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The Secret Agent: A Simple Tale

by Joseph Conrad · in German

DER GEHEIMAGENT EINE EINFACHE GESCHICHTE

VON JOSEPH CONRAD

ZWEITE AUFLAGE

METHUEN & CO., 36 ESSEX STREET W C. LONDON

Erstmals veröffentlicht . . . September 1907

Zweite Auflage . . . Oktober 1907

H. G. WELLS

DEM CHRONISTEN VON MR LEWISHAMS LIEBE DEM BIOGRAPHEN VON KIPPS UND DEM HISTORIKER DER KOMMENDEN ZEITALTER

IST DIESE EINFACHE GESCHICHTE AUS DEM XIX. JAHRHUNDERT IN ZUNEIGUNG GEWIDMET

KAPITEL I

Mr Verloc, der am Morgen ausging, überließ seinen Laden nominell der Obhut seines Schwagers. Das war möglich, da es ohnehin zu jeder Zeit nur sehr wenig Kundschaft gab und vor dem Abend so gut wie gar keine. Mr Verloc kümmerte sich kaum um sein vorgebliches Geschäft. Und außerdem war seine Frau für die Beaufsichtigung des Schwagers zuständig.

Der Laden war klein, und das Haus war es auch. Es war eines jener rußigen Backsteinhäuser, die in großer Zahl existierten, bevor das Zeitalter der Sanierung über London hereinbrach. Der Laden war ein quadratischer Kasten, dessen Front mit kleinen Fensterscheiben versehen war. Tagsüber blieb die Tür geschlossen; am Abend stand sie diskret, aber verdächtig einen Spalt weit offen.

Das Schaufenster enthielt Fotografien von mehr oder weniger unbekleideten tanzenden Mädchen; undefinierbare Päckchen in Umhüllungen wie bei Patentarzneien; verschlossene gelbe Papierumschläge, sehr dünn und mit schweren schwarzen Ziffern „zwei-und-sechs“ beschriftet; ein paar Ausgaben alter französischer komischer Publikationen, die wie zum Trocknen über eine Schnur gehängt waren; eine schäbige blaue Schüssel aus Porzellan, ein Kästchen aus schwarzem Holz, Flaschen mit Wäschetinte und Gummistempel; ein paar Bücher, deren Titel auf Unanständiges hindeuteten; ein paar scheinbar alte Exemplare obskurer Zeitungen, schlecht gedruckt, mit Titeln wie The Torch, _The Gong_ – aufwieglerische Titel. Und die zwei Gasflammen hinter den Scheiben waren immer klein gedreht, entweder aus Sparsamkeit oder aus Rücksicht auf die Kunden.

Diese Kunden waren entweder sehr junge Männer, die eine Weile vor dem Fenster herumlungerten, bevor sie plötzlich hineinschlüpften; oder Männer fortgeschritteneren Alters, die jedoch meist so aussahen, als seien sie bei Kasse knapp. Manche von letzteren hatten die Kragen ihrer Überzieher bis zu den Schnurrbärten hochgeschlagen und Schlammspuren am Saum ihrer Beinkleider, die den Anschein erweckten, sehr abgetragen und nicht viel wert zu sein. Und die Beine darin schienen in der Regel auch nicht von großer Bedeutung zu sein. Mit tief in den Seitentaschen ihrer Mäntel vergrabenen Händen drückten sie sich seitwärts hinein, eine Schulter voran, als fürchteten sie, die Glocke zum Läuten zu bringen.

Die Glocke, die mittels eines gebogenen Stahlbandes an der Tür befestigt war, ließ sich nur schwer umgehen. Sie war hoffnungslos gesprungen; doch am Abend schepperte sie bei der geringsten Veranlassung mit unverschämter Heftigkeit hinter dem Kunden drein.

Sie schepperte; und bei diesem Signal kam Mr Verloc hastig durch die staubige Glastür hinter der gestrichenen Ladentheke aus dem Hinterzimmer hervor. Seine Augen waren von Natur aus schwer; er hatte das Aussehen eines Mannes, der den ganzen Tag in voller Montur auf einem ungemachten Bett herumgewälzt hatte. Ein anderer hätte ein solches Erscheinungsbild als klaren Nachteil empfunden. Bei einem Handelsgeschäft im Einzelhandel hängt viel von der einnehmenden und liebenswürdigen Art des Verkäufers ab. Doch Mr Verloc verstand sein Geschäft und blieb ungestört von jeglichen ästhetischen Zweifeln an seinem Äußeren. Mit einer festen, starrblickenden Unverschämtheit, die die Androhung einer abscheulichen Gefahr zurückzuhalten schien, verkaufte er über den Ladentisch hinweg irgendeinen Gegenstand, der offensichtlich und skandalöserweise das Geld nicht wert war, das bei der Transaktion den Besitzer wechselte: zum Beispiel eine kleine Pappschachtel, in der scheinbar nichts war, oder einen jener sorgfältig verschlossenen, dünnen gelben Umschläge oder einen schmutzigen Band mit Papierumschlag und vielversprechendem Titel. Hin und wieder kam es vor, dass eines der verblassten, gelben tanzenden Mädchen an einen Amateur verkauft wurde, als wäre sie lebendig und jung gewesen.

Manchmal war es Mrs Verloc, die auf den Ruf der gesprungenen Glocke erschien. Winnie Verloc war eine junge Frau mit voller Oberweite in einem engen Mieder und breiten Hüften. Ihr Haar war sehr ordentlich. Mit demselben starrblickenden Blick wie ihr Mann bewahrte sie hinter dem Bollwerk des Ladentisches eine Miene unergründlicher Gleichgültigkeit. Dann war der Kunde von vergleichsweise zartem Alter plötzlich verunsichert, weil er es mit einer Frau zu tun hatte, und verlangte voller Wut im Herzen nach einer Flasche Wäschetinte, Einzelhandelswert sechs Pence (Preis in Verlocs Laden ein Schilling und sechs Pence), die er, sobald er draußen war, verstohlen in die Gosse fallen ließ.

Die abendlichen Besucher – die Männer mit hochgeschlagenen Kragen und tief ins Gesicht gezogenen weichen Hüten – nickten Mrs Verloc vertraut zu und hoben mit einem gemurmelten Gruß die Klappe am Ende des Ladentisches, um in das Hinterzimmer zu gelangen, das Zugang zu einem Gang und einer steilen Treppe bot. Die Ladentür war der einzige Eingang zu dem Haus, in dem Mr Verloc seine Geschäfte als Verkäufer zwielichtiger Waren betrieb, seinen Beruf als Beschützer der Gesellschaft ausübte und seine häuslichen Tugenden pflegte. Letztere waren ausgeprägt. Er war durch und durch häuslich. Weder seine geistigen noch seine seelischen oder körperlichen Bedürfnisse waren der Art, dass sie ihn viel in die Welt hinausführten. Er fand zu Hause die Behaglichkeit für seinen Körper und den Frieden seines Gewissens, zusammen mit Mrs Verlocs ehelichen Aufmerksamkeiten und der ehrerbietigen Rücksichtnahme von Mrs Verlocs Mutter.

Winnies Mutter war eine kräftige, keuchende Frau mit einem großen braunen Gesicht. Sie trug eine schwarze Perücke unter einer weißen Haube. Ihre geschwollenen Beine machten sie unbeweglich. Sie hielt sich für französischer Abstammung, was wahr gewesen sein mochte; und nachdem sie viele Jahre ihres Ehelebens mit einem Schankwirt der gewöhnlicheren Sorte verbracht hatte, sorgte sie für die Jahre ihrer Verwitwung vor, indem sie möblierte Zimmer für Herren in der Nähe der Vauxhall Bridge Road vermietete, in einem Platz, der einst von einigem Glanz war und immer noch zum Bezirk Belgravia gehörte. Diese topografische Tatsache war bei der Werbung für ihre Zimmer von gewissem Vorteil; doch die Kunden der würdigen Witwe waren nicht gerade von der mondänen Sorte. So wie sie waren, half ihre Tochter Winnie bei deren Betreuung. Spuren der französischen Abstammung, derer sich die Witwe rühmte, zeigten sich auch bei Winnie. Sie zeigten sich in der äußerst ordentlichen und kunstvollen Anordnung ihres glänzenden dunklen Haares. Winnie hatte auch andere Reize: ihre Jugend; ihre volle, rundliche Gestalt; ihren klaren Teint; die Provokation ihrer unergründlichen Zurückhaltung, die jedoch nie so weit ging, ein Gespräch zu verhindern – das von Seiten der Logiergäste mit Animation und von ihrer Seite mit gleichmäßiger Liebenswürdigkeit geführt wurde. Mr Verloc musste für diese Reize empfänglich gewesen sein. Mr Verloc war ein unregelmäßiger Kunde. Er kam und ging ohne jeden ersichtlichen Grund. Er traf gewöhnlich (wie die Influenza) vom Kontinent in London ein, nur kam er ohne Ankündigung durch die Presse; und seine Besuche setzten mit großer Heftigkeit ein. Er frühstückte im Bett und wälzte sich dort jeden Tag bis zum Mittag – und manchmal sogar noch länger – mit einem Anflug von stiller Zufriedenheit. Doch wenn er ausging, schien er große Schwierigkeiten zu haben, den Weg zurück zu seinem vorübergehenden Zuhause am Belgravian Square zu finden. Er verließ es spät und kehrte früh zurück – schon um drei oder vier Uhr morgens; und wenn er um zehn Uhr aufwachte, sprach er Winnie, die das Frühstückstablett hereinbrachte, mit scherzhafter, erschöpfter Höflichkeit in den heiseren, versagenden Tönen eines Mannes an, der viele Stunden lang leidenschaftlich gesprochen hatte. Seine hervorstehenden, schwerliderigen Augen rollten seitwärts, verlangend und schmachtend, die Bettdecke wurde bis zum Kinn hochgezogen, und sein dunkler, glatter Schnurrbart bedeckte seine dicken Lippen, die zu manchem honigsüßen Scherz fähig waren.

Nach Meinung von Winnies Mutter war Mr Verloc ein sehr netter Herr. Aus ihrer Lebenserfahrung, die sie in verschiedenen „Geschäftshäusern“ gesammelt hatte, hatte die gute Frau ein Ideal von Gentleman-Tum mit in ihren Ruhestand genommen, wie es von den Gästen privater Salonbars zur Schau getragen wurde. Mr Verloc kam diesem Ideal nahe; er erreichte es sogar.

„Natürlich übernehmen wir deine Möbel, Mutter“, hatte Winnie bemerkt.

Die Pension sollte aufgegeben werden. Es schien sich nicht zu lohnen, sie weiterzuführen. Es wäre für Mr Verloc zu viel Mühe gewesen. Es wäre für seine anderen Geschäfte nicht bequem gewesen. Was seine Geschäfte waren, sagte er nicht; doch nach seiner Verlobung mit Winnie machte er sich die Mühe, vor Mittag aufzustehen, die Kellertreppe hinunterzugehen und sich bei Winnies Mutter im Frühstückszimmer im Erdgeschoss, wo sie ihr unbewegliches Dasein fristete, angenehm zu machen. Er streichelte die Katze, schürte das Feuer, ließ sich dort sein Mittagessen servieren. Er verließ dessen leicht stickige Gemütlichkeit mit sichtlichem Widerwillen, blieb aber dennoch bis tief in die Nacht aus. Er bot nie an, Winnie ins Theater mitzunehmen, wie es ein so netter Herr hätte tun sollen. Seine Abende waren ausgefüllt. Seine Arbeit sei in gewisser Weise politisch, sagte er Winnie einmal. Sie werde, warnte er sie, sehr nett zu seinen politischen Freunden sein müssen.

Und mit ihrem geraden, unergründlichen Blick antwortete sie, dass sie das natürlich sein würde.

Wie viel mehr er ihr über seine Beschäftigung erzählte, war für Winnies Mutter unmöglich herauszufinden. Das Ehepaar übernahm sie zusammen mit den Möbeln. Das ärmliche Aussehen des Ladens überraschte sie. Der Umzug vom Belgravian Square in die enge Straße in Soho wirkte sich nachteilig auf ihre Beine aus. Sie nahmen einen enormen Umfang an. Andererseits erlebte sie eine vollständige Entlastung von materiellen Sorgen. Die schwerfällige Gutmütigkeit ihres Schwiegersohns flößte ihr ein Gefühl absoluter Sicherheit ein. Die Zukunft ihrer Tochter war offensichtlich gesichert, und selbst wegen ihres Sohnes Stevie brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Sie hatte sich nicht verheimlichen können, dass er eine schreckliche Belastung war, der arme Stevie. Doch in Anbetracht von Winnies Vorliebe für ihren zarten Bruder und Mr Verlocs gütigem und großzügigem Wesen empfand sie den armen Jungen in dieser rauen Welt als ziemlich sicher. Und tief im Inneren war sie vielleicht nicht unzufrieden, dass die Verlocs keine Kinder hatten. Da dieser Umstand Mr Verloc vollkommen gleichgültig zu sein schien und Winnie in ihrem Bruder einen Gegenstand quasi-mütterlicher Zuneigung fand, war dies vielleicht gerade gut für den armen Stevie.

Denn er war schwierig unterzubringen, dieser Junge. Er war zart und, auf eine zerbrechliche Art, auch gutaussehend, abgesehen von dem leeren Herabhängen seiner Unterlippe. Unter unserem exzellenten System der Schulpflicht hatte er lesen und schreiben gelernt, ungeachtet des ungünstigen Aspekts der Unterlippe. Doch als Laufbursche erwies er sich nicht als großer Erfolg. Er vergaß seine Aufträge; er ließ sich leicht vom geraden Pfad der Pflicht abbringen durch die Attraktionen streunender Katzen und Hunde, denen er in schmale Gassen bis in unappetitliche Höfe folgte; durch die Komödien der Straße, die er mit offenem Mund betrachtete, zum Nachteil der Interessen seines Arbeitgebers; oder durch die Dramen gestürzter Pferde, deren Pathos und Gewalt ihn manchmal dazu brachten, in einer Menschenmenge schrill aufzuschreien, die es nicht mochte, bei ihrem ruhigen Genuss des nationalen Spektakels durch Geräusche der Not gestört zu werden. Wenn er von einem ernsten und beschützenden Polizisten weggeführt wurde, stellte sich oft heraus, dass der arme Stevie seine Adresse vergessen hatte – zumindest vorübergehend. Eine schroffe Frage ließ ihn bis zur Erstickung stottern. Wenn er durch etwas Verwirrendes erschreckt wurde, pflegte er fürchterlich zu schielen. Er hatte jedoch nie Anfälle (was ermutigend war); und vor den natürlichen Ungeduldsausbrüchen seines Vaters konnte er in seiner Kindheit immer hinter den kurzen Röcken seiner Schwester Winnie Schutz suchen. Andererseits hätte man ihn verdächtigen können, einen Vorrat an tollkühner Ungezogenheit zu verbergen. Als er das Alter von vierzehn Jahren erreicht hatte, hatte ihm ein Freund seines verstorbenen Vaters, ein Vertreter für eine ausländische Firma für konservierte Milch, eine Stelle als Bürojunge verschafft, da wurde er eines nebligen Nachmittags in Abwesenheit seines Chefs dabei ertappt, wie er im Treppenhaus Feuerwerkskörper zündete. Er zündete in rascher Folge eine Reihe wilder Raketen, zornige Feuerräder, laut explodierende Böller – und die Angelegenheit hätte sehr ernst ausgehen können. Eine schreckliche Panik verbreitete sich im ganzen Gebäude. Wildäugige, erstickende Angestellte stürmten durch die rauchgefüllten Flure, Zylinder und ältere Geschäftsleute rollten unabhängig voneinander die Treppen hinunter. Stevie schien aus seiner Tat keine persönliche Befriedigung zu ziehen. Seine Motive für diesen originellen Streich waren schwer zu ergründen. Erst später erhielt Winnie von ihm ein nebelhaftes und verwirrtes Geständnis. Es scheint, dass zwei andere Bürojungen im Gebäude seine Gefühle mit Geschichten von Ungerechtigkeit und Unterdrückung bearbeitet hatten, bis sie sein Mitleid auf den Gipfel dieses Wahnsinns getrieben hatten. Doch der Freund seines Vaters entließ ihn natürlich fristlos, da er sein Geschäft ruinieren könnte. Nach dieser altruistischen Heldentat wurde Stevie dazu abgestellt, beim Abwasch in der Kellerküche zu helfen und die Stiefel der Herren zu putzen, die das Belgravian-Herrenhaus besuchten. In einer solchen Arbeit lag offensichtlich keine Zukunft. Die Herren gaben ihm hin und wieder einen Schilling Trinkgeld. Mr Verloc erwies sich als der großzügigste Logiergast. Aber alles in allem belief sich das weder in Bezug auf Gewinn noch auf Aussichten auf viel; als Winnie also ihre Verlobung mit Mr Verloc bekannt gab, konnte ihre Mutter nicht anders, als mit einem Seufzer und einem Blick zur Spülküche zu grübeln, was nun aus dem armen Stephen werden würde.

Es stellte sich heraus, dass Mr Verloc bereit war, ihn zusammen mit der Mutter seiner Frau und den Möbeln, die das ganze sichtbare Vermögen der Familie darstellten, zu übernehmen. Mr Verloc nahm alles in seinen breiten, gutmütigen Schoß auf. Die Möbel wurden im ganzen Haus bestmöglich verteilt, aber Mrs Verlocs Mutter wurde auf zwei Hinterzimmer im ersten Stock beschränkt. Der glücklose Stevie schlief in einem davon. Zu dieser Zeit war ein Wuchs aus dünnem, flaumigem Haar gekommen, um wie ein goldener Nebel die scharfe Linie seines kleinen Unterkiefers zu verwischen. Er half seiner Schwester mit blinder Liebe und Fügsamkeit bei ihren häuslichen Pflichten. Mr Verloc dachte, dass eine Beschäftigung gut für ihn wäre. Seine freie Zeit verbrachte er damit, mit Zirkel und Bleistift Kreise auf ein Stück Papier zu zeichnen. Er widmete sich diesem Zeitvertreib mit großem Fleiß, mit ausgebreiteten Ellbogen und tief über den Küchentisch gebeugt. Durch die offene Tür des Salons hinter dem Laden warf Winnie, seine Schwester, von Zeit zu Zeit mit mütterlicher Wachsamkeit einen Blick auf ihn.

KAPITEL II

So war das Haus, der Haushalt und das Geschäft, die Mr Verloc an jenem Morgen um halb elf auf seinem Weg nach Westen hinter sich ließ. Es war ungewöhnlich früh für ihn; seine ganze Erscheinung strömte den Charme fast taufrischer Frische aus; er trug seinen blauen Tuchüberzieher offen; seine Stiefel waren glänzend; seine frisch rasierten Wangen hatten eine Art Glanz; und selbst seine schwerliderigen Augen, erfrischt von einer Nacht ruhigen Schlummers, sandten Blicke relativer Wachheit aus. Durch die Parkgitter sahen diese Blicke Männer und Frauen, die in der Row ritten, Paare, die harmonisch im Trab vorbeizogen, andere, die bedächtig im Schritt dahinzogen, schlendernde Gruppen von drei oder vier, einsame Reiter, die ungesellig aussahen, und einsame Frauen, die in großem Abstand von einem Reitknecht gefolgt wurden, dessen Hut eine Kokarde trug und der einen Ledergürtel über seinem eng anliegenden Mantel hatte. Kutschen rollten vorbei, meist zweispännige Broughams, da und dort eine Viktoria, in deren Innerem das Fell irgendeines wilden Tieres lag und über deren gefaltetem Verdeck ein Frauengesicht und ein Hut auftauchten. Und eine eigentümlich Londoner Sonne – gegen die nichts einzuwenden war, außer dass sie blutunterlaufen aussah – verherrlichte all dies durch ihren Starren Blick. Sie hing in mäßiger Höhe über dem Hyde Park Corner mit einer Miene pünktlicher und gütiger Wachsamkeit. Selbst das Pflaster unter Mr Verlocs Füßen hatte in diesem diffusen Licht, in dem weder Wand noch Baum noch Tier noch Mensch einen Schatten warf, einen altgoldenen Schimmer. Mr Verloc ging nach Westen durch eine Stadt ohne Schatten in einer Atmosphäre aus gepudertem Altgold. Auf den Hausdächern, an den Mauerecken, auf den Kutschenpaneelen, selbst auf den Mänteln der Pferde und auf dem breiten Rücken von Mr Verlocs Überzieher gab es rote, kupferne Schimmer, wo sie einen stumpfen Effekt von Rost erzeugten. Doch Mr Verloc war sich keineswegs bewusst, rostig geworden zu sein. Er betrachtete durch die Parkgitter die Beweise für den Wohlstand und Luxus der Stadt mit einem billigenden Auge. All diese Leute mussten geschützt werden. Schutz ist das erste Bedürfnis von Wohlstand und Luxus. Sie mussten geschützt werden; und ihre Pferde, Kutschen, Häuser, Diener mussten geschützt werden; und die Quelle ihres Reichtums musste geschützt werden im Herzen der Stadt und im Herzen des Landes; die ganze soziale Ordnung, die ihrem hygienischen Müßiggang förderlich war, musste gegen den oberflächlichen Neid der unhygienischen Arbeit geschützt werden. Das musste sie – und Mr Verloc hätte sich vor Zufriedenheit die Hände gerieben, wenn er nicht von Natur aus abgeneigt gegen jede überflüssige Anstrengung gewesen wäre. Sein Müßiggang war nicht hygienisch, aber er kam ihm sehr gelegen. Er war ihm gewissermaßen mit einer Art trägem Fanatismus oder vielleicht eher mit einer fanatischen Trägheit ergeben. Geboren von fleißigen Eltern für ein Leben in Mühsal, hatte er sich der Trägheit aus einem Impuls zugewandt, der so tief, unerklärlich und gebieterisch war wie der Impuls, der die Vorliebe eines Mannes für eine bestimmte Frau unter tausend anderen lenkt. Er war sogar zu faul für einen bloßen Demagogen, für einen Arbeiteredner, für einen Führer der Arbeiterschaft. Es war zu viel Mühe. Er brauchte eine vollkommenere Form der Bequemlichkeit; oder es mochte sein, dass er das Opfer eines philosophischen Unglaubens an die Wirksamkeit jeder menschlichen Anstrengung war. Eine solche Form der Trägheit erfordert, impliziert, ein gewisses Maß an Intelligenz. Mr Verloc war nicht ohne Intelligenz – und bei dem Gedanken an eine bedrohte soziale Ordnung hätte er sich vielleicht selbst zugezwinkert, wenn es nicht eine Anstrengung erfordert hätte, dieses Zeichen der Skepsis zu setzen. Seine großen, hervorstehenden Augen waren nicht gut zum Zwinkern geeignet. Sie waren eher von der Art, die sich feierlich mit majestätischer Wirkung im Schlummer schließt.

Unauffällig und korpulent in der Art eines fetten Schweins, schritt Mr Verloc, ohne sich vor Zufriedenheit die Hände zu reiben oder seinen Gedanken skeptisch zuzuzwinkern, seines Weges. Er trat mit seinen glänzenden Stiefeln schwer auf das Pflaster, und seine allgemeine Aufmachung war die eines wohlhabenden Mechanikers, der sich selbstständig gemacht hat. Er hätte alles Mögliche sein können, vom Bilderrahmenmacher bis zum Schlosser; ein Arbeitgeber im kleinen Rahmen. Aber es haftete ihm auch etwas Unbeschreibliches an, das kein Mechaniker durch die Ausübung seines Handwerks hätte erwerben können, wie unehrlich auch immer ausgeübt: die Luft, die Männern eigen ist, die von den Lastern, den Torheiten oder den niedereren Ängsten der Menschheit leben; die Luft des moralischen Nihilismus, die den Inhabern von Spielhöllen und unordentlichen Häusern eigen ist; Privatdetektiven und Ermittlungsagenten; Schnapsverkäufern und, wie ich sagen würde, den Verkäufern von belebenden elektrischen Gürteln und den Erfindern von Patentmedikamenten. Aber von letzterem bin ich mir nicht sicher, da ich meine Untersuchungen nicht so weit in die Tiefen geführt habe. Soweit ich weiß, könnte der Ausdruck der Letzteren perfekt diabolisch sein. Ich wäre nicht überrascht. Was ich behaupten will, ist, dass Mr Verlocs Ausdruck keineswegs diabolisch war.

Er war, wie ich schon sagte, der einer gewöhnlichen, ruhigen Mittelmäßigkeit. Er war ein Mann von beträchtlichem Umfang, schwerfällig in seinen Bewegungen, die Augen schläfrig unter den schweren Lidern, und er trug einen Schnurrbart, der, so schien es, jeden Moment in sein breites, stumpfes Gesicht einwachsen konnte.

Er setzte seinen Weg fort, die Hände in den Taschen seines schweren Überziehers, der bis zu den Knöcheln reichte, den Kopf gesenkt, als ob er über die Unmöglichkeit nachdächte, einen sozialen Mechanismus zu schützen, der sich so hartnäckig weigerte, verstanden zu werden. Er ging so langsam, dass der Polizist, der am Ende des Straßenzuges auf und ab schritt, ihn schon zweimal passierte, bevor er die Ecke erreichte, die zu seinem Wohnort führte.

Dort, in der Straße, die den unrühmlichen Namen einer schmutzigen und unbedeutenden Durchgangsstraße trug, stand sein Haus. Es war ein schmales, dreistöckiges Gebäude mit einer Ladenvorderseite, in deren Fenster zwei Karten, ein paar Bücher und einige seltsame Gegenstände ausgelegt waren, die den Anschein einer obskuren und verbotenen Literatur erweckten. Über der Tür hing ein Schild, das mit verblassten Buchstaben verkündete, dass hier der Handel mit Schreibwaren und Zeitungen betrieben wurde.

Mr Verloc betrat seinen Laden, und die Glocke über der Tür gab einen schrillen, unwillkommenen Laut von sich, der in dem kleinen Raum verhallte. Er schloss die Tür hinter sich, und die Welt der Embassy, mit ihren glatten Korridoren und ihren Forderungen nach alarmierenden Tatsachen, schien plötzlich in weite Ferne gerückt zu sein. Hier roch es nach altem Papier, nach feuchtem Staub und dem schwachen, durchdringenden Geruch von Tabak, der aus den Wohnräumen hinter dem Laden nach vorne drang.

Er blieb einen Moment stehen, die Hand noch am Türgriff, und lauschte. Es war still. Im Hinterzimmer war ein leichtes Rascheln zu hören, das Geräusch von jemandem, der sich bewegte. Mr Verloc atmete tief ein, strich sich mit der Hand über den glatten Kopf und trat weiter in den Laden hinein. Sein Blick wanderte über die Auslagen, die ihn so sehr an die Sinnlosigkeit seines Berufslebens erinnerten, und für einen Augenblick, nur für einen flüchtigen Moment, spürte er eine dumpfe, namenlose Bitterkeit in sich aufsteigen, die er jedoch sofort wieder mit einer routinierten Gleichgültigkeit erstickte.

Er ging zur Tür, die ins Innere des Hauses führte, und öffnete sie. Seine Frau, Winnie Verloc, stand mit dem Rücken zu ihm am Herd. Sie war eine Frau von ruhigem Wesen, deren Gesicht eine stumme, fast stoische Ergebenheit ausstrahlte. Als sie das Geräusch der Tür hörte, drehte sie sich nicht sofort um, sondern fuhr mit einer Handbewegung fort, die sie gerade ausführte. Erst als er den Raum betrat, sah sie auf. Ihr Blick war weder fordernd noch neugierig; es war der Blick einer Frau, die ihre häuslichen Pflichten als den einzigen festen Anker in einer unbeständigen Welt betrachtete.

„Du bist spät dran“, sagte sie mit einer Stimme, die so flach und eben war wie das Leben, das sie führten. Mr Verloc antwortete nicht gleich. Er legte seinen Hut und seinen Stock auf einen Tisch, der mit einer abgewetzten Decke bedeckt war, und ließ sich schwer auf einen der hölzernen Stühle fallen. Die Erschöpfung, die er während des Gesprächs mit Mr Vladimir so sorgfältig verborgen hatte, trat nun, da er sich in Sicherheit wähnte, in seine Züge. Er fühlte sich alt, schwer und seltsam unfähig, die Welt, die er angeblich so gut kannte, zu begreifen.

„Es gab viel zu besprechen“, sagte er schließlich, und seine Stimme war heiser und gedämpft, fast so, als ob er fürchtete, die Wände könnten die Worte gegen ihn verwenden. „Dinge, die weit über das hinausgehen, was man normalerweise erwartet.“ Er sah seine Frau an, doch sein Blick fand in ihr keinen Halt. Sie war mit dem Essen beschäftigt, und für sie war das Leben ein täglicher Rhythmus, ein unaufhörliches Funktionieren, das keine Fragen nach dem Warum oder Wie stellte.

Er saß da, die massigen Hände auf den Knien, und starrte auf die schmutzigen Dielen des Bodens. Die Forderung nach einer alarmierenden Tatsache hallte in seinem Kopf nach wie ein ferner Donner. Wie sollte er das tun? Wie sollte er das, was er seit Jahren predigte, in eine Form bringen, die den Ansprüchen der Embassy genügte? Er wusste es nicht, und die Ungewissheit, die er so lange als eine Art Schutzschild vor sich hergetragen hatte, begann nun, ihn wie ein schweres Gewicht zu erdrücken.

„Sie wissen natürlich von der internationalen Konferenz, die in Mailand zusammengetreten ist?“

Mr. Verloc gab heiser zu verstehen, dass er die Tageszeitungen zu lesen pflegte. Auf eine weitere Frage antwortete er, dass er natürlich verstehe, was er lese. Daraufhin murmelte Mr. Vladimir, während er leicht lächelnd die Dokumente betrachtete, die er noch immer eines nach dem anderen überflog: „Solange es nicht auf Lateinisch geschrieben ist, nehme ich an.“

„Oder Chinesisch“, fügte Mr. Verloc stoisch hinzu.

„Hm. Einige der Ergüsse Ihrer revolutionären Freunde sind in einem Charabia verfasst, das genauso unverständlich ist wie Chinesisch –“ Mr. Vladimir ließ verächtlich einen grauen Bogen Drucksache fallen. „Was sind das alles für Flugblätter mit der Überschrift F. P., auf denen ein Hammer, eine Feder und eine Fackel gekreuzt sind? Was bedeutet dieses F. P.?“ Mr. Verloc trat an den imposanten Schreibtisch heran.

„Die Zukunft des Proletariats. Es ist eine Gesellschaft“, erklärte er, während er schwerfällig neben dem Armlehnstuhl stand, „die prinzipiell nicht anarchistischer Natur ist, aber offen für alle Schattierungen revolutionärer Meinung.“

„Sind Sie dabei?“

„Einer der Vizepräsidenten“, hauchte Mr. Verloc schwer; und der Erste Sekretär der Botschaft hob den Kopf, um ihn anzusehen.

„Dann sollten Sie sich schämen“, sagte er schneidend. „Ist Ihre Gesellschaft zu nichts anderem fähig, als diesen prophetischen Unsinn in stumpfer Schrift auf diesem schmutzigen Papier zu drucken, eh? Warum tun Sie nicht etwas? Sehen Sie her. Ich habe diese Angelegenheit jetzt in der Hand, und ich sage Ihnen klipp und klar, dass Sie Ihr Geld verdienen müssen. Die guten alten Zeiten von Stott-Wartenheim sind vorbei. Keine Arbeit, kein Lohn.“

Mr. Verloc verspürte ein seltsames Gefühl von Schwäche in seinen stämmigen Beinen. Er trat einen Schritt zurück und putzte sich lautstark die Nase.

Er war in Wahrheit erschrocken und beunruhigt. Der rostige Londoner Sonnenschein, der sich mühsam aus dem Londoner Nebel kämpfte, warf ein lauwarmes Licht in das Privatzimmer des Ersten Sekretärs; und in der Stille hörte Mr. Verloc gegen eine Fensterscheibe das leise Summen einer Fliege – seine erste Fliege des Jahres –, die den nahenden Frühling besser ankündigte als jede Schar Schwalben. Die nutzlose Geschäftigkeit dieses winzigen, energiegeladenen Organismus wirkte unangenehm auf diesen großen Mann, dessen Trägheit bedroht war.

In der Pause formulierte Mr. Vladimir in seinem Kopf eine Reihe abfälliger Bemerkungen über das Gesicht und die Figur von Mr. Verloc. Der Kerl war unerwartet vulgär, schwerfällig und unverschämt unintelligent. Er sah verblüffend aus wie ein Klempnermeister, der gekommen war, um seine Rechnung zu präsentieren. Der Erste Sekretär der Botschaft hatte sich bei seinen gelegentlichen Ausflügen in das Feld des amerikanischen Humors eine besondere Vorstellung von dieser Art von Handwerker als Inbegriff betrügerischer Faulheit und Inkompetenz gebildet.

Das war also der berühmte und treue Geheimagent, so geheim, dass er in der offiziellen, halboffiziellen und vertraulichen Korrespondenz des verstorbenen Barons Stott-Wartenheim nie anders als mit dem Symbol [delta] bezeichnet wurde; der gefeierte Agent [delta], dessen Warnungen die Macht hatten, die Pläne und Termine königlicher, kaiserlicher, großherzoglicher Reisen zu ändern und manchmal sogar deren vollständige Verschiebung zu bewirken! Dieser Kerl! Und Mr. Vladimir ergab sich in Gedanken einem gewaltigen und spöttischen Heiterkeitsanfall, teilweise über sein eigenes Erstaunen, das er als naiv einstufte, hauptsächlich aber auf Kosten des allgemein betrauerten Barons Stott-Wartenheim. Seine verstorbene Exzellenz, dem die huldvolle Gunst seines kaiserlichen Herrn als Botschafter mehreren widerstrebenden Außenministern aufgezwungen hatte, hatte zu Lebzeiten einen Ruf für eine kauzige, pessimistische Leichtgläubigkeit genossen. Seine Exzellenz hatte die soziale Revolution im Kopf. Er bildete sich ein, ein Diplomat zu sein, der durch eine besondere Fügung dazu bestimmt war, das Ende der Diplomatie und so ziemlich das Ende der Welt in einem schrecklichen demokratischen Umsturz mitzuerleben. Seine prophetischen und kläglichen Depeschen waren jahrelang der Witz der Außenministerien gewesen. Man sagte, er habe auf dem Sterbebett (besucht von seinem kaiserlichen Freund und Herrn) ausgerufen: „Unglückliches Europa! Du sollst durch den moralischen Wahnsinn deiner Kinder zugrunde gehen!“ Er war dazu verdammt, das Opfer des ersten betrügerischen Schurken zu werden, der des Weges kam, dachte Mr. Vladimir und lächelte vage in Richtung Mr. Verloc.

„Sie sollten das Andenken an Baron Stott-Wartenheim verehren“, rief er plötzlich aus.

Die gesenkte Physiognomie von Mr. Verloc drückte ein düsteres und müdes Ärgernis aus.

„Gestatten Sie mir den Hinweis“, sagte er, „dass ich hierher gekommen bin, weil ich durch einen dringenden Brief vorgeladen wurde. Ich war in den letzten elf Jahren nur zweimal hier, und sicherlich nie um elf Uhr morgens. Es ist nicht sehr klug, mich so herzubestellen. Es besteht die Möglichkeit, gesehen zu werden. Und das wäre kein Spaß für mich.“

Mr. Vladimir zuckte mit den Schultern.

„Es würde meine Nützlichkeit zerstören“, fuhr der andere hitzig fort.

„Das ist Ihre Angelegenheit“, murmelte Mr. Vladimir mit sanfter Brutalität. „Wenn Sie aufhören nützlich zu sein, werden Sie aufhören, beschäftigt zu werden. Ja. Sofort. Kurz und bündig. Sie werden –“ Mr. Vladimir hielt stirnrunzelnd inne, bei der Suche nach einem hinreichend idiomatischen Ausdruck, und strahlte dann augenblicklich mit einem Grinsen blendend weißer Zähne auf. „Sie werden rausgeschmissen“, brachte er wild hervor.

Wieder einmal musste Mr. Verloc mit der ganzen Kraft seines Willens gegen dieses Gefühl der Ohnmacht in den Beinen ankämpfen, das einst einen armen Teufel zu dem treffenden Ausdruck inspiriert hatte: „Mein Herz ist mir in die Hose gerutscht.“ Mr. Verloc, sich des Gefühls bewusst, hob tapfer den Kopf.

Mr. Vladimir ertrug den Blick schwerfälliger Nachfrage mit vollkommener Gelassenheit.

„Was wir wollen, ist, der Konferenz in Mailand ein Stärkungsmittel zu verabreichen“, sagte er beschwingt. „Ihre Beratungen über internationale Maßnahmen zur Unterdrückung politischer Verbrechen scheinen nirgendwohin zu führen. England hinkt hinterher. Dieses Land ist absurd mit seinem sentimentalen Respekt vor der individuellen Freiheit. Es ist unerträglich zu denken, dass all Ihre Freunde nur hierherkommen müssen, um –“

„Auf diese Weise habe ich sie alle im Auge“, unterbrach ihn Mr. Verloc heiser.

„Es wäre viel zielführender, sie alle hinter Schloss und Riegel zu haben. England muss auf Linie gebracht werden. Die schwachsinnige Bourgeoisie dieses Landes macht sich zu Komplizen genau jener Leute, deren Ziel es ist, sie aus ihren Häusern zu vertreiben, damit sie in Gräben verhungern. Und sie haben immer noch die politische Macht, wenn sie nur den Verstand hätten, sie zu ihrer eigenen Erhaltung einzusetzen. Ich nehme an, Sie stimmen zu, dass die Mittelklasse dumm ist?“

Mr. Verloc stimmte heiser zu.

„Das ist sie.“

„Sie haben keine Phantasie. Sie sind geblendet von einer idiotischen Eitelkeit. Was sie jetzt brauchen, ist ein ordentlicher Schrecken. Dies ist der psychologische Moment, Ihre Freunde an die Arbeit zu schicken. Ich habe Sie hierher rufen lassen, um Ihnen meine Idee zu entwickeln.“

Und Mr. Vladimir entwickelte seine Idee von oben herab, mit Hohn und Herablassung, während er gleichzeitig ein Maß an Unwissenheit über die wirklichen Ziele, Gedanken und Methoden der revolutionären Welt an den Tag legte, das den stillen Mr. Verloc mit innerem Entsetzen erfüllte. Er verwechselte Ursachen mit Wirkungen mehr, als entschuldbar war; die angesehensten Propagandisten mit impulsiven Bombenwerfern; nahm Organisation an, wo sie naturgemäß nicht existieren konnte; sprach von der sozialrevolutionären Partei im einen Augenblick wie von einer perfekt disziplinierten Armee, in der das Wort der Anführer oberstes Gebot war, und im nächsten, als wäre sie der lockerste Zusammenschluss verzweifelter Banditen, der je in einer Bergschlucht gelagert hatte. Einmal hatte Mr. Verloc den Mund zu einem Protest geöffnet, doch das Heben einer wohlgeformten, großen weißen Hand hielt ihn zurück. Sehr bald war er zu entsetzt, um auch nur zu versuchen zu protestieren. Er lauschte in einer Stille der Angst, die der Unbeweglichkeit tiefster Aufmerksamkeit glich.

„Eine Serie von Anschlägen“, fuhr Mr. Vladimir ruhig fort, „ausgeführt hier in diesem Land; nicht nur geplant hier – das würde nicht genügen –, das würde sie nicht kümmern. Ihre Freunde könnten den halben Kontinent in Brand stecken, ohne die öffentliche Meinung hier zugunsten einer universellen repressiven Gesetzgebung zu beeinflussen. Die Leute hier schauen nicht über ihren eigenen Hinterhof hinaus.“

Mr. Verloc räusperte sich, doch sein Mut verließ ihn, und er sagte nichts.

„Diese Anschläge müssen nicht besonders blutig sein“, fuhr Mr. Vladimir fort, als hielte er eine wissenschaftliche Vorlesung, „aber sie müssen ausreichend erschreckend sein – effektiv. Lassen Sie sie gegen Gebäude gerichtet sein, zum Beispiel. Was ist der Fetisch der Stunde, den die gesamte Bourgeoisie anerkennt – eh, Mr. Verloc?“

Mr. Verloc öffnete die Hände und zuckte leicht mit den Schultern.

„Sie sind zu faul zum Denken“, war Mr. Vladimirs Kommentar zu dieser Geste. „Achten Sie darauf, was ich sage. Der Fetisch von heute ist weder das Königtum noch die Religion. Daher sollten der Palast und die Kirche in Ruhe gelassen werden. Sie verstehen, was ich meine, Mr. Verloc?“

Die Bestürzung und der Hohn von Mr. Verloc entluden sich in einem Versuch zur Leichtfertigkeit.

„Vollkommen. Aber was ist mit den Botschaften? Eine Reihe von Angriffen auf die verschiedenen Botschaften“, begann er; doch er konnte dem kalten, wachsamen Blick des Ersten Sekretärs nicht standhalten.

„Sie können witzig sein, wie ich sehe“, bemerkte letzterer beiläufig. „Das ist in Ordnung. Das mag Ihre Redekunst auf sozialistischen Kongressen beleben. Aber dieser Raum ist kein Ort dafür. Es wäre unendlich viel sicherer für Sie, aufmerksam zu verfolgen, was ich sage. Da von Ihnen verlangt wird, Fakten anstelle von Märchengeschichten zu liefern, sollten Sie besser versuchen, aus dem Profit zu schlagen, was ich mir die Mühe mache, Ihnen zu erklären. Der sakrosankte Fetisch von heute ist die Wissenschaft. Warum bringen Sie nicht einige Ihrer Freunde dazu, auf diesen hölzernen Wichtigtuer loszugehen – eh? Gehört er nicht zu jenen Institutionen, die hinweggefegt werden müssen, bevor die F. P. an die Reihe kommt?“

Mr. Verloc sagte nichts. Er hatte Angst, seine Lippen zu öffnen, aus Furcht, ein Stöhnen könnte ihm entschlüpfen.

„Das ist es, worauf Sie hinarbeiten sollten. Ein Anschlag auf ein gekröntes Haupt oder auf einen Präsidenten ist zwar in gewisser Weise sensationell genug, aber nicht mehr so sehr wie früher. Er ist in die allgemeine Vorstellung vom Dasein aller Staatschefs eingegangen. Er ist fast konventionell – besonders seit so viele Präsidenten ermordet wurden. Nehmen wir nun einen Anschlag auf – sagen wir, eine Kirche. Auf den ersten Blick sicher erschreckend genug, und doch nicht so effektiv, wie eine Person mit gewöhnlichem Verstand denken könnte. Ungeachtet dessen, wie revolutionär und anarchistischer Natur der Ursprung auch wäre, gäbe es genug Narren, die einem solchen Anschlag den Charakter einer religiösen Manifestation verleihen würden. Und das würde von der besonderen alarmierenden Bedeutung ablenken, die wir dem Akt verleihen wollen. Ein mörderischer Anschlag auf ein Restaurant oder ein Theater würde in gleicher Weise unter dem Verdacht eines nicht-politischen Motivs leiden: die Verbitterung eines hungrigen Mannes, ein Akt sozialer Rache. All das ist verbraucht; es ist nicht mehr instruktiv als Anschauungsunterricht im revolutionären Anarchismus. Jede Zeitung hat vorgefertigte Phrasen, um solche Manifestationen abzutun. Ich bin dabei, Ihnen die Philosophie des Bombenwerfens aus meinem Blickwinkel darzulegen; aus dem Blickwinkel, dem Sie seit elf Jahren zu dienen vorgeben. Ich werde versuchen, nicht über Ihren Horizont hinaus zu sprechen. Die Sensibilitäten der Klasse, die Sie angreifen, sind schnell abgestumpft. Eigentum scheint ihnen eine unzerstörbare Sache zu sein. Sie können sich nicht sehr lange auf deren Emotionen von Mitleid oder Angst verlassen. Ein Bombenanschlag muss, um heute irgendeinen Einfluss auf die öffentliche Meinung zu haben, über die Absicht von Rache oder Terrorismus hinausgehen. Er muss rein destruktiv sein. Er muss das sein, und nur das, jenseits des leisesten Verdachts auf irgendein anderes Ziel. Sie Anarchisten sollten deutlich machen, dass Sie vollkommen entschlossen sind, einen reinen Tisch mit der gesamten sozialen Schöpfung zu machen. Aber wie bringt man diese erschreckend absurde Vorstellung in die Köpfe der Mittelklasse, sodass es keinen Irrtum geben kann? Das ist die Frage. Indem Sie Ihre Schläge gegen etwas außerhalb der gewöhnlichen menschlichen Leidenschaften richten, lautet die Antwort. Natürlich gibt es die Kunst. Eine Bombe in der National Gallery würde etwas Lärm machen. Aber es wäre nicht ernst genug. Kunst war nie ihr Fetisch. Es ist, als würde man ein paar hintere Fenster in jemandes Haus einschlagen; während, wenn man jemanden wirklich aufrütteln will, man zumindest versuchen muss, das Dach abzuheben. Es gäbe natürlich etwas Geschrei, aber von wem? Künstlern – Kunstkritikern und dergleichen – Leute von keiner Bedeutung. Niemand kümmert sich darum, was sie sagen. Aber da ist die Gelehrsamkeit – die Wissenschaft. Jeder Schwachkopf, der ein Einkommen hat, glaubt daran. Er weiß nicht warum, aber er glaubt, dass es irgendwie wichtig ist. Es ist der sakrosankte Fetisch. All die verdammten Professoren sind im Herzen Radikale. Lassen Sie sie wissen, dass ihr großer Wichtigtuer auch gehen muss, um Platz für die Zukunft des Proletariats zu machen. Ein Aufschrei all dieser intellektuellen Idioten wird zwangsläufig die Arbeit der Mailänder Konferenz voranbringen. Sie werden an die Zeitungen schreiben. Ihre Empörung wäre über jeden Verdacht erhaben, da keine materiellen Interessen offen auf dem Spiel stehen, und es wird jeden Egoismus der Klasse alarmieren, die beeindruckt werden sollte. Sie glauben, dass die Wissenschaft auf mysteriöse Weise die Quelle ihres materiellen Wohlstands ist. Das tun sie. Und die absurde Grausamkeit einer solchen Demonstration wird sie tiefgreifender beeinflussen als die Verstümmelung einer ganzen Straße – oder eines Theaters – voller ihresgleichen. Zu Letzterem können sie immer sagen: ‚Oh! Das ist nur Klassenhass.‘ Aber was soll man zu einem Akt destruktiver Grausamkeit sagen, der so absurd ist, dass er unverständlich, unerklärlich, fast undenkbar ist; kurzum, wahnsinnig? Wahnsinn allein ist wahrhaft furchterregend, insofern man ihn weder durch Drohungen, Überzeugungen noch Bestechung besänftigen kann. Zudem bin ich ein zivilisierter Mensch. Ich würde nie davon träumen, Sie anzuweisen, ein bloßes Gemetzel zu organisieren, selbst wenn ich mir davon die besten Ergebnisse versprechen würde. Aber ich würde von einem Gemetzel nicht das Ergebnis erwarten, das ich will. Mord ist immer unter uns. Es ist fast eine Institution. Die Demonstration muss gegen die Gelehrsamkeit gerichtet sein – die Wissenschaft. Aber nicht jede Wissenschaft wird ausreichen. Der Angriff muss all die schockierende Sinnlosigkeit einer grundlosen Blasphemie haben. Da Bomben Ihr Ausdrucksmittel sind, wäre es wirklich aussagekräftig, wenn man eine Bombe in die reine Mathematik werfen könnte. Aber das ist unmöglich. Ich habe versucht, Sie zu erziehen; ich habe Ihnen die höhere Philosophie Ihrer Nützlichkeit dargelegt und Ihnen einige brauchbare Argumente vorgeschlagen. Die praktische Anwendung meiner Lehre interessiert Sie am meisten. Aber von dem Moment an, als ich mich entschloss, Sie zu empfangen, habe ich auch dem praktischen Aspekt der Frage einige Aufmerksamkeit gewidmet. Was halten Sie davon, sich die Astronomie vorzunehmen?“

Schon seit einiger Zeit glich Mr. Verlocs Unbeweglichkeit neben dem Armlehnstuhl einem Zustand kollabierter Benommenheit – eine Art passiver Gefühllosigkeit, unterbrochen von leichten konvulsiven Zuckungen, wie man sie bei einem Haushund beobachten kann, der auf dem Kaminsonnenteppich einen Albtraum hat. Und es war in einem unruhigen, hundeartigen Grollen, dass er das Wort wiederholte:

„Astronomie.“

Er hatte sich noch nicht vollständig von diesem Zustand der Verwirrung erholt, den die Anstrengung, Mr. Vladimirs schnellen, prägnanten Äußerungen zu folgen, hervorgerufen hatte. Sie hatte seine Aufnahmefähigkeit überwältigt. Sie hatte ihn wütend gemacht. Diese Wut wurde durch Ungläubigkeit kompliziert. Und plötzlich dämmerte es ihm, dass all das ein ausgeklügelter Witz war. Mr. Vladimir zeigte seine weißen Zähne in einem Lächeln, mit Grübchen auf seinem runden, vollen Gesicht, das in einer selbstgefälligen Neigung über dem starren Bogen seiner Krawatte ruhte. Der Liebling intelligenter Gesellschaftsdamen hatte seine Salonhaltung eingenommen, die die Darbietung delikater geistreicher Bemerkungen begleitete. Er saß weit nach vorne gebeugt, die weiße Hand erhoben, und schien die Feinheit seines Vorschlags zierlich zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten.

„Es könnte nichts Besseres geben. Ein solcher Anschlag verbindet den größtmöglichen Respekt vor der Menschheit mit der alarmierendsten Zurschaustellung grausamer Schwachsinnigkeit. Ich fordere den Einfallsreichtum der Journalisten heraus, ihr Publikum davon zu überzeugen, dass irgendein beliebiges Mitglied des Proletariats einen persönlichen Groll gegen die Astronomie haben könnte. Hunger selbst könnte da kaum hineingezogen werden – eh? Und es gibt noch andere Vorteile. Die ganze zivilisierte Welt hat von Greenwich gehört. Selbst die Schuhputzer im Untergeschoss des Bahnhofs Charing Cross wissen etwas davon. Verstehen Sie?“

Die Züge von Mr. Vladimir, in der besten Gesellschaft so bekannt für ihre humorvolle Urbanität, strahlten vor zynischer Selbstzufriedenheit, die die intelligenten Frauen, deren Witz er so exquisit unterhielt, erstaunt hätte. „Ja“, fuhr er mit einem verächtlichen Lächeln fort, „die Sprengung des ersten Meridians wird zwangsläufig einen Heulen der Abscheu hervorrufen.“

„Ein schwieriges Unterfangen“, murmelte Mr. Verloc, in dem Gefühl, dass dies das einzig sichere war, was er sagen konnte.

„Was ist die Angelegenheit? Haben Sie nicht die ganze Bande unter Ihrer Hand? Die Auslese der Auslese? Dieser alte Terrorist Yundt ist hier. Ich sehe ihn fast jeden Tag in seinem grünen Havelock durch Piccadilly spazieren. Und Michaelis, der Apostel mit dem Hafturlaub – Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie nicht wissen, wo er ist? Denn wenn Sie das nicht tun, kann ich es Ihnen sagen“, fuhr Mr. Vladimir drohend fort. „Wenn Sie sich einbilden, dass Sie der Einzige auf der Liste des geheimen Fonds sind, dann täuschen Sie sich.“

Dieser vollkommen grundlose Hinweis veranlasste Mr. Verloc dazu, leicht mit den Füßen zu scharren.

„Und die ganze Lausanner Bande – eh? Sind sie nicht bei der ersten Andeutung der Mailänder Konferenz hierher geströmt? Dies ist ein absurdes Land.“

„Das wird Geld kosten“, sagte Mr. Verloc aus einer Art Instinkt heraus.

„Das zieht nicht“, entgegnete Mr. Vladimir mit einem erstaunlich echten englischen Akzent. „Sie bekommen Ihren Lohn jeden Monat, und keinen mehr, bis etwas passiert. Und wenn sehr bald nichts passiert, bekommen Sie nicht einmal mehr das. Was ist Ihre offizielle Beschäftigung? Wovon sollen Sie angeblich leben?“

„Ich führe einen Laden“, antwortete Mr. Verloc.

„Einen Laden! Was für eine Art von Laden?“

„Schreibwaren, Zeitungen. Meine Frau –“

„Ihre was?“, unterbrach ihn Mr. Vladimir in seinen gutturalen zentralasiatischen Tönen.

„Meine Frau.“ Mr. Verloc hob seine heisere Stimme leicht an. „Ich bin verheiratet.“

„Das sei verdammt für ein Garn“, rief der andere in unverstelltem Erstaunen aus. „Verheiratet! Und Sie, ein bekennender Anarchist dazu! Was ist das für ein verfluchter Unsinn? Aber ich nehme an, das ist lediglich eine Redensart. Anarchisten heiraten nicht. Das ist wohlbekannt. Sie können es nicht. Es wäre Abfall vom Glauben.“

„Meine Frau ist keine“, murmelte Mr. Verloc mürrisch. „Außerdem geht Sie das nichts an.“

„Oh doch, das tut es“, schnauzte Mr. Vladimir. „Ich fange an überzeugt zu sein, dass Sie absolut nicht der Mann für die Arbeit sind, für die Sie eingesetzt wurden. Warum, Sie müssen sich in Ihrer eigenen Welt durch Ihre Heirat vollkommen diskreditiert haben. Konnten Sie nicht ohne auskommen? Das ist Ihre tugendhafte Bindung – eh? Mit der einen oder anderen Art von Bindung vernichten Sie Ihre Nützlichkeit.“

Mr. Verloc, die Wangen aufblähend, ließ die Luft heftig entweichen, und das war alles. Er hatte sich mit Geduld gewappnet. Sie sollte nicht mehr lange geprüft werden. Der Erste Sekretär wurde plötzlich sehr schroff, distanziert, endgültig.

„Sie können jetzt gehen“, sagte er. „Ein Dynamitanschlag muss provoziert werden. Ich gebe Ihnen einen Monat. Die Sitzungen der Konferenz sind ausgesetzt. Bevor sie wieder zusammenkommt, muss hier etwas passiert sein, oder Ihre Verbindung mit uns endet.“

Er änderte den Ton noch einmal mit einer prinzipienlosen Wandlungsfähigkeit.

„Denken Sie über meine Philosophie nach, Mr. – Mr. – Verloc“, sagte er mit einer Art spöttischer Herablassung und winkte mit der Hand in Richtung Tür. „Gehen Sie auf den ersten Meridian. Sie kennen die Mittelklasse nicht so gut wie ich. Ihre Empfindlichkeiten sind abgestumpft. Der erste Meridian. Nichts Besseres und nichts Einfacheres, sollte ich meinen.“

Er war aufgestanden und beobachtete mit seinen dünnen, empfindlichen Lippen, die humorvoll zuckten, im Spiegel über dem Kaminsims, wie Mr. Verloc schwerfällig, mit Hut und Stock in der Hand, aus dem Raum zurückwich. Die Tür schloss sich.

Der Lakai in Hosen, der plötzlich im Korridor erschien, ließ Mr. Verloc durch einen anderen Ausgang und durch eine kleine Tür in der Ecke des Innenhofs hinaus. Der Pförtner, der am Tor stand, ignorierte sein Fortgehen vollkommen; und Mr. Verloc schritt den Weg seiner morgendlichen Wallfahrt zurück wie in einem Traum – einem zornigen Traum. Diese Loslösung von der materiellen Welt war so vollständig, dass, obwohl die sterbliche Hülle des Mr. Verloc nicht übermäßig durch die Straßen geeilt war, jener Teil von ihm, dem die Unsterblichkeit zu verweigern unverantwortlich grob wäre, sich plötzlich vor der Ladentür wiederfand, als wäre er auf den Flügeln eines großen Windes von West nach Ost getragen worden. Er ging schnurstracks hinter den Ladentisch und setzte sich auf einen Holzstuhl, der dort stand. Niemand erschien, um seine Einsamkeit zu stören. Stevie, in eine grüne baumwollene Schürze gesteckt, kehrte und entstaubte nun oben, eifrig und gewissenhaft, als würde er damit spielen; und Mrs. Verloc, die in der Küche durch das Geklapper der gesprungenen Glocke gewarnt worden war, war lediglich zur verglasten Tür des Wohnzimmers gekommen, hatte den Vorhang ein wenig beiseite geschoben und in den schummrigen Laden gespäht. Als sie ihren Mann dort schattenhaft und massig sitzen sah, den Hut weit in den Nacken geschoben, war sie sofort zu ihrem Herd zurückgekehrt. Eine Stunde oder mehr später nahm sie ihrem Bruder Stevie die grüne Schürze ab und wies ihn mit dem gebieterischen Ton, den sie in diesem Zusammenhang seit etwa fünfzehn Jahren benutzte – seit sie nämlich tatsächlich aufgehört hatte, sich selbst um die Hände und das Gesicht des Jungen zu kümmern – an, sich die Hände und das Gesicht zu waschen. Sie gönnte sich kurz einen Blick von ihrem Auftragen weg, um das Gesicht und die Hände zu inspizieren, die Stevie, als er sich dem Küchentisch näherte, ihr zur Billigung mit einer Miene der Selbstsicherheit anbot, hinter der sich ein beständiger Rest von Angst verbarg. Früher war der Zorn des Vaters die überaus wirksame Sanktion dieser Riten gewesen, aber Mr. Verlocs Gelassenheit im häuslichen Leben hätte jegliche Erwähnung von Zorn selbst für Stevies arme Nerven unglaubwürdig gemacht. Die Theorie besagte, dass Mr. Verloc durch jeglichen Mangel an Sauberkeit zu den Mahlzeiten unsagbar gequält und schockiert gewesen wäre. Winnie fand nach dem Tod ihres Vaters erheblichen Trost in dem Gefühl, dass sie nicht länger um den armen Stevie zittern musste. Sie konnte es nicht ertragen, den Jungen verletzt zu sehen. Es machte sie wahnsinnig. Als kleines Mädchen hatte sie oft mit flammenden Augen dem jähzornigen Schankwirt zur Verteidigung ihres Bruders die Stirn geboten. Nichts in Mrs. Verlocs Erscheinung hätte nun vermuten lassen, dass sie zu einer leidenschaftlichen Demonstration fähig war.

Sie beendete ihr Auftragen. Der Tisch war im Wohnzimmer gedeckt. Sie ging zum Fuß der Treppe und schrie: „Mutter!“ Dann öffnete sie die verglaste Tür, die zum Laden führte, und sagte leise: „Adolf!“ Mr. Verloc hatte seine Position nicht verändert; er hatte sich anderthalb Stunden lang anscheinend nicht gerührt. Er stand schwerfällig auf und kam zum Abendessen, im Mantel und mit Hut, ohne ein Wort zu sagen. Sein Schweigen an sich hatte in diesem Haushalt, der in den Schatten der schmutzigen Straße verborgen lag, die selten von der Sonne berührt wurde, hinter dem schummrigen Laden mit seinen Waren aus anrüchigem Plunder, nichts aufreizend Ungewöhnliches. Nur war Mr. Verlocs Schweigsamkeit an diesem Tag so offensichtlich nachdenklich, dass die beiden Frauen davon beeindruckt waren. Sie saßen selbst schweigend da und behielten den armen Stevie wachsam im Auge, damit er nicht in einen seiner Redeschwalle ausbrach. Er saß Mr. Verloc am Tisch gegenüber und blieb sehr brav und ruhig, während er leer vor sich hinstarrte. Das Bemühen, ihn davon abzuhalten, sich dem Hausherrn in irgendeiner Weise unangenehm zu machen, bereitete diesen beiden Frauen nicht unbeträchtliche Sorgen. „Dieser Junge“, wie sie ihn leise unter sich nannten, war fast vom Tag seiner Geburt an eine Quelle dieser Art von Sorge gewesen. Die Demütigung des verstorbenen Schankwirts, einen so höchst sonderbaren Jungen als Sohn zu haben, manifestierte sich in einer Neigung zu brutaler Behandlung; denn er war ein Mensch von feiner Empfindsamkeit, und sein Leiden als Mann und Vater war vollkommen aufrichtig. Danach musste Stevie davon abgehalten werden, sich den alleinstehenden männlichen Untermietern lästig zu machen, die selbst eine seltsame Sorte sind und sich leicht kränken lassen. Und dann war da immer die Sorge um seine bloße Existenz, der man sich stellen musste. Visionen von einem Armenhaus für ihr Kind hatten die alte Frau in dem Frühstücksraum des verfallenen Belgravia-Hauses im Untergeschoss verfolgt. „Wenn du nicht so einen guten Ehemann gefunden hättest, mein Kind“, pflegte sie zu ihrer Tochter zu sagen, „weiß ich nicht, was aus diesem armen Jungen geworden wäre.“

Mr. Verloc brachte Stevie so viel Anerkennung entgegen, wie ein Mann, der nicht besonders an Tieren hängt, der geliebten Katze seiner Frau entgegenbringen mag; und diese Anerkennung, wohlwollend und pflichtschuldig, war im Wesentlichen von der gleichen Art. Beide Frauen gaben vor sich selbst zu, dass vernünftigerweise nicht viel mehr erwartet werden konnte. Es reichte aus, Mr. Verloc die ehrfürchtige Dankbarkeit der alten Frau einzubringen. In den frühen Tagen, skeptisch geworden durch die Prüfungen eines freundlosen Lebens, hatte sie manchmal ängstlich gefragt: „Glaubst du nicht, mein Kind, dass Mr. Verloc es leid wird, Stevie immer um sich zu haben?“ Darauf antwortete Winnie gewöhnlich mit einem leichten Kopfschütteln. Einmal jedoch entgegnete sie mit einer ziemlich grimmigen Keckheit: „Er wird erst meiner überdrüssig werden müssen.“ Ein langes Schweigen folgte. Die Mutter, die Füße auf einen Hocker gestützt, schien dem Grund dieser Antwort auf den Grund gehen zu wollen, deren weibliche Tiefgründigkeit sie völlig überrumpelt hatte. Sie hatte nie wirklich verstanden, warum Winnie Mr. Verloc geheiratet hatte. Es war sehr vernünftig von ihr gewesen, und es hatte sich offensichtlich zum Besten gewendet, aber ihr Mädchen hätte natürlicherweise darauf hoffen können, jemanden in einem passenderen Alter zu finden. Es hatte einen stetigen jungen Kerl gegeben, den einzigen Sohn eines Metzgers aus der nächsten Straße, der seinem Vater im Geschäft half und mit dem Winnie mit offensichtlichem Vergnügen ausging. Er war zwar von seinem Vater abhängig, aber das Geschäft war gut und seine Aussichten ausgezeichnet. Er nahm ihr Mädchen an mehreren Abenden mit ins Theater. Dann, gerade als sie anfing, sich vor dem Hören ihrer Verlobung zu fürchten (denn was hätte sie mit diesem großen Haus allein anfangen sollen, mit Stevie an der Backe), fand diese Romanze ein abruptes Ende, und Winnie lief sehr trübsinnig herum. Aber als Mr. Verloc auf göttliche Fügung hin auftauchte, um das vordere Schlafzimmer im ersten Stock zu belegen, war von dem jungen Metzger keine Rede mehr. Es war eindeutig eine göttliche Fügung.

KAPITEL III

„... Jede Idealisierung macht das Leben ärmer. Es zu verschönern heißt, ihm seinen Charakter der Komplexität zu nehmen – es zu zerstören. Überlassen Sie das den Moralisten, mein Junge. Geschichte wird von Menschen gemacht, aber sie machen sie nicht in ihren Köpfen. Die Ideen, die in ihrem Bewusstsein geboren werden, spielen eine unbedeutende Rolle im Lauf der Ereignisse. Geschichte wird vom Werkzeug und der Produktion dominiert und bestimmt – von der Kraft wirtschaftlicher Bedingungen. Der Kapitalismus hat den Sozialismus hervorgebracht, und die Gesetze, die der Kapitalismus zum Schutz des Eigentums erlassen hat, sind für den Anarchismus verantwortlich. Niemand kann sagen, welche Form die soziale Organisation in der Zukunft annehmen mag. Warum also in prophetischen Phantasien schwelgen? Bestenfalls können sie nur den Geist des Propheten interpretieren und haben keinen objektiven Wert. Überlassen Sie diesen Zeitvertreib den Moralisten, mein Junge.“

Michaelis, der Apostel mit Urlaubsschein, sprach mit einer gleichmäßigen Stimme, einer Stimme, die keuchte, als wäre sie von der Fettschicht auf seiner Brust gedämpft und bedrückt. Er war aus einem äußerst hygienischen Gefängnis gekommen, rund wie eine Tonne, mit einem enormen Magen und aufgedunsenen Wangen von blasser, halbtransparenter Gesichtsfarbe, als hätten die Diener einer empörten Gesellschaft fünfzehn Jahre lang darauf bestanden, ihn in einem feuchten und lichtlosen Keller mit fettmachenden Speisen vollzustopfen. Und seitdem war es ihm nie gelungen, auch nur eine Unze seines Gewichts zu verlieren.

Es wurde erzählt, dass eine sehr wohlhabende alte Dame ihn drei Saisons hintereinander zur Kur nach Marienbad geschickt hatte – wo er einmal die öffentliche Neugier mit einem gekrönten Haupt teilen sollte –, aber die Polizei ordnete bei dieser Gelegenheit an, dass er innerhalb von zwölf Stunden abreisen müsse. Sein Martyrium wurde fortgesetzt, indem man ihm jeglichen Zugang zu den heilenden Wässern verbot. Aber er war jetzt ergeben.

Mit einem Ellbogen, der nicht wie ein Gelenk aussah, sondern eher wie eine Beugung im Glied einer Schaufensterpuppe, über die Lehne eines Stuhls geworfen, lehnte er sich leicht über seine kurzen und enormen Oberschenkel, um in den Kaminrost zu spucken.

„Ja! Ich hatte Zeit, die Dinge ein wenig zu durchdenken“, fügte er ohne Nachdruck hinzu. „Die Gesellschaft hat mir viel Zeit zum Nachdenken gegeben.“

Auf der anderen Seite des Kamins, im Rosshaarsessel, in dem Mrs. Verlocs Mutter gewöhnlich sitzen durfte, kicherte Karl Yundt grimmig, mit einer schwachen schwarzen Grimasse eines zahnlosen Mundes. Der Terrorist, wie er sich selbst nannte, war alt und kahl, mit einem schmalen, schneeweißen Ziegenbärtchen, das schlaff von seinem Kinn hing. Ein außergewöhnlicher Ausdruck von hinterhältiger Bösartigkeit überlebte in seinen erloschenen Augen. Wenn er sich mühsam erhob, deutete das Vorstrecken einer mageren, tastenden Hand, die von gichtischen Schwellungen verformt war, auf die Anstrengung eines sterbenden Mörders, der seine gesamte verbleibende Kraft für einen letzten Stich aufbrachte. Er stützte sich auf einen dicken Stock, der unter seiner anderen Hand zitterte.

„Ich habe immer davon geträumt“, lallte er grimmig, „von einer Bande von Männern, die absolut entschlossen sind, alle Skrupel bei der Wahl der Mittel abzulegen, stark genug, um sich offen den Namen Zerstörer zu geben, und frei von dem Makel jenes resignierten Pessimismus, der die Welt verrotten lässt. Kein Mitleid für irgendetwas auf Erden, sich selbst eingeschlossen, und der Tod für immer und ewig in den Dienst der Menschheit gestellt – das ist es, was ich gern gesehen hätte.“

Sein kleiner kahler Kopf bebte, was dem weißen Ziegenbart ein komisches Zittern verlieh. Seine Artikulation wäre für einen Fremden fast völlig unverständlich gewesen. Seine erschöpfte Leidenschaft, die in ihrer ohnmächtigen Heftigkeit der Erregung eines senilen Wollüstlings glich, wurde schlecht bedient von einer ausgetrockneten Kehle und zahnlosem Zahnfleisch, das sich in seiner Zungenspitze zu verfangen schien. Mr. Verloc, der sich in der Ecke des Sofas am anderen Ende des Zimmers niedergelassen hatte, stieß zwei herzhafte, zustimmende Grunzer aus.

Der alte Terrorist wandte langsam seinen Kopf auf dem mageren Hals von einer Seite zur anderen.

„Und ich konnte nie so viele wie drei solcher Männer zusammenbringen. So viel zu deinem verrotteten Pessimismus“, knurrte er Michaelis zu, der seine dicken, polsterartigen Beine entkreuzte und seine Füße aus Verärgerung ruckartig unter seinen Stuhl schob.

Er ein Pessimist! Absurd! Er schrie, der Vorwurf sei empörend. Er sei so weit vom Pessimismus entfernt, dass er bereits das Ende allen Privateigentums logisch, unvermeidlich, durch die bloße Entwicklung seiner inhärenten Bösartigkeit herannahen sehe. Die Besitzer von Eigentum müssten sich nicht nur dem erwachten Proletariat stellen, sondern auch untereinander kämpfen. Ja. Kampf, Krieg, sei die Bedingung des Privateigentums. Es sei tödlich. Ach! Er verlasse sich nicht auf emotionale Erregung, um seinen Glauben aufrechtzuerhalten, keine Deklamationen, kein Zorn, keine Visionen von blutroten Fahnen, die wehen, oder metaphorischen, grellen Sonnen der Rache, die über dem Horizont einer dem Untergang geweihten Gesellschaft aufgehen. Nicht er! Kalte Vernunft, prahlte er, sei die Grundlage seines Optimismus. Ja, Optimismus –

Sein mühsames Keuchen stoppte, dann, nach ein oder zwei Atemzügen, fügte er hinzu:

„Glaubst du nicht, dass ich, wenn ich nicht der Optimist wäre, der ich bin, in fünfzehn Jahren nicht irgendein Mittel gefunden hätte, mir die Kehle durchzuschneiden? Und im letzten Fall gab es immer noch die Wände meiner Zelle, gegen die ich meinen Kopf hätte schlagen können.“

Die Kurzatmigkeit nahm seiner Stimme alles Feuer, alle Lebendigkeit; seine großen, blassen Wangen hingen wie gefüllte Beutel, regungslos, ohne ein Zittern; aber in seinen blauen Augen, die sich verengten, als würden sie spähen, lag derselbe Ausdruck von zuversichtlicher Schlauheit, ein wenig verrückt in seiner Starre, den sie gehabt haben mussten, während der unbezähmbare Optimist nachts in seiner Zelle saß und nachdachte. Vor ihm blieb Karl Yundt stehen, einen Flügel seines verblichenen grünlichen Havelocks verwegen über die Schulter geworfen. Comrade Ossipon, ehemaliger Medizinstudent und Hauptautor der F.-P.-Flugblätter, saß vor dem Kamin und streckte seine kräftigen Beine aus, während er die Schuhsohlen der Glut im Rost zuwandte. Ein Busch aus krausem gelbem Haar krönte sein rotes, somprossiges Gesicht mit einer flachen Nase und einem markanten Mund, der in der groben Form des Negertypus gegossen war. Seine mandelförmigen Augen starrten schmachtend über die hohen Wangenknochen. Er trug ein graues Flanellhemd, die losen Enden einer schwarzen Seidenkrawatte hingen an der geknöpften Brust seines Tuchrocks herab; und mit dem Kopf auf der Rückenlehne seines Stuhls, die Kehle weit entblößt, führte er eine Zigarette in einem langen hölzernen Mundstück an seine Lippen und stieß Rauchwolken direkt zur Decke.

Michaelis verfolgte seine Idee – die Idee seiner einsamen Abgeschiedenheit –, den Gedanken, der seiner Gefangenschaft gewährt wurde und wuchs wie ein in Visionen geoffenbarter Glaube. Er sprach zu sich selbst, gleichgültig gegenüber der Sympathie oder Feindseligkeit seiner Zuhörer, ja gleichgültig gegenüber ihrer Anwesenheit, aus der Gewohnheit heraus, die er sich angeeignet hatte, in der Einsamkeit der vier weiß getünchten Wände seiner Zelle hoffnungsvoll laut zu denken, in der grabesstillen Stille des riesigen, blinden Ziegelbaus nahe einem Fluss, unheimlich und hässlich wie ein kolossales Leichenhaus für die sozial Ertrunkenen.

Er war zu keiner Diskussion fähig, nicht weil irgendein Argument seinen Glauben erschüttern konnte, sondern weil ihn die bloße Tatsache, eine andere Stimme zu hören, schmerzhaft aus der Fassung brachte und seine Gedanken sofort verwirrte – jene Gedanken, die so viele Jahre lang, in einer geistigen Einsamkeit, die unfruchtbarer war als eine wasserlose Wüste, von keiner lebendigen Stimme bekämpft, kommentiert oder gebilligt worden waren.

Niemand unterbrach ihn jetzt, und er legte erneut das Bekenntnis seines Glaubens ab, das ihn unwiderstehlich und vollständig wie ein Akt der Gnade überwältigte: das Geheimnis des Schicksals, entdeckt in der materiellen Seite des Lebens; die wirtschaftliche Bedingung der Welt, verantwortlich für die Vergangenheit und die Zukunft gestaltend; die Quelle aller Geschichte, aller Ideen, die die geistige Entwicklung der Menschheit und die Impulse ihrer Leidenschaften leiteten –

Ein raues Lachen von Comrade Ossipon schnitt das Tiraden-Stück mit einem plötzlichen Stottern der Zunge und einer verwirrten Instabilität der mild-erhabenen Augen des Apostels ab. Er schloss sie für einen Moment langsam, als wolle er seine versprengten Gedanken sammeln. Stille trat ein; aber bei den zwei Gasflammen über dem Tisch und dem glühenden Kaminrost war das kleine Wohnzimmer hinter Mr. Verlocs Laden schrecklich heiß geworden. Mr. Verloc, der sich mit schwerfälligem Widerwillen vom Sofa erhob, öffnete die Tür zur Küche, um mehr Luft zu bekommen, und enthüllte so den unschuldigen Stevie, der sehr brav und ruhig an einem Kiefernholztisch saß und Kreise zeichnete, Kreise, Kreise; unzählige Kreise, konzentrisch, exzentrisch; ein glitzerndes Wirbeln von Kreisen, die durch ihre verwickelte Vielzahl an wiederholten Kurven, Formgleichheit und Verwirrung überschneidender Linien eine Wiedergabe des kosmischen Chaos nahelegten, die Symbolik einer verrückten Kunst, die das Unvorstellbare versuchte. Der Künstler drehte nie den Kopf; und bei all der Hingabe seiner Seele an die Aufgabe bebte sein Rücken, sein dünner Hals, der in einer tiefen Höhle an der Basis des Schädels versunken war, schien bereit zu brechen.

Mr. Verloc kehrte nach einem Grunzen missbilligender Überraschung zum Sofa zurück. Alexander Ossipon stand auf, groß in seinem abgewetzten blauen Tuchanzug unter der niedrigen Decke, schüttelte die Steifheit langer Unbeweglichkeit ab und schlenderte in die Küche (zwei Stufen hinunter), um über Stevies Schulter zu schauen. Er kam zurück und verkündete orakelhaft: „Sehr gut. Sehr charakteristisch, vollkommen typisch.“

„Was ist sehr gut?“, grunzte Mr. Verloc fragend, wieder in der Ecke des Sofas niedergelassen. Der andere erklärte seine Bedeutung nachlässig, mit einem Anflug von Herablassung und einem Kopfschütteln in Richtung Küche:

„Typisch für diese Form der Degeneration, diese Zeichnungen, meine ich.“

„Sie würden diesen Jungen einen Degenerierten nennen, würden Sie?“, murmelte Mr. Verloc.

Comrade Alexander Ossipon – genannt der Doktor, ehemaliger Medizinstudent ohne Abschluss; danach wandernder Dozent für Arbeitervereine über die sozialistischen Aspekte der Hygiene; Autor einer populären quasi-medizinischen Studie (in Form einer billigen Broschüre, die prompt von der Polizei beschlagnahmt wurde) mit dem Titel „Die zersetzenden Laster der Mittelklasse“; Sonderdelegierter des mehr oder weniger mysteriösen Roten Komitees, zusammen mit Karl Yundt und Michaelis für die Arbeit der literarischen Propaganda – wandte dem dunklen Vertrauten von mindestens zwei Botschaften jenen Blick von unerträglicher, hoffnungslos dichter Selbstgefälligkeit zu, den nichts als der Umgang mit der Wissenschaft der Stumpfheit gewöhnlicher Sterblicher verleihen kann.

