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Thuvia, maid of Mars

by Edgar Rice Burroughs · in German

Thuvia, Maid of Mars

von Edgar Rice Burroughs

Inhalt

I. CARTHORIS UND THUVIA II. SKLAVEREI III. VERRAT IV. GEFANGENE EINES GRÜNEN MANNES V. DIE SCHÖNE RASSE VI. DER JEDDAK VON LOTHAR VII. DIE PHANTOM-BOGENSCHÜTZEN VIII. DIE HALLE DES VERDERBENS IX. DIE SCHLACHT AUF DER EBENE X. KAR KOMAK, DER BOGENSCHÜTZE XI. GRÜNE MÄNNER UND WEISSE AFFEN XII. DUSAR RETTEN XIII. TURJUN, DER PANTHAN XIV. KULAN TITHS OPFER EIN GLOSSAR DER NAMEN UND BEGRIFFE AUS DEN MARS-BÜCHERN

THUVIA, MAID OF MARS

KAPITEL I. CARTHORIS UND THUVIA

Auf einer massiven Bank aus poliertem Ersit, unter den prächtigen Blüten einer riesigen Pimalia, saß eine Frau. Ihr wohlgeformter, sandalenbeschuhter Fuß tippte ungeduldig auf dem mit Juwelen übersäten Weg, der sich unter den stattlichen Sorapus-Bäumen über den scharlachroten Rasen der königlichen Gärten von Thuvan Dihn, Jeddak von Ptarth, wand, während ein dunkelhaariger, rotbäutiger Krieger sich tief zu ihr hinunterbeugte und ihr hitzige Worte ins Ohr flüsterte.

„Ah, Thuvia von Ptarth“, rief er, „du bist sogar vor den feurigen Stürmen meiner verzehrenden Liebe kalt! Nicht härter als dein Herz, noch kälter ist das harte, kalte Ersit dieser dreifach glücklichen Bank, die deine göttliche und unvergängliche Gestalt stützt! Sag mir, o Thuvia von Ptarth, dass ich noch hoffen darf – dass, obwohl du mich jetzt nicht liebst, eines Tages, eines Tages, meine Prinzessin, ich –“

Das Mädchen sprang mit einem Ausruf der Überraschung und des Missfallens auf. Ihr königliches Haupt war hocherhobenen Hauptes auf ihren glatten roten Schultern ruhend. Ihre dunklen Augen blickten zornig in die des Mannes.

„Du vergisst dich selbst und die Bräuche von Barsoom, Astok“, sagte sie. „Ich habe dir kein Recht gegeben, die Tochter von Thuvan Dihn so anzureden, noch hast du dir ein solches Recht erworben.“

Der Mann griff plötzlich vor und packte sie am Arm.

„Du sollst meine Prinzessin sein!“ rief er. „Bei der Brust der Issus, das sollst du, und niemand soll zwischen Astok, Prinz von Dusar, und seines Herzens Begehren treten. Sag mir, dass es einen anderen gibt, und ich werde ihm das schändliche Herz herausschneiden und es den wilden Calots der toten Meeresböden vorwerfen!“

Bei der Berührung der Hand des Mannes auf ihrer Haut wurde das Mädchen unter ihrer kupferfarbenen Haut bleich, denn die Personen der königlichen Frauen an den Höfen des Mars gelten als nahezu heilig. Die Tat von Astok, Prinz von Dusar, war eine Entweihung. In den Augen von Thuvia von Ptarth lag kein Schrecken – nur Entsetzen über das, was der Mann getan hatte, und über dessen mögliche Folgen.

„Lass mich los.“ Ihre Stimme war eben – eisig.

Der Mann murmelte unzusammenhängend und zog sie grob zu sich heran.

„Lass mich los!“ wiederholte sie scharf, „oder ich rufe die Wache, und der Prinz von Dusar weiß, was das bedeuten wird.“

Schnell legte er seinen rechten Arm um ihre Schultern und versuchte, ihr Gesicht an seine Lippen zu ziehen. Mit einem kleinen Schrei schlug sie ihn mit den massiven Armreifen, die ihren freien Arm umschlossen, voll in den Mund.

„Calot!“ rief sie aus, und dann: „Die Wache! Die Wache! Eilt zum Schutz der Prinzessin von Ptarth!“

Als Antwort auf ihren Ruf kamen ein Dutzend Gardisten über den scharlachroten Rasen geeilt, ihre funkelnden Langschwerter nackt in der Sonne, das Metall ihrer Ausrüstung klirrte gegen das ihres ledernen Harnischs, und in ihren Kehlen grollten heisere Rufe des Zorns beim Anblick, der sich ihnen bot.

Doch bevor sie den königlichen Garten zur Hälfte durchquert hatten, wo Astok von Dusar das sich wehrende Mädchen noch immer in seinem Griff hielt, sprang eine andere Gestalt aus einer Ansammlung dichtem Laubs, die einen goldenen Springbrunnen in der Nähe halb verbarg. Es war ein großer, aufrechter Jüngling mit schwarzem Haar und scharfen grauen Augen; breitschultrig und schmalhüftig; ein wohlgebauter Kämpfer. Seine Haut war nur schwach von der Kupferfarbe getönt, die die roten Männer des Mars von den anderen Rassen des sterbenden Planeten unterscheidet – er war wie sie, und doch gab es einen subtilen Unterschied, der noch größer war als der, der in seiner helleren Haut und seinen grauen Augen lag.

Es gab auch einen Unterschied in seinen Bewegungen. Er kam in großen Sprüngen daher, die ihn so schnell über den Boden trugen, dass die Geschwindigkeit der Gardisten im Vergleich dazu nichts war.

Astok umklammerte noch immer Thuvias Handgelenk, als der junge Krieger ihn stellte. Der Neuankömmling verlor keine Zeit und sprach nur ein einziges Wort.

„Calot!“ fuhr er auf, und dann landete seine geballte Faust unter dem Kinn des anderen, hob ihn hoch in die Luft und ließ ihn als einen zerknitterten Haufen in der Mitte des Pimalia-Busches neben der Ersit-Bank zurück.

Ihr Verteidiger wandte sich dem Mädchen zu. „Kaor, Thuvia von Ptarth!“ rief er. „Es scheint, als hätte das Schicksal meinen Besuch gut getimt.“

„Kaor, Carthoris von Helium!“ erwiderte die Prinzessin die Begrüßung des jungen Mannes, „und was weniger könnte man vom Sohn eines solchen Vaters erwarten?“

Er verneigte sich zur Anerkennung des Kompliments an seinen Vater, John Carter, Warlord vom Mars. Und dann kamen die Gardisten, außer Atem von ihrem Ansturm, gerade als der Prinz von Dusar, am Mund blutend und mit gezogenem Schwert, aus dem Gestrüpp des Pimalia-Busches kroch.

Astok wäre zum tödlichen Kampf mit dem Sohn von Dejah Thoris gesprungen, doch die Gardisten drängten sich um ihn und hielten ihn zurück, obwohl es offensichtlich war, dass nichts Carthoris von Helium mehr erfreut hätte.

„Sag nur das Wort, Thuvia von Ptarth“, bat er, „und nichts würde mir mehr Freude bereiten, als diesem Kerl die Strafe zuzumessen, die er verdient hat.“

„Das kann nicht sein, Carthoris“, antwortete sie. „Auch wenn er jeden Anspruch auf meine Rücksichtnahme verwirkt hat, so ist er doch der Gast des Jeddak, meines Vaters, und nur ihm gegenüber kann er für die unverzeihliche Tat Rechenschaft ablegen, die er begangen hat.“

„Wie du sagst, Thuvia“, antwortete der Heliumite. „Aber danach wird er Carthoris, Prinz von Helium, für diese Beleidigung der Tochter des Freundes meines Vaters zur Rechenschaft ziehen.“ Während er sprach, brannte jedoch in seinen Augen ein Feuer, das eine nähere, teurere Ursache für seine Verteidigung dieser glorreichen Tochter von Barsoom verkündete.

Die Wange des Mädchens verdunkelte sich unter dem Satin ihrer transparenten Haut, und auch die Augen von Astok, Prinz von Dusar, verdunkelten sich, als er das las, was zwischen den beiden in den königlichen Gärten des Jeddak unausgesprochen blieb.

„Und du mir gegenüber“, fuhr er Carthoris an und antwortete auf die Herausforderung des jungen Mannes.

Die Wache umzingelte Astok weiterhin. Es war eine schwierige Position für den jungen Offizier, der sie befehligte. Sein Gefangener war der Sohn eines mächtigen Jeddak; er war der Gast von Thuvan Dihn – bis eben noch ein geehrter Gast, auf den jede königliche Würde herabgeregnet war. Ihn mit Gewalt zu verhaften, konnte nichts anderes als Krieg bedeuten, und doch hatte er das getan, was in den Augen des Ptarth-Kriegers den Tod verdiente.

Der junge Mann zögerte. Er blickte zu seiner Prinzessin. Auch sie ahnte alles, was von der Handlung des kommenden Augenblicks abhing. Seit vielen Jahren lebten Dusar und Ptarth in Frieden miteinander. Ihre großen Handelsschiffe verkehrten zwischen den größeren Städten der beiden Nationen hin und her. Selbst jetzt konnte sie hoch über der golddurchzogenen scharlachroten Kuppel des Palastes des Jeddak die riesige Masse eines gigantischen Frachters sehen, der seinen majestätischen Weg durch die dünne Barsoom-Luft in Richtung Westen und Dusar nahm.

Mit einem Wort könnte sie diese beiden mächtigen Nationen in einen blutigen Konflikt stürzen, der sie ihres tapfersten Blutes und ihres unermesslichen Reichtums berauben würde, sie alle hilflos gegenüber den Einfällen ihrer neidischen und weniger mächtigen Nachbarn zurücklassen würde, und schließlich zu einer Beute der wilden grünen Horden der toten Meeresböden machen würde.

Kein Gefühl von Angst beeinflusste ihre Entscheidung, denn Angst ist den Kindern des Mars selten bekannt. Es war eher ein Gefühl der Verantwortung, das sie, die Tochter ihres Jeddak, für das Wohlergehen des Volkes ihres Vaters empfand.

„Ich habe Sie gerufen, Padwar“, sagte sie zum Leutnant der Wache, „um die Person Ihrer Prinzessin zu schützen und den Frieden zu bewahren, der in den königlichen Gärten des Jeddak nicht verletzt werden darf. Das ist alles. Sie werden mich zum Palast eskortieren, und der Prinz von Helium wird mich begleiten.“

Ohne einen weiteren Blick in Richtung Astok wandte sie sich ab, ergriff Carthoris’ dargebotene Hand und bewegte sich langsam in Richtung des massiven Marmorgebäudes, das den Herrscher von Ptarth und seinen glitzernden Hof beherbergte. Auf beiden Seiten marschierte eine Reihe von Gardisten. So fand Thuvia von Ptarth einen Ausweg aus dem Dilemma, entging der Notwendigkeit, den königlichen Gast ihres Vaters unter gewaltsamen Arrest zu stellen, und trennte gleichzeitig die beiden Prinzen, die sonst in dem Moment, als sie und die Wache gegangen wären, übereinander hergefallen wären.

Neben dem Pimalia-Busch stand Astok, seine dunklen Augen unter seinen tief hängenden Brauen zu bloßen Schlitzen aus Hass verengt, während er die zurückweichenden Gestalten der Frau beobachtete, die die heftigsten Leidenschaften seines Wesens geweckt hatte, und des Mannes, von dem er nun glaubte, dass er derjenige sei, der zwischen seiner Liebe und deren Erfüllung stand.

Als sie im Bauwerk verschwanden, zuckte Astok mit den Schultern und überquerte mit einem gemurmelten Fluch die Gärten zu einem anderen Flügel des Gebäudes, wo er und sein Gefolge untergebracht waren.

In jener Nacht verabschiedete er sich formell von Thuvan Dihn, und obwohl das Geschehnis im Garten nicht erwähnt wurde, war es durch die kalte Maske der Höflichkeit des Jeddak deutlich zu erkennen, dass ihn nur die Bräuche der königlichen Gastfreundschaft davon abhielten, die Verachtung auszusprechen, die er für den Prinzen von Dusar empfand.

Carthoris war bei der Verabschiedung nicht anwesend, ebenso wenig wie Thuvia. Die Zeremonie war so steif und formell, wie es die Hofetikette nur machen konnte, und als der letzte der Dusarianer über die Reling des Schlachtschiffs kletterte, das sie zu diesem schicksalhaften Besuch an den Hof von Ptarth gebracht hatte, und die mächtige Zerstörungsmaschine sich langsam von den Wegen der Landeplattform erhoben hatte, war eine Note der Erleichterung in der Stimme von Thuvan Dihn spürbar, als er sich mit einem Kommentar zu einem Thema an einen seiner Offiziere wandte, das fern von dem war, was den Geist aller seit Stunden am meisten beschäftigt hatte.

Aber war es nach alledem so fern?

„Informieren Sie Prinz Sovan“, wies er an, „dass es unser Wunsch ist, dass die Flotte, die heute Morgen nach Kaol abgefahren ist, zurückgerufen wird, um westlich von Ptarth zu kreuzen.“

Als das Kriegsschiff, das Astok zurück zum Hof seines Vaters brachte, in Richtung Westen drehte, beobachtete Thuvia von Ptarth, auf derselben Bank sitzend, auf der der Prinz von Dusar sie beleidigt hatte, die blinkenden Lichter des Fahrzeugs, die in der Ferne kleiner wurden. Neben ihr, im brillanten Licht des näheren Mondes, saß Carthoris. Seine Augen ruhten nicht auf der schwachen Masse des Schlachtschiffs, sondern auf dem Profil des nach oben gerichteten Gesichts des Mädchens.

„Thuvia“, flüsterte er.

Das Mädchen wandte ihre Augen den seinen zu. Seine Hand schlich sich hervor, um die ihre zu finden, doch sie zog ihre eigene sanft zurück.

„Thuvia von Ptarth, ich liebe dich!“ rief der junge Krieger. „Sag mir, dass es nicht kränkt.“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Die Liebe von Carthoris von Helium“, sagte sie einfach, „könnte für jede Frau nur eine Ehre sein; aber du darfst nicht, mein Freund, davon sprechen, mir das zu schenken, was ich nicht erwidern kann.“

Der junge Mann erhob sich langsam. Seine Augen waren vor Erstaunen weit aufgerissen. Es war dem Prinzen von Helium nie in den Sinn gekommen, dass Thuvia von Ptarth einen anderen lieben könnte.

„Aber in Kadabra!“ rief er aus. „Und später hier am Hof deines Vaters, was hast du getan, Thuvia von Ptarth, das mich hätte warnen können, dass du meine Liebe nicht erwidern könntest?“

„Und was habe ich getan, Carthoris von Helium“, erwiderte sie, „das dich glauben machen könnte, dass ich sie erwiderte?“

Er hielt im Denken inne und schüttelte dann den Kopf. „Nichts, Thuvia, das ist wahr; doch ich hätte schwören können, dass du mich liebst. Tatsächlich wusstest du sehr wohl, wie nahe an der Anbetung meine Liebe zu dir war.“

„Und wie hätte ich das wissen können, Carthoris?“ fragte sie unschuldig. „Hast du mir jemals so viel gesagt? Sind jemals zuvor Worte der Liebe für mich von deinen Lippen gefallen?“

„Aber du musst es gewusst haben!“ rief er aus. „Ich bin wie mein Vater – geistlos in Herzensangelegenheiten und von schlechtem Umgang mit Frauen; doch die Juwelen, die diese königlichen Gartenwege übersäen – die Bäume, die Blumen, der Rasen – sie alle müssen die Liebe gelesen haben, die mein Herz erfüllt hat, seit meine Augen zum ersten Mal durch das Abbild deines perfekten Gesichts und deiner Gestalt neu gemacht wurden; wie konntest also nur du allein blind dafür sein?“

„Werben die Mädchen von Helium um ihre Männer?“ fragte Thuvia.

„Du spielst mit mir!“ rief Carthoris. „Sag, dass du nur spielst, und dass du mich nach alledem liebst, Thuvia!“

„Das kann ich dir nicht sagen, Carthoris, denn ich bin einem anderen versprochen.“

Ihr Tonfall war eben, aber lag darin nicht der Hinweis auf eine unendliche Tiefe der Traurigkeit? Wer mag das sagen?

„Versprochen einem anderen?“ Carthoris hauchte die Worte kaum. Sein Gesicht wurde fast weiß, und dann hob er den Kopf, wie es ihm geziemte, in dessen Adern das Blut des Oberherrn einer Welt floss.

„Carthoris von Helium wünscht dir alles Glück mit dem Mann deiner Wahl“, sagte er. „Mit –“ und dann zögerte er und wartete darauf, dass sie den Namen ergänzte.

„Kulan Tith, Jeddak von Kaol“, antwortete sie. „Meines Vaters Freund und Ptarths mächtigster Verbündeter.“

Der junge Mann sah sie einen Moment lang eindringlich an, bevor er wieder sprach.

„Du liebst ihn, Thuvia von Ptarth?“ fragte er.

„Ich bin ihm versprochen“, antwortete sie einfach.

Er drängte sie nicht. „Er ist von Barsooms edelstem Geblüt und einer seiner mächtigsten Kämpfer“, sinnierte Carthoris. „Meines Vaters Freund und der meine – wäre es doch ein anderer gewesen!“ murmelte er fast wild. Was das Mädchen dachte, war hinter der Maske ihres Ausdrucks verborgen, der nur von einem kleinen Schatten der Traurigkeit getrübt war, der für Carthoris, für sie selbst oder für sie beide hätte sein können.

Carthoris von Helium fragte nicht nach, obwohl er es bemerkte, denn seine Loyalität zu Kulan Tith war die Loyalität des Blutes von John Carter aus Virginia für einen Freund, größer als diese konnte keine Loyalität sein.

Er hob ein juwelenbesetztes Stück des prächtigen Schmucks des Mädchens an seine Lippen.

„Auf die Ehre und das Glück von Kulan Tith und das unschätzbare Juwel, das ihm geschenkt wurde“, sagte er, und obwohl seine Stimme heiser war, klang der wahre Ring der Aufrichtigkeit darin mit. „Ich sagte dir, dass ich dich liebte, Thuvia, bevor ich wusste, dass du einem anderen versprochen warst. Ich darf es dir nicht wieder sagen, aber ich bin froh, dass du es weißt, denn es gibt keine Unehre darin, weder für dich noch für Kulan Tith noch für mich selbst. Meine Liebe ist so beschaffen, dass sie auch Kulan Tith umfassen kann – wenn du ihn liebst.“ In der Aussage lag fast eine Frage.

„Ich bin ihm versprochen“, antwortete sie.

Carthoris wich langsam zurück. Er legte eine Hand auf sein Herz, die andere auf den Knauf seines Langschwerts.

„Diese sind dein – immer“, sagte er. Einen Moment später hatte er den Palast betreten und war aus dem Blickfeld des Mädchens verschwunden.

Wäre er sofort zurückgekehrt, hätte er sie bäuchlings auf der Ersit-Bank gefunden, ihr Gesicht in ihren Armen vergraben. Weinte sie? Es war niemand da, der es hätte sehen können.

Carthoris von Helium war an jenem Tag ganz unangekündigt an den Hof des Freundes seines Vaters gekommen. Er war allein in einem kleinen Flieger gekommen, sicher des gleichen Willkommens, das ihn in Ptarth immer erwartete. Da es bei seinem Kommen keine Förmlichkeit gegeben hatte, gab es bei seinem Gehen keine Notwendigkeit für Förmlichkeit.

Thuvan Dihn erklärte er, dass er nur eine eigene Erfindung getestet habe, mit der sein Flieger ausgestattet sei – eine clevere Verbesserung des gewöhnlichen Mars-Luftkompasses, der, wenn er auf ein bestimmtes Ziel eingestellt sei, ständig darauf fixiert bleibe, was es nur notwendig mache, den Bug eines Schiffes immer in Richtung der Kompassnadel zu halten, um jeden gegebenen Punkt auf Barsoom auf dem kürzesten Weg zu erreichen.

Carthoris’ Verbesserung bestand aus einer Hilfsvorrichtung, die das Fahrzeug mechanisch in die Richtung des Kompasses steuerte und bei der Ankunft direkt über dem Punkt, für den der Kompass eingestellt war, das Fahrzeug zum Stillstand brachte und es ebenfalls automatisch zu Boden absenkte.

„Sie erkennen leicht die Vorteile dieser Erfindung“, sagte er zu Thuvan Dihn, der ihn zur Landeplattform auf dem Palastdach begleitet hatte, um den Kompass zu inspizieren und seinem jungen Freund Lebewohl zu sagen.

Ein Dutzend Offiziere des Hofes mit mehreren Leibdienern gruppierten sich hinter dem Jeddak und seinem Gast, eifrige Zuhörer des Gesprächs – so eifrig seitens eines der Diener, dass er zweimal von einem Adligen für seine Vorwitzigkeit gerügt wurde, sich vor seine Vorgesetzten zu drängen, um den komplizierten Mechanismus des wunderbaren „Ziel-Kontroll-Kompasses“, wie das Ding genannt wurde, zu betrachten.

„Zum Beispiel“, fuhr Carthoris fort, „habe ich eine nächtliche Reise vor mir, wie heute Nacht. Ich stelle den Zeiger hier auf dem rechten Zifferblatt ein, das die östliche Hemisphäre von Barsoom repräsentiert, sodass der Punkt genau auf dem Breitengrad und Längengrad von Helium ruht. Dann starte ich den Motor, rolle mich in meine Schlafseide und Pelze ein und rase bei brennenden Lichtern durch die Luft in Richtung Helium, im Vertrauen darauf, dass ich zur festgesetzten Stunde sanft auf die Landeplattform meines eigenen Palastes sinken werde, ob ich noch schlafe oder nicht.“

„Vorausgesetzt“, schlug Thuvan Dihn vor, „Sie stoßen unterdessen nicht zufällig mit irgendeinem anderen Nachtwanderer zusammen.“

Carthoris lächelte. „Keine Gefahr dafür“, antwortete er. „Sehen Sie hier“, und er deutete auf eine Vorrichtung rechts neben dem Zielkompass. „Dies ist mein ‚Hindernis-Ausweicher‘, wie ich ihn nenne. Diese sichtbare Vorrichtung ist der Schalter, der den Mechanismus ein- oder ausschaltet. Das Instrument selbst befindet sich unter Deck und ist sowohl mit dem Lenkapparat als auch mit den Steuerhebeln gekoppelt.

„Es ist ganz einfach, nichts weiter als ein Radiumgenerator, der Radioaktivität in alle Richtungen bis zu einer Entfernung von etwa hundert Metern vom Flieger verbreitet. Sollte diese umhüllende Kraft in irgendeiner Richtung unterbrochen werden, nimmt ein empfindliches Instrument die Unregelmäßigkeit sofort wahr und gibt gleichzeitig einen Impuls an eine magnetische Vorrichtung weiter, die wiederum den Lenkmechanismus betätigt und den Bug des Fliegers vom Hindernis weglenkt, bis die radioaktive Sphäre des Fahrzeugs nicht mehr mit dem Hindernis in Kontakt steht; dann fällt sie wieder in ihren normalen Kurs zurück. Sollte die Störung von hinten kommen, wie im Falle eines schneller fahrenden Fahrzeugs, das mich einholt, betätigt der Mechanismus sowohl die Geschwindigkeitskontrolle als auch das Lenkgetriebe, und der Flieger schießt vorwärts und entweder nach oben oder unten, je nachdem, ob sich das entgegenkommende Schiff auf einer tieferen oder höheren Ebene befindet als er selbst.

„In verschärften Fällen, das heißt, wenn die Hindernisse zahlreich sind oder von solcher Art, dass sie den Bug um mehr als fünfundvierzig Grad in irgendeine Richtung ablenken, oder wenn das Fahrzeug sein Ziel erreicht hat und auf hundert Meter über den Boden gesunken ist, bringt der Mechanismus es zum vollständigen Stillstand und lässt gleichzeitig einen lauten Alarm ertönen, der den Piloten sofort wecken wird. Sie sehen, ich habe fast jede Eventualität vorweggenommen.“

Thuvan Dihn lächelte seine Anerkennung für die wunderbare Vorrichtung. Der vorwitzige Diener drängte sich fast bis an die Seite des Fliegers. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt.

„Alle bis auf eine“, sagte er.

Die Adligen betrachteten ihn erstaunt, und einer von ihnen packte den Kerl nicht allzu sanft an der Schulter, um ihn an seinen gebührenden Platz zurückzuschieben. Carthoris hob seine Hand.

„Warten Sie“, drängte er. „Lassen Sie uns hören, was der Mann zu sagen hat – keine Schöpfung eines sterblichen Geistes ist perfekt. Vielleicht hat er eine Schwäche entdeckt, die man besser sofort kennen sollte. Kommen Sie, mein guter Freund, was könnte die eine Eventualität sein, die ich übersehen habe?“

Während er sprach, beobachtete Carthoris den Diener zum ersten Mal genau. Er sah einen Mann von riesiger Statur und gutaussehend, wie alle jene aus der Rasse der marsianischen roten Männer; doch die Lippen des Kerls waren dünn und grausam, und über eine Wange verlief die schwache, weiße Linie eines Schwertstreichs von der rechten Schläfe bis zum Mundwinkel.

„Kommen Sie“, drängte der Prinz von Helium. „Sprechen Sie!“

Der Mann zögerte. Es war offensichtlich, dass er die Kühnheit bereute, die ihn zum Mittelpunkt interessierter Beobachtung gemacht hatte. Doch schließlich, als er keine Alternative sah, sprach er.

„Es könnte manipuliert werden“, sagte er, „von einem Feind.“

Carthoris zog einen kleinen Schlüssel aus seiner ledernen Taschenbeutel.

„Sieh dir das an“, sagte er und reichte es dem Mann. „Wenn du auch nur das Geringste von Schlössern verstehst, wirst du wissen, dass der Mechanismus, den dies hier entriegelt, jede Raffinesse eines Schlossknackers übersteigt. Es schützt das Innere des Instruments vor kunstvoller Manipulation. Ohne diesen Schlüssel müsste ein Feind das Gerät halb zerstören, um an sein Herz zu gelangen, wodurch sein Werk für den flüchtigsten Beobachter offensichtlich bliebe.“

Der Diener nahm den Schlüssel, warf einen scharfen Blick darauf und ließ ihn, als er ihn Carthoris zurückgeben wollte, auf das Marmorpflaster fallen. Während er sich bückte, um ihn zu suchen, stellte er die Sohle seiner Sandale mitten auf den glitzernden Gegenstand. Einen Augenblick lang lastete er mit seinem gesamten Gewicht auf dem Fuß, der den Schlüssel bedeckte, dann trat er zurück und hob ihn mit einem Ausruf, der klang, als freue er sich über den Fund, auf, nahm ihn an sich und gab ihn dem Heliumiten zurück. Dann trat er wieder auf seinen Platz hinter den Adligen zurück und wurde vergessen.

Einen Augenblick später hatte Carthoris sich von Thuvan Dihn und dessen Adligen verabschiedet und war, während Lichter funkelten, in die sternenübersäte Leere der marsianischen Nacht aufgestiegen.

KAPITEL II. SKLAVEREI

Als der Herrscher von Ptarth, gefolgt von seinem Hofstaat, von der Landeplattform über dem Palast hinabstieg, nahmen die Diener ihre Plätze hinter ihren königlichen oder adligen Herren ein, und hinter den anderen blieb einer bis zuletzt zurück. Dann bückte er sich schnell, riss sich die Sandale vom rechten Fuß und ließ sie in seinem Taschenbeutel verschwinden.

Als die Gruppe die unteren Ebenen erreicht hatte und der Jeddak sie mit einem Wink entlassen hatte, bemerkte niemand, dass der vorwitzige Bursche, der vor dem Abreisen des Prinzen von Helium so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, nicht mehr unter den anderen Dienern war.

Zu wessen Gefolge er gehört hatte, hatte niemand zu fragen für nötig gehalten, denn die Anhänger eines marsianischen Adligen sind zahlreich und kommen und gehen nach der Laune ihres Herrn, sodass ein neues Gesicht kaum jemals infrage gestellt wird, da die Tatsache, dass ein Mann die Palastmauern passiert hat, als sicherer Beweis dafür gilt, dass seine Loyalität gegenüber dem Jeddak über jeden Zweifel erhaben ist, so streng ist die Überprüfung eines jeden, der in den Dienst der Adligen des Hofes treten will.

Eine gute Regel, die nur aus Höflichkeit zugunsten des Gefolges eines besuchenden Königshauses einer befreundeten fremden Macht gelockert wird.

Es war spät am Vormittag des nächsten Tages, als ein riesiger Diener in der Livree des Hauses eines großen Adligen aus Ptarth durch die Palasttore in die Stadt hinausging. Er schritt zügig eine breite Allee entlang und dann eine weitere, bis er den Bezirk der Adligen hinter sich gelassen hatte und an den Ort der Geschäfte gelangt war. Hier suchte er ein prätentiöses Gebäude auf, das sich wie ein Turm zum Himmel erhob und dessen Außenwände kunstvoll mit filigranen Schnitzereien und komplizierten Mosaiken verziert waren.

Es war der Palast des Friedens, in dem die Vertreter fremder Mächte untergebracht waren, oder vielmehr, in dem sich ihre Botschaften befanden; denn die Minister selbst wohnten in prächtigen Palästen innerhalb des von den Adligen bewohnten Bezirks.

Hier suchte der Mann die Botschaft von Dusar auf. Ein Schreiber erhob sich fragend, als er eintrat, und fragte auf seine Bitte, ein Wort mit dem Minister sprechen zu dürfen, nach seinen Beglaubigungsschreiben. Der Besucher streifte ein schlichtes Metallarmband von seinem Oberarm und wies auf eine Inschrift auf dessen Innenseite, während er dem Schreiber ein oder zwei Worte zuflüsterte.

Die Augen des Letzteren weiteten sich, und seine Haltung wandelte sich sofort in eine der Ehrerbietung. Er wies den Fremden mit einer Verbeugung zu einem Sitzplatz und eilte mit dem Armband in der Hand in einen inneren Raum. Einen Augenblick später erschien er wieder und führte den Besucher in die Gegenwart des Ministers.

Lange Zeit waren die beiden unter sich, und als der riesige Diener schließlich aus dem inneren Büro kam, war sein Gesichtsausdruck von einem Lächeln finsterer Zufriedenheit gezeichnet. Vom Palast des Friedens eilte er direkt zum Palast des dusarischen Ministers.

In jener Nacht verließen zwei schnelle Flieger das Dach desselben Palastes. Einer schlug seinen eiligen Kurs in Richtung Helium ein; der andere –

Thuvia von Ptarth schlenderte durch die Gärten des Palastes ihres Vaters, wie es ihre nächtliche Gewohnheit war, bevor sie sich zur Ruhe begab. Ihre Seidenstoffe und Pelze waren fest um sie gewickelt, denn die Luft auf dem Mars ist kühl, nachdem die Sonne ihren schnellen Sturz unter den westlichen Rand des Planeten vollzogen hat.

Die Gedanken des Mädchens wanderten von ihrer bevorstehenden Vermählung, die sie zur Kaiserin von Kaol machen würde, zu der Gestalt des schmucken jungen Heliumiten, der ihr am Vortag sein Herz zu Füßen gelegt hatte.

Ob es Mitleid oder Bedauern war, das ihren Gesichtsausdruck trübte, als sie zum südlichen Himmel blickte, wo sie die Lichter seines Fliegers in der vergangenen Nacht hatte verschwinden sehen, wäre schwer zu sagen.

Genauso unmöglich ist es zu vermuten, welche Gefühle sie wohl bewegt haben mochten, als sie die Lichter eines Fliegers wahrnahm, der sich in raschem Tempo aus genau dieser Richtung näherte, als werde er allein durch die Intensität der Gedanken der Prinzessin in ihren Garten gezogen.

Sie sah, wie er über dem Palast tiefer kreiste, bis sie sich sicher war, dass er nur in Vorbereitung auf eine Landung in der Luft verharrte.

Bald darauf schossen die kraftvollen Strahlen seines Suchscheinwerfers vom Bug aus in die Tiefe. Sie fielen für einen kurzen Augenblick auf die Landeplattform und enthüllten die Gestalten der ptarthianischen Garde, wobei sie die Juwelen an deren prächtigen Rüstungen zu brillanten Feuerpunkten aufleuchten ließen.

Dann strich das lodernde Auge weiter über die polierten Kuppeln und anmutigen Minarette, hinab in Hof, Park und Garten, um schließlich auf der Bank aus Ersit und dem Mädchen zu verweilen, das dort neben ihr stand und das Gesicht direkt zum Flieger aufwandte.

Nur einen Augenblick lang hielt der Suchscheinwerfer auf Thuvia von Ptarth, dann erlosch er so plötzlich, wie er zum Leben erwacht war. Der Flieger zog über sie hinweg, um hinter einem Hain aus hochgewachsenen Skeel-Bäumen zu verschwinden, die innerhalb des Palastgeländes wuchsen.

Das Mädchen stand eine Zeit lang so da, wie er sie zurückgelassen hatte, nur dass ihr Kopf gesunken war und ihre Augen nachdenklich zu Boden blickten.

Wer außer Carthoris hätte es sein können? Sie versuchte, Zorn darüber zu empfinden, dass er so zurückgekehrt war, um sie auszuspionieren; doch es fiel ihr schwer, auf den jungen Prinzen von Helium zornig zu sein.

Welcher wahnsinnige Eigensinn konnte ihn dazu gebracht haben, die Etikette der Nationen derart zu verletzen? Wegen geringerer Dinge hatten Großmächte Kriege begonnen.

Die Prinzessin in ihr war schockiert und zornig – doch was war mit dem Mädchen!

Und die Garde – was war mit ihnen? Offensichtlich waren auch sie von der beispiellosen Aktion des Fremden so überrascht gewesen, dass sie ihn nicht einmal herausgefordert hatten; doch dass sie nicht daran dachten, die Sache unbemerkt zu lassen, zeigte sich schnell durch das Surren der Motoren auf der Landeplattform und das rasche Aufsteigen eines langgestreckten Patrouillenbootes in die Luft.

Thuvia beobachtete, wie es schnell nach Osten davonraste. So auch beobachteten andere Augen.

Im dichten Schatten des Skeelhains, in einer breiten Allee unter ausladendem Laub, hing ein Flieger ein Dutzend Fuß über dem Boden. Von seinem Deck aus beobachteten scharfe Augen den weit ausschwenkenden Suchscheinwerfer des Patrouillenbootes. Kein Licht strahlte von dem im Schatten verborgenen Gefährt. Auf seinem Deck herrschte die Stille des Grabes. Seine Besatzung aus einem halben Dutzend roter Krieger beobachtete, wie die Lichter des Patrouillenbootes in der Ferne kleiner wurden.

„Der Verstand unserer Vorfahren ist heute Nacht bei uns“, sagte einer mit leiser Stimme.

„Kein Plan ist je besser aufgegangen“, erwiderte ein anderer. „Sie taten exakt das, was der Prinz vorausgesagt hat.“

Der, der zuerst gesprochen hatte, wandte sich dem Mann zu, der vor dem Kontrollbrett kauerte.

„Jetzt!“, flüsterte er. Es wurde kein weiterer Befehl gegeben. Jeder Mann auf dem Gefährt war offensichtlich in jedem Detail der Arbeit dieser Nacht gut geschult worden. Lautlos kroch der dunkle Rumpf unter die Kathedralbögen des dunklen und stillen Hains.

Thuvia von Ptarth, die nach Osten blickte, sah den schwärzeren Fleck vor der Schwärze der Bäume, als das Gefährt die gestützte Gartenmauer überquerte. Sie sah, wie sich die matte Masse sanft zum scharlachroten Rasen des Gartens hinabneigte.

Sie wusste, dass Männer nicht mit ehrenhafter Absicht auf diese Weise kamen. Dennoch schrie sie nicht auf, um die nahegelegenen Gardisten zu alarmieren, noch floh sie in die Sicherheit des Palastes.

Warum?

Ich kann sehen, wie sie als Antwort ihre wohlgeformten Schultern zuckt, während sie die uralte, universelle Antwort der Frau ausspricht: Darum!

Kaum hatte der Flieger den Boden berührt, als vier Männer von seinem Deck sprangen. Sie rannten auf das Mädchen zu.

Dennoch gab sie kein Anzeichen von Alarm, sondern stand da, wie hypnotisiert. Oder könnte sie wie jemand gewirkt haben, der einen willkommenen Besucher erwartete?

Erst als sie ganz nah bei ihr waren, bewegte sie sich. Dann berührte der nähere Mond, der über dem umgebenden Laub aufstieg, ihre Gesichter und beleuchtete alles mit der Brillanz seiner silbernen Strahlen.

Thuvia von Ptarth sah nur Fremde – Krieger in der Rüstung von Dusar. Nun bekam sie Angst, doch zu spät!

Bevor sie auch nur einen einzigen Schrei ausstoßen konnte, packten sie raue Hände. Ein schwerer seidener Schal wurde um ihren Kopf gewickelt. Sie wurde in starken Armen hochgehoben und auf das Deck des Fliegers getragen. Es gab das plötzliche Wirbeln von Propellern, das Rauschen der Luft gegen ihren Körper und, von weit unten, das Rufen und die Herausforderung der Garde.

Richtung Süden raste ein anderer Flieger in Richtung Helium. In seiner Kabine beugte sich ein großer roter Mann über die weiche Sohle einer umgedrehten Sandale. Mit feinen Instrumenten maß er den schwachen Abdruck eines kleinen Objekts, der dort zu sehen war. Auf einem Block neben ihm lag die Skizze eines Schlüssels, und hier notierte er die Ergebnisse seiner Messungen.

Ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er seine Aufgabe vollendete und sich an einen wandte, der auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches wartete.

„Der Mann ist ein Genie“, bemerkte er.

„Nur ein Genie hätte ein solches Schloss entwickeln können, wie dieses hier es zu öffnen bestimmt ist. Hier, nimm die Skizze, Larok, und gib all deinem eigenen Genie volle und ungehinderte Freiheit bei der Nachbildung in Metall.“

Der Krieger-Handwerker verneigte sich. „Der Mensch baut nichts“, sagte er, „das der Mensch nicht zerstören kann.“ Dann verließ er mit der Skizze die Kabine.

Als die Morgendämmerung über den hochragenden Türmen anbrach, die die Zwillingsstädte von Helium kennzeichnen – der scharlachrote Turm der einen und der gelbe Turm ihrer Schwester –, schwebte ein Flieger träge aus dem Norden heran.

Auf seinem Bug prangte das Abzeichen eines niederen Adligen einer fernen Stadt des Reiches Helium. Seine gemächliche Annäherung und die offensichtliche Zuversicht, mit der er sich über die Stadt bewegte, erregten bei der schläfrigen Garde keinen Verdacht. Da ihr Wachdienst fast beendet war, dachten sie kaum an etwas anderes als an das Kommen derjenigen, die sie ablösen sollten.

Frieden herrschte in ganz Helium. Stagnierender, entmannender Frieden. Helium hatte keine Feinde. Es gab nichts zu befürchten.

Ohne Hast schwenkte die nächste Luftpatrouille träge um und näherte sich dem Fremden. In bequemer Sprechweite rief der Offizier auf ihrem Deck das ankommende Gefährt an.

Das fröhliche „Kaor!“ und die plausible Erklärung, dass der Eigentümer für ein paar Tage des Vergnügens aus fernen Landen in das fröhliche Helium gekommen sei, genügten. Das Luftpatrouillenboot schwenkte ab und setzte seinen Weg fort. Der Fremde fuhr weiter auf eine öffentliche Landeplattform zu, wo er in die Bahnen einlief und zum Stillstand kam.

Etwa zur gleichen Zeit betrat ein Krieger seine Kabine.

„Es ist vollbracht, Vas Kor“, sagte er und reichte dem großen Adligen, der gerade von seinen Schlafseiden und -pelzen aufgestanden war, einen kleinen Metallschlüssel.

„Gut!“, rief Letzterer aus. „Du musst die ganze Nacht daran gearbeitet haben, Larok.“

Der Krieger nickte.

„Bring mir nun das heliumetische Metall, das du vor einigen Tagen geschmiedet hast“, befahl Vas Kor.

Nachdem dies geschehen war, half der Krieger seinem Herrn, das prächtige, mit Juwelen besetzte Metall seiner Rüstung gegen die schlichteren Verzierungen eines gewöhnlichen Kämpfers von Helium auszutauschen, und zwar mit dem Abzeichen desselben Hauses, das auf dem Bug des Fliegers erschien.

Vas Kor frühstückte an Bord. Dann trat er auf das Luftdock, betrat einen Aufzug und wurde schnell auf die Straße darunter befördert, wo er bald von der frühmorgendlichen Menge der Arbeiter verschluckt wurde, die sich zu ihren täglichen Pflichten beeilten.

Unter ihnen waren seine kriegerischen Attribute nicht bemerkenswerter als eine Hose am Broadway. Alle marsianischen Männer sind Krieger, abgesehen von jenen, die körperlich nicht in der Lage sind, Waffen zu tragen. Der Handwerker und sein Schreiber klirren mit ihrer martialischen Ausrüstung, während sie ihren Berufen nachgehen. Der Schuljunge, der, wie er es tut, fast erwachsen aus der schneeweißen Schale kommt, die seine Entwicklung fünf lange Jahre lang umhüllt hat, weiß so wenig über das Leben ohne ein Schwert an der Hüfte, dass er beim Ausgehen ohne Waffen das gleiche Unbehagen empfinden würde wie ein Erdenjunge, der ohne Kniebundhose durch die Straßen laufen müsste.

