Glück für Sie, dass Ihr Schädel so dick ist. Der gute Conrad hat hart zugeschlagen.“ Er deutete mit einem Nicken auf den finsteren Türwächter. Der Mann grinste.
Tommy drehte seinen Kopf mit Mühe.
„Oh“, sagte er, „also Sie sind Conrad, nicht wahr? Mir scheint, die Dicke meines Schädels war auch für Sie ein Glück. Wenn ich Sie ansehe, habe ich fast das Gefühl, es sei ein Jammer, dass ich es Ihnen ermöglicht habe, den Henker zu betrügen.“
Der Mann knurrte, und der bärtige Mann sagte ruhig:
„Er hätte kein Risiko gelaufen, das zu tun.“
„Wie Sie meinen“, antwortete Tommy. „Ich weiß, es ist Mode, auf die Polizei zu schimpfen. Ich persönlich glaube eher an sie.“
Sein Auftreten war höchst nonchalant. Tommy Beresford war einer jener jungen Engländer, die sich nicht durch besondere intellektuelle Fähigkeiten auszeichneten, die aber in einer sogenannten „Klemme“ absolut in ihrem Element waren. Ihre natürliche Befangenheit und Vorsicht fielen von ihnen ab wie ein Handschuh. Tommy begriff vollkommen, dass in seinem eigenen Verstand die einzige Chance zur Flucht lag, und hinter seiner lässigen Fassade ließ er seine Gehirnzellen fieberhaft arbeiten.
Die kalte Stimme des Deutschen nahm das Gespräch wieder auf:
„Haben Sie etwas zu sagen, bevor Sie als Spion hingerichtet werden?“
„Einfach eine Menge Dinge“, antwortete Tommy mit derselben Höflichkeit wie zuvor.
„Leugnen Sie, dass Sie an dieser Tür gelauscht haben?“
„Das tue ich nicht. Ich muss mich wirklich entschuldigen – aber Ihre Unterhaltung war so interessant, dass sie meine Skrupel überwand.“
„Wie sind Sie hineingekommen?“
„Durch den lieben alten Conrad hier.“ Tommy lächelte ihn entschuldigend an. „Ich zögere, vorzuschlagen, einen treuen Diener in den Ruhestand zu schicken, aber Sie sollten wirklich einen besseren Wachhund haben.“
Conrad knurrte machtlos und sagte mürrisch, als sich der bärtige Mann auf ihn zubewegte:
„Er gab das Passwort. Woher sollte ich wissen?“
„Ja“, warf Tommy ein. „Woher sollte er wissen? Tadeln Sie den armen Kerl nicht. Seine vorschnelle Handlung hat mir das Vergnügen bereitet, Sie alle von Angesicht zu Angesicht zu sehen.“
Er bildete sich ein, dass seine Worte bei der Gruppe für Unbehagen sorgten, aber der wachsame Deutsche beruhigte sie mit einem Wink seiner Hand.
„Tote erzählen keine Märchen“, sagte er gelassen.
„Ah“, sagte Tommy, „aber ich bin noch nicht tot!“
„Das werden Sie bald sein, mein junger Freund“, sagte der Deutsche.
Ein zustimmendes Murmeln kam von den anderen.
Tommys Herz schlug schneller, aber seine lässige Freundlichkeit wich nicht.
„Ich glaube nicht“, sagte er bestimmt. „Ich hätte große Einwände gegen das Sterben.“
Er hatte sie verunsichert, das sah er am Gesichtsausdruck seines Entführers.
„Können Sie uns einen Grund nennen, warum wir Sie nicht hinrichten sollten?“, fragte der Deutsche.
„Mehrere“, antwortete Tommy. „Hören Sie mal, Sie haben mir eine Menge Fragen gestellt. Lassen Sie mich zur Abwechslung Ihnen eine stellen. Warum haben Sie mich nicht sofort getötet, bevor ich das Bewusstsein wiedererlangte?“
Der Deutsche zögerte, und Tommy ergriff seinen Vorteil.
„Weil Sie nicht wussten, wie viel ich wusste – und woher ich dieses Wissen hatte. Wenn Sie mich jetzt töten, werden Sie es nie erfahren.“
Doch hier wurden die Emotionen von Boris zu viel für ihn. Er trat vor und fuchtelte mit den Armen.
„Du Höllenhund von einem Spion“, schrie er. „Wir machen dir den Garaus. Tötet ihn! Tötet ihn!“
Es gab ein Brüllen der Zustimmung.
„Sie hören?“, sagte der Deutsche, den Blick fest auf Tommy gerichtet. „Was haben Sie dazu zu sagen?“
„Sagen?“ Tommy zuckte mit den Schultern. „Ein Haufen Narren. Sollen sie sich selbst ein paar Fragen stellen. Wie bin ich an diesen Ort gekommen? Erinnern Sie sich, was der liebe alte Conrad sagte – mit Ihrem eigenen Passwort, nicht wahr? Wie bin ich in den Besitz dessen gekommen? Sie glauben doch nicht, dass ich diese Stufen wahllos hinaufgegangen bin und das Erste gesagt habe, was mir in den Sinn kam?“
Tommy war mit den abschließenden Worten dieser Rede zufrieden. Sein einziger Bedauerungsgrund war, dass Tuppence nicht anwesend war, um ihren vollen Geschmack zu würdigen.
„Das ist wahr“, sagte der Arbeiter plötzlich. „Kameraden, wir wurden verraten!“
Ein hässliches Murmeln erhob sich. Tommy lächelte sie ermutigend an.
„Das ist besser. Wie können Sie hoffen, bei irgendeinem Auftrag Erfolg zu haben, wenn Sie nicht Ihren Verstand benutzen?“
„Sie werden uns sagen, wer uns verraten hat“, sagte der Deutsche. „Aber das soll Sie nicht retten – oh nein! Sie werden uns alles sagen, was Sie wissen. Boris hier kennt hübsche Wege, Leute zum Reden zu bringen!“
„Bah!“, sagte Tommy verächtlich und kämpfte gegen ein überaus unangenehmes Gefühl in der Magengegend an. „Sie werden mich weder foltern noch töten.“
„Und warum nicht?“, fragte Boris.
„Weil Sie die Gans töten würden, die die goldenen Eier legt“, antwortete Tommy ruhig.
Es gab eine kurze Pause. Es schien, als würde Tommys hartnäckige Sicherheit endlich siegen. Sie waren sich ihrer Sache nicht mehr völlig sicher. Der Mann in der schäbigen Kleidung starrte Tommy forschend an.
„Er blufft euch, Boris“, sagte er leise.
Tommy hasste ihn. Hatte der Mann ihn durchschaut?
Der Deutsche wandte sich mit einer Anstrengung grob an Tommy.
„Was meinen Sie damit?“
„Was glauben Sie wohl, was ich meine?“, parierte Tommy und suchte verzweifelt in seinem eigenen Geist.
Plötzlich trat Boris vor und schüttelte Tommy die Faust vor dem Gesicht.
„Sprich, du Schwein von einem Engländer – sprich!“
„Regen Sie sich nicht so auf, mein lieber Freund“, sagte Tommy gelassen. „Das ist das Schlimmste an euch Ausländern. Ihr könnt nicht ruhig bleiben. Nun frage ich Sie: Sehe ich aus, als ob ich glaubte, es gäbe auch nur den geringsten Grund, dass Sie mich töten?“
Er sah sich zuversichtlich um und war froh, dass sie das hartnäckige Schlagen seines Herzens nicht hören konnten, das seinen Worten Lügen strafte.
„Nein“, gab Boris schließlich mürrisch zu, „das tun Sie nicht.“
„Gott sei Dank ist er kein Gedankenleser“, dachte Tommy. Laut verfolgte er seinen Vorteil:
„Und warum bin ich so zuversichtlich? Weil ich etwas weiß, das mich in die Lage versetzt, einen Handel vorzuschlagen.“
„Einen Handel?“ Der bärtige Mann griff ihn scharf auf.
„Ja – einen Handel. Mein Leben und meine Freiheit gegen –“ Er hielt inne.
„Gegen was?“
Die Gruppe drängte vor. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Langsam sprach Tommy.
„Die Papiere, die Danvers mit der Lusitania aus Amerika herübergebracht hat.“
Die Wirkung seiner Worte war elektrisierend. Alle waren auf den Beinen. Der Deutsche winkte sie zurück. Er lehnte sich über Tommy, sein Gesicht purpurrot vor Aufregung.
„Himmel! Sie haben sie also?“
Mit prächtiger Ruhe schüttelte Tommy den Kopf.
„Sie wissen, wo sie sind?“, beharrte der Deutsche.
Wieder schüttelte Tommy den Kopf. „Überhaupt nicht.“
„Dann – dann –“ verärgert und ratlos, versagten ihm die Worte.
Tommy sah sich um. Er sah Wut und Verwirrung auf jedem Gesicht, aber seine ruhige Sicherheit hatte ihre Wirkung getan – niemand zweifelte daran, dass hinter seinen Worten etwas steckte.
„Ich weiß nicht, wo die Papiere sind – aber ich glaube, dass ich sie finden kann. Ich habe eine Theorie –“
„Pah!“
Tommy hob die Hand und brachte das Gebrüll des Ekels zum Schweigen.
„Ich nenne es eine Theorie – aber ich bin mir meiner Fakten ziemlich sicher – Fakten, die niemand außer mir kennt. Was haben Sie in jedem Fall zu verlieren? Wenn ich die Papiere vorlegen kann – geben Sie mir im Austausch mein Leben und meine Freiheit. Ist das ein Handel?“
„Und wenn wir ablehnen?“, sagte der Deutsche ruhig.
Tommy lehnte sich müde zurück.
„Ich mag Ihren Stil. Kurz, aber attraktiv. Sei es drum. Aber eines ist unerlässlich, ich muss das Mädchen sehen.“
„Welches Mädchen?“
„Jane Finn natürlich.“
Der andere betrachtete ihn einige Minuten lang neugierig, dann sagte er langsam und als ob er seine Worte mit Bedacht wählte:
„Wissen Sie nicht, dass sie Ihnen nichts sagen kann?“
Tommys Herz schlug ein wenig schneller. Würde es ihm gelingen, dem Mädchen, das er suchte, gegenüberzutreten?
„Ich werde sie nicht bitten, mir irgendetwas zu sagen“, sagte er ruhig. „Nicht mit so vielen Worten, jedenfalls.“
„Warum sie dann sehen?“
Tommy hielt inne.
„Um ihr Gesicht zu beobachten, wenn ich ihr eine Frage stelle“, antwortete er schließlich.
Wieder lag ein Ausdruck in den Augen des Deutschen, den Tommy nicht ganz verstand.
„Sie wird Ihre Frage nicht beantworten können.“
„Das spielt keine Rolle. Ich werde ihr Gesicht gesehen haben, wenn ich sie stelle.“
„Und Sie glauben, dass Ihnen das irgendetwas sagen wird?“ Er gab ein kurzes, unangenehmes Lachen von sich. Mehr denn je hatte Tommy das Gefühl, dass es irgendwo einen Faktor gab, den er nicht verstand. Der Deutsche sah ihn forschend an. „Ich frage mich, ob Sie nach allem so viel wissen, wie wir denken?“, sagte er leise.
Tommy fühlte seinen Einfluss weniger sicher als einen Moment zuvor. Sein Halt war ein wenig abgerutscht. Aber er war verwirrt. Was hatte er falsch gesagt? Er sprach impulsiv aus dem Moment heraus.
„Es mag Dinge geben, die Sie wissen und ich nicht. Ich habe nicht behauptet, alle Details Ihrer Sache zu kennen. Aber ebenso habe ich etwas im Ärmel, von dem Sie nichts wissen. Und da beabsichtige ich zu punkten. Danvers war ein verdammt cleverer Kerl –“ Er brach ab, als hätte er zu viel gesagt.
Aber das Gesicht des Deutschen hatte sich ein wenig aufgehellt.
„Danvers“, murmelte er. „Ich verstehe –“ Er hielt eine Minute inne, dann winkte er Conrad. „Nehmen Sie ihn mit. Nach oben – Sie wissen schon.“
„Warten Sie eine Minute“, sagte Tommy. „Was ist mit dem Mädchen?“
„Das lässt sich vielleicht arrangieren.“
„Es muss.“
„Wir werden sehen. Nur eine Person kann das entscheiden.“
„Wer?“, fragte Tommy. Aber er kannte die Antwort.
„Mr. Brown –“
„Werde ich ihn sehen?“
„Vielleicht.“
„Komm“, sagte Conrad hart.
Tommy erhob sich gehorsam. Vor der Tür bedeutete ihm sein Kerkermeister, die Treppe hinaufzusteigen. Er selbst folgte dicht dahinter. Im Stockwerk darüber öffnete Conrad eine Tür und Tommy trat in einen kleinen Raum. Conrad zündete einen zischenden Gasbrenner an und ging hinaus. Tommy hörte, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.
Er machte sich an die Arbeit, sein Gefängnis zu untersuchen. Es war ein kleinerer Raum als der unten, und die Atmosphäre darin hatte etwas eigenartig Luftloses. Dann wurde ihm klar, dass es kein Fenster gab. Er ging darin herum. Die Wände waren schmutzig wie überall sonst. Vier Bilder hingen schief an der Wand und stellten Szenen aus Faust dar. Margarete mit ihrem Schmuckkästchen, die Kirchenszene, Siebel mit seinen Blumen sowie Faust und Mephisto. Letzteres brachte Tommys Gedanken wieder auf Mr. Brown zurück. In dieser versiegelten und geschlossenen Kammer mit ihrer dicht schließenden, schweren Tür fühlte er sich von der Welt abgeschnitten, und die unheimliche Macht des Erzverbrechers schien realer. So sehr er auch schreien mochte, niemand könnte ihn jemals hören. Der Ort war ein lebendiges Grab...
Mit einer Anstrengung riss Tommy sich zusammen. Er sank auf das Bett und gab sich dem Nachdenken hin. Sein Kopf schmerzte heftig; außerdem war er hungrig. Die Stille des Ortes wirkte niederdrückend.
„Wie dem auch sei“, sagte Tommy und versuchte, sich aufzuheitern, „ich werde den Boss sehen – den geheimnisvollen Mr. Brown, und mit ein wenig Glück beim Bluffen werde ich auch die geheimnisvolle Jane Finn sehen. Danach –“
Danach musste Tommy sich eingestehen, dass die Aussicht trostlos erschien.
KAPITEL XVII. ANNETTE
Die Sorgen der Zukunft verblassten jedoch bald vor den Sorgen der Gegenwart. Und von diesen war der Hunger das Unmittelbarste und Dringendste. Tommy hatte einen gesunden und kräftigen Appetit. Das Steak mit Pommes, das er zum Mittagessen verspeist hatte, schien nun einem anderen Jahrzehnt anzugehören. Er erkannte mit Bedauern, dass er mit einem Hungerstreik keinen Erfolg haben würde.
Er schlich ziellos in seinem Gefängnis umher. Ein oder zweimal vergaß er seine Würde und hämmerte gegen die Tür. Doch niemand antwortete auf das Klopfen.
„Verdammt noch mal!“, sagte Tommy empört. „Sie können doch nicht ernsthaft vorhaben, mich verhungern zu lassen.“ Eine neugeborene Angst durchzog seine Gedanken, dass dies vielleicht eine jener „feinen Arten“ sein könnte, einen Gefangenen zum Reden zu bringen, die man Boris nachsagte. Doch bei näherem Nachdenken verwarf er den Gedanken.
„Es ist dieser grimmige Kerl Conrad“, beschloss er. „Das ist ein Bursche, bei dem ich mich eines Tages gerne revanchieren werde. Das hier ist nur ein bisschen Bosheit seinerseits. Ich bin mir sicher.“
Weitere Überlegungen führten zu dem Gefühl, dass es äußerst angenehm wäre, Conrad mit einem wuchtigen Schlag auf seinen eiförmigen Kopf niederzustrecken. Tommy strich sich zärtlich über den eigenen Kopf und gab sich den Vergnügungen der Fantasie hin. Schließlich blitzte eine brillante Idee in seinem Gehirn auf. Warum sollte man Fantasie nicht in Realität verwandeln? Conrad war zweifellos der Mieter des Hauses. Die anderen, mit der möglichen Ausnahme des bärtigen Deutschen, nutzten es lediglich als Treffpunkt. Warum also nicht Conrad hinter der Tür auflauern und ihm, sobald er eintrat, einen Stuhl oder eines der baufälligen Bilder kräftig auf den Kopf schlagen? Man würde natürlich vorsichtig sein, nicht zu fest zuzuschlagen. Und dann – und dann einfach hinausgehen! Wenn er auf dem Weg nach unten jemandem begegnete, nun ja – Tommy hellte sich bei dem Gedanken an eine körperliche Auseinandersetzung auf. Eine solche Angelegenheit lag ihm unendlich viel mehr als das verbale Geplänkel von heute Nachmittag. Berauscht von seinem Plan, nahm Tommy vorsichtig das Bild von Teufel und Faust von der Wand und brachte sich in Position. Seine Hoffnungen waren groß. Der Plan erschien ihm einfach, aber exzellent.
Die Zeit verging, doch Conrad erschien nicht. Nacht und Tag waren in diesem Gefängniszimmer gleich, aber Tommys Armbanduhr, die eine gewisse Genauigkeit aufwies, verriet ihm, dass es neun Uhr abends war. Tommy überlegte düster, dass es, falls das Abendessen nicht bald eintraf, eine Frage des Wartens auf das Frühstück sein würde. Um zehn Uhr verließ ihn die Hoffnung, und er warf sich auf das Bett, um im Schlaf Trost zu suchen. In fünf Minuten waren seine Sorgen vergessen.
Das Geräusch des Schlüssels, der sich im Schloss drehte, weckte ihn aus dem Schlummer. Da er nicht zu der Art von Held gehörte, die dafür bekannt ist, nach dem Erwachen sofort über alle geistigen Kräfte zu verfügen, blinzelte Tommy nur an die Decke und fragte sich vage, wo er war. Dann erinnerte er sich und sah auf seine Uhr. Es war acht Uhr.
„Es ist entweder der frühe Tee oder das Frühstück“, schlussfolgerte der junge Mann, „und Gott stehe mir bei, dass es Letzteres ist!“
Die Tür schwang auf. Zu spät erinnerte sich Tommy an seinen Plan, den unsympathischen Conrad auszuschalten. Einen Moment später war er froh darüber, denn es war nicht Conrad, der eintrat, sondern ein Mädchen. Sie trug ein Tablett, das sie auf den Tisch stellte.
Im schwachen Licht der Gasflamme blinzelte Tommy sie an. Er entschied sofort, dass sie eines der schönsten Mädchen war, die er je gesehen hatte. Ihr Haar war von einem satten, tiefen Braun mit plötzlichen Goldreflexen, als ob eingesperrte Sonnenstrahlen in seiner Tiefe kämpften. Ihr Gesicht hatte etwas von einer Wildrose. Ihre Augen, die weit auseinander standen, waren haselnussbraun, ein goldenes Haselnussbraun, das erneut an die Erinnerung an Sonnenstrahlen gemahnte.
Ein delirierender Gedanke schoss durch Tommys Kopf.
„Sind Sie Jane Finn?“, fragte er atemlos.
Das Mädchen schüttelte staunend den Kopf.
„Mein Name ist Annette, Monsieur.“
Sie sprach ein weiches, gebrochenes Englisch.
„Oh!“, sagte Tommy, ziemlich überrumpelt. „Française?“, wagte er zu fragen.
„Oui, Monsieur. Monsieur spricht Französisch?“
„Nicht für eine längere Zeit“, sagte Tommy. „Was ist das? Frühstück?“
Das Mädchen nickte. Tommy ließ sich vom Bett fallen, trat heran und prüfte den Inhalt des Tabletts. Es bestand aus einem Laib Brot, etwas Margarine und einer Kanne Kaffee.
„Der Lebensstandard gleicht nicht dem Ritz“, bemerkte er mit einem Seufzer. „Aber für das, was wir nun endlich empfangen werden, hat mich der Herr wahrhaft dankbar gemacht. Amen.“
Er zog einen Stuhl heran, und das Mädchen wandte sich zur Tür.
„Warten Sie eine Sekunde“, rief Tommy. „Es gibt viele Dinge, die ich Sie fragen möchte, Annette. Was machen Sie in diesem Haus? Sagen Sie mir nicht, Sie seien Conrads Nichte oder Tochter oder irgendetwas, denn das kann ich nicht glauben.“
„Ich erledige den Dienst, Monsieur. Ich bin mit niemandem verwandt.“
„Ich verstehe“, sagte Tommy. „Sie wissen, was ich Sie gerade gefragt habe. Haben Sie jemals diesen Namen gehört?“
„Ich glaube, ich habe Leute von Jane Finn sprechen hören.“
„Sie wissen nicht, wo sie ist?“
Annette schüttelte den Kopf.
„Sie ist zum Beispiel nicht in diesem Haus?“
„Oh nein, Monsieur. Ich muss jetzt gehen – sie werden auf mich warten.“
Sie eilte hinaus. Der Schlüssel drehte sich im Schloss.
„Ich frage mich, wer ‚sie‘ sind“, sinnierte Tommy, während er begann, den Laib Brot anzugreifen. „Mit ein wenig Glück könnte mir dieses Mädchen helfen, hier herauszukommen. Sie sieht nicht wie eine aus der Bande aus.“
Um ein Uhr erschien Annette mit einem weiteren Tablett, doch diesmal begleitete sie Conrad.
„Guten Morgen“, sagte Tommy freundlich. „Ich sehe, Sie haben keine Pear’s Seife benutzt.“
Conrad knurrte drohend.
„Keine schlagfertigen Antworten auf Lager, was, alter Junge? Na, na, wir können nicht immer beides haben, Verstand und Schönheit. Was gibt es zu Mittag? Eintopf? Woher ich das wusste? Elementar, mein lieber Watson – der Geruch von Zwiebeln ist unverwechselbar.“
„Red nur weiter“, brummte der Mann. „Vielleicht hast du nicht mehr viel Zeit zum Reden.“
Die Bemerkung war in ihrer Andeutung unangenehm, aber Tommy ignorierte sie. Er setzte sich an den Tisch.
„Zieh ab, Schurke“, sagte er mit einer Handbewegung. „Schwätze nicht zu deinen Vorgesetzten.“
An jenem Abend saß Tommy auf dem Bett und grübelte tief nach. Würde Conrad das Mädchen wieder begleiten? Falls nicht, sollte er es riskieren, sie zu einer Verbündeten zu machen? Er beschloss, dass er nichts unversucht lassen durfte. Seine Lage war verzweifelt.
Um acht Uhr ließ ihn das vertraute Geräusch des sich drehenden Schlüssels aufspringen. Das Mädchen war allein.
„Schließen Sie die Tür“, befahl er. „Ich möchte mit Ihnen sprechen.“ Sie gehorchte.
„Hören Sie, Annette, ich möchte, dass Sie mir helfen, hier rauszukommen.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Unmöglich. Im Stockwerk darunter sind drei von ihnen.“
„Oh!“ Tommy war insgeheim dankbar für diese Information. „Aber Sie würden mir helfen, wenn Sie könnten?“
„Nein, Monsieur.“
„Warum nicht?“
Das Mädchen zögerte.
„Ich glaube – sie sind meine Leute. Sie haben sie ausspioniert. Sie haben vollkommen recht, Sie hier festzuhalten.“
„Sie sind eine schlechte Gesellschaft, Annette. Wenn Sie mir helfen, werde ich Sie von all denen wegbrinngen. Und Sie würden wahrscheinlich eine hübsche Stange Geld bekommen.“
Doch das Mädchen schüttelte nur den Kopf.
„Ich wage es nicht, Monsieur; ich habe Angst vor ihnen.“
Sie wandte sich ab.
„Würden Sie nicht alles tun, um einem anderen Mädchen zu helfen?“, rief Tommy. „Sie ist ungefähr in Ihrem Alter. Wollen Sie sie nicht aus ihren Klauen retten?“
„Sie meinen Jane Finn?“
„Ja.“
„Sie sind hergekommen, um nach ihr zu suchen? Ja?“
„Genau.“
Das Mädchen sah ihn an, dann fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn.
„Jane Finn. Immer wieder höre ich diesen Namen. Er ist mir bekannt.“
Tommy trat eifrig vor.
„Sie müssen etwas über sie wissen?“
Doch das Mädchen wandte sich abrupt ab.
„Ich weiß nichts – nur den Namen.“ Sie ging auf die Tür zu. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus. Tommy starrte sie an. Sie hatte das Bild bemerkt, das er am Abend zuvor an die Wand gelehnt hatte. Für einen Moment sah er einen Ausdruck von Entsetzen in ihren Augen. Genauso unerklärlich wich dieser Erleichterung. Dann ging sie hastig aus dem Zimmer. Tommy konnte sich keinen Reim darauf machen. Glaubte sie etwa, dass er sie damit angreifen wollte? Sicherlich nicht. Nachdenklich hängte er das Bild wieder an die Wand.
Drei weitere Tage vergingen in trübem Nichtstun. Tommy spürte, dass die Anspannung an seinen Nerven zehrte. Er sah niemanden außer Conrad und Annette, und das Mädchen war stumm geworden. Sie sprach nur noch in einsilbigen Worten. Eine Art dunkles Misstrauen glimmte in ihren Augen. Tommy hatte das Gefühl, dass er verrückt werden würde, wenn diese Einzelhaft noch viel länger andauerte. Er entnahm Conrad, dass sie auf Befehle von „Mr. Brown“ warteten. Vielleicht, dachte Tommy, war er im Ausland oder verreist, und sie waren gezwungen, auf seine Rückkehr zu warten.
Doch der Abend des dritten Tages brachte ein böses Erwachen.
Es war kaum sieben Uhr, als er das Trampeln von Schritten draußen auf dem Flur hörte. Eine Minute später wurde die Tür aufgerissen. Conrad trat ein. Bei ihm war der böse aussehende Nummer 14. Tommys Herz sank bei ihrem Anblick.
„Abend, Gouverneur“, sagte der Mann mit einem Grinsen. „Hast du die Seile dabei, Kumpel?“
Der schweigsame Conrad brachte ein Stück feine Kordel hervor. Im nächsten Moment wickelte Nummer 14 mit schrecklich geschickten Händen die Schnur um seine Gliedmaßen, während Conrad ihn festhielt.
„Was zum Teufel –?“ begann Tommy.
Doch das langsame, wortlose Grinsen des schweigsamen Conrad ließ ihm die Worte im Halse stecken.
Nummer 14 fuhr geschickt mit seiner Aufgabe fort. Nach einer weiteren Minute war Tommy nur noch ein hilfloses Bündel. Dann endlich sprach Conrad:
„Dachtest, du hättest uns geblufft, was? Mit dem, was du wusstest, und dem, was du nicht wusstest. Mit uns verhandelt! Und die ganze Zeit war es Bluff! Bluff! Du weißt weniger als ein Kätzchen. Aber deine Stunde hat jetzt geschlagen, du verdammtes Schwein.“
Tommy lag still. Es gab nichts zu sagen. Er hatte versagt. Irgendwie hatte der allmächtige Mr. Brown seine Vortäuschungen durchschaut. Plötzlich kam ihm ein Gedanke.
„Eine sehr gute Rede, Conrad“, sagte er anerkennend. „Aber wozu die Fesseln und Bande? Warum lässt du diesen freundlichen Herrn hier nicht ohne Umschweife meine Kehle durchschneiden?“
„Ach was“, sagte Nummer 14 unerwartet. „Denkst du, wir sind so grün, dich hier umzulegen und die Polizei rumschnüffeln zu lassen? Nicht im Traum! Wir haben für morgen früh die Kutsche für Eure Lordschaft bestellt, aber bis dahin gehen wir kein Risiko ein, kapiert!“
„Nichts“, sagte Tommy, „könnte deutlicher sein als deine Worte – es sei denn, es wäre dein Gesicht.“
„Halt den Mund“, sagte Nummer 14.