„Das ist es, was man ihn wissenschaftlich nennen kann. Sehr guter Typ auch, alles in allem, von dieser Art von Degeneration. Es reicht, einen Blick auf die Ohrläppchen zu werfen. Wenn Sie Lombroso lesen –“

Mr. Verloc, mürrisch und breit auf dem Sofa ausgebreitet, sah weiterhin an der Reihe seiner Westenknöpfe hinunter; aber seine Wangen färbten sich leicht rötlich. In letzter Zeit hatte selbst das bloße Derivat des Wortes Wissenschaft (ein Begriff, der an sich harmlos ist und eine unbestimmte Bedeutung hat) die sonderbare Kraft, ein definitiv beleidigendes geistiges Bild von Mr. Vladimir in seinem lebendigen Körper mit einer fast übernatürlichen Klarheit heraufzubeschwören. Und dieses Phänomen, das es verdient, zu den Wundern der Wissenschaft gezählt zu werden, versetzte Mr. Verloc in einen emotionalen Zustand der Angst und Exazerbation, der dazu neigte, sich in gewalttätigen Flüchen auszudrücken. Aber er sagte nichts. Es war Karl Yundt, den man bis zu seinem letzten Atemzug unversöhnlich hörte.

„Lombroso ist ein Esel.“

Comrade Ossipon begegnete dem Schock dieser Blasphemie mit einem schrecklichen, leeren Blick. Und der andere, dessen erloschene Augen ohne Glanz die tiefen Schatten unter der großen, knochigen Stirn schwärzten, murmelte, während er bei jedem zweiten Wort die Zungenspitze zwischen die Lippen nahm, als würde er sie wütend zerkauen:

„Hast du jemals so einen Idioten gesehen? Für ihn ist der Kriminelle der Gefangene. Einfach, nicht wahr? Was ist mit denen, die ihn dort einsperren – ihn hineingezwungen haben? Genau. Hineingezwungen. Und was ist Verbrechen? Weiß er das, dieser Schwachkopf, der seinen Weg in dieser Welt der vollgestopften Narren gemacht hat, indem er sich die Ohren und Zähne einer Menge armer, glückloser Teufel ansah? Zähne und Ohren kennzeichnen den Kriminellen? Tun sie das? Und was ist mit dem Gesetz, das ihn noch besser kennzeichnet – das hübsche Brandmarkungsinstrument, das die Überfressenen erfunden haben, um sich gegen die Hungrigen zu schützen? Rotglühende Anwendungen auf ihrer abscheulichen Haut – he? Kannst du von hier aus nicht das dicke Fell des Volkes brennen und zischen riechen und hören? So werden Kriminelle gemacht, damit deine Lombrosos ihr dummes Zeug darüber schreiben können.“

Der Knauf seines Stocks und seine Beine zitterten vor Leidenschaft, während der Rumpf, drapiert in den Flügeln des Havelocks, seine historische Haltung des Trotzes bewahrte. Er schien die verpestete Luft der sozialen Grausamkeit zu wittern, seine Ohren auf ihre abscheulichen Laute anzuspannen. Es lag eine außergewöhnliche Suggestionskraft in diesem Gehabe. Der fast sterbende Veteran der Dynamitkriege war seinerzeit ein großer Schauspieler gewesen – Schauspieler auf Podien, in geheimen Versammlungen, in privaten Gesprächen. Der berühmte Terrorist hatte in seinem Leben persönlich nicht einmal seinen kleinen Finger gegen das soziale Gebäude erhoben. Er war kein Mann der Tat; er war nicht einmal ein Redner von sintflutartiger Beredsamkeit, der die Massen im rauschenden Lärm und Schaum einer großen Begeisterung mitriss. Mit einer subtileren Absicht nahm er die Rolle eines unverschämten und giftigen Heraufbeschwörers unheimlicher Impulse ein, die im blinden Neid und der exazerbierten Eitelkeit der Unwissenheit lauern, im Leiden und Elend der Armut, in all den hoffnungsvollen und edlen Illusionen von rechtschaffenem Zorn, Mitleid und Revolte. Der Schatten seiner bösen Gabe haftete noch immer an ihm wie der Geruch eines tödlichen Medikaments in einem alten Fläschchen Gift, jetzt geleert, nutzlos, bereit, auf den Müllhaufen der Dinge geworfen zu werden, die ihre Zeit gedient hatten.

Michaelis, der Apostel mit Urlaubsschein, lächelte vage mit seinen zusammengeklebten Lippen; sein teigiges Mondgesicht hing unter dem Gewicht melancholischer Zustimmung herab. Er war selbst ein Gefangener gewesen. Seine eigene Haut war unter dem rotglühenden Brandzeichen gezischt, murmelte er leise. Aber Comrade Ossipon, genannt der Doktor, hatte den Schock bis dahin überwunden.

„Sie verstehen das nicht“, begann er verächtlich, hielt aber inne, eingeschüchtert von der toten Schwärze der höhlenartigen Augen in dem Gesicht, das sich langsam mit einem blinden Starren zu ihm wandte, als würde es nur vom Klang geleitet. Er gab die Diskussion mit einem leichten Achselzucken auf.

Stevie, der daran gewöhnt war, unbeachtet umherzustreifen, hatte sich vom Küchentisch erhoben und seine Zeichnung mit ins Bett genommen. Er hatte die Tür zum Wohnzimmer gerade rechtzeitig erreicht, um die volle Wucht von Karl Yundts bildhafter Beredsamkeit abzubekommen. Das mit Kreisen bedeckte Blatt Papier glitt ihm aus den Fingern, und er blieb wie angewurzelt stehen, den Blick starr auf den alten Terroristen gerichtet, als hätten ihn sein krankhaftes Entsetzen und seine Furcht vor körperlichem Schmerz an den Boden gefesselt. Stevie wusste nur zu gut, dass es entsetzlich wehtat, wenn glühendes Eisen die Haut berührte. Seine verängstigten Augen flammten vor Empörung auf: Es würde schrecklich wehtun. Sein Mund klappte auf.

Michaelis hatte durch sein unablässiges Starren in das Feuer jenes Gefühl der Isolation zurückgewonnen, das für die Kontinuität seines Denkens notwendig war. Sein Optimismus hatte begonnen, von seinen Lippen zu fließen. Er sah den Kapitalismus bereits in seiner Wiege dem Untergang geweiht, geboren mit dem Gift des Konkurrenzprinzips in seinem System. Die großen Kapitalisten, die die kleinen verschlangen, die Macht und die Produktionsmittel in riesigen Massen konzentrierten, industrielle Prozesse vervollkommneten und im Wahn der Selbstbereicherung nur das rechtmäßige Erbe des leidenden Proletariats vorbereiteten, organisierten, anreicherten und in Bereitschaft brachten. Michaelis sprach das große Wort „Geduld“ aus – und sein klarer blauer Blick, der sich zur niedrigen Decke von Mr. Verlocs Wohnzimmer hob, besaß einen Ausdruck von seraphischer Vertrauensseligkeit. Im Türrahmen schien Stevie, nun wieder ruhig, in geistige Abwesenheit versunken zu sein.

Comrade Ossipons Gesicht zuckte vor Verärgerung.

„Dann ist es sinnlos, irgendetwas zu tun – absolut sinnlos.“

„Das sage ich nicht“, protestierte Michaelis sanft. Seine Vision der Wahrheit war so intensiv geworden, dass der Klang einer fremden Stimme sie diesmal nicht vertreiben konnte. Er blickte weiterhin auf die rote Glut. Vorbereitung auf die Zukunft sei notwendig, und er war bereit zuzugeben, dass der große Wandel vielleicht im Umbruch einer Revolution kommen würde. Aber er argumentierte, dass revolutionäre Propaganda ein heikles Werk von hohem Gewissen sei. Es sei die Erziehung der Beherrscher der Welt. Sie sollte so sorgfältig sein wie die Erziehung, die Königen zuteilwerde. Er wollte, dass sie ihre Lehrsätze vorsichtig, ja sogar zaghaft vorbringe, in unserer Unwissenheit über die Wirkung, die sie haben mag.

Verstand, die Geschichte der Menschheit. Denn Geschichte wird mit Werkzeugen gemacht, nicht mit Ideen; und alles wird durch wirtschaftliche Bedingungen verändert – Kunst, Philosophie, Liebe, Tugend – die Wahrheit selbst!

Die Kohlen im Kamin sackten mit einem leisen Krachen zusammen; und Michaelis, der Einsiedler der Visionen in der Wüste eines Gefängnisses, stand ungestüm auf. Rund wie ein aufgeblasener Ballon öffnete er seine kurzen, dicken Arme, als wolle er in einem pathetisch hoffnungslosen Versuch ein sich selbst regenerierendes Universum umarmen und an seine Brust drücken. Er keuchte vor Eifer.

„Die Zukunft ist so gewiss wie die Vergangenheit – Sklaverei, Feudalismus, Individualismus, Kollektivismus. Das ist die Feststellung eines Gesetzes, keine leere Prophezeiung.“

Das verächtliche Schmollen von Comrade Ossipons dicken Lippen betonte den negerartigen Typus seines Gesichts.

„Unsinn“, sagte er recht gelassen. „Es gibt kein Gesetz und keine Gewissheit. Zur Hölle mit der lehrenden Propaganda. Was das Volk weiß, spielt keine Rolle, selbst wenn sein Wissen noch so präzise wäre. Das Einzige, was für uns zählt, ist der emotionale Zustand der Massen. Ohne Emotion gibt es keine Handlung.“

Er hielt inne und fügte dann mit bescheidener Festigkeit hinzu:

„Ich spreche jetzt wissenschaftlich zu Ihnen – wissenschaftlich – Äh? Was sagten Sie, Verloc?“

„Nichts“, knurrte Mr. Verloc vom Sofa aus, der, provoziert durch das abscheuliche Geräusch, lediglich ein „Verdammt“ gemurmelt hatte.

Das giftige Spucken des alten Terroristen ohne Zähne war zu hören.

„Wissen Sie, wie ich die Natur der gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen nennen würde? Ich würde sie kannibalisch nennen. Genau das ist es! Sie nähren ihre Gier am zitternden Fleisch und dem warmen Blut des Volkes – an nichts anderem.“

Stevie schluckte die erschreckende Aussage mit einem hörbaren Kloß im Hals herunter und sank sofort, als wäre es schnelles Gift gewesen, kraftlos in einer sitzenden Haltung auf die Stufen der Küchentür.

Michaelis gab kein Zeichen, etwas gehört zu haben. Seine Lippen schienen für immer zusammengeklebt; kein Zucken ging über seine schweren Wangen. Mit trüben Augen suchte er nach seinem runden, harten Hut und setzte ihn auf seinen runden Kopf. Sein runder und beleibter Körper schien unter dem spitzen Ellbogen von Karl Yundt tief zwischen den Stühlen zu schweben. Der alte Terrorist erhob eine unsichere, klauenartige Hand und verlieh einem schwarzen Filzsombrero, der die Höhlen und Grate seines verzehrten Gesichts beschattete, einen kecken Neigungswinkel. Er setzte sich langsam in Bewegung und stieß bei jedem Schritt mit seinem Stock auf den Boden. Es war ein ziemliches Unterfangen, ihn aus dem Haus zu bringen, denn hin und wieder blieb er stehen, als wolle er nachdenken, und machte keine Anstalten, sich wieder zu bewegen, bis er von Michaelis vorwärts geschoben wurde. Der sanfte Apostel ergriff seinen Arm mit brüderlicher Sorgfalt; und hinter ihnen gähnte der robuste Ossipon vage, die Hände in den Taschen. Eine blaue Mütze mit einem Schirm aus Lackleder, die weit im Nacken seines gelben Buschhaars saß, verlieh ihm das Aussehen eines norwegischen Seemanns, der nach einem donnernden Gelage der Welt überdrüssig war. Mr. Verloc verabschiedete seine Gäste, begleitete sie barhaupt, den schweren Mantel offen hängend, den Blick auf den Boden gerichtet.

Er schloss die Tür hinter ihren Rücken mit beherrschter Gewalt, drehte den Schlüssel um und schob den Riegel vor. Er war mit seinen Freunden nicht zufrieden. Im Licht von Mr. Vladimirs Philosophie des Bombenwerfens erschienen sie ihm hoffnungslos nutzlos. Da Mr. Verlocs Rolle in der revolutionären Politik darin bestand, zu beobachten, konnte er nicht auf einmal, weder in seinem eigenen Heim noch in größeren Versammlungen, die Initiative zum Handeln ergreifen. Er musste vorsichtig sein. Bewegt von der gerechten Empörung eines Mannes weit über vierzig, der in dem bedroht war, was ihm am teuersten war – seine Ruhe und seine Sicherheit –, fragte er sich spöttisch, was sonst von solch einem Haufen zu erwarten gewesen wäre: dieser Karl Yundt, dieser Michaelis – dieser Ossipon.

Mr. Verloc hielt in seinem Vorhaben inne, das Gas in der Mitte des Ladens abzudrehen, und stieg in den Abgrund moralischer Reflexionen hinab. Mit der Einsicht eines verwandten Temperaments verkündete er sein Urteil. Ein fauler Haufen – dieser Karl Yundt, umsorgt von einer trübaugigen alten Frau, einer Frau, die er vor Jahren einem Freund ausgespannt und die er danach mehr als einmal versucht hatte, in die Gosse abzuschütteln. Ein Riesenglück für Yundt, dass sie darauf beharrt hatte, immer wieder aufzutauchen, sonst wäre jetzt niemand mehr da, der ihm an den Geländern des Green Park aus dem Bus helfen könnte, wo dieses Gespenst jeden schönen Morgen seinen verfassungsmäßigen Spaziergang machte. Wenn diese unbezähmbare, zähnefletschende alte Hexe stürbe, müsste auch das prahlerische Gespenst verschwinden – dann wäre es aus mit dem feurigen Karl Yundt. Und Mr. Verlocs Moral war auch durch den Optimismus von Michaelis beleidigt, der von seiner wohlhabenden alten Dame annektiert worden war, die ihn in letzter Zeit in ein Häuschen schickte, das sie auf dem Land hatte. Der ehemalige Gefangene konnte tagelang in einer köstlichen und humanitären Müßiggängerei durch die schattigen Wege träumen. Was Ossipon betraf, so würde dieser Bettler sicher keinen Mangel leiden, solange es auf der Welt alberne Mädchen mit Sparbüchern gab. Und Mr. Verloc, der seinen Gesinnungsgenossen charakterlich glich, zog in seinem Geist feine Unterscheidungen aufgrund unbedeutender Differenzen. Er zog sie mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, denn der Instinkt konventioneller Respektabilität war tief in ihm verwurzelt, nur überwunden durch seine Abneigung gegen jede Art anerkannter Arbeit – ein charakterlicher Mangel, den er mit einem großen Teil revolutionärer Reformer eines gegebenen sozialen Zustands teilte. Denn man revoltiert offensichtlich nicht gegen die Vorteile und Möglichkeiten dieses Zustands, sondern gegen den Preis, der dafür in der Währung anerkannter Moral, Selbstbeherrschung und Mühsal gezahlt werden muss. Die Mehrheit der Revolutionäre sind meist Feinde von Disziplin und Anstrengung. Es gibt auch Naturen, für deren Gerechtigkeitssinn der geforderte Preis monströs riesig, abscheulich, unterdrückerisch, beunruhigend, demütigend, erpresserisch und unerträglich erscheint. Das sind die Fanatiker. Der verbleibende Teil der sozialen Rebellen erklärt sich durch Eitelkeit, die Mutter aller edlen und niederträchtigen Illusionen, die Gefährtin von Dichtern, Reformern, Scharlatanen, Propheten und Brandstiftern.

Eine ganze Minute lang im Abgrund der Meditation verloren, erreichte Mr. Verloc nicht die Tiefe dieser abstrakten Überlegungen. Vielleicht war er dazu nicht in der Lage. Auf jeden Fall hatte er nicht die Zeit. Er wurde schmerzhaft durch die plötzliche Erinnerung an Mr. Vladimir aus seinen Gedanken gerissen, einen weiteren seiner Verbündeten, den er kraft subtiler moralischer Affinitäten korrekt einzuschätzen vermochte. Er hielt ihn für gefährlich. Ein Schatten von Neid schlich sich in seine Gedanken. Herumlungern war ja ganz schön für diese Kerle, die Mr. Vladimir nicht kannten und auf Frauen zurückgreifen konnten; wohingegen er eine Frau zu versorgen hatte –

An diesem Punkt, durch eine einfache Gedankenverknüpfung, wurde Mr. Verloc mit der Notwendigkeit konfrontiert, irgendwann an diesem Abend zu Bett zu gehen. Warum also nicht jetzt – sofort? Er seufzte. Die Notwendigkeit war für einen Mann seines Alters und Temperaments nicht so normalerweise angenehm, wie sie hätte sein sollen. Er fürchtete den Dämon der Schlaflosigkeit, von dem er spürte, dass er ihn für sich gezeichnet hatte. Er hob den Arm und drehte die flackernde Gasflamme über seinem Kopf ab.

Ein heller Lichtstreifen fiel durch die Wohnzimmertür in den Teil des Ladens hinter dem Tresen. Er ermöglichte es Mr. Verloc, auf einen Blick die Anzahl der Silbermünzen in der Kasse festzustellen. Es waren nur wenige; und zum ersten Mal seit der Eröffnung seines Ladens nahm er eine kommerzielle Bestandsaufnahme seines Wertes vor. Diese Bestandsaufnahme war ungünstig. Er war aus keinen kommerziellen Gründen in den Handel gegangen. Er war bei der Wahl dieses speziellen Geschäftszweiges von einem instinktiven Hang zu zwielichtigen Transaktionen geleitet worden, bei denen man leicht Geld verdient. Zudem brachte es ihn nicht aus seiner eigenen Sphäre heraus – der Sphäre, die von der Polizei beobachtet wird. Im Gegenteil, es verlieh ihm eine öffentlich bekannte Stellung in dieser Sphäre, und da Mr. Verloc ungeständige Beziehungen unterhielt, die ihn mit der Polizei vertraut, aber sorglos machten, war eine solche Situation von eindeutigem Vorteil. Doch als Lebensunterhalt war sie für sich allein unzureichend.

Er nahm die Geldkassette aus der Schublade und bemerkte, als er sich zum Gehen wandte, dass Stevie immer noch unten war.

Was zum Teufel macht er da? fragte sich Mr. Verloc. Was bedeuten diese Mätzchen? Er sah seinen Schwager zweifelnd an, aber er fragte ihn nicht um Auskunft. Mr. Verlocs Umgang mit Stevie beschränkte sich auf das beiläufige Murmeln am Morgen, nach dem Frühstück: „Meine Stiefel“, und selbst das war eher die Mitteilung eines Bedürfnisses als ein direkter Befehl oder eine Bitte. Mr. Verloc nahm mit einer gewissen Überraschung wahr, dass er eigentlich nicht wusste, was er zu Stevie sagen sollte. Er stand still in der Mitte des Wohnzimmers und blickte schweigend in die Küche. Er wusste auch nicht, was passieren würde, wenn er irgendetwas sagte. Und dies erschien Mr. Verloc sehr seltsam angesichts der Tatsache, die ihm plötzlich bewusst wurde, dass er auch für diesen Kerl sorgen musste. Er hatte bis dahin keinen Moment an diesen Aspekt von Stevies Existenz gedacht.

Er wusste schlichtweg nicht, wie er mit dem Jungen sprechen sollte. Er beobachtete, wie er in der Küche gestikulierte und murmelte. Stevie schlich um den Tisch herum wie ein aufgeregtes Tier in einem Käfig. Ein zögerliches „Wäre es nicht besser, jetzt ins Bett zu gehen?“ blieb völlig wirkungslos; und Mr. Verloc, der die starre Betrachtung des Verhaltens seines Schwagers aufgab, durchquerte müde das Wohnzimmer, die Geldkassette in der Hand. Da die Ursache der allgemeinen Mattigkeit, die er beim Treppensteigen verspürte, rein geistiger Natur war, wurde er durch ihren unerklärlichen Charakter beunruhigt. Er hoffte, dass er nichts ausbrütete. Er blieb auf dem dunklen Treppenabsatz stehen, um seine Empfindungen zu prüfen. Aber ein leichtes und ständiges Schnarchen, das die Dunkelheit erfüllte, störte ihre Klarheit. Das Geräusch kam aus dem Zimmer seiner Schwiegermutter. Noch eine, für die ich sorgen muss, dachte er – und ging mit diesem Gedanken ins Schlafzimmer.

Mrs. Verloc war eingeschlafen, während die Lampe (im Obergeschoss gab es kein Gas) auf dem Tisch neben dem Bett hell brannte. Das Licht, das der Schirm nach unten warf, fiel blendend auf das weiße Kopfkissen, in das sich ihr Kopf mit geschlossenen Augen und dunklem Haar, das für die Nacht in mehrere Zöpfe geflochten war, grub. Sie wachte auf, als sie ihren Namen hörte, und sah ihren Mann über sich stehen.

„Winnie! Winnie!“

Zuerst rührte sie sich nicht, lag ganz still und sah auf die Geldkassette in Mr. Verlocs Hand. Aber als sie verstand, dass ihr Bruder „unten überall herumsprang“, schwang sie sich mit einer plötzlichen Bewegung an die Bettkante. Ihre nackten Füße, als wären sie durch den Boden eines schmucklosen, ärmeligen Kattunsacks gesteckt, der an Hals und Handgelenken fest zugeknöpft war, tasteten über den Vorleger nach den Hausschuhen, während sie zu ihrem Mann aufblickte.

„Ich weiß nicht, wie ich mit ihm umgehen soll“, erklärte Mr. Verloc mürrisch. „Es geht nicht, ihn allein mit dem Licht unten zu lassen.“

Sie sagte nichts, glitt schnell durch das Zimmer, und die Tür schloss sich hinter ihrer weißen Gestalt.

Mr. Verloc stellte die Geldkassette auf den Nachttisch und begann sich auszuziehen, indem er seinen Mantel auf einen entfernten Stuhl warf. Jacke und Weste folgten. Er ging in seinen Socken durch das Zimmer, und seine stämmige Figur, die Hände nervös am Hals nestelnd, schritt immer wieder an dem langen Streifen des Spiegels in der Tür des Kleiderschranks seiner Frau vorbei. Nachdem er sich die Hosenträger von den Schultern gestreift hatte, zog er heftig das Jalousierollo hoch und lehnte seine Stirn gegen die kalte Fensterscheibe – ein zerbrechlicher Glasfilm, der zwischen ihm und der Ungeheuerlichkeit aus kalter, schwarzer, nasser, schlammiger, unwirtlicher Ansammlung von Ziegeln, Schiefern und Steinen gespannt war, Dinge, die an sich unschön und dem Menschen unfreundlich gegenüberstanden.

Mr. Verloc spürte die latente Unfreundlichkeit der Außenwelt mit einer Kraft, die an körperliche Qual grenzte. Es gibt keinen Beruf, der einen Mann gründlicher im Stich lässt als der eines geheimen Polizeispitzels. Es ist, als ob einem das Pferd plötzlich mitten in einer unbewohnten und dürstenden Ebene unter einem tot zusammenbricht. Der Vergleich kam Mr. Verloc, weil er zu seiner Zeit verschiedene Armeepferde geritten hatte und nun das Gefühl eines beginnenden Sturzes hatte. Die Aussicht war so schwarz wie die Fensterscheibe, gegen die er seine Stirn lehnte. Und plötzlich erschien das Gesicht von Mr. Vladimir, glatt rasiert und geistreich, umstrahlt vom Glanz seines rosigen Teints wie eine Art rosa Siegel, das in die fatale Dunkelheit eingeprägt war.

Diese leuchtende und verstümmelte Vision war so körperlich entsetzlich, dass Mr. Verloc vom Fenster zurückwich und das Jalousierollo mit einem lauten Rasseln herunterließ. Verwirrt und sprachlos vor der Angst vor weiteren solcher Visionen sah er, wie seine Frau das Zimmer wieder betrat und sich auf eine ruhige, sachliche Art ins Bett legte, die ihn in der Welt hoffnungslos einsam fühlen ließ. Mrs. Verloc drückte ihre Überraschung darüber aus, ihn noch auf zu sehen.

„Ich fühle mich nicht sehr wohl“, murmelte er und fuhr sich mit den Händen über die feuchte Stirn.

„Schwindel?“

„Ja. Überhaupt nicht wohl.“

Mrs. Verloc drückte mit der ganzen Gelassenheit einer erfahrenen Ehefrau eine zuversichtliche Meinung über die Ursache aus und schlug die üblichen Heilmittel vor; aber ihr Mann, der mitten im Zimmer verwurzelt war, schüttelte traurig seinen gesenkten Kopf.

„Du wirst dich erkälten, wenn du da so stehst“, bemerkte sie.

Mr. Verloc machte eine Anstrengung, vollendete das Entkleiden und legte sich ins Bett. Unten in der stillen, engen Straße näherten sich gemessene Schritte dem Haus, dann starben sie unhastig und fest aus, als hätte der Vorübergehende begonnen, die ganze Ewigkeit abzumessen, von Gaslaterne zu Gaslaterne in einer Nacht ohne Ende; und das schläfrige Ticken der alten Uhr auf dem Treppenabsatz wurde im Schlafzimmer deutlich hörbar.

Mrs. Verloc, auf dem Rücken liegend und zur Decke starrend, machte eine Bemerkung.

„Die Einnahmen heute sehr gering.“

Mr. Verloc, in der gleichen Position, räusperte sich, als ob er eine wichtige Erklärung abgeben wollte, fragte aber lediglich:

„Hast du unten das Gas abgedreht?“

„Ja, das habe ich“, antwortete Mrs. Verloc gewissenhaft. „Der arme Junge ist heute Abend in einem sehr aufgeregten Zustand“, murmelte sie nach einer Pause, die drei Tickgeräusche der Uhr dauerte.

Mr. Verloc scherte sich nicht um Stevies Aufregung, aber er fühlte sich schrecklich wach und fürchtete sich davor, der Dunkelheit und Stille ins Auge zu sehen, die auf das Auslöschen der Lampe folgen würden. Diese Angst veranlasste ihn zu der Bemerkung, dass Stevie seine Anregung, ins Bett zu gehen, ignoriert habe. Mrs. Verloc, die in die Falle tappte, begann ihrem Mann ausführlich darzulegen, dass dies keineswegs „Frechheit“ irgendeiner Art sei, sondern schlicht „Aufregung“. Es gebe keinen jungen Mann in seinem Alter in London, der williger und gelehriger sei als Stephen, beteuerte sie; keiner sei liebevoller und bereit, zu gefallen, ja sogar nützlich, solange man seinen armen Kopf nicht durcheinanderbringe. Mrs. Verloc, die sich ihrem liegenden Ehemann zuwandte, stützte sich auf ihren Ellbogen und beugte sich über ihn in ihrer Sorge, dass er glauben möge, Stevie sei ein nützliches Mitglied der Familie. Diese Leidenschaft beschützenden Mitleids, die in ihrer Kindheit durch das Elend eines anderen Kindes krankhaft gesteigert worden war, färbte ihre fahlen Wangen mit einem schwachen düsteren Erröten und ließ ihre großen Augen unter den dunklen Lidern leuchten. Mrs. Verloc sah dann jünger aus; sie sah so jung aus wie Winnie früher, und viel lebhafter, als sich die Winnie aus den Tagen in der Villa in Belgravia jemals gegenüber den männlichen Untermietern zu erscheinen erlaubt hatte. Mr. Verlocs Sorgen hatten ihn daran gehindert, dem, was seine Frau sagte, irgendeinen Sinn beizumessen. Es war, als ob ihre Stimme auf der anderen Seite einer sehr dicken Wand spräche. Es war ihre Erscheinung, die ihn zu sich selbst zurückrief.

Er schätzte diese Frau, und das Gefühl dieser Wertschätzung, aufgewühlt durch eine Zurschaustellung von etwas, das einer Emotion ähnelte, fügte seinem geistigen Schmerz nur einen weiteren Stich hinzu. Als ihre Stimme verstummte, bewegte er sich unruhig und sagte:

„Ich habe mich in den letzten Tagen nicht wohl gefühlt.“

Er hätte dies als Auftakt zu einem vollständigen Vertrauen meinen können; aber Mrs. Verloc legte ihren Kopf wieder auf das Kissen und fuhr, nach oben starrend, fort:

„Der Junge hört zu viel von dem, was hier besprochen wird. Wenn ich gewusst hätte, dass sie heute Abend kommen, hätte ich dafür gesorgt, dass er zur gleichen Zeit ins Bett geht wie ich. Er war außer sich vor Aufregung wegen irgendetwas, das er darüber aufgeschnappt hat, Menschenfleisch zu essen und Blut zu trinken. Was nützt es, so zu reden?“

In ihrer Stimme lag ein Ton von empörtem Hohn. Mr. Verloc war jetzt voll bei der Sache.

„Frag Karl Yundt“, knurrte er wild.

Mrs. Verloc erklärte Karl Yundt mit großer Entschiedenheit für „einen widerlichen alten Mann“. Sie bekannte offen ihre Zuneigung zu Michaelis. Über den robusten Ossipon, in dessen Gegenwart sie sich hinter einer Haltung steinerner Zurückhaltung immer unwohl fühlte, sagte sie überhaupt nichts. Und während sie weiter über ihren Bruder sprach, der so viele Jahre ein Gegenstand der Sorge und der Ängste gewesen war:

„Er ist nicht geeignet, das zu hören, was hier gesagt wird. Er glaubt, dass alles wahr ist. Er weiß es nicht besser. Er gerät darüber in Leidenschaft.“

Mr. Verloc machte keinen Kommentar.

„Er starrte mich an, als wüsste er nicht, wer ich bin, als ich nach unten ging. Sein Herz schlug wie ein Hammer. Er kann nichts dafür, dass er so erregbar ist. Ich habe Mutter geweckt und sie gebeten, bei ihm zu sitzen, bis er eingeschlafen ist. Es ist nicht seine Schuld. Er macht keine Schwierigkeiten, wenn man ihn in Ruhe lässt.“

Mr. Verloc machte keinen Kommentar.

„Ich wünschte, er wäre niemals zur Schule gegangen“, begann Mrs. Verloc wieder barsch. „Er nimmt ständig diese Zeitungen vom Fenster, um sie zu lesen. Er bekommt ein rotes Gesicht, wenn er darin wühlt. Wir werden keine Dutzend Ausgaben im Monat los. Sie nehmen nur Platz im vorderen Fenster weg. Und Mr. Ossipon bringt jede Woche einen Stapel dieser F. P.-Flugblätter mit, um sie für einen halben Penny das Stück zu verkaufen. Ich würde für den ganzen Haufen keinen halben Penny geben. Es ist dummes Zeug zu lesen – das ist es. Es gibt keinen Absatz dafür. Neulich hat Stevie eins in die Finger bekommen, und da war eine Geschichte drin von einem deutschen Offizier, der einem Rekruten das halbe Ohr abgerissen hat, und ihm ist nichts dafür passiert. Der Viehkerl! Ich konnte an dem Nachmittag nichts mit Stevie anfangen. Die Geschichte war auch genug, um das Blut zum Kochen zu bringen. Aber was nützt es, solche Dinge zu drucken? Wir sind hier keine deutschen Sklaven, Gott sei Dank. Das ist nicht unsere Angelegenheit – oder?“

Mr. Verloc gab keine Antwort.

„Ich musste dem Jungen das Tranchiermesser wegnehmen“, fuhr Mrs. Verloc fort, nun ein wenig schläfrig. „Er schrie und stampfte und schluchzte. Er erträgt den Gedanken an Grausamkeit nicht. Er hätte diesen Offizier wie ein Schwein abgestochen, wenn er ihn damals gesehen hätte. Es stimmt ja auch! Manche Leute verdienen nicht viel Mitleid.“ Mrs. Verlocs Stimme verstummte, und der Ausdruck ihrer regungslosen Augen wurde während der langen Pause immer nachdenklicher und verschleierter. „Bequem, Liebling?“, fragte sie mit leiser, ferner Stimme. „Soll ich jetzt das Licht ausmachen?“

Die trostlose Überzeugung, dass für ihn kein Schlaf zu finden war, hielt Mr. Verloc stumm und hoffnungslos träge in seiner Angst vor der Dunkelheit gefangen. Er strengte sich gewaltig an.

„Ja. Mach es aus“, sagte er schließlich in hohlem Ton.

KAPITEL IV

Die meisten der etwa dreißig kleinen Tische, die mit roten Tüchern mit weißem Muster bedeckt waren, standen im rechten Winkel zur tiefbraunen Wandtäfelung des unterirdischen Saals. Bronzene Kronleuchter mit vielen Kugeln hingen von der niedrigen, leicht gewölbten Decke herab, und die Freskenmalereien zogen sich flach und matt die fensterlosen Wände entlang und stellten Jagdszenen und nächtliche Gelage in mittelalterlichen Kostümen dar. Burschen in grünen Wämsern schwangen Jagdmesser und hoben Krüge mit schäumendem Bier in die Höhe.

„Wenn ich mich nicht sehr irre, bist du der Mann, der die Hintergründe dieser verfluchten Angelegenheit kennen müsste“, sagte der kräftige Ossipon, der sich vorbeugte, die Ellbogen weit auf dem Tisch und die Füße ganz unter seinen Stuhl gezogen. Seine Augen starrten mit wildem Eifer.

Ein aufrechtes Halbflügel-Klavier in der Nähe der Tür, flankiert von zwei Palmen in Töpfen, spielte plötzlich ganz von allein einen Walzer mit aggressivem Virtuosentum. Der Lärm, den es verursachte, war ohrenbetäubend. Als er ebenso abrupt endete, wie er begonnen hatte, stieß der kurzsichtige, schäbige kleine Mann, der Ossipon hinter einem schweren, biergefüllten Glaskrug gegenüber saß, ruhig das aus, was wie eine allgemeine Behauptung klang.

„Im Prinzip kann es für die anderen kein Gegenstand der Untersuchung sein, was einer von uns über eine gegebene Tatsache wissen mag oder nicht.“

„Sicher nicht“, stimmte Genosse Ossipon in leisem Unterton zu. „Im Prinzip.“

Mit seinem großen, blühenden Gesicht zwischen den Händen starrte er weiter angestrengt, während der schäbige kleine Mann mit der Brille gelassen einen Schluck Bier nahm und den Glaskrug wieder auf den Tisch stellte. Seine flachen, großen Ohren standen weit vom Schädel ab, der auf Ossipon so zerbrechlich wirkte, dass er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hätte zerquetschen können; die Wölbung der Stirn schien auf dem Rand der Brille zu ruhen; die flachen Wangen von fettiger, ungesunder Gesichtsfarbe waren lediglich von der jämmerlichen Armut eines dünnen dunklen Bartflaums beschmutzt. Die beklagenswerte Unterlegenheit der gesamten Physis wurde durch das überaus selbstsichere Auftreten des Individuums lächerlich gemacht. Seine Sprache war knapp, und er besaß eine besonders eindrucksvolle Art zu schweigen.

Ossipon sprach wieder murmelnd aus seinen Händen heraus.

„Warst du heute viel draußen?“

„Nein. Ich bin den ganzen Morgen im Bett geblieben“, antwortete der andere. „Warum?“

„Oh! Nichts“, sagte Ossipon, der ernst starrte und innerlich vor dem Verlangen bebte, etwas herauszufinden, sich aber offensichtlich durch die überwältigende Gleichgültigkeit des kleinen Mannes einschüchtern ließ. Wenn er sich mit diesem Genossen unterhielt – was nur selten vorkam –, litt der große Ossipon unter einem Gefühl moralischer und sogar körperlicher Bedeutungslosigkeit. Dennoch wagte er eine weitere Frage. „Bist du zu Fuß hierhergekommen?“

„Nein; Omnibus“, antwortete der kleine Mann bereitwillig genug. Er wohnte weit weg in Islington, in einem kleinen Haus in einer schäbigen Straße, die mit Stroh und schmutzigem Papier übersät war, wo außerhalb der Schulstunden eine Schar bunt zusammengewürfelter Kinder mit schrillem, freudlosem, lärmendem Geschrei herumlief und stritt. Sein einzelnes Hinterzimmer, das dadurch auffiel, dass es einen extrem großen Schrank besaß, mietete er möbliert von zwei älteren Jungfern, Schneiderinnen in bescheidenen Verhältnissen mit einer Klientel, die hauptsächlich aus Dienstmädchen bestand. Er hatte ein schweres Vorhängeschloss an den Schrank anbringen lassen, war aber ansonsten ein Muster von einem Mieter, der keine Umstände machte und praktisch keine Bedienung erforderte. Seine Eigenheiten waren, dass er darauf bestand, anwesend zu sein, wenn sein Zimmer gefegt wurde, und dass er beim Verlassen des Hauses seine Tür abschloss und den Schlüssel mitnahm.

Ossipon hatte eine Vision dieser runden, schwarz umrandeten Brillen, die auf dem Dach eines Omnibusses durch die Straßen fuhren, deren selbstsicheres Glitzern hier und da auf die Wände von Häusern fiel oder auf die Köpfe des unbewussten Stroms von Menschen auf den Gehwegen herabblickte. Das Gespenst eines kränklichen Lächelns veränderte bei dem Gedanken an die nickenden Wände und die beim Anblick dieser Brille um ihr Leben rennenden Menschen den Zug von Ossipons dicken Lippen. Wenn sie nur gewusst hätten! Was für eine Panik! Er murmelte fragend: „Sitzest du schon lange hier?“

„Eine Stunde oder mehr“, antwortete der andere nachlässig und nahm einen Zug von dem dunklen Bier. All seine Bewegungen – die Art, wie er den Krug ergriff, der Akt des Trinkens, die Art, wie er das schwere Glas abstellte und die Arme verschränkte – hatten eine Festigkeit, eine gesicherte Präzision, die den großen und muskulösen Ossipon, der sich mit starrenden Augen und vorgeschobenen Lippen vorbeugte, wie das Bild eifriger Unentschlossenheit aussehen ließ.

„Eine Stunde“, sagte er. „Dann hast du vielleicht die Neuigkeiten noch nicht gehört, die ich gerade erst erfahren habe – auf der Straße. Hast du?“

Der kleine Mann schüttelte den Kopf ein wenig verneinend. Aber da er keinerlei Neugier zeigte, wagte Ossipon hinzuzufügen, dass er es direkt vor dem Lokal gehört hatte. Ein Zeitungsjunge hatte ihm das Ding direkt unter der Nase gebrüllt, und da er auf so etwas nicht vorbereitet war, war er sehr erschrocken und durcheinander. Er musste mit trockenem Mund hier hineinkommen. „Ich hätte nie gedacht, dich hier zu finden“, fügte er hinzu, stetig murmelnd, während seine Ellbogen auf dem Tisch ruhten.

„Ich komme manchmal hierher“, sagte der andere und bewahrte seine provozierende Kühle im Gebaren.

„Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet du nichts davon gehört haben solltest“, fuhr der große Ossipon fort. Seine Augenlider zuckten nervös über den glänzenden Augen. „Ausgerechnet du“, wiederholte er tastend. Diese offensichtliche Zurückhaltung zeugte von einer unglaublichen und unerklärlichen Ängstlichkeit des großen Kerls vor dem ruhigen kleinen Mann, der erneut den Glaskrug hob, trank und ihn mit brüsken und sicheren Bewegungen abstellte. Und das war alles.

Nachdem Ossipon auf etwas gewartet hatte, ein Wort oder ein Zeichen, das nicht kam, bemühte er sich, eine Art Gleichgültigkeit anzunehmen.

„Gibst du“, sagte er, wobei er seine Stimme noch weiter dämpfte, „dein Zeug jedem, der dich danach fragt?“

„Meine absolute Regel ist, niemanden abzuweisen – solange ich eine Prise bei mir habe“, antwortete der kleine Mann bestimmt.

„Das ist ein Prinzip?“, kommentierte Ossipon.

„Es ist ein Prinzip.“

„Und du hältst es für vernünftig?“

Die große, runde Brille, die dem fahlen Gesicht einen Ausdruck starren Selbstvertrauens verlieh, begegnete Ossipons Blick wie schlaflose, unblinzelnde Kugeln, die ein kaltes Feuer sprühten.

„Völlig. Immer. Unter allen Umständen. Was sollte mich aufhalten? Warum sollte ich nicht? Warum sollte ich zweimal darüber nachdenken?“

Ossipon schnappte gewissermaßen diskret nach Luft.

„Willst du damit sagen, du würdest es einem ‚Bullen‘ aushändigen, wenn einer käme, um dich nach deiner Ware zu fragen?“

Der andere lächelte schwach.

„Lass sie kommen und es versuchen, dann wirst du sehen“, sagte er. „Sie kennen mich, aber ich kenne auch jeden von ihnen. Sie werden mir nicht zu nahe kommen – sie nicht.“

Seine dünnen, bläulichen Lippen pressten sich fest zusammen. Ossipon begann zu argumentieren.

„Aber sie könnten jemanden schicken – dir eine Falle stellen. Verstehst du nicht? Dir das Zeug auf diese Weise abnehmen und dich dann mit dem Beweis in ihren Händen verhaften.“

„Beweis wofür? Handel mit Sprengstoff ohne Lizenz vielleicht.“ Das war als verächtlicher Spott gemeint, obwohl der Ausdruck des dünnen, kränklichen Gesichts unverändert blieb und die Äußerung nachlässig war. „Ich glaube nicht, dass einer von ihnen darauf erpicht ist, diese Verhaftung vorzunehmen. Ich glaube nicht, dass sie einen von ihnen dazu bringen könnten, einen Haftbefehl zu beantragen. Ich meine einen von den Besten. Nicht einen.“

„Warum?“, fragte Ossipon.

„Weil sie sehr gut wissen, dass ich mich hüte, mich jemals von der letzten Handvoll meiner Ware zu trennen. Ich habe sie immer bei mir.“ Er berührte leicht die Brust seines Mantels. „In einem dicken Glaskolben“, fügte er hinzu.

„So wurde es mir gesagt“, sagte Ossipon mit einem Anflug von Verwunderung in der Stimme. „Aber ich wusste nicht, ob –“

„Sie wissen es“, unterbrach ihn der kleine Mann scharf und lehnte sich gegen die gerade Stuhllehne, die höher als sein zerbrechlicher Kopf aufragte. „Ich werde niemals verhaftet werden. Das Spiel ist für keinen Polizisten von ihnen gut genug. Um mit einem Mann wie mir fertig zu werden, braucht man pures, nacktes, unrühmliches Heldentum.“ Wieder schlossen sich seine Lippen mit einem selbstsicheren Schnappen. Ossipon unterdrückte eine Bewegung der Ungeduld.

„Oder Rücksichtslosigkeit – oder einfach Unwissenheit“, entgegnete er. „Sie müssen nur jemanden für den Job finden, der nicht weiß, dass du genug Zeug in der Tasche hast, um dich selbst und alles im Umkreis von sechzig Metern in Stücke zu sprengen.“

„Ich habe nie behauptet, dass ich nicht eliminiert werden könnte“, erwiderte der andere. „Aber das wäre keine Verhaftung. Außerdem ist es nicht so einfach, wie es aussieht.“

„Bah!“, widersprach Ossipon. „Sei dir da nicht zu sicher. Was soll ein halbes Dutzend von ihnen daran hindern, dich auf der Straße von hinten zu überfallen? Wenn deine Arme an den Körper gepresst sind, könntest du nichts tun – oder?“

„Doch; das könnte ich. Ich bin nach Einbruch der Dunkelheit selten auf der Straße“, sagte der kleine Mann leidenschaftslos, „und nie sehr spät. Ich gehe immer mit der rechten Hand um den Gummiball geschlossen, den ich in meiner Hosentasche habe. Das Drücken dieses Balls betätigt einen Zünder in dem Kolben, den ich in der Tasche trage. Es ist das Prinzip des pneumatischen Momentverschlusses für ein Kameraobjektiv. Der Schlauch führt nach oben –“

Mit einer schnellen, enthüllenden Geste gewährte er Ossipon einen flüchtigen Blick auf einen Gummischlauch, der einem schlanken braunen Wurm glich, aus dem Armloch seiner Weste kam und in der inneren Brusttasche seiner Jacke verschwand. Seine Kleidung aus einem unbestimmten braunen Mischgewebe war abgewetzt und fleckig, in den Falten staubig, mit ausgefransten Knopflöchern. „Der Zünder ist teilweise mechanisch, teilweise chemisch“, erklärte er mit beiläufiger Herablassung.

„Es ist natürlich augenblicklich?“, murmelte Ossipon mit einem leichten Schaudern.

„Ganz und gar nicht“, gestand der andere mit einem Widerwillen, der seinen Mund schmerzlich zu verziehen schien. „Ganze zwanzig Sekunden müssen vom Moment an vergehen, in dem ich den Ball drücke, bis die Explosion stattfindet.“

„Puh!“, pfiff Ossipon, völlig entsetzt. „Zwanzig Sekunden! Entsetzlich! Du willst damit sagen, dass du das aushalten könntest? Ich würde verrückt werden –“

„Das wäre egal, wenn du es würdest. Natürlich ist das der Schwachpunkt dieses speziellen Systems, das nur für meinen eigenen Gebrauch bestimmt ist. Das Schlimmste ist, dass die Art der Zündung bei uns immer der Schwachpunkt ist. Ich versuche, einen Zünder zu erfinden, der sich an alle Bedingungen der Handlung anpassen ließe, und sogar an unerwartete Änderungen der Bedingungen. Ein variabler und doch vollkommen präziser Mechanismus. Ein wirklich intelligenter Zünder.“

„Zwanzig Sekunden“, murmelte Ossipon erneut. „Ough! Und dann –“

Mit einer leichten Kopfdrehung schien das Glitzern der Brille die Größe des Biersaals im Untergeschoss des berühmten Silenus Restaurants zu beurteilen.

„Niemand in diesem Raum könnte hoffen zu entkommen“, lautete das Urteil dieser Musterung. „Auch dieses Paar nicht, das gerade die Treppe hinaufgeht.“

Das Klavier am Fuße der Treppe schepperte mit eherner Ungestümheit durch eine Mazurka, als ob ein vulgärer und unverschämter Geist sich zur Schau stellen würde. Die Tasten sanken und stiegen mysteriös. Dann wurde alles still. Einen Moment lang stellte sich Ossipon vor, wie der überbeleuchtete Ort in ein schreckliches schwarzes Loch verwandelt wurde, das entsetzliche Dämpfe ausstieß, erstickt von grässlichem Unrat aus zerschlagenem Mauerwerk und verstümmelten Leichen. Er hatte eine so deutliche Wahrnehmung von Ruine und Tod, dass er erneut schauderte. Der andere bemerkte mit einer Miene gelassener Genugtuung:

„Letzten Endes ist es allein der Charakter, der für die eigene Sicherheit sorgt. Es gibt nur sehr wenige Menschen auf der Welt, deren Charakter so gut gefestigt ist wie meiner.“

„Ich frage mich, wie du das geschafft hast“, knurrte Ossipon.

„Kraft der Persönlichkeit“, sagte der andere, ohne die Stimme zu heben; und da diese Behauptung aus dem Mund dieses offensichtlich jämmerlichen Organismus kam, biss sich der kräftige Ossipon auf die Unterlippe. „Kraft der Persönlichkeit“, wiederholte er mit ostentativer Ruhe. „Ich habe die Mittel, mich tödlich zu machen, aber das allein, verstehst du, ist absolut nichts als Schutz. Was effektiv ist, ist der Glaube, den diese Leute an meinen Willen haben, die Mittel einzusetzen. Das ist ihr Eindruck. Er ist absolut. Deshalb bin ich tödlich.“

„Es gibt auch unter diesem Haufen Individuen mit Charakter“, murmelte Ossipon drohend.

„Möglich. Aber es ist offensichtlich eine Frage des Grades, da ich zum Beispiel von ihnen nicht beeindruckt bin. Deshalb sind sie minderwertig. Sie können nicht anders sein. Ihr Charakter baut auf konventioneller Moral auf. Er stützt sich auf die soziale Ordnung. Meiner steht frei von allem Künstlichen. Sie sind in alle möglichen Konventionen eingebunden. Sie hängen vom Leben ab, das in diesem Zusammenhang eine historische Tatsache ist, umgeben von allen möglichen Beschränkungen und Überlegungen, eine komplexe organisierte Tatsache, die an jedem Punkt angreifbar ist; während ich vom Tod abhänge, der keine Beschränkung kennt und nicht angegriffen werden kann. Meine Überlegenheit ist offensichtlich.“

„Das ist eine transzendentale Art, es auszudrücken“, sagte Ossipon und beobachtete das kalte Glitzern der runden Brille. „Ich habe Karl Yundt vor nicht allzu langer Zeit fast das Gleiche sagen hören.“

„Karl Yundt“, murmelte der andere verächtlich, „der Delegierte des Internationalen Roten Komitees, war sein Leben lang ein posierender Schatten. Es gibt drei von euch Delegierten, nicht wahr? Ich werde die anderen beiden nicht definieren, da du einer von ihnen bist. Aber was du sagst, bedeutet nichts. Ihr seid die würdigen Delegierten für revolutionäre Propaganda, aber das Problem ist nicht nur, dass ihr genauso unfähig seid, unabhängig zu denken, wie jeder anständige Krämer oder Journalist von ihnen allen, sondern dass ihr überhaupt keinen Charakter habt.“

Ossipon konnte ein Aufflackern von Entrüstung nicht unterdrücken.

„Aber was willst du von uns?“, rief er mit gedämpfter Stimme aus. „Was willst du selbst eigentlich erreichen?“

„Einen perfekten Zünder“, lautete die fordernde Antwort. „Warum verziehst du das Gesicht? Du siehst, du erträgst nicht einmal die Erwähnung von etwas Endgültigem.“

„Ich verziehe keine Mine“, knurrte der verärgerte Ossipon bärbeißig.

„Ihr Revolutionäre“, fuhr der andere mit gemächlichem Selbstvertrauen fort, „seid Sklaven der sozialen Konvention, die Angst vor euch hat; Sklaven davon, genauso wie die Polizei, die zur Verteidigung dieser Konvention aufsteht. Das seid ihr ganz klar, da ihr sie revolutionieren wollt. Sie bestimmt natürlich euer Denken und auch euer Handeln, und daher können weder euer Denken noch euer Handeln jemals schlüssig sein.“ Er hielt inne, ruhig, mit dieser Miene von engem, endlosem Schweigen, dann fuhr er fast sofort fort. „Ihr seid um kein Haar besser als die Kräfte, die gegen euch aufgeboten sind – als die Polizei zum Beispiel. Neulich stieß ich plötzlich an der Ecke der Tottenham Court Road auf Chief Inspector Heat. Er sah mich sehr stetig an. Aber ich sah ihn nicht an. Warum sollte ich ihm mehr als einen Blick schenken? Er dachte an viele Dinge – an seine Vorgesetzten, an seinen Ruf, an die Gerichte, an sein Gehalt, an Zeitungen – an hundert Dinge. Aber ich dachte nur an meinen perfekten Zünder. Er bedeutete mir nichts. Er war so unbedeutend wie – mir fällt nichts ein, das unbedeutend genug wäre, um ihn damit zu vergleichen – außer vielleicht Karl Yundt. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Der Terrorist und der Polizist kommen beide aus demselben Korb. Revolution, Legalität – Gegenbewegungen im selben Spiel; Formen des Müßiggangs, die im Grunde identisch sind. Er spielt sein kleines Spiel – und ihr Propagandisten auch. Aber ich spiele nicht; ich arbeite vierzehn Stunden am Tag und gehe manchmal hungrig. Meine Experimente kosten ab und zu Geld, und dann muss ich einen oder zwei Tage ohne Essen auskommen. Du schaust auf mein Bier. Ja. Ich hatte schon zwei Gläser und werde bald noch eins haben. Das ist ein kleiner Feiertag, und ich feiere ihn allein. Warum nicht? Ich habe den Mumm, allein zu arbeiten, ganz allein, absolut allein. Ich arbeite seit Jahren allein.“

Ossipons Gesicht war dunkelrot angelaufen.

„An dem perfekten Zünder – was?“, höhnte er ganz leise.

„Ja“, erwiderte der andere. „Das ist eine gute Definition. Du könntest nichts finden, was auch nur halb so präzise wäre, um die Natur deiner Aktivität mit all euren Komitees und Delegationen zu definieren. Ich bin es, der der wahre Propagandist ist.“

„Diesen Punkt werden wir nicht diskutieren“, sagte Ossipon mit einer Miene, als würde er sich über persönliche Erwägungen erheben. „Ich fürchte allerdings, ich muss dir deinen Feiertag verderben. Heute Morgen ist im Greenwich Park ein Mann in die Luft geflogen.“

„Woher weißt du das?“

„Sie brüllen die Nachricht seit zwei Uhr auf den Straßen. Ich habe die Zeitung gekauft und bin gerade hier hineingerannt. Dann habe ich dich an diesem Tisch sitzen sehen. Ich habe sie jetzt in der Tasche.“

Er zog die Zeitung heraus. Es war ein recht großes, rosiges Blatt, als wäre es von der Wärme seiner eigenen Überzeugungen errötet, die optimistisch waren. Er überflog die Seiten schnell.

„Ah! Hier ist es. Bombe im Greenwich Park. Viel steht noch nicht drin. Halb elf. Nebeliger Morgen. Auswirkungen der Explosion bis zur Romney Road und zum Park Place spürbar. Riesiges Loch im Boden unter einem Baum, gefüllt mit zertrümmerten Wurzeln und abgebrochenen Zweigen. Überall Fragmente eines menschlichen Körpers, die in Stücke gesprengt wurden. Das ist alles. Der Rest ist bloßes Zeitungsgeschwätz. Zweifellos ein böswilliger Versuch, das Observatorium in die Luft zu sprengen, heißt es. Hm. Das ist kaum glaubwürdig.“

Er starrte eine Weile schweigend auf die Zeitung, dann reichte er sie dem anderen, der nach einem geistesabwesenden Blick auf den Druck sie kommentarlos hinlegte.

Ossipon war es, der zuerst sprach – immer noch nachtragend.

„Die Fragmente von nur einem Mann, bemerkst du. Ergo: Er hat sich selbst in die Luft gesprengt. Das verdirbt dir deinen freien Tag – nicht wahr? Hast du mit einer solchen Aktion gerechnet? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung – nicht den Hauch einer Vorstellung, dass so etwas geplant sei, hier – in diesem Land. Unter den gegenwärtigen Umständen ist das nichts weniger als kriminell.“

Der kleine Mann hob seine dünnen schwarzen Augenbrauen mit leidenschaftsloser Verachtung.

„Kriminell! Was ist das? Was ist ein Verbrechen? Was kann die Bedeutung einer solchen Behauptung sein?“

„Wie soll ich mich ausdrücken? Man muss die geläufigen Wörter benutzen“, sagte Ossipon ungeduldig. „Die Bedeutung dieser Behauptung ist, dass diese Geschichte unsere Position in diesem Land sehr nachteilig beeinflussen könnte. Ist das nicht kriminell genug für dich? Ich bin überzeugt, dass du in letzter Zeit etwas von deinem Zeug weggegeben hast.“

Ossipon starrte ihn scharf an. Der andere senkte und hob den Kopf langsam, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Hast du!“, platzte der Herausgeber der F. P.-Flugblätter in einem intensiven Flüstern hervor. „Nein! Und du gibst es wirklich so allgemein ab, auf Anfrage, an den ersten Narren, der daherkommt?“

„Ganz genau! Die verurteilte soziale Ordnung wurde nicht auf Papier und Tinte aufgebaut, und ich glaube nicht, dass eine Kombination aus Papier und Tinte ihr jemals ein Ende setzen wird, was auch immer du denken magst. Ja, ich würde das Zeug mit beiden Händen jedem Mann, jeder Frau oder jedem Narren geben, der daherkommt. Ich weiß, woran du denkst. Aber ich lasse mich nicht vom Roten Komitee leiten. Ich würde zusehen, wie ihr alle von hier gejagt oder verhaftet – oder meinetwegen geköpft werdet –, ohne mit der Wimper zu zucken. Was mit uns als Individuen passiert, ist von absolut keiner Bedeutung.“

Er sprach sorglos, ohne Hitze, fast ohne Gefühl, und Ossipon, der insgeheim sehr betroffen war, versuchte, diese Distanziertheit nachzuahmen.

„Wenn die Polizei hier ihren Job verstehen würde, würden sie dich am helllichten Tag mit Revolvern durchlöchern oder versuchen, dich von hinten niederzuschlagen.“

Der kleine Mann schien diesen Standpunkt bereits in seiner leidenschaftslosen, selbstsicheren Art abgewogen zu haben.

„Ja“, stimmte er bereitwillig zu. „Aber dafür müssten sie sich ihren eigenen Institutionen stellen. Verstehst du? Das erfordert ungewöhnlichen Mumm. Mumm von einer besonderen Art.“

Ossipon blinzelte.

„Ich glaube, genau das würde dir passieren, wenn du dein Labor in den Staaten aufbauen würdest. Dort machen sie nicht viel Federlesens mit ihren Institutionen.“

„Ich werde wahrscheinlich nicht hingehen und es sehen. Ansonsten ist deine Bemerkung richtig“, gab der andere zu. „Sie haben dort mehr Charakter, und ihr Charakter ist im Wesentlichen anarchistisch. Fruchtbarer Boden für uns, die Staaten – sehr guter Boden. Die große Republik trägt die Wurzel der zerstörerischen Materie in sich. Das kollektive Temperament ist gesetzlos. Exzellent. Sie mögen uns niederschießen, aber –“

„Du bist mir zu transzendental“, knurrte Ossipon mit schwermütiger Besorgnis.

„Logisch“, protestierte der andere. „Es gibt verschiedene Arten von Logik. Dies ist die aufgeklärte Art. Amerika ist in Ordnung. Dieses Land hier ist gefährlich mit seiner idealistischen Auffassung von Gesetzmäßigkeit. Der soziale Geist dieses Volkes ist in skrupulöse Vorurteile eingewickelt, und das ist tödlich für unsere Arbeit. Du redest davon, England sei unsere einzige Zuflucht! Umso schlimmer. Capua! Was wollen wir mit Zufluchten? Hier redet, druckt, plant ihr und tut nichts. Ich nehme an, das ist sehr bequem für solche Karl Yundts.“

Er zuckte leicht mit den Schultern und fügte dann mit derselben gemächlichen Sicherheit hinzu: „Den Aberglauben und die Anbetung der Gesetzmäßigkeit zu brechen, sollte unser Ziel sein. Nichts würde mir mehr gefallen, als zu sehen, wie Inspector Heat und seinesgleichen dazu übergehen, uns am helllichten Tag mit der Zustimmung der Öffentlichkeit niederzuschießen. Die Hälfte unseres Kampfes wäre dann gewonnen; die Zersetzung der alten Moral hätte in ihrem eigenen Tempel eingesetzt. Das ist es, worauf ihr abzielen solltet. Aber ihr Revolutionäre werdet das nie verstehen. Ihr plant die Zukunft, ihr verliert euch in Träumereien von ökonomischen Systemen, die von dem abgeleitet sind, was ist; während das, was gebraucht wird, ein reiner Tisch und ein klarer Anfang für eine neue Auffassung vom Leben ist. Diese Art von Zukunft wird für sich selbst sorgen, wenn ihr nur Platz für sie schafft. Deshalb würde ich mein Zeug an den Straßenecken zu Haufen schaufeln, wenn ich genug davon hätte; und da ich das nicht habe, tue ich mein Bestes, indem ich einen wirklich zuverlässigen Zünder perfektioniere.“

Ossipon, der in Gedanken in tiefen Gewässern geschwommen war, ergriff das letzte Wort, als wäre es eine rettende Planke.

„Ja. Deine Zünder. Ich würde mich nicht wundern, wenn es nicht einer deiner Zünder war, der mit dem Mann im Park kurzen Prozess gemacht hat.“

Ein Schatten von Verdruss verdunkelte das entschlossene, fahle Gesicht, das Ossipon gegenüberstand.

„Meine Schwierigkeit besteht gerade darin, praktisch mit den verschiedenen Arten zu experimentieren. Sie müssen schließlich ausprobiert werden. Außerdem –“

Ossipon unterbrach ihn.

„Wer könnte dieser Kerl gewesen sein? Ich versichere dir, dass wir in London keine Kenntnis hatten – Könntest du die Person beschreiben, der du das Zeug gegeben hast?“

Der andere richtete seine Brille wie zwei Suchscheinwerfer auf Ossipon.

„Ihn beschreiben“, wiederholte er langsam. „Ich glaube nicht, dass es jetzt noch den geringsten Einwand geben kann. Ich werde ihn dir mit einem Wort beschreiben – Verloc.“

Ossipon, den die Neugier ein paar Zoll aus seinem Sitz gehoben hatte, sackte zurück, als wäre er ins Gesicht geschlagen worden.

„Verloc! Unmöglich.“

Der selbstbeherrschte kleine Mann nickte einmal leicht.

„Ja. Er ist die Person. Du kannst nicht sagen, dass ich in diesem Fall mein Zeug dem erstbesten Narren gegeben habe, der daherkam. Er war ein prominentes Mitglied der Gruppe, soweit ich das verstehe.“

„Ja“, sagte Ossipon. „Prominent. Nein, nicht direkt. Er war die Zentrale für allgemeine Informationen und empfing üblicherweise Genossen, die hierherkamen. Nützlicher als wichtig. Ein Mann ohne Ideen. Vor Jahren pflegte er auf Versammlungen zu sprechen – in Frankreich, glaube ich. Nicht sehr gut allerdings. Er genoss das Vertrauen von Männern wie Latorre, Moser und all dieser alten Riege. Das einzige Talent, das er wirklich zeigte, war seine Fähigkeit, sich der Aufmerksamkeit der Polizei irgendwie zu entziehen. Hier zum Beispiel schien er nicht sehr genau beobachtet zu werden. Er war ordnungsgemäß verheiratet, weißt du. Ich nehme an, mit ihrem Geld hat er diesen Laden eröffnet. Schien sich auch zu rentieren.“

Ossipon hielt abrupt inne, murmelte vor sich hin: „Ich frage mich, was diese Frau jetzt tun wird?“, und verfiel in Gedanken.

Der andere wartete mit demonstrativer Gleichgültigkeit. Seine Herkunft war dunkel, und er war im Allgemeinen nur unter seinem Spitznamen Professor bekannt. Sein Anspruch auf diese Bezeichnung bestand darin, dass er einst Demonstrationsassistent für Chemie an einem technischen Institut gewesen war. Er geriet mit den Behörden wegen einer Frage unfairer Behandlung aneinander. Danach erhielt er einen Posten im Labor einer Farbenfabrik. Auch dort war er mit empörender Ungerechtigkeit behandelt worden. Seine Kämpfe, seine Entbehrungen, seine harte Arbeit, sich auf der sozialen Leiter nach oben zu arbeiten, hatten ihn mit einer solch erhabenen Überzeugung von seinem eigenen Wert erfüllt, dass es für die Welt äußerst schwierig war, ihn mit Gerechtigkeit zu behandeln – da der Maßstab für diesen Begriff so sehr von der Geduld des Einzelnen abhing. Der Professor hatte Genie, aber ihm fehlte die große soziale Tugend der Resignation.

„Intellektuell eine Nullnummer“, verkündete Ossipon laut, während er plötzlich die innerliche Betrachtung von Mrs. Verlocs trauernder Person und ihrem Geschäft aufgab. „Eine ganz gewöhnliche Persönlichkeit. Du tust unrecht daran, nicht mehr Kontakt zu den Genossen zu halten, Professor“, fügte er in tadelndem Ton hinzu. „Hat er dir irgendetwas gesagt – dir eine Vorstellung von seinen Absichten gegeben? Ich hatte ihn einen Monat lang nicht gesehen. Es scheint unmöglich, dass er weg sein sollte.“

„Er sagte mir, es würde eine Demonstration gegen ein Gebäude werden“, sagte der Professor. „Das musste ich wissen, um den Sprengkörper vorzubereiten. Ich wies ihn darauf hin, dass ich kaum eine ausreichende Menge für ein vollständig zerstörerisches Ergebnis hätte, aber er drängte mich sehr nachdrücklich, mein Bestes zu tun. Da er etwas wollte, das man offen in der Hand tragen konnte, schlug ich vor, eine alte Ein-Gallonen-Kopallackdose zu verwenden, die ich zufällig bei mir hatte. Die Idee gefiel ihm. Es machte mir etwas Mühe, weil ich zuerst den Boden herausschneiden und ihn danach wieder anlöten musste. Wenn gebrauchsfertig, enthielt die Dose ein weithalsiges, gut verkorktes Glasgefäß aus dickem Glas, das mit etwas feuchtem Ton ausgepolstert war und sechzehn Unzen X2-Grünpulver enthielt. Der Zünder war mit dem Schraubverschluss der Dose verbunden. Es war genial – eine Kombination aus Zeit- und Stoßzünder. Ich erklärte ihm das System. Es war ein dünnes Zinnröhrchen, das ein –“

Ossipons Aufmerksamkeit war abgeschweift.

„Was glaubst du, ist passiert?“, unterbrach er.

„Kann ich nicht sagen. Er schraubte den Verschluss fest auf, was die Verbindung herstellen würde, und vergaß dann die Zeit. Es war auf zwanzig Minuten eingestellt. Andererseits, da der Zeitkontakt hergestellt war, würde ein heftiger Stoß die Explosion sofort auslösen. Entweder ließ er die Zeit zu knapp werden oder er ließ das Ding einfach fallen. Der Kontakt wurde ordnungsgemäß hergestellt – das ist mir jedenfalls klar. Das System hat perfekt funktioniert. Und doch sollte man meinen, dass ein gewöhnlicher Narr in Eile viel eher dazu neigen würde, den Kontakt überhaupt nicht herzustellen. Ich habe mich meistens um diese Art von Versagen gesorgt. Aber es gibt mehr Arten von Narren, als man sich vorsehen kann. Man kann von einem Zünder nicht erwarten, dass er absolut narrensicher ist.“

Er winkte einen Kellner herbei. Ossipon saß starr da, mit dem abwesenden Blick geistiger Qual. Nachdem der Mann mit dem Geld gegangen war, raffte er sich mit einer Miene tiefer Unzufriedenheit auf.

„Es ist äußerst unangenehm für mich“, sinnierte er. „Karl liegt seit einer Woche mit Bronchitis im Bett. Es besteht eine gleichmäßige Chance, dass er nie wieder aufsteht. Michaelis schwelgt irgendwo auf dem Land. Ein modischer Verleger hat ihm fünfhundert Pfund für ein Buch angeboten. Es wird ein grässlicher Misserfolg. Er hat im Gefängnis die Gewohnheit des zusammenhängenden Denkens verloren, weißt du.“

Der Professor, der aufgestanden war und nun seinen Mantel zuknöpfte, sah sich mit vollkommener Gleichgültigkeit um.

„Was wirst du tun?“, fragte Ossipon müde. Er fürchtete den Tadel des Zentralen Roten Komitees, eines Gremiums, das keinen festen Wohnsitz hatte und über dessen Mitglieder er nicht genau informiert war. Wenn diese Angelegenheit in der Einstellung des bescheidenen Zuschusses resultierte, der für die Veröffentlichung der F.P.-Flugblätter bewilligt war, dann würde er Verlocs unerklärliche Torheit in der Tat bedauern müssen.

„Solidarität mit der extremsten Form der Aktion ist eine Sache, und alberne Rücksichtslosigkeit ist eine andere“, sagte er mit einer Art mürrischer Brutalität. „Ich weiß nicht, was in Verloc gefahren ist. Da liegt ein Geheimnis. Wie dem auch sei, er ist weg. Du kannst es nehmen, wie du willst, aber unter den gegebenen Umständen ist die einzige Politik für die militante revolutionäre Gruppe, jegliche Verbindung mit dieser verfluchten Laune von dir abzustreiten. Wie man das Dementi überzeugend genug gestaltet, das ist es, was mich beunruhigt.“

Der kleine Mann, der auf seinen Beinen stand, zugeknöpft und bereit zum Gehen, war nicht größer als der sitzende Ossipon. Er richtete seine Brille direkt auf das Gesicht des anderen.

„Du könntest die Polizei um ein Leumundszeugnis bitten. Sie wissen, wo jeder von euch letzte Nacht geschlafen hat. Vielleicht würden sie, wenn du sie fragtest, zustimmen, eine Art offizielle Erklärung zu veröffentlichen.“

„Zweifellos wissen sie gut genug, dass wir nichts damit zu tun hatten“, murmelte Ossipon bitter. „Was sie sagen werden, ist eine andere Sache.“ Er blieb nachdenklich und beachtete die kleine, eulenhafte, schäbige Gestalt neben sich nicht. „Ich muss Michaelis sofort in die Finger bekommen und ihn dazu bringen, bei einer unserer Versammlungen aus tiefstem Herzen zu sprechen. Die Öffentlichkeit hat eine Art sentimentale Wertschätzung für diesen Kerl. Sein Name ist bekannt. Und ich habe Kontakt zu einigen Reportern bei den großen Tageszeitungen. Was er sagen würde, wäre völliger Unsinn, aber er hat eine Art zu reden, die es trotzdem schlucken lässt.“

„Wie Sirup“, warf der Professor ziemlich leise ein, wobei er einen ausdruckslosen Gesichtsausdruck bewahrte.

Der ratlose Ossipon fuhr fort, halb hörbar mit sich selbst zu kommunizieren, wie ein Mann, der in vollkommener Einsamkeit nachdenkt.

„Verfluchter Esel! So eine schwachsinnige Angelegenheit an mir hängen zu lassen. Und ich weiß nicht einmal, ob –“

Er saß mit zusammengepressten Lippen da. Die Idee, direkt zum Laden zu gehen, um Neuigkeiten zu erfahren, hatte keinen Reiz. Seine Vorstellung war, dass Verlocs Laden bereits in eine Polizeifalle verwandelt worden sein könnte. Sie werden gezwungen sein, einige Verhaftungen vorzunehmen, dachte er mit so etwas wie tugendhafter Entrüstung, denn der gleichmäßige Gang seines revolutionären Lebens wurde durch kein Verschulden seinerseits bedroht. Und doch lief er, wenn er nicht dorthin ging, Gefahr, in Unkenntnis dessen zu bleiben, was für ihn vielleicht sehr wichtig zu wissen wäre. Dann überlegte er, wenn der Mann im Park so sehr in Stücke gerissen worden war, wie die Abendzeitungen berichteten, hätte er nicht identifiziert werden können. Und wenn das so war, könnte die Polizei keinen besonderen Grund haben, Verlocs Laden genauer zu beobachten als jeden anderen Ort, von dem bekannt ist, dass er von bekannten Anarchisten frequentiert wird – tatsächlich keinen Grund mehr, als die Türen des Silenus zu beobachten. Es würde überall viel Beobachtung geben, egal wohin er ging. Dennoch –

„Ich frage mich, was ich jetzt am besten tun sollte?“, murmelte er und beriet sich mit sich selbst.

Eine raue Stimme an seinem Ellbogen sagte mit gesetztem Hohn:

„Häng dich an das Weib, so sehr es geht.“

Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, ging der Professor vom Tisch weg. Ossipon, den diese Einsicht unvorbereitet getroffen hatte, machte einen wirkungslosen Ruck und blieb still, mit einem hilflosen Blick, als wäre er auf dem Sitz seines Stuhls festgenagelt. Das einsame Klavier, ohne auch nur einen Klavierhocker zur Hilfe, schlug tapfer ein paar Akkorde an und, als es begann, eine Auswahl nationaler Weisen zu spielen, spielte es ihn schließlich zu den Klängen von „Blue Bells of Scotland“ hinaus. Die schmerzhaft losgelösten Noten wurden hinter seinem Rücken schwach, während er langsam die Treppe hinauf, durch den Flur und auf die Straße ging.

Vor dem großen Torweg verteilte eine trostlose Reihe von Zeitungsverkäufern, die abseits vom Bürgersteig standen, ihre Waren aus der Gosse. Es war ein rauer, düsterer Tag des frühen Frühlings; und der schmutzige Himmel, der Schlamm der Straßen, die Lumpen der schmutzigen Männer harmonierten ausgezeichnet mit dem Ausbruch der feuchten, wertlosen Papierbögen, die mit Druckerschwärze beschmutzt waren. Die Plakate, mit Schmutz befleckt, schmückten wie Wandteppiche die Krümmung des Bordsteins. Der Handel mit Nachmittagszeitungen war lebhaft, doch im Vergleich zum schnellen, ständigen Marsch des Fußgängerverkehrs war die Wirkung eine der Gleichgültigkeit, einer missachteten Verteilung. Ossipon sah hastig in beide Richtungen, bevor er in die Kreuzungsströme hinaustrat, aber der Professor war bereits außer Sicht.

KAPITEL V

Der Professor war in eine Straße links eingebogen und ging mit starr aufrechtem Kopf dahin, in einer Menschenmenge, deren jeder Einzelne fast seine untersetzte Statur überragte. Es war vergeblich, sich vorzumachen, dass er nicht enttäuscht war. Aber das war nur ein Gefühl; der Stoizismus seines Denkens konnte durch diesen oder irgendeinen anderen Misserfolg nicht gestört werden. Beim nächsten Mal, oder beim übernächsten, würde ein wirkungsvoller Schlag geführt werden – etwas wirklich Erstaunliches –, ein Schlag, geeignet, den ersten Riss in die imposante Fassade des großen Gebäudes der gesetzlichen Auffassungen zu schlagen, das die abscheuliche Ungerechtigkeit der Gesellschaft beherbergte. Von bescheidener Herkunft und mit einem Äußeren, das so armselig war, dass es seinen beträchtlichen natürlichen Fähigkeiten im Wege stand, war seine Fantasie schon früh durch die Geschichten von Männern beflügelt worden, die sich aus den Tiefen der Armut zu Positionen von Autorität und Wohlstand erhoben hatten. Die extreme, fast asketische Reinheit seines Denkens, kombiniert mit einer erstaunlichen Unkenntnis der weltlichen Bedingungen, hatte ihm ein Ziel von Macht und Prestige gesetzt, das ohne das Medium von Kunst, Anmut, Takt, Reichtum erreicht werden sollte – allein durch das bloße Gewicht des Verdienstes. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtete er sich als Anspruch auf unbestrittenen Erfolg. Sein Vater, ein zarter, dunkler Enthusiast mit einer fliehenden Stirn, war ein reisender und mitreißender Prediger irgendeiner obskuren, aber strengen christlichen Sekte gewesen – ein Mann, der zutiefst von den Privilegien seiner Rechtschaffenheit überzeugt war. Bei dem Sohn, einem Individualisten dem Temperament nach, übersetzte sich diese moralische Haltung, nachdem die Wissenschaft der Colleges den Glauben der Versammlungshäuser gründlich ersetzt hatte, in einen rasenden Puritanismus des Ehrgeizes. Er hegte ihn als etwas weltlich Heiliges. Ihn vereitelt zu sehen, öffnete ihm die Augen für die wahre Natur der Welt, deren Moral künstlich, korrupt und blasphemisch war. Der Weg selbst der rechtfertigbarsten Revolutionen wird durch persönliche Impulse bereitet, die in Glaubensbekenntnisse verkleidet sind. Die Entrüstung des Professors fand in sich selbst eine letzte Ursache, die ihn von der Sünde freisprach, sich der Zerstörung als Mittel seines Ehrgeizes zuzuwenden. Den öffentlichen Glauben an die Gesetzlichkeit zu zerstören, war die unvollkommene Formel seines pedantischen Fanatismus; aber die unterbewusste Überzeugung, dass das Gerüst einer etablierten sozialen Ordnung nicht wirksam durch etwas anderes als irgendeine Form kollektiver oder individueller Gewalt erschüttert werden kann, war präzise und korrekt. Er war ein moralischer Akteur – das stand in seinem Geist fest. Indem er sein Handeln mit rücksichtslosem Trotz ausübte, verschaffte er sich den Anschein von Macht und persönlichem Prestige. Das war für seine rachsüchtige Bitterkeit unbestreitbar. Es beruhigte ihre Unruhe; und auf ihre eigene Weise tun die leidenschaftlichsten Revolutionäre vielleicht nichts anderes, als nach Frieden zu suchen, gemeinsam mit dem Rest der Menschheit – den Frieden der besänftigten Eitelkeit, der befriedigten Begierden oder vielleicht des beruhigten Gewissens.

Verloren in der Menge, elend und unterentwickelt, meditierte er zuversichtlich über seine Macht, die Hand in der linken Hosentasche haltend, den Gummiball fest umklammernd, die höchste Garantie seiner finsteren Freiheit; aber nach einer Weile wurde er unangenehm berührt durch den Anblick der mit Fahrzeugen überfüllten Straße und des von Männern und Frauen gedrängten Bürgersteigs. Er befand sich in einer langen, geraden Straße, bevölkert von einem bloßen Bruchteil einer riesigen Menge; aber um ihn herum, immer weiter, bis hin zu den Grenzen des Horizonts, der von den gewaltigen Ziegelbauten verborgen wurde, spürte er die Masse der Menschheit, mächtig in ihrer Zahl. Sie wimmelten zahlreich wie Heuschrecken, fleißig wie Ameisen, gedankenlos wie eine Naturgewalt, blind und geordnet und vertieft vorwärtsdrängend, unempfänglich für Gefühle, für Logik, vielleicht auch für Terror.