Vas Kors Ziel lag in Greater Helium, das etwa fünfundsiebzig Meilen über die flache Ebene von Lesser Helium entfernt liegt. Er war in der letzteren Stadt gelandet, weil die Luftpatrouille dort weniger misstrauisch und wachsam ist als über der größeren Metropole, in der sich der Palast des Jeddak befindet.

Während er sich mit der Menge im parkähnlichen Canyon der Durchgangsstraße bewegte, war das Leben einer erwachenden marsianischen Stadt um ihn herum deutlich spürbar. Häuser, die für die Nacht hoch auf ihren schlanken Metallsäulen angehoben worden waren, sanken sanft in Richtung Boden. Zwischen den Blumen auf dem scharlachroten Rasen, der die Gebäude umgibt, spielten bereits Kinder, und hübsche Frauen lachten und plauderten mit ihren Nachbarinnen, während sie prächtige Blüten für die Vasen im Haus pflückten.

Das angenehme „Kaor“ des barsoomianischen Grußes drang ständig an die Ohren des Fremden, während Freunde und Nachbarn die Pflichten eines neuen Tages aufnahmen.

Der Bezirk, in dem er gelandet war, war ein Wohngebiet – ein Bezirk von Kaufleuten der wohlhabenderen Art. Überall waren Anzeichen von Luxus und Reichtum zu sehen. Sklaven erschienen auf jedem Hausdach mit prächtigen Seiden und kostbaren Pelzen und legten sie zum Lüften in die Sonne. Juwelenbesetzte Frauen fläzten sich selbst um diese frühe Stunde auf den geschnitzten Balkonen vor ihren Schlafgemächten. Später am Tag würden sie sich auf die Dächer zurückziehen, wenn die Sklaven Liegen aufgestellt und seidene Baldachine errichtet hatten, um sie vor der Sonne zu schützen.

Klänge inspirierender Musik drangen angenehm aus offenen Fenstern, denn die Marsianer haben das Problem gelöst, die Nerven angenehm auf den plötzlichen Übergang vom Schlaf zum Wachen einzustimmen, der sich für die meisten Menschen der Erde als so schwierig erweist.

Über ihm rasten die langen, leichten Passagierflieger, von denen jeder in seiner eigenen Ebene zwischen den zahlreichen Landeplattformen für den internen Passagierverkehr verkehrte. Landeplattformen, die hoch in den Himmel ragen, sind für die großen internationalen Passagierschiffe. Frachter haben andere Landeplattformen auf verschiedenen niedrigeren Ebenen, bis auf ein paar hundert Fuß über dem Boden; noch wagt es irgendein Flieger, von einer Ebene zur anderen aufzusteigen oder abzusinken, außer in bestimmten eingeschränkten Bezirken, in denen horizontaler Verkehr verboten ist.

Entlang des kurz geschorenen Rasens, der die Allee pflastert, bewegten sich Bodenflieger in kontinuierlichen Reihen in entgegengesetzte Richtungen. Zum größten Teil glitten sie über die Oberfläche des Rasens, stiegen zuweilen anmutig in die Luft, um einen langsameren Fahrer vor sich zu überholen, oder an Kreuzungen, wo der Verkehr in Nord-Süd-Richtung Vorrang hat und der Ost-West-Verkehr darüber hinaussteigen muss.

Aus privaten Hangars auf manchem Dach schossen Flieger in den Verkehrsfluss. Fröhliche Abschiede und mahnende Worte beim Abschied vermischten sich mit dem Surren der Motoren und den gedämpften Geräuschen der Stadt.

Doch bei all der schnellen Bewegung und den unzähligen Tausenden, die hierhin und dorthin eilten, war das vorherrschende Gefühl das von luxuriöser Leichtigkeit und weicher Lautlosigkeit.

Marsianer mögen keinen harten, misstönenden Lärm. Die einzigen lauten Geräusche, die sie ertragen können, sind die martialischen Klänge des Krieges, das Klirren der Waffen, der Zusammenstoß zweier mächtiger Luftschlachtschiffe. Für sie gibt es keine süßere Musik als diese.

An der Kreuzung zweier breiter Alleen stieg Vas Kor vom Straßenniveau zu einer der großen pneumatischen Stationen der Stadt hinab. Hier bezahlte er vor einem kleinen Schalter den Fahrpreis zu seinem Ziel mit ein paar der stumpfen, ovalen Münzen von Helium.

Hinter dem Pförtner kam er zu einer sich langsam bewegenden Reihe von dem, was für irdische Augen wie kegelförmige, acht Fuß lange Projektile für ein riesiges Geschütz ausgesehen hätte. In langsamer Prozession bewegten sich die Dinge im Gänsemarsch entlang einer gerillten Bahn. Ein halbes Dutzend Begleiter half den Passagieren beim Einsteigen oder wies diese Träger ihrem richtigen Ziel zu.

Vas Kor näherte sich einem, das leer war. Auf seiner Nase befand sich ein Zifferblatt und ein Zeiger. Er stellte den Zeiger auf eine bestimmte Station in Greater Helium ein, hob den gewölbten Deckel des Dings, stieg hinein und legte sich auf den gepolsterten Boden. Ein Begleiter schloss den Deckel, der mit einem kleinen Klicken einrastete, und der Träger setzte seinen langsamen Weg fort.

Bald schaltete er sich automatisch auf eine andere Spur, um einen Augenblick später in eine der Reihen dunkler Röhren einzufahren.

In dem Moment, als seine gesamte Länge in der schwarzen Öffnung war, sprang er mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel nach vorn. Es gab einen Augenblick des Sausens – einen weichen, aber plötzlichen Stopp, und langsam tauchte der Träger auf einer anderen Plattform auf, ein anderer Begleiter hob den Deckel und Vas Kor stieg an der Station unter dem Zentrum von Greater Helium aus, fünfundsiebzig Meilen von dem Punkt entfernt, an dem er eingestiegen war.

Hier suchte er das Straßenniveau auf und stieg sofort in einen wartenden Bodenflieger. Er sprach kein Wort zu dem Sklaven, der auf dem Fahrersitz saß. Es war offensichtlich, dass er erwartet worden war und dass der Bursche seine Anweisungen vor seinem Kommen erhalten hatte.

Kaum hatte Vas Kor seinen Platz eingenommen, als der Flieger schnell in den sich schnell bewegenden Zug einfuhr und bald von der breiten und überfüllten Allee in eine weniger überlastete Straße abbog. Bald ließ er den belebten Bezirk hinter sich, um in einen Abschnitt mit kleinen Geschäften einzufahren, wo er vor dem Eingang zu einem anhielt, der das Schild eines Händlers für ausländische Seiden trug.

Vas Kor betrat den niedrig gelegenen Raum. Ein Mann am anderen Ende deutete ihm in Richtung eines inneren Zimmers und gab kein weiteres Anzeichen von Anerkennung, bis er dem Besucher nachgefolgt war und die Tür geschlossen hatte.

Dann wandte er sich seinem Besucher zu und grüßte ehrerbietig.

„Hochwohlgeborener –“, begann er, doch Vas Kor brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.

„Keine Formalitäten“, sagte er. „Wir müssen vergessen, dass ich etwas anderes bin als dein Sklave. Wenn alles so sorgfältig ausgeführt wurde, wie es geplant war, haben wir keine Zeit zu verlieren. Stattdessen sollten wir uns auf den Weg zum Sklavenmarkt machen. Bist du bereit?“

Der Kaufmann nickte und holte aus einer großen Truhe die schmucklosen Attribute eines Sklaven hervor. Diese legte Vas Kor sofort an. Dann verließen die beiden den Laden durch eine Hintertür, durchquerten eine verwinkelte Gasse zu einer Allee dahinter, wo sie in einen Flieger stiegen, der auf sie wartete.

Fünf Minuten später führte der Kaufmann seinen Sklaven zum öffentlichen Markt, wo eine große Menschenmenge den großen offenen Platz füllte, in dessen Mitte der Sklavenblock stand.

Die Menschenmassen waren heute enorm, denn Carthoris, Prinz von Helium, sollte der wichtigste Bieter sein.

Einer nach dem anderen bestiegen die Herren das Podium neben dem Sklavenblock, auf dem ihre Habe stand. Kurz und klar zählte jeder die Vorzüge seines speziellen Angebots auf.

Als alle fertig waren, rief der Haushofmeister des Prinzen von Helium diejenigen zum Block, die einen günstigen Eindruck auf ihn gemacht hatten. Für solche hatte er ein faires Angebot gemacht.

Es gab wenig Feilschen um den Preis, und überhaupt keines, als Vas Kor auf den Block gestellt wurde. Sein Kaufmann-Herr akzeptierte das erste Angebot, das für ihn gemacht wurde, und so trat ein dusarischer Adliger in den Haushalt von Carthoris ein.

KAPITEL III. VERRAT

Am Tag nach der Ankunft von Vas Kor im Palast des Prinzen von Helium herrschte große Aufregung in den Zwillingsstädten, die ihren Höhepunkt im Palast von Carthoris erreichte. Die Nachricht von der Entführung Thuvias von Ptarth aus dem Hof ihres Vaters war eingetroffen, und damit der verschleierte Hinweis, dass der Prinz von Helium verdächtigt werden könnte, beträchtliches Wissen über die Tat und den Aufenthaltsort der Prinzessin zu besitzen.

In der Ratskammer von John Carter, Warlord des Mars, befanden sich Tardos Mors, Jeddak von Helium; Mors Kajak, sein Sohn, Jed von Lesser Helium; Carthoris und zwanzig der großen Adligen des Reiches.

„Es darf keinen Krieg zwischen Ptarth und Helium geben, mein Sohn“, sagte John Carter. „Dass du unschuldig an der Anschuldigung bist, die durch Andeutungen gegen dich erhoben wurde, wissen wir wohl; aber Thuvan Dihn muss es auch gut wissen.“

„Es gibt nur einen, der ihn überzeugen kann, und dieser eine bist du. Du musst dich unverzüglich an den Hof von Ptarth begeben und ihn durch deine Anwesenheit dort sowie durch deine Worte davon überzeugen, dass seine Verdächtigungen jeder Grundlage entbehren. Trage die Autorität des Warlords vom Barsoom bei dir und die des Jeddak von Helium, um Thuvan Dihn alle Ressourcen der verbündeten Mächte anzubieten, damit er seine Tochter zurückgewinnen und ihre Entführer bestrafen kann, wer immer sie auch sein mögen.

Geh! Ich weiß, dass ich dir die Notwendigkeit der Eile nicht erst ans Herz legen muss.“

Carthoris verließ die Ratskammer und eilte zu seinem Palast.

Dort waren Sklaven in einem Augenblick damit beschäftigt, alles für die Abreise ihres Herrn in Ordnung zu bringen. Mehrere arbeiteten an dem schnellen Flugschiff, das den Prinzen von Helium rasch nach Ptarth tragen würde.

Endlich war alles getan. Nur zwei bewaffnete Sklaven blieben auf Wache. Die untergehende Sonne hing tief über dem Horizont. In einem Augenblick würde die Dunkelheit alles einhüllen.

Einer der Wachmänner, ein riesiger Kerl, über dessen rechte Wange eine dünne Narbe von der Schläfe bis zum Mund verlief, näherte sich seinem Gefährten. Sein Blick war über und hinter seinen Kameraden gerichtet. Als er ganz nahe herangekommen war, sprach er.

„Was ist das für ein seltsames Fluggerät?“, fragte er.

Der andere wandte sich rasch um, um gen Himmel zu blicken. Kaum hatte er dem Riesen den Rücken zugekehrt, als dessen Kurzschwert unter sein linkes Schulterblatt gestoßen wurde, direkt durch sein Herz.

Lautlos sank der Soldat auf der Stelle zusammen – mausetot. Schnell schleifte der Mörder die Leiche in den schwarzen Schatten innerhalb des Hangars. Dann kehrte er zu dem Flugschiff zurück.

Er zog einen kunstvoll gearbeiteten Schlüssel aus seiner Beuteltasche und entfernte die Abdeckung des rechten Zifferblatts des Zielsteuerungskompasses. Einen Moment lang studierte er die Konstruktion des Mechanismus darunter. Dann setzte er das Zifferblatt wieder an seinen Platz, stellte den Zeiger ein und entfernte ihn erneut, um die daraus resultierende Veränderung in der Stellung der durch die Handlung betroffenen Teile zu notieren.

Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Mit einer Drahtschere knipste er den Vorsprung ab, der durch das Zifferblatt vom äußeren Zeiger nach innen ragte – nun konnte letzterer auf jeden Punkt des Zifferblatts bewegt werden, ohne den Mechanismus darunter zu beeinflussen. Mit anderen Worten, das Zifferblatt für die östliche Hemisphäre war nutzlos.

Nun wandte er seine Aufmerksamkeit dem westlichen Zifferblatt zu. Dieses stellte er auf einen bestimmten Punkt ein. Danach entfernte er auch von diesem Zifferblatt die Abdeckung und schnitt mit einem scharfen Werkzeug den Stahlfinger von der Unterseite des Zeigers ab.

So schnell wie möglich ersetzte er die zweite Zifferblattabdeckung und nahm seinen Platz auf der Wache wieder ein. Dem Anschein nach war der Kompass so effizient wie zuvor; doch in Wahrheit führte das Bewegen der Zeiger auf den Zifferblättern nun zu keiner entsprechenden Verschiebung des Mechanismus darunter – und das Gerät war unbeweglich auf ein Ziel nach der Wahl des Sklaven eingestellt.

Bald kam Carthoris, begleitet von nur einer Handvoll seiner Edelleute. Er warf nur einen beiläufigen Blick auf den einzelnen Sklaven, der Wache hielt. Die dünnen, grausamen Lippen des Kerls und der Schwertschnitt, der von der Schläfe bis zum Mund verlief, weckten die Andeutung einer unangenehmen Erinnerung in ihm. Er fragte sich, wo Saran Tal diesen Mann gefunden hatte – dann verblasste die Angelegenheit aus seinen Gedanken, und im nächsten Augenblick lachte und scherzte der Prinz von Helium mit seinen Gefährten, obwohl unter der Oberfläche sein Herz vor Angst kalt war, denn welche Eventualitäten Thuvia von Ptarth gegenüberstanden, konnte er nicht einmal erahnen.

Zuerst war ihm natürlich der Gedanke gekommen, dass Astok von Dusar die schöne Ptarthierin gestohlen hatte; aber fast gleichzeitig mit der Meldung der Entführung war die Nachricht von den großen Festen in Dusar zu Ehren der Rückkehr des Sohnes des Jeddak an den Hof seines Vaters eingetroffen.

Es konnte nicht er gewesen sein, dachte Carthoris, denn in genau derselben Nacht, in der Thuvia entführt wurde, war Astok in Dusar gewesen, und doch –

Er bestieg das Flugschiff und wechselte beiläufige Bemerkungen mit seinen Begleitern, während er den Mechanismus des Kompasses aufschloss und den Zeiger auf die Hauptstadt von Ptarth einstellte.

Mit einem Abschiedswort berührte er den Knopf, der die Abstoßungsstrahlen steuerte, und als das Flugschiff leicht in die Luft stieg, schnurrte der Motor als Antwort auf den Druck seines Fingers auf einen zweiten Knopf, die Propeller surrten, als seine Hand den Geschwindigkeitshebel zurückzog, und Carthoris, Prinz von Helium, war unterwegs in die prächtige marsianische Nacht unter den vorbeieilenden Monden und den Millionen Sternen.

Kaum hatte das Flugschiff seine Geschwindigkeit erreicht, da wickelte der Mann seine Schlafseiden und Pelze um sich und streckte sich auf dem schmalen Deck aus, um zu schlafen.

Doch der Schlaf kam nicht sogleich auf sein Geheiß.

Stattdessen rasten seine Gedanken in seinem Gehirn und vertrieben den Schlaf. Er erinnerte sich an die Worte der Thuvia von Ptarth, Worte, die ihm halb versichert hatten, dass sie ihn liebte; denn als er sie gefragt hatte, ob sie Kulan Tith liebe, hatte sie nur geantwortet, dass sie ihm versprochen sei.

Nun sah er, dass ihre Antwort mehr als eine Deutung zuließ. Sie konnte natürlich bedeuten, dass sie Kulan Tith nicht liebte; und daraus konnte man im Umkehrschluss folgern, dass sie einen anderen liebte.

Aber welche Gewissheit gab es, dass dieser andere Carthoris von Helium war?

Je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer wurde er, dass es in ihren Worten nicht nur keine Versicherung gab, dass sie ihn liebte, sondern auch keine in irgendeinem ihrer Taten. Nein, die Tatsache war, sie liebte ihn nicht. Sie liebte einen anderen. Sie war nicht entführt worden – sie war freiwillig mit ihrem Geliebten geflohen.

Mit solch angenehmen Gedanken, die ihn abwechselnd mit Verzweiflung und Wut erfüllten, verfiel Carthoris schließlich in den Schlaf völliger geistiger Erschöpfung.

Das Einbrechen der plötzlichen Morgendämmerung fand ihn noch schlafend. Sein Flugschiff raste schnell über eine karge, ockerfarbene Ebene – den uralten Boden eines längst toten Marsmeeres.

In der Ferne erhoben sich niedrige Hügel. Auf diese steuerte das Fahrzeug zu. Als es sich ihnen näherte, hätte man von seinem Deck aus ein großes Vorgebirge sehen können, das sich in das erstreckte, was einst ein mächtiger Ozean gewesen war, und das sich wieder zurückbog, um den vergessenen Hafen einer vergessenen Stadt einzuschließen, die sich noch immer von ihren verlassenen Kais zurückzog, ein imposanter Komplex aus wunderbarer Architektur einer längst toten Vergangenheit.

Die unzähligen trostlosen Fenster, leer und verlassen, starrten blind aus ihren Marmorwänden; die ganze traurige Stadt nahm den Anschein verstreuter Hügel toter, sonnengebleichter Totenschädel an – die Fensteröffnungen hatten das Aussehen augenloser Höhlen, die Portale das grinsender Kiefer.

Näher kam das Flugschiff, doch nun verringerte sich seine Geschwindigkeit – doch dies war nicht Ptarth.

Über dem zentralen Platz hielt es an und sank langsam in Richtung Mars. Innerhalb von hundert Yards über dem Boden kam es zum Stillstand, schwebte sanft in der leichten Luft, und im selben Augenblick ertönte ein Alarm am Ohr des Schlafenden.

Carthoris sprang auf seine Füße. Unter sich blickte er, um die wimmelnde Metropole Ptarth zu sehen. Neben ihm hätte bereits eine Luftpatrouille sein müssen.

Er blickte verwundert um sich. Dort war tatsächlich eine große Stadt, aber es war nicht Ptarth. Keine Menschenmengen wogten durch ihre breiten Alleen. Keine Anzeichen von Leben durchbrachen die tote Monotonie ihrer verlassenen Dächer. Keine prächtigen Seiden, keine unschätzbaren Pelze verliehen dem kalten Marmor und dem schimmernden Ersit Leben und Farbe.

Kein Patrouillenboot lag mit seiner vertrauten Herausforderung bereit. Still und leer lag die große Stadt – leer und still die umgebende Luft.

Was war geschehen?

Carthoris untersuchte das Zifferblatt seines Kompasses. Der Zeiger war auf Ptarth eingestellt. Konnte ihn das Geschöpf seines Genies so verraten haben? Er wollte es nicht glauben.

Schnell schloss er die Abdeckung auf und drehte sie an ihrem Scharnier zurück. Ein einziger Blick zeigte ihm die Wahrheit, oder zumindest einen Teil davon – der Stahlvorsprung, der die Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatt auf das Herz des Mechanismus darunter übertrug, war durchtrennt worden.

Wer konnte das getan haben – und warum?

Carthoris konnte nicht einmal eine vage Vermutung anstellen. Aber die Sache war nun, herauszufinden, in welchem Teil der Welt er sich befand, und dann seine unterbrochene Reise wieder aufzunehmen.

Wenn es das Ziel eines Feindes gewesen war, ihn aufzuhalten, war ihm das gut gelungen, dachte Carthoris, als er die Abdeckung des zweiten Zifferblatts aufschloss, nachdem das erste gezeigt hatte, dass sein Zeiger überhaupt nicht eingestellt worden war.

Unter dem zweiten Zifferblatt fand er den Stahlstift wie beim anderen durchtrennt, aber der Steuermechanismus war zuvor auf einen Punkt auf der westlichen Hemisphäre eingestellt worden.

Er hatte gerade noch Zeit, seinen Standort grob an einem Ort südwestlich von Helium und in beträchtlicher Entfernung von den Zwillingsstädten einzuschätzen, als er von einem Schrei einer Frau unter sich aufgeschreckt wurde.

Er beugte sich über die Seite des Flugschiffs und sah, wie eine rote Frau von einem riesigen grünen Krieger über den Platz geschleift wurde – einem jener wilden, grausamen Bewohner der toten Meeresböden und verlassenen Städte des sterbenden Mars.

Carthoris wartete nicht länger. Er griff nach dem Steuerpult und ließ sein Fahrzeug wie ein Senkblei in Richtung Boden rasen.

Der grüne Mann beeilte sich mit seiner Gefangenen in Richtung eines riesigen Thoats, der auf der ockerfarbenen Vegetation des einst scharlachroten, prächtigen Platzes graste. Im selben Augenblick sprangen ein Dutzend rote Krieger aus dem Eingang eines nahegelegenen Ersit-Palastes und verfolgten den Entführer mit bloßen Schwertern und Rufen zorniger Warnung.

Einmal wandte die Frau ihr Gesicht aufwärts dem fallenden Flugschiff zu, und in dem einzigen schnellen Blick sah Carthoris, dass es Thuvia von Ptarth war!

KAPITEL IV. DIE GEFANGENE EINES GRÜNEN MANNES

Als das Tageslicht auf das kleine Fahrzeug brach, auf dessen Deck die Prinzessin von Ptarth aus dem Garten ihres Vaters gerissen worden war, sah Thuvia, dass die Nacht eine Veränderung bei ihren Entführern bewirkt hatte.

Nicht länger glänzten ihre Ausrüstungen mit dem Metall von Dusar, sondern stattdessen war darauf das Insignium des Prinzen von Helium eingeprägt.

Das Mädchen spürte neue Hoffnung, denn sie konnte nicht glauben, dass im Herzen von Carthoris die Absicht liegen könnte, ihr zu schaden.

Sie sprach zu dem Krieger, der vor dem Steuerpult hockte.

„Letzte Nacht trugst du die Ausrüstung eines Dusariers“, sagte sie. „Jetzt ist dein Metall das von Helium. Was bedeutet das?“

Der Mann sah sie mit einem Grinsen an.

„Der Prinz von Helium ist kein Narr“, sagte er.

Gerade da kam ein Offizier aus der winzigen Kabine. Er tadelte den Krieger dafür, dass er sich mit der Gefangenen unterhielt, und auch er selbst antwortete nicht auf eine ihrer Fragen.

Während der Reise wurde ihr kein Leid zugefügt, und so kamen sie schließlich an ihr Ziel, ohne dass das Mädchen klüger über ihre Entführer oder deren Absichten war als zuvor.

Hier setzte das Flugschiff langsam auf dem Platz eines jener stummen Denkmäler der toten und vergessenen Vergangenheit des Mars auf – die verlassenen Städte, die die traurigen ockerfarbenen Meeresböden säumen, wo einst die mächtigen Fluten rollten, auf deren Busen sich der maritime Handel der Völker bewegte, die für immer dahin sind.

Thuvia von Ptarth war solche Orte nicht fremd. Während ihrer Wanderungen auf der Suche nach dem Fluss Iss, jener Zeit, als sie sich auf das begeben hatte, was seit unzähligen Zeitaltern die letzte, lange Pilgerreise der Marsianer war, in Richtung des Tals Dor, wo das Verlorene Meer von Korus liegt, war sie mehreren dieser traurigen Erinnerungen an die Größe und den Glanz des alten Barsoom begegnet.

Und wiederum, während ihrer Flucht aus den Tempeln der Heiligen Therns mit Tars Tarkas, Jeddak von Thark, hatte sie sie gesehen, mit ihren unheimlichen und geisterhaften Insassen, den großen weißen Affen von Barsoom.

Sie wusste auch, dass viele von ihnen jetzt von den nomadischen Stämmen der grünen Männer benutzt wurden, aber dass es unter ihnen keine Stadt gab, die die roten Männer nicht mieden, denn ausnahmslos standen sie inmitten riesiger, wasserloser Landstriche, die für den dauerhaften Lebensunterhalt der dominanten Rasse der Marsianer ungeeignet waren.

Warum also sollten sie sie an einen solchen Ort bringen? Es gab nur eine einzige Antwort. Die Art ihrer Arbeit war derart, dass sie die Abgeschiedenheit suchen mussten, die eine tote Stadt bot. Das Mädchen zitterte bei dem Gedanken an ihre Notlage.

Zwei Tage lang hielten ihre Entführer sie in einem riesigen Palast fest, der selbst im Verfall den Glanz der Epoche widerspiegelte, den seine Jugend gekannt hatte.

Kurz vor der Morgendämmerung am dritten Tag war sie durch die Stimmen zweier ihrer Entführer geweckt worden.

„Er sollte bis zum Morgengrauen hier sein“, sagte einer. „Halte sie auf dem Platz bereit – sonst wird er niemals landen. In dem Moment, in dem er feststellt, dass er sich in einem fremden Land befindet, wird er umkehren – ich denke, der Plan des Prinzen ist an dieser einen Stelle schwach.“

„Es gab keinen anderen Weg“, antwortete der andere. „Es ist wunderbare Arbeit, sie beide überhaupt hierher zu bekommen, und selbst wenn es uns nicht gelingt, ihn auf den Boden zu locken, werden wir viel erreicht haben.“

Gerade da fing der Sprecher die Augen von Thuvia auf sich, enthüllt durch den sich schnell bewegenden Lichtfleck, den Thuria auf ihrem wahnsinnigen Lauf durch den Himmel warf.

Mit einem schnellen Zeichen an den anderen hörte er auf zu sprechen, ging auf das Mädchen zu und bedeutete ihr aufzustehen. Dann führte er sie hinaus in die Nacht in Richtung der Mitte des großen Platzes.

„Steh hier“, befahl er, „bis wir für dich kommen. Wir werden beobachten, und sollte es dir einfallen zu entkommen, wird es dir schlecht ergehen – viel schlimmer als der Tod. Das sind die Befehle des Prinzen.“

Dann drehte er sich um und ging zurück in Richtung Palast, sie allein inmitten der unsichtbaren Schrecken der Spukstadt zurücklassend, denn in Wahrheit sind diese Orte verflucht nach dem Glauben vieler Marsianer, die immer noch an einem alten Aberglauben festhalten, der lehrt, dass die Geister der Heiligen Therns, die vor ihren zugewiesenen tausend Jahren sterben, bei Gelegenheiten in die Körper der großen weißen Affen übergehen.

Für Thuvia jedoch war die wirkliche Gefahr eines Angriffs durch eine dieser wilden, menschenähnlichen Bestien völlig ausreichend. Sie glaubte nicht mehr an die unheimliche Seelenwanderung, die die Therns sie gelehrt hatten, bevor sie von John Carter aus ihren Klauen gerettet wurde; aber sie wusste nur zu gut um das schreckliche Schicksal, das sie erwartete, sollte eines der schrecklichen Tiere sie während seiner nächtlichen Streifzüge erspähen.

Was war das?

Sicher konnte sie sich nicht irren. Etwas hatte sich verstohlen im Schatten eines der großen Monolithen bewegt, die die Allee säumten, wo sie gegenüber von ihr in den Platz mündete!

Thar Ban, Jed unter den Horden von Torquas, ritt schnell über die ockerfarbene Vegetation des toten Meeresbodens in Richtung der Ruinen des alten Aaanthor.

Er war in dieser Nacht weit und schnell geritten, denn er kam gerade von der Plünderung des Brutkastens einer benachbarten grünen Horde, mit der sich die Horden von Torquas ständig im Krieg befanden.

Sein riesiger Thoat war keineswegs müde, doch es wäre gut, dachte Thar Ban, ihn auf dem ockerfarbenen Moos grasen zu lassen, das in den geschützten Innenhöfen verlassener Städte zu größerer Höhe wächst, wo der Boden reicher ist als auf den Meeresböden und die Pflanzen während des wolkenlosen marsianischen Tages teilweise vor der Sonne geschützt sind.

In den winzigen Stängeln dieser trocken erscheinenden Pflanze ist genügend Feuchtigkeit für die Bedürfnisse der riesigen Körper der mächtigen Thoats, die monatelang ohne Wasser und tagelang sogar ohne die geringe Feuchtigkeit auskommen können, die das ockerfarbene Moos enthält.

Als Thar Ban lautlos die breite Allee hinaufritt, die von den Kais von Aaanthor zum großen zentralen Platz führt, hätten er und sein Reittier für Gespenster aus einer Welt der Träume gehalten werden können, so grotesk der Mann und das Tier, so lautlos die gepolsterten, nagellosen Füße des großen Thoats auf dem moosbewachsenen Pflaster des alten Belags.

Der Mann war ein prächtiges Exemplar seiner Rasse. Ganze fünfzehn Fuß ragte seine große Statur von der Sohle bis zum Scheitel. Das Mondlicht glänzte auf seiner glänzenden grünen Haut, ließ die Juwelen seines schweren Geschirrs und die Ornamente funkeln, die seine vier muskulösen Arme beschwerten, während die nach oben gebogenen Stoßzähne, die aus seinem Unterkiefer ragten, weiß und schrecklich schimmerten.

An der Seite seines Thoats waren sein langes Radiumgewehr und sein großer, vierzig Fuß langer, metallbeschlagener Speer befestigt, während von seinem eigenen Geschirr sein Langschwert und sein Kurzschwert sowie seine kleineren Waffen herabhingen.

Seine hervorstehenden Augen und seine antennenartigen Ohren drehten sich ständig hierhin und dorthin, denn Thar Ban befand sich noch immer im Land des Feindes, und zudem gab es immer die Bedrohung durch die großen weißen Affen, von denen John Carter zu sagen pflegte, dass sie die einzigen Kreaturen seien, die in den Brüsten dieser wilden Bewohner der toten Meeresböden auch nur den entferntesten Anschein von Angst wecken könnten.

Als der Reiter sich dem Platz näherte, hielt er plötzlich inne. Seine schlanken, röhrenförmigen Ohren richteten sich starr nach vorne. Ein ungewohntes Geräusch war an sie gedrungen. Stimmen! Und wo Stimmen waren, außerhalb von Torquas, da waren auch Feinde. Die ganze Welt des weiten Barsoom enthielt nichts als Feinde für die wilden Torquasianer.

Thar Ban stieg ab. Im Schatten der großen Monolithen bleibend, die die Allee der Kais des schlafenden Aaanthor säumten, näherte er sich dem Platz. Direkt hinter ihm, wie ein Hund bei Fuß, kam der schiefergraue Thoat, sein weißer Bauch von seinem Rumpf beschattet, seine lebhaft gelben Füße verschmolzen mit dem Gelb des Mooses darunter.

In der Mitte des Platzes sah Thar Ban die Gestalt einer roten Frau. Ein roter Krieger unterhielt sich mit ihr. Nun wandte sich der Mann um und ging zurück in Richtung Palast auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes.

Thar Ban beobachtete, bis er im gähnenden Portal verschwunden war. Das war eine Gefangene, die es wert war! Selten fiel ein Weibchen ihrer erblichen Feinde einem grünen Mann zu. Thar Ban leckte sich die dünnen Lippen.

Thuvia von Ptarth beobachtete den Schatten hinter dem Monolithen an der Öffnung zur Allee gegenüber von ihr. Sie hoffte, dass es nur das Hirngespinst einer überreizten Phantasie sein mochte.

Aber nein! Jetzt sah sie ihn klar und deutlich sich bewegen. Er kam hinter dem schützenden Schutz des Ersit-Schafts hervor.

Das plötzliche Licht der aufgehenden Sonne fiel darauf. Das Mädchen zitterte. Das Ding war ein riesiger grüner Krieger!

Schnell sprang er auf sie zu. Sie schrie und versuchte zu fliehen; aber sie hatte sich kaum zum Palast hin gewandt, als eine riesige Hand auf ihren Arm fiel, sie herumgewirbelt und halb geschleift, halb getragen wurde in Richtung eines riesigen Thoats, der langsam aus der Mündung der Allee auf das ockerfarbene Moos des Platzes graste.

Im selben Augenblick wandte sie ihr Gesicht aufwärts dem surrenden Geräusch von etwas über ihr zu, und dort sah sie ein schnelles Flugschiff, das auf sie herabsank, wobei Kopf und Schultern eines Mannes weit über die Seite ragten; aber die Gesichtszüge des Mannes waren tief im Schatten, sodass sie sie nicht erkannte.

Nun kamen von hinter ihr die Rufe ihrer roten Entführer. Sie rasten wahnsinnig hinter dem her, der es wagte zu stehlen, was sie bereits gestohlen hatten.

Als Thar Ban die Seite seines Reittiers erreichte, riss er sein langes Radiumgewehr aus seinem Halfter, wirbelte herum und feuerte drei Schüsse in die auf ihn zukommenden roten Männer ab.

Solch unheimliche Treffsicherheit besitzen diese marsianischen Wilden, dass drei rote Krieger auf der Stelle fielen, als drei Projektile in ihrem Inneren explodierten.

Die anderen hielten an, und sie wagten es nicht, das Feuer zu erwidern, aus Angst, das Mädchen zu verletzen.

Dann schwang sich Thar Ban auf den Rücken seines Thoats, Thuvia von Ptarth immer noch in seinen Armen, und verschwand mit einem wilden Triumphschrei in der schwarzen Schlucht der Allee der Kais zwischen den finsteren Palästen des vergessenen Aaanthor.

Carthoris’ Flugschiff hatte den Boden noch nicht berührt, bevor er von seinem Deck gesprungen war, um dem schnellen Thoat nachzujagen, dessen acht lange Beine es mit der Geschwindigkeit eines Schnellzuges die Allee hinuntertrugen; aber die Männer von Dusar, die noch am Leben waren, dachten nicht daran, eine so wertvolle Gefangene entkommen zu lassen.

Sie hatten das Mädchen verloren. Das wäre eine schwierige Sache, Astok zu erklären; aber man konnte auf etwas Nachsicht hoffen, wenn sie stattdessen den Prinzen von Helium zu ihrem Herrn bringen könnten.

So setzten die drei Verbliebenen mit ihren Langschwertern auf Carthoris ein und schrien ihn an, sich zu ergeben; aber sie hätten ebenso erfolgreich Thuria zuschreien können, mit ihrem wahnsinnigen Rasen durch den barsoomianischen Himmel aufzuhören, denn Carthoris von Helium war ein wahrer Sohn des Warlords vom Mars und seiner unvergleichlichen Dejah Thoris.

Carthoris hatte sein Langschwert bereits in der Hand, als er vom Deck des Flugschiffes sprang. Sobald er die Gefahr durch die drei roten Krieger erkannte, wirbelte er herum, um sich ihnen zu stellen, und begegnete ihrem Ansturm, wie es nur John Carter selbst hätte tun können.

So flink war sein Schwert, so mächtig und gewandt seine halb-irdischen Muskeln, dass einer seiner Gegner bereits am Boden lag und den ockerfarbenen Moosboden mit seinem Lebensblut rötete, als er kaum einen einzigen Hieb gegen Carthoris geführt hatte.

Nun stürzten die zwei verbliebenen Dusarianer gleichzeitig auf den Heliumiten zu. Drei Langschwerter klirrten und funkelten im Mondlicht, bis die großen weißen Affen, aus ihrem Schlummer geweckt, zu den tieferliegenden Fenstern der toten Stadt krochen, um das blutige Schauspiel unter sich zu beobachten.

Dreimal wurde Carthoris getroffen, sodass das rote Blut an seinem Gesicht herablief, ihn blendete und seine breite Brust färbte. Mit der freien Hand wischte er sich das Blut aus den Augen, und mit dem kämpferischen Lächeln seines Vaters auf den Lippen sprang er mit erneuter Wut auf seine Widersacher zu.

Ein einziger Hieb seines schweren Schwertes trennte einem von ihnen den Kopf ab, und der andere, der vor jener tödlichen Spitze zurückwich, wandte sich ab und floh in Richtung des hinter ihm liegenden Palastes.

Carthoris machte keinen Schritt, um ihn zu verfolgen. Er hatte andere Sorgen, als fremden Männern, die sich im Metall seines eigenen Hauses maskierten, eine wohlverdiente Strafe zuzumessen, denn er hatte gesehen, dass diese Männer mit den Abzeichen geschmückt waren, die seine persönlichen Gefolgsleute kennzeichneten.

Er wandte sich rasch seinem Flugschiff zu und erhob sich bald von dem Platz, um die Verfolgung von Thar Ban aufzunehmen.

Der rote Krieger, den er in die Flucht geschlagen hatte, drehte sich im Eingang des Palastes um, und als er Carthoris’ Absicht sah, schnappte er sich eines der Gewehre, die er und seine Gefährten an die Wand gelehnt hatten, als sie mit gezogenen Schwertern herausgestürmt waren, um den Raub ihrer Gefangenen zu verhindern.

Nur wenige rote Männer sind gute Schützen, denn das Schwert ist ihre bevorzugte Waffe; als der Dusarianer also das aufsteigende Flugschiff ins Visier nahm und den Knopf am Schaft seines Gewehrs drückte, verdankte er den teilweisen Erfolg seines Ziels eher dem Zufall als seiner Fertigkeit.

Das Projektil streifte die Seite des Flugschiffes, die undurchsichtige Beschichtung brach so weit auf, dass das Tageslicht auf das Pulverfläschchen in der Spitze des Geschosses treffen konnte. Es gab eine heftige Explosion. Carthoris spürte, wie sein Gefährt unter ihm trunken schwankte und der Motor aussetzte.

Der Schwung, den das Luftboot gewonnen hatte, trug es über die Stadt hinaus in Richtung des dahinterliegenden Meeresbodens.

Der rote Krieger auf dem Platz feuerte noch einige Male, doch kein Schuss traf. Dann verbarg ein hoch aufragendes Minarett die treibende Beute vor seinem Blick.

In der Ferne vor sich konnte Carthoris den grünen Krieger sehen, der Thuvia von Ptarth auf seinem mächtigen Thoat davontrug. Die Richtung seines Fluges wies nach Nordwesten von Aaanthor, wo ein bergiges Land lag, das den roten Männern kaum bekannt war.

Der Heliumit widmete nun seine Aufmerksamkeit seinem beschädigten Gefährt. Eine genaue Untersuchung ergab, dass einer der Auftriebstanks durchlöchert worden war, der Motor selbst jedoch unversehrt blieb.

Ein Splitter des Projektils hatte einen der Steuerhebel so schwer beschädigt, dass eine Reparatur außerhalb einer Werkstatt unmöglich war; doch nach einigem Herumbasteln gelang es Carthoris, sein verwundetes Flugschiff mit geringer Geschwindigkeit anzutreiben – ein Tempo, das nicht an die schnelle Gangart des Thoats heranreichte, dessen acht lange, kräftige Beine es mit atemberaubender Schnelligkeit über die ockerfarbene Vegetation des toten Meeresbodens trugen.

Der Prinz von Helium ärgerte sich über die Langsamkeit seiner Verfolgung, doch er war dankbar, dass der Schaden nicht schlimmer war, denn nun konnte er sich zumindest schneller fortbewegen als zu Fuß.

Doch selbst diese geringe Genugtuung sollte ihm bald verwehrt bleiben, denn alsbald begann das Flugschiff nach Backbord und zum Bug hin abzusacken. Die Beschädigung der Auftriebstanks war offensichtlich schwerwiegender gewesen, als er zunächst geglaubt hatte.

Den Rest dieses langen Tages kroch Carthoris unregelmäßig durch die stille Luft, während der Bug des Schiffes immer tiefer sank und die Schlagseite nach Backbord immer besorgniserregender wurde, bis er schließlich, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, fast senkrecht mit dem Bug nach unten schwebte, wobei sein Gurt an einem schweren Decksring befestigt war, um ihn davor zu bewahren, in die Tiefe zu stürzen.

Seine Vorwärtsbewegung beschränkte sich nun auf ein langsames Treiben mit der sanften Brise, die aus Südosten wehte, und als diese mit dem Untergang der Sonne nachließ, ließ er das Flugschiff sanft auf den moosigen Teppich unter sich sinken.

Weit vor ihm ragten die Berge auf, in deren Richtung der grüne Mann geflohen war, als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, und mit hartnäckiger Entschlossenheit nahm der Sohn von John Carter, ausgestattet mit dem unbeugsamen Willen seines mächtigen Vaters, die Verfolgung zu Fuß auf.

Die ganze Nacht hindurch eilte er voran, bis er mit Anbruch eines neuen Tages die niedrigen Ausläufer erreichte, die den Zugang zu der Festung der Berge von Torquas bewachten.

Raue Granitwände ragten vor ihm auf. Nirgendwo konnte er eine Öffnung durch die gewaltige Barriere entdecken; doch irgendwo in diese unwirtliche Welt aus Stein musste der grüne Krieger die Frau tragen, die sich das Herz des roten Mannes so sehr wünschte.

