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The Sorrows of Young Werther

by Johann Wolfgang von Goethe · in German

DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER

Von J. W. von Goethe

Übersetzt von R. D. Boylan

Herausgegeben von Nathen Haskell Dole

Die Leiden des jungen Werther

VORWORT

Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auftreiben können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, dass ihr mir dafür danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe nicht versagen, und seinem Schicksal eure Tränen nicht verweigern.

Und du, gute Seele, die du denselben Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass dir das Büchlein einen Freund sein, wenn du aus Geschick oder durch eigene Schuld keinen innigeren finden kannst.

BUCH I

4. MAI

Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, von dem ich mich nicht trennen konnte, den ich so innig liebe, und dabei froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir. Waren nicht meine andern Verbindungen vom Schicksal dazu bestimmt, ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnte ich dafür, dass, während die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung gewährten, in ihrem schwachen Herzen eine Leidenschaft für mich entstand? Und doch, bin ich ganz unschuldig? Habe ich nicht ihre Empfindungen genährt? Habe ich mich nicht an jenen wahrhaft wahren Ausdrücken der Natur, die uns, obgleich sie wenig lustig waren, so oft zum Lachen reizten, selbst ergötzt? Habe ich nicht – ach, was ist der Mensch, dass er sich so zu beklagen wagt! Ich verspreche dir, lieber Freund, ich will mich bessern, will nicht mehr, wie ich immer getan, das bisschen Übel, das uns das Schicksal vorsetzt, wiederkäuen; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Du hast gewiss recht, mein Bester, die Schmerzen wären geringer unter den Menschen, wenn sie – Gott weiß, warum sie so geschaffen sind – nicht mit so viel Emsigkeit ihre Einbildungskraft beschäftigten, die Erinnerungen vergangenen Übels zurückzurufen, anstatt ein gleichgültiges Gegenwärtiges zu ertragen. Bitte meine Mutter, dass sie meine Angelegenheiten nach besten Kräften besorge, und ich werde ihr vom ersten Besten Nachricht geben. Ich habe meine Tante gesprochen und finde, sie ist bei weitem nicht die unangenehme Person, die man bei uns vorgibt. Sie ist eine lebhafte, gute Frau, von dem besten Herzen. Ich habe ihr die Ansprüche meiner Mutter wegen des vorenthaltenen Teils ihres Vermögens auseinandergesetzt. Sie sagte mir die Motive und Gründe ihres Betragens, und die Bedingungen, unter denen sie alles herausgeben und mehr tun will, als wir verlangt haben. Kurz, ich will jetzt nicht weiter davon schreiben; versichere meine Mutter, dass alles gut gehen wird. Und ich habe bei dieser Kleinigkeit wieder erfahren, dass Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als Arglist und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener.

Übrigens befinde ich mich hier wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen in dieser paradiesischen Gegend ein köstlicher Balsam, und diese junge Jahreszeit wärmt mit ihrer Fülle mein oft missvergnügtes Herz. Jeder Baum, jeder Strauch ist eine Welt von Blüten, und man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.

Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen ist die Umgebung eine unaussprechliche Schönheit der Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M., auf einem der Hügel, die sich hier in der reizendsten Mannigfaltigkeit kreuzen und die schönsten Täler bilden, einen Garten anzulegen. Der Garten ist einfach, und man fühlt gleich bei dem Eintritt, dass nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein fühlendes Herz den Plan gezeichnet und sich hier selbst genießen wollte. Ich habe schon manches Tränchen im Verfall eines Gartenhauses geweint, das sein Lieblingsort war und nun der meine ist. Ich werde bald Herr des Gartens sein; der Gärtner hat mich in diesen paar Tagen lieb gewonnen, und er wird dabei nicht verlieren.

10. MAI

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und webe in dem Gefühl von Dasein in dieser Gegend, die für Seelen wie die meine geschaffen ist. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in das Gefühl von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin doch nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht und nur einzelne Strahlen in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege und näher an der Erde tausend verschiedene Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! wenn es dann um meine Augen dämmert und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhen wie die Gestalt einer Geliebten, dann sehne ich mich oft und denke: Ach, könntest du das alles wieder niederschreiben, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll und warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! – Mein Freund – aber es ist mich zu Grunde gerichtet, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

12. MAI

Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend flattern oder ob die warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles ringsumher so paradiesisch macht. Da ist vor der Stadt ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich so gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. – Man geht den kleinen Hügel hinunter und findet sich vor einem Gewölbe, wohin man wohl zwanzig Stufen hinabsteigt, und unten das herrlichste Wasser aus dem Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz beschatten, die Kühle des Ortes – das alles hat etwas so Anziehendes, so Feierliches. Es vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da säße. Da kommen die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das unschuldigste Geschäft und das notwendigste, das auch vormals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt das patriarchalische Wesen so lebhaft um mich auf, wie sie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machten und freiten, und wie um die Brunnen und Quellen wohlwollende Geister schweben. O, wer nicht nachempfinden kann, wie einem da zumute ist, der hat wohl auch noch nie nach einer mühseligen Wanderung an einem heißen Sommertage sich an der Kühle eines Brunnens erquickt.

13. MAI

Du fragst, ob du mir Bücher schicken sollst? Mein Lieber, ich bitte dich, verschone mich! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein; braust es doch in meinem Herzen genug von selbst. Ich brauche Wiegenlieder, und ich habe deren eine ganze Anzahl gefunden in meinem Homer. Wie oft wiege ich mein hitziges Blut zur Ruhe! Denn du hast nichts so Ungleiches, so Unbeständiges gesehen wie mein Herz. Aber brauch ich dir das zu sagen, mein Lieber, der du schon so oft die Mühsal ertragen hast, mich von der Trauer in den überschwänglichen Jubel und von süßer Melancholie in verderbliche Leidenschaften übergehen zu sehen? Ich behandle mein Herz wie ein krankes Kind; ihm wird alles gewillfahrt, was es verlangt. Sag das nicht weiter; es gibt Leute, die mir es übel auslegen würden.

15. MAI

Das einfache Volk hier kennt mich schon und hat mich lieb, besonders die Kinder. Wenn ich mich anfangs zu ihnen gesellte und sie nach ihren Kleinigkeiten fragte, meinten manche, ich wollte sie verspotten, und wiesen mich sehr grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen, sondern fühlte nur zu lebhaft, was ich schon oft bemerkt habe: dass Leute von gewissem Stande sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volk halten, als ob sie durch die Annäherung etwas verlören, und dann gibt es leichtfertige Witzlinge, die sich herabzulassen scheinen, um den Armen ihren Hochmut recht fühlen zu lassen. Ich weiß wohl, dass wir nicht gleich sind und nicht gleich sein können, aber ich halte dafür, dass der, welcher nötig hat, das sogenannte gemeine Volk zu meiden, um den Respekt desselben zu verlieren, ebenso tadelhaft ist als ein Feigling, der sich vor dem Feinde versteckt, weil er fürchtet, nicht bestehen zu können. Neulich ging ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, das seinen Wasserkrug auf der untersten Stufe stehen gelassen hatte und sich umsah, ob keine Gespielin käme, ihm auf den Kopf zu helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an. "Soll ich Ihnen helfen, Schönes?" sagte ich. Sie wurde ganz rot. "O nein, Herr!" sagte sie. "Keine Umstände!" Ich half ihr. Sie dankte mir und stieg hinauf.

17. MAI

Ich habe allerlei Bekanntschaften gemacht, aber zur Gesellschaft habe ich noch keinen gefunden. Ich weiß nicht, was ich für einen Reiz für die Menschen habe, so viele mögen mich, hängen an mir, und dann tut es mir leid, wenn der Weg, den wir zusammen gehen, nur eine kleine Strecke ist. Wenn du fragst, wie die Leute hier sind, muss ich sagen: wie überall! Es ist ein eintönig Wesen mit dem menschlichen Geschlecht. Die meisten arbeiten den größten Teil des Tages, um zu leben, und die wenigkeit Freiheit, die ihnen übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie nach allen Mitteln suchen, um sie loszuwerden. O des Menschen Schicksal! Aber sie sind gar gute Leute. Wenn ich mich nur manchmal vergesse und an den unschuldigen Freuden teilnehme, die dem Bauern noch nicht verboten sind, wenn ich etwa recht herzlich und frei um einen wohlbesetzten Tisch sitze, oder wenn es sich schickt, einen Ausflug mache, einen Tanz veranstalte, und so weiter – das wirkt wohl auf mein Wesen; nur muss ich vergessen, dass so viele andere Kräfte in mir brach liegen, die ich sorgfältig verbergen muss. Ach! Das drückt mich so sehr. Und doch, verkannt zu werden ist das Schicksal von unseresgleichen.

Ach, die Freundin meiner Jugend ist dahin! Ach, dass ich sie je gekannt habe! Ich könnte sagen: Du bist ein Tor, dass du suchst, was hier nicht zu finden ist. Aber sie ist mein gewesen. Ich habe jenes Herz, jene edle Seele besessen, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich alles war, was ich sein konnte. Großer Gott! blieb da eine Kraft meiner Seele unangelegt? Konnte ich nicht vor ihr jenes geheimnisvolle Gefühl, mit dem mein Herz die Natur umfasst, in seinem ganzen Umfang entfalten? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben der feinsten Empfindungen, des schärfsten Witzes, deren Ausartungen selbst im Abenteuer den Stempel des Genies trugen? Ach, die wenigen Jahre, die sie älter war als ich, führten sie vor mir ins Grab. Nie werde ich ihren festen Geist, ihre himmlische Geduld vergessen.

Vor einigen Tagen lernte ich einen jungen V. kennen, einen ehrlichen, offenen Menschen mit einem sehr gefälligen Gesicht. Er kommt frisch von der Universität, hält sich nicht für überklug, glaubt aber doch, mehr zu wissen als andere. Er hat viel gearbeitet, wie ich aus manchen Umständen abnehme, kurz, er ist ein ganz gelehrter Kopf. Als er hörte, dass ich viel zeichne und Griechisch kann (zwei wunderliche Dinge für die Leute hier), kam er zu mir und packte seine ganze Gelehrsamkeit aus, von Batteux bis Wood, von De Piles bis Winckelmann, und versicherte mir, er habe die erste Rolle von Sulzers Theorie durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heynes Abhandlung über die Nachahmung der Alten. Ich ließ es alles gelten.

Ich habe auch einen sehr werten Menschen kennen gelernt, den Amtmann, einen offenen, ehrlichen Mann. Man sagt, es sei das herrlichste, ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat. Besonders spricht man von seiner ältesten Tochter mit so viel Liebe. Er hat mich eingeladen, ihn zu besuchen, was ich bei der ersten Gelegenheit tun werde. Er wohnt in einem fürstlichen Jagdschloss, das man in anderthalb Stunden zu Fuß erreicht und das er nach dem Verlust seiner Frau bewohnen darf, weil ihm der Aufenthalt in der Stadt und am Hofe so schmerzlich war.

Es sind mir auch noch einige andere Originale begegnet, die in jeder Hinsicht unerwünscht sind und deren Zudringlichkeit in Sachen der Freundschaft ganz unerträglich ist. Leb wohl. Dieser Brief wird dir gefallen; er ist ganz historisch.

22. MAI

Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir ist es überall so. Wenn ich die Einschränkung sehe, in der die tätigsten und forschendsten Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alles Wirken im Stillen von Bedürfnissen verläuft, die wieder kein anderes Dasein haben, als unsere Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur ein träumendes Aufgeben ist, wenn man die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichtvollen Aussichten bemalt – das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre mich in mich selbst zurück und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begierde als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle so träumend weiter in die Welt.

Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darüber sind alle gelehrte Schulmeister und Doktoren einig; dass aber auch die Erwachsenen, wie die Kinder, auf diesem Erdboden irren, ohne zu wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebenso wenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuits und Kuchen und Ruten regiert werden – das will niemand wahrhaben, obgleich es auf der Hand liegt.

Ich weiß, was du darauf sagen wirst, denn ich gebe gern zu, dass die am glücklichsten sind, die, wie die Kinder, in den Tag hinein leben, ihre Puppen herumschleppen, aus- und anziehen und mit großem Respekt vor dem Schranke herumschleichen, wo Mamma das Zuckerbrot aufbewahrt hat, und wenn sie das ersehnte Stückchen ergattern, es mit vollen Backen verzehren und rufen: "Mehr!" Das sind glückliche Geschöpfe. Aber auch wohl dran sind diejenigen, die ihre kleinen Geschäfte und wohl gar ihre Leidenschaften mit Prahltiteln beschreiben und der Menschheit als Riesentaten zur Heil- und Rettung derselben darstellen. Wer aber die Nichtigkeit von alledem erkennt, der sich freut, wie der Bürger seinen Garten zum Paradies herrichtet, und der sogar den Unmut geduldig erträgt, unter dem er seine Last schleppt, und alle miteinander den Anblick der Sonne noch ein Weilchen länger genießen wollen – ja, der ist wohl zufrieden, denn er baut seine Welt in sich selbst und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und wie eingeschränkt er auch ist, so bewahrt er doch immer im Busen das süße Gefühl der Freiheit und dass er diese Zelle verlassen kann, wann er will.

26. MAI

Du kennst meine Art, mich einzurichten, wie ich mir ein Hüttchen aufsuche, irgendwo in einem einsamen Winkel, und mich mit allen Unbequemlichkeiten abfinde. Hier habe ich auch wieder ein Plätzchen gefunden, das mich recht anspricht. Eine halbe Stunde von der Stadt liegt ein Ort, der Wahlheim heißt. (Man darf sich nicht die Mühe machen, den Ort in der Landkarte zu suchen. Wir haben es für notwendig gehalten, die Namen zu verändern.) Er liegt recht hübsch an einem Hügel, und wenn man aus einem der Fußpfade aus dem Dorfe tritt, überblickt man das ganze Tal. Eine gute Wirtin, die Wein, Bier und Kaffee schenkt, ist munter und angenehm bei ihrem Alter; und das Hauptmerkmal des Ortes sind zwei Linden, die mit ihren breiten Ästen den kleinen Platz vor der Kirche beschatten, die ganz von Bauernhäusern, Scheunen und Gehöften umgeben ist. Ich habe selten einen so traulichen Ort gesehen, und ich lasse mir oft von der Wirtin meinen Tisch und Stuhl aus dem Wirtshaus herausschleppen und trinke da meinen Kaffee und lese meinen Homer. Der Zufall führte mich eines schönen Nachmittags an den Ort, als er ganz öde war. Alle waren auf dem Felde, nur ein kleiner Junge etwa von vier Jahren saß auf der Erde und hielt ein Kind von etwa sechs Monaten zwischen den Knien, drückte es mit beiden Armen an den Busen, was eine kleine Art von Lehnstuhl machte, und obgleich es sehr lebhaft aus den schwarzen Augen guckte, blieb es ganz still. Der Anblick entzückte mich. Ich setzte mich auf einen Pflug gegenüber und zeichnete mit großem Vergnügen dies brüderliche Bild. Ich fügte den Zaun daneben, die Scheunentür und einige zerbrochene Wagenräder hinzu, gerade wie es sich traf, und fand in einer Stunde, dass ich eine sehr richtige und interessante Zeichnung gemacht hatte, ohne das Mindeste von meinem Eigenen hineinzutun. Das bestärkte mich in meinem Vorsatz, mich künftig ganz an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich und sie allein bildet den großen Künstler. Man kann viel für die Regeln sagen, ungefähr was man für die bürgerliche Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Anstand bilden lässt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein Bösewicht werden kann – aber auch, sagen Sie, was Sie wollen, die Regel zerstört das wahre Gefühl der Natur und den wahren Ausdruck derselben! – Sagen Sie nicht: "Es ist zu hart, sie beschneidet nur die überschüssigen Ranken, sie nimmt nur hinweg...!" Mein guter Freund, ich will Ihnen ein Gleichnis geben. Es ist damit wie mit der Liebe. Ein junger Mensch hängt an einem Mädchen, bringt jede Stunde bei ihr zu, verschwendet seine Kräfte, sein Vermögen, um ihr jeden Augenblick zu zeigen, dass er ganz ihr ist. – Da kommt ein Philister, einer, der ein Amt hat, und spricht: "Mein junger Freund, Liebe ist wohl natürlich, aber man muss sie auch vernünftig treiben. Teilen Sie Ihre Zeit ein: die Stunden zur Arbeit, die Erholung gönnen Sie sich bei Ihrer Liebsten. Rechnen Sie Ihr Vermögen nach, und was Sie vom Überfluss übrig haben, das können Sie ihr schenken, nur nicht zu oft, etwa zum Namenstag und dergleichen." Wenn man das befolgt, so wird ein brauchbarer junger Mensch daraus, und ich rate jedem Fürsten, ihn anzustellen, aber seine Liebe ist hin, und wenn er ein Künstler ist, sein Talent ist hin. O mein Freund! warum muss der Strom des Genies so selten ausbrechen, so selten in einem mächtigen Strome heraustreten, eure staunende Seele erschüttern? Weil, mein Bester, diesseits und jenseits auf beiden Seiten des Stroms wohlgeartete Leute wohnen, deren Sommerhäuschen, deren Tulpenbeete, deren Krautgärten untergehen würden, wenn sie den Strom nicht rechtzeitig abzuleiten wüssten.

27. MAI

Ich merke, dass ich in Entzücken, Deklamationen und Gleichnisse verfallen bin und darüber ganz vergessen habe, Ihnen zu sagen, was aus den Kindern geworden ist. Vertieft in meine künstlerischen Betrachtungen, die ich in meinem Brief von gestern kurz beschrieb, saß ich noch zwei Stunden auf dem Pflug. Gegen Abend kam ein junges Weib mit einem Korb am Arm auf die Kinder zugelaufen, die sich die ganze Zeit über nicht von der Stelle gerührt hatten. Sie rief schon von weitem: „Du bist ein braver Junge, Philipp!“ Sie grüßte mich; ich erwiderte den Gruß, stand auf und trat auf sie zu. Ich fragte sie, ob sie die Mutter dieser hübschen Kinder sei. „Ja“, sagte sie, gab dem Ältesten ein Stück Brot, nahm das Kleine auf den Arm und küsste es mit mütterlicher Zärtlichkeit. „Ich habe mein Kind in Philipps Obhut gelassen“, sagte sie, „während ich mit meinem Ältesten in die Stadt ging, um Weißbrot, etwas Zucker und einen irdenen Topf zu kaufen.“ Ich sah die verschiedenen Dinge in dem Korb, aus dem der Deckel gefallen war. „Ich werde heute Abend eine Suppe für meinen kleinen Hans kochen“ (so hieß der Jüngste): „dieser wilde Kerl, der Große, hat mir gestern den Topf zerbrochen, als er sich mit Philipp um den Rest des Inhalts balgte.“ Ich fragte nach dem Ältesten; und sie hatte kaum Zeit mir zu sagen, dass er ein paar Gänse von der Wiese nach Hause treibe, da lief er schon heran und überreichte Philipp eine Weidenrute. Ich sprach noch ein wenig mit der Frau und erfuhr, dass sie die Tochter des Schulmeisters sei und ihr Mann auf eine Reise in die Schweiz gegangen sei, um Geld zu holen, das ihm ein Verwandter hinterlassen habe. „Sie wollten ihn betrügen“, sagte sie, „und wollten seine Briefe nicht beantworten; also ist er selbst hingereist. Ich hoffe, ihm ist kein Unglück zugestoßen, denn ich habe seit seinem Aufbruch nichts mehr von ihm gehört.“ Ich verließ die Frau mit Bedauern, gab jedem der Kinder einen Kreuzer, und einen zusätzlichen für den Jüngsten, damit er sich beim nächsten Stadtbesuch Weißbrot für seine Suppe kaufen könne; und so trennten wir uns. Ich versichere Ihnen, mein lieber Freund, wenn meine Gedanken in Aufruhr sind, beruhigt der Anblick eines solchen Geschöpfes meinen gepeinigten Geist. Sie bewegt sich in einer glücklichen Gedankenlosigkeit innerhalb des engen Kreises ihres Daseins; sie bestreitet ihre Bedürfnisse von Tag zu Tag; und wenn sie die Blätter fallen sieht, entsteht in ihrem Geist kein anderer Gedanke, als dass der Winter naht. Seit jener Zeit bin ich oft dorthin gegangen. Die Kinder sind ganz vertraut mit mir geworden; und jedes bekommt ein Stückchen Zucker, wenn ich meinen Kaffee trinke, und abends teilen sie mein Brot mit Milch und Butter. Sonntags bekommen sie immer ihren Kreuzer, denn die gute Frau hat Anweisung, ihn ihnen zu geben, wenn ich nach dem Abendgottesdienst nicht dorthin komme. Sie sind ganz bei mir zu Hause, erzählen mir alles; und ich amüsiere mich besonders, wenn ich ihr Wesen und die Einfachheit ihres Betragens beobachte, wenn einige der anderen Dorfjugend mit ihnen versammelt sind.

Es hat mich viel Mühe gekostet, die Besorgnis der Mutter zu stillen, dass sie (wie sie sagt) „dem Herrn nicht lästig fallen sollten“.

30. MAI.

Was ich neulich über die Malerei gesagt habe, gilt gleichermaßen für die Dichtkunst. Wir müssen nur wissen, was wirklich vortrefflich ist, und es wagen, ihm Ausdruck zu verleihen; und das ist viel in wenigen Worten gesagt. Heute habe ich eine Szene erlebt, die, wenn man sie wörtlich wiedergäbe, das schönste Idyll der Welt ergeben würde. Aber warum sollte ich von Dichtkunst, Szenen und Idyllen sprechen? Können wir uns denn niemals an der Natur erfreuen, ohne auf die Kunst zurückzugreifen?

Wenn Sie von dieser Einleitung etwas Großartiges oder Prächtiges erwarten, werden Sie sich schwer täuschen. Es handelt sich lediglich um einen Bauernjungen, der mein wärmstes Interesse geweckt hat. Wie üblich werde ich meine Geschichte schlecht erzählen; und Sie werden mich, wie üblich, für überspannt halten. Es ist wieder Walheim – immer wieder Walheim –, das diese wunderbaren Phänomene hervorbringt.

Eine Gesellschaft hatte sich vor dem Haus unter den Linden versammelt, um Kaffee zu trinken. Die Gesellschaft gefiel mir nicht sonderlich; und unter einem Vorwand oder einem anderen blieb ich zurück.

Ein Bauer kam aus einem Nachbarhaus und machte sich daran, einen Teil desselben Pfluges zu richten, den ich neulich skizziert hatte. Sein Aussehen gefiel mir; ich sprach ihn an, erkundigte mich nach seinen Verhältnissen, machte seine Bekanntschaft und wurde, wie es bei mir mit Leuten dieses Standes so Brauch ist, bald in sein Vertrauen gezogen. Er sagte, er stehe im Dienst einer jungen Witwe, die große Stücke auf ihn halte. Er sprach so viel von seiner Herrin und lobte sie so maßlos, dass ich bald sehen konnte, dass er hoffnungslos in sie verliebt war. „Sie ist nicht mehr jung“, sagte er, „und ihr früherer Mann hat sie so schlecht behandelt, dass sie nicht mehr heiraten will.“ Aus seiner Schilderung ging so deutlich hervor, welch unvergleichliche Reize sie für ihn besaß und wie sehr er sich wünschte, sie möchte ihn erwählen, um die Erinnerung an das Fehlverhalten ihres ersten Mannes auszulöschen, dass ich seine eigenen Worte wiederholen müsste, um die Tiefe der Zuneigung, der Wahrheit und der Hingabe des armen Kerls zu beschreiben. Es bedürfte tatsächlich der Gaben eines großen Dichters, um den Ausdruck seiner Züge, die Harmonie seiner Stimme und das himmlische Feuer seiner Augen zu vermitteln. Keine Worte können die Zärtlichkeit jeder seiner Bewegungen und jedes Gesichtszuges schildern: Kein Bemühen meinerseits könnte der Szene gerecht werden. Seine Sorge, ich könnte seine Stellung in Bezug auf seine Herrin missverstehen oder die Anständigkeit ihres Verhaltens in Zweifel ziehen, hat mich besonders berührt. Die bezaubernde Art, mit der er ihre Gestalt und ihre Person beschrieb, die ihn, ohne die Anmut der Jugend zu besitzen, für sich einnahm und an sie fesselte, ist unaussprechlich und muss der Phantasie überlassen bleiben. Ich habe noch nie in meinem Leben eine solch tiefe Hingabe, solch glühende Zuneigung, verbunden mit so viel Reinheit, gesehen, mir vorgestellt oder für möglich gehalten. Verargen Sie mir nicht, wenn ich sage, dass die Erinnerung an diese Unschuld und Wahrheit tief in meine Seele eingeprägt ist; dass dieses Bild von Treue und Zärtlichkeit mich überallhin verfolgt; und dass mein eigenes Herz, als wäre es von der Flamme entzündet, in mir glüht und brennt.

Ich habe nun vor, zu versuchen, sie so bald wie möglich zu sehen: oder vielleicht, beim zweiten Nachdenken, wäre es besser, ich täte es nicht; es ist besser, ich betrachte sie durch die Augen ihres Liebhabers. In meinen Augen würde sie vielleicht nicht so erscheinen, wie sie jetzt vor mir steht; und warum sollte ich ein so süßes Bild zerstören?

16. JUNI.

„Warum schreibe ich dir nicht?“ Du nennst dich gelehrt und stellst eine solche Frage. Du hättest erraten sollen, dass es mir gut geht – das heißt – mit einem Wort, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz gewonnen hat: Ich habe – ich weiß nicht.

Dir einen ordentlichen Bericht darüber zu geben, wie ich die liebenswürdigste aller Frauen kennengelernt habe, wäre eine schwierige Aufgabe. Ich bin ein glücklicher und zufriedener Sterblicher, aber ein armer Geschichtsschreiber.

Ein Engel! Unsinn! Jeder beschreibt so seine Geliebte; und doch finde ich es unmöglich, dir zu sagen, wie vollkommen sie ist oder warum sie so vollkommen ist: genug zu sagen, sie hat alle meine Sinne gefangen genommen.

So viel Einfachheit bei so viel Verstand – so sanft und doch so entschlossen – ein Geist so gelassen und ein Leben so tätig.

Aber das alles ist hässliches Geschwätz, das keinen einzigen Charakterzug noch ein Merkmal ausdrückt. Ein andermal – aber nein, nicht ein andermal, jetzt, in diesem Augenblick, will ich dir alles darüber erzählen. Jetzt oder nie. Nun, unter uns, seit ich meinen Brief begonnen habe, war ich dreimal kurz davor, die Feder hinzuschmeißen, mein Pferd zu bestellen und auszureiten. Und doch habe ich heute Morgen geschworen, dass ich heute nicht reiten würde, und doch laufe ich jeden Augenblick zum Fenster, um zu sehen, wie hoch die Sonne steht.

Ich konnte mich nicht beherrschen – ich muss zu ihr. Ich bin gerade zurückgekommen, Wilhelm; und während ich zu Abend esse, schreibe ich dir. Welche Wonne war es für meine Seele, sie inmitten ihrer lieben, wunderschönen Kinder zu sehen – acht Geschwister!

Aber wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende meines Briefes nicht klüger sein als am Anfang. Pass also auf, und ich werde mich zwingen, dir die Einzelheiten zu geben.

Ich habe dir neulich erwähnt, dass ich S—, den Amtmann, kennengelernt habe und dass er mich eingeladen habe, ihn in seiner Zurückgezogenheit, oder vielmehr in seinem kleinen Königreich, zu besuchen. Aber ich habe es versäumt zu gehen und wäre vielleicht niemals gegangen, wenn der Zufall mir nicht den Schatz enthüllt hätte, der an jenem abgelegenen Ort verborgen lag. Einige unserer jungen Leute hatten vorgeschlagen, einen Ball auf dem Lande zu geben, bei dem ich mich bereit erklärte, zugegen zu sein. Ich bot den Abend über einer hübschen und angenehmen, aber recht mittelmäßigen Art von Mädchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft meine Hand an; und es wurde vereinbart, dass ich eine Kutsche mieten und Charlotte mit meiner Partnerin und ihrer Tante abholen sollte, um sie zum Ball zu bringen. Meine Begleiterin teilte mir auf der Fahrt durch den Park zum Jagdschloss mit, dass ich die Bekanntschaft einer sehr reizenden jungen Dame machen würde. „Hüten Sie sich“, fügte die Tante hinzu, „dass Sie Ihr Herz nicht verlieren.“ „Warum?“, sagte ich. „Weil sie bereits einem sehr werten Mann versprochen ist“, antwortete sie, „der verreist ist, um nach dem Tod seines Vaters seine Angelegenheiten zu regeln, und der ein sehr beträchtliches Erbe antreten wird.“ Diese Nachricht interessierte mich nicht. Als wir am Tor ankamen, ging die Sonne hinter den Gipfeln der Berge unter. Die Atmosphäre war schwül; und die Damen äußerten ihre Befürchtungen wegen eines herannahenden Gewitters, da sich am Horizont Massen von tiefen schwarzen Wolken zusammenballten. Ich beruhigte ihre Sorgen, indem ich vorgab, wetterkundig zu sein, obwohl ich selbst einige Befürchtungen hatte, unsere Freude könne unterbrochen werden.

Ich stieg aus; und ein Dienstmädchen kam zur Tür und bat uns, einen Augenblick auf ihre Herrin zu warten. Ich ging über den Hof zu einem wohlgebauten Haus, stieg die Freitreppe hinauf, öffnete die Tür und sah vor mir das reizendste Schauspiel, das ich je erlebt hatte. Sechs Kinder im Alter von elf bis zwei Jahren liefen in der Halle umher und umringten eine Dame von mittlerer Größe mit einer schönen Figur, bekleidet mit einem einfachen weißen Kleid, das mit rosa Bändern verziert war. Sie hielt einen Laib Roggenbrot in der Hand und schnitt für die Kleinen ringsum Scheiben ab, dem Alter und dem Appetit entsprechend. Sie verrichtete ihre Aufgabe auf eine anmutige und liebevolle Weise; jeder Bittsteller wartete mit ausgestreckten Händen auf die Reihe und rief stürmisch seinen Dank. Einige liefen sofort weg, um ihr Abendessen zu genießen; während andere, von sanfterem Gemüt, sich in den Hof zurückzogen, um die Fremden zu sehen und die Kutsche zu betrachten, in der ihre Charlotte fortfahren sollte. „Bitte verzeihen Sie mir die Mühe, die ich Ihnen gemacht habe, mich abzuholen, und dass ich die Damen habe warten lassen: aber das Ankleiden und das Erledigen einiger häuslicher Pflichten, bevor ich gehe, ließen mich das Abendessen meiner Kinder vergessen; und sie wollen es von niemand anderem als von mir nehmen.“ Ich brachte irgendein gleichgültiges Kompliment hervor: aber meine ganze Seele war von ihrem Wesen, ihrer Stimme, ihrem Gebaren absorbiert; und ich hatte mich kaum erholt, als sie in ihr Zimmer rannte, um ihre Handschuhe und ihren Fächer zu holen. Die Kleinen warfen aus der Ferne forschende Blicke auf mich; während ich auf den Jüngsten zuging, ein köstliches kleines Geschöpf. Er wich zurück; und Charlotte, die gerade in diesem Moment eintrat, sagte: „Louis, gib deinem Vetter die Hand.“ Der Kleine gehorchte willig; und ich konnte nicht umhin, ihm einen herzhaften Kuss zu geben, ungeachtet seines etwas schmutzigen Gesichts. „Vetter“, sagte ich zu Charlotte, als ich ihr aus der Kutsche half, „glauben Sie, dass ich das Glück verdiene, mit Ihnen verwandt zu sein?“ Sie antwortete mit einem bereiten Lächeln: „Oh! Ich habe so viele Vettern, dass es mir leidtäte, wenn Sie der unverdienteste von allen wären.“ Beim Abschied bat sie ihre nächste Schwester, Sophy, ein Mädchen von etwa elf Jahren, gut auf die Kinder aufzupassen und Papa von ihr Lebwohl zu sagen, wenn er von seinem Ritt nach Hause käme. Sie schärfte den Kleinen ein, ihrer Schwester Sophy so zu gehorchen, wie sie es ihr gegenüber täten, woraufhin einige versprachen, dies zu tun; aber ein kleines blondes Mädchen von etwa sechs Jahren sah unzufrieden aus und sagte: „Aber Sophy bist nicht du, Charlotte; und dich haben wir am liebsten.“ Die beiden ältesten Jungen waren auf die Kutsche geklettert; und auf meine Bitte hin erlaubte sie ihnen, uns ein Stück durch den Wald zu begleiten, unter dem Versprechen, ganz still zu sitzen und sich gut festzuhalten.

Wir hatten kaum Platz genommen, und die Damen hatten kaum Komplimente gewechselt, wobei sie die üblichen Bemerkungen über die Kleidung der anderen und über die Gesellschaft machten, die sie zu treffen erwarteten, als Charlotte die Kutsche anhalten ließ und ihre Brüder absteigen ließ. Sie bestanden darauf, ihr noch einmal die Hände zu küssen; was der Älteste mit aller Zärtlichkeit eines Jünglings von fünfzehn Jahren tat, der andere jedoch auf leichtere und unbekümmertere Weise. Sie bat sie noch einmal, den Kindern ihre Liebe auszurichten, und wir fuhren davon.

Die Tante fragte Charlotte, ob sie das Buch zu Ende gelesen habe, das sie ihr zuletzt geschickt hatte. „Nein“, sagte Charlotte; „es hat mir nicht gefallen: du kannst es wiederhaben. Und das davor war nicht viel besser.“ Ich war überrascht, als ich nach dem Titel fragte, zu hören, dass es ____ war. (Wir sehen uns genötigt, die Passage im Brief zu unterdrücken, um niemanden zu kränken; obwohl kein Autor sich viel um die Meinung eines bloßen Mädchens oder eines unbeständigen jungen Mannes zu scheren braucht.)

Ich fand Scharfsinn und Charakter in allem, was sie sagte: Jeder Ausdruck schien ihre Züge mit neuen Reizen zu erhellen – mit neuen Funken von Genialität –, die sich nach und nach entfalteten, sobald sie sich verstanden fühlte.

„Als ich jünger war“, bemerkte sie, „liebte ich nichts so sehr wie Romane. Nichts kam meiner Freude gleich, wenn ich mich an einem Feiertag ruhig in eine Ecke setzen und mit ganzem Herzen und ganzer Seele in die Freuden oder Leiden einer fiktiven Leonora eintauchen konnte. Ich leugne nicht, dass sie auch jetzt noch einen gewissen Reiz für mich haben. Aber ich lese so selten, dass ich Bücher bevorzuge, die genau auf meinen Geschmack zugeschnitten sind. Und am meisten mag ich jene Autoren, deren Szenen meine eigene Lebenssituation beschreiben – und die Freunde, die mich umgeben, deren Geschichten mich mit Interesse berühren, weil sie meiner eigenen häuslichen Existenz gleichen –, die, ohne direkt das Paradies zu sein, im Großen und Ganzen eine Quelle unbeschreiblichen Glücks ist.“

Ich versuchte, die Ergriffenheit zu verbergen, die diese Worte bei mir hervorriefen, aber es nützte wenig; denn als sie ihre Meinung über „Der Pfarrer von Wakefield“ und andere Werke, deren Namen ich weg lasse (Obwohl die Namen weggelassen sind, verdienen die erwähnten Autoren Charlottes Anerkennung und werden sie in ihren Herzen fühlen, wenn sie diese Passage lesen. Es betrifft keine andere Person.), so wahrhaftig geäußert hatte, konnte ich mich nicht länger beherrschen, sondern gab dem, was ich darüber dachte, freien Lauf: und erst als Charlotte sich an die beiden anderen Damen wandte, erinnerte ich mich ihrer Anwesenheit und bemerkte, wie sie stumm vor Erstaunen dasaßen. Die Tante sah mich mehrmals mit einem spöttischen Blick an, der mich jedoch überhaupt nicht kümmerte.

Wir sprachen über die Freuden des Tanzens. „Wenn es ein Fehler ist, es zu lieben“, sagte Charlotte, „bin ich bereit zuzugeben, dass ich es über alle anderen Vergnügungen schätze. Wenn mich etwas bedrückt, setze ich mich ans Klavier, spiele eine Weise, zu der ich getanzt habe, und alles wird sofort wieder gut.“

Du, der du mich kennst, kannst dir vorstellen, wie standhaft ich während dieser Bemerkungen in ihre reichen dunklen Augen starrte, wie meine Seele förmlich an ihren warmen Lippen und frischen, glühenden Wangen hing, wie ich mich ganz in der entzückenden Bedeutung ihrer Worte verlor, so sehr, dass ich die eigentlichen Ausdrücke kaum hörte. Kurz gesagt, ich stieg aus der Kutsche wie ein Mensch im Traum und war so entrückt von der trüben Welt um mich herum, dass ich die Musik, die aus dem erleuchteten Ballsaal schallte, kaum hörte.

Die beiden Herren Andran und ein gewisser N. N. (ich kann mir mit den Namen keine Mühe machen), die die Partner der Tante und Charlottes waren, nahmen uns an der Kutschentür in Empfang und bemächtigten sich ihrer Damen, während ich mit meiner folgte.