„Mit Vergnügen“, antwortete Tommy. „Du machst einen traurigen Fehler – aber der Verlust wird deiner sein.“
„Du veräppelst uns nicht noch einmal auf diese Weise“, sagte Nummer 14. „Redest, als wärst du immer noch im blühenden Ritz, was?“
Tommy antwortete nicht. Er war damit beschäftigt, sich zu fragen, wie Mr. Brown seine Identität entdeckt hatte. Er beschloss, dass Tuppence in ihrer Angst zur Polizei gegangen war, und dass die Bande, nachdem sein Verschwinden öffentlich geworden war, nicht lange gebraucht hatte, um eins und eins zusammenzuzählen.
Die beiden Männer gingen und die Tür knallte zu. Tommy blieb seinen Gedanken überlassen. Sie waren nicht angenehm. Bereits jetzt fühlten sich seine Gliedmaßen verkrampft und steif an. Er war völlig hilflos, und er konnte nirgendwo Hoffnung sehen.
Etwa eine Stunde war vergangen, als er hörte, wie der Schlüssel leise gedreht wurde und die Tür aufging. Es war Annette. Tommys Herz schlug ein wenig schneller. Er hatte das Mädchen vergessen. War es möglich, dass sie ihm zu Hilfe gekommen war?
Plötzlich hörte er Conrads Stimme:
„Komm da raus, Annette. Er will heute Abend kein Abendessen.“
„Oui, oui, je sais bien. Aber ich muss das andere Tablett nehmen. Wir brauchen die Sachen darauf.“
„Na gut, mach schnell“, knurrte Conrad.
Ohne Tommy anzusehen, ging das Mädchen zum Tisch und nahm das Tablett auf. Sie hob eine Hand und löschte das Licht.
„Verdammt noch mal“ – Conrad war zur Tür gekommen –, „warum hast du das getan?“
„Ich mache es immer aus. Sie hätten es mir sagen sollen. Soll ich es wieder anzünden, Monsieur Conrad?“
„Nein, komm schon da raus.“
„Le beau petit monsieur“, rief Annette und hielt im Dunkeln neben dem Bett inne. „Du hast ihn gut festgebunden, hein? Er ist wie ein verschnürtes Huhn!“ Die offene Belustigung in ihrem Tonfall stieß den Jungen ab; doch in diesem Moment fühlte er zu seinem Erstaunen, wie ihre Hand leicht über seine Fesseln fuhr und etwas Kleines und Kaltes in seine Handfläche gedrückt wurde.
„Komm schon, Annette.“
„Mais me voilà.“
Die Tür schloss sich. Tommy hörte Conrad sagen:
„Schließ ab und gib mir den Schlüssel.“
Die Schritte entfernten sich. Tommy lag wie versteinert vor Staunen. Der Gegenstand, den Annette ihm in die Hand gedrückt hatte, war ein kleines Taschenmesser mit offener Klinge. Aus der Art und Weise, wie sie es konsequent vermieden hatte, ihn anzusehen, und ihrer Aktion mit dem Licht schloss er, dass der Raum beobachtet wurde. Irgendwo in den Wänden musste ein Guckloch sein. Da er sich daran erinnerte, wie vorsichtig sie immer in ihrem Verhalten gewesen war, erkannte er, dass er wahrscheinlich die ganze Zeit unter Beobachtung gestanden hatte. Hatte er irgendetwas gesagt, das ihn verraten konnte? Kaum. Er hatte den Wunsch geäußert zu entkommen und den Wunsch, Jane Finn zu finden, aber nichts, was einen Hinweis auf seine eigene Identität hätte geben können. Zwar hatte seine Frage an Annette bewiesen, dass er persönlich nicht mit Jane Finn bekannt war, aber er hatte nie etwas anderes behauptet. Die Frage war nun, ob Annette wirklich mehr wusste? Waren ihre Dementis in erster Linie für die Zuhörer bestimmt? In diesem Punkt kam er zu keinem Ergebnis.
Doch es gab eine wichtigere Frage, die alle anderen verdrängte. Könnte er, so wie er gebunden war, es schaffen, seine Fesseln zu durchschneiden? Er versuchte vorsichtig, die offene Klinge an der Kordel auf und ab zu reiben, die seine beiden Handgelenke zusammenhielt. Es war eine umständliche Angelegenheit und entlockte ihm ein gedämpftes „Au“ vor Schmerz, als das Messer in sein Handgelenk schnitt. Doch langsam und beharrlich sägte er vor und zurück. Er schnitt sich tief ins Fleisch, doch schließlich fühlte er, wie die Kordel nachgab. Mit freien Händen war der Rest einfach. Fünf Minuten später stand er mit einiger Mühe aufrecht, da seine Gliedmaßen verkrampft waren. Seine erste Sorge war es, sein blutendes Handgelenk zu verbinden. Dann setzte er sich an die Bettkante, um nachzudenken. Conrad hatte den Schlüssel zur Tür mitgenommen, also konnte er von Annette kaum noch Unterstützung erwarten. Der einzige Ausweg aus dem Zimmer war die Tür, folglich würde er zwangsläufig warten müssen, bis die beiden Männer zurückkehrten, um ihn zu holen. Aber wenn sie es taten... Tommy lächelte! Er bewegte sich mit äußerster Vorsicht im dunklen Raum, fand das berühmte Bild und nahm es von der Wand. Er empfand eine ökonomische Freude darüber, dass sein erster Plan nicht verschwendet sein würde. Nun gab es nichts mehr zu tun, als zu warten. Er wartete.
Die Nacht verging langsam. Tommy durchlebte eine Ewigkeit von Stunden, doch schließlich hörte er Schritte. Er stellte sich aufrecht hin, atmete tief durch und ergriff das Bild fest.
Die Tür öffnete sich. Ein schwaches Licht strömte von draußen herein. Conrad ging direkt auf die Gaslampe zu, um sie anzuzünden. Tommy bedauerte zutiefst, dass er als Erster eingetreten war. Es wäre angenehm gewesen, es Conrad heimzuzahlen. Nummer 14 folgte. Als er über die Schwelle trat, schlug Tommy mit gewaltiger Wucht mit dem Bild auf seinen Kopf ein. Nummer 14 ging unter einem ohrenbetäubenden Krachen von zerbrochenem Glas zu Boden. In einer Minute war Tommy herausgeschlüpft und hatte die Tür zugezogen. Der Schlüssel steckte im Schloss. Er drehte ihn um und zog ihn ab, gerade als Conrad mit einer Flut von Flüchen von innen gegen die Tür stürmte.
Einen Moment zögerte Tommy. Man hörte jemanden im Stockwerk darunter sich bewegen. Dann drang die Stimme des Deutschen die Treppe herauf.
„Gott im Himmel! Conrad, was ist das?“
Tommy fühlte eine kleine Hand, die sich in seine schob. Neben ihm stand Annette. Sie zeigte auf eine klapprige Leiter, die anscheinend zu einigen Dachböden führte.
„Schnell – hier rauf!“ Sie zog ihn hinter sich die Leiter hinauf. Einen Moment später standen sie auf einem staubigen Dachboden, der mit Gerümpel übersät war. Tommy sah sich um.
„Das geht nicht. Das ist eine regelrechte Falle. Es gibt keinen Ausweg.“
„Pst! Warten Sie.“ Das Mädchen legte den Finger auf ihre Lippen. Sie schlich zur Spitze der Leiter und lauschte.
Das Hämmern und Schlagen gegen die Tür war gewaltig. Der Deutsche und ein anderer versuchten, die Tür aufzubrechen. Annette erklärte flüsternd:
„Sie werden denken, dass Sie noch drinnen sind. Sie können nicht hören, was Conrad sagt. Die Tür ist zu dick.“
„Ich dachte, Sie könnten hören, was im Zimmer vor sich geht?“
„Es gibt ein Guckloch zum nächsten Zimmer. Es war klug von Ihnen, das zu erraten. Aber daran werden sie nicht denken – sie sind nur darauf erpicht, hineinzukommen.“
„Ja – aber schauen Sie mal hier –“
„Überlassen Sie das mir.“ Sie beugte sich hinunter. Zu seinem Erstaunen sah Tommy, dass sie das Ende eines langen Stücks Schnur an den Griff eines großen, gesprungenen Kruges befestigte. Sie ordnete es sorgfältig an und wandte sich dann an Tommy.
„Haben Sie den Schlüssel für die Tür?“
„Ja.“
„Geben Sie ihn mir.“
Er reichte ihn ihr.
„Ich gehe jetzt hinunter. Glauben Sie, dass Sie halbwegs runtergehen und sich dann hinter der Leiter in Sicherheit schwingen können, sodass sie Sie nicht sehen?“
Tommy nickte.
„Da ist ein großer Schrank im Schatten des Treppenabsatzes. Stellen Sie sich dahinter. Nehmen Sie das Ende dieser Schnur in die Hand. Wenn ich die anderen herausgelassen habe – ziehen Sie!“
Bevor er Zeit hatte, sie etwas anderes zu fragen, war sie leicht die Leiter hinuntergehuscht und befand sich inmitten der Gruppe mit einem lauten Schrei:
„Mon Dieu! Mon Dieu! Qu’est-ce qu’il y a?“
Der Deutsche wandte sich mit einem Fluch zu ihr um.
„Verschwinde hier. Geh auf dein Zimmer!“
Sehr vorsichtig schwang sich Tommy hinter der Leiter hinunter. Solange sie sich nicht umdrehten ... war alles gut. Er kauerte sich hinter den Schrank. Sie standen immer noch zwischen ihm und der Treppe.
„Ah!“ Annette schien über etwas zu stolpern. Sie bückte sich. „Mon Dieu, voilà la clef!“
Der Deutsche riss sie ihr aus der Hand. Er schloss die Tür auf. Conrad stolperte fluchend heraus.
„Wo ist er? Habt ihr ihn?“
„Wir haben niemanden gesehen“, sagte der Deutsche scharf. Sein Gesicht erblasste. „Wen meinen Sie?“
Conrad stieß einen weiteren Fluch aus.
„Er ist entkommen.“
„Unmöglich. Er hätte an uns vorbeigemusst.“
In diesem Moment zog Tommy mit einem ekstatischen Lächeln an der Schnur. Ein Krachen von Geschirr drang vom Dachboden oben herab. Im Handumdrehen schoben sich die Männer gegenseitig die klapprige Leiter hinauf und waren in der Dunkelheit oben verschwunden.
Schnell wie ein Blitz sprang Tommy aus seinem Versteck und rannte die Treppe hinunter, wobei er das Mädchen mit sich zog. Es war niemand im Flur. Er fummelte an den Riegeln und der Kette herum. Endlich gaben sie nach, die Tür schwang auf. Er drehte sich um. Annette war verschwunden.
Tommy stand wie gebannt. War sie wieder nach oben gerannt? Welcher Wahnsinn hatte sie gepackt! Er kochte vor Ungeduld, aber er blieb standhaft. Er wollte nicht ohne sie gehen.
Und plötzlich gab es einen Aufschrei über ihm, einen Ausruf des Deutschen, und dann Annettes Stimme, klar und hoch:
„Ma foi, er ist entkommen! Und schnell! Wer hätte das gedacht?“
Tommy stand immer noch wie angewurzelt am Boden. War das ein Befehl an ihn, zu gehen? Er glaubte es.
Und dann, noch lauter, schwebten die Worte zu ihm herunter:
„Das ist ein schreckliches Haus. Ich will zurück zu Marguerite. Zu Marguerite. Zu Marguerite!“
Tommy war zur Treppe zurückgerannt. Sie wollte, dass er ging und sie zurückließ. Aber warum? Um jeden Preis musste er versuchen, sie mitzunehmen. Dann sank ihm das Herz in die Tiefe. Conrad sprang die Treppe herunter und stieß beim Anblick von ihm einen wilden Schrei aus. Hinter ihm kamen die anderen.
Tommy stoppte Conrads Ansturm mit einem geraden Schlag mit seiner Faust. Er traf den anderen am Kinnpunkt und er fiel wie ein Baumstamm. Der zweite Mann stolperte über seinen Körper und fiel. Von weiter oben auf der Treppe gab es ein Aufblitzen, und eine Kugel streifte Tommys Ohr. Er erkannte, dass es für seine Gesundheit gut wäre, dieses Haus so schnell wie möglich zu verlassen. In Bezug auf Annette konnte er nichts tun. Er hatte es Conrad heimgezahlt, was eine Genugtuung war. Der Schlag war ein guter gewesen.
Er sprang zur Tür und schlug sie hinter sich zu. Der Platz war menschenleer. Vor dem Haus stand ein Lieferwagen eines Bäckers. Offensichtlich sollte er darin aus London herausgebracht und seine Leiche viele Meilen entfernt vom Haus in Soho aufgefunden werden. Der Fahrer sprang auf den Gehsteig und versuchte, Tommy den Weg zu versperren. Wieder schnellte Tommys Faust vor, und der Fahrer streckte sich auf dem Pflaster aus.
Tommy nahm die Beine in die Hand und rannte – keine Sekunde zu früh. Die Vordertür öffnete sich, und ein Kugelhagel folgte ihm. Glücklicherweise traf ihn keine einzige. Er bog um die Ecke des Platzes.
„Eines ist sicher“, dachte er bei sich, „sie können nicht ewig weiterfeuern. Wenn sie das tun, haben sie die Polizei am Hals. Mich wundert, dass sie es dort überhaupt gewagt haben.“
Er hörte die Schritte seiner Verfolger hinter sich und verdoppelte sein eigenes Tempo. Sobald er aus diesen Nebenstraßen heraus war, wäre er in Sicherheit. Irgendwo würde ein Polizist in der Nähe sein – nicht, dass er die Hilfe der Polizei wirklich in Anspruch nehmen wollte, wenn er es irgendwie vermeiden konnte. Es bedeutete Erklärungen und allgemeine Unannehmlichkeiten. Im nächsten Moment hatte er Grund, sein Glück zu preisen. Er stolperte über eine ausgestreckte Gestalt, die mit einem Schrei des Schreckens aufsprang und die Straße hinunterjagte. Tommy zog sich in einen Hauseingang zurück. Binnen einer Minute hatte er das Vergnügen, seine beiden Verfolger, von denen einer der Deutsche war, dabei zu beobachten, wie sie eifrig die falsche Fährte verfolgten!
Tommy setzte sich ruhig auf die Türschwelle und ließ ein paar Augenblicke verstreichen, während er zu Atem kam. Dann schlenderte er gemächlich in die entgegengesetzte Richtung. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Es war kurz nach halb sechs. Es wurde schnell hell. An der nächsten Ecke passierte er einen Polizisten. Der Polizist warf einen misstrauischen Blick auf ihn. Tommy fühlte sich leicht beleidigt. Dann fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und lachte. Er hatte sich drei Tage lang weder rasiert noch gewaschen! Was für ein Kerl er aussehen musste.
Er begab sich ohne weiteres zu einem türkischen Bad, von dem er wusste, dass es die ganze Nacht geöffnet hatte. Er tauchte im geschäftigen Tageslicht wieder auf, fühlte sich wieder wie er selbst und war in der Lage, Pläne zu schmieden.
Zuallererst musste er eine richtige Mahlzeit zu sich nehmen. Seit gestern Mittag hatte er nichts gegessen. Er bog in einen A.B.C.-Laden ein und bestellte Eier mit Speck und Kaffee. Während er aß, las er eine Morgenzeitung, die vor ihm aufgestellt war. Plötzlich versteifte er sich. Es gab einen langen Artikel über Kramenin, der als der „Mann hinter dem Bolschewismus“ in Russland beschrieben wurde und der gerade in London eingetroffen war – manche hielten ihn für einen inoffiziellen Gesandten. Sein Werdegang wurde kurz skizziert, und es wurde nachdrücklich behauptet, dass er, und nicht die Marionetten-Anführer, der Urheber der russischen Revolution gewesen sei.
In der Mitte der Seite war sein Porträt.
„Das ist also Nummer 1“, sagte Tommy mit vollem Mund, während er Eier und Speck aß. „Kein Zweifel, ich muss mich beeilen.“
Er bezahlte sein Frühstück und begab sich nach Whitehall. Dort ließ er seinen Namen melden und die Nachricht übermitteln, dass es dringend sei. Ein paar Minuten später befand er sich in der Gegenwart des Mannes, der hier nicht unter dem Namen „Mr. Carter“ firmierte. Auf seinem Gesicht lag ein finsterer Blick.
„Hören Sie mal, Sie haben kein Recht, auf diese Weise nach mir zu fragen. Ich dachte, das sei ausdrücklich so vereinbart gewesen?“
„Das war es, Sir. Aber ich hielt es für wichtig, keine Zeit zu verlieren.“
Und so kurz und bündig wie möglich schilderte er die Erlebnisse der letzten Tage.
Mitten in seinen Ausführungen unterbrach ihn Mr. Carter, um ein paar kryptische Befehle durch das Telefon zu geben. Jede Spur von Unmut war nun aus seinem Gesicht verschwunden. Er nickte energisch, als Tommy geendet hatte.
„Völlig richtig. Jeder Moment ist wertvoll. Ich fürchte, wir kommen ohnehin zu spät. Sie werden nicht warten. Sie werden sofort das Weite suchen. Dennoch könnten sie etwas zurückgelassen haben, das ein Hinweis sein könnte. Sie sagen, Sie haben Nummer 1 als Kramenin identifiziert? Das ist wichtig. Wir brauchen dringend etwas gegen ihn, um zu verhindern, dass das Kabinett ihm allzu willfährig um den Hals fällt. Was ist mit den anderen? Sie sagen, zwei Gesichter kamen Ihnen bekannt vor? Einer ist ein Labour-Mann, glauben Sie? Schauen Sie sich diese Fotos durch und sehen Sie, ob Sie ihn wiedererkennen.“
Eine Minute später hielt Tommy eines hoch. Mr. Carter zeigte sich überrascht.
„Ah, Westway! Hätte ich nicht gedacht. Er gibt sich moderat. Was den anderen Kerl angeht, so glaube ich, kann ich eine gute Vermutung anstellen.“ Er reichte Tommy ein weiteres Foto und lächelte über den Ausruf des anderen. „Ich habe also recht. Wer ist er? Ire. Prominentes Mitglied der Unionisten im Parlament. Alles nur Tarnung natürlich. Wir haben es vermutet – konnten aber keinen Beweis finden. Ja, Sie haben sehr gute Arbeit geleistet, junger Mann. Der 29. sagen Sie, ist das Datum. Das lässt uns nur sehr wenig Zeit – wirklich sehr wenig Zeit.“
„Aber...“ Tommy zögerte.
Mr. Carter las seine Gedanken.
„Wir können die Bedrohung durch den Generalstreik bewältigen, denke ich. Es ist ein Glücksspiel – aber wir haben eine reelle Chance! Aber wenn dieser Vertragsentwurf auftaucht – dann sind wir erledigt. England wird ins Chaos gestürzt werden. Ah, was ist das? Das Auto? Kommen Sie, Beresford, wir werden uns dieses Haus von Ihnen einmal ansehen.“
Zwei Polizisten hatten vor dem Haus in Soho Dienst. Ein Inspektor berichtete Mr. Carter mit leiser Stimme. Letzterer wandte sich an Tommy.
„Die Vögel sind ausgeflogen – wie wir dachten. Wir könnten es uns genauso gut ansehen.“
Das verlassene Haus zu durchsuchen, kam Tommy wie ein Traum vor. Alles war genau so, wie es gewesen war. Das Gefängniszimmer mit den schiefen Bildern, der zerbrochene Krug auf dem Dachboden, der Besprechungsraum mit seinem langen Tisch. Aber nirgendwo war eine Spur von Papieren. Alles in dieser Art war entweder vernichtet oder mitgenommen worden. Und von Annette fehlte jede Spur.
„Was Sie mir über das Mädchen erzählen, macht mich stutzig“, sagte Mr. Carter. „Sie glauben, dass sie absichtlich zurückgegangen ist?“
„Es hat den Anschein, Sir. Sie rannte die Treppe hinauf, während ich versuchte, die Tür zu öffnen.“
„Hm, dann muss sie zur Bande gehören; aber als Frau hatte sie wohl keine Lust, tatenlos dabei zuzusehen, wie ein stattlicher junger Mann getötet wird. Aber offensichtlich steckt sie mit ihnen unter einer Decke, sonst wäre sie nicht zurückgegangen.“
„Ich kann nicht glauben, dass sie wirklich eine von ihnen ist, Sir. Sie... schien so anders...“
„Gutaussehend, nehme ich an?“, sagte Mr. Carter mit einem Lächeln, das Tommy bis in die Haarwurzeln erröten ließ. Er gab Annettes Schönheit etwas verschämt zu.
„Übrigens“, bemerkte Mr. Carter, „haben Sie sich schon bei Miss Tuppence gezeigt? Sie bombardiert mich mit Briefen wegen Ihnen.“
„Tuppence? Ich hatte Angst, sie könnte etwas nervös werden. Ist sie zur Polizei gegangen?“
Mr. Carter schüttelte den Kopf.
„Dann wundere ich mich, wie sie mich aufgespürt haben.“
Mr. Carter sah ihn fragend an, und Tommy erklärte es ihm. Der andere nickte nachdenklich.
„Stimmt, das ist ein ziemlich merkwürdiger Punkt. Es sei denn, die Erwähnung des Ritz war eine zufällige Bemerkung?“
„Das könnte sein, Sir. Aber sie müssen plötzlich auf irgendeine Weise von mir erfahren haben.“
„Nun“, sagte Mr. Carter und sah sich um, „hier gibt es nichts mehr zu tun. Wie wäre es mit einem Mittagessen mit mir?“
„Vielen Dank, Sir. Aber ich denke, ich sollte besser zurück und Tuppence aufstöbern.“
„Natürlich. Richten Sie ihr meine besten Grüße aus und sagen Sie ihr, sie soll nicht so bereitwillig glauben, dass Sie tot sind, wenn es das nächste Mal passiert.“
Tommy grinste.
„Ich bin nicht so leicht totzukriegen, Sir.“
„Das bemerke ich“, sagte Mr. Carter trocken. „Nun, auf Wiedersehen. Denken Sie daran, Sie sind jetzt ein gezeichneter Mann, und passen Sie einigermaßen auf sich auf.“
„Danke, Sir.“
Tommy rief flink ein Taxi, stieg ein und wurde schnell zum Ritz gebracht, während er sich der freudigen Erwartung hingab, Tuppence zu überraschen.
„Frage mich, was sie angestellt hat. Wahrscheinlich ist sie ‚Rita‘ auf den Fersen. Übrigens, ich nehme an, das ist die, die Annette mit Marguerite meinte. Das habe ich damals nicht begriffen.“ Der Gedanke machte ihn ein wenig traurig, denn es schien zu beweisen, dass Mrs. Vandemeyer und das Mädchen eng miteinander vertraut waren.
Das Taxi hielt vor dem Ritz. Tommy stürmte eifrig in dessen heilige Hallen, doch sein Enthusiasmus erhielt einen Dämpfer. Ihm wurde mitgeteilt, dass Miss Cowley vor einer Viertelstunde ausgegangen sei.
KAPITEL XVIII. DAS TELEGRAMM
Vorübergehend ratlos schlenderte Tommy in das Restaurant und bestellte eine Mahlzeit von überragender Qualität. Seine viertägige Gefangenschaft hatte ihn gelehrt, gutes Essen wieder neu zu schätzen.
Er war gerade dabei, einen besonders erlesenen Bissen Seezunge à la Jeanette zum Mund zu führen, als er Julius erblickte, der den Raum betrat. Tommy winkte fröhlich mit einer Speisekarte und schaffte es, die Aufmerksamkeit des anderen auf sich zu ziehen. Beim Anblick von Tommy schienen Julius’ Augen fast aus den Höhlen zu treten. Er schritt hinüber und schüttelte Tommys Hand mit einer für letzteren völlig unnötigen Kraft.
„Heiliger Bimbam!“, stieß er hervor. „Sind Sie es wirklich?“
„Natürlich bin ich das. Warum sollte ich es nicht sein?“
„Warum sollte ich es nicht sein? Sagen Sie, Mann, wissen Sie nicht, dass Sie für tot erklärt wurden? Ich schätze, in ein paar Tagen hätten wir ein feierliches Requiem für Sie abgehalten.“
„Wer hielt mich für tot?“, fragte Tommy.
„Tuppence.“
„Sie erinnerte sich wohl an das Sprichwort, dass die Guten jung sterben. Es muss eine gewisse Menge Erbsünde in mir stecken, dass ich überlebt habe. Wo ist eigentlich Tuppence?“
„Ist sie nicht hier?“
„Nein, die Leute im Büro sagten, sie sei gerade ausgegangen.“
„Einkaufen, nehme ich an. Ich habe sie vor etwa einer Stunde mit dem Auto hier abgesetzt. Aber sagen Sie mal, können Sie diese britische Ruhe nicht mal ablegen und zur Sache kommen? Was um Himmels willen haben Sie die ganze Zeit über getrieben?“
„Wenn Sie hier essen“, erwiderte Tommy, „bestellen Sie jetzt. Das wird eine lange Geschichte.“
Julius zog einen Stuhl auf die gegenüberliegende Seite des Tisches, rief einen vorbeischwebenden Kellner und diktierte seine Wünsche. Dann wandte er sich an Tommy.
„Schießen Sie los. Ich schätze, Sie haben einige Abenteuer erlebt.“
„Ein oder zwei“, antwortete Tommy bescheiden und begann mit seinem Bericht.
Julius hörte gebannt zu. Die Hälfte der Gerichte, die vor ihm platziert wurden, vergaß er zu essen. Am Ende stieß er einen langen Seufzer aus.
„Hut ab. Liest sich wie ein Groschenroman!“
„Und nun zur Heimatfront“, sagte Tommy und streckte die Hand nach einem Pfirsich aus.
„Nun ja“, zog Julius das Wort in die Länge, „ich gebe zu, wir haben auch einige Abenteuer erlebt.“
Er seinerseits übernahm die Rolle des Erzählers. Angefangen bei seinem erfolglosen Erkundungsgang in Bournemouth, ging er dazu über, seine Rückkehr nach London, den Kauf des Autos, die wachsende Besorgnis von Tuppence, den Besuch bei Sir James und die sensationellen Ereignisse der letzten Nacht zu schildern.
„Aber wer hat sie getötet?“, fragte Tommy. „Das verstehe ich nicht ganz.“
„Der Arzt hat sich eingeredet, sie habe es selbst genommen“, antwortete Julius trocken.
„Und Sir James? Was dachte er?“
„Da er eine juristische Leuchte ist, ist er auch eine menschliche Auster“, antwortete Julius. „Ich würde sagen, er hat sich ‚ein Urteil vorbehalten‘.“ Er fuhr fort, die Ereignisse des Morgens zu erläutern.
„Hat ihr Gedächtnis verloren, was?“, sagte Tommy interessiert. „Beim Jupiter, das erklärt, warum sie mich so merkwürdig ansahen, als ich davon sprach, sie zu befragen. Ein kleiner Ausrutscher meinerseits! Aber das war nicht die Art von Sache, die man so leicht erraten würde.“
„Sie haben Ihnen keinerlei Hinweis darauf gegeben, wo Jane war?“
Tommy schüttelte bedauernd den Kopf.
„Kein Wort. Ich bin ein ziemlicher Esel, wie Sie wissen. Ich hätte irgendwie mehr aus ihnen herausbekommen müssen.“
„Ich schätze, Sie können von Glück sagen, dass Sie überhaupt hier sind. Dieser Bluff von Ihnen war wirklich klasse. Wie Sie jemals darauf gekommen sind, alles so schlagfertig zu sagen, ist mir ein Rätsel!“
„Ich hatte solche Angst, dass ich mir etwas ausdenken musste“, sagte Tommy einfach.
Es gab eine kurze Pause, und dann kam Tommy auf den Tod von Mrs. Vandemeyer zurück.