Über dem nachgiebigen Moos des Meeresbodens gab es keine Spur, der er hätte folgen können, denn die weichen Polster des Thoats drückten die widerstandsfähige Vegetation bei seinem schnellen Vorüberziehen nur kurz nieder, woraufhin sie hinter seinen flüchtigen Füßen wieder in die Höhe sprang und kein Zeichen hinterließ.

Doch hier in den Hügeln, wo loses Gestein gelegentlich den Weg säumte; wo schwarze Erde und wilde Blumen die trostlose Monotonie der Einöden des Tieflands teilweise ersetzten, hoffte Carthoris, ein Zeichen zu finden, das ihn in die richtige Richtung führen würde.

Doch so sehr er auch suchte, das verwirrende Geheimnis der Fährte schien für immer ungelöst zu bleiben.

Es ging wieder auf das Ende des Tages zu, als die scharfen Augen des Heliumiten das gelbliche Lohfarben eines geschmeidigen Fells entdeckten, das sich einige hundert Meter zu seiner Linken zwischen den Felsbrocken bewegte.

Carthoris kauerte sich schnell hinter einen großen Stein und beobachtete das Wesen vor sich. Es war ein riesiger Banth, einer jener wilden barsoomianischen Löwen, die die trostlosen Hügel des sterbenden Planeten durchstreifen.

Die Nase der Kreatur war nahe am Boden. Es war offensichtlich, dass sie der Fährte von Fleisch mit ihrem Geruchssinn folgte.

Während Carthoris ihn beobachtete, sprang eine große Hoffnung in das Herz des Mannes. Hier könnte möglicherweise die Lösung des Rätsels liegen, das er zu lösen versucht hatte. Dieser hungrige Fleischfresser, immer auf der Suche nach Menschenfleisch, folgte vielleicht genau jetzt den beiden, die Carthoris suchte.

Vorsichtig schlich der junge Mann auf der Spur des Menschenfressers hinterher. Entlang des Fußes der senkrechten Klippe bewegte sich die Kreatur, schnüffelte an der unsichtbaren Fährte und stieß hin und wieder das tiefe Stöhnen eines jagenden Banths aus.

Carthoris war der Kreatur nur wenige Minuten gefolgt, als sie so plötzlich und geheimnisvoll verschwand, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.

Der Mann sprang auf. Nicht noch einmal wollte er sich betrügen lassen, wie der Mann ihn betrogen hatte. Er stürmte mit rücksichtslosem Tempo zu der Stelle, an der er das große, schleichende Tier zuletzt gesehen hatte.

Vor ihm ragte die steile Klippe auf, deren Fläche von keiner Öffnung unterbrochen war, in die der riesige Banth seinen mächtigen Körper hätte zwängen können. Neben ihm lag ein kleiner, flacher Felsbrocken, nicht größer als das Deck eines Zehn-Mann-Flugschiffes und nicht höher als das Zweifache seiner eigenen Körpergröße.

Vielleicht versteckte sich der Banth hinter diesem? Die Bestie könnte den Mann auf ihrer Fährte entdeckt haben und lauerte nun vielleicht schon auf ihre leichte Beute.

Vorsichtig, mit gezogenem Langschwert, schlich Carthoris um die Ecke des Felsens. Dort war kein Banth, aber etwas, das ihn unendlich mehr überraschte, als es die Anwesenheit von zwanzig Banths getan hätte.

Vor ihm gähnte der Eingang einer dunklen Höhle, die abwärts in den Boden führte. Durch diese musste der Banth verschwunden sein. War dies sein Versteck? Konnte in seinem dunklen und abweisenden Inneren nicht nur eine, sondern viele dieser furchteinflößenden Kreaturen lauern?

Carthoris wusste es nicht, und mit dem Gedanken, der ihn auf der Fährte der Kreatur vorangetrieben hatte, war es ihm auch nicht wichtig; denn er war sicher, dass der Banth den grünen Mann und seine Gefangene in diese düstere Höhle verfolgt hatte, und er selbst würde ihm folgen, bereit, sein Leben im Dienste der Frau zu geben, die er liebte.

Keinen Augenblick zögerte er, doch er schritt auch nicht unbesonnen voran; mit bereitgehaltenem Schwert und vorsichtigen Schritten stahl er sich hinein, denn der Weg war dunkel. Während er voranschritt, wurde die Trübung zu undurchdringlicher Schwärze.

KAPITEL V. DIE SCHÖNE RASSE

Abwärts entlang eines glatten, breiten Bodens führte der seltsame Tunnel, denn als einen solchen erkannte Carthoris nun den Schacht, den er zuerst nur für eine Höhle gehalten hatte.

Vor sich konnte er das gelegentliche tiefe Stöhnen des Banths hören, und bald darauf ertönte von hinten ein ähnlicher unheimlicher Laut. Ein weiterer Banth hatte den Durchgang auf seiner Fährte betreten!

Seine Lage war alles andere als angenehm. Seine Augen konnten die Dunkelheit nicht einmal so weit durchdringen, dass er seine Hand vor seinem Gesicht hätte erkennen können, während die Banths, wie er wusste, auch dann recht gut sehen konnten, wenn die Dunkelheit vollkommen war.

Keine anderen Geräusche drangen an seine Ohren als das düstere, blutgierige Stöhnen der Bestie vor ihm und der Bestie hinter ihm.

Der Tunnel hatte von der Stelle an, wo er ihn unterhalb der Seite des Felsens, die am weitesten von den unbesteigbaren Klippen entfernt war, betreten hatte, gerade auf die mächtige Barriere zugeführt, die ihn so lange aufgehalten hatte.

Nun verlief er fast eben, und bald bemerkte er einen allmählichen Anstieg.

Die Bestie hinter ihm holte auf und drängte ihn gefährlich nahe an die Fersen der Bestie vor ihm. Bald würde er den Kampf mit einer oder beiden aufnehmen müssen. Er umklammerte seine Waffe fester.

Nun konnte er den Atem des Banths an seinen Fersen hören. Er konnte den Zusammenstoß nicht mehr viel länger hinauszögern.

Längst war er sich sicher, dass der Tunnel unter den Klippen zur gegenüberliegenden Seite der Barriere führte, und er hatte gehofft, das mondbeschienene Freie zu erreichen, bevor er sich mit einem der Monster messen musste.

Die Sonne war untergegangen, als er den Tunnel betrat, und der Weg war lang genug gewesen, um ihm die Gewissheit zu geben, dass nun in der Welt draußen die Dunkelheit herrschte. Er blickte hinter sich. Aus der Dunkelheit heraus, scheinbar keine zehn Schritte entfernt, starrten zwei flammende Punkte aus Feuer. Als die wilden Augen die seinen trafen, stieß die Bestie ein schreckliches Brüllen aus und griff dann an.

Diesem wilden Berg an heranpreschender Wildheit entgegenzutreten, unerschüttert vor den abscheulichen Fangzähnen zu stehen, von denen er wusste, dass sie in geifernder Blutgier entblößt waren, obwohl er sie nicht sehen konnte, erforderte Nerven aus Stahl; doch aus solchem Holz waren die Nerven des Carthoris von Helium geschnitzt.

Er hatte die Augen der Bestie, um seine Spitze zu führen, und so treffsicher wie die Schwerthand seines mächtigen Vaters, lenkte er die scharfe Spitze in eines dieser flammenden Leuchtfeuer, während er leicht zur Seite sprang.

Mit einem grauenhaften Schrei vor Schmerz und Wut preschte der verwundete Banth an ihm vorbei, wild um sich schlagend. Dann drehte er sich um, um erneut anzugreifen; doch diesmal sah Carthoris nur einen einzigen leuchtenden Punkt feurigen Hasses, der auf ihn gerichtet war.

Wieder traf die nadelspitze Klinge ihr blitzendes Ziel. Wieder hallte der schreckliche Schrei des getroffenen Tieres durch den felsigen Tunnel, schockierend in seiner von Qual erfüllten Schrillheit, ohrenbetäubend in seiner gewaltigen Lautstärke.

Doch nun, als es sich wieder zum Angriff wandte, hatte der Mann keinen Anhaltspunkt mehr, um seine Spitze zu lenken. Er hörte das Scharren der gepolsterten Pfoten auf dem steinigen Boden. Er wusste, dass das Ding wieder auf ihn zugestürmt kam, doch er konnte nichts sehen.

Doch wenn er seinen Widersacher nicht sehen konnte, so konnte ihn auch sein Widersacher nun nicht mehr sehen.

Er sprang, wie er glaubte, genau in die Mitte des Tunnels und hielt seine Schwertspitze bereit auf einer Linie mit der Brust der Bestie. Es war alles, was er tun konnte, in der Hoffnung, dass der Zufall die Spitze in das wilde Herz lenken würde, während er unter dem riesigen Körper zu Boden ging.

So schnell war das Ganze vorüber, dass Carthoris seine Sinne kaum glauben konnte, als der mächtige Körper wahnsinnig an ihm vorbeiraste. Entweder hatte er sich nicht genau in die Mitte des Tunnels gestellt, oder der erblindete Banth hatte sich in seinen Berechnungen geirrt.

Jedenfalls verfehlte ihn der riesige Körper um einen Fuß, und die Kreatur lief den Tunnel weiter hinunter, als wäre sie auf der Suche nach der Beute, die ihr entkommen war.

Carthoris folgte ebenfalls in dieselbe Richtung, und es dauerte nicht lange, bis sein Herz beim Anblick des mondbeschienenen Ausgangs aus dem langen, dunklen Tunnel erfreut wurde.

Vor ihm lag eine tiefe Senke, die vollständig von gigantischen Klippen umgeben war. Die Oberfläche des Tals war mit riesigen Bäumen übersät, ein seltsamer Anblick so weit entfernt von einer marsianischen Wasserstraße. Der Boden selbst war mit einem brillanten scharlachroten Rasen bedeckt, der mit zahllosen Flecken herrlicher wilder Blumen durchsetzt war.

Unter dem herrlichen Glanz der zwei Monde war die Szenerie von unbeschreiblicher Schönheit, durchwoben von der Seltsamkeit eines fremden Zaubers.

Nur für einen Augenblick jedoch ruhte sein Blick auf den natürlichen Schönheiten, die sich vor ihm ausbreiteten. Fast sofort waren sie auf die Gestalt eines großen Banths fixiert, der über dem Kadaver eines frisch getöteten Thoats stand.

Die riesige Bestie, deren lohfarbene Mähne um ihren abscheulichen Kopf sträubte, hielt ihre Augen fest auf einen anderen Banth gerichtet, der unregelmäßig hin und her stürmte, mit schrillen Schmerzensschreien und grauenhaften Brüllern aus Hass und Wut.

Carthoris ahnte schnell, dass das zweite Tier dasjenige war, das er während des Kampfes im Tunnel geblendet hatte, doch es war der tote Thoat, der sein Interesse mehr in den Bann zog als einer der wilden Fleischfresser.

Das Zaumzeug war noch an dem Körper des riesigen marsianischen Reittiers, und Carthoris konnte nicht daran zweifeln, dass dies genau das Tier war, auf dem der grüne Krieger Thuvia von Ptarth davongetragen hatte.

Doch wo waren der Reiter und seine Gefangene? Der Prinz von Helium schauderte bei dem Gedanken an das wahrscheinliche Schicksal, das sie ereilt hatte.

Menschenfleisch ist die Nahrung, nach der sich der wilde barsoomianische Löwe am meisten sehnt, dessen gewaltiger Körper und riesige Muskeln enorme Mengen an Fleisch benötigen, um sie zu erhalten.

Zwei menschliche Körper hätten den Appetit der Kreatur nur angeregt, und dass er den grünen Mann und das rote Mädchen getötet und gefressen hatte, erschien Carthoris nur allzu wahrscheinlich. Er hatte den Kadaver des mächtigen Thoats liegen lassen, um ihn zu verschlingen, nachdem er den schmackhafteren Teil seines Festmahls verzehrt hatte.

Nun war der blinde Banth bei seinem wilden, ziellosen Ansturm über die Beute seines Artgenossen hinausgeraten, und dort trug die leichte Brise, die wehte, den Geruch von frischem Blut in seine Nüstern.

Seine Bewegungen waren nicht länger unregelmäßig. Mit ausgestrecktem Schwanz und schäumendem Maul stürmte er wie ein Pfeil auf den Körper des Thoats und die mächtige Kreatur der Zerstörung zu, die mit den Vorderpfoten auf der schiefergrauen Seite stand und darauf wartete, ihr Fleisch zu verteidigen.

Als der angreifende Banth zwanzig Schritte vom toten Thoat entfernt war, stieß der Killer seine abscheuliche Herausforderung aus und sprang mit einem mächtigen Satz vorwärts, um ihm zu begegnen.

Der Kampf, der folgte, versetzte selbst den kriegerischen Barsoomianer in Ehrfurcht. Das wahnsinnige Zerfleischen, das abscheuliche und ohrenbetäubende Brüllen, die unerbittliche Wildheit der blutbefleckten Bestien hielten ihn in der Lähmung der Faszination gefangen, und als es vorbei war und die beiden Kreaturen, deren Köpfe und Schultern in Fetzen hingen, mit ihren toten Kiefern noch immer in den Körpern des anderen vergraben lagen, riss sich Carthoris nur mit einer Willensanstrengung aus dem Bann.

Er eilte zur Seite des toten Thoats und suchte nach Spuren des Mädchens, von dem er fürchtete, dass es das Schicksal des Thoats geteilt hatte, doch nirgendwo konnte er etwas entdecken, das seine Befürchtungen bestätigte.

Mit leicht erleichtertem Herzen machte er sich auf, das Tal zu erkunden, doch kaum hatte er ein Dutzend Schritte getan, als das Glitzern eines juwelenbesetzten Schmuckstücks im Rasen sein Auge einfing.

Als er es aufhob, zeigte ihm der erste Blick, dass es ein Haarschmuck einer Frau war, und darauf eingeprägt war das Abzeichen des königlichen Hauses von Ptarth.

Doch, welch finstere Entdeckung, Blut, noch feucht, besudelte die prächtigen Juwelen der Fassung.

Carthoris erstickte fast, als sich die schrecklichen Möglichkeiten, die das Ding nahelegte, vor seinem geistigen Auge entfalteten. Doch er konnte, wollte es nicht glauben.

Es war unmöglich, dass dieses strahlende Geschöpf ein so schreckliches Ende gefunden haben sollte. Es war unglaublich, dass die glorreiche Thuvia jemals aufhören könnte zu sein.

An seinem ohnehin mit Juwelen besetzten Gurt, an dem Riemen, der seine große Brust überquerte, unter der sein loyales Herz schlug, befestigte Carthoris, Prinz von Helium, das glänzende Ding, das Thuvia von Ptarth getragen hatte, und durch das Tragen hatte er es für den Heliumiten geheiligt.

Dann setzte er seinen Weg in das Herz des unbekannten Tals fort.

Größtenteils versperrten die riesigen Bäume seine Sicht auf alles außer den begrenztesten Entfernungen. Gelegentlich erhaschte er Blicke auf die hoch aufragenden Hügel, die das Tal von allen Seiten begrenzten, und obwohl sie im Licht der zwei Monde klar hervortraten, wusste er, dass sie weit entfernt waren und dass die Ausdehnung des Tals immens war.

Die halbe Nacht setzte er seine Suche fort, bis er schließlich durch das ferne Geräusch quietschender Thoats zum plötzlichen Halt gebracht wurde.

Geleitet von dem Lärm dieser gewohnheitsmäßig wütenden Bestien, schlich er durch die Bäume vorwärts, bis er schließlich auf eine ebene, baumlose Ebene gelangte, in deren Mitte eine mächtige Stadt ihre polierten Kuppeln und leuchtend farbigen Türme erhob.

Um die ummauerte Stadt herum sah der rote Mann ein riesiges Lager der grünen Krieger der toten Meeresböden, und als er seine Augen sorgfältig über die Stadt schweifen ließ, erkannte er, dass dies keine verlassene Metropole einer toten Vergangenheit war.

Doch welche Stadt konnte es sein? Seine Studien hatten ihn gelehrt, dass in diesem wenig erforschten Teil von Barsoom der wilde Stamm der Torquasianischen grünen Männer die Vorherrschaft innehatte und dass es bisher noch keinem roten Mann gelungen war, bis in das Herz ihres Herrschaftsgebietes vorzudringen und wieder in die Welt der Zivilisation zurückzukehren.

Die Männer von Torquas hatten riesige Geschütze perfektioniert, mit denen es ihnen ihre unheimliche Treffsicherheit ermöglicht hatte, die wenigen entschlossenen Versuche abzuwehren, die benachbarte rote Nationen unternommen hatten, um ihr Land mittels Schlachtenflotten von Luftschiffen zu erkunden.

Dass er sich innerhalb der Grenzen von Torquas befand, war sich Carthoris sicher, doch dass es dort eine solch wundersame Stadt gab, hatte er sich nie träumen lassen, noch hatten die Chroniken der Vergangenheit jemals eine solche Möglichkeit angedeutet, denn die Torquasianer waren dafür bekannt, wie die anderen grünen Männer des Mars in den verlassenen Städten zu leben, die den sterbenden Planeten übersäten, noch hatte jemals eine grüne Horde mehr als ein einziges Gebäude errichtet, außer den niedrig ummauerten Brutstätten, in denen ihre Jungen durch die Sonnenhitze ausgebrütet werden.

Das umliegende Lager der grünen Krieger lag etwa fünfhundert Meter von den Mauern der Stadt entfernt. Zwischen ihm und der Stadt gab es keinen Anschein von Schutzwall oder anderem Schutz gegen Gewehr- oder Kanonenfeuer; doch deutlich konnte Carthoris nun im Licht der aufgehenden Sonne viele Gestalten sehen, die sich entlang des Gipfels der hohen Mauer und auf den Dächern dahinter bewegten.

Dass sie Wesen wie er selbst waren, war er sich sicher, obwohl sie zu weit von ihm entfernt waren, als dass er sich sicher sein konnte, ob sie rote Männer waren.

Fast unmittelbar nach Sonnenaufgang begannen die grünen Krieger, auf die kleinen Gestalten auf der Mauer zu feuern. Zu Carthoris’ Überraschung wurde das Feuer nicht erwidert, doch alsbald hatten die letzten Bewohner der Stadt Schutz vor der unheimlichen Treffsicherheit der grünen Männer gesucht, und kein weiteres Lebenszeichen war hinter der Mauer sichtbar.

Dann begann Carthoris, während er im Schutz der Bäume blieb, die die Ebene säumten, die Rückseite der Linie der Belagerer zu umkreisen, in der Hoffnung gegen jede Hoffnung, dass er irgendwo einen Blick auf Thuvia von Ptarth erhaschen würde, denn selbst jetzt konnte er nicht glauben, dass sie tot war.

Dass er nicht entdeckt wurde, war ein Wunder, denn berittene Krieger ritten ständig vom Lager in den Wald und zurück; doch der lange Tag verging, und er setzte seine scheinbar fruchtlose Suche fort, bis er gegen Sonnenuntergang gegenüber einem mächtigen Tor in der westlichen Mauer der Stadt ankam.

Hier schien sich die Hauptstreitmacht der angreifenden Horde zu befinden. Hier war eine große Plattform errichtet worden, auf der Carthoris einen riesigen grünen Krieger sehen konnte, der dort hockte, umgeben von anderen seiner Art.

Das muss also der berüchtigte Hortan Gur sein, Jeddak von Torquas, der grimmige alte Unhold der südwestlichen Hemisphäre, denn nur für einen Jeddak werden von den grünen Horden des Barsoom auf dem Marsch oder in provisorischen Lagern Plattformen errichtet.

Während der Heliumite beobachtete, sah er, wie sich ein weiterer grüner Krieger zur Tribüne vordrängte. Neben sich zog er eine Gefangene her, und als die umstehenden Krieger auseinandertraten, um die beiden passieren zu lassen, erhaschte Carthoris einen flüchtigen Blick auf die Gefangene.

Sein Herz hüpfte vor Freude. Thuvia von Ptarth lebte noch!

Nur mit Mühe unterdrückte Carthoris den Impuls, vorzueilen und sich an die Seite der Prinzessin von Ptarth zu stellen; doch am Ende siegte sein besserer Verstand, denn er wusste, dass er angesichts einer solchen Übermacht jede künftige Gelegenheit, ihr zu helfen, nur nutzlos vertun würde.

Er sah, wie sie zum Fuß der Tribüne gezerrt wurde. Er sah, wie Hortan Gur sie ansprach. Er konnte weder die Worte der Kreatur hören noch Thuvias Antwort; doch sie musste das grüne Monster erzürnt haben, denn Carthoris sah, wie er auf die Gefangene zusprang und ihr mit seinem metallbeschlagenen Arm einen grausamen Schlag ins Gesicht versetzte.

Dann wurde der Sohn von John Carter, Jeddak der Jeddaks, Kriegsherr des Barsoom, von Wahnsinn befallen. Der alte, blutrote Schleier, durch den sein Vater zahllose Feinde angestarrt hatte, legte sich vor seine Augen.

Seine halb-irdischen Muskeln, die rasch auf seinen Willen reagierten, ließen ihn in gewaltigen Sätzen auf das grüne Monster zuspringen, das die Frau geschlagen hatte, die er liebte.

Die Torquasianer blickten nicht in Richtung des Waldes. Alle Augen hatten auf der Gestalt des Mädchens und ihres Jeddaks gelegen, und laut war das abscheuliche Gelächter, das als Anerkennung für den Witz der Antwort des grünen Kaisers auf das Flehen seiner Gefangenen um Freiheit ertönte.

Carthoris hatte etwa die Hälfte der Strecke zwischen dem Wald und den grünen Kriegern zurückgelegt, als ein neuer Faktor dazu beitrug, die Aufmerksamkeit der Letzteren noch weiter von ihm abzulenken.

Auf einem hohen Turm innerhalb der belagerten Stadt erschien ein Mann. Aus seinem aufgerissenen Mund drang eine Reihe schrecklicher Schreie; unheimliche Schreie, die schrill und Furcht erregend über die Mauern der Stadt, über die Köpfe der Belagerer hinweg und hinaus über den Wald bis an die äußersten Grenzen des Tals fegten.

Einmal, zweimal, dreimal drang der grausige Laut an die Ohren der lauschenden grünen Männer, und dann, weit, weit weg jenseits der weiten Wälder, kam aus der Ferne ein scharfer und klarer Antwortschrei zurück.

Es war nur der erste. Von jedem Punkt erhoben sich ähnliche wilde Rufe, bis die Welt von ihrem Widerhall zu beben schien.

Die grünen Krieger blickten nervös hierhin und dorthin. Sie kannten keine Furcht, wie Erdenmenschen sie kennen mochten; doch angesichts des Ungewöhnlichen verließ sie ihre gewohnte Selbstsicherheit.

Und dann schwang das große Tor in der Stadtmauer gegenüber der Plattform von Hortan Gur plötzlich weit auf. Aus ihm kam ein so seltsamer Anblick hervor, wie Carthoris ihn nie zuvor erlebt hatte, obwohl er in diesem Moment nur einen einzigen flüchtigen Blick auf die hochgewachsenen Bogenschützen werfen konnte, die hinter ihren langen, ovalen Schilden durch das Portal traten; ihr wallendes kastanienbraunes Haar zu bemerken; und zu erkennen, dass die knurrenden Wesen an ihrer Seite wilde Barsoom-Löwen waren.

Dann war er inmitten der erstaunten Torquasianer. Mit gezogenem Langschwert war er unter ihnen, und für Thuvia von Ptarth, deren erschrockene Augen als erste auf ihn fielen, schien es, als blicke sie auf John Carter selbst, so seltsam ähnlich war das Kämpfen des Sohnes dem des Vaters.

Sogar das berühmte Kampf-Lächeln des Virginianers spiegelte sich in ihm wider. Und der Schwertarm! Ah, die Subtilität und die Schnelligkeit!

Überall herrschte Aufruhr und Verwirrung. Grüne Krieger sprangen auf die Rücken ihrer unruhigen, quietschenden Thoats. Calots knurrten ihre wilden, gutturalen Laute und winselten danach, den herannahenden Feinden an die Kehle zu gehen.

Thar Ban und ein anderer an der Seite der Tribüne hatten als erste das Kommen von Carthoris bemerkt, und mit ihnen kämpfte er um den Besitz des roten Mädchens, während die anderen sich beeilten, dem Heer zu begegnen, das aus der belagerten Stadt vorrückte.

Carthoris versuchte sowohl Thuvia von Ptarth zu verteidigen als auch an die Seite des abscheulichen Hortan Gur zu gelangen, um den Schlag zu rächen, den die Kreatur dem Mädchen versetzt hatte.

Es gelang ihm, die Tribüne zu erreichen, über die leblosen Körper zweier Krieger hinweg, die sich umgedreht hatten, um sich Thar Ban und seinem Gefährten anzuschließen und diesen abenteuerlustigen roten Mann zurückzuschlagen, gerade als Hortan Gur im Begriff war, von ihr auf den Rücken seines Thoats zu springen.

Die Aufmerksamkeit der grünen Krieger richtete sich hauptsächlich auf die Bogenschützen, die aus der Stadt auf sie vorrückten, und auf die wilden Banths, die neben ihnen schritten – grausame Kriegstiere, unendlich viel schrecklicher als ihre eigenen wilden Calots.

Als Carthoris auf die Tribüne sprang, zog er Thuvia an seine Seite und wandte sich dann mit einer wütenden Herausforderung und einem Schwertstoß gegen den abziehenden Jeddak.

Als die Spitze des Heliumiten seine grüne Haut ritzte, wandte sich Hortan Gur mit einem Knurren gegen seinen Gegner, doch im selben Augenblick riefen zwei seiner Häuptlinge ihm zu, er solle sich beeilen, denn der Angriff der hellhäutigen Bewohner der Stadt entwickelte sich zu einer ernsteren Angelegenheit, als die Torquasianer erwartet hatten.

Anstatt dazubleiben, um mit dem roten Mann zu kämpfen, versprach Hortan Gur ihm seine Aufmerksamkeit, nachdem er die anmaßenden Bürger der ummauerten Stadt abgefertigt hätte, und ritt auf seinem Thoat davon, um den rasch vorrückenden Bogenschützen entgegenzueilen.

Die anderen Krieger folgten ihrem Jeddak schnell und ließen Thuvia und Carthoris allein auf der Plattform zurück.

Zwischen ihnen und der Stadt tobte eine schreckliche Schlacht. Die hellhäutigen Krieger, nur mit ihren Langbögen und einer Art kurzstieliger Streitaxt bewaffnet, waren den wilden berittenen grünen Männern im Nahkampf fast hilflos ausgeliefert; doch aus der Ferne richteten ihre scharfen Pfeile ebenso viel Unheil an wie die Radiumgeschosse der grünen Männer.

Doch wenn die Krieger selbst unterlegen waren, so galt dies nicht für ihre wilden Gefährten, die grimmigen Banths. Kaum waren die beiden Linien aufeinandergetroffen, da waren Hunderte dieser entsetzlichen Kreaturen unter die Torquasianer gesprungen, rissen Krieger von ihren Thoats – rissen sogar die gewaltigen Thoats selbst zu Boden und verbreiteten unter allen, die vor ihnen waren, Bestürzung.

Auch die Anzahl der Bürger war ihr Vorteil, denn es schien, als fiele kaum ein Krieger, ohne dass sein Platz durch zwanzig weitere ersetzt würde, so beständig strömten sie aus dem großen Tor der Stadt.

Und so geschah es, dass die Torquasianer schließlich aufgrund der Wildheit der Banths und der Anzahl der Bogenschützen zurückwichen, bis die Plattform, auf der Carthoris und Thuvia standen, bald direkt im Zentrum des Kampfes lag.

Dass keiner von beiden von einer Kugel oder einem Pfeil getroffen wurde, erschien beiden wie ein Wunder; doch schließlich war die Flut vollständig an ihnen vorbeigerollt, sodass sie, abgesehen von den Sterbenden und Toten und etwa zwanzig knurrenden Banths, die weniger gut ausgebildet waren als ihre Artgenossen und zwischen den Leichen nach Fleisch suchten, allein zwischen den Kämpfenden und der Stadt waren.

Für Carthoris war der seltsamste Teil der Schlacht der schreckliche Tribut gewesen, den die Bogenschützen mit ihren vergleichsweise schwachen Waffen gefordert hatten. Nirgendwo, soweit er sehen konnte, war ein einziger verwundeter grüner Mann, doch die Leichen ihrer Toten lagen dicht auf dem Schlachtfeld.

Der Tod schien unmittelbar auf den kleinsten Einstich eines Pfeils eines Bogenschützen zu folgen, und anscheinend verfehlte auch keiner je sein Ziel. Es konnte nur eine Erklärung geben: Die Geschosse waren mit Gift bestrichen.

Bald darauf verstummten die Geräusche des Kampfes im fernen Wald. Ruhe kehrte ein, unterbrochen nur durch das Knurren der fressenden Banths. Carthoris wandte sich an Thuvia von Ptarth. Bis dahin hatte keiner von beiden gesprochen.

„Wo sind wir, Thuvia?“, fragte er.

Das Mädchen sah ihn fragend an. Seine bloße Anwesenheit schien ein schuldiges Wissen über ihre Entführung zu verkünden. Wie sonst hätte er das Ziel des Fluggeräts kennen können, das sie gebracht hatte!

„Wer sollte das besser wissen als der Prinz von Helium?“, entgegnete sie. „Kam er nicht aus freiem Willen hierher?“

„Von Aaanthor kam ich freiwillig auf der Spur des grünen Mannes, der Euch geraubt hatte, Thuvia“, antwortete er; „aber von der Zeit an, als ich Helium verließ, bis ich über Aaanthor erwachte, dachte ich, ich sei auf dem Weg nach Ptarth.

Es war angedeutet worden, dass ich ein schuldiges Wissen von Eurer Entführung hätte“, erklärte er einfach, „und ich eilte zum Jeddak, Eurem Vater, um ihn von der Falschheit des Vorwurfs zu überzeugen und ihm meine Dienste für Eure Wiederauffindung anzubieten. Bevor ich Helium verließ, manipulierte jemand meinen Kompass, sodass er mich nach Aaanthor statt nach Ptarth brachte. Das ist alles. Glaubt Ihr mir?“

„Aber die Krieger, die mich aus dem Garten stahlen!“, rief sie aus. „Nachdem wir in Aaanthor ankamen, trugen sie die Metalle des Prinzen von Helium. Als sie mich mitnahmen, waren sie in Dusar-Rüstungen gekleidet. Es schien nur eine einzige Erklärung zu geben. Wer auch immer das Verbrechen wagte, wollte den Verdacht auf einen anderen lenken, sollte er auf frischer Tat ertappt werden; aber sobald er sicher von Ptarth weg war, fühlte er sich sicher, seine Schergen wieder in ihre eigenen Rüstungen zurückkehren zu lassen.“

„Glaubt Ihr, dass ich das getan habe, Thuvia?“, fragte er.

„Ach, Carthoris“, erwiderte sie traurig, „ich wollte es nicht glauben; aber als alles auf Euch deutete – selbst dann wollte ich es nicht glauben.“

„Ich habe es nicht getan, Thuvia“, sagte er. „Aber lasst mich ganz ehrlich zu Euch sein. So sehr ich Euren Vater liebe, so sehr ich Kulan Tith respektiere, dem Ihr versprochen seid, und so gut ich die schrecklichen Konsequenzen kenne, die eine solche Tat von mir hätte nach sich ziehen müssen, da sie drei der größten Nationen des Barsoom in den Krieg gestürzt hätte – dennoch, ungeachtet all dessen, hätte ich nicht gezögert, Euch so zu entführen, Thuvia von Ptarth, wenn Ihr auch nur angedeutet hättet, dass es Euch nicht missfallen würde.

Doch Ihr habt nichts dergleichen getan, und so bin ich hier, nicht in meinem eigenen Dienst, sondern in Eurem und im Dienst des Mannes, dem Ihr versprochen seid, um Euch für ihn zu retten, wenn es in der Macht eines Menschen liegt, dies zu tun“, schloss er fast bitter.

Thuvia von Ptarth blickte ihm mehrere Augenblicke ins Gesicht. Ihr Busen hob und senkte sich, als ob sie von einer unwiderstehlichen Emotion bewegt würde. Sie machte einen halben Schritt auf ihn zu. Ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie sprechen – schnell und ungestüm.

Und dann bezwang sie, was auch immer sie bewegt hatte.

„Die künftigen Handlungen des Prinzen von Helium“, sagte sie kalt, „müssen den Beweis für seine vergangene Ehrlichkeit der Absicht erbringen.“

Carthoris war durch den Tonfall des Mädchens verletzt, ebenso sehr wie durch den Zweifel an seiner Integrität, den ihre Worte implizierten.

Er hatte halb gehofft, dass sie andeuten könnte, dass seine Liebe annehmbar wäre – sicherlich gebührte ihm zumindest ein wenig Dankbarkeit für seine jüngsten Handlungen in ihrem Namen; doch das Beste, was er erhielt, war kalte Skepsis.

Der Prinz von Helium zuckte mit seinen breiten Schultern. Das Mädchen bemerkte es, und das kleine Lächeln, das seine Lippen berührte, sodass es nun an ihr war, verletzt zu sein.

Natürlich hatte sie ihn nicht verletzen wollen. Er hätte wissen müssen, dass sie nach dem, was er gesagt hatte, nichts tun konnte, um ihn zu ermutigen! Aber er hätte seine Gleichgültigkeit nicht ganz so offensichtlich machen müssen. Die Männer von Helium waren für ihre Galanterie bekannt – nicht für Grobheit. Möglicherweise war es das Erdenblut, das in seinen Adern floss.

Wie konnte sie wissen, dass das Schulterzucken nur Carthoris’ Art war, durch physische Anstrengung zu versuchen, lähmenden Kummer aus seinem Herzen zu vertreiben, oder dass das Lächeln auf seinen Lippen das Kampf-Lächeln seines Vaters war, mit dem der Sohn nach außen hin die Entschlossenheit bekundete, die er gefasst hatte, seine eigene große Liebe hinter dem Bemühen zurückzustellen, Thuvia von Ptarth für einen anderen zu retten, weil er glaubte, dass sie diesen anderen liebte!

Er kehrte zu seiner ursprünglichen Frage zurück.

„Wo sind wir?“, fragte er. „Ich weiß es nicht.“

„Ich auch nicht“, antwortete das Mädchen. „Diejenigen, die mich von Ptarth stahlen, sprachen untereinander von Aaanthor, sodass ich dachte, es sei möglich, dass die alte Stadt, in die sie mich brachten, jene berühmte Ruine sei; aber wo wir jetzt sein mögen, habe ich keine Ahnung.“

„Wenn die Bogenschützen zurückkehren, werden wir zweifellos alles erfahren, was es zu wissen gibt“, sagte Carthoris. „Hoffen wir, dass sie sich als freundlich erweisen. Welches Volk mag das sein? Nur in den ältesten unserer Legenden und in den Wandmalereien der verlassenen Städte der toten Meeresböden werden solche kastanienhaarigen, hellhäutigen Völker dargestellt. Kann es sein, dass wir auf eine überlebende Stadt der Vergangenheit gestoßen sind, von der ganz Barsoom glaubt, sie sei unter den Zeitaltern begraben?“

Thuvia blickte in Richtung des Waldes, in den die grünen Männer und die verfolgenden Bogenschützen verschwunden waren. Aus großer Entfernung kamen die abscheulichen Schreie von Banths und gelegentliche Schüsse.

„Es ist seltsam, dass sie nicht zurückkehren“, sagte das Mädchen.

„Man würde erwarten, die Verwundeten hinken oder zur Stadt zurückgetragen sehen“, antwortete Carthoris mit gerunzelter Stirn. „Aber wie steht es mit den Verwundeten näher an der Stadt? Haben sie diese hineingetragen?“

Beide wandten ihre Augen dem Feld zwischen ihnen und der ummauerten Stadt zu, wo der Kampf am heftigsten gewesen war.

Dort waren die Banths, die immer noch über ihrem abscheulichen Festmahl knurrten.

Carthoris sah Thuvia erstaunt an. Dann zeigte er auf das Feld.

„Wo sind sie?“, flüsterte er. „Was ist aus ihren Toten und Verwundeten geworden?“

KAPITEL VI. DER JEDDAK VON LOTHAR

Das Mädchen blickte ungläubig drein.

„Sie lagen in Stapeln“, murmelte sie. „Vor einer Minute waren es Tausende von ihnen.“

„Und jetzt“, fuhr Carthoris fort, „bleiben nur die Banths und die Kadaver der grünen Männer.“

„Sie müssen jemanden ausgeschickt und die toten Bogenschützen weggebracht haben, während wir sprachen“, sagte das Mädchen.

„Das ist unmöglich!“, antwortete Carthoris. „Tausende von Toten lagen noch vor einem Moment dort auf dem Feld. Es hätte viele Stunden erfordert, sie wegzuschaffen. Die Sache ist unheimlich.“

„Ich hatte gehofft“, sagte Thuvia, „dass wir bei diesen hellhäutigen Menschen Zuflucht finden könnten. Ungeachtet ihrer Tapferkeit auf dem Schlachtfeld kamen sie mir nicht wie ein grausames oder kriegerisches Volk vor. Ich wollte gerade vorschlagen, dass wir Einlass in die Stadt suchen, aber jetzt weiß ich kaum, ob ich es wagen soll, mich unter Menschen zu begeben, deren Tote in Luft auflösen.“

„Wagen wir es“, antwortete Carthoris. „Schlechter kann es uns innerhalb ihrer Mauern nicht ergehen als außerhalb. Hier könnten wir den Banths oder den nicht weniger grimmigen Torquasianern zum Opfer fallen. Dort werden wir zumindest Wesen finden, die nach unserem eigenen Ebenbild geformt sind.

Alles, was mich zögern lässt“, fügte er hinzu, „ist die Gefahr, Euch an so vielen Banths vorbeizubringen. Ein einziges Schwert würde kaum ausreichen, falls auch nur zwei von ihnen gleichzeitig angreifen sollten.“

„Fürchtet Euch in dieser Hinsicht nicht“, antwortete das Mädchen lächelnd. „Die Banths werden uns nicht schaden.“

Während sie sprach, stieg sie von der Plattform und schritt mit Carthoris an ihrer Seite furchtlos über das blutige Feld in Richtung der ummauerten Stadt des Geheimnisses.

Sie waren nur ein kurzes Stück vorangekommen, als ein Banth von seinem blutigen Festmahl aufblickte und sie entdeckte. Mit einem wütenden Brüllen lief die Bestie schnell in ihre Richtung, und beim Klang ihrer Stimme folgte ein Dutzend anderer ihrem Beispiel.

Carthoris zog sein Langschwert. Das Mädchen warf einen schnellen Blick auf sein Gesicht. Sie sah das Lächeln auf seinen Lippen, und es wirkte wie Wein auf kranke Nerven; denn selbst auf dem kriegerischen Barsoom, wo alle Männer tapfer sind, reagiert eine Frau schnell auf stille Gleichgültigkeit gegenüber der Gefahr – auf Wagemut, der ohne Prahlerei ist.

„Ihr könnt Euer Schwert wieder einstecken“, sagte sie. „Ich sagte Euch, dass die Banths uns nicht schaden werden. Schaut!“ Und während sie sprach, schritt sie schnell auf das nächste Tier zu.

Carthoris wäre ihr hinterhergesprungen, um sie zu beschützen, aber mit einer Geste bedeutete sie ihm, zurückzubleiben. Er hörte, wie sie die Banths mit einer leisen, singenden Stimme rief, die halb Schnurren war.

Sofort hoben sich die großen Köpfe und alle bösen Augen waren auf die Gestalt des Mädchens gerichtet. Dann begannen sie verstohlen, sich auf sie zuzubewegen. Sie war nun stehen geblieben und wartete auf sie.

Einer, der näher bei ihr war als die anderen, zögerte. Sie sprach gebieterisch zu ihm, wie ein Herr zu einem widerspenstigen Hund sprechen könnte.

Der große Fleischfresser ließ den Kopf hängen und kam mit eingezogenem Schwanz zu den Füßen des Mädchens geschlichen, und nach ihm kamen die anderen, bis sie vollständig von den wilden Menschenfressern umgeben war.

Sie drehte sich um und führte sie dorthin, wo Carthoris stand. Sie knurrten ein wenig, als sie sich dem Mann näherten, doch ein paar scharfe Befehlsworte wiesen sie in ihre Schranken.

„Wie macht Ihr das?“, rief Carthoris aus.

„Dein Vater stellte mir einst dieselbe Frage in den Galerien der Goldenen Klippen in den Otz-Bergen, unterhalb der Tempel der Therns. Ich konnte sie ihm nicht beantworten, und ich kann es auch dir nicht. Ich weiß nicht, woher meine Macht über sie kommt, aber seit dem Tag, als Sator Throg mich in die Banth-Grube der Heiligen Therns warf und die großen Kreaturen mich eher liebkosten, als mich zu verschlingen, habe ich immer dieselbe seltsame Macht über sie gehabt. Sie kommen auf meinen Ruf und tun mein Geheiß, genau wie der treue Woola das Geheiß deines mächtigen Vaters tut.“

Mit einem Wort zerstreute das Mädchen das wilde Rudel. Brüllend kehrten sie zu ihrem unterbrochenen Festmahl zurück, während Carthoris und Thuvia zwischen ihnen hindurch in Richtung der ummauerten Stadt gingen.