Das war die Form des Zweifels, die er am meisten fürchtete. Unempfänglich für Furcht! Oft, während er im Freien ging, wenn er auch aus sich selbst herauskam, hatte er solche Momente schrecklichen und gesunden Misstrauens gegenüber der Menschheit. Was, wenn nichts sie bewegen könnte? Solche Momente kommen über alle Männer, deren Ehrgeiz auf ein direktes Ergreifen der Menschheit abzielt – über Künstler, Politiker, Denker, Reformer oder Heilige. Ein verachtenswerter emotionaler Zustand ist dies, gegen den Einsamkeit einen überlegenen Charakter stählt; und mit strenger Exultation dachte der Professor an die Zuflucht seines Zimmers, mit seinem verschlossenen Schrank, verloren in einer Wildnis armer Häuser, die Einsiedelei des perfekten Anarchisten. Um schneller den Punkt zu erreichen, an dem er seinen Omnibus nehmen konnte, bog er abrupt aus der belebten Straße in eine schmale und düstere Gasse ab, die mit Steinplatten gepflastert war. Auf der einen Seite hatten die niedrigen Ziegelhäuser in ihren staubigen Fenstern den blinden, sterbenden Blick unheilbaren Verfalls – leere Hüllen, die auf den Abriss warteten. Von der anderen Seite war das Leben noch nicht ganz gewichen. Gegenüber der einzigen Gaslaterne gähnte die Höhle eines Möbelhändlers für Gebrauchtwaren, wo, tief in der Düsternis einer Art schmalen Allee, die sich durch einen bizarren Wald von Kleiderschränken schlängelte, mit einem Unterholzgewirr aus Tischbeinen, ein hoher Standspiegel wie ein Wasserbecken in einem Wald schimmerte. Eine unglückliche, obdachlose Couch, begleitet von zwei nicht zusammengehörigen Stühlen, stand im Freien. Das einzige menschliche Wesen außer dem Professor, das die Gasse benutzte, kam stramm und aufrecht aus der entgegengesetzten Richtung und drosselte plötzlich sein schwingendes Tempo.

„Hallo!“, sagte er und blieb wachsam ein wenig zur Seite stehen.

Der Professor war bereits stehen geblieben, mit einer bereiten halben Drehung, die seine Schultern sehr nahe an die andere Wand brachte. Seine rechte Hand fiel leicht auf die Rückenlehne der ausrangierten Couch, die linke blieb zielbewusst tief in der Hosentasche vergraben, und die Rundheit der schwer gerahmten Brille verlieh seinem mürrischen, unbewegten Gesicht einen eulenhaften Charakter.

Es war wie ein Zusammentreffen in einem Seitenkorridor eines belebten Herrenhauses. Der stämmige Mann war in einen dunklen Überzieher zugeknöpft und trug einen Regenschirm. Sein Hut, nach hinten geschoben, entblößte einen großen Teil der Stirn, die in der Dämmerung sehr weiß erschien. In den dunklen Flecken der Augenhöhlen schimmerten die Augäpfel durchdringend. Lange, herabhängende Schnurrbärte in der Farbe von reifem Korn umrahmten mit ihren Spitzen den quadratischen Block seines rasierten Kinns.

„Ich suche nicht nach dir“, sagte er kurz.

Der Professor rührte sich keinen Zoll. Die vermischten Geräusche der riesigen Stadt sanken zu einem unartikulierten leisen Murmeln herab. Chief Inspector Heat von der Abteilung für besondere Verbrechen änderte seinen Tonfall.

„Nicht in Eile, nach Hause zu kommen?“, fragte er mit spöttischer Einfachheit.

Der ungesund aussehende kleine moralische Akteur der Zerstörung triumphierte still in dem Besitz von persönlichem Prestige und hielt diesen Mann, der mit dem defensiven Mandat einer bedrohten Gesellschaft bewaffnet war, in Schach. Glücklicher als Caligula, der sich wünschte, der römische Senat hätte nur einen Kopf zur besseren Befriedigung seiner grausamen Wollust, sah er in diesem einen Mann alle Kräfte, denen er trotzte: die Gewalt von Gesetz, Eigentum, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Er sah alle seine Feinde und stellte sich ihnen furchtlos in einer höchsten Befriedigung seiner Eitelkeit entgegen. Sie standen ratlos vor ihm, als stünden sie vor einem schrecklichen Vorzeichen. Er weidete sich innerlich an der Chance dieses Treffens, das seine Überlegenheit über die ganze Menge der Menschheit bestätigte.

Es war in Wirklichkeit ein zufälliges Treffen. Chief Inspector Heat hatte einen unangenehm geschäftigen Tag hinter sich, seit seine Abteilung kurz vor elf Uhr morgens das erste Telegramm aus Greenwich erhalten hatte. Zunächst einmal war die Tatsache, dass der Anschlag weniger als eine Woche nachdem er einem hohen Beamten versichert hatte, dass kein Ausbruch anarchistischer Aktivität zu befürchten sei, versucht wurde, ärgerlich genug. Wenn er sich je sicher fühlte, eine Aussage zu machen, dann war es damals. Er hatte diese Aussage zur unendlichen Zufriedenheit seiner selbst gemacht, weil klar war, dass der hohe Beamte sehr wünschte, genau das zu hören. Er hatte beteuert, dass nichts dergleichen überhaupt gedacht werden könne, ohne dass die Abteilung innerhalb von vierundzwanzig Stunden davon wüsste; und er hatte dies in dem Bewusstsein gesprochen, der große Experte seiner Abteilung zu sein. Er war sogar so weit gegangen, Worte zu äußern, die wahre Weisheit zurückgehalten hätte. Aber Chief Inspector Heat war nicht sehr weise – zumindest nicht wirklich. Wahre Weisheit, die sich in dieser Welt der Widersprüche keiner Sache sicher ist, hätte ihn daran gehindert, seine jetzige Position zu erreichen. Sie hätte seine Vorgesetzten beunruhigt und seine Beförderungschancen zunichtegemacht. Seine Beförderung war sehr schnell gewesen.

„Keinen von ihnen, Sir, könnten wir nicht zu jeder Zeit bei Tag und Nacht in die Finger bekommen. Wir wissen, was jeder von ihnen Stunde für Stunde tut“, hatte er erklärt. Und der hohe Beamte hatte sich dazu herabgelassen zu lächeln. Das war offensichtlich das Richtige, was ein Beamter mit dem Ruf von Chief Inspector Heat sagen musste, und es war vollkommen entzückend. Der hohe Beamte glaubte der Erklärung, die mit seiner Vorstellung von der Angemessenheit der Dinge übereinstimmte. Seine Weisheit war von offizieller Art, sonst hätte er vielleicht über eine Angelegenheit nachgedacht, die nicht der Theorie, sondern der Erfahrung entsprach: dass im eng gewebten Stoff der Beziehungen zwischen Verschwörer und Polizei unerwartete Unterbrechungen auftreten, plötzliche Löcher in Raum und Zeit. Ein gegebener Anarchist mag Zoll für Zoll und Minute für Minute überwacht werden, aber es kommt immer ein Moment, in dem ihm irgendwie für ein paar Stunden jeder Blick und jeder Zugriff entgeht, während derer etwas (im Allgemeinen eine Explosion) mehr oder weniger Bedauerliches geschieht. Doch der hohe Beamte, hingerissen von seinem Sinn für die Angemessenheit der Dinge, hatte gelächelt, und nun war die Erinnerung an dieses Lächeln für Chief Inspector Heat, den Hauptexperten für anarchistische Vorgehensweisen, sehr ärgerlich.

Dies war nicht der einzige Umstand, dessen Erinnerung die übliche Gelassenheit des herausragenden Spezialisten trübte. Es gab einen weiteren, der erst auf diesen sehr Morgen zurückging. Der Gedanke, dass er, als er dringend in das Privatzimmer seines Assistant Commissioner gerufen wurde, sein Erstaunen nicht hatte verbergen können, war ausgesprochen peinlich. Sein Instinkt als erfolgreicher Mann hatte ihn schon vor langer Zeit gelehrt, dass ein Ruf im Allgemeinen ebenso sehr auf dem Auftreten wie auf Leistungen beruht. Und er hatte das Gefühl, dass sein Auftreten bei der Konfrontation mit dem Telegramm nicht beeindruckend gewesen war. Er hatte die Augen weit aufgerissen und „Unmöglich!“ ausgerufen, womit er sich der unwiderlegbaren Entgegnung einer Fingerspitze aussetzte, die mit Nachdruck auf das Telegramm gelegt wurde, welches der Assistant Commissioner, nachdem er es vorgelesen hatte, auf den Schreibtisch geworfen hatte. Gewissermaßen unter der Spitze eines Zeigefingers zermalmt zu werden, war eine unangenehme Erfahrung. Zudem auch sehr schädigend! Überdies war sich Chief Inspector Heat bewusst, dass er die Sache nicht dadurch verbessert hatte, dass er sich dazu hinreißen ließ, eine Überzeugung zu äußern.

„Eines kann ich Ihnen sofort sagen: Keiner von unserer Sorte hatte irgendetwas damit zu tun.“

Er war stark in seiner Integrität als guter Detektiv, doch er sah nun ein, dass eine undurchdringlich aufmerksame Zurückhaltung gegenüber diesem Vorfall seinem Ruf besser gedient hätte. Andererseits gestand er sich ein, dass es schwierig sei, seinen Ruf zu wahren, wenn Außenstehende sich in das Geschäft einmischten. Außenstehende sind der Fluch der Polizei wie auch anderer Berufe. Der Ton der Bemerkungen des Assistant Commissioner war sauer genug gewesen, um einem die Zähne auf den Kiefern zusammenziehen zu lassen.

Und seit dem Frühstück war es Chief Inspector Heat nicht gelungen, etwas zu essen zu bekommen.

Da er sofort damit begonnen hatte, seine Untersuchung vor Ort aufzunehmen, hatte er im Park eine gute Portion rohen, ungesunden Nebels geschluckt. Dann war er zum Krankenhaus hinübergelaufen; und als die Untersuchung in Greenwich schließlich abgeschlossen war, hatte er seine Lust am Essen verloren. Nicht daran gewöhnt, wie die Ärzte, die verstümmelten Überreste von Menschenwesen genau zu untersuchen, war er schockiert gewesen über den Anblick, der sich ihm bot, als in einem bestimmten Raum des Krankenhauses ein wasserdichtes Laken von einem Tisch gehoben wurde.

Ein weiteres wasserdichtes Laken war wie eine Tischdecke über diesen Tisch ausgebreitet, mit den Ecken nach oben geschlagen über eine Art Hügel – einen Haufen Lumpen, versengt und blutbefleckt, der halb verbarg, was eine Ansammlung von Rohmaterial für ein Kannibalenfest hätte sein können. Es erforderte beträchtliche Geistesgegenwart, vor diesem Anblick nicht zurückzuweichen. Chief Inspector Heat, ein tüchtiger Beamter seiner Abteilung, blieb standhaft, aber eine volle Minute lang trat er nicht näher. Ein örtlicher Constable in Uniform warf einen Seitenblick und sagte mit stoischer Einfalt:

„Er ist ganz da. Jedes Stück von ihm. Das war eine Arbeit.“

Er war als Erster nach der Explosion am Tatort gewesen. Er erwähnte diese Tatsache noch einmal. Er hatte so etwas wie einen schweren Blitz im Nebel gesehen. Zu der Zeit stand er am Tor der King William Street Lodge und unterhielt sich mit dem Pförtner. Die Erschütterung ließ ihn am ganzen Körper kribbeln. Er rannte zwischen den Bäumen in Richtung des Observatoriums. „So schnell meine Beine mich tragen konnten“, wiederholte er zweimal.

Chief Inspector Heat, der sich vorsichtig und entsetzt über den Tisch beugte, ließ ihn weiterreden. Der Krankenhauspförtner und ein anderer Mann schlugen die Ecken des Tuches zurück und traten beiseite. Die Augen des Chief Inspector durchsuchten die grauenhaften Einzelheiten jenes Haufens aus vermischten Dingen, der zusammengelesen schien aus Schlachthöfen und Lumpenläden.

„Sie haben eine Schaufel benutzt“, bemerkte er, als er eine Bestreuung aus kleinem Kies, winzigen braunen Rindenstücken und nadelfeinen Holzsplittern bemerkte.

„Musste ich an einer Stelle“, sagte der stoische Constable. „Ich schickte einen Pförtner, um einen Spaten zu holen. Als er mich damit auf dem Boden scharren hörte, lehnte er seine Stirn gegen einen Baum und war krank wie ein Hund.“

Der Chief Inspector, der sich vorsichtig über den Tisch beugte, kämpfte das unangenehme Gefühl in seiner Kehle nieder. Die erschütternde Gewalt der Zerstörung, die aus diesem Körper einen Haufen namenloser Fragmente gemacht hatte, berührte seine Gefühle mit einem Gefühl grausamer Rücksichtslosigkeit, obwohl sein Verstand ihm sagte, der Effekt müsse so schnell wie ein Blitzschlag gewesen sein. Der Mann, wer immer er auch war, war augenblicklich gestorben; und doch schien es unmöglich zu glauben, dass ein menschlicher Körper diesen Zustand der Auflösung hätte erreichen können, ohne die Qualen unvorstellbarer Agonie zu durchlaufen. Kein Physiologe, und noch weniger ein Metaphysiker, erhob sich Chief Inspector Heat durch die Kraft des Mitgefühls, das eine Form von Furcht ist, über die vulgäre Vorstellung von Zeit. Augenblicklich! Er erinnerte sich an alles, was er jemals in populären Publikationen über lange und erschreckende Träume gelesen hatte, die im Augenblick des Erwachens geträumt wurden; an das ganze vergangene Leben, das ein Ertrinkender mit erschreckender Intensität durchlebt, während sein dem Untergang geweihter Kopf ein letztes Mal triefend auftaucht. Die unerklärlichen Geheimnisse des bewussten Daseins bedrängten Chief Inspector Heat, bis er die schreckliche Vorstellung entwickelte, dass Zeitalter von grauenvollem Schmerz und mentaler Folter zwischen zwei aufeinanderfolgenden Augenaufschlägen enthalten sein könnten. Und währenddessen machte der Chief Inspector weiter, starrte mit ruhigem Gesicht und der leicht besorgten Aufmerksamkeit eines mittellosen Kunden auf den Tisch, der sich über das beugt, was man die Nebenprodukte einer Metzgerei nennen kann, mit Blick auf ein preiswertes Sonntagsessen. Die ganze Zeit über folgten seine geschulten Fähigkeiten eines exzellenten Ermittlers, der keine Chance auf Information verschmäht, der selbstgefälligen, zusammenhanglosen Geschwätzigkeit des Constables.

„Ein hellhaariger Kerl“, bemerkte der Letztere in einem ruhigen Ton und hielt inne. „Die alte Frau, die mit dem Sergeant sprach, bemerkte einen hellhaarigen Kerl, der aus der Maze Hill Station kam.“ Er hielt inne. „Und er war ein hellhaariger Kerl. Sie bemerkte zwei Männer, die aus der Station kamen, nachdem der Zug stadteinwärts weitergefahren war“, fuhr er langsam fort. „Sie konnte nicht sagen, ob sie zusammengehörten. Auf den Großen achtete sie nicht besonders, aber der andere war ein heller, schmächtiger Kerl, der eine Blechdose mit Lack in einer Hand trug.“ Der Constable schwieg.

„Kennen Sie die Frau?“, murmelte der Chief Inspector, mit den Augen fest auf den Tisch gerichtet und mit einer vagen Vorstellung im Kopf von einer Leichenschau, die demnächst an einer Person abgehalten werden würde, die wahrscheinlich für immer unbekannt bleiben würde.

„Ja. Sie ist Haushälterin bei einem Gastwirt im Ruhestand und besucht manchmal die Kapelle in der Park Place“, äußerte der Constable gewichtig und hielt inne, mit einem weiteren schrägen Blick auf den Tisch.

Dann plötzlich: „Nun, hier ist er – alles von ihm, was ich finden konnte. Hell. Schmächtig – schmächtig genug. Sehen Sie sich diesen Fuß dort an. Ich habe die Beine zuerst aufgehoben, eines nach dem anderen. Er war so zerstreut, man wusste nicht, wo man anfangen sollte.“

Der Constable hielt inne; das kleinste Flackern eines unschuldigen, selbstgefälligen Lächelns verlieh seinem runden Gesicht einen kindlichen Ausdruck.

„Gestolpert“, verkündete er bestimmt. „Ich bin selbst einmal gestolpert und auf den Kopf gefallen, als ich hochgerannt bin. Diese Wurzeln stehen überall aus dem Boden. Er ist über die Wurzel eines Baumes gestolpert und hingefallen, und das Ding, das er trug, muss wohl direkt unter seiner Brust losgegangen sein, nehme ich an.“

Das Echo der Worte „Unbekannte Person“, das sich in seinem inneren Bewusstsein wiederholte, beunruhigte den Chief Inspector beträchtlich. Er hätte diesen Vorfall zu seiner eigenen Information gerne bis zu seinem mysteriösen Ursprung zurückverfolgt. Er war beruflich neugierig. Vor der Öffentlichkeit hätte er gerne die Effizienz seiner Abteilung durch die Feststellung der Identität dieses Mannes gerechtfertigt. Er war ein loyaler Diener. Das jedoch erschien unmöglich. Der erste Teil des Problems war unlesbar – enthielt keinen anderen Hinweis als den auf grausame Grausamkeit.

Seine körperliche Abscheu überwindend, streckte Chief Inspector Heat ohne Überzeugung zur Beruhigung seines Gewissens die Hand aus und nahm den am wenigsten verschmutzten der Lumpen auf. Es war ein schmaler Samtstreifen mit einem größeren dreieckigen Stück dunkelblauen Stoffes, das daran hing. Er hielt es sich vor die Augen; und der Polizeiconstable sprach.

„Samtkragen. Komisch, dass die alte Frau den Samtkragen bemerkt hat. Dunkelblauer Überzieher mit Samtkragen, hat sie uns gesagt. Er war der Kerl, den sie gesehen hat, ohne Zweifel. Und hier ist er komplett, Samtkragen und alles. Ich glaube nicht, dass ich ein einziges Stück so groß wie eine Briefmarke übersehen habe.“

An diesem Punkt hörten die geschulten Fähigkeiten des Chief Inspector auf, die Stimme des Constables zu hören. Er ging für besseres Licht zu einem der Fenster. Sein Gesicht, abgewandt vom Raum, drückte ein überraschtes, intensives Interesse aus, während er das dreieckige Stück Tuch genau untersuchte. Mit einem plötzlichen Ruck löste er es ab, und erst nachdem er es in seine Tasche gestopft hatte, drehte er sich zum Raum um und warf den Samtkragen zurück auf den Tisch –

„Zudecken“, wies er die Begleiter kurz an, ohne einen weiteren Blick, und trug, vom Constable salutiert, seine Beute hastig davon.

Ein passender Zug wirbelte ihn allein und tief nachdenklich in einem Drittklassabteil in die Stadt. Dieses versengte Stück Stoff war unglaublich wertvoll, und er konnte sich nicht gegen das Erstaunen über die beiläufige Art wehren, wie es in seinen Besitz gelangt war. Es war, als ob das Schicksal ihm diesen Hinweis in die Hände gedrückt hätte. Und nach Art des Durchschnittsmenschen, dessen Ehrgeiz es ist, Ereignisse zu beherrschen, begann er, einem solch unverdienten und zufälligen Erfolg zu misstrauen – einfach weil es schien, als sei er ihm aufgezwungen worden. Der praktische Wert eines Erfolgs hängt nicht wenig davon ab, wie man ihn betrachtet. Aber das Schicksal betrachtet nichts. Es hat kein Urteilsvermögen. Er hielt es nicht mehr für überaus wünschenswert, öffentlich die Identität des Mannes festzustellen, der sich an jenem Morgen mit solch schrecklicher Vollständigkeit in die Luft gesprengt hatte. Aber er war sich nicht sicher, welche Ansicht seine Abteilung dazu einnehmen würde. Eine Abteilung ist für diejenigen, die sie beschäftigt, eine komplexe Persönlichkeit mit eigenen Ideen und sogar Marotten. Sie hängt von der loyalen Hingabe ihrer Diener ab, und die hingebungsvolle Loyalität vertrauenswürdiger Diener ist mit einer gewissen Menge an liebevoller Verachtung verbunden, die sie gewissermaßen frisch hält. Durch eine gütige Vorkehrung der Natur ist kein Mann ein Held für seinen Kammerdiener, sonst müssten die Helden ihre Kleidung selbst bürsten. Ebenso erscheint keine Abteilung der Vertrautheit ihrer Mitarbeiter gegenüber vollkommen weise. Eine Abteilung weiß nicht so viel wie einige ihrer Diener. Da sie ein leidenschaftsloser Organismus ist, kann sie niemals vollkommen informiert sein. Es wäre nicht gut für ihre Effizienz, zu viel zu wissen. Chief Inspector Heat stieg aus dem Zug in einem Zustand von Nachdenklichkeit, der völlig ungetrübt von Iloyalität war, aber nicht ganz frei von jenem eifersüchtigen Misstrauen, das so oft auf dem Boden vollkommener Hingabe entsteht, sei es gegenüber Frauen oder Institutionen.

Es war in dieser geistigen Verfassung, körperlich sehr leer, aber immer noch angewidert von dem, was er gesehen hatte, dass er auf den Professor gestoßen war. Unter diesen Bedingungen, die bei einem gesunden, normalen Mann zur Reizbarkeit führen, war dieses Treffen für Chief Inspector Heat besonders unerwünscht. Er hatte nicht an den Professor gedacht; er hatte überhaupt an keinen einzelnen Anarchisten gedacht. Der Charakter dieses Falls hatte ihm irgendwie die allgemeine Idee der Absurdität menschlicher Dinge aufgezwungen, was im Abstrakten für ein unphilosophisches Temperament ärgerlich genug ist und in konkreten Fällen unerträglich wird. Zu Beginn seiner Karriere hatte sich Chief Inspector Heat mit den energischeren Formen des Diebstahls befasst. Er hatte sich seine Sporen auf diesem Gebiet verdient und natürlicherweise nach seiner Beförderung in eine andere Abteilung ein Gefühl dafür bewahrt, das nicht sehr weit von Zuneigung entfernt war. Stehlen war keine reine Absurdität. Es war eine Form menschlicher Industrie, zwar pervers, aber dennoch eine Industrie, die in einer arbeitsamen Welt ausgeübt wurde; es war Arbeit, die aus dem gleichen Grund unternommen wurde wie die Arbeit in Töpfereien, in Kohlebergwerken, auf Feldern, in Werkzeugschleifereien. Es war Arbeit, deren praktischer Unterschied zu den anderen Formen der Arbeit in der Art ihres Risikos bestand, das nicht in Ankylose oder Bleivergiftung oder schlagenden Wetter oder staubiger Luft lag, sondern in dem, was man kurz in der eigenen Spezialphraseologie als „sieben Jahre Zuchthaus“ definieren kann. Chief Inspector Heat war sich natürlich der Schwere moralischer Unterschiede nicht unbewusst. Aber das waren die Diebe, die er überwacht hatte, auch nicht. Sie unterwarfen sich den strengen Sanktionen einer Moral, die Chief Inspector Heat mit einer gewissen Resignation vertraut war.

Sie waren seine Mitbürger, die aufgrund mangelhafter Erziehung auf die schiefe Bahn geraten waren, glaubte Chief Inspector Heat; aber wenn man diesen Unterschied berücksichtigt, konnte er den Geist eines Einbrechers verstehen, denn tatsächlich sind der Geist und die Instinkte eines Einbrechers von derselben Art wie der Geist und die Instinkte eines Polizeibeamten. Beide erkennen dieselben Konventionen an und haben ein praktisches Wissen über die Methoden des jeweils anderen und über die Routine ihrer jeweiligen Gewerbe. Sie verstehen einander, was für beide vorteilhaft ist und eine Art Annehmlichkeit in ihren Beziehungen begründet. Als Produkte derselben Maschine, einer als nützlich und der andere als schädlich eingestuft, nehmen sie die Maschine auf unterschiedliche Weise als gegeben hin, aber mit einer Ernsthaftigkeit, die im Wesentlichen dieselbe ist. Der Geist von Chief Inspector Heat war Ideen von Aufruhr unzugänglich. Aber seine Diebe waren keine Rebellen. Seine körperliche Kraft, sein kühles, unflexibles Auftreten, sein Mut und seine Fairness hatten ihm viel Respekt und einiges an Bewunderung in der Sphäre seiner frühen Erfolge eingebracht. Er hatte sich verehrt und bewundert gefühlt. Und Chief Inspector Heat, der sechs Schritte vor dem Anarchisten mit dem Spitznamen Professor stehen blieb, dachte mit Bedauern an die Welt der Diebe – vernünftig, ohne krankhafte Ideale, routiniert arbeitend, respektvoll gegenüber den bestehenden Autoritäten, frei von jedem Makel von Hass und Verzweiflung.

Nachdem er diesem Tribut an das, was in der Verfassung der Gesellschaft normal ist, gezollt hatte (denn die Idee des Stehlens erschien seinem Instinkt so normal wie die Idee des Eigentums), war Chief Inspector Heat sehr wütend auf sich selbst, weil er angehalten hatte, weil er gesprochen hatte, weil er diesen Weg überhaupt genommen hatte, nur weil es eine Abkürzung von der Station zum Hauptquartier war. Und er sprach wieder mit seiner großen, autoritären Stimme, die, als sie gedämpft wurde, einen drohenden Charakter hatte.

„Sie werden nicht gesucht, sage ich Ihnen“, wiederholte er.

Der Anarchist rührte sich nicht. Ein inneres Lachen der Verachtung entblößte nicht nur seine Zähne, sondern auch sein Zahnfleisch und schüttelte ihn am ganzen Körper, ohne das leiseste Geräusch. Chief Inspector Heat war dazu verleitet, gegen sein besseres Urteilsvermögen hinzuzufügen:

„Noch nicht. Wenn ich Sie brauche, werde ich wissen, wo ich Sie finden kann.“

Das waren vollkommen angemessene Worte, im Rahmen der Tradition und passend zu seinem Charakter als Polizeibeamter, der einen seiner besonderen Schützlinge anspricht. Aber die Aufnahme, die sie fanden, wich von Tradition und Anstand ab. Sie war ungeheuerlich. Die untersetzte, schwächliche Gestalt vor ihm sprach endlich.

„Ich habe keinen Zweifel, dass die Zeitungen Ihnen dann einen Nachruf widmen würden. Sie wissen am besten, was der für Sie wert wäre. Ich denke, Sie können sich leicht vorstellen, welche Art von Zeug da gedruckt würde. Aber Sie könnten der Unannehmlichkeit ausgesetzt sein, zusammen mit mir begraben zu werden, obwohl ich annehme, dass Ihre Freunde sich bemühen würden, uns so weit wie möglich zu sortieren.“

Trotz seiner gesunden Verachtung für den Geist, der solche Reden diktiert, hatte die grausame Anspielungsweise der Worte ihre Wirkung auf Chief Inspector Heat. Er hatte zu viel Einsicht und auch zu viel exakte Informationen, um sie als Geschwätz abzutun. Die Dämmerung dieser engen Gasse nahm einen finsteren Ton von der dunklen, hinfälligen kleinen Gestalt an, die mit dem Rücken zur Wand stand und mit einer schwachen, selbstsicheren Stimme sprach. Für die kraftvolle, zähe Vitalität des Chief Inspector war das körperliche Elend dieses Wesens, das offensichtlich nicht lebensfähig war, unheilvoll; denn es schien ihm, dass er, wenn er das Unglück hätte, ein solch erbärmliches Objekt zu sein, sich nicht darum geschert hätte, wie bald er sterben würde. Das Leben hatte einen so starken Halt bei ihm, dass eine frische Welle von Übelkeit in leichtem Schweiß auf seiner Stirn ausbrach. Das Murmeln des Stadtlebens, das gedämpfte Grollen der Räder in den beiden unsichtbaren Straßen rechts und links drang durch die Kurve der schmutzigen Gasse mit einer kostbaren Vertrautheit und einer ansprechenden Süße an seine Ohren. Er war ein Mensch. Aber Chief Inspector Heat war auch ein Mann, und er konnte solche Worte nicht unkommentiert lassen.

„All das ist gut, um Kinder damit zu erschrecken“, sagte er. „Ich kriege Sie noch.“

Es war sehr gut gesagt, ohne Hohn, mit einer fast strengen Ruhe.

„Zweifellos“, lautete die Antwort; „aber es gibt keine Zeit wie die Gegenwart, glauben Sie mir. Für einen Mann mit echten Überzeugungen ist dies eine feine Gelegenheit zur Selbstaufopferung. Vielleicht finden Sie keine andere so günstige, so humane. Es ist nicht einmal eine Katze in unserer Nähe, und diese verfallenen alten Häuser würden einen guten Haufen Ziegelsteine abgeben, wo Sie stehen. Sie werden mich nie mit so wenig Kosten an Leben und Eigentum bekommen, zu deren Schutz Sie bezahlt werden.“

„Sie wissen nicht, mit wem Sie sprechen“, sagte Chief Inspector Heat fest. „Wenn ich jetzt Hand an Sie legen würde, wäre ich nicht besser als Sie selbst.“

„Ah! Das Spiel!“

„Sie können sicher sein, dass unsere Seite am Ende gewinnen wird. Es mag noch notwendig werden, die Leute glauben zu machen, dass einige von Ihnen wie tollwütige Hunde auf der Stelle erschossen werden sollten. Dann wird das das Spiel sein. Aber ich will verdammt sein, wenn ich wüsste, was Ihres ist. Ich glaube nicht, dass Sie es selbst wissen. Sie werden damit nie etwas erreichen.“

„Unterdessen sind Sie es, der etwas davon hat – bis jetzt. Und Sie bekommen es auch noch leicht. Ich spreche nicht von Ihrem Gehalt, aber haben Sie sich nicht Ihren Namen einfach dadurch gemacht, dass Sie nicht verstehen, worauf wir aus sind?“

„Worauf sind Sie dann aus?“, fragte Chief Inspector Heat mit spöttischer Eile, wie ein Mann in Eile, der merkt, dass er seine Zeit verschwendet.

Der vollkommene Anarchist antwortete mit einem Lächeln, das seine dünnen, farblosen Lippen nicht voneinander trennte; und der berühmte Chief Inspector empfand ein Gefühl der Überlegenheit, das ihn dazu veranlasste, einen warnenden Finger zu heben.

„Geben Sie es auf – was immer es auch ist“, sagte er in einem mahnenden Ton, aber nicht so freundlich, als würde er sich herablassen, einem Einbrecher von Ruf einen guten Rat zu geben. „Geben Sie es auf. Sie werden sehen, dass wir zu viele für Sie sind.“

Das starre Lächeln auf den Lippen des Professors schwankte, als ob der spöttische Geist in seinem Inneren seine Sicherheit verloren hätte. Chief Inspector Heat fuhr fort:

„Glauben Sie mir nicht, was? Nun, Sie müssen sich nur umsehen. Wir sind es. Und überhaupt, Sie machen es nicht gut. Sie richten immer ein Durcheinander an. Warum, wenn die Diebe ihre Arbeit nicht besser verstünden, würden sie verhungern.“

Der Hinweis auf eine unbesiegbare Menge im Rücken dieses Mannes weckte eine düstere Entrüstung in der Brust des Professors. Er lächelte nicht mehr sein rätselhaftes und spöttisches Lächeln. Die Widerstandskraft von Zahlen, die unangreifbare Stoischheit einer großen Menge war die quälende Furcht seiner finsteren Einsamkeit. Seine Lippen zitterten einige Zeit, bevor es ihm gelang, mit erstickter Stimme zu sagen:

„Ich mache meine Arbeit besser, als Sie Ihre machen.“

„Das reicht jetzt“, unterbrach Chief Inspector Heat hastig; und der Professor lachte diesmal laut auf. Während er noch lachte, ging er weiter; doch er lachte nicht lange. Ein traurig blickender, elender kleiner Mann war es, der aus der engen Gasse in das Gedränge der breiten Hauptstraße trat. Er schritt mit dem kraftlosen Gang eines Landstreichers dahin, immer weiter, gleichgültig gegenüber Regen oder Sonne, in einer unheimlichen Losgelöstheit von den Erscheinungen des Himmels und der Erde. Chief Inspector Heat hingegen, nachdem er ihn eine Weile beobachtet hatte, schritt mit der zielstrebigen Munterkeit eines Mannes aus, der die Unbilden des Wetters zwar nicht übersah, sich aber einer autorisierten Mission auf dieser Erde und dem moralischen Rückhalt seiner Art bewusst war. Alle Bewohner der riesigen Stadt, die Bevölkerung des ganzen Landes und sogar die wimmelnden Millionen, die auf dem Planeten rangen, standen hinter ihm – bis hinunter zu den Dieben und Bettlern. Ja, selbst die Diebe würden ihn bei seiner gegenwärtigen Arbeit gewiss unterstützen. Das Bewusstsein des universellen Rückhalts in seiner allgemeinen Tätigkeit stählte ihn, das besondere Problem anzupacken.

Das Problem, das unmittelbar vor dem Chief Inspector lag, war der Umgang mit dem Assistant Commissioner seiner Dienststelle, seinem direkten Vorgesetzten. Dies ist das ewige Problem der treuen und loyalen Diener; der Anarchismus verlieh ihm seine besondere Färbung, aber nicht mehr. Um die Wahrheit zu sagen, der Chief Inspector hielt nicht viel vom Anarchismus. Er maß ihm keine übermäßige Bedeutung bei und konnte sich nie dazu durchringen, ihn ernst zu nehmen. Er hatte eher den Charakter von ungebührlichem Benehmen; ungebührlich ohne die menschliche Entschuldigung der Trunkenheit, die immerhin ein gutes Gefühl und eine liebenswürdige Neigung zur Fröhlichkeit impliziert. Als Kriminelle waren Anarchisten eindeutig keine Klasse – überhaupt keine Klasse. Und während er an den Professor dachte, murmelte der Chief Inspector, ohne seinen schwungvollen Schritt zu verlangsamen, durch die Zähne:

„Wahnsinniger.“

Diebe zu fangen war eine ganz andere Sache. Es hatte die Qualität von Ernsthaftigkeit, die jeder Form von offenem Sport eigen ist, bei dem der Beste nach vollkommen verständlichen Regeln gewinnt. Für den Umgang mit Anarchisten gab es keine Regeln. Und das war dem Chief Inspector zuwider. Es war alles nur Dummheit, aber diese Dummheit erregte die öffentliche Meinung, beeinflusste Personen in hohen Ämtern und berührte internationale Beziehungen. Eine harte, mitleidlose Verachtung legte sich starr auf das Gesicht des Chief Inspectors, während er weiterging. Sein Geist ging alle Anarchisten seiner Herde durch. Keiner von ihnen hatte auch nur halb so viel Mumm wie dieser oder jener Einbrecher, den er kannte. Nicht halb – nicht ein Zehntel.

Im Hauptquartier wurde der Chief Inspector sofort in das Privatbüro des Assistant Commissioners vorgelassen. Er fand ihn, den Stift in der Hand, über einen großen Tisch gebeugt, der mit Papieren übersät war, als würde er ein gewaltiges doppeltes Tintenfass aus Bronze und Kristall anbeten. Sprechrohre, die Schlangen glichen, waren mit ihren Köpfen an der Rückenlehne des hölzernen Armstuhls des Assistant Commissioners befestigt, und ihre aufgerissenen Mäuler schienen bereit, in seine Ellbogen zu beißen. Und in dieser Haltung hob er nur seine Augen, deren Lider dunkler als sein Gesicht und sehr faltig waren. Die Berichte waren eingegangen: Jeder Anarchist war exakt erfasst worden.

Nachdem er dies gesagt hatte, senkte er die Augen, unterzeichnete rasch zwei einzelne Blätter Papier und legte erst dann den Stift weg, lehnte sich weit zurück und richtete einen fragenden Blick auf seinen berühmten Untergebenen. Der Chief Inspector hielt ihm stand, ehrerbietig, aber undurchschaubar.

„Ich nehme an, Sie hatten recht“, sagte der Assistant Commissioner, „als Sie mir anfangs sagten, die Londoner Anarchisten hätten hiermit nichts zu tun. Ich weiß die ausgezeichnete Überwachung, die Ihre Leute ausüben, durchaus zu schätzen. Andererseits läuft dies für die Öffentlichkeit auf nichts weiter als ein Eingeständnis von Unwissenheit hinaus.“

Die Ausdrucksweise des Assistant Commissioners war gemächlich, gleichsam vorsichtig. Sein Gedanke schien auf einem Wort zu ruhen, bevor er zum nächsten überging, als wären Worte die Trittsteine für seinen Intellekt, der sich seinen Weg über die Gewässer des Irrtums bahnte. „Es sei denn, Sie hätten etwas Nützliches aus Greenwich mitgebracht“, fügte er hinzu.

Der Chief Inspector begann sofort mit dem Bericht über seine Ermittlungen in einer klaren, sachlichen Art. Sein Vorgesetzter drehte seinen Stuhl ein wenig, kreuzte seine dünnen Beine und lehnte sich seitwärts auf seinen Ellbogen, wobei eine Hand seine Augen beschattete. Seine zuhörende Haltung hatte eine Art kantiger und trauriger Anmut. Schimmer wie von hochglanzpoliertem Silber spielten auf den Seiten seines ebenholzschwarzen Kopfes, als er ihn am Ende langsam neigte.

Chief Inspector Heat wartete mit dem Anschein, alles soeben Gesagte im Geiste zu durchdenken, doch in Wirklichkeit erwog er die Ratsamkeit, noch etwas hinzuzufügen. Der Assistant Commissioner unterbrach sein Zögern.

„Sie glauben, es waren zwei Männer?“, fragte er, ohne seine Augen freizugeben.

Der Chief Inspector hielt es für mehr als wahrscheinlich. Seiner Meinung nach hatten sich die zwei Männer innerhalb von hundert Yards von den Mauern des Observatoriums getrennt. Er erklärte auch, wie der andere Mann den Park schnell und unbemerkt hätte verlassen können. Der Nebel, obwohl nicht sehr dicht, spielte ihm in die Karten. Er schien den anderen bis zu der Stelle begleitet und ihn dann dort gelassen zu haben, damit er den Auftrag allein erledigte. Wenn man die Zeit, zu der die beiden von der alten Frau aus der Maze Hill Station kommen gesehen wurden, und die Zeit, zu der die Explosion gehört wurde, nahm, dachte der Chief Inspector, dass der andere Mann möglicherweise bereits in der Greenwich Park Station gewesen sein könnte, bereit, den nächsten Zug nach oben zu nehmen, in dem Moment, als sein Kamerad sich so gründlich selbst vernichtete.

„Sehr gründlich – eh?“, murmelte der Assistant Commissioner unter dem Schatten seiner Hand.

Der Chief Inspector beschrieb mit wenigen kräftigen Worten das Aussehen der Überreste. „Die Geschworenen des Coroners werden ihre Freude haben“, fügte er grimmig hinzu.

Der Assistant Commissioner entblößte seine Augen.

„Wir werden ihnen nichts zu sagen haben“, bemerkte er lustlos.

Er blickte auf und beobachtete eine Weile die ausgesprochen unverbindliche Haltung seines Chief Inspectors. Sein Wesen war eines, das Illusionen nicht leicht zugänglich ist. Er wusste, dass eine Dienststelle der Gnade ihrer untergeordneten Beamten ausgeliefert ist, die ihre eigenen Vorstellungen von Loyalität haben. Seine Karriere hatte in einer tropischen Kolonie begonnen. Er hatte seine Arbeit dort gemocht. Es war Polizeiarbeit. Er war sehr erfolgreich darin gewesen, bestimmte ruchlose Geheimgesellschaften unter den Eingeborenen aufzuspüren und zu zerschlagen. Dann nahm er seinen langen Urlaub und heiratete eher impulsiv. Es war eine gute Partie vom gesellschaftlichen Standpunkt aus, aber seine Frau hatte sich aufgrund von Hörensagen eine ungünstige Meinung über das koloniale Klima gebildet. Andererseits hatte sie einflussreiche Verbindungen. Es war eine ausgezeichnete Partie. Aber er mochte die Arbeit, die er jetzt tun musste, nicht. Er fühlte sich von zu vielen Untergebenen und zu vielen Vorgesetzten abhängig. Die nahe Präsenz jenes seltsamen emotionalen Phänomens, das man öffentliche Meinung nennt, lastete auf seinem Gemüt und beunruhigte ihn durch seine irrationale Natur. Zweifellos überschätzte er aus Unwissenheit ihre Macht zum Guten und Bösen – vor allem zum Bösen; und die rauen Ostwinde des englischen Frühlings (die seiner Frau bekamen) verstärkten sein allgemeines Misstrauen gegenüber den Motiven der Menschen und der Effizienz ihrer Organisation. Die Sinnlosigkeit der Büroarbeit entsetzte ihn besonders an jenen Tagen, die für seine empfindliche Leber so anstrengend waren.

Er stand auf, entfaltete sich zu seiner vollen Größe und bewegte sich mit einer Schwere des Schrittes, die bei einem so schlanken Mann bemerkenswert war, durch das Zimmer zum Fenster. Die Scheiben waren vom Regen durchtränkt, und die kurze Straße, auf die er hinabblickte, lag nass und leer da, als wäre sie plötzlich von einer großen Flut hinweggefegt worden. Es war ein sehr anstrengender Tag, der anfangs in rohem Nebel erstickte und nun in kaltem Regen ertrank. Die flackernden, verschwommenen Flammen der Gaslaternen schienen sich in einer wässrigen Atmosphäre aufzulösen. Und die hochtrabenden Ansprüche der Menschheit, die von der elenden Würdelosigkeit des Wetters unterdrückt wurde, erschienen als eine kolossale und hoffnungslose Eitelkeit, die Spott, Staunen und Mitleid verdiente.

„Schrecklich, schrecklich!“, dachte der Assistant Commissioner bei sich, während sein Gesicht nahe an der Fensterscheibe war. „Wir haben diese Art von Wetter nun schon seit zehn Tagen; nein, seit vierzehn Tagen – vierzehn Tagen.“ Er hörte für eine Weile ganz auf zu denken. Diese vollkommene Stille seines Gehirns dauerte etwa drei Sekunden. Dann sagte er pflichtschuldig: „Sie haben Nachforschungen eingeleitet, um diesen anderen Mann auf der Strecke aufzuspüren?“

Er hatte keinen Zweifel daran, dass alles Notwendige getan worden war. Chief Inspector Heat verstand natürlich das Geschäft der Menschenjagd gründlich. Und dies waren die Routine-Schritte, die ohnehin jeder Anfänger wie selbstverständlich unternommen hätte. Ein paar Erkundigungen bei den Fahrkartenkontrolleuren und den Gepäckträgern der zwei kleinen Bahnhöfe würden zusätzliche Details über das Aussehen der zwei Männer liefern; die Überprüfung der gesammelten Fahrkarten würde sofort zeigen, woher sie an jenem Morgen kamen. Es war elementar und konnte nicht vernachlässigt worden sein. Dementsprechend antwortete der Chief Inspector, dass all dies getan worden war, sobald die alte Frau mit ihrer Aussage hervorgetreten war. Und er nannte den Namen einer Station. „Daher kamen sie, Sir“, fuhr er fort. „Der Gepäckträger, der in Maze Hill die Fahrkarten abnahm, erinnert sich an zwei Typen, die der Beschreibung entsprachen, wie sie die Barriere passierten. Sie schienen ihm zwei respektable Arbeiter von der besseren Sorte zu sein – Schildermaler oder Dekorateure. Der große Mann stieg rückwärts aus einem Abteil dritter Klasse, mit einer hellen Blechdose in der Hand. Auf dem Bahnsteig gab er sie dem blonden jungen Kerl, der ihm folgte, zum Tragen. Das alles stimmt genau mit dem überein, was die alte Frau dem Polizeisergeant in Greenwich erzählt hat.“

Der Assistant Commissioner, immer noch mit dem Gesicht zum Fenster gewandt, drückte seine Zweifel aus, dass diese zwei Männer etwas mit dem Anschlag zu tun gehabt hätten. Diese ganze Theorie beruhte auf den Äußerungen einer alten Putzfrau, die beinahe von einem Mann in Eile umgestoßen worden wäre. Wahrlich keine sehr substanzielle Autorität, es sei denn aufgrund plötzlicher Inspiration, was kaum haltbar war.

„Ehrlich gesagt, könnte sie wirklich inspiriert gewesen sein?“, fragte er mit ernster Ironie, wobei er den Rücken zum Raum wandte, als wäre er in die Betrachtung der kolossalen Formen der Stadt versunken, die halb in der Nacht verloren gingen. Er sah sich nicht einmal um, als er das Gemurmel des Wortes „göttliche Fügung“ von dem wichtigsten Untergebenen seiner Dienststelle hörte, dessen Name, der manchmal in den Zeitungen gedruckt wurde, der breiten Öffentlichkeit als der eines ihrer eifrigsten und hart arbeitendsten Beschützer bekannt war. Chief Inspector Heat hob seine Stimme ein wenig.

„Streifen und Stücke von hellem Blech waren für mich ganz deutlich sichtbar“, sagte er. „Das ist eine ziemlich gute Bestätigung.“

„Und diese Männer kamen von jener kleinen Landstation“, sinnierte der Assistant Commissioner laut, sich wundernd. Ihm wurde gesagt, dass dies der Name auf zwei von drei Fahrkarten gewesen sei, die aus jenem Zug in Maze Hill abgegeben wurden. Die dritte Person, die ausstieg, war ein Händler aus Gravesend, der den Gepäckträgern wohlbekannt war. Der Chief Inspector vermittelte diese Information in einem Ton der Endgültigkeit mit einiger schlechter Laune, wie es loyale Diener im Bewusstsein ihrer Treue und mit dem Sinn für den Wert ihrer loyalen Bemühungen tun. Und dennoch wandte sich der Assistant Commissioner nicht von der Dunkelheit draußen ab, die so weit wie ein Meer war.

„Zwei ausländische Anarchisten, die von jenem Ort kommen“, sagte er, scheinbar zur Fensterscheibe. „Das ist ziemlich unerklärlich.“

„Ja, Sir. Aber es wäre noch unerklärlicher, wenn dieser Michaelis nicht in einem Häuschen in der Nachbarschaft wohnen würde.“

Beim Klang dieses Namens, der unerwartet in diese lästige Angelegenheit fiel, verwarf der Assistant Commissioner brüsk die vage Erinnerung an seine tägliche Whist-Partie in seinem Club. Es war die tröstlichste Gewohnheit seines Lebens, in einer hauptsächlich erfolgreichen Zurschaustellung seines Könnens ohne die Hilfe irgendeines Untergebenen. Er betrat seinen Club, um von fünf bis sieben zu spielen, bevor er zum Abendessen nach Hause ging, und vergaß für diese zwei Stunden alles, was ihm im Leben zuwider war, als ob das Spiel eine wohltuende Droge wäre, um die Schmerzen der moralischen Unzufriedenheit zu lindern. Seine Partner waren der düster-humorvolle Herausgeber eines berühmten Magazins; ein schweigsamer, älterer Rechtsanwalt mit boshaften kleinen Augen; und ein überaus kriegerischer, einfältiger alter Oberst mit nervösen braunen Händen. Sie waren lediglich seine Club-Bekanntschaften. Er traf sie nirgendwo sonst außer am Kartentisch. Aber sie schienen sich alle dem Spiel im Geiste von Leidensgenossen zu nähern, als wäre es tatsächlich eine Droge gegen die geheimen Übel des Daseins; und jeden Tag, wenn die Sonne über den zahllosen Dächern der Stadt unterging, erhellte eine sanfte, angenehme Ungeduld, die dem Impuls einer sicheren und tiefen Freundschaft glich, seine berufliche Arbeit. Und nun wich dieses angenehme Gefühl aus ihm mit etwas, das einem physischen Schock glich, und wurde durch eine besondere Art von Interesse an seiner Arbeit des sozialen Schutzes ersetzt – eine ungebührliche Art von Interesse, die man am besten als ein plötzliches und wachsames Misstrauen gegenüber der Waffe in seiner Hand definieren kann.

KAPITEL VI

Die Gönnerin von Michaelis, dem auf Bewährung entlassenen Apostel humanitärer Hoffnungen, war eine der einflussreichsten und angesehensten Verbindungen der Frau des Assistant Commissioners, die sie Annie nannte und immer noch eher wie ein nicht sehr kluges und völlig unerfahrenes junges Mädchen behandelte. Aber sie hatte sich bereit erklärt, ihn auf freundschaftlichem Fuß zu akzeptieren, was keineswegs bei allen einflussreichen Verbindungen seiner Frau der Fall war. Jung und glanzvoll in einer fernen Epoche der Vergangenheit verheiratet, hatte sie eine Zeit lang einen nahen Blick auf große Angelegenheiten und sogar auf einige große Männer geworfen. Sie selbst war eine große Dame. Jetzt alt an Jahren, besaß sie jene Art von außergewöhnlichem Temperament, das der Zeit mit spöttischer Missachtung trotzt, als wäre sie eine eher vulgäre Konvention, der sich die Masse der minderwertigen Menschheit unterwirft. Viele andere Konventionen, die leider leichter beiseitezuschieben wären, fanden bei ihr keine Anerkennung, ebenfalls aus temperamentvollen Gründen – entweder weil sie sie langweilten oder weil sie ihren Verachtungen und Sympathien im Wege standen. Bewunderung war ihr ein unbekanntes Gefühl (es war einer der geheimen Schmerzen ihres höchst noblen Ehemannes gegen sie) – erstens, weil sie immer mehr oder weniger mit Mittelmäßigkeit behaftet ist, und zweitens, weil sie gewissermaßen ein Eingeständnis von Unterlegenheit ist. Und beides war ihrem Wesen nach schlicht unvorstellbar. Furchtlos offen in ihren Meinungen zu sein, fiel ihr leicht, da sie ausschließlich vom Standpunkt ihrer sozialen Stellung aus urteilte. Sie war in ihren Handlungen ebenso ungehemmt; und da ihre Taktgefühl aus echter Menschlichkeit entsprang, ihre körperliche Vitalität bemerkenswert blieb und ihre Überlegenheit gelassen und herzlich war, hatten sie drei Generationen unendlich bewundert, und die letzte, die sie wahrscheinlich noch sehen würde, hatte sie als eine wunderbare Frau bezeichnet. Unterdessen intelligent, mit einer Art erhabener Einfachheit und im Herzen neugierig, aber nicht wie viele Frauen nur auf sozialen Klatsch aus, amüsierte sie ihr Alter, indem sie in ihrem Umkreis durch die Macht ihres großen, fast historischen, sozialen Prestiges alles anzog, was über den toten Durchschnitt der Menschheit hinausragte, rechtmäßig oder unrechtmäßig, durch Stellung, Witz, Kühnheit, Glück oder Unglück. Königliche Hoheiten, Künstler, Wissenschaftler, junge Staatsmänner und Scharlatane jeden Alters und jeder Bedingung, die, substanzlos und leicht, wie Korken auftauchend, am besten die Richtung der Oberflächenströmungen zeigen, waren in jenem Haus willkommen geheißen, angehört, durchschaut, verstanden, bewertet worden, zu ihrer eigenen Erbauung. In ihren eigenen Worten drückte sie aus, dass sie gerne beobachte, wohin die Welt steuere. Und da sie einen praktischen Geist hatte, war ihr Urteil über Menschen und Dinge, obwohl auf besonderen Vorurteilen basierend, selten völlig falsch und fast nie verblendet. Ihr Salon war wahrscheinlich der einzige Ort auf der weiten Welt, an dem ein Assistant Commissioner der Polizei einen auf Bewährung entlassenen Sträfling auf einer anderen als einer professionellen und offiziellen Grundlage treffen konnte. Wer Michaelis eines Nachmittags dorthin gebracht hatte, daran erinnerte sich der Assistant Commissioner nicht mehr genau. Er hatte eine Vorstellung, es müsse ein gewisser Parlamentsabgeordneter von illustrer Abstammung und unkonventionellen Sympathien gewesen sein, die der ständige Witz der komischen Zeitungen waren. Die Prominenten und sogar die einfachen Bekanntheiten des Tages brachten einander frei in jenen Tempel der nicht unedlen Neugier einer alten Frau. Man konnte nie erraten, wen man dort in halber Privatsphäre empfangen sah, hinter dem verblichenen blauen Seiden- und vergoldeten Rahmenschirm, der eine gemütliche Nische für eine Couch und ein paar Armstühle in dem großen Salon bildete, mit seinem Summen von Stimmen und den Gruppen von Menschen, die im Licht von sechs hohen Fenstern saßen oder standen.

Michaelis war das Objekt eines Umschwungs der öffentlichen Stimmung gewesen, derselben Stimmung, die vor Jahren die Härte der lebenslangen Haftstrafe applaudiert hatte, die gegen ihn wegen Mittäterschaft an einem ziemlich verrückten Versuch verhängt worden war, einige Gefangene aus einem Polizeiwagen zu befreien. Der Plan der Verschwörer war gewesen, die Pferde niederzuschießen und die Eskorte zu überwältigen. Unglücklicherweise wurde auch einer der Polizeibeamten erschossen. Er hinterließ eine Frau und drei kleine Kinder, und der Tod jenes Mannes löste in der Länge und Breite eines Reiches, für dessen Verteidigung, Wohlergehen und Ruhm Menschen jeden Tag als Pflicht sterben, einen Ausbruch wütender Empörung aus, ein wütendes, unversöhnliches Mitleid für das Opfer. Drei Rädelsführer wurden gehängt. Michaelis, jung und schlank, von Beruf Schlosser und großer Besucher von Abendschulen, wusste nicht einmal, dass jemand getötet worden war; sein Teil mit ein paar anderen war es, die Tür an der Rückseite des Spezialwagens aufzubrechen. Als er verhaftet wurde, hatte er einen Bund Dietrich-Schlüssel in der einen Tasche, einen schweren Meißel in der anderen und ein kurzes Brecheisen in der Hand: weder mehr noch weniger als ein Einbrecher. Aber kein Einbrecher hätte ein solch schweres Urteil erhalten. Der Tod des Polizisten hatte ihn im Herzen betrübt, aber auch das Scheitern des Komplotts. Er verhehlte keines dieser Gefühle vor seinen Geschworenen, und diese Art von Gewissensbissen erschien dem überfüllten Gericht schockierend unzureichend. Der Richter kommentierte bei der Urteilsverkündung gefühlvoll die Verdorbenheit und Gefühllosigkeit des jungen Gefangenen.

Das machte den grundlosen Ruhm seiner Verurteilung aus; der Ruhm seiner Entlassung wurde für ihn aus nicht besseren Gründen von Leuten gemacht, die den sentimentalen Aspekt seiner Inhaftierung entweder für ihre eigenen Zwecke oder für gar keinen verständlichen Zweck ausbeuten wollten. Er ließ sie dies tun, in der Unschuld seines Herzens und der Einfachheit seines Geistes. Nichts, was ihm persönlich geschah, hatte irgendeine Bedeutung. Er war wie jene heiligen Männer, deren Persönlichkeit in der Betrachtung ihres Glaubens verloren geht. Seine Ideen waren nicht von der Art von Überzeugungen. Sie waren der Vernunft unzugänglich. Sie bildeten in all ihren Widersprüchen und Unklarheiten ein unbesiegbares und humanitäres Credo, das er eher bekannte als predigte, mit einer hartnäckigen Sanftmut, einem Lächeln friedlicher Zuversicht auf seinen Lippen und seinen offenen blauen Augen nach unten gerichtet, weil der Anblick von Gesichtern seine in Einsamkeit entwickelte Inspiration störte. In dieser charakteristischen Haltung, pathetisch in seiner grotesken und unheilbaren Fettleibigkeit, die er wie die Kugel eines Galeerensklaven bis zum Ende seiner Tage hinter sich herziehen musste, erblickte der Assistant Commissioner der Polizei den auf Bewährung entlassenen Apostel, der einen privilegierten Armstuhl hinter dem Schirm ausfüllte. Er saß dort am Kopf der Couch der alten Dame, mit milder Stimme und ruhig, mit nicht mehr Selbstbewusstsein als ein sehr kleines Kind, und mit etwas von dem Charme eines Kindes – dem ansprechenden Charme der Vertrauensseligkeit. Zuversichtlich in die Zukunft, deren geheime Wege ihm innerhalb der vier Wände eines bekannten Gefängnisses offenbart worden waren, hatte er keinen Grund, irgendjemanden mit Misstrauen zu betrachten. Wenn er der großen und neugierigen Dame keine sehr konkrete Vorstellung davon geben konnte, wohin die Welt steuerte, so hatte er es ohne Anstrengung geschafft, sie durch seinen unbitteren Glauben, durch die echte Qualität seines Optimismus zu beeindrucken.

Eine gewisse Einfachheit des Denkens ist heiteren Seelen an beiden Enden der sozialen Skala gemein. Die große Dame war auf ihre eigene Art einfach. Seine Ansichten und Überzeugungen enthielten nichts, was sie hätte schockieren oder erschrecken können, da sie diese vom Standpunkt ihrer erhabenen Position aus beurteilte. Tatsächlich waren ihre Sympathien für einen Mann dieser Art leicht zugänglich. Sie selbst war keine ausbeuterische Kapitalistin; sie stand gewissermaßen über dem Spiel der wirtschaftlichen Verhältnisse. Und sie besaß ein großes Fassungsvermögen für Mitleid mit den offenkundigeren Formen menschlichen Elends, gerade weil ihr diese so vollkommen fremd waren, dass sie ihre Vorstellung erst in Begriffe geistigen Leidens übersetzen musste, bevor sie die Grausamkeit dieser Not begreifen konnte. Der Assistant Commissioner erinnerte sich sehr gut an das Gespräch zwischen den beiden. Er hatte schweigend zugehört. Es war in gewisser Weise etwas ebenso Aufregendes und in seiner zum Scheitern verurteilten Sinnlosigkeit sogar Rührendes daran wie an den Bemühungen um moralischen Austausch zwischen den Bewohnern entfernter Planeten. Doch diese groteske Verkörperung humanitärer Leidenschaft sprach irgendwie die Vorstellungskraft an. Schließlich erhob sich Michaelis, nahm die ausgestreckte Hand der großen Dame, schüttelte sie, hielt sie einen Moment lang in seiner großen, gepolsterten Handfläche mit ungekünstelter Freundlichkeit fest und wandte dem halb privaten Winkel des Salons seinen Rücken zu, der breit und quadratisch war und unter der kurzen Tweedjacke fast aufgedunsen wirkte. Mit heiterem Wohlwollen umherblickend, watschelte er zwischen den Grüppchen anderer Besucher zum entfernten Ausgang. Das Murmeln der Unterhaltungen verstummte bei seinem Vorübergehen. Er lächelte unschuldig ein großes, strahlendes Mädchen an, dessen Augen zufällig die seinen trafen, und ging hinaus, ohne die Blicke zu bemerken, die ihm durch den Raum folgten. Michaelis’ erster Auftritt in der Welt war ein Erfolg – ein Erfolg der Wertschätzung, der durch kein einziges Raunen des Spotts getrübt wurde. Die unterbrochenen Gespräche wurden in ihrem angemessenen Ton wieder aufgenommen, ob ernst oder leicht. Nur ein wohlgebauter, langgliedriger, aktiv wirkender Mann von vierzig Jahren, der mit zwei Damen in der Nähe eines Fensters sprach, bemerkte laut mit unerwarteter Gefühlstiefe: „Achtzehn Stone, würde ich sagen, und keine fünf Fuß sechs. Armer Kerl! Es ist schrecklich – schrecklich.“

Die Hausherrin, die geistesabwesend zum Assistant Commissioner hinüberstarrte, der allein mit ihr auf der privaten Seite des Wandschirms zurückgeblieben war, schien hinter der nachdenklichen Unbeweglichkeit ihres schönen alten Gesichts ihre Eindrücke neu zu ordnen. Männer mit grauen Schnurrbärten und vollen, gesunden, vage lächelnden Gesichtern näherten sich und umkreisten den Wandschirm; zwei reife Frauen mit mütterlicher Miene von anmutiger Entschlossenheit; ein glatt rasierter Einzelner mit eingefallenen Wangen, der ein goldgefasstes Monokel an einem breiten schwarzen Band mit einem altmodischen, geckhaften Effekt baumeln ließ. Ein respektvolles, aber reserviertes Schweigen herrschte einen Moment lang, und dann rief die große Dame aus, nicht mit Groll, sondern mit einer Art protestierender Entrüstung:

„Und das soll offiziell ein Revolutionär sein! Was für ein Unsinn.“ Sie blickte den Assistant Commissioner fest an, der entschuldigend murmelte:

„Vielleicht kein gefährlicher.“

„Nicht gefährlich – das sollte ich meinen, wahrlich nicht. Er ist bloß ein Gläubiger. Es ist das Temperament eines Heiligen“, erklärte die große Dame in festem Ton. „Und sie haben ihn zwanzig Jahre lang eingesperrt. Man schaudert bei der Dummheit davon. Und jetzt, da sie ihn freigelassen haben, ist jeder, der zu ihm gehörte, irgendwohin fort oder tot. Seine Eltern sind tot; das Mädchen, das er heiraten wollte, ist gestorben, während er im Gefängnis war; er hat die Fertigkeit für seine manuelle Arbeit verloren. Er hat mir das alles selbst mit der süßesten Geduld erzählt; aber dann, sagte er, habe er genug Zeit gehabt, sich die Dinge selbst zu überlegen. Eine hübsche Entschädigung! Wenn das der Stoff ist, aus dem Revolutionäre gemacht sind, dann können einige von uns gut vor ihnen auf die Knie fallen“, fuhr sie mit leicht scherzhaftem Ton fort, während die banalen gesellschaftlichen Lächeln auf den weltlichen Gesichtern, die sich ihr mit konventioneller Ehrerbietung zuwandten, erstarrten. „Das arme Geschöpf ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Jemand wird sich ein wenig um ihn kümmern müssen.“

„Man sollte ihm empfehlen, eine Art Behandlung zu befolgen“, hörte man die soldatische Stimme des aktiv wirkenden Mannes aus der Ferne ernsthaft raten. Er war in einer erstklassigen körperlichen Verfassung für sein Alter, und selbst die Textur seines langen Gehrocks hatte einen Charakter von elastischer Gesundheit, als wäre er lebendiges Gewebe. „Der Mann ist praktisch ein Krüppel“, fügte er mit unverkennbarem Gefühl hinzu.

Andere Stimmen murmelten, als seien sie froh über den Anlass, hastiges Mitleid. „Ganz erschreckend“, „Monströs“, „Sehr schmerzlich anzusehen.“ Der hagere Mann mit dem Monokel an einem breiten Band sprach näselnd das Wort „Grotesk“ aus, dessen Trefflichkeit von den in seiner Nähe Stehenden gewürdigt wurde. Sie lächelten einander zu.

Der Assistant Commissioner hatte weder damals noch später eine Meinung geäußert, da es ihm seine Stellung unmöglich machte, irgendeine unabhängige Ansicht über einen Sträfling auf Bewährung zu äußern. Doch in Wahrheit teilte er die Ansicht der Freundin und Gönnerin seiner Frau, dass Michaelis ein humanitärer Sentimentalist sei, ein wenig verrückt, aber im Großen und Ganzen unfähig, absichtlich einer Fliege etwas zuleide zu tun. Als also dieser Name plötzlich in dieser ärgerlichen Bombenaffäre auftauchte, erkannte er die ganze Gefahr, die für den Apostel auf Bewährung darin lag, und sein Geist wandte sich sofort der fest verwurzelten Vernarrtheit der alten Dame zu. Ihre willkürliche Güte würde nicht geduldig irgendeine Einmischung in Michaelis’ Freiheit dulden. Es war eine tiefe, ruhige, überzeugte Vernarrtheit. Sie hatte ihn nicht nur für harmlos gehalten, sondern sie hatte es auch ausgesprochen, was letzteres durch eine Verwirrung ihres absolutistischen Geistes zu einer Art unwiderlegbarem Beweis wurde. Es war, als ob die Monstrosität des Mannes mit seinen aufrichtigen Kinderaugen und einem fetten engelhaften Lächeln sie fasziniert hätte. Sie war dazu gekommen, fast an seine Theorie von der Zukunft zu glauben, da sie ihren Vorurteilen nicht widersprach. Sie mochte das neue Element der Plutokratie in der sozialen Mischung nicht, und Industrialismus als eine Methode menschlicher Entwicklung erschien ihr in seinem mechanischen und gefühllosen Charakter als ausgesprochen abstoßend. Die humanitären Hoffnungen des sanften Michaelis zielten nicht auf völlige Zerstörung, sondern lediglich auf den vollständigen wirtschaftlichen Ruin des Systems. Und sie sah wirklich nicht, wo der moralische Schaden dabei sein sollte. Es würde die ganze Menge der „Parvenus“ beseitigen, die sie missbilligte und denen sie misstraute, nicht weil sie irgendwo angekommen waren (das bestritt sie), sondern wegen ihrer tiefen Unintelligigenz gegenüber der Welt, was die Hauptursache für die Roheit ihrer Wahrnehmungen und die Trockenheit ihrer Herzen war. Mit der Vernichtung allen Kapitals würden auch sie verschwinden; aber ein universeller Ruin (vorausgesetzt, er wäre universell, wie es Michaelis offenbart wurde) würde die sozialen Werte unangetastet lassen. Das Verschwinden des letzten Geldstücks konnte Menschen ihrer Stellung nicht beeinträchtigen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es ihre Position beispielsweise beeinflussen sollte. Sie hatte diese Entdeckungen dem Assistant Commissioner mit all der heiteren Furchtlosigkeit einer alten Frau dargelegt, die der Fäulnis der Gleichgültigkeit entgangen war. Er hatte sich zur Regel gemacht, alles derartige in einem Schweigen entgegenzunehmen, das er aus Taktik und Neigung sorgfältig davor bewahrte, beleidigend zu wirken. Er hegte eine Zuneigung für die betagte Anhängerin von Michaelis, ein komplexes Gefühl, das ein wenig von ihrem Prestige und ihrer Persönlichkeit abhing, aber am meisten von dem Instinkt geschmeichelter Dankbarkeit. Er fühlte sich in ihrem Haus wirklich gemocht. Sie war die personifizierte Güte. Und sie war auch praktisch klug, auf die Art erfahrener Frauen. Sie machte sein Eheleben viel einfacher, als es ohne ihre großzügig volle Anerkennung seiner Rechte als Annies Ehemann gewesen wäre. Ihr Einfluss auf seine Frau, eine Frau, die von allerlei kleinen Selbstsuchten, kleinen Neidern und kleinen Eifersüchteleien zerfressen war, war ausgezeichnet. Unglücklicherweise waren sowohl ihre Güte als auch ihre Weisheit von unvernünftiger Art, deutlich weiblich und schwer zu handhaben. Sie blieb ihr ganzes langes Leben hindurch eine vollkommene Frau und nicht so, wie manche von ihnen werden – eine Art schlüpfriger, pestilenzialischer alter Mann in Unterröcken. Und als an eine Frau dachte er an sie – die besonders auserlesene Verkörperung des Weiblichen, in der die zarte, naive und wilde Leibwache für alle Arten von Männern rekrutiert wird, die unter dem Einfluss einer Emotion sprechen, sei sie wahr oder betrügerisch; für Prediger, Seher, Propheten oder Reformer.

Da er die angesehene und gute Freundin seiner Frau und sich selbst auf diese Weise wertschätzte, beunruhigte den Assistant Commissioner das mögliche Schicksal des Sträflings Michaelis. Einmal unter dem Verdacht verhaftet, in irgendeiner Weise, wenn auch entfernt, an diesem Frevel beteiligt zu sein, konnte der Mann kaum entgehen, zurückgeschickt zu werden, um zumindest seine Strafe zu verbüßen. Und das würde ihn töten; er würde nie lebend herauskommen. Der Assistant Commissioner machte eine Überlegung, die seiner offiziellen Stellung äußerst unangemessen war, ohne dabei wirklich seiner Menschlichkeit Ehre zu machen.

„Wenn man den Kerl wieder zu fassen bekommt“, dachte er, „wird sie mir das nie verzeihen.“

Die Offenheit eines solch heimlich ausgesprochenen Gedankens kam nicht ohne eine gewisse höhnische Selbstkritik aus. Kein Mann, der sich mit einer Arbeit beschäftigt, die er nicht mag, kann viele rettende Illusionen über sich selbst bewahren. Der Widerwille, das Fehlen von Glanz, erstrecken sich von der Beschäftigung auf die Persönlichkeit. Nur wenn unsere zugewiesenen Aktivitäten durch einen glücklichen Zufall dem besonderen Ernst unseres Temperaments zu entsprechen scheinen, können wir den Trost völliger Selbsttäuschung kosten. Der Assistant Commissioner mochte seine Arbeit zu Hause nicht. Die Polizeiarbeit, mit der er sich in einem entfernten Teil der Welt beschäftigt hatte, hatte den rettenden Charakter einer Art unregelmäßiger Kriegsführung oder zumindest das Risiko und die Aufregung eines Sportes im Freien gehabt. Seine wahren Fähigkeiten, die hauptsächlich administrativer Art waren, waren mit einem abenteuerlustigen Wesen gepaart. An einen Schreibtisch inmitten von vier Millionen Menschen gekettet, betrachtete er sich als Opfer eines ironischen Schicksals – desselben, zweifellos, das seine Ehe mit einer Frau herbeigeführt hatte, die in Bezug auf kolonialklimatische Verhältnisse überaus empfindlich war, neben anderen Einschränkungen, die von der Zartheit ihres Wesens – und ihrer Geschmäcker – zeugten. Obwohl er seine Besorgnis spöttisch beurteilte, wies er den ungebührlichen Gedanken nicht aus seinem Kopf. Der Selbsterhaltungstrieb war stark in ihm. Im Gegenteil, er wiederholte ihn gedanklich mit profaner Betonung und vollerer Präzision: „Verdammt! Wenn dieser höllische Heat seinen Willen bekommt, wird der Kerl im Gefängnis an seinem Fett ersticken, und sie wird mir das nie verzeihen.“

Seine schwarze, schmale Figur, mit dem weißen Band des Kragens unter den silbrigen Glanzlichtern auf dem kurz geschorenen Haar am Hinterkopf, blieb unbeweglich. Das Schweigen hatte so lange gedauert, dass Chief Inspector Heat es wagte, sich zu räuspern. Dieses Geräusch verfehlte seine Wirkung nicht. Der eifrige und intelligente Beamte wurde von seinem Vorgesetzten, dessen Rücken ihm unbeweglich zugewandt blieb, gefragt:

„Sie bringen Michaelis mit dieser Angelegenheit in Verbindung?“

Chief Inspector Heat war sehr bestimmt, aber vorsichtig.

„Nun, Sir“, sagte er, „wir haben genug, worauf wir uns stützen können. Ein Mann wie der hat jedenfalls nichts in Freiheit zu suchen.“

„Sie werden einige schlüssige Beweise brauchen“, kam die Bemerkung in einem Murmeln.

Chief Inspector Heat zog die Augenbrauen bei dem schwarzen, schmalen Rücken hoch, der seinem Verstand und seinem Eifer hartnäckig dargeboten blieb.

„Es wird keine Schwierigkeit geben, genügend Beweise gegen ihn zusammenzubekommen“, sagte er mit tugendhafter Selbstgefälligkeit. „Sie können sich in dieser Hinsicht auf mich verlassen, Sir“, fügte er ganz unnötig aus der Fülle seines Herzens hinzu; denn es schien ihm eine ausgezeichnete Sache zu sein, diesen Mann in der Hand zu haben, um ihn der Öffentlichkeit vorzuwerfen, sollte sie es für angemessen halten, in diesem Fall mit besonderer Entrüstung zu brüllen. Es war noch nicht zu sagen, ob sie brüllen würde oder nicht. Das hing im letzten Fall natürlich von der Presse ab. Aber auf jeden Fall glaubte Chief Inspector Heat, von Beruf Gefängnisbeschaffer und ein Mann mit rechtlichen Instinkten, logisch daran, dass Gefängnishaft das richtige Schicksal für jeden erklärten Feind des Gesetzes sei. In der Stärke dieser Überzeugung beging er einen Fehler im Takt. Er erlaubte sich ein kleines, eingebildetes Lachen und wiederholte:

„Verlassen Sie sich darauf, Sir.“

Das war zu viel für die erzwungene Ruhe, unter der der Assistant Commissioner seit über achtzehn Monaten seine Verärgerung über das System und die Untergebenen seines Amtes verborgen hatte. Als quadratischer Pflock, der in ein rundes Loch gezwungen wurde, empfand er die seit langem etablierte glatte Rundheit, in die sich ein Mann von weniger scharfkantiger Form nach einem Schulterzucken mit wollüstiger Zustimmung gefügt hätte, als tägliche Beleidigung. Was ihn am meisten ärgerte, war gerade die Notwendigkeit, so vieles für bare Münze zu nehmen. Bei dem kleinen Lachen von Chief Inspector Heat wirbelte er blitzschnell auf seinen Absätzen herum, als wäre er von einem elektrischen Schlag vom Fenster weggeschleudert worden. Er erhaschte auf dem Gesicht des anderen nicht nur die Selbstgefälligkeit, die zu diesem Anlass passte und unter dem Schnurrbart lauerte, sondern auch die Überreste experimenteller Wachsamkeit in den runden Augen, die zweifellos auf seinen Rücken gerichtet gewesen waren und nun seinem Blick für eine Sekunde begegneten, bevor der beabsichtigte Charakter ihres Starrens die Zeit hatte, sich in einen bloß erschrockenen Ausdruck zu verwandeln.

Der Assistant Commissioner der Polizei hatte durchaus einige Qualifikationen für seinen Posten. Plötzlich erwachte sein Verdacht. Es ist nur fair zu sagen, dass sein Misstrauen gegenüber den Methoden der Polizei (es sei denn, die Polizei war zufällig eine von ihm selbst organisierte halb-militärische Truppe) nicht schwer zu erwecken war. Wenn es aus reiner Müdigkeit jemals schlief, dann nur leicht; und seine Wertschätzung für den Eifer und die Fähigkeit von Chief Inspector Heat, an sich mäßig, schloss jeden Begriff von moralischem Vertrauen aus. „Er führt etwas im Schilde“, rief er gedanklich aus und wurde sofort wütend. Mit stürmischen Schritten zum Schreibtisch gehend, setzte er sich gewaltsam. „Hier stecke ich in einem Stapel Papier fest“, überlegte er mit unvernünftiger Verärgerung, „in der Annahme, alle Fäden in der Hand zu halten, und doch kann ich nur halten, was mir in die Hand gelegt wird, und nichts anderes. Und sie können die anderen Enden der Fäden befestigen, wo sie wollen.“

Er hob den Kopf und wandte seinem Untergebenen ein langes, mageres Gesicht mit den betonten Zügen eines tatkräftigen Don Quijote zu.

„Nun, was haben Sie da im Ärmel?“

Der andere starrte. Er starrte ohne zu blinzeln in vollkommener Unbeweglichkeit seiner runden Augen, wie er es gewohnt war, die verschiedenen Mitglieder der kriminellen Klasse anzustarren, wenn sie nach ordnungsgemäßer Belehrung ihre Aussagen im Ton verletzter Unschuld, falscher Einfalt oder mürrischer Resignation machten. Aber hinter dieser professionellen und steinernen Fixierung war auch etwas Überraschung, denn in einem solchen Ton, der die Note von Verachtung und Ungeduld fein kombinierte, war Chief Inspector Heat, die rechte Hand der Abteilung, nicht gewohnt, angesprochen zu werden. Er begann in einer zögerlichen Weise, wie ein Mann, der von einer neuen und unerwarteten Erfahrung überrascht wurde.

„Was ich gegen diesen Mann Michaelis habe, meinen Sie, Sir?“

Der Assistant Commissioner beobachtete den Schädel; die Spitzen des Schnurrbarts dieses nordischen Seefahrers, die unter die Linie des schweren Kiefers fielen; die ganze volle und blasse Physiognomie, deren entschlossener Charakter durch zu viel Fleisch beeinträchtigt war; die listigen Falten, die von den äußeren Augenwinkeln ausgingen – und in dieser zielgerichteten Betrachtung des wertvollen und vertrauenswürdigen Beamten schöpfte er eine Überzeugung, die so plötzlich war, dass sie ihn wie eine Inspiration bewegte.