„Es besteht kein Zweifel, dass es Chloral war?“
„Ich glaube nicht. Zumindest nennen sie es Herzversagen, das durch eine Überdosis ausgelöst wurde, oder irgendein solches Geschwätz. Ist schon in Ordnung. Wir wollen uns nicht mit einer Untersuchung herumschlagen. Aber ich schätze, Tuppence und ich und sogar der hochtrabende Sir James haben alle dieselbe Idee.“
„Mr. Brown?“, wagte Tommy zu fragen.
„Ganz genau.“
Tommy nickte.
„Trotzdem“, sagte er nachdenklich, „Mr. Brown hat keine Flügel. Ich sehe nicht, wie er hinein- und herausgekommen ist.“
„Wie wäre es mit einem erstklassigen Gedankentransfer-Trick? Einem magnetischen Einfluss, der Mrs. Vandemeyer unwiderstehlich dazu trieb, Selbstmord zu begehen?“
Tommy sah ihn respektvoll an.
„Gut, Julius. Ausgesprochen gut. Besonders die Wortwahl. Aber mich lässt das kalt. Ich sehne mich nach einem echten Mr. Brown aus Fleisch und Blut. Ich denke, die begabten jungen Detektive müssen sich an die Arbeit machen, die Eingänge und Ausgänge untersuchen und sich so lange an die Stirn tippen, bis ihnen die Lösung des Rätsels dämmert. Gehen wir zum Tatort. Ich wünschte, wir könnten Tuppence erwischen. Das Ritz würde das Spektakel des glücklichen Wiedersehens genießen.“
Eine Nachfrage im Büro ergab, dass Tuppence noch nicht zurückgekehrt war.
„Wie dem auch sei, ich schätze, ich werde mich oben mal umsehen“, sagte Julius. „Vielleicht ist sie in meinem Wohnzimmer.“ Er verschwand.
Plötzlich sprach ein kleiner Junge an Tommys Ellbogen:
„Das junge Fräulein – sie ist mit dem Zug weggefahren, glaube ich, Sir“, murmelte er schüchtern.
„Was?“ Tommy wirbelte zu ihm herum.
Der kleine Junge wurde noch rötlicher als zuvor.
„Das Taxi, Sir. Ich habe sie zum Fahrer sagen hören: Charing Cross und machen Sie schnell.“
Tommy starrte ihn an, seine Augen weiteten sich vor Überraschung. Ermutigt fuhr der kleine Junge fort: „Deshalb dachte ich es, weil sie nach einem A.B.C. und einem Bradshaw gefragt hat.“
Tommy unterbrach ihn:
„Wann hat sie nach einem A.B.C. und einem Bradshaw gefragt?“
„Als ich ihr das Telegramm brachte, Sir.“
„Ein Telegramm?“
„Ja, Sir.“
„Wann war das?“
„Etwa um halb eins, Sir.“
„Erzählen Sie mir genau, was passiert ist.“
Der kleine Junge holte tief Luft.
„Ich brachte ein Telegramm zur Nummer 891 – das Fräulein war dort. Sie öffnete es, japste, und dann sagte sie ganz fröhlich: ‚Bringen Sie mir einen Bradshaw und ein A.B.C. und machen Sie schnell, Henry.‘ Mein Name ist zwar nicht Henry, aber...“
„Vergessen Sie Ihren Namen“, sagte Tommy ungeduldig. „Weiter.“
„Ja, Sir. Ich brachte sie, sie sagte mir, ich solle warten, und schlug etwas nach. Und dann schaut sie auf die Uhr und ‚Beeilen Sie sich‘, sagt sie. ‚Sagen Sie ihnen, sie sollen mir ein Taxi besorgen‘, und sie beginnt, sich ihren Hut vor dem Spiegel zurechtzurücken, und sie war im Nu unten, fast so schnell wie ich, und ich sah, wie sie die Stufen hinunterging und ins Taxi stieg, und ich hörte sie das rufen, was ich Ihnen gesagt habe.“
Der kleine Junge hielt inne und holte Luft. Tommy starrte ihn weiter an. In diesem Moment kam Julius zu ihm zurück. Er hielt einen offenen Brief in der Hand.
„Ich sage Ihnen, Hersheimmer“ – Tommy wandte sich an ihn – „Tuppence ist auf eigene Faust losgezogen, um zu ermitteln.“
„Verdammt!“
„Ja, das ist sie. Sie ist in heller Aufregung in einem Taxi zum Charing Cross gefahren, nachdem sie ein Telegramm erhalten hatte.“ Sein Blick fiel auf den Brief in Julius’ Hand. „Oh, sie hat einen Zettel für Sie hinterlassen. Das ist in Ordnung. Wohin ist sie unterwegs?“
Fast unbewusst hielt er die Hand nach dem Brief aus, aber Julius faltete ihn zusammen und steckte ihn in seine Tasche. Er schien etwas verlegen.
„Ich glaube, das hat damit nichts zu tun. Es geht um etwas anderes – etwas, wonach ich sie gefragt habe, das sie mir mitteilen sollte.“
„Oh!“ Tommy sah ratlos aus und schien auf mehr zu warten.
„Sehen Sie“, sagte Julius plötzlich, „ich sollte Sie besser einweihen. Ich habe Miss Tuppence heute Morgen einen Heiratsantrag gemacht.“
„Oh!“, sagte Tommy mechanisch. Er fühlte sich wie benommen. Julius’ Worte waren völlig unerwartet. Für einen Moment betäubten sie sein Gehirn.
„Ich möchte Ihnen sagen“, fuhr Julius fort, „dass ich, bevor ich Miss Tuppence irgendetwas in dieser Richtung vorgeschlagen habe, klargestellt habe, dass ich mich in keiner Weise zwischen sie und Sie drängen wollte...“
Tommy rappelte sich auf.
„Das ist schon in Ordnung“, sagte er schnell. „Tuppence und ich sind seit Jahren Kumpels. Mehr nicht.“ Er zündete sich eine Zigarette mit einer Hand an, die ein ganz klein wenig zitterte. „Das ist völlig in Ordnung. Tuppence hat immer gesagt, dass sie Ausschau hält nach...“
Er hielt abrupt inne, sein Gesicht rötete sich, aber Julius war keineswegs aus der Fassung gebracht.
„Oh, ich schätze, die Dollars werden den Ausschlag geben. Miss Tuppence hat mich sofort darüber aufgeklärt. Bei ihr gibt es keinen Firlefanz. Wir sollten sehr gut miteinander auskommen.“
Tommy sah ihn eine Minute lang neugierig an, als wollte er etwas sagen, besann sich dann aber anders und sagte nichts. Tuppence und Julius! Nun, warum nicht? Hatte sie nicht beklagt, dass sie keine reichen Männer kenne? Hatte sie nicht offen ihre Absicht erklärt, aus Geldgründen zu heiraten, wenn sie jemals die Chance dazu bekäme? Ihr Treffen mit dem jungen amerikanischen Millionär hatte ihr diese Chance gegeben – und es war unwahrscheinlich, dass sie zögern würde, sie zu nutzen. Sie war auf Geld aus. Das hatte sie immer gesagt. Warum ihr Vorwürfe machen, weil sie ihrem Credo treu geblieben war?
Dennoch machte Tommy ihr Vorwürfe. Er war erfüllt von einem leidenschaftlichen und völlig unlogischen Groll. Es war ja schön und gut, solche Dinge zu sagen – aber ein echtes Mädchen würde niemals aus Geldgründen heiraten. Tuppence war absolut kaltblütig und egoistisch, und er wäre hocherfreut, wenn er sie nie wiedersehen würde! Und es war eine verfluchte Welt!
Julius’ Stimme unterbrach diese Meditationen.
„Ja, wir sollten sehr gut miteinander auskommen. Ich habe gehört, dass ein Mädchen einen immer einmal abweist – eine Art Konvention.“
Tommy ergriff seinen Arm.
„Abweist? Sagten Sie abweist?“
„Ganz genau. Habe ich Ihnen das nicht gesagt? Sie hat einfach ‚Nein‘ herausgehauen, ohne irgendeinen Grund dafür. Das ewig Weibliche, wie die Hunnen es nennen, habe ich gehört. Aber sie wird schon noch zur Vernunft kommen. Wahrscheinlich habe ich sie etwas bedrängt...“
Doch Tommy unterbrach ihn, ohne sich um die Etikette zu scheren.
„Was hat sie in dem Zettel geschrieben?“, fragte er heftig.
Der gefällige Julius reichte ihn ihm.
„Es gibt absolut keinen Hinweis darin, wohin sie gegangen ist“, versicherte er Tommy. „Aber Sie können ja selbst nachsehen, wenn Sie mir nicht glauben.“
Der Zettel, in Tuppences bekannter Schuljungen-Handschrift, lautete wie folgt:
„LIEBER JULIUS,
„Es ist immer besser, die Dinge schwarz auf weiß zu haben. Ich habe das Gefühl, ich kann mich nicht mit dem Gedanken an eine Heirat befassen, bis Tommy gefunden ist. Belassen wir es bis dahin.
„In herzlicher Verbundenheit,
„TUPPENCE.“
Tommy gab ihn zurück, seine Augen leuchteten. Seine Gefühle hatten eine scharfe Wendung genommen. Er empfand nun, dass Tuppence alles war, was edel und uneigennützig war. Hatte sie nicht ohne Zögern Julius abgewiesen? Zwar deutete der Zettel Anzeichen einer Abschwächung an, aber das konnte er entschuldigen. Er las sich fast wie ein Bestechungsversuch an Julius, um ihn in seinen Bemühungen, Tommy zu finden, anzuspornen, aber er nahm an, dass sie es nicht wirklich so gemeint hatte. Die liebste Tuppence, es gab kein Mädchen auf der Welt, das ihr das Wasser reichen konnte! Wenn er sie erst sähe... Seine Gedanken wurden mit einem plötzlichen Ruck unterbrochen.
„Wie Sie sagen“, bemerkte er und fasste sich wieder, „gibt es hier keinen Hinweis darauf, was sie vorhat. He – Henry!“
Der kleine Junge kam gehorsam. Tommy zückte fünf Schilling.
„Noch eins. Erinnern Sie sich, was das junge Fräulein mit dem Telegramm gemacht hat?“
Henry japste und sprach.
„Sie hat es zu einer Kugel zerknüllt und in den Kamin geworfen und ein Geräusch wie ‚Hui!‘ gemacht, Sir.“
„Sehr anschaulich, Henry“, sagte Tommy. „Hier sind Ihre fünf Schilling. Kommen Sie, Julius. Wir müssen dieses Telegramm finden.“
Sie eilten nach oben. Tuppence hatte den Schlüssel in ihrer Tür stecken lassen. Das Zimmer war, wie sie es verlassen hatte. Im Kamin lag eine zerknüllte orange-weiße Kugel. Tommy entfaltete sie und strich das Telegramm glatt.
„Komm sofort, Moat House, Ebury, Yorkshire, große Entwicklungen – TOMMY.“
Sie sahen sich fassungslos an. Julius sprach zuerst:
„Sie haben es nicht geschickt?“
„Natürlich nicht. Was bedeutet das?“
„Ich schätze, es bedeutet das Schlimmste“, sagte Julius leise. „Sie haben sie erwischt.“
„Was?“
„Ganz genau! Sie haben Ihren Namen unterschrieben, und sie ist wie ein Lamm in die Falle getappt.“
„Mein Gott! Was sollen wir tun?“
„Sich beeilen und ihr nach! Sofort! Es gibt keine Zeit zu verlieren. Es ist ein riesiges Glück, dass sie den Draht nicht mitgenommen hat. Hätte sie das, hätten wir sie wahrscheinlich nie aufgespürt. Aber wir müssen uns beeilen. Wo ist dieser Bradshaw?“
Die Energie von Julius war ansteckend. Auf sich allein gestellt, hätte Tommy wahrscheinlich eine gute halbe Stunde lang dagesessen, um nachzudenken, bevor er sich für einen Handlungsplan entschieden hätte. Aber mit Julius Hersheimmer in der Nähe war Eile unvermeidlich.
Nach ein paar gemurmelten Flüchen reichte er Tommy den Bradshaw, da dieser mit dessen Geheimnissen vertrauter war. Tommy ließ ihn zugunsten eines A.B.C. links liegen.
„Da haben wir’s. Ebury, Yorks. Von King’s Cross. Oder St. Pancras. (Der Junge muss sich geirrt haben. Es war King’s Cross, nicht Charing Cross.) 12.50 Uhr, das ist der Zug, den sie genommen hat. 14.10 Uhr, der ist weg. 15.20 Uhr ist der nächste – und verdammt noch mal ein Bummelzug.“
„Was ist mit dem Auto?“
Tommy schüttelte den Kopf.
„Lass es nachkommen, wenn du willst, aber wir sollten bei dem Zug bleiben. Die Hauptsache ist, ruhig zu bleiben.“
Julius stöhnte.
„Stimmt schon. Aber es bringt mich auf die Palme, wenn ich an dieses unschuldige junge Mädchen in Gefahr denke!“
Tommy nickte geistesabwesend. Er dachte nach. Nach einem Moment sagte er:
„Sag mal, Julius, warum wollen die sie überhaupt haben?“
„Wie? Ich verstehe dich nicht?“
„Ich meine, ich glaube nicht, dass es ihr Spiel ist, ihr etwas zuleide zu tun“, erklärte Tommy und runzelte die Stirn bei der Anstrengung seines Nachdenkens. „Sie ist eine Geisel, das ist es, was sie ist. Sie ist nicht in unmittelbarer Gefahr, denn wenn wir auf irgendetwas stoßen, wäre sie verdammt nützlich für sie. Solange sie sie haben, haben sie uns in der Hand. Verstehst du?“
„Sicher“, sagte Julius nachdenklich. „Das stimmt.“
„Außerdem“, fügte Tommy wie einen nachträglichen Gedanken hinzu, „habe ich großes Vertrauen in Tuppence.“
Die Reise war ermüdend, mit vielen Stopps und überfüllten Abteilen. Sie mussten zweimal umsteigen, einmal in Doncaster, einmal an einem kleinen Knotenpunkt. Ebury war ein verlassener Bahnhof mit einem einsamen Gepäckträger, an den sich Tommy wandte:
„Können Sie mir den Weg zum Moat House sagen?“
„Zum Moat House? Das ist ein gutes Stück von hier. Sie meinen das große Haus nahe am Meer?“
Tommy stimmte dreist zu. Nachdem sie sich die akribischen, aber verwirrenden Wegbeschreibungen des Gepäckträgers angehört hatten, machten sie sich bereit, den Bahnhof zu verlassen. Es fing an zu regnen, und sie schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch, während sie durch den Matsch auf der Straße stapften. Plötzlich hielt Tommy inne.
„Warten Sie einen Moment.“ Er lief zurück zum Bahnhof und nahm sich den Gepäckträger erneut vor.
„Hören Sie mal, erinnern Sie sich an eine junge Dame, die mit einem früheren Zug angekommen ist, dem 12.50-Uhr-Zug aus London? Sie hat Sie wahrscheinlich nach dem Weg zum Moat House gefragt.“
Er beschrieb Tuppence so gut er konnte, doch der Gepäckträger schüttelte den Kopf. Mehrere Leute waren mit dem fraglichen Zug angekommen. Er konnte sich an keine junge Dame im Besonderen erinnern. Aber er war sich ganz sicher, dass ihn niemand nach dem Weg zum Moat House gefragt hatte.
Tommy schloss sich wieder Julius an und erklärte die Lage. Niedergeschlagenheit legte sich wie ein Bleigewicht auf ihn. Er war überzeugt, dass ihre Suche erfolglos bleiben würde. Der Feind hatte über drei Stunden Vorsprung. Drei Stunden waren mehr als genug für Mr. Brown. Er würde die Möglichkeit, dass das Telegramm gefunden worden war, nicht ignorieren.
Der Weg schien endlos. Einmal bogen sie falsch ab und kamen fast eine halbe Meile vom Kurs ab. Es war nach sieben Uhr, als ein kleiner Junge ihnen sagte, dass das „Moat House“ gleich hinter der nächsten Ecke läge.
Ein rostiges Eisentor, das trostlos in seinen Angeln schwingt! Eine verwilderte Zufahrt, dicht mit Laub bedeckt. Es lag etwas an diesem Ort, das ihnen beiden einen Schauer über den Rücken jagte. Sie gingen die verlassene Auffahrt hinauf. Das Laub dämpfte ihre Schritte. Das Tageslicht war fast verschwunden. Es war, als wandle man in einer Welt der Geister. Über ihnen klapperten und knarrten die Äste mit einem klagenden Ton. Gelegentlich driftete ein durchnässtes Blatt lautlos herab und erschreckte sie mit seiner kalten Berührung auf der Wange.
Eine Biegung der Auffahrt brachte sie in Sichtweite des Hauses. Auch das wirkte leer und verlassen. Die Fensterläden waren geschlossen, die Stufen zur Tür von Moos überwuchert. War Tuppence tatsächlich an diesen trostlosen Ort gelockt worden? Es fiel schwer zu glauben, dass seit Monaten ein menschlicher Fuß diesen Weg betreten hatte.
Julius riss am rostigen Türgriff der Klingel. Ein klirrendes Geläut erklang misstönig und hallte durch die Leere im Inneren. Niemand kam. Sie klingelten immer wieder – aber es gab kein Lebenszeichen. Dann gingen sie einmal komplett um das Haus herum. Überall Stille und verschlossene Fenster. Wenn sie dem Zeugnis ihrer Augen glauben durften, war der Ort leer.
„Nichts zu machen“, sagte Julius.
Sie traten langsam den Rückweg zum Tor an.
„Es muss ein Dorf in der Nähe geben“, fuhr der junge Amerikaner fort. „Wir sollten uns dort erkundigen. Die werden etwas über den Ort wissen und ob in letzter Zeit jemand dort war.“
„Ja, das ist keine schlechte Idee.“
Sie gingen die Straße weiter hinauf und kamen bald zu einem kleinen Weiler. Am Ortsrand trafen sie einen Arbeiter, der seine Werkzeugtasche schwang, und Tommy hielt ihn mit einer Frage an.
„Das Moat House? Das steht leer. Seit Jahren schon. Mrs. Sweeny hat den Schlüssel, wenn Sie es sich ansehen wollen – gleich neben dem Postamt.“
Tommy dankte ihm. Sie fanden bald das Postamt, das auch ein Laden für Süßwaren und allerlei Dinge war, und klopften an die Tür des Häuschens daneben. Eine saubere, vertrauenerweckende Frau öffnete. Sie rückte bereitwillig den Schlüssel für das Moat House heraus.
„Obwohl ich bezweifle, dass es die Art von Haus ist, die Ihnen zusagt, mein Herr. In einem schrecklichen Zustand. Die Decken sind undicht und so weiter. Da müsste man eine Menge Geld hineinstecken.“
„Danke“, sagte Tommy fröhlich. „Ich nehme an, es wird ein Reinfall, aber Häuser sind heutzutage Mangelware.“
„Das sind sie wohl“, erklärte die Frau herzlich. „Meine Tochter und mein Schwiegersohn suchen schon seit Ewigkeiten nach einem anständigen Häuschen. Das ist alles wegen des Krieges. Der hat die Dinge schrecklich durcheinandergebracht. Aber entschuldigen Sie, mein Herr, es wird zu dunkel sein, als dass Sie viel vom Haus sehen könnten. Wäre es nicht besser, Sie warten bis morgen?“
„Das macht nichts. Wir sehen uns heute Abend sowieso nur ein bisschen um. Wir wären schon früher hier gewesen, hätten wir nicht den Weg verloren. Wo kann man hier am besten übernachten?“
Mrs. Sweeny sah zweifelnd aus.
„Es gibt das Yorkshire Arms, aber das ist kein Ort für Herren wie Sie.“
„Oh, das wird schon gehen. Danke. Übrigens, war heute keine junge Dame hier und hat nach diesem Schlüssel gefragt?“
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Schon lange ist niemand mehr drinnen gewesen.“
„Vielen Dank.“
Sie gingen zurück zum Moat House. Als die Vordertür in ihren Angeln schwang und laut protestierte, zündete Julius ein Streichholz an und untersuchte sorgfältig den Boden. Dann schüttelte er den Kopf.
„Ich schwöre, hier ist niemand vorbeigekommen. Schauen Sie sich den Staub an. Dick. Nicht ein Anzeichen einer Spur.“
Sie wanderten durch das verlassene Haus. Überall dieselbe Geschichte. Dicke Staubschichten, die offenbar ungestört geblieben waren.
„Das verstehe ich nicht“, sagte Julius. „Ich glaube nicht, dass Tuppence jemals in diesem Haus war.“
„Sie muss hier gewesen sein.“
Julius schüttelte den Kopf, ohne zu antworten.
„Wir sehen es uns morgen noch einmal an“, sagte Tommy. „Vielleicht sehen wir bei Tageslicht mehr.“
Am nächsten Tag nahmen sie die Suche wieder auf und sahen sich widerwillig gezwungen, zu dem Schluss zu kommen, dass das Haus schon seit geraumer Zeit nicht mehr betreten worden war. Sie hätten das Dorf vielleicht ganz verlassen, wenn Tommy nicht einen glücklichen Fund gemacht hätte. Als sie sich wieder auf den Weg zum Tor machten, stieß er einen plötzlichen Ruf aus, bückte sich, hob etwas aus dem Laub auf und hielt es Julius hin. Es war eine kleine goldene Brosche.
„Das ist Tuppences!“
„Bist du sicher?“
„Absolut. Ich habe sie oft gesehen, wie sie sie getragen hat.“
Julius holte tief Luft.
„Ich schätze, das klärt die Sache. Sie ist zumindest bis hierher gekommen. Wir machen das Pub zu unserem Hauptquartier und setzen alles in Bewegung, bis wir sie finden. Irgendjemand muss sie gesehen haben.“
Sofort begann die Kampagne. Tommy und Julius arbeiteten getrennt und gemeinsam, aber das Ergebnis war dasselbe. Niemand, auf den Tuppences Beschreibung passte, war in der Nähe gesehen worden. Sie waren ratlos – aber nicht entmutigt. Schließlich änderten sie ihre Taktik. Tuppence war sicherlich nicht lange in der Umgebung des Moat House geblieben. Das deutete darauf hin, dass sie überwältigt und in einem Auto weggebracht worden war. Sie erneuerten ihre Nachforschungen. Hatte jemand an jenem Tag ein Auto in der Nähe des Moat House stehen sehen? Wieder hatten sie keinen Erfolg.
Julius telegrafierte in die Stadt, damit sein eigenes Auto gebracht wurde, und sie durchkämmten die Umgebung täglich mit unermüdlichem Eifer. Eine graue Limousine, in die sie große Hoffnungen gesetzt hatten, wurde bis Harrogate zurückverfolgt und entpuppte sich als das Eigentum einer sehr angesehenen alleinstehenden Dame!
Jeder Tag sah sie auf einer neuen Suche aufbrechen. Julius war wie ein Hund an der Leine. Er ging der geringsten Spur nach. Jedes Auto, das an jenem schicksalhaften Tag durch das Dorf gefahren war, wurde aufgespürt. Er drang in Landhäuser ein und unterzog die Besitzer der Fahrzeuge einem intensiven Kreuzverhör. Seine Entschuldigungen waren so gründlich wie seine Methoden und verfehlten selten ihre Wirkung, die Empörung seiner Opfer zu beschwichtigen; doch während ein Tag auf den anderen folgte, kamen sie dem Aufenthaltsort von Tuppence nicht näher. Die Entführung war so gut geplant worden, dass das Mädchen buchstäblich in Luft aufgelöst zu sein schien.
Und eine weitere Sorge lastete auf Tommys Geist.
„Weißt du, wie lange wir schon hier sind?“, fragte er eines Morgens, als sie sich beim Frühstück gegenübersaßen. „Eine Woche! Wir sind der Suche nach Tuppence keinen Schritt näher gekommen, und nächsten Sonntag ist der 29.!“
„Verdammt!“, sagte Julius nachdenklich. „Ich hatte den 29. fast vergessen. Ich habe an nichts anderes als an Tuppence gedacht.“
„Ich auch nicht. Zumindest hatte ich den 29. nicht vergessen, aber im Vergleich dazu, Tuppence zu finden, schien es völlig egal zu sein. Aber heute ist der 23., und die Zeit wird knapp. Wenn wir sie jemals in unsere Gewalt bekommen wollen, müssen wir es vor dem 29. tun – danach ist ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert. Das Geiselspiel ist dann vorbei. Ich fange an zu glauben, dass wir einen großen Fehler bei der Art und Weise gemacht haben, wie wir das angegangen sind. Wir haben Zeit verschwendet und sind keinen Schritt weiter.“
„Da stimme ich dir zu. Wir waren zwei Dummköpfe, die sich mehr vorgenommen haben, als sie bewältigen können. Ich werde sofort mit der Narretei aufhören!“
„Was meinst du?“
„Ich sage es dir. Ich werde das tun, was wir vor einer Woche hätten tun sollen. Ich fahre direkt zurück nach London, um den Fall in die Hände eurer britischen Polizei zu legen. Wir hielten uns für Meisterdetektive. Detektive! Das war eine bodenlose Dummheit! Ich bin fertig! Ich habe genug davon. Scotland Yard, das ist meine nächste Station!“
„Du hast recht“, sagte Tommy langsam. „Ich wünschte bei Gott, wir wären gleich dorthin gegangen.“
„Besser spät als nie. Wir waren wie zwei Kleinkinder, die ‚Ringelreigen‘ spielen. Jetzt fahre ich schnurstracks zu Scotland Yard und bitte sie, mich an die Hand zu nehmen und mir den Weg zu zeigen, den ich gehen soll. Ich schätze, der Profi schlägt am Ende immer den Amateur. Kommst du mit?“
Tommy schüttelte den Kopf.
„Was bringt das? Einer von uns reicht. Ich könnte genauso gut hierbleiben und noch ein bisschen herumschnüffeln. Vielleicht ergibt sich ja noch was. Man weiß ja nie.“
„Sicher. Also dann, mach’s gut. Ich bin in zwei Minuten zurück und bringe ein paar Inspektoren mit. Ich werde ihnen sagen, sie sollen ihre Besten und Klügsten auswählen.“
Doch der Lauf der Ereignisse sollte nicht dem Plan folgen, den Julius aufgestellt hatte. Später am Tag erhielt Tommy ein Telegramm:
„Komm nach Manchester, Midland Hotel. Wichtige Neuigkeiten – JULIUS.“
Um 19.30 Uhr stieg Tommy aus einem langsamen Regionalzug. Julius war am Bahnsteig.
„Ich dachte, du würdest diesen Zug nehmen, falls du noch nicht weg warst, als mein Telegramm ankam.“
Tommy packte ihn am Arm.
„Was ist los? Ist Tuppence gefunden?“
Julius schüttelte den Kopf.
„Nein. Aber das hier wartete in London auf mich. Gerade erst angekommen.“
Er reichte dem anderen das Telegrammformular. Tommys Augen weiteten sich, als er las:
„Jane Finn gefunden. Komm sofort ins Midland Hotel, Manchester – PEEL EDGERTON.“
Julius nahm das Formular zurück und faltete es zusammen.
„Seltsam“, sagte er nachdenklich. „Ich dachte, dieser Anwaltstyp hätte aufgegeben!“
KAPITEL XIX. JANE FINN
„Mein Zug kam vor einer halben Stunde an“, erklärte Julius, während er den Weg aus dem Bahnhof wies. „Ich habe mir gedacht, dass du diesen Zug nehmen würdest, bevor ich London verließ, und habe Sir James entsprechend telegrafiert. Er hat Zimmer für uns gebucht und wird um acht zum Abendessen vorbeikommen.“
„Was hat dich glauben lassen, dass er kein Interesse mehr an dem Fall hätte?“, fragte Tommy neugierig.
„Was er gesagt hat“, antwortete Julius trocken. „Der alte Vogel ist verschlossen wie eine Auster! Wie alle von dieser Sorte wollte er sich nicht festlegen, bis er sicher war, dass er abliefern kann.“
„Ich frage mich...“, sagte Tommy nachdenklich.
Julius drehte sich zu ihm um.