Wir begannen mit einem Menuett. Ich forderte eine Dame nach der anderen auf, und gerade diejenigen, die am unangenehmsten waren, konnten sich nicht dazu durchringen, aufzuhören. Charlotte und ihr Partner begannen einen englischen Kontratanz, und du musst dir meine Wonne vorstellen, als sie an der Reihe waren, die Figur mit uns zu tanzen. Du solltest Charlotte tanzen sehen. Sie tanzt mit ganzem Herzen und ganzer Seele: ihre Gestalt ist lauter Harmonie, Eleganz und Anmut, als ob sie sich dessen gar nicht bewusst wäre und keinen anderen Gedanken oder kein anderes Gefühl hätte; und zweifellos ist in diesem Augenblick jedes andere Empfinden ausgelöscht.

Sie war für den zweiten Kontratanz vergeben, versprach mir aber den dritten und versicherte mir mit der angenehmsten Freiheit, dass sie sehr gerne Walzer tanze. „Es ist hier Sitte“, sagte sie, „dass die bisherigen Partner miteinander walzen; aber mein Partner ist ein mittelmäßiger Walzer und wird sich freuen, wenn ich ihm die Mühe erspare. Dein Partner darf nicht walzen und ist zudem ebenso unfähig: aber ich habe während des Kontratanzes bemerkt, dass du gut walzt; wenn du also mit mir walzen willst, bitte ich dich, schlage es meinem Partner vor, und ich werde es deinem vorschlagen.“ Wir einigten uns, und es wurde vereinbart, dass unsere Partner einander unterhalten sollten.

Wir legten los und erfreuten uns zunächst an den üblichen anmutigen Bewegungen der Arme. Mit welcher Anmut, mit welcher Leichtigkeit sie sich bewegte! Als der Walzer begann und sich die Tänzer in wirbelndem Rausch umeinander drehten, gab es einiges Durcheinander, bedingt durch die Unfähigkeit einiger Tänzer. Wir blieben klugerweise stehen und ließen die anderen sich ermüden; und als die ungeschickten Tänzer sich zurückgezogen hatten, stiegen wir ein und hielten es prächtig zusammen mit einem anderen Paar aus – Andran und seine Partnerin. Niemals tanzte ich leichter. Ich fühlte mich mehr als sterblich, hielt dieses lieblichste aller Geschöpfe in meinen Armen, flog mit ihr so schnell wie der Wind, bis ich jedes andere Objekt aus den Augen verlor; und o Wilhelm, ich schwor in diesem Augenblick, dass ein Mädchen, das ich liebte, oder für das ich die geringste Zuneigung empfand, niemals, niemals mit jemand anderem walzen dürfte als mit mir, selbst wenn ich darüber in Verdammnis geriete! – du wirst das verstehen.

Wir drehten ein paar Runden im Zimmer, um zu Atem zu kommen. Charlotte setzte sich und erfrischte sich mit ein paar Orangen, die ich hatte sichern lassen – die einzigen, die übrig geblieben waren; aber bei jeder Scheibe, die sie aus Höflichkeit ihren Nachbarn anbot, fühlte ich, als ginge mir ein Dolch durch das Herz.

Wir waren das zweite Paar im dritten Kontratanz. Während wir hinuntergingen (und der Himmel weiß, mit welcher Ekstase ich ihre Arme und Augen betrachtete, die vom süßesten Gefühl reinen und echten Vergnügens strahlten), kamen wir an einer Dame vorbei, die mir wegen ihres bezaubernden Gesichtsausdrucks aufgefallen war; obwohl sie nicht mehr jung war. Sie sah Charlotte mit einem Lächeln an, hob dann drohend den Finger und wiederholte zweimal in einem sehr bedeutungsvollen Tonfall den Namen „Albert“.

„Wer ist Albert“, sagte ich zu Charlotte, „wenn ich so unbescheiden sein darf zu fragen?“ Sie wollte gerade antworten, als wir uns trennen mussten, um eine Figur im Tanz auszuführen; und als wir beim Herüberwechseln wieder aneinander vorbeikamen, bemerkte ich, dass sie etwas nachdenklich aussah. „Warum sollte ich es Ihnen verhehlen?“, sagte sie, als sie mir beim Herumführen die Hand reichte. „Albert ist ein braver Mann, mit dem ich verlobt bin.“ Nun war das für mich nichts Neues (denn die Mädchen hatten es mir unterwegs erzählt); aber es war insofern neu, als ich es nicht in Verbindung mit ihr gebracht hatte, die ich in so kurzer Zeit so sehr schätzen gelernt hatte. Genug, ich wurde verwirrt, kam bei der Figur aus dem Takt und verursachte allgemeine Verwirrung; sodass es Charlottes ganzer Geistesgegenwart bedurfte, um mich durch Ziehen und Stoßen wieder an meinen richtigen Platz zu bringen.

Der Tanz war noch nicht beendet, als das Wetterleuchten, das man schon einige Zeit am Horizont gesehen hatte und von dem ich behauptet hatte, es rühre gänzlich von der Hitze her, heftiger wurde; und der Donner war über der Musik zu vernehmen. Wenn uns inmitten unserer Vergnügungen Not oder Schrecken überrascht, macht es natürlich einen tieferen Eindruck als zu anderen Zeiten, sei es, weil der Kontrast uns empfänglicher macht oder vielleicht vielmehr, weil unsere Sinne dann offener für Eindrücke sind und der Stoß folglich stärker ist. Diesem Umstand muss ich den Schrecken und das Kreischen der Damen zuschreiben. Eine setzte sich klugerweise in eine Ecke, den Rücken zum Fenster gekehrt, und hielt sich die Finger auf die Ohren; eine zweite kniete vor ihr nieder und verbarg ihr Gesicht in ihrem Schoß; eine dritte warf sich zwischen sie und umarmte ihre Schwester unter tausend Tränen; einige bestanden darauf, nach Hause zu gehen; andere, ihrer Handlungen unbewusst, besaßen nicht genug Geistesgegenwart, um die Zudringlichkeit ihrer jungen Partner abzuwehren, die jene Seufzer auf sich lenken wollten, welche die Lippen unserer aufgeregten Schönheiten für den Himmel bestimmt hatten. Einige der Herren waren nach unten gegangen, um eine stille Zigarre zu rauchen, und der Rest der Gesellschaft nahm dankbar den glücklichen Vorschlag der Gastgeberin an, sich in ein anderes Zimmer zurückzuziehen, das mit Fensterläden und Vorhängen versehen war. Wir waren kaum dort angekommen, als Charlotte die Stühle im Kreis aufstellte; und als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte hin gesetzt hatte, schlug sie sogleich ein Gesellschaftsspiel vor.

Ich bemerkte, wie einige der Anwesenden ihre Münder vorbereiteten und sich in Erwartung eines angenehmen Pfandes aufrichteten. „Lassen Sie uns zählen“, sagte Charlotte. „Nun, geben Sie Acht: Ich werde den Kreis von rechts nach links durchgehen; und jeder soll der Reihe nach die Zahl sagen, die ihm zukommt, und zwar schnell; wer innehält oder sich irrt, bekommt eine Ohrfeige, und so weiter, bis wir bis tausend gezählt haben.“ Es war herrlich, den Spaß zu sehen. Sie ging mit erhobenem Arm durch den Kreis. „Eins“, sagte der Erste; „zwei“, der Zweite; „drei“, der Dritte; und so weiter, bis Charlotte immer schneller wurde. Eine machte einen Fehler, augenblicklich eine Ohrfeige; und inmitten des Gelächters, das folgte, kam die nächste Ohrfeige; und so weiter, immer schneller. Ich selbst bekam zwei ab. Ich bildete mir ein, sie seien härter als die anderen, und fühlte mich ganz entzückt. Ein allgemeines Gelächter und Durcheinander beendete das Spiel, lange bevor wir bis tausend gezählt hatten. Die Gesellschaft löste sich in kleine, getrennte Gruppen auf: das Gewitter hatte aufgehört, und ich folgte Charlotte in den Ballsaal. Unterwegs sagte sie: „Das Spiel hat ihre Furcht vor dem Gewitter verbannt.“ Ich konnte nicht antworten. „Ich selbst“, fuhr sie fort, „war genauso erschrocken wie jede andere; aber indem ich Mut heuchelte, um die Stimmung der anderen aufrechtzuerhalten, vergaß ich meine Ängste.“ Wir gingen zum Fenster. In der Ferne donnerte es noch immer: Ein sanfter Regen ergoss sich über das Land und erfüllte die Luft um uns herum mit köstlichen Düften. Charlotte lehnte sich auf ihren Arm vor; ihre Augen schweiften über die Szenerie; sie hob sie zum Himmel und wandte sie dann mir zu; sie waren von Tränen benetzt; sie legte ihre Hand auf meine und sagte: „Klopstock!“ Sofort erinnerte ich mich an die großartige Ode, die ihr im Sinn lag: Ich fühlte mich von der Last meiner Empfindungen erdrückt und sank unter ihnen zusammen. Es war mehr, als ich ertragen konnte. Ich beugte mich über ihre Hand, küsste sie in einem Strom köstlicher Tränen und sah wieder zu ihren Augen auf. Göttlicher Klopstock! Warum hast du deine Apotheose nicht in diesen Augen gesehen? Und deinen Namen, der so oft geschändet wird, wollte Gott, ich hätte ihn nie wiederholen hören!

19. JUNI.

Ich weiß nicht mehr, wo ich in meiner Erzählung aufgehört habe: Ich weiß nur, dass es zwei Uhr morgens war, als ich zu Bett ging; und wenn Sie bei mir gewesen wären, sodass ich hätte sprechen können, anstatt Ihnen zu schreiben, hätte ich Sie aller Wahrscheinlichkeit nach bis zum Tagesanbruch wachgehalten.

Ich glaube, ich habe noch nicht erzählt, was geschah, als wir vom Ball nach Hause ritten, und ich habe auch jetzt keine Zeit dazu. Es war ein herrlicher Sonnenaufgang: Das ganze Land war erfrischt, und der Regen fiel Tropfen für Tropfen von den Bäumen im Wald. Unsere Gefährten schliefen. Charlotte fragte mich, ob ich nicht auch schlafen wolle, und bat mich, ihretwegen keine Umstände zu machen. Ich sah sie fest an und antwortete: „Solange ich diese Augen offen sehe, habe ich keine Furcht, einzuschlafen.“ Wir blieben beide wach, bis wir ihre Tür erreichten. Das Dienstmädchen öffnete sie leise und versicherte ihr auf ihre Fragen hin, dass ihr Vater und die Kinder wohlauf seien und noch schliefen. Ich verließ sie, nachdem ich um Erlaubnis gebeten hatte, sie im Laufe des Tages zu besuchen. Sie willigte ein, und ich ging, und seit jener Zeit mögen Sonne, Mond und Sterne ihren Lauf nehmen: Ich weiß nicht, ob Tag oder Nacht ist; die ganze Welt ist mir nichts.

21. JUNI.

Meine Tage sind so glücklich wie jene, die Gott seinen Auserwählten vorbehält; und was auch immer mein Schicksal in Zukunft sein mag, ich kann niemals sagen, dass ich keine Freude gekostet habe – die reinste Freude des Lebens. Sie kennen Walheim. Ich bin jetzt dort ganz niedergelassen. An jenem Ort bin ich nur eine halbe Meile von Charlotte entfernt; und dort erfreue ich mich und koste alles Vergnügen, das einem Menschen zuteilwerden kann.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, als ich Walheim für meine Fußmärsche auswählte, dass der ganze Himmel so nahe daran läge. Wie oft habe ich auf meinen Wanderungen vom Hügel oder von den Wiesen jenseits des Flusses dieses Jagdhaus erblickt, das nun alle Freude meines Herzens in sich birgt!

Ich habe oft, mein lieber Wilhelm, über den Eifer nachgedacht, den die Menschen verspüren, zu wandern und neue Entdeckungen zu machen, und über jenen geheimen Drang, der sie später dazu neigt, in ihren engen Kreis zurückzukehren, sich den Gesetzen der Gewohnheit zu unterwerfen und sich nicht länger mit dem zu belasten, was um sie herum geschieht.

Es ist so seltsam, wie ich, als ich das erste Mal hierher kam und von der Anhöhe auf jenes liebliche Tal blickte, von der ganzen Umgebung bezaubert war. Das kleine Wäldchen gegenüber – wie herrlich, unter seinem Schatten zu sitzen! Wie schön die Aussicht von jenem Felsenpunkt! Dann jene herrliche Hügelkette und die vorzüglichen Täler zu ihren Füßen! Könnte ich doch umherwandern und mich unter ihnen verlieren! Ich ging und kehrte zurück, ohne das zu finden, was ich wünschte. Die Ferne, mein Freund, ist wie die Zukunft. Eine dunkle Weite breitet sich vor unseren Seelen aus: Die Wahrnehmungen unseres Geistes sind so unklar wie die unseres Gesichts; und wir verlangen ernsthaft danach, unser ganzes Wesen aufzugeben, damit es mit der vollkommenen und vollendeten Glückseligkeit eines einzigen glorreichen Gefühls erfüllt werde. Aber ach! Wenn wir unser Ziel erreicht haben, wenn das ferne Dort zum gegenwärtigen Hier wird, ist alles verändert: Wir sind so arm und beschränkt wie eh und je, und unsere Seelen schmachten noch immer nach unerreichbarem Glück.

So lechzt der rastlose Wanderer nach seiner Heimat, und findet in seiner eigenen Hütte, in den Armen seiner Frau, in der Zuneigung seiner Kinder und in der Arbeit, die zu ihrem Unterhalt notwendig ist, jenes Glück, das er vergeblich in der weiten Welt gesucht hatte.

Wenn ich morgens bei Sonnenaufgang nach Walheim gehe und mit meinen eigenen Händen im Garten die Erbsen pflücke, die zu meinem Mittagessen dienen sollen, wenn ich mich hinsetze, um sie auszupulen, und zwischendurch meinen Homer lese, und dann, nachdem ich einen Kochtopf aus der Küche gewählt habe, meine eigene Butter hole, mein Gericht auf das Feuer setze, es zudecke und mich hinsetze, um es nach Bedarf umzurühren, stelle ich mir die berühmten Freier der Penelope vor, die ihre eigenen Ochsen und Schweine schlachten, ausnehmen und zubereiten. Nichts erfüllt mich mit einem reineren und wahrhaftigeren Gefühl von Glück als diese Züge des patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank! ohne Affektiertheit nachahmen kann. Glücklich ist es wahrlich für mich, dass mein Herz fähig ist, dasselbe einfache und unschuldige Vergnügen zu empfinden wie der Bauer, dessen Tisch mit Speisen aus eigenem Anbau gedeckt ist und der nicht nur seine Mahlzeit genießt, sondern sich mit Entzücken an die glücklichen Tage und sonnigen Morgen erinnert, an denen er sie pflanzte, an die lauen Abende, an denen er sie goss, und an das Vergnügen, das er dabei empfand, ihrem täglichen Wachstum zuzusehen.

29. JUNI.

Vorgestern kam der Arzt aus der Stadt, um dem Richter einen Besuch abzustatten. Er fand mich auf dem Boden, wie ich mit Charlottes Kindern spielte. Einige von ihnen kletterten über mich, und andere balgten sich mit mir; und als ich sie fing und kitzelte, machten sie einen großen Lärm. Der Doktor ist eine förmliche Art von Persönlichkeit: Er richtet die Falten seiner Manschetten und zupft ständig an seinem Jabot, während er mit einem spricht; und er hielt mein Benehmen der Würde eines vernünftigen Mannes für unwürdig. Ich konnte dies an seinem Gesichtsausdruck erkennen. Aber ich ließ mich nicht stören. Ich erlaubte ihm, seine weisen Unterhaltungen fortzusetzen, während ich den Kindern ihre Kartenhäuser so schnell wieder aufbaute, wie sie sie umwarfen. Er ging danach in der Stadt umher und beklagte sich, dass die Kinder des Richters schon vorher verzogen genug gewesen seien, aber dass Werther sie nun vollends verderbe.

Ja, mein lieber Wilhelm, nichts auf dieser Erde rührt mein Herz so sehr wie Kinder. Wenn ich ihrem Treiben zusehe; wenn ich in den kleinen Geschöpfen die Keime all jener Tugenden und Eigenschaften erkenne, die sie eines Tages so unentbehrlich finden werden; wenn ich im Starrsinn die ganze zukünftige Festigkeit und Beständigkeit eines edlen Charakters erblicke; im Launenhaften jene Leichtigkeit und Fröhlichkeit des Gemüts, die sie sanft über die Gefahren und Mühen des Lebens hinwegtragen wird, ihre ganze Art einfach und unbefleckt – dann erinnere ich mich an die goldenen Worte des Großen Lehrers der Menschheit: „Wenn ihr nicht werdet wie diese!“ Und nun, mein Freund, diese Kinder, die uns gleich sind, die wir als unsere Vorbilder betrachten sollten, wir behandeln sie, als wären sie unsere Untertanen. Sie dürfen keinen eigenen Willen haben. Und haben wir denn selbst keinen? Woher kommt unser exklusives Recht? Ist es, weil wir älter und erfahrener sind? Großer Gott! Von der Höhe deines Himmels erblickst du große Kinder und kleine Kinder, und keine anderen; und dein Sohn hat längst erklärt, welche dir das größte Vergnügen bereiten. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht – das ist auch eine alte Geschichte; und sie erziehen ihre Kinder nach ihrem eigenen Ebenbild usw.

Adieu, Wilhelm: Ich will mich mit diesem Thema nicht weiter verwirren.

1. JULI.

Den Trost, den Charlotte einem Kranken bringen kann, erlebe ich aus meinem eigenen Herzen, das unter ihrer Abwesenheit mehr leidet als manch armes Geschöpf, das auf einem Krankenlager dahinsiecht. Sie ist verreist, um einige Tage in der Stadt bei einer sehr werten Frau zu verbringen, die von den Ärzten aufgegeben wurde und Charlotte in ihren letzten Augenblicken bei sich haben möchte. Ich begleitete sie letzte Woche bei einem Besuch beim Vikar von S—, einem kleinen Dorf in den Bergen, etwa eine Meile von hier. Wir kamen gegen vier Uhr an: Charlotte hatte ihre kleine Schwester mitgenommen. Als wir den Hof des Pfarrhauses betraten, fanden wir den guten alten Mann auf einer Bank vor der Tür, unter dem Schatten zweier großer Walnussbäume sitzen. Beim Anblick von Charlotte schien er neues Leben zu gewinnen, stand auf, vergaß seinen Stock und wagte es, auf sie zuzugehen. Sie lief zu ihm und ließ ihn wieder sitzen; dann, neben ihn platziert, gab sie ihm eine Reihe von Botschaften ihres Vaters aus, und dann nahm sie sein jüngstes Kind auf, ein schmutziges, hässliches kleines Ding, die Freude seines hohen Alters, und küsste es. Ich wünschte, Sie hätten ihre Aufmerksamkeit für diesen alten Mann beobachten können – wie sie wegen seiner Taubheit ihre Stimme erhob; wie sie ihm von gesunden jungen Leuten erzählte, die hingerafft worden waren, als man es am wenigsten erwartete; die Vorzüge von Karlsbad pries und seinen Entschluss lobte, den kommenden Sommer dort zu verbringen; und ihm versicherte, dass er besser und kräftiger aussehe als bei ihrem letzten Besuch. Ich unterdessen schenkte seine gute Gattin Aufmerksamkeit. Der alte Mann schien ganz aufgelebt; und da ich nicht umhin konnte, die Schönheit der Walnussbäume zu bewundern, die einen so angenehmen Schatten über unsere Köpfe bildeten, begann er, wenn auch mit einiger Mühe, uns ihre Geschichte zu erzählen. „Was den ältesten betrifft“, sagte er, „so wissen wir nicht, wer ihn gepflanzt hat – manche sagen ein Geistlicher, manche ein anderer: aber der jüngere dort hinter uns ist genau im Alter meiner Frau, fünfzig Jahre alt nächsten Oktober; ihr Vater pflanzte ihn am Morgen, und am Abend kam sie auf die Welt. Der Vater meiner Frau war mein Vorgänger hier, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr er diesen Baum liebte; und er ist mir vollkommen ebenso lieb. Unter dem Schatten genau jenes Baumes, auf einem Holzklotz, saß meine Frau und strickte, als ich, ein armer Student, zum ersten Mal vor siebenundzwanzig Jahren in diesen Hof kam.“ Charlotte erkundigte sich nach seiner Tochter. Er sagte, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiesen gegangen und bei den Heuerntern. Der alte Mann nahm dann seine Geschichte wieder auf und erzählte uns, wie sein Vorgänger Gefallen an ihm gefunden habe, ebenso wie seine Tochter; und wie er zuerst sein Vikar und nachfolgend sein Nachfolger geworden sei. Er hatte seine Geschichte kaum beendet, als seine Tochter durch den Garten zurückkehrte, begleitet von dem erwähnten Herrn Schmidt. Sie begrüßte Charlotte liebevoll, und ich gestehe, ich war sehr von ihrem Aussehen angetan. Sie war eine lebhaft aussehende, gut gelaunte Brünette, durchaus fähig, einen für kurze Zeit auf dem Land zu unterhalten. Ihr Liebhaber (denn als solcher erschien Herr Schmidt offensichtlich) war eine höfliche, zurückhaltende Persönlichkeit und wollte sich nicht an unserer Unterhaltung beteiligen, trotz all Charlottes Bemühungen, ihn aus der Reserve zu locken. Ich war sehr verärgert darüber, an seinem Gesichtsausdruck zu beobachten, dass sein Schweigen nicht aus Mangel an Talent, sondern aus Laune und Übelwollen herrührte. Dies wurde später sehr deutlich, als wir zu einem Spaziergang aufbrachen und Frederica sich zu Charlotte gesellte, mit der ich sprach; das Gesicht des werten Herrn, das von Natur aus ziemlich düster war, wurde so finster und zornig, dass Charlotte gezwungen war, meinen Arm zu berühren und mich daran zu erinnern, dass ich zu viel mit Frederica spräche. Nichts bedrückt mich mehr, als zu sehen, wie sich Menschen gegenseitig quälen; besonders wenn sie in der Blüte ihres Lebens, in der eigentlichen Zeit des Vergnügens, ihre wenigen kurzen Sonnentage mit Streit und Zank verschwenden und ihren Fehler erst bemerken, wenn es zu spät ist, ihn wiedergutzumachen. Dieser Gedanke blieb in meinem Geist haften; und am Abend, als wir zum Vikar zurückkehrten und mit Brot und Milch um den Tisch saßen, die Unterhaltung auf die Freuden und Leiden der Welt kam, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, bitter gegen Übelwollen zu wettern. „Wir neigen dazu“, sagte ich, „uns zu beklagen – aber mit sehr wenig Grund, dass unsere glücklichen Tage wenige und unsere bösen Tage viele sind. Wenn unsere Herzen immer bereit wären, die Wohltaten zu empfangen, die der Himmel uns schickt, würden wir Kraft gewinnen, das Böse zu ertragen, wenn es kommt.“ „Aber“, bemerkte die Frau des Vikars, „wir können nicht immer unsere Launen beherrschen, so viel hängt von der Konstitution ab: Wenn der Körper leidet, ist der Geist unwohl.“ „Ich erkenne das an“, fuhr ich fort; „aber wir müssen eine solche Verfassung im Lichte einer Krankheit betrachten und nachfragen, ob es kein Heilmittel dafür gibt.“

„Ich würde mich freuen, eines zu hören“, sagte Charlotte: „zumindest glaube ich, dass sehr viel von uns selbst abhängt; ich weiß, dass es bei mir so ist. Wenn mich etwas ärgert und mein Gemüt stört, eile ich in den Garten, summe ein paar Kontertänze, und es ist sogleich wieder in Ordnung mit mir.“ „Das ist es, was ich meinte“, antwortete ich; „Übelwollen gleicht dem Müßiggang: Er ist uns natürlich; aber wenn wir einmal den Mut aufbringen, uns anzustrengen, stellen wir fest, dass unsere Arbeit frisch von der Hand geht, und wir erleben in der Aktivität, vor der wir zurückschreckten, ein wirkliches Vergnügen.“ Frederica hörte sehr aufmerksam zu: und der junge Mann wandte ein, dass wir nicht unsere eigenen Herren seien und noch weniger die unserer Gefühle. „Die Frage dreht sich um ein unangenehmes Gefühl“, fügte ich hinzu, „dem jeder gern entfliehen würde, aber niemand kennt seine eigene Kraft ohne Versuchung. Kranke sind froh, Ärzte zu konsultieren und sich dem skrupulösesten Regime, den ekelhaftesten Medikamenten zu unterwerfen, um ihre Gesundheit wiederzuerlangen.“ Ich bemerkte, dass der gute alte Mann den Kopf neigte und sich anstrengte, unserer Unterhaltung zu folgen; also erhob ich meine Stimme und wandte mich direkt an ihn. „Wir predigen gegen eine Menge Verbrechen“, bemerkte ich, „aber ich entsinne mich keiner Predigt, die gegen Übelwollen gehalten wurde.“ „Das mag für Ihre Stadtgeistlichen gut sein“, sagte er: „Leute auf dem Land sind niemals übelgelaunt; obwohl es freilich nützlich sein könnte, gelegentlich, für meine Frau zum Beispiel, und den Richter.“ Wir lachten alle, ebenso wie er sehr herzlich, bis er in einen Hustenanfall geriet, der unsere Unterhaltung für eine Weile unterbrach. Herr Schmidt nahm das Thema wieder auf. „Sie nennen Übelwollen ein Verbrechen“, bemerkte er, „aber ich denke, Sie verwenden einen zu starken Begriff.“ „Keineswegs“, antwortete ich, „wenn das den Namen verdient, was so verderblich für uns selbst und unsere Nächsten ist. Ist es nicht genug, dass uns die Macht fehlt, einander glücklich zu machen, müssen wir uns gegenseitig das Vergnügen rauben, das wir uns alle selbst bereiten können? Zeigen Sie mir den Mann, der den Mut hat, sein Übelwollen zu verbergen, der die ganze Last selbst trägt, ohne den Frieden derer um sich herum zu stören. Nein: Übelwollen entspringt einem inneren Bewusstsein unseres eigenen Mangels an Verdienst, einer Unzufriedenheit, die immer jenen Neid begleitet, den törichter Eitelkeit erzeugt. Wir sehen Menschen glücklich, die wir nicht glücklich gemacht haben, und können den Anblick nicht ertragen.“ Charlotte sah mich lächelnd an; sie bemerkte die Erregung, mit der ich sprach: und eine Träne in Fredericas Augen spornte mich an, fortzufahren. „Wehe denen“, sagte ich, „die ihre Macht über ein menschliches Herz benutzen, um die einfachen Freuden zu zerstören, die es auf natürliche Weise genießen würde! Alle Gefälligkeiten, alle Aufmerksamkeiten der Welt können den Verlust jenes Glücks nicht wettmachen, das eine grausame Tyrannei zerstört hat.“ Mein Herz war voll, als ich sprach. Eine Erinnerung an viele Dinge, die geschehen waren, drängte sich in meinen Geist und füllte meine Augen mit Tränen. „Wir sollten uns täglich wiederholen“, rief ich aus, „dass wir uns nicht in die Angelegenheiten unserer Freunde einmischen sollten, es sei denn, um sie im Besitz ihrer eigenen Freuden zu belassen und ihr Glück zu mehren, indem wir es mit ihnen teilen! Aber wenn ihre Seelen von einer heftigen Leidenschaft gequält oder ihre Herzen von Kummer zerrissen werden, steht es in eurer Macht, ihnen den geringsten Trost zu gewähren?

„Und wenn die letzte tödliche Krankheit das Wesen ergreift, dessen vorzeitiges Grab ihr bereitet habt, wenn sie matt und erschöpft vor euch liegt, ihre trüben Augen zum Himmel erhoben und der Todesschweiß auf ihrer bleichen Stirn, dann steht ihr an ihrem Bett wie ein verurteilter Verbrecher, mit dem bitteren Gefühl, dass euer ganzes Vermögen sie nicht retten könnte; und der quälende Gedanke martert euch, dass all eure Bemühungen machtlos sind, der scheidenden Seele auch nur einen Moment Kraft zu verleihen oder sie mit einem flüchtigen Trost zu beleben.“

Bei diesen Worten fiel die Erinnerung an eine ähnliche Szene, der ich einst beigewohnt hatte, mit voller Wucht auf mein Herz. Ich vergrub mein Gesicht in mein Taschentuch, eilte aus dem Zimmer und wurde erst durch Charlottes Stimme wieder zu mir selbst zurückgerufen, die mich daran erinnerte, dass es Zeit sei, nach Hause zurückzukehren. Mit welcher Zärtlichkeit schalt sie mich unterwegs wegen des allzu eifrigen Anteils, den ich an allem nahm! Sie erklärte, es würde mir schaden und ich solle mich schonen. Ja, mein Engel! Ich will es um deinetwillen tun.

6. JULI.

Sie ist noch immer bei ihrer sterbenden Freundin und ist noch immer dasselbe helle, wunderbare Geschöpf, dessen Gegenwart den Schmerz lindert und Glück verbreitet, wohin sie sich auch wendet. Sie ging gestern mit ihren kleinen Schwestern aus; ich wusste es und ging ihnen entgegen, und wir spazierten zusammen. In etwa anderthalb Stunden kehrten wir in die Stadt zurück. Wir machten Halt an der Quelle, die ich so liebe und die mir jetzt tausendmal teurer ist als je zuvor. Charlotte setzte sich auf die niedrige Mauer und wir versammelten uns um sie. Ich blickte umher und erinnerte mich der Zeit, als mein Herz unbeschäftigt und frei war. „Teurer Brunnen!“, sagte ich, „seit jener Zeit bin ich nicht mehr gekommen, um kühle Ruhe an deinem frischen Strome zu genießen; ich bin mit achtlosem Schritt an dir vorbeigegangen und habe kaum einen Blick auf dich geworfen.“ Ich blickte hinab und bemerkte Charlottes kleine Schwester Jane, die die Stufen mit einem Glas Wasser heraufkam. Ich wandte mich Charlotte zu und spürte ihren Einfluss auf mich. Jane näherte sich in dem Augenblick mit dem Glas. Ihre Schwester Marianne wollte es ihr abnehmen. „Nein!“, rief das Kind mit dem süßesten Gesichtsausdruck, „Charlotte muss zuerst trinken.“

Die Zuneigung und Einfachheit, mit der dies geäußert wurde, entzückte mich so sehr, dass ich versuchte, meine Gefühle auszudrücken, indem ich das Kind hochhob und herzlich küsste. Sie erschrak und fing an zu weinen. „Das solltest du nicht tun“, sagte Charlotte: Ich fühlte mich verwirrt. „Komm, Jane“, fuhr sie fort, nahm ihre Hand und führte sie die Stufen wieder hinunter, „es macht nichts: Wasche dich schnell im frischen Wasser.“ Ich stand und beobachtete sie; und als ich sah, wie die kleine Liebe sich mit ihren nassen Händen die Wangen rieb, im festen Glauben, dass alle Verunreinigungen, die sie von meinem hässlichen Bart bekommen hatte, durch das Wunderwasser abgewaschen würden, und wie sie, obwohl Charlotte sagte, es sei gut, immer noch aus Leibeskräften weiterwusch, als hielte sie zu viel für besser als zu wenig, versichere ich dir, Wilhelm, ich habe noch nie einer Taufe mit größerer Ehrfurcht beigewohnt; und als Charlotte vom Brunnen heraufkam, hätte ich mich vor ihr niederwerfen können wie vor dem Propheten eines morgenländischen Volkes.

Am Abend konnte ich nicht widerstehen, die Geschichte einer Person zu erzählen, von der ich glaubte, sie besäße ein natürliches Empfinden, da sie ein verständiger Mann war. Aber was für einen Fehler ich beging. Er behauptete, es sei sehr falsch von Charlotte, dass wir Kinder nicht täuschen dürften, dass solche Dinge zahllose Irrtümer und Aberglauben hervorriefen, vor denen wir die Jugend schützen müssten. Da fiel mir ein, dass eben dieser Mann erst vor einer Woche getauft worden war; also sagte ich nichts weiter, sondern beharrte auf der Richtigkeit meiner eigenen Überzeugungen. Wir sollten mit Kindern umgehen, wie Gott mit uns umgeht; wir sind am glücklichsten unter dem Einfluss unschuldiger Wahnvorstellungen.

8. JULI.

Was für ein Kind ist der Mensch, dass er sich so um einen Blick sorgt! Was für ein Kind ist der Mensch! Wir waren in Walheim gewesen: Die Damen fuhren in einer Kutsche; aber während unseres Spaziergangs glaubte ich, in Charlottes dunklen Augen – ich bin ein Narr – aber verzeih mir! Du solltest sie sehen –, diese Augen … Wie dem auch sei, um es kurz zu machen (denn meine eigenen Augen sind vor Schlaf schwer), du musst wissen, als die Damen wieder in ihre Kutsche stiegen, standen der junge W. Seldstadt, Andran und ich um die Tür herum. Sie sind eine lustige Gesellschaft und sie lachten und scherzten alle miteinander. Ich beobachtete Charlottes Augen. Sie wanderten von einem zum anderen; aber sie fielen nicht auf mich, auf mich, der ich regungslos dort stand und nichts sah als sie! Mein Herz sagte ihr tausendmal Lebwohl, aber sie beachtete mich nicht. Die Kutsche fuhr ab; und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich sah ihr nach: Plötzlich sah ich Charlottes Haube aus dem Fenster ragen, und sie drehte sich um, um zurückzublicken – war es nach mir? Mein lieber Freund, ich weiß es nicht; und in dieser Ungewissheit finde ich Trost. Vielleicht drehte sie sich um, um mich anzusehen. Vielleicht! Gute Nacht – was bin ich doch für ein Kind!

10. JULI.

Du solltest sehen, wie töricht ich in Gesellschaft aussehe, wenn ihr Name erwähnt wird, besonders wenn ich direkt gefragt werde, wie sie mir gefällt. Wie sie mir gefällt! Ich verabscheue diesen Ausdruck. Was für ein Geschöpf muss das sein, dem Charlotte bloß gefällt, dessen ganzes Herz und dessen Sinne nicht völlig von ihr in Anspruch genommen sind. Gefallen! Jemand fragte mich neulich, wie mir Ossian gefalle.

11. JULI.

Madame M. ist sehr krank. Ich bete für ihre Genesung, weil Charlotte mein Leiden teilt. Ich sehe sie gelegentlich im Hause meines Freundes, und heute hat sie mir den seltsamsten Umstand erzählt. Der alte M. ist ein habgieriger, geiziger Kerl, der die arme Frau lange Zeit schlimm geplagt und belästigt hat; aber sie hat ihre Leiden geduldig ertragen. Vor einigen Tagen, als der Arzt uns mitteilte, dass ihre Genesung aussichtslos sei, ließ sie ihren Ehemann rufen (Charlotte war anwesend) und wandte sich mit folgenden Worten an ihn: „Ich habe etwas zu beichten, das nach meinem Ableben Unruhe und Verwirrung stiften könnte. Ich habe Euren Haushalt bisher so sparsam und wirtschaftlich wie möglich geführt, aber Ihr müsst mir verzeihen, dass ich Euch dreißig Jahre lang betrogen habe. Zu Beginn unseres Ehelebens habt Ihr eine kleine Summe für die Bedürfnisse der Küche und die anderen Haushaltsausgaben bewilligt. Als unser Haushalt wuchs und unser Vermögen größer wurde, konnte ich Euch nicht dazu bewegen, das wöchentliche Wirtschaftsgeld entsprechend zu erhöhen: kurzum, Ihr wisst, dass Ihr von mir verlangtet, alles mit sieben Gulden in der Woche zu bestreiten, als unsere Bedürfnisse am größten waren. Ich nahm das Geld von Euch entgegen, ohne ein Wort zu sagen, glich aber das wöchentliche Defizit aus der Geldkiste aus; da niemand Eure Frau verdächtigen würde, die Haushaltskasse zu bestehlen. Aber ich habe nichts verschwendet und wäre zufrieden gewesen, meinem ewigen Richter ohne dieses Geständnis gegenüberzutreten, wenn diejenige, auf die nach meinem Ableben die Führung Eures Haushalts übergehen wird, vor Verlegenheit bewahrt bliebe, falls Ihr darauf bestehen solltet, dass die mir, Eurer früheren Frau, gewährte Zuwendung ausreichend gewesen sei.“

Ich sprach mit Charlotte über die unbegreifliche Art und Weise, wie sich Menschen blenden lassen; wie irgendjemand umhin konnte, einen Betrug zu vermuten, wenn nur sieben Gulden bewilligt wurden, um Ausgaben zu bestreiten, die doppelt so hoch waren. Aber ich habe selbst Leute gekannt, die ohne jedes sichtbare Erstaunen glaubten, ihr Haus besäße den unerschöpflichen Ölkrug des Propheten.