Während sie vorwärts schritten, betrachtete der Mann voller Verwunderung die toten Körper jener grünen Männer, die nicht von den Banths verschlungen oder zerfleischt worden waren.

Er lenkte die Aufmerksamkeit des Mädchens auf sie. Keine Pfeile ragten aus den großen Kadavern. Nirgendwo auf einem von ihnen war ein Zeichen einer tödlichen Wunde, noch auch nur der kleinste Kratzer oder eine Abschürfung.

Bevor die Toten der Bogenschützen verschwunden waren, hatten die Leichen der Torquasianer von den tödlichen Pfeilen ihrer Feinde gestrotzt. Wohin waren die schlanken Boten des Todes entschwunden? Welche unsichtbare Hand hatte sie aus den Körpern der Erschlagenen gezogen?

Trotz sich selbst konnte Carthoris kaum einen Schauer der Beklemmung unterdrücken, als er auf die stille Stadt vor ihnen blickte. Kein Lebenszeichen war mehr auf Mauer oder Dach zu sehen. Alles war still – brütende, unheilvolle Stille.

Doch er war sich sicher, dass Augen sie von irgendwoher hinter dieser leeren Mauer beobachteten.

Er blickte zu Thuvia. Sie schritt mit weit aufgerissenen Augen, die auf das Stadttor gerichtet waren, voran. Er schaute in die Richtung ihres Blickes, sah aber nichts.

Sein Blick auf ihr schien sie wie aus einer Lethargie zu wecken. Sie sah zu ihm auf, ein schnelles, mutiges Lächeln umspielte ihre Lippen, und dann, als ob die Handlung unwillkürlich wäre, trat sie dicht an seine Seite und legte eine ihrer Hände in seine.

Er vermutete, dass etwas in ihr, das jenseits ihrer bewussten Kontrolle lag, ihn um Schutz anflehte. Er legte einen Arm um sie, und so überquerten sie das Feld. Sie zog sich nicht von ihm zurück. Es ist zweifelhaft, dass sie realisierte, dass sein Arm dort war, so sehr war sie in das Geheimnis der seltsamen Stadt vor ihnen vertieft.

Sie blieben vor dem Tor stehen. Es war ein mächtiges Ding. Von seiner Konstruktion her konnte Carthoris nur dunkel auf seine unvorstellbare Antike spekulieren.

Es war kreisförmig und verschloss eine kreisförmige Öffnung, und der Heliumite wusste aus seinem Studium der alten Barsoom-Architektur, dass es wie ein riesiges Rad zur Seite in eine Öffnung in der Mauer rollte.

Selbst solch weltalte Städte wie das antike Aaanthor waren noch nicht einmal erträumt worden, als die Völker lebten, die solche Tore wie diese bauten.

Während er über die Identität dieser vergessenen Stadt spekulierte, sprach eine Stimme von oben zu ihnen. Beide schauten nach oben. Dort, über den Rand der hohen Mauer gelehnt, stand ein Mann.

Sein Haar war kastanienbraun, seine Haut hell – heller noch als die von John Carter, dem Virginianer. Seine Stirn war hoch, seine Augen groß und intelligent.

Die Sprache, die er benutzte, war für die beiden unten verständlich, doch es gab einen deutlichen Unterschied zwischen ihr und ihrer Barsoom-Zunge.

„Wer seid Ihr?“, fragte er. „Und was tut Ihr hier vor dem Tor von Lothar?“

„Wir sind Freunde“, antwortete Carthoris. „Dies ist die Prinzessin, Thuvia von Ptarth, die von der Torquasianer-Horde gefangen genommen wurde. Ich bin Carthoris von Helium, Prinz aus dem Hause Tardos Mors, Jeddak von Helium, und Sohn von John Carter, Kriegsherr des Mars, und seiner Frau, Dejah Thoris.“

„Ptarth?“, wiederholte der Mann. „Helium?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe noch nie von diesen Orten gehört, noch wusste ich, dass auf Barsoom ein Volk von deiner seltsamen Farbe lebt. Wo mögen diese Städte liegen, von denen du sprichst? Von unserem höchsten Turm aus haben wir niemals eine andere Stadt als Lothar gesehen.“

Carthoris deutete nach Nordosten.

„In dieser Richtung liegen Helium und Ptarth“, sagte er. „Helium ist über achttausend Haads von Lothar entfernt, während Ptarth neuntausendfünfhundert Haads nordöstlich von Helium liegt.“[1]

Wieder schüttelte der Mann den Kopf.

„Ich kenne nichts jenseits der Lothar-Hügel“, sagte er. „Nichts mag dort leben außer den abscheulichen grünen Horden von Torquas. Sie haben ganz Barsoom erobert, mit Ausnahme dieses einzigen Tals und der Stadt Lothar. Hier trotzen wir ihnen seit ungezählten Zeitaltern, obwohl sie periodisch ihre Versuche erneuern, uns zu vernichten. Woher du kommst, kann ich nicht erraten, es sei denn, du stammst von den Sklaven ab, die die Torquasianer in frühen Zeiten gefangen nahmen, als sie die Außenwelt in ihre Leibeigenschaft zwangen; aber wir hatten gehört, dass sie alle anderen Völker bis auf das ihre vernichtet hätten.“

Carthoris versuchte zu erklären, dass die Torquasianer nur einen relativ winzigen Teil der Oberfläche von Barsoom beherrschten, und selbst dies nur, weil ihr Herrschaftsgebiet nichts enthielt, das die rote Rasse hätte anlocken können; doch der Lotharier schien sich nichts jenseits des Tals von Lothar vorstellen zu können als eine weglose Einöde, die von den wilden grünen Horden von Torquas bevölkert war.

Nach beträchtlichem Verhandeln willigte er ein, sie in die Stadt einzulassen, und einen Augenblick später rollte sich das radartige Tor in seine Nische zurück, und Thuvia und Carthoris betraten die Stadt Lothar.

Überall um sie herum waren Beweise fabelhaften Reichtums. Die Fassaden der Gebäude, die der Allee innerhalb der Mauer zugewandt waren, waren reich verziert, und um die Fenster und Türen waren oft fußbreite Ränder aus Edelsteinen, kunstvolle Mosaike oder Tafeln aus getriebenem Gold angebracht, die in Flachreliefs Szenen darstellten, die Stücke aus der Geschichte dieses vergessenen Volkes hätten sein können.

Derjenige, mit dem sie über die Mauer hinweg gesprochen hatten, befand sich in der Allee, um sie zu empfangen. Um ihn herum standen hundert oder mehr Männer desselben Volkes. Alle waren in fließende Gewänder gekleidet und alle waren bartlos.

Ihre Haltung war eher von furchtsamem Misstrauen als von Feindseligkeit geprägt. Sie folgten den Neuankömmlingen mit ihren Augen, sprachen aber kein Wort zu ihnen.

Carthoris konnte nicht umhin, die Tatsache zu bemerken, dass die Stadt zwar kurz zuvor von einer Horde blutrünstiger Dämonen umzingelt gewesen war, dennoch aber keiner der Bürger bewaffnet zu sein schien, noch gab es Anzeichen für eine Soldateska.

Er fragte sich, ob alle kämpfenden Männer in einem einzigen, höchsten Kraftakt ausgezogen waren, um den Feind in die Flucht zu schlagen, und die Stadt völlig unbewacht gelassen hatten. Er fragte ihren Gastgeber.

Der Mann lächelte.

„Kein Geschöpf außer etwa zwanzig unserer heiligen Banths hat Lothar heute verlassen“, antwortete er.

„Aber die Soldaten – die Bogenschützen!“, rief Carthoris. „Wir sahen Tausende aus genau diesem Tor hervorkommen, die die Horden von Torquas überwältigten und sie mit ihren tödlichen Pfeilen und ihren wilden Banths in die Flucht schlugen.“

Wieder lächelte der Mann sein wissendes Lächeln.

„Schau!“, rief er und deutete eine breite Allee vor sich hinunter.

Carthoris und Thuvia folgten der angegebenen Richtung, und dort, stolz im Sonnenlicht marschierend, sahen sie ein großes Heer von Bogenschützen auf sich zukommen.

„Ah!“, rief Thuvia. „Sie sind durch ein anderes Tor zurückgekehrt, oder vielleicht sind dies die Truppen, die zurückblieben, um die Stadt zu verteidigen?“

Wieder lächelte der Kerl sein unheimliches Lächeln.

„Es gibt keine Soldaten in Lothar“, sagte er. „Schau!“

Sowohl Carthoris als auch Thuvia hatten sich ihm zugewandt, während er sprach, und nun, als sie sich wieder den anrückenden Regimentern zuwandten, weiteten sich ihre Augen vor Staunen, denn die breite Allee vor ihnen war so verlassen wie ein Grab.

„Und diejenigen, die heute gegen die Horden auszogen?“, flüsterte Carthoris. „Waren auch sie unwirklich?“

Der Mann nickte.

„Aber ihre Pfeile töteten die grünen Krieger“, beharrte Thuvia.

„Lasst uns vor Tario gehen“, antwortete der Lotharier. „Er wird euch sagen, was er für angemessen hält, dass ihr es wisst. Ich könnte zu viel verraten.“

„Wer ist Tario?“, fragte Carthoris.

„Jeddak von Lothar“, antwortete der Führer und führte sie die breite Allee hinauf, auf der sie vor einem Augenblick noch die Phantom-Armee hatten marschieren sehen.

Eine halbe Stunde lang gingen sie entlang herrlicher Alleen zwischen den prachtvollsten Gebäuden, die die beiden je gesehen hatten. Wenige Menschen waren zu sehen. Carthoris konnte nicht umhin, das verlassene Erscheinungsbild der mächtigen Stadt zu bemerken.

Schließlich kamen sie zum königlichen Palast. Carthoris sah ihn aus der Ferne und, die Art des prächtigen Gebäudekomplexes erratend, wunderte er sich, dass selbst hier so wenig Anzeichen von Aktivität und Leben herrschten.

Nicht einmal ein einziger Wachposten war vor dem großen Eingangstor sichtbar, noch gab es in den Gärten dahinter, in die er sehen konnte, ein Anzeichen für das unzählige Leben, das innerhalb der Bezirke der königlichen Anwesen der roten Jeddaks pulsiert.

„Hier“, sagte ihr Führer, „ist der Palast von Tario.“

Während er sprach, ließ Carthoris seinen Blick erneut auf dem wundersamen Palast ruhen. Mit einem erschrockenen Ausruf rieb er sich die Augen und sah noch einmal hin. Nein! Er konnte sich nicht geirrt haben. Vor dem massiven Tor standen zwanzig Wachposten. Innerhalb war die Allee, die zum Hauptgebäude führte, auf beiden Seiten von Reihen von Bogenschützen gesäumt. Die Gärten waren übersät mit Offizieren und Soldaten, die sich schnell hin und her bewegten, als seien sie in die Pflichten des Augenblicks vertieft.

Was für ein Volk war dies, das ein Heer aus dem Nichts herbeizaubern konnte? Er blickte zu Thuvia. Auch sie hatte offensichtlich die Verwandlung miterlebt.

Mit einem kleinen Schaudern drängte sie sich enger an ihn.

„Was hältst du davon?“, flüsterte sie. „Es ist höchst unheimlich.“

„Ich kann es mir nicht erklären“, antwortete Carthoris, „es sei denn, wir sind verrückt geworden.“

Carthoris wandte sich schnell dem Lotharier zu. Der Kerl grinste breit.

„Ich dachte, du hättest gerade gesagt, dass es in Lothar keine Soldaten gibt“, sagte der Heliumite mit einer Geste in Richtung der Gardisten. „Was sind diese?“

„Frag Tario“, antwortete der andere. „Wir werden bald vor ihm stehen.“

Und es dauerte nicht lange, bis sie eine hohe Kammer betraten, an deren einem Ende ein Mann auf einem reich verzierten Diwan lag, der auf einem hohen Podest stand.

Als das Trio sich näherte, richtete der Mann träumerisch und schläfrig seine Augen auf sie. Zwanzig Fuß vor dem Podest hielt ihr Begleiter an und warf sich, während er Thuvia und Carthoris zuflüsterte, es ihm gleichzutun, langgestreckt auf den Boden. Dann erhob er sich auf Hände und Knie und begann, in Richtung des Fußes des Throns zu kriechen, wobei er seinen Kopf hin und her wiegte und seinen Körper wand, wie man es bei einem Hund gesehen hat, wenn er sich seinem Herrn nähert.

Thuvia blickte schnell zu Carthoris. Er stand aufrecht, den Kopf hoch erhoben und die Arme über der breiten Brust verschränkt. Ein stolzes Lächeln umspielte seine Lippen.

Der Mann auf dem Podest beäugte ihn aufmerksam, und Carthoris von Helium blickte dem anderen gerade ins Gesicht.

„Wer sind diese, Jav?“, fragte der Mann denjenigen, der auf seinem Bauch den Boden entlang kroch.

„O Tario, herrlichster Jeddak“, antwortete Jav, „dies sind Fremde, die mit den Horden von Torquas an unsere Tore kamen und sagten, sie seien Gefangene der grünen Männer. Sie erzählen seltsame Geschichten von Städten weit jenseits von Lothar.“

„Steh auf, Jav“, befahl Tario, „und frage diese beiden, warum sie Tario nicht den Respekt erweisen, der ihm gebührt.“

Jav erhob sich und wandte sich den Fremden zu. Beim Anblick ihrer aufrechten Haltung wurde sein Gesicht leichenblass. Er sprang auf sie zu.

„Kreaturen!“, schrie er. „Runter! Runter auf eure Bäuche vor dem letzten der Jeddaks von Barsoom!“

„Er sagt, dass wir, sofern wir behaupten, wir allein seien wirklich, auch konsequent zugeben sollten, dass wir allein das angemessene Futter für Komal sind. Manchmal, wie heute, finden wir anderes Futter für ihn. Er ist sehr vernarrt in Torquasianer.“

„Und Komal ist ein Mann?“, fragte Carthoris.

„Er ist das All, habe ich dir gesagt“, antwortete Jav. „Ich weiß nicht, wie ich ihn in Worten erklären soll, die du verstehst. Er ist der Anfang und das Ende. Alles Leben geht von Komal aus, da die Substanz, die das Gehirn mit Vorstellungen speist, vom Körper Komals ausstrahlt.“

„Sollte Komal aufhören zu essen, würde alles Leben auf Barsoom aufhören zu existieren. Er kann nicht sterben, aber er könnte aufhören zu essen und damit aufhören auszustrahlen.“

„Und er ernährt sich von den Männern und Frauen deines Glaubens?“, rief Carthoris.

„Frauen!“, rief Jav. „Es gibt keine Frauen in Lothar. Die letzten der lotharischen Weibchen kamen vor Zeitaltern auf jener grausamen und schrecklichen Reise über die schlammigen Ebenen um, die die halb ausgetrockneten Meere säumten, als die grünen Horden uns über die Welt bis zu diesem unserem letzten Versteck trieben – unserer uneinnehmbaren Festung Lothar.“

„Kaum zwanzigtausend Männer von all den unzähligen Millionen unseres Volkes überlebten, um Lothar zu erreichen. Unter uns waren keine Frauen und keine Kinder. All diese waren unterwegs umgekommen.“

„Mit der Zeit starben auch wir, und das Volk näherte sich schnell dem Aussterben, als uns die Große Wahrheit enthüllt wurde, dass der Geist alles ist. Viele weitere starben, bevor wir unsere Kräfte vervollkommneten, aber schließlich konnten wir dem Tod trotzen, als wir voll und ganz begriffen, dass der Tod lediglich ein Geisteszustand ist.“

„Dann kam die Erschaffung der Geist-Menschen oder vielmehr die Materialisierung von Vorstellungen. Wir setzten diese zum ersten Mal praktisch ein, als die Torquasianer unseren Rückzugsort entdeckten, und es war unser Glück, dass sie Zeitalter des Suchens brauchten, ehe sie den einzigen winzigen Eingang zum Tal von Lothar fanden.“

„An jenem Tag warfen wir unsere ersten Bogenschützen gegen sie. Die Absicht war rein, sie durch die riesige Anzahl an Bogenschützen, die wir auf unseren Mauern aufbieten konnten, zu verschrecken. Ganz Lothar starrte vor den Bögen und Pfeilen unseres ätherischen Heeres.“

„Doch die Torquasianer ließen sich nicht schrecken. Sie stehen tiefer als das Vieh – sie kennen keine Furcht. Sie stürmten unsere Mauern, und indem sie auf den Schultern anderer standen, bauten sie menschliche Zugänge zu den Mauerzinnen und waren kurz davor, über uns hereinzubrechen und uns zu überwältigen.“

„Nicht ein Pfeil war von unseren Bogenschützen abgeschossen worden – wir ließen sie nur auf den Mauern hin und her laufen, während sie den Feind mit Hohn und Drohungen belegten.“

„Alsbald dachte ich daran, das Ding zu versuchen – das große Ding. Ich konzentrierte meinen gesamten mächtigen Intellekt auf die Bogenschützen meiner eigenen Erschaffung – jeder von uns produziert und lenkt so viele Bogenschützen, wie seine Geistigkeit und Vorstellungskraft es vermögen.“

„Ich veranlasste sie zum ersten Mal dazu, Pfeile auf ihre Bögen zu legen. Ich ließ sie auf die Herzen der grünen Männer zielen. Ich ließ die grünen Männer all dies sehen, und dann ließ ich sie die Pfeile fliegen sehen, und ich brachte sie dazu zu glauben, dass die Spitzen ihre Herzen durchbohrten.“

„Das war alles, was nötig war. Zu Hunderten stürzten sie von unseren Mauern, und als meine Gefährten sahen, was ich getan hatte, folgten sie schnell meinem Beispiel, sodass die Horden von Torquas alsbald hinter die Reichweite unserer Pfeile zurückgewichen waren.“

„Wir hätten sie aus jeder Entfernung töten können, aber eine Regel des Krieges haben wir von Anfang an beibehalten – die Regel des Realismus. Wir tun nichts, oder besser gesagt, wir lassen unsere Bogenschützen in Sichtweite des Feindes nichts tun, was über das Verständnis des Feindes hinausgeht. Andernfalls könnten sie die Wahrheit erraten, und das wäre unser Ende.“

„Doch nachdem die Torquasianer hinter die Bogenreichweite zurückgewichen waren, wandten sie sich mit ihren schrecklichen Gewehren gegen uns und machten uns durch ständiges Schießen das Leben innerhalb unserer Mauern zur Hölle.“

„Da kam mir der Plan, unsere Bogenschützen durch die Tore auf sie loszulassen. Du hast heute gesehen, wie gut das funktioniert. Seit Zeitaltern fallen sie in Abständen über uns her, aber immer mit dem gleichen Ergebnis.“

„Und all dies ist deinem Intellekt zu verdanken, Jav?“, fragte Carthoris. „Ich sollte meinen, dass du in den Räten deines Volkes hoch angesehen sein müsstest.“

„Das bin ich“, antwortete Jav stolz. „Ich stehe direkt unter Tario.“

„Aber warum dann deine kriecherische Art, dich dem Thron zu nähern?“

„Tario verlangt es. Er ist eifersüchtig auf mich. Er wartet nur auf die geringste Entschuldigung, um mich an Komal zu verfüttern. Er fürchtet, dass ich eines Tages seine Macht an mich reißen könnte.“

Carthoris sprang plötzlich vom Tisch auf.

„Jav!“, rief er. „Ich bin ein Tier! Hier habe ich mich satt gegessen, während die Prinzessin von Ptarth womöglich noch immer ohne Nahrung ist. Lass uns zurückkehren und irgendeinen Weg finden, sie mit Nahrung zu versorgen.“

Der Lotharianer schüttelte den Kopf.

„Tario würde es nicht erlauben“, sagte er. „Er wird zweifellos eine Ätherialistin aus ihr machen.“

„Aber ich muss zu ihr“, bestand Carthoris. „Du sagst, dass es in Lothar keine Frauen gibt. Dann muss sie unter Männern sein, und wenn das so ist, beabsichtige ich, in ihrer Nähe zu sein, wo ich sie verteidigen kann, falls die Notwendigkeit entsteht.“

„Tario wird seinen Willen bekommen“, beharrte Jav. „Er hat dich fortgeschickt, und du darfst nicht zurückkehren, bis er nach dir schickt.“

„Dann werde ich gehen, ohne darauf zu warten, dass nach mir geschickt wird.“

„Vergiss die Bogenschützen nicht“, mahnte Jav.

„Ich vergesse sie nicht“, antwortete Carthoris, doch er sagte Jav nicht, dass er sich an etwas anderes erinnerte, das der Lotharianer hatte fallen lassen – etwas, das vielleicht nur eine Vermutung war, und doch eine, an die es sich lohnte, eine letzte Hoffnung zu knüpfen, sollte die Notwendigkeit entstehen.

Carthoris wollte den Raum verlassen. Jav trat vor ihn und versperrte ihm den Weg.

„Ich habe gelernt, dich zu mögen, roter Mann“, sagte er; „aber vergiss nicht, dass Tario immer noch mein Jeddak ist und dass Tario befohlen hat, dass du hier bleibst.“

Carthoris wollte gerade antworten, als an das Ohr beider schwach der Hilferuf einer Frau drang.

Mit einem Schwung seines Armes schob der Prinz von Helium den Lotharianer beiseite und sprang mit gezogenem Schwert in den Korridor hinaus.

KAPITEL VIII. DER SAAL DES VERDERBENS

Als Thuvia von Ptarth sah, wie Carthoris aus der Gegenwart Tarios schied und sie allein mit dem Mann zurückließ, ergriff sie ein plötzlicher Anfall von Terror.

Ein Hauch von Geheimnis durchdrang die stattliche Kammer. Ihre Einrichtung und Ausstattung zeugten von Reichtum und Kultur und legten die Vermutung nahe, dass der Raum oft Schauplatz königlicher Funktionen war, die ihn bis auf den letzten Platz füllten.

Und doch war nirgends um sie herum, in Vorzimmer oder Korridor, ein Anzeichen für irgendein anderes Wesen als sie selbst und die ausgestreckte Gestalt Tarios, des Jeddaks, der sie mit halb geschlossenen Augen aus dem prunkvollen Schmuck seines königlichen Lagers beobachtete.

Eine Zeit lang nach dem Weggang von Jav und Carthoris musterte der Mann sie eindringlich. Dann sprach er.

„Komm näher“, sagte er, und als sie sich näherte: „Wessen Kreatur bist du? Wer hat es gewagt, seine Vorstellungen von einer Frau zu materialisieren? Es widerspricht den Bräuchen und den königlichen Edikten von Lothar. Sag mir, Frau, aus wessen Gehirn bist du entsprungen? Jaws? Nein, leugne es nicht. Ich weiß, dass es niemand anderes als dieser neidische Realist sein könnte. Er versucht, mich zu in Versuchung zu führen. Er möchte sehen, wie ich dem Zauber deiner Reize erliege, und dann würde er, dein Meister, mein Schicksal – und mein Ende – lenken. Ich sehe es alles! Ich sehe es alles!“

Das Blut der Empörung und des Zorns war in Thuvias Gesicht gestiegen. Ihr Kinn war erhoben, eine hochmütige Kurve auf ihren vollkommenen Lippen.

„Ich weiß nichts“, rief sie, „von dem, wovon du faselst! Ich bin Thuvia, Prinzessin von Ptarth. Ich bin keines Mannes ‚Kreatur‘. Niemals zuvor habe ich denjenigen erblickt, den du Jav nennst, noch deine lächerliche Stadt, von der selbst die größten Nationen von Barsoom niemals geträumt haben.“

„Meine Reize sind nicht für dich, noch für deinesgleichen. Sie stehen nicht zum Verkauf oder Tausch, selbst wenn der Preis ein echter Thron wäre. Und was das Verwenden dieser angeht, um deine mehr als nutzlose Macht zu gewinnen –“ Sie beendete ihren Satz mit einem Achselzucken ihrer wohlgeformten Schultern und einem kleinen spöttischen Lachen.

Als sie geendet hatte, saß Tario auf der Kante seines Lagers, die Füße auf dem Boden. Er lehnte sich vor, die Augen nicht mehr halb geschlossen, sondern weit mit einem erschrockenen Ausdruck darin.

Er schien das Majestätsbeleidigungsdelikt ihrer Worte und Art nicht zu bemerken. Es lag offensichtlich etwas Erschreckenderes und Zwingenderes in ihrer Rede als das.

Langsam kam er auf die Füße.

„Bei den Reißzähnen Komals!“, murmelte er. „Aber du bist wirklich! Eine echte Frau! Kein Traum! Kein eitles und törichtes Hirngespinst!“

Er machte einen Schritt auf sie zu, mit ausgestreckten Händen.

„Komm!“, flüsterte er. „Komm, Frau! Seit unzähligen Zeitaltern habe ich geträumt, dass du eines Tages kommen würdest. Und nun, da du hier bist, kann ich kaum dem Zeugnis meiner Augen glauben. Selbst jetzt, da ich weiß, dass du wirklich bist, fürchte ich immer noch halb, dass du eine Lüge sein könntest.“

Thuvia wich zurück. Sie hielt den Mann für wahnsinnig. Ihre Hand stahl sich zum juwelenbesetzten Griff ihres Dolches. Der Mann sah die Bewegung und hielt inne. Ein verschlagener Ausdruck trat in seine Augen. Dann wurden sie zugleich traumverloren und durchdringend, als sie förmlich in das Gehirn des Mädchens bohrten.

Thuvia spürte plötzlich eine Veränderung über sich kommen. Was die Ursache dafür war, ahnte sie nicht; doch irgendwie begann der Mann vor ihr eine neue Beziehung in ihrem Herzen anzunehmen.

Nicht länger war er ein fremder und geheimnisvoller Feind, sondern ein alter und vertrauter Freund. Ihre Hand glitt vom Griff des Dolches. Tario kam näher. Er sprach sanfte, freundliche Worte, und sie antwortete ihm mit einer Stimme, die ihre eigene zu sein schien und doch die eines anderen.

Er war nun neben ihr. Seine Hand lag auf ihrer Schulter. Seine Augen waren auf ihre gerichtet. Sie blickte in sein Gesicht. Sein Blick schien gerade durch sie hindurch zu irgendeiner verborgenen Quelle des Gefühls in ihr zu bohren.

Ihre Lippen öffneten sich in plötzlicher Ehrfurcht und Staunen über die seltsame Enthüllung ihres inneren Selbst, das vor ihrem Bewusstsein bloßgelegt wurde. Sie kannte Tario schon immer. Er war ihr mehr als ein Freund. Sie rückte ein wenig näher an ihn heran. In einer einzigen schnellen Lichtflut erkannte sie die Wahrheit. Sie liebte Tario, den Jeddak von Lothar! Sie hatte ihn schon immer geliebt.

Der Mann, der den Erfolg seiner Strategie sah, konnte ein schwaches Lächeln der Befriedigung nicht unterdrücken. Ob etwas in seinem Gesichtsausdruck lag oder ob von Carthoris von Helium in einer fernen Kammer des Palastes eine mächtigere Suggestion ausging, wer mag das sagen? Doch etwas war da, das den seltsamen, hypnotischen Einfluss des Mannes plötzlich vertrieb.

Als ob eine Maske von ihren Augen gerissen worden wäre, sah Thuvia Tario plötzlich so, wie sie ihn zuvor gesehen hatte, und da sie an die seltsamen Manifestationen hoch entwickelter Geistigkeit gewöhnt war, die auf Barsoom üblich sind, riet sie schnell genug von der Wahrheit, um zu wissen, dass sie in großer Gefahr war.

Schnell machte sie einen Schritt zurück und riss sich aus seinem Griff. Doch die flüchtige Berührung hatte in Tario alle lange begrabenen Leidenschaften seiner lieblosen Existenz geweckt.

Mit einem gedämpften Schrei stürzte er sich auf sie, schlang seine Arme um sie und versuchte, ihre Lippen auf seine zu ziehen.

„Frau!“, rief er. „Reizende Frau! Tario würde dich zur Königin von Lothar machen. Hör mir zu! Hör auf die Liebe des letzten der Jeddaks von Barsoom.“

Thuvia kämpfte, um sich aus seiner Umarmung zu befreien.

„Halt ein, Kreatur!“, rief sie. „Halt ein! Ich liebe dich nicht. Halt ein, oder ich werde um Hilfe schreien!“

Tario lachte ihr ins Gesicht.

„‚Um Hilfe schreien‘“, ahmte er nach. „Und wer in den Hallen von Lothar ist da, der auf deinen Ruf hin kommen könnte? Wer würde es wagen, die Gegenwart Tarios ungebeten zu betreten?“

„Es gibt einen“, antwortete sie, „der kommen würde, und wenn er käme, würde er es wagen, dich auf deinem eigenen Thron niederzustrecken, wenn er glaubte, dass du Thuvia von Ptarth eine Beleidigung zugefügt hättest!“

„Wer, Jav?“, fragte Tario.

„Nicht Jav, noch irgendein anderer weichhäutiger Lotharianer“, antwortete sie; „sondern ein echter Mann, ein echter Krieger – Carthoris von Helium!“

Wieder lachte der Mann über sie.

„Du vergisst die Bogenschützen“, erinnerte er sie. „Was könnte dein roter Krieger gegen meine furchtlosen Legionen ausrichten?“

Wieder riss er sie grob an sich und zerrte sie zu seinem Lager.

„Wenn du nicht meine Königin sein willst“, sagte er, „sollst du meine Sklavin sein.“

„Keines von beidem!“, rief das Mädchen.

Während sie das eine Wort aussprach, gab es eine schnelle Bewegung ihrer rechten Hand; Tario, der sie losließ, taumelte zurück, beide Hände auf seine Seite gepresst. Im selben Augenblick füllte sich der Raum mit Bogenschützen, und dann sank der Jeddak von Lothar bewusstlos auf den Marmorboden.

In dem Moment, als er das Bewusstsein verlor, waren die Bogenschützen dabei, ihre Pfeile in Thuvias Herz zu entlassen. Unwillkürlich stieß sie einen einzigen Hilferuf aus, obwohl sie wusste, dass nicht einmal Carthoris von Helium sie jetzt noch retten konnte.

Dann schloss sie die Augen und wartete auf das Ende. Keine schlanken Pfeile durchbohrten ihre zarte Seite. Sie hob die Lider, um zu sehen, was die Hand ihrer Henker aufhielt.

Der Raum war leer, bis auf sie selbst und die stille Gestalt des Jeddaks von Lothar, der zu ihren Füßen lag, wobei eine kleine Lache aus Purpur den weißen Marmor des Bodens neben ihm befleckte. Tario war bewusstlos.

Thuvia war erstaunt. Wo waren die Bogenschützen? Warum hatten sie ihre Pfeile nicht losgelassen? Was konnte das alles bedeuten?

Einen Augenblick zuvor war der Raum auf geheimnisvolle Weise mit bewaffneten Männern gefüllt gewesen, die offensichtlich gerufen worden waren, um ihren Jeddak zu schützen; doch nun, da der Beweis ihrer Tat offensichtlich vor ihnen lag, waren sie ebenso geheimnisvoll verschwunden, wie sie gekommen waren, und ließen sie allein mit dem Körper ihres Herrschers, in dessen Seite sie ihre lange, scharfe Klinge gestoßen hatte.

Das Mädchen blickte besorgt umher, zuerst nach Anzeichen für die Rückkehr der Bogenschützen, und dann nach irgendeiner Möglichkeit zur Flucht.

Die Wand hinter dem Podium war von zwei kleinen Türen durchbrochen, die von schweren Vorhängen verborgen waren. Thuvia rannte schnell auf eine dieser zu, als sie das Klirren der Metallrüstung eines Kriegers am Ende des Gemachs hinter sich hörte.

Ach, wenn sie nur einen Augenblick mehr Zeit gehabt hätte, hätte sie jenen sichtverdeckenden Wandteppich erreichen und womöglich irgendeinen Fluchtweg dahinter finden können; doch nun war es zu spät – sie war entdeckt worden!

Mit einem Gefühl, das der Apathie nahekam, wandte sie sich um, um ihrem Schicksal zu begegnen, und dort, vor ihr, eilends über den breiten Saal an ihre Seite laufend, war Carthoris, sein nacktes Langschwert in der Hand funkelnd.

Tagelang hatte sie an den Absichten des Heliumiten gezweifelt. Sie hatte ihn für einen Komplizen ihrer Entführung gehalten. Seit das Schicksal sie zusammengeführt hatte, hatte sie ihn kaum mit mehr als den flüchtigsten Antworten auf seine Bemerkungen bedacht, es sei denn zu Zeiten, in denen die unheimlichen und gespenstischen Geschehnisse in Lothar sie aus ihrer Zurückhaltung überrascht hatten.

Sie wusste, dass Carthoris von Helium für sie kämpfen würde; doch ob, um sie für sich selbst oder einen anderen zu retten, darüber war sie im Ungewissen.

Er wusste, dass sie Kulan Tith, dem Jeddak von Kaol, versprochen war, doch wenn er an ihrer Entführung beteiligt gewesen war, konnten seine Motive nicht von Loyalität zu seinem Freund oder Achtung vor ihrer Ehre geleitet sein.

Und doch, als sie ihn über den Marmorboden des Audienzsaals von Tario von Lothar kommen sah, seine schönen Augen erfüllt von Sorge um ihre Sicherheit, seine prächtige Gestalt als Verkörperung all dessen, was am feinsten an den kämpfenden Männern des kriegerischen Mars ist, konnte sie nicht glauben, dass auch nur die geringste Spur von Treulosigkeit unter einem solch glorreichen Äußeren lauerte.

Niemals, dachte sie, war ihr in ihrem ganzen Leben der Anblick eines Mannes so willkommen gewesen. Nur mit Mühe hielt sie sich davon ab, nach vorne zu stürzen, um ihm zu begegnen.

Sie wusste, dass er sie liebte; doch rechtzeitig erinnerte sie sich daran, dass sie Kulan Tith versprochen war. Nicht einmal sich selbst durfte sie trauen, dem Heliumiten zu viel Dankbarkeit zu zeigen, damit er es nicht missverstand.

Carthoris war nun an ihrer Seite. Sein flüchtiger Blick hatte die Szene im Raum erfasst – die stille Gestalt des Jeddaks, die auf dem Boden hingestreckt lag – das Mädchen, das auf einen verhüllten Ausgang zueilte.

„Hat er dir etwas getan, Thuvia?“, fragte er.

Sie hielt ihre purpurrote Klinge hoch, damit er sie sehen konnte.

„Nein“, sagte sie, „er hat mir nichts getan.“

Ein grimmiges Lächeln erhellte Carthoris’ Gesicht.

„Gepriesen sei unser erster Vorfahre!“, murmelte er. „Und nun lass uns sehen, ob wir nicht unsere Flucht aus dieser verfluchten Stadt antreten können, bevor die Lotharianer entdecken, dass ihr Jeddak nicht mehr ist.“

Mit der festen Autorität, die demjenigen so gut stand, in dessen Adern das Blut von John Carter von Virginia und Dejah Thoris von Helium floss, ergriff er ihre Hand und schritt, über den Saal zurückkehrend, auf die große Türöffnung zu, durch die Jav sie früher am Tag in die Gegenwart des Jeddaks gebracht hatte.

Sie hatten die Schwelle fast erreicht, als eine Gestalt durch einen anderen Eingang in das Gemach sprang. Es war Jav. Auch er erfasste die Szene im Inneren auf einen Blick.

Carthoris wandte sich ihm zu, sein Schwert bereit in der Hand, und sein großer Körper schirmte die schlanke Gestalt des Mädchens ab.

„Komm, Jav von Lothar!“, rief er. „Lass uns der Sache sofort ins Auge sehen, denn nur einer von uns darf dieses Gemach lebend mit Thuvia von Ptarth verlassen.“ Dann, als er sah, dass der Mann kein Schwert trug, rief er aus: „Dann bring deine Bogenschützen mit, oder komm als mein Gefangener mit uns, bis wir die äußeren Tore deiner geisterhaften Stadt sicher passiert haben.“

„Du hast Tario getötet!“, rief Jav, die Herausforderung des anderen ignorierend. „Du hast Tario getötet! Ich sehe sein Blut auf dem Boden – echtes Blut – echter Tod. Tario war schließlich so wirklich wie ich. Doch er war ein Ätherialist. Er wollte seine Nahrung nicht materialisieren. Kann es sein, dass sie recht haben? Nun, auch wir haben recht. Und all diese Zeitalter haben wir gestritten – jeder sagte, der andere sei im Unrecht!“

„Wie dem auch sei, er ist nun tot. Darüber bin ich froh. Nun soll Jav zu seinem Recht kommen. Nun soll Jav Jeddak von Lothar sein!“

Als er geendet hatte, öffnete Tario die Augen und setzte sich dann schnell auf.

„Verräter! Meuchelmörder!“, schrie er, und dann: „Kadar! Kadar!“, was das Barsoomianische Wort für Wache ist.

Jav wurde leichenblass. Er warf sich auf den Bauch und kroch wimmernd auf Tario zu.

„Oh, mein Jeddak, mein Jeddak!“, wimmerte er. „Jav hatte keine Hand im Spiel. Jav, dein treuer Jav, hat das Gemach erst in diesem Augenblick betreten, um dich auf dem Boden liegend zu finden und diese beiden Fremden, die im Begriff waren zu gehen. Wie es geschah, weiß ich nicht. Glaube mir, ruhmreichster Jeddak!“

„Schweig, Schurke!“, rief Tario. „Ich habe deine Worte gehört: ‚Wie dem auch sei, er ist nun tot. Darüber bin ich froh. Nun soll Jav zu seinem Recht kommen. Nun soll Jav Jeddak von Lothar sein.‘“

„Endlich, Verräter, habe ich dich entlarvt. Deine eigenen Worte haben dich ebenso sicher verurteilt wie die Taten dieser roten Kreaturen ihr Schicksal besiegelt haben – es sei denn –“ Er hielt inne. „Es sei denn, die Frau –“

Doch weiter kam er nicht. Carthoris ahnte, was er gesagt haben würde, und bevor die Worte ausgesprochen werden konnten, war er nach vorne gesprungen und hatte dem Mann mit der offenen Hand ins Gesicht geschlagen.

Tario schäumte vor Wut und Demütigung.

„Und solltest du die Prinzessin von Ptarth noch einmal beleidigen“, warnte der Heliumite, „werde ich vergessen, dass du kein Schwert trägst – nicht ewig kann ich meine juckende Schwerthand beherrschen.“

Tario wich zu den kleinen Türen hinter dem Podium zurück. Er versuchte zu sprechen, doch so scheußlich arbeiteten die Muskeln seines Gesichts, dass er mehrere Minuten lang kein Wort herausbringen konnte. Endlich gelang es ihm, verständlich zu artikulieren.

„Stirb!“, schrie er. „Stirb!“, und dann wandte er sich dem Ausgang hinter seinem Rücken zu.

Jav sprang vor, vor Entsetzen schreiend.

„Hab Erbarmen, Tario! Hab Erbarmen! Erinnere dich der langen Zeitalter, die ich dir treu gedient habe. Erinnere dich alles dessen, was ich für Lothar getan habe. Verdamme mich jetzt nicht zum scheußlichen Tod. Rette mich! Rette mich!“

Doch Tario lachte nur ein spöttisches Lachen und wich weiter auf die Vorhänge zurück, die die kleine Tür verbargen.

Jav wandte sich an Carthoris.

„Halt ihn auf!“, schrie er. „Halt ihn auf! Wenn dir dein Leben lieb ist, lass ihn diesen Raum nicht verlassen“, und während er sprach, sprang er seinem Jeddak hinterher.

Carthoris folgte Jaws Beispiel, doch der „letzte der Jeddaks von Barsoom“ war ihnen zu schnell. Als sie den Wandteppich erreichten, hinter dem er verschwunden war, fanden sie eine schwere Steintür, die ihr weiteres Vorankommen blockierte.

Jav sank in einem Krampf aus Entsetzen zu Boden.

„Komm, Mann!“, rief Carthoris. „Wir sind noch nicht tot. Lass uns zu den Alleen eilen und einen Versuch unternehmen, die Stadt zu verlassen. Wir leben noch, und solange wir leben, können wir noch versuchen, unser eigenes Schicksal zu lenken. Was nützt es, rückgratlos zu Boden zu sinken? Komm, sei ein Mann!“

Jav schüttelte nur den Kopf.

„Hast du ihn nicht nach den Wachen rufen hören?“, wimmerte er. „Ach, hätten wir ihn doch nur abfangen können! Dann hätte es Hoffnung geben können; doch ach, er war zu schnell für uns.“

„Nun, nun“, rief Carthoris ungeduldig. „Was macht es schon, wenn er die Wachen gerufen hat? Es wird Zeit genug sein, sich darüber Sorgen zu machen, wenn sie kommen – im Augenblick sehe ich keinerlei Anzeichen dafür, dass sie irgendeine Absicht haben, sich übermäßig anzustrengen, dem Befehl ihres Jeddak zu folgen.“

Jav schüttelte traurig den Kopf.

„Du verstehst nicht“, sagte er. „Die Wachen sind bereits gekommen – und gegangen. Sie haben ihre Arbeit getan, und wir sind verloren. Sieh dir die verschiedenen Ausgänge an.“

Carthoris und Thuvia wandten ihre Blicke in Richtung der verschiedenen Türöffnungen, die die Wände der großen Kammer durchbrachen. Jede war fest durch riesige Steintüren verschlossen.

„Nun?“, fragte Carthoris.

„Wir müssen den Tod sterben“, flüsterte Jav schwach.