„Was fragst du dich?“
„Ob das sein wirklicher Grund war.“
„Sicher. Darauf kannst du Gift nehmen.“
Tommy schüttelte unüberzeugt den Kopf.
Sir James kam pünktlich um acht Uhr an, und Julius stellte Tommy vor. Sir James schüttelte ihm herzlich die Hand.
„Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Beresford. Ich habe so viel von Ihnen von Miss Tuppence gehört“ – er lächelte unwillkürlich – „dass es mir wirklich vorkommt, als würde ich Sie bereits ganz gut kennen.“
„Danke, Sir“, sagte Tommy mit seinem fröhlichen Grinsen. Er musterte den großen Anwalt eifrig. Wie Tuppence spürte er den Magnetismus der Persönlichkeit des anderen. Er fühlte sich an Mr. Carter erinnert. Die beiden Männer, die sich äußerlich so gar nicht ähnelten, erzeugten eine ähnliche Wirkung. Unter der müden Art des einen und der professionellen Zurückhaltung des anderen lag dieselbe Qualität des Geistes, scharf wie ein Degen.
Währenddessen war er sich der genauen Beobachtung durch Sir James bewusst. Wenn der Anwalt die Augen senkte, hatte der junge Mann das Gefühl, dass der andere ihn durch und durch wie ein offenes Buch gelesen hatte. Er konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie das endgültige Urteil lautete, aber es gab wenig Chance, das zu erfahren. Sir James nahm alles auf, gab aber nur das preis, was er wollte. Ein Beweis dafür ergab sich fast sofort.
Sobald die ersten Begrüßungen vorbei waren, brach Julius in einen Schwall eifriger Fragen aus. Wie hatte Sir James es geschafft, das Mädchen aufzuspüren? Warum hatte er sie nicht wissen lassen, dass er noch an dem Fall arbeitete? Und so weiter.
Sir James strich sich über das Kinn und lächelte. Schließlich sagte er:
„Schon gut, schon gut. Nun, sie ist gefunden. Und das ist die Hauptsache, nicht wahr? Eh! Kommen Sie jetzt, das ist die Hauptsache?“
„Sicher ist es das. Aber wie genau sind Sie auf ihre Spur gekommen? Miss Tuppence und ich dachten, Sie hätten ein für alle Mal aufgegeben.“
„Ah!“ Der Anwalt warf ihm einen blitzartigen Blick zu und widmete sich dann wieder seinem Kinn. „Das dachten Sie, nicht wahr? Wirklich? H’m, mein lieber Mann.“
„Aber ich schätze, ich kann davon ausgehen, dass wir uns geirrt haben“, fuhr Julius fort.
„Nun, ich weiß nicht, ob ich so weit gehen sollte, das zu sagen. Aber es ist sicherlich für alle Beteiligten ein Glück, dass es uns gelungen ist, die junge Dame zu finden.“
„Aber wo ist sie?“, verlangte Julius zu wissen, seine Gedanken sprangen auf eine andere Spur. „Ich dachte, Sie würden sie sicher mitbringen?“
„Das wäre kaum möglich gewesen“, sagte Sir James ernst.
„Warum?“
„Weil die junge Dame bei einem Straßenunfall angefahren wurde und leichte Kopfverletzungen davongetragen hat. Sie wurde in die Krankenstation gebracht und nannte nach dem Wiedererlangen des Bewusstseins den Namen Jane Finn. Als – ah! – ich das hörte, veranlasste ich, dass sie in das Haus eines Arztes gebracht wurde – eines Freundes von mir – und telegrafierte sofort an Sie. Sie fiel wieder in Bewusstlosigkeit und hat seitdem nicht mehr gesprochen.“
„Sie ist nicht ernsthaft verletzt?“
„Oh, eine Prellung und ein oder zwei Schnitte; wirklich, aus medizinischer Sicht absurd leichte Verletzungen, um einen solchen Zustand hervorzurufen. Ihr Zustand ist wahrscheinlich auf den mentalen Schock zurückzuführen, der durch die Wiedererlangung ihres Gedächtnisses ausgelöst wurde.“
„Es ist zurückgekehrt?“, rief Julius aufgeregt.
Sir James klopfte eher ungeduldig auf den Tisch.
„Zweifellos, Mr. Hersheimmer, da sie ihren richtigen Namen nennen konnte. Ich dachte, Sie hätten diesen Punkt verstanden.“
„Und Sie waren zufällig gerade vor Ort“, sagte Tommy. „Das klingt ja wie ein Märchen.“
Aber Sir James war viel zu vorsichtig, um sich aus der Reserve locken zu lassen.
„Zufälle sind seltsame Dinge“, sagte er trocken.
Dennoch war Tommy sich jetzt sicher, was er zuvor nur geahnt hatte. Die Anwesenheit von Sir James in Manchester war kein Zufall. Weit davon entfernt, den Fall aufzugeben, wie Julius vermutete, hatte er auf irgendeine Weise erfolgreich das vermisste Mädchen aufgespürt. Das Einzige, was Tommy verwirrte, war der Grund für all diese Geheimniskrämerei. Er kam zu dem Schluss, dass es eine Marotte des juristischen Geistes war.
Julius sprach gerade.
„Nach dem Abendessen“, kündigte er an, „werde ich direkt hingehen und Jane sehen.“
„Das wird unmöglich sein, fürchte ich“, sagte Sir James. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie um diese nächtliche Stunde noch Besucher empfangen lassen. Ich würde morgen Vormittag gegen zehn Uhr vorschlagen.“
Julius lief rot an. Es gab etwas an Sir James, das ihn immer zu Widerstand anstachelte. Es war ein Konflikt zweier dominanter Persönlichkeiten.
„Trotzdem, ich glaube, ich werde heute Abend hingehen und sehen, ob ich sie nicht dazu bewegen kann, ihre dummen Regeln zu brechen.“
„Es wird völlig zwecklos sein, Mr. Hersheimmer.“
Die Worte kamen heraus wie der Schuss aus einer Pistole, und Tommy sah erschrocken auf. Julius war nervös und aufgeregt. Die Hand, mit der er sein Glas an die Lippen hob, zitterte leicht, aber seine Augen hielten den Blick von Sir James trotzig fest. Einen Moment lang schien die Feindseligkeit zwischen den beiden in Flammen aufzugehen, doch am Ende senkte Julius besiegt den Blick.
„Für den Moment schätze ich, Sie haben das Sagen.“
„Danke“, sagte der andere. „Wir sagen dann zehn Uhr, nicht wahr?“ Mit vollendeter Leichtigkeit wandte er sich an Tommy. „Ich muss gestehen, Mr. Beresford, dass es eine gewisse Überraschung für mich war, Sie heute Abend hier zu sehen. Das Letzte, was ich von Ihnen hörte, war, dass Ihre Freunde in großer Sorge um Sie waren. Seit einigen Tagen gab es kein Lebenszeichen mehr von Ihnen, und Miss Tuppence neigte dazu zu glauben, dass Sie in Schwierigkeiten geraten wären.“
„Das war ich, Sir!“, grinste Tommy in Erinnerung. „Ich war noch nie in meinem Leben in einer so brenzligen Lage.“
Unterstützt durch Fragen von Sir James gab er einen verkürzten Bericht seiner Abenteuer. Der Anwalt betrachtete ihn mit erneutem Interesse, als er die Geschichte zum Abschluss brachte.
„Sie haben sich sehr gut aus einer brenzligen Lage befreit“, sagte er ernst. „Ich gratuliere Ihnen. Sie haben viel Einfallsreichtum bewiesen und Ihre Rolle gut durchgespielt.“
Tommy errötete, sein Gesicht nahm bei diesem Lob einen garnelenartigen Farbton an.
„Ich hätte es nicht geschafft, wenn das Mädchen nicht gewesen wäre, Sir.“
„Nein.“ Sir James lächelte ein wenig. „Es war ein Glück für Sie, dass sie zufällig – äh – Gefallen an Ihnen gefunden hat.“ Tommy schien protestieren zu wollen, aber Sir James fuhr fort. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie zu der Bande gehört, nehme ich an?“
„Ich fürchte nicht, Sir. Ich dachte erst, vielleicht würden sie sie dort mit Gewalt festhalten, aber die Art, wie sie gehandelt hat, passte nicht dazu. Wissen Sie, sie ist zu ihnen zurückgekehrt, als sie hätte entkommen können.“
Sir James nickte nachdenklich.
„Was hat sie gesagt? Etwas darüber, dass sie zu Marguerite gebracht werden wollte?“
„Ja, Sir. Ich nehme an, sie meinte Mrs. Vandemeyer.“
„Sie hat immer als Rita Vandemeyer unterschrieben. Alle ihre Freunde sprachen von ihr als Rita. Dennoch, ich nehme an, das Mädchen muss daran gewöhnt gewesen sein, sie bei ihrem vollen Namen zu nennen. Und genau in dem Moment, als sie nach ihr rief, war Mrs. Vandemeyer entweder tot oder im Sterben! Merkwürdig! Es gibt ein oder zwei Punkte, die mir dunkel erscheinen – ihre plötzliche Verhaltensänderung Ihnen gegenüber zum Beispiel. Übrigens, das Haus wurde natürlich durchsucht?“
„Ja, Sir, aber sie waren alle verschwunden.“
„Natürlich“, sagte Sir James trocken.
„Und kein Hinweis blieb zurück.“
„Ich frage mich...“ Der Anwalt klopfte nachdenklich auf den Tisch.
Etwas in seiner Stimme ließ Tommy aufblicken. Hätten die Augen dieses Mannes etwas gesehen, wo ihre blind gewesen waren? Er sprach impulsiv:
„Ich wünschte, Sie wären dort gewesen, Sir, um das Haus zu durchsuchen!“
„Das wünschte ich auch“, sagte Sir James leise. Er saß einen Moment lang schweigend da. Dann blickte er auf. „Und seitdem? Was haben Sie getan?“
Für einen Moment starrte Tommy ihn an. Dann dämmerte ihm, dass der Anwalt natürlich nichts wusste.
„Ich habe vergessen, dass Sie nichts von Tuppence wissen“, sagte er langsam. Die krankmachende Angst, die in der Aufregung, dass Jane Finn endlich gefunden war, für eine Weile vergessen war, überkam ihn erneut.
Der Anwalt legte Messer und Gabel scharf beiseite.
„Ist Miss Tuppence etwas zugestoßen?“ Seine Stimme war schneidend scharf.
„Sie ist verschwunden“, sagte Julius.
„Wann?“
„Vor einer Woche.“
„Wie?“
Tommy erzählte die ganze Geschichte kurz und bündig. Sir James hörte mit einer Konzentration zu, die fast greifbar war. Als Tommy geendet hatte, schwieg der Anwalt für einen Moment. Seine Augen waren auf den Tisch gerichtet, seine Finger trommelten nachdenklich darauf.
„Das ist höchst beunruhigend“, sagte er schließlich. „Höchst beunruhigend. Die Entführung von Miss Tuppence ist, wie ich vermutete, ein Schachzug, um euch beide in der Hand zu haben. Wenn sie wissen, dass ihr an Jane Finn herangekommen seid, werden sie versuchen, das Mädchen gegen sie einzutauschen. Das ist ihr einziges Druckmittel.“
„Wir müssen sie finden“, sagte Tommy entschlossen.
„Wir werden sie finden, Beresford. Verlassen Sie sich darauf. Aber jetzt müssen wir uns auf Jane Finn konzentrieren. Wenn sie die Papiere tatsächlich versteckt hat, wie sie sagt, dann ist das unser wichtigstes Ziel. Wenn wir erst einmal im Besitz dieser Dokumente sind, haben wir ein Gegengewicht, das uns eine ganz andere Verhandlungsposition verschafft.“
„Und Tuppence?“ fragte Tommy angstvoll.
„Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu retten. Aber jetzt, meine Herren, ist keine Zeit für Sentimentalitäten. Wir müssen nach Holyhead. Wenn die Geschichte, die das Mädchen erzählt hat, auch nur im Ansatz wahr ist, liegen diese Papiere seit fünf Jahren dort. Es ist ein Wunder, dass sie noch nicht entdeckt wurden.“
„Ich bin bereit“, sagte Julius und erhob sich.
„Gut. Wir nehmen den frühestmöglichen Zug. Ich habe bereits Vorbereitungen getroffen, dass wir ungestört dort arbeiten können. Wenn wir diese Papiere haben, werden wir sehen, wie Mr. Brown reagiert. Er wird nicht untätig bleiben, das ist sicher.“
Sir James blickte auf die Uhr. „Wir haben noch ein paar Stunden. Ich schlage vor, wir nutzen sie, um uns auszuruhen. Wir werden einen langen Tag vor uns haben.“
Die beiden jungen Männer verabschiedeten sich und verließen das Haus. Die Stadt draußen schien ihnen plötzlich in einem völlig anderen Licht zu erscheinen – die Gefahr, die sie bisher nur geahnt hatten, war nun greifbar nah, und das Schicksal von Tuppence hing an einem seidenen Faden. Doch in Tommys Brust keimte ein Funken Hoffnung. Sir James war ein Mann von großer Macht und Einfluss. Wenn jemand Tuppence finden konnte, dann er. Und Jane Finn – wenn die Papiere wirklich dort waren, wo sie sie versteckt hatte, dann war das Ende dieses langen, verzweifelten Spiels vielleicht doch in Sicht.
„Glaubst du, wir schaffen das?“ fragte Tommy, als sie auf die Straße traten.
Julius sah ihn an, und zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte er ernst. „Wir müssen, Tommy. Wir haben keine andere Wahl.“
„Ach was! Du hast es! Sag mal, diese Idee von dir war großartig. Darauf wäre ich nie gekommen.“
Tommy hielt das Papier noch einige Minuten in Position, bis er urteilte, dass die Hitze ihre Arbeit getan hatte. Dann zog er es zurück. Einen Augenblick später stieß er einen Schrei aus.
Über das Blatt liefen in sauberem, braunem Druck die Worte: MIT DEN EMPFEHLUNGEN VON MR. BROWN.
KAPITEL XXI. TOMMY MACHT EINE ENTDECKUNG
Einen Augenblick lang standen sie da und starrten sich dumm an, benommen von dem Schock. Irgendwie, unerklärlicherweise, war Mr. Brown ihnen zuvorgekommen. Tommy akzeptierte die Niederlage ruhig. Nicht so Julius.
„Wie zum Teufel ist er uns zuvorgekommen? Das ist es, was mich fertigmacht!“, schloss er.
Tommy schüttelte den Kopf und sagte stumpf:
„Das erklärt, warum die Nähte neu waren. Wir hätten es ahnen können...“
„Vergiss die verdammten Nähte. Wie ist er uns zuvorgekommen? Wir haben uns beeilt, so gut wir konnten. Es ist schlicht unmöglich, dass irgendwer schneller hierher gelangen konnte als wir. Und überhaupt, woher wusste er es? Glaubst du, in Janes Zimmer war ein Diktaphon? Ich vermute, das muss es gewesen sein.“
Doch Tommys gesunder Menschenverstand brachte Einwände vor.
„Niemand konnte im Voraus wissen, dass sie in diesem Haus sein würde – geschweige denn in diesem speziellen Zimmer.“
„Das stimmt“, gab Julius zu. „Dann war eine der Krankenschwestern eine Gaunerin und hat an der Tür gelauscht. Wie wäre es damit?“
„Ich sehe nicht, dass das überhaupt eine Rolle spielt“, sagte Tommy müde. „Er mag es vor einigen Monaten herausgefunden und die Papiere entfernt haben, dann... Nein, bei Gott, das zieht nicht! Sie wären sofort veröffentlicht worden.“
„Sicher wären sie das! Nein, irgendwer ist uns heute um eine Stunde oder so zuvorgekommen. Aber wie sie es angestellt haben, macht mich wahnsinnig.“
„Ich wünschte, dieser Kerl Peel Edgerton wäre bei uns gewesen“, sagte Tommy nachdenklich.
„Warum?“ Julius starrte ihn an. „Das Unheil war bereits geschehen, als wir kamen.“
„Ja...“ Tommy zögerte. Er konnte sein eigenes Gefühl nicht erklären – die unlogische Vorstellung, dass die Anwesenheit des Kronanwalts die Katastrophe irgendwie abgewendet hätte. Er kehrte zu seinem früheren Standpunkt zurück. „Es hat keinen Sinn, darüber zu streiten, wie es geschehen ist. Das Spiel ist aus. Wir haben versagt. Es gibt nur eine Sache, die ich tun muss.“
„Was ist das?“
„So schnell wie möglich zurück nach London. Mr. Carter muss gewarnt werden. Es ist jetzt nur noch eine Frage von Stunden, bis der Schlag erfolgt. Aber zumindest sollte er das Schlimmste wissen.“
Die Pflicht war unangenehm, aber Tommy hatte nicht die Absicht, sich ihr zu entziehen. Er musste sein Scheitern bei Mr. Carter melden. Danach war seine Arbeit getan. Er nahm den Mitternachtszug nach London. Julius entschied sich, die Nacht in Holyhead zu bleiben.
Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft, hager und blass, stand Tommy vor seinem Chef.
„Ich bin gekommen, um Bericht zu erstatten, Sir. Ich habe versagt – kläglich versagt.“
Mr. Carter musterte ihn scharf.
„Sie meinen, dass der Vertrag...“
„...ist in den Händen von Mr. Brown, Sir.“
„Ah!“, sagte Mr. Carter leise. Der Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich nicht, aber Tommy erhaschte das Flackern der Verzweiflung in seinen Augen. Es überzeugte ihn wie nichts zuvor davon, dass die Aussichten hoffnungslos waren.
„Nun“, sagte Mr. Carter nach ein oder zwei Minuten, „wir dürfen jetzt wohl nicht in die Knie gehen. Ich bin froh, es sicher zu wissen. Wir müssen tun, was wir können.“
Durch Tommys Kopf schoss die Gewissheit: „Es ist hoffnungslos, und er weiß, dass es hoffnungslos ist!“
Der andere blickte zu ihm auf.
„Lassen Sie sich das nicht so zu Herzen gehen, mein Junge“, sagte er freundlich. „Sie haben Ihr Bestes gegeben. Sie hatten es mit einem der größten Gehirne des Jahrhunderts zu tun. Und Sie waren dem Erfolg sehr nahe. Denken Sie daran.“
„Danke, Sir. Das ist verdammt anständig von Ihnen.“
„Ich mache mir selbst Vorwürfe. Ich mache mir Vorwürfe, seit ich diese anderen Nachrichten gehört habe.“
Etwas in seinem Tonfall erregte Tommys Aufmerksamkeit. Eine neue Angst packte sein Herz.
„Gibt es... noch etwas, Sir?“
„Ich fürchte, ja“, sagte Mr. Carter ernst. Er streckte seine Hand nach einem Blatt auf dem Tisch aus.
„Tuppence...?“, stammelte Tommy.
„Lesen Sie selbst.“
Die maschinengeschriebenen Worte tanzten vor seinen Augen. Die Beschreibung eines grünen Hutes, eines Mantels mit einem Taschentuch in der Tasche, gezeichnet mit P.L.C. Er richtete eine qualvolle Frage an Mr. Carter. Dieser antwortete darauf:
„An der Küste von Yorkshire angespült – in der Nähe von Ebury. Ich fürchte... es sieht sehr nach einem Gewaltverbrechen aus.“
„Mein Gott!“, keuchte Tommy. „Tuppence! Diese Teufel – ich werde nie ruhen, bis ich es ihnen heimgezahlt habe! Ich werde sie jagen! Ich werde...“
Das Mitleid auf Mr. Carters Gesicht stoppte ihn.
„Ich weiß, wie Sie sich fühlen, mein armer Junge. Aber es hat keinen Sinn. Sie verschwenden Ihre Kräfte nutzlos. Es mag hart klingen, aber mein Rat an Sie ist: Haken Sie Ihre Verluste ab. Die Zeit ist barmherzig. Sie werden vergessen.“
„Tuppence vergessen? Niemals!“
Mr. Carter schüttelte den Kopf.
„Das glauben Sie jetzt. Nun, daran darf man nicht denken – dieses tapfere kleine Mädchen! Es tut mir leid wegen der ganzen Angelegenheit – verdammt leid.“
Tommy kam mit einem Ruck zu sich.
„Ich nehme Ihre Zeit in Anspruch, Sir“, sagte er mit Mühe. „Es gibt keinen Grund für Sie, sich Vorwürfe zu machen. Ich nehme an, wir waren ein paar junge Narren, einen solchen Auftrag anzunehmen. Sie haben uns gewarnt, und zwar richtig. Aber ich wünschte bei Gott, ich wäre derjenige gewesen, der es abbekommen hat. Lebwohl, Sir.“
Zurück im Ritz packte Tommy mechanisch seine wenigen Habseligkeiten zusammen, seine Gedanken waren weit weg. Er war immer noch verwirrt über den Einzug der Tragödie in sein fröhliches, alltägliches Dasein. Was für einen Spaß sie zusammen gehabt hatten, er und Tuppence! Und nun – oh, er konnte es nicht glauben – es konnte nicht wahr sein! Tuppence – tot! Die kleine Tuppence, überquellend vor Leben! Es war ein Traum, ein schrecklicher Traum. Nichts weiter.
Sie brachten ihm eine Notiz, ein paar freundliche Worte des Mitgefühls von Peel Edgerton, der die Nachricht in der Zeitung gelesen hatte. (Es gab eine große Schlagzeile: EX-V.A.D. WIRD ERTRUNKEN VERMUTET.) Der Brief endete mit dem Angebot einer Stelle auf einer Ranch in Argentinien, wo Sir James beträchtliche Interessen hatte.
„Netter alter Kerl“, murmelte Tommy, als er den Brief beiseite warf.
Die Tür öffnete sich und Julius stürmte mit seiner üblichen Heftigkeit herein. Er hielt eine aufgeschlagene Zeitung in der Hand.
„Sag mal, was soll das alles? Sie scheinen da irgendeine dumme Idee wegen Tuppence zu haben.“
„Es ist wahr“, sagte Tommy leise.
„Du meinst, sie haben sie umgebracht?“
Tommy nickte.
„Ich nehme an, als sie den Vertrag hatten, war sie... für sie nicht mehr nützlich, und sie hatten Angst, sie laufen zu lassen.“
„Nun, verdammt noch mal!“, sagte Julius. „Die kleine Tuppence. Sie war sicher das mutigste kleine Mädchen...“
Doch plötzlich schien in Tommys Gehirn etwas zu zerbrechen. Er erhob sich.
„Oh, verschwinde! Es ist dir doch egal, verdammt noch mal! Du hast sie auf deine verkommene, kaltblütige Art gebeten, dich zu heiraten, aber ich habe sie geliebt. Ich hätte die Seele aus meinem Leib gegeben, um sie vor Schaden zu bewahren. Ich hätte ohne ein Wort daneben gestanden und sie dich heiraten lassen, weil du ihr die Zeit hättest bieten können, die sie verdient hätte, und ich war nur ein armer Teufel ohne einen Pfennig in der Tasche. Aber das wäre nicht gewesen, weil sie mir nicht wichtig war!“
„Hör mal“, begann Julius mäßig.
„Oh, fahr zur Hölle! Ich ertrage es nicht, dass du hierherkommst und von ‚der kleinen Tuppence‘ redest. Geh und kümmer dich um deine Cousine. Tuppence ist mein Mädchen! Ich habe sie immer geliebt, von der Zeit an, als wir als Kinder zusammen gespielt haben. Wir sind erwachsen geworden und es war genau dasselbe. Ich werde nie vergessen, als ich im Krankenhaus lag und sie in dieser lächerlichen Haube und Schürze hereinkam! Es war wie ein Wunder, das Mädchen, das ich liebte, in der Ausrüstung einer Krankenschwester auftauchen zu sehen...“
Doch Julius unterbrach ihn.
„In der Ausrüstung einer Krankenschwester! Ach was! Ich muss reif für die Anstalt sein! Ich könnte schwören, dass ich Jane auch schon mit einer Schwesternhaube gesehen habe. Und das ist absolut unmöglich! Nein, bei Gott, ich hab’s! Sie war es, die ich mit Whittington in diesem Pflegeheim in Bournemouth sprechen sah. Sie war dort keine Patientin! Sie war eine Krankenschwester!“
„Das mag sein“, sagte Tommy wütend, „sie hat wahrscheinlich von Anfang an mit ihnen unter einer Decke gesteckt. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie diese Papiere von Anfang an bei Danvers gestohlen hat.“
„Verdammt noch mal, das hat sie nicht!“, schrie Julius. „Sie ist meine Cousine und so patriotisch wie nur irgendwer.“
„Es ist mir verdammt egal, was sie ist, aber verschwinde von hier!“, erwiderte Tommy ebenfalls aus Leibeskräften.
Die jungen Männer waren kurz davor, handgreiflich zu werden. Doch plötzlich, mit einer fast magischen Abruptheit, ließ Julius’ Zorn nach.
„Schon gut, mein Junge“, sagte er ruhig, „ich gehe. Ich mache dir keine Vorwürfe für das, was du gesagt hast. Es ist ein Riesenglück, dass du es gesagt hast. Ich war der größte, schwachsinnigste, verdammteste Idiot, den man sich vorstellen kann. Beruhig dich“ – Tommy hatte eine ungeduldige Geste gemacht – „ich gehe jetzt sofort – ich gehe zum Bahnhof der London and North Western Railway, wenn du das wissen willst.“
„Es ist mir verdammt egal, wo du hingehst“, knurrte Tommy.
Als die Tür hinter Julius ins Schloss fiel, wandte er sich wieder seinem Koffer zu.
„Das war’s“, murmelte er und läutete.
„Tragen Sie mein Gepäck nach unten.“
„Ja, Sir. Reisen Sie ab, Sir?“
„Ich fahre zur Hölle“, sagte Tommy, ungeachtet der Gefühle des Dieners.
Dieser Funktionär antwortete jedoch nur respektvoll:
„Ja, Sir. Soll ich ein Taxi rufen?“
Tommy nickte.
Wo wollte er hin? Er hatte nicht den blassesten Schimmer. Jenseits einer festen Entschlossenheit, es Mr. Brown heimzuzahlen, hatte er keine Pläne. Er las Sir James’ Brief noch einmal und schüttelte den Kopf. Tuppence musste gerächt werden. Dennoch war es nett von dem alten Kerl.
„Sollte wohl besser antworten.“ Er ging zum Schreibtisch. Mit der üblichen Widerspenstigkeit von Hotelzimmer-Schreibwaren gab es unzählige Umschläge, aber kein Papier. Er läutete. Niemand kam. Tommy tobte über die Verzögerung. Dann fiel ihm ein, dass im Wohnzimmer von Julius ein guter Vorrat vorhanden war. Der Amerikaner hatte seine sofortige Abreise angekündigt, es bestand keine Gefahr, ihm über den Weg zu laufen. Außerdem wäre es ihm egal, wenn er es täte. Er begann, sich der Dinge, die er gesagt hatte, etwas zu schämen. Der alte Julius hatte sie verdammt gut weggesteckt. Er würde sich entschuldigen, falls er ihn dort fände.
Aber das Zimmer war verlassen. Tommy ging zum Schreibtisch und öffnete die mittlere Schublade. Ein Foto, das achtlos mit der Vorderseite nach oben hineingeschoben worden war, fiel ihm ins Auge. Einen Moment lang stand er wie angewurzelt da. Dann nahm er es heraus, schloss die Schublade, ging langsam zu einem Sessel und setzte sich, während er immer noch auf das Foto in seiner Hand starrte.
Was zum Teufel machte ein Foto von dem französischen Mädchen Annette in Julius Hersheimmers Schreibtisch?
KAPITEL XXII. IN DOWNING STREET
Der Premierminister trommelte mit nervösen Fingern auf den Schreibtisch vor sich. Sein Gesicht war gezeichnet und gequält. Er nahm das Gespräch mit Mr. Carter an der Stelle wieder auf, an der es abgebrochen war. „Ich verstehe nicht“, sagte er. „Meinen Sie wirklich, dass die Lage gar nicht so verzweifelt ist?“
„Das scheint dieser junge Bursche zu glauben.“
„Lassen Sie uns noch einmal einen Blick auf seinen Brief werfen.“
Mr. Carter reichte ihn hinüber. Er war in einer krakeligen, jungenhaften Handschrift verfasst.