13. JULI.

Nein, ich täusche mich nicht. In ihren dunklen Augen lese ich ein echtes Interesse an mir und an meinem Schicksal. Ja, ich fühle es; und ich darf meinem eigenen Herzen glauben, das mir sagt – darf ich es sagen? – darf ich die göttlichen Worte aussprechen? –, dass sie mich liebt!

Dass sie mich liebt! Wie der Gedanke mich in meinen eigenen Augen erhebt! Und da du meine Gefühle verstehen kannst, darf ich dir sagen, wie sehr ich mich ehre, seitdem sie mich liebt!

Ist das Vermessenheit oder ist es ein Bewusstsein der Wahrheit? Ich kenne keinen Mann, der mich im Herzen von Charlotte ersetzen könnte; und doch, wenn sie mit so viel Wärme und Zuneigung von ihrem Verlobten spricht, fühle ich mich wie der Soldat, dem seine Ehren und Titel genommen und dem sein Schwert entzogen wurde.

16. JULI.

Wie mein Herz klopft, wenn ich zufällig ihren Finger berühre oder meine Füße die ihren unter dem Tisch treffen! Ich ziehe mich zurück, als wäre es ein Schmelzofen; aber eine geheime Kraft drängt mich wieder vorwärts, und meine Sinne geraten in Verwirrung. Ihr unschuldiges, unbewusstes Herz ahnt nie, welche Qualen diese kleinen Vertraulichkeiten mir bereiten. Manchmal, wenn wir uns unterhalten, legt sie ihre Hand auf meine, und im Eifer des Gesprächs kommt sie mir näher, und ihr balsamischer Atem erreicht meine Lippen – da fühle ich mich, als hätte mich ein Blitz getroffen und als könnte ich in der Erde versinken. Und doch, Wilhelm, bei all diesem himmlischen Vertrauen – wenn ich mich selbst kenne und jemals wagen sollte – du verstehst mich. Nein, nein! Mein Herz ist nicht so verdorben, es ist schwach, schwach genug, aber ist das nicht ein Grad von Verdorbenheit?

Sie ist mir ein heiliges Wesen. Alle Leidenschaft verstummt in ihrer Gegenwart: Ich kann meine Empfindungen nicht ausdrücken, wenn ich in ihrer Nähe bin. Ich fühle, als klopfte meine Seele in jedem Nerv meines Körpers. Es gibt eine Melodie, die sie mit engelhaftem Geschick auf dem Klavier spielt – sie ist so einfach und doch so geistvoll! Es ist ihr Lieblingslied; und wenn sie den ersten Ton spielt, verschwinden mit einem Mal jeder Schmerz, jede Sorge und jeder Kummer von mir.

Ich glaube jedes Wort, das über die Magie der alten Musik gesagt wird. Wie ihr einfacher Gesang mich bezaubert! Manchmal, wenn ich bereit bin, mir das Leben zu nehmen, singt sie diese Weise; und augenblicklich lösen sich die Düsterkeit und der Wahnsinn, die auf mir lasteten, auf, und ich atme wieder frei.

18. JULI.

Wilhelm, was ist die Welt für unsere Herzen ohne Liebe? Was ist eine Laterna magica ohne Licht? Du musst nur die Flamme im Inneren entzünden, und die hellsten Figuren leuchten auf der weißen Wand; und wenn uns die Liebe auch nur flüchtige Schatten zeigt, sind wir doch glücklich, wenn wir sie wie bloße Kinder betrachten und von den prächtigen Phantomen hingerissen sind. Ich konnte Charlotte heute nicht sehen. Ich wurde durch Gesellschaft verhindert, von der ich mich nicht losmachen konnte. Was war zu tun? Ich schickte meinen Diener zu ihrem Haus, damit ich wenigstens heute jemanden sehen konnte, der in ihrer Nähe gewesen war. Oh, die Ungeduld, mit der ich auf seine Rückkehr wartete! Die Freude, mit der ich ihn begrüßte! Ich hätte ihn sicherlich in meine Arme geschlossen und geküsst, wenn ich mich nicht geschämt hätte.

Man sagt, dass der Bononische Stein, wenn er in die Sonne gelegt wird, die Strahlen anzieht und für eine Zeit im Dunkeln leuchtend erscheint. So war es mit mir und diesem Diener. Der Gedanke, dass Charlottes Augen auf seinem Antlitz, seiner Wange, ja seiner Kleidung geruht hatten, machte sie mir alle unschätzbar wert, so dass ich mich in diesem Augenblick nicht für tausend Kronen von ihm getrennt hätte. Seine Gegenwart machte mich so glücklich! Hüte dich davor, mich auszulachen, Wilhelm. Kann das eine Täuschung sein, die uns glücklich macht?

19. JULI.

„Ich werde sie heute sehen!“, rufe ich vor Entzücken, wenn ich morgens aufstehe und mit frohem Herzen auf die helle, schöne Sonne blicke. „Ich werde sie heute sehen!“ Und dann habe ich keinen weiteren Wunsch mehr zu hegen: alles, alles ist in diesem einen Gedanken enthalten.

20. JULI.

Ich kann deinem Vorschlag, ich solle den Gesandten nach ——— begleiten, nicht zustimmen. Ich liebe die Unterordnung nicht; und wir wissen alle, dass er ein rauer, unangenehmer Mensch ist, mit dem man zu tun hat. Du sagst, meine Mutter wünscht, dass ich beschäftigt sei. Ich konnte nicht umhin, darüber zu lachen. Bin ich nicht ausreichend beschäftigt? Und ist es nicht in Wahrheit dasselbe, ob ich Erbsen schäle oder Linsen zähle? Die Welt rennt von einer Torheit zur anderen; und der Mensch, der nur aus Rücksicht auf die Meinung anderer und ohne eigenen Wunsch oder Notwendigkeit nach Gold, Ehre oder irgendeinem anderen Phantom strebt, ist nicht besser als ein Narr.

24. JULI.

Du bestehst so sehr darauf, dass ich mein Zeichnen nicht vernachlässige, dass es genauso gut wäre, wenn ich nichts sagen würde, als zu gestehen, wie wenig ich in letzter Zeit getan habe.

Ich habe mich nie glücklicher gefühlt, ich habe die Natur nie besser verstanden, bis hin zum kleinsten Stängel oder kleinsten Grashalm; und doch bin ich unfähig, mich auszudrücken: meine Ausführungskräfte sind so schwach, alles scheint vor mir zu schwimmen und zu schweben, so dass ich keinen klaren, kühnen Umriss machen kann. Aber ich bilde mir ein, es würde mir besser gelingen, wenn ich etwas Ton oder Wachs zum Modellieren hätte. Ich werde es versuchen, wenn dieser Geisteszustand noch viel länger anhält, und werde zum Modellieren übergehen, selbst wenn ich nur Teig knete.

Ich habe das Porträt von Charlotte dreimal begonnen und mich genauso oft blamiert. Das ist umso ärgerlicher, als ich früher sehr glücklich darin war, Ähnlichkeiten zu treffen. Ich habe seitdem ihr Profil skizziert und muss mich damit begnügen.

25. JULI.

Ja, liebe Charlotte! Ich werde alles ordnen und arrangieren. Gib mir nur mehr Aufträge, je mehr, desto besser. Eines muss ich jedoch erbitten: Verwende keinen Schreibsand mehr für die lieben Zettel, die du mir schickst. Heute habe ich deinen Brief hastig an meine Lippen geführt, und es hat mir die Zähne zusammenbeißen lassen.

26. JULI.

Ich habe mir oft vorgenommen, sie nicht so häufig zu sehen. Aber wer könnte einen solchen Entschluss halten? Jeden Tag bin ich der Versuchung ausgesetzt und verspreche treu, dass ich morgen wirklich fernbleiben werde: aber wenn der morgige Tag kommt, finde ich einen unwiderstehlichen Grund, sie zu sehen; und ehe ich mir darüber Rechenschaft ablegen kann, bin ich wieder bei ihr. Entweder hat sie am Vorabend gesagt: „Du wirst doch morgen sicher vorbeikommen“ – und wer könnte dann fernbleiben? –, oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde es unerlässlich, ihr die Antwort persönlich zu überbringen; oder der Tag ist schön, und ich wandere nach Walheim; und wenn ich dort bin, ist es nur noch eine halbe Meile weiter bis zu ihr. Ich befinde mich in der verzauberten Atmosphäre und finde mich bald an ihrer Seite wieder. Meine Großmutter erzählte uns immer eine Geschichte von einem Berg aus Magneteisenstein. Wenn sich Schiffe ihm näherten, wurden sie augenblicklich ihrer eisernen Beschläge beraubt: die Nägel flogen zum Berg, und die unglückliche Besatzung kam inmitten der auseinanderfallenden Planken um.

30. JULI.

Albert ist angekommen, und ich muss meine Abreise nehmen. Wäre er der beste und edelste aller Männer und ich in jeder Hinsicht sein Unterlegener, könnte ich es nicht ertragen, ihn im Besitz eines solchen vollkommenen Wesens zu sehen. Besitz! – genug, Wilhelm: ihr Verlobter ist hier – ein feiner, würdiger Kerl, den man einfach mögen muss. Glücklicherweise war ich bei ihrem Zusammentreffen nicht anwesend. Es hätte mir das Herz gebrochen! Und er ist so rücksichtsvoll: Er hat Charlotte in meiner Gegenwart nicht einen Kuss gegeben. Der Himmel belohne ihn dafür! Ich muss ihn für den Respekt lieben, mit dem er sie behandelt. Er zeigt eine Achtung für mich, aber dafür bin ich, wie ich vermute, Charlotte mehr zu Dank verpflichtet als seinem eigenen Gefallen an mir. Frauen haben ein feines Gespür für solche Dinge, und so sollte es sein. Sie können nicht immer erfolgreich zwei Rivalen miteinander auf gutem Fuß halten; aber wenn sie es tun, sind sie die einzigen Gewinner.

Ich kann nicht umhin, Albert zu schätzen. Die Kühle seines Gemüts steht in starkem Kontrast zur Ungestümheit des meinen, die ich nicht verbergen kann. Er hat viel Gefühl und ist sich des Schatzes, den er an Charlotte besitzt, voll bewusst. Er ist frei von Übellaunigkeit, was, wie du weißt, der Fehler ist, den ich am meisten verabscheue.

Er hält mich für einen verständigen Mann; und meine Anhänglichkeit an Charlotte sowie das Interesse, das ich an allem nehme, was sie betrifft, steigern seinen Triumph und seine Liebe. Ich werde nicht fragen, ob er sie nicht manchmal mit einer kleinen Eifersucht necken mag; denn ich weiß, dass ich, wäre ich an seiner Stelle, nicht ganz frei von solchen Empfindungen wäre.

Aber wie dem auch sei, mein Vergnügen mit Charlotte ist vorbei. Nenne es Torheit oder Verblendung, was bedeutet ein Name? Die Sache spricht für sich selbst. Bevor Albert kam, wusste ich alles, was ich jetzt weiß. Ich wusste, dass ich keine Ansprüche auf sie erheben konnte, und ich habe auch keine erhoben, das heißt, soweit es möglich war, in Gegenwart so vieler Lieblichkeit nicht nach ihrem Genuss zu schmachten. Und nun sieh mich an wie einen albernen Kerl, der vor Erstaunen starrt, wenn ein anderer kommt und mir meine Liebe entzieht.

Ich beiße mir auf die Lippen und empfinde unendlichen Spott für jene, die mir sagen, ich solle mich fügen, weil es kein Mittel dagegen gebe. Lass mich dem Joch solch alberner Ausflüchte entkommen! Ich streife durch die Wälder; und wenn ich zu Charlotte zurückkehre und Albert in der Gartenlaube an ihrer Seite sitzen sehe, kann ich es nicht ertragen, benehme mich wie ein Narr und begehe tausend Extravaganzen. „Um Himmels willen“, sagte Charlotte heute, „lass uns keine Szenen mehr wie die von letzter Nacht haben! Du versetzt mich in Angst, wenn du so gewalttätig bist.“ Unter uns gesagt, ich bin jetzt immer weg, wenn er sie besucht: und ich bin entzückt, wenn ich sie allein antreffe.

8. AUGUST.

Glaube mir, lieber Wilhelm, ich meinte nicht dich, als ich so streng von denen sprach, die Resignation gegenüber dem unvermeidlichen Schicksal raten. Ich hielt es nicht für möglich, dass du einer solchen Gesinnung nachhängen könntest. Aber in der Tat hast du recht. Ich möchte nur einen Einwand vorbringen. Auf dieser Welt ist man selten darauf reduziert, eine Auswahl zwischen zwei Alternativen zu treffen. Es gibt so viele Spielarten des Verhaltens und der Meinung, wie es Abstufungen der Gesichtszüge zwischen einer Adlernase und einer flachen gibt.

Du wirst mir also erlauben, deinem gesamten Argument zuzustimmen und dennoch Mittel und Wege zu finden, deinem Dilemma zu entkommen.

Deine Position ist diese, wie ich dich sagen höre: „Entweder du hast Hoffnung, Charlotte zu gewinnen, oder du hast keine. Nun, im ersten Fall, verfolge deinen Weg und dränge auf die Erfüllung deiner Wünsche. Im zweiten Fall, sei ein Mann und schüttle eine elende Leidenschaft ab, die dich entnerven und zerstören wird.“ Mein lieber Freund, das ist wohl und leicht gesagt.

Aber würdest du von einem elenden Wesen, dessen Leben langsam unter einer langwierigen Krankheit dahinschwindet, verlangen, sich auf einmal durch den Stoß eines Dolches selbst zu töten? Entzieht ihm nicht gerade die Krankheit, die seine Kräfte verzehrt, den Mut, seine Befreiung zu bewirken?

Du magst mir, wenn du willst, mit einer ähnlichen Analogie antworten: „Wer würde nicht die Amputation eines Armes dem Gefährden des Lebens durch Zweifel und Zaudern vorziehen!“ Aber ich weiß nicht, ob ich recht habe, und lass uns diese Vergleiche beiseitelegen.

Genug! Es gibt Augenblicke, Wilhelm, in denen ich aufstehen und das alles abschütteln könnte, und in denen ich, wenn ich nur wüsste, wohin ich gehen sollte, von diesem Ort fliehen könnte.

AMSELBEN ABEND.

Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässigt habe, kam mir heute in die Hände; und ich bin erstaunt zu sehen, wie bewusst ich mich Schritt für Schritt verstrickt habe. Meine Lage so klar gesehen zu haben und doch wie ein Kind gehandelt zu haben! Noch immer überblicke ich das Ergebnis deutlich und habe doch keinen Gedanken daran, mit größerer Vorsicht zu handeln.

10. AUGUST.

Wäre ich kein Narr, könnte ich hier das glücklichste und herrlichste Leben führen. So viele angenehme Umstände, und zwar solcher Art, dass sie das Glück eines würdigen Mannes sichern, sind selten vereint. Ach! Ich fühle es nur zu schmerzlich – das Herz allein macht unser Glück! In diese reizende Familie aufgenommen zu werden, vom Vater als Sohn, von den Kindern als Vater und von Charlotte geliebt zu werden! Dann der edle Albert, der mein Glück nie durch den Anschein von Übellaunigkeit stört, der mich mit herzlichster Zuneigung empfängt und mich, nach Charlotte, mehr liebt als alle Welt! Wilhelm, du wärst entzückt, uns bei unseren Wanderungen und Gesprächen über Charlotte zu hören. Nichts auf der Welt kann absurder sein als unsere Verbindung, und doch rührt mich der Gedanke daran oft zu Tränen.

Er erzählt mir bisweilen von ihrer vortrefflichen Mutter; wie sie auf dem Sterbebett ihr Haus und ihre Kinder Charlotte anvertraut und ihm Charlotte selbst übergeben habe; wie von jener Zeit an ein neuer Geist von ihr Besitz ergriffen habe; wie sie in Sorge und Angst um deren Wohlergehen eine wahre Mutter für sie geworden sei; wie jeder Augenblick ihrer Zeit irgendeinem Liebesdienst für sie gewidmet gewesen sei — und doch habe sie ihr Frohsinn und ihre Heiterkeit niemals verlassen. Ich gehe an seiner Seite, pflücke Blumen am Weg, ordne sie sorgsam zu einem Strauß, werfe sie dann in den ersten Bach, an dem ich vorüberkomme, und sehe ihnen zu, wie sie sanft dahintreiben. Ich vergesse, ob ich dir sagte, dass Albert hier bleiben wird. Er hat eine Anstellung im Staatsdienst erhalten, mit einem sehr guten Gehalt; und ich verstehe, er steht bei Hofe in hoher Gunst. Ich habe wenige Menschen getroffen, die im Geschäft so pünktlich und methodisch sind.

12. AUGUST.

Gewiss ist Albert der beste Kerl von der Welt. Ich hatte gestern eine seltsame Szene mit ihm. Ich ging, um von ihm Abschied zu nehmen; denn ich hatte mir in den Kopf gesetzt, einige Tage in diesen Bergen zu verbringen, von wo aus ich dir nun schreibe. Als ich in seinem Zimmer auf und ab ging, fiel mein Blick auf seine Pistolen. „Leihe mir diese Pistolen“, sagte ich, „für meine Reise.“ „Sehr gerne“, antwortete er, „wenn du dir die Mühe machen willst, sie zu laden; denn sie hängen dort nur der Form halber.“ Ich nahm eine davon herunter; und er fuhr fort: „Seit ich beinahe für meine übermäßige Vorsicht gebüßt hätte, will ich mit solchen Dingen nichts mehr zu tun haben.“ Ich war neugierig, die Geschichte zu hören. „Ich hielt mich“, sagte er, „vor etwa drei Monaten bei einem Freund auf dem Lande auf. Ich hatte ein Paar Pistolen bei mir, ungeladen; und ich schlief ohne jede Sorge. An einem regnerischen Nachmittag saß ich allein und tat nichts, als mir einfiel — ich weiß nicht wie —, dass das Haus überfallen werden könnte, dass wir die Pistolen brauchen könnten, dass wir kurzum, du weißt ja, wie wir uns Dinge ausmalen, wenn wir nichts Besseres zu tun haben. Ich gab dem Diener die Pistolen zum Reinigen und Laden. Er spielte mit dem Mädchen und versuchte, sie zu erschrecken, als sich die Pistole löste — Gott weiß wie! —, der Ladestock steckte noch im Lauf; und er ging geradewegs durch ihre rechte Hand und zerschmetterte den Daumen. Ich musste all das Jammern ertragen und die Rechnung des Chirurgen bezahlen; seit jener Zeit halte ich also alle meine Waffen ungeladen. Aber, mein lieber Freund, wozu nützt Klugheit? Wir können uns niemals gegen alle möglichen Gefahren wappnen. Wie dem auch sei“ — nun musst du wissen, ich kann alle Menschen ertragen, bis sie zu „wie dem auch sei“ kommen; denn es ist selbstverständlich, dass jede allgemeine Regel ihre Ausnahmen haben muss. Aber er ist so überaus genau, dass er, wenn er nur glaubt, ein Wort zu hastig, oder zu allgemein, oder nur halb wahr gesagt zu haben, niemals aufhört zu qualifizieren, zu modifizieren und zu beschönigen, bis er zuletzt den Anschein erweckt, gar nichts gesagt zu haben. Bei dieser Gelegenheit war Albert tief in sein Thema vertieft: Ich hörte auf, ihm zuzuhören, und verlor mich in Träumereien. Mit einer plötzlichen Bewegung richtete ich die Mündung der Pistole auf meine Stirn, über dem rechten Auge. „Was meinst du?“, rief Albert, während er die Pistole zurückdrehte. „Sie ist nicht geladen“, sagte ich. „Und selbst wenn nicht“, antwortete er ungeduldig, „was kannst du damit meinen? Ich kann nicht begreifen, wie ein Mensch so wahnsinnig sein kann, sich zu erschießen, und der bloße Gedanke daran schockiert mich.“

„Aber warum sollte jemand“, sagte ich, „wenn er von einer Handlung spricht, sich anmaßen, sie für wahnsinnig oder weise, oder gut oder schlecht zu erklären? Was bedeutet all dies? Hast du die geheimen Motive unserer Handlungen sorgfältig studiert? Verstehst du — kannst du die Ursachen erklären, die sie veranlassen und sie unvermeidlich machen? Wenn du das kannst, wirst du weniger hastig mit deinem Urteil sein.“

„Aber du wirst zugeben“, sagte Albert, „dass manche Handlungen verbrecherisch sind, mögen sie aus welchen Motiven auch immer entspringen.“ Ich gab es zu und zuckte mit den Achseln.

„Aber dennoch, mein guter Freund“, fuhr ich fort, „gibt es auch hier einige Ausnahmen. Diebstahl ist ein Verbrechen; aber der Mann, der ihn aus äußerster Armut begeht, ohne anderen Plan, als seine Familie vor dem Verderben zu bewahren, ist er ein Gegenstand des Mitleids oder der Bestrafung? Wer soll den ersten Stein werfen auf einen Ehemann, der in der Hitze gerechter Empörung seine untreue Frau und ihren perfiden Verführer opfert? Oder auf das junge Mädchen, das in ihrer schwachen Stunde der Verzückung sich selbst in den stürmischen Freuden der Liebe vergisst? Selbst unsere Gesetze, so kalt und grausam sie auch sind, erweichen in solchen Fällen und halten ihre Strafe zurück.“

„Das ist etwas ganz anderes“, sagte Albert; „denn ein Mensch unter dem Einfluss heftiger Leidenschaft verliert alle Fähigkeit zur Besinnung und wird als betrunken oder wahnsinnig betrachtet.“

„Oh! ihr Leute mit gesundem Verstand“, erwiderte ich lächelnd, „seid immer bereit, ‚Extravaganz, Wahnsinn und Trunkenheit!‘ zu rufen. Ihr moralischen Männer seid so ruhig und so beherrscht! Ihr verabscheut den Betrunkenen und verabscheut den Extravaganten; ihr geht vorbei, wie der Levit, und dankt Gott, wie der Pharisäer, dass ihr nicht seid wie einer von ihnen. Ich war mehr als einmal betrunken, meine Leidenschaften grenzten immer an Extravaganz: Ich schäme mich nicht, es zuzugeben; denn ich habe aus eigener Erfahrung gelernt, dass alle außergewöhnlichen Menschen, die große und erstaunliche Taten vollbracht haben, von der Welt immer als betrunken oder wahnsinnig verleumdet wurden. Und ist es nicht auch im Privatleben unerträglich, dass niemand die Ausführung einer edlen oder großmütigen Tat unternehmen kann, ohne Anlass zu dem Ausruf zu geben, der Täter sei betrunken oder wahnsinnig? Schande über euch, ihr Weisen!“

„Das ist eine weitere deiner extravaganten Launen“, sagte Albert: „du übertreibst immer einen Fall, und in dieser Angelegenheit hast du zweifellos Unrecht; denn wir sprachen vom Selbstmord, den du mit großen Taten vergleichst, während es unmöglich ist, ihn als etwas anderes als eine Schwäche zu betrachten. Es ist viel einfacher zu sterben, als ein Leben des Elends mit Standhaftigkeit zu ertragen.“

Ich war im Begriff, das Gespräch abzubrechen, denn nichts bringt mich so sehr aus der Fassung, wie das Äußern einer armseligen Banalität, wenn ich aus tiefstem Herzen spreche. Ich beruhigte mich jedoch, denn ich hatte dieselbe Beobachtung schon oft mit genügendem Ärger gehört; und ich antwortete ihm daher mit etwas Wärme: „Du nennst dies eine Schwäche — hüte dich davor, dich durch den Schein täuschen zu lassen. Wenn ein Volk, das lange unter dem unerträglichen Joch eines Tyrannen gestöhnt hat, endlich aufsteht und seine Ketten abwirft, nennst du das Schwäche? Der Mann, der, um sein Haus vor den Flammen zu retten, seine körperliche Kraft verdoppelt findet, so dass er Lasten mit Leichtigkeit hebt, die er in Ermangelung der Erregung kaum bewegen könnte; wer unter der Wut einer Beleidigung angreift und ein Dutzend seiner Feinde in die Flucht schlägt, sind solche Personen schwach zu nennen? Mein guter Freund, wenn Widerstand Stärke ist, wie kann dann der höchste Grad an Widerstand eine Schwäche sein?“

Albert sah mich fest an und sagte: „Verzeih mir bitte, aber ich sehe nicht, dass die Beispiele, die du angeführt hast, irgendeinen Bezug zur Frage haben.“ „Sehr wahrscheinlich“, antwortete ich; „denn mir wurde oft gesagt, dass meine Art der Veranschaulichung ein wenig an das Absurde grenzt. Aber lass uns sehen, ob wir die Sache nicht von einem anderen Standpunkt aus betrachten können, indem wir untersuchen, in welcher Verfassung ein Mensch sein mag, der sich entschließt, sich von der Last des Lebens zu befreien — einer Last, die oft so angenehm zu tragen ist —, denn wir können sonst nicht gerecht über das Thema urteilen.

„Die menschliche Natur“, fuhr ich fort, „hat ihre Grenzen. Sie ist fähig, ein gewisses Maß an Freude, Kummer und Schmerz zu ertragen, wird aber vernichtet, sobald dieses Maß überschritten wird. Die Frage ist daher nicht, ob ein Mensch stark oder schwach ist, sondern ob er fähig ist, das Maß seines Leidens zu ertragen. Das Leiden kann moralisch oder physisch sein; und meiner Meinung nach ist es ebenso absurd, einen Menschen, der sich selbst zerstört, einen Feigling zu nennen, wie einen Menschen, der an einem bösartigen Fieber stirbt, einen Feigling zu nennen.“

„Paradox, alles Paradox!“, rief Albert. „Nicht so paradox, wie du dir einbildest“, antwortete ich. „Du gibst zu, dass wir eine Krankheit als tödlich bezeichnen, wenn die Natur so schwer angegriffen ist und ihre Kraft so weit erschöpft ist, dass sie sich bei keiner Veränderung, die eintreten mag, unmöglich wieder erholen kann.

„Nun, mein guter Freund, wende dies auf den Geist an; beobachte einen Menschen in seinem natürlichen, isolierten Zustand; betrachte, wie Ideen wirken und wie Eindrücke sich an ihm festsetzen, bis schließlich eine heftige Leidenschaft ihn ergreift, alle seine Kräfte der ruhigen Besinnung zerstört und ihn völlig zugrunde richtet.

„Es ist vergebens, dass ein Mensch von gesundem Verstand und kühlem Temperament den Zustand eines solchen elenden Wesens versteht, vergebens berät er ihn. Er kann ihm seine eigene Weisheit nicht mehr mitteilen, als ein gesunder Mensch seine Kraft in den Kranken einflößen kann, an dessen Bett er sitzt.“

Albert hielt dies für zu allgemein. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das sich kurz zuvor ertränkt hatte, und ich erzählte ihre Geschichte.

Sie war ein gutes Geschöpf, das im engen Bereich häuslichen Fleißes und wöchentlich festgelegter Arbeit aufgewachsen war; eine, die kein Vergnügen kannte, außer sich sonntags einen Spaziergang zu gönnen, gekleidet in ihre beste Tracht, in Begleitung ihrer Freunde, oder vielleicht hier und da bei einem Fest zu tanzen und ihre freien Stunden mit einer Nachbarin zu verplaudern, über den Klatsch oder die Streitigkeiten des Dorfes zu diskutieren, Kleinigkeiten, die ausreichten, ihr Herz zu beschäftigen. Schließlich wird die Wärme ihres Wesens von gewissen neuen und unbekannten Wünschen beeinflusst. Entflammt durch die Schmeicheleien der Männer werden ihre früheren Freuden allmählich fade, bis sie schließlich einem Jüngling begegnet, zu dem sie sich durch ein unbeschreibliches Gefühl hingezogen fühlt; auf ihn setzt sie nun all ihre Hoffnungen; sie vergisst die Welt um sich herum; sie sieht, hört, begehrt nichts als ihn, und ihn allein. Er allein nimmt all ihre Gedanken in Anspruch. Unverdorben durch den müßigen Genuss einer zermürbenden Eitelkeit, ihre Zuneigung stetig auf ihr Objekt gerichtet, hofft sie, sein zu werden und in einer ewigen Vereinigung mit ihm all das Glück zu verwirklichen, das sie suchte, all die Wonne, nach der sie sich sehnte. Seine wiederholten Versprechen bestätigen ihre Hoffnungen: Umarmungen und Liebkosungen, die die Glut ihrer Wünsche steigern, überwältigen ihre Seele. Sie schwebt in einer trüben, täuschenden Vorahnung ihres Glücks; und ihre Gefühle werden bis zum Äußersten gespannt. Sie streckt schließlich ihre Arme aus, um das Objekt all ihrer Wünsche zu umarmen, und ihr Liebhaber verlässt sie. Betäubt und verwirrt steht sie an einem Abgrund. Alles ist dunkel um sie herum. Keine Aussicht, keine Hoffnung, kein Trost — verlassen von ihm, in dem ihr Dasein zentriert war! Sie sieht nichts von der weiten Welt vor sich, denkt nichts an die vielen Individuen, die die Leere in ihrem Herzen füllen könnten; sie fühlt sich verlassen, von der Welt im Stich gelassen; und geblendet und angetrieben von der Agonie, die ihre Seele zerreißt, stürzt sie sich in die Tiefe, um ihr Leiden in der breiten Umarmung des Todes zu beenden. Siehe hier, Albert, die Geschichte von Tausenden; und sag mir, ist dies nicht ein Fall von physischer Gebrechlichkeit? Die Natur hat keinen Ausweg aus dem Labyrinth: ihre Kräfte sind erschöpft: sie kann nicht länger kämpfen, und die arme Seele muss sterben.

„Schande über denjenigen, der ruhig zusehen kann und ausruft: ‚Das törichte Mädchen! sie hätte warten sollen; sie hätte der Zeit erlauben sollen, den Eindruck abzuschwächen; ihre Verzweiflung wäre gemildert worden, und sie hätte einen anderen Liebhaber gefunden, der sie tröstet.‘ Man könnte ebenso gut sagen: ‚Der Narr, an einem Fieber zu sterben! warum hat er nicht gewartet, bis seine Kraft wiederhergestellt war, bis sein Blut ruhig wurde? alles wäre dann gut gegangen, und er würde jetzt noch leben.‘“

Albert, der die Gerechtigkeit des Vergleichs nicht einsehen konnte, brachte einige weitere Einwände vor und drängte unter anderem darauf, dass ich den Fall eines bloß unwissenden Mädchens gewählt hätte. Aber wie ein Mann mit gesundem Menschenverstand, mit weiterem Blick und Erfahrung entschuldigt werden könne, konnte er nicht begreifen. „Mein Freund!“, rief ich, „der Mensch ist nur ein Mensch; und was auch immer der Umfang seiner Vernunftkräfte sein mag, sie nützen wenig, wenn die Leidenschaft im Inneren tobt und er sich durch die engen Grenzen der Natur eingeschränkt fühlt. Es wäre besser dann — aber wir werden ein anderes Mal darüber sprechen“, sagte ich und griff nach meinem Hut. Ach! mein Herz war voll; und wir trennten uns ohne Überzeugung auf beiden Seiten. Wie selten verstehen sich die Menschen in dieser Welt!

15. AUGUST.

Es kann keinen Zweifel geben, dass in dieser Welt nichts so unentbehrlich ist wie die Liebe. Ich beobachte, dass Charlotte mich nicht ohne Schmerz verlieren könnte, und die Kinder selbst haben nur einen Wunsch; der ist, dass ich sie morgen wieder besuchen sollte. Ich ging heute Nachmittag, um Charlottes Klavier zu stimmen. Aber ich konnte es nicht tun, denn die Kleinen bestanden darauf, dass ich ihnen eine Geschichte erzähle; und Charlotte selbst drängte mich, sie zufriedenzustellen. Ich bediente sie beim Tee, und sie sind jetzt mit mir ebenso zufrieden wie mit Charlotte; und ich erzählte ihnen meine allerbeste Geschichte von der Prinzessin, die von Zwergen bedient wurde. Ich verbessere mich durch diese Übung und bin ganz überrascht über den Eindruck, den meine Geschichten machen. Wenn ich manchmal einen Vorfall erfinde, den ich bei der nächsten Erzählung vergesse, erinnern sie mich direkt daran, dass die Geschichte vorher anders war; sodass ich mich nun bemühe, mit Genauigkeit genau dieselbe Anekdote in demselben monotonen Ton zu erzählen, der sich niemals ändert. Ich finde daran, wie sehr ein Autor seine Werke schadet, wenn er sie ändert, selbst wenn sie in poetischer Hinsicht verbessert würden. Der erste Eindruck wird bereitwillig aufgenommen. Wir sind so beschaffen, dass wir die unglaublichsten Dinge glauben; und wenn sie einmal in das Gedächtnis eingegraben sind, wehe dem, der versuchen würde, sie auszulöschen.

18. AUGUST.

Muss es immer so sein — dass die Quelle unseres Glücks auch der Quell unseres Elends sein muss? Das volle und glühende Gefühl, das mein Herz mit der Liebe zur Natur belebte, mich mit einem Strom von Entzücken überschwemmte und das mir das ganze Paradies vor Augen brachte, ist nun zu einer unerträglichen Qual geworden, einem Dämon, der mich unaufhörlich verfolgt und belästigt. Als ich in vergangenen Tagen von diesen Felsen auf jene Berge jenseits des Flusses blickte, und auf das grüne, blumige Tal vor mir, und sah, wie die ganze Natur um mich herum aufblühte und hervorbrach; die Hügel vom Fuß bis zum Gipfel mit hohen, dichten Waldbäumen bekleidet; die Täler in all ihren vielfältigen Windungen, beschattet von den lieblichsten Wäldern; und der sanfte Fluss, der zwischen den lispelnden Schilf gleitet und die schönen Wolken spiegelt, die der sanfte Abendwind über den Himmel trug — als ich die Haine um mich herum melodisch mit der Musik der Vögel hörte und die Millionen von Insektenschwärmen sah, die in den letzten goldenen Strahlen der Sonne tanzten, deren untergehende Strahlen die summenden Käfer aus ihren grasigen Betten weckten, während der gedämpfte Lärm um mich herum meine Aufmerksamkeit auf den Boden lenkte, und ich dort beobachtete, wie der dürre Fels gezwungen wurde, dem trockenen Moos Nahrung zu spenden, während die Heide auf dem unfruchtbaren Sand unter mir gedieh, all dies zeigte mir die innere Wärme, die alle Natur belebt, und füllte und glühte in meinem Herzen. Ich fühlte mich durch diese überfließende Fülle zur Wahrnehmung der Gottheit erhoben, und die herrlichen Formen eines unendlichen Universums wurden meiner Seele sichtbar! Gewaltige Berge umgaben mich, Abgründe gähnten zu meinen Füßen, und Katarakte stürzten vor mir in die Tiefe; ungestüme Flüsse rollten durch die Ebene, und Felsen und Berge hallten aus der Ferne wider. In den Tiefen der Erde sah ich zahllose Kräfte in Bewegung, die sich ins Unendliche vervielfältigten; während auf ihrer Oberfläche und unter den Himmeln zehntausend Varietäten lebender Geschöpfe wimmelten. Alles umher ist lebendig mit einer unendlichen Anzahl von Formen; während die Menschheit zu ihrem Schutz in ihre winzigen Häuser flieht, von deren Schutz aus sie in ihrer Vorstellung über das weit ausgedehnte Universum regiert. Armer Narr! in dessen kleinlicher Einschätzung alle Dinge klein sind. Von den unzugänglichen Bergen, über die Wüste, die kein sterblicher Fuß betreten hat, bis zu den Grenzen des unbekannten Ozeans atmet der Geist des ewigen Schöpfers; und jedes Atom, dem er Dasein verliehen hat, findet Gnade in seinen Augen. Ach, wie oft hat mich damals der Flug eines Vogels, der über meinem Kopf schwebte, mit dem Verlangen inspiriert, an die Ufer der unermesslichen Gewässer transportiert zu werden, dort die Freuden des Lebens aus dem schäumenden Becher des Unendlichen zu trinken und, wenn auch nur für einen Moment, mit den begrenzten Kräften meiner Seele an der Glückseligkeit jenes Schöpfers teilzuhaben, der alles in sich selbst und durch sich selbst vollbringt!

Mein lieber Freund, die bloße Erinnerung an jene Stunden tröstet mich noch immer. Selbst dieser Versuch, jene unaussprechlichen Empfindungen zurückzurufen und ihnen Ausdruck zu verleihen, erhebt meine Seele über sich selbst und lässt mich die Intensität meiner gegenwärtigen Qual doppelt fühlen.