„Ich habe Grund zu der Annahme, dass, als Sie in dieses Zimmer kamen“, sagte er in gemessenem Ton, „es nicht Michaelis war, der in Ihrem Kopf war; nicht hauptsächlich – vielleicht überhaupt nicht.“

„Sie haben Grund zu der Annahme, Sir?“, murmelte Chief Inspector Heat mit allem Anschein von Erstaunen, der bis zu einem gewissen Punkt echt genug war. Er hatte in dieser Angelegenheit eine heikle und verwirrende Seite entdeckt, die dem Entdecker ein gewisses Maß an Unaufrichtigkeit aufzwang – jene Art von Unaufrichtigkeit, die unter den Namen Geschick, Vorsicht, Diskretion an einem Punkt oder dem anderen in den meisten menschlichen Angelegenheiten auftaucht. Er fühlte sich in diesem Moment wie ein Seiltänzer, wenn mitten in der Vorstellung der Manager des Music Hall plötzlich aus der angemessenen managerischen Abgeschiedenheit herausstürmen und anfangen würde, am Seil zu rütteln. Empörung, das Gefühl der moralischen Unsicherheit, das durch ein solches verräterisches Vorgehen hervorgerufen wurde, gepaart mit der unmittelbaren Befürchtung eines Genickbruchs, würden ihn, umgangssprachlich ausgedrückt, in einen Zustand versetzen. Und da wäre auch eine skandalisierte Sorge um seine Kunst, da ein Mensch sich mit etwas Greifbarerer als seiner eigenen Persönlichkeit identifizieren und seinen Stolz irgendwo begründen muss, entweder in seiner sozialen Stellung, oder in der Qualität der Arbeit, die er tun muss, oder einfach in der Überlegenheit der Müßigkeit, die er glücklicherweise genießen darf.

„Ja“, sagte der Assistant Commissioner; „das habe ich. Ich will damit nicht sagen, dass Sie überhaupt nicht an Michaelis gedacht haben. Aber Sie geben der Tatsache, die Sie erwähnt haben, eine Bedeutung, die mir nicht ganz aufrichtig erscheint, Inspector Heat. Wenn das wirklich die Spur der Entdeckung ist, warum sind Sie ihr nicht sofort gefolgt, entweder persönlich oder indem Sie einen Ihrer Männer in dieses Dorf geschickt haben?“

„Glauben Sie, Sir, dass ich dort meine Pflicht versäumt habe?“, fragte der Chief Inspector in einem Ton, den er einfach nachdenklich zu machen versuchte. Da er unerwartet gezwungen war, seine Fähigkeiten auf die Aufgabe zu konzentrieren, sein Gleichgewicht zu bewahren, hatte er diesen Punkt ergriffen und sich einen Verweis eingehandelt; denn der Assistant Commissioner runzelte leicht die Stirn und bemerkte, dass dies eine sehr unangemessene Bemerkung sei.

„Aber da Sie sie gemacht haben“, fuhr er kalt fort, „werde ich Ihnen sagen, dass das nicht meine Meinung ist.“

Er hielt inne, mit einem direkten Blick seiner tief liegenden Augen, der ein volles Äquivalent zu dem unausgesprochenen Ende „und Sie wissen es“ war. Der Leiter der sogenannten Abteilung für besondere Verbrechen, der durch seine Stellung daran gehindert war, persönlich ins Freie zu gehen, um nach Geheimnissen zu suchen, die in schuldigen Herzen eingeschlossen waren, hatte eine Neigung, seine beträchtlichen Gaben zur Aufdeckung inkriminierender Wahrheit an seinen eigenen Untergebenen zu üben. Dieser eigentümliche Instinkt konnte kaum als Schwäche bezeichnet werden. Er war natürlich. Er war ein geborener Detektiv. Er hatte unbewusst seine Berufswahl bestimmt, und wenn er ihn jemals im Leben im Stich ließ, dann vielleicht in dem einen außergewöhnlichen Umstand seiner Ehe – was ebenfalls natürlich war. Da er nicht im Freien herumstreifen konnte, ernährte er sich von dem menschlichen Material, das ihm in seiner offiziellen Abgeschiedenheit zugeführt wurde. Wir können niemals aufhören, wir selbst zu sein.

Den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, die dünnen Beine übereinandergeschlagen und die Wange in die Handfläche seiner mageren Hand gebettet, gewann der für die Abteilung für besondere Verbrechen zuständige Assistant Commissioner mit wachsendem Interesse die Kontrolle über den Fall. Sein Chief Inspector war, wenn auch nicht ein absolut würdiger Gegner seiner Durchdringung, so doch zumindest der würdigste von allen, die er erreichen konnte. Ein Misstrauen gegenüber etablierten Rufnamen entsprach genau dem Charakter der Fähigkeiten des Assistant Commissioners als Detektiv. Sein Gedächtnis rief einen gewissen alten, fetten und wohlhabenden einheimischen Häuptling in der fernen Kolonie hervor, dem zu vertrauen und den als festen Freund und Unterstützer der von weißen Männern etablierten Ordnung und Legalität zu ehren, Tradition für die aufeinanderfolgenden Kolonialgouverneure gewesen war; während er, als man ihn skeptisch untersuchte, sich hauptsächlich als sein eigener guter Freund erwies und keines anderen. Nicht gerade ein Verräter, aber dennoch ein Mann mit vielen gefährlichen Vorbehalten in seiner Treue, verursacht durch eine gebührende Rücksicht auf seinen eigenen Vorteil, Komfort und Sicherheit. Ein Kerl von einiger Unschuld in seiner naiven Doppelzüngigkeit, aber nichtsdestotrotz gefährlich. Es dauerte eine Weile, ihn zu durchschauen. Er war auch körperlich ein großer Mann, und (unter Berücksichtigung des Farbunterschieds natürlich) erinnerte Chief Inspector Heats Aussehen seinen Vorgesetzten an ihn. Es waren nicht die Augen noch genau die Lippen. Es war bizarr. Aber berichtet Alfred Wallace in seinem berühmten Buch über den malaiischen Archipel nicht, wie er unter den Aru-Insulanern bei einem alten und nackten Wilden mit rußiger Haut eine eigentümliche Ähnlichkeit mit einem lieben Freund zu Hause entdeckte?

Zum ersten Mal seit er seinen Posten angetreten hatte, fühlte sich der Assistant Commissioner, als würde er für sein Gehalt etwas Wirkliches leisten. Und das war ein angenehmes Gefühl. „Ich werde ihn wie einen alten Handschuh umkrempeln“, dachte der Assistant Commissioner, während seine Augen nachdenklich auf Chief Inspector Heat ruhten.

„Nein, das war nicht mein Gedanke“, begann er wieder. „Es besteht kein Zweifel, dass Sie Ihr Geschäft verstehen – absolut kein Zweifel; und genau deshalb habe ich...“ Er hielt inne und änderte seinen Ton: „Was könnten Sie gegen Michaelis von definitiver Natur vorbringen? Ich meine, abgesehen von der Tatsache, dass die beiden Männer, die unter Verdacht stehen – Sie sind sicher, dass es zwei von ihnen waren –, zuletzt von einem Bahnhof kamen, der drei Meilen von dem Dorf entfernt ist, in dem Michaelis jetzt lebt.“

„Das allein reicht uns schon aus, Sir, bei dieser Art von Mann“, sagte der Chief Inspector mit wiedergefundener Gelassenheit. Das leichte, anerkennende Kopfnicken des Assistant Commissioner trug viel dazu bei, das gekränkte Erstaunen des berühmten Beamten zu besänftigen. Denn Chief Inspector Heat war ein freundlicher Mann, ein ausgezeichneter Ehemann, ein hingebungsvoller Vater; und das öffentliche wie behördliche Vertrauen, dessen er sich erfreute, wirkte sich günstig auf sein liebenswürdiges Wesen aus und stimmte ihn freundlich gegenüber den aufeinanderfolgenden Assistant Commissioners, die er in eben diesem Büro hatte kommen und gehen sehen. Drei waren es in seiner Zeit gewesen. Der erste, eine soldatische, schroffe, rotgesichtige Person mit weißen Augenbrauen und einem explosiven Temperament, ließ sich mit einem seidenen Faden lenken. Er verließ den Dienst, als er die Altersgrenze erreichte. Der zweite, ein vollkommener Gentleman, der seinen eigenen Platz und den jedes anderen genau kannte, wurde bei seinem Rücktritt, um eine höhere Stelle außerhalb Englands anzutreten, für (eigentlich) Inspector Heats Dienste ausgezeichnet. Mit ihm zu arbeiten war ein Stolz und ein Vergnügen gewesen. Der dritte, von Anfang an ein wenig undurchschaubar, war für die Abteilung auch nach achtzehn Monaten noch immer ein unbeschriebenes Blatt. Alles in allem hielt Chief Inspector Heat ihn für im Grunde harmlos – sonderbar im Aussehen, aber harmlos. Er sprach gerade, und der Chief Inspector hörte mit äußerlicher Ehrerbietung zu (was nichts bedeutet, da es eine Frage der Pflicht ist) und innerlich mit wohlwollender Duldung.

„Michaelis hat sich gemeldet, bevor er London in Richtung Land verließ?“

„Ja, Sir. Das hat er.“

„Und was mag er dort treiben?“, fuhr der Assistant Commissioner fort, der über diesen Punkt bestens unterrichtet war. Eingezwängt in einen alten hölzernen Armlehnstuhl, vor einem wurmstichigen Eichentisch in einem Zimmer im Obergeschoss eines vierräumigen Häuschens mit moosbewachsenem Ziegeldach, schrieb Michaelis Tag und Nacht mit zittriger, schräger Handschrift jene „Autobiografie eines Gefangenen“, die wie ein Buch der Offenbarung in der Geschichte der Menschheit sein sollte. Die Enge, die Abgeschiedenheit und die Einsamkeit in einem kleinen vierräumigen Häuschen waren seiner Inspiration förderlich. Es war, als befände man sich im Gefängnis, nur dass man niemals für den abscheulichen Zweck gestört wurde, gemäß den tyrannischen Vorschriften seines alten Zuhauses in der Strafanstalt Sport treiben zu müssen. Er konnte nicht sagen, ob die Sonne noch auf die Erde schien oder nicht. Der Schweiß der literarischen Arbeit tropfte von seiner Stirn. Ein köstlicher Enthusiasmus trieb ihn an. Es war die Befreiung seines Innenlebens, das Hinauslassen seiner Seele in die weite Welt. Und der Eifer seiner arglosen Eitelkeit (die zuerst durch das Angebot von fünfhundert Pfund eines Verlegers geweckt worden war) erschien ihm wie vorherbestimmt und heilig.

„Es wäre natürlich äußerst wünschenswert, genau informiert zu sein“, beharrte der Assistant Commissioner unaufrichtig.

Chief Inspector Heat, der eine erneute Reizung über diese Zurschaustellung von Gewissenhaftigkeit verspürte, sagte, dass die Grafschaftspolizei von Anfang an über Michaelis’ Ankunft benachrichtigt worden sei und dass ein vollständiger Bericht in wenigen Stunden vorliegen könne. Ein Telegramm an den Superintendenten –

So sprach er, eher langsam, während sein Geist bereits die Konsequenzen abzuwägen schien. Ein leichtes Stirnrunzeln war das äußere Zeichen dafür. Doch er wurde durch eine Frage unterbrochen.

„Sie haben dieses Telegramm bereits abgeschickt?“

„Nein, Sir“, antwortete er, als sei er überrascht.

Der Assistant Commissioner schlug plötzlich die Beine übereinander. Die Lebhaftigkeit dieser Bewegung bildete einen Kontrast zu der beiläufigen Art, mit der er einen Vorschlag in den Raum warf.

„Glauben Sie etwa, dass Michaelis zum Beispiel etwas mit der Herstellung dieser Bombe zu tun hatte?“

Der Chief Inspector nahm eine nachdenkliche Haltung an.

„Das würde ich nicht sagen. Es gibt derzeit keine Notwendigkeit, irgendetwas zu sagen. Er verkehrt mit Männern, die als gefährlich eingestuft sind. Er wurde weniger als ein Jahr nach seiner bedingten Entlassung zum Delegierten des Roten Komitees ernannt. Eine Art Kompliment, nehme ich an.“

Und der Chief Inspector lachte ein wenig ärgerlich, ein wenig spöttisch. Bei einem Mann von dieser Art war Gewissenhaftigkeit ein fehlgeleitetes und sogar rechtswidriges Gefühl. Die Berühmtheit, die Michaelis vor zwei Jahren bei seiner Entlassung von einigen emotionalen Journalisten zuteilgeworden war, die spezielles Material brauchten, brannte ihm seither in der Brust. Es war vollkommen legal, diesen Mann bei dem geringsten Verdacht zu verhaften. Es war rechtmäßig und auf den ersten Blick zweckmäßig. Seine beiden früheren Vorgesetzten hätten den Punkt sofort verstanden; während dieser hier, ohne Ja oder Nein zu sagen, da saß, wie in einem Traum verloren. Zudem löste die Verhaftung von Michaelis, abgesehen davon, dass sie legal und zweckmäßig war, eine kleine persönliche Schwierigkeit, die Chief Inspector Heat ein wenig beunruhigte. Diese Schwierigkeit hatte Auswirkungen auf seinen Ruf, auf seinen Komfort und sogar auf die effiziente Erfüllung seiner Pflichten. Denn wenn Michaelis zweifellos etwas über diesen Anschlag wusste, war sich der Chief Inspector ziemlich sicher, dass er nicht zu viel wusste. Das war auch gut so. Er wusste viel weniger – da war sich der Chief Inspector sicher –, als gewisse andere Individuen, die er im Kopf hatte, deren Verhaftung ihm jedoch, abgesehen davon, dass sie aufgrund der Spielregeln eine kompliziertere Angelegenheit darstellte, als unzweckmäßig erschien. Die Spielregeln schützten Michaelis, der ein ehemaliger Strafgefangener war, nicht so sehr. Es wäre dumm, die rechtlichen Möglichkeiten nicht zu nutzen, und die Journalisten, die ihn mit emotionalem Geschwätz hochgeschrieben hatten, wären bereit, ihn mit emotionaler Empörung niederzuschreiben.

Diese Aussicht, die er mit Zuversicht betrachtete, hatte für Chief Inspector Heat den Reiz eines persönlichen Triumphs. Und tief in seinem untadeligen Busen eines durchschnittlichen verheirateten Bürgers, fast unbewusst, aber dennoch mächtig, meldete sich die Abneigung, durch die Ereignisse gezwungen zu werden, sich mit der verzweifelten Wildheit des Professors einzulassen. Diese Abneigung war durch das zufällige Treffen in der Gasse verstärkt worden. Die Begegnung hinterließ bei Chief Inspector Heat nicht jenes befriedigende Gefühl der Überlegenheit, das die Mitglieder der Polizei aus der inoffiziellen, aber intimen Seite ihres Umgangs mit den kriminellen Klassen gewinnen, durch die die Eitelkeit der Macht besänftigt und die vulgäre Liebe zur Beherrschung unserer Mitmenschen auf die ihr gebührende Weise geschmeichelt wird.

Der vollkommene Anarchist wurde von Chief Inspector Heat nicht als Mitmensch anerkannt. Er war unmöglich – ein toller Hund, den man in Ruhe lassen musste. Nicht, dass der Chief Inspector Angst vor ihm gehabt hätte; im Gegenteil, er hatte vor, ihn sich eines Tages zu schnappen. Aber noch nicht; er hatte vor, ihn sich zu seiner eigenen Zeit zu greifen, ordentlich und effektiv gemäß den Spielregeln. Die Gegenwart war nicht die richtige Zeit, um dieses Kunststück zu versuchen, nicht die richtige Zeit aus vielen Gründen, persönlichen und dienstlichen. Da dies das starke Gefühl von Inspector Heat war, erschien es ihm gerecht und angemessen, dass diese Angelegenheit von ihrem dunklen und unbequemen Pfad, der weiß der Himmel wohin führte, auf ein ruhiges (und rechtmäßiges) Abstellgleis namens Michaelis verschoben wurde. Und er wiederholte, als würde er den Vorschlag gewissenhaft neu überdenken:

„Die Bombe. Nein, das würde ich nicht genau sagen. Vielleicht werden wir das nie herausfinden. Aber es ist klar, dass er in irgendeiner Weise damit verbunden ist, was wir ohne große Mühe herausfinden können.“

Sein Gesichtsausdruck hatte jenen Blick von ernster, anmaßender Gleichgültigkeit, der den besseren Kreisen der Diebe einst wohlbekannt und sehr gefürchtet war. Chief Inspector Heat war zwar das, was man einen Mann nennt, aber kein lächelndes Tier. Doch sein innerer Zustand war der der Zufriedenheit über die passiv aufnahmebereite Haltung des Assistant Commissioner, der leise murmelte:

„Und Sie glauben wirklich, dass die Untersuchung in diese Richtung gelenkt werden sollte?“

„Das tue ich, Sir.“

„Völlig überzeugt?“

„Das bin ich, Sir. Das ist der richtige Weg für uns.“

Der Assistant Commissioner nahm die Stütze seiner Hand von seinem ruhenden Kopf mit einer Plötzlichkeit, die, in Anbetracht seiner trägen Haltung, die ganze Person mit dem Zusammenbruch zu bedrohen schien. Doch im Gegenteil, er setzte sich extrem wachsam hinter den großen Schreibtisch auf, auf den seine Hand mit dem Geräusch eines kräftigen Schlages gefallen war.

„Was ich wissen will, ist, was es Ihnen bis jetzt aus dem Kopf geschlagen hat.“

„Aus dem Kopf geschlagen“, wiederholte der Chief Inspector sehr langsam.

„Ja. Bis Sie in dieses Zimmer gerufen wurden – Sie wissen schon.“

Der Chief Inspector hatte das Gefühl, als sei die Luft zwischen seiner Kleidung und seiner Haut unangenehm heiß geworden. Es war das Gefühl einer beispiellosen und unglaublichen Erfahrung.

„Natürlich“, sagte er und übertrieb die Überlegtheit seiner Äußerung bis an die Grenzen des Möglichen, „wenn es einen Grund gibt, von dem ich nichts weiß, den Sträfling Michaelis nicht zu behelligen, dann ist es vielleicht ganz gut, dass ich die Grafschaftspolizei nicht auf ihn angesetzt habe.“

Es dauerte so lange, dies zu sagen, dass die unermüdliche Aufmerksamkeit des Assistant Commissioner wie eine wunderbare Leistung der Ausdauer erschien. Seine Erwiderung kam ohne Verzögerung.

„Kein Grund, von dem ich wüsste. Kommen Sie, Chief Inspector, diese Finessen mit mir sind Ihrerseits höchst unangemessen – höchst unangemessen. Und es ist auch unfair, wissen Sie. Sie sollten mich nicht dazu bringen, mir die Dinge selbst so zusammenzureimen. Wirklich, ich bin überrascht.“

Er hielt inne und fügte dann sanft hinzu: „Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, dass dieses Gespräch völlig inoffiziell ist.“

Diese Worte waren weit davon entfernt, den Chief Inspector zu besänftigen. Die Empörung eines betrogenen Seiltänzers war in ihm stark. In seinem Stolz als treuer Diener war er durch die Versicherung, dass das Seil nicht dazu geschüttelt wurde, ihm das Genick zu brechen, eher von einer Zurschaustellung von Unverschämtheit betroffen. Als ob irgendjemand Angst hätte! Assistant Commissioners kommen und gehen, aber ein wertvoller Chief Inspector ist kein kurzlebiges Phänomen der Dienststelle. Er hatte keine Angst, sich das Genick zu brechen. Dass seine Vorstellung verdorben wurde, war mehr als genug, um das Glühen aufrichtiger Empörung zu erklären. Und da das Denken keinen Respekt vor Personen kennt, nahm der Gedanke von Chief Inspector Heat eine bedrohliche und prophetische Gestalt an. „Du, mein Junge“, sagte er zu sich selbst, während er seine runden und gewohnheitsmäßig umherschweifenden Augen fest auf das Gesicht des Assistant Commissioner gerichtet hielt – „du, mein Junge, du kennst deinen Platz nicht, und dein Platz wird dich auch nicht mehr lange kennen, wette ich.“

Als wäre es eine provozierende Antwort auf diesen Gedanken, huschte so etwas wie der Geist eines liebenswürdigen Lächelns über die Lippen des Assistant Commissioner. Seine Art war locker und sachlich, während er darauf beharrte, dem Seil einen weiteren Stoß zu versetzen.

„Kommen wir nun zu dem, was Sie vor Ort entdeckt haben, Chief Inspector“, sagte er.

„Ein Narr und seine Arbeit werden bald getrennt“, setzte sich der Zug der prophetischen Gedanken im Kopf von Chief Inspector Heat fort. Aber es folgte sofort die Überlegung, dass ein höherer Beamter, selbst wenn er „hinausgeworfen“ wird (das war das genaue Bild), immer noch die Zeit hat, während er durch die Tür fliegt, einen bösen Tritt gegen die Schienbeine eines Untergebenen zu landen. Ohne die basiliskenartige Natur seines Starrens allzu sehr zu mildern, sagte er teilnahmslos:

„Wir kommen gerade zu diesem Teil meiner Untersuchung, Sir.“

„Das ist richtig. Nun, was haben Sie davon mitgebracht?“

Der Chief Inspector, der sich entschlossen hatte, vom Seil zu springen, kam mit düsterer Offenheit auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Ich habe eine Adresse mitgebracht“, sagte er und zog ohne Eile einen angesengten Lappen aus dunkelblauem Stoff aus der Tasche. „Das gehört zu dem Überzieher, den der Kerl trug, der sich in Stücke sprengen ließ. Natürlich muss der Überzieher nicht sein eigener gewesen sein und könnte sogar gestohlen worden sein. Aber das ist überhaupt nicht wahrscheinlich, wenn Sie sich das hier ansehen.“

Der Chief Inspector trat an den Tisch und strich den Lappen aus blauem Stoff sorgfältig glatt. Er hatte ihn von dem abstoßenden Haufen im Leichenschauhaus aufgehoben, weil sich unter dem Kragen manchmal ein Schneidername findet. Es ist selten von großem Nutzen, aber dennoch – Er erwartete nur halb, etwas Nützliches zu finden, aber sicherlich erwartete er nicht, nicht unter dem Kragen, sondern sorgfältig auf der Unterseite des Revers festgenäht – ein quadratisches Stück Kattun mit einer Adresse darauf, die mit Markiertinte geschrieben war.

Der Chief Inspector zog seine glättende Hand zurück.

„Ich habe es mitgenommen, ohne dass es jemand bemerkt hat“, sagte er. „Ich hielt es für das Beste. Es kann jederzeit vorgelegt werden, falls erforderlich.“

Der Assistant Commissioner, der sich ein wenig in seinem Stuhl aufrichtete, zog den Stoff zu seiner Seite des Tisches. Er saß da und betrachtete ihn schweigend. Nur die Nummer 32 und der Name Brett Street waren mit Markiertinte auf ein Stück Kattun geschrieben, das etwas größer als ein gewöhnliches Zigarettenpapier war. Er war aufrichtig überrascht.

„Ich kann nicht verstehen, warum er so etikettiert herumgelaufen ist“, sagte er und blickte zu Chief Inspector Heat auf. „Es ist eine höchst außergewöhnliche Sache.“

„Ich traf einmal im Raucherzimmer eines Hotels einen alten Herrn, der mit seinem Namen und seiner Adresse in all seinen Mänteln herumlief, für den Fall eines Unfalls oder einer plötzlichen Krankheit“, sagte der Chief Inspector. „Er behauptete, vierundachtzig Jahre alt zu sein, sah aber nicht so aus. Er sagte mir, er habe auch Angst, plötzlich sein Gedächtnis zu verlieren, wie jene Leute, von denen er in den Zeitungen gelesen habe.“

Eine Frage des Assistant Commissioner, der wissen wollte, was Nr. 32 Brett Street sei, unterbrach diese Erinnerung abrupt. Der Chief Inspector, der durch unfaire Kunstgriffe auf den Boden der Tatsachen gezwungen worden war, hatte beschlossen, den Pfad der uneingeschränkten Offenheit zu gehen. Wenn er auch fest glaubte, dass es für die Dienststelle nicht gut sei, zu viel zu wissen, so war das besonnene Zurückhalten von Wissen das Äußerste, was seine Loyalität zum Wohle des Dienstes wagte. Wenn der Assistant Commissioner diese Angelegenheit falsch handhaben wollte, konnte ihn natürlich niemand daran hindern. Aber seinerseits sah er nun keinen Grund für eine Zurschaustellung von Eifer. Also antwortete er kurz und bündig:

„Es ist ein Laden, Sir.“

Der Assistant Commissioner, dessen Augen auf den Lappen aus blauem Stoff gesenkt waren, wartete auf weitere Informationen. Da diese nicht kamen, fuhr er fort, sie durch eine Reihe von Fragen zu erhalten, die mit sanfter Geduld vorgebracht wurden. So erlangte er eine Vorstellung von der Art von Mr. Verlocs Handel, seinem persönlichen Aussehen und erfuhr schließlich seinen Namen. In einer Pause hob der Assistant Commissioner die Augen und entdeckte eine gewisse Lebhaftigkeit im Gesicht des Chief Inspector. Sie sahen sich schweigend an.

„Natürlich“, sagte dieser, „hat die Dienststelle keine Aufzeichnungen über diesen Mann.“

„Hatte irgendeiner meiner Vorgänger Kenntnis von dem, was Sie mir jetzt erzählt haben?“, fragte der Assistant Commissioner, legte seine Ellbogen auf den Tisch und hob seine gefalteten Hände vor sein Gesicht, als wolle er ein Gebet sprechen, nur dass seine Augen keinen frommen Ausdruck hatten.

„Nein, Sir; sicherlich nicht. Was wäre der Zweck gewesen? Diese Art von Mann könnte niemals öffentlich zu einem guten Zweck vorgebracht werden. Es reichte mir, zu wissen, wer er war, und ihn auf eine Weise zu nutzen, die öffentlich genutzt werden konnte.“

„Und halten Sie diese Art von privatem Wissen für vereinbar mit der offiziellen Position, die Sie innehaben?“

„Vollkommen, Sir. Ich halte es für völlig angemessen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen zu sagen, Sir, dass es mich zu dem macht, was ich bin – und ich werde als ein Mann angesehen, der seine Arbeit versteht. Es ist eine private Angelegenheit von mir. Ein persönlicher Freund von mir bei der französischen Polizei gab mir den Hinweis, dass der Kerl ein Botschaftsspion sei. Private Freundschaft, private Information, private Nutzung davon – so sehe ich das.“

Der Assistant Commissioner bemerkte bei sich selbst, dass der geistige Zustand des berühmten Chief Inspector den Umriss seines Unterkiefers zu beeinflussen schien, als ob der lebhafte Sinn für seine hohe berufliche Auszeichnung in diesem Teil seiner Anatomie angesiedelt sei, und tat den Punkt vorerst mit einem ruhigen „Ich verstehe“ ab. Dann lehnte er seine Wange auf seine gefalteten Hände:

„Nun denn – wenn Sie so wollen, unter vier Augen – wie lange stehen Sie schon in privatem Kontakt mit diesem Botschaftsspion?“

Auf diese Anfrage lautete die private Antwort des Chief Inspector, so privat, dass sie niemals in hörbare Worte gefasst wurde:

„Lange bevor Sie überhaupt für Ihren Platz hier in Betracht gezogen wurden.“

Die sozusagen öffentliche Äußerung war viel präziser.

„Ich sah ihn zum ersten Mal in meinem Leben vor etwas mehr als sieben Jahren, als zwei kaiserliche Hoheiten und der Reichskanzler hier zu Besuch waren. Ich wurde mit der Leitung aller Vorkehrungen für ihre Betreuung beauftragt. Baron Stott-Wartenheim war damals Botschafter. Er war ein sehr nervöser alter Herr. Eines Abends, drei Tage vor dem Bankett in der Guildhall, ließ er mir sagen, dass er mich für einen Moment sehen wolle. Ich war unten, und die Kutschen standen vor der Tür, um die kaiserlichen Hoheiten und den Kanzler in die Oper zu bringen. Ich ging sofort hinauf. Ich fand den Baron in einem beklagenswerten Zustand der Not in seinem Schlafzimmer auf und ab gehen und seine Hände zusammenpressen. Er versicherte mir, er habe das vollste Vertrauen in unsere Polizei und in meine Fähigkeiten, aber er habe da einen Mann, der gerade aus Paris gekommen sei, dessen Informationen man unbedingt trauen könne. Er wollte, dass ich höre, was dieser Mann zu sagen habe. Er nahm mich sofort mit in ein Ankleidezimmer nebenan, wo ich einen großen Kerl in einem schweren Überzieher sah, der ganz allein auf einem Stuhl saß und seinen Hut und Stock in einer Hand hielt. Der Baron sagte zu ihm auf Französisch: ‚Sprich, mein Freund.‘ Das Licht in diesem Raum war nicht sehr gut. Ich sprach vielleicht etwa fünf Minuten mit ihm. Er gab mir sicherlich eine sehr überraschende Nachricht. Dann nahm mich der Baron nervös beiseite, um ihn vor mir zu loben, und als ich mich wieder umdrehte, entdeckte ich, dass der Kerl wie ein Geist verschwunden war. Aufgestanden und durch eine Hintertreppe herausgeschlichen, nehme ich an. Es blieb keine Zeit, ihm nachzulaufen, da ich mich beeilen musste, dem Botschafter die große Treppe hinunter zu folgen und sicherzustellen, dass die Gesellschaft sicher zur Oper aufbrach. Ich handelte jedoch noch in derselben Nacht nach den Informationen. Ob sie vollkommen korrekt war oder nicht, sie sah ernst genug aus. Sehr wahrscheinlich bewahrte sie uns an dem Tag des kaiserlichen Besuchs in der City vor einem hässlichen Ärger.

Einige Zeit später, einen Monat oder so nach meiner Beförderung zum Chief Inspector, wurde meine Aufmerksamkeit auf einen großen, stämmigen Mann gelenkt, von dem ich glaubte, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben, wie er in Eile aus einem Juweliergeschäft im Strand kam. Ich folgte ihm, da es auf meinem Weg Richtung Charing Cross lag, und als ich dort einen unserer Detektive auf der anderen Straßenseite sah, winkte ich ihn herüber und zeigte ihm den Kerl mit der Anweisung, seine Bewegungen für ein paar Tage zu beobachten und mir dann Bericht zu erstatten. Nicht später als am nächsten Nachmittag tauchte mein Mann auf, um mir zu sagen, dass der Kerl an eben diesem Tag um 11.30 Uhr vormittags die Tochter seiner Zimmervermieterin auf dem Standesamt geheiratet hatte und mit ihr für eine Woche nach Margate abgereist sei. Unser Mann hatte gesehen, wie das Gepäck in die Droschke geladen wurde. Auf einer der Taschen waren einige alte Pariser Etiketten. Irgendwie konnte ich den Kerl nicht aus dem Kopf bekommen, und als ich das nächste Mal dienstlich nach Paris musste, sprach ich mit diesem Freund von mir bei der Pariser Polizei über ihn. Mein Freund sagte: ‚Nach dem, was du mir erzählst, denke ich, du musst einen ziemlich bekannten Anhänger und Abgesandten des Revolutionären Roten Komitees meinen. Er sagt, er sei Engländer von Geburt. Wir haben eine Vorstellung, dass er seit einigen Jahren ein Geheimagent einer der ausländischen Botschaften in London ist.‘ Das weckte mein Gedächtnis vollständig auf. Er war der verschwindende Kerl, den ich auf einem Stuhl in Baron Stott-Wartenheims Ankleidezimmer sitzen sah. Ich sagte meinem Freund, dass er vollkommen recht habe. Der Kerl war zu meinem sicheren Wissen ein Geheimagent. Später machte sich mein Freund die Mühe, die vollständige Akte dieses Mannes für mich auszugraben. Ich dachte, ich wüsste besser alles, was es zu wissen gab; aber ich nehme nicht an, dass Sie seine Geschichte jetzt hören wollen, Sir?“

Der Assistant Commissioner schüttelte seinen gestützten Kopf. „Die Geschichte Ihrer Beziehungen zu dieser nützlichen Persönlichkeit ist das Einzige, was jetzt von Bedeutung ist“, sagte er, schloss langsam seine müden, tiefliegenden Augen und öffnete sie dann schnell mit einem erfrischten Blick.

„An ihnen ist nichts Offizielles“, sagte der Chief Inspector verbittert. „Ich ging eines Abends in seinen Laden, sagte ihm, wer ich war, und erinnerte ihn an unser erstes Treffen. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er sagte, er sei jetzt verheiratet und sesshaft, und alles, was er wolle, sei, dass man ihn bei seinem kleinen Geschäft in Ruhe lasse. Ich nahm es auf mich, ihm zu versprechen, dass er von der Polizei in Ruhe gelassen würde, solange er sich nicht auf irgendetwas offensichtlich Empörendes einließe. Das war ihm etwas wert, denn ein Wort von uns an die Leute vom Zollamt hätte ausgereicht, um einige dieser Pakete, die er aus Paris und Brüssel bekommt, in Dover öffnen zu lassen – mit der sicheren Folge einer Beschlagnahmung und vielleicht am Ende auch noch einer Strafverfolgung.“

„Das ist ein sehr riskantes Gewerbe“, murmelte der Assistant Commissioner. „Warum hat er sich darauf eingelassen?“

Der Chief Inspector hob teilnahmslos die spöttischen Augenbrauen.

„Wahrscheinlich hat er Verbindungen – Freunde auf dem Kontinent – unter Leuten, die mit solchen Waren handeln. Das wäre genau die Sorte, mit der er sich abgeben würde. Außerdem ist er ein fauler Hund – wie der Rest von ihnen.“

„Was bekommen Sie von ihm im Austausch für Ihren Schutz?“

Der Chief Inspector war nicht geneigt, sich über den Wert der Dienste von Mr. Verloc auszulassen.

„Er wäre für niemanden außer für mich von großem Nutzen. Man muss schon eine ganze Menge im Voraus wissen, um einen Mann wie ihn einsetzen zu können. Ich kann die Art von Hinweis verstehen, die er geben kann. Und wenn ich einen Hinweis brauche, kann er ihn mir im Allgemeinen liefern.“

Der Chief Inspector verlor sich plötzlich in eine diskrete, nachdenkliche Stimmung; und der Assistant Commissioner unterdrückte ein Lächeln bei dem flüchtigen Gedanken, dass der Ruf von Chief Inspector Heat möglicherweise zu einem großen Teil von dem Geheimagenten Verloc begründet worden sei.

„Was seine Nützlichkeit im Allgemeinen angeht, so haben alle unsere Leute von der Abteilung für Sonderverbrechen, die am Charing Cross und in Victoria Dienst tun, den Befehl, jeden, den sie mit ihm sehen, genau zu beobachten. Er trifft häufig die Neuankömmlinge und verfolgt sie anschließend. Er scheint für diese Art von Dienst abgestellt worden zu sein. Wenn ich in Eile eine Adresse brauche, kann ich sie immer von ihm bekommen. Natürlich weiß ich, wie ich unsere Beziehungen zu handhaben habe. Ich habe ihn in den letzten zwei Jahren keine dreimal persönlich gesprochen. Ich schicke ihm eine kurze, unsignierte Zeile, und er antwortet mir auf dieselbe Weise an meine Privatadresse.“

Von Zeit zu Zeit nickte der Assistant Commissioner fast unmerklich. Der Chief Inspector fügte hinzu, er glaube zwar nicht, dass Mr. Verloc tief im Vertrauen der prominenten Mitglieder des Revolutionären Internationalen Rates stehe, aber dass man ihm im Allgemeinen traue, daran könne kein Zweifel bestehen. „Wann immer ich Grund zu der Annahme hatte, dass etwas im Busch war“, schloss er, „habe ich immer festgestellt, dass er mir etwas Wissenswertes sagen konnte.“

Der Assistant Commissioner machte eine bedeutsame Bemerkung.

„Diesmal hat er Sie im Stich gelassen.“

„Ich hatte auch auf keinem anderen Weg Wind von irgendetwas bekommen“, entgegnete Chief Inspector Heat. „Ich habe ihn nach nichts gefragt, also konnte er mir auch nichts sagen. Er ist keiner von unseren Leuten. Es ist nicht so, als stünde er in unserem Sold.“

„Nein“, murmelte der Assistant Commissioner. „Er ist ein Spion im Sold einer fremden Regierung. Wir könnten uns niemals zu ihm bekennen.“

„Ich muss meine Arbeit auf meine eigene Weise tun“, erklärte der Chief Inspector. „Wenn es darauf ankommt, würde ich mit dem Teufel selbst paktieren und die Konsequenzen tragen. Es gibt Dinge, die nicht jeder wissen muss.“

„Ihre Vorstellung von Geheimhaltung scheint darin zu bestehen, den Chef Ihrer Behörde im Dunkeln zu lassen. Das ist vielleicht ein wenig zu weit gegriffen, nicht wahr? Er wohnt über seinem Laden?“

„Wer – Verloc? Oh ja. Er wohnt über seinem Laden. Die Mutter der Frau, glaube ich, lebt bei ihnen.“

„Wird das Haus überwacht?“

„Um Himmels willen, nein. Das würde nicht gehen. Bestimmte Leute, die dorthin kommen, werden überwacht. Ich bin der Meinung, dass er von dieser Angelegenheit nichts weiß.“

„Wie erklären Sie sich das hier?“ Der Assistant Commissioner deutete auf den Stofffetzen, der vor ihm auf dem Tisch lag.

„Ich erkläre es mir überhaupt nicht, Sir. Es ist schlichtweg unerklärlich. Es lässt sich durch das, was ich weiß, nicht erklären.“ Der Chief Inspector machte diese Eingeständnisse mit der Offenheit eines Mannes, dessen Ruf wie auf einem Felsen fest begründet ist. „Jedenfalls nicht in diesem Augenblick. Ich denke, dass sich herausstellen wird, dass Michaelis am meisten mit der Sache zu tun hatte.“

„Das glauben Sie?“

„Ja, Sir; denn ich kann für alle anderen bürgen.“

„Was ist mit dem anderen Mann, der angeblich aus dem Park entkommen ist?“

„Ich sollte meinen, der ist inzwischen weit weg“, mutmaßte der Chief Inspector.

Der Assistant Commissioner sah ihn prüfend an und stand plötzlich auf, als hätte er sich für ein bestimmtes Vorgehen entschieden. Tatsächlich war er genau in diesem Moment einer faszinierenden Versuchung erlegen. Der Chief Inspector hörte, wie er mit der Anweisung entlassen wurde, seinen Vorgesetzten am frühen nächsten Morgen zu einer weiteren Beratung über den Fall zu treffen. Er hörte mit undurchdringlicher Miene zu und verließ das Zimmer mit gemessenen Schritten.

Was auch immer die Pläne des Assistant Commissioner gewesen sein mochten, sie hatten nichts mit jener Schreibtischarbeit zu tun, die der Fluch seines Daseins war, wegen ihrer beengten Art und ihres offensichtlichen Mangels an Realität. Das konnte sie auch nicht gewesen sein, sonst wäre die allgemeine Stimmung der Emsigkeit, die den Assistant Commissioner ergriff, unerklärlich gewesen. Sobald er allein gelassen wurde, suchte er impulsiv nach seinem Hut und setzte ihn auf. Nachdem er das getan hatte, setzte er sich wieder, um die ganze Angelegenheit zu überdenken. Aber da er sich bereits entschieden hatte, dauerte das nicht lange. Und bevor Chief Inspector Heat auf dem Heimweg sehr weit gekommen war, verließ auch er das Gebäude.

KAPITEL VII

Der Assistant Commissioner ging eine kurze, schmale Straße entlang, die einem nassen, schlammigen Graben glich, überquerte dann eine sehr breite Durchgangsstraße, betrat ein öffentliches Gebäude und suchte das Gespräch mit einem jungen Privatsekretär (unbezahlt) einer großen Persönlichkeit.

Dieser hellhäutige, glattgesichtige junge Mann, dessen symmetrisch geordnetes Haar ihm das Aussehen eines großen und ordentlichen Schuljungen verlieh, begegnete dem Ersuchen des Assistant Commissioner mit einem zweifelnden Blick und sprach mit gedämpfter Stimme.

„Ob er Sie sehen würde? Das weiß ich nicht. Er ist vor einer Stunde vom House hierher gelaufen, um mit dem ständigen Unterstaatssekretär zu sprechen, und jetzt ist er bereit, wieder zurückzugehen. Er hätte ihn rufen lassen können; aber ich nehme an, er tut es wegen ein wenig Bewegung. Das ist die einzige Bewegung, für die er während dieser Sitzungsperiode Zeit findet. Ich beschwere mich nicht; ich genieße diese kleinen Spaziergänge sogar. Er stützt sich auf meinen Arm und öffnet nicht die Lippen. Aber, wissen Sie, er ist sehr müde und – nun ja – im Moment nicht gerade bei bester Laune.“

„Es geht um diese Greenwich-Angelegenheit.“

„Oh! Meine Güte! Er ist sehr verbittert auf Ihre Leute. Aber ich werde nachsehen, wenn Sie darauf bestehen.“

„Tun Sie das. Das ist ein guter Kerl“, sagte der Assistant Commissioner.

Der unbezahlte Sekretär bewunderte diesen Mut. Er setzte ein unschuldiges Gesicht auf, öffnete eine Tür und trat mit der Selbstsicherheit eines netten und privilegierten Kindes ein. Und bald darauf erschien er wieder mit einem Nicken für den Assistant Commissioner, der durch dieselbe Tür, die für ihn offen gelassen wurde, trat und sich mit der großen Persönlichkeit in einem großen Raum wiederfand.

Von gewaltigem Körperbau und Statur, mit einem langen, weißen Gesicht, das an der Basis durch ein großes Doppelkinn verbreitet war und im Saum von dünnen, gräulichen Koteletten eiförmig erschien, wirkte die große Persönlichkeit wie ein sich ausdehnender Mann. Von der Schneiderei her unglücklich, trugen die Querfalten in der Mitte eines zugeknöpften schwarzen Gehrocks noch zu diesem Eindruck bei, als würden die Verschlüsse des Kleidungsstücks bis aufs Äußerste beansprucht. Vom Kopf, der aufrecht auf einem dicken Hals saß, starrten die Augen mit den geschwollenen unteren Lidern mit einem hochmütigen Herabhängen auf jeder Seite einer hakenförmigen, aggressiven Nase, die in dem riesigen, blassen Umfang des Gesichts edel hervortrat. Ein glänzender Zylinder und ein Paar abgenutzte Handschuhe, die bereit am Ende eines langen Tisches lagen, sahen ebenfalls ausgedehnt aus, gewaltig.

Er stand auf dem Kaminsims in großen, geräumigen Stiefeln und äußerte kein Wort der Begrüßung.

„Ich möchte wissen, ob dies der Beginn einer weiteren Dynamit-Kampagne ist“, fragte er sofort mit tiefer, sehr sanfter Stimme. „Gehen Sie nicht auf Einzelheiten ein. Dafür habe ich keine Zeit.“

Die Figur des Assistant Commissioner vor dieser großen und rustikalen Präsenz hatte die zerbrechliche Schlankheit eines Schilfrohrs, das eine Eiche anspricht. Und tatsächlich übertraf die ungebrochene Aufzeichnung der Abstammung dieses Mannes in der Anzahl der Jahrhunderte das Alter der ältesten Eiche des Landes.

„Nein. Soweit man sich bei irgendetwas sicher sein kann, kann ich Ihnen versichern, dass es das nicht ist.“

„Ja. Aber Ihre Vorstellung von Zusicherungen da drüben“, sagte der große Mann mit einer verächtlichen Handbewegung in Richtung eines Fensters, das auf die breite Durchgangsstraße hinausging, „scheint hauptsächlich darin zu bestehen, den Staatssekretär wie einen Narren aussehen zu lassen. Mir wurde in diesem Raum vor weniger als einem Monat fest zugesichert, dass so etwas überhaupt nicht möglich sei.“

Der Assistant Commissioner blickte ruhig in Richtung des Fensters.

„Sie werden mir erlauben anzumerken, Sir Ethelred, dass ich bisher keine Gelegenheit hatte, Ihnen Zusicherungen irgendeiner Art zu geben.“

Das hochmütige Herabhängen der Augen war nun auf den Assistant Commissioner fokussiert.

„Wahr“, gestand die tiefe, sanfte Stimme. „Ich habe nach Heat geschickt. Sie sind noch ziemlich neu auf Ihrem Posten. Und wie kommen Sie da drüben zurecht?“

„Ich glaube, ich lerne jeden Tag etwas dazu.“

„Natürlich, natürlich. Ich hoffe, Sie kommen voran.“

„Danke, Sir Ethelred. Ich habe heute etwas gelernt, und zwar erst in der letzten Stunde oder so. Es gibt vieles in dieser Angelegenheit, das bei einem gewöhnlichen Anarchistenanschlag nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, selbst wenn man so tief wie möglich hineinschaut. Deshalb bin ich hier.“

Der große Mann stemmte die Arme in die Seiten, die Rücken seiner großen Hände ruhten auf seinen Hüften.

„Sehr wohl. Fahren Sie fort. Nur keine Einzelheiten, bitte. Ersparen Sie mir die Einzelheiten.“

„Sie werden nicht damit behelligt werden, Sir Ethelred“, begann der Assistant Commissioner mit einer ruhigen und unerschütterlichen Sicherheit. Während er sprach, hatten sich die Zeiger auf dem Zifferblatt der Uhr hinter dem Rücken der großen Persönlichkeit – ein schweres, glänzendes Ding mit massiven Schnörkeln aus demselben dunklen Marmor wie der Kaminsims und einem gespenstischen, entschwindenden Ticken – um sieben Minuten weiterbewegt. Er sprach mit einer studierten Treue zu einer parenthetischen Ausdrucksweise, in die jede kleine Tatsache – das heißt jedes Detail – mit entzückender Leichtigkeit passte. Kein Murmeln oder gar eine Bewegung deutete auf eine Unterbrechung hin. Die große Persönlichkeit hätte die Statue eines seiner eigenen fürstlichen Vorfahren sein können, befreit von der Kriegsrüstung eines Kreuzritters und in einen schlecht sitzenden Gehrock gesteckt. Der Assistant Commissioner fühlte sich, als stünde es ihm frei, eine Stunde lang zu sprechen. Aber er behielt den Kopf, und am Ende der genannten Zeit brach er mit einem plötzlichen Schluss ab, der, indem er die einleitende Aussage wiederholte, Sir Ethelred durch seine scheinbare Schnelligkeit und Kraft angenehm überraschte.

„Die Art von Dingen, die uns unter der Oberfläche dieser ansonsten nicht schwerwiegenden Angelegenheit begegnet, ist ungewöhnlich – zumindest in dieser präzisen Form – und erfordert eine besondere Behandlung.“

Der Tonfall von Sir Ethelred wurde tiefer, voller Überzeugung.

„Das sollte ich meinen – unter Einbeziehung des Botschafters einer fremden Macht!“

„Oh! Der Botschafter!“, protestierte der andere, aufrecht und schlank, wobei er sich nur ein halbes Lächeln erlaubte. „Es wäre dumm von mir, so etwas zu behaupten. Und es ist absolut unnötig, denn wenn ich mit meinen Vermutungen richtig liege, ist es ein reines Detail, ob Botschafter oder Pförtner.“

Sir Ethelred öffnete einen weiten Mund wie eine Höhle, in die die Hakennase begierig zu spähen schien; daraus drang ein gedämpftes rollendes Geräusch, wie von einer fernen Orgel mit dem Register der spöttischen Entrüstung.

„Nein! Diese Leute sind zu unmöglich. Was fällt ihnen ein, ihre Methoden der Krim-Tartarei hierher zu importieren? Ein Türke hätte mehr Anstand.“

„Sie vergessen, Sir Ethelred, dass wir streng genommen noch absolut nichts wissen – bisher.“

„Nein! Aber wie würden Sie es definieren? Kurz?“

„Schamlose Dreistigkeit, die an eine Art von kindischer Eigentümlichkeit grenzt.“

„Wir können die Unschuld kleiner, garstiger Kinder nicht dulden“, sagte die große und ausgedehnte Persönlichkeit, die sich gewissermaßen noch ein wenig mehr ausdehnte. Der hochmütige, herabhängende Blick traf vernichtend den Teppich zu Füßen des Assistant Commissioner. „Sie werden wegen dieser Angelegenheit einen kräftigen Klaps auf die Finger bekommen müssen. Wir müssen in der Lage sein, zu – Was ist Ihre allgemeine Idee, kurz ausgedrückt? Keine Notwendigkeit, auf Details einzugehen.“

„Nein, Sir Ethelred. Im Prinzip würde ich festlegen, dass die Existenz von Geheimagenten nicht toleriert werden sollte, da sie dazu neigt, die positiven Gefahren des Übels, gegen das sie eingesetzt werden, zu vergrößern. Dass der Spion seine Informationen erfindet, ist eine reine Binsenweisheit. Aber im Bereich des politischen und revolutionären Handelns, das sich teilweise auf Gewalt stützt, hat der professionelle Spion jede Möglichkeit, die Tatsachen selbst zu fabrizieren, und wird das doppelte Übel des Wetteifers in der einen Richtung und der Panik, der hastigen Gesetzgebung und des unreflektierten Hasses in der anderen verbreiten. Wie dem auch sei, dies ist eine unvollkommene Welt –“

Die tiefstimmige Präsenz auf dem Kaminsims, unbeweglich, mit weit herausgestreckten Ellbogen, sagte hastig:

„Bitte seien Sie klar.“

„Ja, Sir Ethelred – eine unvollkommene Welt. Daher dachte ich, sobald sich mir der Charakter dieser Angelegenheit erschloss, dass sie mit besonderer Geheimhaltung behandelt werden sollte, und wagte es, hierher zu kommen.“

„Das ist richtig“, billigte die große Persönlichkeit und blickte gefällig über ihr Doppelkinn herab. „Ich bin froh, dass es bei Ihnen im Laden jemanden gibt, der denkt, dass man dem Staatssekretär hin und wieder vertrauen kann.“

Der Assistant Commissioner hatte ein amüsiertes Lächeln.

„Ich dachte eigentlich, es wäre in diesem Stadium besser, wenn Heat ersetzt würde durch –“

„Was! Heat? Ein Esel – eh?“, rief der große Mann mit deutlicher Feindseligkeit aus.

„Überhaupt nicht. Bitte, Sir Ethelred, legen Sie meine Bemerkungen nicht so ungerecht aus.“

„Dann was? Zu schlau für sein eigenes Wohl?“

„Weder noch – zumindest nicht in der Regel. Alle Gründe für meine Vermutungen habe ich von ihm. Das Einzige, was ich selbst herausgefunden habe, ist, dass er diesen Mann privat eingesetzt hat. Wer könnte es ihm verübeln? Er ist ein alter Polizeihase. Er sagte mir praktisch, dass er Werkzeuge brauche, mit denen er arbeiten könne. Mir kam der Gedanke, dass dieses Werkzeug der Abteilung für Sonderverbrechen als Ganzes übergeben werden sollte, anstatt das Privateigentum von Chief Inspector Heat zu bleiben. Ich erweitere mein Verständnis unserer behördlichen Pflichten auf die Unterdrückung des Geheimagenten. Aber Chief Inspector Heat ist ein alter Abteilungsmitarbeiter. Er würde mich beschuldigen, die Moral der Abteilung zu verderben und ihre Effizienz anzugreifen. Er würde es bitter als Schutz definieren, der der kriminellen Klasse der Revolutionäre gewährt wird. Für ihn würde es genau das bedeuten.“

„Ja. Aber was meinen Sie damit?“

„Ich meine erstens, dass es nur ein schwacher Trost ist, erklären zu können, dass ein beliebiger Gewaltakt – ob Sachbeschädigung oder Lebensvernichtung – überhaupt nicht das Werk des Anarchismus ist, sondern etwas ganz anderes – irgendeine Art von autorisiertem Schurkentum. Dies ist, so glaube ich, viel häufiger, als wir annehmen. Zweitens ist es offensichtlich, dass die Existenz dieser Leute im Sold fremder Regierungen unsere Überwachung in gewissem Maße ineffizient macht. Ein Spion dieser Art kann es sich leisten, rücksichtsloser zu sein als der rücksichtsloseste Verschwörer. Sein Beruf ist frei von jeder Zurückhaltung. Er ist ohne so viel Glauben, wie für eine vollständige Verneinung notwendig ist, und ohne so viel Gesetz, wie in der Gesetzlosigkeit impliziert ist. Drittens beseitigt die Existenz dieser Spione innerhalb der revolutionären Gruppen, deren Beherbergung man uns hier vorwirft, jede Gewissheit. Sie haben vor einiger Zeit eine beruhigende Erklärung von Chief Inspector Heat erhalten. Sie war keineswegs grundlos – und doch geschieht diese Episode. Ich nenne es eine Episode, denn diese Angelegenheit, so wage ich zu sagen, ist episodisch; sie ist kein Teil irgendeines allgemeinen Schemas, wie wild es auch sein mag. Gerade die Besonderheiten, die Chief Inspector Heat überraschen und verwirren, etablieren ihren Charakter in meinen Augen. Ich halte mich von Details fern, Sir Ethelred.“

Die Persönlichkeit auf dem Kaminsims hatte mit tiefer Aufmerksamkeit zugehört.

„Genau. Seien Sie so kurz wie möglich.“

Der Assistant Commissioner deutete mit einer ernsten, respektvollen Geste an, dass er bestrebt war, kurz zu sein.

„Es gibt eine eigentümliche Dummheit und Schwäche in der Führung dieser Angelegenheit, die mir ausgezeichnete Hoffnungen gibt, dahinterzukommen und dort etwas anderes zu finden als eine individuelle Laune des Fanatismus. Denn es ist eine geplante Sache, zweifellos. Der eigentliche Täter scheint an der Hand zum Tatort geführt und dann hastig seinem eigenen Schicksal überlassen worden zu sein. Der Schluss liegt nahe, dass er aus dem Ausland importiert wurde, um dieses Attentat zu begehen. Gleichzeitig ist man gezwungen zu dem Schluss, dass er nicht genug Englisch konnte, um nach dem Weg zu fragen, es sei denn, man akzeptiert die fantastische Theorie, dass er taubstumm war. Ich frage mich jetzt – aber das ist müßig. Er hat sich selbst durch einen Unfall zerstört, offensichtlich. Kein außergewöhnlicher Unfall. Aber eine außergewöhnliche kleine Tatsache bleibt: die Adresse auf seiner Kleidung, die ebenfalls durch den reinsten Zufall entdeckt wurde. Es ist eine unglaubliche kleine Tatsache, so unglaublich, dass die Erklärung, die sie rechtfertigt, zwangsläufig den Kern dieser Affäre berühren muss. Anstatt Heat anzuweisen, diesen Fall weiterzuverfolgen, ist es meine Absicht, diese Erklärung persönlich zu suchen – von mir selbst, meine ich – dort, wo sie aufgegriffen werden kann. Das ist in einem bestimmten Laden in der Brett Street und auf den Lippen eines bestimmten Geheimagenten, einst der vertrauliche und treue Spion des verstorbenen Baron Stott-Wartenheim, Botschafter einer Großmacht am Hof von St. James.“

Der Assistant Commissioner hielt inne und fügte dann hinzu: „Diese Kerle sind eine absolute Plage.“ Um seinen herabhängenden Blick zum Gesicht des Sprechers zu heben, hatte die Persönlichkeit auf dem Kaminsims allmählich den Kopf weiter zurückgeneigt, was ihm einen Aspekt von außerordentlicher Hochmütigkeit verlieh.

„Warum überlassen Sie es nicht Heat?“

„Weil er ein alter Abteilungsmitarbeiter ist. Sie haben ihre eigene Moral. Meine Ermittlungslinie würde ihm wie eine schreckliche Pflichtverletzung erscheinen. Für ihn besteht die einfache Pflicht darin, die Schuld so vielen prominenten Anarchisten wie möglich anzuhängen, aufgrund einiger schwacher Hinweise, die er im Laufe seiner Untersuchung vor Ort aufgegriffen hat; während ich, so würde er sagen, darauf aus bin, ihre Unschuld zu beweisen. Ich versuche, so klar wie möglich zu sein, wenn ich Ihnen diese dunkle Angelegenheit ohne Details präsentiere.“

„Das würde er, nicht wahr?“, murmelte das stolze Haupt von Sir Ethelred aus seiner erhabenen Höhe.

„Ich fürchte, ja – mit einer Entrüstung und einem Ekel, von denen Sie oder ich keine Vorstellung haben können. Er ist ein exzellenter Diener. Wir dürfen seine Loyalität nicht übermäßig strapazieren. Das ist immer ein Fehler. Außerdem möchte ich freie Hand haben – freiere Hand, als es vielleicht ratsam wäre, sie Chief Inspector Heat zu geben. Ich habe nicht den geringsten Wunsch, diesen Mann Verloc zu schonen. Er wird, so stelle ich mir vor, extrem erschrocken sein, wenn er feststellt, dass seine Verbindung zu dieser Angelegenheit, was auch immer sie sein mag, so schnell auf ihn zurückfällt. Ihn zu erschrecken wird nicht sehr schwierig sein. Aber unser wahres Ziel liegt irgendwo hinter ihm. Ich möchte Ihre Befugnis, ihm solche Zusicherungen über seine persönliche Sicherheit zu geben, wie ich es für angemessen halte.“

„Sicherlich“, sagte die Persönlichkeit auf dem Kaminsims. „Finden Sie so viel heraus, wie Sie können; finden Sie es auf Ihre eigene Weise heraus.“

„Ich muss mich ohne Zeitverlust daran machen, noch an diesem Abend“, sagte der Assistant Commissioner.

Sir Ethelred schob eine Hand unter seine Schöße und blickte ihn, den Kopf zurückneigend, fest an.

„Wir werden heute Abend eine späte Sitzung haben“, sagte er. „Kommen Sie mit Ihren Entdeckungen ins House, falls wir noch nicht nach Hause gegangen sind. Ich werde Toodles warnen, nach Ihnen Ausschau zu halten. Er wird Sie in mein Zimmer bringen.“

Die zahlreiche Familie und die weiten Verbindungen des jugendlich aussehenden Privatsekretärs hegten für ihn die Hoffnung auf ein strenges und erhabenes Schicksal. In der Zwischenzeit wählte der gesellschaftliche Kreis, den er in seinen Stunden der Muße schmückte, ihn unter dem obigen Spitznamen zu verwöhnen. Und Sir Ethelred, der ihn jeden Tag (meist zur Frühstückszeit) auf den Lippen seiner Frau und seiner Töchter hörte, hatte ihm die Würde einer lächelnden Adoption verliehen.

Der Assistant Commissioner war außerordentlich überrascht und erfreut.

„Ich werde meine Entdeckungen sicherlich dem Hause unterbreiten, für den Fall, dass Sie die Zeit dazu haben –“

„Ich werde die Zeit nicht haben“, unterbrach ihn die große Persönlichkeit. „Aber ich werde Sie empfangen. Ich habe jetzt keine Zeit – Und Sie gehen selbst hin?“

„Ja, Sir Ethelred. Ich halte das für den besten Weg.“

Die Persönlichkeit hatte den Kopf so weit in den Nacken gelegt, dass sie fast die Augen schließen musste, um den Assistant Commissioner weiterhin im Blick zu behalten.

„Hm. Ha! Und wie gedenken Sie – Werden Sie eine Verkleidung anlegen?“

„Kaum eine Verkleidung! Ich werde natürlich meine Kleidung wechseln.“

„Natürlich“, wiederholte der große Mann mit einer Art geistesabwesender Erhabenheit. Er drehte seinen großen Kopf langsam und warf über die Schulter einen hochmütigen, schrägen Blick auf die wuchtige Marmoruhr mit dem hinterlistigen, schwachen Ticken. Die vergoldeten Zeiger hatten die Gelegenheit genutzt, sich in seinem Rücken um nicht weniger als fünfundzwanzig Minuten davonzustehlen.

Der Assistant Commissioner, der sie nicht sehen konnte, wurde in der Zwischenzeit ein wenig nervös. Doch der große Mann zeigte ihm ein ruhiges und unerschrockenes Gesicht.

„Sehr wohl“, sagte er und hielt inne, als ob er der offiziellen Uhr mit Absicht Verachtung entgegenbrächte. „Aber was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, in dieser Richtung tätig zu werden?“

„Ich war schon immer der Ansicht“, begann der Assistant Commissioner.

„Ah. Ja! Ansicht. Das versteht sich von selbst. Aber das unmittelbare Motiv?“

„Was soll ich sagen, Sir Ethelred? Der Widerstand eines neuen Mannes gegen alte Methoden. Der Wunsch, etwas aus erster Hand zu erfahren. Ein wenig Ungeduld. Es ist meine alte Arbeit, aber das Geschirr ist ein anderes. Es hat mich an ein oder zwei empfindlichen Stellen ein wenig gerieben.“

„Ich hoffe, Sie kommen dort drüben zurecht“, sagte der große Mann freundlich und reichte ihm die Hand, die sich weich anfühlte, aber breit und kräftig war, wie die Hand eines verklärten Bauern. Der Assistant Commissioner schüttelte sie und zog sich zurück.

Im äußeren Zimmer kam ihm Toodles, der am Rande eines Tisches gehockt hatte, entgegen und unterdrückte seine natürliche Lebhaftigkeit.

„Nun? Zufriedenstellend?“, fragte er mit luftiger Wichtigkeit.

„Vollkommen. Sie haben sich meine unendliche Dankbarkeit verdient“, antwortete der Assistant Commissioner, dessen langes Gesicht im Vergleich zum eigenartigen Charakter der Ernsthaftigkeit des anderen, die ständig in Wellen und Kichern auszubrechen schien, hölzern wirkte.

„Das ist in Ordnung. Aber im Ernst, Sie können sich nicht vorstellen, wie gereizt er durch die Angriffe auf seine Vorlage zur Nationalisierung der Fischerei ist. Sie nennen es den Beginn einer sozialen Revolution. Natürlich ist es eine revolutionäre Maßnahme. Aber diese Kerle haben keinen Anstand. Die persönlichen Angriffe –“

„Ich lese die Zeitungen“, bemerkte der Assistant Commissioner.

„Abscheulich, nicht wahr? Und Sie haben keine Vorstellung davon, was für ein Berg an Arbeit er jeden Tag bewältigen muss. Er macht alles selbst. Er scheint niemandem in dieser Fischereiangelegenheit trauen zu können.“

„Und doch hat er eine ganze halbe Stunde für die Überlegung meines sehr kleinen Sprotts geopfert“, warf der Assistant Commissioner ein.

„Klein! Ist er das? Das freut mich zu hören. Aber es ist schade, dass Sie sich nicht ferngehalten haben. Dieser Kampf zehrt schrecklich an ihm. Der Mann ist völlig erschöpft. Ich spüre es daran, wie er sich auf meinen Arm stützt, wenn wir hinübergehen. Und, sagen Sie mal, ist er auf der Straße sicher? Mullins hat seine Männer heute Nachmittag hierher marschieren lassen. An jeder Straßenlaterne klebt ein Polizist, und jede zweite Person, der wir zwischen hier und dem Palace Yard begegnen, ist offensichtlich ein ‚Detektiv‘. Das wird ihm bald auf die Nerven gehen. Ich sage Ihnen, diese ausländischen Schurken werden doch wohl nicht etwas nach ihm werfen – oder? Das wäre eine nationale Katastrophe. Das Land kann auf ihn nicht verzichten.“

„Ganz zu schweigen von Ihnen selbst. Er stützt sich auf Ihren Arm“, bemerkte der Assistant Commissioner nüchtern. „Sie würden beide mitgehen.“

„Das wäre ein einfacher Weg für einen jungen Mann, in die Geschichte einzugehen? Es sind nicht so viele britische Minister ermordet worden, dass es ein unbedeutender Vorfall wäre. Aber jetzt im Ernst –“

„Ich fürchte, wenn Sie in die Geschichte eingehen wollen, müssen Sie etwas dafür tun. Im Ernst, es besteht keinerlei Gefahr für Sie beide, außer durch Überarbeitung.“

Der mitfühlende Toodles begrüßte diese Gelegenheit für ein Kichern.

„Die Fischerei wird mich nicht umbringen. Ich bin späte Stunden gewohnt“, erklärte er mit naivem Leichtsinn. Doch von sofortigem Reuegefühl ergriffen, begann er, eine staatsmännische Verstimmtheit zur Schau zu tragen, wie man einen Handschuh überstreift. „Sein massiver Intellekt hält jedes Arbeitspensum aus. Es sind seine Nerven, um die ich fürchte. Die reaktionäre Bande, mit diesem beleidigenden Grobian Cheeseman an der Spitze, beleidigt ihn jeden Abend.“

„Wenn er darauf besteht, eine Revolution anzuzetteln!“, murmelte der Assistant Commissioner.

„Die Zeit ist reif, und er ist der einzige Mann, der groß genug für diese Aufgabe ist“, protestierte der revolutionäre Toodles, der unter dem ruhigen, nachdenklichen Blick des Assistant Commissioner aufblühte. Irgendwo in einem Korridor klingelte eine ferne Glocke dringlich, und mit ergebener Wachsamkeit spitzte der junge Mann bei diesem Geräusch die Ohren. „Er ist jetzt bereit zu gehen“, rief er flüsternd, schnappte sich seinen Hut und verschwand aus dem Zimmer.

Der Assistant Commissioner ging durch eine andere Tür auf weniger elastische Weise hinaus. Wieder überquerte er die breite Verkehrsstraße, ging eine schmale Straße entlang und betrat hastig wieder seine eigenen Dienstgebäude. Er behielt dieses beschleunigte Tempo bis zur Tür seines Privatzimmers bei. Bevor er sie ganz geschlossen hatte, suchten seine Augen seinen Schreibtisch. Er blieb einen Moment still stehen, trat dann heran, blickte sich auf dem Boden um, setzte sich auf seinen Stuhl, läutete eine Glocke und wartete.

„Ist Chief Inspector Heat schon weg?“

„Ja, Sir. Vor einer halben Stunde gegangen.“

Er nickte. „Das genügt.“ Und während er still dasaß, mit dem Hut von der Stirn geschoben, dachte er, dass es genau Heats verfluchte Dreistigkeit sei, das einzige materielle Beweisstück einfach mitzunehmen. Aber er dachte dies ohne Feindseligkeit. Alte und geschätzte Diener nehmen sich Freiheiten heraus. Das Stück Mantel mit der eingenähten Adresse war sicherlich nichts, was man einfach liegen lassen konnte. Er verdrängte diese Äußerung von Chief Inspector Heats Misstrauen aus seinen Gedanken, schrieb eine Notiz an seine Frau und schickte sie ab, in der er sie bat, seine Entschuldigung bei Michaelis’ großer Dame vorzubringen, mit der sie an diesem Abend zum Abendessen verabredet waren.

Die kurze Jacke und der tiefe, runde Hut, die er in einer Art mit Vorhängen versehenen Nische anlegte, in der sich ein Waschbecken, eine Reihe von Holzhaken und ein Regal befanden, brachten die Länge seines ernsten, braunen Gesichts wunderbar zur Geltung. Er trat zurück in das volle Licht des Zimmers und sah aus wie die Vision eines kühlen, reflektierenden Don Quijote, mit den tief liegenden Augen eines dunklen Enthusiasten und einem sehr bedächtigen Wesen. Er verließ den Schauplatz seiner täglichen Arbeit schnell wie ein unauffälliger Schatten. Sein Abstieg auf die Straße war wie der Abstieg in ein schlammiges Aquarium, aus dem das Wasser abgelassen worden war. Eine trübe, düstere Feuchtigkeit umhüllte ihn. Die Wände der Häuser waren nass, der Schlamm auf der Fahrbahn glänzte mit einem phosphoreszierenden Effekt, und als er aus einer schmalen Straße neben dem Bahnhof Charing Cross auf den Strand hinaustrat, assimilierte ihn der Geist des Ortes. Er hätte einer der seltsamen ausländischen Fische sein können, die man abends dort um die dunklen Ecken huschen sehen kann.

Er blieb direkt am Rande des Gehwegs stehen und wartete. Seine geübten Augen hatten im verwirrten Spiel von Licht und Schatten, das die Fahrbahn bevölkerte, das kriechende Herannahen einer Droschke ausgemacht. Er gab kein Zeichen; aber als die niedrige Stufe, die am Bordstein entlangglitt, seine Füße erreichte, huschte er geschickt vor dem großen drehenden Rad hinein und sprach durch die kleine Falltür nach oben, fast noch bevor der Mann, der von seinem Bock aus stumpfsinnig nach vorne starrte, bemerkt hatte, dass er von einem Fahrgast geentert worden war.

Es war keine lange Fahrt. Sie endete auf ein Signal hin abrupt, irgendwo im Nirgendwo, zwischen zwei Straßenlaternen vor einem großen Stoffgeschäft – eine lange Reihe von Läden, die für die Nacht bereits in Wellblechplatten gehüllt waren. Der Fahrgast reichte eine Münze durch die Falltür, schlüpfte hinaus und entfernte sich, wobei er im Geist des Kutschers einen Eindruck von unheimlicher, exzentrischer Gespenstigkeit hinterließ. Aber die Größe der Münze war für sein Tastgefühl zufriedenstellend, und da seine Bildung keine literarische war, blieb er von der Angst verschont, sie könnte sich in seiner Tasche bald in ein welkes Blatt verwandeln. Durch die Art seines Berufs über die Welt der Fahrgäste erhoben, betrachtete er deren Handlungen mit begrenztem Interesse. Das scharfe Herumreißen seines Pferdes drückte seine Philosophie aus.

In der Zwischenzeit gab der Assistant Commissioner bereits seine Bestellung bei einem Kellner in einem kleinen italienischen Restaurant gleich um die Ecke auf – eine dieser Fallen für Hungernde, lang und schmal, mit einer Perspektive aus Spiegeln und weißer Tischwäsche geködert; ohne Luft, aber mit einer eigenen Atmosphäre – einer Atmosphäre betrügerischer Kochkunst, die ein elendes Menschengeschlecht in den dringendsten seiner erbärmlichen Bedürfnisse verspottet. In dieser unmoralischen Atmosphäre schien der Assistant Commissioner, über sein Unterfangen nachdenkend, noch mehr von seiner Identität zu verlieren. Er hatte ein Gefühl von Einsamkeit, von böser Freiheit. Es war recht angenehm. Als er, nachdem er seine kleine Mahlzeit bezahlt hatte, aufstand und auf sein Wechselgeld wartete, sah er sich in der Glasscheibe und war von seinem fremdartigen Aussehen beeindruckt. Er betrachtete sein eigenes Bild mit einem melancholischen und forschenden Blick, dann hob er durch eine plötzliche Eingebung den Kragen seiner Jacke. Diese Anordnung erschien ihm lobenswert, und er vollendete sie, indem er die Enden seines schwarzen Schnurrbarts nach oben zwirbelte. Er war zufrieden mit der subtilen Veränderung seines persönlichen Erscheinungsbildes, die diese kleinen Änderungen bewirkten. „Das wird sehr gut gehen“, dachte er. „Ich werde ein wenig nass werden, ein wenig bespritzt –“

Er wurde auf den Kellner an seinem Ellbogen und auf einen kleinen Stapel Silbermünzen am Rande des Tisches vor sich aufmerksam. Der Kellner behielt das eine Auge darauf, während sein anderes dem langen Rücken eines großen, nicht mehr ganz jungen Mädchens folgte, das zu einem entfernten Tisch hinaufging und vollkommen blind und gänzlich unnahbar aussah. Sie schien eine Stammkundin zu sein.

Beim Hinausgehen machte sich der Assistant Commissioner die Beobachtung, dass die Stammgäste des Lokals durch den häufigen Besuch der betrügerischen Kochkunst alle ihre nationalen und privaten Merkmale verloren hatten. Und dies war seltsam, da das italienische Restaurant eine so eigenartig britische Institution ist. Aber diese Leute waren genauso denationalisiert wie die Gerichte, die ihnen mit jedem Umstand ungestempelter Respektabilität vorgesetzt wurden. Auch war ihre Persönlichkeit in keiner Weise gestempelt, weder beruflich noch gesellschaftlich noch rassistisch. Sie schienen für das italienische Restaurant geschaffen zu sein, es sei denn, das italienische Restaurant wäre vielleicht für sie geschaffen worden. Aber diese letzte Hypothese war undenkbar, da man sie nirgendwo außerhalb dieser speziellen Einrichtungen unterbringen konnte. Man traf diese rätselhaften Personen sonst nirgends. Es war unmöglich, sich eine genaue Vorstellung davon zu machen, welchen Berufen sie tagsüber nachgingen und wo sie nachts schlafen gingen. Und er selbst war ortlos geworden. Es wäre für jeden unmöglich gewesen, seinen Beruf zu erraten. Was das Schlafengehen betraf, so gab es selbst in seinem eigenen Geist Zweifel. Nicht in Bezug auf seinen Wohnsitz selbst, aber sehr wohl in Bezug auf die Zeit, zu der er dorthin zurückkehren könnte. Ein angenehmes Gefühl der Unabhängigkeit erfüllte ihn, als er hörte, wie die Glastüren hinter seinem Rücken mit einem Art unvollkommenen, dumpfen Schlag ins Schloss fielen. Er schritt sofort in eine Unermesslichkeit aus schmierigem Schlamm und feuchtem Putz, durchsetzt mit Lampen, und eingehüllt, bedrückt, durchdrungen, gewürgt und erstickt von der Schwärze einer nassen Londoner Nacht, die aus Ruß und Wassertropfen besteht.

Brett Street war nicht sehr weit entfernt. Sie zweigte schmal von der Seite eines offenen, dreieckigen Platzes ab, der von dunklen und geheimnisvollen Häusern umgeben war, Tempeln des Kleingewerbes, die für die Nacht von Händlern geleert waren. Nur der Stand eines Obsthändlers an der Ecke sorgte für ein heftiges Aufflammen von Licht und Farbe. Dahinter war alles schwarz, und die wenigen Menschen, die in diese Richtung gingen, verschwanden mit einem Schritt hinter den leuchtenden Haufen von Orangen und Zitronen. Keine Schritte hallten wider. Man würde nie wieder etwas von ihnen hören. Der abenteuerlustige Leiter der Special Crimes Department beobachtete diese Verschwinden aus der Ferne mit interessiertem Auge. Er fühlte sich leichtfüßig, als ob er ganz allein im Dschungel gelauert hätte, viele tausende Meilen entfernt von Büroschreibtischen und offiziellen Tintenfässern. Diese Fröhlichkeit und Zerstreuung des Denkens vor einer Aufgabe von einiger Bedeutung scheint zu beweisen, dass unsere Welt doch keine so ernste Angelegenheit ist. Denn der Assistant Commissioner war nicht von Natur aus zu Leichtsinn geneigt.

Der Polizist auf dem Streifengang warf seine düstere und sich bewegende Gestalt gegen den leuchtenden Glanz der Orangen und Zitronen und betrat ohne Eile die Brett Street. Der Assistant Commissioner, als wäre er ein Mitglied der kriminellen Klassen, verweilte außer Sichtweite und wartete auf seine Rückkehr. Doch dieser Polizist schien für die Truppe für immer verloren zu sein. Er kehrte nie zurück: Er musste am anderen Ende der Brett Street hinausgegangen sein.

Der Assistant Commissioner, der zu diesem Schluss kam, betrat seinerseits die Straße und stieß auf einen großen Lieferwagen, der vor den schwach beleuchteten Fensterscheiben eines Garküchen-Wagens angehalten hatte. Der Mann erfrischte sich drinnen, und die Pferde, deren große Köpfe bis zum Boden gesenkt waren, fraßen stetig aus Nasenbeuteln. Weiter hinten, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, ging ein weiterer verdächtiger Fleck von schwachem Licht vom Schaufenster von Mr. Verloc aus, das mit Zeitungen behangen war und sich mit vagen Stapeln von Pappschachteln und den Formen von Büchern wölbte. Der Assistant Commissioner stand da und beobachtete es von der anderen Straßenseite aus. Es konnte kein Irrtum vorliegen. Neben dem vorderen Fenster, das durch die Schatten von undefinierbaren Dingen versperrt war, ließ die halb geöffnete Tür einen schmalen, klaren Streifen Gaslicht auf den Gehweg entweichen.

Hinter dem Assistant Commissioner wirkten der Lieferwagen und die Pferde, die zu einer einzigen Masse verschmolzen waren, wie etwas Lebendiges – ein quadratisch-rückiges schwarzes Monster, das die halbe Straße blockierte, mit plötzlichem, eisenbeschlagenem Stampfen, heftigem Klimpern und schweren, schnaubenden Seufzern. Der scharf festliche, unheilverkündende Glanz eines großen und wohlhabenden Pubs blickte dem anderen Ende der Brett Street über eine breite Straße entgegen. Diese Barriere aus strahlenden Lichtern, die sich den Schatten entgegenstellte, die sich um die bescheidene Wohnstätte von Mr. Verlocs häuslichem Glück angesammelt hatten, schien die Dunkelheit der Straße auf sich selbst zurückzudrängen, sie missmutiger, grüblerischer und unheimlicher zu machen.