Mehr als das wollte er nicht sagen. Er saß nur am Rand des Lagers des Jeddak und wartete.

Carthoris trat an Thuvias Seite, und dort mit gezogener Klinge stehend, ließ er seine tapferen Augen rastlos durch die große Kammer schweifen, damit kein Feind sie unbemerkt überfallen konnte.

Stundenlang schien kein Laut die Stille ihres lebendigen Grabes zu brechen. Ihre Henker gaben kein Zeichen über den Zeitpunkt oder die Art ihres Todes. Die Ungewissheit war schrecklich. Selbst Carthoris von Helium begann die schreckliche Belastung auf seinen Nerven zu spüren. Wenn er nur wüsste, wie und von wo die Hand des Todes zuschlagen würde, könnte er ihr furchtlos entgegentreten, doch die grausame Spannung dieser lähmenden Unwissenheit über die Pläne ihrer Mörder noch länger zu ertragen, setzte ihm schwer zu.

Thuvia von Ptarth rückte ganz nah an ihn heran. Sie fühlte sich sicherer, wenn sie seinen Arm an ihrem spürte, und durch den Kontakt mit ihr fasste der Mann neuen Mut. Mit seinem alten Lächeln wandte er sich ihr zu.

„Es scheint, als wollten sie uns zu Tode erschrecken“, sagte er lachend; „und Schande über mich, dass ich es gestehen muss, ich glaube, sie waren nahe daran, ihr Ziel mit mir zu erreichen.“

Sie wollte gerade antworten, als ein schrecklicher Schrei von den Lippen des Lothariers drang.

„Das Ende kommt!“, schrie er. „Das Ende kommt! Der Boden! Der Boden! Oh, Komal, sei gnädig!“

Thuvia und Carthoris mussten nicht auf den Boden blicken, um die seltsame Bewegung wahrzunehmen, die vor sich ging.

Langsam senkten sich die Marmorplatten in alle Richtungen zur Mitte hin. Zuerst war die Bewegung, da sie allmählich geschah, kaum bemerkbar; doch bald war der Winkel des Bodens so, dass man nur noch leicht stehen konnte, wenn man ein Knie beträchtlich beugte.

Jav schrie noch immer und krallte sich an das königliche Lager, das bereits begonnen hatte, zur Mitte des Raumes zu gleiten, wo sowohl Thuvia als auch Carthoris plötzlich eine kleine Öffnung bemerkten, deren Durchmesser zunahm, während der Boden mehr und mehr eine trichterartige Kontur annahm.

Nun wurde es immer schwieriger, sich an der schwindelerregenden Neigung des glatten und polierten Marmors festzuhalten.

Carthoris versuchte, Thuvia zu stützen, begann aber selbst zu rutschen und in Richtung der immer größer werdenden Öffnung zu gleiten.

Um sich besser an dem glatten Stein festhalten zu können, trat er seine Sandalen aus Zitidar-Leder ab und stemmte sich mit seinen nackten Füßen gegen die krankhafte Schräge, während er gleichzeitig seine Arme stützend um das Mädchen legte.

In ihrem Entsetzen schlangen sich ihre eigenen Hände um den Hals des Mannes. Ihre Wange war nah an seiner. Der Tod, ungesehen und von unbekannter Gestalt, schien ihnen nahe zu sein, und weil er ungesehen und unergründlich war, war er unendlich viel erschreckender.

„Mut, meine Prinzessin“, flüsterte er.

Sie blickte in sein Gesicht, um lächelnde Lippen über den ihren und tapfere Augen zu sehen, die, unberührt von Schrecken, tief aus den ihren tranken.

Dann sackte der Boden ab und neigte sich schneller. Es gab ein plötzliches rutschendes Stürzen, als sie in Richtung der Öffnung geschleudert wurden.

Javs Schreie stiegen gespenstisch und schrecklich in ihren Ohren auf, und dann fanden sich die drei auf dem königlichen Lager des Tario wieder, das in der Öffnung an der Basis des Marmortrichters steckengeblieben war.

Einen Moment lang atmeten sie freier, doch bald entdeckten sie, dass die Öffnung sich weiter vergrößerte. Das Lager rutschte abwärts. Jav schrie erneut. Es war ein krankhaftes Gefühl, als sie spürten, wie unter ihnen alles nachgab, während sie durch die Dunkelheit einem unbekannten Tod entgegenfielen.

KAPITEL IX. DIE SCHLACHT IN DER EBENE

Die Entfernung vom Boden des Trichters bis zum Boden der Kammer darunter konnte nicht groß gewesen sein, denn alle drei Opfer von Tarios Zorn kamen unversehrt unten an.

Carthoris, der Thuvia immer noch fest an seine Brust drückte, landete katzenhaft auf seinen Füßen und milderte den Aufprall für das Mädchen. Kaum hatten seine Füße den rauen Steinboden dieser neuen Kammer berührt, als sein Schwert blitzschnell zur sofortigen Verwendung bereit war. Doch obwohl der Raum beleuchtet war, gab es keine Spur eines Feindes.

Carthoris sah zu Jav. Der Mann war leichenblass vor Angst.

„Was wird unser Schicksal sein?“, fragte der Heliumite. „Sag es mir, Mann! Schüttle dein Entsetzen lange genug ab, um es mir zu sagen, damit ich bereit sein kann, mein Leben und das der Prinzessin von Ptarth so teuer wie möglich zu verkaufen.“

„Komal!“, flüsterte Jav. „Wir sollen von Komal verschlungen werden!“

„Deiner Gottheit?“, fragte Carthoris.

Der Lotharier nickte. Dann deutete er auf eine niedrige Tür an einem Ende der Kammer.

„Von dort wird er über uns herfallen. Leg dein mickriges Schwert beiseite, Narr. Es wird ihn nur noch mehr erzürnen und unser Leiden verschlimmern.“

Carthoris lächelte und umklammerte sein Langschwert fester.

Bald darauf stieß Jav ein entsetztes Stöhnen aus und zeigte gleichzeitig auf die Tür.

„Er ist gekommen“, wimmerte er.

Carthoris und Thuvia blickten in die Richtung, die der Lotharier angegeben hatte, in der Erwartung, eine seltsame und furchterregende Kreatur in menschlicher Gestalt zu sehen; doch zu ihrem Erstaunen sahen sie den breiten Kopf und die großmähnigen Schultern eines riesigen Banth, des größten, den je einer von ihnen gesehen hatte.

Langsam und würdevoll schritt das mächtige Tier in den Raum. Jav war zu Boden gefallen und wand sich in derselben unterwürfigen Weise, die er gegenüber Tario an den Tag gelegt hatte. Er sprach zu dem wilden Tier, als hätte er zu einem menschlichen Wesen gesprochen, und flehte es um Gnade an.

Carthoris trat zwischen Thuvia und den Banth, sein Schwert bereit, den Sieg des Tieres über sie zu bekämpfen. Thuvia wandte sich an Jav.

„Ist das Komal, dein Gott?“, fragte sie.

Jav nickte bejahend. Das Mädchen lächelte, und dann, an Carthoris vorbeigehend, trat sie schnell auf den knurrenden Fleischfresser zu.

In leisen, festen Tönen sprach sie zu ihm, wie sie zu den Banths der Goldenen Klippen und den Aasfressern vor den Mauern von Lothar gesprochen hatte.

Das Tier hörte auf zu knurren. Mit gesenktem Kopf und katzenhaftem Schnurren kam es zu den Füßen des Mädchens geschlichen. Thuvia wandte sich an Carthoris.

„Es ist nur ein Banth“, sagte sie. „Wir haben nichts von ihm zu befürchten.“

Carthoris lächelte.

„Ich habe ihn nicht gefürchtet“, antwortete er, „denn auch ich glaubte, es sei nur ein Banth, und ich habe mein Langschwert.“

Jav setzte sich auf und starrte auf das Schauspiel vor ihm – das schlanke Mädchen, das ihre Finger in die lohfarbene Mähne der riesigen Kreatur flocht, die er für göttlich gehalten hatte, während Komal seine abscheuliche Schnauze an ihrer Seite rieb.

„Also ist das dein Gott!“, lachte Thuvia.

Jav sah verwirrt aus. Er wusste kaum, ob er es wagen durfte, Komal zu beleidigen oder nicht, denn die Macht des Aberglaubens ist so stark, dass wir, selbst wenn wir wissen, dass wir einen Schwindel verehrt haben, dennoch zögern, die Gültigkeit unserer neu gewonnenen Überzeugungen zuzugeben.

„Ja“, sagte er, „das ist Komal. Seit Äonen werden die Feinde Tarios in diese Grube geworfen, um seinen Schlund zu füllen, denn Komal muss gefüttert werden.“

„Gibt es irgendeinen Ausweg aus dieser Kammer zu den Alleen der Stadt?“, fragte Carthoris.

Jav zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er. „Noch nie war ich hier, noch habe ich mich jemals darum geschert.“

„Komm“, schlug Thuvia vor, „lass uns erkunden. Es muss einen Ausweg geben.“

Gemeinsam näherten sich die drei der Türöffnung, durch die Komal den Raum betreten hatte, der Zeuge ihres Todes hätte werden sollen. Dahinter befand sich ein niedriges Versteck mit einer kleinen Tür am weit entfernten Ende.

Diese ließ sich zu ihrer Freude durch das Anheben eines gewöhnlichen Riegels öffnen und führte sie in eine kreisförmige Arena, die von Sitzreihen umgeben war.

„Hier wird Komal öffentlich gefüttert“, erklärte Jav. „Hätte Tario es gewagt, wäre unser Schicksal hier besiegelt worden; doch er fürchtete deine scharfe Klinge zu sehr, roter Mann, und so warf er uns alle hinunter in die Grube. Ich wusste nicht, wie eng die beiden Kammern miteinander verbunden waren. Nun können wir leicht die Alleen und die Stadttore erreichen. Nur die Bogenschützen könnten uns den Weg streitig machen, und da ich ihr Geheimnis kenne, bezweifle ich, dass sie die Macht haben, uns zu schaden.“

Eine weitere Tür führte zu einer Treppe, die von der Arenaebene aufwärts durch die Sitzreihen zu einem Ausgang an der Rückseite der Halle führte. Dahinter lag ein gerader, breiter Korridor, der direkt durch den Palast zu den Gärten an der Seite verlief.

Niemand schien sie aufzuhalten, als sie voranschritten, während der mächtige Komal an der Seite des Mädchens einherging.

„Wo sind die Menschen des Palastes – das Gefolge des Jeddak?“, fragte Carthoris. „Selbst in den Straßen der Stadt, als wir hindurchkamen, sah ich kaum ein Anzeichen eines menschlichen Wesens, und doch gibt es überall Beweise für eine mächtige Bevölkerung.“

Jav seufzte.

„Armes Lothar“, sagte er. „Es ist wahrlich eine Stadt der Geister. Es sind kaum tausend von uns übrig, die wir einst in die Millionen zählten. Unsere große Stadt wird von den Geschöpfen unserer eigenen Einbildung bevölkert. Für unsere eigenen Bedürfnisse machen wir uns nicht die Mühe, diese Völker unseres Gehirns zu materialisieren, doch für uns sind sie sichtbar.

„Selbst jetzt sehe ich große Scharen, die die Allee säumen und eilends ihren Pflichten nachgehen. Ich sehe Frauen und Kinder auf den Balkonen lachen – diese dürfen wir nicht materialisieren; doch ich sehe sie dennoch – sie sind hier. ... Aber warum eigentlich nicht?“, sinnierte er. „Ich brauche Tario nicht mehr zu fürchten – er hat sein Schlimmstes getan und versagt. Warum eigentlich nicht?“

„Bleibt hier, Freunde“, fuhr er fort. „Wollt ihr Lothar in all ihrer Pracht sehen?“

Carthoris und Thuvia nickten zustimmend, mehr aus Höflichkeit, als dass sie die Bedeutung seines Gemurmels voll erfasst hätten.

Jav betrachtete sie einen Augenblick lang durchdringend, dann rief er mit einer Handbewegung: „Seht!“

Der Anblick, der sich ihnen bot, war ehrfurchtgebietend. Wo zuvor nichts als verlassene Pflaster und scharlachrote Wiesen, gähnende Fenster und herrenlose Türen gewesen waren, wimmelte es nun von einer zahllosen Menge glücklicher, lachender Menschen.

„Es ist die Vergangenheit“, sagte Jav mit leiser Stimme. „Sie sehen uns nicht – sie leben nur die alte, tote Vergangenheit des antiken Lothar – das tote und zerfallene Lothar der Antike, das am Ufer von Throxus stand, dem mächtigsten der fünf Ozeane.“

„Seht ihr diese feinen, aufrechten Männer, die die breite Allee entlangschwingen? Seht ihr, wie die jungen Mädchen und die Frauen sie anlächeln? Seht ihr, wie die Männer sie mit Liebe und Respekt grüßen? Das sind Seefahrer, die von ihren Schiffen kommen, die an den Kais am Rande der Stadt liegen.“

„Tapfere Männer, sie – ach, aber die Pracht von Lothar ist verblasst! Seht ihre Waffen. Sie allein trugen Waffen, denn sie überquerten die fünf Meere zu fremden Orten, wo Gefahren lauerten. Mit ihrem Dahingehen verging der kriegerische Geist der Lotharier und hinterließ, als die Zeiten vorüberzogen, eine Rasse rückgratloser Feiglinge.“

„Wir hassten den Krieg, und so bildeten wir unsere Jugend nicht in kriegerischen Wegen aus. So folgte unser Untergang, denn als die Meere austrockneten und die grünen Horden in uns eindrangen, konnten wir nichts tun, als zu fliehen. Doch wir erinnerten uns an die seefahrenden Bogenschützen der Tage unserer Pracht – es ist die Erinnerung an diese, die wir auf unsere Feinde schleudern.“

Als Jav zu sprechen aufhörte, verblasste das Bild, und wieder nahmen die drei ihren Weg zu den fernen Toren entlang verlassener Alleen auf.

Zweimal sichteten sie Lotharier aus Fleisch und Blut. Beim Anblick ihrer und des riesigen Banth, den sie als Komal erkannt haben mussten, wandten sich die Bürger um und flohen.

„Sie werden Nachricht von unserer Flucht zu Tario bringen“, rief Jav, „und bald wird er seine Bogenschützen hinter uns herschicken. Hoffen wir, dass unsere Theorie stimmt und dass ihre Pfeile gegen Köpfe machtlos sind, die sich ihrer Unwirklichkeit bewusst sind. Andernfalls sind wir dem Untergang geweiht.“

„Erkläre, roter Mann, der Frau die Wahrheiten, die ich dir erklärt habe, damit sie den Pfeilen mit einer stärkeren Gegen-Suggestion der Immunität begegnen kann.“

Carthoris tat, wie Jav ihm befahl; doch sie erreichten die großen Tore, ohne dass Anzeichen einer Verfolgung auftauchten. Hier setzte Jav den Mechanismus in Gang, der das riesige, radartige Tor zur Seite rollte, und einen Augenblick später traten die drei, begleitet von dem Banth, hinaus in die Ebene vor Lothar.

Kaum hatten sie hundert Meter zurückgelegt, als der Schall vieler schreiender Männer hinter ihnen ertönte. Als sie sich umdrehten, sahen sie eine Kompanie von Bogenschützen, die aus dem Tor, durch das sie gerade erst gegangen waren, auf die Ebene hinaustrat.

Auf der Mauer über dem Tor befanden sich eine Reihe von Lothariern, unter denen Jav Tario erkannte. Der Jeddak stand da und starrte sie an, wobei er offensichtlich alle Kräfte seines geschulten Geistes auf sie konzentrierte. Dass er eine höchste Anstrengung unternahm, um seine imaginären Kreaturen tödlich zu machen, war offensichtlich.

Jav wurde weiß und begann zu zittern. Im entscheidenden Moment schien er den Mut seiner Überzeugung zu verlieren. Der große Banth wandte sich zurück zu den anrückenden Bogenschützen und knurrte. Carthoris stellte sich zwischen Thuvia und den Feind und erwartete, ihnen gegenüberstehend, den Ausgang ihres Ansturms.

Plötzlich kam Carthoris eine Inspiration.

„Schleudere deine eigenen Bogenschützen gegen Tarios!“, rief er Jav zu. „Lass uns eine materialisierte Schlacht zwischen zwei Mentalitäten sehen.“

Der Vorschlag schien den Lotharier zu ermutigen, und im nächsten Augenblick standen die drei hinter festen Reihen riesiger Bogenschützen, die der anrückenden Kompanie, die aus der ummauerten Stadt kam, Spott und Drohungen entgegenwarfen.

Jav war ein neuer Mann, sobald seine Bataillone zwischen ihm und Tario standen. Man hätte fast schwören können, der Mann glaubte, diese Geschöpfe seiner seltsamen hypnotischen Kraft seien aus echtem Fleisch und Blut.

Mit heiseren Schlachtrufen stürmten sie auf Tarios Bogenschützen los. Widerhakenpfeile flogen dicht und schnell. Männer fielen, und der Boden war rot vom Blut.

Carthoris und Thuvia hatten Schwierigkeiten, die Realität des Ganzen mit ihrem Wissen um die Wahrheit in Einklang zu bringen. Sie sahen Utan um Utan aus dem Tor marschieren, im perfekten Gleichschritt, um die zahlenmäßig unterlegene Kompanie zu verstärken, die Tario zuerst ausgesandt hatte, um sie aufzuhalten.

Sie sahen, wie Jaws Streitkräfte entsprechend wuchsen, bis um sie herum ein Meer aus kämpfenden, fluchenden Kriegern wogte und die Toten auf dem Feld in Haufen lagen.

Jav und Tario schienen alles andere außer den kämpfenden Bogenschützen vergessen zu haben, die hin und her wogten und das weite Feld zwischen dem Wald und der Stadt füllten.

Der Wald ragte dicht hinter Thuvia und Carthoris auf. Letzterer warf einen Blick in Richtung Jav.

„Komm!“, flüsterte er dem Mädchen zu. „Lass sie ihre leere Schlacht ausfechten – keiner hat offensichtlich die Macht, dem anderen zu schaden. Sie sind wie zwei Disputierende, die einander Worte entgegenschleudern. Während sie beschäftigt sind, können wir unsere Energien ebenso gut darauf verwenden, den Durchgang durch die Klippen zur Ebene dahinter zu finden.“

Als er sprach, fing Jav, der sich für einen Augenblick vom Kampf abwandte, seine Worte auf. Er sah, wie sich das Mädchen bewegte, um den Heliumiten zu begleiten. Ein listiger Blick trat in die Augen des Lothariers.

Das, was hinter diesem Blick lag, hatte tief in seinem Herzen geschlummert, seit er Thuvia von Ptarth zum ersten Mal erblickt hatte. Er hatte es jedoch nicht erkannt, bis sie nun aus seinem Dasein zu verschwinden schien.

Er konzentrierte seinen Geist für einen Augenblick auf den Heliumiten und das Mädchen.

Carthoris sah, wie Thuvia von Ptarth mit ausgestreckter Hand vortrat. Er war überrascht über diese plötzliche Milde ihm gegenüber, und mit vollem Herzen ließ er seine Finger ihre umschließen, als sie sich gemeinsam vom vergessenen Lothar abwandten, in den Wald hinein, und ihre Schritte in Richtung der fernen Berge lenkten.

Als der Lotharier sich ihnen zugewandt hatte, war Thuvia überrascht gewesen, Carthoris plötzlich einen neuen Plan äußern zu hören.

„Bleib hier bei Jav“, hatte sie ihn sagen hören, „während ich gehe, um nach dem Durchgang durch die Klippen zu suchen.“

Sie war vor Überraschung und Enttäuschung zurückgewichen, denn sie wusste, dass es keinen Grund gab, warum sie ihn nicht hätte begleiten sollen. Sicherlich wäre sie bei ihm sicherer gewesen, als hier allein mit dem Lotharier zurückzubleiben.

Und Jav beobachtete die beiden und lächelte sein listiges Lächeln.

Als Carthoris im Wald verschwunden war, setzte sich Thuvia teilnahmslos auf die scharlachrote Wiese, um die scheinbar endlosen Kämpfe der Bogenschützen zu beobachten.

Der lange Nachmittag schleppte sich mühsam in Richtung Dunkelheit, und immer noch stürmten und zogen sich die imaginären Legionen zurück. Die Sonne war kurz vor dem Untergang, als Tario begann, seine Truppen langsam in Richtung der Stadt zurückzuziehen.

Sein Plan für eine Einstellung der Feindseligkeiten über Nacht stieß bei Jav offensichtlich auf volle Zustimmung, denn er veranlasste seine Kräfte, sich in geordneten Utans zu formieren und knapp innerhalb des Waldrandes zu marschieren, wo sie bald eifrig damit beschäftigt waren, ihre Abendmahlzeit zuzubereiten und ihre Schlafseiden und Felle für die Nacht auszubreiten.

Thuvia konnte sich kaum ein Lächeln verkneifen, als sie die skrupulöse Sorgfalt bemerkte, mit der Jaws imaginäre Männer jedes winzige Detail ihres Verhaltens beachteten, als wären sie aus echtem Fleisch und Blut.

Wachposten wurden zwischen dem Lager und der Stadt aufgestellt. Offiziere klirrten hierhin und dorthin, erteilten Befehle und sahen zu, dass sie ordnungsgemäß ausgeführt wurden.

Thuvia wandte sich an Jav.

„Warum ist es so“, fragte sie, „dass du eine solch sorgfältige Feinheit in der Regelung deiner Geschöpfe beobachtest, wenn Tario genauso gut wie du weißt, dass sie nur Gespinste deines Gehirns sind? Warum erlaubst du ihnen nicht einfach, sich in dünne Luft aufzulösen, bis du wieder ihren vergeblichen Dienst benötigst?“

„Du verstehst sie nicht“, antwortete Jav. „Solange sie existieren, sind sie real. Ich rufe sie jetzt nur ins Dasein und lenke gewissermaßen ihre allgemeinen Handlungen. Doch danach, bis ich sie auflöse, sind sie genauso wirklich wie du oder ich. Ihre Offiziere befehligen sie unter meiner Führung. Ich bin der General – das ist alles. Und die psychologische Wirkung auf den Feind ist weitaus größer, als wenn ich sie lediglich als substanzlose Launen behandeln würde.“

„Dann“, fuhr der Lotharier fort, „gibt es immer die Hoffnung, die bei uns kaum weniger als ein Glaube ist, dass diese Materialisierungen eines Tages in die Realität übergehen werden – dass einige von ihnen bleiben werden, nachdem wir ihre Gefährten aufgelöst haben, und dass wir so ein Mittel gefunden haben, unsere sterbende Rasse zu verewigen.“

„Es gibt einige, die behaupten, dies bereits vollbracht zu haben. Es wird allgemein angenommen, dass die Ätheristen eine ganze Reihe unter sich haben, die dauerhafte Materialisierungen sind. Es wird sogar gesagt, dass dies auf Tario zutrifft, doch das kann nicht sein, denn er existierte, bevor wir die vollen Möglichkeiten der Suggestion entdeckt hatten.“

„Es gibt andere unter uns, die darauf bestehen, dass keiner von uns real ist. Dass wir all diese Zeitalter ohne materielle Nahrung und Wasser nicht hätten existieren können, wären wir selbst materiell gewesen. Obwohl ich ein Realist bin, neige ich selbst eher zu diesem Glauben.“

„Es scheint gut und vernünftig auf der Überzeugung zu basieren, dass unsere alten Vorfahren vor ihrem Aussterben solch wundersame Mentalitäten entwickelten, dass einige der stärkeren Geister unter ihnen nach dem Tod ihrer Körper weiterlebten – dass wir nur die unsterblichen Geister längst verstorbener Individuen sind.“

„Es würde möglich erscheinen, und doch, was mich betrifft, habe ich alle Attribute der körperlichen Existenz. Ich esse, ich schlafe“ – er hielt inne und warf einen bedeutungsvollen Blick auf das Mädchen – „ich liebe!“

Thuvia konnte die deutliche Bedeutung seiner Worte und seines Ausdrucks nicht missverstehen. Sie wandte sich mit einem kleinen, verächtlichen Achselzucken ab, das dem Lotharier nicht entging.

Er trat nah an sie heran und ergriff ihren Arm.

„Warum nicht Jav?“, rief er. „Wer ist ehrenwerter als der Zweite der ältesten Rasse der Welt? Dein Heliumit? Er ist fort. Er hat dich deinem Schicksal überlassen, um sich selbst zu retten. Komm, sei Jaws!“

Thuvia von Ptarth richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, die erhobene Schulter dem Mann zugewandt, das stolze Kinn in die Höhe gereckt, ein spöttisches Zucken um ihre Lippen.

„Du lügst!“, sagte sie leise, „der Heliumit weiß weniger von Treulosigkeit, als er von Furcht weiß, und von Furcht ist er ebenso unkundig wie das ungeschlüpfte Junge.“

„Wo ist er dann?“, spottete der Lotharier. „Ich sage dir, er ist aus dem Tal geflohen. Er hat dich deinem Schicksal überlassen. Aber Jav wird dafür sorgen, dass es ein angenehmes ist. Morgen werden wir an der Spitze meiner siegreichen Armee nach Lothar zurückkehren, und ich werde Jeddak sein und du meine Gemahlin. Komm!“ Und er versuchte, sie an seine Brust zu pressen.

Das Mädchen kämpfte darum, sich zu befreien, und schlug mit ihren metallenen Armreifen nach dem Mann. Doch er zog sie weiter zu sich heran, bis beide plötzlich von einem abscheulichen Knurren aufgeschreckt wurden, das aus dem dunklen Wald dicht hinter ihnen grollte.

KAPITEL X. KAR KOMAK, DER BOGENSCHÜTZE

Als Carthoris durch den Wald in Richtung der fernen Klippen schritt, Thuvias Hand noch immer fest in der seinen gepresst, wunderte er sich ein wenig über das anhaltende Schweigen des Mädchens, doch die Berührung ihrer kühlen Handfläche gegen seine war so angenehm, dass er fürchtete, den Zauber ihres neu gefundenen Vertrauens in ihn durch Sprechen zu brechen.

Weiter durch den dämmrigen Wald zogen sie, bis die Schatten der schnell herannahenden marsianischen Nacht begannen, sich über sie zu senken. Da wandte sich Carthoris um, um das Mädchen an seiner Seite anzusprechen.

Sie mussten gemeinsam Pläne für die Zukunft schmieden. Sein Plan war es, sofort durch die Klippen zu ziehen, wenn sie den Durchgang ausfindig machen könnten, und er war sich ziemlich sicher, dass sie nun dicht davor waren; doch er wollte ihr Einverständnis zu diesem Vorschlag.

Als sein Blick auf ihr ruhte, war er von ihrer seltsam ätherischen Erscheinung getroffen. Sie schien sich plötzlich in die hauchdünne Substanz eines Traums aufgelöst zu haben, und während er sie weiterhin betrachtete, verblasste sie langsam aus seinem Sichtfeld.

Für einen Augenblick war er sprachlos, und dann traf ihn die ganze Wahrheit wie ein Blitz. Jav hatte ihn glauben lassen, dass Thuvia ihn durch den Wald begleite, während er in Wahrheit das Mädchen für sich selbst zurückgehalten hatte!

Carthoris war entsetzt. Er verfluchte sich für seine Dummheit, und doch wusste er, dass die teuflische Macht, die der Lotharier beschworen hatte, um ihn zu verwirren, jeden hätte täuschen können.

Kaum hatte er die Wahrheit erkannt, als er begann, seine Schritte in Richtung Lothar zurückzuverfolgen, doch nun bewegte er sich im Trab, wobei ihn die irdischen Muskeln, die er von seinem Vater geerdet hatte, schnell über den weichen Teppich aus gefallenem Laub und üppigem Gras trugen.

Thurias helles Licht flutete die Ebene vor der ummauerten Stadt Lothar, als Carthoris aus dem Wald gegenüber dem großen Tor brach, das den Flüchtlingen zuvor am Tag den Ausgang aus der Stadt gewährt hatte.

Zuerst sah er kein Anzeichen dafür, dass außer ihm irgendjemand in der Nähe war. Die Ebene war verlassen. Keine Myriaden von Bogenschützen lagerten mehr unter dem herabhängenden Grün der riesigen Bäume. Keine blutigen Haufen gequälter Toter entstellten die Schönheit der scharlachroten Wiese. Alles war Stille. Alles war Frieden.

Der Heliumit, der am Waldrand kaum anhielt, drängte über die Ebene auf die Stadt zu, als er plötzlich eine zusammengekauerte Gestalt im Gras zu seinen Füßen entdeckte.

Es war der Körper eines Mannes, der auf dem Bauch lag. Carthoris drehte die Figur auf den Rücken. Es war Jav, doch zerrissen und verstümmelt, beinahe unkenntlich.

Der Prinz beugte sich tief herab, um zu sehen, ob noch ein Funken Leben in ihm steckte, und als er dies tat, hoben sich die Lider und trübe, leidende Augen blickten zu ihm auf.

„Die Prinzessin von Ptarth!“, rief Carthoris. „Wo ist sie? Antworte mir, Mann, oder ich vollende das Werk, das ein anderer so gut begonnen hat.“

„Komal“, murmelte Jav. „Er sprang mich an ... und hätte mich verschlungen, wenn das Mädchen nicht gewesen wäre. Dann gingen sie zusammen in den Wald – das Mädchen und der große Banth ... ihre Finger in seine lohfarbene Mähne verschlungen.“

„Welchen Weg nahmen sie?“, fragte Carthoris.

„Dort“, antwortete Jav schwach, „in Richtung des Durchgangs durch die Klippen.“

Der Prinz von Helium wartete nicht länger ab, sondern sprang auf die Füße und rannte zurück in den Wald.

Es dämmerte, als er den Eingang des dunklen Tunnels erreichte, der ihn in die andere Welt jenseits dieses Tals der geisterhaften Erinnerungen und seltsamen hypnotischen Einflüsse und Bedrohungen führen würde.

Innerhalb der langen, dunklen Gänge begegnete er keinem Unfall und keinem Hindernis, bis er schließlich in das Tageslicht hinter den Bergen gelangte, nicht weit vom südlichen Rand der Gebiete der Torquasier, nicht mehr als hundertfünfzig Haad entfernt.

Von der Grenze von Torquas bis zur Stadt Aaanthor sind es etwa zweihundert Haad, sodass der Heliumit eine Reise von mehr als einhundertfünfzig Erdmeilen vor sich hatte, bevor er Aaanthor erreichen würde.

Er konnte bestenfalls eine Vermutung wagen, dass Thuvia ihre Flucht in Richtung Aaanthor antreten würde. Dort lag das nächste Wasser, und dort konnte man eines Tages eine Rettungstruppe aus dem Reich ihres Vaters erwarten; denn Carthoris kannte Thuvan Dihn gut genug, um zu wissen, dass er nichts unversucht lassen würde, bis er die Wahrheit über die Entführung seiner Tochter aufgedeckt und alles erfahren hätte, was über ihren Aufenthaltsort zu erfahren war.

Er erkannte natürlich, dass die List, die den Verdacht auf ihn gelenkt hatte, die Entdeckung der Wahrheit stark verzögern würde, doch er ahnte kaum, welch gewaltige Ausmaße die Ergebnisse der Schurkerei von Astok von Dusar bereits angenommen hatten.

Gerade als er aus dem Ausgang des Tunnels trat, um über die Vorgebirge in Richtung Aaanthor zu blicken, zog eine Ptarth-Kampfflotte majestätisch und langsam in Richtung der Zwillingsstädte von Helium, während von weit her aus Kaol eine weitere mächtige Armada herbeieilte, um sich mit ihrem Verbündeten zu vereinen.

Er wusste nicht, dass angesichts der Indizienbeweise gegen ihn sogar sein eigenes Volk begonnen hatte, den Verdacht zu hegen, dass er die Ptarth-Prinzessin gestohlen haben könnte.

Er wusste nichts von dem Ausmaß, in dem die Dusarier gegangen waren, um die Freundschaft und das Bündnis zwischen den drei Großmächten der östlichen Hemisphäre – Helium, Ptarth und Kaol – zu zerstören.

Wie dusarische Abgesandte Anstellungen in wichtigen Ämtern der Außenministerien der drei großen Nationen gefunden hatten und wie durch diese Männer Nachrichten von einem Jeddak zum anderen verändert und entstellt wurden, bis die Geduld und der Stolz der drei Herrscher und ehemaligen Freunde die Demütigungen und Beleidigungen in diesen gefälschten Papieren nicht mehr ertragen konnten – nichts davon wusste er.

Auch wusste er nicht, wie John Carter, Kriegsherr des Mars, sich bis zuletzt geweigert hatte, dem Jeddak von Helium zu gestatten, Krieg gegen Ptarth oder Kaol zu erklären, aufgrund seines unerschütterlichen Glaubens an seinen Sohn und daran, dass sich letztlich alles zufriedenstellend aufklären würde.

Und nun bewegten sich zwei große Flotten auf Helium zu, während die dusarischen Spione am Hofe von Tardos Mors dafür sorgten, dass die Zwillingsstädte in Unkenntnis ihrer Gefahr blieben.

Der Krieg war von Thuvan Dihn erklärt worden, doch der Bote, der mit der Proklamation ausgesandt worden war, war ein Dusarier gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass kein Wort der Warnung über das Herannahen einer feindlichen Flotte die Zwillingsstädte erreichte.

Seit mehreren Tagen waren die diplomatischen Beziehungen zwischen Helium und ihren zwei mächtigsten Nachbarn abgebrochen, und mit der Abreise der Gesandten war ein völliges Ende der drahtlosen Kommunikation zwischen den Streitparteien eingetreten, wie es auf Barsoom üblich ist.

Doch von alldem wusste Carthoris nichts. Alles, was ihn im Moment interessierte, war das Auffinden von Thuvia von Ptarth. Ihre Spur neben der des riesigen Banth war bis zum Tunnel gut erkennbar gewesen und war nun wieder sichtbar, wie sie südwärts in die Vorgebirge führte.

Als er rasch abwärts in Richtung des toten Meeresbodens folgte, wo er wusste, dass er die Spur in der elastischen ockerfarbenen Vegetation verlieren würde, war er plötzlich überrascht, einen nackten Mann zu sehen, der sich ihm von Nordosten her näherte.

Als der Kerl näher kam, hielt Carthoris an, um ihn zu erwarten. Er wusste, dass der Mann unbewaffnet war und dass er anscheinend ein Lotharier war, denn seine Haut war weiß und sein Haar kastanienbraun.

Er näherte sich dem Heliumiten ohne Anzeichen von Furcht, und als er ganz nah war, rief er den fröhlichen barsoomianischen „Kaor“-Gruß.

„Wer bist du?“, fragte Carthoris.

„Ich bin Kar Komak, Odwar der Bogenschützen“, antwortete der andere. „Etwas Seltsames ist mir widerfahren. Seit Äonen hat Tario mich ins Dasein gerufen, wenn er die Dienste der Armee seines Geistes benötigte. Von allen Bogenschützen war es Kar Komak, der am häufigsten materialisiert wurde.

„Seit langer Zeit konzentriert Tario seinen Geist auf meine dauerhafte Materialisierung. Es war eine Besessenheit von ihm, dass dies eines Tages erreicht werden könnte und die Zukunft von Lothar gesichert wäre. Er behauptete, dass Materie nicht existiere, außer in der Vorstellungskraft des Menschen – dass alles mental sei, und so glaubte er, dass er durch das Beharren auf seiner Suggestion mich schließlich zu einer dauerhaften Suggestion in den Köpfen aller Kreaturen machen könnte.

„Gestern hatte er Erfolg, aber zu solch einem Zeitpunkt! Es muss ihm völlig unbekannt geschehen sein, so wie es mir ohne mein Wissen widerfuhr, als ich mit meiner Horde schreiender Bogenschützen die fliehenden Torquasier zurück auf ihre ockerfarbenen Ebenen verfolgte.

„Als die Dunkelheit hereinbrach und die Zeit kam, da wir wieder in Luft auflösen sollten, fand ich mich plötzlich allein am Rande der großen Ebene, die dort am Fuße der niedrigen Hügel liegt.

„Meine Männer waren zurück ins Nichts gegangen, aus dem sie entsprungen waren, aber ich blieb – nackt und unbewaffnet.

„Zuerst konnte ich es nicht verstehen, aber schließlich kam die Erkenntnis, was geschehen war. Tarios lange Suggestionen hatten schließlich gesiegt, und Kar Komak war zu einer Realität in der Welt der Menschen geworden; aber mein Geschirr und meine Waffen waren mit meinen Gefährten verblasst, und ließen mich nackt und unbewaffnet in einem feindlichen Land fern von Lothar zurück.“

„Du möchtest nach Lothar zurückkehren?“, fragte Carthoris.

„Nein!“, antwortete Kar Komak schnell. „Ich habe keine Liebe für Tario. Da ich ein Geschöpf seines Geistes bin, kenne ich ihn zu gut. Er ist grausam und tyrannisch – ein Meister, dem ich nicht dienen möchte. Jetzt, da es ihm gelungen ist, meine dauerhafte Materialisierung zu erreichen, wird er unerträglich sein, und er wird weitermachen, bis er Lothar mit seinen Kreaturen gefüllt hat. Ich frage mich, ob ihm das auch mit dem Mädchen von Lothar gelungen ist.“

„Ich dachte, dort gäbe es keine Frauen“, sagte Carthoris.

„In einem versteckten Gemach im Palast von Tario“, antwortete Kar Komak, „hat der Jeddak die Suggestion eines wunderschönen Mädchens aufrechterhalten, in der Hoffnung, dass sie eines Tages dauerhaft werden würde. Ich habe sie dort gesehen. Sie ist wundervoll! Aber um ihrer selbst willen hoffe ich, dass Tario bei ihr nicht so erfolgreich ist wie bei mir.

„Nun, roter Mann, ich habe dir von mir erzählt – was ist mit dir?“

Carthoris mochte das Gesicht und das Auftreten des Bogenschützen. Es gab kein Anzeichen von Zweifel oder Furcht in seinem Ausdruck, als er sich dem schwer bewaffneten Heliumiten näherte, und er hatte direkt und auf den Punkt gesprochen.

So erzählte der Prinz von Helium dem Bogenschützen von Lothar, wer er war und welches Abenteuer ihn in dieses ferne Land gebracht hatte.

„Gut!“, rief der andere, als er geendet hatte. „Kar Komak wird dich begleiten. Zusammen werden wir die Prinzessin von Ptarth finden, und mit dir wird Kar Komak in die Welt der Menschen zurückkehren – eine solche Welt, wie er sie in der längst vergangenen Vergangenheit kannte, als die Schiffe des mächtigen Lothar das erzürnte Throxus pflügten und die tosenden Brandungen gegen die Barriere dieser ausgedörrten und trostlosen Hügel schlugen.“

„Was meinst du damit?“, fragte Carthoris. „Hattest du wirklich eine frühere tatsächliche Existenz?“

„Ganz gewiss“, antwortete Kar Komak. „Zu meiner Zeit befehligte ich die Flotten von Lothar – die mächtigsten aller Flotten, die die fünf Salzmeere befuhren.

„Wo auch immer Menschen auf Barsoom lebten, war der Name Kar Komak bekannt und respektiert. Friedlich waren die Landrassen in jenen fernen Tagen – nur die Seefahrer waren Krieger; aber nun ist der Ruhm der Vergangenheit verblasst, noch dachte ich, bis ich dich traf, dass auf Barsoom eine einzige Person unseres Schlages übrig geblieben wäre, die lebte, liebte und kämpfte, wie es die alten Seefahrer meiner Zeit taten.

„Ah, aber es wird gut tun, wieder Menschen zu sehen – echte Menschen! Niemals hatte ich viel Respekt für die Landbewohner meiner Zeit. Sie blieben in ihren ummauerten Städten und vertrieben ihre Zeit mit Spielen, wobei sie für ihren Schutz gänzlich auf die Seerasse angewiesen waren. Und die armen Kreaturen, die übrig geblieben sind, die Tarios und Jaws von Lothar, sind sogar noch schlimmer als ihre alten Vorfahren.“

Carthoris war ein wenig skeptisch hinsichtlich der Klugheit, dem Fremden zu gestatten, sich ihm anzuschließen. Es bestand immer die Möglichkeit, dass er nur die Essenz irgendeines hypnotischen Verrats war, den Tario oder Jav gegen den Heliumiten auszuüben versuchten; und doch, so aufrichtig waren die Art und die Worte des Bogenschützen gewesen, so sehr schien er ein kämpfender Mann zu sein, dass Carthoris es nicht über sich brachte, an ihm zu zweifeln.

Das Ergebnis der Angelegenheit war, dass er dem nackten Odwar erlaubte, ihn zu begleiten, und gemeinsam machten sie sich auf die Spur von Thuvia und Komal.

Hinunter zum ockerfarbenen Meeresboden führte die Spur. Dort verschwand sie, wie Carthoris gewusst hatte, dass sie es würde; aber wo sie in die Ebene eintrat, war ihre Richtung auf Aaanthor zu gewesen, und so wandten die beiden ihre Gesichter Aaanthor zu.

Es war eine lange und mühsame Reise, voller Gefahren. Der Bogenschütze konnte das Tempo nicht halten, das Carthoris vorgab, dessen Muskeln ihn mit großer Geschwindigkeit über die Oberfläche des kleinen Planeten trugen, dessen Schwerkraft so viel weniger hemmende Kraft ausübt als die der Erde. Fünfzig Meilen am Tag ist ein fairer Durchschnitt für einen Barsoomianer, aber der Sohn von John Carter hätte leicht hundert oder mehr Meilen zurücklegen können, wenn er seinen neu gefundenen Kameraden hätte zurücklassen wollen.