Es ist, als wäre ein Vorhang vor meinen Augen weggezogen worden, und statt Aussichten auf ewiges Leben gähnte vor mir der Abgrund eines ewig offenen Grabes. Können wir von irgendetwas sagen, dass es existiert, wenn alles vergeht, wenn die Zeit mit der Geschwindigkeit eines Sturms alles vorwärts trägt — und unser vergängliches Dasein, vom Strom mitgerissen, entweder von den Wellen verschlungen oder gegen die Felsen geschleudert wird? Es gibt keinen Augenblick, der nicht dich — und alles um dich herum — zerfleischt, keinen Augenblick, in dem du nicht selbst zum Zerstörer wirst. Der unschuldigste Spaziergang raubt Tausenden armer Insekten das Leben: ein Schritt zerstört das Gefüge der fleißigen Ameise und verwandelt eine kleine Welt in Chaos. Nein: es sind nicht die großen und seltenen Katastrophen der Welt, die Überschwemmungen, die ganze Dörfer wegfegen, die Erdbeben, die unsere Städte verschlucken, die mich betreffen. Mein Herz wird verzehrt von dem Gedanken an jene zerstörerische Kraft, die in jedem Teil der universalen Natur verborgen liegt. Die Natur hat nichts geformt, das sich nicht selbst verzehrt, und jedes Objekt in seiner Nähe: sodass ich, umgeben von Erde und Luft und allen aktiven Kräften, mit schmerzendem Herzen meinen Weg wandere; und das Universum ist mir ein furchtbares Ungeheuer, das ewig seinen eigenen Nachwuchs verschlingt.

21. AUGUST.

Vergeblich strecke ich meine Arme nach ihr aus, wenn ich morgens aus meinem müden Schlummer erwache. Vergeblich suche ich sie nachts in meinem Bett, wenn irgendein unschuldiger Traum mich glücklich getäuscht und sie in den Feldern in meine Nähe platziert hat, wenn ich ihre Hand ergriffen und sie mit zahllosen Küssen bedeckt habe. Und wenn ich in der halben Verwirrung des Schlafes nach ihr taste, mit dem glücklichen Gefühl, dass sie in der Nähe ist, fließen Tränen aus meinem beklemmten Herzen; und, alles Trostes beraubt, weine ich über mein künftiges Weh.

22. AUGUST.

Welch ein Unglück, Wilhelm! Meine aktiven Geister sind zu zufriedenem Müßiggang verkommen. Ich kann nicht untätig sein, und doch bin ich unfähig, mich an die Arbeit zu machen. Ich kann nicht denken: Ich habe kein Gefühl mehr für die Schönheiten der Natur, und Bücher sind mir zuwider. Sobald wir uns aufgeben, sind wir völlig verloren. Oft und oft wünsche ich mir, ich wäre ein einfacher Arbeiter; dass ich, wenn ich morgens erwache, nur eine Aussicht, ein Streben, eine Hoffnung für den Tag hätte, der angebrochen ist. Ich beneide oft Albert, wenn ich ihn in einem Haufen von Papieren und Pergamenten begraben sehe, und ich bilde mir ein, ich wäre glücklich, wenn ich an seiner Stelle wäre. Oft von diesem Gefühl beeindruckt, war ich kurz davor, dir und dem Minister wegen der Anstellung bei der Gesandtschaft zu schreiben, die du für erreichbar hältst. Ich glaube, ich könnte sie bekommen. Der Minister zeigt schon lange eine Wertschätzung für mich und hat mich häufig gedrängt, eine Anstellung zu suchen. Es ist nur die Arbeit einer Stunde. Hin und wieder kommt mir die Fabel vom Pferd in den Sinn. Der Freiheit überdrüssig, ließ es sich satteln und zäumen und wurde zu Tode geritten für seine Mühen. Ich weiß nicht, was ich beschließen soll. Denn ist diese Angst vor Veränderung nicht die Folge jenes rastlosen Geistes, der mich in jeder Lebenslage gleichermaßen verfolgen würde?

28. AUGUST.

zu werden, vom Vater als Sohn, von den Kindern als Vater und von Charlotte geliebt zu werden! Dann der edle Albert, der mein Glück nie durch den Anschein von Übellaunigkeit stört, der mich mit herzlichster Zuneigung empfängt und mich, nach Charlotte, mehr liebt als alle Welt! Wilhelm, du wärst entzückt, uns bei unseren Wanderungen und Gesprächen über Charlotte zu hören. Nichts auf der Welt kann absurder sein als unsere Verbindung, und doch rührt mich der Gedanke daran oft zu Tränen.

Könnte mein Übel überhaupt geheilt werden, so würde es sicherlich hier geschehen. Heute ist mein Geburtstag, und schon früh am Morgen erhielt ich ein Paket von Albert. Als ich es öffnete, fand ich eines der rosa Bänder, die Charlotte an ihrem Kleid trug, als ich sie zum ersten Mal sah, und um die ich sie schon mehrmals gebeten hatte. Dazu kamen zwei Bände in Duodez von Wetsteins „Homer“, ein Buch, das ich mir oft gewünscht hatte, um mir die Unannehmlichkeit zu ersparen, die große Ernestinische Ausgabe auf meinen Spaziergängen mit mir herumzutragen. Du siehst, wie sie meine Wünsche vorausahnen, wie gut sie all diese kleinen Aufmerksamkeiten der Freundschaft verstehen, die den kostspieligen Geschenken der Großen, die nur erniedrigend sind, so weit überlegen sind. Ich küsste das Band tausendmal und sog bei jedem Atemzug die Erinnerung an jene glücklichen und unwiderruflichen Tage in mich auf, die mich mit der innigsten Freude erfüllten. So ist unser Schicksal, Wilhelm. Ich murre nicht darüber: Die Blumen des Lebens sind nur ein Traum. Wie viele vergehen und hinterlassen keine Spur – wie wenige tragen Frucht – und die Frucht selbst, wie selten reift sie! Und doch gibt es Blumen genug! Und ist es nicht seltsam, mein Freund, dass wir das wenige, das wirklich reift, verfaulen, verderben und ungenossen zugrunde gehen lassen? Leb wohl! Dies ist ein herrlicher Sommer. Ich klettere oft auf die Bäume in Charlottes Obstgarten und schüttle die Birnen herab, die an den höchsten Zweigen hängen. Sie steht unten und fängt sie auf, wenn sie fallen.

30. AUGUST.

Unglückseliges Wesen, das ich bin! Warum betrüge ich mich so selbst? Was soll aus dieser wilden, ziellosen, endlosen Leidenschaft werden? Ich kann zu niemandem beten als zu ihr. Meine Einbildungskraft sieht nichts als sie: Alle umgebenden Dinge sind ohne Belang, es sei denn, sie beziehen sich auf sie. In diesem traumartigen Zustand genieße ich viele glückliche Stunden, bis ich mich schließlich gezwungen fühle, mich von ihr loszureißen. Ach, Wilhelm, wozu zwingt mich mein Herz nicht oft! Wenn ich einige Stunden in ihrer Gesellschaft verbracht habe, bis ich mich völlig von ihrer Gestalt, ihrer Anmut, dem göttlichen Ausdruck ihrer Gedanken absorbiert fühle, gerät mein Geist allmählich in höchste Erregung, mein Blick trübt sich, mein Gehör verwirrt sich, mein Atem ist beklemmt, als läge die Hand eines Mörders darauf, und mein pochendes Herz sucht Erleichterung für meine schmerzenden Sinne. Manchmal bin ich mir nicht bewusst, ob ich überhaupt existiere. Wenn ich in solchen Augenblicken kein Verständnis finde und Charlotte mir nicht den melancholischen Trost erlaubt, ihre Hand mit meinen Tränen zu benetzen, fühle ich mich gezwungen, mich von ihr zu trennen, woraufhin ich entweder durch die Landschaft irre, irgendeine steile Klippe erklimme oder mir einen Pfad durch das pfadlose Dickicht bahne, wo ich von Dornen und Gestrüpp zerkratzt und zerfetzt werde; und darin finde ich Linderung. Manchmal liege ich vor Erschöpfung am Boden und sterbe vor Durst; manchmal, spät in der Nacht, wenn der Mond über mir scheint, lehne ich mich in irgendeinem einsamen Wald an einen alten Baum, um meine müden Glieder auszuruhen, wenn ich erschöpft und abgetrieben bis zum Morgengrauen schlafe. O Wilhelm! Die Zelle des Einsiedlers, sein Bußgewand und sein Dornengürtel wären Luxus und Genuss im Vergleich zu dem, was ich leide. Adieu! Ich sehe kein Ende dieses Elends außer dem Grab.

3. SEPTEMBER.

Ich muss fort. Danke, Wilhelm, dass du meinen wankenden Entschluss gefestigt hast. Seit einer ganzen Woche habe ich daran gedacht, sie zu verlassen. Ich muss fort. Sie ist in die Stadt zurückgekehrt und hält sich im Haus einer Freundin auf. Und dann Albert – ja, ich muss gehen.

10. SEPTEMBER.

Oh, was für eine Nacht, Wilhelm! Ich kann von nun an alles ertragen. Ich werde sie nie wiedersehen. Oh, warum kann ich dir nicht um den Hals fallen und mit Tränenströmen und Entzücken all die Leidenschaften aussprechen, die mein Herz zerreißen! Hier sitze ich, ringe nach Atem und kämpfe darum, mich zu fassen. Ich warte auf den Tag, und bei Sonnenaufgang sollen die Pferde vor der Tür stehen.

Und sie schläft ruhig, ohne zu ahnen, dass sie mich zum letzten Mal gesehen hat. Ich bin frei. Ich hatte den Mut, in einer zweistündigen Unterredung meine Absicht nicht zu verraten. Und o Wilhelm, was für ein Gespräch das war!

Albert hatte versprochen, unmittelbar nach dem Abendessen zu Charlotte in den Garten zu kommen. Ich war auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und beobachtete die untergehende Sonne. Ich sah sie zum letzten Mal unter diesem reizvollen Tal und dem stillen Strom versinken. Ich hatte oft denselben Ort mit Charlotte besucht und diesen herrlichen Anblick genossen; und nun – ich ging in derselben Allee auf und ab, die mir so teuer war. Eine geheime Sympathie hatte mich schon oft dorthin gezogen, bevor ich Charlotte kannte; und wir waren erfreut, als wir zu Beginn unserer Bekanntschaft entdeckten, dass wir beide denselben Ort liebten, der in der Tat so romantisch ist, wie nur irgendeiner, der jemals die Phantasie eines Künstlers gefangen nahm.

Unter den Kastanienbäumen hat man einen weiten Blick. Aber ich erinnere mich, dass ich all dies in einem früheren Brief erwähnt und die hohe Masse der Buchen am Ende beschrieben habe, und wie die Allee immer dunkler wird, während sie sich durch sie hindurchwindet, bis sie in einer düsteren Nische endet, die den ganzen Reiz einer geheimnisvollen Einsamkeit besitzt. Ich erinnere mich noch an das seltsame Gefühl der Melancholie, das mich das erste Mal überkam, als ich bei hellem Mittag diesen dunklen Rückzugsort betrat. Ich hatte eine geheime Vorahnung, dass er eines Tages der Schauplatz eines Glücks oder Unglücks für mich sein würde.

Ich hatte eine halbe Stunde damit verbracht, zwischen den widerstreitenden Gedanken des Gehens und Bleibens zu ringen, als ich sie die Terrasse heraufkommen hörte. Ich lief ihnen entgegen. Ich zitterte, als ich ihre Hand nahm und sie küsste. Als wir das Ende der Terrasse erreichten, stieg der Mond hinter dem bewaldeten Hügel auf. Wir sprachen über viele Dinge und näherten uns, ohne es zu merken, der düsteren Nische. Charlotte trat ein und setzte sich. Albert setzte sich neben sie. Ich tat dasselbe, aber meine Unruhe ließ es nicht zu, dass ich lange sitzen blieb. Ich stand auf, trat vor sie, ging dann auf und ab und setzte mich wieder. Ich war ruhelos und elend. Charlotte lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die schöne Wirkung des Mondlichts, das einen silbernen Schein über die Terrasse vor uns, jenseits der Buchen, warf. Es war ein herrlicher Anblick, der durch die Dunkelheit, die den Ort umgab, an dem wir uns befanden, noch eindrucksvoller wurde. Wir schwiegen eine Zeit lang, als Charlotte bemerkte: „Wann immer ich bei Mondschein spazieren gehe, bringt es mir alle meine geliebten und verstorbenen Freunde in Erinnerung, und ich bin erfüllt von Gedanken an den Tod und das Jenseits. Wir werden wieder leben, Werther!“, fuhr sie mit fester, aber gefühlvoller Stimme fort, „aber werden wir uns wiedererkennen – was denkst du? Was sagst du dazu?“

„Charlotte“, sagte ich, während ich ihre Hand in meine nahm und meine Augen sich mit Tränen füllten, „wir werden uns wiedersehen – hier und im Jenseits werden wir uns wiedersehen.“ Ich konnte nicht mehr sagen. Warum, Wilhelm, sollte sie mir diese Frage ausgerechnet in dem Moment stellen, als die Angst vor unserer grausamen Trennung mein Herz erfüllte?

„Und oh! Wissen diese Verstorbenen, wie es uns hier ergeht? Wissen sie, wann wir gesund und glücklich sind? Wissen sie, wann wir uns mit der innigsten Liebe an sie erinnern? In der stillen Stunde des Abends schwebt der Schatten meiner Mutter um mich; wenn ich inmitten meiner Kinder sitze, sehe ich sie um mich versammelt, wie sie sich einst um sie versammelten; und dann erhebe ich meine bittenden Augen zum Himmel und wünsche, sie könnte auf uns herabsehen und bezeugen, wie ich das Versprechen erfülle, das ich ihr in ihren letzten Momenten gab, ihren Kindern eine Mutter zu sein. Mit welcher Rührung rufe ich dann aus: ‚Verzeih, teuerste Mutter, verzeih mir, wenn ich deinen Platz nicht angemessen ausfülle! Ach! Ich tue mein Möglichstes. Sie sind gekleidet und ernährt; und, was noch besser ist, sie werden geliebt und erzogen. Könntest du nur sehen, süße Heilige! den Frieden und die Harmonie, die unter uns herrscht, du würdest Gott mit den wärmsten Gefühlen der Dankbarkeit verherrlichen, an den du in deiner letzten Stunde solche inbrünstigen Gebete für unser Glück gerichtet hast.‘“ So drückte sie sich aus; aber o Wilhelm! Wer kann ihrer Sprache gerecht werden? Wie können kalte und leidenschaftslose Worte die himmlischen Ausdrücke des Geistes wiedergeben? Albert unterbrach sie sanft. „Das berührt dich zu tief, meine liebe Charlotte. Ich weiß, deine Seele verweilt mit innigem Vergnügen bei solchen Erinnerungen; aber ich flehe dich an –“ „O Albert!“, fuhr sie fort, „ich bin sicher, du vergisst nicht die Abende, an denen wir drei am kleinen runden Tisch saßen, wenn Papa abwesend war und die Kleinen sich schlafen gelegt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch bei dir, hast es aber selten gelesen; das Gespräch dieses edlen Wesens war allem vorzuziehen – dieser schönen, klaren, sanften und doch immer arbeitenden Frau. Gott allein weiß, wie ich unter Tränen auf meinem nächtlichen Lager gefleht habe, dass ich ihr gleichen möge.“

Ich warf mich zu ihren Füßen und, ihre Hand ergreifend, benetzte sie mit tausend Tränen. „Charlotte!“, rief ich aus, „Gottes Segen und der Geist deiner Mutter sind auf dir.“ „Oh! Dass du sie gekannt hättest“, sagte sie mit einem warmen Druck der Hand. „Sie war es wert, von dir gekannt zu werden.“ Ich dachte, ich würde in Ohnmacht fallen: Noch nie hatte ich ein so schmeichelhaftes Lob erhalten. Sie fuhr fort: „Und doch war sie dazu verdammt, in der Blüte ihrer Jugend zu sterben, als ihr jüngstes Kind kaum sechs Monate alt war. Ihre Krankheit dauerte nur kurz, aber sie war ruhig und ergeben; und nur um ihre Kinder, besonders das jüngste, war sie unglücklich. Als ihr Ende nahte, hieß sie mich, sie zu ihr zu bringen. Ich gehorchte. Die Jüngeren wussten nichts von ihrem nahenden Verlust, während die Älteren ganz von Trauer überwältigt waren. Sie standen um das Bett; und sie erhob ihre schwachen Hände zum Himmel und betete über ihnen; dann küsste sie sie nacheinander, entließ sie und sagte zu mir: ‚Sei ihnen eine Mutter.‘ Ich gab ihr meine Hand. ‚Du versprichst viel, mein Kind‘, sagte sie: ‚eine mütterliche Liebe und mütterliche Fürsorge! Ich habe oft durch deine Tränen der Dankbarkeit gesehen, dass du weißt, was mütterliche Zärtlichkeit ist: Zeige sie deinen Brüdern und Schwestern und sei deinem Vater als Ehefrau pflichtbewusst und treu; du wirst sein Trost sein.‘ Sie fragte nach ihm. Er hatte sich zurückgezogen, um seine unerträgliche Qual zu verbergen – er war untröstlich. ‚Albert, du warst im Zimmer.‘ Sie hörte jemanden sich bewegen: Sie fragte, wer es sei, und bat dich, näher zu kommen. Sie betrachtete uns beide mit einem Blick der Gelassenheit und Zufriedenheit, der ausdrückte, dass sie überzeugt war, dass wir glücklich sein würden – glücklich miteinander.“ Albert fiel ihr um den Hals, küsste sie und rief: „Wir sind es, und wir werden es sein!“ Selbst Albert, der sonst so ruhig war, hatte völlig die Fassung verloren; und ich war über alle Maßen erregt.

„Und ein solches Wesen“, fuhr sie fort, „musste uns verlassen, Werther! Großer Gott, müssen wir uns so von allem trennen, was uns auf dieser Welt teuer ist? Niemand empfand dies schmerzlicher als die Kinder: Sie weinten und klagten noch lange Zeit danach und beklagten, dass die Menschen ihre liebe Mama weggetragen hätten.“

Charlotte erhob sich. Es rüttelte mich auf; aber ich blieb sitzen und hielt ihre Hand. „Lass uns gehen“, sagte sie: „es wird spät.“ Sie versuchte, ihre Hand zurückzuziehen: Ich hielt sie fest. „Wir werden uns wiedersehen“, rief ich aus: „wir werden uns unter jeder denkbaren Veränderung wiedererkennen! Ich gehe“, fuhr ich fort, „gehe freiwillig; aber sollte ich sagen für immer, vielleicht kann ich mein Wort nicht halten. Adieu, Charlotte; adieu, Albert. Wir werden uns wiedersehen.“ „Ja: morgen, glaube ich“, antwortete sie mit einem Lächeln. Morgen! Wie ich das Wort empfand! Ach! Sie dachte nicht daran, als sie ihre Hand aus meiner zog. Sie gingen die Allee hinunter. Ich stand und starrte ihnen im Mondlicht nach. Ich warf mich auf den Boden und weinte: Dann sprang ich auf, lief auf die Terrasse hinaus und sah unter dem Schatten der Linden ihr weißes Kleid in der Nähe des Gartentors verschwinden. Ich streckte meine Arme aus, und sie verschwand.

BUCH II.

20. OKTOBER.

Wir sind gestern hier angekommen. Der Gesandte ist unpässlich und wird einige Tage nicht ausgehen. Wenn er weniger mürrisch und verdrießlich wäre, wäre alles gut. Ich sehe nur allzu deutlich, dass der Himmel mich für schwere Prüfungen bestimmt hat; aber Mut! Ein leichtes Herz kann alles ertragen. Ein leichtes Herz! Ich lächle, wenn ich sehe, wie ein solches Wort aus meiner Feder fließt. Ein wenig mehr Leichtigkeit würde mich zum glücklichsten Wesen unter der Sonne machen. Aber muss ich an meinen Talenten und Fähigkeiten verzweifeln, während andere mit weitaus geringeren Fähigkeiten mit der größten Selbstzufriedenheit vor mir paradieren? Gnädige Vorsehung, der ich alle meine Kräfte verdanke, warum hast du mir nicht einige dieser Segnungen, die ich besitze, vorenthalten und sie durch ein Gefühl von Selbstvertrauen und Zufriedenheit ersetzt?

Aber Geduld! Alles wird noch gut werden; denn ich versichere dir, mein lieber Freund, du hattest recht: Seit ich gezwungen bin, ständig mit anderen Menschen zusammen zu sein und zu beobachten, was sie tun und wie sie sich beschäftigen, bin ich mit mir selbst weit zufriedener geworden. Denn wir sind von Natur aus so beschaffen, dass wir immer dazu neigen, uns mit anderen zu vergleichen; und unser Glück oder Elend hängt sehr von den Gegenständen und Personen um uns herum ab. Aus diesem Grund gibt es nichts Gefährlicheres als Einsamkeit: Dort malt uns unsere Einbildungskraft, die immer dazu neigt, sich zu erheben und auf den Flügeln der Phantasie einen neuen Flug zu nehmen, eine Kette von Wesen vor, von denen wir die minderwertigsten zu sein scheinen. Alle Dinge erscheinen größer, als sie wirklich sind, und alles scheint uns überlegen. Dieser Vorgang des Geistes ist ganz natürlich: Wir spüren so ständig unsere eigenen Unvollkommenheiten und bilden uns ein, bei anderen die Qualitäten zu bemerken, die wir nicht besitzen, während wir ihnen auch alles zuschreiben, was wir selbst genießen, dass wir durch diesen Prozess die Idee eines perfekten, glücklichen Menschen formen – eines Menschen jedoch, der nur in unserer eigenen Einbildung existiert.

Aber wenn wir uns trotz Schwäche und Enttäuschungen ernsthaft an die Arbeit machen und beharrlich durchhalten, stellen wir oft fest, dass wir, obwohl wir ständig kreuzen müssen, mehr vorankommen als andere, die die Unterstützung von Wind und Gezeiten haben; und in Wahrheit kann es keine größere Befriedigung geben, als mit anderen Schritt zu halten oder sie im Wettlauf zu überholen.

26. NOVEMBER.

Ich beginne meine Lage hier unter Berücksichtigung aller Umstände als erträglicher zu empfinden. Ich finde einen großen Vorteil darin, viel beschäftigt zu sein; und die Anzahl der Personen, die ich treffe, und ihre unterschiedlichen Beschäftigungen bieten mir eine abwechslungsreiche Unterhaltung. Ich habe die Bekanntschaft des Grafen C— gemacht, und ich schätze ihn von Tag zu Tag mehr. Er ist ein Mann von starkem Verstand und großem Urteilsvermögen; aber obwohl er weiter sieht als andere Leute, ist er deshalb in seiner Art nicht kalt, sondern fähig, die wärmste Zuneigung zu wecken und zu erwidern. Er schien sich für mich zu interessieren, als ich einmal einige Geschäfte mit ihm zu erledigen hatte. Er merkte beim ersten Wort, dass wir einander verstanden und dass er mit mir in einem anderen Ton sprechen konnte, als er es bei anderen tat. Ich kann seine offene und freimütige Freundlichkeit mir gegenüber nicht genug schätzen. Es ist das größte und echteste Vergnügen, einen großen Geist im Einklang mit dem eigenen zu beobachten.

24. DEZEMBER.

Wie ich voraussah, bereitet mir der Gesandte unendlichen Ärger. Er ist der pedantischste Dummkopf unter der Sonne. Er tut alles Schritt für Schritt, mit der kleinlichen Umständlichkeit einer alten Frau; und er ist ein Mann, dem man es unmöglich recht machen kann, weil er mit sich selbst nie zufrieden ist. Ich mag es, Geschäfte ordentlich und fröhlich zu erledigen und sie, wenn sie beendet sind, ruhen zu lassen. Aber er gibt mir ständig meine Papiere zurück und sagt: „Sie gehen so“, empfiehlt mir aber, sie noch einmal durchzusehen, da „man sich immer verbessern kann, indem man ein besseres Wort oder ein passenderes Partikel verwendet“. Dann verliere ich alle Geduld und wünsche mich zum Teufel. Keine Konjunktion, kein Adverb darf ausgelassen werden: Er hat eine tödliche Abneigung gegen all jene Transpositionen, die ich so sehr liebe; und wenn die Musik unserer Perioden nicht auf die etablierte, amtliche Tonart abgestimmt ist, kann er unsere Bedeutung nicht begreifen. Es ist beklagenswert, mit einem solchen Kerl verbunden zu sein.

Meine Bekanntschaft mit dem Grafen C— ist die einzige Entschädigung für ein solches Übel. Er sagte mir neulich ganz offen, dass er mit den Schwierigkeiten und Verzögerungen des Gesandten sehr unzufrieden sei; dass Leute wie er Hindernisse seien, sowohl für sich selbst als auch für andere. „Aber“, fügte er hinzu, „man muss sich unterwerfen, wie ein Reisender, der einen Berg besteigen muss: Wäre der Berg nicht da, wäre der Weg sowohl kürzer als auch angenehmer; aber er ist nun einmal da, und er muss darüber hinweg.“

Der alte Mann bemerkt die Vorliebe des Grafen für mich: Das ärgert ihn, und er nutzt jede Gelegenheit, um den Grafen in meinem Beisein herabzusetzen. Ich verteidige ihn natürlich, und das macht die Sache nur noch schlimmer. Gestern hat er mich empört, da er auch auf mich anspielte. „Der Graf“, sagte er, „ist ein Mann von Welt und ein guter Geschäftsmann: Sein Stil ist gut, und er schreibt mit Leichtigkeit; aber wie andere Genies hat er keine solide Gelehrsamkeit.“ Er sah mich mit einem Ausdruck an, der zu fragen schien, ob ich den Schlag spürte. Aber es hatte nicht die gewünschte Wirkung: Ich verachte einen Mann, der auf eine solche Weise denken und handeln kann. Ich hielt jedoch stand und antwortete mit nicht geringer Wärme. Der Graf, sagte ich, sei ein Mann, der Respekt verdiene, sowohl wegen seines Charakters als auch wegen seiner Kenntnisse. Ich sei noch niemandem begegnet, dessen Geist mit nützlicherem und umfassenderem Wissen ausgestattet sei – der in der Tat eine solche unendliche Vielfalt von Themen gemeistert habe und der dennoch all seine Tatkraft für die Details des gewöhnlichen Geschäfts bewahrt habe. Das war völlig außerhalb seines Begriffsvermögens; und ich nahm meinen Abschied, damit mein Zorn nicht durch eine neue Absurdität von ihm zu sehr erregt würde.

Und du bist an all dem schuld, du, der du mich überzeugt hast, meinen Nacken unter dieses Joch zu beugen, indem du mir ein Leben der Aktivität gepredigt hast. Wenn der Mann, der Gemüse pflanzt und an Markttagen sein Getreide in die Stadt bringt, nicht nützlicher beschäftigt ist als ich, dann lass mich noch zehn Jahre länger an den Galeeren arbeiten, an die ich jetzt gekettet bin.

Oh, das glänzende Elend, die Müdigkeit, die man unter den törichten Leuten, die wir hier in der Gesellschaft treffen, zu bezeugen verdammt ist! Der Ehrgeiz des Ranges! Wie sie beobachten, wie sie sich abmühen, um den Vorrang zu gewinnen! Welche armseligen und verachtenswerten Leidenschaften werden in ihrer völligen Nacktheit zur Schau gestellt! Wir haben hier zum Beispiel eine Frau, die nicht aufhört, die Gesellschaft mit Berichten über ihre Familie und ihre Ländereien zu unterhalten. Jeder Fremde würde sie für ein törichtes Wesen halten, deren Kopf durch ihre Ansprüche auf Rang und Besitz verdreht ist; aber sie ist in Wirklichkeit noch lächerlicher, die Tochter eines bloßen Gerichtsschreibers aus dieser Nachbarschaft. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen sich so erniedrigen können.

Jeden Tag beobachte ich mehr und mehr die Torheit, andere nach uns selbst zu beurteilen; und ich habe so viel Mühe mit mir selbst, und mein eigenes Herz ist in einer solchen ständigen Erregung, dass ich sehr zufrieden bin, andere ihren eigenen Weg gehen zu lassen, wenn sie mir nur dasselbe Privileg einräumen.

Was mich am meisten provoziert, ist das unglückliche Ausmaß, in dem Rangunterschiede getrieben werden. Ich weiß sehr wohl, wie notwendig Ungleichheiten der Lebensbedingungen sind, und ich bin mir der Vorteile bewusst, die ich selbst daraus ziehe; aber ich möchte nicht, dass diese Institutionen ein Hindernis für das kleine bisschen Glück sind, das ich auf dieser Erde genießen mag.

Ich habe in letzter Zeit Bekanntschaft mit einer Miss B— gemacht, einem sehr angenehmen Mädchen, das sich inmitten eines künstlichen Lebens seine natürliche Art bewahrt hat. Unser erstes Gespräch erfreute uns beide gleichermaßen; und beim Abschied bat ich um die Erlaubnis, sie besuchen zu dürfen. Sie willigte auf so verbindliche Weise ein, dass ich mit Ungeduld auf die Ankunft des glücklichen Augenblicks wartete. Sie stammt nicht von hier, sondern wohnt bei ihrer Tante. Das Gesicht der alten Dame ist nicht gerade gewinnend. Ich schenkte ihr viel Aufmerksamkeit, richtete den größten Teil meines Gesprächs an sie; und in weniger als einer halben Stunde entdeckte ich, was mir ihre Nichte später bestätigte: dass ihre betagte Tante, die nur über ein kleines Vermögen und einen noch kleineren Verstand verfügt, keine andere Befriedigung findet als in der Ahnenreihe ihrer Vorfahren, keinen anderen Schutz außer in ihrer vornehmen Geburt und kein anderes Vergnügen, als von ihrem Schloss aus auf die Köpfe der einfachen Bürger herabzublicken. Sie war zweifellos in ihrer Jugend schön und hat in ihren frühen Jahren vermutlich ihre Zeit damit vertrödelt, so manchen armen Jüngling zum Spielball ihrer Launen zu machen: In ihren reiferen Jahren hat sie sich dem Joch eines alten Offiziers unterworfen, der im Austausch für ihre Person und ihr kleines Vermögen das mit ihr verbrachte, was wir ihr ehernes Zeitalter nennen könnten. Er ist tot; und sie ist nun Witwe und verlassen. Sie verbringt ihr eisernes Zeitalter allein und würde von niemandem aufgesucht werden, wäre da nicht die Lieblichkeit ihrer Nichte.

8. JANUAR 1772.

Was sind das für Wesen, die Menschen, deren ganze Gedanken nur mit Form und Zeremoniell ausgefüllt sind, die jahrelang ihre geistigen und körperlichen Kräfte der Aufgabe widmen, sich nur um einen Schritt vorwärts zu bringen und sich um einen höheren Platz bei Tisch zu bemühen. Nicht, dass es solchen Personen sonst an Beschäftigung mangeln würde: Im Gegenteil, sie bereiten sich selbst große Mühe, indem sie wichtige Angelegenheiten für solche Nichtigkeiten vernachlässigen. Letzte Woche kam bei einer Schlittenfahrt die Frage des Vorrangs auf, und unser ganzes Vergnügen war verdorben.

Die törichten Geschöpfe können nicht sehen, dass es nicht der Rang ist, der wahre Größe ausmacht, da der Mann, der den ersten Platz einnimmt, nur selten die Hauptrolle spielt. Wie viele Könige werden von ihren Ministern regiert – wie viele Minister von ihren Sekretären? Wer ist in solchen Fällen wirklich der Vorgesetzte? Derjenige, wie mir scheint, der die anderen durchschauen kann und genug Stärke oder Geschick besitzt, um ihre Macht oder ihre Leidenschaften der Verwirklichung seiner eigenen Pläne dienstbar zu machen.

20. JANUAR.

Ich muss Ihnen von hier aus schreiben, meine liebe Charlotte, aus einem kleinen Zimmer in einem Landgasthof, wo ich vor einem schweren Sturm Zuflucht gesucht habe. Während meines gesamten Aufenthalts in jenem elenden Ort D—, wo ich unter Fremden lebte – Fremden, wahrlich, für dieses Herz –, habe ich zu keiner Zeit die geringste Neigung verspürt, mit Ihnen zu korrespondieren; aber in dieser Hütte, in dieser Zurückgezogenheit, in dieser Einsamkeit, während Schnee und Hagel gegen meine Fensterscheibe peitschen, sind Sie mein erster Gedanke. In dem Augenblick, als ich eintrat, stieg Ihre Gestalt vor mir auf, und die Erinnerung! O meine Charlotte, die heilige, zarte Erinnerung! Gnädiger Himmel! Gebt mir den glücklichen Augenblick unserer ersten Bekanntschaft zurück.

Könnten Sie mich nur sehen, meine liebe Charlotte, im Wirbel der Zerstreuung – wie meine Sinne ausgedörrt sind, aber mein Herz zu keiner Zeit erfüllt ist. Ich genieße keinen einzigen Augenblick des Glücks: Alles ist eitel – nichts berührt mich. Ich stehe gleichsam vor dem Guckkasten: Ich sehe die kleinen Puppen sich bewegen und frage mich, ob es keine optische Täuschung ist. Ich amüsiere mich über diese Puppen, oder vielmehr, ich bin selbst eine von ihnen: Aber wenn ich manchmal die Hand meines Nachbarn ergreife, fühle ich, dass es nicht natürlich ist; und ich ziehe meine mit einem Schaudern zurück. Am Abend sage ich mir, ich werde den Sonnenaufgang des nächsten Morgens genießen, und doch bleibe ich im Bett: Am Tag verspreche ich, im Mondschein zu wandeln; und ich bleibe dennoch zu Hause. Ich weiß nicht, warum ich aufstehe, noch warum ich schlafen gehe.

Der Sauerteig, der mein Dasein belebte, ist dahin: Der Zauber, der mich im Dunkel der Nacht erheitert und mich aus meinem Morgenschlummer geweckt hat, ist für immer geflohen.

Ich habe hier nur ein Wesen gefunden, das mich interessiert, eine Miss B—. Sie gleicht Ihnen, meine liebe Charlotte, wenn irgendjemand Ihnen überhaupt gleichen kann. „Ach!“, werden Sie sagen, „er hat gelernt, feine Komplimente zu machen.“ Und das ist teilweise wahr. Ich war in letzter Zeit sehr angenehm, da es nicht in meiner Macht stand, anders zu sein. Ich habe zudem eine Menge Witz: Und die Damen sagen, dass niemand besser zu schmeicheln versteht, oder Lügen, werden Sie hinzufügen; da die eine Fertigkeit unweigerlich die andere begleitet. Aber ich muss Ihnen von Miss B— erzählen. Sie hat ein Übermaß an Seele, das aus ihren tiefblauen Augen blitzt. Ihr Rang ist ihr eine Qual und befriedigt kein einziges Verlangen ihres Herzens. Sie würde sich gerne aus diesem Wirbel der Mode zurückziehen, und wir malen uns oft ein Leben ungestörten Glücks in fernen Gefilden ländlicher Abgeschiedenheit aus: Und dann sprechen wir von Ihnen, meine liebe Charlotte; denn sie kennt Sie und zollt Ihren Vorzügen Tribut; aber ihre Huldigung ist nicht erzwungen, sondern freiwillig, sie liebt Sie und hört mit Vergnügen, wenn Sie zum Gegenstand des Gesprächs gemacht werden.

Oh, dass ich zu Ihren Füßen in Ihrem geliebten kleinen Zimmer säße, mit den lieben Kindern, die um uns herum spielen! Wenn sie Ihnen lästig würden, würde ich ihnen eine erschreckende Schauergeschichte erzählen; und sie würden sich mit stillem Staunen um mich drängen. Die Sonne geht in Herrlichkeit unter; ihre letzten Strahlen scheinen auf den Schnee, der das Gesicht des Landes bedeckt: Der Sturm ist vorüber, und ich muss in meinen Kerker zurückkehren. Adieu! – Ist Albert bei Ihnen? Und was ist er Ihnen? Gott verzeihe mir die Frage.

8. FEBRUAR.

Seit einer Woche haben wir das elendeste Wetter: Aber das ist für mich ein Segen; denn während meines Aufenthalts hier ist kein einziger schöner Tag vom Himmel gestrahlt, der mir nicht durch das Eindringen von irgendjemandem verloren gegangen wäre. Während der Heftigkeit von Regen, Graupel, Frost und Sturm gratuliere ich mir dazu, dass es drinnen nicht schlimmer sein kann als draußen, noch draußen schlimmer als drinnen; und so finde ich mich ab. Wenn die Sonne morgens hell aufgeht und einen herrlichen Tag verspricht, versäume ich es nie auszurufen: „Da haben sie nun wieder einen Segen vom Himmel, den sie sicher zerstören werden: Sie verderben alles – Gesundheit, Ruhm, Glück, Vergnügen; und sie tun dies gewöhnlich aus Torheit, Unwissenheit oder Schwachsinn, und immer, nach ihrer eigenen Aussage, in bester Absicht!“ Ich könnte sie oft auf Knien anflehen, weniger entschlossen zu sein, sich selbst zu zerstören.