KAPITEL VIII

Nachdem sie durch hartnäckige Betteleien eine Art Wärme in das kühle Interesse mehrerer Schankwirte (die einst Bekannte ihres verstorbenen, unglückseligen Mannes waren) gegossen hatte, hatte Mrs. Verlocs Mutter endlich ihre Aufnahme in gewisse Armenhäuser erreicht, die ein wohlhabender Gastwirt für die mittellosen Witwen des Gewerbes gegründet hatte.

Dieses Ziel, das in der Schlauheit ihres unruhigen Herzens konzipiert war, hatte die alte Frau mit Geheimhaltung und Entschlossenheit verfolgt. Das war die Zeit, in der ihre Tochter Winnie nicht umhin konnte, Mr. Verloc gegenüber die Bemerkung zu machen, dass „Mutter diese letzte Woche fast jeden Tag halbe Kronen und fünf Schillinge für Taxifahrten ausgegeben hat“. Aber die Bemerkung war nicht missgünstig gemeint. Winnie respektierte die Gebrechen ihrer Mutter. Sie war nur ein wenig überrascht über diese plötzliche Manie der Fortbewegung. Mr. Verloc, der auf seine Weise ausreichend prächtig war, hatte die Bemerkung ungeduldig beiseite gegrunzt, da sie seine Meditationen störte. Diese waren häufig, tief und langwierig; sie befassten sich mit einer Angelegenheit, die wichtiger war als fünf Schillinge. Deutlich wichtiger und unvergleichlich schwieriger, mit philosophischer Gelassenheit in all ihren Aspekten zu betrachten.

Nachdem ihr Ziel in schlauer Geheimhaltung erreicht war, hatte die heldenhafte alte Frau Mrs. Verloc reinen Wein eingeschenkt. Ihre Seele triumphierte und ihr Herz bebte. Innerlich zitterte sie, weil sie den ruhigen, in sich gekehrten Charakter ihrer Tochter Winnie fürchtete und bewunderte, deren Missfallen durch eine Vielfalt von schrecklichen Schweigen gefürchtet war. Aber sie erlaubte nicht, dass ihre inneren Befürchtungen ihr den Vorteil ehrwürdiger Gelassenheit raubten, die ihr durch ihr dreifaches Kinn, die schwebende Fülle ihrer alten Gestalt und den kraftlosen Zustand ihrer Beine verliehen wurde.

Der Schock der Information war so unerwartet, dass Mrs. Verloc, entgegen ihrer üblichen Praxis, wenn man sie ansprach, ihre häusliche Beschäftigung unterbrach. Es war das Abstauben der Möbel im Wohnzimmer hinter dem Laden. Sie drehte ihren Kopf zu ihrer Mutter.

„Was um alles in der Welt wolltest du denn damit erreichen?“, rief sie voller skandalisierter Verwunderung.

Der Schock musste schwerwiegend gewesen sein, um sie von jener distanzierten und nicht nachfragenden Annahme der Tatsachen abzubringen, die ihre Kraft und ihr Schutz im Leben war.

„Warst du es hier nicht bequem genug?“

Sie war in diese Nachfragen verfallen, rettete aber im nächsten Moment die Konsistenz ihres Handelns, indem sie ihre Staubtätigkeit wieder aufnahm, während die alte Frau verängstigt und stumm unter ihrer schmuddeligen weißen Kappe und der glanzlosen dunklen Perücke saß.

Winnie beendete den Stuhl und fuhr mit dem Staubtuch über das Mahagoni an der Rückseite des Rosshaar-Sofas, auf dem Mr. Verloc es liebte, sich mit Hut und Mantel auszuruhen. Sie war in ihre Arbeit vertieft, erlaubte sich aber bald eine weitere Frage.

„Wie um alles in der Welt hast du das geschafft, Mutter?“

Da dies nicht das Innere der Dinge betraf, was zu ignorieren ein Prinzip von Mrs. Verloc war, war diese Neugier entschuldbar. Sie bezog sich lediglich auf die Methoden. Die alte Frau begrüßte sie eifrig, da sie etwas zur Sprache brachte, worüber man mit viel Aufrichtigkeit sprechen konnte.

Sie beglückte ihre Tochter mit einer erschöpfenden Antwort, voller Namen und bereichert durch Nebenbemerkungen über die Verwüstungen der Zeit, wie sie in der Veränderung menschlicher Antlitze beobachtet werden. Die Namen waren hauptsächlich die Namen von Schankwirten – „die Freunde des armen Vaters, meine Liebe“. Sie weitete sich mit besonderer Wertschätzung über die Güte und Herablassung eines großen Brauers, eines Baronets und eines Abgeordneten, des Vorsitzenden der Gouverneure der Wohltätigkeitsorganisation, aus. Sie drückte sich so warmherzig aus, weil ihr erlaubt worden war, nach Vereinbarung seinen Privatsekretär zu interviewen – „ein sehr höflicher Herr, ganz in Schwarz, mit einer sanften, traurigen Stimme, aber so sehr, sehr dünn und ruhig. Er war wie ein Schatten, meine Liebe.“

Winnie, die ihre Staubtätigkeit verlängerte, bis die Geschichte zu Ende erzählt war, ging auf ihre übliche Weise ohne den geringsten Kommentar aus dem Wohnzimmer in die Küche (zwei Stufen hinunter).

Ein paar Tränen vergießend zum Zeichen der Freude über die Sanftmut ihrer Tochter in dieser schrecklichen Angelegenheit, ließ Mrs. Verlocs Mutter ihrer Schlauheit in Bezug auf ihre Möbel freien Lauf, weil sie ihr eigenes Eigentum waren; und manchmal wünschte sie, sie wären es nicht gewesen. Heldentum ist ja schön und gut, aber es gibt Umstände, unter denen die Veräußerung einiger Tische und Stühle, Messingbetten und so weiter mit weit entfernten und katastrophalen Folgen verbunden sein kann. Sie selbst benötigte einige Stücke, da die Stiftung, die sie nach vielen Betteleien an ihre wohltätige Brust gedrückt hatte, nichts als bloße Bretter und billig tapezierte Ziegel für die Objekte ihrer Fürsorge gab. Die Feinheit, die ihre Wahl auf die am wenigsten wertvollen und baufälligsten Gegenstände lenkte, blieb ungewürdigt, da Winnies Philosophie darin bestand, das Innere der Tatsachen nicht zur Kenntnis zu nehmen; sie nahm an, dass Mutter das nahm, was ihr am besten passte. Was Mr. Verloc betraf, so isolierte ihn seine intensive Meditation wie eine Art chinesische Mauer vollständig von den Phänomenen dieser Welt der eitlen Mühen und illusorischen Erscheinungen.

Nachdem ihre Auswahl getroffen war, wurde die Veräußerung des Rests zu einer in besonderer Weise verwirrenden Frage. Sie ließ es natürlich in der Brett Street zurück. Aber sie hatte zwei Kinder. Winnie war durch ihre vernünftige Verbindung mit diesem ausgezeichneten Ehemann, Mr. Verloc, versorgt. Stevie war mittellos – und ein wenig eigenartig. Seine Position musste vor den Ansprüchen der rechtlichen Gerechtigkeit und sogar den Eingebungen der Parteilichkeit berücksichtigt werden. Der Besitz der Möbel wäre in keiner Weise eine Versorgung gewesen. Er sollte sie haben – der arme Junge. Aber sie ihm zu geben, wäre wie ein Eingriff in seine Position der vollständigen Abhängigkeit gewesen. Es war eine Art Anspruch, den sie zu schwächen fürchtete. Außerdem würden die Empfindlichkeiten von Mr. Verloc es vielleicht nicht dulden, seinem Schwager für die Stühle, auf denen er saß, zu Dank verpflichtet zu sein. In einer langen Erfahrung mit Logiergästen hatte Mrs. Verlocs Mutter eine düstere, aber resignierte Vorstellung von der fantastischen Seite der menschlichen Natur gewonnen. Was, wenn Mr. Verloc plötzlich auf den Gedanken käme, Stevie zu sagen, er solle seinen gesegneten Kram irgendwohin aus dem Haus schaffen? Eine Aufteilung hingegen, wie sorgfältig sie auch vorgenommen wurde, könnte Winnie Anstoß geben. Nein, Stevie musste mittellos und abhängig bleiben. Und im Moment des Verlassens der Brett Street hatte sie zu ihrer Tochter gesagt: „Es hat keinen Sinn zu warten, bis ich tot bin, oder? Alles, was ich hier lasse, gehört jetzt ganz dir, meine Liebe.“

Winnie, den Hut auf dem Kopf, stumm hinter dem Rücken ihrer Mutter, fuhr fort, den Kragen des Mantels der alten Frau zurechtzurücken. Mit ausdruckslosem Gesicht nahm sie ihre Handtasche und einen Regenschirm an sich. Die Zeit war gekommen, die Summe von drei Shilling und sechs Pence für das auszugeben, was man wohl für die letzte Kutschfahrt im Leben von Mrs. Verlocs Mutter halten durfte. Sie traten aus der Ladentür hinaus.

Das Fuhrwerk, das sie erwartete, hätte das Sprichwort „Die Wahrheit kann grausamer sein als die Karikatur“ illustriert, gäbe es ein solches Sprichwort. Hinter einem gebrechlichen Pferd her kriechend, hielt eine Londoner Droschke auf wackeligen Rädern und mit einem verstümmelten Kutscher auf dem Bock. Diese letzte Besonderheit verursachte einiges Befremden. Als Mrs. Verlocs Mutter das hakenförmige Eiseninstrument erblickte, das aus dem linken Ärmel des Mantels des Mannes ragte, verlor sie plötzlich den heldenhaften Mut dieser Tage. Sie konnte sich nicht recht anvertrauen. „Was meinst du, Winnie?“ Sie zögerte. Die leidenschaftlichen Beteuerungen des grobgesichtigen Kutschers schienen aus einer blockierten Kehle gepresst zu werden. Er beugte sich vom Bock herab und flüsterte mit geheimnisvoller Entrüstung. Was war denn nun schon wieder? War es möglich, einen Mann so zu behandeln? Sein riesiges, ungewaschenes Gesicht flammte rot auf in der schlammigen Strecke der Straße. Ob es wahrscheinlich sei, dass man ihm eine Lizenz gegeben hätte, fragte er verzweifelt, wenn –

Der Polizist der Gegend beruhigte ihn mit einem freundlichen Blick; dann wandte er sich ohne merkliche Rücksichtnahme an die beiden Frauen und sagte:

„Er fährt seit zwanzig Jahren Droschke. Ich habe nie erlebt, dass er einen Unfall hatte.“

„Unfall!“ rief der Kutscher in einem spöttischen Flüsterton.

Die Aussage des Polizisten entschied die Sache. Die bescheidene Ansammlung von sieben Leuten, meist noch minderjährig, zerstreute sich. Winnie folgte ihrer Mutter in die Droschke. Stevie kletterte auf den Bock. Sein leerer Mund und seine bekümmerten Augen spiegelten seinen Geisteszustand in Bezug auf die Vorgänge wider, die sich abspielten. In den engen Straßen wurde der Fortgang der Reise für die Insassen durch die nahen Häuserfronten spürbar, die langsam und wackelig vorüberglitten, mit einem großen Rasseln und Klirren von Glas, als stünden sie kurz davor, hinter der Kutsche in sich zusammenzustürzen; und das gebrechliche Pferd, dessen Geschirr lose über seinem scharfen Rückgrat hing und an seinen Schenkeln flatterte, schien mit unendlicher Geduld tänzelnd auf seinen Hufen zu trippeln. Später, in der weiteren Umgebung von Whitehall, wurden alle sichtbaren Anzeichen von Bewegung unmerklich. Das Rasseln und Klirren von Glas ging vor dem langen Gebäude des Schatzamtes unendlich weiter – und die Zeit selbst schien stillzustehen.

Schließlich bemerkte Winnie: „Das ist kein sehr gutes Pferd.“

Ihre Augen glänzten unbeweglich im Schatten der Kutsche geradeaus. Auf dem Bock schloss Stevie zuerst seinen leeren Mund, um dann eifrig zu stoßen: „Nicht.“

Der Kutscher, der die um den Haken gewickelten Zügel hoch hielt, nahm keine Notiz. Vielleicht hatte er es nicht gehört. Stevies Brust hob sich.

„Nicht peitschen.“

Der Mann drehte langsam sein aufgedunsenes und verquollenes Gesicht von vielen Farben, das von weißen Haaren starrte. Seine kleinen roten Augen glänzten vor Feuchtigkeit. Seine großen Lippen hatten einen violetten Schimmer. Sie blieben geschlossen. Mit dem schmutzigen Handrücken seiner Peitschenhand rieb er sich die Stoppeln, die auf seinem riesigen Kinn sprossen.

„Du darfst nicht“, stammelte Stevie heftig. „Es tut weh.“

„Nicht peitschen“, fragte der andere in einem nachdenklichen Flüsterton und peitschte sofort. Er tat dies nicht, weil seine Seele grausam und sein Herz böse war, sondern weil er seinen Fahrpreis verdienen musste. Und eine Zeit lang betrachteten die Mauern von St. Stephen’s mit ihren Türmen und Zinnen in Unbeweglichkeit und Schweigen eine Droschke, die klirrte. Sie rollte jedoch auch. Aber auf der Brücke gab es einen Aufruhr. Stevie machte sich plötzlich daran, vom Bock herunterzusteigen. Es gab Rufe auf dem Bürgersteig, Leute rannten vor, der Kutscher hielt an und flüsterte Flüche der Entrüstung und des Erstaunens. Winnie ließ das Fenster herunter und steckte den Kopf heraus, weiß wie ein Gespenst. In den Tiefen der Kutsche rief ihre Mutter mit gequälten Tönen: „Ist der Junge verletzt? Ist der Junge verletzt?“

Stevie war nicht verletzt, er war nicht einmal gestürzt, aber die Aufregung hatte ihm wie üblich die Fähigkeit zu zusammenhängender Rede geraubt. Er konnte am Fenster nur stammeln: „Zu schwer. Zu schwer.“ Winnie legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Stevie! Geh sofort wieder auf den Bock und versuche nicht, wieder herunterzusteigen.“

„Nein. Nein. Gehen. Muss gehen.“

Beim Versuch, die Art dieser Notwendigkeit zu erklären, stammelte er sich in völlige Unverständlichkeit. Keine physische Unmöglichkeit stand seinem Wunsch im Weg. Stevie hätte leicht Schritt halten können mit dem gebrechlichen, tänzelnden Pferd, ohne außer Atem zu geraten. Aber seine Schwester verweigerte ihre Zustimmung entschieden. „Die Idee! Wer hat je so etwas gehört! Einer Kutsche hinterherrennen!“ Ihre Mutter, verängstigt und hilflos in den Tiefen des Fuhrwerks, flehte: „Oh, lass ihn nicht, Winnie. Er wird sich verlaufen. Lass ihn nicht.“

„Natürlich nicht. Was kommt als Nächstes! Mr. Verloc wird betrübt sein, von diesem Unsinn zu hören, Stevie – das kann ich dir sagen. Er wird überhaupt nicht glücklich sein.“

Die Vorstellung von Mr. Verlocs Kummer und Unglück wirkte wie üblich stark auf Stevies grundsätzlich fügsames Gemüt, sodass er allen Widerstand aufgab und mit einem Gesicht voller Verzweiflung wieder auf den Bock kletterte.

Der Kutscher drehte ihm sein riesiges und entzündetes Gesicht drohend zu. „Versuch bloß nicht, noch einmal so ein dummes Spiel zu spielen, junger Mann.“

Nachdem er sich so in einem strengen Flüsterton geäußert hatte, der fast bis zur Auslöschung angestrengt war, fuhr er weiter und sinnierte feierlich vor sich hin. Für ihn blieb der Vorfall etwas undurchsichtig. Aber sein Verstand, obwohl er durch die betäubenden Jahre der sitzenden Witterungsaussetzung seine ursprüngliche Lebendigkeit verloren hatte, entbehrte nicht der Unabhängigkeit oder Vernunft. Ernsthaft verwarf er die Hypothese, dass Stevie ein betrunkener kleiner Bengel sei.

Im Inneren der Kutsche war der Bann des Schweigens, in dem die beiden Frauen Schulter an Schulter das Rütteln, Rasseln und Klirren der Reise ertragen hatten, durch Stevies Ausbruch gebrochen worden. Winnie erhob ihre Stimme.

„Du hast bekommen, was du wolltest, Mutter. Du wirst es nur dir selbst zu verdanken haben, wenn du danach nicht glücklich bist. Und ich glaube nicht, dass du es sein wirst. Das glaube ich nicht. Warst du im Haus nicht bequem genug untergebracht? Was die Leute von uns denken werden – dass du dich so einer Wohltätigkeitsorganisation auslieferst?“

„Meine Liebe“, schrie die alte Frau ernsthaft über den Lärm hinweg, „du warst die beste Tochter für mich. Was Mr. Verloc betrifft – nun –“

Da ihr die Worte über Mr. Verlocs Vorzüglichkeit fehlten, wandte sie ihre alten, tränenden Augen zur Decke der Kutsche. Dann wandte sie den Kopf ab, unter dem Vorwand, aus dem Fenster zu schauen, als wolle sie ihren Fortschritt beurteilen. Er war unbedeutend und vollzog sich nah am Bordstein. Die Nacht, die frühe schmutzige Nacht, die unheimliche, laute, hoffnungslose und lärmende Nacht von South London, hatte sie auf ihrer letzten Kutschfahrt eingeholt. Im Gaslicht der flachen Läden glühten ihre dicken Wangen in einem Orangeton unter einer schwarzen und malvenfarbenen Haube.

Der Teint von Mrs. Verlocs Mutter war durch das Alter und eine natürliche Veranlagung zur Galligkeit, begünstigt durch die Prüfungen einer schwierigen und sorgenvollen Existenz, erst als Ehefrau, dann als Witwe, gelblich geworden. Es war ein Teint, der unter dem Einfluss eines Errötens einen orangen Ton annahm. Und diese Frau, zwar bescheiden, aber in den Feuern der Widrigkeiten abgehärtet, zudem in einem Alter, in dem Erröten nicht erwartet wird, hatte vor ihrer Tochter förmlich errötet. In der Privatsphäre einer Droschke, auf dem Weg zu einem Wohltätigkeitshäuschen (eines in einer Reihe), das aufgrund der Enge seiner Abmessungen und der Einfachheit seiner Unterkunft wohl in Güte als Ort der Ausbildung für die noch engeren Umstände des Grabes erdacht worden sein mochte, war sie gezwungen, vor ihrem eigenen Kind ein Erröten der Reue und Scham zu verbergen.

Was werden die Leute denken? Sie wusste sehr wohl, was sie dachten, die Leute, die Winnie im Sinn hatte – die alten Freunde ihres Mannes und auch andere, deren Interesse sie mit solch schmeichelhaftem Erfolg erbeten hatte. Sie hatte vorher nicht gewusst, was für eine gute Bettlerin sie sein konnte. Aber sie ahnte sehr wohl, welche Schlussfolgerung aus ihrem Antrag gezogen wurde. Aufgrund jener schüchternen Zartheit, die in der männlichen Natur neben aggressiver Brutalität existiert, waren die Erkundigungen über ihre Umstände nicht sehr weit getrieben worden. Sie hatte sie durch ein sichtbares Zusammenpressen der Lippen und ein gewisses Maß an Emotion, die entschlossen war, beredt stumm zu sein, gestoppt. Und die Männer wurden plötzlich uninteressiert, wie es ihrer Art entsprach. Sie beglückwünschte sich mehr als einmal dazu, nichts mit Frauen zu tun zu haben, die, von Natur aus abgestumpfter und gieriger nach Details, darauf bedacht gewesen wären, genau darüber informiert zu werden, durch welche Art von unfreundlichem Verhalten ihre Tochter und ihr Schwiegersohn sie in diese traurige Extremität getrieben hatten. Nur vor dem Sekretär des großen Brauers, Abgeordneten und Vorsitzenden der Wohltätigkeitsorganisation, der sich im Namen seines Auftraggebers verpflichtet fühlte, gewissenhaft neugierig auf die wahren Umstände der Antragstellerin zu sein, war sie direkt und laut in Tränen ausgebrochen, wie eine in die Enge getriebene Frau weinen wird. Der dünne und höfliche Herr, nachdem er sie mit der Miene betrachtet hatte, „völlig vom Hocker gehauen“ zu sein, gab seine Position unter dem Deckmantel beruhigender Bemerkungen auf. Sie dürfe sich nicht aufregen. Die Satzung der Wohltätigkeitsorganisation spezifiziere nicht unbedingt „kinderlose Witwen“. Tatsächlich schließe sie sie keineswegs aus. Aber das Ermessen des Komitees müsse ein informiertes Ermessen sein. Man könne ihre Abneigung, eine Last zu sein, sehr wohl verstehen, etc. etc. Daraufhin weinte Mrs. Verlocs Mutter zu seiner tiefen Enttäuschung noch mehr mit verstärkter Heftigkeit.

Die Tränen dieser großen Frau in einer dunklen, staubigen Perücke und einem antiken Seidenkleid, das mit schmutziger weißer Baumwollspitze verziert war, waren die Tränen echter Not. Sie hatte geweint, weil sie heldenhaft und skrupellos und voller Liebe für ihre beiden Kinder war. Mädchen werden häufig dem Wohl der Jungen geopfert. In diesem Fall opferte sie Winnie. Durch das Verschweigen der Wahrheit verleumdete sie sie. Natürlich war Winnie unabhängig und musste sich nicht um die Meinung von Leuten scheren, die sie nie sehen würde und die sie nie sehen würden; während der arme Stevie nichts auf der Welt hatte, was er sein Eigen nennen konnte, außer der Heldenhaftigkeit und Skrupellosigkeit seiner Mutter.

Das erste Gefühl der Sicherheit nach Winnies Heirat verflog mit der Zeit (denn nichts währt ewig), und Mrs. Verlocs Mutter hatte sich in der Abgeschiedenheit des hinteren Schlafzimmers an die Lehre jener Erfahrung erinnert, die die Welt einer verwitweten Frau einprägt. Aber sie hatte sich ohne vergebliche Bitterkeit daran erinnert; ihr Vorrat an Resignation grenzte fast an Würde. Sie reflektierte stoisch, dass alles in dieser Welt zerfällt und sich abnutzt; dass der Weg der Güte den Wohlgesinnten leicht gemacht werden sollte; dass ihre Tochter Winnie eine überaus hingebungsvolle Schwester und eine in der Tat sehr selbstbewusste Ehefrau sei. Was Winnies schwesterliche Hingabe betraf, wich ihr Stoizismus zurück. Sie nahm dieses Gefühl von der Regel des Verfalls aus, der alles Menschliche und manches Göttliche betrifft. Sie konnte nicht anders; es nicht zu tun, hätte sie zu sehr erschreckt. Aber bei der Betrachtung der Bedingungen des Ehestandes ihrer Tochter lehnte sie alle schmeichelhaften Illusionen fest ab. Sie vertrat die kühle und vernünftige Ansicht, dass je weniger Mr. Verlocs Güte beansprucht würde, desto länger ihre Wirkung wahrscheinlich anhalten würde. Dieser exzellente Mann liebte seine Frau natürlich, aber er würde zweifellos vorziehen, so wenige ihrer Verwandten wie möglich zu behalten, was mit der angemessenen Zurschaustellung dieses Gefühls vereinbar war. Es wäre besser, wenn sich seine gesamte Wirkung auf den armen Stevie konzentrieren würde. Und die heldenhafte alte Frau beschloss, als Akt der Hingabe und als Schritt tieferer Taktik von ihren Kindern fortzugehen.

Die „Tugend“ dieser Taktik bestand darin (Mrs. Verlocs Mutter war auf ihre Weise subtil), dass Stevies moralischer Anspruch gestärkt würde. Der arme Junge – ein guter, nützlicher Junge, wenn auch ein wenig eigenartig – hatte keinen ausreichenden Stand. Er war mit seiner Mutter übernommen worden, in etwa so, wie das Mobiliar des Belgravian-Herrenhauses übernommen worden war, als ob es ausschließlich ihr gehörte. Was wird passieren, fragte sie sich (denn Mrs. Verlocs Mutter war in gewissem Maße phantasievoll), wenn ich sterbe? Und wenn sie sich diese Frage stellte, geschah es mit Schrecken. Es war auch schrecklich zu denken, dass sie dann nicht die Mittel hätte, um zu wissen, was mit dem armen Jungen geschah. Aber indem sie ihn seiner Schwester übergab, indem sie so fortging, gab sie ihm den Vorteil einer direkt abhängigen Position. Dies war die subtilere Sanktion der Heldenhaftigkeit und Skrupellosigkeit von Mrs. Verlocs Mutter. Ihr Akt des Verlassens war in Wirklichkeit eine Vorkehrung, um ihren Sohn dauerhaft im Leben unterzubringen. Andere Leute brachten materielle Opfer für ein solches Ziel, sie auf diese Weise. Es war der einzige Weg. Außerdem würde sie sehen können, wie es funktionierte. Ob schlecht oder recht, sie würde die schreckliche Ungewissheit auf dem Sterbebett vermeiden. Aber es war hart, hart, grausam hart.

Die Droschke ratterte, klirrte, ruckelte; tatsächlich war Letzteres ganz außerordentlich. Durch seine unverhältnismäßige Heftigkeit und Stärke löschte es jedes Gefühl von Vorwärtsbewegung aus; und die Wirkung war, als würde man in einem unbeweglichen Apparat geschüttelt, wie eine mittelalterliche Vorrichtung zur Bestrafung von Verbrechen oder eine sehr modern anmutende Erfindung zur Heilung einer trägen Leber. Es war äußerst quälend; und das Erheben der Stimme von Mrs. Verlocs Mutter klang wie ein Schmerzensschrei.

„Ich weiß, meine Liebe, du wirst mich so oft besuchen, wie du Zeit erübrigen kannst. Wirst du nicht?“

„Natürlich“, antwortete Winnie kurz und starrte geradeaus.

Und die Droschke ruckelte vor einem dampfenden, fettigen Laden im Schein von Gas und im Geruch von gebratenem Fisch.

Die alte Frau stieß erneut einen Schrei aus.

„Und, meine Liebe, ich muss diesen armen Jungen jeden Sonntag sehen. Es wird ihm nichts ausmachen, den Tag mit seiner alten Mutter zu verbringen –“

Winnie schrie stoisch zurück:

„Ausmachen! Ich sollte meinen, nein. Dieser arme Junge wird dich schrecklich vermissen. Ich wünschte, du hättest ein wenig daran gedacht, Mutter.“

Nicht daran denken! Die heldenhafte Frau schluckte ein verspieltes und unbequemes Objekt wie eine Billardkugel herunter, die aus ihrem Hals springen wollte. Winnie saß eine Weile stumm da, schmollte vor sich hin in der Kutsche, dann fuhr sie heraus, was ein ungewohnter Tonfall bei ihr war:

„Ich erwarte, dass ich anfangs meine Mühe mit ihm haben werde, er wird so unruhig sein –“

„Was auch immer du tust, lass ihn nicht deinen Mann beunruhigen, meine Liebe.“

So diskutierten sie auf vertraute Weise die Auswirkungen einer neuen Situation. Und die Droschke ruckelte. Mrs. Verlocs Mutter äußerte einige Bedenken. Konnte man Stevie zutrauen, den ganzen Weg alleine zu kommen? Winnie behauptete, er sei jetzt viel weniger „zerstreut“. Sie stimmten darin überein. Es ließ sich nicht leugnen. Viel weniger – kaum noch. Sie schrien sich im Geklapper verhältnismäßig fröhlich zu. Aber plötzlich brach die mütterliche Angst wieder auf. Es gab zwei Busse zu nehmen und einen kurzen Fußweg dazwischen. Es war zu schwierig! Die alte Frau gab sich Kummer und Bestürzung hin.

Winnie starrte nach vorne.

„Reg dich nicht so auf, Mutter. Du musst ihn natürlich sehen.“

„Nein, meine Liebe. Ich werde versuchen, es nicht zu tun.“

Sie wischte sich die strömenden Augen.

„Aber du kannst nicht die Zeit erübrigen, mit ihm zu kommen, und falls er sich vergisst und den Weg verliert und jemand ihn scharf anspricht, könnten Name und Adresse seinem Gedächtnis entschlüpfen, und er wird tagelang verloren bleiben –“

Die Vision eines Arbeitshaus-Krankenhauses für den armen Stevie – wenn auch nur während der Erkundigungen – schnürte ihr das Herz zusammen. Denn sie war eine stolze Frau. Winnies starrer Blick war hart, konzentriert, erfinderisch geworden.

„Ich kann ihn nicht jede Woche selbst zu dir bringen“, rief sie. „Aber mach dir keine Sorgen, Mutter. Ich werde dafür sorgen, dass er nicht lange verloren geht.“

Sie spürten einen eigenartigen Stoß; eine Vision von Ziegelpfeilern verweilte vor den rasselnden Fenstern der Droschke; ein plötzliches Aufhören des grausamen Ruckelns und lärmenden Klirrens machte die beiden Frauen benommen. Was war geschehen? Sie saßen regungslos und verängstigt in der tiefen Stille, bis die Tür aufging und ein raues, angestrengtes Flüstern zu hören war:

„Da sind wir!“

Eine Reihe kleiner Giebelhäuser, jedes mit einem schwachen gelben Fenster im Erdgeschoss, umgab den dunklen offenen Platz eines Rasenstücks, das mit Sträuchern bepflanzt und von dem Flickwerk aus Licht und Schatten auf der breiten Straße, die vom dumpfen Grollen des Verkehrs widerhallte, abgezäunt war. Vor der Tür eines dieser winzigen Häuser – eines ohne Licht im kleinen Fenster im Erdgeschoss – war die Droschke zum Stehen gekommen. Mrs. Verlocs Mutter stieg zuerst aus, rückwärts, mit einem Schlüssel in der Hand. Winnie verweilte auf dem Steinpflasterweg, um den Kutscher zu bezahlen. Stevie kam, nachdem er geholfen hatte, eine Menge kleiner Pakete hineinzutragen, heraus und stand unter dem Licht einer Gaslaterne, die zur Wohltätigkeitsorganisation gehörte. Der Kutscher betrachtete die Silberstücke, die in seiner großen, schmutzigen Hand sehr winzig erschienen und die unbedeutenden Ergebnisse symbolisierten, die den ehrgeizigen Mut und die Mühe einer Menschheit belohnen, deren Tag auf dieser Erde des Bösen kurz ist.

Er war anständig bezahlt worden – vier Ein-Shilling-Stücke – und er betrachtete sie in vollkommener Stille, als wären sie die überraschenden Bedingungen eines melancholischen Problems. Die langsame Übertragung dieses Schatzes in eine Innentasche erforderte viel mühsames Tasten in den Tiefen der verfallenen Kleidung. Seine Gestalt war gedrungen und ohne Flexibilität. Stevie, schlank, die Schultern ein wenig hochgezogen und die Hände tief in den Seitentaschen seines warmen Überziehers, stand am Rande des Weges und schmollte.

Der Kutscher, der in seinen bedächtigen Bewegungen innehielt, schien von einer nebligen Erinnerung getroffen zu sein.

„Oh! Da hast du’s, junger Mann“, flüsterte er. „Du wirst ihn wiedererkennen – nicht wahr?“

Stevie starrte auf das Pferd, dessen Hinterteil durch die Auszehrung übermäßig erhöht erschien. Der kleine steife Schwanz schien für einen herzlosen Witz angebracht worden zu sein; und am anderen Ende neigte sich der dünne, flache Hals, wie eine mit altem Pferdefell bedeckte Planke, unter dem Gewicht eines riesigen knochigen Kopfes bis zum Boden. Die Ohren hingen in verschiedenen Winkeln, nachlässig; und die makabre Gestalt dieses stummen Bewohners der Erde dampfte direkt aus Rippen und Rückgrat in der schwülen Stille der Luft.

Der Kutscher schlug leicht mit dem Eisenhaken, der aus einem zerlumpten, fettigen Ärmel ragte, auf Stevies Brust.

„Guck mal hier, junger Mann. Wie würdest du es finden, vielleicht bis zwei Uhr morgens hinter diesem Ross zu sitzen?“

Stevie blickte leer in die wilden kleinen Augen mit den rot umrandeten Lidern.

„Er ist nicht lahm“, fuhr der andere fort und flüsterte mit Energie. „Er hat keine wunden Stellen an sich. Hier ist er. Wie würdest du es finden –“

Seine angestrengte, erloschene Stimme verlieh seiner Äußerung einen Charakter von vehementer Geheimhaltung. Stevies leerer Blick wandelte sich langsam in Angst.

„Du kannst ruhig gucken! Bis drei oder vier Uhr morgens. Kalt und hungrig. Nach Fahrgästen suchen. Betrunkene.“

Seine jovialen violetten Wangen starrten von weißen Haaren; und wie Vergils Silen, der, das Gesicht mit dem Saft von Beeren beschmiert, den unschuldigen Hirten Siziliens von olympischen Göttern erzählte, sprach er zu Stevie von häuslichen Angelegenheiten und den Affären von Menschen, deren Leiden groß und deren Unsterblichkeit keineswegs gesichert ist.

„Ich bin ein Nachtkutscher, ich“, flüsterte er mit einer Art prahlerischer Exasperation. „Ich muss rausholen, was sie mir auf dem Hof verdammt noch mal geben. Ich habe mein Weib und vier Kinder daheim.“

Die monströse Natur dieser Vaterschaftserklärung schien die Welt verstummen zu lassen. Eine Stille herrschte, während der die Flanken des alten Pferdes, das Ross apokalyptischen Elends, im Licht der wohltätigen Gaslaterne aufwärts dampften.

Der Kutscher grunzte und fügte dann in seinem geheimnisvollen Flüstern hinzu:

„Das ist keine einfache Welt.“ Stevies Gesicht hatte schon seit einiger Zeit gezuckt, und schließlich brachen seine Gefühle in ihrer üblichen knappen Form hervor.

„Schlecht! Schlecht!“

Sein Blick blieb auf den Rippen des Pferdes fixiert, befangen und düster, als ob er Angst hätte, sich um ihn herum die Schlechtigkeit der Welt anzusehen. Und seine Schlankheit, seine rosigen Lippen und sein blasser, klarer Teint verliehen ihm das Aussehen eines zarten Jungen, ungeachtet des flauschigen Wachstums von goldenem Haar auf seinen Wangen. Er schmollte auf eine verängstigte Art wie ein Kind. Der Kutscher, kurz und breit, beäugte ihn mit seinen wilden kleinen Augen, die in einer klaren und ätzenden Flüssigkeit zu schmerzen schienen.

„Hart zu Pferden, aber verdammt viel härter zu armen Kerlen wie mir“, keuchte er gerade noch hörbar.

„Arm! Arm!“, stammelte Stevie und schob die Hände mit krampfhaftem Mitleid tiefer in seine Taschen. Er konnte nichts sagen; denn die Zärtlichkeit für alles Leid und alles Elend, der Wunsch, das Pferd glücklich zu machen und den Kutscher glücklich zu machen, hatte einen Punkt bizarrer Sehnsucht erreicht, sie beide mit sich ins Bett zu nehmen. Und das, wusste er, war unmöglich. Denn Stevie war nicht verrückt. Es war, sozusagen, eine symbolische Sehnsucht; und zugleich war sie sehr deutlich, da sie der Erfahrung entsprang, der Mutter der Weisheit. Wenn er also als Kind in einer dunklen Ecke kauerte, verängstigt, elend, wund und gequält von dem schwarzen, schwarzen Elend der Seele, dann pflegte seine Schwester Winnie zu kommen und ihn mit sich ins Bett zu nehmen, wie in einen Himmel tröstenden Friedens. Stevie, obwohl er dazu neigte, bloße Fakten zu vergessen, wie etwa seinen Namen und seine Adresse, besaß ein treues Gedächtnis für Empfindungen. In ein Bett des Mitleids aufgenommen zu werden, war das höchste Heilmittel, mit dem einzigen Nachteil, dass es sich nur schwer in großem Maßstab anwenden ließ. Und als Stevie den Kutscher ansah, nahm er dies klar wahr, denn er war vernünftig.

Der Kutscher fuhr mit seinen gemächlichen Vorbereitungen fort, als ob Stevie nicht existierte. Er tat, als wolle er sich auf den Bock hieven, ließ es aber im letzten Moment aus einem dunklen Beweggrund, vielleicht bloß aus Abscheu vor der Bewegung im Wagen, bleiben. Stattdessen näherte er sich dem regungslosen Partner seiner Arbeit, beugte sich hinab, um den Zügel zu ergreifen, und hob den großen, müden Kopf mit einem Kraftakt seines rechten Arms bis auf seine Schulterhöhe, wie ein Stück Kraftakrobatik.

„Komm“, flüsterte er geheimnisvoll.

Humpelnd führte er die Droschke fort. Es lag eine Strenge in diesem Aufbruch, der zermahlene Kies der Auffahrt schrie unter den sich langsam drehenden Rädern auf, die mageren Schenkel des Pferdes bewegten sich mit asketischer Überlegtheit weg vom Licht in die Dunkelheit des offenen Raums, der schwach von den spitzen Dächern und den matt leuchtenden Fenstern der kleinen Armenhäuser gesäumt war. Die Klage des Kieses wanderte langsam rund um die Auffahrt. Zwischen den Laternen des karitativen Tores erschien der langsame Trauerzug wieder, für einen Moment beleuchtet, der kleine, untersetzte Mann eifrig humpelnd, den Kopf des Pferdes in seiner Faust hochgehalten, das hagerer Tier in steifer und verlassener Würde gehend, der dunkle, niedrige Kasten auf Rädern komisch hinterherrollend mit einem watschelnden Anschein. Sie bogen nach links ab. Die Straße hinunter, kaum fünfzig Meter vom Tor entfernt, befand sich eine Kneipe.

Stevie, allein neben der privaten Laterne der Wohltätigkeitsstiftung gelassen, die Hände tief in die Taschen gestoßen, starrte mit leerer Missmutigkeit. Unten in seinen Taschen waren seine unfähigen, schwachen Hände zu einem Paar zorniger Fäuste geballt. Angesichts von allem, was direkt oder indirekt seine krankhafte Angst vor Schmerz berührte, wurde Stevie schließlich bösartig. Eine großmütige Entrüstung ließ seine gebrechliche Brust bis zum Bersten anschwellen und brachte seine aufrichtigen Augen zum Schielen. Obwohl er in der Erkenntnis seiner eigenen Machtlosigkeit überaus weise war, war Stevie nicht weise genug, seine Leidenschaften zu zügeln. Die Zärtlichkeit seiner universellen Wohltätigkeit hatte zwei Phasen, die so untrennbar miteinander verbunden waren wie die Rück- und Vorderseite einer Medaille. Auf die Qual übermäßigen Mitleids folgte der Schmerz eines unschuldigen, aber unbarmherzigen Zorns. Da sich diese beiden Zustände nach außen hin durch dieselben Zeichen vergeblicher körperlicher Erregung äußerten, beruhigte seine Schwester Winnie seine Aufregung, ohne jemals ihren zweifachen Charakter zu ergründen. Mrs. Verloc verschwendete keinen Teil dieses vergänglichen Lebens mit der Suche nach grundlegenden Informationen. Dies ist eine Art von Sparsamkeit, die den Anschein und einige Vorteile von Klugheit hat. Offensichtlich kann es gut sein, nicht zu viel zu wissen. Und eine solche Ansicht passt sehr gut zu konstitutioneller Trägheit.

An jenem Abend, an dem man sagen konnte, dass Mrs. Verlocs Mutter, nachdem sie sich endgültig von ihren Kindern verabschiedet hatte, auch aus diesem Leben geschieden war, untersuchte Winnie Verloc die Psychologie ihres Bruders nicht. Der arme Junge war natürlich aufgeregt. Nachdem sie der alten Frau an der Schwelle noch einmal versichert hatte, sie wisse schon, wie sie die Gefahr abwenden könne, dass Stevie sich auf seinen Pilgerreisen kindlicher Frömmigkeit allzu lange verlaufe, nahm sie den Arm ihres Bruders, um wegzugehen. Stevie murmelte nicht einmal vor sich hin, aber mit dem besonderen Sinn für schwesterliche Hingabe, der sich in ihrer frühesten Kindheit entwickelt hatte, spürte sie, dass der Junge in der Tat sehr aufgeregt war. Sie hielt seinen Arm fest umklammert, während sie vorgab, sich darauf zu stützen, und dachte über einige Worte nach, die für den Anlass angemessen waren.

„Nun, Stevie, du musst an den Straßenübergängen gut auf mich aufpassen und zuerst in den Bus steigen, wie ein braver Bruder.“

Dieser Appell an männlichen Schutz wurde von Stevie mit seiner gewohnten Folgsamkeit aufgenommen. Es schmeichelte ihm. Er hob den Kopf und drückte die Brust heraus.

„Nicht nervös sein, Winnie. Darfst nicht nervös sein! Bus ist schon gut“, antwortete er in einem schroffen, lallenden Stammeln, das Anteil an der Ängstlichkeit eines Kindes und der Entschlossenheit eines Mannes hatte. Er schritt furchtlos mit der Frau an seinem Arm voran, aber seine Unterlippe ließ er hängen. Dennoch war ihre Ähnlichkeit auf dem Bürgersteig der schäbigen und breiten Hauptstraße, deren Armut an allen Annehmlichkeiten des Lebens durch eine wahnsinnige Fülle von Gaslichtern töricht zur Schau gestellt wurde, so ausgeprägt, dass sie den flüchtigen Passanten auffiel.

Vor den Türen der Kneipe an der Ecke, wo die Fülle des Gaslichts den Höhepunkt positiver Bosheit erreichte, schien eine vierrädrige Droschke, die ohne Kutscher am Straßenrand stand, wegen unheilbaren Verfalls in die Gosse geworfen worden zu sein. Mrs. Verloc erkannte das Gefährt. Sein Anblick war so zutiefst beklagenswert, mit einer solchen Vollendung grotesken Elends und der Unheimlichkeit makabrer Details, als wäre es die Kutsche des Todes selbst, dass Mrs. Verloc mit jenem bereiten Mitleid einer Frau für ein Pferd (wenn sie nicht hinter ihm sitzt) vage ausrief:

„Armes Tier!“

Stevie blieb plötzlich zurück und versetzte seiner Schwester einen ruckartigen Ruck.

„Arm! Arm!“, stieß er anerkennend hervor. „Kutscher auch arm. Das hat er mir selbst gesagt.“

Das Betrachten des gebrechlichen und einsamen Rosses überwältigte ihn. Geschubst, aber hartnäckig, wollte er dort bleiben und versuchen, die Sicht auf das menschliche und pferdische Elend in enger Verbindung auszudrücken, die sich seinen Sympathien gerade erst eröffnet hatte. Aber es war sehr schwierig. „Armes Tier, arme Leute!“, war alles, was er wiederholen konnte. Es schien ihm nicht eindringlich genug, und er hielt mit einem wütenden Prusten inne: „Schande!“ Stevie war kein Meister der Phrasen, und vielleicht fehlte es seinen Gedanken gerade deshalb an Klarheit und Präzision. Aber er empfand mit größerer Vollständigkeit und einer gewissen Tiefe. Dieses kleine Wort enthielt sein ganzes Gefühl von Empörung und Entsetzen darüber, dass die eine Art von Elend sich von der Qual der anderen nähren musste – dass der arme Kutscher das arme Pferd im Namen, sozusagen, seiner armen Kinder zu Hause schlug. Und Stevie wusste, wie es ist, geschlagen zu werden. Er wusste es aus Erfahrung. Es war eine schlechte Welt. Schlecht! Schlecht!

Mrs. Verloc, seine einzige Schwester, Vormund und Beschützerin, konnte nicht vorgeben, solche Tiefen des Einblicks zu besitzen. Zudem hatte sie die Magie der Beredsamkeit des Kutschers nicht erlebt. Sie tappte im Dunkeln, was die Innenseite des Wortes „Schande“ betraf. Und sie sagte gelassen:

„Komm schon, Stevie. Da kannst du nichts machen.“

Der fügsame Stevie ging mit; aber jetzt ging er ohne Stolz, schlurfend und halbe Worte murmelnd, und sogar Worte, die ganz gewesen wären, wenn sie nicht aus Hälften bestanden hätten, die nicht zusammengehörten. Es war, als hätte er versucht, all die Worte, an die er sich erinnern konnte, an seine Empfindungen anzupassen, um eine Art entsprechende Idee zu bekommen. Und tatsächlich bekam er sie schließlich. Er blieb zurück, um sie sofort auszusprechen.

„Schlechte Welt für arme Leute.“

Sobald er diesen Gedanken ausgesprochen hatte, wurde ihm bewusst, dass er ihm in all seinen Konsequenzen bereits vertraut war. Dieser Umstand stärkte seine Überzeugung ungemein, vermehrte aber auch seine Entrüstung. Jemand, fühlte er, sollte dafür bestraft werden – mit großer Strenge bestraft werden. Da er kein Skeptiker, sondern ein moralisches Geschöpf war, war er in gewisser Weise seinen rechtschaffenen Leidenschaften ausgeliefert.

„Bestialisch!“, fügte er kurz an.

Für Mrs. Verloc war es klar, dass er sehr aufgeregt war.

„Niemand kann das ändern“, sagte sie. „Komm jetzt mit. Ist das die Art, wie du auf mich aufpasst?“

Stevie beschleunigte gehorsam sein Tempo. Er bildete sich viel darauf ein, ein guter Bruder zu sein. Seine Moral, die sehr vollständig war, verlangte das von ihm. Dennoch war er schmerzlich berührt von der Information, die ihm seine Schwester Winnie gab, die doch gut war. Niemand könne das ändern! Er ging düster mit, aber bald hellte er sich auf. Wie der Rest der Menschheit, die über das Geheimnis des Universums verwirrt ist, hatte er seine Momente tröstenden Vertrauens in die organisierten Mächte der Erde.

„Polizei“, schlug er zuversichtlich vor.

„Die Polizei ist nicht dafür da“, bemerkte Mrs. Verloc flüchtig, während sie ihren Weg beschleunigte.

Stevies Gesicht wurde beträchtlich länger. Er dachte nach. Je intensiver sein Denken war, desto schlaffer hing sein Unterkiefer herab.

Und mit einer Miene hoffnungsloser Leere gab er sein intellektuelles Unterfangen auf.

„Nicht dafür da?“, murmelte er, ergeben, aber überrascht. „Nicht dafür da?“ Er hatte sich eine ideale Vorstellung von der Polizei der Metropole als einer Art wohltätiger Institution zur Unterdrückung des Bösen gemacht. Die Vorstellung von Wohltätigkeit besonders war sehr eng mit seinem Sinn für die Macht der Männer in Blau verbunden. Er hatte alle Polizeikonstabler zärtlich gemocht, mit einer arglosen Vertrauensseligkeit. Und er war gekränkt. Er war auch irritiert durch den Verdacht auf Doppelzüngigkeit bei den Mitgliedern der Ordnungsmacht. Denn Stevie war offen und so aufrichtig wie der Tag selbst. Was meinten sie dann damit, es vorzugeben? Im Gegensatz zu seiner Schwester, die auf den Schein vertraute, wollte er der Sache auf den Grund gehen. Er führte seine Untersuchung mittels einer wütenden Herausforderung weiter.

„Wofür sind sie dann da, Winn? Wofür sind sie da? Sag es mir.“

Winnie mochte keine Kontroversen. Da sie aber am meisten einen Anfall tiefer Niedergeschlagenheit fürchtete, der darauf zurückzuführen war, dass Stevie seine Mutter anfangs sehr vermisste, lehnte sie die Diskussion nicht völlig ab. Ohne jede Ironie antwortete sie dennoch in einer Weise, die vielleicht nicht unnatürlich für die Ehefrau von Mr. Verloc war, Delegierter des Zentralen Roten Komitees, persönlicher Freund gewisser Anarchisten und Anhänger der sozialen Revolution.

„Weißt du nicht, wofür die Polizei da ist, Stevie? Sie sind dazu da, damit diejenigen, die nichts haben, denjenigen, die etwas haben, nichts wegnehmen.“

Sie vermied es, das Verb „stehlen“ zu benutzen, weil es ihren Bruder immer unbehaglich machte. Denn Stevie war empfindlich ehrlich. Bestimmte einfache Prinzipien waren ihm so ängstlich (aufgrund seiner „Andersartigkeit“) eingeflößt worden, dass allein die Namen bestimmter Übertretungen ihn mit Entsetzen erfüllten. Er war schon immer leicht von Reden zu beeindrucken gewesen. Er war jetzt beeindruckt und erschrocken, und sein Verstand war sehr wach.

„Was?“, fragte er sofort ängstlich. „Nicht einmal, wenn sie hungrig wären? Dürfen sie das nicht?“

Die beiden hatten ihren Spaziergang unterbrochen.

„Nicht, wenn sie noch so sehr hungrig wären“, sagte Mrs. Verloc mit der Gelassenheit einer Person, die von dem Problem der Vermögensverteilung nicht beunruhigt ist und die Perspektive der Straße nach einem Omnibus der richtigen Farbe absuchte. „Sicher nicht. Aber was nützt es, über all das zu reden? Du bist niemals hungrig.“

Sie warf einen raschen Blick auf den Jungen, der wie ein junger Mann an ihrer Seite war. Sie sah ihn liebenswürdig, anziehend, liebevoll und nur ein wenig, ein ganz klein wenig, eigenartig. Und sie konnte ihn nicht anders sehen, denn er war verbunden mit dem, was an Salz der Leidenschaft in ihrem geschmacklosen Leben vorhanden war – die Leidenschaft der Entrüstung, des Mutes, des Mitleids und sogar der Selbstaufopferung. Sie fügte nicht hinzu: „Und du wirst wahrscheinlich auch nie hungrig sein, solange ich lebe.“ Aber sie hätte es sehr wohl tun können, da sie wirksame Schritte zu diesem Zweck unternommen hatte. Mr. Verloc war ein sehr guter Ehemann. Es war ihr ehrlicher Eindruck, dass niemand den Jungen nicht mögen konnte. Sie rief plötzlich:

„Schnell, Stevie. Halt den grünen Bus an.“

Und Stevie, zittrig und wichtig, mit seiner Schwester Winnie an seinem Arm, warf den anderen hoch über seinen Kopf bei dem herannahenden Bus, mit vollem Erfolg.

Eine Stunde später hob Mr. Verloc seine Augen von einer Zeitung, die er las, oder zumindest betrachtete, hinter der Theke, und erblickte im ausklingenden Geklapper der Türklingel Winnie, seine Frau, wie sie eintrat und das Geschäft auf ihrem Weg nach oben durchquerte, gefolgt von Stevie, seinem Schwager. Der Anblick seiner Frau war für Mr. Verloc angenehm. Es war seine Eigenart. Die Gestalt seines Schwagers blieb ihm verborgen aufgrund der mürrischen Nachdenklichkeit, die in letzter Zeit wie ein Schleier zwischen Mr. Verloc und die Erscheinungen der Welt der Sinne gefallen war. Er blickte seiner Frau starr nach, ohne ein Wort, als wäre sie ein Phantom. Seine Stimme für den Hausgebrauch war rau und gelassen, aber jetzt war sie überhaupt nicht zu hören. Sie war beim Abendessen nicht zu hören, zu dem ihn seine Frau in der üblichen kurzen Art rief: „Adolf.“ Er setzte sich, um es ohne Überzeugung zu verzehren, den Hut weit in den Nacken geschoben. Es war nicht die Hingabe an ein Leben im Freien, sondern das häufige Besuchen ausländischer Cafés, das für diese Gewohnheit verantwortlich war und Mr. Verlocs beständige Treue zum eigenen Herd mit einem Charakter von formloser Vorläufigkeit ausstattete. Zweimal beim Klappern der gesprungenen Klingel erhob er sich wortlos, verschwand im Laden und kam schweigend zurück. Während dieser Abwesenheiten wurde Mrs. Verloc schmerzlich bewusst, dass der Platz zu ihrer Rechten leer war, sie vermisste ihre Mutter sehr und starrte versteinert; während Stevie aus demselben Grund mit den Füßen scharrte, als sei der Boden unter dem Tisch unangenehm heiß. Wenn Mr. Verloc an seinen Platz zurückkehrte, wie die leibhaftige Verkörperung des Schweigens, änderte sich der Charakter von Mrs. Verlocs Starren auf subtile Weise, und Stevie hörte auf, mit den Füßen zu zappeln, wegen seiner großen und ehrfürchtigen Hochachtung vor dem Mann seiner Schwester. Er richtete Blicke respektvollen Mitleids auf ihn. Mr. Verloc war betrübt. Seine Schwester Winnie hatte ihm (im Omnibus) eingeprägt, dass Mr. Verloc zu Hause in einem Zustand der Trauer anzutreffen sei und nicht beunruhigt werden dürfe. Der Zorn seines Vaters, die Reizbarkeit der männlichen Untermieter und Mr. Verlocs Veranlagung zu maßloser Trauer waren die Hauptsäulen von Stevies Selbstbeherrschung gewesen. Von diesen Gefühlen, die alle leicht hervorgerufen, aber nicht immer leicht zu verstehen waren, hatte das letzte die größte moralische Effizienz – weil Mr. Verloc gut war. Seine Mutter und seine Schwester hatten diese ethische Tatsache auf ein unerschütterliches Fundament gestellt. Sie hatten sie hinter Mr. Verlocs Rücken begründet, errichtet und geweiht, aus Gründen, die nichts mit abstrakter Moral zu tun hatten. Und Mr. Verloc war sich dessen nicht bewusst. Es ist nur gerechte Billigkeit ihm gegenüber zu sagen, dass er keine Ahnung davon hatte, auf Stevie gut zu wirken. Doch so war es. Er war sogar der einzige Mann, der in Stevies Wissen als solcher qualifiziert war, da die männlichen Untermieter zu flüchtig und zu fern gewesen waren, als dass etwas sehr Deutliches an ihnen hätte haften bleiben können, außer vielleicht ihre Stiefel; und was die disziplinarischen Maßnahmen seines Vaters betraf, so schreckten die Trostlosigkeit seiner Mutter und Schwester davor zurück, vor dem Opfer eine Theorie der Güte aufzustellen. Es wäre zu grausam gewesen. Und es war sogar möglich, dass Stevie ihnen nicht geglaubt hätte. Was Mr. Verloc betraf, so konnte Stevies Glaube durch nichts erschüttert werden. Mr. Verloc war offensichtlich, wenn auch geheimnisvoll, gut. Und die Trauer eines guten Mannes ist erhaben.

Stevie warf seinem Schwager Blicke ehrfürchtigen Mitleids zu. Mr. Verloc war betrübt. Der Bruder von Winnie hatte sich noch nie zuvor in einer so engen Gemeinschaft mit dem Geheimnis der Güte dieses Mannes gefühlt. Es war eine verständliche Trauer. Und Stevie selbst war betrübt. Er war sehr betrübt. Dieselbe Art von Trauer. Und da seine Aufmerksamkeit auf diesen unangenehmen Zustand gelenkt wurde, scharrte Stevie mit den Füßen. Seine Gefühle äußerten sich gewohnheitsmäßig durch die Unruhe seiner Gliedmaßen.

„Lass deine Füße ruhig, Liebling“, sagte Mrs. Verloc mit Autorität und Zärtlichkeit; dann wandte sie sich mit gleichgültiger Stimme an ihren Ehemann, die meisterhafte Leistung instinktiven Takts: „Gehst du heute Abend noch aus?“, fragte sie.

Die bloße Andeutung schien Mr. Verloc zuwider zu sein. Er schüttelte mürrisch den Kopf und saß dann still da, mit niedergeschlagenen Augen, und starrte eine ganze Minute lang auf das Stück Käse auf seinem Teller. Am Ende dieser Zeit stand er auf und ging hinaus – ging direkt hinaus, im Geklapper der Türklingel. Er handelte so widersprüchlich, nicht aus dem Wunsch heraus, sich unangenehm zu machen, sondern aufgrund einer unbezwingbaren Rastlosigkeit. Es hatte keinen Sinn, auszugehen. Er konnte nirgendwo in London finden, was er wollte. Aber er ging aus. Er führte einen Zug trostloser Gedanken durch dunkle Straßen, durch beleuchtete Straßen, in und aus zwei protzigen Bars, als ob in einem halbherzigen Versuch, sich einen Abend zu machen, und schließlich zurück zu seinem bedrohten Zuhause, wo er ermüdet hinter der Theke saß, und sie drängten sich dringend um ihn, wie ein Rudel hungriger schwarzer Hunde. Nachdem er das Haus abgeschlossen und das Gas gelöscht hatte, nahm er sie mit nach oben – eine schreckliche Eskorte für einen Mann, der zu Bett geht. Seine Frau war ihm einige Zeit zuvor vorausgegangen, und mit ihrer üppigen Gestalt, die sich vage unter der Bettdecke abzeichnete, ihrem Kopf auf dem Kissen und einer Hand unter der Wange, bot sie seinem inneren Aufruhr den Anblick früher Schläfrigkeit, die den Besitz einer ausgeglichenen Seele nahelegte. Ihre großen Augen starrten weit offen, träge und dunkel gegen die schneeweiße Wäsche. Sie bewegte sich nicht.

Sie hatte eine ausgeglichene Seele. Sie spürte zutiefst, dass die Dinge nicht viel Nachforschung vertrugen. Sie machte ihre Kraft und ihre Weisheit aus diesem Instinkt. Aber die Wortkargheit von Mr. Verloc lag schon seit vielen Tagen schwer auf ihr. Tatsächlich wirkte sie sich auf ihre Nerven aus. Liegend und regungslos sagte sie gelassen:

„Du wirst dich erkälten, wenn du so in deinen Socken herumlaufst.“

Diese Rede, die sich für die Fürsorge der Ehefrau und die Klugheit der Frau schickte, erwischte Mr. Verloc unvorbereitet. Er hatte seine Stiefel unten gelassen, aber er hatte vergessen, seine Pantoffeln anzuziehen, und er war auf geräuschlosen Sohlen wie ein Bär im Käfig im Schlafzimmer umhergegangen. Beim Klang der Stimme seiner Frau hielt er inne und starrte sie so lange mit einem somnambulen, ausdruckslosen Blick an, dass Mrs. Verloc ihre Gliedmaßen unter der Bettdecke leicht bewegte. Aber sie bewegte nicht ihren schwarzen Kopf, der in das weiße Kissen gesunken war, eine Hand unter der Wange, und die großen, dunklen, unblinzelnden Augen.

Unter dem ausdruckslosen Starren ihres Mannes, und in Erinnerung an das leere Zimmer ihrer Mutter auf der anderen Seite des Flurs, spürte sie einen akuten Stich der Einsamkeit. Sie war noch nie zuvor von ihrer Mutter getrennt gewesen. Sie hatten zueinandergehalten. Sie spürte, dass sie das getan hatten, und sie sagte sich, dass Mutter nun fort war – endgültig fort. Mrs. Verloc hatte keine Illusionen. Stevie blieb jedoch. Und sie sagte:

„Mutter hat getan, was sie tun wollte. Es ergibt für mich keinen Sinn, den ich sehen kann. Ich bin sicher, sie kann nicht gedacht haben, dass du genug von ihr hattest. Es ist absolut bösartig, uns so zu verlassen.“

Mr. Verloc war keine belesene Person; sein Bereich anspielungsreicher Phrasen war begrenzt, aber es gab eine eigentümliche Treffsicherheit bei Umständen, die ihn an Ratten denken ließen, die ein dem Untergang geweihtes Schiff verlassen. Er hätte es fast ausgesprochen. Er war misstrauisch und verbittert geworden. Konnte es sein, dass die alte Frau eine so exzellente Nase hatte? Aber die Unvernunft eines solchen Verdachts war offensichtlich, und Mr. Verloc hielt seinen Mund. Nicht ganz, allerdings. Er murmelte schwer:

„Vielleicht ist es ganz gut so.“

Er begann sich auszuziehen. Mrs. Verloc blieb ganz still, vollkommen still, mit den Augen in einem verträumten, ruhigen Starren fixiert. Und ihr Herz schien für den Bruchteil einer Sekunde ebenfalls stillzustehen. In jener Nacht war sie „nicht ganz sie selbst“, wie man so sagt, und es wurde ihr mit einiger Wucht bewusst, dass ein einfacher Satz mehrere verschiedene Bedeutungen haben kann – meist unangenehme. Inwiefern war es ganz gut so? Und warum? Aber sie erlaubte sich nicht, in die Trägheit unfruchtbarer Spekulationen zu verfallen. Sie fühlte sich eher in ihrer Überzeugung bestätigt, dass die Dinge es nicht vertrugen, untersucht zu werden. Praktisch und subtil auf ihre Art, brachte sie Stevie ohne Zeitverlust nach vorne, denn in ihr hatte die Zielstrebigkeit die unfehlbare Natur und die Kraft eines Instinkts.

„Was ich tun werde, um diesen Jungen die ersten paar Tage aufzumuntern, weiß ich wahrlich nicht. Er wird sich von morgens bis abends Sorgen machen, bevor er sich daran gewöhnt hat, dass Mutter weg ist. Und er ist so ein guter Junge. Ich könnte nicht ohne ihn auskommen.“

Mr. Verloc fuhr fort, seine Kleidung abzulegen, mit der unbeteiligten inneren Konzentration eines Mannes, der sich in der Einsamkeit einer riesigen und hoffnungslosen Wüste entkleidet. Denn so unwirtlich präsentierte sich diese schöne Erde, unser gemeinsames Erbe, dem geistigen Auge von Mr. Verloc. Alles war draußen und drinnen so still, dass das einsame Ticken der Uhr auf dem Treppenabsatz sich wie aus Gesellschaftsdrang in das Zimmer stahl.

Mr. Verloc, der sich auf seiner Seite ins Bett legte, blieb flach und stumm hinter Mrs. Verlocs Rücken liegen. Seine dicken Arme ruhten verlassen auf der Außenseite der Bettdecke wie weggeworfene Waffen, wie ausrangiertes Werkzeug. In diesem Moment war er nur haarscharf davor, seiner Frau reinen Wein einzuschenken. Der Augenblick schien günstig. Aus den Augenwinkeln sah er ihre kräftigen, in Weiß gehüllten Schultern, den Hinterkopf, mit dem für die Nacht in drei Zöpfen frisierten Haar, deren Enden mit schwarzen Bändern zusammengebunden waren. Und er unterließ es. Mr. Verloc liebte seine Frau, wie eine Ehefrau geliebt werden sollte – das heißt, ehelich, mit der Hochachtung, die man seinem wichtigsten Besitz entgegenbringt. Dieser für die Nacht gerichtete Kopf, diese kräftigen Schultern hatten einen Aspekt vertrauter Heiligkeit – die Heiligkeit des häuslichen Friedens. Sie bewegte sich nicht, massig und gestaltlos wie eine liegende Statue im Rohzustand; er erinnerte sich an ihre weit aufgerissenen Augen, die in das leere Zimmer starrten. Sie war geheimnisvoll, mit der Geheimnisvollsamkeit lebender Wesen. Der berühmte Geheimagent [delta] aus den alarmistischen Depeschen des verstorbenen Baron Stott-Wartenheim war nicht der Mann, um in solche Geheimnisse einzudringen. Er war leicht einzuschüchtern. Und er war auch träge, mit jener Trägheit, die so oft das Geheimnis eines guten Wesens ist. Er unterließ es, dieses Geheimnis zu berühren, aus Liebe, Ängstlichkeit und Trägheit. Es würde immer genug Zeit geben. Einige Minuten lang ertrug er seine Leiden schweigend in der schläfrigen Stille des Zimmers. Und dann störte er sie mit einer entschlossenen Erklärung.

„Ich gehe morgen auf den Kontinent.“

Seine Frau mochte bereits eingeschlafen sein. Er konnte es nicht sagen. Tatsächlich hatte Mrs. Verloc ihn gehört. Ihre Augen blieben sehr weit offen, und sie lag sehr still, bestätigt in ihrer instinktiven Überzeugung, dass die Dinge es nicht vertragen, allzu sehr untersucht zu werden. Und doch war es für Mr. Verloc nichts Ungewöhnliches, eine solche Reise zu unternehmen. Er frisierte seinen Vorrat von Paris und Brüssel aus auf. Oft fuhr er hinüber, um seine Einkäufe persönlich zu tätigen. Eine kleine, ausgesuchte Verbindung von Amateuren bildete sich um das Geschäft in der Brett Street, eine geheime Verbindung, die für jedes von Mr. Verloc unternommene Geschäft eminent angemessen war, der durch eine mystische Übereinstimmung von Temperament und Notwendigkeit sein ganzes Leben lang dazu bestimmt gewesen war, ein Geheimagent zu sein.

Er wartete eine Weile und fügte dann hinzu: „Ich werde eine Woche oder vielleicht vierzehn Tage weg sein. Lass Mrs. Neale für den Tag kommen.“

Mrs. Neale war die Putzfrau aus der Brett Street. Als Opfer ihrer Ehe mit einem liederlichen Schreiner wurde sie von den Bedürfnissen vieler kleiner Kinder bedrückt. Mit roten Armen und einer Schürze aus grobem Sacktuch bis unter die Achseln atmete sie die Angst der Armen aus, in einem Hauch von Seifenlauge und Rum, im Lärm des Scheuerns, im Klappern von Blecheimern.

Mrs. Verloc, voller tiefer Absicht, sprach in einem Ton flachster Gleichgültigkeit.

„Es besteht keine Notwendigkeit, die Frau den ganzen Tag hier zu haben. Ich komme sehr gut mit Stevie zurecht.“

Sie ließ die einsame Uhr auf dem Treppenabsatz fünfzehn Ticks in den Abgrund der Ewigkeit zählen und fragte:

„Soll ich das Licht ausmachen?“

Mr. Verloc fuhr seine Frau heiser an.

„Mach es aus.“

KAPITEL IX

Mr. Verloc kehrte nach zehn Tagen vom Kontinent zurück und brachte einen Geist mit, der sichtlich nicht durch die Wunder ausländischer Reisen erfrischt war, und ein Gesicht, das nicht durch die Freuden der Heimkehr erhellt wurde. Er trat unter dem Geklapper der Ladenglocke mit einer Miene düsterer und verärgerter Erschöpfung ein. Die Tasche in der Hand, den Kopf gesenkt, schritt er direkt hinter den Tresen und ließ sich in den Stuhl fallen, als wäre er den ganzen Weg von Dover zu Fuß gekommen. Es war früher Morgen. Stevie, der verschiedene in den vorderen Fenstern ausgestellte Gegenstände abstaubte, drehte sich um, um ihn ehrfürchtig und staunend anzustarren.

„Hier!“, sagte Mr. Verloc und gab der Gladstone-Tasche auf dem Boden einen leichten Stoß; und Stevie stürzte sich darauf, ergriff sie und trug sie mit triumphierender Hingabe davon. Er war so schnell, dass Mr. Verloc sichtlich überrascht war.

Schon beim Geklapper der Ladenglocke hatte Mrs. Neale, die den Wohnzimmerrost mit Ofenschwärze einrieb, durch die Tür geschaut, und war von den Knien aufgestanden, um mit ihrer Schürze und schmutzig von ewiger Mühsal Mrs. Verloc in der Küche zu berichten, dass „der Herr zurückgekommen sei“.

Winnie kam nicht weiter als bis zur inneren Ladentür.

„Du wirst etwas Frühstück wollen“, sagte sie aus der Ferne.

Mr. Verloc bewegte seine Hände leicht, als wäre er von einem unmöglichen Vorschlag überwältigt. Aber sobald er ins Wohnzimmer gelockt war, wies er das ihm vorgesetzte Essen nicht zurück. Er aß wie an einem öffentlichen Ort, den Hut von der Stirn geschoben, die Schöße seines schweren Überziehers hingen wie ein Dreieck auf beiden Seiten des Stuhls herunter. Und über die Länge des mit braunem Wachstuch bedeckten Tisches hinweg sprach Winnie, seine Frau, in einem gleichmäßigen Ton die eheliche Unterhaltung mit ihm, zweifellos so kunstvoll an die Umstände dieser Rückkehr angepasst wie die Unterhaltung der Penelope an die Rückkehr des wandernden Odysseus. Mrs. Verloc hatte jedoch während der Abwesenheit ihres Mannes nicht gewebt. Aber sie hatte das ganze Zimmer oben gründlich reinigen lassen, einige Waren verkauft, Mr. Michaelis mehrmals gesehen. Er hatte ihr beim letzten Mal gesagt, dass er wegziehen wolle, um in einem Häuschen auf dem Land zu leben, irgendwo an der Linie London, Chatham und Dover. Karl Yundt war auch einmal gekommen, unter dem Arm geführt von dieser „bösen alten Haushälterin von ihm“. Er sei „ein widerwärtiger alter Mann“. Von Genosse Ossipon, den sie kurz angebunden empfangen hatte, verschanzt hinter dem Tresen mit steinerner Miene und einem in die Ferne gerichteten Blick, sagte sie nichts; ihre gedankliche Bezugnahme auf den robusten Anarchisten war durch eine kurze Pause mit dem leichtestmöglichen Erröten markiert. Und indem sie ihren Bruder Stevie so schnell wie möglich in den Strom der häuslichen Ereignisse einbrachte, erwähnte sie, dass der Junge sehr niedergeschlagen gewesen sei.

„Das liegt alles daran, dass Mutter uns so verlassen hat.“

Mr. Verloc sagte weder „Verdammt!“ noch „Häng Stevie auf!“. Und Mrs. Verloc, die nicht in das Geheimnis seiner Gedanken eingeweiht war, verkannte die Großzügigkeit dieser Zurückhaltung.

„Es ist nicht so, dass er nicht so gut arbeitet wie immer“, fuhr sie fort. „Er war sehr nützlich. Man könnte meinen, er könnte gar nicht genug für uns tun.“

Mr. Verloc richtete einen beiläufigen und schläfrigen Blick auf Stevie, der zu seiner Rechten saß, zart, blass, den rosigen Mund ausdruckslos offen. Es war kein kritischer Blick. Er hatte keine Absicht. Und wenn Mr. Verloc einen Moment lang dachte, dass seine Frau Bruder ungewöhnlich nutzlos aussah, war es nur ein stumpfer und flüchtiger Gedanke, frei von jener Kraft und Beständigkeit, die einen Gedanken manchmal in die Lage versetzt, die Welt zu bewegen. Mr. Verloc lehnte sich zurück und entblößte sein Haupt. Bevor sein ausgestreckter Arm den Hut ablegen konnte, stürzte sich Stevie darauf und trug ihn ehrfürchtig in die Küche. Und wieder war Mr. Verloc überrascht.

„Du könntest alles mit diesem Jungen machen, Adolf“, sagte Mrs. Verloc mit ihrer besten Miene unerschütterlicher Ruhe. „Er würde für dich durchs Feuer gehen. Er –“

Sie hielt aufmerksam inne, das Ohr zur Küchentür gewandt.

Dort schrubbte Mrs. Neale den Boden. Beim Erscheinen von Stevie stöhnte sie kläglich, da sie beobachtet hatte, dass er leicht dazu verleitet werden konnte, den Schilling, den seine Schwester Winnie ihm von Zeit zu Zeit schenkte, zugunsten ihrer kleinen Kinder zu geben. Auf allen vieren inmitten der Pfützen, nass und beschmutzt, wie eine Art amphibisches Haustier, das in Mülltonnen und schmutzigem Wasser lebt, stieß sie das übliche Exordium aus: „Dir geht es sehr gut, du tust nichts wie ein Herr.“ Und sie ließ darauf die ewige Klage der Armen folgen, pathetisch verlogen, jämmerlich beglaubigt durch den schrecklichen Atem von billigem Rum und Seifenlauge. Sie schrubbte hart, schniefte die ganze Zeit und sprach wortreich. Und sie war aufrichtig. Und auf beiden Seiten ihrer dünnen roten Nase schwammen ihre trüben, nebligen Augen in Tränen, weil sie morgens wirklich das Bedürfnis nach einer Art Stimulans verspürte.

Im Wohnzimmer bemerkte Mrs. Verloc kenntnisreich:

„Da ist Mrs. Neale wieder mit ihren erschütternden Geschichten über ihre kleinen Kinder. Sie können nicht alle so klein sein, wie sie sie darstellt. Einige von ihnen müssen mittlerweile groß genug sein, um zu versuchen, etwas für sich selbst zu tun. Es macht Stevie nur wütend.“

Diese Worte wurden durch einen Schlag wie von einer Faust auf den Küchentisch bestätigt. In der normalen Entwicklung seines Mitgefühls war Stevie wütend geworden, als er entdeckte, dass er keinen Schilling in der Tasche hatte. In seiner Unfähigkeit, die Entbehrungen von Mrs. Neales „Kleinen“ sofort zu lindern, hatte er das Gefühl, dass jemand dafür leiden sollte. Mrs. Verloc stand auf und ging in die Küche, um „diesen Unsinn zu beenden“. Und sie tat es bestimmt, aber sanft. Sie war sich wohl bewusst, dass Mrs. Neale, sobald sie ihr Geld erhielt, um die Ecke ging, um in einem schäbigen und muffigen Pub – der unvermeidlichen Station auf der Via Dolorosa ihres Lebens – hochprozentige Spirituosen zu trinken. Mrs. Verlocs Kommentar zu dieser Praxis hatte eine unerwartete Tiefe, wenn man bedenkt, dass sie eine Person war, die dazu neigte, nicht unter die Oberfläche der Dinge zu schauen. „Natürlich, was soll sie tun, um durchzuhalten? Wenn ich wie Mrs. Neale wäre, erwarte ich, dass ich nicht anders handeln würde.“

Am Nachmittag desselben Tages, als Mr. Verloc, der mit einem Ruck aus dem letzten einer langen Reihe von Nickerchen vor dem Wohnzimmerfeuer erwachte, seine Absicht erklärte, einen Spaziergang zu machen, sagte Winnie aus dem Laden:

„Ich wünschte, du würdest den Jungen mitnehmen, Adolf.“

Zum dritten Mal an diesem Tag war Mr. Verloc überrascht. Er starrte seine Frau dumm an. Sie fuhr in ihrer stetigen Art fort. Der Junge, wann immer er nichts zu tun hatte, trübsinnte im Haus herum. Es mache sie unruhig; es mache sie nervös, gestand sie. Und das klang bei der ruhigen Winnie wie Übertreibung. Aber in Wahrheit trübsinnte Stevie in der auffälligen Art eines unglücklichen Haustiers. Er ging auf den dunklen Treppenabsatz, um sich auf den Boden am Fuß der hohen Uhr zu setzen, die Knie hochgezogen und den Kopf in den Händen. Auf sein bleiches Gesicht zu stoßen, mit seinen großen Augen, die in der Dämmerung leuchteten, war beunruhigend; an ihn dort oben zu denken, war unbehaglich.

Mr. Verloc gewöhnte sich an die verblüffende Neuheit der Idee. Er mochte seine Frau, wie ein Mann es sollte – das heißt großzügig. Aber ein schwerwiegender Einwand kam ihm in den Sinn, und er formulierte ihn.

„Er wird mich vielleicht aus den Augen verlieren und sich in der Straße verirren“, sagte er.

Mrs. Verloc schüttelte kompetent den Kopf.

„Wird er nicht. Du kennst ihn nicht. Dieser Junge verehrt dich einfach. Aber falls du ihn verlieren solltest –“

Mrs. Verloc hielt einen Moment inne, aber nur einen Moment.

„Geh einfach weiter und mach deinen Spaziergang. Sorg dich nicht. Er wird in Ordnung sein. Er taucht bestimmt bald sicher hier wieder auf.“

Dieser Optimismus verschaffte Mr. Verloc seine vierte Überraschung des Tages.

„Tut er das?“, grunzte er zweifelnd. Aber vielleicht war sein Schwager nicht so ein Idiot, wie er aussah. Seine Frau würde es am besten wissen. Er wandte seine schweren Augen ab und sagte heiser: „Na gut, dann soll er mitkommen“, und verfiel wieder in die Klauen der schwarzen Sorge, die vielleicht lieber hinter einem Reiter sitzt, aber auch weiß, wie man Leuten, die nicht wohlhabend genug sind, um Pferde zu halten – wie zum Beispiel Mr. Verloc – dicht auf den Fersen bleibt.