Die ganze Zeit waren sie in ständiger Gefahr, von umherstreifenden Banden der Torquasier entdeckt zu werden, und dies galt insbesondere, bevor sie die Grenze von Torquas erreichten.

Das Glück war ihnen jedoch hold, und obwohl sie zwei Abteilungen der wilden grünen Männer sichteten, wurden sie selbst nicht gesehen.

Und so kamen sie am Morgen des dritten Tages in Sichtweite der glitzernden Kuppeln des fernen Aaanthor. Während der gesamten Reise hatte Carthoris ständig seine Augen angestrengt, um nach Thuvia und dem großen Banth Ausschau zu halten; doch bis jetzt hatte er nichts gesehen, was ihm Hoffnung gegeben hätte.

An diesem Morgen, weit voraus, auf halbem Weg zwischen ihnen und Aaanthor, sahen die Männer zwei winzige Gestalten, die sich auf die Stadt zubewegten. Einen Moment lang beobachteten sie sie aufmerksam. Dann sprang Carthoris, überzeugt, mit schnellem Lauf vorwärts, während Kar Komak so schnell folgte, wie er konnte.

Der Heliumit rief, um die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erregen, und bald wurde er damit belohnt, dass er sie sich umdrehen und zu ihm schauen sah. An ihrer Seite stand der große Banth mit aufgestellten Ohren und beobachtete den sich nähernden Mann.

Noch konnte Thuvia von Ptarth Carthoris nicht erkannt haben, obwohl sie davon überzeugt gewesen sein musste, dass er es war, denn sie wartete dort ohne Anzeichen von Furcht auf ihn.

Bald sah er sie in Richtung Nordwesten hinter sich deuten. Ohne sein Tempo zu verlangsamen, wandte er seine Augen in die Richtung, die sie anzeigte.

Lautlos über die dichte Vegetation rasend, nicht eine halbe Meile dahinter, kam ein Dutzend wilder grüner Krieger, die ihn auf ihren mächtigen Thoats angriffen.

Zu ihrer Rechten war Kar Komak, nackt und unbewaffnet, doch tapfer in Richtung Carthoris laufend und warnend rufend, als ob auch er gerade erst die lautlose, bedrohliche Gesellschaft entdeckt hätte, die sich so schnell mit eingelegten Speeren und bereiten Langschwertern vorwärts bewegte.

Carthoris rief dem Lotharier zu und warnte ihn zurück, denn er wusste, dass er sein Leben nur nutzlos opfern konnte, wenn er sich, völlig unbewaffnet, in den Weg der grausamen und unerbittlichen Wilden stellte.

Doch Kar Komak zögerte nicht. Mit Rufen der Ermutigung an seinen neuen Freund eilte er auf den Prinzen von Helium zu. Das Herz des roten Mannes sprang bei dieser Demonstration von Mut und Selbstaufopferung auf. Er bereute nun, dass er nicht daran gedacht hatte, Kar Komak eines seiner Schwerter zu geben; aber es war zu spät, es zu versuchen, denn wenn er darauf warten würde, dass der Lotharier ihn einholte oder zurückkehrte, um ihn zu treffen, würden die Torquasier Thuvia von Ptarth erreichen, bevor er es konnte.

Selbst so war es ein knappes Rennen, wer zuerst an ihrer Seite sein würde.

Wieder wandte er sein Gesicht in ihre Richtung, und nun sah er von der Seite von Aaanthor eine neue Truppe auf sie zueilen – zwei mittelgroße Kriegsschiffe – und selbst in der Entfernung, die sie noch von ihm hatten, erkannte er das Abzeichen von Dusar auf ihren Bugs.

Nun schien für Thuvia von Ptarth tatsächlich kaum noch Hoffnung zu bestehen. Mit wilden Kriegern der Horden von Torquas, die aus einer Richtung auf sie zustürmten, und nicht weniger unerbittlichen Feinden in Gestalt der Kreaturen von Astok, Prinz von Dusar, die aus einer anderen auf sie niedergingen, während nur ein Banth, ein roter Krieger und ein unbewaffneter Bogenschütze in der Nähe waren, um sie zu verteidigen, war ihre Notlage völlig hoffnungslos und ihre Sache bereits verloren, ehe sie überhaupt ausgefochten war.

Als Thuvia Carthoris sich nähern sah, spürte sie wieder dieses unerklärliche Gefühl der völligen Erleichterung von Verantwortung und Furcht, das sie bei einer früheren Gelegenheit erfahren hatte. Sie konnte es sich auch nicht erklären, während ihr Verstand noch versuchte, ihr Herz davon zu überzeugen, dass der Prinz von Helium an ihrer Entführung vom Hofe ihres Vaters beteiligt gewesen war. Sie wusste nur, dass sie froh war, als er an ihrer Seite war, und dass mit ihm dort alles möglich schien – selbst solche unmöglichen Dinge wie die Flucht aus ihrer gegenwärtigen Zwangslage.

Nun hatte er keuchend vor ihr angehalten. Ein tapferes Lächeln der Ermutigung erhellte sein Gesicht.

„Fasse Mut, meine Prinzessin“, flüsterte er.

Dem Mädchen kam die Gelegenheit in den Sinn, bei der er dieselben Worte benutzt hatte – im Thronsaal von Tario von Lothar, als sie begannen, über den sinkenden Marmorboden einem unbekannten Schicksal entgegenzugleiten.

Damals hatte sie ihn nicht für die Verwendung dieser vertrauten Anrede getadelt, noch tadelte sie ihn jetzt, obwohl sie einem anderen versprochen war. Sie wunderte sich über sich selbst – und errötete über ihre eigene Verwerflichkeit; denn auf Barsoom ist es eine schändliche Sache für eine Frau, diese zwei Worte von einem anderen als ihrem Ehemann oder ihrem Verlobten zu hören.

Carthoris sah ihr Erröten der Demütigung und bereute im selben Augenblick seine Worte. Es blieb nur ein Moment, bevor die grünen Krieger über sie herfallen würden.

„Vergib mir!“, sagte der Mann mit leiser Stimme. „Lass meine große Liebe meine Entschuldigung sein – das, und der Glaube, dass ich nur noch einen Augenblick zu leben habe“, und mit diesen Worten wandte er sich um, um dem vordersten der grünen Krieger entgegenzutreten.

Der Kerl griff mit eingelegtem Speer an, doch Carthoris sprang zur Seite, und als der große Thoat und sein Reiter harmlos an ihm vorbeischossen, schwang er sein Langschwert in einem mächtigen Hieb, der den grünen Kadaver entzweischnitt.

Im selben Moment sprang Kar Komak mit bloßen Händen, die nach dem Bein eines anderen der riesigen Reiter krallten; der Rest der Horde raste heran, um in den Nahkampf überzugehen, und stieg ab, um ihre bevorzugten Langschwerter besser führen zu können; die dusarischen Flieger berührten den weichen Teppich des ockerfarbenen Meeresbodens und spieen fünfzig kämpfende Männer aus ihrem Inneren aus; und in das wirbelnde Meer aus schneidenden, schlagenden Schwertern sprang Komal, der große Banth.

KAPITEL XI. GRÜNE MÄNNER UND WEISSE AFFEN

Ein torquasisches Schwert schlug einen streifenden Hieb über die Stirn von Carthoris. Er hatte eine flüchtige Vision von weichen Armen um seinen Hals und warmen Lippen dicht an seinen, bevor er das Bewusstsein verlor.

Wie lange er dort besinnungslos lag, konnte er nicht ermessen; aber als er wieder die Augen öffnete, war er allein, abgesehen von den Körpern der toten grünen Männer und Dusarier und dem Kadaver eines großen Banth, der halb über seinem eigenen lag.

Thuvia war verschwunden, und auch der Körper von Kar Komak war nicht unter den Toten.

Geschwächt vom Blutverlust, bahnte sich Carthoris langsam seinen Weg nach Aaanthor und erreichte dessen Außenbezirke bei Einbruch der Dunkelheit.

Er dürstete mehr nach Wasser als nach allem anderen, und so ging er weiter eine breite Allee entlang in Richtung des großen zentralen Platzes, wo, wie er wusste, das kostbare Nass in einem halb zerfallenen Gebäude gegenüber dem großen Palast des alten Jeddak zu finden war, der einst diese mächtige Stadt regiert hatte.

Mutlos und entmutigt durch die seltsame Abfolge von Ereignissen, die dazu vorherbestimmt schienen, jeden seiner Versuche, der Prinzessin von Ptarth zu dienen, zu vereiteln, achtete er kaum auf seine Umgebung. Er bewegte sich durch die verlassene Stadt, als ob keine großen weißen Affen in den schwarzen Schatten der geheimnisumwitterten Bauten lauerten, die die breiten Alleen und den großen Platz säumten.

Doch wenn Carthoris auch achtlos gegenüber seiner Umgebung war, so waren es nicht die anderen Augen, die seinen Eintritt auf den Platz beobachteten und seinen langsamen Schritten zu dem Marmorbau folgten, der die winzige, halb verstopfte Quelle beherbergte, deren Wasser man nur gewinnen konnte, indem man ein tiefes Loch in den roten Sand grub, der sie bedeckte.

Und als der Heliumit das kleine Gebäude betrat, tauchten ein Dutzend mächtiger, grotesker Gestalten aus dem Torbogen des Palastes auf, um lautlos über den Platz auf ihn zuzueilen.

Eine halbe Stunde lang blieb Carthoris in dem Gebäude, grub nach Wasser und erhielt die wenigen, dringend benötigten Tropfen, die der Lohn seiner Mühe waren. Dann erhob er sich und verließ langsam das Bauwerk. Kaum hatte er die Schwelle überschritten, als sich zwölf Torquasianer-Krieger auf ihn stürzten.

Keine Zeit, das Langschwert zu ziehen; doch flink flog sein langer, schmaler Dolch aus seinem Gurt, und als er unter ihnen zu Boden ging, hörte mehr als ein grünes Herz auf zu schlagen beim Biss jener scharfen Spitze.

Dann überwältigten sie ihn und nahmen ihm seine Waffen ab; doch nur neun der zwölf Krieger, die den Platz überquert hatten, kehrten mit ihrer Beute zurück.

Sie schleiften ihren Gefangenen grob zu den Palastgruben, wo sie ihn in völliger Dunkelheit mit rostigen Gliedern an das massive Mauerwerk der Wand ketteten.

„Morgen wird Thar Ban mit dir sprechen“, sagten sie. „Jetzt schläft er. Aber groß wird seine Freude sein, wenn er erfährt, wer unter uns gewandert ist – und groß wird die Freude von Hortan Gur sein, wenn Thar Ban den verrückten Narren vor ihn schleift, der es wagte, den großen Jeddak mit seinem Schwert zu stechen.“

Dann ließen sie ihn in der Stille und der Dunkelheit zurück.

Was wie Stunden schien, hockte Carthoris auf dem Steinboden seines Gefängnisses, den Rücken gegen die Wand gelehnt, in die der schwere Augbolzen eingelassen war, der die Kette hielt, die ihn fesselte.

Dann, aus der geheimnisvollen Schwärze vor ihm, drang das Geräusch nackter Füße an seine Ohren, die sich verstohlen auf Stein bewegten – näher und näher an den Ort, wo er lag, unbewaffnet und wehrlos.

Minuten vergingen – Minuten, die wie Stunden schienen –, während derer Perioden grabesähnlicher Stille von einer Wiederholung des unheimlichen Scharrens nackter Füße abgelöst wurden, die sich vorsichtig an ihn heranpirschten.

Endlich hörte er ein plötzliches Anstürmen unbeschuhter Sohlen durch die leere Schwärze, und in geringer Entfernung ein Gerangel, schweres Atmen und einmal das, was er für den gemurmelten Fluch eines Mannes hielt, der gegen eine Übermacht kämpfte. Dann das Klirren einer Kette und ein Geräusch, als würde ein gebrochenes Glied gegen Stein zurückschnellen.

Wieder trat Stille ein. Doch nur für einen Moment. Nun hörte er wieder die weichen Füße, die sich ihm näherten. Er glaubte, böse Augen zu erkennen, die ihn furchteinflößend durch die Dunkelheit anstarrten. Er wusste, dass er den schweren Atem kräftiger Lungen hören konnte.

Dann folgte der Ansturm vieler Füße auf ihn zu, und die Wesen waren über ihm.

Hände, die in menschenähnlichen Fingern endeten, krallten sich in seine Kehle, seine Arme und Beine. Haarige Körper spannten sich und kämpften gegen seine eigene glatte Haut, während er in grimmiger Stille gegen diese entsetzlichen Feinde in der Dunkelheit der Gruben des alten Aaanthor kämpfte.

Behauen wie ein riesiger Gott war Carthoris von Helium, doch in den Klauen dieser unsichtbaren Kreaturen der stygischen Nacht der Grube war er so hilflos wie eine gebrechliche Frau.

Dennoch kämpfte er weiter, schlug vergebliche Schläge gegen große, borstige Brüste, die er nicht sehen konnte; spürte dicke, gedrungene Kehlen unter seinen Fingern; den Sabber auf seiner Wange und heißen, fauligen Atem in seinen Nüstern.

Reißzähne, auch mächtige Reißzähne, wusste er, waren nah, und warum sie sich nicht in sein Fleisch gruben, konnte er nicht erraten.

Schließlich wurde er sich des mächtigen Andrängens einer Anzahl seiner Widersacher an der großen Kette bewusst, die ihn hielt, und alsbald ertönte dasselbe Geräusch, das er kurz zuvor in geringer Entfernung von sich gehört hatte, ehe er angegriffen worden war – seine Kette war gerissen und das gebrochene Ende gegen die Steinwand geschnellt.

Nun wurde er an beiden Seiten gepackt und in schnellem Tempo durch die dunklen Gänge geschleift – in welches Schicksal, konnte er nicht einmal erahnen.

Zuerst hatte er gedacht, seine Feinde könnten vom Stamm der Torquas sein, doch ihre haarigen Körper widerlegten diesen Glauben. Nun war er sich ihrer Identität endlich ganz sicher, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, warum sie ihn nicht sofort getötet und verschlungen hatten.

Nach einer halben Stunde oder mehr schnellen Rennens durch die unterirdischen Gänge, die ein charakteristisches Merkmal aller barsoomianischen Städte sind, der modernen wie der alten, traten seine Entführer plötzlich in das Mondlicht eines Innenhofs, weit entfernt vom zentralen Platz.

Sofort sah Carthoris, dass er in der Gewalt eines Stammes der großen weißen Affen von Barsoom war. Alles, was ihn zuvor an der Identität seiner Angreifer hatte zweifeln lassen, war die Behaarung ihrer Brüste gewesen, denn die weißen Affen sind völlig haarlos, abgesehen von einem großen, borstigen Schopf auf ihren Köpfen.

Nun sah er den Grund für das, was ihn getäuscht hatte – über der Brust eines jeden von ihnen lagen Streifen aus haarigem Fell, meist von Banths, in Nachahmung des Harnischs der grünen Krieger, die so oft in ihrer verlassenen Stadt kampierten.

Carthoris hatte von der Existenz von Affenstämmen gelesen, die sich langsam auf ein höheres Intelligenzniveau zuzubewegen schienen. In die Hände solcher, so erkannte er, war er gefallen; doch – was waren ihre Absichten mit ihm?

Als er sich im Innenhof umsah, sah er gut fünfzig der scheußlichen Bestien, die auf ihren Hinterteilen hockten, und in geringer Entfernung von ihm ein anderes menschliches Wesen, streng bewacht.

Als seine Augen die des Mitgefangenen trafen, erhellte ein Lächeln das Gesicht des anderen, und: „Kaor, roter Mann!“, brach es aus seinen Lippen. Es war Kar Komak, der Bogenschütze.

„Kaor!“, rief Carthoris zur Antwort. „Wie kamst du hierher, und was geschah mit der Prinzessin?“

„Rote Männer wie du stiegen in mächtigen Schiffen herab, die die Luft befuhren, genau wie die großen Schiffe meiner fernen Zeit die fünf Meere befuhren“, antwortete Kar Komak. „Sie kämpften mit den grünen Männern von Torquas. Sie erschlugen Komal, den Gott von Lothar. Ich dachte, sie seien deine Freunde, und ich war froh, als schließlich jene von ihnen, die die Schlacht überlebten, das rote Mädchen zu einem der Schiffe trugen und mit ihr in die Sicherheit der hohen Luft davonsegelten.

„Dann ergriffen mich die grünen Männer und verschleppten mich in eine große, leere Stadt, wo sie mich in einer schwarzen Grube an eine Wand ketteten. Danach kamen diese hier und schleppten mich hierher. Und was ist mit dir, roter Mann?“

Carthoris erzählte alles, was ihm widerfahren war, und während die beiden Männer sprachen, hockten die großen Affen um sie herum und beobachteten sie aufmerksam.

„Was sollen wir nun tun?“, fragte der Bogenschütze.

„Unsere Lage sieht ziemlich hoffnungslos aus“, antwortete Carthoris wehmütig. „Diese Kreaturen sind geborene Menschenfresser. Warum sie uns nicht schon verschlungen haben, kann ich mir nicht erklären – da!“, flüsterte er. „Siehst du? Das Ende kommt.“

Kar Komak blickte in die Richtung, die Carthoris andeutete, und sah einen riesigen Affen, der mit einem mächtigen Knüppel auf sie zukam.

„So töten sie ihre Beute am liebsten“, sagte Carthoris.

„Müssen wir ohne einen Kampf sterben?“, fragte Kar Komak.

„Ich nicht“, antwortete Carthoris, „obwohl ich weiß, wie zwecklos unsere beste Verteidigung gegen diese mächtigen Bestien sein muss! Oh, für ein Langschwert!“

„Oder einen guten Bogen“, fügte Kar Komak hinzu, „und einen Utan von Bogenschützen.“

Bei diesen Worten sprang Carthoris halb auf, nur um von seiner Wache grob zu Boden gezogen zu werden.

„Kar Komak!“, rief er. „Warum kannst du nicht tun, was Tario und Jav taten? Sie hatten keine anderen Bogenschützen als die ihrer eigenen Erschaffung. Du musst das Geheimnis ihrer Macht kennen. Rufe deinen eigenen Utan hervor, Kar Komak!“

Der Lotharier blickte Carthoris mit weit aufgerissenen Augen voller Erstaunen an, als die volle Tragweite des Vorschlags in sein Verständnis drang.

„Warum nicht?“, murmelte er.

Der wilde Affe mit dem mächtigen Knüppel schlich auf Carthoris zu. Die Finger des Heliumiten arbeiteten, während er seine Augen auf seinen Henker gerichtet hielt. Kar Komak richtete seinen Blick durchdringend auf die Affen. Die Anstrengung seines Geistes zeigte sich in dem Schweiß auf seiner zusammengezogenen Stirn.

Die Kreatur, die den roten Mann erschlagen sollte, war fast in Reichweite ihrer Beute, als Carthoris einen heiseren Schrei von der gegenüberliegenden Seite des Hofes hörte. Zusammen mit den hockenden Affen und dem Dämon mit dem Knüppel wandte er sich in Richtung des Geräusches und sah eine Kompanie stämmiger Bogenschützen aus dem Torbogen eines nahegelegenen Gebäudes stürmen.

Mit Wutschreien sprangen die Affen auf, um den Angriff zu empfangen. Eine Salve von Pfeilen traf sie auf halbem Weg und ließ ein Dutzend leblos zu Boden rollen. Dann stießen die Affen mit ihren Gegnern zusammen. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den Angreifern – sogar die Wache hatte die Gefangenen verlassen, um am Kampf teilzunehmen.

„Komm!“, flüsterte Kar Komak. „Jetzt können wir entkommen, während ihre Aufmerksamkeit durch meine Bogenschützen von uns abgelenkt ist.“

„Und diese tapferen Kerle führerlos zurücklassen?“, rief Carthoris, dessen loyale Natur bei dem bloßen Gedanken an so etwas rebellierte.

Kar Komak lachte.

„Du vergisst“, sagte er, „dass sie nur aus dünner Luft bestehen – Gebilde meines Gehirns. Sie werden unversehrt verschwinden, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Gepriesen sei dein erster Vorfahre, roter Mann, dass du rechtzeitig an diese Möglichkeit gedacht hast! Ich wäre nie darauf gekommen, mir einzubilden, dass ich dieselbe Macht ausüben könnte, die mich ins Dasein rief.“

„Du hast recht“, sagte Carthoris. „Trotzdem hasse ich es, sie zurückzulassen, obwohl es nichts anderes zu tun gibt“, und so wandten sich die beiden vom Hof ab, bahnten sich ihren Weg in eine der breiten Alleen und schlichen verstohlen im Schatten der Gebäude auf den großen zentralen Platz zu, auf dem sich die Gebäude befanden, die von den grünen Kriegern bewohnt wurden, wenn sie die verlassene Stadt besuchten.

Als sie den Rand des Platzes erreicht hatten, hielt Carthoris an.

„Warte hier“, flüsterte er. „Ich gehe Thoats holen, denn zu Fuß können wir niemals hoffen, den Klauen dieser grünen Ungeheuer zu entkommen.“

Um den Innenhof zu erreichen, in dem die Thoats gehalten wurden, musste Carthoris durch eines der Gebäude gehen, die den Platz umgaben. Welche bewohnt waren und welche nicht, konnte er nicht einmal erahnen, also war er gezwungen, beträchtliche Risiken einzugehen, um das Gehege zu erreichen, in dem er die unruhigen Bestien hören konnte, wie sie quiekten und sich untereinander stritten.

Der Zufall führte ihn durch einen dunklen Torbogen in einen großen Raum, in dem etwa zwanzig oder mehr grüne Krieger lagen, in ihre Schlafsäcke aus Seide und Fellen gewickelt. Kaum war Carthoris durch den kurzen Flur gegangen, der die Tür des Gebäudes mit dem großen Raum dahinter verband, wurde er sich der Anwesenheit von etwas oder jemandem in dem Flur bewusst, den er gerade erst passiert hatte.

Er hörte einen Mann gähnen, und dann sah er hinter sich die Gestalt eines Wachpostens aufstehen, dort, wo der Kerl gedöst hatte, und sich streckend seine wachsame Wache wieder aufnehmen.

Carthoris erkannte, dass er nur einen Fuß an dem Krieger vorbeigegangen sein musste, was ihn zweifellos aus seinem Schlummer geweckt hatte. Nun umzukehren wäre unmöglich gewesen. Doch durch diesen Raum voller schlafender Krieger zu gehen, schien fast ebenso jenseits der Möglichkeit zu liegen.

Carthoris zuckte mit seinen breiten Schultern und wählte das kleinere Übel. Vorsichtig betrat er den Raum. Zu seiner Rechten, an der Wand, lehnten mehrere Schwerter, Gewehre und Speere – zusätzliche Waffen, die die Krieger hier bereitgelegt hatten, falls ein nächtlicher Alarm sie plötzlich aus dem Schlaf reißen sollte. Neben jedem Schlafenden lag seine Waffe – diese waren von der Kindheit bis zum Tod nie weit von ihren Besitzern entfernt.

Der Anblick der Schwerter ließ die Handflächen des jungen Mannes jucken. Er trat schnell zu ihnen, wählte zwei Kurzschwerter aus – eines für Kar Komak, das andere für sich selbst; dazu einige Ausrüstungsgegenstände für seinen nackten Kameraden.

Dann machte er sich direkt auf den Weg quer durch die Mitte des Raumes zwischen den schlafenden Torquasianern hindurch.

Keiner von ihnen bewegte sich, bis Carthoris mehr als die Hälfte des kurzen, aber gefährlichen Weges zurückgelegt hatte. Dann drehte sich ein Kerl direkt auf seinem Weg unruhig auf seinen Schlafseiden und Fellen.

Der Heliumit verharrte über ihm, eines der Kurzschwerter bereit, falls der Krieger erwachen sollte. Was dem jungen Prinzen wie eine Ewigkeit vorkam, bewegte sich der grüne Mann weiterhin unruhig auf seinem Lager, dann, als wäre er von Federn angetrieben, sprang er auf seine Füße und stand dem roten Mann gegenüber.

Sofort schlug Carthoris zu, doch nicht bevor ein wildes Grunzen über die Lippen des anderen kam. Im Nu war der Raum in Aufruhr. Krieger sprangen auf ihre Füße, griffen nach ihren Waffen, als sie sich erhoben, und riefen einander zu, um eine Erklärung für die Störung zu erhalten.

Für Carthoris war alles im Raum im fahlen Licht, das von außen reflektiert wurde, deutlich sichtbar, denn der fernere Mond stand direkt im Zenit; doch für die Augen der frisch erwachten grünen Männer hatten die Objekte noch keine vertrauten Formen angenommen – sie sahen nur vage die Gestalten von Kriegern, die sich durch ihr Quartier bewegten.

Nun stolperte einer über den Leichnam dessen, den Carthoris erschlagen hatte. Der Kerl bückte sich, und seine Hand kam mit dem gespaltenen Schädel in Berührung. Er sah um sich die riesigen Gestalten anderer grüner Männer, und so kam er zu dem einzigen Schluss, der ihm offenstand.

„Die Thurds!“, rief er. „Die Thurds sind über uns! Erhebt euch, Krieger von Torquas, und stoßt eure Schwerter in die Herzen der alten Feinde von Torquas!“

Sofort begannen die grünen Männer, mit nackten Schwertern aufeinander einzuschlagen. Ihre wilde Lust am Kampf war geweckt. Zu kämpfen, zu töten, zu sterben mit kaltem Stahl in ihren Eingeweiden! Ah, das war für sie das Nirvana.

Carthoris erkannte ihren Irrtum schnell und nutzte ihn aus. Er wusste, dass sie in der Freude am Töten noch lange weiterkämpfen könnten, nachdem sie ihren Fehler bemerkt hatten, es sei denn, ihre Aufmerksamkeit würde durch den Anblick des wahren Grundes des Streits abgelenkt, und so verlor er keine Zeit, den Weg durch den Raum zur Tür auf der gegenüberliegenden Seite fortzusetzen, die in den inneren Hof führte, wo die wilden Thoats quiekten und sich untereinander stritten.

Hier angekommen, stand er vor keiner leichten Aufgabe. Einen dieser gewohnheitsmäßig wütenden und störrischen Bestien einzufangen und zu besteigen, war unter den besten Bedingungen kein Kinderspiel; doch jetzt, wo Stille und Zeit so wichtige Überlegungen waren, hätte es für einen weniger einfallsreichen und optimistischen Mann als den Sohn des großen Warlords durchaus hoffnungslos erscheinen können.

Von seinem Vater hatte er viel über die Eigenschaften dieser mächtigen Bestien gelernt, und auch von Tars Tarkas, als er diesen großen grünen Jeddak unter seiner Horde in Thark besucht hatte. Also konzentrierte er nun all das, was er jemals von anderen und aus eigener Erfahrung über sie gelernt hatte, auf die anstehende Arbeit, denn auch er hatte sie schon oft geritten und gehandhabt.

Das Temperament der Thoats von Torquas schien noch hitziger als das ihrer bösartigen Vettern unter den Tharks und Warhoons, und eine Zeit lang schien es unwahrscheinlich, dass er einem wilden Angriff eines Paares alter Bullen entgehen würde, die quiekend um ihn herumkreisten; doch schließlich gelang es ihm, nahe genug an einen von ihnen heranzukommen, um das Tier zu berühren. Mit dem Gefühl seiner Hand auf der glatten Haut beruhigte sich die Kreatur und sank auf den telepathischen Befehl des roten Mannes auf ihre Knie.

In einem Augenblick saß Carthoris auf seinem Rücken und lenkte ihn in Richtung des großen Tors, das vom Innenhof durch ein großes Gebäude an einem Ende in eine dahinterliegende Allee führt.

Der andere Bulle, immer noch quiekend und wütend, folgte seinem Artgenossen. Es gab keinen Zaum auf einem von beiden, denn diese seltsamen Kreaturen werden vollständig durch Suggestion kontrolliert – wenn sie überhaupt kontrolliert werden.

Selbst in den Händen der riesigen grünen Männer wären Zügel gegen die wahnsinnige Wildheit und mastodontische Stärke des Thoats hoffnungslos wirkungslos, und so werden sie durch jene seltsame telepathische Kraft gelenkt, mit der die Menschen des Mars gelernt haben, auf primitive Weise mit den niederen Arten ihres Planeten zu kommunizieren.

Mit Mühe trieb Carthoris die beiden Bestien zum Tor, wo er sich hinunterbeugte und den Riegel hob. Dann legte der Thoat, den er ritt, seine große Schulter gegen die Bohlen aus Skeel-Holz, drückte sich hindurch, und einen Augenblick später schwebten der Mann und die beiden Bestien lautlos die Allee hinunter zum Rand des Platzes, wo Kar Komak sich versteckte.

Hier hatte Carthoris erhebliche Schwierigkeiten, den zweiten Thoat zu bezwingen, und da Kar Komak noch nie zuvor eine der Bestien geritten hatte, schien es eine höchst hoffnungslose Aufgabe; doch schließlich gelang es dem Bogenschützen, sich auf den glatten Rücken zu schwingen, und wieder flohen die beiden Bestien sanft die moosbewachsenen Alleen entlang in Richtung des offenen Meeresbodens jenseits der Stadt.

Die ganze Nacht und den folgenden Tag und die zweite Nacht ritten sie in Richtung Nordosten. Kein Anzeichen von Verfolgung zeigte sich, und am Morgengrauen des zweiten Tages sah Carthoris in der Ferne das wehende Band großer Bäume, das einen der langen barsoomianischen Wasserwege markierte.

Sofort ließen sie ihre Thoats zurück und näherten sich dem kultivierten Gebiet zu Fuß. Carthoris legte auch das Metall von seinem Harnisch ab, oder zumindest das, was dazu dienen könnte, ihn als Heliumiten oder als von königlichem Geblüt zu identifizieren, denn er wusste nicht, welcher Nation dieser Wasserweg gehörte, und auf dem Mars ist es immer gut, jeden Mann und jede Nation für seinen Feind zu halten, bis man das Gegenteil erfahren hat.

Es war Vormittag, als die beiden schließlich eine der Straßen erreichten, die in regelmäßigen Abständen die kultivierten Gebiete durchschnitten und die trockenen Einöden auf beiden Seiten mit der großen, weißen, zentralen Autobahn verbanden, die von einem Ende zum anderen der weitläufigen, fadenartigen Farmländer führt.

Die hohe Mauer, die die Felder umgab, diente als Schutz gegen Überraschungsangriffe durch plündernde grüne Horden sowie dazu, die wilden Banths und andere Fleischfresser von den Haustieren und den Menschen auf den Farmen fernzuhalten.

Carthoris hielt vor dem ersten Tor an, das er erreichte, und klopfte um Einlass. Der junge Mann, der auf seinen Ruf antwortete, begrüßte die beiden gastfreundlich, obwohl er den weißen Teint und das kastanienbraune Haar des Bogenschützen mit beträchtlichem Staunen betrachtete.

Nachdem er sich einen Moment lang eine teilweise Erzählung ihrer Flucht vor den Torquasianern angehört hatte, lud er sie ein, nahm sie mit in sein Haus und wies die Diener dort an, Essen für sie zuzubereiten.

Während sie im niedrig deckigen, angenehmen Wohnzimmer des Bauernhauses darauf warteten, dass die Mahlzeit fertig wurde, verwickelte Carthoris seinen Gastgeber in ein Gespräch, damit er dessen Nationalität erfahren konnte und damit die Nation, unter deren Herrschaft der Wasserweg stand, an den ihn der Umstand verschlagen hatte.

„Ich bin Hal Vas“, sagte der junge Mann, „Sohn des Vas Kor, aus Dusar, ein Adliger im Gefolge von Astok, Prinz von Dusar. Derzeit bin ich Dwar der Straße für diesen Bezirk.“

Carthoris war sehr froh, dass er seine Identität nicht preisgegeben hatte, denn obwohl er keine Ahnung von allem hatte, was seit seinem Verlassen von Helium geschehen war, oder dass Astok hinter all seinem Unglück steckte, wusste er sehr wohl, dass der Dusarier keine Liebe für ihn empfand und dass er innerhalb der Herrschaftsgebiete von Dusar auf keinerlei Unterstützung hoffen konnte.

„Und wer seid ihr?“, fragte Hal Vas. „Nach eurem Aussehen halte ich euch für einen kämpfenden Mann, aber ich sehe kein Abzeichen auf eurem Harnisch. Kann es sein, dass ihr ein Panthan seid?“

Nun, diese umherziehenden Glücksritter sind auf Barsoom, wo die meisten Männer den Kampf lieben, keine Seltenheit. Sie verkaufen ihre Dienste, wo auch immer Krieg herrscht, und in den gelegentlichen kurzen Zwischenzeiten, in denen kein organisierter Krieg zwischen den roten Nationen geführt wird, schließen sie sich einer der zahlreichen Expeditionen an, die ständig gegen die grünen Männer ausgesandt werden, um die Wasserwege zu schützen, welche die wilderen Teile des Globus durchziehen.

Wenn ihr Dienst endet, legen sie das Metall der Nation ab, der sie gedient haben, bis sie einen neuen Herrn gefunden haben. In der Zwischenzeit tragen sie keinerlei Abzeichen; ihre vom Krieg gezeichnete Rüstung und ihre grimmigen Waffen genügen, um ihren Stand zu bezeugen.

Der Vorschlag war ein glücklicher, und Carthoris ergriff die Gelegenheit, die ihm geboten wurde, um sich glaubhaft zu rechtfertigen. Es gab jedoch einen einzigen Haken. In Kriegszeiten waren solche Panthans, die sich gerade im Herrschaftsgebiet einer kriegführenden Nation aufhielten, verpflichtet, das Abzeichen dieser Nation anzulegen und mit ihren Kriegern zu kämpfen.

Soweit Carthoris wusste, befand sich Dusar mit keiner anderen Nation im Krieg, doch man konnte nie wissen, wann eine rote Nation der anderen an die Gurgel gehen würde, auch wenn das große und mächtige Bündnis, an dessen Spitze sein Vater, John Carter, stand, es geschafft hatte, über den größten Teil von Barsoom einen langen Frieden zu wahren.

Ein freundliches Lächeln erhellte das Gesicht von Hal Vas, als Carthoris seinen Beruf zugab.

„Es ist gut“, rief der junge Mann aus, „dass ihr zufällig hierhergekommen seid, denn hier findet ihr in kürzester Zeit die Möglichkeit, in Dienst zu treten. Mein Vater, Vas Kor, ist gerade bei mir; er ist hierhergekommen, um eine Truppe für den neuen Krieg gegen Helium auszuheben.“

KAPITEL XII. DUSAR RETTEN

Thuvia von Ptarth, die mehr als nur um ihr Leben gegen die Begierde von Jav kämpfte, warf einen raschen Blick über ihre Schulter in Richtung des Waldes, aus dem das wilde Knurren gedrungen war. Auch Jav blickte zurück.

Was sie sahen, erfüllte beide mit Beklemmung. Es war Komal, der Banth-Gott, der mit weit aufgerissenem Rachen auf sie zuraste!

Wen hatte er sich als Beute ausgesucht? Oder sollten es beide sein?

Sie mussten nicht lange warten, denn obwohl der Lotharier versuchte, das Mädchen zwischen sich und die schrecklichen Reißzähne zu bringen, fand ihn die große Bestie schließlich doch.

Dann versuchte er schreiend, in Richtung Lothar zu fliehen, nachdem er Thuvia mit Gewalt dem Menschenfresser entgegengestoßen hatte. Doch seine Flucht war von kurzer Dauer. Im nächsten Augenblick war Komal über ihm und zerfleischte seine Kehle und seine Brust mit dämonischer Wut.

Das Mädchen erreichte ihre Seite einen Augenblick später, doch nur mit Mühe gelang es ihr, die rasende Bestie von ihrer Beute zu reißen. Noch immer knurrend und hungrige Blicke auf Jav werfend, ließ sich der Banth schließlich in den Wald abführen.

Mit ihrem riesenhaften Beschützer an ihrer Seite machte sich Thuvia auf den Weg, um den Durchgang durch die Klippen zu finden, damit sie das scheinbar unmögliche Wagnis unternehmen konnte, das weit entfernte Ptarth über die mehr als siebzehntausend Haads des wilden Barsoom zu erreichen.

Sie konnte nicht glauben, dass Carthoris sie absichtlich im Stich gelassen hatte, und so hielt sie ständig Ausschau nach ihm; doch da sie bei der Suche nach dem Tunnel zu weit nach Norden abwich, kam sie an dem Heliumiten vorbei, während dieser gerade auf der Suche nach ihr nach Lothar zurückkehrte.

Thuvia von Ptarth hatte Schwierigkeiten, den genauen Status des Prinzen von Helium in ihrem Herzen zu bestimmen. Sie konnte nicht einmal sich selbst eingestehen, dass sie ihn liebte, und doch hatte sie ihm gestattet, jene Bezeichnung der Zärtlichkeit und des Besitzes zu verwenden, bei der ein Barsoom-Mädchen auf Durchzug schalten sollte, wenn sie von anderen Lippen als denen ihres Ehemannes oder Verlobten ausgesprochen wurde – „meine Prinzessin“.

Kulan Tith, Jeddak von Kaol, dem sie versprochen war, gebot ihrem Respekt und ihrer Bewunderung. Hatte sie sich dem Wunsch ihres Vaters nur deshalb gebeugt, weil sie gekränkt war, dass der stattliche Heliumit bei seinen Besuchen am Hof ihres Vaters nicht den Vorteil genutzt hatte, um um ihre Hand anzuhalten, was, wie sie sich sicher war, seine Absicht gewesen war, seit jenem fernen Tag, als sie beide gemeinsam auf der verzierten Sitzbank inmitten des prächtigen Gartens der Jeddaks gesessen hatten, der den inneren Hof des Palastes von Salensus Oll in Kadabra schmückte?

Liebte sie Kulan Tith? Tapfer versuchte sie zu glauben, dass sie es tat; doch währenddessen schweiften ihre Augen durch die hereinbrechende Dunkelheit nach der Gestalt eines wohlgewachsenen kämpfenden Mannes – schwarzhaarig und grauäugig. Schwarz war das Haar von Kulan Tith; doch seine Augen waren braun.

Es war fast dunkel, als sie den Eingang zum Tunnel fand. Sicher gelangte sie hindurch zu den dahinterliegenden Hügeln, und hier, unter dem hellen Licht der beiden Monde des Mars, hielt sie inne, um ihr weiteres Vorgehen zu planen.

Sollte sie hier warten, in der Hoffnung, dass Carthoris zurückkehren würde, um nach ihr zu suchen? Oder sollte sie ihren Weg nordöstlich in Richtung Ptarth fortsetzen? Wohin wäre Carthoris wohl zuerst gegangen, nachdem er das Tal von Lothar verlassen hatte?

Ihre ausgedörrte Kehle und ihre trockene Zunge gaben ihr die Antwort – in Richtung Aaanthor und Wasser. Nun, auch sie würde zuerst nach Aaanthor gehen, wo sie vielleicht mehr als nur das Wasser finden würde, das sie brauchte.

Mit Komal an ihrer Seite verspürte sie wenig Angst, denn er würde sie vor allen anderen wilden Bestien schützen. Selbst die großen weißen Affen würden vor dem mächtigen Banth vor Angst fliehen. Nur vor Menschen musste sie sich in Acht nehmen, aber sie musste dieses und viele andere Wagnisse eingehen, bevor sie hoffen konnte, den Hof ihres Vaters wieder zu erreichen.

Als Carthoris sie schließlich fand, nur um kurz darauf vom Langschwert eines grünen Mannes niedergestreckt zu werden, betete Thuvia, dass das gleiche Schicksal sie ereilen möge.

Der Anblick der roten Krieger, die von ihren Flugschiffen sprangen, hatte sie für einen Moment mit neuer Hoffnung erfüllt – der Hoffnung, dass Carthoris von Helium vielleicht nur benommen war und sie ihn retten würden; doch als sie das Dusar-Metall auf ihrer Rüstung sah und erkannte, dass sie nur versuchten, mit ihr allein vor den anstürmenden Torquasianern zu fliehen, gab sie auf.

Auch Komal war tot – tot über dem Körper des Heliumiten. Sie war nun wahrlich allein. Es gab niemanden, der sie beschützen konnte.

Die Dusar-Krieger zerrten sie auf das Deck des nächsten Flugschiffs. Überall um sie herum drängten die grünen Krieger, um sie den Roten zu entreißen.

Schließlich erreichten jene, die im Kampf nicht gefallen waren, die Decks der beiden Schiffe. Die Motoren dröhnten und schnurrten – die Propeller surrten. Schnell schossen die schnellen Boote himmelwärts.

Thuvia von Ptarth blickte sich um. Ein Mann stand in der Nähe und lächelte auf sie herab. Mit einem keuchenden Laut des Wiedererkennens sah sie ihm direkt in die Augen, und dann, mit einem kleinen Stöhnen des Schreckens und des Begreifens, vergrub sie ihr Gesicht in den Händen und sank auf das polierte Skeel-Holzdeck. Es war Astok, Prinz von Dusar, der sich über sie beugte.