17. FEBRUAR.

Ich fürchte, mein Gesandter und ich werden nicht mehr lange miteinander auskommen. Er wird wirklich unerträglich. Er erledigt seine Geschäfte auf eine so lächerliche Weise, dass ich oft gezwungen bin, ihm zu widersprechen und die Dinge auf meine eigene Weise zu tun; und dann denkt er natürlich, sie seien sehr schlecht gemacht. Er hat sich kürzlich deswegen bei Hofe über mich beklagt, und der Minister hat mir einen Verweis erteilt – einen sanften zwar, aber dennoch einen Verweis. Infolgedessen wollte ich mein Entlassungsgesuch einreichen, als ich einen Brief erhielt, dem ich mit großem Respekt unterworfen war, wegen des hohen, edlen und großmütigen Geistes, der ihn diktiert hatte. Er bemühte sich, meine übermäßige Empfindsamkeit zu besänftigen, zollte meinen extremen Vorstellungen von Pflicht, von gutem Beispiel und von Beharrlichkeit bei der Arbeit Tribut als der Frucht meines jugendlichen Eifers, einem Impuls, den er nicht vernichten, sondern nur mäßigen wollte, damit er das richtige Spiel habe und produktiv für das Gute sei. Nun bin ich also für eine weitere Woche in Ruhe und nicht länger mit mir selbst im Unreinen. Zufriedenheit und Seelenfrieden sind wertvolle Dinge: Ich wünschte, meine liebe Freundin, dass diese kostbaren Juwelen weniger flüchtig wären.

20. FEBRUAR.

Gott segne Sie, meine lieben Freunde, und möge er Ihnen das Glück gewähren, das er mir versagt!

Ich danke Ihnen, Albert, dass Sie mich getäuscht haben. Ich wartete auf die Nachricht, dass Ihr Hochzeitstag feststehe; und ich hatte vor, an diesem Tag feierlich Charlottes Profil von der Wand zu nehmen und es mit einigen anderen Papieren, die ich besitze, zu begraben. Sie sind nun vereint, und ihr Bild bleibt immer noch hier. Nun, lass es bleiben! Warum sollte es nicht? Ich weiß, dass ich immer noch Teil Ihrer Gesellschaft bin, dass ich immer noch einen unversehrten Platz in Charlottes Herzen einnehme, dass ich den zweiten Platz darin innehabe; und ich habe die Absicht, ihn zu behalten. Oh, ich würde wahnsinnig werden, wenn sie vergessen könnte! Albert, dieser Gedanke ist die Hölle! Leb wohl, Albert, leb wohl, Engel des Himmels, leb wohl, Charlotte!

15. MÄRZ.

Ich habe gerade ein trauriges Abenteuer erlebt, das mich von hier vertreiben wird. Ich verliere alle Geduld! – Tod! – Es ist nicht wiedergutzumachen; und allein Sie sind daran schuld, denn Sie drängten und trieben mich dazu, eine Stelle anzutreten, für die ich keineswegs geeignet war. Ich habe nun Grund, zufrieden zu sein, und Sie auch! Aber damit Sie diese Fatalität nicht wieder meinem ungestümen Temperament zuschreiben, sende ich Ihnen, mein lieber Herr, eine schlichte und einfache Erzählung der Angelegenheit, wie sie ein bloßer Chronist der Fakten beschreiben würde.

Der Graf von O— mag mich und zeichnet mich aus. Es ist wohlbekannt, und ich habe Ihnen dies hundertmal erwähnt. Gestern habe ich bei ihm zu Mittag gegessen. Es ist der Tag, an dem die Adligen abends gewöhnlich bei ihm zusammenkommen. Ich dachte kein einziges Mal an die Versammlung, noch daran, dass wir Untergebene nicht in eine solche Gesellschaft gehören. Nun, ich aß mit dem Grafen zu Mittag; und nach dem Essen zogen wir uns in den großen Saal zurück. Wir gingen zusammen auf und ab: und ich unterhielt mich mit ihm und mit Oberst B—, der sich uns anschloss; und auf diese Weise näherte sich die Stunde für die Versammlung. Gott weiß, ich dachte an nichts, als wer sollte eintreten, wenn nicht die ehrenwerte Lady, begleitet von ihrem edlen Ehemann und ihrer törichten, intriganten Tochter, mit ihrer schmalen Taille und ihrem flachen Hals; und mit verächtlichen Blicken und einer hochnäsigen Miene gingen sie an mir vorbei. Da ich die ganze Sippschaft herzlich verabscheue, beschloss ich zu gehen; und ich wartete nur darauf, bis der Graf sich von ihrem unverschämten Geplapper gelöst hatte, um mich zu verabschieden, als die angenehme Miss B— hereinkam. Da ich ihr nie begegne, ohne ein herzliches Vergnügen zu empfinden, blieb ich und unterhielt mich mit ihr, wobei ich mich über ihre Stuhllehne lehnte, und bemerkte erst nach einiger Zeit, dass sie etwas verwirrt schien und aufhörte, mir mit ihrer gewohnten Leichtigkeit zu antworten. Ich war davon getroffen. „Himmel!“, sagte ich zu mir selbst, „kann auch sie wie die anderen sein?“ Ich fühlte mich verärgert und war im Begriff zu gehen; aber ich blieb nichtsdestotrotz, bildete Entschuldigungen für ihr Verhalten, bildete mir ein, sie meine es nicht so, und hoffte immer noch auf eine freundliche Anerkennung. Der Rest der Gesellschaft traf nun ein. Da war Baron F— in einem kompletten Anzug, der aus der Zeit der Krönung von Franz I. stammte; der Kanzler N— mit seiner tauben Frau; der schäbig gekleidete I—, dessen altmodischer Mantel Zeugnis von modernen Ausbesserungen ablegte: Das krönte das Ganze. Ich unterhielt mich mit einigen meiner Bekannten, aber sie antworteten mir lakonisch. Ich war damit beschäftigt, Miss B— zu beobachten, und bemerkte nicht, dass die Frauen am Ende des Raumes flüsterten, dass sich das Gemurmel allmählich auf die Männer ausweitete, dass Madame S— den Grafen mit viel Wärme ansprach (dies wurde mir alles später von Miss B— erzählt); bis schließlich der Graf auf mich zukam und mich zum Fenster nahm. „Sie kennen unsere lächerlichen Bräuche“, sagte er. „Ich nehme wahr, die Gesellschaft ist etwas missvergnügt darüber, dass Sie hier sind. Ich möchte um keinen Preis –“ „Ich bitte Eure Exzellenz um Verzeihung!“, rief ich aus. „Ich hätte früher daran denken sollen, aber ich weiß, Sie werden diese kleine Unaufmerksamkeit verzeihen. Ich wollte“, fügte ich hinzu, „schon vor einiger Zeit gehen, aber mein böser Geist hielt mich zurück.“ Und ich lächelte und verneigte mich, um mich zu verabschieden. Er schüttelte mir die Hand auf eine Weise, die alles ausdrückte. Ich eilte sofort aus der illustren Versammlung, sprang in eine Kutsche und fuhr nach M—. Ich betrachtete die untergehende Sonne vom Gipfel des Hügels und las jene schöne Stelle bei Homer, wo Odysseus von den gastfreundlichen Hirten bewirtet wird. Das war wahrlich herrlich.

Ich kehrte abends zum Abendessen nach Hause zurück. Nur wenige Personen waren im Raum versammelt. Sie hatten eine Ecke der Tischdecke hochgeschlagen und würfelten. Der gutmütige A— kam herein. Er legte seinen Hut ab, als er mich sah, trat auf mich zu und sagte leise: „Sie haben ein unangenehmes Abenteuer erlebt.“ „Ich!“, rief ich aus. „Der Graf hat Sie gezwungen, die Versammlung zu verlassen!“ „Zum Teufel mit der Versammlung!“, sagte ich. „Ich war sehr froh, fort zu sein.“ „Ich bin entzückt“, fügte er hinzu, „dass Sie es so leicht nehmen. Mir tut es nur leid, dass schon so viel darüber gesprochen wird.“ Der Umstand begann mich dann zu schmerzen. Ich bildete mir ein, dass jeder, der sich hinsetzte und mich auch nur ansah, an diesen Vorfall dachte; und mein Herz wurde verbittert.

Und nun könnte ich mir einen Dolch in die Brust stoßen, wenn ich höre, wie ich überall bemitleidet werde, und den Triumph meiner Feinde beobachte, die sagen, dass dies immer der Fall sei bei eitlen Personen, deren Köpfe von Dünkel verdreht seien, die vorgäben, Formen und solchen kleingeistigen, müßigen Unsinn zu verachten.

Sagen Sie, was Sie wollen über Standhaftigkeit, aber zeigen Sie mir den Mann, der geduldig das Gelächter von Narren ertragen kann, wenn sie einen Vorteil über ihn erlangt haben. Nur wenn ihr Unsinn jeder Grundlage entbehrt, kann man ihn ohne Klage erdulden.

16. MÄRZ.

Alles verschwört sich gegen mich. Ich traf heute Miss B— beim Spaziergang. Ich konnte nicht anders, als mich ihr anzuschließen; und als wir ein Stück von ihren Begleitern entfernt waren, drückte ich mein Empfinden über ihre veränderte Haltung mir gegenüber aus. „O Werther!“, sagte sie in einem bewegten Ton, „Sie, die Sie mein Herz kennen, wie konnten Sie meinen Kummer so falsch deuten? Was habe ich nicht alles für Sie gelitten, von dem Augenblick an, als Sie den Raum betraten! Ich habe es alles vorausgeahnt, hundertmal war ich kurz davor, es Ihnen zu erwähnen. Ich wusste, dass die S——s und T——s mit ihren Ehemännern den Raum verlassen würden, anstatt in Ihrer Gesellschaft zu bleiben. Ich wusste, dass der Graf nicht mit ihnen brechen würde: Und nun wird so viel darüber geredet.“ „Wie!“, rief ich aus und versuchte, meine Bewegung zu verbergen; denn alles, was Adelin mir gestern erwähnt hatte, kam mir in diesem Augenblick schmerzlich in den Sinn. „Oh, wie viel hat es mich schon gekostet!“, sagte dieses liebenswerte Mädchen, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Ich konnte mich kaum beherrschen und war bereit, mich ihr zu Füßen zu werfen. „Erklären Sie sich!“, rief ich. Tränen flossen ihr über die Wangen. Ich wurde ganz rasend. Sie wischte sie ab, ohne zu versuchen, sie zu verbergen. „Sie kennen meine Tante“, fuhr sie fort; „sie war anwesend: Und in welchem Licht sieht sie die Angelegenheit! Gestern Abend und heute Morgen, Werther, war ich gezwungen, mir eine Vorlesung über meine Bekanntschaft mit Ihnen anzuhören. Ich musste mir anhören, wie Sie verurteilt und herabgesetzt wurden; und ich konnte nicht – ich durfte nicht – viel zu Ihrer Verteidigung sagen.“

Jedes Wort, das sie äußerte, war ein Dolch in meinem Herzen. Sie fühlte nicht, welch eine Barmherzigkeit es gewesen wäre, mir alles zu verbergen. Sie erzählte mir obendrein all die Unverschämtheiten, die noch weiter verbreitet werden würden, und wie die Boshaften triumphieren würden; wie sie sich über die Bestrafung meines Stolzes freuen würden, über meine Demütigung für jenen Mangel an Achtung vor anderen, der mir oft vorgeworfen worden war. All dies von ihr in einer Stimme vollkommen aufrichtigen Mitgefühls zu hören, Wilhelm, erweckte all meine Leidenschaften; und ich bin immer noch in einem Zustand extremer Erregung. Ich wünschte, ich könnte einen Mann finden, der mich wegen dieses Ereignisses verspottet. Ich würde ihn meinem Zorn opfern. Der Anblick seines Blutes könnte möglicherweise eine Erleichterung für meine Wut sein. Hundertmal habe ich nach einem Dolch gegriffen, um diesem bedrückten Herzen Erleichterung zu verschaffen. Naturforscher berichten von einer edlen Rasse von Pferden, die instinktiv eine Ader mit ihren Zähnen öffnen, wenn sie durch einen langen Lauf erhitzt und erschöpft sind, um freier atmen zu können. Ich bin oft versucht, mir eine Ader zu öffnen, um mir ewige Freiheit zu verschaffen.

24. MÄRZ.

Ich habe mein Entlassungsgesuch bei Hofe eingereicht. Ich hoffe, es wird angenommen, und Sie werden mir verzeihen, dass ich Sie nicht vorher konsultiert habe. Es ist notwendig, dass ich diesen Ort verlasse. Ich weiß alles, was Sie vorbringen werden, um mich zum Bleiben zu bewegen, und deshalb bitte ich Sie, diese Nachricht meiner Mutter schonend beizubringen. Ich bin unfähig, etwas für mich selbst zu tun: Wie sollte ich dann kompetent sein, anderen zu helfen? Es wird sie betrüben, dass ich jene Karriere unterbrochen habe, die mich erst zum Geheimen Rat und dann zum Minister gemacht hätte, und dass ich hinter mich blicke, anstatt vorwärtszustreben. Argumentieren Sie, wie Sie wollen, führen Sie alle Gründe zusammen, die mich hätten bewegen sollen zu bleiben, ich gehe: Das ist ausreichend. Aber damit Sie nicht unwissend über mein Ziel sind, darf ich erwähnen, dass der Prinz von —— hier ist. Er ist sehr erfreut über meine Gesellschaft; und nachdem er von meiner Absicht gehört hat, zu kündigen, hat er mich auf sein Landhaus eingeladen, um die Frühlingsmonate mit ihm zu verbringen. Ich werde vollkommen mein eigener Herr sein; und da wir uns in allen Themen bis auf eines einig sind, werde ich mein Glück versuchen und ihn begleiten.

19. APRIL.

Danke für Ihre beiden Briefe. Ich zögerte mit meiner Antwort und hielt diesen Brief zurück, bis ich eine Antwort vom Hofe erhalten würde. Ich fürchtete, meine Mutter könnte sich an den Minister wenden, um mein Vorhaben zu vereiteln. Aber meine Bitte ist gewährt, mein Entlassungsgesuch ist angenommen. Ich werde nicht berichten, mit welchem Widerwillen es gewährt wurde, noch erzählen, was der Minister geschrieben hat: Sie würden nur Ihre Klagen erneuern. Der Kronprinz hat mir ein Geschenk von fünfundzwanzig Dukaten geschickt; und wahrlich, eine solche Güte hat mich zu Tränen gerührt. Aus diesem Grund werde ich von meiner Mutter nicht das Geld benötigen, um das ich kürzlich bat.

5. MAI.

Ich verlasse diesen Ort morgen; und da mein Geburtsort nur sechs Meilen von der Landstraße entfernt ist, beabsichtige ich, ihn noch einmal zu besuchen und die glücklichen Träume meiner Kindheit wachzurufen. Ich werde durch dasselbe Tor eintreten, durch das ich mit meiner Mutter kam, als sie nach dem Tod meines Vaters diesen reizenden Rückzugsort verließ, um sich in Ihrer melancholischen Stadt einzumauern. Adieu, mein lieber Freund: Sie werden von meinem weiteren Werdegang hören.

9. MAI.

Ich habe meinem Geburtsort einen Besuch abgestattet mit der ganzen Hingabe eines Pilgers und habe viele unerwartete Gefühle erlebt. In der Nähe der großen Ulme, die eine Viertelmeile vom Dorf entfernt ist, stieg ich aus der Kutsche aus und schickte sie voraus, damit ich allein und zu Fuß all das Vergnügen meiner Erinnerungen lebhaft und von Herzen genießen könnte. Ich stand dort unter jener Ulme, die früher das Ziel und Objekt meiner Spaziergänge war. Wie haben sich die Dinge seither verändert! Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit nach einer Welt, die ich nicht kannte, wo ich jedes Vergnügen und jede Freude zu finden hoffte, die mein Herz begehren konnte; und nun, nach meiner Rückkehr aus dieser weiten Welt, o mein Freund, wie viele enttäuschte Hoffnungen und erfolglose Pläne habe ich zurückgebracht!

Als ich die Berge betrachtete, die sich vor mir ausdehnten, dachte ich daran, wie oft sie das Objekt meiner innigsten Wünsche gewesen waren. Hier pflegte ich stundenlang dazusitzen, die Augen auf sie gerichtet, und sehnte mich leidenschaftlich danach, im Schatten jener Wälder zu wandeln, mich in jenen Tälern zu verlieren, die in der Ferne einen so entzückenden Anblick bilden. Mit welch großem Widerwillen verließ ich diesen reizenden Ort, wenn meine Stunde der Erholung vorüber und mein Urlaub abgelaufen war! Ich näherte mich dem Dorf: Alle wohlbekannten alten Gartenhäuser und Gärten wurden wiedererkannt; die neuen und alle anderen Veränderungen, die stattgefunden hatten, missfielen mir. Ich betrat das Dorf, und all meine früheren Gefühle kehrten zurück. Ich kann, mein lieber Freund, nicht ins Detail gehen, so reizend meine Empfindungen auch waren: In der Erzählung wären sie langweilig. Ich hatte die Absicht, auf dem Marktplatz, nahe unserem alten Haus, abzusteigen. Sobald ich eintrat, bemerkte ich, dass das Schulzimmer, in dem wir als Kinder von jener guten alten Frau unterrichtet worden waren, in einen Laden umgewandelt worden war. Ich erinnerte mich an den Kummer, die Schwere, die Tränen und die Herzensbeklemmung, die ich in jener Einengung erlebt hatte. Jeder Schritt erzeugte einen besonderen Eindruck. Ein Pilger im Heiligen Land trifft nicht auf so viele Orte, die von zarten Erinnerungen erfüllt sind, und seine Seele wird kaum von größerer Andacht bewegt. Ein Vorfall mag zur Veranschaulichung dienen. Ich folgte dem Lauf eines Baches zu einem Bauernhof, früher ein reizender Spaziergang von mir, und hielt an der Stelle inne, wo wir uns als Jungen damit amüsierten, auf dem Wasser Steine hüpfen zu lassen. Ich erinnerte mich so genau daran, wie ich früher den Lauf eben dieses Baches zu beobachten pflegte, ihm mit forschendem Eifer folgte und mir romantische Vorstellungen von den Ländern machte, die er durchfließen würde; doch meine Einbildungskraft war bald erschöpft: während das Wasser immer weiter floss, bis mein Geist durch die Betrachtung einer unsichtbaren Ferne verwirrt wurde. Genau so, mein lieber Freund, so glücklich und so beschränkt, waren die Gedanken unserer guten Vorfahren. Ihre Gefühle und ihre Dichtkunst waren so frisch wie die Kindheit. Und wenn Odysseus vom unermesslichen Meer und der grenzenlosen Erde spricht, so sind seine Beinamen wahr, natürlich, tief empfunden und geheimnisvoll. Von welcher Bedeutung ist es, dass ich mit jedem Schuljungen gelernt habe, dass die Welt rund ist? Der Mensch braucht nur wenig Erde zum Genuss und noch weniger für seine letzte Ruhe.

Ich bin gegenwärtig bei dem Fürsten auf seinem Jagdschloss. Er ist ein Mann, mit dem man glücklich leben kann. Er ist ehrlich und ungekünstelt. Es gibt jedoch einige seltsame Charaktere um ihn herum, die ich überhaupt nicht begreifen kann. Sie scheinen nicht bösartig zu sein, und doch machen sie nicht den Anschein völlig ehrlicher Männer. Manchmal bin ich geneigt, sie für ehrlich zu halten, und doch kann ich mich nicht dazu durchringen, ihnen zu vertrauen. Es betrübt mich, den Fürsten gelegentlich über Dinge sprechen zu hören, die er nur gelesen oder von denen er nur gehört hat, und zwar immer aus derselben Perspektive, aus der sie von anderen dargestellt wurden.

Er schätzt meinen Verstand und meine Talente höher als mein Herz, doch ich bin nur auf Letzteres stolz. Es ist die einzige Quelle von allem, unserer Stärke, unseres Glücks und unseres Elends. Alles Wissen, das ich besitze, kann jeder andere erwerben, doch mein Herz ist ausschließlich mein Eigen.

25. MAI.

Ich hatte einen Plan im Kopf, von dem ich Ihnen erst sprechen wollte, wenn er verwirklicht wäre: Nun, da er gescheitert ist, kann ich ihn ebenso gut erwähnen. Ich wollte in die Armee eintreten und hegte schon lange den Wunsch, diesen Schritt zu tun. Dies war in der Tat der Hauptgrund, warum ich mit dem Fürsten hierher kam, da er ein General in dessen Diensten ist. Ich teilte ihm meinen Entschluss während eines unserer gemeinsamen Spaziergänge mit. Er missbilligte ihn, und es wäre reiner Wahnsinn gewesen, nicht auf seine Gründe zu hören.

11. JUNI.

Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann hier nicht länger bleiben. Warum sollte ich bleiben? Die Zeit wird mir schwer. Der Fürst ist so gnädig zu mir, wie man nur sein kann, und doch bin ich nicht bei mir selbst. Es gibt in der Tat nichts Gemeinsames zwischen uns. Er ist ein Mann von Verstand, aber von ganz gewöhnlicher Art. Seine Unterhaltung bietet mir nicht mehr Zerstreuung, als ich aus der Lektüre eines gut geschriebenen Buches ziehen würde. Ich werde noch eine Woche hier bleiben und dann wieder auf meine Reisen gehen. Meine Zeichnungen sind das Beste, was ich getan habe, seit ich hier bin. Der Fürst hat einen Sinn für die Künste und würde sich verbessern, wenn sein Geist nicht durch kalte Regeln und bloße technische Ideen gefesselt wäre. Ich verliere oft die Geduld, wenn ich mit blühender Einbildungskraft der Kunst und der Natur Ausdruck verleihe, er sich mit gelehrten Vorschlägen einmischt und willkürlich die Fachsprache der Künstler gebraucht.

16. JULI.

Wieder bin ich ein Wanderer, ein Pilger durch die Welt. Aber was sind Sie anderes!

18. JULI.

Wohin gehe ich? Ich sage es Ihnen im Vertrauen. Ich bin gezwungen, noch vierzehn Tage hier zu bleiben, und dann denke ich, es wäre besser für mich, die Bergwerke in — zu besuchen. Aber ich mache mir nur etwas vor. Die Tatsache ist, ich möchte wieder in der Nähe von Charlotte sein, das ist alles. Ich lächle über die Eingebungen meines Herzens und gehorche seinen Befehlen.

29. JULI.

Nein, nein! Es ist noch gut, alles ist gut! Ich ihr Ehemann! O Gott, der du mir das Dasein gabst, hättest du mir dieses Glück bestimmt, mein ganzes Leben wäre ein einziges unaufhörliches Dankgebet gewesen! Aber ich will nicht murren – verzeihen Sie diese Tränen, verzeihen Sie diese fruchtlosen Wünsche. Sie – meine Frau! Oh, der bloße Gedanke, dieses liebste aller Geschöpfe des Himmels in meine Arme zu schließen! Lieber Wilhelm, mein ganzer Körper bebt, wenn ich sehe, wie Albert seine Arme um ihre schlanke Taille legt!

Und soll ich es gestehen? Warum sollte ich nicht, Wilhelm? Sie wäre mit mir glücklicher gewesen als mit ihm. Albert ist nicht der Mann, um die Wünsche eines solchen Herzens zu befriedigen. Ihm fehlt eine gewisse Empfindsamkeit; ihm fehlt – kurz gesagt, ihre Herzen schlagen nicht im Einklang. Wie oft, mein lieber Freund, wenn ich eine Stelle aus einem interessanten Buch lese, wenn mein Herz und das von Charlotte sich zu begegnen schienen, und in hundert anderen Fällen, wenn unsere Empfindungen durch die Geschichte einer fiktiven Figur enthüllt wurden, habe ich gefühlt, dass wir füreinander geschaffen sind! Aber, lieber Wilhelm, er liebt sie aus ganzer Seele; und was verdient eine solche Liebe nicht?

Ich wurde durch einen unerträglichen Besuch unterbrochen. Ich habe meine Tränen getrocknet und meine Gedanken gesammelt. Adieu, mein bester Freund!

4. AUGUST.

Ich bin nicht allein unglücklich. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen enttäuscht und in ihren Erwartungen getäuscht. Ich habe meiner guten alten Frau unter den Linden einen Besuch abgestattet. Der älteste Junge lief mir entgegen: Sein Freudenschrei lockte seine Mutter hervor, aber sie sah sehr melancholisch aus. Ihr erstes Wort war: „Ach! lieber Herr, mein kleiner Hans ist tot.“ Er war das jüngste ihrer Kinder. Ich schwieg. „Und mein Mann ist ohne Geld aus der Schweiz zurückgekehrt; und wenn ihm nicht einige gute Leute geholfen hätten, hätte er sich den Weg nach Hause erbetteln müssen. Er ist auf der Reise an Fieber erkrankt.“ Ich konnte nichts antworten, gab dem Kleinen aber ein Geschenk. Sie lud mich ein, etwas Obst zu essen: Ich kam dem nach und verließ den Ort mit schwerem Herzen.

21. AUGUST.

Meine Empfindungen ändern sich ständig. Manchmal eröffnet sich mir eine glückliche Aussicht; aber ach! sie ist nur von kurzer Dauer; und dann, wenn ich in Träumereien versunken bin, kann ich nicht umhin, mir zu sagen: „Wenn Albert sterben würde? – Ja, sie würde werden – und ich würde sein –“ und so verfolge ich eine Chimäre, bis sie mich an den Rand eines Abgrunds führt, bei dem ich erschaudere.

Wenn ich durch dasselbe Tor gehe und dieselbe Straße entlangwandle, die mich zuerst zu Charlotte führte, sinkt mein Herz bei der Veränderung, die sich seither vollzogen hat, in mir zusammen. Alles, alles ist verändert! Kein Gefühl, kein Pulsieren meines Herzens ist dasselbe. Meine Empfindungen sind so, wie sie ein verstorbener Fürst haben würde, dessen Geist zurückkehren würde, um den prächtigen Palast zu besuchen, den er in glücklichen Zeiten erbaut, mit kostbarer Pracht geschmückt und einem geliebten Sohn hinterlassen hatte, dessen Herrlichkeit er jedoch dahingeschwunden und dessen Säle verlassen und in Ruinen vorfinden würde.

3. SEPTEMBER.

Ich kann manchmal nicht begreifen, wie sie einen anderen lieben kann, wie sie es wagen kann, einen anderen zu lieben, wenn ich nichts auf dieser Welt so vollkommen, so hingebungsvoll liebe, wie ich sie liebe, wenn ich nur sie kenne und keinen anderen Besitz habe.

4. SEPTEMBER.

Es ist nun einmal so! Wie die Natur ihre Herbstfarben anlegt, so wird es Herbst mit mir und um mich herum. Meine Blätter sind welk und gelb, und die benachbarten Bäume sind ihres Laubes entblößt. Erinnern Sie sich, dass ich Ihnen kurz nach meiner Ankunft hier von einem Bauernjungen geschrieben habe? Ich habe mich gerade in Walheim nach ihm erkundigt. Man sagt, er sei aus seinem Dienst entlassen worden und werde nun von jedem gemieden. Ich traf ihn gestern auf dem Weg in ein Nachbardorf. Ich sprach ihn an, und er erzählte mir seine Geschichte. Sie interessierte mich außerordentlich, wie Sie leicht verstehen werden, wenn ich sie Ihnen wiederhole. Aber warum sollte ich Sie beunruhigen? Warum sollte ich nicht allen Kummer für mich behalten? Warum sollte ich Ihnen weiterhin Gelegenheit geben, mich zu bemitleiden und zu tadeln? Aber gleichviel: Auch dies ist Teil meines Schicksals.

Zunächst beantwortete der Bauernjunge meine Fragen mit einer Art gedämpfter Melancholie, die mir als Zeichen eines zaghaften Wesens erschien; doch als wir uns besser verstanden, sprach er weniger zurückhaltend, gestand offen seine Fehler und beklagte sein Unglück. Ich wünschte, mein lieber Freund, ich könnte seiner Sprache den richtigen Ausdruck verleihen. Er erzählte mir mit einer Art angenehmer Erinnerung, dass seine Leidenschaft für seine Herrin nach meinem Weggang täglich wuchs, bis er schließlich weder wusste, was er tat, noch was er sagte, noch was aus ihm werden sollte. Er konnte weder essen noch trinken noch schlafen; er fühlte ein Gefühl der Erstickung; er gehorchte keinen Befehlen und vergaß unwillkürlich alle Anweisungen; er schien, als wäre er von einem bösen Geist verfolgt, bis er eines Tages, wissend, dass seine Herrin in eine obere Kammer gegangen war, ihr gefolgt war oder vielmehr von ihr angezogen worden war. Da sie sich seinen Bitten gegenüber taub erwies, griff er zu Gewalt. Er weiß nicht, was geschah; doch er rief Gott zum Zeugen an, dass seine Absichten ihr gegenüber ehrenhaft gewesen seien und dass er sich nichts sehnlicher gewünscht habe, als dass sie heiraten und ihr Leben gemeinsam verbringen würden. Als er an diesen Punkt gekommen war, begann er zu zögern, als gäbe es etwas, das auszusprechen er nicht den Mut hatte, bis er schließlich mit einiger Verwirrung gewisse kleine Vertraulichkeiten eingestand, zu denen sie ihn ermutigt und Freiheiten, die sie ihm gewährt hatte. Er brach zwei- oder dreimal in seiner Erzählung ab und versicherte mir aufs Ernsthafteste, dass er nicht den Wunsch gehabt habe, sie schlecht zu machen, wie er es nannte, denn er liebe sie noch immer so aufrichtig wie eh und je; dass diese Geschichte zuvor noch nie über seine Lippen gekommen sei und nur jetzt erzählt wurde, um mich zu überzeugen, dass er nicht völlig verloren und verlassen sei. Und hier, mein lieber Freund, muss ich das alte Lied anstimmen, von dem Sie wissen, dass ich es ewig von mir gebe. Wenn ich nur den Mann so darstellen könnte, wie er dastand und jetzt vor mir steht, könnte ich nur seine wahren Ausdrücke wiedergeben, Sie fühlten sich gezwungen, an seinem Schicksal Anteil zu nehmen. Aber genug: Sie, die Sie mein Unglück und mein Wesen kennen, können leicht die Anziehungskraft begreifen, die mich zu jedem Unglücklichen hinzieht, besonders aber zu ihm, dessen Geschichte ich erzählt habe.

Als ich diesen Brief ein zweites Mal durchlas, stellte ich fest, dass ich den Schluss meiner Geschichte ausgelassen habe; doch er ist leicht zu ergänzen. Sie wurde ihm gegenüber zurückhaltend, auf Anstiften ihres Bruders, der ihn schon lange hasste und seine Vertreibung aus dem Haus wünschte, da er fürchtete, die zweite Heirat seiner Schwester könnte seine Kinder um das schöne Vermögen bringen, das sie von ihr erwarteten, da sie kinderlos ist. Er wurde schließlich entlassen; und die ganze Angelegenheit erregte so viel Anstoß, dass die Herrin es nicht wagte, ihn zurückzunehmen, selbst wenn sie es gewollt hätte. Sie hat seither einen anderen Diener eingestellt, mit dem, wie man sagt, ihr Bruder gleichermaßen unzufrieden ist und den sie wahrscheinlich heiraten wird; doch mein Gewährsmann versichert mir, dass er selbst entschlossen sei, ein solches Katastrophenszenario nicht zu überleben.

Diese Geschichte ist weder übertrieben noch ausgeschmückt: In der Tat habe ich sie in der Erzählung abgeschwächt und beeinträchtigt durch die Notwendigkeit, die feineren Ausdrücke der Gesellschaft zu verwenden.

Diese Liebe also, diese Beständigkeit, diese Leidenschaft ist keine dichterische Fiktion. Sie ist wirklich und wohnt in ihrer größten Reinheit unter jener Klasse von Menschen, die wir grob, ungebildet nennen. Wir sind die Gebildeten, nicht die Verdorbenen. Aber lesen Sie diese Geschichte mit Aufmerksamkeit, ich beschwöre Sie. Ich bin heute ruhig, denn ich habe mich mit dieser Erzählung beschäftigt: Sie sehen an meinem Schreiben, dass ich nicht so aufgeregt bin wie sonst. Ich lese und lese diese Geschichte wieder, Wilhelm: Es ist die Lebensgeschichte Ihres Freundes! Mein Schicksal war und wird ähnlich sein; und ich bin weder halb so tapfer noch halb so entschlossen wie der arme Unglückliche, mit dem ich zu vergleichen ich zögere.

5. SEPTEMBER.

Charlotte hatte einen Brief an ihren Ehemann auf dem Land geschrieben, wo er durch Geschäfte aufgehalten wurde. Er begann: „Mein liebster Schatz, kehre so bald wie möglich zurück: Ich erwarte dich mit tausend Entzückungen.“ Ein Freund, der ankam, brachte die Nachricht, dass er aus bestimmten Gründen nicht sofort zurückkehren könne. Charlottes Brief wurde nicht weitergeleitet, und am selben Abend fiel er mir in die Hände. Ich las ihn und lächelte. Sie fragte nach dem Grund. „Was für ein himmlischer Schatz ist die Einbildungskraft!“, rief ich aus; „ich bildete mir für einen Moment ein, dies sei an mich geschrieben.“ Sie hielt inne und schien missfallen. Ich schwieg.

6. SEPTEMBER.

Es kostete mich viel, mich von dem blauen Rock zu trennen, den ich trug, als ich das erste Mal mit Charlotte tanzte. Aber ich konnte ihn unmöglich länger tragen. Ich habe jedoch einen neuen bestellt, genau denselben, bis hin zum Kragen und den Ärmeln, sowie eine neue Weste und Pantalons.

Aber er hat nicht dieselbe Wirkung auf mich. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich hoffe, mit der Zeit wird er mir besser gefallen.

12. SEPTEMBER.

Sie ist seit einigen Tagen abwesend. Sie ist Albert entgegengefahren. Heute habe ich sie besucht: Sie stand auf, um mich zu empfangen, und ich küsste ihre Hand aufs Zärtlichste.

Ein Kanarienvogel flog in diesem Moment von einem Spiegel auf und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. „Hier ist ein neuer Freund“, bemerkte sie, während sie ihn auf ihre Hand setzen ließ: „Er ist ein Geschenk für die Kinder. Was für ein Liebling er ist! Sieh ihn dir an! Wenn ich ihn füttere, schlägt er mit den Flügeln und pickt so niedlich. Er küsst mich auch, sieh nur!“

Sie hielt den Vogel an ihren Mund; und er drückte ihre süßen Lippen mit so viel Inbrunst, dass er die Fülle des Glücks, das er genoss, zu spüren schien.

„Er soll dich auch küssen“, fügte sie hinzu; und dann hielt sie den Vogel auf mich zu. Sein kleiner Schnabel bewegte sich von ihrem Mund zu meinem, und die entzückende Empfindung schien wie der Vorläufer des süßesten Glücks.

„Ein Kuss“, bemerkte ich, „scheint ihn nicht zu befriedigen: Er wünscht Nahrung und scheint von diesen unbefriedigenden Zärtlichkeiten enttäuscht zu sein.“

„Aber er frisst aus meinem Mund“, fuhr sie fort und streckte ihm ihre Lippen entgegen, die Samen enthielten; und sie lächelte mit allem Charme eines Wesens, das eine unschuldige Teilhabe an ihrer Liebe gestattet hat.

Ich wandte mein Gesicht ab. Sie sollte nicht so handeln. Sie sollte meine Einbildungskraft nicht mit solchen Darstellungen himmlischer Unschuld und Glückseligkeit anregen, noch mein Herz aus seinem Schlummer wecken, in dem es von der Wertlosigkeit des Lebens träumt! Und warum nicht? Weil sie weiß, wie sehr ich sie liebe.

15. SEPTEMBER.

Es macht mich elend, Wilhelm, zu denken, dass es Menschen geben sollte, die unfähig sind, die wenigen Dinge zu schätzen, die einen wirklichen Wert im Leben besitzen. Sie erinnern sich an die Walnussbäume in S—, unter denen ich während meiner Besuche bei dem würdigen alten Pfarrer mit Charlotte zu sitzen pflegte. Jene herrlichen Bäume, deren bloßer Anblick mein Herz so oft mit Freude erfüllt hat, wie schmückten und erfrischten sie den Pfarrhof mit ihren weit ausladenden Ästen! Und wie erfreulich war unsere Erinnerung an den guten alten Pastor, von dessen Händen sie vor so vielen Jahren gepflanzt wurden! Der Schullehrer hat oft seinen Namen erwähnt. Er hatte es von seinem Großvater. Er muss ein vortrefflicher Mann gewesen sein; und unter dem Schatten jener alten Bäume wurde sein Andenken von mir stets verehrt. Der Schullehrer teilte uns gestern mit Tränen in den Augen mit, dass jene Bäume gefällt worden seien. Ja, bis auf den Boden abgeholzt! Ich hätte in meinem Zorn den Unhold erschlagen können, der den ersten Streich führte. Und ich muss das ertragen! – Ich, der ich, hätte ich zwei solcher Bäume in meinem eigenen Hof gehabt und einer wäre aus Altersschwäche gestorben, mit wirklicher Betrübnis geweint hätte. Aber ein Trost bleibt, ein solches Ding ist das Empfinden: Das ganze Dorf murrt über das Unglück; und ich hoffe, die Frau des Pfarrers wird bald durch das Ausbleiben der Geschenke der Dorfbewohner merken, wie sehr sie die Gefühle der Nachbarschaft verletzt hat. Sie war es, die es tat, die Frau des jetzigen Amtsinhabers (unser guter alter Mann ist tot), eine große, kränkliche Kreatur, die insofern recht hat, die Welt zu missachten, als die Welt sie völlig missachtet. Das alberne Wesen gibt sich gelehrt, tut so, als prüfe sie die kanonischen Bücher, leistet ihren Beitrag zur neumodischen Reformation der Christenheit, moralisch und kritisch, und zuckt bei der Erwähnung von Lavaters Begeisterung die Achseln. Ihre Gesundheit ist zerstört, weswegen ihr jeder Genuss hier unter der Sonne versagt bleibt. Nur so eine Kreatur konnte meine Walnussbäume fällen! Ich kann es ihr nie verzeihen. Hören Sie ihre Gründe. Die fallenden Blätter machten den Hof nass und schmutzig; die Äste versperrten das Licht; Jungen bewarfen die Nüsse mit Steinen, wenn sie reif waren, und der Lärm griff ihre Nerven an und störte ihre tiefen Meditationen, wenn sie die Schwierigkeiten von Kennicott, Semler und Michaelis abwog. Als ich feststellte, dass die ganze Gemeinde, besonders die alten Leute, missvergnügt war, fragte ich: „Warum lassen sie es zu?“ „Ach, Herr!“, antworteten sie, „wenn der Verwalter befiehlt, was können wir armen Bauern da schon tun?“ Aber eines ist gut ausgegangen. Der Verwalter und der Pfarrer (der für einmal dachte, aus den Launen seiner Frau einen Gewinn zu ziehen) wollten die Bäume unter sich aufteilen. Das Rentamt, davon unterrichtet, belebte einen alten Anspruch auf das Grundstück, wo die Bäume gestanden hatten, und verkaufte sie an den Meistbietenden. Dort liegen sie noch immer auf dem Boden. Wenn ich der Souverän wäre, wüsste ich, wie ich mit ihnen allen verfahren müsste, Pfarrer, Verwalter und Rentamt. Souverän, sagte ich? Ich würde mich in diesem Fall wenig um die Bäume scheren, die im Land wuchsen.