Winnie an der Ladentür sah diesen fatalen Begleiter von Mr. Verlocs Spaziergängen nicht. Sie beobachtete die beiden Gestalten in der heruntergekommenen Straße, eine groß und stämmig, die andere schmal und klein, mit einem dünnen Hals und den spitzen Schultern, die leicht unter den großen, halbtransparenten Ohren angehoben waren. Das Material ihrer Überzieher war das gleiche, ihre Hüte waren schwarz und rund in der Form. Inspiriert von der Ähnlichkeit der Kleidung ließ Mrs. Verloc ihrer Fantasie freien Lauf.

„Könnten Vater und Sohn sein“, sagte sie zu sich selbst. Sie dachte auch, dass Mr. Verloc so sehr ein Vater war, wie der arme Stevie ihn je in seinem Leben gehabt hatte. Sie war sich auch bewusst, dass es ihr Werk war. Und mit friedlichem Stolz gratulierte sie sich zu einem bestimmten Entschluss, den sie ein paar Jahre zuvor gefasst hatte. Es hatte sie einige Mühe und sogar ein paar Tränen gekostet.

Sie gratulierte sich noch mehr, als sie im Laufe der Tage beobachtete, dass Mr. Verloc sich mit Stevies Gesellschaft anzufreunden schien. Jetzt, wenn er bereit war, zu seinem Spaziergang aufzubrechen, rief Mr. Verloc laut nach dem Jungen, zweifellos in dem Geist, in dem ein Mann die Begleitung des Haushundes einlädt, wenn auch natürlich auf eine andere Art und Weise. Im Haus konnte man Mr. Verloc dabei beobachten, wie er Stevie oft neugierig anstarrte. Sein eigenes Verhalten hatte sich geändert. Immer noch wortkarg, war er nicht mehr so lustlos. Mrs. Verloc dachte, dass er manchmal ziemlich nervös sei. Das hätte als Verbesserung angesehen werden können. Was Stevie betrifft, so trübsinnte er nicht mehr am Fuß der Uhr, sondern murmelte stattdessen in Ecken in einem bedrohlichen Ton vor sich hin. Wenn man ihn fragte: „Was sagst du da, Stevie?“, öffnete er nur den Mund und schielte zu seiner Schwester. Gelegentlich ballte er ohne ersichtlichen Grund die Fäuste, und wenn er in der Einsamkeit entdeckt wurde, starrte er grimmig an die Wand, wobei das Blatt Papier und der Bleistift, die ihm zum Zeichnen von Kreisen gegeben worden waren, leer und unbenutzt auf dem Küchentisch lagen. Dies war eine Veränderung, aber keine Verbesserung. Mrs. Verloc, die all diese Launen unter der allgemeinen Definition von Aufregung zusammenfasste, begann zu befürchten, dass Stevie mehr hörte, als ihm guttat, von den Gesprächen ihres Mannes mit seinen Freunden. Während seiner „Spaziergänge“ traf und unterhielt sich Mr. Verloc natürlich mit verschiedenen Personen. Es konnte kaum anders sein. Seine Spaziergänge waren ein integraler Bestandteil seiner Outdoor-Aktivitäten, die seine Frau nie genau untersucht hatte. Mrs. Verloc fühlte, dass die Position heikel war, aber sie begegnete ihr mit derselben undurchdringlichen Gelassenheit, die die Kunden des Ladens beeindruckte und sogar in Erstaunen versetzte und die anderen Besucher ein wenig verwundert auf Abstand hielt. Nein! Sie fürchtete, dass es Dinge gab, von denen Stevie nicht hören sollte, sagte sie zu ihrem Mann. Es rege den armen Jungen nur auf, weil er nicht verhindern könne, dass sie so seien. Niemand könne das.

Es war im Laden. Mr. Verloc machte keinen Kommentar. Er machte keine Erwiderung, und doch war die Erwiderung offensichtlich. Aber er verzichtete darauf, seine Frau darauf hinzuweisen, dass die Idee, Stevie zum Begleiter seiner Spaziergänge zu machen, ihre eigene war und niemand sonst. In diesem Moment wäre Mr. Verloc einem unparteiischen Beobachter in seiner Großmut übermenschlich erschienen. Er nahm eine kleine Pappschachtel aus einem Regal, warf einen Blick hinein, um zu sehen, ob der Inhalt in Ordnung war, und stellte sie sanft auf den Tresen. Erst als das getan war, brach er das Schweigen, mit der Bemerkung, dass Stevie höchstwahrscheinlich sehr davon profitieren würde, für eine Weile aus der Stadt geschickt zu werden; nur vermutete er, dass seine Frau nicht ohne ihn auskommen könne.

„Könnte nicht ohne ihn auskommen!“, wiederholte Mrs. Verloc langsam. „Ich könnte nicht ohne ihn auskommen, wenn es zu seinem Besten wäre! Die Idee! Natürlich kann ich ohne ihn auskommen. Aber es gibt keinen Ort, an den er gehen kann.“

Mr. Verloc holte etwas braunes Papier und ein Knäuel Schnur hervor; und währenddessen murmelte er, dass Michaelis in einem kleinen Häuschen auf dem Land lebe. Michaelis hätte nichts dagegen, Stevie ein Zimmer zum Schlafen zu geben. Es gebe dort keine Besucher und kein Gerede. Michaelis schreibe ein Buch.

Mrs. Verloc erklärte ihre Zuneigung zu Michaelis; erwähnte ihre Abscheu vor Karl Yundt, „fieser alter Mann“; und von Ossipon sagte sie nichts. Was Stevie betrifft, so könne er nur sehr erfreut sein. Mr. Michaelis sei immer so nett und freundlich zu ihm gewesen. Er schien den Jungen zu mögen. Nun, der Junge sei ein guter Junge.

„Du scheinst dich in letzter Zeit auch ziemlich an ihn gewöhnt zu haben“, fügte sie nach einer Pause mit ihrer unerschütterlichen Sicherheit hinzu.

Mr. Verloc, der die Pappschachtel zu einem Paket für die Post verschnürte, riss die Schnur durch einen unbedachten Ruck ab und murmelte mehrere Schimpfwörter vertraulich vor sich hin. Dann, seinen Ton zu dem üblichen heiseren Murmeln erhebend, kündigte er seine Bereitschaft an, Stevie selbst aufs Land zu bringen und ihn wohlbehalten bei Michaelis zu lassen.

Er führte diesen Plan am nächsten Tag aus. Stevie äußerte keinen Einwand. Er schien eher eifrig, auf eine verwirrte Art. Er richtete seinen aufrichtigen Blick in häufigen Abständen forschend auf Mr. Verlocs schweres Gesicht, besonders wenn seine Schwester ihn nicht ansah. Sein Ausdruck war stolz, besorgt und konzentriert, wie der eines kleinen Kindes, dem zum ersten Mal eine Schachtel Streichhölzer anvertraut wurde und die Erlaubnis, ein Licht anzuzünden. Aber Mrs. Verloc, erfreut über die Fügsamkeit ihres Bruders, empfahl ihm, seine Kleidung auf dem Land nicht unnötig schmutzig zu machen. Bei diesen Worten warf Stevie seiner Schwester, Vormund und Beschützerin einen Blick zu, der zum ersten Mal in seinem Leben die Eigenschaft vollkommenen kindlichen Vertrauens zu fehlen schien. Er war hochmütig düster. Mrs. Verloc lächelte.

„Du meine Güte! Du brauchst nicht beleidigt zu sein. Du weißt, dass du dich sehr unordentlich machst, wenn du die Gelegenheit dazu bekommst, Stevie.“

Mr. Verloc war schon ein Stück die Straße hinuntergegangen.

So fand sich Mrs. Verloc in Folge der heldenhaften Vorgehensweise ihrer Mutter und der Abwesenheit ihres Bruders während dieser Sommerfrische öfter als gewöhnlich ganz allein wieder, nicht nur im Laden, sondern auch im Haus. Denn Mr. Verloc musste seine Spaziergänge machen. Sie war an dem Tag des versuchten Bombenanschlags im Greenwich Park länger als gewöhnlich allein, weil Mr. Verloc an jenem Morgen sehr früh ausging und erst gegen Einbruch der Dunkelheit zurückkam. Es machte ihr nichts aus, allein zu sein. Sie hatte kein Verlangen auszugehen. Das Wetter war zu schlecht, und der Laden war gemütlicher als die Straßen. Während sie mit etwas Näharbeit hinter dem Tresen saß, hob sie nicht die Augen von ihrer Arbeit, als Mr. Verloc im aggressiven Geklapper der Glocke eintrat. Sie hatte seinen Schritt auf dem Pflaster draußen erkannt.

Sie hob nicht die Augen, aber als Mr. Verloc, schweigend und mit seinem bis auf die Stirn heruntergezogenen Hut, direkt auf die Wohnzimmertür zuging, sagte sie gelassen:

„Was für ein elender Tag. Du bist vielleicht bei Stevie gewesen?“

„Nein! Das bin ich nicht“, sagte Mr. Verloc leise und schlug die verglaste Wohnzimmertür hinter sich mit unerwarteter Energie zu.

Einige Zeit blieb Mrs. Verloc ruhig, die Arbeit auf ihren Schoß gefallen, bevor sie sie unter dem Tresen verstaute und aufstand, um das Gas anzuzünden. Danach ging sie auf dem Weg in die Küche ins Wohnzimmer. Mr. Verloc würde bald seinen Tee wollen. Im Vertrauen auf die Kraft ihres Charmes erwartete Winnie in ihrem täglichen Eheleben von ihrem Mann keine zeremonielle Annehmlichkeit der Ansprache und Höflichkeit des Benehmens; bestenfalls eitle und veraltete Formen, die wahrscheinlich nie sehr genau beobachtet wurden, heutzutage selbst in den höchsten Sphären abgelegt und für die Maßstäbe ihrer Klasse immer fremd. Sie erwartete keine Höflichkeiten von ihm. Aber er war ein guter Ehemann, und sie hatte eine loyale Achtung vor seinen Rechten.

Mrs. Verloc wäre mit der vollkommenen Gelassenheit einer Frau, die sich der Kraft ihres Charmes sicher ist, durch das Wohnzimmer und weiter zu ihren häuslichen Pflichten in die Küche gegangen. Aber ein leichtes, sehr leichtes und schnelles rasselndes Geräusch drang an ihr Gehör. Bizarr und unfassbar erregte es Mrs. Verlocs Aufmerksamkeit. Als sein Charakter für das Ohr deutlich wurde, blieb sie überrascht und besorgt stehen. Während sie ein Streichholz an der Schachtel in ihrer Hand anrieb, drehte sie über dem Wohnzimmertisch einen der beiden Gasbrenner auf und zündete ihn an, der, da er defekt war, zuerst pfiff, als wäre er erstaunt, und dann anfing, behaglich wie eine Katze zu schnurren.

Mr. Verloc hatte, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, den Überzieher abgelegt. Er lag auf dem Sofa. Sein Hut, den er ebenfalls von sich geworfen haben musste, lag verkehrt herum unter der Kante des Sofas. Er hatte einen Stuhl vor den Kamin gezogen, und mit den Füßen in den Kaminrost gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, hing er tief über dem glühenden Gitter. Seine Zähne klapperten mit einer unkontrollierbaren Heftigkeit, was seinen ganzen massigen Rücken im gleichen Takt erzittern ließ. Mrs. Verloc schreckte auf.

„Du bist nass geworden“, sagte sie.

„Nicht sehr“, brachte Mr. Verloc in einem tiefen Schauder hervor. Mit großer Anstrengung unterdrückte er das Klappern seiner Zähne.

„Du legst dich mir noch krank ins Bett“, sagte sie mit aufrichtiger Besorgnis.

„Das glaube ich nicht“, bemerkte Mr. Verloc und schniefte heiser.

Er hatte es zweifellos geschafft, sich zwischen sieben Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags eine scheußliche Erkältung einzufangen. Mrs. Verloc betrachtete seinen gebeugten Rücken.

„Wo bist du heute gewesen?“, fragte sie.

„Nirgendwo“, antwortete Mr. Verloc mit tiefer, belegter Nasenstimme. Seine Haltung deutete auf beleidigten Schmollmund oder heftige Kopfschmerzen hin. Die Unzulänglichkeit und Unaufrichtigkeit seiner Antwort wurde in der Totenstille des Zimmers schmerzlich offensichtlich. Er schniefte entschuldigend und fügte hinzu: „Ich war bei der Bank.“

Mrs. Verloc wurde aufmerksam.

„Tatsächlich!“, sagte sie gefasst. „Wozu?“

Mr. Verloc murmelte, mit der Nase über dem Rost und mit deutlichem Widerwillen:

„Das Geld abheben!“

„Was meinst du damit? Alles?“

„Ja. Alles davon.“

Mrs. Verloc breitete sorgfältig das spärliche Tischtuch aus, holte zwei Messer und zwei Gabeln aus der Schublade des Tisches und hielt plötzlich in ihrem methodischen Tun inne.

„Warum hast du das getan?“

„Brauche es vielleicht bald“, schniefte Mr. Verloc vage, der sich dem Ende seiner kalkulierten Indiskretionen näherte.

„Ich weiß nicht, was du meinst“, bemerkte seine Frau in einem völlig beiläufigen Ton, blieb jedoch stocksteif zwischen dem Tisch und dem Schrank stehen.

„Du weißt, dass du mir vertrauen kannst“, bemerkte Mr. Verloc zum Kaminrost gewandt, mit heiserer Gefühlsregung.

Mrs. Verloc drehte sich langsam zum Schrank und sagte bedächtig:

„Oh ja. Ich kann dir vertrauen.“

Und sie fuhr mit ihren methodischen Verrichtungen fort. Sie deckte zwei Teller ein, holte Brot und Butter und ging ruhig zwischen Tisch und Schrank in der Ruhe und Stille ihres Heims hin und her. Im Begriff, die Marmelade herauszuholen, überlegte sie praktisch: „Er wird Hunger haben, da er den ganzen Tag fort war“, und sie kehrte noch einmal zum Schrank zurück, um das kalte Rindfleisch zu holen. Sie stellte es unter die schnurrende Gasflamme und ging, mit einem flüchtigen Blick auf ihren bewegungslosen Ehemann, der sich am Feuer wärmte, (zwei Stufen hinunter) in die Küche. Erst als sie mit Tranchiermesser und Gabel in der Hand zurückkam, sprach sie wieder.

„Wenn ich dir nicht vertraut hätte, hätte ich dich nicht geheiratet.“

Über dem Kamingesims gebeugt, den Kopf in beide Hände gestützt, schien Mr. Verloc eingeschlafen zu sein. Winnie machte den Tee und rief mit gedämpfter Stimme:

„Adolf.“

Mr. Verloc stand sofort auf und schwankte ein wenig, bevor er sich an den Tisch setzte. Seine Frau prüfte die scharfe Klinge des Tranchiermessers, legte es auf die Platte und machte ihn auf das kalte Rindfleisch aufmerksam. Er blieb unempfänglich für den Vorschlag, das Kinn auf die Brust gesenkt.

„Du solltest deine Erkältung füttern“, sagte Mrs. Verloc dogmatisch.

Er sah auf und schüttelte den Kopf. Seine Augen waren blutunterlaufen und sein Gesicht gerötet. Seine Finger hatten sein Haar in eine liederliche Unordnung gebracht. Alles in allem machte er einen unseriösen Eindruck, der das Unbehagen, die Reizbarkeit und die Düsternis nach einem schweren Gelage ausdrückte. Aber Mr. Verloc war kein liederlicher Mann. In seinem Verhalten war er respektabel. Sein Aussehen mochte die Folge einer fiebrigen Erkältung sein. Er trank drei Tassen Tee, enthielt sich aber jeglicher Speise. Er wich mit düsterem Widerwillen davor zurück, als er von Mrs. Verloc gedrängt wurde, die schließlich sagte:

„Sind deine Füße nicht nass? Du solltest lieber deine Hausschuhe anziehen. Du gehst heute Abend nicht mehr aus.“

Mr. Verloc gab durch mürrisches Grunzen und Zeichen zu verstehen, dass seine Füße nicht nass seien und dass es ihm ohnehin egal sei. Der Vorschlag bezüglich der Hausschuhe wurde als seiner nicht würdig ignoriert. Aber die Frage des Ausgehens am Abend nahm eine unerwartete Wendung. Es war nicht das Ausgehen am Abend, woran Mr. Verloc dachte. Seine Gedanken umfassten einen weit umfassenderen Plan. Aus launischen und unvollständigen Sätzen wurde deutlich, dass Mr. Verloc die Zweckmäßigkeit des Auswanderns erwogen hatte. Es war nicht sehr klar, ob er Frankreich oder Kalifornien im Sinn hatte.

Die völlige Unerwartetheit, Unwahrscheinlichkeit und Unfassbarkeit eines solchen Ereignisses raubte dieser vagen Erklärung jegliche Wirkung. Mrs. Verloc sagte so gelassen, als hätte ihr Mann ihr mit dem Ende der Welt gedroht:

„So eine Idee!“

Mr. Verloc erklärte sich alles leid und satt zu haben, und außerdem – sie unterbrach ihn.

„Du hast eine schlimme Erkältung.“

Es war in der Tat offensichtlich, dass Mr. Verloc sich physisch und sogar mental nicht in seinem gewohnten Zustand befand. Eine düstere Unentschlossenheit ließ ihn eine Weile schweigen. Dann murmelte er ein paar ominöse Allgemeinplätze zum Thema Notwendigkeit.

„Musst du wohl“, wiederholte Winnie, die sich mit verschränkten Armen ruhig gegenüber ihrem Mann zurücklehnte. „Ich würde gerne wissen, wer dich dazu zwingen soll. Du bist kein Sklave. Niemand muss in diesem Land ein Sklave sein – und mach dich nicht selbst zu einem.“ Sie hielt inne und sagte mit unbesiegbarer und stetiger Offenheit: „Das Geschäft läuft nicht so schlecht. Du hast ein gemütliches Heim.“

Sie ließ ihren Blick durch das ganze Wohnzimmer schweifen, vom Eckschrank bis zum guten Feuer im Rost. Behaglich hinter dem Laden mit den zweifelhaften Waren verborgen, mit dem geheimnisvoll dunklen Fenster und der verdächtig angelehnten Tür in der dunklen und engen Straße, war es in jeder Hinsicht häuslicher Wohlanständigkeit und häuslichen Komforts ein respektables Heim. Ihre hingebungsvolle Zuneigung vermisste darin ihren Bruder Stevie, der nun unter der Obhut von Mr. Michaelis eine feuchte Sommerfrische in den Wegen von Kent genoss. Sie vermisste ihn schmerzlich, mit der ganzen Wucht ihrer beschützenden Leidenschaft. Dies war auch das Zuhause des Jungen – das Dach, der Schrank, der befeuerte Rost. Bei diesem Gedanken erhob sich Mrs. Verloc, ging zum anderen Ende des Tisches und sagte aus vollem Herzen:

„Und du bist meiner nicht überdrüssig.“

Mr. Verloc gab keinen Laut von sich. Winnie lehnte sich von hinten auf seine Schulter und drückte ihre Lippen auf seine Stirn. So verharrte sie. Kein Flüstern drang von der Außenwelt zu ihnen.

Das Geräusch von Schritten auf dem Bürgersteig verstarb in der diskreten Dämmerung des Ladens. Nur die Gasflamme über dem Tisch schnurrte weiter ebenmäßig in der brütenden Stille des Wohnzimmers.

Während der Berührung dieses unerwarteten und anhaltenden Kusses bewahrte Mr. Verloc, der die Kanten seines Stuhls mit beiden Händen umklammerte, eine hieratische Unbeweglichkeit. Als der Druck nachließ, ließ er den Stuhl los, stand auf und stellte sich vor den Kamin. Er wandte der Stube nicht länger den Rücken zu. Mit geschwollenen Gesichtszügen und dem Anschein, unter Drogen zu stehen, verfolgte er die Bewegungen seiner Frau mit den Augen.

Mrs. Verloc ging gelassen umher und räumte den Tisch ab. Ihre ruhige Stimme kommentierte die Idee, die sie in einem vernünftigen und häuslichen Tonfall vorgebracht hatte. Sie hielte keiner Prüfung stand. Sie verurteilte sie aus jeder Sichtweise. Aber ihre einzige wirkliche Sorge galt Stevies Wohlergehen. Er erschien ihr in diesem Zusammenhang als ausreichend „sonderbar“, um nicht unüberlegt ins Ausland mitgenommen zu werden. Und das war alles. Aber während sie um diesen entscheidenden Punkt herumredete, näherte sie sich in ihrem Vortrag einer absoluten Heftigkeit. Währenddessen legte sie sich mit abrupten Bewegungen eine Schürze zum Abwaschen der Tassen an. Und als ob sie durch den Klang ihrer unwidersprochenen Stimme erregt wäre, ging sie so weit, in einem fast scharfen Ton zu sagen:

„Wenn du ins Ausland gehst, musst du ohne mich gehen.“

„Du weißt, dass ich das nicht würde“, sagte Mr. Verloc heiser, und die klanglose Stimme seines Privatlebens zitterte vor einer rätselhaften Erregung.

Mrs. Verloc bereute ihre Worte bereits. Sie hatten unfreundlicher geklungen, als sie es gemeint hatte. Sie hatten auch die Unklugheit unnötiger Dinge. Tatsächlich hatte sie sie gar nicht so gemeint. Es war die Art von Satz, die einem der Dämon perverser Inspiration eingibt. Aber sie kannte einen Weg, es so zu machen, als wäre es nie gesagt worden.

Sie drehte ihren Kopf über die Schulter und warf dem Mann, der schwer vor dem Kamin stand, einen Blick aus ihren großen Augen zu, halb kokett, halb grausam – ein Blick, zu dem die Winnie aus den Tagen des Belgravia-Herrenhauses wegen ihrer Respektabilität und ihrer Unwissenheit nicht fähig gewesen wäre. Aber der Mann war jetzt ihr Ehemann, und sie war nicht länger unwissend. Sie hielt ihn eine ganze Sekunde lang fest, wobei ihr ernstes Gesicht wie eine Maske unbeweglich blieb, während sie spielerisch sagte:

„Du könntest nicht. Du würdest mich zu sehr vermissen.“

Mr. Verloc fuhr vor.

„Genau“, sagte er mit lauterer Stimme, warf die Arme aus und machte einen Schritt auf sie zu. Etwas Wildes und Zweifelhaftes in seinem Ausdruck ließ es ungewiss erscheinen, ob er seine Frau erwürgen oder umarmen wollte. Doch die Aufmerksamkeit von Mrs. Verloc wurde von diesem Ausdruck durch das Klappern der Ladenglocke abgelenkt.

„Laden, Adolf. Geh du.“

Er hielt inne, seine Arme sanken langsam herab.

„Geh du“, wiederholte Mrs. Verloc. „Ich habe meine Schürze an.“

Mr. Verloc gehorchte hölzern, mit steinerner Miene und wie ein Automat, dessen Gesicht rot angemalt worden war. Und diese Ähnlichkeit mit einer mechanischen Figur ging so weit, dass er die absurde Miene eines Automaten hatte, der sich der Maschinerie in seinem Inneren bewusst ist.

Er schloss die Wohnzimmertür, und Mrs. Verloc, die sich flink bewegte, trug das Tablett in die Küche. Sie wusch die Tassen und ein paar andere Dinge ab, bevor sie in ihrer Arbeit innehielt, um zu lauschen. Kein Laut drang zu ihr. Der Kunde war lange im Laden. Es war ein Kunde, denn wäre er keiner gewesen, hätte Mr. Verloc ihn mit hineingenommen. Sie löste die Bänder ihrer Schürze mit einem Ruck, warf sie auf einen Stuhl und ging langsam in das Wohnzimmer zurück.

In genau diesem Moment trat Mr. Verloc aus dem Laden ein.

Er war rot hineingegangen. Er kam in einem seltsamen, papiernen Weiß wieder heraus. Sein Gesicht, das seine drogenartige, fiebrige Erstarrung verloren hatte, hatte in dieser kurzen Zeit einen verwirrten und gehetzten Ausdruck angenommen. Er ging direkt auf das Sofa zu und blieb stehen, wobei er auf seinen Überzieher hinunterblickte, der dort lag, als hätte er Angst, ihn zu berühren.

„Was ist los?“, fragte Mrs. Verloc mit gedämpfter Stimme. Durch die nur einen Spalt weit geöffnete Tür konnte sie sehen, dass der Kunde noch nicht gegangen war.

„Ich sehe, dass ich heute Abend noch einmal raus muss“, sagte Mr. Verloc. Er machte keine Anstalten, sein Oberbekleidungsstück aufzuheben.

Ohne ein Wort machte sich Winnie auf den Weg zum Laden, schloss die Tür hinter sich und ging hinter die Theke. Sie sah den Kunden nicht direkt an, bis sie es sich auf dem Stuhl bequem gemacht hatte. Aber bis dahin hatte sie bemerkt, dass er groß und dünn war und seine Schnurrbartenden aufgedreht trug. Tatsächlich gab er den spitzen Enden gerade in diesem Moment eine Drehung. Sein langes, knochiges Gesicht ragte aus einem hochgeschlagenen Kragen hervor. Er war ein wenig bespritzt, ein wenig nass. Ein dunkler Mann, dessen Wangenknochen unter der leicht hohlen Schläfe deutlich hervortraten. Ein völliger Fremder. Auch kein Kunde.

Mrs. Verloc betrachtete ihn gelassen.

„Sie kommen vom Kontinent?“, sagte sie nach einer Weile.

Der lange, dünne Fremde antwortete, ohne Mrs. Verloc direkt anzusehen, nur mit einem schwachen und eigentümlichen Lächeln.

Mrs. Verlocs stetiger, nicht neugieriger Blick ruhte auf ihm.

„Sie verstehen Englisch, nicht wahr?“

„Oh ja. Ich verstehe Englisch.“

Es war nichts Fremdländisches an seinem Akzent, außer dass er sich bei seiner langsamen Aussprache Mühe zu geben schien. Und Mrs. Verloc war in ihrer vielfältigen Erfahrung zu dem Schluss gekommen, dass manche Ausländer besseres Englisch sprechen konnten als die Einheimischen. Sie sagte, während sie starr auf die Tür des Wohnzimmers blickte:

„Sie denken vielleicht nicht daran, für immer in England zu bleiben?“

Der Fremde schenkte ihr wieder ein stummes Lächeln. Er hatte einen gütigen Mund und forschende Augen. Und er schüttelte ein wenig traurig den Kopf, wie es schien.

„Mein Mann wird sich um alles Weitere kümmern. In der Zwischenzeit könnten Sie für ein paar Tage am besten bei Mr. Giugliani absteigen. Continental Hotel heißt es. Privat. Es ist ruhig. Mein Mann wird Sie dorthin bringen.“

„Eine gute Idee“, sagte der dünne, dunkle Mann, dessen Blick plötzlich härter geworden war.

„Sie kannten Mr. Verloc schon früher – nicht wahr? Vielleicht in Frankreich?“

„Ich habe von ihm gehört“, gab der Besucher in seinem langsamen, mühsamen Tonfall zu, der dennoch eine gewisse Schroffheit der Absicht hatte.

Es gab eine Pause. Dann sprach er wieder, auf eine weit weniger umständliche Weise.

„Ihr Mann ist nicht zufällig hinausgegangen, um auf der Straße auf mich zu warten?“

„Auf der Straße!“, wiederholte Mrs. Verloc überrascht. „Das könnte er gar nicht. Es gibt keine andere Tür zum Haus.“

Einen Moment lang saß sie ausdruckslos da, dann verließ sie ihren Platz, um durch die verglaste Tür zu spähen. Plötzlich öffnete sie sie und verschwand im Wohnzimmer.

Mr. Verloc hatte nichts weiter getan, als seinen Überzieher anzuziehen. Aber warum er danach über den Tisch gebeugt blieb, auf seine beiden Arme gestützt, als wäre ihm schwindlig oder übel, konnte sie nicht verstehen. „Adolf“, rief sie halblaut; und als er sich aufgerichtet hatte:

„Kennen Sie diesen Mann?“, fragte sie hastig.

„Ich habe von ihm gehört“, flüsterte Mr. Verloc unruhig und warf einen wilden Blick auf die Tür.

Mrs. Verlocs schöne, nicht neugierige Augen leuchteten mit einem Blitz von Abscheu auf.

„Einer von Karl Yundts Freunden – ein widerlicher alter Mann.“

„Nein! Nein!“, protestierte Mr. Verloc, der damit beschäftigt war, nach seinem Hut zu fischen. Aber als er ihn unter dem Sofa hervorgeholt hatte, hielt er ihn, als wüsste er nicht, wozu ein Hut gut sei.

„Nun – er wartet auf dich“, sagte Mrs. Verloc schließlich. „Sag mal, Adolf, er ist nicht einer dieser Leute von der Botschaft, mit denen du dich in letzter Zeit herumschlagen musstest?“

„Herumschlagen mit Leuten von der Botschaft“, wiederholte Mr. Verloc mit einem heftigen Schreck vor Überraschung und Angst. „Wer hat dir von den Leuten von der Botschaft erzählt?“

„Du selbst.“

„Ich! Ich! Habe mit dir von der Botschaft gesprochen!“

Mr. Verloc schien über alle Maßen verängstigt und verwirrt. Seine Frau erklärte:

„Du hast in letzter Zeit ein bisschen im Schlaf geredet, Adolf.“

„Was – was habe ich gesagt? Was weißt du?“

„Nicht viel. Es schien meistens Unsinn zu sein. Genug, damit ich ahnen konnte, dass dich etwas bedrückt.“

Mr. Verloc rammte sich den Hut auf den Kopf. Eine purpurne Welle des Zorns überzog sein Gesicht.

„Unsinn – was? Die Leute von der Botschaft! Ich würde ihnen die Herzen eines nach dem anderen herausschneiden. Aber sollen sie sich vorsehen. Ich habe eine Zunge im Mund.“

Er schäumte vor Wut und schritt zwischen dem Tisch und dem Sofa auf und ab, wobei sein offener Überzieher an den Ecken hängen blieb. Die rote Flut des Zorns ebbte ab und hinterließ sein Gesicht ganz weiß, mit bebenden Nasenflügeln. Mrs. Verloc schob diese Erscheinungen für die Zwecke des praktischen Lebens auf die Erkältung.

„Nun“, sagte sie, „werde den Mann, wer auch immer er ist, so schnell wie möglich los und komm zurück zu mir nach Hause. Du brauchst ein oder zwei Tage Pflege.“

Mr. Verloc beruhigte sich, und mit Entschlossenheit auf seinem blassen Gesicht hatte er bereits die Tür geöffnet, als seine Frau ihn flüsternd zurückrief:

„Adolf! Adolf!“ Er kam erschrocken zurück. „Was ist mit dem Geld, das du abgehoben hast?“, fragte sie. „Du hast es in der Tasche? Wäre es nicht besser –“

Mr. Verloc starrte eine Zeit lang dumm in die Handfläche der ausgestreckten Hand seiner Frau, bevor er sich an die Stirn schlug.

„Geld! Ja! Ja! Ich wusste nicht, was du meintest.“

Er zog aus seiner Brusttasche ein neues Schweinslederetui. Mrs. Verloc nahm es ohne ein weiteres Wort entgegen und blieb stehen, bis die Glocke, die nach Mr. Verloc und seinem Besucher schepperte, verstummt war. Erst dann spähte sie nach dem Betrag und zog zu diesem Zweck die Scheine heraus. Nach dieser Inspektion blickte sie nachdenklich umher, mit einem Anflug von Misstrauen gegenüber der Stille und Einsamkeit des Hauses. Diese Behausung ihres Ehelebens erschien ihr so einsam und unsicher, als ob sie inmitten eines Waldes gelegen hätte. Kein Behältnis, das ihr unter den soliden, schweren Möbeln einfiel, schien ihr anders als fadenscheinig und besonders verlockend für ihre Vorstellung von einem Einbrecher. Es war eine ideale Vorstellung, ausgestattet mit erhabenen Fähigkeiten und einem wunderbaren Scharfsinn. An die Kasse war nicht zu denken. Das wäre der erste Ort gewesen, den ein Dieb aufsuchen würde. Mrs. Verloc löste hastig ein paar Haken und ließ das Etui unter das Mieder ihres Kleides gleiten. Nachdem sie so über das Kapital ihres Mannes verfügt hatte, war sie fast froh, das Klappern der Türklingel zu hören, das eine Ankunft ankündigte. Sie nahm den starren, unverschämten Blick und den steinernen Ausdruck an, der für den Gelegenheitskunden reserviert war, und ging hinter die Theke.

Ein Mann, der mitten im Laden stand, untersuchte ihn mit einem schnellen, kühlen, umfassenden Blick. Seine Augen liefen über die Wände, erfassten die Decke, bemerkten den Boden – alles in einem Moment. Die Spitzen eines langen blonden Schnurrbarts fielen unter die Kieferlinie. Er lächelte das Lächeln eines alten, wenn auch entfernten Bekannten, und Mrs. Verloc erinnerte sich daran, ihn schon einmal gesehen zu haben. Kein Kunde. Sie milderte ihren „Kundenblick“ zu bloßer Gleichgültigkeit und trat ihm über die Theke entgegen.

Er näherte sich seinerseits vertraulich, aber nicht allzu auffällig.

„Ehemann zu Hause, Mrs. Verloc?“, fragte er in einem leichten, vollen Ton.

„Nein. Er ist ausgegangen.“

„Das tut mir leid. Ich bin gekommen, um von ihm eine kleine private Auskunft zu erhalten.“

Das war die genaue Wahrheit. Chefinspektor Heat war den ganzen Weg nach Hause gegangen und hatte sogar daran gedacht, in seine Hausschuhe zu schlüpfen, da er, wie er sich sagte, praktisch von diesem Fall heruntergenommen worden war. Er hing einigen spöttischen und ein paar wütenden Gedanken nach und fand diese Beschäftigung so unbefriedigend, dass er beschloss, im Freien Linderung zu suchen. Nichts hinderte ihn daran, Mr. Verloc einen freundschaftlichen Besuch abzustatten, sozusagen beiläufig. Es war in der Eigenschaft eines Privatbürgers, dass er, als er privat ausging, seine üblichen Verkehrsmittel benutzte. Ihre allgemeine Richtung war auf Mr. Verlocs Zuhause zu. Chefinspektor Heat respektierte seinen eigenen privaten Charakter so konsequent, dass er sich besondere Mühe gab, allen Polizeikonstablern auf Posten- und Streifendienst in der Nähe der Brett Street auszuweichen. Diese Vorsichtsmaßnahme war für einen Mann seines Standes viel notwendiger als für einen obskuren Assistant Commissioner. Privatbürger Heat betrat die Straße und manövrierte auf eine Weise, die bei einem Mitglied der kriminellen Klassen als schleichend stigmatisiert worden wäre. Das Stück Stoff, das in Greenwich aufgehoben worden war, befand sich in seiner Tasche. Nicht, dass er die geringste Absicht gehabt hätte, es in seiner privaten Eigenschaft vorzuzeigen. Im Gegenteil, er wollte genau wissen, was Mr. Verloc freiwillig zu sagen bereit wäre. Er hoffte, Mr. Verlocs Gerede wäre von einer Art, die Michaelis belasten würde. Es war im Grunde eine pflichtbewusste professionelle Hoffnung, aber nicht ohne ihren moralischen Wert. Denn Chefinspektor Heat war ein Diener der Justiz. Als er Mr. Verloc nicht zu Hause antraf, war er enttäuscht.

„Ich würde ein wenig auf ihn warten, wenn ich sicher wäre, dass er nicht lange wegbleibt“, sagte er.

Mrs. Verloc bot keinerlei Zusicherung an.

„Die Auskunft, die ich brauche, ist ganz privat“, wiederholte er. „Verstehen Sie, was ich meine? Ich frage mich, ob Sie mir einen Hinweis geben könnten, wo er hingegangen ist?“

Mrs. Verloc schüttelte den Kopf.

„Kann ich nicht sagen.“

Sie wandte sich ab, um einige Schachteln in den Regalen hinter der Theke zu ordnen. Chefinspektor Heat betrachtete sie eine Zeit lang nachdenklich.

„Ich nehme an, Sie wissen, wer ich bin?“, sagte er.

Mrs. Verloc warf einen Blick über die Schulter. Chefinspektor Heat war erstaunt über ihre Gelassenheit.

„Kommen Sie! Sie wissen, dass ich bei der Polizei bin“, sagte er scharf.

„Ich zerbreche mir darüber nicht den Kopf“, bemerkte Mrs. Verloc und kehrte zum Ordnen ihrer Schachteln zurück.

„Mein Name ist Heat. Chefinspektor Heat von der Abteilung für besondere Verbrechen.“

Mrs. Verloc rückte eine kleine Pappschachtel ordentlich an ihren Platz, drehte sich um und sah ihn wieder an, mit schweren Augen und untätigen, herabhängenden Händen. Eine Zeit lang herrschte Schweigen.

„Ihr Mann ist also vor einer Viertelstunde ausgegangen! Und er hat nicht gesagt, wann er zurück sein würde?“

„Er ist nicht allein ausgegangen“, ließ Mrs. Verloc beiläufig fallen.

„Ein Freund?“

Mrs. Verloc berührte ihren Hinterkopf. Er war in perfekter Ordnung.

„Ein Fremder, der vorbeikam.“

„Ich verstehe. Was für ein Mann war dieser Fremde? Würden Sie mir das bitte sagen?“

Mrs. Verloc hatte nichts dagegen. Und als Chief Inspector Heat von einem Mann hörte, dunkel, hager, mit langem Gesicht und aufgezwirbeltem Schnurrbart, zeigte er Anzeichen von Beunruhigung und rief aus:

„Verdammt, hab ich’s mir doch gedacht! Er hat keine Zeit verloren.“

In der Tiefe seines Herzens war er zutiefst angewidert von dem eigenmächtigen Vorgehen seines unmittelbaren Vorgesetzten. Aber er war kein Don Quijote. Er verlor jegliches Verlangen, auf die Rückkehr von Mr. Verloc zu warten. Weswegen sie ausgegangen waren, wusste er nicht, aber er hielt es für möglich, dass sie zusammen zurückkehren würden. Der Fall wird nicht ordentlich verfolgt, es wird daran herumgepfuscht, dachte er bitter.

„Ich fürchte, ich habe keine Zeit, auf Ihren Mann zu warten“, sagte er.

Mrs. Verloc nahm diese Erklärung teilnahmslos entgegen. Ihre Distanziertheit hatte Chief Inspector Heat schon die ganze Zeit beeindruckt. In diesem Augenblick jedoch stachelte sie seine Neugier an. Chief Inspector Heat zögerte, von seinen Leidenschaften hin und her gerissen wie der privateste aller Bürger.

„Ich glaube“, sagte er und sah sie fest an, „dass Sie mir eine ziemlich genaue Vorstellung davon geben könnten, was vor sich geht, wenn Sie wollten.“

Mrs. Verloc zwang ihre schönen, trägen Augen, seinem Blick standzuhalten, und murmelte:

„Was vor sich geht? Was geht denn vor sich?“

„Nun, die Angelegenheit, über die ich ein wenig mit Ihrem Mann sprechen wollte.“

An jenem Tag hatte Mrs. Verloc wie üblich einen Blick in die Morgenzeitung geworfen. Aber sie hatte das Haus nicht verlassen. Die Zeitungsjungen kamen nie in die Brett Street. Es war keine Straße für ihr Geschäft. Und das Echo ihrer Rufe, das durch die bevölkerten Hauptstraßen drang, verhallte zwischen den schmutzigen Ziegelwänden, ohne die Schwelle des Ladens zu erreichen. Ihr Mann hatte keine Abendzeitung mit nach Hause gebracht. Jedenfalls hatte sie keine gesehen. Mrs. Verloc wusste rein gar nichts von irgendeiner Angelegenheit. Und das sagte sie auch, mit einem echten Ton des Staunens in ihrer ruhigen Stimme.

Chief Inspector Heat glaubte ihr kein einziges Wort dieser Ahnungslosigkeit. Kurz und ohne Freundlichkeit nannte er die nackte Tatsache.

Mrs. Verloc wandte ihre Augen ab.

„Ich nenne das albern“, erklärte sie langsam. Sie hielt inne. „Wir sind hier keine unterdrückten Sklaven.“

Der Chief Inspector wartete wachsam. Es kam nichts weiter.

„Und Ihr Mann hat Ihnen nichts erwähnt, als er nach Hause kam?“

Mrs. Verloc drehte nur ihr Gesicht von rechts nach links als Zeichen der Verneinung. Eine träge, rätselhafte Stille herrschte im Laden. Chief Inspector Heat fühlte sich bis zur Unerträglichkeit provoziert.

„Es gab noch eine kleine Angelegenheit“, begann er in sachlichem Ton, „über die ich mit Ihrem Mann sprechen wollte. Uns ist ein – ein – was wir für – einen gestohlenen Überzieher halten, in die Hände gefallen.“

Mrs. Verloc, deren Gedanken an jenem Abend besonders auf Diebe gerichtet waren, berührte leicht den Busen ihres Kleides.

„Wir haben keinen Überzieher verloren“, sagte sie ruhig.

„Das ist komisch“, fuhr Privatbürger Heat fort. „Ich sehe, Sie haben hier eine Menge Markiertinte...“

Er nahm ein kleines Fläschchen und betrachtete es gegen die Gasflamme in der Mitte des Ladens.

„Violett – nicht wahr?“, bemerkte er und stellte es wieder ab. „Wie ich sagte, es ist seltsam. Denn in dem Überzieher ist innen ein Etikett eingenäht, auf dem Ihre Adresse mit Markiertinte geschrieben steht.“

Mrs. Verloc lehnte sich mit einem leisen Ausruf über den Tresen.

„Dann ist er von meinem Bruder.“

„Wo ist Ihr Bruder? Kann ich ihn sehen?“, fragte der Chief Inspector lebhaft. Mrs. Verloc lehnte sich noch ein Stück weiter über den Tresen.

„Nein. Er ist nicht hier. Ich habe dieses Etikett selbst geschrieben.“

„Wo ist Ihr Bruder jetzt?“

„Er war weg, um bei einem – Freund – auf dem Land zu leben.“

„Der Überzieher kommt vom Land. Und wie heißt der Freund?“

„Michaelis“, gestand Mrs. Verloc in einem ehrfürchtigen Flüsterton.

Der Chief Inspector pfiff durch die Zähne. Seine Augen blitzten auf.

„Eben. Hervorragend. Und Ihr Bruder nun, wie sieht er aus – ein stämmiger, dunkler Kerl – eh?“

„Oh nein“, rief Mrs. Verloc inbrünstig. „Das muss der Dieb sein. Stevie ist schlank und hell.“

„Gut“, sagte der Chief Inspector in einem anerkennenden Ton. Und während Mrs. Verloc, schwankend zwischen Alarm und Staunen, ihn anstarrte, suchte er nach Informationen. Warum die Adresse so im Mantel eingenäht? Und er erfuhr, dass die verstümmelten Überreste, die er an jenem Morgen mit äußerstem Abscheu untersucht hatte, die eines Jünglings waren, nervös, geistesabwesend, eigenartig, und auch, dass die Frau, die zu ihm sprach, die Aufsicht über diesen Jungen hatte, seit er ein Baby war.

„Leicht erregbar?“, schlug er vor.

„Oh ja. Das ist er. Aber wie konnte er seinen Mantel verlieren –“

Chief Inspector Heat zog plötzlich eine rosa Zeitung hervor, die er vor nicht einmal einer halben Stunde gekauft hatte. Er interessierte sich für Pferde. Durch seinen Beruf zu einer Haltung des Zweifels und Misstrauens gegenüber seinen Mitbürgern gezwungen, erleichterte Chief Inspector Heat den Instinkt der Leichtgläubigkeit, der in die menschliche Brust gepflanzt ist, indem er grenzenloses Vertrauen in die Sportpropheten jener speziellen Abendausgabe setzte. Er ließ das Sonderblatt auf den Tresen fallen, griff wieder in seine Tasche und zog das Stück Stoff heraus, das ihm das Schicksal aus einem Haufen Dinge präsentiert hatte, die in Schlachthäusern und Lumpenläden gesammelt worden zu sein schienen, und bot es Mrs. Verloc zur Begutachtung an.

„Ich nehme an, Sie erkennen das wieder?“

Sie nahm es mechanisch mit beiden Händen entgegen. Ihre Augen schienen größer zu werden, während sie hinsah.

„Ja“, flüsterte sie, dann hob sie den Kopf und taumelte ein wenig zurück.

„Wozu ist es denn so herausgerissen?“

Der Chief Inspector riss ihr das Tuch über den Tresen aus den Händen, und sie setzte sich schwer auf den Stuhl. Er dachte: Die Identifizierung ist perfekt. Und in diesem Moment erhaschte er einen Blick auf die ganze erstaunliche Wahrheit. Verloc war der „andere Mann“.

„Mrs. Verloc“, sagte er, „mir scheint, Sie wissen mehr über diese Bombenaffäre, als Sie selbst ahnen.“

Mrs. Verloc saß still, verblüfft, verloren in grenzenlosem Erstaunen. Was war der Zusammenhang? Und sie wurde am ganzen Körper so starr, dass sie nicht in der Lage war, den Kopf bei dem Klappern der Glocke zu drehen, was den Privatermittler Heat dazu brachte, auf dem Absatz herumzuwirbeln. Mr. Verloc hatte die Tür geschlossen, und einen Moment lang sahen sich die beiden Männer an.

Mr. Verloc ging, ohne seine Frau anzusehen, auf den Chief Inspector zu, der erleichtert war, ihn allein zurückkehren zu sehen.

„Sie hier!“, murmelte Mr. Verloc schwer. „Hinter wem sind Sie her?“

„Hinter niemandem“, sagte Chief Inspector Heat mit gedämpfter Stimme. „Hören Sie, ich möchte ein oder zwei Worte mit Ihnen wechseln.“

Mr. Verloc, immer noch blass, hatte eine entschlossene Miene an sich. Dennoch sah er seine Frau nicht an. Er sagte:

„Kommen Sie dann hier herein.“ Und er ging voran in das Hinterzimmer.

Die Tür war kaum geschlossen, als Mrs. Verloc vom Stuhl aufsprang und zur Tür lief, als wolle sie diese aufreißen, stattdessen aber auf die Knie fiel, das Ohr am Schlüsselloch. Die beiden Männer mussten stehen geblieben sein, sobald sie drinnen waren, denn sie hörte die Stimme des Chief Inspectors deutlich, auch wenn sie nicht sehen konnte, wie sein Finger nachdrücklich auf die Brust ihres Mannes drückte.

„Sie sind der andere Mann, Verloc. Zwei Männer wurden gesehen, wie sie den Park betraten.“

Und die Stimme von Mr. Verloc sagte:

„Nun, dann nehmen Sie mich jetzt fest. Was hält Sie ab? Sie haben das Recht dazu.“

„Oh nein! Ich weiß nur zu gut, bei wem Sie sich verraten haben. Er wird diese kleine Angelegenheit ganz alleine regeln müssen. Aber täuschen Sie sich nicht, ich bin es, der Sie entdeckt hat.“

Dann hörte sie nur noch Gemurmel. Inspector Heat musste Mr. Verloc das Stück von Stevies Überzieher gezeigt haben, denn Stevies Schwester, Vormund und Beschützerin hörte ihren Mann etwas lauter.

„Ich habe nie bemerkt, dass sie auf diesen Trick gekommen war.“

Wieder hörte Mrs. Verloc eine Zeit lang nichts als Gemurmel, dessen Geheimnisvolles für ihr Gehirn weniger albtraumhaft war als die schrecklichen Andeutungen der geformten Worte. Dann erhob Chief Inspector Heat auf der anderen Seite der Tür seine Stimme.

„Sie müssen wahnsinnig gewesen sein.“

Und Mr. Verlocs Stimme antwortete mit einer Art düsterer Wut:

„Ich war einen Monat oder länger wahnsinnig, aber jetzt bin ich nicht mehr wahnsinnig. Es ist alles vorbei. Es soll alles aus meinem Kopf heraus, und verdammt seien die Konsequenzen.“

Es herrschte Stille, und dann murmelte Privatbürger Heat:

„Was soll herauskommen?“

„Alles“, rief die Stimme von Mr. Verloc, und dann sank sie sehr leise.

Nach einer Weile erhob sie sich wieder.

„Sie kennen mich jetzt seit mehreren Jahren, und Sie fanden mich auch nützlich. Sie wissen, dass ich ein gerader Mann war. Ja, gerade.“

Dieser Appell an die alte Bekanntschaft musste dem Chief Inspector äußerst unangenehm gewesen sein.

Seine Stimme nahm einen warnenden Ton an.

„Verlassen Sie sich nicht so sehr auf das, was Ihnen versprochen wurde. Wenn ich Sie wäre, würde ich verschwinden. Ich glaube nicht, dass wir hinter Ihnen herlaufen werden.“

Man hörte Mr. Verloc ein wenig lachen.

„Oh ja; Sie hoffen, dass die anderen mich für Sie loswerden – nicht wahr? Nein, nein; mich werden Sie jetzt nicht mehr los. Ich war zu lange ein gerader Mann für diese Leute, und jetzt muss alles herauskommen.“

„Lassen Sie es dann herauskommen“, stimmte die gleichgültige Stimme von Chief Inspector Heat zu. „Aber sagen Sie mir jetzt, wie sind Sie entkommen.“

„Ich wollte zum Chesterfield Walk“, hörte Mrs. Verloc die Stimme ihres Mannes, „als ich den Knall hörte. Da fing ich an zu rennen. Nebel. Ich sah niemanden, bis ich am Ende der George Street vorbei war. Denke nicht, dass ich bis dahin jemanden getroffen habe.“

„So einfach war das!“, wunderte sich die Stimme von Chief Inspector Heat. „Der Knall hat Sie erschreckt, was?“

„Ja; er kam zu früh“, gestand die düstere, heisere Stimme von Mr. Verloc.

Mrs. Verloc drückte ihr Ohr gegen das Schlüsselloch; ihre Lippen waren blau, ihre Hände kalt wie Eis, und ihr blasses Gesicht, in dem die beiden Augen wie zwei schwarze Löcher wirkten, fühlte sich für sie an, als stünde es in Flammen.

Auf der anderen Seite der Tür sanken die Stimmen sehr tief. Sie fing hier und da Wörter auf, mal in der Stimme ihres Mannes, mal in den sanften Tönen des Chief Inspectors. Sie hörte diesen letzten sagen:

„Wir glauben, er ist über die Wurzel eines Baumes gestolpert?“

Es gab ein heiseres, wortreiches Gemurmel, das eine Zeit lang anhielt, und dann sprach der Chief Inspector nachdrücklich, als würde er auf eine Frage antworten.

„Natürlich. In kleine Stücke gesprengt: Gliedmaßen, Kies, Kleidung, Knochen, Splitter – alles durcheinander. Ich sage Ihnen, sie mussten eine Schaufel holen, um ihn zusammenzukratzen.“

Mrs. Verloc sprang plötzlich aus ihrer kauernden Haltung auf, hielt sich die Ohren zu und taumelte zwischen dem Tresen und den Regalen an der Wand in Richtung des Stuhls. Ihre wahnsinnigen Augen bemerkten das Sportblatt, das der Chief Inspector liegen gelassen hatte, und als sie gegen den Tresen stieß, griff sie danach, fiel in den Stuhl, zerriss das optimistische, rosafarbene Blatt beim Versuch, es zu öffnen, und warf es dann auf den Boden. Auf der anderen Seite der Tür sagte Chief Inspector Heat zu Mr. Verloc, dem Geheimagenten:

„Ihre Verteidigung wird also praktisch ein volles Geständnis sein?“

„Wird sie. Ich werde die ganze Geschichte erzählen.“

„Man wird Ihnen nicht so sehr glauben, wie Sie sich einbilden.“

Und der Chief Inspector blieb nachdenklich. Die Wendung, die diese Angelegenheit nahm, bedeutete die Offenlegung vieler Dinge – die Verwüstung von Wissensfeldern, die, von einem fähigen Mann kultiviert, einen deutlichen Wert für das Individuum und für die Gesellschaft hatten. Es war ein trauriges, trauriges Einmischen. Es würde Michaelis ungeschoren lassen; es würde die Heimindustrie des Professors ans Licht bringen; das ganze Überwachungssystem desorganisieren; einen Heidenlärm in den Zeitungen machen, die ihm aus diesem Blickwinkel bei plötzlicher Erleuchtung ausnahmslos von Narren für die Lektüre von Schwachsinnigen geschrieben erschienen. Gedanklich stimmte er den Worten zu, die Mr. Verloc schließlich als Antwort auf seine letzte Bemerkung fallen ließ.

„Vielleicht nicht. Aber es wird viele Dinge auf den Kopf stellen. Ich war ein gerader Mann, und ich werde dabei gerade bleiben –“

„Wenn sie dich lassen“, sagte der Chief Inspector zynisch. „Man wird dir zweifellos predigen, bevor man dich auf die Anklagebank setzt. Und am Ende könntest du noch eine Strafe bekommen, die dich überraschen wird. Ich würde mich nicht zu sehr auf den Gentleman verlassen, der mit dir gesprochen hat.“

Mr. Verloc hörte zu und runzelte die Stirn.

„Mein Rat an dich ist, dich aus dem Staub zu machen, solange du kannst. Ich habe keine Anweisungen. Es gibt einige von ihnen“, fuhr Chief Inspector Heat fort und betonte das Wort „ihnen“ auf eigentümliche Weise, „die glauben, du seist bereits nicht mehr von dieser Welt.“

„Tatsächlich!“ Mr. Verloc war bewegt, das zu sagen. Obwohl er seit seiner Rückkehr aus Greenwich die meiste Zeit in der Schankstube eines dunklen kleinen Wirtshauses verbracht hatte, hätte er kaum auf solch günstige Nachrichten hoffen können.

„Das ist der Eindruck, den man von dir hat.“ Der Chief Inspector nickte ihm zu. „Verschwinde. Mach dich vom Acker.“

„Wohin?“, knurrte Mr. Verloc. Er hob den Kopf, blickte auf die geschlossene Tür des Hinterzimmers und murmelte gefühlvoll: „Ich wünschte nur, Sie würden mich heute Nacht mitnehmen. Ich würde leise mitgehen.“

„Das glaube ich dir“, stimmte der Chief Inspector sarkastisch zu und folgte der Richtung seines Blickes.

Auf der Stirn von Mr. Verloc bildete sich leichter Schweiß. Er senkte seine heisere Stimme vertraulich vor dem ungerührten Chief Inspector.

„Der Junge war schwachsinnig, verantwortungslos. Jedes Gericht hätte das sofort gesehen. Nur für die Anstalt geeignet. Und das war das Schlimmste, was ihm passiert wäre, wenn –“

Der Chief Inspector, seine Hand am Türgriff, flüsterte in Mr. Verlocs Gesicht.

„Er mag schwachsinnig gewesen sein, aber du musst wahnsinnig gewesen sein. Was hat dich so den Verstand verlieren lassen?“

Mr. Verloc, der an Mr. Vladimir dachte, zögerte nicht bei der Wahl der Worte.

„Ein hyperboreisches Schwein“, zischte er nachdrücklich. „Ein – was man einen – einen Gentleman nennen könnte.“

Der Chief Inspector nickte mit festem Blick kurz sein Verständnis und öffnete die Tür. Mrs. Verloc hinter dem Tresen mag seinen Abgang gehört, aber nicht gesehen haben, verfolgt vom aggressiven Klappern der Glocke. Sie saß auf ihrem Posten hinter dem Tresen. Sie saß starr aufrecht auf dem Stuhl, mit zwei schmutzigen rosa Papierstücken, die zu ihren Füßen lagen. Die Handflächen waren krampfhaft auf ihr Gesicht gepresst, die Fingerspitzen gegen die Stirn zusammengezogen, als wäre die Haut eine Maske, die sie bereit war, gewaltsam abzureißen. Die vollkommene Unbeweglichkeit ihrer Haltung drückte die Erregung von Wut und Verzweiflung, die ganze potenzielle Gewalt tragischer Leidenschaften besser aus, als es irgendeine flache Zurschaustellung von Schreien mit dem Schlagen eines verstörten Kopfes gegen die Wände hätte tun können. Chief Inspector Heat, der den Laden in seinem geschäftigen, schwingenden Schritt durchquerte, warf ihr nur einen flüchtigen Blick zu. Und als die gesprungene Glocke auf ihrem geschwungenen Stahlband aufhörte zu zittern, regte sich nichts in der Nähe von Mrs. Verloc, als hätte ihre Haltung die sperrende Kraft eines Zaubers. Selbst die schmetterlingsförmigen Gasflammen, die auf den Enden des hängenden T-Trägers thronten, brannten ohne ein Zittern. In jenem Laden mit zwielichtigen Waren, ausgestattet mit Tannenholzregalen, die in einem stumpfen Braun gestrichen waren, das den Glanz des Lichts zu verschlingen schien, funkelte der goldene Ring des Eherings an Mrs. Verlocs linker Hand überaus mit dem ungetrübten Glanz eines Stücks aus einem prächtigen Juwelenschatz, das in einen Mülleimer gefallen war.

KAPITEL X

Der Assistant Commissioner, der in einer Droschke zügig aus der Umgebung von Soho in Richtung Westminster gefahren wurde, stieg genau im Zentrum des Imperiums aus, über dem die Sonne niemals untergeht. Einige stämmige Polizisten, die von der Pflicht, den ehrwürdigen Ort zu bewachen, nicht sonderlich beeindruckt schienen, salutierten ihm. Als er durch ein keineswegs hohes Portal in den Bereich des Hauses eindrang, das das Haus *par excellence* in den Gedanken vieler Millionen Menschen ist, wurde er schließlich von dem flüchtigen und revolutionären Toodles getroffen.

Dieser adrette und nette junge Mann verbarg sein Erstaunen über das frühe Erscheinen des Assistant Commissioner, von dem er angewiesen worden war, erst gegen Mitternacht Ausschau zu halten. Sein so frühes Auftauchen schloss er als Zeichen dafür, dass die Dinge, was auch immer sie waren, schiefgelaufen waren. Mit einer überaus bereitwilligen Sympathie, die bei netten Youngstern oft mit einem fröhlichen Temperament einhergeht, tat ihm die große Präsenz leid, die er „den Chef“ nannte, und auch der Assistant Commissioner, dessen Gesicht ihm unheilvoller hölzern erschien als je zuvor und ganz wunderbar lang. „Was für ein seltsamer, ausländisch aussehender Kerl er ist“, dachte er bei sich und lächelte aus der Ferne mit freundlicher Leichtigkeit. Und sobald sie zusammenkamen, begann er mit der freundlichen Absicht zu sprechen, die Peinlichkeit des Scheiterns unter einem Haufen Worte zu begraben. Es sah so aus, als würde der große Angriff, der für diese Nacht angedroht war, im Sande verlaufen. Ein untergeordneter Handlanger von „diesem Tier Cheeseman“ langweilte gnadenlos ein sehr dünn besetztes Haus mit einigen schamlos gefälschten Statistiken. Er, Toodles, hoffte, er würde sie jede Minute in eine Zählung langweilen. Aber vielleicht markierte er auch nur die Zeit, damit jener schlingende Cheeseman in aller Ruhe speisen konnte. Wie dem auch sei, der Chef ließ sich nicht dazu überreden, nach Hause zu gehen.

„Er wird Sie sofort empfangen, denke ich. Er sitzt ganz alleine in seinem Zimmer und denkt an alle Fische im Meer“, schloss Toodles luftig. „Kommen Sie mit.“

Trotz der Güte seines Wesens war der junge Privatsekretär (unbezahlt) den allgemeinen Schwächen der Menschheit zugänglich. Er wollte die Gefühle des Assistant Commissioner nicht aufwühlen, der auf ihn ungewöhnlich wie ein Mann wirkte, der einen Misserfolg bei seiner Arbeit erlitten hatte. Aber seine Neugier war zu stark, um von bloßem Mitgefühl zurückgehalten zu werden. Er konnte nicht anders, als er sie entlangging, leicht über die Schulter zu werfen:

„Und Ihr Sprott?“

„Habe ihn“, antwortete der Assistant Commissioner mit einer Kürze, die keineswegs abstoßend sein sollte.

„Gut. Sie haben keine Ahnung, wie sehr diese großen Männer es hassen, in kleinen Dingen enttäuscht zu werden.“

Nach dieser tiefgründigen Beobachtung schien der erfahrene Toodles nachzudenken. Jedenfalls sagte er zwei Sekunden lang gar nichts. Dann:

„Ich bin froh. Aber – ich sage – ist es wirklich so eine sehr kleine Sache, wie Sie es darstellen?“

„Wissen Sie, was man mit einem Sprott machen kann?“, fragte der Assistant Commissioner seinerseits.

„Er wird manchmal in eine Sardinendose gesteckt“, kicherte Toodles, dessen Gelehrsamkeit über das Thema der Fischereiindustrie frisch und im Vergleich zu seiner Unkenntnis aller anderen industriellen Angelegenheiten immens war. „Es gibt Sardinenkonservenfabriken an der spanischen Küste, die –“

Der Assistant Commissioner unterbrach den angehenden Staatsmann.

„Ja. Ja. Aber ein Sprott wird manchmal auch weggeworfen, um einen Wal zu fangen.“

„Ein Wal. Puh!“, rief Toodles mit angehaltenem Atem aus. „Sie sind also hinter einem Wal her?“

„Nicht genau. Was ich verfolge, ist eher wie ein Dornhai. Vielleicht wissen Sie nicht, wie ein Dornhai aussieht.“

„Doch; das weiß ich. Wir sind bis über den Hals in Spezialbüchern vergraben – ganze Regale voll davon – mit Tafeln. . . . Es ist ein schädliches, schurkisch aussehendes, absolut abscheuliches Biest, mit einer Art glattem Gesicht und Schnurrbart.“

„Exakt beschrieben“, lobte der Assistant Commissioner. „Nur meiner ist komplett glatt rasiert. Sie haben ihn gesehen. Es ist ein witziger Fisch.“

„Ich habe ihn gesehen!“, sagte Toodles ungläubig. „Ich kann mir nicht vorstellen, wo ich ihn gesehen haben könnte.“

„Im Explorers, würde ich sagen“, warf der Assistant Commissioner ruhig ein. Bei dem Namen dieses extrem exklusiven Clubs sah Toodles erschrocken aus und blieb stehen.

„Unsinn“, protestierte er, aber in einem ehrfürchtigen Ton. „Was meinen Sie? Ein Mitglied?“

„Ehrenmitglied“, murmelte der Assistant Commissioner durch die Zähne.

„Himmel!“

Toodles sah so vom Blitz getroffen aus, dass der Assistant Commissioner schwach lächelte.

„Das bleibt streng unter uns“, sagte er.

„Das ist das Ekelhafteste, was ich je in meinem Leben gehört habe“, erklärte Toodles schwach, als hätte das Erstaunen ihn in einer Sekunde all seiner fröhlichen Kraft beraubt.

Der Assistant Commissioner warf ihm einen ungläubigen Blick zu. Bis sie zur Tür des Zimmers des großen Mannes kamen, bewahrte Toodles ein skandalisiertes und feierliches Schweigen, als wäre er beleidigt, dass der Assistant Commissioner eine so unangenehme und beunruhigende Tatsache enthüllte. Es revolutionierte seine Vorstellung von der extremen Exklusivität des Explorers’ Club, von seiner sozialen Reinheit. Toodles war nur in der Politik revolutionär; seine sozialen Überzeugungen und persönlichen Gefühle wollte er durch alle Jahre, die ihm auf dieser Erde zugeteilt waren, die er insgesamt für einen netten Ort zum Leben hielt, unverändert bewahren.

Er trat beiseite.

„Gehen Sie hinein, ohne anzuklopfen“, sagte er.

Grüne Seidenschirme, die niedrig über alle Lichter gestülpt waren, verliehen dem Raum etwas von der tiefen Düsternis eines Waldes. Die hochmütigen Augen waren physisch der Schwachpunkt des großen Mannes. Dieser Punkt war in Geheimhaltung gehüllt. Wenn sich eine Gelegenheit bot, schonte er sie pflichtbewusst.

Der Assistant Commissioner trat ein und sah zunächst nur eine große, blasse Hand, die einen großen Kopf stützte und den oberen Teil eines großen, blassen Gesichts verbarg. Eine offene Depeschenmappe stand auf dem Schreibtisch neben ein paar länglichen Papierbögen und einer verstreuten Handvoll Federkiele. Auf der großen, flachen Oberfläche befand sich absolut nichts anderes außer einer kleinen Bronzestatuette, die in eine Toga gehüllt war und in ihrer schattenhaften Regungslosigkeit geheimnisvoll wachsam wirkte. Der Assistant Commissioner, der aufgefordert worden war, Platz zu nehmen, setzte sich. Im schummrigen Licht ließen ihn die markanten Züge seiner Persönlichkeit – das lange Gesicht, das schwarze Haar, seine hageren Gliedmaßen – fremdartiger denn je erscheinen.

Der große Mann zeigte keinerlei Überraschung, keine Eile, keinerlei Empfindung. Die Haltung, in der er seine geschonten Augen ausruhte, war zutiefst meditativ. Er veränderte sie nicht im Geringsten. Doch sein Ton war nicht verträumt.

„Nun! Was haben Sie bereits herausgefunden? Sie sind gleich beim ersten Schritt auf etwas Unerwartetes gestoßen.“

„Nicht direkt unerwartet, Sir Ethelred. Worauf ich hauptsächlich stieß, war ein psychologischer Zustand.“

Die große Persönlichkeit machte eine kleine Bewegung. „Ich bitte Sie um Deutlichkeit.“

„Ja, Sir Ethelred. Sie wissen zweifellos, dass die meisten Kriminellen irgendwann das unwiderstehliche Bedürfnis verspüren, zu beichten – sich jemandem, irgendwem, zu offenbaren. Und oft tun sie das gegenüber der Polizei. In jenem Verloc, den Heat so sehr zu schützen wünschte, habe ich einen Mann in genau diesem psychologischen Zustand gefunden. Der Mann warf sich mir, bildlich gesprochen, an die Brust. Es reichte meinerseits, ihm zuzuflüstern, wer ich sei, und hinzuzufügen: ‚Ich weiß, dass Sie hinter dieser Angelegenheit stecken.‘ Es muss ihm wie ein Wunder erschienen sein, dass wir es bereits wussten, aber er nahm es gelassen hin. Die Erstaunlichkeit der Sache hielt ihn keinen Moment auf. Für mich blieb nur, ihm die zwei Fragen zu stellen: Wer hat Sie dazu angestiftet? Und wer war der Mann, der es getan hat? Die erste beantwortete er mit bemerkenswertem Nachdruck. Was die zweite Frage betrifft, so entnehme ich dem, dass der Kerl mit der Bombe sein Schwager war – noch ein Junge – ein geistig schwaches Geschöpf... Es ist eine ziemlich merkwürdige Angelegenheit – vielleicht zu lang, um sie jetzt in allen Einzelheiten darzulegen.“

„Was haben Sie also in Erfahrung gebracht?“, fragte der große Mann.

„Erstens habe ich erfahren, dass der ehemalige Sträfling Michaelis nichts damit zu tun hatte, obwohl der Junge tatsächlich bis heute Morgen acht Uhr vorübergehend bei ihm auf dem Land gelebt hatte. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Michaelis bis zu diesem Moment nichts davon weiß.“

„Sind Sie sich da sicher?“, fragte der große Mann.

„Ganz sicher, Sir Ethelred. Dieser Verloc ist heute Morgen dorthin gefahren und hat den Jungen unter dem Vorwand mitgenommen, in den Gassen spazieren zu gehen. Da dies nicht das erste Mal war, dass er dies tat, konnte Michaelis nicht den geringsten Verdacht auf etwas Ungewöhnliches hegen. Im Übrigen, Sir Ethelred, ließ die Empörung dieses Mannes Verloc keinen Zweifel – absolut keinen. Er war fast um den Verstand gebracht worden durch eine außergewöhnliche Darbietung, die für Sie oder mich schwerlich als ernst gemeint zu betrachten wäre, die aber offensichtlich einen großen Eindruck auf ihn machte.“

Der Assistant Commissioner unterrichtete daraufhin kurz den großen Mann, der still dasaß und seine Augen unter dem Schutzschirm seiner Hand ausruhte, über Herrn Verlocs Einschätzung von Herrn Vladimirs Vorgehen und Charakter. Der Assistant Commissioner schien ihr eine gewisse Kompetenz nicht abzusprechen. Doch der große Würdenträger bemerkte:

„Das alles erscheint sehr phantastisch.“

„Nicht wahr? Man könnte es für einen grausamen Scherz halten. Aber unser Mann nahm es, wie es scheint, ernst. Er fühlte sich bedroht. Er stand seinerzeit, wie Sie wissen, in direkter Verbindung mit dem alten Stott-Wartenheim selbst und war dazu übergegangen, seine Dienste als unentbehrlich zu betrachten. Es war ein überaus hartes Erwachen. Ich vermute, dass er den Kopf verloren hat. Er wurde wütend und verängstigt. Ich schwöre Ihnen, mein Eindruck ist, dass er diese Leute von der Botschaft für durchaus fähig hielt, ihn nicht nur hinauszuwerfen, sondern ihn auch auf die eine oder andere Weise zu verraten...“

„Wie lange waren Sie bei ihm?“, unterbrach die Persönlichkeit hinter ihrer großen Hand.

„Etwa vierzig Minuten, Sir Ethelred, in einem Haus von schlechtem Ruf namens Continental Hotel, eingeschlossen in einem Zimmer, das ich übrigens für die Nacht nahm. Ich fand ihn unter dem Einfluss jener Reaktion vor, die auf die Anstrengung eines Verbrechens folgt. Der Mann kann nicht als abgebrühter Krimineller bezeichnet werden. Es ist offensichtlich, dass er den Tod dieses armen Jungen – seines Schwagers – nicht geplant hat. Das war ein Schock für ihn – das konnte ich sehen. Vielleicht ist er ein Mann von starker Empfindsamkeit. Vielleicht war er sogar an dem Jungen gehängt – wer weiß? Er mag gehofft haben, dass der Kerl ungeschoren davonkäme; in diesem Fall wäre es fast unmöglich gewesen, die Sache irgendjemandem nachzuweisen. Jedenfalls riskierte er bewusst nichts weiter als eine Verhaftung für ihn.“

Der Assistant Commissioner hielt in seinen Spekulationen inne, um einen Moment nachzudenken.

„Wie er allerdings in letzterem Fall hoffen konnte, seinen eigenen Anteil an der Sache zu verbergen, ist mir schleierhaft“, fuhr er fort, in seiner Unkenntnis von dem armen Stevies Hingabe an Herrn Verloc (der gut war) und seiner wahrhaft sonderbaren Stummheit, die in der alten Geschichte mit dem Feuerwerk auf der Treppe viele Jahre lang Bitten, Zureden, Zorn und anderen Untersuchungsmethoden seiner geliebten Schwester widerstanden hatte. Denn Stevie war loyal... „Nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Es ist möglich, dass er daran überhaupt nicht gedacht hat. Es klingt wie eine extravagante Art, es auszudrücken, Sir Ethelred, aber sein Zustand der Bestürzung ließ mich an einen impulsiven Mann denken, der, nachdem er Selbstmord begangen hatte in der Vorstellung, es würde all seine Sorgen beenden, entdeckt hatte, dass es das ganz und gar nicht tat.“

Der Assistant Commissioner gab diese Definition mit entschuldigender Stimme. Doch in Wahrheit wohnt der extravaganten Sprache eine eigene Art von Klarheit inne, und der große Mann war nicht beleidigt. Eine leichte ruckartige Bewegung des großen Körpers, der halb in der Düsternis der grünen Seidenschirme verloren war, des großen Kopfes, der auf der großen Hand lehnte, begleitete ein unterbrochenes, ersticktes, aber kraftvolles Geräusch. Der große Mann hatte gelacht.

„Was haben Sie mit ihm gemacht?“

Der Assistant Commissioner antwortete sehr bereitwillig:

„Da er sehr darauf erpicht schien, zu seiner Frau in den Laden zurückzukehren, habe ich ihn gehen lassen, Sir Ethelred.“

„Das haben Sie? Aber der Kerl wird verschwinden.“

„Verzeihen Sie. Das glaube ich nicht. Wohin könnte er gehen? Außerdem müssen Sie bedenken, dass er auch an die Gefahr vonseiten seiner Kameraden denken muss. Er ist dort auf seinem Posten. Wie könnte er erklären, ihn zu verlassen? Aber selbst wenn es keine Hindernisse für seine Handlungsfreiheit gäbe, würde er nichts tun. Im Moment hat er nicht genug moralische Energie, um irgendeinen Entschluss zu fassen. Erlauben Sie mir auch darauf hinzuweisen, dass wir uns, hätte ich ihn festgenommen, auf einen Kurs festgelegt hätten, bei dem ich zunächst Ihre genauen Absichten kennen wollte.“

Der große Würdenträger erhob sich schwerfällig, eine imposante, schattenhafte Gestalt in der grünlichen Düsternis des Raumes.

„Ich werde heute Abend den Generalstaatsanwalt sehen und Sie morgen früh zu mir rufen lassen. Gibt es noch etwas, das Sie mir jetzt mitteilen möchten?“

Der Assistant Commissioner war ebenfalls aufgestanden, schlank und geschmeidig.

„Ich glaube nicht, Sir Ethelred, es sei denn, ich würde mich in Details verlieren, die...“

„Nein. Keine Details, bitte.“

Die große, schattenhafte Gestalt schien zurückzuweichen, als ob sie eine physische Scheu vor Details hätte; dann trat sie vor, weitete sich, gewaltig und schwerfällig, und bot eine große Hand an. „Und Sie sagen, dieser Mann hat eine Frau?“

„Ja, Sir Ethelred“, sagte der Assistant Commissioner und drückte ehrerbietig die ausgestreckte Hand. „Eine echte Ehefrau und eine echte, respektable eheliche Beziehung. Er sagte mir, dass er nach seiner Unterredung in der Botschaft alles hingeschmissen hätte, versucht hätte, seinen Laden zu verkaufen und das Land zu verlassen, nur fühlte er sich sicher, dass seine Frau nicht einmal davon hören wollte, ins Ausland zu gehen. Nichts könnte charakteristischer für das respektable Band sein als das“, fuhr der Assistant Commissioner fort, mit einem Anflug von Grimm, dessen eigene Frau ebenfalls nicht davon hören wollte, ins Ausland zu gehen. „Ja, eine echte Ehefrau. Und das Opfer war ein echter Schwager. Von einem gewissen Standpunkt aus haben wir es hier mit einem Familiendrama zu tun.“

Der Assistant Commissioner lachte ein wenig; doch die Gedanken des großen Mannes schienen in weite Ferne geschweift zu sein, vielleicht zu den Fragen der Innenpolitik seines Landes, dem Schlachtfeld seiner kreuzritterhaften Tapideit gegen den Heiden Cheeseman. Der Assistant Commissioner zog sich leise zurück, unbeachtet, als wäre er bereits vergessen.

Er hatte seine eigenen Kreuzzugsinstinkte. Diese Angelegenheit, die Chief Inspector Heat auf die eine oder andere Weise anwiderte, schien ihm ein durch Vorsehung gegebener Ausgangspunkt für einen Kreuzzug zu sein. Es lag ihm sehr am Herzen, damit zu beginnen. Er ging langsam nach Hause, meditierte auf dem Weg über dieses Unternehmen und dachte über Herrn Verlocs Psychologie in einer gemischten Stimmung aus Abscheu und Befriedigung nach. Er ging den ganzen Weg zu Fuß nach Hause. Da er den Salon dunkel vorfand, ging er nach oben und verbrachte einige Zeit zwischen Schlafzimmer und Ankleidezimmer, wechselte seine Kleidung und ging mit dem Gehabe eines nachdenklichen Schlafwandlers hin und her. Doch er schüttelte es ab, bevor er wieder ausging, um sich seiner Frau im Haus der großen Gönnerin von Michaelis anzuschließen.

Er wusste, dass er dort willkommen sein würde. Beim Betreten des kleineren der beiden Salons sah er seine Frau in einer kleinen Gruppe in der Nähe des Klaviers. Ein jüngerer Komponist, der gerade berühmt zu werden begann, dozierte von einem Musikschemel aus zu zwei beleibten Männern, deren Rücken alt aussah, und drei schlanken Frauen, deren Rücken jung aussah. Hinter dem Wandschirm hatte die große Dame nur zwei Personen bei sich: einen Mann und eine Frau, die nebeneinander auf Sesseln am Fuß ihrer Chaiselongue saßen. Sie reichte dem Assistant Commissioner die Hand.

„Ich hatte nie gehofft, Sie heute Abend hier zu sehen. Annie sagte mir...“

„Ja. Ich hatte selbst keine Ahnung, dass meine Arbeit so bald erledigt sein würde.“

Der Assistant Commissioner fügte leise hinzu: „Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Michaelis völlig aus dieser Sache herausgehalten wird...“

Die Gönnerin des ehemaligen Sträflings nahm diese Zusicherung entrüstet entgegen.