Schnell waren die Flugschiffe des Astok von Dusar, und groß war die Notwendigkeit, den Hof seines Vaters so schnell wie möglich zu erreichen, denn die Kriegsflotten von Helium, Ptarth und Kaol waren weit und breit über Barsoom verstreut. Und es würde nicht gut für Astok von Dusar ausgehen, sollte eines von ihnen Thuvia von Ptarth als Gefangene auf seinem eigenen Schiff entdecken.

Aaanthor liegt auf dem fünfzigsten südlichen Breitengrad und vierzig Grad östlich von Horz, dem verlassenen Sitz alter barsoomischer Kultur und Gelehrsamkeit, während Dusar fünfzehn Grad nördlich des Äquators und zwanzig Grad östlich von Horz liegt.

So groß die Entfernung auch ist, die Flugschiffe legten sie ohne Zwischenstopp zurück. Lange bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, hatte Thuvia von Ptarth mehrere Dinge erfahren, die die Zweifel ausräumten, welche ihren Geist seit vielen Tagen geplagt hatten. Kaum waren sie über Aaanthor aufgestiegen, erkannte sie eines der Besatzungsmitglieder als ein Mitglied jener Crew jenes anderen Flugschiffes, das sie aus den Gärten ihres Vaters nach Aaanthor gebracht hatte. Die Anwesenheit von Astok auf dem Schiff klärte die ganze Frage. Sie war von Abgesandten des Prinzen von Dusar entführt worden – Carthoris von Helium hatte nichts damit zu tun.

Auch leugnete Astok den Vorwurf nicht, als sie ihn beschuldigte. Er lächelte nur und beteuerte seine Liebe zu ihr.

„Ich würde mich eher mit einem weißen Affen paaren!“, rief sie, als er versuchte, um sie zu werben.

Astok blickte sie finster an.

„Du wirst dich mit mir paaren, Thuvia von Ptarth“, knurrte er, „oder, bei deinem ersten Ahnen, du wirst deine Vorliebe bekommen – und dich mit einem weißen Affen paaren.“

Das Mädchen gab keine Antwort, und er konnte sie während der restlichen Reise auch in kein Gespräch verwickeln.

Tatsächlich war Astok ein wenig eingeschüchtert von dem Ausmaß des Konflikts, den seine Entführung der Ptarth-Prinzessin ausgelöst hatte, noch war ihm bei der Verantwortung wohl, die der Besitz einer solchen Gefangenen mit sich brachte.

Sein einziger Gedanke war es, sie nach Dusar zu bringen und dort seinen Vater die Verantwortung übernehmen zu lassen. In der Zwischenzeit wollte er so vorsichtig wie möglich sein, um sie nicht zu kränken, damit sie nicht alle gefangen genommen würden und er sich vor einem der großen Jeddaks, deren Interesse sich auf sie konzentrierte, für seine Behandlung des Mädchens verantworten müsste.

Und so kamen sie schließlich nach Dusar, wo Astok seine Gefangene in einem geheimen Raum hoch im Ostturm seines eigenen Palastes versteckte. Er hatte seine Männer dazu verpflichtet, über die Identität des Mädchens zu schweigen, denn bis er seinen Vater, Nutus, Jeddak von Dusar, gesehen hatte, wagte er es nicht, jemanden wissen zu lassen, wen er aus dem Süden mitgebracht hatte.

Doch als er im großen Audienzsaal vor dem Mann mit den grausamen Lippen erschien, der sein Erzeuger war, schwand ihm der Mut, und er wagte es nicht, von der Prinzessin zu sprechen, die in seinem Palast versteckt war. Es kam ihm in den Sinn, die Einstellung seines Vaters zu diesem Thema zu testen, und so erzählte er die Geschichte, jemanden gefangen genommen zu haben, der behauptete, den Aufenthaltsort von Thuvia von Ptarth zu kennen.

„Und wenn ihr es befehlt, Herr“, sagte er, „werde ich gehen und sie gefangen nehmen – und sie hierher nach Dusar bringen.“

Nutus runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Du hast bereits genug getan, um Ptarth, Kaol und Helium gleichzeitig gegen uns aufzubringen, sollten sie von deiner Rolle bei der Entführung der Prinzessin von Ptarth erfahren. Dass es dir gelang, die Schuld auf den Prinzen von Helium zu schieben, war glücklich und ein meisterhafter strategischer Schachzug; doch würde das Mädchen die Wahrheit erfahren und jemals an den Hof ihres Vaters zurückkehren, müsste ganz Dusar den Preis dafür zahlen, und sie hier als Gefangene unter uns zu haben, wäre ein Schuldeingeständnis, vor dessen Konsequenzen uns nichts retten könnte. Es würde mich meinen Thron kosten, Astok, und daran habe ich kein Interesse.

„Wenn wir sie hier hätten –“, begann der ältere Mann plötzlich nachzudenken und wiederholte den Satz immer wieder. „Wenn wir sie hier hätten, Astok“, rief er grimmig. „Ach, wenn wir sie nur hier hätten und niemand wüsste, dass sie hier ist! Kannst du es nicht erraten, Mensch? Die Schuld von Dusar könnte für immer mit ihren Knochen begraben werden“, schloss er in einem leisen, wilden Flüstern.

Astok, Prinz von Dusar, schauderte.

Er war schwach; ja, und auch böse; doch der Vorschlag, den die Worte seines Vaters implizierten, ließ ihn vor Entsetzen erstarren.

Grausam sind die Männer des Mars gegen ihre Feinde; doch das Wort „Feinde“ wird gemeinhin so ausgelegt, dass es nur Männer meint. Mord ist in den großen Städten von Barsoom an der Tagesordnung; doch eine Frau zu ermorden, ist ein Verbrechen, das so undenkbar ist, dass selbst der abgebrühteste der bezahlten Mörder vor einem zurückschrecken würde, sollte man ihm so etwas vorschlagen.

Nutus schien sich der nur allzu offensichtlichen Angst seines Sohnes vor seinem Vorschlag nicht bewusst zu sein. Nach einer Weile fuhr er fort:

„Du sagst, dass du weißt, wo das Mädchen versteckt ist, seit sie deinem Volk in Aaanthor gestohlen wurde. Sollte sie von einer der drei Mächte gefunden werden, wäre ihre unbewiesene Geschichte ausreichend, um sie alle gegen uns aufzubringen.

„Es gibt nur einen Weg, Astok“, rief der ältere Mann. „Du musst sofort zu ihrem Versteck zurückkehren und sie in aller Heimlichkeit hierherholen. Und pass auf! Kehre nicht ohne sie nach Dusar zurück, bei Androhung des Todes!“

Astok, Prinz von Dusar, kannte das Temperament seines königlichen Vaters nur zu gut. Er wusste, dass im Herzen des Tyrannen kein einziger Funke Liebe für irgendein Geschöpf pulsierte.

Astoks Mutter war eine Sklavin gewesen. Nutus hatte sie nie geliebt. Er hatte nie eine andere geliebt. In seiner Jugend hatte er versucht, an den Höfen einiger seiner mächtigen Nachbarn eine Braut zu finden, doch deren Frauen wollten nichts von ihm wissen.

Nachdem ein Dutzend Töchter seines eigenen Adels den Freitod gesucht hatten, anstatt ihn zu heiraten, hatte er aufgegeben. Und damals hatte er eine seiner Sklavinnen legal geheiratet, damit er einen Sohn haben konnte, der unter den Jeds stehen würde, wenn Nutus starb und ein neuer Jeddak gewählt wurde.

Langsam entfernte sich Astok aus der Gegenwart seines Vaters. Mit weißem Gesicht und zitternden Gliedern machte er sich auf den Weg zu seinem eigenen Palast. Als er den Innenhof überquerte, schweifte sein Blick zufällig zu dem großen Ostturm, der sich hoch gegen das Azurblau des Himmels abzeichnete.

Beim Anblick dessen brachen Schweißperlen auf seiner Stirn aus.

Issus! Keine andere Hand als seine konnte man damit betrauen, das schreckliche Ding zu tun. Mit seinen eigenen Fingern musste er das Leben aus dieser vollkommenen Kehle ersticken oder die lautlose Klinge in das rote, rote Herz stoßen.

Ihr Herz! Das Herz, von dem er gehofft hatte, dass es vor Liebe zu ihm überquellen würde!

Doch hatte es das getan? Er erinnerte sich an die hochmütige Verachtung, mit der seine Liebesbeteuerungen aufgenommen worden waren. Er wurde kalt und dann heiß bei der Erinnerung daran. Seine Gewissensbisse kühlten ab, als die Selbstzufriedenheit einer nahen Rache die edleren Instinkte verdrängte, die sich einen Moment lang durchgesetzt hatten – das Gute, das er von der Sklavin geerbt hatte, wurde wieder einmal von dem schlechten Blut überlagert, das ihm von seinem königlichen Vater vererbt worden war; wie es am Ende immer war.

Ein kaltes Lächeln trat an die Stelle des Schreckens, der seine Augen geweitet hatte. Er wandte seine Schritte dem Turm zu. Er würde sie sehen, bevor er sich auf die Reise begab, die seinen Vater über die Tatsache hinwegtäuschen sollte, dass das Mädchen bereits in Dusar war.

Leise schlüpfte er durch den geheimen Weg und stieg eine spiralförmige Rampe zu dem Gemach hinauf, in dem die Prinzessin von Ptarth gefangen gehalten wurde.

Als er den Raum betrat, sah er das Mädchen, wie sie sich auf die Schwelle des östlichen Fensters lehnte und über die Dächer von Dusar hinweg in Richtung des fernen Ptarth blickte. Er hasste Ptarth. Der Gedanke daran erfüllte ihn mit Wut. Warum sollte er sie nicht jetzt erledigen und es hinter sich bringen?

Beim Klang seiner Schritte drehte sie sich rasch zu ihm um. Ach, wie wunderschön sie war! Sein plötzlicher Entschluss schwand unter dem glorreichen Licht ihrer wunderbaren Schönheit. Er würde warten, bis er von seiner kleinen Reise der Täuschung zurückgekehrt war – vielleicht gab es dann einen anderen Weg. Eine andere Hand, um den Schlag zu führen – bei diesem Gesicht, bei diesen Augen vor ihm konnte er es niemals tun. Davon war er überzeugt. Er hatte sich immer der Grausamkeit seines Wesens gerühmt, aber, Issus! So grausam war er nicht. Nein, ein anderer musste gefunden werden – jemand, dem er trauen konnte.

Er sah sie immer noch an, wie sie dort vor ihm stand und seinem Blick stetig und ohne Furcht begegnete. Er spürte, wie die heiße Leidenschaft seiner Liebe höher und höher stieg.

Warum nicht noch einmal werben? Wenn sie nachgeben würde, könnte noch alles gut werden. Selbst wenn sein Vater nicht überzeugt werden konnte, könnten sie nach Ptarth fliehen und die gesamte Schuld an der Niedertracht und den Intrigen, die vier große Nationen in den Krieg gestürzt hatten, auf die Schultern von Nutus laden. Und wer würde wohl an der Gerechtigkeit dieses Vorwurfs zweifeln?

„Thuvia“, sagte er, „ich komme noch einmal, zum letzten Mal, um mein Herz zu deinen Füßen zu legen. Ptarth, Kaol und Dusar kämpfen wegen dir mit Helium. Heirate mich, Thuvia, und alles kann wieder so werden, wie es sein sollte.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Warte!“, befahl er, bevor sie sprechen konnte. „Wisse die Wahrheit, bevor du Worte sprichst, die nicht nur dein eigenes Schicksal besiegeln könnten, sondern auch das der Tausenden von Kriegern, die wegen dir kämpfen.

„Weigere dich, mich freiwillig zu heiraten, und Dusar würde verwüstet werden, sollte die Wahrheit jemals Ptarth, Kaol und Helium bekannt werden. Sie würden unsere Städte dem Erdboden gleichmachen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Sie würden unsere Völker über das ganze Antlitz von Barsoom zerstreuen, vom gefrorenen Norden bis zum gefrorenen Süden, sie jagen und erschlagen, bis diese große Nation nur noch als eine verhasste Erinnerung in den Köpfen der Menschen fortbestehen würde.

„Doch während sie die Dusarier ausrotten, müssen zahllose Tausende ihrer eigenen Krieger umkommen – und das alles wegen der Sturheit einer einzigen Frau, die den Prinzen, der sie liebt, nicht heiraten wollte.

„Weigere dich, Thuvia von Ptarth, und es bleibt nur eine einzige Alternative – kein Mensch darf jemals von deinem Schicksal erfahren. Nur eine Handvoll loyaler Diener außer meinem königlichen Vater und mir weiß, dass du aus den Gärten von Thuvan Dihn von Astok, Prinz von Dusar, gestohlen wurdest, oder dass du heute in meinem Palast gefangen gehalten wirst.

„Weigere dich, Thuvia von Ptarth, und du musst sterben, um Dusar zu retten – es gibt keinen anderen Weg. Nutus, der Jeddak, hat es so beschlossen. Ich habe gesprochen.“

Einen langen Moment lang ließ das Mädchen ihren festen Blick auf dem Gesicht von Astok von Dusar ruhen. Dann sprach sie, und obwohl die Worte wenige waren, trug der leidenschaftslose Ton unfassbare Tiefen kalter Verachtung in sich.

„Besser all das, womit du gedroht hast“, sagte sie, „als du.“

Dann kehrte sie ihm den Rücken zu und stellte sich wieder vor das Ostfenster, wobei sie mit traurigen Augen in Richtung des fernen Ptarth blickte.

Astok drehte sich um und verließ den Raum, um nach einer kurzen Weile mit Essen und Trinken zurückzukehren.

„Hier“, sagte er, „ist Nahrung, bis ich wieder zurückkehre. Der Nächste, der dieses Gemach betritt, wird dein Henker sein. Empfiehl dich deinen Ahnen, Thuvia von Ptarth, denn innerhalb weniger Tage wirst du bei ihnen sein.“

Dann war er verschwunden.

Eine halbe Stunde später befragte er einen hochrangigen Offizier der Marine von Dusar.

„Wohin ist Vas Kor gegangen?“, fragte er. „Er ist nicht in seinem Palast.“

„Nach Süden, zum großen Wasserweg, der Torquas säumt“, antwortete der andere. „Sein Sohn, Hal Vas, ist dort Dwar der Straße, und dorthin ist Vas Kor gegangen, um unter den Arbeitern auf den Farmen Rekruten anzuwerben.“

„Gut“, sagte Astok, und eine halbe Stunde später stieg er in seinem schnellsten Flugschiff über Dusar auf.

KAPITEL XIII. TURJUN, DER PANTHAN

Das Gesicht von Carthoris von Helium verriet nichts von den Emotionen, die ihn innerlich erschütterten, als er aus dem Mund von Hal Vas hörte, dass Helium mit Dusar im Krieg lag und dass das Schicksal ihn in den Dienst des Feindes geführt hatte.

Dass er diese Gelegenheit zum Wohle Heliums nutzen konnte, reichte kaum aus, um den Ärger darüber aufzuwiegen, dass er nicht offen an der Spitze seiner eigenen loyalen Truppen kämpfte.

Den Dusariern zu entkommen, könnte sich als einfache Angelegenheit erweisen; oder auch nicht. Sollten sie seine Loyalität bezweifeln (und die Loyalität eines zwangsverpflichteten Panthans war immer verdächtig), könnte er vielleicht keine Gelegenheit finden, ihrer Wachsamkeit zu entgehen, bis der Krieg vorbei war, was innerhalb weniger Tage geschehen konnte, oder aber erst nach langen und mühevollen Jahren des Blutvergießens.

Er erinnerte sich daran, dass die Geschichte Kriege verzeichnete, in denen die eigentlichen militärischen Operationen über fünf- oder sechshundert Jahre ohne Unterbrechung geführt worden waren, und selbst heute gab es Nationen auf Barsoom, mit denen Helium in der Geschichte der Menschen keinen Frieden geschlossen hatte.

Die Aussicht war nicht ermutigend. Er konnte nicht ahnen, dass er innerhalb weniger Stunden das Schicksal segnen würde, das ihn in den Dienst von Dusar geführt hatte.

„Ah!“, rief Hal Vas. „Hier ist mein Vater. Kaor! Vas Kor. Hier ist jemand, den ihr gerne kennenlernen werdet – ein tapferer Panthan –“ Er zögerte.

„Turjun“, warf Carthoris ein und griff nach der ersten Bezeichnung, die ihm in den Sinn kam.

Während er sprach, wandten sich seine Augen rasch dem großen Krieger zu, der gerade den Raum betrat. Wo hatte er zuvor diese riesige Gestalt, das wortkarge Gesicht und den bläulichen Schwerthieb von der Schläfe bis zum Mund gesehen?

„Vas Kor“, wiederholte Carthoris im Stillen. „Vas Kor!“ Wo hatte er diesen Mann schon einmal gesehen?

Und dann sprach der Adlige, und wie ein Blitz kehrte alles in Carthoris’ Gedächtnis zurück – der vordrängliche Diener auf der Landeplattform in Ptarth, als er Thuvan Dihn gerade die Feinheiten seines neuen Kompasses erklärt hatte; der einsame Sklave, der in jener Nacht sein eigenes Hangar bewacht hatte, als er zu seiner unglückseligen Reise nach Ptarth aufgebrochen war – die Reise, die ihn so geheimnisvoll in das ferne Aaanthor geführt hatte.

„Vas Kor“, wiederholte er laut, „gesegnet seien deine Vorfahren für diese Begegnung“, und der Dusarier ahnte nicht, welch tiefe Bedeutung hinter dieser abgedroschenen Floskel steckte, mit der ein Barsoomianer eine Vorstellung quittiert.

„Und gesegnet seien die deinen, Turjun“, erwiderte Vas Kor.

Nun folgte die Vorstellung von Kar Komak bei Vas Kor, und während Carthoris das kleine Zeremoniell vollzog, fiel ihm die einzige Erklärung ein, die er für die weiße Haut und das rotblonde Haar des Bogenschützen vorbringen konnte; denn er fürchtete, dass man ihm die Wahrheit nicht glauben würde und so von Anfang an Verdacht gegen sie beide geschöpft würde.

„Kar Komak“, erklärte er, „ist, wie Ihr sehen könnt, ein Thern. Er ist auf der Suche nach Abenteuern weit von seinen eisgebundenen südlichen Tempeln fortgewandert. Ich stieß auf ihn in den Gruben von Aaanthor; doch obwohl ich ihn nur so kurze Zeit kenne, kann ich für seine Tapferkeit und Loyalität bürgen.“

Seit der Zerstörung des Gefüges ihrer falschen Religion durch John Carter hatte die Mehrheit der Therns die neue Ordnung der Dinge bereitwillig akzeptiert, sodass es nun nicht mehr ungewöhnlich war, sie unter den Scharen der roten Männer in irgendeiner der großen Städte der Außenwelt verkehren zu sehen, und so empfand Vas Kor kein großes Erstaunen und brachte es auch nicht zum Ausdruck.

Während des gesamten Gesprächs beobachtete Carthoris katzenhaft, ob Vas Kor in dem zerlumpten Panthan den einst prächtigen Prinzen von Helium wiedererkennen würde; doch die schlaflosen Nächte, die langen Tage des Marschierens und Kämpfens, die Wunden und das getrocknete Blut hatten offensichtlich ausgereicht, um den letzten Rest seiner Ähnlichkeit mit seinem früheren Ich auszulöschen; und zudem hatte Vas Kor ihn in seinem ganzen Leben nur zweimal gesehen. Kein Wunder, dass er ihn nicht erkannte.

Im Laufe des Abends kündigte Vas Kor an, dass sie am nächsten Tag nach Norden in Richtung Dusar aufbrechen würden, wobei sie an verschiedenen Stationen entlang des Weges Rekruten aufnehmen wollten.

Auf einem großen Feld hinter dem Haus lag ein Flieger – ein ansehnlicher Kreuzer-Transporter, der vielen Männern Platz bot, dabei jedoch schnell und gut bewaffnet war. Hier schlief Carthoris, und auch Kar Komak, zusammen mit den anderen Rekruten, bewacht von den regulären dusarischen Kriegern, die das Schiff bemannten.

Gegen Mitternacht kehrte Vas Kor vom Haus seines Sohnes zum Schiff zurück und begab sich sofort in seine Kabine. Carthoris hatte zusammen mit einem der Dusarier Wache. Nur mit Mühe unterdrückte der Heliumite ein kaltes Lächeln, als der Adlige einen Fuß an ihm vorbeiging – nur einen Fuß von der langen, schlanken Klinge aus Helium entfernt, die in seinem Gurt hing.

Wie einfach wäre es gewesen! Wie einfach, die feige List zu rächen, die man gegen ihn angewandt hatte – Helium, Ptarth und Thuvia zu rächen!

Doch seine Hand bewegte sich nicht zum Griff des Dolches, denn Vas Kor musste erst noch einem besseren Zweck dienen – er wusste vielleicht, wo Thuvia von Ptarth jetzt versteckt gehalten wurde, falls es tatsächlich Dusarier gewesen waren, die sie während des Kampfes vor Aaanthor entführt hatten.

Und dann war da noch der Anstifter des gesamten niederträchtigen Komplotts. ER musste die Strafe dafür tragen; und wer könnte den Prinzen von Helium besser zu Astok von Dusar führen als Vas Kor?

Leise aus der Nacht drang das Schnurren eines entfernten Motors an Carthoris’ Ohren. Er suchte den Himmel ab.

Ja, da war er weit im Norden, undeutlich umrissen gegen die dunkle Leere des Weltraums, die sich grenzenlos dahinter erstreckte, die schwache Andeutung eines Fliegers, der unbeleuchtet durch die barsoomianische Nacht zog.

Carthoris, der nicht wusste, ob das Fahrzeug ein Freund oder Feind von Dusar war, gab kein Zeichen, dass er es gesehen hatte, sondern wandte seine Augen in eine andere Richtung und überließ die Angelegenheit dem Dusarier, der mit ihm Wache hielt.

Bald entdeckte der Kerl das herannahende Fahrzeug und blies den leisen Alarm, der den Rest der Wache und einen Offizier aus ihren Schlafseiden und Pelzen auf das nahegelegene Deck rief.

Der Kreuzer-Transporter lag ohne Lichter da, und da er auf dem Boden ruhte, musste er für den herannahenden Flieger völlig unsichtbar gewesen sein, den alle bald als kleines Fahrzeug erkannten.

Es wurde bald deutlich, dass der Fremde landen wollte, denn er kreiste nun langsam über ihnen und sank bei jeder anmutigen Kurve tiefer und tiefer.

„Es ist die Thuria“, flüsterten die dusarischen Krieger. „Ich würde sie in der Schwärze der Gruben unter zehntausend anderen Fahrzeugen erkennen.“

„Da habt Ihr recht!“, rief Vas Kor, der an Deck gekommen war. Und dann rief er:

„Kaor, Thuria!“

„Kaor!“, kam es nach einer kurzen Stille von oben. Dann: „Welches Schiff?“

„Kreuzer-Transporter Kalksus, Vas Kor von Dusar.“

„Gut!“, kam es von oben. „Gibt es eine sichere Landemöglichkeit längsseits?“

„Ja, dicht an Steuerbord. Wartet, wir werden unsere Lichter zeigen“, und einen Augenblick später setzte das kleinere Fahrzeug dicht neben der Kalksus auf, und die Lichter der letzteren wurden sofort wieder gelöscht.

Mehrere Gestalten waren zu sehen, wie sie über die Bordwand der Thuria schlüpften und auf die Kalksus zugingen. Immer misstrauisch, standen die Dusarier bereit, die Besucher als Freunde oder Feinde zu empfangen, je nachdem, was eine nähere Untersuchung ergeben würde. Carthoris stand ganz in der Nähe der Reling, bereit, sich auf die Seite der Neuankömmlinge zu schlagen, sollte es sich zufällig um Heliumiten handeln, die einen gewagten strategischen Schachzug gegen dieses einsame dusarische Schiff spielten. Er hatte selbst solche Unternehmungen geleitet und wusste, dass eine solche Möglichkeit durchaus bestand.

Doch das Gesicht des ersten Mannes, der die Reling überquerte, täuschte ihn mit einem Schock, der keineswegs unangenehm war – es war das Gesicht von Astok, dem Prinzen von Dusar.

Kaum beachtete Astok die anderen auf dem Deck der Kalksus, er schritt vorwärts, um Vas Kors Gruß zu erwidern, dann rief er den Adligen unter Deck. Die Krieger und Offiziere kehrten zu ihren Schlafseiden und Pelzen zurück, und das Deck war wieder verwaist, bis auf den dusarischen Krieger und Turjun, den Panthan, die Wache hielten.

Letzterer ging leise auf und ab. Ersterer lehnte über der Reling und wünschte sich die Stunde herbei, die ihn ablösen würde. Er sah nicht, wie sein Begleiter sich den Lichtern der Kabine von Vas Kor näherte. Er sah nicht, wie er sich bückte und das Ohr fest gegen ein winziges Ventil presste.

„Mögen uns alle die weißen Affen holen“, rief Astok wehmütig, „wenn wir nicht in einem so hässlichen Schlamassel stecken, wie Ihr ihn noch nie gesehen habt! Nutus glaubt, dass wir sie weit weg von Dusar versteckt halten. Er hat mir befohlen, sie hierher zu bringen.“

Er hielt inne. Kein Mann hätte von seinen Lippen hören dürfen, was er zu sagen versuchte. Es hätte für immer das Geheimnis von Nutus und Astok bleiben sollen, denn auf ihm beruhte die Sicherheit eines Throns. Mit diesem Wissen könnte jeder Mann dem Jeddak von Dusar abringen, was immer er wollte.

Doch Astok hatte Angst und wollte von diesem älteren Mann den Vorschlag einer Alternative hören. Er fuhr fort.

„Ich soll sie töten“, flüsterte er und sah sich ängstlich um. „Nutus will nur die Leiche sehen, damit er weiß, dass seine Befehle ausgeführt wurden. Ich soll jetzt angeblich an den Ort gegangen sein, an dem wir sie versteckt halten, damit ich sie heimlich nach Dusar bringen kann. Niemand soll erfahren, dass sie jemals in der Obhut eines Dusariers war. Ich muss Euch nicht sagen, was Dusar blühen würde, wenn Ptarth, Helium und Kaol jemals die Wahrheit erführen.“

Die Kiefer des Lauschers am Ventilator klappten mit einem boshaften Knacken zusammen. Zuvor hatte er nur die Identität des Gegenstands dieses Gesprächs erraten. Jetzt wusste er es. Und sie wollten sie töten! Seine muskulösen Finger ballten sich, bis sich die Nägel in die Handflächen gruben.

„Und Ihr möchtet, dass ich Euch begleite, während Ihr sie nach Dusar holt“, sagte Vas Kor. „Wo ist sie?“

Astok beugte sich nah heran und flüsterte dem anderen ins Ohr. Ein Anflug von Lächeln huschte über die grausamen Züge von Vas Kor. Er erkannte die Macht, die in seinem Griff lag. Er sollte zumindest ein Jed sein.

„Und wie kann ich Euch helfen, mein Prinz?“, fragte der ältere Mann sanft.

„Ich kann sie nicht töten“, sagte Astok. „Issus! Ich kann es nicht! Wenn sie diese Augen auf mich richtet, wird mein Herz zu Wasser.“

Vas Kors Augen verengten sich.

„Und Ihr wünscht –“ Er hielt inne, die Frage unvollendet, doch vollständig.

Astok nickte.

„Ihr liebt sie nicht“, sagte er.

„Aber ich liebe mein Leben – obwohl ich nur ein kleinerer Adler bin“, schloss er bedeutungsvoll.

„Ihr werdet ein größerer Adler sein – ein Adliger ersten Ranges!“, rief Astok.

„Ich möchte ein Jed sein“, sagte Vas Kor stumpf.

Astok zögerte.

„Ein Jed muss sterben, bevor es einen anderen Jed geben kann“, wandte er ein.

„Jeds sind schon früher gestorben“, schnappte Vas Kor. „Es wäre zweifellos nicht schwierig für Euch, einen Jed zu finden, den Ihr nicht liebt, Astok – es gibt viele, die Euch nicht lieben.“

Schon begann Vas Kor, auf seine Macht über den jungen Prinzen zu bauen. Astok erkannte und schätzte schnell die subtile Veränderung bei seinem Leutnant. Ein listiger Plan ging in seinem schwachen und bösen Gehirn auf.

„Wie Ihr sagt, Vas Kor!“, rief er. „Ihr sollt ein Jed sein, wenn die Sache erledigt ist“, und dann zu sich selbst: „Und es wird dann auch für mich nicht schwierig sein, einen Jed zu finden, den ich nicht liebe.“

„Wann kehren wir nach Dusar zurück?“, fragte der Adlige.

„Sofort“, antwortete Astok. „Lasst uns jetzt aufbrechen – gibt es nichts, was Euch hier hält?“

„Ich hatte beabsichtigt, am Morgen zu segeln und solche Rekruten aufzunehmen, die die verschiedenen Dwars der Straßen für mich gesammelt haben könnten, während wir nach Dusar zurückkehrten.“

„Lasst die Rekruten warten“, sagte Astok. „Oder noch besser, kommt auf der Thuria nach Dusar und lasst die Kalksus folgen, um die Rekruten aufzulesen.“

„Ja“, stimmte Vas Kor zu; „das ist der bessere Plan. Kommt; ich bin bereit“, und er erhob sich, um Astok zu dessen Flieger zu begleiten.

Der Lauscher am Ventilator kam langsam auf die Füße, wie ein alter Mann. Sein Gesicht war eingefallen und schmal und sehr weiß unter dem hellen Kupfer seiner Haut. Sie sollte sterben! Und er war hilflos, die Tragödie abzuwenden. Er wusste nicht einmal, wo sie gefangen gehalten wurde.

Die beiden Männer stiegen von der Kabine zum Deck hinauf. Turjun, der Panthan, schlich sich dicht an den Niedergang, seine geschmeidigen Finger schlossen sich fest um den Griff seines Dolches. Könnte er sie beide erledigen, bevor er überwältigt wurde? Er lächelte. Er könnte in seiner jetzigen Verfassung ein ganzes Utan ihrer Feinde erschlagen.

Sie waren jetzt fast auf gleicher Höhe mit ihm. Astok sprach.

„Nehmt ein paar Eurer Männer mit, Vas Kor“, sagte er. „Wir sind auf der Thuria unterbesetzt, so schnell sind wir aufgebrochen.“

Die Finger des Panthan lösten sich vom Griff des Dolches. Sein schneller Verstand hatte hier eine Chance ergriffen, Thuvia von Ptarth zu helfen. Er könnte als einer derjenigen ausgewählt werden, die die Mörder begleiteten, und sobald er erfahren hätte, wo die Gefangene lag, könnte er Astok und Vas Kor genauso gut jetzt erledigen. Sie zu töten, bevor er wusste, wo Thuvia versteckt war, hieß einfach, sie anderen zum Tod zu überlassen; denn früher oder später würde Nutus ihren Aufenthaltsort erfahren, und Nutus, der Jeddak von Dusar, konnte es sich nicht leisten, sie am Leben zu lassen.

Turjun stellte sich in den Weg von Vas Kor, damit er nicht übersehen würde. Der Adlige weckte die Männer, die auf dem Deck schliefen, aber immer vor ihm fand der seltsame Panthan, den er am selben Tag rekrutiert hatte, Mittel und Wege, sich in den Vordergrund zu drängen.

Vas Kor wandte sich an seinen Leutnant und gab Anweisungen für das Bringen der Kalksus nach Dusar und das Einsammeln der Rekruten; dann winkte er zwei Kriegern, die dicht hinter dem Padwar standen.

„Ihr beide begleitet uns zur Thuria“, sagte er, „und stellt Euch dem Dwar zur Verfügung.“

Es war dunkel auf dem Deck der Kalksus, daher hatte Vas Kor keinen guten Blick auf die Gesichter der beiden, die er auswählte; aber das war von geringer Bedeutung, denn sie waren nur einfache Krieger, die bei den gewöhnlichen Pflichten auf einem Flieger helfen und bei Bedarf kämpfen sollten.

Einer der beiden war Kar Komak, der Bogenschütze. Der andere war nicht Carthoris.

Der Heliumite war verrückt vor Enttäuschung. Er riss seinen Dolch aus dem Gurt; aber Astok hatte das Deck der Kalksus bereits verlassen, und er wusste, dass er, sollte er Vas Kor erledigen, von den dusarischen Kriegern getötet würde, die nun dicht auf dem Deck standen, bevor er ihn einholen konnte. Mit einem der beiden am Leben war Thuvia in genauso großer Gefahr, als ob beide lebten – es mussten beide sein!

Als Vas Kor zum Boden hinabstieg, folgte ihm Carthoris kühn, und niemand versuchte ihn aufzuhalten, da man zweifellos dachte, er gehöre zur Gruppe.

Nach ihm kamen Kar Komak und der dusarische Krieger, der zum Dienst auf der Thuria eingeteilt worden war. Carthoris ging dicht an der linken Seite des Letzteren. Nun kamen sie in den dichten Schatten unter der Seite der Thuria. Es war dort sehr dunkel, sodass sie nach der Leiter tasten mussten.

Kar Komak ging dem Dusarier voraus. Letzterer griff nach oben zu den schwingenden Sprossen, und als er das tat, schlossen sich stählerne Finger um seine Luftröhre und eine Stahlklinge durchbohrte die Mitte seines Herzens.

Turjun, der Panthan, war der Letzte, der über die Reling der Thuria kletterte und die Strickleiter hinter sich hochzog.

Einen Augenblick später stieg der Flieger schnell auf, Kurs auf den Norden.

An der Reling wandte sich Kar Komak um, um mit dem Krieger zu sprechen, der eingeteilt worden war, ihn zu begleiten. Seine Augen wurden groß, als sie auf dem Gesicht des jungen Mannes ruhten, den er neben den Granitklippen getroffen hatte, die das geheimnisvolle Lothar bewachen. Wie war er anstelle des Dusariers gekommen?

Ein schnelles Zeichen, und Kar Komak wandte sich wieder um, um den Dwar der Thuria zu finden und sich zum Dienst zu melden. Hinter ihm folgte der Panthan.

Carthoris segnete den Zufall, der Vas Kor dazu veranlasst hatte, ausgerechnet den Bogenschützen auszuwählen, denn wäre es ein anderer Dusarier gewesen, hätte es Fragen nach dem Verbleib des Kriegers gegeben, der so still auf dem Feld hinter dem Wohnsitz von Hal Vas, dem Dwar der Südstraße, lag; und Carthoris hatte keine andere Antwort auf diese Frage als seine Schwertspitze, die allein kaum ausgereicht hätte, die gesamte Besatzung der Thuria zu überzeugen.

Die Reise nach Dusar schien dem ungeduldigen Carthoris endlos, obwohl sie tatsächlich schnell vollbracht war. Einige Zeit bevor sie ihr Ziel erreichten, trafen sie einen anderen dusarischen Kriegsflieger und sprachen mit ihm. Von ihm erfuhren sie, dass bald eine große Schlacht südöstlich von Dusar geschlagen werden sollte.

Die vereinten Flotten von Dusar, Ptarth und Kaol waren bei ihrem Vormarsch auf Helium von der mächtigen heliumitischen Flotte abgefangen worden – der gewaltigsten auf Barsoom, nicht nur an Zahl und Bewaffnung, sondern auch in der Ausbildung und im Mut ihrer Offiziere und Krieger und in den zitidarischen Ausmaßen vieler ihrer Monster-Schlachtschiffe.

Seit vielen Tagen hatte es nicht mehr die Aussicht auf eine solche Schlacht gegeben. Vier Jeddaks standen unter direktem Befehl ihrer eigenen Flotten – Kulan Tith von Kaol, Thuvan Dihn von Ptarth und Nutus von Dusar auf der einen Seite; während auf der anderen Seite Tardos Mors, Jeddak von Helium, stand. Mit letzterem war John Carter, Warlord vom Mars.

Vom hohen Norden her bewegte sich eine weitere Streitmacht über die Barriereklippen nach Süden – die neue Flotte von Talu, Jeddak von Okar, die dem Ruf des Warlords folgte. An Deck der grimmigen Kriegsschiffe blickten schwarzbärtige gelbe Männer erwartungsvoll nach Süden. Prächtig waren sie in ihren glänzenden Mänteln aus Orluk und Apt. Wilde, gefürchtete Kämpfer aus den Treibhausstädten des gefrorenen Nordens.

Und aus dem fernen Süden, vom Meer von Omean und den Klippen aus Gold, von den Tempeln der Therns und dem Garten von Issus segelten weitere Tausende in den Norden, dem Ruf des großen Mannes folgend, den sie alle zu respektieren gelernt hatten und den sie, weil sie ihn respektierten, liebten. Auf dem Flaggschiff dieser mächtigen Flotte, nur der Flotte von Helium untergeordnet, schritt der ebenholzfarbene Xodar, Jeddak der Erstgeborenen, sein Herz schlug stark in Erwartung des kommenden Moments, in dem er seine wilden Mannschaften und das Gewicht seiner gewaltigen Schiffe auf die Feinde des Warlords werfen würde.

Doch würden diese Verbündeten den Kriegsschauplatz rechtzeitig erreichen, um Helium zu unterstützen? Oder würde Helium sie brauchen?

Carthoris hörte zusammen mit den anderen Mitgliedern der Besatzung der Thuria den Klatsch und die Gerüchte. Niemand wusste von den beiden Flotten, der einen aus dem Süden und der anderen aus dem Norden, die kamen, um die Schiffe von Helium zu unterstützen, und ganz Dusar war davon überzeugt, dass nun nichts mehr die alte Macht von Helium davor retten könne, für immer aus dem Luftraum von Barsoom ausgelöscht zu werden.

Auch Carthoris, loyaler Sohn Heliums, wie er war, fühlte, dass selbst seine geliebte Flotte möglicherweise nicht in der Lage sein würde, es erfolgreich mit den vereinten Kräften dreier Großmächte aufzunehmen.

Nun berührte die Thuria die Landeplattform über dem Palast von Astok. Hastig stiegen der Prinz und Vas Kor aus und betraten den Liftschacht, der sie in die unteren Ebenen des Palastes bringen würde.

Dicht daneben war ein weiterer Lift, der von einfachen Kriegern benutzt wurde. Carthoris berührte Kar Komak am Arm.

„Komm!“, flüsterte er. „Du bist mein einziger Freund unter einer Nation von Feinden. Wirst Du mir beistehen?“

„Bis in den Tod“, antwortete Kar Komak.

Die beiden näherten sich dem Lift. Ein Sklave bediente ihn.

„Wo sind Eure Pässe?“, fragte er.

Carthoris nestelte in seiner Tasche, als ob er nach ihnen suchte, während er gleichzeitig die Kabine betrat. Kar Komak folgte ihm und schloss die Tür. Der Sklave setzte den Lift nicht nach unten in Bewegung. Jede Sekunde zählte. Sie mussten die untere Ebene so schnell wie möglich nach Astok und Vas Kor erreichen, wenn sie wissen wollten, wohin die beiden gingen.

Carthoris wandte sich plötzlich gegen den Sklaven und schleuderte ihn auf die gegenüberliegende Seite der Kabine.

„Fessele und kneble ihn, Kar Komak!“, rief er.

Dann ergriff er den Steuerhebel, und während die Kabine mit erschreckender Geschwindigkeit nach unten schoss, rang der Bogenschütze mit dem Sklaven. Carthoris konnte die Steuerung nicht verlassen, um seinem Begleiter zu helfen, denn sollten sie die unterste Ebene mit der Geschwindigkeit erreichen, mit der sie unterwegs waren, würden alle in den sofortigen Tod stürzen.

Unter sich konnte er nun das Dach von Astoks Kabine im parallelen Schacht sehen, und er reduzierte die Geschwindigkeit seiner Kabine auf die der anderen. Der Sklave begann zu schreien.

„Bring ihn zum Schweigen!“, rief Carthoris.

Einen Augenblick später sackte eine schlaffe Gestalt auf den Boden der Kabine.

„Er ist zum Schweigen gebracht“, sagte Kar Komak.

Carthoris brachte die Kabine in einer der oberen Ebenen des Palastes abrupt zum Stehen. Er öffnete die Tür, packte die reglose Gestalt des Sklaven und stieß sie auf den Boden. Dann knallte er das Gitter zu und setzte den Abstieg fort.

Wieder erblickte er das Dach der Kabine, die Astok und Vas Kor enthielt. Einen Augenblick später hatte sie gehalten, und als er seinen Wagen zum Stehen brachte, sah er die beiden Männer durch einen der Ausgänge des Korridors dahinter verschwinden.

KAPITEL XIV. KULAN TITHS OPFER

Der Morgen des zweiten Tages ihrer Gefangenschaft im Ostturm des Palastes von Astok, Prinz von Dusar, fand Thuvia von Ptarth in stumpfer Apathie auf die Ankunft des Mörders wartend.

Sie hatte jede Möglichkeit der Flucht ausgeschöpft, war immer wieder die Tür und die Fenster, den Boden und die Wände abgegangen.

Die massiven Ersit-Platten konnte sie nicht einmal zerkratzen; das zähe barsoomianische Glas der Fenster wäre für nichts weniger als einen schweren Vorschlaghammer in den Händen eines starken Mannes zersplittert. Die Tür und das Schloss waren uneinnehmbar. Es gab kein Entrinnen. Und man hatte ihr die Waffen abgenommen, sodass sie nicht einmal die Stunde ihres Untergangs vorausahnen konnte, wodurch man ihnen die Befriedigung raubte, Zeuge ihrer letzten Momente zu sein.