„LIEBER MR. CARTER,
„Etwas ist aufgetaucht, das mich aufgeschreckt hat. Natürlich mache ich mich vielleicht einfach zum schrecklichen Esel, aber ich glaube es nicht. Wenn meine Schlussfolgerungen richtig sind, war dieses Mädchen in Manchester nur ein Lockvogel. Die ganze Sache war von langer Hand geplant, samt gefälschtem Paket, mit dem Ziel, uns glauben zu lassen, das Spiel sei aus – deshalb vermute ich, dass wir ziemlich dicht auf der Spur gewesen sein müssen.
„Ich glaube, ich weiß, wer die echte Jane Finn ist, und ich habe sogar eine Idee, wo die Papiere sind. Letzteres ist natürlich nur eine Vermutung, aber ich habe so ein Gefühl, dass es sich als richtig erweisen wird. Jedenfalls lege ich es in einem versiegelten Umschlag bei, für das, was es wert ist. Ich möchte Sie bitten, ihn erst im allerletzten Moment zu öffnen, nämlich am 28. um Mitternacht. Sie werden in einer Minute verstehen, warum. Sehen Sie, ich habe mir ausgerechnet, dass diese Sachen von Tuppence auch ein fingiertes Spiel sind und sie genauso wenig ertrunken ist wie ich. Mein Gedankengang ist dieser: Als letzte Chance lassen sie Jane Finn entkommen, in der Hoffnung, dass sie diesen Gedächtnisverlust nur vorgetäuscht hat und dass sie, sobald sie sich frei glaubt, direkt zum Versteck geht. Natürlich ist es ein schreckliches Risiko für sie, denn sie weiß alles über sie – aber sie sind ziemlich verzweifelt, diesen Vertrag in die Finger zu bekommen. _Aber wenn sie wissen, dass die Papiere von uns sichergestellt wurden_, ist das Leben keines dieser beiden Mädchen auch nur eine Stunde wert. Ich muss versuchen, Tuppence zu finden, bevor Jane entkommt.
„Ich möchte eine Wiederholung jenes Telegramms, das an Tuppence im Ritz geschickt wurde. Sir James Peel Edgerton sagte, Sie könnten das für mich arrangieren. Er ist furchtbar clever.
„Eine letzte Sache – bitte lassen Sie das Haus in Soho Tag und Nacht bewachen.
„Ihr, usw.,
„THOMAS BERESFORD.“
Der Premierminister blickte auf.
„Die Anlage?“
Mr. Carter lächelte trocken.
„In den Gewölben der Bank. Ich gehe kein Risiko ein.“
„Glauben Sie nicht“ – der Premierminister zögerte einen Augenblick –, „dass es besser wäre, sie jetzt zu öffnen? Sicherlich sollten wir das Dokument sofort sichern, vorausgesetzt natürlich, die Vermutung des jungen Mannes erweist sich als korrekt. Wir können die Tatsache, dass wir es getan haben, vollkommen geheim halten.“
„Können wir das? Da bin ich mir nicht so sicher. Überall um uns herum sind Spione. Sobald es bekannt wird, würde ich für das Leben dieser beiden Mädchen keinen Pfifferling geben“ – er schnippte mit den Fingern. „Nein, der Junge hat mir vertraut, und ich werde ihn nicht enttäuschen.“
„Nun, nun, dann müssen wir es dabei belassen. Wie ist er, dieser Bursche?“
„Äußerlich ist er ein gewöhnlicher, sauberer, etwas dickköpfiger junger Engländer. Langsam in seinen Denkprozessen. Auf der anderen Seite ist es absolut unmöglich, ihn durch seine Fantasie in die Irre zu führen. Er hat keine – also ist er schwer zu täuschen. Er ergründet die Dinge langsam, und sobald er etwas gepackt hat, lässt er nicht mehr los. Die junge Dame ist ganz anders. Mehr Intuition und weniger gesunder Menschenverstand. Sie geben ein hübsches Paar ab, wenn sie zusammenarbeiten. Tempo und Ausdauer.“
„Er scheint zuversichtlich zu sein“, sinnierte der Premierminister.
„Ja, und das ist es, was mir Hoffnung gibt. Er ist die Art von zurückhaltendem Jüngling, der sich erst ganz sicher sein müsste, bevor er überhaupt eine Meinung äußert.“
Ein halbes Lächeln huschte über die Lippen des anderen.
„Und dieser – Junge wird den Meisterverbrecher unserer Zeit besiegen?“
„Dieser – Junge, wie Sie sagen! Aber manchmal glaube ich, einen Schatten im Hintergrund zu sehen.“
„Sie meinen?“
„Peel Edgerton.“
„Peel Edgerton?“, sagte der Premierminister erstaunt.
„Ja. Ich sehe seine Hand darin.“ Er schlug auf den offenen Brief. „Er ist da – arbeitet im Dunkeln, still, unauffällig. Ich hatte immer das Gefühl, wenn es jemandem gelingt, Mr. Brown zur Strecke zu bringen, dann Peel Edgerton. Ich sage Ihnen, er ist an dem Fall dran, will es aber nicht an die große Glocke hängen. Übrigens, ich habe neulich eine recht seltsame Anfrage von ihm erhalten.“
„Ja?“
„Er schickte mir einen Ausschnitt aus irgendeiner amerikanischen Zeitung. Er bezog sich auf die Leiche eines Mannes, die vor etwa drei Wochen in der Nähe der Docks in New York gefunden wurde. Er bat mich, alle Informationen zu sammeln, die ich darüber bekommen konnte.“
„Nun?“
Carter zuckte mit den Schultern.
„Ich konnte nicht viel herausfinden. Junger Kerl, etwa fünfunddreißig – ärmlich gekleidet – Gesicht sehr stark entstellt. Er wurde nie identifiziert.“
„Und Sie vermuten, dass die beiden Angelegenheiten in irgendeiner Weise miteinander verbunden sind?“
„Irgendwie glaube ich das. Ich kann mich natürlich irren.“
Es gab eine Pause, dann fuhr Mr. Carter fort:
„Ich habe ihn gebeten, hierher zu kommen. Nicht, dass wir etwas aus ihm herausbekommen würden, was er nicht sagen will. Sein juristischer Instinkt ist zu stark. Aber es besteht kein Zweifel, dass er Licht auf ein oder zwei dunkle Punkte in Beresfords Brief werfen kann. Ah, da ist er ja!“
Die beiden Männer erhoben sich, um den Neuankömmling zu begrüßen. Ein halb skurriler Gedanke blitzte durch den Kopf des Premiers: „Mein Nachfolger, vielleicht!“
„Wir haben einen Brief von dem jungen Beresford erhalten“, sagte Mr. Carter und kam sofort zur Sache. „Sie haben ihn getroffen, nehme ich an?“
„Sie nehmen falsch an“, sagte der Anwalt.
„Oh!“ Mr. Carter war etwas verdutzt.
Sir James lächelte und strich sich über das Kinn.
„Er hat mich angerufen“, bot er an.
„Hätten Sie Einwände, uns genau zu sagen, was zwischen Ihnen vorgefallen ist?“
„Ganz und gar nicht. Er dankte mir für einen bestimmten Brief, den ich ihm geschrieben hatte – tatsächlich hatte ich ihm einen Job angeboten. Dann erinnerte er mich an etwas, das ich in Manchester bezüglich jenes gefälschten Telegramms gesagt hatte, das Miss Cowley weggelockt hat. Ich fragte ihn, ob etwas Unvorhergesehenes passiert sei. Er sagte, es sei geschehen – dass er in einer Schublade in Mr. Hersheimmers Zimmer ein Foto entdeckt habe.“ Der Anwalt hielt inne, dann fuhr er fort: „Ich fragte ihn, ob das Foto den Namen und die Adresse eines kalifornischen Fotografen trage. Er antwortete: ‚Sie haben es erfasst, Sir. Das tat es.‘ Dann fuhr er fort, mir etwas zu erzählen, das ich nicht wusste. Das Original dieses Fotos war das französische Mädchen Annette, das ihm das Leben gerettet hatte.“
„Was?“
„Ganz genau. Ich fragte den jungen Mann mit einiger Neugier, was er mit dem Foto gemacht habe. Er antwortete, er habe es dorthin zurückgelegt, wo er es gefunden habe.“ Der Anwalt hielt erneut inne. „Das war gut, wissen Sie – ausgesprochen gut. Er kann sein Gehirn benutzen, dieser junge Bursche. Ich habe ihm gratuliert. Die Entdeckung war eine Fügung des Schicksals. Natürlich änderte sich alles, sobald bewiesen war, dass das Mädchen in Manchester ein Lockvogel war. Der junge Beresford sah das selbst, ohne dass ich es ihm sagen musste. Aber er hatte das Gefühl, seinem Urteil bezüglich Miss Cowley nicht trauen zu können. Ob ich glaubte, sie sei am Leben? Ich sagte ihm, nach Abwägung der Beweise, dass eine sehr entschiedene Chance dafür bestehe. Das brachte uns zurück zum Telegramm.“
„Ja?“
„Ich riet ihm, bei Ihnen eine Kopie des ursprünglichen Telegramms anzufordern. Es war mir als wahrscheinlich erschienen, dass, nachdem Miss Cowley es auf den Boden geworfen hatte, bestimmte Worte ausradiert und geändert worden sein könnten, mit der ausdrücklichen Absicht, Suchtrupps auf eine falsche Fährte zu locken.“
Carter nickte. Er nahm ein Blatt aus seiner Tasche und las laut vor:
„Kommen Sie sofort, Astley Priors, Gatehouse, Kent. Große Entwicklungen – TOMMY.“
„Sehr einfach“, sagte Sir James, „und sehr raffiniert. Nur ein paar Worte zu ändern, und die Sache war erledigt. Und den einen wichtigen Hinweis haben sie übersehen.“
„Welcher war das?“
„Die Aussage des Pagen, dass Miss Cowley nach Charing Cross gefahren ist. Sie waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie einfach davon ausgingen, er habe sich geirrt.“
„Dann ist der junge Beresford jetzt...?“
„In Gatehouse, Kent, wenn ich mich nicht sehr irre.“
Mr. Carter sah ihn neugierig an.
„Ich wundere mich ein wenig, dass Sie nicht auch dort sind, Peel Edgerton?“
„Ah, ich bin mit einem Fall beschäftigt.“
„Ich dachte, Sie hätten Urlaub?“
„Oh, ich habe kein Mandat erhalten. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen, ich bereite einen Fall vor. Haben Sie noch mehr Fakten über diesen amerikanischen Kerl für mich?“
„Ich fürchte nicht. Ist es wichtig herauszufinden, wer er war?“
„Oh, ich weiß, wer er war“, sagte Sir James gelassen. „Ich kann es noch nicht beweisen – aber ich weiß es.“
Die anderen beiden stellten keine Fragen. Sie hatten den Instinkt, dass es reine Luftverschwendung wäre.
„Aber was ich nicht verstehe“, sagte der Premierminister plötzlich, „ist, wie dieses Foto in die Schublade von Mr. Hersheimmer kam?“
„Vielleicht hat es sie nie verlassen“, schlug der Anwalt sanft vor.
„Aber der falsche Inspektor? Inspektor Brown?“
„Ah!“, sagte Sir James nachdenklich. Er erhob sich. „Ich darf Sie nicht aufhalten. Fahren Sie fort mit den Angelegenheiten der Nation. Ich muss zurück zu – meinem Fall.“
Zwei Tage später kehrte Julius Hersheimmer aus Manchester zurück. Eine Notiz von Tommy lag auf seinem Tisch:
„LIEBER HERSHEIMMER,
„Tut mir leid, dass ich die Beherrschung verloren habe. Falls wir uns nicht mehr sehen, lebe wohl. Mir wurde ein Job in Argentinien angeboten, und ich könnte ihn genauso gut annehmen.
„Dein,
„TOMMY BERESFORD.“
Ein eigenartiges Lächeln verweilte einen Moment auf Julius’ Gesicht. Er warf den Brief in den Papierkorb.
„Der verdammte Narr!“, murmelte er.
KAPITEL XXIII. EIN WETTRENNEN GEGEN DIE ZEIT
Nachdem Tommy bei Sir James angerufen hatte, bestand sein nächster Schritt darin, South Audley Mansions aufzusuchen. Er fand Albert bei der Ausübung seiner beruflichen Pflichten und stellte sich ohne Umschweife als Freund von Tuppence vor. Albert entspannte sich sofort.
„Hier ist es in letzter Zeit sehr ruhig gewesen“, sagte er wehmütig. „Ich hoffe, der jungen Dame geht es gut, Sir?“
„Das ist genau der Punkt, Albert. Sie ist verschwunden.“
„Sie meinen doch nicht, dass die Gauner sie haben?“
„Sie haben sie.“
„In der Unterwelt?“
„Nein, verdammt noch mal, in dieser Welt!“
„Das ist ein Ausdruck, Sir“, erklärte Albert. „Beim Film haben die Gauner immer ein Restaurant in der Unterwelt. Aber glauben Sie, Sir, dass sie sie umgebracht haben?“
„Ich hoffe nicht. Übrigens, haben Sie zufällig eine Tante, eine Cousine, eine Großmutter oder eine andere geeignete weibliche Verwandte, die man als dem Tode nahestehend präsentieren könnte?“
Ein entzücktes Grinsen breitete sich langsam auf Alberts Gesicht aus.
„Ich bin dabei, Sir. Meine arme Tante, die auf dem Land lebt, ist schon seit langer Zeit sterbenskrank, und sie ruft mit ihrem letzten Atemzug nach mir.“
Tommy nickte anerkennend.
„Können Sie das an der richtigen Stelle melden und mich in einer Stunde am Charing Cross treffen?“
„Ich werde da sein, Sir. Sie können auf mich zählen.“
Wie Tommy vermutet hatte, erwies sich der treue Albert als unschätzbarer Verbündeter. Die beiden bezogen Quartier in dem Gasthof in Gatehouse. Albert fiel die Aufgabe zu, Informationen zu sammeln. Es gab dabei keine Schwierigkeiten.
Astley Priors war das Eigentum eines Dr. Adams. Der Arzt praktizierte nicht mehr, war im Ruhestand, wie der Wirt glaubte, aber er nahm ein paar Privatpatienten auf – hier tippte sich der gute Kerl vielsagend an die Stirn – „Verrückte! Sie verstehen schon!“ Der Arzt war eine beliebte Figur im Dorf, spendete großzügig für alle lokalen Sportveranstaltungen – „ein sehr angenehmer, umgänglicher Herr“. War er schon lange dort? Oh, etwa zehn Jahre oder so – vielleicht länger. Ein wissenschaftlicher Herr war er. Professoren und Leute kamen oft aus der Stadt, um ihn zu sehen. Jedenfalls war es ein fröhliches Haus, immer Besucher.
Angesichts all dieser Geschwätzigkeit kamen Tommy Zweifel. War es möglich, dass diese joviale, bekannte Persönlichkeit in Wirklichkeit ein gefährlicher Verbrecher war? Sein Leben schien so offen und rechtschaffen. Kein Hinweis auf finstere Machenschaften. Angenommen, das alles war ein gigantischer Irrtum? Tommy überkam ein kalter Schauer bei diesem Gedanken.
Dann erinnerte er sich an die Privatpatienten – „die Verrückten“. Er erkundigte sich vorsichtig, ob eine junge Dame unter ihnen sei, wobei er Tuppence beschrieb. Aber über die Patienten schien man nicht viel zu wissen – man sah sie selten außerhalb des Geländes. Eine vage Beschreibung von Annette führte ebenfalls zu keinerlei Wiedererkennung.
Astley Priors war ein angenehmes Gebäude aus rotem Backstein, umgeben von einem gut bewaldeten Gelände, das das Haus wirksam vor Blicken von der Straße schützte.
Am ersten Abend erkundete Tommy, begleitet von Albert, das Gelände. Auf Alberts Drängen hin krochen sie mühsam auf ihren Bäuchen voran, was jedoch weitaus mehr Lärm verursachte, als wenn sie aufrecht gegangen wären. Ohnehin waren diese Vorsichtsmaßnahmen völlig unnötig. Das Gelände schien, wie das jedes anderen Privathauses nach Einbruch der Dunkelheit, unbewohnt. Tommy hatte sich einen möglichen wilden Wachhund vorgestellt. Alberts Fantasie tendierte eher zu einem Puma oder einer zahmen Kobra. Aber sie erreichten ein Gebüsch in der Nähe des Hauses, völlig unbehelligt.
Die Jalousien des Esszimmerfensters waren oben. Eine große Gesellschaft hatte sich um den Tisch versammelt. Der Portwein ging von Hand zu Hand. Es schien eine normale, angenehme Gesellschaft zu sein. Durch das offene Fenster drangen Gesprächsfetzen abgehackt in die Nachtluft. Es war eine hitzige Diskussion über Cricket im Landkreis!
Wieder fühlte Tommy diesen kalten Schauer der Unsicherheit. Es schien unmöglich zu glauben, dass diese Menschen etwas anderes waren, als sie zu sein schienen. War er wieder einmal zum Narren gehalten worden? Der hellbärtige Herr mit Brille, der am Kopf des Tisches saß, sah seltsam ehrlich und normal aus.
Tommy schlief in jener Nacht schlecht. Am nächsten Morgen nahm der unermüdliche Albert, nachdem er ein Bündnis mit dem Jungen des Gemüsehändlers geschlossen hatte, dessen Platz ein und schlich sich bei der Köchin im Malthouse ein. Er kehrte mit der Information zurück, dass sie zweifellos „eine von den Gaunern“ sei, doch Tommy misstraute der Lebhaftigkeit seiner Fantasie. Befragt, konnte er nichts zur Untermauerung seiner Aussage anführen außer seiner eigenen Meinung, dass sie nicht die übliche Sorte sei. Das könne man auf den ersten Blick sehen.
Da die Vertretung am nächsten Tag wiederholt wurde (sehr zum finanziellen Vorteil des echten Gemüsehändlerjungen), brachte Albert die erste hoffnungsvolle Nachricht mit. Es hielt sich eine junge französische Dame im Haus auf. Tommy schob seine Zweifel beiseite. Hier war die Bestätigung seiner Theorie. Aber die Zeit drängte. Heute war der 27. Der 29. war der vielbesprochene „Tag der Arbeit“, über den alle möglichen Gerüchte wild kursierten. Die Zeitungen wurden unruhig. Sensationelle Hinweise auf einen Labour-Putsch wurden freimütig berichtet. Die Regierung sagte nichts. Sie wusste Bescheid und war vorbereitet. Es gab Gerüchte über Zwistigkeiten unter den Labour-Führern. Sie waren nicht einer Meinung. Die Weitsichtigeren unter ihnen erkannten, dass das, was sie vorschlugen, sehr wohl ein Todesstoß für das England sein könnte, das sie im Herzen liebten. Sie schreckten vor dem Hunger und Elend zurück, das ein Generalstreik mit sich bringen würde, und waren bereit, der Regierung entgegenzukommen. Doch hinter ihnen waren subtile, beharrliche Kräfte am Werk, die die Erinnerungen an altes Unrecht wachhielten, die Schwäche von halbherzigen Maßnahmen beklagten und Missverständnisse schürten.
Tommy hatte das Gefühl, dank Mr. Carter die Lage ziemlich genau zu verstehen. Mit dem verhängnisvollen Dokument in den Händen von Mr. Brown würde die öffentliche Meinung auf die Seite der Labour-Extremisten und Revolutionäre umschwenken. Wenn nicht, war der Kampf eine offene Sache. Die Regierung mit einer loyalen Armee und Polizei im Rücken könnte gewinnen – aber um den Preis großen Leids. Doch Tommy hegte einen anderen und absurden Traum. Wenn Mr. Brown entlarvt und gefangen genommen würde, glaubte er, zu Recht oder zu Unrecht, dass die gesamte Organisation schändlich und augenblicklich in sich zusammenbrechen würde. Der seltsame, alles durchdringende Einfluss des unsichtbaren Chefs hielt sie zusammen. Ohne ihn, so glaubte Tommy, würde eine sofortige Panik ausbrechen; und wenn die ehrlichen Männer sich selbst überlassen blieben, wäre eine Versöhnung in letzter Minute möglich.
„Das ist eine One-Man-Show“, sagte Tommy zu sich selbst. „Es kommt darauf an, den Mann zu kriegen.“
Teilweise in Verfolgung dieses ehrgeizigen Plans hatte er Mr. Carter gebeten, den versiegelten Umschlag nicht zu öffnen. Der Vertragsentwurf war Tommys Köder. Hin und wieder erschrak er über seine eigene Anmaßung. Wie konnte er es wagen zu denken, er hätte entdeckt, was so viele klügere und bessere Männer übersehen hatten? Dennoch hielt er hartnäckig an seiner Idee fest.
An jenem Abend drangen er und Albert erneut in das Gelände von Astley Priors ein. Tommys Ehrgeiz war es, irgendwie Zugang zum Haus selbst zu erlangen. Als sie sich vorsichtig näherten, stieß Tommy plötzlich ein Keuchen aus.
Am Fenster im zweiten Stock warf jemand, der zwischen Fenster und Licht im Raum stand, eine Silhouette auf das Rollo. Es war eine, die Tommy überall erkannt hätte! Tuppence war in diesem Haus!
Er packte Albert an der Schulter.
„Bleib hier! Wenn ich anfange zu singen, beobachte das Fenster.“
Er zog sich hastig an eine Position an der Hauptauffahrt zurück und begann mit einem tiefen Brüllen, verbunden mit einem unsicheren Gang, folgendes Liedchen:
Ich bin ein Soldat Ein fröhlicher britischer Soldat; Sie können an meinen Füßen sehen, dass ich ein Soldat bin...
Es war ein Favorit auf dem Grammophon zu Tuppences Krankenhauszeiten gewesen. Er zweifelte nicht daran, dass sie es erkennen und ihre eigenen Schlüsse ziehen würde. Tommy hatte keine einzige Note Musik in seiner Stimme, aber seine Lungen waren exzellent. Der Lärm, den er produzierte, war gewaltig.
Kurz darauf kam ein untadeliger Butler, begleitet von einem ebenso untadeligen Diener, aus der Haustür. Der Butler stellte ihn zur Rede. Tommy sang weiter und sprach den Butler liebevoll als „lieber alter Backenbart“ an. Der Diener nahm ihn am einen Arm, der Butler am anderen. Sie beförderten ihn die Auffahrt hinunter und ordentlich aus dem Tor hinaus. Der Butler drohte ihm mit der Polizei, falls er wieder eindringen sollte. Es war wunderbar gemacht – nüchtern und mit vollkommenem Anstand. Jeder hätte geschworen, dass der Butler ein echter Butler sei, der Diener ein echter Diener – nur, wie es der Zufall wollte, war der Butler Whittington!
Tommy zog sich zum Gasthof zurück und wartete auf Alberts Rückkehr. Schließlich tauchte dieser Würdige auf.
„Nun?“, rief Tommy eifrig.
„Alles in Ordnung. Während sie Sie hinausgeworfen haben, öffnete sich das Fenster und etwas wurde herausgeworfen.“ Er überreichte Tommy einen Zettel. „Es war um ein Briefbeschwerer gewickelt.“
Auf dem Papier waren drei Worte hingekritzelt: „Morgen – gleiche Zeit.“
„Klasse!“, rief Tommy. „Es geht los.“
„Ich habe eine Nachricht auf ein Stück Papier geschrieben, sie um einen Stein gewickelt und durch das Fenster geworfen“, fuhr Albert atemlos fort.
Tommy stöhnte.
„Ihr Eifer wird unser Untergang sein, Albert. Was haben Sie gesagt?“
„Gesagt, dass wir im Gasthof wohnen. Wenn sie entkommen kann, soll sie dorthin kommen und wie ein Frosch quaken.“
„Sie wird wissen, dass Sie das sind“, sagte Tommy mit einem Seufzer der Erleichterung. „Ihre Fantasie geht mit Ihnen durch, wissen Sie, Albert. Warum, Sie würden ein Froschquaken gar nicht erkennen, wenn Sie es hörten.“
Albert sah ziemlich niedergeschlagen aus.
„Kopf hoch“, sagte Tommy. „Kein Schaden angerichtet. Dieser Butler ist ein alter Bekannter von mir – ich wette, er wusste, wer ich war, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. Es ist nicht ihr Spiel, Verdacht zu zeigen. Deshalb war es für uns bisher ziemlich einfach. Sie wollen mich nicht völlig entmutigen. Andererseits wollen sie es mir nicht zu leicht machen. Ich bin ein Bauer in ihrem Spiel, Albert, das bin ich. Wissen Sie, wenn die Spinne die Fliege zu leicht herauslaufen lässt, könnte die Fliege vermuten, dass es ein abgekartetes Spiel ist. Daher die Nützlichkeit dieses vielversprechenden jungen Mannes, Mr. T. Beresford, der ihnen gerade im richtigen Moment in die Quere gekommen ist. Aber später sollte Mr. T. Beresford besser aufpassen!“
Tommy legte sich in einer gewissen Hochstimmung schlafen. Er hatte einen sorgfältigen Plan für den folgenden Abend ausgearbeitet. Er war sich sicher, dass die Bewohner von Astley Priors ihn bis zu einem gewissen Punkt nicht stören würden. Erst danach gedachte Tommy, ihnen eine Überraschung zu bereiten.
Gegen zwölf Uhr wurde seine Ruhe jedoch jäh gestört. Ihm wurde mitgeteilt, dass jemand an der Bar nach ihm verlange. Der Antragsteller erwies sich als ein grob aussehender Fuhrmann, der dick mit Schlamm bedeckt war.
„Nun, mein guter Mann, worum geht es?“, fragte Tommy.
„Könnte das für Sie sein, Sir?“ Der Fuhrmann hielt einen sehr schmutzigen, gefalteten Zettel hin, auf dessen Außenseite geschrieben stand: „Bringen Sie das dem Herrn im Gasthof in der Nähe von Astley Priors. Er wird Ihnen zehn Schilling geben.“
Die Handschrift war Tuppences. Tommy würdigte ihren schnellen Verstand, zu erkennen, dass er unter einem angenommenen Namen im Gasthof wohnen könnte. Er riss es ihm aus der Hand.
„Das ist in Ordnung.“
Der Mann behielt es zurück.
„Was ist mit meinen zehn Schilling?“
Tommy holte hastig einen Zehn-Schilling-Schein hervor, und der Mann gab seinen Fund frei. Tommy entfaltete ihn.
„LIEBER TOMMY,
„Ich wusste gestern Nacht, dass du es warst. Geh heute Abend nicht hin. Sie werden dir auflauern. Sie bringen uns heute Morgen weg. Ich habe etwas von Wales gehört – Holyhead, glaube ich. Ich lasse das hier auf der Straße fallen, wenn ich eine Chance bekomme. Annette hat mir erzählt, wie du entkommen bist. Kopf hoch.
„Deine,
„TWOPENCE.“
Tommy rief nach Albert, noch bevor er diesen charakteristischen Brief zu Ende gelesen hatte.
„Pack meine Tasche! Wir hauen ab!“
„Ja, Sir.“ Die Schritte von Albert waren rennend auf der Treppe zu hören. Holyhead? Bedeutete das etwa, dass doch... Tommy war ratlos. Er las langsam weiter.
Die Schritte von Albert waren weiterhin eifrig auf dem Stockwerk darüber zu hören.
Plötzlich kam ein zweiter Ruf von unten.
„Albert! Ich bin ein verdammter Narr! Pack die Tasche wieder aus!“
„Ja, Sir.“
Tommy glättete den Zettel nachdenklich.
„Ja, ein verdammter Narr“, sagte er leise. „Aber jemand anderes ist es auch! Und endlich weiß ich, wer es ist!“
KAPITEL XXIV. JULIUS GREIFT EIN
In seiner Suite im Claridge’s lehnte sich Kramenin auf einem Sofa zurück und diktierte seinem Sekretär in zischendem Russisch.