10. OKTOBER.

Allein in ihre dunklen Augen zu blicken, ist für mich eine Quelle des Glücks! Und was mich betrübt, ist, dass Albert nicht so glücklich zu sein scheint, wie er – gehofft hatte zu sein – wie ich es gewesen wäre – wenn – Ich bin kein Freund dieser Pausen, aber hier kann ich es nicht anders ausdrücken; und wahrscheinlich bin ich deutlich genug.

12. OKTOBER.

Ossian hat Homer in meinem Herzen verdrängt. In welch eine Welt führt mich der herrliche Barde! Auf pfadlose Einöden zu wandern, umgeben von ungestümen Wirbelwinden, wo wir beim schwachen Licht des Mondes die Geister unserer Ahnen schauen; von Berggipfeln inmitten des Tösens von Sturzbächen ihre klagenden Töne zu vernehmen, die aus tiefen Höhlen dringen, und die wehmütigen Wehklagen einer Jungfrau, die auf dem bemoosten Grab des Kriegers, von dem sie angebetet wurde, seufzt und ihr Leben aushaucht. Ich begegne diesem Barden mit silbernem Haar; er wandert im Tal; er sucht die Fußstapfen seiner Väter, und ach! er findet nur ihre Gräber. Dann, wenn er den bleichen Mond betrachtet, wie er unter den Wellen des rollenden Meeres versinkt, überfällt das Andenken an vergangene Tage den Sinn des Helden, Tage, da herannahende Gefahr den Tapferen stählte und der Mond auf seinen mit Beute beladenen Barken schien, die im Triumph heimkehrten. Wenn ich in seinem Antlitz tiefen Kummer lese, wenn ich seine sterbende Herrlichkeit erschöpft ins Grab sinken sehe, während er aus seiner nahenden Vereinigung mit seiner Geliebten neues und herzbewegendes Entzücken einatmet, und er einen Blick auf die kalte Erde und das hohe Gras wirft, das ihn so bald bedecken wird, und dann ausruft: „Der Wanderer wird kommen – er wird kommen, der meine Schönheit gesehen hat, und er wird fragen: ‚Wo ist der Barde, wo ist der berühmte Sohn Fingals?‘ Er wird über mein Grab schreiten und mich vergeblich suchen!“ Dann, o mein Freund, könnte ich augenblicklich, wie ein wahrer und edler Ritter, mein Schwert ziehen und meinen Fürsten aus der langen und schmerzlichen Mattigkeit eines lebendigen Todes erlösen und meine eigene Seele entlassen, dem Halbgott zu folgen, den meine Hand befreit hat!

19. OKTOBER.

Ach! die Leere, die schreckliche Leere, die ich in meinem Busen fühle! Zuweilen denke ich, wenn ich sie nur einmal, nur ein einziges Mal an mein Herz drücken könnte, diese schreckliche Leere wäre ausgefüllt.

26. OKTOBER.

Ja, ich fühle es gewiss, Wilhelm, und jeden Tag werde ich dessen gewisser, dass das Dasein eines jeden Wesens von sehr geringer Bedeutung ist. Eine Freundin von Charlotte kam gerade, um sie zu besuchen. Ich zog mich in ein benachbartes Zimmer zurück und nahm ein Buch zur Hand; doch da ich nicht lesen konnte, setzte ich mich hin, um zu schreiben. Ich hörte sie im Flüsterton plaudern: sie sprachen über gleichgültige Themen und erzählten die Neuigkeiten der Stadt. Die eine sollte heiraten; die andere war krank, sehr krank, sie hatte einen trockenen Husten, ihr Gesicht wurde täglich schmaler, und sie hatte gelegentliche Anfälle. „N. ist auch sehr unwohl“, sagte Charlotte. „Seine Glieder fangen schon an anzuschwellen“, antwortete die andere; und meine lebhafte Einbildungskraft versetzte mich sogleich an die Betten der Siechen. Dort sehe ich sie, wie sie gegen den Tod ankämpfen, mit allen Qualen des Schmerzes und Entsetzens; und diese Frauen, Wilhelm, sprechen von all dem mit so viel Gleichgültigkeit, wie man vom Tod eines Fremden sprechen würde. Und wenn ich mich in dem Zimmer umsehe, wo ich jetzt bin – wenn ich Charlottes Kleidung vor mir liegen sehe, und Alberts Schriften, und all die Möbelstücke, die mir so vertraut sind, bis hin zum Tintenfass, das ich gerade benutze – wenn ich denke, was ich für diese Familie bin – alles. Meine Freunde schätzen mich; ich trage oft zu ihrem Glück bei, und mein Herz scheint, als könne es ohne sie nicht schlagen; und doch – wenn ich sterben müsste, wenn ich aus der Mitte dieses Kreises abberufen würde, würden sie fühlen – oder wie lange würden sie die Leere fühlen, die mein Verlust in ihrem Dasein hinterließe? Wie lange! Ja, so ist die Gebrechlichkeit des Menschen, dass er selbst dort, wo er das größte Bewusstsein seines eigenen Seins hat, wo er den stärksten und nachdrücklichsten Eindruck macht, selbst im Gedächtnis, im Herzen seiner Geliebten, auch dort vergehen muss – verschwinden – und das schnell.

27. OKTOBER.

Ich könnte mir den Busen zerreißen vor Verdruss bei dem Gedanken, wie wenig wir fähig sind, die Gefühle der anderen zu beeinflussen. Niemand kann mir jene Empfindungen von Liebe, Freude, Entzücken und Wonne mitteilen, die ich nicht von Natur aus besitze; und obgleich mein Herz von der lebhaftesten Zuneigung glühen mag, kann ich das Glück dessen nicht bewirken, in dem dieselbe Wärme nicht angelegt ist.

27. OKTOBER: Abend.

Ich besitze so viel, doch meine Liebe zu ihr verschlingt es alles. Ich besitze so viel, doch ohne sie habe ich nichts.

30. OKTOBER.

Hundertmal war ich im Begriff, sie zu umarmen. Himmel! welch eine Qual ist es, so viel Lieblichkeit vor sich vorübergehen zu sehen und doch nicht den Mut zu haben, sie zu ergreifen! Und das Ergreifen ist der natürlichste aller menschlichen Instinkte. Berühren Kinder nicht alles, was sie sehen? Und ich!

3. NOVEMBER.

Bezeuge es, Himmel, wie oft ich mich mit dem Wunsch, ja mit der Hoffnung, dass ich nie wieder erwachen möge, in mein Bett lege. Und am Morgen, wenn ich die Augen öffne, erblicke ich wieder die Sonne und bin elend. Wäre ich grillenfängerisch, könnte ich das Wetter, oder einen Bekannten, oder irgendeine persönliche Enttäuschung für mein missmutiges Gemüt verantwortlich machen; und dann würde diese unerträgliche Last des Kummers nicht allein auf mir ruhen. Aber ach! ich fühle es nur zu schmerzlich. Ich bin allein die Ursache meines eigenen Wehs, bin ich nicht? Wahrlich, mein eigener Busen enthält die Quelle all meines Kummers, wie er zuvor die Quelle all meines Vergnügens enthielt. Bin ich nicht dasselbe Wesen, das einst ein Übermaß an Glück genoss, das bei jedem Schritt das Paradies vor sich offen sah und dessen Herz sich stets der ganzen Welt entgegenweitete? Und dieses Herz ist nun tot, kein Gefühl kann es wiederbeleben; meine Augen sind trocken; und meine Sinne, nicht mehr durch den Einfluss sanfter Tränen erfrischt, verdorren und verzehren mein Gehirn. Ich leide sehr, denn ich habe den einzigen Reiz des Lebens verloren: jene tätige, heilige Kraft, die Welten um mich her erschuf – sie ist nicht mehr. Wenn ich aus meinem Fenster auf die fernen Hügel blicke und die Morgensonne durch den Nebel brechen sehe, die das Land ringsum erleuchtet, das noch in Stille gehüllt ist, während der sanfte Strom gemächlich durch die Weiden schlängelt, die ihre Blätter abgeworfen haben; wenn die herrliche Natur all ihre Schönheiten vor mir ausbreitet und ihre wunderbaren Aussichten unfähig sind, meinem verdorrten Herzen eine Freudenträne zu entlocken, fühle ich, dass ich in einem solchen Augenblick wie ein Verstoßener vor dem Himmel stehe, verhärtet, unempfindlich und unbewegt. Oftmals beuge ich dann mein Knie zur Erde und flehe Gott um die Gnade der Tränen an, wie der verzweifelte Arbeiter in irgendeinem sengenden Klima um den Tau des Himmels betet, um sein versengtes Korn zu befeuchten.

Doch ich fühle, dass Gott unserem dringenden Flehen weder Sonnenschein noch Regen gewährt. Und o, jene vergangenen Tage, deren Andenken mich jetzt quält! warum waren sie so glücklich? Weil ich damals geduldig auf die Segnungen des Ewigen wartete und seine Gaben mit den dankbaren Gefühlen eines dankbaren Herzens empfing.

8. NOVEMBER.

Charlotte hat mich wegen meiner Ausschweifungen mit so viel Zärtlichkeit und Güte zurechtgewiesen! Ich habe in letzter Zeit mehr Wein getrunken als bisher. „Tu es nicht“, sagte sie. „Denk an Charlotte!“ „An dich denken!“ antwortete ich; „musst du mich dazu auffordern? An dich denken – ich denke nicht an dich: du bist immer vor meiner Seele! Gerade heute Morgen saß ich an der Stelle, wo du vor wenigen Tagen aus dem Wagen stiegest, und –“ Sie wechselte sofort das Thema, um mich davon abzuhalten, weiter fortzufahren. Mein lieber Freund, meine Kräfte sind ganz darnieder: sie kann mit mir tun, was sie will.

15. NOVEMBER.

Ich danke dir, Wilhelm, für dein herzliches Mitgefühl, für deinen vortrefflichen Rat; und ich beschwöre dich, sei still. Überlass mich meinem Leiden. Trotz meines Elends habe ich noch Kraft genug zum Ertragen. Ich verehre die Religion – du weißt, dass ich es tue. Ich fühle, dass sie dem Schwachen Kraft und dem Betrübten Trost verleihen kann, doch wirkt sie auf alle Menschen gleichermaßen? Bedenke dieses riesige Weltall: du wirst Tausende sehen, für die es niemals existiert hat, Tausende, für die es niemals existieren wird, ob es ihnen nun gepredigt wird oder nicht; und muss es dann notwendigerweise für mich existieren? Sagt nicht der Sohn Gottes selbst, dass sie sein sind, die der Vater ihm gegeben hat? Bin ich ihm gegeben worden? Was, wenn der Vater mich für sich behalten will, wie mein Herz manchmal andeutet? Ich bitte dich, missdeute dies nicht. Ziehe keinen Spott aus meinen harmlosen Worten. Ich schütte meine ganze Seele vor dir aus. Schweigen wäre mir sonst lieber, doch ich brauche vor einem Thema, von dem nur wenige mehr wissen als ich selbst, nicht zurückzuweichen. Was ist das Schicksal des Menschen, als das Maß seiner Leiden zu füllen und den ihm zugewiesenen Kelch der Bitterkeit zu trinken? Und wenn derselbe Kelch für den Gott des Himmels in menschlicher Gestalt bitter war, warum sollte ich einen törichten Stolz heucheln und ihn süß nennen? Warum sollte ich mich schämen, in jenem schrecklichen Augenblick zurückzuschrecken, wenn mein ganzes Wesen zwischen Dasein und Vernichtung beben wird, wenn ein Andenken an die Vergangenheit wie ein Blitz den dunklen Abgrund der Zukunft erleuchten wird, wenn alles um mich herum zerfließen und die ganze Welt verschwinden wird? Ist das nicht die Stimme eines Geschöpfes, das über alle Hilfe hinaus unterdrückt, unzulänglich und kurz vor dem Sturz in den unvermeidlichen Untergang ist und tief über seine unzureichende Kraft stöhnt: „Mein Gott! mein Gott! warum hast du mich verlassen?“ Und sollte ich mich schämen, denselben Ausdruck zu gebrauchen? Sollte ich nicht vor einer Aussicht erschauern, die selbst für den, der die Himmel wie ein Gewand zusammenfaltet, ihre Schrecken hatte?

21. NOVEMBER.

Sie fühlt nicht, sie weiß nicht, dass sie ein Gift bereitet, das uns beide vernichten wird; und ich trinke tief aus dem Trank, der mein Verderben sein wird. Was bedeuten jene Blicke der Güte, mit denen sie mich oft – oft? nein, nicht oft, aber manchmal betrachtet, jene Zufriedenheit, mit der sie die unwillkürlichen Gefühle anhört, die mir häufig entfahren, und das zärtliche Mitleid für mein Leiden, das in ihrem Antlitz erscheint?

Gestern, als ich Abschied nahm, ergriff sie mich bei der Hand und sagte: „Adieu, lieber Werther.“ Lieber Werther! Es war das erste Mal, dass sie mich je lieber nannte: der Klang drang tief in mein Herz. Ich habe es hundertmal wiederholt; und gestern Nacht, als ich zu Bett ging und mit mir selbst von verschiedenen Dingen sprach, sagte ich plötzlich: „Gute Nacht, lieber Werther!“ und konnte dann nicht umhin, über mich selbst zu lachen.

22. NOVEMBER.

Ich kann nicht beten: „Lass sie mir!“ und doch scheint sie oft mir zu gehören. Ich kann nicht beten: „Gib sie mir!“ denn sie gehört einem anderen. Auf diese Weise heuchle ich Fröhlichkeit über meine Nöte; und wenn ich Zeit hätte, könnte ich eine ganze Litanei von Antithesen verfassen.

24. NOVEMBER.

Sie ist meines Leidens gewahr. Heute Morgen durchbohrte ihr Blick meine Seele. Ich fand sie allein, und sie schwieg: sie betrachtete mich stetig. Ich sah in ihrem Gesicht nicht länger die Reize der Schönheit oder das Feuer des Genies: diese waren verschwunden. Aber ich war von einem Ausdruck bewegt, der viel rührender war, ein Blick von tiefstem Mitgefühl und von dem sanftesten Mitleid. Warum fürchtete ich, mich ihr zu Füßen zu werfen? Warum wagte ich es nicht, sie in meine Arme zu nehmen und ihr mit tausend Küssen zu antworten? Sie nahm ihre Zuflucht zu ihrem Klavier, um Erleichterung zu finden, und begleitete mit leiser und süßer Stimme die Musik mit köstlichen Klängen. Ihre Lippen erschienen nie so lieblich: sie schienen sich nur eben zu öffnen, damit sie die süßen Töne einsaugen könnten, die aus dem Instrument drangen, und die himmlische Schwingung aus ihrem schönen Mund erwidern könnten. Oh! wer kann meine Empfindungen ausdrücken? Ich war ganz überwältigt und sprach, mich niederbeugend, dieses Gelübde aus: „Schöne Lippen, die die Engel bewachen, niemals werde ich versuchen, eure Reinheit mit einem Kuss zu entweihen.“ Und doch, mein Freund, oh, ich wünschte – doch mein Herz ist durch Zweifel und Unentschlossenheit verdunkelt – könnte ich doch das Glück kosten und dann sterben, um die Sünde zu sühnen! Welche Sünde?

26. NOVEMBER.

Oftmals sage ich zu mir selbst: „Du allein bist elend: alle anderen Sterblichen sind glücklich, keiner ist so bedrängt wie du!“ Dann lese ich eine Stelle bei einem alten Dichter und scheine mein eigenes Herz zu verstehen. Ich habe so viel zu erdulden! Sind Menschen vor mir jemals so elend gewesen?

30. NOVEMBER.

Ich werde nie wieder ich selbst sein! Wohin ich auch gehe, ereignet sich irgendein Verhängnis, das mich ablenkt. Selbst heute – ach – um unser Schicksal! ach um die menschliche Natur!

Zur Essenszeit ging ich am Flussufer spazieren, denn ich hatte keinen Appetit. Alles ringsum schien düster: ein kalter und feuchter Ostwind wehte von den Bergen, und schwarze, schwere Wolken breiteten sich über der Ebene aus. Ich bemerkte in der Ferne einen Mann in einem zerlumpten Rock: er wanderte zwischen den Felsen umher und schien nach Pflanzen zu suchen. Als ich mich näherte, drehte er sich bei dem Geräusch um; und ich sah, dass er ein interessantes Gesicht hatte, in dem ein festgesetzter Schwermut, stark von Wohlwollen geprägt, das Hauptmerkmal bildete. Sein langes schwarzes Haar war gescheitelt und floss über seine Schultern. Da seine Kleidung eine Person aus dem niederen Stand verriet, dachte ich, er würde es nicht übel nehmen, wenn ich mich nach seinem Geschäft erkundigte; und ich fragte daher, was er suche. Er antwortete mit einem tiefen Seufzer, dass er nach Blumen suche und keine finden könne. „Aber es ist nicht die Jahreszeit“, bemerkte ich mit einem Lächeln. „Oh, es gibt so viele Blumen!“ antwortete er, als er näher zu mir kam. „In meinem Garten gibt es Rosen und Geißblatt von zwei Sorten: eine Sorte wurde mir von meinem Vater gegeben! sie wachsen so üppig wie Unkraut; ich habe seit zwei Tagen nach ihnen gesucht und kann sie nicht finden. Dort draußen gibt es Blumen, gelbe, blaue und rote; und diese Flockenblume hat eine sehr hübsche Blüte: aber ich kann keine von ihnen finden.“ Ich bemerkte seine Eigentümlichkeit und fragte ihn daher mit einer Miene der Gleichgültigkeit, was er mit seinen Blumen zu tun gedächte. Ein seltsames Lächeln überzog sein Gesicht. Indem er den Finger an seinen Mund hielt, drückte er die Hoffnung aus, dass ich ihn nicht verraten würde; und er teilte mir dann mit, dass er versprochen habe, einen Blumenstrauß für seine Herrin zu pflücken. „Das ist recht“, sagte ich. „Oh!“ erwiderte er, „sie besitzt auch viele andere Dinge: sie ist sehr reich.“ „Und doch“, fuhr ich fort, „mag sie deine Blumensträuße.“ „Oh, sie hat Juwelen und Kronen!“ rief er aus. Ich fragte, wer sie sei. „Wenn die Generalstände mich nur bezahlen würden“, fügte er hinzu, „wäre ich ein ganz anderer Mann. Ach! es gab eine Zeit, da war ich so glücklich; aber das ist vorbei, und ich bin jetzt –“ Er hob seine schwimmenden Augen zum Himmel. „Und du warst einmal glücklich?“ bemerkte ich. „Ach, wäre ich es noch!“ war seine Antwort. „Ich war damals so fröhlich und zufrieden, wie ein Mensch nur sein kann.“ Eine alte Frau, die auf uns zukam, rief nun: „Heinrich, Heinrich! wo bist du? Wir haben überall nach dir gesucht: komm zum Essen.“ „Ist er dein Sohn?“ fragte ich, als ich auf sie zuging. „Ja“, sagte sie: „er ist mein armer, unglücklicher Sohn. Der Herr hat mir eine schwere Heimsuchung gesandt.“ Ich fragte, ob er schon lange in diesem Zustand sei. Sie antwortete: „Er ist seit etwa sechs Monaten so ruhig, wie er jetzt ist. Ich danke dem Himmel, dass er sich so weit erholt hat: er war ein ganzes Jahr lang völlig rasend und in einem Irrenhaus angekettet. Jetzt verletzt er niemanden, spricht aber von nichts anderem als von Königen und Königinnen. Er war früher ein sehr guter, ruhiger Jüngling und half, mich zu ernähren; er schrieb eine sehr schöne Hand; aber auf einmal wurde er melancholisch, wurde von einem heftigen Fieber befallen, wurde wahnsinnig und ist jetzt, wie Sie sehen. Wenn ich Ihnen nur erzählen könnte, mein Herr –“ Ich unterbrach sie mit der Frage, welcher Zeitabschnitt es sei, in dem er sich rühmte, so glücklich gewesen zu sein. „Armer Junge!“ rief sie mit einem Lächeln des Mitleids, „er meint die Zeit, als er völlig geistesgestört war, eine Zeit, die er nicht aufhört zu bedauern, als er im Irrenhaus war und sich keines Dinges bewusst war.“ Ich war wie vom Blitz getroffen: ich legte ihr ein Geldstück in die Hand und eilte davon.

„Du warst glücklich!“ rief ich aus, als ich schnell in die Stadt zurückkehrte, „‚so fröhlich und zufrieden, wie ein Mensch nur sein kann!‘“ Gott des Himmels! und ist dies das Schicksal des Menschen? Ist er nur glücklich, bevor er seinen Verstand erlangt hat, oder nachdem er ihn verloren hat? Unglückliches Wesen! Und doch beneide ich dein Schicksal: ich beneide die Täuschung, deren Opfer du bist. Du gehst mit Freude hinaus, um Blumen für deine Prinzessin zu pflücken – im Winter – und betrübst dich, wenn du keine findest, und kannst nicht verstehen, warum sie nicht wachsen. Doch ich wandere ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Plan umher; und ich kehre zurück, wie ich gekommen bin. Du bildest dir ein, was für ein Mann du wärst, wenn die Generalstände dich bezahlten. Glücklicher Sterblicher, der du dein Elend einer irdischen Ursache zuschreiben kannst! Du weißt nicht, du fühlst nicht, dass in deinem eigenen zerstreuten Herzen und verwirrten Gehirn die Quelle jenes Unglücks wohnt, das alle Potentaten auf Erden nicht lindern können.

Lass den Menschen untröstlich sterben, der den Kranken verspotten kann, wenn er eine Reise zu fernen, heilbringenden Quellen unternimmt, wo er oft nur ein schwereres Leiden und einen schmerzlicheren Tod findet, oder der über den verzweifelnden Geist eines Sünders triumphieren kann, der, um Frieden des Gewissens und eine Linderung seines Elends zu erlangen, eine Pilgerreise zum Heiligen Grab macht. Jeder mühsame Schritt, der seine verwundeten Füße auf rauen und unbetretenen Pfaden wund reibt, gießt einen Tropfen Balsam in seine bekümmerte Seele, und die Reise manch eines müden Tages bringt eine nächtliche Linderung für sein gequältes Herz. Wollt ihr es wagen, dies Enthusiasmus zu nennen, ihr Haufen prahlerischer Deklamatoren? Enthusiasmus! O Gott! du siehst meine Tränen. Du hast uns unser Teil an Elend zugeteilt: müssen wir auch noch Brüder haben, die uns verfolgen, die uns unseres Trostes berauben, unseres Vertrauens auf dich und auf deine Liebe und Barmherzigkeit? Denn unser Vertrauen auf die Tugend der heilenden Wurzel, oder auf die Kraft des Weinstocks, was ist es anderes als ein Glaube an dich, von dem alles, was uns umgibt, seine heilenden und wiederherstellenden Kräfte bezieht? Vater, den ich nicht kenne – der du einst meine Seele zu füllen pflegtest, der du aber jetzt dein Antlitz vor mir verbirgst – rufe mich zurück zu dir; sei nicht länger schweigsam; dein Schweigen soll eine Seele, die nach dir dürstet, nicht aufhalten. Welcher Mensch, welcher Vater könnte einem Sohn zürnen, weil er plötzlich zu ihm zurückkehrt, ihm um den Hals fällt und ausruft: „Ich bin wieder hier, mein Vater! verzeih mir, wenn ich meine Reise vorweggenommen und bin vor der festgesetzten Zeit zurückgekehrt! Die Welt ist überall dieselbe – ein Schauplatz von Mühsal und Schmerz, von Vergnügen und Belohnung; doch was nützt das alles? Ich bin nur dort glücklich, wo du bist, und in deiner Gegenwart bin ich zufrieden zu leiden oder zu genießen.“ Und würdest du, himmlischer Vater, ein solches Kind aus deiner Gegenwart verbannen?

1. DEZEMBER.

Wilhelm, der Mann, von dem ich dir schrieb – jener in seinem Unglück so beneidenswerte Mann – war Sekretär bei Charlottes Vater; und eine unglückliche Leidenschaft für sie, die er hegte, verbarg und schließlich entdeckte, führte dazu, dass er aus seiner Stellung entlassen wurde. Das machte ihn wahnsinnig. Denke, während du diese schlichte Erzählung durchliest, welchen Eindruck der Umstand auf mich gemacht hat! Aber er wurde mir von Albert mit so viel Gelassenheit erzählt, wie du ihn wahrscheinlich lesen wirst.

Ich flehe um Ihre Aufmerksamkeit. Es ist alles aus mit mir. Ich kann diesen Zustand nicht länger ertragen. Heute saß ich bei Charlotte. Sie spielte auf ihrem Klavier eine Folge entzückender Melodien mit solch intensivem Ausdruck! Ihre kleine Schwester kleidete ihre Puppe auf meinem Schoß. Die Tränen traten mir in die Augen. Ich beugte mich hinab und betrachtete aufmerksam ihren Ehering: meine Tränen fielen – sogleich begann sie jene Lieblingsweise, jene göttliche Weise zu spielen, die mich so oft bezaubert hat. Ich empfand Trost bei einer Erinnerung an die Vergangenheit, an jene vergangenen Tage, als mir diese Weise vertraut war; und dann rief ich mir all die Sorgen und Enttäuschungen ins Gedächtnis, die ich seither erduldet hatte. Ich schritt mit hastigen Schritten durch das Zimmer, mein Herz wurde von schmerzlichen Gefühlen geschüttelt. Schließlich ging ich auf sie zu und rief mit Eifer aus: „Um Himmels willen, spiel diese Weise nicht länger!“ Sie hielt inne und blickte mich starr an. Sie sagte dann mit einem Lächeln, das tief in mein Herz drang: „Werther, Sie sind krank: Ihre liebste Speise schmeckt Ihnen nicht. Aber gehen Sie, ich beschwöre Sie, und versuchen Sie, sich zu beruhigen.“ Ich riss mich los. Gott, du siehst meine Qualen und wirst sie beenden!

6. DEZEMBER.

Wie ihr Bild mich verfolgt! Wach oder im Schlaf erfüllt sie meine ganze Seele! Sobald ich meine Augen schließe, hier in meinem Gehirn, wo alle Nerven des Sehens konzentriert sind, sind ihre dunklen Augen eingeprägt. Hier – ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll; aber wenn ich meine Augen schließe, sind ihre sogleich vor mir: dunkel wie ein Abgrund öffnen sie sich vor mir und absorbieren meine Sinne.

Und was ist der Mensch – dieser gepriesene Halbgott? Versagen nicht seine Kräfte, wenn er ihren Gebrauch am meisten benötigt? Und ob er in Freude schwebt oder in Kummer versinkt, wird nicht sein Lauf in beidem unvermeidlich aufgehalten? Und während er töricht träumt, dass er nach dem Unendlichen greift, fühlt er sich nicht gezwungen, zu einem Bewusstsein seiner kalten, monotonen Existenz zurückzukehren?

DER HERAUSGEBER AN DEN LESER.

Es ist eine Angelegenheit des äußersten Bedauerns, dass uns Originalzeugnisse der letzten bemerkenswerten Tage unseres Freundes fehlen; und wir sind daher gezwungen, den Fortgang seiner Korrespondenz zu unterbrechen und den Mangel durch eine zusammenhängende Erzählung zu ergänzen.

Ich habe es als meine Pflicht empfunden, genaue Informationen aus dem Munde von Personen zu sammeln, die mit seiner Geschichte wohlvertraut waren. Die Geschichte ist einfach; und alle Berichte stimmen überein, bis auf einige unwichtige Einzelheiten. Es ist wahr, dass in Bezug auf den Charakter der erwähnten Personen Meinungen und Urteile variieren.

Wir haben also nur die Tatsachen gewissenhaft zu berichten, die unser fleißiges Bemühen zu sammeln ermöglicht hat, die Briefe des Verstorbenen wiederzugeben und dem geringsten Fragment aus seiner Feder besondere Aufmerksamkeit zu schenken, zumal es so schwierig ist, die wirklichen und korrekten Motive von Männern zu entdecken, die nicht von gewöhnlicher Art sind.

Kummer und Unzufriedenheit hatten tiefe Wurzeln in Werthers Seele geschlagen und ihrem ganzen Wesen allmählich ihren Charakter verliehen. Die Harmonie seines Geistes wurde völlig gestört; eine ständige Erregung und geistige Reizbarkeit, die seine natürlichen Kräfte schwächten, erzeugten die traurigsten Wirkungen bei ihm und machten ihn schließlich zum Opfer einer Erschöpfung, gegen die er mit noch schmerzlicheren Anstrengungen kämpfte, als er sie selbst im Kampf gegen seine anderen Unglücksfälle gezeigt hatte. Seine geistige Angst schwächte seine verschiedenen guten Eigenschaften; und er verwandelte sich bald in einen düsteren Gefährten, der immer unglücklich und ungerecht in seinen Vorstellungen war, je elender er wurde. Dies war zumindest die Meinung von Alberts Freunden. Sie behaupten zudem, dass der Charakter von Albert selbst in der Zwischenzeit keine Veränderung erfahren habe: er war immer noch dasselbe Wesen, das Werther von Anfang an geliebt, geehrt und respektiert hatte. Seine Liebe zu Charlotte war grenzenlos: er war stolz auf sie und wünschte, dass sie von jedermann als das edelste aller Geschöpfe anerkannt würde. War er jedoch zu tadeln, weil er jeden Anschein von Verdacht von ihr abwenden wollte? Oder weil er nicht bereit war, seinen reichen Preis mit einem anderen zu teilen, auch nur für einen Moment und auf die unschuldigste Weise? Es wird behauptet, dass Albert während Werthers Besuchen häufig aus dem Zimmer seiner Frau zurücktrat; doch dies entsprang nicht Hass oder Abneigung gegen seinen Freund, sondern nur dem Gefühl, dass seine Anwesenheit für Werther bedrückend war.

Charlottes Vater, der aus Unpässlichkeit ans Haus gebunden war, pflegte seine Kutsche für sie zu schicken, damit sie Ausflüge in die Nachbarschaft machen konnte. Eines Tages war das Wetter ungewöhnlich streng gewesen, und das ganze Land war mit Schnee bedeckt.

Werther holte Charlotte am nächsten Morgen ab, damit er sie nach Hause bringen könne, falls Albert abwesend wäre.

Das schöne Wetter hinterließ kaum einen Eindruck auf seinen gequälten Geist. Ein schweres Gewicht lag auf seiner Seele, tiefe Melancholie hatte sich seiner bemächtigt, und sein Geist kannte keine Veränderung außer von einem schmerzlichen Gedanken zum anderen.

Da er nun niemals inneren Frieden genoss, war der Zustand seiner Mitmenschen für ihn eine ständige Quelle von Sorge und Bedrängnis. Er glaubte, das Glück von Albert und seiner Frau gestört zu haben; und während er sich selbst deswegen stark tadelte, begann er eine heimliche Abneigung gegen Albert zu hegen.

Seine Gedanken richteten sich gelegentlich auf diesen Punkt. „Ja“, wiederholte er sich mit schlecht verborgener Unzufriedenheit, „ja, das ist letztendlich das Ausmaß jener vertrauenden, lieben, zärtlichen und sympathischen Liebe, jener ruhigen und ewigen Treue! Was erblicke ich anderes als Überdruss und Gleichgültigkeit? Zieht ihn nicht jede leichtfertige Verpflichtung mehr an als seine bezaubernde und liebenswerte Frau? Weiß er sein Glück zu schätzen? Kann er sie so wertschätzen, wie sie es verdient? Er besitzt sie, das ist wahr, ich weiß das, so wie ich vieles andere weiß, und ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass er mich in den Wahnsinn treiben oder vielleicht ermorden wird. Ist seine Freundschaft mir gegenüber ungetrübt? Sieht er meine Anhänglichkeit an Charlotte nicht als einen Eingriff in seine Rechte an und betrachtet meine Aufmerksamkeit für sie als einen stillen Vorwurf an sich selbst? Ich weiß und fühle in der Tat, dass er mich nicht mag, dass er meine Abwesenheit wünscht, dass meine Gegenwart ihm verhasst ist.“

Oft hielt er auf dem Weg zu Charlotte inne, blieb stehen, als wäre er im Zweifel, und schien zurückkehren zu wollen, ging aber dennoch weiter; und in solche Gedanken und Selbstgespräche vertieft, wie wir sie beschrieben haben, erreichte er schließlich mit einer Art unfreiwilliger Zustimmung das Jagdschloss.

Bei einer Gelegenheit betrat er das Haus; und als er nach Charlotte fragte, bemerkte er, dass sich die Bewohner in einem Zustand ungewöhnlicher Verwirrung befanden. Der älteste Junge teilte ihm mit, dass in Walheim ein schreckliches Unglück geschehen sei – dass ein Bauer ermordet worden war! Aber das hinterließ bei ihm wenig Eindruck. Als er das Zimmer betrat, fand er Charlotte dabei, wie sie mit ihrem Vater stritt, der trotz seiner Gebrechen darauf bestand, zum Tatort zu gehen, um eine Untersuchung einzuleiten. Der Täter war unbekannt; das Opfer war an jenem Morgen tot vor seiner eigenen Tür aufgefunden worden. Verdacht erregte sich: der Ermordete war im Dienst einer Witwe gewesen, und die Person, die zuvor die Stelle innehatte, war aus ihrem Dienst entlassen worden.

Sobald Werther dies hörte, rief er mit großer Erregung aus: „Ist es möglich! Ich muss an den Ort gehen – ich kann keinen Augenblick zögern!“ Er eilte nach Walheim. Jedes Ereignis kehrte lebhaft in seine Erinnerung zurück; und er hegte nicht den geringsten Zweifel, dass jener Mann der Mörder war, mit dem er so oft gesprochen hatte und für den er so viel Achtung empfand. Sein Weg führte ihn an den wohlbekannten Linden vorbei zu dem Haus, in das der Körper gebracht worden war; und seine Gefühle waren beim Anblick des liebevoll erinnerten Ortes stark erregt. Jene Schwelle, auf der die Kinder der Nachbarn so oft zusammen gespielt hatten, war mit Blut befleckt; Liebe und Anhänglichkeit, die edelsten Gefühle der menschlichen Natur, waren in Gewalt und Mord verwandelt worden. Die riesigen Bäume standen dort blattlos und von Raureif bedeckt; die schönen Hecken, die die alte Kirchhofmauer umgaben, waren verdorrt; und die Grabsteine, halb von Schnee bedeckt, waren durch die Öffnungen zu sehen.

Als er sich dem Gasthaus näherte, vor dem sich das ganze Dorf versammelt hatte, hörte man plötzlich Schreie. Eine Schar bewaffneter Bauern war im Anmarsch zu sehen, und jeder rief, dass der Kriminelle ergriffen worden sei. Werther schaute hin und war nicht lange im Zweifel. Der Gefangene war kein anderer als der Diener, der früher so sehr an der Witwe gehangen hatte und den er mit jener unterdrückten Wut und schlecht verborgenen Verzweiflung, die wir zuvor beschrieben haben, umherstreifen gesehen hatte.