Wann würden sie kommen? Würde Astok die Tat mit seinen eigenen Händen vollbringen? Sie bezweifelte, dass er den Mut dazu aufbrachte. Im Grunde war er ein Feigling – das hatte sie gewusst, seit sie ihn zum ersten Mal prahlen hörte, als er als Gast am Hof ihres Vaters versucht hatte, sie mit seiner Tapferkeit zu beeindrucken.

Sie konnte nicht anders, als ihn mit einem anderen zu vergleichen. Und mit wem würde eine verlobte Braut einen erfolglosen Freier vergleichen? Mit ihrem Verlobten? Und maß Thuvia von Ptarth nun Astok von Dusar an den Maßstäben von Kulan Tith, Jeddak von Kaol?

Sie stand kurz vor dem Tod; ihre Gedanken gehörten ihr, damit konnte sie tun, was sie wollte; doch Kulan Tith war ihnen am fernsten. Stattdessen füllte die Gestalt des großen und ansehnlichen Heliumiten ihren Geist und verdrängte alle anderen Bilder daraus.

Sie träumte von seinem edlen Gesicht, der stillen Würde seines Auftretens, dem Lächeln, das seine Augen erhellte, wenn er mit seinen Freunden sprach, und dem Lächeln, das seine Lippen umspielte, wenn er gegen seine Feinde kämpfte – das kämpferische Lächeln seines virginischen Vaters.

Und Thuvia von Ptarth, eine wahre Tochter von Barsoom, spürte, wie sich ihr Atem beschleunigte und ihr Herz bei der Erinnerung an dieses andere Lächeln einen Sprung machte – das Lächeln, das sie nie wieder sehen würde. Mit einem leisen, halb erstickten Schluchzen sank das Mädchen auf den Haufen aus Seide und Fellen, der durcheinander unter den Ostfenstern lag, und vergrub ihr Gesicht in ihren Armen.

Im Korridor vor ihrem Gefängnisraum hatten zwei Männer in einer hitzigen Auseinandersetzung innegehalten.

„Ich sage dir noch einmal, Astok“, sagte der eine, „dass ich diese Sache nicht tun werde, wenn du nicht selbst im Raum anwesend bist.“

In der Stimme des Sprechers lag wenig von dem Respekt, der dem Adel gebührte. Der andere, der dies bemerkte, errötete.

„Überstrapaziere meine Freundschaft zu dir nicht zu sehr, Vas Kor“, fuhr er ihn an. „Meine Geduld hat ihre Grenzen.“

„Von königlichen Vorrechten kann hier keine Rede sein“, erwiderte Vas Kor. „Du verlangst von mir, an deiner Stelle zum Mörder zu werden, und das gegen den ausdrücklichen Befehl deines Jeddak. Du bist nicht in der Position, Astok, mir Vorschriften zu machen; vielmehr solltest du froh sein, meiner vernünftigen Bitte nachzukommen, dass du anwesend bist und dir so die Schuld mit mir teilst. Warum sollte ich sie allein tragen?“

Der Jüngere verzog das Gesicht, schritt aber auf die verschlossene Tür zu, und als sie in ihren Angeln aufschwang, betrat er an der Seite von Vas Kor den Raum dahinter.

Auf der anderen Seite des Gemachs erhob sich das Mädchen, als sie die beiden eintreten hörte, und trat ihnen entgegen. Unter dem sanften Kupfer ihrer Haut erblasste sie ein wenig; doch ihre Augen waren tapfer und starrten geradeaus, und die stolze Haltung ihres festen kleinen Kinns sprach Bände von Abscheu und Verachtung.

„Du ziehst immer noch den Tod vor?“, fragte Astok.

„Dir gegenüber, ja“, antwortete das Mädchen kalt.

Der Prinz von Dusar wandte sich an Vas Kor und nickte. Der Adlige zog sein Kurzschwert und durchquerte den Raum in Richtung Thuvia.

„Knie nieder!“, befahl er.

„Ich ziehe es vor, stehend zu sterben“, erwiderte sie.

„Wie du willst“, sagte Vas Kor und prüfte die Spitze seiner Klinge mit dem linken Daumen. „Im Namen von Nutus, Jeddak von Dusar!“, rief er und stürmte schnell auf sie zu.

„Im Namen von Carthoris, Prinz von Helium!“, erklang es mit tiefer Stimme aus dem Türrahmen.

Vas Kor wandte sich um und sah, wie der Panthan, den er im Haus seines Sohnes angeworben hatte, mit einem Satz über den Boden auf ihn zusprang. Der Kerl drängte an Astok vorbei mit den Worten: „Hinter ihm her, du – Calot!“

Vas Kor wirbelte herum, um sich dem angreifenden Mann zu stellen.

„Was bedeutet dieser Verrat?“, rief er.

Astok sprang mit gezücktem Schwert Vas Kor zu Hilfe. Das Schwert des Panthan prallte gegen das des Adligen, und schon beim ersten Zusammenstoß wusste Vas Kor, dass er es mit einem meisterhaften Fechter zu tun hatte.

Bevor er die Absicht des Fremden auch nur halb begriff, sah er sich dem Mann gegenüber, der zwischen ihm und Thuvia von Ptarth stand und sich den zwei Schwertern der Dusarier erwehrte. Aber er kämpfte nicht wie ein in die Enge getriebener Mann. Er war stets der Angreifer, und obwohl er sein blitzendes Schwert immer zwischen das Mädchen und ihre Feinde hielt, gelang es ihm, sie hin und her durch den Raum zu drängen, während er dem Mädchen zurief, ihm dicht zu folgen.

Bis es zu spät war, ahnten weder Vas Kor noch Astok, was der Panthan im Schilde führte; doch als der Kerl schließlich mit dem Rücken zur Tür stand, begriffen beide – sie waren in ihrem eigenen Gefängnis eingesperrt, und nun konnte der Eindringling sie nach Belieben erschlagen, denn Thuvia von Ptarth verriegelte auf Anweisung des Mannes die Tür, nachdem sie zuvor den Schlüssel von der Außenseite genommen hatte, wo Astok ihn hatte stecken lassen, als sie den Raum betreten hatten.

Astok, der, wie es seine Art war, feststellte, dass der Feind nicht sofort vor ihren Schwertern fiel, überließ Vas Kor die Hauptlast des Kampfes, und als seine Augen den Panthan nun sorgfältig musterten, weiteten sie sich mit jedem Augenblick, denn allmählich hatte er die Gesichtszüge des Prinzen von Helium erkannt.

Der Heliumit drängte Vas Kor hart. Der Adlige blutete aus einem Dutzend Wunden. Astok sah, dass er der raffinierten Kunstfertigkeit dieser schrecklichen Schwerthand nicht lange standhalten konnte.

„Mut, Vas Kor!“, flüsterte er dem anderen ins Ohr. „Ich habe einen Plan. Halte ihn nur noch einen Moment länger auf, dann wird alles gut“, doch den Rest des Satzes, „mit Astok, Prinz von Dusar“, sprach er nicht laut aus.

Vas Kor, der keinen Verrat ahnte, nickte mit dem Kopf und schaffte es für einen Augenblick, Carthoris in Schach zu halten. Dann sahen der Heliumit und das Mädchen, wie der dusarische Prinz schnell zur gegenüberliegenden Seite des Gemachs rannte, etwas an der Wand berührte, woraufhin ein großes Paneel nach innen schwang, und in dem schwarzen Gewölbe dahinter verschwand.

Es geschah so schnell, dass sie ihn unmöglich hätten aufhalten können. Carthoris, der fürchtete, Vas Kor könnte ihm auf ähnliche Weise entkommen oder Astok könnte sofort mit Verstärkung zurückkehren, stürzte sich wütend auf seinen Gegner, und einen Moment später rollte der kopflose Körper des dusarischen Adligen über den Ersit-Boden.

„Komm!“, rief Carthoris. „Es darf keine Zeit verloren werden. Astok wird jeden Moment mit genug Kriegern zurückkehren, um mich zu überwältigen.“

Doch Astok hatte keinen solchen Plan, denn ein solcher Schritt hätte bedeutet, dass sich unter den Palasttratschern verbreitete, dass die Prinzessin von Ptarth eine Gefangene im Ostturm war. Schnell wäre die Nachricht zu seinem Vater gelangt, und kein noch so großes Lügengebäude hätte die Tatsachen erklären können, die die Untersuchung des Jeddak ans Licht gebracht hätte.

Stattdessen rannte Astok wie besessen durch einen langen Korridor, um die Tür des Turmzimmers zu erreichen, bevor Carthoris und Thuvia das Gemach verließen. Er hatte gesehen, wie das Mädchen den Schlüssel herausnahm und in ihren Taschenbeutel steckte, und er wusste, dass eine Dolchspitze, die von der anderen Seite in das Schlüsselloch gestoßen wurde, sie in der Geheimkammer einsperren würde, bis acht tote Welten eine kalte, tote Sonne umkreisten.

So schnell er konnte, rannte Astok in den Hauptkorridor, der zum Turmzimmer führte. Würde er die Tür rechtzeitig erreichen? Was, wenn der Heliumit bereits herausgekommen wäre und er ihm auf dem Gang begegnen würde? Astok spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Er hatte kein Verlangen danach, dieser unheimlichen Klinge gegenüberzutreten.

Er war fast an der Tür. Hinter der nächsten Biegung des Korridors lag sie. Nein, sie hatten das Gemach nicht verlassen. Offensichtlich hielt Vas Kor den Heliumiten immer noch auf!

Astok konnte sich ein Grinsen über die geschickte Art und Weise, wie er den Adligen ausgetrickst und ihn gleichzeitig beseitigt hatte, kaum verkneifen. Und dann bog er um die Ecke und stand einem auburnhaarigen, weißen Riesen gegenüber.

Der Kerl wartete nicht, um nach dem Grund seines Kommens zu fragen; stattdessen stürzte er sich mit einem Langschwert auf ihn, sodass Astok ein Dutzend bösartiger Hiebe parieren musste, bevor er sich lösen und den Gang zurückfliehen konnte.

Einen Moment später betraten Carthoris und Thuvia aus der Geheimkammer kommend den Korridor.

„Nun, Kar Komak?“, fragte der Heliumit.

„Es ist ein Glück, dass du mich hier gelassen hast, roter Mann“, sagte der Bogenschütze. „Ich habe gerade jemanden abgefangen, der allzu begierig darauf schien, diese Tür zu erreichen – es war derjenige, den sie Astok, Prinz von Dusar, nennen.“

Carthoris lächelte.

„Wo ist er jetzt?“, fragte er.

„Er ist meiner Klinge entkommen und diesen Korridor hinuntergerannt“, antwortete Kar Komak.

„Dann dürfen wir keine Zeit verlieren!“, rief Carthoris. „Er wird uns noch die Wache auf den Hals hetzen!“

Gemeinsam eilten die drei durch die gewundenen Gänge, durch die Carthoris und Kar Komak die Dusarier anhand der Abdrücke ihrer Sandalen im dünnen Staub, der die Böden dieser selten genutzten Gänge bedeckte, verfolgt hatten.

Sie waren bei der Kammer an den Eingängen zu den Aufzügen angekommen, bevor sie auf Widerstand stießen. Hier trafen sie auf eine Handvoll Gardisten und einen Offizier, der sie, als er sah, dass sie Fremde waren, nach ihrer Anwesenheit im Palast von Astok befragte.

Wieder mussten Carthoris und Kar Komak zu ihren Klingen greifen, und bevor sie den Weg zu einem der Aufzüge freigekämpft hatten, musste der Lärm des Konflikts den gesamten Palast aufgeschreckt haben, denn sie hörten Männer schreien, und als sie auf ihrer schnellen Fahrt zur Landeplattform an den vielen Ebenen vorbeikamen, sahen sie bewaffnete Männer, die auf der Suche nach der Ursache des Aufruhrs hin und her rannten.

Neben der Plattform lag die Thuria, mit drei Kriegern als Wache. Wieder kämpften der Heliumit und der Lotharier Seite an Seite, aber die Schlacht war bald vorüber, denn der Prinz von Helium allein wäre jedem Trio gewachsen gewesen, das Dusar hätte aufbieten können.

Kaum hatte sich die Thuria von den Bahnen erhoben, da sprangen hundert oder mehr kämpfende Männer auf der Landeplattform ins Blickfeld. An ihrer Spitze stand Astok von Dusar, und als er sah, wie die beiden, die er so sicher in seiner Gewalt geglaubt hatte, seinen Händen entglitten, tanzte er vor Wut und Ärger, schüttelte die Fäuste und schleuderte ihnen Beschimpfungen und niederträchtige Beleidigungen entgegen.

Mit ihrem Bug in einem schwindelerregenden Winkel nach oben geneigt, schoss die Thuria wie ein Meteor in den Himmel. Von einem Dutzend Punkten aus schossen schnelle Patrouillenboote hinter ihr her, denn die Szene auf der Landeplattform über dem Palast des Prinzen von Dusar war nicht unbemerkt geblieben.

Ein Dutzend Mal streiften Schüsse die Seite der Thuria, und da Carthoris die Steuerhebel nicht verlassen konnte, richtete Thuvia von Ptarth die Mündungen der Schnellfeuergeschütze des Schiffes auf den Feind, während sie sich an der steilen und rutschigen Oberfläche des Decks festhielt.

Es war ein edles Rennen und ein edler Kampf. Einer gegen zwanzig jetzt, denn andere dusarische Schiffe hatten sich der Verfolgung angeschlossen; aber Astok, Prinz von Dusar, hatte gut gebaut, als er die Thuria baute. Keiner in der Marine seines Vaters besaß einen schnelleren Flieger; kein anderes Schiff war so gut gepanzert oder so gut bewaffnet.

Einer nach dem anderen wurden die Verfolger abgehängt, und als der letzte von ihnen außer Reichweite zurückfiel, neigte Carthoris die Nase der Thuria in eine horizontale Ebene, während sie, mit auf die letzte Stufe gezogenen Hebeln, durch die dünne Luft des sterbenden Mars in Richtung Osten und Ptarth raste.

Dreizehneinhalbtausend Haads entfernt lag Ptarth – eine beschwerliche dreißigstündige Reise für die schnellsten Flieger, und zwischen Dusar und Ptarth konnte die halbe Marine von Dusar liegen, denn in dieser Richtung lag der gemeldete Schauplatz der großen Seeschlacht, die vielleicht sogar jetzt noch im Gange war.

Hätte Carthoris genau gewusst, wo die großen Flotten der streitenden Nationen lagen, wäre er ohne Verzögerung zu ihnen geeilt, denn in der Rückkehr Thuvias zu ihrem Vater lag die größte Hoffnung auf Frieden.

Die Hälfte der Strecke legten sie zurück, ohne ein einziges Kriegsschiff zu sichten, und dann machte Kar Komak Carthoris auf ein fernes Schiff aufmerksam, das auf der ockerfarbenen Vegetation des großen toten Meeresbodens ruhte, über den die Thuria hinwegraste.

Um das Schiff herum konnte man viele Gestalten wimmeln sehen. Mit Hilfe starker Gläser sah der Heliumit, dass es grüne Krieger waren und dass sie wiederholt die Besatzung des gestrandeten Luftschiffs angriffen. Die Nationalität der Letzteren konnte er aus so großer Entfernung nicht ausmachen.

Es war nicht notwendig, den Kurs der Thuria zu ändern, um direkt über dem Schauplatz der Schlacht vorbeizukommen, aber Carthoris ließ sein Schiff ein paar hundert Fuß sinken, damit er eine bessere und nähere Sicht hatte.

Wenn das Schiff einer befreundeten Macht angehörte, konnte er nicht anders, als anzuhalten und seine Geschütze auf ihre Feinde zu richten, obwohl er sich mit der kostbaren Fracht, die er bei sich trug, kaum berechtigt fühlte zu landen, denn er konnte nur zwei Schwerter als Verstärkung anbieten – kaum genug, um die Gefährdung der Sicherheit der Prinzessin von Ptarth zu rechtfertigen.

Als sie dicht über das getroffene Schiff kamen, konnten sie sehen, dass es nur eine Frage von Minuten war, bevor die grüne Horde über die gepanzerten Bollwerke schwärmen würde, um die Wildheit ihrer Blutgier an den Verteidigern zu stillen.

„Es wäre zwecklos, abzusteigen“, sagte Carthoris zu Thuvia. „Das Schiff mag sogar aus Dusar stammen – es zeigt keine Insignien. Alles, was wir tun können, ist, auf die Horden zu feuern“; und während er sprach, trat er zu einem der Geschütze und lenkte dessen Mündung auf die grünen Krieger an der Seite des Schiffes.

Beim ersten Schuss der Thuria entdeckten die Leute auf dem Schiff unter ihnen sie offensichtlich zum ersten Mal. Sofort flatterte eine Vorrichtung vom Bug des Kriegsschiffes am Boden. Thuvia von Ptarth hielt schnell den Atem an und blickte zu Carthoris.

Das Abzeichen war das von Kulan Tith, Jeddak von Kaol – der Mann, dem die Prinzessin von Ptarth versprochen war!

Wie einfach wäre es für den Heliumiten gewesen, weiterzuziehen und seinen Rivalen dem Schicksal zu überlassen, das nicht lange abzuwenden war! Niemand hätte ihn der Feigheit oder des Verrats beschuldigen können, denn Kulan Tith stand gegen Helium unter Waffen, und zudem waren auf der Thuria nicht genug Schwerter, um auch nur vorübergehend den Ausgang hinauszuzögern, der in den Köpfen der Beobachter bereits ein ausgemachtes Ding war.

Was würde Carthoris, Prinz von Helium, tun?

Kaum hatte sich das Abzeichen im schwachen Wind entfaltet, als der Bug der Thuria in einem steilen Winkel in Richtung Boden abkippte.

„Kannst du sie steuern?“, fragte Carthoris Thuvia.

Das Mädchen nickte.

„Ich werde versuchen, die Überlebenden an Bord zu nehmen“, fuhr er fort. „Es wird sowohl Kar Komak als auch mich brauchen, um die Geschütze zu bedienen, während die Kaolianer zum Entern übergehen. Halte den Bug gegen das Gewehrfeuer nach unten gedrückt. Sie kann es in ihrer vorderen Panzerung besser vertragen, und gleichzeitig werden die Propeller geschützt sein.“

Er eilte zur Kabine, als Thuvia die Steuerung übernahm. Einen Moment später löste sich die Entermannschaft vom Kiel der Thuria, und von einem Dutzend Punkten entlang beider Seiten hingen feste, geknotete Lederleinen nach unten. Gleichzeitig brach ein Signal von ihrem Bug:

„Bereitet euch zum Entern vor.“

Ein Ruf ertönte vom Deck des kaolianischen Kriegsschiffes. Carthoris, der in diesem Moment aus der Kabine zurückgekehrt war, lächelte traurig. Er war im Begriff, dem Mann, der zwischen ihm und der Frau, die er liebte, stand, aus den Klauen des Todes zu entreißen.

„Nimm das Geschütz am Backbordbug, Kar Komak“, rief er dem Bogenschützen zu und trat selbst an das Geschütz am Steuerbordbug.

Sie konnten nun den scharfen Stoß der Explosionen der Projektile der grünen Krieger gegen die gepanzerten Seiten der standhaften Thuria spüren.

Es war bestenfalls eine verzweifelte Hoffnung. Jeden Augenblick konnten die Tanks der abstoßenden Strahlen durchschlagen werden. Die Männer auf dem kaolianischen Schiff kämpften mit neuer Hoffnung. Am Bug stand Kulan Tith, eine tapfere Gestalt, die an der Seite seiner tapferen Krieger kämpfte und die wilden grünen Männer zurückschlug.

Die Thuria kam tief über das andere Schiff. Die Kaolianer formierten sich unter ihren Offizieren, um zum Entern bereit zu sein, und dann spie eine plötzliche, heftige Salve aus den Gewehren der grünen Krieger ihren Hagel aus Tod und Zerstörung in die Seite des tapferen Fliegers.

Wie ein verwundeter Vogel tauchte sie plötzlich Richtung Mars ab und schwankte betrunken. Thuvia drehte den Bug nach oben, in einem Versuch, die unmittelbar bevorstehende Tragödie abzuwenden, aber sie schaffte es nur, den Stoß des Aufpralls des Fliegers zu mildern, als er neben dem kaolianischen Schiff auf den Boden schlug.

Als die grünen Männer nur zwei Krieger und eine Frau auf dem Deck der Thuria sahen, erhob sich ein wilder Triumphschrei aus ihren Reihen, während ein antwortendes Stöhnen von den Lippen der Kaolianer ausbrach.

Erstere richteten nun ihre Aufmerksamkeit auf den Neuankömmling, denn sie sahen, dass ihre Verteidiger bald überwunden sein würden und dass sie von ihrem Deck aus das Deck des besser bemannten Schiffes kontrollieren konnten.

Als sie angriffen, kam ein Warnruf von Kulan Tith, der auf der Brücke seines eigenen Schiffes stand, und mit ihm eine Anerkennung der Tapferkeit der Tat, die das kleinere Schiff in diese schlimme Lage gebracht hatte.

„Wer ist es“, rief er, „der sein Leben in den Dienst von Kulan Tith stellt? Niemals wurde auf Barsoom eine edlere Tat der Selbstaufopferung vollbracht!“

Die grüne Horde kletterte über die Seite der Thuria, als vom Bug das Abzeichen von Carthoris, Prinz von Helium, als Antwort auf die Frage des Jeddak von Kaol aufbrach. Niemand auf dem kleineren Flieger hatte Gelegenheit, die Wirkung dieser Ankündigung auf die Kaolianer zu bemerken, denn ihre Aufmerksamkeit wurde nun langsam von dem in Anspruch genommen, was sich auf ihrem eigenen Deck abspielte.

Kar Komak stand hinter dem Geschütz, das er bedient hatte, und starrte mit großen Augen auf die heranpreschenden, abscheulichen grünen Krieger. Carthoris, der ihn so sah, spürte einen Stich des Bedauerns, dass dieser Mann, den er für so tapfer gehalten hatte, sich in der Stunde der Not als so rückgratlos erweisen sollte wie Jav oder Tario.

„Kar Komak – der Mann!“, rief er. „Reiß dich zusammen! Erinnere dich an die Tage des Ruhms der Seefahrer von Lothar. Kämpfe! Kämpfe, Mann! Kämpfe, wie nie ein Mensch zuvor gekämpft hat. Alles, was uns bleibt, ist kämpfend zu sterben.“

Kar Komak wandte sich dem Heliumiten zu, ein grimmiges Lächeln auf den Lippen.

„Warum sollten wir kämpfen“, fragte er. „Gegen solch schreckliche Übermacht? Es gibt einen anderen Weg – einen besseren Weg. Sieh!“ Er zeigte auf den Niedergang, der unter Deck führte.

Die grünen Männer, eine Handvoll von ihnen, hatten bereits das Deck der Thuria erreicht, als Carthoris in die Richtung blickte, die der Lotharier angezeigt hatte. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ sein Herz vor Freude und Erleichterung pochen – Thuvia von Ptarth könnte noch gerettet werden? Denn von unten strömte ein Strom riesiger Bogenschützen, grimmig und schrecklich. Nicht die Bogenschützen von Tario oder Jav, sondern die Bogenschützen eines Odwar von Bogenschützen – wilde kämpfende Männer, begierig auf den Streit.

Die grünen Krieger hielten in momentaner Überraschung und Bestürzung inne, aber nur für einen Moment. Dann sprangen sie mit grässlichem Kriegsgeschrei vorwärts, um diesen seltsamen neuen Feinden zu begegnen.

Eine Salve von Pfeilen stoppte sie in ihren Spuren. Im Nu waren die einzigen grünen Krieger auf dem Deck der Thuria tote Krieger, und die Bogenschützen von Kar Komak sprangen über die Seiten des Schiffes, um die Horden am Boden anzugreifen.

Utan nach Utan purzelte aus den Eingeweiden der Thuria, um sich auf die unglücklichen grünen Männer zu stürzen. Kulan Tith und seine Kaolianer standen mit großen Augen und sprachlos vor Staunen, als sie sahen, wie Tausende dieser seltsamen, wilden Krieger aus dem Niedergang des kleinen Schiffes auftauchten, das kaum bequem mehr als fünfzig hätte aufnehmen können.

Schließlich konnten die grünen Männer dem Ansturm der erdrückenden Übermacht nicht mehr standhalten. Langsam, zuerst, wichen sie über die ockerfarbene Ebene zurück. Die Bogenschützen verfolgten sie. Kar Komak, der auf dem Deck der Thuria stand, zitterte vor Aufregung.

Aus voller Kehle stieß er das wilde Kriegsgeschrei seines vergessenen Tages aus. Er brüllte Ermutigungen und Befehle an seine kämpfenden Utans, und dann, als sie immer weiter von der Thuria wegstürmten, konnte er dem Lockruf der Schlacht nicht länger widerstehen.

Er sprang über die Seite des Schiffes zu Boden und schloss sich dem letzten seiner Bogenschützen an, als sie über den toten Meeresboden auf der Verfolgung der fliehenden grünen Horde davonrannten.

Hinter einem niedrigen Vorgebirge dessen, was einst eine Insel gewesen war, verschwanden die grünen Männer in Richtung Westen. Dicht auf ihren Fersen rannten die flinken Bogenschützen einer vergangenen Zeit, und stetig voran unter ihnen konnten Carthoris und Thuvia die mächtige Gestalt von Kar Komak sehen, der das Torquasianische Kurzschwert schwang, mit dem er bewaffnet war, während er seine Kreaturen hinter dem fliehenden Feind herjagte.

Als der letzte von ihnen hinter dem Vorgebirge verschwand, wandte sich Carthoris Thuvia von Ptarth zu.

„Sie haben mich eine Lektion gelehrt, diese schwindenden Bogenschützen von Lothar“, sagte er. „Wenn sie ihren Zweck erfüllt haben, bleiben sie nicht zurück, um ihre Herren durch ihre Anwesenheit in Verlegenheit zu bringen. Kulan Tith und seine Krieger sind hier, um Euch zu beschützen. Mein Handeln hat den Beweis für die Ehrlichkeit meiner Absichten geliefert. Lebt wohl“, und er kniete zu ihren Füßen nieder und hob ein Stück ihres Geschirrs an seine Lippen.

Das Mädchen streckte die Hand aus und legte sie auf das dichte schwarze Haar des Hauptes, das sich vor ihr neigte. Leise fragte sie:

„Wohin gehst du, Carthoris?“

„Mit Kar Komak, dem Bogenschützen“, erwiderte er. „Dort wird es Kampf und Vergessen geben.“

Das Mädchen hielt sich die Hände vor die Augen, als wolle sie eine gewaltige Versuchung aus ihrem Blickfeld verbannen.

„Mögen meine Vorfahren Gnade mit mir haben“, rief sie, „wenn ich das ausspreche, was auszusprechen ich kein Recht habe; aber ich kann nicht mitansehen, wie du dein Leben wegwirfst, Carthoris, Prinz von Helium! Bleib, mein Häuptling. Bleib – ich liebe dich!“

Ein Husten hinter ihnen ließ beide herumfahren, und dort sahen sie, keine zwei Schritte von ihnen entfernt, Kulan Tith, Jeddak von Kaol, stehen.

Einen langen Augenblick sprach niemand. Dann räusperte sich Kulan Tith.

„Ich konnte nicht umhin, alles zu hören, was geschah“, sagte er. „Ich bin kein Narr, der blind für die Liebe wäre, die zwischen euch liegt. Und ich bin auch nicht blind für den hohen Edelmut, der dich, Carthoris, dazu bewogen hat, dein Leben und das ihre zu riskieren, um mein Leben zu retten, obwohl du glaubtest, dass gerade diese Tat dich der Chance berauben würde, sie für dich selbst zu gewinnen.“

„Auch kann ich die Tugend nicht verkennen, die eure Lippen gegen Worte der Liebe für diese Heliumitin, Thuvia, versiegelt hielt, denn ich weiß, dass ich soeben das erste Bekenntnis eurer Leidenschaft für ihn gehört habe. Ich verurteile euch nicht. Ich hätte euch eher verurteilt, wenn ihr eine lieblose Ehe mit mir eingegangen wärt.“

„Nehmt eure Freiheit zurück, Thuvia von Ptarth“, rief er, „und schenkt sie dort, wo euer Herz bereits in Ketten liegt, und wenn die goldenen Halsbänder um eure Hälse geschlossen werden, werdet ihr sehen, dass Kulan Tiths Schwert das erste sein wird, das zur Bekundung ewiger Freundschaft für die neue Prinzessin von Helium und ihren königlichen Gefährten erhoben wird!“

EIN GLOSSAR DER NAMEN UND BEGRIFFE AUS DEN MARS-BÜCHERN

Aaanthor. Eine tote Stadt des alten Mars.

Aisle of Hope (Gang der Hoffnung). Ein Gang, der zum Gerichtssaal in Helium führt.

Apt. Ein arktisches Ungeheuer. Eine riesige, weiß bepelzte Kreatur mit sechs Gliedmaßen, von denen vier, kurz und schwer, sie über Schnee und Eis tragen; die anderen zwei, die an den Schultern zu beiden Seiten des langen, kräftigen Halses nach vorne wachsen, enden in weißen, haarlosen Händen, mit denen sie ihre Beute greift und festhält. Ihr Kopf und ihr Maul gleichen in ihrem Aussehen denen eines Flusspferds, außer dass sich von den Seiten des Unterkiefers zwei gewaltige Hörner leicht nach unten in Richtung der Vorderseite krümmen. Ihre zwei riesigen Augen erstrecken sich in zwei gewaltigen ovalen Flecken von der Mitte der Schädeldecke an beiden Seiten des Kopfes hinab bis unter die Wurzeln der Hörner, sodass diese Waffen eigentlich aus dem unteren Teil der Augen herauswachsen, die jeweils aus mehreren tausend Einzelaugen zusammengesetzt sind. Jedes Einzelauge ist mit einem eigenen Lid versehen, und das Apt kann nach Belieben so viele Facetten seiner riesigen Augen schließen, wie es möchte. (Siehe THE WARLORD OF MARS.)

Astok. Prinz von Dusar.

Avenue of Ancestors (Allee der Ahnen). Eine Straße in Helium.

Banth. Barsoomianischer Löwe. Ein wildes Raubtier, das durch die niedrigen Hügel streift, die die toten Meere des alten Mars umgeben. Er ist fast haarlos und besitzt nur eine große, borstige Mähne um seinen dicken Hals. Sein langer, geschmeidiger Körper wird von zehn kräftigen Beinen getragen, seine gewaltigen Kiefer sind mit mehreren Reihen langer, nadelartiger Reißzähne ausgestattet, und sein Maul reicht bis weit hinter seine winzigen Ohren. Er hat riesige, hervorstehende grüne Augen. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Bar Comas. Jeddak von Warhoon. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Barsoom. MARS.

Schwarze Piraten von Barsoom. Männer von sechs Fuß Höhe und mehr. Sie haben scharf geschnittene und gut aussehende Gesichtszüge; ihre Augen sind gut platziert und groß, wenngleich eine leichte Schmalheit ihnen ein listiges Aussehen verleiht. Die Iris ist extrem schwarz, während der Augapfel selbst ganz weiß und klar ist. Ihre Haut hat das Aussehen von poliertem Ebenholz. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Calot. Ein Hund. Etwa von der Größe eines Shetlandponys und mit zehn kurzen Beinen. Der Kopf ähnelt leicht dem eines Frosches, außer dass die Kiefer mit drei Reihen langer, scharfer Stoßzähne ausgestattet sind. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Carter, John. Kriegsherr des Mars.

Carthoris von Helium. Sohn von John Carter und Dejah Thoris.

Dak Kova. Jed unter den Warhoons (später Jeddak).

Darseen. Chamäleonartiges Reptil.

Dator. Häuptling oder Prinz unter den Erstgeborenen.

Dejah Thoris. Prinzessin von Helium.

Djor Kantos. Sohn des Kantos Kan; Padwar des Fünften Utan.

Dor. Tal des Himmels.

Dotar Sojat. John Carters Mars-Name, abgeleitet von den Familiennamen der ersten beiden Kriegshäuptlinge, die er tötete.

Dusar. Ein Marskönigreich.

Dwar. Hauptmann.

Ersite. Eine Gesteinsart.

Vater der Therns. Hohepriester eines religiösen Kults.

Erstgeborene. Schwarze Rasse; schwarze Piraten.

Kar Komak. Odwar der Lotharischen Bogenschützen.

Gate of Jeddaks (Tor der Jeddaks). Ein Tor in Helium.

Gozava. Tars Tarkas’ verstorbene Frau.

Gur Tus. Dwar des Zehnten Utan.

Haad. Mars-Meile.

Hal Vas. Sohn des Vas Kor, des Dusarischen Adligen.

Hastor. Eine Stadt von Helium.

Hekkador. Titel des Vaters der Therns.

Helium. Das Kaiserreich des Großvaters von Dejah Thoris.

Heilige Therns. Ein religiöser Mars-Kult.

Hortan Gur. Jeddak von Torquas.

Hor Vastus. Padwar in der Marine von Helium.

Horz. Verlassene Stadt; Barsoomianisches Greenwich.

Illall. Eine Stadt von Okar.

Iss. Fluss des Todes. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Issus. Göttin des Todes, deren Wohnsitz sich an den Ufern des Verlorenen Meeres von Korus befindet. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Jav. Ein Lotharier.

Jed. König.

Jeddak. Kaiser.

Kab Kadja. Jeddak der Warhoons des Südens.

Kadabra. Hauptstadt von Okar.

Kadar. Wache.

Kalksus. Kreuzer; Transportschiff unter Vas Kor.

Kantos Kan. Padwar in der Helium-Marine.

Kaol. Ein Marskönigreich auf der östlichen Hemisphäre.

Kaor. Gruß.

Karad. Mars-Grad.

Komal. Der Gott von Lothar; ein riesiger Banth.

Korad. Eine tote Stadt des alten Mars. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Korus. Das Verlorene Meer von Dor.

Kulan Tith. Jeddak von Kaol. (Siehe THE WARLORD OF MARS.)

Lakor. Ein Thern.

Larok. Ein Dusarischer Krieger; Handwerker.

Lorquas Ptomel. Jed unter den Tharks. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Lothar. Die vergessene Stadt.

Marentina. Ein Fürstentum von Okar.

Matai Shang. Vater der Therns. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Mors Kajak. Ein Jed des kleineren Helium.

Notan. Königlicher Psychologe von Zodanga.

Nutus. Jeddak von Dusar.

Od. Mars-Fuß.

Odwar. Ein Kommandant oder General.

Okar. Land der gelben Männer.

Old Ben (oder Onkel Ben). Der Diener des Autors (farbig).

Omad. Mann mit nur einem Namen.

Omean. Das begrabene Meer.

Orluk. Ein schwarz-gelb gestreiftes arktisches Ungeheuer.

Otz-Berge. Umgeben das Tal Dor und das Verlorene Meer von Korus.

Padwar. Leutnant.

Panthan. Ein Glücksritter.

Parthak. Der Zodanganer, der John Carter in den Gruben von Zat Arras Nahrung brachte. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Pedestal of Truth (Podest der Wahrheit). Innerhalb des Gerichtssaals von Helium.

Phaidor. Tochter von Matai Shang. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Pimalia. Prächtige blühende Pflanze.

Pflanzenmenschen von Barsoom. Eine Rasse, die das Tal Dor bewohnt. Sie sind zehn oder zwölf Fuß groß, wenn sie aufrecht stehen; ihre Arme sind sehr kurz und nach der Art eines Elefantenrüssels geformt, da sie gewunden sind; der Körper ist haarlos und leichenblau, bis auf ein breites weißes Band, das das hervorstehende, einzige Auge umschließt, dessen Pupille, Iris und Augapfel totenweiß sind. Die Nase ist ein zerfetztes, entzündetes, kreisrundes Loch in der Mitte des ausdruckslosen Gesichts, das einer frischen Schusswunde ähnelt, die noch nicht zu bluten begonnen hat. Es gibt keinen Mund im Kopf. Mit Ausnahme des Gesichts ist der Kopf von einer verworrenen Masse pechschwarzer Haare bedeckt, die etwa acht bis zehn Zoll lang sind. Jedes Haar ist etwa so dick wie ein großer Regenwurm. Der Körper, die Beine und die Füße haben eine menschliche Form, aber von monströsen Proportionen, wobei die Füße volle drei Fuß lang und sehr flach und breit sind. Die Art der Nahrungsaufnahme besteht darin, dass sie ihre eigenartigen Hände über die Oberfläche des Rasens laufen lassen, die zarte Vegetation mit messerscharfen Krallen abschneiden und sie durch zwei Münder aufsaugen, die sich jeweils in der Handfläche befinden. Sie sind mit einem massiven Schwanz ausgestattet, der etwa sechs Fuß lang ist, dort, wo er an den Körper ansetzt, ganz rund ist, sich aber zu einer flachen, dünnen Klinge hin verjüngt, die im rechten Winkel zum Boden hinterhergezogen wird. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Prinz Soran. Oberbefehlshaber der Marine von Ptarth.

Ptarth. Ein Marskönigreich.

Ptor. Familienname von drei Zodanganer Brüdern.

Sab Than. Prinz von Zodanga. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Safad. Ein Mars-Zoll.

Sak. Sprung.

Salensus Oll. Jeddak von Okar. (Siehe THE WARLORD OF MARS.)

Saran Tal. Carthoris’ Haushofmeister.

Sarkoja. Eine grüne Marsfrau. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Sator Throg. Ein Heiliger Thern des Zehnten Zyklus.

Shador. Insel in Omean, die als Gefängnis dient.

Silian. Schleimige Reptilien, die das Meer von Korus bewohnen.

Sith. Hornissenartiges Ungeheuer. Mit weißem Gesicht und etwa von der Größe eines Hereford-Bullen. Hat furchterregende Kiefer vorne und einen gewaltigen Giftstachel hinten. Die Augen mit ihren unzähligen Facetten bedecken drei Viertel des Kopfes, was es der Kreatur ermöglicht, gleichzeitig in alle Richtungen zu sehen. (Siehe THE WARLORD OF MARS.)

Skeel. Ein Mars-Hartholz.

Sola. Eine junge grüne Marsfrau.

Solan. Ein Beamter des Palastes.

Sompus. Eine Baumart.

Sorak. Ein kleines Haustier der roten Marsfrauen, etwa von der Größe einer Katze.

Sorapus. Ein Mars-Hartholz.

Sorav. Ein Offizier von Salensus Oll.

Tal. Eine Mars-Sekunde.

Tal Hajus. Jeddak von Thark.

Talu. Rebellenprinz von Marentina.

Tan Gama. Warhoon-Krieger.

Tardos Mors. Großvater von Dejah Thoris und Jeddak von Helium.

Tario. Jeddak von Lothar.

Tars Tarkas. Ein grüner Mann, Häuptling der Tharks.

Temple of Reward (Tempel der Belohnung). In Helium.

Zehnter Zyklus. Eine Sphäre oder Ebene der Bedeutung unter den Heiligen Therns.

Thabis. Oberhaupt von Issus.

Than Kosis. Jeddak von Zodanga. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Thark. Stadt und Name einer grünen Mars-Horde.

Thoat. Ein grünes Mars-Reittier. Zehn Fuß hoch an der Schulter, mit vier Beinen auf jeder Seite; ein breiter, flacher Schwanz, an der Spitze größer als an der Wurzel, den es beim Rennen gerade nach hinten hält; ein Maul, das seinen Kopf von der Schnauze bis zum langen, massiven Hals spaltet. Es ist völlig haarlos und von dunkel-schieferner Farbe und überaus glatt und glänzend. Es hat einen weißen Bauch und die Beine sind von Schiefer an den Schultern und Hüften bis zu einem leuchtenden Gelb an den Füßen schattiert. Die Füße sind stark gepolstert und nagellos. (Siehe A PRINCESS OF MARS.)

Thor Ban. Jed unter den grünen Männern von Torquas.

Thorian. Häuptling der geringeren Therns.

Throne of Righteousness (Thron der Rechtschaffenheit). Im Gerichtssaal von Helium.

Throxus. Der gewaltigste der fünf Ozeane.

Thurds. Eine grüne Horde, die Torquas feindlich gesinnt ist.

Thuria. Der nähere Mond.

Thurid. Ein schwarzer Dator.

Thuvan Dihn. Jeddak von Ptarth.

Thuvia. Prinzessin von Ptarth.

Torith. Offizier der Wachen am U-Boot-Becken.

Torkar Bar. Kaolianischer Adliger; Dwar der Kaolianischen Straße.

Torquas. Eine grüne Horde.

Turjun. Carthoris’ Alias.

Utan. Eine Kompanie von einhundert Mann (militärisch).

Vas Kor. Ein Dusarischer Adliger.

Warhoon. Eine Gemeinschaft grüner Männer; Feind von Thark.

Woola. Ein Barsoomianischer Calot.

Xat. Eine Mars-Minute.

Xavarian. Ein Helium-Kriegsschiff.

Xodar. Dator unter den Erstgeborenen.

Yersted. Kommandant des U-Boots.

Zad. Tharkianischer Krieger.

Zat Arras. Jed von Zodanga.

Zithad. Dator der Wachen von Issus. (Siehe THE GODS OF MARS.)

Zitidars. Mastodontenartige Lasttiere.

Zodanga. Marsstadt der roten Männer, im Krieg mit Helium.

Zode. Eine Mars-Stunde.

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