Kurz darauf schnurrte das Telefon am Ellbogen des Sekretärs, er nahm den Hörer ab, sprach ein oder zwei Minuten und wandte sich dann an seinen Arbeitgeber.
„Jemand unten fragt nach Ihnen.“
„Wer ist es?“
„Er nennt den Namen Mr. Julius P. Hersheimmer.“
„Hersheimmer“, wiederholte Kramenin nachdenklich. „Diesen Namen habe ich schon einmal gehört.“
„Sein Vater war einer der Stahlkönige Amerikas“, erklärte der Sekretär, dessen Aufgabe es war, alles zu wissen. „Dieser junge Mann muss mehrfacher Millionär sein.“
Die Augen des anderen verengten sich anerkennend.
„Sie sollten besser hinuntergehen und ihn sehen, Ivan. Finden Sie heraus, was er will.“
Der Sekretär gehorchte und schloss die Tür geräuschlos hinter sich. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück.
„Er weigert sich, sein Anliegen zu nennen – sagt, es sei rein privat und persönlich und er müsse Sie sprechen.“
„Mehrfacher Millionär“, murmelte Kramenin. „Bringen Sie ihn herauf, mein lieber Ivan.“
Der Sekretär verließ noch einmal den Raum und kehrte mit Julius zurück.
„Monsieur Kramenin?“, sagte dieser abrupt.
Der Russe, der ihn aufmerksam mit seinen blassen, giftigen Augen studierte, verbeugte sich.
„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte der Amerikaner. „Ich habe eine sehr wichtige Angelegenheit, die ich gerne mit Ihnen besprechen würde, wenn ich Sie unter vier Augen sprechen kann.“ Er sah den anderen bedeutungsvoll an.
„Mein Sekretär, Monsieur Grieber, vor dem ich keine Geheimnisse habe.“
„Das mag sein – aber ich habe welche“, sagte Julius trocken. „Also wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie ihm sagen würden, er soll verschwinden.“
„Ivan“, sagte der Russe leise, „vielleicht macht es Ihnen nichts aus, sich in den nächsten Raum zurückzuziehen –“
„Der nächste Raum reicht nicht“, unterbrach ihn Julius. „Ich kenne diese Herzogssuiten – und ich will diese hier absolut leer haben, bis auf Sie und mich. Schicken Sie ihn in einen Laden, um für einen Penny Erdnüsse zu kaufen.“
Obwohl Kramenin die freimütige Sprechweise des Amerikaners nicht besonders gefiel, war er von Neugier zerfressen. „Wird Ihre Angelegenheit lange dauern?“
„Könnte eine nächtliche Angelegenheit werden, wenn Sie mitmachen.“
„Sehr gut, Ivan. Ich werde Sie heute Abend nicht mehr brauchen. Gehen Sie ins Theater – nehmen Sie sich den Abend frei.“
„Danke, Exzellenz.“
Der Sekretär verbeugte sich und ging.
Julius stand an der Tür und beobachtete seinen Rückzug. Schließlich schloss er sie mit einem zufriedenen Seufzer und kehrte in die Mitte des Raumes zurück.
„Nun, Mr. Hersheimmer, vielleicht wären Sie so freundlich, zum Punkt zu kommen?“
„Ich schätze, das dauert keine Minute“, sagte Julius langsam. Dann, mit einem abrupten Wechsel seines Auftretens: „Hände hoch – oder ich schieße!“
Einen Moment lang starrte Kramenin blind in die große Automatik, dann warf er mit fast komischer Hast die Hände über den Kopf. In diesem Augenblick hatte Julius ihn eingeschätzt. Der Mann, mit dem er es zu tun hatte, war ein erbärmlicher körperlicher Feigling – der Rest würde einfach sein.
„Das ist eine Unverschämtheit“, schrie der Russe mit hoher, hysterischer Stimme. „Eine Unverschämtheit! Wollen Sie mich töten?“
„Nicht, wenn Sie Ihre Stimme leise halten. Versuchen Sie nicht, seitwärts zu dieser Glocke zu schleichen. So ist es besser.“
„Was wollen Sie? Tun Sie nichts Unüberlegtes. Denken Sie daran, dass mein Leben für mein Land von größtem Wert ist. Ich wurde vielleicht verleumdet –“
„Ich rechne damit“, sagte Julius, „dass der Mann, der Sie über den Haufen schießt, der Menschheit einen guten Dienst erweisen würde. Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich habe nicht vor, Sie bei diesem Ausflug zu töten – das heißt, wenn Sie vernünftig sind.“
Der Russe wich vor der strengen Drohung in den Augen des anderen zurück. Er fuhr mit der Zunge über seine trockenen Lippen.
„Was wollen Sie? Geld?“
„Nein. Ich will Jane Finn.“
„Jane Finn? Ich – habe noch nie von ihr gehört!“
„Sie sind ein verdammter Lügner! Sie wissen genau, wen ich meine.“
„Ich sage Ihnen, ich habe noch nie von dem Mädchen gehört.“
„Und ich sage Ihnen“, entgegnete Julius, „dass mein kleiner Willie hier geradezu verrückt danach ist, loszugehen!“
Der Russe schrumpfte sichtlich zusammen.
„Sie würden es nicht wagen –“
„Oh doch, das würde ich, mein Junge!“
Kramenin muss in der Stimme etwas erkannt haben, das Überzeugung trug, denn er sagte mürrisch:
„Nun? Angenommen, ich weiß, wen Sie meinen – was ist damit?“
„Sie werden mir jetzt – hier – sagen, wo sie zu finden ist.“
Kramenin schüttelte den Kopf.
„Ich wage es nicht.“
„Warum nicht?“
„Ich wage es nicht. Sie verlangen Unmögliches.“
„Angst, was? Vor wem? Mr. Brown? Ah, das kitzelt Sie! Es gibt also eine solche Person? Ich hatte es bezweifelt. Und die bloße Erwähnung seiner Person macht Ihnen eine Heidenangst!“
„Ich habe ihn gesehen“, sagte der Russe langsam. „Habe von Angesicht zu Angesicht mit ihm gesprochen. Ich wusste es erst hinterher. Er war einer aus einer Menge. Ich würde ihn nicht wiedererkennen. Wer ist er wirklich? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich – er ist ein Mann, den man fürchten muss.“
„Er wird es nie erfahren“, sagte Julius.
„Er weiß alles – und seine Rache ist schnell. Selbst ich – Kramenin! – wäre davor nicht sicher!“
„Dann werden Sie nicht tun, worum ich Sie bitte?“
„Sie verlangen Unmögliches.“
„Sicher, das ist schade für Sie“, sagte Julius fröhlich. „Aber die Welt im Allgemeinen wird davon profitieren.“ Er hob den Revolver.
„Halt“, schrie der Russe. „Sie können doch nicht ernsthaft vorhaben, mich zu erschießen?“
„Natürlich tue ich das. Ich habe immer gehört, ihr Revolutionäre hieltet das Leben für billig, aber es scheint, es gibt einen Unterschied, wenn es um das eigene Leben geht. Ich habe Ihnen eine einzige Chance gegeben, Ihre schmutzige Haut zu retten, und die wollten Sie nicht wahrnehmen!“
„Sie würden mich töten!“
„Nun“, sagte Julius freundlich, „es liegt an Ihnen. Aber ich sage Ihnen nur eins. Mein kleiner Willie hier ist eine todsichere Sache, und wenn ich Sie wäre, würde ich bei Mr. Brown ein sportliches Risiko eingehen!“
„Sie werden hängen, wenn Sie mich erschießen“, murmelte der Russe unschlüssig.
„Nein, Fremder, da irren Sie sich. Sie vergessen die Dollars. Ein großer Haufen Anwälte wird sich damit befassen, sie werden ein paar hochtrabende Ärzte an die Arbeit schicken, und das Ende vom Lied wird sein, dass sie sagen, mein Verstand sei zerrüttet gewesen. Ich werde ein paar Monate in einem ruhigen Sanatorium verbringen, meine geistige Gesundheit wird sich bessern, die Ärzte werden mich wieder für zurechnungsfähig erklären, und alles wird für den kleinen Julius glücklich enden. Ich schätze, ich kann ein paar Monate Ruhe ertragen, um die Welt von Ihnen zu befreien, aber bilden Sie sich bloß nicht ein, dass ich dafür hängen werde!“
Der Russe glaubte ihm. Da er selbst korrupt war, glaubte er bedingungslos an die Macht des Geldes. Er hatte von amerikanischen Mordprozessen gelesen, die weitgehend so verliefen, wie Julius es andeutete. Er hatte selbst Gerechtigkeit gekauft und verkauft. Dieser virile junge Amerikaner mit der vielsagenden, langsamen Stimme hatte ihn in der Hand.
„Ich werde bis fünf zählen“, fuhr Julius fort, „und ich schätze, wenn Sie mich über die vier hinauskommen lassen, brauchen Sie sich wegen Mr. Brown keine Sorgen mehr zu machen. Vielleicht schickt er ein paar Blumen zur Beerdigung, aber Sie werden sie nicht riechen! Sind Sie bereit? Ich fange an. Eins – zwei – drei – vier –“
Der Russe unterbrach ihn mit einem Schrei:
„Schießen Sie nicht. Ich werde alles tun, was Sie wünschen.“
Julius senkte den Revolver.
„Ich dachte mir, dass Sie zur Vernunft kommen. Wo ist das Mädchen?“
„In Gatehouse, in Kent. Astley Priors heißt der Ort.“
„Ist sie dort eine Gefangene?“
„Sie darf das Haus nicht verlassen – obwohl es eigentlich sicher genug ist. Die kleine Närrin hat ihr Gedächtnis verloren, verflucht soll sie sein!“
„Das war ärgerlich für Sie und Ihre Freunde, schätze ich. Was ist mit dem anderen Mädchen, dem, das Sie vor über einer Woche weggelockt haben?“
„Sie ist auch dort“, sagte der Russe mürrisch.
„Das ist gut“, sagte Julius. „Läuft es nicht alles wunderbar? Und eine schöne Nacht für die Fahrt!“
„Welche Fahrt?“, verlangte Kramenin mit einem starren Blick zu wissen.
„Runter nach Gatehouse natürlich. Ich hoffe, Sie fahren gerne Auto?“
„Was meinen Sie damit? Ich weigere mich mitzukommen.“
„Nun werden Sie mal nicht sauer. Sie müssen doch einsehen, dass ich nicht so naiv bin, Sie hierzulassen. Sie würden als Erstes Ihre Freunde an diesem Telefon anrufen! Ah!“ Er beobachtete den Fall in das Gesicht des anderen. „Sie sehen, Sie hatten alles eingefädelt. Nein, mein Herr, Sie kommen mit mir. Ist das Ihr Schlafzimmer da nebenan? Gehen Sie direkt hinein. Mein kleiner Willie und ich kommen hinterher. Ziehen Sie einen dicken Mantel an, genau. Pelzgefüttert? Und Sie als Sozialist! Jetzt sind wir bereit. Wir gehen die Treppe hinunter und durch den Flur nach draußen, wo mein Wagen wartet. Und vergessen Sie nicht, dass ich Sie jeden Zentimeter des Weges im Visier habe. Ich kann genauso gut durch meine Manteltasche schießen. Ein Wort, oder auch nur ein Blick auf einen dieser livrierten Bediensteten, und schon wird es ein unbekanntes Gesicht in der Schwefel-und-Pech-Hölle geben!“
Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinunter und traten nach draußen zu dem wartenden Wagen. Der Russe bebte vor Wut. Die Hotelangestellten umringten sie. Ein Schrei lag ihm auf den Lippen, aber im letzten Moment versagten ihm die Nerven. Der Amerikaner war ein Mann, der zu seinem Wort stand.
Als sie den Wagen erreichten, atmete Julius auf. Die Gefahrenzone war passiert. Die Angst hatte den Mann an seiner Seite erfolgreich hypnotisiert.
„Steigen Sie ein“, befahl er. Dann, als er den Seitenblick des anderen bemerkte: „Nein, der Chauffeur wird Ihnen nicht helfen. Marine-Mann. War auf einem U-Boot in Russland, als die Revolution ausbrach. Sein Bruder wurde von Ihren Leuten ermordet. George!“
„Ja, Sir?“ Der Chauffeur drehte den Kopf.
„Dieser Herr ist ein russischer Bolschewik. Wir wollen ihn nicht erschießen, aber es könnte notwendig sein. Verstehen Sie?“
„Vollkommen, Sir.“
„Ich will nach Gatehouse in Kent. Kennen Sie den Weg überhaupt?“
„Ja, Sir, es wird eine Fahrt von etwa anderthalb Stunden sein.“
„Machen Sie eine Stunde daraus. Ich habe es eilig.“
„Ich werde mein Bestes tun, Sir.“ Der Wagen schoss durch den Verkehr vorwärts.
Julius machte es sich bequem an der Seite seines Opfers. Er behielt die Hand in der Tasche seines Mantels, doch sein Auftreten war bis zum Äußersten urban.
„Es gab da einen Mann, den ich einmal in Arizona erschossen habe…“, begann er fröhlich.
Am Ende der einstündigen Fahrt war der unglückliche Kramenin mehr tot als lebendig. Auf die Anekdote mit dem Mann aus Arizona war ein Ganove aus ‚Frisco und eine Episode in den Rockies gefolgt. Julius’ Erzählstil war, wenn auch nicht streng wahrheitsgetreu, so doch bildhaft!
Der Chauffeur verlangsamte das Tempo und rief über die Schulter, dass sie gerade nach Gatehouse hineinfuhren. Julius wies den Russen an, ihnen den Weg zu weisen. Sein Plan war, direkt vor das Haus zu fahren. Dort sollte Kramenin nach den beiden Mädchen verlangen. Julius erklärte ihm, dass Little Willie bei Misserfolgen nicht tolerant sein würde. Kramenin war zu diesem Zeitpunkt wie Knete in den Händen des anderen. Das schreckliche Tempo, das sie vorgelegt hatten, hatte ihn vollends entmannt. Er hatte sich an jeder Ecke bereits für tot erklärt.
Der Wagen fuhr die Auffahrt hinauf und hielt vor dem Portal. Der Chauffeur sah sich nach Befehlen um.
„Wenden Sie zuerst den Wagen, George. Dann läuten Sie und kehren Sie auf Ihren Platz zurück. Lassen Sie den Motor laufen und seien Sie bereit, wie der Teufel abzuhauen, wenn ich das Zeichen gebe.“
„Sehr wohl, Sir.“
Die Vordertür wurde vom Butler geöffnet. Kramenin spürte die Mündung des Revolvers an seinen Rippen.
„Jetzt“, zischte Julius. „Und seien Sie vorsichtig.“
Der Russe winkte. Seine Lippen waren weiß und seine Stimme nicht sehr fest:
„Ich bin es – Kramenin! Bringen Sie das Mädchen sofort herunter! Es gibt keine Zeit zu verlieren!“
Whittington war die Stufen heruntergekommen. Er stieß einen Ausruf des Erstaunens aus, als er den anderen sah.
„Sie! Was ist los? Sie kennen doch sicher den Plan…“
Kramenin unterbrach ihn mit den Worten, die schon viele unnötige Paniken ausgelöst haben:
„Wir sind verraten worden! Die Pläne müssen aufgegeben werden. Wir müssen unsere eigene Haut retten. Das Mädchen! Und zwar sofort! Es ist unsere einzige Chance.“
Whittington zögerte, aber kaum für einen Augenblick.
„Sie haben Befehle – von ihm?“
„Natürlich! Wäre ich sonst hier? Beeilen Sie sich! Es darf keine Zeit verloren werden. Das andere kleine dumme Ding sollte auch mitkommen.“
Whittington drehte sich um und rannte zurück ins Haus. Die qualvollen Minuten vergingen. Dann erschienen zwei in Umhänge gehüllte Gestalten hastig auf den Stufen und wurden in das Auto gedrängt. Die kleinere der beiden wollte Widerstand leisten, und Whittington stieß sie unsanft hinein. Julius beugte sich vor, und dabei erhellte das Licht der offenen Tür sein Gesicht. Ein anderer Mann auf den Stufen hinter Whittington stieß einen erschrockenen Ausruf aus. Die Tarnung war dahin.
„Machen Sie schon, George“, rief Julius.
Der Chauffeur legte den Gang ein, und mit einem Satz setzte sich der Wagen in Bewegung.
Der Mann auf den Stufen stieß einen Fluch aus. Seine Hand fuhr in die Tasche. Es gab einen Blitz und einen Knall. Die Kugel verfehlte das größere Mädchen um nur einen Zoll.
„Runter, Jane“, schrie Julius. „Flach auf den Boden des Wagens.“ Er stieß sie scharf nach vorne, stand dann auf, zielte sorgfältig und feuerte.
„Haben Sie ihn getroffen?“, rief Tuppence eifrig.
„Sicher“, antwortete Julius. „Er ist allerdings nicht tot. Solche Stinktiere sind nicht so leicht umzubringen. Bist du in Ordnung, Tuppence?“
„Natürlich bin ich das. Wo ist Tommy? Und wer ist das?“ Sie deutete auf den zitternden Kramenin.
„Tommy ist auf dem Weg nach Argentinien. Ich nehme an, er dachte, du hättest das Zeitliche gesegnet. Vorsichtig durch das Tor, George! Genau so. Es wird sie mindestens fünf Minuten kosten, sich nach uns in Bewegung zu setzen. Sie werden wahrscheinlich das Telefon benutzen, also halte Ausschau nach Fallen voraus – und nimm nicht die direkte Route. Wer ist das, sagtest du, Tuppence? Gestatten Sie, Monsieur Kramenin. Ich habe ihn überredet, wegen seiner Gesundheit an dieser Reise teilzunehmen.“
Der Russe blieb stumm, immer noch leichenblass vor Terror.
„Aber warum haben sie uns gehen lassen?“, fragte Tuppence misstrauisch.
„Ich schätze, Monsieur Kramenin hier hat sie so hübsch gebeten, dass sie einfach nicht ablehnen konnten!“
Das war zu viel für den Russen. Er brach heftig aus:
„Verflucht seist du – verflucht! Sie wissen jetzt, dass ich sie verraten habe. Mein Leben wird in diesem Land keine Stunde mehr sicher sein.“
„Das stimmt“, stimmte Julius zu. „Ich würde Ihnen raten, sich sofort nach Russland abzusetzen.“
„Lassen Sie mich dann gehen“, schrie der andere. „Ich habe getan, was Sie verlangt haben. Warum behalten Sie mich immer noch bei sich?“
„Nicht wegen der Freude an Ihrer Gesellschaft. Ich nehme an, Sie können jetzt direkt aussteigen, wenn Sie wollen. Ich dachte, Sie hätten es lieber, wenn ich Sie zurück nach London fahre.“
„Sie erreichen London vielleicht nie“, knurrte der andere. „Lassen Sie mich hier und jetzt gehen.“
„Abgemacht. Halten Sie an, George. Der Herr macht die Rückreise nicht mit. Falls ich jemals nach Russland komme, Monsieur Kramenin, erwarte ich einen stürmischen Empfang, und…“
Doch bevor Julius seine Rede beendet hatte und bevor der Wagen endgültig zum Stehen gekommen war, hatte sich der Russe herausgeschwungen und war in der Nacht verschwunden.
„Ein bisschen ungeduldig, uns zu verlassen“, kommentierte Julius, als der Wagen wieder Fahrt aufnahm. „Und keine Spur davon, sich höflich von den Damen zu verabschieden. Sag mal, Jane, du kannst jetzt auf den Sitz kommen.“
Zum ersten Mal sprach das Mädchen.
„Wie haben Sie ihn ‚überredet‘?“, fragte sie.
Julius tippte auf seinen Revolver.
„Little Willie hier verdient die Anerkennung!“
„Großartig!“, rief das Mädchen. Die Farbe schoss ihr ins Gesicht, ihre Augen blickten bewundernd zu Julius.
„Annette und ich wussten nicht, was mit uns geschehen würde“, sagte Tuppence. „Der alte Whittington hat uns herausgehetzt. Wir dachten, wir wären Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank.“
„Annette“, sagte Julius. „Ist das, wie du sie nennst?“
Sein Geist schien zu versuchen, sich auf eine neue Idee einzustellen.
„Es ist ihr Name“, sagte Tuppence und öffnete die Augen ganz weit.
„Mist!“, erwiderte Julius. „Sie mag denken, es sei ihr Name, weil ihr Gedächtnis weg ist, armes Kind. Aber hier haben wir die einzig wahre und ursprüngliche Jane Finn.“
„Was?“, rief Tuppence.
Doch sie wurde unterbrochen. Mit einem wütenden Aufprall bohrte sich eine Kugel in die Polsterung des Wagens direkt hinter ihrem Kopf.
„Runter mit dir“, schrie Julius. „Es ist ein Hinterhalt. Diese Kerle sind ziemlich schnell aktiv geworden. Dräng sie ein bisschen, George.“
Der Wagen machte einen regelrechten Satz nach vorne. Drei weitere Schüsse hallten wider, gingen aber glücklicherweise daneben. Julius lehnte sich aufrecht über die Rückseite des Wagens.
„Nichts, worauf man schießen könnte“, verkündete er düster. „Aber ich schätze, bald wird es ein weiteres kleines Picknick geben. Ah!“
Er hob die Hand an seine Wange.
„Sind Sie verletzt?“, sagte Annette schnell.
„Nur ein Kratzer.“
Das Mädchen sprang auf.
„Lassen Sie mich raus! Lassen Sie mich raus, sage ich! Halten Sie den Wagen an. Ich bin es, hinter der sie her sind. Ich bin diejenige, die sie wollen. Sie sollen Ihr Leben nicht wegen mir verlieren. Lassen Sie mich gehen.“ Sie nestelte an den Verschlüssen der Tür.
Julius packte sie an beiden Armen und sah sie an. Sie hatte ohne jede Spur eines fremden Akzents gesprochen.
„Setz dich, Kind“, sagte er sanft. „Ich schätze, mit deinem Gedächtnis ist alles in Ordnung. Hast sie die ganze Zeit zum Narren gehalten, was?“
Das Mädchen sah ihn an, nickte und brach plötzlich in Tränen aus. Julius klopfte ihr auf die Schulter.
„Na, na – bleib einfach sitzen. Wir lassen dich nicht im Stich.“
Durch ihr Schluchzen sagte das Mädchen undeutlich:
„Sie sind von zu Hause. Ich erkenne es an Ihrer Stimme. Das macht mich heimwehkrank.“
„Sicher bin ich von zu Hause. Ich bin dein Cousin – Julius Hersheimmer. Ich bin eigens nach Europa gekommen, um dich zu finden – und was für einen Tanz du mich hast aufführen lassen.“
Der Wagen verlangsamte das Tempo. George sprach über die Schulter:
„Kreuzung hier, Sir. Ich bin mir wegen des Weges nicht sicher.“
Der Wagen verlangsamte, bis er kaum noch rollte. In diesem Moment kletterte plötzlich eine Gestalt über die Rückseite und stürzte kopfüber mitten unter sie.
„Sorry“, sagte Tommy und befreite sich.
Eine Menge verwirrter Ausrufe begrüßte ihn. Er antwortete ihnen einzeln:
„War in den Büschen an der Auffahrt. Habe mich hinten drangehängt. Konnte euch bei dem Tempo nicht früher Bescheid geben. Es war alles, was ich tun konnte, um mich festzuhalten. Also dann, ihr Mädchen, steigt aus!“
„Aussteigen?“
„Ja. Direkt dort an der Straße ist ein Bahnhof. Der Zug kommt in drei Minuten. Ihr schafft ihn, wenn ihr euch beeilt.“
„Was zum Teufel haben Sie vor?“, forderte Julius. „Glauben Sie, Sie können sie täuschen, indem Sie das Auto verlassen?“
„Sie und ich werden das Auto nicht verlassen. Nur die Mädchen.“
„Sie sind verrückt, Beresford. Wahnsinnig! Sie können diese Mädchen nicht allein fortlassen. Wenn Sie das tun, ist es das Ende.“
Tommy wandte sich an Tuppence.
„Steig sofort aus, Tuppence. Nimm sie mit und tu genau das, was ich sage. Niemand wird euch etwas zuleide tun. Ihr seid sicher. Nehmt den Zug nach London. Geht direkt zu Sir James Peel Edgerton. Mr. Carter wohnt außerhalb der Stadt, aber bei ihm seid ihr sicher.“
„Verdammt noch mal!“, schrie Julius. „Sie sind wahnsinnig. Jane, du bleibst, wo du bist.“
Mit einer plötzlichen, schnellen Bewegung entriss Tommy Julius den Revolver aus der Hand und richtete ihn auf ihn.
„Glauben Sie jetzt, dass ich es ernst meine? Steigt beide aus und tut, was ich sage – oder ich schieße!“
Tuppence sprang heraus und zerrte die widerstrebende Jane hinter sich her.
„Komm schon, es ist alles in Ordnung. Wenn Tommy sich sicher ist – dann ist er sich sicher. Schnell. Wir verpassen den Zug.“
Sie fingen an zu rennen.
Julius’ aufgestaute Wut brach hervor.
„Was zum Teufel…“
Tommy unterbrach ihn.
„Halt den Mund! Ich will ein paar Worte mit Ihnen wechseln, Mr. Julius Hersheimmer.“
KAPITEL XXV. JANES GESCHICHTE
Mit dem Arm in Janes eingehakt und sie hinter sich herziehend, erreichte Tuppence den Bahnhof. Ihre schnellen Ohren fingen das Geräusch des herannahenden Zuges ein.
„Beeil dich“, keuchte sie, „sonst verpassen wir ihn.“
Sie kamen auf dem Bahnsteig an, gerade als der Zug zum Stehen kam. Tuppence öffnete die Tür eines leeren Erste-Klasse-Abteils, und die beiden Mädchen sanken atemlos auf die gepolsterten Sitze.
Ein Mann schaute herein, ging dann aber weiter zum nächsten Wagen. Jane zuckte nervös zusammen. Ihre Augen weiteten sich vor Terror. Sie sah Tuppence fragend an.
„Glaubst du, er gehört zu ihnen?“, hauchte sie.
Tuppence schüttelte den Kopf.
„Nein, nein. Alles in Ordnung.“ Sie nahm Janes Hand in ihre. „Tommy hätte uns nicht gesagt, dass wir das tun sollen, wenn er nicht sicher wäre, dass wir in Ordnung sind.“
„Aber er kennt sie nicht so wie ich!“ Das Mädchen schauderte. „Du kannst das nicht verstehen. Fünf Jahre! Fünf lange Jahre! Manchmal dachte ich, ich würde wahnsinnig werden.“
„Mach dir nichts daraus. Es ist alles vorbei.“
„Ist es das?“
Der Zug setzte sich nun in Bewegung und raste mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Nacht. Plötzlich fuhr Jane Finn hoch.
„Was war das? Ich dachte, ich hätte ein Gesicht gesehen – das durch das Fenster schaute.“
„Nein, da ist nichts. Schau.“ Tuppence ging zum Fenster, hob den Riemen und ließ die Scheibe herunter.
„Bist du sicher?“
„Ganz sicher.“
Die andere schien das Gefühl zu haben, eine Entschuldigung sei nötig:
„Ich schätze, ich verhalte mich wie ein verschrecktes Kaninchen, aber ich kann nicht anders. Wenn sie mich jetzt erwischen würden, dann…“ Ihre Augen weiteten sich starr.
„Lass das!“, flehte Tuppence. „Lehn dich zurück und denk nicht nach. Du kannst dir ganz sicher sein, dass Tommy nicht gesagt hätte, es sei sicher, wenn es das nicht wäre.“
„Mein Cousin glaubte das nicht. Er wollte nicht, dass wir das tun.“
„Nein“, sagte Tuppence ziemlich verlegen.
„Was denkst du gerade?“, sagte Jane scharf.