„Was hast du getan, unglücklicher Mann?“, fragte Werther, während er auf den Gefangenen zuging. Dieser wandte seine Augen schweigend auf ihn und antwortete dann mit vollkommener Fassung: „Niemand wird sie nun heiraten, und sie wird niemanden heiraten.“ Der Gefangene wurde in das Gasthaus gebracht, und Werther verließ den Ort. Werthers Geist war durch dieses schockierende Ereignis furchtbar erregt. Er hörte jedoch auf, von seinem üblichen Gefühl der Melancholie, des Griesgrams und der Gleichgültigkeit gegenüber allem, was um ihn herum geschah, bedrückt zu sein. Er empfand ein starkes Mitleid für den Gefangenen und wurde von einer unbeschreiblichen Angst ergriffen, ihn vor seinem drohenden Schicksal zu bewahren. Er hielt ihn für so unglücklich, er hielt sein Verbrechen für so entschuldbar und dachte, sein eigener Zustand sei ähnlich, dass er überzeugt war, er könne jeden anderen dazu bringen, die Angelegenheit in dem Licht zu sehen, in dem er sie selbst sah. Er wurde nun begierig, seine Verteidigung zu übernehmen, und begann, eine beredte Rede für diesen Anlass zu verfassen; und auf seinem Weg zum Jagdschloss konnte er nicht umhin, die Aussage, die er dem Richter gegenüber zu machen entschlossen war, laut auszusprechen.

Bei seiner Ankunft fand er Albert bereits vor: und er war ein wenig verwirrt durch dieses Treffen; aber er beruhigte sich bald und äußerte seine Meinung mit viel Wärme gegenüber dem Richter. Letzterer schüttelte zweifelnd den Kopf; und obwohl Werther seinen Fall mit dem größten Eifer, Gefühl und Entschlossenheit zur Verteidigung seines Klienten vorbrachte, war der Richter, wie wir leicht vermuten können, nicht sehr von seinem Plädoyer beeinflusst. Im Gegenteil, er unterbrach ihn in seiner Ansprache, argumentierte ernst mit ihm und erteilte ihm sogar einen Verweis dafür, dass er der Anwalt eines Mörders wurde. Er legte dar, dass nach diesem Präzedenzfall jedes Gesetz verletzt und die öffentliche Sicherheit völlig zerstört werden könnte. Er fügte zudem hinzu, dass er in einem solchen Fall selbst nichts tun könne, ohne die größte Verantwortung auf sich zu laden; dass alles seinen üblichen Gang nehmen und den gewöhnlichen Weg verfolgen müsse.

Werther gab sein Unterfangen jedoch nicht auf und flehte den Richter sogar an, die Flucht des Gefangenen zu dulden. Doch dieser Vorschlag wurde rundweg abgelehnt. Albert, der an der Diskussion teilgenommen hatte, stimmte der Meinung des Richters zu. Darüber geriet Werther in Wut und verabschiedete sich in großem Zorn, nachdem ihm der Richter mehr als einmal versichert hatte, dass der Gefangene nicht gerettet werden könne.

Das Ausmaß seines Kummers bei dieser Versicherung lässt sich aus einer Notiz schließen, die wir unter seinen Papieren gefunden haben und die zweifellos bei eben diesem Anlass geschrieben wurde.

„Du kannst nicht gerettet werden, unglücklicher Mann! Ich sehe deutlich, dass wir nicht gerettet werden können!“

Werther war höchst erzürnt über die Bemerkungen, die Albert dem Richter in dieser Angelegenheit des Gefangenen gegenüber gemacht hatte. Er glaubte, darin ein wenig Bitterkeit ihm persönlich gegenüber feststellen zu können; und obwohl es seinem gesunden Urteilsvermögen beim Nachdenken nicht entgehen konnte, dass ihre Sicht der Angelegenheit korrekt war, verspürte er den größtmöglichen Widerwillen, ein solches Eingeständnis zu machen.

Ein Memorandum von Werther zu diesem Punkt, das seine allgemeinen Gefühle gegenüber Albert ausdrückt, wurde unter seinen Papieren gefunden.

„Was nützt es, dass ich ständig wiederhole, er sei ein guter und schätzenswerter Mann? Er ist eine innere Qual für mich, und ich bin unfähig, ihm gegenüber gerecht zu sein.“

An einem schönen Winterabend, als das Wetter sich zu tauen neigte, kehrten Charlotte und Albert gemeinsam nach Hause zurück. Erstere blickte von Zeit zu Zeit um sich, als vermisste sie Werthers Gesellschaft. Albert begann von ihm zu sprechen und tadelte ihn wegen seiner Vorurteile. Er spielte auf seine unglückliche Anhänglichkeit an und wünschte, es wäre möglich, seine Bekanntschaft zu beenden. „Ich wünsche es um unseretwillen“, fügte er hinzu; „und ich bitte Sie, ihn zu zwingen, sein Verhalten Ihnen gegenüber zu ändern und Sie seltener zu besuchen. Die Welt ist tadelnd, und ich weiß, dass hier und da von uns gesprochen wird.“ Charlotte antwortete nicht, und Albert schien ihr Schweigen zu spüren. Zumindest sprach er von da an nie wieder von Werther; und wenn sie das Thema einbrachte, ließ er das Gespräch ausklingen oder lenkte den Diskurs in eine andere Richtung.

Der vergebliche Versuch, den Werther unternommen hatte, um den unglücklichen Mörder zu retten, war das letzte schwache Glimmen einer Flamme, die im Begriff war, zu verlöschen. Er sank fast unmittelbar danach in einen Zustand von Düsternis und Untätigkeit, bis er schließlich in völlige Verstörung geriet, als er erfuhr, dass er als Zeuge gegen den Gefangenen geladen werden sollte, der seine völlige Unschuld beteuerte.

Sein Geist wurde nun von der Erinnerung an jedes Unglück seines vergangenen Lebens bedrückt. Die Demütigung, die er beim Gesandten erlitten hatte, und seine späteren Sorgen wurden in seinem Gedächtnis wieder wachgerufen. Er wurde völlig untätig. Ohne Energie war er von jedem Streben und jeder Beschäftigung abgeschnitten, die das Geschäft des gewöhnlichen Lebens ausmachen; und er wurde ein Opfer seiner eigenen Empfänglichkeit und seiner ruhelosen Leidenschaft für die liebenswürdigste und geliebteste der Frauen, deren Frieden er zerstörte. In dieser unveränderlichen Monotonie der Existenz verzehrten sich seine Tage; und seine Kräfte erschöpften sich ohne Ziel oder Plan, bis sie ihn an ein trauriges Ende brachten.

Einige Briefe, die er hinterließ und die wir hier beifügen, liefern die besten Beweise für seine geistige Angst und für die Tiefe seiner Leidenschaft sowie für seine Zweifel und Kämpfe und seine Lebensüberdrüssigkeit.

12. DEZEMBER.

Lieber Wilhelm, ich bin auf den Zustand jener unglücklichen Kreaturen herabgesunken, die glauben, von einem bösen Geist verfolgt zu werden. Manchmal bin ich bedrückt, nicht durch Furcht oder Angst, sondern durch eine unaussprechliche innere Empfindung, die auf meinem Herzen lastet und meinen Atem hemmt! Dann wandere ich nachts hinaus, selbst in dieser stürmischen Jahreszeit, und empfinde Vergnügen daran, die schrecklichen Szenen um mich herum zu betrachten.

Gestern Abend ging ich hinaus. Ein rasches Tauwetter hatte plötzlich eingesetzt: ich war informiert worden, dass der Fluss gestiegen sei, dass die Bäche alle ihre Ufer überschwemmt hätten und dass das ganze Tal von Walheim unter Wasser stünde! Beim Schlag von zwölf eilte ich hinaus. Ich erblickte einen furchtbaren Anblick. Die schäumenden Sturzbäche wälzten sich im Mondlicht von den Bergen herab – Felder und Wiesen, Bäume und Hecken waren miteinander vermengt; und das ganze Tal war in einen tiefen See verwandelt, der vom brüllenden Wind aufgewühlt wurde! Und als der Mond hervortrat und die schwarzen Wolken mit Silber säumte und der ungestüme Strom zu meinen Füßen mit schrecklicher und großartiger Heftigkeit schäumte und ertönte, wurde ich von einer gemischten Empfindung von Furcht und Entzücken überwältigt. Mit ausgestreckten Armen blickte ich in den gähnenden Abgrund und rief: „Stürze!“ Für einen Moment verließen mich meine Sinne, in dem intensiven Entzücken, meine Sorgen und meine Leiden durch einen Sturz in jenen Schlund zu beenden! Und dann fühlte ich mich, als wäre ich an die Erde verwurzelt und unfähig, ein Ende meiner Leiden zu suchen! Aber meine Stunde ist noch nicht gekommen: ich fühle, sie ist es nicht. O Wilhelm, wie bereitwillig könnte ich mein Dasein aufgeben, um auf dem Wirbelsturm zu reiten oder den Strom zu umarmen! Und könnte dann nicht vielleicht Entzückung der Teil dieser befreiten Seele sein?

Ich wandte meine betrübten Augen einem Lieblingsplatz zu, an dem ich nach einem anstrengenden Spaziergang pflegte, mit Charlotte unter einer Weide zu sitzen. Ach, er war mit Wasser bedeckt, und mit Mühe fand ich selbst die Wiese. Und die Felder um das Jagdschloss, dachte ich. Ist unsere liebe Laube durch diesen mitleidlosen Sturm zerstört worden? Und ein Strahl vergangenen Glücks strömte auf mich herab, wie der Geist eines Gefangenen durch Träume von Herden und Herden und vergangenen Freuden der Heimat erleuchtet wird! Aber ich bin frei von Schuld. Ich habe Mut zu sterben! Vielleicht habe ich den – aber ich sitze immer noch hier, wie ein elender Bettler, der Reisig sammelt und von Tür zu Tür um Brot bettelt, damit sie eine elende Existenz um ein paar Tage verlängern kann, die sie nicht aufgeben will.

15. DEZEMBER.

Was ist mit mir los, lieber Wilhelm? Ich fürchte mich vor mir selbst! Ist meine Liebe zu ihr nicht von der reinsten, heiligsten und brüderlichsten Art? Ist meine Seele jemals durch ein einziges sinnliches Verlangen befleckt worden? Aber ich will keine Beteuerungen machen. Und nun, ihr nächtlichen Visionen, wie wahr haben jene Sterblichen euch verstanden, die eure verschiedenen widersprüchlichen Wirkungen irgendeiner unbesiegbaren Macht zuschreiben! Diese Nacht – ich zittere bei dem Bekenntnis – hielt ich sie in meinen Armen, verschlossen in einer engen Umarmung: ich drückte sie an meinen Busen und bedeckte mit unzähligen Küssen jene lieben Lippen, die leise Beteuerungen der Liebe erwiderten. Mein Blick wurde verwirrt durch die köstliche Berauschung ihrer Augen. Himmel! Ist es sündhaft, wieder in solch einem Glück zu schwelgen, sich noch einmal jene hinreißenden Momente mit intensivem Entzücken ins Gedächtnis zu rufen? Charlotte! Charlotte! Ich bin verloren! Meine Sinne sind verwirrt, mein Erinnerungsvermögen ist durcheinander, meine Augen sind in Tränen gebadet – ich bin krank; und doch bin ich wohl – ich wünsche mir nichts – ich habe keine Verlangen – es wäre besser, ich wäre fort.

Unter den oben geschilderten Umständen hatte sich nun der Entschluss, diese Welt zu verlassen, fest in Werthers Seele eingenistet. Seit Charlottes Rückkehr war dieser Gedanke das letzte Ziel all seiner Hoffnungen und Wünsche gewesen; aber er hatte beschlossen, dass ein solcher Schritt nicht mit Überstürzung, sondern mit Ruhe und Gelassenheit und mit der vollkommensten Überlegung getan werden sollte.

Seine Sorgen und inneren Kämpfe lassen sich aus dem folgenden Fragment verstehen, das ohne Datum unter seinen Papieren gefunden wurde und den Beginn eines Briefes an Wilhelm zu bilden scheint.

„Ihre Gegenwart, ihr Schicksal, ihr Mitleid für mich haben noch die Kraft, Tränen aus meinem verdorrten Gehirn zu ziehen.

„Man hebt den Vorhang und geht auf die andere Seite – das ist alles! Und warum all diese Zweifel und Verzögerungen? Weil wir nicht wissen, was dahinter ist – weil es kein Zurück gibt – und weil unser Geist schließt, dass alles Dunkelheit und Verwirrung ist, wo wir nichts als Ungewissheit haben.“

Sein Aussehen veränderte sich schließlich völlig durch die Wirkung seiner melancholischen Gedanken; und sein Entschluss war nun endgültig und unwiderruflich gefasst, wofür der folgende zweideutige Brief, den er an seinen Freund richtete, einen Beweis zu liefern scheint.

20. DEZEMBER.

Ich bin deiner Liebe dankbar, Wilhelm, dafür, dass du deinen Rat so zeitig wiederholt hast. Ja, du hast recht: es ist zweifellos besser, dass ich gehe. Aber ich billige deinen Plan nicht ganz, sofort in deine Nähe zurückzukehren; zumindest würde ich gerne auf dem Weg einen kleinen Ausflug machen, besonders da wir nun einen anhaltenden Frost und folglich gute Straßen erwarten können. Ich freue mich sehr über deine Absicht, mich abzuholen; zögere deine Reise nur um vierzehn Tage hinaus und warte auf einen weiteren Brief von mir. Man sollte nichts ernten, bevor es reif ist, und vierzehn Tage früher oder später machen einen großen Unterschied. Bitte meine Mutter, für ihren Sohn zu beten, und sage ihr, ich bitte sie um Verzeihung für all das Unglück, das ich ihr bereitet habe. Es war immer mein Schicksal, denen Schmerz zuzufügen, deren Glück ich hätte fördern sollen. Adieu, mein liebster Freund. Möge jeder Segen des Himmels dich begleiten! Leb wohl.

Wir finden es schwierig, die Gefühle auszudrücken, mit denen Charlottes Seele während der ganzen Zeit bewegt war, sei es in Bezug auf ihren Ehemann oder auf ihren unglücklichen Freund; obwohl wir durch unsere Kenntnis ihres Charakters in der Lage sind, ihre Art zu verstehen.

Es ist sicher, dass sie den Entschluss gefasst hatte, Werther mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln auf Distanz zu halten; und wenn sie bei ihrer Entscheidung zögerte, so geschah dies aus einem aufrichtigen Gefühl freundschaftlichen Mitleids, da sie wusste, wie viel es ihn kosten würde, ja, dass er es fast für unmöglich halten würde, ihren Wünschen nachzukommen. Aber verschiedene Ursachen drängten sie nun dazu, fest zu sein. Ihr Mann bewahrte ein strenges Schweigen über die ganze Angelegenheit; und sie machte sie nie zum Gegenstand eines Gesprächs, da sie sich verpflichtet fühlte, ihm durch ihr Verhalten zu beweisen, dass ihre Gesinnungen mit den seinen übereinstimmten.

An jenem Tag, dem Sonntag vor Weihnachten, nachdem Werther den zuletzt erwähnten Brief an seinen Freund geschrieben hatte, kam er am Abend zu Charlottes Haus und fand sie allein. Sie war damit beschäftigt, einige kleine Geschenke für ihre Geschwister vorzubereiten, die ihnen am Weihnachtstag überreicht werden sollten. Er begann, von der Freude der Kinder zu sprechen und von jenem Alter, in dem das plötzliche Erscheinen des mit Früchten und Naschwerk geschmückten und mit Wachskerzen erleuchteten Weihnachtsbaums solche Entzückung hervorruft. „Sie sollen auch ein Geschenk bekommen, wenn Sie sich gut benehmen“, sagte Charlotte und verbarg ihre Verlegenheit hinter einem süßen Lächeln. „Und was nennen Sie sich gut benehmen? Was sollte ich tun, was kann ich tun, meine liebe Charlotte?“, sagte er. „Donnerstagabend“, antwortete sie, „ist Heiligabend. Die Kinder werden alle hier sein, und mein Vater auch: Es gibt für jeden ein Geschenk; kommen Sie ebenfalls, aber kommen Sie nicht vor dieser Zeit.“ Werther schrak zusammen. „Ich bitte Sie, tun Sie es nicht: Es muss so sein“, fuhr sie fort. „Ich bitte Sie darum als einen Gefallen, für meine eigene Ruhe und Gelassenheit. Wir können auf diese Weise nicht länger weitermachen.“ Er wandte sein Gesicht ab, schritt hastig im Zimmer auf und ab und murmelte undeutlich: „Wir können auf diese Weise nicht länger weitermachen!“ Charlotte, die sah, in welche heftige Erregung ihn diese Worte versetzt hatten, versuchte, seine Gedanken durch verschiedene Fragen abzulenken, doch vergebens. „Nein, Charlotte!“, rief er aus; „ich werde Sie nie wiedersehen!“ „Und warum das?“, antwortete sie. „Wir können – wir müssen uns wiedersehen; lassen Sie es nur mit mehr Besonnenheit geschehen. Oh! Warum wurden Sie mit dieser maßlosen, dieser unbeherrschbaren Leidenschaft für alles geboren, was Ihnen teuer ist?“ Dann nahm sie seine Hand und sagte: „Ich beschwöre Sie, seien Sie ruhiger: Ihre Talente, Ihr Verstand, Ihr Genie werden Ihnen tausend Auswege bieten. Seien Sie ein Mann und überwinden Sie eine unglückliche Zuneigung zu einem Wesen, das nichts tun kann, als Sie zu bemitleiden.“ Er biss sich auf die Lippen und sah sie mit finsterer Miene an. Sie hielt weiterhin seine Hand. „Gönnen Sie mir nur einen Augenblick Geduld, Werther“, sagte sie. „Sehen Sie denn nicht, dass Sie sich selbst täuschen, dass Sie Ihr eigenes Verderben suchen? Warum müssen Sie mich lieben, nur mich, die einem anderen gehört? Ich fürchte, ich fürchte sehr, dass es nur die Unmöglichkeit ist, mich zu besitzen, die Ihr Verlangen nach mir so stark macht.“ Er zog seine Hand zurück, während er sie mit einem wilden und zornigen Blick betrachtete. „Es ist gut!“, rief er aus, „es ist sehr gut! Hat Albert Ihnen diese Überlegung geliefert? Es ist eine tiefgründige, eine sehr tiefgründige Bemerkung.“ „Eine Überlegung, die jeder leicht anstellen könnte“, antwortete sie; „und gibt es nicht eine Frau auf der ganzen Welt, die frei ist und die Macht hat, Sie glücklich zu machen? Beherrschen Sie sich: Suchen Sie nach einem solchen Wesen, und glauben Sie mir, wenn ich sage, dass Sie sie gewiss finden werden. Ich habe lange für Sie und für uns alle gefühlt: Sie haben sich zu lange innerhalb der Grenzen eines zu engen Kreises eingeschlossen. Beherrschen Sie sich; machen Sie eine Anstrengung: Eine kurze Reise wird Ihnen gut tun. Suchen und finden Sie ein Objekt, das Ihrer Liebe würdig ist; dann kehren Sie hierher zurück, und lassen Sie uns gemeinsam all das Glück der vollkommensten Freundschaft genießen.“

„Diese Rede“, antwortete Werther mit einem kalten Lächeln, „diese Rede sollte zum Nutzen aller Lehrer gedruckt werden. Meine liebe Charlotte, gönnen Sie mir nur noch eine kurze Zeit, und alles wird gut werden.“ „Aber wie dem auch sei, Werther“, fügte sie hinzu, „kommen Sie vor Weihnachten nicht wieder.“ Er wollte gerade antworten, als Albert eintrat. Sie grüßten einander kühl und schritten mit gegenseitiger Verlegenheit im Zimmer auf und ab. Werther machte einige allgemeine Bemerkungen; Albert tat dasselbe, und ihr Gespräch verstummte bald. Albert fragte seine Frau nach einigen häuslichen Angelegenheiten; und da er feststellte, dass seine Aufträge nicht ausgeführt worden waren, gebrauchte er einige Ausdrücke, die in Werthers Ohren nach extremer Härte schmeckten. Er wollte gehen, hatte aber nicht die Kraft, sich zu bewegen; und in dieser Lage blieb er bis acht Uhr, während sein Unbehagen und seine Unzufriedenheit ständig wuchsen. Schließlich wurde der Tisch zum Abendessen gedeckt, und er nahm seinen Hut und Stock. Albert lud ihn ein zu bleiben; doch Werther, der glaubte, er mache nur ein formelles Kompliment, dankte ihm kühl und verließ das Haus.

Werther kehrte nach Hause zurück, nahm seinem Diener die Kerze ab und zog sich allein in sein Zimmer zurück. Er sprach einige Zeit mit großem Ernst mit sich selbst, weinte laut, ging in einem Zustand großer Erregung durch seine Kammer, bis er sich schließlich, ohne sich auszuziehen, auf das Bett warf, wo er um elf Uhr von seinem Diener gefunden wurde, als dieser es wagte, das Zimmer zu betreten und ihm die Stiefel auszuziehen. Werther hinderte ihn nicht daran, verbot ihm aber, am Morgen hereinzukommen, bis er klingeln würde.

Am Montagmorgen, dem 21. Dezember, schrieb er an Charlotte den folgenden Brief, der nach seinem Tod versiegelt auf seinem Schreibtisch gefunden und ihr übergeben wurde. Ich werde ihn in Fragmenten einfügen; da es den Anschein hat, dass er aufgrund verschiedener Umstände auf diese Weise geschrieben wurde.

„Es ist alles vorbei, Charlotte: Ich bin entschlossen zu sterben! Ich treffe diese Erklärung überlegt und kühl, ohne jede romantische Leidenschaft, an diesem Morgen des Tages, an dem ich Sie zum letzten Mal sehen werde. In dem Augenblick, in dem Sie diese Zeilen lesen, o beste aller Frauen, wird das kalte Grab die leblosen Überreste jenes rastlosen und unglücklichen Wesens bergen, das in den letzten Momenten seines Daseins kein größeres Vergnügen kannte, als mit Ihnen zu sprechen! Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht oder besser gesagt, lassen Sie mich sagen, eine glückliche; denn sie hat mir Entschlossenheit gegeben, sie hat mein Vorhaben gefestigt. Ich bin entschlossen zu sterben. Als ich mich gestern von Ihnen losriss, war mein Geist in Aufruhr und Verwirrung; mein Herz war bedrückt, Hoffnung und Freude waren für immer von mir gewichen, und eine versteinernde Kälte hatte mein elendes Wesen ergriffen. Ich konnte kaum mein Zimmer erreichen. Ich warf mich auf meine Knie; und der Himmel gewährte mir zum letzten Mal den Trost, Tränen zu vergießen. Tausend Ideen, tausend Pläne stiegen in meiner Seele auf; bis schließlich ein letzter, fester, endgültiger Gedanke von meinem Herzen Besitz ergriff. Es war zu sterben. Ich legte mich zur Ruhe; und am Morgen, in der stillen Stunde des Erwachens, war dieselbe Entschlossenheit in mir. Zu sterben! Es ist keine Verzweiflung: Es ist die Überzeugung, dass ich das Maß meiner Leiden gefüllt habe, dass ich mein bestimmtes Ziel erreicht habe und mich für dich opfern muss. Ja, Charlotte, warum sollte ich es nicht zugeben? Einer von uns dreien muss sterben: Es soll Werther sein. O geliebte Charlotte! Dieses Herz, aufgeregt durch Wut und Raserei, hat oft den schrecklichen Gedanken gefasst, Ihren Ehemann zu ermorden – Sie – mich selbst! Das Los ist endlich gefallen. Und an den hellen, stillen Sommerabenden, wenn Sie manchmal in Richtung der Berge wandern, mögen Ihre Gedanken dann zu mir wandern: Erinnern Sie sich, wie oft Sie mich beobachtet haben, wie ich Ihnen aus dem Tal entgegenkam; dann richten Sie Ihre Augen auf den Kirchhof, der mein Grab enthält, und beobachten Sie im Licht der untergehenden Sonne, wie die Abendbrise das hohe Gras wiegt, das über meinem Grab wächst. Ich war ruhig, als ich diesen Brief begann, aber die Erinnerung an diese Szenen lässt mich wie ein Kind weinen.“

Gegen zehn Uhr morgens rief Werther seinen Diener, und während dieser ihn ankleidete, sagte er ihm, dass er in einigen Tagen eine Reise antreten wolle, und wies ihn daher an, seine Kleidung in Ordnung zu bringen und für das Einpacken vorzubereiten, alle seine Rechnungen einzufordern, die Bücher, die er verliehen hatte, zurückzuholen und den armen Abhängigen, die von ihm eine wöchentliche Zuwendung erhielten, den Lohn für zwei Monate zu geben.

Er frühstückte in seinem Zimmer, stieg dann auf sein Pferd und ritt aus, um den Verwalter zu besuchen, der jedoch nicht zu Hause war. Er ging nachdenklich im Garten umher und schien darauf bedacht zu sein, alle Gedanken zu erneuern, die für ihn am schmerzhaftesten waren.

Die Kinder ließen ihn nicht lange allein. Sie folgten ihm, hüpften und tanzten vor ihm her und erzählten ihm, dass sie übermorgen ihr Weihnachtsgeschenk von Charlotte erhalten würden; und dann zählten sie all die Wunder auf, von denen sie sich in ihrer kindlichen Vorstellung Bilder gemacht hatten. „Übermorgen“, sagte er, „und noch einen Tag!“ Und er küsste sie zärtlich. Er wollte gerade gehen; doch der jüngere Junge hielt ihn zurück, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Er erzählte ihm, dass seine älteren Brüder prächtige Neujahrswünsche geschrieben hätten – so groß! Einen für Papa, einen anderen für Albert und Charlotte und einen für Werther; und sie sollten am Neujahrsmorgen früh überreicht werden. Das überwältigte ihn vollkommen. Er machte jedem der Kinder ein Geschenk, stieg auf sein Pferd, ließ Papa und Mama grüßen und ritt mit Tränen in den Augen von dem Ort weg.

Er kehrte gegen fünf Uhr nach Hause zurück, befahl seinem Diener, sein Feuer in Gang zu halten, wünschte, dass er seine Bücher und Wäsche unten in den Koffer packe und seine Mäntel obenauf lege. Er scheint dann den folgenden Zusatz zu dem an Charlotte adressierten Brief gemacht zu haben:

„Sie erwarten mich nicht. Sie denken, ich werde Ihnen gehorchen und Sie erst am Heiligabend wieder besuchen. O Charlotte, heute oder nie! Am Heiligabend werden Sie dieses Papier in Ihrer Hand halten; Sie werden zittern und es mit Ihren Tränen benetzen. Ich will – ich muss! Oh, wie glücklich fühle ich mich, entschlossen zu sein!“

In der Zwischenzeit war Charlotte in einem beklagenswerten Geisteszustand. Nach ihrem letzten Gespräch mit Werther erkannte sie, wie schmerzhaft es für sie selbst sein würde, seine Besuche abzulehnen, und wusste, wie schwer er unter ihrer Trennung leiden würde.

Sie hatte im Gespräch mit Albert beiläufig erwähnt, dass Werther nicht vor Heiligabend zurückkehren würde; und kurz darauf ritt Albert fort, um eine Person in der Nachbarschaft zu besuchen, mit der er einige Geschäfte zu erledigen hatte, die ihn die ganze Nacht in Anspruch nehmen würden.

Charlotte saß allein. Keiner ihrer Verwandten war in der Nähe, und sie gab sich den Gedanken hin, die still von ihrem Geist Besitz ergriffen. Sie war für immer mit einem Ehemann vereint, dessen Liebe und Treue sie erprobt hatte, dem sie von ganzem Herzen zugetan war und der ein besonderes Geschenk des Himmels zu sein schien, um ihr Glück zu sichern. Auf der anderen Seite war ihr Werther teuer geworden. Von der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft an hatte eine herzliche Übereinstimmung der Gefühle zwischen ihnen geherrscht, und ihr langer Umgang und ihre wiederholten Zusammenkünfte hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Sie war es gewohnt gewesen, ihm jeden Gedanken und jedes Gefühl mitzuteilen, das sie interessierte, und seine Abwesenheit drohte, eine Leere in ihrem Dasein zu öffnen, die unmöglich zu füllen sein könnte. Wie sehr wünschte sie sich, sie könnte ihn in ihren Bruder verwandeln – dass sie ihn dazu bewegen könnte, eine ihrer Freundinnen zu heiraten, oder dass sie seine Vertrautheit mit Albert wiederherstellen könnte.

Sie ließ alle ihre engen Freunde in ihrem Geist Revue passieren, fand aber an jeder etwas zu beanstanden und konnte sich für keine entscheiden, der sie zustimmen würde, ihn zu geben.

Inmitten all dieser Überlegungen spürte sie tief, aber unklar, dass ihr eigener wirklicher, aber unausgesprochener Wunsch war, ihn für sich selbst zu behalten, und ihr reines und liebenswertes Herz empfand bei diesem Gedanken ein Gefühl der Bedrückung, das eine Aussicht auf Glück zu verbieten schien. Sie war elend: Eine dunkle Wolke trübte ihre geistige Sicht.

Es war jetzt halb sieben, und sie hörte Werthers Schritt auf der Treppe. Sie erkannte sofort seine Stimme, als er fragte, ob sie zu Hause sei. Ihr Herz schlug hörbar – man könnte fast sagen zum ersten Mal – bei seiner Ankunft. Es war zu spät, sich zu verleugnen; und als er eintrat, rief sie mit einer Art schlecht verhehlter Verwirrung aus: „Sie haben Ihr Wort nicht gehalten!“ „Ich habe nichts versprochen“, antwortete er. „Aber Sie hätten zumindest mir zuliebe nachgeben sollen“, fuhr sie fort. „Ich beschwöre Sie, uns beider zuliebe.“

Sie wusste kaum, was sie sagte oder tat; und schickte nach einigen Freunden, die durch ihre Anwesenheit verhindern könnten, dass sie mit Werther allein gelassen würde. Er legte einige Bücher nieder, die er mitgebracht hatte, und erkundigte sich dann nach einigen anderen, bis sie zu hoffen begann, dass ihre Freunde in Kürze eintreffen könnten, während sie gleichzeitig den Wunsch hegte, dass sie fernbleiben würden.

In einem Moment fühlte sie sich ängstlich, dass der Diener im angrenzenden Zimmer bleiben sollte, dann änderte sie ihre Meinung. Werther schritt unterdessen ungeduldig auf und ab. Sie ging zum Klavier und beschloss, sich nicht zurückzuziehen. Sie sammelte dann ihre Gedanken und setzte sich ruhig an Werthers Seite, der seinen üblichen Platz auf dem Sofa eingenommen hatte.

„Haben Sie nichts zum Lesen mitgebracht?“, fragte sie. Er hatte nichts. „Dort in meiner Schublade“, fuhr sie fort, „werden Sie Ihre eigene Übersetzung einiger Gesänge von Ossian finden. Ich habe sie noch nicht gelesen, da ich immer noch gehofft habe, Sie sie rezitieren zu hören; aber in der letzten Zeit konnte ich einen solchen Wunsch nicht erfüllen.“ Er lächelte und holte das Manuskript, das er mit einem Schaudern entgegennahm. Er setzte sich und begann mit tränengefüllten Augen zu lesen.

„Stern der sinkenden Nacht! Schön ist dein Licht im Westen! Du hebst dein ungeschorenes Haupt aus deiner Wolke; deine Schritte sind stattlich auf deinem Hügel. Was erblickst du in der Ebene? Die stürmischen Winde haben sich gelegt. Das Murmeln des Wildbachs kommt von fern. Brausende Wellen erklimmen den fernen Felsen. Die Fliegen des Abends sind auf ihren schwachen Flügeln: Das Summen ihres Fluges ist auf dem Feld. Was erblickst du, schönes Licht? Doch du lächelst und gehst dahin. Die Wellen kommen mit Freude um dich her: Sie baden dein liebliches Haar. Leb wohl, du stiller Strahl! Lass das Licht von Ossians Seele aufsteigen!

Und es steigt auf in seiner Stärke! Ich erblicke meine dahingegangenen Freunde. Ihre Versammlung ist auf Lora, wie in den Tagen vergangener Jahre. Fingal kommt wie eine wässrige Nebelsäule! Seine Helden sind um ihn her: Und sieh die Barden des Gesangs, den grauhaarigen Ullin! Den stattlichen Ryno! Alpin mit der wohlklingenden Stimme: Die sanfte Klage von Minona! Wie seid ihr verändert, meine Freunde, seit den Tagen von Selmas Fest! Als wir wetteiferten, wie die Winde des Frühlings, die entlang des Hügels fliegen und abwechselnd das schwach pfeifende Gras biegen.

Minona trat hervor in ihrer Schönheit, mit gesenktem Blick und tränendem Auge. Ihr Haar flog langsam mit dem Wind, der selten vom Hügel herabwehte. Die Seelen der Helden waren traurig, als sie die wohlklingende Stimme erhob. Oft hatten sie das Grab von Salgar gesehen, die dunkle Wohnung der weißbusigen Colma. Colma allein gelassen auf dem Hügel mit all ihrer Stimme des Gesangs! Salgar versprach zu kommen! Doch die Nacht senkte sich herab. Hört die Stimme von Colma, als sie allein auf dem Hügel saß!

Colma. Es ist Nacht: Ich bin allein, verlassen auf dem Hügel der Stürme. Der Wind ist auf dem Berg zu hören. Der Wildbach heult den Felsen hinab. Keine Hütte nimmt mich vor dem Regen auf: Verlassen auf dem Hügel der Winde!

Geh auf, Mond! Hinter deinen Wolken. Sterne der Nacht, geht auf! Führe mich, du Licht, an den Ort, wo mein Geliebter allein von der Jagd ruht! Sein Bogen in seiner Nähe ungespannt, seine Hunde um ihn keuchend! Doch hier muss ich allein am Felsen des bemoosten Stroms sitzen. Der Strom und der Wind brausen laut. Ich höre die Stimme meines Geliebten nicht! Warum zögert mein Salgar; warum der Häuptling des Hügels sein Versprechen? Hier ist der Felsen und hier ist der Baum! Hier ist der brausende Strom! Du hast versprochen, bei Nacht hier zu sein. Ach! Wohin ist mein Salgar gegangen? Mit dir würde ich vor meinem Vater fliehen, mit dir vor meinem Bruder des Stolzes. Unsere Geschlechter sind seit langem Feinde: Wir sind keine Feinde, o Salgar!

Schweige ein wenig, o Wind! Strom, sei du eine Weile still! Lass meine Stimme umher gehört werden! Lass meinen Wanderer mich hören! Salgar! Es ist Colma, die ruft. Hier ist der Baum und der Felsen. Salgar, mein Geliebter, ich bin hier! Warum zögerst du mit deinem Kommen? Sieh! Der ruhige Mond geht auf. Die Flut ist hell im Tal. Die Felsen sind grau am Steilhang. Ich sehe ihn nicht auf dem Gipfel. Seine Hunde kommen nicht vor ihm her mit Kunde von seinem nahen Herannahen. Hier muss ich allein sitzen!

Wer liegt auf der Heide neben mir? Sind sie mein Geliebter und mein Bruder? Sprecht zu mir, o meine Freunde! Colma geben sie keine Antwort. Sprecht zu mir: Ich bin allein! Meine Seele ist von Ängsten gequält. Ach, sie sind tot! Ihre Schwerter sind rot vom Kampf. O mein Bruder! Mein Bruder! Warum hast du meinen Salgar erschlagen! Warum, o Salgar, hast du meinen Bruder erschlagen! Teuer wart ihr mir beide! Was soll ich zu eurem Lob sagen? Du warst schön auf dem Hügel unter Tausenden! Er war schrecklich im Kampf! Sprecht zu mir! Hört meine Stimme! Hört mich, Söhne meiner Liebe! Sie schweigen! Still für immer! Kalt, kalt sind ihre Brüste aus Lehm! Oh, vom Felsen auf dem Hügel, vom Gipfel des windigen Steilhangs, sprecht, ihr Geister der Toten! Sprecht, ich werde mich nicht fürchten! Wohin seid ihr gegangen, um zu ruhen? In welcher Höhle des Hügels werde ich die Dahingegangenen finden? Keine schwache Stimme ist im Wind: Keine Antwort, halb ertrunken im Sturm!

Ich sitze in meinem Kummer: Ich warte auf den Morgen in meinen Tränen! Errichtet das Grab, ihr Freunde der Toten. Schließt es nicht, bis Colma kommt. Mein Leben entflieht wie ein Traum. Warum sollte ich zurückbleiben? Hier werde ich mit meinen Freunden ruhen, am Strom des tönenden Felsens. Wenn die Nacht auf den Hügel kommt, wenn die lauten Winde aufsteigen, wird mein Geist im Wind stehen und den Tod meiner Freunde beklagen. Der Jäger wird aus seiner Hütte hören; er wird sich fürchten, aber meine Stimme lieben! Denn süß wird meine Stimme sein für meine Freunde: Angenehm waren ihre Freunde für Colma.