„Warum? Waren Ihre Leute dumm genug, ihn mit...“

„Nicht dumm“, unterbrach der Assistant Commissioner und widersprach ehrerbietig. „Klug genug – durchaus klug genug dafür.“

Stille trat ein. Der Mann am Fuß der Chaiselongue hatte aufgehört, mit der Dame zu sprechen, und blickte mit einem schwachen Lächeln zu.

„Ich weiß nicht, ob Sie sich schon einmal begegnet sind“, sagte die große Dame.

Herr Vladimir und der Assistant Commissioner, die einander vorgestellt wurden, nahmen die Existenz des jeweils anderen mit punktgenauer und vorsichtiger Höflichkeit zur Kenntnis.

„Er hat mir Angst gemacht“, erklärte plötzlich die Dame, die an der Seite von Herrn Vladimir saß, mit einer Neigung des Kopfes zu diesem Herrn. Der Assistant Commissioner kannte die Dame.

„Sie sehen nicht verängstigt aus“, stellte er fest, nachdem er sie gewissenhaft mit seinem müden und ruhigen Blick gemustert hatte. Währenddessen dachte er bei sich, dass man in diesem Haus früher oder später jedem begegne. Herrn Vladimirs rosiges Antlitz war von Lächeln umspielt, weil er geistreich war, doch seine Augen blieben ernst, wie die Augen eines Mannes mit Überzeugungen.

„Nun, er hat es zumindest versucht“, korrigierte die Dame.

„Vielleicht Macht der Gewohnheit“, sagte der Assistant Commissioner, bewegt von einer unwiderstehlichen Eingebung.

„Er hat die Gesellschaft mit allerlei Schrecken bedroht“, fuhr die Dame fort, deren Artikulation schmeichelnd und langsam war, „apropos dieser Explosion im Greenwich Park. Es scheint, wir sollten alle vor dem zittern, was kommt, wenn diese Leute nicht auf der ganzen Welt unterdrückt werden. Ich hatte keine Ahnung, dass dies eine so ernste Angelegenheit ist.“

Herr Vladimir, der so tat, als würde er nicht zuhören, lehnte sich zur Chaiselongue und sprach liebenswürdig in gedämpftem Ton, doch er hörte den Assistant Commissioner sagen:

„Ich habe keinen Zweifel, dass Herr Vladimir eine sehr genaue Vorstellung von der wahren Bedeutung dieser Angelegenheit hat.“

Herr Vladimir fragte sich, worauf dieser verfluchte und zudringliche Polizist hinauswollte. Abstammend von Generationen, die von den Instrumenten einer willkürlichen Macht schikaniert wurden, hatte er rassistisch, national und individuell Angst vor der Polizei. Es war eine ererbte Schwäche, völlig unabhängig von seinem Urteilsvermögen, seiner Vernunft, seiner Erfahrung. Er war dazu geboren. Doch dieses Gefühl, das dem irrationalen Grauen ähnelte, das manche Menschen vor Katzen haben, stand seiner immensen Verachtung für die englische Polizei nicht im Wege. Er beendete den Satz, der an die große Dame gerichtet war, und drehte sich leicht in seinem Stuhl.

„Sie meinen, dass wir eine große Erfahrung mit diesen Leuten haben. Ja; wir leiden in der Tat sehr unter ihrer Aktivität, während Sie“ – Herr Vladimir zögerte einen Moment in lächelnder Ratlosigkeit – „während Sie ihre Anwesenheit gern in Ihrer Mitte dulden“, schloss er und zeigte ein Grübchen auf jeder glatt rasierten Wange. Dann fügte er ernster hinzu: „Ich darf sogar sagen – weil Sie es tun.“

Als Herr Vladimir aufhörte zu sprechen, senkte der Assistant Commissioner den Blick und das Gespräch verebbte. Fast unmittelbar danach verabschiedete sich Herr Vladimir.

Sobald ihm der Rücken zugekehrt war, erhob sich auch der Assistant Commissioner.

„Ich dachte, Sie wollten bleiben und Annie nach Hause bringen“, sagte die Gönnerin von Michaelis.

„Ich stelle fest, dass ich heute Abend noch ein wenig Arbeit zu erledigen habe.“

„In Verbindung mit...?“

„Nun, ja – auf eine Art.“

„Sagen Sie mir, was ist das wirklich – dieser Schrecken?“

„Es ist schwer zu sagen, was es ist, aber es könnte noch eine causa célèbre werden“, sagte der Assistant Commissioner.

Er verließ hastig den Salon und fand Herrn Vladimir noch im Flur, wo er sich sorgfältig den Hals in ein großes Seidentuch wickelte. Hinter ihm wartete ein Diener und hielt seinen Überzieher. Ein anderer stand bereit, die Tür zu öffnen. Dem Assistant Commissioner wurde pflichtgemäß in den Mantel geholfen, und er wurde sofort hinausgelassen. Nachdem er die Stufen vor dem Haus hinuntergestiegen war, blieb er stehen, als wollte er über den Weg nachdenken, den er einschlagen sollte. Als er dies durch die offen gehaltene Tür sah, verweilte Herr Vladimir im Flur, um eine Zigarre herauszuholen, und bat um Licht. Es wurde ihm von einem älteren Mann ohne Livree mit einer Miene ruhiger Fürsorge gereicht. Doch das Zündholz erlosch; der Diener schloss daraufhin die Tür, und Herr Vladimir zündete seine große Havanna mit gemächlicher Sorgfalt an.

Als er endlich aus dem Haus kam, sah er mit Abscheu den „verfluchten Polizisten“ immer noch auf dem Bürgersteig stehen.

„Kann er auf mich warten?“, dachte Herr Vladimir und suchte nach Anzeichen für eine Droschke. Er sah keine. Ein paar Kutschen warteten am Bordstein, ihre Lampen brannten stetig, die Pferde standen völlig still, als wären sie aus Stein gehauen, die Kutscher saßen regungslos unter den großen Pelzkragen, ohne dass auch nur ein Zittern die weißen Riemen ihrer großen Peitschen bewegte. Herr Vladimir ging weiter, und der „verfluchte Polizist“ fiel im Schritt an seinem Ellbogen ein. Er sagte nichts. Nach dem vierten Schritt fühlte sich Herr Vladimir wütend und unbehaglich. Das konnte nicht so weitergehen.

„Schreckliches Wetter“, knurrte er wild.

„Mild“, sagte der Assistant Commissioner ohne Leidenschaft. Er blieb eine Weile still. „Wir haben einen Mann namens Verloc gefasst“, kündigte er beiläufig an.

Herr Vladimir stolperte nicht, schwankte nicht zurück, veränderte nicht seinen Schritt. Doch er konnte nicht verhindern, dass er ausrief: „Was?“ Der Assistant Commissioner wiederholte seine Aussage nicht. „Sie kennen ihn“, fuhr er im gleichen Ton fort.

Herr Vladimir blieb stehen und wurde guttural. „Was bringt Sie zu dieser Annahme?“

„Ich nicht. Es ist Verloc, der das sagt.“

„Ein lügender Hund irgendeiner Art“, sagte Herr Vladimir in etwas orientalischer Ausdrucksweise. Doch in seinem Herzen war er fast ehrfürchtig vor der wunderbaren Cleverness der englischen Polizei. Der Umschwung seiner Meinung zu diesem Thema war so heftig, dass ihm für einen Moment leicht übel wurde. Er warf seine Zigarre weg und ging weiter.

„Was mir an dieser Angelegenheit am meisten gefällt“, fuhr der Assistant fort, während er langsam sprach, „ist, dass sie einen so ausgezeichneten Ausgangspunkt für eine Arbeit bildet, von der ich das Gefühl hatte, dass sie in Angriff genommen werden muss – nämlich die Säuberung dieses Landes von all den ausländischen politischen Spionen, Polizisten und dieser Art von – von – Hunden. Meiner Meinung nach sind sie ein grässliches Ärgernis; auch ein Element der Gefahr. Aber wir können sie nicht gut einzeln aufspüren. Der einzige Weg ist, ihre Beschäftigung für ihre Arbeitgeber unangenehm zu machen. Die Sache wird unanständig. Und gefährlich auch für uns, hier.“

Herr Vladimir blieb wieder einen Moment stehen.

„Was meinen Sie damit?“

„Die Strafverfolgung dieses Verloc wird der Öffentlichkeit sowohl die Gefahr als auch die Unanständigkeit demonstrieren.“

„Niemand wird glauben, was ein Mann dieser Art sagt“, sagte Herr Vladimir verächtlich.

„Der Reichtum und die Präzision der Details werden die große Masse der Öffentlichkeit überzeugen“, brachte der Assistant Commissioner sanft vor.

„Also ist das ernsthaft das, was Sie zu tun gedenken.“

„Wir haben den Mann; wir haben keine Wahl.“

„Sie werden nur den lügnerischen Geist dieser revolutionären Schurken nähren“, protestierte Herr Vladimir. „Was wollen Sie für einen Skandal machen? – aus Moral – oder was?“

Herrn Vladimirs Unruhe war offensichtlich. Der Assistant Commissioner, der auf diese Weise festgestellt hatte, dass an den summarischen Aussagen von Herrn Verloc etwas Wahres dran sein musste, sagte gleichgültig:

„Es gibt auch eine praktische Seite. Wir haben wirklich genug zu tun, um uns um das Echte zu kümmern. Man kann nicht sagen, dass wir nicht effektiv sind. Aber wir haben nicht die Absicht, uns unter irgendeinem Vorwand von Schwindlern stören zu lassen.“

Herrn Vladimirs Ton wurde hochtrabend.

„Ich meinerseits kann Ihre Ansicht nicht teilen. Es ist egoistisch. Meine Gefühle für mein eigenes Land können nicht bezweifelt werden; aber ich habe immer das Gefühl gehabt, dass wir zudem gute Europäer sein sollten – ich meine Regierungen und Menschen.“

„Ja“, sagte der Assistant Commissioner einfach. „Nur betrachten Sie Europa von seinem anderen Ende her. Aber“, fuhr er in gutmütigem Ton fort, „die ausländischen Regierungen können sich nicht über die Ineffizienz unserer Polizei beklagen. Sehen Sie sich diesen Frevel an; ein Fall, der besonders schwer zurückzuverfolgen war, insofern er ein Schwindel war. In weniger als zwölf Stunden haben wir die Identität eines Mannes festgestellt, der buchstäblich in Stücke gerissen wurde, haben den Organisator des Anschlags gefunden und einen flüchtigen Blick auf den Anstifter hinter ihm geworfen. Und wir hätten weitergehen können; nur haben wir an den Grenzen unseres Territoriums Halt gemacht.“

„Dieser lehrreiche Frevel wurde also im Ausland geplant“, sagte Herr Vladimir schnell. „Sie geben zu, dass er im Ausland geplant wurde?“

„Theoretisch. Nur theoretisch, auf ausländischem Territorium; im Ausland nur durch eine Fiktion“, sagte der Assistant Commissioner und spielte auf den Charakter von Botschaften an, die als Teil des Landes gelten, zu dem sie gehören. „Aber das ist ein Detail. Ich habe mit Ihnen über diese Angelegenheit gesprochen, weil es Ihre Regierung ist, die sich am meisten über unsere Polizei beschwert. Sie sehen, dass wir nicht so schlecht sind. Ich wollte Ihnen besonders von unserem Erfolg erzählen.“

„Ich bin sicher, ich bin sehr dankbar“, murmelte Herr Vladimir durch die Zähne.

„Wir können hier jeden Anarchisten mit dem Finger zeigen“, fuhr der Assistant Commissioner fort, als würde er Chief Inspector Heat zitieren. „Alles, was jetzt noch nötig ist, ist die Abschaffung des Agent provocateur, um alles sicher zu machen.“

Herr Vladimir hielt einer vorbeifahrenden Droschke die Hand entgegen.

„Sie fahren nicht hier hinein“, bemerkte der Assistant Commissioner und betrachtete ein Gebäude von edlen Proportionen und gastlichem Ansehen, dessen Licht aus einer großen Halle durch die Glastüren auf eine breite Treppe fiel.

Doch Herr Vladimir, der mit steinernem Blick in der Droschke saß, fuhr wortlos davon.

Der Assistant Commissioner selbst bog nicht in das edle Gebäude ein. Es war der Explorers’ Club. Der Gedanke ging ihm durch den Kopf, dass Herr Vladimir, Ehrenmitglied, in Zukunft nicht mehr oft dort gesehen werden würde. Er sah auf seine Uhr. Es war erst halb elf. Er hatte einen sehr ausgefüllten Abend gehabt.

KAPITEL XI

Nachdem Chief Inspector Heat ihn verlassen hatte, bewegte sich Herr Verloc im Wohnzimmer.

Von Zeit zu Zeit beäugte er seine Frau durch die offene Tür. „Sie weiß jetzt alles darüber“, dachte er bei sich, mit Mitleid für ihren Kummer und mit einiger Befriedigung, was ihn selbst betraf. Herrn Verlocs Seele, wenn ihr vielleicht auch die Größe fehlte, war zu zarten Gefühlen fähig. Die Aussicht, ihr die Nachricht überbringen zu müssen, hatte ihn in Fieber versetzt. Chief Inspector Heat hatte ihn von dieser Aufgabe befreit. Das war soweit gut. Nun blieb ihm nur, ihrem Schmerz ins Auge zu sehen.

Herr Verloc hatte nie erwartet, sich der Sache angesichts des Todes stellen zu müssen, dessen katastrophaler Charakter sich nicht durch ausgeklügelte Argumente oder überzeugende Beredsamkeit wegdiskutieren lässt. Herr Verloc hatte keineswegs die Absicht gehabt, dass Stevie auf eine solch jähe und gewaltsame Weise ums Leben kommen sollte. Er hatte überhaupt nicht die Absicht gehabt, dass er sterben sollte. Der tote Stevie war ein weitaus größeres Ärgernis, als er es je zu Lebzeiten gewesen war. Herr Verloc hatte sich einen günstigen Ausgang für sein Unternehmen ausgemalt, wobei er sich nicht auf Stevies Intelligenz stützte, die einem Menschen manchmal seltsame Streiche spielt, sondern auf den blinden Gehorsam und die blinde Ergebenheit des Jungen. Obwohl Herr Verloc kein großer Psychologe war, hatte er die Tiefe von Stevies Fanatismus ausgelotet. Er wagte es, die Hoffnung zu hegen, dass Stevie sich von den Mauern des Observatoriums entfernen würde, wie es ihm aufgetragen worden war, den Weg nehmend, der ihm schon mehrfach gezeigt worden war, um sich außerhalb der Parkanlagen wieder seinem Schwager, dem klugen und guten Herrn Verloc, anzuschließen. Fünfzehn Minuten hätten für den größten Dummkopf ausreichen müssen, um den Apparat abzustellen und wegzugehen. Und der Professor hatte mehr als fünfzehn Minuten garantiert. Doch Stevie war gestolpert, keine fünf Minuten nachdem er sich selbst überlassen worden war. Und Herr Verloc war moralisch völlig erschüttert. Er hatte alles vorhergesehen, nur das nicht. Er hatte vorausgesehen, dass Stevie verstört und verloren sein würde – dass man nach ihm suchen und ihn schließlich in irgendeiner Polizeistation oder einem provinziellen Arbeitshaus finden würde. Er hatte vorausgesehen, dass Stevie verhaftet werden könnte, und fürchtete sich nicht, denn Herr Verloc hielt große Stücke auf Stevies Loyalität, der im Laufe vieler Spaziergänge sorgfältig die Notwendigkeit des Schweigens eingetrichtert worden war. Wie ein peripatetischer Philosoph hatte Herr Verloc, während er durch die Straßen von London schlenderte, Stevies Ansichten über die Polizei durch Unterhaltungen voller subtiler Argumente zurechtgerückt. Nie hatte ein Weiser einen aufmerksameren und bewundernderen Jünger gehabt. Die Unterwürfigkeit und Verehrung waren so offensichtlich, dass Herr Verloc begann, so etwas wie Zuneigung für den Jungen zu empfinden. Jedenfalls hatte er nicht vorhergesehen, dass man ihm seinen Verwandten so schnell nach Hause bringen würde. Dass seine Frau auf die Vorsichtsmaßnahme kommen würde, dem Jungen die Adresse in seinen Überzieher zu nähen, war das Letzte, woran Herr Verloc gedacht hätte. Man kann nicht an alles denken. Das war es, was sie meinte, als sie sagte, er brauche sich keine Sorgen zu machen, wenn er Stevie während ihrer Spaziergänge verlieren sollte. Sie hatte ihm versichert, dass der Junge schon heil zurückfinden würde. Nun, er war mit einer Wucht zurückgekehrt!

„Nun, nun“, murmelte Herr Verloc in seinem Staunen. Was hatte sie sich dabei gedacht? Ihm die Mühe zu ersparen, ein wachsames Auge auf Stevie zu haben? Höchstwahrscheinlich hatte sie es gut gemeint. Nur hätte sie ihm von der Vorsichtsmaßnahme erzählen sollen, die sie getroffen hatte.

Herr Verloc ging hinter den Ladentisch. Seine Absicht war es nicht, seine Frau mit bitteren Vorwürfen zu überschütten. Herr Verloc empfand keine Bitterkeit. Der unerwartete Lauf der Ereignisse hatte ihn zur Lehre des Fatalismus bekehrt. Daran war nun nichts mehr zu ändern. Er sagte:

„Ich wollte nicht, dass dem Jungen etwas zustößt.“

Frau Verloc schauderte beim Klang der Stimme ihres Mannes. Sie enthüllte ihr Gesicht nicht. Der vertrauenswürdige Geheimagent des verstorbenen Baron Stott-Wartenheim betrachtete sie eine Zeit lang mit einem schweren, ausdauernden, verständnislosen Blick. Die zerfetzte Abendzeitung lag zu ihren Füßen. Viel konnte sie ihr nicht gesagt haben. Herr Verloc verspürte das Bedürfnis, mit seiner Frau zu sprechen.

„Es ist dieser verdammte Heat – nicht wahr?“, sagte er. „Er hat dich aufgewühlt. Er ist ein Rohling, das so einfach einer Frau vor den Latz zu knallen. Ich habe mich krank gegrübelt, wie ich es dir schonend beibringen könnte. Ich saß stundenlang in der kleinen Gaststube des Cheshire Cheese und habe überlegt, wie es am besten ginge. Du musst verstehen, dass ich nie wollte, dass dem Jungen etwas zustößt.“

Herr Verloc, der Geheimagent, sprach die Wahrheit. Es war seine eheliche Zuneigung, die durch die vorzeitige Explosion den größten Schock erlitten hatte. Er fügte hinzu:

„Ich habe mich nicht gerade vergnügt gefühlt, als ich da saß und an dich dachte.“

Er bemerkte ein weiteres leichtes Schaudern seiner Frau, was seine Empfindsamkeit berührte. Da sie weiterhin ihr Gesicht in den Händen verbarg, dachte er, er solle sie eine Weile in Ruhe lassen. Mit diesem feinfühligen Impuls zog sich Herr Verloc wieder in das Wohnzimmer zurück, wo die Gasflamme wie eine zufriedene Katze schnurrte. Frau Verlocs eheliche Vorsorge hatte das kalte Rindfleisch auf dem Tisch gelassen, zusammen mit Tranchiermesser, Gabel und einem halben Brotlaib für Herrn Verlocs Abendessen. Er bemerkte all diese Dinge jetzt zum ersten Mal, schnitt sich ein Stück Brot und Fleisch ab und begann zu essen.

Sein Appetit rührte nicht von Gefühlskälte her. Herr Verloc hatte an diesem Tag kein Frühstück zu sich genommen. Er hatte das Haus nüchtern verlassen. Da er kein tatkräftiger Mann war, fand er seine Entschlossenheit in einer nervösen Aufregung, die ihn hauptsächlich an der Kehle zu packen schien. Er hätte nichts Festes hinunterbekommen können. Michaelis’ Hütte war so arm an Vorräten wie die Zelle eines Gefangenen. Der auf Bewährung entlassene Apostel lebte von ein wenig Milch und Krusten von altem Brot. Außerdem war er, als Herr Verloc ankam, nach seiner kargen Mahlzeit bereits nach oben gegangen. Vertieft in die Mühsal und das Entzücken literarischer Komposition hatte er nicht einmal auf Herrn Verlocs Ruf die kleine Treppe hinauf geantwortet.

„Ich nehme diesen jungen Kerl für ein oder zwei Tage mit nach Hause.“

Und in der Tat hatte Herr Verloc nicht auf eine Antwort gewartet, sondern war sofort aus der Hütte marschiert, gefolgt von dem gehorsamen Stevie.

Jetzt, da jede Handlung vorbei war und ihm sein Schicksal mit unerwarteter Schnelligkeit aus den Händen genommen worden war, fühlte sich Herr Verloc körperlich schrecklich leer. Er schnitt das Fleisch, schnitt das Brot und verschlang sein Abendessen im Stehen am Tisch, wobei er hin und wieder einen Blick zu seiner Frau warf. Ihre lang anhaltende Unbeweglichkeit störte die Behaglichkeit seiner Mahlzeit. Er ging wieder in den Laden und trat ganz nah an sie heran. Dieser Kummer mit verhülltem Gesicht machte Herrn Verloc unruhig. Er erwartete natürlich, dass seine Frau sehr aufgewühlt sein würde, aber er wollte, dass sie sich zusammennahm. Er brauchte ihre ganze Unterstützung und ihre ganze Loyalität in dieser neuen Lage, die sein Fatalismus bereits akzeptiert hatte.

„Es ist nicht zu ändern“, sagte er in einem Ton düsterer Anteilnahme. „Komm, Winnie, wir müssen an morgen denken. Du wirst all deinen Verstand brauchen, nachdem ich abgeführt werde.“

Er hielt inne. Frau Verlocs Brust hob und senkte sich krampfhaft. Das war nicht gerade beruhigend für Herrn Verloc, in dessen Augen die neu entstandene Situation von den zwei betroffenen Personen Ruhe, Entschlossenheit und andere Eigenschaften erforderte, die mit dem geistigen Durcheinander leidenschaftlichen Kummers unvereinbar waren. Herr Verloc war ein menschlicher Mann; er war nach Hause gekommen, bereit, der Zuneigung seiner Frau zu ihrem Bruder jede Freiheit zu lassen.

Nur verstand er weder die Art noch den vollen Umfang dieses Gefühls. Und darin war er entschuldbar, da es ihm unmöglich war, es zu verstehen, ohne aufzuhören, er selbst zu sein. Er war überrascht und enttäuscht, und seine Worte vermittelten dies durch einen gewissen rauen Ton.

„Du könntest einen ansehen“, bemerkte er, nachdem er eine Weile gewartet hatte.

Als wäre sie durch die Hände hindurchgepresst, die Frau Verlocs Gesicht bedeckten, kam die Antwort, gedämpft, fast mitleiderregend.

„Ich will dich mein Leben lang nicht ansehen.“

„Wie? Was!“ Herr Verloc war lediglich überrascht von der oberflächlichen und wörtlichen Bedeutung dieser Äußerung. Es war offensichtlich unvernünftig, nur der Schrei übertriebener Trauer. Er legte den Mantel seiner ehelichen Nachsicht darüber. Dem Verstand von Herrn Verloc mangelte es an Tiefe. In dem irrigen Glauben, dass der Wert von Individuen darin besteht, was sie an sich selbst sind, konnte er den Wert von Stevie in den Augen von Frau Verloc unmöglich begreifen. Sie nahm es verdammt schwer, dachte er bei sich. Das war alles die Schuld von diesem verdammten Heat. Was musste er auch die Frau so aufwühlen? Aber man durfte ihr, ihr selbst zuliebe, nicht erlauben, sich so zu gehen zu lassen, bis sie völlig den Verstand verlor.

„Hör mal! Du kannst nicht so im Laden sitzen“, sagte er mit gekünstelter Strenge, in der ein wenig echter Ärger mitschwang; denn dringende praktische Angelegenheiten mussten besprochen werden, selbst wenn sie die ganze Nacht aufbleiben mussten. „Jemand könnte jeden Augenblick hereinkommen“, fügte er hinzu und wartete wieder. Es blieb ohne Wirkung, und die Endgültigkeit des Todes kam Herrn Verloc während der Pause in den Sinn. Er änderte seinen Tonfall. „Komm. Das bringt ihn nicht zurück“, sagte er sanft und fühlte sich bereit, sie in seine Arme zu schließen und an seine Brust zu drücken, wo Ungeduld und Mitleid nebeneinander wohnten. Doch abgesehen von einem kurzen Schaudern blieb Frau Verloc von der Wucht dieser schrecklichen Binsenweisheit scheinbar unberührt. Herr Verloc selbst war es, der bewegt war. In seiner Einfalt war er bewegt, Mäßigung anzumahnen, indem er die Ansprüche seiner eigenen Persönlichkeit geltend machte.

„Sei doch vernünftig, Winnie. Was wäre gewesen, wenn du mich verloren hättest!“

Er hatte vage erwartet, sie aufschreien zu hören. Aber sie rührte sich nicht. Sie lehnte sich ein wenig zurück, beruhigt zu einer vollkommenen, unlesbaren Stille. Herrn Verlocs Herz begann vor Verärgerung und etwas, das Angst ähnelte, schneller zu schlagen. Er legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte:

„Sei keine Närrin, Winnie.“

Sie gab kein Zeichen. Es war unmöglich, mit einer Frau, deren Gesicht man nicht sehen kann, vernünftig zu reden. Herr Verloc ergriff die Handgelenke seiner Frau. Aber ihre Hände schienen wie festgeklebt. Sie schwankte bei seinem Ruck körperlich vorwärts und fiel beinahe vom Stuhl. Erschrocken, sie so hilflos schlaff zu fühlen, versuchte er, sie wieder auf den Stuhl zu setzen, als sie plötzlich am ganzen Körper starr wurde, sich aus seinen Händen riss, aus dem Laden stürmte, durch das Wohnzimmer und in die Küche lief. Das war sehr schnell. Er hatte nur einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht erhascht und gerade so viel von ihren Augen, dass er wusste, dass sie ihn nicht angesehen hatte.

Es hatte alles den Anschein eines Kampfes um den Besitz eines Stuhls, denn Herr Verloc nahm sofort den Platz seiner Frau ein. Herr Verloc bedeckte sein Gesicht nicht mit den Händen, aber eine düstere Nachdenklichkeit verschleierte seine Züge. Eine Haftstrafe war nicht zu vermeiden. Er wollte sie jetzt auch nicht mehr vermeiden. Ein Gefängnis war ein ebenso sicherer Ort vor bestimmten ungesetzlichen Racheakten wie das Grab, mit dem Vorteil, dass es im Gefängnis Raum für Hoffnung gibt. Was er vor sich sah, war eine Haftstrafe, eine vorzeitige Entlassung und dann ein Leben irgendwo im Ausland, so wie er es für den Fall des Scheiterns bereits erwogen hatte. Nun, es war ein Scheitern, wenn auch nicht genau die Art von Scheitern, die er befürchtet hatte. Es war so nah am Erfolg gewesen, dass er Herrn Vladimir mit diesem Beweis okkulter Effizienz geradezu aus seinem grausamen Spott hätte herausreißen können. So schien es zumindest jetzt Herrn Verloc. Sein Ansehen bei der Botschaft wäre immens gewesen, wenn – wenn seine Frau nicht die unglückselige Idee gehabt hätte, die Adresse in Stevies Überzieher zu nähen. Herr Verloc, der kein Dummkopf war, hatte bald den außergewöhnlichen Charakter des Einflusses erkannt, den er auf Stevie hatte, obwohl er dessen Ursprung nicht genau verstand – die Lehre von seiner höchsten Weisheit und Güte, die ihm von zwei besorgten Frauen eingetrichtert worden war. In allen Eventualitäten, die er vorhergesehen hatte, hatte Herr Verloc mit richtigem Gespür auf Stevies instinktive Loyalität und blinde Verschwiegenheit kalkuliert. Die Eventualität, die er nicht vorhergesehen hatte, hatte ihn als menschlichen Mann und liebevollen Ehemann entsetzt. Von jedem anderen Standpunkt aus war sie eher vorteilhaft. Nichts kommt der ewigen Verschwiegenheit des Todes gleich. Herr Verloc, der verwirrt und verängstigt in der kleinen Gaststube des Cheshire Cheese saß, konnte nicht anders, als sich das einzugestehen, weil seine Empfindsamkeit seinem Urteilsvermögen nicht im Wege stand. Stevies gewaltsame Zersetzung, wie beunruhigend auch der Gedanke daran sein mochte, sicherte nur den Erfolg; denn das Einreißen einer Mauer war natürlich nicht das Ziel von Herrn Vladimirs Drohungen, sondern die Erzeugung einer moralischen Wirkung. Mit viel Mühe und Not auf Herrn Verlocs Seite konnte man sagen, dass die Wirkung erzielt worden war. Als sie jedoch ganz unerwartet in der Brett Street heimkehrte, akzeptierte Herr Verloc, der wie ein Mann in einem Albtraum um die Erhaltung seiner Position gekämpft hatte, den Schlag im Geiste eines überzeugten Fatalisten. Die Position war verloren, eigentlich durch niemandes Schuld. Eine kleine, winzige Tatsache hatte es verursacht. Es war wie im Dunkeln auf einer Bananenschale auszurutschen und sich das Bein zu brechen.

Herr Verloc holte müde Atem. Er hegte keinen Groll gegen seine Frau. Er dachte: Sie wird sich um den Laden kümmern müssen, während sie mich eingesperrt halten. Und während er auch daran dachte, wie schmerzlich sie Stevie anfangs vermissen würde, machte er sich große Sorgen um ihre Gesundheit und Stimmung. Wie würde sie ihre Einsamkeit ertragen – vollkommen allein in diesem Haus? Es wäre nicht gut, wenn sie zusammenbräche, während er eingesperrt war. Was würde dann aus dem Laden? Der Laden war ein Kapital. Obwohl Herrn Verlocs Fatalismus seinen Untergang als Geheimagent akzeptierte, hatte er nicht den Sinn, völlig ruiniert zu werden, hauptsächlich, das muss zugegeben werden, aus Rücksicht auf seine Frau.

Still und außerhalb seines Sichtfeldes in der Küche, machte sie ihm Angst. Wenn sie doch nur ihre Mutter bei sich gehabt hätte. Aber diese törichte alte Frau – Ein wütendes Entsetzen ergriff Herrn Verloc. Er musste mit seiner Frau sprechen. Er konnte ihr sicher sagen, dass ein Mann unter gewissen Umständen verzweifelt. Aber er ging nicht sofort hin, um ihr diese Information mitzuteilen. Zuallererst war ihm klar, dass dieser Abend keine Zeit für Geschäfte war. Er stand auf, um die Straßentür zu schließen und das Gas im Laden abzudrehen.

Nachdem er so eine Einsamkeit um seinen Herd sichergestellt hatte, ging Herr Verloc ins Wohnzimmer und blickte in die Küche hinunter. Frau Verloc saß an dem Platz, an dem der arme Stevie sich gewöhnlich abends mit Papier und Stift niederzulassen pflegte, um sich mit dem Zeichnen dieser Leuchtgebilde aus zahllosen Kreisen zu vergnügen, die Chaos und Ewigkeit suggerierten. Ihre Arme waren auf dem Tisch verschränkt, und ihr Kopf lag auf ihren Armen. Herr Verloc betrachtete eine Zeit lang ihren Rücken und die Anordnung ihrer Haare, dann ging er von der Küchentür weg. Frau Verlocs philosophische, fast geringschätzige Neugierlosigkeit, die Grundlage ihrer Eintracht im häuslichen Leben, machte es äußerst schwierig, mit ihr in Kontakt zu treten, jetzt, da diese tragische Notwendigkeit entstanden war. Herr Verloc empfand diese Schwierigkeit schmerzlich. Er ging im Wohnzimmer um den Tisch herum, mit der üblichen Miene eines großen Tieres in einem Käfig.

Da Neugier eine der Formen der Selbstenthüllung ist, bleibt eine systematisch neugierlose Person immer teilweise geheimnisvoll. Jedes Mal, wenn er in der Nähe der Tür vorbeiging, blickte Herr Verloc unruhig zu seiner Frau. Es war nicht so, dass er Angst vor ihr hatte. Herr Verloc bildete sich ein, von dieser Frau geliebt zu werden. Aber sie hatte ihn nicht daran gewöhnt, Vertraulichkeiten auszutauschen. Und das Geständnis, das er ablegen musste, war von tiefgreifender psychologischer Natur. Wie konnte er ihr mit seiner mangelnden Übung das sagen, was er selbst nur vage fühlte: dass es Verschwörungen des verhängnisvollen Schicksals gibt, dass ein Gedanke in einem Geist manchmal wächst, bis er ein äußeres Dasein erlangt, eine eigene unabhängige Macht und sogar eine suggestiv sprechende Stimme? Er konnte ihr nicht mitteilen, dass ein Mann von einem fetten, witzigen, glattrasierten Gesicht verfolgt werden kann, bis das wildeste Mittel, es loszuwerden, wie ein Kind der Weisheit erscheint.

Bei diesem geistigen Bezug auf einen Ersten Sekretär einer großen Botschaft blieb Herr Verloc im Türrahmen stehen und blickte mit wütendem Gesicht und geballten Fäusten in die Küche hinunter, während er seine Frau ansprach.

„Du weißt nicht, mit was für einem Rohling ich es zu tun hatte.“

Er machte sich auf, eine weitere Runde um den Tisch zu drehen; dann, als er wieder an die Tür gekommen war, hielt er inne und starrte von der Höhe von zwei Stufen herab.

„Ein alberner, höhnischer, gefährlicher Rohling, mit nicht mehr Verstand als – Nach all diesen Jahren! Ein Mann wie ich! Und ich habe bei diesem Spiel meinen Kopf riskiert. Du hast es nicht gewusst. Ganz richtig so. Was hätte es genützt, dir zu sagen, dass ich seit sieben Jahren, die wir verheiratet sind, jederzeit das Risiko einging, ein Messer in den Rücken gestochen zu bekommen? Ich bin nicht der Typ, der eine Frau beunruhigt, die mich liebt. Du hattest kein Recht, das zu wissen.“ Herr Verloc machte eine weitere Runde um das Wohnzimmer, vor Wut schnaubend.

„Ein giftiges Biest“, begann er wieder vom Türrahmen aus. „Mich zum Scherz in einen Graben jagen, damit ich verhungere. Ich konnte sehen, dass er es für einen verdammt guten Witz hielt. Ein Mann wie ich! Hör mal! Einige der Höchsten der Welt müssen mir danken, dass sie bis heute auf ihren zwei Beinen laufen. Das ist der Mann, den du geheiratet hast, mein Mädchen!“

Er bemerkte, dass seine Frau sich aufgesetzt hatte. Frau Verlocs Arme blieben ausgestreckt auf dem Tisch liegen. Herr Verloc beobachtete ihren Rücken, als könnte er dort die Wirkung seiner Worte ablesen.

„Es gibt seit elf Jahren kein Mordkomplott, bei dem ich nicht meine Finger im Spiel hatte, unter Einsatz meines Lebens. Ich habe Dutzende dieser Revolutionäre mit ihren Bomben in ihren verdammten Taschen weggeschickt, damit sie an der Grenze gefasst werden. Der alte Baron wusste, was ich für sein Land wert war. Und hier kommt plötzlich ein Schwein daher – ein ignorantes, anmaßendes Schwein.“

Herr Verloc stieg langsam die zwei Stufen hinunter, betrat die Küche, nahm ein Glas von der Anrichte und näherte sich, das Glas in der Hand, der Spüle, ohne seine Frau anzusehen. „Es war nicht der alte Baron, der die böse Torheit begangen hätte, mich um elf Uhr morgens bei ihm antreten zu lassen. Es gibt zwei oder drei in dieser Stadt, die, hätten sie mich hineingehen sehen, nicht davor zurückgeschreckt wären, mir früher oder später den Schädel einzuschlagen. Es war ein alberner, mörderischer Trick, einen Mann – wie mich – für nichts und wieder nichts bloßzustellen.“

Herr Verloc drehte den Hahn über der Spüle auf und goss drei Gläser Wasser, eines nach dem anderen, die Kehle hinunter, um das Feuer seiner Empörung zu löschen. Herrn Vladimirs Verhalten war wie ein glühendes Eisen, das sein Inneres in Brand setzte. Er konnte die Illoyalität nicht verwinden. Dieser Mann, der nicht bei den üblichen harten Arbeiten arbeiten wollte, die die Gesellschaft ihren einfacheren Mitgliedern auferlegt, hatte sein geheimes Gewerbe mit unermüdlicher Hingabe ausgeübt. In Herrn Verloc steckte ein Fundus an Loyalität. Er war seinen Arbeitgebern gegenüber loyal gewesen, der Sache der sozialen Stabilität – und auch seinen Zuneigungen –, wie sich zeigte, als er, nachdem er das Glas in die Spüle gestellt hatte, sich umdrehte und sagte:

„Wenn ich nicht an dich gedacht hätte, hätte ich den tyrannischen Rohling bei der Kehle gepackt und seinen Kopf in den Kamin gerammt. Ich wäre diesem rosigen, glatt rasierten – mehr als gewachsen gewesen.“

Herr Verloc unterließ es, den Satz zu beenden, als ob kein Zweifel am letzten Wort bestehen könnte. Zum ersten Mal in seinem Leben weihte er diese neugierlose Frau in seine Geheimnisse ein. Die Einzigartigkeit des Ereignisses, die Kraft und Bedeutung der persönlichen Gefühle, die im Laufe dieses Geständnisses geweckt wurden, verdrängten Stevies Schicksal vollkommen aus Herrn Verlocs Geist. Die stotternde Existenz des Jungen voller Ängste und Empörungen, zusammen mit der Gewalt seines Endes, waren für eine Weile aus Herrn Verlocs geistigem Blickfeld verschwunden. Aus diesem Grund war er, als er aufblickte, erschrocken über den unangemessenen Charakter des Starrblicks seiner Frau. Es war kein wilder Blick, und er war nicht unaufmerksam, aber seine Aufmerksamkeit war sonderbar und nicht zufriedenstellend, insofern sie auf einen Punkt jenseits von Herrn Verlocs Person konzentriert zu sein schien. Der Eindruck war so stark, dass Herr Verloc über die Schulter blickte. Hinter ihm war nichts; da war nur die weiß getünchte Wand. Der vortreffliche Ehemann von Winnie Verloc sah keine Schrift an der Wand. Er wandte sich wieder an seine Frau und wiederholte mit einiger Nachdrücklichkeit:

„Ich hätte ihn bei der Kehle gepackt. So wahr ich hier stehe, wenn ich nicht an dich gedacht hätte, hätte ich dem Rohling das Leben aus dem Leib gewürgt, bevor ich ihn hätte aufstehen lassen. Und glaub nicht, dass er darauf erpicht gewesen wäre, die Polizei zu rufen. Er hätte es nicht gewagt. Du verstehst, warum – nicht wahr?“

Er blinzelte seine Frau wissend an.

„Nein“, sagte Frau Verloc mit einer klanglosen Stimme und ohne ihn überhaupt anzusehen. „Wovon redest du?“

„Wovon ich rede? Davon, dass er Stevie mitgenommen hat, um ihn umzubringen. Das weißt du doch, oder? Er hat ihn mitgenommen, um ihn in die Luft jagen zu lassen. Ein Kind! Einen Schwachsinnigen! Einen, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte! Das ist es, wovon ich rede.“

Herr Verloc stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus, das in einem Hustenanfall erstickte. Er fing sich wieder, wischte sich die Stirn und sagte: „Du redest Unsinn. Du hast den Verstand verloren. Ich sage dir doch, es war ein Unfall. Ein verfluchter Unfall. Die Bombe ist zu früh hochgegangen. Das kann jedem passieren.“

Frau Verloc bewegte sich nicht. Sie stand wie eine Statue da, die Augen starr auf die Wand gerichtet, als ob sie dort die Antwort auf das Rätsel ihres Lebens suchte. „Ein Unfall“, wiederholte sie leise, fast zu sich selbst. „Ein Unfall.“

„Ja, ein Unfall“, sagte Herr Verloc und trat einen Schritt auf sie zu. „Und jetzt hör auf mit diesem Gerede. Wir müssen uns Gedanken um die Zukunft machen. Ich habe dir gesagt, was zu tun ist. Du musst stark sein, Winnie. Für mich. Für uns beide.“

Er versuchte, ihre Hand zu ergreifen, aber sie wich zurück, als hätte sie eine heiße Herdplatte berührt. Herr Verloc hielt inne. Ein Ausdruck von Enttäuschung, gemischt mit einem Anflug von Angst, huschte über sein Gesicht. Er hatte geglaubt, seine Frau sei ein sicherer Hafen, ein Ort der Ruhe. Doch in diesem Moment wirkte sie wie eine Fremde.

„Du verstehst mich nicht“, sagte er, diesmal leiser, beinahe bittend. „Die Leute von der Botschaft... sie haben mich verraten. Ich bin in Gefahr. Wir sind in Gefahr. Wenn wir nicht vorsichtig sind, landen wir beide im Gefängnis oder Schlimmeres.“

Frau Verloc wandte langsam den Kopf. Ihre Augen, tief und dunkel, fixierten ihn mit einer Intensität, die ihn unwillkürlich zurückweichen ließ. „Das Gefängnis“, sagte sie, und ihre Stimme klang jetzt seltsam ruhig, fast emotionslos. „Glaubst du, das Gefängnis wäre schlimmer als das, was du getan hast?“

Herr Verloc öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er sah in den Augen seiner Frau etwas, das er noch nie zuvor gesehen hatte – eine absolute, eisige Entschlossenheit. Es war kein Zorn, kein Schmerz, sondern eine vollkommene Leere, die ihn mehr erschreckte als jeder Ausbruch von Wut.

„Ich werde gehen“, sagte Frau Verloc, immer noch mit dieser fremden, leblosen Stimme.

„Gehen? Wohin willst du gehen?“, fragte Herr Verloc hastig. „Du kannst nicht weg. Wir müssen zusammenhalten, jetzt mehr denn je.“

Frau Verloc antwortete nicht. Sie sah ihn einfach nur an, als wäre er ein Gegenstand, ein Möbelstück, das ihr im Weg stand. Dann, ohne ein weiteres Wort, drehte sie sich um und ging in Richtung der Tür, die zur Straße führte.

„Winnie!“, rief Herr Verloc ihr nach. „Bleib hier! Wo willst du hin?“

Sie hielt nicht inne. Sie öffnete die Tür, und das fahle Licht der Gaslaternen von der Straße fiel in den Raum und warf einen langen, verzerrten Schatten über den Boden. Sie trat hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Tür fiel ins Schloss, und Herr Verloc blieb allein in der Küche zurück, umgeben von der plötzlichen, erdrückenden Stille des Hauses. Er stand einen Moment lang völlig regungslos da, unfähig, die Bedeutung dessen, was gerade geschehen war, zu begreifen. Dann, mit einer nervösen Handbewegung, griff er in seine Tasche und holte seine Zigarrenkiste hervor. Seine Hände zitterten, als er versuchte, ein Streichholz anzuzünden.

Die Flamme flackerte auf und erlosch, während er mit leerem Blick auf die geschlossene Tür starrte. Das Haus wirkte plötzlich zu groß, zu leer, als hätte das Verschwinden seiner Frau ihm auch den letzten Rest an vertrauter Wärme entzogen. Herr Verloc war ein Mann, der in seiner Gewohnheit lebte wie eine Schnecke in ihrem Haus; nun, da dieses Gehäuse Risse bekam, spürte er eine beunruhigende Kälte. Er zündete ein zweites Streichholz an, diesmal mit Erfolg, und der beißende Rauch seiner Zigarre begann sich in der stickigen Luft zu kräuseln. Es war ein seltsames Gefühl, allein zu sein, nachdem er sich gerade noch in der Sicherheit seiner ehelichen Unantastbarkeit gewähnt hatte.

Er trat zum Fenster und blickte hinaus in die dunkle Straße. Draußen war nichts zu sehen als das matte Licht der Gaslaternen, das sich auf dem feuchten Pflaster spiegelte. Er fragte sich, wohin sie gegangen sein mochte, doch der Gedanke verlor sich im Nebel seiner Erschöpfung. Dass sie ihn verlassen könnte – wirklich verlassen – erschien ihm als eine Absurdität, eine Unmöglichkeit, die gegen jede Ordnung seiner Welt verstieß. Er seufzte und rückte seinen Stuhl zurecht, wobei er den Blick fest auf den Schatten richtete, den die Tür auf den Flur warf.

Die Stille im Haus begann sich zu verändern. Sie war nicht mehr nur das Fehlen von Geräuschen, sondern ein schweres, drückendes Gewicht, das in den Winkeln des Zimmers lauerte. Herr Verloc betrachtete das Abendessen, das unberührt auf dem Tisch stand, und verspürte plötzlich eine tiefe, fast kindliche Abneigung gegen diese Einsamkeit. Er hätte sie nicht gehen lassen sollen, dachte er, doch sein Stolz verbot ihm, ihr nachzulaufen. Er war der Herr des Hauses, auch wenn die Mauern um ihn herum in dieser Nacht ein wenig mehr zu schwanken schienen, als es seinem Bedürfnis nach Beständigkeit entsprach.

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen, in der Hoffnung, dass die Müdigkeit ihn bald übermannen würde. Doch der Schlaf blieb aus. Stattdessen hallte ihm das Echo ihrer letzten Schritte im Kopf nach, ein Rhythmus, der nicht zu seiner Ruhe passen wollte. Die Gasflamme im Flur flackerte einmal kurz auf, als würde ein Luftzug durch das Haus gehen, und hinterließ ihn in einem Halbdunkel, in dem die Möbel ihre gewohnten Umrisse verloren. Er war ein Mann, der auf Sicherheit gebaut hatte, und nun spürte er, wie das Fundament unter ihm nachzugeben begann.

Sie ließen ihr genug Muße, damit er die volle Bedeutung des Vorzeichens erfassen und den Geschmack des Todes kosten konnte, der in seiner Kehle aufstieg. Seine Frau war wahnsinnig geworden – mörderisch wahnsinnig. Sie ließen ihr genug Muße, damit die erste lähmende Wirkung dieser Entdeckung verfliegen konnte, bevor ein entschlossener Wille in ihm reifte, aus dem grauenhaften Kampf mit dieser bewaffneten Wahnsinnigen siegreich hervorzugehen. Sie ließen ihr genug Muße, damit Mr. Verloc einen Verteidigungsplan ausarbeiten konnte, der einen Sprung hinter den Tisch und das Niederstrecken der Frau mit einem schweren Holzstuhl vorsah. Aber sie ließen ihr nicht genug Muße, um Mr. Verloc die Zeit zu geben, auch nur Hand oder Fuß zu rühren. Das Messer steckte bereits in seiner Brust. Es traf auf seinem Weg auf keinen Widerstand. Der Zufall besitzt derartige Genauigkeiten. In diesen wuchtigen Stoß, der über die Seite des Sofas geführt wurde, hatte Mrs. Verloc das gesamte Erbe ihrer uralten und dunklen Abstammung gelegt, die schlichte Wildheit des Zeitalters der Höhlen und die unausgeglichene nervöse Wut des Zeitalters der Kneipen. Mr. Verloc, der Geheimagent, der sich durch die Wucht des Schlages leicht auf die Seite drehte, verschied, ohne ein Glied zu rühren, im gemurmelten Klang des Wortes „Nicht“ als Protest.

Mrs. Verloc hatte das Messer losgelassen, und ihre außergewöhnliche Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Bruder war verblasst, war nun ganz gewöhnlich geworden. Sie holte tief Luft, der erste leichte Atemzug, seit Chief Inspector Heat ihr das etikettierte Stück von Stevies Überzieher gezeigt hatte. Sie lehnte sich vor, die verschränkten Arme über die Sofalehne gelegt. Sie nahm diese entspannte Haltung nicht ein, um den Körper von Mr. Verloc zu beobachten oder sich an ihm zu weiden, sondern wegen der wellenartigen und schwankenden Bewegungen des Zimmers, das sich seit einiger Zeit verhielt, als befände es sich bei Sturm auf hoher See. Ihr war schwindelig, aber sie war ruhig. Sie war eine freie Frau geworden, mit einer Vollkommenheit der Freiheit, die ihr keinen Wunsch mehr offen ließ und absolut nichts zu tun übrig ließ, da Stevies dringendes Anfordern ihrer Hingabe nicht mehr existierte. Mrs. Verloc, die in Bildern dachte, wurde nun nicht von Visionen geplagt, weil sie überhaupt nicht dachte. Und sie bewegte sich nicht. Sie war eine Frau, die ihre vollkommene Verantwortungslosigkeit und endlose Muße genoss, fast in der Art einer Leiche. Sie bewegte sich nicht, sie dachte nicht. Ebenso wenig wie die sterbliche Hülle des verstorbenen Mr. Verloc, die auf dem Sofa ruhte. Abgesehen von der Tatsache, dass Mrs. Verloc atmete, wären diese beiden in perfekter Eintracht gewesen: jene Eintracht der klugen Zurückhaltung, ohne überflüssige Worte und sparsam mit Gesten, die das Fundament ihres achtbaren häuslichen Lebens gebildet hatte. Denn es war achtsam gewesen und hatte mit einem anständigen Schweigen die Probleme zugedeckt, die sich bei der Ausübung eines geheimen Berufs und dem Handel mit zwielichtigen Waren ergeben können. Bis zuletzt war sein Anstand von ungebührlichem Geschrei und anderen unangebrachten Aufrichtigkeiten des Betragens ungestört geblieben. Und nach dem tödlichen Schlag wurde diese Achtbarkeit in Unbeweglichkeit und Schweigen fortgesetzt.

Nichts bewegte sich im Salon, bis Mrs. Verloc langsam den Kopf hob und die Uhr mit fragendem Misstrauen betrachtete. Sie war auf ein tickendes Geräusch im Raum aufmerksam geworden. Es verstärkte sich in ihrem Ohr, während sie sich deutlich daran erinnerte, dass die Uhr an der Wand stumm war und kein hörbares Ticken besaß. Was hatte es zu bedeuten, dass sie auf einmal so laut zu ticken begann? Ihr Zifferblatt zeigte zehn Minuten vor neun. Mrs. Verloc machte sich nichts aus Zeit, und das Ticken hielt an. Sie schlussfolgerte, es könne nicht die Uhr sein, und ihr düsterer Blick wanderte an den Wänden entlang, schwankte und wurde vage, während sie ihr Gehör anstrengte, um den Ursprung des Geräusches zu lokalisieren. Tick, tick, tick.

Nachdem sie eine Zeit lang gelauscht hatte, senkte Mrs. Verloc ihren Blick mit Bedacht auf den Körper ihres Mannes. Seine Haltung der Ruhe war so vertraut und häuslich, dass sie dies tun konnte, ohne sich durch eine ausgeprägte Neuheit in den Erscheinungen ihres häuslichen Lebens befangen zu fühlen. Mr. Verloc pflegte seine gewohnte Bequemlichkeit. Er sah behaglich aus.

Durch die Lage des Körpers war das Gesicht von Mr. Verloc für Mrs. Verloc, seine Witwe, nicht sichtbar. Ihre schönen, schläfrigen Augen, die auf der Spur des Geräusches nach unten wanderten, wurden kontemplativ, als sie auf einen flachen Gegenstand aus Bein stießen, der ein wenig über die Kante des Sofas hinausragte. Es war der Griff des hauseigenen Tranchiermessers, an dem nichts Seltsames war, außer seiner Position im rechten Winkel zur Weste von Mr. Verloc und der Tatsache, dass etwas davon heruntertropfte. Dunkle Tropfen fielen einer nach dem anderen auf den Bodenbelag, mit einem Geräusch des Tickens, das schnell und heftig wurde wie der Puls einer wahnsinnigen Uhr. Bei höchster Geschwindigkeit wandelte sich dieses Ticken in ein kontinuierliches Geräusch des Tröpfelns. Mrs. Verloc beobachtete diese Verwandlung, während Schatten der Angst auf ihrem Gesicht kamen und gingen. Es war ein Tröpfeln, dunkel, schnell, dünn. . . . Blut!

Bei diesem unvorhergesehenen Umstand gab Mrs. Verloc ihre Pose der Untätigkeit und Verantwortungslosigkeit auf.

Mit einem plötzlichen Griff nach ihrem Rock und einem leisen Schrei rannte sie zur Tür, als wäre das Tröpfeln das erste Anzeichen einer zerstörerischen Flut gewesen. Da ihr der Tisch im Weg stand, stieß sie ihn mit beiden Händen weg, als wäre er lebendig, mit solcher Kraft, dass er ein Stück weit auf seinen vier Beinen davonfuhr und ein lautes, schabendes Geräusch von sich gab, während die große Schüssel mit dem Braten krachend auf den Boden stürzte.

Dann wurde alles still. Mrs. Verloc war, als sie die Tür erreichte, stehen geblieben. Ein runder Hut, der durch das Verrücken des Tisches mitten auf dem Boden zum Vorschein gekommen war, schwankte leicht auf seiner Krone im Wind ihrer Flucht.

KAPITEL XII

Winnie Verloc, die Witwe von Mr. Verloc, die Schwester des verstorbenen treuen Stevie (der in einem Zustand der Unschuld und in der Überzeugung, an einem humanitären Unternehmen beteiligt zu sein, in Stücke gerissen wurde), rannte nicht über die Tür des Salons hinaus. Sie war zwar weit vor einem bloßen Bluttröpfeln weggelaufen, aber das war eine Bewegung instinktiver Abneigung gewesen. Und dort war sie stehen geblieben, mit starrenden Augen und gesenktem Kopf. Als wäre sie während ihrer Flucht durch den kleinen Salon lange Jahre durchmessen, war Mrs. Verloc an der Tür eine ganz andere Person als die Frau, die sich über das Sofa gebeugt hatte, ein wenig schwindelig im Kopf, aber ansonsten frei, die tiefe Ruhe der Untätigkeit und Verantwortungslosigkeit zu genießen. Mrs. Verloc war nicht mehr schwindelig. Ihr Kopf war klar. Andererseits war sie nicht mehr ruhig. Sie hatte Angst.

Wenn sie es vermied, in die Richtung ihres ruhenden Mannes zu schauen, dann nicht, weil sie sich vor ihm fürchtete. Mr. Verloc war nicht schrecklich anzusehen. Er sah behaglich aus. Außerdem war er tot. Mrs. Verloc hegte keine eitlen Illusionen über das Thema der Toten. Nichts bringt sie zurück, weder Liebe noch Hass. Sie können einem nichts tun. Sie sind wie nichts. Ihr Geisteszustand war von einer Art strenger Verachtung für diesen Mann gefärbt, der sich so leicht hatte töten lassen. Er war der Herr eines Hauses gewesen, der Ehemann einer Frau und der Mörder ihres Stevie. Und nun war er in jeder Hinsicht von keinerlei Bedeutung mehr. Er war von geringerer praktischer Bedeutung als die Kleidung an seinem Körper, als sein Überzieher, als seine Stiefel – als dieser Hut, der auf dem Boden lag. Er war nichts. Es war nicht wert, ihn anzusehen. Er war sogar nicht einmal mehr der Mörder des armen Stevie. Der einzige Mörder, den man im Zimmer finden würde, wenn die Leute kamen, um nach Mr. Verloc zu sehen, wäre – sie selbst!

Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie zweimal bei der Aufgabe scheiterte, ihren Schleier wieder zu befestigen. Mrs. Verloc war keine Person der Muße und Verantwortung mehr. Sie hatte Angst. Das Erstechen von Mr. Verloc war nur ein Schlag gewesen. Es hatte die aufgestaute Qual der in ihrer Kehle erstickten Schreie, der in ihren heißen Augen vertrockneten Tränen, der wahnsinnigen und empörten Wut über die abscheuliche Rolle gelindert, die dieser Mann, der nun weniger als nichts war, gespielt hatte, indem er ihr den Jungen raubte.

Es war ein dunkel motivierter Schlag gewesen. Das Blut, das vom Griff des Messers auf den Boden tröpfelte, hatte es zu einem äußerst eindeutigen Mordfall gemacht. Mrs. Verloc, die es immer vermied, tief in die Dinge hineinzublicken, war gezwungen, bis auf den Grund dieser Sache zu blicken. Sie sah dort kein verfolgendes Gesicht, keinen vorwurfsvollen Schatten, keine Vision von Reue, keine Art von idealer Vorstellung. Sie sah dort ein Objekt. Dieses Objekt war der Galgen. Mrs. Verloc hatte Angst vor dem Galgen.

Sie war in idealer Weise von ihm entsetzt. Da sie dieses letzte Argument der menschlichen Gerechtigkeit niemals anders als in illustrierenden Holzschnitten zu einer bestimmten Art von Geschichten gesehen hatte, sah sie ihn zunächst vor einem schwarzen und stürmischen Hintergrund aufragen, behangen mit Ketten und menschlichen Knochen, umkreist von Vögeln, die an den Augen toter Männer pickten. Das war schrecklich genug, aber Mrs. Verloc, obwohl keine gut informierte Frau, besaß genügend Wissen über die Institutionen ihres Landes, um zu wissen, dass Galgen nicht mehr romantisch an den Ufern düsterer Flüsse oder auf windgepeitschten Kaps errichtet wurden, sondern in den Höfen der Gefängnisse. Dort, innerhalb von vier hohen Mauern, wie in eine Grube, wurde der Mörder im Morgengrauen hinausgebracht, um hingerichtet zu werden, mit einer schrecklichen Stille und, wie die Berichte in den Zeitungen immer sagten, „im Beisein der Behörden“. Mit ihren auf den Boden starrenden Augen, die Nüstern vor Qual und Scham bebend, stellte sie sich ganz allein inmitten einer Menge fremder Herren in Zylinderhüten vor, die ruhig mit dem Geschäft fortfuhren, sie am Hals aufzuhängen. Das – niemals! Niemals! Und wie wurde es gemacht? Die Unmöglichkeit, sich die Einzelheiten einer solchen stillen Hinrichtung vorzustellen, fügte ihrem abstrakten Entsetzen etwas Wahnsinnig-machendes hinzu. Die Zeitungen gaben niemals Einzelheiten an, außer einer, aber diese eine war mit einer gewissen Affektiertheit immer am Ende eines knappen Berichts zu finden. Mrs. Verloc erinnerte sich an ihre Art. Sie kam mit einem grausamen brennenden Schmerz in ihren Kopf, als ob die Worte „Der Fall betrug vierzehn Fuß“ mit einer heißen Nadel in ihr Gehirn geritzt worden wären. „Der Fall betrug vierzehn Fuß.“

Diese Worte wirkten sich auch physisch auf sie aus. Ihre Kehle wurde von Wellen konvulsivischer Krämpfe geschüttelt, um der Strangulation zu widerstehen; und die Vorstellung des Rucks war so lebhaft, dass sie ihren Kopf mit beiden Händen ergriff, als wollte sie ihn davor bewahren, von ihren Schultern gerissen zu werden. „Der Fall betrug vierzehn Fuß.“ Nein! Das darf niemals geschehen. Das konnte sie nicht ertragen. Schon der Gedanke daran war nicht auszuhalten. Sie konnte es nicht ertragen, darüber nachzudenken. Daher fasste Mrs. Verloc den Entschluss, sofort zu gehen und sich von einer der Brücken in den Fluss zu stürzen.

Diesmal gelang es ihr, ihren Schleier wieder zu befestigen. Mit einem Gesicht, als wäre es maskiert, ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß, abgesehen von einigen Blumen an ihrem Hut, blickte sie mechanisch auf die Uhr. Sie dachte, sie müsse stehen geblieben sein. Sie konnte nicht glauben, dass erst zwei Minuten vergangen waren, seit sie das letzte Mal darauf gesehen hatte. Natürlich nicht. Sie war die ganze Zeit stehen geblieben. Tatsächlich waren nur drei Minuten vergangen von dem Moment an, als sie den ersten tiefen, leichten Atemzug nach dem Schlag getan hatte, bis zu diesem Moment, als Mrs. Verloc den Entschluss fasste, sich in der Themse zu ertränken. Aber Mrs. Verloc konnte das nicht glauben. Sie schien gehört oder gelesen zu haben, dass Uhren und Zeitmesser immer im Augenblick eines Mordes zum Verderben des Mörders stehen blieben. Es war ihr gleich. „Zur Brücke – und hinüber mit mir.“ . . . Aber ihre Bewegungen waren langsam.

Sie schleppte sich mühsam durch den Laden und musste sich am Türgriff festhalten, bevor sie die nötige Stärke fand, ihn zu öffnen. Die Straße machte ihr Angst, da sie entweder zum Galgen oder zum Fluss führte. Sie stolperte über die Türschwelle, den Kopf voran, die Arme ausgestreckt, wie jemand, der über die Brüstung einer Brücke fällt. Dieser Eintritt in die freie Luft hatte einen Vorgeschmack des Ertrinkens; eine schleimige Feuchtigkeit umhüllte sie, drang in ihre Nüstern, klammerte sich an ihr Haar. Es regnete eigentlich nicht, aber jede Gaslaterne hatte einen rostigen kleinen Hof aus Nebel. Der Lieferwagen und die Pferde waren fort, und in der schwarzen Straße bildete das mit Vorhängen versehene Fenster des Speisehauses für Fuhrmannsleute einen quadratischen Fleck aus schmutzigem, blutrotem Licht, das ganz in der Nähe des Straßenniveaus schwach leuchtete. Mrs. Verloc, die sich langsam darauf zu schleppte, dachte, sie sei eine sehr freundlose Frau. Es war wahr. Es war so wahr, dass sie in einer plötzlichen Sehnsucht, ein freundliches Gesicht zu sehen, an niemanden anderen denken konnte als an Mrs. Neale, die Putzfrau. Sie hatte keine eigenen Bekannten. Niemand würde sie in gesellschaftlicher Hinsicht vermissen. Man darf nicht glauben, dass die Witwe Verloc ihre Mutter vergessen hätte. Das war nicht so. Winnie war eine gute Tochter gewesen, weil sie eine hingebungsvolle Schwester gewesen war. Ihre Mutter hatte sich immer auf sie als Stütze verlassen. Trost oder Rat war dort nicht zu erwarten. Nun, da Stevie tot war, schien das Band zerrissen. Sie konnte der alten Frau nicht mit der schrecklichen Geschichte gegenübertreten. Außerdem war es zu weit. Der Fluss war ihr gegenwärtiges Ziel. Mrs. Verloc versuchte, ihre Mutter zu vergessen.

Jeder Schritt kostete sie eine Willensanstrengung, die die letzte mögliche schien. Mrs. Verloc hatte sich am roten Schein des Fensters der Gaststätte vorbeigeschleppt. „Zur Brücke – und hinüber mit mir“, wiederholte sie mit grimmiger Hartnäckigkeit für sich. Sie streckte rechtzeitig die Hand aus, um sich an einem Laternenpfahl festzuhalten. „Ich werde es vor dem Morgen niemals dorthin schaffen“, dachte sie. Die Angst vor dem Tod lähmte ihre Bemühungen, dem Galgen zu entkommen. Es schien ihr, als taumele sie seit Stunden in dieser Straße. „Ich werde es niemals schaffen“, dachte sie. „Sie werden mich auf der Straße herumirren finden. Es ist zu weit.“ Sie hielt sich fest, keuchend unter ihrem schwarzen Schleier.

„Der Fall betrug vierzehn Fuß.“

Sie stieß den Laternenpfahl heftig von sich weg und fand sich gehend wieder. Aber eine weitere Welle der Ohnmacht überkam sie wie ein großes Meer, das ihr Herz sauber aus ihrer Brust wusch. „Ich werde es niemals dorthin schaffen“, murmelte sie, plötzlich innehaltend, leicht schwankend, wo sie stand. „Niemals.“

Und da sie die vollkommene Unmöglichkeit erkannte, bis zur nächsten Brücke zu gehen, dachte Mrs. Verloc an eine Flucht ins Ausland.

Es kam ihr plötzlich. Mörder entkamen. Sie flohen ins Ausland. Spanien oder Kalifornien. Bloße Namen. Die riesige Welt, die zur Ehre des Menschen erschaffen wurde, war für Mrs. Verloc nur ein riesiges Nichts. Sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Mörder hatten Freunde, Verwandte, Helfer – sie besaßen Wissen. Sie hatte nichts. Sie war die einsamste aller Mörderinnen, die jemals einen tödlichen Schlag versetzt hatten. Sie war allein in London: und die ganze Stadt aus Wundern und Schlamm, mit ihrem Labyrinth aus Straßen und ihrer Masse an Lichtern, war in eine hoffnungslose Nacht versunken, ruhte auf dem Grund eines schwarzen Abgrunds, aus dem keine Frau ohne fremde Hilfe hoffen konnte, sich herauszuarbeiten.

Sie schwankte vorwärts und machte blindlings einen neuen Anfang, mit einer schrecklichen Angst, hinzufallen; aber nach ein paar Schritten fand sie unerwartet ein Gefühl von Halt, von Sicherheit. Sie hob den Kopf und sah das Gesicht eines Mannes, das ihren Schleier prüfend betrachtete. Genosse Ossipon hatte keine Angst vor fremden Frauen, und kein Gefühl falscher Scham konnte ihn davon abhalten, Bekanntschaft mit einer Frau zu schließen, die scheinbar sehr betrunken war. Genosse Ossipon interessierte sich für Frauen. Er hielt diese zwischen seinen beiden großen Handflächen fest und betrachtete sie auf eine geschäftsmäßige Art, bis er sie leise „Mr. Ossipon!“ sagen hörte, und dann ließ er sie beinahe zu Boden fallen.

„Mrs. Verloc!“ rief er. „Sie hier!“

Es schien ihm unmöglich, dass sie getrunken haben sollte. Aber man weiß ja nie. Er ging nicht näher auf diese Frage ein, aber darauf bedacht, das freundliche Schicksal, das ihm die Witwe von Genossen Verloc in die Arme legte, nicht zu entmutigen, versuchte er, sie an seine Brust zu ziehen. Zu seinem Erstaunen kam sie ganz leicht mit und ruhte sogar einen Augenblick an seinem Arm, bevor sie versuchte, sich zu lösen. Genosse Ossipon wollte nicht grob mit dem freundlichen Schicksal sein. Er zog seinen Arm auf natürliche Weise zurück.

„Sie haben mich erkannt“, stammelte sie und stand vor ihm, ziemlich fest auf ihren Beinen.

„Natürlich habe ich das“, sagte Ossipon mit vollkommener Bereitwilligkeit. „Ich hatte Angst, Sie würden fallen. Ich habe in letzter Zeit zu oft an Sie gedacht, als dass ich Sie irgendwo, zu irgendeiner Zeit nicht erkannt hätte. Ich habe immer an Sie gedacht – seit ich Sie das erste Mal sah.“

Mrs. Verloc schien nicht zuzuhören. „Sie wollten zum Laden kommen?“ sagte sie nervös.

„Ja; sofort“, antwortete Ossipon. „Gleich, nachdem ich die Zeitung gelesen hatte.“

Tatsächlich hatte Genosse Ossipon gut zwei Stunden in der Umgebung der Brett Street herumgelungert, unfähig, sich zu einem kühnen Schritt durchzuringen. Der stämmige Anarchist war nicht gerade ein kühner Eroberer. Er erinnerte sich, dass Mrs. Verloc nie auf seine Blicke mit dem geringsten Zeichen der Ermutigung reagiert hatte. Außerdem dachte er, der Laden könnte von der Polizei beobachtet werden, und Genosse Ossipon wollte nicht, dass die Polizei eine übertriebene Vorstellung von seinen revolutionären Sympathien bekam. Selbst jetzt wusste er nicht genau, was er tun sollte. Im Vergleich zu seinen üblichen amourösen Spekulationen war dies ein großes und ernstes Unterfangen. Er wusste nicht, wie viel darin steckte und wie weit er gehen müsste, um an das zu gelangen, was es zu holen gab – angenommen, es gab überhaupt eine Chance. Diese Verwirrungen, die seinen Überschwang bremsten, verliehen seinem Ton eine Nüchternheit, die gut zu den Umständen passte.

„Darf ich Sie fragen, wohin Sie unterwegs waren?“ erkundigte er sich mit gedämpfter Stimme.

„Fragen Sie mich nicht!“ rief Mrs. Verloc mit einer schaudernden, unterdrückten Heftigkeit. Ihre ganze starke Lebenskraft bäumte sich gegen den Gedanken an den Tod auf. „Vergessen Sie, wohin ich unterwegs war. . . .“

Ossipon schlussfolgerte, dass sie sehr aufgeregt, aber vollkommen nüchtern war. Sie blieb einen Moment an seiner Seite stehen, dann tat sie plötzlich etwas, das er nicht erwartet hatte. Sie schob ihre Hand unter seinen Arm. Er war von der Tat an sich sicherlich überrascht, und ebenso sehr auch von dem spürbar entschlossenen Charakter dieser Bewegung. Aber da dies eine heikle Angelegenheit war, verhielt sich Genosse Ossipon mit Feingefühl. Er begnügte sich damit, ihre Hand leicht gegen seine stämmigen Rippen zu drücken. Gleichzeitig spürte er, wie er vorwärts getrieben wurde, und gab dem Impuls nach. Am Ende der Brett Street wurde ihm bewusst, dass er nach links gelenkt wurde. Er fügte sich.

Der Obsthändler an der Ecke hatte die leuchtende Pracht seiner Orangen und Zitronen gelöscht, und Brett Place lag ganz in Dunkelheit, durchsetzt von den nebligen Höfen der wenigen Lampen, die seine dreieckige Form begrenzten, mit einer Ansammlung von drei Lichtern an einem Mast in der Mitte. Die dunklen Gestalten des Mannes und der Frau glitten langsam Arm in Arm an den Mauern entlang, mit einem verliebten und heimatlosen Aspekt in der elenden Nacht.

„Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen sagte, dass ich auf dem Weg war, Sie zu finden?“ fragte Mrs. Verloc und drückte seinen Arm mit Kraft.

„Ich würde sagen, dass Sie niemanden finden könnten, der bereitwilliger ist, Ihnen in Ihrer Not zu helfen“, antwortete Ossipon mit der Vorstellung, gewaltig voranzukommen. Tatsächlich raubte ihm der Fortschritt dieser heiklen Angelegenheit fast den Atem.

„In meiner Not!“ wiederholte Mrs. Verloc langsam.

„Ja.“

„Und wissen Sie, was meine Not ist?“ flüsterte sie mit seltsamer Intensität.

„Zehn Minuten nachdem ich die Abendzeitung gesehen hatte“, erklärte Ossipon mit Eifer, „traf ich einen Kerl, den Sie vielleicht ein- oder zweimal im Laden gesehen haben, und ich unterhielt mich mit ihm, was für mich keinen Zweifel ließ. Dann machte ich mich auf den Weg hierher, mich fragend, ob Sie – ich habe Sie über alle Worte hinaus gern, seit ich Ihr Gesicht zum ersten Mal sah“, rief er, als wäre er unfähig, seine Gefühle zu beherrschen.

Genosse Ossipon nahm zu Recht an, dass keine Frau fähig war, eine solche Aussage völlig zu bezweifeln. Aber er wusste nicht, dass Mrs. Verloc sie mit all der Heftigkeit annahm, die der Instinkt der Selbsterhaltung in den Griff eines Ertrinkenden legt. Für die Witwe von Mr. Verloc war der stämmige Anarchist wie ein strahlender Bote des Lebens.

Sie gingen langsam, im Gleichschritt. „Ich dachte es mir“, murmelte Mrs. Verloc schwach.

„Sie haben es in meinen Augen gelesen“, deutete Ossipon mit großer Sicherheit an.

„Ja“, hauchte sie in sein geneigtes Ohr.

„Eine Liebe wie meine konnte vor einer Frau wie dir nicht verborgen bleiben“, fuhr er fort und versuchte, seine Gedanken von materiellen Erwägungen wie dem Geschäftswert des Ladens und der Geldsumme, die Mr. Verloc wohl auf der Bank hinterlassen haben mochte, zu lösen. Er widmete sich der sentimentalen Seite der Angelegenheit. Im Grunde seines Herzens war er ein wenig schockiert über seinen Erfolg. Verloc war ein guter Kerl gewesen und, soweit man sehen konnte, sicherlich ein sehr anständiger Ehemann. Doch Genosse Ossipon gedachte nicht, sich wegen eines Toten um sein Glück zu bringen. Entschlossen unterdrückte er sein Mitleid für das Gespenst des Genossen Verloc und fuhr fort.

„Ich konnte sie nicht verbergen. Ich war zu sehr von dir erfüllt. Ich nehme an, du konntest nicht anders, als es in meinen Augen zu sehen. Aber ich konnte es nicht ahnen. Du warst immer so distanziert . . .“

„Was hast du denn sonst erwartet?“, fuhr Mrs. Verloc auf. „Ich war eine respektable Frau –“

Sie hielt inne und fügte dann, als spräche sie zu sich selbst, mit finsterem Groll hinzu: „Bis er mich zu dem machte, was ich bin.“

Ossipon überging das und nahm seinen Faden wieder auf. „Er schien mir nie wirklich deiner würdig zu sein“, begann er und warf alle Loyalität über Bord. „Du hattest ein besseres Schicksal verdient.“

Mrs. Verloc unterbrach ihn bitter:

„Ein besseres Schicksal! Er hat mich um sieben Jahre meines Lebens betrogen.“

„Du schienst so glücklich mit ihm zu leben.“ Ossipon versuchte, die Lauheit seines früheren Verhaltens zu entschuldigen. „Genau das hat mich so schüchtern gemacht. Du schienst ihn zu lieben. Ich war überrascht – und eifersüchtig“, fügte er hinzu.

„Ihn lieben!“, rief Mrs. Verloc flüsternd, voller Hohn und Wut. „Ihn lieben! Ich war eine gute Ehefrau für ihn. Ich bin eine respektable Frau. Du dachtest, ich liebte ihn! Das hast du! Hör zu, Tom –“

Der Klang dieses Namens versetzte Genossen Ossipon mit Stolz in Schwingung. Denn er hieß Alexander und wurde nach einer Vereinbarung mit den Vertrautesten seiner engen Freunde Tom genannt. Es war ein Name der Freundschaft – für Momente der Offenheit. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass sie ihn je von jemandem hatte benutzen hören. Es war offensichtlich, dass sie ihn nicht nur aufgeschnappt, sondern in ihrem Gedächtnis bewahrt hatte – vielleicht in ihrem Herzen.

„Hör zu, Tom! Ich war ein junges Mädchen. Ich war fertig. Ich war müde. Zwei Menschen hingen davon ab, was ich tun konnte, und es schien, als könnte ich nicht mehr. Zwei Menschen – Mutter und der Junge. Er war viel mehr mein als Mutters. Ich saß nächtelang mit ihm auf dem Schoß, ganz allein oben, als ich selbst nicht mehr als acht Jahre alt war. Und dann – Er war mein, das sage ich dir . . . Du kannst das nicht verstehen. Kein Mann kann das verstehen. Was sollte ich tun? Da war ein junger Bursche –“

Die Erinnerung an die frühe Romanze mit dem jungen Fleischer überlebte, zäh wie das Bild eines flüchtig erahnten Ideals in jenem Herzen, das vor der Furcht vor dem Galgen zitterte und voller Aufruhr gegen den Tod war.

„Das war der Mann, den ich damals liebte“, fuhr die Witwe von Mr. Verloc fort. „Ich nehme an, er konnte es auch in meinen Augen sehen. Fünfundzwanzig Schillinge die Woche, und sein Vater drohte, ihn aus dem Geschäft zu werfen, wenn er sich so zum Narren machte, ein Mädchen mit einer verkrüppelten Mutter und einem verrückten Idioten von einem Jungen am Hals zu heiraten. Aber er hängte sich an mich, bis ich eines Abends den Mut fand, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Ich musste es tun. Ich liebte ihn sehr. Fünfundzwanzig Schillinge die Woche! Da war der andere Mann – ein guter Untermieter. Was soll ein Mädchen tun? Hätte ich auf den Strich gehen können? Er schien gütig. Er wollte mich jedenfalls. Was sollte ich mit Mutter und diesem armen Jungen anfangen? Eh? Ich sagte ja. Er schien gutmütig, er war freigiebig, er hatte Geld, er sagte nie etwas. Sieben Jahre – sieben Jahre eine gute Ehefrau für ihn, die gütige, die gute, die großzügige, die – Und er liebte mich. Oh ja. Er liebte mich, bis ich mir manchmal wünschte, ich wäre – Sieben Jahre. Sieben Jahre seine Ehefrau. Und weißt du, was er war, dieser liebe Freund von dir? Weißt du, was er war? Er war ein Teufel!“

Die übermenschliche Heftigkeit dieser geflüsterten Aussage erschütterte Genossen Ossipon vollkommen. Winnie Verloc drehte sich um und hielt ihn an beiden Armen fest, unter dem fallenden Nebel in der Dunkelheit und Einsamkeit von Brett Place, in der alle Lebensgeräusche verloren schienen wie in einem dreieckigen Schacht aus Asphalt und Ziegeln, aus blinden Häusern und gefühllosen Steinen.