„Warum?“
„Deine Stimme klang so… seltsam!“
„Ich habe an etwas gedacht“, gestand Tuppence. „Aber ich möchte es dir nicht sagen – nicht jetzt. Ich könnte mich irren, aber ich glaube es nicht. Es ist nur eine Idee, die mir vor langer Zeit in den Kopf kam. Tommy hat sie auch – ich bin fast sicher, dass er sie hat. Aber mach dir keine Sorgen – dafür wird später noch Zeit genug sein. Und vielleicht ist es gar nicht so! Tu, was ich dir sage – lehn dich zurück und denk an nichts.“
„Ich will es versuchen.“ Die langen Wimpern senkten sich über die haselnussbraunen Augen.
Tuppence ihrerseits saß kerzengerade da – fast wie ein wachsamer Terrier auf der Hut. Trotz allem war sie nervös. Ihre Augen huschten ständig von einem Fenster zum anderen. Sie notierte sich die genaue Position der Notbremse. Was genau sie fürchtete, hätte sie nur schwer sagen können. Aber in ihrem Inneren war sie weit davon entfernt, das Vertrauen zu empfinden, das sie in ihren Worten zur Schau stellte. Nicht, dass sie Tommy misstraute, aber gelegentlich wurde sie von Zweifeln geschüttelt, ob jemand, der so einfach und ehrlich war wie er, es jemals mit der teuflischen Hinterlist des Erzverbrechers aufnehmen konnte.
Wenn sie Sir James Peel Edgerton erst einmal sicher erreichten, würde alles gut werden. Aber würden sie ihn erreichen? Würden sich die stillen Kräfte von Mr. Brown nicht bereits gegen sie formieren? Selbst dieses letzte Bild von Tommy, den Revolver in der Hand, vermochte sie nicht zu trösten. Inzwischen könnte er überwältigt sein, erdrückt von der reinen Übermacht der Zahlen… Tuppence entwarf ihren Schlachtplan.
Als der Zug schließlich langsam in Charing Cross einfuhr, setzte sich Jane Finn mit einem Ruck auf.
„Sind wir angekommen? Ich hätte nie gedacht, dass wir das schaffen würden!“
„Oh, ich dachte schon, dass wir sicher nach London kommen würden. Wenn es irgendeinen Spaß geben wird, dann beginnt er jetzt. Schnell, steig aus. Wir springen in ein Taxi.“
Eine Minute später passierten sie die Absperrung, hatten die Fahrpreise bezahlt und stiegen in ein Taxi.
„King’s Cross“, wies Tuppence an. Dann machte sie einen Satz. Ein Mann schaute bei den Fenstern herein, gerade als sie losfuhren. Sie war sich fast sicher, dass es derselbe Mann war, der in den Wagen neben ihnen eingestiegen war. Sie hatte ein schreckliches Gefühl, von allen Seiten langsam eingekreist zu werden.
„Weißt du“, erklärte sie Jane, „wenn sie glauben, wir fahren zu Sir James, wird sie das auf eine falsche Fährte locken. Jetzt werden sie sich einbilden, wir fahren zu Mr. Carter. Sein Landsitz liegt irgendwo nördlich von London.“
Beim Überqueren von Holborn gab es eine Blockade, und das Taxi wurde aufgehalten. Darauf hatte Tuppence gewartet.
„Schnell“, flüsterte sie. „Öffne die rechte Tür!“
Die beiden Mädchen stiegen mitten in den Verkehr aus. Zwei Minuten später saßen sie in einem anderen Taxi und fuhren ihre Strecke zurück, diesmal direkt zum Carlton House Terrace.
„So“, sagte Tuppence mit großer Zufriedenheit, „das sollte sie erledigt haben. Ich kann nicht anders, als zu denken, dass ich wirklich ziemlich schlau bin! Wie dieser andere Taxifahrer fluchen wird! Aber ich habe mir seine Nummer gemerkt und werde ihm morgen eine Postanweisung schicken, damit er keinen Verlust erleidet, falls er echt war. Was weicht dieses Ding denn aus… Oh!“
Es gab ein knirschendes Geräusch und einen Stoß. Ein anderes Taxi war mit ihnen zusammengestoßen.
Wie ein Blitz war Tuppence auf dem Bürgersteig. Ein Polizist näherte sich. Bevor er eintraf, hatte Tuppence dem Fahrer fünf Schilling in die Hand gedrückt, und sie und Jane waren in der Menge untergetaucht.
„Es ist nur noch ein oder zwei Schritte“, sagte Tuppence atemlos. Der Unfall hatte sich am Trafalgar Square ereignet.
„Glaubst du, die Kollision war ein Unfall oder absichtlich herbeigeführt?“
„Ich weiß es nicht. Es könnte beides gewesen sein.“
Hand in Hand eilten die beiden Mädchen weiter.
„Es mag Einbildung sein“, sagte Tuppence plötzlich, „aber ich habe das Gefühl, als ob jemand hinter uns wäre.“
„Beeil dich!“, murmelte die andere. „Oh, beeil dich!“
Sie waren jetzt an der Ecke von Carlton House Terrace, und ihre Stimmung hellte sich auf. Plötzlich versperrte ihnen ein großer und offensichtlich betrunkener Mann den Weg.
„Guten Abend, die Damen“, schluckaufte er. „Wohin so eilig?“
„Lassen Sie uns bitte vorbei“, sagte Tuppence gebieterisch.
„Nur ein Wort mit Ihrer hübschen Freundin hier.“ Er streckte eine schwankende Hand aus und packte Jane an der Schulter. Tuppence hörte andere Schritte hinter sich. Sie hielt nicht inne, um festzustellen, ob es Freunde oder Feinde waren. Sie senkte den Kopf, wiederholte ein Manöver aus Kindertagen und rammte ihren Angreifer voll in die stattliche Mitte. Der Erfolg dieser unsportlichen Taktik war unmittelbar. Der Mann setzte sich abrupt auf den Bürgersteig. Tuppence und Jane ergriffen die Flucht. Das Haus, das sie suchten, lag ein Stück weiter unten. Andere Schritte hallten hinter ihnen wider. Ihr Atem kam in erstickenden Keuchen, als sie Sir James’ Tür erreichten. Tuppence griff nach der Klingel und Jane nach dem Türklopfer.
Der Mann, der sie aufgehalten hatte, erreichte den Fuß der Stufen. Für einen Moment zögerte er, und in diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Sie fielen gemeinsam in den Flur. Sir James kam aus der Bibliothekstür auf sie zu.
„Hallo! Was ist denn das?“
Er trat vor und legte seinen Arm um Jane, als sie unsicher schwankte. Er trug sie halb in die Bibliothek und legte sie auf die Ledercouch. Aus einem Tantalus auf dem Tisch goss er ein paar Tropfen Brandy ein und zwang sie, sie zu trinken. Mit einem Seufzer setzte sie sich auf, ihre Augen immer noch wild und verängstigt.
„Alles in Ordnung. Haben Sie keine Angst, mein Kind. Sie sind ganz sicher.“
Ihr Atem wurde normaler, und die Farbe kehrte auf ihre Wangen zurück. Sir James sah Tuppence spöttisch an.
„Sie sind also nicht tot, Miss Tuppence, ebenso wenig wie dieser Junge Tommy von Ihnen!“
„Die jungen Abenteurer sind nicht so leicht umzubringen“, prahlte Tuppence.
„So scheint es“, sagte Sir James trocken. „Gehe ich recht in der Annahme, dass das gemeinsame Unternehmen ein Erfolg war und dass dies“ – er wandte sich an das Mädchen auf der Couch – „Miss Jane Finn ist?“
Jane setzte sich auf.
„Ja“, sagte sie leise, „ich bin Jane Finn. Ich habe viel zu erzählen.“
„Wenn Sie kräftiger sind…“
„Nein – jetzt!“ Ihre Stimme hob sich ein wenig. „Ich werde mich sicherer fühlen, wenn ich alles erzählt habe.“
„Wie Sie wünschen“, sagte der Anwalt.
Er setzte sich in einen der großen Armlehnstühle gegenüber der Couch. Mit leiser Stimme begann Jane ihre Geschichte.
„Ich kam auf der Lusitania herüber, um eine Stelle in Paris anzutreten. Ich war schrecklich begeistert vom Krieg und wollte unbedingt irgendwie helfen. Ich hatte Französisch studiert, und mein Lehrer sagte, dass sie Hilfe in einem Krankenhaus in Paris bräuchten, also schrieb ich und bot meine Dienste an, und sie wurden angenommen. Ich hatte keine eigenen Leute, daher war es einfach, die Dinge zu regeln.
Als die Lusitania torpediert wurde, kam ein Mann auf mich zu. Ich hatte ihn mehr als einmal bemerkt – und ich hatte mir in meinem eigenen Kopf ausgemalt, dass er Angst vor jemandem oder etwas hatte. Er fragte mich, ob ich eine patriotische Amerikanerin sei, und sagte mir, dass er Papiere bei sich trage, die für die Alliierten über Leben und Tod entschieden. Er bat mich, sie in Verwahrung zu nehmen. Ich sollte auf eine Anzeige in der Times achten. Wenn sie nicht erschien, sollte ich sie zum amerikanischen Botschafter bringen.
Das meiste, was folgte, kommt mir immer noch wie ein Albtraum vor. Ich sehe es manchmal in meinen Träumen… Ich werde diesen Teil abkürzen. Mr. Danvers hatte mir gesagt, ich solle aufpassen. Er könnte von New York aus beschattet worden sein, aber er glaubte es nicht. Zuerst hatte ich keinen Verdacht, aber auf dem Boot nach Holyhead wurde ich unruhig. Da war eine Frau, die sehr darauf erpicht war, sich um mich zu kümmern und sich mit mir anzufreunden – eine Mrs. Vandemeyer. Anfangs war ich ihr nur dankbar, dass sie so nett zu mir war; aber die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass etwas an ihr war, das mir nicht gefiel, und auf dem irischen Boot sah ich sie mit einigen merkwürdig aussehenden Männern sprechen, und an der Art, wie sie schauten, sah ich, dass sie über mich sprachen. Ich erinnerte mich, dass sie ganz in meiner Nähe auf der Lusitania war, als Mr. Danvers mir das Paket gab, und davor hatte sie versucht, ein oder zwei Mal mit ihm zu sprechen. Ich bekam Angst, wusste aber nicht recht, was ich tun sollte.
Ich hatte den verrückten Gedanken, in Holyhead auszusteigen und an diesem Tag nicht nach London weiterzufahren, aber ich sah bald, dass das blanker Unsinn gewesen wäre. Das Einzige, was ich tun konnte, war, so zu tun, als hätte ich nichts bemerkt, und auf das Beste zu hoffen. Ich konnte nicht sehen, wie sie mich erwischen könnten, wenn ich auf der Hut war. Eines hatte ich bereits als Vorsichtsmaßnahme getan – ich hatte das Wachstuchpaket aufgerissen, durch leeres Papier ersetzt und wieder zugenäht. Wenn mich also jemand bestehlen sollte, wäre es egal.
Was ich mit dem echten Ding tun sollte, beunruhigte mich sehr. Schließlich breitete ich es flach aus – es waren nur zwei Blätter – und legte es zwischen zwei der Anzeigenseiten eines Magazins. Ich klebte die beiden Seiten am Rand mit etwas Kleber von einem Umschlag zusammen. Ich trug das Magazin achtlos in die Tasche meines Ulsters gestopft.“
In Holyhead versuchte ich, in ein Abteil mit Leuten einzusteigen, die ganz in Ordnung aussahen, aber auf seltsame Weise schien mich immer eine Menge zu umringen, die mich schob und drängte, genau in die Richtung, in die ich nicht wollte. Es lag etwas Unheimliches und Beängstigendes darin. Am Ende landete ich doch in einem Abteil mit Mrs. Vandemeyer. Ich ging hinaus auf den Korridor, aber alle anderen Abteile waren voll, also musste ich zurückgehen und mich hinsetzen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass noch andere Leute im Abteil waren – da saß ein recht nett aussehender Mann mit seiner Frau direkt gegenüber. Ich fühlte mich also fast glücklich dabei, bis kurz vor London. Ich hatte mich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Ich vermute, sie dachten, ich würde schlafen, aber meine Augen waren nicht ganz zu, und plötzlich sah ich, wie der nett aussehende Mann etwas aus seiner Tasche holte und es Mrs. Vandemeyer reichte, und während er das tat, zwinkerte er...
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich dieses Zwinkern irgendwie bis ins Mark gefrieren ließ. Mein einziger Gedanke war, so schnell wie möglich auf den Korridor zu gelangen. Ich stand auf und versuchte, natürlich und gelassen zu wirken. Vielleicht sahen sie etwas – ich weiß es nicht –, aber plötzlich sagte Mrs. Vandemeyer: „Jetzt“, und warf mir etwas über Nase und Mund, als ich schreien wollte. Im selben Moment spürte ich einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf...
Sie schauderte. Sir James murmelte etwas Mitfühlendes. Nach einer Minute fuhr sie fort:
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis ich wieder zu Bewusstsein kam. Mir war sehr übel und flau. Ich lag auf einem schmutzigen Bett. Ein Wandschirm stand darum herum, aber ich konnte zwei Leute im Zimmer sprechen hören. Mrs. Vandemeyer war eine von ihnen. Ich versuchte zuzuhören, aber anfangs konnte ich nicht viel erfassen. Als ich endlich begriff, was vor sich ging – da war ich einfach nur entsetzt! Ich wundere mich, dass ich nicht auf der Stelle laut aufgeschrien habe.
Sie hatten die Papiere nicht gefunden. Sie hatten das Wachstuchpaket mit den Leerformularen, und sie waren einfach außer sich! Sie wussten nicht, ob ich die Papiere ausgetauscht hatte oder ob Danvers eine Scheinbotschaft bei sich getragen hatte, während die echte auf einem anderen Weg geschickt worden war. Sie sprachen davon“ – sie schloss die Augen – „mich zu foltern, um es herauszufinden!
Ich hatte nie zuvor gewusst, was Angst – wirklich krankmachende Angst – war! Einmal kamen sie, um nach mir zu sehen. Ich schloss die Augen und tat so, als wäre ich immer noch bewusstlos, aber ich hatte Angst, sie könnten mein Herzklopfen hören. Sie gingen jedoch wieder weg. Ich begann wie verrückt nachzudenken. Was konnte ich tun? Ich wusste, dass ich der Folter nicht lange standhalten würde.
Plötzlich brachte mich etwas auf den Gedanken an Gedächtnisverlust. Das Thema hatte mich schon immer interessiert, und ich hatte unglaublich viel darüber gelesen. Ich hatte die ganze Sache im Kopf. Wenn es mir nur gelänge, diesen Bluff durchzuziehen, könnte es mich retten. Ich sprach ein Gebet und holte tief Luft. Dann öffnete ich die Augen und fing an, auf Französisch zu plappern!
Mrs. Vandemeyer kam sofort hinter dem Wandschirm hervor. Ihr Gesicht war so bösartig, dass ich fast gestorben wäre, aber ich lächelte sie zweifelnd an und fragte sie auf Französisch, wo ich sei.
Es verwirrte sie, das konnte ich sehen. Sie rief den Mann, mit dem sie gesprochen hatte. Er stand am Wandschirm, sein Gesicht im Schatten. Er sprach mich auf Französisch an. Seine Stimme war sehr gewöhnlich und ruhig, aber irgendwie, ich weiß nicht warum, machte er mir mehr Angst als die Frau. Ich spürte, dass er mich völlig durchschaut hatte, aber ich spielte meine Rolle weiter. Ich fragte noch einmal, wo ich sei, und fuhr dann fort, dass ich mich an etwas erinnern müsse – unbedingt erinnern müsse –, nur dass im Moment alles weg sei. Ich steigerte mich in immer größere Verzweiflung. Er fragte mich nach meinem Namen. Ich sagte, ich wisse es nicht – dass ich mich an überhaupt nichts erinnern könne.
Plötzlich ergriff er mein Handgelenk und begann es zu verdrehen. Der Schmerz war schrecklich. Ich schrie. Er machte weiter. Ich schrie und schrie, aber es gelang mir, Dinge auf Französisch herauszuschreien. Ich weiß nicht, wie lange ich hätte weitermachen können, aber glücklicherweise wurde ich ohnmächtig. Das Letzte, was ich hörte, war seine Stimme, die sagte: „Das ist kein Bluff! Jedenfalls würde ein Kind in ihrem Alter nicht genug darüber wissen.“ Ich schätze, er vergaß, dass amerikanische Mädchen für ihr Alter weiter sind als englische und sich mehr für wissenschaftliche Themen interessieren.
Als ich wieder zu mir kam, war Mrs. Vandemeyer honigsüß zu mir. Sie hatte wohl ihre Befehle bekommen. Sie sprach Französisch mit mir – sagte mir, ich hätte einen Schock erlitten und sei sehr krank gewesen. Ich würde bald wieder gesund werden. Ich tat so, als wäre ich etwas benommen – murmelte etwas davon, dass der „Doktor“ mein Handgelenk verletzt hätte. Sie wirkte erleichtert, als ich das sagte.
Nach einer Weile verließ sie das Zimmer ganz. Ich war immer noch misstrauisch und lag einige Zeit ganz still. Schließlich stand ich jedoch auf und ging im Zimmer umher, um es zu untersuchen. Ich dachte mir, selbst wenn mich irgendwoher jemand beobachtete, würde es unter diesen Umständen natürlich genug wirken. Es war ein schäbiger, schmutziger Ort. Es gab keine Fenster, was mir seltsam vorkam. Ich vermutete, dass die Tür abgeschlossen wäre, aber ich probierte es nicht aus. An den Wänden hingen ein paar verbeulte alte Bilder, die Szenen aus Faust darstellten.
Janes zwei Zuhörer gaben gleichzeitig ein „Ah!“ von sich. Das Mädchen nickte.
Ja – es war der Ort in Soho, an dem Mr. Beresford gefangen gehalten wurde. Natürlich wusste ich damals nicht einmal, ob ich in London war. Eine Sache beunruhigte mich furchtbar, aber mein Herz machte einen gewaltigen Sprung vor Erleichterung, als ich meinen Ulster achtlos über der Lehne eines Stuhls liegen sah. Und das Magazin steckte noch zusammengerollt in der Tasche!
Wenn ich nur sicher sein könnte, dass ich nicht beobachtet wurde! Ich sah mich vorsichtig an den Wänden um. Es schien kein Guckloch irgendeiner Art zu geben – dennoch war ich mir irgendwie sicher, dass es eines geben musste. Plötzlich setzte ich mich auf die Kante des Tisches und vergrub mein Gesicht in den Händen, während ich ein „Mon Dieu! Mon Dieu!“ schluchzte. Ich habe sehr scharfe Ohren. Ich hörte deutlich das Rauschen eines Kleides und ein leichtes Knarren. Das reichte mir. Ich wurde beobachtet!
Ich legte mich wieder aufs Bett, und nach einer Weile brachte mir Mrs. Vandemeyer etwas Abendessen. Sie war immer noch so süß, wie man nur sein konnte. Ich nehme an, ihr war gesagt worden, mein Vertrauen zu gewinnen. Bald darauf holte sie das Wachstuchpaket hervor und fragte mich, ob ich es wiedererkennen würde, wobei sie mich die ganze Zeit wie ein Luchs beobachtete.
Ich nahm es und drehte es auf eine verwirrte Art hin und her. Dann schüttelte ich den Kopf. Ich sagte, ich hätte das Gefühl, ich müsste mich an etwas darüber erinnern, es sei, als ob alles zurückkäme, und dann, bevor ich es greifen könne, sei es wieder weg. Dann sagte sie mir, dass ich ihre Nichte sei und dass ich sie „Tante Rita“ nennen solle. Ich tat es gehorsam, und sie sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen – mein Gedächtnis würde bald zurückkehren.
Das war eine schreckliche Nacht. Ich hatte meinen Plan gemacht, während ich auf sie gewartet hatte. Die Papiere waren bis dahin sicher, aber ich konnte nicht das Risiko eingehen, sie länger dort zu lassen. Sie könnten dieses Magazin jeden Moment wegwerfen. Ich lag wach und wartete, bis ich einschätzte, dass es etwa zwei Uhr morgens sein musste. Dann stand ich so leise wie möglich auf und tastete im Dunkeln die linke Wand entlang. Ganz vorsichtig nahm ich eines der Bilder von seinem Nagel – Margarete mit ihrem Schmuckkästchen. Ich schlich zu meinem Mantel, nahm das Magazin heraus und einen oder zwei seltsame Umschläge, die ich hineingesteckt hatte. Dann ging ich zum Waschtisch und feuchtete das braune Papier auf der Rückseite des Bildes rundherum an. Bald konnte ich es abziehen. Ich hatte bereits die zwei zusammengeklebten Seiten aus dem Magazin gerissen, und nun schob ich sie samt ihrer wertvollen Beilage zwischen das Bild und seine braune Papierrückseite. Ein wenig Klebstoff von den Umschlägen half mir, letztere wieder festzukleben. Niemand würde ahnen, dass das Bild jemals manipuliert worden war. Ich hängte es wieder an die Wand, steckte das Magazin zurück in meine Manteltasche und schlich zurück ins Bett. Ich war mit meinem Versteck zufrieden. Sie würden niemals darauf kommen, eines ihrer eigenen Bilder zu zerlegen. Ich hoffte, sie würden zu dem Schluss kommen, dass Danvers die ganze Zeit eine Attrappe bei sich getragen hatte, und dass sie mich am Ende gehen lassen würden.
Tatsächlich vermute ich, dass sie das anfangs dachten, und in gewisser Weise war das gefährlich für mich. Ich erfuhr später, dass sie mich fast auf der Stelle beseitigt hätten – es gab nie eine große Chance, dass sie mich „gehen ließen“ –, aber der erste Mann, der der Boss war, zog es vor, mich am Leben zu lassen, für den Fall, dass ich sie versteckt hatte und sagen könnte wo, wenn ich mein Gedächtnis zurückgewinnen würde. Sie beobachteten mich wochenlang ständig. Manchmal stellten sie mir stundenlang Fragen – ich glaube, es gab nichts, was sie über die „dritte Stufe“ der Vernehmung nicht wussten! – aber irgendwie gelang es mir, mich zu behaupten. Die Anspannung dabei war jedoch schrecklich...
Sie brachten mich zurück nach Irland und gingen jeden Schritt der Reise noch einmal durch, für den Fall, dass ich es unterwegs irgendwo versteckt hätte. Mrs. Vandemeyer und eine andere Frau ließen mich keinen Moment aus den Augen. Sie sprachen von mir als einer jungen Verwandten von Mrs. Vandemeyer, deren Geist durch den Schock der Lusitania beeinträchtigt sei. Es gab niemanden, an den ich mich um Hilfe wenden konnte, ohne mich ihnen gegenüber zu verraten, und wenn ich es riskierte und scheiterte – und Mrs. Vandemeyer sah so reich und so schön gekleidet aus, dass ich überzeugt war, sie würden ihr Wort gegen meins glauben und denken, es sei Teil meiner geistigen Störung, mich für „verfolgt“ zu halten –, fühlte ich, dass die Schrecken, die mich erwarteten, zu schrecklich sein würden, sobald sie wüssten, dass ich nur geheuchelt hatte.
Sir James nickte verständnisvoll.
Mrs. Vandemeyer war eine Frau mit großer Persönlichkeit. Damit und mit ihrem gesellschaftlichen Status hätte sie wenig Schwierigkeiten gehabt, ihren Standpunkt gegenüber Ihrem durchzusetzen. Ihre sensationellen Anschuldigungen gegen sie hätten nicht leicht Glauben gefunden.
Das dachte ich mir auch. Es endete damit, dass ich in ein Sanatorium in Bournemouth geschickt wurde. Ich konnte mich anfangs nicht entscheiden, ob es eine fingierte Angelegenheit war oder ob es echt war. Eine Krankenschwester betreute mich. Ich war eine Privatpatientin. Sie wirkte so nett und normal, dass ich mich schließlich entschloss, mich ihr anzuvertrauen. Eine barmherzige Vorsehung rettete mich gerade noch rechtzeitig davor, in die Falle zu tappen. Meine Tür stand zufällig einen Spalt offen, und ich hörte sie mit jemandem auf dem Flur sprechen. Sie war eine von ihnen! Sie bildeten sich immer noch ein, es könnte ein Bluff meinerseits sein, und sie war mir zur Betreuung zugeteilt worden, um sicherzugehen! Danach waren meine Nerven völlig am Ende. Ich wagte es, niemandem mehr zu vertrauen.
Ich glaube, ich habe mich fast selbst hypnotisiert. Nach einer Weile vergaß ich beinahe, dass ich wirklich Jane Finn war. Ich war so darauf fixiert, die Rolle der Janet Vandemeyer zu spielen, dass meine Nerven begannen, mir Streiche zu spielen. Ich wurde wirklich krank – monatelang versank ich in eine Art Betäubung. Ich war sicher, dass ich bald sterben würde und dass nichts wirklich eine Rolle spielte. Ein gesunder Mensch, der in eine Irrenanstalt gesperrt wird, endet oft damit, wahnsinnig zu werden, sagt man. Ich glaube, so war es bei mir. Meine Rolle zu spielen war für mich zur zweiten Natur geworden. Ich war am Ende nicht einmal unglücklich – nur apathisch. Nichts schien wichtig zu sein. Und die Jahre vergingen.
Und dann schienen sich die Dinge plötzlich zu ändern. Mrs. Vandemeyer kam aus London. Sie und der Doktor stellten mir Fragen, experimentierten mit verschiedenen Behandlungen. Es war die Rede davon, mich zu einem Spezialisten nach Paris zu schicken. Am Ende wagten sie es nicht, das Risiko einzugehen. Ich hörte zufällig etwas, das darauf hinzudeuten schien, dass andere Leute – Freunde – nach mir suchten. Ich erfuhr später, dass die Krankenschwester, die mich betreut hatte, nach Paris fuhr und einen Spezialisten konsultierte, wobei sie sich als mich ausgab. Er unterzog sie einigen gründlichen Tests und entlarvte ihren Gedächtnisverlust als Betrug; aber sie hatte sich Notizen über seine Methoden gemacht und sie bei mir angewandt. Ich wage zu bezweifeln, dass ich den Spezialisten auch nur eine Minute hätte täuschen können – ein Mann, der sein Leben lang eine Sache studiert hat, ist einzigartig –, aber es gelang mir wieder einmal, mich ihnen gegenüber zu behaupten. Die Tatsache, dass ich so lange nicht mehr an mich selbst als Jane Finn gedacht hatte, machte es einfacher.
Eines Nachts wurde ich Hals über Kopf nach London gebracht. Sie brachten mich zurück in das Haus in Soho. Sobald ich aus dem Sanatorium weg war, fühlte ich mich anders – als ob etwas in mir, das lange Zeit begraben gewesen war, wieder erwachen würde.
Sie schickten mich hinein, um Mr. Beresford zu bedienen. (Natürlich kannte ich seinen Namen damals noch nicht.) Ich war misstrauisch – ich dachte, es sei eine weitere Falle. Aber er sah so ehrlich aus, dass ich es kaum glauben konnte. Ich war jedoch bei allem, was ich sagte, vorsichtig, denn ich wusste, dass wir belauscht werden konnten. Es gibt ein kleines Loch, weit oben in der Wand.
Aber am Sonntagnachmittag wurde eine Nachricht ins Haus gebracht. Sie waren alle sehr aufgeregt. Ohne dass sie es wussten, hörte ich zu. Es war die Nachricht gekommen, dass er getötet werden sollte. Den nächsten Teil muss ich nicht erzählen, weil Sie ihn kennen. Ich dachte, ich hätte Zeit, schnell hinaufzueilen und die Papiere aus ihrem Versteck zu holen, aber ich wurde erwischt. Also schrie ich, dass er fliehe, und sagte, ich wolle zu Margarete zurück. Ich rief den Namen dreimal sehr laut. Ich wusste, die anderen würden denken, ich meinte Mrs. Vandemeyer, aber ich hoffte, es könnte Mr. Beresford an das Bild denken lassen. Er hatte am ersten Tag eines abgehängt – das war es, was mich zögern ließ, ihm zu vertrauen.