Das war dein Gesang, Minona, sanft errötende Tochter von Torman. Unsere Tränen flossen für Colma, und unsere Seelen waren traurig! Ullin kam mit seiner Harfe; er gab den Gesang von Alpin. Die Stimme von Alpin war angenehm, die Seele von Ryno war ein Strahl aus Feuer! Doch sie hatten im schmalen Haus geruht: Ihre Stimme war in Selma verstummt! Ullin war eines Tages von der Jagd zurückgekehrt, bevor die Helden fielen. Er hörte ihren Streit auf dem Hügel: Ihr Gesang war sanft, aber traurig! Sie beklagten den Fall von Morar, dem ersten der sterblichen Menschen! Seine Seele war wie die Seele von Fingal: Sein Schwert wie das Schwert von Oscar. Doch er fiel, und sein Vater trauerte: Die Augen seiner Schwester waren voller Tränen. Minonas Augen waren voller Tränen, der Schwester des wagenfahrenden Morar. Sie zog sich vom Gesang Ullins zurück, wie der Mond im Westen, wenn er den Schauer voraussieht und sein schönes Haupt in einer Wolke verbirgt. Ich berührte die Harfe mit Ullin: Der Gesang des Morgens stieg auf!

Ryno. Der Wind und der Regen sind vorüber, ruhig ist der Mittag des Tages. Die Wolken sind am Himmel geteilt. Über die grünen Hügel fliegt die unbeständige Sonne. Rot durch das steinige Tal kommt der Strom des Hügels herab. Süß ist dein Murmeln, o Strom! Aber süßer ist die Stimme, die ich höre. Es ist die Stimme von Alpin, dem Sohn des Gesangs, der um die Toten trauert! Gebeugt ist sein Haupt des Alters: Rot sein tränendes Auge. Alpin, du Sohn des Gesangs, warum allein auf dem stillen Hügel? Warum beklagst du dich, wie ein Windhauch im Wald, wie eine Welle am einsamen Ufer?

Alpin. Meine Tränen, o Ryno! sind für die Toten, meine Stimme für jene, die dahingegangen sind. Groß bist du auf dem Hügel; schön unter den Söhnen des Tals. Doch du wirst fallen wie Morar: Der Trauernde wird auf deinem Grab sitzen. Die Hügel werden dich nicht mehr kennen: Dein Bogen wird in deiner Halle ungespannt liegen!“

„Du warst schnell, o Morar! wie ein Reh in der Wüste: schrecklich wie ein Meteor aus Feuer. Dein Zorn war wie der Sturm. Dein Schwert im Kampf wie ein Blitz auf dem Felde. Deine Stimme war wie ein Strom nach dem Regen, wie Donner auf fernen Hügeln. Viele fielen durch deinen Arm: sie wurden verzehrt in den Flammen deines Zorns. Doch wenn du vom Kriege zurückkehrtest, wie friedvoll war deine Stirn. Dein Antlitz war wie die Sonne nach dem Regen: wie der Mond in der Stille der Nacht: ruhig wie die Brust des Sees, wenn der laute Wind sich gelegt hat.

Schmal ist deine Wohnung nun! Dunkel der Ort deines Aufenthaltes! Mit drei Schritten ummesse ich dein Grab, o du, der du so groß warst zuvor! Vier Steine, mit ihren moosigen Häuptern, sind das einzige Denkmal deiner selbst. Ein Baum, kaum mit einem Blatt, langes Gras, das im Winde pfeift, bezeichnen dem Auge des Jägers das Grab des mächtigen Morar. Morar! du bist wahrlich niedrig. Du hast keine Mutter, die um dich trauert, kein Mädchen mit ihren Tränen der Liebe. Tot ist die, die dich zur Welt brachte. Gefallen ist die Tochter von Morglan.

Wer ist dies, der auf seinen Stab gestützt ist? Wer ist dies, dessen Haupt weiß ist vor Alter, dessen Augen rot sind von Tränen, der bei jedem Schritt bebt? Es ist dein Vater, o Morar! der Vater keines Sohnes außer dir. Er hörte von deinem Ruhm im Kriege, er hörte von zerstreuten Feinden. Er hörte von Morars Ruf, warum hörte er nicht von seiner Wunde? Weine, du Vater von Morar! Weine, doch dein Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihr Kissen aus Staub. Nimmermehr wird er deine Stimme hören, nimmermehr bei deinem Ruf erwachen. Wann wird es Morgen sein im Grabe, um den Schlummernden zu wecken? Lebe wohl, du Tapferster der Männer! du Sieger auf dem Felde! doch das Feld wird dich nicht mehr sehen, noch der dunkle Wald vom Glanze deines Stahls erhellt werden. Du hast keinen Sohn hinterlassen. Das Lied wird deinen Namen bewahren. Kommende Zeiten werden von dir hören, sie werden vom gefallenen Morar hören!

Der Schmerz aller stieg auf, doch am meisten der ausbrechende Seufzer des Armin. Er gedenkt des Todes seines Sohnes, der in den Tagen seiner Jugend fiel. Carmor war nahe bei dem Helden, der Häuptling des widerhallenden Galmal. Warum bricht der Seufzer des Armin hervor? sagte er. Gibt es einen Grund zu trauern? Das Lied kommt mit seiner Musik, um die Seele zu schmelzen und zu erfreuen. Es ist wie sanfter Nebel, der von einem See aufsteigend in das stille Tal strömt; die grünen Blumen füllen sich mit Tau, doch die Sonne kehrt in ihrer Stärke zurück, und der Nebel ist dahin. Warum bist du traurig, o Armin, Häuptling des von der See umgebenen Gorma?

Traurig bin ich! und mein Grund zum Weh ist nicht gering! Carmor, du hast keinen Sohn verloren; du hast kein Mädchen von Schönheit verloren. Colgar der Tapfere lebt, und Annira, das schönste Mädchen. Die Zweige deines Hauses steigen empor, o Carmor! doch Armin ist der Letzte seines Geschlechts. Dunkel ist dein Bett, o Daura! tief dein Schlaf im Grabe! Wann wirst du erwachen mit deinen Liedern? mit all deiner Stimme der Musik?

Erhebt euch, Winde des Herbstes, erhebt euch: weht entlang der Heide. Ströme der Berge, braust; braust, Stürme in den Hainen meiner Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond! zeige dein bleiches Antlitz in Zwischenräumen; bringe mir in den Sinn die Nacht, als alle meine Kinder fielen, als Arindal der Mächtige fiel – als Daura die Liebliche unterging. Daura, meine Tochter, du warst schön, schön wie der Mond auf Fura, weiß wie der getriebene Schnee, süß wie der atmende Windhauch. Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer war schnell auf dem Felde, dein Blick war wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine rote Wolke im Sturm! Armar, berühmt im Kriege, kam und suchte Dauras Liebe. Er wurde nicht lange abgewiesen: schön war die Hoffnung ihrer Freunde.

Erath, Sohn des Odgal, grollte: sein Bruder war von Armar erschlagen worden. Er kam verkleidet wie ein Sohn der See: schön war seine Klippe auf der Welle, weiß seine Locken des Alters, ruhig seine ernste Stirn. Schönste der Frauen, sagte er, liebliche Tochter von Armin! ein Fels, nicht fern im Meere, trägt einen Baum an seiner Seite; rot glänzt die Frucht von weitem. Dort wartet Armar auf Daura. Ich komme, um seine Liebe zu tragen! Sie ging, sie rief nach Armar. Nichts antwortete, außer dem Sohn des Felsens. Armar, meine Liebe, meine Liebe! warum quälst du mich mit Furcht? Höre, Sohn des Arnart, höre! es ist Daura, die dich ruft. Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme – sie rief nach ihrem Bruder und ihrem Vater. Arindal! Armin! keiner, der euch befreit, Daura.

Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügel herab, rauh in der Beute der Jagd. Seine Pfeile rasselten an seiner Seite; sein Bogen war in seiner Hand, fünf dunkelgraue Hunde begleiteten seine Schritte. Er sah den grimmigen Erath am Ufer; er ergriff und band ihn an eine Eiche. Dicht winden sich die Riemen der Haut um seine Glieder; er belädt die Winde mit seinem Stöhnen. Arindal besteigt die Tiefe in seinem Boot, um Daura an Land zu bringen. Armar kam in seinem Zorn und ließ den grau gefiederten Schaft fliegen. Er sang, er sank in dein Herz, o Arindal, mein Sohn! für Erath den Verräter stirbst du. Das Ruder ist auf der Stelle angehalten: er keuchte auf dem Felsen und verschied. Was ist dein Schmerz, o Daura, wenn um deine Füße das Blut deines Bruders vergossen wird. Das Boot ist in zwei Teile zerbrochen. Armar stürzt sich in die See, um seine Daura zu retten oder zu sterben. Plötzlich kam ein Stoß von einem Hügel über die Wellen; er sank und erhob sich nimmermehr.

Allein, auf dem von der See gepeitschten Felsen, wurde meine Tochter klagend gehört; häufig und laut waren ihre Schreie. Was konnte ihr Vater tun? Die ganze Nacht stand ich am Ufer: ich sah sie beim schwachen Schein des Mondes. Die ganze Nacht hörte ich ihre Schreie. Laut war der Wind; der Regen peitschte hart auf den Hügel. Ehe der Morgen erschien, war ihre Stimme schwach; sie starb dahin wie die Abendbrise im Grase der Felsen. Erschöpft vom Kummer verschied sie und ließ dich, Armin, allein. Dahin ist meine Stärke im Kriege, gefallen mein Stolz unter den Frauen. Wenn die Stürme droben sich erheben, wenn der Norden die Welle in die Höhe hebt, sitze ich am tönenden Ufer und schaue auf den verhängnisvollen Felsen.

Oft beim untergehenden Mond sehe ich die Geister meiner Kinder; halb unsichtbar wandeln sie in trauriger Beratung miteinander.“

Ein Strom von Tränen, der aus Charlottes Augen rann und ihrem berstenden Herzen Erleichterung verschaffte, unterbrach Werts Vorlesen. Er warf das Buch von sich, ergriff ihre Hand und weinte bitterlich. Charlotte lehnte sich auf ihre Hand und verbarg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch: die Erregung beider war übermäßig. Sie fühlten, dass ihr eigenes Schicksal in den Unglücksfällen von Ossians Helden abgebildet war, sie fühlten dies gemeinsam, und ihre Tränen verdoppelten sich. Wert stützte seine Stirn auf Charlottes Arm: sie zitterte, sie wünschte fort zu sein; doch Kummer und Mitleid lagen wie ein bleiernes Gewicht auf ihrer Seele. Sie fasste sich bald und bat Wert unter gebrochenen Schluchzern, sie zu verlassen, flehte ihn mit äußerstem Ernst an, ihrem Verlangen nachzukommen. Er zitterte; sein Herz war bereit zu bersten: dann, das Buch wieder ergreifend, begann er von neuem zu lesen, mit einer Stimme, die von Schluchzern gebrochen war.

„Warum weckst du mich, o Frühling? Deine Stimme wirbt um mich, ausrufend: Ich erfrische dich mit himmlischen Tauen; doch die Zeit meines Verfalls naht, der Sturm ist nahe, der meine Blätter welken machen wird. Morgen wird der Wanderer kommen, er wird kommen, der mich in Schönheit schaute: sein Auge wird mich auf dem Felde ringsum suchen, doch er wird mich nicht finden.“

Die ganze Wucht dieser Worte fiel auf den unglücklichen Wert. Voller Verzweiflung warf er sich zu Charlottes Füßen, ergriff ihre Hände und presste sie an seine Augen und an seine Stirn. Eine Vorahnung seines verhängnisvollen Vorhabens überkam sie nun zum ersten Mal. Ihre Sinne waren verwirrt: sie hielt seine Hände, drückte sie an ihren Busen; und, sich ihm mit Gefühlen des zärtlichsten Mitleids zuneigend, berührte ihre warme Wange die seine. Sie verloren alles aus den Augen. Die Welt verschwand vor ihren Sinnen. Er schloss sie in seine Arme, presste sie an seinen Busen und bedeckte ihre bebenden Lippen mit leidenschaftlichen Küssen. „Wert!“ rief sie mit schwacher Stimme, sich abwendend; „Wert!“ und mit schwacher Hand stieß sie ihn von sich. Endlich, mit der festen Stimme der Tugend, rief sie aus: „Wert!“ Er leistete keinen Widerstand, sondern, sich aus ihren Armen reißend, fiel er vor ihr auf die Knie. Charlotte erhob sich und rief mit verstörtem Schmerz, in vermischten Tönen von Liebe und Groll, aus: „Es ist das letzte Mal, Wert! Du wirst mich niemals wiedersehen!“ Dann, einen letzten, zärtlichen Blick auf ihren unglücklichen Liebhaber werfend, eilte sie in das angrenzende Zimmer und schloss die Tür ab. Wert streckte die Arme aus, wagte aber nicht, sie aufzuhalten. Er verblieb auf dem Boden, mit dem Kopf auf dem Sofa ruhend, eine halbe Stunde lang, bis er ein Geräusch hörte, das ihn zu Sinnen brachte. Der Diener trat ein. Er ging dann im Zimmer auf und ab; und als er wieder allein gelassen wurde, ging er zu Charlottes Tür und sagte mit leiser Stimme: „Charlotte, Charlotte! nur noch ein Wort, ein letztes Lebwohl!“ Sie gab keine Antwort. Er hielt inne, lauschte und flehte; doch alles war still. Endlich riss er sich von dem Orte los und rief: „Lebwohl, Charlotte, lebwohl für immer!“

Wert rannte zum Stadttor. Die Wachen, die ihn kannten, ließen ihn schweigend passieren. Die Nacht war dunkel und stürmisch, – es regnete und schneite. Er erreichte seine eigene Tür gegen elf Uhr. Sein Diener, obwohl er sah, wie er das Haus ohne seinen Hut betrat, wagte es nicht, etwas zu sagen; und als er seinen Herrn entkleidete, fand er, dass seine Kleidung nass war. Sein Hut wurde später auf der Spitze eines Felsens gefunden, der über das Tal ragte; und es ist unbegreiflich, wie er in einer so dunklen, stürmischen Nacht auf den Gipfel hätte klettern können, ohne sein Leben zu verlieren.

Er legte sich schlafen und schlief bis in die späten Stunden. Am nächsten Morgen fand ihn sein Diener, als er gerufen wurde, um seinen Kaffee zu bringen, beim Schreiben. Er fügte für Charlotte hinzu, was wir hier beifügen.

„Zum letzten, letzten Male öffne ich diese Augen. Ach! sie werden die Sonne nimmermehr schauen. Sie ist von einer dicken, undurchdringlichen Wolke bedeckt. Ja, Natur! lege Trauer an: dein Kind, dein Freund, dein Liebhaber naht seinem Ende! Dieser Gedanke, Charlotte, ist ohnegleichen; und doch erscheint es wie ein geheimnisvoller Traum, wenn ich wiederhole – dies ist mein letzter Tag! Der letzte! Charlotte, kein Wort kann diesen Gedanken angemessen ausdrücken. Der letzte! Heute stehe ich aufrecht in all meiner Stärke, morgen, kalt und starr, werde ich ausgestreckt auf dem Boden liegen. Zu sterben! was ist der Tod? Wir träumen nur in unserer Rede darüber. Ich habe viele Menschen sterben sehen; doch so eingeschränkt ist unsere schwache Natur, wir haben keine klare Vorstellung vom Anfang oder Ende unseres Daseins. In diesem Augenblick bin ich mein eigen – oder vielmehr bin ich dein, dein, meine Angebetete! und im nächsten sind wir getrennt, geschieden – vielleicht für immer! Nein, Charlotte, nein! Wie kann ich, wie kannst du vernichtet werden? Wir existieren. Was ist Vernichtung? Ein bloßes Wort, ein bedeutungsloser Schall, der keinen Eindruck auf den Geist festigt. Tot, Charlotte! gelegt in die kalte Erde, in das dunkle und schmale Grab! Ich hatte einst einen Freund, der in meiner frühen Jugend alles für mich war. Sie starb. Ich folgte ihrem Leichenwagen; ich stand an ihrem Grabe, als der Sarg hinabgelassen wurde; und als ich das Knarren der Stricke hörte, als sie gelockert und heraufgezogen wurden, als die erste Schaufel Erde hineingeworfen wurde und der Sarg einen hohlen Klang erwiderte, der schwächer und schwächer wurde, bis alles vollständig bedeckt war, warf ich mich auf den Boden; mein Herz war getroffen, bekümmert, erschüttert, zerrissen – doch ich wusste weder, was geschehen war, noch was mit mir geschehen sollte. Tod! das Grab! Ich verstehe die Worte nicht. – Vergib, o vergib mir! Gestern – ach, dass dieser Tag der letzte meines Lebens hätte sein sollen! Du Engel! zum ersten Male in meinem Dasein fühlte ich Entzücken in meiner innersten Seele glühen. Sie liebt, sie liebt mich! Noch brennt auf meinen Lippen das heilige Feuer, das sie von den deinen empfingen. Neue Ströme der Wonne überwältigen meine Seele. Vergib mir, o vergib!

Ich wusste, dass ich dir teuer war; ich sah es in deinem ersten bezaubernden Blick, wusste es durch den ersten Druck deiner Hand; doch wenn ich fern von dir war, wenn ich Albert an deiner Seite sah, kehrten meine Zweifel und Ängste zurück.

Erinnerst du dich der Blumen, die du mir sandtest, als du bei jener überfüllten Versammlung weder sprechen noch mir deine Hand reichen konntest? Die halbe Nacht lag ich auf den Knien vor diesen Blumen und betrachtete sie als die Pfänder deiner Liebe; doch diese Eindrücke wurden schwächer und wurden schließlich ausgelöscht.

Alles vergeht; doch eine ganze Ewigkeit könnte nicht die lebendige Flamme auslöschen, die gestern durch deine Lippen entzündet wurde und die nun in mir brennt. Sie liebt mich! Diese Arme haben ihre Taille umschlossen, diese Lippen haben auf ihren gebebt. Sie ist mein! Ja, Charlotte, du bist mein für immer!

Und was meinen sie damit, wenn sie sagen, Albert sei dein Ehemann? Er mag es für diese Welt sein; und in dieser Welt ist es eine Sünde, dich zu lieben, dich aus seiner Umarmung reißen zu wollen. Ja, es ist ein Verbrechen; und ich erleide die Strafe, doch ich habe die volle Wonne meiner Sünde genossen. Ich habe einen Balsam eingeatmet, der meine Seele belebt hat. Von dieser Stunde an bist du mein; ja, Charlotte, du bist mein! Ich gehe dir voran. Ich gehe zu meinem Vater und zu deinem Vater. Ich werde meine Sorgen vor ihm ausschütten, und er wird mir Trost geben, bis du ankommst. Dann werde ich fliegen, um dich zu treffen. Ich werde dich beanspruchen und in deiner ewigen Umarmung verbleiben, in der Gegenwart des Allmächtigen.

Ich träume nicht, ich rase nicht. Je näher ich dem Grabe komme, desto klarer werden meine Wahrnehmungen. Wir werden existieren; wir werden uns wiedersehen; wir werden deine Mutter schauen; ich werde sie schauen und ihr mein innerstes Herz offenbaren. Deine Mutter – dein Ebenbild!“

Gegen elf Uhr fragte Wert seinen Diener, ob Albert zurückgekehrt sei. Er antwortete: „Ja“; denn er hatte ihn zu Pferde vorbeireiten sehen: woraufhin Wert ihm die folgende Nachricht schickte, unversiegelt:

„Sei so gut, mir deine Pistolen für eine Reise zu leihen. Lebwohl.“

Charlotte hatte während der vergangenen Nacht wenig geschlafen. Alle ihre Befürchtungen verwirklichten sich auf eine Weise, die sie weder vorhersehen noch vermeiden konnte. Ihr Blut kochte in ihren Adern, und tausend schmerzliche Empfindungen zerrissen ihr reines Herz. War es die Glut von Werts leidenschaftlichen Umarmungen, die sie in ihrem Busen spürte? War es Zorn über seine Kühnheit? War es der traurige Vergleich ihres gegenwärtigen Zustands mit vergangenen Tagen der Unschuld, der Ruhe und des Selbstvertrauens? Wie konnte sie sich ihrem Ehemann nähern und eine Szene gestehen, die sie keinen Grund hatte zu verbergen, und die sie doch gleichwohl nicht zu offenbaren wünschte? Sie hatten so lange ein Schweigen gegeneinander bewahrt, und sollte sie die Erste sein, es durch eine so unerwartete Entdeckung zu brechen? Sie fürchtete, dass schon die bloße Erwähnung von Werts Besuch ihn beunruhigen würde, und sein Leid durch ihre vollkommene Offenheit noch gesteigert würde. Sie wünschte, dass er sie im wahren Lichte sehen und sie ohne Vorurteil beurteilen könnte; doch war sie begierig, dass er ihre innerste Seele läse? Auf der anderen Seite, konnte sie ein Wesen täuschen, dem alle ihre Gedanken stets so klar wie Kristall offen gelegen hatten und vor dem ihr niemals ein Gefühl verborgen geblieben war? Diese Betrachtungen machten sie ängstlich und nachdenklich. Ihr Geist verweilte noch immer bei Wert, der ihr nun verloren war, den sie aber nicht aufzugeben vermochte, und für den sie wusste, dass nichts anderes als Verzweiflung blieb, sollte sie ihm für immer verloren sein.

Eine Erinnerung an jene geheimnisvolle Entfremdung, die in letzter Zeit zwischen ihr und Albert bestanden hatte und die sie niemals vollständig verstehen konnte, war ihr nun über alle Maßen schmerzlich. Sogar die Klugen und Guten haben schon zuvor gezögert, ihre gegenseitigen Differenzen zu erklären, und haben schweigend über ihren eingebildeten Kränkungen gebrütet, bis die Umstände so verwickelt wurden, dass an jenem kritischen Wendepunkt, wo eine ruhige Erklärung alle Parteien gerettet hätte, eine Verständigung unmöglich war. Und so, wenn häusliches Vertrauen früher zwischen ihnen hergestellt worden wäre, wenn Liebe und gütige Nachsicht ihre Herzen gegenseitig belebt und geweitet hätten, wäre es vielleicht selbst jetzt noch nicht zu spät gewesen, unseren Freund zu retten.

Doch wir dürfen einen bemerkenswerten Umstand nicht vergessen. Wir können aus dem Charakter von Werts Korrespondenz ersehen, dass er niemals vorgab, seinen ängstlichen Wunsch, diese Welt zu verlassen, zu verbergen. Er hatte das Thema oft mit Albert erörtert; und zwischen diesem und Charlotte hatte es nicht selten einen Gesprächsstoff gebildet. Albert war dem bloßen Gedanken an eine solche Tat so abgeneigt, dass er mit einem für ihn ungewöhnlichen Grad an Reizbarkeit Wert mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, dass er an der Ernsthaftigkeit seiner Drohungen zweifelte, sie nicht nur ins Lächerliche zog, sondern auch Charlotte an seinen Gefühlen des Unglaubens teilhaben ließ. Ihr Herz war somit beruhigt, wenn sie geneigt war, das schwermütige Thema aus einem ernsten Gesichtspunkt zu betrachten, obwohl sie ihrem Ehemann niemals die Befürchtungen mitteilte, die sie manchmal empfand.

Albert wurde bei seiner Rückkehr von Charlotte mit kaum verborgener Verlegenheit empfangen. Er selbst war übel gelaunt; seine Geschäfte waren unvollendet; und er hatte gerade entdeckt, dass der benachbarte Beamte, mit dem er zu tun hatte, eine dickköpfige und engstirnige Persönlichkeit war. Viele Dinge waren geschehen, um ihn zu reizen.

Er erkundigte sich, ob während seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei, und Charlotte antwortete hastig, dass Wert am Abend zuvor dort gewesen sei. Er erkundigte sich dann nach seinen Briefen, und ihm wurde geantwortet, dass mehrere Pakete in seinem Arbeitszimmer hinterlassen worden seien. Er zog sich daraufhin zurück und ließ Charlotte allein.

Die Anwesenheit des Wesens, das sie liebte und ehrte, erzeugte einen neuen Eindruck in ihrem Herzen. Die Erinnerung an seine Großmut, Güte und Zuneigung hatte ihre Erregung beruhigt: ein geheimer Impuls trieb sie an, ihm zu folgen; sie nahm ihre Arbeit und ging in sein Arbeitszimmer, wie es oft ihre Gewohnheit war. Er war eifrig damit beschäftigt, seine Briefe zu öffnen und zu lesen. Es schien, als ob der Inhalt einiger unangenehm sei. Sie stellte einige Fragen: er gab kurze Antworten und setzte sich zum Schreiben.

Mehrere Stunden vergingen auf diese Weise, und Charlottes Gefühle wurden immer schwermütiger. Sie empfand die äußerste Schwierigkeit, ihrem Ehemann unter irgendwelchen Umständen das Gewicht zu erklären, das auf ihrem Herzen lag; und ihre Niedergeschlagenheit wurde mit jedem Augenblick größer, in dem Maße, wie sie versuchte, ihren Kummer zu verbergen und ihre Tränen zu verhehlen.

Die Ankunft von Werts Diener verursachte ihr die größte Verlegenheit. Er gab Albert einen Zettel, den dieser kalt an seine Frau reichte, während er gleichzeitig sagte: „Gib ihm die Pistolen. Ich wünsche ihm eine angenehme Reise“, fügte er hinzu, sich an den Diener wendend. Diese Worte fielen auf Charlotte wie ein Donnerschlag: sie erhob sich von ihrem Sitz, halb ohnmächtig und sich nicht bewusst, was sie tat. Sie ging mechanisch zur Wand, nahm mit bebender Hand die Pistolen herunter, wischte langsam den Staub von ihnen und hätte länger gezögert, wenn Albert ihre Bewegungen nicht durch einen ungeduldigen Blick beschleunigt hätte. Sie übergab dann die verhängnisvollen Waffen an den Diener, ohne ein Wort sagen zu können. Sobald er fort war, faltete sie ihre Arbeit zusammen und zog sich sogleich in ihr Zimmer zurück, ihr Herz von den furchtbarsten Vorahnungen überwältigt. Sie erwartete irgendein schreckliches Unheil. Sie war in einem Augenblick kurz davor, zu ihrem Ehemann zu gehen, sich ihm zu Füßen zu werfen und ihn mit allem vertraut zu machen, was am Abend zuvor geschehen war, damit sie ihren Fehler eingestehen und ihre Befürchtungen erklären könne; dann sah sie ein, dass ein solcher Schritt nutzlos wäre, da sie sicherlich nicht imstande wäre, Albert zu einem Besuch bei Wert zu bewegen. Das Abendessen wurde aufgetragen; und eine gütige Freundin, die sie überredet hatte zu bleiben, half dabei, das Gespräch aufrechtzuerhalten, das durch eine Art Zwang geführt wurde, bis die Ereignisse des Morgens vergessen waren.

Als der Diener Werther die Pistolen brachte, nahm dieser sie mit einer Regung höchsten Entzückens entgegen, als er hörte, dass Charlotte sie ihm eigenhändig gegeben hatte. Er aß etwas Brot, trank einen Wein, schickte seinen Diener zum Essen und setzte sich dann hin, um Folgendes zu schreiben:

„Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub von ihnen gewischt. Ich küsse sie tausendmal – du hast sie berührt. Ja, der Himmel begünstigt meinen Plan, und du, Charlotte, reichst mir die tödlichen Werkzeuge. Es war mein Wunsch, meinen Tod aus deinen Händen zu empfangen, und mein Wunsch ist erfüllt. Ich habe mich bei meinem Diener erkundigt. Du hast gezittert, als du sie ihm gabst, aber du hast mir kein Lebewohl gesagt. Elend, elend bin ich – kein Abschied! Wie konntest du dein Herz gegen mich verschließen in jener Stunde, die dich mir auf ewig eigen macht? Charlotte, Jahrhunderte können diesen Eindruck nicht auslöschen – ich fühle, du kannst den Mann nicht hassen, der dich so leidenschaftlich liebt!“

Nach dem Essen rief er seinen Diener, befahl ihm, das Packen zu beenden, vernichtete viele Papiere und ging dann aus, um einige geringfügige Schulden zu begleichen. Er kehrte bald nach Hause zurück, ging dann trotz des Regens wieder hinaus, spazierte einige Zeit im Garten des Grafen und setzte seinen Weg danach weiter aufs Land fort. Gegen Abend kam er noch einmal zurück und nahm sein Schreiben wieder auf.

„Wilhelm, ich habe zum letzten Mal die Berge, die Wälder und den Himmel geschaut. Leb wohl! Und du, meine liebste Mutter, verzeih mir! Tröste sie, Wilhelm. Gott segne dich! Ich habe alle meine Angelegenheiten geregelt! Leb wohl! Wir werden uns wiedersehen und glücklicher sein als je zuvor.“

„Ich habe dir Schlechtes vergolten, Albert; aber du wirst mir verzeihen. Ich habe den Frieden deines Hauses gestört. Ich habe Misstrauen zwischen euch gesät. Leb wohl! Ich werde all dieses Elend beenden. Und ach, dass mein Tod dich glücklich machen möge! Albert, Albert! Mach diesen Engel glücklich, und der Segen des Himmels sei mit dir!“

Den Rest des Abends verbrachte er damit, seine Papiere zu ordnen: er zerriss und verbrannte eine große Menge; andere siegelte er zu und adressierte sie an Wilhelm. Sie enthielten einige lose Gedanken und Maximen, von denen ich einige gelesen habe. Um zehn Uhr befahl er, sein Feuer zu schüren und ihm eine Flasche Wein zu bringen. Dann entließ er seinen Diener, dessen Zimmer, wie auch die Räume des übrigen Haushalts, in einem anderen Teil des Hauses lag. Der Diener legte sich hin, ohne sich auszuziehen, damit er am Morgen schneller für seine Reise bereit wäre, da sein Herr ihn wissen ließ, die Postpferde würden vor sechs Uhr vor der Tür stehen.

„Nach elf Uhr! Alles ist still um mich herum, und meine Seele ist ruhig. Ich danke dir, o Gott, dass du mir in diesen letzten Augenblicken Stärke und Mut verleihst! Ich trete ans Fenster, mein liebster Freund; und durch die Wolken, die in diesem Augenblick von den ungestümen Winden schnell vorübergetrieben werden, erblicke ich die Sterne, die den ewigen Himmel erleuchten. Nein, ihr werdet nicht fallen, ihr Himmelskörper: die Hand des Allmächtigen stützt euch ebenso wie mich! Ich habe zum letzten Mal das Sternbild des Großen Bären geschaut: es ist mein Lieblingsstern; denn wenn ich dir nachts Lebewohl sagte, Charlotte, und meine Schritte von deiner Tür wandte, leuchtete er immer auf mich herab. Mit welcher Entzückung habe ich ihn manchmal betrachtet! Wie oft habe ich ihn mit erhobenen Händen angefleht, Zeuge meiner Glückseligkeit zu sein! Und selbst jetzt noch – Aber welcher Gegenstand, Charlotte, ruft nicht dein Bild vor mir hervor? Umgibst du mich nicht von allen Seiten? Und habe ich nicht, wie ein Kind, jede Kleinigkeit bewahrt, die du durch deine Berührung geweiht hast?

Dein Profil, das mir so lieb war, gebe ich dir zurück; und ich bitte dich, es zu bewahren. Tausende Küsse habe ich darauf gedrückt, und tausendmal hat es mein Herz erfreut, wenn ich von meinem Heim wegging und dorthin zurückkehrte.

Ich habe deinen Vater angefleht, meine Überreste zu schützen. An der Ecke des Kirchhofs, mit Blick auf die Felder, stehen zwei Linden – dort möchte ich liegen. Dein Vater kann und wird zweifellos so viel für seinen Freund tun. Flehe ihn darum an. Aber vielleicht werden fromme Christen nicht wünschen, dass ihre Leichname in der Nähe der Leiche eines armen, unglücklichen Wichtes wie mir begraben werden. Dann lasst mich in irgendeinem entlegenen Tal oder nahe der Landstraße ablegen, wo der Priester und der Levit sich bekreuzigen mögen, während sie an meinem Grab vorbeigehen, während der Samariter eine Träne um mein Schicksal vergießen wird.

Sieh, Charlotte, ich schaudere nicht davor, den kalten und tödlichen Kelch zu nehmen, aus dem ich den Trank des Todes trinken werde. Deine Hand reicht ihn mir, und ich zittere nicht. Alles, alles ist nun vollbracht: die Wünsche und die Hoffnungen meines Daseins sind erfüllt. Mit kalter, unerschütterlicher Hand klopfe ich an die ehernen Pforten des Todes. O, hätte ich doch die Wonne genießen dürfen, für dich zu sterben! Wie gerne hätte ich mich für dich geopfert, Charlotte! Und könnte ich nur Frieden und Freude in deine Brust zurückbringen, mit welcher Entschlossenheit, mit welcher Freude würde ich nicht meinem Schicksal entgegengehen! Aber es ist nur wenigen Auserwählten vergönnt, ihr Blut für ihre Freunde zu vergießen und durch ihren Tod das Glück derer, von denen sie geliebt werden, tausendfach zu mehren.

Ich wünsche, Charlotte, in der Kleidung begraben zu werden, die ich derzeit trage: sie ist durch deine Berührung geheiligt worden. Ich habe deinen Vater um diesen Gefallen gebeten. Mein Geist schwebt über meinem Grab. Ich wünsche nicht, dass meine Taschen durchsucht werden. Die Schleife aus rosa Band, die du auf deiner Brust trugst, als ich dich das erste Mal sah, umgeben von den Kindern – O, küsse sie tausendmal für mich und erzähle ihnen vom Schicksal ihres unglücklichen Freundes! Ich glaube, ich sehe sie um mich herum spielen. Die lieben Kinder! Wie sehr habe ich an euch gehangen, Charlotte! Seit der ersten Stunde, als ich dich sah, wie unmöglich ist es mir gefallen, dich zu verlassen. Dieses Band muss mit mir begraben werden: es war ein Geschenk von dir zu meinem Geburtstag. Wie verwirrt erscheint mir alles! Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich diesen Weg gehen würde. Aber Frieden! Ich bitte dich, Frieden!

Sie sind geladen – die Uhr schlägt zwölf. Ich sage Amen. Charlotte, Charlotte! Leb wohl, leb wohl!“

Ein Nachbar sah den Blitz und hörte den Knall der Pistole; doch da alles ruhig blieb, dachte er nicht weiter daran.

Am Morgen, um sechs Uhr, ging der Diener mit einem Licht in Werthers Zimmer. Er fand seinen Herrn auf dem Boden ausgestreckt, in seinem Blut schwimmend, und die Pistolen an seiner Seite. Er rief, er nahm ihn in seine Arme, erhielt aber keine Antwort. Das Leben war noch nicht ganz erloschen. Der Diener rannte zu einem Chirurgen und ging dann, um Albert zu holen. Charlotte hörte das Läuten der Glocke: ein kaltes Schaudern ergriff sie. Sie weckte ihren Mann, und sie standen beide auf. Der Diener, in Tränen gebadet, stammelte die schreckliche Nachricht hervor. Charlotte fiel besinnungslos zu Alberts Füßen.

Als der Chirurg zum unglücklichen Werther kam, lag dieser noch auf dem Boden; und sein Puls schlug, aber seine Glieder waren kalt. Die Kugel, die über dem rechten Auge in die Stirn eingedrungen war, hatte den Schädel durchschlagen. Eine Ader wurde in seinem rechten Arm geöffnet: das Blut kam, und er atmete immer noch fort.

Aus dem Blut, das vom Stuhl floss, ließ sich schließen, dass er die übereilte Tat sitzend an seinem Sekretär begangen hatte und dass er danach auf den Boden gefallen war. Man fand ihn auf dem Rücken nahe dem Fenster liegend. Er war in voller Festtagskleidung.

Das Haus, die Nachbarschaft und die ganze Stadt waren sofort in Aufruhr. Albert traf ein. Sie hatten Werther auf das Bett gelegt: sein Kopf war verbunden, und die Blässe des Todes lag auf seinem Gesicht. Seine Glieder waren regungslos; doch er atmete noch, einmal stark, dann schwächer – sein Tod wurde stündlich erwartet.

Er hatte nur ein Glas von dem Wein getrunken. „Emilia Galotti“ lag aufgeschlagen auf seinem Sekretär.

Ich werde nichts über Alberts Not oder Charlottes Kummer sagen.

Der alte Amtmann eilte sofort nach Erhalt der Nachricht zum Haus: er umarmte seinen sterbenden Freund inmitten eines Stroms von Tränen. Seine ältesten Jungen folgten ihm bald zu Fuß. In sprachlosem Kummer warfen sie sich auf die Knie am Krankenbett und küssten seine Hände und sein Gesicht. Der Älteste, der sein Liebling war, hing an ihm, bis er verschied; und selbst dann wurde er mit Gewalt weggebracht. Um zwölf Uhr hauchte Werther sein Leben aus. Die Anwesenheit des Amtmanns und die Vorsichtsmaßnahmen, die er getroffen hatte, verhinderten einen Auflauf; und in jener Nacht, um die elfte Stunde, ließ er den Leichnam an dem Ort beisetzen, den Werther für sich selbst gewählt hatte.

Der Amtmann und seine Söhne folgten dem Sarg zum Grab. Albert war nicht in der Lage, sie zu begleiten. An Charlottes Leben wurde gezweifelt. Der Leichnam wurde von Arbeitern getragen. Kein Priester war zugegen.

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