„Nein; das wusste ich nicht“, erklärte er mit einer Art schlaffer Dummheit, deren komischer Aspekt einer Frau, die von der Angst vor dem Galgen verfolgt wurde, entging, „aber jetzt weiß ich es. Ich – ich verstehe“, stammelte er weiter, während sein Geist darüber spekulierte, welche Gräueltaten Verloc unter dem schläfrigen, gleichmütigen Anschein seines Ehelebens wohl begangen haben mochte. Es war regelrecht entsetzlich. „Ich verstehe“, wiederholte er und stieß dann durch eine plötzliche Eingebung ein „Unglückliche Frau!“ voller erhabenem Mitleid aus, anstatt des vertrauteren „Arme Kleine!“ aus seinem gewohnten Repertoire. Dies war kein gewöhnlicher Fall. Er spürte, dass etwas Abnormes vor sich ging, während er die Größe des Einsatzes nie aus den Augen verlor. „Unglückliche, tapfere Frau!“

Er war froh, diese Variation entdeckt zu haben; aber er konnte nichts anderes entdecken.

„Ach, aber er ist ja jetzt tot“, war das Beste, was ihm einfiel. Und er legte eine bemerkenswerte Menge an Feindseligkeit in seinen vorsichtigen Ausruf. Mrs. Verloc griff fast wahnsinnig nach seinem Arm.

„Du hast also geahnt, dass er tot ist“, murmelte sie, als wäre sie außer sich. „Du! Du hast geahnt, was ich tun musste. Musste!“

In dem undefinierbaren Ton dieser Worte schwangen Triumph, Erleichterung und Dankbarkeit mit. Es nahm die ganze Aufmerksamkeit Ossipons zum Nachteil des bloßen wörtlichen Sinns in Anspruch. Er fragte sich, was mit ihr los war, warum sie sich in diesen Zustand wilder Aufregung gesteigert hatte. Er begann sich sogar zu fragen, ob die verborgenen Ursachen für jene Greenwich Park-Affäre nicht tief in den unglücklichen Umständen des Ehelebens der Verlocs lagen. Er ging so weit, Mr. Verloc zu verdächtigen, diese außergewöhnliche Art des Selbstmords gewählt zu haben. Beim Jupiter! Das würde die völlige Sinnlosigkeit und Verbohrtheit der Sache erklären. Eine anarchistische Demonstration war unter den Umständen nicht erforderlich. Ganz im Gegenteil; und Verloc war sich dessen ebenso bewusst wie jeder andere Revolutionär seines Ranges. Was für ein riesiger Witz, wenn Verloc einfach ganz Europa, die revolutionäre Welt, die Polizei, die Presse und auch den so selbstsicheren Professor zum Narren gehalten hätte. Tatsächlich, dachte Ossipon erstaunt, schien es fast sicher, dass er es getan hatte! Armer Teufel! Es erschien ihm sehr möglich, dass von diesem Zweipersonenhaushalt nicht gerade der Mann der Teufel gewesen war.

Alexander Ossipon, genannt der Doktor, neigte von Natur aus dazu, über seine männlichen Freunde nachsichtig zu urteilen. Er betrachtete Mrs. Verloc, die an seinem Arm hing. An seine Freundinnen dachte er auf eine besonders praktische Weise. Dass Mrs. Verloc über sein Wissen von Mr. Verlocs Tod, der keineswegs geraten war, so ausrief, beunruhigte ihn nicht übermäßig. Sie redeten oft wie Wahnsinnige. Aber er war neugierig zu erfahren, wie sie informiert worden war. Die Zeitungen konnten ihr nichts weiter als die bloße Tatsache mitteilen: der im Greenwich Park zerfetzte Mann war nicht identifiziert worden. Es war nach keiner Theorie denkbar, dass Verloc ihr einen Wink von seiner Absicht – was immer es war – gegeben haben sollte. Dieses Problem interessierte Genossen Ossipon ungemein. Er blieb abrupt stehen. Sie waren nun die drei Seiten von Brett Place entlanggegangen und waren wieder in der Nähe des Endes von Brett Street.

„Wie hast du zuerst davon erfahren?“, fragte er in einem Ton, von dem er versuchte, ihn dem Charakter der Enthüllungen anzupassen, die ihm die Frau an seiner Seite gemacht hatte.

Sie bebte eine Weile heftig, bevor sie mit teilnahmsloser Stimme antwortete.

„Von der Polizei. Ein leitender Inspektor kam, Chief Inspector Heat, sagte er. Er zeigte mir –“

Mrs. Verloc würgte. „Oh, Tom, sie mussten ihn mit einer Schaufel zusammenkratzen.“

Ihre Brust hob sich unter trockenen Schluchzern. Nach einem Augenblick fand Ossipon seine Sprache wieder.

„Die Polizei! Willst du damit sagen, die Polizei kam schon? Dass Chief Inspector Heat persönlich tatsächlich kam, um es dir zu sagen?“

„Ja“, bestätigte sie im gleichen teilnahmslosen Ton. „Er kam einfach so. Er kam. Ich wusste von nichts. Er zeigte mir ein Stück vom Überzieher, und – einfach so. Kennen Sie das? sagte er.“

„Heat! Heat! Und was hat er getan?“

Mrs. Verlocs Kopf sank. „Nichts. Er tat nichts. Er ging wieder. Die Polizei stand auf der Seite dieses Mannes“, murmelte sie tragisch. „Ein anderer kam auch noch.“

„Ein anderer – ein anderer Inspektor, meinst du?“, fragte Ossipon in großer Aufregung und sehr in dem Ton eines verängstigten Kindes.

„Ich weiß nicht. Er kam. Er sah aus wie ein Ausländer. Er könnte einer von diesen Leuten aus der Botschaft gewesen sein.“

Genosse Ossipon brach unter diesem neuen Schock fast zusammen.

„Botschaft! Bist du dir bewusst, was du da sagst? Welche Botschaft? Was um alles in der Welt meinst du mit Botschaft?“

„Es ist dieser Ort im Chesham Square. Die Leute, die er so verflucht hat. Ich weiß nicht. Was spielt das für eine Rolle!“

„Und dieser Kerl, was hat er getan oder zu dir gesagt?“

„Ich weiß nicht mehr . . . Nichts . . . . Es ist mir egal. Frag mich nicht“, flehte sie mit müder Stimme.

„Schon gut. Werde ich nicht“, stimmte Ossipon zärtlich zu. Und er meinte es auch so, nicht weil ihn das Pathos der flehenden Stimme rührte, sondern weil er spürte, wie er in den Tiefen dieser düsteren Affäre den Boden unter den Füßen verlor. Polizei! Botschaft! Puh! Aus Furcht, seinen Verstand auf Wege zu begeben, wo dessen natürliches Licht ihn vielleicht nicht sicher leiten würde, schob er alle Vermutungen, Ahnungen und Theorien entschlossen aus seinem Geist. Er hatte die Frau da, die sich ihm förmlich an den Hals warf, und das war der wichtigste Gesichtspunkt. Aber nach dem, was er gehört hatte, konnte ihn nichts mehr in Erstaunen versetzen. Und als Mrs. Verloc, als wäre sie plötzlich aus einem Traum von Sicherheit aufgeschreckt, mit wilder Dringlichkeit auf eine sofortige Flucht auf den Kontinent drängte, rief er keineswegs aus. Er sagte nur mit ungespieltem Bedauern, dass bis zum Morgen kein Zug mehr führe, und stand da, nachdenklich auf ihr Gesicht blickend, das unter einem schwarzen Netzschleier im Licht einer von Nebelgaze verhüllten Gaslaterne lag.

Neben ihm verschmolz ihre schwarze Gestalt mit der Nacht, wie eine Figur, die halb aus einem Block schwarzen Steins gehauen war. Es war unmöglich zu sagen, was sie wusste, wie tief sie mit Polizisten und Botschaften verstrickt war. Aber wenn sie weg wollte, war es nicht an ihm, Einwände zu erheben. Er war selbst erpicht darauf, fortzukommen. Er spürte, dass das Geschäft, der Laden, der leitenden Inspektoren und Angehörigen ausländischer Botschaften so seltsam vertraut war, nicht der richtige Ort für ihn war. Das musste aufgegeben werden. Aber da war noch der Rest. Diese Ersparnisse. Das Geld!

„Du musst mich irgendwo bis zum Morgen verstecken“, sagte sie mit bestürzter Stimme.

„Die Sache ist die, meine Liebe, ich kann dich nicht dorthin mitnehmen, wo ich wohne. Ich teile mir das Zimmer mit einem Freund.“

Er war selbst einigermaßen bestürzt. Am Morgen würden die verdammten Detektive zweifellos auf allen Bahnhöfen sein. Und wenn sie sie erst einmal aus dem einen oder anderen Grund in die Finger bekamen, wäre sie für ihn tatsächlich verloren.

„Aber du musst. Liegst du mir denn gar nicht am Herzen – gar nicht? Was denkst du dir?“

Sie sagte dies heftig, doch sie ließ ihre gefalteten Hände mutlos sinken. Es entstand ein Schweigen, während der Nebel fiel und die Dunkelheit ungestört über Brett Place herrschte. Keine Seele, nicht einmal die heimatlose, gesetzlose und verliebte Seele einer Katze, näherte sich dem Mann und der Frau, die einander gegenüberstanden.

„Es wäre vielleicht möglich, irgendwo eine sichere Unterkunft zu finden“, sagte Ossipon schließlich. „Aber die Wahrheit ist, meine Liebe, ich habe nicht genug Geld, um das zu versuchen – nur ein paar Pennys. Wir Revolutionäre sind nicht reich.“

Er hatte fünfzehn Schillinge in der Tasche. Er fügte hinzu:

„Und dann liegt noch die Reise vor uns – gleich früh am Morgen.“

Sie rührte sich nicht, gab keinen Laut von sich, und das Herz von Genossen Ossipon sank ein wenig. Anscheinend hatte sie keinen Vorschlag zu machen. Plötzlich klammerte sie sich an ihre Brust, als hätte sie dort einen stechenden Schmerz verspürt.

„Aber ich habe“, keuchte sie. „Ich habe das Geld. Ich habe genug Geld. Tom! Lass uns von hier fortgehen.“

„Wie viel hast du?“, erkundigte er sich, ohne sich von ihrem Zupfen bewegen zu lassen; denn er war ein vorsichtiger Mann.

„Ich habe das Geld, sage ich dir. Alles Geld.“

„Was meinst du damit? Alles Geld, das auf der Bank war, oder was?“, fragte er ungläubig, aber bereit, sich durch nichts, was nach Glück roch, überraschen zu lassen.

„Ja, ja!“, sagte sie nervös. „Alles, was da war. Ich habe es ganz.“

„Wie zum Teufel hast du es geschafft, es schon in die Finger zu bekommen?“, wunderte er sich.

„Er gab es mir“, murmelte sie, plötzlich gedämpft und zitternd. Genosse Ossipon unterdrückte seine aufsteigende Überraschung mit fester Hand.

„Warum, dann – sind wir gerettet“, äußerte er langsam.

Sie beugte sich vor und sank an seine Brust. Er hieß sie dort willkommen. Sie hatte das ganze Geld. Ihr Hut stand einer sehr ausgeprägten Zärtlichkeit im Weg; ihr Schleier auch. Er war angemessen in seinen Bekundungen, aber auch nicht mehr. Sie empfing sie ohne Widerstand und ohne Hingabe, passiv, als ob sie nur halb bei Sinnen wäre. Sie befreite sich ohne Schwierigkeiten aus seinen lockeren Umarmungen.

„Du wirst mich retten, Tom“, brach sie hervor, wich zurück, hielt ihn aber immer noch an den beiden Revers seines feuchten Mantels fest. „Rette mich. Versteck mich. Lass sie mich nicht kriegen. Du musst mich zuerst töten. Ich könnte es selbst nicht – ich könnte es nicht, ich könnte es nicht – nicht einmal für das, wovor ich Angst habe.“

Sie war verdammt bizarr, dachte er. Sie begann, bei ihm eine unbestimmte Unruhe auszulösen. Er sagte mürrisch, denn er war mit wichtigen Gedanken beschäftigt:

„Wovor zum Teufel hast du Angst?“

„Hast du nicht geahnt, wozu ich gezwungen wurde!“, rief die Frau. Durch die Lebhaftigkeit ihrer schrecklichen Befürchtungen abgelenkt, ihren Kopf voller gewaltiger Worte, die ihr den Schrecken ihrer Lage vor Augen hielten, hatte sie ihre eigene Unzusammenhängendheit für Klarheit gehalten. Sie hatte kein Bewusstsein dafür, wie wenig sie hörbar in den abgehackten Sätzen gesagt hatte, die sich nur in ihrem Denken vervollständigten. Sie hatte die Erleichterung eines vollständigen Geständnisses gefühlt und legte in jeden Satz, den Genosse Ossipon sprach, eine besondere Bedeutung, dessen Wissen in keiner Weise dem ihren glich. „Hast du nicht geahnt, wozu ich gezwungen wurde!“ Ihre Stimme sank. „Dann brauchst du nicht lange zu raten, wovor ich Angst habe“, fuhr sie in einem bitteren und düsteren Murmeln fort. „Ich will es nicht. Ich will es nicht. Ich will es nicht. Ich will es nicht. Du musst versprechen, mich zuerst zu töten!“ Sie schüttelte an seinem Revers. „Es darf niemals sein!“

Er versicherte ihr kurz angebunden, dass seinerseits keine Versprechen nötig seien, aber er hütete sich wohl, ihr direkt zu widersprechen, denn er hatte viel mit aufgeregten Frauen zu tun gehabt und neigte im Allgemeinen dazu, sich bei seinem Verhalten eher von seiner Erfahrung leiten zu lassen, als seinen Scharfsinn auf jeden Einzelfall anzuwenden. Sein Scharfsinn war in diesem Fall mit anderen Richtungen beschäftigt. Worte von Frauen fielen ins Wasser, aber die Mängel der Fahrpläne blieben. Die insulare Natur Großbritanniens drängte sich ihm in einer abscheulichen Form auf. „Könnte genauso gut jede Nacht unter Schloss und Riegel gelegt werden“, dachte er gereizt, so ratlos, als müsste er mit der Frau auf dem Rücken eine Mauer erklimmen. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn. Er hatte, nachdem er sich den Kopf zerbrochen hatte, gerade an die Verbindung Southampton-Saint-Malo gedacht. Das Boot legte gegen Mitternacht ab. Es gab einen Zug um 10.30 Uhr. Er wurde heiter und handlungsbereit.

„Ab Waterloo. Viel Zeit. Wir sind nach allem doch fein raus . . . Was ist denn jetzt? Das ist nicht der Weg“, protestierte er.

Mrs. Verloc, die ihren Arm in seinen eingehakt hatte, versuchte ihn wieder in die Brett Street zu ziehen.

„Ich habe vergessen, die Ladentür zuzumachen, als ich herauskam“, flüsterte sie, schrecklich aufgeregt.

Der Laden und alles, was darin war, hatte aufgehört, Genossen Ossipon zu interessieren. Er wusste, wie man seine Wünsche begrenzt. Er war kurz davor zu sagen: „Was macht das schon? Lass es“, aber er hielt sich zurück. Er mochte keine Diskussionen über Kleinigkeiten. Er beschleunigte sogar seine Schritte beträchtlich bei dem Gedanken, dass sie das Geld in der Schublade gelassen haben könnte. Aber seine Bereitschaft hinkte ihrer fiebrigen Ungeduld hinterher.

Der Laden schien zunächst völlig dunkel zu sein. Die Tür stand einen Spalt offen. Mrs. Verloc, gegen die Front gelehnt, keuchte:

„Niemand ist drin gewesen. Sieh! Das Licht – das Licht im Wohnzimmer.“

Ossipon, der den Kopf vorstreckte, sah einen schwachen Schimmer in der Dunkelheit des Ladens.

„Stimmt“, sagte er.

„Ich habe es vergessen.“ Mrs. Verlocs Stimme kam schwach hinter ihrem Schleier hervor. Und als er da stand und darauf wartete, dass sie zuerst eintrat, sagte sie lauter: „Geh rein und mach es aus – oder ich werde wahnsinnig.“

Er machte gegen diesen so seltsam begründeten Vorschlag keinen unmittelbaren Einwand. „Wo ist all das Geld?“, fragte er.

„Bei mir! Geh, Tom. Schnell! Mach es aus . . . Geh rein!“, rief sie und packte ihn von hinten an beiden Schultern.

Da er auf eine Zurschaustellung von physischer Kraft nicht vorbereitet war, stolperte Genosse Ossipon bei ihrem Stoß weit in den Laden hinein. Er war erstaunt über die Kraft der Frau und skandalisiert über ihr Vorgehen. Aber er kehrte nicht um, um sie auf der Straße streng zur Rede zu stellen. Er begann, unangenehm von ihrem fantastischen Verhalten beeindruckt zu sein. Außerdem war dies das einzige Mal, um der Frau nachzugeben. Genosse Ossipon umging leicht das Ende des Ladentisches und näherte sich ruhig der verglasten Tür des Wohnzimmers. Da der Vorhang über den Scheiben ein wenig zurückgezogen war, sah er aus einem ganz natürlichen Impuls heraus hinein, gerade als er sich anschickte, die Klinke zu drehen. Er sah hinein ohne einen Gedanken, ohne Absicht, ohne irgendeine Neugier. Er sah hinein, weil er nicht anders konnte, als hineinzusehen. Er sah hinein und entdeckte Mr. Verloc, der ruhig auf dem Sofa ruhte.

Ein Schrei, der aus den tiefsten Tiefen seiner Brust kam, erstarb ungehört und verwandelte sich in einen schmierigen, krankhaften Geschmack auf seinen Lippen. Gleichzeitig vollführte die mentale Persönlichkeit von Genossen Ossipon einen verzweifelten Sprung nach hinten. Doch sein Körper, der so ohne intellektuelle Führung blieb, hielt sich mit der gedankenlosen Kraft eines Instinkts an der Türklinke fest. Der stämmige Anarchist schwankte nicht einmal. Und er starrte, das Gesicht nahe am Glas, die Augen traten ihm aus dem Kopf. Er hätte alles gegeben, um wegzukommen, aber seine zurückkehrende Vernunft teilte ihm mit, dass es nicht angehe, die Türklinke loszulassen. Was war das – Wahnsinn, ein Albtraum oder eine Falle, in die er mit teuflischer Arglist gelockt worden war? Warum – wozu? Er wusste es nicht. Ohne irgendein Schuldbewusstsein in seiner Brust, im vollen Frieden seines Gewissens, was diese Leute betraf, huschte der Gedanke, dass er aus geheimnisvollen Gründen von dem Paar Verloc ermordet werden würde, nicht so sehr durch seinen Geist als vielmehr durch seine Magengrube und erlosch, wobei er eine Spur von krankhafter Ohnmacht hinterließ – ein Unwohlsein. Genosse Ossipon fühlte sich für einen Moment – einen langen Moment – auf eine ganz spezielle Weise nicht sehr wohl. Und er starrte. Mr. Verloc lag unterdessen sehr still da, aus seinen eigenen Gründen Schlaf vortäuschend, während diese wilde Frau von ihm die Tür bewachte – unsichtbar und lautlos in der dunklen und verlassenen Straße. War das alles eine Art erschreckendes Arrangement, das die Polizei zu seinem speziellen Nutzen erfunden hatte? Seine Bescheidenheit schreckte vor dieser Erklärung zurück.

Doch die wahre Bedeutung der Szene, die sich ihm bot, erschloss sich Ossipon erst durch die Betrachtung des Hutes. Es schien ein außergewöhnliches Ding zu sein, ein unheilvolles Objekt, ein Zeichen. Schwarz und mit der Krempe nach oben lag er vor der Couch auf dem Boden, als wäre er bereit, die Pfennigbeiträge der Leute entgegenzunehmen, die alsbald erscheinen würden, um Mr. Verloc in der Fülle seiner häuslichen Behaglichkeit auf einem Sofa ruhend zu betrachten. Von dem Hut wanderten die Augen des stämmigen Anarchisten zu dem verrückten Tisch, verweilten eine Zeit lang auf dem zerbrochenen Geschirr und empfingen einen regelrechten optischen Schock, als sie unter den nur unvollkommen geschlossenen Augenlidern des Mannes auf der Couch einen weißen Schimmer bemerkten. Mr. Verloc schien jetzt nicht mehr so sehr zu schlafen, sondern mit gebeugtem Kopf dazuliegen und eindringlich auf seine linke Brust zu blicken. Und als Genosse Ossipon den Griff des Messers ausgemacht hatte, wandte er sich von der Glastür ab und würgte heftig.

Das Krachen der zugefallenen Haustür ließ seine Seele vor Panik aufschreien. Dieses Haus mit seinem harmlosen Mieter konnte immer noch als Falle dienen – als eine Falle von schrecklicher Art. Genosse Ossipon hatte nun keine klare Vorstellung mehr davon, was mit ihm geschah. Als er mit dem Oberschenkel gegen das Ende des Ladentisches stieß, wirbelte er herum, schwankte mit einem Schmerzensschrei und spürte im ablenkenden Geklapper der Glocke, wie seine Arme durch eine krampfhafte Umarmung an seine Seiten gepresst wurden, während die kalten Lippen einer Frau sich schleichend an seinem Ohr bewegten, um die Worte zu formen:

„Polizist! Er hat mich gesehen!“

Er hörte auf zu kämpfen; sie ließ ihn nicht los. Ihre Hände hatten sich mit einem untrennbaren Ineinandergreifen der Finger auf seinem stämmigen Rücken verschlungen. Während die Schritte näher kamen, atmeten sie hastig, Brust an Brust, mit schweren, mühsamen Atemzügen, als wäre dies die Haltung eines tödlichen Kampfes gewesen, während es in Wahrheit die Haltung tödlicher Furcht war. Und die Zeit wollte nicht vergehen.

Der Constable auf Streife hatte in der Tat etwas von Mrs. Verloc gesehen; doch da sie von der beleuchteten Hauptstraße am anderen Ende der Brett Street kam, war sie für ihn nicht mehr als ein Flattern in der Dunkelheit gewesen. Und er war sich nicht einmal ganz sicher, ob es überhaupt ein Flattern gegeben hatte. Er hatte keinen Grund zur Eile. Als er den Laden erreichte, bemerkte er, dass er früh geschlossen worden war. Daran war nichts Ungewöhnliches. Die Diensthabenden hatten spezielle Anweisungen bezüglich dieses Ladens: Was dort vorging, sollte nicht gestört werden, solange es nicht zu groben Unruhen kam, aber jede Beobachtung war zu melden. Es gab keine Beobachtungen zu machen; doch aus Pflichtgefühl und zur Beruhigung seines Gewissens, auch wegen jenes zweifelhaften Flatterns in der Dunkelheit, überquerte der Constable die Straße und prüfte die Tür. Der Schnappriegel, dessen Schlüssel für immer außer Dienst in der Westentasche des verstorbenen Mr. Verloc ruhte, hielt so gut wie gewöhnlich. Während der gewissenhafte Beamte am Türgriff rüttelte, spürte Ossipon, wie sich die kalten Lippen der Frau wieder schleichend an seinem Ohr bewegten:

„Wenn er reinkommt, töte mich – töte mich, Tom.“

Der Constable entfernte sich und ließ, nur der Form halber, beim Vorbeigehen das Licht seiner Laterne über das Schaufenster gleiten. Noch einen Moment lang standen der Mann und die Frau drinnen regungslos da, keuchend, Brust an Brust; dann lösten sich ihre Finger, ihre Arme fielen langsam an ihre Seiten. Ossipon lehnte sich gegen den Tresen. Der stämmige Anarchist brauchte dringend eine Stütze. Das war entsetzlich. Er war fast zu angewidert, um zu sprechen. Dennoch brachte er einen klagenden Gedanken hervor, der zumindest zeigte, dass er sich seiner Lage bewusst war.

„Nur ein paar Minuten später, und du hättest mich dazu gebracht, in den Kerl hineinzustolpern, der hier mit seiner verdammten Laterne herumschnüffelt.“

Die Witwe von Mr. Verloc, bewegungslos in der Mitte des Ladens, sagte eindringlich:

„Geh rein und mach das Licht aus, Tom. Es macht mich noch wahnsinnig.“

Sie sah vage seine heftige Geste der Ablehnung. Nichts auf der Welt hätte Ossipon dazu bewegen können, das Hinterzimmer zu betreten. Er war nicht abergläubisch, aber es war zu viel Blut auf dem Boden; eine scheußliche Lache davon überall um den Hut herum. Er urteilte, er sei dem Leichnam bereits viel zu nahe gewesen – für seinen Seelenfrieden, vielleicht sogar für die Sicherheit seines Halses!

„Dann beim Zähler! Da. Schau. In dieser Ecke.“

Die stämmige Gestalt des Genossen Ossipon, der brüsk und schattenhaft durch den Laden schritt, kauerte gehorsam in einer Ecke; doch dieser Gehorsam war ohne Anmut. Er nestelte nervös – und plötzlich, bei dem Klang eines gemurmelten Fluchs, erlosch das Licht hinter der Glastür zu einem keuchenden, hysterischen Seufzer einer Frau. Die Nacht, der unvermeidliche Lohn für die treue Arbeit der Menschen auf dieser Erde, die Nacht war über Mr. Verloc hereingebrochen – den bewährten Revolutionär, „einen von den Alten“, den bescheidenen Wächter der Gesellschaft; den unschätzbaren Geheimagenten [delta] der Depeschen des Barons Stott-Wartenheim; einen Diener von Gesetz und Ordnung, treu, zuverlässig, genau, bewundernswert, mit vielleicht einer einzigen liebenswerten Schwäche: dem idealistischen Glauben daran, um seiner selbst willen geliebt zu werden.

Ossipon tastete sich durch die stickige, nun pechschwarze Atmosphäre zurück zum Tresen. Die Stimme von Mrs. Verloc, die in der Mitte des Ladens stand, vibrierte nach ihm durch die Schwärze mit einem verzweifelten Protest.

„Ich werde nicht gehängt werden, Tom. Ich werde nicht –“

Sie brach ab. Ossipon gab vom Tresen aus eine Warnung: „Schrei nicht so“, dann schien er tief nachzudenken. „Du hast das ganz alleine getan?“, erkundigte er sich mit hohler Stimme, aber mit einem Anschein von souveräner Ruhe, der Mrs. Verlocs Herz mit dankbarem Vertrauen in seine beschützende Stärke erfüllte.

„Ja“, flüsterte sie, unsichtbar.

„Ich hätte es nicht für möglich gehalten“, murmelte er. „Niemand hätte das.“ Sie hörte, wie er sich bewegte und wie ein Schloss an der Tür zum Hinterzimmer einrastete. Genosse Ossipon hatte den Schlüssel zu Mr. Verlocs Ruhe umgedreht; und das tat er nicht aus Ehrfurcht vor deren ewiger Natur oder einer anderen obskur-sentimentalen Erwägung, sondern aus dem präzisen Grund, dass er sich keineswegs sicher war, ob sich nicht noch jemand anders irgendwo im Haus versteckte. Er glaubte der Frau nicht, oder besser gesagt, er war inzwischen unfähig zu beurteilen, was in diesem erstaunlichen Universum wahr, möglich oder auch nur wahrscheinlich sein konnte. Er war vor lauter Entsetzen unfähig zu glauben oder nicht zu glauben in Bezug auf diese außergewöhnliche Angelegenheit, die mit Polizeinspektoren und Botschaften begann und – wer weiß wo – am Galgen für irgendjemanden enden würde. Er war entsetzt bei dem Gedanken, dass er nicht beweisen konnte, was er seit sieben Uhr mit seiner Zeit angefangen hatte, denn er war in der Brett Street herumgeschlichen. Er war entsetzt vor dieser wilden Frau, die ihn hierher gebracht hatte und ihm wahrscheinlich die Komplizenschaft anhängen würde, wenn er nicht aufpasste. Er war entsetzt über die Schnelligkeit, mit der er in solche Gefahren verwickelt worden war – hierher gelockt. Es war etwa zwanzig Minuten her, seit er sie getroffen hatte – nicht mehr.

Die Stimme von Mrs. Verloc erhob sich gedämpft, kläglich flehend: „Lass sie mich nicht hängen, Tom! Bring mich aus dem Land. Ich werde für dich arbeiten. Ich werde mich für dich abrackern. Ich werde dich lieben. Ich habe niemanden auf der Welt... Wer würde mich ansehen, wenn du es nicht tust!“ Sie verstummte einen Moment; dann, in den Tiefen der Einsamkeit, die ein unbedeutender Blutfaden, der vom Griff eines Messers sickerte, um sie herum geschaffen hatte, fand sie eine für sie schreckliche Inspiration – sie, die das respektable Mädchen aus dem Anwesen in Belgravia gewesen war, die treue, respektable Ehefrau von Mr. Verloc. „Ich verlange nicht, dass du mich heiratest“, hauchte sie in verschämtem Ton.

Sie machte einen Schritt vorwärts in der Dunkelheit. Er hatte Angst vor ihr. Er wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie plötzlich ein weiteres Messer hervorgezaubert hätte, das für seine Brust bestimmt war. Er hätte sicherlich keinen Widerstand geleistet. Er hatte in diesem Moment wahrlich nicht genug Standhaftigkeit in sich, um ihr zu sagen, sie solle zurückbleiben. Aber er erkundigte sich mit einem hohlen, seltsamen Unterton: „War er am Schlafen?“

„Nein“, rief sie und fuhr schnell fort. „Das war er nicht. Nicht er. Er hatte mir gesagt, dass ihm nichts etwas anhaben könne. Nachdem er den Jungen direkt vor meinen Augen weggeholt hat, um ihn zu töten – den liebevollen, unschuldigen, harmlosen Jungen. Mein Eigenen, sage ich dir. Er lag auf der Couch, ganz gemütlich – nachdem er den Jungen getötet hatte – meinen Jungen. Ich wäre auf den Strich gegangen, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Und er sagt zu mir: ‚Komm her‘, nachdem er mir gesagt hatte, ich hätte geholfen, den Jungen zu töten. Hörst du, Tom? Er sagt so: ‚Komm her‘, nachdem er mir mein Herz zusammen mit dem Jungen herausgerissen hat, um es in den Dreck zu treten.“

Sie verstummte, dann wiederholte sie traumverloren zweimal: „Blut und Dreck. Blut und Dreck.“ Ein großes Licht ging Genosse Ossipon auf. Es war also dieser halbwahnsinnige Junge, der im Park umgekommen war. Und das Narrentum aller Beteiligten erschien vollständiger als je zuvor – kolossal. Er rief wissenschaftlich aus, in der äußersten seiner Verwunderung: „Der Degenerierte – bei Gott!“

„Komm her.“ Die Stimme von Mrs. Verloc erhob sich wieder. „Was dachte er wohl, woraus ich gemacht bin? Sag es mir, Tom. Komm her! Ich! So! Ich hatte das Messer angesehen und dachte, ich würde dann kommen, wenn er mich so sehr wollte. Oh ja! Ich kam – zum letzten Mal... Mit dem Messer.“

Er hatte überaus große Angst vor ihr – der Schwester des Degenerierten – einer Degenerierten selbst, von einem mörderischen Typ... oder sonst vom lügnerischen Typ. Man könnte sagen, Genosse Ossipon war neben allen anderen Arten der Furcht auch noch wissenschaftlich entsetzt. Es war eine unermessliche und zusammengesetzte Angst, die ihm gerade durch ihren Exzess im Dunkeln den falschen Anschein von ruhiger und nachdenklicher Überlegung verlieh. Denn er bewegte sich und sprach mit Mühe, als wäre sein Wille und Geist halb erfroren – und niemand konnte sein totenblasses Gesicht sehen. Er fühlte sich halb tot.

Er sprang einen Fuß hoch. Unerwartet hatte Mrs. Verloc die ununterbrochene, bewahrte Anständigkeit ihres Zuhauses durch einen schrillen und schrecklichen Schrei entweiht.

„Hilf mir, Tom! Rette mich. Ich werde nicht gehängt werden!“

Er stürzte vorwärts, tastete mit einer Hand nach ihrem Mund, um sie zum Schweigen zu bringen, und der Schrei erstarb. Doch in seinem Vorwärtssturm hatte er sie umgestoßen. Er spürte jetzt, wie sie sich um seine Beine klammerte, und sein Entsetzen erreichte seinen Höhepunkt, wurde zu einer Art Rausch, hegte Wahnvorstellungen, nahm die Züge von Delirium tremens an. Er sah tatsächlich Schlangen jetzt. Er sah die Frau wie eine Schlange um sich gewunden, nicht abzuschütteln. Sie war nicht tödlich. Sie war der Tod selbst – der Gefährte des Lebens.

Mrs. Verloc, als wäre sie durch den Ausbruch erleichtert, war nun weit davon entfernt, sich lautstark zu verhalten. Sie war kläglich.

„Tom, du kannst mich jetzt nicht abschütteln“, murmelte sie vom Boden aus. „Nicht, es sei denn, du zertrittst meinen Kopf unter deiner Ferse. Ich werde dich nicht verlassen.“

„Steh auf“, sagte Ossipon.

Sein Gesicht war so blass, dass es in der tiefen, schwarzen Dunkelheit des Ladens deutlich sichtbar war; während Mrs. Verloc, verschleiert, kein Gesicht hatte, fast keine erkennbare Form. Das Zittern von etwas Kleinem und Weißem, einer Blume an ihrem Hut, markierte ihren Platz, ihre Bewegungen.

Es erhob sich in der Schwärze. Sie war vom Boden aufgestanden, und Ossipon bedauerte, nicht sofort auf die Straße hinausgelaufen zu sein. Aber er erkannte leicht, dass das nicht gehen würde. Es würde nicht gehen. Sie würde ihm nachlaufen. Sie würde ihn schreiend verfolgen, bis sie jeden Polizisten in Hörweite auf seine Spur hetzte. Und dann wusste der Himmel, was sie über ihn sagen würde. Er war so verängstigt, dass ihm für einen Moment der wahnsinnige Gedanke durch den Kopf ging, sie im Dunkeln zu erwürgen. Und er wurde noch verängstigter als zuvor! Sie hatte ihn! Er sah sich in einem obskuren Weiler in Spanien oder Italien in abgrundtiefem Schrecken leben; bis sie ihn eines schönen Morgens auch tot auffanden, mit einem Messer in der Brust – wie Mr. Verloc. Er seufzte tief. Er wagte sich nicht zu bewegen. Und Mrs. Verloc wartete in Stille auf das Wohlgefallen ihres Retters und schöpfte Trost aus seinem nachdenklichen Schweigen.

Plötzlich sprach er mit einer fast natürlichen Stimme. Seine Überlegungen waren zu Ende.

„Lass uns verschwinden, sonst verpassen wir den Zug.“

„Wohin gehen wir, Tom?“, fragte sie zaghaft. Mrs. Verloc war keine freie Frau mehr.

„Lass uns zuerst nach Paris kommen, so gut wir können... Geh zuerst raus und sieh nach, ob der Weg frei ist.“

Sie gehorchte. Ihre Stimme kam gedämpft durch die vorsichtig geöffnete Tür.

„Es ist in Ordnung.“

Ossipon kam heraus. Trotz seiner Bemühungen, sanft zu sein, klapperte die gesprungene Glocke hinter der geschlossenen Tür im leeren Laden, als versuchte sie vergeblich, den ruhenden Mr. Verloc vor dem endgültigen Aufbruch seiner Frau zu warnen – in Begleitung seines Freundes.

In der Droschke, die sie alsbald anhielten, wurde der stämmige Anarchist erklärend. Er war immer noch schrecklich blass, mit Augen, die einen ganzen halben Zoll in sein angespanntes Gesicht gesunken zu sein schienen. Aber er schien an alles mit außerordentlicher Methode gedacht zu haben.

„Wenn wir ankommen“, dozierte er in einem merkwürdigen, monotonen Ton, „musst du vor mir in den Bahnhof gehen, als ob wir uns nicht kennen würden. Ich werde die Fahrkarten nehmen und dir deine im Vorbeigehen in die Hand schieben. Dann gehst du in das Wartezimmer der ersten Klasse für Damen und sitzt dort, bis zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges. Dann kommst du heraus. Ich werde draußen sein. Du gehst zuerst auf den Bahnsteig, als würdest du mich nicht kennen. Da könnten Augen zuschauen, die wissen, was Sache ist. Allein bist du nur eine Frau, die mit dem Zug wegfährt. Ich bin bekannt. Mit mir könnte man dich als Mrs. Verloc identifizieren, die wegläuft. Verstehst du, meine Liebe?“, fügte er mit Anstrengung hinzu.

„Ja“, sagte Mrs. Verloc, die dort in der Droschke neben ihm saß, ganz starr vor Angst vor dem Galgen und der Furcht vor dem Tod. „Ja, Tom.“ Und sie fügte für sich selbst hinzu, wie ein schrecklicher Refrain: „Der Fall betrug vierzehn Fuß.“

Ossipon, der sie nicht ansah und ein Gesicht hatte wie ein frischer Gipsabguss von sich selbst nach einer zehrenden Krankheit, sagte: „Übrigens, ich sollte jetzt das Geld für die Fahrkarten haben.“

Mrs. Verloc, die einige Häkchen ihres Mieders löste, während sie weiterhin über das Spritzbrett hinaus starrte, händigte ihm das neue Schweinsleder-Portemonnaie aus. Er nahm es ohne ein Wort entgegen und schien es tief irgendwo in seiner Brust zu versenken. Dann klopfte er sich von außen auf den Mantel.

All dies geschah, ohne dass ein einziger Blick gewechselt wurde; sie waren wie zwei Menschen, die nach dem ersten Anblick eines ersehnten Ziels Ausschau hielten. Erst als die Droschke um eine Ecke und auf die Brücke zufuhr, öffnete Ossipon wieder seine Lippen.

„Weißt du, wie viel Geld in dem Ding ist?“, fragte er, als würde er langsam ein Kobold ansprechen, der zwischen den Ohren des Pferdes saß.

„Nein“, sagte Mrs. Verloc. „Er hat es mir gegeben. Ich habe nicht gezählt. Ich habe in dem Moment nicht daran gedacht. Später –“

Sie bewegte ihre rechte Hand ein wenig. Es war so ausdrucksstark, diese kleine Bewegung jener rechten Hand, die weniger als eine Stunde zuvor den tödlichen Schlag in das Herz eines Mannes geführt hatte, dass Ossipon einen Schauer nicht unterdrücken konnte. Er übertrieb ihn dann absichtlich und murmelte:

„Mir ist kalt. Ich habe mich erkältet.“

Mrs. Verloc starrte geradeaus auf die Perspektive ihrer Flucht. Hin und wieder, wie ein schwarzes Band, das über eine Straße geweht wurde, stellten sich die Worte „Der Fall betrug vierzehn Fuß“ ihrem starren Blick in den Weg. Durch ihren schwarzen Schleier glänzten das Weiße ihrer großen Augen lüstern wie die Augen einer maskierten Frau.

Ossipons Starrheit hatte etwas Geschäftsmäßiges, einen seltsamen offiziellen Ausdruck. Er war wieder plötzlich zu hören, als hätte er eine Sperre gelöst, um zu sprechen.

„Hör mal! Weißt du, ob dein – ob er sein Konto bei der Bank auf seinen eigenen Namen oder auf einen anderen Namen führte?“

Mrs. Verloc wandte ihm ihr maskiertes Gesicht und den großen weißen Glanz ihrer Augen zu.

„Anderer Name?“, sagte sie nachdenklich.

„Sei genau in dem, was du sagst“, belehrt Ossipon in der schnellen Bewegung der Droschke. „Es ist äußerst wichtig. Ich werde es dir erklären. Die Bank hat die Nummern dieser Scheine. Wenn sie ihm auf seinen eigenen Namen ausgezahlt wurden, dann können die Scheine, sobald sein – sein Tod bekannt wird, dazu dienen, uns aufzuspüren, da wir kein anderes Geld haben. Du hast kein anderes Geld bei dir?“

Sie schüttelte den Kopf verneinend.

„Keineswegs?“, beharrte er.

„Ein paar Kupfermünzen.“

„Das wäre gefährlich in diesem Fall. Mit dem Geld müsste dann speziell verfahren werden. Sehr speziell. Wir müssten vielleicht mehr als die Hälfte des Betrags verlieren, um diese Scheine an einem bestimmten sicheren Ort, den ich in Paris kenne, umzutauschen. Im anderen Fall, ich meine, wenn er sein Konto hatte und unter einem anderen Namen ausgezahlt wurde – sagen wir Smith zum Beispiel –, ist das Geld absolut sicher zu verwenden. Verstehst du? Die Bank hat keine Möglichkeit zu wissen, dass Mr. Verloc und, sagen wir, Smith ein und dieselbe Person sind. Siehst du, wie wichtig es ist, dass du mir gegenüber keinen Fehler machst? Kannst du diese Frage überhaupt beantworten? Vielleicht nicht. Eh?“

Sie sagte gefasst:

„Ich erinnere mich jetzt! Er hat nicht auf seinen eigenen Namen ein Konto geführt. Er sagte mir einmal, dass es auf den Namen Prozor deponiert sei.“

„Du bist sicher?“

„Gewiss.“

„Du glaubst nicht, dass die Bank seinen richtigen Namen kannte? Oder irgendjemand in der Bank oder –“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Woher soll ich das wissen? Ist das wahrscheinlich, Tom?“

„Nein. Ich nehme an, es ist nicht wahrscheinlich. Es wäre angenehmer gewesen, es zu wissen... Da sind wir. Steig zuerst aus und geh direkt hinein. Beweg dich flott.“

Er blieb zurück und bezahlte den Kutscher von seinem eigenen losen Kleingeld. Das von seiner minuziösen Voraussicht geplante Programm wurde ausgeführt. Als Mrs. Verloc mit ihrer Fahrkarte nach St. Malo in der Hand das Wartezimmer der Damen betrat, ging Genosse Ossipon in die Bar und vertilgte in sieben Minuten drei Gläser heißen Brandy mit Wasser.

„Ich versuche, eine Erkältung zu vertreiben“, erklärte er der Bedienung mit einem freundlichen Nicken und einem grinsenden Lächeln. Dann kam er heraus und brachte aus diesem festlichen Zwischenspiel das Gesicht eines Mannes mit, der aus dem Quell der Trauer selbst getrunken hatte. Er hob die Augen zur Uhr. Es war Zeit. Er wartete.

Pünktlich kam Mrs. Verloc heraus, mit herabgelassenem Schleier und ganz in Schwarz – schwarz wie der alltägliche Tod selbst, gekrönt mit ein paar billigen und blassen Blumen. Sie ging dicht an einer kleinen Gruppe von Männern vorbei, die lachten, deren Lachen jedoch durch ein einziges Wort hätte totgeschlagen werden können. Ihr Gang war träge, aber ihr Rücken war gerade, und Genosse Ossipon blickte ihm voller Entsetzen nach, bevor er selbst aufbrach.

Der Zug war eingefahren, mit kaum jemandem um seine Reihe von offenen Türen. Wegen der Jahreszeit und des scheußlichen Wetters gab es kaum Fahrgäste. Mrs. Verloc ging langsam entlang der Reihe leerer Abteile, bis Ossipon sie von hinten am Ellenbogen berührte.

„Hier rein.“

Sie stieg ein, und er blieb auf dem Bahnsteig und sah sich um. Sie beugte sich vor und flüsterte:

„Was ist, Tom? Besteht Gefahr? Warte einen Moment. Da ist der Schaffner.“

Sie sah ihn den Mann in Uniform ansprechen. Sie redeten eine Weile. Sie hörte den Schaffner sagen: „Sehr wohl, mein Herr“, und sah, wie er seine Mütze berührte. Dann kam Ossipon zurück und sagte: „Ich habe ihm gesagt, er soll niemanden in unser Abteil lassen.“

Sie lehnte sich auf ihrem Sitz vor. „Du denkst an alles... Du bringst mich raus, Tom?“, fragte sie in einem Anfall von Angst und hob ruckartig den Schleier, um ihren Retter anzusehen.

Sie hatte ein Gesicht wie Adamant enthüllt. Und aus diesem Gesicht blickten die Augen hervor, groß, trocken, vergrößert, glanzlos, ausgebrannt wie zwei schwarze Löcher in den weißen, leuchtenden Kugeln.

„Es besteht keine Gefahr“, sagte er und starrte sie mit einer beinahe entzückten Eindringlichkeit an, die auf Mrs. Verloc, die vor dem Galgen floh, voller Kraft und Zärtlichkeit zu wirken schien. Diese Hingabe rührte sie zutiefst – und das adamantine Gesicht verlor die strenge Starre seines Entsetzens. Genosse Ossipon starrte es an, wie kein Liebhaber je das Gesicht seiner Geliebten angestarrt hat. Alexander Ossipon, Anarchist, mit dem Spitznamen „der Doktor“, Autor einer medizinischen (und unanständigen) Broschüre, ehemaliger Dozent für soziale Hygieneaspekte vor Arbeitervereinen, war frei von den Fesseln konventioneller Moral – doch er unterwarf sich dem Gesetz der Wissenschaft. Er war wissenschaftlich, und er starrte wissenschaftlich auf diese Frau, die Schwester eines Degenerierten, selbst eine Degenerierte – vom Typus einer Mörderin. Er starrte sie an und beschwor Lombroso, wie ein italienischer Bauer sich seinem Lieblingsheiligen anempfiehlt. Er starrte wissenschaftlich. Er starrte auf ihre Wangen, auf ihre Nase, auf ihre Augen, auf ihre Ohren . . . Schlecht! . . . Tödlich! Als sich Mrs. Verlocs blasse Lippen unter seinem leidenschaftlich aufmerksamen Blick leicht öffneten, starrte er auch auf ihre Zähne . . . Es blieb kein Zweifel . . . ein Mördertyp . . . Wenn Genosse Ossipon seine verängstigte Seele nicht Lombroso anempfahl, dann nur deshalb, weil er aus wissenschaftlichen Gründen nicht glauben konnte, dass er so etwas wie eine Seele mit sich herumtrug. Aber er besaß den wissenschaftlichen Geist, der ihn dazu antrieb, auf dem Bahnsteig in nervösen, abgehackten Phrasen Zeugnis abzulegen.

„Er war ein außergewöhnlicher Junge, dieser Bruder von dir. Äußerst interessant zu studieren. In gewisser Weise ein perfekter Typus. Perfekt!“

Er sprach wissenschaftlich in seiner geheimen Angst. Und Mrs. Verloc, die diese Worte des Lobes hörte, die ihrem geliebten Toten zuteilwurden, schwankte vor mit einem Flackern von Licht in ihren düsteren Augen, wie ein Sonnenstrahl, der ein Regengewitter ankündigt.

„Das war er in der Tat“, flüsterte sie leise mit bebenden Lippen. „Du hast ihn sehr beachtet, Tom. Ich habe dich dafür geliebt.“

„Es ist fast unglaublich, welche Ähnlichkeit zwischen euch beiden bestand“, fuhr Ossipon fort, gab seiner ständigen Angst eine Stimme und versuchte, seine nervöse, krankhafte Ungeduld auf das Abfahren des Zuges zu verbergen. „Ja; er glich dir.“

Diese Worte waren nicht besonders rührend oder einfühlsam. Aber die Tatsache dieser betonten Ähnlichkeit reichte an sich schon aus, um mächtig auf ihre Gefühle einzuwirken. Mit einem leisen Aufschrei und ausgebreiteten Armen brach Mrs. Verloc endlich in Tränen aus.

Ossipon stieg in das Abteil, schloss hastig die Tür und schaute hinaus, um die Zeit an der Bahnhofsuhr zu prüfen. Noch acht Minuten. Während der ersten drei davon weinte Mrs. Verloc heftig und hilflos, ohne Pause oder Unterbrechung. Dann erholte sie sich etwas und schluchzte leise unter einem reichlichen Strom von Tränen. Sie versuchte, mit ihrem Retter zu sprechen, mit dem Mann, der der Bote des Lebens war.

„Oh, Tom! Wie konnte ich nur Angst vor dem Tod haben, nachdem er mir so grausam genommen wurde! Wie konnte ich nur! Wie konnte ich nur so feige sein!“

Sie beklagte laut ihre Lebensliebe, jenes Leben ohne Anmut oder Charme und fast ohne Anstand, aber von einer erhabenen Treue zum Ziel, selbst bis hin zum Mord. Und wie es oft im Wehklagen der armen Menschheit geschieht, die reich an Leiden, aber arm an Worten ist, fand sich die Wahrheit – der wahre Schrei der Wahrheit – in einer abgetragenen und künstlichen Form wieder, die irgendwo unter den Phrasen falscher Empfindsamkeit aufgelesen wurde.

„Wie konnte ich nur so viel Angst vor dem Tod haben! Tom, ich habe es versucht. Aber ich habe Angst. Ich habe versucht, mir das Leben zu nehmen. Und ich konnte es nicht. Bin ich hart? Ich nehme an, der Kelch des Grauens war für jemanden wie mich noch nicht voll genug. Dann, als du kamst . . . “

Sie hielt inne. Dann, in einem Ausbruch von Vertrauen und Dankbarkeit: „Ich werde alle meine Tage für dich leben, Tom!“, schluchzte sie.

„Geh in die andere Ecke des Abteils, weg vom Bahnsteig“, sagte Ossipon fürsorglich. Sie ließ ihren Retter sie bequem platzieren, und er beobachtete das Einsetzen einer weiteren Weinkrise, noch heftiger als die erste. Er beobachtete die Symptome mit einer Art medizinischer Miene, als würde er die Sekunden zählen. Endlich hörte er den Pfiff des Schaffners. Ein unwillkürliches Zucken seiner Oberlippe entblößte seine Zähne mit dem Ausdruck wilder Entschlossenheit, als er spürte, wie sich der Zug in Bewegung setzte. Mrs. Verloc hörte und fühlte nichts, und Ossipon, ihr Retter, stand still. Er spürte, wie der Zug schneller rollte, schwer rumpelnd zum Klang des lauten Schluchzens der Frau, und dann, das Abteil mit zwei langen Schritten durchquerend, öffnete er überlegt die Tür und sprang hinaus.

Er war ganz am Ende des Bahnsteigs herausgesprungen; und so groß war seine Entschlossenheit, an seinem verzweifelten Plan festzuhalten, dass es ihm durch ein Wunder, das fast in der Luft vollbracht wurde, gelang, die Wagentür zuzuschlagen. Erst dann fand er sich wieder, wie ein geschossener Hase über Kopf rollend. Er war geprellt, durchgeschüttelt, totenblass und außer Atem, als er aufstand. Aber er war ruhig und durchaus in der Lage, der aufgeregten Menge von Eisenbahnern zu begegnen, die sich in einem Augenblick um ihn versammelt hatte. Er erklärte in sanftem und überzeugendem Ton, dass seine Frau kurzfristig nach Bretagne zu ihrer sterbenden Mutter aufgebrochen sei; dass sie natürlich sehr aufgebracht gewesen sei und er sich über ihren Zustand große Sorgen gemacht habe; dass er versucht habe, sie aufzuheitern, und dabei völlig übersehen habe, dass der Zug bereits abfuhr. Auf den allgemeinen Ausruf: „Warum sind Sie dann nicht bis Southampton mitgefahren, mein Herr?“, wandte er die Unerfahrenheit einer jungen Schwägerin ein, die allein mit drei kleinen Kindern im Haus zurückgeblieben war, sowie ihre Angst bei seinem Ausbleiben, da die Telegrafenämter geschlossen seien. Er habe aus einem Impuls heraus gehandelt. „Aber ich glaube nicht, dass ich das noch einmal versuchen werde“, schloss er; lächelte in die Runde; verteilte etwas Kleingeld und marschierte ohne zu humpeln aus dem Bahnhof.

Draußen lehnte Genosse Ossipon, mit so vielen sicheren Banknoten in der Tasche wie nie zuvor in seinem Leben, das Angebot eines Taxis ab.

„Ich kann zu Fuß gehen“, sagte er mit einem kleinen freundlichen Lachen zu dem höflichen Kutscher.

Er konnte zu Fuß gehen. Er ging. Er überquerte die Brücke. Später sahen die Türme der Abbey in ihrer massiven Unbeweglichkeit den gelben Busch seines Haares unter den Lampen vorbeiziehen. Die Lichter von Victoria sahen ihn ebenfalls, und Sloane Square, und die Parkgitter. Und Genosse Ossipon fand sich wieder auf einer Brücke wieder. Der Fluss, ein unheimliches Wunder aus stillen Schatten und fließenden Lichtern, die sich unten in einer schwarzen Stille vermischten, erregte seine Aufmerksamkeit. Er stand lange Zeit am Geländer und schaute hinunter. Der Glockenturm dröhnte mit einem ehernen Schlag über seinem gesenkten Kopf. Er blickte zum Zifferblatt auf . . . Halb eins in einer wilden Nacht im Ärmelkanal.

Und wieder ging Genosse Ossipon. Seine robuste Gestalt wurde in jener Nacht in entlegenen Teilen der riesigen Stadt gesehen, die monströs auf einem Teppich aus Schlamm unter einem Schleier aus rohem Nebel schlief. Man sah sie, wie sie belebungslose und lautlose Straßen kreuzte oder in den endlosen geraden Perspektiven schattenhafter Häuser verschwand, die leere Fahrbahnen säumten, welche von Reihen von Gaslaternen gesäumt waren. Er ging durch Squares, Places, Ovals, Commons, durch monotone Straßen mit unbekannten Namen, wo sich der Staub der Menschheit träge und hoffnungslos abseits des Lebensstroms absetzt. Er ging. Und plötzlich in einen Vorgartenstreifen mit einer räudigen Grasfläche einbiegend, ließ er sich mit einem Schlüssel, den er aus der Tasche nahm, in ein kleines, schmutziges Haus ein.

Er warf sich angezogen auf sein Bett und lag eine ganze Viertelstunde still. Dann setzte er sich plötzlich auf, zog die Knie an und umklammerte seine Beine. Die erste Morgendämmerung fand ihn mit offenen Augen in genau dieser Haltung vor. Dieser Mann, der so lange, so weit, so ziellos gehen konnte, ohne ein Anzeichen von Ermüdung zu zeigen, konnte auch stundenlang still sitzen, ohne ein Glied oder ein Augenlid zu regen. Doch als die späte Sonne ihre Strahlen in das Zimmer sandte, öffnete er seine Hände und fiel zurück auf das Kissen. Seine Augen starrten an die Decke. Und plötzlich schlossen sie sich. Genosse Ossipon schlief im Sonnenlicht.

KAPITEL XIII

Das riesige Vorhängeschloss aus Eisen an den Türen des Wandschranks war das einzige Objekt im Raum, auf dem das Auge ruhen konnte, ohne von der elenden Lieblosigkeit der Formen und der Armut des Materials gequält zu werden. Da es aufgrund seiner edlen Proportionen im normalen Geschäftsverkehr unverkäuflich war, war es dem Professor von einem Marinehändler im Osten Londons für wenige Pence überlassen worden. Der Raum war groß, sauber, respektabel und arm mit jener Armut, die das Verhungern jedes menschlichen Bedürfnisses außer bloßem Brot nahelegte. An den Wänden gab es nichts außer der Tapete, einer Fläche in arsenhaltigem Grün, hier und da mit unauslöschlichen Flecken beschmutzt und mit Verfärbungen, die verblassten Landkarten unbewohnter Kontinente glichen.

An einem Kiefernholztisch nahe einem Fenster saß Genosse Ossipon und hielt seinen Kopf zwischen den Fäusten. Der Professor, bekleidet mit seinem einzigen Anzug aus minderwertigem Tweed, aber mit einem Paar unglaublich heruntergekommener Hausschuhe auf den nackten Dielen hin und her schlurfend, hatte seine Hände tief in die überdehnten Taschen seiner Jacke gesteckt. Er erzählte seinem robusten Gast von einem Besuch, den er kürzlich dem Apostel Michaelis abgestattet hatte. Der perfekte Anarchist war sogar ein wenig aus sich herausgegangen.

„Der Kerl wusste nichts von Verlocs Tod. Natürlich! Er schaut nie in die Zeitungen. Sie machen ihn zu traurig, sagt er. Aber egal. Ich ging in seine Hütte. Keine Menschenseele weit und breit. Ich musste ein halbes Dutzend Mal rufen, bevor er mir antwortete. Ich dachte, er schliefe noch fest im Bett. Aber ganz und gar nicht. Er hatte bereits vier Stunden an seinem Buch geschrieben. Er saß in diesem winzigen Käfig inmitten von Manuskriptstapeln. Auf dem Tisch neben ihm lag eine halb gegessene rohe Karotte. Sein Frühstück. Er lebt jetzt von einer Diät aus rohen Karotten und ein wenig Milch.“

„Wie sieht er damit aus?“, fragte Genosse Ossipon lustlos.

„Engelhaft . . . Ich hob eine Handvoll seiner Seiten vom Boden auf. Die Armut der Argumentation ist erstaunlich. Er hat keine Logik. Er kann nicht zusammenhängend denken. Aber das macht nichts. Er hat seine Biografie in drei Teile unterteilt, mit dem Titel ‚Glaube, Hoffnung, Nächstenliebe‘. Er arbeitet jetzt die Idee einer Welt aus, die wie ein riesiges und nettes Krankenhaus geplant ist, mit Gärten und Blumen, in dem sich die Starken der Pflege der Schwachen widmen sollen.“

Der Professor hielt inne.

„Begreifst du diese Torheit, Ossipon? Die Schwachen! Die Quelle allen Übels auf dieser Erde!“, fuhr er mit seiner grimmigen Sicherheit fort. „Ich sagte ihm, dass ich von einer Welt wie einem Schlachthaus träume, in der die Schwachen zur gänzlichen Ausrottung in die Hand genommen würden.“

„Verstehst du, Ossipon? Die Quelle allen Übels! Sie sind unsere finsteren Herren – die Schwachen, die Schlaffen, die Einfältigen, die Feigen, die Kleinherzigen und die Sklavengeistigen. Sie haben Macht. Sie sind die Menge. Ihr ist das Königreich der Erde. Ausrotten, ausrotten! Das ist der einzige Weg zum Fortschritt. Er ist es! Folge mir, Ossipon. Zuerst muss die große Menge der Schwachen gehen, dann die einzig relativ Starken. Verstehst du? Zuerst die Blinden, dann die Tauben und die Stummen, dann die Hinkenden und die Lahmen – und so weiter. Jeder Makel, jedes Laster, jedes Vorurteil, jede Konvention muss ihrem Untergang entgegengehen.“

„Und was bleibt übrig?“, fragte Ossipon mit erstickter Stimme.

„Ich bleibe übrig – wenn ich stark genug bin“, behauptete der fahlgesichtige kleine Professor, dessen große Ohren, dünn wie Membranen und weit von den Seiten seines gebrechlichen Schädels abstehend, plötzlich einen tiefroten Farbton annahmen.

„Habe ich nicht genug unter dieser Unterdrückung durch die Schwachen gelitten?“, fuhr er nachdrücklich fort. Dann tippte er auf die Brusttasche seiner Jacke: „Und doch bin ich die Kraft“, fuhr er fort. „Aber die Zeit! Die Zeit! Gib mir Zeit! Ah! Diese Menge, zu dumm, um Mitleid oder Furcht zu empfinden. Manchmal denke ich, sie haben alles auf ihrer Seite. Alles – sogar den Tod – meine eigene Waffe.“

„Komm und trink ein Bier mit mir im Silenus“, sagte der robuste Ossipon nach einer Pause, die vom schnellen Schlapp-Schlapp der Hausschuhe an den Füßen des perfekten Anarchisten erfüllt war. Letzterer nahm an. Er war an diesem Tag auf seine eigene, eigentümliche Weise jovial. Er schlug Ossipon auf die Schulter.

„Bier! So sei es! Lasst uns trinken und fröhlich sein, denn wir sind stark, und morgen sterben wir.“

Er machte sich daran, seine Stiefel anzuziehen, und sprach währenddessen in seinen knappen, entschlossenen Tönen.

„Was ist los mit dir, Ossipon? Du siehst trübsinnig aus und suchst sogar meine Gesellschaft. Ich höre, dass man dich ständig an Orten sieht, wo Männer über Gläsern mit Alkohol törichte Dinge von sich geben. Warum? Hast du deine Sammlung von Frauen aufgegeben? Sie sind die Schwachen, die die Starken nähren – eh?“

Er stampfte mit einem Fuß auf und hob seinen anderen geschnürten Stiefel auf, schwer, dicksohlig, ungeputzt, viele Male geflickt. Er lächelte grimmig vor sich hin.

„Sag mir, Ossipon, du schrecklicher Mann, hat sich jemals eine deiner Opfer für dich umgebracht – oder sind deine Triumphe bisher unvollständig – denn nur Blut drückt der Größe ein Siegel auf? Blut. Tod. Schau dir die Geschichte an.“

„Verdammt sollst du sein“, sagte Ossipon, ohne den Kopf zu drehen.

„Warum? Lass das die Hoffnung der Schwachen sein, deren Theologie die Hölle für die Starken erfunden hat. Ossipon, mein Gefühl für dich ist freundschaftliche Verachtung. Du könntest nicht einmal eine Fliege töten.“

Doch auf dem Weg zum Festmahl oben auf dem Omnibus verlor der Professor seine gute Laune. Die Betrachtung der Massen, die die Gehwege drängten, löschte seine Sicherheit unter einer Last von Zweifel und Unbehagen aus, die er erst nach einer Zeit der Abgeschiedenheit in dem Raum mit dem großen, durch ein riesiges Vorhängeschloss verschlossenen Schrank abschütteln konnte.

„Und so“, sagte über die Schulter Genosse Ossipon, der auf dem Sitz dahinter saß. „Und so träumt Michaelis von einer Welt wie einem schönen und fröhlichen Krankenhaus.“

„Ganz genau. Eine immense Wohltätigkeit zur Heilung der Schwachen“, stimmte der Professor sardonisch zu.

„Das ist albern“, gab Ossipon zu. „Man kann Schwäche nicht heilen. Aber letztendlich mag Michaelis gar nicht so falsch liegen. In zweihundert Jahren werden Ärzte die Welt regieren. Die Wissenschaft regiert bereits. Sie regiert vielleicht im Schatten – aber sie regiert. Und alle Wissenschaft muss schließlich in der Wissenschaft der Heilung gipfeln – nicht der Schwachen, sondern der Starken. Die Menschheit will leben – leben.“

„Die Menschheit“, behauptete der Professor mit einem selbstbewussten Glitzern seiner eisenumrandeten Brille, „weiß nicht, was sie will.“

„Aber du weißt es“, knurrte Ossipon. „Gerade eben hast du nach Zeit geschrien – Zeit. Nun. Die Ärzte werden dir deine Zeit zuteilen – wenn du brav bist. Du gibst dich als einer der Starken aus – weil du genug Zeug in der Tasche hast, um dich selbst und sagen wir zwanzig andere Leute in die Ewigkeit zu befördern. Aber die Ewigkeit ist ein verdammtes Loch. Zeit ist es, was du brauchst. Du – wenn du einen Mann träfen würdest, der dir mit Sicherheit zehn Jahre Zeit geben könnte, würdest du ihn deinen Meister nennen.“

„Mein Motto lautet: Kein Gott! Kein Meister“, sagte der Professor sentenziös, als er aufstand, um aus dem Bus zu steigen.

Ossipon folgte. „Warte, bis du am Ende deiner Zeit flach auf dem Rücken liegst“, erwiderte er und sprang hinter dem anderen vom Trittbrett. „Dein schäbiges, armseliges, räudiges kleines bisschen Zeit“, fuhr er auf der anderen Straßenseite fort und hüpfte auf den Bordstein.

„Ossipon, ich glaube, du bist ein Scharlatan“, sagte der Professor und öffnete meisterhaft die Türen des berühmten Silenus. Und als sie sich an einem kleinen Tisch niedergelassen hatten, entwickelte er diesen liebenswürdigen Gedanken weiter. „Du bist nicht einmal ein Arzt. Aber du bist komisch. Deine Vorstellung von einer Menschheit, die auf Geheiß einiger weniger feierlicher Spaßvögel universell die Zunge herausstreckt und die Pille schluckt, ist eines Propheten würdig. Prophetie! Was nützt es, darüber nachzudenken, was sein wird!“ Er hob sein Glas. „Auf die Zerstörung dessen, was ist“, sagte er ruhig.

Er trank und verfiel in seine eigentümlich verschlossene Art des Schweigens. Der Gedanke an eine Menschheit, so zahlreich wie der Sand am Meer, so unzerstörbar, so schwer zu handhaben, bedrückte ihn. Der Klang explodierender Bomben ging in ihrer Unermesslichkeit aus passiven Körnern ohne Echo verloren. Zum Beispiel diese Verloc-Affäre. Wer dachte jetzt noch daran?

Ossipon zog, als wäre er plötzlich von einer geheimnisvollen Kraft dazu gezwungen, eine mehrfach gefaltete Zeitung aus seiner Tasche. Der Professor hob bei dem Rascheln den Kopf.

„Was ist das für eine Zeitung? Steht etwas drin?“, fragte er.

Ossipon fuhr zusammen wie ein erschreckter Schlafwandler.

„Nichts. Rein gar nichts. Das Ding ist zehn Tage alt. Ich habe es wohl in der Tasche vergessen.“

Aber er warf das alte Ding nicht weg. Bevor er es zurück in die Tasche steckte, stahl er einen Blick auf die letzten Zeilen eines Absatzes. Sie lauteten: „Ein undurchdringliches Geheimnis scheint dazu bestimmt zu sein, für immer über diesem Akt des Wahnsinns oder der Verzweiflung zu schweben.“

Solches waren die Schlussworte einer Nachricht mit der Überschrift: „Selbstmord einer Passagierin von einem Kanalboot“. Genosse Ossipon war mit den Schönheiten ihres journalistischen Stils vertraut. „Ein undurchdringliches Geheimnis scheint dazu bestimmt zu sein, für immer . . . “ Er kannte jedes Wort auswendig. „Ein undurchdringliches Geheimnis . . . “

Und der robuste Anarchist, der seinen Kopf auf die Brust hängen ließ, verfiel in eine lange Träumerei.

Er war von dieser Sache in den Quellen seiner Existenz bedroht. Er konnte nicht hinausgehen, um seine verschiedenen Eroberungen zu treffen, jene, die er auf Bänken in den Kensington Gardens umwarb, und jene, die er in der Nähe von Kellergittern traf, ohne die Angst, anfangen zu müssen, ihnen von einem undurchdringlichen Geheimnis zu erzählen, das dazu bestimmt war . . . Er wurde wissenschaftlich ängstlich vor dem Wahnsinn, der in diesen Zeilen auf ihn lauerte. „Für immer schweben über“. Es war eine Besessenheit, eine Folter. Er hatte in letzter Zeit einige dieser Verabredungen versäumt, deren Kennzeichen früher ein grenzenloses Vertrauen in die Sprache der Empfindung und männlichen Zärtlichkeit gewesen war. Die vertrauensselige Art verschiedener Frauenklassen befriedigte die Bedürfnisse seines Selbstgefühls und verschaffte ihm einige materielle Mittel. Er brauchte sie zum Leben. Sie waren da. Aber wenn er sie nicht mehr nutzen konnte, lief er Gefahr, seine Ideale und seinen Körper verhungern zu lassen . . . „Dieser Akt des Wahnsinns oder der Verzweiflung“.

„Ein undurchdringliches Geheimnis“ würde sicher „für immer schweben“, was die gesamte Menschheit betraf. Aber was machte das schon, wenn er allein von allen Menschen das verdammte Wissen nie loswerden konnte? Und Genosse Ossipons Wissen war so präzise, wie der Zeitungsreporter es machen konnte – bis genau zur Schwelle des „Geheimnisses, das dazu bestimmt ist, für immer zu schweben . . . “

Genosse Ossipon war gut informiert. Er wusste, was der Gangway-Mann des Dampfers gesehen hatte: „Eine Dame in einem schwarzen Kleid und einem schwarzen Schleier, die um Mitternacht am Kai entlangwanderte. ‚Fahren Sie mit dem Boot, gnädige Frau?‘, hatte er sie ermutigend gefragt. ‚Hier entlang.‘ Sie schien nicht zu wissen, was sie tun sollte. Er half ihr an Bord. Sie schien schwach zu sein.“

Und er wusste auch, was die Stewardess gesehen hatte: Eine Dame in Schwarz mit einem weißen Gesicht, die inmitten der leeren Damenkabine stand. Die Stewardess bewegte sie dazu, sich dort hinzulegen. Die Dame schien zu keinem Wort bereit, als befände sie sich in einer schrecklichen Notlage. Das Nächste, was die Stewardess wusste, war, dass sie aus der Damenkabine verschwunden war. Die Stewardess ging dann an Deck, um nach ihr zu suchen, und Genosse Ossipon wurde berichtet, dass die gute Frau die unglückliche Dame in einem der überdachten Sitze liegend vorfand. Ihre Augen waren offen, aber sie antwortete auf nichts, was man zu ihr sagte. Sie schien sehr krank. Die Stewardess holte den Obersteward, und diese beiden Leute standen an der Seite des überdachten Sitzes und berieten sich über ihre außergewöhnliche und tragische Passagierin. Sie sprachen in hörbarem Flüstern (denn sie schien außerstande zu hören) von St. Malo und dem dortigen Konsul, davon, ihre Angehörigen in England zu verständigen. Dann gingen sie fort, um ihre Verlegung nach unten vorzubereiten, denn nach dem, was sie von ihrem Gesicht sehen konnten, schien sie ihnen im Sterben zu liegen. Aber Genosse Ossipon wusste, dass hinter jener weißen Maske der Verzweiflung eine Lebenskraft gegen den Terror und die Hoffnungslosigkeit ankämpfte, eine Lebensliebe, die der wütenden Qual widerstehen konnte, die zum Mord treibt, und der Furcht, der blinden, wahnsinnigen Furcht vor dem Galgen. Er wusste es. Aber die Stewardess und der Obersteward wussten nichts, außer dass, als sie nach weniger als fünf Minuten zu ihr zurückkehrten, die Dame in Schwarz nicht mehr auf dem überdachten Sitz war. Sie war nirgendwo. Sie war fort. Es war damals fünf Uhr morgens, und es war auch kein Zufall. Eine Stunde später fand einer der Schiffsjungen einen Ehering, der auf dem Sitz liegen geblieben war. Er war in einem Stück Nässe am Holz festgeklebt, und sein Glanz fiel dem Mann ins Auge. Innen war ein Datum eingraviert: 24. Juni 1879. „Ein undurchdringliches Geheimnis ist dazu bestimmt, für immer . . . zu schweben.“

Und Genosse Ossipon hob sein gebeugtes Haupt, das bei verschiedenen einfachen Frauen dieser Inseln beliebt war, Apollo-gleich in der Sonnigkeit seines Haarbüschels.

Der Professor war unterdessen unruhig geworden. Er erhob sich.

„Bleib“, sagte Ossipon hastig. „Hier, was weißt du schon von Wahnsinn und Verzweiflung?“

Der Professor fuhr mit der Zungenspitze über seine trockenen, dünnen Lippen und sagte belehrend:

„So etwas gibt es nicht. Alle Leidenschaft ist jetzt verloren. Die Welt ist mittelmäßig, schlaff, ohne Kraft. Und Wahnsinn und Verzweiflung sind eine Kraft. Und Kraft ist ein Verbrechen in den Augen der Narren, der Schwachen und der Einfältigen, die das Sagen haben. Du bist mittelmäßig. Verloc, dessen Angelegenheit die Polizei so schön unter den Teppich gekehrt hat, war mittelmäßig. Und die Polizei hat ihn ermordet. Er war mittelmäßig. Jeder ist mittelmäßig. Wahnsinn und Verzweiflung! Gib mir das als Hebel, und ich werde die Welt bewegen. Ossipon, du hast meine herzliche Verachtung. Du bist nicht einmal imstande, das zu begreifen, was der fettgefütterte Bürger ein Verbrechen nennen würde. Du hast keine Kraft.“ Er hielt inne und lächelte hämisch unter dem wilden Glanz seiner dicken Brille.

„Und lass mich dir sagen, dass dieses kleine Erbe, von dem sie sagen, dass du es angetreten hast, deinen Verstand nicht verbessert hat. Du sitzt bei deinem Bier wie ein Dummkopf. Leb wohl.“

„Willst du es haben?“, sagte Ossipon und blickte mit einem idiotischen Grinsen auf.

„Was haben?“

„Das Erbe. Alles davon.“

Der unbestechliche Professor lächelte nur. Seine Kleidung fiel fast von ihm ab, seine Stiefel, formlos durch Reparaturen, schwer wie Blei, ließen bei jedem Schritt Wasser ein. Er sagte:

„Ich werde dir nach und nach eine kleine Rechnung für bestimmte Chemikalien schicken, die ich morgen bestellen werde. Ich brauche sie dringend. Verstanden – eh?“

Ossipon senkte langsam den Kopf. Er war allein. „Ein undurchdringliches Geheimnis . . .“ Es schien ihm, als sähe er, in der Luft vor ihm schwebend, sein eigenes Gehirn im Rhythmus eines undurchdringlichen Geheimnisses pulsieren. Es war eindeutig krank . . . „Dieser Akt des Wahnsinns oder der Verzweiflung.“

Das mechanische Klavier nahe der Tür spielte frech einen Walzer durch, dann verstummte es auf einmal, als wäre es mürrisch geworden.

Genosse Ossipon, genannt der Doktor, verließ das Bierlokal Silenus. An der Tür zögerte er und blinzelte in ein nicht allzu herrliches Sonnenlicht – und das Papier mit dem Bericht über den Selbstmord einer Dame befand sich in seiner Tasche. Sein Herz schlug dagegen. Der Selbstmord einer Dame – dieser Akt des Wahnsinns oder der Verzweiflung.

Er ging die Straße entlang, ohne darauf zu achten, wohin er seine Füße setzte; und er ging in eine Richtung, die ihn nicht zum Treffpunkt mit einer anderen Dame (einer älteren Kindergärtnerin, die ihr Vertrauen in ein Apollo-gleiches, ambrosisches Haupt setzte) bringen würde. Er ging davon weg. Er konnte keiner Frau ins Gesicht sehen. Es war der Ruin. Er konnte weder denken, noch arbeiten, noch schlafen, noch essen. Aber er fing an, mit Vergnügen zu trinken, mit Vorfreude, mit Hoffnung. Es war der Ruin. Seine revolutionäre Laufbahn, gestützt von der Sentimentalität und Vertrauensseligkeit vieler Frauen, wurde von einem undurchdringlichen Geheimnis bedroht – dem Geheimnis eines menschlichen Gehirns, das falsch zum Rhythmus journalistischer Phrasen pulsierte. „. . . Wird für immer über diesem Akt schweben . . . Es neigte sich zur Gosse . . . des Wahnsinns oder der Verzweiflung.“

„Ich bin ernsthaft krank“, murmelte er mit wissenschaftlicher Einsicht zu sich selbst. Bereits marschierte seine robuste Gestalt, mit dem Geld des Geheimdienstes einer Botschaft (geerbt von Herrn Verloc) in den Taschen, in der Gosse, als wäre er für die Aufgabe einer unvermeidlichen Zukunft im Training. Bereits beugte er seine breiten Schultern, seinen Kopf mit den ambrosischen Locken, als wäre er bereit, das lederne Joch des Werbeschilds zu empfangen. Wie in jener Nacht vor mehr als einer Woche ging Genosse Ossipon, ohne darauf zu achten, wohin er seine Füße setzte, fühlte keine Müdigkeit, fühlte nichts, sah nichts, hörte keinen Laut. „Ein undurchdringliches Geheimnis . . .“ Er ging unbeachtet . . . „Dieser Akt des Wahnsinns oder der Verzweiflung.“

Und der unbestechliche Professor ging ebenfalls und wandte seine Augen von der abscheulichen Menge der Menschheit ab. Er hatte keine Zukunft. Er verachtete sie. Er war eine Kraft. Seine Gedanken liebkosten die Bilder von Ruin und Zerstörung. Er ging zerbrechlich, unbedeutend, schäbig, elend – und schrecklich in der Einfachheit seiner Idee, die den Wahnsinn und die Verzweiflung zur Wiedergeburt der Welt aufrief. Niemand sah ihn an. Er ging weiter, unverdächtig und tödlich, wie eine Pest auf der Straße voll von Menschen.

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