Sie hielt inne.
„Dann sind die Papiere“, sagte Sir James langsam, „noch immer hinter dem Bild in diesem Zimmer.“
„Ja.“ Das Mädchen war erschöpft von der Anstrengung der langen Geschichte auf das Sofa zurückgesunken.
Sir James erhob sich. Er sah auf seine Uhr.
„Kommen Sie“, sagte er, „wir müssen sofort gehen.“
„Heute Nacht?“, fragte Tuppence überrascht.
„Morgen könnte es zu spät sein“, sagte Sir James ernst. „Außerdem haben wir, wenn wir heute Nacht gehen, die Chance, diesen großen Mann und Superverbrecher – Mr. Brown – zu fangen!“
Es herrschte Totenstille, und Sir James fuhr fort:
„Sie sind bis hierher verfolgt worden – daran gibt es keinen Zweifel. Wenn wir das Haus verlassen, werden wir wieder verfolgt werden, aber nicht belästigt, denn es ist Mr. Browns Plan, dass wir ihn führen sollen. Aber das Haus in Soho steht Tag und Nacht unter polizeilicher Überwachung. Es gibt mehrere Männer, die es bewachen. Wenn wir dieses Haus betreten, wird Mr. Brown nicht zurückweichen – er wird alles riskieren, in der Hoffnung, den Funken zu erhalten, um seine Mine zu zünden. Und er hält das Risiko für nicht groß – da er in der Gestalt eines Freundes eintreten wird!“
Tuppence errötete, öffnete dann impulsiv den Mund.
„Aber es gibt etwas, das Sie nicht wissen – das wir Ihnen noch nicht gesagt haben.“ Ihr Blick ruhte ratlos auf Jane.
„Was ist das?“, fragte der andere scharf. „Kein Zögern, Miss Tuppence. Wir müssen uns unseres Vorgehens sicher sein.“
Doch Tuppence schien für einmal sprachlos.
„Es ist so schwierig – wissen Sie, wenn ich mich irre – oh, das wäre schrecklich.“ Sie machte eine Grimasse in Richtung der bewusstlosen Jane. „Verzeihen Sie mir nie“, bemerkte sie kryptisch.
„Sie möchten, dass ich Ihnen aus der Patsche helfe, was?“
„Ja, bitte. Sie wissen, wer Mr. Brown ist, nicht wahr?“
„Ja“, sagte Sir James ernst. „Endlich weiß ich es.“
„Endlich?“, fragte Tuppence zweifelnd. „Oh, aber ich dachte...“ Sie hielt inne.
„Sie dachten richtig, Miss Tuppence. Ich bin mir seiner Identität schon seit einiger Zeit moralisch sicher – seit der Nacht von Mrs. Vandemeyers mysteriösem Tod.“
„Ah!“, hauchte Tuppence.
„Denn da stoßen wir an die Logik der Tatsachen. Es gibt nur zwei Lösungen. Entweder wurde das Chloral von ihrer eigenen Hand verabreicht, was ich völlig ablehne, oder aber...“
„Ja?“
„Oder aber es wurde ihr in dem Brandy verabreicht, den Sie ihr gaben. Nur drei Leute haben diesen Brandy berührt – Sie, Miss Tuppence, ich selbst und ein weiterer – Mr. Julius Hersheimmer!“
Jane Finn regte sich und setzte sich auf, wobei sie den Sprecher mit großen, erstaunten Augen ansah.
„Zuerst schien die Sache völlig unmöglich. Mr. Hersheimmer war als Sohn eines bekannten Millionärs eine bekannte Persönlichkeit in Amerika. Es schien völlig unmöglich, dass er und Mr. Brown ein und dieselbe Person sein könnten. Aber man kann der Logik der Tatsachen nicht entkommen. Da die Sache so war – muss sie akzeptiert werden. Denken Sie an Mrs. Vandemeyers plötzliche und unerklärliche Aufregung. Ein weiterer Beweis, falls einer nötig gewesen wäre.
Ich nutzte eine frühe Gelegenheit, um Ihnen einen Hinweis zu geben. Aus einigen Worten von Mr. Hersheimmer in Manchester schloss ich, dass Sie diesen Hinweis verstanden und darauf reagiert hatten. Dann machte ich mich an die Arbeit, das Unmögliche möglich zu machen. Mr. Beresford rief mich an und erzählte mir, was ich bereits vermutet hatte, dass das Foto von Miss Jane Finn nie wirklich aus Mr. Hersheimmers Besitz gewesen war...“
Doch das Mädchen unterbrach ihn. Sie sprang auf und rief wütend:
„Was meinen Sie damit? Was versuchen Sie anzudeuten? Dass Mr. Brown Julius ist? Julius – mein eigener Cousin!“
„Nein, Miss Finn“, sagte Sir James unerwartet. „Nicht Ihr Cousin. Der Mann, der sich Julius Hersheimmer nennt, ist in keiner Weise mit Ihnen verwandt.“
KAPITEL XXVI. MR. BROWN
Sir James’ Worte wirkten wie eine Bombe. Beide Mädchen sahen gleichermaßen ratlos aus. Der Anwalt ging zu seinem Schreibtisch und kehrte mit einem kleinen Zeitungsausschnitt zurück, den er Jane reichte. Tuppence las über ihre Schulter mit. Mr. Carter hätte ihn erkannt. Er bezog sich auf den mysteriösen Mann, der tot in New York aufgefunden worden war.
„Wie ich gerade zu Miss Tuppence sagte“, fuhr der Anwalt fort, „machte ich mich daran, das Unmögliche möglich zu machen. Der große Stolperstein war die unbestreitbare Tatsache, dass Julius Hersheimmer kein angenommener Name war. Als ich auf diesen Absatz stieß, war mein Problem gelöst. Julius Hersheimmer machte sich auf den Weg, um herauszufinden, was aus seiner Cousine geworden war. Er ging in den Westen, wo er Nachrichten über sie und ihr Foto erhielt, um ihn bei seiner Suche zu unterstützen. Am Vorabend seiner Abreise aus New York wurde er überfallen und ermordet. Sein Körper wurde in schäbige Kleidung gekleidet und das Gesicht entstellt, um eine Identifizierung zu verhindern. Mr. Brown nahm seinen Platz ein. Er segelte sofort nach England. Keiner der echten Freunde oder Vertrauten Hersheimmers sah ihn, bevor er segelte – obwohl es tatsächlich kaum eine Rolle gespielt hätte, wenn sie es getan hätten, die Identitätsfälschung war so perfekt. Seitdem steckte er unter einer Decke mit denen, die geschworen hatten, ihn zur Strecke zu bringen. Jedes ihrer Geheimnisse war ihm bekannt. Nur ein einziges Mal kam er einer Katastrophe nahe. Mrs. Vandemeyer kannte sein Geheimnis. Es war kein Teil seines Plans, dass ihr jemals diese riesige Bestechungssumme angeboten werden sollte. Wäre Miss Tuppence nicht glücklicherweise von ihrem Plan abgewichen, wäre sie weit weg von der Wohnung gewesen, als wir dort ankamen. Die Entlarvung starrte ihm ins Gesicht. Er unternahm einen verzweifelten Schritt, im Vertrauen darauf, dass sein angenommener Charakter den Verdacht abwenden würde. Er war fast erfolgreich – aber eben nur fast.“
„Ich kann es nicht glauben“, murmelte Jane. „Er wirkte so großartig.“
„Der echte Julius Hersheimmer war ein großartiger Kerl! Und Mr. Brown ist ein vollendeter Schauspieler. Aber fragen Sie Miss Tuppence, ob sie nicht auch ihre Verdachtsmomente hatte.“
Jane wandte sich stumm an Tuppence. Diese nickte.
„Ich wollte es nicht sagen, Jane – ich wusste, es würde dich verletzen. Und schließlich konnte ich mir nicht sicher sein. Ich verstehe immer noch nicht, warum er uns gerettet hat, wenn er Mr. Brown ist.“
„War es Julius Hersheimmer, der Ihnen bei der Flucht geholfen hat?“
Tuppence berichtete Sir James von den aufregenden Ereignissen des Abends und schloss mit: „Aber ich verstehe nicht, warum!“
sste, wie knapp sie der völligen Katastrophe entgangen waren. Und in Mr. Carters Gedächtnis eingebrannt war die seltsame Szene, die sich in der Nacht zuvor in dem Haus in Soho abgespielt hatte.
Paragraph 75: He had entered the squalid room to find that great man, the friend of a lifetime, dead--betrayed out of his own mouth. From the dead man’s pocket-book he had retrieved the ill-omened draft treaty, and then and there, in the presence of the other three, it had been reduced to ashes.... England was saved!
German: Er hatte den elenden Raum betreten und diesen großen Mann, den Freund eines ganzen Lebens, tot vorgefunden – überführt aus seinem eigenen Mund. Aus der Brieftasche des Toten hatte er den unseligen Vertragsentwurf geborgen, und auf der Stelle, in Gegenwart der anderen drei, war er zu Asche verbrannt worden ... England war gerettet!
Paragraph 76: And now, on the evening of the 30th, in a private room at the Savoy, Mr. Julius P. Hersheimmer was receiving his guests.
German: Und nun, am Abend des 30., empfing Mr. Julius P. Hersheimmer in einem privaten Salon im Savoy seine Gäste.
Paragraph 77: Mr. Carter was the first to arrive. With him was a choleric-looking old gentleman, at sight of whom Tommy flushed up to the roots of his hair.
„Genau deshalb habe ich die Mädchen zu Sir James geschickt. Ich war mir sicher, dass sie früher oder später in dem Haus in Soho landen würden. Ich habe Julius mit dem Revolver bedroht, weil ich wollte, dass Tuppence das gegenüber Sir James wiederholt, damit er sich keine Sorgen um uns macht. In dem Moment, als die Mädchen außer Sichtweite waren, sagte ich Julius, er solle wie der Teufel nach London fahren, und während der Fahrt erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Wir kamen rechtzeitig im Haus in Soho an und trafen Mr. Carter draußen. Nachdem wir alles mit ihm besprochen hatten, gingen wir hinein und versteckten uns hinter dem Vorhang in der Nische. Die Polizisten hatten den Befehl, auf Nachfrage zu sagen, dass niemand das Haus betreten habe. Das ist alles.“
Und Tommy hielt abrupt inne.
Einen Moment lang herrschte Stille.
„Übrigens“, sagte Julius plötzlich, „ihr liegt völlig falsch mit diesem Foto von Jane. Es wurde mir abgenommen, aber ich habe es wiedergefunden.“
„Wo?“, rief Tuppence.
„In dem kleinen Safe an der Wand im Schlafzimmer von Mrs. Vandemeyer.“
„Ich wusste, dass du etwas gefunden hast“, sagte Tuppence vorwurfsvoll. „Um ehrlich zu sein, das war der Grund, warum ich anfing, dich zu verdächtigen. Warum hast du nichts gesagt?“
„Ich schätze, ich war auch ein wenig misstrauisch. Es war mir einmal abgenommen worden, und ich war entschlossen, nicht preiszugeben, dass ich es wiederhatte, bis ein Fotograf ein Dutzend Kopien davon gemacht hatte!“
„Wir haben alle das eine oder andere zurückgehalten“, sagte Tuppence nachdenklich. „Ich nehme an, die Arbeit beim Geheimdienst macht einen so!“
In der folgenden Pause nahm Mr. Carter ein kleines, schäbiges braunes Buch aus seiner Tasche.
„Beresford hat gerade gesagt, dass ich Sir James Peel Edgerton nicht für schuldig gehalten hätte, es sei denn, er wäre sozusagen auf frischer Tat ertappt worden. Das stimmt. Tatsächlich konnte ich mich erst dazu durchringen, der erstaunlichen Wahrheit voll und ganz zu glauben, als ich die Einträge in diesem kleinen Buch las. Dieses Buch wird in den Besitz von Scotland Yard übergehen, aber es wird nie öffentlich ausgestellt werden. Sir James’ lange Verbindung mit dem Gesetz würde dies unerwünscht machen. Aber euch, die ihr die Wahrheit kennt, schlage ich vor, bestimmte Passagen vorzulesen, die ein Licht auf die außergewöhnliche Mentalität dieses großen Mannes werfen.“
Er öffnete das Buch und blätterte die dünnen Seiten um.
„... Es ist Wahnsinn, dieses Buch zu behalten. Das weiß ich. Es ist ein dokumentarischer Beweis gegen mich. Aber ich habe nie davor zurückgeschreckt, Risiken einzugehen. Und ich verspüre ein dringendes Bedürfnis nach Selbstdarstellung.... Das Buch wird nur von meiner Leiche abgenommen werden....
... Schon in jungen Jahren erkannte ich, dass ich über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte. Nur ein Dummkopf unterschätzt seine Möglichkeiten. Meine Geisteskraft lag weit über dem Durchschnitt. Ich weiß, dass ich dazu geboren war, Erfolg zu haben. Mein Äußeres war das Einzige, was gegen mich sprach. Ich war ruhig und unbedeutend – vollkommen unauffällig....
... Als Junge hörte ich einem berühmten Mordprozess zu. Ich war tief beeindruckt von der Kraft und Beredsamkeit des Verteidigers. Zum ersten Mal hegte ich den Gedanken, meine Talente auf diesem speziellen Markt einzusetzen.... Dann studierte ich den Kriminellen auf der Anklagebank.... Der Mann war ein Dummkopf – er war unglaublich, unvorstellbar dumm gewesen. Selbst die Beredsamkeit seines Anwalts hätte ihn kaum retten können. Ich empfand eine unermessliche Verachtung für ihn.... Dann kam mir der Gedanke, dass der Standard der Kriminellen ein niedriger war. Es waren die Taugenichtse, die Versager, der allgemeine Abschaum der Zivilisation, die in die Kriminalität abglitten.... Seltsam, dass intelligente Männer die außergewöhnlichen Möglichkeiten nie erkannt hatten.... Ich spielte mit dem Gedanken.... Was für ein großartiges Feld – was für unbegrenzte Möglichkeiten! Mein Kopf drehte sich....
... Ich las Standardwerke über Verbrechen und Kriminelle. Sie alle bestätigten meine Meinung. Entartung, Krankheit – niemals die bewusste Wahl einer Laufbahn durch einen weitsichtigen Mann. Dann dachte ich nach. Angenommen, meine höchsten Ambitionen würden verwirklicht – dass ich als Anwalt zugelassen würde und in meinem Beruf aufstiege? Dass ich in die Politik ginge – sagen wir, sogar, dass ich Premierminister von England würde? Was dann? War das Macht? Auf Schritt und Tritt behindert von meinen Kollegen, gefesselt durch das demokratische System, von dem ich nur die Gallionsfigur wäre! Nein – die Macht, von der ich träumte, war absolut! Ein Autokrat! Ein Diktator! Und eine solche Macht konnte nur durch Handeln außerhalb des Gesetzes erlangt werden. Die Schwächen der menschlichen Natur ausnutzen, dann die Schwächen der Nationen – eine riesige Organisation aufbauen und kontrollieren, und schließlich die bestehende Ordnung stürzen und herrschen! Der Gedanke berauschte mich....
... Ich erkannte, dass ich zwei Leben führen musste. Ein Mann wie ich zieht zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich. Ich muss eine erfolgreiche Karriere haben, die meine wahren Aktivitäten maskiert.... Außerdem muss ich eine Persönlichkeit kultivieren. Ich habe mich an berühmten Kronanwälten orientiert. Ich habe ihre Manierismen, ihren Magnetismus nachgeahmt. Wenn ich mich entschieden hätte, Schauspieler zu werden, wäre ich der größte lebende Schauspieler gewesen! Keine Verkleidungen – keine Schminke – keine falschen Bärte! Persönlichkeit! Ich streifte sie über wie einen Handschuh! Wenn ich sie ablegte, war ich ich selbst, ruhig, unaufdringlich, ein Mann wie jeder andere Mann. Ich nannte mich Mr. Brown. Es gibt Hunderte von Männern, die Brown heißen – es gibt Hunderte von Männern, die genau wie ich aussehen....
... Ich hatte Erfolg in meiner falschen Karriere. Ich war dazu verdammt, Erfolg zu haben. Ich werde in der anderen Erfolg haben. Ein Mann wie ich kann nicht scheitern....
... Ich habe eine Biografie Napoleons gelesen. Er und ich haben viel gemeinsam....
... Ich mache es mir zur Gewohnheit, Kriminelle zu verteidigen. Ein Mann sollte sich um seine eigenen Leute kümmern....
... Ein- oder zweimal habe ich Angst gespürt. Das erste Mal war in Italien. Es wurde ein Abendessen gegeben. Professor D----, der große Psychiater, war anwesend. Das Gespräch kam auf Geisteskrankheit. Er sagte: ‚Sehr viele Männer sind verrückt, und niemand weiß es. Sie wissen es selbst nicht.‘ Ich verstehe nicht, warum er mich ansah, als er das sagte. Sein Blick war seltsam.... Ich mochte ihn nicht....
... Der Krieg hat mich beunruhigt.... Ich dachte, er würde meine Pläne voranbringen. Die Deutschen sind so effizient. Auch ihr Spionagesystem war ausgezeichnet. Die Straßen sind voll von diesen Jungen in Khaki. Alles hohlköpfige junge Narren.... Doch ich weiß nicht.... Sie haben den Krieg gewonnen.... Das beunruhigt mich....
... Meine Pläne laufen gut.... Ein Mädchen hat sich eingemischt – ich glaube nicht, dass sie wirklich etwas wusste.... Aber wir müssen Esthonia aufgeben.... Keine Risiken mehr....
... Alles läuft gut. Der Gedächtnisverlust ist ärgerlich. Es kann kein Schwindel sein. Kein Mädchen könnte MICH täuschen!...
... Der 29.... Das ist sehr bald....“ Mr. Carter hielt inne.
„Ich werde die Einzelheiten des geplanten Putsches nicht vorlesen. Aber es gibt nur zwei kleine Einträge, die sich auf euch drei beziehen. Im Lichte dessen, was geschehen ist, sind sie interessant.
... Indem ich das Mädchen dazu bringe, von sich aus zu mir zu kommen, ist es mir gelungen, sie zu entwaffnen. Aber sie hat intuitive Blitze, die gefährlich sein könnten.... Sie muss aus dem Weg geräumt werden.... Ich kann nichts mit dem Amerikaner anfangen. Er verdächtigt und missbilligt mich. Aber er kann es nicht wissen. Ich glaube, meine Rüstung ist undurchdringlich.... Manchmal fürchte ich, ich habe den anderen Jungen unterschätzt. Er ist nicht klug, aber es ist schwer, seine Augen vor Tatsachen zu verschließen....“
Mr. Carter schloss das Buch.
„Ein großer Mann“, sagte er. „Genie oder Wahnsinn, wer kann das sagen?“
Es blieb still.
Dann erhob sich Mr. Carter.
„Ich bringe einen Toast aus. Auf das Gemeinschaftsunternehmen, das sich durch seinen Erfolg so reichlich gerechtfertigt hat!“
Er wurde unter Akklamation ausgebracht.
„Es gibt noch etwas, das wir hören wollen“, fuhr Mr. Carter fort. Er sah den amerikanischen Botschafter an. „Ich spreche auch für Sie, das weiß ich. Wir werden Miss Jane Finn bitten, uns die Geschichte zu erzählen, die bisher nur Miss Tuppence gehört hat – aber bevor wir das tun, trinken wir auf ihr Wohl. Auf das Wohl einer der tapfersten Töchter Amerikas, der der Dank und die Anerkennung zweier großer Länder gebührt!“
KAPITEL XXVIII. UND DANACH
„DAS war ein verdammt guter Toast, Jane“, sagte Mr. Hersheimmer, als er und seine Cousine im Rolls-Royce zurück zum Ritz gefahren wurden.
„Der auf das Gemeinschaftsunternehmen?“
„Nein – der auf dich. Es gibt kein anderes Mädchen auf der Welt, das das so durchgezogen hätte wie du. Du warst einfach wunderbar!“
Jane schüttelte den Kopf.
„Ich fühle mich nicht wunderbar. Im Grunde bin ich nur müde und einsam – und sehne mich nach meiner Heimat.“
„Das bringt mich auf etwas, das ich sagen wollte. Ich habe den Botschafter sagen hören, seine Frau hoffe, dass du sofort zu ihnen in die Botschaft kommst. Das ist schön und gut, aber ich habe einen anderen Plan. Jane – ich möchte, dass du mich heiratest! Bekomm nicht gleich Angst und sag nicht sofort Nein. Du kannst mich natürlich nicht auf Anhieb lieben, das ist unmöglich. Aber ich liebe dich vom ersten Moment an, als ich dein Foto gesehen habe – und jetzt, wo ich dich gesehen habe, bin ich einfach verrückt nach dir! Wenn du mich nur heiratest, werde ich dich zu nichts drängen – du sollst dir alle Zeit der Welt lassen. Vielleicht wirst du mich nie lieben lernen, und wenn das der Fall ist, werde ich einen Weg finden, dich freizugeben. Aber ich möchte das Recht haben, mich um dich zu kümmern und für dich zu sorgen.“
„Das ist es, was ich mir wünsche“, sagte das Mädchen wehmütig. „Jemanden, der gut zu mir ist. Oh, du weißt nicht, wie einsam ich mich fühle!“
„Das glaube ich dir. Dann ist das wohl alles geregelt, und ich werde mich morgen früh beim Erzbischof um eine Sonderlizenz kümmern.“
„Oh, Julius!“
„Nun, ich will dich nicht drängen, Jane, aber es hat keinen Sinn, zu warten. Hab keine Angst – ich erwarte nicht, dass du mich sofort liebst.“
Aber eine kleine Hand schlüpfte in seine.
„Ich liebe dich jetzt schon, Julius“, sagte Jane Finn. „Ich habe dich in dem ersten Moment im Auto geliebt, als die Kugel deine Wange streifte....“
Fünf Minuten später murmelte Jane leise:
„Ich kenne London nicht sehr gut, Julius, aber ist es ein sehr weiter Weg vom Savoy zum Ritz?“
„Das kommt darauf an, wie man fährt“, erklärte Julius ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir fahren über den Regent’s Park!“
„Oh, Julius – was wird der Chauffeur denken?“
„Bei dem Gehalt, das ich ihm zahle, ist er klug genug, kein eigenständiges Denken zu entwickeln. Weißt du, Jane, der einzige Grund, warum ich das Abendessen im Savoy gegeben habe, war, dass ich dich nach Hause fahren konnte. Ich wusste nicht, wie ich dich jemals alleine erwischen sollte. Du und Tuppence seid zusammengeklebt wie siamesische Zwillinge. Ich glaube, ein weiterer Tag davon hätte mich und Beresford in den absoluten Wahnsinn getrieben!“
„Oh. Ist er----?“
„Natürlich ist er das. Bis über beide Ohren.“
„Das dachte ich mir“, sagte Jane nachdenklich.
„Warum?“
„Wegen all der Dinge, die Tuppence nicht gesagt hat!“
„Da hast du mich geschlagen“, sagte Mr. Hersheimmer. Aber Jane lachte nur.
In der Zwischenzeit saßen die jungen Abenteurer kerzengerade, sehr steif und unbehaglich, in einem Taxi, das, mit einem bemerkenswerten Mangel an Originalität, ebenfalls über den Regent’s Park zum Ritz zurückkehrte.
Eine schreckliche Befangenheit schien sich zwischen sie gelegt zu haben. Ohne so recht zu wissen, was geschehen war, schien alles verändert. Sie waren sprachlos – gelähmt. Die alte Kameradschaft war dahin.
Tuppence fiel nichts ein, was sie hätte sagen können.
Tommy ging es genauso.
Sie saßen sehr aufrecht und vermieden es, einander anzusehen.
Schließlich machte Tuppence einen verzweifelten Versuch.
„War doch ganz lustig, oder?“
„Schon.“
Wieder Stille.
„Ich mag Julius“, versuchte es Tuppence erneut.
Tommy war plötzlich wie elektrisiert.
„Du wirst ihn nicht heiraten, hast du gehört?“, sagte er diktatorisch. „Ich verbiete es.“
„Oh!“, sagte Tuppence sanftmütig.
„Absolut, verstehst du?“
„Er will mich gar nicht heiraten – er hat mich eigentlich nur aus Höflichkeit gefragt.“
„Das ist nicht sehr wahrscheinlich“, spottete Tommy.
„Es ist die reine Wahrheit. Er ist bis über beide Ohren in Jane verliebt. Ich nehme an, er macht ihr gerade einen Antrag.“
„Sie wird gut zu ihm passen“, sagte Tommy herablassend.
„Findest du nicht, dass sie das schönste Geschöpf ist, das du je gesehen hast?“
„Oh, ich wage es zu bezweifeln.“
„Aber ich nehme an, du bevorzugst innere Werte“, sagte Tuppence kokett.
„Ich – oh, verdammt noch mal, Tuppence, du weißt doch!“
„Ich mag deinen Onkel, Tommy“, sagte Tuppence, um hastig ein Ablenkungsmanöver zu starten. „Übrigens, was wirst du tun? Das Angebot von Mr. Carter für einen Regierungsjob annehmen oder Julius’ Einladung folgen und einen hochbezahlten Posten in Amerika auf seiner Ranch antreten?“
„Ich bleibe wohl beim alten Schiff, obwohl es verdammt nett von Hersheimmer ist. Aber ich habe das Gefühl, du würdest dich in London wohler fühlen.“
„Ich wüsste nicht, was ich damit zu tun hätte.“
„Ich schon“, sagte Tommy bestimmt.
Tuppence warf ihm einen Seitenblick zu.
„Es gibt auch das Geld“, bemerkte sie nachdenklich.
„Welches Geld?“
„Wir bekommen beide einen Scheck. Mr. Carter hat es mir gesagt.“
„Hast du gefragt, wie viel?“, erkundigte sich Tommy sarkastisch.
„Ja“, sagte Tuppence triumphierend. „Aber das sage ich dir nicht.“
„Tuppence, du bist unmöglich!“
„Es war schön, nicht wahr, Tommy? Ich hoffe sehr, dass wir noch viele weitere Abenteuer erleben werden.“
„Du bist unersättlich, Tuppence. Ich hatte für den Moment genug Abenteuer.“
„Nun, Einkaufen ist fast genauso gut“, sagte Tuppence verträumt. „Denk an den Kauf von alten Möbeln, bunten Teppichen, futuristischen Seidenvorhängen, einem polierten Esstisch und einem Diwan mit vielen Kissen.“
„Moment mal“, sagte Tommy. „Wozu das alles?“
„Möglicherweise ein Haus – aber ich denke, eine Wohnung.“
„Wessen Wohnung?“
„Du glaubst, es fällt mir schwer, das zu sagen, aber überhaupt nicht! Unsere, so!“
„Du Liebling!“, rief Tommy und schlang seine Arme fest um sie. „Ich war fest entschlossen, dich dazu zu bringen, es zu sagen. Ich schulde dir etwas für die unerbittliche Art, wie du mich immer unterdrückt hast, wenn ich versucht habe, sentimental zu werden.“
Tuppence hob ihr Gesicht zu seinem. Das Taxi setzte seine Fahrt um die Nordseite des Regent’s Park fort.
„Du hast mir eigentlich noch gar keinen Antrag gemacht“, bemerkte Tuppence. „Nicht das, was unsere Großmütter einen Antrag nennen würden. Aber nachdem ich mir den lausigen von Julius angehört habe, bin ich geneigt, dir das zu erlassen.“
„Du wirst dich nicht davor drücken können, mich zu heiraten, also denk das bloß nicht.“
„Was für ein Spaß das wird“, antwortete Tuppence. „Die Ehe wird mit allen möglichen Dingen bezeichnet: ein Hafen, ein Zufluchtsort, ein krönender Abschluss, ein Zustand der Knechtschaft und vieles mehr. Aber weißt du, was ich denke, was sie ist?“
„Was?“
„Ein Sport!“
„Und ein verdammt guter Sport noch dazu“, sagte Tommy.